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Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + Selma Lagerlöf + + Wunderbare Reise + des kleinen Nils Holgersson + mit den Wildgänsen + + Ein Kinderbuch + + Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen + von + Pauline Klaiber + + Ausgabe in einem Bande + + Zehntes bis fünfzehntes Tausend + + Mit 95 Textillustrationen und 8 farbigen Vollbildern + von + Wilhelm Schulz + + sowie einer Übersichtskarte von Schweden + + Albert Langen, München 1920 + + Druck von Hesse & Becker in Leipzig + Einbände von E. A. Enders in Leipzig + + + + +Inhalt + + + Seite + + 1 Der Junge 1 + 2 Akka von Kebnekajse 15 + 3 Das Leben der Wildvögel 29 + 4 Haus Glimminge 39 + 5 Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg 50 + 6 Im Regenwetter 58 + 7 Die Treppe mit den drei Stufen 63 + 8 Am Ronnebyfluß 67 + 9 Karlskrona 75 + 10 Die Reise nach Öland 83 + 11 Die Südspitze von Öland 87 + 12 Der große Schmetterling 94 + 13 Die Kleine Karlsinsel 98 + 14 Zwei Städte 109 + 15 Die Sage von Småland 119 + 16 Die Krähen 124 + 17 Die alte Bauernfrau 139 + 18 Von Taberg nach Huskvarna 148 + 19 Der große Vogelsee 152 + 20 Die Wahrsagung 166 + 21 Der Rock aus Drillich und Samt 171 + 22 Die Geschichte von Karr und Graufell 175 + 23 Der schöne Garten 204 + 24 In Närke 216 + 25 Der Eisgang 231 + 26 Die Teilung 235 + 27 Im Bergwerkdistrikt 239 + 28 Der Eisenhammer 244 + 29 Der Dalälf 256 + 30 Der Bruderteil 264 + 31 Walpurgisnacht 278 + 32 Vor den Kirchen 286 + 33 Die Überschwemmung 289 + 34 Die Sage von Uppland 299 + 35 In Uppsala 304 + 36 Daunenfein 317 + 37 Stockholm 327 + 38 Der Adler Gorgo 338 + 39 Über Gästrikland hin 348 + 40 Ein Tag in Hälsingeland 355 + 41 In Medelpad 367 + 42 Ein Morgen in Ångermanland 373 + 43 Västerbotten und Lappland 382 + 44 Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats 396 + 45 Bei den Lappen 410 + 46 Gen Süden! Gen Süden! 421 + 47 Die Sage vom Härjedal 436 + 48 Wärmland und Dalsland 445 + 49 Ein kleiner Herrenhof 451 + 50 Das Gold auf der Schäre 460 + 51 Silber im Meer 467 + 52 Ein großer Herrenhof 473 + 53 Die Reise nach Vemmenhög 489 + 54 Bei Holger Nilssons 493 + 55 Der Abschied von den Wildgänsen 502 + + + + +[Illustration] + + + + +1 + +Der Junge + +Das Wichtelmännchen + + + Sonntag, 20. März + +Es war einmal ein Junge. Er war ungefähr vierzehn Jahre alt, groß und gut +gewachsen und flachshaarig. Viel nutz war er nicht, am liebsten schlief +oder aß er, und sein größtes Vergnügen war, irgend etwas anzustellen. + +Es war an einem Sonntagmorgen, und die Eltern machten sich fertig, in die +Kirche zu gehen. Der Junge saß in Hemdärmeln auf dem Tischrande und dachte, +wie günstig das sei, daß Vater und Mutter fortgingen und er ein paar +Stunden lang tun könne, was ihm beliebe. »Jetzt kann ich Vaters Flinte +herunternehmen und schießen, ohne daß es mir jemand verbietet,« sagte er zu +sich. + +Aber es war fast, als habe der Vater die Gedanken seines Sohnes erraten, +denn als er schon auf der Schwelle stand, um hinauszugehen, hielt er inne +und wendete sich zu ihm. »Da du nicht mit Mutter und mir in die Kirche +gehen willst,« sagte er, »so sollst du wenigstens daheim die Predigt lesen. +Willst du mir das versprechen?« + +»Ja,« antwortete der Junge, »das kann ich schon.« Aber er dachte natürlich, +er werde gewiß nicht mehr lesen, als ihm behagte. + +Dem Jungen kam es vor, als ob seine Mutter sich noch nie so rasch bewegt +hätte. In einem Nu war sie am Bücherbrett, nahm Luthers Postille herunter, +schlug die Predigt vom Tage auf und legte das Buch auf den Tisch am +Fenster. Sie schlug auch das Evangelienbuch auf und legte es neben die +Postille. Schließlich rückte sie noch den großen Lehnstuhl an den Tisch, +der im vorigen Jahr auf der Auktion im Pfarrhause zu Vemmenhög gekauft +worden war und in dem sonst außer Vater niemand sitzen durfte. + +Der Junge dachte, die Mutter mache sich wirklich zu viel Mühe mit diesen +Vorbereitungen, denn er hatte im Sinne, nicht mehr als eine oder zwei +Seiten zu lesen. Aber zum zweiten Male war es, als ob der Vater ihm mitten +ins Herz sehen könnte, denn er trat zu ihm und sagte in strengem Ton: »Gib +wohl acht, daß du ordentlich liest! Wenn wir zurückkommen, werde ich dich +über jede Seite ausfragen, und wenn du etwas übergangen hast, geht es dir +schlecht.« + +»Die Predigt hat vierzehn und eine halbe Seite,« sagte die Mutter, als +wollte sie das Maß feststellen. »Du mußt dich gleich daran machen, wenn du +fertig werden willst.« + +Damit gingen sie endlich, und als der Junge unter der Tür stand und ihnen +nachsah, war ihm, als sei er in einer Falle gefangen worden. »Jetzt +wünschen sie sich Glück, daß sie es so gut eingerichtet haben, und daß ich, +so lange sie weg sind, über der Predigt sitzen muß,« dachte er. + +Aber der Vater und die Mutter wünschten sich sicherlich nicht Glück, +sondern sie waren ganz betrübt. Sie waren arme Kätnerleute, und ihr Gütchen +war nicht größer als ein Garten. Als sie hierhergezogen waren, hatten sie +nicht mehr als ein Schwein und ein paar Hühner füttern können; aber sie +waren außerordentlich strebsame und tüchtige Leute, und jetzt hatten sie +auch Kühe und Gänse. Sie waren ungeheuer vorwärts gekommen und wären an dem +schönen Morgen ganz froh und zufrieden in die Kirche gewandert, wenn sie +nicht immer an ihren Jungen hätten denken müssen. Der Vater klagte, daß er +so träg und faul sei, in der Schule habe er nicht lernen wollen, und er sei +ein solcher Taugenichts, daß man ihn mit knapper Not zum Gänsehüten +gebrauchen könne. Die Mutter konnte nichts dagegen sagen, aber sie war +hauptsächlich betrübt, weil er so wild und böse war, hartherzig gegen die +Tiere und boshaft gegen die Menschen. + +»Ach, wenn Gott ihm doch die Bosheit austreiben und ihm ein andres Herz +geben würde!« seufzte die Mutter. »Er bringt schließlich noch sich selbst +und uns ins Unglück.« + +Der Junge überlegte lange, ob er die Predigt lesen solle oder nicht. Aber +schließlich hielt er es doch fürs beste, diesmal folgsam zu sein. Er setzte +sich also in den Pfarrhauslehnstuhl und begann zu lesen. Aber als er eine +Weile die Wörter halblaut vor sich hingeplappert hatte, war es, als +schläfre ihn das Gemurmel ein, und er fühlte, daß er einnickte. + +Draußen war das herrlichste Frühlingswetter. Es war zwar erst der +zwanzigste März, aber der Junge wohnte weit drunten im südlichen Schonen, +im Dorfe Westvemmenhög, und da war der Frühling schon in vollem Gange. Die +Bäume waren zwar noch nicht grün, aber überall sproßten frische Knospen +hervor. Alle Gräben standen voll Wasser, der Huflattich blühte am +Grabenrande, und das Gesträuch, das auf dem Steinmäuerchen wuchs, war braun +und glänzend geworden. Der Buchenwald in der Ferne dehnte sich gleichsam +und wurde zusehends dichter, und über der Erde wölbte sich ein hoher, +blauer Himmel. Die Haustür war angelehnt, man konnte das Trillern der +Lerchen im Zimmer hören. Die Hühner und die Gänse spazierten auf dem Hofe +umher, und die Kühe, die die Frühlingsluft bis in den Stall hinein spürten, +brüllten hin und wieder: »Muh, muh!« + +Der Junge las und nickte und kämpfte mit dem Schlafe. »Nein, ich will nicht +schlafen,« dachte er, »sonst werde ich den ganzen Vormittag mit der Predigt +nicht fertig.« + +Aber was auch der Grund sein mochte, -- er schlief dennoch ein. + +Er wußte nicht, ob er kurz oder lang geschlafen hatte, aber er erwachte +von einem leichten Geräusch, das hinter seinem Rücken hörbar wurde. Auf dem +Fensterbrett, gerade vor ihm, stand ein kleiner Spiegel, in dem man fast +die ganze Stube überschauen konnte. In dem Augenblick nun, wo der Junge den +Kopf aufrichtete, fiel sein Blick in den Spiegel, und da sah er, daß der +Deckel von Mutters Truhe aufgeschlagen war. + +Mutter besaß eine große, schwere eichene Truhe mit eisernen Beschlägen, die +außer ihr niemand öffnen durfte. Darin verwahrte sie alles, was sie von +ihrer Mutter geerbt hatte und was ihr besonders ans Herz gewachsen war. Da +drinnen lagen einige altmodische Bauerntrachten aus rotem Tuch mit kurzen +Leibchen und gefältelten Röcken und perlenbestickten Bruststücken. Auch +weiße gestärkte Kopftücher und schwere silberne Schnallen und Ketten waren +darin. Die Leute wollten solche Sachen jetzt nicht mehr tragen, und Mutter +hatte schon wiederholt daran gedacht, sie zu verkaufen, hatte das aber doch +nie übers Herz gebracht. + +Jetzt sah der Junge im Spiegel ganz deutlich, daß der Deckel der Truhe +offen stand. Er konnte nicht begreifen, wie das zugegangen war, denn Mutter +hatte, bevor sie fortging, den Deckel zugemacht. Das wäre Mutter nicht +passiert, daß sie die Truhe offen gelassen hätte, wenn er allein zu Hause +blieb. + +Es wurde ihm ganz unheimlich zumute. Er fürchtete, ein Dieb könnte sich +hereingeschlichen haben, und wagte nicht, sich zu rühren, sondern saß ganz +still und starrte in den Spiegel hinein. + +Während er so dasaß und wartete, daß der Dieb sich zeige, begann er sich zu +fragen, was das wohl für ein schwarzer Schatten sei, der auf den Rand der +Truhe fiel. Er sah und sah und wollte seinen Augen nicht trauen. Aber was +dort im Anfang einem Schatten geglichen hatte, wurde immer deutlicher, und +bald merkte er, daß es etwas Wirkliches war; und es war in der Tat nichts +andres als ein Wichtelmännchen, das rittlings auf dem Rande der Truhe saß. + +Der Junge hatte wohl schon von Wichtelmännchen reden hören, aber er hatte +sich nie gedacht, daß sie so klein sein könnten. Das Wichtelmännchen, das +dort auf dem Rande saß, war ja nur eine Spanne lang. Es hatte ein altes, +runzliges, bartloses Gesicht und trug einen schwarzen Rock mit langen +Schößen, Kniehosen und einen breitrandigen schwarzen Hut. Es sah sehr +zierlich und fein aus, mit weißen Spitzen um den Hals und um die +Handgelenke, Schnallen an den Schuhen und die Strumpfbänder in eine +Schleife gebunden. Jetzt eben hatte es einen gestickten Brustlatz aus der +Truhe herausgenommen und betrachtete die alte Arbeit mit solcher Andacht, +daß es das Erwachen des Jungen gar nicht bemerkt hatte. + +Der Junge war äußerst verdutzt, als er das Wichtelmännchen sah; aber +eigentlich Angst hatte er nicht vor ihm. Vor einem so kleinen Geschöpf +konnte man sich unmöglich fürchten. Und da das Wichtelmännchen von seinem +eignen Tun so hingenommen war, daß es weder hörte noch sah, bekam der Junge +sogleich große Lust, ihm einen Streich zu spielen, es in die Truhe +hineinzustoßen und den Deckel zuzuschlagen, oder etwas Ähnliches. + +Aber das Wichtelmännchen mit den Händen anzurühren, das getraute sich der +Junge doch nicht; und deshalb sah er sich nach etwas im Zimmer um, womit er +ihm einen Stoß versetzen könnte. Er ließ die Blicke vom Kanapee nach dem +Klapptisch und vom Klapptisch nach dem Herd wandern. Er musterte die +Kochtöpfe und die Kaffeekanne, die auf einem Brett neben dem Herde standen, +den Wasserkrug neben der Tür, und die Löffel, die Messer und Gabeln und die +Schüsseln und Teller, die durch die halbgeöffnete Schranktür sichtbar +waren. Er sah hinauf zu Vaters Flinte, die neben dem dänischen Königspaar +an der Wand hing, und nach den Pelargonien und Fuchsien, die auf dem +Fensterbrett blühten. Ganz zuletzt fiel sein Blick auf ein altes +Fliegennetz, das am Fensterkreuz hing. + +Kaum hatte er das Fliegennetz erblickt, als er es auch schon zu sich +heranzog und das Netz nach dem Truhenrande schwang. Und er war ganz +überrascht über sein Glück. Er wußte beinahe selbst nicht, wie es +zugegangen war, -- aber er hatte das Wichtelmännchen wirklich gefangen. Der +arme Kerl lag, den Kopf nach unten, in dem langen Netze und konnte sich +nicht mehr heraushelfen. + +Im ersten Augenblick wußte der Junge gar nicht, was er mit seinem Fang tun +solle. Er schwang nur immer das Netz sorglich hin und her, damit das +Wichtelmännchen keine Zeit bekomme, herauszuklettern. + +Jetzt begann das Wichtelmännchen zu sprechen; es bat und flehte um seine +Freiheit und sagte, es habe der Familie seit vielen Jahren viel Gutes getan +und wäre wirklich einer besseren Behandlung wert. Wenn der Junge es +loslasse, wolle es ihm einen alten Speziestaler geben sowie eine silberne +Kette und eine Goldmünze, die so groß sei wie der Deckel an der silbernen +Uhr seines Vaters. + +Dem Jungen kam zwar das Lösegeld nicht gerade groß vor; aber seit er das +Wichtelmännchen in seiner Gewalt hatte, fürchtete er sich gewissermaßen vor +ihm. Er fühlte, daß er sich in etwas eingelassen hatte, was fremd und +unheimlich war und nicht in diese Welt gehörte; deshalb war er nur sehr +froh, es loszuwerden. + +Er ging also schnell auf das Angebot ein und hielt das Netz still, damit +das Wichtelmännchen herauskriechen könne. Als dieses aber beinahe aus dem +Netz heraus war, fiel dem Jungen ein, daß er sich größere Dinge und alles +mögliche Gute hätte ausbedingen können. Jedenfalls hätte er die Bedingung +stellen können, daß ihm das Wichtelmännchen die Predigt in den Kopf zaubern +müsse. »Wie dumm von mir, daß ich es freiließ,« dachte er und begann das +Netz aufs neue hin und her zu schwingen, damit das Wichtelmännchen wieder +hineinpurzle. + +Aber kaum hatte der Junge das getan, da bekam er eine fürchterliche +Ohrfeige, daß ihm war, als zerspringe ihm der Kopf in tausend Stücke. Er +flog zuerst an die eine Wand und dann an die andre, schließlich fiel er auf +den Boden und blieb da bewußtlos liegen. + +Als er wieder erwachte, war er noch in der Hütte. Von dem Wichtelmännchen +war keine Spur mehr zu sehen. Der Truhendeckel war geschlossen, und das +Fliegennetz hing an seinem gewöhnlichen Platz am Fenster. Wenn dem Jungen +nicht die rechte Wange von der Ohrfeige so sehr gebrannt hätte, hätte er +sich versucht gefühlt, alles für einen Traum zu halten. »Was aber auch +geschehen sein mag, jedenfalls werden Vater und Mutter behaupten, daß es +nichts gewesen sei als ein Traum,« dachte er. »Sie werden mir wegen des +Wichtelmännchens sicher nichts von der Predigt abziehen, und es wird am +besten sein, wenn ich mich jetzt eilig dahinter mache.« + +Aber als er an den Tisch ging, kam ihm etwas sehr verwunderlich vor. Das +Zimmer konnte doch unmöglich größer geworden sein. Woher kam es denn aber, +daß er jetzt so viel mehr Schritte machen mußte als sonst, wenn er an den +Tisch ging? Und was war denn mit dem Stuhl? Er sah zwar nicht gerade aus, +als sei er größer als vorher, aber der Junge mußte zuerst auf die Leiste +zwischen den Stuhlbeinen steigen und dann vollends auf den Sitz +hinaufklettern. Und gerade so war es auch mit dem Tisch. Er konnte nicht +auf die Tischplatte hinaufsehen, sondern mußte auf die Armlehne des Stuhles +steigen. + +»Was ist denn aber das?« sagte der Junge. »Ich glaube wahrhaftig, das +Wichtelmännchen hat den Lehnstuhl und den Tisch und die ganze Stube +verhext.« + +Die Postille lag auf dem Tische, und anscheinend war sie unverändert. Aber +etwas Verkehrtes mußte doch daran sein, denn er konnte kein Wort lesen, +sondern mußte erst auf das Buch selbst hinaufsteigen. + +Er las ein paar Zeilen, dann aber sah er zufällig auf. Dabei fiel sein +Blick in den Spiegel, und da rief er ganz laut: »Ei sieh, da ist ja noch +einer!« + +Denn im Spiegel sah er ganz deutlich einen winzig kleinen Knirps in einer +Zipfelmütze und Lederhosen. + +»Der ist genau so angezogen wie ich,« sagte der Junge und schlug vor +Verwunderung die Hände zusammen. Aber da sah er, daß der Kleine im Spiegel +dasselbe tat. + +Da begann er sich an den Haaren zu ziehen, sich in den Arm zu kneifen und +sich im Kreise zu drehen, und augenblicklich tat der Kleine im Spiegel +dasselbe. + +Jetzt lief der Junge ein paarmal um den Spiegel herum, um zu sehen, ob +vielleicht so ein kleiner Kerl hinter dem Spiegel verborgen sei, aber er +fand niemand dahinter, und da begann er vor Schrecken am ganzen Leibe zu +zittern. Denn jetzt begriff er, daß das Wichtelmännchen ihn selbst +verzaubert hatte, und daß er selbst der kleine Knirps war, dessen Bild er +im Spiegel sah. + + +Die Wildgänse + +Der Junge wollte durchaus nicht glauben, daß er in ein Wichtelmännchen +verwandelt worden war. »Es ist gewiß nur ein Traum und eine Einbildung,« +dachte er. »Wenn ich ein paar Augenblicke warte, werde ich schon wieder ein +Mensch sein.« Er stellte sich vor den Spiegel und schloß die Augen. Erst +nach ein paar Minuten öffnete er sie wieder und erwartete nun, daß der +Spuk vorbei sei. Aber dies war nicht der Fall, er war noch ebenso klein wie +vorher. Sein weißes Flachshaar, die Sommersprossen auf seiner Nase, die +Flicken auf seinen Lederhosen und das Loch im Strumpfe, alles war wie +vorher, nur sehr, sehr verkleinert. + +Nein, es half nichts, wenn er auch noch so lange dastand und wartete. Er +mußte etwas andres versuchen. O, das beste, was er tun könnte, wäre gewiß, +das Wichtelmännchen aufzusuchen und sich mit ihm zu versöhnen! + +Er sprang auf den Boden hinunter und begann zu suchen. Er lugte hinter die +Stühle und Schränke, unter das Kanapee und hinter den Herd. Er kroch sogar +in ein paar Mauselöcher, aber das Wichtelmännchen war nicht zu finden. + +Während er suchte, weinte er und bat und versprach alles nur erdenkliche. +Nie, nie wieder wolle er jemand sein Wort brechen, nie, nie mehr unartig +sein und nie wieder über einer Predigt einschlafen! + +Wenn er nur seine menschliche Gestalt wieder bekäme, würde ganz gewiß ein +ausgezeichneter, guter, folgsamer Junge aus ihm. Aber was er auch immer +versprach, es half alles nichts. + +Plötzlich fiel ihm ein, daß er Mutter einmal hatte sagen hören, das +Wichtelvolk halte sich gern im Kuhstall auf, und schnell beschloß er, auch +dort nachzusehen, ob das Wichtelmännchen da zu finden sei. Zum Glück stand +die Tür offen; denn er hätte das Schloß nicht selbst öffnen können, so aber +konnte er ungehindert hinausschlüpfen. + +Als er in den Flur kam, sah er sich nach seinen Holzschuhen um, denn im +Zimmer ging er natürlich auf Strümpfen. Er überlegte, wie er sich wohl mit +den großen, schwerfälligen Holzschuhen abfinden solle, aber in diesem +Augenblick entdeckte er auf der Schwelle ein Paar winzige Schuhe. Als er +sah, daß das Wichtelmännchen so vorsorglich gewesen war, auch seine +Holzschuhe zu verwandeln, wurde er ängstlicher. »Dieser Jammer soll +offenbar lange dauern,« dachte er. + +Auf dem alten eichenen Brett, das vor der Haustür lag, hüpfte ein Sperling +hin und her. Kaum erblickte dieser den Jungen, da rief er auch schon: »Seht +doch, Nils, der Gänsehirt! Seht den kleinen Däumling! Seht doch Nils +Holgersson Däumling!« + +Sogleich wendeten sich die Gänse und die Hühner nach dem Jungen um, und es +entstand ein entsetzliches Geschrei: »Kikerikiki!« krähte der Hahn. »Das +geschieht ihm recht! Kikerikiki! Er hat mich am Kamme gezogen!« + +»Ga, ga, ga, gag, das geschieht ihm recht!« riefen die Hühner, und sie +fuhren ohne Aufhören damit fort. + +Die Gänse sammelten sich in einen Haufen, steckten die Köpfe zusammen und +fragten: »Wer hat das getan? Wer hat das getan?« + +Aber das merkwürdige daran war, daß der Junge verstand, was sie sagten. Er +war so verwundert darüber, daß er auf der Türschwelle stehen blieb und +zuhörte. »Das kommt gewiß daher, daß ich in ein Wichtelmännchen verwandelt +bin,« sagte er, »deshalb verstehe ich die Tiersprache.« + +Es war ihm unausstehlich, daß die Hühner mit ihrem ewigen »das geschieht +ihm recht« gar nicht aufhören wollten. Er warf einen Stein nach ihnen und +rief: »Haltet den Schnabel, Lumpenpack!« + +Aber er hatte eines vergessen. Er war jetzt nicht mehr so groß, daß die +Hühner sich vor ihm hätten fürchten müssen. Die ganze Hühnerschar stürzte +auf ihn zu, pflanzte sich um ihn herum auf und schrie: »Ga, ga, ga, gag! Es +geschieht dir recht! Ga, ga, ga, gag! Es geschieht dir recht!« + +Der Junge versuchte ihnen zu entwischen; aber die Hühner sprangen hinter +ihm her und schrien so laut, daß ihm beinahe Hören und Sehen verging. Er +wäre ihnen auch wohl kaum entgangen, wenn nicht die Hauskatze daher +gekommen wäre. Sobald die Hühner die Katze sahen, verstummten sie und +schienen an nichts andres mehr zu denken, als fleißig in der Erde nach +Würmern zu scharren. + +Der Junge lief schnell auf die Katze zu. »Liebe Mietze,« sagte er, »du +kennst doch alle Winkel und Schlupflöcher hier auf dem Hofe? Sei lieb und +teile mir mit, wo ich das Wichtelmännchen finden kann.« + +Die Katze gab ihm nicht sogleich Antwort. Sie setzte sich nieder, legte den +Schwanz zierlich in einem Ring um die Vorderpfoten und sah den Jungen an. +Es war eine große, schwarze Katze mit einem weißen Fleck auf der Brust. Ihr +Fell war glatt und glänzte im Sonnenschein. Sie hatte die Krallen +eingezogen, ihre Augen waren gleichmäßig grau mit nur einem kleinen, +schmalen Schlitz in der Mitte. Die Katze sah durch und durch gutmütig aus. + +»Ich weiß allerdings, wo das Wichtelmännchen wohnt,« sagte sie mit +freundlicher Stimme. »Aber damit ist nicht gesagt, daß ich es dir sagen +werde.« + +»Liebe, liebe Mietze, du mußt mir helfen,« sagte der Junge. »Siehst du +nicht, wie es mich verzaubert hat?« + +Die Katze öffnete ihre Augen ein klein wenig, so daß die grüne Bosheit +herausschien. Sie spann und schnurrte vor Vergnügen, ehe sie antwortete. +»Soll ich dir vielleicht jetzt helfen, weil du mich so oft am Schwanz +gezogen hast?« sagte sie schließlich. + +Da wurde der Junge böse; er vergaß ganz, wie klein und ohnmächtig er jetzt +war. »Ich kann dich ja noch einmal am Schwanz ziehen, jawohl,« sagte er und +sprang auf die Katze los. + +In demselben Augenblick aber war diese so verändert, daß der Junge sie kaum +noch für dasselbe Tier halten konnte. Sie hatte den Rücken gekrümmt -- die +Beine waren länger geworden, sie kratzte sich mit den Krallen im Nacken, +der Schwanz war kurz und dick, die Ohren legten sich zurück, das Maul +fauchte, und die Augen standen weit offen und funkelten in roter Glut. + +Der Junge wollte sich von einer Katze nicht erschrecken lassen und trat +noch einen Schritt näher. Aber da machte die Katze einen Satz, ging gerade +auf den Jungen los, warf ihn um und stellte ihm mit weitaufgesperrtem Maul +die Vorderbeine auf die Brust. + +Der Junge fühlte, wie ihm ihre Klauen durch die Weste und das Hemd in die +Haut eindrangen und wie die scharfen Eckzähne ihm den Hals kitzelten. Da +begann er aus Leibeskräften um Hilfe zu schreien. + +[Illustration] + +Aber es kam niemand, und er glaubte schon sicher, seine letzte Stunde hätte +geschlagen. Da fühlte er, daß die Katze die Krallen einzog und seinen Hals +losließ. + +»So,« sagte sie, »jetzt will ich es genug sein lassen. Für diesmal magst du +meiner guten Hausmutter zuliebe mit der Angst davonkommen. Ich wollte nur, +daß du wüßtest, wer von uns beiden der Stärkere ist.« + +Damit ging die Katze ihrer Wege und sah eben so sanft und fromm aus wie +vorher, als sie gekommen war. Der Junge schämte sich so, daß er kein Wort +sagen konnte; er lief deshalb eiligst in den Kuhstall hinein, das +Wichtelmännchen zu suchen. + +Es waren nur drei Kühe im Stalle. Aber als der Junge eintrat, begannen sie +alle zu brüllen und einen solchen Spektakel zu machen, daß man hätte meinen +können, es seien wenigstens dreißig. + +»Muh, muh, muh!« brüllte Majros. »Es ist doch gut, daß es noch eine +Gerechtigkeit auf der Welt gibt.« + +»Muh, muh, muh!« riefen alle drei auf einmal. Der Junge konnte nicht +verstehen, was sie sagten, so wild schrieen sie durcheinander. + +Er wollte nach dem Wichtelmännchen fragen, aber er konnte sich kein Gehör +verschaffen, weil die Kühe in vollem Aufruhr waren. Sie betrugen sich genau +so, als wäre ein fremder Hund zu ihnen hereingebracht worden, schlugen mit +den Hinterfüßen aus, rasselten an ihren Halsketten, wendeten die Köpfe +rückwärts und stießen mit den Hörnern. + +»Komm nur her!« sagte Majros. »Dann geb' ich dir einen Stoß, den du nicht +so bald wieder vergessen wirst.« + +»Komm her!« sagte Gull-Lilja. »Dann lasse ich dich auf meinen Hörnern +reiten.« + +»Komm nur, komm, dann sollst du erfahren, wie es mir geschmeckt hat, wenn +du mir deinen Holzschuh auf den Rücken warfst, was du immer tatest!« sagte +Stern. + +»Ja, komm nur her, dann werde ich dich für die Wespen bezahlen, die du mir +ins Ohr gesetzt hast!« schrie Gull-Lilja. + +Majros war die älteste und klügste von den dreien, und sie war am +zornigsten. »Komm nur,« sagte sie, »daß ich dich für die vielen Male +bezahlen kann, wo du den Melkschemel unter deiner Mutter weggezogen hast, +sowie für jedes Mal, wo du ihr einen Fuß stelltest, wenn sie mit dem +Melkeimer daherkam, und für alle Tränen, die sie hier über dich geweint +hat.« + +Der Junge wollte ihnen sagen, wie sehr er sein schlechtes Betragen bereue +und daß er von jetzt an immer artig sein werde, wenn sie ihm nur sagten, wo +das Wichtelmännchen zu finden wäre. Aber die Kühe hörten gar nicht auf ihn; +sie brüllten so laut, daß er Angst bekam, es könne sich schließlich eine +von ihnen losreißen, und so hielt er es fürs beste, sich aus dem Kuhstalle +davonzuschleichen. + +Als der Junge wieder auf den Hof kam, war er ganz mutlos. Er sah ein, daß +ihm auf dem ganzen Hofe bei seiner Suche nach dem Wichtelmännchen niemand +beistehen wollte. Und wahrscheinlich würde ihm auch das Wichtelmännchen, +selbst wenn er es fände, wenig helfen. + +Er kroch auf das breite Steinmäuerchen, das das ganze Gütchen umgab und das +mit Weißdorn und Brombeerranken überwachsen war. Dort ließ er sich nieder, +zu überlegen, wie es werden solle, wenn er seine menschliche Gestalt nicht +mehr erlangte. Wenn nun Vater und Mutter von der Kirche heimkämen, würden +sie sich baß verwundern. Ja, im ganzen Lande würde man sich verwundern, und +die Leute würden daherkommen von Ost-Vemmenhög und von Torp und von Skurup, +ja, aus dem ganzen Vemmenhöger Bezirk würden sie zusammenkommen, ihn +anzuschauen. Und wer weiß, vielleicht würden die Eltern ihn sogar +mitnehmen, ihn auf den Märkten zu zeigen. + +Ach, es war zu schrecklich, nur daran zu denken! Da wäre es ihm schließlich +noch am liebsten, wenn ihn nur kein Mensch mehr zu sehen bekäme! + +Ach, wie unglücklich war er doch! Auf der weiten Welt war gewiß noch nie +ein Mensch so unglücklich gewesen wie er. Er war kein Mensch mehr, sondern +ein verhexter Zwerg. + +Er begann allmählich zu verstehen, was das heißen wollte, kein Mensch mehr +zu sein. Von allem war er nun geschieden; er konnte nicht mehr mit andern +Jungen spielen, konnte niemals das Gütchen von seinen Eltern übernehmen, +und es war ganz und gar ausgeschlossen daß sich je ein Mädchen entschließen +würde, ihn zu heiraten. + +Er betrachtete seine Heimat. Es war ein kleines weiß angestrichnes +Bauernhaus, das mit seinem hohen, steilen Strohdach wie in die Erde +hineingedrückt aussah. Die Wirtschaftsgebäude waren auch klein und die +Äckerchen so winzig, daß ein Pferd sich kaum darauf hätte umdrehen können. +Aber so klein und arm das Ganze auch war, es war doch noch viel zu gut für +ihn. Er konnte keine bessere Wohnung verlangen als ein Loch unter dem +Scheunenboden. + +Es war wunderschönes Wetter, rings um ihn her murmelte und knospte und +zwitscherte es. Aber ihm war das Herz schwer. Nie wieder würde er sich über +etwas freuen können. Er meinte, den Himmel noch nie so dunkelblau gesehen +zu haben wie an diesem Tage. Zugvögel kamen dahergeflogen. Sie kamen vom +Auslande, waren über die Ostsee gerade auf Smygehuk zugesteuert und waren +jetzt auf dem Wege nach Norden. Es waren Vögel von den verschiedensten +Arten; aber er kannte nur die Wildgänse, die in zwei langen, keilförmigen +Reihen flogen. + +Schon mehrere Scharen Wildgänse waren so vorübergeflogen. Sie flogen hoch +droben, aber er hörte doch, wie sie riefen: »Jetzt gehts auf die hohen +Berge! Jetzt gehts auf die hohen Berge!« + +Sobald die Wildgänse die zahmen Gänse sahen, die auf dem Hofe umherliefen, +senkten sie sich herab und riefen: »Kommt mit, kommt mit! Jetzt gehts auf +die hohen Berge!« + +Die zahmen Gänse reckten unwillkürlich die Hälse und horchten, antworteten +dann aber verständig: »Es geht uns hier ganz gut! Es geht uns hier ganz +gut!« + +Es war, wie gesagt, ein überaus schöner Tag, und die Luft war so frisch und +leicht, daß es ein Vergnügen sein mußte, darin zu fliegen. Und mit jeder +neuen Schar Wildgänse, die vorüberflog, wurden die zahmen Gänse +aufgeregter. Ein paarmal schlugen sie mit den Flügeln, als hätten sie große +Lust, mitzufliegen. Aber jedesmal sagte eine alte Gänsemutter: »Seid nicht +verrückt, Kinder, das hieße so viel als hungern und frieren.« + +Bei einem jungen Gänserich hatten die Zurufe ein wahres Reisefieber +erweckt. »Wenn noch eine Schar kommt, fliege ich mit!« rief er. + +Jetzt kam eine neue Schar und rief wie die andern. Da schrie der junge +Gänserich: »Wartet, wartet, ich komme mit!« Er breitete seine Flügel aus +und hob sich empor. Aber er war des Fliegens zu ungewohnt und fiel wieder +auf den Boden zurück. + +Die Wildgänse mußten jedenfalls seinen Ruf gehört haben. Sie wendeten sich +um und flogen langsam zurück, um zu sehen, ob er mitkäme. + +»Wartet! Wartet!« rief er und machte einen neuen Versuch. + +All das hörte der Junge auf dem Mäuerchen. »Das wäre sehr schade, wenn der +große Gänserich fortginge,« dachte er; »Vater und Mutter würden sich +darüber grämen, wenn er bei ihrer Rückkehr nicht mehr da wäre.« + +Während er dies dachte, vergaß er wieder ganz, daß er klein und ohnmächtig +war. Er sprang von dem Mäuerchen hinunter, lief mitten in die Gänseschar +hinein und umschlang den Gänserich mit seinen Armen. »Das wirst du schön +bleiben lassen, von hier wegzufliegen, hörst du!« rief er. + +Aber gerade in diesem Augenblick hatte der Gänserich herausgefunden, wie er +es machen müsse, um vom Boden fortzukommen. In seinem Eifer nahm er sich +nicht die Zeit, den Jungen abzuschütteln; dieser mußte mit in die Luft +hinauf. + +Es ging so schnell aufwärts, daß es dem Jungen schwindlig wurde. Ehe er +sich klar machen konnte, daß er den Hals des Gänserichs loslassen müßte, +war er schon so hoch droben, daß er sich totgefallen hätte, wenn er jetzt +hinuntergestürzt wäre. + +Das einzige, was er unternehmen konnte, um in eine etwas bequemere Lage zu +kommen, war ein Versuch, auf den Rücken des Gänserichs zu klettern. Und er +kletterte wirklich hinauf, wenn auch mit großer Mühe. Aber es war gar nicht +leicht, sich auf dem glatten Rücken zwischen den beiden schwingenden +Flügeln festzuhalten. Er mußte mit beiden Händen tief in die Federn und den +Flaum hineingreifen, um nicht hintüber zu fallen. + + +Das gewürfelte Tuch + +Dem Jungen war es so wirr im Kopfe, daß er lange nichts von sich wußte. Die +Luft pfiff und sauste ihm entgegen, die Flügel neben ihm bewegten sich, und +in den Federn brauste es wie ein ganzer Sturm. Dreizehn Gänse flogen um ihn +her, alle schlugen mit den Flügeln und schnatterten. Es schwirrte ihm vor +den Augen, und es sauste ihm in den Ohren; er wußte nicht, ob sie hoch oder +niedrig flogen, noch wohin er mitgenommen wurde. + +Schließlich kam er doch wieder so weit zu sich, um sich annähernd klar +machen zu können, daß er doch erfahren müsse, wohin die Gänse mit ihm +flogen. Aber dies war nicht so leicht, denn er wußte nicht, wo er den Mut +hernehmen sollte, hinunterzusehen. Er war fest überzeugt, daß es ihm beim +ersten Versuche ganz schwindlig werden würde. Seinetwegen flogen sie auch +etwas langsamer als gewöhnlich. + +Als der Junge schließlich aber doch hinuntersah, meinte er, unter sich ein +großes Tuch ausgebreitet zu sehen, das in eine unglaubliche Menge großer +und kleiner Vierecke eingeteilt war. + +»Wohin bin ich denn gekommen?« fragte er sich. + +Er sah nichts weiter als Viereck an Viereck. Die einen waren überzwerch, +die andern länglich, aber überall waren Ecken und gerade Ränder. Nichts war +rund, nichts gebogen. + +»Was ist denn das da unten für ein großes gewürfeltes Tuch?« sagte der +Junge vor sich hin, ohne von irgend einer Seite eine Antwort zu erwarten. + +Aber die Wildgänse um ihn her riefen sogleich: »Äcker und Wiesen! Äcker und +Wiesen!« + +Da begriff der Junge, daß das große gewürfelte Tuch, über das er hinflog, +der flache Erdboden von Schonen war. Und er begann zu verstehen, warum es +so gewürfelt und farbig aussah. Die hellgrünen Vierecke erkannte er zuerst, +das waren die Roggenfelder, die im vorigen Herbst bestellt worden waren und +sich unter dem Schnee grün erhalten hatten. Die gelbgrauen Vierecke waren +die Stoppelfelder, wo im vorigen Sommer Frucht gewachsen war, die +bräunlichen waren alte Kleeäcker und die schwarzen leere Weideplätze oder +ungepflügtes Brachfeld. Die braunen Vierecke mit einem gelben Rand waren +sicherlich die Buchenwälder, denn da sind die großen Bäume, die mitten im +Walde wachsen, im Winter entlaubt, während die jungen Buchen am Waldessaum +ihre vergilbten Blätter bis zum Frühjahr behalten. Es waren auch dunkle +Vierecke da mit etwas Grauem in der Mitte. Das waren die großen viereckig +gebauten Höfe mit den geschwärzten Strohdächern und den gepflasterten +Hofplätzen. Und dann wieder waren Vierecke da, die in der Mitte grün waren +und einen braunen Rand hatten. Das waren die Gärten, wo die Rasenplätze +schon grünten, während das Buschwerk und die Bäume, die sie umgaben, noch +in der nackten braunen Rinde dastanden. + +Der Junge mußte unwillkürlich lachen, als er sah, wie gewürfelt alles +aussah. + +Aber als die Wildgänse ihn lachen hörten, riefen sie wie strafend: +»Fruchtbares, gutes Land! Fruchtbares, gutes Land!« + +Der Junge war schon wieder ernst geworden. »Daß du lachen kannst,« dachte +er, »du, dem das Allerschrecklichste widerfahren ist, was einem Menschen +begegnen kann.« + +Er war eine Weile sehr ernst, aber bald mußte er wieder lachen. + +Nachdem er sich an diese Art des Reisens gewöhnt hatte, so daß er wieder an +etwas andres denken konnte als daran, wie er sich auf dem Gänserücken +erhalten solle, bemerkte er, daß viele Vogelscharen durch die Lüfte +dahinflogen, die alle dem Norden zustrebten. Und es war ein Schreien und +Schnattern von Schar zu Schar. + +»So -- ihr seid heute auch herübergekommen!« schrieen einige. + +»Jawohl,« antworteten die Gänse. »Was haltet ihr vom Frühling?« + +»Noch nicht ein Blatt auf den Bäumen und kaltes Wasser in den Seen!« +erklang die Antwort. + +Als die Gänse über einen Ort hinflogen, wo zahmes Federvieh umherlief, +riefen sie: »Wie heißt der Hof?« + +[Illustration: Das gewürfelte Tuch (Zu Seite 12)] + +Da reckte der Hahn den Kopf in die Höhe und antwortete: »Der Hof heißt +Kleinfeld, heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!« + +Die meisten Häuser hießen wohl nach ihren Besitzern, wie es in Schonen +Sitte ist, aber anstatt zu sagen: »Dieser Hof gehört Per Matsson und jener +Ole Rasson,« gaben die Hähne ihnen den Namen, der ihnen selbst am +passendsten erschien. Wenn sie auf einem armen Gütchen oder Kätnerhäuschen +wohnten, riefen sie: »Dieser Hof heißt >Körnerlos<!« Und von den +allerärmlichsten schrieen sie: »Dieser Hof heißt >Frißwenig! Frißwenig<!« + +Die großen, reichen Bauernhöfe bekamen große Namen von den Hähnen, zum +Beispiel: Glückshof, Eierberg oder Talerhaus! + +Aber die Hähne auf den Herrenhöfen waren zu hochmütig, sich etwas +Scherzhaftes auszudenken, sie krähten nur und riefen mit einer Kraft, als +wollten sie bis in die Sonne gehört werden: »Dies ist Dybecks Herrenhof! +Heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!« + +Und etwas weiterhin stand einer, der rief: »Dies ist Swaneholm, das sollte +doch jedermann wissen!« + +Der Junge merkte, daß die Gänse nicht in gerader Linie weiter flogen. Sie +schwebten über der ganzen südlichen Ebene hin und her, als freuten sie +sich, wieder in Schonen zu sein, und als wollten sie jeden einzelnen Hof +begrüßen. + +So kamen sie auch an einen Hof, wo mehrere große ausgedehnte Gebäude mit +hohen Schornsteinen standen und rings umher eine Menge kleinerer Häuser. + +»Dies ist die Zuckerfabrik von Jordberga!« riefen die Hähne. »Dies ist die +Zuckerfabrik von Jordberga!« + +Der Junge fuhr auf dem Rücken des Gänserichs zusammen. Diesen Ort hätte er +kennen sollen. Er lag nicht weit vom Hause seiner Eltern entfernt, und im +vorigen Jahre war er dort Gänsehirt gewesen. Aber alles sah eben ganz +anders aus, wenn man es von oben aus betrachtete. + +Ei ei! Ob wohl das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, seine Kameraden vom +vorigen Jahre, noch da waren? Und was würden sie wohl sagen, wenn sie +wüßten, daß er hoch über ihren Köpfen dahinflog! + +Dann verloren sie Jordberga aus dem Gesicht und flogen nach Svedala und +Skabersee und wieder zurück über Börringekloster und Häckeberga. Der Junge +bekam an diesem einen Tag mehr von Schonen zu sehen als in allen übrigen +seines Lebens vorher. + +Wenn die Wildgänse zahme Gänse trafen, waren sie am vergnügtesten. Dann +flogen sie ganz langsam und riefen hinunter: »Jetzt gehts auf die hohen +Berge! Kommt doch mit! Kommt doch mit!« + +Aber die zahmen Gänse antworteten: »Der Winter ist noch im Land! Ihr seid +zu zeitig dran! Kehrt wieder um! Kehrt wieder um!« + +Die Wildgänse senkten sich nieder, damit die zahmen sie besser verstehen +konnten, und riefen zurück: »Kommt mit, dann wollen wir euch Fliegen und +Schwimmen lehren!« + +Aber da fühlten sich die zahmen Gänse beleidigt, und sie antworteten auch +nicht mehr mit einem einzigen Schnattern. + +Aber die Wildgänse senkten sich noch tiefer hinunter, so daß sie beinahe +die Erde berührten, und dann hoben sie sich blitzschnell in die Höhe, als +wenn sie über etwas furchtbar erschrocken wären. »Oj, oj, oj!« riefen sie. +»Das sind ja gar keine Gänse, es sind nur Schafe, es sind nur Schafe!« + +Die Gänse auf der Erde gerieten dadurch ganz außer sich und schrieen laut: +»Wenn ihr nur totgeschossen würdet! Alle miteinander, alle miteinander!« + +Als der Junge dies Gezänke hörte, lachte er. Aber dann erinnerte er sich +daran, wie sehr er sich ins Unglück gebracht hatte, und da weinte er. Aber +nach einer kleinen Weile lachte er doch wieder. + +Noch nie war er so schnell vorwärts gekommen, und schnell und wild zu +reiten, das war von jeher sein Vergnügen gewesen. Und er hätte natürlich +nie gedacht, daß es da droben in der Luft so erfrischend sein könnte, und +daß da ein so guter Erd- und Harzgeruch heraufdränge. + +Und er hatte sich auch noch nie vorgestellt, wie das wäre, wenn man hoch in +der Luft dahinflöge. Das war ja gerade, als flöge man weit weg von seinem +Kummer und seinen Sorgen und von allen Widerwärtigkeiten, die man sich +denken konnte. + + + + +2 + +Akka von Kebnekajse + +Der Abend + + +Der große zahme Gänserich, der mit den Wildgänsen davongeflogen war, fühlte +sich sehr stolz, daß er über die Südebene in Gesellschaft der Wildgänse hin +und her fliegen und mit den zahmen Vögeln Kurzweil treiben konnte. Aber so +glücklich er auch war, das schützte ihn doch nicht davor, daß er am Mittag +allmählich müde wurde. Er versuchte tiefer zu atmen und schneller mit den +Flügeln zu schlagen, aber trotzdem blieb er mehrere Gänselängen hinter den +andern zurück. + +Als die wilden Gänse, die ganz hinten flogen, bemerkten, daß die zahme +nicht mehr mitkommen konnte, riefen sie der, die an der Spitze flog und den +keilförmigen Zug führte, zu: »Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!« + +»Was wollt ihr von mir?« fragte die Anführerin. + +»Der Weiße bleibt zurück! Der Weiße bleibt zurück!« + +»Sagt ihm, schneller fliegen sei leichter als langsam!« rief die Anführerin +zurück und streckte sich wie vorher. + +Der Gänserich versuchte es zwar, den Rat zu befolgen und seinen Flug zu +beschleunigen, aber dadurch wurde er so ermattet, daß er bis auf die +beschnittenen Weidenbäume, die Äcker und Wiesen einfaßten, hinuntersank. + +»Akka! Akka! Akka von Kebnekajse!« riefen nun wieder die hintersten Gänse, +die sahen, wie schwer es dem Gänserich wurde. + +»Was wollt ihr jetzt wieder?« fragte die Anführerin und schien sehr +ärgerlich zu sein. + +»Der Weiße fällt! Der Weiße fällt!« + +»Sagt ihm, es sei leichter, hoch zu fliegen als niedrig,« rief die +Anführerin. + +Der Gänserich versuchte auch diesen Rat zu befolgen; aber als er in die +Höhe hinaufsteigen wollte, kam er so außer Atem, daß es ihm beinahe die +Brust zersprengte. + +»Akka! Akka!« riefen die hintersten. + +»Könnt ihr mich nicht in Ruhe fliegen lassen?« fragte die Anführerin und +schien noch ungeduldiger als zuvor zu sein. + +»Der Weiße ist am Hinunterfallen! Der Weiße ist am Hinunterfallen!« + +»Wer nicht mit der Schar fliegen kann, der muß wieder umkehren; sagt ihm +das!« rief die Führerin. Und es fiel ihr durchaus nicht ein, langsamer zu +fliegen, sondern sie streckte sich wie zuvor. + +»Aha, so steht es also?« sagte der Gänserich. Es wurde ihm plötzlich klar, +daß die Wildgänse ganz und gar nicht daran dachten, ihn nach Lappland +mitzunehmen. Sie hatten ihn nur zum Spaß mitgelockt. + +Er fühlte sich nur darüber ärgerlich, daß ihn die Kräfte gerade jetzt +verließen, da konnte er diesen Landstreichern nicht zeigen, daß eine zahme +Gans auch etwas leisten konnte. Und als das ärgerlichste von allem erschien +ihm dieses Zusammentreffen mit Akka von Kebnekajse. Obwohl er eine zahme +Gans war, hatte er doch von einer Anführerin reden hören, die Akka heiße +und beinahe hundert Jahre alt sei. Sie stand so hoch in Achtung, daß sich +stets nur die besten Wildgänse an sie anschlossen. Aber niemand verachtete +die zahmen Gänse mehr als Akka und ihre Schar, und deshalb hätte ihnen der +Gänserich jetzt gar zu gerne gezeigt, daß er ihnen ebenbürtig sei. + +Er flog langsam hinter den andern drein, während er überlegte, ob er +umdrehen oder weiterfliegen solle. Da sagte plötzlich der Knirps, den er +auf seinem Rücken trug: »Lieber Gänserich Martin! Du wirst doch einsehen, +daß einer, der noch nie geflogen ist, unmöglich mit den Wildgänsen bis nach +Lappland hinauf fliegen kann. Wäre es da nicht besser, du drehtest um, ehe +du dich zugrunde richtest?« + +Aber dieser kleine Knirps da auf seinem Rücken war dem Gänserich noch das +unangenehmste von allem, und kaum hatte er verstanden, daß der Kleine ihm +die Kraft zu der Reise nicht zutraute, als er auch schon beschloß, dabei zu +bleiben. + +»Wenn du noch ein Wort darüber sagst, werfe ich dich in die erste +Mergelgrube, über die wir hinfliegen,« sagte er. Und vor lauter Zorn +wuchsen ihm die Kräfte derart, daß er fast ebensogut fliegen konnte wie die +andern. + +Lange hätte er freilich so nicht mehr fortmachen können; aber es war auch +nicht nötig, denn jetzt sank die Schar schnell abwärts, und gerade bei +Sonnenuntergang schossen die Gänse jäh hinunter. Ehe der Junge und der +Gänserich es ahnten, waren sie am Strande von Vombsee. + +»Hier soll wohl übernachtet werden,« dachte der Junge und sprang vom Rücken +des Gänserichs hinunter. + +Er stand auf einem schmalen, sandigen Ufer, und vor ihm lag ein ziemlich +großer See. Aber der See machte einen häßlichen Eindruck. Er war fast ganz +mit Eis bedeckt, das schwarz und uneben und voller Risse und Löcher war, +wie das im Frühling zu sein pflegt. Lange konnte es mit dem Eise nicht mehr +dauern, es war schon vom Ufer abgetrennt und hatte rundherum einen breiten +Gürtel von schwarzem, glänzendem Wasser. Aber das Eis war doch noch da und +verbreitete Kälte und winterliches Unbehagen. + +Auf der andern Seite des Sees schien freundliches, angebautes Land zu sein; +aber wo die Gänse sich niedergelassen hatten, lag eine große +Tannenschonung. Und es sah aus, als ob der Tannenwald die Macht hätte, den +Winter an sich zu fesseln. Überall sonst war die Erde frei von Schnee, aber +unter den riesigen Tannen lag er noch dicht; er war geschmolzen und wieder +gefroren, geschmolzen und wieder gefroren, so daß er jetzt hart wie Eis +war. + +Dem Jungen war es, als sei er in eine winterliche Einöde gekommen, und es +wurde ihm so bänglich zumut, daß er am liebsten laut geweint hätte. + +Er war sehr hungrig, denn er hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Aber wo +hätte er etwas zu essen hernehmen sollen? Im März wächst weder auf den +Bäumen noch auf den Feldern etwas Eßbares. + +Ja, wo sollte er etwas zu essen hernehmen? Und wer würde ihm Obdach +gewähren? Wer ihm ein Bett richten? Wer ihn an seinem Feuer niedersitzen +lassen und wer ihn vor den Wildgänsen beschützen? + +Denn jetzt war die Sonne untergegangen, und nun wehte es kalt vom See +herüber; die Dunkelheit senkte sich vom Himmel herab, das Unbehagen schlich +sich hinter der Dämmerung her, und im Walde begann es zu knistern und zu +prasseln. + +Jetzt war es vorbei mit dem frohen Mut, der ihn beseelt hatte, solange er +da oben durch die Lüfte dahinflog, und in seiner Angst sah er sich nach +seinem Reisegefährten um. Er hatte ja sonst niemand, an den er sich hätte +halten können. + +Da sah er, daß der Gänserich noch schlimmer daran war als er. Der lag noch +immer auf demselben Fleck, wo er niedergesunken war, und es sah aus, als +liege er in den letzten Zügen. Sein Hals ruhte schlaff auf der Erde, seine +Augen waren geschlossen, und der Atem war nur noch ein schwaches Zischen. + +»Lieber Gänserich Martin,« sagte der Junge, »versuche einen Schluck Wasser +zu trinken. Es sind keine zwei Schritte bis zum See.« + +Aber der Gänserich rührte sich nicht. + +Der Junge war freilich bisher gegen alle Tiere, den Gänserich nicht +ausgenommen, recht hartherzig gewesen, aber jetzt erschien ihm dieser als +die einzige Stütze, die er noch hatte, und er bekam große Angst, er könnte +ihn verlieren. + +Er fing gleich an, ihn zu stoßen und zu schieben, um ihn zum Wasser +hinzubringen. Das war eine harte Arbeit für den Jungen, denn der Gänserich +war groß und schwer; aber schließlich gelang es ihm doch. + +Der Gänserich kam mit dem Kopfe zuerst ins Wasser hinein. Einen Augenblick +blieb er still liegen, bald aber streckte er den Kopf heraus, schüttelte +sich das Wasser aus den Augen und schnaubte. Dann schwamm er stolz zwischen +das Röhricht hinein. + +Die Wildgänse lagen vor ihm im See. Sobald sie auf die Erde +heruntergekommen waren, hatten sie sich ins Wasser gestürzt, ohne sich nach +dem Gänserich oder nach dem Gänsereiter umzusehen. Sie hatten sich eifrig +gebadet und geputzt, und jetzt schlürften sie halbverfaulte Teichlinsen und +Wassergräser in sich hinein. + +Der weiße Gänserich hatte das Glück, einen kleinen Barsch zu entdecken, +rasch ergriff er ihn, schwamm damit zum Strande hin und legte ihn vor dem +Jungen nieder. »Das bekommst du zum Dank dafür, daß du mir ins Wasser +hinuntergeholfen hast,« sagte er. + +Dies war das erste freundliche Wort, das der Junge an diesem Tage zu hören +bekam. Er wurde so froh darüber, daß er den Gänserich am liebsten umarmt +hätte, aber er wagte es doch nicht. Und auch über die Gabe freute er sich. +Zuerst meinte er zwar, es sei ihm ganz unmöglich, den Fisch roh zu essen, +dann aber bekam er doch Lust, wenigstens den Versuch zu machen. + +Er fühlte nach, ob er sein Messer bei sich hätte, und wirklich hing es noch +an seinem Hosenknopf, wenn auch so verkleinert, daß es nicht größer war als +ein Zündholz. Aber den Fisch konnte er damit immerhin abschuppen und +reinigen; und es dauerte gar nicht lange, da war der Barsch aufgegessen. + +Als der Junge gesättigt war, schämte er sich eigentlich, daß er etwas Rohes +hatte essen können. »Ich bin offenbar gar kein Mensch mehr, sondern ein +richtiges Wichtelmännchen,« dachte er. + +Während der Junge den Fisch verzehrte, war der Gänserich ganz ruhig neben +ihm stehen geblieben; aber als jener den letzten Bissen verschluckt hatte, +sagte er mit leiser Stimme: »Wir sind unter ein recht eingebildetes +Wildgänsevolk geraten, das alle zahmen Gänse verachtet.« + +»Ja, ich hab es wohl bemerkt,« erwiderte der Junge. + +»Es wäre freilich sehr ehrenvoll für mich, wenn ich bis nach Lappland mit +ihnen reisen und ihnen zeigen könnte, daß auch eine zahme Gans etwas +leisten kann.« + +»O jaaa,« erwiderte der Junge gedehnt, denn er traute dies dem Gänserich +nicht zu, wollte ihm aber nicht widersprechen. + +»Ich glaube aber nicht, daß ich mich auf so einer Reise allein +zurechtfinden kann,« fuhr der Gänserich fort, »deshalb möchte ich dich +fragen, ob du nicht mitkommen und mir helfen möchtest?« + +Der Junge hatte natürlich nichts andres gedacht, als so schnell wie möglich +nach Hause zurückzukehren. Er war daher über die Maßen erstaunt und wußte +nicht, was er sagen sollte. »Ich glaubte, wir beide seien nicht gut Freund +miteinander,« sagte er. Aber das schien der Gänserich ganz und gar +vergessen zu haben; er erinnerte sich nur noch daran, daß der Junge ihm +vorhin das Leben gerettet hatte. + +»Ich müßte eigentlich zu Vater und Mutter zurückkehren,« sagte der Junge. + +»O, ich werde dich schon zu rechter Zeit zu ihnen zurückbringen!« rief der +Gänserich. »Und ich werde dich nicht verlassen, bis ich dich wieder vor +deiner eignen Schwelle niedergesetzt habe.« + +Der Junge dachte, es wäre vielleicht ganz gut, wenn er seinen Eltern noch +eine Weile nicht unter die Augen käme. Er war daher dem Vorschlag nicht +abgeneigt und wollte gerade zustimmen, als er ein lautes Donnern hinter +sich hörte. Die Wildgänse waren alle auf einmal aus dem See +herausgesprungen und schüttelten jetzt das Wasser von sich ab. Dann +ordneten sie sich, die Anführerin an der Spitze, in eine lange Reihe und +kamen auf die beiden zu. + +Als der weiße Gänserich jetzt die Wildgänse betrachtete, war ihm gar nicht +behaglich zumut. Er hatte erwartet, sie mehr den zahmen Gänsen ähnlich zu +sehen und sich ihnen mehr verwandt zu fühlen. Aber sie waren viel kleiner +als er, und keine von ihnen war weiß, sondern alle waren grau, an einzelnen +Stellen ins Braune spielend. Und vor ihren Augen hätte er sich beinahe +gefürchtet, sie waren gelb und glänzten, als ob Feuer dahinter brennte. Dem +Gänserich war immer eingeprägt worden, es sei schicklich, langsam und +breitspurig zu gehen, aber diese hier schienen gar nicht gehen zu können, +ihr Gang war ein halbes Springen. Am meisten aber erschrak er, als er ihre +Füße sah, denn die waren sehr groß und die Sohlen zertreten und zerrissen. +Man sah wohl, daß die Wildgänse nie darauf acht gaben, wohin sie traten, +und nie einen Umweg machten. Sonst waren sie sehr zierlich und ordentlich, +aber an ihren Füßen konnte man sie als arme Landstreicher erkennen. + +Der Gänserich konnte dem Jungen gerade noch zuflüstern: »Rede nur keck von +der Leber weg, aber sage nichts davon, daß du ein Mensch bist,« da waren +auch die Gänse schon bei ihnen angelangt. + +Sie blieben vor den beiden stehen und nickten viele Male mit dem Halse, und +der Gänserich tat dasselbe, nur noch viel öfter. Sobald es des Grüßens +genug war, sagte die Anführerin: »Jetzt sollten wir wohl erfahren, was ihr +für Leute seid?« + +»Von mir ist nicht viel zu sagen,« begann der Gänserich. »Ich bin im +vorigen Jahre in Skanör geboren. Im Herbst wurde ich an Holger Nilsson von +Westvemmenhög verkauft, und dort bin ich bis jetzt gewesen.« + +»Du scheinst keine Familie zu haben, auf die du stolz sein könntest,« sagte +die Anführerin. »Woher kommt es dann, daß du so keck bist, dich mit den +Wildgänsen einzulassen?« + +»Vielleicht, um euch wilden Gänsen zu zeigen, daß auch wir zahmen etwas +leisten können,« antwortete der Gänserich. + +»Ja, das wäre gut, wenn du uns das zeigen könntest,« sagte die Anführerin. +»Wir haben nun schon gesehen, wie du fliegen kannst, aber möglicherweise +bist du in andrer Hinsicht tüchtiger. Bist du stark im Dauerschwimmen?« + +»O nein, dessen kann ich mich nicht rühmen,« antwortete der Gänserich; er +glaubte zu merken, daß die Anführerin schon entschlossen war, ihn nach +Hause zurückzuschicken, und es war ihm deshalb gleichgültig, was er +antwortete. »Ich bin noch nie weiter geschwommen, als quer über eine +Mergelgrube,« fuhr er fort. + +»Dann erwarte ich, daß du ein Meister im Springen bist.« + +»Noch niemals habe ich eine zahme Gans springen sehen,« antwortete der +Gänserich und machte damit seine Sache noch schlimmer. + +Der große weiße Gänserich war nun ganz sicher, daß die Anführerin ihn +unter keiner Bedingung mitnehmen werde. Er war deshalb höchst erstaunt, als +sie sagte: »Du beantwortest die an dich gestellten Fragen ja recht mutig, +und wer Mut hat, kann ein guter Reisegefährte sein, wenn er auch im Anfang +ungewandt ist. Hättest du nicht Lust, ein paar Tage bei uns zu bleiben, +damit wir sehen können, was du leisten kannst?« + +»Das ist mir sehr angenehm,« erwiderte der Gänserich äußerst vergnügt. + +Hierauf streckte die Anführerin den Schnabel aus und sagte: »Aber wen hast +du denn da bei dir? So einen habe ich noch nie gesehen.« + +»Es ist mein Gefährte,« sagte der Gänserich. »Er ist sein Lebetag Gänsehirt +gewesen und kann uns möglicherweise auf der Reise nützlich sein.« + +»Ja, für eine zahme Gans mag das ganz gut sein,« antwortete die wilde. »Wie +heißt er?« + +»Er hat verschiedene Namen,« sagte der Gänserich zögernd. Er wußte nicht, +wie er sich aus der Klemme ziehen sollte, denn er wollte nicht verraten, +daß der Junge einen menschlichen Namen hatte. »Ach, er heißt Däumling,« +sagte er plötzlich. + +»Ist er aus dem Geschlecht der Wichtelmännchen?« fragte die Anführerin. + +»Um welche Tageszeit geht ihr Wildgänse schlafen?« fragte der Gänserich +hastig und versuchte so um die Antwort auf die letzte Frage herumzukommen. +»Um diese Zeit fallen mir immer die Augen von selbst zu.« + +Man sah wohl, daß die Gans, die mit dem Gänserich sprach, sehr alt sein +mußte. Ihr ganzes Federkleid war eisgrau, ohne dunkle Streifen. Ihr Kopf +war größer, ihre Beine gröber und ihre Füße mehr zertreten als die der +andern. Die Federn waren steif, die Schultern knochig, der Hals mager. +Alles dies kam vom Alter. Nur ihren Augen hatte dieses noch nichts +anzuhaben vermocht, sie glänzten heller und sahen jünger aus als die Augen +aller andern. + +Jetzt wendete sie sich sehr feierlich an den Gänserich. »So wisse denn, +Gänserich, daß ich Akka von Kebnekajse bin, und die Gans, die zu meiner +Rechten fliegt, ist Yksi von Vassijaure, und die zu meiner Linken ist Kaksi +von Nuolja. Wisse auch, daß die zweite rechts Kolme von Sarjektjåkko und +die zweite links Neljä von Svappavaara ist, und daß hinter ihnen Viisi von +Oviksfjällen und Kuusi von Sjangeli sind. Und wisse auch, daß die sechs +jungen Gänse, die ganz zuletzt kommen, drei rechts, drei links, ebenfalls +Hochlandwildgänse aus den besten Familien sind. Du darfst uns nicht für +Landstreicher halten, die mit jedem, der ihnen in den Weg kommt, +Kameradschaft schließen, und du darfst nicht glauben, daß wir mit jemand +unsre Schlafstelle teilen, der nicht sagen will, aus welchem Geschlecht er +stammt.« + +Als die Anführerin Akka auf diese Weise sprach, trat der Junge hastig vor. +Es hatte ihn betrübt, daß der Gänserich, der so keck für sich selbst +gesprochen hatte, so ausweichende Antworten gab, als es sich um ihn +handelte. + +»Ich will nicht geheim halten, wer ich bin,« sagte er. »Ich heiße Nils +Holgersson, bin der Sohn eines Häuslers, und bis zum heutigen Tage bin ich +ein Mensch gewesen, aber heute morgen -- --« + +Weiter kam der Junge nicht, denn niemand hörte mehr auf ihn. Kaum hatte er +gesagt, daß er ein Mensch sei, als die Anführerin drei Schritte und die +andern noch weiter zurückwichen. Und sie reckten alle die Hälse und +zischten ihn zornig an. + +»Du bist mir doch gleich verdächtig vorgekommen, als ich dich hier auf dem +Strand sah, und jetzt mußt du dich schleunigst entfernen, wir dulden keine +Menschen unter uns,« sagte Akka von Kebnekajse. + +»Es ist doch wohl nicht möglich,« versuchte der Gänserich zu vermitteln, +»daß ihr Wildgänse euch vor einem so kleinen Wesen fürchtet. Morgen soll er +gewiß nach Hause zurückkehren, aber über Nacht werdet ihr ihn doch unter +euch dulden müssen. Keiner von uns könnte es verantworten, einen solchen +kleinen Kerl sich in der Nacht allein gegen Wiesel und Fuchs verteidigen zu +lassen.« + +Die Wildgans kam wieder näher heran, aber man sah deutlich, wie schwer es +ihr wurde, ihre Furcht zu bezwingen. »Ich bin gelehrt worden, mich vor +allem, was Mensch heißt, zu fürchten, einerlei ob klein oder groß,« sagte +sie. »Aber wenn du, Gänserich, dafür einstehen willst, daß uns dieser hier +nichts Böses tut, dann mag er über Nacht dableiben. Ich fürchte jedoch, +unser Nachtquartier wird weder dir noch ihm passen, denn wir begeben uns +auf das schwimmende Eis hinaus und schlafen dort.« + +Sie dachte wohl, der Gänserich werde bei dieser Ankündigung unschlüssig +werden. Er ließ sich aber nichts merken. »Ihr seid sehr klug und versteht +es, einen sichern Schlafplatz auszuwählen,« sagte er. + +»Aber du stehst mir dafür ein, daß er morgen nach Hause zurückkehrt.« + +»Dann muß auch ich mich von euch trennen,« sagte der Gänserich, »denn ich +habe ihm versprochen, ihn nicht zu verlassen.« + +»Es steht dir frei, zu fliegen, wohin du willst,« entgegnete die +Anführerin. + +Damit hob sie die Flügel und flog auf das Eis hinaus, wohin ihr eine +Wildgans nach der andern folgte. + +Der Junge war betrübt darüber, daß aus seiner Reise nach Lappland nichts +werden sollte, und überdies fürchtete er sich vor dem kalten Nachtquartier. +»Es wird immer schlimmer, Gänserich,« sagte er. »Und das erste wird sein, +daß wir da draußen auf dem Eise erfrieren.« + +Aber der Gänserich war guten Mutes. »Das hat keine Gefahr,« sagte er. +»Sammle jetzt nur in aller Eile so viel Stroh und Gras zusammen, als du zu +tragen vermagst.« + +Als der Junge beide Arme voller dürren Grases hatte, faßte der Gänserich +ihn mit seinem Schnabel am Hemdkragen, hob ihn auf und flog aufs Eis +hinüber, wo die Wildgänse, den Schnabel unter einen Flügel gesteckt, schon +standen und schliefen. + +»Breite jetzt das Gras auf dem Eis aus, damit ich etwas habe, worauf ich +stehen kann, um nicht anzufrieren. Hilf du mir, dann helfe ich dir auch,« +sagte der Gänserich. + +Der Junge tat, wie ihm geheißen war, und sobald er fertig war, ergriff ihn +der Gänserich noch einmal am Hemdkragen und steckte ihn unter seinen +Flügel. »Hier liegst du warm und gut,« sagte er und drückte den Flügel an, +damit der Kleine nicht herunterfallen sollte. + +Er war so in Flaum eingebettet, daß er nicht antworten konnte; aber warm +und schön lag er, und müde war er, und im nächsten Augenblick schlief er. + + +Die Nacht + +Es ist eine bekannte Tatsache, daß das Eis trügerisch ist, und daß man sich +nicht darauf verlassen kann. Mitten in der Nacht veränderte die vom Lande +losgelöste Eisdecke auf dem Vombsee ihre Lage, so daß sie an einer Stelle +den Strand berührte. Und da geschah es, daß Smirre, der Fuchs, der damals +auf der östlichen Seite des Sees im Park von Övedskloster wohnte, auf +seiner nächtlichen Jagd dies sah. Smirre hatte die Wildgänse allerdings +schon am Abend gesehen, jedoch nicht erwartet, einer von ihnen beikommen zu +können. Jetzt lief er schnell aufs Eis hinaus; als er aber den Wildgänsen +schon ganz nahe war, glitt er plötzlich aus, und seine Krallen kratzten auf +dem Eise. Davon erwachten die Gänse, und sie schlugen mit den Flügeln, um +sich in die Luft zu erheben. Aber Smirre war ihnen zu hurtig. Er machte +einen Satz, gerade als schleudere ihn jemand vorwärts, ergriff eine Gans am +Flügel und stürzte wieder dem Lande zu. + +Aber in dieser Nacht waren die Wildgänse nicht allein auf dem Eise draußen; +sie hatten einen Menschen bei sich, wenn auch einen noch so kleinen. Als +der Gänserich mit den Flügeln schlug, erwachte der Junge, er fiel aufs Eis +hinunter und saß da ganz schlaftrunken; zuerst konnte er sich die Aufregung +unter den Gänsen gar nicht erklären, bis er plötzlich einen kleinen, +kurzbeinigen Hund mit einer Gans im Maule davonlaufen sah. + +Da sprang er rasch auf, dem Hunde die Gans abzujagen. Er hörte noch, daß +der Gänserich ihm nachrief: »Däumling, nimm dich in acht! Nimm dich in +acht!« + +»Aber vor einem so kleinen Hunde brauche ich mich doch wohl nicht zu +fürchten,« dachte der Junge und stürmte davon. + +Die Wildgans, die der Fuchs Smirre mit sich wegschleifte, hörte das +Geklapper von des Jungen Holzschuhen auf dem Eise, und sie traute ihren +Ohren kaum. »Meint der kleine Knirps, er könne mich dem Fuchse abjagen?« +dachte sie. Und so elendiglich sie auch daran war, so begann sie doch ganz +unten im Halse belustigt zu schnattern, beinahe als lache sie. + +»Das erste, was ihm passiert, wird sein, daß er in eine Eisritze purzelt,« +dachte sie. + +Aber so finster die Nacht auch war, der Junge sah alle Risse und Löcher im +Eise und machte große Sätze darüber hinweg. Das kam daher, daß er jetzt +die guten Nachtaugen der Wichtelmännchen hatte und in der Dunkelheit sehen +konnte. Nichts war farbig, sondern alles grau oder schwarz, aber er sah den +See und das Ufer ebenso deutlich wie bei Tage. + +Da wo das Eis ans Land stieß, sprang Smirre hinüber, und während er sich +den Uferabhang hinaufarbeitete, rief der Junge ihm zu: »Laß die Gans los, +du Lümmel!« + +Smirre wußte nicht, wer das gerufen hatte; er nahm sich auch nicht die +Zeit, sich umzusehen, sondern lief noch schneller davon. Jetzt rannte er in +einen großen prächtigen Buchenwald hinein, und der Junge lief hinter ihm +her, ohne an irgend eine Gefahr zu denken. Dagegen mußte er immerfort daran +denken, mit welcher Mißachtung er am vorhergehenden Abend von den Gänsen +behandelt worden war, und deshalb hätte er ihnen jetzt gar zu gerne +bewiesen, daß ein Mensch, wenn er auch noch so klein ist, allen andern +Geschöpfen überlegen sei. + +Einmal ums andre befahl er dem Hunde da vor sich, seine Beute loszulassen. +»Was bist du für ein Hund, der sich nicht schämt, eine ganze Gans zu +stehlen?« rief er. »Lege sie sogleich nieder, sonst wirst du sehen, was für +Prügel du bekommst! Laß los, sag ich, sonst werde ich deinem Herrn sagen, +wie du dich benimmst!« + +Als Smirre merkte, daß er für einen Hund gehalten wurde, der sich vor +Prügel fürchtete, kam ihm das so komisch vor, daß er die Gans beinahe hätte +fallen lassen. Smirre war ein großer Räuber, der sich nicht mit der Jagd +auf Ratten und Feldmäuse begnügte, sondern sich auch in die Höfe wagte und +Hühner und Gänse stahl. Er wußte, wie sehr er in der ganzen Umgegend +gefürchtet war. Und jetzt diese Drohung. So etwas Verrücktes hatte er seit +seiner Kindheit nicht mehr gehört! + +Aber der Junge lief aus Leibeskräften; es war ihm, als glitten die dicken +Buchenstämme an ihm vorüber, und der Abstand zwischen ihm und Smirre +verminderte sich immer mehr. Endlich war er Smirre so nahe, daß er ihn am +Schwanze fassen konnte. »Jetzt entreiße ich dir die Gans doch!« rief er und +hielt Smirre am Schwanze so fest, als er nur konnte. Aber er war nicht +stark genug, Smirre aufzuhalten. Der Fuchs riß ihn so heftig mit sich fort, +daß die dürren Buchenblätter umherstoben. + +Doch jetzt glaubte Smirre zu entdecken, wie ungefährlich sein Verfolger +sei. Er hielt an, legte die Gans auf die Erde, stellte sich mit den +Vorderpfoten darauf, damit sie nicht wegfliegen könne, und war auf dem +Punkte, ihr den Hals abzubeißen; aber dann konnte er es doch nicht lassen, +den kleinen Wicht vorher noch ein wenig zu reizen. »Ja, mach nur, daß du +mich bei dem Herrn verklagst, denn jetzt beiße ich die Gans tot,« sagte er. + +Wer sich aber sehr verwunderte, als er die spitzige Nase desjenigen sah, +den er verfolgt hatte, und zugleich hörte, welche heisere, boshafte Stimme +er hatte, das war der Junge. Er war so wütend über den Räuber, der sich +über ihn lustig machte, daß gar keine Spur von Furcht in ihm aufstieg. Er +packte den Schwanz nur noch fester, stemmte sich gegen eine Buchenwurzel, +und gerade, als der Fuchs die offne Schnauze am Halse der Gans hatte, zog +er aus Leibeskräften an. Smirre war so überrascht, daß er sich ein paar +Schritte rückwärts ziehen ließ, und dadurch wurde die Wildgans frei. Sie +flatterte schwerfällig empor, denn ihre Flügel waren verletzt, und sie +konnte sie kaum gebrauchen; überdies sah sie in der Dunkelheit des Waldes +gar nichts, sondern war so hilflos wie ein Blinder. Sie konnte deshalb dem +Jungen keinerlei Beistand leisten, sondern versuchte nur, durch eine +Öffnung in dem grünen Blätterdache hinauszugelangen, um den See wieder zu +erreichen. + +Da warf Smirre sich auf den Jungen. »Kann ich den einen nicht bekommen, so +will ich wenigstens den andern haben,« fauchte er, und man hörte seiner +Stimme an, wie aufgebracht er war. + +»O denke doch ja nicht, daß dir das gelingen werde,« sagte der Junge. Er +war ganz aufgeräumt, weil es ihm gelungen war, die Gans zu retten. Auch +hielt er sich noch immer an dem Fuchsschwanze fest und schwang sich an ihm, +als ihn der Fuchs zu fangen versuchte, auf die andre Seite hinüber. + +Das war ein Tanz im Walde, daß die Buchenblätter nur so umherstoben! Smirre +drehte sich rund, rund herum, aber der Schwanz schwang sich auch rund, rund +herum, der Junge hielt sich daran fest, und der Fuchs konnte ihn nicht +fassen. + +Der Junge war so vergnügt über seinen Erfolg, daß er im Anfang nur lachte +und den Fuchs verspottete; aber Meister Reineke war beharrlich, wie alte +Jäger zu sein pflegen, und allmählich wurde es dem Jungen doch angst, er +könnte schließlich noch gefaßt werden. + +Da erblickte er eine kleine junge Buche, die schlank wie ein Pfahl +aufgewachsen war, nur um recht bald ins Freie zu gelangen, hoch da droben +über dem grünen Laubdach, das die alten Buchen über dem jungen Bäumchen +ausbreiteten. In aller Eile ließ der Junge den Fuchsschwanz los und +kletterte auf die Buche hinauf. Smirre aber war so im Eifer, daß er sich +noch eine ganze Weile nach seinem Schwanze im Kreise drehte. »Du brauchst +nicht weiter zu tanzen,« sagte der Junge plötzlich. + +Der Fuchs war wütend; diese Schmach, einen so kleinen Knirps nicht in seine +Macht zu bekommen, war ihm unerträglich, er legte sich deshalb unter der +Buche nieder, um den Jungen zu bewachen. + +Der Junge hatte es nicht übermäßig gut da oben; er saß rittlings auf einem +schwachen Zweige, und die junge Buche reichte nicht hinauf bis zu dem +Blätterdache, so daß er auf keinen andern Baum hinübergelangen konnte; aber +er mochte sich auch nicht wieder hinunter auf den Boden wagen. Er fror +gewaltig und war nahe daran, ganz steif zu werden und seinen Zweig +loszulassen; auch war er entsetzlich schläfrig, hütete sich aber wohl, sich +vom Schlaf übermannen zu lassen, aus Angst, dann auf den Boden +hinunterzufallen. + +O, es war fürchterlich, mitten in der Nacht so im Walde draußen zu sitzen! +Er hatte bis jetzt keine Ahnung gehabt, was das bedeutete, wenn es Nacht +ist. Es war, als sei alles versteinert und könne nie wieder zum Leben +erwachen. + +Dann begann der Tag zu grauen, und der Junge war froh, als alles sein altes +Aussehen wieder annahm, obgleich die Kälte jetzt gegen Morgen noch +durchdringender wurde als in der Nacht. + +Als endlich die Sonne aufging, war sie nicht gelb, sondern rot. Dem Jungen +kam es vor, als sehe sie böse aus, und er fragte sich, warum sie wohl böse +sei. Vielleicht weil die Nacht, während die Sonne weggewesen war, eine +solche Kälte auf der Erde verbreitet hatte. + +Die Sonnenstrahlen sprühten in großen Feuergarben am Himmel auf, um zu +sehen, was die Nacht auf der Erde getan hatte, und es sah aus, als ob alles +ringsum errötete, wie wenn es ein schlechtes Gewissen hätte. Die Wolken am +Himmel, die seidenglatten Buchenstämme, die kleinen, ineinander +verflochtenen Zweige des Laubdaches, der Rauhreif, der die Buchenblätter +auf dem Boden bedeckte, alles glühte und wurde rot. + +Aber immer mehr Sonnenstrahlen schossen am Himmel auf, und bald war alles +Grauen der Nacht verschwunden. Die Lähmung war wie weggeblasen, und gar +vieles Lebendige trat zutage. Der Schwarzspecht mit dem roten Hals begann +mit dem Schnabel an einem Baumstamme zu hämmern. Das Eichhörnchen huschte +mit einer Nuß aus seinem Bau heraus, setzte sich auf einen Zweig und begann +sie aufzuknabbern. Der Star kam mit einer Wurzelfaser dahergeflogen, und +der Buchfink sang in dem Baumwipfel. + +Da verstand der Junge, daß die Sonne zu allen diesen kleinen Wesen gesagt +hatte: »Erwacht und kommt heraus aus eurer Behausung, jetzt bin ich hier! +Jetzt braucht ihr euch vor nichts mehr zu fürchten.« + +Vom See her drang der Ruf der Wildgänse, die sich zur Weiterreise rüsteten, +zu dem Jungen herüber; und bald darauf flogen alle vierzehn Gänse über den +Wald hin. Der Junge versuchte ihnen zuzurufen; aber sie flogen so hoch +droben, daß seine Stimme sie nicht erreichen konnte. Sie glaubten wohl, der +Fuchs habe ihn schon lange aufgefressen. Ach, sie gaben sich auch nicht +einmal die Mühe, sich nach ihm umzusehen! + +Der Junge war vor lauter Angst dem Weinen nahe; aber die Sonne stand jetzt +goldgelb und vergnügt am Himmel und flößte der ganzen Welt Mut ein. »Du +brauchst dich nicht zu fürchten oder vor etwas Angst zu haben, Nils +Holgersson, solange ich da bin,« sagte sie. + + +Das Spiel der Gänse + + Montag, 21. März + +Alles im Walde blieb so lange unverändert, als eine Gans ungefähr braucht, +um ihr Frühstück zu genießen; aber gerade um die Zeit, wo der Morgen in den +Vormittag übergehen wollte, flog eine einzelne Wildgans unter das dichte +Laubdach herein. Zögernd suchte sie ihren Weg zwischen Stämmen und Zweigen +und flog ganz langsam. Sobald der Fuchs sie sah, verließ er seinen Platz +unter der jungen Buche und schlich zu ihr hin. Die Wildgans wich dem Fuchs +nicht aus, sondern flog ganz nahe heran. Smirre machte einen hohen Satz +nach ihr, verfehlte sie aber, und die Gans flog in der Richtung zum See +weiter. + +[Illustration] + +Es dauerte nicht lange, so kam auch schon eine zweite Wildgans +dahergeflogen. Sie nahm denselben Weg wie die vorige und flog noch +langsamer und noch näher am Boden. Auch sie strich dicht an Smirre vorüber, +und er machte einen so hohen Satz nach ihr, daß seine Ohren ihre Füße +berührten; aber auch sie entkam unbeschädigt und setzte still wie ein +Schatten ihren Weg nach dem See fort. + +Eine kleine Weile verging, da tauchte wieder eine Gans auf, die noch +langsamer, noch näher am Boden flog. Smirre machte einen gewaltigen Satz, +und es fehlte nur ein Haarbreit, so hätte er sie gefaßt; aber auch diese +Gans entkam ihm. + +Kaum war sie verschwunden, so erschien auch schon die vierte Wildgans. +Obgleich diese so langsam flog, daß es Smirre vorkam, als könne er sie ohne +besondre Schwierigkeit fassen, fürchtete er sich jetzt vor einem neuen +Mißerfolg und beschloß, sie unangetastet vorbeifliegen zu lassen. Aber sie +nahm denselben Weg wie die andern, und gerade, als sie über Smirre hinflog, +ließ sie sich so tief heruntersinken, daß er sich doch verleiten ließ, nach +ihr zu springen. Er sprang so hoch, daß er sie mit der Tatze berührte; aber +sie warf sich rasch zur Seite und rettete ihr Leben. + +Ehe Smirre ausgekeucht hatte, erschienen drei Gänse in einer Reihe. Sie +flogen ganz in derselben Weise wie die vorhergehenden, und Smirre machte +hohe Sätze, sie zu erreichen; aber es gelang ihm nicht, eine von ihnen zu +fangen. + +Jetzt tauchten fünf Gänse auf; aber diese flogen besser als die +vorhergehenden, und obgleich auch sie Smirre zum Springen verleiten zu +wollen schienen, widerstand er doch der Versuchung. + +Nach einer ziemlich langen Pause tauchte wieder eine einzelne Gans auf. Das +war die dreizehnte. Die war so alt, daß sie ganz grau war und nicht einen +einzigen dunklen Streifen auf dem Körper hatte. Sie schien den einen Flügel +nicht recht gebrauchen zu können und flog erbärmlich schlecht und schief, +so daß sie fast am Boden streifte. Smirre machte nicht nur einen hohen Satz +nach ihr, sondern verfolgte sie auch noch springend und hüpfend nach dem +See zu; aber auch diesmal wurde seine Mühe nicht belohnt. + +Als die vierzehnte Gans erschien, war es ein sehr schöner Anblick, denn sie +war ganz weiß, und als sie ihre großen Flügel bewegte, schien ein helles +Licht in dem dunklen Wald aufzuleuchten. Als Smirre ihrer ansichtig wurde, +bot er seine ganze Kraft auf und sprang halbwegs bis zum Blätterdach empor; +aber die weiße Gans flog, wie alle die andern vorher, unbeschädigt an ihm +vorüber. + +Nun wurde es eine Weile ganz still unter den Buchen; es sah aus, als sei +der ganze Schwarm Wildgänse weitergeflogen. + +Da fiel Smirre plötzlich sein Gefangner, der kleine Knirps, wieder ein; er +hatte keine Zeit gehabt, an ihn zu denken, seit er die erste Gans gesehen +hatte. Aber natürlich war der längst auf und davon. + +Doch Smirre blieb auch jetzt nicht viel Zeit, an den kleinen Kerl zu +denken, denn eben kam die erste Gans wieder vom See her und flog langsam +unter dem Blätterdach hin. Trotz seines Mißerfolges freute sich Smirre über +ihre Rückkehr, und mit einem großen Satz stürzte er auf sie zu. Aber er war +zu eilig gewesen, er hatte sich nicht die nötige Zeit zum Berechnen seines +Sprunges genommen und sprang nun an ihr vorbei. + +Nach dieser Gans kam wieder eine, und dann noch eine, und dann eine dritte, +vierte, fünfte, bis die Reihe mit der alten eisgrauen und der großen weißen +abschloß. Alle flogen langsam und nahe am Boden; und als sie über Smirre +schwebten, senkten sie sich noch tiefer herab, als ob sie ihn einladen +wollten, sie zu fangen. Und Smirre verfolgte sie, er machte mehrere Meter +hohe Sätze, und doch konnte er keine erwischen. + +Das war der schrecklichste Tag, den der Fuchs Smirre je erlebt hatte. Die +Wildgänse flogen unaufhörlich über seinem Kopf weg, hin und her, hin und +her. Große, herrliche Gänse, die sich auf den deutschen Äckern und Heiden +fett gefressen hatten, strichen den ganzen Tag durch den Wald so nahe an +ihm vorüber, daß er sie wiederholt berührte, und doch konnte er seinen +Hunger nicht mit einer einzigen stillen. + +Der Winter war kaum vorüber, und Smirre erinnerte sich an die Tage und +Nächte, wo er meistens müßig umhergestreift war, weil er auch nicht ein +einziges Wildbret erjagen konnte, denn die Zugvögel waren fortgezogen, die +Ratten verbargen sich unter der gefrorenen Erde und die Hühner waren +eingesperrt. Aber der Hunger des ganzen Winters war nicht so schwer zu +ertragen gewesen, als der Mißerfolg dieses einen Tages. + +Smirre war kein junger Fuchs mehr; oft waren ihm die Hunde an den Fersen +gewesen, und die Kugeln hatten ihm um die Ohren gepfiffen. Er hatte tief +drinnen in seinem Bau gelegen, während die Dachshunde in dessen Gängen +waren und ihn beinahe gefunden hätten. Aber alle Angst, die Smirre während +einer solchen aufregenden Jagd durchgemacht hatte, war nicht zu vergleichen +mit dem Gefühl, das ihn ergriff, so oft er einen mißglückten Sprung nach +den Wildgänsen machte. + +Am Morgen, als das Spiel begann, war Smirre so schmuck gewesen, daß die +Gänse bei seinem Anblick gestutzt hatten; Smirre liebte die Pracht, und +sein Pelz war glänzend rot, seine Brust weiß, die Tatzen schwarz und der +Schwanz üppig wie eine Feder. Aber das schönste an ihm war doch die +Spannkraft seiner Bewegungen und der Glanz seiner Augen. Als es jedoch an +diesem Tage Abend wurde, hing Smirres Pelz in Zotteln herunter, er war in +Schweiß gebadet, seine Augen waren matt, die Zunge hing ihm lang aus dem +keuchenden Maule heraus, und um die Lippen stand ihm der Schaum. + +Den ganzen Nachmittag war Smirre so müde, daß er wie verwirrt war. Er sah +nichts andres mehr vor sich als fliegende Gänse. Er sprang nach +Sonnenflecken, die auf dem Boden glänzten, und nach einem armen +Schmetterling, der zu früh aus seiner Puppe geschlüpft war. + +Die Wildgänse flogen und flogen unermüdlich hin und wieder; den ganzen Tag +hörten sie nicht auf, Smirre zu quälen, sie fühlten kein Mitleid, als sie +Smirre verwirrt, aufgeregt, wahnsinnig sahen. Unerbittlich fuhren sie fort, +obgleich sie wußten, daß er sie kaum noch sah und nach ihrem Schatten +sprang. + +Erst als Smirre ganz ermattet und kraftlos, beinah auf dem Punkt, den Geist +aufzugeben, auf einen Haufen dürren Laubes niedersank, hörten sie auf, ihn +zum besten zu haben. + +»Jetzt weißt du, Fuchs, wie es dem geht, der sich mit Akka von Kebnekajse +einläßt!« riefen sie ihm in die Ohren; und damit ließen sie ihn endlich in +Ruhe. + + + + +3 + +Das Leben der Wildvögel + +Im Bauernhof + + + Donnerstag, 24. März + +Gerade in jenen Tagen trug sich in Schonen ein Ereignis zu, das nicht +allein sehr viel von sich reden machte, sondern auch in die Zeitungen kam, +das aber viele für eine Erfindung hielten, weil sie es sich durchaus nicht +erklären konnten. + +Im Park von Övedskloster war nämlich ein Eichhornweibchen gefangen und auf +einen nahegelegenen Bauernhof gebracht worden. Alle Bewohner des +Bauernhofs, alte und junge, freuten sich sehr über das kleine hübsche Tier +mit dem großen Schwanz, den klugen neugierigen Augen und den kleinen netten +Füßchen. Sie wollten sich den ganzen Sommer an seinen flinken Bewegungen, +seiner putzigen Art, Haselnüsse zu knabbern, und an seinem lustigen Spiel +erfreuen. Schnell brachten sie einen alten Eichhörnchenkäfig in Ordnung, +der aus einem kleinen grün angestrichenen Häuschen und einem aus Draht +geflochtenen Rad bestand. Das Häuschen, das Tür und Fenster hatte, sollte +dem Eichhörnchen als Eß- und Schlafzimmer dienen, deshalb machten sie ein +Lager aus Laub zurecht, stellten eine Schale Milch hinein und legten einige +Haselnüsse dazu. Das Rad sollte sein Spielzimmer sein, wo es spielen und +klettern und sich im Kreise herumschwingen könnte. + +Die Menschen glaubten, sie hätten es für das Eichhörnchen recht gut +gemacht, und sie verwunderten sich sehr, daß es ihm offenbar nicht gefiel. +Betrübt und mißmutig und nur ab und zu einen scharfen Klagelaut ausstoßend, +saß es in einer Ecke seines Stübchens. Es rührte die Speisen nicht an und +schwang sich auch nicht ein einziges Mal in dem Rad. »Es fürchtet sich,« +sagten die Leute auf dem Bauernhof. »Aber morgen, wenn es an seine Umgebung +gewöhnt ist, wird es schon spielen und fressen.« + +In dem Bauernhofe waren aber zu der Zeit große Vorbereitungen zu einem Fest +im Gang, und gerade an dem Tag, wo das Eichhörnchen gefangen worden war, +war große Backerei. Zum Unglück jedoch hatte entweder der Teig nicht recht +aufgehen wollen, oder die Leute waren etwas langsam bei der Arbeit gewesen, +und so mußten sie noch lange nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten. + +Überall herrschte natürlich großer Eifer, und man hatte es sehr eilig in +der Küche; niemand nahm sich Zeit, nachzusehen, wie es dem Eichhörnchen +ging. Doch die alte Mutter des Hauses war zu bejahrt, um noch beim Backen +helfen zu können; und obwohl sie das recht gut einsah, war sie doch betrübt +darüber, ganz ausgeschlossen zu sein; sie ging auch nicht zu Bett, sondern +setzte sich ans Fenster der Wohnstube und sah hinaus. Die Küchentür war der +Wärme wegen aufgemacht worden, und durch sie fiel ein heller Lichtschein +auf den Hof hinaus. Es war ein von Gebäuden umschlossener Hof, der jetzt so +hell erleuchtet war, daß die Frau die Risse und Löcher in der Verkalkung an +der gegenüberliegenden Wand deutlich sehen konnte. Sie sah auch den Käfig +des Eichhörnchens, der gerade dort hing, wo der Lichtschein am hellsten +hinfiel, und da sah sie, daß das Eichhörnchen immerfort aus seinem Stübchen +in das Rad und vom Rad wieder ins Stübchen hineinlief, ohne sich einen +Augenblick Ruhe zu gönnen. Sie dachte, das Tier sei doch in einer +sonderbaren Aufregung, aber sie meinte, der scharfe Lichtschein halte es +wach. + +Zwischen dem Kuh- und dem Pferdestall war ein großes, breites Einfahrtstor, +das jetzt auch von dem Lichtschein aus der Küche hellbeleuchtet war. Als +eine gute Weile vergangen war, sah die alte Mutter, daß durch das Hoftor +ganz leise und vorsichtig ein winziger Knirps hereingeschlichen kam; er war +nur eine Spanne hoch, hatte aber Holzschuhe an den Füßen und trug +Lederhosen wie ein gewöhnlicher Arbeiter. Die alte Mutter wußte sogleich, +daß dies das Wichtelmännchen war, und fürchtete sich nicht im geringsten, +denn sie hatte immer gehört, daß sich ein solches auf dem Hofe aufhalte, +obgleich es noch nie jemand gesehen hatte; und ein Wichtelmännchen brachte +ja Glück, wo es sich zeigte. + +Sobald das Wichtelmännchen auf den gepflasterten Hof kam, lief es eilig auf +den Käfig zu, und da es ihn nicht erreichen konnte, weil er zu hoch hing, +ging es nach dem Geräteschuppen, holte eine Stange heraus, lehnte sie an +den Käfig und kletterte an ihr hinauf, gerade wie ein Seemann an einem Tau +hinaufklettert. Als es den Käfig erreicht hatte, rüttelte es an der Tür des +kleinen grünen Hauses, um es zu öffnen; aber die alte Mutter war ganz +beruhigt, denn sie wußte, daß die Kinder ein Vorlegeschloß daran gehängt +hatten, aus Angst, die Jungen vom Nachbarhof könnten versuchen, das +Eichhörnchen zu stehlen. Die Frau sah, daß das Eichhörnchen, als das +Wichtelmännchen die Tür nicht aufbrachte, in das Rad herauskam. Da führten +nun die beiden ein langes Zwiegespräch, und nachdem das Wichtelmännchen +alles wußte, was ihm das Tier zu sagen hatte, glitt es an der Stange wieder +hinunter und lief eilig zum Tor hinaus. + +Die Frau glaubte nicht, daß sie in dieser Nacht noch etwas von dem +Wichtelmännchen zu sehen bekäme, blieb aber doch am Fenster sitzen. Nach +einer Weile kam es auch richtig wieder. Es hatte es so eilig, daß seine +Füße kaum den Boden zu berühren schienen, und lief spornstreichs auf den +Käfig zu. Mit ihren fernsichtigen Augen sah es die Frau deutlich, auch +bemerkte sie, daß es etwas in den Händen trug; aber was es war, konnte sie +nicht erkennen. Jetzt legte es das, was es in der linken Hand hielt, auf +das Steinpflaster nieder, aber das in seiner Rechten nahm es mit hinauf +zum Käfig. Hier stieß es mit seinem Holzschuh so heftig an das Fensterchen, +daß die Scheibe zersprang, und durch diese reichte es nun das, was es in +der Hand hielt, dem Eichhörnchen hinein. Dann rutschte es an der Stange +herunter, nahm den andern Gegenstand vom Boden und kletterte auch damit zum +Käfig hinauf. Schnell wie der Blitz war es wieder unten und stürmte so +eilig davon, daß ihm die alte Frau kaum mit den Augen folgen konnte. + +Aber jetzt litt es die alte Mutter nicht mehr im Zimmer. Ganz leise stand +sie von ihrem Stuhl auf, ging auf den Hof hinaus und stellte sich in den +Schatten des Brunnens, um hier das Wichtelmännchen zu erwarten. Und noch +jemand war da, der auch aufmerksam und neugierig geworden war. Das war die +Hauskatze; leise kam sie dahergeschlichen und blieb an der Mauer, gerade +ein paar Schritte von dem hellen Lichtstreifen entfernt, stehen. + +Die beiden mußten in der kalten Nacht lange warten, und die Frau überlegte +sich schon, ob sie nicht lieber hineingehen sollte, als sie ein Geklapper +auf dem Pflaster hörte und sah, daß der kleine Knirps von einem +Wichtelmännchen wirklich noch einmal daherkam. Auch jetzt trug er in jeder +Hand etwas, und was er trug, das zappelte und quietschte. Jetzt ging der +alten Mutter ein Licht auf, und sie verstand, daß das Wichtelmännchen in +das Haselnußwäldchen gelaufen war, dort die Jungen des Eichhörnchens geholt +hatte und sie jetzt ihrer Mutter brachte, damit sie nicht verhungern +müßten. + +Die alte Frau verhielt sich ganz still, um das Wichtelmännchen nicht zu +stören, und das schien sie auch nicht bemerkt zu haben. Es war eben im +Begriff, das eine Junge auf den Boden zu legen, um zum Käfig +hinaufzuklettern, als es plötzlich die grünen Augen der Katze dicht neben +sich funkeln sah. Ganz ratlos blieb es stehen, in jeder Hand ein junges +Eichhörnchen. + +Es drehte sich um und spähte im Hof umher. Da gewahrte es die alte Mutter, +und ohne sich lange zu besinnen, trat es rasch zu ihr hin und reichte ihr +eines der Tierchen. + +Die alte Mutter wollte sich des Vertrauens des Wichtelmännchens nicht +unwürdig zeigen; sie nahm ihm das Eichhörnchen ab und hielt es fest, bis +das Wichtelmännchen mit dem ersten zum Käfig hinaufgeklettert war und dann +kam, das zweite, das es ihr anvertraut hatte, zu holen. + +Am nächsten Morgen, als die Leute auf dem Bauernhofe beim Frühstück +versammelt waren, konnte die Alte unmöglich über das Erlebnis der +vergangenen Nacht schweigen. Aber alle miteinander lachten sie aus und +sagten, sie habe das nur geträumt. Zu dieser Jahreszeit gäbe es ja noch gar +keine jungen Eichhörnchen. + +Doch sie war ihrer Sache ganz sicher und verlangte, daß man im Käfig +nachsehe. Man tat es, und siehe da, auf dem Lager aus Laub, in der kleinen +Stube, lagen vier halbnackte, halbblinde, erst zwei Tage alte Junge. + +Als der Vater dies sah, sagte er: »Das mag nun zugegangen sein, wie es +will, aber so viel ist sicher, wir hier auf dem Hofe haben uns benommen, +daß wir uns vor Tieren und Menschen schämen müssen.« Damit nahm er das +Eichhörnchen mitsamt den vier Jungen aus dem Käfig heraus und legte alle in +die Schürze der Mutter. »Geh damit in das Haselnußwäldchen und gib ihnen +ihre Freiheit wieder,« sagte er. + +Dies ist das Ereignis, das so viel von sich reden gemacht hatte und sogar +in die Zeitung kam, das aber die meisten nicht glauben wollten, weil sie es +sich nicht erklären konnten. + + +Im Park von Övedskloster + +Den Tag, an dem die Wildgänse ihr Spiel mit dem Fuchs trieben, verbrachte +der Junge in einem verlassenen Eichhörnchennest in tiefem Schlafe. Als er +gegen Abend erwachte, war er sehr betrübt. »Nun werden sie mich bald nach +Hause zurückschicken,« dachte er, »und dann gibt es keinen Ausweg mehr für +mich, ich muß mich Vater und Mutter so zeigen, wie ich jetzt bin.« + +Aber als er zu den Wildgänsen hinkam, die im Vombsee umherschwammen und +badeten, wurde kein Wort von seiner Abreise laut. »Sie meinen vielleicht, +der Weiße sei zu müde, um sich heute abend noch mit mir auf den Weg zu +machen,« dachte er. + +Am nächsten Morgen waren die Gänse schon lange vor Sonnenaufgang munter, +und der Junge war fest überzeugt, daß er und der Gänserich die Heimreise +nun unverzüglich antreten mußten. Aber merkwürdigerweise durften alle beide +die Wildgänse auf ihren Morgenausflug begleiten. Der Junge konnte sich +durchaus nicht denken, was der Grund zu diesem Aufschub sein könnte, aber +dann klügelte er sich heraus, daß die Wildgänse den Gänserich nicht auf +eine so weite Reise schicken wollten, ehe er sich ordentlich sattgegessen +hätte. Wie es sich aber auch verhalten mochte, der Junge war über jede +weitere Stunde, die zwischen ihm und dem Wiedersehen mit seinen Eltern lag, +von Herzen froh. + +Die Wildgänse flogen über den Herrenhof von Övedskloster hin, der in einem +herrlichen Park östlich von dem See lag, und der wundervoll aussah mit +seinem großen Schloß, seinem schönen gepflasterten, von niedrigen Mauern +und Lusthäusern umgebenen Hofe und seinem vornehmen altmodischen Garten mit +den geschnittenen Hecken, dichten Laubgängen, Teichen, Springbrunnen, +prachtvollen Bäumen und kurzgeschorenen Rasenplätzen, wo die Rabatten +voller bunter Frühlingsblumen standen. + +Als die Wildgänse in aller Frühe über den Herrenhof hinflogen, war noch +kein Mensch zu sehen. Nachdem sie sich dessen genau versichert hatten, +ließen sie sich ganz nahe zur Hundehütte hinunter und riefen: »Was ist das +hier für eine kleine Hütte? Was ist das hier für eine kleine Hütte?« + +Sogleich kam der Hund zornig und wütend aus seinem Hause herausgerannt und +bellte aus Leibeskräften. + +»Nennt ihr das eine Hütte, ihr, ihr Landstreicher? Seht ihr nicht, daß das +ein großes steinernes Schloß ist? Seht ihr nicht, was für schöne Mauern, +wie viele Fenster, welche mächtigen Tore und welche prachtvolle Terrasse es +hat, wau, wau, wau? Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Seht ihr denn nicht den +Hof, den Garten, die Gewächshäuser und die Marmorfiguren? Nennt ihr das +eine Hütte, ihr? Haben die Hütten für gewöhnlich einen Park ringsum, wo es +Buchenwälder und Haselnußgebüsch und Baumwiesen und Eichenhaine und +Tannengehölze und einen Tiergarten voller Rehe gibt? Wau, wau, wau! Nennt +ihr das eine Hütte, ihr? Habt ihr Hütten gesehen mit so vielen +Nebengebäuden, daß sie einen ganzen Ort bilden? Ihr kennt wohl sehr viele +Hütten, die eine eigne Kirche und ein eignes Pfarrhaus haben und die über +Herrenhäuser und Bauernhöfe und Pachthöfe und Amtswohnungen gebieten, wau, +wau, wau! Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Zu dieser Hütte hier gehört das +größte Gut in ganz Schonen, ihr Bettelvolk! Nicht ein einziges Fleckchen +Erde könnt ihr da droben von eurer Höhe aus sehen, das nicht unter dieser +Hütte stünde, wau, wau, wau!« + +Der Hund brachte dies alles wirklich in einem Atemzug heraus; die Gänse +flogen über dem Hofe hin und her und hörten ihm zu, bis er Atem schöpfen +mußte, dann aber riefen sie: »Warum bist du denn so zornig? Wir haben gar +nicht nach dem Schloß gefragt, sondern nur nach deiner Hundehütte!« + +Als der Junge diese Neckerein hörte, lachte er zuerst, aber dann drängte +sich ihm der Gedanke auf, der ihn auf einmal ernst stimmte. »Ach, wie viele +solcher Scherze würdest du zu hören bekommen, wenn du mit den Wildgänsen +durchs ganze Land bis hinauf nach Lappland reisen dürftest!« seufzte er +leise. »Da du dir dein Leben nun doch einmal so verdorben hast, wäre eine +solche Reise noch das beste, was dir widerfahren könnte.« + +Die Wildgänse flogen auf einen der jenseits vom Herrenhof gelegenen großen +Äcker und weideten da ein paar Stunden lang das Wintergras ab. Inzwischen +ging der Junge in den an den Acker anstoßenden großen Park hinein und +spähte eifrig, ob nicht an den Zweigen der Haselsträucher da und dort noch +eine Haselnuß vom vergangenen Herbst zu finden wäre. Aber während er so im +Parke umherstreifte, tauchte der Gedanke an die Heimreise einmal ums andre +drohend vor seiner Seele auf. Immer wieder mußte er sich ausmalen, wie +schön er es haben würde, wenn er bei den Wildgänsen bleiben dürfte. Hungern +und frieren würde er freilich oftmals müssen, dafür aber wäre er auch aller +Arbeit und allem Lernen enthoben. + +Während er noch diesen Gedanken nachhing, ließ sich plötzlich die alte +graue Gans neben ihm nieder und fragte ihn, ob er etwas Eßbares gefunden +habe. Nein, er habe nichts gefunden, antwortete der Junge. Da versuchte +Akka ihm zu helfen, aber auch sie fand keine Haselnüsse, entdeckte jedoch +dafür ein paar Hagebutten, die noch an einem wilden Rosenbusch hingen. Der +Junge verzehrte sie mit gutem Appetit; aber er fragte sich doch, was wohl +seine Mutter sagen würde, wenn sie wüßte, daß ihr Sohn sich mit rohen +Fischen und ausgefrornen Hagebutten das Leben fristete. + +Als die Wildgänse endlich satt geworden waren, zogen sie wieder an den See +hinunter und trieben da bis zur Mittagszeit allerlei Kurzweil. Sie +forderten den weißen Gänserich zum Wettbewerb in ihren Künsten heraus, im +Springen, Fliegen und Schwimmen, und der große zahme tat sein Bestes, aber +die flinken Wildgänse liefen ihm in allem den Rang ab. Während dieser +ganzen Zeit saß der Junge auf dem Rücken des Gänserichs, feuerte diesen an +und war eben so vergnügt wie die andern. Das war ein Geschrei und Gelächter +und Gegacker, und es war nur zu verwundern, daß die Herrschaft auf dem +Schloß nicht darauf aufmerksam wurde. + +Nachdem die Wildgänse des Spielens überdrüssig geworden waren, flogen sie +auf das Eis hinüber und pflegten ein paar Stunden der Ruhe. Den Nachmittag +verbrachten sie fast ganz auf dieselbe Weise wie den Vormittag, zuerst +weideten sie ein paar Stunden, dann badeten und spielten sie am Rande des +Eises bis zum Sonnenuntergang, und dann stellten sie sich auf dem Eise auf, +wo sie auch sogleich einschliefen. + +»Ja, so ein Leben würde mir gerade gefallen,« dachte der Junge, als er am +Abend unter den Flügel des Gänserichs kroch. »Aber morgen werde ich wohl +fortgeschickt werden.« + +Bevor er einschlief, überlegte er noch einmal alle Vorteile, die ihm aus +der Reise mit den Wildgänsen erwachsen würden. Er würde nicht gescholten, +wenn er faul wäre, den lieben langen Tag hindurch könnte er dem lieben Gott +die Zeit abstehlen, und seine einzige Sorge wäre, wie er sich etwas Eßbares +verschaffen könnte. Doch er brauchte ja jetzt so wenig zu seinem Unterhalt, +da würde sich schon Rat schaffen lassen. + +Und dann malte er sich aus, was er alles zu sehen bekäme, und wie viele +Abenteuer er erleben würde. O das wäre etwas ganz anderes als die Arbeit +und Schinderei daheim. »Ach, wenn ich doch die Wildgänse auf dieser Reise +begleiten dürfte, dann wollte ich mich über meine Verwandlung gewiß nicht +grämen!« dachte er. + +Er hatte jetzt vor nichts Angst, als nach Hause geschickt zu werden; aber +auch am Mittwoch mahnten die Wildgänse nicht an die Abreise. Der Tag +verging wie der vorhergehende, und dem Jungen gefiel das ungebundene Leben +im Freien immer besser. + +Er war der Meinung, er habe den einsamen Park, der so groß war wie ein +Wald, ganz für sich allein, und er fühlte durchaus keine Sehnsucht nach der +engen Stube und den kleinen Äckerchen seiner Heimat. + +Am Mittwoch glaubte er, die Wildgänse hätten die Absicht, ihn bei sich zu +behalten, aber am Donnerstag hatte er diese Hoffnung nicht mehr. Der +Donnerstag begann ganz wie der vorhergehende Tag. Die Wildgänse weideten +auf den großen Äckern, und der Junge ging im Park auf die Nahrungssuche. +Nach einiger Zeit gesellte sich Akka zu ihm und fragte, ob er etwas Eßbares +gefunden habe. Nein, das hatte er nicht. Da stöberte Akka eine vertrocknete +Kümmelstaude auf, an der noch alle die kleinen Früchte unversehrt hingen. +Aber nachdem der Junge gegessen hatte, sagte Akka zu ihm, sie finde, er +streife viel zu verwegen im Park umher, ob er denn nicht wisse, vor wie +vielen Feinden sich so ein kleines Geschöpf, wie er eines sei, zu hüten +habe? Nein, das wisse er nicht, sagte der Junge, und darauf begann Akka ihm +die Feinde aufzuzählen. + +Wenn er in den Wald gehe, sagte sie, solle er sich vor dem Fuchs und dem +Marder in acht nehmen, wenn er sich am Ufer aufhalte, dürfe er die +Fischotter nicht vergessen, wenn er auf einem Steinmäuerchen sitze, müsse +er an das Wiesel denken, das durch das kleinste Loch hindurchschlüpfen +könne, und wenn er sich auf einen Laubhaufen niederlegen wolle, um zu +schlafen, müsse er zuerst untersuchen, ob nicht etwa eine Kreuzotter in +eben diesem Haufen ihren Winterschlaf halte. Sobald er aufs offne Feld +hinauskomme, solle er sich vor Habicht und Geier, vor Adler und Falken, die +droben in der Luft schwebten, hüten. Im Haselnußgebüsch könne er vom +Sperber gefangen werden. Dohlen und Krähen fänden sich überall, und ihnen +solle er nur nicht zu viel trauen. Und sobald die Dämmerung hereinbreche, +solle er die Ohren spitzen und auf die großen Eulen aufpassen, die mit +lautlosem Flügelschlag daherschwebten, so daß sie schon ganz dicht bei ihm +seien, ehe er ihre Nähe nur ahne. + +Als der Junge von so vielen Feinden hörte, die ihm mit dem Tode drohten, +erschien es ihm ganz unmöglich, mit dem Leben davonzukommen. Er fürchtete +sich zwar nicht besonders vor dem Sterben, wollte aber doch lieber nicht +aufgefressen werden. Er fragte deshalb Akka, was er tun müsse, um den +Raubtieren zu entgehen. + +Und Akka antwortete sogleich, er müsse versuchen, sich mit dem kleinen +Tiervolk in Wald und Feld, mit den Eichhörnchen und den Hasen, mit den +Finken, Meisen, Spechten und Lerchen auf guten Fuß zu stellen. Wenn er sich +die zu Freunden mache, dann würden sie ihn vor Gefahren warnen, ihm +Schlupfwinkel zeigen und in der höchsten Not sich zusammentun, ihn zu +verteidigen. + +Als sich dann aber der Junge später am Tag diesen Rat zunutze machen wollte +und sich an Sirle, das Eichhörnchen, um gütigen Beistand wandte, da zeigte +es sich, daß dieses ihm nicht helfen wollte. »Von dem kleinen Tiervolk +darfst du dir keine Hoffnung auf Hilfe machen,« sagte Sirle. »Meinst du, +wir wüßten nicht, daß du Nils, der Gänsejunge bist, der im vorigen Jahr die +Schwalbennester herunterriß, die Stareneier zerbrach, die jungen Krähen in +die Mergelgrube warf, Drosseln in Schlingen fing und Eichhörnchen in Käfige +sperrte? Du mußt dir selber helfen, so gut du kannst, und mußt noch froh +sein, wenn wir uns nicht zusammentun und dich zu den Deinen zurückjagen.« + +Das war gerade so eine Antwort, die der Junge früher nicht ungestraft hätte +hingehen lassen. Jetzt aber bekam er nur Angst, auch die Wildgänse möchten +erfahren, wie böse er sein konnte. Seither war er in beständiger Angst +gewesen, die Wildgänse würden ihm am Ende die Erlaubnis, bei ihnen zu +bleiben, verweigern, und er hatte sich deshalb, seit er in ihrer +Gesellschaft war, nicht die kleinste Unart erlaubt. Viel Böses hätte er +freilich, da er doch so klein war, nicht anstellen können, aber er hätte +doch Gelegenheit genug gehabt, Vogelnester auszunehmen und die Eier zu +zerbrechen. So aber war er immer nur ganz artig gewesen, hatte keiner Gans +eine Feder aus dem Flügel gerupft, keine einzige unhöfliche Antwort +gegeben, und wenn er Akka guten Morgen wünschte, nahm er jedesmal die Mütze +ab und verbeugte sich dazu. + +Den ganzen Donnerstag hindurch dachte er, die Wildgänse wollten ihn gewiß +nur seiner Schlechtigkeit wegen nicht mit nach Lappland nehmen, und als er +am Abend hörte, daß das Weibchen des Eichhörnchens Sirle geraubt worden sei +und dessen neugeborenen Jungen nun verhungern müßten, beschloß er, ihnen zu +helfen, und es ist schon berichtet worden, wie gut das Nils Holgersson +gelang. + +Als der Junge am Freitag wieder in den Park kam, hörte er die Buchfinken in +jedem Gebüsch davon singen, wie das Weibchen des Eichhörnchens Sirle durch +grimmige Räuber von ihren neugeborenen Jungen weg geraubt worden sei und +wie der Gänsejunge Nils sich zwischen die Menschen hineingewagt und ihr +ihre Kleinen gebracht hätte. + +»Wer ist nun im Park von Övedskloster so gefeiert,« sangen die Buchfinken, +»wie Däumeling, den alle fürchteten, so lange er der Gänsejunge Nils war? +Sirle, das Eichhörnchen, gibt ihm Nüsse, die armen Hasen machen Männchen +vor ihm, die Rehe nehmen ihn auf den Rücken und laufen mit ihm davon, wenn +der Fuchs Smirre in seiner Nähe auftaucht, die Meisen warnen ihn vor dem +Sperber, und die Finken und Lerchen singen von seiner Heldentat!« + +Der Junge war ganz sicher, daß Akka und die andern Wildgänse alles dies +gehört hatten, aber trotzdem verging der ganze Freitag, ohne daß ihm gesagt +worden wäre, er dürfe jetzt bei ihnen bleiben. + +Bis zum Samstag durften die Wildgänse auf den Äckern bei Öved weiden, ohne +von Smirre gestört zu werden. Aber als sie am Samstag früh auf das Feld +hinüberkamen, lag er da im Hinterhalt und verfolgte sie von einem Acker zum +andern. Als nun Akka sah, daß er sie durchaus nicht in Ruhe lassen wollte, +faßte sie einen raschen Entschluß, sie erhob sich hoch in die Luft und flog +mit ihrer Schar mehrere Meilen weit über die Ebenen von Färs und dem +Linderöder Bergrücken hin. Dort ließen sie sich in der Gegend von +Vittskövle nieder. Dann wurde es wieder Sonntag. Eine ganze Woche war nun +vergangen, seit der Junge verzaubert worden war, und noch immer war er +ebenso klein wie am ersten Tage. + +Aber es sah nicht aus, als ob ihm das großen Kummer machte. Am +Sonntagnachmittag saß er auf einem großen, dichten Weidenbusch am Seeufer +und blies auf einer Weidenpfeife. Ringsumher saßen so viele Meisen und +Buchfinken und Stare, als auf dem Gebüsch Platz hatten, und zwitscherten +ihre Weisen, die der Junge nachzublasen versuchte. Aber der Junge verstand +sich nicht besonders auf diese Kunst; er blies so falsch, daß sich den +kleinen Lehrmeistern alle Federn sträubten und sie in hellem Entsetzen +schrien und mit den Flügeln schlugen. Der Junge aber lachte so herzlich +über ihren Eifer, daß ihm die Pfeife entfiel. + +Wieder begann er zu blasen, aber auch diesmal ging es nicht besser, und die +ganze Vogelschar jammerte: »Heute spielst du noch schlechter als sonst, +Däumling! Du bringst keinen reinen Ton heraus. Wo hast du nur deine +Gedanken, Däumling?« + +»Die sind anderswo,« antwortete der Junge. Und das war ganz wahr. Er mußte +immerfort daran denken, wie lange er wohl noch bei den Wildgänsen bleiben +dürfte, und ob er am Ende schon an diesem Tage noch fortgeschickt werde. + +Doch plötzlich warf der Junge die Pfeife weg und sprang von dem Weidenbusch +herunter, denn er sah Akka und alle Gänse in einer langen Reihe auf sich +zukommen. Sie schritten ungewöhnlich langsam und feierlich daher, und dem +Jungen wurde sogleich klar, daß er jetzt erfahren werde, was sie mit ihm zu +tun gedächten. + +Als die Gänse schließlich vor ihm stehen blieben, sagte Akka: + +»Du hast allen Grund, dich über mich zu verwundern, weil ich mich noch +nicht bei dir bedankt habe, daß du mich aus Smirres Klauen errettet hast. +Aber ich gehöre zu denen, die lieber mit Taten als mit Worten danken. Und +ich glaube, lieber Däumling, daß es mir gelungen ist, dir einen großen +Dienst zu erweisen. Ich habe nämlich an das Wichtelmännchen, das dich +verzaubert hat, Botschaft geschickt. Zuerst wollte es nichts davon hören, +dich wieder in deine alte Gestalt zu verwandeln, aber ich habe eine +Botschaft um die andre geschickt und ihm mitteilen lassen, wie gut du dich +hier bei uns aufgeführt hast. Jetzt läßt es dich grüßen und dir sagen, daß +du, sobald du wieder nach Hause zurückgekehrt seiest, wieder ein Mensch +werden würdest.« + +Aber wie merkwürdig! Ebenso vergnügt wie der Junge gewesen war, als Akka zu +sprechen angefangen hatte, ebenso betrübt war er, als sie zu sprechen +aufhörte. Er sagte kein Wort, sondern wendete sich nur ab und weinte. + +»Was soll denn aber das bedeuten?« fragte Akka. »Es sieht aus, als habest +du mehr von mir erwartet, als ich dir jetzt geboten habe.« + +Aber der Junge dachte an sorgenfreie Tage und lustige Neckereien, an +Abenteuer und Freiheit und an die Reisen hoch über der Erde hin, deren er +nun verlustig gehen würde, und er weinte laut vor Kummer und Betrübnis. +»Ich mache mir nichts daraus, wieder ein Mensch zu werden!« schluchzte er. +»Ich will mit euch nach Lappland!« + +»Ich will dir etwas sagen,« erwiderte Akka. »Das Wichtelmännchen ist sehr +leicht verletzt, und ich fürchte, es werde dir schwer werden, es ein andres +Mal zu deinen Gunsten zu stimmen, wenn du sein Anerbieten jetzt +ausschlägst.« + +Es war von jeher merkwürdig gewesen, daß dieser Junge noch niemals jemand +eigentlich lieb gehabt hatte, weder Vater noch Mutter, noch den +Schullehrer, noch die Schulkameraden, noch die Jungen auf den Nachbarhöfen. +Alles, was sie je von ihm verlangt hatten, einerlei, ob es sich um Spiel +oder Arbeit handelte, war ihm langweilig vorgekommen. Deshalb gab es jetzt +auch keinen Menschen, nach dem er sich gesehnt oder den er vermißt hätte. + +Die einzigen, mit denen er sich einigermaßen vertragen hatte, waren das +Gänsemädchen Åsa und ihr Bruder Klein-Mats gewesen, ein paar Kinder, die +wie er auch Gänse hüteten. Aber auch mit ihnen verband ihn keine richtige +Freundschaft. O nein, ganz und gar nicht! + +»Ich will nicht wieder ein Mensch werden!« schluchzte der Junge. »Ich will +euch nach Lappland begleiten! Deshalb bin ich eine ganze Woche lang artig +gewesen.« + +»Es soll dir nicht verweigert werden, uns zu begleiten, so lange du Lust +hast,« sagte Akka. »Aber überlege dir nun zuerst, ob du nicht lieber nach +Hause zurückkehren möchtest. Es könnte ein Tag kommen, wo du es bereutest.« + +»Nein,« sagte der Junge, »da ist nichts zu bereuen. Es ist mir noch nie so +gut gegangen, wie hier bei euch.« + +»Nun, dann sei es also, wie du willst,« sagte Akka. + +»Danke, danke!« rief der Junge. Und er fühlte sich so glücklich, daß er +jetzt ebenso vor Freude weinen mußte, wie er vorher vor Kummer geweint +hatte. + +[Illustration] + + + + +4 + +Haus Glimminge + +Schwarze Ratten und graue Ratten + + +Im südöstlichen Schonen, nicht weit vom Meere entfernt, liegt eine alte +Burg, Glimmingehaus genannt. Sie besteht aus einem einzigen hohen, großen +und starken steinernen Bau, den man in der ebenen Gegend meilenweit sehen +kann. Sie hat nur vier Stockwerke, ist aber so mächtig, daß ein +gewöhnliches Bauernhaus, das auf demselben Gut steht, sich wie ein +Puppenhäuschen dagegen ausnimmt. + +Die äußern Mauern und die Zwischenwände und Wölbungen dieses steinernen +Hauses sind alle so dick, daß im Innern kaum noch für etwas andres Raum ist +als für die dicken Quermauern. Die Treppen sind eng, die Gänge schmal, und +es sind nur wenig Zimmer da. Und damit die Mauern ihre Stärke behalten +sollten, ist auch nur eine kleine Zahl Fenster in den obern Stockwerken +angebracht worden, in dem untersten aber sind überhaupt nur kleine +Lichtöffnungen. In den alten Kriegszeiten waren die Menschen nur zu froh, +wenn sie sich in ein so großes, starkes Haus einschließen konnten, wie +jemand jetzt im eisigkalten Winter froh ist, wenn er in seinen Pelz +hineinkriechen kann. Aber als die gute Friedenszeit kam, wollten die Leute +nicht mehr in den dunkeln, kalten steinernen Räumen der Burg wohnen; sie +haben schon seit langer Zeit Glimmingehaus verlassen und sind in Wohnungen +gezogen, wo Luft und Licht hineindringen können. + +Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, befanden sich +also keine Menschen in Glimmingehaus, aber deshalb fehlte es da doch nicht +an Bewohnern. Auf dem Dache wohnte jeden Sommer ein Storchenpaar in einem +großen Nest. Unter dem Dache wohnten zwei Nachteulen, in den Gängen hingen +Fledermäuse, auf dem Herd in der Küche wohnte eine alte Katze, und drunten +im Keller gab es Hunderte von der alten Sorte der schwarzen Ratten. + +Ratten stehen nicht gerade in großem Ansehen bei den andern Tieren; aber +die schwarzen Ratten auf Glimmingehaus machten eine Ausnahme, und es wurde +immer mit Achtung von ihnen gesprochen, weil sie im Streit mit ihren +Feinden große Tapferkeit bewiesen hatten und auch sehr viel Ausdauer +während der großen Unglückszeiten, die über ihr Volk hingegangen waren. Sie +gehörten nämlich einem Rattenvolk an, das einmal sehr zahlreich und mächtig +gewesen, jetzt aber am Aussterben war. Während einer langen Reihe von +Jahren hatten die schwarzen Ratten, Landratten genannt, Schonen und das +ganze Land besessen. Sie waren fast in jedem Keller zu finden gewesen, fast +auf jedem Boden, in Scheunen und auf Heuböden, in Vorratskammern und +Backstuben, in den Wirtschaftsgebäuden und Ställen, in Kirchen und Burgen, +in Brennereien und Mühlen, sowie in allen andern von Menschen bewohnten +Gebäuden; aber jetzt waren sie von allen diesen vertrieben und beinahe +ausgerottet. Nur auf dem einen oder andern einsam gelegenen Platz konnte +man noch einige antreffen, aber nirgends waren sie so zahlreich wie auf +Glimmingehaus. + +Wenn ein Tiervolk ausstirbt, beruht das meistens auf dem Vorgehen der +Menschen; hier aber war das nicht der Fall gewesen. Die Menschen hatten +freilich mit den schwarzen Ratten gekämpft, sie hatten ihnen aber keinen +namhaften Schaden zufügen können. Wer sie besiegt hatte, das war ein +Tiervolk ihres eignen Stammes gewesen, ein Volk, das man die grauen Ratten +nannte. Die grauen Ratten, oder die Wanderratten, hatten nicht wie die +schwarzen von Urzeiten her im Lande gewohnt. Sie stammten von ein paar +armen Einwanderern her, die vor hundert Jahren von einem lübischen Schiff +in Malmö ans Land gestiegen waren. Sie waren heimatlose, halb verhungerte +Tröpfe, die in diesem Hafen ihren Aufenthalt nahmen, um die Pfeiler unter +den Brücken herumschwammen und den Abfall fraßen, der ins Wasser geworfen +wurde. Nie wagten sie sich in die Stadt hinein, die den schwarzen Ratten +gehörte. + +Aber allmählich, nachdem die grauen Ratten an Zahl zugenommen hatten, +faßten sie Mut und gingen in die Stadt hinein. Anfangs zogen sie nur in ein +paar alte verlassene Häuser, die die schwarzen Ratten aufgegeben hatten; +sie suchten ihre Nahrung in Rinnsteinen und auf Misthaufen und nahmen mit +allem Unrat vorlieb, den die schwarzen Ratten nicht anrühren wollten. Es +waren wetterfeste, genügsame und unerschrockene Tiere; und in ein paar +Jahren waren sie so mächtig geworden, daß sie es unternahmen, die schwarzen +Ratten von Malmö zu verjagen. Sie nahmen ihnen Dachräume, Keller und +Magazine weg, hungerten sie aus, oder bissen sie tot, denn sie fürchteten +sich durchaus nicht vor Kampf und Streit. + +Und nachdem Malmö genommen war, zogen sie in kleinern und größern Scharen +aus, das ganze Land zu erobern. Es ist beinahe unbegreiflich, warum die +schwarzen Ratten sich nicht zu einem großen gemeinsamen Heereszug +versammelten und die grauen Ratten vernichteten, so lange diese noch nicht +zahlreich waren. Aber die schwarzen waren wohl von ihrer Macht so +überzeugt, daß sie sich die Möglichkeit, das Land zu verlieren, gar nicht +vorstellen konnten. Sie saßen ruhig auf ihren Besitztümern, und inzwischen +nahmen ihnen die grauen Ratten Hof um Hof, Dorf um Dorf, Stadt um Stadt +weg. Sie wurden ausgehungert, verdrängt, ausgerottet. In Schonen hatten sie +sich nirgends halten können, ausgenommen auf Glimmingehaus. + +Das alte steinerne Haus hatte so dicke Mauern und so wenige Rattengänge +führten hindurch, daß es den schwarzen Ratten gelungen war, es zu halten +und die grauen Ratten am Hereindringen zu verhindern. Ein Jahr ums andre, +eine Nacht um die andre war der Streit zwischen den Angreifern und +Verteidigern fortgegangen; aber die schwarzen Ratten hatten treulich Wache +gestanden und mit der größten Todesverachtung gekämpft, und dank dem alten, +prächtigen Haus hatten sie bis jetzt immer gesiegt. + +Es muß zugegeben werden, daß die schwarzen Ratten, so lange sie die Macht +gehabt hatten, von allen lebenden Geschöpfen ebenso verabscheut gewesen +waren, wie die grauen es jetzt sind, und das mit vollem Recht. Sie hatten +sich über arme gefesselte Gefangene geworfen und sie gequält, sie hatten +Leichen aufgefressen, hatten die letzte Rübe aus dem Keller der Armen +wegstibitzt, schlafenden Gänsen die Füße abgebissen, den Hühnern die Eier +und ihre kleinen mit zartem Flaum bedeckten gelben Kücken geraubt und +tausend andre Missetaten vollführt. Aber seit das Unglück über sie gekommen +war, war das alles wie vergessen, niemand konnte es unterlassen, die +letzten des Geschlechts, die den grauen Ratten so lange widerstanden +hatten, zu bewundern. + +Die grauen Ratten, die auf dem Glimmingehof und dessen Umgebung wohnten, +führten den Streit immer weiter und versuchten jede nur mögliche +Gelegenheit zu benützen, sich der Burg zu bemächtigen. Man hätte meinen +können, sie hätten die kleine Schar schwarzer Ratten wohl im Besitz von +Glimmingehaus lassen können, da sie ja das ganze übrige Land besaßen, aber +das fiel ihnen gar nicht ein. Sie pflegten zu sagen, es sei ihnen +Ehrensache, die schwarzen Ratten doch noch zu besiegen. Aber wer die grauen +Ratten kannte, wußte wohl, daß es einen andern Grund hatte; die Menschen +benützten nämlich Glimmingehaus als Kornspeicher, und darum wollten die +grauen keine Ruhe geben, bis sie es erobert hätten. + + +Der Storch + + Montag, 28. März + +Eines Morgens wurden die Gänse, die draußen auf dem Eis des Vombsee standen +und schliefen, durch laute Rufe in der Luft sehr früh geweckt. »Trirop! +Trirop!« erklang es. »Trianut, der Kranich, läßt die Wildgans Akka und ihre +Schar grüßen! Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!« + +Akka streckte schnell den Kopf in die Höhe und antwortete: »Schönen Dank +und Gruß! Schönen Dank und Gruß!« + +Darauf flogen die Kraniche weiter, aber die Wildgänse hörten noch lange, +wie sie über jedem Feld und über jedem Waldhügel riefen: »Trianut läßt +grüßen! Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!« + +Die Wildgänse freuten sich über diese Botschaft. »Du hast Glück,« sagten +sie zu dem weißen Gänserich, »daß du bei dem großen Kranichtanz anwesend +sein darfst.« + +»Ist es denn etwas so Merkwürdiges, die Kraniche tanzen zu sehen?« fragte +der Gänserich. + +»Es ist etwas, was du dir nie träumen lassen könntest,« antworteten die +Wildgänse. + +»Nun müssen wir überlegen, was wir morgen mit Däumling tun, damit ihm kein +Unglück widerfährt, während wir nach dem Kullaberg reisen,« sagte Akka. + +»Däumling darf nicht allein bleiben!« rief der Gänserich. »Wenn die +Kraniche ihm nicht erlauben, ihren Tanz mit anzusehen, dann bleibe ich bei +ihm.« + +»Keinem Menschen ist je vergönnt gewesen, der Versammlung der Tiere auf dem +Kullaberg beizuwohnen,« sagte Akka, »und ich wage es nicht, Däumling +dorthin mitzunehmen. Aber wir wollen später am Tage noch weiter darüber +sprechen. Jetzt müssen wir vor allem daran denken, etwas zum Essen zu +bekommen.« + +Damit gab Akka das Zeichen zum Aufbruch. Auch an diesem Tag suchte sie +Smirres wegen das Weidefeld in großer Entfernung und ließ sich erst bei den +sumpfigen Wiesen ein Stück südlich von Glimmingehaus nieder. + +Diesen ganzen Tag hindurch saß der Junge am Ufer eines kleinen Teichs und +blies auf einer Rohrpfeife. Er war schlechter Laune, weil er den +Kranichtanz nicht sehen sollte, und konnte sich nicht überwinden, mit dem +Gänserich oder mit einer der Wildgänse ein einziges Wort zu sprechen. + +Ach, wie bitter war es, daß Akka ihm noch immer mißtraute! Wenn ein Junge +es abgeschlagen hatte, wieder ein Mensch zu werden, weil er lieber mit +einer Schar armer Wildgänse umherziehen wollte, dann müßte sie doch +begreifen, daß er sie nicht verraten würde. Und ebensogut müßte sie +begreifen, daß es ihre Pflicht wäre, ihn alles Merkwürdige, was sie ihm nur +zeigen könnte, sehen zu lassen; er hatte doch so viel aufgegeben, um bei +den Wildgänsen zu bleiben. + +»Ich muß ihnen meine Meinung gerade heraus sagen,« dachte er. Aber eine +Stunde um die andre verging, ohne daß er seine Absicht ausgeführt hätte. +Dies klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber den Jungen war wirklich eine +Art Ehrfurcht vor der alten Akka überkommen, und er fühlte wohl, daß es +nicht leicht sein würde, sich ihrem Willen zu widersetzen. + +Auf der einen Seite der sumpfigen Wiese, wo die Gänse weideten, lag eine +breite steinerne Mauer. Und da geschah es, daß der Blick des Jungen, als er +gegen Abend den Kopf aufrichtete, um mit Akka zu sprechen, auf die Mauer +fiel. Da entfuhr ihm ein kleiner Schrei der Verwunderung, so daß alle Gänse +schnell aufsahen, und auch sie starrten überrascht nach derselben Stelle. +Im ersten Augenblick glaubten alle, der Junge nicht ausgeschlossen, daß +die grauen rundlichen Steine, aus denen das Mäuerchen bestand, Beine +bekommen hätten und auf und davon gingen; aber bald sahen sie, daß es eine +Schar Ratten war, die darüber hinlief. Sie bewegten sich sehr schnell und +liefen dicht nebeneinander in Marschordnung vorwärts, und es waren ihrer so +viele, daß sie eine gute Weile das ganze Mäuerchen bedeckten. + +Der Junge hatte sich vor Ratten gefürchtet, als er noch ein großer starker +Mensch gewesen war. Wie sollte er das jetzt nicht tun, wo er so klein war, +daß zwei oder drei von ihnen ihn überwältigen konnten? Ein Schauder nach +dem andern lief ihm den Rücken hinunter, während er den Rattenzug +betrachtete. + +Aber merkwürdigerweise schienen die Gänse ganz denselben Abscheu vor den +Ratten zu haben. Sie sprachen nicht mit ihnen; und als die Ratten vorüber +waren, schüttelten sie sich, als ob ihnen Schlick zwischen die Federn +gekommen wäre. + +»So viele graue Ratten unterwegs,« sagte Yksi von Vassijaure, »das ist kein +gutes Zeichen.« + +Jetzt wollte der Junge die Gelegenheit ergreifen und Akka sagen, daß er +meine, sie müßte ihn eigentlich mit auf den Kullaberg nehmen; aber wieder +wurde er daran verhindert, denn ein großer Vogel ließ sich ganz hastig +mitten zwischen den Gänsen nieder. + +Wenn man diesen Vogel ansah, hätte man denken können, er habe Leib, Hals +und Kopf von einer kleinen weißen Gans entlehnt. Aber zu all dem hatte er +sich große schwarze Flügel angeschafft, sowie lange rote Beine und einen +langen, dicken Schnabel, der viel zu groß für den kleinen Kopf war und ihn +herunterzog, so daß der Vogel ein etwas bekümmertes, sorgenvolles Aussehen +bekam. + +Akka legte in aller Eile ihre Flügel zurecht und verbeugte sich viele Male +mit dem Halse, während sie dem Storch entgegenging. Sie war nicht besonders +verwundert, ihn so früh im Jahr in Schonen zu sehen, weil sie wußte, daß +die Storchenmännchen zu guter Zeit eintreffen, um nachzusehen, ob das +Storchennest während des Winters keinen Schaden gelitten habe, ehe die +Storchenweibchen sich der Mühe unterziehen, über die Ostsee zu fliegen. +Aber sie verwunderte sich doch sehr, was es zu bedeuten habe, daß der +Storch sie aufsuchte, denn der Storch geht am liebsten nur mit Leuten +seines eignen Stammes um. + +»Ihre Wohnung wird doch nicht in Unordnung sein, Herr Ermenrich?« sagte +Akka. + +Nun zeigte es sich, daß es ganz wahr ist, wenn es heißt, der Storch öffne +nur selten den Schnabel, ohne zu klagen. Und da es dem Storch schwer wurde, +die Worte herauszubringen, so klang das, was er sagte, noch betrübter. +Zuerst klapperte er eine gute Weile mit dem Schnabel, und dann sprach er +mit einer heisern, schwachen Stimme. Er beklagte sich über alles mögliche; +das Nest hoch droben auf dem Dachfirst von Glimmingehaus sei von den +Winterstürmen ganz verdorben, und er könne keine Nahrung finden. Die +Menschen eigneten sich allmählich sein ganzes Besitztum an. Sie machten +seine sumpfigen Wiesen urbar und bebauten seine Moore. Er habe im Sinn, +von Schonen wegzuziehen und nie wieder zurückzukehren. + +Während der Storch so klagte, konnte es Akka, die Wildgans, die nirgends +Schutz und Schirm genoß, nicht lassen, im stillen zu denken: »Wenn ich es +so gut hätte wie Sie, Herr Ermenrich, dann würde ich zu stolz zum Klagen +sein. Sie haben ein freier, wilder Vogel bleiben können und sind doch so +gut bei den Menschen angeschrieben, daß keiner eine Kugel auf Sie abschießt +oder ein Ei aus Ihrem Nest stiehlt.« Aber sie behielt ihre Gedanken für +sich, und zu dem Storch sagte sie nur, sie könne nicht glauben, daß er ein +Haus verlassen wolle, das den Störchen schon seit seiner Erbauung als +Heimat gedient hätte. + +Jetzt fragte der Storch schnell, ob die Gänse den Zug der grauen Ratten +nach Glimmingehaus gesehen hätten, und als Akka antwortete, ja, sie hätten +das Teufelszeug wohl gesehen, erzählte er ihr von den tapfern schwarzen +Ratten, die seit vielen Jahren die Burg verteidigt hätten. »Aber in dieser +Nacht wird Glimmingehaus unter die Herrschaft der grauen Ratten kommen,« +sagte der Storch seufzend. + +»Warum gerade in dieser Nacht, Herr Ermenrich?« fragte Akka. + +»Weil beinahe alle schwarzen Ratten, im Vertrauen darauf, daß alle andern +Tiere auch dorthin eilen würden, gestern abend nach dem Kullaberg +aufgebrochen sind,« antwortete der Storch. »Aber sehen Sie, die grauen +Ratten sind daheim geblieben, und jetzt versammeln sie sich, um in der +Nacht in die Burg einzudringen, wenn diese nur von ein paar alten +Schwächlingen, die nicht mit nach dem Kullaberg reisen können, verteidigt +wird. Sie werden ja auch ihr Ziel erreichen; aber ich habe nun seit so +vielen Jahren in friedlicher Nachbarschaft mit den schwarzen Ratten gelebt, +daß es mir nicht gefällt, wenn ich mit deren Feinden Umgang pflegen soll.« + +Jetzt verstand Akka, warum der Storch zu ihnen gekommen war; er war über +die Handlungsweise der grauen Ratten so empört, daß er sich über sie +beklagen wollte. Aber nach Art der Störche hätte er sicherlich nichts +getan, das Unglück abzuwenden. + +»Haben Sie den schwarzen Ratten Nachricht geschickt, Herr Ermenrich?« +fragte Akka. + +»Nein,« antwortete der Storch, »das würde nichts nützen. Ehe sie zurück +sein können, ist die Burg genommen.« + +»Seien Sie dessen nicht so ganz sicher, Herr Ermenrich,« sagte Akka. »Ich +glaube, ich kenne eine alte Wildgans, die eine solche Schandtat gerne +verhindern würde.« + +Nachdem Akka dies gesagt hatte, hob der Storch den Kopf und sah sie groß +an. Und das war nicht verwunderlich, denn die alte Akka hatte weder Klauen +noch Schnabel, die in einem Kampf zu gebrauchen waren. Und überdies war sie +ein Tagvogel, sobald die Nacht kam, schlief sie unfehlbar ein, während die +Ratten gerade bei Nacht kämpften. + +Aber Akka schien fest entschlossen, den schwarzen Ratten beizustehen. Sie +rief Yksi von Vassijaure herbei und befahl ihr, die Gänse nach dem Vombsee +zu führen, und als die Gänse Einwendungen machten, rief sie gebieterisch: +»Ich glaube, es wird für uns alle das beste sein, wenn ihr mir gehorcht. +Ich muß nach dem großen Steinhaus fliegen, und wenn ihr mich begleitet, ist +es nicht zu vermeiden, daß die Leute vom Hofe uns sehen, und dann schießen +sie auf uns. Der einzige, den ich mitnehmen will, ist Däumling. Er kann +sich sehr nützlich machen, weil er gute Augen hat und bei Nacht wach zu +bleiben vermag.« + +An diesem Tag war der Junge in seiner störrischsten Laune, und als er +hörte, was Akka sagte, richtete er sich in seiner ganzen Länge auf und +trat, die Hände auf dem Rücken und die Nase in der Luft, vor, um zu +erklären, daß er sich nicht dazu hergeben wolle, mit Ratten zu kämpfen, und +sich Akka also nach einer andern Hilfe umsehen müsse. + +Aber in dem Augenblick, wo er sich zeigte, begann der Storch sich zu regen. +Er hatte nach der Gewohnheit der Störche mit gesenktem Kopf und den +Schnabel gegen den Hals gedrückt, dagestanden. Jetzt begann es jedoch in +seinem Hals zu gurgeln, als lache er. Er senkte den Schnabel blitzschnell, +erfaßte den Jungen und warf ihn ein paar Meter hoch in die Luft hinauf. +Dieses Kunststück wiederholte er siebenmal, während der Junge schrie und +die Gänse riefen: »Was tun Sie denn, Herr Ermenrich, das ist kein Frosch! +Es ist ein Mensch, Herr Ermenrich!« + +Endlich stellte der Storch den Jungen doch wieder ganz unbeschädigt auf die +Erde. Hierauf sagte er zu Akka: »Ich fliege jetzt nach Glimmingehaus +zurück, Mutter Akka. Alle, die dort wohnen, waren sehr ängstlich, als ich +wegflog. Sie werden sicherlich sehr froh sein, wenn ich ihnen mitteile, daß +die Wildgans Akka und Däumling, der Menschenknirps, kommen werden, sie zu +retten.« + +Damit streckte der Storch den Hals vor, schlug mit den Flügeln und flog wie +ein Pfeil von einem straff gespannten Bogen davon. Akka verstand, daß er +sich über sie lustig machte, ließ sich das aber nicht anfechten. Sie +wartete, während der Junge seine Holzschuhe suchte, die der Storch von ihm +abgeschüttelt hatte, dann setzte sie ihn auf ihren Rücken und flog dem +Storch nach. Und der Junge leistete seinerseits keinen Widerstand und sagte +auch kein Wort, daß er nicht mitwolle. Er ärgerte sich grün und gelb und +schlug ein spöttisches Gelächter auf. Dieser eingebildete Gesell mit den +langen roten Beinen glaubte wohl von ihm, er sei zu nichts nütze. Aber er +würde ihm schon zeigen, was der Nils Holgersson von Westvemmenhög für ein +Kerl war. + +Einige Augenblicke später stand Akka im Storchennest auf Glimmingehaus. Es +war ein großes, prächtiges Nest. Als Unterlage hatte es ein Rad und darauf +mehrere Lagen Zweige und Rasenstücke. Das Nest war so alt, daß verschiedene +Büsche und Kräuter da droben Wurzel geschlagen hatten; und wenn die +Storchenmutter in der runden Vertiefung mitten im Nest auf ihren Eiern saß, +konnte sie sich nicht allein an der großartigen Aussicht über einen Teil +von Schonen erfreuen, sondern auch an wilden Rosen und Hauslauch. + +Der Junge und Akka konnten gleich sehen, daß hier etwas Außergewöhnliches +vorging. Auf dem Rande des Storchennestes saßen nämlich zwei Nachteulen, +eine alte graugestreifte Katze und ein Dutzend uralte Ratten mit +ausgewachsenen Zähnen und triefenden Augen. Das waren nicht gerade die +Tiere, die man sonst in friedlicher Gemeinschaft sieht. + +Keines von ihnen wendete sich um, Akka anzusehen oder zu begrüßen. Sie +hatten für nichts einen Gedanken, sondern starrten nur unverwandt auf +einige lange graue Linien, die da und dort auf den kahlen Winterfeldern zu +sehen waren. + +Alle schwarzen Ratten saßen ganz still da. Man sah ihnen an, daß sie in der +größten Verzweiflung waren und wohl wußten, daß sie weder ihr eignes Leben +noch die Burg verteidigen konnten. Die beiden Eulen rollten ihre großen +Augen und zuckten dabei unaufhörlich mit den Federkränzen, die diese +umgaben. Dabei erzählten sie mit schauerlich krächzenden Stimmen von der +Grausamkeit der grauen Ratten und sagten, derentwegen müßten sie jetzt ihre +Wohnung verlassen, denn sie hätten gehört, daß diese Tiere weder Eier noch +unflügge Junge verschonten. Die alte gestreifte Katze war ganz sicher, daß +die grauen Ratten sie totbeißen würden, wenn sie in so großer Zahl in die +Burg eindrängen, und sie keifte unaufhörlich mit den schwarzen Ratten. »Wie +konntet ihr auch so dumm sein und eure besten Krieger weggehen lassen?« +sagte sie. »Wie konntet ihr den grauen Ratten trauen? Es ist ganz +unverzeihlich.« + +Die zwölf Ratten erwiderten kein Wort; aber der Storch konnte es trotz +seines Kummers nicht lassen, die Katze zu necken. »Hab keine Angst, +Mausefängerin,« sagte er. »Siehst du nicht, daß Mutter Akka und Däumling +gekommen sind, die Burg zu retten? Du kannst dich darauf verlassen, daß es +ihnen gelingen wird. Jetzt muß ich mich zum Schlaf zurecht machen, und ich +tue es ganz beruhigt. Morgen, wenn ich erwache, wird keine einzige graue +Ratte auf Glimmingehaus zu finden sein.« + +Der Junge warf Akka einen Blick zu, der andeutete, wie gerne er dem Storch +eins auf den Rücken versetzt hätte, als dieser sich jetzt auf den äußersten +Rand des Nestes, das eine Bein in die Höhe gezogen, zum Schlafen +aufstellte. Aber Akka sah gar nicht beleidigt aus, sie beschwichtigte den +Jungen und sagte: »Es wäre sehr schlimm, wenn jemand, der so alt ist wie +ich, sich nicht aus größeren Schwierigkeiten als dieser hier heraushelfen +könnte. Wenn Sie, Herr und Frau Eule, da Sie sich die ganze Nacht wach +halten können, ein paar Aufträge für mich besorgen wollen, dann wird, denke +ich, alles noch gut werden.« + +Die beiden Eulen waren willig, die Aufträge auszurichten, und Akka befahl +dem Eulenmann, die weggereisten schwarzen Ratten aufzusuchen und ihnen zu +raten, so schnell wie möglich heimzukehren. Die Eulenfrau aber schickte sie +zu der Turmeule Flammea, die in der Domkirche zu Lund wohnte, und zwar mit +einem so geheimnisvollen Auftrag, daß Akka ihn der Eulenfrau nur mit +flüsternder Stimme anzuvertrauen wagte. + +[Illustration: Der Storch (Zu Seite 46)] + + +Der Rattenfänger + +Es war gegen Mitternacht, als die grauen Ratten nach vielem Suchen endlich +ein offenstehendes Kellerloch fanden. Es saß ziemlich hoch in der Mauer, +aber die Ratten stellten sich aufeinander, immer eine auf die Schultern der +vorhergehenden, und so dauerte es gar nicht lange, bis die mutigste von +ihnen durch das Loch springen konnte, sofort bereit, in Glimmingehaus +einzudringen, vor deren Mauern so viele ihrer Vorfahren gefallen waren. + +Die graue Ratte saß eine Weile im Kellerloch und wartete, daß sie +angefallen werde. Das Hauptheer der Verteidiger war allerdings abwesend, +aber sie nahm an, daß die zurückgebliebenen schwarzen Ratten sich nicht +ohne Kampf ergeben würden. Mit klopfendem Herzen horchte sie auf das +kleinste Geräusch; aber alles blieb ganz still. Da faßte der Anführer der +grauen Ratten sich ein Herz und sprang in den kalten, dunklen Keller +hinein. + +Eine graue Ratte nach der andern folgte dem Anführer. Alle verhielten sich +sehr still, und alle erwarteten, die schwarzen Ratten aus einem Hinterhalt +hervorbrechen zu sehen. Erst als so viele in den Keller eingedrungen waren, +daß keine mehr Platz auf dem Boden hatte, wagten sie sich weiter. + +Obgleich sie noch nie in dem Gebäude selbst gewesen waren, fanden sie den +Weg doch ohne jegliche Schwierigkeit, und sie fanden auch sehr bald die +Gänge in den Mauern, deren die schwarzen Ratten sich bedient hatten, um in +die obern Stockwerke zu gelangen. Ehe sie diese schmalen und engen Treppen +hinaufkletterten, lauschten sie wieder sehr aufmerksam nach allen Seiten. +Daß sich die schwarzen Ratten so gänzlich zurückhielten, war ihnen viel +unheimlicher, als wenn sie sich zu offnem Kampfe gestellt hätten. Sie +konnten ihrem Glück kaum trauen, als sie das erste Stockwerk ohne Unfall +erreicht hatten. + +Gleich beim Eintreten schlug ihnen der Duft des Korns entgegen, das in +großen Haufen auf dem Boden lag. Aber es war für sie noch nicht an der +Zeit, ihren Sieg zu genießen. Mit der größten Sorgfalt durchsuchten sie +zuerst die düsteren, kahlen Gemächer. Sie sprangen in der alten Schloßküche +auf den Herd, der mitten auf dem Boden stand, und wären im nächsten Raum +beinahe in einen Brunnen gestürzt. Keine einzige der schmalen +Lichtöffnungen ließen sie unbeachtet, aber nirgends stießen sie auf +schwarze Ratten. + +Als nun dieses Stockwerk ganz und gar in ihrer Gewalt war, begannen sie, +sich mit ganz derselben Vorsicht des zweiten zu bemächtigen. Wieder mußten +sie eine mühevolle gefährliche Kletterpartie durch die Mauern machen, +während sie in atemloser Angst erwarteten, daß der Feind über sie herfalle. +Und obgleich sie der herrlichste Duft von den Kornhaufen lockte, zwangen +sie sich doch, in größter Ordnung die frühere Gesindestube mit ihren +mächtigen Pfeilern zu untersuchen, den steinernen Tisch und den Herd, die +tiefen Fensternischen und das Loch im Boden, durch das man in früheren +Zeiten siedendes Pech auf den eindringenden Feind hinuntergegossen hatte. + +Aber die schwarzen Ratten waren und blieben unsichtbar. Die grauen suchten +nun den Weg nach dem dritten Stockwerk mit dem großen Festsaal des +Schloßherrn, der eben so kahl und leer war wie alle andern Gemächer des +alten Hauses, und sie drangen sogar bis hinauf ins alleroberste Stockwerk, +das nur aus einem einzigen großen, öden Raum bestand. Der einzige Ort, an +den sie nicht dachten und den sie nicht untersuchten, war das große +Storchennest auf dem Dache, wo gerade in diesem Augenblick die Eulenfrau +Akka weckte und ihr mitteilte, daß die Turmeule Flammea ihrem Wunsche +willfahrt habe und ihr das Erbetene schicke. + +Nachdem die grauen Ratten also gewissenhaft die ganze Burg durchsucht +hatten, fühlten sie sich beruhigt. Sie nahmen an, daß die schwarzen Ratten +davongezogen seien, ohne an Widerstand zu denken, und frohen Herzens +hüpften sie auf die Kornhaufen hinauf. + +Aber kaum hatten sie die ersten Weizenkörner verzehrt, als da unten im Hof +vor der Burg der weiche Ton einer kleinen scharfen Pfeife ertönte. Die +Ratten hoben die Köpfe aus dem Korn, lauschten unbeweglich, sprangen ein +paar Schritte vor, als wollten sie die Haufen verlassen, kehrten aber +wieder um und begannen aufs neue zu fressen. + +Wieder erklang die Pfeife mit starkem, durchdringendem Ton. Und jetzt +geschah etwas Merkwürdiges. Eine Ratte, zwei Ratten, ja ein ganzer Trupp +ließen die Körner los, sprangen aus den Kornhaufen heraus und liefen auf +dem kürzesten Weg, so schnell sie konnten, in den Keller hinunter, um aus +dem Hause hinauszukommen. Es waren jedoch noch viele graue Ratten +zurückgeblieben. Diese dachten an die Mühe, die es sie gekostet hatte, +Glimmingehaus zu erobern, und sie wollten es nicht wieder verlassen. Aber +die Pfeifentöne nötigten sie noch einmal, und da mußten sie ihnen folgen. +In wilder Eile stürzten auch sie aus den Kornhaufen heraus, rannten durch +die engen Löcher in den Mauern und purzelten in ihrem Eifer, +hinunterzukommen, übereinander. + +Mitten auf dem Hofe stand ein kleiner Knirps, der auf einer Pfeife blies. +Rund um sich her hatte er schon einen ganzen Kreis von Ratten, die ihm +entzückt und hingerissen zuhörten, und mit jedem Augenblick strömten neue +herbei. Sobald er die Pfeife nur eine Sekunde lang verstummen ließ, sah es +aus, als ob die Ratten Lust hätten, sich auf ihn zu werfen und ihn +totzubeißen, aber sobald er blies, waren sie unter seiner Macht. + +Als der Knirps alle grauen Ratten aus Glimmingehaus herausgepfiffen hatte, +begann er langsam zum Hofe hinaus und auf die Landstraße zu wandern; und +alle grauen Ratten folgten ihm, weil ihnen alle die Pfeifentöne so süß in +den Ohren klangen, daß sie nicht widerstehen konnten. + +Der Knirps ging vor ihnen her und lockte sie mit sich auf den Weg nach +Vallby. Unaufhörlich blies er auf seiner Pfeife, die aus einem Tierhorn +gemacht zu sein schien, obgleich das Horn so klein war, daß es in unsern +Tagen kein Tier gibt, aus dessen Stirn es hätte gebrochen sein können. Es +wußte auch niemand, wer die Pfeife verfertigt hatte. Aber die Turmeule +Flammea hatte das Horn in einer Nische der Domkirche zu Lund gefunden; sie +hatte es dem Raben Bataki gezeigt, und diese beiden hatten miteinander +ausgerechnet, daß dies eines von jenen Hörnern sein müsse, die in früheren +Zeiten von den Menschen verfertigt worden waren, die sich Macht über Ratten +und Mäuse verschaffen wollten. Der Rabe aber war Akkas Freund, und von ihm +hatte sie erfahren, daß Flammea einen solchen Schatz besaß. + +Und es war in der Tat so, die Ratten konnten der Pfeife nicht widerstehen. +Der Junge ging vor ihnen her und blies so lange, als die Sterne am Himmel +strahlten, und die ganze Zeit liefen die Ratten hinter ihm her. Er blies +beim Morgengrauen, er blies beim Sonnenaufgang, und noch immer folgte ihm +die ganze Rattenschar und wurde weiter und immer weiter von den großen +Kornböden auf Glimmingehaus weggelockt. + +[Illustration] + +[Illustration] + + + + +5 + +Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg + + + Dienstag, 29. März + +Es muß zugegeben werden, daß in ganz Schonen, wo doch so viele prächtige +Schlösser sich erheben, keines von allen so schöne Mauern hat wie der alte +Kullaberg. + +Der Kullaberg ist niedrig und langgestreckt, er ist durchaus kein großes +mächtiges Gebirge. Auf dem breiten Bergrücken liegen Wälder und Felder, und +da und dort eine mit Heidekraut bewachsene Fläche. Es ist da oben weder +besonders schön noch besonders merkwürdig, und es sieht da gerade so aus +wie auf jeder andern hochgelegenen Gegend in Schonen. + +Wer die mitten über den Kamm des Berges hinlaufende Landstraße einschlägt, +sagt sich unwillkürlich: »Dieses Gebirge verdient seine Berühmtheit gar +nicht. Es gibt hier nichts Sehenswertes.« + +Aber dann geschieht es vielleicht, daß er vom Wege abweicht und an den Rand +des Berges tritt und über den schroffen Abhang hinabschaut, und da entdeckt +er auf einmal so viel Sehenswertes, daß er kaum weiß, wie er alles auf +einmal betrachten soll. + +Denn der Kullaberg steht nicht wie andre Gebirge auf dem Festlande mit +Ebnen und Tälern ringsherum, sondern er hat sich gleichsam so weit ins Meer +hineingestürzt, als er überhaupt konnte. Nicht das kleinste Stückchen Land +liegt unten am Berg, das ihn gegen die Meereswogen schützte; diese können +ganz dicht bis an die Felsenwände heran, können sie auswaschen und nach +Belieben formen. + +Deshalb stehen die Gebirgswände dort auch so reich verziert da, wie das +Meer und dessen Mithelfer, die Winde, sie zugerichtet haben. Da sind +schroffe, tief in die Bergseiten hineingeschnittene Schluchten und schwarze +hervorspringende Felsen, die unter den beständigen Peitschenschlägen des +Windes blankgescheuert sind. Da sind einzelstehende Felsensäulen, die +senkrecht aus dem Wasser aufragen, und dunkle Grotten mit engen Zugängen. +Da finden sich steile nackte Felswände und sanfte bewachsene Abhänge, dann +wieder kleine Felsenvorsprünge und Buchten, sowie kleine Rollsteine, die +mit jedem Wogenschlag rasselnd umhergespült werden. Da sind auch +stattliche Felsentore, die sich über dem Wasser wölben, und spitzig +aufragende Steinblöcke, die beständig mit weißem Schaum überspritzt werden, +und wieder andre, die sich in schwarzgrünem, unveränderlichem stillem +Wasser spiegeln. Da gibt es in den Felsen eingemeißelte Riesenkessel und +gewaltige Spalten, die den Wanderer verlocken, sich in die Tiefe des +Gebirges bis zur Höhle des Kullamanns hineinzuwagen. + +Und an allen diesen Schluchten und Felsen, oben darauf und an allen Seiten +hin, wachsen und klettern Pflanzen und Zweige und Ranken empor. Bäume +wachsen auch da, aber die Macht des Windes ist so groß, daß auch die Bäume +sich in rankenartige Gewächse verwandeln müssen, damit sie sich an den +Abhängen halten können. Die Eichenstämme haben sich niedergelegt und +kriechen förmlich am Boden hin, während ihr Laub wie ein dichtes Gewölbe +über ihnen steht, und kurzstämmige Buchen stehen wie große Laubzelte in den +Schluchten. + +Die merkwürdigen Bergwände mit dem weiten blauen Meer davor und der +schimmernden scharfen Luft darüber, das alles zusammen macht das +Kullagebirge den Menschen so lieb, daß den ganzen Sommer hindurch große +Scharen von ihnen jeden Tag hinaufziehen. Schwerer wäre zu sagen, wodurch +es für die Tiere so anziehend wird, daß sie sich jedes Jahr zu einer großen +Spielversammlung da vereinigen. Aber dies ist eine Sitte, die seit uralten +Zeiten beibehalten ist, und man hätte damals dabei sein müssen, als die +erste Meereswoge am Kullaberg zu Schaum zerschellte, um erklären zu können, +warum gerade er vor allen andern zum Versammlungsort gewählt wurde. + +Wenn die Zusammenkunft stattfinden soll, machen die Edelhirsche, die Rehe, +die Hasen, die Füchse und die übrigen wilden Vierfüßler die Reise nach dem +Kullagebirge schon in der Nacht zuvor, um nicht von den Menschen gesehen zu +werden. Gerade vor Sonnenaufgang ziehen sie alle nach dem Spielplatz, einer +mit Heidekraut bewachsenen Ebene links vom Wege, nicht besonders weit von +dem höchsten Gipfel des Gebirges entfernt. + +Der Spielplatz ist von allen Seiten von runden Felskuppen umgeben, die die +Tiere vor jedermann verbergen, der nicht gerade zufällig an diesen Platz +gerät. Und im März ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß sich irgend ein +Wanderer dorthin verirren sollte. Alle die Fremden, die sonst auf den +Felsen herumstreifen und an den Gebirgswänden hinaufklettern, haben die +Herbststürme schon vor vielen Monaten fortgejagt. Und der Leuchtturmwächter +draußen auf dem äußersten Vorgebirge, die alte Frau im Kullahof und der +Kullabauer und sein Hausgesinde gehen nur ihre gewohnten Wege und laufen +nicht auf dem einsamen Heideland herum. + +Wenn die Vierfüßler auf dem Spielplatz angelangt sind, lassen sie sich auf +den runden Felsenkuppen nieder. Jede Tierart bleibt für sich, obgleich +selbstverständlich an einem solchen Tag allgemeiner Burgfriede herrscht und +kein Tier Angst zu haben braucht, von einem andern überfallen zu werden. An +diesem Tag könnte ein junges Häschen über den Hügel der Füchse +hinspazieren, ohne auch nur einen von seinen langen Löffeln einzubüßen. +Aber die Tiere stellen sich doch in abgesonderten Scharen auf; das ist alte +Sitte. + +Wenn alle ihre Plätze eingenommen haben, sehen sie sich nach den Vögeln um. +Es pflegt an diesem Tag immer schönes Wetter zu sein. Die Kraniche sind +gute Wetterpropheten, und sie würden die Tiere nicht zusammenrufen, wenn +Regen zu erwarten wäre. Obgleich aber die Luft klar ist und nichts die +Aussicht hemmt, sehen die Vierfüßler doch keine Vögel. Das ist merkwürdig. +Die Sonne steht schon hoch am Himmel, und die Vögel sollten doch unterwegs +sein. + +Was den Tieren auf dem Kullaberg dagegen auffällt, ist die eine oder andre +kleine dunkle Wolke, die langsam über dem ebnen Land hinzieht. Und siehe +da, eine dieser Wolken steuert jetzt plötzlich auf das Ufer des Öresund und +auf den Kullaberg zu. Als die Wolke mitten über dem Spielplatz ist, hält +sie an, und gleichzeitig beginnt die ganze Wolke zu zwitschern und zu +klingen, als bestünde sie aus nichts als Tönen. Sie hebt und senkt sich, +aber immerfort singt und klingt sie. Plötzlich fällt die ganze Wolke auf +einen Hügel herab, die ganze Wolke auf einmal, und im nächsten Augenblick +ist der Hügel vollständig von grauen Lerchen bedeckt, schönen +rot-grau-weißen Buchfinken, gesprenkelten Staren und graugrünen Meisen. + +Gleich darauf zieht noch eine Wolke über die Ebne hin. Sie hält über jedem +Hof an, über jeder Arbeiterhütte und jedem Schloß, über Marktflecken und +Städten, über Bauerngütern und Bahnhöfen, über Fischerdörfern und +Zuckerfabriken. So oft sie anhält, saugt sie vom Boden eine kleine +aufwirbelnde Säule von Staubkörnchen auf. Dadurch wächst und wächst die +Wolke, und als sie endlich vollständig ist und nach dem Kullaberg steuert, +ist es nicht mehr eine einzige Wolke, sondern eine ganze Wolkenwand, die so +groß ist, daß sie von Höganäs bis Mölle einen Schatten auf die Erde wirft. +Als sie über dem Spielplatz anhält, verdeckt sie die Sonne, und es muß eine +gute Weile Sperlinge auf einen der Hügel regnen, bis die, die ganz innen in +der Wolke geflogen waren, wieder einen Schimmer vom Tageslicht wahrnehmen +können. + +Aber jetzt taucht doch die größte von allen diesen Vogelwolken auf. Sie ist +aus Scharen gebildet, die von allen Seiten herbeigeflogen kamen und sich +miteinander vereinigt haben. Sie hat eine tief graublaue Färbung, und kein +Sonnenstrahl dringt durch sie hindurch. Düster und schreckeneinjagend wie +eine Gewitterwolke zieht sie daher, erfüllt von unheimlichstem Spuk, von +gräßlichem, schreiendem, verächtlichem Gelächter und unglückprophezeiendem +Gekrächze. Die Tiere auf dem Spielplatz sind froh, als sie sich endlich in +einen Regen von flügelschlagenden, krächzenden Vögeln: von Dohlen, Raben +und dem übrigen Krähenvolk auflöst. + +Hierauf erscheinen am Himmel nicht nur Wolken, sondern eine Menge andrer +Striche und Zeichen. Dann zeigen sich im Osten und Nordosten gerade +punktierte Linien. Das sind die Waldvögel von den Göinger Bezirken, die +Birk- und Auerhühner, die in langen Reihen, mit einem Abstand von ein paar +Metern zwischen den einzelnen Vögeln daherfliegen. Und die Sumpfvögel, die +sich auf Måkläppen vor Falsterbo aufhalten, kommen jetzt über den Öresund +in allerlei sonderbaren Flugordnungen gezogen: in Triangeln oder langen +Schnörkeln, in schiefen Haken oder in Halbkreisen. + +Bei der großen Versammlung, die in dem Jahre stattfand, wo Nils Holgersson +mit den Wildgänsen umherzog, kam Akka mit ihrer Schar später als alle +andern, und das war nicht zu verwundern, denn Akka hatte, um den Kullaberg +zu erreichen, über ganz Schonen hinfliegen müssen. Außerdem hatte sie sich, +sobald sie erwachte, zuerst nach Däumling umgesehen, der ja viele Stunden +lang gegangen war, den grauen Ratten auf der Pfeife vorgeblasen und sie +damit weit weg von Glimmingehaus gelockt hatte. Das Eulenmännchen war mit +der Botschaft zurückgekehrt, daß die schwarzen Ratten gleich nach +Sonnenuntergang daheim eintreffen würden, und es war also keine Gefahr +mehr, wenn man die Pfeife der Turmeule verstummen ließ und den grauen +Ratten erlaubte, zu gehen, wohin sie wollten. + +Aber nicht Akka war es, die den Jungen entdeckte, wie er mit seinem langen +Gefolge dahinzog, und die sich ganz schnell auf ihn herabsenkte, ihn mit +dem Schnabel erfaßte und mit ihm in die Luft hinaufstieg, sondern Herr +Ermenrich war es, der Storch. Denn auch Herr Ermenrich hatte sich +aufgemacht, ihn zu suchen, und nachdem er ihn ins Storchennest +hinaufgebracht hatte, bat er ihn um Verzeihung, daß er ihn am +vorhergehenden Abend so unehrerbietig behandelt hätte. + +Der Junge freute sich sehr darüber, und er und der Storch wurden recht gute +Freunde. Akka war auch sehr freundlich gegen ihn und rieb ihren alten Kopf +mehrere Male an seinem Arm. Aber am vergnügtesten wurde der Junge doch, als +Akka den Storch fragte, ob er es für rätlich halte, daß sie Däumling mit +auf den Kullaberg nähmen. »Ich glaube, wir können uns auf ihn ebensogut +verlassen wie auf uns selber,« sagte sie. »Er wird uns den Menschen sicher +nicht verraten.« + +Der Storch riet sogleich sehr eifrig, Däumling mitzunehmen. »Gewiß müssen +Sie Däumling mit nach dem Kullaberg nehmen, Mutter Akka,« sagte er. »Es ist +ein Glück für uns, daß wir ihn für alles, was er heute Nacht unseretwegen +ausgestanden hat, belohnen können. Und da ich mich noch immer über mein +gestriges unpassendes Benehmen gräme, werde ich selbst ihn auf meinem +Rücken nach dem Versammlungsort tragen.« + +Es gibt nicht viel, was besser schmeckt, als von solchen gelobt zu werden, +die selbst klug und tüchtig sind, und der Junge hatte sich noch nie so +glücklich gefühlt als jetzt, wo die Wildgans und der Storch auf diese Weise +von ihm sprachen. + +Der Junge machte also die Reise nach dem Kullaberg auf dem Rücken des +Storches, und obgleich er das für eine große Ehre hielt, verursachte es ihm +doch viel Angst, denn Herr Ermenrich war ein Meister im Fliegen und flog +mit ganz andrer Eile davon als die Wildgänse. Während Akka mit +gleichmäßigen Flügelschlägen immer geradeaus flog, vergnügte sich der +Storch mit einer Menge Flugkünste. Bald lag er in unermeßlicher Höhe ganz +still da und schwebte durch die Luft, ohne die Flügel zu bewegen, bald ließ +er sich mit solcher Eile hinabsinken, daß es aussah, als stürze er hilflos +wie ein Stein auf die Erde hinunter, bald flog er zu seinem Vergnügen in +großen und kleinen Kreisen wie ein Wirbelwind um Akka herum. Der Junge +hatte noch nie so etwas erlebt, und obgleich er beständig von Angst erfüllt +war, mußte er im stillen doch anerkennen, daß er früher nicht gewußt hatte, +was man gut fliegen heißt. + +Nur ein einziges Mal wurde während der Reise angehalten, das war, als Akka +sich mit ihren Reisegefährten am Vombsee vereinigte und ihnen zurief, daß +die grauen Ratten besiegt worden seien. Dann flogen alle miteinander +geraden Wegs nach dem Kullaberg. + +Hier ließen sie sich oben auf dem Hügel nieder, der den Wildgänsen +aufgehoben war; und als jetzt der Junge die Blicke von Hügel zu Hügel +wandern ließ, sah er, daß auf dem einen das vielzackige Geweih der +Edelhirsche und auf einem andern die Nackenbüsche der grauen Habichte +aufragten. Ein Hügel war rot von Füchsen, ein andrer schwarz und weiß von +Seevögeln, einer grau von Ratten. Einer war mit schwarzen Raben besetzt, +die unaufhörlich schrieen, einer mit Lerchen, die nicht imstande waren, +sich ruhig zu verhalten, sondern immer wieder in die Luft hinaufstiegen und +vor Freude jubilierten. + +Wie es von jeher Sitte auf dem Kullaberg ist, begannen die Krähen die +Spiele und Vorstellungen des Tages mit einem Flugtanz. Sie teilten sich in +zwei Scharen, die aufeinander zuflogen, sich trafen, dann umwendeten und +aufs neue begannen. Dieser Tanz hatte viele Runden und kam den Zuschauern, +wenn sie die Tanzregeln nicht kannten, etwas zu einförmig vor. Die Krähen +waren sehr stolz auf ihren Tanz, aber alle andern Tiere waren froh, als er +zu Ende war. Er kam ihnen ebenso düster und sinnlos vor, wie das Spiel des +Wintersturmes mit den Schneeflocken. Sie wurden schon vom Ansehen ganz +niedergedrückt und warteten eifrig auf etwas, das sie ein bißchen froh +stimmen würde. + +Sie brauchten auch nicht vergeblich zu warten, denn sobald die Krähen +fertig waren, kamen die Hasen dahergesprungen. In einer langen Reihe, ohne +besondre Ordnung strömten sie herbei. Dazwischen kam einer ganz allein, +dann wieder drei oder vier in einer Reihe. Alle hatten sich auf die +Hinterläufe aufgerichtet, und sie stürmten so schnell vorwärts, daß ihre +langen Ohren nach allen Seiten schwankten. Während des Springens drehten +sie sich im Kreise herum, machten hohe Sätze und schlugen sich mit den +Vorderpfoten gegen die Rippen, daß es knallte. Einige schlugen viele +Purzelbäume hintereinander, andre kugelten sich zusammen und rollten wie +Räder vorwärts, einer stand auf einem Lauf und schwang sich im Kreise, ein +andrer ging auf den Vorderpfoten. Es war durchaus keine Ordnung da, aber es +war viel Aufregung bei diesem Spiel der Hasen, und die vielen Tiere, die +zusahen, begannen schneller zu atmen. Jetzt war es Frühling. Lust und +Freude waren im Anzug. Der Winter war vorüber, der Sommer nahte. Bald war +das Leben nur noch ein Spiel! + +Als die Hasen ausgetobt hatten, war die Reihe des Auftretens an den großen +Vögeln des Waldes. Hunderte von Auerhähnen in glänzend schwarzem Staat und +mit hellroten Augenbrauen warfen sich auf eine große Eiche, die mitten auf +dem Spielplatz stand. Der Auerhahn, der auf dem obersten Zweig saß, blies +die Federn auf, ließ die Flügel hängen und streckte den Schwanz in die +Höhe, so daß die weißen Deckfedern sichtbar wurden. Hierauf streckte er den +Hals vor und stieß ein paar Töne aus dem verdickten Hals heraus. »Tjäck, +tjäck, tjäck!« klang es. Mehr konnte er nicht herausbringen, es gluckste +nur mehrere Male tief drunten in seiner Kehle. Dann schloß er die Augen und +flüsterte: »Sis, sis, sis -- hört wie schön! Sis, sis, sis!« Und zugleich +verfiel er in solche Verzückung, daß er nicht mehr wußte, was rings um ihn +her geschah. + +Während der erste Auerhahn noch mit seinem sis, sis fortfuhr, fingen die +drei, die am nächsten unter ihm saßen, zu balzen an, und ehe sie die ganze +Weise durchgebalzt hatten, begannen die zehn, die etwas weiter unten saßen; +und so ging es von Zweig zu Zweig, bis alle die Hunderte von Auerhähnen +balzten und glucksten und sisisten. Sie fielen alle in dieselbe Verzückung +während ihres Gesanges, und gerade das wirkte auf die andern Tiere wie ein +ansteckender Rausch. Das Blut war ihnen vorhin lustig und leicht durch die +Adern geflossen, jetzt begann es schwer und heiß zu wallen. »Ja, es ist +sicherlich Frühling,« dachten die vielen Tiervölker. »Die Winterkälte ist +verschwunden, das Feuer des Frühlings ist auf der Erde angezündet.« + +Als die Birkhühner merkten, daß die Auerhähne so großen Erfolg hatten, +konnten sie sich nicht mehr still verhalten. Da kein Baum da war, wo sie +Platz gehabt hätten, stürmten sie auf den Spielplatz hinunter, wo das +Heidekraut so hoch stand, daß nur ihre schön geschwungenen Schwanzfedern +und ihre dicken Schnäbel hervorsahen, und begannen zu singen: »Orr, orr, +orr!« + +Gerade als die Birkhühner mit den Auerhähnen zu wetteifern begannen, +geschah etwas Unerhörtes. Während alle Tiere an nichts andres dachten als +an das Spiel der Auerhähne, schlich sich ein Fuchs ganz leise an den Hügel +der Wildgänse heran. Er ging sehr vorsichtig und kam weit auf den Hügel +hinauf, bevor ihn jemand bemerkte. Plötzlich entdeckte ihn doch eine Gans, +und da sie sich nicht denken konnte, daß sich der Fuchs in guter Absicht +zwischen die Gänse hineingeschlichen hätte, rief sie schnell: »Wildgänse, +nehmt euch in acht! Nehmt euch in acht!« Der Fuchs packte sie am Halse, +vielleicht hauptsächlich um sie zum Schweigen zu bringen, aber die +Wildgänse hatten den Ruf schon vernommen und hoben sich in die Luft empor. +Und als sie aufgeflogen waren, sahen alle Tiere den Fuchs Smirre mit einer +toten Gans im Maule auf dem Hügel der wilden Gänse stehen. + +Aber weil er also den Frieden des Spieltages gebrochen hatte, wurde schwere +Strafe über Smirre verhängt, so daß er sein ganzes Leben lang bereuen +mußte, daß er seine Rachgier nicht hatte unterdrücken können, sondern es +versucht hatte, auf diese Weise Akka und ihrer Schar zu nahe zu kommen. +Schnell wurde er von einer Schar Füchse umringt und alter Sitte gemäß +verurteilt. Der Urteilsspruch aber lautet: »Wer immer den Frieden des +großen Spieltages bricht, wird des Landes verwiesen.« Kein Fuchs wollte +das Urteil mildern, denn sie wußten alle, sobald sie etwas derartiges +versuchten, würden sie in demselben Augenblick vom Spielplatz verjagt und +ihnen nicht erlaubt werden, ihn je wieder zu betreten. Also wurde das +Verbannungsurteil ohne Widerspruch Smirre kundgetan. Es wurde ihm +untersagt, in Schonen zu verbleiben. Er wurde von seiner Frau und von +seinen Verwandten geschieden, von Jagdrevier, Wohnung und von den +Schlupfwinkeln, die er bisher zu eigen gehabt hatte, und mußte sein Glück +in der Fremde versuchen. Und damit alle Füchse in Schonen wissen sollten, +daß Smirre in dieser Landschaft vogelfrei war, biß ihm der älteste von den +Füchsen die Spitze seines rechten Ohrs ab. Sobald dies getan war, begannen +die jungen Füchse blutdürstig zu heulen und sich auf Smirre zu werfen. Es +blieb ihm nichts andres übrig, als die Flucht zu ergreifen, und mit allen +jungen Füchsen an den Fersen rannte er vom Kullaberg fort. + +Alles das geschah, während die Birkhühner und die Auerhähne miteinander +wetteiferten. Aber diese Vögel vertiefen sich in solchem Grade in ihren +Gesang, daß sie weder hören noch sehen, und sie hätten sich auch gar nicht +stören lassen. + +Kaum war der Wettstreit der Waldvögel beendet, als die Edelhirsche von +Häckeberga vortraten, ihr Kampfspiel zu zeigen. Mehrere Paare Edelhirsche +kämpften zu gleicher Zeit. Sie stürzten mit großer Kraft aufeinander los, +schlugen donnernd mit den Geweihen zusammen, so daß sich deren Stangen +ineinander flochten, und einer versuchte den andern zurückzudrängen. +Heidekrautbüschel flogen unter ihren Hufen auf, der Atem stand ihnen wie +Rauch vor dem Maule, aus ihrer Kehle drang unheimliches Gebrüll, und der +Schaum floß ihnen am Bug hinunter. + +Ringsum auf den Hügeln herrschte atemlose Stille, während die +streitkundigen Hirsche im Treffen waren, und bei allen Tieren regten sich +neue Gefühle. Alle und jedes einzelne fühlten sich mutig und stark, voll +wiederkehrender Kraft, vom Frühling neu geboren, hurtig zu jeder Art +Abenteuer bereit. Sie fühlten keinen Zorn gegeneinander, doch hoben sich +überall Flügel, Nackenfedern sträubten sich und Krallen wurden gewetzt. +Wenn die Hirsche von Häckeberga noch einen Augenblick weitergekämpft +hätten, würde auf allen Hügeln ein wilder Kampf entbrannt sein, weil bei +allen Tieren ein brennender Eifer um sich gegriffen hatte, zu zeigen, daß +auch sie voller Leben seien, daß die Ohnmacht des Winters vorüber sei, daß +Kraft ihre Adern schwelle. + +Aber die Edelhirsche beendigten ihren Kampf gerade im rechten Augenblick, +und schnell ging ein Flüstern von Hügel zu Hügel: »Jetzt kommen die +Kraniche!« + +Und da kamen die grauen wie in Dämmerung gekleideten Vögel, mit langen +Federbüschen in den Flügeln und rotem Federschmuck im Nacken. Die Vögel mit +ihren langen Beinen, ihren schlanken Hälsen und ihren kleinen Köpfen +glitten in geheimnisvoller Verwirrung von ihrem Hügel herab. Während sie +vorwärts glitten, drehten sie sich halb fliegend, halb tanzend im Kreise +herum. Die Flügel anmutig erhoben, bewegten sie sich mit unfaßlicher +Schnelligkeit. Es war, als spielten graue Schatten ein Spiel, dem das Auge +kaum zu folgen vermochte. Es war, als hätten sie es von den Nebeln +gelernt, die über die einsamen Moore hinschweben. Ein Zauber lag darin; +alle, die noch nie auf dem Kullaberg gewesen waren, begriffen nun, warum +die ganze Versammlung ihren Namen von dem Kranichtanz hat. Es lag eine +gewisse Wildheit darin, aber das Gefühl, das diese erweckte, war eine holde +Sehnsucht. Niemand dachte jetzt mehr daran, zu kämpfen. Dagegen fühlten +jetzt alle, die Beflügelten und die Flügellosen, einen Drang in sich, +ungeheuer hoch hinaufzusteigen, ja bis über die Wolken hinauf, um zu sehen, +was sich darüber befinde, einen Drang, den schweren Körper zu verlassen, +der sie auf die Erde hinabzog, und nach dem Überirdischen hinzuschweben. + +Eine solche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nach dem hinter dem Leben +Verborgenen fühlten die Tiere nur einmal im Jahre, und zwar an dem Tag, wo +sie den großen Kranichtanz sahen. + + + + +6 + +Im Regenwetter + + + Mittwoch, 30. März + +Nun kam der erste Regentag während der Reise. Solange sich die Wildgänse in +der Nähe des Vombsees aufgehalten hatten, war schönes Wetter gewesen; an +demselben Tag, wo sie ihre Reise nach dem Norden fortsetzten, begann es zu +regnen, und der Junge saß stundenlang tropfnaß und vor Kälte zitternd auf +dem Rücken des Gänserichs. + +Am Morgen, als sie fortzogen, war es hell und warm gewesen. Die Wildgänse +hatten sich hoch in die Luft erhoben, gleichmäßig und ohne Eile in strenger +Ordnung mit Akka an der Spitze, und die übrigen in zwei scharfen Linien +hinter ihr, flogen sie dahin. Sie hatten sich keine Zeit genommen, den +Tieren auf den Feldern kleine Bosheiten zuzurufen, aber da sie nicht +imstande waren, sich ganz still zu verhalten, ließen sie unaufhörlich im +Takt mit ihren Flügelschlägen ihren gewöhnlichen Lockruf ertönen: »Wo bist +du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!« + +Alle beteiligten sich an diesem einförmigen Rufen, das sie nur ab und zu +unterbrachen, um dem zahmen Gänserich die Wegweiser zu zeigen, nach denen +sie sich richteten. Die Zeichen auf dieser Reise waren die vereinzelten +Erhöhungen des Sinderöder Bergrückens, der Herrenhof Ovesholm, der +Kristianstädter Kirchturm, das Krongut Bäckawald, die schmale Landspitze +zwischen dem Oppmannasee und dem Ivösee und dem schroffen Abhang des +Ryßbergs. + +Es war eine einförmige Reise gewesen; und als die Regenwolken allmählich +auftauchten, dachte der Junge, das sei doch einmal eine Abwechslung. +Früher, wo er die Regenwolken nur von unten gesehen hatte, waren sie ihm +immer grau und langweilig vorgekommen, aber hoch droben zwischen ihnen zu +sein, das war etwas ganz andres. Der Junge sah deutlich, daß die Wolken +ungeheure Lastwagen waren, die berghoch beladen am Himmel hinfuhren; die +einen waren mit riesigen grauen Säcken bepackt, andre mit Tonnen, die so +groß waren, daß sie einen ganzen See fassen konnten, wieder andre furchtbar +hoch mit großen Kesseln und Flaschen. Und nachdem so viele aufgefahren +waren, daß sie den ganzen Himmelsraum füllten, war es, als habe ihnen +jemand ein Zeichen gegeben, denn sie begannen alle auf einmal aus Kesseln, +Tonnen, Flaschen und Säcken Wasser auf die Erde hinunterzugießen. + +In dem Augenblick, wo die ersten Frühlingsgüsse auf die Erde prasselten, +stießen alle die kleinen Vögel in den Gehölzen und auf den Wiesen solche +Freudenrufe aus, daß die ganze Luft davon widerhallte und der Junge auf +seinem Gänserücken erschreckt zusammenfuhr. »Jetzt bekommen wir Regen, der +Regen bringt uns den Frühling, der Frühling gibt uns Blumen und grünes +Laub, und die Blumen geben uns Raupen und Insekten, und Raupen und Insekten +geben uns Nahrung! Viele und gute Nahrung ist das Beste, was es gibt!« +sangen die Vögelein. + +Auch die Wildgänse freuten sich über den Frühlingsregen, der die Pflanzen +aus ihrem Winterschlaf weckte und die Eisdecke auf den Seen zerbrach. Es +war ihnen nicht möglich, noch länger so ernst zu bleiben wie bisher, und +sie fingen an, lustige Rufe auf die Landschaft unter ihnen hinabzuschicken. + +Als sie über die großen Kartoffelfelder, die bei Kristianstadt besonders +gut sind, und die jetzt noch schwarz und kahl dalagen, hinflogen, riefen +sie: »Wachet jetzt auf und bringet Nutzen! Der Frühling ist da, der euch +weckt! Nun habt ihr auch lange genug gefaulenzt!« + +Wenn sie Menschen sahen, die sich beeilten, unter Dach und Fach zu kommen, +ermahnten sie sie und sagten: »Warum habt ihr es denn so eilig? Seht ihr +nicht, daß es Brot und Kuchen regnet? Brot und Kuchen!« + +Eine große dicke Wolke bewegte sich rasch in nördlicher Richtung vorwärts +und schien den Gänsen zu folgen. Sie glaubten wohl, daß sie die Wolke mit +sich zögen, denn als sie jetzt gerade große Gärten unter sich sahen, riefen +sie ganz stolz: »Hier kommen wir mit Anemonen! Wir kommen mit Rosen, mit +Apfelblüten und Kirschenknospen! Wir kommen mit Erbsen und Bohnen, mit +Weizen und Roggen! Wer Lust hat, greife zu! Wer Lust hat, greife zu!« + +So hatte es geklungen, während die ersten Regenschauer fielen, wo sich noch +alle über den Regen freuten. Als es aber den ganzen Nachmittag fortregnete, +wurden die Gänse ungeduldig und riefen den durstigen Wäldern rings um den +Ivösee zu: »Habt ihr noch nicht bald genug? Habt ihr noch nicht bald +genug?« + +Der Himmel überzog sich immer mehr mit einem gleichmäßigen Grau, und die +Sonne verbarg sich so gut, daß niemand herausfand, wo sie steckte. Der +Regen fiel dichter, er klatschte schwer auf die Gänseflügel und drang durch +die eingeölten Außenfedern bis auf die Haut durch. Die Erde dampfte, Seen, +Gebirge und Wälder flossen zu einem undeutlichen Wirrwarr zusammen, und die +Wegzeiger waren nicht mehr zu erkennen. Die Fahrt ging immer langsamer, die +lustigen Zurufe verstummten, und der Junge fühlte die Kälte immer mehr. + +Aber doch hielt er den Mut aufrecht, solange er durch die Luft ritt. Auch +am Abend, als sie sich unter einer kleinen Kiefer niedergelassen hatten, +mitten auf einem großen Moor, wo alles naß und kalt war, wo die einen +Erdhaufen mit Schnee bedeckt waren und die andern kahl aus einem Tümpel +halbgeschmolzenen Eiswassers aufragten, war er noch nicht mutlos gewesen, +sondern war fröhlich umhergelaufen und hatte sich Krähenbeeren und +gefrorene Preißelbeeren gesucht. Aber dann wurde es Abend, und die +Dunkelheit senkte sich so tief herab, daß nicht einmal solche Augen, wie +der Junge jetzt hatte, hindurchdringen konnten, und das weite Land sah +merkwürdig unheimlich und schreckenerregend aus. Unter dem Flügel des +Gänserichs lag der Junge zwar wohl eingebettet, aber Kälte und Feuchtigkeit +hinderten ihn am Einschlafen. Er hörte auch so viel Gerassel und Geprassel +und drohende Stimmen ringsum, daß ihn furchtbares Entsetzen ergriff und er +nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Wenn er sich nicht zu Tode +ängstigen sollte, dann mußte er fort, dahin, wo es ein wärmendes Feuer und +Licht gab. + +»Wie wärs, wenn ich mich nur diese eine Nacht zu den Menschen hineinwagte?« +dachte er. »Nur so, daß ich ein Weilchen an einem Feuer sitzen dürfte und +einen Mundvoll zu essen bekäme. Vor Sonnenaufgang könnte ich ja zu den +Gänsen zurückkehren.« + +Er kroch sachte unter dem Flügel hervor und glitt auf den Boden hinunter. +Weder der Gänserich noch eine der andern Gänse erwachte, und leise und +unbemerkt schlich er über das Moor weg. + +Er wußte nicht recht, in welchem Teil des Landes er sich befand, ob in +Schonen, in Småland oder in Blekinge. + +Aber gerade, bevor sich die Gänse auf dem Moor niedergelassen hatten, hatte +er einen Schein von einer großen Stadt gesehen, und dorthin lenkte er jetzt +seine Schritte. Es dauerte auch nicht lange, bis er einen Weg fand, und +bald war er auf der langen mit Bäumen eingefaßten Landstraße, wo auf jeder +Seite Hof an Hof lag. + +Der Junge war in eines der großen Kirchspiele geraten, die weiter droben im +Land sehr allgemein sind, die es aber unten in der Ebene gar nicht gibt. + +Die Wohnhäuser waren aus Holz und sehr hübsch gebaut. Die meisten hatten +mit geschnitzten Leisten verzierte Giebel, und die Glasveranden waren mit +der einen und andern bunten Scheibe versehen. Die Wände waren mit heller +Ölfarbe angestrichen, die Türen und Fensterrahmen leuchteten blau und grün, +hin und wieder auch rot. Während der Junge dahinwanderte und die Häuser +betrachtete, hörte er sogar, wie die Leute in den warmen Stuben plauderten +und lachten. Die Worte konnte er nicht verstehen, aber es kam ihm sehr +schön vor, menschliche Stimmen zu hören. »Ich möchte wissen, was sie sagen +würden, wenn ich anklopfte und um Einlaß bäte?« dachte er. + +Das war es ja, was er im Sinn gehabt hatte; aber beim Anblick der +erleuchteten Fenster war seine Angst vor der Dunkelheit verschwunden. +Dagegen fühlte er jene Scheu, die ihn immer in der Nähe der Menschen +überkam. »Ich werde mich eine Weile in dem Dorf umsehen,« dachte er, »ehe +ich bei jemand um Obdach und Speise anhalte.« + +An einem Haus war ein Balkon. Und gerade als der Junge vorüberging, wurden +die Balkontüren aufgemacht, und durch feine, lichte Vorhänge strömte ein +gelber Lichtschein heraus. Dann trat eine schöne junge Frau heraus und +beugte sich über das Geländer. »Es regnet, jetzt wird es bald Frühling,« +sagte sie. Als der Junge sie sah, überkam ihn zum erstenmal ein +merkwürdiges Angstgefühl. Es war ihm, als müsse er weinen. Zum erstenmal +ergriff ihn eine gewisse Unruhe darüber, daß er sich selbst von den +Menschen ausgeschlossen hatte. + +Kurz nachher kam er an einem Kaufladen vorüber. Vor dem Hause stand eine +rote Sämaschine. Er blieb stehen und sah sie an und kroch schließlich auf +den Bock hinauf. Als er droben saß, schnalzte er mit der Zunge und tat, als +fahre er. Er dachte, welches Glück das wäre, wenn er eine so schöne +Maschine über einen Acker fahren dürfte. + +Einen Augenblick lang hatte er ganz vergessen, wie er jetzt aussah, aber +gleich erinnerte er sich wieder daran, und eilig sprang er von der Maschine +herunter. Eine immer größere Unruhe bemächtigte sich seiner. Ja, wer +beständig unter Tieren leben mußte, kam doch in vielem zu kurz. Die +Menschen waren wirklich recht merkwürdige und tüchtige Geschöpfe. + +Er ging an der Post vorbei und dachte da an die Zeitungen, die jeden Tag +mit Neuigkeiten von allen vier Enden der Welt kommen. Er sah die Apotheke +und die Doktorwohnung, und da mußte er denken, welche große Macht die +Menschen doch hatten, daß sie Krankheit und Tod bekämpfen konnten. Er kam +an die Kirche und dachte an die Menschen, die sie erbaut hatten, um in ihr +von einer andern Welt zu hören, einer Welt außerhalb der, in der sie +lebten, sowie von Gott und Auferstehung und einem ewigen Leben. + +Und je weiter er kam, desto besser gefielen ihm die Menschen. + +Kinder können eben niemals weiter sehen, als ihre Nase lang ist. Was am +nächsten vor ihnen liegt, nach dem strecken sie die Hand aus, ohne sich +darum zu kümmern, was es sie kosten könnte. Nils Holgersson hatte kein +Verständnis dafür gehabt, was er verloren gab, als er ein Wichtelmännchen +zu bleiben wünschte; jetzt aber ergriff ihn eine furchtbare Angst, er würde +am Ende nie wieder seine rechte Gestalt erlangen können. + +Aber wie in aller Welt müßte er es angreifen, um wieder ein Mensch zu +werden? Das hätte er schrecklich gerne gewußt. + +Er kroch auf eine Haustreppe hinauf und setzte sich da mitten in den +strömenden Regen, um zu überlegen. Er saß eine Stunde da, zwei Stunden, und +sann und grübelte mit tiefgefurchter Stirne. Aber er wurde nicht klüger; es +war, als ob sich seine Gedanken nur immer in seinem Kopf im Kreise drehten. +Und je länger er dasaß, desto unmöglicher erschien es ihm, irgend eine +Lösung zu finden. + +»Dies ist sicherlich viel zu schwer für einen, der so wenig gelernt hat wie +ich,« dachte er schließlich. »Ich werde jedenfalls zu den Menschen +zurückkehren müssen. Dann muß ich den Pfarrer und den Doktor und den +Schullehrer fragen, und auch noch andre, die gelehrt sind und Hilfe für so +etwas wissen.« + +Ja, er beschloß, dies sogleich zu tun; er stand auf und schüttelte sich, +denn er war so naß wie ein Hund, der in einem Wassertümpel gewesen ist. + +In diesem Augenblick sah er, daß eine große Eule daherflog und sich auf +einen der Bäume an der Straße niederließ. Gleich darauf begann eine +Waldeule, die unter der Dachleiste saß, sich zu bewegen und zu rufen: +»Kiwitt, kiwitt, bist du wieder da, Sumpfeule? Wie ist es dir im Ausland +gegangen?« + +»Danke der Nachfrage, Waldeule, es ist mir gut gegangen,« sagte die +Sumpfeule. »Ist während meiner Abwesenheit irgend etwas Merkwürdiges +passiert?« + +»Nicht hier in Blekinge, Sumpfeule, aber in Schonen ist ein Junge in ein +Wichtelmännchen verwandelt und so klein gemacht worden wie ein +Eichhörnchen, und dann ist der Junge mit einer zahmen Gans nach Lappland +gereist.« + +»Das ist ja eine sonderbare Neuigkeit, eine sonderbare Neuigkeit! Kann er +jetzt nie wieder ein Mensch werden, Waldeule? Sag, kann er nie wieder ein +Mensch werden?« + +»Das ist ein Geheimnis, Sumpfeule, aber du sollst es doch wissen. Das +Wichtelmännchen hat gesagt, wenn der Junge die zahme Gans bewacht, daß sie +unbeschädigt wieder heimkommen und -- -- --« + +»Und was noch, Waldeule, was noch?« + +»Fliege mit mir auf den Kirchturm hinauf, dann sollst du alles erfahren. +Ich habe Angst, es könnte uns hier auf der Straße jemand zuhören.« + +Damit flogen die beiden Eulen davon, aber der Junge warf seine Mütze hoch +in die Luft. »Wenn ich nur über den Gänserich wache, damit er unbeschädigt +wieder heimkommt, dann werde ich wieder ein Mensch. Hurra! Hurra! Dann +werde ich wieder ein Mensch!« + +Er schrie Hurra, und es war merkwürdig, daß man ihn drinnen im Hause nicht +hörte. Aber das war nicht der Fall, und der Junge lief zurück zu den +Wildgänsen auf das nasse Moor hinaus, so schnell ihn seine Beine tragen +konnten. + + + + +7 + +Die Treppe mit den drei Stufen + + + Donnerstag, 31. März + +Am nächsten Tag wollten die Wildgänse durch den Allbobezirk in Småland nach +Norden weiterreisen und schickten Yksi und Kaksi als Kundschafter voraus; +diese kamen zurück und sagten, alles Wasser sei gefroren und alle Felder +seien mit Schnee bedeckt. + +»Dann wollen wir lieber dableiben, wo wir sind,« sagten die Wildgänse. »Wir +können nicht durch ein Land reisen, wo es weder Wasser noch Futter gibt.« + +»Wenn wir bleiben, wo wir sind, werden wir vielleicht einen ganzen Monat +warten müssen,« sagte Akka. »Da wollen wir lieber ostwärts durch Blekinge +reisen und versuchen, ob wir nicht später über Småland durch den +Mörebezirk, der an der Küste liegt und wo es frühzeitig Frühling wird, +weiterkommen können.« + +So ritt nun also der Junge am nächsten Tage über Blekinge hin. Jetzt wo es +hell war, hatte sich sein Gemüt wieder beruhigt, und er konnte nicht +begreifen, was ihn gestern abend so sehr angefochten hatte. Jetzt wollte er +die Reise nach Lappland und das ungebundene Leben ganz und gar nicht mehr +aufgeben. + +Über der Landschaft Blekinge lag ein dichter Regennebel, und der Junge +konnte nicht erkennen, wie das Land unter ihm aussah. »Ich möchte wohl +wissen, ob wir hier über gutes oder schlechtes Erdreich hinfliegen?« dachte +er, und er zerbrach sich den Kopf, um sich zu erinnern, was er in der +Schule darüber gehört hatte. Zugleich aber wußte er auch, daß ihm dies +nichts nützen konnte, weil er ja seine Aufgaben nie ordentlich gelernt +hatte. + +Doch plötzlich sah er die ganze Schule deutlich vor sich. Die Kinder saßen +in den schmalen Schulbänken und streckten die Finger in die Höhe, der +Lehrer saß auf dem Katheder und sah unzufrieden aus, er selbst aber stand +vorne an der Karte und sollte Fragen über Blekinge beantworten, wußte aber +kein Wort zu sagen. Mit jeder Sekunde wurde das Gesicht des Lehrers +düsterer, und der Junge dachte, der Lehrer nehme es viel genauer mit der +Geographie als mit irgend einem der andern Fächer. Jetzt kam er auch noch +vom Katheder herunter, nahm dem Jungen den Stock aus der Hand und schickte +ihn auf seinen Platz zurück. »Das nimmt gewiß kein gutes Ende,« dachte der +Junge. + +Aber der Lehrer trat an ein Fenster und sah eine Weile hinaus, und dann +begann er leise zu pfeifen, wie er zu tun pflegte, wenn er guter Laune war. +Jetzt stieg er wieder auf den Katheder und sagte, er wolle ihnen etwas von +Blekinge erzählen. + +Und was der Lehrer dann erzählt hatte, war so unterhaltend gewesen, daß der +Junge wohl aufgepaßt hatte. Wenn er nur daran dachte, wußte er jedes Wort +wieder. + +»Småland ist ein hohes Haus,« begann der Lehrer, »mit Tannen auf dem Dache; +vor dem Hause aber ist eine breite Treppe mit drei Stufen, und diese Treppe +wird Blekinge genannt. + +Es ist eine Treppe, die tüchtig zugenommen hat. Sie erstreckt sich acht +Meilen weit über die Vorderseite des småländischen Hauses, und wer die +Treppe bis an die Ostsee hinuntergehen will, hat vier Meilen zu wandern. + +Es ist auch schon recht lange her, seit die Treppe gebaut worden ist. Tage +und Jahre sind vergangen, seit die ersten aus Feldsteinen gehauenen Stufen +zu einer bequemen Verkehrsstraße zwischen Småland und der Ostsee eben und +gleichmäßig gelegt wurden. + +Da die Treppe schon so alt ist, wird man wohl begreifen, daß sie jetzt +nicht mehr so aussieht wie zu der Zeit, wo sie neu war. Ich weiß nicht, wie +viel man sich damals um so etwas gekümmert hat, aber jedenfalls war bei +einer solchen Größe keine Kunst imstande, sie rein zu halten. Nach ein paar +Jahren wuchsen Moos und Flechten darauf, Spreu und dürres Laub wurde im +Herbst darüber geweht, und ihm Frühling wurde sie mit niederprasselnden +Steinen und Kies überschüttet. Und da dies alles liegen blieb, sammelte +sich schließlich so viel Erde auf der Treppe an, daß nicht nur Gras und +Kräuter, sondern auch Büsche und große Bäume darauf Wurzel schlugen. + +Aber zugleich ist zwischen den drei Stufen ein großer Unterschied +entstanden. Die oberste, die Småland am nächsten liegt, ist zum großen Teil +mit magrer Erde und kleinen Steinen bedeckt, und es wachsen nicht gern +andre Bäume da als Weißbirken und Faulkirschen und Tannen, die die Kälte +dort oben ertragen und mit wenig zufrieden sind. Am allerbesten begreift +man, wie kärglich und ärmlich es da oben ist, wenn man sieht, wie klein die +vom Walde urbar gemachten Äcker sind, was für winzige Häuser die Leute sich +da bauen und wie weit die Kirchen voneinander entfernt sind. + +Auf der mittlern Treppe gibt es bessere Erde, und es wird dort auch nicht +so sehr kalt. Man sieht das gleich daran, daß die Bäume höher und von +besserer Art sind. Dort wachsen Ahorn und Eichen und Linden, Hängebirken +und Haselsträucher, aber keine Nadelhölzer. Und noch deutlicher sieht man +es an den vielen bebauten Landstrecken und an den großen und schönen +Häusern, die sich die Menschen gebaut haben. Es stehen auch viele Kirchen +auf der mittlern Stufe, und große Ortschaften liegen rings um sie herum, +und sie nimmt sich in jeder Beziehung besser und schöner aus als die +oberste Stufe. + +Aber die unterste Stufe ist doch von allen die beste. Sie ist mit guter, +richtiger Erde bedeckt, und da, wo sie liegt und sich im Meere badet, hat +man nicht das geringste Gefühl von der småländischen Kälte. Hier unten +gedeihen Buchen und Kastanien und Nußbäume, und sie werden so groß, daß sie +über das Kirchendach hinausragen. Hier sind auch die größten Ackerfelder; +aber die Leute leben nicht allein vom Ackerbau und vom Ertrag der Wälder, +sie beschäftigen sich auch mit dem Fischfang, mit Handel und Schiffahrt. +Deshalb gibt es hier auch die kostbarsten Häuser und die schönsten Kirchen, +und die Kirchspiele sind zu Handelsplätzen und Städten herangewachsen. + +Aber damit ist noch nicht alles über die drei Treppenstufen gesagt. Denn +man muß wohl bedenken, daß das Wasser, wenn es auf das Dach des großen +Hauses in Småland regnet, oder wenn der Schnee da oben schmilzt, sich +irgendwohin verlaufen muß, und da stürzt natürlich ein Teil davon die große +Treppe hinunter. Im Anfang floß es allerdings über die ganze Breite der +Treppe; aber dann entstanden Risse darin, und allmählich hat sich nun das +Wasser daran gewöhnt, in mehreren gut ausgewaschenen Rinnen +hinunterzufließen. Und Wasser ist Wasser, was man auch immer damit tun mag. +Es gönnt sich nie Ruhe. An einer Stelle gräbt es sich ein, sickert in den +Erdboden und verschwindet, und an einer andern Stelle nimmt es zu. Die +Rinnen hat es zu Tälern ausgegraben, die Talwände hat es mit Erde bedeckt, +und dann haben Büsche und Ranken und Bäume sich daran angeklammert, in so +dichter und reicher Fülle, daß sie den Wasserstrom, der in der Tiefe +dahinfließt, beinahe verdecken. Aber wenn die Ströme an die Absätze +zwischen den Stufen kommen, müssen sie sich kopfüber hinunterstürzen, und +dadurch kommt das Wasser in so schäumende Erregung, daß es die Kraft hat, +Mühlräder und Maschinen zu treiben; und Mühlen und Fabriken sind denn auch +rings um jeden Wasserfall her entstanden. + +Aber auch damit ist durchaus noch nicht alles über das Land mit den drei +Treppenstufen gesagt, sondern es muß auch noch hervorgehoben werden, daß da +droben in Småland in dem großen Haus einst ein Riese wohnte, der alt +geworden war. Und es ärgerte ihn, daß er in seinem hohen Alter gezwungen +sein sollte, die hohe Treppe hinunterzugehen, um den Lachs im Meere zu +fangen. Er dachte, es sei viel bequemer, wenn der Lachs dahin käme, wo er +hauste. + +Er ging daher auf das Dach seines großen Hauses und schleuderte von da +mächtige Steine in die Ostsee hinein. Er warf sie mit solcher Kraft, daß +die Steine über ganz Blekinge wegflogen und wirklich ins Meer fielen. Und +als die Steine hineinfielen, bekam der Lachs so große Angst, daß er aus dem +Meere herausging, die Ströme von Blekinge hinauffloh, dann durch die Bäche +hindurchschwamm, mit hohen Sprüngen sich die Fälle hinaufschnellte und +nicht eher anhielt, als bis er weit drinnen in Småland bei dem alten Riesen +war. + +Und wie wahr alles das ist, das sieht man an den vielen Inseln und Schären, +die vor der Küste von Blekinge liegen, die aber nichts andres sind als die +vielen großen Steine, die der Riese dahingeschleudert hat. + +Man erkennt es auch daran, daß der Lachs sich immer noch durch die Ströme +von Blekinge und durch die Wasserfälle in die ruhig fließenden Wasser bis +nach Småland hinaufarbeitet. + +Aber jener Riese hat viel Dank und Ehre von den Bewohnern von Blekinge +verdient, denn die Lachsfischerei in den Strömen und die Steinhauerei in +den Schären ist eine Arbeit, womit sich bis zum heutigen Tag viele Menschen +ihren Unterhalt verdienen.« + +[Illustration] + + + + +8 + +Am Ronnebyfluß + + + Freitag, 1. April + +Weder die Wildgänse noch der Fuchs Smirre hatten geglaubt, daß sie je +wieder zusammentreffen würden, nachdem dieser Schonen verlassen hatte. Aber +nun geschah es, daß die Wildgänse ihren Weg über Blekinge nahmen, und da +hatte sich Smirre auch hinbegeben. Er hatte die Zeit bis jetzt in dem +nördlichen Teil dieser Landschaft verbracht und war äußerst mißvergnügt +über diesen Aufenthalt. Eines Nachmittags, als Smirre in einer einsamen +Waldgegend, nicht weit von dem Ronnebyfluß entfernt, umherstreifte, sah er +eine Schar Wildgänse daherfliegen. Er sah sogleich, daß eine der Gänse weiß +war, und da wußte er ja, mit wem er es zu tun hatte. + +Und sofort begann Smirre hinter den Gänsen herzujagen, einmal, weil ihn +nach einer guten Mahlzeit gelüstete, dann aber auch in der Absicht, sich +für all den Verdruß zu rächen, den sie ihm bereitet hatten. Er sah sie +ostwärts bis zum Ronnebyfluß fliegen; dort änderten sie die Richtung und +zogen weiter nach Süden. Er erriet, daß sie sich am Flußufer eine +Schlafstätte suchten, und hoffte, ohne besondre Schwierigkeit einige von +ihnen erwischen zu können. + +Aber als Smirre endlich den Ort erblickte, wo die Gänse sich niedergelassen +hatten, entdeckte er, daß es ein sehr gut beschützter Platz war, und daß er +ihnen nicht beikommen konnte. + +Der Ronnebyfluß ist zwar kein großer und mächtiger Wasserlauf, aber er ist +seiner schönen Ufer wegen doch sehr berühmt. Einmal ums andre zwängt er +sich zwischen steilen Gebirgswänden hindurch, die senkrecht aus dem Wasser +aufragen und vollständig mit Geißblatt, Faulkirschen und Weißdorn, mit +Erlen, Ebereschen und Weiden bewachsen sind; an einem schönen Sommertag +gibt es nicht leicht etwas Angenehmeres, als auf dem kleinen, dunklen Fluß +dahinzurudern und hinaufzuschauen in all das Grün, das sich an den rauhen +Felswänden festklammert. + +Aber jetzt, als die Wildgänse und Smirre an den Fluß kamen, herrschte noch +der kalte, rauhe Vorfrühling, alle Bäume standen noch kahl, und niemand +dachte auch nur mit einem Gedanken daran, ob die Ufer schön oder häßlich +seien. + +Die Wildgänse waren indes sehr froh, daß sie unter einer so steilen +Bergwand einen schmalen Sandstreifen sahen, gerade groß genug, um die ganze +Schar aufzunehmen. Vor ihnen brauste der Fluß, der jetzt, wo der Schnee +schmolz, wild und angeschwollen war, hinter sich hatten sie die +unbesteigbaren Felsenwände, und herabhängende Zweige verdeckten sie; sie +hätten es nicht besser haben können. + +Smirre stand oben auf dem Gebirgskamm und schaute zu den Wildgänsen +hinunter. »Diese Verfolgung kannst du ebensogut gleich aufgeben,« sagte er +zu sich selbst. »Einen so steilen Berg kannst du nicht hinunterklettern, +durch den wilden Strom kannst du nicht schwimmen, und unten am Berg ist +auch nicht der kleinste Streifen Land, der zur Schlafstelle der Gänse +führen würde. Diese Gänse sind dir zu klug, Reineke. Gib dir keine Mühe +mehr, sie zu jagen.« + +Aber wie andern Füchsen auch, wurde es Smirre schwer, ein halb ausgeführtes +Unternehmen aufzugeben; er legte sich deshalb ganz außen an den Bergrand +und verwandte kein Auge von den Wildgänsen. Während er sie so betrachtete, +dachte er an all das Böse, das sie ihm zugefügt hatten. Ja, ihre Schuld war +es, daß er aus Schonen verbannt worden war und nach Blekinge hatte flüchten +müssen, wo er bis jetzt noch keinen Herrenhofpark, keine zahmen Gänse, kein +Wildgehege voller Rehe und leckerer Rehzicklein gesehen hatte. Er arbeitete +sich in eine solche Wut hinein, während er so dalag, daß er den Gänsen Tod +und Verderben wünschte, sogar wenn er selbst nicht dazu kommen sollte, sie +zu verspeisen. + +Als Smirres Zorn diesen hohen Grad erreicht hatte, hörte er in einer großen +Kiefer dicht neben sich ein Geraschel, und er sah ein Eichhörnchen, das von +einem Marder heftig verfolgt wurde, den Baum herunterlaufen. Keines von den +beiden bemerkte Smirre, der sich ganz ruhig verhielt und der Jagd zusah, +die von Baum zu Baum ging. Er betrachtete das Eichhörnchen, das so leicht +durch die Bäume huschte, als ob es fliegen könnte. Er betrachtete auch den +Marder, der kein so kunstgerechter Kletterer war wie das Eichhörnchen, aber +doch die Baumstämme hinauf und hinunter lief, als seien es ebene Waldpfade. + +»Könnte ich nur halb so gut klettern wie eins von diesen beiden,« dachte +der Fuchs, »dann dürften die dort drunten nicht länger in Ruhe schlafen.« + +Sobald die Jagd zu Ende und das Eichhörnchen gefangen war, ging Smirre zu +dem Marder hin, machte aber zum Zeichen, daß er ihn seiner Jagdbeute nicht +berauben wolle, auf zwei Schritt Abstand vor ihm Halt. Er begrüßte den +Marder sehr freundlich und gratulierte zu dem Ausfall der Jagd. Smirre +setzte seine Worte sehr gut, wie dies beim Fuchs immer der Fall ist. Der +Marder dagegen, der sich mit seinem langen, schmalen Körper, seinem feinen +Kopf, seinem weichen Fell und seinem hellbraunen Fleck am Halse wie ein +kleines Wunder von Schönheit ausnimmt, ist in Wirklichkeit nur ein +ungeschlachter Waldbewohner und gab dem Fuchs kaum eine Antwort. + +»Nur eins verwundert mich,« fuhr Smirre fort, »daß sich ein solcher Jäger +wie du mit der Jagd auf Eichhörnchen begnügt, wenn sich so viel besseres +Wildbret in erreichbarer Nähe befindet.« Hier hielt er inne und wartete auf +eine Erwiderung, aber als der Marder ihn, ohne ein Wort zu sagen, ganz +unverschämt angrinste, fuhr er fort: »Wäre es möglich, daß du die Wildgänse +dort unten an der Felswand nicht gesehen hättest? Oder bist du kein so +guter Kletterer, daß du nicht zu ihnen hinunter gelangen könntest?« + +Diesmal brauchte Smirre nicht auf Antwort zu warten. Der Marder stürzte mit +gekrümmtem Rücken und gesträubtem Fell auf ihn zu. »Hast du Wildgänse +gesehen?« zischte er ihn an. »Wo sind sie? Sag es schnell, sonst beiße ich +dir die Gurgel entzwei.« + +»Nun, nun, vergiß nicht, daß ich doppelt so groß bin als du, und sei ein +bißchen höflich. Ich wünsche gar nichts weiter, als dir die Wildgänse zu +zeigen.« + +Einen Augenblick später war der Marder auf dem Wege den Abhang hinunter, +und während Smirre zusah, wie er seinen schlangendünnen Körper von Zweig zu +Zweig schwang, dachte er: »Dieser schöne Baumjäger hat das grausamste Herz +der ganzen Schöpfung. Ich glaube, die Wildgänse werden mir für ein blutiges +Erwachen zu danken haben.« + +Aber gerade, als Smirre den Todesschrei der Gänse zu hören erwartete, sah +er den Marder in den Fluß hinunterplumpsen, so daß das Wasser hoch +aufspritzte. Und gleich nachher erklang starkes Flügelschlagen, und alle +Gänse flogen in wilder Hast auf. + +Smirre wollte den Gänsen schnell nachjagen, aber er war so neugierig zu +erfahren, wie sie gerettet worden waren, daß er stehen blieb, bis der +Marder wieder heraufgeklettert kam. Der Ärmste war patschnaß und hielt ab +und zu an, um sich den Kopf mit den Vorderpfoten zu reiben. + +»Ich habe mir doch gedacht, daß du ein Tölpel wärst und in den Fluß fallen +würdest,« sagte Smirre verächtlich. + +»Ich habe mich nicht tölpelhaft angestellt, und du hast nicht nötig, mich +zu schelten,« erwiderte der Marder. »Ich saß schon auf einem der untersten +Zweige und überlegte, wie ich eine ganze Menge von ihnen töten könnte, als +ein kleiner Knirps, nicht größer als ein Eichhörnchen, aufsprang und mir +mit solcher Kraft einen Stein an den Kopf warf, daß ich ins Wasser +purzelte, und ehe ich wieder aus dem Wasser herauskrabbeln konnte -- --« + +Der Marder brauchte nicht weiter zu berichten. Er hatte keinen Zuhörer +mehr. Smirre war schon weit weg hinter den Gänsen her. + +Indessen war Akka südwärts geflogen, eine neue Schlafstelle zu suchen. Es +war noch ein wenig Tagesschein vorhanden, und der Halbmond stand hoch am +Himmel, so daß sie einigermaßen sehen konnte. Zum Glück kannte sie sich gut +in der Gegend aus, denn es war mehr als einmal vorgekommen, daß die Gänse, +wenn sie im Frühjahr über die Ostsee flogen, nach Blekinge verschlagen +worden waren. + +Sie flog also am Fluß hin, solange sie ihn durch die mondscheinbeglänzte +Landschaft wie eine schwarze, blinkende Schlange dahingleiten sah. Auf +diese Weise gelangten sie bis hinunter zum Tiefen Fall, wo der Fluß sich in +einer unterirdischen Rinne verbirgt und dann klar und durchsichtig, wie +wenn er von Glas wäre, sich in eine enge Schlucht hinabstürzt, auf deren +Boden er in glitzernde Tropfen und umherspritzenden Schaum zerschellt. +Unterhalb des Falles lagen einige Steine, zwischen denen das Wasser in +wilden Wirbeln aufschäumte, und hier ließ sich Akka nieder. Dies war wieder +ein guter Ruheplatz, besonders so spät am Abend, wo keine Menschen mehr +unterwegs waren. Bei Sonnenuntergang hätten die Gänse sich nicht gut hier +niederlassen können, denn der Tiefe Fall liegt in keiner öden Gegend. Auf +der einen Seite erhebt sich eine große Kartonnagefabrik, und auf der +andern, die steil und mit Bäumen bestanden ist, liegt der Park von +Tiefental, in dem beständig auf den schlüpfrigen und steilen Pfaden +Menschen umherstreifen, die sich an dem tobenden Brausen des wilden Stromes +erfreuen wollen. + +Es war hier gerade wie an dem ersten Platz; keine der Gänse schenkte der +Tatsache, daß sie an einen weltberühmten Platz gekommen waren, auch nur +einen Gedanken. Später dachten sie freilich, es sei unheimlich und +gefährlich, auf solchen glatten, nassen Steinen mitten in einem Stromwirbel +zu schlafen, der vielleicht aufwallen und sie mit fortreißen würde. Aber +sie mußten zufrieden sein, wenn sie nur vor Raubtieren sicher waren. + +Nach einer Weile kam Smirre am Flußufer dahergerannt. Er erblickte die +Gänse, die da draußen in den schäumenden Stromschnellen standen, und sah +sogleich, daß er auch hier nicht zu ihnen gelangen konnte. Er fühlte sich +sehr gedemütigt, ja, es war ihm, als stehe sein ganzes Ansehen als Jäger +auf dem Spiel. + +Während er darüber nachdachte, sah er einen Fischotter mit einem Fisch im +Maul aus dem Wirbel heraussteigen. Smirre ging auf ihn zu, blieb aber mit +zwei Schritt Entfernung vor ihm stehen, um zu zeigen, daß er ihm seine +Jagdbeute nicht nehmen wolle. »Du bist ein merkwürdiger Kerl, daß du dich +mit Fischen begnügst, wenn doch die Steine dort draußen voller Gänse +stehen,« sagte Smirre. Er war so erregt, daß er sich nicht Zeit nahm, seine +Worte so wohl zu setzen, wie es sonst seine Gewohnheit war. + +Der Fischotter wendete nicht einmal den Kopf nach dem Strom. »Dies ist +nicht das erstemal, daß wir uns begegnen, Smirre,« sagte er. Er war ein +Landstreicher, wie alle Fischotter, und hatte oft am Vombsee gefischt, wo +er auch mit Smirre zusammengetroffen war. »Ich weiß wohl, wie du es +anfängst, dir eine Lachsforelle zu ergattern.« + +»Ach, bist du es, Greifan?« sagte Smirre erfreut, weil er wußte, daß dieser +Fischotter ein kühner und gewandter Schwimmer war. »Da wundert es mich +nicht, daß du die Wildgänse gar nicht ansehen magst, denn du bist ja nicht +imstande, zu ihnen hinzukommen.« + +Aber der Otter, der Schwimmhäute zwischen den Zehen, einen steifen +Schwanz, der so gut wie ein Ruder ist, und einen Pelz hat, durch den das +Wasser nicht dringen kann, wollte sich nicht nachsagen lassen, daß es einen +Wasserwirbel gebe, den er nicht bewältigen könne. Er wendete sich dem +Strome zu, und sobald er die Wildgänse erblickte, stürzte er sich über das +steile Ufer in den Fluß hinein. + +Wäre der Frühling etwas weiter vorgeschritten und die Nachtigallen schon im +Park von Tiefental eingetroffen gewesen, dann hätten diese sicher in vielen +Nächten Greifans Kampf mit den Wasserwirbeln besungen. + +Denn der Otter wurde oft von den Wogen zurückgeworfen und in die Tiefe +hinuntergerissen, aber er arbeitete sich immer wieder herauf und weiter +nach den großen Steinen hin. Er schwamm in das stille Wasser hinter die +Steine und kam so allmählich den Gänsen immer näher. Es war ein +gefährliches Werk, das wohl wert gewesen wäre, von den Nachtigallen +besungen zu werden. + +Smirre folgte dem Otter mit den Blicken, so gut er konnte. Er sah, daß +dieser beständig näher an die Gänse herankam, und glaubte überdies zu +sehen, daß er schon im Begriff war, zu ihnen hinaufzuklettern. Aber jetzt +schrie der Otter plötzlich wild und gellend auf. Smirre sah, wie er +rückwärts ins Wasser fiel und mitgerissen wurde wie ein blindes junges +Kätzchen. Gleich darauf schlugen die Gänse hart mit den Flügeln; sie +erhoben sich alle und flogen davon, sich wieder einen andern Ruheplatz zu +suchen. + +Bald nachher kletterte der Otter ans Ufer. Er sagte kein Wort, sondern +begann nur, seine eine Vorderpfote zu lecken. Aber als Smirre ihn +verspottete, weil es ihm mißglückt sei, brach er los. + +»An meiner Schwimmkunst fehlte es nicht, Smirre. Ich war bis zu den Gänsen +gekommen und wollte eben zu ihnen hinaufklettern, als ein kleiner Knirps +auf mich lossprang und mich mit einem scharfen Eisen in den Fuß stach. Das +tat mir so weh, daß ich das Gleichgewicht verlor, und dann ergriff mich der +Wirbel.« + +Er brauchte nicht weiter zu erzählen. Smirre war schon weg und auf dem Weg +zu den Gänsen. + +Noch einmal mußte Akka mit den Gänsen nächtlicherweile die Flucht +ergreifen. Zum Glück war der Mond noch am Himmel, und bei dessen Schein +gelang es ihr, eine von den andern Schlafstellen zu finden, die sie in +dieser Gegend kannte. Sie flog wieder südwärts, den glänzenden Fluß +entlang. Über dem Herrenhof von Tiefental und über Ronnebys dunklem Dach +und weißem Wasserfall flog sie hin, ohne sich niederzulassen. Aber eine +Strecke südlicher von der Stadt, nicht weit vom Meere, liegt die Ronnebyer +Heilquelle mit ihrem Bade- und Quellenhaus, mit großen Gasthöfen und +Sommerwohnungen für die Badegäste. Alles dies steht den ganzen Winter +hindurch öde und leer, was alle Vögel zur Genüge wissen, und viele +Vogelscharen suchen bei harten, stürmischen Zeiten auf den Altanen und +Veranden der großen Gebäude Schutz. + +Hier ließen sich die Wildgänse auf einem Balkon nieder, und ihrer +Gewohnheit gemäß schliefen sie sogleich ein. Der Junge dagegen konnte +nicht schlafen, weil er jetzt bei Nacht nicht mehr ohne weitres unter den +Flügel des Gänserichs zu kriechen wagte. Wenn er da zwischen Federn und +Flaum gebettet lag, konnte er gar nichts sehen und nur schlecht hören. Dann +konnte er nicht über die Sicherheit des weißen Gänserichs wachen, und das +war ja das einzige, was ihm wichtig war. Und wie gut war es gewesen, daß er +in dieser Nacht nicht geschlafen hatte, sonst hätte er nicht den Marder und +den Otter verjagen können. Nein, es mochte mit dem Schlaf gehen wie es +wollte, er durfte jetzt nicht mehr an sich selbst, er mußte in erster Linie +an den Gänserich denken. + +Der Junge saß auf einem Balkon, der nach Süden ging, so daß er die Aussicht +auf das Meer hatte. Und da er nun doch nicht schlafen konnte und das Meer +mit seinen Landzungen und Buchten vor sich hatte, mußte er unwillkürlich +denken, wie schön das sei, wenn Meer und Land so zusammenstießen wie hier +in Blekinge. + +Nach all dem, was er gesehen hatte, konnten Meer und Land auf die +verschiedenste Weise zusammentreffen. An vielen Orten kam das Land zum Meer +hinunter mit flachen hügeligen Wiesen, und das Meer kam ihm mit Flugsand +entgegen, den es in Haufen und Wällen niederlegte. Es war, als könnten sich +die beiden so wenig leiden, daß sie einander nur das Schlechteste, was sie +besaßen, zeigen wollten; aber es kam auch vor, daß das Land, wenn das Meer +zu ihm hinkam, eine Gebirgsmauer vor sich aufrichtete, als sei das Meer +etwas Gefährliches, und wenn das Land dies tat, fuhr das Meer mit wilder +Brandung darauf los, peitschte und schnaubte und schlug gegen die Klippen +und sah aus, als wolle es das Hügelland zerreißen. + +Hier in Blekinge aber ging es anders zu, wenn Meer und Land zusammenkamen. +Hier zersplitterte das Land sich in Landzungen und Inseln und Holme, und +das Meer verteilte sich in Fjorde und Buchten und Sunde, und daher kam es +vielleicht, daß es aussah, als wollten die beiden einträchtig und friedlich +zusammenkommen. + +Jetzt dachte der Junge vor allem an das Meer. Es lag so einsam und +verlassen und unendlich da und wälzte nur immerfort seine grauen Wogen. +Wenn es sich dem Land näherte und auf das erste Eiland traf, überflutete es +dieses, riß alles Grüne ab und machte es ebenso kahl und grau wie es selbst +ist. Dann traf es wohl nochmals auf ein Eiland, und mit diesem ging es +ebenso. Und abermals traf es auf ein Eiland, ja, und da ging es genau wie +bei den vorigen. Auch dieses wurde entkleidet und geplündert, als ob es in +Räuberhände gefallen wäre. Aber dann wurden die Schären immer dichter, und +das Meer sah wohl ein, daß das Land ihm seine kleinen Kinder +entgegenschickte, es zur Milde zu bewegen. Es wurde auch immer +freundlicher, je weiter es hereinkam, es rollte seine Wogen weniger hoch, +dämpfte seine Stürme, ließ das Grüne in den Spalten und Rinnen stehen und +verteilte sich in kleine Sunde und Buchten, und am Land drinnen war es +schließlich so ungefährlich, daß sich kleine Boote auf die sanfte Flut +hinauswagten. Es kannte sich gewiß selbst nicht mehr, so hold und +freundlich war es geworden. + +Alsdann dachte der Junge an das Festland. Ernst lag es da und war fast +überall gleich. Es bestand aus flachen Ackerfeldern, zwischen denen hier +und da ein von Birken eingefriedigter Weideplatz lag, oder auch aus +langgestreckten, bewaldeten Bergrücken; es lag da, als dächte es nur an +Hafer und Rüben und Kartoffeln, an Tannen und Fichten. Dann kam eine +Meeresbucht, die tief ins Land einschnitt. Daraus machte sich das Land aber +nichts, sondern umrandete sie mit Birken und Erlen, ganz als sei sie ein +freundlicher Süßwassersee. Dann schob sich noch eine Bucht hinein. Aber +auch daraus machte sich das Land nichts, sie bekam dieselbe Bekleidung wie +die vorige. Doch die Meerbusen begannen sich auszuweiten und sich zu +teilen; sie zersplitterten die Felder und Wälder, und da konnte das Land +nicht mehr anders, es mußte Notiz davon nehmen. + +»Ich glaube wahrhaftig, das Meer selbst kommt daher,« sagte das Land und +fing schnell an, sich zu schmücken. Es bekränzte sich mit Blumen, nahm +Wellenform an und schob sogar kleine Inseln ins Meer hinein. Es wollte +nichts mehr von Fichten und Kiefern wissen, sondern warf sie ab wie alte +Werktagskleider und machte Staat mit großen Eichbäumen, Linden, Kastanien +und mit blühenden Auen, und wurde so schön wie der Park eines Herrenhofs. +Und als es mit dem Meer zusammentraf, war es so verändert, daß es sich +selbst nicht mehr kannte. + +So weit war der Junge in seinen Gedanken gekommen, als ihn plötzlich ein +langes, unheimliches Heulen, das vom Badehauspark herklang, aufschreckte. +Und als er sich aufrichtete, sah er auf dem Rasen unter dem Balkon einen +Fuchs im weißen Mondschein stehen. Denn Smirre war den Gänsen noch einmal +nachgegangen. Aber als er den Platz, wo sie sich niedergelassen hatten, +fand, sah er ein, daß er jetzt auf keine Weise zu ihnen gelangen konnte, +und da hatte er vor lauter Wut laut hinausgeheult. + +Als der Fuchs so heulte, erwachte die alte Akka, und obgleich sie fast +nichts sehen konnte, glaubte sie doch die Stimme zu erkennen. »Bist du es, +Smirre, der heute Nacht unterwegs ist?« fragte sie. + +»Ja,« antwortete Smirre, »ich bins, und ich will jetzt fragen, wie euch +Gänsen die Nacht gefällt, die ich euch bereitet habe?« + +»Willst du damit sagen, daß du es gewesen bist, der den Marder und den +Otter auf uns gehetzt hat?« fragte Akka. + +»Eine gute Tat soll man nicht leugnen,« sagte Smirre. »Ihr habt einmal das +Gänsespiel mit mir getrieben, jetzt hab ich angefangen, das Fuchsspiel mit +euch zu treiben; ich hab auch nicht im Sinn, es zu beendigen, solange noch +eine von euch am Leben ist, und wenn ich euch durchs ganze Land verfolgen +müßte.« + +»Du solltest dir aber doch überlegen, ob das recht von dir ist, Smirre, +wenn du, der mit Zähnen und Krallen bewaffnet ist, uns, die +verteidigungslosen, auf diese Weise verfolgst,« sagte Akka. + +Smirre glaubte jetzt, Akka habe Angst, und deshalb sagte er schnell: »Wenn +du, Akka, mir den kleinen Däumling, der mir so in die Quere gekommen ist, +herunterwirfst, dann will ich Frieden mit euch schließen und werde weder +dir noch einer von den deinen je wieder etwas Böses tun.« + +»Den Däumling kann ich dir nicht geben,« sagte Akka. »Von der jüngsten bis +zur ältesten ist keine unter uns, die nicht gern das Leben für ihn lassen +würde.« + +»Wenn ihr ihn so lieb habt,« erwiderte Smirre, »dann soll er der erste +sein, an dem ich meine Rache kühlen werde, das verspreche ich euch!« + +Akka gab keine Antwort mehr, und nachdem Smirre noch ein paarmal aufgeheult +hatte, wurde alles still. Der Junge war noch immer wach und schaute durch +das Balkongeländer auf die Schären hinaus. Vorhin hatte er so angenehme und +frohe Gedanken gehabt. Wie Tanz und Spiel waren sie ihm durchs Gehirn +gezogen, und er wünschte, daß sie wiederkämen. Aber er konnte die +Landschaft nicht mehr mit denselben Blicken betrachten wie vorher, und die +schönen Gedanken wollten nicht wiederkehren. Da erkannte er, daß die +schönen Gedanken scheu und empfindlich sind, und daß Haß und Unfriede sie +immer verjagen. + +[Illustration] + + + + +9 + +Karlskrona + + + Samstag, 2. April + +Es war Abend in Karlskrona und heller Mondschein. Jetzt herrschte warmes, +schönes Wetter, am Tage aber hatte es gestürmt und geregnet, und die +Menschen meinten sicher, es regne und stürme noch immer, denn kaum einer +von ihnen wagte sich auf die Straße hinaus. + +Während die Stadt so verlassen dalag, kam die Wildgans Akka mit ihrer Schar +über Vämmön und Pantarholm auf Karlskrona zugeflogen. Sie waren spät abends +noch unterwegs, sich einen sichern Schlafplatz draußen auf den Schären zu +suchen. Auf dem Lande konnten sie nicht bleiben, weil der Fuchs Smirre sie +immer wieder aufstöberte, wo sie sich auch niederlassen mochten. + +Als nun der Junge hoch oben durch die Luft ritt und auf das Meer mit seinen +Schären hinuntersah, kam ihm alles merkwürdig unheimlich und gespensterhaft +vor. Der Himmel war nicht mehr blau, sondern wölbte sich über ihm wie eine +Kuppel aus grünem Glas. Das Meer war milchweiß, und so weit das Auge +reichte, rollte es in kleinen, weißen Wogen mit silberschimmernden +Schaumkronen daher. Mitten in all diesem Weiß ragten die vielgestalteten +Inseln kohlschwarz heraus. Ob sie groß oder klein waren, ob eben wie Wiesen +oder mit wilden Felsstücken bedeckt, alle sahen gleich schwarz aus. Ja, +sogar auch die Wohnhäuser und Kirchen und Windmühlen, die gewöhnlich weiß +oder rot sind, zeichneten sich schwarz von dem grünen Himmel ab. Der Junge +hatte beinahe das Gefühl, als sei die Erde unter ihm vertauscht worden, so +daß er in eine ganz andre Welt gekommen sei. + +Er dachte eben, in dieser Nacht wolle er recht tapfer sein und sich nicht +fürchten, als er etwas erblickte, was ihm einen großen Schrecken einjagte. +Das war eine bergige Insel, die mit großen, scharfen Felsblöcken bedeckt +war, und zwischen diesen schwarzen Blöcken glänzten funkelnde Stellen von +schimmerndem Golde. Er mußte unwillkürlich an den Maglestein von dem +Zauberer Ljungby denken, den der Zauberer zuweilen auf hohe goldne Säulen +stellt, und er hätte gerne gewußt, ob dies etwas Ähnliches sei. + +Aber die Steine da mit dem Gold wären schließlich noch angegangen, wenn es +nicht rings um die Insel von lauter großen Meeresungetümen gewimmelt hätte. +Sie sahen wie Wal- und Haifische und andre große Meeresungeheuer aus, aber +der Junge war dafür, daß es Meergeister seien, die sich hier versammelt +hatten und hinaufklettern wollten, um mit den dort wohnenden Landgeistern +zu kämpfen. Und die auf dem Lande fürchteten sich sicher, denn der Junge +sah einen großen Riesen ganz oben auf dem Gipfel der Insel stehen, der die +Arme in die Höhe reckte wie in Verzweiflung über all das Unglück, das ihm +und seiner Insel widerfahren sollte. + +Der Junge erschrak nicht wenig, als er merkte, daß Akka sich gerade auf +diese Insel niedersinken ließ. »Ach nein, ach nein!« rief er. »Wir werden +uns doch da nicht niederlassen sollen?« + +Aber die Gänse sanken immer tiefer, und jetzt war der Junge aufs höchste +überrascht, daß er so verkehrt hatte sehen können. Die großen Steinblöcke +waren nichts andres als Häuser. Die ganze Insel war eine Stadt; die +glänzenden, goldnen Punkte waren Laternen und erleuchtete Fensterreihen. +Der Riese, der ganz oben auf der Insel stand, war eine Kirche mit zwei +Türmen, und alle die Meeresungeheuer und Zauberer, die er zu sehen geglaubt +hatte waren Boote und große Schiffe, die rings um die Insel herum verankert +waren. Auf dieser dem Lande zugelegnen Seite der Insel lagen gepanzerte +Kriegsschiffe, einige mit ungeheuer dicken, nach rückwärts geneigten +Schornsteinen, dann wieder länger und schmäler gebaute, die sicherlich wie +Fische durchs Wasser gleiten konnten. + +Welche Stadt konnte nun das wohl sein? Ja, das konnte der Junge schon +herausbringen, weil er die vielen Kriegsschiffe da unten sah. Sein ganzes +Leben lang hatte er Angst vor Schiffen gehabt, obgleich er nie mit andern +etwas zu tun gehabt hatte als mit den kleinen Segelbooten, die er auf dem +Dorfteich hatte schwimmen lassen. Er wußte wohl, daß diese Stadt, die mit +so vielen Kriegsschiffen dort lag, nur Karlskrona sein konnte. + +Der Großvater des Jungen war früher Matrose auf einem Kriegsschiff gewesen, +und so lange er lebte, hatte er jeden Tag von Karlskrona erzählt, von der +großen Werft und allem andern, was es da gab. Hier fühlte sich der Junge +ganz wie zu Hause, und er freute sich, daß er jetzt das alles sehen durfte, +von dem er so viel hatte erzählen hören. + +Nur im Fluge sah er den Turm und die Festungswerke, die den Hafeneingang +abschließen, sowie die vielen Gebäude draußen auf der Werft, denn jetzt +ließ sich Akka auf einem von den flachgedeckten Kirchtürmen nieder. + +Das war allerdings ein sichrer Platz für solche, die einem Fuchse +entwischen wollten, und der Junge fragte sich, ob er es nicht wagen +könnte, in dieser Nacht wieder unter die Flügel des Gänserichs zu kriechen. +Ja, das konnte er bestimmt, und es würde ihm sicher gut tun, wenn er wieder +einmal ein bißchen schlafen dürfte. Am nächsten Morgen wollte er dann +versuchen, etwas mehr von der Werft und den Schiffen zu sehen. + + * * * * * + +Dem Jungen kam es selbst sonderbar vor, daß er sich nicht ruhig verhalten +und still warten konnte, bis er etwas von den Schiffen zu sehen bekäme. Er +hatte sicher noch keine fünf Minuten geschlafen, als er unter dem Flügel +hervorglitt und am Blitzableiter und an den Dachrinnen auf den Boden +hinunterkletterte. + +Bald stand er auf einem großen Marktplatz, der sich vor der Kirche +ausbreitete; er war mit rundlichen, oben zugespitzten Steinen gepflastert, +und das Gehen darauf war ebenso beschwerlich für ihn, wie für große Leute +das Gehen auf einer Wiese voll Erdschollen. Leute, die in einer unbebauten +Gegend und weit draußen auf dem Lande wohnen, fühlen sich immer ängstlich, +wenn sie in eine Stadt kommen, wo die Häuser steif und aufrecht dastehen +und die Straßen und Plätze offen daliegen, so daß sie jeder, der +vorübergeht, betrachten kann. Und wenn große Leute so denken, kann man sich +leicht vorstellen, wieviel mehr es dem Däumling so gehen mußte. Als er auf +dem Markt von Karlskrona stand und die Deutsche Kirche und das Rathaus und +den Dom, von dem er gerade heruntergekommen war, sah, wünschte er sich +unwillkürlich zu den Gänsen droben auf dem Kirchturm zurück. Zum Glück war +der Marktplatz ganz leer. Kein Mensch war zu sehen, wenn man nicht etwa ein +Standbild, das auf einem hohen Sockel stand, für einen solchen rechnen +wollte. Der Junge betrachtete das Standbild lange und hätte gerne gewußt, +wer dieser große Mann in Dreispitz, langem Rock, Kniehosen und groben +Schuhen sei. Er hielt einen langen Stock in der Hand und sah aus, als mache +er auch Gebrauch davon, denn er hatte ein furchtbar strenges Gesicht mit +einer großen Habichtsnase und einem häßlichen Mund. + +»Was hat denn dieser Lippenfritze hier zu tun?« sagte der Junge +schließlich. + +Noch nie hatte er sich so klein und ärmlich gefühlt wie an diesem Abend. Er +versuchte sich aufzuraffen, indem er etwas Keckes sagte. Dann dachte er +nicht mehr an das Standbild, sondern bog in eine breite Straße ein, die zum +Meer hinunterführte. Aber er war noch nicht lange gegangen, als er hörte, +daß jemand hinter ihm herkam. Vom Markt her kam jemand, der mit schweren +Füßen auf das Pflaster stampfte und seinen Stock auf den Boden aufstieß. Es +klang fast, als hätte der große Mann aus Bronze, der drüben auf dem Markte +stand, sich auf den Weg gemacht. + +Der Junge horchte auf die Schritte, während er die Straße hinunterlief, und +immer deutlicher erkannte er, daß es der Mann aus Bronze sein mußte. Die +Erde bebte und die Häuser zitterten, sicherlich konnte niemand anders so +gehen; und der Junge erschrak, als ihm einfiel, was er vorhin über ihn +gesagt hatte. Er wagte nicht einmal den Kopf zu drehen, um nachzusehen, ob +er es wirklich sei. + +»Er geht vielleicht nur zu seinem eignen Vergnügen spazieren,« dachte der +Junge weiter. »Wegen der paar Worte, die ich über ihn gesagt habe, kann er +doch unmöglich böse auf mich sein. Es war ja gar nicht schlimm gemeint.« + +Anstatt nun geradeaus zu gehen, um womöglich an die Werft zu gelangen, bog +der Junge in eine nach Osten führende Straße ein. Er wollte dem, der hinter +ihm herkam, um jeden Preis ausweichen. + +Aber gleich darauf hörte er den Bronzenen auch in diese Straße einbiegen. +Da erschrak der Junge so sehr, daß er einfach nicht wußte, was er tun +sollte. Und wie schwer ist es, einen Schlupfwinkel zu finden in einer +Stadt, wo alle Türen fest verschlossen sind! Da sah er zu seiner Rechten +eine alte aus Holz gebaute Kirche, die etwas abseits von der Straße in +einer großen Anlage stand. Er bedachte sich nicht einen Augenblick, sondern +stürzte auf die Kirche zu. »Wenn ich nur hineinkomme, werde ich wohl vor +allem Übel beschützt sein!« meinte er. + +Während er dahinstürmte, sah er plötzlich einen Mann auf einem Sandweg +stehen, der ihm winkte. »Das ist gewiß jemand, der mir helfen will,« dachte +der Junge; es wurde ihm ganz leicht ums Herz, und er eilte auf den Mann zu. +Er hatte wirklich Herzklopfen vor lauter Angst. + +Aber als er bei dem Mann angekommen war, der am Rande des Weges auf einem +kleinen Schemel stand, stutzte er sehr. »Der kann mir doch nicht gewinkt +haben,« dachte er; denn jetzt sah er, daß der ganze Mann aus Holz war. + +Er blieb vor dem Mann stehen und betrachtete ihn. Es war ein +grobgeschnittener Kerl mit kurzen Beinen, breitem rotem Gesicht, glänzendem +schwarzem Haar und einem schwarzen Vollbart. Er hatte einen schwarzen +hölzernen Hut auf dem Kopf, auf dem Leib einen braunen hölzernen Rock, um +die Mitte eine schwarze hölzerne Schärpe, an den Beinen weite, graue +hölzerne Hosen und Strümpfe und an den Füßen schwarze Holzschuhe. Er war +überdies frisch gestrichen und gefirnist, so daß er im Mondschein glänzte +und gleiste; und der Frühling tat auch noch das Seinige dazu und gab ihm +ein so gutmütiges Aussehen, daß der Junge sogleich Vertrauen zu ihm faßte. + +Neben dem Mann auf dem Wege stand eine Holztafel, und auf dieser las der +Junge: + + »Ich bitt euch ganz demütiglich, + Kann sprechen zwar nicht gut, + Kommt, gebt ein Scherflein her für mich + Und legts in meinen Hut!« + +Ach freilich, der Mann war eine Armenbüchse! Der Junge war ganz verdutzt. +Er hatte geglaubt, etwas ganz besonders Merkwürdiges vor sich zu haben. Und +jetzt erinnerte er sich auch, daß der Großvater von diesem hölzernen Manne +gesprochen und gesagt hatte, alle Kinder von Karlskrona hätten ihn sehr +gern. Und das mußte wohl wahr sein, denn auch dem Jungen fiel es schwer, +sich von dem hölzernen Mann zu trennen. Er hatte etwas so Altmodisches, man +konnte ihn für viele hundert Jahre alt halten, und zugleich sah er doch +stark und stolz und lebenslustig aus, gerade wie die Leute in alten Zeiten +gewesen sein mußten. + +Es machte dem Jungen so viel Vergnügen, den hölzernen Mann anzusehen, daß +er den andern, vor dem er geflohen war, ganz vergaß. Aber jetzt hörte er +ihn wieder. O weh! auch er verließ die Straße und kam in den Kirchhof +herein. Er ging ihm auch hierher nach! Wohin sollte der Junge nun flüchten? + +Gerade in diesem Augenblick sah er, daß der Hölzerne sich verbeugte und +seine breite hölzerne Hand ausstreckte. Man konnte ihm unmöglich etwas +andres als Gutes zutrauen, und mit einem Satz stand ihm der Junge auf der +Hand. Und der Hölzerne hob ihn zu seinem Hut empor und steckte ihn +darunter. + +Kaum war der Junge versteckt, kaum hatte der Hölzerne den Arm wieder an +seinen richtigen Platz getan, als der Bronzene auch schon vor ihm stand und +mit seinem Stock so gewaltig auf den Boden stieß, daß der Hölzerne auf +seinem Schemel erzitterte. Hierauf sagte der Bronzene mit lauter metallener +Stimme: »Wer ist Er?« + +Der Arm des Hölzernen fuhr hinauf, daß es in dem alten Holzwerk knackte, er +legte die Hand an den Hutrand und antwortete: »Rosenbom, mit Verlaub, Eure +Majestät, früher Oberbootsmann auf dem Linienschiff Dristigheten, nach +beendigtem Kriegsdienst Kirchenwächter bei der Admiralskirche, schließlich +in Holz geschnitten und als Armenbüchse auf dem Kirchhof aufgestellt.« + +Däumling fuhr zusammen, als er den Hölzernen »Eure Majestät« sagen hörte. +Denn wenn er jetzt darüber nachdachte, so fiel ihm allerdings ein, daß das +Standbild auf dem Markt den vorstellen mußte, der die Stadt gegründet +hatte. Es war also niemand Geringeres als Karl XI. selbst, mit dem er +zusammengetroffen war. + +»Er versteht es, Auskunft über sich zu geben. Kann Er mir nun auch sagen, +ob Er nicht einen kleinen Jungen gesehen hat, der heute Nacht in der Stadt +herumstrolcht? Es ist eine naseweise Kanaille, und wenn ich ihn fasse, +werde ich ihn Mores lehren.« Damit stieß er seinen Stock noch einmal auf +den Boden und sah schrecklich grimmig drein. + +»Mit Verlaub, Eure Majestät, ich hab ihn gesehen,« sagte der Hölzerne; und +der Junge, der unter dem Hut zusammengekauert saß und durch eine Ritze im +Holz den Bronzenen sehen konnte, begann vor Angst heftig zu zittern. Aber +er beruhigte sich wieder, als der Hölzerne fortfuhr: »Eure Majestät ist auf +falscher Fährte. Der Junge wollte gewiß auf die Werft, um sich dort zu +verstecken.« + +»Meint Er das, Rosenbom? Nun, dann bleib Er nicht länger auf seinem Schemel +stehen, sondern komm Er mit mir und helf Er mir, den kleinen Kerl zu +suchen. Vier Augen sehen besser als zwei, Rosenbom.« + +Aber der Hölzerne antwortete mit jammervoller Stimme: »Ich möchte +untertänigst bitten, dableiben zu dürfen, wo ich bin. Ich sehe gesund und +glänzend aus, weil man mich eben frisch angestrichen hat, aber innerlich +bin ich alt und gichtbrüchig und kann keine Motion vertragen.« + +Der Bronzene gehörte sicherlich zu denen, die keinen Widerspruch vertragen +können. »Was sind das für Flausen! Komm Er nur, Rosenbom!« Und er streckte +seinen langen Stock aus und versetzte dem andern einen dröhnenden Schlag +auf die Schulter. »Da sieht Er, daß Er hält, Rosenbom.« + +Die beiden machten sich also auf den Weg und wanderten stattlich und +gewaltig durch die Straßen von Karlskrona, bis sie an ein großes Tor kamen, +das zur Werft führte. Davor stand ein Marinesoldat Schildwache; aber der +Bronzene ging wie selbstverständlich an ihm vorbei und stieß die Tür auf, +ohne daß es der Matrose zu bemerken schien. + +Sobald sie durch das Tor hindurchgeschritten waren, sahen sie einen weiten, +durch hölzerne Brücken abgeteilten Hafen vor sich. In den verschiedenen +Hafenbecken lagen Kriegsschiffe; diese erschienen in der Nähe noch größer +und schreckenerregender als vorher, wo der Junge sie von oben herab gesehen +hatte. »Es war doch nicht so ganz verkehrt, wenn ich sie für +Meeresungeheuer hielt,« dachte er. + +»Wo meint Er, daß wir zuerst suchen sollen, Rosenbom?« fragte der Bronzene. + +»So einer könnte sich am allerleichtesten im Modellsaal verstecken,« +antwortete der Hölzerne. + +Auf einem schmalen Streifen Land, der rechts dem ganzen Hafen entlang lief, +lagen altertümliche Gebäude. Der Bronzene ging auf ein Haus mit niedrigen +Mauern, viereckigen Fenstern und einem ansehnlichen Dach zu. Er stieß mit +seinem Stock gegen die Tür, daß sie aufsprang, und stapfte eine Treppe mit +ausgetretenen Stufen hinauf. Sie kamen in einen großen Saal, der mit einer +Menge bemasteter und aufgetakelter Schiffe angefüllt war. Ohne daß es ihm +jemand gesagt hätte, wußte der Junge, daß er hier die Modelle zu den +Schiffen sah, die für die schwedische Flotte gebaut worden waren. + +Es gab viele verschiedene Arten von Schiffen. Alte Linienschiffe, deren +Seiten mit Kanonen gespickt waren, die vorne und hinten mächtige Aufbauten +hatten und deren Masten einen großen Wirrwarr von Segel und Tauen zeigten. +Ferner kleine Küstenschiffe mit Ruderbänken an den Seiten, unbedeckte +Kanonenschaluppen und reich vergoldete Fregatten; das waren die Modelle von +den Schiffen, deren sich die Könige auf ihren Reisen bedient hatten. Und +endlich waren da auch die schweren, breiten Panzerschiffe mit Türmen und +Kanonen auf dem Verdeck, die heutigentags gebraucht werden, sowie schlanke, +schwarzglänzende Torpedoboote, die wie lange schmale Fische aussahen. + +Während der Junge zwischen all diesem herumgetragen wurde, wurde er ganz +verdutzt. »Nein, daß so große und stolze Schiffe hier in Schweden gebaut +worden sind!« dachte er. + +Er hatte gut Zeit, sich umzusehen, denn als der Bronzene die Modelle sah, +vergaß er alles andre. Er betrachtete sie der Reihe nach, vom ersten bis +zum letzten, und ließ sie sich erklären. Und Rosenbom, der Oberbootsmann +von Dristigheten, erzählte alles, was er wußte, wer die Baumeister gewesen +waren, wer sie geführt hatte, und welches Schicksal sie gehabt hatten. Von +Chapmann und Puke und Trolle, von Hogland und Svensksund erzählte er, bis +zum Jahre 1809, denn von da an war er nicht mehr dabei gewesen. + +Ihm und dem Bronzenen gefielen die alten Holzschiffe am besten. Auf die +neuen Panzerschiffe schienen sie sich nicht so recht zu verstehen. + +»Ich sehe, daß Er von den neuen da nichts weiß, Rosenbom,« sagte der +Bronzene. »Wir wollen deshalb jetzt gehen und etwas andres ansehen, denn +das macht mir Spaß, Rosenbom.« + +Jetzt dachte er gewiß nicht mehr daran, den Jungen zu suchen, und dieser +fühlte sich unter dem hölzernen Hut ganz sicher und behaglich. + +Die beiden Männer gingen durch die großen Werkstätten, durch die +Segelnähereien und die Ankerschmieden, durch die Maschinen- und +Schreinerwerkstätten. Sie besahen die hohen Kranen und die Docks, die +großen Vorratshäuser, den Artilleriehof, das Zeughaus, die lange Seilerbahn +und das große verlassene Dock, das aus den Felsen herausgesprengt worden +war. Sie gingen auf die Bohlenbrücken hinaus, wo die Kriegsschiffe +verankert lagen, begaben sich an Bord der Schiffe und betrachteten sie wie +zwei alte Seebären, fragten und verwarfen und billigten und ärgerten sich. + +Der Junge saß sicher unter dem hölzernen Hut und hörte sie erzählen, wie +auf diesem Platz gearbeitet und gestritten worden war, um die hier +ausgerüsteten Schiffe fertigzustellen. Er hörte, wie man Leib und Leben +aufs Spiel gesetzt hatte, wie das letzte Scherflein für diese Schiffe +geopfert worden war, wie talentvolle Männer ihre ganze Kraft eingesetzt +hatten, diese Fahrzeuge, die das Vaterland verteidigten und beschützten, zu +verbessern und zu vervollkommnen. Dem Jungen traten ein paarmal +unwillkürlich die Tränen in die Augen, als er von diesem allem erzählen +hörte. Und er freute sich, daß er so genaue Auskunft darüber erhielt. + +Ganz zuletzt kamen sie auf einen offnen Hof, wo die Galionsfiguren von +alten Linienschiffen aufgestellt waren. Und etwas Merkwürdigeres hatte der +Junge noch nie gesehen, denn die Figuren, die da hingen, hatten unglaublich +große, schreckenerregende Gesichter. Groß, kühn und wild sahen sie aus, von +demselben stolzen Geist erfüllt, der einst die großen Schiffe ausgerüstet +hatte. Sie waren von einer andern Zeit und von andern Händen hervorgebracht +worden. Dem Jungen war es, als schrumpfe er vor ihnen ganz zusammen. + +Aber als sie hierhergelangt waren, sagte der bronzene Mann zu dem +hölzernen: »Nehm Er vor denen, die hier stehen, den Hut ab, Rosenbom! Sie +alle sind für das Vaterland im Kampf gewesen.« + +Aber ebenso wie der Bronzene hatte auch Rosenbom vergessen, warum sie die +Wanderung begonnen hatten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, lüpfte +er seinen Hut und rief: + +»Ich nehme meinen Hut ab vor dem, der den Hafen auserwählte, der den Grund +zur Werft legte und eine neue Flotte schuf, vor dem König, der dies alles +hier ins Leben gerufen hat!« + +»Danke, Rosenbom, das war gut gesagt. Er ist ein prächtiger Mann, Rosenbom. +Aber was hat Er denn da, Rosenbom?« + +Denn Nils Holgersson stand mitten auf Rosenboms kahlem Schädel. Aber er +hatte jetzt keine Angst mehr, sondern schwang seine weiße Mütze und rief: +»Ein Hurra für dich, Lippenfritze!« + +Er schrie so laut, daß er erwachte. Und da merkte er zu seiner großen +Verwunderung, daß er alles miteinander geträumt hatte, und daß er noch +immer bei den Gänsen auf dem Kirchendach war. + + + + +10 + +Die Reise nach Öland + + + Sonntag, 3. April + +Am nächsten Morgen flogen die Wildgänse auf eine Schäreninsel, um dort zu +weiden. Sie trafen da mit einigen Graugänsen zusammen, und diese +verwunderten sich sehr, als sie die Wildgänse erblickten, denn sie wußten +wohl, daß diese Verwandten von ihnen am liebsten über das Innere des Landes +ihren Flug nehmen. Sie waren sehr neugierig und ließen nicht nach mit +Fragen und Verwundern, bis die Wildgänse alles erzählten, was sie von dem +Fuchs Smirre auszustehen gehabt hatten. Als sie fertig waren, sagte eine +der Graugänse, die ebenso alt und ebenso klug wie Akka zu sein schien: »Es +ist ein großes Unglück für euch, daß der Fuchs in seiner eignen Heimat für +friedlos erklärt worden ist. Er wird jetzt sicher sein Wort halten und euch +bis Lappland verfolgen. Wenn ich an eurer Stelle wäre, würde ich nicht +nordwärts über Småland reisen, sondern den Umweg über Öland nehmen, damit +er eure Spur vollständig verliert. Wenn ihr ihm ganz entgehen wollt, müßt +ihr ein paar Tage auf der Südspitze der Insel verweilen. Es gibt dort +Nahrung in Hülle und Fülle und auch gute Gesellschaft. Ihr werdet es gewiß +nicht bereuen, wenn ihr hingeht.« + +Dies war wirklich ein guter Rat, und die Wildgänse beschlossen, ihn zu +befolgen. Sobald sie sich gut gesättigt hatten, traten sie die Reise nach +Öland an. Keine von ihnen war zwar jemals dagewesen, aber die Graugänse +erklärten ihnen den Weg. Sie sagten ihnen, sie sollten nur immer südwärts +fliegen, bis sie einen großen Vogelzug erreichten, der an der Küste von +Blekinge hinfliege. Alle Vögel, die an der Nordsee überwintert und ihren +Sommeraufenthalt in Rußland und Finnland hätten, nähmen diesen Weg, und +alle suchten Öland auf, um dort auszuruhen. Es werde den Wildgänsen gewiß +nicht schwer werden, die Wegrichtung zu erfahren. + +An diesem Tage war es ganz windstill und so warm wie an einem Sommertage, +also zu einer Seereise das beste Wetter, das es geben konnte. Das einzige +Bedenkliche war, daß die Luft nicht ganz klar, sondern der Himmel grau und +bedeckt war. Da und dort standen große Wolkenwände, die bis auf den +Meeresspiegel heruntergingen und die Aussicht verdeckten. Als die Reisenden +aus den Schären herauskamen, breitete sich das Meer so spiegelglatt vor +ihnen aus, daß der Junge, als er zufällig hinabsah, meinte, das Wasser sei +verschwunden. Es war kein Grund mehr unter ihm, ringsum waren nur Wolken +und Himmel. Er wurde ganz verwirrt und klammerte sich ängstlich an den +Gänserich an, wie damals, wo er zum erstenmal auf ihm saß. Er hatte das +Gefühl, als könne er sich unmöglich da oben halten, sondern müsse auf einer +Seite hinunterfallen. + +Es wurde auch immer schlimmer, als die Gänse den großen Vogelweg +erreichten, von dem die Graugans gesprochen hatte. Eine Schar Vögel um die +andre kam dahergeflogen, und alle hielten in derselben Richtung. Sie +folgten gleichsam einem vorgezeichneten Weg. Es waren Enten und Graugänse, +Mantelmöwen und Lummen, Seetaucher und Eisenten, Säger und Taucher, +Strandelstern und Seebirkhühner. Als sich der Junge jetzt vorbeugte und +dahin sah, wo das Meer sein sollte, erblickte er den ganzen Vogelzug im +Wasser widergespiegelt. Aber wie merkwürdig, er war so verwirrt, daß er gar +nicht wußte, was er sah, sondern meinte, alle diese Vögel flögen mit +abwärts gekehrtem Rücken daher. Er verwunderte sich auch nicht einmal +besonders darüber, denn er wußte selbst nicht mehr, was unten und was oben +war. Die Vögel waren ermattet und sehnten sich danach, die Insel möglichst +schnell zu erreichen. Keiner schrie oder sagte ein lustiges Wort, und +deshalb kam dem Jungen alles so sonderbar unwirklich vor. + +»Wie, wenn wir die Erde verlassen hätten?« fragte er sich. »Wie, wenn wir +geradeswegs in den Himmel hineinflögen?« + +Ringsumher sah er nichts als Wolken und Vögel, und allmählich kam es ihm +ganz wahrscheinlich vor, daß sie in den Himmel flögen. Da wurde er sehr +vergnügt und fragte sich, was er wohl da droben sehen würde. Auf einmal +fühlte er sich ganz frei von Schwindel, und der Gedanke, daß er in den +Himmel fliege und die Erde verlasse, machte ihn überglücklich. + +Aber da hörte er auf einmal einen lauten Schuß knallen und sah ein paar +kleine Rauchwölkchen aufsteigen. + +In demselben Augenblick entstand eine große Unruhe unter den Vögeln. +»Schützen! Schützen! Schützen in Booten!« riefen sie. »Fliegt hoch hinauf! +Fliegt außer Schußweite!« + +Da sah der Junge auf einmal, daß sie noch immer über dem Meere hinflogen +und durchaus nicht im Himmel waren. In einer langen Reihe lagen Boote unten +auf dem Wasser, und aus ihnen sandten die Jäger Schuß auf Schuß zu ihnen +herauf. Die vordersten Vogelscharen hatten die Jäger nicht beizeiten +bemerkt und waren zu niedrig geflogen. Mehrere dunkle Körper fielen aufs +Meer hinab, und bei jedem Körper, der hinabstürzte, stießen die +Überlebenden laute Jammerrufe aus. + +Für den, der sich eben noch im Himmel glaubte, war das Erwachen zu so viel +Schrecken und Jammer höchst merkwürdig. Akka flog, so schnell sie konnte, +hoch in die Luft hinauf, und dann zog die Schar mit der größten Eile +weiter. Die Wildgänse kamen auch wirklich unbeschädigt davon, aber der +Junge konnte sich von seiner Verwunderung gar nicht erholen. Wie war es nur +möglich, daß jemand auf solche Vögel schoß, wie Akka, Yksi und Kaksi und +den Gänserich und alle die andern! Die Menschen hatten doch wirklich gar +keinen Begriff von dem, was sie taten! + +Nun ging es weiter durch die ruhige Luft, und wieder war es still ringsum +wie vorher, nur einige ermattete Vögel riefen ab und zu: »Sind wir noch +nicht bald da? Seid ihr sicher, daß wir auf dem rechten Wege sind?« + +Und darauf antworteten die an der Spitze: »Wir fliegen gerade auf Öland zu! +Wir fliegen gerade auf Öland zu!« + +Die Wildenten waren müde, und die Seetaucher flogen an ihnen vorbei. »Habt +es doch nicht so eilig!« riefen ihnen die Enten zu. »Ihr fresset uns ja +alles weg!« + +»O es reicht gut für euch und uns!« erwiderten die Seetaucher. + +Doch ehe sie so weit gekommen waren, daß sie die Insel sehen konnten, wehte +ihnen ein leichter Wind entgegen, der etwas mit sich führte, das wie große +weiße Rauchwolken aussah, die wohl von irgend einer Feuersbrunst +aufstiegen. + +Als die Vögel die ersten Rauchwirbel daherwogen sahen, wurden sie ängstlich +und verstärkten ihre Eile. Aber das, was wie Rauch ausgesehen hatte, wallte +immer dichter heran, und schließlich hüllte es sie vollkommen ein. Kein +Geruch machte sich bemerkbar; der Rauch war auch nicht schwarz und trocken, +sondern ganz weiß und feucht, und der Junge erkannte bald, daß es nur Nebel +war. + +Als der Nebel so dicht wurde, daß man keine Spanne mehr vor sich sehen +konnte, begannen die Vögel, sich ganz wie verrückt zu gebärden. Alle, die +vorher in so guter Ordnung geflogen waren, fingen jetzt an, einander im +Nebel zu necken und zu uzen. Sie flogen kreuz und quer, um einander +irrezuführen. + +»Nehmt euch in acht!« riefen sie. »Ihr fliegt ja nur im Kreis herum! Auf +diese Weise kommt ihr nie nach Öland!« + +Alle wußten recht gut, wo die Insel lag, aber sie taten ihr möglichstes, +die andern zu verwirren. »Seht doch die Eisenten!« erscholl es aus dem +Nebel heraus. »Sie fliegen in die Nordsee zurück!« + +»Nehmt euch in acht, ihr Graugänse!« schrie einer von einer andern Seite +her. »Wenn ihr so weiter fliegt, kommt ihr nach Rügen hinunter!« + +Es war, wie gesagt, keine Gefahr vorhanden, daß die fremden Vögel sich nach +einer falschen Seite verlocken lassen würden. Wem es aber schwer gemacht +wurde, das waren die Wildgänse. Die Schelme merkten bald, daß diese ihres +Weges nicht so recht sicher waren, und taten alles, was sie konnten, sie +irrezuführen. + +»Wo wollt ihr hin, ihr guten Leute?« rief ein Schwan. Und mit recht +teilnehmendem, ernstem Ausdruck flog er gerade auf Akka zu. + +»Wir wollen nach Öland, aber wir sind noch nie dagewesen,« antwortete Akka. +Sie glaubte, dies sei ein Vogel, auf den man sich verlassen könne. + +»Das ist doch zu schlimm,« sagte der Schwan. »Man hat euch auf einen +falschen Weg gelockt. Ihr seid ja auf dem Wege nach Blekinge. Kommt nur mit +mir, ich will euch recht führen.« + +Darauf flog er mit ihnen davon, und nachdem er sie von der Vogelstraße so +weit weggelockt hatte, daß sie keinen Ruf mehr hörten, verschwand er im +Nebel. + +Nun flogen die Wildgänse eine Weile ganz aufs Geratewohl weiter. Aber kaum +hatten sie die andern Vögel wiedergefunden, als sich auch schon eine Ente +an sie heranmachte. »Das beste wäre, ihr legtet euch aufs Wasser, bis der +Nebel sich verzogen hat,« sagte die Ente. »Man merkt wohl, daß ihr nicht +sehr reisegewandt seid.« + +Beinahe wäre es den Schelmen gelungen, Akka verwirrt zu machen. Soweit der +Junge es verstehen konnte, flogen sie eine gute Weile im Kreis herum. + +»Nehmt euch in acht! Seht ihr nicht, daß ihr auf und ab fliegt?« rief ein +Seetaucher im Vorbeischießen. Unwillkürlich umklammerte der Junge den Hals +des Gänserichs, denn das hatte er auch schon lange gefürchtet. + +Wer weiß, wann sie hingekommen wären, wenn sich jetzt nicht in der Ferne +das dumpfe Rollen eines Kanonenschusses hätte hören lassen. + +Da streckte Akka den Hals vor, schlug hart mit den Flügeln und flog mit +voller Sicherheit weiter. Jetzt hatte sie etwas, wonach sie sich richten +konnte. Die Graugans hatte ihr ja noch besonders geraten, daß sie sich +nicht ganz außen auf der Südspitze niederlassen solle, weil dort eine +Kanone stünde, mit der die Menschen auf den Nebel schössen. Jetzt wußte sie +die Richtung, und jetzt konnte sie niemand mehr irremachen. + +[Illustration] + + + + +11 + +Die Südspitze von Öland + + + Sonntag, 3. bis Mittwoch, 6. April + +Auf dem südlichsten Teil von Öland liegt ein altes Krongut, das Ottenby +heißt. Es ist ein sehr großes Gut, das sich von einem Ufer zum andern quer +über die Insel erstreckt, und das Merkwürdige an ihm ist, daß es von jeher +ein Aufenthaltsort für große Tierscharen war. Im siebzehnten Jahrhundert, +wo die Könige nach Öland fuhren, dort der Jagd zu pflegen, war das +Besitztum ein einziger großer Wildpark. Im achtzehnten Jahrhundert war ein +Gestüt dort, wo edle Rassepferde gezüchtet wurden, und außerdem noch eine +Schäferei mit vielen hundert Schafen. In unsern Tagen gibt es da weder +Vollblutpferde noch Schafherden. Statt ihrer sind große Scharen junger +Pferde da, die für unsere Kavallerieregimenter bestimmt sind. + +In dem ganzen Lande gibt es gewiß keinen Hof, der einen bessern +Aufenthaltsort für Tiere aller Art böte. Die östliche Küste entlang liegt +die alte Schäferwiese, die, eine Viertelmeile lang, die größte Wiese +Schwedens ist, und dort können die Tiere ebenso frei weiden und spielen und +sich tummeln wie in der Wildnis. Und da ist auch der berühmte Hain von +Ottenby mit den hundertjährigen Eichen, die Schatten gegen die Sonne +spenden und Schutz vor dem strengen Ölandswind gewähren. Und dann darf man +die lange Mauer von Ottenby nicht vergessen; diese läuft quer über das +Eiland hin und schließt Ottenby von der übrigen Insel ab. Diese Mauer zeigt +den Tieren, bis wohin sich das alte Krongut erstreckt, und hält sie davon +ab, auf fremdes Gebiet zu gehen, wo sie nicht das Recht haben, sich +aufzuhalten. + +Aber daß es viele zahme Tiere auf Ottenby gibt, ist noch lange nicht alles; +man sollte beinahe glauben, die wilden Tiere hätten auch das Gefühl, daß +auf einem alten Krongut sowohl wilde als zahme auf Schutz und Schirm +rechnen dürfen, weil sie sich in so großen Scharen dahin wagen. Nicht +allein Hirsche von dem alten Stamme, sowie Hasen und Brandenten und +Rebhühner halten sich mit Vorliebe dort auf, sondern dieses Gut ist im +Frühling und Spätsommer auch der Ruheplatz für Tausende von Zugvögeln; und +auf dem sumpfigen östlichen Strand unterhalb der Schäferwiese lassen sie +sich in erster Linie nieder, um da zu weiden und auszuruhen. + +Als die Wildgänse und Nils Holgersson Öland schließlich erreicht hatten, +ließen sie sich wie alle andern auf dem Strande unterhalb der Schäferei +nieder. Der Nebel lag ebenso dicht über der Insel wie vorher über dem +Meere. Aber der Junge war doch erstaunt über die vielen Vögel, die er auf +dem kleinen Stückchen des Strandes, das er überschauen konnte, sah. + +Es war ein langer, sandiger Strand mit Steinen und Wasserpfützen und einer +großen Menge angeschwemmten Tangs. Wenn der Junge die Wahl gehabt hätte, +würde er wohl nie daran gedacht haben, sich da niederzulassen; aber die +Vögel hielten diesen Ort gewiß für ein wahres Paradies. Enten und Graugänse +weideten auf der Wiese, am Ufer hüpften Strandläufer und andre Strandvögel +umher. Die Seetaucher lagen im Wasser und fischten, aber am meisten Leben +und Bewegung war doch auf den langen Tangbänken vor dem Ufer draußen. Da +standen die Vögel nebeneinander und suchten Larven, von denen es eine +grenzenlose Menge geben mußte, denn man hörte niemals, daß sich irgend eine +Klage über Mangel an Futter erhoben hätte. + +Die meisten von den Vögeln wollten weiterreisen und hatten sich nur zum +Ausruhen hier niedergelassen. Sobald der Anführer einer Schar meinte, seine +Reisegenossen hätten sich jetzt genug gestärkt und gelabt, sagte er: »Seid +ihr jetzt fertig? Dann begeben wir uns wohl weiter?« + +»Nein, warte noch, warte noch! Wir sind noch lange nicht satt!« riefen die +Mitreisenden. + +»Ihr meint wohl, ihr dürftet euch so vollfressen, daß ihr euch nicht mehr +bewegen könnt?« erwiderte der Anführer. Dann schlug er mit den Flügeln und +flog davon. Aber mehr als einmal mußte er wieder umkehren, weil die andern +nicht zum Weiterfliegen zu bewegen waren. + +Unterhalb der äußersten Tangbank lag eine Schar Schwäne. Sie hatten keine +Lust, an Land zu gehen, sondern ruhten sich, auf dem Wasser liegend und +sich leise hin und her wiegend, aus. Ab und zu tauchten sie mit dem Hals +unter und holten sich Speise aus dem Meeresgrund. Wenn sie etwas besonders +Gutes ergattert hatten, stießen sie einen lauten Schrei aus, der wie ein +Trompetenstoß klang. + +Als der Junge hörte, daß Schwäne dort unten lagen, lief er schnell auf die +Tangbänke hinaus. Er hatte noch nie wilde Schwäne in der Nähe gesehen. Und +er hatte Glück, denn er gelangte ganz nahe zu ihnen hin. + +Der Junge war jedoch nicht der einzige, der die Schwäne gehört hatte; +sowohl die Wildgänse als auch die Graugänse und die Enten und die +Seetaucher schwammen zwischen die Tangbänke hinein, legten sich wie ein +Ring um die Schar der Schwäne herum und schauten sie unverwandt an. Die +Schwäne bliesen die Federn auf, breiteten die Flügel wie Segel aus und +hoben die Hälse hoch in die Höhe. Bisweilen schwamm einer von ihnen zu +einer Gans oder einem großen Seetaucher oder einer Tauchente hin und sagte +ein paar Worte. Und dann war es, als ob der Angesprochene kaum den Schnabel +zu einer Entgegnung zu öffnen wagte. + +Doch da war auch ein kleiner Seetaucher, ein kleiner schwarzer Schlingel, +dem war diese ganze Feierlichkeit unerträglich. Hurtig tauchte er unter und +verschwand unter dem Wasser. Gleich darauf stieß einer der Schwäne einen +lauten Schrei aus und schwamm so schnell davon, daß das Wasser hinter ihm +schäumte. Dann hielt er an und versuchte, wieder majestätisch auszusehen. +Aber gleich darauf schrie ein andrer wie der erste, und im nächsten +Augenblick auch ein dritter. + +Nun aber konnte es der kleine Seetaucher nicht länger unter dem Wasser +aushalten, und er erschien wieder an der Oberfläche, klein und schwarz und +boshaft. Die Schwäne stürzten auf ihn zu; aber als sie sahen, was für ein +kleiner Wicht er war, machten sie rasch kehrt, als ob sie sich für zu gut +hielten, mit ihm anzubinden. Der kleine Seetaucher tauchte jedoch von neuem +unter und zwickte die Schwäne abermals in die Füße. Das tat ihnen sicher +weh, und das schlimmste war, daß sie ihre Würde nicht aufrecht erhalten +konnten. Da machten sie der Sache rasch ein Ende. Sie schlugen mit den +Flügeln, daß es donnerte, jagten ein großes Stück gleichsam auf dem Wasser +springend weiter, bekamen schließlich Luft unter die Schwingen und flogen +davon. + +Als sie fort waren, fehlten sie den andern Vögeln sehr, und die, denen das +Vorgehen des kleinen Seetauchers vorher Spaß gemacht hatte, schalten ihn +jetzt wegen seiner Unverschämtheit aus. + +Der Junge ging wieder dem Lande zu. Hier angekommen hielt er bei den +Strandläufern an und schaute ihrem Spiel zu. Sie standen in einer langen +Reihe am Strand und sahen wie winzige Kraniche aus; wie diese hatten sie +auch kleine Körper, hohe Beine, lange Hälse und leichte, schwebende +Bewegungen, aber sie waren nicht grau, sondern braun. Da standen sie in +einer langen Reihe an dem von den Wellen bespülten Uferrand. Sobald eine +Woge daherrauschte, sprang die ganze Reihe rückwärts, wenn die Welle aber +wieder zurückwich, liefen sie ihr nach. Und so ging es stundenlang fort. + +Die schönsten von allen Vögeln waren die Brandenten. Sie waren wohl mit den +gewöhnlichen Enten verwandt, denn wie diese hatten sie auch einen schweren, +gedrungenen Körper, einen breiten Schnabel und Schwimmflossen, doch waren +sie viel prächtiger gekleidet. Ihr Federkleid selbst war weiß, aber um den +Hals hatten sie ein gelb und schwarzes Band, die Flügeldecke glänzte grün, +rot und schwarz, die Flügelspitzen waren schwarz, und der Kopf war +schwarzgrün und schillerte wie Seide. + +Sobald sich eine von ihnen am Strande zeigte, sagten die andern Vögel: +»Seht, seht! Sie versteht es, sich herauszuputzen!« + +»Wenn sie nicht so schön wären, brauchten sie ihre Beine nicht in die Erde +hineinzugraben, sondern könnten wie andre Vögel offen daliegen,« spottete +eine braune Wildente. + +»Und wenn sie sich auch alle Mühe gibt, so kann sie doch nicht schön +aussehen mit so einer Nase, wie sie hat,« sagte eine Graugans. + +Und das ist auch wirklich wahr. Die Brandenten haben einen großen Knorpel +auf der Schnabelwurzel, der ihrer Schönheit Eintrag tut. + +Vor dem Strande flogen Möwen und Seeschwalben über das Wasser hin und +fischten. »Was fangt ihr da für Fische?« fragte eine Wildgans. + +»Stichlinge! Die Ölandstichlinge sind die besten Fische von der Welt,« +sagte eine Möwe. »Willst du sie nicht versuchen?« Mit vollem Mund flog sie +zu der Gans hin und wollte ihr von den kleinen Fischen geben. + +»O pfui!« rief diese. »Meint ihr, ich werde so abscheuliches Zeug fressen?« + +Am nächsten Morgen war es noch ebenso nebelig. Die Wildgänse gingen auf die +Wiese und weideten; der Junge aber wanderte an den Strand hinunter, sich +Muscheln zu sammeln. Es gab dort sehr viele, und da er dachte, er komme +vielleicht morgen an einen Platz, wo sich für ihn gar nichts zu essen +fände, wollte er versuchen, sich ein Säckchen zu machen, in dem er die +Muscheln mitnehmen könnte. Auf der Wiese fand er dürres Riedgras, das zäh +und stark war, und aus diesem begann er ein Ränzel zu flechten. Er +verbrachte mehrere Stunden mit dieser Arbeit; als aber das Ränzel fertig +war, fühlte er sich auch recht befriedigt von seinem Werk. + +Um die Mittagszeit liefen plötzlich alle Wildgänse eilig auf ihn zu und +fragten ihn, ob er den weißen Gänserich nicht gesehen habe? »Vor ganz +kurzem war er noch bei uns,« sagte Akka, »aber jetzt wissen wir nicht mehr, +wo er ist.« + +Heftig erschrocken fuhr der Junge auf. Er fragte die Gänse, ob ein Fuchs +oder Adler gesehen worden, oder ob kürzlich irgend ein Mensch in der Nähe +gewesen sei? Doch keine von den Gänsen hatte etwas Verdächtiges gesehen; +der Gänserich mußte sich im Nebel verlaufen haben. + +Auf welche Weise der Gänserich aber auch weggekommen sein mochte, das +änderte an dem Unglück des Jungen nichts, und angstvoll lief er davon, ihn +zu suchen. Der Nebel beschützte ihn, so daß er ungesehen überall hingehen +konnte, aber zugleich hinderte er ihn selbst auch am Sehen. Der Junge lief +südwärts die Küste entlang bis zu dem Leuchtturm und der Nebelkanone auf +der äußersten Spitze. Überall war dasselbe Vogelgewimmel, aber kein +Gänserich. Der Junge wagte sich sogar bis zum Ottenbyer Hof, ja er +untersuchte jede einzelne der alten, hohen Eichen im Hain; aber nirgends +fand er eine Spur von dem Gänserich. + +Er suchte und suchte, bis es zu dunkeln anfing. Da mußte er nach dem +östlichen Strand zurückkehren. Mit schweren Schritten wanderte er dahin und +war sehr unglücklich. Ach, es war wohl auch dumm von ihm gewesen, zu +hoffen, daß er eine zahme Gans unbeschädigt durch das ganze Land führen +könnte! Und doch hatte er so sehr gewünscht, daß es ihm glücke, nicht +allein seiner selbst wegen, sondern auch um des Gänserichs willen, den er +ebenso lieb hatte wie sich selbst. + +Wie er nun so über die Schäferwiese hinwanderte, kam ihm etwas großes +Weißes aus dem Nebel entgegen, und wer anders war es, als der Gänserich! +Ganz unbeschädigt kam er daher und war äußerst vergnügt, daß er endlich den +Weg zu den andern zurückgefunden habe. Der Nebel habe ihn so verwirrt im +Kopfe gemacht, sagte er, daß er den ganzen Tag hindurch auf der Wiese +umhergeirrt sei. In seiner Freude schlang der Junge die Arme um den Hals +des Gänserichs und bat ihn inständig, sich doch in acht zu nehmen und nicht +wieder von den andern wegzugehen. Und der Gänserich versprach hoch und +teuer, es nie wieder zu tun. Nie, nie wieder! + +Am nächsten Morgen jedoch, als der Junge am Ufer Muscheln suchte, kamen die +Gänse wieder dahergelaufen und fragten, ob er den Gänserich nicht gesehen +habe. + +Nein, ganz und gar nicht. Ja, dann sei der Gänserich abermals verschwunden. +Er werde sich bei dem Nebel gerade wie gestern wieder verlaufen haben. + +Voll Entsetzen machte sich der Junge eilig auf die Suche. Er fand eine +Stelle, wo die Mauer von Ottenby so abgebröckelt war, daß er +hinüberklettern konnte. Er suchte dann unten am Strand, der sich hier +ausdehnt und allmählich so groß wird, daß Platz für Äcker und Wiesen und +Bauernhöfe da ist. Dann stieg er hinauf auf das flache Hochland, das die +Mitte der Insel einnimmt; dort gibt es keine andern Gebäude als Windmühlen, +und der Rasen ist so dünn, daß das weiße Kalkgestein darunter +hervorschimmert. + +Der Gänserich aber war nicht zu finden, und da es allmählich Abend wurde, +mußte der Junge sich wieder dem Strand zuwenden. Er war jetzt fest +überzeugt, daß er seinen Reisekameraden wirklich verloren habe, und dadurch +ganz mutlos gemacht, wußte er nicht, was er tun sollte. + +Schon war er wieder über die Mauer gestiegen, als er dicht neben sich einen +Stein rasseln hörte, und als er sich danach umwendete, glaubte er etwas +unterscheiden zu können, das sich in einem Steinhaufen dicht neben der +Mauer bewegte. Er schlich näher hinzu, und da sah er, wie der weiße +Gänserich mit mehreren langen Wurzelfasern mühselig den Steinhaufen +hinaufkletterte. Der Gänserich sah den Jungen nicht, und dieser rief ihn +nicht an, denn er wollte zuerst ergründen, warum der Gänserich auf diese +Weise ein Mal ums andre verschwand. + +Und er erfuhr auch bald die Ursache. Oben auf dem Steinhaufen lag eine +junge Graugans, die vor Freude laut aufschrie, als sie den Gänserich +erblickte. Der Junge schlich noch näher hinzu, um zu hören, was die beiden +sprächen; und da hörte er, daß die Graugans einen beschädigten Flügel hatte +und deshalb nicht fliegen konnte; ihre Reisegefährten waren schon +weggereist und hatten sie allein zurückgelassen. Sie war am Verhungern +gewesen, als der weiße Gänserich am gestrigen Tage ihr Rufen gehört und sie +aufgesucht hatte. Und seither war er bemüht gewesen, ihr Nahrung zu +verschaffen. Beide hatten gehofft, sie würde hergestellt sein, ehe er die +Insel wieder verlassen müsse, aber sie konnte noch immer weder gehen noch +stehen. Der Gänserich war sehr betrübt darüber, aber er tröstete sie +damit, daß er noch lange nicht wegreisen werde. Schließlich wünschte er ihr +gute Nacht und versprach, am nächsten Tage wiederzukommen. + +Der Junge ließ den Gänserich vorausgehen, und sobald dieser verschwunden +war, schlich er auch auf den Steinhaufen hinauf. Als er nun die junge Gans +sah, verstand er, warum der Gänserich ihr seit zwei Tagen Futter gebracht +hatte, und warum er nicht gestehen wollte, was er tat. Die Graugans hatte +das niedlichste Köpfchen, das man sich denken konnte; ihr Federkleid war +wie Seide so weich, und die Augen hatten einen sanften, flehenden Ausdruck. + +Als sie den Jungen erblickte, wollte sie entfliehen, aber ihr einer Flügel +war beschädigt, er schleifte am Boden und hinderte sie bei allen +Bewegungen. + +»Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten,« sagte der Junge und hielt an, +um ihr zu zeigen, daß sie nicht nötig habe, vor ihm zu fliehen. »Ich bin +Däumling, Gänserich Martins Reisekamerad,« fuhr er fort. Dann aber stockte +er und wußte nicht, was er sagen sollte. + +Tiere haben manchmal etwas an sich, was einem unwillkürlich die Frage in +den Mund legt, was für Wesen sie eigentlich seien. Man fühlt sich beinahe +versucht, sie für verwandelte Menschen zu halten. Und so war es auch bei +dieser Graugans. Sobald Däumling gesagt hatte, wer er war, neigte sie den +Hals und Kopf sehr anmutig vor ihm, und mit einer so schönen Stimme, von +der der Junge kaum glauben konnte, daß sie einer Gans angehöre, sagte sie: +»Ich freue mich sehr über dein Kommen. Du kannst mir gewiß helfen, der +weiße Gänserich hat mir gesagt, es gäbe niemand, der so gut und klug sei +wie du.« + +Dies sagte sie mit einer Würde, von der der Junge ganz eingeschüchtert +wurde. »Das kann doch wohl keine Gans sein,« dachte er. »Es ist gewiß eine +verzauberte Prinzessin.« + +Er hätte ihr schrecklich gern geholfen, und so griff er mit seinen kleinen +Händen in die Federn hinein und tastete nach dem Flügelknochen. Der Knochen +war nicht gebrochen, aber er war aus dem Gelenk geraten, und sein Finger +kam an ein leeres Gelenkschüsselchen. »Halt nun fest!« sagte er, faßte den +Röhrenknochen tapfer an und drehte ihn dahin, wo er hingehörte. Für einen +ersten Versuch machte er seine Sache recht schnell und gut; aber es mußte +der armen Gans doch sehr, sehr weh getan haben, denn sie stieß nur einen +einzigen gellenden Schrei aus und sank dann, ohne noch ein Lebenszeichen +von sich zu geben, auf die Steine nieder. + +Der Junge erschrak furchtbar. Er hatte ihr ja nur helfen wollen, und jetzt +war sie tot. Mit einem großen Satz sprang er von dem Steinhaufen hinunter +und lief davon. Er hatte das Gefühl, als habe er einen Menschen getötet. + +Am nächsten Morgen war die Luft klar und vollständig frei von Nebel, und +Akka sagte, nun solle die Reise fortgesetzt werden. Alle Gänse waren sehr +bereit, weiterzureisen, bloß der weiße Gänserich machte Einwendungen, und +der Junge wußte den Grund wohl; er wollte nur nicht von der jungen Graugans +wegreisen. Aber Akka hörte nicht auf ihn, sondern machte sich gleich auf +den Weg. + +Der Junge sprang auf den Rücken des Gänserichs, und der Weiße folgte der +Schar, obgleich langsam und unwillig. Der Junge aber freute sich, daß man +die Insel verließ. Er hatte Gewissensbisse wegen der Graugans, wollte aber +dem Gänserich nicht sagen, wie es gegangen sei, als er sie hatte heilen +wollen. »Es wäre am besten, wenn Martin es gar nicht erführe,« dachte er. +Aber zugleich verwunderte er sich doch, daß der Weiße das Herz hatte, die +Graugans zu verlassen. + +Doch plötzlich machte der Gänserich kehrt. Der Gedanke an die junge Gans +hatte ihn übermannt. Mit der Lapplandreise mochte es gehen, wie es wollte! +Mit dem Bewußtsein, daß die junge Gans einsam und krank zurückbliebe und +verhungern müsse, konnte er nicht mit den andern davonfliegen. + +Mit wenigen Flügelschlägen war er an dem Steinhaufen. Aber da lag keine +junge Graugans zwischen den Steinen. »Daunenfein! Daunenfein! Wo bist du?« +rief der Gänserich. + +»Der Fuchs wird sie wohl geholt haben,« dachte der Junge. + +Aber in demselben Augenblick hörte er eine schöne Stimme dem Gänserich +antworten: »Hier bin ich, Gänserich, hier bin ich! Ich habe nur ein +Morgenbad genommen.« Und aus dem Wasser tauchte die kleine Graugans empor, +vollständig frisch und gesund. Und nun erzählte sie, wie Däumling ihren +Flügel eingerenkt habe, und daß sie ganz hergestellt sei. + +Die Wassertropfen lagen wie Perlen auf ihren wie Seide schillernden Federn, +und der Däumling dachte abermals, sie sei gewiß eine richtige kleine +Prinzessin. + +[Illustration] + + + + +12 + +Der große Schmetterling + + + Mittwoch, 6. April + +Die Gänse flogen die langgestreckte Insel entlang, die jetzt deutlich +sichtbar unter ihnen lag. Dem Jungen war es leicht und froh ums Herz. Er +war jetzt ebenso vergnügt und zufrieden, wie er gestern düster gestimmt und +niedergedrückt gewesen war, wo er auf der Suche nach dem Gänserich die +Insel durchstreift hatte. Es sah aus, als bestehe das Innere der Insel aus +einer kahlen Hochebene mit einem Kranz von gutem, fruchtbarem Land an den +Küsten hin; und jetzt begann dem Jungen der Sinn eines Gesprächs klar zu +werden, das er am vorhergehenden Abend mitangehört hatte. + +Er hatte sich da an einer der vielen Windmühlen auf der Hochebene +ausgeruht, als zwei Schäfer, ihre Hunde zur Seite und eine große Schafherde +hinter sich, dahergekommen waren. Der Junge war nicht erschrocken, denn er +saß wohlgeborgen unter der Mühlentreppe; aber die Hirten ließen sich auf +derselben Treppe nieder, und so hatte der Junge sich wohl oder übel +mäuschenstill verhalten müssen. + +Der eine Hirte war jung und sah ganz so aus, wie solche Leute meistens +aussehen. Der andre dagegen war ein alter, merkwürdiger Mensch. Er hatte +einen großen, knochigen Körper, aber einen kleinen Kopf, und das Gesicht +zeigte weiche, sanfte Züge. Kopf und Körper schienen ganz und gar nicht +zusammen zu passen. + +Er saß eine Weile still da und schaute mit einem unbeschreiblich müden +Blick in den Nebel hinein. Dann wendete er sich an seinen Gefährten und +knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Dieser nahm ruhig Brot und Käse aus seiner +Hirtentasche heraus und begann zu essen; er gab fast keine Antwort, hörte +aber sehr geduldig zu, ganz als ob er dächte: »Ich will dir eine Freude +machen und dich eine Weile reden lassen.« + +»Nun will ich dir etwas erzählen, Erik,« sagte der alte Schäfer. »Ich denke +mir, daß in den alten Zeiten, wo die Menschen und die Tiere noch weit +größer waren als jetzt, wohl auch die Schmetterlinge ungeheuer groß gewesen +sind. Und da hat es wohl einmal einen viele Meilen langen Schmetterling +gegeben mit Flügeln so breit wie Meere. Diese Flügel waren so wunderschön +blau und silberschimmernd, daß alle andern Tiere stehen blieben und dem +Schmetterling verwundert nachschauten, wenn er durch die Luft dahinflog. + +Aber der Schmetterling hatte einen Fehler, er war zu groß für seine Flügel, +die den Körper kaum zu tragen vermochten. Es wäre aber doch gegangen, wenn +er verständig gewesen und über dem Festland geblieben wäre. Doch das war er +nicht, sondern er wagte sich auf die Ostsee hinaus; aber er war noch nicht +weit gekommen, als der Sturm ihm entgegenbrauste und an seinen Flügeln +zerrte. Ja, ja, Erik, man kann leicht erraten, wie es gehen mußte, als der +Ostseesturm seine zarten Schmetterlingsflügel zerzauste. Es dauerte nicht +lange, da waren sie abgerissen und weggewirbelt, und dann fiel natürlich +der arme Schmetterlingskörper hinunter ins Meer. Im Anfang schwankte er auf +den Wogen hin und her, dann strandete er gerade vor Småland auf einem +Felsenriff. Und da blieb er liegen, so groß und so lang als er war. + +Und nun denke ich mir, Erik, wenn der Schmetterling auf Erde gelegen wäre, +würde er bald verwest und auseinander gefallen sein. Da er aber ins Meer +und auf den Felsen fiel, verkalkte er allmählich und wurde hart wie Stein. +Du weißt ja, daß wir drunten am Strand Steine gefunden haben, die nichts +andres als versteinerte Raupen waren. Und nun glaube ich, daß es bei dem +Schmetterling gerade so ging. Ich glaube, daß er, als er draußen in der +Ostsee lag, zu einem langen, schmalen Felsen wurde. Glaubst du das nicht +auch?« + +Er hielt inne, eine Antwort abzuwarten, und der andre nickte ihm zu. »Mach +nur weiter, damit ich erfahre, wo du eigentlich hinaus willst,« sagte er. + +»Und nun merk wohl auf, Erik, dieses Öland hier, auf dem ich und du leben, +ist nichts andres als der alte Schmetterlingskörper. Wenn man es sich +überlegt, merkt man bald, daß die Insel ein Schmetterling ist. Gegen Norden +kommt der schmale Vorderkörper und der runde Kopf zum Vorschein, nach Süden +sieht man das hintere Ende, das sich zuerst ausbreitet und dann in eine +scharfe Spitze ausläuft.« + +Hier hielt er wieder inne und sah seinen Gefährten an, gleichsam ängstlich, +auf welche Weise dieser seine Behauptung aufnehmen werde. Aber der junge +Schäfer aß in größter Ruhe weiter und nickte dem Alten nur aufmunternd zu. + +»Sobald der Schmetterling in einen Kalksteinfelsen verwandelt war,« fuhr +dieser fort, »kamen Samenkörner mit dem Winde dahergeflogen und wollten auf +dem Felsen Wurzel schlagen. Aber es wurde ihnen sehr schwer, sich auf dem +kahlen, glatten Gebirge festzuhalten, und so dauerte es sehr lange, bis +irgend etwas andres als Riedgras da wachsen konnte. Dann kamen +Schafschwingel, Sonnenröschen und Hunderosensträucher. + +Aber selbst heute noch gibt es nicht so viel Wachstum hier oben, daß das +Gebirge ganz davon bedeckt wird, es schimmert da und dort noch hervor. Und +von pflügen und säen kann hier oben gar keine Rede sein, dazu ist der +Erdboden zu hart. + +Aber wenn du mir beistimmst, daß die Heide und die Felsenmauern, die +ringsum stehen, aus dem Schmetterlingskörper gebildet sind, dann hast du +auch ein Recht zu fragen, wo das Land, das unter dem Gebirge liegt, +hergekommen sei.« + +»Ja, ganz recht,« sagte der andre, der aß, »das habe ich gerade fragen +wollen.« + +»Du mußt bedenken, daß Öland recht viele Jahre im Wasser gelegen hat, und +während der Zeit hat sich alles das, was auf den Wogen umhertreibt, Tang +und Sand und Muscheln, ringsherum angesammelt und ist da liegen geblieben. +Alsdann sind im Osten und Westen vom Festland Steine und Geröll +herabgestürzt. Auf diese Weise hat die Insel breitere Ufer bekommen, wo +Getreide und Blumen und Bäume wachsen können. Hier oben auf dem harten +Schmetterlingskörper weiden nur Schafe und Kühe und junge Pferde, hier +wohnen nur Schneehühner und Brachvögel, und außer Windmühlen und ein paar +ärmlichen Steinschuppen sind keine Gebäude da, wo wir Hirten Schutz finden +könnten. Aber drunten am Strand liegen die großen Bauerngüter und Kirchen +und Pfarrhöfe und Fischerdörfer und eine ganze Stadt.« + +Er sah den andern fragend an. Dieser war mit seiner Mahlzeit fertig und +packte eben seinen Schnappsack wieder zusammen. »Ich möchte nur wissen, wo +du mit all diesem hinaus willst,« sagte er. + +»Ja, nur das eine möchte ich wissen,« sagte der Schäfer; er senkte die +Stimme, so daß die Worte fast flüsternd herauskamen, und dabei starrte er +in den Nebel hinein mit seinen kleinen Augen, die von all dem, wonach er +ausspähte, und was doch nicht da ist, matt geworden zu sein schienen. »Ja, +nur das möchte ich wissen, ob die Bauern, die in den eingefriedigten Höfen +drunten unter dem Felsengebirge wohnen, oder die Fischer, die Strömlinge +aus dem Meere holen, oder die Kaufleute in Borgholm, oder die alljährlich +wiederkehrenden Badegäste, oder die Reisenden, die in den Borgholmer +Schloßruinen umherwandeln, oder die Jäger, die im Herbst zur Hühnerjagd +hierherkommen, oder die Maler, die hier auf dem Rasen sitzen und die Schafe +und Windmühlen malen -- ja, ich möchte wohl wissen, ob ein einziger von +ihnen weiß, daß diese Insel einst ein Schmetterling gewesen ist, der mit +großen glänzenden Flügeln umherflog.« + +»Gewiß,« sagte der junge Hirte plötzlich, »wer einmal an einem Abend hier +am Rande der Felsenmauern gesessen und die Nachtigallen im Gebüsch hat +schlagen hören und hinüber nach dem Sunde von Kalmar geschaut hat, dem muß +der Gedanke gekommen sein, daß diese Insel nicht wie alle andern entstanden +sein kann.« + +»Ich möchte wissen,« fuhr der Alte fort, »ob nicht ein einziger von ihnen +den Wunsch gehabt hat, den Windmühlen so große Flügel zu geben, daß sie bis +zum Himmel reichten, so große Flügel, daß sie imstande wären, die ganze +Insel aus dem Meere aufzuheben und sie wie einen Schmetterling unter +Schmetterlingen umherfliegen zu lassen.« + +»Vielleicht ist etwas an dem, was du sagst,« fiel der junge Schäfer ein, +»denn in den Sommernächten, wo sich der Himmel hoch und klar über der Insel +wölbt, ist es mir manchmal gewesen, als wolle sie sich aus dem Meere +erheben und fortfliegen.« + +Als aber der Alte den Jungen nun endlich zum Sprechen gebracht hatte, hörte +er ihm gar nicht recht zu. »Ich möchte wissen,« sagte er mit noch leiserer +Stimme, »ob mir jemand erklären kann, warum hier oben auf der Felsenhöhe +eine so große Sehnsucht wohnt? An jedem Tage meines Lebens habe ich sie +gefühlt, und ich meine auch, jedem, der sich hier oben aufhält, müsse sie +sich ins Herz hineinschleichen. Aber ich möchte wissen, ob es keinem von +den andern klar geworden ist, daß diese Sehnsucht nur über uns kommt, weil +die ganze Insel ein Schmetterling ist, der sich nach seinen Flügeln sehnt?« + +[Illustration] + + + + +13 + +Die Kleine Karlsinsel + +Der Sturm + + + Freitag, 8. April + +Die Wildgänse hatten auf der nördlichen Spitze von Öland übernachtet und +waren nun auf dem Wege nach dem Festland. Ein recht heftiger Südwind, der +über den Sund von Kalmar herfegte, trieb sie in nördlicher Richtung weiter. +Trotzdem arbeiteten sie sich ziemlich schnell dem Lande zu. Als sie aber +die ersten Schären erreicht hatten, hörten sie ein lautes Donnern, als ob +eine Menge flügelstarker Vögel dahersauste, und das Wasser unten wurde auf +einmal ganz schwarz. Akka hielt die Flügel so schnell an, daß sie beinahe +ganz still in der Luft lag. Dann ließ sie sich aufs Meer hinabsinken. Aber +ehe die Gänse das Wasser erreicht hatten, war der Weststurm herangekommen. +Schon jagte er Staubwolken, Wogenschaum und kleine Vögel vor sich her; er +riß auch die Wildgänse mit sich fort, warf sie herum und jagte sie aufs +weite Meer hinaus. + +Es war ein entsetzlicher Sturm. Ein Mal ums andre versuchten die Wildgänse +umzudrehen; aber es war ihnen nicht möglich, und sie wurden immer weiter +auf die Ostsee hinausgetrieben. Der Sturm hatte sie schon an Öland +vorbeigejagt, und sie hatten jetzt nur das öde graue Meer vor sich; es +blieb ihnen nichts andres übrig, als nachzugeben. + +Als Akka merkte, daß kein Umdrehen möglich war, hielt sie es für unnötig, +sich von dem Sturm über die ganze Ostsee jagen zu lassen, und sie ließ sich +deshalb aufs Wasser hinab. Es war hoher Seegang, der mit jedem Augenblick +noch zunahm. Meergrün rauschten die Wogen daher, eine immer höher als die +andre, mit wilden, zackigen Schaumkronen. Es war, als wetteiferten sie +miteinander, welche am höchsten und wildesten aufwallen und aufschäumen +könne. Aber die Wildgänse fürchteten sich nicht vor dem Wogenschwall, er +schien ihnen im Gegenteil großes Vergnügen zu machen; sie strengten sich +gar nicht mit Schwimmen an, sondern ließen sich auf die Wellenkämme hinauf- +und in die Wogengänge hinabgleiten, und sie waren so vergnügt wie ein Kind +in einer Schaukel. Eine Weile ging es ihnen sehr gut, und ihre einzige +Sorge war, die Schar könnte schließlich zerstreut werden. Die armen +Landvögel, die im Sturm über ihnen dahinjagten, riefen neidisch: »Ja, wer +schwimmen kann, für den hat es keine Not!« + +Aber die Wildgänse waren doch nicht ohne Gefahr, denn das Schaukeln machte +sie furchtbar schläfrig. Unaufhörlich wollten sie den Kopf zurücklegen, den +Schnabel unter den Flügel stecken und schlafen. Aber nichts ist +gefährlicher, als auf diese Weise einzuschlafen, und Akka rief daher +immerfort: »Schlaft nicht, Wildgänse! Wer schläft, wird von der Schar +weggetrieben! Wer von der Schar abkommt, ist verloren!« + +Aber trotz aller Versuche, dem Schlaf zu widerstehen, schlief doch eine um +die andre ein; selbst Akka war nahe daran, einzunicken, als sie plötzlich +etwas Rundes, Dunkles aus dem Gipfel einer Woge auftauchen sah. »Seehunde! +Seehunde! Seehunde!« schrie sie mit lauter, gellender Stimme und flog mit +klatschenden Flügelschlägen auf. Es war die höchste Zeit; ehe die letzte +Wildgans das Wasser verlassen hatte, waren die Seehunde so nahe, daß sie +nach deren Füßen schnappten. + +So waren die Wildgänse wieder mitten im Sturm, der sie vor sich her aufs +Meer hinaustrieb. Er gönnte weder sich selbst noch den andern einen +Augenblick Ruhe. Und kein Land war zu entdecken, überall ringsum nur das +wilde Meer. + +Sobald sie es wagen konnten, ließen sich die Gänse wieder aufs Meer hinab; +nachdem sie jedoch eine Weile auf den Wogen geschaukelt hatten, wurden sie +wieder schläfrig. Und sobald sie schliefen, schwammen die Seehunde heran. +Wäre die alte Akka nicht so wachsam und klug gewesen, dann wäre gewiß nicht +eine mit dem Leben davongekommen. + +Der Sturm raste den ganzen Tag hindurch ohne Aufhören und richtete +schreckliche Verheerungen unter allen den Vögeln an, die um diese +Jahreszeit auf der Reise waren. Manche verloren ihre Richtung vollständig +und wurden in ferne Länder verschlagen, wo sie elendiglich verhungerten; +andre ermatteten so sehr, daß sie ins Meer hinunterstürzten und ertranken. +Viele wurden an den Felswänden zerschmettert und viele ein Raub der +Seehunde. + +Der Sturm dauerte den ganzen Tag hindurch, und schließlich drängte sich +Akka die Frage auf, ob sie und ihre Schar nicht am Ende noch verunglücken +würden. Sie waren jetzt alle todmüde, aber so weit das Auge reichte, +konnten sie keinen Platz entdecken, wo sie hätten ausruhen können. Gegen +Abend wagten sie es auch nicht mehr, sich aufs Meer hinabzulassen, denn +ganz plötzlich hatte es sich mit großen Eisschollen bedeckt, die sich +gegeneinander auftürmten, und Akka fürchtete, sie und die andern könnten +dazwischen erdrückt werden. Ein paarmal versuchten die Wildgänse, sich auf +die Eisschollen zu stellen; aber einmal fegte sie der wilde Sturm ins +Wasser hinein, und ein andres Mal krochen die unbarmherzigen Seehunde zu +ihnen aufs Eis hinauf. + +Bei Sonnenuntergang waren die Gänse wieder in der Luft. In banger Furcht +vor der Nacht flogen sie weiter. Die Dunkelheit schien ihnen an diesem von +Gefahren erfüllten Abend gar zu schnell hereinzubrechen. + +Es war schrecklich, daß sie noch immer kein Land sahen. Wie würde es ihnen +erst gehen, wenn sie die ganze Nacht da draußen bleiben müßten? Entweder +würden sie zwischen den Eisschollen zerquetscht, oder von den Seehunden +aufgefressen, oder nach allen Seiten auseinandergesprengt. + +Der Himmel war mit Wolken bedeckt und der Mond verhüllt, die Dunkelheit +brach rasch herein. Plötzlich nahm die ganze Natur ringsum ein unheimliches +Aussehen an, das dem mutigsten Herzen Entsetzen einflößte. Die Rufe von +Zugvögeln, die sich in höchster Not befanden, hatten den ganzen Tag die +Luft erfüllt, aber jetzt, wo man nicht mehr sah, wer sie ausstieß, klangen +sie schauerlich und schreckenerregend. Drunten auf dem Meere prallten die +Schollen des Treibeises mit lautem Krachen aufeinander, und die Seehunde +stimmten ihr wildes Jagdgeheul an. Es war, als ob Himmel und Erde am +Einstürzen seien. + + +Die Gefahr + +Der Junge hatte eine Weile gedankenvoll aufs Meer hinabgeschaut. Da war es +ihm plötzlich, als werde das Brausen noch stärker als vorher. Er schaute +auf; gerade vor ihm, nur ein paar Meter entfernt, ragte ein steiler Felsen +auf. An seinem Fuße brachen sich die Wogen mit hoch aufspritzendem Schaum. +Ja, ja, gerade vor ihm war eine rauhe, kahle Felsenwand, und auf diese +flogen die Wildgänse zu. Der Junge war überzeugt, daß sie daran zerschellen +müßten, und er glaubte schon dem Tod ins Gesicht zu sehen. + +Er hatte kaum noch Zeit, sich zu verwundern, daß Akka die Gefahr nicht +beizeiten erkannt habe, als sie auch schon an dem Felsen angekommen waren. +Doch jetzt sah er auch die halbrunde Öffnung einer Grotte; in diese hinein +stürzten die Gänse, und im nächsten Augenblick waren sie in Sicherheit. + +Das erste jedoch, woran jede von ihnen dachte, ehe sie sich der eignen +Rettung erfreute, war nachzusehen, ob auch alle Reisegefährten gerettet +seien. Da fanden sich denn auch Akka, Yksi, Kolme, Neljä, Viisi, Kuusi, +alle die sechs jungen Gänse, der Gänserich, Daunenfein und Däumling, nur +Kaksi von Nuolja, die erste Gans vom linken Flügel, war verschwunden, und +keine der andern wußte etwas von ihrem Schicksal. + +Als die Wildgänse sahen, daß nur Kaksi von ihnen getrennt worden war, +nahmen sie die Sache leicht. Kaksi war alt und klug. Sie kannte alle Wege +und Gewohnheiten der Schar, und es würde ihr schon gelingen, sich wieder +mit dieser zu vereinigen. + +Hierauf begannen die Wildgänse sich umzusehen. Es drang noch etwas +Tagesschimmer durch den Eingang herein, und sie konnten erkennen, daß die +Höhle sehr tief und weit war. Sie freuten sich schon über die gute +Nachtherberge, die sie gefunden hatten, als eine von ihnen einige glänzende +grüne Punkte bemerkte, die aus einem dunklen Winkel hervorleuchteten. »Das +sind Augen!« rief Akka. »Es sind große Tiere hier drinnen.« + +Die Gänse stürzten dem Ausgang zu, aber Däumling, der in der Dunkelheit +besser als die Wildgänse sah, rief ihnen zu: »Ihr braucht nicht zu fliehen. +Es sind nur einige Schafe, die an der Höhlenwand liegen.« + +[Illustration] + +Als die Wildgänse sich an den Dämmerschein in der Höhle gewöhnt hatten, +sahen sie die Schafe recht gut. Die Erwachsenen waren ihnen wohl an Zahl +gleich, aber außerdem waren noch einige Lämmer da. Ein großer Widder mit +langen, gewundenen Hörnern schien der vornehmste von der kleinen Herde zu +sein, und unter vielen Verbeugungen gingen die Wildgänse auf ihn zu. »Gott +zum Gruß hier in der Wildnis!« begrüßten sie ihn. Aber der Widder lag ganz +still, und kein einziges Wort des Willkommens drang über seine Lippen. + +Da glaubten die Wildgänse, die Schafe seien mißvergnügt über ihr Eindringen +in die Höhle. »Es ist euch vielleicht nicht angenehm, daß wir hier +hereingekommen sind,« sagte Akka. »Aber wir können nichts dafür, der Wind +hat uns hierher verschlagen. Wir sind den ganzen Tag im Sturm +umhergeflogen, und es wäre uns eine große Wohltat, wenn wir hier +übernachten dürften.« + +Es dauerte eine gute Weile, bis eines von den Schafen nur ein Wort +erwiderte, dagegen hörten die Gänse deutlich, wie einige von ihnen tief +aufseufzten. Akka wußte wohl, daß Schafe immer schüchtern sind und +sonderbare Manieren haben, aber diese schienen ganz und gar keinen Begriff +davon zu haben, was sich gehörte. + +Schließlich begann ein altes Mutterschaf, das ein längliches, +gramdurchfurchtes Gesicht hatte, mit klagender Stimme: »Von uns verweigert +euch gewiß keines den Aufenthalt hier; aber dies ist ein Haus der Trauer, +und wir können nicht mehr wie in frühern Zeiten Gäste bei uns aufnehmen.« + +»Darüber braucht ihr euch keine Sorge zu machen,« sagte Akka. »Wenn ihr +wüßtet, was wir heute ausgestanden haben, würdet ihr gewiß verstehen, wie +froh wir sind, wenn wir nur ein sicheres Plätzchen bekommen, wo wir +schlafen können.« + +Als Akka dies sagte, richtete sich der alte Widder auf. »Es wäre gewiß +besser für euch, im stärksten Sturm umherzufliegen, als hierzubleiben. Aber +jetzt sollt ihr euch doch nicht wieder auf den Weg machen, ehe wir euch mit +dem besten, was das Haus vermag, bewirtet haben.« + +Er führte sie zu einer mit Wasser gefüllten Vertiefung im Boden. Dicht +daneben lag ein Haufen Spreu und Häcksel, und er bat die Gänse, es sich gut +schmecken zu lassen. »Wir haben einen sehr strengen Schneewinter gehabt,« +sagte er. »Die Bauern, denen wir gehören, brachten uns Heu und Haferstroh, +damit wir nicht verhungerten. Und dieser Haufen ist alles, was noch davon +übrig ist.« + +Die Gänse machten sich eifrig über das Futter her. Sie fanden, daß sie es +herrlich getroffen hätten, und waren in allerbester Laune. Sie sahen ja +wohl, daß die Schafe voller Angst waren; aber da sie wußten, wie leicht +Schafe sich erschrecken lassen, glaubten sie nicht, daß es sich um eine +wirkliche Gefahr handeln könne. Sobald sie satt waren, dachten sie darum +auch an nichts andres, als sich nun an einem guten Schlafe zu erfreuen. +Aber da richtete sich der große Widder abermals auf und kam auf sie zu. Die +Gänse meinten, noch nie ein Schaf mit so langen, starken Hörnern gesehen zu +haben. Und auch sonst sah der Widder merkwürdig aus. Er hatte eine große, +knochige Stirn, kluge Augen und eine vornehme Haltung, wie ein recht +stolzes, mutiges Tier. + +»Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen, euch hier schlafen zu lassen, +ohne euch zu sagen, daß es hier durchaus nicht sicher ist,« sagte er. »Wir +können für den Augenblick keine Logierbesuche bei uns aufnehmen.« + +Jetzt erst merkte Akka, daß dies Ernst war. »Wenn ihr es durchaus wünscht, +so werden wir uns entfernen,« sagte sie. »Aber wollt ihr uns nicht vorher +sagen, was euch bekümmert? Wir wissen nichts, ja wir wissen nicht einmal, +wohin wir geraten sind.« + +»Dies ist die Kleine Karlsinsel,« erwiderte der Widder. »Sie liegt westlich +vor Gotland, und es wohnen nur Schafe und Meeresvögel hier.« + +»Vielleicht seid ihr wilde Schafe?« fragte Akka. + +»Ja, man könnte uns beinahe so nennen,« antwortete der Widder. »Mit den +Menschen haben wir eigentlich nichts zu tun. Es besteht ein altes +Übereinkommen zwischen uns und den Bauern eines Hofes auf Gotland; demgemäß +müssen uns diese in bösen Schneewintern mit Futter versehen, und dafür +dürfen sie die Überzähligen von uns mitnehmen. Die Insel ist so klein, daß +sie nur eine begrenzte Anzahl von uns ernähren kann. Aber sonst versorgen +wir uns das ganze Jahr hindurch selbst, und wir wohnen in keinen Häusern +mit Türen und Riegeln, sondern halten uns in solchen Höhlen wie diese hier +auf.« + +»Was! Bleibt ihr auch im Winter draußen?« fragte Akka verwundert. + +»Jawohl,« antwortete der Widder. »Es gibt das ganze Jahr hindurch Futter +genug hier.« + +»Das klingt ja fast, als hättet ihr es besser als andre Schafe,« sagte +Akka. »Aber was ist das nun für ein Unglück, das euch betroffen hat?« + +»Im vergangenen Winter,« sagte der Widder, »war es so bitter kalt, daß das +Meer zufror. Da kamen drei Füchse übers Eis herüber, und sie sind seitdem +hier geblieben. Außer ihnen ist auf der ganzen Insel nicht ein einziges +lebensgefährliches Tier.« + +»Wie, wagen es die Füchse, solche Tiere, wie ihr seid, anzugreifen?« + +»O nein, bei Tage nicht, da kann ich mich und die Meinigen wohl +verteidigen,« sagte der Widder und schüttelte seine Hörner. »Aber bei +Nacht, wenn wir in der Höhle schlafen, da schleichen sie heran und +überfallen uns. Wir geben uns zwar alle Mühe, wach zu bleiben, aber einmal +muß man ja schlafen, und das benutzen sie. In den benachbarten Behausungen +haben sie schon alle Schafe getötet, und es waren Herden darunter, die +ebenso groß waren wie die meinige.« + +»Es ist nicht angenehm, eingestehen zu müssen, daß wir so hilflos sind,« +sagte jetzt das alte Mutterschaf, »und es wäre viel besser für uns, wenn +wir zahme Schafe wären.« + +»Meint ihr, die Füchse werden auch heute nacht kommen?« fragte Akka. + +»Es ist nicht anders zu erwarten,« antwortete das Mutterschaf. »Gestern +nacht sind sie hier gewesen und haben uns ein Lamm gestohlen, und sie +werden nicht ausbleiben, so lange noch eins von uns am Leben ist. So haben +sie es bei den andern Herden auch gemacht.« + +»Aber wenn die wenigen, die übrig geblieben sind, noch länger hierbleiben, +dann sterbet ihr ja vollständig aus,« sagte Akka. + +»Ja, es wird nicht mehr lange dauern, bis es keine Schafe mehr auf der +Kleinen Karlsinsel gibt,« seufzte das Mutterschaf. + +Sehr unschlüssig stand Akka da. Wieder im Sturm umherzufliegen, war kein +Vergnügen, aber in einem Haus zu bleiben, wo solche Gäste erwartet wurden, +war auch nicht gut. Nachdem sie eine Weile überlegt hatte, wendete sie +sich an Däumling. »Sag, möchtest du uns diesmal nicht auch helfen, wie +schon so oft?« fragte sie ihn. + +»Jawohl,« erwiderte der Junge, »recht gern.« + +»Du tust mir zwar leid, wenn du nicht schlafen darfst,« fuhr Akka fort, +»aber trotzdem möchte ich dich bitten, heute zu wachen und uns zu wecken, +wenn du die Füchse kommen siehst, damit wir wegfliegen können.« + +Der Junge versprach, es zu tun. Er wußte ja, daß die andern müder waren als +er und also auch mehr Recht zum Schlafen hatten. + +Er trat an die Öffnung der Höhle, kroch hier zum Schutz vor dem Sturm unter +einen Stein und begann seine Wache. Allmählich klärte sich der Himmel auf, +und der Mondschein spielte auf den Wogen. Der Junge trat unter den +Höhleneingang und schaute hinaus. Die Höhle befand sich ziemlich hoch an +der Felsenwand, und nur ein schrecklich steiler Weg führte zu ihr herauf. +Auf diesem würden die Füchse wohl daherkommen. + +Füchse sah er nun zwar noch keine, dafür aber etwas andres, das ihm im +ersten Augenblick großen Schrecken einjagte. Unterhalb des Berges auf dem +schmalen Streifen Land am Ufer hin standen einige Riesen oder andre +steinerne Ungeheuer. Oder vielleicht waren es auch Menschen. Zuerst glaubte +er, er träume, dann aber war er ganz sicher, daß er noch nicht geschlafen +habe. Er sah die großen Männer ganz deutlich, es konnte keine +Gesichtstäuschung sein. Einige standen draußen am Ufer, die andern aber +ganz dicht am Berge, als ob sie hinaufklettern wollten. Die einen hatten +große, dicke Köpfe, andre wieder gar keine. Die einen waren einarmig, und +einige hatten hinten und vorne große Höcker. + +So etwas Sonderbares hatte der Junge noch nie gesehen; er stand da droben +und fürchtete sich so schrecklich vor den Ungeheuern, daß er beinahe +vergessen hätte, auf die Füchse aufzupassen. Jetzt aber hörte er eine Klaue +auf einem Stein kratzen, und er sah drei Füchse den Abhang heraufkommen. +Sobald der Junge wußte, daß er es mit etwas Wirklichem zu tun hatte, +beruhigte er sich vollständig und fühlte keine Spur von Angst mehr. Dann +dachte er, es wäre doch recht schade, wenn er jetzt nur die Gänse weckte, +die Schafe aber ihrem Schicksal überließe, und er wollte es lieber anders +machen. + +Eilig lief er in die Höhle hinein, weckte den großen Widder, indem er ihn +an den Hörnern schüttelte und sich zugleich auf dessen Rücken schwang. +»Steh auf, Alter, dann wollen wir den Füchsen einen gelinden Schrecken +einjagen!« flüsterte er. + +Er hatte versucht, so still wie möglich zu sein, aber die Füchse hatten +doch ein Geräusch gehört. Als sie den Höhleneingang erreicht hatten, +hielten sie an und überlegten. Ganz bestimmt hatte sich eines von den +Schafen bewegt. »Ich möchte wohl wissen, ob sie wach sind?« sagte der eine +Fuchs. + +»Ach, geh nur hinein,« sagte einer von den andern. »Sie können uns +jedenfalls nichts tun.« + +Als sie tiefer in die Höhle hineingekommen waren, blieben sie stehen und +witterten. »Wen wollen wir heute nehmen?« flüsterte der vorderste. + +»Heute nehmen wir den großen Widder,« zischelte der hinterste. »Dann haben +wir mit den andern leichte Arbeit.« + +Der Junge saß auf dem Rücken des alten Widders und sah, wie die Füchse sich +heranschlichen. »Stoß nur gerade aus!« flüsterte er. Der Widder stieß zu, +und der erste Fuchs wurde Hals über Kopf an den Eingang zurückgeschleudert. +»Stoß jetzt nach links!« sagte der Junge und drehte den großen Kopf des +Widders in die richtige Lage. Der Widder führte einen gewaltigen Stoß nach +links, der den zweiten Fuchs in die Seite traf. Dieser überkugelte sich +mehrere Male, ehe er wieder auf die Beine kam und fliehen konnte. Dem +Jungen wäre es am liebsten gewesen, wenn der dritte auch noch einen +Denkzettel bekommen hätte, aber dieser war schon auf und davon. + +»Jetzt werden sie für heute nacht genug haben!« rief der Junge. + +»Das glaube ich auch,« sagte der Widder. »Lege dich nun auf meinen Rücken +und krieche in die Wolle hinein. Nach dem Sturm, in dem du heute draußen +gewesen bist, hast du ein warmes Lager wohl verdient.« + +[Illustration] + + +Das Höllenloch + + Samstag, 9. April + +Am nächsten Tage wanderte der Widder mit dem Jungen auf dem Rücken auf der +Insel umher. Diese bestand aus einem einzigen großen Felsen. Sie war wie +ein großes Haus mit senkrechten Mauern und einem Plattdach. Der Widder ging +zuerst auf das Felsendach hinauf und zeigte dem Jungen die guten +Weideplätze, die da oben waren, und dem Jungen kam die Insel gerade wie für +Schafe geschaffen vor. Auf dem Berge wuchs nicht viel weiter als +Schafschwingel und andre kleine, dürre, gewürzige Kräuter, die Schafe gern +fressen. + +Aber wer glücklich den jähen Abhang hinaufgekommen war, für den gab es da +oben wahrlich auch noch andres zu sehen als nur Schafweiden. Da war zuerst +das weite, weite Meer, das jetzt im Sonnenglanz herrlich blau leuchtete und +mit schimmernden Wellen daherrollte. Nur an einzelnen Klippenvorsprüngen +schäumte es weiß auf. Geradeaus gegen Osten lag die gleichmäßige, +langgestreckte Küste von Gotland, und im Südwesten die Große Karlsinsel, +die dieselbe Formation zeigte wie die Kleine Karlsinsel. Als der Widder +ganz an den Rand der Felsenkuppe trat, so daß der Junge die Bergwand +hinunterschauen konnte, sah er, daß sie voller Vogelnester war, und in der +blauen Flut unten lagen in friedlicher Vereinigung die verschiedensten +Arten von Möwen, Eidervögeln und Lummen und Alken, die eifrig Strömlinge +fischten. + +»Dies ist wirklich ein gelobtes Land,« sagte der Junge. »Ihr habt es +wahrlich gut, ihr Schafe.« + +»Jawohl, es ist schön hier,« sagte der Widder. Es war, als wollte er noch +etwas hinzufügen, sagte aber doch nichts, sondern seufzte nur. »Aber wenn +du allein hier umhergehst,« fuhr er nach einer Weile fort, »dann nimm dich +ja vor allen den Spalten in acht, die über den Berg hinlaufen.« Und das war +eine gute Warnung, denn an mehreren Stellen waren tiefe und breite +Felsenrisse. Die größte von diesen Spalten heiße das Höllenloch, sagte der +Widder, es sei mehrere Meter tief und mehr als einen Meter breit. »Wenn +einer da hinunterfiele, dann wäre es aus mit ihm,« fügte der Widder noch +hinzu, und dem Jungen kam es vor, als habe er dies mit einer besondern +Absicht gesagt. + +Nun führte er den Jungen an den Strand hinunter. Da bekam er denn auch die +Riesen, die ihn in der Nacht erschreckt hatten, in der Nähe zu sehen. Es +waren große Felsengebilde; der Widder nannte sie »Raukar«, und der Junge +konnte sich nicht satt daran sehen. Er meinte, wenn es wirklich in Steine +verwandelte Zauberer gäbe, müßten sie so aussehen. + +Obgleich es unten am Strande auch recht schön war, gefiel es dem Jungen +doch noch besser oben auf der Felsenhöhe. Es war ihm unheimlich da unten, +weil überall tote Schafe lagen, denn hier pflegten die Füchse ihre +Mahlzeiten zu halten. Der Widder und der Junge sahen vollständig abgenagte +Skelette, aber auch Körper, die nur halb abgefressen waren, und wieder +andre, die die Füchse ganz unversehrt gelassen hatten. Mit Grausen sahen +sie, daß die wilden Tiere nur zu ihrem Vergnügen über die Schafe herfielen, +nur um zu jagen und zu morden. + +Der Widder hielt nicht bei den Toten an, sondern ging still an ihnen +vorbei. Aber selbstverständlich sah der Junge die ganze Abscheulichkeit; er +konnte nicht anders. + +Jetzt stieg der Widder wieder den Berg hinauf; als er aber oben angekommen +war, blieb er stehen und sagte: »Wenn jemand, der klug und tüchtig wäre, +all dieses Elend hier zu sehen bekäme, dann würde er gewiß nicht ruhen, bis +die Füchse ihre gerechte Strafe bekommen hätten.« + +»Die Füchse müssen aber doch auch leben,« sagte der Junge. + +»Jawohl,« erwiderte der Widder. »Und wer nicht mehr Tiere tötet, als er zu +seinem Unterhalt bedarf, der darf wohl am Leben bleiben. Diese hier aber +sind Übeltäter!« + +»Die Bauern, denen die Insel gehört, müßten kommen und euch helfen,« meinte +der Junge. + +»Sie sind auch schon mehrere Male hier gewesen,« sagte der Widder, »aber +die Füchse versteckten sich in Höhlen und Felsenspalten, wo man nicht auf +sie schießen konnte.« + +»Ach, mein guter Alter, Ihr glaubt doch wohl nicht, daß so ein armer +kleiner Wicht wie ich mit ihnen fertig werden könnte, nachdem weder ihr +noch die Bauern sie haben überwältigen können?« sagte der Junge. + +»Wer klein und pfiffig ist, kann vieles ausrichten,« antwortete der Widder. + +Sie sprachen jetzt nicht weiter von dieser Sache, und der Junge begab sich +zu den Wildgänsen, die auf dem Berggipfel weideten. Obgleich er es dem +Widder nicht hatte zeigen wollen, war er doch sehr betrübt über das +Schicksal der Schafe, und er hätte ihnen gar zu gern geholfen. »Ich will +jedenfalls mit Akka und dem Gänserich Martin darüber reden,« dachte er. +»Vielleicht können sie mir einen guten Rat geben.« + +Etwas später nahm der weiße Gänserich den Jungen auf den Rücken und +wanderte mit ihm über den Felsengipfel nach dem Höllenloch. Ganz sorglos +lief er über die offne Berghöhe hin und schien gar nicht daran zu denken, +wie weiß und groß er war. Er suchte sich nicht hinter Erdhaufen oder andern +Erhöhungen zu verstecken, sondern ging ruhig seines Weges weiter. Es war +merkwürdig, daß er nicht ein bißchen vorsichtig war, denn es schien ihm +während des gestrigen Sturmes gar schlecht gegangen zu sein. Er hinkte mit +dem rechten Bein, und der linke Flügel schleifte am Boden, als ob er +gebrochen wäre. + +Er wanderte umher, als sei durchaus keine Gefahr zu befürchten, biß da und +dort einen Grashalm ab und sah sich gar nicht um. Der Junge lag auf dem +Gänserücken ausgestreckt und schaute zum blauen Himmel empor. Er war das +Reiten jetzt so gewohnt, daß er auf dem Gänserücken stehen und liegen +konnte. + +Da der Gänserich und der Junge so sorglos waren, bemerkten sie natürlich +die drei Füchse nicht, die jetzt auf dem Berggipfel auftauchten. Und die +Füchse, die wohl wußten, daß es beinahe unmöglich ist, einer Gans auf +offnem Felde beizukommen, dachten im ersten Augenblick gar nicht daran, auf +sie Jagd zu machen. Da sie aber nichts andres zu tun hatten, sprangen sie +schließlich in eine der langen Felsenspalten hinein und versuchten, sich an +die Gans heranzuschleichen. Sie gingen dabei so vorsichtig zu Werk, daß der +Gänserich auch nicht einen Schein von ihnen sehen konnte. + +Als sie nicht mehr weit von dem Gänserich entfernt waren, machte dieser +einen Versuch, aufzufliegen. Er schlug mit den Flügeln, aber es gelang ihm +nicht, vom Boden wegzukommen. Daraus folgerten die Füchse, der Gänserich +könne nicht fliegen, und sie eilten rascher vorwärts. Sie hielten sich +nicht mehr in der Kluft versteckt, sondern liefen auf die Hochebene hinaus. +Hier verbargen sie sich, so gut sie konnten, hinter Erdhaufen und +Felsstücken und kamen so immer näher zu dem Gänserich hin, ohne daß dieser +merkte, daß Jagd auf ihn gemacht wurde. Schließlich waren sie ihm ganz +nahe, jetzt konnten sie den Sprung wagen, und mit einem großen Satz warfen +sie sich alle drei zugleich auf ihn. + +Im letzten Augenblick mußte der Gänserich aber doch etwas gemerkt haben, +denn er sprang rasch zur Seite, und die Füchse verfehlten ihn. Aber das war +nicht von großer Bedeutung, denn der Gänserich hatte nur ein paar Meter +Vorsprung, und dazu war er lahm. Der Ärmste lief zwar, was er konnte, und +Gänse können ja ungeheuer schnell laufen, selbst einem Fuchs kann es schwer +fallen, sie zu fangen. + +Der Junge saß rücklings auf dem Gänserücken und rief und schrie den Füchsen +zu: »Ihr habt euch am Schaffleisch zu fett gefressen, ihr Füchse, ihr könnt +ja nicht einmal eine Gans fangen!« Er reizte und ärgerte sie; das machte +sie ganz toll und hitzig, und sie rannten jetzt sinnlos vorwärts. + +Der weiße Gänserich aber lief geradeswegs auf die große Kluft zu. Als er +sie erreicht hatte, schlug er mit den Flügeln, und drüben war er! Gerade da +hatten ihn die Füchse eingeholt. + +Der Gänserich lief, nachdem er über das Höllenloch hinübergekommen war, +ebenso schnell vorwärts wie vorher. Doch kaum war er einige Meter weiter +gelaufen, als der Junge ihm auf den Hals klopfte und sagte: »Jetzt kannst +du anhalten, Gänserich!« + +In diesem Augenblick hörten sie hinter sich ein paar wilde Schreie, ein +Kratzen von Krallen und das Aufschlagen von mehreren Körpern. Aber von den +Füchsen sahen sie nichts mehr. + +Am nächsten Morgen fand der Leuchtturmwächter auf der Großen Karlsinsel ein +Stück Rinde unter seiner Haustür, auf dem mit krummen, eckigen Buchstaben +geschrieben stand: »Die Füchse auf der kleinen Insel sind in das Höllenloch +gefallen. Mach, daß du hinkommst!« + +Und das tat der Leuchtturmwächter auch. + +[Illustration] + + + + +14 + +Zwei Städte + +Die Stadt auf dem Meeresgrunde + + + Samstag, 9. April + +Es war eine stille, klare Nacht. Die Wildgänse brauchten nicht in einer der +Höhlen Schutz zu suchen; sie schliefen oben auf dem Felsengipfel, und der +Junge hatte sich neben den Gänsen auf dem kurzen, trockenen Grase +ausgestreckt. + +Der Mond schien hell in jener Nacht, so hell, daß der Junge lange nicht +einschlafen konnte. Er besann sich, wie lange er nun schon von Hause fort +war, und als er nachrechnete, waren seit dem Beginn seiner Reise gerade +drei Wochen verflossen. Und da fiel ihm ein, daß heute der stille Sonnabend +vor Ostern war. + +»Heute nacht sind alle Hexen vom Blocksberg unterwegs,« dachte er und +kicherte ein wenig. Vor dem Nöck und dem Wichtelmännchen fürchtete er sich +wohl ein wenig, aber an die Hexen glaubte er ganz und gar nicht. + +»Wenn in dieser Nacht das Hexenpack unterwegs wäre, dann müßte ich es doch +sehen. Bei so vollständig hellem und klarem Himmel könnte sich nicht der +kleinste Punkt durch die Luft bewegen, ohne daß ich ihn wahrnähme,« dachte +er weiter. + +Während er nun zum Himmel aufschaute und an alles dies dachte, wurde ihm +ein sehr schöner Anblick zuteil. Ziemlich hoch über dem Horizont segelte +der Vollmond rund und hell dahin, und über ihn hin flog ein großer Vogel. +Er flog nicht am Mond vorüber, sondern tauchte so auf, als flöge er gerade +aus ihm heraus. Ganz schwarz hob sich der Vogel von dem hellen Hintergrunde +ab, und seine Schwingen reichten von dem einen Rand der Mondscheibe bis zum +andern. Sein Körper war klein, der Hals lang und schmal, die Beine hingen +lang und dünn herab, und der Junge erkannte bald, daß es ein Storch sein +mußte. + +Ein paar Augenblicke später ließ sich auch wirklich der Storch, Herr +Ermenrich, neben dem Jungen nieder. Er neigte sich über ihn und stieß ihn +mit dem Schnabel an, um ihn zu wecken. + +Der Junge setzte sich sogleich auf. »Ich schlafe nicht, Herr Ermenrich,« +sagte er. »Aber warum sind Sie mitten in der Nacht unterwegs, und wie steht +es auf Glimmingehaus? Wollen Sie mit Mutter Akka sprechen?« + +»Die Nacht ist zu hell zum Schlafen,« antwortete Herr Ermenrich. »Ich bin +daher über die Karlsinsel geflogen, um dich, meinen Freund Däumling, zu +besuchen, denn ich habe von einer Fischmöwe gehört, du seiest heute nacht +hier. Nach Glimmingehaus bin ich noch nicht gezogen, sondern wohne noch in +Pommern.« + +Der Junge freute sich über die Maßen, daß Herr Ermenrich ihn aufgesucht +hatte. Sie plauderten eine Weile über alles mögliche wie alte Freunde. +Plötzlich fragte der Storch den Jungen, ob er nicht Lust hätte, in dieser +schönen Nacht einen Ausflug zu machen? + +Doch, das wollte der Junge von Herzen gern, wenn der Storch ihn nur bis zum +Sonnenaufgang wieder zu den Gänsen zurückbringen wolle. Herr Ermenrich +versprach es, und sogleich ging es auf die Reise. + +Wieder flog Herr Ermenrich geraden Weges auf den Mond zu. Höher und höher +ging es hinauf, das Meer versank unter ihnen; aber sie schwebten gar leicht +dahin, es war fast, als lägen sie ganz still. + +Als Herr Ermenrich sich auf die Erde hinabsinken ließ und anhielt, war es +dem Jungen, als sei erst eine unbegreiflich kurze Zeit vergangen; und doch +hatte der Storch einen ganz bedeutenden Weg zurückgelegt, denn in demselben +Augenblick, wo er den Jungen auf die Erde setzte, sagte er: »Dies ist +Pommern. Jetzt bist du in Deutschland, Däumling.« Der Junge war über die +Nachricht, daß er sich in einem fremden Lande befinde, ganz verdutzt. Das +hätte er nie gedacht. Schnell sah er sich um. Er stand auf einem einsamen, +mit weichem, feinem Sand bedeckten Meeresstrand. Auf der Landseite lief +eine lange Reihe oben mit Strandhafer bewachsener Dünenhügel hin, die zwar +nicht sehr hoch waren, dem Jungen aber die Aussicht ins Land hinein +vollständig versperrten. + +Herr Ermenrich stieg auf einen Sandhügel hinauf, zog das eine Bein in die +Höhe und legte den Hals zurück, um den Schnabel unter die Flügel zu +stecken. »Während ich mich ausruhe, kannst du eine Weile am Strande +umherwandern,« sagte er zu Däumling. »Aber verlaufe dich nicht, damit du +mich wiederfinden kannst.« + +Der Junge wollte zuerst einen der Dünenhügel erklettern, um zu sehen, wie +das Land dahinter aussehe. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht, +als er mit der Spitze seines Holzschuhs an etwas Hartes stieß. Er bückte +sich, und da sah er auf dem Sande eine kleine von Grünspan durch und durch +zerfressene dünne Kupfermünze. Sie war so schlecht, daß sie ihn nicht +einmal des Aufhebens wert deuchte, und er schleuderte sie mit dem Fuße weg. + +Aber als sich der Junge wieder aufrichtete, wie grenzenlos überrascht war +er da! Keine zwei Schritte vor ihm erhob sich eine dunkle Mauer mit einem +großen turmgekrönten Tor. + +Vor einem Augenblick, als er sich nach der Münze bückte, hatte sich das +Meer noch glänzend und glitzernd vor ihm ausgebreitet, jetzt aber war es +durch eine lange Mauer mit Zinnen und Türmen verdeckt. Und gerade vor dem +Jungen, wo vorher nur einige Tangbänke gewesen waren, öffnete sich das +große Tor in der Mauer. + +Der Junge war sich ganz klar darüber, daß dies eine Art Geisterspuk sein +mußte. Aber er dachte, davor brauche er sich wahrlich nicht zu fürchten. +Was er sah, war ja gar nicht unheimlich oder grauenhaft. Die Mauern und +Türme waren prächtig gebaut, und jetzt regte sich auch gleich der Wunsch in +ihm, zu sehen, was dahinter sei. »Ich muß untersuchen, was das ist,« dachte +er, und damit ging er durchs Tor. + +Unter dem kleinen Torgewölbe saßen in bunten, gepufften Anzügen, +langstielige Streitäxte neben sich, die Wächter und spielten Würfel. Sie +waren ganz in ihr Spiel vertieft und gaben nicht auf den Jungen acht, der +hastig an ihnen vorbeieilte. + +Dicht am Tor war ein freier, mit glatten Steinfliesen gepflasterter Platz. +Ringsum standen hohe, prachtvolle Häuser, und zwischen diesen öffneten sich +lange, schmale Straßen. + +Auf dem Platz vor dem Tor wimmelte es von Menschen. Die Männer trugen +lange, pelzverbrämte Mäntel über seidenen Unterkleidern, federngeschmückte +Barette saßen ihnen schräg auf dem Scheitel, und über die Brust herunter +hingen ihnen wunderschöne Ketten. Alle waren herrlich gekleidet, es hätten +lauter Fürsten sein können. + +Die Frauen trugen spitze Hauben und lange Gewänder mit engen Ärmeln. Sie +waren auch prächtig geschmückt, aber ihr Staat konnte sich bei weitem nicht +mit dem der Männer messen. + +Dies alles glich ja ganz den Bildern in dem alten Märchenbuch, das Mutter +ab und zu einmal aus ihrer Truhe holte und ihm zeigte. Der Junge wollte +seinen Augen nicht trauen. + +Aber noch viel merkwürdiger als die Männer und die Frauen war die Stadt +selbst. Jedes Haus hatte einen Giebel nach der Straße zu, und diese Giebel +waren so reich verziert, daß man hätte glauben können, sie wollten +miteinander wetteifern, welcher von ihnen am schönsten geschmückt sei. + +Wer rasch viel Neues zu sehen bekommt, kann sich nachher nicht mehr an +alles erinnern. Aber der Junge erinnerte sich später doch noch, daß er +ausgezackte Giebel gesehen hatte, auf deren verschiedenen Absätzen die +Figuren von Christus und den Aposteln standen, Giebel, die an beiden Seiten +hinauf mit Figuren geschmückte Nischen hatten, dann wieder solche, die mit +buntem Glas oder mit weißem und schwarzem Marmor eingelegt waren und die +ihm gewürfelt und gestreift entgegenschimmerten. + +Doch während der Junge alles dies bewunderte, wurde er von einer ihm +selbst unbegreiflichen Hast überfallen. »So etwas haben meine Augen noch +nie gesehen. So etwas werde ich meiner Lebtage nicht wieder sehen,« sagte +er sich. Und er begann in die Stadt hineinzulaufen, Straße auf, Straße ab, +ohne anzuhalten. Die Straßen waren eng und schmal, aber durchaus nicht leer +und düster wie in den Städten, die er bis jetzt gesehen hatte. Überall +waren Menschen; alte Weiber saßen vor ihren Türen und spannen ohne +Spinnrädchen, nur an der Kunkel. Die Warenlager der Kaufleute waren wie +Marktbuden nach der Straße zu offen. An einem Platze wurde Tran gekocht, an +einem andern wurden Häute gegerbt, an einem Wege war eine Seilerbahn. + +Wenn der Junge nur Zeit gehabt hätte, ja dann hätte er hier alles mögliche +lernen können! Er sah, wie die Waffenschmiede dünne Brustharnische +hämmerten, wie die Goldschmiede Edelsteine in Ringe und Armbänder +einsetzten, wie die Drechsler ihre Dreheisen handhabten, wie die +Schuhmacher weiche rote Schuhe sohlten, wie der Goldspinner Goldfäden +drehte und wie die Weber Seide und Gold in ihre Gewebe hineinwoben. + +Aber der Junge hatte keine Zeit zum Verweilen. Er stürmte nur immer +vorwärts, um so viel als möglich zu sehen, ehe alles wieder verschwinden +würde. + +Die Stadtmauer ging rund um die ganze Stadt herum und umschloß sie, gerade +wie in Schweden die Steinmäuerchen die Äcker einfrieden. Am Ende jeder +Straße sah man die Mauer turm- und zinnengekrönt hervorschauen. Und oben +darauf wanderten Kriegsknechte umher in glänzendem Harnisch und blankem +Helm. + +Als der Junge die ganze Stadt durchquert hatte, kam er wieder an ein +Stadttor. Da draußen lag das Meer und der Hafen. Hier sah der Junge +altertümliche Schiffe mit Ruderbänken in der Mitte und mit hohen Aufbauten +vorn und hinten. Lastträger und Kaufleute liefen eifrig hin und her. +Überall war Leben, und alle hatten es eilig. + +Aber auch hier erlaubte ihm seine innere Unruhe nicht, sich aufzuhalten. Er +eilte wieder in die Stadt hinein und kam jetzt auf den großen Marktplatz. +Hier lag die Domkirche mit drei hohen Türmen und tiefen, mit steinernen +Figuren geschmückten Toren. Die Wände waren mit Bildhauerarbeit so reich +verziert, daß auch nicht ein einziger Stein zu sehen war, der nicht seinen +Schmuck gehabt hätte. Und welch eine Pracht schimmerte durch das offne +Portal heraus! Goldne Kruzifixe, mit vergoldeter Schmiedearbeit verzierte +Altäre und Priester in goldnen Meßgewändern! Der Kirche gerade gegenüber +stand ein Haus mit Zinnen auf dem Dach und mit einem einzigen schlanken +himmelhohen Turm. Das war wohl das Rathaus. Und von der Kirche bis zum +Rathaus, rings um den ganzen Markt herum, standen die schönsten +Giebelhäuser mit den mannigfaltigsten Verzierungen. + +[Illustration: Die Stadt auf dem Meeresgrunde (Zu Seite 112)] + +Der Junge hatte sich warm und müde gelaufen; er dachte, er habe nun so +ziemlich das Merkwürdigste von der Stadt gesehen, und ging deshalb etwas +langsamer weiter. Die Straße, in die er eben eingebogen war, das war gewiß +die, wo die Stadtbewohner ihre prächtigen Kleider kauften. Die Leute +drängten sich vor den kleinen Läden, wo die Kaufleute auf ihren Tischen +starre, geblümte Seidenstoffe, dicken Goldbrokat, schillernden Samt, +leichte, flockig gewobene seidene Tücher und spinnwebdünne Spitzen +ausbreiteten. + +Vorher, als der Junge so rasch gelaufen war, hatte niemand auf ihn acht +gegeben. Die Leute hatten gewiß geglaubt, es springe nur eine graue Ratte +vorbei. Aber jetzt, wo er ganz langsam durch die Straße dahinwandelte, +gewahrte ihn einer der Kaufleute, und sogleich begann er ihm zu winken. + +Der Junge wurde zuerst ängstlich und wollte davonlaufen; aber der Kaufmann +winkte ihm nur, lachte ihm zu und breitete ein herrliches Stück Seidensamt +auf seinem Tische aus, als ob er ihn damit herbeilocken wollte. + +Der Junge schüttelte den Kopf. »Ich werde in meinem ganzen Leben nicht so +reich sein, um auch nur einen Meter von diesem Stoff kaufen zu können,« +dachte er. + +Aber jetzt hatte man ihn die ganze Straße entlang von jedem Laden aus +bemerkt. Wohin er auch sah, überall stand ein Krämer und winkte ihm. Sie +ließen ihre reichen Kunden stehen und dachten nur noch an ihn. Er sah, wie +sie in den verstecktesten Winkel des Ladens liefen, um das Beste, was sie +zu verkaufen hatten, hervorzuholen, und wie ihnen, während sie es auf den +Tisch legten, vor Hast und Eifer die Hände zitterten. + +Als der Junge nicht anhielt, sondern weiterging, sprang einer der Kaufleute +über seinen Tisch weg, hielt ihn fest und breitete Silberbrokat und in +allen Farben schillernde gewebte Tapeten vor ihm aus. Der Junge konnte +nicht anders, als den guten Mann auslachen. Er hätte ihm doch ansehen +müssen, daß ein so armer Schlucker wie er keine solchen Waren kaufen +konnte. Er blieb stehen und streckte dem Krämer seine beiden leeren Hände +hin, um den Leuten zu zeigen, daß er nichts besaß und daß sie ihn in Ruhe +lassen sollten. + +Da hob der Kaufmann einen Finger auf, nickte ihm zu und schob ihm den +ganzen Haufen von herrlichen Waren hin. + +»Kann er meinen, er wolle dies alles für ein einziges Geldstück verkaufen?« +fragte sich Däumling. + +Der Kaufmann zog ein kleines abgegriffenes, schlechtes Geldstück heraus, +das geringste, das es überhaupt gibt, und hielt es dem Däumling hin. Und in +seinem Eifer, zu verkaufen, legte er noch zwei große silberne Becher auf +den Haufen. + +Da begann der Junge in seinen Taschen zu suchen. Er wußte zwar wohl, daß er +nicht einen einzigen roten Heller besaß, aber unwillkürlich sah er doch +nach. + +Alle die andern Kaufleute sahen eifrig zu, wie der Handel ablaufen würde, +und als sie den Jungen in seinen Taschen suchen sahen, sprangen sie über +ihre Tische, ergriffen so viel Gold- und Silberschmuck, als ihre Hände zu +fassen vermochten, und boten es ihm an. Und alle machten ihm Zeichen, daß +sie als Bezahlung nichts weiter verlangten, als einen einzigen Heller. + +Aber der Junge drehte seine Westen- und Hosentaschen um und um; er besaß +nichts, gar nichts. Da traten allen diesen stattlichen Kaufleuten, die doch +so viel reicher waren als er, die Tränen in die Augen, und der Junge +fühlte sich seltsam bewegt, denn sie sahen gar so ängstlich aus. Er besann +sich, ob er ihnen denn nicht auf irgend eine Weise helfen könnte, und da +fiel ihm plötzlich die grünspanige Kupfermünze ein, die er vorhin am Strand +gesehen hatte. + +Sofort lief er in größter Eile die Straße hinunter; und er hatte Glück, +denn er kam an dasselbe Tor, durch das er zuerst gegangen war. Er stürzte +hinaus und suchte nach der Kupfermünze, die vorhin hier gelegen hatte. + +Und richtig, da lag sie; aber als er sie aufgehoben hatte und mit ihr in +die Stadt zurückeilen wollte, sah er nur noch das Meer vor sich. Keine +Stadtmauer, kein Tor, keine Wächter, keine Straßen, keine Häuser waren mehr +zu sehen, nichts, nichts als das Meer! + +Unwillkürlich traten dem Jungen die Tränen in die Augen. Von Anfang an +hatte er ja alles, was er gesehen hatte, für eine Gesichtstäuschung +gehalten, aber nachher hatte er dies ganz vergessen, und nur noch daran +gedacht, wie schön alles sei; und jetzt, wo die Stadt verschwunden war, +fühlte er sich aufs tiefste betrübt. + +In demselben Augenblick erwachte Herr Ermenrich und ging zu Däumling hin. +Aber der Junge hörte ihn nicht, und der Storch mußte ihn mit dem Schnabel +anstoßen, um sich bemerklich zu machen. »Ich glaube, du hast ebenso fest +geschlafen wie ich,« sagte er. + +»Ach, Herr Ermenrich,« sagte Däumling. »Was war das für eine Stadt, die +eben hier stand?« + +»Hast du eine Stadt gesehen?« erwiderte der Storch. »Du hast geschlafen und +geträumt, ich hab es ja gesagt.« + +»Nein, ich habe nicht geschlafen,« sagte Däumling. Und er erzählte dem +Storch alles, was er erlebt hatte. + +Da sagte Herr Ermenrich: »Was mich selbst anbetrifft, so glaube ich doch, +daß du hier am Strande geschlafen und alles dies geträumt hast. Aber ich +will dir nicht verschweigen, daß Bataki, der Rabe, der der gelehrteste von +allen Vögeln ist, mir einmal erzählt hat, hier habe einst eine Stadt +gestanden, namens Vineta. Diese Stadt sei über die Maßen reich und schön +gewesen, und keine einzige Stadt auf der Welt habe sich mit ihr vergleichen +können. Aber unglücklicherweise seien ihre Einwohner hochmütig und +prunksüchtig geworden. Und,« fuhr der Storch fort, »Bataki sagt, zur Strafe +dafür sei Vineta von einer Sturmflut überschwemmt und ins Meer hinab +versenkt worden. Ihre Einwohner aber dürften nicht sterben und auch ihre +Stadt nicht zerstören. Nur alle hundert Jahre einmal dürfe diese in all +ihrer Pracht aus dem Meere aufsteigen und liege dann genau eine Stunde lang +auf dem Festlande.« + +»Ja, das muß wahr sein,« sagte Däumling, »denn ich habe sie gesehen.« + +»Aber wenn die Stunde vorübergegangen und es während dieser Zeit niemand in +Vineta gelungen sei, irgend etwas an ein lebendes Wesen zu verkaufen, dann +versinke die Stadt wieder ins Meer. Wenn du, Däumling, auch nur ein +einziges, noch so ärmliches Geldstück gehabt hättest, um den Kaufmann zu +bezahlen, dann hätte Vineta am Strande liegen bleiben dürfen, und deren +Menschen hätten wie andre Menschen leben und sterben dürfen.« + +»Ach, Herr Ermenrich,« sagte der Junge, »jetzt weiß ich, warum Sie mitten +in der Nacht gekommen sind und mich geholt haben. Sie glaubten, ich könne +die alte Stadt retten. Ach, Herr Ermenrich, ich bin tief betrübt, daß es +mir nicht gelungen ist!« + +Er verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte; und man hätte kaum sagen +können, welcher von den beiden betrübter aussah, der Junge oder Herr +Ermenrich. + + +Die lebendige Stadt + + Montag, 11. April + +Am Ostermontag waren die Wildgänse mit Däumling wieder auf der Reise und +flogen jetzt über Gotland hin. Die große Insel lag flach und gleichmäßig +unter ihnen, der Erdboden war ganz so wie in Schonen, und sie sahen viele +Kirchen und Bauernhöfe. Der Unterschied aber war, daß hier zwischen den +Feldern viele Baumwiesen prangten und daß die Höfe nicht im Viereck gebaut +waren. Und große Herrensitze mit alten, von reichen Parkanlagen umgebenen +Schlössern und Türmen gab es auf Gotland gar nicht. + +Däumlings wegen hatten die Wildgänse den Weg über Gotland gewählt, denn der +arme Junge war nun schon zwei Tage lang sehr niedergedrückt. + +Ohne Aufhören sah er jene Stadt vor sich, die sich ihm auf so merkwürdige +Weise gezeigt hatte. Er konnte an nichts andres denken als an diese schönen +Gebäude und prächtigen Menschen. »Ach, wenn es mir doch gelungen wäre, dies +alles dem Leben zurückzugeben!« dachte er. »Welch ein Unglück ist es doch, +daß so viel Schönes auf dem Grunde des Meeres liegen soll!« + +Akka und der Gänserich hatten sich alle Mühe gegeben, Däumling zu +überzeugen, daß dieses Erlebnis ein Traum oder eine Gesichtstäuschung +gewesen sei; aber davon wollte der Junge nichts hören. Er war ganz sicher, +alles selbst gesehen zu haben, und niemand konnte ihn von seiner +Überzeugung abbringen. Tiefbetrübten Herzens ging er umher, und schließlich +wurden seine Reisegefährten besorgt um ihn. + +Doch plötzlich, gerade als der Junge am allerniedergeschlagensten gewesen +war, kam die alte Kaksi dahergeflogen. Sie war von dem Sturm nach Gotland +verschlagen worden und hatte über die ganze Insel hinfliegen müssen, bis +sie erfuhr, wo sich ihre Reisegefährten befanden. Als sie nun auf der +Kleinen Karlsinsel eintraf und hörte, was Däumling fehlte, sagte sie +plötzlich: + +»Wenn Däumling über eine alte Stadt trauert, dann kann ich ihn schnell +trösten. Kommt nur mit mir, ich zeige ihm einen Ort, den ich gestern +gesehen habe, und dann braucht er nicht länger betrübt zu sein.« + +Darauf hatten sich die Gänse von den Schafen verabschiedet, und jetzt waren +sie auf dem Wege nach dem Ort, den Kaksi dem Däumling zeigen wollte. Und so +betrübt er auch war, so konnte er es doch nicht lassen, auf das Land +hinunterzusehen, über das sie eben hinflogen. + +Da kam es ihm vor, als ob diese Insel von Anfang an eine ebenso hohe, +steile Klippe gewesen sein müsse, wie die Karlsinsel, nur natürlich viel, +viel größer. Aber später mußte sie auf irgend eine Weise platt gedrückt +worden sein. Irgend jemand hatte wohl ein großes Wellholz genommen und war +damit über die Insel hingefahren wie über ein Stück Teig; er hatte aber +diese Arbeit nicht solange fortgesetzt, bis alles vollständig glatt und +eben geworden war wie ein Fladen, denn als die Gänse dem Ufer entlang +flogen, sah der Junge an mehreren Stellen hohe weiße Kalkwände mit Grotten +und Felsenpfeilern; aber an den meisten Stellen war die Insel doch +plattgedrückt, und der Strand fiel flach gegen das Meer ab. + +Die Schar verbrachte einen schönen, friedlichen Sonntagnachmittag auf dem +Festland. Das Wetter war so recht behaglich warm wie an einem Sommertag, +die Bäume waren mit großen Knospen wie übersät, und die Frühlingsblumen +bedeckten die Wiesen wie mit einem Teppich, die langen, schlanken Kätzchen +der Pappelbäume schwankten, und in den Gärtchen, die jedes noch so kleine +Häuschen umgaben, prangten die Stachelbeerbüsche im schönsten Grün. + +[Illustration] + +Die Wärme und das Knospen und Blühen allüberall hatten die Menschen auf +Wege und Stege herausgelockt; wo immer eine kleine Anzahl versammelt war, +wurde gespielt, und zwar nicht allein von Kindern, sondern auch von +Erwachsenen. Sie warfen um die Wette mit Steinen nach einem bestimmten Ziel +und schlugen Bälle in so großen Bogen in die Luft hinauf, daß sie die +Wildgänse fast erreichten. Es sah sehr lustig und hübsch aus, große Leute +so spielen zu sehen, und der Junge hätte sich sicherlich darüber gefreut, +wenn ihm nicht so sehr betrübt zumute gewesen wäre. + +Aber er mußte doch zugeben, daß dies ein schöner Ausflug war. Überall sang +und klang es fröhlich durch die Luft. Kleine Kinder spielten Ringelreihen +und sangen dazu. Und die Heilsarmee war auch unterwegs. Der Junge sah eine +ganze Menge schwarz und rot gekleidete Menschen auf einem Waldhügel sitzen; +es wurde Gitarre gespielt und auf Blechinstrumenten geblasen. Auf einer +Straße kam eine große Schar Menschen daher. Das waren die Guttempler oder +Antialkoholiker, der Junge erkannte sie an ihren großen flatternden Fahnen +mit goldnen Inschriften. Sie sangen ununterbrochen ein Lied ums andre. Der +Junge vernahm fortwährend den Schall ihrer Stimmen, solange er sich in +Hörweite befand. + +So oft der Junge später an Gotland dachte, mußte er immer gleich auch an +Spiel und Tanz denken. + +Lange hatte er still hinabgeschaut, als er zufällig die Augen aufschlug. +Nein, wie erstaunte er da! Ohne daß er es gemerkt hatte, waren die Gänse +von dem Innern der Insel in westlicher Richtung auf die Küste zugeflogen. +Jetzt lag das weite, blaue Meer vor ihnen! Aber nicht das Meer erschien dem +Jungen so merkwürdig, sondern eine Stadt, die dort an dem hohen +Meeresstrand aufragte. + +Die Gänseschar kam von Osten her, und die Sonne war im Untergehen, als sie +die Stadt erreichte, deren Mauern und Türme und hohe Giebelhäuser und +Kirchen sich vollständig schwarz von dem hellen Abendhimmel abhoben. Der +Junge konnte deshalb nicht sehen, wie sie in Wirklichkeit beschaffen waren, +und ein paar Augenblicke glaubte er, dies sei eine ebenso prächtige Stadt +wie jene, die er in der Osternacht gesehen hatte. + +Als er aber richtig in die Stadt hineinkam, da sah er, daß die Stadt hier +jener auf dem Meeresgrunde ähnlich und unähnlich zugleich war. Es herrschte +derselbe Unterschied zwischen ihnen, wie zwischen dem Aussehen eines +Menschen, der an dem einen Tag in Purpur und mit reichem Schmuck angetan, +am nächsten aber in dürftige Lumpen gehüllt ist. + +Ja, diese Stadt hier hatte wohl auch einmal so ausgesehen wie jene, die er +an der pommerschen Küste bewundert hatte. Diese hier war auch von einer +Ringmauer mit Türmen und Toren umgeben. Aber die Türme der Stadt, die auf +der Erde hatte bleiben dürfen, waren ohne Dächer, leer und öde. Die +Torbogen hatten keine Türen, die Wächter und Kriegsknechte waren +verschwunden, die ganze glänzende Pracht war dahin. Nur die nackten, grauen +Mauern waren noch da. + +Als der Junge weiter über die innre Stadt hinflog, sah er, daß sie zum +größten Teil aus kleinen, niedrigen hölzernen Häusern bestand; nur da und +dort fanden sich einige hohe Giebelhäuser und Kirchen, die noch aus der +alten Zeit stammten. Die Giebelhäuser waren weiß angestrichen und ohne +jeglichen Zierat. Aber weil der Junge so ganz kürzlich erst die versunkene +Stadt gesehen hatte, glaubte er zu wissen, wie sie geschmückt gewesen +waren: die einen mit Bildsäulen, andre mit schwarzem und weißem Marmor. + +Und genau so war es auch bei den alten Kirchen. Die meisten von ihnen waren +ohne Dach mit kahlen Mauern. Überall öde Fensterhöhlen, grasbewachsener, +mit zerbrochenen Fliesen bedeckter Boden und mit Schlingpflanzen +bewachsene Mauerreste! Aber jetzt wußte der Junge, wie diese Kirchen +einstmals ausgesehen hatten: die Wände waren mit Bildwerken und Gemälden +bedeckt gewesen, im Chor hatten Altäre und goldne Kreuze gestanden, und da +und dort hatten Priester in goldgestickten Meßgewändern ihres Amtes +gewaltet. + +Der Junge sah auch die kleinen, jetzt am Sonntagabend fast menschenleeren +Stadttore. O er wußte, wie es hier von prächtig gekleideten Menschen +gewimmelt hatte! Er wußte, daß diese Tore wie große Werkstätten gewesen +waren, wo alle Arten von Arbeitern gewirkt und geschafft hatten. + +Aber was Nils Holgersson nicht sah, das war, daß diese Stadt auch heute +noch schön und merkwürdig ist. Er sah weder die hübschen Häuschen in den +hinteren Gäßchen, mit ihren geschwärzten Mauern, ihren weißen Hausecken und +der roten Pelargonienpracht hinter den blitzblanken Fensterscheiben, noch +die vielen prächtigen Gärten und Alleen, und ebensowenig die großartige +Schönheit der mit Schlingpflanzen bewachsenen Ruinen. Seine Augen waren so +erfüllt von der vergangenen Herrlichkeit, daß er an der gegenwärtigen +nichts Gutes sehen konnte. + +Die Wildgänse flogen ein paarmal über der Stadt hin und her, damit Däumling +alles recht genau sehen könnte. Zuletzt ließen sie sich in einer +Kirchenruine auf dem grasigen Boden nieder, um dort zu übernachten. + +Als die Gänse schon schliefen, war Däumling immer noch wach und schaute +durch das zertrümmerte Dachgewölbe zu dem blaßroten Abendhimmel empor. +Nachdem er so eine Weile in Gedanken versunken war, beschloß er, sich nicht +mehr darüber zu grämen, daß er die versunkene Stadt nicht hatte retten +können. + +Nein, jetzt wollte er nicht mehr trauern! Wenn die Stadt, die er gesehen +hatte, nicht ins Meer versunken wäre, hätte sie vielleicht nach einiger +Zeit ebenso arm und verfallen ausgesehen wie diese hier. Vielleicht hätte +sie der Zeit und der Vergänglichkeit auch nicht widerstehen können, sondern +wäre bald gewesen wie diese hier mit ihren Kirchen ohne Dächer, mit Häusern +ohne Zierat und mit ihren einsamen leeren Gassen. Da war es doch besser, +sie stand im Verborgnen dort unten in all ihrer Herrlichkeit. + +»Es wird ja wohl so am besten sein, wie es gekommen ist,« dachte er. »Ich +glaube, selbst wenn ich die Macht hätte, die Stadt zu retten, würde ich es +jetzt wohl nicht mehr tun.« + +Von da an trauerte er nicht mehr über diese Sache. Und es gibt sicher +viele, die so denken, weil sie noch jung sind. Aber wenn die Menschen alt +werden und sich daran gewöhnt haben, sich mit wenigem zu begnügen, dann +freuen sie sich mehr über das Visby, das da ist, als über das schöne Vineta +auf dem Meeresgrund. + + + + +15 + +Die Sage von Småland + + + Dienstag, 12. April + +Die Wildgänse waren gut übers Meer gekommen und hatten sich im nördlichen +Småland im Tjuster Bezirk niedergelassen. Hier erstreckten sich überall +Meeresarme weit ins Land hinein und teilten es in Inseln, in Halbinseln, in +Landengen und Landzungen. Das Meer war so aufdringlich, daß schließlich nur +noch die Hügel und Bergrücken vom Wasser unbedeckt blieben. + +Als die Wildgänse vom Meer hereinflogen, war es Abend geworden, und das +hügelige Land lag schön zwischen den glänzenden Fjorden vor ihnen. Da und +dort sah der Junge Hütten und Häuser auf den Inseln; und je weiter man ins +Land hineinkam, desto größer und besser wurden die Wohnstätten, schließlich +wuchsen sie zu großen weißen Herrenhöfen heran. Am Ufer hin stand +gewöhnlich eine Reihe Bäume, diesseits davon lagen Ackerfelder, und oben +auf den kleinen Hügeln wuchsen aufs neue Bäume. Der Junge mußte +unwillkürlich an Blekinge denken. Hier war wieder eine Gegend, wo Land und +Meer auf so schöne und stille Weise zusammentrafen, sich gleichsam das +Schönste und Beste, was sie hatten, zu zeigen. + +Die Wildgänse ließen sich auf einem kahlen Holm weit drinnen im Gåsfjord +nieder. Beim ersten Blick auf den Strand merkten sie, daß der Frühling +große Fortschritte gemacht hatte, während sie sich auf den Inseln +aufgehalten hatten. Die großen, prächtigen Bäume waren zwar noch nicht +belaubt, aber die Wiesen darunter schimmerten in weiß, grün, gelb und blau. +Die Gänse hielten verwundert an und überlegten, woher das wohl komme. Aber +dann ging ihnen auf einmal ein Licht auf; die Wiesen waren mit weißen +Anemonen, Krokus und Leberblümchen bedeckt. + +Als die Wildgänse den Blumenteppich sahen, erschraken sie, denn sie +fürchteten, sich am Ende zu lange in dem südlichen Teil des Landes +aufgehalten zu haben, und Akka sagte sogleich, sie würden wohl keine Zeit +haben, einen von den Ruheplätzen in Småland aufzusuchen. Schon am nächsten +Morgen müßten sie über Ostgötland nordwärts weiterreisen. + +Demgemäß würde also der Junge nicht viel von Småland sehen, und es fehlte +nicht viel, so hätte er sich darüber gegrämt. Von keiner andern Landschaft +hatte er nämlich so viel sprechen hören, als gerade von Småland, und er +hatte sich sehr gewünscht, es einmal mit eignen Augen zu sehen. + +Wie wir wissen, war er im letzten Sommer bei einem Bauern in der Nähe von +Jordberga als Gänsejunge angestellt gewesen, und da war er beinahe jeden +Tag mit ein paar armen Kindern aus Småland zusammengetroffen, die auch +Gänse hüteten. Und diese Kinder hatten ihn mit ihrem Småland beständig +geneckt und geärgert. + +Aber es wäre unrecht gewesen, wenn er behauptet hätte, das Gänsemädchen Åsa +habe ihn geärgert. Dazu war es viel zu klug. Nein, wer einen mit Absicht +ärgern konnte, das war ihr Bruder Klein-Mats gewesen. + +»Du, Gänsejunge Nils, weißt du, wie es ging, als Småland und Schonen +erschaffen wurden?« konnte er fragen. Und wenn dann Nils nein sagte, begann +er schnell die witzige Geschichte über Småland zu erzählen. + +»Ja, weißt du,« begann er, »es geschah zu der Zeit, wo der liebe Gott die +Welt erschuf. Während er mitten darin war, kam Sankt Petrus des Wegs daher. +Er blieb bei dem lieben Gott stehen und sah ihm eine Weile zu, dann aber +fragte er, ob das eine sehr schwierige Arbeit sei? >O ja, so ganz leicht +ist es gerade nicht,< antwortete der liebe Gott. Sankt Petrus blieb noch +eine Weile stehen, und als er merkte, mit welcher Leichtigkeit der liebe +Gott ein Land ums andre herausarbeitete, bekam er Lust, es auch zu +versuchen. >Möchtest du nicht ein wenig ausruhen?< sagte er zum lieben +Gott. >Dann könnte ich indessen deine Arbeit übernehmen.< Aber das wollte +der liebe Gott nicht. >Ich weiß nicht, ob du dich auf diese Kunst so gut +verstehst, daß ich dich da weiterarbeiten lassen kann, wo ich aufhöre,< +antwortete er. Da wurde Sankt Petrus ärgerlich und sagte, er getraue sich, +ebenso gute Länder erschaffen zu können, wie der liebe Gott. + +In diesem Augenblick war der liebe Gott gerade an der Erschaffung von +Småland. Es war zwar noch nicht einmal halbfertig, aber es versprach ein +unbeschreiblich schönes und fruchtbares Land zu werden. Da aber der liebe +Gott Sankt Petrus nur schwer etwas abschlagen konnte und außerdem wohl auch +dachte, was so gut begonnen worden sei, könne eigentlich niemand mehr +verderben, sagte er: >Wenn es dir recht ist, wollen wir einmal versuchen, +welcher von uns sich auf diese Art Arbeit am besten versteht. Da du noch +ein Anfänger bist, sollst du an dem Land hier, das ich angefangen habe, +weiterarbeiten, ich aber will ein neues schaffen.< Sankt Petrus ging gleich +auf den Vorschlag ein, und jeder begann sofort an seinem Platz zu arbeiten. + +Der liebe Gott rückte ein wenig südwärts und machte sich daran, Schonen zu +erschaffen. Es dauerte auch gar nicht lange, da war er fertig. Nun wendete +er sich an Sankt Petrus und fragte ihn, ob er fertig sei und ob er das neue +Land betrachten wolle. >Ich habe meines schon lange in Ordnung,< sagte +Sankt Petrus; und man hörte seiner Stimme an, wie zufrieden er mit seinem +Werk war. + +Als Sankt Petrus Schonen sah, mußte er zugeben, daß von diesem Land nur +Gutes gesagt werden könne. Es war ein fruchtbares, leicht zu bebauendes +Land mit großen Ebenen, wohin man sah, und kaum einer leichten Andeutung +von Berg. Es sah aus, als habe sich der liebe Gott vorgenommen, dieses Land +besonders gut zu machen, damit es den Leuten da wohl sei. >Ja, das ist ein +gutes Land,< sagte Sankt Petrus, >aber ich glaube, meines ist doch noch +besser.< -- >Dann wollen wir es gleich einmal ansehen,< sagte der liebe +Gott. + +Als Sankt Petrus die Arbeit aufnahm, war das Land im Norden und Osten schon +fertig gewesen, aber den südlichen und westlichen Teil und die ganze Mitte +hatte er allein machen dürfen. Als nun der liebe Gott sah, was Sankt Petrus +gearbeitet hatte, erschrak er so, daß er unwillkürlich anhielt und ausrief: +>Aber was hast du nur gemacht, Sankt Petrus?< + +Sankt Petrus selbst sah ganz verdutzt drein. Er hatte sich eingebildet, für +das Land könne nichts besser sein, als wenn es recht warm sei. Deshalb +hatte er eine ungeheure Menge Steine und Berge aufgehäuft und ein Hochland +zusammengemauert, in dem Glauben, daß er es dadurch näher an die Sonne +heranbringe, und daß es alsdann recht viel Sonnenwärme bekomme. Auf die +Steinhaufen hatte er eine dünne Lage Erde gebreitet, und dann war seiner +Meinung nach alles aufs Beste bestellt gewesen. + +Aber während er in Schonen gewesen war, waren ein paar starke Regengüsse +niedergerauscht, und mehr hatte es nicht bedurft, um zu zeigen, wessen +Arbeit die beste sei. Als der liebe Gott herzutrat, das Land zu betrachten, +war alles Erdreich weggeschwemmt, und der nackte Gebirgsstock wurde überall +sichtbar. Wo es noch am besten aussah, lag Lehm und schwerer Kies auf den +Steinflächen, aber auch dies sah äußerst mager aus, und man begriff leicht, +daß da kaum etwas andres als Wacholder und Fichten, Moos und Heidekraut +wachsen könnte. Nur allein das Wasser war in reicher Menge vorhanden, denn +das hatte alle die Schluchten unten in dem Gebirge gefüllt, und überall sah +man Seen, Bäche und Flüsse, von den Mooren und Teichen, die sich über große +Flächen ausbreiteten, gar nicht zu reden. Das ärgerlichste aber war, daß +die einen Gegenden zu viel Wasser hatten, während in andern großer Mangel +daran war; weite Felder lagen wie ausgetrocknete Heiden da, und der +geringste Luftzug wirbelte ganze Wolken von Erde und Sand auf. + +>Was kannst du nur für eine Absicht gehabt haben, daß du dieses Land so +erschaffen hast?< fragte der liebe Gott. Sankt Petrus entschuldigte sich +und sagte, er habe das Land so hoch gebaut, damit es recht viel Sonnenwärme +bekomme. + +>Aber dann bekommt es ja auch sehr viel Nachtkälte,< entgegnete der liebe +Gott, >denn auch sie kommt vom Himmel herunter. Ich fürchte, das wenige, +was da wachsen kann, wird erfrieren.< + +Daran hatte Sankt Petrus natürlich nicht gedacht. + +>Ja, das wird ein mageres, vom Frost heimgesuchtes Land sein,< sagte der +liebe Gott. >Daran läßt sich nun nichts mehr ändern.<« + +Wenn Klein-Mats in seiner Erzählung so weit gekommen war, fiel ihm immer +die Gänsehirtin Åsa ins Wort. »Ich kann es nicht leiden, Klein-Mats,« sagte +sie, »daß du Småland so elendiglich hinstellst. Du vergißt ganz, wieviel +guter Boden doch da ist. Denk nur an den Mörebezirk am Sund von Kalmar! Ich +möchte wohl wissen, ob es irgendwo üppigere Getreidefelder gibt? Dort liegt +Acker an Acker, ganz wie hier in Schonen. Das ist ausgezeichneter Boden, +und ich wüßte wirklich nicht, was dort nicht wachsen würde.« + +»Ich kann nichts daran ändern,« sagte Klein-Mats, »denn ich erzähle die +Geschichte, wie ich sie selbst gehört habe.« + +»Und ich habe viele Leute sagen hören, ein so schönes Küstenland wie Tjust +gebe es nirgends mehr. Denk doch an die Buchten und die Holme und die +Herrenhöfe und die Wälder!« + +»Ja, das ist wohl wahr,« gab Klein-Mats zu. + +»Und weißt du nicht mehr, was die Lehrerin sagte? Eine so belebte, schöne +Gegend wie das Stückchen von Småland, das südlich vom Wettern liegt, gebe +es in ganz Schweden nicht mehr. Denk an den schönen See und an die gelben +Strandberge, und an Grenna und Jönköping mit den Zündholzfabriken und an +den Munksee, und denk doch nur an Huskvarna und an alle die großen Anlagen +dort!« + +»Ja, das ist wohl wahr,« sagte Klein-Mats noch einmal. + +»Und denk an Visingö, Klein-Mats, mit den Ruinen dort, und an den +Eichenwald, und an alle die historischen Erinnerungen! Denk an das Tal, wo +der Emfluß entspringt, mit allen den Ortschaften und Mühlen und +Holzstoffabriken und Sägereien und Schreinerwerkstätten dort!« + +»Ja, das ist alles wahr,« sagte Klein-Mats mit ganz betrübtem Gesicht. + +Aber plötzlich schaute er auf. »Sind wir aber dumm!« rief er. »Das alles +liegt ja in dem Småland des lieben Gottes, in dem Teil des Landes, der +schon fertig war, als Sankt Petrus sich an die Arbeit machte. Es ist also +ganz richtig, denn das sollte ja schön und prächtig sein. Aber in Sankt +Petrus Småland sah es ganz so aus, wie es in der Sage heißt, und es wundert +mich gar nicht, daß der liebe Gott betrübt war, als er es sah. Sankt Petrus +verlor aber jedenfalls den Mut nicht, er versuchte im Gegenteil, den lieben +Gott zu trösten. >Sei mir nicht böse,< bat er. >Warte nur, bis ich Menschen +geschaffen habe, die die Moore urbar machen und die Bergrücken in Äcker +umwandeln.< + +Aber jetzt war die Geduld des lieben Gottes doch schließlich erschöpft. +>Nein, du magst hinuntergehen nach Schonen, das ich zu einem guten, +fruchtbaren Land gemacht habe, und dort den Schonen schaffen, aber den +Småländer, den überlaß mir.< Und dann erschuf der liebe Gott den Småländer +und machte ihn klug und genügsam, froh und fleißig, unternehmend und +tüchtig, damit er sich in dem armen Land seinen Unterhalt erwerben könne.« + +Sobald Klein-Mats an diesem Punkt angekommen war, pflegte er aufzuhören, +und wenn dann Nils Holgersson auch geschwiegen hätte, wäre alles gut +gegangen; der aber konnte es nicht lassen, zu fragen, wie es denn Sankt +Petrus bei der Erschaffung der Menschen gegangen sei. + +»Ja, wie gefällst du dir selber?« antwortete Klein-Mats mit so +verächtlicher Miene, daß Nils Holgersson sofort über ihn herfiel, um ihn +durchzubläuen. Aber Mats war nur ein kleiner Kerl, und die ein Jahr ältre +Åsa lief rasch herbei, ihm zu helfen. So gutmütig sie sonst war, sobald +jemand dem Bruder zu nahe kam, fuhr sie auf wie eine Löwin. Nils Holgersson +aber wollte sich nicht mit einem Mädel balgen, deshalb kehrte er den +Geschwistern den Rücken und ging seiner Wege und schaute den ganzen Tag +hindurch nicht ein einziges Mal nach der Seite, wo sich die småländischen +Kinder befanden. + +[Illustration] + + + + +16 + +Die Krähen + +Der tönerne Topf + + +In der südöstlichen Ecke von Småland liegt der Bezirk Sunnerbo. Dort ist +aber ganz ebner, gleichmäßiger Boden, und wer diesen Bezirk im Winter +sieht, kann sich nichts andres denken, als daß sich unter dem Schnee +umgepflügte Brachfelder, grüne Roggenäcker und abgemähte Kleewiesen +ausbreiten, wie es im Flachland zu sein pflegt. Aber wenn der Schnee in +Sunnerbo im Anfang April endlich schmilzt, dann zeigt es sich, daß das, was +grün darunter liegen sollte, nichts als trockne, sandige Heiden, nackte +Felskuppen und große, sumpfige Moore sind. Wohl gibt es da und dort auch +Äcker, aber sie sind so klein, daß man sie kaum bemerkt; und kleine graue +oder rote Bauernhütten sind wohl auch da, aber meistens sind sie in einem +Buchenwäldchen ganz versteckt, als ob sie Angst hätten, sich zu zeigen. + +Wo der Sunnerboer Bezirk mit der Grenze von Halland zusammenstößt, liegt +eine Sandheide, die so groß ist, daß jemand, der auf der einen Seite steht, +nicht bis zum andern Ende sehen kann. Auf der ganzen Ebene wächst nichts +als Heidekraut, und man könnte wohl auch schwerlich etwas andres dort zum +Wachsen bringen. Zu allererst müßte man dann das Heidekraut ausrotten; denn +obgleich dieses nur einen kleinen, verkrüppelten Stamm, kleine verkrüppelte +Zweige und trockne, verkrüppelte Blätter hat, bildet es sich doch ein, es +sei ein Baum, und beträgt sich demgemäß ganz wie die wirklichen Bäume, +breitet sich waldartig über weite Strecken aus, hält treulich zusammen und +will nicht leiden, daß andre kleine und große Gewächse in seinen Bereich +eindringen. + +Die einzige Stelle auf der Heide, wo das Heidekraut nicht Alleinherrscher +sein kann, ist ein niedriger, steiniger Bergrücken, der sich mitten über +das Heideland hinzieht. Da gibt es Wacholderbüsche, Ebereschen und mehrere +große, schöne Buchen. Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen +umherzog, war auch eine Hütte mit einem kleinen Stück gepflügten Landes +dort, aber die Leute, die da gewohnt hatten, waren aus dem einen oder +andern Grunde weggezogen. Die kleine Hütte stand leer, und die Äcker lagen +unbebaut. + +Beim Verlassen ihrer Hütte hatten die Menschen zwar vorsorglich die +Ofenklappe zugemacht, die Fensterhaken angelegt und die Tür verschlossen. +Aber sie hatten nicht daran gedacht, daß eine Fensterscheibe zerschlagen +und die Öffnung nur mit einem Lappen verstopft war. Nach ein paar tüchtigen +Sommerregen war der Lappen verfault und zusammengesunken; und schließlich +war es einer Krähe gelungen, ihn wegzupicken. + +Der Bergrücken auf der Heide war nämlich nicht so einsam, wie man annehmen +könnte, sondern er war von einem großen Volke Krähen bewohnt, das aber +natürlich nicht das ganze Jahr hindurch seinen Aufenthalt da hatte. Im +Winter zogen die Krähen ins Ausland, im Herbst flogen sie von einem Acker +zum andern im ganzen Götaland umher und pickten Saatkörner auf, im Sommer +zerstreuten sie sich auf die Höfe im Bezirk Sunnerbo und lebten von Eiern, +Beeren und jungen Vögeln; aber in jedem Frühling, wenn sie Nester bauen und +Eier legen wollten, kehrten sie auf dieses mit Heidekraut bewachsene +Heideland zurück. + +Die Krähe, die den Lappen aus dem Fenster herausgepickt hatte, hieß Garm +Weißfeder, wurde aber nie anders als Fumle oder Drumle oder schlechtweg +Fumle-Drumle genannt, weil sie sich immer dumm und ungeschickt anstellte +und zu nichts zu gebrauchen war, als daß man sich über sie lustig machte. +Fumle-Drumle war größer und stärker als alle die andern Krähen, aber das +half ihr gar nichts, die andern trieben nach wie vor ihren Spott mit ihr. +Und auch das half ihr nichts, daß sie aus sehr vornehmem Geschlecht +stammte. Von Rechts wegen hätte sie sogar der Anführer der ganzen Schar +sein müssen, weil diese Würde von Urzeiten her dem Ältesten der Weißfeder +zu eigen gewesen war. Aber lange, ehe Fumle-Drumle zur Welt kam, hatte ihre +Familie die Macht verloren, und diese gehörte jetzt einer grausamen wilden +Krähe, namens Wind-Eile. + +Der Herrscherwechsel aber stammte daher, daß die Krähen auf dem +Krähenbergrücken beschlossen hatten, ihre Lebensweise zu ändern. Viele +werden wohl glauben, alles, was Krähe heiße, lebe auf ein und dieselbe +Weise, aber dies ist ganz unrichtig. Es gibt ganze Krähenvölker, die ein +ehrenwertes Leben führen, das heißt, sich nur von Samenkörnern, +Würmerlarven und schon gestorbenen Tieren nähren. Und es gibt andre, die +ein wahres Räuberunwesen treiben; diese fallen über junge Hasen und kleine +Vögel her und rauben jedes Vogelnest aus, das sie nur entdecken können. + +Die alten Weißfeder waren streng und mäßig gewesen; und so lange sie die +Anführer waren, hatten die Krähen sich so aufführen müssen, daß ihnen die +andern Vögel nichts Böses nachsagen konnten. Aber die Krähen waren sehr +zahlreich; es herrschte große Armut bei ihnen, und sie brachten es auf die +Dauer nicht fertig, einen so strengen Wandel zu führen. Sie empörten sich +deshalb gegen die Weißfeder und gaben die Macht einem Krähenmann namens +Wind-Eile, der der schlimmste Räuber und Nestplünderer war, den man sich +denken konnte, wenn nicht sein Weib, die Wind-Kåra, schließlich noch +schlimmer war. Unter der Anführerschaft dieser beiden hatten sich die +Krähen einem solchen Lebenswandel hingegeben, daß sie jetzt mehr gefürchtet +waren als Habichte und Eulen. + +Fumle-Drumle wurde natürlich keine Stimme eingeräumt. Die ganze Schar +erklärte einstimmig, er schlage nicht im geringsten seinen Vorfahren nach +und passe ganz und gar nicht zum Anführer. Es wäre überhaupt nicht von ihm +gesprochen worden, wenn er nicht immer neue Dummheiten gemacht hätte. +Einige besonders kluge sagten allerdings bisweilen, es sei vielleicht ein +Glück für Fumle-Drumle, daß er ein so unbeholfener Tropf sei, sonst hätten +Wind-Eile und Kåra es nicht gewagt, diesen Abkömmling des alten +Häuptlingsgeschlechtes in der Schar bleiben zu lassen. + +Jetzt waren diese beiden im Gegenteil sehr freundlich gegen Fumle-Drumle +und nahmen ihn gern mit auf ihre Jagdzüge; da konnten dann alle andern +sehen, daß sie viel geschickter und kühner waren als der gute Fumle-Drumle. + +Keine von den Krähen wußte, daß Fumle-Drumle den Lappen aus der +zerbrochenen Fensterscheibe herausgepickt hatte, und wenn sie es gewußt +hätten, würden sie sich aufs höchste darüber verwundert haben. Die +Keckheit, sich einer menschlichen Wohnung zu nähern, hätten sie +Fumle-Drumle nie zugetraut. Fumle-Drumle behielt die Sache auch vollständig +für sich, und dazu hatte er seine guten Gründe. Wind-Eile und Kåra +behandelten ihn zwar bei Tage und in Gegenwart der andern immer gut, aber +in einer sehr dunklen Nacht, als die Krähen schon auf ihren Zweigen +aufgesessen waren, war er plötzlich von ein paar Krähen überfallen und +beinahe ermordet worden. Von da an begab er sich jeden Abend, nachdem es +dunkel geworden war, von seinem gewohnten Schlafplatz in die Hütte hinein. + +Da geschah es, daß die Krähen, nachdem sie schon ihre Nester auf dem +Krähenberge in Ordnung gebracht hatten, einen merkwürdigen Fund machten. +Eines Nachmittags waren Wind-Eile, Fumle-Drumle und ein paar andre in ein +großes, an dem einen Ende der Heide liegendes Loch im Boden hinabgeflogen. +Dieses Loch war nichts weiter als eine Kiesgrube, aber die Krähen konnten +sich mit einer so einfachen Erklärung nicht zufrieden geben; sie flogen +beständig hinein und drehten jedes Sandkorn um, weil sie gar zu gern gewußt +hätten, warum die Menschen diese Grube gemacht hatten. Während sie so +eifrig beschäftigt waren, stürzte plötzlich eine Masse Kies von der einen +Seite herunter. Die Krähen liefen erregt dorthin, und das Glück wollte es, +daß zwischen den herabgestürzten Steinen und dem Kies ein ziemlich großer +tönerner, mit einem Holzdeckel verschlossener Topf lag. Sie wollten +natürlich wissen, ob etwas darin sei, versuchten auch, ein Loch in den Topf +zu hacken und den Deckel aufzumachen; aber keins von beiden gelang ihnen. + +Ganz ratlos standen sie um den Topf herum und betrachteten ihn, als sie +plötzlich eine Stimme hörten: »Soll ich kommen und euch helfen, ihr +Krähen?« Sie schauten hastig auf, und da, am Rande der Grube, saß ein +Fuchs, der zu ihnen herunterschaute. Der Fuchs war, was Farbe und Gestalt +betraf, einer der schönsten Füchse, den die Krähen je gesehen hatten. Sein +einziger Schönheitsfehler war, daß er ein Ohr verloren hatte. + +»Wenn du Lust hast, uns eine Gefälligkeit zu erweisen,« sagte Wind-Eile, +»werden wir nicht nein sagen.« Gleichzeitig aber flog sie aus der Grube +heraus, und die andern Krähen folgten ihr eilig nach. Der Fuchs hüpfte an +ihrer Statt hinunter, biß an dem Topf herum und zog am Deckel, aber auch er +konnte ihn nicht öffnen. + +»Kannst du dir denken, was darin ist?« fragte Wind-Eile. + +Der Fuchs rollte den Topf hin und her und horchte aufmerksam. »Silbermünzen +sinds gewiß und wahrhaftig, lauter silberne Münzen sinds!« sagte er. + +Das war mehr, als die Krähen erwartet hatten. »Meinst du wirklich, es +könnte Silber sein?« fragten sie, und ihre Augen funkelten vor Begierde; +denn so merkwürdig es auch klingen mag, es gibt auf der Welt nichts, was +die Krähen mehr lieben, als Silbermünzen. + +»Hört nur, wie sie klirren!« sagte der Fuchs und rollte den Topf noch +einmal hin und her. »Ich weiß nur nicht, wie wir dazu kommen sollen.« + +»Nein, das ist wohl unmöglich,« seufzten die Krähen. + +Der Fuchs rieb sich den Kopf mit der linken Pfote und überlegte. Vielleicht +könnte es ihm jetzt mit Hilfe der Krähen gelingen, diesen Knirps, der ihm +immer wieder entging, in seine Gewalt zu bekommen. »Ich wüßte wohl einen, +der uns den Topf öffnen könnte,« sagte der Fuchs schließlich. + +»Wen? Wen?« riefen die Krähen, und in ihrem Eifer flatterten sie wieder in +die Grube hinab. + +»Das will ich euch sagen, wenn ihr mir versprecht, ihn mir nachher +auszuliefern,« sagte der Fuchs. + +Und nun erzählte er den Krähen von Däumling und sagte, wenn sie ihn auf die +Heide hier herausbringen könnten, würde der ihnen den Topf sicher öffnen +können. Aber als Lohn für diesen Rat verlange er, daß ihm Däumling +überlassen werde, sobald er den Krähen die Silbermünzen verschafft hätte. +Die Krähen hatten keinen Grund, Däumling zu verschonen, und gingen ohne +weitres auf die Bedingung ein. + +Dies alles war leicht zu vereinbaren gewesen, schwerer aber war es, zu +erfahren, wo der Däumling und die Wildgänse sich befanden. Wind-Eile machte +sich selbst mit fünfzehn Krähen auf den Weg und sagte, er werde bald wieder +zurück sein. Aber ein Tag um den andern verging, ohne daß die Krähen auf +dem Krähenhügel auch nur einen Schein von ihm gesehen hätten. + + +Von den Krähen geraubt + + Mittwoch, 13. April + +Beim ersten Morgengrauen waren die Wildgänse draußen, um sich etwas Nahrung +zu verschaffen, ehe sie die Reise nach Ostgötland antraten. Der Holm in der +Gåsbucht, wo sie geschlafen hatten, war klein und kalt, aber im Wasser +ringsum wuchsen allerlei Gewächse, an denen sie sich sättigen konnten. Der +Junge war schlimmer daran, er suchte vergeblich etwas Eßbares für sich. + +Als er sich nun hungrig und in der Morgenkühle schnatternd nach allen +Seiten umsah, fiel sein Blick auf ein paar Eichhörnchen, die auf einer mit +Bäumen bestandenen Landzunge gerade vor der kleinen Felseninsel spielten. +Da dachte er, die Eichhörnchen hätten vielleicht noch etwas von ihrem +Wintervorrat übrig, und er bat den weißen Gänserich, ihn auf die Landzunge +hinüberzubringen, er wolle die Eichhörnchen um ein paar Haselnüsse bitten. + +Der große Weiße schwamm gleich mit ihm über die Meerenge; aber zum Unglück +waren die Eichhörnchen von ihrem Spiel vollständig in Anspruch genommen, +sie jagten einander von Baum zu Baum und nahmen sich keine Zeit, den Jungen +anzuhören, sondern zogen sich im Gegenteil immer tiefer ins Gebüsch hinein. +Der Junge lief ihnen eilig nach und war bald aus dem Gesichtskreis des +Gänserichs verschwunden, der ruhig am Strande liegen geblieben war. + +Der Junge watete durch einige Wiesen, wo die Anemonen so hoch standen, daß +sie ihm beinahe bis zum Kinn reichten, da fühlte er sich plötzlich hinten +angefaßt, und es wurde der Versuch gemacht, ihn aufzuheben. Rasch wendete +er sich um; da sah er, daß ihn eine Krähe am Halskragen gepackt hatte. Er +versuchte sich loszureißen; aber ehe ihm dies gelang, eilte noch eine Krähe +herbei, biß sich in einem von seinen Strümpfen fest und riß ihn zu Boden. + +Wenn der Junge sogleich um Hilfe geschrieen hätte, wäre es dem Gänserich +wohl gelungen, ihn zu befreien, aber der Junge dachte wahrscheinlich, mit +ein paar Krähen müsse er es allein aufnehmen können. Er schlug und stieß um +sich; aber die Krähen ließen nicht los, und es gelang ihnen auch wirklich, +ihre Beute mit sich in die Luft hinaufzunehmen. Sie gingen aber dabei so +unvorsichtig zu Werke, daß der Kopf des Jungen gegen einen Baum stieß. Er +bekam einen starken Schlag auf den Wirbel; es wurde ihm schwarz vor den +Augen, und er verlor das Bewußtsein. + +Als der Junge die Augen wieder aufschlug, befand er sich hoch über der +Erde. Nur langsam kehrte ihm das Gedächtnis zurück, und im Anfang wußte er +weder, wo er war, noch was er sah. Als er unter sich schaute, glaubte er, +da unten sei ein ungeheuer großer wolliger Teppich ausgebreitet, der in den +unregelmäßigsten Mustern von grün und blau gewebt war. Es war ein sehr +dicker, prachtvoller Teppich, aber der Junge dachte: »Wie schade, daß er so +verdorben ist!« Denn der Teppich sah geradezu zerfetzt aus, lange Risse +liefen mitten hindurch, und an einigen Stellen waren große Stücke +weggerissen. Das merkwürdigste aber war, daß der Teppich über einen Spiegel +ausgebreitet zu sein schien, denn da, wo die Löcher und Risse waren, +schimmerte helles, glänzendes Spiegelglas hervor. + +Das nächste, was der Junge sah, war die aufgehende Sonne, die sich jetzt +über dem Horizont zeigte, und siehe da, der Spiegel unter den Löchern und +Rissen in dem Teppich begann plötzlich in rotem und goldnem Glanze zu +schimmern. Das sah prachtvoll aus, und der Junge freute sich über das +schöne Farbenspiel, obgleich er nicht recht begriff, was er eigentlich sah. +Aber jetzt begannen die Krähen abwärts zu fliegen, und auf einmal entdeckte +er, daß der große Teppich unter ihm die mit grünen Nadelholzwäldern und +braunen, kahlen Laubwäldern bedeckte Erde war, die Löcher und Risse aber +lauter glänzende Fjorde und kleine Seen waren. + +Und nun fiel ihm ein, daß er, als er das erstemal auf dem Gänserücken durch +die Luft geflogen war, geglaubt hatte, der Erdboden in Schonen sei ein +gewürfeltes Tuch. Doch dieses Land hier, das wie ein zerrissener Teppich +aussah, wie mochte es wohl heißen? + +Eine Menge Fragen gingen ihm durch den Kopf. Warum saß er nicht auf dem +Rücken des weißen Gänserichs? Warum flog ein großer Schwarm um ihn her? Und +warum wurde er hierher und dorthin gezerrt und geschleudert, so daß er fast +hinunterfiel? + +Doch plötzlich wurde ihm alles klar. Er war von ein paar Krähen geraubt +worden. Der weiße Gänserich lag noch am Strand und wartete auf ihn, und die +Wildgänse wollten heute noch nach Ostgötland weiterreisen; ihn selbst aber +brachte man fort. Südwestwärts ging es; das erkannte er daran, daß er die +Sonnenscheibe hinter sich hatte. Ja, und der große Wälderteppich dort +drunten mußte Småland sein. + +»Wie wird es dem weißen Gänserich nun gehen, wenn ich nicht mehr für ihn +sorgen kann?« dachte der Junge. Er begann den Krähen zuzurufen, sie sollten +ihn sogleich zu den Wildgänsen zurückbringen. Seiner selbst wegen war er +jedoch nicht im geringsten beunruhigt, er glaubte, die Krähen hätten ihn +aus reinem Mutwillen mitgenommen. + +Die Krähen aber richteten sich ganz und gar nicht nach seinen Befehlen, +sondern flogen so schnell als möglich weiter. Aber nach einer Weile schlug +eine mit den Flügeln auf eine Art, die bei den Krähen bedeutet: »Seht euch +vor! Gefahr!« Sogleich tauchten alle in einen Fichtenwald unter und drangen +zwischen riesigen Zweigen hindurch bis hinunter auf den Waldboden. Hier +angekommen, setzten sie den Jungen unter einer dichten Fichte nieder, wo er +so gut verborgen war, daß ihn nicht einmal der Blick eines Falken hätte +entdecken können. + +Die Schnäbel auf den Jungen gerichtet, stellten sich fünfzehn Krähen als +Wache um ihn herum. »Nun, ihr Krähen, werde ich jetzt vielleicht erfahren, +warum ihr mich geraubt habt?« fragte der Junge. + +Aber er hatte kaum ausgeredet, als ihn auch schon eine große Krähe +anzischte: »Schweig! Oder ich hacke dir die Augen aus!« + +Und mit diesem Ausspruch war es der Krähe sicherlich Ernst, darüber konnte +kein Zweifel herrschen; dem Jungen blieb also nichts andres übrig, als zu +gehorchen. Schweigend saß er da und starrte die Krähen an, und die Krähen +starrten ihn an. + +Aber je länger er sie betrachtete, desto weniger gefielen sie ihm. Ihr +Federkleid war schrecklich schmutzig und schlecht geputzt, ganz als ob die +Krähen von einem Bad oder von Einölen gar nichts wüßten. An ihren Zehen und +Klauen klebte vertrocknete Erde, und in den Schnabelwinkeln saßen +Speisereste. Das war ein andrer Schlag Vögel als die Wildgänse, das sah der +Junge wohl. Sie hatten ein grausames, habsüchtiges, gieriges und freches +Aussehen, ganz wie richtige Räuber und Landstreicher. + +»Da bin ich ja wohl unter ein echtes Räuberpack geraten,« dachte der Junge. + +In demselben Augenblick hörte er den Lockruf der Wildgänse über sich: »Wo +bist du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!« + +Er erriet, daß Akka und die andern auf der Suche nach ihm waren; aber ehe +er antworten konnte, zischte die große Krähe, die der Anführer der Bande zu +sein schien, ihm ins Ohr: »Denk an deine Augen!« Und es blieb ihm nichts +andres übrig, als zu schweigen. + +Die Wildgänse hatten wohl keine Ahnung, daß der Junge ihnen so nahe war; +sie waren gewiß nur zufällig über diesen Wald hingeflogen, denn der Junge +hörte sie nur noch ein paarmal rufen, dann verstummten sie. »Ja, nun mußt +du dir selbst helfen, Nils Holgersson!« sagte er zu sich selbst. »Nun mußt +du zeigen, ob du während der in der Wildnis verbrachten Wochen etwas +gelernt hast.« + +Nach einer Weile machten die Krähen Anstalt, aufzubrechen; sie hatten +offenbar die Absicht, den Jungen noch weiter mitzunehmen, und zwar wieder +so, daß ihn die eine am Hemdkragen, die andre am Strumpf festhielt. Doch da +sagte der Junge: »Ist denn keine unter euch stark genug, mich auf ihrem +Rücken zu tragen? Ihr habt mich schon so mißhandelt, daß ich wie gerädert +bin. Laßt mich doch reiten, ich werde mich gewiß nicht hinabstürzen, das +verspreche ich.« + +»Glaube nur nicht, daß wir uns darum kümmern, wie es dir geht,« sagte der +Anführer. + +Aber jetzt kam die größte von den Krähen herbei; sie hatte eine weiße Feder +im Flügel und sagte: »Es wäre gewiß besser für uns alle, Wind-Eile, wenn +wir Däumling ganz und nicht halb an Ort und Stelle brächten, deshalb will +ich versuchen, ihn auf meinem Rücken zu tragen.« + +»Wenn du es kannst, Fumle-Drumle, dann hab ich nichts dagegen,« sagte +Wind-Eile. »Aber verliere ihn ja nicht!« + +Damit war schon viel gewonnen, und der Junge war wieder ganz vergnügt. »Den +Mut brauche ich noch nicht zu verlieren, weil mich die Krähen geraubt +haben,« dachte er. »Mit diesen Gaunern werde ich schon fertig werden.« + +Die Krähen flogen in südwestlicher Richtung immer weiter über Småland hin. +Es war ein herrlicher, sonniger, warmer Morgen, die Vögel auf der Erde +drunten gingen alle auf Freiersfüßen, sie sangen und zwitscherten ihre +zärtlichsten Weisen. In einem hohen, dunklen Wald, hoch droben in dem +Wipfel einer Fichte, saß eine Drossel mit herabhängenden Flügeln und +aufgeblähtem Hals und sang ein Mal ums andre: »Ach, wie schön bist du! Wie +wunderbar schön bist du! Niemand ist so schön wie du!« Und sobald sie mit +diesem Liede zu Ende war, fing sie wieder von vorn an. + +Aber gerade zu der Zeit flog der Junge über den Wald hin, und nachdem er +das Lied ein paarmal mit angehört hatte und merkte, daß die Drossel sonst +keines konnte, hielt er beide Hände wie eine Trompete vor den Mund und rief +hinab: »Das haben wir schon früher gehört! Das haben wir schon früher +gehört!« + +»Wer macht sich über mein Lied lustig?« fragte die Drossel und versuchte +den Sprecher zu entdecken. + +»Der von den Krähen Geraubte ist es!« antwortete der Junge. + +Da wendete der Krähenhäuptling den Kopf und sagte: »Hüte deine Augen, +Däumling!« + +Aber der Junge dachte: »Ach, was kümmere ich mich darum! Nun gerade will +ich dir zeigen, daß ich mich nicht fürchte!« + +Immer weiter ins Land hinein ging es, und überall gab es Wälder und Seen. +Auf einem von Birken eingefriedigten Weideplatze saß die Waldtaube auf +einem kahlen Zweige, und vor ihr stand der Täuberich. Er blies die Federn +auf, verdrehte den Hals, wiegte den Körper auf und ab, so daß die +Brustfedern den Zweig streiften, und dazwischen gurrte er: »Du, du, bist +die schönste im Walde! Keine im Walde ist so schön wie du, du, du!« + +Aber oben in den Lüften flog der Junge vorüber, und als er den Täuberich +hörte, konnte er sich nicht still verhalten. »Glaub ihm nicht! Glaub ihm +nicht!« rief er hinab. + +»Wer, wer, wer ist es, der mich verleumdet?« gurrte der Täuberich und +versuchte den zu entdecken, der ihm die Worte zugerufen hatte. + +»Der von den Krähen Geraubte ist es!« rief der Junge. + +Wieder drehte Wind-Eile den Kopf nach dem Jungen und befahl ihm zu +schweigen; aber Fumle-Drumle, der ihn trug, sagte: »Laß ihn doch schwatzen, +dann denken die kleinen Vögel, wir Krähen seien gute, freundliche Vögel +geworden.« + +»O, die sind wohl auch nicht so dumm!« entgegnete Wind-Eile; aber der +Gedanke schmeichelte ihm doch, und von da an ließ er den Jungen rufen, so +viel er wollte. + +Weiter und weiter ging es, meistens über Wälder und Waldwiesen hin, aber +natürlich kamen hin und wieder auch Kirchen und Dörfer und am Waldesrand +kleine Häuser. Einmal sahen sie einen alten schönen Herrensitz mit +rotangestrichenen Mauern und einem steilen Dach mit mehreren Absätzen. +Dahinter lag der Wald, davor ein See, der Vorplatz war von mächtigen +Ahornbäumen eingefaßt, und im Garten standen große, vielästige +Stachelbeerbüsche. Ganz oben auf der Wetterfahne saß ein Star und +zwitscherte so laut, daß jeder Ton bis zu dem Starenweibchen hinunterdrang, +das in einem Starenkasten am Birnbaum auf seinen Eiern saß. »Wir haben vier +kleine Eier!« sang der Star. »Wir haben vier schöne, runde Eier! Wir haben +das ganze Nest voll prächtiger Eier!« + +Der Star sang sein Lied zum tausendsten Mal, als der Junge über den Hof +hinflog. Da legte er die Hände wie ein Rohr vor den Mund und rief: »Die +Dohle wird sie holen! Die Dohle wird sie holen!« + +»Wer ist es, der mich erschrecken will?« fragte der Star und schlug unruhig +mit den Flügeln. + +»Der Krähenreiter ists, der Krähenreiter!« rief der Junge. Diesmal gebot +der Krähenhäuptling dem Jungen nicht Schweigen. Er und die ganze Schar +waren im Gegenteil so lustig, daß sie vor Befriedigung krächzten. + +Je weiter sie ins Land hineinkamen, desto größer wurden die Seen, und desto +mehr Inseln und Landzungen hatten sie. Am Ufer eines Sees stand der +Enterich und machte tiefe Bücklinge vor der Ente. »Ich will dir treu +bleiben mein Leben lang! Ich will dir treu bleiben mein Leben lang!« +erklärte er feierlich. + +»Es dauert keinen Sommer lang!« schrie der Junge, der eben vorüberflog. + +»Was bist du denn für einer?« rief ihm der Enterich nach. + +»Ich heiße Krähenraub!« schrie der Junge. + +Um die Mittagszeit ließen sich die Krähen auf einer Waldwiese nieder. Sie +flogen umher und suchten sich Speise, aber keiner von ihnen fiel es ein, +auch dem Jungen etwas zu geben. Plötzlich flog Fumle-Drumle mit einem +wilden Rosenzweig, an dem einige rote Hagebutten saßen, im Schnabel zu dem +Häuptling hin. »Sieh, was ich dir bringe, Wind-Eile,« sagte er. »Dies ist +etwas Gutes, das für dich paßt.« + +Aber Wind-Eile krächzte verächtlich. »Meinst du, ich wolle alte, +vertrocknete Hagebutten fressen?« + +»Und ich hatte gedacht, du würdest dich darüber freuen,« sagte Fumle-Drumle +und warf den Zweig in hellem Mißmut weg. Der Zweig aber fiel gerade vor dem +Jungen nieder, und dieser war nicht faul, ihn aufzuheben und seinen Hunger +mit den Beeren zu stillen. + +Als die Krähen satt waren, begannen sie miteinander zu plaudern. »Woran +denkst du, Wind-Eile? Du bist heute so still?« sagte eine zu dem Anführer. + +»Ich denke daran, daß in dieser Gegend einmal eine Henne lebte, die ihre +Herrin sehr lieb hatte; und um ihr eine rechte Freude zu machen, legte sie +ein besonders großes Ei, das sie unter dem Scheunenboden verbarg. So lange +sie das Ei ausbrütete, freute sie sich immerfort, wie beglückt die Frau +über das Küchlein sein werde. Die Frau wunderte sich natürlich, wo die +Henne so lange blieb. Sie suchte überall nach, fand sie aber nicht. +Langschnabel, kannst du erraten, wer sie fand?« + +»Ich glaube, ich kann es erraten, Wind-Eile, und nachdem du dies erzählt +hast, will ich etwas Ähnliches zum besten geben. Entsinnt ihr euch der +großen schwarzen Katze im Hinneryder Pfarrhaus? Sie war mit ihrer +Herrschaft unzufrieden, weil diese ihr immer die neugeborenen Jungen +wegnahm und ertränkte. Nur ein einziges Mal gelang es der Katze, die +kleinen Neugeborenen zu verstecken, denn da legte sie sie in eine +Strohmiete auf dem Acker. Sie war überglücklich mit ihren Jungen, aber ich +glaube, ich hatte noch mehr Freude an ihnen als sie.« + +Jetzt wurden die andern Krähen so eifrig, daß sie einander ins Wort fielen. +»Ist das eine Kunst, Eier und neugeborene Junge zu stehlen?« rief eine. +»Ich hab einmal einen jungen, beinahe ausgewachsenen Hasen erjagt. Da galt +es, ihn von Dickicht zu Dickicht zu verfolgen -- --« + +Weiter kam sie nicht, denn schon fiel ihr eine andre ins Wort. »Es mag ja +ganz lustig sein, Hühner und Katzen zu ärgern, aber viel interessanter +finde ich es, wenn eine Krähe einem Menschen Verdruß bereiten kann. Ich hab +einmal einen silbernen Löffel gestohlen -- --« + +Aber länger konnte der Junge diese Unterhaltung nicht mit anhören. »Nein, +hört nun, ihr Krähen, ihr solltet euch schämen,« sagte er, »so viele +Schlechtigkeiten preiszugeben. Jetzt habe ich drei Wochen bei den +Wildgänsen zugebracht, aber von ihnen habe ich nur Gutes gehört. Ihr müßt +einen schlechten Häuptling haben, wenn er euch erlaubt, auf solche Weise zu +rauben und zu morden. Ihr solltet ein neues Leben anfangen, denn ich sage +euch, die Menschen sind eurer Bosheit so überdrüssig geworden, daß sie euch +auszurotten versuchen, koste es, was es wolle. Und dann wird es bald aus +mit euch sein.« + +Als Wind-Eile und die Krähen dies hörten, wurden sie so erbost, daß sie +sich auf den Jungen stürzten, um ihn zu zerhacken und zu zerreißen. Aber +Fumle-Drumle lachte und krächzte und stellte sich vor ihn hin. »Nein, nein, +nein!« wehrte er ab und schien ganz entsetzt zu sein. »Was meint ihr wohl, +was Wind-Kåra sagen wird, wenn ihr den Däumling umbringt, ehe er uns die +Silbermünzen verschafft hat?« + +»Ja du, du hast wohl Angst vor dem Weibervolk!« rief Wind-Eile. Aber +jedenfalls ließen er und die andern Krähen Däumling jetzt in Frieden. + +Bald darauf zogen die Krähen weiter. Bis dahin hatte der Junge fortwährend +gedacht, Småland sei doch kein so armes Land, wie ihm gesagt worden war. Es +war ja wohl dicht bewaldet und voller Bergrücken, aber an den Flüssen und +Seen lagen bebaute Felder, und eine wirkliche Wildnis hatte er bis jetzt +noch nicht angetroffen. Aber je tiefer er ins Land hineinkam, desto weiter +voneinander entfernt waren die Dörfer und Gehöfte, und schließlich war es +doch, als fliege er über eine wahre Wildnis hin, denn er sah nichts als +Moore, Heideland und Felsenhügel. + +Die Sonne war im Untergehen, aber es war doch noch taghell, als die Krähen +die mit Heidekraut bewachsene Ebene erreichten. Wind-Eile schickte eine +Krähe voraus mit der Nachricht, daß ihr Suchen mit Erfolg gekrönt worden +sei; und als dies bekannt wurde, flogen mehrere hundert Krähen, Wind-Kåra +an der Spitze, vom Krähenhügel fort und den Ankommenden entgegen. Mitten +unter dem ohrenzerreißenden Krächzen, das die Krähen bei der gegenseitigen +Begrüßung ausstießen, sagte Fumle-Drumle zu dem Jungen: »Du bist auf der +ganzen Reise so lustig und vergnügt gewesen, daß ich dich liebgewonnen +habe. Deshalb will ich dir jetzt einen guten Rat geben. Sobald wir uns +niederlassen, trägt man dir eine Arbeit auf, die dir sehr leicht vorkommen +wird. Aber hüte dich wohl, sie auszuführen.« + +Gleich darauf setzte Fumle-Drumle den Jungen in einer Sandgrube nieder. Der +Junge ließ sich auf den Boden fallen und blieb wie zum Tode ermattet +liegen. Flügelschlagend, daß es wie ein Sturm brauste, flatterten unzählige +Krähen um ihn her; aber der Junge machte die Augen nicht auf. + +»Steh auf, Däumling!« befahl Wind-Eile. »Du mußt etwas für uns tun, was für +dich eine Kleinigkeit ist.« + +Aber der Junge rührte sich nicht, sondern stellte sich schlafend. Doch ohne +ein weitres Wort zu verlieren, packte ihn Wind-Eile am Arm und schleppte +ihn über den Sand zu einem altertümlich geformten tönernen Topf hin, der +mitten in der Grube stand. »Steh auf, Däumling,« befahl er, »und öffne uns +den Topf!« + +»Warum läßt du mich denn nicht schlafen?« sagte der Junge. »Heute abend bin +ich zu müde dazu. Wartet bis morgen!« + +»Öffne den Topf!« befahl Wind-Eile und schüttelte den Jungen. + +Jetzt setzte sich der Junge auf und betrachtete den Topf sehr genau. »Wie +sollte ich armes Kind einen solchen Topf öffnen können? Er ist ja ebenso +groß wie ich selbst!« + +»Öffne ihn!« befahl Wind-Eile noch einmal. »Sonst geht es dir schlecht!« + +Der Junge stand auf, wankte zu dem Topf hin, befühlte den Deckel und ließ +die Arme sinken. »Ich bin doch sonst nicht so schwach,« sagte er. »Laßt +mich doch nur bis morgen schlafen, dann werde ich den Deckel gewiß +aufbringen.« + +Doch Wind-Eile war ungeduldig; er sprang vor und pickte den Jungen ins +Bein. Aber eine solche Behandlung wollte dieser sich nicht gefallen lassen; +rasch riß er sich los, sprang ein paar Schritte zurück, zog sein Messer aus +der Scheide und hielt es ausgestreckt vor sich hin. + +»Nimm dich in acht, du!« rief er Wind-Eile zu. + +Der aber war zu erbittert, um der Gefahr auszuweichen. Ganz blind vor Wut +stürzte er auf den Jungen zu und direkt in das Messer hinein, das ihm durch +das eine Auge ins Gehirn hineindrang. Der Junge zog zwar das Messer hastig +zurück, aber Wind-Eile schlug nur noch ein paarmal mit den Flügeln, dann +sank er tot zu Boden. + +»Wind-Eile ist tot! Der Fremde hat unsern Häuptling Wind-Eile umgebracht!« +schrien die Krähen, die zunächst standen. Und dann erhob sich ein +entsetzlicher Lärm; die einen jammerten, die andern schrien nach Rache. +Alle miteinander, Fumle-Drumle an der Spitze, stürzten oder flatterten auf +den Jungen zu. Aber wie gewöhnlich benahm sich Fumle-Drumle ganz verkehrt. +Er flatterte nur mit ausgebreiteten Flügeln über dem Jungen und verhinderte +dadurch die andern, an ihn heranzukommen und auf ihn loszuhacken. + +Jetzt sah der Junge, daß er sich da in eine schlimme Lage gebracht hatte. +Er konnte den Krähen nicht entfliehen, und nirgends war ein Ort, wo er sich +hätte verstecken können? Aber dann fiel ihm der tönerne Topf ein. Mit einem +kräftigen Ruck riß er den Deckel herunter und sprang hinein, um sich darin +zu verstecken. Aber der Topf war ein schlechter Schlupfwinkel, denn er war +fast bis zum Rande mit kleinen dünnen Silbermünzen gefüllt, und der Junge +konnte nicht tief genug hineinkommen. Da beugte er sich vor und begann die +Münzen herauszuwerfen. + +Bis jetzt waren die Krähen in einem dichten Schwarm um ihn hergeflattert +und hatten versucht, nach ihm zu hacken; als er aber die Münzen herauswarf, +vergaßen sie auf einmal ihre Rachgier und pickten die Geldstücke eiligst +auf. Mit vollen Händen warf der Junge Münzen heraus, und alle Krähen, ja +selbst Wind-Kåra, versuchten sie aufzufangen. Und jede, der es gelang, eine +Münze zu erhaschen, stürzte in größter Hast auf und davon nach ihrem Nest, +die Beute dort zu verstecken. + +Als der Junge alle Silbermünzen aus dem Topf herausgeworfen hatte, sah er +auf. Da war nur noch eine einzige Krähe in der Sandgrube, Fumle-Drumle mit +der weißen Feder im Flügel, der ihn getragen hatte. »Du hast mir einen +größern Dienst geleistet, als du ahnen kannst, Däumling,« sagte die Krähe +mit einer ganz andern Stimme und mit ganz anderm Tonfall als vorher, »und +deshalb will ich dir das Leben retten. Setz dich auf meinen Rücken, dann +bringe ich dich in ein Versteck, wo du während der Nacht sicher bist. +Morgen werde ich es dann so einrichten, daß du zu deinen Freunden +zurückgebracht wirst.« + + +Die Hütte + + Donnerstag, 14. April + +Als der Junge am nächsten Morgen erwachte, lag er auf einem Bett, und als +er vier Wände um sich her und ein Dach über sich sah, glaubte er daheim zu +sein. »Ob Mutter nicht bald mit dem Kaffee kommt?« murmelte er noch im +Halbschlaf. Aber dann fiel ihm ein, daß er ganz verlassen in einer Hütte +auf dem Krähenberg lag, und daß Fumle-Drumle mit der weißen Feder ihn am +vorhergehenden Abend hierhergetragen hatte. + +Dem Jungen taten alle Glieder weh nach der Reise, die er am gestrigen Tage +gemacht hatte, und das Stilliegen kam ihm deshalb sehr schön vor. Er +wartete auf Fumle-Drumle, der versprochen hatte, wiederzukommen, ihn zu +holen. Das Bett war von einem Vorhang aus gewürfeltem Baumwollstoff +umgeben, der Junge schob ihn zur Seite, um sich in der Stube umzusehen. +Nein, ein solches Gebäude hatte er sicherlich noch nie gesehen! Die Wände +bestanden nur aus einer doppelten Reihe Latten, dann kam gleich das Dach. +Eine Zimmerdecke war nicht da, man konnte bis zum Dachfirst hinaufsehen. +Die ganze Hütte war so klein, daß sie ihm mehr für solche Wesen, wie er +jetzt eines war, als für richtige Menschen gemacht zu sein schien; aber der +Herd und der Kamin waren ganz richtig gebaut und kamen ihm gerade so groß +vor wie alle, die er früher gesehen hatte. Die Eingangstür auf der einen +Giebelseite neben dem Herd war so schmal, daß sie beinahe einer Luke glich. +An der andern Giebelseite war ein niedriges, breites Fenster mit vielen +kleinen Scheiben. Es waren fast keine beweglichen Möbel im Zimmer, die Bank +an der einen Langseite und der Tisch am Fenster waren an der Wand +festgemacht, und desgleichen das große Bett, in dem der Junge lag, sowie +auch der bunte Wandschrank. + +Der Junge hätte gar zu gern gewußt, wem die Hütte gehörte, und warum sie +unbewohnt sei. Es sah ganz so aus, als ob die abwesenden Bewohner die +Absicht gehabt hätten, wiederzukommen. Die Kaffeekanne und der Grützentopf +standen auf dem Herd, und in dem Ofenwinkel lag etwas Brennholz. Der +Ofenschürer und die Backschaufel standen in einer Ecke, der Spinnrocken war +auf einen Stuhl gestellt, auf dem Bort über dem Fenster lagen Werg und +Flachs, ein paar Stränge Garn, ein Talglicht und ein Bund Zündhölzer. + +Ja, es sah gerade aus, als ob die Leute, denen die Hütte gehörte, +zurückzukehren gedächten. In der Bettlade lagen die nötigen Bettstücke, und +an der Wand waren lange Tuchstreifen befestigt, auf denen drei Reiter zu +sehen waren, die Kaspar, Melchior und Balthasar hießen. Dieselben Pferde +und dieselben Reiter waren viele Male abgebildet. Sie ritten in der ganzen +Stube herum und nahmen ihren Weg sogar bis zu den Dachbalken hinauf. + +Aber oben im Dach erblickte der Junge etwas, das ihn eiligst auf die Beine +brachte. Da oben auf einem Haken hingen ein paar trockne Brotkuchen. Sie +sahen allerdings etwas schimmelig und alt aus, aber es war doch immerhin +Brot. Er versetzte ihnen mit der Backschaufel ein paar Schläge, daß ein +Stück herunterfiel. Schnell stillte er seinen Hunger und stopfte auch seine +Taschen noch voll damit. Wie unglaublich gut doch Brot schmeckte! + +Dann schaute er sich noch einmal in der Stube um, ob er nicht etwas +entdecke, das ihm nützlich sein könnte! »Ich darf doch wohl das mitnehmen, +was mir notwendig ist, da sich niemand darum kümmert,« dachte er. Aber das +meiste, was er sah, war zu groß und zu schwer. Das einzige, was er etwa +mitnehmen konnte, waren ein paar Zündhölzer. + +Er kletterte auf den Tisch hinauf und schwang sich mit Hilfe der Vorhänge +auf das Brett über dem Fenster. Während er da oben stand und die Zündhölzer +in sein Säckchen hineinstopfte, flog die Krähe mit der weißen Feder zum +Fenster herein. + +»Nun, da bin ich,« sagte sie und hielt bei dem Tisch an. »Ich konnte nicht +früher abkommen, weil wir Krähen heute einen neuen Häuptling gewählt +haben.« + +»Wen habt ihr denn gewählt?« fragte der Junge. + +»Einen, der keine Räuberei und Ungerechtigkeit dulden wird,« sagte die +Krähe und reckte sich, daß sie ganz majestätisch aussah. »Garm Weißfeder +ist gewählt worden, der vorher Fumle-Drumle hieß.« + +»Das ist eine gute Wahl,« sagte der Junge, und er gratulierte Fumle-Drumle +herzlich. + +»Ja, du darfst mir wohl Glück wünschen,« sagte Garm; und dann erzählte er +dem Jungen, was für ein Leben er mit Wind-Eile und Kåra gehabt hätte. + +Plötzlich hörte der Junge vor dem Fenster eine Stimme, die ihm bekannt +vorkam. »Ist er hier?« fragte Smirre, der Fuchs. + +»Ja, da drinnen hat er sich versteckt,« antwortete eine Krähenstimme. + +»Nimm dich in acht, Däumling!« rief Garm. »Wind-Kåra steht mit dem Fuchs +draußen, der dich auffressen will!« + +Mehr konnte er nicht sagen, denn der Fuchs machte einen Satz gegen das +Fenster. Die alte, morsche Fensterverkleidung gab nach, und im nächsten +Augenblick stand Smirre auf dem Tische am Fenster. Den neugewählten +Häuptling, Garm Weißfeder, der keine Zeit zum Davonfliegen gehabt hatte, +biß er sofort tot. Dann sprang er auf den Boden hinunter und schaute sich +nach dem Jungen um. + +Dieser versuchte sich hinter einem Garnhaspel zu verstecken, aber Smirre +hatte ihn schon gesehen und duckte sich zum Sprunge. Ach, die Hütte war so +gar klein und niedrig, der Junge war keinen Augenblick im Zweifel, daß ihn +der Fuchs ohne Schwierigkeit erreichen könne! Aber in diesem Augenblick war +der Junge nicht ohne Verteidigungswaffen. Eilig brannte er ein Zündholz an, +hielt es an das Wergbündel, und als dieses aufflammte, warf er es auf +Smirre hinunter. Und als das Feuer auf den Fuchs fiel, wurde dieser von +einem wahnsinnigen Schrecken erfaßt. Er dachte nicht mehr an den Jungen; +ohne sich zu besinnen, floh er aus der Hütte hinaus. + +Aber es sah aus, als ob der Junge zwar einer Gefahr entgangen sei, jedoch +nur, um sich in eine größere zu bringen. Von dem Wergbündel, das er nach +Smirre geworfen hatte, verbreitete sich das Feuer weiter, und schon hatte +es den Bettumhang ergriffen. Der Junge sprang hinunter und versuchte die +Flammen zu löschen; aber das Feuer brannte schon zu stark, die Stube füllte +sich schnell mit Rauch, und Smirre, der vor dem Fenster stehen geblieben +war, erriet leicht, wie es da drinnen stand. »Na, Däumling,« rief er, »was +willst du wählen? Gebraten werden oder zu mir herauskommen? Ich möchte dich +allerdings am liebsten auffressen, aber wenn dich der Tod auf andre Weise +erreicht, bin ich es auch zufrieden.« + +Der Junge war überzeugt, daß der Fuchs recht habe, denn das Feuer griff +schrecklich schnell um sich. Schon brannte das ganze Bett, vom Boden stieg +Rauch auf, und an den gemalten Tuchstreifen krochen die Flammen von einem +Reiter zum andern. Der Junge war auf den Herd hinaufgesprungen und +versuchte die Klappe zum Backofen zu öffnen; da hörte er plötzlich, daß ein +Schlüssel in die Tür gesteckt und leise umgedreht wurde. Das mußten +Menschen sein, und in der Not, in der der Junge sich befand, fürchtete er +sich nicht, er freute sich nur. Er sah zwei Kinder vor sich; aber zu +beobachten, was für Gesichter sie machten, als sie die Stube in Flammen +stehen sahen, dazu ließ er sich keine Zeit, sondern stürzte an ihnen vorbei +ins Freie. + +Weit wagte er jedoch nicht zu laufen, denn er wußte wohl, daß Smirre ihm +auflauerte, und daß er am besten tat, sich in der Nähe der Kinder +aufzuhalten. Er wendete den Kopf, um zu sehen, wie sie aussähen; aber er +hatte sie noch keine Sekunde betrachtet, als er auch schon auf sie +zustürzte und ausrief: »Guten Tag, Åsa! Guten Tag, Klein-Mats!« + +Denn als der Junge die Kinder erkannte, vergaß er vollständig, wo er sich +befand. Die Krähen, die brennende Hütte und die sprechenden Tiere +verschwanden aus seinem Gedächtnis. In Westvemmenhög auf einem Stoppelfelde +hütete er seine Gänse, auf dem Felde daneben wanderten die beiden +småländischen Kinder mit den ihrigen; und sobald er die Kinder sah, sprang +er auf das Steinmäuerchen und rief: »Guten Tag, Gänsehirtin Åsa! Guten Tag, +Klein-Mats!« + +Als aber die beiden Kinder einen kleinen Knirps mit ausgestreckten Händen +auf sich zulaufen sahen, faßten sie sich gegenseitig an, wichen ein paar +Schritte zurück und sahen zum Tod erschrocken aus. + +Und als der Junge ihren Schrecken wahrnahm, kam er zu sich und erinnerte +sich, wer er war. Und da meinte er, es könnte ihm nichts Schlimmeres +passieren, als wenn ihn gerade diese Kinder in seiner verhexten Gestalt +sähen. Die Scham und der Kummer darüber, daß er kein Mensch mehr war, +überwältigten ihn. Er wendete sich um und entfloh, wohin, das wußte er +selbst nicht. + +Aber siehe da, draußen auf der Heide, was begegnete ihm da Gutes? Aus dem +Heidekraut schimmerte etwas Weißes hervor, und ihm entgegen kamen der weiße +Gänserich und Daunenfein. Als der Weiße ihn in solcher Hast daherrennen +sah, glaubte er, daß der Junge von gefährlichen Feinden verfolgt würde. In +aller Eile hob er ihn auf seinen Rücken und flog mit ihm davon. + +[Illustration] + + + + +17 + +Die alte Bauernfrau + + + Donnerstag, 14. April + +Drei müde Wanderer waren spät am Abend noch unterwegs und suchten sich eine +Nachtherberge. Sie befanden sich in einer armen einsamen Gegend des +nördlichen Smålands, und doch hätte sich ein solches Ruheplätzchen, wie sie +es wünschten, eigentlich finden lassen müssen, denn es waren keine +verwöhnten Schwächlinge, die nach weichen Betten oder wohleingerichteten +Zimmern fragten. + +»Wenn nur einer von diesen langen Bergrücken einen so steilen, hohen Gipfel +hätte, daß ein Fuchs an keiner Seite hinaufklettern könnte, dann hätten wir +einen guten Schlafplatz!« sagte einer von ihnen. + +»Wenn ein einziges von den großen Mooren aufgefroren und so weich und naß +wäre, daß sich ein Fuchs nicht darauf hinauswagte, dann wäre das auch ein +recht guter Nachtaufenthalt,« sagte der zweite. + +»Wenn nur an einem der zugefrorenen Seen, an denen wir vorbeikamen, das Eis +vom Ufer ganz losgelöst wäre, so daß kein Fuchs vom Lande aus hinüber +gelangen könnte, dann hätten wir das, was wir suchen,« sagte der dritte. + +Das Schlimmste aber war, daß zwei von den Reisenden nach Sonnenuntergang +furchtbar schläfrig wurden und sich kaum noch aufrecht halten konnten. +Deshalb wurde der dritte, der auch nachts wachen konnte, bei der +zunehmenden Dunkelheit mit jedem Augenblick unruhiger. »Es ist doch +wirklich ein Unglück,« dachte er. »Nun sind wir in ein Land geraten, wo die +Seen und Moore mit Eis bedeckt daliegen, so daß der Fuchs überall +hinübergelangen kann. An andern Orten ist das Eis ganz geschmolzen; aber +jetzt sind wir wohl in dem kältesten Småland, wo der Frühling seinen Einzug +noch nicht gehalten hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll, um einen guten +Schlafplatz ausfindig zu machen. Wenn ich nicht einen Ort erreiche, wo wir +wohlbeschützt sind, fällt Smirre über uns her, ehe der Morgen anbricht.« + +Er sah sich nach allen Seiten um; aber nirgends fand sich ein Platz, der +ihm passend erschienen wäre. Ach, und es war ein trüber kalter Abend mit +Wind und Sprühregen! Immer unheimlicher und unbehaglicher wurde es ringsum. + +Es mag einem sonderbar vorkommen, aber die Reisenden schienen ganz und gar +keine Lust zu haben, in irgend einem Hof um Obdach zu bitten. Sie waren +schon an vielen Kirchspielen vorübergekommen, ohne an einer einzigen Tür +anzuklopfen. Selbst die kleinen Schutzhütten am Waldesrand, bei deren +Anblick alle armen Wanderer freudig aufatmen, schienen ihnen nicht zu +gefallen. Man hätte sich schließlich versucht fühlen können, zu sagen, es +geschehe ihnen ganz recht, wenn sie in Not seien, da sie ja die Hilfe, die +ihnen geboten werde, nicht annehmen wollten. + +Als es aber endlich so dunkel geworden war, daß kaum noch ein heller +Streifen am Himmel zu sehen war, und die beiden, die sich des Schlafes +nicht erwehren konnten, im Halbschlummer weiter wanderten, kamen sie an +einen Bauernhof, der fern von allen andern Höfen ganz einsam dalag. Und er +lag nicht allein einsam da, sondern sah auch aus, als sei er vollständig +unbewohnt. Aus dem Schornstein stieg kein Rauch auf, aus den Fenstern drang +kein Lichtschein heraus, kein Mensch war auf dem Hofplatze zu sehen. Als +nun der eine, der sich auch nachts wach halten konnte, den Hof sah, dachte +er: »Nun mag es gehen, wie es will, aber hier müssen wir hineinzukommen +versuchen. Etwas Besseres finden wir wahrscheinlich doch nicht.« + +Gleich darauf standen alle drei auf dem Hofplatze. Die beiden Schläfrigen +schliefen wirklich ein, sobald sie anhielten, der dritte aber spähte eifrig +umher, um herauszufinden, wo sie am besten unterkommen könnten. Der Hof war +durchaus nicht klein; außer dem Wohngebäude, dem Pferde- und Viehstall, war +noch eine lange Reihe von andern Wirtschaftsgebäuden, Scheunen, Lagerräumen +und Geräteschuppen zu sehen. Aber alles sah schrecklich ärmlich und +heruntergekommen aus; die Häuser hatten graue, moosbewachsene, schiefe +Mauern, die einzufallen drohten. Die Dächer zeigten gähnende Löcher, und +die Türen hingen schräg in ihren zerbrochenen Angeln. Offenbar hatte sich +seit langer Zeit niemand mehr die Mühe gegeben, hier auch nur einen Nagel +einzuschlagen. + +Indessen aber hatte der von den Reisenden, der wach war, ausfindig gemacht, +welches von den Gebäuden der Viehstall sein mußte. Er rüttelte die beiden +andern auf und führte sie zu der Stalltür hin. Glücklicherweise war sie nur +mit einem Haken zugemacht, den man mit einem Stecken leicht zurückschieben +konnte. In dem Gedanken, daß sie nun bald alle in Sicherheit seien, stieß +der Anführer der drei Wanderer einen Seufzer der Erleichterung aus; als +aber die Stalltür laut knarrend aufging, hörte er plötzlich eine Kuh +brüllen. »Kommt Ihr nun endlich, Mutter?« sagte die Kuh. »Ich glaubte +schon, Ihr würdet mir heute gar kein Futter bringen.« + +Als er merkte, daß der Stall nicht leer war, blieb der wache Wanderer ganz +erschrocken in der Tür stehen. Doch bald faßte er wieder Mut, denn er sah, +daß nur eine Kuh und drei oder vier Hühner da waren. + +»Wir sind drei arme Reisende, die eine Nachtherberge suchen, wo uns kein +Fuchs überfallen und kein Mensch fangen kann,« sagte er. »Wir möchten wohl +wissen, ob dies ein guter Platz für uns wäre.« + +»Das glaube ich gewiß,« antwortete die Kuh. »Die Wände sind zwar schlecht, +aber bis jetzt ist noch nie ein Fuchs hereingedrungen, und auf dem Hofe +wohnt niemand als eine alte Frau, die gewiß nicht imstande ist, jemand zu +fangen. Aber was seid ihr für Leute?« fuhr sie fort und drehte den Kopf, um +die Eingetretenen sehen zu können. + +»Ach, ich bin Nils Holgersson aus Westvemmenhög, der in ein Wichtelmännchen +verwandelt worden ist,« antwortete der erste der Reisenden. »Ich habe eine +zahme Gans bei mir, auf der ich gewöhnlich reite, und außerdem auch noch +eine Graugans.« + +»So liebe Gäste sind noch nie innerhalb meiner vier Wände gewesen,« sagte +die Kuh. »Ich heiße euch willkommen, obgleich ich fast noch lieber gesehen +hätte, wenn meine Hausmutter mit meinem Nachtessen gekommen wäre.« + +Der Junge geleitete nun die Gänse in den recht großen Stall hinein und +brachte sie in einem leeren Stand unter, wo sie auch gleich wieder +einschliefen. + +Sich selbst machte er ein kleines Häufchen Stroh zurecht und dachte nicht +anders, als daß er auch gleich einschlafen werde. + +Aber daraus wurde nichts, denn die arme Kuh, die kein Futter bekommen +hatte, verhielt sich keinen Augenblick ruhig. Sie rasselte mit ihrer +Halskette, drehte sich in ihrem Stande hin und her und klagte, wie hungrig +sie sei. Der Junge konnte kein Auge schließen; wachend lag er auf seinem +Häuflein Stroh und dachte an alles, was er in den letzten Tagen erlebt +hatte. Da war zuerst das unerwartete Zusammentreffen mit dem Gänsemädchen +Åsa und Klein-Mats, und er grübelte darüber nach, ob wohl die kleine Hütte +in Småland, die er angezündet hatte, die Hütte der beiden Kinder gewesen +sei. Er konnte sich ja wohl erinnern, daß sie gerade von so einem Häuschen +an der großen Heide erzählt hatten. Sie waren also miteinander gekommen, +ihre Heimat wiederzusehen, und als sie endlich dahingelangt waren, hatte +sie in Flammen gestanden. Ach, welch ein großer Schmerz mußte das für sie +gewesen sein! Und er, er war schuld daran! Es tat ihm schrecklich leid, und +er gelobte sich, wenn er je wieder ein Mensch würde, sich alle Mühe zu +geben, sie für den Verlust und die Enttäuschung schadlos zu halten. + +Dann kehrten seine Gedanken zu den Krähen zurück, und als er an +Fumle-Drumle dachte, der ihn gerettet, aber in demselben Augenblick, wo er +zum Häuptling gemacht worden war, den Tod erlitten hatte, da wurde der +Junge tief betrübt, und die Tränen traten ihm in die Augen. Ja, er hatte es +recht schwer gehabt in den letzten Tagen. Aber ein großes Glück war ihm +doch widerfahren -- der Gänserich und Daunenfein hatten ihn gefunden. + +Der Gänserich hatte ihm dann alles erzählt. Sobald die Wildgänse gemerkt +hatten, daß Däumling verschwunden war, hatten sie alle die kleinen Tiere +des Waldes nach ihm gefragt, und da hatten sie bald erfahren, daß eine +Schar småländischer Krähen ihn fortgeführt habe. Die Krähen waren aber +schon außer Sehweite gewesen, und niemand hatte gewußt, wohin sie sich +gewandt hatten. Um nun den Jungen so schnell als möglich wiederzufinden, +hatte Akka den Wildgänsen befohlen, sich zu zerstreuen und immer zwei und +zwei zusammen nach allen Seiten hin zu suchen. Wenn sie zwei Tage lang +gesucht hätten, sollten sie, ob sie ihn gefunden hätten oder nicht, im +nordwestlichen Småland auf einem hohen Berggipfel, der einem jäh +abgebrochenen Turm glich und Taberg hieß, wieder zusammentreffen. Und +nachdem Akka ihnen noch die besten Wegzeichen angegeben und ihnen +beschrieben hatte, wie sie den Taberg finden könnten, hatten die Gänse sich +getrennt. + +Der weiße Gänserich hatte sich Daunenfein als Reisegefährten gewählt. Aufs +höchste besorgt waren sie da und dorthin geflogen, und wie sie so +umhergeirrt waren, hatten sie eine Amsel in einem Baumwipfel klagen und +schelten hören, weil sie von einem, der sich Krähenraub genannt habe, +verspottet worden sei. Die beiden hatten die Amsel ausgefragt, und sie +hatte ihnen gezeigt, in welcher Richtung dieser »Krähenraub« gereist war. +Später waren sie einem Täuberich begegnet, sowie einem Star und einer +Wildente, die sich alle über einen Übeltäter beklagt hatten, der sie in +ihrem Gesang unterbrochen und sich Krähenraub, Krähenbeute und +Krähendiebstahl geheißen habe. Auf diese Weise hatten der Gänserich und +Daunenfein die Spur des Däumlings bis zu der mit Heidekraut bewachsenen +Heide im Bezirk Sunnerbo verfolgen können. + +Sobald nun die beiden Däumling gefunden hatten, waren alle drei in +nördlicher Richtung weitergezogen, um den Taberg zu erreichen. Aber das war +ein sehr weiter Weg, und die Dunkelheit hatte sie überfallen, ehe sie den +Berggipfel hatten wahrnehmen können. »Aber wenn wir nur morgen hinkommen, +dann hat alle Not ein Ende,« dachte der Junge und bohrte sich tiefer in das +Stroh hinein, um es wärmer zu haben. + +Die Kuh hatte sich indessen nicht beruhigt, und jetzt begann sie plötzlich +mit dem Jungen zu sprechen. »Hat nicht einer von euch vorhin gesagt, er sei +ein Wichtelmännchen? Wenn er wirklich eines ist, versteht er wohl auch, +eine Kuh zu versorgen?« + +»Was fehlt dir denn?« fragte der Junge. + +»Alles mögliche fehlt mir,« antwortete die Kuh. »Ich bin weder gemolken +noch versorgt worden, habe kein Futter für die Nacht und keine Streu unter +mir. Die Hausmutter kam in der Dämmerung zu mir in den Stall, um mich wie +gewöhnlich zu versorgen, aber sie fühlte sich so krank, daß sie sogleich +wieder hineingehen mußte, und seither ist sie nicht wiedergekommen.« + +»Da ist es recht schade, daß ich so klein und schwach bin,« sagte der +Junge, »denn ich werde dir leider nicht helfen können.« + +»Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, du seiest schwach, weil du so +klein bist?« sagte die Kuh. »Alle die Wichtelmännchen, von denen ich je +gehört habe, waren so stark, daß sie ein ganzes Fuder Heu tragen und eine +Kuh mit einem einzigen Faustschlag töten konnten.« + +Unwillkürlich mußte der Junge lachen. »Das waren Wichtelmännchen von einer +andern Sorte als ich!« rief er. »Aber ich will deine Halskette lösen und +die Stalltür aufmachen, dann kannst du hinausgehen und deinen Durst an +einer der Wasserpfützen löschen. Und dann will ich sehen, ob ich auf den +Heuboden hinaufklettern und Heu in deine Krippe hinunterwerfen kann.« + +»Ja, das wäre doch immerhin etwas,« sagte die Kuh. + +Der Junge tat, wie er gesagt hatte; und als die Kuh eine volle Krippe vor +sich hatte, hoffte er endlich selbst schlafen zu dürfen. Aber kaum hatte er +es sich auf seinem Lager bequem gemacht, als die Kuh wieder mit ihm zu +sprechen begann. + +»Du wirst gewiß ärgerlich über mich, wenn ich dich um etwas bitte,« sagte +sie. + +»Gewiß nicht,« antwortete der Junge, »wenn es nur etwas ist, was ich tun +kann.« + +»Dann sei so gut und geh in das Haus hier über dem Hof gerade gegenüber und +sieh nach, wie es der Hausmutter geht. Ich fürchte, es ist ihr ein Unglück +zugestoßen.« + +»Nein, das kann ich nicht, denn ich habe nicht den Mut, mich vor den +Menschen sehen zu lassen.« + +»Vor einer alten, kranken Frau wirst du dich doch nicht fürchten?« sagte +die Kuh. »Und du brauchst nicht einmal zu ihr in die Stube hineinzugehen. +Stell dich nur vor die Tür und schau zu dem Türspalt hinein.« + +»Ja, wenn du weiter nichts verlangst, kann ich es ja tun,« sagte der Junge. + +Damit öffnete er die Stalltür und trat auf den Hofplatz hinaus. Es war eine +schreckliche Nacht, um draußen zu sein. Weder Mond noch Sterne leuchteten, +der Wind heulte, und der Regen prasselte hernieder. Das Schlimmste aber +war, daß sieben große Eulen auf dem Dachfirst des Wohnhauses saßen. Wie +schauerlich war es für den Jungen, sie da droben krächzen und über das +schlechte Wetter klagen zu hören! Aber noch schrecklicher war ihm doch das +Bewußtsein, daß es um ihn geschehen sei, sobald auch nur eine von ihnen ihn +erblicke. + +»Ja, wer klein ist, der ist zu bedauern,« sagte der Junge, als er auf den +Hof trat. Und er hatte ein Recht, so zu sprechen. Zweimal wurde er vom +Sturm umgeblasen, ehe er das Wohnhaus erreichte, und einmal fegte ihn ein +Windstoß in einen Wassertümpel hinein, in dem er beinahe ertrunken wäre. +Aber schließlich erreichte er doch sein Ziel. + +Als er vor dem Hause angekommen war, kletterte er ein paar Stufen hinauf, +stieg mühselig über eine Schwelle hinüber und gelangte in den Flur. Die +Zimmertür war geschlossen, aber in der einen Ecke war ein großes Stück +herausgesägt, damit die Katze aus und eingehen könnte. Das Hineingucken in +die Stube fiel also dem Jungen durchaus nicht schwer. + +Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, als er auch schon +erschrocken den Kopf zurückbog. Auf dem Boden da drinnen lag eine alte +grauhaarige Frau. Sie rührte sich nicht und stöhnte auch nicht, und ihr +Gesicht sah merkwürdig weiß aus. Es war, als ob ein unsichtbarer Mond einen +bleichen Schein darauf werfe. + +Da tauchte in dem Jungen eine Erinnerung auf. Als sein Großvater starb, war +dessen Gesicht gerade auch so sonderbar weiß geworden. Die alte Frau, die +da drinnen auf dem Boden lag, mußte tot sein. Sie hatte wohl einen Schlag +bekommen, und der Tod hatte sie so rasch ereilt, daß sie sich nicht einmal +mehr zu Bett hatte legen können. + +Der Junge erschrak fürchterlich; mitten in der stockfinstern Nacht war er +ganz allein mit einer Toten. Hals über Kopf stürzte er über die Schwelle +und die Treppe hinunter und lief in größter Eile in den Stall zurück. + +Als er der Kuh erzählt hatte, was er in der Stube gesehen, hörte sie auf zu +fressen. »So, so, die Hausmutter ist tot,« sagte sie. »Dann wird es auch +mit mir bald aus sein.« + +»Es wird schon jemand kommen, der Euch versorgt,« sagte der Junge tröstend. + +»Ach,« sagte die Kuh, »du weißt nicht, daß ich schon doppelt so alt bin, +als eine Kuh sonst zu werden pflegt, ehe sie auf die Schlachtbank gelegt +wird. Aber wenn mich meine gute Hausmutter nicht mehr versorgen kann, habe +ich auch gar kein Verlangen, noch länger zu leben.« + +Eine Weile schwieg sie; aber der Junge merkte wohl, daß sie weder schlief +noch fraß. Und es dauerte auch nicht lange, da begann die Kuh von neuem: +»Liegt sie auf dem Boden?« + +»Ja, mitten in der Stube,« antwortete der Junge. + +»Wenn sie hier im Stall war, sprach sie immer von allem, was sie +bekümmerte,« fuhr die Kuh fort. »Ich verstand alles, was sie sagte, +obgleich ich ihr nicht antworten konnte. Und gerade in den letzten Tagen +sagte sie, sie fürchte, wenn es bei ihr ans Sterben gehe, werde niemand bei +ihr sein. Niemand werde ihr die Augen zudrücken, niemand ihr die Hände auf +der Brust falten, wenn sie tot sei. Möchtest du nun nicht hinübergehen und +dies tun?« + +Der Junge war unentschlossen. Er erinnerte sich, daß seine Mutter den +Großvater, als er gestorben war, sehr fürsorglich zurecht gelegt hatte. Und +er wußte, daß dies etwas war, was man tun mußte. Aber er fühlte auch, daß +er nicht den Mut habe, mitten in dieser schauerlichen Nacht zu der Toten +hinüberzugehen. Er gab der Kuh keine abschlägige Antwort, aber er machte +auch keinen Schritt in der Richtung der Stalltür. + +Das alte Tier verhielt sich eine Weile stumm, als ob es auf Antwort +wartete, und als der Junge fortgesetzt schwieg, wiederholte es seine Bitte +nicht; statt dessen begann es dem Jungen von seiner Hausmutter zu erzählen. + +Und wie viel war doch da zu erzählen! In allererster Linie von allen den +Kindern, die sie aufgezogen hatte. Die Kinder waren ja jeden Tag in den +Stall gekommen, und im Sommer waren sie mit dem Vieh auf das Moor und die +Weideplätze gezogen. Die alte Kuh hatte alle genau gekannt, und es waren +lauter gesunde, fröhliche, fleißige Kinder gewesen. »Ja, ja, das Vieh weiß +sehr gut, ob die Hirten tüchtig sind,« sagte die Kuh. + +Und ebensoviel hatte sie von dem Hof zu berichten. Er war nicht immer so +armselig gewesen wie jetzt. Ein sehr ausgedehntes Besitztum war es, +obgleich es zum größten Teil aus Moor und steinigem Heideland bestand und +nicht viel Platz zu Äckern vorhanden war; aber als Viehweide war es überall +ausgezeichnet. Zu einer Zeit hatte in dem ganzen langen Stallgebäude in +jedem Stand eine Kuh ihren Platz gehabt, und der jetzt ganz leere +Ochsenstall war voll schöner Ochsen gewesen. Und damals hatte im Wohnhaus +und im Stall eitel Lust und Freude geherrscht. Wenn die Hausmutter die +Stalltür öffnete, sang und trällerte sie, und alle Kühe brüllten vor +Freude, wenn sie sie kommen hörten. + +Aber der Hausherr war gestorben, als die Kinder noch klein waren und sich +noch nicht nützlich machen konnten. Die Frau hatte den Hof übernehmen +müssen mit all seiner Arbeit und all seiner Sorge. Sie war stark wie ein +Mann und pflügte und erntete. Wenn sie am Abend zum Melken in den Stall +kam, war sie bisweilen müde und weinte. Aber sobald sie an ihre Kinder +dachte, wurde sie wieder froh. Dann wischte sie sich die Tränen aus den +Augen und sagte: »Das tut nichts, sobald meine Kinder erwachsen sind, +bekomme auch ich gute Tage. Ja, wenn nur sie heranwachsen!« + +Doch sobald die Kinder erwachsen waren, überfiel diese eine ganz +eigentümliche Sehnsucht. Sie wollten nicht daheim bleiben, und so zogen sie +fort in ein fremdes Land. Die Mutter bekam keine Hilfe. Einige der Kinder +hatten sich verheiratet, ehe sie weggezogen waren, und diese ließen ihre +kleinen Kinder bei der Großmutter zurück. Und gerade wie früher ihre +Kinder, so begleiteten jetzt die Enkel die Frau in den Stall. Sie hüteten +die Kühe, und es waren auch lauter gute, gesunde Menschenkinder. Und +abends, wenn die Frau gar so müde war, daß sie beim Melken fast einschlief, +rüttelte sie sich doch wieder auf und faßte neuen Mut, sobald sie an die +Enkelkinder dachte. »Auch ich bekomme noch gute Tage,« sagte sie, »wenn sie +einmal herangewachsen sind.« + +Aber als diese Kinder herangewachsen waren, zogen auch sie fort, hinüber zu +den Eltern in das fremde Land. Keines kehrte zurück, keines blieb daheim. +Die alte Frau war schließlich ganz allein auf dem Hof. + +Sie bat auch niemals, daß eines bei ihr bleibe. »Meinst du denn, Rotkopf, +ich hätte das Herz, sie zu bitten, bei mir zu bleiben, wenn sie es draußen +in der Welt besser bekommen können?« pflegte sie zu sagen, wenn sie neben +der alten Kuh in deren Stand stand. »Hier in Småland steht ihnen ja nichts +als Armut bevor.« + +Als aber das letzte Enkelkind fortgezogen war, war auch die Frau am Ende +ihrer Kräfte. Sie wurde auf einmal gebückt und grauhaarig und ging gar +mühselig, als ob sie sich kaum noch von der Stelle bewegen möchte. Und dann +hörte sie auf zu arbeiten. Die Fürsorge für den Hof wurde ihr gleichgültig, +und sie ließ fünf gerade sein. Sie ließ das Gebäude verfallen und verkaufte +die Ochsen und Kühe. Nur die alte Kuh, die jetzt mit Däumling sprach, +behielt sie. Diese ließ sie am Leben, weil alle die Kinder mit ihr auf die +Weide gezogen waren. + +Sie hätte sich ja wohl Knechte und Mägde zur Hilfe halten können, aber seit +die eignen Kinder sie verlassen hatten, mochte sie keine Fremden um sich +sehen. Und vielleicht war es ihr gerade recht, wenn der Hof verfiel, da ja +keines der Kinder ihn je übernehmen würde. Sie kümmerte sich nicht darum, +ob sie selbst verarmte, weil sie nicht mehr für ihr Eigentum sorgte. Nur +eins fürchtete sie, daß die Kinder erfahren könnten, wie schlecht es um sie +stünde. »Daß es nur die Kinder nicht erfahren! Daß es nur die Kinder nicht +erfahren!« seufzte sie, wenn sie mit unsichern Schritten durch den Stall +ging. + +Die Kinder schrieben beständig und baten sie, zu ihnen zu kommen, aber das +wollte sie nicht. Sie wollte das Land nicht sehen, das ihr die Kinder +genommen hatte. Sie war böse auf das Land. »Es ist wohl dumm von mir, daß +ich es nicht leiden kann, das Land, das gut gegen sie gewesen ist,« sagte +sie, »aber ich will es nicht sehen.« + +Sie dachte an nichts als an die Kinder, und daran, daß sie in ein fremdes +Land hatten ziehen müssen. Im Sommer führte sie die Kuh zur Weide hinaus +auf das große Moor. Sie selbst saß den lieben langen Tag am Rande des +Moors, die Hände im Schoß, und wenn sie heimging, sagte sie: »Siehst du, +Rotkopf, wenn hier anstatt des unfruchtbaren Moorlandes große, fette Äcker +gewesen wären, dann hätten sie nicht fortzuziehen brauchen.« + +Sie konnte sich in einen wahren Zorn über das Moor hineinreden, das sich so +groß vor ihr ausbreitete und doch von keinem Nutzen war. Und oftmals sagte +sie auch, ihr Mann sei schuld daran, daß die Kinder von ihr fortgezogen +seien. + +Am letzten Abend war sie zittriger und schwächer gewesen als je vorher. +Nicht einmal zum Melken hatte sie die Kraft gehabt. Über den Stand gebeugt +erzählte sie von zwei Bauern, die dagewesen seien und ihr das Moor hätten +abkaufen wollen. Sie hätten Ablaufgräben hindurchziehen, dann Getreide +darein säen und ernten wollen. Diese Nachricht hatte die alte Frau froh und +ängstlich zugleich gemacht. »Hör nur, Rotkopf,« sagte sie, »hör nur, sie +sagten, auf dem Moor könnte Roggen wachsen. Jetzt will ich den Kindern +schreiben, sie sollen heimkommen. Sie brauchten nicht länger fortzubleiben, +denn jetzt könnten sie ihr tägliches Brot daheim gewinnen.« + +Um diesen Brief zu schreiben, war sie in ihre Stube gegangen -- -- -- + +Der Junge hörte nicht mehr, was die alte Kuh noch erzählte. Er öffnete die +Stalltür und ging über den Hof in die Stube zu der Toten, vor der er sich +vorhin so gefürchtet hatte. + +An der Tür hielt er an und sah sich um. + +Es sah in der Stube nicht so ärmlich aus, wie er erwartet hatte. Es waren +viele solche Dinge da, wie die Leute sie zu haben pflegen, die Verwandte in +Amerika haben. In einer Ecke stand ein amerikanischer Schaukelstuhl, auf +dem Tisch am Fenster lag eine schöne Plüschdecke, und eine andre schöne +Decke war über das Bett gebreitet. An den Fenstern hingen in reich +geschnitzten Rahmen die Photographien der fortgezogenen Kinder und Enkel, +auf der Kommode standen hohe Vasen und ein paar Leuchter mit dicken +gedrehten Kerzen. + +Der Junge suchte eine Zündholzschachtel und zündete die beiden Kerzen an; +nicht weil er noch besser zu sehen wünschte, sondern weil er wußte, daß +dies eine Sitte war, womit man die Toten ehrte. + +Dann trat er zu der Toten, drückte ihr sanft die Augen zu, faltete ihr die +Hände auf der Brust und strich ihr das dünne graue Haar aus dem Gesicht. + +Er dachte gar nicht mehr an Furcht, er war im Gegenteil von Mitleid erfüllt +und tief betrübt, daß die alte Frau auf ihre alten Tage so verlassen +gewesen war und so bitteres Heimweh gelitten hatte. Diese eine Nacht +wenigstens wollte er bei ihrem toten Körper Wache halten. + +Er suchte nach dem Gesangbuch und begann einige Lieder halblaut zu lesen. +Aber da hörte er mitten in einem Lied auf, denn er hatte plötzlich an seine +Eltern denken müssen. + +Nein, daß sich Eltern so nach ihren Kindern sehnen können! Das hatte er ja +noch gar nicht gewußt. Nein, daß das Leben für sie zu Ende sein sollte, +wenn die Kinder nicht mehr da sind! Wie, wenn sich nun seine Eltern daheim +auch so nach ihm sehnten, wie die Alte hier sich nach ihren Kindern gesehnt +hatte? + +Der Gedanke machte ihn froh, aber er wagte nicht daran zu glauben. Er war +nicht so gewesen, daß jemand nach ihm Heimweh haben könnte. + +Aber was nicht war, das konnte vielleicht noch werden! + +Ringsum im Zimmer sah er die Bilder der fernen Kinder. Bilder von großen, +starken Männern und Frauen mit ernsten Gesichtern, Bräute in langen +Schleiern, Herren in feinen Anzügen, und Kinder mit lockigem Haar und in +schönen weißen Kleidern! Und ihm war, als starrten sie alle nur ins Blaue +hinein und wollten nichts sehen. + +»Ihr Armen!« sagte er. »Eure Mutter ist tot. Ihr könnt nicht mehr gut +machen, daß ihr sie verlassen habt. Aber meine Mutter lebt.« + +Hier hielt er inne; er mußte lächeln. »Ja, meine Mutter lebt,« sagte er. +»Alle beide leben, Vater und Mutter.« + +[Illustration] + + + + +18 + +Von Taberg nach Huskvarna + + + Freitag, 15. April + +Der Junge wachte fast die ganze Nacht hindurch, aber gegen Morgen schlief +er ein, und da träumte er von seinem Vater und seiner Mutter. Er konnte sie +kaum wieder erkennen, denn sie hatten beide graues Haar bekommen, und ihre +Gesichter waren alt und runzlig geworden. Er fragte sie, woher das komme, +und sie sagten, sie seien so gealtert, weil sie so bittres Heimweh nach ihm +gehabt hätten. Dies rührte ihn, aber es verwunderte ihn auch, denn er hatte +immer geglaubt, sie würden sich nur freuen, ihn los zu sein. + +Als der Junge erwachte, war es Morgen und helles schönes Wetter draußen. +Zuerst aß er selbst ein Stück Brot, das er in der Stube fand, dann gab er +der Kuh und den Gänsen ihr Morgenfutter, zuletzt machte er die Stalltür auf +und sagte zu der Kuh, sie solle sich nach dem nächsten Hof begeben. Wenn +sie allein daherkomme, würden die Nachbarn schon erraten, wie es bei ihrer +Hausmutter stehe. Sie würden dann herbeieilen, um nach ihr zu sehen, da +würden sie den Leichnam finden und ihn begraben. + +Kaum hatte die kleine Gesellschaft sich in die Lüfte erhoben, als sie auch +schon einen hohen Berg mit fast senkrechten Wänden und einem flachen Gipfel +sahen. Das mußte der Taberg sein. Und richtig, auf dem Berggipfel standen +Akka, Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi, sowie die sechs +jungen Gänse, und alle warteten auf die drei Ankömmlinge. Das war eine +Freude, als sie sahen, daß es dem Gänserich und Daunenfein gelungen war, +Däumling zu finden! Es erhob sich ein Geschnatter und Flügelschlagen und +Hin- und Herfragen, das gar nicht beschrieben werden kann. + +Der Taberg ist ziemlich hoch hinauf mit Wald bestanden, aber oben auf dem +Gipfel ist er ganz kahl, und von da aus kann man nach allen Seiten hin +weit umherschauen. Gegen Osten, Süden und Westen bietet sich dem Auge fast +nichts dar, als ein armes bergiges Hochland mit dunklen Tannenwäldern, +braunen Mooren, eisbedeckten Seen und blauenden Bergrücken. Unwillkürlich +dachte der Junge, jene Sage über die Erschaffung von Småland müsse doch +wohl wahr sein. Wer dieses Land geschaffen, habe sich nicht viele Mühe +gegeben, sondern nur flüchtig drauf los gearbeitet. Als der Junge aber nach +Norden schaute, da sah er etwas ganz andres. Hier sah das Land aus, als sei +es mit der größten Liebe und Fürsorge geschaffen worden. Hier sah der Junge +lauter schöne Berge, sanfte Täler, durch die sich Bäche schlängelten bis +hin zu dem großen Wetternsee, der eisfrei und hell glänzend dalag und +leuchtete, als sei er nicht mit Wasser, sondern mit blauem Licht gefüllt. + +Ja, der Wettern war es, der gegen Norden alles so schön machte! Es sah +gerade aus, als steige aus dem See ein blauer Schimmer auf, der sich über +die Landschaft ausbreitete. Gehölze und Hügel und die Dächer und Türme der +Stadt Jönköping lagen von einem blauen Schein umflossen da, den das Auge +mit Wohlgefallen betrachtete. »Wenn es im Himmel Länder gibt,« dachte der +Junge, »dann sind sie wohl auch so blau wie dieses hier.« Und es war ihm, +als sei ihm eine Ahnung davon aufgegangen, wie es einst im Paradiese +ausgesehen hatte. + +Als die Gänse etwas später am Tage ihre Reise fortsetzten, flogen sie dem +blauen Tale zu. Sie waren alle in bester Laune, schrieen und lärmten +derart, daß alle, die nur Ohren zu hören hatten, auf sie aufmerksam werden +mußten. + +Dies war nun aber auch der erste so recht schöne Frühlingstag, den sie in +diesem Landesteil erlebten. Bis dahin hatte der Frühling seine Arbeit unter +Wind und Regen ausgeführt, und als es nun ganz schnell wunderschönes Wetter +geworden war, überkam die Menschen drunten auf der Erde eine wahre +Sehnsucht nach Sonnenwärme und nach grünen Wäldern, und sie konnten es kaum +bei ihrer täglichen Arbeit aushalten. Als jetzt die Wildgänse frei und +lustig hoch über ihnen dahinflogen, hielten alle ohne Ausnahme in ihrer +Arbeit inne und schauten ihnen nach. + +Die ersten, die an diesem Tage die Wildgänse erblickten, waren die Taberger +Bergwerkleute, die damit beschäftigt waren, das Erz an der Oberfläche des +Berges herauszubrechen. Als die Arbeiter die Wildgänse vernahmen, hörten +sie auf, an ihren Sprenglöchern zu bohren, und einer von ihnen rief den +Vögeln zu: »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?« + +Die Gänse verstanden nicht, was er sagte; aber der Junge beugte sich über +den Gänserücken vor und antwortete an ihrer Statt: »Dahin, wo es weder +Pickel noch Hämmer gibt!« + +Als die Grubenarbeiter diese Worte hörten, glaubten sie, ihre eigne +Sehnsucht habe das Gänsegeschnatter wie menschliche Worte in ihren Ohren +erklingen lassen. »Nehmt uns mit! Nehmt uns mit!« riefen die Arbeiter. + +»Heuer nicht!« schrie der Junge. »Heuer nicht!« + +Die Wildgänse flogen den Tabergfluß entlang nach dem Munksee, und immer +noch verführten sie dasselbe Gelärm und Getue. Hier auf dem schmalen +Landstreifen zwischen dem Munksee und dem Wettern liegt Jönköping mit +seinen großen Fabriken. Zuerst flogen die Gänse über die große Papierfabrik +am Munksee hin. Die Mittagspause war eben zu Ende, und große +Arbeiterscharen strömten dem Tor der Fabrik zu. Als sie die Wildgänse +hörten, blieben sie einen Augenblick horchend stehen. »Wohin geht die +Reise? Wohin geht die Reise?« rief einer von den Arbeitern den Gänsen zu. + +Die Wildgänse verstanden nicht, was er sagte, aber an ihrer Statt +antwortete der Junge: »Dahin, wo es weder Maschinen noch Dampfkessel gibt!« + +Die Arbeiter hörten diese Antwort, aber auch sie glaubten, ihre eigne +Sehnsucht lasse ihnen das Gänsegeschnatter wie menschliche Worte erklingen. +»Nehmt uns mit! Nehmt uns mit!« rief eine ganze Menge Arbeiter miteinander. + +»Heuer nicht! Heuer nicht!« entgegnete der Junge. + +Dann flogen die Gänse über die großen Zündholzfabriken hin. Groß wie eine +Festung erheben sie sich am Ufer des Wettern, und ihre hohen Schornsteine +ragen bis zum Himmel auf. Kein Mensch war auf den Höfen zu sehen, aber in +einem großen Saal saßen junge Fabrikmädchen und füllten die Zündhölzer in +Schachteln. Bei dem schönen Wetter hatten sie ein Fenster geöffnet, und das +Rufen der Wildgänse drang zu ihnen herein. Das dem Fenster zunächst +sitzende Mädchen beugte sich mit ihrer Zündholzschachtel in der Hand zum +Fenster hinaus und rief: »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?« + +»In ein Land, wo man weder Licht noch Zündhölzer braucht!« antwortete der +Junge. + +Das Mädchen meinte freilich, was sie höre, sei nur Gänsegeschnatter, aber +ein paar Worte schienen ihr doch klar geworden zu sein, und sie rief als +Antwort: »Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!« + +»Heuer nicht!« entgegnete der Junge. »Heuer nicht!« + +Östlich von den Fabriken liegt Jönköping auf dem herrlichsten Platz, den +eine Stadt nur einnehmen kann. Der schmale Wettersee hat auf seiner +östlichen und westlichen Seite hohe, steile aus Sand gebildete Ufer, aber +gegen Süden sind die Sandmauern eingestürzt, wie um Platz für ein großes +Tor zu schaffen, durch das man zum See gelangen kann. Und mitten in dem +Tor, mit Bergen rechts und Bergen links, dem Munksee hinter sich und dem +Wettersee vor sich, liegt Jönköping. + +Die Gänse flogen über die lange, schmale Stadt hin und vollführten auch +hier noch immer denselben Lärm wie draußen auf dem Lande. Aber in der Stadt +gab lange niemand acht auf sie. Es war nicht zu erwarten, daß die +Stadtbewohner auf der Straße stehen bleiben und die Wildgänse anrufen +würden. Jetzt flogen diese über der Anlage hin, wo die Büste des Dichters +Viktor Rydberg aufgestellt ist. In der Anlage war es still und +menschenleer, keine Spaziergänger waren unter den hohen Bäumen zu sehen. +Aber plötzlich drang eine kraftvolle Stimme zu den Wildgänsen herauf: +»Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?« + +»In das Land, wo es weder Straßen noch Plätze gibt!« schrie der Junge. + +»Nehmt mich mit!« rief die starke Stimme. Sie klang so kräftig, als ob sie +aus einem ehernen Halse käme. + +»Heuer nicht! Heuer nicht!« entgegnete der Junge. + +Die Gänse flogen weiter, dem Ufer des Wettern entlang; und nach einer Weile +kamen sie an das Sannaer Krankenheim. Einige von den Kranken standen auf +einer Veranda, um sich an der Frühlingsluft zu erfreuen, da hörten sie das +Gänsegeschnatter. »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?« fragte +einer der Kranken mit schwacher kaum vernehmlicher Stimme. + +»In ein Land, wo es weder Kummer noch Krankheit gibt!« antwortete der +Junge. + +»Nehmt uns mit!« sagten die Kranken. + +»Heuer nicht! Heuer nicht!« lautete die Antwort. + +Als die Schar noch ein Stück weiter geflogen war, kamen sie nach Huskvarna. +Dieser Ort liegt in einem Tal; steile, schön geformte Berge stehen rings +umher, und in langen, schmalen Wasserfällen kommt ein Bach die Anhöhe +herabgerauscht. Große Werkstätten und Fabriken liegen am Fuß der Berge, im +Tal breiten sich die von kleinen Gärten umgebenen Arbeiterwohnungen aus, +und mitten im Tal erhebt sich ein Schulhaus. In dem Augenblick, wo die +Wildgänse vorüberflogen, läutete eine Glocke, und eine Menge Kinder strömte +aus der Schule heraus. Es waren ihrer so viele, daß sie den ganzen Schulhof +füllten. »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?« riefen die Kinder, +als sie die Wildgänse hörten. + +»Dahin, wo es weder Bücher noch Aufgaben gibt!« rief der Junge. + +»O, nehmt uns mit! Nehmt uns mit!« schrien die Kinder. + +»Heuer nicht, aber nächstes Jahr!« erwiderte der Junge. »Heuer nicht, aber +nächstes Jahr!« + +[Illustration] + + + + +19 + +Der große Vogelsee + +Jarro, die Wildente + + +Am Ostufer des Wettern liegt Omberg, östlich von Omberg liegt Dagsmosse, +östlich von Dagsmosse liegt der See Tåkern, und rings um den Tåkern breitet +sich die große gleichmäßige Ostgötaebene aus. + +Der Tåkern ist ein recht großer See, und in alten Zeiten scheint er noch +größer gewesen zu sein. Aber dann meinten die Menschen, er bedecke einen +gar zu großen Teil der fruchtbaren Ebene, und sie versuchten das Wasser +abzulassen, um den Grund des Sees umzupflügen und Getreide darein zu säen. +Es gelang ihnen jedoch nicht, den ganzen See trocken zu legen, wie es wohl +ihre Absicht gewesen war; und so bedeckt er noch immer eine große Fläche. +Aber seit der See zum erstenmal abgelassen wurde, ist das Wasser an keiner +Stelle mehr als einen Meter tief. Die Ufer sind moorig und schlickrig +geworden, und auf dem See draußen ragen überall kleine sumpfige Holme über +dem Wasser auf. + +Doch es gibt jemand, der gern mit den Füßen im Wasser steht, wenn nur sein +Körper und Kopf in der Luft sind. Das ist das Schilf, und nirgends gedeiht +es besser als an den langgestreckten, seichten Ufern des Tåkern und rings +um die kleinen Sumpfholme herum. Ja, es gedeiht da so ausgezeichnet, daß es +mehr als mannshoch wird und so dicht wächst, daß sich ein Boot mit knapper +Not hindurchzwängen kann. Das Röhricht bildet einen breiten grünen Gürtel +um den ganzen See herum, der dadurch nur an ein paar Stellen, wo die +Menschen Luft geschafft haben, zugänglich ist. + +Aber wenn das Schilf die Menschen vom See ausschließt, so verleiht es +dagegen vielen andern Geschöpfen Schutz und Schirm. In dem Schilf selbst +gibt es viele Teiche und Kanäle mit grünen stillstehenden Gewässern, wo +Wasserlinsen und Laichkraut gedeihen, und wo Mückenlarven, Fischbrut und +Kaulquappen in unermeßlichen Mengen ausgebrütet werden. An den Ufern dieser +kleinen Teiche und Kanäle gibt es auch eine Menge wohlversteckter Plätze, +wo die Seevögel ihre Eier ausbrüten und ihre Jungen füttern können, ohne +von Feinden bedroht oder von Nahrungssorgen geplagt zu sein. + +Es wohnt auch eine unglaubliche Menge Vögel in diesem Röhricht, und deren +Zahl nimmt mit jedem Jahre zu, je mehr es bekannt wird, was für ein +prächtiger Aufenthaltsort das ist. Die ersten, die sich am Tåkern +niedergelassen haben, sind die Wildenten, die auch heute noch zu Tausenden +da wohnen. Aber jetzt haben sie nicht mehr den ganzen See für sich allein, +sie müssen ihn mit Schwänen, Tauchern, Bläßhühnern, Seetauchern, +Löffelenten und vielen andern teilen. + +Der Tåkern ist sicherlich der größte und ausgezeichnetste Vogelsee im +ganzen Land, und die Vögel müssen sich glücklich preisen, so lange sie +einen solchen Aufenthaltsort besitzen. Aber es ist ungewiß, wie lange sie +die Herrschaft über die Röhrichtstrecken behalten dürfen, denn die Menschen +können nicht vergessen, daß sich der See über eine bedeutende Strecke +guten, fruchtbaren Landes erstreckt, und einmal übers andre taucht wieder +der Vorschlag unter ihnen auf, den See trocken zu legen. Und wenn dieser +Vorschlag verwirklicht würde, dann müßten die vielen tausend Vögel die +Gegend verlassen. + +Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, wohnte am +Tåkern ein Wildenterich namens Jarro. Er war noch jung und hatte erst einen +Sommer, einen Herbst und einen Winter erlebt. Das war sein erster Frühling. +Er war erst kürzlich von Nordafrika zurückgekehrt, und zwar sehr +frühzeitig, denn als er am Tåkern anlangte, war dieser noch mit Eis +bedeckt. + +Eines Abends, als Jarro und die andern jungen Erpel sich damit vergnügten, +in ununterbrochenem Flug über dem See hin und her zu fliegen, erklangen +plötzlich ein paar Schüsse, und Jarro wurde in die Brust getroffen. Er +glaubte, er müsse sterben; aber damit der Jäger, der auf ihn geschossen +hatte, ihn nicht finden und verspeisen solle, flog er weiter, so lange er +nur konnte. Er überlegte nicht, wohin er flog, sondern suchte nur das +Weite. Als ihn dann die Kräfte verließen und seine Flugkraft erlahmte, +befand er sich nicht mehr über dem See, sondern über einem der großen +Bauernhöfe am Tåkernstrand, und zum Tode erschöpft, sank er gerade vor dem +Eingang dieses Hofes zu Boden. + +Kurz darauf ging ein junger Knecht über den Hof. Er sah Jarro und hob ihn +auf. Aber Jarro, der nur noch in Frieden zu sterben wünschte, nahm seine +letzten Kräfte zusammen und biß den Knecht derb in den Finger, damit er ihn +loslasse. + +Doch es gelang Jarro nicht, sich freizumachen; aber sein Angriff hatte doch +etwas Gutes, denn der Knecht merkte, daß Jarro nicht tot war. Ganz behutsam +trug er ihn ins Haus hinein und zeigte ihn der Hofbäuerin, einer jungen +Frau mit einem freundlichen Gesicht. Sie nahm dem Knecht Jarro sogleich +ab, streichelte ihm den Rücken und trocknete ihm das Blut ab, das zwischen +dem Flaum an seinem Hals hervorsickerte. Dann betrachtete sie ihn sehr +genau, und als sie sah, wie schön er war mit seinem dunkelgrünen glänzenden +Kopf, seinem weißen Halsband, seinem braunroten Rücken und seinen blauen +Flügeldecken, dachte sie schließlich, es wäre schade, wenn er sterben +müßte. Rasch richtete sie einen Korb her und bettete Jarro darein. + +Jarro hatte die ganze Zeit mit den Flügeln geschlagen und loszukommen +versucht, als er aber merkte, daß die Menschen ihn nicht umbringen wollten, +legte er sich mit einem Gefühl des Wohlbehagens in dem Korbe zurecht. Jetzt +erst fühlte er, wie ermattet er von den Schmerzen und dem Blutverluste war. +Die Hausfrau nahm den Korb auf, um ihn in eine Ecke am Herd zu tragen; aber +ehe sie ihn niedersetzte, hatte Jarro schon die Augen geschlossen und war +eingeschlafen. + +Nach einer Weile erwachte Jarro dadurch, daß ihn jemand leise anstieß. Als +er die Augen aufschlug, erschrak er so fürchterlich, daß ihm beinahe das +Bewußtsein schwand. Jetzt war er verloren, denn vor ihm stand einer, der +für ihn gefährlicher war als Menschen und Raubvögel. Niemand anders als +Cäsar selbst, der langhaarige Hühnerhund, stand vor ihm und beroch ihn. + +Welche geradezu erbarmungswürdige Angst hatte nicht Jarro im vorigen Sommer +ausgestanden, so oft er, als ein kleines mit gelbem Flaum bedecktes Junges, +den Ruf über das Röhricht hin ertönen hörte: »Cäsar kommt! Cäsar kommt!« +Und wenn er den braun- und weißgefleckten Hund mit dem zähnefletschenden +Maul durch das Schilf waten sah, glaubte er den Tod selbst vor sich zu +sehen. Er hatte immer gehofft, die Stunde werde er nie erleben müssen, wo +Cäsar ihm Auge in Auge gegenüberstehe. + +Und jetzt hatte er zu seinem Unglück gerade in den Hof hinabfallen müssen, +wo Cäsar daheim war, denn dieser stand vor ihm! »Was bist du denn für +einer?« brummte Cäsar. »Wie bist du denn ins Haus hereingekommen? Bist du +nicht drunten im Röhricht daheim?« + +Nur mit knapper Not brachte Jarro die Worte heraus: »Sei mir nicht böse, +Cäsar, daß ich ins Haus hereingekommen bin! Ich kann nichts dafür. Eine +Kugel hat mich getroffen, und die Menschen selbst haben mich in diesen Korb +gebettet.« + +»So, so, die Menschen selbst haben dich in den Korb gelegt,« sagte Cäsar. +»Dann haben sie gewiß die Absicht, dich zu heilen, obgleich sie meiner +Meinung nach klüger daran täten, dich zu verspeisen, solange du in ihrer +Macht bist. Aber hier im Hause herrscht jedenfalls Burgfriede. Du brauchst +nicht so angstvoll auszusehen, wir sind jetzt nicht auf dem Tåkern.« + +Damit machte Cäsar kehrt und legte sich vor dem flammenden Herdfeuer zum +Schlafen nieder. Sobald Jarro begriff, daß diese gräßliche Gefahr +überstanden war, überfiel ihn die große Mattigkeit aufs neue, und er +schlief wieder ein. + +Als Jarro wieder erwachte, sah er ein Gefäß mit Grütze und Wasser neben +sich stehen. Er fühlte sich zwar noch sehr krank, aber Hunger hatte er +trotzdem, und so begann er zu fressen. Als die Hausmutter sah, daß es ihm +schmeckte, trat sie herzu, streichelte ihn und sah sehr vergnügt aus. +Hierauf schlief Jarro abermals ein; mehrere Tage lang tat er nichts als +essen und schlafen. + +Eines Morgens aber fühlte er sich so gesund, daß er aus dem Korb +herausstieg und auf dem Boden hinlief. Aber er war noch nicht weit +gekommen, als er auch schon umfiel und nicht mehr aufstehen konnte. Da kam +Cäsar herbei, öffnete sein großes Maul und packte ihn. Jarro glaubte +natürlich, der Hund wolle ihn totbeißen; aber Cäsar trug ihn in seinen Korb +zurück, ohne ihm etwas zuleide zu tun. Dadurch faßte Jarro großes Vertrauen +zu Cäsar; ja, bei seinem nächsten Gehversuch ging er geradewegs zu dem +Hunde hin und legte sich neben ihn. Von da an waren die beiden gute +Freunde, und Jarro lag jeden Tag ganz ruhig schlafend zwischen Cäsars +Pfoten. + +Aber noch größere Hingabe als für Cäsar fühlte Jarro für die Hausfrau. Vor +ihr fürchtete er sich auch nicht im geringsten, er rieb sogar seinen Kopf +an ihrer Hand, so oft sie ihm sein Futter brachte. Wenn sie aus dem Zimmer +ging, seufzte er schmerzlich, und wenn sie wieder eintrat, hieß er sie in +seiner eignen Sprache willkommen. + +Jarro vergaß vollständig, wie sehr er sich früher vor den Hunden und den +Menschen gefürchtet hatte. Sie kamen ihm sanft und gut vor, er liebte sie +und wünschte sehnlichst, gesund zu sein, um drunten am Tåkern den Wildenten +erzählen zu können, daß ihre alten Feinde durchaus nicht gefährlich seien +und sie sich ganz und gar nicht vor ihnen zu fürchten brauchten. + +Jarro hatte herausgefunden, daß die Menschen hier in dem Hause und auch +Cäsar vertrauenerweckende Augen hatten, in die hineinzuschauen einem wohl +tat. Die einzige im Hause, deren Augen er nicht gern begegnete, war +Klaurina, die Hauskatze. Sie tat ihm zwar nichts zuleide, aber er konnte +nun einmal kein Vertrauen zu ihr fassen. Sie zankte sich auch immer mit +ihm, weil er die Menschen lieb hatte. »Du meinst, sie sorgten für dich, +weil sie dich lieb hätten,« sagte Klaurina. »Warte nur, bis du ordentlich +fett bist, dann drehen sie dir den Kragen um. Ich kenne sie, jawohl.« + +Jarro hatte wie alle Vögel ein weiches, versöhnliches Herz, und wenn er die +Katze so reden hörte, wurde er tief betrübt. Die Hausfrau sollte ihm den +Kragen umdrehen wollen! Nein, das konnte er nicht von ihr glauben, +ebensowenig als er so etwas von ihrem Söhnchen glauben würde, einem kleinen +Jungen, der mit ihm schäkernd und plaudernd stundenlang neben seinem Korbe +saß. Die beiden liebten ihn gewiß ebenso ehrlich wie er sie, dessen glaubte +er sicher zu sein. + +Eines Tages, als Jarro und Cäsar auf ihrem gewohnten Platze vor dem Herde +lagen, saß Klaurina auf der Herdplatte und begann mit der Wildente zu +zanken. + +»Ich möchte wohl wissen, was ihr Wildenten im nächsten Jahre tun werdet, +wenn der Tåkern trocken gelegt und in Äcker verwandelt wird?« sagte die +Katze. + +»Was sagst du da, Klaurina?« rief Jarro und sprang entsetzt auf. + +»Jaso, Jarro, ich vergesse immer wieder, daß du die menschliche Sprache +nicht so gut verstehst wie ich und Cäsar,« erwiderte die Katze, »sonst +wüßtest du doch, was die Männer, die gestern hier waren, gesprochen haben. +Sie sagten, das Wasser des Tåkern solle abgelassen werden, und im nächsten +Jahre werde der Grund des Sees beinahe so trocken sein wie ein Stubenboden. +Deshalb möchte ich wissen, wohin ihr Wildenten euch dann begeben wollt?« + +Als Jarro diese Rede hörte, geriet er in einen fürchterlichen Zorn. Wie +eine Schlange zischend fuhr er die Katze an. »Du bist boshaft wie ein +Bläßhuhn und willst mich nur gegen die Menschen aufhetzen. Ich glaube gar +nicht, daß sie so etwas im Sinne haben, denn der See ist das Eigentum der +Wildenten, und das müssen die Menschen doch wissen. Warum sollten sie so +viele Vögel heimatlos und unglücklich machen wollen? Du hast gewiß das +alles nur ausgeheckt, um mir Angst zu machen. Ich wollte, Gorgo, der Adler, +würde dich zerfleischen, ja, ich wollte, die Hausfrau schnitte dir deinen +Schnurrbart ab!« + +Aber mit diesem Ausfall konnte Jarro die Katze nicht zum Schweigen bringen. +»So, du meinst also, ich lüge?« sagte sie. »Dann frage doch Cäsar. Er war +gestern Abend auch hier in der Stube, und Cäsar lügt nie.« + +»Cäsar,« wendete sich Jarro an den Hund, »du verstehst die Sprache der +Menschen viel besser als Klaurina. Sage, daß sie nicht recht verstanden +hat! Bedenke doch, was geschehen würde, wenn die Menschen den Tåkern +trocken legten und den Seegrund in Äcker verwandelten! Dann gäbe es doch +für die erwachsenen Enten weder Wasserlinsen noch Laichkraut und für die +jungen Entlein keine Fischbrut, keine Kaulquappen und keine Mückenlarven +mehr. Dann würde auch das Röhricht verschwinden, wo die kleinen Entlein +sich verstecken können, bis sie fliegen gelernt haben. Alle Enten müßten ja +fortziehen und sich einen andern Aufenthalt suchen. Aber wo sollten sie +einen solchen Zufluchtsort finden wie den Tåkern? Cäsar, sag, daß Klaurina +nicht recht gehört hat!« + +Cäsars Benehmen während dieser Anrede war im höchsten Grade sonderbar. Er +war vorher hellwach gewesen; aber als Jarro sich an ihn wendete, gähnte er, +legte seine lange Nase auf seine Vorderpfoten, und im nächsten Augenblick +lag er im tiefsten Schlafe. + +Mit einem durchtriebenen Lächeln sah die Katze auf Cäsar hinunter. »Ich +glaube, Cäsar hat keine Lust, dir zu antworten,« sagte sie zu Jarro. »Er +ist gerade wie alle andern Hunde; sie wollen nie zugeben, daß die Menschen +unrecht tun können. Aber du kannst dich auf mein Wort unbedingt verlassen. +Und ich will dir auch sagen, warum die Menschen den See austrocknen wollen. +Wenn ihr Wildenten die Herrschaft über den See noch hättet, würden sie ihn +nicht ablassen, denn von euch haben sie doch noch einen gewissen Nutzen. + +Aber jetzt haben ja die Taucher und die Bläßhühner und andre Vögel, die den +Menschen nicht zur Nahrung dienen, beinahe das ganze Röhricht besetzt, und +derentwegen meinen sie den See nicht beibehalten zu müssen.« + +Jarro würdigte die Katze keiner Antwort mehr, aber er hob den Kopf und +schrie Cäsar ins Ohr: »Cäsar! Cäsar! Auf dem Tåkern gibt es noch so viele +Enten, daß sie die Luft wie mit Wolken erfüllen, das weißt du wohl! Darum +sag, daß es nicht wahr ist! Nein, die Menschen können nicht im Sinn haben, +uns heimatlos zu machen!« + +Jetzt sprang Cäsar auf und fuhr so heftig auf Klaurina los, daß diese sich +auf ein Wandbrett flüchten mußte. »Ich werde dich lehren, still zu sein, +wenn ich schlafen will!« donnerte er sie an. »Natürlich weiß ich, daß es +sich darum handelt, den See in diesem Jahre abzulassen. Aber man hat ja +schon so oft über diese Sache gesprochen, ohne daß sie je verwirklicht +worden wäre. Und dieses Trockenlegen des Sees ist etwas, was ich durchaus +nicht billige. Denn wie sollte es mit der Jagd gehen, wenn der Tåkern +ausgetrocknet würde? Du bist ein Simpel, wenn du dich über so etwas freust. +Was haben wir denn dann noch für ein Vergnügen, wenn es keine Vögel mehr +auf dem Tåkern gibt?« + + +Der Lockvogel + + Sonntag, 17. April + +Ein paar Tage später war Jarro fast hergestellt, und er konnte schon durchs +ganze Zimmer fliegen. Er wurde denn auch von der Hausfrau gestreichelt, und +der kleine Junge pflückte die ersten hervorsprießenden Grashälmchen für +ihn. Während die Hausfrau ihn streichelte, dachte Jarro, obgleich er jetzt +wieder so gesund war, daß er, sobald es ihm beliebte, an den Tåkern hätte +hinabfliegen können, er wolle sich doch noch nicht von den Menschen +trennen, ja, am liebsten möchte er sein ganzes Leben lang bei ihnen +bleiben. + +Aber eines Morgens in aller Frühe legte die Hausmutter eine Halfter oder +Schlinge um Jarro, die ihn am Gebrauch seiner Flügel hinderte, und dann +übergab sie ihn jenem Knecht, der ihn damals auf dem Hofe gefunden hatte. +Der Knecht nahm ihn unter den Arm und ging mit ihm zum Tåkern hinunter. + +Während Jarro krank lag, war das Eis geschmolzen. Das alte vertrocknete +Röhricht vom vorigen Jahre stand noch an den Ufern und Holmen, aber alle +Wasserpflanzen hatten in der Tiefe Schößlinge getrieben, und die grünen +Spitzen reichten schon bis zur Oberfläche des Wassers. Und jetzt waren fast +alle Zugvögel zurückgekehrt. Die gebogenen Schnäbel der Scharben sahen aus +dem Schilf hervor, die Taucher schwammen mit einem neuen Halskragen umher, +und die Bekassinen sammelten eifrig Stroh zu ihren Nestern. + +Der Knecht bestieg einen Kahn, legte Jarro auf den Boden und begann in den +See hinauszustechen. Jarro, der sich jetzt daran gewöhnt hatte, nur Gutes +von den Menschen zu erwarten, sagte zu Cäsar, der auch dabei war, er sei +dem Knecht sehr dankbar, daß er ihn auf den See hinausfahre. Aber der +Knecht hätte ihn nicht so fest zu fesseln brauchen, denn er wolle den +Menschen gar nicht entfliehen. Cäsar gab keine Antwort, er war an diesem +Morgen äußerst wortkarg. + +Das einzige, was Jarro ein wenig sonderbar vorkam, war, daß der Knecht +seine Flinte mitgenommen hatte. Die guten Leute auf dem Hofe würden doch +sicherlich keine Vögel schießen wollen. Und außerdem hatte ihm Cäsar +gesagt, die Menschen gingen in dieser Jahreszeit nicht auf die Jagd. »Es +ist Schonzeit,« hatte er gesagt, »obgleich das für mich natürlich nicht +gilt.« + +Der Knecht ruderte zu einem der schilfumkränzten Sumpfholme hinüber. Hier +stieg er aus, schichtete altes Röhricht zu einem großen Haufen zusammen und +legte sich dahinter nieder. Die Schlinge um die Flügel und mit einer langen +Schnur an das Boot angebunden, durfte Jarro umhergehen. + +Plötzlich erblickte dieser einige von den jungen Wildenten, in deren +Gesellschaft er früher um die Wette über den See hin und her geschwommen +war. Sie waren weit entfernt, aber Jarro rief sie mit einigen lauten Rufen +herbei. Sie gaben ihm Antwort, und eine große schöne Schar näherte sich +ihm. Bevor sie noch herangekommen war, begann Jarro von seiner wunderbaren +Errettung und von der Güte der Menschen zu berichten. Aber schon knallten +zwei Schüsse hinter ihm. Drei Enten sanken tot ins Röhricht. Cäsar +platschte hinaus und fing sie auf. + +Da verstand Jarro -- die Menschen hatten ihn gerettet, um ihn als Lockvogel +zu gebrauchen. Und das war ihnen auch geglückt. Drei Enten hatten um +seinetwillen sterben müssen. + +Es war ihm, als müsse er vor Scham selbst sterben, ja, es war ihm, als ob +ihn auch sein Freund Cäsar verächtlich ansehe; und als sie wieder in der +Stube waren, wagte er nicht mehr, sich neben den Hund zu legen. + +Am nächsten Morgen wurde Jarro abermals an den kleinen Holm gebracht. Auch +diesmal gewahrte er bald einige Enten. Als er sie aber auf sich zufliegen +sah, rief er ihnen zu: »Fort! Fort! Nehmt euch in acht! Fliegt wo anders +hin! Hinter dem Schilfhaufen liegt ein Jäger im Hinterhalt! Ich bin nur ein +Lockvogel!« Und es gelang ihm wirklich, die Enten zu verhindern, in +Schußweite heranzukommen. + +Jarro hatte kaum Zeit, ein Grashälmchen zu verzehren, so eifrig war er auf +der Wacht. Sobald sich ein Vogel näherte, schrie er ihm seinen Warnungsruf +entgegen; er warnte sogar auch Taucher und Bläßhühner, obgleich er sie +verabscheute, weil sie die Enten aus ihren besten Verstecken verdrängten. +Aber seinetwegen sollte gewiß kein einziger Vogel ins Unglück geraten. Und +dank Jarros Wachsamkeit mußte der Knecht heimkehren, ohne Gelegenheit zu +einem einzigen Schuß bekommen zu haben. + +Dessenungeachtet sah Cäsar weniger mißvergnügt aus als am Tage vorher; und +als es Abend wurde, nahm er Jarro ins Maul, trug ihn zum Herd hin und ließ +ihn zwischen seinen Vorderpfoten schlafen. + +Aber Jarro fühlte sich nicht mehr behaglich in der Stube; er war tief +unglücklich, und das Herz tat ihm weh bei dem Gedanken, daß die Menschen +ihn nie lieb gehabt hätten. Wenn jetzt die Hausfrau oder der kleine Junge +ihn streichelten, steckte er den Schnabel unter den Flügel und tat, als ob +er schliefe. + +Mehrere Tage hatte Jarro seine traurige Wacht gehalten, und man kannte ihn +schon am ganzen Tåkern. Eines Morgens, als er wie gewöhnlich rief: »Nehmt +euch in acht, ihr Vögel! Kommt mir nicht nahe! Ich bin nur ein Lockvogel!« +sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen. Dies war nun nichts +besonders Merkwürdiges; es war ein Nest vom vorigen Jahre, und da die +Tauchernester so gebaut sind, daß sie wie Boote auf dem Wasser schwimmen +können, treibt häufig eines auf den See hinaus. Aber Jarro blieb doch +stehen und betrachtete es, denn es schwamm geradeswegs auf den Holm zu, als +ob es jemand über das Wasser steuere. + +Als es näher kam, sah Jarro, daß ein kleiner Mensch, der kleinste, den er +je gesehen hatte, in dem Nest saß und mit zwei Stäbchen ruderte. Und dieses +Menschlein rief ihm zu: »Komm so nahe ans Wasser heran, als du kannst, +Jarro, und halte dich zum Fliegen bereit! Du wirst bald befreit werden.« + +Einige Augenblicke später lag das Nest am Land, aber der kleine Ruderer +verließ es nicht, sondern saß ganz still zwischen Zweigen und Halmen +verborgen. Jarro verhielt sich auch beinahe regungslos. Der Gedanke, frei +zu werden und seinem Unglück entfliehen zu können, hatte ihn förmlich +gelähmt. + +Das nächste, was geschah, war, daß eine Schar Wildgänse daherflog. Da kam +Jarro wieder zu sich, und er warnte sie mit lauten Rufen; aber +dessenungeachtet flogen sie mehrere Male über dem Holm hin und her. Sie +hielten sich so hoch in der Luft, daß sie außer Schußweite waren; aber der +Knecht ließ sich trotzdem verleiten, ein paar Schüsse auf sie abzugeben. +Kaum waren diese abgefeuert, als der kleine Knirps auf und ans Land sprang, +ein kleines Messer aus der Scheide zog und mit einem raschen Schnitt Jarros +Schlinge löste. »Flieg nun davon, Jarro, ehe der Knecht wieder geladen +hat!« rief er, während er selbst in das Nest zurücksprang und vom Lande +abstieß. Der Jäger hatte die Augen auf die Gänse gerichtet und daher nicht +gemerkt, daß Jarro befreit worden war. Aber Cäsar hatte besser acht +gegeben, und gerade als Jarro die Flügel hob, stürzte er herbei und packte +ihn im Nacken. + +Jarro schrie zum Erbarmen, aber der Knirps, der ihn befreit hatte, sagte +mit der größten Ruhe zu Cäsar: »Wenn deine Gesinnung so edel ist wie dein +Aussehen, so kannst du nicht jemand bei einer so gemeinen Beschäftigung, +ein Lockvogel zu sein, zurückhalten wollen.« + +Als Cäsar diese Worte hörte, grinste er boshaft mit der Oberlippe, aber +nach einem Augenblick ließ er Jarro los. »Flieg, Jarro!« sagte er. »Du bist +wirklich zu gut zu einem Lockvogel. Ich wollte dich auch nicht deshalb +zurückhalten, sondern weil die Stube ohne dich so leer sein wird.« + + +Die Trockenlegung des Sees + + Mittwoch, 20. April + +In der Bauernstube war es wirklich sehr leer, als Jarro nicht mehr da war. +Dem Hund und der Katze wurde die Zeit lang, weil sie sich nicht mehr +miteinander über ihn streiten konnten, und die Hausfrau vermißte das +fröhliche Geschnatter, das Jarro angestimmt hatte, so oft sie ins Zimmer +trat. Am meisten Heimweh nach ihm hatte aber doch der kleine Junge Per Ola. +Per Ola war erst drei Jahre alt und überdies das einzige Kind, und er hatte +noch nie einen so guten Spielkameraden gehabt wie Jarro. Als man Per Ola +sagte, Jarro sei zu den andern Enten auf den Tåkern zurückgekehrt, wollte +er sich mit dieser Nachricht nicht zufrieden geben, sondern dachte +immerfort darüber nach, wie er wohl den guten Jarro wieder bekommen könnte. + +Per Ola hatte sehr oft mit Jarro geplaudert, während dieser in seinem Korb +lag, und das Kind war fest überzeugt, daß ihn der Erpel immer verstanden +habe. Er bat die Mutter, mit ihm an den See hinunterzugehen, denn er wolle +Jarro aufsuchen und ihn überreden, wieder zu ihnen zu kommen. Die Mutter +wollte davon nichts hören, aber deshalb gab Per Ola sein Vorhaben nicht +auf. + +Am Tag, nachdem Jarro verschwunden war, spielte Per Ola draußen im Garten. +Wie gewöhnlich spielte er ganz allein; aber Cäsar lag auf der Treppe, und +als die Mutter Per Ola herausgebracht hatte, hatte sie zu dem Hunde gesagt: +»Gib auf Per Ola acht, Cäsar!« + +Wenn nun alles wie sonst gewesen wäre, hätte Cäsar auch dem Befehl Folge +geleistet. Per Ola wäre gut bewacht gewesen und keinerlei Gefahr gelaufen. +Aber in diesen Tagen war Cäsar gar nicht er selbst. Er wußte, daß die +Bauern, die um den Tåkern herum wohnten, wegen der Trockenlegung des Sees +verhandelt hatten, und daß die Sache beinahe so gut wie beschlossen war. +Die Enten müßten also fortziehen, und Cäsar würde nie mehr ehrlich und +ordentlich Jagd auf sie machen können. Der Gedanke an dieses Unglück +beschäftigte den Hund vollständig, und er dachte nicht mehr daran, über das +Kind zu wachen. + +Und Per Ola sah sich kaum allein auf dem Hof, als er auch schon die rechte +Stunde gekommen glaubte, nach dem Tåkern zu gehen und mit Jarro zu reden. +Er öffnete ein Pförtchen und schlug den schmalen Wiesenpfad zum See +hinunter ein. Solange man ihn von daheim sehen konnte, ging er ganz +langsam, aber dann begann er zu laufen. Er hatte große Angst, die Mutter +oder sonst jemand würde ihm zurufen, er dürfe nicht an den See hinunter. Er +wollte zwar nichts Böses tun, nur Jarro überreden, zurückzukehren, fühlte +aber wohl, daß die andern sein Vorhaben nicht gebilligt hätten. + +Als Per Ola den Strand erreicht hatte, rief er Jarro mehrere Male mit +Namen. Dann wartete er lange, aber Jarro zeigte sich nicht. Per Ola sah +allerdings verschiedene Vögel, die wie Wildenten aussahen; diese flogen +aber an ihm vorbei, ohne sich um ihn zu kümmern, und daraus schloß Per Ola, +daß keiner von ihnen der rechte sei. + +Als Jarro sich nicht zeigte, dachte der kleine Junge, er könne Jarro gewiß +leichter finden, wenn er sich auf den See hinaus begebe. Es lagen mehrere +gute Boote am Ufer, aber die waren alle angebunden. Das einzige nicht +festgemachte Boot war ein alter lecker Kahn, dessen sich niemand mehr +bediente. Per Ola kletterte unter großer Anstrengung hinein, ohne sich +darum zu kümmern, daß der ganze Boden mit Wasser bedeckt war. Die Ruder +konnte der kleine Bursche natürlich nicht handhaben, dafür aber begann er +in dem Boot zu schaukeln und es hin und her zu wiegen. Es wäre sicher +keinem erwachsenen Menschen gelungen, einen Kahn auf diese Weise auf den +Tåkern hinauszubringen, aber wenn hoher Wasserstand ist und das Unglück es +will, haben kleine Kinder eine wunderbare Fähigkeit, aufs Wasser +hinauszukommen; Per Ola trieb wirklich bald auf dem Tåkern umher und rief +nach seinem geliebten Jarro. + +Als der alte Kahn auf diese Weise auf dem See schaukelte, öffneten sich +alle seine Ritzen noch weiter, und das Wasser strömte stärker herein. Darum +kümmerte sich aber Per Ola nicht im geringsten. Er saß vorn auf dem kleinen +Brett, rief jeden Vogel an, den er sah, und wunderte sich, warum Jarro +nicht erscheine. + +Schließlich aber nahm Jarro den Jungen wirklich wahr. Er hörte, wie Per Ola +ihn mit dem Namen rief, den er bei den Menschen gehabt hatte, und daraus +schloß er, daß sich der Junge auf den Tåkern hinausbegeben habe, um ihn zu +suchen. Jarro freute sich unaussprechlich über diese Entdeckung; also +liebte ihn einer von den Menschen doch aufrichtig! Schnell wie ein Pfeil +schoß er zu Per Ola hinunter, setzte sich neben ihn und ließ sich von ihm +liebkosen. Alle beide waren sehr glücklich über das Wiedersehen. + +Aber plötzlich merkte Jarro, wie es mit dem Kahn stand. Er war schon halb +voll Wasser, in kurzer Zeit mußte er untersinken. Jarro versuchte Per Ola +klar zu machen, daß er, da er weder fliegen noch schwimmen könne, versuchen +müsse, ans Land zu kommen. Aber das Kind verstand Jarro nicht. Da zögerte +Jarro keinen Augenblick, sondern flog eilig davon, um Hilfe +herbeizuschaffen. + +Nach einer kleinen Weile kehrte Jarro zurück, und da trug er auf seinem +Rücken einen kleinen Knirps, der viel kleiner als Per Ola war. Wenn er +nicht gesprochen und sich bewegt hätte, würde ihn Per Ola für eine Puppe +gehalten haben. Und dieser Knirps befahl Per Ola, sofort eine lange, dünne +Stange zu ergreifen, die im Kahn lag, und zu versuchen, das Fahrzeug nach +einem der kleinen Sumpfholme hinüberzustoßen. Per Ola gehorchte, und dann +begannen die beiden mit vereinten Kräften den Kahn vorwärts zu treiben. Mit +einigen Stößen erreichten sie wirklich einen kleinen, schilfumkränzten +Holm; und als sie hier angekommen waren, wurde Per Ola befohlen, ans Land +zu gehen. Und gerade in dem Augenblick, wo Per Ola den Fuß ans Land setzte, +war der Kahn so mit Wasser gefüllt, daß er sank. + +Als Per Ola dies sah, fühlte er ganz deutlich, daß Vater und Mutter sehr +böse über ihn werden würden, und er hätte sicherlich geweint, wenn nicht +seine Gedanken sogleich von etwas ganz anderm in Anspruch genommen worden +wären. Plötzlich kam eine große Schar grauer Vögel dahergeflogen, die sich +auf der Insel niederließ. Dann führte der kleine Knirps Per Ola zu den +Vögeln hin und erzählte ihm, wie sie hießen und was sie sagten. Und das war +so lustig, daß Per Ola alles andre vergaß. + +Doch schnell flog Jarro nach dem Bauernhof, um Cäsar mitzuteilen, wo Per +Ola sei. Cäsar folgte Jarro an das Ufer hinunter, und von da schwamm und +watete er nach dem Sumpfholm hinüber. Dort saß Per Ola laut lachend und vor +Freude jubelnd auf einem Haufen trocknen Schilfs, die Wildgänse und die +Wildenten rings um ihn herum. + +Cäsar blieb lange auf dem Holm, und zwar nicht allein Per Olas wegen. Zum +erstenmal in seinem ganzen Leben war er mit den Vögeln des Tåkern in +friedlichen Verkehr gekommen, und er verwunderte sich über deren Klugheit. +Sie fragten ihn, ob das, was Jarro berichtet habe, wahr sei, daß nämlich +der Tåkern wirklich ausgetrocknet werden solle? + +»Es ist noch nicht entschieden,« sagte Cäsar, »aber morgen wollen die +Strandeigentümer sich versammeln, um einen endgültigen Entschluß zu fassen, +und ich fürchte, diesmal wird der Vorschlag durchgehen. Es ist recht +traurig für die Vögel, aber auch für mich ist es kein Spaß, ich verliere +das beste Jagdgebiet, das ein Hund je gehabt hat.« + +Die Vögel wurden über die Maßen betrübt, als sie Jarros Aussage durch Cäsar +bekräftigen hörten. Die Nachricht lief von einem Röhricht zum andern über +den ganzen See hin, und überall erhoben sich laute Klagerufe. Die stolzen +Schwäne jammerten nicht weniger als die kleinen Rohrsänger, und die Enten +und Bläßhühner, die einander sonst verabscheuen, waren ganz einig darüber, +daß dies ein furchtbares Unglück sei. + +Als Cäsar endlich aufbrach, um nach dem Hof zurückzukehren, sagte die alte +Akka, die Anführerin der Wildgänse, zu ihm: »Für mich ist es einerlei, denn +ich bin nur ein durchreisender Zugvogel, aber wenn du die Vögel wirklich +hier am Tåkern behalten möchtest, dann müßtest du den Eltern nicht so bald +mitteilen, wo das Kind zu finden sei.« + +Cäsar starrte die Wildgans mit weitoffnen Augen an. »Du bist ganz gewiß +eine wunderbare alte Gans,« sagte er. + +»Ach, mir ist schon manches vorgekommen in meinem Leben,« sagte Akka, »und +ich weiß, es wird uns allen weich ums Herz, wenn wir unsre Jungen verlieren +sollen.« + +»Ich werde deinen Rat befolgen,« sagte Cäsar, »aber ihr steht mir dafür +ein, daß Per Ola kein Leid geschieht.« + +Indessen hatten die Leute auf dem Hofe Per Ola vermißt und nach ihm +gesucht. Sie suchten in den Wirtschaftsgebäuden, sahen in den Brunnen +hinunter und untersuchten den Keller. Dann suchten sie auf Wegen und +Stegen, eilten auch auf den Nachbarhof, um zu hören, ob sich das Kind nicht +dahin verirrt habe, und schließlich suchten sie ihn auch am Tåkern. Aber so +viel sie auch suchten, Per Ola war nirgends zu entdecken. + +Cäsar, der Hund, wußte recht gut, wen die Herrschaft suchte, aber er tat +nichts, sie auf die richtige Spur zu leiten. Dagegen lag er ganz ruhig da, +als ob ihn die Sache gar nichts anginge. »Es kann euch Menschen nichts +schaden, wenn ihr einmal ein paar Stunden lang in Sorge seid,« dachte er. +»Per Ola geschieht da draußen nichts Böses, und den andern gönne ich es, +wenn sie ordentlich Angst ausstehen.« + +Später am Tage entdeckte man Per Olas Fußtapfen drunten am Bootschuppen. +Und dann merkte man, daß der alte lecke Kahn nicht mehr am Ufer lag. Da +begann man zu verstehen, was geschehen war. + +Der Hausherr und die Knechte schoben sogleich die Boote ins Wasser und +fuhren hinaus, den Jungen zu suchen. Bis spät am Abend fuhren sie auf dem +Tåkern umher, ohne auch nur einen Schein von ihm zu entdecken. Da konnten +sie sich nichts andres denken, als daß das alte Fahrzeug gesunken sei und +das Kind nun tot auf dem Grunde des Sees liege. + +Am Abend wanderte Per Olas Mutter ruhelos am Strande hin und her. Die +andern waren alle überzeugt, daß Per Ola ertrunken sei, sie aber konnte es +nicht glauben und suchte und suchte unaufhörlich. Sie suchte zwischen +Schilf und Binsen, sie wanderte auf dem sumpfigen Strand umher, ohne zu +beachten, wie tief ihre Füße einsanken und wie naß sie wurden. Sie war am +Verzweifeln, und das Herz tat ihr unsäglich weh. Sie weinte nicht, aber sie +rang die Hände und rief mit lauter, klagender Stimme nach ihrem Kind. + +Rings herum hörte sie die Klagen der Schwäne und Enten und Brachschnepfen. +Ihr war, als wanderten alle klagend und jammernd hinter ihr drein. »Sie +haben gewiß einen Kummer, weil sie so jammern,« dachte die Mutter. »Aber es +sind ja nur Vögel,« dachte sie weiter, »die haben sicherlich keinen +Kummer.« + +Aber wunderbar war es doch, daß die Vögel jetzt nach Sonnenuntergang noch +nicht verstummt waren. Sie hörte, wie alle diese unzähligen Vogelscharen, +die rings um den Tåkern wohnten, nacheinander ihre Klagerufe ertönen +ließen. Mehrere liefen hinter ihr her, andre sausten auf raschen Flügeln an +ihr vorüber, alle jammerten und klagten. + +Und die Angst, die sie selbst quälte, öffnete ihr das Herz. Ihr war, als +stehe sie allen den andern lebenden Wesen gar nicht mehr so fern, wie dies +bei den Menschen sonst der Fall zu sein pflegt. Viel besser als je vorher +verstand sie, wie es den Vögeln zumut sein müsse. Auch sie hatten ihre +tägliche Sorge für Haus und Kind. Es war wohl gar kein so großer +Unterschied zwischen den Vögeln und den Menschen, wie sie bisher geglaubt +hatte. + +Dann fiel ihr die Trockenlegung des Sees ein. Diese war schon so gut wie +fest beschlossen. Ach und dadurch würden alle die Tausende von Schwänen, +Enten und Tauchern ihre Heimat hier am Tåkern verlieren! »Das wird sehr +traurig für sie sein,« dachte sie. »Wo sollen sie später ihre Jungen +aufziehen?« + +Sie blieb stehen und überlegte. »Ja, es mag ja wohl ganz gut und +vorteilhaft sein, einen See in Äcker und Wiesen zu verwandeln,« dachte sie, +»aber der See braucht ja nicht gerade der Tåkern zu sein, sondern ein +andrer, der nicht so vielen Tausenden von Tieren zur Heimat dient.« + +»Morgen soll die Trockenlegung endgültig beschlossen werden,« dachte sie +weiter. Und sie fragte sich, ob nicht am Ende Per Ola deshalb gerade an +diesem Tage sich verlaufen habe? Ob es nicht am Ende Gottes Absicht sei, +durch den Kummer ihr Herz zu rühren, damit es sich der Barmherzigkeit +öffne, gerade heute, ehe es zu spät wäre, die schlechte Tat zu verhindern? + +Rasch ging sie auf den Hof zurück und sprach mit ihrem Mann über das alles. +Sie sprach von dem See und den Vögeln und sagte schließlich, sie glaube, +Per Olas Tod sei eine Strafe, die Gott über sie verhängt habe. Und sie sah +bald, daß ihr Mann derselben Ansicht war. + +Sie besaßen schon vorher einen großen Hof, und wenn die Trockenlegung des +Sees zustande kam, fiel ihnen ein sehr bedeutender Teil des Seegrundes zu, +wodurch ihr Besitztum beinahe noch einmal so groß wurde. Deshalb waren sie +auch eifriger für den Plan gewesen als irgend einer von den andern +Strandbesitzern. Die andern hatten die Ausgaben gescheut und die +Befürchtung ausgesprochen, die Trockenlegung werde am Ende ebensowenig +gelingen wie das erste Mal. Per Olas Vater wußte, daß nur er sie +schließlich zu dem Unternehmen bestimmt hatte. Er hatte seine ganze +Überredungskunst angewendet, um seinem Sohn einen doppelt so großen Hof +hinterlassen zu können, als er selbst einst von seinem Vater geerbt hatte. + +Jetzt fragte er sich, ob es wohl eine Fügung Gottes sei, daß der Tåkern ihm +seinen Sohn genommen habe, gerade am Tage, bevor der Kontrakt zur +Trockenlegung unterschrieben werden sollte? Und seine Frau brauchte nicht +mehr viel zu sagen. »Ja, ja, vielleicht will Gott nicht, daß wir in seine +Ordnung eingreifen,« sagte er. »Ich will morgen mit den andern sprechen, +und ich glaube, wir werden alles beim Alten lassen.« + +Während die Eheleute so miteinander sprachen, lag Cäsar vor dem Herd. Mit +aufgehobenem Kopf hörte er genau zu. Als er seiner Sache sicher zu sein +glaubte, stand er auf, ging zur Mutter hin, faßte sie am Rock und zog sie +nach der Tür hin. »Aber Cäsar!« sagte sie und wollte sich frei machen. +»Weißt du, wo Per Ola ist?« rief sie gleich darauf. Und Cäsar bellte lustig +und sprang an der Tür hinauf. Die Mutter öffnete, Cäsar stürmte in großen +Sätzen zum Tåkern hinunter, und ohne sich lange zu besinnen, lief die +Mutter hinter ihm drein, so fest war sie überzeugt, daß Cäsar wußte, wo ihr +Kind war. Kaum hatte sie den Strand erreicht, da drang auch schon das +Weinen einer Kinderstimme vom See herüber an ihr Ohr. + +Per Ola hatte mit Däumling und den Vögeln den vergnügtesten Tag seines +Lebens verbracht, aber jetzt weinte er, weil er hungrig war und sich bei +der Dunkelheit fürchtete. Ach, wie froh war er, als Vater und Mutter und +Cäsar kamen, ihn zu holen! + +Und bei schönem, hellem Mondschein, während die Vögel des Tåkern lustig um +sie herumflatterten, fuhren sie zurück, heim nach dem Bauernhof. + +[Illustration] + + + + +20 + +Die Wahrsagung + + + Freitag, 22. April + +Eines Nachts schlief der Junge auf einem der Holme des Tåkern, als das +Geräusch von Ruderschlägen ihn weckte. Kaum hatte er die Augen aufgemacht +und sie auf den See gerichtet, als ein starker Lichtschein aufflammte, der +ihn beinahe blendete. + +Zuerst konnte er nicht begreifen, was draußen auf dem See so hell +leuchtete, bald aber sah er, daß am Schilfrand ein Kahn lag, in dessen +Hintersteven eine große Pechfackel an einer eisernen Gabel brannte. Die +roten Flammen der Fackel spiegelten sich deutlich in dem nachtschwarzen +See, und der prächtige Schein mußte die Fische herbeigelockt haben, denn um +die Flamme in der Tiefe herum zeigte sich eine Menge dunkler Striche, die +sich beständig bewegten und den Platz wechselten. + +In dem Kahn befanden sich zwei alte Männer. Der eine saß bei den Rudern, +der andre stand auf dem hintern Brett und hielt einen kurzen, mit großen +Widerhaken versehenen Spieß in der Hand. Der Mann, der die Ruder führte, +schien ein armer Fischer zu sein. Er war klein, ausgemergelt und +wettergebräunt und hatte einen dünnen abgetragenen Rock an. Offenbar war +dieser Mann gewohnt, bei jedem Wetter draußen zu sein, und machte sich +nichts aus der Kälte. Der andre war wohlgenährt und gut gekleidet und sah +wie ein gebieterischer, selbstbewußter Bauer aus. + +»Halt nun still!« sagte der Bauer, als sie dicht bei dem Holm waren, wo der +Junge lag. In demselben Augenblick stieß er den Spieß ins Wasser, und als +er ihn wieder herauszog, kam ein langer, prächtiger Aal mit aus der Tiefe +herauf. + +»Ei sieh da!« sagte der Bauer, während er den Aal von der Gabel losmachte, +»das ist einer, der sich sehen lassen kann. Jetzt haben wir, glaub ich, +genug und können umdrehen.« + +Aber der andre schaute sich um, ohne die Ruder zu bewegen. »Wie schön ist +es heute Abend hier draußen!« sagte er. Und das war in der Tat so. Kein +Lüftchen rührte sich; mit Ausnahme des Streifens, den der Kahn gezogen +hatte, lag der ganze Wasserspiegel regungslos da. Wie eine Fläche aus purem +Golde leuchtete er in dem Feuerschein. + +Hoch und klar wölbte sich der mit Sternen besäte dunkelblaue Nachthimmel +darüber. Gegen Westen verdeckten die Schilfholme das Ufer. Dort drüben +erhob sich der Omberg groß und dunkel, viel mächtiger als gewöhnlich, und +er schnitt ein großes dreieckiges Stück des Himmelsgewölbes weg. + +Der andre wendete den Kopf von dem Feuerschein ab und schaute sich um. »Ja, +es ist schön hier in Ostgötland,« sagte er. »Aber das beste an der +Landschaft ist doch nicht ihre Schönheit.« + +»Was ist denn das beste?« fragte der Fährmann. + +»Daß es von jeher eine angesehene, hochgepriesene Landschaft war.« + +»Ja, das ist sehr wahr.« + +»Und ferner, daß man weiß, daß es immer so bleiben wird.« + +»Wie soll man das wissen?« fragte der andre, der die Ruder führte. + +Der Bauer richtete sich auf und stützte sich auf seinen Spieß. »In unserer +Familie hat sich eine alte Geschichte immer wieder vom Vater auf den Sohn +vererbt, und in dieser Geschichte erfährt man, wie es mit Ostgötland gehen +wird.« + +»Dann könntest du sie mir wohl erzählen,« sagte der Ruderer. + +»Wir pflegen sie sonst nicht dem ersten besten zu erzählen, aber einem +alten Kameraden will ich sie nicht vorenthalten.« + +»Auf dem Gute Ulvåsa hier in Ostgötland,« fuhr er fort, und jetzt konnte +man an seinem Ton merken, daß er etwas erzählte, was er selbst von andern +gehört hatte und auswendig wußte, »wohnte vor vielen Jahren eine +Schloßherrin, die die Gabe hatte, in die Zukunft zu schauen und den Leuten +vorauszusagen, was ihnen widerfahren werde, und zwar sicher und genau, wie +wenn es wirklich schon geschehen wäre. Deshalb wurde sie weitberühmt, und +man kann sich wohl denken, wie die Leute von nah und fern herbeizogen, um +zu erfahren, was sie Gutes oder Böses zu erwarten hätten. + +Eines Tages, als die Frau auf Ulvåsa in ihrem Saal am Spinnrad saß, wie das +in frühern Zeiten Sitte war, trat ein armer Bauer herein und setzte sich +ganz unten an der Tür auf die Bank. + +>Ich möchte wohl wissen, was Ihr denkt, liebe Schloßherrin?< sagte der +Bauer nach einer Weile. + +>Ich denke an hohe und heilige Dinge,< antwortete sie. + +>Es würde sich wohl nicht schicken, wenn ich Euch um etwas fragte, das mir +sehr am Herzen liegt?< fragte der Bauer. + +>Ei, es wird dir wohl nichts am Herzen liegen, als die Frage, ob du viel +Korn von deinen Äckern ernten werdest. Aber ich bin gewohnt, von dem Kaiser +gefragt zu werden, wie es um seine Krone stehe, und von dem Papst, wie es +mit seinen Schlüsseln bestellt sei?< + +>Ja, so etwas ist wohl nicht leicht zu beantworten,< sagte der Bauer. >Und +ich habe auch gehört, daß noch nie jemand von hier weggegangen sei, der mit +der Antwort, die er erhalten habe, zufrieden gewesen wäre.< + +Als der Bauer dies sagte, sah er, daß die Schloßfrau sich auf die Lippe biß +und auf der Bank weiter hinaufrückte. >So, das hast du von mir gehört?< +sagte sie. >Nun, dann mache einmal den Versuch und frage mich nach dem, was +du wissen möchtest, alsdann wirst du ja sehen, ob ich so antworten kann, +daß du zufrieden bist.< + +Nach dieser Aufforderung zögerte der Bauer nicht länger mit seinem +Anliegen. Er sagte, er sei gekommen, sich zu erkundigen, wie es zukünftig +mit Ostgötland gehen werde. Denn nichts sei ihm so lieb wie dieses Land, +und er wisse, er würde bis zu seiner letzten Stunde glücklich sein, wenn er +eine gute Antwort auf diese Frage bekäme. + +>Wenn du sonst nichts wissen willst,< sagte die weise Frau, >dann werde ich +dich wohl befriedigen können. Denn so wahr ich hier sitze, kann ich dir +sagen, Ostgötland wird allezeit etwas haben, dessen es sich vor andern +Landschaften wird rühmen können.< + +>Ja, das ist eine gute Antwort, liebe Schloßfrau,< sagte der Bauer, >und +ich wäre ganz befriedigt, wenn ich nur begreifen könnte, wie das zugehen +soll.< + +>Warum sollte es nicht möglich sein?< sagte die Frau von Ulvåsa. >Weißt du +nicht, daß Ostgötland jetzt schon weit berühmt ist? Oder meinst du, es gebe +in ganz Schweden eine Landschaft, die sich rühmen könnte, zwei solche +Klöster zu besitzen wie Alvastra und Vreta, und eine so schöne Domkirche +wie die in Linköping?< + +>Das mag wohl so sein,< sagte der Bauer, >aber ich bin ein alter Mann und +weiß, daß das Herz des Menschen veränderlich ist, und ich fürchte, es +möchte eine Zeit kommen, wo sie uns weder wegen Alvastra oder Vreta noch +wegen unserer Domkirche ehren werden.< + +>Damit kannst du recht haben,< sagte die Frau von Ulvåsa, >aber deshalb +brauchst du doch nicht an meiner Wahrsagung zu zweifeln. Ich werde jetzt +ein neues Kloster auf Vadstena bauen lassen, und dieses wird sicherlich das +berühmteste hier im Norden werden. Hoch und niedrig wird dorthin +wallfahren, und alle werden diese Landschaft preisen, weil sie einen so +heiligen Ort in ihren Grenzen birgt.< + +Der Bauer erwiderte, er freue sich ganz außerordentlich über diese +Nachricht. Aber da er wohl wisse, daß alles vergänglich sei, möchte er eben +doch gar zu gern erfahren, was dem Lande Ansehen verschaffen könne, wenn +das Kloster Vadstena je einmal in üblen Ruf käme. + +>Du bist nicht leicht zufrieden zu stellen,< sagte die Frau von Ulvåsa, +>aber ich sehe gar weit in die Zukunft, und deshalb kann ich dir sagen, ehe +das Kloster Vadstena seinen Glanz verliert, wird daneben ein Schloß erbaut +werden, das das prächtigste seiner Zeit sein wird. Könige und Fürsten +werden da wohnen, und es wird der ganzen Landschaft zur Ehre gereichen, +einen solchen Schmuck zu besitzen.< + +>Das zu hören, freut mich auch sehr,< sagte der Bauer. >Aber ich bin ein +alter Mann und weiß, wie es mit der Herrlichkeit dieser Welt zu gehen +pflegt, und ich möchte wohl wissen, was die Blicke der Leute auf diese +Landschaft lenken soll, wenn das Schloß einmal in Verfall gerät.< + +>Du begehrst nicht wenig zu wissen,< sagte die Frau von Ulvåsa, >aber ich +kann doch so weit in die Zukunft schauen, daß ich sehe, wie in den Wäldern +um Finspång herum Leben und Bewegung entsteht. Ich sehe, daß dort +Eisenhütten und Schmiedewerkstätten errichtet werden, und ich glaube, daß +man die ganze Landschaft darum ehren wird, daß in ihrem Gebiet das Eisen +verarbeitet wird.< + +Der Bauer verbarg nicht, wie sehr er sich über diese Nachricht freute. +>Aber,< fuhr er fort, >wenn es nun so schlecht ginge, daß auch das +Finspånger Hüttenwerk sein Ansehen verlöre, dann könnte wohl unmöglich noch +etwas Neues aufkommen, dessen sich Ostgötland rühmen könnte?< + +>Du bist nicht leicht zufriedenzustellen,< sagte die Frau von Ulvåsa, >aber +so weit in die Zukunft kann ich doch noch schauen, daß ich sehe, wie hier +von Herrenleuten, die in fremden Ländern Krieg geführt haben, Edelsitze +erbaut werden, die so groß wie Schlösser sind, und ich glaube, daß diese +Herrenhöfe dem Lande ebensoviel Ehre eintragen werden, wie alles andre, von +dem ich gesprochen habe.< + +>Aber wenn einst die Zeit kommt, wo niemand mehr die großen Herrenhöfe +preist?< + +>So brauchst du doch keineswegs ängstlich zu sein,< erwiderte die Frau von +Ulvåsa. >Auf den Auen von Medevi in der Nähe des Wettern sehe ich +Heilquellen hervorsprudeln, und die Quellen von Medevi werden dem Lande +ebensoviel Ehre gewinnen wie irgend etwas, von dem ich bis jetzt gesprochen +habe.< + +>Ja, das ist wirklich etwas Großes, was ich da gehört habe,< sagte der +Bauer. >Aber wenn nun eine Zeit kommt, wo die Menschen an andern Quellen +Heilung suchen?< + +>Deshalb brauchst du nicht ängstlich zu sein,< antwortete die Frau von +Ulvåsa. >Denn ich sehe, wie die Menschen von Motala bis Mem arbeiten. Sie +graben eine Wasserstraße quer durchs Land, und von dieser wird Ostgötland +ebensoviel Ehre haben wie von irgend etwas anderm.< + +Aber der Bauer sah trotzalledem beunruhigt aus. + +>Ich sehe, wie die Fälle des Motalastromes Räder drehen,< sagte die Frau +von Ulvåsa, und auf ihren Wangen zeigten sich zwei rote Flecke, denn jetzt +begann sie ungeduldig zu werden. >Ich höre in Motala Hammerschläge dröhnen +und in Norrköping Webstühle schlagen.< + +>Ja, das ist ein angenehmer Klang,< sagte der Bauer, >aber alles ist +vergänglich, und ich fürchte, auch dieses könnte einmal vergessen und +verlassen sein.< + +Doch als der Bauer auch jetzt noch nicht befriedigt war, da war die Geduld +der Schloßfrau erschöpft. >Du sagst, alles sei vergänglich!< rief sie. +>Aber jetzt will ich dir etwas nennen, was immer und ewig sich gleich +bleiben wird. Und das ist, daß es hier in dieser Landschaft bis zum +jüngsten Tage solche hochmütige, eigensinnige Bauern geben wird, wie du +einer bist!< + +Kaum hatte die Frau von Ulvåsa dies gesagt, als der Bauer auch schon +fröhlich und vergnügt aufstand und ihr für die gute Auskunft dankte. Jetzt +endlich sei er befriedigt, sagte er. + +>Jetzt verstehe ich nicht, was du meinst,< sagte die Frau von Ulvåsa. + +>Ja, seht Ihr, liebe Schloßfrau,< antwortete der Bauer, >ich denke so: +alles, was Könige und Klosterleute und Gutsbesitzer und Stadtbewohner bauen +und errichten, das hat nur einige Jahre Bestand. Aber wenn Ihr mir sagt, +daß es in Ostgötland immer ehrgeizige und beharrliche Bauern geben werde, +dann weiß ich auch, daß es seinen alten Ruhm behalten wird. Denn nur die, +die unter der ewigen Arbeit zur Erde gebückt einhergehen, können das Land +für alle Zeiten in Wohlstand und Ehren erhalten.<« + +[Illustration] + + + + +21 + +Der Rock aus Drillich und Samt + + + Samstag, 23. April + +Hoch droben in der Luft flog der Junge dahin. Er hatte die große +Ostgötaebene unter sich, und im Vorüberfliegen zählte er die vielen weißen +Kirchen, die zwischen den kleinen Baumgruppen aufragten. Und es dauerte +nicht lange, da war er schon bei der Zahl fünfzehn angekommen. Aber dann +kam er draus, und er konnte die richtige Reihenzahl nicht mehr einhalten. + +Die meisten Höfe hatten große weißangestrichene zweistöckige Häuser, die +sehr stattlich aussahen, und der Junge verwunderte sich sehr darüber. +»Hierzulande gibt es, wie es scheint, keine Bauern,« sagte er vor sich hin. +»Ich sehe ja lauter Herrenhöfe.« + +Doch da riefen die Wildgänse sogleich: »Hier wohnen die Bauern wie +Herrenleute! Hier wohnen die Bauern wie Herrenleute!« + +Auf der Ebene drunten waren Eis und Schnee verschwunden, und die +Frühlingsarbeiten hatten begonnen. »Was sind das für lange Krebse, die über +die Äcker hinkriechen?« fragte der Junge nach einer Weile. + +»Pflüge und Ochsen! Pflüge und Ochsen!« antworteten alle Wildgänse +zugleich. + +Die Ochsen kamen auf den Äckern so langsam vorwärts, daß man gar nicht +merkte, wie sie sich bewegten, und die Gänse riefen ihnen zu: »Ihr kommt +erst im nächsten Jahr an Ort und Stelle! Ihr kommt erst im nächsten Jahr an +Ort und Stelle!« + +Aber die Ochsen blieben die Antwort nicht schuldig. Sie taten das Maul auf +und brüllten: »Wir schaffen in einer Stunde mehr Nutzen, als solche +Landstreicher wie ihr in eurem ganzen Leben!« + +An einigen Orten wurden die Pflüge von Pferden gezogen, und diese zogen mit +viel größerem Eifer als die Ochsen. »Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit zu +tun?« riefen die Gänse den Pferden zu. »Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit +zu tun?« + +»Schämt ihr euch nicht selbst, die Faulenzer zu spielen?« wieherten die +Pferde zurück. + +Während Pferde und Ochsen bei der Arbeit draußen waren, lief der +Stallhammel auf dem Hofe umher. Er war frisch geschoren und machte allerlei +Bocksprünge, warf die kleinen Jungen um, trieb den Kettenhund in seine +Hütte hinein und stolzierte dann umher, als sei er allein Herr auf dem +Hofe. »Hammel, Hammel, was hast du mit deiner Wolle getan?« fragten die +Wildgänse, die über ihn hinflogen. + +»Die hab ich in die Fabriken von Norrköping geschickt!« antwortete der +Hammel mit einem langen Meckern. + +»Hammel, Hammel, was hast du mit deinen Hörnern gemacht?« fragten die +Gänse. Aber Hörner hatte der Hammel zu seinem großen Kummer nie gehabt, und +man konnte ihn nicht mehr kränken, als wenn man ihn darnach fragte. Lange +sprang er wild umher und stieß mit dem Kopfe, so zornig war er. + +Auf der Landstraße trieb ein Mann aus Schonen eine Herde Ferkel vor sich +her, die erst ein paar Wochen alt waren und weiter oben im Lande verkauft +werden sollten. Die Ferkel trotteten tapfer voran, ob sie auch noch so +klein waren, und hielten sich dicht zusammen, wie um beieinander Schutz zu +suchen. »Nöff, nöff, nöff, wir sind zu zeitig von Vater und Mutter +weggekommen! Nöff, nöff, nöff, wie soll es uns armen Kindern gehen?« +grunzten die Ferkelchen. + +Nicht einmal die Wildgänse hatten das Herz, solche arme Tröpfchen zu +necken. »Es wird euch besser gehen, als ihr denkt!« riefen sie ihnen im +Vorbeifliegen zu. + +Die Wildgänse waren nie so guter Laune, als wenn sie über ebenes Land +hinflogen. Da beeilten sie sich durchaus nicht, sondern flogen von Hof zu +Hof und trieben ihren Spaß mit den Haustieren. + +Während der Junge so über die Ebene hinritt, fiel ihm eine Sage ein, die er +vor langer Zeit einmal gehört hatte. Er erinnerte sich ihrer nicht ganz +genau, es handelte sich darin um einen Rock, dessen eine Hälfte aus +goldglänzendem Samt, die andre aber aus grauem Drillich bestand. Aber der +Besitzer des Rockes besetzte die Drillichseite mit so viel Perlen und +Edelsteinen, daß sie schöner und köstlicher glänzte als der Goldstoff. + +An diese Drillichseite mußte der Junge denken, als er jetzt auf Ostgötland +hinabschaute, denn es bestand aus einer großen Ebene, die im Norden und +Süden von zwei bewaldeten Bergen eingeschlossen war. Die beiden Bergeshöhen +lagen schimmernd blau und wie mit einem goldnen Schleier verhüllt im +Morgenlicht da, und die Ebene, die nur einen winterlich kahlen Acker neben +dem andern ausbreitete, machte an und für sich keinen schöneren Eindruck +als grauer Drillich. + +Aber den Menschen war es gut gegangen auf dieser Ebene, weil sie freigebig +und gütig ist, und deshalb hatten sie versucht, sie so schön als möglich +herauszuputzen. Als der Junge hoch droben auf dem Gänserücken dahinritt, +kamen ihm die Städte und Höfe, Kirchen und Fabriken, Schlösser und Bahnhöfe +wie große und kleine Schmuckstücke vor, die darüber hingestreut waren. Die +Ziegeldächer glänzten im Sonnenschein, und die Fensterscheiben funkelten +wie Edelsteine. Gelbe Landstraßen, glänzende Eisenbahnschienen und blaue +Kanäle liefen wie aus Seide gestickte Ranken zwischen den Ortschaften hin. +Linköping lag um seine Domkirche herum wie die Perleneinfassung um einen +kostbaren Stein, und die Höfe auf dem Lande waren wie Busennadeln und +Knöpfe. Es war nicht viel Ordnung im Muster, aber es war eine Pracht, die +zu sehen man nie müde wurde. + +Die Gänse hatten die Omberggegend verlassen und flogen jetzt in östlicher +Richtung am Götakanal hin. Dieser war auch dabei, sich für den Sommer +herzurichten. Arbeiter besserten die Kanalufer aus und strichen die großen +Schleusentüren mit Teer an. + +Ja, überall auf dem Lande wurde gearbeitet, um den Frühling gut zu +empfangen, und desgleichen auch in den Städten. Da standen Maler und Maurer +auf den Gerüsten vor den Häusern und machten sie fein, die Dienstmädchen +beugten sich zu den offnen Fenstern heraus und putzten die Scheiben. +Drunten am Hafen wurden Segelboote und Dampfschiffe hergerichtet. + +Bei Norrköping verließen die Wildgänse die Ebene und flogen gen Kolmården, +und eine Weile folgten sie einer alten, hügeligen Landstraße, die sich an +Felsenschluchten und wilden Bergwänden hinzog. Da stieß der Junge plötzlich +einen Schrei aus. Er hatte, während er da auf dem Gänserich durch die Luft +ritt, mit dem einen Fuß geschaukelt und dabei einen Holzschuh verloren. + +»Gänserich! Gänserich!« rief der Junge. »Ich habe meinen Holzschuh fallen +lassen!« + +Der Gänserich wendete sich um und ließ sich auf die Erde hinabfallen. Aber +da sah der Junge, daß zwei Kinder, die auf dem Wege daherkamen, seinen +Schuh aufgelesen hatten. + +»Gänserich! Gänserich!« schrie der Junge schnell. »Flieg wieder hinauf! Es +ist zu spät! Ich kann meinen Schuh nicht wieder erlangen!« + +Aber drunten auf dem Wege stand das Gänsemädchen Åsa mit ihrem Bruder +Klein-Mats, und sie betrachteten einen kleinen Holzschuh, der vom Himmel +heruntergefallen war. + +»O Klein-Mats, erinnerst du dich, als wir am Övedskloster vorbeikamen, +erzählte man uns in einem Bauernhofe, man habe dort ein Wichtelmännchen +gesehen, das Lederhosen und Holzschuhe angehabt habe wie ein einfacher +Arbeiter. Und weißt du, wie wir nach Vittskövle kamen, erzählte uns ein +Mädchen, sie habe ein Wichtelmännchen in Holzschuhen gesehen, das auf dem +Rücken einer Gans davongeflogen sei. Und weißt du, Klein-Mats, als wir +selbst in unsere Hütte zurückkehrten, da haben wir ein Männlein gesehen, +das gerade so angezogen war und auch auf eine Gans hinaufkletterte, mit der +es dann davonflog. Vielleicht ist eben jetzt dasselbe gute Wichtelmännchen +da oben auf seiner Gans über uns hingeflogen, und das hat den Schuh +verloren.« + +»Ja, so wirds wohl sein,« sagte Klein-Mats. + +Sie wendeten den Holzschuh um und betrachteten ihn genau, denn man findet +nicht alle Tage den Holzschuh eines Wichtelmännchens auf der Landstraße. + +»Warte, warte, Klein-Mats!« rief Åsa. »Hier auf der einen Seite steht +etwas.« + +»Ja, wirklich. Aber es sind sehr kleine Buchstaben.« + +»Laß mich einmal sehen! Ja, da steht -- -- da steht -- Nils Holgersson von +Westvemmenhög.« + +»Das ist das Merkwürdigste, was ich je gehört habe!« sagte Klein-Mats. + +[Illustration] + + + + +22 + +Die Geschichte von Karr und Graufell + +Der Kolmården + + +Nördlich von Bråviken, gerade an der Grenze zwischen Ostgötland und +Sörmland liegt ein Berg, der mehrere Meilen lang und über eine Meile breit +ist. Wenn er auch ebenso hoch wie lang und breit wäre, dann wäre er der +schönste Berg, den man sich nur denken könnte; aber er ist nun eben nicht +so hoch. + +Ab und zu trifft man wohl ein Gebäude, das von Anfang an so groß angelegt +wurde, daß der Eigentümer es nicht ausbauen konnte. Wenn man ganz nahe +herankommt, sieht man dicke Grundmauern, starke Gewölbe und tiefe Keller, +aber gar keine Außenwände und keine Dächer, das Ganze erhebt sich nur ein +paar Fuß hoch über der Erde; nun, beim Anblick des eben genannten +Grenzberges muß man unwillkürlich an so ein verlassenes Bauwerk denken, +denn er sieht fast aus, als sei er gar kein fertiger Berg, sondern nur die +Grundlage für einen Berg. Mit steil abfallenden Hängen ragt er aus der +Ebene empor, und nach allen Seiten sind große Felsmassen aufgetürmt, die +aussehen, als wären sie dazu bestimmt gewesen, mächtige, hohe Felsenhallen +zu tragen. Alles ist gewaltig und großartig und riesenmäßig angelegt, aber +es hat keine richtige Höhe, keinen richtigen Stil. Der Baumeister muß der +Sache überdrüssig geworden sein und sie aufgegeben haben, ehe er die +steilen Felsenwände und die spitzigen Gipfel und scharfen Kuppen +aufgeführt hatte, die sonst wie Mauern und Dächer auf den fertig gebauten +Bergen stehen. + +Aber gleichsam als Ersatz für die Gipfel und Felsenkuppen ist der große +Berg von jeher mit prächtigen Bäumen bestanden gewesen. Eichen und Linden +wuchsen am Saum des Waldes und in den Tälern, Birken und Erlen um den See +herum, Tannen droben auf den steilen Terrassen, Fichten aber überall, wo +sich nur eine Handvoll Erde fand, in der sie Wurzel schlagen konnten. Alle +diese Bäume miteinander bildeten den in alten Zeiten so gefürchteten großen +Wald von Kolmården, der so verrufen war, daß jeder Wanderer, der hindurch +mußte, seine Seele Gott befahl und seines letzten Stündchens gewärtig war. + +Jetzt ist es freilich schon so lange her, seit der Wald von Kolmården +heranwuchs, daß niemand mehr imstande wäre, uns zu sagen, wie er allmählich +so wurde, wie er heute ist. Im Anfang mußten sich die Bäume wohl ordentlich +wehren, bis sie in dem harten Felsengrund Wurzel geschlagen hatten, und sie +wurden darum so wetterfest, weil sie zwischen nackten Felsblöcken stehen +und ihre Nahrung aus den magern Schutthalden ziehen mußten. Es ging ihnen +wie so manchem Menschen, der sich in seiner Jugend schwer durchkämpfen muß, +aber gerade dadurch später groß und stark wird. Als der Wald herangewachsen +war, hatte er Bäume, die drei Mann kaum umspannen konnten; die Zweige waren +zu einem undurchdringlichen Netzwerk verflochten, und der Boden ringsherum +war von harten, glatten Wurzeln durchwoben. Der Wald war ein herrlicher +Aufenthaltsort für wilde Tiere und für Räuber, die es verstanden, +hindurchzukriechen und sich einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Aber für +andre Wesen hatte dieser Wald nichts Verlockendes; er war kalt und düster, +unwegsam und unzugänglich, voll stachligen Gestrüpps, und die alten Bäume +mit ihren bärtigen Zweigen und moosbewachsenen Stämmen sahen aus wie wilde +Spukgestalten. + +In der ersten Zeit, wo sich die Menschen in Sörmland und Ostgötland +niederließen, war ringsum beinahe nichts als Wald, der aber in den +fruchtbaren Tälern und auf den Ebenen bald ausgerottet wurde. Den Kolmårder +Wald dagegen, der auf magerem Felsengrund stand, nahm sich niemand die Mühe +zu fällen. Und je länger er unberührt stehen bleiben durfte, desto dichter +und mächtiger wuchs er heran, bis er schließlich eine Festung bildete, +deren Mauern von Tag zu Tag dicker wurden; wer da hindurchdringen wollte, +mußte die Axt zu Hilfe nehmen. + +Andre Wälder müssen oft Angst vor den Menschen haben, aber bei dem +Kolmårder Walde war es gerade umgekehrt, da waren es die Menschen, die sich +fürchten mußten, denn er war so dunkel und dicht, daß die Jäger und +Besenbinder sich immer wieder darin verirrten und oft halb verhungerten, +bis sie sich endlich aus der Wildnis herausgearbeitet hatten. Und für die +Leute, die von Ostgötland nach Sörmland oder umgekehrt reisen mußten, war +dies ein geradezu lebensgefährliches Unternehmen. Auf schmalen Tierpfaden +mußten sie sich mühselig durcharbeiten; denn die Grenzbevölkerung war +nicht einmal imstande, einen gebahnten Weg durch den Wald zu unterhalten. +Es führten weder Brücken über die Bäche, noch Fähren über die Seen, oder +Baumstämme über die Moore. Und im ganzen Walde war nirgends eine Hütte, wo +friedliche Menschen wohnten, während es Räuberhöhlen und Schlupfwinkel für +die wilden Tiere in Menge gab. Nicht viele Reisende kamen unbeschädigt +durch den Wald hindurch; aber um so mehr stürzten in Abgründe und versanken +in Sümpfen, wurden von Räubern ausgeplündert, oder von wilden Tieren zu +Tode gejagt. Selbst die Ansiedler, die am Rande des großen Waldes wohnten +und sich nie hineinwagten, litten Schaden durch ihn, denn Wölfe und Bären +drangen heraus und raubten ihnen das Vieh. Solange sich die wilden Tiere in +dem dichten Kolmården verstecken konnten, war es ganz und gar unmöglich, +sie auszurotten. + +Soviel war sicher, sowohl die Ostgötländer als die Sörmländer wären den +Wald mit Freuden losgewesen; aber das ging eben sehr langsam, solange es +noch anderweitig fruchtbaren Boden gab. Allmählich aber rückte man doch +vor; an den Abhängen rings um den dichten Urwald entstanden Dörfer und +Bauernhöfe, der Wald wurde einigermaßen befahrbar gemacht, und bei Krokek +mitten in der dichtesten Wildnis, bauten Mönche ein Kloster, wo die +Reisenden einen sicheren Zufluchtsort fanden. + +Immerhin verblieb der Wald auch fernerhin eine wilde, gefährliche Gegend, +bis eines schönen Tages ein Wanderer, der ganz ins Herz hineingedrungen +war, durch Zufall entdeckte, daß der Kolmårder Berg in seinem Innern +Erzlager barg. Sobald dies bekannt wurde, strömten die Grubenarbeiter und +Bergleute in den Wald, die Schätze zu heben. Und nun kam die Zeit, in der +die Macht des Waldes gebrochen wurde; die Menschen warfen Gruben auf und +bauten Schmelzöfen und Bergwerke in dem alten Walde. Doch dies allein hätte +ihm nicht ernstlich geschadet, wenn bei dem Bergwerkbetrieb nicht auch so +ungeheuer viel Brennmaterial verbraucht worden wäre. Kohlenbrenner und +Holzfäller hielten ihren Einzug in dem alten düstern Urwald, und sie +machten ihm nahezu den Garaus. Um die Bergwerke herum wurde er ganz +niedergehauen und der ausgerodete Boden in Ackerland verwandelt. Viele +Ansiedler zogen hinauf, und bald entstanden da, wo vor kurzem noch nichts +als Bärenhöhlen gewesen waren, mehrere neue Dörfer mit Kirchen und +Pfarrhöfen. + +Selbst an den Stellen, wo man den Wald nicht vollständig ausgerottet hatte, +wurden die alten Baumriesen gefällt und das Dickicht gelichtet. Nach allen +Richtungen wurden Wege angelegt und die wilden Tiere und Räuber verjagt. +Als die Menschen so allmählich Herr über den Wald geworden waren, handelten +sie sehr schlecht gegen ihn; ohne eine Spur von Rücksicht wurden die Bäume +gefällt und Kohlen daraus gebrannt. Sie hatten ihren alten Haß gegen den +Wald nicht vergessen, und nun sah es aus, als wollten sie ihn ganz und gar +von der Erde vertilgen. + +Zum Glück für den Wald fand sich schließlich gar nicht so sehr viel Erz in +den Kolmårder Gruben. Deshalb nahmen die Grubenarbeit und der +Bergwerkbetrieb bald wieder ab. Dann hörte auch das Kohlenbrennen auf, und +der Wald konnte ein wenig aufatmen. Viele von den Leuten, die sich in den +Kolmårder Ortschaften niedergelassen hatten, wurden arbeitslos und konnten +sich nur schwer durchbringen; der Wald aber wuchs wieder heran und breitete +sich von neuem aus, daß die Höfe und Bergwerke schließlich wie Inseln in +einem grünen Meere dalagen. Die Kolmårder Bewohner versuchten es nun mit +dem Ackerbau, aber ohne besonderen Erfolg; der alte Waldboden wollte lieber +Königseichen und Riesentannen hervorbringen, als Rüben und Getreide. + +Zu der Zeit betrachteten die Menschen den Wald mit düstern Blicken; der +Wald schien immer kräftiger und üppiger zu werden, während sie selbst ärmer +und immer ärmer wurden. Aber schließlich fiel ihnen ein, es könnte doch +möglicherweise an dem Walde selbst etwas Gutes sein. Vielleicht könnten sie +gerade durch ihn ihr Auskommen finden; eines Versuches müßte es doch +jedenfalls wert sein. + +[Illustration] + +So begannen die Leute denn Balken und Bauholz aus dem Walde zu holen und +sie dann an die Tieflandbewohner, die ihren Wald schon ganz gefällt hatten, +zu verkaufen. Und die Menschen erkannten bald, daß sie, wenn sie +einigermaßen vernünftig zu Werke gingen, ihr Auskommen ebensogut vom Walde +als von den Äckern und den Erzgruben haben könnten. Von da an sahen die +Menschen den Wald mit ganz andern Augen an. Sie lernten es, schonend mit +ihm umzugehen und ihn zu lieben. Jetzt vergaßen sie auch die alte +Feindschaft und betrachteten fortan den Wald als ihren besten Freund. + + +Karr + +Ungefähr zwölf Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, +geschah es, daß einer der Bergwerkbesitzer von Kolmården einen seiner +Jagdhunde los sein wollte. Er ließ seinen Waldhüter kommen und sagte ihm, +es sei ihm unmöglich, den Hund zu behalten, weil man diesem nicht +abgewöhnen könne, alle Schafe und Hühner zu jagen, die er erblicke; +deshalb solle der Waldhüter den Hund mit sich nehmen und draußen im Walde +erschießen. + +Der Waldhüter band dem Hund einen Strick um den Hals, um ihn an einen +bestimmten Platz im Walde zu führen, wo man die alten Hunde vom Herrenhofe +erschoß und vergrub. Der Waldhüter war ein guter Mensch, aber er war doch +froh, daß der Hund erschossen werden sollte, denn es war ihm wohlbekannt, +daß dieser Hund auch noch auf andres Wild Jagd machte, als auf Schafe und +Hühner. Sehr häufig trieb er sich im Wald herum und stibitzte bald ein +Häschen, bald einen jungen Auerhahn. + +Es war ein kleiner schwarzer Hund mit einer gelben Brust und gelben +Vorderpfoten. Er hieß Karr und war so klug, daß er alles verstehen konnte, +was die Menschen sagten. Als nun der Waldhüter mit ihm durch den Wald zog, +wußte Karr recht wohl, was seiner wartete. Aber das hätte ihm beileibe +niemand ansehen können. Er ließ nicht den Kopf hängen und kniff auch nicht +den Schwanz ein, sondern sah ganz ebenso unbekümmert aus wie sonst. + +Wir werden gleich sehen, warum der Hund sich so viele Mühe gab, niemand +merken zu lassen, daß er Angst hatte. Rings um das alte Bergwerk herum +erstreckte sich nämlich ein großer dichter Wald, der allen Bewohnern der +Umgegend und den Tieren recht wohl bekannt war, denn der Eigentümer des +Waldes hatte diesem seit einer Reihe von Jahren die größte Schonung +angedeihen lassen; kaum Brennholz hatte gefällt werden dürfen, ja, man +hatte nicht einmal gewagt, ihn zu lichten, sondern hatte ihn einfach +wachsen lassen, wie er wollte. Aber ein Wald, der auf solche Weise behütet +wird, mußte selbstverständlich ein beliebter Zufluchtsort für die Tiere +werden, und so hatten sich diese auch sehr zahlreich da niedergelassen. +Unter sich nannten die Tiere den Wald den »Friedenswald«, und sie +betrachteten ihn als den allerbesten Zufluchtsort im ganzen Lande. + +Während der Hund nun an dem Strick durch den Wald geführt wurde, fiel ihm +ein, wie sehr er von allen kleinen Tieren, die hier wohnten, gefürchtet +war. + +»Ei, Karr, denk dir, was das für eine Freude hier ringsum im Walde wäre, +wenn sie wüßten, was deiner wartet!« dachte er. Aber er wedelte mit dem +Schwanze und stieß ein fröhliches Bellen aus, damit doch ja niemand denke, +er fürchte sich und sei niedergeschlagen. + +»Welches Vergnügen hätte ich denn im Leben, wenn ich nicht ab und zu einmal +auf die Jagd gehen könnte!« sagte er. »Bereue, wer Lust hat, ich tus gewiß +nicht!« + +Aber in demselben Augenblick, wo der Hund dies sagte, ging eine sonderbare +Veränderung mit ihm vor. Er streckte den Kopf und Hals vor, als hätte er am +liebsten laut hinausgeheult; auch lief er jetzt nicht mehr neben dem +Forstwart her, sondern hielt sich hinter ihm. Offenbar war dem guten Karr +etwas Unangenehmes eingefallen. + +Der Sommer war jetzt angebrochen, die Elchkühe hatten vor kurzem ihre +Jungen zur Welt gebracht, und am vorhergehenden Abend war es Karr gelungen, +ein kaum fünf Tage altes Elchkälbchen von seiner Mutter weg und auf ein +Moor hinauszutreiben. Da hatte er das Kälbchen zwischen den Rasenhügeln +umhergejagt, nicht eigentlich, um es zu fangen, sondern um sich an dessen +Angst zu ergötzen. Die Elchmutter wußte, daß das Moor jetzt, so kurz nach +dem Auftauen des gefrorenen Bodens, grundlos war und noch kein großes Tier +tragen konnte. Sie blieb deshalb am Rande stehen, solange sie es aushalten +konnte; als aber Karr das Kälbchen immer weiter hinaustrieb, ging die +Elchkuh plötzlich auch aufs Moor hinaus, jagte den Hund weg, nahm das +Kälbchen an sich und ging mit ihm wieder dem Lande zu. Die Elentiere +schreiten viel geschickter als andre Tiere über schwankenden gefährlichen +Grund hin, und es sah aus, als würde es der Elchkuh gelingen, den festen +Boden wieder zu erreichen. Aber als sie schon ganz dicht am Lande angelangt +war, rutschte ein Rasenhügel, auf den sie den Fuß gesetzt hatte, plötzlich +in den Sumpf hinein, und sie selbst sank mit. Sie gab sich alle Mühe, +wieder herauszukommen, konnte aber nirgends festen Fuß fassen, und so sank +sie immer tiefer hinein. Karr stand unbeweglich da und wagte kaum zu atmen, +und als er merkte, daß die Elchkuh sich nicht allein heraushelfen konnte, +lief er so schnell, als seine Füße ihn trugen, davon. Er hatte plötzlich an +alle die Schläge denken müssen, die ihm zuteil werden würden, wenn es +herauskäme, daß er die Elchkuh aufs Moor hinausgelockt hatte, und so wagte +er vor lauter Angst nicht anzuhalten, bis er daheim angelangt war. + +Dieses Erlebnis war unserm Karr vorhin eingefallen, und es quälte ihn jetzt +mehr als alle andern lockeren Streiche, die er je ausgeführt hatte. +Vielleicht kam es daher, weil er der Elchkuh und dem Kälbchen gar kein Leid +hatte antun wollen, sondern ganz unabsichtlich schuld an ihrem Tode +geworden war. + +»Aber vielleicht sind die beiden noch am Leben,« dachte der Hund mit einem +Male. »Sie waren ja noch nicht tot, als ich von ihnen weglief. Vielleicht +sind sie doch noch herausgekommen.« + +Karr bekam eine unwiderstehliche Lust, etwas darüber zu erfahren, solange +er noch Zeit hatte. Er sah, daß der Waldhüter den Strick nicht besonders +festhielt. Da machte er einen raschen Sprung zur Seite -- er kam wirklich +los und rannte nun wie besessen in den Wald hinein und dem Moore zu; der +Waldhüter hatte nicht einmal Zeit, die Flinte an die Wange zu legen, so +schnell entschwand der Hund seinen Blicken. + +Dem Waldhüter blieb nichts andres übrig, als hinter Karr herzulaufen, und +als er an das Moor kam, stand der Hund ein paar Meter vom Rande entfernt +auf einem Rasenhügel und heulte aus Leibeskräften. Der Waldhüter dachte, er +müsse doch nachsehen, was das bedeute. Vorsichtig legte er die Flinte neben +sich nieder und kroch auf allen vieren aufs Moor hinaus. Er war noch nicht +weit gekommen, da sah er eine Elchkuh im Moor liegen und neben ihr ein +Kälbchen. Die Kuh war tot, aber das Kälbchen lebte noch; es war aber ganz +ermattet und konnte sich nicht rühren. Karr stand dicht daneben; bald +bückte er sich nieder und leckte das Kälbchen, bald stieß er laute +Klagetöne aus, um Hilfe herbeizurufen. + +Der Waldhüter hob das Kälbchen auf und schleppte es ans Ufer. Als nun der +Hund merkte, daß das Kälbchen gerettet würde, geriet er ganz außer sich vor +Freude. Er sprang um den Waldhüter herum, leckte ihm die Hände und stieß +ein fröhliches Bellen aus. + +Der Waldhüter trug das Kälbchen nach Hause und legte es im Stall in einen +Stand. Dann holte er Hilfe herbei, damit die tote Elchkuh aus dem Moor +herausgezogen würde; und erst nachdem dies alles geschehen war, fiel ihm +ein, daß er ja Karr hätte erschießen sollen. Er lockte den Hund, der die +ganze Zeit über nicht von seiner Seite gewichen und ihm überall +nachgelaufen war, und ging wieder mit ihm in den Wald hinein. + +Der Waldhüter ging geradewegs nach dem Hundegraben; aber plötzlich schien +er sich anders zu besinnen, denn er drehte wieder um und schlug den Weg +nach dem Herrenhof ein. + +Karr war ganz ruhig hinter ihm hergelaufen; aber als der Waldhüter umkehrte +und den Weg nach seiner alten Heimstätte einschlug, wurde er unruhig. Ach, +nun hatte der Waldhüter gewiß herausgefunden, daß Karr es gewesen war, der +an dem Tode der Elchkuh schuld war, und nun führte er ihn nach dem +Herrenhof, damit er dort noch vor seinem Tode seine Schläge bekäme! + +Aber Schläge bekommen, das war das schlimmste, was Karr widerfahren konnte, +und bei dieser Aussicht konnte er den Mut kaum noch aufrecht erhalten. Er +ließ den Kopf hängen, und als die beiden den Herrenhof erreichten, sah Karr +gar nicht auf, sondern tat, als erkenne er keinen Menschen. + +Der gnädige Herr stand auf der Treppe, als der Waldhüter ankam. + +»Was haben Sie denn da für einen Hund, Waldhüter?« fragte er. »Das ist doch +wohl nicht unser Karr, der müßte doch schon längst erschossen sein?« + +Der Waldhüter erzählte nun von den Elchen; Karr aber machte sich so klein +wie nur möglich und verkroch sich hinter den Beinen des Forstwarts, damit +man ihn nicht sehe. + +Aber der Forstwart erzählte die Geschichte nicht so, wie Karr gedacht +hatte. Er lobte Karr über die Maßen und sagte, der Hund habe offenbar +gewußt, daß die Elche in Not gewesen seien, und habe sie retten wollen. + +»Nun können der gnädige Herr mit dem Hund machen, was Sie wollen; ich kann +ihn nicht erschießen,« sagte der Forstwart zum Schluß. + +Der Hund richtete sich auf und horchte. Er wollte seinen Ohren nicht +trauen, und obgleich er nicht zeigen wollte, wie groß seine Angst gewesen +war, konnte er ein leises Bellen doch nicht unterdrücken. War es wirklich +möglich, daß er das Leben behalten durfte, nur weil er so besorgt um die +Elentiere gewesen war? + +Der gnädige Herr fand auch, daß Karr sich gut benommen hatte; da er ihn +aber unter keinen Umständen wieder auf dem Hofe haben wollte, wußte er +nicht gleich, was er sagen sollte. + +»Ja, wenn Sie ihn versorgen wollen, Waldhüter, und mir dafür einstehen, daß +er sich künftig besser aufführt, dann mag er am Leben bleiben,« sagte er +schließlich. + +Der Waldhüter war bereit, Karr zu sich zu nehmen; und so kam Karr zu dem +Waldhüter. + + +Graufells Flucht + +Von dem Tage an, wo Karr zu dem Waldhüter kam, gab er das unerlaubte Jagen +vollständig auf. Nicht allein, weil er einen so heilsamen Schrecken +davongetragen hatte, sondern vielmehr, weil er nicht wollte, daß der +Waldhüter böse auf ihn würde. Denn seit der Waldhüter ihm das Leben +gerettet hatte, liebte er ihn über alles in der Welt. Karr hatte keinen +andern Gedanken mehr, als seinem neuen Herrn überall nachzulaufen und auf +ihn aufzupassen. Wenn dieser ausging, rannte Karr voraus und untersuchte +den Weg, und wenn er daheim war, lag Karr vor der Tür und beobachtete alle +Aus- und Eingehenden mit scharfem Auge. + +Wenn im Waldhause alles ganz still war, wenn ringsum kein Schritt laut +wurde und Karrs Herr sich an den jungen Bäumchen, die er in seinem Garten +heranzog, zu schaffen machte, vertrieb sich Karr die Zeit damit, mit dem +Elchkälbchen zu spielen. + +Im Anfang hatte Karr gar keine Lust verspürt, sich mit dem Tiere abzugeben. +Da er aber seinem Herrn auf Weg und Steg nachlief, kam er auch mit ihm in +den Stall, und während dieser das Kälbchen mit Milch tränkte, saß Karr vor +dem Stand und schaute zu. Der Waldhüter nannte das Kälbchen Graufell; er +meinte, einen feineren Namen verdiene es nicht, und darin stimmte Karr mit +seinem Herrn überein. So oft er das Kälbchen ansah, meinte er, seiner +Lebtage noch nie etwas so Häßliches und Unförmliches gesehen zu haben. Das +Kälbchen hatte lange schlotterige Beine, die wie lose Stelzen unter seinem +Körper saßen. Der Kopf war sehr groß; er hatte ein geradezu greisenhaftes +Aussehen und hing immer auf die eine Seite herunter. Die Haut saß runzelig +auf dem Körper, als hätte das Tier einen Pelz an, der nicht für es gemacht +worden war. Auch sah es immer gedrückt und mißmutig aus; aber +merkwürdigerweise stand es stets schnell auf, sobald es Karr vor dem Stand +erblickte, wie wenn es sich über den Anblick des Hundes freute. + +Mit jedem Tag wurde das Elchkälbchen elender; es wuchs nicht, und +schließlich konnte es sich nicht einmal mehr aufrichten, wenn es Karr sah. +Einmal sprang der Hund zu ihm in den Stand hinein, und da leuchteten die +Augen des Kälbchens auf, als sei ihm ein besonderer Wunsch in Erfüllung +gegangen. Von dieser Zeit an besuchte Karr das Kälbchen jeden Tag; er blieb +stundenlang bei ihm, leckte ihm den Pelz, spielte und scherzte mit ihm und +teilte ihm dies und das mit, was ein Tier des Waldes wissen sollte. + +Und es war merkwürdig, von dem Tag an, wo Karr auf den Gedanken kam, zu +dem Kälbchen hineinzugehen, begann dieses zu wachsen und zu gedeihen. Als +es dann erst ein wenig zu Kräften gekommen war, nahm es in wenigen Wochen +ungeheuer zu, und schon nach kurzer Zeit hatte es keinen Platz mehr in dem +kleinen Stand, sondern mußte in einem Gehege untergebracht werden. Und nach +ein paar weiteren Monaten waren seine Beine so lang geworden, daß es mit +Leichtigkeit über die Hecke hätte springen können. + +Da bekam der Waldhüter von dem Gutsbesitzer die Erlaubnis, den Platz mit +einem starken hohen Zaun einzufriedigen. Hier verbrachte das Tier mehrere +Jahre und wuchs allmählich zu einem großen gewaltigen Elch heran. Karr +leistete ihm Gesellschaft, so oft er konnte; aber jetzt geschah dies nicht +mehr aus Mitleid, sondern weil sich eine warme Freundschaft zwischen den +beiden gebildet hatte. Der Elch war noch immer niedergeschlagen und schien +auch träge und energielos; aber Karr verstand es, seinen Freund munter und +fröhlich zu machen. + +Graufell hatte nun fünf Sommer bei dem Waldhüter verbracht; da wurde eines +Tages von einem Zoologischen Garten im Ausland an den gnädigen Herrn die +Anfrage gerichtet, ob er den Elch vielleicht verkaufen würde. Ja, das +wollte der gnädige Herr gern. Dem Waldhüter tat es sehr leid; aber es hätte +ja nichts genützt, wenn er sich gesträubt hätte, und so wurde denn der +Verkauf des Tieres endgültig beschlossen. Karr erfuhr bald, was bevorstand, +und lief mit der Nachricht eilends zu seinem Freunde hinaus. Der Hund war +unglückselig, daß er Graufell verlieren sollte; aber der Elch nahm die +Sache ganz ruhig auf und schien weder betrübt noch erfreut darüber zu sein. + +»Willst du dich denn so ohne allen Widerstand fortschicken lassen?« fragte +Karr. + +»Was könnte es nützen, wenn ich mich auch wehren würde?« erwiderte +Graufell. »Ich bliebe freilich am liebsten da, wo ich bin, aber wenn man +mich verkauft, muß ich eben fort von hier.« + +Karr stand vor Graufell und betrachtete ihn mit prüfenden Blicken. Man +konnte gut sehen, daß der Elch noch nicht ganz ausgewachsen war. Seine +Schaufeln waren noch nicht so breit und sein Höcker nicht so hoch und seine +Mähne nicht so wild, wie die der ausgewachsene Elche, aber um sich seine +Freiheit zu erkämpfen, dazu wäre er doch stark genug gewesen. + +»Man merkt wohl, daß er sein Leben lang in der Gefangenschaft gewesen ist,« +dachte Karr; aber er sagte nichts. + +Erst nach Mitternacht kehrte der Hund in das Gehege zurück; er wußte, da +hatte der Elch ausgeschlafen und war bei seiner ersten Mahlzeit. + +»Es ist gewiß recht vernünftig von dir, daß du dich so ruhig in dein +Schicksal findest, Graufell,« sagte Karr, der jetzt ganz beruhigt und +vergnügt zu sein schien. »Du wirst in einem großen Garten eingesperrt +werden und da ein sorgenfreies Leben haben. Aber weißt du, es wäre doch +recht schade, wenn du von hier fortkämest, ohne vorher den Wald gesehen zu +haben. Du weißt, deine Stammesgenossen haben den Wahlspruch: >Der Elch ist +eins mit dem Walde<, und du bist noch nicht einmal in einem Walde gewesen.« + + +Graufell hob den Kopf von dem Klee, an dem er eben kaute. »Ich möchte den +Wald wohl gern sehen, aber wie soll ich über den Zaun kommen?« sagte er mit +seiner gewöhnlichen Trägheit. + +»Nein, das ist wohl ganz unmöglich für einen, der so kurze Beine hat,« +sagte Karr. + +Der Elch schielte zu Karr hinüber, der trotz seiner Kleinheit jeden Tag +mehrere Male über den Zaun sprang. Er trat an den Zaun, machte einen +Sprung -- und war im Freien, beinahe ohne daß er wußte, wie es zugegangen +war. + +Nun wanderten die beiden in den Wald hinein. Es war eine wunderschöne +mondhelle Sommernacht; aber drinnen unter den Bäumen war es dunkel, und der +Elch ging mit vorsichtigen Schritten vorwärts. + +»Es wäre vielleicht am besten, wenn wir umkehrten,« sagte Karr. »Du bist ja +noch nie in solch einem wilden Walde gegangen und könntest dir leicht ein +Bein brechen.« + +Da begann Graufell plötzlich rascher und kecker vorwärts zu gehen. + +Karr führte den Elch in den Teil des Waldes, wo mächtige Tannen wuchsen, +die so dicht standen, daß nie ein Windhauch hindurchdrang. »Hier pflegen +deine Stammesgenossen vor Sturm und Kälte Schutz zu suchen,« sagte Karr. +»Und sie stehen hier den ganzen Winter hindurch unter freiem Himmel. Aber +du bekommst es ja dort, wo du hinkommst, viel besser. Da hast du ein Dach +über dem Kopf und stehst dann wie eine Kuh in einem Stalle.« + +Graufell gab keine Antwort; er blieb stehen und zog den würzigen Tannenduft +ein. »Hast du mir noch mehr zu zeigen, oder habe ich jetzt den ganzen Wald +gesehen?« fragte er. + +Da ging Karr mit ihm an ein großes Moor und zeigte ihm die Rasenhügel und +das Bebemoor. + +»Über dieses Moor hin fliehen die Elche, wenn ihnen Gefahr droht,« sagte +Karr. »Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber trotzdem sie so groß und +schwer sind, können sie darauf gehen, ohne einzusinken. Du wüßtest dir +gewiß auf so schwankem Grunde nicht zu helfen; aber du brauchst es ja auch +gar nicht, denn du wirst nie von Jägern verfolgt werden.« + +Graufell gab keine Antwort, aber mit einem großen Satz war er draußen auf +dem Moor. Es war ihm eine Freude, als er fühlte, wie die Rasenhügel unter +ihm schwankten. Er lief weit hinaus und kehrte zu Karr zurück, ohne ein +einziges Mal eingesunken zu sein. + +»Haben wir jetzt den ganzen Wald gesehen?« fragte er. + +»Nein, noch nicht,« sagte Karr. + +Jetzt ging er mit dem Elch an den Waldessaum, wo hohe Laubholzbäume +wuchsen: Eichen, Espen und Linden. + +»Hier pflegen deine Stammesgenossen Laub und Rinde zu fressen,« sagte Karr. +»Sie halten dies für die beste Nahrung; aber im Ausland bekommst du +jedenfalls viel besseres Futter.« + +Graufell betrachtete verwundert die prächtigen Bäume, die sich wie grüne +Kuppeln über ihm wölbten. Er kostete das Eichenlaub und die Espenrinde. + +»Das schmeckt bitter und gut,« sagte er. »Es ist besser als Klee.« + +»Dann kannst du dich ja freuen, daß du es einmal zu schmecken bekommen +hast,« sagte der Hund. + +Hierauf führte er den Elch an einen kleinen Waldsee. Das Wasser lag ganz +still und glänzend da, und die von leichten Nebelschleiern halb verhüllten +Ufer spiegelten sich darin. Als Graufell den See erblickte, blieb er +unbeweglich stehen. + +»Was ist das, Karr?« fragte er; denn er sah zum erstenmal einen See. + +»Das ist ein großes Wasser, ein See,« sagte Karr. »Dein Geschlecht pflegt +von einem Ufer zum andern hinüberzuschwimmen. Von dir kann man das freilich +nicht verlangen; aber du solltest doch jedenfalls hineinsteigen und ein Bad +nehmen.« Mit diesen Worten ging Karr selbst an den See hinunter und schwamm +hinaus. + +Graufell blieb ziemlich lange am Ufer stehen; schließlich aber stieg er +doch in die Flut. Er hielt den Atem an vor Wohlbehagen, als das Wasser sich +weich und kühl an seinen Körper anschmiegte. Er wollte es auch auf dem +Rücken fühlen und ging deshalb weiter hinein. Da merkte er, daß das Wasser +ihn trug, und nun fing er an zu schwimmen. Bald schwamm er lustig um Karr +herum und war im Wasser wie zu Hause. Als die beiden wieder am Ufer +angelangt waren, fragte der Hund, ob sie nun nach Hause gehen sollten. + +»Ach, es ist noch lange bis zum Morgen, laß uns noch eine Weile im Walde +umherstreifen!« sagte Graufell. + +Sie gingen wieder in den Nadelwald hinein und erreichten bald einen freien +Platz, der vom hellen Mondschein übergossen dalag. Auf den Gräsern und +Blumen funkelten Tautropfen. Mitten auf der Waldwiese weideten ein paar +große Tiere, ein Elchstier, mehrere Elchkühe und verschiedene Rinder und +Kälber. Als Graufell diese Tiere erblickte, hielt er jäh an. Die Elchkühe +und das Jungvieh beachtete er kaum; seine Augen waren unverwandt auf den +alten Elchstier gerichtet, der ein breites Schaufelgeweih mit vielen +Spitzen, einen mächtigen Höcker auf dem Rist und am Halse einen großen +Mähnensack herunterhängen hatte. + +»Was ist denn das für einer?« fragte Graufell, und seine Stimme bebte vor +Erregung. + +»Er heißt Hornkrone,« sagte Karr, »und ist dein Stammesgenosse. Solche +breite Schaufeln und eine ebensolche Mähne bekommst du wohl eines Tages +auch, und wenn du im Wald verbliebest, würdest du wohl auch der Anführer +einer Herde.« + +»Wenn der dort drüben mein Stammesgenosse ist, dann will ich näher treten +und ihn betrachten,« sagte Graufell. »Ich hätte nie gedacht, daß ein +Elchstier so stattlich sein könnte.« + +Graufell ging zu den Elchen hin, kehrte aber fast augenblicklich wieder zu +Karr zurück, der am Waldessaum stehen geblieben war. + +»Bist du nicht freundlich aufgenommen worden?« fragte Karr. + +»Ich sagte zu ihm, ich treffe hier zum erstenmal mit Stammesgenossen +zusammen, und bat ihn, mich hier unter ihnen weiden zu lassen; aber er wies +mich fort und drohte mir mit seinem Geweih.« + +»Du hast wohl getan, daß du ihm ausgewichen bist,« sagte Karr. »Ein junger +Stier, der noch kein Schaufelgeweih hat, muß sich vor einem Kampf mit alten +Elchen hüten. Ein andrer hätte freilich einen schlechten Ruf im Walde +bekommen, wenn er ohne Widerstand zurückgewichen wäre; aber das braucht +dich nicht anzufechten, denn du begibst dich ja ins Ausland.« + +Kaum hatte Karr diese Worte gesprochen, als Graufell sich auch schon wieder +der Wiese zuwendete. Der alte Elch kam gerade auf ihn zu, und bald waren +die beiden mitten im heftigsten Kampfe. Sie drangen mit den Geweihen +aufeinander ein und stießen zu, und Graufell wurde über die ganze Wiese +zurückgetrieben; er schien gar nicht zu verstehen, wie er seine Kraft +gebrauchen sollte. Als er aber bis zum Waldessaum zurückgedrängt worden +war, stemmte er die Füße fester auf den Boden, stieß heftig mit dem Geweih +und begann nun seinerseits Hornkrone zurückzutreiben. Graufell kämpfte +lautlos, aber Hornkrone keuchte und schnaubte. Nun wurde der alte Elch +allmählich über die ganze Wiese zurückgedrängt. Plötzlich ertönte ein +lautes Krachen. Von Hornkrones Geweih war die Spitze abgebrochen. Da riß er +sich heftig von Graufell los und rannte in den Wald hinein. + +Karr stand noch immer am Waldrand, als Graufell zu ihm zurückkehrte. »Jetzt +hast du alles gesehen, was im Wald ist,« sagte er zu Graufell. »Sollen wir +jetzt nach Hause gehen?« + +»Ja, es wird wohl allmählich Zeit dazu,« sagte Graufell. + +Auf dem Heimweg waren beide schweigsam. Karr seufzte mehrere Male, wie wenn +er sich in etwas verrechnet hätte, Graufell aber schritt mit hoch erhobenem +Kopf dahin und schien sich über sein Abenteuer zu freuen. Ohne das +geringste Zögern ging er weiter, aber als er mit Karr vor seinem Gehege +angekommen war, blieb er stehen. Er betrachtete den engen Raum, in dem er +bisher sein Leben verbracht hatte, sah das festgetretene Erdreich, das +verwelkte Futter, den kleinen Trog, aus dem er seinen Durst gelöscht, und +den dunkeln Verschlag, wo er geschlafen hatte. + +»Der Elch ist eins mit dem Walde!« rief er und warf den Kopf so weit +zurück, daß sein Nacken auf dem Rücken lag; und dann stürmte er in wilder +Flucht in den Wald hinein. + +[Illustration: Karr und Graufell (Zu Seite 186)] + + +Hilflos + +Tief drinnen in einem Fichtengehölz des alten Friedenswaldes zeigten sich +jedes Jahr im August grauweiße Nachtschmetterlinge von der Art, die man +Nonnen heißt. Sie waren klein, und es waren ihrer so wenige, daß sie fast +von niemand bemerkt wurden. Nachdem diese Nonnen ein paar Nächte hindurch +in dem Walde umhergeflattert waren, legten sie ein paar Tausend Eier auf +die Baumstämme, und kurz darauf sanken sie leblos zu Boden. + +Wenn dann der Frühling kam, krochen aus den Eiern kleine Raupen, die sich +sogleich von Tannennadeln nährten. Sie hatten einen guten Appetit, konnten +aber den Bäumen doch keinen ernstlichen Schaden zufügen, weil ihnen von den +Vögeln hart zugesetzt wurde. Mehr als einige hundert Raupen entgingen den +Verfolgern nur selten. + +Die wenigen Raupen, die zu wirklichem Wachstum gelangten, krochen auf die +Zweige hinauf, spannen sich in weiße Fäden ein und blieben ein paar Wochen +lang unbeweglich auf einem Fleck sitzen. Während dieser Zeit wurde +gewöhnlich mehr als die Hälfte von ihnen weggeschnappt. Wenn im August +hundert Nonnen wohlbeschwingt und ausgewachsen im Walde umherflogen, so +konnten sie sich zu einem guten Jahre gratulieren. + +Viele Jahre lang führten die Nonnen ein solches unsicheres und unbemerktes +Dasein im Friedenswalde. In der ganzen Gegend war kein einziges Insekt in +so geringer Zahl vertreten. Und so harmlos und ungefährlich wären sie auch +ferner geblieben, wenn ihnen nicht ganz unvermutet ein Helfer erstanden +wäre. + +Aber daß die Nonnen einen Helfer bekamen, das hing mit der Flucht des Elchs +aus dem Waldhüterhause zusammen. Graufell wanderte nämlich den ganzen +ersten Tag nach seiner Flucht im Walde umher, um darin heimisch zu werden. +Gegen Abend drang er durch dichtes Buschwerk und fand dahinter einen +offenen Platz, wo der Boden aus Moor und weichem Schlick bestand. In der +Mitte war ein Tümpel schwarzen Wassers, und ringsherum standen hohe +Fichten, die vor Alter und Saftlosigkeit fast gar keine Nadeln mehr hatten. +Graufell gefiel der Platz gar nicht, und er hätte ihn sogleich wieder +verlassen, wenn er nicht dicht bei dem Tümpel einige hellgrüne Kallablätter +entdeckt hätte. + +Als er den Kopf zu den Kallablättern herunterneigte, sah er eine große +schwarze Schlange, die darunter lag und schlief. Der Elch hatte Karr von +den giftigen Ottern erzählen hören, die es im Walde gäbe, und als das +Gewürm den Kopf hob, seine gespaltene Zunge herausstreckte und ihn +anzischte, da glaubte Graufell, er habe ein furchtbar gefährliches Tier vor +sich. Er erschrak sehr, hob den Fuß auf, schlug mit dem Huf nach der +Schlange und zertrat sie. Hierauf eilte er in wilder Flucht davon. + +Sobald Graufell verschwunden war, tauchte eine andre, ebenso lange und +ebenso schwarze Schlange aus dem Tümpel auf. Sie kroch zu der Getöteten +hin und fuhr ihr mit der Zunge über den zerschmetterten Kopf. + +»Ist es möglich, daß du tot bist, meine gute alte Harmlos?« zischte die +Schlange. »Und wir beide haben so viele Jahre lang glücklich zusammen +gelebt! Wir haben es gut beieinander gehabt, und es war so schön hier in +dem Tümpel, daß wir älter wurden, als alle andern Nattern im Walde. Dies +ist das bitterste Leid, das mich hätte treffen können.« + +Die Natter war tiefbetrübt, ihr langer Körper ringelte sich, als ob er auch +verwundet wäre. Selbst die Frösche, die in beständiger Angst vor ihr +lebten, hatten Mitleid mit ihr. + +»Welch ein böses Geschöpf muß doch das sein, das eine arme Natter +totschlägt, die sich nicht wehren kann?« zischte die Schlange. »Diese Untat +verdiente wahrhaftig eine ausgesucht harte Strafe.« Die Natter wand und +krümmte sich eine Weile in ihrem Schmerz, aber plötzlich hob sie den Kopf. +»So wahr ich Hilflos heiße und die älteste Natter im Walde bin, ich werde +für diese Missetat hier Rache nehmen! Ich will nicht ruhen, bis der +grausame Elch ebenso tot auf der Erde liegt, wie hier meine getreue +Lebensgefährtin!« + +Nachdem die Schlange dieses Gelübde abgelegt hatte, ringelte sie sich zu +einem Knäuel zusammen und überlegte. Aber etwas Schwierigeres läßt sich +wohl kaum ausdenken, als wie eine arme Natter sich an einem großen starken +Elch rächen könnte, und der alte Hilflos überlegte zwei volle Tage und zwei +Nächte hindurch, ohne einen Ausweg zu finden. + +In einer Nacht jedoch, wo die Schlange noch schlaflos über ihren +Rachegedanken brütete, hörte sie ein leichtes Rascheln über ihrem Kopfe, +und als sie aufschaute, gewahrte sie einige schimmernde +Nonnenschmetterlinge, die zwischen den Bäumen gaukelten. Sie sah ihnen +lange zu, dann zischte sie laut vor sich hin, aber schließlich schlief sie, +offenbar ganz zufrieden mit dem, was sie sich ausgedacht hatte, ein. + +Am nächsten Vormittag begab sich die Natter zu Kryle, der Kreuzotter, die +in einem steinigen, hochgelegenen Teil des Friedenswaldes wohnte. Dort +angekommen, berichtete sie von dem Tod der alten Natter und stellte dann +der Kreuzotter das Ansinnen, die Rache für sie auszuführen, weil sie so +gefährliche Bisse versetzen könne. Aber Kryle war nicht sehr geneigt, sich +mit den Elchen in Streit einzulassen. + +»Wenn ich einen Elch anfallen würde,« sagte sie, »würde er mich auf der +Stelle töten. Die alte Harmlos ist tot, und wir können sie mit aller Mühe +nicht wieder ins Leben zurückrufen. Warum sollte ich mich da ihretwegen ins +Unglück stürzen?« + +Als die Natter diese Antwort vernahm, hob sie den Kopf einen vollen Fuß +hoch vom Boden auf und zischte ganz entsetzlich. »Wisch, wasch! Wisch, +wasch!« sagte sie. »Wie schade, daß jemand, der solche Waffen erhalten hat, +zu feige ist, sie zu gebrauchen.« + +Als die Kreuzotter dieses hörte, wurde sie auch zornig. »Krieche deines +Weges weiter, alter Hilflos!« zischte sie. »Das Gift läuft mir schon in die +Zähne; aber ich möchte dich lieber verschonen, da du ja doch als ein +Stammesgenosse von mir betrachtet wirst.« + +Aber die Natter rührte sich nicht; und eine gute Weile lagen die Schlangen, +einander anzischend und sich gegenseitig Grobheiten ins Gesicht +schleudernd, auf demselben Fleck. Als aber Kryle so zornig war, daß sie +nicht mehr zischen, sondern nur noch züngeln konnte, schlug die Natter +plötzlich einen andern Ton an. + +»Ich hatte eigentlich noch einen zweiten Auftrag für dich,« sagte sie und +ließ ihre Stimme zu einem sanften Flüstern sinken. »Aber jetzt hab ich dich +wohl so erzürnt, daß du keine Lust mehr hast, mir zu helfen.« + +»Wenn du nur nichts Unsinniges von mir verlangst, dann stehe ich dir gern +zu Diensten.« + +»In den Fichten bei meinem Wassertümpel,« sagte die Natter, »wohnt ein +Schmetterlingsvolk, das in den Nächten des Spätsommers umherfliegt.« + +»Ich weiß schon, welche du meinst,« sagte Kryle. »Was ist mit ihnen?« + +»Sie sind das kleinste Insektenvolk,« sagte Hilflos, »und dazu auch das +unschädlichste von allen, weil ihre Raupen sich von nichts als Tannennadeln +ernähren.« + +»Das weiß ich wohl,« sagte Kryle. + +»Ich habe Angst, daß dieses Schmetterlingsvolk bald vollständig ausgerottet +wird,« fuhr die Natter fort. »Im Frühjahr werden die Raupen von gar so +vielen weggeschnappt.« + +Nun verstand die Kreuzotter die Absicht der Natter. Diese wollte die Raupen +offenbar für sich allein behalten, und so antwortete sie freundlich: »Soll +ich den Eulen sagen, sie sollen diese Tannenraupen in Frieden lassen?« + +»Ja, es wäre mir lieb, wenn du dieses auswirken könntest; du hast ja hier +im Walde etwas zu sagen,« antwortete Hilflos. + +»Vielleicht kann ich auch bei den Drosseln ein gutes Wort für die +Nadelfresser einlegen,« sagte die Kreuzotter. »Ich tue dir gern einen +Gefallen, wenn du nichts Unsinniges verlangst.« + +»Jetzt hast du mir ein gutes Versprechen gegeben, Kryle,« sagte Hilflos, +»und ich bin sehr froh, daß ich zu dir gekommen bin.« + + +Die Nonnen + +Mehrere Jahre später schlief Karr eines Morgens auf dem Hausflur. Es war im +Frühsommer, zur Zeit der kurzen Nächte, und tageshell, obgleich die Sonne +noch nicht aufgegangen war. Da erwachte Karr davon, daß ihn jemand beim +Namen rief. »Bist du es, Graufell?« fragte er; denn der Elch kam beinahe +jede Nacht, ihn zu begrüßen. Karr erhielt keine Antwort, aber wieder hörte +er, daß ihn jemand rief. Diesmal glaubte er Graufells Stimme deutlich zu +erkennen, und er lief dem Tone nach. + +Karr hörte, daß der Elch vor ihm herlief, konnte ihn aber nicht erreichen. +Ohne auf Weg oder Steg zu achten, stürmte der Elch mitten durchs Dickicht +hindurch in den dichtesten Nadelwald hinein, und Karr konnte die Spur nur +mit großer Mühe verfolgen. + +»Karr, Karr!« ertönte es wieder. Und die Stimme war sicher Graufells, aber +mit einem Beiklang, den der Hund noch nie vernommen hatte. + +»Ich komme, ich komme! Wo bist du?« antwortete Karr. + +»Karr, Karr! Siehst du nicht, wie es fällt, fällt?« fragte Graufell. + +Da sah Karr, daß von den Fichten unaufhörlich Nadeln herunterrieselten wie +ein dichter Regen. »Ja, ich sehe, wie es fällt!« rief er, lief aber +zugleich tiefer in den Wald hinein, den Elch zu finden. + +Graufell eilte gestreckten Laufes durchs Gebüsch, und abermals hätte Karr +fast die Spur verloren. + +»Karr, Karr!« brüllte Graufell jetzt geradezu. »Merkst du nicht, wie es +hier im Walde riecht?« + +Karr blieb stehen und witterte. Es war ihm vorher nicht aufgefallen; aber +jetzt merkte er, daß die Fichten einen viel stärkeren Duft ausströmten als +gewöhnlich. + +»Ja, ich rieche es auch,« sagte er, nahm sich aber gar nicht Zeit, +herauszubringen, woher der Geruch komme, sondern eilte nur weiter hinter +Graufell drein. + +Abermals rannte der Elch in größter Eile davon; der Hund konnte ihn nicht +einholen. »Karr, Karr!« rief er nach einer Weile wieder. »Hörst du nicht, +wie es in den Bäumen knackt?« Und jetzt war Graufells Stimme so betrübt, +daß es einen Stein hätte erbarmen können. + +Karr hielt an und lauschte. Da hörte er ein schwaches, aber deutliches +Knacken in den Bäumen; es klang wie das Ticken einer Uhr. + +»Ja, ich höre, wie es knackt!« rief Karr; und diesmal lief er nicht weiter. +Er fühlte, der Elch wollte nicht, daß er ihm folge, er wollte ihn auf etwas +aufmerksam machen, das hier im Walde vorging. + +Karr stand unter einer Fichte mit üppigen, schwer herabhängenden Zweigen +und dicken dunkelgrünen Nadeln. Er betrachtete den Baum genau, und da war +es ihm, als ob die Nadeln sich bewegten. Als er dann noch näher hinzutrat, +entdeckte er eine Menge weißlichgrauer Raupen, die auf den Zweigen +herumkrabbelten und die Nadeln fraßen. Jeder Zweig war bedeckt mit solchen +Raupen, die nagten und fraßen; und es knackte in den Bäumen von allen den +kleinen unermüdlichen Kiefern. Unaufhörlich fielen abgebissene Nadeln +herunter, und der armen Fichte entströmte ein überwältigender Duft, den der +Hund fast nicht aushalten konnte. + +»Diese Fichte wird nicht viele von ihren Nadeln behalten dürfen,« dachte +Karr und richtete seine Blicke auf den nächsten Baum. Auch dieser war eine +große stattliche Fichte, aber sie sah genau so aus wie die andre. »Was das +nur ist?« dachte Karr weiter. »Es ist schade um die stolzen Bäume, mit +ihrer Schönheit wird es bald aus sein.« Er ging von Baum zu Baum und suchte +herauszubringen, was eigentlich mit ihnen geschehen war. »Hier ist eine +Edeltanne,« dachte er. »An diese haben sich die Raupen vielleicht nicht +gewagt.« Aber auch diese Tanne war angegriffen. »Und hier eine Birke. +Jawohl, auch hier, auch hier! Da wird der Waldhüter keine Freude daran +haben,« dachte Karr. + +Er lief weiter in den Wald hinein, um zu sehen, wie weit die Verheerung +sich ausgedehnt hätte. Wohin er kam, ertönte dasselbe Ticken, verbreitete +sich derselbe Geruch, fiel derselbe Nadelregen; Karr brauchte gar nicht +mehr anzuhalten, um zu untersuchen, an diesen Zeichen erkannte er schon, +wie die Sache stand. Die kleinen Raupen fanden sich überall. Der ganze Wald +war in Gefahr, von ihnen kahl gefressen zu werden. + +Plötzlich kam Karr in einen Waldstrich, wo ihm kein Geruch entgegenschlug +und wo alles still und ruhig war. »Hier ist ihre Herrschaft zu Ende,« +dachte der Hund, er hielt an und schaute sich um. Aber hier war es sogar +noch schlimmer, hier hatten die Raupen ihre Arbeit schon beendigt, und die +Bäume standen ohne Nadeln kahl da. Wie tot sahen sie aus, und das einzige, +was sie bedeckte, war eine Menge verwirrter Fäden, die die Raupen gesponnen +und als Brücken und Stege benützt hatten. + +Hier drinnen unter den sterbenden Bäumen stand Graufell und wartete auf +Karr. Aber er war nicht allein, neben ihm standen vier alte Elche, die +angesehensten vom ganzen Walde. Karr kannte sie wohl. Da war Krummrück, ein +kleiner Elch, aber mit einem größeren Höcker als alle andern, dann +Hornkrone, der stattlichste des ganzen Elchvolkes, sowie Wirrmähne mit +seinem dichten Pelz, und dann noch ein alter hochbeiniger, der Riesenkraft +hieß und entsetzlich hitzig und streitsüchtig gewesen war, bis er bei der +letzten Herbstjagd eine Kugel in den Schenkel bekommen hatte. + +»Was in aller Welt geht denn hier im Walde vor?« fragte Karr, als er die +Elche erreicht hatte, die mit gesenkten Köpfen und weit vorgeschobener +Oberlippe dastanden und äußerst nachdenklich aussahen. + +»Das weiß niemand,« antwortete Graufell. »Dieses Insektenvolk ist immer das +schwächste im ganzen Walde gewesen und hat noch nie einen Schaden +angerichtet; aber in den letzten Jahren hat es sich ungeheuer rasch +vermehrt, und jetzt sieht es aus, als wäre es imstande, den ganzen Wald zu +zerstören.« + +»Ja, es sieht schlimm aus,« sagte Karr. »Aber wie ich sehe, sind die +Weisesten des Waldes zusammengekommen, zu beraten, und sie haben vielleicht +schon eine Hilfe ersonnen.« + +Als der Hund dies sagte, hob Krummrück höchst feierlich seinen schweren +Kopf, bewegte die langen Ohren und sagte: »Wir haben dich hierhergerufen, +Karr, um von dir zu hören, ob die Menschen etwas von dieser Verheerung +wissen?« + +»Nein,« erwiderte Karr, »sie wissen nichts von dem Unglück; so tief in den +Wald hinein kommt ja außer zur Jagdzeit nie ein Mensch.« + +»Wir, die Alten hier im Walde,« nahm Hornkrone das Wort, »glauben nicht, +daß wir Tiere allein über das Insektenvolk Herr werden können.« + +»Dies halten wir jedoch fast für ein ebenso großes Unglück wie das andre,« +sagte Wirrmähne. »Nun wird es bald aus sein mit dem Frieden im Walde.« + +»Aber wir können doch nicht den ganzen Wald zugrunde gehen lassen,« sagte +Riesenkraft. »Es bleibt uns durchaus keine Wahl.« + +Karr fühlte, wie schwer es den Elchen wurde, mit ihrem Anliegen +herauszurücken, und er versuchte ihnen zu helfen. »Meinet ihr vielleicht, +ich solle es den Menschen zu wissen tun, wie es hier steht?« fragte er. + +Da nickten alle die alten Elche mit den Köpfen. »Es ist ein schweres +Unglück, daß wir von den Menschen Hilfe verlangen müssen, aber es gibt +keinen andern Ausweg,« sagten sie. + +Bald darauf war Karr auf dem Heimweg. Während er so tief bekümmert über +alles, was er erfahren hatte, dahineilte, kam ihm eine große schwarze +Natter entgegen. »Schön guten Tag hier im Walde!« zischte die Natter. + +»Schön guten Tag!« bellte der Hund und eilte vorbei, ohne anzuhalten. Aber +die Natter drehte um und versuchte, Karr einzuholen. »Vielleicht ist sie +auch in Sorge um den Wald,« dachte Karr und blieb stehen. + +Die Natter begann sogleich von der großen Verheerung zu reden. »Wenn aber +die Menschen herbeigerufen werden, dann wird es mit der Ruhe und dem +Frieden hier im Walde bald aus sein,« sagte sie. + +»Das fürchte ich auch,« erwiderte Karr, »aber die Alten im Walde wissen +wohl, was sie tun.« + +»Ich könnte einen bessern Rat geben,« sagte die Natter. »Wenn ich nur den +Lohn bekäme, den ich mir wünsche.« + +»Bist du nicht das Tier, das man Hilflos heißt,« sagte der Hund +verächtlich. + +»Ich bin im Walde alt geworden,« erwiderte die Natter, »und ich weiß, wie +solches Ungeziefer vertilgt werden muß.« + +»Wenn du das könntest,« sagte Karr, »dann wird dir sicher niemand dein +Verlangen weigern.« + +Nachdem Karr dies gesagt hatte, schlüpfte die Schlange unter eine +Baumwurzel, und erst, als sie wohlbeschützt in einem engen Loch lag, setzte +sie die Unterredung fort. »Nun, dann grüße Graufell von mir,« rief sie, +»und sag ihm, wenn er aus dem Friedenswalde fortziehen und nicht Rast +machen wolle, bis er hoch in den Norden gezogen sei, wo keine Eiche mehr im +Walde wächst, und auch versprechen wolle, nie wieder zurückzukehren, +solange die Natter Hilflos lebt, dann werde der alte Hilflos über das +Ungeziefer, das jetzt auf den Nadelholzbäumen herumkriecht und sich an +ihren Nadeln mästet, Krankheit und Tod schicken.« + +»Was sagst du da?« fragte Karr, während sich ihm vor Entsetzen die Haare +auf dem Rücken sträubten. »Was hat dir denn Graufell zuleide getan?« + +»Er hat die umgebracht, die ich am liebsten hatte,« antwortete die +Schlange. »Und ich will mich an ihm rächen.« + +Noch ehe die Natter ausgesprochen hatte, fuhr Karr auf sie los; aber sie +lag wohlgeborgen unter der Baumwurzel. + +»Bleib du nur da liegen, solang es dir gefällt!« rief Karr schließlich. +»Wir werden auch ohne deine Hilfe Herr über die Tannenraupen werden.« + +Am nächsten Tage ging der Gutsbesitzer mit dem Waldhüter durch den Wald. +Karr lief im Anfang neben ihnen her, aber nach einer Weile verschwand er, +und bald nachher ertönte ein heftiges Bellen aus der Tiefe des Waldes +heraus. »Da ist Karr wieder auf der Jagd,« sagte der Gutsbesitzer. + +Aber der Waldhüter wollte es nicht glauben. »Karr hat seit vielen Jahren +nicht mehr unerlaubt gejagt,« erwiderte er. Dann lief er rasch in den Wald +hinein, um zu sehen, was für ein Hund gebellt hätte, und der Gutsbesitzer +ging hinter ihm her. + +Sie folgten dem Bellen bis in den dichtesten Wald hinein; aber da +verstummte es plötzlich. Die beiden Männer blieben stehen, um zu lauschen; +und da, in der tiefen Stille, hörten sie, wie die Kiefer der Insekten +arbeiteten; sie sahen die Tannennadeln herunterrieseln und rochen den +starken Duft. Dann sahen sie auch, daß alle Bäume mit den Raupen des +Nonnenschmetterlings bedeckt waren, jenen kleinen Baumfeinden, die +meilenweite Wälder zerstören können. + + +Der große Krieg gegen die Nonnen + +Im nächsten Frühling ging Karr eines Morgens im Walde spazieren. »Karr, +Karr!« ertönte eine Stimme hinter ihm. Der Hund wendete sich um; er hatte +richtig gehört. Ein alter Fuchs stand vor seinem Bau, der hatte ihn +angerufen. + +»Sag mir, ob die Menschen etwas mit dem Walde vorhaben?« fragte der Fuchs. + +»Ja, du kannst dich darauf verlassen,« antwortete Karr. »Sie arbeiten, was +das Zeug hält.« + +»Sie haben mir mein ganzes Geschlecht umgebracht, und jetzt werden sie mich +auch totschlagen,« sagte der Fuchs. »Aber es sei ihnen verziehen, wenn sie +nur den Wald retten.« + +In diesem Jahre streifte Karr nie im Walde umher, ohne daß er gefragt +wurde, ob die Menschen den Wald retten könnten. Es war nicht leicht für +Karr, darauf zu antworten, denn die Menschen wußten selbst nicht, ob es +ihnen gelingen würde, über die Nonnen Herr zu werden. + +Wenn man bedenkt, wie gefürchtet und berüchtigt der alte Kolmården gewesen +war, so war es ein merkwürdiger Anblick, daß jetzt jeden Tag über hundert +Männer in den Wald gingen und aus Leibeskräften arbeiteten, ihn vor dem +Verderben zu retten. Die am meisten verheerten Strecken wurden geschlagen, +das Unterholz gelichtet und die niedrigsten Zweige der großen Bäume +abgehauen, damit die Raupen nicht so leicht von Baum zu Baum kriechen +könnten. Um den verheerten Wald herum hieben die Männer breite Wege aus +und umhegten ihn mit Leimstangen; dadurch hofften sie die Raupen +einzusperren und auf ihr jetziges Bereich zu beschränken. Nachdem dies +getan war, legten sie Leimringe um die Baumstämme. Auf diese Weise wollte +man die Raupen am Herunterkriechen von den schon abgefressenen Bäumen +verhindern und sie zwingen, da zu bleiben, wo sie waren, weil sie dann +verhungern müßten. + +Bis spät ins Frühjahr hinein setzten die Menschen diese Arbeit fort. Sie +waren voll guter Hoffnung und warteten fast mit Ungeduld auf das +Ausschlüpfen der Raupen, denn sie waren fest überzeugt, sie so fest +eingesperrt zu haben, daß die meisten Hungers sterben müßten. + +Mit dem Beginn des Sommers schlüpften dann die Raupen aus, und sie waren +jetzt noch viel, viel zahlreicher als im letzten Jahre. Aber die Menschen +meinten, das tue nichts, wenn sie nur eingesperrt seien und nicht genug +Futter fänden. + +Aber in dieser Beziehung ging es nicht ganz so, wie man gehofft hatte. Es +blieben freilich unzählige Raupen an den Leimstangen hängen, auch mußten +große Mengen vor den Leimringen Halt machen und konnten nicht von den +Bäumen heruntergelangen; aber trotzdem hätte man nicht behaupten können, +daß die Raupen eingesperrt gewesen wären. Sie waren außerhalb und innerhalb +der Einfriedigung; sie waren überall: auf den Landstraßen krochen sie hin, +auf den Feldmäuerchen, an den Häusermauern hinauf. Sie wanderten aus dem +Friedenswald hinaus und in andre Teile des Kolmården hinein. + +»Sie hören nicht auf, bis der ganze Wald zerstört ist,« sagten die +Menschen, die sich vor Angst fast nicht zu helfen wußten, und denen die +Tränen in die Augen traten, so oft sie in den Wald kamen. + +Karr war das ganze Ungeziefer, das da draußen herumkroch und nagte, so zum +Ekel, daß er sich kaum noch entschließen konnte, vors Haus hinauszugehen. +Aber eines Tages dachte er, er müsse sich doch wieder einmal nach Graufell +umsehen. So schlug er denn den Weg nach dessen Aufenthaltsgebiet ein, und +mit der Nase an der Erde lief der Hund rasch vorwärts. Als er an die +Baumwurzel kam, wo er im vergangenen Jahre mit dem alten Hilflos +zusammengetroffen war, lag dieser wieder in dem Loch und rief ihn an. + +»Hast du über das, was ich dir bei unserer letzten Begegnung sagte, mit +Graufell gesprochen?« fragte die Natter. Aber Karr bellte nur und +versuchte, an sie heranzukommen. »Tu es auf alle Fälle,« sagte die +Schlange. »Du siehst ja, daß die Menschen nichts gegen die Verheerung +ausrichten können.« + +»Ja, und du auch nicht,« antwortete Karr im Weitereilen. + +Karr fand Graufell; aber der Elch war in sehr gedrückter Stimmung. Er +begrüßte Karr nur ganz flüchtig und begann sogleich von dem Walde zu reden. + +»Ich wüßte nicht, was ich dafür geben würde, wenn dieses Elend ein Ende +nähme!« sagte er. + +»Dann müßte ich dir ja wohl mitteilen, daß es den Anschein hat, als +könntest du den Wald retten,« sagte Karr. Und nun richtete er dem Elch den +Auftrag der Natter aus. + +»Wenn dies ein andrer als der alte Hilflos versprochen hätte, würde ich +sofort in die Verbannung gehen,« sagte Graufell. »Aber woher sollte eine +arme Natter solche Macht nehmen?« + +»Es ist natürlich nur eine Großtuerei,« sagte Karr. »Die Schlangen tun +immer, als wüßten sie mehr als andre Tiere.« + +Als Karr nach Hause gehen mußte, begleitete ihn Graufell eine Strecke. Da +hörte Karr eine Drossel, die hoch oben in einem Tannenwipfel saß, rufen: +»Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist! Da ist +Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!« + +Karr wollte seinen Ohren nicht trauen; aber im nächsten Augenblick lief ein +Hase über den Weg, und als dieser die beiden Daherkommenden sah, blieb er +stehen, wedelte mit den Ohren und rief: »Da kommt Graufell, der an der +Verheerung des Waldes schuld ist!« Dann sprang er davon, so schnell er +konnte. + +»Was wollen sie denn damit sagen?« fragte Karr. + +»Ich weiß es nicht recht,« antwortete Graufell. »Aber ich glaube, die +kleinen Tiere im Wald sind unzufrieden mit mir, weil ich geraten hatte, daß +wir Hilfe bei den Menschen suchen sollten; denn als das Unterholz +geschlagen wurde, sind ihnen alle ihre Schlupfwinkel und Behausungen +zerstört worden.« + +Die beiden Freunde gingen eine Strecke weiter, und Karr hörte, wie es von +allen Seiten ertönte: »Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes +schuld ist!« Graufell tat, als höre er es nicht, aber Karr glaubte jetzt zu +verstehen, warum der Elch so niedergedrückt war. + +»Du, Graufell,« fragte Karr hastig, »was meint denn die Natter damit, wenn +sie sagt, du habest ihr ihre liebste Gefährtin umgebracht?« + +»Wie soll ich das wissen?« sagte Graufell. »Du weißt doch, daß ich keinem +Tiere etwas zuleide tue.« + +Kurz darauf begegneten sie den vier alten Elchen, Krummrück, Hornkrone, +Wirrmähne und Riesenkraft. Still und nachdenklich wanderten sie daher, +einer hinten dem andern. + +»Schön guten Tag!« rief ihnen Graufell entgegen. + +»Schön guten Tag!« antworteten die Elche. »Wir wollten dich eben aufsuchen, +Graufell, um mit dir wegen des Waldes zu beraten.« + +»Die Sache ist die,« begann Krummrück. »Es ist uns zu Ohren gekommen, daß +hier im Walde eine Missetat verübt worden ist, und weil diese nicht +geahndet wurde, ist der ganze Wald dem Untergang geweiht.« + +»Was ist das für eine Missetat?« fragte Graufell. + +»Ein Waldbewohner soll ein unschädliches Tier, das er doch nicht verzehren +konnte, umgebracht haben. Dies wird im Friedenswalde für eine Missetat +gerechnet.« + +»Und wer hat denn eine solche Freveltat begangen?« fragte Graufell. + +»Ein Elch soll es gewesen sein. Und wir wollen dich jetzt fragen, ob du +eine Ahnung hast, wer es sein könnte.« + +»Nein,« antwortete Graufell. »Ich habe nie etwas von einem Elch gehört, der +ein unschädliches Tier getötet hätte.« + +Graufell verließ die andern und ging mit Karr weiter. Er war noch +schweigsamer als zuvor und schritt mit tiefgesenktem Kopf dahin. Jetzt +kamen sie an der Kreuzotter Kryle vorbei, die auf einem Stein lag. »Da ist +Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist,« zischte Kryle, +gerade wie alle andern. Aber jetzt war Graufells Geduld zu Ende. Er stellte +sich vor die Kreuzotter hin und hob ein Vorderbein auf. + +»Hast du im Sinn, mich auch umzubringen, wie du die Natter, das Weibchen +des alten Hilflos, umgebracht hast?« rief Kryle. + +»Habe ich eine Natter umgebracht?« fragte Graufell. + +»Ja, am ersten Tag, wo du in den Wald herauskamst, hast du das Weibchen von +der Natter Hilflos totgetreten.« + +Graufell wendete sich rasch ab und gesellte sich wieder zu Karr. Plötzlich +hielt er an. »Karr,« sagte er, »ich habe die Freveltat begangen. Ich habe +ein unschädliches Tier umgebracht. Ich bin schuld an der Zerstörung des +Waldes.« + +»Was sagst du da?« unterbrach ihn Karr. + +»Sage der Natter Hilflos, Graufell werde heute nacht noch in die Verbannung +gehen.« + +»Niemals werde ich so etwas sagen!« rief Karr. »Der hohe Norden ist eine +sehr gefährliche Gegend für die Elche.« + +»Meinst du, ich wollte noch hier bleiben, nachdem ich so großes Unheil +angestiftet habe?« erwiderte Graufell. + +»Übereile dich nicht. Warte bis morgen, ehe du irgend etwas unternimmst!« + +»Du selbst hast mich gelehrt, daß die Elche eins mit dem Walde seien,« +sagte Graufell; und mit diesen Worten trennte er sich von Karr. + +Karr ging nach Hause; aber durch die Unterredung unruhig geworden, ging er +schon am nächsten Tag wieder in den Wald, den Elch aufzusuchen. Aber +Graufell war nirgends zu finden, und der Hund suchte auch nicht lange. Er +erriet sogleich, daß Graufell die Natter beim Wort genommen hatte und in +die Verbannung gegangen war. + +Während Karr in solche Gedanken versunken dahinwanderte, erblickte er +plötzlich den Waldhüter, der unter einem Baum stand und hinaufdeutete. +»Wonach schaust du?« fragte ein Mann, der neben dem Waldhüter stand. + +»Unter den Raupen ist eine Seuche ausgebrochen.« + +Karr verwunderte sich über die Maßen; fast aber noch mehr entrüstete er +sich darüber, daß die Natter die Macht gehabt hatte, ihr Wort zu halten. +Nun mußte Graufell wahrscheinlich ewig lange fortbleiben, denn diese Natter +starb wohl nie. + +Während Karr noch tiefbetrübt war, kam ihm ein Gedanke, der ihn ein wenig +tröstete. »Die Natter braucht vielleicht gar nicht so schrecklich alt zu +werden, sie wird ja wohl nicht immer wohlbeschützt unter einer Baumwurzel +liegen,« dachte er. »Wenn sie nur erst die Raupen fortgeschafft hat, dann +weiß ich einen, der ihr die Gurgel abbeißt.« + +Ja, über die Raupen war wirklich eine Krankheit gekommen, aber im ersten +Sommer verbreitete sie sich nicht in großer Ausdehnung. Kaum war sie +ausgebrochen, da war es für die Raupen Zeit, sich einzupuppen, und aus den +Puppen schlüpften dann Millionen von Schmetterlingen. Diese flatterten in +jeder Nacht, Schneeflocken gleich, zwischen den Bäumen umher und legten +unzählige Eier. Für das nächste Jahr konnte man sich auf noch größere +Verheerungen gefaßt machen. + +Die Verheerung kam, aber nicht allein für den Wald, sondern auch über die +Raupen selbst. Die Seuche verbreitete sich rasch von einer Waldstrecke zur +andern. Die erkrankten Raupen fraßen nicht mehr; sie krochen in den Gipfel +des Baums hinauf und starben da. Unter den Menschen herrschte große Freude, +als sie die Raupen sterben sahen; aber noch größere Freude griff unter den +Tieren Platz. Der Hund Karr wanderte Tag um Tag in grimmiger Freude umher +und dachte nur an den Augenblick, wo er es wagen dürfte, dem alten Hilflos +die Gurgel abzubeißen. + +Die Raupen hatten sich jedoch schon in meilenweitem Umkreis über den +Nadelwald ausgebreitet, und auch in diesem Sommer erreichte die Krankheit +nicht alle; viele blieben am Leben, die sich einpuppten und Schmetterlinge +wurden. + +Durch Zugvögel erhielt Karr oft Grüße von Graufell, der ihm sagen ließ, er +sei noch am Leben, und es gehe ihm gut. Aber die Vögel vertrauten Karr an, +Graufell sei wiederholt von Wilderern hart verfolgt worden und ihnen nur +mit knapper Not entkommen. + +Karr verzehrte sich in Sorge und Kummer und Heimweh nach Graufell. Aber +noch zwei Sommer hindurch mußte er ausharren. Da erst war es zu Ende mit +den Raupen. + +Kaum hörte Karr den Waldhüter sagen, jetzt sei der Wald außer Gefahr, als +er sich auch schon auf die Jagd nach dem alten Hilflos begab. Aber als er +in das Dickicht kam, machte er eine entsetzliche Entdeckung: er konnte +nicht mehr jagen, konnte nicht mehr rennen, konnte seinen Feind nicht +aufspüren, konnte gar nichts mehr sehen. Während der langen Wartezeit war +leise das Alter über Karr hereingebrochen; ohne daß er es gemerkt hatte, +war er alt geworden. Nicht einmal eine Natter konnte er mehr totbeißen; er +war nicht fähig, seinen Freund Graufell von seinem Feinde zu befreien. + + +Die Rache + +Eines Nachmittags ließ sich Akka von Kebnekajse mit ihrer Schar am Ufer +eines Waldsees nieder. Sie befanden sich zwar noch im Kolmården, hatten +aber Ostgötland schon verlassen und waren jetzt im Jönåker Bezirk in +Sörmland. + +Wie es in den Gebirgsgegenden der Fall zu sein pflegt, brach der Frühling +hier sehr spät an, und der ganze See war bis auf einen schmalen offnen Rand +am Ufer noch ganz mit Eis bedeckt. Die Gänse stürzten sich sofort ins +Wasser, um zu baden und Nahrung zu suchen; aber Nils Holgersson hatte am +Vormittag seinen Holzschuh verloren und ging deshalb zwischen die am Ufer +wachsenden Erlen und Birken hinein, um etwas zu suchen, das er sich an den +Fuß binden könnte. + +Der Junge mußte ziemlich weit gehen, bis er etwas Passendes fand, und er +sah sich unruhig um, denn es kam ihm nicht ganz geheuer im Walde vor. +»Nein, da ziehe ich Wasser und ebenes Land vor,« dachte er, »denn da sieht +man doch, wohin man kommt. Wenn dies wenigstens ein Buchenwald wäre, dann +ginge es noch an; dort ist fast kein Unterholz, aber Birken- und +Fichtenwälder sind gar so wild und unwegsam. Ich verstehe nicht, wie die +Leute sich das gefallen lassen. Wenn dieser Wald hier mir gehörte, würde +ich die ganze Herrlichkeit abhauen lassen.« + +Schließlich entdeckte er ein Stück Birkenrinde und probierte es eben an +seinen Fuß, als er hinter sich etwas rascheln hörte. Er wendete sich um und +sah eine Schlange, die, durch das Unterholz kriechend, gerade auf ihn +zukam. Sie war ungewöhnlich lang und dick; aber der Junge sah sogleich, daß +sie auf beiden Seiten ihres Kopfes einen weißen Fleck hatte, und blieb +deshalb ruhig stehen. »Es ist ja nur eine Natter,« dachte er, »die kann mir +wohl nichts tun.« + +Im nächsten Augenblick aber bekam er einen so heftigen Stoß von der +Schlange, daß er umfiel. Er war zwar in einem Nu wieder auf den Beinen und +rannte davon, aber die Schlange verfolgte ihn. Der Boden war steinig und +mit Gestrüpp bewachsen, deshalb kam der Junge nicht sehr schnell vorwärts, +und die Schlange war ihm dicht an den Fersen. + +Plötzlich erblickte er einen großen, steil aufragenden Felsblock, und rasch +kletterte er hinauf. »Hierher kann mir die Natter nicht folgen,« dachte er. +Aber als er glücklich droben war und sich umschaute, sah er, daß die +Schlange hinter ihm hinaufzuklettern versuchte. + +Oben auf dem Felsblock, dicht neben dem Jungen, lag ein andrer Stein, rund +und so groß wie ein Menschenkopf. Er lag ganz lose auf einem schmalen +Rande; es war fast unbegreiflich, wie er überhaupt daliegen konnte. Als nun +die Schlange näher kam, sprang der Junge hinter den runden Stein und +versetzte diesem einen Stoß. Der Stein rollte auf die Schlange, riß sie mit +auf den Boden hinunter und blieb da gerade auf dem Schlangenkopf liegen. + +»Der Stein hat seine Sache gut gemacht,« dachte der Junge und stieß einen +Seufzer der Erleichterung aus. Er sah, wie die Schlange noch ein paar +heftige Zuckungen machte und dann ganz ruhig liegen blieb. »Ich glaube, ich +bin auf der ganzen Reise fast noch nie in größerer Gefahr gewesen!« rief er +noch nachträglich schaudernd aus. + +[Illustration] + +Aber kaum hatte er sich etwas von seinem Schrecken erholt, da hörte er ein +Sausen in der Luft, und im nächsten Augenblick ließ sich ein Vogel dicht +neben der Schlange nieder. Der Vogel war ungefähr von der Größe und Gestalt +einer Krähe, hatte aber ein schönes Gewand aus schwarzen metallisch +glänzenden Federn. Vorsichtig zog sich der Junge in einen Spalt des +Felsblockes zurück. Die Erinnerung an sein Abenteuer mit den Krähen war +noch frisch in seinem Gedächtnis, und er wollte sich deshalb nicht zeigen, +wenn es nicht durchaus nötig war. + +Der schwarze Vogel ging mit langen Schritten neben dem Schlangenkörper hin +und her und drehte ihn mit dem Schnabel um. Schließlich schlug er mit den +Flügeln und schrie mit heiserer, gellender Stimme: »Diese tote Natter hier +ist gewiß der alte Hilflos!« + +Noch einmal schritt er die Schlange entlang, dann blieb er in tiefem +Nachdenken stehen und kratzte sich mit dem Fuß im Nacken. »Es kann +unmöglich zwei so große Schlangen hier im Walde gegeben haben,« sagte er. +»Er ist es ganz gewiß.« + +Der Vogel war schon im Begriff, seinen Schnabel in die Schlange zu +schlagen, da besann er sich plötzlich eines andern. »Sei kein Dumrian, +Bataki,« sagte er. »Du wirst doch die Schlange nicht fressen, ehe du Karr +herbeigerufen hast. Er würde nie und nimmer glauben, daß der alte Hilflos +tot sei, wenn er ihn nicht selbst hier liegen sähe.« + +Der Junge gab sich alle Mühe, ganz still zu sein; aber als er den Vogel so +lächerlich-feierlich auf und ab schreiten sah und mit sich selbst sprechen +hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken. + +Der Vogel hörte es, und mit einem einzigen Flügelschlag war er droben auf +dem Stein. Rasch richtete sich der Junge auf und ging auf den Vogel zu. +»Bist du nicht der Rabe, der Bataki genannt wird und ein guter Freund von +Akka von Kebnekajse ist?« fragte er. + +Der Vogel betrachtete den Jungen genau und nickte dann dreimal mit dem +Kopfe. »Du bist doch wohl nicht der Junge, der mit den Wildgänsen +umherzieht und den sie Däumling nennen?« fragte er. + +»Doch, der bin ich,« antwortete der Junge. + +»Ei, das ist herrlich, daß ich dich treffe!« rief der Rabe. »Du kannst mir +vielleicht sagen, wer diese Natter erschlagen hat?« + +»Der Stein hier war es. Ich habe ihn auf die Natter hinuntergerollt, und er +hat sie erschlagen,« sagte der Junge und erzählte hierauf dem Raben, wie +alles zugegangen war. + +»Das ist ein ordentliches Stück Arbeit für einen so kleinen Kerl wie du,« +sagte der Rabe. »Ich habe hier in der Nähe einen Freund, der wird sehr +beglückt sein, wenn er hört, daß die Schlange tot ist, und ich wünschte, +ich könnte dir einen Gegendienst leisten.« + +»Dann sage mir, warum du dich über den Tod der Schlange so sehr freust,« +erwiderte der Junge. + +»Ach, das ist eine lange Geschichte!« seufzte der Rabe. »Wenn du sie +anhören müßtest, würde dir bald die Geduld ausgehen.« + +Aber der Junge behauptete, er würde die Geduld sicher nicht verlieren, und +so erzählte ihm denn der Rabe die ganze Geschichte von Karr und Graufell +und der Natter Hilflos. Als er damit fertig war, schwieg der Junge noch +eine Weile und starrte nur immer geradeaus. + +»Ich danke dir recht schön,« sagte er schließlich. »Nun ich dies alles +gehört habe, ist es mir, als kennte ich mich hier im Walde viel besser aus. +Ich möchte wohl wissen, ob von dem großen Friedenswalde noch etwas übrig +geblieben ist?« + +»Das meiste davon ist verheert,« entgegnete Bataki. »Die Bäume sehen aus, +als sei ein Waldbrand über sie hingegangen; sie müssen gefällt werden, und +es wird viele Jahre dauern, bis der Wald wieder das ist, was er früher +war.« + +»Diese Schlange hier hat wirklich den Tod verdient,« sagte der Junge. »Aber +ich möchte doch wissen, ob sie tatsächlich sicher war, daß sie die Seuche +unter die Raupen schicken konnte?« + +»Vielleicht wußte sie, daß die Nonnen auf diese Weise umkommen würden,« +sagte Bataki. + +»Das ist wohl möglich; jedenfalls war der alte Hilflos ein äußerst kluges +Tier, soviel ist sicher.« + +Der Junge schwieg, und der Rabe hatte auch gar nicht auf ihn gehört; er +lauschte mit abgewendetem Kopf in den Wald hinein. »Hörst du!« sagte er. +»Karr ist in der Nähe. Wie glücklich wird er sein, wenn er erfährt, daß der +alte Hilflos tot ist.« + +Der Junge drehte den Kopf nach der Seite, woher der Ton kam. »Er spricht +mit den Wildgänsen,« sagte er. + +»Ja, er hat sich wohl an den Strand hinunter geschleppt, um das Neueste von +Graufell zu erfahren.« + +Nun hüpften der Rabe und der Junge eiligst von dem Felsblock herunter und +liefen miteinander nach dem Strande. Alle Gänse waren aus dem Wasser +herausgegangen; sie umringten einen alten Hund, ein gichtbrüchiges, +schwaches Tier, das aussah, als könnte es jeden Augenblick tot umfallen. + +»Siehst du, das ist Karr,« sagte Bataki zu dem Jungen. »Laß ihn nun zuerst +hören, was ihm die Wildgänse zu berichten haben, nachher sagen wir ihm +dann, daß die Schlange tot ist.« + +Und sie hörten zu, was Akka dem guten Karr mitteilte. + +»Es war im vorigen Jahre auf unserer Frühlingsreise,« begann sie. »Eines +Morgens waren wir, Yksi und Kaksi und ich, von Siljan in Dalarna +weggeflogen, und unser Weg führte uns über die großen Grenzwälder zwischen +Dalarna und Hälsingeland. Unter uns sahen wir nichts als den schwarzgrünen +Nadelwald. Zwischen den Bäumen lag noch hoher Schnee, die Flüsse waren noch +zugefroren, aber da und dort schimmerte eine offene Wake, und an den Ufern +war der Schnee teilweise schon ganz verschwunden. Wir sahen fast nirgends +Dörfer oder große Höfe, nur graue Sennhütten, die jetzt im Winter öde und +verlassen waren. Ab und zu erblickten wir auch einen schmalen gewundenen +Waldweg; da hatten die Leute während des Winters gefällte Bäume +heimgefahren, und drunten an den Flüssen lagen große Stapel Bauholz +aufgeschichtet. + +Während wir nun so dahinflogen, sahen wir drei Jäger, die drunten durch den +Wald gingen. Sie liefen auf Schneeschuhen, hatten Hunde am Riemen und das +Messer im Gürtel, aber keine Flinten bei sich. Der Schnee hatte eine harte +Eiskruste, und die Jäger hielten sich nicht an die gewundenen Waldpfade, +sondern liefen ganz geradeaus. Es sah aus, als wüßten sie recht wohl, wohin +sie sich zu wenden hätten, um das zu finden, was sie suchten. + +Wir Wildgänse flogen hoch in der Luft dahin, und der ganze Wald lag +deutlich erkennbar unter uns. Als wir die Jäger erblickten, hätten wir gar +zu gerne gewußt, was für ein Wild sie erjagen wollten. Wir flogen deshalb +hin und her und spähten zwischen die Bäume hinein. Da sahen wir in einem +dichten Gehölz etwas, das wie große moosbewachsene Steine aussah. Aber es +konnten doch keine Steine sein, denn es lag gar kein Schnee darauf. + +Nun flogen wir eilig hinab und ließen uns mitten in dem Gehölz nieder. Da +bewegten sich die drei Felsblöcke. Es waren drei Elche, die da in dem +Waldesdunkel lagen: ein Elchstier und zwei Kühe. Als wir uns niederließen, +stand der Elchstier auf und kam auf uns zu. Es war der größte und schönste +Elch, den wir je gesehen hatten. Aber als er merkte, daß ihn nur so ein +paar arme Wildgänse geweckt hatten, legte er sich wieder nieder. + +>Nein, Väterchen, leg dich nicht wieder schlafen,< sagte ich da zu ihm. +>Flieht, so rasch ihr könnt; es sind Jäger im Walde, und sie steuern +geradenwegs auf euren Aufenthaltsort zu.< + +>Hab schönen Dank für die Warnung, Gänsemutter,< sagte der Elch, schon +wieder halb im Schlafe. >Aber Ihr wißt doch wohl, daß uns Elchen seit +vielen Jahren hier im Walde eine Freistatt gewährt ist. Diese Jäger sind +wahrscheinlich nur auf die Fuchsjagd ausgezogen.< + +>Es waren eine Menge Fußspuren im Schnee, aber die Jäger beachteten sie gar +nicht. Glaubt mir, ihr Elche! Sie wissen, daß ihr hier liegt. Sie kommen +hierher, euch zu erlegen. Ohne Flinte, nur mit Spieß und Messer bewaffnet, +sind sie ausgezogen, weil sie um diese Zeit hier im Walde nicht zu schießen +wagen.< + +Der Elchstier blieb ebenso ruhig liegen wie vorher, aber die Elchkühe +wurden ängstlich. >Es ist vielleicht doch so, wie die Wildgänse sagen!< +riefen sie und richteten sich auf. + +>Bleibt nur ruhig liegen!< befahl der Stier. >Es kommen keine Jäger +hierher; ihr dürft euch darauf verlassen.< + +Es war nichts zu machen, und so flogen wir Wildgänse wieder in die Luft +hinauf,« fuhr Akka fort. »Aber wir schwebten noch über demselben Platze hin +und her, denn wir wollten sehen, wie es den Elchen ergehen würde. Und kaum +hatten wir uns zu unserer gewöhnlichen Flughöhe erhoben, als wir den +Elchstier aus dem Dickicht heraustreten sahen. Er witterte ringsum und ging +dann geradenwegs auf die Jäger zu. Beim Dahinschreiten trat er auf große +Zweige, die mit lautem Krachen zerbrachen. Nun kam er an ein weites, kahles +Moor. Er ging darauf hinaus und stellte sich mitten auf das offene Moor, wo +ihm nichts Schutz bot. + +Und dort blieb der Elch stehen, bis die Jäger am Waldrand auftauchten. In +demselben Augenblick aber warf er sich herum und entfloh in einer andern +Richtung, als in der, woher er gekommen war. Die Jäger ließen die Hunde +los, und sie selber liefen auf ihren Schneeschuhen so rasch wie möglich +hinter ihm her. + +Mit weit zurückgeworfenem Kopf rannte der Elch in größter Eile davon. Unter +seinen Hufen flog der Schnee empor und stob um ihn her wie eine dichte +Wolke. Hunde und Jäger blieben weit zurück. Jetzt blieb der Elch stehen, +wie um sie zu erwarten, und erst, als sie wieder in seinem Gesichtskreis +auftauchten, stürmte er weiter. Wir errieten, daß es seine Absicht war, die +Jäger von dem Lagerplatz der Kühe wegzulocken, und wir lobten ihn um seiner +Tapferkeit willen; er selbst begab sich in Gefahr, damit den Seinigen kein +Leid widerfahren sollte. Keine von uns wollte den Ort verlassen, bis wir +wüßten, wie die Sache ablaufen würde. + +Ein paar Stunden lang ging die Jagd in derselben Weise fort, und wir +verwunderten uns, daß die Jäger sich die Mühe machten, den Elch immer +weiter zu verfolgen, da sie doch keine Gewehre bei sich hatten. Sie konnten +sich doch wohl nicht einbilden, sie wären imstande, im Laufen länger +auszuhalten, als so ein Renner wie dieser Elch. + +Aber allmählich entfloh der Elch nicht mehr mit derselben Geschwindigkeit. +Er setzte die Füße vorsichtiger auf den Schnee. Und wenn er sie wieder +herauszog, glaubten wir Blutspuren zu erkennen. + +Da begriffen wir, warum die Jäger so beharrlich waren. Sie rechneten auf +die Hilfe des Schnees. Der Elch war schwer, bei jedem Schritt sank er bis +auf den Grund der Schneeschicht ein, und dabei scheuerte ihm die harte +Eiskruste des Schnees die Beine wund. Sie schabte ihm die Haare weg und riß +ihm die Haut auf, und das tat dem Elch bei jedem Schritt bitter weh. + +Die Jäger und Hunde dagegen, die von viel leichterem Gewicht waren, konnten +auf der Eisdecke gehen und verfolgten den Elch immer weiter. Er floh und +floh, aber seine Schritte wurden immer unsicherer und schwankender, und er +keuchte gewaltig. Er litt nicht allein starke Schmerzen, das Waten durch +den tiefen Schnee ermüdete ihn auch zusehends. + +Schließlich verlor er die Geduld. Er hielt an und ließ die Hunde und Jäger +herankommen, um den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Während er so dastand und +auf seine Verfolger wartete, warf er einen Blick nach oben, und als er uns +Wildgänse, die über ihm schwebten, sah, rief er: >Bleibet hier, Wildgänse, +bis alles zu Ende ist! Und wenn ihr wieder über den Kolmården hinzieht, +dann suchet den Hund Karr auf und saget ihm, daß sein Freund Graufell einen +schönen Tod gehabt habe.<« + +[Illustration] + +Als Akka so weit in ihrer Erzählung gekommen war, richtete sich der alte +Hund auf und ging zwei Schritte näher zu ihr hin. »Graufell hat ein gutes +Leben geführt,« sagte er. »Er kennt mich. Er weiß, daß ich ein tapferer +Hund bin und mich nur freue, wenn ich zu hören bekomme, daß er einen +schönen Tod gehabt hat. Erzähl mir nun ...« + +Bei diesen Worten wedelte Karr mit dem Schwanze und hob den Kopf, wie um +eine kecke, stolze Haltung anzunehmen, sank aber dann gleich wieder +zusammen. + +»Karr, Karr!« ertönte eine menschliche Stimme aus dem Walde heraus. + +Rasch stand der alte Hund auf. »Mein Herr ruft mich,« sagte er, »und ich +zögere nicht, ihm zu folgen. Ich sah ihn vorhin seine Flinte laden, und wir +beide werden nun zum letzten Male miteinander in den Wald gehen. Ich danke +dir, liebe Wildgans. Nun weiß ich alles, was ich zu wissen brauchte, um +zufrieden in den Tod zu gehen.« + +[Illustration] + + + + +23 + +Der schöne Garten + + + Sonntag, 24. April + +Am nächsten Tage flogen die Wildgänse über Sörmland weiter gen Norden. Der +Junge schaute auf die Landschaft hinab und dachte, sie gleiche keiner von +allen den Gegenden, die er bis jetzt gesehen hatte. Es gab da keine großen +Ebenen wie in Schonen und Ostgötland, auch keine großen zusammenhängenden +Waldbezirke wie in Småland, sondern eine Vermischung von allem möglichen. + +»Hier haben sie einen großen See und einen breiten Fluß und einen mächtigen +Wald mitsamt einem großen Gebirge zusammengenommen und in Stücke zerhackt, +diese dann untereinander gemischt und ganz aufs Geratewohl auf der Erde +ausgebreitet,« dachte der Junge, denn er sah nichts als kleine Täler und +kleine Seen, kleine Hügel und kleine Waldstrecken. Nichts durfte sich so +recht ausbreiten. Sobald eine Ebene sich richtig dehnen wollte, stellte +sich ihr ein Hügel in den Weg, und wenn der Hügel sich recken wollte, um +ein ordentlicher Berg zu werden, fing gleich die Ebene wieder an. Sobald +ein See so groß geworden war, daß er sich sehen lassen konnte, verengte er +sich wieder zu einem Fluß, und auch dieser durfte nicht sehr weit fließen, +bis er wieder zu einem See ausgedehnt wurde. + +Da die Wildgänse ziemlich nahe an der Küste hinflogen, konnte der Junge das +Meer überschauen, und da sah er, daß auch das Meer seinen mächtigen +Wasserspiegel nicht ununterbrochen ausbreiten durfte; überall schauten +kleine Inseln hervor, und selbst diese Inseln hatten keine große +Ausdehnung, gleich schmiegte sich das Wasser wieder um sie her. Überall +war ein beständiger Wechsel; Nadelwälder wurden von Laubholzwäldern +abgelöst, die Äcker von Mooren, die großen Güter von Bauernhöfen. + +Auf den Äckern sah man nirgends fleißige Menschen, dafür aber waren die +Straßen und Wege überall belebt. Aus den kleinen Höfen am Rande des +Kolmården kamen sie heraus, in schwarzen Kleidern, Gesangbuch und +Taschentuch in der Hand. + +»Es ist Sonntag,« dachte der Junge und ließ seinen Blick andächtig auf den +Kirchgängern ruhen. An einem Ort sah er ein Brautpaar, das mit großem +Gefolge in die Kirche fuhr, und an einem andern kam ein Leichenzug langsam +auf dem Wege daher. Er sah auch große Herrschaftskutschen und kleine +Bauernchaisen, sowie auch große Boote auf den Seen, die alle auf dem Weg +nach der Kirche waren. + +Jetzt flogen die Gänse über die Kirche von Björkvik hin, dann über Bettna +und Blaksta und Vadsbro, und dann ging es nach Sköldinge und Floda. Überall +läuteten die Glocken; wunderbar schön drang das Geläute zu dem Jungen +herauf; es war fast, als sei die ganze kristallklare Luft um ihn her zu +lauter Tönen und Klängen geworden. + +»So viel ist sicher,« dachte der Junge, »ich mag hinkommen, wo ich will, +überall höre ich das Läuten der Kirchenglocken.« Und bei diesem Gedanken +überkam ihn ein Gefühl der Sicherheit: obgleich er sich jetzt in einer ganz +andern Welt befand, war ihm, als könne er sich nicht vollständig verirren, +so lange diese gewaltigen Stimmen noch imstande wären, ihn zurückzurufen. + +Die Wildgänse waren nun schon eine gute Weile über Sörmland hingeflogen, +als der Junge plötzlich einen schwarzen Punkt entdeckte, der sich drunten +auf der Erde unter ihnen hinbewegte. Zuerst glaubte er, es sei ein Hund, +und er hätte nicht weiter darüber nachgedacht, wenn das Tier nicht mit den +Wildgänsen über ihm gleichen Schritt zu halten versucht hätte. Es stürmte +durch das offne Land und durch die Gehölze hindurch, sprang über Gräben, +setzte über Feldmäuerchen und ließ sich durch nichts aufhalten. + +»Es sieht fast aus, als sei der Fuchs Smirre wieder unterwegs,« sagte der +Junge. »Aber wir werden ihn jedenfalls bald hinter uns gelassen haben.« + +Gleich darauf flogen die Wildgänse so rasch, wie es ihnen nur möglich war, +und hielten nicht an, solange der Fuchs noch in Sicht war. Erst als dieser +sie nicht mehr sehen konnte, wendeten sie um und flogen nun in einem großen +Bogen in südwestlicher Richtung, fast als wollten sie nach Ostgötland +zurückkehren. »Es muß doch Smirre gewesen sein,« dachte der Junge, »da +Mutter Akka hier abbiegt und einen andern Weg einschlägt.« + +Als es Abend wurde, schwebten die Wildgänse über einem alten Rittergute in +Sörmland, namens Groß-Djulö. Das große weiße Wohnhaus lag im Schutze eines +prächtigen Laubholzparkes, und vor ihm breitete sich der große Djulösee aus +mit seinen hervorspringenden Landzungen und hohen Ufern. Das Herrenhaus sah +ehrwürdig und behaglich aus; der Junge konnte sich eines leisen Seufzers +nicht enthalten, als die Wildgänse über das Gut hinflogen, und er dachte +unwillkürlich, wie das wohl sein würde, wenn er nach vollendeter Tagereise, +anstatt auf einem sumpfigen Moor oder einer eiskalten Eisscholle abgesetzt +zu werden, in so ein einladendes Herrenhaus eintreten dürfte. + +Aber von so etwas konnte natürlich keine Rede sein. Die Wildgänse ließen +sich etwas nördlich von dem Herrenhofe auf einer überschwemmten Waldwiese +nieder, wo nur da und dort ein Rasenhügel herausschaute. Dies war fast die +schlechteste Nachtherberge, die der Junge auf der ganzen Reise bisher +gehabt hatte. + +Unschlüssig, was er tun sollte, blieb er noch eine Weile auf dem Rücken des +Gänserichs sitzen. Plötzlich sprang er hinunter und eilte in großen Sätzen +von einem Erdhügel zum andern, bis er festen Boden unter den Füßen hatte; +dann lief er eilig in der Richtung, wo der Hof lag, weiter. + +Zufälligerweise saßen an diesem Abend in einer Kätnerhütte, die zu dem Gute +Groß-Djulö gehörte, ein paar Leute um die offene Feuerstelle in eifriger +Unterhaltung beieinander. Sie hatten über die Predigt gesprochen, über die +Frühjahrsarbeit und über die Wetteraussichten; aber als die Unterhaltung +etwas ins Stocken kam, baten sie eine alte Frau, die Mutter des Kätners, +ihnen eine Gespenstergeschichte zu erzählen. + +Es ist ja wohl bekannt, daß es im ganzen Reiche nirgends so viele +Herrenhöfe und nirgends so viele Spukgeschichten gibt wie gerade in +Sörmland. Die alte Frau hatte in ihrer Jugend auf den großen Gütern gedient +und wußte so viele seltsame Dinge, daß sie bis zum nächsten Morgen hätte +erzählen können. Sie brachte ihre Geschichten auch überaus gut und +glaubwürdig vor; wer ihr zuhörte, ganz einerlei wer es war, fühlte sich +versucht, alles für reine Wahrheit zu halten. Und die Leute rückten voll +Angst näher zueinander hin, so oft die Alte sich mitten in ihrer Erzählung +unterbrach und fragte, ob die andern nicht auch ein Geräusch gehört hätten. + +»Wie merkwürdig, daß ihr es nicht hört!« sagte sie dann. »Irgend etwas +schleicht hier herum.« Aber die andern wollten durchaus nichts gehört +haben. + +Nachdem die Alte schon allerlei Geschichten von Eriksberg, Vibyholm, +Julita, Lagmansö und noch von verschiedenen andern Orten erzählt hatte, +fragte einer, ob denn auf Groß-Djulö nie so etwas Merkwürdiges passiert +sei. + +»O doch,« sagte die Alte, »von da erzählt man sich auch allerlei.« + +Und nun wollten natürlich alle sogleich die Geschichten von ihrem eignen +Gute hören. + +Und die Frau erzählte, auf einem Hügel, nördlich von Groß-Djulö, da wo +jetzt nur noch Wald sei, habe einst ein Schloß gestanden, vor dem sich ein +herrlicher Garten ausbreitete. Dann sei einmal ein Mann, den man allgemein +den Herrn Karl genannt und der zu jener Zeit ganz Sörmland regiert habe, +auf das Schloß gekommen. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, sei er in +den Garten hinausgegangen und habe in tiefe Gedanken versunken lange über +den Groß-Djulöer See und dessen schöne Ufer hingeschaut. Aber während er so +dastand und sich an dem, was er sah, erlabte und im stillen dachte, es gebe +doch kein schöneres Land als Sörmland, hörte er plötzlich hinter sich +jemand einen tiefen Seufzer ausstoßen. Rasch drehte er sich um, und da sah +er einen alten tief über seinen Spaten gebeugten Tagelöhner. + +»Hast du so traurig geseufzt?« fragte Herr Karl. »Worüber hast du denn zu +seufzen?« + +»Ach, ich darf schon seufzen, wenn ich tagaus, tagein hier so schwer +arbeiten muß,« antwortete der Tagelöhner. + +Aber Herr Karl war von heftiger Gemütsart, und er konnte es nicht leiden, +wenn die Leute sich beklagten. + +»Hast du sonst über nichts zu klagen?« rief er. »Ich sage dir, ich wollte +ganz zufrieden sein, wenn ich mein Lebenlang Sörmlands Boden umgraben +dürfte!« + +»Möge es dem gnädigen Herrn so gehen, wie Er sich wünscht!« antwortete der +Tagelöhner. + +Aber später sagten die Leute, Herr Karl habe um dieses Ausspruchs willen +nach seinem Tode keine Ruhe im Grabe gefunden, sondern müsse jede Nacht +nach Groß-Djulö kommen und in seinem Garten graben. + +»Ja, jetzt ist freilich kein Schloß und kein Garten mehr da,« sagte die +Alte mit Nachdruck. »Wo diese einst lagen, ist jetzt nur ein ganz +gewöhnlicher Waldhügel. Aber schon mancher Wanderer, der in einer dunkeln +Nacht durch den Wald ging, hat dort den Garten wieder erblickt.« + +Hier hielt die Alte inne und schielte nach einem dunkeln Winkel in der +Stube. »Hat sich nicht dort etwas gerührt?« fragte sie. + +»Ganz gewiß nicht, Mutter, erzähl nur weiter!« sagte die Schwiegertochter. +»Ich habe gestern dort in der Ecke ein großes Mauseloch entdeckt, hatte +aber so viel andres zu tun, daß ich vergaß, es zuzustopfen. Erzähl nur +weiter, ob jemand, den du kennst, den Garten gesehen hat.« + +»Jawohl,« fuhr die Alte fort, »und zwar mein eigner Vater. In einer schönen +Sommernacht kam er durch den Wald daher; da sah er plötzlich neben sich +eine hohe Gartenmauer, und über diese hinweg konnte er die herrlichsten +Obstbäume wahrnehmen, die über und über mit Blüten und Früchten bedeckt +waren und deren Zweige weit über die Mauer heraushingen. Mein Vater ging +ganz leise weiter und wunderte sich, woher dieser Garten auf einmal +gekommen sei. Da wurde hastig ein Tor in der Mauer aufgerissen, ein Gärtner +trat heraus und fragte, ob Vater nicht seinen Garten sehen wolle. Der Mann +hatte einen Spaten in der Hand und trug einen gewöhnlichen großen +Gärtnerschurz, und Vater wollte dem Manne gerade folgen, als sein Blick +zufällig auf dessen Gesicht fiel. In demselben Augenblick erkannte er die +große Stirnlocke und den Knebelbart. Es war der leibhaftige Herr Karl, so +wie ihn mein Vater auf den Bildern in den Herrenhöfen ringsum oft gesehen +hatte, wo er ...« + +Hier wurde die Alte aufs neue unterbrochen; diesmal durch ein brennendes +Scheit Holz, das so hell aufloderte, daß die Funken und Kohlen auf den +Boden herausstoben. Alle dunkeln Ecken in der Stube wurden hell erleuchtet, +und die alte Großmutter glaubte einen Schimmer von einem Wichtelmännchen zu +sehen, das neben dem Mauseloch saß und ihrer Erzählung zuhörte, sich aber +jetzt eilig davonmachte. + +Die Schwiegertochter holte Schaufel und Kehrbesen, kehrte die Kohlen +zusammen und setzte sich dann wieder nieder. »Jetzt kannst du weiter +erzählen, Mutter,« sagte sie. + +Aber die Frau wollte nicht mehr. »Es ist genug für heute,« sagte sie mit +sonderbar erregter Stimme. + +Die andern wollten noch mehr hören; aber die Schwiegertochter sah, daß die +Alte ganz bleich geworden war und daß ihre Hände zitterten. »Nein, Mutter +ist müde geworden und muß jetzt zu Bett gehen,« sagte sie. + +Nach einer Weile kehrte der Junge wieder in den Wald und zu den Wildgänsen +zurück. Er kaute an einer Moorrübe, die er vor dem Keller der Kätnerhütte +gefunden hatte. Das war ein herrliches Abendessen für ihn, und er war sehr +befriedigt, weil er mehrere Stunden lang in der warmen Stube hatte sitzen +dürfen. »Wenn ich jetzt nur auch ein ordentliches Nachtquartier finden +könnte!« dachte er. + +Da fiel ihm ein, das beste wäre wohl, wenn er sich eine Schlafstelle auf +einer prächtigen Tanne, die dicht am Wege stand, einrichten würde. Er +schwang sich hinauf, flocht ein paar Zweiglein zusammen und hatte nun ein +Bett, in dem er ausgezeichnet lag. + +Er dachte noch eine Weile über das nach, was er in der Hütte gehört hatte; +vor allem aber beschäftigten sich seine Gedanken mit diesem Herrn Karl, der +im Djulöer Walde spuken sollte. Aber bald schlief er ein, und er hätte wohl +ruhig bis zum nächsten Morgen geschlafen, wenn ihn nicht das Knirschen +einer eisernen Gitterpforte, die gerade unter ihm aufgemacht wurde, geweckt +hätte. + +Der Junge ist im Nu wach, wischt sich den Schlaf aus den Augen und sieht +sich um. Dicht neben ihm ist eine hohe Mauer, und über die Mauer schauen +Obstbäume heraus, die sich unter der Last ihrer Früchte beugen. + +Der Junge denkt zuerst nur: »Das ist doch merkwürdig! Es war doch kein +Garten da, als ich einschlief.« Aber nach ein paar Augenblicken kehrt ihm +die Erinnerung zurück, und er weiß, was das für ein Garten ist. + +Aber das Merkwürdigste an der Sache ist vielleicht doch, daß er sich gar +nicht fürchtet, sondern ein unbeschreibliches Verlangen hat, in den Garten +hineinzukommen. Auf der Tanne, wo er liegt, ist es dunkel und kalt, in dem +Garten da unten aber ist es hell; die Rosen und das Obst auf den Bäumen +sind wie von goldnem Sonnenschein überflutet. Wie herrlich wäre es für ihn, +wenn er jetzt, nachdem er so lange Zeit in Regen und Kälte umhergezogen +war, auch einmal ein wenig Sonnenwärme genießen dürfte! Und das +Hineinkommen in den Garten scheint überdies mit gar keiner Schwierigkeit +verbunden zu sein; dicht neben der Tanne ist eine Pforte in der hohen +Mauer, und ein alter Gärtner hat eben die großen Gittertüren aufgemacht. Er +steht jetzt an der Pforte und späht in den Wald hinein, ganz als ob er +jemand erwartete. + +In einem Nu ist der Junge von seinem Baum herunter. Die Mütze in der Hand +tritt er auf den Gärtner zu, verbeugt sich und fragt, ob man den Garten +wohl ansehen dürfe. + +»Jawohl,« antwortet der Gärtner mit barscher Stimme. »Tritt nur ein!« + +Dann macht er die Türen wieder zu und verschließt sie mit einem schweren +Schlüssel, den er vorne in seinen Gürtel steckt. Indessen betrachtet ihn +der Junge genau. Der Mann hat ein bärbeißiges Gesicht, mit großem +Schnurrbart und spitzigem Knebelbart und einer scharfen Nase. Wenn er nicht +eine blaue Gärtnerschürze umgebunden und einen Spaten in der Hand gehalten +hätte, würde der Junge ihn für einen alten Soldaten gehalten haben. + +Der Gärtner geht mit langen Schritten in den Garten hinein, daß der Junge +laufen muß, um Schritt mit ihm halten zu können. Der Weg ist sehr schmal, +und der Junge tritt unversehens auf die Raseneinfassung. Aber da wird ihm +sogleich eingeschärft, das Gras nicht niederzutreten, und von da an geht er +nur noch hinter seinem Führer her. + +Der Junge hat das Gefühl, der Gärtner halte es für weit unter seiner Würde, +einem so kleinen Wicht wie diesem Jungen den Garten zu zeigen, deshalb wagt +er gar nichts zu fragen, sondern läuft nur mit, und lange Zeit wirft ihm +der Gärtner nur ab und zu eine Bemerkung hin. Gleich hinter der Mauer ist +eine dichte Hecke, und während die beiden hindurchgehen, sagt der Gärtner, +diese heiße er den Kolmården. + +»Ja, sie ist so groß, daß sie so einen Namen wohl verdient,« erwidert der +Junge. Aber der Gärtner hört gar nicht auf das, was Nils Holgersson sagt. + +Jetzt haben sie das Buschwerk hinter sich, und der Junge kann einen +ansehnlichen Teil des Gartens überschauen. Da sieht er gleich, daß dieser +keine besonders große Ausdehnung hat, er mag wohl kaum ein paar Morgen groß +sein. Im Süden und Westen beschützt ihn die Mauer, aber gegen Norden und +Osten ist er von Wasser umgeben, da braucht er keine Einfriedigung. + +Jetzt bleibt der Gärtner stehen, um eine Ranke aufzubinden, und der Junge +hat Zeit, sich umzusehen. Er hat zwar in seinem Leben noch nicht viele +Gärten gesehen, aber er hat das Gefühl, daß dieser hier ganz anders sei, +als jeder andre Garten. Darüber ist er keinen Augenblick im Zweifel, daß er +in ganz altmodischer Weise angelegt sein muß, denn eine so überwältigende +Menge von kleinen Hügeln und kleinen Blumenbeeten und kleinen Hecken und +kleinen Rasenflecken und kleinen Gartenhäuschen sieht man jetzt nirgends +mehr. Und ebensowenig einen solchen Durcheinander von kleinen Teichen und +gewundenen Kanälen, wie hier auf allen Seiten zu sehen sind. + +Überall stehen herrliche Bäume und liebliche Blumen, und in den kleinen +Kanälen ist durchsichtig klares, tiefgrünes Wasser, in dem sich alles +ringsum widerspiegelt. Dem Jungen kommt es vor, als sei dies das Paradies. +Er schlägt vor Entzücken die Hände zusammen und ruft: »So etwas Schönes +habe ich noch nie gesehen! Was ist doch das für ein wunderschöner Garten?« + +Kaum hat der Junge diesen Ausruf getan, da wendet sich der Gärtner rasch +nach ihm um und sagt mit seiner barschen Stimme: »Der Garten heißt +Sörmland. Wer bist du denn, daß du das nicht weißt? Er hat von jeher für +einen der schönsten Gärten im ganzen Lande gegolten.« + +Bei dieser Antwort wird es dem Jungen wohl ein wenig wunderlich zumute; +aber er hat so viel zu sehen, daß er gar keine Zeit hat, weiter über den +Sinn dieses Ausspruchs nachzudenken. Aber so schön alle die vielen Blumen +und die durch die Rasenflächen sich hinschlängelnden Kanäle auch sind, so +macht dem Jungen doch etwas andres noch viel mehr Spaß, nämlich die vielen +kleinen Lauben und Puppenhäuschen, die überall durch die Bäume +hindurchschimmern. Sie sind im ganzen Garten verstreut, aber die meisten +stehen doch am Rande der kleinen Teiche und der Kanäle. Es sind jedoch gar +keine richtigen Häuser, denn sie sind so klein, wie wenn sie für Leute +gebaut wären, die nicht größer sind als der Junge selbst; aber alle sind +außerordentlich hübsch und fein ausgestattet. Und alle Arten von Gebäuden +sind vertreten: die einen sehen aus wie Schlösser mit Türmen und +Seitenflügeln, andre wie Kirchen und wieder andre wie Mühlen und +Bauernhäuser. + +Ja, alle sind außerordentlich hübsch, und der Junge hätte am liebsten bei +jedem einzelnen Gebäude Halt gemacht, um es genau zu betrachten, aber er +wagt nicht, vom Pfad abzuweichen, sondern geht nur immer hinter dem Gärtner +her. Bald erreichen sie ein Gebäude, das größer und stattlicher ist als +alle vorhergehenden. Es ist ein dreistöckiges Schloß mit großem Portal und +breiten Seitenflügeln, das auf einem Hügel mitten zwischen Blumenbeeten +steht, und der Weg dahin führt auf kleinen zierlichen Brücken über einen +Kanal nach dem andern. + +Der Junge folgt dem Gärtner noch immer gewissenhaft dicht auf den Fersen, +er wagt nicht, etwas andres zu tun; aber als er an all dem Schönen +vorübergehen muß, entschlüpft ihm ein tiefer Seufzer, den der gestrenge +Herr nicht überhören kann. Er bleibt stehen und sagt: »Dieses Gebäude hier +heißt Eriksberg. Wenn du hineingehen willst, habe ich nichts dagegen; aber +hüte dich vor der Pintorpafrau.« + +Wer sich das nicht zweimal sagen läßt, das ist der Junge. Er läuft die +Allee hinunter. Alles scheint genau für so einen kleinen Kerl, wie er ist, +ausgemessen zu sein. Die Treppenstufen haben die richtige Höhe, und er kann +jede Türklinke aufmachen. Aber nie hätte er gedacht, daß er je so etwas +Schönes zu sehen bekäme! Die eichenen Fußböden sind glänzend gebohnt, die +Zimmerdecken gegipst und reich bemalt. An den Wänden hängt Bild an Bild, +die mit Seidenstoff überzogenen Sofas und Sessel haben vergoldete Lehnen. Er +kommt in ein Zimmer, wo die Wände über und über mit Büchern bedeckt sind, +und wieder in Gemächer, wo auf den Tischen und in den Schränken herrliche +Kostbarkeiten liegen. Der Junge beeilt sich soviel wie möglich, aber er ist +eben doch erst durch das halbe Haus gegangen, als der Gärtner ihn auch +schon ruft, und als er heraustritt, steht der Alte davor und kaut +ungeduldig an seinem Schnurrbart. + +»Nun, wie ist es dir ergangen?« fragt er. »Hast du die Pintorpafrau +gesehen?« + +Aber der Junge ist keiner lebenden Seele begegnet, und als er dies sagt, +verzerrt sich das Gesicht des Gärtners wie in großem Schmerz. + +»Hat die Pintorpafrau Ruhe gefunden und ich nicht!« sagt er; und der Junge +hätte nie geglaubt, daß eine Menschenstimme je solche Verzweiflung +ausdrücken könnte. + +Dann geht der Gärtner wieder mit langen Schritten weiter, und der Junge +läuft hinter ihm her, während er versucht, wenigstens soviel wie möglich +von allen den Merkwürdigkeiten zu sehen. Jetzt geht es um einen Teich +herum, der etwas größer ist als die andern. Lange weiße Lusthäuschen, die +Herrschaftssitzen gleichen, schimmern überall zwischen den Gebüschen und +Blumengruppen hervor. Der Gärtner hält nirgends an, aber im Weitergehen +richtet er ab und zu ein paar Worte an den Jungen. »Dies hier nenne ich den +Yngaren. Dies ist Danbyholm. Hier hast du Hagbyberga. Hier Hovsta. Und hier +Åkerö.« + +Kurz darauf erreicht der Gärtner mit ein paar Riesenschritten einen kleinen +Teich, den er Båven heißt. Aber hier hört er den Jungen einen Ruf des +Erstaunens ausstoßen, und so bleibt er stehen. Der Junge hat vor einer +kleinen Brücke Halt gemacht, die zu einem Schloß führt, das mitten auf dem +Teich liegt. + +»Wenn du Lust hast, dann kannst du hinüberlaufen und dir Vibyholm ansehen,« +sagt er. »Aber nimm dich vor der Weißen Frau in acht.« + +Und der Junge ist natürlich nicht faul, der Aufforderung Folge zu leisten. +In dem Schloß hängen ungeheuer viele Bildnisse an den Wänden, und dem +Jungen ist es fast, als sähe er ein großes Bilderbuch vor sich. Er findet +es so unterhaltend, daß er gern die ganze Nacht hier umhergegangen wäre; +aber es war noch nicht viel Zeit verstrichen, da hört er schon wieder die +Stimme des Gärtners, die ihn ruft. + +»Komm, komm!« ruft er. »Ich habe noch andres zu tun, als hier auf dich zu +warten, du kleiner Knirps.« + +Als der Junge wieder über die Brücke zurückeilt, ruft ihm der Gärtner zu: +»Nun, wie ist es dir ergangen? Hast du die Weiße Frau gesehen?« + +Der Junge hat keine lebende Seele gesehen und sagt dies auch dem Gärtner. +Da stößt der Alte seinen Spaten so hart auf einen Stein auf, daß der Stein +zerspringt, und mit einer Stimme, die die allertiefste Verzweiflung +ausdrückt, ruft er: »Hat die Weiße Frau auf Vibyholm Ruhe gefunden und ich +nicht?« + +Bis jetzt sind die beiden in dem südlichen Teil des Gartens umhergewandert; +jetzt wendet sich der Gärtner dem westlichen Teile zu. Dieser ist ganz +anders angelegt. Große ebene Rasenflächen wechseln mit Erdbeerbeeten, +Kohlfelder mit Stachel- und Johannisbeerbüschen ab. Auch hier sind kleine +Gartenhäuschen, aber die meisten sind rot angestrichen; sie sehen aus wie +Bauernhäuser und sind von Hopfengärten und Kirschbäumen umgeben. + +Hier hält sich der Gärtner nicht auf; nur im Vorbeigehen sagt er zu dem +Jungen: »Diese Gegend hier heiße ich Vingåker.« + +Gleich darauf deutet er auf ein Gebäude, das viel einfacher aussieht als +die übrigen und am ehesten mit einer Schmiede verglichen werden könnte. +»Dies ist eine große Werkstatt,« sagt er. »Ich nenne sie Eskilstuna. Wenn +du Lust hast, kannst du hineingehen und dich darin umsehen.« + +Der Junge geht hinein; sieht aber zuerst nichts als eine ungeheure Menge +von Rädern, die schnurren, von Hämmern, die stampfen, und Winden, die +knirschen. Es ist hier so viel zu sehen, daß er wohl die ganze Nacht +dageblieben wäre, wenn ihn der Gärtner nicht gerufen hätte. + +Hierauf wandern sie miteinander im nördlichen Teil des Gartens dem See +entlang. Das Ufer tritt bald zurück, ragt bald ins Wasser hinein, +Landzungen und Buchten, Buchten und Landzungen wechseln miteinander ab. Vor +den Landzungen liegen kleine Inseln, die nur durch schmale Wasserarme vom +Lande getrennt sind. Diese Inselchen gehören auch noch zum Garten. Sie sind +mit derselben Sorgfalt angelegt wie alles übrige. + +Der Junge kommt an einem schönen Gebäude nach dem andern vorüber, aber der +Gärtner hält nirgends an. Jetzt gelangen sie an eine prächtige rote Kirche, +die von schwerbeladenen Obstbäumen umgeben auf einer Landzunge liegt und +sich da ganz großartig ausnimmt. Der Gärtner will auch hier nur +vorübergehen, aber der Junge faßt sich ein Herz und fragt, ob er nicht +hineingehen dürfe. + +»Ja, ja, geh nur hinein,« antwortet der Gärtner. »Aber hüte dich vor dem +Bischof Rogge. Es ist wohl möglich, daß er sich bis zum heutigen Tage hier +in Strängnäs aufhält.« + +Rasch läuft der Junge in die Kirche hinein und sieht da schöne +Grabdenkmäler und Altarbilder. Vor allem bewundert er in einer Kapelle +neben der Vorhalle einen Reiter in vergoldeter Rüstung. Auch hier ist so +viel zu sehen, daß der Junge gern die ganze Nacht hier zugebracht hätte; +aber er muß wieder hinaus, denn er darf den Gärtner nicht auf sich warten +lassen. + +Als er wieder herauskommt, sieht er, daß der Gärtner eine Eule beobachtet, +die hinter einem Rotschwänzchen herjagt. Der Alte pfeift dem +Rotschwänzchen; es fliegt herbei und läßt sich vertrauensvoll auf der +Schulter des Gärtners nieder, und als die Eule in ihrem Jagdeifer hinter +ihm dreinfliegt, jagt er sie mit seinem Spaten fort. + +»Er ist doch nicht so gefährlich, wie er aussieht,« denkt der Junge, als er +sieht, wie zärtlich der Alte den armen Singvogel beschützt. + +Aber sobald der Gärtner den Jungen erblickt, wendet er sich zu ihm und +fragt, ob er den Bischof Rogge gesehen habe. Und als der Junge es verneint, +sagt er in bitterem Gram: »Hat der Bischof Ruhe bekommen und ich nicht?« + +Bald erreichen sie das stattlichste von den vielen Puppenhäusern. Es ist +eine aus Backsteinen aufgeführte Burg mit drei massiven runden, durch lange +Flügel verbundenen Türmen. + +[Illustration] + +»Geh hinein und sieh dich um, wenn du Lust hast!« sagt der Gärtner. »Dies +ist Gripsholm, und hier mußt du dich in acht nehmen, daß du dem König Erich +nicht begegnest.« + +Der Junge geht durch ein tiefes Torgewölbe und gelangt auf einen großen +dreieckigen, von niedrigen Häusern umgebenen Hof. Die Häuser sehen nicht +besonders vornehm aus, und der Junge hat keine Lust, hineinzugehen. Er +springt nur Bock über zwei lange Kanonen, die hier aufgepflanzt sind, und +eilt dann weiter. Nun geht es durch ein zweites tiefes Torgewölbe, und dann +gelangt er in einen zweiten Schloßhof, der von prächtigen Gebäuden umgeben +ist; hier geht er hinein. Er durchschreitet zuerst große altertümliche +Zimmer, wo an den Decken die Querbalken sichtbar sind und an allen Wänden +große dunkle Bilder hängen, auf denen ernst aussehende Herren und Damen in +seltsamen steifen Gewändern abgebildet sind. + +Eine Treppe höher kommt der Junge durch hellere und freundlichere Gemächer. +Hier fühlt er so recht deutlich, daß er sich in einem königlichen Schloß +befindet, denn an den Wänden sind lauter glänzende Bildnisse von Königen +und Königinnen. Noch eine Treppe höher ist ein großer Bodenraum, auf den +ringsherum die verschiedenartigsten Räume münden: die einen sind +freundliche Zimmer mit schönen weißen Möbeln, dann kommt ein kleines +Theater, und gleich daneben ist ein richtiges Gefängnis, ein düsterer Raum +mit nackten, steinernen Wänden, vergitterten Fenstern und einem Boden, +dessen Fliesen von den schweren Tritten der Gefangenen ausgetreten sind. + +Hier ist so viel zu sehen, daß der Junge gern viele Tage lang da verweilt +hätte; aber der Gärtner ruft ihn, und er wagt es nicht, den Ruf zu +überhören. + +»Hast du König Erich gesehen?« fragt der Gärtner, als der Junge aus dem +Schlosse heraustritt. Aber der Junge hat niemand gesehen, und da sagt der +Alte wieder wie zuvor, nur mit noch größerer Verzweiflung im Ton: »Hat +König Erich zur Ruhe gehen dürfen, ich aber nicht!« + +Jetzt richten die beiden ihre Schritte nach dem östlichen Teil des Gartens. +Sie kommen an einem Badeort vorüber, den der Gärtner Södertelje nennt, +sowie an einem alten Schloß, dem er den Namen Hörningsholm gibt. Hier ist +übrigens nicht viel zu sehen. Überall ragen Felsen und Klippen auf, die +immer einsamer und kahler werden, je weiter draußen sie liegen. + +Jetzt wenden sie sich nach Süden, und der Junge erkennt die Hecke wieder, +die der Gärtner Kolmården nannte, und daran errät er, daß sie sich dem +Ausgange nähern. + +Der Junge ist hocherfreut über alles, was er gesehen hat, und als sie nun +schon nahe bei dem großen Gittertor sind, versucht er dem Gärtner seinen +Dank auszusprechen. Aber der Alte hört gar nicht auf ihn, sondern geht nur +geradenwegs auf das Tor zu. Hier angekommen wendet er sich an den Jungen +und reicht ihm seinen Spaten. »Da, halte ihn, während ich das Tor +aufschließe,« sagt er zu dem Jungen. + +Diesem aber ist es ohnedies leid, daß er dem barschen alten Mann schon so +viel Mühe gemacht hat, und er will ihm daher jede weitere Anstrengung +ersparen. + +»Meinetwegen braucht Ihr das schwere Tor gar nicht aufzumachen,« sagt er +und schlüpft gleichzeitig zwischen den Gitterstäben hindurch; für so einen +kleinen Knirps hatte das natürlich nicht die geringste Schwierigkeit. + +Der Junge tut es in der besten Absicht und ist höchst bestürzt, als er +hört, daß der Gärtner hinter ihm in heftigen Zorn ausbricht, auf den Boden +stampft und an dem Gitter rüttelt. + +»Was ist denn? Was ist denn?« fragt der Junge bestürzt. »Ich wollte Euch ja +nur die Mühe ersparen. Warum seid Ihr denn so böse?« + +»Sollte ich etwa nicht böse sein?« entgegnet der Alte. »Es wäre nichts +weiter nötig gewesen, als daß du meinen Spaten genommen hättest, dann +hättest du hierbleiben und den Garten besorgen müssen, während ich abgelöst +gewesen wäre. Jetzt weiß ich nicht, wie lange ich noch hier ausharren muß.« + +Bei diesen Worten rüttelt der Gärtner wieder heftig an dem Gittertor und +sieht schrecklich zornig aus; aber dem Jungen tut er unwillkürlich von +Herzen leid und er versucht ihn zu trösten. + +»Seid doch nicht so betrübt darüber, Herr Karl von Södermanland,« sagt er. +»Denn es findet sich gewiß niemand, der Euren Garten so gut pflegen würde, +wie Ihr es tut.« + +Als der Junge das sagt, wird der alte Gärtner ganz still und ruhig, und der +Junge meint einen hellen Schein über die harten Züge hingleiten zu sehen. +Aber er kann es nicht deutlich sehen, denn plötzlich verblaßt die ganze +Gestalt und verschwindet wie im Nebel. Und nicht nur die Gestalt, nein, +auch der ganze Garten mit allen Blumen und Früchten und dem Sonnenschein +verbleicht und verschwindet, und wo er gestanden hat, ist nichts andres +mehr als der öde, wilde Wald. + +[Illustration] + + + + +24 + +In Närke + +Die Ysätter-Kajsa + + +In Närke gab es in früheren Zeiten etwas, was es anderswo gar nicht gab, +nämlich eine Hexe, die die Ysätter-Kajsa hieß. + +Den Namen Kajsa hatte sie bekommen, weil sie soviel mit Sturm und Wind zu +tun hatte, und solche Wetterhexen werden immer so genannt; der Beinamen +aber war ihr gegeben worden, weil es hieß, sie stamme aus dem Ysätter Sumpf +im Kirchspiel Asker. + +Es hatte allerdings den Anschein, als habe sie ihre eigentliche Heimat in +Asker, aber man sah sie auch häufig an andern Orten. In ganz Närke mußte +man stets darauf gefaßt sein, sie vor sich auftauchen zu sehen. + +Sie war aber keine traurige oder unheimliche Hexe, sondern munter und +lustig, und am allerwohlsten war es ihr, wenn ein richtiger Sausewind +daherfegte. Sobald es tüchtig stürmte, machte sie sich auf, um auf der +Ebene von Närke einen ordentlichen Reigen zu tanzen. + +Der Närker Bezirk ist eigentlich bloß eine einzige Ebene, die von allen +Seiten von waldigen Höhen umgeben ist. Nur im nordöstlichsten Winkel +durchbricht der Hjälmar die lange Gebirgsmauer. + +Wenn nun der Wind am Morgen draußen auf der Ostsee ordentlich Kräfte +gesammelt hat und sich ins Land hinein auf den Weg macht, fährt er +ungehindert zwischen den Sörmländer Hügeln hindurch und gelangt ohne +jegliche Schwierigkeit dort am Hjälmar nach Närke hinein. Hier fegt er quer +über die Ebene hin; aber gerade gegenüber stößt er im Westen auf die hohe +Kilsberger Felsenwand und wird von dieser zurückgeworfen. Da krümmt sich +der Wind wie eine Schlange und jagt gegen Süden. Aber hier trifft er auf +den Tived und bekommt einen Stoß, der ihn nach Osten schleudert. Im Osten +jedoch liegt der Tylöwald, und dieser schickt den Wind nordwärts zu dem +Kägla. Und von dem Kägla jagt der Wind aufs neue gegen Kilsberg, Tived und +den Tylöwald. + +So geht es fort: der Wind dreht und dreht sich in immer kleineren Kreisen, +bis er sich schließlich wie ein Kreisel mitten auf der Ebene um sich selbst +dreht. Aber an solchen Tagen, wenn der Wirbelwind über die Ebene hinfuhr, +da war die Ysätter-Kajsa so recht vergnügt. Dann stand sie mitten drin im +Wirbel und drehte sich selbst wie ein Kreisel. Ihr langes Haar flatterte +bis hinauf zu den Wolken, ihr Gewand schleifte über den Boden hin wie eine +Staubwolke, und die ganze Ebene breitete sich unter ihr aus wie ein +Tanzboden. + +Morgens saß die Ysätter-Kajsa meist auf einer hohen Tanne am Bergabhang und +schaute über die Ebene hin. Zur Winterzeit, wenn es tüchtig geschneit +hatte, kamen viele Schlitten dahergefahren. Und sobald Kajsa die Schlitten +sah, trieb sie eiligst ein ordentliches Schneegestöber daher und fegte so +hohe Schneewehen zusammen, daß die Leute nur mit Mühe und Not wieder nach +Hause kommen konnten. Bei schönem Sommerwetter aber, zur Zeit der Heuernte, +saß die Ysätter-Kajsa ganz still auf ihrem Baum, bis die ersten Heuwagen +hoch beladen zur Abfahrt bereit waren. Dann aber hui! sauste sie mit ein +paar Platzregen daher, die der Arbeit für diesen Tag ein Ende machten. + +Soviel war sicher, daß sie selten an etwas andres dachte, als Unheil +anzurichten. Die Kohlenbrenner droben in den Kilsbergen wagten die ganze +Nacht kaum ein Auge zu schließen; denn sobald Kajsa einen unbewachten +Meiler sah, kam sie leise herbeigeschlichen und blies hinein, bis die +hellen Flammen herausschlugen. Und wenn die Fuhrleute von Laxå und Svartå +einmal noch spät abends mit Erzlasten unterwegs waren, hüllte Kajsa den Weg +und die ganze Gegend in so dichten Nebel, daß Menschen und Pferde sich +verirrten und mit den schweren Karren in Moore und Sümpfe hineingerieten. + +Wenn die Pröpstin von Glanshammar an einem schönen Sommertage den +Kaffeetisch draußen im Garten gedeckt hatte, und dann ein Windstoß +daherkam, der die Decke aufwirbelte und Tassen und Teller umwarf, da wußte +man schon, wem man diesen Spaß zu verdanken hatte. Wenn dem Bürgermeister +von Örebro der Hut vom Kopf geweht wurde und er ihm über den ganzen +Marktplatz nachlaufen mußte, wenn die Leute von Vinö mit ihren Gemüsebooten +im Hjälmar auf den Grund fuhren, wenn zum Trocknen aufgehängte Wäsche +heruntergerissen und in den Schmutz geworfen wurde, wenn am Abend der Rauch +in die Stuben hineindrang und es aussah, als könne er den Weg durch den +Schornstein gar nicht finden, dann herrschte keine Spur von Zweifel +darüber, wer sich auf diese Weise die Zeit vertrieb. + +Aber wenn auch die Ysätter-Kajsa ihre Lust an lauter solchem Schabernack +hatte, war sie doch im Grunde ihres Herzens nicht eigentlich boshaft. Man +merkte wohl, daß sie mit den Händelsüchtigen, den Geizigen und den +Hartherzigen am schlimmsten verfuhr, die guten Leute dagegen und die armen +Kinder nahm sie sehr oft in Schutz. Und alte Leute erzählen auch heute +noch, die Ysätter-Kajsa sei, als in Asker die Kirche brannte, mitten in den +Rauch und die hohen Flammen hineingefahren und habe die Gefahr abgewendet. + +Immerhin waren die Leute in Närke der Wetterhexe oft recht überdrüssig, sie +jedoch, die Ysätter-Kajsa, war ihrer tollen Streiche nie überdrüssig. Wenn +sie droben auf dem Rande einer Wolke saß und auf Närke hinabschaute, das so +freundlich und wohlhabend dalag, mit seinen stattlichen Bauernhöfen auf der +Ebene und seinen reichen Erzgruben und Bergwerken in dem Gebirge, mit dem +langsam dahinfließenden Svartå, den seichten fischreichen Binnenseen, der +guten Stadt Örebro, die sich rings um das ernstaufragende Schloß mit den +massiven Ecktürmen ausbreitete, dann dachte sie gewiß: »Hier hätten es die +Menschen sicherlich allzugut, wenn ich nicht da wäre. Hier muß jemand sein +wie ich, der sie aufrüttelt und in Atem erhält.« + +Dann stieß sie ein wildes, gellendes Gelächter aus, das klang wie das +Schreien einer Elster, und jagte davon, tanzend und wirbelnd von einem Ende +der Ebene zum andern. Und wenn die Bewohner von Närke sahen, wie sie ihre +Staubschleppe über die Ebene hinzog, konnten sie ein Lächeln nicht +unterdrücken. Denn unartig und neckisch war sie, das konnte nicht geleugnet +werden, aber sie hatte auch einen herrlichen Humor. Der Umgang mit der +Ysätter-Kajsa war für die Bauern ebenso belebend, wie der Sturmwind für die +Ebene, wenn er so recht toll darüber hinfegte. + +Heutigentages wird nun behauptet, die Ysätter-Kajsa sei längst tot und +begraben, wie alles andre Hexen- und Zaubervolk auch. Aber das kann man +fast nicht glauben. Das wäre gerade, wie wenn jemand daherkäme und +behaupten wollte, die Luft werde von jetzt an über der Ebene ganz still +stehen und der Sturm werde nie mehr mit Saus und Braus und frischem Wind +und gewaltigem Platzregen darüber hinwirbeln. + +Ja, wer da meint, die Ysätter-Kajsa sei tot und begraben, der soll nur +hören, wie es in jenem Jahr in Närke ging, wo Nils Holgersson durch diese +Gegend zog, und dann soll er selbst sagen, was er darüber denkt. + + +Der Jahrmarktsabend + + Mittwoch, 27. April + +Es war am Tag vor dem großen Viehmarkt in Örebro, und es goß so vom Himmel +herunter, daß man draußen nichts mehr voneinander unterscheiden konnte. Das +war ein Regen gerade wie die Sündflut. Der Himmel schien alle seine +Schleusen geöffnet zu haben, und gar mancher dachte im stillen: »Dies ist +ganz wie zur Zeit der Ysätter-Kajsa. Gerade an den Jahrmärkten, da trieb +sie den tollsten Schabernack. So ein Regenwetter am Vorabend des +Jahrmarktes, das hätte ihr gepaßt.« + +Je weiter der Abend vorrückte, desto schlimmer wurde der Regen. Als die +Dunkelheit einbrach, ging ein wahrer Wolkenbruch nieder, die Wege wurden +ganz grundlos, und den Leuten, die mit ihrem Vieh unterwegs waren, um bei +guter Zeit nach Örebro zu kommen, ging es schlecht. Die Kühe und Ochsen +waren übermüdet und sträubten sich, weiterzugehen, mehrere von den armen +Tieren warfen sich mitten auf der Landstraße zu Boden, um zu zeigen, daß +sie nicht mehr weiter könnten. Alle die Leute, die am Wege wohnten, mußten +den Jahrmarktbesuchern Tür und Tor öffnen und sie so gut es eben ging für +die Nacht aufnehmen. Alles war überfüllt, nicht nur die Wohnhäuser, nein, +auch die Ställe und Scheunen. + +Wer nur immer konnte, versuchte indes sich bis zum Wirtshaus +durchzukämpfen; aber wer es erreicht hatte, bereute fast, nicht in einem +der Häuser an der Straße geblieben zu sein, denn alle Stände in den +Kuhställen und alle Krippen im Pferdestall waren längst besetzt. Die armen +Leute hatten keine Wahl, sie mußten ihre Pferde und Kühe unter freiem +Himmel im Regen stehen lassen, ja, ihre Besitzer selbst konnten nur mit +Mühe und Not unter Dach und Fach kommen. + +Auf dem Hofplatz war ein Gedränge, ein Schmutz und eine Nässe, die man gar +nicht beschreiben konnte. Viele von den Tieren standen geradezu im Wasser +und konnten sich nicht einmal niederlegen. Manchen von den Bauern gelang es +allerdings, Stroh für ihr Vieh zu ergattern, da konnten sich die armen +Tiere wenigstens niederlegen, und man konnte sie notdürftig zudecken; andre +aber saßen drin im Wirtshaus, tranken und spielten und vergaßen darüber ihr +Vieh, für das sie sorgen sollten, vollständig. + +Nils Holgersson und die Wildgänse hatten an diesem Abend einen Holm im +Hjälmar erreicht. Die kleine Insel war nur durch einen schmalen, seichten +Wasserarm vom Lande getrennt; bei niedrigem Wasserstand konnte man +trockenen Fußes hinüberkommen. + +Auf dem Holm draußen regnete es ebenso heftig wie sonst überall auch. Der +Junge konnte bei dem Regen, der unaufhörlich auf ihn herabfiel, nicht +einschlafen. Schließlich stand er auf und wanderte auf der Insel umher. Er +meinte, er fühle den Regen weniger, wenn er sich bewegte. + +Kaum war er rings auf der Insel herumgegangen, als er in dem Wasser, das +den Holm vom Festland trennte, ein Plätschern hörte, und schon im nächsten +Augenblick sah er ein einzelnes Pferd zwischen den Büschen daherkommen. Es +war eine alte Mähre, ein so elendes, kraftloses Pferd, wie Nils Holgersson +noch nie eines gesehen hatte. Es war lendenlahm und steifbeinig und +entsetzlich mager, man konnte alle Rippen unter der Haut zählen. Es trug +weder Sattel noch Zaumzeug, nur eine alte Halfter, von der ein +halbverfaultes Strickende herunterhing. Offenbar hatte ihm das Losreißen +keinerlei Schwierigkeiten bereitet. + +Das Pferd ging geradenwegs auf die Stelle zu, wo die Wildgänse schliefen, +und der Junge bekam Angst, es könnte sie treten. »Wohin willst du? Nimm +dich in acht!« rief er dem Pferde zu. + +»Ach so, da bist du,« sagte das Pferd und kam auf den Jungen zu. »Ich bin +eine ganze Meile weit gegangen, dich zu finden.« + +»Weißt du denn etwas von mir?« fragte der Junge verwundert. + +»Ich habe ja wohl Ohren zum Hören, wenn ich auch alt bin. Es wird +gegenwärtig viel von dir gesprochen.« + +Während es dies sagte, senkte das Pferd den Kopf, um besser sehen zu +können, und Nils Holgersson bemerkte, daß es einen kleinen Kopf mit schönen +Augen und einem feinen, weichen Maule hatte. + +»Das ist einstmals ein gutes Pferd gewesen, wenn es auch auf seine alten +Tage heruntergekommen ist,« dachte der Junge. + +»Ich möchte dich bitten, mit mir zu gehen und mir in einer Sache +beizustehen,« sagte das Pferd. + +Der Junge dachte, es wäre wohl eine gewagte Sache, mit so einem elenden +Geschöpf fortzugehen, und entschuldigte sich mit dem schlechten Wetter. + +Doch das Pferd sagte: »Auf meinem Rücken hast du es nicht schlechter, als +wenn du hier liegst. Aber du hast vielleicht den Mut nicht, mit so einer +alten Schindmähre, wie ich eine bin, wegzugehen.« + +»O doch, dazu habe ich schon den Mut,« sagte der Junge. + +»Dann wecke jetzt die Gänse, damit wir mit ihnen ausmachen, wo sie dich +morgen wieder abholen werden,« sagte das Pferd. + +Kurz darauf saß Nils Holgersson auf dem Rücken des Pferdes, das viel besser +trabte, als der Junge gedacht hatte; aber es war doch ein weiter Ritt durch +Nacht und Regen, bis sie endlich vor einer großen Herberge Halt machten. +Hier sah es schrecklich unheimlich aus. Die Wagengeleise auf der Straße +waren übermäßig tief; der Junge war überzeugt, er würde ertrinken, wenn er +da hineinfiele. An dem Lattenzaun, der das Gehöft rings umgab, waren +ungefähr dreißig bis vierzig Pferde und Kühe angebunden; ohne jeglichen +Schutz gegen den Regen standen sie da, und innen im Hofraum sah Nils +Holgersson Karren mit hohen Kisten, in denen Schafe und Kälber, Schweine +und Hühner untergebracht waren. + +Das Pferd stellte sich an dem Lattenzaun auf. Der Junge saß noch auf seinem +Rücken, und mit seinen guten Nachtaugen, die er seit seiner Verzauberung +hatte, sah er ganz deutlich, wie schlecht es die armen Tiere hier hatten. + +»Wie kommt es nur, daß ihr hier außen im Regen steht?« fragte er. + +»Wir sind auf dem Wege nach dem Jahrmarkt in Örebro, aber des Regens wegen +mußten wir hier haltmachen. Dies ist zwar eine Herberge, es sind jedoch so +viele Reisende angekommen, daß wir keinen Platz mehr im Hause fanden.« + +Der Junge erwiderte nichts; schweigend schaute er sich um. Nicht viele von +den Tieren schliefen, von allen Seiten ertönten Klagen und lautes Murren. +Und die armen Geschöpfe hatten allen Grund zum Jammern, denn das Wetter war +jetzt noch schlimmer als am Tage. Ein eiskalter Wind hatte sich erhoben, +und der scharfe peitschende Regen war jetzt mit Schnee vermischt. Da war es +nicht schwer zu erraten, welche Hilfe das Pferd von dem Jungen verlangte. + +»Siehst du dort den großen Bauernhof, der dem Wirtshause gerade gegenüber +liegt?« fragte das Pferd. + +»Jawohl,« sagte der Junge, »ich sehe ihn, und ich begreife nicht, warum ihr +nicht dort um Obdach gebeten habt. Ist dort auch schon alles voll?« + +»Nein, es sind keine fremden Tiere dort,« antwortete das Pferd. »Aber die +Besitzer dieses Hofes sind so geizig und ungefällig, daß es gar nichts +nützen könnte, wenn man sie um ein Obdach bitten würde.« + +»Ach, so hängt es also zusammen! Ja, dann müßt ihr freilich bleiben, wo ihr +seid.« + +[Illustration] + +»Aber ich bin auf dem Hofe drüben geboren und aufgewachsen,« sagte das +Pferd, »und ich weiß, daß dort ein großer Pferdestall und auch ein Kuhstall +ist mit vielen Krippen und Ständen, und ich möchte wissen, ob du uns nicht +den Eintritt dazu verschaffen könntest.« + +»Ach nein, dazu habe ich sicher den Mut nicht,« erwiderte der Junge. Aber +die armen Tiere taten ihm schrecklich leid, und so entschloß er sich, es +jedenfalls einmal zu versuchen. + +Er lief hinüber auf den fremden Hof und sah da gleich, daß alle +Wirtschaftsgebäude verschlossen und alle Schlüssel abgezogen waren. Ratlos +und hilflos stand er da, doch da wurde ihm von einer ganz unerwarteten +Seite Hilfe zuteil. Mit gewaltigem Sausen kam plötzlich eine Windsbraut +dahergefahren und riß eine große Scheunentür auf, vor der der Junge eben +Halt gemacht hatte. + +Natürlich kehrte der Junge mit größter Eile zu dem Pferde zurück und sagte: +»Ihr könnt zwar nicht in die Ställe hinein, aber eine große leere Scheune +ist zu schließen vergessen worden, und dahin will ich euch führen.« + +»Dafür sollst du schön bedankt sein,« sagte das Pferd. »Es wird mir gut +tun, wenn ich noch einmal in meiner alten Heimat schlafen darf. Dies ist +die einzige Freude, die mir in meinem Leben noch zuteil werden kann.« + +Auf dem reichen Bauernhofe, der dem Wirtshaus gerade gegenüber lag, waren +indes die Bewohner an diesem Abend viel länger als gewöhnlich aufgeblieben. + +Der Bauer war ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren. Er war groß und +schlank und hatte ein schönes, aber etwas finsteres Gesicht. Am Tage war er +im Regen draußen gewesen und war da ebenso naß geworden wie alle andern +Leute auch. Deshalb hatte er beim Abendessen seine alte Mutter, die noch +Herrin auf dem Hofe war, gebeten, ein Feuer auf der offenen Feuerstelle +anzuzünden, damit er seine Kleider trocknen könnte. Die Mutter hatte ein +ärmliches Holzfeuerchen angezündet, denn in diesem Hause wurde kein +Brennholz verschwendet, und der Bauer hatte seinen Rock auf einem Stuhl +dicht vor dem Feuer aufgehängt. Dann hatte er den Fuß auf den Herd +gestellt, den Ellbogen aufs Knie gestützt und nachdenklich in die Flammen +geschaut. So stand er nun schon seit mehreren Stunden, ohne sich zu rühren; +die einzige Bewegung, die er machte, war, ab und zu ein neues Stück Holz +aufs Feuer zu werfen. + +Die Mutter hatte den Tisch abgeräumt und sein Bett hergerichtet, dann war +sie ins Hinterstübchen gegangen und hatte es sich da bequem gemacht. Von +Zeit zu Zeit trat sie an die Tür und sah ihren Sohn fragend an, der noch +immer vor dem Feuer stand und nicht zu Bett ging. + +»Es fehlt mir nichts, Mutter,« sagte er. »Ich muß nur an etwas aus früherer +Zeit denken.« + +Die Sache aber war die: Als der Sohn bei seiner Heimkehr am Wirtshaus +vorbeigekommen war, hatte ihn ein Pferdehändler gefragt, ob er nicht ein +Pferd kaufen wolle. Dabei hatte er ihm einen alten Gaul gezeigt, der so +jämmerlich zugerichtet war, daß der Bauer den Mann unwillkürlich mit den +Worten anfuhr, er müsse ja verrückt sein, wenn er meine, er könne ihn mit +so einer Schindmähre anführen. + +»Ach nein,« antwortete der Pferdehändler, »das meine ich nicht. Aber da +dieses Pferd früher in Euerm Besitz war, dachte ich, Ihr hättet vielleicht +Lust, ihm das Gnadenbrot zu gewähren, denn das tut ihm not.« + +Da hatte der Bauer das Pferd näher angesehen und es wieder erkannt. Ja, er +hatte es einst selbst großgezogen und eingefahren. Aber deshalb fiel es ihm +doch nicht ein, so ein altes, unbrauchbares Tier zu kaufen. Nein, davon +konnte keine Rede sein. Er gehörte nicht zu denen, die ihr Geld wegwarfen! + +Trotzdem hatte der Anblick des Pferdes viele Erinnerungen in ihm +wachgerufen, und diese Erinnerungen hielten ihn jetzt fest. Deshalb mochte +er nicht zu Bett gehen. + +Ach ja, dieses Pferd war ein gutes, ein flottes Tier gewesen! Sein Vater +hatte es von Anfang an ihm allein überlassen. Er hatte es eingefahren, und +es war ihm lieber gewesen als alles andre, was er sein eigen nannte. Der +Vater hatte sich beklagt, daß er es zu gut füttere, und da hatte er oft den +Hafer für seinen Liebling stibitzt. + +Solange er dieses Pferd hatte, ging er nie zu Fuß in die Kirche, sondern +fuhr immer, und zwar aus keinem andern Grunde, als um mit seinem Pferde +groß zu tun. Er selbst trug eigengewobene und eigengemachte Kleider, das +Fuhrwerk war ärmlich und unangestrichen, aber das Pferd war das schönste +Tier, das den Kirchenhügel hinauffuhr. + +Einmal hatte er sich ein Herz gefaßt und seinen Vater gefragt, ob er sich +nicht einen Tuchanzug kaufen und das Fuhrwerk mit Ölfarbe anstreichen +dürfe. Aber der Vater hatte ihn wie versteinert angesehen, ja, der Sohn +hatte einen Augenblick gefürchtet, den Vater werde der Schlag treffen. Er +hatte dann versucht, seinem Vater begreiflich zu machen, daß er, wenn er +mit einem so prächtigen Pferd fahre, selbst auch ein wenig hübsch aussehen +sollte. + +Der Vater hatte gar nichts gesagt, aber ein paar Tage nachher war er mit +dem Pferd nach Örebro gegangen und hatte es da verkauft. + +Das war grausam vom Vater gewesen; aber dieser hatte offenbar gefürchtet, +das Pferd könnte den Sohn zur Eitelkeit und zur Verschwendung verleiten. +Und jetzt, so lange nachher, mußte der Sohn zugeben, daß der Vater damals +recht gehabt hatte. Ein solches Pferd konnte einem wohl zum Fallstrick +werden. Aber im Anfang war ihm der Verlust seines Lieblings schrecklich +nahe gegangen. Von Zeit zu Zeit war er nur deshalb nach Örebro gefahren, +um, an einer Straßenecke stehend, das Pferd vorbeifahren zu sehen, oder um +sich mit einem Stück Zucker zu ihm in seinen neuen Stall zu schleichen. + +»Wenn der Vater stirbt und ich den Hof bekomme, dann kaufe ich mir mein +Pferd wieder. Das ist das erste, was ich tue,« hatte er damals gesagt. + +Jetzt war der Vater tot, und er selbst saß schon seit mehreren Jahren auf +dem Hofe; aber er hatte keinen einzigen Versuch gemacht, das Pferd wieder +zu kaufen. Ja, seit langer Zeit hatte er an diesem Abend zum ersten Male +wieder an das Tier gedacht. + +Wie merkwürdig, daß er es so ganz und gar hatte vergessen können! Aber der +Vater war ein sehr gebieterischer und eigensinniger Mann gewesen, und als +der Sohn erwachsen war und die beiden den Hof miteinander bewirtschafteten, +da hatte sein Vater große Gewalt über ihn bekommen. Schließlich dachte er, +alles, was der Vater tat, sei gut und recht. Und als er dann selbst den Hof +bekam, hatte er sich nur immer Mühe gegeben, in allem genau so zu handeln, +wie sein Vater gehandelt hatte. + +Er wußte ja wohl, daß die Leute sagten, sein Vater sei geizig gewesen; aber +es war doch gewiß nur recht, wenn man den Geldbeutel fest zumachte und das +Geld nicht unnötig zum Fenster hinauswarf. Man durfte das Hab und Gut, das +einem anvertraut worden war, nicht vergeuden. Besser ein Geizhals heißen +und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die andern Bauern +mit großen Hypotheken herumschlagen müssen. + +So weit war der Bauer in seinen Gedanken gekommen, als er plötzlich heftig +zusammenfuhr, weil er etwas Sonderbares gehört hatte. Es war, als ob eine +laute, spottende Stimme gerade das wiederholte, was er eben gedacht hatte. +»Es ist am besten, den Geldbeutel fest zuzumachen. Es ist besser, ein +Geizhals heißen und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die +andern Hofbesitzer mit Hypotheken herumschlagen müssen.« + +Das klang gerade, als wolle sich jemand über seine Klugheit lustig machen, +und er war auf dem Punkt, in Wut zu geraten, als er entdeckte, daß alles +auf einem Irrtum beruhte. Draußen hatte sich ein heftiger Wind erhoben, er +aber hatte die ganze Zeit hier gestanden und war schläfrig geworden; da +hatte er das Heulen des Windes im Schornstein für eine menschliche Stimme +gehalten. + +Er wendete sich um und sah auf die große Wanduhr; es schlug eben elf Uhr. +»Da ist es höchste Zeit, daß du zu Bett gehst,« dachte er. Aber dann fiel +ihm ein, daß er seine allabendliche Runde auf dem Hofe noch nicht gemacht +hatte, um nachzusehen, ob alle Türen und Läden geschlossen und alle Lichter +gelöscht seien. Dies hatte er noch nie unterlassen, seit er Herr auf dem +Hofe geworden war. Rasch warf er seinen Rock über und ging in den Regen +hinaus. + +Draußen fand er alles, wie es sein sollte, nur die Tür der leeren Scheune +war vom Wind aufgerissen worden. Er holte also den Schlüssel, verschloß die +Scheune und steckte den Schlüssel in die Rocktasche. Dann kehrte er in die +Stube zurück, zog den Rock aus und hängte ihn aufs neue vors Feuer. Aber er +ging auch jetzt noch nicht zu Bett, sondern wanderte in der Stube hin und +her. Das war doch ein gräßliches Wetter! So ein durchdringend kalter Wind +und ein eisiger Schneeregen! Und sein altes Pferd stand nun da draußen, +ohne auch nur eine Decke als Schutz gegen das Unwetter zu haben! Er müßte +doch eigentlich hinausgehen und seinem alten Freund ein Obdach gewähren, da +er nun doch einmal in diese Gegend gekommen war. + +Jetzt hörte der Junge in dem gegenüberliegenden Gasthof eine alte Uhr mit +schrillem Ton elf Uhr schlagen. Er war gerade im Begriff, die Tiere +loszubinden, um sie in den Bauernhof hineinzuführen. Es dauerte ziemlich +lange, bis er sie geweckt und aufgestellt hatte; aber schließlich war alles +in Ordnung, und in einer langen Reihe, der Junge als Wegweiser voran, +bewegte sich der Zug in den Hof des geizigen Bauern hinein. + +Aber während der Junge mit den Tieren beschäftigt gewesen war, hatte der +Bauer seine Runde beendet und das Scheunentor zugeschlossen. Als nun der +Junge vor der Scheune ankam, war der Eingang versperrt. Ganz bestürzt blieb +der Junge stehen. Aber nein, die armen Tiere konnte er nicht hier draußen +lassen. Er mußte ins Haus hinein und sich den Schlüssel verschaffen. + +»Sorge dafür, daß sie sich still verhalten, während ich den Schlüssel +hole,« sagte er zu dem alten Pferd. Mit diesen Worten eilte er davon. + +Mitten auf dem Hofplatz hielt er an, um zu überlegen, wie er ins Haus +hineinkommen sollte. Während er noch gedankenverloren dastand, sah er auf +der Straße zwei kleine Wanderer daherkommen, und jetzt eben machten sie vor +dem Wirtshaus halt. + +Der Junge sah gleich, daß es zwei kleine Mädchen waren, und er lief auf sie +zu, denn er dachte, sie würden ihm vielleicht helfen können. + +»Komm, Britta Marie,« sagte das eine von den Kindern, »jetzt darfst du +nicht mehr weinen. Hier ist die Herberge. Hier bekommen wir gewiß ein +Nachtlager.« + +Kaum hatte das Mädchen dies gesagt, als der Junge ihr auch schon zurief: +»Nein, ihr braucht gar nicht erst zu fragen, ob man euch im Wirtshaus +aufnehmen wolle, denn das ist ganz unmöglich. Aber in dem Bauernhof hier +sind keine Gäste. Gehet nur hinein!« + +Die beiden kleinen Mädchen hörten die Worte deutlich, konnten aber den, der +mit ihnen sprach, nicht sehen. Sie verwunderten sich indes nicht weiter +darüber, denn ringsum war es stockdunkel. Das größere Mädchen erwiderte +denn auch sogleich: »In diesen Hof wollen wir nicht hineingehen, denn die +Leute, die darin wohnen, sind hart und geizig. Sie sind schuld daran, daß +wir hier auf der Landstraße betteln gehen müssen.« + +»Das ist wohl möglich,« sagte der Junge. »Aber gehet trotzdem nur hinein; +ihr werdet sehen, es läuft alles gut ab.« + +»Nun, wir können es jedenfalls versuchen, aber man wird uns nicht einmal +hineinlassen,« sagten die beiden Kinder; damit gingen sie auf das Wohnhaus +zu und klopften an die Tür. + +Der Bauer stand noch immer am Feuer und dachte an sein altes Pferd; da +drang das Klopfen der Kinder an sein Ohr. Er ging an die Haustür, um zu +sehen, wer draußen sei, beschloß aber zugleich, sich gewiß nicht überreden +zu lassen, irgendeinen Wanderer aufzunehmen. Aber in dem Augenblick, wo er +einen Spalt an der Tür öffnete, lag auch schon die Windsbraut auf der +Lauer. Sie riß dem Bauern die Tür aus der Hand und warf ihn selbst gegen +die Wand zurück. Um die Tür wieder zuzuziehen, mußte er auf die Haustreppe +hinaustreten, und als er in die Stube zurückkehrte, standen die beiden +Kinder schon mitten darin. + +Es waren zwei arme, schmutzige, in Lumpen gehüllte, halb verhungerte +Bettelkinder, zwei kleine Mädchen, die unter der Last von zwei +Bettelsäcken, die ebenso groß waren wie sie selbst, heftig keuchten. + +»Was seid denn ihr für Pack, das noch so spät in der Nacht unterwegs ist?« +fragte der Bauer unfreundlich. + +Die beiden Kinder antworteten nicht sogleich, sondern stellten zuerst ihre +Säcke ab. Dann traten sie mit zum Gruß ausgestreckten Händen auf den Bauern +zu. »Wir sind die Anne und die Britta Marie vom Engärd,« sagte die ältere, +»und wir möchten um eine Nachtherberge bitten.« + +Der Bauer ergriff die ihm dargebotenen Händchen nicht, ja, er wollte die +beiden Bettelmädchen gerade vor die Tür setzen, als eine neue Erinnerung +vor ihm auftauchte. Das Engärd war ein kleines Haus, wo eine bedürftige +Witwe mit ihren fünf Kindern gewohnt hatte. Die Witwe war dem alten Bauern +einige hundert Kronen schuldig gewesen, und um seine Forderung zu +befriedigen, hatte der Bauer ihre Hütte verkaufen lassen. Die Witwe war +hierauf mit ihren drei ältesten Kindern nach Nordland gezogen, dort Arbeit +zu suchen, die beiden jüngeren aber waren der Gemeinde zur Last gefallen. + +Dem Bauern stieg der Ärger auf, als er an dieses Vorkommnis dachte. Er +wußte, wie sehr sein Vater im Kirchspiel verurteilt worden war, weil er das +Geld verlangt hatte, das ihm doch von Rechts wegen gehört hatte. + +»Was tut ihr denn gegenwärtig?« fragte er mit barscher Stimme. »Sorgt denn +der Armenpfleger nicht für euch? Warum streicht ihr auf der Landstraße +umher und bettelt?« + +[Illustration] + +»Wir können nichts dafür,« antwortete das ältere Mädchen. »Die Leute, bei +denen wir sind, haben uns auf den Bettel ausgeschickt.« + +»Ja, und ihr könnt euch nicht beklagen, denn eure Säcke sind ja ganz voll,« +sagte der Bauer. »Es ist am besten, ihr esset euch an dem, was ihr darin +habt, satt, denn hier gibt es nichts zu essen. Alle Frauenzimmer auf dem +Hofe sind schon zu Bett. Und dann könnt ihr euch hier in die Ecke am Herd +legen, da friert ihr nicht.« + +Dabei machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand, wie um die Kinder +zurückzuscheuchen, und seine Augen nahmen einen fast harten Ausdruck an, +denn er dachte, er müsse ja froh sein, daß er einen Vater gehabt hatte, der +um sein Besitztum besorgt gewesen war, sonst hätte er, der Sohn, +vielleicht auch als kleiner Junge mit dem Bettelsack umherlaufen müssen, +wie diese Kinder hier. + +Kaum hatte der Bauer diesen Gedanken zu Ende gedacht, als die gellende, +spöttische Stimme, die er an diesem Abend schon einmal gehört hatte, Wort +für Wort wiederholte. Er horchte und erkannte gleich, daß es keine +Menschenstimme war, sondern nur der Wind, der im Schornstein sein Wesen +trieb. Aber es war seltsam, sobald der Wind seine Gedanken in dieser Weise +laut wiederholte, erschienen sie ihm merkwürdig dumm, hartherzig und +falsch. + +Die Kinder hatten sich indessen nebeneinander auf dem harten Boden +ausgestreckt; aber sie waren nicht still, sondern murmelten noch etwas vor +sich hin. + +»Wollt ihr wohl schweigen!« rief der Bauer. Er war jetzt in so gereizter +Stimmung, daß er die Kinder hätte schlagen können. + +Aber das Gemurmel hörte nicht auf, obgleich er den Kindern noch einmal +barsch zu schweigen befahl. + +»Als unsere Mutter von uns fortging,« sagte da plötzlich eine helle +Kinderstimme, »mußte ich ihr versprechen, mein Abendgebet nie zu vergessen. +Dieses Versprechen muß ich halten und Britta Marie auch. Sobald wir: >Müde +bin ich, geh zur Ruh, schließ die müden Augen zu< gebetet haben, sind wir +ganz still.« + +Der Bauer blieb wortlos sitzen und hörte die Kleinen ihr Abendgebet +sprechen. Dann ging er mit langen Schritten im Zimmer hin und her, und +zuweilen preßte er wie in großer Seelenangst die Hände zusammen. + +Das Pferd zugrunde gerichtet! Die beiden Kinder zu umherstrolchenden +Bettlern gemacht! Und beides das Werk seines Vaters! Ach, was der Vater +getan hatte, war am Ende doch nicht immer ganz recht gewesen! + +Er warf sich auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hände. Plötzlich +begann es in seinem Gesicht zu zucken; die Tränen traten ihm in die Augen, +aber rasch wischte er sie weg. Doch neue Tränen drangen hervor, und es half +nichts, daß er auch diese eilig wegwischte, es kamen immer neue. + +Jetzt öffnete seine Mutter die Tür des Hinterstübchens, und eilig drehte +der Bauer seinen Stuhl um, damit er ihr den Rücken zuwendete. Aber sie +mußte doch etwas Außergewöhnliches gemerkt haben, denn sie blieb eine gute +Weile hinter ihm stehen, wie wenn sie darauf wartete, daß er etwas sage. +Dann fiel ihr ein, wie schwer es den Männern immer wird, von dem zu +sprechen, was sie am tiefsten berührt; ja, sie mußte ihm wohl ein wenig +helfen. + +Vom Hinterstübchen aus hatte sie gesehen, was sich in der großen Stube +zugetragen hatte; sie brauchte deshalb nicht zu fragen. Sie ging nur ganz +leise zu den beiden schlafenden Kindern hin, hob sie auf, trug sie ins +Hinterstübchen und legte sie da in ihr eigenes Bett. Dann kam sie wieder zu +dem Sohne heraus. + +»Du, Lars,« sagte sie und tat, als sähe sie gar nicht, daß er weinte. »Laß +mich die Kinder hier behalten!« + +»Was sagst du, Mutter?« fragte er und versuchte seine Tränen zu +unterdrücken. + +»Ich habe sie schon immer herzlich bedauert, gleich damals, als dein Vater +ihrer Mutter das Haus verkaufte. Und auch du hast Mitleid mit ihnen +gehabt.« + +»Ja, aber ...« + +»Ich möchte sie gerne hier behalten und ordentliche Menschen aus ihnen +machen. Sie sind zu gut zum Betteln.« + +Der Bauer konnte nichts erwidern, denn jetzt stürzten ihm die hellen Tränen +aus den Augen; er ergriff die runzlige Hand seiner Mutter und streichelte +sie. + +[Illustration] + +Doch plötzlich fuhr er, wie von Angst erfaßt, jäh auf. »Was würde der Vater +dazu sagen?« rief er. + +»Der Vater hat zu seiner Zeit hier geherrscht, jetzt ist die deinige +gekommen. Solange der Vater lebte, mußte ihm gehorcht werden. Jetzt aber +ist die Reihe an dir, zu zeigen, wer du bist.« + +Der Sohn war so überrascht über diese Worte, daß seine Tränen versiegten. +»Aber ich zeige mich doch, wie ich bin!« sagte er. + +»Nein,« erwiderte seine Mutter, »das tust du eben nicht. Du gibst dir nur +alle Mühe, deinem Vater zu gleichen. Der aber hat harte Zeiten hier +durchgemacht, und deshalb graute ihm vor der Armut. Er meinte, er sei +verpflichtet, in erster Linie nur immer an sich selbst zu denken. Du aber +hast solche schwere Zeiten, die dich hätten hart machen können, nie +gekannt. Du hast mehr, als du brauchst, und da wäre es unnatürlich, wenn du +nicht auch an andre denken würdest.« + +Hinter den beiden Kindern war der Junge ins Haus und in die Stube +hineingeschlüpft und hatte sich da in einem dunkeln Winkel versteckt. Schon +im ersten Augenblick hatte er den Scheunentürschlüssel, der aus der +Rocktasche des Bauern herausguckte, entdeckt. + +»Wenn der Bauer die Kinder fortschickt, nehme ich den Schlüssel und laufe +mit ihm davon,« dachte er. + +Aber dann wurden die Kinder nicht fortgeschickt; der Junge mußte in seinem +Winkel sitzen bleiben und wußte nicht, was er tun sollte. Die Mutter sprach +lange mit ihrem Sohn, und während sie mit ihm sprach, hörte dieser auf zu +weinen; schließlich nahm sein Gesicht einen geradezu schönen Ausdruck an, +es war, als sei er ein ganz andrer Mensch geworden, und noch immer +streichelte er die alte runzlige Hand seiner Mutter. + +»Jetzt müssen wir aber doch zu Bett gehen,« sagte die Mutter, als sie sah, +daß er seine Fassung wieder erlangt hatte. + +»Nein,« sagte er und stand rasch auf, »ich kann noch nicht zu Bett gehen. +Draußen ist noch ein Gast, dem ich ein Obdach für die Nacht geben muß.« + +Mehr sagte er nicht, er warf nur rasch seinen Rock über, zündete eine +Laterne an und ging hinaus. Draußen war es noch ebenso kalt und regnerisch, +aber als er auf die Haustreppe trat, summte er eine Melodie vor sich hin. +Er fragte sich, ob ihn das Pferd wohl erkennen, und ob es sich freuen +werde, wenn es wieder in seinen alten Stall hineinkäme. + +Als er über den Hofplatz ging, hörte er eine Tür im Winde auf- und +zuschlagen. »Der Wind hat die Scheunentür wieder aufgerissen,« dachte er +und ging hin, sie abermals zu schließen. + +Im nächsten Augenblick stand er vor der Scheune, und er wollte eben die Tür +zumachen, da war es ihm, als ob sich drinnen etwas bewegte. + +Das kam aber daher, daß der Junge die Gelegenheit benützt und mit dem +Bauern zu gleicher Zeit das Haus verlassen hatte. Rasch war er an die +Scheune gelaufen, vor der er die Tiere verlassen hatte. Aber diese standen +nicht mehr im Regen draußen. Ein heftiger Windstoß hatte schon lange die +Scheunentür abermals aufgerissen und so den armen Tieren ein Dach über dem +Kopf verschafft. Und das Geräusch, das der Bauer gehört hatte, hatte von +dem Jungen hergerührt, als er in die Scheune hineinlief. + +Jetzt leuchtete der Bauer mit seiner Laterne hinein, und da sah er, daß die +ganze Tenne voll von schlafendem Vieh lag. Kein Mensch war zu sehen. Die +Tiere waren nicht angebunden, sie hatten sich auf dem Stroh niedergelegt, +wie es eben ging. + +Der Bauer wurde zornig über diese uneingeladenen Gäste; er begann zu rufen +und zu schelten, um sie zu wecken und hinauszujagen. Aber die Tiere +blieben ganz still liegen, wie wenn sie sich durchaus nicht stören lassen +wollten. Ein einziges erhob sich, ein altes Pferd, und kam ruhig auf den +Bauern zu. + +Und plötzlich verstummte der Bauer. Schon am Gang erkannte er dieses Tier. +Er hob die Laterne, das Pferd kam zu ihm heran und legte ihm den Kopf auf +die Schulter. + +Liebevoll streichelte ihm der Bauer die Nase. »Mein altes gutes Pferd! +Alter guter Kerl!« sagte er. »Was haben sie mit dir gemacht? Jawohl, mein +alter Freund, ich werde dich kaufen. Du sollst nie wieder vom Hofe hier +vertrieben werden, und du sollst es so gut haben, wie du dir nur wünschen +kannst, mein guter Alter. Die andern, die du mitgebracht hast, dürfen hier +übernachten, du aber kommst mit mir in den Stall. Jetzt darf ich dir so +viel Hafer geben, als du nur fressen kannst, ohne daß ich ihn stibitzen +muß. Du wirst wohl auch noch nicht ganz zugrunde gerichtet sein. Das +schönste Pferd auf dem Kirchplatz, das wirst du wieder sein. Ja, wie einst! +So, so, mein gutes Tier, so so!« + +[Illustration] + + + + +25 + +Der Eisgang + + + Donnerstag, 28. April + +Am nächsten Tag war wunderschönes Wetter. Es blies allerdings noch ein +tüchtiger Westwind; aber darüber freute man sich nur, denn er trocknete die +von dem gestrigen Regen aufgeweichten Wege. + +Früh am Morgen wanderten auf der Landstraße, die von Sörmland nach Närke +führt, das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, die beiden Småländer Kinder. +Der Weg führte an dem südlichen Ufer des Hjälmar hin, und die Kinder +betrachteten eifrig das Eis, das noch den größten Teil des Sees bedeckte. +Die Morgensonne goß ihren hellen Schein auf den Eisspiegel, der durchaus +nicht düster und drohend aussah, wie dies im Frühling gewöhnlich der Fall +ist, sondern glänzend hell und einladend zu den Kindern herüberleuchtete. +So weit das Auge reichte, war das Eis fest und trocken. Das Regenwasser war +schon durch alle Löcher und Sprünge hindurchgesickert, oder es war vom Eis +selbst aufgesogen worden; so sahen die Kinder nichts als eine herrliche +Eisdecke. + +Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats waren nach dem nördlichen Schweden +unterwegs, und unwillkürlich stieg der Gedanke in ihnen auf, wie viele +Schritte es ihnen doch ersparen würde, wenn sie quer über den großen See +gehen könnten, anstatt rings um ihn herumwandern zu müssen. Sie wußten +allerdings, daß das Frühlingseis gefährlich sei; aber dieses hier sah ja +vollständig sicher aus. Am Ufer war es mehrere Zoll dick, das sahen sie +deutlich. Sie sahen auch einen ausgetretenen Pfad, dem sie folgen könnten, +und das andre Ufer schien überdies ganz nahe vor ihnen zu liegen; in einer +Stunde wären sie sicher drüben. + +»Komm, wir wollen es versuchen,« sagte Klein-Mats. »Wenn wir gut achtgeben, +daß wir nicht in eine Wake hineingeraten, geht es ganz leicht.« + +Damit begaben sich die beiden Kinder aufs Eis hinaus. Das Eis war gar nicht +glatt, sondern im Gegenteil ganz leicht zu beschreiten. Es war mehr Wasser +darauf, als die Kinder vom Lande aus hatten wahrnehmen können, und da und +dort waren kleine Löcher, wo das Wasser herausquoll. Vor solchen Stellen +mußte man sich hüten; aber mitten am Tage und bei dem hellen Sonnenschein +war das nicht schwer. + +Die Kinder kamen rasch und leicht vorwärts, und sie sagten immer wieder, +wie klug es doch gewesen sei, daß sie, anstatt sich auf der aufgeweichten +Landstraße weiter zu plagen, den Weg übers Eis genommen hätten. + +Als sie eine Strecke weit gegangen waren, kamen sie an die Vinö. Auf dieser +Insel sah sie eine alte Frau von ihrem Fenster aus. Eilig lief sie aus +ihrem Hause heraus, winkte den Kindern und rief ihnen etwas zu, was diese +aber nicht verstehen konnten; so viel errieten sie indes doch, die Frau +warnte sie vor dem Weitergehen. Aber die Kinder auf dem Eis draußen +dachten, sie sähen ja deutlich, daß ihnen keine Gefahr drohte. Sie wären +wohl dumm, wenn sie das Eis jetzt verließen, da doch alles so gut ging. + +Sie wanderten also an der Vinö vorüber, und jetzt hatten sie eine +meilenweite Eisfläche vor sich. Von da an trafen die Kinder wiederholt auf +große Wasserpfützen, um die herum sie große Umwege machen mußten. Aber das +machte ihnen nur Spaß. Sie liefen um die Wette, um herauszufinden, wo das +Eis am besten sei, und fühlten weder Hunger noch Müdigkeit. Sie hatten ja +den ganzen Tag vor sich und lachten nur, so oft sie auf ein neues Hindernis +stießen. + +Ab und zu richteten sie den Blick auf das gegenüberliegende Ufer. Es schien +noch immer gleich weit entfernt zu sein, obgleich sie schon eine ganze +Stunde gegangen sein mochten. Da wurden sie doch ein wenig stutzig; sie +hatten den See nicht für gar so breit gehalten. »Es ist, als ob das Ufer +drüben vor uns zurückwiche,« sagte Klein-Mats. + +Hier auf dem Eise war kein Schutz vor dem Westwind, der jetzt von Minute zu +Minute heftiger wurde und ihnen die Kleider so um die Beine schlug, daß sie +kaum noch vorwärts kommen konnten. Dieser kalte Wind war die erste +wirkliche Unannehmlichkeit, die ihnen auf ihrem Weg begegnete. + +Und über etwas verwunderten sie sich: der Wind kam mit einem sonderbaren +Dröhnen dahergefegt, wie wenn er das Klappern einer großen Mühle oder den +Lärm einer mechanischen Werkstatt mit sich brächte. Aber auf den Eisfeldern +hier gab es ja nichts derartiges. + +Die Kinder waren jetzt westwärts um die große Insel Valen herumgegangen, +und jetzt meinten sie auch zu sehen, daß sie dem nördlichen Ufer immer +näher rückten. Aber zugleich wurde der Wind immer unerträglicher; das laute +Donnern, das hinter ihm herklang, nahm auch zu, und da wurden die Kinder +allmählich ängstlich. + +Plötzlich stieg der Gedanke in ihnen auf, das Donnern, das sie hörten, +könnte am Ende von Wellen herkommen, die sich mit wildem Schäumen am Ufer +brächen. Aber das war auch unmöglich, denn der See war ja noch ganz mit Eis +bedeckt. + +Trotzdem blieben sie stehen und sahen sich um. Weit drüben im Westen, dort +bei Björnö und Göksholmland erhob sich ein weißer Wall, der quer über das +Eis hinging. Sie glaubten zuerst, es sei eine Schneeschanze, die den Weg +entlang lief, aber bald erkannten sie, daß es der Schaum von Wellen war, +die gegen das Eis getrieben wurden. + +Als die Kinder das sahen, faßten sie sich bei den Händen und liefen, ohne +ein Wort zu sagen, so schnell als ihre Beine sie zu tragen vermochten, +davon. Dort drüben im Westen war der See offen, und sie meinten auch zu +sehen, wie der aufschäumende Rand gegen Osten vordrang. Sie wußten zwar +nicht, ob das Eis nun überall zugleich aufbrechen würde, oder was sonst +geschehen könnte, aber sie fühlten deutlich, daß sie in Gefahr waren. + +Auf einmal war es ihnen, als hebe sich das Eis gerade an der Stelle, über +die sie hinliefen. Ja, ja, es hob sich und senkte sich wieder, wie wenn +jemand von unten darangestoßen hätte. Gleich darauf ertönte ein dumpfer +Knall, dann liefen nach allen Seiten Sprünge über die Eisdecke hin, und die +Kinder sahen, wie diese Sprünge sich rasch nach allen Seiten weiter +ausdehnten. + +Jetzt wurde es einen Augenblick ganz still auf dem Eise; aber dann fühlten +die Kinder aufs neue, wie sich das Eis unter ihnen hob und senkte, und +darnach wurden die Sprünge zu Rissen, durch die Wasser heraussprudelte. Und +gleich darauf wurden die Risse zu klaffenden Spalten, die das Eis in große +Schollen zerteilten. + +»Åsa!« rief Klein-Mats. »Das ist gewiß der Eisgang!« + +»Ja, so ist es, Klein-Mats,« sagte Åsa. »Aber wir können das Land noch +erreichen. Lauf nur rasch weiter!« + +In Wirklichkeit hatten die Wellen und der Wind noch ein schweres Stück +Arbeit vor sich, bis das Eis von dem See weggeschafft sein konnte. Das +Schwierigste war zwar getan, als die Eisdecke zerbrochen war, aber alle +diese großen Schollen mußten noch zerkleinert und gegeneinander +geschleudert werden, bis sie ganz zertrümmert, zerrieben und aufgelöst +waren. Es gab noch eine Menge ganz hartes, festes Eis, das große, +unbeschädigte Flächen bildete. + +Die größte Gefahr für die Kinder lag aber darin, daß sie keinen Überblick +über das Eis hatten. Sie konnten nicht sehen, wie breit die Risse waren und +ob sie hinüberspringen könnten, und sie wußten auch nicht, welche +Eisschollen groß genug waren, sie zu tragen. So irrten sie ratlos hin und +her und gerieten dabei nur weiter auf den See hinaus, anstatt dem Lande +näher zu kommen. Schließlich wußten sie sich auf dem brechenden Eise gar +nicht mehr zu helfen; in höchster Angst blieben sie stehen und fingen an zu +weinen. + +Plötzlich flog eine Schar Wildgänse in sausender Eile über ihnen hin. Die +Gänse schnatterten überlaut, und zu ihrer höchsten Verwunderung hörten die +Kinder mitten aus dem Gänsegeschnatter heraus die Worte: »Ihr müßt nach +rechts gehen, nach rechts!« + +Die Kinder folgten hurtig dem Rat; aber es dauerte nicht lange, da standen +sie schon wieder ratlos vor einem breiten, klaffenden Spalt. + +Und wieder hörten sie die Gänse über sich schreien, und aus dem Geschnatter +heraus unterschieden sie die Worte: »Bleibt, wo ihr seid! Bleibt, wo ihr +seid!« + +Die Kinder sprachen kein Wort über das, was sie hörten, sie gehorchten nur +und blieben stehen. Gleich darauf glitten die Eisschollen wieder zusammen, +und sie konnten über den Riß hinüberspringen. Nun faßten sie einander +wieder an und rannten weiter. Sie hatten Angst, nicht allein vor der +Gefahr, sondern auch vor der Hilfe, die ihnen zuteil geworden war. + +Bald mußten sie wieder zweifelnd innehalten; aber sofort drang eine Stimme +zu ihnen herunter, die rief: »Geradeaus! Geradeaus! Geradeaus!« + +So ging es ungefähr eine halbe Stunde lang fort; da hatten die Kinder die +lange Lungerspitze erreicht und konnten von da ans Land waten. Man merkte +ihnen wohl an, wie groß ihre Angst gewesen war, denn als sie das Ufer +erreicht hatten, hielten sie nicht an, um den See noch einmal zu +betrachten, wo die Wellen jetzt ein immer wilderes Spiel mit den +Eisschollen trieben, sondern eilten nur immer weiter. Als sie aber eine +Strecke weit gegangen waren, machte Åsa plötzlich halt. »Warte hier ein +wenig, Klein-Mats,« sagte sie. »Ich hab etwas vergessen.« + +Damit ging sie wieder ans Ufer zurück. Hier suchte sie eifrig in ihrem Sack +und zog schließlich einen kleinen Holzschuh heraus; den stellte sie auf +einen Stein, wo er recht deutlich sichtbar war. Dann kehrte sie, ohne sich +auch nur ein einziges Mal umzusehen, zu Klein-Mats zurück. + +Sie hatte sich aber kaum umgedreht, als rasch wie der Blitz eine große, +weiße Gans aus der Luft herabsauste, den Holzschuh mit dem Schnabel packte +und ebenso rasch wieder hoch hinaufflog. + +[Illustration] + + + + +26 + +Die Teilung + + + Donnerstag, 28. April + +Nachdem die Wildgänse dem Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats über den +Hjälmarsee hinübergeholfen hatten, flogen sie gen Norden, bis sie +Westmanland erreichten. Hier ließen sie sich auf den großen Getreidefeldern +im Fellingsbroer Kirchspiel nieder, um auszuruhen und zu weiden. + +Der Junge war auch hungrig, schaute sich aber vergeblich nach etwas Eßbarem +um. Während er nun nach allen Seiten umherspähte, sah er auf dem nächsten +Feld zwei Männer hinter dem Pflug hergehen. Jetzt gerade ließen sie ihre +Pflüge stehen und setzten sich nieder, um ihren mitgenommenen Imbiß zu +verzehren. Rasch eilte der Junge hinter ihnen her und schlich sich ganz +nahe zu den beiden Männern hin. Wenn diese mit ihrer Mahlzeit fertig seien, +dachte er, fänden sich für so einen kleinen Knirps doch vielleicht noch ein +paar Brosamen oder eine Brotrinde. + +An dem Feld lief ein Pfad hin, und auf diesem kam ein alter Mann +dahergegangen. Als er die beiden Arbeiter erblickte, hielt er an, kletterte +über das Steinmäuerchen und trat zu ihnen. + +»Für mich ist es auch Zeit zum Frühstücken,« sagte er, nahm seinen Ranzen +ab und holte sein Butterbrot heraus. »Ich freue mich, daß ich mein +Frühstück nicht allein essen muß,« fuhr er fort. + +Bald war unter den dreien eine Unterhaltung im Gange, und die beiden +Pflüger erfuhren, daß der Fremde ein Grubenarbeiter aus dem Norberger +Bezirk war. Er arbeite jetzt nicht mehr, denn er sei zu alt, die +Grubenleitern herauf und hinunter zu klettern, aber er wohne noch in der +Nähe der Grube in einem kleinen Häuschen. Seine Tochter sei in Fellingsbro +verheiratet, und er sei eben zu Besuch bei ihr gewesen. Sie wolle, er solle +ganz zu ihr ziehen, aber dazu könne er sich nicht entschließen. + +»Es gefällt Euch also hier nicht so gut wie in Norberg?« fragte der eine +der Bauern mit einem leisen Lächeln, denn er wußte wohl, daß Fellingsbro +eines der größten und reichsten Kirchspiele in der ganzen Umgegend war. + +»Meint ihr, ich könnte es in so einer flachen Gegend aushalten?« erwiderte +der Alte mit einer abweisenden Handbewegung, wie wenn so etwas gar nicht +denkbar wäre. + +Und nun begannen die drei in aller Freundschaft sich darüber zu streiten, +wo es in Westmanland am schönsten sei. Der eine der Bauern war in +Fellingsbro geboren und lobte die Ebene sehr, der andre aber stammte aus +dem Weståser Bezirk, und er hielt die Ufer des Mälar mit seinen bewaldeten +Holmen und schönen Landzungen für den besten Teil dieses Landes. Aber der +Alte wollte sich durchaus nicht überzeugen lassen, und um den andern zu +beweisen, daß er recht habe, fragte er, ob er ihnen eine Geschichte +erzählen dürfe, die er in seiner eigenen Jugend von ganz alten Leuten +gehört hatte. + +»Hier in Westmanland,« so begann er, »wohnte in alten Zeiten eine betagte +Frau aus dem Riesengeschlecht, die sehr reich war, denn ihr gehörte das +ganze Land. Sie hatte natürlich alles, was sie sich nur wünschen konnte, +und doch drückte sie ein schwerer Kummer, denn sie wußte nicht, wie sie ihr +Besitztum zwischen ihre drei Söhne verteilen sollte. + +Das kam aber daher, daß sie die beiden ältesten Söhne nicht so lieb hatte +wie den jüngsten, der ihr Augapfel war. Diesem jüngsten wollte sie den +Löwenanteil an der Erbschaft zuwenden; zugleich aber hatte sie Angst, es +würde Streit und Zank zwischen den Brüdern entstehen, wenn sie die +Erbschaft nicht gleichmäßig unter sie verteilte. + +Eines Tages fühlte sich die alte Frau dem Tode nahe, und jetzt war keine +Zeit mehr zum Überlegen. Sie rief alle drei Söhne an ihr Lager und sprach +mit ihnen wegen der Erbschaft. + +>Ich habe mein Besitztum in drei Teile geteilt, zwischen denen ihr wählen +müßt,< sagte sie. >Zu dem ersten gehören die mit Eichen bestandenen Hügel +und bewaldeten Holme und blühenden Wiesen, und das alles habe ich um den +Mälar herum zusammengetan. Wer von euch diesen Teil erwählt, wird an den +Ufern eine gute Weide für Schafe und Kühe haben, und auf den Holmen findet +er Laub zum Winterfutter, wenn er nicht etwa Gartenbau dort treiben will. +An den Ufern ziehen sich eine Menge Buchten und Landzungen hin; es ist da +also reichlich Gelegenheit zur Beförderung der Erzeugnisse des Landes und +jeglicher Art von Verkehr. Wo sich die Flüsse in den See ergießen, lassen +sich gute Hafenplätze anlegen, und ich glaube, daß dort bald Dörfer und +Städte heranwachsen werden. Und an gutem Ackerboden wird es ihm auch nicht +fehlen, obgleich das Land so zerrissen daliegt. Es kann nur von Vorteil +sein, wenn die Söhne von Anfang an lernen, von einer Insel zur andern zu +ziehen; denn dadurch werden sie gute Seefahrer, die in fremde Länder reisen +können und von da große Reichtümer heimbringen. Ja, das ist also der erste +Teil. Was sagt ihr dazu?< + +Nun, alle Söhne stimmten miteinander überein, daß dies ein ausgezeichneter +Teil sei, und wer ihn bekomme, dürfe sich glücklich preisen. + +>Nein, an ihm ist nichts auszusetzen,< sagte die alte Frau aus dem +Riesengeschlecht, >und der zweite Teil ist nicht minder gut. Zu diesem hab +ich alles getan, was ich an ebenem Land und freiem Feld besitze. Da liegt +nun ein Acker neben dem andern, vom Mälar bis hinauf nach Dalarna. Wer +diesen Teil wählt, wird es sicher nicht bereuen. Er kann so viel Getreide +bauen, als er will, und große Güter anlegen, und weder er noch seine +Nachkommen brauchen sich wegen ihres Unterhalts graue Haare wachsen zu +lassen. Damit die Ebene nicht sumpfig wird, habe ich große Wasserläufe +durchgezogen, die bilden öfters Wasserfälle, wo Mühlen und Schmieden +errichtet werden können. Den Gräben entlang habe ich den Schutt hoch +aufgehäuft, da können leicht Wälder angepflanzt werden, aus denen Brennholz +gewonnen wird. Dies ist nun also der zweite Teil, und ich meine, wer den +bekommt, hätte alle Ursache, zufrieden zu sein.< + +Auch darin stimmten alle drei Söhne überein, und sie dankten der Mutter +sehr, weil sie alles so gut für sie eingerichtet habe. + +>Ja, ich habe mir alle Mühe gegeben, es so gut wie möglich zu machen,< fuhr +diese fort. >Aber jetzt komme ich zu dem Teil, der mir am meisten +Kopfzerbrechen gemacht hat. Denn seht, nachdem ich alle meine Haine und +meine Weiden und Waldhügel zu dem einen Teil, meine Äcker und fruchtbaren +Landstrecken aber zu dem andern getan hatte, merkte ich, daß mir von meinem +Besitztum nichts andres mehr übrig blieb, als die bergigen Fichten- und +Tannenwälder, die Berggipfel, die Gebirgsschluchten, die kahlen Felswände +und mageren Wacholdergebüsche, die ärmlichen Birkengruppen und kleinen +Seen. Dies alles zusammen wird nun natürlich keiner von euch haben wollen. +Trotzdem habe ich all dies kleine Zeug gesammelt und es im Norden und +Westen von dem ebenen Land aufgestellt; aber ich fürchte, wer diesen Teil +wählt, hat nichts als Armut in Aussicht. Er wird nichts als Schafe und +Geißen halten können, und um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, wird er +auf den Seen dem Fischfang, im Wald der Jagd obliegen müssen. Wasserfälle +und Stromschnellen sind freilich in Menge vorhanden, so daß er so viele +Mühlen bauen könnte, als er nur Lust hat; aber leider wird er nichts andres +zu mahlen haben, als die Rinde von seinen Bäumen. Und mit Bären und Wölfen +wird er wohl auch seine liebe Not haben, denn in dieser Wildnis werden sie +sich sicherlich heimisch fühlen. + +Ja, dies ist nun der dritte Teil. Ich weiß ja wohl, er läßt sich mit den +beiden andern nicht vergleichen, und wenn ich nicht schon so alt wäre, +hätte ich die Teilung noch einmal gemacht, aber das ist mir nicht möglich. +Und jetzt hab ich in meinem letzten Stündlein keine Ruhe, weil ich nicht +weiß, welchem von euch ich diesen schlechtesten Teil geben soll. Ihr seid +mir alle drei gute Söhne gewesen, und es bedrückt mich, daß ich gegen einen +von euch ungerecht sein soll.< + +Nachdem die alte Frau aus dem Riesengeschlecht ihren Söhnen die Sache also +dargelegt hatte, sah sie alle drei bekümmert an. Jetzt sagten sie nicht +mehr, wie bei den beiden ersten Malen, sie habe richtig geteilt und gut für +sie gesorgt. Schweigend standen sie da, und man konnte wohl merken, daß +der, so den letzten Teil erhielt, sehr unzufrieden sein würde. + +Ja, da lag nun die alte Mutter mit bangem Herzen, und die Söhne sahen, daß +sie schon im voraus Todesqualen erlitt, weil sie die Teile bestimmen mußte +und doch nicht wußte, welchen von den Söhnen sie unglücklich machen sollte, +indem sie ihm den schlechtesten Teil gab. + +Doch der jüngste von den dreien, der liebte seine Mutter am meisten, und er +konnte es nicht mit ansehen, wie sie sich abquälte. Deshalb sagte er: >Du +brauchst dir keinen Kummer über diese Sache zu machen, Mutter, leg dich +beruhigt nieder und scheide in Ruhe und Frieden aus diesem Leben. Gib den +schlechten Teil mir; ich werde mich schon durchschlagen, und wie es auch +gehen mag, ich werde mich nicht darüber grämen, wenn die andern es besser +haben als ich.< + +Sobald der jüngste Sohn dies gesagt hatte, beruhigte sich die Mutter; sie +dankte ihm innig und lobte ihn. Das Bestimmen der beiden andern Teile +machte ihr keinen Kummer, denn diese waren fast ganz gleich gut. + +Als nun alles geordnet war, dankte die Mutter dem Sohne noch einmal und +sagte, sie habe erwartet gehabt, daß gerade er ihr aus der Not helfen +werde. Zugleich sagte sie noch, wenn er nun in seine Einöde hinaufkomme, +solle er sich an die große Liebe erinnern, die sie immer für ihn gehabt +habe. + +Damit schloß sie die Augen und starb; und nachdem sie begraben war, ging +jeder von den Brüdern auf sein Erbteil, es in Augenschein zu nehmen. +Jawohl, die beiden ältesten konnten nicht anders, als höchst zufrieden mit +dem ihrigen sein. + +Der dritte aber wanderte hinauf in die Einöde, und da sah er, daß die +Mutter die Wahrheit gesprochen hatte: sein Teil bestand hauptsächlich aus +Felswänden und kleinen Seen. Aber er erkannte doch, mit welcher Liebe sie +dieses Erbteil für ihn hergerichtet hatte, denn es waren zwar nur ärmliche +Überreste, aber sie waren so gut zusammengestellt, daß das allerschönste +Land daraus geworden war. An vielen Stellen war es wild und unheimlich, +aber schön war es trotzdem. Dieser Anblick tat dem Sohne ordentlich wohl; +aber froh war er darum doch nicht. + +Allmählich jedoch machte er eine Entdeckung: er sah, daß der Felsengrund da +und dort ein merkwürdiges Aussehen hatte. Und als er genauer hinsah, war er +überall mit Erzadern durchzogen. Eisen war vorherrschend, außerdem fand +sich auch noch viel Silber und Kupfer auf seinem Eigentum. Jetzt ahnte der +Sohn, daß er größern Reichtum erhalten hatte als seine beiden Brüder, und +jetzt dämmerte ihm die Erkenntnis auf, was für eine Absicht seine Mutter +mit ihrer Erbteilung gehabt hatte.« + +[Illustration] + + + + +27 + +Im Bergwerkdistrikt + + + Donnerstag, 28. April + +Die Wildgänse hatten eine beschwerliche Reise. Es war ihre Absicht gewesen, +gleich nachdem sie gefrühstückt hätten, geradenwegs über Westmanland +hinzuziehen, aber der Westwind nahm zu und trieb sie anstatt nordwärts ganz +an die Grenze von Uppland. + +Sie flogen hoch droben, und der Wind jagte sie in größter Eile davon. Der +Junge schaute hinunter, um zu sehen, wie es in Westmanland beschaffen sei, +konnte aber nicht viel unterscheiden. Der östliche Teil dieser Landschaft +war flach und eben, das sah er deutlich, aber er konnte nicht begreifen, +was alle die Furchen und Striche bedeuteten, die von Norden nach Süden und +quer über die Ebene hinliefen. Das alles sah höchst wunderbar aus, denn +fast alle die Striche erstreckten sich beinahe schnurgerade und mit ganz +gleichem Zwischenraum. + +»Dieses Land ist ebenso gestreift wie die Schürze meiner Mutter,« sagte der +Junge. »Ich möchte nur wissen, was das für Streifen sind, die darüber +hinlaufen?« + +»Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!« antworteten die +Wildgänse. »Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!« + +Und das war wirklich wahr, denn als die Gänse ostwärts getrieben wurden, +kamen sie zuerst über den Hedstrom, der zwischen zwei Bergrücken fließt und +neben dem eine Eisenbahn hinläuft. Dann erreichten sie den Kolbäkfluß, der +auf seiner einen Seite eine Eisenbahn und auf der andern einen Bergrücken +hat, über den eine Landstraße führt. Hierauf kam der Svartå, der auch an +Bergen und Landstraßen hinfließt, dann der Lillå mit dem Badelundberg, und +schließlich der Sagå mit Straße und Eisenbahn auf seiner rechten Seite. + +»Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Wege gesehen, die alle von +einer Seite herkommen,« dachte der Junge. »Es müssen doch schrecklich viele +Waren von Norden her durch dieses Land hindurchgeführt werden.« + +Zugleich erschien ihm das aber sehr merkwürdig, denn der Junge glaubte, +gleich hinter Westmanland sei Schweden zu Ende. Was dann noch käme, könne +nicht viel andres sein als Wald und Einöde. + +Als der Wind die Wildgänse ganz bis zum Sagå hingetrieben hatte, mußte Akka +erkannt haben, daß sie wo anders hingekommen war, als sie beabsichtigt +hatte, denn hier drehte sie um, und die Schar arbeitete sich bei heftigem +Gegenwind zurück gegen Westen. Sie flogen also noch einmal über die +gestreifte Ebene und dann nach dem westlichen Teil der Landschaft, die aus +waldigem Hügelland bestand. + +Solange es über die Ebene hinging, hatte sich der Junge über den Hals des +Gänserichs gebeugt und hinabgeschaut, aber als sie die Ebene hinter sich +hatten, richtete er sich auf, um seine Augen ausruhen zu lassen, denn da, +wo die Erde mit Wald bedeckt ist, gab es selten etwas Besonderes zu sehen. + +Als sie jedoch eine Strecke über die Waldhügel hingeflogen waren, war es +dem Jungen plötzlich, als höre er drunten auf der Erde etwas knirschen und +ächzen. + +Da mußte er sich natürlich wieder vorbeugen und hinuntersehen. Die +Wildgänse flogen jetzt bei dem starken Gegenwind nicht besonders rasch, +deshalb konnte der Junge das Land unter sich sehr deutlich erkennen. Das +erste, was er sah, war ein schwarzes Loch, das senkrecht in die Erde +hineinging. Über dem Loch war von großen Balken ein Hebewerk errichtet, und +das Hebewerk holte unter Knirschen und Ächzen eben eine mit Felsstücken +beladene Tonne herauf. Ringsherum lagen große Steinhaufen; in einem +Schuppen zischte eine Dampfmaschine. Frauen und Kinder saßen in einem Kreis +auf dem Boden und sortierten die Steine. Auf einer kleinen Schienenbahn +rollten ein paar mit grauen Steinen beladene Wagen dahin, und am Waldessaum +lagen kleine Arbeiterwohnungen. + +Der Junge konnte nicht begreifen, was das sein sollte, und aus vollem Halse +rief er auf die Erde hinunter: »Was ist denn das für ein Ort, wo man so +viele Feldsteine aus der Erde heraufholt?« + +»Hört den Dumrian! Hört den Dumrian!« zwitscherten die Sperlinge, die hier +daheim waren und gut Bescheid wußten. »Er kann Eisenerz nicht von +Feldsteinen unterscheiden! Er kann Eisenerz nicht von Feldsteinen +unterscheiden!« + +Da erkannte der Junge, daß das, was er da unten sah, eine Grube war. Er war +ziemlich enttäuscht, denn er hatte geglaubt, eine Grube müßte auf einem +hohen Berg liegen, diese hier aber lag auf dem ebenen Boden zwischen zwei +Hügeln. + +Bald hatten die Wildgänse die Grube hinter sich; der Junge saß wieder +aufrecht und sah geradeaus, denn die Waldhügel und die Birkengehölze, die +da unter ihm lagen, hatte er schon gar so oft gesehen. Da drang plötzlich +eine starke Hitze von der Erde bis zu ihm herauf, und rasch mußte er sich +wieder vorbeugen, um zu sehen, woher sie käme. + +Unter ihm lagen große Haufen Kohlen und Erz, und zwischen diesen stand ein +hohes achteckiges, rotangestrichenes Gebäude, das eine ganze Flammengarbe +zum Himmel hinaufsandte. + +Zuerst konnte sich der Junge nichts andres denken, als daß da unten eine +Feuersbrunst ausgebrochen sei; aber als er sah, wie die Leute ruhig +umhergingen und sich nicht im geringsten um das Feuer kümmerten, da wußte +er gar nicht, was er daraus machen sollte. + +»Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn ein Haus +in Flammen steht?« rief er auf die Erde hinunter. + +»Trala! der hat Angst vor dem Feuer!« zwitscherten die Finken, die am +Waldrande nisteten und wohl wußten, was in ihrer Nachbarschaft vorging. »Er +weiß nicht, wie das Eisen aus dem Erz herausgeschmolzen wird. Er kann das +Feuer aus einem Schmelzofen nicht von einer Feuersbrunst unterscheiden!« + +Bald hatten die Wildgänse den Schmelzofen hinter sich, und der Junge +schaute, wieder aufrecht sitzend, geradeaus, weil er meinte, in dieser +Waldgegend sei nichts Besonderes zu sehen. + +Aber sie waren noch nicht weit gekommen, als aus der Tiefe der Erde ein +fürchterlicher Lärm und Spektakel zu ihm heraufdrang, und als er +hinunterschaute, fiel ihm zuerst ein Wasserfall auf, der über eine Felswand +hinunterstürzte. Neben dem Wasserfall stand ein großes Gebäude mit einem +schwarzen Dach und einem hohen Schornstein, der einen dicken mit Funken +vermischten Rauch ausstieß. Vor dem Gebäude lagen Eisenklumpen und +Eisenstangen und wirkliche kleine Berge von Kohlen. Der Boden war weit +umher ganz schwarz, und nach allen Seiten hin erstreckten sich schwarze +Pfade. Aus dem Gebäude heraus tönte ein unbeschreiblicher Lärm; es dröhnte +und donnerte ununterbrochen, und es war, als ob sich jemand mit gewaltigen +Schlägen gegen ein brüllendes wildes Tier zu verteidigen suchte. Aber +merkwürdigerweise kümmerte sich niemand um das, was hier vorging. Eine +Strecke weiterhin lagen Arbeiterwohnungen unter grünen Bäumen, und noch +etwas weiter ragte ein großer weißer Herrensitz auf. Auf den Stufen vor den +Arbeiterwohnungen spielten die Kinder seelenvergnügt, und in der Allee, die +zum Herrenhofe führte, gingen die Leute vollkommen beruhigt spazieren. + +»Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn die +Leute in dem Gebäude dort einander totschlagen?« rief der Junge hinunter. + +»Hak ak ak ak, der hat eine Ahnung! Hak ak ak ak!« lachte eine Elster. +»Dort wird niemand in Stücke gerissen. Das Eisen siedet und zischt, wenn es +unter den Hammer kommt.« + +Bald waren die Wildgänse auch über das Eisenwerk hinweggeflogen; der Junge +hatte sich abermals aufgerichtet und schaute geradeaus, denn er dachte, +jetzt sei hier im Walde gewiß nichts Besonderes mehr zu sehen. + +Nachdem sie eine Weile geflogen waren, hörte der Junge eine Glocke läuten, +und noch einmal mußte er sich vorbeugen, um zu sehen, woher der Klang käme. + +Da sah er unter sich einen Bauernhof, wie er noch nie einen gesehen hatte. +Das Wohnhaus war ein langes, rotangestrichenes, einstöckiges Gebäude; es +war nicht einmal übermäßig groß, aber was den Jungen in Verwunderung +setzte, waren die vielen großen, stattlichen Wirtschaftsgebäude, die +daneben lagen. Der Junge wußte ungefähr, wie viele Nebengebäude zu einem +Hofe gehörten, hier aber waren alle doppelt und dreifach vorhanden. So +einen Überfluß an Wirtschaftsgebäuden hätte er sich nie träumen lassen. Und +er konnte sich auch durchaus nicht denken, was darin aufbewahrt werden +sollte, denn in der Nähe des Hofes waren fast gar keine bebauten Felder. +Drinnen im Walde sah er wohl ein paar kleine Äcker; diese waren aber +einerseits so klein, daß man sie kaum Äcker nennen konnte, und andrerseits +stand auf jedem von ihnen schon eine Scheune, wo die zu erwartende Ernte +untergebracht werden konnte. + +Auf dem Stallgebäude hing die Vesperglocke in einem Türmchen, und das +Läuten dieser Glocke hatte der Junge vorhin vernommen. Eben ging der Bauer +mit seinen Knechten nach der Küche, und der Junge sah, daß er ein +zahlreiches stattliches Gesinde hatte. + +»Was sind das für Leute, die mitten im Walde, wo es doch kein Ackerland +gibt, so große Höfe bauen?« rief der Junge hinunter. + +Auf dem Misthaufen stand der Hofhahn, und er blieb die Antwort nicht +schuldig. + +»Kikeriki! Dies ist ein altes Bergwerk! Ein altes Bergwerk!« krähte er. +»Die Äcker liegen unter der Erde! Die Äcker liegen unter der Erde!« + +Jetzt verstand der Junge. Das war kein gewöhnliches Waldland, über das man +nur so hinfliegen durfte. Ringsum waren allerdings Wälder und Berge, diese +aber bargen unglaublich viel Merkwürdiges in ihrer Mitte. + +Er sah Grubenfelder, wo die Hebebäume am Umfallen waren, weil die Erde +durch Grubenlöcher schon ganz durchbohrt war, dann andre Grubenfelder, wo +noch immer gearbeitet wurde; von diesen dröhnten dumpfe Sprengschüsse bis +zu den Wildgänsen herauf, und in deren Nähe zogen sich die +Arbeiterwohnungen wie ganze Dörfer am Waldrande hin. Er sah auch alte +verlassene Schmiedewerkstätten, wo er durch die eingestürzten Dächer +hindurch auf riesige eisenbeschlagene Hammerstiele und plump gemauerte +Essen sehen konnte. Dann kamen wieder große Eisenwerke, wo so eifrig +gearbeitet und gehämmert wurde, daß die Erde erzitterte. Tief drinnen in +der Waldeinöde lagen still verborgen kleine Weiler, die aussahen, als +wüßten sie gar nichts von dem Gelärm um sie her. Dann sah er Luftbahnen, an +deren Drahtseilen die mit Erz beladenen Körbe lautlos hin und her glitten. +In allen Wasserfällen drehten sich klappernde Räder, elektrische Leitungen +führten durch den stillen Wald, und ungeheuer lange Eisenbahnzüge kamen +dahergerollt, Züge von sechzig bis siebzig mit Erz und Kohlen, mit +Eisenstangen und Stahldraht beladenen Wagen. + +Nachdem der Junge dies alles eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, konnte +er sich nicht länger zurückhalten. + +»Wie heißt denn dieses Land hier, wo nichts als Eisen wächst?« fragte er, +obgleich er jetzt wußte, daß die Vögel drunten ihn verspotten würden. + +Da fuhr ein alter Uhu, der in einer verlassenen Schmelzhütte eben ein +Schläfchen machte, aus dem Traume auf, streckte seinen runden Kopf heraus +und rief mit unheimlich krächzender Stimme: »Uhu, uhu, uhu! Das Land hier +heißt Bergwerkdistrikt! Wenn hier kein Eisen wüchse, würden bis zum +heutigen Tag nichts als Bären und Eulen hier wohnen.« + +[Illustration] + + + + +28 + +Der Eisenhammer + + + Donnerstag, 28. April + +Der heftige Westwind blies fast den ganzen Tag hindurch, während die +Wildgänse über den Bergwerkdistrikt hinflogen; und sobald sie sich gen +Norden wenden wollten, wurden sie wieder ostwärts getrieben. Aber Akka +glaubte, der Fuchs Smirre versuche ihnen durch den östlichen Teil des +Landes zu folgen, deshalb wollte sie nicht nach dieser Seite fliegen, und +so drehte sie einmal ums andre wieder um und arbeitete sich mühselig gen +Westen zurück. Auf diese Weise kamen die Wildgänse nur sehr langsam +vorwärts, und am Nachmittag waren sie noch immer im Bergwerkdistrikt von +Westmanland. Gegen Abend legte sich indes der Wind, und die ermatteten +Reisenden hofften vor Sonnenuntergang mit Leichtigkeit noch eine gute +Strecke zurücklegen zu können. Aber da fuhr plötzlich eine heftige +Windsbraut daher, die die Wildgänse wie Bälle vor sich hertrieb, und der +Junge, der ganz sorglos dasaß und an nichts Böses dachte, wurde unvermutet +von dem Gänserücken aufgehoben und in den weiten Luftraum +hinausgeschleudert. + +Der Junge war indes so klein und leicht, daß er bei dem heftigen Sturm +nicht geradeswegs auf die Erde hinunterfiel, sondern zuerst eine Strecke +weit mit dem Winde fortgetrieben wurde, dann erst sank er langsam und +flatternd hinunter, gerade wie ein Blatt, das von einem Baum herabwirbelt. + +»O das ist nicht gefährlich!« dachte der Junge noch im Fallen. »Ich sinke +so langsam auf den Boden hinunter, wie wenn ich ein Blatt Papier wäre. +Gänserich Martin wird schon heruntersausen und mich auflesen.« + +Als er unten auf der Erde angekommen war, riß er zuerst die Mütze vom Kopfe +und winkte mit ihr, damit der Gänserich sehen könnte, wo er war. »Hier bin +ich, wo bist du? Hier bin ich, wo bist du?« rief er und war fast erstaunt, +als der Gänserich Martin nicht schon neben ihm stand. + +Aber der große Weiße war nirgends zu sehen, und ebensowenig hob sich die +Schar der Wildgänse irgendwo vom Himmel ab. Sie waren spurlos verschwunden. + +Dies kam zwar dem Jungen etwas sonderbar vor, aber er beunruhigte sich +deshalb nicht. Es fiel ihm keinen Augenblick ein, Mutter Akka und der +Gänserich Martin könnten ihn im Stiche lassen. Er dachte, der heftige +Windstoß habe sie wohl mitgenommen, und sobald sie umdrehen könnten, würden +sie zurückkehren, ihn zu holen. + +Aber was war denn das? Wo befand er sich denn eigentlich? Zuerst hatte er +immer nur zum Himmel hinaufgeschaut, um die Wildgänse zu entdecken, aber +jetzt hatte er sich plötzlich umgesehen. Er war gar nicht auf die ebene +Erde hinabgefallen, sondern in eine tiefe, weite Bergschlucht, oder was es +sonst sein mochte. Es war ein Raum, so groß wie eine Kirche, mit fast +senkrechten Felswänden auf allen Seiten, ohne irgend ein Dach darüber. Auf +dem Boden lagen einige große Felsblöcke zerstreut, und zwischen diesen +wuchs Moos und Heidekraut und kleine, niedrige Birken. Da und dort waren an +den Felswänden hervorspringende Felsen, und von diesen hingen zerbrochene +Leitern herab. Auf der einen Seite gähnte ein tiefes Gewölbe, das aussah, +als ginge es weit, weit in den Berg hinein. + +Der Junge war nicht umsonst einen ganzen Tag lang über die vielen Bergwerke +hingeflogen. Er erriet gleich, daß diese große Schlucht von Menschen +geschaffen worden war, die in alten Zeiten hier Erz aus dem Gebirge +gebrochen hatten. »Ich muß gleich versuchen, ob ich hinaufklettern kann,« +dachte er, »denn sonst finden mich meine Reisekameraden am Ende nicht +mehr.« + +Er wollte gerade an die Felswand herangehen, als er sich von hinten +angefaßt fühlte und eine rauhe Stimme vernahm, die ihm ins Ohr brummte: +»Was bist denn du für ein Geschöpf?« + +Rasch wendete sich der Junge um, und in der ersten Bestürzung glaubte er +einem großen, mit langem braunem Moos bedeckten Felsblock gegenüber zu +stehen; aber dann sah er, daß der Felsblock breite Füße, einen Kopf, Augen +und ein großes brummendes Maul hatte. + +Der Junge brachte kein Wort heraus, und das große Tier schien auch gar +keine Antwort zu erwarten. Es warf den kleinen Wicht um, rollte ihn mit der +Tatze hin und her und schnupperte an ihm herum. Es sah aus, als wollte es +den Jungen im nächsten Augenblick verschlingen, doch da schien es sich +anders zu besinnen und rief: »Murre und Brumme, kommt, kommt! Hier ist ein +guter Bissen für euch!« + +Augenblicklich kamen zwei zottelige Junge dahergetrottet, die noch unsicher +auf den Beinen waren und eine ganz weiche Haut wie junge Hunde hatten. + +»Was hast du denn gefunden, Bärenmutter? Dürfen wir es sehen?« riefen die +Jungen. + +»Na, da bin ich also unter die Bären geraten,« dachte der Junge. »Ja, nun +kann sich Smirre wohl die Mühe sparen, noch länger hinter mir herzujagen.« + +Mit ihrer Schnauze schob die Bärenmutter den Fund ihren Jungen zu; das eine +packte ihn auch sogleich mit dem Maule und lief mit ihm davon. Aber es biß +nicht hart zu, denn es war ausgelassen und wollte erst eine Weile mit dem +Däumling spielen, ehe es ihn umbrächte. Das zweite Junge lief hinter dem +ersten her, ihm das Spielzeug abzujagen; es humpelte und trottete aber so +schwerfällig daher, daß es seinem Bruder, der den Jungen in der Schnauze +hatte, gerade auf den Kopf fiel. Und dann wälzten sich die beiden +übereinander, bissen und balgten sich und brummten dazu. + +Während die beiden jungen Bären so beschäftigt waren, gelang es dem Jungen +zu entwischen; er rannte hurtig zu der Felswand hin und begann +hinaufzuklettern. + +Aber die beiden Bärenjungen stürzten hinter ihm her, kletterten rasch und +behende die Wand hinauf, holten den Jungen ein und warfen ihn wie einen +Ball aufs Moos hinunter. + +»Nun weiß ich doch, wie es einem armen Mäuschen zumute sein muß, wenn es in +die Krallen einer Katze geraten ist,« dachte der Junge. + +Noch mehrere Male versuchte er zu entwischen; er lief weit in den alten +Grubengang hinein, verbarg sich hinter Steinblöcken und kletterte auf die +Birken hinauf; aber wo er sich auch zu verstecken suchte, die jungen Bären +fanden ihn überall. Und sobald sie ihn gefangen hatten, ließen sie ihn +wieder los, damit er aufs neue entfliehen sollte und sie ihn abermals +einfangen könnten. + +Schließlich war der Junge so müde und der ganzen Geschichte so überdrüssig, +daß er sich platt auf den Boden warf. »Lauf, lauf!« brummten die jungen +Bären. »Sonst fressen wir dich!« + +»Ja, tut es nur,« sagte der Junge, »ich kann nicht mehr laufen.« + +Rasch liefen die beiden Jungen zu der Bärenmutter hin. »Bärenmutter, +Bärenmutter!« klagten sie. »Er will nicht mehr spielen!« + +»Nun, dann nehmt ihn und verteilt ihn unter euch,« sagte die Bärenmutter. +Aber als der Junge das hörte, erschrak er so sehr, daß er das Spiel +sogleich wieder aufnahm. + +Als es Schlafenzeit war und die Bärenmutter ihre Jungen herbeirief, damit +sie sich dicht neben ihr niederlegen sollten, waren sie so vergnügt +gewesen, daß sie sich am nächsten Tag an demselben Spiel ergötzen wollten. +Sie nahmen den Jungen mit, legten ihre Tatzen auf ihn; so konnte er sich +nicht rühren, ohne daß sie erwachten. Sie schliefen auch gleich ein, und +der Junge dachte, er werde nach einer Weile einen Versuch machen können, +sich davonzuschleichen. Aber der arme Kerl war in seinem ganzen Leben noch +nie so hin und her geworfen und gerollt, noch nie so herumgejagt und wie +ein Kreisel herumgedreht worden, er war todmüde und schlief deshalb auch +gleich ein. + +Nach einer Weile kam auch der Bärenvater nach Hause. Er kletterte die +Felswand herunter, und der Junge erwachte von dem Gerassel der +herabrollenden Steine, als der Alte sich in die Grube hinuntergleiten ließ. +Er war ein furchtbar großer Bär mit gewaltigen Gliedmaßen, einem riesigen +Rachen, großen, blendendweißen Eckzähnen und kleinen, boshaften Augen. Dem +Jungen lief unwillkürlich ein kalter Schauder den Rücken hinab, als er +diesen alten Waldkönig erblickte. + +»Es riecht hier nach Menschen!« sagte der Bärenvater, gleich als er bei der +Bärin angekommen war, und dabei stieß er ein dröhnendes Brummen aus. + +»Wie kannst du dir so etwas Dummes einbilden,« erwiderte die Bärin und +blieb ganz ruhig auf ihrem Platze liegen. »Es ist zwar ausgemacht, daß wir +den Menschen keinen Schaden mehr zufügen; aber wenn einer hierherkäme, wo +ich und die Jungen unsern Aufenthaltsort haben, dann wäre bald nicht mehr +so viel von ihm übrig, daß du es riechen könntest.« + +Der Bärenvater legte sich neben der Bärin nieder; er schien aber mit der +Antwort, die sie ihm gegeben hatte, nicht recht zufrieden zu sein, denn er +schnupperte und witterte immer wieder von neuem. + +»Hör doch auf mit diesem Geschnupper!« sagte die Bärenmutter. »Nachgerade +solltest du mich doch so gut kennen, daß ich den Jungen niemand nahe kommen +lasse, der ihnen etwas zuleide tun könnte. Erzähl mir lieber, was du getan +hast, denn ich habe dich ja seit acht Tagen nicht mehr gesehen.« + +»Ich habe mich nach einer andern Wohnung für uns umgesehen,« begann der +Bärenvater. »Zuerst ging ich nach Wärmland hinein, um von den Verwandten in +Nyskoge zu hören, wie es ihnen ginge. Aber diese Mühe hätte ich mir sparen +können, denn sie sind gar nicht mehr dort. In dem ganzen Wald ist nicht +eine einzige Bärenhöhle mehr bewohnt.« + +»Ich glaube, die Menschen wollen den ganzen Wald für sich allein haben,« +erwiderte die Bärin. »Selbst wenn wir sie mitsamt ihrem Vieh ganz in +Frieden lassen und uns von nichts als von Preiselbeeren, Ameisen und +Kräutern nähren, dürfen wir nicht im Walde bleiben. Ich möchte wissen, wo +wir eigentlich hin sollen, um einen sichern Aufenthaltsort zu finden.« + +»Hier in dieser Grube ist es uns freilich seit Jahren ausgezeichnet +gegangen,« sagte der Bärenvater. »Aber seit das große Klopfwerk dicht neben +uns errichtet worden ist, kann ich es eben hier nicht mehr aushalten. +Schließlich habe ich mich dann noch östlich vom Dalälf, in der Nähe von +Garpenberg umgesehen. Dort gibt es auch noch viele Grubenlöcher und andre +gute Schlupfwinkel, und es kam mir vor, als könnte man dort ziemlich sicher +vor den Menschen sein ...« + +In dem Augenblick, wo der Bärenvater dies sagte, richtete er sich auf und +fing wieder an zu schnuppern. »Es ist doch merkwürdig, sobald ich von +Menschen spreche, steigt mir dieser Geruch wieder in die Nase,« sagte er. + +»Dann geh und sieh selber nach, wenn du mir nicht glaubst,« sagte die +Bärin. »Ich möchte wohl wissen, wo hier ein Mensch verborgen sein sollte?« + +Schnuppernd ging der Bär in der Höhle umher. Schließlich kehrte er +unverrichteter Sache zu der Bärenmutter zurück und legte sich neben ihr +nieder. + +»Hab ich nicht recht gehabt?« fragte sie. »Aber du meinst natürlich, außer +dir habe niemand Augen und Ohren.« + +»Bei der Nachbarschaft, die wir haben, kann man nie vorsichtig genug sein,« +sagte der Bär ruhig. Aber plötzlich fuhr er mit großem Gebrüll empor: +Unglücklicherweise hatte einer von den jungen Bären seine Tatze auf Nils +Holgerssons Gesicht hingeschoben, dies hatte dem Jungen den Atem benommen, +und er hatte niesen müssen. + +Jetzt konnte die Bärin den alten Bären nicht mehr beschwichtigen. Ein +Junges flog nach rechts, das andre nach links, und dann sah er Nils +Holgersson, ehe dieser sich aufrichten konnte. + +Und er hätte ihn auch mit einem Happ hinuntergeschluckt, wenn sich die +Bärenmutter nicht ins Mittel gelegt hätte. »Rühr ihn nicht an! Das ist den +Jungen ihr Spielzeug. Sie sind den ganzen Abend so vergnügt mit ihm +gewesen, daß sie ihn nicht aufaßen, sondern für morgen früh aufgehoben +haben.« + +Aber der Bär stieß die Bärin weg. »Mische dich nicht in das, was du nicht +verstehst!« brummte er. »Merkst du denn nicht, daß es schon von weitem nach +Menschen riecht? Sogleich werde ich ihn fressen, sonst spielt er uns irgend +einen schlimmen Streich.« + +Wieder sperrte er das Maul auf. Indessen aber hatte der Junge ein wenig +nachdenken können, und dann hatte er in aller Eile seine Zündhölzer aus +seinem Ränzel herausgerissen -- das war das einzige Verteidigungsmittel, +das er hatte. Er rieb eins an seinen Lederhosen an und steckte dem Bären +das brennende Streichholz in den Rachen. + +Der Bär fauchte, als ihm der Schwefelgeruch in die Nase stieg, und damit +war die Flamme gelöscht. Der Junge hielt schon ein zweites Zündholz bereit, +aber merkwürdigerweise griff ihn der Bär nicht wieder an. + +»Kannst du viele solche blaue Blumen anzünden?« fragte der Bär. + +»So viele, daß ich den Wald einäschern könnte,« antwortete der Junge, denn +er glaubte, er könne den Bären dadurch in Angst versetzen. + +»Könntest du vielleicht ein Haus oder einen ganzen Hof anzünden?« fragte +der Bär. + +»Das wäre keine Kunst für mich,« prahlte der Junge, in der Hoffnung, sich +bei dem Bären in Respekt zu setzen. + +»Das ist gut,« sagte der Bär. »Dann mußt du mir einen Dienst leisten. Jetzt +bin ich froh, daß ich dich nicht aufgefressen habe.« + +Damit nahm der Bärenvater den Jungen ganz sachte und vorsichtig zwischen +die Zähne und begann mit ihm die Felswand hinaufzuklettern. Es ging +unbegreiflich leicht und hurtig, obgleich der Bär so groß und schwer war, +und sobald er oben angekommen war, rannte er eiligst in den Wald hinein. +Auch hier ging es rasch vorwärts; es war klar, der Bär war wie dazu +geschaffen, sich einen Weg durch dichte Wälder hindurch zu bahnen. Sein +plumper Körper schob sich durchs Gestrüpp hindurch, wie ein Boot durch das +Röhricht im Wasser hindurchgleitet. + +»Sieh dir nun das große Klopfwerk dort unten an,« sagte der Bär zu dem +Jungen. + +Der große Eisenhammer mit seinen vielen mächtigen Gebäuden lag am Rande +eines Wasserfalls. Riesige Schornsteine sandten schwarze Rauchwolken empor, +die Feuer der Schmelzöfen züngelten hell auf, alle Fenster und Luken waren +erleuchtet. Da drinnen waren die Hämmer und Walzwerke im Gang, und es wurde +mit voller Kraft gearbeitet, daß einem von dem Gerassel und Gedröhne die +Ohren gellten. Rings um die Werkstätten herum lagen ungeheure Kohlenställe, +große Schlackenhaufen, Packhäuser, Bretterstapel und Werkzeugschuppen. Eine +kleine Strecke davon befanden sich lange Reihen von Arbeiterwohnungen, +schöne Villen, Schulhäuser, Vereinshäuser und Kaufläden. Aber dort war +alles still und wie eingeschlafen. Der Junge sah nicht dorthin, er hatte +nur Augen für den Eisenhammer. Der Boden ringsumher war kohlschwarz, der +Himmel wölbte sich herrlich dunkelblau über den aus den Schmelzöfen +herausschlagenden Flammen, der Wasserfall rauschte weißschäumend herunter, +die Gebäude selbst standen riesengroß da und stießen Licht und Rauch und +Feuer und Funken heraus. Es war das großartigste Bild, das der Junge jemals +gesehen hatte. + +»Du willst doch wohl nicht behaupten, daß du so ein großes Gebäude in Brand +stecken könntest?« fragte der Bärenvater. + +Da war nun der Junge zwischen den Bärentatzen eingeklemmt, und er war +überzeugt, wenn er überhaupt mit dem Leben davonkommen sollte, mußte er dem +Bären Respekt vor seiner Geschicklichkeit beibringen. »Ein großes oder +kleines Gebäude, das ist mir ganz einerlei,« sagte er deshalb. »Ich kann es +gut in Brand stecken.« + +»Dann will ich dir etwas sagen,« fuhr der Bär fort. »Meine Vorfahren haben +von der Zeit an, wo der Wald hier heranwuchs, in dieser Gegend gewohnt. Ich +habe das Jagdgebiet und die Weideplätze, die Höhlen und Schlupfwinkel von +ihnen geerbt und mein ganzes Leben lang in Ruhe und Frieden hier gewohnt. +Im Anfang störten mich die Menschen nur wenig. Sie kamen daher, hackten an +den Bergen herum, holten etwas Erz heraus und bauten am Wasserfall einen +Eisenhammer und einen Schmelzofen. Der Hammer dröhnte nur ein paarmal am +Tage, der Schmelzofen wurde nie länger als ein paar Mondwechsel lang +geheizt, und darein konnte ich mich schon finden. Aber seit die Menschen +vor einigen Jahren dieses Klopfwerk da errichtet haben, das Tag und Nacht +hindurch gleichmäßig weitergeht, kann ich es nicht mehr aushalten. Früher +waren nur ein Fabrikdirektor und einige Schmiede da, aber jetzt sind eine +Unmenge Leute hier, und ich bin nie mehr sicher vor ihnen. Ich glaubte +schon, ich müßte fortziehen, aber jetzt hab ich etwas Besseres +herausgefunden.« + +Der Junge überlegte, was der Bärenvater wohl ausgeheckt habe; aber er hatte +keine Zeit mehr, zu fragen, denn jetzt nahm ihn der Bär wieder zwischen die +Zähne und trottete mit ihm dem Hügel zu. Der Junge konnte nichts sehen; +aber an dem zunehmenden Getöse erriet er, daß sie sich dem Eisenhammer +näherten. + +Der Bärenvater kannte den Eisenhammer genau. In dunkeln Nächten war er oft +herumgestreift und hatte beobachtet, was da drinnen vorging, und sich +gefragt, ob man denn niemals mit der Arbeit aussetze. Er hatte mit den +Tatzen an den Mauern zu rütteln versucht und nur gewünscht, so stark zu +sein, daß er das ganze Gebäude mit einem Schlage zerschmettern könnte. + +Der Bär war von dem schwarzen Boden nicht leicht zu unterscheiden, und wenn +er sich überdies im Schatten der Mauern hielt, schwebte er nicht gerade in +Gefahr, entdeckt zu werden. Jetzt ging er ohne Furcht zwischen die +Werkstätten hinein und kletterte auf einen Schlackenhaufen; hier stellte er +sich auf die Hinterbeine, nahm den Jungen zwischen die Vorderbeine und hob +ihn in die Höhe. »Probiere, ob du in das Haus hineinsehen kannst!« sagte +er. + +In dem Eisenhammer waren sie gerade beim Bessemerblasen. Oben an der Decke +hing eine große schwarze, runde, mit geschmolzenem Eisen gefüllte Kugel; in +diese wurde ein starker Luftstrom hineingepreßt. Und als diese Luft mit +furchtbarem Getöse in die Eisenmasse hineindrang, stob ein ganzer +Funkenschwall heraus. In Strahlen, in Garben, in langen Dolden fuhren die +Funken empor. Sie hatten die verschiedensten Farben, waren groß und klein, +brachen sich an der Wand und flogen in dem ganzen Saale herum. Der +Bärenvater ließ den Jungen das prächtige Schauspiel genießen, bis die Leute +mit dem Blasen fertig waren und der rote flüssige, schönglänzende Stahl aus +der runden Kugel heraus in ein paar Gefäße floß. Dem Jungen kam alles, was +er da sah, wundervoll vor; er war ganz hingerissen davon und hatte fast +vergessen, daß er zwischen zwei Bärentatzen gefangen saß. + +Jetzt ließ der Bärenvater den Jungen auch in das Walzwerk hineinsehen. Ein +Arbeiter nahm eben ein kurzes, dickes Stück Eisen aus dem Ofen heraus und +legte es dann unter eine Walze. Als die Eisenstange unter der Walze wieder +hervorkam, war sie zusammengepreßt und in die Länge gezogen. Rasch ergriff +sie ein andrer Arbeiter und steckte sie unter eine härtere Walze, die sie +noch länger und dünner preßte. So ging es von Walze zu Walze; die +Eisenstange wurde gestreckt und gezogen und schlängelte sich schließlich +als ein mehrere Meter langer rotglühender Draht am Boden hin. Aber während +das erste Stück Eisen also gepreßt wurde, hatten die Arbeiter ein zweites +aus dem Ofen herausgenommen und unter die Walzen gelegt, und nachdem dieses +halbwegs fertig war, holten sie ein drittes. Unaufhörlich schlängelten sich +neue rotglühende Drähte wie zischende Schlangen auf dem Boden hin. Dem +Jungen gefiel dies alles außerordentlich gut; aber noch besser gefielen ihm +die Arbeiter, die leicht und behende die glühenden Stangen mit ihren Zangen +packten und sie unter die Walzen hinunterzwangen. Wie spielend hantierten +sie da mit dem glühenden Eisen. »Das ist eine richtige Mannesarbeit, das +muß ich sagen,« flüsterte der Junge vor sich hin. + +Jetzt ließ der Bär den Jungen auch in die Schmelzhütte und in die +Eisenschmiede hineinsehen; da sperrte er vor Verwunderung Mund und Nase +auf. »Diese Leute haben keine Angst vor Hitze und Flammen,« dachte er. +Schwarz und rußig waren sie auch, und sie kamen ihm wie eine Art +Feuermenschen vor, weil sie imstande waren, das Eisen nach Belieben zu +biegen und zu formen. Er konnte sich gar nicht denken, daß gewöhnliche +Menschen wirklich solche Macht hätten. + +»So geht es da drinnen Tag um Tag, Nacht um Nacht weiter,« klagte der Bär +und legte sich auf den Boden. »Nein, es ist auf die Dauer nicht zum +Aushalten, das wirst du begreifen. Deshalb bin ich goldfroh, daß ich der +Sache jetzt ein Ende machen kann.« + +»So, das könnt Ihr,« fragte der Junge. »Wie wollt Ihr denn das anfangen?« + +»Nun, ich meine, du sollst die Gebäude hier in Brand stecken,« sagte der +Bär. »Dann bekäme ich Ruhe vor dem ewigen Spektakel und könnte in meiner +alten Heimat verbleiben.« + +Dem Jungen lief es eiskalt den Rücken hinunter. Also deshalb hatte der +Bärenvater ihn hierhergebracht! + +»Wenn du das Klopfwerk anzündest, dann schenke ich dir das Leben, wenn du +aber nicht tust, was ich will, wird es bald aus mit dir sein.« + +Die großen Werkstätten hatten dicke Backsteinmauern, und der Junge dachte, +der Bärenvater habe gut befehlen, das Gehorchen sei ihm von selbst +unmöglich gemacht. Im nächsten Augenblick jedoch erkannte er, daß es +vielleicht doch nicht so ganz unmöglich wäre. Dicht neben ihnen lag ein +Haufen Stroh und Hobelspäne, die er leicht anzünden konnte; neben den +Spänen ragte ein Stapel Bretter auf, und die Bretter reichten bis dicht an +einen großen Kohlenschuppen heran. Der Kohlenschuppen stieß an die +Werkstätten; und wenn diese in Brand gerieten, griff das Feuer bald auf das +Dach des Eisenhammers hinüber. Alles, was brennen konnte, fing dann Feuer, +die Mauern barsten vor Hitze, und die Maschinen würden vollständig +zerstört. + +»Nun, willst du, oder willst du nicht?« fragte der Bär. + +Der Junge wußte, daß er sofort nein sagen sollte; aber er wußte auch, daß +ihn dann die Bärentatzen, die ihn noch immer festhielten, mit einem +einzigen Griff zerdrückten. Deshalb sagte er: »Ich muß es mir zuerst etwas +überlegen.« + +»Nun, so tu es,« brummte der Bär. »Aber ich will dir noch etwas sagen. Das +Eisen ist es, das den Menschen eine solche Macht über uns Bären verliehen +hat, und auch aus diesem Grunde will ich der Arbeit hier ein Ende gemacht +haben.« + +Der Junge wollte die Bedenkzeit benützen, um irgend etwas herauszufinden, +wodurch er entwischen könnte; aber er war so von Angst überwältigt, daß er +gar nicht Herr über seine Gedanken werden konnte, sondern nur immer daran +denken mußte, welche große Hilfe das Eisen doch für die Menschen sei. Sie +brauchten ja das Eisen zu allem. Aus Eisen bestand die Pflugschar, die das +Feld umpflügte, aus Eisen die Axt, die das Haus baute, aus Eisen die Sense, +die das Getreide schnitt, aus Eisen das Messer, das zu allem möglichen +gebraucht wurde. Aus Eisen bestand der Zaum, der das Pferd lenkte, das +Schloß, das die Tür verschloß, die Nägel, die die Möbel zusammenhielten, +die Platten, die das Dach deckten. Das Gewehr, das die wilden Tiere +ausgerottet hatte, war aus Eisen, und ebenso der Pickel, der in der Grube +das Erz heraushackte. Eisen bekleidete die Kriegsschiffe, die der Junge in +Karlskrona gesehen hatte, auf Eisenschienen rollten die Lokomotiven durchs +Land; aus Eisen bestand die Nadel, die das Kleid nähte, die Schere, die die +Schafe schor, der Topf, in dem das Essen gekocht wurde. Das Große und das +Kleine, alles, was nützlich und unentbehrlich war, bestand aus Eisen. Ja, +der Bärenvater hatte ganz recht, das Eisen war es, das den Menschen die +Übermacht über die Bären gegeben hatte. + +»Nun, willst du, oder willst du nicht?« fragte der Bär noch einmal. + +Der Junge fuhr auf. Da hatte er nun an vollständig unnötige Sachen gedacht +und noch nichts herausgefunden, was ihn retten könnte. + +»Seid doch nicht so ungeduldig,« sagte er. »Dies ist eine sehr wichtige +Sache für mich, und ich muß ordentlich Zeit zum Überlegen haben.« + +»Nun, dann überleg dirs noch eine Weile,« sagte der Bärenvater. »Aber das +will ich noch sagen: das Eisen ist schuld daran, daß die Menschen soviel +klüger geworden sind als wir Bären, und gerade deshalb möchte ich der +Arbeit hier ein Ende machen.« + +Als der Junge diese neue Bedenkzeit gewonnen hatte, wollte er sie zum +Entwerfen eines Rettungsplanes anwenden. Aber er konnte und konnte in +dieser Nacht seine Gedanken nicht zusammenhalten, sie beschäftigten sich +immer wieder mit dem Eisen. Da ging ihm allmählich ein helles Licht darüber +auf, was die Menschen hatten alles denken und ausklügeln müssen, bis sie +herausgebracht hatten, wie sie das Eisen aus dem Erz herausschmelzen +könnten; und er sah plötzlich ganz deutlich die alten schwarzen Schmiede +vor sich, die sich über die Esse beugten und darüber nachgrübelten, wie sie +die Sache richtig angreifen müßten. Und vielleicht gerade deshalb, weil sie +so lange hatten darüber nachgrübeln müssen, war den Menschen der Verstand +gewachsen, daß sie schließlich so große Fabriken hatten bauen können. Ja, +ja, darüber konnte kein Zweifel herrschen, die Menschen verdankten dem +Eisen mehr, als sie sich selbst bewußt waren. + +»Nun, wie stehts?« fragte der Bärenvater. »Willst du, oder willst du +nicht?« + +Der Junge fuhr zusammen. Noch immer nahmen ihn unnötige Gedanken gefangen, +obgleich er nicht wußte, was er tun sollte, um zu entwischen! »Die Wahl ist +gar nicht so leicht, wie Ihr meint,« sagte er. »Gebt mir noch ein wenig +Bedenkzeit, Bärenvater.« + +»Eine kleine Weile will ich noch warten,« sagte der Bär. »Aber dann gibts +keine Ausflucht mehr. Ich sage dir, dem Eisen allein verdanken es die +Menschen, daß sie hier im Bärenland wohnen können, und eben deshalb will +ich ihnen die Fabrik hier zerstören.« + +»Diese letzte Bedenkzeit will ich mir aber nun zunutze machen,« dachte der +Junge. Doch ängstlich und verwirrt, wie er war, konnte er durchaus nicht +Herr über seine Gedanken werden, und diese beschäftigten sich jetzt mit +allem, was er gesehen hatte, während er auf dem Rücken des Gänserichs über +den Bergwerkdistrikt hingeflogen war. Ja, ja, es war merkwürdig, wie viel +Leben und Bewegung und wie viel nützliche Arbeit in der Wildnis erstanden +war! Wie arm und öde wäre es doch da, wenn es kein Eisen gäbe! Der Junge +dachte an den Eisenhammer hier, der, seit er gebaut worden war, so vielen +Menschen ihr tägliches Brot gab, der so viele von Menschen bewohnte Häuser +um sich versammelt und Eisenbahnen und Telegraphendrähte herbeigezogen +hatte, und der in die Welt hinaus ... + +»Nun, wie stehts?« fragte der Bär. »Willst du, oder willst du nicht?« + +Der Junge fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Keinerlei Rettung hatte er +sich ausgedacht; aber so viel wußte er, daß er nichts gegen das Eisen +unternehmen würde, gegen das Eisen, dem reich und arm so viel verdankte und +das so vielen Menschen in diesem Land das tägliche Brot gab. + +»Ich will nicht,« sagte der Junge. + +Ohne etwas zu sagen, drückte der Bärenvater seine Tatzen fester zusammen. + +»Ihr werdet mich nie dazu bringen, den Eisenhammer zu zerstören,« sagte der +Junge. »Denn das Eisen ist ein großer Segen, und es wäre unrecht, sich +daran zu vergreifen.« + +»Dann erwartest du wohl auch nicht, daß ich dich am Leben lasse?« fragte +der Bär. + +»Nein, das erwarte ich nicht,« antwortete der Junge und sah dem Bären fest +in die Augen. + +Der Bärenvater drückte die Tatzen immer fester zusammen. Es tat sehr weh, +und dem Jungen traten die Tränen in die Augen; aber er schwieg und sagte +kein Wort. + +»Gut! Eins, zwei, dr..!« sagte der Bär und hob langsam die eine Tatze, denn +er hoffte bis zuletzt, der Junge werde nachgeben. + +In diesem Augenblick hörte der Junge ganz in der Nähe etwas knacken, und +nur ein paar Schritte entfernt sah er einen glänzenden Gewehrlauf blitzen. +Er und der Bärenvater waren beide vollständig mit sich selbst beschäftigt +gewesen und hatten deshalb gar nicht gemerkt, daß sich ein Mensch bis dicht +zu ihnen herangeschlichen hatte. + +»Bärenvater!« schrie der Junge. »Hört Ihr nichts? Es hat jemand einen Hahn +gespannt! Flieht, flieht, sonst werdet Ihr erschossen!« + +Wie der Blitz sprang der Bär auf, fand aber doch noch Zeit, den Jungen +mitzunehmen. Ein paar Schüsse knallten hinter ihm her, und die Kugeln +pfiffen ihm um die Ohren, trafen ihn aber nicht. + +Während der Junge nun so im Maule des Bären hing, dachte er, so dumm wie in +dieser Nacht sei er doch noch nie gewesen. Wenn er nur geschwiegen hätte, +dann wäre der Bär erschossen worden, und er hätte entwischen können. Aber +er hatte sich so daran gewöhnt, den Tieren zu helfen, daß er es ganz +unwillkürlich tat. + +Als der Bär ein Stück weit in den Wald hineingelaufen war, blieb er stehen +und stellte den Jungen auf den Boden. »Ich danke dir, Kleiner,« sagte er. +»Wenn du nicht gewesen wärest, hätten die Kugeln sicher besser getroffen. +Und nun will ich dir einen Gegendienst leisten. Wenn du je wieder mit einem +Bären zusammentriffst, dann sage nur das zu ihm, was ich dir jetzt ins Ohr +flüstere, und dann wird er dich nicht anrühren.« + +Hierauf sagte der Bärenvater dem Jungen ganz leise ein paar Worte ins Ohr +und trottete dann eiligst davon, denn er glaubte zu hören, daß die Hunde +und Jäger ihn verfolgten. + +Der Junge aber stand allein im Walde, frei und unverletzt, und konnte +selbst kaum glauben, daß es so war. + + * * * * * + +Die Wildgänse waren den ganzen Abend immerfort hin und her geflogen, hatten +gespäht und gerufen, aber keinen Däumling finden können. Sie suchten auch +noch weiter, nachdem schon die Sonne untergegangen war, und als es so +dunkel wurde, daß es Schlafenszeit für sie war, fühlten sich alle sehr +niedergedrückt. Sie glaubten, der Junge sei beim Hinunterfallen verunglückt +und liege nun irgendwo tot im Waldgestrüpp, wo sie ihn nicht sehen könnten. + +Aber am nächsten Morgen, als die Sonne das Gesicht über die Berge erhob und +die Gänse weckte, siehe! da lag der Junge wie gewöhnlich ruhig schlafend +mitten unter ihnen, und als er erwachte und ihr verwundertes Geschrei und +Geschnatter hörte, mußte er hell auflachen. + +Die Gänse waren äußerst begierig, zu hören, was passiert war, ja, sie +wollten nicht einmal auf die Weide gehen, ehe sie die ganze Geschichte +erfahren hatten. Da berichtete der Junge rasch und vergnügt sein ganzes +Abenteuer mit dem Bären, aber dann schien er plötzlich nicht weiter +erzählen zu wollen. »Nun, wie ich zu euch zurückgekommen bin, das wißt ihr +wohl schon,« sagte er. + +»Nein, nein, wir wissen gar nichts! Wir glaubten, du habest dich zu Tod +gefallen!« + +»Das ist doch merkwürdig,« sagte der Junge. »Denn als der Bärenvater mich +verlassen hatte, kletterte ich auf eine Tanne und schlief ein. Aber beim +ersten Morgengrauen erwachte ich davon, daß ein Adler auf mich zusauste, +mich in seine Klauen nahm und mit mir davonflog. Ich dachte natürlich, +jetzt sei es aus mit mir. Aber er tat mir gar nichts zuleide, flog nur +geradeswegs hierher und setzte mich mitten unter euch ab.« + +»Sagte er nicht, wer er sei?« fragte der große Weiße. + +»Ehe ich mich bedanken konnte, war er schon verschwunden. Ich glaubte, +Mutter Akka habe ihn geschickt, mich zu holen.« + +»Das ist wirklich merkwürdig,« sagte der Gänserich. »Bist du auch sicher, +daß es ein Adler war?« + +»Ich habe zwar noch nie einen Adler gesehen,« sagte der Junge. »Aber der +Vogel war so groß, daß ich keinen andern Namen für ihn wüßte.« + +Der Gänserich Martin wendete sich an die Wildgänse und fragte sie, was sie +von der Sache hielten. Diese aber schauten nur in die Luft hinauf, als +dächten sie an ganz andre Dinge. + +»Wir dürfen aber doch unser Frühstück nicht ganz vergessen,« sagte Mutter +Akka; damit breitete sie die Flügel aus und flog eilig davon. + +[Illustration] + + + + +29 + +Der Dalälf + + + Freitag, 29. April + +An diesem Tag bekam Nils Holgersson den südlichen Teil von Dalarna zu +sehen. Die Wildgänse flogen über das ungeheure Grubenfeld von Grängesberg +hin, über die großen Anlagen bei Ludovika, über das Ulvhütter Eisenwerk und +die alte Fabrik von Gränghammer bis zur Ebene von Groß-Tuna und dem Dalälf. + +Als der Junge gleich im Anfang hinter jedem Hügel Fabrikschlote aufragen +sah, glaubte er, es sei hier alles wie in Westmanland; als er aber dann an +den großen Fluß kam, da sah er etwas ganz Neues. Dies war der erste +richtige Fluß, den er in seinem Leben zu sehen bekam, und der Anblick +dieser großen, breiten Wassermasse, die durch die Landschaft hinzog, machte +einen überwältigenden Eindruck auf ihn. + +Als die Wildgänse die Schiffbrücke von Torsång erreichten, änderten sie die +Richtung und flogen dem Flusse entlang nordwestwärts weiter, gerade als +wollten sie diesen als Wegzeiger benützen. Der Junge betrachtete die Ufer, +wo meilenlang ein Gebäude dicht neben dem andern lag. Er sah die großen +Wasserfälle bei Domnarvet und Kvarnsveden, sowie die großen Fabriken, deren +Räder von diesen Wassern getrieben wurden. Er sah die Schiffbrücken auf dem +Wasser liegen, die Boote, die diese Brücke trugen, die Flöße, die auf dem +Flusse hintrieben, die Eisenbahnen, die dem Ufer entlang oder quer übers +Wasser fuhren, und allmählich wurde ihm klar, was dies für ein großes und +merkwürdiges Wasser war. + +Gegen Norden machte der Fluß einen großen Bogen. Innerhalb dieser Krümmung +war das Land öde und menschenleer, und hier ließen sich die Wildgänse auf +einer Wiese nieder, um zu weiden. Der Junge lief gleich auf den Uferrain +hinauf; er wollte den Fluß betrachten, der hier in einem breiten Bette +tief unter ihm hinzog. Die Landstraße führte zum Fluß hinunter, und die +Reisenden wurden auf einer Fähre übergesetzt. Das war etwas Neues für den +Jungen, und es machte ihm eine Weile großen Spaß, da zuzusehen. Doch +plötzlich überfiel ihn eine ungeheure Müdigkeit. »Ich glaube, ich muß ein +wenig schlafen, denn ich habe in der letzten Nacht kein Auge geschlossen,« +dachte er. Damit kauerte er an einem dichten Grashügel nieder, versteckte +sich, so gut er konnte, unter Gras und Kräutern und schlief ein. + +Er erwachte an einem Geräusch: neben ihm saßen Menschen, die sich +miteinander unterhielten. Sie waren auf der Landstraße dahergekommen, +konnten aber nicht gleich über den Fluß gesetzt werden, weil große +Eisschollen im Wasser trieben, die die Fähre am Überfahren hinderten. Um +sich die Wartezeit zu verkürzen, hatten die Leute den Wall erstiegen und +sich da niedergesetzt; jetzt redeten sie davon, welche Beschwer man mit dem +Flusse doch habe. + +»Ob wir wohl heuer auch wieder so eine große Überschwemmung bekommen wie im +vorigen Jahre?« sagte ein Bauer. »Da ging das Wasser bei uns daheim bis +oben an die Telegraphenstangen, und die ganze Schiffbrücke wurde mit +fortgerissen.« + +»Im letzten Jahr richtete er in unserer Gegend nicht so viel Schaden an,« +sagte ein andrer Bauer. »Aber vor zwei Jahren wurde mir ein ganzer +Heuschober weggeschwemmt.« + +»Die Nacht werde ich nie vergessen, wo die Überschwemmung die große Brücke +bei Domnarvet zerstörte,« sagte ein Eisenbahnarbeiter. »In jener Nacht hat +in der ganzen Fabrik niemand auch nur ein Auge geschlossen.« + +»Ja, der Fluß richtet viel Schaden an,« sagte ein großer, stattlicher Mann. +»Aber wenn ich euch hier so über ihn losziehen höre, muß ich unwillkürlich +an unsern Propst denken. In der Propstei wurde einmal ein Fest gefeiert, +und da beklagten sich die Leute auch über den Fluß, gerade wie ihr jetzt, +doch da wurde der Propst ganz erregt und sagte, er wolle uns eine +Geschichte erzählen. Und als er dies getan hatte, wagte von der ganzen +Gesellschaft auch nicht einer mehr ein böses Wort über den Dalälf zu sagen, +und ich möchte wissen, ob es euch nicht auch so gegangen wäre, wenn ihr +zugehört hättet.« + +Als die Leute dies hörten, wollten alle wissen, was der Propst über den +Fluß gesagt hätte, und der Bauer erzählte ihnen die Geschichte, so gut er +sich noch daran erinnern konnte. + +Hoch droben an der norwegischen Grenze lag tief im Gebirge ein See. Aus +diesem floß ein Bach heraus, der sofort eifrig schäumend daherrauschte. So +klein er auch war, wurde er doch gleich von Anfang an der Storå, der »Große +Fluß« genannt, weil er aussah, als könnte etwas Rechtes aus ihm werden. + +Gleich nachdem er den See verlassen hatte, schaute er sich neugierig nach +allen Seiten um, welche Richtung er jetzt wohl am besten einschlagen würde. +Aber was er sah, war nicht gerade ermutigend. Nach rechts, nach links und +geradeaus waren nichts als waldige Hügel, die allmählich zu kahlen +Felsrücken, und weiterhin steile, kahle Felswände, die zu hohen Berggipfeln +wurden. + +Der Fluß richtete seine Blicke gen Westen; da hatte er den Långfjäll mit +dem Djupgravstöten, sowie Barfröhågna und Storvätteshågna vor sich. Jetzt +schaute er nordwärts. Da war der Näsfjäll, im Osten ragte der Nipfjäll, im +Süden aber der Städjan auf. Der Fluß überlegte eben, ob er nicht am besten +täte, wieder in den See zurückzukehren. Aber dann dachte er, er müßte doch +wenigstens einen Versuch machen, bis zum Meere durchzudringen, und so +machte er sich denn auf den Weg. + +Wie man sich denken kann, war es ein schweres Stück Arbeit für den Fluß, +sich einen Weg durch die Wildnis hindurchzubahnen. Wenn ihm nichts andres +im Wege stand, war immer noch der Wald da. Um freien Lauf zu bekommen, +mußte er eine Kiefer um die andre entwurzeln. Im Frühjahr, wenn der erste +Zulauf kam und sich sein Bett mit Schneewasser aus den Wäldern füllte, und +wenn später die Schneeschmelze auf den Bergen begann, so daß die +Gebirgswasser von den Felsen herabstürzten, da war der Fluß am stärksten +und reißendsten. Da nahm er alle seine Kraft zusammen, rauschte mächtig +daher, fegte Stämme und Erde hinweg und grub sich einen Weg durch die +Sandhügel hindurch. Aber auch im Spätjahr, wenn er nach den Herbstregen +gestiegen war, vollbrachte er ein tüchtiges Stück Arbeit. + +Eines schönen Tages, als der Storå sich wie gewöhnlich seinen Weg eifrig +weiterbahnte, hörte er rechts von sich tief im Walde ein Rauschen und +Plätschern. Er lauschte so eifrig, daß er fast ganz still hielt. »Was mag +das nur sein?« fragte er. + +Der Wald, der ringsumher aufragte, konnte es nicht lassen, sich über den +Fluß ein wenig lustig zu machen. + +»Du meinst wohl, du seiest ganz allein auf der Welt?« sagte er. »Aber ich +will dir nur sagen: was du da hörst, ist der Grövel aus dem Grövelsee. +Jetzt eben hat er sich durch ein schönes Tal hindurchgegraben, und er +erreicht das Meer gewiß ebenso schnell wie du.« + +Aber der Storå hatte seinen eigenen Kopf, und als er dies hörte, sagte er, +ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: »Der Grövel ist gewiß ein armer +Schlucker, der nicht allein vorwärts kommt. Sag ihm deshalb, der Storå vom +Vånsee sei auf dem Weg zum Meere, der wolle sich seiner annehmen, und wenn +er sich ihm anschließen wolle, ihm weiterhelfen.« + +»Du bist ein rechter Prahlhans,« sagte der Wald. »Ja, ich will ihm deinen +Gruß bestellen, aber der Grövel wird keine Freude daran haben.« + +Am nächsten Morgen jedoch stand der Wald vor dem Storå und sagte, er solle +von dem Grövel einen Gruß bestellen. Dieser habe sich so mühselig +durchkämpfen müssen und sei deshalb um jede Hilfe froh, er werde sich daher +so rasch er könne, mit dem Storå vereinigen. + +Nachdem dies geschehen war, arbeitete sich der Storå natürlich nur noch +schneller weiter, und nach kurzer Zeit erblickte er einen schönen schmalen +See, in dessen klarem Wasser sich der Idreberg und die Städjanfelsen +widerspiegelten. + +»Was ist denn das?« fragte der Fluß, der vor lauter Verwunderung wieder +beinahe stillstand. »Ich kann doch nicht so verrückt gewesen und wieder zum +Vånsee zurückgekehrt sein?« + +Aber der Wald, der zu jener Zeit überall zur Hand war, sagte sogleich: »O +nein, du bist nicht zum Vånsee zurückgekommen, dies ist der Idresee, den +der Sörälf mit seinem Wasser gefüllt hat. Das ist ein tüchtiger Fluß. Jetzt +hat er den See ganz gefüllt und sucht sich einen Ausfluß zu verschaffen.« + +Als der Storå das hörte, sagte er rasch zu dem Walde: »Du, der überall +hinreicht, könntest dem Sörälf einen Gruß von mir ausrichten und ihm sagen, +der Storå vom Vånsee sei da, und wenn er mich durch den See hindurchziehen +lasse, wolle ich ihn dafür mit nach dem Meere nehmen. Er brauche sich dann +gar nicht mehr um sein Fortkommen zu bekümmern, dafür würde ich sorgen.« + +»Nun, ich kann ihm deinen Vorschlag wohl ausrichten,« sagte der Wald, »aber +der Sörälf wird wohl nicht auf deinen Vorschlag eingehen, denn er ist +ebenso mächtig wie du.« + +Am nächsten Tag jedoch richtete der Wald aus, der Sörälf sei es auch müde, +sich allein einen Weg zu bahnen, und er wolle sich gern mit dem Storå +vereinigen. + +Der Fluß zog also mitten durch den See hindurch und arbeitete sich immer +weiter durch den Wald und das Gebirge. Eine Weile kam er ordentlich +vorwärts; aber dann geriet er in eine Felsenschlucht hinein, die von allen +Seiten verschlossen war. Da gab es keinen Ausweg für ihn. Er brauste und +schäumte vor Zorn, und als der Wald hörte, wie rasend er war, sagte er: +»Jetzt ist es doch aus mit dir!« + +»Aus mit mir!« rief der Fluß. »O nein, aber ich habe hier etwas ganz +Besonderes vor. Ich will nur sehen, ob ich nicht ebensogut wie der Sörälf +einen See machen kann.« + +So fing er an, den Särnasee zu schaffen, und dazu brauchte er einen ganzen +Sommer hindurch. Je höher das Wasser in dem See stieg, desto höher hob sich +auch der Storå, und schließlich fand er am südlichen Rand eine Stelle, wo +er hinausfließen konnte. + +Nachdem der Fluß wohlbehalten aus dieser Klemme hinausgekommen war, hörte +er eines Tages zu seiner Linken ein lautes Brausen und Rauschen. So ein +lautes Brausen hatte er im Walde noch nie vernommen, und er fragte schnell, +was denn das sei. + +Und natürlich hatte der Wald auch sogleich eine Antwort bereit. »Das ist +der Fjätälf,« sagte er. »Hörst du, wie er rauscht und braust? Er ist auf +dem Weg nach dem Meere.« + +»Wenn du so weit reichst, daß der Fluß dich hören kann,« rief der Storå, +»dann grüß ihn von mir und sage dem Schwächling, der Storå vom Vånsee biete +sich an, ihn mit nach dem Meere zu nehmen; doch nur unter der Bedingung, +daß er meinen Namen annehme und gehorsam mit mir weiter fließe.« + +»O, der Fjätälf gibt seine Selbständigkeit nicht auf, das glaube ich nun +und nimmer!« sagte der Wald. + +Aber am nächsten Tag mußte er dem Storå gestehen, daß auch der Fjätälf es +müde geworden sei, sich seinen eigenen Weg zu bahnen, und sich gerne mit +dem Storå vereinigen wolle. + +Und der Storå zog immer weiter durchs Land. Er war indes noch gar nicht so +groß, wie man eigentlich hätte erwarten können, da er jetzt doch so viele +Helfer bei sich hatte. Aber stolz war er! Sein Lauf bestand fast aus lauter +Wasserfällen, und mit lautem Rauschen rief er alles, was im Walde +plätscherte und rieselte, ja selbst das kleinste Frühlingsbächlein, zu sich +heran. + +Eines Tages hörte er weit, weit im Westen einen Fluß rauschen, und als er +den Wald fragte, was das sei, antwortete dieser, das sei der Fuluälf, der +das Wasser von den Fulufelsen aufnehme und sich schon ein sehr langes und +breites Bett gegraben habe. + +Kaum hatte der Storå das vernommen, als er dem Wald auch schon den +gewohnten Gruß auftrug; der Wald übernahm auch den Auftrag, und am nächsten +Tag brachte er dann Botschaft vom Fuluälf. »Sage dem Storå,« hatte der Fluß +geantwortet, »ich wolle durchaus keine Hilfe. Ein solcher Gruß hätte +außerdem besser mir angestanden als dem Storå, denn ich bin der mächtigere +von uns beiden und komme sicher früher zum Meere als er.« + +Kaum hatte der Storå diese Botschaft gehört, als er auch schon seine +Antwort bereit hatte. »Sage dem Fuluälf sofort,« rief er dem Walde zu, »ich +fordere ihn zum Wettstreit heraus. Wenn er meint, er sei stärker als ich, +soll er es beweisen und mit mir um die Wette laufen. Wer zuerst am Meere +anlangt, hat gewonnen!« + +Als der Fuluälf diese Botschaft hörte, erwiderte er: »Ich habe nichts gegen +den Storå, und es wäre mir lieber gewesen, wenn ich meinen Weg in Ruhe und +Frieden hätte fortsetzen dürfen. Aber die Fulufelsen schicken mir gewiß +soviel Beistand, daß es feig von mir wäre, wenn ich die Herausforderung +nicht annähme.« + +Hierauf begannen die beiden Ströme das Wettrennen. Mit noch größerer Eile +als vorher rauschten sie dahin und ließen sich Sommer und Winter keine +Ruhe. + +Aber es hatte allen Anschein, als ob der Storå sehr bald Grund hätte, seine +verwegene Herausforderung zu bereuen, denn er stieß auf ein Hindernis, das +ihm beinahe unüberwindlich wurde. Dieses Hindernis war ein Berg, der mitten +auf seinem Wege lag, und durch den nur eine ganz enge Felsenspalte führte. +Der Storå machte sich so schmal wie möglich und drängte sich unter wildem +Schäumen hinein; aber er mußte viele Jahre lang waschen und aushöhlen, bis +er die Spalte zu einer annähernd genügend breiten Rinne ausgeweitet hatte. + +Während dieser Zeit fragte der Storå den Wald mindestens alle sechs Monate +einmal, wie es dem Fuluälf gehe. + +»Dem Fuluälf geht es so gut, wie er es sich nur wünschen kann,« antwortete +der Wald. »Er hat sich mit dem Görälf vereinigt, der das Wasser von dem +norwegischen Gebirge aufnimmt.« + +Und ein andres Mal, als der Storå den Wald wieder gefragt hatte, antwortete +dieser: + +»Um den brauchst du dir keine Sorge zu machen, er hat eben den ganzen +Horrmundsee mitgenommen.« + +Aber den Horrmundsee hatte der Storå selbst mitzunehmen die Absicht gehabt, +und als er nun von dessen Übergang in den Fuluälf hörte, wurde er so +wütend, daß er sich endlich durch seinen Engpaß hindurchzwängte und so +wildschäumend davonstürzte, daß er mehr Erde und Wald mit sich fortriß, als +eigentlich notwendig gewesen wäre. Es war gerade im Frühling, und der Fluß +überschwemmte die ganze Gegend zwischen Hyckjeberg und Väsaberg, und ehe er +sich wieder beruhigen konnte, hatte er eine Landschaft geschaffen, die das +Älfdal genannt wurde. + +»Ich möchte nur wissen, was der Fuluälf dazu sagt!« rief der Storå dem +Walde zu. + +Der Fuluälf hatte indessen Transtrand und Lima ausgegraben, aber nun stand +er schon ziemlich lange vor Limed und suchte nach einem Ausweg, weil er +sich nicht über das steile Gebirge hinunterzustürzen wagte. Als er jedoch +hörte, daß der Storå seinen Engpaß durchbrochen und das Älfdal ausgegraben +habe, sagte er, nun möge es gehen, wie es wolle, er könne sich nicht länger +aufhalten. Und er warf sich die Limedwand hinunter. + +Es war ein gewaltiger Sprung, aber er kam wohlbehalten unten an, und jetzt +ging es natürlich schnellen Laufes weiter. Er grub Malung und Järna aus, +und hier gelang es ihm, den Vanfluß zu überreden, sich mit ihm zu +vereinigen, obgleich der Vanfluß ganze zehn Meilen lang war und sich auf +eigene Faust einen so großen See wie den Vänjan ausgegraben hatte. + +Ab und zu glaubte der Fuluälf ein merkwürdig starkes Brausen zu vernehmen. + +»Jetzt ist mir, als höre ich, wie sich der Storå ins Meer stürzt,« sagte +er. + +»Nein,« sagte der Wald, »was du hörst, ist freilich das Rauschen des Storå, +aber er hat das Meer noch nicht erreicht. Er hat allerdings den Orsasee und +den Skattungen aufgenommen und prahlt nun, er wolle das ganze Siljantal +füllen.« + +Das war eine gute Nachricht für den Fuluälf. Er dachte, wenn sich der Storå +einmal ins Siljantal hinunter verirrt hätte, dann sei er dort wie in einem +Gefängnis eingeschlossen, und er selbst werde alsdann das Meer sicher +zuerst erreichen. + +Von da an zog der Fuluälf ganz behaglich dahin. Im Frühjahr vollbrachte er +sein schwerstes Stück Arbeit. Da stieg er hoch über Wälder und Hügel hinauf +und wo er hinzog, hinterließ er ein breites Tal. Auf diese Weise schritt er +von Järna nach Näs und von Näs nach Floda. Von Floda kam er nach Gagnef. +Hier war schon im voraus eine Ebene. Die Berge waren weit zurückgewichen, +und der Fuluälf konnte ohne jegliche Schwierigkeit weiterziehen; da vergaß +er seinen vorherigen Eifer vollständig und schlängelte sich in allerlei +Buchten und Krümmungen dahin, fast wie ein ganz junges, fröhliches +Bächlein. + +Aber wenn der Fuluälf den Storå vergessen hatte, so hatte doch der Storå +den Fuluälf nicht vergessen. Jeden Tag war er eifrig an seiner Arbeit, das +Siljantal ganz mit Wasser zu füllen, damit er an irgend einer Stelle +hinauskommen könnte; aber wie ein ungeheures Becken lag das Tal noch immer +da und schien niemals voll zu werden. Der Storå war oft am Verzweifeln und +glaubte schon, er müsse schließlich den ganzen Gesundaberg unter Wasser +setzen, nur um aus seinem jetzigen Gefängnis herauszukommen. Er versuchte +bei Rättvik durchzubrechen, aber da stand ihm der Lerdalberg im Wege. +Schließlich kam er aber doch bei Leksand heraus. + +»Sag dem Fuluälf nicht, daß ich herausgekommen bin!« rief er dem Wald zu; +und der Wald versprach zu schweigen. + +Im Vorbeigehen nahm der Storå nun den Insee mit, und dann floß er als +stolzer, gewaltiger Fluß durch Gagnef hindurch. + +Als er in Gagnef nahe bei Mjälgen war, sah er einen prachtvollen, breiten +Fluß, der mit hellem, glänzendem Wasser dahergezogen kam, und der die +Wälder und Sandhügel, die ihm im Wege lagen, wie spielend auf die Seite +schob. + +»Was ist denn das für ein wunderschöner Fluß?« fragte der Storå. + +Aber gerade in diesem Augenblick fragte der andre Fluß, der der Fuluälf +war, ganz dasselbe. »Was ist denn das für ein Fluß, der so stolz und +gewaltig von Norden daherkommt? Ich hätte nie geglaubt, daß ich einen Fluß +sehen würde, der so mächtig und kraftvoll zu Tale zieht,« sagte er. + +Da sagte der Wald so laut, daß beide Flüsse es hörten: »Nachdem ihr alle +beide, der Storå und der Fuluälf, so Gutes über einander gesagt habt, meine +ich, ihr solltet euch nun ohne Säumen miteinander vereinigen und euch dann +gemeinsam einen Weg zum Meere bahnen.« + +Das schien den beiden Flüssen zu gefallen. Aber noch ein Hindernis stand +ihnen im Wege. Keiner wollte seinen Namen aufgeben und den des andern +annehmen. + +Aus diesem Grunde wäre die Vereinigung schließlich fast nicht zustande +gekommen; da schlug der Wald vor, sie sollten doch einen neuen Namen +annehmen, der bis jetzt keinem von ihnen gehöre. + +Darauf gingen sie ein, und der Wald sollte den Namen wählen. Dieser +bestimmte nun, der Storå solle seinen Namen ablegen und sich Ost-Dalälf +nennen, und der Fuluälf solle seinen auch ablegen und den Namen West-Dalälf +annehmen. Und nachdem sie sich dann vereinigt hätten, sollten beide +zusammen recht und schlecht Dalälf heißen. + +Und jetzt, nachdem die beiden Flüsse sich vereinigt hatten, ging es mit +gewaltiger Kraft weiter: nun konnte ihnen nichts mehr widerstehen. Sie +machten den Boden von Groß-Tuna so eben wie einen Hofplatz; sie stürzten +sich ohne Zögern über die Felsen bei Kvarnsveden und Domnarvet hinunter. +Als sie in die Nähe des Runnsees kamen, sogen sie dessen Wasser auf und +zwangen alle Flüsse der Umgegend, sich mit ihnen zu vereinigen. Dann zogen +sie ohne große Hindernisse ostwärts, immer weiter dem Meere zu und wurden +an manchen Stellen so breit wie ganze Seen. Bei Söderfors errangen sie sich +großen Ruhm, desgleichen auch bei Älfkarleby, und endlich erreichten sie +das Meer. + +Als sie eben im Begriff waren, sich ins Meer zu stürzen, gedachten sie +ihres langen Wettstreits, und wie viele Mühe und Beschwer sie dadurch +gehabt hätten. + +Jetzt fühlten sie sich alt und müde und verwunderten sich, daß sie sich in +ihrer Jugend so gerne gestritten und gegenseitig herausgefordert hatten, +ja, sie fragten sich, was für einen Nutzen sie eigentlich davon gehabt +hätten. + +Aber auf diese Frage erhielten sie keine Antwort, denn der Wald war weit +droben im Lande stehen geblieben; sie selbst aber konnten sich in ihrem +Bette nicht umdrehen und also auch nicht sehen, wie die Menschen überall +vorgedrungen waren, wie viele Straßen sie gebaut hatten, wie an den Seen +des Ost-Dalälfs und in den Tälern des West-Dalälfs eine Ortschaft um die +andre herangewachsen war, und wie im ganzen Lande noch immer überall nur +öde Wälder und kahle Gebirge waren, ausgenommen da, wo die beiden Flüsse +während ihres heftigen Wettstreits hingezogen waren. + +[Illustration] + + + + +30 + +Der Bruderteil + +Die alte Grubenstadt + + + Freitag, 29. April + +Bataki, der Rabe, wußte in ganz Schweden keinen Ort, wo es ihm so gut +gefiel wie in Falun. Sobald im Frühjahr die Erde wieder ein wenig +hervorschimmerte, begab er sich dahin und hielt sich dann mehrere Wochen +lang in der Nähe der alten Bergwerkstadt auf. + +Falun liegt in einer Talsenkung, durch die ein Flüßchen von kurzem Lauf +hinzieht. An dem nördlichen Ende des Tals liegt ein schöner, heller kleiner +See mit grünen, reich gegliederten Ufern, namens Varpan. Am südlichen Ende +ist eine weite, große vom Runnsee gebildete Bucht, die auch fast wie ein +See ist; sie heißt Tisken und hat niedriges, trübes Wasser und sumpfige, +unschöne mit allem möglichen Abfall übersäte Ufer. Östlich von dem Tale +zieht sich eine reizende Hügelkette hin, auf deren Gipfel stattliche +Tannenwälder und saftige Birkengehölze prangen und deren Hänge überall mit +schattigen Obstgärten bedeckt sind. Westlich von der Stadt liegt auch ein +Bergrücken. Dieser ist ganz oben mit ärmlichen Kiefern bestanden, die Hänge +aber sind vollständig kahl, ohne Bäume und Kräuter, wie eine richtige +Wüste. Nichts gibt es dort oben, nichts als große runde Steinblöcke, die +überall verstreut liegen. + +Die Stadt Falun, die in der Talsenkung rechts und links von dem Flusse +liegt, sieht aus, als sei sie ganz nach der Bodenbeschaffenheit, auf der +sie steht, gebaut worden. Auf der grünen Seite des Tales sind alle die +Gebäude, die ein stattliches oder hübsches Aussehen haben. Da stehen die +beiden Kirchen, das Rathaus, die Wohnung des Bezirkspräsidenten, die +Bergwerkskanzleien, die Bank, die Gasthäuser, die vielen Schulen, das +Spital, sowie alle hübschen Villen und schönen Landhäuser. Auf der +schwarzen Seite dagegen gibt es Straßen auf, Straßen ab nichts als +rotangestrichene einstöckige Häuser, lange traurige Holzschuppen und große +plumpe Fabrikgebäude. Und auf der andern Seite dieser Gassen, mitten in der +großen Steinwüste, liegen die Faluner Gruben mit ihren Fahrkünsten, Winden +und Pumpwerken, mit altmodischen Gebäuden, die schief auf dem untergrabenen +Erdreich stehen, mit hohen schwarzen Schlackenbergen und langen Reihen +Schmelzöfen ringsumher. + +Was nun Bataki betrifft, so pflegte er niemals auch nur einen Blick auf den +östlichen Stadtteil zu werfen und ebensowenig auf den schönen Varpansee. Um +so besser aber gefiel ihm die westliche Seite und der kleine Tiskensee. + +Der Rabe Bataki liebte alles, was geheimnisvoll war, alles, was ihm +Gelegenheit zum Grübeln gab und ihn zum Nachdenken anregte, und dazu fand +er auf der schwarzen Seite reichlich Gelegenheit. So machte es ihm zum +Beispiel ein großes Vergnügen, zu ergründen, warum diese alte rote +Holzstadt nicht auch abgebrannt sei, wie alle andern roten Holzstädte in +diesem Lande? Ebenso hatte er sich gefragt, wie lange wohl die windschiefen +Häuser am Rande der Gruben noch stehen bleiben könnten? Er hatte über den +großen »Schacht«, jene ungeheure Öffnung im Boden mitten auf dem +Grubenfeld, ernstlich nachgedacht und war auch ganz bis auf den Grund +hineingeflogen, um zu untersuchen, wie dieser unermeßlich große leere Raum +entstanden sei. Er war in helle Verwunderung ausgebrochen über die riesigen +Schlackenhaufen, die wie Mauern den Schacht und die Grubenhäuser umgaben. +Auch hatte er sich klar zu machen versucht, was die kleine Signalglocke zu +bedeuten habe, die das ganze Jahr hindurch in bestimmten Zwischenräumen +einen kurzen, unheimlich klingenden Glockenschlag vernehmen ließ; und in +erster Linie hätte er gerne gewußt, wie es ganz drunten in der Erde +aussähe, wo das Kupfererz seit so vielen hundert Jahren herausgebrochen +wurde, und wo die Erde so untergraben und so voller Gänge war wie ein +Ameisenhaufen. Wenn es dann Bataki schließlich gelungen war, einigermaßen +Klarheit in diese seine Gedanken zu bringen, schwebte er fort und hinaus in +die unheimliche Steinwüste, um weiter darüber nachzusinnen, warum kein Gras +zwischen den Feldsteinen wüchse, oder zuweilen begab er sich auch hinunter +an den Tisken. Dieser See erschien ihm als das wunderbarste Wasser, das er +je gesehen hatte. Woher mochte es nur kommen, daß gar keine Fische darin +waren, und woher wurde denn das Wasser, wenn es ein Sturm aufwühlte, +manchmal ganz rot? Das war um so wunderbarer, als ein Grubenfluß, der in +den See floß, glänzendes hellgelbes Wasser hatte. Bataki zerbrach sich den +Kopf über die Ruinen der zerstörten Gebäude, die noch am Ufer des Sees +lagen, sowie über die Tisker Sägemühle, die von grünen Gärten umgeben und +von hohen Bäumen beschattet zwischen der öden Steinwüste und dem +merkwürdigen See hervorschimmerte. + +In dem Jahr, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, stand +am Ufer des Tisken eine Strecke vor der Stadt draußen ein altes Haus, das +die »Schwefelküche« genannt wurde, weil dort alle paar Jahre einige Monate +lang Schwefel gekocht wurde. Das Haus war eine alte Baracke, die einst rot +angestrichen gewesen war, allmählich aber eine graubraune Färbung +angenommen hatte. Statt der Fenster sah man nur eine Reihe Luken, die +überdies beinahe fast immer verrammelt waren. In dieses Haus hatte Bataki +fast noch nie einen Blick hineinwerfen können, und deshalb war es ihm viel +interessanter als jedes andre. Er hüpfte auf dem Dach umher, um irgend ein +Loch zu entdecken, und oftmals saß er auf dem hohen Schornstein und schaute +durch die enge Öffnung hinunter. + +Aber eines Tages ging es Bataki schlecht. Es hatte tüchtig gestürmt, und in +der alten Schwefelküche war eine Luke aufgerissen worden. Bataki hatte die +Gelegenheit natürlich sogleich benützt und war durch die Luke in das +Gebäude hineingeflogen. Doch kaum war er drinnen, da schlug die Luke hinter +ihm wieder zu, und Bataki war gefangen. Er hoffte, der Sturm werde die Luke +von neuem aufreißen, aber dazu schien der gar keine Lust zu haben. + +Durch die Risse in den Mauern fiel ziemlich viel Licht in das Gebäude +hinein, und so wurde Bataki wenigstens die Freude zuteil, sich in dem Raume +umsehen zu können. Es war nichts darin, als ein großer Herd mit einem +eingemauerten Kessel, und daran hatte sich der Rabe bald satt gesehen. Er +wollte darum das Gebäude jetzt wieder verlassen, fand dies aber noch immer +unmöglich; der Wind wollte die Luke nicht wieder aufreißen. Kein einziges +Loch und keine Tür stand offen; der Rabe befand sich ganz allein in seinem +Gefängnis. + +Bataki begann um Hilfe zu rufen, und als keine kam, setzte er sein Geschrei +den ganzen Tag hindurch fort. Es gibt wohl kein andres Tier, das einen so +ununterbrochenen Spektakel verführen kann wie ein Rabe, und das Gerücht, +daß Bataki in Gefangenschaft geraten sei, verbreitete sich wie ein +Lauffeuer. Die graugestreifte Katze von der Tisker Sägemühle war die erste, +die Kunde von dem Unglück erhielt. Sie teilte es den Hühnern mit, und diese +gackerten es den vorbeifliegenden Vögeln zu. Bald wußten alle Dohlen und +Tauben und Krähen und Sperlinge in ganz Falun, was geschehen war, und alle +flogen auch sogleich nach der alten Schwefelküche, um die Sache in der Nähe +zu besehen. Alle hatten großes Mitleid mit dem Raben, aber keinem kam ein +guter Gedanke, wie man ihm heraushelfen könnte. + +Da plötzlich rief ihnen Bataki mit seiner scharfen, krächzenden Stimme zu: +»Still, ihr da draußen! Und hört mich an! Da ihr sagt, ihr möchtet mir gern +heraushelfen, so erforscht, wo sich die alte Wildgans von Kebnekajse mit +ihrer Schar befindet. So viel ich weiß, ist sie zu dieser Jahreszeit in +Dalarna. Sagt Akka, wie es hier um mich steht. Ich glaube, der einzige, der +mir helfen kann, ist unter ihrer Schar!« + +Die Taube Agar, der beste Botschafter im ganzen Land, traf die Schar der +Wildgänse am Ufer des Dalälf, und als die Dämmerung anbrach, kam sie mit +Akka dahergeflogen. Die beiden ließen sich vor der Schwefelküche nieder. +Auf Akkas Rücken saß der Däumling; die andern Wildgänse waren auf einer +kleinen Insel im Runnsee zurückgeblieben, weil Akka gefürchtet hatte, es +könnte mehr schaden als nützen, wenn alle miteinander nach Falun kämen. + +Nachdem Akka sich einen Augenblick mit Bataki beraten hatte, nahm sie den +Däumling auf den Rücken und flog nach einem Hofe, der ganz in der Nähe der +Schwefelküche lag. Sachte schwebte sie über den Garten und das Birkengehölz +hin, die den kleinen Hof umgaben, und währenddessen schauten die beiden, +Akka und der Junge, unverwandt auf die Erde hinab. Hier spielten die Kinder +im Freien, das war leicht zu erraten, denn auf dem Boden lagen allerlei +Spielsachen umher, und es dauerte auch gar nicht lange, bis die beiden in +der Luft droben entdeckt hatten, was sie suchten. In einem lustig +plätschernden Frühlingsbach hämmerte eine Reihe kleiner Mühlen, und ganz in +der Nähe davon lag ein kleines Stemmeisen. Auf ein paar kleinen Holzböcken +stand ein halbfertiges Boot, und daneben fand der Junge einen winzigen +Knäuel Bindfaden. + +Mit diesen Sachen flogen die beiden nach der Schwefelküche zurück. Der +Junge band das eine Ende des Bindfadens um den Schornstein, führte das +andre in das tiefe Loch hinein und ließ sich dann selbst daran +hinuntergleiten. Nachdem er Bataki begrüßt hatte, der ihm mit vielen +schönen Worten für sein Kommen dankte, machte sich der Junge daran, mit dem +Stemmeisen ein Loch in die Wand zu schlagen. + +Die Schwefelküche hatte keine dicken Wände, aber der Junge brachte mit +jedem Schlag nur einen ganz kleinen dünnen Span los; ein Mäuschen hätte mit +seinen Vorderzähnen ganz dasselbe leisten können. Ach, der Junge sah schon, +er würde unfehlbar die ganze Nacht arbeiten müssen, wenn er ein genügend +großes Loch für den Raben zustande bringen wollte! + +Bataki sehnte sich ungeheuer nach der Freiheit und konnte vor lauter +Aufregung nicht schlafen. Im Anfang war der Junge sehr fleißig; aber nach +einer Weile hörte der Rabe, daß die Schläge in immer längeren +Zwischenräumen ertönten, und schließlich setzten sie ganz aus. + +»Du bist gewiß müde,« sagte Bataki, »und kannst vielleicht nicht mehr +weitermachen.« + +»Nein, ich bin nicht müde,« antwortete der Junge und griff wieder nach dem +Stemmeisen. »Aber ich habe schon längere Zeit keine Nacht ordentlich +geschlafen, und nun weiß ich nicht, wie ich mich wach halten soll.« + +Wieder ging die Arbeit eine Weile rasch vorwärts, doch nach kurzer Zeit +ertönten die Schläge wieder in immer längeren Zwischenräumen. Und wieder +weckte der Rabe den Jungen; aber soviel war ihm jetzt klar, wenn er nicht +irgend etwas ausfindig machte, mit dem er ihn wach erhalten konnte, mußte +er nicht nur diese eine Nacht, sondern auch noch den ganzen nächsten Tag in +seinem Gefängnis verbleiben. + +»Meinst du, die Arbeit ginge dir besser von der Hand, wenn ich dir eine +Geschichte erzählen würde?« fragte Bataki. + +»Ja, das wäre wohl möglich,« antwortete der Junge. Zugleich aber mußte er +laut gähnen; der arme Kerl war furchtbar schläfrig und konnte kaum noch +sein Werkzeug festhalten. + + +Die Geschichte von der Grube zu Falun + +»Siehst du, mein lieber Däumling,« begann der Rabe, »ich habe schon sehr +lange auf der Welt gelebt. Gutes und Schlimmes ist mir widerfahren, und +mehrere Male bin ich sogar von den Menschen gefangen gehalten worden; +dadurch habe ich nicht allein ihre Sprache verstehen lernen, sondern ich +habe mir auch viel von ihrer Gelehrsamkeit zu eigen gemacht. Und jetzt kann +ich behaupten, daß es im ganzen Land keinen Vogel gibt, der so gut Bescheid +über deine Stammesgenossen wüßte wie ich. + +Einmal saß ich viele Jahre lang ununterbrochen in einem Käfig bei einem +Obersteiger hier in Falun, und in seinem Hause erfuhr ich das, was ich dir +jetzt erzählen will. + +In alten Zeiten wohnte hier in Dalarna ein Riese mit seinen beiden +Töchtern. Als nun der Riese alt war und fühlte, daß er sterben mußte, ließ +er seine Töchter vor sich kommen, um sein Besitztum zwischen ihnen zu +teilen. + +Sein Hauptreichtum bestand in einigen ganz mit Kupfer angefüllten Bergen, +und diese wollte er seinen Töchtern schenken. >Aber ehe ich euch die +Erbschaft übergebe,< sagte der Riese, >müßt ihr mir versprechen, jedweden +Fremdling, der euern Kupferberg entdeckt, totzuschlagen, ehe er seine +Entdeckung irgend einem andern Menschen mitteilen kann.< + +Die älteste der beiden Riesentöchter war wild und grausam, und sie +versprach ohne Zögern, dem Gebot des Vaters Folge zu leisten. Die andre +aber hatte ein weicheres Gemüt, und der Vater sah, daß sie überlegte, ehe +sie das Versprechen gab. Deshalb vermachte er ihr nur ein Drittel der +Erbschaft; und die älteste erhielt also gerade noch einmal so viel wie die +jüngste. + +>Auf dich kann ich mich verlassen wie auf einen Mann, das weiß ich,< sagte +der Riese, >und deshalb erhältst du den Bruderteil.< + +Gleich darauf starb der Riese, und lange Zeit hielten die beiden Töchter +gewissenhaft ihr Gelübde. Mehr als ein armer Holzfäller oder Jäger +entdeckte das Kupfererz, das an mehreren Stellen ganz an der Oberfläche der +Berge lag; aber kaum war er zu Hause angelangt und hatte den Seinigen +mitgeteilt, was er gesehen hatte, als ihm auch schon ein Unglück zustieß. +Entweder wurde er von einem stürzenden Baum erschlagen oder unter einem +Bergsturz begraben. Nie hatte er Zeit, einem andern Menschen zu zeigen, wo +der Schatz in der Wildnis zu finden war. + +[Illustration: Die Geschichte von der Grube zu Falun (Zu Seite 268)] + +Zu jener Zeit war es allgemein Brauch im Lande, daß die Bauern im Sommer +ihr Vieh weit hinein in die Wälder auf die Weide schickten. Die +Hirtenmädchen zogen mit aus, sie zu bewachen, sie zu melken und Butter und +Käse zu bereiten. Und damit die Leute und das Vieh ein Obdach in der +Einöde hätten, rodeten die Bauern mitten in der Wildnis ein Stück Wald um +und errichteten ein paar kleine Blockhäuser, die sie Sennhütten nannten. + +Nun aber hatte einmal ein Bauer, der am Dalälf im Kirchspiel Torsång +wohnte, seine Sennhütten drüben am Runnsee errichtet, wo der Boden so +steinig war, daß ihn bis dahin niemand urbar zu machen versucht hatte. In +einem Herbst begab sich der Bauer mit zwei Lastpferden nach der Viehweide, +um beim Heimschaffen des Viehs, der Butterfässer und der Käslaibe zu +helfen. Als er das Vieh zählte, bemerkte er, daß einer der Geißböcke ganz +rote Hörner hatte. + +>Was hat denn der Geißbock Kåre für merkwürdig rote Hörner?< fragte der +Bauer die Sennerin. + +>Ich weiß nicht, was es ist,< antwortete das Mädchen. >Den ganzen Sommer +hindurch ist er jeden Abend mit solchen roten Hörnern zurückgekommen. Er +glaubt gewiß, das sei schön.< + +>Meinst du?< fragte der Bauer. + +>Ach, dieser Bock ist eine eigensinnige Kreatur; ich mag ihm die roten +Hörner noch so oft abreiben, sofort läuft er wieder davon und macht sie +sich von neuem rot.< + +>Reibe die rote Farbe noch einmal ab,< sagte der Bauer. >Dann will ich +sehen, woher er sie bekommt.< + +Kaum hatte das Mädchen die Hörner abgerieben, als der Bock auch schon +wieder rasch in den Wald hineinsprang. Der Bauer lief hinter ihm her, und +als er den Bock einholte, rieb dieser eben seine Hörner an einigen roten +Steinen. Der Bauer hob die Steine auf, leckte und roch daran und war +überzeugt, daß er hier Erz gefunden hätte. + +Während er noch dastand und über die Sache nachdachte, rollte dicht neben +ihm ein Felsblock den Berg herunter. Der Bauer sprang auf die Seite und +rettete sich, der Bock Kåre aber wurde getroffen und erschlagen; und als +der Bauer den Abhang hinaufschaute, sah er ein großes, starkes Riesenweib, +das eben im Begriff war, einen zweiten Felsblock auf ihn herunter zu +wälzen. + +>Was tust du denn?< rief der Bauer. >Ich habe doch weder dir noch den +Deinigen etwas zuleide getan.< + +>Das weiß ich wohl,< erwiderte die Riesin. >Aber ich muß dich umbringen, +weil du meinen Kupferberg entdeckt hast.< Sie sagte dies mit so betrübter +Stimme, wie wenn sie den Bauern ganz gegen ihren Willen töten müsse, und so +faßte sich dieser ein Herz und knüpfte ein Gespräch mit ihr an. Da erzählte +sie ihm von dem alten Riesen, ihrem Vater, von dem Versprechen, das sie +hatte geben müssen, und von der Schwester, die den Bruderteil bekommen +hatte. + +>Ach, es ist mir in der Seele zuwider, wenn ich die armen unschuldigen +Tröpfe, die meinen Kupferberg entdecken, immer gleich umbringen muß, und +ich wünschte, ich hätte die Erbschaft gar nicht angetreten,< sagte die +Riesin. >Aber was ich versprochen habe, muß ich halten.< Und damit machte +sie sich wieder an dem Felsblock zu schaffen. + +>Habe es nur nicht gar so eilig!< rief der Bauer. >Mich brauchst du deines +Versprechens wegen nicht umzubringen, denn ich habe ja das Kupfer nicht +entdeckt; der Bock ist es gewesen, und ihn hast du doch schon erschlagen.< + +>Meinst du, ich könnte mir daran genügen lassen?< fragte die Riesentochter +mit zweifelnder Stimme. + +>Ja, sicherlich,< antwortete der Bauer. >Du hast dein Versprechen treulich +gehalten, mehr kann niemand von dir verlangen.< Und er redete ihr so +verständig zu, bis sie ihn wirklich am Leben ließ. + +Zu allererst zog der Bauer nun mit seinem Vieh heimwärts. Dann ging er +hinunter in den Bergwerkdistrikt und dingte sich da ein paar Bergleute. +Diese halfen ihm, an der Stelle, wo der Bock erschlagen worden war, nach +dem Erz zu schürfen. Im Anfang hatte er Angst, er würde noch nachträglich +erschlagen; aber die Riesentochter war der ewigen Bewachung ihres +Kupferbergs überdrüssig geworden, und deshalb tat sie ihm nie etwas zuleid. + +Die Erzader, die der Bauer entdeckt hatte, lief an der Oberfläche des +Berges hin. Das Ausbrechen des Erzes war deshalb weder eine schwierige noch +eine mühselige Arbeit. Der Bauer und die Knechte schleppten Holz aus dem +Walde herbei, schichteten große Holzstöße auf dem Kupferberg auf und +zündeten sie an. Von der Hitze zersprang das Gestein, und nun konnten sie +leicht zu dem Erz gelangen. Hierauf läuterten sie das Erz so lange immer +wieder in einem andern Feuer, bis sie das reine Kupfer von allen Schlacken +befreit hatten. + +In früheren Zeiten verwendeten die Leute noch viel mehr Kupfer zum +täglichen Gebrauch als heutzutage. Kupfer war deshalb eine sehr gesuchte, +nützliche Ware, und der Bauer, dem die Grube gehörte, wurde bald ein +steinreicher Mann. Er baute sich einen großen prächtigen Hof, und die Grube +nannte er nach dem Bock das Kårerbe. Wenn er nach Torsång in die Kirche +fuhr, war sein Pferd mit Silber beschlagen, und bei der Hochzeit seiner +Tochter ließ er aus zwanzig Tonnen Malz Bier brauen und zehn große Ochsen +am Spieße braten. + +Zu jener Zeit blieben die Leute meistens ruhig daheim, jeder in seinem +eigenen Bezirk, und die Neuigkeiten verbreiteten sich nicht so hurtig wie +jetzt. Aber das Gerücht von der Kupfergrube drang doch allmählich zu vielen +Menschen, und wer nichts Wichtigeres zu tun hatte, machte sich auf den Weg +hinauf nach Dalarna. Auf dem Kårerbe wurden alle bedürftigen Wanderer gut +aufgenommen. Der Bauer nahm sie in seinen Dienst, gab ihnen einen guten +Lohn und ließ sie Erz für ihn graben. Es gab genug, ja übergenug Erz, und +je mehr Leute der Bauer beschäftigte, desto reicher wurde er. + +Eines Abends, so geht die Sage, kamen vier starke Männer mit dem +Bergmannspickel über der Schulter zum Kårerbe gewandert. Sie wurden +freundlich aufgenommen wie alle andern, aber als der Bauer sie fragte, ob +sie für ihn arbeiten wollten, verneinten sie es rundweg. + +>Wir wollen auf eigene Rechnung Erz graben,< sagten sie. + +>Ihr wißt doch wohl, daß der Erzberg mir gehört?< fragte der Bauer. + +>Wir wollen gar nichts aus deiner Grube holen,< entgegneten die Fremden. +>Der Berg ist groß; und an dem, was frei und unbeschützt in der Wildnis +liegt, haben wir ebensoviel Anrecht wie du.< + +Mehr wurde nicht über die Sache geredet, und der Bauer bezeigte den Fremden +auch jetzt noch alle Gastfreundschaft. Früh am nächsten Morgen zogen die +Fremden zur Arbeit aus; eine Strecke weiterhin fanden sie wirklich +Kupfererz und fingen an, es auszubrechen. Nachdem sie so ein paar Tage +gearbeitet hatten, kam der Bauer zu ihnen heraus. + +>Der Berg ist sehr reich an Erz,< sagte er. + +>Ja, da müssen noch viele Leute fleißig sein, bis dieser Schatz gehoben +ist,< erwiderten die Fremden. + +>Das weiß ich wohl,< sagte der Bauer, >aber ich meine doch, ihr solltet mir +von dem Erz, das ihr ausbrecht, eine Abgabe zahlen, denn mir habt ihr es zu +verdanken, daß ihr überhaupt hier arbeiten könnt.< + +>Wir wissen nicht, was du damit sagen willst,< entgegneten die Männer. + +>Nun, ich habe doch den Berg durch meine Klugheit erlöst,< sagte der Bauer. +Und dann erzählte er den Fremden von den beiden Riesentöchtern und dem +Bruderteil. + +Die Männer hörten aufmerksam zu; aber was sie sich aus der Erzählung +merkten, war etwas ganz andres, als was der Bauer gemeint hatte. + +>Ist es auch gewiß, daß die andre Riesentochter gefährlicher ist als die, +mit der du zusammengetroffen bist?< fragten sie. + +>Jawohl, und sie würde euch nicht verschonen,< lautete die Antwort des +Bauern. + +Damit verließ er die Männer, beobachtete sie aber doch noch aus der Ferne. +Nach einer Weile sah er, daß sie ihre Arbeit einstellten und in den Wald +hineinwanderten. + +Als an diesem Abend der Bauer mit seinen Leuten beim Abendessen saß, drang +plötzlich lautes Wolfsgeheul aus dem Walde heraus. Und durch das Heulen der +wilden Tiere hindurch ertönten menschliche Hilferufe. Rasch sprang der +Bauer auf, aber die Knechte schienen keine Lust zu haben, ihm zu folgen. +>Es geschieht dem Diebsgesindel ganz recht, wenn es von den Wölfen +zerrissen wird,< sagten sie. + +>Wer in Not ist, dem muß man beistehen,< sagte der Bauer und begab sich +rasch mit allen seinen fünfzig Knechten in den Wald. + +Dort sahen sie gleich ein großes Rudel Wölfe, die umeinander sprangen und +sich um eine Beute balgten. Nachdem die Knechte die Wölfe +auseinandergejagt hatten, lagen vier menschliche Körper auf der Erde, die +so entsetzlich zugerichtet waren, daß man sie nicht hätte erkennen können, +wenn nicht vier Bergmannspickel daneben gelegen hätten. + +[Illustration] + +Nach diesem Ereignis verblieb der Kupferberg im Besitz des einen Bauern bis +an dessen Tod. Hierauf übernahmen ihn die Söhne; diese ließen die Grube +gemeinsam bearbeiten; alles Erz, das im Laufe des Jahres gewonnen worden +war, wurde in Haufen geteilt, um diese das Los geworfen, und dann schmolz +jeder das Kupfer in seiner eigenen Hütte aus. Sie alle wurden mächtige +Bergleute und bauten sich große stattliche Höfe. Nach ihnen kamen deren +Erben an die Reihe; diese öffneten neue Grubenschächte und vermehrten den +Erzgewinn. Mit jedem Jahre nahm die Grube an Umfang zu, und immer mehr +Bergwerkleute hatten teil daran. Die einen wohnten ganz in der Nähe, andre +hatten ihre Höfe und Schmelzöfen im ganzen Bezirk ringsumher. Es entstand +allmählich eine Anzahl Dörfer, und alles zusammen bekam den Namen +Großer-Kupferbergwerkbezirk. + +Nun darf man aber eins nicht vergessen. Das Erz lag an der Oberfläche des +Berges, und man konnte es herausbrechen wie die Steine aus einem +Steinbruch. Mit der Zeit aber nahm das ein Ende, und nun waren die +Grubenarbeiter gezwungen, das Erz tief unter der Erde zu suchen. Mit Hilfe +von tiefen Schächten und langen, gewundenen Gängen mußten sie sich in die +dunkeln Eingeweide der Erde hineinwühlen, dort ihre Minen legen und das Erz +heraussprengen. Das Sprengen ist an und für sich ein sehr mühseliges und +schweres Stück Arbeit, und sie wird noch beschwerlicher, weil der Rauch +nicht abziehen kann; dazu kommt dann noch das Herausschaffen des Erzes auf +steilen Leitern. Je tiefer es ins Innere der Erde hineinging, desto +gefährlicher war die Arbeit. Manchmal drangen reißende Wildwasser aus einem +Winkel in die Grube hinein, manchmal stürzte die Decke über den Arbeitern +zusammen. Dadurch war die Arbeit in der großen Grube schließlich so +berüchtigt, daß sich niemand freiwillig dazu hergeben wollte. Nun bot man +zum Tode verurteilten Verbrechern und vogelfreien Menschen, die den Wald +unsicher machten, an, ihnen ihre Missetaten zu vergeben, wenn sie +Grubenarbeiter in Falun werden wollten. + +Seit vielen, vielen Jahren hatte niemand mehr daran gedacht, den Bruderteil +zu suchen. Aber unter den vogelfreien Männern, die zum Großen Kupferberg +kamen, gab es auch solche, die ein ordentliches Abenteuer mehr schätzten +als ihr Leben, und sie streiften oft im Walde umher, in der Hoffnung, den +andern Kupferberg, den Bruderteil, zu finden. + +Wie es allen denen, die suchten, erging, weiß niemand, aber eine Geschichte +von ein paar Grubenarbeitern hat sich noch erhalten. Diese Arbeiter kamen +eines Abends ganz spät zu ihrem Herrn und erzählten, sie hätten eine +gewaltige Erzader im Walde entdeckt. Sie hätten den Weg bezeichnet, und am +nächsten Tage wollten sie ihrem Herrn die Ader zeigen. Aber der nächste Tag +war ein Sonntag, und an diesem Tag wollte der Herr nicht in den Wald und +Erz suchen; statt dessen ging er mit allen seinen Leuten in die Kirche. Es +war Winter, und die ganze Schar nahm ihren Weg über den Varpansee. Auf dem +Hinweg ging alles gut, aber auf dem Rückweg gerieten jene beiden Männer in +eine Wake und ertranken. Da begannen die Leute sich an die alte Sage von +dem Bruderteil zu erinnern, und sie raunten einander zu, diese Männer seien +ganz gewiß darauf gestoßen. + +Um die Schwierigkeiten bei der Grubenarbeit nach Möglichkeit zu heben, +ließen die Bergwerkbesitzer erfahrne Bergleute aus dem Auslande kommen; und +diese fremden Meister unterrichteten die Leute in Falun, Fahrkünste in die +Gruben zu bauen, mit denen man das Wasser herauspumpen und das Erz +heraufwinden konnte. Die Fremden glaubten nicht so recht an die Sage von +den Riesentöchtern: aber das wollten sie gerne glauben, daß sich irgendwo +in der Nähe noch eine mächtige Erzader finden könnte, und sie suchten auch +eifrig danach. Eines Abends kam denn auch ein deutscher Obersteiger in das +Gasthaus bei der Grube und sagte, er habe den Bruderteil gefunden. Aber der +Gedanke an den großen Reichtum, den er jetzt gewinnen würde, machte ihn +vollständig verwirrt und unzurechnungsfähig. An demselben Abend hielt er +ein großes Gelage in dem Wirtshaus; er trank und tanzte und spielte, und +schließlich entstand Streit und Schlägerei, und der Deutsche wurde von +einem seiner Saufkumpane erstochen. + +Aus dem Großen-Kupferbergwerk wurde noch immer so viel Erz gebrochen, daß +diese Grube für die reichste im ganzen Lande galt. Sie war nicht allein für +die nächste Umgebung eine Quelle unversiegbaren Reichtums, -- auch die +Abgaben, die davon erhoben wurden, waren in schweren Zeiten eine große +Hilfe für das schwedische Reich. Durch die Grube entstand nach und nach die +Stadt Falun, die Grube selbst galt für eine Merkwürdigkeit ersten Ranges +und war so nutzbringend, daß selbst die Könige nach Falun zu reisen +pflegten, um sie zu sehen, ja, sie nannten sie geradezu das Glück und die +Schatzkammer des Sveareiches. + +Einer der letzten, der den Bruderteil sah, war ein junger Faluner Bergmann +aus einer vornehmen, reichen Familie, der einen Hof und einen Schmelzofen +in der Stadt besaß. Er wollte eine schöne Bauerntochter von Leksand +heiraten, und so machte er sich eines Tages dorthin auf den Weg. Er brachte +seine Werbung vor; sie aber sagte, wenn er sich nicht entschließen könnte, +von Falun wegzuziehen, wolle sie ihn nicht heiraten. In Falun liege der +Rauch aus den Schmelzöfen dick und drückend über der Stadt, und es werde +ihr schon ganz schwer ums Herz, wenn sie nur daran denke. + +Der Bergmann hatte das Mädchen sehr lieb, und auf dem Rückweg war er tief +betrübt. Er hatte von jeher in Falun gewohnt, und es war ihm noch nie der +Gedanke gekommen, es könnte jemand schwer fallen, da zu leben. Als er sich +aber jetzt der Stadt näherte, erstaunte er über die Maßen. Aus der großen +Grubenöffnung, aus den hundert Schmelzöfen ringsum wallte ein schwarzer, +beißender Schwefelrauch heraus und hüllte die ganze Stadt wie in einen +Nebel ein. Der Rauch hinderte die Pflanzen am richtigen Wachstum, kahl und +öde lagen die Felder ringsumher. Überall sah der Bergmann von schwarzen +Kohlenschuppen umgebene Schmelzöfen, aus denen die Flammen herausschlugen, +und zwar nicht allein hier in der Stadt und in deren nächster Umgebung, +sondern in der ganzen Umgegend bei Grycksbo, bei Bengtsarvet, bei +Bergsgården, bei Stennäset, bei Korsnäs, in Vika, selbst bis nach Aspeboda. +Ja, nun verstand er es: wer gewohnt war, im hellen Sonnenschein an den +grünen Ufern des glänzenden Siljansees zu wohnen, der konnte hier unten +nicht gedeihen. + +Der Anblick der Stadt stimmte ihn noch trauriger, als er schon vorher +gewesen war. Er hatte keine Lust, gleich nach Hause zu gehen, sondern wich +vom Wege ab und wanderte in den Wald hinein. Hier streifte er den ganzen +Tag umher, ohne daran zu denken, wohin er ging. + +Gegen Abend stand er plötzlich vor einer Bergwand, die wie lauteres Gold +glänzte, und als er näher hinsah, entdeckte er, daß der Glanz von einer +großen Kupferader herrührte. Zuerst freute er sich über die Entdeckung; +aber dann fiel ihm die Sage von dem Bruderteil ein, der schon so vielen zum +Verderben gereicht hatte, und da erschrak er im tiefsten Innern. >Heute bin +ich wirklich vom Unglück verfolgt,< dachte er. >Vielleicht muß ich nun auch +noch das Leben lassen, weil ich den Reichtum hier entdeckt habe.< + +Rasch wendete er sich ab und machte sich auf den Heimweg. Nach einer Weile +begegnete er einer großen starken Frau. Sie sah aus, als könnte sie die +ehrfurchtgebietende Mutter eines Bergmanns sein; aber er konnte sich nicht +erinnern, sie je gesehen zu haben. + +>Ich möchte wohl wissen, was du im Walde vorgehabt hast, denn ich habe dich +den ganzen Tag darin umherstreifen sehen?< sagte die Frau. + +>Ich habe mich nach einem Bauplatz umgesehen, denn das Mädchen, das ich +liebe, will nicht in Falun wohnen,< antwortete der Bergmann. + +>Hast du nicht im Sinn, Erz aus dem Kupferberg zu brechen, den du vorhin +entdeckt hast?< fragte sie weiter. + +>Nein, ich muß die Grubenarbeit aufgeben, sonst bekomme ich das Mädchen, +das ich liebe, nicht.< + +>Nun, dann halte dein Wort, und es wird dir nichts Böses widerfahren,< +sagte die Frau; und damit verließ sie ihn. + +Er aber beeilte sich, das zu verwirklichen, was er nur aus Not als Ausrede +gesagt hatte. Er gab die Grubenarbeit auf und baute sich weit entfernt von +Falun einen Hof. Da hatte sie, die er liebte, nichts mehr gegen seine +Werbung; sie wurde seine Frau und zog mit ihm.« + +Damit endigte die Erzählung des Raben. Der Junge hatte sich wirklich die +ganze Zeit wach erhalten, trotzdem aber hatte er sein Werkzeug nicht +besonders fleißig gehandhabt. + +»Nun, wie ging es dann später?« fragte er, als der Rabe zu sprechen +aufgehört hatte. + +»Ach, seit jener Zeit ist es mit dem Kupfergewinn rückwärts gegangen. Die +Stadt steht allerdings noch, aber die alten Schmelzöfen sind nicht mehr da. +Die ganze Gegend ist mit alten Bergmannshöfen übersät, aber die darin +wohnen, müssen Land- und Forstwirtschaft betreiben. Die faluner Grube ist +nächstens erschöpft, und es wäre jetzt notwendiger als je, daß man den +Bruderteil fände.« + +»Ob wohl dieser Bergmann, von dem du eben erzählt hast, der letzte gewesen +ist, der ihn gesehen hat?« fragte der Junge. + +»Sobald du ein Loch in die Wand gehauen und mich befreit hast, werde ich +dir sagen, wer dieser letzte gewesen ist,« antwortete der Rabe. + +Der Junge fuhr zusammen und begann sein Stemmeisen wieder rascher zu +handhaben. Es war ihm gewesen, als ob Bataki dies letzte in einem +merkwürdig bedeutungsvollen Ton gesagt hätte, beinahe wie wenn er dem +Jungen zu verstehen geben wollte, er selbst, der Rabe, habe die große +Erzader gesehen. Mochte er wohl eine Absicht gehabt haben, als er ihm diese +Geschichte erzählt hatte? + +»Du bist gewiß viel in dieser Gegend umhergestreift?« fragte der Junge, um +etwas Näheres zu erfahren. »Und während du über die Berge und Wälder +hingeschwebt bist, hast du gewiß allerlei gefunden?« + +»Allerdings, und ich könnte dir viel Merkwürdiges zeigen, wenn du nur erst +mit dieser Arbeit fertig wärest,« sagte der Rabe. + +Jetzt hackte der Junge mit einem Eifer darauf los, daß die Späne nur so +flogen. Ganz gewiß hatte der Rabe den Bruderteil gefunden! + +»Da ist es nur schade, daß du als Rabe gar keinen Nutzen aus dem Reichtum +ziehen kannst,« sagte der Junge. + +»Ich spreche jetzt nicht weiter über die Sache, bis ich sehe, ob du +wirklich ein Loch zustande bringst, durch das ich hinausschlüpfen kann,« +entgegnete Bataki. + +Der Junge arbeitete und arbeitete; schließlich wurde das Eisen ganz heiß in +seiner Hand. Er glaubte, die Absicht des Raben zu erraten. Dieser konnte +doch nicht selbst Erz ausbrechen, und da hatte er gewiß im Sinn, seine +Entdeckung ihm, Nils Holgersson, zu vermachen. Das war das glaubwürdigste +und natürlichste. Aber wenn der Junge dann das Geheimnis kannte, dann wußte +er, was er tat: sobald er seine menschliche Gestalt wieder erlangt hätte, +würde er hierher zurückkehren, den großen Reichtum zu heben. Und wenn er +dann genug Geld erworben hätte, kaufte er das ganze Kirchspiel +Westvemmenhög und baute sich da ein Schloß, so groß wie Vittskövle. Und +eines schönen Tages lüde er dann den Häusler Holger Nilsson und dessen Frau +aufs Schloß ein. Wenn diese ankämen, stünde er auf der Freitreppe und +sagte: »Bitte, treten Sie ein und tun Sie, als ob Sie zu Hause wären!« Sie +erkennten ihn natürlich nicht, sondern fragten sich nur immer wieder, wer +denn der feine Herr sei, der sie eingeladen habe. Und dann fragte der feine +Herr: »Würden Sie nicht gerne auf so einem Schlosse wie diesem hier +wohnen?« -- »Doch, das versteht sich von selbst, aber das ist nichts für +uns,« antworteten sie. -- »Doch, doch, Sie sollen das Schloß hier als +Zahlungsstatt bekommen für den großen weißen Gänserich, der im vorigen +Jahre davongeflogen ist,« antwortete dann der feine Herr ..... + +Der Junge bewegte sein Eisen immer hurtiger. Das zweite, wozu er sein Geld +anwenden würde, wäre, für das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats ein neues +Häuschen auf der Heide von Sunnerbo zu bauen. Natürlich ein viel schöneres +und größeres als das alte. Und dann wollte er den ganzen Tåkern kaufen, und +dann ..... + +»Jetzt muß ich deinen Fleiß tatsächlich loben,« sagte der Rabe. »Ich +glaube, das Loch ist schon groß genug.« + +Und der Rabe konnte sich wirklich hindurchzwängen. Der Junge folgte ihm, +und da sah er Bataki ein paar Schritte entfernt auf einem Stein sitzen. + +»Jetzt werde ich mein Versprechen halten, Däumling,« begann Bataki in +höchst feierlichem Ton, »und dir sagen, daß ich selbst den Bruderteil +gesehen habe. Aber ich möchte dir nicht raten, ihn zu suchen, denn ich habe +mich viele Jahre lang abgemüht, bis ich ihn gefunden hatte.« + +»Ich dachte, du würdest mir zur Belohnung für meine Hilfe zeigen, wo er +ist,« sagte der Junge. + +»Ach, Däumling, du mußt doch schrecklich schläfrig gewesen sein, während +ich von dem Bruderteil erzählte,« sagte Bataki. »Sonst könntest du so etwas +nicht erwarten. Hast du denn nicht gehört, daß alle, die offenbaren +wollten, wo der Bruderteil sich befände, das Leben eingebüßt haben? Nein, +mein Freund, Bataki hat in seinem langen Leben gelernt, den Mund zu +halten.« + +Damit breitete Bataki seine Flügel aus und flog davon. + +Dicht neben der Schwefelküche schlief Mutter Akka; aber es dauerte eine +gute Weile, bis der Junge zu ihr trat und sie weckte. Er war verstimmt und +betrübt, weil er um den großen Reichtum gekommen war, und er hatte jetzt +das Gefühl, als habe er nicht das geringste, worüber er sich freuen könnte. + +»Im übrigen glaube ich gar nicht an die Geschichte mit den Riesentöchtern +und ebensowenig an die Wölfe und an das trügerische Eis,« sagte er vor sich +hin. »Natürlich sind die armen Grubenarbeiter, als sie die reiche Erzader +mitten im wilden Wald entdeckten, vor lauter Freude ganz von Sinnen +gekommen und haben deshalb später den rechten Platz nicht mehr finden +können. Und dann hat sie die Enttäuschung so vollständig überwältigt, daß +sie einfach nicht mehr leben konnten. Denn ganz so ist es mir jetzt +zumute.« + +[Illustration] + + + + +31 + +Walpurgisnacht + + + Samstag, 30. April + +Auf einen Tag im Jahre freuen sich die Kinder in Dalarna ebensosehr wie auf +den Weihnachtsabend. Das ist die Walpurgisnacht, wo sie ringsumher im Lande +Freudenfeuer anzünden dürfen. + +Schon wochenlang vorher denken die Jungen und Mädchen an nichts weiter, als +nur recht viel Holz zu den Walpurgisfeuern zusammenzutragen. Sie gehen in +den Wald und sammeln dürre Zweige und Tannenzapfen, sie sammeln Späne beim +Schreiner und Knüppel und Rinde und Holzknorren beim Holzfäller. Alle Tage +gehen sie zum Kaufmann und betteln um alte Kisten; und wenn eines irgendwo +eine alte Teertonne ergattert hat, dann versteckt es sie als seinen größten +Schatz und wagt erst in der letzten Stunde damit herauszurücken, gerade ehe +die Feuer angezündet werden sollen. Die kleinen Reisigzweige, mit denen man +die jungen Bohnen und Erbsen stützt, sind in großer Gefahr, desgleichen +auch alle die alten herausgerissenen Zaunpfähle, alles zerbrochene +Holzgeschirr und alle auf dem Felde vergessenen Heureiter. + +Wenn der große Abend endlich da ist, haben in jedem Dorfe die Kinder +entweder auf einem Hügel oder auch am Seeufer aus dürren Zweigen und Reisig +und allem möglichen nur erdenklichen Brennbarem einen großen Haufen +aufgeschichtet. An einzelnen Orten haben sie sogar zwei, ja drei Holzstöße; +denn manchmal entzweien sich die Mädchen und Knaben schon beim Sammeln des +Holzes, oder die Kinder vom südlichen Teil des Dorfes wollen das Feuer bei +sich haben, aber die Kinder vom nördlichen Teil gehen nicht darauf ein und +verschaffen sich deshalb ihr Feuer auf eigene Rechnung. + +Die Holzstöße sind meist schon früh am Nachmittag fertig; und dann +versammeln sich alle Kinder mit Zündholzschachteln in der Tasche um sie +herum und warten ungeduldig auf den Einbruch der Dunkelheit. Um diese +Jahreszeit ist es in Dalarna so schrecklich lang Tag! Um acht Uhr abends +fängt es kaum erst an zu dämmern. Kalt und feucht ist es draußen, denn es +ist ja noch halb Winter, und den Kindern wird die Zeit lang. Auf den freien +Plätzen und auf den offenen Feldern ist aller Schnee schon geschmolzen, und +mitten am Tage wenn die Sonne hoch am Himmel steht, ist es auch ganz +behaglich warm; aber in den Wäldern liegen noch große Schneewehen, die Seen +sind noch mit Eis bedeckt, und in der Nacht sinkt das Thermometer häufig +immer noch mehrere Grade unter Null herab. Deshalb wird ab und zu auch +einmal ein Feuer angezündet, ehe es so recht dunkel ist. Aber nur die +kleinsten und ungeduldigsten Kinder übereilen sich in dieser Weise; die +großen warten, bis die Nacht vollständig hereingebrochen ist, damit sich +die Feuer recht großartig ausnehmen. + +Endlich ist die richtige Stunde gekommen. Jedes Kind, es mag einen noch so +kleinen Zweig zum Holzstoß beigetragen haben, ist anwesend; nun zündet der +älteste Junge einen Strohwisch an und steckt ihn unten in den Haufen +hinein. Sogleich beginnt das Feuer zu arbeiten; es knattert und knistert im +Reisig; der Rauch wallt schwarz und drohend auf; endlich dringen die +Flammen oben aus dem Reisighaufen heraus; hell und klar steigen sie auf +einmal mehrere Meter in die Höhe, so daß sie in der ganzen Gegend gesehen +werden können. + +Wenn die Kinder eines Dorfes ihren eignen Holzstoß in vollen Brand gesetzt +haben, nehmen sie sich Zeit, sich umzusehen. Ja, dort brennt ein Feuer, und +dort drüben ein zweites! Jetzt flammt eins auf dem Hügel dort auf, und +jetzt eins ganz droben auf dem Berge! Alle Kinder hoffen, ihr eignes Feuer +werde das größte und hellste sein; und sie haben so große Angst, es könnte +die andern möglicherweise nicht übertreffen, daß sie jetzt in der letzten +Stunde nach den Häusern rennen und Vater und Mutter noch um ein paar +Bretterstumpen oder um etwas Brennholz bitten. + +Wenn das Feuer eine Weile gebrannt hat, kommen die Erwachsenen und die +alten Leute auch herbei, es sich anzusehen. Aber das Feuer ist nicht allein +schön und hell, es verbreitet auch eine schöne gute Wärme und verlockt +dadurch die Zuschauer, sich auf den Steinen und Erdhügeln ringsum +niederzulassen. Da sitzen sie und schauen in die Flammen, bis es einem +einfällt, es wäre doch recht behaglich, wenn man an dem schönen Feuer ein +Schälchen Kaffee kochen würde. Während der Kaffeekessel summt, erzählt wohl +einer eine Geschichte; und wenn diese zu Ende ist, ist gleich wieder ein +andrer mit einer neuen bei der Hand. + +Die Erwachsenen denken hauptsächlich an den Kaffee und die Geschichten, die +Kinder aber suchen das Feuer möglichst lange in hellem Brand zu erhalten. +Dem Frühling ist es so schrecklich schwer geworden, den Schnee zu schmelzen +und das Eis aufzutauen. Wie schön wäre es, wenn man ihm nun mit dem Feuer +ein wenig helfen könnte! Sonst kann er ja unmöglich den Boden rechtzeitig +von der Kälte befreien, damit Bäume und Kräuter auch rechtzeitig +ausschlagen können. + + * * * * * + +Die Wildgänse hatten sich für die Nacht auf dem Eise des Siljansees +niedergelassen, und da ein schrecklich kalter Nordwind daherfegte, mußte +der Junge unter den Flügel des weißen Gänserichs kriechen. Aber er hatte +noch nicht lange dagelegen, als ihn ein Flintenschuß auffahren ließ. Rasch +glitt er unter dem Flügel hervor und sah sich erschrocken um. + +Hier draußen auf dem Eise, wo die Gänse ruhten, war alles ganz still, so +sehr der Junge auch umherspähte, er konnte nirgends einen Jäger entdecken. +Aber als er nach dem Lande hinschaute, nahm er etwas ganz Merkwürdiges +wahr; er meinte zuerst, er sehe eine Gespenstererscheinung, etwas in der +Art, wie damals die Stadt Vineta, oder den Garten bei Groß-Djulö. + +Am Nachmittag waren die Gänse mehrere Male über dem großen See hin und her +geflogen, ehe sie den Platz gewählt hatten, wo sie sich niederlassen +wollten. Und da hatten sie dem Jungen die großen Kirchen und Dörfer +gezeigt, die an den Ufern des Sees lagen. Er hatte Leksand, Rättvik, Mora +und die Sollerö gesehen. Die Kirchendörfer waren sehr groß, sie sahen wie +richtige Landstädte aus, und der Junge hatte sich sehr verwundert, wie +dicht bebaut dies Land hier im Norden war. Die ganze Gegend erschien ihm +viel freundlicher und lachender, als er erwartet hatte; er hatte durchaus +nichts Unheimliches oder Schreckeneinjagendes entdecken können. + +Aber jetzt, in der dunkeln Nacht, flammte an diesen selben Ufern ein großer +Kranz von hellen Feuern auf. Überall sah man sie lodern: in Mora am +nördlichen Ende des Sees, am Ufer der Sollerö in Vikarby, auf der Höhe über +dem Dorfe Sjurberg, auf dem Kirchenplatz ganz draußen auf der Landzunge bei +Rättvik, auf dem Lerdalberg, und dann weiterhin auf allen Landzungen und +Hügeln bis hinunter nach Leksand. Der Junge zählte mehr als hundert Feuer; +er konnte ganz und gar nicht begreifen, wo sie hergekommen wären, und ob +nicht Hexerei und Zauberkunst mit im Spiele sei. + +Bei dem Schuß waren auch die Wildgänse erwacht, aber sobald Akka einen +Blick auf den Strand geworfen hatte, sagte sie: »Die Menschenkinder treiben +heute Kurzweil.« Hierauf steckten alle Wildgänse die Köpfe aufs neue unter +die Flügel und schliefen sogleich wieder ein. + +Der Junge aber betrachtete die Feuer, die das ganze Ufer wie eine lange +Reihe von goldenen Kleinodien schmückten, und wie eine Motte wurde er von +dem Licht und der Wärme unwiderstehlich angezogen; er wäre gern näher +hingegangen, aber er wußte nicht recht, ob er die Gänse ohne Gefahr +verlassen könnte. Ein Schuß um den andern tönte zu ihm herüber, und da er +jetzt wußte, daß keine Gefahr damit verbunden war, lockten ihn auch diese. +Die Leute dort drüben bei den Feuern schienen so vergnügt zu sein, daß sie +sich am Lachen und Jubeln nicht genügen lassen konnten, sie mußten auch +noch Freudenschüsse abfeuern. Und jetzt wurden bei einem Feuer, das auf +einem Berg brannte, überdies noch Raketen abgebrannt. Dort hatten sie ein +riesiges Feuer, und es lag hoch droben; aber das war ihnen noch nicht +genug, sie wollten es noch schöner haben. Bis hinauf in die Wolken des +Himmels sollte man sehen, wie vergnügt sie wären. + +Der Junge hatte sich ganz allmählich dem Ufer genähert; da drang plötzlich +Gesang an sein Ohr, und jetzt hielt ihn nichts mehr zurück; er rannte dem +Lande zu, da mußte er dabei sein. + +Aus der Tiefe der Rättviker Bucht führt eine ungewöhnlich lange +Dampfschiffbrücke ins Wasser hinaus; am äußersten Ende dieser Brücke stand +eine Anzahl von Sängern, die in der späten Nachtstunde ihre Lieder über den +See hinklingen ließen. Es war fast, als meinten sie, der Frühling schlafe, +den Wildgänsen gleich, draußen auf dem Eise des Siljansees, und sie müßten +ihn wecken. + +Die Sänger huben an mit dem Lied: »Ich weiß ein Land weit droben im Nord!« +Dann kam: »Im Sommer gar schön, wenn die Erde sich freut, im Tal bei zwei +Flüssen, den großen.« Dann: »Der Marsch geht nach Tuna!« Hierauf: »Freie, +große, kecke Männer,« und zum Schluß: »In Dalarna wohnten, in Dalarna +wohnen«. Es waren lauter Lieder über Dalarna. Auf der Brücke selbst brannte +kein Feuer, und die Sänger konnten nicht weit umhersehen, aber mit den +Tönen tauchte vor ihnen und vor allen, die zuhörten, ihr Land auf, schöner +und hinreißender, als wenn sie es beim Tageslicht gesehen hätten. Es war, +als wollten sie den Frühling also anflehen: »Sieh, solch ein Land wartet +auf dich! Willst du uns nicht zu Hilfe kommen? Willst du den Winter noch +länger seinen Druck über diese wunderschöne Gegend ausüben lassen?« + +Nils Holgersson lauschte dem Gesang unbeweglich bis zum Ende, dann erst +eilte er dem Lande zu. Ganz drinnen in der Bucht war das Eis schon +geschmolzen; es war aber hier so viel Sand angeschwemmt, daß der Junge ganz +gut bis zu einem Feuer hingelangen konnte, das dicht am Uferrain lag. +Vorsichtig, vorsichtig schlich er sich immer näher heran, bis er die +Menschen, die neben dem Feuer standen oder saßen, sehen und auch hören +konnte, was sie sprachen. Und wieder begann er sich über das, was sie +sagten, zu verwundern und sich zu fragen, ob er nicht eine Spukerscheinung +vor sich habe. Noch nie hatte er Menschen in solchen Anzügen gesehen. Die +Frauen trugen schwarze spitzige Mützen auf dem Kopf, kleine weiße +Pelzjäckchen, rosa Tücher um den Hals, grünseidene Leibchen und schwarze +Röcke mit einem weiß, rot, grün und schwarz gestreiften Vorderblatt. Die +Männer hatten runde Hüte mit niedrigem Kopf, blaue Röcke mit rot +eingefaßten Säumen, gelbe Lederhosen, die bis an die Kniee reichten und von +roten mit Quästchen gezierten Strumpfbändern festgehalten wurden. Der Junge +wußte nicht, ob es nur von den Anzügen herkäme, aber er meinte, diese +Menschen sähen ganz anders aus als an andern Orten: viel stattlicher und +viel vornehmer. Er hörte, daß sie miteinander sprachen, konnte aber lange +kein Wort verstehen. Da fielen ihm die schönen Kleider ein, die seine +Mutter in ihrer Truhe verwahrte und die seit ewiger Zeit niemand hatte +tragen wollen, und er fragte sich, ob er hier nicht am Ende Leute aus +früheren Zeiten vor sich habe, Leute, die in den letzten hundert Jahren +nicht mehr auf Erden geweilt hätten. + +Dies war jedoch nur ein Gedanke, der ihm durch den Kopf ging und gleich +wieder verschwand, denn er sah wohl, daß diese Leute hier lebendige +Menschen waren. Die Ursache aber, warum der Junge so dachte, ist die, daß +sich die Bewohner am Siljansee in ihrer Rede, in ihrer Tracht und in ihren +Sitten noch mehr von den vergangenen Zeiten bewahrt haben, als es an andern +Orten der Fall ist. + +Bald wurde sich der Junge auch darüber klar, daß die Leute dort am Feuer +von alten Zeiten sprachen. Sie erzählten, wie es ihnen in ihren jungen +Jahren ergangen sei, wo sie auf weiten Wegen in andre Landesteile hätten +wandern müssen, um durch ihre Arbeit den ihrigen daheim das tägliche Brot +zu verschaffen. Der Junge hörte mehrere Leute ihre Geschichte erzählen; +aber später konnte er sich doch am besten an das erinnern, was eine ganz +alte Frau aus ihrem Leben mitgeteilt hatte. + + +Die Geschichte der Kerstis vom Moore + +»Meine Eltern hatten einen kleinen Hof in Ostbjörka,« begann die Alte, +»aber wir waren viele Geschwister, und die Zeiten waren sehr hart, deshalb +mußte ich schon mit sechzehn Jahren in die Fremde hinaus. Wir zogen +miteinander, so ungefähr zwanzig junge Leute, von Rättvik aus; im Jahre +1845, am 14. April kam ich zum erstenmal nach Stockholm. Als Mundvorrat auf +der Reise hatte ich etwas Brot, ein Stück Kalbfleisch und etwas Käse. +Vierundzwanzig Groschen waren mein ganzer Geldvorrat. Die andern +Lebensmittel, die ich von Hause mitbekam, packte ich in meinen Reisesack +und schickte ihn samt meinem Arbeitsanzug mit einem Bauernwagen im voraus +nach Stockholm. + +So schlugen wir denn alle zwanzig den Weg nach Falun ein; wir legten +täglich drei bis vier Meilen zurück, und so erreichten wir Stockholm am +siebenten Tage. Das war noch anders, als wenn die Mädchen sich heutzutage +nur auf die Eisenbahn setzen und dann höchst bequem in acht bis neun +Stunden an Ort und Stelle sind. + +Als wir in Stockholm einzogen, riefen die Leute einander zu: >Seht, da +kommt das Dalregiment!< Und es war auch, als ob ein ganzes Regiment +dahermarschiert käme, als wir in unsern Schuhen mit den hohen Absätzen, in +die der Schuhmacher mindestens fünfzehn große Nägel hineingeschlagen hatte, +durch die Straßen schritten; und da wir die spitzigen Pflastersteine nicht +gewohnt waren, traten mehrere von uns häufig fehl und fielen zu Boden. + +Wir gingen in ein Wirtshaus, in das >Weiße Roß<, wo die Leute aus Dalarna +abzusteigen pflegten und das auf dem Södermalm in der großen Badstraße lag. +Die Leute aus Mora wohnten in derselben Straße, in der >Großen Krone<. +Jetzt aber mußte eilig etwas verdient werden, das kann ich euch sagen, denn +von den vierundzwanzig Groschen, die ich von daheim mitbekommen hatte, +waren nur noch achtzehn übrig. Eines von den andern Mädchen sagte, ich +solle mich bei einem Rittmeister, der am Hornstull wohne, nach Arbeit +umsehen. Dort wurde ich auf vier Tage gedungen, während der ich in seinem +Garten graben und pflanzen mußte. Als Lohn erhielt ich vierundzwanzig +Groschen, mußte mich aber selbst verköstigen. Da konnte ich mir nur wenig +zum Essen kaufen, doch die kleinen Töchterchen der Herrschaft sahen, daß +ich hungrig war; sie liefen in die Küche hinein und verlangten noch etwas +zum Essen für mich, und so wurde ich doch satt. + +Hierauf kam ich zu einer Frau in der Norrlandstraße. Da mußte ich in einer +ganz miserabeln Kammer schlafen; die Mäuse zernagten mir meine Mütze und +mein Halstuch und fraßen ein Loch in meinen Reisesack. Ich mußte ihn mit +einem alten Stiefelschaft, den man mir gab, flicken. In diesem Haus hatte +ich nur auf vierzehn Tage Arbeit, und dann mußte ich mit zwei Reichstalern +in der Tasche nach Hause wandern. Diesmal nahm ich den Weg über Leksand und +hielt mich da in einem Dorfe namens Rönnäs ein paar Tage auf. Ich erinnere +mich, daß die Leute dort Hafergrütze kochten, die mit Spreu und Kleie +vermischt war. Sie hatten nichts andres, und in jenen Tagen der Hungersnot +mußten sie noch froh daran sein. + +Ja, in jenem Jahr war es mir nicht gerade glänzend gegangen, aber im +nächsten ging es mir noch schlechter. + +Seht, ich mußte eben wieder ausziehen, denn sonst hätten sie daheim nichts +zum Leben gehabt. Diesmal schloß ich mich an zwei andre Mädchen an, und wir +wanderten zusammen nach Hundiksvall. Bis dorthin waren es fünfundzwanzig +Meilen, und wir mußten unsere Reisesäcke den ganzen Weg selber auf dem +Rücken tragen, denn jetzt hatten wir keinen Bauernwagen, der sie +mitgenommen hätte. + +Wir hatten gehofft, Gartenarbeit zu finden; aber als wir hinkamen, lag noch +überall der Schnee, und mit der Gartenarbeit war es nichts. Da ging ich +vors Dorf hinaus auf die großen Bauernhöfe und bat flehentlich, man solle +mir doch irgend eine Arbeit geben. Ach, ihr lieben Leute, wie hungrig und +müde war ich, bis ich einen Hof fand, wo man mich behielt und mich um acht +Groschen am Tag Wolle krempeln ließ! Später fand ich schließlich doch auch +Arbeit in den Gärten der Stadt, und da blieb ich bis Juli. Dann aber +überkam mich das Heimweh mit solcher Macht, daß ich mich auf den Weg nach +Rättvik machte. Ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt. Meine Schuhe +waren durchgelaufen, und so mußte ich die vierundzwanzig Meilen barfuß +zurücklegen. Aber ich wanderte frohen Herzens dahin, denn jetzt hatte ich +fünfzehn Reichstaler erspart, und für meine kleinen Geschwister brachte ich +ein paar altbackene Weißbrötchen und eine Tüte voll Zuckerstückchen mit, +die ich mir zusammengespart hatte. So oft mir jemand zwei Stückchen Zucker +in meinen Kaffee gab, warf ich immer nur eines hinein und hob das andre +auf. + +Ja, da sitzt ihr nun, ihr Mädchen, und wißt nicht, wie sehr ihr dem lieben +Gott dafür danken solltet, daß er uns bessere Zeiten gegeben hat, denn +damals folgte ein Hungerjahr auf das andre; alle jungen Leute in Dalarna +mußten sich auswärts nach einem Verdienst umsehen. Im nächsten Jahre -- +das war Anno 1847 -- wanderte ich wieder nach Stockholm und arbeitete im +großen Hornberger Garten. Außer mir waren noch mehrere Mädchen da, und wir +hatten jetzt einen etwas besseren Taglohn, mußten aber trotzdem tüchtig +sparen. Wir sammelten im Gartenland alte Nägel und Knochen, die wir an den +Lumpensammler verkauften. Für das Geld kauften wir uns dann eine Art +steinharten Zwieback, wie sie in der Militärbäckerei für die Soldaten +gebacken wurden. Ende Juli kehrte ich wieder nach Hause zurück, um daheim +bei der Ernte zu helfen. Diesmal hatte ich mir dreißig Reichstaler erspart. + +Auch im folgenden Jahre mußte ich auf den Verdienst ausziehen. Diesmal kam +ich zu einem Stallmeister, der vor Stockholm wohnte. In diesem Sommer war +Manöver auf dem Lagårdsgärdet, und der Kellermeister schickte mich hinaus, +die Küche zu überwachen, die er in einem großen Rüstwagen eingerichtet +hatte. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, wird mir jener Tag +unvergeßlich sein, wo ich draußen im Lager vor dem König Oskar auf der Lur +blasen mußte. Der König schickte mir einen ganzen Speziestaler zur +Belohnung. + +Dann war ich mehrere Sommer nacheinander Fährmädchen bei Brunswik; da +ruderte ich die Leute zwischen Albano und Haga über. Dies war meine beste +Zeit; wir hatten die Luren mit im Boot, und manchmal nahmen die Reisenden +selbst die Ruder, damit wir ihnen auf den Luren blasen konnten. Als im +Herbst die Fähre eingestellt wurde, ging ich nach Uppland hinauf und half +in den Bauernhöfen beim Dreschen. Gegen Weihnachten kehrte ich dann allemal +mit etwa hundert Reichstalern in der Tasche nach Hause zurück. Und dann +hatte ich beim Dreschen auch noch Saatkorn verdient; der Vater holte es ab, +sobald man mit dem Schlitten fahren konnte. Ja, seht, wenn ich und meine +Geschwister nicht mit unsern Sparpfennigen heimgekommen wären, dann hätten +sie daheim nichts zu leben gehabt, denn die Ernte vom eigenen Boden war +meist gegen Weihnachten schon zu Ende, und zu jener Zeit baute man noch +nicht viel Kartoffeln. Dann mußte man beim Kaufmann das Korn kaufen; wenn +aber die Tonne Roggen vierzig Reichstaler und der Hafer vierundzwanzig +Reichstaler kostete, dann galt es haushälterisch zu sein. Zu jener Zeit +wurde bei uns feingehacktes Stroh unter das Brotmehl gemischt. Dieses +Strohbrot glitt nicht leicht hinunter, das kann ich euch sagen; man mußte +ordentlich Wasser dazu trinken, daß man es überhaupt hinunterbrachte. + +So wanderte ich jedes Jahr hin und her, bis ich mich verheiratete, und das +war im Jahre 1856. Jon und ich waren in Stockholm gute Freunde geworden. +Aber jedes Jahr, wenn ich wieder nach Hause ging, war mir immer ein wenig +bänglich ums Herz, die Stockholmer Mädchen könnten seine Gedanken von mir +abwendig machen. Sie nannten ihn den schönen Moor-Jon und den schönen +Dalmann, das wußte ich. Doch in seinem Herzen wohnte keine Falschheit, und +als er sich genug erspart hatte, machten wir Hochzeit. + +Während der nächsten Jahre herrschte lauter Freude und keine Sorge bei uns; +aber das dauerte nicht lange, 1863 starb Jon, und ich stand mit meinen +fünf Kindern allein auf der Welt. Es ging uns jedoch nicht einmal so +schlecht, denn in Dalarna waren bessere Zeiten angebrochen. Jetzt gab es +Kartoffeln und auch reichlich Getreide. Das war ein großer Unterschied +gegen die früheren Zeiten. Ich bewirtschaftete die kleinen Äcker, die ich +geerbt hatte, und hatte auch mein eigenes Häuschen. So verging ein Jahr ums +andre, die Kinder wuchsen heran, und die von ihnen, die noch leben, sind +jetzt vermögliche Leute, Gott sei Dank! Sie können sich gar nicht so recht +vorstellen, wie knapp die Leute es hier in Dalarna gehabt haben, als ihre +Mutter noch jung war.« + +Damit schloß die Alte ihre Erzählung. Während sie gesprochen hatte, war das +Feuer niedergebrannt. Jetzt standen alle auf und sagten, es sei Zeit, nach +Hause zu gehen. Der Junge ging wieder aufs Eis hinaus, sich nach seinen +Reisegefährten umzusehen; aber während er so allein über das Eis hinlief, +klang in seinen Ohren noch immer der Vers, den er die Leute auf der Brücke +hatte singen hören. »In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen trotz Armut auch +Treue und Ehre ...« Dann kamen einige Verse, an die er sich nicht mehr +erinnern konnte, aber den Schluß wußte er noch: »Sie mischten mit Rinde +nicht selten ihr Brot, doch mächtigen Herren ward Hilfe in Not bei den +armen Männern in Dale.« + +Der Junge hatte nicht alles vergessen, was er einst in der Schule von den +Männern aus dem Hause Sture und von Gustav Wasa gehört hatte, und er hatte +sich immer gewundert, warum sie gerade bei den Dalmännern Hilfe gesucht +haben sollten. Aber jetzt verstand er es; denn in einem Lande, wo es solche +Frauen gab wie die Alte, die dort am Feuer ihre Geschichte erzählt hatte, +mußten ja die Männer geradezu unbesiegbar sein. + +[Illustration] + + + + +32 + +Vor den Kirchen + + + Sonntag, 1. Mai + +Als der Junge am nächsten Morgen erwachte und aufs Eis hinunterglitt, mußte +er hell auflachen. Während der Nacht hatte es geschneit, ja es schneite +noch immer, die ganze Luft war voll von weißen Flocken, und solange sie +herunterfielen, sah es fast aus, als seien es lauter Flügel von erfrorenen +Schmetterlingen. Auf dem See lag der Schnee mehrere Zentimeter tief, die +Ufer schimmerten ganz weiß, und die Wildgänse sahen wie kleine Schneewehen +aus, soviel Schnee hatten sie auf dem Rücken. + +Ab und zu rührten sich Akka oder Yksi oder Kaksi ein wenig; wenn sie aber +sahen, daß es noch immer weiter schneite, steckten sie schnell den Kopf +wieder unter den Flügel. Sie dachten wohl, bei solchem Wetter könnten sie +nichts Besseres tun als schlafen, und darin gab ihnen der Junge vollkommen +recht. + +Einige Stunden später erwachte er von dem Geläute der Kirchenglocken in +Rättvik, die zum Gottesdienst riefen. Das Schneien hatte jetzt aufgehört, +aber ein starker Nordwind fegte daher, und auf dem Eise draußen war es +bitter kalt. Der Junge war froh, als die Wildgänse endlich den Schnee +abschüttelten und ans Land flogen, um sich etwas zum Essen zu verschaffen. + +An diesem Tage war in Rättvik Konfirmation, und die Konfirmanden, die schon +früh zur Kirche gekommen waren, standen in kleinen Gruppen an der +Kirchhofmauer. Sie waren alle in ihren Sonntagsgewändern, und ihre Kleider +waren so neu und bunt, daß man sie schon von weitem leuchten sah. + +»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich die Kinder dort +sehen kann!« rief der Junge. + +Die alte Wildgans hielt dies offenbar für einen sehr natürlichen Wunsch, +denn sie ließ sich so tief wie möglich hinabsinken und flog dreimal um die +Kirche herum. Es wäre schwer zu sagen, wie die Kinder in Wirklichkeit +ausgesehen hätten; aber als Nils Holgersson die Knaben und die Mädchen von +oben herab betrachtete, meinte er, noch nie so viele schöne junge +Menschenkinder beisammen gesehen zu haben. »Ich glaube nicht, daß es in des +Königs Schloß schönere Prinzen und Prinzessinnen geben kann,« sagte er vor +sich hin. + +Es hatte in der Tat tüchtig geschneit. In Rättvik waren alle Felder mit +Schnee bedeckt, und Akka konnte nirgends ein Plätzchen entdecken, wo sie +sich mit ihrer Schar hätte niederlassen können. Da besann sie sich nicht +lange und flog südwärts gen Leksand. + +In Leksand waren wie gewöhnlich alle jungen Leute auf Arbeit ausgezogen. Es +waren also hauptsächlich alte Leute daheim, und als die Wildgänse +dahergeflogen kamen, wanderte eben ein langer Zug von lauter alten Frauen +durch die stattliche Birkenallee, die zur Kirche führt. Sie kamen auf den +weißen Wegen durch die weißstämmigen Birken in schneeweißen Mänteln aus +Schaffellen, weißen Pelzröcken, gelb oder schwarz- und weißgestreiften +Schürzen und weißen Hauben, die das weiße Haar dicht umrahmten. + +»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die alten +Leute ansehen kann!« rief der Junge. + +Das schien der alten Anführerin wohl ein natürlicher Wunsch, denn sie ließ +sich so weit, wie sie es wagen konnte, herabsinken und flog dreimal über +der Birkenallee hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie die alten Leute +in der Nähe ausgesehen hätten, aber dem Jungen war es, als habe er noch +niemals alte Frauen mit einem so klugen und freundlichen Ausdruck gesehen. +»Diese alten Frauen sehen aus, als hätten sie Könige zu Söhnen und +Königinnen zu Töchtern,« sagte der Junge vor sich hin. + +Aber in Leksand war es auch nicht besser als in Rättvik. Überall lag tiefer +Schnee, und Akka wußte sich keinen andern Rat, als weiter gen Süden nach +Gagnef zu fliegen. + +In Gagnef hatte an diesem Tage vor dem Gottesdienst ein Begräbnis +stattgefunden. Der Leichenzug hatte sich etwas verspätet, und dann hatte +das Begräbnis auch noch länger gedauert, als man gedacht hatte. Als die +Wildgänse dahergeflogen kamen, waren noch nicht alle Leute in der Kirche, +mehrere Frauen gingen sogar noch auf dem Kirchhof umher und besuchten ihre +Gräber. Sie trugen grüne Leibchen mit roten Ärmeln, und auf dem Kopfe +hatten sie farbige Tücher mit bunten Fransen. + +»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die +Bauernweiber ansehen kann!« rief der Junge. + +Dies hielt die alte Gans wohl für einen natürlichen Wunsch, denn sie flog +dreimal über dem Kirchhof hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie sich +die Leute in der Nähe ausgenommen hätten, aber als der Junge die Frauen von +oben her durch die Bäume des Kirchhofs hindurch sah, erschienen sie ihm wie +lauter schöne Blumen. »Sie sehen alle aus, als seien sie im Garten eines +Königs gewachsen,« dachte er. + +Aber selbst in Gagnef fand sich nirgends ein freies Feld, und so blieb den +Wildgänsen nichts andres übrig, als sich noch weiter südwärts nach Floda zu +wenden. + +In Floda saßen die Leute schon in der Kirche, als die Wildgänse +dahergeflogen kamen; aber gleich nach dem Gottesdienst sollte eine Hochzeit +stattfinden, und der ganze Hochzeitszug stand draußen auf dem Kirchenhügel. +Die Braut trug eine goldene Krone auf dem aufgelösten Haar und war so über +und über mit Blumen und bunten Bändern und Schmucksachen behängt, daß einem +die Augen ordentlich weh taten, wenn man sie ansah. Der Bräutigam trug +einen langen blauen Gehrock, Kniehosen und eine rote Mütze. Die Leibchen +und Rocksäume der Brautjungfern waren mit Rosen und Tulipanen bestickt, und +die Eltern und Nachbarn gingen in ihren bunten Bauerntrachten mit im Zuge. + +»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, daß ich die jungen Leute +sehen kann!« bat der Junge. + +Und die Anführerin ließ sich so weit, als sie es nur wagen konnte, +hinabsinken und flog dreimal über dem Kirchenhügel hin und her. Es wäre +schwer zu sagen, wie die Hochzeitsleute in der Nähe ausgesehen hätten, aber +so von oben aus meinte der Junge, eine so schöne Braut und einen so stolzen +Bräutigam und einen so stattlichen Hochzeitszug könne es gewiß sonst +nirgends geben. »Ich möchte wissen, ob der König und die Königin schöner +aussehen, wenn sie in ihrem Schlosse umhergehen?« dachte er in seinem +Herzen. + +Hier in Floda fanden die Wildgänse endlich ein vom Schnee befreites Feld +und mußten also nicht noch länger nach Futter suchen. + +[Illustration] + + + + +33 + +Die Überschwemmung + + + 1.-4. Mai + +Mehrere Tage lang herrschte in den Gebieten nördlich vom Mälar +entsetzliches Wetter. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, der Wind +heulte, und es regnete in Strömen. Die Menschen und Tiere wußten wohl, daß +es so sein mußte, wenn es Frühling werden sollte, trotzdem aber erschien +ihnen dieses Wetter fast unerträglich. + +Nachdem es einen Tag lang geregnet hatte, fingen die Schneemassen in den +Wäldern im Ernst zu schmelzen an, und die Frühlingsbäche begannen zu +rauschen. Alle Wasserpfützen auf den Höfen, das stillstehende Wasser in den +Gräben, das Wasser, das zwischen den Grashügeln auf den Mooren und in den +Teichen hervorquoll, alles miteinander kam in Bewegung und suchte sich +einen Weg nach den Bächen, um nach dem Meere mitgenommen zu werden. + +Die Bäche liefen so rasch wie nur möglich nach den Mälarflüssen, und die +Flüsse taten ihr bestes, ihrerseits die Wassermassen dem Mälar zuzuführen. +Und dann warfen an ein und demselben Tage alle kleinen Seen in Uppland und +im Bergwerkdistrikt ihre Eisdecken ab. Dadurch füllten sich die Bäche mit +Eisschollen, und das Wasser in ihnen stieg hurtig bis zu den Uferrändern. +So vergrößert stürzten sich die Flüsse jetzt in den Mälar, und es dauerte +nicht lange, da hatte dieser so viel Wasser aufgenommen, als er überhaupt +fassen konnte. Reißend und wild schäumend drängte er seinem Ausfluß zu; +aber der Norrstrom ist eine enge Wasserstraße, die das Wasser nicht so +hurtig durchfließen lassen konnte, wie es nötig gewesen wäre. Überdies +wehte ein sehr starker Ostwind, die Meereswellen brachen sich hoch +aufschäumend am Ufer und standen dadurch dem Strom hindernd im Wege, als +dieser sein Süßwasser in die Ostsee ergießen wollte. Da nun die Flüsse dem +Mälar unaufhörlich neues Wasser zuführten, der Strom aber seine Fülle nicht +so rasch hinausführen konnte, blieb dem großen See nichts andres übrig, als +über seine Ufer zu treten. + +Der See stieg sehr langsam, wie wenn er den schönen Ufern nur ungern +Schaden zufügen würde. Da diese aber überall sehr niedrig und flach sind, +hatte das Wasser schon nach kurzer Zeit das Land weit überschwemmt, und +mehr brauchte er nicht, um allerorten die größte Aufregung hervorzurufen. + +Der Mälar ist ein See von ganz besonderer Beschaffenheit; er besteht aus +lauter engen Fjorden, Buchten und Sunden. Nirgends breitet er sich zu +weiten, sturmgepeitschten Flächen aus; er scheint zu nichts anderm +geschaffen zu sein, als für Lustfahrten, Segeltouren und fröhlichen +Fischfang, und er hat viele reizende bewaldete Holme und Landzungen. +Nirgends sind nackte, einsame, vom Wind umfegte Ufer; es ist, als habe der +See nie daran gedacht, daß hier etwas andres als Lustschlösser, +Sommerhäuser, Herrenhöfe und Vergnügungsorte stehen sollten. Und weil er +sich für gewöhnlich so freundlich und mild zeigt, gerät vielleicht gerade +deshalb alles in so fürchterliche Aufregung, wenn er ab und zu einmal seine +freundliche Miene ablegt und offenbart, daß er auch ernstlich gefährlich +werden kann. + +Da es nun aussah, als wolle der Mälar wirklich eine Überschwemmung +anrichten, wurden alle Boote und Einbäume, die während des Winters ans Land +gezogen waren, in aller Eile gedichtet und geteert, damit sie so rasch wie +möglich zum Gebrauch bereit wären. Die Brücken der Waschfrauen wurden +hereingezogen, die Landungsbrücken dagegen verstärkt. Die Bahnwärter, deren +Aufgabe es war, die dem Ufer entlang laufenden Eisenbahnstrecken zu +bewachen, gingen beständig auf dem Bahndamm hin und her und wagten weder +bei Nacht noch bei Tag ein wenig zu schlafen. + +Die Bauern, die auf den niedrigen Holmen Heu oder dürres Laub in Scheunen +aufbewahrt hatten, schafften alles eilig ans Land herüber. Die Fischer +zogen ihre Netze und Reusen ein, damit sie nicht vom Hochwasser mit +fortgerissen würden. An den Fähren wimmelte es von Menschen, die rasch +übergesetzt werden wollten. Wer immer unterwegs war, ob auf dem Heimwege +oder nach auswärts, mußte sich beeilen, solange die Überfahrt noch möglich +war. + +In der Stockholmer Gegend, wo an den Ufern ein Dorf neben dem andern liegt, +war die Geschäftigkeit am größten. Die meisten Landhäuser lagen allerdings +so hoch über den Ufern, daß ihnen keine Gefahr drohte; aber jedes von +diesen Landhäusern hatte ja auch sein Badehaus und seine Landungsbrücke, +und sie mußten in Sicherheit gebracht werden. + +Doch nicht allein die Menschen gerieten in Aufregung, als der Mälar über +seine Ufer stieg, nein, auch die Tiere waren in großer Not: Die Enten, +deren Eier zwischen den Büschen am Ufer lagen, die Wasserratten und die +Spitzmäuse, die am Ufer wohnten und kleine hilflose Junge in ihrem Neste +hatten, ja selbst die stolzen Schwäne bekamen Angst für ihre Nester und +ihre Eier. + +Und es waren keine unnötigen Sorgen, denn mit jeder Stunde wuchs der Mälar. + +Den Weiden und Erlen an den Ufern ging das Wasser schon hoch an den Stämmen +herauf. In die Gärten war das Wasser eingedrungen; es arbeitete da in +seiner eigenen Weise, und in den Gemüsebeeten und auf den Roggenfeldern, +die ihm erreichbar waren, richtete es großen Schaden an. + +Der See stieg und stieg, mehrere Tage hindurch. Die tiefgelegenen Wiesen um +Gripsholm herum standen unter Wasser, und das große Schloß war jetzt nicht +allein durch einen schmalen Graben, sondern durch breite Sunde vom +Festlande getrennt. In Strängnäs wurde die schöne Strandpromenade in einen +brausenden Fluß verwandelt, und in Wästerås bereitete man sich darauf vor, +mit Booten in den Straßen umherzufahren. Ein paar Elche hatten auf einem +Holm im Mälar überwintert; deren Lagerstatt geriet unter Wasser und kam ans +Land geschwommen. Ganze Stapel Brennholz, eine Menge Bretter und Balken, +Bottiche und Eimer schwammen umher, und überall waren die Leute eifrig +bemüht, sie zu bergen. + +In dieser schwierigen Zeit schlich Smirre, der Fuchs, eines Tages durch ein +Birkengehölz, das etwas nördlich vom Mälar lag. Wie gewöhnlich +beschäftigten sich seine Gedanken mit den Wildgänsen und dem Däumling, und +er sann und sann, wie er sie wieder finden könnte, denn er hatte ihre Spur +vollständig verloren. + +Während er so ganz mutlos dahinwanderte, entdeckte er plötzlich die Taube +Agar, die Botschafterin, auf einem Birkenzweig. »Wie gut, daß ich dich +treffe, Agar!« rief Smirre. »Du kannst mir vielleicht sagen, wo sich Akka +von Kebnekajse mit ihrer Schar aufhält.« + +»Es ist wohl möglich, daß ich es weiß,« sagte Agar; »aber ich habe nicht im +Sinn, es dir mitzuteilen.« + +»Das ist mir auch einerlei,« fuhr Smirre fort, »wenn du ihr nur eine +Botschaft ausrichten willst, die man mir für sie aufgetragen hat. Du weißt +doch, wie schrecklich es in diesen Tagen am Mälar aussieht. Es ist eine +fürchterliche Überschwemmung, und das große Schwanenvolk, das in der +Hjälstabucht wohnt, ist in größter Sorge um seine Nester und Eier. Nun hat +der Schwanenkönig Dagklar von dem Knirps gehört, der mit den Wildgänsen +umherzieht und für alles Rat weiß, und er hat mich zu Akka geschickt, sie +zu bitten, mit dem Däumling nach der Hjälstabucht zu kommen.« + +»Ich werde deinen Auftrag ausrichten,« erwiderte Agar. »Aber es ist mir +nicht recht klar, wie der kleine Wicht den Schwänen helfen könnte.« + +»Mir ist es auch nicht klar, aber er kann ja alles mögliche.« + +»Ich wundere mich auch sehr darüber, daß Dagklar einen Fuchs mit einem +Auftrag an die Wildgänse schickt,« wandte Agar ein. + +»Da hast du ganz recht, wir sind sonst Feinde,« erwiderte Smirre mit +freundlicher Stimme. »Aber in der Not muß man einander beistehen. Übrigens +wirst du gut tun, wenn du Akka nicht sagst, daß du die Botschaft durch +einen Fuchs erhalten hast, sonst könnte sie am Ende mißtrauisch werden.« + + +Die Schwäne in der Hjälstabucht + +Der sicherste Zufluchtsort für die Schwimmvögel am ganzen Mälar ist die +Hjälstabucht; dies ist der innerste Teil der Ekolsundbucht, die wieder eine +Ausweitung des Norra-Björköfjords ist. Dieser Fjord aber ist die +zweitgrößte von den langen Buchten, die der Mälar nach Uppland hinein +erstreckt. + +Die Hjälstabucht hat flache Ufer, einen niedrigen Wasserstand und eine +Menge Binsen ganz wie der Tåkern. Sie ist zwar lange nicht so groß wie der +berühmte Vogelsee, aber trotzdem eine ausgezeichnete Heimat für die Vögel, +weil sie seit vielen Jahren als Freistatt anerkannt ist. Es wohnt nämlich +ein großes Schwanenvolk dort, und der Besitzer des ganz in der Nähe +liegenden alten Krongutes Ekolsund hat die Jagd da verboten, damit die +Schwäne nicht gestört oder beunruhigt würden. + +Sobald Akka erfahren hatte, daß die Schwäne ihrer Hilfe bedürften, flog sie +eiligst nach der Hjälstabucht. Sie gelangte am Abend hin und sah da gleich, +welche ungeheuern Zerstörungen die Überschwemmung angerichtet hatte. Die +großen Schwanennester waren losgerissen und von dem heftigen Wind auf die +Bucht hinausgetrieben worden; einige waren schon auseinandergefallen, andre +umgestürzt, und die Eier lagen jetzt hell glänzend drunten im Wasser auf +dem Grund. + +Als sich Akka in der Bucht niederließ, waren alle hier wohnenden Schwäne am +östlichen Ufer versammelt, wo sie vor dem Winde am besten geschützt waren. +Die Überschwemmung hatte freilich großen Schaden bei ihnen angerichtet, +aber sie waren viel zu stolz, irgend einen Kummer zu zeigen. »Es hat keinen +Wert, unglücklich darüber zu sein. Hier herum gibt es genug Wurzelfasern +und Stiele, um neue Nester zu bauen,« sagten sie. Kein einziger Schwan +hatte daran gedacht, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sie hatten +keine Ahnung, daß Smirre die Wildgänse herbeigerufen hatte. + +Es waren mehrere hundert Schwäne versammelt, und sie hatten sich ihrem Rang +und ihrer Stellung gemäß aufgestellt; die jungen und unerfahrenen zu +äußerst im Kreis, die alten und weisen mehr nach innen. Ganz in der Mitte +lag Dagklar, der Schwanenkönig, mit Schneefrid, der Schwanenkönigin; diese +beiden waren älter als alle andern, und fast alle Mitglieder des +Schwanenvolkes waren ihre Kinder und Kindeskinder. + +Dagklar und Schneefrid konnten von jenen Zeiten erzählen, wo es in Schweden +noch gar keine wilden Schwäne gab, sondern nur zahme in den Schloßgräben +und Teichen. Aber dann war einmal ein Schwanenpaar entwischt und hatte sich +in der Hjälstabucht niedergelassen. Von diesen beiden stammten nun alle die +Schwäne ab, die hier wohnten. In der jetzigen Zeit gibt es allerdings eine +Menge wilder Schwäne im Mälar, sowie im Tåkern und im Hornborgasee; aber +alle diese Ansiedler stammen aus der Hjälstabucht, und die Schwäne waren +sehr stolz darauf, daß sich ihre Familie über einen See nach dem andern +ausbreitete. + +Die Wildgänse hatten sich zufälligerweise auf der westlichen Seite der +Bucht niedergelassen; aber nachdem Akka entdeckt hatte, wo die Schwäne +lagen, schwamm sie sogleich zu ihnen hinüber. Sie war selbst sehr erstaunt, +daß nach ihr geschickt worden war; aber sie betrachtete es als eine Ehre +und wollte keinen Augenblick verlieren, wenn sie den Schwänen beistehen +konnte. + +Als Akka in die Nähe der Schwäne kam, hielt sie an, um zu sehen, ob die +Gänse hinter ihr auch in einer geraden Linie und in der rechten Entfernung +voneinander schwämmen. »Schwimmt nun hübsch und gerade!« sagte sie. »Starrt +die Schwäne nicht an, als ob ihr noch nie etwas Schönes gesehen hättet, und +kümmert euch nicht um das, was sie zu euch sagen!« + +Akka besuchte die alte Schwanenherrschaft nicht zum ersten Male, und bis +jetzt war sie immer mit der Aufmerksamkeit empfangen worden, die einem so +weitgereisten und angesehenen Vogel gebührte. Aber es war ihr nie angenehm, +wenn sie durch alle die andern Schwäne, die die Alten umringten, +hindurchschwimmen mußte. Sie kam sich nie so klein und grau vor, als wenn +sie mit den Schwänen zusammen war, und zuweilen ließ auch der eine oder der +andre eine Bemerkung über gewisse graue häßliche Leute fallen. Aber da +hielt es Akka immer fürs klügste, zu tun, als ob sie es nicht gehört hätte, +und nur ruhig weiter zu schwimmen. + +Diesmal schien alles ungewöhnlich gut zu gehen. Die Schwäne glitten ganz +still zur Seite, und die Wildgänse schwammen wie durch eine mit großen +weißschimmernden Vögeln eingefaßte Straße hindurch. Und diese weißen Vögel, +die ihre Flügel wie Segel ausspannten, um sich vor den Fremden in ihrer +ganzen Schönheit zu zeigen, boten einen überaus prächtigen Anblick. Sie +machten nicht eine einzige spitzige Bemerkung, worüber Akka sich sehr +verwunderte. »Gewiß hat König Dagklar von ihren Unarten Kenntnis erhalten +und ihnen gesagt, sie sollten sich wie gebildete Tiere benehmen,« dachte +die alte Wildgans. + +Aber während die Schwäne sich so alle Mühe gaben, ihre guten Sitten zu +zeigen, entdeckten sie plötzlich den weißen Gänserich, der ganz hinten in +der langen Reihe der Gänse schwamm. Da ging ein Raunen der Verwunderung und +des Zorns durch die Schwanenreihen, und mit einem Schlage war es aus mit +dem gebildeten Benehmen. + +»Was ist denn das?« rief einer von den Schwänen. »Wollen die Wildgänse +jetzt weiße Federn haben?« + +»Sie werden sich doch nicht einbilden, daß sie deshalb Schwäne würden!« +schrie es von allen Seiten. + +Und mit ihren weithintönenden Stimmen schrien die Schwäne immer lauter +durcheinander; es war Akka ganz unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, um +ihnen zu erklären, daß dies eine zahme Gans sei, die sich ihnen +angeschlossen habe. + +»Da kommt gewiß der Gänsekönig selbst daher!« spotteten die Schwäne. + +»Sie sind ganz unglaublich unverschämt!« riefen die andern. + +»Es ist gar keine Gans, es ist eine zahme Ente!« + +Der große Weiße gedachte Akkas Ermahnung, sich nicht um das zu kümmern, was +ihnen zugerufen würde. Er schwieg also ganz still und schwamm so schnell +wie möglich vorwärts; aber es half nichts, die Schwäne wurden nur noch +ausfälliger. + +»Was hat er denn für eine Kröte auf dem Rücken?« fragte einer von ihnen. +»Die Gänse meinen wohl, wir könnten nicht sehen, daß es eine Kröte ist, +trotzdem sie sich wie ein Mensch herausgeputzt hat?« + +Nun schwammen alle die Schwäne, die vorher in so schöner Ordnung dagelegen +hatten, in wilder Aufregung durcheinander; alle drängten sich vor, um die +weiße Wildgans zu sehen. + +»So ein weißer Gänserich sollte sich wenigstens schämen, sich hier vor uns +Schwänen sehen zu lassen!« + +»Er ist gewiß ebenso grau wie die andern und nur in einen Melkkübel +getaucht.« + +Jetzt hatte Akka den König Dagklar erreicht und wollte ihn eben fragen, +womit sie ihm behilflich sein könnte, als dieser den Aufruhr unter seinem +Volke gewahr wurde. + +»Was ist denn da los? Habe ich ihnen nicht befohlen, höflich gegen die +Fremden zu sein?« rief er und sah sehr unzufrieden aus. + +Schneefrid, die Schwanenkönigin, schwamm zu ihren Untertanen hin, um +Ordnung unter ihnen zu schaffen, und Dagklar wendete sich wieder an Akka. +Doch schon kehrte Schneefrid sehr erregt zurück. »Kannst du sie nicht zum +Schweigen bringen?« rief ihr der Schwanenkönig entgegen. + +»Es ist eine weiße Wildgans unter ihnen,« antwortete die Schwanenkönigin. +»Das ist wirklich schändlich. Es wundert mich nicht, daß sie wütend sind.« + +»Eine weiße Wildgans!« rief Dagklar. »Das ist zu toll! Das gibt es ja gar +nicht. Du wirst nicht recht gesehen haben.« + +Das Gedränge um den Gänserich Martin herum wurde immer größer. Akka und die +andern Wildgänse versuchten, zu ihm hinzuschwimmen; aber sie wurden hin und +her gepufft und konnten nicht bis zu ihm gelangen. + +Jetzt setzte sich auch der alte Schwanenkönig, der stärkste von dem ganzen +Volke, in Bewegung. Er schob alle andern zur Seite und bahnte sich einen +Weg zu dem weißen Gänserich hin. Aber als er sah, daß da wirklich eine +weiße Gans auf dem Wasser lag, wurde er ebenso erregt wie alle andern. Er +fauchte vor Zorn, stürzte geradeswegs auf den Gänserich los und rupfte ihm +ein paar Federn aus. »Ich will dich lehren, du Wildgans, in so einem Aufzug +zu den Schwänen zu kommen!« rief er. + +»Flieh, Martin, flieh, flieh!« rief Akka, denn sie erkannte, daß ihm die +Schwäne jede Feder ausrupfen würden. Und »Flieh, flieh!« schrie auch der +Däumling. + +Aber der Gänserich war so fest zwischen den Schwänen eingekeilt, daß er +seine Flügel nicht ausspannen konnte; und von allen Seiten streckten die +erzürnten Schwäne ihre starken Schnäbel vor, ihm die Federn auszurupfen. + +Der Gänserich verteidigte sich, so gut er konnte; er biß und stieß um sich, +und die andern Wildgänse griffen die Schwäne auch an. Aber das Ende war nur +zu gut abzusehen; doch da wurde den Wildgänsen ganz unerwartet von andrer +Seite Hilfe zuteil. Ein Rotkehlchen, das gesehen hatte, wie übel es den +Wildgänsen bei den Schwänen erging, war der Helfer. Es stieß jenen scharfen +Warnungsruf aus, dessen sich die kleinen Vögel bedienen, wenn es gilt, +einen Habicht oder Falken in die Flucht zu jagen. Und kaum war der Ruf +dreimal erklungen, als auch schon alle kleinen Vögel der Umgegend auf +blitzschnellen Schwingen in einem großen kreischenden Schwarm auf die +Hjälstabucht zustürmten. + +Und diese armen schwachen Vögelein warfen sich auf die Schwäne; sie +zwitscherten ihnen in die Ohren, versperrten ihnen die Aussicht mit ihren +Flügeln, machten sie mit ihrem Geflatter verwirrt und brachten sie ganz +außer sich, indem sie ihnen in die Ohren schrieen: »Schämt euch! Schämt +euch, ihr Schwäne!« + +Der Überfall der kleinen Vögel dauerte nur ein paar Augenblicke; aber als +der Vogelschwarm wieder weggeflogen und die Schwäne einigermaßen zu sich +gekommen waren, hatten die Wildgänse die Flucht ergriffen und schon die +andre Seite der Bucht erreicht. + + +Der neue Kettenhund + +Etwas Gutes wenigstens hatten die Schwäne: als sie sahen, daß die Wildgänse +entkommen waren, fanden sie es unter ihrer Würde, ihnen nachzujagen. Die +Wildgänse durften also in aller Ruhe auf einer mit Binsen bewachsenen Insel +schlafen. + +Nils Holgersson aber konnte vor lauter Hunger nicht einschlafen. »Ich muß +sehen, daß ich in irgend einem Hause etwas zum Essen finde,« sagte er. + +In diesen Tagen, wo so vielerlei auf dem Wasser umhertrieb, war es für so +einen kleinen Wicht wie Nils Holgersson nicht schwer, ein +Beförderungsmittel zu finden. Er besann sich daher nicht lange, sondern +sprang auf ein Bretterstück, das zwischen die Binsen hineingetrieben war. +Dann fischte er einen kleinen Stock auf und stieß durch das seichte Wasser +dem Ufer zu. + +Kaum hatte er dieses erreicht, als er neben sich ein Plätschern im Wasser +hörte. Er blieb unbeweglich stehen und sah da zuerst eine Schwänin, die +ganz in seiner Nähe in ihrem großen Neste lag; dann aber erblickte er einen +Fuchs, der ein paar Schritte ins Wasser hineingewatet war und sich zu dem +Schwanenneste hinschlich. + +»Hallo, hallo! Steh auf, steh auf!« rief der Junge und schlug mit seinem +Stock ins Wasser. + +Die Schwänin stand auf, aber doch nicht so rasch, daß der Fuchs sich nicht +hätte auf sie werfen können, wenn er gewollt hätte. Aber er gab diesen Plan +auf und rannte eiligst auf den Jungen zu. + +Der Däumling sah den Fuchs auf sich zukommen und lief spornstreichs ins +Land hinein. Vor ihm lag weiter, flacher Wiesengrund, nirgends sah er einen +Baum, den er hätte erklettern, nirgends ein Loch, in dem er sich hätte +verstecken können. Es blieb ihm nichts übrig, als zu fliehen. Nun war der +Junge zwar ein guter Läufer, aber daß er es in der Geschwindigkeit mit +einem Fuchs, der frei und ungehindert laufen konnte und nichts zu tragen +hatte, nicht aufnehmen könnte, dessen war er sich nur zu klar. + +Eine Strecke weit im Lande drinnen lagen einige Kätnerhütten, aus deren +Fenstern heller Lichtschein herausdrang. Natürlich lief der Junge darauf +zu; aber er mußte sich selbst sagen, daß ihn der Fuchs längst eingeholt +haben würde, ehe er die Häuser erreicht hätte. + +Einmal war ihm der Fuchs schon so nahe, daß er den Jungen sicher zu haben +meinte; aber da sprang dieser hastig zur Seite und lief wieder der Bucht +zu. Diese Wendung hielt den Fuchs ein wenig auf, und ehe er den Jungen aufs +neue eingeholt hatte, war dieser zu ein paar Männern hingelaufen, die den +ganzen Tag hindurch und noch am Abend das auf dem Wasser umhertreibende Gut +geborgen hatten und jetzt auf dem Heimweg waren. + +Die Männer waren müde und schläfrig; sie hatten weder den Fuchs noch den +Jungen bemerkt, obgleich dieser auf sie zugelaufen war. Der Junge wollte +sie indes gar nicht anreden und sie auch nicht um Hilfe bitten; er begnügte +sich damit, neben ihnen herzulaufen, denn er dachte: »Der Fuchs wird sich +wohl hüten, ganz dicht zu den Menschen hinzugehen.« + +Aber bald hörte er, wie der Fuchs herbeischlich. Ja, er wagte sich wirklich +ganz nahe an die Menschen heran, denn er dachte: »Sie werden mich wohl für +einen Hund halten.« + +»Was schleicht denn da für ein Hund hinter uns her?« sagte auch in der Tat +einer von den Männern. »Er kommt uns so nahe, als ob er uns beißen wollte.« + +Der andre blieb stehen und sah sich um. »Weg mit dir! Was willst du?« rief +er und versetzte dem Fuchs einen Stoß, der ihn auf die andre Seite des +Weges beförderte. Von da an hielt sich der Fuchs in ein paar Metern +Abstand, lief aber unentwegt hinter den Männern her. + +Bald erreichten die Männer die Kätnerhütten und gingen miteinander in eine +von ihnen hinein. Der Junge hatte eigentlich im Sinne gehabt, sich mit +ihnen hineinzuschleichen; aber kaum war er auf dem Flur angekommen, da sah +er einen großen, schönen, langhaarigen Kettenhund aus der Hundehütte +herausrasen und den Hausherrn stürmisch begrüßen. Da änderte der Junge +seine Absicht und blieb vor dem Hause. + +»Hör einmal, Hofhund,« sagte er leise, sobald die Männer die Tür hinter +sich zugemacht hatten. »Willst du mir nicht helfen, heute nacht einen Fuchs +zu fangen?« + +Der Hofhund hatte keine scharfen Augen, und zornig und hitzig war er von +dem Angebundensein auch geworden. »Wie soll ich einen Fuchs fangen?« bellte +er wütend. »Wer bist denn du, daß du daherkommst und mich verspottest? Komm +mir nur so nahe, daß ich dich fassen kann, dann werde ich dich lehren, +deinen Spott mit mir zu treiben.« + +»O, ich habe durchaus keine Angst vor dir!« rief der Junge und lief zu dem +Hund hin. Und als der Hund den kleinen Knirps sah, war er so überrascht, +daß er kein Wort herausbringen konnte. + +»Ich bin der Junge, den die Tiere den Däumling nennen, und der mit den +Wildgänsen umherzieht,« sagte Nils Holgersson. »Hast du noch nicht von mir +reden hören?« + +»Doch, die Schwalben haben wohl so etwas von dir gezwitschert,« antwortete +der Hund. »Du scheinst große Dinge ausgerichtet zu haben, obwohl du nur so +klein bist.« + +»Ja, bis heute ist es mir ganz gut gegangen, aber wenn du mir nicht hilfst, +dann ist es wohl aus mit mir. Ein Fuchs ist mir dicht an den Fersen. Er +steht dort an den Ecke und lauert auf mich.« + +»Ei freilich, ich wittre ihn wirklich deutlich,« sagte der Hund. »Den +werden wir bald haben.« + +Damit jagte der Hofhund davon, so weit seine Kette reichte, und bellte und +kläffte eine gute Weile. + +»Ich glaube nicht, daß er sich jetzt noch einmal heranwagt,« sagte er dann. + +»Ach, mit dem Bellen allein wird dieser Fuchs nicht in die Flucht +geschlagen,« sagte der Junge. »Er wird gleich wieder da sein, und das wäre +auch am besten, denn ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du +ihn gefangen nehmen sollst.« + +»Treibst du schon wieder deinen Spott mit mir?« rief der Hund. + +»Nein, gewiß nicht. Komm nur mit mir in die Hundehütte hinein, damit der +Fuchs uns nicht hören kann; dann sage ich dir, wie du es machen mußt,« +sagte der Junge. + +Der Junge und der Hund krochen miteinander in die Hütte hinein und +flüsterten da eifrig zusammen. + +Nach einer Weile steckte der Fuchs die Nase um die Ecke, und als alles +still war, schlich er sich sachte in den Hof hinein. Er verfolgte die Spur +des Jungen bis zur Hundehütte hin und setzte sich in angemessener +Entfernung davon nieder, um zu überlegen, wie er ihn herauslocken könnte. +Plötzlich steckte der Hund den Kopf heraus und knurrte den Fuchs an. »Mach +daß du fort kommst, sonst komme ich heraus und packe dich!« rief er. + +»Deinetwegen bleibe ich ruhig hier sitzen, solange ich Lust habe,« +erwiderte der Fuchs. + +»Geh deiner Wege!« brummte der Hund noch einmal in drohendem Ton. »Sonst +hast du heute nacht zum letzenmal gejagt.« + +Aber der Fuchs grinste den Hund nur an und wich nicht vom Fleck. »Ich weiß +schon, wie weit deine Kette reicht,« sagte er. + +[Illustration] + +»Nun habe ich dich zweimal gewarnt,« sagte der Hund und trat aus seiner +Hütte heraus. »Jetzt mußt du die Folgen selbst tragen.« + +Und in demselben Augenblick fuhr er mit einem großen Satz auf den Fuchs +los. Er erreichte ihn ohne jegliche Schwierigkeit, denn er war frei; der +Junge hatte ihm sein Halsband abgenommen. + +Einen Augenblick kämpften die beiden Tiere miteinander; aber der Streit war +bald entschieden: Der Hund stand als Sieger, der Fuchs lag auf dem Boden +und wagte sich nicht zu rühren. »Ruhig, ruhig! Wenn du nicht ganz ruhig +bleibst, beiße ich dich tot,« sagte der Hund. Dann packte er ihn am Nacken +und schleppte ihn in seine Hütte hinein. Da stand der Junge mit der +Hundekette; er legte dem Fuchs das Halsband zweimal um den Hals und zog es +recht fest zu, damit er ganz sicher gefangen saß; und die ganze Zeit über +mußte der Fuchs vollkommen still liegen und wagte sich nicht zu rühren. + +»So so, mein Herr Smirre, nun hoffe ich, daß ein guter Kettenhund aus dir +wird,« sagte der Junge, als er fertig war. + +[Illustration] + + + + +34 + +Die Sage von Uppland + + + Donnerstag, 5. Mai + +Am nächsten Tag hatte der Regen aufgehört, aber es stürmte noch den ganzen +Vormittag, und die Überschwemmung nahm immer mehr überhand. Gleich nach +Mittag jedoch trat ein Umschlag in der Witterung ein. Es wurde auf einmal +herrliches Wetter: warm, windstill und wunderschön. + +Der Junge lag höchst vergnügt mitten in einem Busch prachtvoll blühender +Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als zwei Schulkinder mit ihren +Büchern und ihrem Vesperbrot auf einem Wiesenpfad daherkamen, der sich am +Ufer hinschlängelte. Die Kinder gingen ganz langsam und sahen sehr betrübt +aus. Als sie dicht bei dem Jungen angekommen waren, setzten sie sich auf +ein paar Steine und schütteten sich gegenseitig das Herz aus. + +»Mutter wird sehr ärgerlich werden, wenn sie hört, daß wir heute unsere +Aufgabe wieder nicht gekonnt haben,« sagte eines von ihnen. + +»Ja, und der Vater auch,« fuhr das andre fort. Und von ihrem Kummer ganz +überwältigt, brachen die beiden Kinder in lautes Weinen aus. + +Der Junge überlegte eben, ob er sie denn nicht auf irgendeine Weise trösten +könnte, als eine kleine, bucklige alte Frau mit einem lieben, freundlichen +Gesicht auf dem Pfade daherkam und vor den Kindern Halt machte. + +»Kinder, warum weint ihr denn?« fragte die Alte. + +Da erzählten ihr die Kinder, sie hätten in der Schule ihre Aufgabe nicht +gekonnt, und nun schämten sie sich so, daß sie nicht nach Hause gehen +wollten. + +»Aber was ist denn das für eine schwere Aufgabe, die ihr gar nicht lernen +könnt?« fragte die Alte. Da berichteten die Kinder, sie hätten die +Geographie von ganz Uppland aufgehabt. + +»Das ist allerdings nach dem Buch vielleicht gar nicht so leicht zu +lernen,« sagte die Alte. »Aber nun sollt ihr hören, was meine Mutter mir +einmal von diesem Land erzählt hat. Ich selbst bin nicht in die Schule +gegangen und habe deshalb auch nichts weiter davon gelernt, aber was meine +Mutter mir darüber erzählt hat, hab ich meiner Lebtage nicht wieder +vergessen.« + +»Nun also, meine Mutter sagte,« so begann die Alte, indem sie sich neben +die Kinder auf einen Stein setzte, »in alten Zeiten sei Uppland die ärmste +und unbedeutendste Landschaft von ganz Schweden gewesen. Sie habe nur aus +mageren Lehmfeldern und einigen niedrigen Steinhaufen bestanden, und es +soll bis zum heutigen Tage noch viele solcher Landstrecken da geben, wenn +wir hier unten am Mälar auch nicht viel davon sehen. + +Nun ja, woher es nun auch kommen mochte, traurig und betrübt sah es in +Uppland aus, und das arme Uppland hatte das Gefühl, daß die andern +Landschaften es für einen richtigen armen Schlucker hielten, und das ist +auf die Dauer doch recht ärgerlich. Eines schönen Tages jedoch hatte +Uppland das ganze Elend so gründlich satt, daß es einen Sack auf den Rücken +und einen Stab in die Hand nahm und auszog, um bei denen, die es so viel +besser hatten, zu betteln. + +Zuerst wanderte das arme Uppland immer südwärts, bis es nach Schonen kam. +Dort angelangt, jammerte es, wie arm es sei, und bettelte um etwas +fruchtbares Erdreich. + +>Nächstens weiß man nicht mehr, was man allen Bettelleuten, die einen +überlaufen, geben soll,< sagte Schonen. >Aber wir wollen einmal sehen. Da +habe ich gerade ein paar Mergelgruben eröffnet, und du kannst dir einige +von den Rasenstücken nehmen, die ich dort an den Rand geworfen habe!< + +Uppland nahm die Rasenstücke, bedankte sich schön, und wanderte von Schonen +nach Westgötland. Dort angekommen, jammerte es, wie arm es sei, und bat +wieder um Erdboden. + +>Erdboden kann ich dir nicht geben,< sagte Westgötland. >Einem Bettler +gönne ich auch nicht ein Stückchen von meinen fetten Wiesen. Wenn du aber +einen von meinen kleinen Flüssen brauchen kannst, die durch die Ebene +hinziehen, dann nimm ihn dir.< + +Uppland nahm den Fluß und bedankte sich schön. Hierauf zog es nach Halland. +Dort jammerte es aufs neue, wie arm es sei, und bat um Erdboden. + +>Ich bin auch nicht reicher als du,< sagte Halland, >und deshalb brauchte +ich dir auch nichts zu geben. Wenn du aber meinst, es verlohne sich der +Mühe, kannst du dir ein paar Steinhaufen ausbrechen und mitnehmen.< + +Uppland nahm das Geschenk, bedankte sich schön und eilte weiter nach +Bohuslän. Da durfte es so viele kahle Felsen in seinen Sack stecken, als es +nur wollte. >Sie sehen zwar nichts gleich,< sagte Bohuslän, >aber als +Schutz gegen den Wind kannst du sie schon verwenden. Sie werden dir +nützlich sein, denn du wohnst ja auch am Meere, gerade wie ich.< + +Uppland nahm alles, was ihm geschenkt wurde, dankbar an und wies nichts +zurück, obgleich man ihm überall nur das gab, was die andern am leichtesten +entbehren zu können glaubten. Wärmland warf ihm ein Stück Berg hin, +Westmanland gab ihm eine Reihe von seinen Hügeln, Ostgötland schenkte ihm +ein Stück von dem wilden Kolmården, und Småland stopfte ihm fast den ganzen +Sack voll Moorboden, Steinhaufen und Heidehügeln. + +Sörmland wollte nichts herschenken als ein paar Mälarbuchten, und Dalarna +wollte auch nichts von seinem Land hergeben und fragte deshalb, ob sich +Uppland nicht mit einem Stück vom Dalälf begnügen wolle. + +Zuletzt bekam es von Närke noch einige sumpfige am Hjälmar gelegene Wiesen; +dann aber war sein Sack ganz voll, und nun meinte Uppland auch genug +zusammengebettelt zu haben. + +Als es wieder zu Hause anlangte und alles, was es erbettelt hatte, aus +seinem Sack herausnahm, dachte es freilich: >Da habe ich nichts als einen +Haufen Gerümpel mit heimgebracht.< Es seufzte und zerbrach sich den Kopf +darüber, wie es denn seine Gaben nützlich verwenden könnte. + +Nun verging ein Jahr ums andre, währenddessen Uppland daheim sein Eigentum +ordnete, und schließlich hatte es auch alles nach seinem Gutdünken +aufgestellt. + +[Illustration] + +Zu jener Zeit wurde in Schweden viel darüber verhandelt, wo in dem +schwedischen Reiche der König wohnen und wo er sein Schloß und die +Hauptstadt errichten sollte. Natürlich wollte jede Landschaft den König bei +sich haben, und es wurde lange darüber hin und her gestritten. + +>Ich meine, der König sollte in der Landschaft wohnen, die sich als die +klügste und tüchtigste ausweist,< sagte schließlich Uppland; und die andern +Landschaften erklärten diesen Ausspruch für einen klugen Rat. Es wurde also +beschlossen, daß die Landschaft, die sich als die klügste und tüchtigste +ausweise, den König und die Hauptstadt bekommen solle. + +Kaum waren alle Landschaften wieder zu Hause angelangt, als auch schon eine +Botschaft von Uppland bei ihnen eintraf, die sie zu einem Fest zu sich +einlud. >Was könnte uns denn dieser arme Schlucker wohl zu bieten haben?< +sagten alle Landschaften; aber sie nahmen doch die Einladung an. + +Als sie ankamen, waren sie über das, was sie sahen, aufs höchste +überrascht. Dicht bebaut breitete sich Uppland vor ihnen aus. In der Mitte +der Landschaft lag ein schöner Hof neben dem andern, an der Küste dehnten +sich Ortschaften aus, und auf allen Wassern der Landschaft fuhren +zahlreiche Schiffe hin und her. + +>Es ist eine Schande, mit dem Bettelsack umherzuziehen, wenn man es daheim +so gut hat,< sagten die andern Landschaften. + +>Ich habe euch eingeladen, um euch eure Geschenke ordentlich zu zeigen, +denn euch habe ich es zu verdanken, daß ich mich jetzt so gut fortbringen +kann,< sagte Uppland. + +>Als ich heimkam,< fuhr Uppland fort, >leitete ich zu allererst den Dalälf +in meinen Bereich herein, und zwar so, daß er zwei prächtige Wasserfälle +bilden mußte, den einen bei Söderfors und den andern bei Älfkarleby. +Südlich vom Dalälf bei Dannemora stellte ich den Berg auf, den ich von +Wärmland bekam, und da entdeckte ich, daß Wärmland nicht so genau +nachgesehen hatte, was es weggab, denn der Berg bestand aus dem besten +Eisenerz. Ringsherum pflanzte ich den Wald, das Geschenk Ostgötlands, nun +waren an ein und derselben Stelle Erz, Wälder und Wasserkraft beieinander, +und daß da reiche Bergwerke entstehen würden, versteht sich von selber. + +Nachdem ich es nun im Norden so gut eingerichtet hatte, stellte ich die +Westmanländischen Hügel auf; aber ich streckte und dehnte sie, bis sie bis +zum Mälar hinreichten und da Landzungen und Holme bildeten, die sich bald +mit Grün bekleideten und zu schönen Gärten wurden. Die Buchten von Sörmland +aber dehnte ich so weit wie möglich ins Land hinein; dadurch wurde dieses +den Schiffen zugänglich und trat in Verbindung mit der Welt draußen. + +Nachdem im Norden und Süden alles fertig war, wendete ich mich der +östlichen Küste zu, und nun sammelte ich alle die nackten Klippen und +Steinhaufen, die Heidestrecken und die kahlen Felder, die ihr mir gegeben +hattet, und warf sie ins Meer. So entstanden alle meine Holme und Inseln, +die mir für die Schiffahrt und den Fischfang äußerst nützlich sind und die +ich für mein wertvollstes Eigentum halte. + +Dann hatte ich von euern Geschenken nichts mehr übrig als die Rasenstücke +von Schonen; diese legte ich mitten ins Land hinein, und daraus wurde die +fruchtbare Vaksala-Ebene. Den trägen Fluß aber, den mir Westgötland gegeben +hatte, leitete ich über die Wiese hin, und so bildet er eine gute +Verbindung zu den Mälarbuchten.< + +Jetzt verstanden die andern Landschaften, wie alles zugegangen war, und +obgleich sie immer noch etwas ärgerlich waren, mußten sie doch zugeben, daß +Uppland seine Sache gut gemacht hätte. >Du hast mit wenig Mitteln Großes +geleistet. Ja, du bist wirklich am klügsten und tüchtigsten von uns allen,< +sagten sie. + +>Ich danke euch für diesen Ausspruch,< sagte Uppland. >Wenn ihr das sagt, +dann bin ich auch die Landschaft, die den König und die Hauptstadt bekommen +soll.< + +Wieder wurden die Landschaften etwas ärgerlich; aber ein Wort ist ein Wort, +und so blieb es dabei. + +So bekam Uppland den König und die Hauptstadt und wurde die erste von allen +Landschaften. Und das war nicht mehr als recht und billig, denn Klugheit +und Tüchtigkeit, diese beiden sind es, die auch heute noch aus Bettlern +Fürsten machen.« + +[Illustration] + + + + +35 + +In Uppsala + +Der Student + + + Donnerstag, 5. Mai + +Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, war in +Uppsala ein sehr tüchtiger junger Student. Er wohnte in einem Dachstübchen, +und die jungen Leute sagten, er lebe geradezu von der Luft. Sein Studium +betrieb er mit Lust und Liebe, und er wurde früher fertig als alle seine +Studiengenossen. Trotzdem aber war er kein Bücherwurm und Spielverderber, +sondern freute sich mit seinen Kameraden der akademischen Freiheit, gerade +wie ein rechter Student sein soll. Er hatte nicht einen einzigen Fehler, +wenn man nicht etwa das einen Fehler nennen wollte, daß er vom Glück etwas +verwöhnt worden war. Aber das kann dem besten passieren; das Glück ist +nicht so leicht zu ertragen, besonders nicht in der Jugend. + +Eines Morgens, gleich nachdem der Student aufgewacht war, dachte er darüber +nach, wie gut es ihm doch immer gegangen sei. »Alle Menschen haben mich +lieb, die Lehrer und die Kameraden,« sagte er vor sich hin. »Und wie gut +ist es mir bei meinem Studium ergangen! Heut muß ich zum letzten Male zum +>Tentamen<, und dann habe ich nicht mehr viel zu tun. Wenn ich nur zur +rechten Zeit fertig werde, bekomme ich gewiß eine gute Stelle mit einem +ordentlichen Gehalt. Ja, ich habe in der Tat merkwürdig viel Glück, aber +ich habe es mir auch tüchtig sauer werden lassen, da kann es mir nicht +anders als gut gehen.« + +Die Studenten in Uppsala sitzen nicht in Klassenzimmern und lernen da wie +Schulkinder miteinander, sondern jeder studiert daheim auf seiner eignen +Bude. Wenn sie dann mit einem Fach fertig sind, gehen sie zu ihren +Professoren und werden gleich in diesem Fach examiniert. Eine solche +Prüfung wird ein »Tentamen« genannt, und jetzt sollte der obengenannte +Student gerade in dem letzten und schwersten Fach seiner ganzen Studienzeit +examiniert werden. + +Sobald er sich angezogen und sein Frühstück eingenommen hatte, setzte er +sich an den Schreibtisch, um einen letzten Blick in die Bücher zu werfen. + +»Ich glaube, es ist ganz überflüssig, denn ich bin ja sehr gut +vorbereitet,« dachte er. »Aber ich will doch lieber bis zuletzt büffeln, +dann habe ich mir nichts vorzuwerfen.« + +Er hatte noch nicht lange studiert, als es an seiner Tür klopfte und ein +Student mit einem dicken Band unter dem Arm bei ihm eintrat. Dieser Student +war von einem ganz andern Kaliber als der, der am Schreibtisch saß. Er war +bleich und schüchtern und sah ärmlich und bedürftig aus. Es war einer von +denen, die sich einzig und allein auf die Bücher und nichts weiter +verstehen. Man sagte ihm nach, er sei sehr gelehrt; aber er war so scheu +und schüchtern, daß er sich noch nicht ein einziges Mal zu einem Tentamen +herangewagt hatte. Alle seine Kameraden glaubten, es werde ein »ewiger +Student« aus ihm werden, ein solcher, der ein Jahr ums andre in Uppsala +bleibt, immerfort studiert und studiert, und aus dem doch nie etwas Rechtes +wird. + +Jetzt kam dieser »ewige Student« zu unserm Studenten, ihn zu bitten, ein +Buch durchzulesen, das er geschrieben hatte. Es war noch nicht gedruckt, +sondern nur im Manuskript fertig. + +»Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du ein wenig hineinsehen +möchtest und mir dann sagen, ob es irgend einen Wert hat,« sagte der +schüchterne Student. + +Der Student, der immer Glück hatte, dachte im stillen: »Da haben wirs +wieder, mich können alle Menschen besonders gut leiden; es mögen mich eben +alle. Da kommt nun auch dieser Sonderling zu mir; der kann sich nicht +überwinden, irgend jemand sein Werk zu zeigen, und nun bittet er mich, mein +Urteil darüber abzugeben.« + +Er versprach, das Manuskript sobald wie möglich zu lesen, und der andre +legte es vor ihn auf den Schreibtisch. »Du mußt gut Acht darauf geben,« +sagte er. »Ich habe fünf Jahre lang daran gearbeitet; und wenn es verloren +ginge, könnte ich es nicht noch einmal schreiben.« + +»So lange es bei mir ist, wird ihm nichts passieren,« sagte der Student. +Und darauf entfernte sich der andre. + +Der Student zog den großen Stoß Papier zu sich heran. »Was der wohl da +zusammengeschmiert hat?« sagte er. »Ah, die Geschichte der Stadt Uppsala; +das klingt ja nicht so übel!« + +Nun war aber unserm Studenten Uppsala die liebste Stadt von ganz Schweden, +und er war überaus neugierig, zu sehen, was der »ewige Student« über diese +Stadt geschrieben hätte. »Wenn ich mir die Sache recht überlege, kann ich +seine Geschichte ebensogut gleich lesen,« murmelte er. »Es hat ja doch +keinen Wert, wenn ich mich hier bis zum letzten Augenblick schinde. Deshalb +geht es mir doch nicht besser beim Professor.« + +Der Student fing also zu lesen an und hob den Kopf nicht mehr von den +Blättern, bis er das letzte gelesen hatte. »Ei sieh einmal!« sagte er. »Das +ist ja ein fürchterlich gelehrtes Werk. Wenn dieses Buch herauskommt, ist +der ewige Student ein gemachter Mann. Nein, wie freue ich mich, ihm sagen +zu können, daß mir sein Werk gefällt!« + +Er sammelte alle die losen Blätter, aus denen das Manuskript bestand, +wieder sorgfältig zusammen und legte sie auf den Tisch. Während er noch +damit beschäftigt war, hörte er eine Uhr schlagen. + +»Ei der Tausend, es ist höchste Zeit, daß ich zum Professor gehe!« rief er +und eilte zur Türe hinaus, seine schwarzen Kleider zu holen, die in einem +Kämmerchen auf dem Bodenraum hingen. Aber wie es öfters zu gehen pflegt, +wenn man in Eile ist: Schloß und Schlüssel waren widerwillig, und es +dauerte eine gute Weile, bis der Student wieder in sein Zimmer zurückkam. + +Als er über die Schwelle trat, stieß er einen lauten Schrei aus. In der +Eile, mit der er hinausgegangen war, hatte er die Tür seines Zimmers hinter +sich offen gelassen, und das Fenster am Schreibtisch war auch offen +gewesen. Dadurch war ein heftiger Zug entstanden, und jetzt sah der Student +die losen Blätter des Manuskripts zum Fenster hinauswirbeln. Mit einem +großen Satz war er am Schreibtisch und legte die Hand auf die Blätter. Aber +es war nicht mehr viel zu retten: höchstens zehn bis zwölf Blätter lagen +noch auf der Tischplatte, alle andern flatterten, vom Wind getrieben, über +die Dächer und Höfe hin. + +Der Student bog sich weit zum Fenster hinaus und sah den Blättern nach. Auf +dem Dach vor dem Mansardenfenster saß ein schwarzer Vogel, der ihn mit +spöttischer Überlegenheit ansah. »Ist das nicht ein Rabe?« dachte der +Student. »Man sagt doch, die Raben bedeuteten Unglück.« + +Einige von den Blättern lagen noch auf dem Dache, und so hätte er +vielleicht wenigstens noch einen Teil des verlorenen Gutes retten können, +wenn das Tentamen nicht gewesen wäre. Nun aber meinte er, er müsse sich in +erster Linie um seine eignen Angelegenheiten kümmern. »Es handelt sich ja +um meine ganze Zukunft,« dachte er. + +Er warf sich in seinen schwarzen Anzug und stürzte zu dem Professor. +Unterwegs mußte er immerfort an das verlorene Manuskript denken. »Das ist +eine recht ärgerliche Geschichte,« dachte er. »Wie schade, daß ich in so +großer Eile war!« + +Der Professor begann das Examen; aber der Student konnte an nichts andres +denken, als an das verlorene Manuskript. »Was sagte doch der arme Kerl?« +dachte er. »Sagte er nicht, er habe fünf Jahre lang an dem Buch gearbeitet +und wäre nicht imstande, es noch einmal zu schreiben? Ach, woher soll ich +nun den Mut nehmen, ihm zu gestehen, daß es mir abhanden gekommen ist?« + +Der Student war sehr aufgeregt und höchst unglücklich über sein Mißgeschick +mit dem Manuskript und konnte sich auf nichts besinnen. Alle seine +Kenntnisse waren wie weggeblasen. Er hörte nicht, was der Professor fragte, +und hatte auch keine Ahnung, was er antwortete. Der Professor war ganz +entsetzt über eine solche Unwissenheit und konnte nichts andres tun, als +ihn durchfallen lassen. + +Als der Student wieder auf die Straße kam, war er unglückselig. »Jetzt +entgeht mir die gute Stelle!« dachte er. »Und wer ist ganz allein schuld +daran? Dieser alte Bücherwurm! Warum mußte er auch gerade heute mit seinem +Werk daherkommen? Aber so geht es, wenn man immer gefällig ist.« + +In diesem Augenblick sah der Student den, an den er eben dachte, auf sich +zukommen. Er wollte ihm natürlich nicht sagen, daß ihm das Manuskript +abhanden gekommen sei, ehe er einen Versuch gemacht hätte, es wieder zu +erlangen, und suchte deshalb stillschweigend an ihm vorübergehen. Aber der +andre wanderte ganz betrübt und niedergedrückt daher und dachte nur +immerfort, was der Student wohl über sein Buch sagen werde. Als dieser nun +mit einem unfreundlichen Kopfnicken vorübereilte, wurde er von einer +grenzenlosen Angst erfaßt. Er hielt ihn am Ärmel fest und fragte ihn, ob er +schon ein wenig in das Manuskript hineingesehen habe. + +»Ich komme eben von meinem Tentamen,« antwortete der Student und wollte +rasch weitergehen. Aber der andre glaubte, er weiche ihm aus, damit er ihm +nicht sagen müsse, wie wenig ihm das Manuskript gefallen habe. Ach, da war +ihm, als müsse ihm das Herz brechen! Diese Arbeit, der er fünf Jahre seines +Lebens geopfert hatte, war also ganz wertlos! Tief betrübt sagte er zu dem +Studenten: »Höre nun, was ich dir sage. Lies mein Buch, so rasch du kannst, +und dann teile mir mit, was du darüber denkst; aber wenn es nichts wert +ist, verbrenne es, dann will ich es gar nicht mehr sehen.« + +Nach diesen Worten ging er hastig davon. Der Student sah ihm nach und +wollte ihn zurückrufen, besann sich dann aber anders und lenkte seine +Schritte heimwärts. + +Hier angekommen, zog er rasch seinen Werktagsanzug wieder an und eilte +fort, nach den verlorenen Blättern zu suchen. Er suchte in den Straßen, auf +den freien Plätzen und in den Gärten. Dann suchte er in den Höfen, ja er +ging sogar weit vor die Stadt hinaus; aber er fand nicht ein einziges +Blatt. + +Nachdem er ein paar Stunden ununterbrochen gesucht hatte, war er so +hungrig, daß er etwas essen mußte. In seinem gewohnten Gasthaus traf er +wieder mit dem ewigen Studenten zusammen, der auch sogleich auf ihn zukam, +um etwas über sein Buch zu erfahren. + +»Ich werde heute abend zu dir kommen und mit dir darüber sprechen,« sagte +der Student ziemlich abweisend. Er wollte den Verlust des Manuskripts nicht +gestehen, ehe er ganz sicher wäre, daß er es nicht wieder erlangen könnte. + +Der andre erblaßte: »Vergiß nicht, daß du es vernichten mußt, wenn es +nichts wert ist!« sagte er im Fortgehen; denn jetzt war er vollkommen +überzeugt, daß dem Studenten sein Buch ganz und gar nicht gefallen habe. + +Der Student eilte wieder in die Stadt zurück und suchte ununterbrochen, +bis es ganz dunkel war; aber nirgends war eine Spur von den verlorenen +Blättern zu entdecken. Auf dem Rückweg nach seiner Wohnung traf er mit ein +paar Kameraden zusammen. + +»Wo hast denn du dich herumgetrieben; du bist ja nicht zum Maienfest +gekommen?« fragten sie. + +»Ach, ist heute das Maienfest gewesen?« rief der Student. »Das hatte ich +ganz vergessen.« + +Während er noch mit seinen Kameraden sprach, kam ein junges Mädchen, das +der Student sehr lieb hatte, an der Gruppe vorüber. Sie sah ihn nicht an, +sondern sprach mit einem andern Studenten, dem sie überaus freundlich +zulächelte. Da fiel dem Studenten plötzlich etwas ein: Er hatte dieses +junge Mädchen gebeten gehabt, doch ja gewiß zum Maienfest zu kommen, damit +er mit ihr zusammen sein könnte; und nun hatte er selbst sich nicht +eingefunden. Ach, was mochte sie von ihm denken! + +Ein Stich ging ihm durchs Herz, und er wollte ihr nacheilen; aber da sagte +einer von seinen Freunden: »Mit Stenberg, unserm guten Bücherwurm, scheint +es schlecht zu stehen. Er ist heute nachmittag krank geworden.« + +»Es wird doch nicht gefährlich sein?« fragte der Student hastig. + +»Irgend ein Herzleiden. Er hat einen schlimmen Anfall gehabt, der sich +jederzeit wiederholen kann. Der Doktor meint, er habe irgend einen schweren +Kummer, und seine Wiederherstellung hänge davon ab, ob man ihn von dieser +Sorge befreien könne.« + +Kurz darauf trat der Student bei dem Kranken ein. Dieser lag bleich und +matt in seinem Bett und war nach dem schweren Anfall noch gar nicht wieder +recht zu sich gekommen. + +»Ich komme, wegen deines Buches mit dir zu reden,« begann der Student. »Es +ist ein ausgezeichnetes Werk; ich habe selten so etwas Schönes gelesen.« + +Der ewige Student richtete sich in seinem Bette auf und sah den andern mit +großen Augen an. »Warum warst du dann heute nachmittag so sonderbar?« +fragte er. + +»Ich war in schlechter Laune, weil ich in dem Tentamen durchgefallen bin, +und ich glaubte auch nicht, daß du dir so viel aus meinem Urteil machen +würdest,« sagte der Student. »Aber dein Buch hat mir ausnehmend gut +gefallen.« + +Der Kranke sah den andern forschend an und war immer fester überzeugt, daß +ihm dieser etwas verheimlichen wollte. »Du sagst das nur, weil ich krank +bin und du mich nun trösten möchtest.« + +»Ganz gewiß nicht. Es ist eine ausgezeichnete Arbeit, ich versichere es +dir.« + +»Hast du es wirklich nicht vernichtet, wie ich dir gesagt hatte?« + +»So verrückt bin ich nicht.« + +»Dann hole es. Beweise mir, daß du es nicht vernichtet hast, alsdann will +ich dir glauben,« sagte der Kranke und sank schwach und ermattet auf sein +Kissen zurück. Dem Studenten wurde ganz bang, er fürchtete, der Ärmste +bekomme einen neuen Anfall. + +Das war ein entsetzlicher Augenblick für den Studenten. Er nahm die Hände +des Kranken zwischen die seinigen und erzählte ihm, daß der Wind die +Blätter des Manuskripts zum Fenster hinausgeweht hätte, und daß er +unglückselig darüber sei, weil er ihm einen so großen Schaden verursacht +habe. + +Als er fertig war, streichelte ihm der Kranke zärtlich die Hand. »Du bist +gut gegen mich, ja, sehr gut,« sagte er. »Aber gib dir keine Mühe, mir +solche Geschichten zu erzählen, um mich zu schonen. Ich weiß, du hast mir +gehorcht und das Manuskript vernichtet, weil es zu schlecht war; aber nun +willst du es nicht eingestehen, weil du meinst, ich könnte die Wahrheit +nicht ertragen.« + +Der Student versicherte hoch und teuer, die Wahrheit gesprochen zu haben; +aber der Kranke blieb eigensinnig bei seiner Ansicht und wollte es nicht +glauben. »Wenn du mir mein Manuskript wiedergeben könntest, ja, dann würde +ich dir glauben,« sagte er. + +Er wurde immer elender, und der Student hielt es schließlich fürs beste, +sich zu entfernen; er fürchtete, durch seine Anwesenheit die Sache nur noch +zu verschlimmern. + +Zu Hause angelangt, fühlte er sich so trostlos und müde, daß er sich kaum +noch aufrecht halten konnte. Er machte sich eine Tasse Tee und legte sich +dann zu Bett. Als er die Decke heraufzog, mußte er unwillkürlich daran +denken, wie glücklich er am Morgen beim Erwachen gewesen war. Und jetzt +waren seine eignen schönen Hoffnungen zerstört; aber das wäre ja noch zu +ertragen gewesen. »Das Schlimmste ist doch, daß ich nun mein ganzes Leben +lang das Bewußtsein mit mir herumtragen muß, das Unglück eines andern +Menschen verschuldet zu haben,« sagte er. + +Er war überzeugt, er werde die ganze Nacht kein Auge schließen können. Aber +merkwürdigerweise schlief er gleich ein, sobald er den Kopf aufs Kissen +gelegt hatte. Er hatte nicht einmal mehr Zeit, die Lampe, die auf dem +Tischchen, das neben seinem Bett stand, zu löschen. + + +Das Maienfest + +Aber in dem Augenblick, wo der Student einschlief, stand just draußen auf +dem Dache vor dem Mansardenfenster ein kleiner Knirps in gelben Lederhosen, +grüner Weste und mit einer weißen Zipfelmütze auf dem Kopf, und dieser +kleine Knirps dachte, wenn er an der Stelle des jungen Mannes wäre, der da +drin in seinem Bette lag und schlief, dann wäre er vollkommen glücklich. + +Daß sich aber Nils Holgersson, der vor ein paar Stunden in einem +Dotterblumenbusch bei Ekolsundviken lag, jetzt in Uppsala befand, daran war +Bataki, der Rabe, schuld, der ihn mit sich auf Abenteuer gelockt hatte. + +Der Junge selbst hatte an dergleichen nicht im entferntesten gedacht. Er +lag da zwischen den Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als er +plötzlich Bataki mitten zwischen den dahinziehenden Wolken entdeckte. Der +Junge hätte sich am liebsten vor dem Raben versteckt; aber Bataki hatte ihn +schon gesehen, und im nächsten Augenblick stand er auch mitten in den +Dotterblumen und redete Nils Holgersson an, wie wenn er und der Junge immer +die besten Freunde gewesen wären. + +Und so düster und feierlich Bataki auch aussah, der Junge merkte doch, daß +ihm der Schelm im Auge saß, ja, er hatte das Gefühl, der Rabe sei nur +gekommen, sich auf irgend eine Weise über ihn lustig zu machen. Der Junge +nahm sich deshalb vor, auf gar nichts einzugehen, was Bataki auch sagen +möchte. + +Bataki sagte, er habe nicht vergessen, daß er dem Jungen eine Genugtuung +schuldig sei, weil er ihm nicht habe sagen dürfen, wo sich der Bruderteil +befinde, und er wolle ihm jetzt dafür ein andres Geheimnis anvertrauen. Er +wisse nämlich, wie einer, der so verzaubert worden sei wie der Junge, +wieder ein Mensch werden könne. + +Der Rabe war der festen Überzeugung gewesen, wenn er eine solche Lockspeise +auswerfe, werde der Junge sogleich anbeißen. Dieser aber antwortete in +abweisendem Ton, er wisse schon, daß er wieder ein Mensch werden könne, +wenn es ihm gelinge, den weißen Gänserich wohlbehalten zuerst nach Lappland +und dann wieder zurück nach Schonen zu führen. + +»Aber wie du weißt, ist es gar nicht so leicht, einen Gänserich +wohlbehalten durchs Land zu führen,« entgegnete Bataki. »Da wäre es gar +nicht so übel, wenn du noch einen andern Ausweg wüßtest, falls dir der eine +nicht gelingen sollte. Wenn du es jedoch nicht wissen willst, dann halte +ich meinen Schnabel.« + +Da antwortete der Junge, er habe nichts dagegen, wenn ihm Bataki das +Geheimnis mitteilen wolle. + +»Und das will ich auch,« sagte der Rabe, »doch erst im richtigen +Augenblick. Setze dich auf meinen Rücken und komm mit auf einen Ausflug, +dann werden wir sehen, ob sich vielleicht eine gute Gelegenheit bietet.« + +Da wurde der Junge wieder mißtrauisch, und er wußte nicht recht, wie er mit +Bataki daran war. »Du hast wohl den Mut nicht, dich mir anzuvertrauen,« +sagte der Rabe. Aber der Junge konnte durchaus nicht ertragen, wenn jemand +meinte, er fürchte sich vor etwas; und so saß er im nächsten Augenblick auf +dem Rücken des Raben. + +Bataki trug ihn nach Uppsala und setzte ihn dort auf einem Dach ab. Hierauf +befahl er ihm, sich recht umzuschauen und ihm dann zu sagen, wer wohl in +dieser Stadt wohne und regiere. + +Der Junge schaute über die Stadt hin. Sie war ziemlich groß und hatte eine +herrliche Lage mitten auf einer weiten, fruchtbaren Ebene. Er sah viele +vornehme, stattliche Häuser, und auf einem Hügel ragte ein festgemauertes +Schloß mit zwei massiven Türmen auf. + +»Vielleicht wohnt der König mit seinem Gefolge da,« sagte der Junge. + +»Du hast nicht gerade schlecht geraten,« versetzte der Rabe. »Der Ort ist +in alten Zeiten eine Königsstadt gewesen; aber jetzt ist es mit dieser +Herrlichkeit vorbei.« + +Noch einmal sah sich der Junge um. Da fiel ihm vor allem die schöne +Domkirche auf, die mit ihren drei schlanken Türmen, mit ihren prächtigen +Portalen und reichverzierten Mauern in der Sonne glänzte. + +»Vielleicht wohnt hier ein Bischof mit seinen Pfarrern,« sagte er. + +»Das ist auch nicht gerade schlecht geraten,« erwiderte der Rabe. »Es haben +hier wirklich einmal Erzbischöfe gewohnt, die ebenso mächtig waren wie +Könige, und auch jetzt noch hat ein Kirchenfürst seinen Sitz hier, aber er +regiert auch nicht in dieser Stadt.« + +»Dann weiß ich nicht, wen ich nennen soll,« sagte der Junge. + +»In dieser Stadt regiert die Wissenschaft,« sprach der Rabe feierlich. »Die +großen Gebäude, die du hier überall siehst, sind für sie und ihre Jünger +eingerichtet.« + +Der Junge wollte dies kaum glauben. Aber der Rabe sagte: »Komm nur mit, +dann sollst du selbst sehen!« + +Hierauf flog er mit dem Jungen davon, und sie sahen miteinander in die +großen Häuser hinein. An mehreren Orten standen die Fenster offen, und der +Junge konnte da und dort tief hineinschauen. Da sah er, daß der Rabe die +Wahrheit gesprochen hatte. + +Bataki zeigte ihm die große Bibliothek, die vom Erdgeschoß bis zum +Dachfirst mit Büchern angefüllt ist; er führte ihn in das stolze +Universitätsgebäude hinein und zeigte ihm die prächtigen Hörsäle. Dann flog +er mit ihm an den alten Gebäuden vorüber, die das Gustavianum heißen; da +konnte der Junge durch die Fenster ausgestopfte Tiere wahrnehmen. Sie +flogen über das große Gewächshaus mit den vielen seltenen Pflanzen hin und +schauten auf das Observatorium hinunter, wo das lange Fernrohr zum Himmel +gerichtet war. + +Sie flogen auch an vielen Fenstern vorüber; und der Junge sah da in Zimmer, +wo die Wände ringsum von oben bis unten mit Büchern bedeckt waren, und wo +alte Herren mit Brillen auf den Nasen eifrig lasen oder schrieben. Dann +flogen sie an Giebelfenstern vorbei, wo die Studenten, auf ihren Sofas +ausgestreckt, dicke Manuskripte vor sich hatten. + +Schließlich ließ sich der Rabe auf einem Dache nieder. »Siehst du nun, daß +ich die Wahrheit gesprochen habe, als ich dir sagte, in dieser Stadt +regiere die Wissenschaft?« sagte er. Und der Junge mußte zugeben, daß es +sich so verhalte. »Wenn ich nicht ein Rabe wäre,« fuhr Bataki fort, +»sondern nur ein Mensch wie du, dann würde ich mich hier niederlassen. Ich +würde dann Tag für Tag in einem Zimmer voll Bücher sitzen und alles lesen, +was darin stünde. Hättest du nicht auch Lust zu so etwas?« + +»Nein, ich glaube, ich würde viel lieber mit den Wildgänsen umherziehen,« +antwortete der Junge. + +»Wie, möchtest du nicht ein Mensch werden, der die Krankheiten heilen +kann?« fragte der Rabe. + +»Doch, das möchte ich vielleicht schon.« + +»Möchtest du nicht ein Mensch werden, der alles weiß, was sich je in der +Welt zugetragen hat, der alle Sprachen sprechen und einem sagen kann, +welche Bahnen die Sonne, der Mond und die Sterne am Himmel beschreiben?« +fragte der Rabe. + +»O ja, das könnte ja auch ganz unterhaltend sein.« + +»Möchtest du nicht lernen, zwischen gut und böse zu unterscheiden, zwischen +Recht und Unrecht?« + +»Auch das ist gut und nützlich,« antwortete der Junge. »Ich habe es schon +oft bemerkt.« + +»Und möchtest du nicht ein Pfarrer werden und in deiner Kirche daheim +predigen?« + +»Wenn ich es so weit brächte, würden Vater und Mutter überglücklich sein!« +seufzte der Junge. + +Auf diese Weise gab der Rabe dem Jungen zu verstehen, wie glücklich die +jungen Leute seien, die in Uppsala studieren konnten. Aber der Däumling +wünschte trotzdem nicht, einer von ihnen zu sein. + +Gerade an diesem Abend wurde zufälligerweise das große Maienfest gefeiert, +das in Uppsala jedes Jahr dem Frühlingsanfang zu Ehren gehalten wird. Es +hätte eigentlich schon am ersten Mai stattfinden sollen; aber an diesem +Tage hatte es in Strömen geregnet, und so war es auf einen andern Tag +verschoben worden. + +Jetzt sah Nils Holgersson die Studenten, als sie nach dem botanischen +Garten zogen, wo das Fest gehalten wurde. In einem langen, breiten Zuge +kamen sie daher mit den weißen Studentenmützen auf dem Kopfe, und die ganze +Straße sah aus wie ein schwarzer, mit weißen Wasserrosen bedeckter Strom. +Dem Zuge voran wurden weißseidene goldgestickte Fahnen getragen, und den +ganzen Weg entlang sangen die Teilnehmer lauter Frühlingslieder. Aber Nils +Holgersson war es, als seien es gar nicht die Studenten, die die Lieder +sangen; ihm war, als schwebe der Gesang über dem Zuge, ja er hatte das +Gefühl, als sängen nicht die Studenten dem Frühling zu Ehren, sondern als +sei der Frühling irgendwo verborgen und singe für die Studenten. Nils +Holgersson hätte gar nicht gedacht, daß Menschengesang so schön klingen +könnte! Er klang wie das Sausen des Windes in den Tannenwipfeln, klang wie +eherne Glockentöne und wie das Lied der wilden Schwäne draußen am +Meeresufer. + +Als die Studenten den Garten erreicht hatten, wo die Rasenflächen im +Schmucke des ersten zarten hellgrünen Grases glänzten und die +Frühlingsknospen der Bäume und Sträucher am Aufbrechen waren, hielt der Zug +vor einer Rednerbühne; ein alter Herr stieg hinauf und begann eine Rede. + +Die Rednerbühne war auf der Freitreppe des großen Gewächshauses errichtet, +und der Rabe setzte den Jungen auf das Dach des Treibhauses. Da saß er in +aller Ruhe und konnte alles ganz behaglich sehen und hören. Der alte Herr +auf der Rednerbühne sagte, das beste im Leben sei, jung zu sein und in +Uppsala studieren zu dürfen. Er sprach von der guten, friedlichen Arbeit +des Studiums und von der reichen, sonnigen Jugendfreude, die nirgends so +genossen werden könnte, wie in einem großen Kreise von Studiengenossen. +Einmal ums andre betonte er das Glück, das darin liege, im Kreise froher, +hochgesinnter Genossen leben zu dürfen; das mache die Arbeit so leicht, das +Leid so flüchtig, die Hoffnungen so golden. + +Der Junge betrachtete die in einem Halbkreis um die Rednerbühne +versammelten Studenten, und da ging ihm ein Licht auf, wie über die Maßen +herrlich es sein müßte, ihrem Kreise anzugehören. Welch eine Ehre und welch +ein Glück, Mitglied einer solchen Schar zu sein! Da galt jeder gleich mehr, +als er für sich allein gegolten hätte. + +Nach der Rede wurde ein Lied angestimmt, und nach dem Gesang betrat ein +neuer Redner die Bühne. Der Junge hätte nie geglaubt, daß die menschliche +Sprache so erschüttern, aufmuntern und erfreuen könnte. + +Bisher hatte Nils Holgersson hauptsächlich die Studenten betrachtet; jetzt +sah er, daß diese sich nicht allein in dem Garten befanden, sondern daß +auch junge Mädchen in hellen Gewändern und viele andre Leute da waren. Aber +diesen allen ging es offenbar gerade wie dem Jungen, sie schienen auch alle +nur der Studenten wegen gekommen zu sein. + +Ab und zu gab es eine Pause zwischen den Reden und Gesängen, und dann +zerstreuten sich die Scharen über den ganzen Garten. Aber schon nach kurzer +Zeit stand ein neuer Redner auf der Bühne, und rasch sammelten sich die +Zuhörer wieder um ihn. Und so ging es weiter, bis die Dunkelheit anbrach. + +Als alles zu Ende war, atmete der Junge tief auf, und wie aus einem Traum +erwachend rieb er sich die Augen, denn er war in einem Lande gewesen, in +das er noch nie einen Fuß gesetzt hatte. Alle diese vielen jungen Leute, +die so lebensfroh waren und der Zukunft so siegessicher entgegensahen, +wirkten mit ihrem Frohsinn und ihrer Freude ansteckend auf die andern, und +jetzt war der Junge mit ihnen in dem Lande der Freude gewesen. Als aber die +Töne des letzten Liedes hinstarben, da überkam ihn die Erkenntnis, wie +traurig sein eigenes Leben doch war, und er konnte es fast nicht über sich +gewinnen, zu seinen armen Reisegenossen zurückzukehren. + +Der Rabe hatte die ganze Zeit über neben dem Jungen gesessen; jetzt kratzte +er sich mit dem Fuße hinter dem Ohr. »Nun, Däumling, soll ich dir jetzt +mitteilen, wie du wieder ein Mensch werden kannst?« fragte er. »Du mußt +warten, bis du mit jemand zusammentriffst, der zu dir sagt, er möchte gern +an deiner Stelle mit den Wildgänsen umherziehen; dann mußt du den +Augenblick wahrnehmen und zu ihm sagen ...« + +Und nun teilte Bataki dem Jungen ein paar Worte mit, die so wirksam und +gefährlich waren, daß sie gar nicht laut ausgesprochen, sondern nur +geflüstert werden durften, solange sie nicht im Ernst gesagt sein sollten. + +»So, mehr brauchst du nicht zu sagen, um wieder ein Mensch zu werden,« +sagte Bataki zum Schluß. + +»Ja, das glaube ich wohl,« erwiderte der Junge, »denn ich finde natürlich +nie jemand, der sich an meine Stelle wünschte.« + +»O, das ist nicht so ganz unmöglich,« sagte der Rabe. Und hierauf war er +mit dem Jungen wieder in die Stadt hineingeflogen und hatte ihn auf dem +Dach vor jenem Kammerfenster abgesetzt, wo, wie wir oben gehört haben, der +Junge nun schon eine Weile saß und darüber nachdachte, wie glücklich doch +der Student sein müsse, der in der Dachkammer da drinnen in seinem Bett lag +und schlief. + + +Die Probe + +Der Student fuhr aus seinem Schlafe auf und sah, daß die Lampe noch immer +auf seinem Nachttischchen brannte. »Ei, die habe ich zu löschen vergessen,« +dachte er und richtete sich auf den Ellenbogen auf, um sie +hinunterzuschrauben. Aber ehe er so weit gekommen war, sah er, daß sich auf +seinem Schreibtisch etwas bewegte. + +Das Zimmer war sehr klein; zwischen dem Bett und dem Schreibtisch war kein +breiter Raum, und der Student konnte die Bücher und Papiere, das +Schreibzeug und die Photographien auf dem Tische alle deutlich sehen. Wie +merkwürdig: ganz ebenso deutlich wie alles andre sah er auch einen ganz +kleinen Knirps, der sich eben über die Butterdose neigte und sich ein +Butterbrot zurechtmachte. + +Der Student hatte im Laufe des Tages so viel erlebt, daß er allem, was ihm +noch passieren konnte, fast ganz gleichgültig gegenüberstand. Er erschrak +nicht und verwunderte sich auch nicht, sondern nahm es als etwas ganz +Natürliches hin: dieser kleine Knirps war hereingekommen, sich etwas zum +Essen zu holen. + +Ohne die Lampe zu löschen, legte sich der Student wieder zurück und +betrachtete den Knirps mit halbgeschlossenen Augen, der jetzt ganz +seelenvergnügt auf einem Briefbeschwerer saß und sich an den Überresten von +des Studenten Abendessen labte. Er zog seine Mahlzeit absichtlich so lange +wie nur möglich hinaus, ja, er verdrehte die Augen vor Wohlbehagen und +schmatzte mit der Zunge. Die trockene Brotrinde und die Käsereste schienen +offenbar seltene Leckerbissen für den kleinen Kerl zu sein. + +Der Student wollte ihn bei seiner Mahlzeit nicht stören, aber als er +vollständig satt zu sein schien, redete er ihn an: + +»Hallo, du, was bist denn du für ein Kerlchen?« fragte er. + +Der Junge fuhr zusammen und lief ans Fenster; als er aber merkte, daß der +Student ganz ruhig liegen blieb und ihn nicht verfolgte, hielt er inne. + +»Ich bin Nils Holgersson von Westvemmenhög,« begann er. »Und ich bin ein +Mensch wie du auch, aber ich bin in ein Wichtelmännchen verwandelt worden, +und seitdem ziehe ich mit den Wildgänsen umher.« + +»Das ist ja eine sonderbare Geschichte,« sagte der Student. Und dann fragte +er den Jungen aus, bis er ungefähr alles wußte, was Nils Holgersson seit +seinem Weggange von Hause widerfahren war. + +»Du hast es wahrhaftig gut,« seufzte der Student. »Ach, wer doch an deiner +Stelle wäre und alle seine Sorgen hinter sich lassen könnte!« + +Bataki stand draußen auf dem Fensterbrett und hörte zu. Als nun der Student +diesen Seufzer ausstieß, klopfte er mit dem Schnabel ans Fenster, und der +Junge merkte wohl, daß ihn der Rabe damit mahnen wollte, doch ja die +Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen, falls der Student das rechte Wort +sagen sollte. + +»Ach, du wirst mir doch nicht weismachen wollen, daß du mit mir tauschen +möchtest!« erwiderte der Junge. »Wer Student ist, will sicher nichts andres +sein.« + +»So hab ich heute morgen beim Erwachen auch gedacht,« sagte der Student. +»Aber du solltest nur wissen, was mir heute zugestoßen ist. Für mich gibt +es kein Glück mehr. Das beste für mich wäre, wenn ich mit den Wildgänsen +auf und davon fliegen könnte.« + +Wieder klopfte Bataki ans Fenster; dem Jungen selbst wurde es ganz +schwindlig, und sein Herz begann heftig zu klopfen, denn es klang ja fast, +als sei der Student auf dem Punkt, das richtige Wort zu sagen. + +»Jetzt habe ich dir erzählt, wie es mir ergangen ist,« sagte der Junge zu +dem Studenten. »Teile mir nun auch deine Geschichte mit.« + +Der Student war nur zu froh, sich jemand anvertrauen zu können, und +erzählte ganz der Wahrheit gemäß alles, was ihm widerfahren war. »Das eine +wäre ja am Ende nicht hoffnungslos verloren, aber ich habe einen andern ins +Unglück gestürzt, und das ist mir ganz unerträglich,« sagte er zum +Schlusse. »Es wäre in der Tat besser für mich, wenn ich an deiner Stelle +wäre und mit den Wildgänsen umherziehen könnte.« + +Jetzt klopfte Bataki noch lauter ans Fenster; aber der Junge blieb eine +gute Weile ganz ruhig und still sitzen und schaute nur geradeaus. + +»Warte einen Augenblick, ich komme wieder,« sagte er dann leise zu dem +Studenten. + +Hierauf ging er mit kleinen, zögernden Schritten über den Schreibtisch und +durchs Fenster hinaus. Als er aufs Dach hinauskam, ging eben die Sonne auf, +und die Stadt Uppsala breitete sich, vom roten Morgenlicht übergossen, vor +ihm aus. Es glänzte und gleißte von allen Türmen und Zinnen, und wieder +dachte der Junge unwillkürlich, daß dies doch eine richtige Stadt der +Freude sei. + +»Was hast du denn aber gedacht?« rief der Rabe. »Jetzt hast du die +Gelegenheit, wieder ein Mensch zu werden, verpaßt!« + +»Ich habe keine Lust, mit dem Studenten zu tauschen,« entgegnete der +Junge. »Denn dann hätte ich nichts als Unannehmlichkeiten wegen der +weggeflogenen Papiere.« + +»Derentwegen brauchtest du dir keine Sorge zu machen, die kann ich dir +wieder verschaffen,« sagte Bataki. + +»Ja, das glaube ich schon, aber ich bin nicht sicher, ob du es auch tust. +In dieser Beziehung müßte ich zuerst ganz beruhigt sein,« erwiderte der +Junge. + +Ohne ein Wort zu sagen, breitete Bataki die Flügel aus und flog davon. Aber +schon im nächsten Augenblick kehrte er mit ein paar Blättern Papier im +Schnabel zurück. Und so flog er eine ganze Stunde lang hin und her, fleißig +wie eine Schwalbe, die ihr Nest baut, und brachte dem Jungen ein Blatt ums +andre. + +»So, jetzt hast du wohl fast alles beieinander,« sagte er schließlich und +stellte sich keuchend auf das Fensterbrett. + +»Ich danke dir schön, Bataki,« sagte der Junge. »Jetzt will ich wieder +hineingehen und mit dem Studenten sprechen.« + +In diesem Augenblick warf der Rabe einen Blick ins Zimmer hinein, und da +sah er, daß der Student eben die Papiere sorgfältig glattstrich und +aufeinanderschichtete. »Du bist doch der größte Dummkopf, den ich je +gesehen habe,« fuhr Bataki den Jungen an. »Hast du dem Studenten die +Blätter gegeben? Dann brauchst du nicht mehr zu ihm hineinzugehen. Jetzt +sagt er gewiß nicht mehr, er wolle mit dir tauschen.« + +Der Junge betrachtete den Studenten. Dieser war überglücklich und tanzte im +bloßen Hemde vor lauter Freude in dem kleinen Zimmer umher. + +»Ach, Bataki, du hast mich ja nur auf die Probe stellen wollen, das weiß +ich wohl,« sagte Nils Holgersson. »Du dachtest natürlich, ich würde den +Gänserich Martin auf seiner beschwerlichen Reise allein lassen, und er +könnte dann selbst sehen, wie er durchkomme, wenn es mir nur selber gut +ginge. Aber als mir der Student da drinnen seine Geschichte erzählte, +erkannte ich, wie häßlich das ist, wenn man einen Freund in der Not +verläßt, und das wollte ich nicht tun.« + +Bataki kratzte sich mit dem Fuß im Nacken und sah beinahe verlegen aus. Er +wußte gar nicht, was er sagen sollte, und flog darum mit dem Jungen +geradenwegs zu den Wildgänsen zurück. + +[Illustration] + + + + +36 + +Daunenfein + +Die schwimmende Stadt + + + Freitag, 6. Mai + +Es gab nichts Lieberes und Gütigeres als die kleine Graugans Daunenfein. +Alle andern Wildgänse hatten sie sehr lieb, und der weiße Gänserich hätte +gern sein Leben für sie gelassen. Wenn Daunenfein um etwas bat, konnte es +ihr selbst die alte Akka nicht abschlagen. + +Sobald Daunenfein an den Mälar kam, erkannte sie die Landschaft wieder. +Gleich davor mußte das Meer mit den großen Schären sein, wo ihre Eltern und +Schwestern auf einem kleinen Holm wohnten. Daunenfein bat die Wildgänse, +ehe sie weiter nach Norden zögen, mit ihr nach ihrer Heimat zu fliegen, +damit sie den Ihrigen zeigen könne, daß sie noch am Leben sei; das würde +daheim eine große Freude geben. + +Akka sagte Daunenfein gerade heraus, sie sei der Ansicht, Daunenfeins +Eltern und Geschwister hätten sich damals, als sie Öland verließen, nicht +gerade liebevoll gegen die kranke Schwester benommen. Aber Daunenfein +wollte Akka nicht recht geben. »Was hätten sie denn tun sollen, als sie +sahen, daß ich nicht fliegen konnte?« erwiderte sie. »Sie hätten doch +meinethalben nicht auf Öland zurückbleiben können.« + +Um die Wildgänse zu bewegen, mit ihr nach den Schären hinauszufliegen, +erzählte ihnen Daunenfein von ihrer Heimat. Diese liege auf einer +Felseninsel. Wenn man die Insel aus der Ferne sehe, meine man, es gäbe gar +nichts als Steine da, wenn man aber dort ankomme, finde man in den Rissen +und Spalten herrliches Futter. Und bessere Brutplätze als dort in den +Felsenspalten und unter den Weidenbüschen könnte man lange suchen. Das +beste von allem aber sei doch ein alter Fischer, der auf dem Holm wohne. +Daunenfein habe gehört, daß er in seiner Jugend ein großer Jäger gewesen +sei, der immer zwischen den Schären gelegen und Vögel erlegt habe. Aber auf +seine alten Tage, nachdem seine Frau gestorben und seine Kinder fortgezogen +seien, wohne er ganz allein in seinem Häuschen, und jetzt beschütze er die +Vögel auf seiner Schäreninsel. Er lege nie mehr auf sie an und halte auch +die andern Fischer davon ab. Statt dessen gehe er jetzt bei den +Vogelnestern umher, und wenn die Weibchen auf ihren Eiern säßen, bringe er +ihnen Futter. Kein einziger Vogel fürchte sich vor ihm. Daunenfein sei oft +in seiner Hütte gewesen, und da habe er ihr Brotkrumen hingestreut. Weil +nun der Fischer so gut gegen die Vögel sei, hätten sich diese auch in +großer Menge auf der Schäre niedergelassen, und es fehle dort nächstens an +dem nötigen Platz. Wenn man im Frühling zu spät eintreffe, könnten +möglicherweise schon alle Brutplätze besetzt sein. »Und deshalb haben meine +Eltern und Geschwister mich auch allein in Öland zurücklassen müssen,« +schloß Daunenfein die Erzählung. + +Und Daunenfein bat und bettelte so lange, bis sie ihren Willen durchgesetzt +hatte, obgleich die Wildgänse sich schon etwas verspätet hatten und +eigentlich ohne Aufenthalt nordwärts reisen sollten. Aber der Besuch in den +Schären würde die Reise allerdings nur um einen einzigen Tag verzögern. + +Eines Morgens, nachdem sie sich wohl gestärkt hatten, brachen sie auf und +flogen in östlicher Richtung über den Mälar hin. Der Junge wußte nicht +genau, wohin die Gänse flogen, aber er sah bald, wie viel lebhafter der +Verkehr wurde, und wie viel dichter bebaut die Ufer waren, je weiter +ostwärts sie kamen. + +Schwerbeladene Prahme und Kähne und Fischerbarken waren in derselben +Richtung wie die Wildgänse unterwegs, und viele schöne, weiße Dampfschiffe +kamen ihnen entgegen, oder fuhren an ihnen vorbei. An den Ufern liefen +Eisenbahnen und Landstraßen hin, alle einem und demselben Ziel entgegen. +Dort im Osten mußte irgendein Ort sein, den alle an diesem Morgen noch zu +erreichen suchten. + +Auf einer der Inseln sahen sie ein großes, weißes Schloß, und eine Strecke +weiter waren die Ufer allmählich mit Villen bedeckt. Im Anfang lagen diese +in großen Zwischenräumen, später aber dichter, und bald stand dem ganzen +Ufer entlang eine Villa neben der andern. Die Häuser waren von höchst +verschiedener Bauart: hier lag ein Schloß, dort eine Hütte. Hier erhob sich +ein langer, niedriger Herrenhof, dort eine Villa mit vielen kleinen Türmen. +Die einen standen mitten in Obstgärten, die meisten aber waren von kleinen +Gehölzen umgeben, die ohne besondere Pflege die Ufer einfaßten. Aber so +ungleich sie auch waren, eins hatten sie alle gemeinsam, sie waren nicht +einfach und ernst, wie andre Häuser, sondern wie Puppenhäuser, leuchtend +grün und blau und weiß und rot angestrichen. + +Der Junge betrachtete eben eifrig alle diese lustigen Sommerhäuser am +Strande, als Daunenfein plötzlich einen Schrei ausstieß. »Jetzt erkenne ich +meine Heimat deutlich wieder!« rief sie. »Dort drüben liegt die schwimmende +Stadt!« + +Da schaute Nils geradeaus, er sah aber zuerst gar nichts als feinen Dunst +und Nebel, die über dem Wasser schwebten. Dann unterschied er hohe Türme +und da und dort ein Haus mit langen Fensterreihen. Die Gebäude tauchten auf +und verschwanden wieder, je nachdem der Nebel hin und her wogte. Aber ein +Uferstreifen war nirgends zu erblicken; alles schien auf dem Wasser zu +ruhen. + +Als der Junge der Stadt näher kam, sah er keine lustigen Puppenhäuser mehr +am Ufer, die waren dafür mit rauchigen Fabrikgebäuden bedeckt. Hinter hohen +Plankenzäunen erstreckten sich große Kohlen- und Bretterhaufen, und an +schwarzen, schmutzigen Brücken lagen schwerfällige Frachtdampfer; darüber +aber breitete sich überall der wogende, durchsichtige Nebelschleier aus, +und dadurch erschien alles so großartig und gewaltig und fremdartig, daß es +einen beinahe schönen Eindruck machte. + +[Illustration] + +Die Wildgänse flogen an Fabriken und Frachtdampfern vorüber und kamen der +nebelumhüllten Stadt immer näher. Da sanken plötzlich alle Nebelschleier +aufs Wasser hinunter, nur ein dünner, leichter in zartestem Rosa und +Hellblau schimmernder Dunst schwebte noch darüber. Die andern Nebel aber +wälzten sich unter der Schar über das Wasser und das Land hin. Sie +verbargen die Grundmauern und den untern Teil der Häuser, während die +oberen Stockwerke, die Dächer, Türme, Giebel und Dachfirste deutlich +sichtbar waren. Einige der Häuser erschienen auf diese Weise übermäßig hoch +und erinnerten unwillkürlich an den Turm zu Babel. Der Junge konnte sich ja +wohl denken, daß sie auf Hügel und Felsenrücken gebaut sein mußten; diese +selbst sah er allerdings nicht, nur die Häuser, die über den Nebelmassen +aufragten. Der Nebel war glänzend weiß, und die Häuser lagen schwarz und +dunkel mitten darin, denn die Sonne stand im Osten, und ihre Strahlen +fielen nicht auf diese Seite. + +Wohin der Junge schaute, überall sah er Dächer und Türme aus dem Nebelmeer +auftauchen; die Wildgänse flogen offenbar über eine große Stadt hin. +Bisweilen teilten sich die wallenden Nebelmassen, und dann sah der Junge +einen rauschenden, brausenden Strom, aber Land konnte er nirgends +entdecken. Es war ein wunderschöner Anblick, aber er fühlte sich doch ein +wenig beklommen, wie es meistens geht, wenn man etwas sieht, was einem +unverständlich ist. + +Sobald sie die Stadt hinter sich hatten, war die Erde nicht mehr vom Nebel +verhüllt. Jetzt konnte man Ufer, Wasser und Inseln deutlich unterscheiden. +Der Junge schaute zurück, um einen letzten Blick auf die Stadt zu werfen. +Sie sah jetzt noch mehr wie ein Zaubermärchen aus. Die Sonne hatte alle die +Nebelschleier rosig angehaucht, und diese schwebten nun, in herrlichstem +Blau und Rot und Gelb leuchtend, über der Landschaft. Die Häuser waren ganz +weiß, wie wenn sie aus Licht gebaut wären, die Fenster und Türme aber +glänzten wie lauter Feuer. Und alles schwamm auf dem Wasser wie zuvor. + +Die Wildgänse flogen rasch ostwärts. Im Anfang sah es hier ganz so aus wie +am Mälar. Zuerst ging es über Fabriken und Werkstätten hin, dann zeigten +sich an den Ufern allmählich hübsche Landhäuser. Es wimmelte von +Dampfschiffen und Booten; aber jetzt kamen diese von Osten her und fuhren +westwärts der Stadt zu. + +[Illustration] + +Die Wildgänse flogen weiter, und anstatt der schmalen Mälarfjorde und der +kleinen Inseln breitete sich jetzt eine größere Wasserfläche mit +umfangreicheren Inseln unter ihnen aus. Das Festland wich zur Seite und war +bald nicht mehr zu sehen. Die Pflanzenwelt wurde kärglicher; Laubhölzer gab +es nur noch wenig, das Nadelholz bekam das Übergewicht. Die Landhäuser +hörten auf, und statt ihrer sah man Bauernhäuser und Fischerhütten. + +Immer weiter flogen die Wildgänse; jetzt waren keine großen, bebauten +Inseln mehr zu sehen, nur unzählige kleine über das Wasser verstreute +Schären. Die Fjorde wurden nicht mehr vom Festland eingeengt, das weite, +unbegrenzte Meer dehnte sich vor ihnen aus. + +Hier draußen ließen sich die Wildgänse auf einer Felseninsel nieder, und +als der Junge abgestiegen war, wendete er sich an Daunenfein. »Was ist denn +das für eine Stadt, über die wir hingeflogen sind?« fragte er. + +»Ich weiß nicht, wie sie bei den Menschen genannt wird,« antwortete +Daunenfein. »Wir Graugänse nennen sie nur die schwimmende Stadt.« + + +Die Schwestern + +Daunenfein hatte zwei Schwestern: Flügelschön und Goldauge. Es waren kluge +und starke Vögel; aber sie hatten kein so weiches, glänzendes Federgewand +wie Daunenfein und auch keinen so freundlichen, liebenswürdigen Charakter. +Schon zu der Zeit, wo sie noch kleine häßliche Gösselchen gewesen waren, +hatten ihnen die Eltern und Verwandten, ja sogar auch der alte Fischer +deutlich zu verstehen gegeben, daß sie Daunenfein lieber hätten, und +deshalb hatten diese beiden ihre Schwester Daunenfein von jeher gehaßt. + +Als die Wildgänse sich auf der Felseninsel niederließen, weideten +Daunenfeins Schwestern, Flügelschön und Goldauge, eben auf einem grünen +Fleck, und sie sahen die Wildgänse sogleich. + +»Sieh nur, Schwester Goldauge, welche stattlichen Wildgänse sich da auf +unsrer Insel niederlassen!« sagte Flügelschön. »Ich habe noch nicht oft +Vögel gesehen, die eine so prächtige Haltung gehabt hätten. Und sieh nur, +sie haben einen weißen Gänserich bei sich! Hast du je einen so schönen +Vogel gesehen? Man könnte ihn fast für einen Schwan halten.« + +Goldauge stimmte der Schwester bei und meinte auch, da sei gewiß sehr +vornehmer Besuch auf die Insel gekommen. Aber plötzlich unterbrach sie sich +und rief: »Schwester Flügelschön! Schwester Flügelschön! Siehst du nicht, +wer bei ihnen ist?« + +In demselben Augenblick erkannte auch Flügelschön ihre Schwester +Daunenfein, und sie war so überrascht, daß sie eine ganze Weile nur mit +offenem Schnabel dastand und zischte. + +»Es ist nicht möglich, es ist nicht möglich! Wie sollte sie zu solchen +Leuten gekommen sein? Wir ließen sie ja auf Öland zurück, und dort hat sie +verhungern müssen.« + +»Nun wird sie uns natürlich bei Vater und Mutter verklagen und sagen, daß +wir sie gestoßen hätten, bis sie sich den Flügel ausrenkte. Aber das ist +noch nicht das schlimmste von allem, denn du wirst sehen, wir werden dafür +von der Insel verjagt.« + +»Ja, das wird eine nette Geschichte geben; denn wenn der verzärtelte +Nestkegel wieder da ist, gibt es natürlich lauter Widerwärtigkeiten,« sagte +Flügelschön. »Aber ich würde es doch fürs klügste halten, wenn wir im +Anfang täten, als ob wir uns über ihre Rückkehr freuten. Sie ist nämlich +sehr dumm, und vielleicht hat sie nicht einmal gemerkt, daß wir sie mit +Absicht stießen.« + +Während Flügelschön und Goldauge so miteinander redeten, hatten die +Wildgänse drunten am Strand ihre von dem raschen Flug zerzausten Federn +geglättet, und jetzt wanderten sie in einer langen Reihe auf den +Felsenspalt zu, wo, wie Daunenfein wußte, die Eltern zu wohnen pflegten. + +Daunenfeins Eltern waren ausgezeichnete Leute; sie wohnten schon länger auf +der Insel als alle die andern Vögel. Sie halfen deshalb auch allen +Neuankommenden und gaben ihnen guten Rat. Auch sie hatten die Wildgänse +daherfliegen sehen, aber Daunenfein in der Schar nicht erkannt. + +»Sieh nur, da lassen sich Wildgänse auf der Felseninsel nieder, das ist +doch merkwürdig!« sagte der Gänsevater. »Es ist eine prächtige Schar, das +sieht man schon am Fluge, aber es wird schwierig sein, für so viele +ordentliche Weideplätze zu finden.« + +»Bis jetzt ist die Insel noch nicht überfüllt, und wir können schon noch +Gäste aufnehmen,« meinte die Gänsefrau, die freundlichen, gutherzigen +Gemütes war, gerade wie Daunenfein. + +Als Akka näher herankam, gingen Daunenfeins Eltern ihr entgegen, und sie +wollten die Gäste eben auf der Insel willkommen heißen, als Daunenfein von +ihrem Platze hinten im Zug aufflog und sich gerade vor ihren Eltern +niederließ. + +»Vater und Mutter, hier bin ich! Kennt ihr denn eure Daunenfein nicht +mehr?« rief sie. + +Zuerst wollten die Alten ihren Augen nicht trauen; aber dann erkannten sie +die Tochter und waren natürlich glückselig über das Wiedersehen. + +Während nun die Wildgänse und der Gänserich Martin und auch Daunenfein +eifrig durcheinanderschnatterten, weil alle erzählen wollten, wie +Daunenfein gerettet worden war, kamen Flügelschön und Goldauge +dahergelaufen. Schon aus der Ferne riefen sie: »Guten Tag! Guten Tag!« und +taten so erfreut über Daunenfeins Rückkehr, daß diese ganz gerührt wurde. + +Den Wildgänsen gefiel es sehr gut auf der Felseninsel, und so beschlossen +sie, nicht vor dem nächsten Morgen weiterzureisen. Nach einer Weile fragten +die beiden Schwestern Daunenfein, ob sie mit ihnen kommen wolle, um zu +sehen, wo sie ihre Nester zu bauen beabsichtigten. Daunenfein war sogleich +bereit, und als sie die Plätze sah, lobte sie die Schwestern und sagte, sie +hätten sich da sehr wohlgeschützte Brutstätten ausgewählt. + +»Wo willst denn du dich niederlassen, Daunenfein?« fragten die Schwestern. + +»Ich?« erwiderte Daunenfein. »Ich habe nicht die Absicht, auf der Insel zu +bleiben, denn ich will mit den Wildgänsen nach Lappland reisen.« + +»Wie schade! Du willst uns also wieder verlassen?« sagten die Schwestern. + +»Ich wäre recht gerne bei euch und bei unsern Eltern geblieben,« erwiderte +Daunenfein. »Aber ich bin schon mit dem großen weißen Gänserich verlobt.« + +»Hör ich recht?« rief Flügelschön. »Du bekommst den schönen Gänserich? Das +ist doch ....« Aber in diesem Augenblick stieß Goldauge sie heftig an, und +so sprach sie nicht weiter. + +Die beiden bösen Schwestern steckten während des Vormittags wiederholt +eifrig die Köpfe zusammen. Sie waren ganz außer sich vor Zorn, weil +Daunenfein einen Freier wie den weißen Gänserich hatte. Sie selbst hatten +zwar auch Freier; aber die ihrigen waren ganz gewöhnliche Graugänse, und +seit sie den Gänserich Martin gesehen hatten, kamen ihnen ihre Freier +häßlich und ärmlich vor, sie mochten sie gar nicht mehr ansehen. + +»Man könnte sich wirklich zu Tode darüber grämen,« sagte Goldauge. »Hättest +wenigstens du ihn bekommen, Schwester Flügelschön!« rief sie. + +»Ich wollte, der Kerl wäre tot, dann müßte ich mir jetzt nicht den ganzen +Sommer hindurch unaufhörlich vorsagen: Deine Schwester Daunenfein hat sich +mit einem weißen Gänserich verlobt,« sagte Flügelschön. + +Trotzdem waren die Schwestern fortgesetzt sehr freundlich gegen Daunenfein; +und nachmittags nahm Goldauge Daunenfein mit sich, damit sie Goldauges +Freier sehen sollte. »Er ist zwar nicht so schön wie dein Bräutigam,« sagte +Goldauge. »Dafür kann man aber auch ganz sicher sein, daß er das wirklich +ist, wofür er sich ausgibt.« + +»Was willst du damit sagen, Goldauge?« fragte Daunenfein. + +Goldauge wollte zuerst nicht mit der Sprache heraus, aber schließlich kam +es doch an den Tag: Goldauge und Flügelschön hatten sich darüber besonnen, +ob die Sache mit dem Weißen auch auf ganz natürliche Weise zugegangen sei. +»Noch niemals ist ein weißer Gänserich mit Wildgänsen umhergezogen,« sagten +die Schwestern, »und wir möchten wohl wissen, ob er nicht am Ende +verzaubert ist.« + +»Seid ihr verrückt?« sagte Daunenfein gekränkt. »Er ist ja ein zahmer +Gänserich.« + +»Er hat aber einen bei sich, der verzaubert ist,« sagte Goldauge, »und da +könnte er gut selbst auch verzaubert sein. An deiner Stelle hätte ich +Angst, er sei möglicherweise ein schwarzer Kormoran.« + +Goldauge wußte ihre Worte sehr gut zu setzen und jagte der armen Daunenfein +einen großen Schrecken ein. + +»Was du da sagst, ist doch wohl nicht dein Ernst!« rief die kleine +Graugans. »Du willst mich nur erschrecken.« + +»Ich will nur dein Bestes, Daunenfein,« sagte Goldauge. »Denn ich könnte +mir nichts Schrecklicheres denken, als wenn du mit einem Kormoran +fortfliegen würdest. Aber ich will dir etwas sagen. Bring ihn dazu, von +diesen Wurzeln hier, die ich für dich gesammelt habe, zu essen. Wenn er +verzaubert ist, wird es sich sofort zeigen. Ist dies nicht der Fall, dann +bleibt er so, wie er ist.« + +Der Junge saß mitten unter den Graugänsen und hörte der Unterhaltung +zwischen Akka und dem Gänsevater zu, als plötzlich Daunenfein +dahergestürzt kam. »Däumling! Däumling!« schluchzte sie. »Der Gänserich +Martin ist am Sterben. Ich habe ihn umgebracht!« + +»Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich rasch zu ihm hin!« +rief der Junge. + +Die beiden flogen davon, und Akka eilte mit den andern Wildgänsen hinter +ihnen her. Als sie bei dem Gänserich ankamen, lag dieser auf dem Boden +ausgestreckt. Er konnte kein Wort herausbringen, sondern schnappte nur +immer nach Luft. + +»Kitzle ihn an der Gurgel und schlage ihn auf den Rücken!« befahl Akka. + +Der Junge tat es; da hustete der große Weiße einige lange Wurzeln heraus, +die ihm im Halse stecken geblieben waren. + +»Hast du hiervon gegessen?« fragte Akka und deutete auf die am Boden +liegenden Wurzeln. + +»Ja,« antwortete der Gänserich. + +»Dann darfst du von Glück sagen, daß sie dir im Halse stecken geblieben +sind,« sagte Akka. »Die Wurzeln sind giftig, und wenn du sie geschluckt +hättest, wärest du unrettbar verloren gewesen.« + +»Daunenfein sagte, ich solle davon essen,« sagte der Gänserich. + +»Ich habe sie von meiner Schwester bekommen,« rief Daunenfein und erzählte, +wie alles zugegangen war. + +»Nimm dich vor deinen Schwestern in acht, Daunenfein,« sagte Akka. »Sie +meinen es nicht gut mit dir.« + +Aber Daunenfein hatte ein gar zu gutes Herz, sie konnte niemand etwas Böses +zutrauen. Als nun Flügelschön nach einer Weile zu ihr kam und sagte, sie +wolle ihr jetzt auch ihren Freier zeigen, ging sie sogleich mit. + +»Er ist freilich nicht so schön wie der deinige,« sagte die Schwester, +»aber dafür ist er auch viel tapferer und kühner.« + +»Woher weißt du das?« fragte Daunenfein. + +»Das will ich dir sagen. Unter den Möwen und Enten hier herrscht Jammer und +Not, weil jeden Morgen bei Tagesanbruch ein großer Raubvogel dahergeflogen +kommt und eine von ihnen mitnimmt.« + +»Was ist es für ein Vogel?« fragte Daunenfein. + +»Wir wissen es nicht,« antwortete die Schwester. »Es ist noch nie so einer +hier auf der Insel gesehen worden. Merkwürdigerweise hat er noch nie eine +Gans angefallen. Da hat sich nun mein Freier entschlossen, morgen mit ihm +zu kämpfen und ihn zu verjagen.« + +»Wenn die Sache nur gut abläuft!« sagte Daunenfein. + +»Ich fürchte, das wird nicht der Fall sein,« versetzte die Schwester. »Ja, +wenn mein Gänserich so groß und stark wäre wie der deinige, dann hätte ich +auch Hoffnung auf Erfolg.« + +»Soll ich den Gänserich Martin bitten, mit diesem fremden Raubvogel +anzubinden?« fragte Daunenfein. + +»Das wäre mir freilich das allerliebste,« erwiderte Flügelschön. »Du +könntest mir gar keinen größeren Gefallen tun.« + +Am nächsten Morgen war der Gänserich Martin schon vor der Sonne auf; er +stellte sich auf die höchste Klippe und spähte nach allen Seiten umher. +Bald tauchte im Westen ein großer dunkler Vogel auf, der auf die Insel +zuflog. Er hatte ungeheuer große Flügel, und der Gänserich sah gleich, daß +es ein Adler war. Er hatte keinen gefährlicheren Gegner als eine Eule +erwartet und erkannte jetzt wohl, daß es das Leben galt. Aber es fiel ihm +nicht ein, dem Kampf mit einem Vogel, der so viel stärker war als er, +auszuweichen. + +Jetzt schoß der Adler aus der Höhe herab und schlug seine Klauen in eine +Möwe; aber ehe er mit ihr auffliegen konnte, stürmte der Gänserich heran. + +»Laß die Möwe los!« schrie er. »Und laß dich nie wieder hier blicken, sonst +bekommst du es mit mir zu tun!« + +»Was bist denn du für ein Prahlhans?« sagte der Adler. »Es ist ein Glück +für dich, daß ich nie eine Gans angreife, sonst wäre es bald um dich +geschehen.« + +Der Gänserich Martin glaubte, der Adler sei zu hochmütig, mit ihm zu +kämpfen. Er ging darum wutschnaubend auf ihn los, biß ihn in den Hals und +schlug ihn mit den Flügeln. Das konnte sich der Adler natürlich nicht +gefallen lassen, und nun kämpfte er mit dem Gänserich, aber nicht einmal +mit voller Kraft. + +Der Junge schlief noch bei Akka und den andern Wildgänsen. Da hörte er +Daunenfein rufen: »Däumling! Däumling! Der Gänserich wird von einem Adler +zerrissen!« + +»Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich zu ihm hin,« sagte +der Junge. + +Als die beiden die Klippe erreicht hatten, blutete der Gänserich aus +mehreren Wunden; er kämpfte aber trotzdem weiter. Der Junge konnte sich +nicht mit einem Adler einlassen, und es blieb ihm also nichts andres übrig, +als bessere Hilfe herbeizurufen. »Schnell, schnell, Daunenfein! Rufe Akka +und die Wildgänse herbei!« befahl er. + +Doch in dem Augenblick, wo der Junge das sagte, hörte der Adler auf zu +kämpfen. »Wer spricht hier von Akka?« fragte er. Und als er den Däumling +gewahr wurde und das Geschnatter der herbeieilenden Wildgänse hörte, +breitete er rasch die Schwingen aus. »Sage Akka, ich hätte nicht erwartet, +sie oder irgend jemand aus ihrem Gefolge hier draußen auf dem Meere +anzutreffen!« rief er; und damit flog er stolz und majestätisch davon. + +»Das ist derselbe Adler, der mich einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht +hat,« sagte der Junge und schaute ihm verwundert nach. + +Die Wildgänse wollten in aller Frühe von der Insel wegfliegen, beschlossen +aber, vorher doch noch ein wenig zu frühstücken. Während sie noch weideten, +flog eine Felsenente zu Daunenfein hin. »Ich soll dich von deinen +Schwestern grüßen,« sagte sie. »Sie wagen es nicht mehr, sich unter den +Wildgänsen sehen zu lassen, aber ich soll sagen, du solltest doch ja die +Insel nicht verlassen, ohne dem alten Fischer einen Besuch gemacht zu +haben.« + +»Das will ich auch tun!« rief Daunenfein. Sie war jedoch sehr ängstlich +geworden und wollte nicht allein hingehen. Deshalb bat sie den Gänserich +und den Däumling, sie nach der Hütte zu begleiten. + +Die Tür der Hütte stand offen. Daunenfein ging hinein, die beiden andern +blieben draußen. Im nächsten Augenblick hörten sie Akka das Zeichen zum +Aufbruch geben. Die Graugans trat auch gleich darauf aus der Hütte heraus +und flog mit den Wildgänsen von der Insel fort. + +Die Schar war schon eine ziemliche Strecke zwischen den Schären +hingeflogen, als der Junge sich über die Graugans, die mit ihnen flog, sehr +verwunderte. Daunenfein flog doch sonst so leicht und ruhig dahin, diese +aber hier ruderte mit schweren rauschenden Flügelschlägen durch die Luft. +»Akka, wende um! Akka, wende um!« rief der Junge erregt. »Es ist ein +fremder Vogel unter uns. Wir haben Flügelschön in unsrer Schar!« + +Kaum hatte er dies gesagt, als die Graugans einen häßlichen zornigen Ruf +ausstieß, und nun war niemand mehr im Zweifel, wer sie war. Akka und die +andern wendeten sich gegen sie; die Graugans entfloh jedoch nicht sogleich, +sondern stürzte sich auf den großen Weißen, packte den Däumling mit dem +Schnabel und flog mit ihm davon. + +Nun entspann sich eine wilde Jagd zwischen den Schären. Flügelschön flog +sehr rasch, aber die Wildgänse waren dicht hinter ihr, und sie hatte nicht +die geringste Hoffnung, ihnen zu entkommen. + +Da stieg plötzlich ein leichter, weißer Rauch aus dem Meere auf, und +zugleich ertönte der Knall eines Schusses. In ihrem Eifer hatten die Vögel +nicht gemerkt, daß sie über einem Boot hinflogen, in dem ein einzelner +Fischer saß. + +Es wurde indes niemand getroffen; aber gerade über dem Boot öffnete +Flügelschön den Schnabel und ließ den Däumling ins Meer fallen. + + + + +37 + +Stockholm + + +Vor mehreren Jahren wohnte auf Skansen, dem großen Freiluftmuseum bei +Stockholm, wo so gar vielerlei Merkwürdiges aus ganz Schweden +zusammengebracht worden ist, ein kleiner, alter Mann, namens Klement +Larsson. Er stammte aus Hälsingeland und war nach Skansen gekommen, um dort +alte Volkstänze und Volkslieder auf seiner Geige zu spielen. Er trat aber +natürlich meist nur an den Nachmittagen als Geiger auf, vormittags saß er +als Wächter in einem der schönen Bauernhäuser, die man aus allen Teilen des +Landes nach Skansen verpflanzt hat. Im Anfang dachte Klement, er habe es +jetzt auf seine alten Tage besser, als er sich in seinem ganzen Leben je +einmal zu träumen gewagt hätte. Aber nach einiger Zeit wurde es ihm +schrecklich langweilig da droben, besonders in den Stunden, wo er Aufsicht +hatte. Wenn Leute kamen, die sich das Haus ansahen, dann ging es ja noch +an; aber manchmal saß der gute Klement stundenlang ganz allein da drinnen, +und dann überkam ihn das Heimweh mit solcher Gewalt, daß er es oft kaum +mehr aushalten konnte und allen Ernstes daran dachte, seine Stelle +aufzugeben. Er war freilich sehr arm, und wenn er in seine Heimat +zurückkehrte, fiel er der Gemeinde zur Last, das wußte er recht wohl. +Deshalb kämpfte er auch mit aller Macht gegen das Heimweh an, obgleich er +sich von Tag zu Tag unglücklicher fühlte. + +Eines schönen Tages, zu Anfang Mai, hatte Klement ein paar Stunden frei, +und er ging eben den steilen Hügel hinab, auf dem Skansen liegt, als er +einem Fischer aus den Schären begegnete, der mit seinem Kasten auf dem +Rücken daherkam. Der Fischer war ein junger, kräftiger Mann, der öfters +nach Skansen kam und Seevögel anbot, die er lebendig gefangen hatte; +Klement war schon oft mit ihm zusammengetroffen. + +Heute nun hielt der Fischer Klement an und fragte ihn, ob der Vorstand von +Skansen daheim sei. Nachdem Klement ihm Auskunft gegeben hatte, fragte er +seinerseits den Fischer, was er denn Seltenes in seinem Kasten habe. + +»Ich will es dir zeigen, Klement,« sagte der Fischer, »wenn du mir dafür +einen guten Rat geben und mir sagen willst, was ich dafür verlangen soll.« + +Damit streckte er Klement seinen Fischkasten hin. Klement sah hinein, sah +noch einmal hinein und trat hastig einen Schritt zurück. »Um alles in der +Welt, Asbjörn, wo hast du denn diesen aufgetrieben?« + +Es war ihm eingefallen, daß ihm seine Mutter, als er noch ein Kind war, +oft von den Wichtelmännchen, die unter dem Steinboden wohnten, erzählt +hatte. Er sollte nicht weinen und nicht schreien, damit die Wichtelmännchen +nicht erzürnt würden. Als er dann erwachsen war, hatte er geglaubt, seine +Mutter habe die Geschichten von den Wichtelmännchen nur erfunden, um ihm +einen heilsamen Schrecken einzujagen. »Aber nun ist es also doch keine +Erfindung von meiner Mutter gewesen,« dachte Klement. »Denn hier in +Asbjörns Kasten liegt ja einer aus dem Wichtelvolk.« + +In Klements Herzen wohnte noch immer ein Rest von jener Kinderangst, und es +lief ihm kalt über den Rücken hinab, als er in den Kasten hineinschaute. +Asbjörn sah Klements Schrecken und fing zu lachen an; aber Klement nahm die +Sache sehr ernst. + +»Erzähle mir doch, wo du ihn her hast,« sagte er. + +»O, du mußt nicht denken, ich hätte ihm aufgelauert,« sagte Asbjörn. »Das +Kerlchen ist selbst zu mir gekommen. Heute morgen bin ich in aller Frühe im +Boot hinausgefahren, und kaum hatte ich das Festland hinter mir, als eine +Schar Wildgänse mit lautem Geschnatter von Osten dahergezogen kam. Ich +feuerte einen Schuß auf sie ab, traf jedoch keine von ihnen, dafür aber +sauste dieser kleine Kerl aus der Luft herunter und fiel dicht neben meinem +Boot ins Wasser, ich brauchte nur die Hand nach ihm auszustrecken.« + +»Du wirst ihn doch nicht getroffen haben, Asbjörn?« + +»O nein, er ist ganz frisch und gesund; aber zuerst war er nicht so recht +bei sich, und diese Gelegenheit benützte ich, ihm Hände und Füße mit einem +Stück Bindfaden zusammenzubinden, damit er mir nicht davonlaufen könnte. +Denn ich dachte ja gleich, das sei etwas für Skansen.« + +Klement wurde es ganz sonderbar zumut, als der Fischer sein Erlebnis +erzählte. Alles, was er in seiner Jugend von den Wichtelmännchen gehört +hatte, von ihrer Rachgier gegen Feinde und ihrer Hilfsbereitschaft gegen +Freunde, tauchte in seiner Seele auf. Wer es je einmal versucht hatte, ein +Wichtelmännchen gefangen zu halten, dem war es schlecht ergangen. + +»Höre, Asbjörn, du hättest ihn gleich wieder freigeben sollen,« sagte +Klement. + +»Ich hätte auch beinahe gar nicht anders gekonnt,« antwortete Asbjörn. »Die +Wildgänse verfolgten mich bis nach Hause, und selbst dann flogen sie noch +lange über den Schären hin und her und schrieen immerfort, wie wenn sie das +Kerlchen wieder haben wollten. Ja, und das war noch nicht einmal alles, +denn die ganze Vogelgesellschaft da draußen, Möwen und Seeschwalben und +alle andern, die keinen ehrlichen Schuß Pulver wert sind, ließen sich laut +schreiend auf den Klippen nieder, und als ich aus meiner Hütte heraustrat, +flatterten sie wie toll um mich her; es blieb mir nichts übrig, als wieder +umzukehren. Meine Frau sagte, ich solle den Knirps wieder laufen lassen, +aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, ihn hierher nach Skansen +zu bringen. Da stellte ich denn eine Puppe von unserm Kleinen ans Fenster, +steckte den Knirps rasch in meinen Kasten und machte mich wieder auf den +Weg. Die Vögel meinten wohl, die Puppe am Fenster sei das Kerlchen, denn +sie ließen mich diesmal unbehelligt gehen.« + +»Spricht er nicht?« fragte Klement. + +»Doch, im Anfang machte er einen Versuch, den Vögeln etwas zuzurufen; aber +das wollte ich nicht, und so stopfte ich ihm einen Knebel in den Mund.« + +»Aber Asbjörn, daß du das gewagt hast! Hast du denn gar kein Verständnis? +Dies ist doch etwas Übernatürliches.« + +»Ach, wie soll ich wissen, was es ist,« sagte Asbjörn ruhig. »Das müssen +die andern herausbringen, ich bins zufrieden, wenn man mich nur gut dafür +bezahlt. Und nun sag mir, Klement, wie viel wird mir der gelehrte Herr +Doktor droben auf Skansen wohl für das Kerlchen geben?« + +Klement überlegte lange, ehe er antwortete. Er hatte auf einmal +schreckliche Angst für den Knirps bekommen. Es war ihm gerade, als stehe +seine Mutter neben ihm und sage zu ihm, er solle immer gut gegen das +Wichtelvolk sein. + +»Ich weiß nicht, was der Doktor dir dafür geben wird,« sagte er +schließlich. »Aber wenn du ihn mir verkaufen willst, dann biete ich dir +zwanzig Kronen dafür.« + +Als der Spielmann diese große Summe nannte, sah ihn der Fischer grenzenlos +überrascht an. Er dachte, Klement meine wohl, der Kleine sei im Besitz von +geheimen Kräften, die ihm von Nutzen sein könnten; und da er keineswegs +sicher war, ob der Doktor seinen Fund für ebenso wichtig halten und ihm so +viel dafür bieten würde, nahm er Klements Angebot an. + +Der Spielmann steckte seinen Einkauf in eine seiner weiten Taschen, stieg +wieder den Hügel hinauf und ging in eine der Sennhütten, wo weder fremde +Besucher noch sonst ein Aufseher waren. Er schloß die Tür hinter sich zu, +nahm das Kerlchen heraus, das noch immer an Händen und Füßen gebunden war +und einen Knebel im Mund hatte, und legte es vorsichtig auf eine Bank. + +»Gib nun wohl acht, was ich dir sage,« begann Klement. »Ich weiß, du und +deinesgleichen, ihr laßt euch nicht gern vor den Menschen sehen, sondern +wollt am liebsten ungehindert euer Wesen treiben. Ich will dir deshalb +deine Freiheit zurückgeben, aber nur unter einer Bedingung: du mußt hier im +Park bleiben, bis ich dir erlaube, dich von hier zu entfernen. Wenn du +darauf eingehen willst, dann nicke dreimal mit dem Kopfe.« + +Erwartungsvoll sah Klement den Kleinen an; dieser aber rührte sich nicht. + +»Es soll dir nicht schlecht gehen,« fuhr Klement fort. »Ich werde dir jeden +Tag dein Essen bringen; überdies wirst du auch sicher hier allerlei zu tun +bekommen und brauchst also keine Langeweile zu haben. Aber du darfst +nirgends anders hingehen, bis ich es dir erlaube, hörst du! Wir wollen ein +Zeichen ausmachen: so lange ich dir dein Essen in einem weißen Napf +hinstelle, mußt du hierbleiben, wenn es aber in einer blauen Schale ist, +dann darfst du dich entfernen.« + +Wieder sah Klement den Kleinen erwartungsvoll an und hoffte auf das +verabredete Zeichen; das Kerlchen aber rührte sich nicht. + +»Ja, dann muß ich dich eben doch dem Direktor von Skansen zeigen, es bleibt +nichts andres übrig,« sagte Klement. »Du wirst dann in eine Glasflasche +gesteckt, und alle Leute aus der großen Stadt Stockholm kommen hierher und +gucken dich an.« + +Dieser Ausspruch schien dem Kleinen Schrecken einzujagen; denn kaum hatte +Klement ihn getan, als der Kleine mit dem Kopfe nickte. + +»So ists recht!« sagte Klement. Er zog sein Messer heraus, durchschnitt dem +Kerlchen die Fessel an den Händen und ging dann hastig zur Tür hinaus. + +Vor allem andern löste der Junge jetzt die Schnur von seinen Füßen und zog +sich den Knebel aus dem Mund. Als er sich dann aber nach Klement Larsson +umsah, um ihm zu danken, war dieser schon verschwunden. + + * * * * * + +Klement war noch nicht weiter als nur eben zur Tür hinausgekommen, als er +einem schönen alten Herrn begegnete, der nach einem nahegelegenen, +herrlichen Aussichtspunkt unterwegs zu sein schien. Klement konnte sich +nicht erinnern, den vornehmen alten Herrn schon einmal gesehen zu haben; +dieser aber hatte Klement wohl schon öfters bemerkt, wenn er seine +Volkweisen spielte, denn er blieb stehen und redete ihn an. + +»Guten Tag, Klement,« sagte er. »Wie geht es dir? Du wirst doch nicht krank +sein? Du kommst mir seit einiger Zeit etwas abgemagert vor.« + +Der Herr hatte etwas so unbeschreiblich Leutseliges in seinem Wesen, daß +sich Klement ein Herz faßte und ihm erzählte, wie sehr ihn das Heimweh +plage. + +»Wie? Hier in Stockholm hast du Heimweh? Das ist doch wohl nicht möglich!« +sagte der vornehme alte Herr und sah dabei fast ein wenig gekränkt aus. +Aber dann fiel ihm ein, daß er ja einen alten Bauern aus Hälsingeland vor +sich hatte, und der frühere freundliche Ausdruck trat wieder in sein +Gesicht. + +»Du hast gewiß noch nie gehört, wie Stockholm eigentlich entstanden ist, +Klement? Sonst wüßtest du ganz genau, daß du dir das Heimweh nur +einbildest. Komm, begleite mich zu der Bank dort drüben, dann will ich dir +ein wenig von Stockholm erzählen.« + +Nachdem der vornehme alte Herr sich auf der Bank niedergelassen hatte, ließ +er seinen Blick zuerst einige Augenblicke auf Stockholm ruhen, das sich in +seiner ganzen Pracht vor ihm ausbreitete, und er atmete tief auf, wie wenn +er die ganze Schönheit der Gegend in sich aufnehmen wollte. Dann wendete er +sich an den Spielmann. + +»Siehst du, Klement,« begann er und zeichnete, während er sprach, in den +Sandweg vor sich eine kleine Landkarte. »Dies hier ist Uppland, und hier +gegen Süden schiebt sich eine von vielen Buchten zerrissene Landzunge +herein. Und hier schließt sich Sörmland an mit einer zweiten von +ebensovielen Buchten zerschnittenen Landzunge, die direkt nach Norden +läuft. Und hier von Westen her kommt ein See mit vielen Inseln. Dies ist +der Mälar. Und hier von Osten fließt ein andres Wasser herbei, das vor +lauter Inseln und Schären kaum vorwärts kommen kann. Das ist die Ostsee. +Hier aber, Klement, hier, wo Uppland mit Sörmland und der Mälar mit der +Ostsee zusammentreffen, fließt ein kleiner Fluß, der heißt der Norrstrom, +und mitten drin im Norrstrom liegen drei kleine Holme. + +Ursprünglich waren diese Holme nichts weiter als gewöhnliche Inseln mit ein +paar Bäumen darauf, die seit undenklichen Zeiten ganz unbewohnt dalagen, +wie es heutigentages noch viele hier im Mälar gibt. Sie hatten ganz +zweifellos eine recht gute Lage, da sie gerade in der Mitte von zwei Seen +und zwei Landschaften lagen, aber das fiel niemand auf. Ein Jahr ums andre +verging, die Menschen siedelten sich sowohl an den Mälarufern als draußen +auf den Schären an, aber die drei Holme mitten im Norrstrom bekamen keine +Bewohner. Nur selten einmal legte ein Seefahrer dort an und schlug sein +Nachtlager auf; aber niemand ließ sich dauernd da nieder. + +Eines Tages nun hatte ein Fischer, der auf der Lidinginsel draußen am Meere +wohnte, sein Boot in den Mälar hereingesteuert, und fing da eine solche +Menge Fische, daß er ganz vergaß, zu rechter Zeit sein Boot wieder +heimwärts zu lenken. Er war nicht weiter gekommen als bis zu den drei +Holmen, als auch schon die Nacht hereinbrach. Da dachte der Fischer, er +täte gewiß am besten, hier an Land zu gehen und zu warten, bis der Mond +aufgegangen wäre, denn der Mond war im Zunehmen. + +Es war im Spätherbst und noch wunderschönes Wetter, obwohl die Abende schon +recht dunkel zu sein pflegten. Der Fischer zog also sein Boot an Land, +legte sich daneben, bettete seinen Kopf auf einen Stein und versank bald in +einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, war der Mond schon hoch am Himmel; er +stand gerade über dem Fischer und leuchtete gar prächtig mit fast +tageshellem Schein. + +Der Mann sprang auf und wollte eben sein Boot ins Wasser schieben, als er +draußen auf dem Norrstrom viele dunkle Punkte sah, die sich hin und her +bewegten. Eine große Schar Seehunde schwamm eilig auf den Holm zu, und als +der Fischer merkte, daß die Seehunde ans Land kriechen wollten, bückte er +sich nach seinem Spieß, den er im Boot liegen hatte. Doch als er sich +wieder aufrichtete, sah er keine Seehunde mehr; anstatt der Seehunde +standen wunderschöne junge Mädchen am Strande, in grünen, +langnachschleppenden, seidenen Gewändern, jede mit einer Perlenkrone auf +dem Kopfe. Da wußte der Fischer, wen er vor sich hatte, nämlich die +Meerweibchen, die auf den öden Schären weit draußen im Meere wohnten. Sie +hatten ihre Seehundgewänder nur übergeworfen, um ans Land zu schwimmen, wo +sie sich im Mondschein auf den grünen Holmen zu ergötzen gedachten. + +Ganz leise legte der Fischer seinen Speer wieder hin, und als die +Meerweibchen tiefer in die Insel hineingingen, um zu spielen, schlich er +ihnen nach und betrachtete sie. Er hatte gehört, die Meermädchen seien +wunderbar schön, wer sie sehe, werde von ihrer Schönheit ganz bezaubert; +und er mußte wirklich zugeben, daß nicht zu viel von ihnen behauptet worden +war. + +Nachdem die Meerweibchen eine Weile unter den Bäumen getanzt hatten, ging +der Fischer ans Ufer hinunter, nahm eines von den Seehundfellen, die noch +dalagen, und versteckte es unter einem Stein. Dann ging er nach seinem Boot +zurück, legte sich neben ihm nieder und stellte sich schlafend. + +Nach kurzer Zeit sah er die Meermädchen an den Strand zurückkehren und ihre +Seehundhüllen wieder überwerfen. Im Anfang herrschte eitel Lachen und +Scherzen unter ihnen; aber bald verwandelte sich die Freude in lautes +Jammern und Klagen, weil eine von ihnen ihr Seehundgewand nicht mehr finden +konnte. Alle liefen am Ufer hin und her und halfen ihr suchen, aber kein +Seehundfell war zu finden. Während sie noch eifrig suchten, sahen sie, daß +sich der Himmel im Osten lichtete und der Tag graute. Da schienen sie nicht +länger bleiben zu können, und alle schwammen davon, ausgenommen die eine, +die ohne Seehundfell war. Sie blieb am Strand sitzen und weinte bitterlich. + +Dem Fischer tat das arme Meerweibchen herzlich leid; aber er zwang sich, +ganz ruhig liegen zu bleiben, bis es heller Tag war. Da stand er auf, schob +sein Boot ins Wasser, und erst als er schon das Ruder aufgehoben hatte, tat +er, als ob er sie ganz zufälligerweise wahrnähme. + +>Wer bist denn du?< rief er. >Bist du eine Schiffbrüchige?< + +Sie stürzte auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ihr Seehundfell gesehen +habe; aber der Fischer tat, als verstehe er nicht einmal, was sie meinte. +Da setzte sie sich wieder nieder und fing aufs neue zu weinen an. Aber +jetzt schlug er ihr vor, zu ihm ins Boot zu steigen. + +>Komm mit mir in meine Hütte,< sagte er, >meine Mutter wird sich deiner +annehmen. Du kannst doch nicht hier auf dem Holm bleiben, wo du weder ein +Bett findest, noch etwas zu essen bekommst.< Und er sprach ihr gar +freundlich zu, bis sie sich überreden ließ und zu ihm ins Boot stieg. + +Der Fischer und seine Mutter waren alle beide außerordentlich gut gegen das +arme Meerweibchen, und es schien sich auch ganz wohl bei ihnen zu befinden. +Mit jedem Tag wurde es fröhlicher, half der Alten bei der Arbeit und war +ganz wie ein andres Mädchen, nur viel schöner als alle andern aus der +Umgegend. Eines Tages fragte sie der Fischer, ob sie seine Frau werden +wolle; da hatte sie gar nichts dagegen und sagte sogleich ja. + +Nun richtete man die Hochzeit her, und als sich die Jungfrau zur Hochzeit +schmücken sollte, zog sie das grünseidene Schleppkleid an und setzte die +schimmernde Perlenkrone auf, die sie damals getragen hatte, als der Fischer +sie zum ersten Male sah. In jenen Zeiten aber gab es weder eine Kirche noch +einen Geistlichen auf den Schären; die Hochzeitsleute setzten sich in ein +Boot, fuhren in den Mälar hinein und ließen sich in der ersten Kirche, an +die sie kamen, trauen. + +Der Fischer hatte seine Braut und seine Mutter im Boot, und er steuerte +sein Boot so gut, daß es allen andern vorauskam. Als sie jenen Holm sehen +konnten, wo er seine Braut gewonnen hatte, die nun glücklich und geschmückt +neben ihm im Boot saß, mußte er unwillkürlich lächeln. + +>Warum lachst du?< fragte die Braut. + +[Illustration: Die Meermädchen (Zu Seite 332)] + +>Ach, ich denke an jene Nacht, wo ich dein Seehundfell versteckte,< +antwortete der Fischer; er fühlte sich ihrer jetzt vollkommen sicher und +meinte, er brauche nichts mehr vor ihr zu verheimlichen. + +>Was sagst du da?< fragte die Braut. >Ich habe doch nie ein Seehundfell +gehabt.< Es war, als habe sie alles vergessen. + +>Weißt du denn nicht mehr, wie du mit den Meermädchen getanzt hast?< fragte +der Fischer. + +>Ich weiß nicht, was du meinst,< antwortete die Braut. >Du hast wohl heute +nacht einen sonderbaren Traum gehabt.< + +>Wenn ich dir nun aber dein Seehundfell zeige, glaubst du mir dann?< fragte +der Fischer und steuerte sogleich auf jenen Holm zu. Als sie dort +angekommen waren, stieg das Brautpaar aus, und der Fischer zog das Fell +unter dem Stein hervor, wo er es damals versteckt hatte. + +Aber kaum erblickte die Braut das Seehundfell, als sie es auch schon an +sich riß und sich über den Kopf warf. Das Fell schmiegte sich ihr um die +Glieder wie etwas Lebendiges, und sie warf sich augenblicklich in den Strom +hinein. + +Der Bräutigam sah sie fortschwimmen. Rasch sprang er ihr nach ins Wasser, +konnte sie aber nicht mehr erreichen. Als er sah, daß er sie nicht mehr +zurückhalten konnte, warf er in seiner Verzweiflung seinen Spieß hinter ihr +her. Dieser traf besser, als der Fischer gewollt hatte, denn das arme +Meerweibchen stieß einen lauten Schrei aus und verschwand in der Tiefe. + +Der Fischer blieb am Ufer stehen und hoffte, sie werde wieder an der +Oberfläche auftauchen. Aber da sah er, wie sich über das Wasser ringsum ein +milder Glanz ergoß, der ihm eine wunderbare Schönheit verlieh. So etwas +hatte der Fischer noch nie gesehen; das Wasser glänzte und blinkte und +spielte in rosigem und weißem Schimmer, gerade wie Perlmutter in einer +Muschel. + +Und als die glitzernden Wellen ans Ufer schlugen, sah der Fischer, daß auch +dieses sich veränderte. Überall begann es zu blühen und zu duften; ein +weicher Glanz breitete sich aus, und es bekam eine Schönheit, die es früher +nicht gehabt hatte. + +Und der Fischer erriet, woher das alles kam. Die Sache ist nämlich die: Wer +ein Meerweibchen sieht, findet es schöner als alle andern Menschenkinder -- +er kann gar nicht anders -- und als sich nun das Blut des Meerweibchens mit +dem Wasser vermischte und alsdann mit den Wellen über die Ufer floß, teilte +sich ihre Schönheit auch diesen mit; die Schönheit wurde ihnen als Erbteil +geschenkt, daß alle, die sie sahen, von der Lieblichkeit dieser Ufer +hingerissen wurden und von da an stets von Sehnsucht nach ihnen erfüllt +waren.« + +Als der vornehme Herr in seiner Erzählung so weit gekommen war, sah er +Klement an, und dieser nickte dem Erzähler ernst zu, sagte aber nichts, +denn er wollte ihn nicht unterbrechen. + +»Und nun paß wohl auf, Klement, was ich dir sage,« fuhr der vornehme alte +Herr fort, und jetzt blitzte es plötzlich schalkhaft in seinen Augen auf. +»Von jener Zeit an siedelten sich die Menschen auf den Holmen an. Zuerst +waren es nur Bauersleute und Fischer, aber eines schönen Tages kam der +König mit seinem Jarl den Strom heraufgezogen. Als er die drei Holme sah, +machte er die andern gleich darauf aufmerksam, daß jedes Schiff, das in den +Mälar hineinwollte, daran vorbeifahren müsse. Und der Jarl meinte, hier +müßte man eigentlich das Fahrwasser unter Schloß und Riegel legen, dann +könnte man es nach Belieben öffnen und schließen, also die Handelsschiffe +hereinlassen, die Seeräuberflotten aber hinaussperren. + +Und siehst du, Klement, dieser Vorschlag wurde ausgeführt,« sagte der alte +Herr, indem er aufstand und von neuem mit seinem Stock in den Sand +zeichnete. »Auf der größten der drei Inseln, siehst du, hier, baute der +Jarl eine Burg mit einem prächtigen Wachturm, der Kärnan genannt wurde. Und +rings um den Holm herum zog er Mauern, siehst du, so. Und hier im Süden +machte er ein Tor in die Mauer und setzte einen starken Turm darauf. Er +baute Brücken nach den andern Holmen hinüber und versah auch diese mit +hohen Türmen. Und draußen auf dem Wasser, in weitem Umkreis um die Holme +herum, schlug er einen Kranz von Pfählen mit Querbalken, die geöffnet und +geschlossen werden konnten; nun konnte kein Schiff ohne seine Erlaubnis +vorbeifahren. + +Du siehst also, Klement, die drei Holme, die so lange unbemerkt dagelegen +hatten, waren plötzlich in eine starke Festung verwandelt worden. Aber +damit war es noch nicht genug. Diese Ufer und Sunde hier zogen die Menschen +an, und bald strömten von allen Seiten Leute herbei, die sich auf den +Holmen niederließen. Für diese Leute baute der Jarl eine Kirche, die später +die Storkyrka genannt wurde. Hier liegt sie heute noch, ganz dicht bei der +Burg, und hier, innerhalb der Mauern lagen die kleinen Häuser der ersten +Ansiedler. Sie waren nicht großartig, aber damals brauchte es nicht mehr, +um den Ort eine Stadt zu nennen. Die Stadt wurde Stockholm genannt, und so +heißt sie noch bis auf den heutigen Tag. + +Dann kam ein Tag, Klement, wo der Jarl nach seiner großen Arbeit zur Ruhe +eingehen durfte; aber Stockholm fehlte es darum doch nicht an einem +Baumeister. Mönche kamen dahergezogen, die man die schwarzen Brüder nannte; +Stockholm hatte es ihnen angetan, und so baten sie darum, sich da ein +Kloster bauen zu dürfen. Das Kloster wurde dann auch wirklich auf dem +Stadtholm gebaut, hier gleich hinter der Storkyrkan. Nach einiger Zeit +kamen auch noch andere Mönche ins Land, die sich die grauen Brüder nannten. +Diese baten auch um Erlaubnis, sich in Stockholm anzubauen. Aber auf dem +großen Holm war nun kein Platz mehr für ihr Kloster; es wurde daher auf +einem der kleineren, dem Mälar zugekehrten Holme erbaut, und dieser Holm +heißt von jener Zeit an der Gråmunkeholm, oder der Holm der grauen Mönche. +Auf dem dritten Holm aber siedelten sich fromme Männer an, die sich Brüder +vom heiligen Geist nannten und sich besonders um die Krankenpflege +annahmen. Sie bauten ein Krankenhaus, und der Holm wurde seit jener Zeit +der Helgeandsholm, der Holm des heiligen Geistes, genannt. + +Siehst du, Klement, nun waren die drei Holme schon ganz mit Häusern +bedeckt; aber immer neue Leute strömten herbei, denn das Wasser und die +Ufer hier haben ja, wie du weißt, die Eigenschaft, die Menschen anzuziehen. +Es kamen fromme Frauen vom Orden der heiligen Klara, die auch um einen +Bauplatz baten. Doch war guter Rat teuer, und es blieb ihnen nichts anderes +übrig, als sich am nördlichen Ufer anzubauen, auf dem Norrmalm, wie dieser +Teil genannt wurde. Sie waren freilich nicht so recht zufrieden damit, denn +mitten durch den Norrmalm zieht sich ein hoher Bergrücken, und dort hatte +die Stadt ihren Galgenhügel, deshalb war der Ort verachtet; aber die +Schwestern vom Orden der heiligen Klara bauten doch ihre Kirche und ihr +Kloster am Ufer, gerade unter dem Galgenhügel. Und nachdem sie sich einmal +in dieser Gegend niedergelassen hatten, kamen bald andre hinzu. Hier, ganz +im Norden auf dem Hügel selbst, wurde ein Krankenhaus und eine Kirche +gebaut, die dem heiligen Georg geweiht waren, und hier, gerade unter dem +Hügel, erstand eine Kirche für den heiligen Jakob. + +Auch auf dem Södermalm, wo die Klippen steil aus dem Meere aufragen, fing +man zu bauen an. Hier entstand bald eine Kirche zu Ehren der Heiligen +Jungfrau Maria. + +Aber nun, Klement, darfst du nicht glauben, es seien nur Klosterleute nach +Stockholm gezogen. O nein, außer ihnen kamen noch viele andre Leute; vor +allem eine Menge deutscher Handwerker und Kaufleute, und da diese tüchtiger +waren als die schwedischen, wurden sie gut aufgenommen. Sie ließen sich in +der Stadt innerhalb der Mauern nieder, rissen die kleinen, ärmlichen +Häuser, die vorher da standen, nieder und bauten dafür große, prächtige +Gebäude aus Stein. Aber es war nur wenig Platz da drinnen innerhalb der +Mauern, und so mußten die Häuser mit den Giebeln nach der Straße dicht +nebeneinander gebaut werden. + +Ja ja, Klement, da siehst du, wie Stockholm die Menschen herbeizog.« + +In diesem Augenblick tauchte unten am Wege ein andrer Herr auf, der rasch +auf die beiden zukam. Doch der alte Herr, der mit Klement sprach, winkte +den Neuangekommenen mit einer Handbewegung zurück; da blieb dieser in der +Ferne stehen. Der vornehme alte Herr aber setzte sich neben den Spielmann +auf die Bank. + +»Nun sollst du mir einen Gefallen tun, Klement,« sagte er. »Ich habe keine +Zeit, mich noch länger mit dir zu unterhalten, aber ich werde dir ein Buch +über Stockholm schicken, und das sollst du von Anfang bis zu Ende +durchlesen. Jetzt habe ich sozusagen bei dir den Grund von Stockholm +gelegt, Klement, nun sollst du weiter daran bauen. Ja, studiere jetzt +selbst weiter und mache dir klar, wie es der Stadt ferner ergangen ist, und +wie sie sich allmählich verändert hat. Lies, wie die kleine enge, +mauerumschlossene Stadt auf den Holmen sich zu diesem Häusermeer +ausgebreitet hat, das wir hier vor uns sehen. Lies, wie aus dem düsteren +Turm Kärnan das schöne helle Schloß da drunten geworden ist, und wie die +Kirche der grauen Mönche in die Grabstätte der schwedischen Könige +umgewandelt wurde. Lies, wie der eine Holm nach dem andern bebaut wurde. +Lies, wie die Gemüseländer auf Söder und Norr in schöne Gärten oder bebaute +Stadtviertel umgewandelt wurden. Lies, wie die Hügel geebnet und die +Wasserstraßen ausgefüllt wurden. Lies, wie die Könige die Tiergärten +einfriedigen ließen, woraus dann die schönen Ausflugsorte des Volkes +wurden. Gib dir Mühe, so recht vertraut mit Stockholm zu werden, Klement, +denn die Stadt gehört nicht allein den Stockholmern, sie gehört dir und +ganz Schweden. + +Und wenn du dann das alles über Stockholm liest, Klement, dann denke daran, +daß ich dir gesagt habe, Stockholm habe die Kraft, alles andre anzuziehen. +Zuerst zog der König hierher, dann bauten sich die vornehmen Herren ihre +Paläste da. Dann zog einer nach dem andern hierher, so daß Stockholm jetzt +nicht nur eine Stadt für sich oder für die nächste Umgebung ist, nein, +Klement, es ist eine Stadt für das ganze Reich. + +Du weißt doch, Klement, in jedem Kirchspiel gibt es einen Gemeinderat, aber +in Stockholm wird der Reichstag fürs ganze Volk gehalten. Du weißt, im +ganzen Lande hat jeder Bezirk einen Richter, aber in Stockholm ist ein +Gerichtshof, der über allen andern steht. Du weißt, überall gibt es +Kasernen und Truppen, aber in Stockholm sind die höchsten, die das ganze +Heer unter sich haben. Überall im Lande sind Eisenbahnen, aber alle werden +von Stockholm aus geleitet. Hier sind die Vorgesetzten der Pfarrer, der +Lehrer, der Ärzte, der Vögte, der Richter. Hier ist der Mittelpunkt für +unser Land. Von hier kommt das Geld, das du in deiner Tasche hast, und die +Marken, die wir auf unsere Briefe kleben. Von hier erhalten alle Schweden +irgend etwas, und hier haben auch alle Schweden irgend etwas zu tun. Hier +braucht sich niemand fremd zu fühlen oder Heimweh zu haben. Hier sind alle +Schweden daheim. + +Und wenn du das alles liest, Klement, dann denk auch an das letzte, was +Stockholm herbeigezogen hat. Das sind auf Skansen die alten Häuser, die +alten Tänze, die alten Trachten und das alte Hausgerät. Hier sind auch +Spielleute und Märchenerzähler; alles Alte und Gute ist nach Stockholm +gekommen, hierher nach Skansen, damit es in Ehren gehalten werde, und damit +es neugeehrt draußen unter dem Volk wieder erstehen soll. + +Aber wenn du dies alles von Stockholm gelesen hast, Klement, dann sollst du +dich vor allem auf diesen Platz hier setzen; du sollst sehen, wie die +Wellen ihr glitzerndes Spiel treiben und die Ufer in blendender Schönheit +erglänzen. Ja, du sollst selbst dafür sorgen, daß auch du von dem Zauber +ergriffen und hingerissen wirst.« + +Der schöne alte Herr hatte die Stimme etwas erhoben; sie klang nun laut und +majestätisch gebietend, und seine Augen blitzten. Jetzt stand er auf, +winkte Klement noch freundlich mit der Hand und verließ ihn. Klement aber +fühlte plötzlich in seinem Herzen ganz deutlich, der Herr, der da mit ihm +gesprochen hatte, mußte ein sehr vornehmer Herr sein, und er verbeugte sich +hinter ihm, so tief er nur konnte. + +Am nächsten Tage kam ein königlicher Lakai mit einem großen, +roteingebundenen Buch und einem Brief zu Klement, und in dem Briefe stand, +daß das Buch vom König sei. + +Darnach war der gute alte Klement Larsson mehrere Tage lang ganz wirr im +Kopfe; es war fast kein vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen, und nach +acht Tagen kam er zu dem Direktor von Skansen und kündigte seine Stelle. +Als Grund brachte er vor, er müsse durchaus in seine Heimat zurückkehren. + +»Warum willst du denn nach Hause?« fragte der Direktor. »Gefällt es dir +denn gar nicht hier?« + +»Doch, doch, es gefällt mir gut,« antwortete Klement. »In dieser Beziehung +habe ich nichts mehr zu klagen, aber ich muß trotzdem nach Hause.« + +Klement hatte sich in einer schweren Not befunden, weil der König zu ihm +gesagt hatte, er solle Stockholm genau kennen lernen, dann werde es ihm da +gewiß gefallen. Aber Klement fand Tag und Nacht keine Ruhe mehr, bis er +daheim in seiner Heimat berichten konnte, daß der König das zu ihm gesagt +hatte. Ach, welch ein Glück würde das sein, wenn er vor der Kirche daheim +hoch und nieder erzählte, wie gut der König gegen ihn gewesen war, wie er +auf derselben Bank neben ihm gesessen, sich in ein Gespräch mit ihm +eingelassen und mit ihm, einem armen alten Spielmann, eine ganze Stunde +lang geredet hatte, um ihn von seinem Heimweh zu heilen. Es war ja schon +etwas Großes, daß er es hier auf Skansen den Lappländern und den Mädchen +von Dalarna erzählen konnte; aber was war das gegen das Glück, es denen +daheim mitteilen zu können! + +Und wenn Klement auch schließlich ins Armenhaus kommen sollte, selbst das +erschien ihm nach diesem Erlebnis nicht mehr schwer. Er wäre trotzdem ein +ganz andrer Mensch als vorher und würde auf ganz andre Weise geachtet und +geehrt werden. + +Und diese neue Sehnsucht überwältigte ihn. Er konnte nicht anders, er mußte +zu dem Direktor gehen und ihm sagen, er wolle durchaus in seine Heimat +zurückkehren. + +[Illustration] + + + + +38 + +Der Adler Gorgo + +Im Felsental + + +Weit droben auf dem lappländischen Gebirge lag ein altes Adlernest auf +einem Felsenvorsprung, der über einer schroffen Bergwand herausragte. Das +Nest war aus Tannenzweigen verfertigt, die schichtenweise quer +übereinandergelegt waren. Seit Jahren war es immer mehr erweitert und +erhöht worden, und jetzt hatte es mehrere Meter im Durchmesser und lag da +droben, fast ebenso groß wie eine Lappenhütte. + +Die Felsenwand, auf der das Adlernest lag, überschattete ein ziemlich hohes +Tal, das im Sommer immer von einer Schar Wildgänse bewohnt war; und dieses +Tal war auch wirklich ein ausgezeichneter Zufluchtsort für die Gänse, denn +es lag so gut versteckt zwischen den Bergen, daß es nicht vielen Leuten +bekannt war; ja, selbst unter den Lappen wußte man nur wenig davon. Mitten +in dem Tal lag ein kleiner runder See, wo sich reichlich Nahrung für die +kleinen Gänschen fand, und an den mit Weidenbüschen und kleinen +verkrüppelten Birken dicht bestandenen Ufern gab es so gute Brutplätze, wie +sie sich die Gänse nur wünschen konnten. + +Seit undenklichen Zeiten hatten droben auf dem Felsen Adler und drunten im +Tal Wildgänse gewohnt. Alle Jahre raubten die Adler einige von den +Wildgänsen, hüteten sich aber wohl, so viele zu rauben, daß diese aus dem +Tale verscheucht worden wären. Ihrerseits hatten die Wildgänse auch nicht +so gar wenig Nutzen von den Adlern; diese waren ja wohl Räuber, aber sie +hielten andre Räuber fern. + +Ein paar Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, stand die +alte Führerin der Schar, Akka von Kebnekajse, eines Morgens in dem +Felsental und schaute zu dem Adlernest hinauf. Die Adler pflegten kurz nach +Sonnenaufgang auf die Jagd auszufliegen; und in allen den Sommern, die Akka +in diesem Tal verbracht hatte, war sie jeden Morgen auf ihrem Posten +gewesen und hatte beobachtet, ob die Adler im Tale blieben, um da zu jagen, +oder ob sie sich nach andern Jagdgebieten begaben. + +Sie brauchte nicht lange zu warten, bis die beiden stattlichen Vögel die +Felsenplatte verließen. Schön, aber furchtbar schwebten sie durch die Luft +dahin. Sie schlugen die Richtung nach dem Flachlande ein, und Akka stieß +einen erleichterten Seufzer aus. + +Die alte Anführerin war nun zu alt zum Eierlegen und Junge aufzuziehen. So +vertrieb sie sich denn im Sommer die Zeit damit, daß sie von einem +Gänsenest zum andern wanderte und über das Ausbrüten und Aufziehen der +Jungen gute Ratschläge erteilte. Außerdem hielt sie nicht allein Ausschau +nach den Adlern, sondern auch nach den Bergfüchsen, den Eulen und andern +Feinden, von denen den Gänsen und deren Jungen Gefahr drohen konnte. + +Gegen Mittag spähte Akka wieder nach den Adlern aus. Das hatte sie nun in +jedem Sommer, seit sie in diesem Tale Aufenthalt nahm, getan. Sie sah auch +den Adlern immer schon am Fluge an, ob sie eine gute Jagd gehabt hatten, +und dann fühlte sie sich für die Ihrigen beruhigt. Aber heute kehrten die +Adler nicht zurück. + +»Ich muß alt und stumpfsinnig geworden sein,« dachte Akka, nachdem sie eine +Weile gewartet hatte. »Die Adler müssen ja längst daheim sein.« + +Am Nachmittag schaute sie abermals nach der Felsenwand hinauf; jetzt hätten +die Adler auf dem schroffen Felsenvorsprung auftauchen müssen, wo sie ihre +Nachmittagsruhe zu halten pflegten; und am Abend spähte sie abermals, denn +da pflegten die Adler im Bergsee ein Bad zu nehmen; aber immer und immer +spähte sie vergeblich. Und wieder jammerte Akka, daß sie alt werde. Sie war +es so gewohnt, die Adler über sich auf dem Berge zu sehen, deshalb konnte +sie sich gar nicht denken, daß sie noch nicht zurückgekehrt sein könnten. + +Am nächsten Morgen war Akka schon früh auf den Beinen, und wieder schaute +sie nach den Adlern aus. Aber auch jetzt sah sie nichts von ihnen. Dagegen +drang durch die Morgenstille ein Schrei an ihr Ohr, der zornig und +jämmerlich zugleich klang und aus dem Neste zu kommen schien. + +»Sollte da droben wirklich ein Unglück geschehen sein?« dachte Akka. Sie +breitete die Flügel aus und flog so hoch hinauf, daß sie in das Adlernest +hineinsehen konnte. + +Da oben war nichts von dem Adlerpaar zu entdecken; im ganzen Neste war +niemand als ein halbnacktes Junges, das nach Nahrung schrie. + +Langsam und zögernd ließ sich Akka zu dem Adlernest hinabsinken. Das war +ein unheimlicher Ort! Man merkte gleich, was für Räuber hier wohnten. In +dem Neste und auf der Felsenplatte lagen gebleichte Knochen, blutige Federn +und Hautfetzen, Hasenköpfe, Vogelschnäbel und federnbesetzte Füße von +Schneehühnern. Auch das Adlerjunge, das mitten in allen diesen +Überbleibseln lag, bot mit seinem großen aufgesperrten Schnabel, seinem +unbeholfenen flaumigen Körper und seinen unfertigen Flügeln einen +widerwärtigen Anblick. + +Schließlich überwand Akka ihren Widerwillen und setzte sich auf den Rand +des Nestes, sah sich aber doch ängstlich nach allen Seiten um, denn sie war +darauf gefaßt, die alten Adler im nächsten Augenblick dahersausen zu sehen. + +»Gut, daß endlich jemand kommt!« rief das Adlerjunge. »Verschaff mir +sogleich etwas zu essen!« + +»Na na, das hat wohl keine so große Eile,« sagte Akka. »Sag mir zuerst, wo +deine beiden Eltern sind.« + +»Ja, wenn ich das wüßte! Gestern morgen sind sie fortgeflogen und haben mir +nichts als eine Maus dagelassen. Du wirst dir denken können, daß die schon +lange verzehrt ist! Es ist unverschämt von meiner Mutter, mich so Hunger +leiden zu lassen.« + +[Illustration] + +Jetzt war Akka überzeugt, daß die alten Adler erschossen worden waren, und +sie dachte, wenn sie das Junge hier verhungern ließe, wäre sie die ganze +Räubergesellschaft in Zukunft los. Aber sie konnte sich eben doch nicht +entschließen, ein solches verlassenes Junge so elendiglich umkommen zu +lassen, wenn es in ihrer Macht stand, ihm zu helfen. + +»Was starrst du mich denn so an?« schrie das Junge. »Hörst du nicht, daß +ich etwas zu essen will?« + +Akka breitete die Flügel aus und flog rasch zu dem kleinen See hinunter; +kurz darauf erschien sie wieder im Adlernest mit einer Forelle im Schnabel. + +Aber als sie den Fisch vor den jungen Adler hinlegte, geriet dieser ganz +außer sich vor Zorn. »Meinst du, ich esse solches Zeug?« schrie er, stieß +den Fisch weg und hackte mit seinem scharfen Schnabel nach Akka. »Verschaff +mir ein Schneehuhn oder eine Wühlmaus, hörst du!« + +Aber jetzt streckte Akka den Kopf vor und gab dem Jungen einen ordentlichen +Schlag in den Nacken. »Das laß dir gesagt sein,« rief die Alte, »wenn ich +dir Futter verschaffen soll, mußt du mit dem zufrieden sein, was ich dir +bringen kann. Dein Vater und deine Mutter sind tot, von ihnen kannst du +also keine Hilfe mehr erwarten. Wenn du aber lieber hier verhungern willst, +während du auf Schneehühner und Wühlmäuse wartest, dann habe ich nichts +dagegen.« + +Nachdem Akka dies gesagt hatte, flog sie sogleich davon und ließ sich erst +nach einer guten Weile wieder in dem Neste sehen. Da hatte das Junge den +Fisch verzehrt, und als Akka ihm einen neuen Fisch hinlegte, verschlang es +diesen sogleich, obgleich man ihm gut anmerkte, daß er ihm abscheulich +schmeckte. + +Nun hatte Akka eine schwere Aufgabe. Die alten Adler kehrten niemals +wieder, und so mußte sie alle Nahrung für das Junge ganz allein +herbeischaffen. Sie brachte ihm Fische und Frösche, und diese Kost schien +dem jungen Adler gar nicht übel zu bekommen, denn er wuchs groß und kräftig +heran. Bald hatte er seine Eltern vollständig vergessen und glaubte, Akka +sei seine rechte Mutter. Und Akka liebte ihn wie ein eigenes Kind. Sie +erzog ihn mit aller Sorgfalt und gab sich die größte Mühe, ihm seinen +wilden Sinn und seinen Hochmut abzugewöhnen. + +Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, fühlte Akka die Zeit herbeikommen, +wo sie ihre Federn verlor und also nicht fliegen konnte. Sie wußte, während +eines ganzen Monats würde sie dann nicht imstande sein, dem Jungen im +Adlernest Nahrung zu bringen, und so müßte dieses elendiglich verhungern. + +»Hör nun, Gorgo,« sagte Akka eines Tages zu dem jungen Adler. »Jetzt kann +ich dir keine Fische mehr hier heraufbringen, und nun fragt es sich, ob du +dich ins Tal hinunterwagst, damit ich dir auch ferner deine Nahrung +verschaffen kann. Du mußt jetzt wählen, ob du lieber hier oben verhungern, +oder dich ins Tal hinunterwerfen willst, was dich möglicherweise das Leben +kosten kann.« + +Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stieg Gorgo auf den Rand des +Nestes. Er nahm sich kaum die Mühe, die Entfernung mit dem Blick zu messen, +sondern breitete seine kleinen Flügel aus und flog hinunter. Er überschlug +sich zwar ein paarmal in der Luft, gebrauchte aber doch seine Flügel ganz +geschickt, und so kam er unbeschädigt drunten im Tal an. + +Von da an verbrachte Gorgo den Sommer zusammen mit den jungen Gösselchen +und wurde ihnen bald ein sehr guter Kamerad. Da er sich selbst für einen +jungen Gänserich hielt, gab er sich alle Mühe, gerade so zu leben wie sie, +und wenn sie in den See hinausschwammen, lief er hinter ihnen her, bis er +fast ertrank. Er schämte sich fürchterlich, daß er nicht schwimmen lernen +konnte, und ging zu Akka, ihr sein Leid zu klagen. + +»Warum kann ich nicht ebensogut schwimmen lernen wie die andern?« fragte +er. + +»Du hast allzu gekrümmte Zehen und zu große Klauen bekommen, während du da +droben auf dem Felsenvorsprung lagst,« sagte Akka. »Aber du brauchst dich +deshalb nicht zu grämen, es wird doch noch ein rechter Vogel aus dir.« + +Die Flügel des jungen Adlers waren bald groß genug, ihn zu tragen; aber es +dauerte doch noch bis zum Herbst, wo die jungen Gänse fliegen lernen +sollten, bis es ihm einfiel, daß er seine Flügel auch zum Fliegen +gebrauchen könnte. Nun aber brach eine herrliche Zeit für ihn an, denn in +dieser Kunst war er bald der erste von allen. Seine Kameraden blieben nie +länger in der Luft droben, als sie durchaus mußten; er aber hielt sich fast +den ganzen Tag da droben auf und übte sich im Fliegen. Er war noch immer +nicht darauf gekommen, daß er von andrer Art war als die Gösselchen. Aber +es fiel ihm doch allerlei auf, was ihn in Erstaunen setzte, und immer +wieder kam er mit neuen Fragen zu Akka. + +»Warum laufen die Schneehühner und die Wühlmäuse davon, sobald sich auch +nur mein Schatten droben am Felsen zeigt?« fragte er. »Vor den andern +Gänsen zeigen sie keinen solchen Schrecken.« + +»Deine Flügel sind zu groß geworden, während du droben auf dem +Felsenvorsprung lagst, und vor denen fürchten sich die kleinen Tiere,« +sagte Akka. »Aber du brauchst dich nicht darüber zu grämen, es wird doch +ein rechter Vogel aus dir.« + +Nachdem Gorgo fliegen gelernt hatte, lernte er auch ganz von selbst, Fische +und Frösche zu fangen, aber bald begann er auch darüber nachzugrübeln. + +»Woher kommt es, daß ich von Fischen und Fröschen lebe?« fragte er. »Das +tun ja meine Brüder und Schwestern auch nicht?« + +»Das kommt daher, weil ich keine andre Nahrung für dich hatte, solange du +droben auf dem Felsenvorsprung lagst,« sagte Akka. »Aber du brauchst dich +nicht darüber zu grämen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.« + +Als die Wildgänse im Herbst südwärts zogen, flog Gorgo mit in der Schar. Er +betrachtete sich immer als zu ihnen gehörig; aber ringsumher in der Luft +flogen unzählige Vögel, die alle auf dem Wege nach dem Süden waren, und als +Akka mit einem Adler in ihrem Gefolge daherkam, gerieten sie in große +Aufregung. Bald war die Schar der Wildgänse von einem Schwarm neugieriger +Vögel umringt, die ihre Verwunderung laut kundgaben. Akka gebot ihnen +Schweigen, aber es war nicht möglich, so viele böse Zungen im Zaum zu +halten. + +»Warum nennen sie mich einen Adler?« fragte Gorgo unaufhörlich, und er +wurde immer hitziger. »Können sie denn nicht sehen, daß ich eine Wildgans +bin? Ich bin doch kein Vogelräuber, der seinesgleichen verzehrt! Wie kommen +sie nur darauf, mir einen so häßlichen Namen zu geben?« + +Eines Tages flogen die Wildgänse über einen Bauernhof hin, wo viele Hühner +auf dem Misthaufen scharrten. »Ein Adler! Ein Adler!« riefen alle Hühner +und liefen eiligst davon, sich zu verstecken. Aber jetzt konnte Gorgo, der +von den Adlern immer als von wilden Bösewichten hatte reden hören, seinen +Zorn nicht mehr bemeistern. Er schlug mit den Flügeln, schoß hinunter und +schlug seine Fänge in eines von den Hühnern. »Ich will dich lehren, daß ich +kein Adler bin!« schrie er heftig und hackte mit dem Schnabel auf das Huhn +los. + +Da hörte er, daß Akka ihn von oben aus rief. Er gehorchte augenblicklich +und flog hinauf. Die alte Wildgans kam ihm entgegengeflogen, um ihn zu +züchtigen. »Was tust du?« rief sie und schlug mit dem Flügel nach ihm. +»Hattest du etwa im Sinne, das arme Huhn zu zerreißen? Du solltest dich +schämen!« + +Als aber der Adler die Züchtigung ohne Widerstand hinnahm, erhob sich unter +den großen Vogelscharen ringsumher ein wahrer Sturm von Spottreden und +Schmähungen. Der Adler hörte es, und nun wendete er sich mit zornigen +Blicken an Akka, wie wenn er sie anfallen wollte. Aber er änderte seine +Absicht sogleich wieder, stieg mit heftigen Flügelschlägen hoch in die Luft +hinauf, so hoch, bis ihn kein Ruf mehr erreichen konnte, und schwebte da +droben umher, solange die Wildgänse ihn noch sehen konnten. + +Drei Tage später erschien er wieder bei den Wildgänsen. + +»Jetzt weiß ich, wer ich bin,« sagte er zu Akka. »Und da ich ein Adler bin, +muß ich so leben, wie es einem Adler geziemt. Aber deshalb können wir doch +gute Freunde bleiben; dich oder eine der Deinigen werde ich nie angreifen.« + +Aber Akka hatte ihren ganzen Stolz darein gesetzt, diesen Adler zu einem +ungefährlichen Vogel heranzuziehen, und sie wollte es nicht leiden, daß er +nach seiner Art leben wollte. + +»Meinst du, ich werde mit einem Vogelräuber Freundschaft halten?« sagte +sie. »Lebe so, wie ich es dich gelehrt habe, dann darfst du wie bisher in +meiner Schar bleiben.« + +Beide waren stolz und unbeugsam; keines wollte nachgeben, und schließlich +verbot Akka dem Adler geradezu, sich in ihrer Nähe sehen zu lassen, ja, sie +war so böse auf ihn, daß in Akkas Nähe niemand seinen Namen auch nur +auszusprechen wagte. + +Von dieser Stunde an zog Gorgo im Lande umher, einsam und von allen +gemieden, wie alle großen Räuber. Er war oftmals in trüber Stimmung, und +sicherlich sehnte er sich oft nach der Zeit zurück, wo er sich noch für +eine Wildgans gehalten und mit den lustigen jungen Gösselchen gespielt +hatte. Unter den Tieren war er wegen seiner Kühnheit berühmt. Es hieß, er +fürchte sich vor nichts und vor niemand als vor seiner Pflegemutter Akka, +und er stand auch in dem Rufe, sich noch nie an einer Wildgans vergriffen +zu haben. + + +Gefangen + +Gorgo war erst drei Jahre alt und hatte noch nicht daran gedacht, sich eine +Frau zu nehmen und eine Heimat zu gründen, als er eines Tages von einem +Jäger gefangen wurde, der ihn an das Freiluftmuseum Skansen in Stockholm +verkaufte. Als Gorgo nach Skansen kam, waren schon zwei Adler da. Sie +wurden in einem Käfig aus eisernen Stangen und Stahldraht gefangen +gehalten; der Käfig stand im Freien und war sehr groß, und damit die Adler +sich heimisch fühlen sollten, hatte man sogar einige Bäume hinein +verpflanzt und einen ordentlichen Berg aus Steinblöcken darin aufgeführt. +Aber trotz allem gediehen die Vögel nicht; fast den ganzen Tag saßen sie +unbeweglich auf demselben Platz, ihr schönes dunkles Gefieder wurde +struppig und verlor seinen Glanz und, hoffnungslose Sehnsucht im Blick, +starrten die armen Tiere gerade in die Luft hinaus. + +[Illustration] + +In der ersten Woche seiner Gefangenschaft war Gorgo noch wach und lebendig; +aber dann überfiel ihn allmählich eine dumpfe Gleichgültigkeit. Er saß ganz +ruhig auf demselben Platz, starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und +die Tage vergingen, ohne daß er es merkte. + +Eines Morgens, als Gorgo wie gewöhnlich im Halbschlaf befangen war, hörte +er, daß ihn jemand vom Boden aus anrief. + +»Wer ruft mich?« fragte er. + +»Aber Gorgo, erkennst du mich denn nicht mehr? Ich bin der Däumling, der +mit den Wildgänsen umherzog.« + +»Ist Akka auch gefangen worden?« fragte Gorgo, in einem Ton, wie wenn er +aus einem tiefen Schlafe erwachte und seine Gedanken erst zusammennehmen +müßte. + +»Nein, Akka und der weiße Gänserich und die ganze Schar der Wildgänse sind +wahrscheinlich jetzt droben in Lappland,« sagte der Junge. »Nur ich bin +hier gefangen.« + +Während der Junge dies sagte, sah er, daß Gorgo die Augen abwendete und wie +vorher in die Luft hinausstarrte. + +»Königsadler!« rief der Junge. »Ich habe nicht vergessen, daß du mich +einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht und auch das Leben des weißen +Gänserichs verschont hast. Sag mir, ob ich dir in irgend einer Weise helfen +könnte!« + +Aber Gorgo hob kaum den Kopf. »Störe mich nicht, Däumling!« sagte er. »Ich +träume eben, ich flöge hoch droben in der Luft umher, und ich will nicht +erwachen.« + +»Du mußt dir Bewegung machen und dich darum kümmern, was um dich her +vorgeht,« mahnte der Junge. »Sonst siehst du bald ebenso elendig aus wie +die andern Adler hier.« + +»Ich wünschte, ich wäre schon wie sie. Sie sind so traumverloren, daß sie +nichts mehr berühren kann,« sagte Gorgo. + +Als es Nacht geworden war und alle Adler schliefen, ertönte ein leichtes +Kratzen an dem Stahldrahtnetz, das den Adlerkäfig bedeckte. Die beiden +alten und abgestumpften Gefangenen ließen sich von dem Geräusch nicht +stören, aber Gorgo erwachte. »Wer da?« rief er. »Wer bewegt sich da oben +auf dem Dache?« + +»Ich bin's, Gorgo, der Däumling,« antwortete der Junge. »Ich versuche hier +den Draht durchzufeilen, damit du entfliehen kannst.« + +Der Adler hob den Kopf und sah in der hellen Nacht, wie der Junge eifrig an +dem Drahtnetz, das über den Käfig gespannt war, feilte. Einen Augenblick +regte sich die Hoffnung in seinem Herzen, aber die Mutlosigkeit gewann doch +gleich wieder die Oberhand. »Ach, Däumling, ich bin ein sehr großer Vogel,« +sagte er. »So viele Drähte, daß ich hinauskommen kann, wirst du kaum +durchfeilen können. Gib dein Vorhaben lieber gleich auf und laß mich in +Frieden.« + +»Schlaf du nur und kümmere dich nicht um mich,« erwiderte der Junge. »Heute +nacht werde ich freilich noch nicht fertig und morgen nacht auch nicht; +aber ich will nun einmal versuchen, dich zu befreien, denn hier gehst du ja +vollständig zugrunde.« + +Gorgo schlief wieder ein; als er aber am nächsten Morgen erwachte, sah er +gleich, daß schon eine große Menge Drähte durchgefeilt waren. An diesem Tag +fühlte er sich nicht so schläfrig wie am vorhergehenden; er schlug oft mit +den Flügeln und hüpfte auf den Ästen umher, um seine steifen Glieder wieder +geschmeidig zu machen. + +Eines Morgens in aller Frühe, gerade als der erste Streifen Morgenlicht am +Himmel aufleuchtete, weckte der Däumling den Adler. »Versuch es jetzt, +Gorgo!« sagte er. + +Der Adler schaute auf. Der Junge hatte wirklich die vielen Drähte +durchgefeilt; da droben in dem Stahldrahtnetz war ein großes Loch. Gorgo +bewegte die Flügel und schwang sich hinauf. Zweimal fiel er wieder in den +Käfig zurück, aber schließlich gelangte er doch glücklich ins Freie. + +Mit stolzen Flügelschlägen stieg er hoch zu den Wolken empor. Der kleine +Däumling stand unten und sah ihm mit einem wehmütigen Ausdruck nach. Ach +wie sehr wünschte er, es käme jemand und gäbe auch ihm die Freiheit! + +Der Junge war jetzt ganz heimisch auf Skansen. Er hatte mit allen Tieren +Bekanntschaft geschlossen und viele Freunde unter ihnen gewonnen; er sah ja +auch wohl ein, daß in diesem Freiluftmuseum außerordentlich viel +Interessantes und Lehrreiches zu sehen war, und es wurde ihm nicht schwer, +sich die Zeit zu vertreiben; aber doch zogen seine Gedanken jeden Tag +sehnsüchtig hinaus zu seinem lieben Gänserich Martin und allen seinen +andern Reisegefährten. + +»Wenn ich doch nur nicht durch mein Versprechen gebunden wäre! Dann wollte +ich schon einen Vogel finden, der mich zu den Wildgänsen trüge,« dachte er. + +Es klingt recht merkwürdig, daß Klement Larsson dem Jungen seine Freiheit +nicht wiedergegeben hatte, aber man muß bedenken, wie verwirrt der kleine +Spielmann war, als er Skansen verließ. An dem Morgen, wo er abreiste, hatte +er sich allerdings vorgenommen gehabt, dem kleinen Knirps sein Essen in +einem blauen Napf hinzustellen, aber zum Unglück hatte er keinen solchen +finden können. Dann waren alle die Leute von Skansen -- die Lappen, die +Mädchen aus Dalarna, die Maurer und Gärtner -- herbeigekommen, ihm Lebewohl +zu sagen, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich einen blauen Napf zu +verschaffen. Die Stunde der Abreise kam heran, und schließlich wußte er +sich nicht anders zu helfen, als einen der Lappländer um Hilfe zu bitten. + +»Hör einmal,« sagte er. »Hier auf Skansen wohnt einer von dem Wichtelvolk, +dem ich jeden Morgen etwas zu essen bringe. Willst du mir nun einen +Gefallen tun? Hier ist etwas Geld, dafür kaufe einen blauen Napf und stelle +ihn morgen mit etwas Grütze und Milch auf die Treppe der Bollnäshütte.« + +Der alte Lappe machte ein sehr verwundertes Gesicht; aber Klement hatte +keine Zeit mehr, ihm die Sache noch näher zu erklären, denn er mußte jetzt +auf den Bahnhof. + +Der Lappe war dann auch wirklich in die Stadt gegangen, einen blauen Napf +zu kaufen; als er aber keinen blauen sah, der ihm für seinen Zweck passend +erschien, kaufte er einen weißen, und in diesem stellte er gewissenhaft +jeden Morgen Milch und Grütze hin. + +Auf diese Weise war der Junge seines Versprechens nicht entbunden worden. +Er wußte wohl, daß Klement fort war, aber er selbst durfte nicht +davongehen. + +In dieser Nacht nun sehnte sich der Junge mehr als gewöhnlich nach der +Freiheit, und das kam daher, daß es jetzt im Ernst Frühling und Sommer +geworden war. Er hatte während der Reise ja oft unter der Kälte und dem +schlechten Wetter gelitten, und in der ersten Zeit auf Skansen hatte er +öfters gedacht, es sei vielleicht ganz gut, daß er die Reise hatte aufgeben +müssen, denn wenn er im Mai nach Lappland gekommen wäre, hätte er dort +droben sicherlich erfrieren müssen. Aber jetzt war es warm geworden, die +Wiesen prangten in frischem Grün, Birken und Pappeln hatten ein seidig +schillerndes Blätterkleid, die Kirschbäume, ja alle möglichen Obstbäume +standen mit Blüten übersät da, die Beerensträucher hatten schon ganz kleine +Früchte auf den Zweiglein, die Eichen rollten äußerst vorsichtig ihre +Blätter auf, Erbsen, Kohl und Bohnen grünten auf den Gemüsebeeten auf +Skansen. + +»Jetzt wäre es wohl auch in Lappland warm und schön,« dachte der Junge. +»Wie gerne säße ich an einem schönen Morgen auf dem Rücken des Gänserichs +Martin! Wie prächtig wäre jetzt ein Ritt durch die warme stille Luft da +droben, von wo ich auf die mit grünem Gras und mit herrlichen Blumen +geschmückte Erde herunterschauen könnte!« + +Der Junge war noch mit diesem Gedanken beschäftigt, als plötzlich Gorgo aus +der Luft heruntersauste und sich neben dem Däumling auf das Dach des Käfigs +setzte. »Ich wollte nur meine Flügel prüfen, um zu sehen, ob sie mich noch +ordentlich tragen,« sagte er. »Du hast hoffentlich nicht gedacht, ich werde +dich hier in der Gefangenschaft zurücklassen? Setze dich jetzt auf meinen +Rücken, dann bringe ich dich zu deinen Reisegefährten zurück.« + +»Nein, das ist unmöglich,« sagte der Junge. »Ich habe mein Wort darauf +gegeben, daß ich hier bleibe, bis man mir die Freiheit zurückgibt.« + +»Was schwatzest du da für dummes Zeug?« erwiderte Gorgo. »Zuerst hat man +dich gegen deinen Willen hierhergebracht und dich dann noch obendrein +gezwungen, hierzubleiben. So ein Versprechen braucht man nicht zu halten, +das wirst du doch verstehen?« + +»Ich muß es trotzdem halten,« sagte der Junge. »Nein, mein lieber Gorgo, +ich danke dir für deine gute Absicht, aber du kannst mir nicht helfen.« + +»So, kann ich es nicht?« erwiderte Gorgo. »Das sollst du bald sehen!« Und +in demselben Augenblick ergriff Gorgo den Jungen mit seinen großen Fängen, +schwang sich mit ihm zu den Wolken hinauf und verschwand in nördlicher +Richtung. + +[Illustration] + + + + +39 + +Über Gästrikland hin + +Der kostbare Gürtel + + + Mittwoch, 15. Juni + +Der Adler flog ununterbrochen in nördlicher Richtung weiter, bis er ein +gutes Stück über Stockholm hinausgekommen war; da ließ er sich auf einen +bewaldeten Hügel hinab und lockerte den Griff, mit dem er den Jungen +festhielt. + +Aber kaum fühlte sich dieser frei, als er, so schnell er nur konnte, wieder +nach der Stadt zurücklief. + +Da machte der Adler einen großen Sprung, holte den Jungen ein und legte die +Klaue auf ihn. »Willst du ins Gefängnis zurückkehren?« fragte er. + +»Was willst du eigentlich von mir? Ich werde doch wohl gehen dürfen, wohin +ich will!« rief der Junge und versuchte sich von dem Adler los zu machen. +Doch da ergriff ihn Gorgo abermals mit seinen starken Fängen, hob ihn auf +und trug ihn fort. + +Nun flog er mit dem Jungen über ganz Uppland hin und hielt nicht an, bis er +den großen Wasserfall bei Älvkarleby erreicht hatte. Hier ließ er sich auf +einen Stein nieder, der mitten im Strom gerade unter dem rauschenden +Wasserfall lag, und ließ dann seinen Gefangenen aufs neue los. + +Der Junge erkannte sogleich, daß es ihm ganz unmöglich war, dem Adler von +hier aus zu entfliehen. Von oben her kam der weißschäumende Schwall +herabgestürzt, und ringsum brandete und wogte das Wasser mit wildem +Schäumen. Der Junge war sehr erbittert, daß er auf diese Weise wortbrüchig +werden mußte; er wendete dem Adler den Rücken und wollte kein Wort mehr mit +ihm sprechen. + +Aber nachdem jetzt der Adler den Jungen an einer Stelle abgesetzt hatte, wo +er ihm nicht mehr entfliehen konnte, erzählte er ihm, wie er von Akka von +Kebnekajse aufgezogen worden, mit dieser seiner Pflegemutter aber jetzt in +Feindschaft geraten sei. + +»Und jetzt kannst du vielleicht verstehen, Däumling, warum ich dich zu den +Wildgänsen zurückbringen möchte,« sagte er zum Schluß. »Ich habe gehört, in +welch hoher Gunst du bei Akka stehst, und deshalb wollte ich dich bitten, +den Friedensstifter zwischen uns zu machen.« + +Sobald der Junge hörte, daß der Adler ihn nicht nur aus Eigensinn +fortgetragen hatte, wurde er wieder freundlich gegen ihn. + +»Ich würde dir außerordentlich gern in dieser Sache helfen,« sagte er, +»aber ich bin ja durch mein Versprechen gebunden.« Und nun erzählte er +seinerseits dem Adler, wie er in Gefangenschaft geraten sei, und daß +Klement Larsson Skansen verlassen hätte, ohne ihm sein Wort zurückzugeben. + +Doch der Adler wollte um keinen Preis seinen Plan aufgeben. »Höre mich an, +Däumling!« sagte er. »Meine Flügel tragen mich, wohin du nur willst, und +meine Augen machen alles ausfindig, was du nur sehen möchtest. Erzähl mir, +wie der Mann aussah, der dir das Versprechen abgenommen hat, ich will ihn +aufsuchen und dich zu ihm tragen. Alsdann mußt du sehen, wie du ihn dazu +bringst, dich von deinem Versprechen zu entbinden.« + +Dieser Vorschlag leuchtete dem Jungen ein. »Ja, ja, Gorgo, man merkt wohl, +welchen klugen Vogel du als Pflegemutter gehabt hast,« sagte er. Dann +beschrieb er dem Adler Klement Larsson ganz genau und fügte auch noch +hinzu, er habe auf Skansen gehört, daß der kleine Spielmann aus +Hälsingeland stammte. + +»Wir wollen ganz Hälsingeland absuchen, von Lingbo bis Mellansjö, von +Storberg bis Hornsland!« rief der Adler. »Gleich morgen, noch ehe es Abend +geworden ist, wirst du mit dem Manne reden können.« + +»Jetzt versprichst du sicher mehr, als du halten kannst, Gorgo,« sagte der +Junge. + +»O, ich wäre ein schlechter Adler, wenn ich das nicht könnte!« erwiderte +Gorgo. + +Als Gorgo mit dem Däumling von Älvkarleby aufbrach, waren die beiden ganz +gute Freunde geworden, und der Junge ritt jetzt auf Gorgos Rücken. Auf +diese Weise sah er wieder etwas von den Gegenden, über die sie hinflogen. +Solange ihn der Adler in den Klauen getragen hatte, war ihm das nicht +möglich gewesen. Es war vielleicht ganz gut für ihn, daß er sich nicht so +genau auskannte, denn wenn er gewußt hätte, daß er am Morgen über so schöne +Orte wie die alten Königshügel von Uppsala, über die große Österbyer +Fabrik, die Danemoraer Grube und das alte Schloß zu Örbyhus hingeflogen +war, hätte er sich gewiß sehr gegrämt, weil er nichts davon gesehen hatte. + +Jetzt trug ihn der Adler hurtig über Gästrikland hin. In dem südlichen Teil +war nicht viel zu sehen, was die Aufmerksamkeit gefangen nehmen konnte. +Eine fast ganz mit Tannenwald bestandene Ebene breitete sich ungeheuer groß +unter ihm aus; weiter gegen Norden aber erstreckte sich quer durch die +Landschaft, von der Dalagrenze bis zum Bottnischen Meerbusen, ein schöner +Landstrich mit bewaldeten Hügeln, glänzenden Seen und rauschenden Strömen. +Da lagen dichtbevölkerte Kirchspiele um weiße Kirchen herum, Landstraßen +und Eisenbahnen kreuzten sich, die Häuser waren in Grün gebettet, und +blühende Gärten schickten holde Düfte in die Luft hinauf. + +An den Wasserläufen sah der Junge mehrere große Eisenhämmer, ganz ähnliche, +wie er schon im Bergwerkdistrikt gesehen hatte. In ungefähr gleichen +Zwischenräumen lagen sie in einer Reihe bis zum Meere hin, wo schließlich +eine große Stadt ihre weißen Häusermassen ausbreitete. Nördlich von dieser +dichtbevölkerten Gegend setzten die dunkeln Wälder wieder ein; doch war +hier das Land nicht eben, sondern bildete Hügel und Täler, es hob und +senkte sich wie ein aufgeregtes Meer. + +»Dieses Land hat ein Kleid aus Tannenzweigen und eine Jacke aus Feldsteinen +an,« sagte sich der Junge im stillen. »Aber um die Mitte trägt es einen +Gürtel, der an Kostbarkeit nicht seinesgleichen hat, denn er ist mit +blauschimmernden Seen und blumigen Wiesen bestickt; die großen Eisenhämmer +schmücken ihn wie eine Reihe von Edelsteinen, und als Schnalle dient ihm +eine große Stadt mit Schlössern und Kirchen und großen Häusergruppen.« + +Nachdem Gorgo mit dem Jungen eine Strecke weit in die nördlich sich +hinziehende Waldgegend hineingeflogen war, ließ sich Gorgo ganz oben auf +dem Gipfel eines kahlen Felsen nieder, und als der Junge auf den Boden +hinuntergesprungen war, sagte der Adler: »Es gibt hier im Walde allerlei +Leckerbissen für dich, und ich selbst kann die drückenden Gedanken an die +Gefangenschaft gewiß nicht los werden und mich nicht so recht frei fühlen, +bis ich wieder auf der Jagd gewesen bin. Du hast doch wohl keine Angst, +wenn ich davonfliege?« + +»O nein,« sagte der Junge, »fliege du nur.« + +»Du kannst gehen, wohin es dir beliebt, nur gegen Sonnenuntergang solltest +du wieder hier sein,« sagte der Adler, und dann flog er davon. + +Der Junge fühlte sich ziemlich einsam und verlassen, als er dann auf einem +Stein saß und über die nackten Gebirgshalden und die großen Wälder +hinschaute, die ihn rings umgaben. Aber er hatte noch nicht lange +dagesessen, als von drunten aus dem Walde Gesang zu ihm heraufdrang und er +etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern sah. Bald erkannte er eine +blau-gelbe Fahne, und an dem Gesang und dem fröhlichen Rufen erriet er +auch, daß die Fahne einem ganzen Zug von Menschen vorausgetragen wurde; +aber es dauerte noch recht lange, bis er sehen konnte, welche Art von Zug +es war. Die Fahne wurde auf Zickzackwegen heraufgetragen, und Nils +Holgersson war außerordentlich gespannt, wohin diese Fahne und die Menschen +dahinter wollten. Auf die einsame, öde Berghalde, wo er sich eben befand, +kamen sie gewiß nicht, das konnte er sich gar nicht denken. Und doch war es +so. Jetzt tauchte die Fahne am Waldessaum auf, und hinter ihr strömten eine +Menge Menschen heraus, denen die Fahne den Weg gewiesen hatte. Auf dem +ganzen Berge war nun Leben und Bewegung, und an diesem Tage hatte der Junge +so viel zu sehen, daß er sich keinen Augenblick langweilte. + + +Der große Tag des Waldes + +Auf dem breiten Gebirgsrücken, wo der Junge von Gorgo zurückgelassen worden +war, hatte vor ungefähr zehn Jahren ein Waldbrand gewütet. Die verkohlten +Bäume waren gefällt und fortgeschafft worden, und da, wo der große +Brandplatz an den frischen Wald stieß, hatte sich allmählich wieder einiges +Wachstum eingestellt. Aber der größte Teil lag noch immer unheimlich kahl +und verlassen da. Zwischen den Steinen waren zwar noch schwarze Baumstümpfe +und legten Zeugnis davon ab, daß einst ein großer, prächtiger Wald hier +gestanden hatte, aber nirgends sproßten junge Schößlinge aus dem Boden +heraus. + +Die Leute wunderten sich darüber, wie lange es dauerte, bis sich die +leere Fläche wieder mit Wald bekleidete; sie vergaßen ganz, daß seit +jener Zeit, wo das Feuer hier gewütet hatte, die Erde aller Feuchtigkeit +ermangelte. Deshalb waren nicht allein alle Bäume gänzlich verbrannt und +alles, was auf dem Waldboden wuchs -- Heidekraut, Maiblumen, Moos und +Preißelbeerstauden --, verschwunden, sondern auch die Erde, die den +Felsengrund bedeckte, war nach dem Brande so trocken und lose wie Asche +geworden. Jeder Windstoß, der daherjagte, wirbelte sie hoch in die Luft +hinauf; und da die Berghöhe dem Winde sehr ausgesetzt war, wurde ein +Steinblock um den andern reingefegt. Der Regen tat natürlich auch das +Seine, das Erdreich hinwegzuschwemmen; und nachdem sich nun Wind und +Wetter zehn Jahre lang alle Mühe gegeben hatten, den Berg abzufegen, sah +er so kahl aus, daß man sich nichts andres denken konnte, als daß er bis +ans Ende der Welt so liegen bleiben würde. + +Aber eines Tages, gleich in der ersten Sommerzeit, versammelten sich alle +Kinder des Dorfes, in dessen Gebiet der abgebrannte Berg lag, vor einer der +Schulen. Jedes Kind trug eine Hacke oder einen Spaten auf der Schulter, +sowie ein Paket Mundvorrat in der Hand. Sobald alle Kinder versammelt +waren, wanderten sie in einem langen Zuge dem Walde zu. Die Fahne wurde +vorausgetragen, die Lehrer und Lehrerinnen gingen nebenher, und hinterdrein +kamen einige Waldhüter und ein Pferd, das eine große Ladung +Tannenschößlinge und Tannensamen trug. + +Dieser Zug hielt in keinem der dem Dorf zunächstliegenden Birkengehölze +an, nein, er wanderte weit hinauf in den Wald. Immer höher ging es auf +verlassenen alten Viehwegen, und die Füchse streckten die Köpfe aus ihrem +Bau heraus und fragten verwundert, was doch das für Hirtenvolk sei, das zu +Berg ziehe. Der Zug kam an verlassenen Weilern vorüber, wo früher in jedem +Herbst Kohlen gebrannt worden waren, und die Kreuzschnäbel wendeten ihren +krummen Schnabel nach dem Zuge und konnten nicht begreifen, was das für +Kohlenbrenner sein sollten, die da in den Wald eindrangen. + +So erreichte der Zug schließlich die große abgebrannte Hochebene. Da waren +die Felsen ganz kahl, ohne die feinen Linäenranken, von denen sie einstmals +bedeckt gewesen waren, und die Steinplatten waren des schönen silberweißen +Mooses und auch der feinen niedlichen Renntierflechten entkleidet. Rings um +die schwarzen Wassertümpel herum, die sich in den Felsenspalten und +Vertiefungen angesammelt hatten, wuchsen weder Kallablätter noch Sauerklee. +Auf den kleinen Plätzen, wo zwischen den Steinblöcken und Rissen noch Erde +lag, standen keine Farrenkräuter, keine Sternmieren, keine weißen Pyrola, +nirgends war eine Spur von all dem Grünen und Roten und Buschigen und +Weichen und Zierlichen, was sonst den Waldboden schmückt. + +Es war, als ob plötzlich heller Sonnenschein über die graue Hochebene +hinleuchtete, als die Kinder des Dorfes sich darauf zerstreuten. Das war +doch wieder etwas Frohes und Schönes, etwas Frisches und Rosiges, etwas +Junges und etwas im Wachsen Begriffenes! Vielleicht konnten sie dem armen +verlassenen Waldboden wieder zu etwas Leben verhelfen! + +Nachdem die Kinder sich ausgeruht und gesättigt hatten, ergriffen sie die +Hacken und Spaten und fingen an zu arbeiten. Die Waldhüter zeigten ihnen, +wie sie es machen müßten, und nun steckten die Kinder in jedes noch so +kleine Fleckchen Erde, das sie entdecken konnten, die kleinen +Tannenpflänzchen hinein. + +Während die Kinder also pflanzten, sprachen sie ganz altklug miteinander +davon, wie diese kleinen Pflänzchen, die sie jetzt in die Erde +hineinsteckten, das Erdreich festhalten würden, damit es nicht wieder +weggeblasen werden könnte. Aber das sei nicht das einzige Gute daran, denn +dadurch bilde sich auch neue Erde unter den Wurzeln, in diese falle Samen +hinein, und in einigen Jahren könnten sie da, wo jetzt nichts als kahle +Felsblöcke seien, Himbeeren und Heidelbeeren pflücken. Und die kleinen +Pflanzen, die sie hier einsetzten, würden allmählich zu großen Bäumen +heranwachsen, ja in späteren Jahren könne man große Häuser oder stolze +Schiffe daraus bauen. + +Wenn aber sie, die Kinder, jetzt nicht heraufgekommen wären und gepflanzt +hätten, solange noch ein bißchen Erde in den Felsenspalten lag, dann wäre +durch den Wind und den Regen jede Möglichkeit, daß je hier etwas gepflanzt +werden könnte, vollends zerstört worden, und es hätte also niemals wieder +ein Wald auf diesem Berge entstehen können. + +»Ja, es ist nur gut, daß wir heraufgekommen sind,« sagten die Kinder. »Es +war wirklich die höchste Zeit.« Und sie kamen sich ungeheuer wichtig vor. + +Während die Kinder so auf dem Berge arbeiteten, waren Vater und Mutter +daheim; nachdem aber einige Zeit vergangen war, hätten sie gar zu gerne +gewußt, wie es den Kindern droben auf dem Berge gehe. Sie dachten, es sei +natürlich nur zum Spaß, daß solche kleinen Leute einen Wald pflanzen +sollten, aber es könnte jedenfalls ganz unterhaltend sein, wenn sie +nachsähen, wie es da droben zugehe. Und ehe sie sich versahen, waren Vater +und Mutter schon auf dem Wege nach dem Walde. Als sie den Bergpfad erreicht +hatten, trafen sie mit andern Nachbarn zusammen. + +»Wollt ihr hinauf zum Brandplatz?« + +»Ja, wir sind eben auf dem Wege.« + +»Um nach den Kindern zu sehen?« + +»Ja, wir wollen hinauf und sehen, was sie da treiben.« + +»Es ist natürlich nur zum Spaß.« + +»Freilich, viele Bäume werden da droben nicht wachsen.« + +»Wir haben den Kaffeekessel bei uns, damit sie etwas Warmes bekommen, da +sie den ganzen Tag von trockner Kost leben müssen.« + +Jetzt erreichten Vater und Mutter den Brandplatz, und zuerst dachten sie +nichts weiter, als wie hübsch alle die roten Wangen der Kinder auf dem +grauen Berge aussähen. Aber dann gaben sie genau acht, wie die Kinder +arbeiteten: die einen setzten die Pflänzchen ein, die andern zogen Furchen +und säten Samen hinein, wieder andere rissen das Heidekraut heraus, damit +es die jungen Bäumchen nicht ersticken sollte. + +Sie sahen auch, wie eifrig und ernsthaft die Kinder es mit der Arbeit +nahmen; sie hatten ja kaum Zeit, aufzuschauen. + +Der Vater sah eine Weile zu, dann fing er auch an Heidekraut +herauszureißen. Nur zum Scherze natürlich. Die Kinder waren die +Lehrmeister, denn jetzt kannten sie die Kunst, und sie durften nun Vater +und Mutter zeigen, wie man es machen mußte. + +Schließlich nahmen dann auch alle die Erwachsenen, die heraufgekommen +waren, nach den Kindern zu sehen, an der Arbeit teil. Da war es natürlich +noch viel unterhaltender als vorher, und nach kurzer Zeit bekamen die +Kinder noch mehr Hilfe. + +Man brauchte nämlich noch mehr Handwerkszeug, und ein paar Jungen mit +langen Beinen wurden nach Hacken und Spaten ins Dorf hinuntergeschickt. Als +diese an den Häusern vorbeirannten, kamen die Bewohner heraus und fragten: +»Was ist denn los? Ist ein Unglück geschehen?« + +»Nein, nein, aber das ganze Dorf ist droben auf dem Brandplatz und hilft +den Wald pflanzen.« + +»Ei, wenn das ganze Dorf droben ist, dann wollen wir auch nicht +daheimbleiben.« + +So strömte alles auf den abgebrannten Berg hinauf. Zuerst blieben die +Neuangekommenen ruhig stehen und schauten eine Weile zu; aber dann konnten +sie es nicht lassen, sich an der Arbeit zu beteiligen. Denn es mochte wohl +sehr vergnüglich sein, wenn der Bauer im Frühjahr seinen Acker bestellt +und dabei an das Getreide denkt, das aus der Erde herauswachsen soll, aber +dies war doch noch verlockender. + +Hier sollten nicht nur schwache Halme aus dieser Saat aufgehen, sondern +starke Bäume mit hohen Stämmen und mächtigen Zweigen. Hier handelte es sich +nicht nur darum, die Ernte eines Sommers hervorzurufen, sondern Wachstum +für viele Jahre. Das hier bedeutete so viel, wie Insektensummen, +Drosselschlag und Auerhahnbalzen hervorzurufen und ungezähltes Leben auf +dem Brandplatz zu wecken. Und dann war es auch wie ein Denkmal, das man für +die kommenden Geschlechter errichtete. Bisher hätte man ihnen einen kahlen, +nackten Berg als Erbe hinterlassen, jetzt aber sollten sie einen stolzen +Wald dafür bekommen; und wenn die Nachkommen dies erkannten, dann +verstanden sie sicher auch, daß ihre Vorfahren gute und kluge Leute gewesen +waren, und darum würden sie mit Ehrerbietung und Dankbarkeit der Vorfahren +gedenken. + +[Illustration] + + + + +40 + +Ein Tag in Hälsingeland + +Ein großes grünes Blatt + + + Donnerstag, 16. Juni + +Am nächsten Morgen ritt der Junge auf Gorgos Rücken über Hälsingeland hin. +Hellschimmernd lag es unter ihm; die Nadelholzbäume hatten hellgrüne +Triebe, die Birkengehölze frisches Laub, die Wiesen neues saftiges Gras, +und auf den Äckern wogte die junge, grüne Saat. Es war ein hochgelegenes, +bergiges Land, aber mitten hindurch zog sich ein offenes, lachendes Tal, +und von diesem erstreckten sich bald kurze und enge, bald lange und breite +Täler nach beiden Seiten ins Land hinein. + +»Dieses Land werde ich wohl mit dem Blatt eines Baumes vergleichen müssen,« +dachte Nils Holgersson, »denn es ist so grün wie ein Blatt, und die Täler +verzweigen sich ungefähr in derselben Weise, wie die Rippen auf einem +ausgebreiteten Blatte.« + +Von dem großen Haupttal zweigten sich zuerst gewaltige Seitentäler ab, eins +nach Osten, eins nach Westen. Dann schickte es nur noch kleine Täler aus, +bis es ziemlich weit nach Norden gekommen war. Da streckte es wieder zwei +starke Arme aus, lief alsdann noch eine Strecke weiter, wurde hierauf immer +schmäler und verlor sich schließlich in der Wildnis. + +Mitten durch das große Tal floß ein breiter, prächtiger Fluß, der sich an +vielen Stellen zu Seen erweiterte. Ganz dicht am Flusse lagen Wiesen, die +mit kleinen grauen Scheunen wie übersät waren; nach diesen Wiesen kamen die +Äcker, und an der Talgrenze, wo der Wald einsetzte, standen die Höfe. Diese +waren stattlich und schön gebaut, einer lag neben dem andern in einer fast +ununterbrochenen Reihe. Die Kirchen ragten am Flußufer hoch empor, und +rings um diese sammelten sich die Höfe zu großen Dörfern. Andre +Häusergruppen drängten sich um die Bahnhöfe zusammen, sowie um die +Sägewerke, die da und dort an den Seen und Flüssen lagen und leicht zu +erkennen waren an den großen Bretterstapeln, die sich ringsherum +auftürmten. + +Die Seitentäler waren ebenso wie das mittlere Tal voller Seen und Wiesen, +Dörfern und Gehöften. Lachend und freundlich glitten sie zwischen die +dunklen Berge hinein, von denen sie allmählich so zusammengepreßt wurden, +daß sie schließlich ganz schmal waren und nur noch für einen kleinen Bach +Platz hatten. + +Auf den Bergkuppen zwischen den Tälern ragte der Nadelwald auf. Er hatte +keinen ebenen Boden, und eine Menge Felsblöcke lagen da droben wild +durcheinander, aber der Wald verdeckte alles wie eine Pelzdecke, die über +einen eckigen Körper gebreitet ist. + +Ja, es war ein schönes Land, und der Junge sah auch ein gut Teil davon, +denn der Adler suchte ja den alten Spielmann Klement Larsson; und so flog +er, immerfort nach dem alten Manne ausspähend, unermüdlich von Tal zu Tal. + +Als der Morgen anbrach, entstand Leben und Bewegung auf den Höfen. An den +Kuhställen, die in diesem Lande sehr groß und hoch sind und sowohl +Schornsteine als auch breite Fenster haben, wurden die Türen sperrangelweit +aufgemacht und die Kühe herausgelassen; es waren schöne weiße feingebaute +und geschmeidige Tiere, überaus sicher auf den Füßen und so munter, daß sie +die lächerlichsten Sprünge machten. Die Kälber und Schafe wurden auch +herausgelassen, und auch diese waren unverkennbar in der allerbesten Laune. + +Und mit jedem Augenblick wurde es lebendiger auf den Höfen. Ein paar junge +Dirnen mit Ranzen auf dem Rücken gingen zwischen dem Vieh umher. Ein Junge +mit einem langen Stock in der Hand hielt die Schafe beieinander, ein +Hündchen lief zwischen den Kühen umher und bellte solche Tiere, die sich +stoßen wollten, zornig an. Der Bauer spannte ein Pferd vor einen Karren und +belud ihn mit Butterkübeln, Käseformen und allerlei Lebensmitteln. +Fröhliches Lachen und Singen ertönte, und das Vieh war so vergnügt, wie +wenn heute ein besonderer Festtag wäre. + +Bald darauf waren alle miteinander auf dem Wege nach dem Walde. Eine von +den Mägden ging an der Spitze und lockte das Vieh mit schönen Jodlern. +Hinter ihr kam der Zug in einer langen Reihe. Der Hirtenjunge und der +Hirtenhund liefen hin und her und gaben wohl acht, daß keines der Tiere vom +Wege abwich. Ganz hinten kamen der Bauer und sein Knecht. Sie gingen neben +dem Karren, um ihn vor dem Umstürzen zu bewahren, denn es ging einen gar +schmalen, steinigen Waldpfad hinauf. + +Entweder ist es in Hälsingeland Sitte, daß die Bauern ihr Vieh an ein und +demselben Tage in die Wälder schicken, oder es traf sich in diesem Jahre +zufälligerweise so. Soviel ist sicher, Nils Holgersson sah solche Fröhliche +Züge von Menschen und Vieh aus jedem Tal und jedem Hof nach dem öden Walde +hinaufziehen und diesen mit Leben erfüllen. Aus den dunkeln Wäldern heraus +hörte er den ganzen Tag das Jodeln der Sennerinnen und das Läuten der +Kuhglocken. Die meisten hatten einen langen beschwerlichen Weg vor sich, +und der Junge sah, wie sie mit großer Mühe über sumpfige Moore hinzogen +und, um einen Windbruch zu vermeiden, oft große Umwege machen mußten. Die +Karren stießen oft gegen Steinblöcke und stürzten um; aber die Männer +überwanden alle Schwierigkeiten mit fröhlichem Lachen und unverwüstlicher +Laune. + +Im Lauf des Nachmittags gelangten die Wanderer auf ausgerodete Plätze, wo +ein niedriger Kuhstall und einige kleine graue Hütten standen. Als die Kühe +den Platz zwischen den Hütten erreicht hatten, brüllten sie vergnügt, als +erkennten sie den Ort wieder, und fraßen sogleich von dem grünen saftigen +Gras. Unter Scherzen und lustigen Reden holten die Leute Wasser und +Brennholz herbei, und was auf dem Karren war, wurde in die größte der +Hütten hineingetragen. Bald stieg der Rauch aus dem Schornstein auf, dann +setzten sich die Sennerinnen, der Hirtenjunge und die Männer draußen im +Freien um einen flachen Stein, der als Tisch diente, und hielten ihre +Mahlzeit. + +[Illustration] + +Der Adler Gorgo war fest überzeugt, daß er Klement Larsson unter diesen +Leuten, die auf dem Wege in den Wald waren, finden würde. Sobald er einen +Viehzug entdeckte, ließ er sich hinabsinken und untersuchte ihn mit seinem +scharfen Auge. Aber eine Stunde um die andre verging, und noch immer hatte +er Klement nicht gefunden. + +Nachdem er sehr oft hin und her geflogen war, erreichte der Adler gegen +Abend eine bergige, einsame, östlich von dem großen Haupttal gelegene +Gegend. Wieder sah er eine Sennhütte unter sich; die Leute und das Vieh +waren schon angekommen, die Männer spalteten Brennholz, und die Mägde +melkten die Kühe. + +»Sieh dort!« rief Gorgo. »Ich glaube, jetzt haben wir ihn!« + +Er ließ sich hinuntersinken, und zu seiner großen Verwunderung sah Nils +Holgersson, daß Gorgo recht hatte. Da stand wirklich der kleine Klement +Larsson und machte Brennholz klein. + +Gorgo ließ sich eine kurze Strecke von der Sennhütte entfernt im Walde +nieder. + +»Nun habe ich ausgeführt, was ich übernommen hatte,« sagte er und warf den +Kopf stolz zurück. »Jetzt mußt du sehen, daß du mit dem Manne sprichst. Ich +werde mich inzwischen auf jenen dichten Tannenwipfel dort setzen und auf +dich warten.« + + +Die Neujahrsnacht der Tiere + +Auf der Almhütte war die Arbeit zu Ende und das Abendbrot gegessen, aber +die Leute saßen noch beieinander und plauderten. Es war lange her, seit sie +zum letztenmal in einer schönen Sommernacht im Walde gewesen waren, und +alle hatten das Gefühl, als hätten sie gar keine Zeit zum Schlafen. Es war +noch taghell ringsum, und die Sennerinnen waren eifrig mit ihrer Handarbeit +beschäftigt, bisweilen aber hoben sie den Kopf, schauten in den Wald hinein +und lächelten leise vor sich hin. + +»Ja, nun sind wir wieder hier oben,« sagten sie; und damit versank das Dorf +mit all seiner Unruhe aus ihrer Erinnerung, und der Wald umschloß sie mit +seinem stillen Frieden. Wenn sie daheim auf ihren Höfen daran dachten, daß +sie den ganzen Sommer hindurch allein da droben im Walde sein müßten, +konnten sie sich kaum denken, wie sie das aushalten sollten; sobald sie +aber in die Sennhütten heraufgekommen waren, kam es ihnen vor, als sei dies +doch ihre allerbeste Zeit. + +Vor ein paar Sennhütten, die nahe beieinander lagen, waren die jungen +Mädchen und Burschen zusammengekommen, einander zu begrüßen; es war also +eine ziemliche Anzahl Menschen, die sich da auf der Wiese vor den Hütten +niedergelassen hatten, aber eine rechte Unterhaltung wollte trotzdem nicht +in Gang kommen. Die Burschen mußten am nächsten Tage wieder hinunter ins +Dorf, und die Sennerinnen trugen ihnen noch allerlei kleine Bestellungen +und Grüße an die Ihrigen daheim auf. + +Da sah die älteste der Sennerinnen von ihrer Arbeit auf und sagte ganz +lustig: »Es ist gar nicht nötig, daß es heute abend so still bei uns +zugeht, denn wir haben ja zwei Burschen unter uns, die sonst gern etwas +erzählen. Der eine ist Klement Larsson, der hier neben mir sitzt, und der +andere Bernhard von Sunnansee, der dort drüben steht und nach dem Blackåsen +hinaufschaut. Kommt, wir wollen sie bitten, daß jeder von ihnen eine +Geschichte zum besten gebe, und wer die schönste Geschichte erzählt, dem +verspreche ich das Halstuch hier, an dem ich eben stricke.« + +Dieser Vorschlag fand großen Beifall; die beiden, die miteinander +wetteifern sollten, machten natürlich zuerst Einwendungen, gaben aber bald +nach. Klement bat Bernhard, den Anfang zu machen, und dieser hatte nichts +dagegen. Er kannte Klement Larsson nicht genau, aber er meinte, von diesem +könnte man nur irgendeine alte Geschichte von Gespenstern und Trollen +erwarten; und da er wußte, daß die Leute so etwas gerne hörten, hielt er es +fürs klügste, gleich selbst etwas derartiges zu wählen. + +»Vor mehreren hundert Jahren,« begann er, »geschah es, daß ein Propst von +Delsbo hier in der Nähe in einer Neujahrsnacht mitten durch den dichten +Wald ritt. In seinen dicken Pelz gehüllt und die Pelzmütze auf dem Kopf, +saß er auf seinem Pferd, und an dem Sattelknopf hing ein Felleisen, in dem +er den Abendmahlskelch, das Kirchenbuch und den Kirchenrock verwahrt +hatte. Aus dem entfernten Filialdorf, weit drinnen im Walde, hatte man ihn +zu einem Kranken gerufen; er hatte bis spät in der Nacht bei diesem +gesessen und mit ihm gesprochen. Jetzt endlich war er auf dem Heimweg, aber +er war überzeugt, daß er erst zu Hause ankommen werde, wenn Mitternacht +längst vorüber sei. + +Während er nun so durch den Wald dahinreiten mußte, zu einer Zeit, wo er +sonst daheim in seinem Bette lag, war er froh, daß wenigstens kein +schlimmes Wetter herrschte. Es war eine stille Nacht mit ruhiger Luft und +überzogenem Himmel. Der Vollmond segelte groß und rund hinter den Wolken am +Himmel und verbreitete eine gewisse Helle, obgleich er selbst nicht zu +sehen war. Wenn das bißchen Mondlicht nicht geschienen hätte, wäre der Weg +nur schwer von den Feldern zu unterscheiden gewesen; denn es war ja mitten +im Winter, und alles hatte ein und dieselbe graubraune Farbe. + +In dieser Nacht ritt der Propst ein Pferd, auf das er große Stücke hielt. +Es war stark und ausdauernd und fast ebenso klug wie ein Mensch. Unter +anderem konnte es von jedem Ort in dem ganzen Kirchspiel, es mochte sein, +wo es wollte, den Weg nach Hause finden. Dies hatte der Propst schon +mehrere Male erfahren, und er verließ sich so fest darauf, daß er nie mehr +an den Weg dachte, wenn er dieses Pferd ritt. So kam er auch jetzt, mit +lose herunterhängenden Zügeln und in seinen Gedanken weit weg, mitten in +der grauen Nacht durch den wilden Wald dahergeritten. + +Der Propst dachte an seine Predigt, die er am nächsten Tage halten mußte, +und außerdem auch noch an vieles andere. Es dauerte eine gute Weile, bis er +wieder auf den Weg achtete und sich fragte, wie weit er wohl jetzt gekommen +sei. Als er dann schließlich aufschaute und sah, daß der Wald noch immer +ebenso dicht war wie zu Anfang des Rittes, verwunderte er sich höchlich. Er +war jetzt schon sehr lange geritten, eigentlich hätte er bereits an dem +bebauten Teil des Kirchspiels angekommen sein müssen. + +Es sah damals in Delsbo gerade so aus wie heute noch. Die Kirche und der +Pfarrhof und alle großen Höfe lagen im Norden des Kirchspiels um Dellen +her, während gen Süden nur Wälder und Berge waren. Als daher der Propst +sah, daß er sich noch in der Wildnis befand, wußte er, daß dies der +südliche Teil seines Kirchspiels war und er, um nach Hause zu kommen, also +nach Norden hätte reiten müssen. Aber gerade dies schien er nicht zu tun. +Am Himmel leuchteten zwar weder Mond noch Sterne, nach denen er sich hätte +richten können, aber der Propst war einer von denen, die die +Himmelsrichtung im Kopf haben, und er hatte das bestimmte Gefühl, daß er +gen Süden, vielleicht auch gen Osten reite. + +Er war schon im Begriff, das Pferd zu wenden, besann sich aber dann anders. +Das Pferd hatte sich noch nie verirrt und würde es gewiß auch heute nicht +tun. Viel eher könnte er, der Propst, sich täuschen. Er war in tiefe +Gedanken versunken gewesen und hatte des Weges nicht geachtet. So ließ er +denn das Pferd in der bisherigen Richtung weitergehen und versank aufs neue +in seine Grübeleien. + +Aber gleich darauf traf ihn ein großer Zweig so heftig, daß er fast vom +Pferde gefallen wäre. Da wurde ihm klar: jetzt mußte er untersuchen, wohin +er eigentlich gekommen war; es half alles nichts. + +Er betrachtete den Weg; er ritt über weiches Moos hin, wo kein +ausgetretener Pfad zu erblicken war. Das Pferd aber schritt ohne jegliches +Zögern rasch dahin. Doch gerade wie vorhin war der Propst auch jetzt +überzeugt, daß es in der verkehrten Richtung vorwärts gehe. + +Diesmal besann er sich nicht lange, ob er eingreifen solle. Er ergriff die +Zügel, zwang das Pferd, umzudrehen, und es gelang ihm auch, es auf den Pfad +zurückzuführen. Aber kaum waren sie da angekommen, als das Pferd einen +Umweg machte und aufs neue geradeswegs in den Wald hineinlief. + +Der Propst war seiner Sache so sicher, wie man einer Sache überhaupt sicher +sein kann. >Aber wenn das Pferd so gar eigensinnig ist,< dachte er, >dann +will es gewiß einen bessern Weg aufsuchen.< Und so ließ er es weitergehen. + +Das Pferd kam gut vorwärts, obgleich es keinen gebahnten Weg vor sich +hatte. Wenn ihm ein Berggipfel im Wege stand, kletterte es gewandt wie eine +Geiß hinauf, und wenn es dann wieder bergab ging, stemmte es die Füße +zusammen und rutschte die steilen Felsplatten hinunter. + +>Wenn ich nur wenigstens so zeitig nach Hause komme, daß ich die Kirche +noch erreichen kann,< dachte der Propst. >Was würden meine Delsboer sagen, +wenn ich nicht zu rechter Zeit zum Gottesdienst da wäre?< + +Er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, denn plötzlich erreichte +er einen Ort, den er wiedererkannte. Es war ein kleines dunkles Wasser, wo +er im letzten Sommer gefischt hatte. Da merkte der Propst, daß er mit +seiner Befürchtung recht gehabt hatte. Er befand sich tief drinnen im +Walde, und das Pferd drang immer weiter gegen Südosten vor. Es schien sich +ordentlich vorgenommen zu haben, seinen Herrn so weit wie nur möglich von +der Kirche und dem Pfarrhause wegzutragen. + +Rasch sprang der Propst aus dem Sattel. Auf diese Weise konnte er sich von +dem Pferd nicht in die Wildnis hineintragen lassen. Er mußte nach Hause, +und da das Pferd eigensinnig in verkehrter Richtung gehen wollte, beschloß +er, zu Fuß zu gehen und das Tier am Zügel zu führen, bis sie auf bekannten +Wegen angekommen wären. Er wickelte sich also die Zügel um den Arm, und die +Wanderung begann. In dem dicken Pelz durch den Wald zu wandern, war +freilich keine leichte Sache; doch der Propst war ein starker, abgehärteter +Mann, der vor nichts zurückschrak. Aber bald machte ihm das Pferd neue +Sorgen. Anstatt ihm zu folgen, stemmte es die Hufe fest auf den Boden und +sperrte sich. + +Da wurde der Propst zornig. Er schlug dieses Pferd sonst nie und wollte das +auch jetzt nicht tun. Statt dessen warf er ihm die Zügel über den Hals und +ließ es stehen. >Wir müssen uns hier wohl trennen, da du durchaus deinen +eigenen Weg gehen willst,< sagte er. + +Er war kaum ein paar Schritte gegangen, als das Pferd hinter ihm herkam, +ihn vorsichtig am Rockärmel faßte und ihn zurückzuhalten versuchte. Der +Propst wendete sich um und sah dem Tier in die Augen, wie um zu erforschen, +warum es sich so sonderbar gebärdete. + +Der Propst konnte eigentlich nicht recht begreifen, wie es möglich war, -- +aber soviel ist sicher: trotz der Dunkelheit sah er das Gesicht des Pferdes +ganz deutlich, er konnte darin lesen wie in dem eines Menschen, und da +begriff er plötzlich, daß sich das Pferd in einer fürchterlichen Angst und +Unruhe befand; es warf seinem Herrn einen Blick zu, der flehend und +vorwurfsvoll zugleich war. >Ich habe dir gedient und Tag um Tag nach deinem +Willen getan,< schien es zu sagen. >Könntest du mir nun nicht in dieser +einzigen Nacht nachgeben?< + +Der Propst wurde gerührt über diese Bitte, die er in den Augen des Tieres +las. Es war klar, das Pferd brauchte in dieser Nacht seine Hilfe auf +irgendeine Weise, und da er ein ganzer Mann war, beschloß er sofort, ihm zu +folgen. Ohne weiteres Zögern führte er es an einen Stein, wo er sich in den +Sattel schwingen konnte, und sagte: >Geh du weiter! Da du mich mithaben +möchtest, will ich dich nicht verlassen. Niemand soll von dem Propst von +Delsbo sagen können, daß er sich geweigert habe, jemand beizustehen, der in +Not war.< + +Danach ließ er das Pferd gehen, wohin es wollte, und er richtete sein +Augenmerk nur darauf, daß er sich im Sattel hielt. Es war ein gefährlicher +und beschwerlicher Ritt, fast die ganze Zeit über ging es bergan durch +dichten ungebahnten Wald, wo man keine zwei Schritte vor sich sehen konnte. +Aber der Propst meinte doch zu erkennen, daß es einen hohen Berg +hinaufging. Das Pferd arbeitete sich steile Felswände hinauf; wenn der +Propst selbst das Tier geleitet hätte, wäre es ihm gewiß nie eingefallen, +sein Pferd auf solchen Wegen gehen zu lassen. + +>Du wirst doch nicht daran denken, den Blackåsen hinaufzuklettern!< sagte +er; und dabei lachte er ein wenig, denn der Blackåsen war, wie er wohl +wußte, der höchste Berg in Hälsingeland. + +Während er nun so dahinritt, merkte der Propst, daß er und das Pferd nicht +allein draußen in der Nacht unterwegs waren. Er hörte Steine rollen und +Zweige krachen; es hörte sich an, wie wenn große Tiere sich einen Weg durch +den Wald bahnten; und da es in dieser Gegend viele Wölfe gab, fragte sich +der Propst, ob ihn das Pferd am Ende einem Kampf mit wilden Tieren +entgegentrage. + +Bergan ging es, bergan! Und je höher sie kamen, desto lichter wurde der +Wald. + +Schließlich ritt der Propst über einen fast kahlen Bergrücken, wo er nach +allen Seiten ausschauen konnte. Unermeßlich dehnte sich das Land vor seinen +Blicken; mit düstern Wäldern bedeckt, reihten sich Hügel und Bergketten +wellenförmig aneinander. Bei der herrschenden Dunkelheit wurde es dem +Propst schwer, sich in der Gegend zurechtzufinden, aber nach kurzer Zeit +wurde ihm doch ganz klar, wo er sich befand. + +>Ja, ich bin wahrhaftig auf den Blackåsen geritten,< dachte er. >Es kann +kein andrer Berg sein. Dort im Westen sehe ich den Järvsee, und im Osten +drüben glänzt bei Agön das Meer. Im Norden sehe ich auch etwas schimmern, +das wird Dellen sein, und da in der Tiefe unter mir sehe ich den weißen +Dunst des Nianwasserfalls. Ja, ja, dies ist der Blackåsen, es ist kein +Zweifel. Das ist wahrhaftig ein Abenteuer!< + +Als er auf dem höchsten Gipfel angekommen war, hielt das Pferd hinter einem +dichten Fichtenbaum an; es war, als wolle es sich da verborgen halten. Der +Propst beugte sich vor und bog die Zweige auseinander; so erhielt er einen +freien Ausblick. + +Des Berges kahler Scheitel lag vor ihm; aber nicht einsam und verlassen, +wie er erwartet hatte. Mitten auf dem offenen Platze lag ein großer +Felsblock, und rings um diesen her waren viele wilde Tiere versammelt. Es +kam dem Propst vor, als seien diese Tiere zur Abhaltung einer Art Thing +hier zusammengekommen. + +Dem großen Felsen zunächst sah der Propst die Bären; diese waren so +schwerfällig und von so mächtigem Körperbau, daß sie aussahen wie +pelzbekleidete Steinblöcke. Sie hatten sich niedergelegt und blinzelten +ungeduldig mit ihren kleinen Augen. Man sah, sie waren aus ihrem +Winterschlaf aufgestanden, um zum Thing zu gehen, und es wurde ihnen +schwer, sich wach zu erhalten. Hinter den Bären saßen einige hundert Wölfe +in dichten Reihen; diese waren nicht schläfrig, sondern jetzt mitten in der +Winternacht heller wach als je im Sommer. Wie Hunde saßen sie auf den +Hinterfüßen, peitschten den Boden mit den Schwänzen und schnauften +gewaltig, während ihnen die Zunge zum Maule heraushing. Hinter den Wölfen +schlichen mit steifen Beinen und klotzigen Gliedmaßen, wie große +mißgestaltete Katzen, die Luchse umher. Sie schienen sich vor den andern +Tieren zu scheuen und zischten, wenn ihnen eines nahe kam. Das nächste +Glied hinter den Luchsen bildeten die Vielfraße, die ein Katzengesicht und +einen Bärenpelz haben. Diesen gefiel es nicht auf dem Erdboden, sie +trampelten ungeduldig mit ihren breiten Füßen und wollten wieder hinauf auf +die Bäume. Hinter diesen auf dem ganzen Platze bis hinüber an den Waldrand +tummelten sich die Füchse, die Wiesel, die Marder, lauter Tiere, die alle +klein und besonders schön gebaut waren, aber ein noch viel wilderes und +blutdürstigeres Aussehen hatten als die größern Raubtiere. + +Der Propst sah alle diese Tiere sehr gut, denn der ganze Platz war erhellt. +Auf dem hohen Felsblock in der Mitte stand nämlich der Waldgeist, in der +Hand einen brennenden Kienspan, der mit einer hellen, klaren Flamme +brannte. Der Geist war so groß wie der höchste Baum im Walde; er trug einen +Mantel aus Tannenzweigen, und seine Haare waren Tannenzapfen. Ganz ruhig +stand er da und sah spähend und lauschend in den Wald hinein. + +Obgleich der Propst alles ganz deutlich sah, wunderte er sich doch so sehr, +daß er sich förmlich dagegen wehrte und seinen eignen Augen nicht trauen +wollte. >Es ist ja ganz und gar unmöglich,< dachte er. >Bei mir muß irgend +etwas nicht in Ordnung sein. Ich bin zu lang im Waldesdunkel umhergeritten; +es ist eine Einbildung, die Gewalt über mich bekommen hat.< + +Aber trotzdem verfolgte er alles mit gespannter Aufmerksamkeit und fragte +sich, was er wohl hier zu sehen bekäme und was geschehen würde. + +Er brauchte nicht lange zu warten. Aus dem Walde herauf drang jetzt das +Bimmeln einer kleinen Glocke. Und gleich nachher hörte er wieder das +Geräusch von Schritten und brechenden Zweigen, als bräche eine Menge Tiere +durch die Wildnis hindurch. + +Eine große Schar Haustiere kam den Berg herauf. Sie tauchten in derselben +Ordnung, wie wenn sie auf dem Wege nach dem Stalle wären, aus dem Walde +auf; voran ging die Leitkuh mit der Glocke, dann kam der Stier, dann die +andern Kühe und dahinter das Jungvieh und die Kälber. Ihnen folgten die +Schafe in einer dichten Herde. Hierauf kamen die Ziegen und zuletzt einige +Pferde und Füllen. Der Schäferhund lief neben der Herde her, die aber weder +von einem Hirten noch von einer Hirtin begleitet war. + +Dem Propst zerriß es fast das Herz, als er die Haustiere so geradeswegs auf +die Raubtiere zugehen sah. Er hätte sich ihnen gerne in den Weg gestellt, +sie mit lautem Rufen vor dem Weitergehen zu warnen, aber er fühlte wohl, +daß es in keiner menschlichen Macht stand, in dieser Nacht die Schritte der +Tiere aufzuhalten, und so verhielt er sich ganz still. + +Man konnte leicht sehen, wie sehr es den Haustieren vor dem Wege graute, +den sie machen mußten. Sie sahen elend und angstvoll aus; selbst die +Leitkuh schritt mit hängendem Kopf und mutlosen Schritten vorwärts. Die +Ziegen hatten zu nichts Lust, weder zum Hüpfen noch zum Bocken, die Pferde +versuchten mutig auszusehen, aber es lief ihnen ein Schauder nach dem +andern über den Rücken. Am jammervollsten sah der Schäferhund aus; er hatte +den Schwanz eingezogen und kroch beinahe am Boden hin. + +Die Leitkuh führte den ganzen Zug bis dicht vor den Waldgeist, der dort auf +dem Felsblock stand. Sie ging rings um den Felsen herum und wendete sich +dann wieder dem Walde zu, ohne daß die wilden Tiere sie angerührt hätten. +Und auf diese Weise wanderte die ganze Herde unangetastet an den Raubtieren +vorüber. + +Während die Haustiere so an dem Waldgeist vorüberzogen, sah der Propst, daß +er über einige von ihnen seine Kienfackel senkte und abwärts kehrte. + +So oft dies geschah, brachen die Raubtiere in ein lautes, vergnügtes +Gebrüll aus, besonders wenn die Fackel über einer Kuh oder sonst über einem +größern Tier gesenkt wurde. Aber das Tier, auf das sich also die Fackel +herabsenkte, stieß einen lauten, gellenden Schrei aus, als würde ihm ein +Messer ins Herz gestoßen, und die ganze Herde, zu der es gehörte, brach +gleichfalls in lautes Klagen aus. + +Jetzt begann der Propst zu verstehen, was er hier vor sich sah. Er hatte +früher schon von einer Sage gehört, nach der sich die Haustiere von Delsbo +in jeder Neujahrsnacht auf dem Blackåsen versammeln müßten, damit der +Waldgeist da die Tiere bezeichnen könnte, die im Lauf des nächsten Jahres +den Raubtieren zum Opfer fallen sollten. Der Propst wurde von innigem +Mitleid erfaßt für das arme Vieh, das also in die Gewalt der Raubtiere +verfiel, obgleich es ja eigentlich keinen andern Herrn haben sollte als den +Menschen. + +Kaum war die erste Herde wieder abgezogen, als auch schon der Ton einer +neuen Kuhglocke aus dem Walde ertönte und der Viehstand von einem andern +Hofe den Berg heraufgezogen kam. Alles verlief in ganz derselben Weise wie +das erstemal. Die Tiere gingen zu dem Waldgeist hin, der streng und ernst +da droben stand und da ein Tier und dort ein Tier als dem Tode verfallen +bezeichnete. Und nach dieser Herde kam ohne Unterbrechung eine Schar um die +andre daher. Einige von den Herden waren so klein, daß sie nur aus einer +einzigen Kuh und einigen Schafen bestanden; andre wieder bestanden nur aus +ein paar Geißen. Man sah, diese kamen aus kleinen, ärmlichen Waldhütten; +aber auch sie mußten vor den Waldgeist, und weder die einen noch die andern +blieben verschont. + +Der Propst dachte an die Bauern von Delsbo, die eine so große Liebe für +ihre Haustiere hatten. >Wenn sie das nur wüßten, würden sie es nicht auf +diese Weise geschehen lassen!< dachte er. >Sie würden eher ihr eignes Leben +wagen, als ihren Viehstand zwischen Bären und Wölfen zum Waldgeist +hinwandern und diesen das Urteil über sie fällen lassen.< + +Die letzte Schar, die herankam, war der Viehstand des Pfarrhofs. Der +Pfarrer erkannte von weitem die Glocke der Leitkuh, und das mußte auch das +Pferd getan haben. Es begann an allen Gliedern zu zittern, und sein Körper +bedeckte sich mit Schweiß. >Jaso, nun ist die Reihe an dir, am Waldgeist +vorüberzugehen und dein Urteil zu vernehmen,< sagte der Propst zu dem +Pferd. >Aber fürchte dich nicht! Ich verstehe, warum du mich hierher +geführt hast, und werde dich nicht verlassen.< + +Der prächtige Viehstand des Pfarrhofs tauchte in einem langen Zug aus dem +Walde auf und ging auf die Raubtiere und den Waldgeist zu. Den Schluß des +Zuges bildete das Pferd, das seinen Herrn auf den Blackåsen gebracht hatte. +Der Propst war nicht abgestiegen, sondern saß ruhig im Sattel und ließ sich +von dem Tier zum Waldgeist hintragen. + +Der Propst hatte weder eine Flinte noch ein Messer zu seiner Verteidigung; +aber er hatte das Kirchenbuch herausgenommen und drückte es fest an die +Brust, als er sich jetzt in Kampf mit dem Unhold einließ. + +Zuerst schien es, als habe niemand den Propst bemerkt. Genau wie die andern +Herden wanderte auch die aus dem Pfarrhof an dem Waldgeist vorüber, und +dieser senkte seine Kienfackel nicht ein einziges Mal. Erst als das kluge +Pferd vorüberging, machte er eine Bewegung, um es für den Tod zu +kennzeichnen. + +[Illustration: Die Neujahrsnacht der Tiere (Zu Seite 364)] + +Aber in demselben Augenblick streckte der Pfarrer dem Waldgeist das +Kirchenbuch entgegen, und der Fackelschein fiel auf das Kreuz des +Einbandes. Da stieß der Waldgeist einen lauten, gellenden Schrei aus, die +Fackel entfiel seiner Hand, und die Flamme erlosch in demselben Augenblick. + +In dem plötzlichen Übergang von Licht und Dunkel konnte der Propst nichts +sehen, und er hörte auch nichts mehr. Um ihn her herrschte dieselbe tiefe +Stille, wie immer hier draußen in der Wildnis zur Winterzeit. + +Da teilten sich plötzlich die dichten Wolken, die den Himmel verdeckten; in +dem Spalt erschien der Vollmond, und sein Licht fiel auf die Erde. Jetzt +sah der Propst, daß er und das Pferd ganz allein auf dem Gipfel des +Blackåsen waren; nicht ein einziges von allen den wilden Tieren war noch +vorhanden, und der Boden war von allen den Viehherden, die darüber +hingewandert waren, nicht zertreten. Er selbst aber saß auf seinem Pferde, +das Kirchenbuch in den ausgestreckten Händen. Das Pferd unter ihm aber +zitterte und war in Schweiß gebadet. + +Als der Propst den Berg hinuntergeritten war und seinen Hof erreicht hatte, +wußte er nicht mehr, ob das, was er gesehen hatte, ein Traum oder +Wirklichkeit gewesen war; aber daß es eine Mahnung an ihn sein sollte, auch +der armen Haustiere zu gedenken, die in der Gewalt der wilden Tiere waren, +das verstand er. Und er predigte den Bauern von Delsbo mit so gewaltigen +Worten, daß zu seiner Zeit alle Bären und Wölfe im Walde ausgerottet +wurden; allerdings scheinen sie, nachdem er gestorben war, leider wieder +zurückgekehrt zu sein.« + +Hier schloß Bernhard seine Erzählung. Er wurde von allen Seiten sehr +gelobt, und es schien eine ausgemachte Sache, daß er den Preis bekommen +würde. Den meisten tat Klement sogar ordentlich leid, weil er mit Bernhard +wetteifern sollte. + +Aber Klement begann seine Erzählung unerschrocken. + +»Eines Tages ging ich auf Skansen, dem großen Lustgarten vor Stockholm +umher und hatte Heimweh,« begann er; und dann erzählte er von dem +Wichtelmännchen, das er da freigekauft habe, damit es nicht in einen Käfig +gesetzt und wie ein wildes Tier den Leuten gezeigt worden sei. Und er +erzählte weiter, wie er, nachdem er kaum diese gute Tat getan hatte, auch +dafür belohnt worden war. Er erzählte und erzählte, während die +Verwunderung seiner Zuhörer beständig zunahm, und als er endlich an den +königlichen Lakaien und an das prächtige Buch kam, hatten alle Sennerinnen +ihre Handarbeiten in den Schoß sinken lassen; sie saßen unbeweglich da und +sahen Klement an, der so wunderbare Erlebnisse gehabt hatte. + +Sobald Klement geendigt hatte, sagte die älteste Sennerin, daß das Halstuch +ihm gehöre. »Denn,« sagte sie, »Bernhard hat uns das erzählt, was einem +andern passiert ist, Klement aber hat selbst eine richtige Geschichte +erlebt, und das halte ich für mehr.« + +Darin stimmten alle mit ihr überein. Seit sie erfahren hatten, daß Klement +mit dem König gesprochen hatte, sahen sie ihn mit ganz andern Augen an als +vorher, und der kleine Spielmann fürchtete sich fast, zu zeigen, wie stolz +er sich fühlte. Aber mitten in seinem großen Glück fragte ihn plötzlich +jemand, was er denn mit dem Wichtelmännchen gemacht habe. + +»Die blaue Schale konnte ich ihm leider nicht selbst hinstellen,« sagte +Klement, »aber ich habe den alten Lappen gebeten, es für mich zu tun. Was +später aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.« + +Kaum hatte Klement dies gesagt, als ein kleiner Tannenzapfen dahergesaust +kam und ihm an die Nase flog. Der Tannenzapfen war nicht vom Baume +heruntergefallen und auch nicht von einem Menschen geschleudert worden; +niemand konnte begreifen, woher er gekommen war. + +»Ei, ei, Klement,« sagte die Sennerin, »es sieht fast aus, als könnte das +Wichtelvolk hören, was wir sprechen! Ich glaube, Ihr hättet nicht einen +andern mit dem Hinausstellen der blauen Schale beauftragen, sondern es +selbst tun sollen.« + +[Illustration] + + + + +41 + +In Medelpad + + + Freitag, 17. Juni + +Der Adler und der Junge waren am nächsten Morgen in aller Frühe wieder +unterwegs, und Gorgo dachte, er werde an diesem Tage weit nach Västerbotten +hinaufkommen, aber da hörte er ganz zufälligerweise den Jungen vor sich +hinsagen, in so einem Land, wie in diesem hier, über das er jetzt +hinfliege, könnten sich wohl Menschen unmöglich fortbringen. + +Das Land, das unter ihnen lag, war das südliche Medelpad, und weit umher +war nichts zu sehen als wilde, dunkle Wälder. Aber sobald der Adler hörte, +was Nils Holgersson sagte, rief er: »Hier oben ist der Wald der Acker!« + +Der Junge mußte daran denken, welch ein großer Unterschied doch zwischen +den goldig schimmernden Getreidefeldern sei mit ihren weichen Halmen, die +in einem Sommer in die Höhe schossen, und den dunkeln Tannenwäldern mit +ihren harten Stämmen, die Jahre brauchten, bis sie zum Fällen +herangewachsen waren. + +»Wer sein Auskommen von so einem Acker haben will, muß ordentlich Geduld +haben,« erwiderte er. + +Mehr wurde nicht gesprochen, bis sie einen Ort erreichten, wo der Wald +gefällt und der Boden mit Baumstümpfen und abgehackten Zweigen bedeckt war. +Während sie über dieses Rodland hinflogen, hörte der Adler den Jungen +wieder vor sich hinsagen, das sei doch eine schrecklich häßliche und +armselige Gegend. + +»Dies hier ist ein Acker, der im letzten Winter geschnitten worden ist,« +sagte der Adler sogleich. + +Der Junge dachte daran, wie die Schnitter in seinem Heimatdorfe am hellen +Sommermorgen mit ihren blanken schönen großen Mähmaschinen auszogen und in +ganz kurzer Zeit einen Acker geschnitten hatten. Aber der Ertrag dieses +Ackers hier wurde im Winter geerntet! Wenn hoher Schnee lag und die Kälte +am strengsten war, zogen die Holzfäller hinaus ins Ödland. Welch ein hartes +Stück Arbeit war schon das Fällen eines einzigen Baumes! Um aber eine so +große Strecke Wald, wie diese hier, auszuroden, mußten die Arbeiter +wahrscheinlich mehrere Wochen im Walde gehaust haben. + +»Das müssen tüchtige Leute sein, die einen solchen Acker schneiden können,« +sagte der Junge. + +Nachdem der Adler wieder ein paar Flügelschläge getan hatte, sah der Junge +eine kleine Hütte auf dem ausgerodeten Waldboden. Sie war aus groben, +unbehauenen Baumstämmen zusammengezimmert, hatte keine Fenster, und als +Türe dienten nur ein paar lose Bretter. Das Dach war mit Rinde und Zweigen +bedeckt gewesen, die aber jetzt auseinandergefallen waren. Der Junge sah, +daß innen in der Hütte nur ein paar hölzerne Bänke und ein paar große +Steine waren, die als Herd gedient hatten. Als sie über die Hütte +hinflogen, hörte der Adler den Jungen vor sich hinsagen, wer denn wohl in +so einer elenden Hütte gewohnt haben könnte. + +»Die Schnitter haben hier gewohnt, als sie den Waldacker mähten,« versetzte +der Adler. + +Der Junge dachte daran, wie daheim in seiner Gegend die Schnitter am Abend +froh und lustig von der Arbeit heimkehrten und ihnen das Beste, was Mutter +im Vorratshause hatte, vorgesetzt wurde. Hier mußten sie nach der strengen +Arbeit auf harten Bänken schlafen, in einer Hütte, die schlechter war als +ein Schuppen. Und von was sie sich hier nährten, das konnte er einfach +nicht begreifen. + +»Ach, hier wird wohl den Schnittern kein Erntefest gehalten!« sagte er. + +Etwas weiter hin sahen sie unter sich einen furchtbar schlechten Weg; er +war schmal und uneben, mit Steinen übersät und voll von Löchern und zog +sich in Schlangenwindungen durch den Wald hin. An mehreren Stellen war er +auch von Bächen durchschnitten; und während der Adler über diesen Waldweg +hinflog, hörte er den Jungen sagen, was denn auf so einem Weg befördert +werden könnte? + +»Auf diesem Weg ist die Ernte in die Scheune geführt worden,« sagte Gorgo. + +Unwillkürlich mußte der Junge daran denken, welch ein Fest es daheim war, +wenn die großen, mit zwei starken Pferden bespannten Erntewagen das +Getreide vom Acker hereinholten. Der Knecht thronte hoch droben auf dem +Wagen, die Pferde warfen sich stolz in die Brust, und die Dorfkinder, die +auf den Wagen hatten hinaufklettern dürfen, saßen halb beglückt, halb +ängstlich auf den Garben und schrien und lachten durcheinander. Hier aber +wurden Stämme geladen und dann steile Abhänge hinauf- und hinabgefahren. +Die Pferde mußten wie gerädert sein, und der Kutscher war gewiß oft der +Verzweiflung nahe. »Da werden wohl nicht viel lustige Reden unterwegs hin +und her fliegen,« sagte der Junge. + +Der Adler segelte mit gewaltigen Flügelschlägen weiter durch die Luft +dahin, und so gelangten sie bald an einen Fluß. Hier sahen sie einen Platz, +der mit Spänen, Holzstücken und Rinde bedeckt war, und der Adler hörte den +Jungen sagen, warum es denn da drunten so unordentlich aussähe? + +»Hier sind die Garben in Haufen gesetzt worden.« + +Der Junge mußte unwillkürlich an die Garbendiemen in seiner Heimat denken, +die dicht bei den Höfen errichtet werden, als wenn sie deren schönster +Schmuck wären. Hier aber wurde die Ernte nach einem einsamen Flußufer +geschafft und dann da liegen gelassen. »Ob wohl ein einziger Besitzer in +diese Wildnis hier herauskommt, seine Diemen zu zählen und sie mit denen +seiner Nachbarn zu vergleichen?« rief der Junge unwillkürlich. + +Bald erreichten sie einen großen Fluß, den Ljungan, der in einem breiten +Tale dahinzieht, und da war mit einem Schlage alles so verändert, daß man +hätte meinen können, man sei in einem ganz andern Lande. Der dunkle +Nadelwald war auf den steilen Abhängen über dem Tale zurückgeblieben, und +die Hänge prangten jetzt überall mit weißstämmigen Birken und Eschen. Das +Tal war so breit, daß sich der Fluß an mehreren Stellen zu einem See +erweitern konnte, und an den Ufern stand ein großer wohlhabender Hof dicht +neben dem andern. Als nun die beiden über das Tal hinflogen, hörte der +Adler, wie der Junge sich fragte, ob denn wohl die Wiesen und Äcker da +drunten für diese ganze Bevölkerung ausreichten? + +»Hier wohnen die Schnitter, die den Waldacker geschnitten haben,« sagte der +Adler. + +Der Junge dachte an die niedrigen Häuser und die eng zusammengebauten Höfe +in Schonen. »Hier wohnen ja die Bauern geradezu in Herrenhäusern, und es +sieht aus, als lohne sich die Arbeit im Walde doch recht gut,« sagte er. + +Der Adler hatte die Absicht gehabt, quer über den Ljungan hinüberzufliegen; +als er aber ein Stück weit über den Fluß geflogen war, hörte er den Jungen +vor sich hinsagen, wer denn nun weiter für das Holz sorge, nachdem es in +Haufen geschichtet worden sei? Da drehte Gorgo um und flog in östlicher +Richtung weiter. + +»Der Fluß sorgt weiter dafür; er führt es nach der Mühle,« sagte er. + +Der Junge dachte daran, wie sorgfältig man daheim mit den Garben umging, +damit nichts verschleudert wurde. Hier kamen große Mengen von Balken den +Fluß heruntergeschwommen, ohne daß sich jemand darum bekümmerte. Er war +überzeugt, daß nicht die Hälfte von denen da ankommen würden, wo sie +sollten. Die einen schwammen allerdings mitten in der Strömung, und dann +ging alles gut, andre aber wurden gegen die Ufer getrieben, oder sie +stießen an Landzungen an, wo sie dann in dem ruhigen Uferwasser der Buchten +liegen blieben. In den Seen sammelten sich die Stämme in solch großer Zahl, +daß sie oft die ganze Oberfläche bedeckten. Hier blieben sie liegen und +schienen sich bis ins Unendliche ausruhen zu wollen. An den Brücken stauten +sie sich, in den Wasserfällen brachen sie mittendurch, in den +Stromschnellen wurden sie zwischen Steine hineingeklemmt und türmten sich +zu hohen, schwankenden Stapeln auf. + +»Ich möchte wohl wissen, wie lange diese Ernte braucht, bis sie die Mühle +erreicht?« sagte der Junge. + +Aber Gorgo flog nur langsam immer weiter den Ljungan entlang. Zu +wiederholten Malen hielt er sich mit weit ausgebreiteten Flügeln ganz still +in der Luft droben, damit der Junge sehen konnte, in welcher Weise diese +Erntearbeit vor sich ging. + +Nach einer Weile gelangten sie an einen Platz, wo die Flößer an der Arbeit +waren. Und der Adler hörte den Jungen fragen, was denn das für Leute seien, +die da am Ufer hinliefen? + +»Diese Leute sorgen für das Getreide, das sich unterwegs aufgehalten hat,« +sagte Gorgo. + +Der Junge dachte daran, wie ruhig und still die Leute in seiner Heimat ihre +Garben in die Mühle fuhren. Hier liefen die Männer mit langen Bootshaken in +den Händen am Ufer hin und halfen den Stämmen mit vieler Mühe und +Beschwerlichkeit weiter. Sie wateten ins Uferwasser hinaus, wobei sie von +Kopf bis zu Fuß naß wurden. Sie sprangen von Stein zu Stein in die +Stromschnellen hinein und schritten auf den schwankenden Stämmen so ruhig +umher, wie wenn sie auf dem festen Boden gingen. Das waren kühne und +entschlossene Männer! + +»Wenn ich dies alles hier sehe, muß ich unwillkürlich an die Schmiede im +Bergwerkdistrikt denken, die mit dem Feuer umgingen, als sei es vollständig +ungefährlich,« sagte der Junge. »Diese Flößer hier spielen mit dem Wasser, +als seien sie dessen Herren. Sie scheinen es so unterjocht zu haben, daß es +sich nicht mehr an sie heran traut.« + +Ganz allmählich hatten sie die Mündung des Flusses erreicht, und nun lag +der Bottnische Meerbusen vor ihnen. Aber Gorgo flog nicht geradeaus, +sondern in nördlicher Richtung dem Ufer entlang. Er war noch nicht weit +geflogen, als sie unter sich ein Sägewerk sahen, das eine förmliche kleine +Ortschaft bildete; und während der Adler darüber hin und her schwebte, +hörte er den Jungen vor sich hinsagen, das sei doch ein prächtiger großer +Ort! + +»Hier hast du die große Sägemühle, die Svartvik heißt,« rief der Adler. + +Der Junge dachte an die Windmühlen in seiner Heimat, die so friedlich von +grünen Bäumen umgeben dalagen und langsam ihre Flügel drehten. Diese Mühle +hier, wo die Waldernte gemahlen wurde, lag dicht am Meeresufer. Auf dem +Wasser davor schwamm eine Menge Balken, von denen einer nach dem andern mit +eisernen Ketten zuerst auf eine schräge Brücke und von da in ein +scheunenartiges Haus hineingezogen wurde. Was da drinnen mit ihnen geschah, +konnte der Junge nicht sehen, aber er hörte ein lautes Rasseln und Dröhnen, +und auf der andern Seite des Hauses kamen kleine, mit weißen Brettern +hochbeladene Wagen herausgerollt. Die Wagen fuhren auf blanken Schienen +nach dem Zimmerplatz, wo die Bretter zu großen Stapeln aufgebaut waren, +die ganze Straßen bildeten, gerade wie in einer Stadt die Häuser. An einer +Stelle wurden neue Stapel gebaut, an einer andern die alten eingerissen und +die Bretter auf zwei große Schiffe geladen, die schon ihrer Last harrten. +Überall wimmelte es von Arbeitern, deren Häuser hinter dem Zimmerplatz +lagen. + +»Hier wird ja gearbeitet, daß schließlich der ganze Wald in Medelpad +zusammengesägt werden wird,« sagte der Junge. + +Der Adler bewegte seine Flügel ein wenig, und sofort sah der Junge ein +neues Sägewerk mit Sägemühle, Zimmerplatz, Hafen und Arbeiterwohnungen, das +dem ersten ganz ähnlich sah. + +»Hier ist noch eine von den großen Mühlen. Diese heißt die Bienenburg,« +sagte Gorgo. + +[Illustration] + +»Ja, ich sehe wohl, der Wald gibt eine viel größere Ernte, als ich gedacht +hatte,« sagte Nils Holgersson. »Aber noch mehr solcher Holzmühlen gibt es +doch wohl nicht?« + +Der Adler bewegte nur ganz sachte die Flügel; er flog an einigen Sägewerken +vorüber, und so gelangten sie rasch an eine große Stadt. Als der Adler +hörte, daß der Junge fragte, was das wohl für eine Stadt sein könnte, rief +er: »Dies ist Sundsvall. Das ist der Hauptplatz des Bezirks.« + +Da mußte der Junge an die Städte drunten in Schonen denken, die gar so alt +und grau und ernst aussahen. Hier oben im kalten Norden lag Sundsvall ganz +drinnen in einer schönen Bucht und sah neu und vergnügt und strahlend schön +aus. Von oben gesehen hatte die Stadt etwas überaus Lustiges, denn in der +Mitte lag eine Gruppe schöner, hoher steinerner Häuser, die kaum in +Stockholm ihresgleichen haben konnten; rings um diese hohen steinernen +Gebäude her war ein freier Raum, und dann erst kam ein Kranz von +Holzhäusern, die freundlich und gemütlich von kleinen Gärten umgeben +dalagen, aber allem Anscheine nach sehr gut wußten, daß sie geringer waren +als die steinernen Häuser und sich deshalb nicht ganz zu ihnen hinwagen +dürften. + +»Das ist ja eine sehr große, reiche Stadt,« sagte der Junge. »Sollte der +magere Waldboden dies alles hervorgebracht haben? Das ist aber doch wohl +nicht möglich?« + +Der Adler bewegte die Flügel und flog hinüber nach Alnön, das Sundsvall +gerade gegenüber liegt. Hier konnte sich der Junge nicht genug verwundern +über alle die vielen Sägewerke, die der Küste entlang lagen. Hier bei Alnön +lagen sie dicht nebeneinander, und auf dem Festland gerade gegenüber lag +auch Sägewerk neben Sägewerk, Zimmerplatz neben Zimmerplatz. Der Junge +zählte mindestens vierzig, aber er glaubte, es seien noch mehr. + +»Es ist doch recht merkwürdig, daß es hier oben so aussehen kann,« sagte +er. »So viel Leben und so viel Bewegung habe ich auf der ganzen Reise noch +nirgends gesehen. Das ist doch ein wunderbares Land! Wohin ich auch kommen +mag, überall gibt es etwas, wodurch sich die Menschen ihren Lebensunterhalt +verschaffen können.« + +[Illustration] + + + + +42 + +Ein Morgen in Ångermanland + +Das Brot + + + Samstag, 18. Juni + +Als der Adler am nächsten Morgen eine Strecke weit nach Ångermanland +hineingeflogen war, sagte er, heute sei er hungrig, er wolle sich etwas +Nahrung verschaffen. Er setzte Nils Holgersson auf einer mächtigen Tanne +ab, die auf einem hohen Felsen stand, und flog davon. + +Der Junge machte sich einen guten Sitzplatz auf einem gegabelten Ast, und +von da aus schaute er nach Ångermanland hinunter. Es war ein wunderschöner +Morgen, die Sonne vergoldete die Baumwipfel, ein sanfter Wind strich wie +liebkosend durch die Nadeln, und ein lieblicher Duft stieg aus dem Walde +auf. Dem Jungen war froh und sorglos zumute; er dachte, niemand könnte es +besser gehen als ihm. + +Nach allen Seiten war die Aussicht offen, und er konnte frei umherschauen. +Gegen Westen war das Land voller Felsenkuppen und Berggipfel, die in der +Ferne immer höher und wilder wurden. Ostwärts war auch hügeliges Land; da +aber senkte es sich und wurde niedriger, bis es sich drunten am Meere +schließlich ganz flach hinzog. Überall blinkten Bäche und Flüsse, die, so +lange sie zwischen den Bergen flossen, einen gar beschwerlichen Lauf mit +vielen Stromschnellen und Wasserfällen hatten, sich aber ausbreiteten, +glänzend hell und breit wurden, sobald sie sich der Küste näherten. Den +Bottnischen Meerbusen konnte Nils Holgersson auch sehen. In der Nähe des +Landes war er mit Inseln gespickt und in Landzungen ausgezackt, aber +weiterhin lag die Wasserfläche dunkelblau glänzend da wie ein Sommerhimmel. + +»Dieses Land sieht aus wie ein Flußufer, gleich nachdem es geregnet hat,« +dachte der Junge. »Viele kleine Bäche fließen heraus und graben Furchen in +den Boden, die sich winden und hinschlängeln und ineinanderlaufen. Und es +ist in der Tat ein recht schöner Anblick. Ich erinnere mich wohl, daß der +alte Lappe auf Skansen immer sagte, der liebe Gott habe Schweden, als er +es auf der Erde ausbreitete, verkehrt hingestellt. Die andern lachten ihn +aus, aber er blieb bei seinem Ausspruch und sagte, wenn sie gesehen hätten, +wie schön es da droben im Norden sei, dann würden sie wohl einsehen, daß es +nicht von Anfang beabsichtigt gewesen sei, ein solches Land so abseits zu +legen. Und ich glaube fast, darin hatte er recht.« + +Nachdem sich der Junge an der Landschaft satt gesehen hatte, nahm er sein +Ränzel ab, zog ein Stück feines Weißbrot heraus und begann zu essen. + +»Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein so gutes Brot +gegessen,« sagte er. »Und wieviel ich noch habe! Das genügt noch für +mehrere Tage. Gestern um diese Zeit hätte ich nicht geglaubt, daß ich heute +im Besitz von solchem Reichtum sein würde.« + +Während er lustig kaute und drauf los aß, dachte er daran, auf welche Weise +er das Brot bekommen hatte. + +»Es schmeckt mir gewiß auch deshalb so ausgezeichnet, weil ich es auf eine +so schöne Weise erhalten habe,« sagte er. + +Schon am Abend vorher hatte der Königsadler Medelpad verlassen, und kaum +hatte er die Grenze von Ångermanland erreicht, als der Junge ein Wiesental +und einen Fluß erblickte, die an Schönheit und Größe alles andre, was er +bisher gesehen hatte, übertrafen. + +Das Tal lag ungeheuer breit zwischen den Bergen, und der Junge fragte sich, +ob nicht am Ende dieses Tal in frühern Zeiten von einem andern Flusse, +einem viel größern und breitern als dem jetzigen, ausgegraben worden sein +könnte. Nachdem das Tal hergestellt gewesen war, mußte es durch irgendein +Ereignis mit Sand und Erde verschüttet worden sein, zwar nicht vollständig, +aber doch ein gutes Stück an dem Gebirge hinauf. Durch das Geröll hindurch +hatte sich dann der jetzige Fluß, der sehr breit und wasserreich war, auch +ein tiefes Bett gegraben. Er hatte seine Ufer wunderschön ausgeschnitten: +bald umsäumten ihn Abhänge, die in roter, blauer und gelber Blumenpracht +bis herauf zu dem Jungen leuchteten, bald ragten die felsigen Strecken, die +dem Wasser zu hart zum Durchbrechen gewesen waren, wie steile Mauern und +Türme am Flußufer auf. + +Als der Adler den Jungen so hoch droben durch die Lüfte getragen hatte, war +es diesem gewesen, als könne er zu gleicher Zeit in drei verschiedene +Welten hineinschauen. Ganz drunten im Tale, wo der Fluß hinzog, war die +eine Welt. Da wurden Balken fortgeflößt, da eilten Dampfboote von Brücke zu +Brücke, da klapperten die Sägewerke, da wurden große Frachtschiffe beladen, +da wurde der Lachs gefangen, da wurde gerudert und gesegelt, da flogen +unzählige Schwalben, die ihre Nester in der Nähe des Ufers hatten, hin und +her! + +Aber ein Stockwerk höher, sozusagen zur ebenen Erde, die sich ganz bis an +den Rand der Berge erstreckte, war die zweite Welt. Da lagen Gehöfte, +Dörfer und Kirchen; da bestellten die Bauern ihre Felder, da weidete das +Vieh, da grünten die Wiesen, da waren die Weiber in ihren kleinen +Gemüsegärten eifrig an der Arbeit, da zogen sich die Landstraßen in vielen +Krümmungen hin, da brauste die Eisenbahn einher! + +Und dann, weit entfernt von all diesem, droben auf den waldbestandenen +Höhen, da war die dritte Welt. Da lag das Weibchen des Auerhahns auf seinen +Eiern, da stand der Elch im tiefen Waldesdunkel verborgen, da lauerte der +Luchs, da knabberte das Eichhörnchen, da dufteten die Tannen, da blühten +die Heidelbeeren, da schlug die Drossel ihre Triller! + +Als Nils Holgersson das reiche Flußtal erblickte, fing er an, über Hunger +zu klagen. »Nun habe ich seit zwei vollen Tagen nichts zu essen bekommen,« +sagte er, »und ich bin ganz ausgehungert.« + +Gorgo war der Gedanke unerträglich, es könne nachher heißen, dem Jungen sei +es bei ihm schlechter gegangen als bei den Wildgänsen, und er flog deshalb +sogleich langsamer. + +»Warum hast du das nicht früher gesagt?« fragte er. »Du kannst so viel zu +essen haben, wie du nur willst. Wenn du einen Adler als Reisekameraden +hast, brauchst du nicht zu hungern.« + +Gleich darauf gewahrte Gorgo einen Bauern, der drunten am Flusse ein Feld +besäte. Das Saatkorn trug der Mann in einem Korbe vorn auf der Brust, und +so oft der Korb leer war, holte er sich neuen Vorrat aus einem Sack, der +drüben am Rande des Ackers stand. Der Adler vermutete mit Recht, daß dieser +Sack mit dem Besten gefüllt sei, was sich der Junge nur wünschen könnte, +und er ließ sich deshalb an dieser Stelle hinuntersinken. + +Aber ehe der Adler den Boden erreicht hatte, entstand um ihn her ein +entsetzlicher Lärm; in dem Glauben, der Adler wolle sich auf einen Vogel +stürzen, kamen Krähen, Sperlinge und Schwalben mit lautem Geschrei eilig +dahergeflogen. + +»Weg, weg, du Räuber! Weg, weg, du Vogelmörder!« schrien sie; und sie +verführten einen solchen Spektakel, daß der Bauer aufmerksam wurde und +herbeilief. Da war der Adler gezwungen, zu fliehen, und der Junge hatte +auch nicht ein einziges Körnchen bekommen. + +Diese kleinen Vögel hatten sich zu sonderbar benommen; nicht genug, daß sie +den Adler in die Flucht zwangen, sie verfolgten ihn auch noch eine gute +Strecke das Tal entlang. Und überall wurden die Leute auf das laute +Vogelgeschrei aufmerksam; die Weiber liefen vor die Häuser heraus und +klatschten so laut in die Hände, daß es wie Gewehrsalven klang, und die +Männer kamen mit der Flinte in der Hand herbeigelaufen. + +Und so ging es jedesmal, sobald sich der Adler auf die Erde hinabsinken +ließ. Der Junge hatte die Hoffnung, der Adler werde ihm etwas Nahrung +verschaffen können, schon aufgegeben. Ach, er hatte bis jetzt gar nicht +gewußt, wie verhaßt und verabscheut Gorgo war! Dieser tat dem Jungen +herzlich leid, und er meinte fast, es geschähe ihm unrecht. + +Nach einer Weile flogen sie über einen schönen Bauernhof hin, wo die +Hausfrau offenbar großen Backtag gehabt hatte. Die frischgebackenen +Weißbrote standen zum Abkühlen auf dem Hofplatz, und die Bäuerin selbst +stand zur Aufsicht daneben, damit weder Hund noch Katze eines davon +stibitze. + +Der Adler hätte sich auf den Hof hinabsinken lassen können; aber vor den +Augen der Bäuerin wagte er die Brote nicht anzugreifen. Ratlos flog er hin +und her; ein paarmal war er schon dicht über dem Schornstein, flog aber +jedesmal wieder in die Höhe. + +Jetzt gewahrte die Bäuerin den Adler; sie hob den Kopf und sah ihm nach. + +»Wie sonderbar dieser Vogel sich benimmt!« sagte sie. »Ich glaube gar, er +möchte eines von meinen Brötchen.« + +Es war eine sehr schöne Frau, groß und blondhaarig, mit einem offenen, +fröhlichen Gesicht. Sie lachte herzlich, nahm eines der Brötchen von der +Platte und hielt es hoch über ihrem Kopf empor. »Wenn du es willst, dann +hol es dir!« rief sie. + +[Illustration] + +Der Adler konnte nicht verstehen, was sie sagte; aber er war sich doch +sogleich klar darüber, daß sie ihm das Brot geben wollte. Blitzschnell +schoß er hinunter, schnappte ihr das Brot aus der Hand und schoß wieder in +die Luft hinauf. + +Als der Junge den Adler das Brot ergreifen sah, traten ihm die Tränen in +die Augen; einerseits aus Freude, weil er nun mehrere Tage lang nicht zu +hungern brauchte, andrerseits aber, weil er tief gerührt war, daß die +Bäuerin ihr Brot mit einem wilden Raubvogel geteilt hatte. + +Und während Nils Holgersson nun hier in dem Tannenwipfel saß, konnte er +sich, sobald er nur wollte, das Bild der großen, blondhaarigen Frau ins +Gedächtnis zurückrufen; er sah sie ganz deutlich vor sich, wie sie auf dem +Hofplatz stand und das Brot in die Höhe hob. O, sie hatte ohne Zweifel +gewußt, daß der große Vogel ein Königsadler war, ein Räuber, den die Leute +sonst mit scharfen Schüssen begrüßen, und sie hatte wohl auch das +sonderbare Wesen bemerkt, das der Adler auf dem Rücken trug; aber sie hatte +nicht erst lange gefragt, wer die beiden waren; sobald sie begriff, daß sie +hungrig waren, hatte sie ihnen von ihrem guten Brot mitgeteilt! + +»Wenn ich einmal wieder ein Mensch bin,« dachte der Junge, »dann mache ich +mich auf den Weg und suche die schöne Bäuerin an dem großen Flusse auf, um +ihr dafür zu danken, daß sie so gut gegen uns gewesen ist.« + + +Der Waldbrand + +Während Nils Holgersson noch mit seinem Frühstück beschäftigt war, wehte +ihm plötzlich von Norden her ein schwacher Brandgeruch entgegen. Er wendete +sich gleich nach dieser Seite und sah von einem der bewaldeten Hügel eine +ganz dünne Rauchsäule aufsteigen, und zwar nicht von dem ihm am nächsten +liegenden, sondern von einem aus der dahinter aufragenden Hügelkette. +Dieser Rauch, der da mitten aus dem wilden Walde aufstieg, machte den +Jungen stutzig; aber dann dachte er, es könne ja möglicherweise dort eine +Sennhütte sein, und die Sennerinnen seien beim Kaffeekochen. + +Aber es war doch sonderbar, wie sehr der Rauch zunahm und wie er sich immer +weiter ausbreitete! Von einer Sennhütte konnte er nicht aufsteigen; aber +vielleicht waren dort Kohlenbrenner bei ihren Meilern. Auf Skansen hatte +der Junge eine Kohlenbrennerhütte und einen Kohlenmeiler gesehen, und er +hatte auch gehört, daß in diesen Wäldern hier an verschiedenen Orten Kohlen +gebrannt würden. Aber eigentlich hatten Kohlenbrenner doch nur im Frühjahr +und im Winter brennende Meiler! + +Der Rauch nahm mit jedem Augenblick zu; jetzt wogte er über den ganzen +Hügel hin. Ein Kohlenmeiler konnte nicht so viel Rauch hervorbringen, das +war ausgeschlossen. Irgendwo mußte ein Brand sein; der Junge sah auch eine +Menge Vögel aufsteigen und nach dem nächsten Hügel hinüberfliegen. Habichte +und Auerhähne und andre kleine Vögel, die der Junge aus dieser Entfernung +nicht erkennen konnte, flüchteten sich vor dem Brande. + +Aus der kleinen weißen Rauchsäule war jetzt eine schwere weiße Wolke +geworden, die sich am Hügelrand hinwälzte und von da ins Tal hinabsenkte. +Aus der Wolke heraus flogen Funken und Rußflocken, und ab und zu leckte +auch eine rote Flamme durch den Rauch. Dort drüben mußte sicher eine +gewaltige Feuersbrunst ausgebrochen sein! Aber was in aller Welt brannte +denn dort? Es konnte doch unmöglich ein Bauernhof so tief drinnen im Walde +versteckt liegen? + +Und bei einer solchen Feuersbrunst, wie die da drüben, hätte sicher auch +mehr als ein Hof brennen müssen. Jetzt wallte der Rauch nicht nur von dem +Hügel auf; nein, auch aus dem Tale drunten, das der Junge zwar nicht sehen +konnte, weil es von dem nächsten Hügel verdeckt war, stiegen große +Rauchmassen auf. Es war nicht anders möglich, der Wald selbst mußte in +Brand geraten sein. + +Der Junge konnte sich fast nicht vorstellen, daß der frische grüne Wald in +Brand geraten könnte. Und doch mußte es so sein! Aber wenn nun der Wald +dort drüben wirklich brannte, dann konnte das Feuer ja bis zu ihm +herüberdringen! »Sehr wahrscheinlich ist dies zwar nicht, aber es wäre mir +doch recht angenehm, wenn der Adler jetzt bald käme,« dachte der Junge. +»Wenn ich doch nur von hier fort wäre!« Schon allein der Brandgeruch, den +er bei jedem Atemzug einatmen mußte, war ihm unerträglich. + +[Illustration] + +Plötzlich erklang ringsum ein entsetzliches Knattern und Dröhnen. Es kam +von dem nächsten Hügel her. Ganz oben auf dem Gipfel stand eine ebenso hohe +Tanne wie die, auf der Nils Holgersson saß. Sie war sehr hoch und ragte +über alle andern hinaus. Vorhin war sie von der Morgensonne rot beleuchtet +gewesen, jetzt glühten alle ihre Nadeln wie auf einen Schlag, und sie fing +Feuer. So schön war sie noch niemals gewesen; aber dies war das letztemal, +wo sie ihre Schönheit zeigen konnte. Sie war der erste Baum auf diesem +Hügel, der Feuer fing, und der Junge konnte gar nicht begreifen, wie es +zugegangen war. War das Feuer auf roten Schwingen dahergeflogen gekommen? +Oder war es zischend an der Erde hingekrochen wie eine Schlange? Das war +nicht leicht zu entscheiden, jedenfalls war es nun da; der ganze Baum +loderte hell auf wie ein Haufen Reisig. + +Da, da! Jetzt schlug der Rauch an verschiedenen Stellen auf dem Hügel +zugleich heraus! Der Waldbrand war Vogel und Schlange zugleich; er konnte +sich ebensogut weit durch die Luft schwingen wie an der Erde hinkriechen; +er entzündete den ganzen Waldhügel auf einen Schlag. + +Nun entstand eine wahre Panik; die Vögel flohen in wilder Eile. Wie große +Rußflocken flatterten sie aus dem Rauche heraus, flogen quer übers Tal hin +und auf den Hügel, wo sich der Junge befand. Ein Uhu ließ sich neben dem +Jungen nieder, und gerade über ihm setzte sich ein Habicht auf einen Zweig. +Zu jeder andern Zeit wären dies gefährliche Nachbarn gewesen; aber jetzt +beachteten die Vögel den Jungen gar nicht. Sie starrten nur in das Feuer +hinein und konnten offenbar durchaus nicht begreifen, was dort im Walde +vorging. Ein Marder lief auch auf den Baum herauf; er stellte sich auf die +äußerste Spitze eines Zweiges und schaute unverwandt zu dem brennenden +Waldhügel hinüber. Dicht neben dem Marder saß ein Eichhörnchen; aber die +beiden schienen einander gar nicht zu sehen. + +Jetzt jagte das Feuer den Abhang herunter. Es zischte und dröhnte wie ein +brausender Sturm. Durch den Rauch hindurch konnte man die Flammen von Baum +zu Baum züngeln sehen. Ehe eine Tanne in Brand geriet, wurde sie zuerst in +eine dünne Rauchwolke wie in einen Schleier gehüllt, dann wurden mit einem +Schlag alle ihre Nadeln rot, und dann begann sie zu knistern und zu +brennen. + +Drunten im Tal vor dem Hügel floß ein kleiner von Erlen und Birken +umsäumter Bach. Es sah aus, als müsse das Feuer hier Halt machen. Die +Laubholzbäume gerieten nicht so rasch in Brand wie die Nadelhölzer. Hier +stand das Feuer wie vor einer Mauer und konnte nicht weiter. Es glühte und +sprühte und versuchte, nach dem Nadelwald auf der andern Seite des Baches +hinüberzuspringen; aber es gelang ihm nicht. + +Für eine Weile war das Feuer zum Stillstand gebracht; doch jetzt leckte +eine lange Feuerzunge hinüber nach einer hohen, abgestorbenen Fichte, die +unten am Abhang wuchs; sofort stand auch der ganze Baum in heller Lohe, und +damit war das Feuer über den Bach herübergekommen. Die Hitze war überaus +stark; jeder Baum am ganzen Abhang war in größter Gefahr: er konnte im +nächsten Augenblick in Brand geraten. Und mit solchem wilden Brausen und +Donnern, wie es nur der heftigste Sturm oder der wildeste Wasserfall +hervorbringt, jagte das Feuer jetzt den jenseitigen Hügel hinauf. + +Da breiteten der Habicht und der Uhu die Flügel aus und flogen davon. Der +Marder schoß von dem Baum hinunter. Allem Anscheine nach dauerte es jetzt +nicht mehr lange, bis das Feuer diese Tanne ergriff, und der Junge mußte +machen, daß er herunterkam. Aber es war nicht so leicht für ihn, an dem +hohen, geraden Stamm der Tanne hinabzuklettern; er klammerte sich an, so +gut es ging, und ließ sich so von einem Zweig zum andern hinuntergleiten, +und schließlich stürzte er schwer zu Boden. Aber er hatte keine Zeit, sich +zu überzeugen, ob er sich verletzt hatte. Nur fort, fort! Das war die +Losung. Wie ein zischender Blitz schlug das Feuer in die Tanne, der +Erdboden darunter war glühend heiß und begann zu rauchen. Auf der einen +Seite von dem Jungen lief ein Luchs, auf der andern ringelte sich eine +lange Kreuzotter, und ganz dicht neben der Kreuzotter kluckte eine +Auerhenne, die mit ihren kleinen flaumigen Jungen davoneilte. + +Als die Flüchtlinge den Abhang hinuntergekommen waren und das Tal erreicht +hatten, trafen sie mit Menschen zusammen, die ausgezogen waren, das Feuer +zu löschen. Sie waren gewiß schon lange hier am Werke gewesen; aber der +Junge hatte so fortgesetzt nach der Seite gestarrt, woher das Feuer kam, +daß er sie nicht früher wahrgenommen hatte. Auch durch dieses Tal floß ein +dicht mit Laubhölzern umsäumter Bach, und hinter diesen Bäumen arbeiteten +die Leute. Sie fällten die den Erlen zunächststehenden Nadelhölzer, holten +Wasser aus dem Bach, schütteten es aufs Erdreich und rissen Heidekraut und +Maiblumenstöcke heraus, damit sich das Feuer keinen Weg durch das Gestrüpp +bahnen könnte. + +Auch diese Leute dachten an nichts andres als an den Waldbrand, der sich +ihnen entgegenwälzte. Die fliehenden Tiere liefen ihnen zwischen den Beinen +durch; aber sie kümmerten sich gar nicht darum. Sie schlugen nicht nach der +Kreuzotter, machten keinen Versuch, die Auerhenne zu fangen, während sie +mit ihren kleinen piependen Jungen am Bachufer hin und her lief; ja sie +beachteten nicht einmal den Däumling. Sie standen da und hielten große +Tannenzweige in den Händen, die sie vorher in den Bach getaucht hatten und +offenbar als Waffen gegen das Feuer benützen wollten. Es waren nicht +besonders viele Leute, und es war ein merkwürdiger Anblick, wie sie so ganz +ruhig zum Kämpfen bereit dastanden, während alles andre, was Leben hatte, +entfloh. + +Als sich das Feuer mit lautem Dröhnen und Krachen, mit unerträglicher Hitze +und erstickendem Rauch den Hügel herabwälzte und ohne einen Augenblick +anzuhalten, Miene machte, über den Bach mit seiner Mauer aus grünen Bäumen +nach dem andern Ufer hinüberzuspringen, wichen die Menschen zuerst +unwillkürlich zurück, als wenn sie es nicht mehr hier aushalten könnten. +Aber sie flohen nicht weit, sondern kehrten wieder um. + +Jetzt lief der Waldbrand mit wilder Gewalt Sturm. Die Funken sprühten und +ergossen sich wie ein Feuerregen über die Laubholzbäume. Lange, feurige +Zungen schlugen zischend aus dem Rauch heraus, als wenn der Wald auf der +andern Seite sie anzöge. + +Aber die Laubholzbäume hielten das Feuer auf, und unter ihnen arbeiteten +die Menschen. Wo die Erde zu rauchen anfing, trugen sie in Eimern Wasser +herbei und kühlten sie ab. Wenn ein Baum in Rauch eingehüllt wurde, hieben +sie mit gewaltigen Axtschlägen drauf los, stürzten ihn um und löschten die +Flammen. Wo das Feuer im Heidekraut glimmte, schlugen sie mit den nassen +Tannenzweigen darauf und erstickten es. + +Der Rauch war jetzt so dicht, daß er alles einhüllte. Man konnte nicht +sehen, wie der Kampf sich entwickelte; aber es war wohl zu merken, welch +ein harter Kampf es war, und mehrere Male war es gewiß nahe daran, daß das +Feuer den Sieg davongetragen hätte. + +Aber gottlob, nach einer guten Weile nahm das laute Krachen und Dröhnen des +verheerenden Feuers ab, und der Rauch verteilte sich! Da hatten die +Laubholzbäume alle ihre Blätter verloren, das Erdreich darunter war +vollständig versengt, die Menschen waren vom Rauch geschwärzt und in +Schweiß gebadet, aber der Waldbrand war überwältigt, er flammte nicht mehr. +Weiß und weich glitt jetzt der Rauch am Boden hin, und eine Menge schwarze +Stämme tauchte aus ihm auf. Das war alles, was von dem prächtigen Wald noch +übrig war. + +Der Junge war auf einen Steinblock hinaufgeklettert und hatte von da dem +Kampfe der Menschen mit dem Feuer zugesehen. Aber jetzt, wo der Wald +gerettet war, begann für ihn die Gefahr; der Uhu und der Habicht richteten +plötzlich ihre Augen auf ihn. + +Doch in diesem Augenblick hörte der Junge eine ihm wohlbekannte Stimme +seinen Namen rufen. Der Königsadler Gorgo kam durch den Wald +heruntergesaust. Und bald wiegte sich der Junge von aller Gefahr erlöst +hoch in den Lüften. + +[Illustration] + + + + +43 + +Västerbotten und Lappland + +Die fünf Kundschafter + + +Während Nils Holgersson auf Skansen war, saß er einmal unter der Treppe des +Bollnäshauses und hörte da, wie Klement Larsson und der alte Lappe sich +miteinander über Lappland unterhielten. Sie stimmten ganz miteinander +überein, daß Norrland der beste Teil von ganz Schweden sei; aber Klement +Larsson gefiel die Gegend südlich vom Ångermanfluß am besten, während der +Lappe behauptete, die nördlich von diesem Fluß liegenden Landschaften seien +die wichtigsten. + +Im Laufe des Gesprächs kam es aber heraus, daß Klement nie höher droben +gewesen war als in Härnösand, und da konnte der Lappe das Lachen nicht +unterdrücken, weil er sich mit so großer Bestimmtheit über Gegenden +aussprach, die er nie gesehen hatte. + +»Ich sehe schon, Klement, ich muß dir eine Geschichte erzählen, aus der du +ersehen kannst, wie es in Västerbotten und Lappland, in dem großen Sameland +aussieht, wo du noch nie gewesen bist,« sagte er. + +»Von mir kann gewiß niemand sagen, daß ich eine Geschichte ausgeschlagen +hätte, ebensowenig wie man von dir sagen könnte, du sagtest jemals nein zu +einer Tasse Kaffee,« antwortete Klement. + +Und dann begann der alte Lappe seine Geschichte. + +»So höre denn, Klement! Einmal geschah es, daß die Vögel, die drunten in +Schweden südlich von dem alten Sameland wohnten, meinten, sie säßen zu eng +aufeinander und könnten sich nicht mehr ausbreiten. Deshalb beschlossen +sie, nordwärts zu ziehen. + +Sie versammelten sich und hielten Rat. Die Jungen und Ungeduldigen wollten +sogleich aufbrechen; aber die Alten und Klugen bestanden darauf, daß zuerst +Kundschafter ausgesandt würden, die das Land erforschen sollten. + +>Jede von den fünf großen Vogelscharen soll einen Kundschafter +ausschicken,< sagten die Weisen, >damit wir alle zuvor erfahren, ob wir da +droben auch gute Brutstätten, Nahrung und Schlupfwinkel finden können.< + +Da wählten die fünf großen Vogelscharen sogleich fünf gute kluge Vögel aus. +Die Waldvögel einen Auerhahn, die Vögel der Ebene eine Lerche, die Seevögel +eine Fischmöwe, die Süßwasservögel eine Lumme und die Bergvögel einen +Schneesperling. + +Als diese fünf die Reise antreten sollten, sagte der Auerhahn, der größte +und gebieterischste von diesen fünf: >Was da vor uns liegt, sind sehr große +Länderstrecken. Wenn wir zusammen reisen, dauert es überaus lange, bis wir +über das ganze Gebiet, das wir untersuchen sollen, hingeflogen sind. Fliegt +aber jeder von uns für sich allein und untersucht seinen Teil des Landes, +dann kann unsre ganze Aufgabe in ein paar Tagen vollendet sein.< + +Die vier andern Kundschafter waren mit diesem Vorschlag einverstanden und +richteten sich danach. Sie einigten sich dahin, daß der Auerhahn den +mittelsten Teil des Landes untersuchen sollte; die Lerche sollte eine +Strecke östlicher fliegen, die Fischmöwe noch weiter gegen Osten, da wo das +Land ins Meer abfällt; die Lumme übernahm es, weiter westlich zu fliegen +als der Auerhahn, und der Schneesperling sollte am weitesten westlich, ganz +an der Landesgrenze hinfliegen. + +In dieser Ordnung flogen die fünf Vögel gen Norden, so weit als das +Festland reichte. Dann drehten sie um und kehrten wieder heim und erzählten +den versammelten Vögeln, was sie gesehen hatten. + +Die Fischmöwe, die dem Meeresufer entlang geflogen war, ergriff zuerst das +Wort. + +[Illustration] + +>Da droben im Norden ist ein gutes Land,< sagte sie. >Es besteht aus einer +einzigen Reihe von Schären; überall sind fischreiche Sunde und bewaldete +Landzungen und Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind, und die +Seevögel finden dort überall ausgezeichnete Brutplätze. Die Menschen +treiben ein wenig Fischfang und Seefahrt in den Sunden, aber nicht so viel, +daß es uns Vögel stören könnte. Wenn die Seevögel meinem Rat folgen, dann +ziehen sie sogleich gen Norden.< + +Nach der Fischmöwe begann die Lerche, die das Land innerhalb der Küste +untersucht hatte. + +[Illustration] + +>Ich verstehe nicht, was die Möwe da von Landzungen und Inseln behauptet,< +sagte sie. >Ich habe nichts weiter gesehen als große Felder und +wunderschöne blühende Wiesen. In meinem ganzen Leben hab ich noch nie ein +Land gesehen, das von so vielen großen Flüssen durchschnitten gewesen wäre; +es war eine wahre Freude, zu sehen, wie diese Ströme mit ihren gewaltigen +Wassermassen so ruhig und gleichmäßig durch die Ebene hinzogen. An den +Ufern liegen die Bauernhöfe so dicht wie die Häuser an einer Straße, und an +den Flußmündungen sind Städte, sonst aber ist das Land sehr einsam und nur +spärlich bewohnt. Wenn die Vögel der Ebene meinem Rat folgen, ziehen sie +sogleich nordwärts.< + +Nach der Lerche kam der Auerhahn an die Reihe, der in der Mitte des Landes +geflogen war. + +[Illustration] + +>Ich begreife weder, was die Lerche mit ihren Wiesen, noch was die +Fischmöwe mit ihren Schären will,< sagte er. >Ich habe auf der ganzen Reise +nichts andres gesehen als Tannen- und Fichtenwälder, eine Menge großer +Moore und viele rauschende, brausende Flüsse; aber alles, was nicht Moor +oder Fluß war, war dunkler Wald, und ich habe keine Felder und keine +menschlichen Wohnungen gesehen. Wenn die Waldvögel meinem Rat folgen +wollen, ziehen sie sogleich nordwärts.< + +Nach dem Auerhahn berichtete die Lumme, die den Landstrich auf der andern +Seite der Wälder untersucht hatte. + +>Ich begreife nicht, wo die Lerche und die Fischmöwe ihre Augen gehabt +haben,< sagte die Lumme. >Es ist ja fast gar kein Erdreich da droben. +Nichts als große Seen. Zwischen schönen Ufern blinken dunkelblaue Bergseen, +die sich da und dort zu brausenden Wasserfällen erweitern. An einigen +dieser Seen habe ich Kirchen und Dörfer gesehen, aber andre lagen ganz +einsam und friedlich da. Wenn die Süßwasservögel meinem Rat folgen, dann +ziehen sie sogleich nordwärts.< + +[Illustration] + +Zum Schluß gab der Schneesperling, der an der Landesgrenze hingeflogen war, +seine Meinung preis. + +>Ich begreife nicht, was die Lumme mit ihren Seen will, und es ist mir auch +ganz unverständlich, was der Auerhahn, die Lerche und die Fischmöwe für ein +Land gesehen haben wollen,< sagte er. >Ich habe da droben im Norden ein +großes Gebirgsland gefunden. Nirgends traf ich Ebenen und ebensowenig große +Wälder, dagegen Berggipfel um Berggipfel, Felsengegend an Felsengegend. Und +ich habe Eisfelder und Schnee gesehen, sowie Gebirgsbäche, deren Wasser +milchweiß waren. Keine Felder, keine Wiesen, so weit das Auge reichte, nur +große mit Weiden, Zwergbirken und Renntiermoos bedeckte Halden. Keine +Bauern, keine Haustiere, keine Höfe habe ich angetroffen, aber Lappen, +Renntiere und Lappenzelte. Wenn die Gebirgsvögel meinem Rate folgen, ziehen +sie sogleich nordwärts.< + +[Illustration] + +Nachdem die fünf Kundschafter also gesprochen hatten, schalten sie einander +und nannten sich gegenseitig Lügner, und sie waren schon im Begriff, +aufeinander loszufahren, um die Wahrheit ihrer Worte mit einem Kampfe +auszufechten. Aber die alten, klugen Vögel, die die Kundschafter +ausgeschickt und mit großer Freude vernommen hatten, was diese berichteten, +beruhigten die Kampflustigen. + +>Streitet euch nicht!< sagten sie. >Soviel haben wir aus euren Worten +vernommen, daß da droben im Norden ein gutes Gebirgsland und ein großes +Seenland und ein großes Waldland und ein großes ebenes Land und große +Schären sind. Das ist mehr, als wir erwartet hatten, ja, viele große +Königreiche können sich nicht rühmen, dies alles innerhalb ihrer Grenzen +zu besitzen.<« + +[Illustration] + + +Das wandernde Land + + Samstag, 18. Juni + +Jetzt, wo Nils Holgersson selbst über das Land hinflog, von dem der Lappe +erzählt hatte, fiel ihm diese Geschichte wieder ein. Der Adler hatte ihm +gesagt, der flache Küstenstrich, der sich da unter ihnen ausbreitete, sei +Västerbotten, und die blauenden Höhen ganz draußen im Westen seien +Lappland. + +Ach, wie glücklich war Nils Holgersson, daß er jetzt nach all der Angst, +die er während des Waldbrandes ausgestanden hatte, wohlbehalten wieder auf +Gorgos Rücken saß! Dieses Gefühl war an und für sich schon beglückend, aber +die Reise selbst war jetzt auch wunderbar schön. Am Morgen war der Wind aus +Norden gekommen, jetzt hatte er sich gewendet, die Reisenden hatten ihn im +Rücken, und deshalb spürten sie ihn gar nicht. Da auch der Adler ganz +gleichmäßig flog, glaubte der Junge bisweilen, dieser stehe ganz still, und +er schlage nur immerfort mit den Flügeln, ohne vom Flecke zu kommen. Statt +dessen aber schien unter ihm alles in Bewegung zu sein. Der ganze Erdboden +und alles, was darauf war, glitt langsam südwärts. Wälder, Häuser, Wiesen, +Zäune, Flüsse, Ortschaften, Schäreninseln, Sägewerke, alles war auf der +Wanderschaft! Der Junge überlegte, wohin alle miteinander nur wollten? +Waren sie es müde geworden, so lange da droben im Norden zu stehen, und +wollten sie nun südwärts ziehen? + +Zwischen allem diesem, das sich bewegte und gen Süden wanderte, stand nur +eins still, nämlich ein Eisenbahnzug. Er hielt gerade unter den beiden, die +da droben durch die Lüfte flogen, und es ging dem Zuge genau wie Gorgo: er +konnte nicht vom Flecke kommen. Die Lokomotive spie Rauch und Funken aus, +der Junge konnte bis zu sich herauf hören, daß die Räder laut auf den +Schienen rasselten, aber der Zug selbst bewegte sich nicht. Die Wälder +glitten an ihm vorüber, die Bahnwärterhäuschen glitten vorüber, die +Schlagbäume und die Telegraphenstangen glitten vorüber, aber der Zug stand +still. Ein breiter Fluß mit einer langen Brücke über sich floß ihm +entgegen; aber der Fluß und die Brücke glitten ohne jegliche Schwierigkeit +unter dem Zuge durch. Schließlich kam ein Bahnhof dahergelaufen. Der +Stationsvorsteher stand mit seiner roten Fahne in der Hand auf dem +Bahnsteig und glitt langsam zu dem Zuge hin. Als er seine Fahne schwang, +stieß die Lokomotive noch schwärzere Rauchwirbel heraus als vorher und +pfiff jämmerlich, wie wenn sie sich darüber beklagte, daß sie nicht +vorwärts kommen könne. Aber in demselben Augenblick setzte sich der Zug in +Bewegung und, gerade wie der Bahnhof und alles andre, glitt jetzt auch er +südwärts dahin. Der Junge sah, wie die Wagentüren aufgemacht wurden und die +Reisenden ausstiegen, während doch alle beide, die Reisenden mitsamt dem +Zuge, sich in südlicher Richtung weiter bewegten. Aber jetzt wendete Nils +Holgersson seine Blicke von der Erde ab und versuchte geradeaus zu schauen. +Der Anblick dieses wunderbaren Eisenbahnzuges hatte ihn ordentlich +schwindlig gemacht. + +Doch nachdem er eine Weile eine kleine weiße Wolke angestarrt hatte, wurde +ihm diese Unterhaltung langweilig, und er schaute wieder hinunter. Immer +noch war es, als halte sich der Adler ganz ruhig in den Lüften, während +alles andre südwärts davon eilte. Als nun der Junge so auf dem Rücken des +Adlers saß und sich mit nichts anderm unterhalten konnte als mit seinen +eignen Gedanken, machte es ihm Spaß, sich auszudenken, wie es wäre, wenn +ganz Västerbotten in Bewegung käme und gen Süden zöge. Ei der Tausend, wenn +nun der Acker dort, der da unter ihm hinglitt -- er war wohl eben erst +eingesät, denn nirgends war ein grünes Hälmchen zu sehen -- hinunter auf +die Südebene in Schonen fahren würde, wo der Roggen um diese Zeit schon +Ähren trug! + +Die Nadelwälder hatten sich da oben verändert. Die Bäume standen weit +auseinander, mit kurzen Zweigen und fast schwarzen Nadeln. Viele Bäume +hatten verdorrte Wipfel und sahen krank aus. Die Erde unter ihnen war mit +alten Stämmen bedeckt, die wegzuschaffen niemand sich die Mühe gegeben +hatte. Wie, wenn nun so ein Wald so weit hinunterkäme, daß er den Kolmården +sehen könnte? Wie ärmlich müßte er sich dann vorkommen! + +Und der Garten, den er jetzt gerade unter sich sah! Es waren schöne Bäume +darin, aber weder Obstbäume, noch edle Linden oder Kastanien, nur +Vogelbeeren und Birken. Es war auch schönes Gebüsch darin, aber kein +Goldregen und Flieder, nur Faulkirschen und Holunder. Auch Gemüsebeete sah +der Junge, aber die waren bis jetzt weder umgegraben noch angepflanzt. Wie, +wenn nun so ein Gütchen an einem Herrschaftsgarten in Sörmland angefahren +käme? Da würde es sich selbst gewiß nur für eine Einöde halten! + +Oder diese Wiese dort, die mit so vielen kleinen grauen Scheunen bedeckt +war, daß man hätte meinen können, die Hälfte des Bodens sei zu Bauplätzen +verwendet worden! Wenn sie hinunterzöge nach der Ostgötaebene, würden die +Bauern da drunten wahrlich große Augen machen! + +Aber wenn das große Moorland, das jetzt unter ihm lag und ganz mit Fichten +bestanden war, die aber nicht wie in gewöhnlichen Wäldern aufrecht und +gerade wuchsen, sondern sich mit buschigen Zweigen und üppigen Kronen in +hübschen Gruppen auf dem schönsten Teppich von Renntiermoos aufgestellt +hatten, wenn dieses Moorland den Weg hinunter nach Övedskloster einschlüge, +dann würde der prächtige Park dort einräumen müssen, daß nun seinesgleichen +gefunden sei. + +Wie, wenn die hölzerne Kirche dort unter ihm, mit den roten Holzschindeln +an den Wänden, mit dem bunt bemalten Glockenturm und einem ganzen Städtchen +von grauen Kirchenhütten um sich her, in denen die Familien, die weit her +kamen, übernachteten, an einer der großen fest gemauerten Kirchen auf der +Insel Gotland vorübergezogen käme? Die würden einander ordentlich etwas zu +erzählen haben! + +Aber der Stolz und die Ehre der ganzen Landschaft waren die gewaltigen +dunkeln Flüsse mit ihren prächtigen Tälern, diesen Tälern mit ihren vielen +Höfen, ihrer Menge Bauholz, ihren Sägewerken, ihren Dörfern und mit dem +großen Gewimmel von Dampfschiffen an den Mündungen! Wenn solch ein Fluß +sich weiter drunten im Land zeigen würde, dann würden alle Flüsse und Bäche +südlich vom Dalälf vor lauter Scham in die Erde versinken! + +Und wie, wenn so eine ungeheuer große Ebene, eine so gut gelegene, so +leicht zu bebauende Ebene vor die Augen der armen Smålandbauern +herangeglitten käme? Da würden sie von ihren kleinen Äckerchen und ihren +steinigen Wiesen daherlaufen und eifrig zu graben und zu bebauen anfangen! + +Und seht, an einem war diese Landschaft reicher als alle andern, nämlich an +Licht. Die Kraniche schliefen stehend auf den Mooren; die Nacht mußte +angebrochen sein, aber das Licht war nicht verschwunden. Die Sonne war +nicht südwärts gezogen wie alles andre. Dagegen war sie jetzt so weit +nördlich gewandert, daß sie dem Jungen mit geraden Strahlen ins Gesicht +schien. Und sie hatte es offenbar gar nicht im Sinne, hinter den Horizont +hinabzutauchen. Wie, wenn dieses Licht und diese Sonne in Westvemmenhög +scheinen würden? Das würde dem Häusler Holger Nilsson und seiner Frau +gefallen, ein Arbeitstag, der vierundzwanzig Stunden dauerte! + + +Der Traum + + Sonntag, 19. Juni + +Nils Holgersson hob den Kopf und schaute sich plötzlich hell wach um. Das +war doch merkwürdig! Hier lag er und hatte an einem Orte geschlafen, wo er +noch nie gewesen war. Nein, dieses Tal hier, in dem er lag, hatte er gewiß +noch nie gesehen, und ebensowenig die Berge, die es umgaben. Er erkannte +den runden See nicht, der mitten im Tale lag, und noch niemals hatte er so +ärmliche, verkrüppelte Birken gesehen wie die, unter denen er ruhte. + +Und wo war der Adler? Er konnte ihn nirgends entdecken. Gorgo mußte ihn +verlassen haben. Welch ein Abenteuer! + +Der Junge legte sich wieder auf den Boden nieder, schloß die Augen und +versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wie alles vor seinem +Einschlafen gewesen war. + +Er erinnerte sich, daß es ihm, während sie über Västerbotten hingeflogen +waren, die ganze Zeit gewesen war, als ob der Adler ganz ruhig in der Luft +droben auf ein und demselben Flecke verbliebe, während das Land unter ihnen +gen Süden zog. Aber dann hatte sich der Adler nordwestwärts gewandt, und in +demselben Augenblick hatte das Land drunten stillgestanden, und der Junge +hatte gefühlt, daß der Adler ihn mit Windeseile davontrug. + +»Jetzt fliegen wir nach Lappland hinein,« sagte Gorgo. Und sofort beugte +sich der Junge weit vor, um die Landschaft zu sehen, von der er so viel +gehört hatte. + +Aber er fühlte sich ziemlich enttäuscht, denn er sah nichts als große +Wälder und weite Moore. Nichts als Wald und Moor, Moor und Wald, bis ins +Unendliche. Die große Einförmigkeit machte ihn schließlich so schläfrig, +daß er beinahe hinuntergestürzt wäre. + +Da sagte er zu dem Adler, er könne nicht länger auf dessen Rücken sitzen +bleiben, er müsse durchaus ein wenig schlafen. Sofort ließ sich Gorgo ins +Tal hinuntersinken, und der Junge warf sich ins Moos; aber dann nahm ihn +Gorgo zwischen seine Klauen und schwang sich wieder mit ihm in die Luft +hinauf. + +»Schlaf du nur, Däumling!« rief er. »Mich hält der Sonnenschein wach, und +ich will die Reise fortsetzen.« + +Und obgleich der Junge sehr unbequem zwischen den Klauen des Adlers hing, +schlief er wirklich ein, und während er schlief, hatte er einen Traum. + +Es war ihm, als sei er auf einer breiten Straße drunten im südlichen +Schweden, und als laufe er da so schnell vorwärts, wie seine kleinen Beine +ihn nur zu tragen vermochten. Er war jedoch nicht allein: eine Menge +Wanderer zog denselben Weg. Dicht neben ihm marschierten Roggenhalme mit +schweren Ähren an der Spitze, blaue Kornblumen und andre bunte Feldblumen; +die Apfelbäume keuchten unter der Last ihrer Früchte daher, hinter ihnen +kamen die Bohnen und Erbsen mit vollen Bälgen, große Büsche Wucherblumen +und ein ganzes Buschwerk von Beerensträuchern. Große Laubholzbäume, Buchen, +Eichen und Linden schritten in aller Ruhe in der Mitte der Straße; stolz +rauschten ihre Kronen, und sie gingen niemand aus dem Wege. Die kleinen +Pflanzen liefen dem Jungen zwischen den Beinen durch: Erdbeerstöcke, +Anemonen, Löwenzahn, Klee und Vergißmeinnicht. Zuerst meinte der Junge, es +seien lauter Pflanzen, die auf dem Wege dahinzogen, aber bald entdeckte er, +daß auch Tiere und Menschen dazwischen waren. Die Insekten summten zwischen +den vorwärtsstrebenden Pflanzen, in den Gräben schwammen Fische, auf den +dahinwandernden Bäumen sangen die Vögel, zahme und wilde Tiere liefen um +die Wette mit; und mitten zwischen all diesem Gewimmel wanderten Menschen +daher, die einen trugen Spaten und Sensen, andre Äxte, wieder andre Flinten +und einige Fischgeräte. + +Der Zug wanderte fröhlich und lustig dahin, und das verwunderte den Jungen +gar nicht, als er sah, wer ihn führte. Denn das war niemand geringeres als +die Sonne selbst. Diese rollte auf der Straße vor ihnen her wie ein großes +glänzendes Haupt, von vielfarbig strahlendem Haar umgeben und mit einem +Gesicht, das vor Frohsinn und Güte leuchtete. + +»Vorwärts!« rief sie ununterbrochen. »Niemand braucht sich zu fürchten, +wenn ich dabei bin. Vorwärts! Vorwärts!« + +»Ich möchte wohl wissen, wohin die Sonne uns zu führen gedenkt?« sagte der +Junge vor sich hin. + +Die Roggenhalme, die neben ihm gingen, hörten, was der Junge sagte, und +entgegneten sogleich: »Sie will uns nach Lappland hinaufführen, und dort +sollen wir gegen den großen Versteinerer kämpfen.« + +Nils Holgersson sah bald, daß allmählich mehrere von den Fußgängern +bedenklich wurden; sie gingen langsamer und blieben schließlich zurück. Er +sah, wie die großen Buchen anhielten; die Rehe und der Weizen blieben am +Grabenrand stehen, und ebenso die Brombeerbüsche, die großen gelben +Dotterblumen, die Kastanienbäume und die Rebhühner. + +Er schaute zurück, um zu ergründen, warum so viele zurückblieben. Da +entdeckte er, daß er sich nicht mehr in dem südlichen Schweden befand; die +Reise war über die Maßen rasch vor sich gegangen, sie befanden sich jetzt +schon im Svealand. + +Hier oben ging die Eiche mit immer langsameren Schritten. Sie blieb ein +wenig stehen, machte noch einige zögernde Schritte und hielt dann ganz an. + +»Warum geht die Eiche nicht mehr mit?« fragte der Junge. + +»Sie hat Angst vor dem großen Versteinerer,« sagte eine helle, grüne junge +Birke, die so froh und wohlgemut vorwärts schritt, daß es eine wahre Lust +war. + +Obgleich nun schon viele zurückgeblieben waren, wanderte doch noch eine +große Schar mit frischem Mute weiter. Und das Sonnenhaupt rollte die ganze +Zeit vor ihnen her und rief: »Vorwärts! Vorwärts! Niemand braucht Angst zu +haben, solange ich dabei bin!« + +Der Zug setzte seine Reise mit derselben Hast fort. Bald war er droben in +Norrland; aber jetzt half alles nichts mehr, soviel auch die Sonne bat und +flehte. Der Apfelbaum blieb stehen, der Kirschbaum blieb stehen und die +Haferfrucht blieb stehen. Der Junge wendete sich an die Zurückbleibenden. + +»Warum wollt ihr nicht mehr mit? Warum verlasset ihr die Sonne?« fragte er. + +»Wir wagen es nicht. Wir haben Angst vor dem großen Versteinerer, der +droben in Lappland wohnt,« antworteten sie. + +Der Junge schloß daraus, daß sie jetzt sehr hoch hinauf nach Lappland +gekommen sein müßten, und hier wurde die Schar auch immer dünner. Der +Roggen und die Gerste, die Erdbeerstöcke und die Heidelbeerbüsche, die +Erbsenranken, die Johannisbeersträucher waren alle bis hierher mitgegangen; +das Elentier und die Kuh waren Seite an Seite gewandert; aber jetzt blieben +alle diese zurück. Die Menschen gingen noch eine Strecke weiter mit, aber +dann hielten auch sie an. Die Sonne wäre jetzt beinahe ganz verlassen +gewesen, wenn nicht neue Reisegenossen dazu gekommen wären. Weidenbüsche +und eine Menge anderes Strauchwerk schlossen sich dem Zuge an, desgleichen +auch Lappen und Renntiere, Bergeulen und Blaufüchse und Schneehühner. + +Jetzt hörte der Junge, daß ihnen etwas entgegenkam. Eine Menge Bäche und +Flüsse, die mit gewaltigem Rauschen und Brausen daherschäumten. + +»Warum haben sie es denn so eilig?« fragte der Junge. + +»Sie fliehen vor dem großen Versteinerer, der droben auf dem Gebirge +wohnt,« antwortete ein Schneehuhn. + +Ganz plötzlich sah Nils Holgersson, daß gerade vor ihnen eine hohe, dunkle, +mit Zinnen gekrönte Mauer aufragte. Bei dem Anblick dieser Mauer schienen +alle zurückzuweichen; aber die Sonne wendete rasch ihr strahlendes Gesicht +der Mauer zu und goß ihr Licht darüber aus. Und siehe da! keine Mauer stand +ihnen im Wege, nur lauter wunderschöne Berge, die sich einer hinter dem +andern auftürmten. Die Gipfel leuchteten glänzend im Sonnenschein, und die +Abhänge schimmerten hellblau mit goldenen Streifen dazwischen. + +»Vorwärts! Vorwärts! Es ist keine Gefahr, so lange ich dabei bin!« rief die +Sonne; und schon rollte sie an den steilen Bergwänden hinauf. + +Aber auf diesem Wege den Berg hinauf wurde die Sonne von der tapfern jungen +Birke, der starken Fichte und der wetterfesten Tanne verlassen. Hier +verließen sie auch das Renntier, die Lappen und das Weidengebüsch. Und +schließlich, als die Sonne den Gipfel des Berges erreicht hatte, war keiner +mehr bei ihr als der kleine Nils Holgersson. + +Die Sonne rollte in eine Schlucht hinein, wo die Wände mit Eis bedeckt +waren, und Nils Holgersson wollte ihr in die Schlucht hinein folgen; aber +er kam nicht weiter als bis an den Eingang, denn plötzlich sah er etwas +Entsetzliches. Ganz drinnen in der Schlucht saß ein alter Troll mit einem +Körper aus Eis, mit Haar aus Eiszapfen und einem Mantel aus Schnee. Vor +dem Troll lagen mehrere schwarze Wölfe, die, sobald die Sonne sich zeigte, +aufstanden und den Rachen weit aufsperrten. Da drang aus dem einen +Wolfsrachen bittere Kälte, aus dem zweiten ein beißender Nordwind und aus +dem dritten schwarze Finsternis heraus. + +»Da haben wir wohl den großen Versteinerer und sein Gefolge,« dachte der +Junge. Er war sich ganz klar darüber, daß er am besten täte, wenn er sich +auf und davon machte; aber er war zu neugierig, zu sehen, wie die Begegnung +zwischen der Sonne und dem Troll ablaufen würde, und so blieb er stehen. + +[Illustration] + +Der Troll rührte sich nicht; mit seinem schauderhaften Eisgesicht starrte +er der Sonne entgegen, und die Sonne stand auch ganz still und lachte und +strahlte ihn nur immerfort an. So verging eine Weile, und der Junge meinte +zu hören, daß der Troll zu seufzen und zu wimmern beginne. Der Schneemantel +glitt von seiner Schulter herab, und die drei fürchterlichen Wölfe heulten +nicht mehr so laut. + +Doch da rief die Sonne auf einmal: »Jetzt ist meine Zeit vorbei!« und +rollte rückwärts zu der Schlucht hinaus. + +Da ließ der Troll seine drei Wölfe los, und plötzlich kamen der Nordwind, +die Kälte und die Finsternis aus der Schlucht herausgefahren und jagten +hinter der Sonne her. »Weg mit ihr! Jagt sie fort!« schrie der Troll. »Jagt +sie so weit fort, daß sie nie wieder kommen kann! Zeigt ihr, daß Lappland +mir gehört!« + +Als aber Nils Holgersson hörte, daß die Sonne aus Lappland verjagt werden +sollte, entsetzte er sich über die Maßen. Mit einem lauten Schrei fuhr er +auf und erwachte -- -- + +Als er ein wenig zu sich gekommen war, sah er, daß er in einem großen, von +Bergen umschlossenen Felsental lag. Aber wo war Gorgo? Und wie sollte er +erfahren, wo er sich befand? + +Er richtete sich auf und schaute sich um. Da fiel sein Blick auf ein +sonderbares Gebäude aus Fichtenzweigen, das auf einem Felsenabsatz stand. +»Das ist gerade so ein Adlernest, wie Gorgo ...« + +Nils Holgersson dachte den Gedanken nicht zu Ende. Statt dessen riß er die +Mütze vom Kopfe, schwang sie lustig und schrie: »Hurra!« Er hatte erraten, +wohin Gorgo ihn gebracht hatte! Hier war das Tal, wo oben auf dem +Felsenabsatz die Adler und unten im Tal die Wildgänse wohnten. Er war am +Ziel! Im nächsten Augenblick würde er wieder mit dem Gänserich Martin, mit +Akka und allen Reisekameraden vereinigt sein! + + +Am Ziel + +Der Junge ging ganz leise umher und suchte nach seinen Freunden. Ringsum im +Tale war es überall ganz still. Die Sonne war noch nicht über die Felswände +heraufgestiegen; es mußte also noch sehr früh am Tage sein, und die +Wildgänse waren auch noch nicht aufgewacht. Der Junge hatte kaum einige +Schritte gemacht, als er lächelnd stehen blieb, weil er etwas gar so +Schönes sah. Dort im Grase lag eine Wildgans auf einem kleinen Neste, und +neben ihr stand der Gänserich. Er schlief zwar auch, aber man sah wohl, er +hatte sich so nahe dabei aufgestellt, um bei jeder Gefahr zur Hand zu sein. + +Ohne die beiden zu stören, wanderte der Junge weiter und lugte zwischen die +kleinen Weidenbüsche hinein, die überall wuchsen. Es dauerte auch nicht +lange, da entdeckte er wieder ein Gänsepaar. Diese gehörten nicht zu seiner +Schar; es waren Fremde, aber der Junge freute sich doch sehr über sie. Und +plötzlich summte er ein fröhliches Liedchen vor sich hin, nur weil er mit +ihnen zusammengetroffen war. + +Jetzt schaute er wieder in ein Gebüsch hinein, und da entdeckte er endlich +ein Paar, das er kannte. Das war ganz bestimmt Neljä, die da auf ihren +Eiern lag, und der danebenstehende Gänserich war Kolme. Ja, ja, so war es! +Eine Täuschung war ausgeschlossen! + +Er hatte die größte Lust, die beiden zu wecken, unterließ es dann aber doch +und ging weiter. + +Im nächsten Strauchwerk sah er Viisi und Kuusi, und nicht weit davon fand +er Yksi und Kaksi. Alle vier schliefen, und der Junge ging vorüber, ohne +sie zu stören. + +Als er in die Nähe des nächsten Gebüsches kam, glaubte er zwischen den +Zweigen etwas Weißes hervorschimmern zu sehen, und sogleich begann sein +Herz vor lauter Freude laut und rasch zu klopfen. Ja, es war, wie er +erwartet hatte! Da drinnen lag Daunenfein, noch eben so niedlich wie +früher, auf ihren Eiern, und neben ihr stand der weiße Gänserich. Der Junge +meinte, man könne ihm sogar im Schlafe ansehen, wie stolz er darauf war, da +oben in den lappländischen Bergen bei seiner Frau Wache stehen zu dürfen. + +Aber der Junge wollte auch den weißen Gänserich nicht wecken, leise ging er +weiter wie bisher. + +Er mußte ziemlich lange suchen, bis er auf weitere Wildgänse stieß. Aber da +entdeckte er auf einem kleinen Hügel etwas, das einem grauen Erdhaufen +glich. Und als er am Fuß des Hügels angekommen war, war der Erdhaufen +nichts andres als Akka von Kebnekajse, die ganz hell wach da droben stand +und sich umschaute, als bewache sie das ganze Tal. + +»Guten Tag, Mutter Akka!« sagte der Junge. »Wie schön, daß Ihr wach seid! +Wollt Ihr jetzt nicht noch ein wenig warten, ehe Ihr die andern weckt? Ich +möchte gar zu gerne ein wenig allein mit Euch sprechen.« + +Die alte Anführergans stürzte den Hügel herunter und auf den Jungen zu. +Zuerst packte sie ihn und schüttelte ihn, dann strich sie ihm mit dem +Schnabel am ganzen Körper auf und ab, und dann schüttelte sie ihn noch +einmal. Aber sie sagte kein Wort, denn er hatte sie ja gebeten, die andern +nicht zu wecken. + +Der Däumling küßte die alte Mutter Akka auf beide Wangen, und dann fing er +an zu erzählen, wie er nach Skansen gebracht und dort gefangen gehalten +worden war. + +»Und nun kann ich Euch noch erzählen, daß Smirre, der Fuchs mit dem +abgebissenen Ohre, in dem Fuchsbau auf Skansen gefangen saß,« fuhr der +Junge fort, nachdem er seine Erlebnisse berichtet hatte. »Und obgleich er +sehr häßlich gegen uns gewesen ist, tat er mir doch herzlich leid. Es waren +noch viele andre Füchse in dem großen Fuchskäfig; diesen schien es indes +ganz wohl da zu sein, nur Smirre saß immer sehr betrübt da und sehnte sich +nach der Freiheit. Ich hatte mir nach und nach viele gute Freunde da droben +erworben, und eines Tages hörte ich von dem Lappenhund, es sei ein Mann +nach Skansen gekommen, der Füchse kaufen wolle. Er sei von einer weit +draußen im Meere liegenden Insel. Auf dieser Insel seien alle Füchse +ausgerottet worden, infolgedessen aber könne man sich jetzt dort der Ratten +nicht mehr erwehren, und deshalb wolle man wieder Füchse einführen. + +Sobald ich das erfahren hatte, ging ich nach dem Fuchskäfig und sagte: +>Smirre, morgen kommen Leute hierher, die einige Füchse kaufen wollen. +Versteck dich also nicht, sondern bleibe hier draußen und sorge dafür, daß +du gefangen wirst, dann erhältst du deine Freiheit wieder.< Er ist dann +meinem Rat gefolgt, und nun läuft er wohl auf jener Insel frei umher. Was +sagt Ihr dazu, Mutter Akka? War das eine Tat nach Eurem Sinne?« + +»Wenn ich es selbst gewesen wäre, hätte ich es nicht besser machen können,« +antwortete Akka. + +»Es freut mich, daß Ihr damit einverstanden seid,« sagte der Junge. »Nun +aber möchte ich Euch noch etwas andres fragen. Eines Tages sah ich, daß der +Adler Gorgo, der damals mit dem Gänserich Martin kämpfte, als Gefangener +nach Skansen gebracht und da in den Adlerkäfig gesetzt wurde. Er sah gar +elend und traurig aus, und manchmal war es mir, als müßte ich in das +Stahldrahtnetz über seinem Kopf ein Loch feilen, damit er herausfliegen +könnte. Aber dann dachte ich wieder: Nein, nein, denn er ist ja ein +gefährlicher Räuber und Vogelfresser! Ich wußte nicht, ob es recht wäre, +einen solchen Missetäter herauszulassen, und so dachte ich, es sei +vielleicht doch am besten, wenn er bliebe, wo er war. Was sagt Ihr dazu, +Mutter Akka? War das richtig gedacht?« + +»Nein, das war gar nicht richtig gedacht,« sagte Akka. »Man kann über die +Adler denken, wie man will; aber sie sind stolzer und freiheitsliebender +als andre Tiere, und es ist sehr unrecht, wenn sie in Gefangenschaft +gehalten werden. Weißt du, was ich dir vorschlagen möchte? Sobald du +ausgeruht hast, reisen wir beide hinunter zu dem großen Vogelgefängnis und +befreien Gorgo.« + +»Diese Worte habe ich von Euch erwartet, Mutter Akka,« sagte der Junge. »Es +gibt welche, die sagen, Ihr hättet keine Liebe mehr für den, den Ihr mit so +großer Mühe aufgezogen habt, weil er so lebt, wie ein Adler seiner Natur +nach leben muß. Aber eben jetzt hab ich gehört, daß es nicht so ist. Nun +will ich nachsehen, ob der Gänserich Martin noch nicht erwacht ist, und +wenn Ihr indessen dem ein Wort des Dankes sagen wollt, der mich zu Euch +zurückgebracht hat, dann trefft Ihr ihn wahrscheinlich droben auf dem +Felsenabsatz, wo Ihr einstmals ein hilfloses Adlerjunges gefunden habt.« + +[Illustration] + + + + +44 + +Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats + +Die Krankheit + + +In dem Jahre, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, wurde viel +von zwei Kindern gesprochen, die durch das Land wanderten. Sie waren von +Småland aus dem Bezirke Sunnerbo, und sie hatten einst mit ihren Eltern in +einem Häuschen draußen auf der großen Ljungheide gewohnt. Als die Kinder +noch ganz klein waren, klopfte eines Abends eine arme Frau bei den Leuten +an und bat um ein Obdach. Obgleich die Hütte knapp Raum für die eigenen +Bewohner hatte, wurde die arme Frau doch eingelassen, und die Mutter machte +ihr ein Lager auf dem Boden zurecht. Die ganze Nacht hindurch hustete das +arme Weib so fürchterlich, daß es den Kindern war, als sollte ihnen das +Haus über dem Kopfe einstürzen, und am Morgen war sie so krank, daß sie +nicht mehr weiter konnte. + +Der Mann und die Frau waren so gut gegen sie wie nur möglich. Sie ließen +sie in ihrem eigenen Bette liegen und schliefen selbst auf dem Fußboden, +und der Mann ging zum Doktor und holte Tropfen für sie. Während der ersten +Tage war die Frau auch wie gar nicht recht bei sich gewesen, sie hatte nur +immerfort gefordert und verlangt, aber nie ein Wort des Dankes gesagt; +allmählich jedoch wurde sie milder, sie taute auf und wurde demütig und +dankbar. Schließlich bat sie nur immer, man möge sie vors Haus und auf die +Heide hinaustragen, damit sie da draußen sterbe. Und als die Leute ihr +Begehren nicht erfüllen wollten, erzählte sie ihnen, sie sei in den letzten +Jahren mit einer Schar Zigeuner umhergezogen, obgleich sie nicht von +Zigeunern abstamme; sie sei die Tochter eines Hofbauern, aber von Hause +davongelaufen und dann bei den Zigeunern geblieben. Und jetzt glaube sie, +eine Zigeunerin, die einen Haß auf sie gehabt habe, die habe ihr die +Krankheit angewünscht. Aber nicht genug damit, das Zigeunerweib habe ihr +auch gedroht und gesagt, ebenso schlimm, wie es ihr selbst gehen werde, +solle es auch allen denen gehen, die sie unter ihrem Dach aufnähmen und gut +gegen sie seien. Und an diese Drohung glaube sie, sagte die Kranke, und +deshalb bitte sie so inständig, daß man sie zum Hause hinauswerfe und sich +gar nicht mehr um sie kümmere, denn über so gute Leute wolle sie kein +Unglück bringen. Aber die Eltern hatten nicht nach dem Willen der Kranken +getan. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, daß sie ein wenig Angst bekamen, +aber sie hatten eben doch nicht das Herz, so eine arme todkranke Frau vor +die Tür zu setzen. + +Bald darauf starb das Weib, und dann war das Unglück über die armen Leute +hereingebrochen. Früher hatte eitel Freude in ihrem Hause geherrscht; arm +waren sie allerdings immer gewesen, aber ganz verarmt waren sie doch nicht. +Der Vater verfertigte Webkämme, und die Mutter und die Kinder halfen bei +der Arbeit. Der Vater schnitzte die Kämme, die Mutter und die große +Schwester fügten sie zusammen. Die kleinern Kinder hobelten die Zapfen und +schnitzten sie zurecht. Die ganze Familie arbeitete vom Morgen bis zum +Abend; aber sie waren immer fröhlich und guter Dinge, besonders wenn der +Vater von der Zeit erzählte, wo er durch ferne Länder gewandert war und +Webkämme verkauft hatte. Der Vater hatte einen glücklichen Humor und +erzählte oft so lustig, daß die Mutter und alle Kinder sich beinahe krank +lachten. + +Die Zeit nach dem Tode der armen Frau stand vor den Kindern immer wie ein +böser Traum; sie wußten nicht mehr, ob sie kurz oder lang gewesen war, sie +erinnerten sich nur, daß daheim ein Begräbnis nach dem andern stattfand. +Ihre Geschwister starben und wurden zu Grabe getragen, eines nach dem +andern. Sie hatten zwar nicht mehr als vier Geschwister gehabt, aber den +Kindern kam es vor, als seien es viel mehr gewesen. Schließlich war es +außerordentlich still und drückend daheim in ihrer Hütte geworden. Es war, +als fände jeden Tag ein Begräbnis statt. + +Die Mutter hielt den Mut einigermaßen aufrecht, aber der Vater wurde ein +ganz andrer Mensch. Er konnte nicht mehr arbeiten und auch nicht mehr +scherzen, sondern saß nur vom Morgen bis zum Abend da, den Kopf in den +Händen vergraben, und grübelte. + +Einmal -- es war nach dem dritten Begräbnis -- brach er in wilde +verzweifelte Reden aus, vor denen die Kinder Angst bekamen. »Nein, ich kann +es nicht begreifen, warum ein solches Unglück über uns hereingebrochen +ist!« rief er. »Wir haben doch nur eine gute Tat getan, als wir der Kranken +halfen. Ist denn das Böse in der Welt mächtiger als das Gute?« Die Mutter +hatte versucht, ihn mit vernünftigen Worten zu trösten; aber es gelang ihr +nicht, ihn so ruhig und ergeben zu machen, wie sie selbst war. + +Ein paar Tage später hatten sie den Vater verloren. Aber er war nicht +gestorben, sondern auf und davon gegangen. Ach, da war gerade die älteste +Schwester erkrankt, und diese war von jeher der Liebling des Vaters +gewesen! Als er dann sah, daß sie auch sterben mußte, entfloh er dem ganzen +Elend. Die Mutter sagte nur, es sei gewiß besser für den Vater, daß er +jetzt nicht da sei. Er wäre sonst am Ende noch verrückt geworden. Er grüble +sich ja von Sinn und Verstand, wenn er nur immerfort darüber nachgrübelte, +ob Gott es denn zulassen könne, daß ein böser Mensch so viel Unglück auf +Erden anrichte. + +Nachdem der Vater auf und davon gegangen war, wurden sie sehr arm. Im +Anfang hatte er ihnen noch Geld geschickt; aber dann war es ihm wohl selbst +schlecht gegangen, denn er schickte nichts mehr. Und an dem Tag, wo die +älteste Schwester begraben wurde, schloß die Mutter das Haus zu und verließ +mit den beiden letzten Kindern, die ihr noch geblieben waren, die Heimat. +Sie ging mit ihnen nach Schonen, weil sie hoffte, dort Arbeit auf den +Rübenfeldern zu bekommen, und sie erhielt auch eine Stellung in der +Zuckerfabrik zu Jordberga. Die Mutter war eine tüchtige Arbeiterin und +hatte ein fröhliches, offenes Wesen. Jedermann hatte sie gern; viele +verwunderten sich, daß sie nach allem, was sie durchgemacht hatte, noch so +ruhig sein könnte; aber sie hatte ein starkes, geduldiges Herz. Wenn jemand +die beiden prächtigen Kinder lobte, erwiderte sie nur: »Sie werden auch +bald sterben.« Und dies sagte sie, ohne daß ihre Stimme zitterte und ohne +daß ihr die Tränen in die Augen traten. Sie hatte sich daran gewöhnt, +nichts andres mehr zu erwarten. + +Aber es kam nicht so, wie sie erwartete. Statt dessen wurde sie selbst +krank. Es ging rasch zu Ende mit ihr, noch rascher als mit den kleinen +Geschwistern. Im Anfang des Sommers war sie nach Schonen gezogen; und als +der Herbst kam, waren die Kinder allein. + +Während die Mutter krank lag, sagte sie immer wieder zu ihren Kindern, sie +habe nie bereut, daß sie die arme Frau damals bei sich aufgenommen hätten, +und das sollten sie niemals vergessen. Denn wenn man recht gehandelt habe, +dann sei das Sterben nicht schwer. Alle Menschen müßten sterben, dem Tode +könne keiner entrinnen; das aber habe man selbst in der Hand, ob man mit +einem guten oder einem schlechten Gewissen sterben müsse. + +Ehe die Mutter starb, suchte sie noch einigermaßen für die Kinder zu +sorgen. Sie bat die Leute, bei denen sie wohnte, sie möchten die Kinder +doch in der Kammer, wo sie alle drei zusammen gewohnt hätten, auch ferner +verbleiben lassen. Wenn die Kinder nur einen Aufenthaltsort hätten, würden +sie niemand zur Last fallen; sie könnten sich selbst versorgen, das wisse +sie. Die Kinder durften dann wirklich die Kammer behalten; sie mußten aber +dafür die Gänse hüten, denn für diese Arbeit findet man nur schwer die +richtigen Kinder. Es ging dann wirklich, wie die Mutter gesagt hatte: die +beiden Kinder sorgten selbst für ihren Unterhalt. Das kleine Mädchen konnte +Hustenzucker kochen, und der Junge konnte aus Holz allerlei Spielzeug +verfertigen, das er ringsum auf den Höfen verkaufte. Die Kinder hatten +Handelstalent, und nach einiger Zeit fingen sie an, bei den Bauern Eier und +Butter aufzukaufen, die sie dann wieder an die Arbeiter der Zuckerfabrik +verkauften. Sie waren sehr ordentlich und pünktlich, und man konnte ihnen +alles anvertrauen, was es auch immer sein mochte. Das Mädchen war das +ältere von den beiden, und mit dreizehn Jahren war sie schon so zuverlässig +wie ein Erwachsenes. Sie war still und ernst, aber der Junge war redselig +und lustig, und die Schwester sagte immer von ihm, er schnattere mit den +Gänsen auf der Wiese um die Wette. + +Als die Kinder zwei Jahre auf Jordberga gewohnt hatten, wurde eines Abends +in der Schule ein Vortrag gehalten. Der Vortrag war zwar eigentlich nur für +Erwachsene bestimmt, aber die beiden småländischen Kinder saßen auch unter +den Zuhörern; die Kinder selbst rechneten sich gar nicht zu den Kindern, ja +die Erwachsenen taten es kaum. Der Redner sprach von jener traurigen +Krankheit, der Tuberkulose, die jedes Jahr so viele Menschen in Schweden +zum Opfer fordere. Er sprach sehr klar und leicht verständlich, und die +Kinder verstanden jedes Wort. + +Nach dem Vortrag blieben sie vor der Schule stehen und warteten. Als der +Redner aus dem Hause trat, faßten sie einander bei der Hand, schritten +feierlich auf ihn zu und fragten ihn, ob sie etwas mit ihm besprechen +dürften. + +Der Redner schaute wohl ein wenig verwundert drein, als er diese beiden +Kinder sah, die da vor ihm standen mit ihren runden, rosigen +Kindergesichtern und mit einem Ernst sprachen, der dreimal so alten Leuten +angestanden hätte; aber er hörte sie doch sehr freundlich an. + +Die Kinder erzählten, was sie daheim erlebt hatten, und fragten dann den +Redner, ob er glaube, daß ihre Geschwister und die Mutter an der Krankheit +gestorben seien, die er eben in seinem Vortrag beschrieben habe. Ja, das +sei sehr wahrscheinlich, antwortete der Redner. Es könnte wohl kaum eine +andere Krankheit gewesen sein. + +Die Kinder fragten weiter: Wie, wenn nun Vater und Mutter das, was die +beiden Kinder an diesem Abend erfahren hatten, damals schon gewußt und sich +in acht genommen hätten, wenn sie die Kleider der Kranken verbrannt und +auch das Bett nicht mehr benutzt hätten, -- wären dann vielleicht alle die +noch am Leben, um die sie jetzt trauern müßten? + +Der Redner antwortete, das könne niemand ganz bestimmt sagen, aber er könne +sich wohl denken, daß keines von ihren eigenen Angehörigen hätte zu sterben +brauchen, wenn sie es verstanden hätten, sich vor der Ansteckung zu hüten. + +Jetzt zögerten die Kinder ein wenig, ehe sie ihre nächste Frage +vorbrachten; aber sie rührten sich nicht von der Stelle, denn die Frage, +die sie jetzt beantwortet haben wollten, war die allerwichtigste. +Schließlich kam die Frage heraus: Ob es dann nicht wahr sei, daß die +Zigeunerin die Krankheit über sie herabbeschworen habe, weil sie der armen +Frau, auf die das Zigeunerweib seinen Haß geworfen hatte, geholfen hätten? +Ob es nicht ein Fluch gewesen sei, der sie getroffen habe? + +Nein, das sei durchaus nicht der Fall gewesen, erwiderte der Redner, das +könne er ihnen getrost versichern. Kein Mensch habe die Macht, auf solche +Weise eine Krankheit über einen andern zu bringen. Und sie wüßten ja, daß +sich die Krankheit im ganzen Lande in fast allen Häusern eingenistet habe, +obgleich sie nicht überall so viele weggerafft habe wie bei ihnen. + +Hierauf bedankten sich die Kinder und gingen miteinander nach Hause. + +Am nächsten Tage aber erschienen die Kinder bei ihrem Brotherrn und +kündigten ihre Stelle. Sie sagten, sie könnten in diesem Jahre die Gänse +nicht hüten, sie müßten wo anders hin. Ja, wohin sie denn wollten? fragte +er. Sie müßten ausziehen und ihren Vater suchen, lautete die Antwort, denn +sie müßten ihm sagen, daß die Mutter und die Geschwister an einer +gewöhnlichen Krankheit gestorben seien, und nicht an einem Fluche, den böse +Menschen auf sie herabbeschworen hätten. Sie seien selbst so froh darüber, +daß sie dies erfahren hätten; aber deshalb hielten sie es jetzt für ihre +Pflicht, es ihrem Vater mitzuteilen, denn er grüble gewiß noch bis zu +diesem Tage darüber nach. + +Zuerst begaben die Kinder sich in ihre alte Heimat auf der Heide bei +Sunnerbo, und als sie dort ankamen, stand zu ihrer großen Verwunderung das +Häuschen in hellen Flammen. + +Hierauf gingen sie ins Pfarrhaus, und da erfuhren sie, daß ein Mann, der +bei der Eisenbahn beschäftigt war, ihren Vater bei Malmberget hoch droben +in Lappland gesehen habe. + +Damals habe er in den Erzgruben gearbeitet, und er tue das vielleicht noch, +aber ganz sicher sei es nicht. Als der Pfarrer hörte, daß die Kinder +ausziehen wollten, ihren Vater zu suchen, holte er eine Landkarte herbei, +zeigte ihnen darauf, wie weit es nach Malmberget war, und riet ihnen von +der Reise ab. Aber die Kinder sagten, es sei durchaus notwendig, sie müßten +versuchen, ihren Vater zu finden. Er sei aus seiner Heimat geflohen, weil +er etwas geglaubt habe, was sich gar nicht so verhalten hätte, und nun +müßten sie ihm sagen, daß er sich getäuscht habe. + +Die Kinder hatten sich von ihrem Handel etwas Geld erspart; aber sie +wollten es lieber nicht für die Eisenbahn ausgeben, und so entschlossen sie +sich, zu Fuß zu gehen. Und sie bereuten es nachher ganz und gar nicht, denn +es war eine wunderbar schöne Fußreise. + +Noch ehe sie Småland hinter sich hatten, gingen sie eines Tages in einen +Bauernhof hinein, etwas zu essen zu kaufen. Die Hausfrau war fröhlich und +redselig, sie fragte die Kinder, wer sie seien und woher sie kämen, und die +Kinder erzählten ihr ihre ganze Geschichte. »Ach du lieber Gott! Ach du +lieber Gott!« rief die Frau ein Mal ums andere, während die Kinder +erzählten. Dann tischte sie ihnen viel Gutes zu essen auf, und sie durften +durchaus nichts dafür bezahlen. Als sie sich bedankten und zum Weitergehen +anschickten, fragte die Bäuerin, ob sie nicht im nächsten Dorfe bei ihrem +Bruder einkehren wollten, und sie sagte ihnen auch, wie er hieß und wo er +wohnte. Ja, das wollten die Kinder natürlich sehr gerne. + +»Ihr sollt ihn von mir grüßen und ihm erzählen, was ihr alles erlebt habt,« +trug ihnen die Bäuerin zuletzt noch auf. + +Die Kinder taten es, und der Bruder der Bäuerin nahm sie auch sehr +freundlich auf. Er fuhr sie auf einen Hof im nächsten Dorfe, und da wurde +ihnen auch eine gute Aufnahme zuteil. So oft sie nun von einem Hofe +weggingen, hieß es immer: »Wenn ihr da oder dorthin kommt, dann geht nur +hinein und erzählt, was ihr erlebt habt!« + +In den Höfen, wohin die Kinder gewiesen wurden, war immer irgend jemand +brustkrank. Und ohne daß sie es wußten, wanderten nun diese beiden Kinder +durchs Land und belehrten die Menschen darüber, welche gefährliche +Krankheit das war, die sich in den Heimstätten eingeschlichen hatte, und +wie sie am besten bekämpft werden könnte. + +In den alten Zeiten, wo die Pest, die der schwarze Tod genannt wurde, das +Land verheerte, sollen der Sage nach ein Junge und ein Mädchen von Hof zu +Hof gewandert sein. Der Junge trug eine Harke in der Hand, und wenn er vor +einem Hause anhielt und mit seiner Harke vor der Tür rechte, so bedeutete +das, daß darinnen viele, aber doch nicht alle sterben würden, denn die +Zähne einer Harke stehen weit voneinander ab und nehmen nicht alles mit. +Das Mädchen aber trug einen Besen in der Hand, und wenn sie vor einer Tür +kehrte, dann bedeutete es, daß alle, die darinnen wohnten, sterben müßten; +denn der Besen ist ein Gerät, das vollständig rein fegt. + +Ist es nun nicht merkwürdig, daß in unseren Tagen zwei Kinder einer +schweren und gefährlichen Krankheit wegen durchs Land ziehen mußten? Aber +diese Kinder schreckten die Leute nicht mit Harke und Besen, sie sagten im +Gegenteil: »Wir dürfen uns nicht daran genügen lassen, nur den Hof zu +rechen und den Boden zu scheuern. Wir müssen auch Schrubber und Bürste und +Seife gebrauchen. Vor unserer Tür soll rein gefegt sein, sowohl innerhalb +als außerhalb, und wir selbst sollen uns auch rein halten. Auf diese Weise +werden wir schließlich Herr über die Krankheit werden.« + + +Klein-Mats Begräbnis + +Klein-Mats war tot. Allen, die ihn noch vor ein paar Stunden frisch und +froh gesehen hatten, erschien es unglaublich; aber leider war es doch so. +Klein-Mats war tot und mußte begraben werden. + +Klein-Mats starb eines Morgens in aller Frühe, und außer seiner Schwester +Åsa war niemand beim Sterben anwesend. + +»Rufe niemand herbei,« sagte Klein-Mats, als es dem Ende zuging. Und die +Schwester tat nach seiner Bitte. »Ich bin so froh, daß ich nicht an der +Krankheit sterbe, Åsa,« sagte Klein-Mats. »Du nicht auch?« Und als die +Schwester nichts erwiderte, fuhr er fort: »Ich mache mir gar nichts aus dem +Sterben, wenn ich nur nicht auf dieselbe Weise sterben muß wie die Mutter +und unsere Geschwister. Wenn das geschehen wäre, hättest du den Vater wohl +kaum überzeugen können, daß die anderen nur von einer gewöhnlichen +Krankheit hinweggerafft worden sind; aber du wirst sehen, jetzt gelingt es +dir.« + +Als alles vorüber war, blieb Åsa noch lange neben dem toten Bruder sitzen +und dachte darüber nach, was der kleine Bruder während seines Lebens hatte +durchmachen müssen. Und dabei dachte sie, er habe in der Tat alles Unglück +und Ungemach mit dem Mut eines erwachsenen Menschen getragen. Seine letzten +Worte fielen ihr ein. Wie tapfer war er doch immer gewesen! Sie war sich +vollständig klar darüber, daß Klein-Mats, wenn er nun begraben wurde, mit +ganz denselben Ehren in die Erde versenkt werden müsse, wie ein erwachsener +Mensch. + +Sie unterschätzte zwar die Schwierigkeit, das durchzusetzen, durchaus +nicht; aber sie wünschte es eben von ganzem Herzen, und für Klein-Mats +wollte sie das Äußerste versuchen. + +Das Gänsemädchen Åsa befand sich um diese Zeit hoch droben in Lappland, bei +dem großen Grubenfeld, das Malmberget genannt wird. Es war merkwürdig, daß +sie sich gerade dort befand, aber es war vielleicht ganz gut so für sie. + +Klein-Mats und seine Schwester waren durch große endlose Wälder gewandert, +bis sie endlich hierher gelangt waren. Mehrere Tage lang hatten sie weder +Äcker noch Gehöfte gesehen, nichts als kleine Posthäuser, bis sie +schließlich ganz unvermutet an dem großen Friedhof von Gellivare angekommen +waren. + +Dieses Dorf lag mit seiner Kirche, seinem Bahnhof, mit Rathaus, Bank, +Apotheke und Gasthaus am Fuß eines hohen Berges, auf dem noch jetzt mitten +im Sommer helle Streifen Schnee schimmerten. Die Häuser in Gellivare waren +fast alle noch ganz neu und gut und ordentlich gebaut. Wenn die Kinder +nicht den Schnee auf den Bergen und die noch vollständig kahl dastehenden +Birken gesehen hätten, wäre ihnen Gellivare gar nicht wie ein hoch droben +in Lappland liegender Ort vorgekommen. Und doch war Gellivare noch nicht +der Ort, wo ihr Vater zu finden sein sollte, es war vielmehr Malmberget, +das noch eine Strecke weiter nördlich lag, und dort hätte es sicher nicht +so ordentlich ausgesehen wie hier in Gellivare. + +Das aber hatte folgenden Grund. Obgleich die Menschen schon lange gewußt +hatten, daß sich in der Nähe von Gellivare sehr viel Eisenerz fand, war +doch die Ausbeutung erst vor einigen Jahren richtig in Gang gekommen, +nachdem die Eisenbahn fertig geworden war. Dann aber strömten mehrere +tausend Menschen auf einmal hinauf, und es war auch Arbeit genug für sie +da, nur fehlte es an Häusern, und diese mußten sie sich nun, so gut es eben +ging, in aller Eile herstellen; die einen zimmerten sich aus unbehauenen +Balken Hütten zusammen, andere wohnten in Schuppen, die sie sich aus Kisten +und leeren Dynamitdosen bauten, die sie wie Backsteine aufeinander legten. +Jetzt waren allmählich ziemlich viele ordentliche Häuser entstanden, aber +der ganze Ort sah jedenfalls höchst merkwürdig aus. Da waren große Viertel +mit schönen, hellen Häusern, aber dazwischen stieß man plötzlich auf +ungerodeten Waldboden mit Baumstümpfen und Steinblöcken. Die Inspektoren +und Ingenieure hatten schöne große Wohnhäuser, und daneben waren niedrige +komische Baracken, die von der ersten Zeit her noch dastanden. Überdies gab +es Eisenbahnen, elektrisches Licht und große Maschinenhäuser. Durch einen +mit Glühlichtern erhellten Tunnel konnte man tief ins Gebirge hineinfahren; +überall herrschte ein gewaltiges Treiben, und ein mit Eisenerz +schwerbeladener Zug um den andern fuhr vom Bahnhof ab. Aber ringsumher lag +noch das große Ödland, wo noch kein Acker bestellt, noch kein Haus gebaut +wurde, wo niemand anders wohnte als Lappen, die mit ihren Renntieren +umherzogen. + +Jetzt saß Åsa bei der Leiche ihres Bruders und dachte daran, daß es im +Leben gerade so zugehe, wie hier an diesem Orte. Meistens ging es ja wohl +ordentlich und friedlich zu; aber sie hatte doch auch hier dies und jenes +gesehen, was wild und seltsam war, und sie hatte das Gefühl, daß es +vielleicht hier leichter anginge als an anderen Orten, etwas durchzusetzen, +was außerhalb des Gewöhnlichen lag. + +[Illustration] + +Sie dachte daran, wie es ihnen ergangen war, als sie nach Malmberget +gekommen und nach einem Arbeiter gefragt hatten, der Jon Assarsson heiße +und zusammengewachsene Augenbrauen habe. Diese zusammengewachsenen +Augenbrauen fielen einem bei dem Vater zuerst auf. Dadurch konnten sich die +Leute sehr leicht an ihn erinnern, und die Kinder erfuhren auch sogleich, +daß ihr Vater mehrere Jahre lang in Malmberget gearbeitet habe, jetzt aber +auf der Wanderschaft sei. Sobald die Unruhe über ihn komme, streife er +planlos umher. Wohin er gegangen war, wußte niemand, aber alle waren fest +überzeugt, er werde in ein paar Wochen wieder zurückkommen. Und wenn die +beiden Jon Assarssons Kinder seien, könnten sie ja, während sie auf den +Vater warteten, wohl in seiner Hütte wohnen. Eine Frau hatte dann den +Hausschlüssel unter der Türschwelle hervorgezogen und die Kinder eintreten +lassen. Niemand verwunderte sich über ihr Kommen, aber ebensowenig schien +sich jemand darüber zu verwundern, daß der Vater bisweilen zwecklos in der +Einöde umherwanderte. Hier oben waren sie wohl daran gewöhnt, daß jeder +nach seinem eigenen Kopf handelte. + +Åsa war gleich mit sich im reinen, wie Klein-Mats Begräbnis gehalten werden +sollte. Am vergangenen Sonntag hatte sie dem Begräbnis eines +Grubenaufsehers beigewohnt. Der Sarg war von den eigenen Pferden des +Inspektors in die Kirche nach Gellivare gefahren worden, und ein langer Zug +Grubenarbeiter war hinter dem Sarge hergegangen. Am Grabe hatte eine +Musikkapelle gespielt und ein Singchor gesungen. Und nach dem Begräbnis +waren alle, die mit in der Kirche gewesen waren, in die Schule zum Kaffee +eingeladen gewesen. So etwas Ähnliches wünschte das Gänsemädchen Åsa für +ihren Bruder Klein-Mats. + +Sie hatte sich schon so lebhaft in die Sache hineingelebt, daß sie den +ganzen Leichenzug fast schon vor sich sah; aber dann sank ihr der Mut +wieder, und sie sagte sich, es werde doch wohl nicht so sein können, wie +sie es wünschte. Nicht weil es zu teuer gewesen wäre; sie und Klein-Mats +hatten sich viel Geld erspart, und sie konnte dem Bruder ein so schönes +Begräbnis verschaffen, wie nur jemand wünschen konnte. Die Schwierigkeit +lag ganz wo anders. Erwachsene Menschen, das wußte Åsa, wollten sich nie +nach einem Kinde richten, und Åsa war ja nur ein paar Jahre älter als +Klein-Mats, der jetzt, wo er tot neben ihr lag, gar so klein und mager +aussah. Und Åsa war ja selbst noch ein Kind. + +Die erste, mit der Åsa des Begräbnisses wegen sprach, war die +Krankenpflegerin. Schwester Hilma kam, kurz nachdem Klein-Mats den letzten +Atemzug getan hatte, vor dem Häuschen an, und schon bevor sie die Tür +aufmachte, wußte sie, wie es drinnen stand. Um diese Zeit mußte es zu Ende +sein. Am vorhergehenden Nachmittag war Klein-Mats in der Nähe der Gruben +umhergestreift und stand zu nahe an einem Lichtschacht, als eben eine +Sprengung im Gange war; da hatten ihn einige umherfliegende Steine +getroffen. Er war ganz allein gewesen und hatte lange ohnmächtig auf dem +Boden gelegen, ohne daß jemand wußte, was geschehen war. Schließlich +bekamen ein paar Männer, die unter dem Lichtschacht arbeiteten, auf höchst +seltsame Weise Kenntnis von dem Unglücksfall. Sie behaupteten, ein kleines +Knirpschen, kaum eine Spanne hoch, sei am Rande der Grube erschienen und +habe ihnen zugerufen, sie sollten rasch Klein-Mats zu Hilfe kommen, er +liege vor der Grube und sei am Verbluten. Hierauf war Klein-Mats nach Hause +getragen und verbunden worden; aber es war schon zu spät gewesen. Er hatte +so viel Blut verloren, daß er nicht mehr zu retten war. + +Als die Krankenschwester ins Zimmer trat, dachte sie weniger an Klein-Mats, +als an seine Schwester. »Was soll ich nur mit dem armen Kinde anfangen?« +fragte sie sich. »Sie wird ganz untröstlich sein.« + +Aber sie sah bald, daß Åsa weder weinte noch jammerte, sondern ganz ruhig +bei allem half, was getan werden sollte. Die Krankenpflegerin verwunderte +sich sehr darüber; aber sie erhielt Aufklärung, als Åsa mit ihr wegen des +Begräbnisses sprach. + +»Wenn man mit jemand wie Klein-Mats zusammengewesen ist,« sagte Åsa, die +sich leicht ein wenig altklug und feierlich ausdrückte, »dann muß man vor +allem anderen daran denken, wie man ihn ehren kann, so lange es noch +möglich ist. Nachher ist Zeit genug zum Weinen.« + +Und dann bat sie die Krankenschwester, ihr zu helfen, daß Klein-Mats ein +ehrenvolles Begräbnis bekäme. Niemand verdiene ein solches mehr als +Klein-Mats, sagte Åsa. + +Die Krankenschwester meinte, wenn dieser Gedanke dem armen verlassenen +Kinde Trost gewähren könne, so sei das nur ein großes Glück für Åsa. Sie +versprach, ihr zu helfen, und das war für Åsa von größter Wichtigkeit, ja +es war ihr, als sei das Ziel jetzt schon fast erreicht; denn Schwester +Hilmas Stimme fiel hier schwer ins Gewicht. Auf dem großen Grubenfeld, wo +die Sprengschüsse jeden Tag ertönten, mußte ja jeder Arbeiter jeden +Augenblick gewärtig sein, von einem umherfliegenden Stein oder einem +herabrollenden Felsblock getroffen zu werden, und deshalb wollte sich jeder +mit der Krankenschwester gut stellen. + +Als darum Schwester Hilma und Åsa bei den Grubenarbeitern herumgingen und +sie baten, am nächsten Sonntag Klein-Mats das Trauergeleite zu geben, +schlugen ihnen nicht viele ihre Bitte ab. »Wenn Schwester Hilma uns darum +bittet, dann tun wir es,« sagten sie. + +Auch mit der Musik brachte die Krankenpflegerin alles nach Wunsch in +Ordnung; es sollte am Grabe geblasen und von dem kleinen Singchor auch ein +Lied gesungen werden. Wegen des Schulhauses tat Schwester Hilma keine +Schritte; da es aber noch schönes beständiges Sommerwetter war, wurde +beschlossen, die Leidtragenden im Freien mit Kaffee zu bewirten. Tische und +Bänke sollten aus dem Saale der Guttempler und Tassen und Teller vom +Kaufmann entlehnt werden. Zwei Grubenarbeiterfrauen, die in den Truhen +allerlei Vorräte hatten, die sie, so lange sie hier in der Einöde wohnten, +nicht gebrauchten, nahmen der Schwester zuliebe feines Tischzeug heraus, +das auf die Kaffeetische gebreitet werden sollte. + +Dann wurden Zwiebacke und Bretzeln bei einem Bäcker in Boden und +schwarz-weißes Konfekt bei einem Konditor in Luleå bestellt. + +Es herrschte eine solche Aufregung wegen dieses Begräbnisses, das Åsa ihrem +Bruder veranstalten wollte, daß in ganz Malmberget davon gesprochen wurde. +Und schließlich erfuhr auch der Inspektor, was sich da vorbereitete. + +Als dieser hörte, daß fünfzig Grubenarbeiter einen zwölfjährigen Jungen zu +Grabe geleiten sollten, der, soviel er wußte, ein herumziehender +Betteljunge gewesen war, kam es ihm wie der reine Wahnsinn vor. Und Gesang +und Musik und Kaffeebewirtung sollte es geben! Und das Grab mit Tannenreis +geschmückt, und Konfekt von Luleå! Er ließ die Krankenpflegerin zu sich +kommen und befahl ihr, die ganze Sache zu verhindern. + +»Es ist unrecht, wenn man das Kind sein Geld auf diese Weise verschleudern +läßt,« sagte er. »Erwachsene Leute können sich doch unmöglich nach dem +Einfall eines Kindes richten. Ihr macht euch ja alle miteinander +lächerlich.« + +Der Inspektor war weder zornig noch böse; er sprach ganz ruhig und bat die +Krankenpflegerin mit einfachen Worten, den Gesang und die Musik und das +große Geleite abzubestellen. Es sei ja ganz genügend, wenn neun bis zehn +Menschen den Jungen zu Grabe geleiteten. Und die Krankenpflegerin +widersprach dem Inspektor mit keinem Wort, teils aus Respekt, teils auch, +weil sie in ihrem Herzen zugeben mußte, daß er recht habe. Es war wirklich +zu viel Aufhebens um so einen Betteljungen. Aus Mitleid mit dem armen +Mädchen war ihr das Herz mit dem Verstande durchgegangen. + +Von der Villa des Inspektors ging die Krankenpflegerin hinunter in das +Arbeiterviertel, Åsa zu sagen, daß sie es nun nicht so einrichten könne, +wie das Mädchen es wünschte; aber sie tat es nicht mit leichtem Herzen, +denn niemand wußte besser als sie, was dieses Begräbnis für das arme Kind +bedeutete. Auf dem Wege traf sie mit ein paar Arbeiterfrauen zusammen; +diesen teilte sie ihre Sorgen mit, und die Arbeiterfrauen sagten sogleich, +der Inspektor habe ganz recht, es hätte gar keinen Sinn, wenn man mit einem +Betteljungen soviel Umstände machen würde. Das arme Mädchen tue ihnen zwar +herzlich leid, aber es wäre ganz unnatürlich, wenn man ein Kind auf diese +Weise alles einrichten und anordnen ließe, deshalb sei es ganz gut, wenn +aus dem Ganzen nichts würde. + +Beim Nachhausegehen teilten die Frauen die Geschichte noch anderen mit, und +bald hatte sich von dem Arbeiterviertel bis nach den Grubenschächten die +Nachricht verbreitet: das große feierliche Begräbnis für Klein-Mats dürfe +nicht stattfinden; und da stimmte jedermann sogleich darin überein, daß es +so allein richtig sei. + +In ganz Malmberget war gewiß nur eine einzige Person, die anderer Meinung +war, und diese eine war das Gänsemädchen Åsa. + +Die Krankenpflegerin hatte wirklich einen schweren Kampf mit ihr; Åsa +klagte nicht und weinte nicht, aber sie wollte nicht nachgeben. Sie sagte, +da sie von dem Inspektor keine Hilfe verlange, habe er ja gar nichts dabei +zu tun. Er könne ihr doch nicht verbieten, ihren Bruder zu begraben, wie +sie wollte. + +Erst als ihr mehrere von den Frauen erklärt hatten, nachdem der Inspektor +nichts davon wissen wolle, werde nicht eine von ihnen an dem Begräbnis +teilnehmen, wurde ihr klar, daß sie dessen Erlaubnis haben müsse. + +Åsa saß einen Augenblick ganz still da und überlegte, dann stand sie rasch +auf. + +»Wohin willst du?« fragte die Krankenschwester. + +»Ich muß selbst mit dem Inspektor reden,« antwortete Åsa. + +»Du denkst doch wohl nicht, er werde sich darum kümmern, was du ihm sagst?« +riefen die Frauen. + +»Ich glaube, Klein-Mats wäre es recht, wenn ich hinginge,« sagte Åsa. »Der +Inspektor weiß vielleicht gar nicht, was für ein Mensch Klein-Mats gewesen +ist.« + +Das Gänsemädchen Åsa machte sich rasch fertig und war bald auf dem Wege zum +Inspektor. Aber es ist wohl kaum nötig, zu sagen, wie unerhört es war, daß +ein Kind wie Åsa überhaupt daran denken konnte, den Inspektor, den +mächtigsten Mann in ganz Malmberget, von seinem einmal ausgesprochenen +Willen abzubringen. Deshalb gingen auch die Krankenschwester und die andern +Frauen ganz von selbst hinter ihr her, um zu sehen, ob sie wirklich den Mut +hätte, in die Villa hineinzugehen. + +Das Gänsemädchen Åsa ging in der Mitte der Straße, und während sie so dahin +wanderte, hatte sie etwas an sich, daß sich die Leute unwillkürlich nach +ihr umschauten. Sie schritt so ernst und würdig einher wie ein junges +Mädchen, das am Konfirmationstag zum Altar schreitet. Sie hatte sich ein +großes schwarzseidenes Tuch, ein Erbstück von ihrer Mutter, um den Kopf +geschlungen, in der Hand trug sie ein zusammengefaltetes Taschentuch und in +der anderen ein Körbchen Spielsachen, die Klein-Mats verfertigt hatte. + +Als die am Wege spielenden kleinen Kinder Åsa so daherkommen sahen, liefen +sie auf sie zu und riefen: »Wohin gehst du, Åsa? Wohin gehst du?« + +Aber Åsa gab keine Antwort; sie hatte die Frage nicht einmal gehört und +ging ruhig weiter. Als aber die Kinder immer wieder fragten und Åsa an den +Kleidern zogen, hielten die hinterherkommenden Weiber die Kinder zurück und +geboten ihnen Schweigen. »Laßt sie gehen,« sagten sie. »Sie geht zum +Inspektor, ihn zu bitten, daß sie ihrem Bruder, Klein-Mats, ein großes +Begräbnis halten darf.« + +Da wurden auch die Kinder von Erstaunen überwältigt, weil Åsa sich auf +etwas so Kühnes einlassen wollte, und eine kleine Schar Kinder lief mit, zu +sehen, wie das ablaufen würde. + +Dies alles trug sich etwa um sechs Uhr nachmittags zu, als eben die +Arbeiter in den Gruben Schicht machten; und als Åsa eine Strecke weit +gegangen war, kamen mehrere hundert Arbeiter mit langen, hastigen Schritten +des Weges daher. Für gewöhnlich sahen sie, wenn sie von der Arbeit kamen, +weder rechts noch links, aber als sie Åsa begegneten, merkten einige +gleich, daß das Kind etwas Ungewöhnliches vorhatte, und fragten es, was +geschehen sei. Åsa sagte kein Wort, aber die Kinder schrieen laut +durcheinander, wohin sie wollte. Da dachten einige der Arbeiter, das sei +doch ein sehr mutiges Unterfangen von einem Kinde, und sie gingen auch mit, +zu sehen, wie es ihr dabei ginge. + +Åsa ging in das Kontorgebäude hinein, wo der Inspektor um diese Zeit +gewöhnlich bei seiner Arbeit saß. Als sie in den Flur trat, ging die Tür +auf, und der Inspektor stand vor ihr; er hatte den Hut auf und den Stock in +der Hand und war auf dem Wege nach seiner Wohnung, um zu Mittag zu essen. + +»Wen möchtest du sprechen?« fragte er, als er das kleine Mädchen sah, das +mit einem schwarzseidenen Tuch um den Kopf und einem zusammengefalteten +Taschentuch in der Hand so feierlich daherkam. + +»Ich möchte gern mit dem Herrn Inspektor selbst sprechen,« antwortete Åsa. + +»Ach so! Nun dann komm herein!« sagte der Inspektor und trat wieder ins +Kontor. Er ließ die Tür hinter sich offen, denn er dachte natürlich, das +kleine Mädchen würde ihn nicht lange aufhalten. So kam es, daß die +Personen, die hinter Åsa hergekommen waren und nun im Flur und auf der +Treppe standen, hörten, was im Kontor vorging. + +Nachdem das Gänsemädchen Åsa eingetreten war, richtete sie sich zuerst auf, +schob das seidene Tuch zurück und heftete ihre runden Kinderaugen, die +einen so ernsten Blick hatten, daß es einem ins Herz schnitt, ruhig auf das +Gesicht des Inspektors. »Klein-Mats ist ja nun tot,« begann sie, und dabei +zitterte ihre Stimme, daß sie einen Augenblick nicht weiter sprechen +konnte. + +Jetzt wußte der Inspektor, wen er vor sich hatte. »Ach so, du bist also das +kleine Mädchen, das das große Begräbnis halten will,« sagte er freundlich. +»Das mußt du aber lassen, Kind. Es wird zu teuer für dich. Wenn ich nur +früher etwas davon gewußt hätte, dann würde ich es gleich verhindert +haben.« + +Es zuckte in dem Gesicht des kleinen Mädchens, und der Inspektor glaubte, +sie würde in Tränen ausbrechen. Statt dessen aber sagte sie: »Darf ich dem +Herrn Inspektor nicht ein wenig von Klein-Mats erzählen?« + +»Ich habe eure Geschichte schon gehört,« erwiderte der Inspektor in seiner +gewöhnlichen ruhigen, freundlichen Weise. »Du tust mir von Herzen leid, das +darfst du mir glauben. Ich will gewiß nur dein Bestes.« + +Da richtete sich das Gänsemädchen Åsa noch höher auf, und sie begann mit +lauter, klarer Stimme: »Von seinem neunten Jahre an hat Klein-Mats weder +Vater noch Mutter mehr gehabt, und von da an hat er ganz für sich selbst +sorgen müssen wie ein erwachsener Mann. Er ist sich stets zu gut zum +Betteln gewesen, niemals hätte er auch nur um einen Teller Suppe gebeten, +ohne dafür bezahlen zu wollen. Er hat immer gesagt: >Ein Mann darf nicht +betteln, das schickt sich nicht für ihn.< Um etwas zu verdienen, ist +Klein-Mats umhergegangen und hat Eier und Butter aufgekauft, und da hat er +seine Sache so gut gemacht wie ein gewiegter Kaufmann. Er hat nie etwas +verschleudert und niemals auch nur einen roten Heller für sich behalten, +sondern alles miteinander mir gebracht. Wenn er die Gänse hütete, hat er +immer eine Arbeit mitgenommen und ist dann so fleißig gewesen, wie nur ein +Erwachsener es sein kann. Die Bauern in Schonen haben Klein-Mats, wenn er +von Hof zu Hof wanderte, oft sehr große Summen mitgegeben, denn sie wußten, +daß sie sich auf Klein-Mats ebensogut verlassen könnten wie auf sich +selbst. Und deshalb ist es nicht richtig, wenn man sagt, Klein-Mats sei nur +ein Kind gewesen, denn es gibt nicht viele große Leute, die -- -- --« + +Der Inspektor sah zu Boden; nicht eine Muskel bewegte sich in seinem +Gesicht, und Åsa schwieg, denn es war ihr, als ob ihre Worte gar keinen +Eindruck auf ihn machten. Daheim in der Hütte, da war es ihr gewesen, als +hätte sie so gar viel von Klein-Mats zu sagen, aber jetzt kam es ihr +herzlich wenig vor. Ach, wie sollte sie doch den Inspektor zu der Einsicht +bringen, daß Klein-Mats es verdiente, mit Ehrenbezeugungen begraben zu +werden, die man einem Erwachsenen zuteil werden ließ? + +»Und wenn ich nun das Begräbnis selbst bezahlen will ...« begann Åsa +wieder, verstummte aber aufs neue. + +Jetzt hob der Inspektor den Kopf und sah dem Gänsemädchen Åsa tief in die +Augen. Er prüfte sie und schätzte sie ein, wie der zu tun gewohnt ist, dem +viele Menschen unterstellt sind. Und während er so tat, dachte er: »Dieses +Mädchen hier hat ihre Heimat, ihre Eltern und ihre Geschwister verloren, +aber noch ist ihr Mut nicht gebrochen, es wird ein prächtiges Menschenkind +aus ihr werden. Aber ich darf der Last, die sie zu tragen hat, nicht das +geringste hinzufügen, denn das könnte der Strohhalm sein, unter dem sie +zusammenbräche.« Er verstand, was das für sie gewesen war, als sie sich +entschloß, hierherzukommen, um mit ihm zu sprechen. Sie mußte diesen Bruder +über alles geliebt haben! Nein, einer solchen Liebe durfte man keine +abschlägige Antwort geben! + +»Ja, ja, ich muß dich wohl gewähren lassen,« sagte der Inspektor. + +[Illustration] + + + + +45 + +Bei den Lappen + + +Das Begräbnis war vorüber. Die Gäste des Gänsemädchens Åsa waren gegangen, +und sie saß allein in der kleinen Hütte, die ihrem Vater gehört hatte. Åsa +hatte die Tür verriegelt, um in Ruhe und Frieden an ihren Bruder denken zu +können. Sie dachte an alles, was Klein-Mats gesagt und getan hatte, an eins +nach dem andern; es war so viel, daß sie ganz vergaß, zu Bett zu gehen, und +nicht nur den ganzen Abend, sondern auch noch spät in der Nacht in ihre +Gedanken versunken sitzen blieb. Je mehr sie an ihren Bruder dachte, desto +deutlicher sah sie, wie schwer es ihr werden würde, ohne ihn weiter zu +leben, und schließlich legte sie den Kopf auf den Tisch und weinte +bitterlich. »Was soll aus mir werden, wenn ich Klein-Mats nicht mehr habe?« +schluchzte sie. + +Es war, wie gesagt, schon spät in der Nacht, und das Gänsemädchen Åsa hatte +einen anstrengenden Tag hinter sich, deshalb war es nicht verwunderlich, +daß sie der Schlaf übermannte, sobald sie den Kopf auf den Tisch sinken +ließ. Und ebensowenig verwunderlich war es, daß ihr von Klein-Mats träumte, +an den sie immerfort gedacht hatte. Plötzlich war es ihr, als trete +Klein-Mats leibhaftig zu ihr ins Zimmer herein und sage: »Åsa, nun mußt du +dich aufmachen und unsern Vater suchen.« Und sie schien zu antworten: »Wie +könnte ich das, ich weiß ja nicht einmal, wo ich ihn suchen soll?« + +»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen,« antwortete Klein-Mats in +seiner gewohnten frischen, fröhlichen Art. »Ich will dir jemand schicken, +der dir helfen kann.« + +In demselben Augenblick, wo das Gänsemädchen Åsa also träumte, klopfte es +an ihre Kammertür. Und das war ein wirkliches Klopfen, nicht eines, das sie +nur im Traume hörte. Aber sie war noch ganz in ihrem Traume befangen und +konnte nicht unterscheiden, was Wirklichkeit und was Einbildung war. Als +sie nun hinging und die Tür öffnete, dachte sie: »Nun kommt ganz bestimmt +der Helfer, den mir Klein-Mats zu schicken versprochen hat.« + +Hätte nun Schwester Hilma oder irgend ein anderer richtiger Mensch auf der +Schwelle gestanden, als Åsa die Tür aufmachte, dann hätte sie gleich +gemerkt, daß sie nicht mehr träumte; aber dies war nicht der Fall; der, +welcher da draußen stand und geklopft hatte, war gar kein Mensch, es war +ein kleiner Knirps, kaum eine Spanne lang. Obgleich so spät in der Nacht, +war es doch ebenso hell wie bei Tage, und Åsa erkannte sofort dasselbe +Kerlchen, mit dem sie und Klein-Mats auf ihrer Wanderung durch das Land +schon ein paarmal zusammengetroffen waren. Damals hatte sie sich vor ihm +gefürchtet, und so wäre es ihr auch jetzt gegangen, wenn sie ganz hell wach +gewesen wäre. Aber sie hatte das Gefühl, als träume sie noch immer, und +deshalb blieb sie ganz ruhig stehen und dachte: »Ich habe nichts anderes +erwartet, als daß Klein-Mats diesen meinte, als er sagte, er wolle mir +jemand schicken, der mir behilflich sein könne, Vater ausfindig zu machen.« +Und darin hatte sie nicht ganz unrecht, denn der kleine Bursche kam aus +keinem anderen Grunde, als wegen ihres Vaters mit ihr zu sprechen. Als er +sah, daß sie sich nicht vor ihm fürchtete, teilte er ihr mit wenigen Worten +mit, wo ihr Vater sei, und was sie tun müsse, um zu ihm zu gelangen. + +Aber während der Knirps sprach, kehrte Åsa allmählich das volle Bewußtsein +zurück, und als er ausgesprochen hatte, war sie vollständig wach. Und da +entsetzte sie sich über die Maßen, -- denn hier stand sie ja und sprach mit +einem, der nicht ihrer Welt angehörte! Sie brachte kein Wort über die +Lippen, ja nicht einmal einen einfachen Dank, sondern wich rasch ins Zimmer +zurück und schlug die Tür heftig hinter sich zu. Sie glaubte allerdings +noch zu sehen, daß das Gesicht des Kleinen einen sehr betrübten Ausdruck +annahm, als sie das tat, aber sie konnte nicht anders. Ganz außer sich vor +Entsetzen, kroch sie nun eiligst in ihr Bett und zog die Decke über den +Kopf. + +Und doch, trotzdem sie so große Angst vor dem kleinen Knirps hatte, fühlte +sie, daß er es gut mit ihr meinte, und am nächsten Tag verlor sie keine +Zeit, das zu tun, was er ihr geraten hatte. + +[Illustration] + +Auf dem linken Ufer vom Luossajaure, einem kleinen See, der noch viele +Meilen nördlicher liegt als Malmberget, war ein kleines Lappenlager. Am +südlichen Ende des Sees ragte ein gewaltiger Berg auf, der Kirunavara heißt +und der der Sage nach aus lauter Eisenerz bestehen soll. Auf der +nordöstlichen Seite lag wieder ein Berg, der Luossavara heißt, und auch das +ist ein an Eisenerz reicher Berg. Zu diesen Bergen hinauf wurde eben die +Eisenbahn von Gellivare aus weitergeführt, und in der Nähe von Kirunavara +baute man eifrig einen Bahnhof, ein Gasthaus und eine Menge Wohnhäuser für +die Arbeiter und Ingenieure, die hier wohnen sollten, wenn die Ausbeutung +des Erzes einmal ordentlich in Gang gekommen wäre. Es war ein ganzes +Städtchen von hübschen, behaglichen Häusern, das da so hoch droben in +diesem nördlich gelegenen Bezirk entstand, wo die kleinen verkrüppelten +Birken, die hier überall wuchsen, ihre Blätter erst nach dem Johannisfest +entfalten können. Westlich von dem See lag das Land frei und offen da, und +dort hatten, wie schon gesagt, ein paar Lappenfamilien ihr Lager +aufgeschlagen. Vor ungefähr einem Monat waren sie dahin gekommen und hatten +dann nicht viel Zeit gebraucht, ihre Wohnung in Ordnung zu bringen. Zur +Herstellung eines guten und ebenen Bauplatzes hatten sie weder Felsen +sprengen noch Grundmauern errichten müssen; nachdem sie sich erst einen +guten trockenen Platz in der Nähe des Sees ausgewählt hatten, brauchten sie +nichts weiter zu tun, als etwas Weidengebüsch wegzuhauen und ein paar +Erdhügel zu ebnen, und damit war der Bauplatz hergestellt. + +Und dann machten sie sich durchaus keine Sorgen über alles, was zum Bau +eines Hauses nötig ist. Sie hatten nicht viele Tage lang gehauen und +gehämmert und gezimmert, bis die Holzwände gesichert dastanden; ebensowenig +hatten sie sich Mühe mit dem Aufrichten des Daches gegeben und sich auch +nicht den Kopf zerbrochen, wie das Haus innen mit Brettern getäfelt, +Fenster und Türen eingesetzt und Schlösser und Riegel angebracht würden. +Sie brauchten nichts weiter, als ihre Zeltstangen fest in den Boden +hineinzuschlagen und die Zeltdecke darüber zu hängen, und dann war die +Wohnung schon so gut wie fertig. Auch das Einziehen und Einrichten machte +ihnen recht herzlich wenig Mühe. Das Wichtigste war, einige Fichtenzweige +und ein paar Felle auf dem Boden auszubreiten und an eine eiserne Kette, +die oben an den Zeltstangen befestigt wurde, den großen Kessel zu hängen, +in dem sie sich ihr Renntierfleisch zu kochen pflegten. + +Die Ansiedler auf der östlichen Seite des Sees, die aus Leibeskräften +arbeiteten, ihre Häuser vor Beginn des strengen Winters fertig zu bringen, +verwunderten sich sehr über die Lappen, die nun schon seit vielen, vielen +hundert Jahren hier oben in dem kalten Norden umherstreiften, ohne je zu +denken, man könnte einen anderen Schutz vor Sturm und Kälte nötig haben als +dünne Zeltwände. Und die Lappen wunderten sich ihrerseits über die +Ansiedler, die sich diese ganze schwierige und mühselige Arbeit machten, +wenn doch der Besitz von einigen Renntieren und eines Zeltes zur Erhaltung +des Lebens genügte. + +An einem Nachmittag im Juli regnete es da droben am Luossajaure ganz +fürchterlich, und die Lappen, die sonst zur Sommerzeit fast die ganzen Tage +und Nächte im Freien zubrachten, waren alle miteinander in einem Zelte +zusammengekrochen; da kauerten sie ums Feuer und tranken Kaffee. + +Während sie sich so bei dem Kaffeetopf ganz vergnüglich unterhielten, kam +von der Kirunaer Seite ein Boot über den See herübergerudert und legte bei +dem Lappenlager an. Aus dem Boot stieg ein Arbeiter mit einem Mädchen, das +dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte. Die Hunde der Lappen rannten +den beiden mit heftigem Bellen entgegen, und einer der Lappen steckte den +Kopf aus der Zeltöffnung heraus, um zu sehen, was es gäbe. Er war sehr +erfreut, als er den Arbeiter sah, denn dieser war ein guter Freund von den +Lappen, ein freundlicher, redseliger Mann, der sich in der Lappensprache +unterhalten konnte. Der Lappe rief ihm auch gleich zu, er solle nur zu +ihnen ins Zelt hereinkriechen. + +[Illustration] + +»Du kommst wie gerufen, Söderberg,« sagte er. »Der Kaffeekessel hängt über +dem Feuer. Bei diesem Regenwetter kann man nichts anderes tun. Komm nur +herein und erzähl uns etwas Neues aus der Welt draußen!« + +Der Arbeiter kroch zu den Lappen hinein; und mit viel Mühe und unter eitel +Lachen und Scherzen wurde ihm und dem Mädchen in dem kleinen Zelt, das +schon vorher gepfropft voll von Menschen war, noch Platz gemacht, und dann +fing der Mann sogleich an, lappisch mit seinen Wirten zu sprechen. Indessen +saß das Mädchen, das mit ihm gekommen war und von der Unterhaltung nichts +verstand, ganz still da und betrachtete erstaunt den Fleischkessel und den +Kaffeetopf, das Feuer und den Rauch, die Lappen und die Lappenfrauen, die +Kinder und Hunde, die Wände und den Boden, die Kaffeetassen und die +Tabakspfeifen, die bunten Kleider und die geschnitzten Geräte, -- nichts, +gar nichts war so, wie sie es gewohnt war. + +Aber plötzlich gab sie das Umherschauen auf und schlug die Augen nieder, +denn sie fühlte, daß alle im Zelte sie ansahen. Söderberg mußte etwas von +ihr erzählt haben, denn jetzt nahmen die Männer und Weiber ihre kurzen +Tabakspfeifen aus dem Munde und starrten sie an. Der ihr zunächst sitzende +Lappe klopfte ihr auf die Schulter und sagte auf schwedisch: »Gut, gut!« +Ein Lappenweib schenkte eine große Tasse Kaffee ein, die ihr mit vieler +Mühe hinübergereicht wurde, und ein Lappenjunge von ungefähr demselben +Alter wie das Mädchen schlängelte sich zwischen die Dasitzenden durch, bis +er ganz nahe zu dem Mädchen hingekommen war. Da blieb er liegen und sah sie +nur immer an. + +Das Mädchen erriet, wovon die Rede war: gewiß hatte Söderberg erzählt, wie +sie das feierliche Begräbnis für Klein-Mats zustande gebracht hatte; aber +sie wünschte innig, er möchte nicht soviel von ihr erzählen, sondern lieber +die Lappen fragen, ob sie nichts von ihrem Vater wüßten. Der kleine Knirps +hatte ihr gesagt, er halte sich bei den Lappen auf, die ihr Lager westwärts +vom Luossajaure aufgeschlagen hätten, und da hatte sie gebeten, man möchte +sie mit einem der Züge, die Material zum Eisenbahnbau hinaufbrachten, +hinfahren lassen -- denn richtige Züge gingen noch nicht auf dieser +Bahn --, damit sie ihren Vater suchen könne. Alle miteinander, Aufseher und +Arbeiter, waren ihr nach Kräften behilflich gewesen, und ein Ingenieur in +Kiruna hatte jetzt Söderberg, der lappisch sprechen konnte, mit ihr über +den See hinübergeschickt, dort sollte er sich für sie nach ihrem Vater +erkundigen. Sie hatte gehofft, sie würde ihn da treffen, sobald sie +angekommen wäre, und sie hatte auch gleich ihren Blick prüfend von einem +Gesicht zum andern im ganzen Zelt herumgleiten lassen. Aber ach, alle diese +Gesichter gehörten dem Lappenvolk an, der Vater war nicht da! + +Je länger Söderberg mit den Lappen sprach, desto ernster wurden alle; Åsa +sah es wohl. Die Lappen schüttelten die Köpfe und klopften sich an die +Stirne, als wenn sie von jemand sprächen, der nicht ganz bei Verstand sei. +Dies beunruhigte Åsa sehr, sie konnte nicht mehr ruhig zuhören und zuwarten +und fragte deshalb Söderberg, was die Lappen von ihrem Vater wüßten. + +»Sie sagen, er sei auf dem Fischfang,« antwortete der Arbeiter, »und sie +wüßten nicht, ob er heute abend zurückkomme. Aber sobald das Wetter wieder +etwas besser ist, will einer von ihnen sich aufmachen und ihn suchen.« + +Hierauf wendete sich Söderberg wieder an die Lappen und sprach aufs neue +eifrig mit ihnen. Er wollte offenbar nicht, daß Åsa noch mehr Fragen über +ihren Vater an ihn richte. + +Am nächsten Tage war sehr schönes Wetter. Ola Serka, der Vornehmste unter +den Lappen, hatte gesagt, er wolle sich selbst auf die Suche nach Åsas +Vater machen. Aber er beeilte sich durchaus nicht; ruhig hockte er noch vor +dem Zelte, dachte an Jon Assarsson und überlegte, wie er ihm die Nachricht +von der Ankunft seiner Tochter beibringen sollte. Es handelte sich nämlich +darum, ihm die Nachricht so mitzuteilen, daß er nicht erschrak und entfloh, +denn er war ein sehr eigentümlicher Mann, der sich ängstlich hütete, mit +Kindern zusammenzutreffen. Er pflegte zu sagen, er bekomme gar so trübe +Gedanken, wenn er Kinder sehe, und das könne er nicht ertragen. + +Während Ola Serka über seine Aufgabe nachdachte, saßen Åsa und Aslak, der +Lappenjunge, der am vorhergehenden Abend das Mädchen so unverwandt +angeschaut hatte, auf dem freien Platze vor dem Zelte und plauderten +miteinander. Aslak war in die Schule gegangen und konnte schwedisch +sprechen. Er erzählte Åsa von dem Leben seines Volkes und versicherte ihr, +ihnen ginge es besser als allen anderen Menschen. Åsa dagegen fand, daß es +ihnen schrecklich schlecht gehe, und sie sagte ihm das auch. + +»Du weißt nicht, was du sprichst,« erwiderte Aslak. »Bleibe nur eine Woche +lang bei uns, dann wirst du selbst sehen, daß wir das glücklichste Volk auf +der ganzen Welt sind.« + +»Wenn ich eine Woche hier bliebe, würde ich wahrscheinlich in euerm Zelt +vor lauter Rauch ersticken,« sagte Åsa. + +»Das darfst du nicht sagen,« erwiderte der Lappenjunge. »Du weißt ja gar +nichts von uns. Ich will dir eine Geschichte erzählen, daraus kannst du +ersehen, daß es dir immer besser bei uns gefallen würde, je länger du hier +bliebest.« + +Und dann fing Aslak an, Åsa von der Zeit zu erzählen, wo die große +Krankheit, die der schwarze Tod genannt wurde, durchs Land gezogen war. Er +wußte nicht, ob sie hier oben im richtigen Lappland, wo sie sich jetzt +befanden, gewütet hatte, aber in Jämtland hatte sie ganz fürchterlich +gehaust. Von den Lappen, die da in den Wäldern und Gebirgen wohnten, waren +bis auf einen einzigen Jungen von fünfzehn Jahren alle gestorben, und von +den Schweden, die in den Tälern wohnten, war niemand verschont geblieben +als ein Mädchen, das auch ungefähr fünfzehn Jahre alt war. + +»Der Junge und das Mädchen waren einen ganzen Winter hindurch in dem +verlassenen Lande umhergezogen, um andere Menschen zu finden,« erzählte +Aslak weiter. »Und gegen das Frühjahr stießen sie endlich aufeinander. Da +bat das schwedische Mädchen den Lappenjungen, mit ihr südwärts zu ziehen, +damit sie wieder zu Leuten aus ihrem Stamme komme. Sie wolle nicht in +Jämtland bleiben, wo nur verlassene, ausgestorbene Höfe seien. + +>Ich will dich führen, wohin du willst,< sagte der Junge, >aber nicht vor +dem Winter. Jetzt ist es Frühling, meine Renntiere ziehen westwärts ins +Gebirge hinauf, und du weißt, wir vom Lappenvolke müssen dahin gehen, wohin +uns unsere Renntiere führen!< + +Das schwedische Mädchen war das Kind reicher Eltern. Sie war gewohnt, in +einem Hause zu wohnen, in einem Bett zu schlafen und an einem Tische zu +essen. Bis jetzt hatte sie das arme Gebirgsvolk immer verachtet, und sie +meinte, die Menschen, die unter freiem Himmel schliefen, müßten sehr +unglücklich sein. Aber sie fürchtete sich vor der Rückkehr in ihre Heimat, +wo alles ausgestorben war. + +>So laß mich wenigstens mit dir in die Berge hinaufziehen,< sagte sie zu +dem Jungen, >dann muß ich doch nicht hier allein sein, wo ich nie eine +menschliche Stimme vernehme.< + +Der Junge ging gern darauf ein, und so zog das Mädchen mit den Renntieren +hinauf ins Gebirge. Die Herde sehnte sich nach den guten Bergweiden und +legte jeden Tag ein großes Stück Weges zurück. Es blieb den beiden keine +Zeit, ein Zelt aufzuschlagen; nur in den Stunden, wo die Renntiere +anhielten, um zu weiden, konnten sie sich auf den Schnee werfen und ein +wenig schlafen. Die Tiere fühlten den Südwind durch ihre Pelze wehen, und +sie fühlten auch, daß er in wenigen Tagen den Schnee von den Berghängen +wegfegen würde. Das Mädchen und der Junge mußten ihnen durch schmelzenden +Schnee und brechendes Eis hindurch nacheilen. Als sie endlich hoch ins +Gebirge hinaufgekommen waren, wo der Nadelwald aufhörte und die +verkrüppelten Birken anfingen, ruhten sie sich einige Wochen aus, bis der +Schnee von den obersten Berghalden geschmolzen war; dann zogen sie da +hinauf. Das Mädchen jammerte und keuchte und sagte sehr oft, sie sei müde, +sie wolle umkehren und wieder ins Tal hinunter; aber sie ging doch noch +lieber mit, als daß sie allein, ohne eine lebende Seele, mit der sie ein +Wort hätte sprechen können, zurückgeblieben wäre. + +Als sie endlich die Hochebene erreicht hatten, schlug der Junge auf einem +schönen grünen Platz, der gegen einen Gebirgsbach sanft abfiel, ein Zelt +für das Mädchen auf. Als es Abend wurde, fing der Junge die Renntierkühe +mit einer Wurfleine ein, melkte sie und gab dem Mädchen von der Milch zu +trinken. Er fand auch etwas Renntierkäse und getrocknetes Renntierfleisch, +das sein Volk im vorigen Jahre da oben auf der Höhe versteckt hatte. Aber +das Mädchen jammerte immerfort und war durchaus nicht zufrieden. Sie wollte +weder getrocknetes Renntierfleisch essen, noch Renntiermilch trinken. Sie +konnte sich nicht daran gewöhnen, im Zelt auf dem Boden oder nur auf einem +von wenigen Zweigen und einem Renntierfell hergerichteten Lager zu +schlafen. Aber der Sohn des Gebirgsvolkes lachte nur über ihr Gejammer und +war immer gut und freundlich gegen sie. + +Nachdem so einige Tage vergangen waren, trat das Mädchen zu dem Jungen, als +er eben die Renntiere melkte, und fragte, ob sie ihm helfen dürfe. Sie +übernahm es jetzt auch, Feuer unter dem Kessel anzuzünden, wenn +Renntierfleisch gekocht werden sollte, sowie Wasser zu holen und Käse zu +bereiten. Nun hatten die beiden eine schöne Zeit miteinander. Das Wetter +war warm und das Essen leicht zu beschaffen. Sie zogen miteinander aus, +Vogelschlingen zu legen, Forellen in den Bächen zu fangen und Multebeeren +auf den Mooren zu pflücken. + +Als der Sommer zu Ende ging, zogen sie bis zu der Grenze zwischen dem +Nadel- und dem Laubholzwald vom Gebirge herunter, und da schlugen sie +wieder ihr Lager auf. Es war jetzt Schlachtzeit, und sie mußten alle Tage +sehr streng arbeiten; aber es war auch eine gute Zeit, denn jetzt konnten +sie sich noch leichter Nahrung verschaffen als im Sommer. Als der Schnee +vom Himmel herabwirbelte und sich die Seen allmählich mit Eis bedeckten, +zogen die Kinder ostwärts in den dichten Fichtenwald hinein. Sobald sie da +ihr Zelt errichtet hatten, machten sie sich an die Winterarbeiten. Der +Junge lehrte das Mädchen Faden aus Renntiersehnen drehen, die Felle +bereiten und Kleider und Schuhe daraus nähen, sowie Kämme und Werkzeuge aus +Renntierhörnern verfertigen, auf Schneeschuhen laufen und in +Renntierschlitten fahren. Nachdem sie den dunkeln Winterwald hinter sich +hatten und die Sonne allmählich wieder warm schien, sagte der Junge zu dem +Mädchen, jetzt wolle er sie in den Süden des Landes begleiten, damit sie +die Leute ihres eigenen Stammes wiederfinde. + +Doch da sah ihn das Mädchen verwundert an. >Warum willst du mich +fortschicken?< fragte sie. >Sehnst du dich, wieder allein mit deinen +Renntieren zu sein?< + +>Ich glaubte, du sehntest dich fort von hier,< erwiderte der Junge. + +>Jetzt habe ich fast ein ganzes Jahr lang das Leben des Lappenvolkes +gelebt,< sagte das Mädchen, >nun kann ich nicht mehr zu meinem Volk +zurückkehren. Nachdem ich so frei auf den Bergen und in den Wäldern +umhergezogen bin, ist es mir nicht mehr möglich, in engen Häusern zu +wohnen. Jage mich nicht fort, sondern laß mich hier bleiben, denn euer +Leben ist besser als das unsrige.< + +Und das Mädchen blieb ihr ganzes Leben lang bei dem Jungen und hatte +niemals Heimweh nach ihrem Volke und nach dem Leben in den Tälern. Und wenn +du, Åsa, nur einen Monat hier oben bliebest, würdest du dich auch nicht +wieder von uns trennen können.« + +Mit diesen Worten schloß Aslak seine Erzählung, und in demselben Augenblick +nahm Ola Serka die Pfeife aus dem Munde und stand auf. Der alte Ola +verstand mehr schwedisch, als er andere wissen lassen wollte, und er hatte +verstanden, was der Sohn gesagt hatte. Und während er zugehört hatte, war +ihm plötzlich klar geworden, auf welche Weise er Jon Assarsson mitteilen +müsse, daß seine Tochter gekommen sei, ihn zu suchen. + +Ola Serka ging hinunter an den Luossajaure und wanderte dort eine Strecke +dem Ufer entlang, bis er einen Mann traf, der auf einem Stein saß und +fischte. Der Fischer hatte graues Haar und eine gebeugte Haltung. Seine +Augen sahen müde drein; etwas Schlaffes und Hilfloses lag über dem ganzen +Manne, er sah aus, wie jemand, der versucht hat, eine Last zu tragen, die +ihm zu schwer war, oder wie einer, der über etwas nachgrübelte, das ihm zu +schwierig zu lösen war, und der nun gebrochen und mutlos geworden ist, eben +weil ihm die Sache nicht glücken wollte. + +»Du hast offenbar Glück bei deinem Fischfang gehabt, Jon, da du die ganze +Nacht hier sitzen geblieben bist,« sagte der Gebirgsbewohner in lappischer +Sprache und trat näher. + +Der andre fuhr zusammen und schaute auf. Der Köder an seiner Angel war +verschwunden, und neben ihm lag nicht ein einziger Fisch. Hastig befestigte +er einen neuen Köder an der Angel und warf dann die Schnur wieder aus. +Indessen setzte sich Ola neben ihm ins Gras. + +»Ich möchte gern etwas mit dir besprechen,« begann der Lappe. »Du weißt, +ich hab eine Tochter gehabt, die im vorigen Jahre gestorben ist, und +seitdem habe ich sie in meinem Zelte bitter vermißt.« + +»Ja, das weiß ich,« erwiderte der Fischer kurz, als könnte er es nicht +ertragen, an ein verstorbenes Kind erinnert zu werden; er sprach gut +lappisch. + +»Aber es nützt nichts, wenn man sein Leben vertrauert,« fuhr der Lappe +fort. + +»Nein, es nützt gar nichts.« + +»Und deshalb hab ich gedacht, ich wolle ein anderes Kind annehmen. Meinst +du nicht, das sei ein guter Gedanke?« + +»Es kommt darauf an, was es für ein Kind ist, Ola.« + +»Ich will dir erzählen, was ich über das Mädchen weiß, Jon,« sagte Ola. + +Und nun erzählte er dem Fischer, in diesem Sommer seien zwei Kinder, ein +Junge und ein Mädchen, nach Malmberget gekommen, ihren Vater zu suchen, und +als sie gehört hatten, daß der Vater abwesend war, seien sie dort +geblieben, seine Rückkehr abzuwarten. Aber während sie sich in Malmberget +aufhielten, sei der Junge durch einen Felsblock bei einer Sprengung ums +Leben gekommen, und da habe das Mädchen ihm ein feierliches Begräbnis, +gerade wie für einen Erwachsenen gehalten. + +Hierauf beschrieb Ola sehr schön, wie das arme kleine Mädchen alle Menschen +dazu gebracht habe, daß sie ihr geholfen hätten, ja, daß sie sogar den Mut +gehabt habe, selbst zum Inspektor zu gehen. + +»Ist es dies Mädchen, das du zu dir nehmen willst, Ola?« fragte der +Fischer. + +»Ja,« antwortete der Lappe. »Als wir ihre Geschichte hörten, haben wir alle +weinen müssen; alle haben darin übereingestimmt, daß eine so gute Schwester +gewiß auch eine gute Tochter abgeben werde, und wir haben jetzt nur den +einen Wunsch, daß sie zu uns komme.« + +Der andere schwieg eine Weile und setzte dann auch die Unterhaltung +offenbar nur fort, um seinem Freunde, dem Lappen, eine Freude zu machen. + +»Und das Mädchen gehört doch wohl deinem eigenen Stamme an?« + +»Nein, es gehört nicht zum Lappenvolke.« + +»Dann ist sie doch wohl die Tochter eines Ansiedlers, die an das Leben hier +oben im Norden gewöhnt ist?« + +»Nein, sie stammt weit aus dem Süden drunten,« sagte Ola und sah dabei aus, +als habe das gar nichts mit der Sache zu tun. + +Aber jetzt wurde der Fischer aufmerksam. »Dann solltest du sie nicht bei +dir behalten, Ola,« sagte er. »Wenn sie nicht von Geburt daran gewöhnt ist, +kann sie den Winteraufenthalt in so einem Lappenzelt gewiß nicht ertragen.« + +»Sie bekommt gute Eltern und gute Geschwister in diesem Lappenzelt,« fuhr +Ola hartnäckig fort. »Alleinstehen ist schlimmer als frieren.« + +Aber jetzt wurde der Fischer immer eifriger, die Sache zu verhindern. Es +war, als könne er den Gedanken nicht ertragen, daß ein Kind, das +schwedische Eltern hatte, bei den Lappen wohnen sollte. + +»Hast du nicht gesagt, das Mädchen habe einen Vater in Malmberget?« + +»Er ist tot,« versetzte der Lappe kurz. + +»Weißt du das aber auch ganz gewiß, Ola?« + +»Was braucht man da noch zu fragen,« erwiderte der Lappe verächtlich. +»Hätten die beiden Kinder wohl nötig gehabt, allein durchs ganze Land zu +ziehen, wenn ihr Vater noch am Leben wäre? Wäre es denkbar, daß zwei kleine +Kinder selbst für sich hätten sorgen müssen, wenn sie einen Vater hätten? +Hätte das Mädchen den schweren Gang zum Inspektor selbst machen müssen, +wenn ihr Vater noch lebte? Meinst du, sie wäre dann jetzt auch nur einen +einzigen Augenblick allein und verlassen, jetzt, wo das ganze Sameland +davon spricht, was für ein gutes, mutiges Mädchen sie sei? Das Mädchen +selbst meint freilich, ihr Vater sei noch am Leben, ich aber sage, er muß +tot sein, es ist nicht anders möglich.« + +Der Mann mit den müden Augen wendete sich dem Lappen zu. »Wie heißt sie, +Ola?« fragte er. + +Der Lappe überlegte ein wenig, dann sagte er: »Ich weiß es nicht mehr, aber +ich will sie fragen.« + +»Sie fragen? Ja, ist sie denn schon hier?« + +»Ja, sie ist drüben im Zelte.« + +»Wie, Ola? Hast du sie zu dir genommen, ehe du weißt, was ihr Vater dazu +sagen wird?« + +»Was brauche ich mich um ihren Vater zu kümmern? Wenn er wirklich nicht tot +ist, dann will er offenbar nichts von dem Kinde wissen, und er kann nur +froh sein, wenn ein anderer sich ihrer annehmen will.« + +Doch jetzt warf der Fischer seine Gerte weg und richtete sich auf; es war +eine Lebhaftigkeit über ihn gekommen, als wenn neues Leben in ihm erwacht +wäre. + +»Dieser Vater ist wahrscheinlich nicht wie andere Menschen,« fuhr der Lappe +fort. »Vielleicht ist er einer von denen, die von schwermütigen Gedanken +verfolgt werden, so daß er es bei keiner Arbeit lange aushalten kann. Aber +sage selbst, wäre ein solcher Vater ein großer Gewinn für das Mädchen?« + +Während Ola dies sagte, stand der Fischer auf und ging mit raschen +Schritten dem Ufer entlang. + +»Wohin willst du?« fragte der Lappe. + +»Ich will mir deine Pflegetochter ansehen, Ola.« + +»Das ist recht,« sagte Ola. »Komm nur und sieh sie dir an. Du wirst gewiß +finden, daß ich eine gute Pflegetochter bekomme.« + +Der Schwede ging mit immer rascheren Schritten vorwärts, und der alte Ola +konnte ihm kaum nachkommen. Nachdem sie eine kleine Strecke zurückgelegt +hatten, sagte Ola zu seinem Gefährten: »Jetzt eben fällt mir ein, wie das +Mädchen heißt. Åsa Jontochter heißt sie.« + +Der andre beschleunigte seine Schritte nur noch mehr, und der alte Ola war +so beglückt, daß er am liebsten in lauten Jubel ausgebrochen wäre. Als nach +einer Weile die Zelte vor ihren Augen auftauchten, ergriff Ola noch einmal +das Wort. + +»Sie ist hier heraufgekommen, um ihren Vater zu suchen, nicht, um meine +Pflegetochter zu werden; aber wenn sie den Vater nicht findet, möchte ich +sie gerne in meinem Zelt behalten.« + +Doch der andre erwiderte nichts, er eilte nur mit immer größerer Hast +vorwärts. + +»Ich habe es mir doch gedacht, daß er bei der Nachricht, ich wolle seine +Tochter unter die Lappen aufnehmen, erschrecken werde,« sagte Ola vor sich +hin. + +Als der Mann von Kiruna, der Åsa nach dem Lappenlager hinübergerudert +hatte, später am Tage wieder zurückruderte, hatte er zwei Personen in +seinem Boot, die dicht nebeneinander saßen und sich so fest an der Hand +hielten, als ob sie sich nie wieder trennen wollten. Es waren Jon Assarsson +und seine Tochter Åsa. Alle beide hatten jetzt ein ganz anderes Aussehen +als noch vor ein paar Stunden. Jon Assarsson sah lange nicht mehr so müde +und gebeugt aus, und seine Augen hatten einen hellen, freundlichen +Ausdruck, als wenn er jetzt Antwort auf das bekommen hätte, was ihn so +lange geängstigt hatte; und das Gänsemädchen Åsa schaute jetzt nicht mehr +mit dem ihm eigenen altklugen Blick umher. Jetzt hatte sie ja jemand, auf +den sie sich stützen und verlassen konnte, und es sah aus, als sei sie auf +dem Wege, wieder ein harmloses Kind zu werden. + +[Illustration] + + + + +46 + +Gen Süden! Gen Süden! + +Der erste Reisetag + + + Samstag, 1. Oktober + +Nils Holgersson saß auf dem Rücken des weißen Gänserichs und ritt hoch +droben durch die Lüfte. Einunddreißig Wildgänse flogen in wohlgeordnetem +Zuge rasch südwärts. Ihre Federn rauschten, und die vielen Flügel schlugen +mit so lautem Sausen durch die Luft, daß man fast sein eigenes Wort nicht +verstehen konnte. Akka von Kebnekajse flog an der Spitze, hinter ihr kamen +Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi, der Gänserich Martin und +Daunenfein. Die sechs jungen Gänse, die sich im letzten Herbst der Schar +angeschlossen hatten, waren nun fortgeflogen, um sich auf eigene Faust +durchzubringen. Statt dessen hatten die Gänse zweiundzwanzig junge Gänse +bei sich, die in diesem Sommer im Felsental herangewachsen waren. Elf von +ihnen flogen rechts und elf links, und sie gaben sich alle Mühe, denselben +Abstand zwischen sich einzuhalten wie die großen Gänse. + +Die armen Jungen hatten noch nie eine große Reise gemacht, und im Anfang +wurde es ihnen sehr schwer, bei dem raschen Fluge der Alten mitzukommen. + +»Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!« riefen sie in jammervollem +Tone. + +»Was gibts?« fragte die Anführerin. + +»Unsere Flügel sind von dem vielen Schlagen müde!« schrien die Jungen. + +»Je länger ihr weitermacht, desto besser geht es,« erwiderte die +Anführerin; und sie flog auch nicht ein bißchen langsamer, sondern ebenso +geschwind wie zuvor. Und es war wirklich, als ob sie recht behalten sollte, +denn nachdem die jungen Gänse ein paar Stunden geflogen waren, klagten sie +nicht mehr über Müdigkeit. Droben im Felsental waren sie jedoch den ganzen +Tag auf der Weide gewesen, und es dauerte deshalb nicht lange, bis sie sich +nach Nahrung sehnten. + +»Akka, Akka, Akka von Kebnekajse!« riefen die jungen Gänse mit kläglicher +Stimme. + +»Was gibts jetzt?« fragte die Anführerin. + +»Wir sind so hungrig, daß wir nicht mehr weiter fliegen können!« schrien +die Jungen. »Wir sind so hungrig, daß wir nicht mehr weiter fliegen +können!« + +[Illustration] + +»Die Wildgänse müssen es lernen, Luft zu essen und Wind zu trinken!« +antwortete die Anführerin, und sie hielt nicht an, sondern flog gerade wie +vorher weiter. + +Es war auch beinahe, als lernten es die Jungen wirklich, von Luft und Wind +zu leben, denn nachdem sie wieder eine Weile geflogen waren, klagten sie +nicht mehr über Hunger. Die Schar war noch immer droben zwischen den +Bergen, und die alten Gänse riefen mit lauter Stimme die Namen aller der +Berggipfel, an denen sie vorüberkamen, damit die Jungen lernten, wie sie +hießen. Aber nachdem es eine Zeitlang so fortgegangen war: »Das ist +Porsotjokko, das ist Sarjektjokko, das ist Sulitelma!« wurden die Jungen +aufs neue ungeduldig. + +»Akka, Akka, Akka!« riefen sie mit herzzerreißender Stimme. + +»Was gibts denn?« fragte die Anführerin. + +»Wir können nicht noch mehr Namen in unseren Kopf hineinbringen!« schrien +die Jungen. »Wir können nicht noch mehr Namen in unseren Kopf +hineinbringen!« + +»Je mehr in euren Kopf hineinkommt, desto mehr Platz habt ihr darin,« +antwortete die Anführerin; und sie rief ihnen die merkwürdigen Namen gerade +wie vorher zu. + +Nils Holgersson dachte auch, es sei höchste Zeit für die Wildgänse, +südwärts zu ziehen, denn es war schon sehr viel Schnee gefallen; soweit das +Auge reichte, war die Erde ganz weiß. Und es war auch in der letzten Zeit +im Felsental tatsächlich recht unbehaglich gewesen. Regen und Sturm und +Nebel hatten unaufhörlich miteinander abgewechselt, und wenn sich das +Wetter je einmal aufhellte, hatte sogleich starker Frost eingesetzt. Die +Beeren und Pilze, von denen sich der Junge den Sommer hindurch ernährt +hatte, erfroren oder verfaulten. Schließlich hatte er sich mit rohen +Fischen sättigen müssen, und das war ihm äußerst unangenehm gewesen. Die +Tage wurden immer kürzer, und bei den langen Abenden und dem immer späteren +Tagesanbruch war es natürlich sehr traurig und langweilig für den Jungen +gewesen; denn er konnte ja seine Natur nicht so einrichten und nicht genau +so lange schlafen, wie die Sonne verschwunden war. + +Dann aber hatten die Gösselchen allmählich so große Flügel bekommen, daß +die Reise gen Süden unternommen werden konnte, und der Junge war +hochbeglückt darüber. Er sang und lachte in einem fort, während er jetzt +auf dem Rücken des Gänserichs dahinflog. Ach, er sehnte sich nicht nur von +Lappland fort, weil es da droben jetzt trüb und dunkel und kalt und mit der +Nahrung knapp bestellt war, nein, er hatte auch noch andere Gründe dazu. + +[Illustration] + +In den ersten Wochen hatte er da droben durchaus nicht an Heimweh gelitten. +Er meinte, noch niemals in einem so wunderschönen Lande gewesen zu sein, +und hatte keine anderen Sorgen, als sich der Mückenschwärme zu erwehren, +damit sie ihn nicht ganz und gar auffräßen. Von dem weißen Gänserich sah er +in dieser Zeit nicht viel; denn der große Weiße dachte an nichts andres, +als für Daunenfein zu sorgen, und wich keinen Schritt von ihrer Seite. Da +hatte sich der Junge an die alte Akka und an den Adler Gorgo gehalten, und +die drei hatten viele vergnügte Stunden miteinander verbracht. Er war von +den Vögeln auf weite Ausflüge mitgenommen worden; Nils Holgersson hatte +sogar oben auf dem schneebedeckten Kebnekajse gestanden und auf die +Gletscher hinabgeschaut, die sich dort unter dem steilen Bergkegel +ausbreiten. Der Junge war auch noch auf vielen andern hohen Berggipfeln +gewesen, die nur sehr selten von einem Menschenfuß betreten worden sind. +Akka zeigte ihm verborgene Täler zwischen den Bergen und ließ ihn in +Felsenschluchten hinabsehen, wo die Bärinnen ihre Jungen aufzogen. Es +versteht sich von selbst, daß er auch die Bekanntschaft der zahmen +Renntiere machte, die in großen Scharen an den Ufern des schönen Torneteich +weideten; und er war auch drunten an dem großen Sjöfall gewesen und hatte +den dort wohnenden Bären von ihren Verwandten im Bergwerkdistrikt Grüße +bestellt. Wo immer er hinkam, -- überall war das Land wunderschön; er +freute sich auch von Herzen, daß er alles sehen durfte, und doch hätte er +nicht immer da leben mögen. Er mußte Akka recht geben, wenn sie sagte: »Die +schwedischen Ansiedler sollten dieses Land nicht beunruhigen, sondern es +wie bisher den Bären und Wölfen und Renntieren und Wildgänsen, den +Bergeulen, den Wühlmäusen und den Lappen überlassen, die dazu geschaffen +sind, da zu leben.« + +Eines Tages war Akka mit ihm auf eines der großen Grubenfelder geflogen, +und da hatte er Klein-Mats von einem Sprengschuß zerschmettert an der +Grubenöffnung gefunden. In den nächsten Tagen hatte der Junge dann an +nichts weiter denken können, als wie er dem Gänsemädchen Åsa helfen könnte; +nachdem aber diese ihren Vater gefunden hatte und seiner Hilfe nicht mehr +bedurfte, wanderte er meistens in dem Felsental umher; und von dieser Zeit +an sehnte er sich nach dem Tag, wo er mit dem Gänserich Martin heimkehren +und wieder ein Mensch werden würde. Ach, er wollte doch so gerne wieder so +werden, daß das Gänsemädchen Åsa mit ihm zu sprechen wagte und ihm nicht +vor lauter Angst die Tür vor der Nase zuschlüge! + +Ja, ja, Nils Holgersson war überglücklich, daß es nun südwärts ging. Als +der erste Fichtenwald auftauchte, schwang er seine Mütze und rief Hurra! +und auf dieselbe Weise begrüßte er das erste graue Ansiedlerhaus, die erste +Ziege, die erste Katze und die ersten Hühner. Der Weg führte über +prachtvolle Wasserfälle hin, und zu seiner Rechten sah der Junge +wunderschöne Berge; aber an solche Herrlichkeiten war er jetzt so gewöhnt, +daß er kaum noch einen Blick auf sie warf. Etwas andres war es, als er +östlich von den Bergen die Kapelle von Kvickjock, von einem kleinen +Pfarrhof und einem kleinen Dorfe umgeben, erblickte. Dieser Anblick ergriff +ihn so mächtig, daß ihm die Tränen in die Augen traten. + +Die ganze Zeit trafen die Wildgänse mit andern Zugvögeln zusammen, die +jetzt in etwas größeren Scharen als im Frühling einhergeflogen kamen. + +»Wohin, ihr Wildgänse, wohin?« riefen die Zugvögel. + +»Ins Ausland, wie ihr auch!« antworteten die Wildgänse. »Ins Ausland, ins +Ausland!« + +»Die Jungen sind ja noch nicht ganz ausgewachsen!« riefen die andern. »Mit +so kleinen Flügeln kommen sie nie übers Meer hinüber!« + +Die Lappen und die Renntiere zogen nun auch von den Bergen herunter. Sie +kamen in guter Ordnung daher: ein Lappe führte den Zug an, dann kam die +Herde mit den großen Renntierstieren in den ersten Gliedern, hierauf eine +Reihe Lasttiere, die die Zelte und das andre Eigentum der Lappen trugen, +und zum Schlusse etwa sieben bis acht Menschen. + +Als die Wildgänse die Renntiere sahen, ließen sie sich etwas hinuntersinken +und riefen ihnen zu: »Habt schönen Dank für den Sommer! Habt schönen Dank +für den Sommer!« + +»Glückliche Reise und auf Wiedersehen im nächsten Jahr!« antworteten die +Renntiere. + +Aber als die Bären die Wildgänse sahen, zeigten sie sie ihren Jungen und +brummten: »Seht, seht! Diese dort fürchten sich vor ein bißchen Kälte; +deshalb bleiben sie im Winter nicht daheim.« + +Aber die alten Wildgänse blieben den Bären die Antwort nicht schuldig, +sondern riefen den Jungen zu: »Seht, seht! Diese verschlafen lieber das +halbe Jahr, als daß sie sich der Mühe unterziehen, südwärts zu reisen!« + +Drunten in den Fichtenwäldern saßen die jungen Auerhähne zerzaust und +verfroren beieinander und sahen den großen Vogelscharen, die jubelnd und +fröhlich südwärts zogen, mit sehnsüchtigen Augen nach. + +»Wann kommt die Reihe an uns?« fragten sie die Auerhähne. »Wann kommt die +Reihe an uns?« + +»Ihr müßt bei Vater und Mutter daheim bleiben,« sagten die alten Auerhähne. +»Ihr müßt bei Vater und Mutter daheim bleiben.« + +[Illustration] + + +Auf dem Östberge + + Dienstag, 4. Oktober + +Wer sich je in Gebirgsgegenden aufgehalten hat, weiß, wie beschwerlich der +Nebel sein kann, wenn er sich über eine Landschaft hereinwälzt und die +ganze Aussicht verhüllt, so daß man von allen den schönen ringsumher +aufragenden Bergen gar nichts sieht. Mitten im Sommer kann man in solch +einen Nebel hineingeraten, und im Herbst ist es kaum möglich, ihm zu +entgehen, das kann man mit Wahrheit behaupten. Nils Holgersson hatte im +ganzen genommen recht schönes Wetter gehabt, solange sich die Wildgänse +noch in Lappland befanden; aber kaum hatten sie gemeldet, jetzt ginge es +nach Jämtland hinein, als die Nebel auch schon um sie her aufstiegen und +sich so verdichteten, daß sie nichts von der Landschaft sahen. Der Junge +flog einen ganzen Tag auf dem Rücken des Gänserichs dahin, ohne zu wissen, +ob er in einem Gebirgsland oder in einem Flachland wäre. + +Gegen Abend ließen sich die Wildgänse auf einem grünen Platze nieder, der +nach allen Seiten hin abfiel. Sie mußten sich also auf dem Gipfel eines +Hügels befinden; ob dieser aber groß oder klein war, das konnte der Junge +nicht herausbringen. Er dachte jedoch, sie müßten in einer bewohnten Gegend +sein, denn er glaubte Menschenstimmen, sowie das Rasseln von Fuhrwerken zu +hören, die auf einer Straße dahinrollten; ganz sicher war er seiner Sache +indes nicht. + +Er hätte sich schrecklich gerne nach einem Hofe umgesehen, fürchtete aber, +sich im Nebel zu verirren, und so entschloß er sich, bei den Wildgänsen zu +bleiben. Ringsum tropfte alles vor Nässe und Feuchtigkeit; an jedem +Grashälmchen und jedem Kräutlein hingen kleine Tropfen, und der Junge bekam +ordentlich einen Regenschauer auf sich hernieder, sobald er sich nur ein +wenig bewegte. »Es ist hier nicht viel besser als droben im Felsental,« +dachte er. »Aber ein paar Schritte könnte ich doch machen,« dachte er +weiter. Und jetzt konnte er auch in ganz geringer Entfernung vor sich ein +Gebäude unterscheiden, das zwar nicht umfangreich, aber viele Stockwerke +hoch war; der Junge konnte nicht bis zum Dache hinauf sehen. Die Haustür +war verschlossen, und das Haus schien ganz unbewohnt zu sein. Ach, es war +natürlich nur ein Aussichtsturm, wo es weder etwas zu essen, noch ein +gewärmtes Zimmer gab! Aber Nils Holgersson lief trotzdem in größter Eile zu +den Wildgänsen zurück. + +»Lieber Gänserich Martin,« sagte er, »nimm mich auf den Rücken und trage +mich auf den Turm dort drüben hinauf. Ich kann hier nicht schlafen, weil es +überall zu naß ist; dort droben werde ich schon ein trockenes Plätzchen +finden, wo ich mich niederlegen kann.« + +Der Gänserich Martin war sogleich bereit, seinem guten Freunde zu helfen; +er trug ihn hinauf auf das Plattdach des Turmes, und da schlief der Junge, +bis ihn die Morgensonne weckte. + +Als er seine Augen aufschlug und sich umschaute, konnte er zuerst gar nicht +begreifen, was er sah, oder wo er sich befand. Er war früher einmal auf +einem Jahrmarkt in einem Zelt gewesen und hatte da ein mächtig großes +Panorama gesehen; und jetzt war es ihm, als stehe er wieder mitten in so +einem großen runden Zelt, mit einer schönen roten Decke über sich, während +an den Wänden und am Boden hin eine prächtige weite Landschaft gemalt war, +mit großen Dörfern, Wiesen, Landstraßen und Eisenbahnen, ja sogar mit einer +ganzen Stadt. Es wurde ihm ja bald klar, daß er sich hier nicht in einem +Panorama befand, sondern daß er selbst auf einem Aussichtsturm stand, mit +dem roten Morgenhimmel über sich und einem wirklichen Land ringsumher. Aber +er hatte jetzt schon so lange nichts anderes als Einöde gesehen, da war es +nicht verwunderlich, daß er das, was er jetzt vor sich sah -- eine +richtige, dichtbebaute Landschaft, -- für ein Gemälde hielt. + +[Illustration] + +Und noch etwas war schuld daran, daß der Junge alles, was er sah, zuerst +für ein Gemälde gehalten hatte; von allem, was er sah, hatte nämlich nichts +seine richtige Farbe. Der Aussichtsturm, auf dem er sich befand, stand auf +einem Berg, der Berg auf einer Insel, und die Insel selbst lag nahe bei dem +östlichen Ufer eines großen Sees. Der See aber war nicht grau, wie solche +Binnenseen sonst zu sein pflegen, sondern ein großer Teil seines +Wasserspiegels schimmerte ebenso rosig wie der Morgenhimmel, und drinnen in +den tiefen Buchten blinkte er fast nachtschwarz heraus. Und dann war das +Land um den See herum nicht grün; mit allen seinen eingeheimsten +Getreidefeldern und den goldigschimmernden Laubwäldern leuchtete es +hellgelb herüber, und rings um das Gelbe zog sich ein breiter Gürtel aus +schwarzem Nadelwald. Noch niemals war dem Jungen der Wald so schwarz +erschienen wie an diesem Morgen; aber er meinte, es komme vielleicht daher, +weil der Laubwald innerhalb des dunklen Fichtengürtels so besonders hell +glänzte. Jenseits dieser dunkeln Strecke blauten im Osten einige Höhenzüge; +aber am ganzen westlichen Horizont wölbte sich ein langgestreckter, +glänzender Bogen aus zackigen, verschiedengeformten Bergen von einer +wunderbar schönen, sanftglänzenden Farbe, die weder rot noch weiß noch blau +genannt werden konnte, -- es gab einfach gar keinen Namen für diese +Schattierung. + +Doch jetzt wendete der Junge seinen Blick von den Bergen und Nadelwäldern +ab und richtete ihn auf die nächste Umgebung. Rings um den See her in dem +goldnen Gürtel tauchte allmählich ein rotes Dorf nach dem andern und eine +weiße Kirche nach der andern auf, und direkt gen Osten, jenseits des +schmalen Sundes, der die Insel vom Festland trennte, lag eine Stadt. Sie +breitete sich am Seeufer aus, dicht hinter ihr ragte ein Berg auf, der sie +beschützte, und ringsumher lag eine reiche dichtbevölkerte Landschaft. + +»Diese Stadt hat es wirklich verstanden, sich eine gute Lage auszuwählen,« +dachte der Junge. »Wie sie wohl heißen mag?« + +In demselben Augenblick fuhr er heftig zusammen und schaute sich um. Er war +ganz in die Aussicht versunken gewesen und hatte deshalb gar nicht gemerkt, +daß unten Menschen herangekommen waren. + +Jetzt liefen diese Besucher eilig die Treppen herauf. Der Junge hatte +gerade noch Zeit, sich nach einem Versteck umzusehen und sich dort zu +verbergen; da waren sie auch schon oben. + +[Illustration] + +Es war eine Schar junger Leute, die auf einer Fußwanderung begriffen waren. +Sie hatten Jämtland durchstreift und gaben nun ihrer Freude in lauten +Worten Ausdruck, daß sie am vorhergehenden Abend Östersund noch erreicht +hätten und nun an diesem schönen Morgen die Aussicht vom Östberg auf die +Frösö genießen könnten. Von hier aus könne man mehr als zwanzig Meilen im +Umkreis umherschauen, nun könnten sie doch noch einen letzten Blick auf ihr +liebes Jämtland werfen, ehe sie es verließen. + +»Dort unten haben wir Sunne,« sagten sie. »Und dort liegt Marby und dort +drüben Hallen. Was wir dort gerade im Norden sehen, ist die Kirche von +Rödö, und die andere da unter uns ist die von Frösö.« + +[Illustration] + +Dann unterhielten sie sich über die Berge. Die nächstliegenden seien die +Oviksfjälle, sagten die einen, und die anderen stimmten alle damit überein; +aber dann waren sie nicht ganz einig darüber, welcher wohl der Klövsjöfjäll +und der Anarisfjäll seien, und wo Västerfjället, Almåsafjället und der +Åreskutan lägen. + +Während sie noch darüber sprachen, zog ein junges Mädchen eine Landkarte +heraus, breitete sie auf ihren Knieen aus und studierte darin. Plötzlich +schaute sie auf. + +»Wenn ich das Jämtland so hier auf einer Karte sehe,« sagte sie, »kommt es +mir immer wie ein einziger großer Felsen vor. Ich warte immer darauf, daß +mir jemand einmal erzählt, dieses Gebirge habe einst ganz aufrecht +dagestanden und bis zum Himmel hinaufgereicht.« + +»Das hätte wahrlich ein gewaltiger Berg sein müssen,« sagte eines von den +andern und lachte das junge Mädchen aus. + +»Allerdings; aber deshalb ist er ja auch umgefallen. Hier, seht doch +selbst! Es gleicht wahrhaftig einem richtigen hohen Berge mit breitem Fuß +und spitzigem Gipfel.« + +»Es paßt gar nicht so schlecht für ein Gebirgsland, wenn der ganze +Gebirgsstock wie ein einzelner Berg aussieht,« sagte wieder eines von den +Umstehenden. »Ich habe zwar schon allerlei Sagen vom Jämtland gehört, aber +doch noch nie ...« + +»Kennst du die Sage vom Jämtland?« fiel ihm das junge Mädchen eifrig ins +Wort. »Dann mußt du sie sogleich erzählen.« + +»Und hier ist der allerbeste Platz zum Anhören, hier, wo wir gleich das +ganze Land vor uns haben.« + +Alle anderen stimmten mit dem jungen Mädchen überein; und ihr Gefährte ließ +sich nicht lange nötigen, sondern begann sogleich seine Erzählung. + +[Illustration] + + +Die Sage von Jämtland + +»Zu der Zeit, wo es noch Riesen in Jämtland gab, geschah es einmal, daß ein +alter Bergriese auf dem Hofe vor seinem Hause stand und seine Pferde +striegelte. Während er eifrig bei dieser Arbeit war, fingen die Pferde +plötzlich vor lauter Angst heftig zu zittern an. + +>Was ist denn mit euch los?< sagte der Riese und sah sich um, was die +Pferde wohl erschreckt haben könnte. Es waren aber weder Wölfe noch Bären +in der Nähe zu erblicken; das einzige, was er entdecken konnte, war ein +Wandersmann, der zwar bei weitem nicht so groß und stark war wie er selbst, +aber doch recht stattlich aussah und offenbar auch über gute Kräfte +verfügte, und der eben den Pfad heraufstieg, der zu der Berghütte führte. +Aber kaum war der alte Bergriese des Wandersmanns gewahr geworden, als er +auch schon von Kopf bis zu Fuß zitterte, gerade wie seine Pferde; er nahm +sich gar nicht Zeit, seine angefangene Arbeit fertig zu machen, sondern +lief eiligst in den Saal hinein zu seinem Weib, das an der Kunkel Werg +spann. + +>Was ist denn los?< fragte die Frau. >Du siehst ja todesbleich aus.< + +>Soll ich etwa nicht bleich aussehen,< erwiderte der Riese, >wenn ein +Wanderer des Weges daherkommt, der ebenso gewiß, wie du mein Weib bist, +Asa-Thor sein muß.< + +>Das ist freilich kein willkommener Besuch,< erwiderte das Weib des Riesen. +>Kannst du ihm nicht die Augen verhexen, daß er den ganzen Hof hier für +einen Felsen hält und an unserer Tür vorübergeht?< + +>Es ist zu spät, Zauberkunst auszuüben,< sagte der Riese, >denn ich höre +ihn schon die Pforte öffnen und in den Hof hereintreten.< + +>Dann rate ich dir, dich verborgen zu halten und mich ihn allein in Empfang +nehmen zu lassen,< sagte die Frau schnell. >Ich will mein bestes tun, ihm +das Wiederkommen zu verleiden.< + +Der Vorschlag gefiel dem Riesen über die Maßen. Er ging in die Kammer +nebenan, seine Frau aber blieb auf der Frauenbank in dem Saal sitzen und +spann ruhig weiter, als ahnte sie keine Gefahr. + +Aber nun müßt ihr wissen, daß es zu jenen Zeiten im Jämtland ganz anders +aussah als heutigen Tages. Das ganze Land war eine einzige flache +Hochebene, die vollständig kahl und nackt dalag, nicht einmal ein +Fichtenwald konnte sich da fortbringen. Es gab weder See, noch Fluß, und +auch keine Felder, über die der Pflug hätte gehen können. Ja, zu jener Zeit +waren nicht einmal die Berge und Felsenmassen da, die jetzt im ganzen Lande +zerstreut liegen, diese standen alle weit drüben im Westen. In dem ganzen +großen Lande konnten keine Menschen leben, aber den Riesen ging es dafür um +so besser. Wohl kaum ohne ihren Willen und ihr Einverständnis blieb das +Land so öde und ungastlich liegen; und deshalb hatte es seine guten Gründe, +wenn der Bergriese so erschrak, als er Asa-Thor auf sein Haus zukommen sah. +Er wußte, die Asen waren denen nicht hold, die Kälte, Dunkelheit und Öde um +sich verbreiteten und die Erde daran verhinderten, reich und fruchtbar zu +werden und sich mit menschlichen Wohnungen zu schmücken. + +Die Frau des Riesen brauchte nicht lange zu warten; nach wenigen +Augenblicken ertönten feste Schritte vor dem Hause, und der Wanderer, den +der Riese auf dem Pfad gesehen hatte, riß die Tür auf und trat in die +Stube. Er blieb jedoch nicht an der Tür stehen, wie sonst die +umherziehenden Leute zu tun pflegen, sondern ging geradeswegs auf die Frau +zu, die auf der entgegengesetzten Seite des Saals an der Giebelwand saß. +Aber wie merkwürdig! Als er meinte, nun habe er ein ordentliches Stück +zurückgelegt, war er erst eine ganz kleine Strecke von der Tür entfernt, +und es war noch weit bis zur Feuerstelle, die sich mitten in der Stube +befand. Der Fremde machte längere Schritte; aber nachdem er wieder eine +Weile gegangen war, kam es ihm vor, als sei die Frau und auch die +Feuerstelle noch weiter entfernt als bei seinem Eintritt. Im Anfang war ihm +das Haus gar nicht besonders groß vorgekommen, und er merkte erst, wie groß +es war, als er die Feuerstelle schließlich erreicht hatte; denn da war er +so müde, daß er sich auf seinen Stab stützen und ausruhen mußte. Als die +Frau des Riesen sah, daß er stehen blieb, legte sie die Kunkel weg, stand +von der Bank auf und war mit wenigen Schritten neben ihm. + +>Wir Riesen haben große Stuben gern,< sagte sie, >und mein Mann beklagt +sich oft darüber, wie enge es hier sei. Aber für jemand, der keine größeren +Schritte machen kann als du, muß es sehr anstrengend sein, das Zimmer eines +Riesenhauses zu durchschreiten, das begreife ich recht wohl. Laß mich nun +wissen, wer du bist und was du von den Riesen willst?< + +Augenscheinlich lag dem Wanderer eine heftige Antwort auf der Zunge; aber +er wollte sich ohne Zweifel mit einer Frau nicht in Streit einlassen, denn +er antwortete ganz ruhig: >Mein Name ist Handfest, und ich bin ein Recke, +der manches Abenteuer bestanden hat. Nun habe ich das ganze Jahr daheim auf +meinem Hof gesessen und hatte mich schon gefragt, ob es denn gar nichts +mehr für mich zu tun gebe, als ich die Menschen sagen hörte, ihr Riesen +sorgtet gar zu schlecht für das Land hier oben, so daß es außer euch +niemand hier aushalten könne. Da habe ich mich flugs aufgemacht, um mit +deinem Manne über diese Sache zu sprechen und ihn zu fragen, ob er nicht +für eine bessere Ordnung hier Sorge tragen wolle.< + +>Mein Mann ist auf der Jagd,< sagte die Frau, >und wenn er nach Hause +kommt, wird er dir selbst Antwort auf deine Fragen geben. Aber das will ich +dir doch sagen: wer mit solchen Fragen zu einem Bergriesen kommt, müßte +eigentlich ein größerer Mann sein als du. Es wäre gewiß am besten für +deinen guten Ruf, wenn du dich gleich wieder aus dem Staube machtest, ohne +mit dem Riesen zusammengetroffen zu sein.< + +>O nein, da ich nun einmal gekommen bin, will ich auch auf ihn warten,< +erwiderte der Mann, der sich Handfest genannt hatte. + +>Ich habe dir nach meinem besten Wissen geraten,< sagte die Riesin, >tu nun +eben, was du nicht lassen kannst. Setze dich indessen hier auf die Bank, +dann will ich dir einen Willkommtrunk holen.< + +Die Frau ergriff ein gewaltiges Methorn und begab sich damit in den +hintersten Winkel der Stube, wo das Metfaß lag. Auch dieses kam dem Gaste +nicht besonders groß vor; als aber die Frau den Zapfen herauszog, stürzte +der Met mit so lautem Brausen in das Methorn, wie wenn ein Wasserfall ins +Zimmer hereingerauscht käme. Das Horn war bald voll. Aber als die Frau den +Zapfen wieder in das Faß hineinstecken wollte, kam sie nicht zustande +damit; der Met schäumte wild hervor, riß ihr den Zapfen heraus und floß auf +den Boden. Die Frau machte noch einen Versuch, den Zapfen wieder +hineinzustecken, aber es mißlang ihr abermals. Da rief sie den Fremden zu +Hilfe. + +>Siehst du denn nicht, daß mir der Met ausläuft, Handfest? Komm her und +steck den Zapfen in die Tonne!< + +Der Gast eilte ihr sofort zu Hilfe; er nahm den Zapfen und versuchte, ihn +in das Spundloch hineinzudrücken; aber der Met riß ihn wieder heraus, +schleuderte ihn weit weg, schoß mit unverminderter Gewalt heraus und +überschwemmte den Boden. + +Handfest versuchte es ein Mal ums andre, den Zapfen hineinzustecken, aber +es gelang ihm nicht, und schließlich warf er den Zapfen weg. Der ganze +Boden war nun mit Met bedeckt, und damit man doch wenigstens im Zimmer sein +konnte, zog der Fremde tiefe Furchen, in denen der Met fließen konnte. Er +machte in dem harten Felsengrund Rinnen, wie Kinder im Frühling durch den +Sand Furchen ziehen, damit das Schneewasser ablaufen kann, und da und dort +stampfte er mit dem Fuße tiefe Löcher, in denen die Flüssigkeit sich +sammeln konnte. Die Frau sah ganz ruhig zu; und wenn der Gast aufgeschaut +hätte, würde er entdeckt haben, daß sie seiner Arbeit verwundert und auch +entsetzt zusah. + +Aber als er fertig war, sagte sie spöttisch: >Ich danke dir schön, +Handfest. Ich sehe, du tust, was in deiner Macht steht. Sonst hilft mir +mein Mann, den Zapfen einzusetzen; aber es kann ja nicht jedermann so stark +sein wie er. Da du nun dies nicht tun kannst, wäre es wohl am besten für +dich, wenn du gleich jetzt deines Weges zögest.< + +>Ich gehe nicht, ehe ich mein Vorhaben ausgeführt habe,< sagte der Fremde, +aber er sah beschämt und niedergeschlagen dabei aus. + +>Dann setze dich dort auf die Bank,< sagte die Frau. >Ich will den Kessel +aufs Feuer stellen und dir einen Teller Grütze kochen.< + +Sie tat, wie sie gesagt hatte; als aber die Grütze beinahe fertig war, +wendete sie sich an den Gast und sagte: >Ich sehe eben, daß ich fast kein +Mehl mehr habe, um die Grütze gehörig dick zu machen. Meinst du, du seiest +stark genug, die Mühle zu drehen, die dort neben dir steht; ein paar +Drehungen genügen schon, und es ist Korn zwischen den Steinen. Du mußt +jedoch deine ganze Kraft zusammennehmen, denn die Mühle geht nicht gerade +leicht.< + +Der Gast ließ sich nicht lange bitten, sondern suchte die Handmühle zu +drehen. Sie kam ihm nicht besonders groß vor; als er aber den Griff erfaßt +hatte und den Stein im Kreise herumdrehen wollte, ging sie so schwer, daß +er sie nicht bewegen konnte; er wendete seine ganze Kraft auf, brachte aber +trotz aller Mühe die Mühle nur ein einziges Mal im Kreise herum. + +Mit stummer Verwunderung sah die Riesenfrau zu, während er sich abmühte; +und als er die Mühle losließ, sagte sie: >Ja, ich bin von meinem Mann her +freilich bessere Hilfe gewöhnt, wenn die Mühle nicht gehen will. Aber es +kann ja niemand von dir fordern, daß du mehr tun sollst, als deine Kraft +vermag; du wirst jetzt aber doch wohl selbst einsehen, daß es am besten für +dich wäre, wenn du nicht mit dem zusammen träfest, der auf dieser Mühle +mahlen kann, soviel er Lust hat.< + +>Trotzdem habe ich im Sinne, auf ihn zu warten,< erwiderte Handfest ganz +leise und sanft. + +>Nun, dann setze dich dort auf die Bank, während ich ein Bett für dich +zurecht mache,< sagte die Frau; >denn in diesem Falle wirst du hier +übernachten müssen.< + +Sie richtete ihm aus vielen Kissen und Decken ein Lager her und wünschte +ihm gute Nacht. >Du wirst das Bett ziemlich hart finden,< sagte sie, >aber +mein Mann liegt jede Nacht auf so einem Lager.< + +Als Handfest sich nun in dem Bett behaglich ausstrecken wollte, fühlte er +so viel Unebenheiten und Vertiefungen unter sich, daß von Schlafen keine +Rede sein konnte; er wälzte und drehte sich von einer Seite auf die andere, +konnte aber durchaus nicht einschlafen. Schließlich warf er in hellem Zorn +ein Kissen dahin und ein Polster dorthin, und dann schlief er ruhig bis zum +Morgen. + +Als die Sonne durch die Dachluke herein schien, stand er auf und verließ +das Haus der Riesen. Er ging über den Hofplatz und durch die Pforte; als er +jedoch diese wieder hinter sich zumachte, stand plötzlich die Frau des +Riesen neben ihm. + +>Ich sehe, du willst nun doch deiner Wege gehen, Handfest,< sagte sie, >und +das ist gewiß auch das klügste, was du tun kannst.< + +>Wenn dein Mann in einem solchen Bett schlafen kann, wie du mir für diese +letzte Nacht bereitet hast,< sagte Handfest mißmutig, >dann will ich mich +nicht mit ihm einlassen, denn dann muß er ein Mann von Eisen sein, mit dem +es niemand aufnehmen kann.< + +Die Riesin lehnte an der Pforte. >Jetzt, wo du außerhalb meines Hofes bist, +Handfest,< sagte sie, >will ich dir doch sagen, daß deine Reise zu uns +Riesen durchaus nicht so unehrenvoll für dich abgelaufen ist, wie du selbst +zu denken scheinst. Es ist gar nicht merkwürdig, daß du den Weg durch meine +Stube lang fandest; da bist du über die ganze Hochebene, die Jämtland +genannt wird, hingegangen. Desgleichen war es auch nicht verwunderlich, daß +du den Zapfen nicht in das Faß hinein brachtest, denn aus dem Faß ist dir +alles Wasser entgegengeströmt, das von den Schneebergen herabläuft. Und als +du das Wasser auf dem Boden in Rinnen leitetest, hast du Furchen und +Vertiefungen geschaffen, die jetzt Flüsse und Seen sind. Es war kein +geringer Beweis deiner Stärke, daß du die Mühle einmal im Kreise +herumgebracht hast, denn zwischen den Steinen war kein Korn, sondern +Kalksteine und Schiefer, und mit der einen Drehung hast du soviel gemahlen, +daß die ganz Hochebene mit guter fruchtbarer Erde bedeckt worden ist. Daß +du in dem Bett, das ich dir zurecht gemacht habe, nicht hast liegen können, +verwundert mich auch nicht; denn ich habe große eckige Berggipfel +hineingelegt; diese hast du nun über das halbe Land hingeschleudert, und +vielleicht sind dir die Menschen dafür nicht so dankbar wie für das andere, +was du getan hast. Ich sage dir jetzt Lebewohl und verspreche dir, daß ich +und mein Mann von hier fortziehen werden an einen Ort, wo du uns nicht so +leicht aufsuchen kannst.< + +Der Wanderer hörte dies alles mit wachsendem Zorne an, und als die +Riesenfrau ausgesprochen hatte, griff er nach dem Hammer, den er in seinem +Gürtel trug. Aber ehe er ihn herausziehen konnte, war die Frau +verschwunden, und da, wo das Haus der Riesen gestanden hatte, war nichts +mehr zu sehen als eine graue Bergwand. Aber was nicht verschwunden war, das +waren die mächtigen Flüsse und Seen, denen Handfest auf der Hochebene +einen Weg geschaffen, sowie das fruchtbare Erdreich, das er gemahlen hatte. +Nicht verschwunden waren außerdem noch die prächtigen Berge, die dem +Jämtland seine Schönheit verleihen und allen denen, die es besuchen, Kraft +und Gesundheit, Freude, Mut und Lebenslust schenken; deshalb ist wohl auch +von allen Taten, die Asa-Thor vollbracht hat, keine lobenswerter als die, +welche er in jener Nacht ausführte, als er Felsenmassen hinausschleuderte, +vom Frostviksgebirge im Norden bis zum Helagsberg im Süden, von den +Ovikshöhen bis jenseits des Storsee, ja bis zu den Sylarna, den hohen +Bergen an der Reichsgrenze.« + +[Illustration] + + + + +47 + +Die Sage vom Härjedal + + + Dienstag, 4. Oktober + +Nils Holgersson wurde unruhig, weil die Reisenden gar so lange auf dem +Aussichtsturm blieben. Der Gänserich Martin konnte seinen Gefährten nicht +abholen, solange die Fremden da waren, und der Junge wußte doch, daß die +Wildgänse so rasch wie möglich südwärts reisen wollten. Mitten unter der +Erzählung war es ihm freilich gewesen, als höre er Gänsegeschnatter und +laute Flügelschläge; vielleicht waren das die Wildgänse, die weiterflogen. +Aber der Junge hatte nicht an die Brüstung zu treten gewagt, um zu sehen, +wie es sich verhielt. + +Als die Gesellschaft endlich gegangen war und der Junge sich aus seinem +Versteck herauswagen konnte, sah er keine Wildgänse drunten auf dem Boden, +und kein Gänserich Martin kam, ihn zu holen. Er rief: »Hier bin ich! Wo +bist du?« so laut er konnte; aber die Reisegefährten zeigten sich nicht. Es +fiel ihm zwar keinen Augenblick ein, sie könnten ihn verlassen haben; aber +er fürchtete, es sei ihnen ein Unglück zugestoßen, und er überlegte eben, +auf welche Weise er sie ausfindig machen könnte, als sich plötzlich der +Rabe Bataki neben ihm niederließ. + +Der Junge hätte nie gedacht, daß er Bataki jemals mit einem so frohen +Willkommen begrüßen würde, wie er jetzt tat. »Lieber Bataki,« sagte er, +»wie herrlich, daß du kommst! Du kannst mir vielleicht sagen, was aus dem +Gänserich Martin und aus den Wildgänsen geworden ist.« + +»Jawohl, und ich komme gerade in ihrem Auftrag,« antwortete der Rabe. »Akka +hat einen Jäger auf dem Gebirge umherstreifen sehen, deshalb wagte sie es +nicht, auf dich zu warten, sondern ist vorausgeflogen. Setze dich jetzt auf +meinen Rücken, dann wirst du gleich wieder bei deinen Freunden sein.« + +Der Junge setzte sich eiligst auf Batakis Rücken, und Bataki würde die +Wildgänse auch bald eingeholt haben, wenn ihn der Nebel nicht daran +verhindert hätte. Aber es war, als hätte die Morgensonne den Nebel wieder +geweckt. Kleine, leichte Nebelschleier, die sich verdichteten und mit +erstaunlicher Schnelligkeit ausbreiteten, stiegen plötzlich vom See, von +den Feldern und aus dem Walde auf, und schon nach ganz kurzer Zeit war die +Erde ringsum von weißen, wogenden Nebelmassen verhüllt. + +Da droben, wo Bataki flog, war vollständig klare Luft und strahlender +Sonnenschein; aber die Wildgänse waren offenbar mitten in den Nebelmassen, +da die beiden sie mit keinem Auge entdecken konnten. Der Junge und der Rabe +riefen und schrien aus vollem Halse, aber sie erhielten keine Antwort. + +»Das ist doch ein rechtes Mißgeschick,« sagte der Rabe schließlich. »Aber +wir wissen ja, in welcher Richtung sie fliegen, und sobald der Nebel sich +verzieht, werde ich sie schon ausfindig machen.« + +Der Junge war sehr betrübt, daß er gerade jetzt von dem Gänserich Martin +getrennt worden war, denn auf der Reise war der große Weiße allen möglichen +Gefahren ausgesetzt. Aber nachdem er sich ein paar Stunden lang gegrämt und +geängstigt hatte, sagte er sich, es sei ja doch bisher auch kein Unglück +geschehen, und deshalb hätte es keinen Sinn, wenn er jetzt schon den Mut +sinken ließe. + +In diesem Augenblick hörte er drunten auf der Erde einen Hahn krähen, und +sogleich neigte er sich über den Rücken des Raben vor und rief: »Wie heißt +das Land, über das ich hinfliege? Wie heißt das Land, über das ich +hinfliege?« + +»Es heißt Härjedal! Härjedal! Härjedal!« krähte der Hahn. + +»Wie sieht es bei euch da drunten aus?« fragte der Junge. + +»Berge im Westen, Wälder im Osten und ein breites Tal durchs ganze Land!« +antwortete der Hahn. + +»Schönen Dank! Schönen Dank für die gute Antwort!« rief der Junge. + +Nachdem sie wieder eine Weile geflogen waren, hörte er unter sich im Nebel +eine Krähe krächzen. + +»Was für Menschen wohnen hier in diesem Lande?« rief der Junge hinunter. + +»Ein prächtiges, gutes Bauernvolk!« antwortete die Krähe. »Ein prächtiges, +gutes Bauernvolk!« + +»Was arbeiten sie?« fragte der Junge. »Was arbeiten sie?« + +»Sie treiben Viehzucht und roden den Wald aus!« krächzte die Krähe zurück. + +»Schönen Dank! Schönen Dank für die gute Antwort!« rief der Junge. + +Kurz darauf hörte er den Gesang eines Menschen durch den Nebel +heraufdringen. + +»Gibt es irgendeine große Stadt in dieser Landschaft?« fragte der Junge. + +»Was ... Was ... Wer ruft denn hier?« rief der Mensch als Antwort. + +»Gibt es irgendeine große Stadt in dieser Landschaft?« wiederholte der +Junge. + +»Ich will wissen, wer da ruft?« schrie der Mensch. + +»Ja, ich habe mir wohl gedacht, daß ich keinen ordentlichen Bescheid +bekäme, wenn ich einen Menschen fragte,« rief der Junge. + +Nach kurzer Zeit verzog sich der Nebel ebenso rasch wieder, wie er +aufgetaucht war, und nun sah der Junge, daß Bataki über einem breiten +Flußtal hinflog. Es war ein schöner Landstrich mit ebenso hohen Bergen wie +im Jämtland, aber am Fuße der Berge war kein fruchtbares, dichtbebautes +Land wie dort. Die Ortschaften lagen weit voneinander entfernt, und die +Felder waren nur klein. Bataki flog den Fluß in südlicher Richtung entlang, +bis er in die Nähe eines Dorfes kam. Da flog er auf ein Stoppelfeld +hinunter und ließ den Jungen absteigen. + +»Auf diesem Felde hat im Sommer Gerste gestanden,« sagte Bataki. »Sieh, ob +du nicht etwas Eßbares findest.« + +Der Junge befolgte den guten Rat, und schon nach ganz kurzer Zeit fand er +eine Ähre. Während er die Körner herausschälte und sie verzehrte, fing +Bataki ein Gespräch mit ihm an. + +»Siehst du das große Gebirge dort, das gerade im Süden vor uns aufragt?« +fragte er. + +»Jawohl, ich sehe es deutlich,« antwortete der Junge. + +»Es heißt Sonfjället,« fuhr der Rabe fort, »und du darfst mir glauben, in +den alten Tagen hat es dort viele Wölfe gegeben.« + +»Dieses Gebirge muß auch ein guter Schlupfwinkel für sie gewesen sein,« +räumte der Junge ein. + +»Ja, für die Leute hier im Tale war es oft sehr schwer, daß sie sich auch +noch mit den Wölfen herumschlagen mußten,« sagte Bataki. + +»Weißt du nicht irgendeine gute Geschichte von Wölfen, die du mir erzählen +könntest?« fragte der Junge. Und Bataki erzählte: + +»Vor langer, langer Zeit sollen die Wölfe von Sonfjället einmal einen +Bauern überfallen haben, der mit einer Ladung Böttchergefäße umherfuhr. Er +war von Hede, einem Dorf, das einige Meilen höher droben, als wir uns hier +befinden, im Ådal liegt. Es war Winter, und die Wölfe jagten hinter dem +Schlitten her, als er eben über das Eis des Ljusnan hinüberfuhr. Es waren +ihrer wohl acht bis zehn Stück, und der Bauer hatte kein gutes Pferd, so +daß er nicht viel Hoffnung hatte, ihnen entkommen zu können. + +Als der Mann die Wölfe hinter sich heulen hörte und sah, was für ein großes +Rudel er im Rücken hatte, verlor er alle Besinnung, und es fiel ihm nicht +ein, daß er Kübel, Bottiche und Wannen eiligst von seinem Wagen hätte +werfen sollen, um die Last zu erleichtern. Er peitschte nur auf das Pferd +los, und dieses lief auch wie noch nie, aber trotzdem kamen die Wölfe immer +näher, das merkte der Bauer wohl. Es war eine sehr einsame Gegend, der +nächste Hof lag mindestens noch zwei Meilen entfernt, der Bauer konnte +nichts anderes erwarten, als daß seine letzte Stunde gekommen sei, und er +fühlte, wie ihm vor Entsetzen alle Glieder erstarrten. + +Während er so wie gelähmt dasaß, sah er, daß sich zwischen den +Tannenbüschen, die auf dem Eis aufgepflanzt waren, um den Weg zu +bezeichnen, etwas bewegte. Und als er sah, was es war, wuchs der Schrecken, +der ihn schon vorher erfaßt hatte, ins ungeheure. + +Aber nicht Wölfe waren es, die ihm da entgegenkamen, sondern ein altes +Bettelweib. Sie hieß die Finnen-Malin und war eine rechte Landstreicherin. +Sie hinkte ein wenig und hatte überdies einen kleinen Höcker; der Mann +konnte sie schon aus der Ferne erkennen. + +Die Frau ging gerade auf die Wölfe zu. Offenbar wurden sie durch den +Schlitten vor ihr verdeckt, und dem Bauern war es sogleich klar: wenn er an +ihr vorüberfuhr, ohne sie zu warnen, dann fiel sie den wilden Tieren +unwiederbringlich zur Beute, und während diese die Alte zerrissen, konnte +er entkommen. Auf ihren Stock gestützt, hinkte sie langsam daher; ja, sie +war unrettbar verloren, wenn er ihr nicht half. Aber wenn er auch anhielt +und sie auf den Schlitten nahm, war es durchaus nicht sicher, daß sie +gerettet würde; wenn er es tat, war es mehr als wahrscheinlich, daß er von +den Wölfen eingeholt würde, und dann wurden alle miteinander, er und die +Alte und das Pferd, zerrissen und aufgefressen, und der Bauer fragte sich, +ob es nicht am richtigsten wäre, ein Leben zu opfern, um zwei andere zu +retten. + +Aber damit war es noch nicht genug, er mußte sogleich auch daran denken, +wie es ihm wohl nachher selbst gehen würde: Ob er Gewissensbisse bekäme, +weil er dem Weib nicht geholfen hatte, ob die Leute erführen, daß er ihr +begegnet war und sie im Stiche gelassen hatte? + +In seiner Brust entspann sich ein großer Streit, und er sagte sich +schließlich: >Es wäre mir viel lieber, ich wäre ihr gar nicht begegnet!< + +In diesem Augenblick stießen die Wölfe ein lautes Geheul aus. Das Pferd +schreckte zusammen, fuhr wild davon und jagte an dem Bettelweib vorüber. +Sie hatte das Wolfsgeheul auch gehört, und als der Bauer an ihr +vorübersauste, las er in ihrem Gesicht, daß sie wußte, was ihr bevorstand. +Sie stand da, den Mund zu einem Schrei geöffnet und die Arme um Hilfe +ausgestreckt, aber sie hatte weder geschrien noch einen Versuch gemacht, +sich auf den Schlitten zu werfen. Sie mußte von irgendeiner Erscheinung wie +versteinert worden sein. + +>Ich habe wohl wie ein böser Geist ausgesehen, als ich an ihr +vorüberfuhr,< dachte der Bauer, und er versuchte, sich jetzt, wo er seines +Lebens sicher sein konnte, zufrieden zu fühlen. Aber in demselben +Augenblick begann es in seiner Brust zu arbeiten und zu brennen. Er hatte +noch nie etwas Böses getan, und nun hatte er in einem einzigen Augenblick +sein Leben verdorben. >Nein, es mag gehen, wie es will!< rief er plötzlich +und hielt das Pferd an. >Ich kann sie nicht mit den Wölfen allein lassen.< + +Nur mit großer Mühe gelang es ihm, das Pferd zu wenden; aber schließlich +brachte er es doch zustande, und er hatte die Finnen-Malin bald wieder +erreicht. + +>Steige schnell in meinen Schlitten!< befahl er ihr in barschem Ton; denn +er war wütend über sich selbst, weil er das Weib nicht seinem Schicksale +überlassen konnte. >Du tätest auch besser, daheim zu bleiben, anstatt dich +immer herumzutreiben, du alte Hexe,< fuhr er fort, >jetzt werden wir beide +deinetwegen umkommen, der Rappe und ich.< + +Das Weib erwiderte kein Wort, aber der Bauer war jetzt in einer so +verzweifelten Stimmung, daß er sie nicht schonen konnte. >Der Rappe ist +heute schon fünf Meilen gelaufen, da wirst du begreifen, daß er bald +ermattet sein wird. Und die Last ist nicht leichter geworden, seit du dazu +gekommen bist.< + +Die Schlittenkufen knirschten auf dem Eis; aber trotzdem vermeinte er zu +hören, wie die Klauen der Wölfe hinter ihm aufschlugen, und er fühlte, daß +die Raubtiere ihn nun eingeholt hatten. + +>Jetzt ist es aus mit uns,< sagte er. >Daß ich dich zu retten versucht +habe, ist weder dir noch mir gut bekommen, Finnen-Malin.< + +Erst jetzt sprach das Weib ein paar Worte. Vorher hatte sie nur +geschwiegen, wie jemand, der an Scheltworte gewöhnt ist. + +>Ich kann nicht verstehen, warum du deine Gefäße nicht abladest und die +Last erleichterst,< sagte sie. >Du kannst ja morgen früh wiederkommen und +sie zusammenlesen.< + +Der Bauer verstand, welch ein kluger Rat das war, und war nur höchst +erstaunt, daß er nicht selbst daran gedacht hatte. Er übergab dem Weib die +Zügel, löste den Strick, der die Gefäße zusammenhielt, und begann eifrig, +sie abzuladen. Die Wölfe jagten schon neben dem Schlitten her, hielten aber +jetzt an, um zu untersuchen, was da aufs Eis flog, und dadurch bekamen die +Reisenden wieder einen kleinen Vorsprung. + +>Wenn das nicht hilft, werde ich mich selbstverständlich den Wölfen +ausliefern, damit du entkommst,< sagte die Finnen-Malin. + +Als sie dies sagte, war der Bauer eben dabei, einen großen schweren +Braubottich vom Schlitten hinabzustoßen. Aber plötzlich hielt er inne, als +wenn er sich nicht entschließen könnte, diesen abzuladen. In Wirklichkeit +jedoch waren seine Gedanken von etwas ganz anderem in Anspruch genommen. +>Ein Pferd und ein Mann, denen gar nichts fehlt, sollten doch eigentlich +nicht gezwungen sein, sich wegen einer alten Frau von den Wölfen fressen +zu lassen,< dachte er. >Es muß doch wohl noch einen Ausweg zur Rettung +geben. Ja, ganz sicher gibt es einen; der Fehler ist nur, daß ich ihn nicht +herausfinden kann.< + +Schließlich schob er wieder an dem Braubottich; doch plötzlich hielt er +wieder an und brach in lautes Lachen aus. + +Das Weib sah ihn erschreckt an und fragte sich, ob er verrückt geworden +sei; aber der Bauer lachte nur über sich selbst, weil er bisher so dumm +gewesen war. + +Jetzt wußte er, was er tun mußte; es war das einfachste von der Welt, und +er konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nicht früher eingefallen war. + +>Paß nun wohl auf, was ich sage, Malin,< begann er. >Was du da gesagt hast, +daß du dich den Wölfen vorwerfen wollest, war wirklich gut von dir. Aber +das ist nicht nötig, denn ich weiß jetzt, wie uns allen dreien geholfen +werden kann. Du mußt jetzt nur tun, was ich sage. Du nimmst die Zügel, und +was ich auch danach tue, du bleibst ganz ruhig sitzen und fährst geraden +Wegs nach Linsäll. Dort weckst du die Leute auf und sagst ihnen, daß ich +hier mit zehn Wölfen allein auf dem Eise sei, und bittest sie, mir zu +helfen.< + +Der Bauer wartete nun, bis die Wölfe wieder ganz dicht herangekommen waren. +Dann wälzte er den großen Bottich aufs Eis hinab, sprang selbst nach und +kroch darunter. + +Es war ein großer, schwerer Bottich, dazu gemacht, einen ganzen +Weihnachtsvorrat an Bier fassen zu können. Die Wölfe sprangen darauf zu, +bissen in die Reifen und versuchten, den Bottich umzustürzen. Aber er war +zu stark und zu schwer, sie konnten nichts ausrichten; der darunter saß, +war sicher. + +Ja, der Bauer wußte, daß er sicher war, die Wölfe konnten ihm nichts +anhaben, und er lachte unter seinem Bottich. + +Aber plötzlich wurde er sehr ernst. >Sobald ich wieder in irgendeiner Not +bin,< sagte er, >werde ich an diesen Braubottich denken; und ich werde mich +daran erinnern, daß ich weder mir selbst noch andern unrecht zu tun +brauche. Es gibt immer noch einen dritten Ausweg, es handelt sich nur +darum, ihn zu finden.<« + +Damit schloß Bataki seine Erzählung. Aber Nils Holgersson hatte jetzt schon +gemerkt, daß Bataki nie eine Geschichte erzählte, ohne eine besondere +Absicht dabei zu haben, und je länger er ihm zuhörte, desto nachdenklicher +wurde der Junge. + +»Ich möchte wohl wissen, warum du mir eigentlich diese Geschichte erzählt +hast?« sagte er schließlich. + +»Ach, sie ist mir eben gerade eingefallen, als ich den Sonfjäll +betrachtete,« antwortete der Rabe. + +Sie flogen nun weiter den Ljusnan entlang, und nach ungefähr einer Stunde +gelangten sie an das Dorf Kolsätt, das gerade auf der Grenze von +Hälsingeland liegt. Hier ließ sich der Rabe in der Nähe einer kleinen +niedrigen Hütte nieder. Sie hatte keine Fenster, sondern nur eine Luke; aus +dem Schornstein stieg ein mit Funken vermischter Rauch empor, und aus dem +Hause heraus dröhnten laute Hammerschläge. + +»Wenn ich diese Schmiede hier sehe,« sagte der Rabe, »muß ich unwillkürlich +daran denken, daß es in früherer Zeit im Härjedal und ganz besonders in +diesem Dorfe hier ausgezeichnete Schmiede gegeben hat, die ihresgleichen im +ganzen Reiche nicht hatten.« + +»Kannst du mir nicht vielleicht auch von ihnen eine Geschichte erzählen?« +fragte der Junge. + +»O doch, denn ich habe gehört, ein Schmied von Härjedal habe einmal zwei +andere Schmiedemeister, einen von Dalarna und einen von Wärmland, zu einem +Wettstreit im Nägelschmieden herausgefordert. Die Herausforderung wurde +angenommen, und die drei Schmiede kamen hier in Kolsätt zusammen. Der +Dalmann machte sich zuerst an die Arbeit. Er schmiedete ein Dutzend Nägel, +die alle ganz gleich und so spitzig und glatt waren, daß sie nicht besser +hätten sein können. Nach ihm kam der Wärmländer an die Reihe. Er schmiedete +auch ein Dutzend Nägel, und diese waren über alles Lob erhaben, und dazu +kam noch, daß dieser Schmied nur halb soviel Zeit dazu gebraucht hatte als +der Dalmann. Als die zu Schiedsrichtern erwählten Männer dies sahen, sagten +sie zu dem Schmied vom Härjedal, es hätte gar keinen Wert, wenn er noch +irgendeinen Versuch machte, denn besser als der Dalmann und hurtiger als +der Wärmländer könne er doch nicht schmieden. + +>Nein, ich ergebe mich nicht,< sagte der Mann vom Härjedal. >Es wird sich +ja wohl noch etwas finden, womit ich mich auszeichnen kann.< Er legte das +Eisen auf den Amboß, ohne es vorher in der Esse erhitzt zu haben, und +hämmerte drauf los, bis es heiß war, und dann schmiedete er einen Nagel um +den andern, ohne Kohlen oder einen Blasebalg zu brauchen. Noch niemals +hatte man einen Schmied mit solcher Meisterschaft den Hammer schwingen +sehen, und der Schmied von Härjedal wurde als der beste im ganzen Lande +ausgerufen.« + +Bataki schwieg, aber der Junge wurde noch nachdenklicher. + +»Warum hast du mir das eigentlich erzählt, Bataki?« sagte er. + +»Ach, die Geschichte fiel mir ein, als ich die alte Schmiede da sah,« +antwortete Bataki ganz gleichgültig. + +Die beiden Reisenden stiegen nun wieder miteinander in die Luft hinauf, und +der Rabe flog jetzt südwärts nach dem Kirchspiel Lillhärdal auf der Grenze +von Dalarna. Hier ließ er sich auf einem bewaldeten Hügel nieder, der ganz +oben auf einem Bergrücken aufragte. + +»Ob du wohl eine Ahnung davon hast, was das für ein Hügel ist, auf dem du +jetzt stehst, Däumling?« fragte Bataki. + +Nein, der Junge mußte einräumen, daß er es nicht wußte. + +»Es ist ein Grabhügel,« sagte Bataki. »Hier ruht ein Mann namens Härjulf, +und er ist der erste gewesen, der sich im Härjedal niedergelassen hat und +das Land hier zu bebauen anfing.« + +»Vielleicht kannst du mir auch von ihm eine Geschichte erzählen?« bat der +Junge. + +»Ich habe nicht viel von ihm gehört, aber meiner Ansicht nach muß er ein +Norweger gewesen sein. Er hatte zuerst bei einem norwegischen König im +Dienst gestanden, aber es erhob sich ein Zwist zwischen ihnen, und so mußte +er aus dem Lande fliehen. Da begab er sich zu dem schwedischen Könige, der +in Uppsala wohnte, und trat bei diesem in Dienst. Aber nach einiger Zeit +begehrte er die Schwester des Königs zur Ehefrau, und als ihm der König +eine so vornehme Braut nicht geben wollte, entfloh er mit ihr. Jetzt war es +soweit gekommen, daß er weder in Norwegen noch in Schweden wohnen konnte, +und ins Ausland wollte er nicht ziehen. + +>Aber es muß doch wohl noch einen dritten Weg geben,< dachte er; und so zog +er mit seinen Dienern und seinen Schätzen durch Dalarna hindurch immer +weiter gen Norden, bis er die großen, wilden Wälder erreichte, die sich +nördlich von Dalarna ausbreiteten. Dort siedelte er sich an, baute sich ein +Haus und rodete den Wald aus, und so ist er der erste gewesen, der sich in +dieser Einöde niedergelassen hat.« + +Als Nils Holgersson diese Geschichte hörte, wurde er noch viel +nachdenklicher. »Wenn ich nur wüßte, was du für eine Absicht dabei hast, +daß du mir alles dies erzählst,« sagte er noch einmal. + +Bataki gab lange keine Antwort; er verdrehte nur den Kopf und kniff die +Augen zusammen. »Da wir beide jetzt allein hier sind, will ich doch die +Gelegenheit benützen und dich nach etwas fragen, was mir sehr wichtig ist. +Hast du je genauen Bescheid darüber erhalten, unter welchen Bedingungen dir +das Wichtelmännchen, das dich verwandelt hat, deine frühere Gestalt +wiedergeben will?« + +»Ich habe nie von einer anderen Bedingung gehört, als daß ich den weißen +Gänserich wohlbehalten nach Lappland und wieder nach Schonen zurückbringen +solle.« + +»Das habe ich mir doch gedacht,« rief Bataki; »denn als wir uns das +letztemal sahen, nahmst du den Mund sehr voll und sagtest, es gäbe nichts +Häßlicheres, als einen Freund, der sich auf einen verläßt, im Stiche zu +lassen. Deshalb solltest du doch Akka einmal nach der Bedingung fragen. Du +weißt, sie ist bei dir daheim gewesen und hat mit dem Wichtelmännchen +gesprochen.« + +»Davon hat mir Akka nichts gesagt,« entgegnete der Junge. + +»Sie hielt es wohl fürs Beste, dich in Unkenntnis darüber zu lassen, wie +die Worte des Wichtelmännchens lauteten, denn sie will natürlich lieber dir +als dem Gänserich Martin helfen.« + +»Es ist doch sonderbar, Bataki, so oft ich mit dir zusammen bin, gelingt es +dir, mir das Herz so recht schwer und unruhig zu machen,« sagte der Junge. + +»Ja, es mag wohl so aussehen,« versetzte der Rabe, »aber ich glaube, +diesmal wirst du mir doch dankbar sein, denn ich will dir die Worte des +Wichtelmännchens jetzt mitteilen. Sie lauteten so: Du werdest wieder ein +Mensch werden, wenn du den Gänserich Martin wieder heimbringest, damit ihn +deine Mutter schlachten könne.« + +Nils Holgersson fuhr auf: »Das ist gewiß nur eine boshafte Erfindung von +dir!« rief er. + +»Du kannst ja Akka selbst fragen,« sagte Bataki. »Da kommt sie eben mit +ihrer ganzen Schar angeflogen. Vergiß nun nicht, was ich dir heute erzählt +habe; es gibt immer einen Ausweg aus allen Schwierigkeiten, es handelt sich +nur darum, ihn zu finden. Und ich freue mich schon jetzt darauf, zu +erfahren, wie dir das glücken wird.« + +[Illustration] + + + + +48 + +Wärmland und Dalsland + + + Mittwoch, 5. Oktober + +Am nächsten Tag, als die Wildgänse ausruhten und Akka ein wenig abseits von +den andern weidete, benutzte der Junge die Gelegenheit und fragte sie, ob +es wahr sei, was Bataki gesagt hatte. Und Akka konnte es nicht leugnen. Da +mußte Akka dem Jungen hoch und teuer versprechen, das Geheimnis dem +Gänserich Martin niemals zu verraten; denn der große Weiße war tapferer, +edelmütiger Natur, und der Junge fürchtete, es könnte ein Unglück daraus +entstehen, wenn er die Bedingung des Wichtelmännchens erführe. + +Jetzt saß der Junge traurig und schweigsam auf dem Rücken des Gänserichs; +er ließ den Kopf hängen und hatte gar keine Lust, sich umzuschauen. Er +hörte, wie die Wildgänse den jungen Gänsen zuriefen, jetzt flögen sie nach +Dalarna hinein, und jetzt könne man den Städjan droben im Norden sehen, und +jetzt flögen sie über den östlichen Dalälf, jetzt hätten sie den +Horrmundsee erreicht -- und jetzt hätten sie das Tal des westlichen Dalälfs +unter sich; aber der Junge mochte nichts von allem dem ansehen. + +»Ich werde ja wohl mein Leben lang mit den Wildgänsen umherziehen müssen +und bekomme also noch mehr als genug von diesem Lande zu sehen,« dachte er. + +Es ermunterte ihn auch nicht, als die Wildgänse riefen, jetzt hätten sie +Wärmland erreicht, und der Fluß, dem sie südwärts folgten, sei der Klarälf. +»Ich habe schon so viele Flüsse gesehen,« dachte er, »und brauche mir also +nicht die Mühe zu nehmen, noch einen zu betrachten.« + +Aber wenn der Junge auch mehr Lust gehabt hätte, sich umzusehen, wäre es +doch kaum der Mühe wert gewesen, denn im nördlichen Wärmland gibt es nichts +als große, einförmige Wälder, durch die sich der Klarälf schmal und +schäumend hindurchschlängelt. Da und dort sieht man einen Kohlenmeiler, +einen Brandplatz, wo früher ein Meiler gestanden hatte, oder einige +niedrige Hütten ohne jeden Schornstein, in denen die Finnen wohnen; aber im +allgemeinen steht der weite Wald so unberührt da, daß man meinen könnte, +man befinde sich hoch droben in Lappland. + +Die Wildgänse ließen sich auf einem solchen Brandplatz am Ufer des Klarälf +nieder; und während die Vögel von der eben hervorsprießenden frischen +Wintersaat in der Nähe weideten, hörte der Junge helles Lachen und lautes +Reden aus dem Walde herausdringen. Das Ränzel auf dem Rücken und die Axt +über der Schulter kamen sieben große starke Männer des Weges daher. An +diesem Tage sehnte sich der Junge ganz unbeschreiblich nach Menschen; er +war daher ganz beglückt, als diese sieben Arbeiter die Ränzel vom Rücken +nahmen und am Flußufer Rast machten. + +Sie unterhielten sich äußerst lebhaft miteinander, und der Junge lag hinter +einem Erdhaufen, voller Freude darüber, Menschenstimmen zu hören. Er erfuhr +bald, daß diese Männer Wärmländer waren, die sich auf dem Wege nach +Norrland befanden, wo sie sich nach Arbeit umsehen wollten. Es waren +fröhliche Menschen, die viel zu erzählen wußten, denn sie hatten an den +verschiedensten Orten in Arbeit gestanden. Aber während sie sich nun so +eifrig unterhielten, sagte einer ganz zufällig, er sei jetzt in allen +Teilen von Schweden gewesen, aber keiner habe ihm so gut gefallen, wie die +Nordmark droben im westlichen Wärmland, wo er daheim sei. + +»Ich stimme ganz mit dir überein, wenn du nur anstatt Nordmark Fryksdal +sagst, wo meine Heimat ist,« fiel einer von den andern ein. + +»Ich aber bin aus dem Bezirk Jösse,« sagte ein dritter, »und ich versichere +euch, dort ist es noch viel schöner als in der Nordmark und im Fryksdal.« + +Nun kam es heraus, daß alle diese sieben Männer aus den verschiedenen +Teilen von Wärmland waren, und daß jeder seine Heimatgegend für besser und +schöner hielt als die der andern. Sie stritten sich ein wenig, aber keiner +konnte den andern von der Richtigkeit seiner eigenen Behauptung überzeugen. +Es sah fast aus, als würden sie sich schließlich im Ernst entzweien; doch +da kam ein alter Mann mit langem, schwarzem Haar und kleinen, zwinkernden +Augen des Wegs daher. + +»Was gibts, ihr Leute? Warum streitet ihr euch denn?« fragte er. »Ihr +schreit ja, daß es nur so durch den Wald schallt.« + +Einer der Wärmländer wendete sich rasch an den Neuangekommenen und sagte: +»Da du hier so hoch droben durch den Wald wanderst, bist du wohl ein +Finne?« + +»Ja, das bin ich,« erwiderte der Alte. + +»Ei, das ist recht gut,« sagte der Mann, »denn es heißt ja, ihr Finnen +hättet mehr Verstand als andere Menschen.« + +»Ein guter Ruf ist besser als Gold,« sagte der Finne. + +»Nun, wir streiten uns eben darüber, welcher Teil von Wärmland der beste +sei. Könntest du da nicht vielleicht unsern Streit schlichten, damit wir +uns dieser Frage wegen nicht schließlich noch untereinander verfeinden?« + +»Ich werde entscheiden, so gut ich kann,« sagte der Finne. »Aber ihr müßt +Geduld mit mir haben, denn ich möchte euch zuerst eine alte Geschichte +erzählen.« + +»In den alten Zeiten,« berichtete der Finne, indem er sich bei den Männern +niederließ, »sah das ganze Land nördlich vom Wenersee ganz entsetzlich aus. +Überall waren nur kahle Hochebenen und steile Bergkegel. Für Menschen war +es ganz unmöglich, da zu wohnen und zu leben. Wege konnten nicht gebahnt +werden, und der Boden war nicht zu bebauen. Das Land südlich vom Wenersee +dagegen war auch in jenen Zeiten schon ebenso fruchtbar wie am heutigen +Tage. + +Nun wohnte damals im südlichen Teile ein Riese, der sieben Söhne hatte. +Alle sieben waren kecke, kräftige Männer; aber sie hatten einen stolzen +Sinn, und es herrschte sehr oft Unfriede unter ihnen, weil jeder mehr sein +wollte als der andere. + +Der Vater war des ewigen Streitens und Zankens müde, und um ein Ende zu +machen, versammelte er eines Tages die Söhne um sich und fragte sie, ob sie +geneigt wären, es auf eine Probe ankommen zu lassen, damit er als Vater +herausfinde, welcher von ihnen der Tüchtigste sei. + +O ja, die Söhne waren sehr damit einverstanden; sie wünschten sich gar +nichts Besseres. + +>Dann wollen wir die Sache folgendermaßen einrichten,< sagte der Vater. +>Ihr wißt, nördlich von dem kleinen Teich, den wir den Wenersee nennen, +liegt eine Einöde, die so voller Erdschollen und Gerölle liegt, daß wir +gar keinen Nutzen davon haben. Morgen soll nun jeder von euch mit seinem +Pflug hinausfahren und dort soviel umpflügen, als ihm in einem Tag möglich +ist. Gegen Abend komme ich dann zu euch hinaus, zu sehen, wer am meisten +geleistet hat.< + +Kaum war die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen, als die Brüder auch +schon mit den bespannten Pflügen bereit standen. Es war der Mühe wert, sie +zur Arbeit abfahren zu sehen! Die Pferde waren glänzend gestriegelt, das +Eisen blinkte, und die Pflugschar war frisch geschliffen. Sie fuhren fast +im Galopp davon, bis sie am Wenersee angekommen waren. Da wichen einige von +den Brüdern auf die Seite, aber der älteste fuhr geradeswegs in den See +hinein. >Sollte ich mich vor so einer kleinen Pfütze fürchten?< sagte er +vom Wenersee. + +Als die andern diesen Mut sahen, wollten sie auch nicht zurückstehen. Sie +stellten sich auf die Pflüge und trieben die Pferde ins Wasser hin. Es +waren lauter große Pferde, und es dauerte eine gute Weile, bis sie keinen +Grund mehr unter sich hatten und schwimmen mußten. Die Pflüge trieben auf +dem Wasser hin, aber für die Männer war es nicht leicht, sich darauf +festzuhalten. Einige von den Söhnen ließen sich von den Pflügen ziehen, und +einige mußten waten; aber sie erreichten doch alle das jenseitige Ufer, und +dort angekommen, machten sie sich alle sogleich an die Arbeit, die Einöde +zu pflügen, die nichts weniger war als der Landstrich, der später Wärmland +und Dalsland genannt wurde. + +Der älteste von den Söhnen sollte die mittelste Furche pflügen, die beiden +nächsten stellten sich zu beiden Seiten von ihm auf, und wieder die beiden +nächstältesten nahmen zu beiden Seiten von diesen Platz; von den beiden +jüngsten aber pflügte jeder seine Furche, der eine ganz am westlichen Ende, +der andere aber im östlichsten Teil der Einöde. + +Der älteste Bruder zog mit seinem Pfluge im Anfang eine breite und gerade +Furche, denn unten am Wenersee war der Boden ganz eben und deshalb leicht +umzubrechen. Es ging rasch vorwärts, bis er an einen großen Stein kam, an +dem er nicht vorbeikommen konnte, sondern er mußte den Pflug darüber +hinwegheben. Dann stieß er die Pflugschar aus aller Macht in den Boden und +schnitt eine breite, tiefe Furche. Aber kurz nachher traf er auf so hartes +Erdreich, daß er gezwungen war, den Pflug zu heben. Dasselbe wiederholte +sich noch einmal, und der Riesensohn ärgerte sich, daß er die Furche nicht +die ganze Strecke gleich breit und tief ziehen konnte. Schließlich wurde +der Boden ganz hart, und er konnte mit seiner Pflugschar nur noch eine +Ritze darauf zustande bringen. Auf diese Weise gelangte er aber schließlich +doch an die nördliche Grenze des Feldes. Dort setzte er sich nieder und +wartete auf den Vater. + +Der zweite Bruder pflügte auch eine breite, tiefe Furche, und er hatte +Glück, denn er fand eine gute, flache Strecke zwischen Erdschollen, daß er +seine Furche ohne Unterbrechung ziehen konnte. Da und dort wich er an einer +Schlucht etwas aus, und je weiter er nach Norden kam, desto mehr +Ausbiegungen mußte er machen, und desto schmäler wurde seine Furche. Aber +er war so gut im Gang, daß er nicht an der Grenze anhielt, sondern noch ein +gutes Stück weiter pflügte, als er nötig gehabt hätte. + +Auch dem dritten Bruder, der links von dem Ältesten pflügte, ging es im +Anfang recht gut. Sein Pflug schnitt eine breitere und tiefere Furche als +die der andern Brüder; aber nach kurzer Zeit stieß er auf so schlechtes +Erdreich, daß er nach Westen ausbiegen mußte. Sobald wie möglich pflügte er +wieder in nördlicher Richtung weiter und pflügte da breit und tief in den +Boden hinein; aber lange, bevor er an der Grenze angekommen war, konnte er +nicht mehr weiter. Er wollte aber nicht mitten auf dem Felde aufhören, +deshalb drehte er die Pferde um und pflügte in einer andern Richtung +weiter. Doch schon nach kurzer Zeit war er so von allen Seiten +eingeschlossen, daß er aufhören mußte. >Diese Furche wird wohl die +schlechteste von allen sein,< dachte er und setzte sich auf seinen Pflug, +um den Vater zu erwarten. + +Es ist wohl nicht nötig, zu berichten, wie es den andern Brüdern gegangen +war. Sie vollendeten ihre Aufgaben als rechte Männer. Die von ihnen, die in +der Mitte pflügten, hatten es sehr streng, aber die, die östlich und +westlich von ihnen gingen, hatten es noch härter. Denn da waren überall +soviel Steine und Sümpfe, daß die Furchen trotz aller Mühe, die sie sich +gaben, nicht ganz gerade und gleichmäßig tief werden konnten. Von den +beiden jüngsten wäre noch zu berichten, daß sie ihren Pflug immer wenden +und drehen mußten, aber schließlich doch ein gutes Stück Arbeit +vollbrachten. + +Am Abend saß jeder der sieben Brüder müde und niedergeschlagen am Ende +seiner Furche und wartete auf den Vater. + +Jetzt kam der Vater heran. Er trat zuerst zu dem, der am weitesten +westwärts gearbeitet hatte. + +>Guten Abend!< sagte er. >Wie ist es dir bei der Arbeit gegangen?< + +>Nicht besonders gut,< sagte der Sohn. >Das war ein äußerst schwieriger +Boden, den Ihr uns da zum Bearbeiten ausgesucht habt.< + +>Du wendest ja deinem Arbeitsfeld den Rücken zu,< sagte der Vater. >Dreh +dich einmal um, dann kannst du sehen, was du ausgerichtet hast. Es ist gar +nicht so wenig, wie du meinst.< + +Der Sohn drehte sich um, und da sah er, daß da, wo er den Pflug gezogen +hatte, herrliche Täler mit Seen und schönen, waldigen Berghängen entstanden +waren. Er war ein gutes Stück durch Dalsland und die Nordmark von Wärmland +hindurchgekommen und hatte den Laxsee und Lelången und Groß-Le und die +beiden Silarna durchgepflügt; ja, der Vater hatte allen Grund, mit ihm +zufrieden zu sein. + +>Nun wollen wir sehen, was die andern zustande gebracht haben,< sagte der +Vater. + +Der nächste Sohn, zu dem sie kamen -- der fünfte in der Reihe -- hatte den +ganzen Jösseer Bezirk und den Glafsfjord gepflügt, und wieder der nächste, +der dritte, den Värmeln. Der älteste in der Mitte war mit dem Fryksdal und +den Frykenseen fertig geworden. Der zweitälteste hatte das Älfdal mit dem +Klarälf gepflügt. Der vierte hatte mit saurer Mühe den Bergwerkdistrikt, +den Yngen- und Daglösee, sowie eine Menge andere kleine Seen gepflügt. Der +sechste hatte eine ganz merkwürdige Furche gezogen. Zuerst hatte er für den +großen See Skagern Platz geschaffen, dann war er in einer schmalen Rinne +weiter gezogen, die der Letälf ausfüllte, und schließlich war er über die +Grenze hinübergefahren und hatte in den Bergwerkdistrikten von Westmanland +kleine Seen herausgegraben. + +Nachdem der Vater das ganze umgepflügte Land in Augenschein genommen hatte, +sagte er, soweit er es beurteilen könne, hätten die Söhne ein gutes Stück +Arbeit vollbracht, und er habe allen Grund, mit ihnen zufrieden zu sein. +Jetzt sei das Land keine Wildnis mehr, nun könne es bebaut und bepflanzt +werden. Sie hätten viele fischreiche Seen und fruchtbare Täler geschaffen. +Die Flüsse und Bäche hätten einen ordentlichen Fall, daß sie Mühlen, +Sägewerke und Eisenhämmer treiben könnten. Auf den Bergrücken zwischen den +gezogenen Furchen sei Platz für Wälder, wo Waldbau und Kohlenbrennerei +betrieben werden könne, und jetzt sei auch die Möglichkeit da, zu den +großen Erzlagern in dem Bergwerkdistrikt gute Straßen anzulegen. + +Die Söhne freuten sich, als sie den Vater so sprechen hörten; aber sie +wollten nun auch noch wissen, welcher von ihnen die beste Furche gezogen +habe. + +>Bei einem Erdreich wie diesem hier,< sagte der Vater, >ist es wichtiger, +daß alle Furchen gut ineinander passen, als daß die eine schöner sei als +die andre, und ich glaube, wer zu den großen, langen Seen in der Nordmark +und im Dalsland kommt, wird gerne zugeben, daß er selten etwas Schöneres +gesehen habe. Aber trotzdem wird er sich freuen, wenn er die hellen, +fruchtbaren Gegenden um den Glafsfjord und den Värmeln her sieht. + +Hat er sich dann eine Weile in diesen lachenden, betriebsamen Landstrichen +aufgehalten, dann wird er sie gewiß auch gerne mit den langen, engen Tälern +am Frykensee und am Klarälf vertauschen. Und sollte er auch dieser +überdrüssig werden, dann wird es ihn erfrischen, wenn er im +Bergwerkdistrikt verschiedentlich geformte Seen antrifft, die sich +dahinschlängeln und durch die Berge winden, und deren es so viele sind, daß +niemand alle ihre Namen behalten kann. Nach diesen Seen mit ihren vielen +Buchten und Landzungen freut er sich natürlich, wenn er schließlich den +großen Wasserspiegel des Skagern erblickt. Und nun will ich euch noch etwas +sagen: Gerade wie mit diesen Furchen geht es auch mit den Söhnen. Kein +Vater freut sich, wenn der eine tüchtiger ist als der andre; kann er aber +seinen Blick mit ganz derselben Befriedigung von dem Ältesten bis zum +Jüngsten schweifen lassen, dann wohnt in seinem Herzen eitel Freude.<« + +[Illustration] + + + + +49 + +Ein kleiner Herrenhof + + + Donnerstag, 6. Oktober + +Die Wildgänse folgten dem Lauf des Klarälf bis zu den großen Fabriken bei +Munkefors. Dann wendeten sie sich nach Westen dem Fryksdal zu. Aber bevor +sie den Frykensee erreicht hatten, begann es zu dunkeln, und so ließen sie +sich auf einem flachen Moor in einem Bergwald nieder. Das Moor war nun +freilich ein ganz gutes Nachtquartier für die Wildgänse; aber Nils +Holgersson fand es kalt und unbehaglich, und er hätte gerne einen besseren +Platz zum Schlafen gehabt. Während sie noch in den Lüften droben gewesen +waren, hatte er am Fuß des Berges einige Höfe gesehen, und nun eilte er +rasch dorthin, um eines von diesen Häusern zu erreichen. Der Weg war +länger, als er geglaubt hatte, und er fühlte sich wiederholt versucht, +wieder umzukehren. Aber endlich lichtete sich der Wald, und er gelangte auf +eine Landstraße, die am Waldessaum hinlief. Von der Straße führte eine +schöne Birkenallee nach einem Herrenhofe, und der Junge richtete sogleich +seine Schritte dahin. + +Er gelangte zuerst auf einen von roten Gebäuden umgebenen Platz, der so +groß wie ein Marktplatz war. Als der Junge diesen Hof durchschritten hatte, +kam er in einen zweiten Hof, und da sah er das Wohnhaus mit seinen +Seitenflügeln, mit einem Kiesweg und einem großen Rasenplatz davor und +einem großen Garten mit vielen Bäumen dahinter. Das Hauptgebäude selbst war +nur klein und unansehnlich; aber der Rasen war von einer Reihe mächtiger +Ebereschen eingefaßt, die so dicht standen, daß sie eine ganze Allee +bildeten, und dem Jungen war es, als sei er in einen prächtigen +hochgewölbten Saal hineingekommen. Oben darüber schimmerte ein blaßblauer +Himmel, die Ebereschen hatten gelbe Blätter und große, rote Beerenbüschel; +der Rasen war zwar noch grün, aber an jenem Abend goß der Mond einen so +strahlend hellen Glanz vom Himmel herab, daß das Gras wie Silber glänzte. + +Kein Mensch war zu sehen, der Junge konnte also frei umhergehen, wo er +wollte, und als er in den Garten kam, entdeckte er etwas, das ihn sofort in +gute Laune versetzte. Er war auf eine kleine Eberesche geklettert, um +einige Vogelbeeren zu essen; aber ehe er einen von den roten Büscheln +abgebrochen hatte, fiel sein Blick auf einen Ahlkirschenbaum, der auch +voller Früchte stand. Rasch ließ er sich von der Eberesche hinabgleiten und +kletterte auf den Ahlkirschenbaum; aber kaum saß er da droben, als er einen +Johannisbeerstrauch erblickte, an dem noch lange rote Träubchen hingen. +Ach, und jetzt sah er, daß der ganze Garten voller Stachelbeeren, Himbeeren +und Hagebutten war! Im Gemüsegarten standen Rüben und Kohlraben, an allen +Sträuchern hingen Beeren, alle Pflanzen hatten reifen Samen und die +Grashalme kleine, dicke Ähren. Und dort auf dem Gange -- nein, er täuschte +sich doch wohl nicht -- da lag wirklich vom Mondschein hell erleuchtet ein +prächtiger großer Apfel! + +Der Junge setzte sich hinter seinen großen Apfel auf den Wegrand und +schnitt sich mit seinem Taschenmesser kleine Stückchen davon ab. Wie das +schmeckte! »Ja wenn man nur immer so leicht zu einer guten Mahlzeit käme +wie hier in diesem Hofe, dann könnte man schließlich schon sein Leben lang +ein Wichtelmännchen bleiben,« dachte der Junge. + +Während er aß, kamen ihm allerlei Gedanken, und schließlich meinte er, ob +es nicht vielleicht ebensogut wäre, wenn er gleich hier bliebe und die +Wildgänse allein weiter ziehen ließe. + +»Ich weiß eben gar nicht, wie ich dem Gänserich begreiflich machen soll, +daß ich nicht heimkehren kann,« dachte er. »Da wäre es gewiß besser, ich +trennte mich vollständig von ihm. Ich könnte es ja dann wie die +Eichhörnchen machen: mir einen Wintervorrat sammeln, damit ich nicht zu +verhungern brauchte; und im Kuh- oder Pferdestall fände sich wohl auch ein +warmes Winkelchen für mich, dann brauchte ich auch nicht zu erfrieren.« + +Während er noch darüber nachdachte, hörte er ein leichtes Rauschen über +seinem Kopfe; und gleich darauf stand neben ihm auf dem Boden etwas, was +einem kleinen Birkenstumpfe glich. Der Stumpf wendete und drehte sich, zwei +helle Punkte oben auf dem Gipfel glühten wie zwei Kohlen. Es sah wie ein +schrecklicher Zauberspuk aus; aber nach ein paar Augenblicken entdeckte der +Junge, daß der Stumpf einen gekrümmten Schnabel und um die glühenden Augen +einen großen Federkranz hatte, und da beruhigte er sich wieder. + +»Ei wie angenehm, daß ich ein lebendes Wesen hier antreffe,« begann er. +»Vielleicht könnt Ihr, Frau Nachteule, mir mitteilen, wie dieses Gut hier +heißt, und was für Leute hier wohnen?« + +Die Nachteule hatte wie alle Abend, so auch heute auf der Stufe einer +großen Leiter gesessen, die am Dach lehnte, und von da auf dem Kiesweg und +dem Rasen nach Mäusen ausgespäht. Aber zu ihrer großen Verwunderung hatte +sie nicht ein einziges langgeschwänztes Mäuschen entdecken können. Statt +dessen gewahrte sie plötzlich, daß sich drunten im Garten etwas bewegte, +das einem Menschen glich, aber viel kleiner war als jedes menschliche +Wesen. + +»Da haben wir wohl den, der die Mäuse verscheucht,« dachte die Nachteule. +»Was mag aber das nur für ein Wesen sein?« + +»Es ist kein Eichhörnchen und ist auch kein junges Kätzchen und ebensowenig +ein Wiesel,« dachte die Eule weiter. »Nun hätte man doch geglaubt, ein +Vogel, der so lange auf einem alten Herrenhofe gewohnt hat wie ich, sollte +nachgerade wissen, was für Geschöpfe es auf der Welt gibt, aber dies hier +geht über meinen Verstand.« + +Sie starrte das Ding, das sich drunten auf dem Kiesweg bewegte, unverwandt +an, und ihre Augen glühten. Schließlich aber gewann die Neugierde die +Oberhand; sie flog auf den Boden hinunter, um sich das fremde Geschöpf in +der Nähe zu betrachten. + +[Illustration] + +Als Nils Holgersson zu sprechen anfing, beugte sich die Eule vor und sah +ihn genau an. »Er hat weder Krallen noch einen Stachel,« dachte sie; »aber +wer weiß, ob er nicht einen Giftzahn oder sonst eine Waffe hat, die noch +gefährlicher sein könnte. Es ist gewiß am besten, ich verschaffe mir zuerst +etwas nähere Auskunft über ihn, ehe ich mich mit ihm einlasse.« + +»Der Hof heißt Mårbacka,« sagte sie dann; »und in früheren Zeiten haben +ausgezeichnete Menschen hier gewohnt. Aber wer bist denn du?« + +»Ich habe die Absicht, mich hier niederzulassen,« sagte der Junge, ohne +eine direkte Antwort auf die Frage der Nachteule zu geben. »Meint Ihr, das +ließe sich einrichten?« + +»O ja, obgleich der Hof jetzt nichts Besonderes mehr ist, im Vergleich zu +dem, was er früher war,« antwortete die Eule. »Aber man kann immerhin hier +leben; es kommt ja auch hauptsächlich darauf an, wovon du hier leben +willst. Hast du im Sinn, dich auf die Mäusejagd zu legen?« + +»Nein, Gott soll mich davor bewahren!« rief der Junge. »Es ist wohl mehr +Gefahr vorhanden, daß die Mäuse mich auffressen, als daß ich ihnen ein Leid +antue.« + +»Ob er wirklich so wenig gefährlich ist, wie er sagt? Das ist doch wohl +nicht möglich,« dachte die Eule; »aber ich glaube, ich will doch einen +Versuch machen.« Sie flog auf, und im nächsten Augenblick hatte sie ihre +Krallen in Nils Holgerssons Schultern geschlagen und hackte nun nach seinen +Augen. Nils hielt die eine Hand zum Schutz vor die Augen, während er sich +mit der andern zu befreien suchte und zugleich aus Leibeskräften um Hilfe +schrie. Er fühlte, daß er in wirklicher Lebensgefahr schwebte, und sagte +sich, diesmal werde es ganz gewiß aus mit ihm sein. + +Aber nun muß ich erzählen, wie wunderbar es sich traf, daß gerade in diesem +Jahre, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, in Schweden eine +Schriftstellerin war, die ein Buch über Schweden schreiben sollte, das den +Kindern als Lesebuch in der Schule dienen könnte. Von Weihnachten bis zum +Herbst hatte sie sich über ihre Aufgabe besonnen; aber bis jetzt war noch +nicht eine einzige Zeile an dem Buche geschrieben, und schließlich war sie +der ganzen Aufgabe so überdrüssig geworden, daß sie sich sagte: »Auf diese +Weise bringst du nichts zustande, setz dich lieber hin und dichte +Geschichten und Märchen wie sonst, und laß jemand anders dieses Buch +schreiben, das lehrreich und ernst sein soll und in dem kein unwahres Wort +stehen darf.« + +Sie war so gut wie entschlossen, ihr Vorhaben aufzugeben; aber sie hätte +eben doch gar zu gerne etwas Schönes über Schweden geschrieben, und es +wurde ihr sehr schwer, die Arbeit ungetan zu lassen. Schließlich kam ihr +der Gedanke, ob sie nicht am Ende deshalb mit dem Buche nicht zustande +komme, weil sie in einer Stadt sitze und nichts als Straßen und Mauern vor +sich sehe. »Vielleicht geht es besser, wenn ich aufs Land reise und Felder +und Wälder betrachten kann,« dachte sie. + +Sie stammte aus Wärmland, und sie war fest entschlossen, das Buch mit +dieser Landschaft beginnen zu lassen. Und vor allem wollte sie von dem Hof +erzählen, auf dem sie aufgewachsen war. Es war ein kleiner Herrenhof, der +ganz einsam und weltabgeschieden dalag und auf dem sich noch viele +altertümliche Sitten und Bräuche erhalten hatten. Sie dachte, den Kindern +würde es gewiß gefallen, wenn sie von allen den Beschäftigungen hörten, die +im Laufe des Jahres einander ablösten. Sie wollte erzählen, wie bei ihr +daheim Weihnachten und Neujahr, Ostern und das Johannisfest gefeiert worden +wären; was für Möbel und Hausgeräte sie gehabt hätten, wie es in der Küche +und in der Vorratskammer, in Kuh- und Pferdestall, in Brauhaus und in der +Badestube ausgesehen hätte. Aber als sie sich nun daran machte, dies zu +beschreiben, wollte die Feder gar nicht übers Papier hingleiten. Die +Schriftstellerin konnte durchaus nicht begreifen, woher das kam; aber es +war jedenfalls so. + +Sie sah aber doch alles miteinander so deutlich und lebendig vor sich, wie +wenn sie noch immer mitten darin gelebt hätte! Trotzdem kam sie nicht +vorwärts, und schließlich dachte sie, da sie nun doch einmal aufs Land +reisen wolle, wäre es vielleicht am besten, sie stattete dem alten Hofe +einen Besuch ab und besähe sich ihn noch einmal genau, ehe sie an dessen +Beschreibung ginge. Sie war seit vielen Jahren nicht mehr dagewesen, und +der Gedanke, daß sie nun hier eine Veranlassung zum Hinreisen habe, machte +ihr das Herz warm. Eigentlich trug sie immer eine Art Heimweh nach dem +alten Hofe mit sich herum, sie mochte sein, wo sie wollte. Sie sah ja wohl, +daß andre Orte schöner und besser waren; aber nirgends überkam sie jenes +Gefühl der Sicherheit und des Wohlbehagens, wie sie es in ihrer +Kinderheimat immer gehabt hatte. + +Diese Reise in die alte Heimat war indes gar nicht so einfach für sie, wie +man meinen könnte, denn der Hof war an eine ihr ganz fremde Familie +verkauft worden. Sie dachte freilich, man würde sie gewiß freundlich +aufnehmen; aber sie wollte ja nicht in die alte Heimat kommen, um mit +fremden Menschen zu plaudern, sondern um sich alles so recht deutlich ins +Gedächtnis zurückzurufen, wie es früher da gewesen war. Deshalb richtete +sie es so ein, daß sie spät am Abend auf Mårbacka eintraf, zu einer Zeit, +wo schon Feierabend gemacht worden war und das Gesinde sich im Hause +befand. + +Sie hätte nie gedacht, daß es so seltsam sei, in die alte Heimat +zurückzukehren. Während sie im Wagen saß und nach dem alten Hofe fuhr, war +es ihr, als werde sie mit jeder Minute jünger und immer jünger, und bald +war sie nicht mehr eine, deren Haar sich schon grau zu färben begann, +sondern ein kleines Mädchen mit kurzen Röcken und einem langen +flachsblonden Zopf. Während sie so dahinfuhr und jeden Hof am Wege wieder +erkannte, konnte sie es nicht lassen, sich vorzustellen, daß daheim auch +alles ganz genau wie in früheren Zeiten sein müsse. Wenn sie ankam, standen +Vater und Mutter und die Geschwister auf der Treppe und hießen sie +willkommen. Die alte Haushälterin lief ans Küchenfenster, um zu sehen, wer +käme, und Nero und Freya und noch ein paar andre Hunde kamen dahergerannt +und sprangen an ihr hinauf! + +Je mehr sie sich dem Hofe näherte, desto glücklicher fühlte sie sich. Es +war Herbst, und eine emsige Zeit mit einer Menge Arbeit stand bevor. Aber +gerade diese verschiedenen Arbeiten waren es, warum einem das Leben daheim +nie langweilig und einförmig geworden war. Unterwegs hatte sie gesehen, daß +die Leute bei der Kartoffelernte waren, und diese war natürlich jetzt auch +daheim im Gange. Nun mußten zuerst Kartoffeln gerieben und Kartoffelmehl +gemacht werden. Es war ein milder Herbst gewesen, und sie hätte so gerne +gewußt, ob wohl der Garten schon ganz eingeheimst sei? Nun, der Kohl stand +doch jedenfalls noch draußen; aber ob wohl der Hopfen schon gepflückt und +die Äpfel heruntergenommen waren? + +Wenn sie nur nicht am Ende gerade die Herbstputzerei hatten, denn es war +nicht mehr lang bis zum Herbstmarkt! Zu diesem Jahrmarkt mußte das ganze +Haus wie ausgeblasen sein. Er wurde als ein großes Fest angesehen, vor +allem vom Gesinde. Und es war auch wirklich ein Vergnügen, wenn man am +Vorabend des Marktes in die Küche hinauskam und sah, wie blitzblank alles +war: der reingewaschene, mit Wacholderzweigen bestreute Fußboden, die +frischgeweißten Wände und das blankgescheuerte Kupfergeschirr auf den +Wandbrettern. + +Aber wenn das Marktfest vorüber war, kehrte doch nicht lange Ruhe ein. Dann +mußte der Flachs gehechelt werden. Der Flachs war während der Hundstage auf +einer Wiese zum Trocknen ausgebreitet worden. Jetzt brachte man ihn in die +alte Badestube hinein, und in dem großen Badestubenofen wurde ein tüchtiges +Feuer gemacht und der Flachs gedörrt. Und wenn er dürr genug war, wurden an +einem Tage alle Nachbarsfrauen zusammengerufen. Diese setzten sich vor die +Badestube; und nun wurde der Flachs gebrochen und hierauf gehechelt, damit +sich die feinen weißen Fasern aus den dürren Halmen herauslösten. Während +dieser Arbeit wurden die Weiber ganz grau vor Staub. Ihr Haar und ihre +Kleider waren über und über mit Spleißen bedeckt, aber sie waren trotzdem +seelenvergnügt. Den ganzen Tag hindurch klapperten die Brechstühle, und die +Weiber schwatzten ununterbrochen darauf los. Wer in die Nähe der Badestube +kam, hätte meinen können, ein Sturm jage mit lautem Sausen daher. + +Nach dem Flachshecheln kam das Backen des Hartbrotes, die Schafschur und +der Wandertag der Mägde an die Reihe. Im November standen dann die +arbeitsreichen Schlachttage bevor; das Fleisch wurde eingepökelt, Würste +gestopft, Blutpudding gekocht und Lichter gegossen. In dieser Zeit kam dann +wohl auch das Nähmädchen, das die eigengewobenen wollenen Kleider +verfertigte; und das waren einige fröhliche Wochen, wo alle Frauen des +Hauses eifrig nähend beisammen saßen. Meistens saß dann auch der +Schuhmacher zu derselben Zeit drüben in der Knechtstube an seiner Arbeit; +und man wurde es nie müde, immer und immer wieder zuzusehen, wie er Leder +zuschnitt, Stiefel sohlte, Absätze aufbaute und die Ringe in die +Schnürlöcher einschlug. Aber die größte Geschäftigkeit entfaltete sich doch +gegen Weihnachten. Der Lucietag, wo morgens um fünf Uhr das Stubenmädchen +in einem weißen Kleide mit brennenden Kerzen im Haar das ganze Haus zum +Kaffee einlud, war das Zeichen, daß man in den nächsten Wochen nicht viel +auf Schlaf rechnen durfte. + +Jetzt mußte das Weihnachtsbier gebraut, die Stockfische gelaugt, das +Weihnachtsbackwerk verfertigt und die Weihnachtsputzerei vorgenommen +werden -- -- -- + +Die Schriftstellerin stand im Geiste mitten zwischen Pfeffernüssen und +Honigkuchen, als der Kutscher, wie sie ihn gebeten hatte, am Eingang in die +Allee seine Pferde anhielt. Sie fuhr jäh aus ihren Träumen auf, und es war +ihr ganz unheimlich zumute, als sie nun am späten Abend so ganz allein im +Wagen saß, nachdem sie sich eben noch von allen ihren Lieben umgeben +geglaubt hatte. Als sie ausstieg und die Allee hinaufwanderte, um unbemerkt +in ihre alte Heimat hineinzukommen, fühlte sie mit bitterer Wehmut den +Unterschied zwischen früher und jetzt, und sie wäre am liebsten wieder +umgekehrt. »Was hat es für einen Wert, daß ich hierher komme? Die alten +Zeiten kehren ja doch nicht wieder!« dachte sie. + +Aber nachdem sie nun soweit gekommen war, meinte sie, es wäre doch nicht +recht, wenn sie sich den Hof nicht wenigstens ansähe. Und so schritt sie +weiter, obgleich ihr das Herz mit jedem Schritt schwerer wurde. + +Sie hatte gehört, der Hof sei sehr verfallen und verändert, und das war +wohl auch so; aber jetzt am Abend konnte sie das nicht wahrnehmen. Es war +ihr eher, als sei alles ganz wie früher. Dort war der Teich, der in ihren +jungen Tagen voller Karauschen gewesen war, die niemand fischen durfte, +weil der Vater wollte, daß die Fische hier eine vollständige Freistatt +haben sollten. Dort waren die Seitenflügel mit der Gesindestube, der +Vorratskammer und dem Stall, mit der Vesperglocke auf dem einen Giebel und +der Wetterfahne auf dem andern. Und der Hofplatz vor dem Wohnhause war noch +immer wie ein eingeschlossener Raum ohne Aussicht nach irgendeiner Seite, +ganz wie zu Zeiten des Vaters, weil er es nicht übers Herz brachte, irgend +einen Busch weghauen zu lassen. + +Sie war im Schatten eines großen Ahorns bei der Einfahrt stehen geblieben +und schaute sich nun aufmerksam um, und während sie so dastand, geschah +etwas Merkwürdiges: eine Schar Tauben kam dahergeflogen und ließ sich neben +ihr nieder. + +Sie konnte kaum glauben, daß es wirkliche Vögel seien, denn Tauben pflegen +sonst nie nach Sonnenuntergang auszufliegen. Der helle Mondschein mußte sie +geweckt haben, daß sie geglaubt hatten, es sei schon Tag, und so waren sie +aus dem Taubenschlag herausgeflogen; aber da waren sie wohl verwirrt +geworden und hatten den Weg nicht mehr zurückgefunden, und als sie einen +Menschen gewahrten, flogen sie zu ihm, ihn um seine Hilfe zu bitten. + +Zu Lebzeiten ihrer Eltern waren immer eine Menge Tauben auf dem Hofe +gewesen, denn die Tauben hatten auch zu den Tieren gehört, die der Vater +unter seinen besonderen Schutz genommen hatte. Wenn nur jemand davon +sprach, daß eine Taube geschlachtet werden sollte, so verdarb ihm das die +gute Laune. Jetzt war es ihr eine wahre Herzensfreude, daß die schönen +Vögel sie an der Schwelle des alten Hauses begrüßten. Wer konnte wissen, ob +nicht die Tauben gerade deshalb zur Nachtzeit ausgeflogen waren, um ihr zu +zeigen, daß sie nicht vergessen hätten, welch eine gute Heimat sie einst +hier gehabt hatten! + +Oder hatte vielleicht der Vater seine Vögel mit einem Gruße zu ihr +geschickt, damit sie sich nicht gar so verlassen und einsam fühlen sollte, +wenn sie nun wieder in die alte Heimat kam? + +Während ihr diese Gedanken durch den Kopf flogen, regte sich eine so heiße +Sehnsucht nach den alten Zeiten in ihrem Herzen, daß ihr die Tränen in die +Augen traten. Es war ein gutes Leben gewesen, das sie auf dem Hofe geführt +hatten. Sie hatten saure Wochen gehabt, aber auch frohe Feste; sie hatten +den Tag über fleißig sein müssen, aber am Abend hatte man sich um die +Lampe versammelt und Tegnér und Runeberg, Frau Lenngren und Friedericke +Bremer gelesen. Sie hatten Getreide gebaut, aber auch Rosen und Jasmin +gezogen; sie hatten Flachs gesponnen, aber beim Spinnen waren Volkslieder +gesungen worden. Sie hatten sich mit der Grammatik und der Weltgeschichte +abgequält; aber sie hatten auch Komödie gespielt und Verse gedichtet. Sie +hatten am Herd gestanden und das Essen gekocht; aber sie hatten auch +musizieren dürfen, hatten Klavier, Gitarre und Geige gespielt und Flöte +geblasen. Sie hatten in einem Garten Kohl und Rüben, Erbsen und Bohnen +gepflanzt; aber es war noch ein zweiter Garten da, wo es Äpfel und Birnen +und allerlei Beeren in Hülle und Fülle gab. Sie hatten ein ziemlich +einsames Leben geführt, aber gerade deshalb hatten sie sich in eine +Märchen- und Sagenwelt hineingelebt. Ihre Kleider waren aus eigengewobenen +Stoffen verfertigt gewesen; aber sie hatten auch unabhängig und sorgenfrei +leben können. + +»Nirgends auf der weiten Welt verstehen es die Menschen so gut, sich das +Leben schön einzurichten, als sie das zu meiner Zeit auf einem solchen +kleinen Herrenhofe verstanden haben,« dachte die Dichterin. »Da hatte die +Arbeit ihre Zeit und das Vergnügen seine Zeit, aber die Freude herrschte +jeden Tag. Wie gern möchte ich hierher zurückkehren!« dachte sie weiter. +»Seit ich den Hof wiedergesehen habe, fällt mir das Fortgehen fast zu +schwer.« + +Und dann wendete sie sich an die Taubenschar und sagte zu ihr, während sie +doch zugleich über sich selbst lächelte: »Fliegt zurück zu meinem Vater und +sagt ihm, daß ich Heimweh habe. Nun bin ich lange genug an fremden Orten +gewesen; fragt ihn, ob er es nicht einrichten könne, daß ich bald wieder in +die Heimat meiner Kindheit zurückkehren dürfe?« + +Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die ganze Taubenschar auch schon +auf und davon flog; sie versuchte, den Vögeln mit den Augen zu folgen, aber +sie verschwanden rasch; es war, als habe die ganze weiße Schar sich in der +mondhellen Luft aufgelöst. + +Aber kaum waren die Tauben verschwunden, als aus dem Garten laute Schreie +an ihr Ohr drangen, und als sie rasch dahineilte, woher die Rufe kamen, bot +sich ihr ein merkwürdiger Anblick dar. Ein winzig kleiner Knirps, kaum eine +Spanne lang, wehrte sich verzweiflungsvoll gegen eine Nachteule. + +Zuerst war die Schriftstellerin so überrascht, daß sie sich nicht rühren +konnte. Aber als der Kleine immer jämmerlicher schrie, legte sie sich rasch +dazwischen und trennte die beiden Kämpfenden. Die Eule schwang sich auf +einen Baum, aber das Männlein blieb auf dem Gartenweg stehen, ohne sich zu +verstecken oder davonzulaufen. + +»Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe,« sagte es, »aber Sie hätten die Eule nicht +fortfliegen lassen sollen. Nun kann ich nicht von hier weggehen, denn sie +sitzt dort auf dem Baum und lauert mir auf.« + +»Ja, es war recht gedankenlos von mir, daß ich sie entwischen ließ. Aber +kann ich dich nicht dahin begleiten, wo du zu Hause bist?« fragte sie, die +so gerne Märchen ersann; und sie war nicht wenig erstaunt, daß sie hier so +ganz unvermutet mit einem Wichtelmännchen zusammengetroffen war. Aber +eigentlich war sie nicht einmal so sehr erstaunt; es war, als habe sie, +während sie da im Mondschein vor ihrer alten Heimat gestanden hatte, +immerfort darauf gewartet, daß sich etwas Wunderbares zutrage. + +»Ich hatte mir eigentlich vorgenommen gehabt, hier auf dem Hofe zu +übernachten,« sagte der Knirps. »Wenn Sie mir einen sicheren Platz zum +Schlafen anweisen könnten, würde ich erst morgen früh in den Wald +zurückkehren.« + +»Soll ich dir ein Nachtlager anweisen? Wohnst du denn nicht hier?« + +»Ach, ich verstehe, Sie halten mich für ein Wichtelmännchen,« sagte der +Knirps jetzt. »Aber ich bin ein Mensch, gerade wie Sie, und bin nur in ein +Wichtelmännchen verwandelt worden.« + +»Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört habe! Kannst du mir nicht +erzählen, wie sich das zugetragen hat?« + +Der Junge hatte nichts dagegen, seine Abenteuer zu erzählen, und je weiter +er in seinem Bericht kam, desto erstaunter und verwunderter, aber auch +desto vergnügter wurde die Zuhörerin. + +»Ach, welch ein Glück, daß ich jemand treffe, der durch ganz Schweden auf +einem Gänserücken gereist ist!« dachte sie. »Alles, was er mir da erzählt, +kann ich ja in mein Buch schreiben! Jetzt brauche ich mir deswegen keine +Sorgen mehr zu machen. Wie gut ist es, daß ich nach Hause gereist bin! Wie +merkwürdig, daß die Hilfe gekommen ist, sobald ich den alten Hof betreten +habe!« + +In demselben Augenblick zuckte ein Gedanke, den sie kaum auszudenken wagte, +durch ihr Gehirn. Sie hatte ihrem Vater durch die Tauben Botschaft +geschickt, daß sie sich nach Hause sehne, und sogleich war ihr bei der +Aufgabe, über die sie schon so lange nachgegrübelt hatte, Hilfe zuteil +geworden! Konnte das die Antwort ihres Vaters auf ihre Bitte sein? + +[Illustration] + + + + +50 + +Das Gold auf der Schäre + +Auf dem Wege zum Meere + + + Freitag, 7. Oktober + +Seit die Wildgänse ihre Herbstreise angetreten hatten, waren sie immer +geradeswegs südwärts geflogen; aber als sie das Fryksdal verließen, +änderten sie die Richtung und flogen nun über das westliche Wärmland und +Dalsland nach Bohuslän. Die jungen Gänse hatten nun so viel Übung im +Fliegen bekommen, daß sie nicht mehr über Müdigkeit klagten, und Nils +Holgersson gewann allmählich das Gleichgewicht wieder. Noch immer war er +hochbeglückt über das Erlebnis auf dem Hofe. Nun hatte er sich einmal mit +einem Menschen aussprechen können; und die fremde Dame hatte ihn +aufgemuntert und gesagt, er solle nur wie bisher gegen alle, mit denen er +zusammentreffe, gut und hilfreich sein, dann werde es ihm gewiß nicht +schlecht gehen. Wie er seine rechte Gestalt wieder bekommen würde, das +konnte sie ihm freilich nicht sagen; aber sie hatte ihm etwas von seinem +alten Mut und Vertrauen wiedergegeben, und das war sicherlich schuld daran, +daß er jetzt herausgebracht hatte, wie er den großen Weißen von der +Rückkehr in die Heimat abbringen könnte. + +»Weißt du, Gänserich Martin,« sagte er, während sie hoch droben +dahinflogen, »es wird gewiß recht einförmig für uns, wenn wir den ganzen +Winter daheimbleiben, jetzt wo wir so eine große Reise mitgemacht haben. +Ich überlege mir deshalb eben, ob wir nicht mit den Wildgänsen ins Ausland +reisen sollten.« + +»Das kann dir doch nicht Ernst sein!« sagte der Gänserich entsetzt; denn +jetzt, nachdem er den Beweis geliefert hatte, daß er mit den Wildgänsen bis +nach Lappland hinauf reisen konnte, war er vollständig zufrieden, wieder in +Holger Nilssons Gänsestall zurückzukehren. + +Der Junge schwieg eine Weile und schaute auf das Wärmland hinunter, wo alle +Birkenwälder und Haine und Gärten in herbstlich bunten Farben prangten, und +wo die langen Seen dunkelblau glänzend zwischen ihren Ufern lagen. + +»Ich glaube, ich habe die Erde noch nie so schön unter uns daliegen sehen +wie heute,« sagte er. »Die Seen sehen aus wie blaue Seide und die Ufer wie +breite goldene Bänder. Meinst du nicht auch, es wäre schade, wenn wir uns +jetzt in Westvemmenhög festsetzten und nicht noch mehr von der Welt zu +sehen bekämen?« + +»Ich glaubte, du wolltest zu deinem Vater und deiner Mutter zurückkehren, +um ihnen zu zeigen, was für ein guter Junge du geworden bist?« entgegnete +der Gänserich. + +Den ganzen Sommer hindurch hatte der große Weiße von nichts anderm +geträumt, als von dem stolzen Augenblick, wo er sich plötzlich auf dem +freien Platze vor Holger Nilssons Haus niederlassen und den Gänsen und den +Hühnern und den Kühen und der Katze und auch Mutter Nilsson seine +Daunenfein und die sechs Jungen zeigen würde! Deshalb war er über den +Vorschlag des Jungen gar nicht besonders erfreut. + +An diesem Tage hielten die Wildgänse mehrere Male lange Rast, denn überall +fanden sie die herrlichsten Stoppelfelder; sie konnten sich kaum +entschließen, sie zu verlassen, und so erreichten sie Dalsland erst gegen +Sonnenuntergang. Sie flogen über den nordwestlichen Teil dieser Landschaft +hin, und da war es noch schöner als in Wärmland. Dieser Landstrich ist so +voller Seen, daß sich das Land wie kleine spitzige Hügelketten hinzieht. +Zum Getreidebau war dieser Boden nicht günstig; um so besser aber gediehen +die Bäume, und die steilen Uferhänge der Seen sahen aus wie wunderschöne +Gärten. Es mußte etwas in der Luft oder im Wasser sein, das den +Sonnenschein noch zurückhielt, wenn die Sonne schon längst hinter die Hügel +hinabgesunken war; goldene Lichter spielten auf den dunkeln, glänzenden +Wasserspiegeln, und über der Erde zitterte ein heller, blaßroter Schein, +aus dem die lichtgelben Birken, die hellroten Eschen und die gelbroten +Vogelbeerbäume herausragten. + +»Meinst du denn nicht auch, lieber Gänserich Martin, es wäre sehr +langweilig, wenn wir nie wieder so etwas Schönes zu sehen bekämen?« fragte +der Junge. + +»Ich sehe lieber die fruchtbaren flachen Äcker in Schonen als diese magern +Waldhügel hier. Aber du weißt ja, daß ich mich nicht von dir trennen werde, +wenn du die Reise durchaus fortsetzen willst,« antwortete der Gänserich. + +»Diese Antwort habe ich von dir erwartet,« erwiderte der Junge. Es war ihm +ein schwerer Stein vom Herzen gefallen, und das konnte man seiner Stimme +deutlich anhören. + +Als sie hierauf über Bohuslän hinflogen, wurden die Hochebenen +zusammenhängender; die Täler lagen tief drunten wie schmale aus dem Gebirge +herausgesprengte Schluchten, und die langen Seen darinnen waren so schwarz, +wie wenn sie aus der Tiefe der Erde aufgestiegen wären. Ja, es war +wirklich eine wunderschöne Landschaft; und so, wie der Junge sie jetzt +unter sich sah, bald von einem Sonnenstrahl erhellt, bald im dunkeln +Schatten liegend, hatte sie einen ganz eigenartigen Reiz. Der Junge wußte +nicht, woher es kam, aber er dachte unwillkürlich, in den alten Zeiten +müßten hier gewiß tapfere Recken gewohnt haben, die in diesen +geheimnisvollen Gegenden gefährliche und kühne Abenteuer bestanden hätten. +Und der alte Hang nach merkwürdigen Erlebnissen regte sich jetzt im Herzen +des kleinen Nils Holgersson. + +»Es wäre wohl möglich, daß mir etwas fehlen würde, wenn ich künftig nicht +alle zwei Tage in Lebensgefahr geriete,« dachte er. »Darum ist es gewiß am +besten, ich bin damit zufrieden, wie es nun einmal ist.« + +Davon sagte er aber nichts zu dem großen Weißen; denn die Wildgänse flogen +mit größter Geschwindigkeit über Bohuslän hin; der Gänserich keuchte heftig +und hätte kein Wort erwidern können. Die Sonne stand jetzt tief am Himmel; +ab und zu verschwand sie hinter einem Berggipfel; aber die Wildgänse flogen +so rasch, daß der große Feuerball immer wieder vor ihnen auftauchte. + +Endlich sahen sie im Westen einen hellen Streifen, der sich mit jedem +Flügelschlag breiter vor ihnen ausdehnte. Das war das Meer; zwischen +milchweiß, rosenrot und himmelblau immer wechselnd lag es da draußen, und +als die Gänse an den Strandklippen vorüberflogen, sahen sie abermals die +Sonne, die jetzt groß und rotglühend am Himmelsrand stand, eben im Begriff, +ins Meer zu versinken. + +Als aber der Junge das freie, unendliche Meer vor sich sah und die rote +Abendsonne, die mit einem gar so milden Glanz leuchtete, daß er ihr gerade +ins Gesicht sehen konnte, zogen Freude und Vertrauen in seine Seele ein. + +»Es hat keinen Sinn, wenn du auch noch so betrübt bist, Nils Holgersson,« +sagte die Sonne. »Die Welt ist ein herrlicher Aufenthalt, sowohl für Kleine +wie für Große, und es ist auch gut, wenn man frank und frei ist und das +ganze Weltall hat, in dem man sich herumtummeln kann.« + + +Das Geschenk der Wildgänse + +Die Wildgänse hatten sich auf einer kleinen Schäreninsel vor Fjällbacka zum +Schlafen niedergelassen. Aber als es nahe an Mitternacht war und der Mond +hoch am Himmel stand, rieb sich Akka den Schlaf aus den Augen und weckte +Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi. Schließlich stieß sie +auch den Däumling mit dem Schnabel an, daß er erwachte. + +»Was gibts, Mutter Akka?« fragte er, erschrocken auffahrend. + +»Nichts Gefährliches,« antwortete die Anführerin. »Nichts weiter, als daß +wir sieben Alten von der Schar ein Stück weit aufs Meer hinausfliegen +wollen und wissen möchten, ob du Lust hättest, mitzukommen?« + +Der Junge erriet sogleich, daß Akka keinen solchen Vorschlag machen würde, +wenn es sich nicht um etwas Besondres gehandelt hätte; er setzte sich ihr +also sofort auf den Rücken, und Akka flog in gerader westlicher Richtung +davon. Zuerst ging es über eine Reihe großer und kleiner, nahe an der Küste +liegender Inseln hin, dann über eine breite Strecke offnes Wasser, und +schließlich erreichten sie die große Väderöer Inselgruppe, die ganz draußen +dicht am offnen Meere liegt. Es waren lauter niedrige, felsige Inseln, und +im Mondschein konnte man deutlich sehen, daß sie an ihrer Westseite von den +Wogen ganz glatt geschliffen waren. Einige davon waren ziemlich groß, und +auf diesen unterschied der Junge einige Häuser. Akka suchte eine der +kleinsten von diesen Schäreninseln auf und ließ sich darauf nieder. Die +Schäre bestand nur aus einer unebenen Felsplatte mit einem breiten Spalt in +der Mitte, in den das Meer feinen weißen Sand und Muscheln hineingeschwemmt +hatte. + +Als der Junge von Akkas Rücken herabsprang, sah er dicht neben sich etwas, +was einem hohen, spitzigen Stein glich. Aber schon im nächsten Augenblick +bemerkte er, daß es ein großer Raubvogel war, der sich diese Schäre zum +Nachtquartier ausgewählt hatte. Der Junge hatte indes kaum Zeit, sich über +die Wildgänse zu verwundern, die sich so unvorsichtig neben einem +gefährlichen Feinde niedergelassen hatten, als sich der Vogel auch schon +mit einem langen Sprung zu ihnen herschwang und Nils Holgersson den Adler +Gorgo erkannte. + +Nun verstand der Junge: Akka und Gorgo hatten sich hier zusammenbestellt! + +»Das hast du gut gemacht, Gorgo,« sagte Akka. »Ich hatte eigentlich +gedacht, du würdest den Ort unsrer Zusammenkunft nicht vor uns erreichen +können. Hast du schon lange gewartet?« + +»Ich bin am Abend angekommen,« antwortete Gorgo. »Ja, die Zeit habe ich gut +getroffen,« fuhr er fort, »aber ich fürchte, das wird leider auch das +einzige sein, worüber du mich loben kannst; mit der Sache, die du mir +aufgetragen hast, steht es nicht gut.« + +»Du hast gewiß mehr erreicht, als du dir merken lassen willst,« sagte Akka. +»Doch ehe du erzählst, wie deine Reise abgelaufen ist, möchte ich den +Däumling bitten, mir beim Suchen von etwas, was hier auf der Insel +versteckt ist, zu helfen.« + +Der Junge hatte eben aufmerksam ein paar große schöne Schneckenhäuser +betrachtet, als aber Akka seinen Namen nannte, schaute er auf. »Du hast +dich wohl verwundert, Däumling, warum wir nicht den geraden Weg eingehalten +haben, sondern hier aufs Kattegat hinausgeflogen sind?« fuhr Akka fort. + +»Es ist mir allerdings ein wenig sonderbar vorgekommen,« antwortete der +Junge; »aber ich weiß ja, daß Ihr für alles, was Ihr tut, stets einen guten +Grund habt.« + +»Du hast einen guten Glauben an mich,« sagte Akka. »Aber ich fürchte +beinahe, diesmal wird er dir erschüttert werden, denn sehr wahrscheinlich +wird diese Reise ohne Erfolg bleiben.« + +»Vor vielen Jahren,« fuhr Akka fort, »sind wir, ich und noch einige, die +jetzt die Alten in unsrer Schar sind, auf einer Frühjahrsreise von einem +Sturm überfallen und auf diese Insel verschlagen worden. Als wir sahen, daß +wir nur das unendliche offene Meer vor uns hatten, bekamen wir Angst, wir +könnten so weit hinausgetrieben werden, daß wir das Land nie wieder +erreichen würden, und wir ließen uns deshalb auf die Wogen hinunter. Der +Sturm zwang uns, hier zwischen diesen kahlen Klippen mehrere Tage +auszuharren. Wir litten großen Hunger, und eines Tages gingen wir hier in +diese Rinne hinein, in der Hoffnung, da Futter zu finden. Wir fanden indes +nicht ein einziges Grashälmchen, dafür aber einige Säcke, die fest +zugebunden, halb verschüttet im Sande lagen. Da wir hofften, es sei Korn in +den Säcken, rissen und zerrten wir solange daran, bis der Stoff zerriß; +aber keine Körner kamen heraus, sondern lauter glänzende Goldstücke. Dafür +hatten wir Wildgänse jedoch keine Verwendung, und wir ließen sie deshalb, +wo sie waren. In allen diesen Jahren haben wir gar nicht mehr an unsern +Fund gedacht; da hat sich im letzten Herbst etwas ereignet, was es uns +wünschenswert macht, Gold zu besitzen. Es ist freilich sehr +unwahrscheinlich, daß der Schatz noch da ist, aber wir sind trotzdem +herbeigeflogen, um dich zu bitten, jetzt nachzusehen, wie sich die Sache +verhält.« + +Der Junge sprang in die Felsenspalte hinein, nahm in jede Hand eine Muschel +und schaufelte damit eifrig den Sand weg. Säcke fand er keine, aber nachdem +er ein ziemlich tiefes Loch gegraben hatte, hörte er ein Klirren wie von +Metall, und er merkte, daß er auf eine Münze gestoßen war. Er tastete mit +den Händen umher, fühlte, daß viele runde Münzen im Sande lagen, und eilte +rasch zu Akka zurück. + +»Die Säcke sind verfault und zerfallen,« sagte er, »aber das Geld liegt +noch im Sand verstreut, und ich glaube, es ist noch alles da.« + +»Das ist gut,« sagte Akka. »Fülle das Loch wieder zu und mache die +Oberfläche wie vorher, damit niemand sehen kann, daß daran gerührt worden +ist.« + +Der Junge tat, wie Akka ihn geheißen hatte; aber als er darauf wieder aus +der Felsenspalte heraustrat, blieb er überrascht stehen, denn Akka hatte +sich an die Spitze der sechs andern Wildgänse gestellt, und der ganze Zug +kam nun höchst feierlich auf ihn zugeschritten. Vor dem Jungen angekommen, +hielten sie an, verneigten sich vielmals mit dem Halse und sahen so vornehm +drein, daß der Junge unwillkürlich die Mütze abnahm und sich auch +verbeugte. + +»Wir haben dir etwas zu sagen,« begann Akka. »Wir, die Alten in der Schar, +haben zueinander gesagt, wenn du, Däumling, bei Menschen im Dienst +gestanden und ihnen so viele und große Hilfe geleistet hättest, wie du uns +geleistet hast, dann würden sie sich ganz gewiß nicht von dir trennen, ohne +dich reichlich dafür zu belohnen.« + +»Ach Mutter Akka, nicht ich habe euch geholfen,« sagte der Junge, »ihr seid +es gewesen, die sich meiner angenommen haben.« + +»Und wir meinen auch,« fuhr Akka fort, »wenn uns nun ein Mensch auf der +ganzen Reise begleitet hat, sollte er nicht ebenso arm von uns gehen, wie +er gekommen ist.« + +»O, ich weiß recht wohl, was ich in diesem einen Jahr alles gelernt habe! +Das ist mehr wert als Geld und Gut,« sagte der Junge. + +»Da nun diese Goldstücke nach so vielen Jahren noch immer in der +Felsenspalte liegen, haben sie sicherlich keinen Eigentümer mehr,« fuhr die +Anführergans fort, »und ich meine, du solltest sie nun an dich nehmen, +Däumling.« + +»Habt ihr denn nicht den Schatz für euch selbst haben wollen, Mutter Akka?« +fragte der Junge. + +»Doch, wir wollen dich damit belohnen, damit dein Vater und deine Mutter +sehen können, daß du bei ordentlichen Leuten Gänsejunge gewesen bist.« + +Der Junge wendete sich halb um; er warf einen Blick übers Meer hin, und +dann sah er Akka in die glänzenden Augen. + +»Ich verwundere mich doch sehr über euch, Mutter Akka,« sagte er. »Ihr +wollt mich verabschieden und gebt mir meinen Lohn, bevor ich euch gekündigt +habe.« + +»Solange wir Wildgänse noch in Schweden sind, wirst du ja wohl bei uns +bleiben,« sagte Akka. »Aber ich wollte dir zeigen, wo der Schatz liegt, da +wir es jetzt ohne einen allzu großen Umweg einrichten konnten.« + +»Trotzdem ist es so, wie ich sage,« entgegnete der Junge. »Ihr wollt mich +los sein, bevor ich selbst von euch fort will. Nach einer so langen Zeit, +die wir in guter Freundschaft miteinander verbracht haben, wäre es doch +wohl nicht zuviel verlangt, wenn ihr mich auch noch ins Ausland mitnehmen +würdet.« + +Als der Junge dies sagte, streckten Akka und die andern Wildgänse die Hälse +gerade in die Höhe und saugten mit halbgeöffnetem Schnabel schweigend die +Luft ein. + +»Das ist etwas, woran ich noch gar nicht gedacht habe,« sagte Akka, nachdem +sie sich wieder gefaßt hatte. »Aber bevor du irgend einen Entschluß faßt, +wollen wir hören, was Gorgo zu berichten hat. Ich muß dir nämlich noch +etwas sagen. Ehe wir Lappland verließen, sind Gorgo und ich +übereingekommen, daß er nach Schonen in deine Heimat fliegen und versuchen +solle, bessere Bedingungen für dich auszuwirken.« + +»Ja, so ist es,« fiel Gorgo ein. »Aber wie ich dir schon gesagt habe, habe +ich kein Glück dabei gehabt. Holger Nilssons Haus fand ich ganz leicht, und +nachdem ich einige Male darüber hingeschwebt war, gewahrte ich auch das +Wichtelmännchen, das eben zwischen den Gebäuden umherschlich. Ich flog +sogleich hinunter, packte es und flog mit ihm auf ein Feld hinaus, damit +wir in aller Ruhe miteinander verhandeln könnten. Nun sagte ich ihm, ich +käme im Auftrag von Akka von Kebnekajse, um zu fragen, ob es für Nils +Holgersson nicht leichtere Bedingungen stellen würde. + +>Ich wünschte, ich könnte es,< erwiderte das Wichtelmännchen, >denn ich +habe gehört, der Junge habe sich auf der Reise recht gut gemacht; aber es +steht nicht in meiner Macht.< + +Da wurde ich zornig, und ich sagte, wenn es nicht nachgäbe, würde ich mich +gar nicht scheuen, ihm die Augen auszuhacken. + +>Mache mit mir, was du willst,< erwiderte es, >aber mit Nils Holgersson +bleibt es, wie ich gesagt habe. Du kannst ihn aber von mir grüßen und ihm +sagen, er täte am besten, recht bald mit seinem Gänserich heimzukommen, +denn es stehe schlecht daheim. Holger Nilsson ist leider für einen Bruder, +dem er volles Vertrauen schenkte, eine Bürgschaft eingegangen, die er jetzt +hat bezahlen müssen. Mit geborgtem Geld hat er sich ein Pferd gekauft; aber +das Pferd lahmte vom ersten Male an, wo Holger Nilsson mit ihm fuhr, und +seitdem ist es nicht zu gebrauchen. Ja, erzähle nur Nils Holgersson,< hat +das Wichtelmännchen noch eindringlich hinzugefügt, >seine Eltern hätten +schon zwei Kühe verkaufen müssen, und sie seien gezwungen, von Haus und Hof +zu gehen, wenn ihnen nicht von irgend einer Seite Hilfe zuteil würde.<« + +Als der Junge dies hörte, runzelte er die Stirne und ballte die Fäuste, daß +die Knöchel weiß hervortraten. + +»Das ist sehr grausam von dem Wichtelmännchen!« rief er. »Unter der +Bedingung, die es gestellt hat, kann ich nicht zu meinen Eltern +zurückkehren, um ihnen zu helfen. Aber es soll ihm nicht gelingen, einen +treulosen Freund aus mir zu machen. Mein Vater und meine Mutter sind +ehrbare Leute, und ich weiß, sie wollen lieber meine Hilfe entbehren, als +daß ich mit einem bösen Gewissen zu ihnen zurückkehrte.« + +[Illustration] + + + + +51 + +Silber im Meer + + + Samstag, 8. Oktober + +Wie wir alle wissen, ist das Meer wild und anmaßend, und der seinen +Angriffen am meisten ausgesetzte Teil Schwedens ist deshalb schon vor +langer, langer Zeit durch eine lange und breite steinerne Mauer geschützt +worden, die Bohuslän heißt. Die Mauer ist ungefähr so breit, daß sie das +ganze Land zwischen Dalsland und dem Meere ausfüllt, aber sie ist nicht +besonders hoch, wie das bei den Uferdämmen und Wellenbrechern meistens zu +sein pflegt; sie ist aus gewaltigen Felsblöcken errichtet, und an manchen +Stellen sind ganze Bergrücken eingefügt worden. Das Bauen mit kleinen +Steinen hätte auch gar keinen Wert gehabt, wo es sich darum handelte, einen +Schutzwall gegen das Meer aufzurichten, der sich vom Iddefjord bis zum +Götaälf erstrecken sollte. + +Solche großen Bauwerke werden ja in unsern Tagen nicht mehr hergestellt; +diese Mauer ist auch ungeheuer alt, und es kann nicht geleugnet werden, daß +der Zahn der Zeit tüchtig an ihr genagt hat. Die großen Felsblöcke liegen +nicht mehr so dicht beieinander, wie dies im Anfang wohl der Fall gewesen +war. Dazwischen haben sich tiefe und breite Spalten gebildet, in denen +Häuser und Felder Platz gefunden haben. Die Felsblöcke liegen aber doch +nicht gar zu weit voneinander; man kann noch gut sehen, daß sie einst zu +der obengenannten Mauer gehört haben. + +Auf ihrer Landseite ist die große Mauer noch am besten erhalten. Da führt +sie lange Strecken weit ununterbrochen und unzerstört hin. Aber in ihrer +Mitte sind lange tiefe Risse mit Seen auf dem Grunde, und gegen die Küste +zu ist sie ganz verfallen, da liegt jeder einzelne Felsblock wie ein Hügel +für sich da. + +Erst wenn man die große Mauer unten von der Küste aus sieht, versteht man, +daß sie nicht nur zu ihrem Vergnügen gerade an dieser Stelle steht. Wie +stark sie auch im Anfang gewesen sein mochte, an sechs bis sieben Stellen +ist das Meer durchgebrochen und hat Fjorde gebildet, die mehrere Meilen +lang sind. Der äußerste Teil steht überdies ganz unter Wasser, und man +sieht nur die Gipfel der Felsblöcke über dem Meere aufragen. So haben sich +allmählich viele große und kleine Inseln, die Schären, gebildet, und diese +müssen den schlimmsten Angriffen des Sturmes und des Meeres standhalten. + +Nun könnte man vielleicht glauben, eine Landschaft, die eigentlich nur aus +einer steinernen Mauer bestehe, müsse ganz und gar unfruchtbar sein, und +die Menschen dort könnten sich gar nicht fortbringen; aber damit ist es +trotzdem nicht so ganz schlecht bestellt; wenn auch die Hügel und +Hochebenen in Bohuslän nackt und kahl sind, so hat sich dafür in allen den +Schluchten fruchtbares Erdreich angesammelt, das sich, wenn auch die Felder +selbst nicht gerade sehr groß sind, doch vortrefflich zum Ackerbau eignet. +In der Regel ist der Winter an der Küste auch nicht so kalt wie weiter +drinnen im Lande, und an den vor dem Wind geschützten Stellen gedeihen +gegen Kälte empfindliche Bäume und Pflanzen, die sich sonst kaum weiter +droben als in Schonen finden. + +Und ebensowenig darf man vergessen, daß Bohuslän an der Grenze der großen +Flur liegt, die allen Menschen auf der Welt gemeinsam gehört. Die Leute von +Bohuslän können Wege benützen, die sie nicht erst zu bauen, noch im Stand +zu halten brauchen. Sie können Herden einfangen, die sie nicht zu bewachen +noch auf die Weide zu führen haben, und ihre Beförderungsmittel werden von +Zugtieren gezogen, denen sie weder Futter noch Obdach gewähren müssen. +Deshalb sind sie auch nicht so abhängig vom Ackerbau oder von der Viehzucht +wie die Bewohner andrer Bezirke, und sie fürchten sich nicht, ihr Heim auf +sturmgepeitschten Schären aufzuschlagen, wo kein Grashälmchen wächst, oder +auf den schmalen Streifen Uferland am Fuße der Berge, wo kaum Platz zu +einem kleinen Kartoffelfeld ist; denn sie wissen, daß das große reiche Meer +ihnen alles geben kann, was sie bedürfen. + +Aber wenn es wahr ist, daß das Meer unendlichen Reichtum birgt, so ist es +nicht weniger wahr, daß der eine schwierige Aufgabe hat, der sich mit ihm +abgeben muß. Wer sein Auskommen vom Meere gewinnen will, muß alle Fjorde +und Buchten, alle Untiefen und Strömungen kennen, kurz gesagt, er muß von +jedem Stein auf dem Meeresgrunde Bescheid wissen. Durch Sturm und Nebel +hindurch muß er sein Boot führen und in der schwärzesten Nacht seinen Weg +finden können. Er muß es verstehen, die Zeichen in der Luft zu deuten, die +böses Wetter verkünden, und er darf sich aus Kälte und Nässe nichts machen. +Er muß wissen, wo der Zug der Fische geht und wo die Hummern kriechen, er +muß schwere Netze hereinziehen und auch die Netze bei unruhiger See +auswerfen können. Zuerst und vor allem aber muß er ein mutiges Herz in der +Brust tragen, das nichts danach fragt, ob im Kampf gegen das Meer jeden Tag +das Leben aufs Spiel gesetzt wird. + +An dem Morgen, wo die Wildgänse über Bohuslän hinflogen, war es still und +friedlich zwischen den Schären. Sie sahen mehrere kleine Fischerdörfer; +aber es war kein Leben auf den schmalen Gassen, niemand ging in den hübsch +angestrichenen Häuschen aus und ein. Die braunen Fischnetze hingen in guter +Ordnung auf dem Trockenplatze, die schweren grünen oder blauen Fischerboote +lagen mit angeschlagenen Segeln auf dem Strand. Keine Frauen arbeiteten an +den langen Tischen, wo man sonst Dorsche und Heilbutten zu reinigen +pflegte. + +Die Wildgänse flogen auch über mehrere Lotsenstationen hin. Die +Lotsenhäuser waren schwarz und weiß angestrichen, die Signalstange ragte +daneben empor, und der Lotsenkutter lag vertäut an der Brücke. Dort war +ringsumher alles still, nirgends war ein Dampfer in Sicht, der in dem engen +Fahrwasser Hilfe gebraucht hätte. + +[Illustration] + +Die kleinen Küstenorte, über die die Wildgänse hinflogen, hatten ihre +großen Badehäuser geschlossen, ihre Flaggen eingezogen und die schönen +Sommerhäuser verriegelt. Niemand war zu sehen, als einige alte +Schiffskapitäne, die auf den Brücken hin und her spazierten und sehnsüchtig +aufs Meer hinausschauten. + +Auf der östlichen Seite der Inseln, sowie drinnen in den Buchten am Ufer +sahen die Wildgänse einige Bauernhöfe, und auch dort lagen die +Verkehrsboote ganz ruhig an den Landungsbrücken. Der Bauer und seine +Knechte hackten Kartoffeln aus oder sahen nach, ob die Bohnen, die an +großen Holzgestellen hingen, noch nicht dürr genug seien. + +In den großen Steinbrüchen und auf den Schiffswerften waren viele Arbeiter +tätig. Sie schwangen ihre Schmiedehämmer und Äxte recht fleißig, aber immer +und immer wieder wendeten sie den Kopf dem Meere zu, wie wenn sie auf +irgendeine Unterbrechung hofften. + +Und die Schärenvögel verhielten sich ebenso ruhig wie die Menschen. Einige +Scharben, die auf einer steilen Felsenwand geschlafen hatten, verließen +eine nach der andern die schmalen Felsenvorsprünge und begaben sich mit +langsamem Flug zu ihren Fischplätzen hin. Die Möwen waren vom Meere +hereingezogen und spazierten wie richtige Krähen auf dem Ufer umher. + +Aber mit einem Schlage veränderte sich alles. Eine Schar Möwen flog +plötzlich von einem Acker auf und sauste mit solcher Hast südwärts, daß die +Wildgänse sie kaum fragen konnten, wohin sie wollten, und die Möwen sich +nicht Zeit nahmen, ihnen eine Antwort zu geben. Nun flogen die Scharben vom +Wasser auf und folgten den Möwen mit schwerfälligen Flügelschlägen. Die +Delphine schossen plötzlich wie schwarze Spindeln eiligst durchs Wasser, +und eine Schar Seehunde stürzte sich von einer flachen Schäre in die Wellen +und schwamm südwärts. + +»Was ist denn los? Was ist denn los?« fragten die Wildgänse; und +schließlich bekamen sie Antwort von einer Eisente. + +»Die Heringe sind in Marstrand eingetroffen! Die Heringe sind in Marstrand +eingetroffen!« rief sie. + +Aber nicht allein die Vögel und Seetiere waren in Bewegung gekommen, die +Menschen hatten offenbar auch Nachricht von dem Eintreffen der ersten +großen Heringzüge zwischen den Schären erhalten. Auf den glatten Steinen +der Fischerdörfer liefen die Leute rasch hin und her. Die Fischerboote +wurden zur Abfahrt bereit gemacht und die langen Heringnetze vorsichtig +hineingeschafft. Die Frauen verstauten Proviant und die Ölkleider in die +Boote, und die Männer kamen so eilig aus ihren Häusern heraus, daß sie, +schon auf der Straße angekommen, erst in den Rock hineinfuhren. + +Schon nach ganz kurzer Zeit waren alle Sunde zwischen den Schären voll +brauner und grauer Segel, und zwischen den Booten wurden lustige Zurufe und +Fragen gewechselt. Junge Mädchen waren auf die Klippen hinter den Häusern +hinaufgeklettert und winkten den Abziehenden nach. Die Lotsen hielten +scharf Ausguck und waren ganz sicher, daß bald nach ihnen geschickt werde; +sie hatten deshalb schon ihre Wasserstiefel angezogen und den Kutter klar +gemacht. Aus den Fjorden heraus fuhren kleine mit Tonnen und Kisten +beladene Dampfschiffe. Die Bauern hatten eilig die Kartoffelhacke +weggeworfen, die Schiffsbauer die Werften verlassen, und die alten +Schiffskapitäne mit den wetterharten Gesichtern konnten natürlich nicht +zurückbleiben, sondern fuhren mit den Dampfschiffen südwärts, um den +Heringfang wenigstens mitanzusehen. + +Schon nach kurzer Zeit erreichten die Wildgänse Marstrand. Die Heringzüge +kamen von Westen her und zogen am Leuchtturm auf der Hafenschäre vorbei +dem Lande zu. In dem breiten Fjord zwischen der Marstrandinsel und der +Paternosterschäre fuhren die Fischerboote immer zu drei und drei +nebeneinander her. Da, wo die See dunkler aussah und in kleinen kurzen +Wellen aufschäumte, waren die Heringe. Die Fischer wußten dies wohl und +warfen an diesen Stellen vorsichtig die langen Netze ins Wasser, faßten sie +ringsum zusammen und schnürten sie unten zu, so daß die Heringe nun wie in +einem ungeheuren Sack drinnen lagen; dann zogen und schnürten sie sie enger +und enger zusammen, so daß der Raum immer kleiner wurde und das Schleppnetz +schließlich mit glitzernden Fischen gefüllt herausgezogen werden konnte. +Bei einigen Schiffsgruppen war der Fischfang schon so weit gediehen, daß +ihre Boote bis an den Rand mit Fischen gefüllt waren. Die Fischer standen +bis an die Kniee in Heringen, und von dem Südwester an bis zum untersten +Rande ihres Ölrockes glänzten sie von lauter Heringschuppen. + +[Illustration] + +Dann sah man neuangekommene Schiffsgruppen, die umherfuhren und loteten und +nach Heringen suchten, und wieder andre, die mit großer Mühe ihr Netz +ausgeworfen, es aber leer wieder herausgezogen hatten. Wenn die Boote voll +waren, fuhren einige von den Fischern nach den großen im Fjord liegenden +Dampfschiffen hin und verkauften ihren Fang, andre fuhren nach Marstrand +und luden da ihre Ladung am Kai aus. Dort waren die Heringweiber schon an +langen Tischen in voller Arbeit; die Heringe wurden in Tonnen und Kisten +verpackt, und die ganze Straße lag voller Heringschuppen. + +Ja, jetzt war Leben und Bewegung da! Die Menschen waren ganz außer sich +vor Freude über all dieses Silber, das sie aus den Wogen des Meeres +herausschöpften, und die Wildgänse flogen viele Male über Marstrand hin und +her, damit der Junge alles recht genau sehen könnte. + +Aber schon nach kurzer Zeit bat er, sie möchten nur weiterfliegen. Er sagte +nicht, warum er weiter wollte, aber es war vielleicht nicht so schwer zu +erraten. Unter den Fischern sah er viele schöne, kräftige Leute. Mehrere +von ihnen waren überaus stattliche Männer mit kühnen Gesichtern unter dem +Südwester, und sie sahen gerade so keck und verwegen aus, wie jeder Junge +gerne sein möchte, wenn er selbst einmal erwachsen ist. Ja, für einen, der +niemals größer werden konnte als ein Hering, war es in der Tat vielleicht +nicht so vergnüglich, diese prächtigen Gestalten zu betrachten! + +[Illustration] + + + + +52 + +Ein großer Herrenhof + +Der alte und der junge Herr + + +Vor einer Reihe von Jahren lebte in einem Kirchspiel in Westgötland eine +überaus gute, liebe kleine Volksschullehrerin. Sie gab nicht allein einen +sehr guten Unterricht, sondern verstand es auch, musterhafte Ordnung in +ihrer Klasse zu halten, und die Kinder liebten sie so sehr, daß sie niemals +in die Schule kamen, ohne ihre Aufgaben gelernt zu haben. Die Eltern der +Kinder schätzten sie auch, und es gab überhaupt nur einen einzigen +Menschen, der nicht wußte, wie gut sie war, und dieser eine war sie selbst. +Sie hielt alle andern für viel klüger und tüchtiger als sich selbst und +grämte sich in dem Gedanken, nicht auch so sein zu können wie die andern. + +Nachdem die Lehrerin einige Jahre an der Schule unterrichtet hatte, erging +von der Schulbehörde die Aufforderung an sie, in dem Slöjdseminar[1] auf +Nääs einen Lehrgang mitzumachen, damit sie später die Kinder lehren könne, +nicht allein mit dem Kopfe, sondern auch mit den Händen zu arbeiten. +Niemand kann sich vorstellen, wie überrascht die Lehrerin war, als sie +diese Aufforderung erhielt. Nääs lag nicht sehr weit von ihrer Schule +entfernt, sie war wiederholt an dem schönen, stattlichen Gute +vorübergegangen und hatte über den Slöjdkurs, der auf dem großen, alten +Herrenhof stattfand, viel Lobenswertes gehört. Aus allen Teilen des Landes +wurden da Lehrer und Lehrerinnen versammelt, damit sie sich eine gewisse +Kunstfertigkeit der Hände aneigneten, selbst vom Ausland kamen die Leute zu +diesem Zweck herbeigereist; aber wie schön diese Aussicht nun auch für die +Lehrerin war, so wußte sie doch schon im voraus, wie schrecklich ängstlich +es ihr unter so vielen ausgezeichneten Menschen zumute sein würde, ja es +war ihr gerade, als könne sie es einfach nicht durchmachen. + + [1] Eine Art Gewerbeschule, hauptsächlich für Holzverarbeitung. + Anmerkung des Übersetzers + +Aber der Schulbehörde eine abschlägige Antwort zu geben, das wagte sie auch +nicht; so reichte sie also ihr Gesuch ein und wurde als Schülerin +angenommen. An einem schönen Juniabend, am Tage, bevor der Sommerunterricht +beginnen sollte, packte sie ihre Kleider und was sie sonst brauchte in eine +kleine Reisetasche und wanderte nach Nääs; und wie oft sie auch unterwegs +anhielt und wie sehr sie sich auch weit wegwünschte, sie kam schließlich +eben doch an ihrem Ziele an. + +Auf Nääs ging es lebhaft zu. Allen Teilnehmern an dem Lehrgang, die von den +verschiedensten Seiten her eintrafen, mußten in den Häusern, die zu dem +Gute gehörten, Zimmer angewiesen werden. Allen war es in der ungewohnten +Umgebung etwas seltsam zumute; aber die kleine Lehrerin dachte wie immer, +nur sie allein benehme sich ungeschickt und töricht; so hatte sie sich +schließlich in eine solche Angst hineingearbeitet, daß sie weder sehen noch +hören konnte. Und sie hatte auch wirklich Schweres durchzumachen: in einer +schönen Villa wurde ihr ein Zimmer angewiesen, in dem sie mit noch einigen +jungen Mädchen, die ihr gänzlich unbekannt waren, zusammen wohnen sollte! +Und mit siebzig fremden Menschen zusammen mußte sie zu Abend essen! Auf +ihrer einen Seite saß ein kleiner Herr, der im Gesicht ganz gelb war und +ihr mitteilte, er sei aus Japan, und auf ihrer andern Seite befand sich ein +Schullehrer aus Jockmock droben in Lappland! Und vom ersten Augenblick an +ertönte lebhaftes Geplauder und Scherz und Lachen an den langen Tischen. +Alle sprachen miteinander und machten gegenseitig Bekanntschaft. Sie war +die einzige, die den Mund nicht aufzutun wagte. + +Am nächsten Morgen fing die Arbeit an. Wie in allen Schulen, begann auch +hier der Tag mit Gesang und Gebet; dann hielt der Vorstand des Seminars +eine Ansprache über den Slöjd und gab einige kurze Verhaltungsmaßregeln, +und dann, ohne daß sie recht wußte, wie es zugegangen war, stand sie vor +einer Hobelbank, ein Stück Holz in der einen Hand und ein Messer in der +andern, während ein alter Slöjdlehrer ihr zu zeigen versuchte, wie man +einen Pflanzenstab machte. + +Eine solche Arbeit hatte sie noch nie probiert; sie kannte die Handgriffe +gar nicht und war außerdem so verwirrt, daß sie gar nichts von dem Gehörten +verstand. Als der Lehrer weitergegangen war, legte sie Messer und Holz auf +die Hobelbank und starrte nur immer geradeaus. + +Ringsherum im Saal standen lauter Hobelbänke, und an allen sah sie +Menschen, die mit frischem Mut an die Arbeit gingen. Einige von ihnen, die +schon etwas bewandert in der Kunst waren, kamen herbei und wollten ihr +helfen; aber sie war nicht imstande, die gegebenen Winke zu benützen, denn +sie hatte das Gefühl, als ob alle miteinander aufmerksam darauf geworden +seien, wie ungeschickt sie sich anlasse, und das machte sie furchtbar +unglücklich; sie war wie gelähmt. + +Die Frühstückszeit kam heran, und nach dem Frühstück kam neue Arbeit. +Zuerst hielt der Vorstand einen Vortrag, dann folgte eine Turnstunde, und +dann fing der Slöjdunterricht wieder an. Hierauf wurde Mittagspause +gemacht. In dem großen, hellen Versammlungssaal wurde zu Mittag gegessen +und Kaffee getrunken, und am Nachmittag ging man wieder an die Slöjdarbeit; +dann kamen Singübungen an die Reihe und schließlich Spiele im Freien. Die +Lehrerin war den ganzen Tag hindurch in Bewegung und immer mit den andern +zusammen, fühlte sich aber immer noch ebenso unglücklich. + +Wenn sie später an diese ersten auf Nääs verbrachten Tage zurückdachte, war +ihr, als sei sie wie in einem Nebel herumgegangen. Alles war düster und +verschleiert gewesen; sie hatte weder gesehen noch verstanden, was um sie +her vorging. Dieser Zustand dauerte zwei Tage; am Abend des zweiten Tages +jedoch fing es plötzlich an, hell um sie zu werden. + +Nachdem das Abendessen an diesem zweiten Tag vorüber war, erzählte ein +alter Volksschullehrer, der früher schon mehrere Male auf Nääs gewesen war, +einigen neuen Schülern, wie das Slöjdseminar entstanden war, und da die +kleine Lehrerin in der Nähe saß, hörte sie unwillkürlich auch zu. + +Der Volksschullehrer erzählte, Nääs sei ein sehr altes Gut, sei aber früher +nie etwas andres gewesen als ein großer, schöner Herrenhof, wie so viele +andre auch, bis der alte Herr, dem er jetzt zu eigen gehöre, hierher +gezogen sei. Dieser sei ein sehr reicher Mann, und die ersten Jahre seines +Aufenthalts habe er nur darauf verwendet, das Schloß und den Park zu +verschönern und die Häuser seiner Untergebenen zu verbessern. + +Aber dann sei seine Frau gestorben, und da sie keine Kinder hätten, habe +der alte Herr sich oft sehr einsam auf dem großen Gute gefühlt. Deshalb +habe er einen jungen Neffen, den er sehr lieb hatte, überredet, zu ihm zu +kommen und sich auf Nääs niederzulassen. + +Von Anfang an war bestimmt gewesen, daß der junge Herr bei der +Bewirtschaftung des Gutes Hand anlegen sollte; als er aber aus dieser +Veranlassung bei den Untergebenen seines Oheims umherging und sah, welches +Leben sie in ihren ärmlichen Hütten führten, kamen ihm allerlei wunderliche +Gedanken. Es fiel ihm auf, daß sich in den meisten dieser Wohnungen an den +langen Winterabenden weder Männer noch Kinder, ja oft nicht einmal die +Frauen mit irgendeiner Handarbeit beschäftigten. In den frühern Zeiten +hatten die Leute ihre Hände fleißig rühren müssen zur Herstellung ihrer +Kleider und ihres Hausgeräts, aber jetzt, wo man alle diese Dinge kaufen +konnte, hatte diese Art von Arbeit aufgehört. Und da glaubte der junge Herr +zu sehen, daß in den Häusern, wo man dieses häusliche Gewerbe aufgegeben +hatte, sich auch das häusliche Behagen und der häusliche Wohlstand +verabschiedet habe. + +Ein einzelnes Mal kam er doch auch in ein Haus, wo der Vater Tische und +Stühle zusammenzimmerte und die Mutter webte; und soviel war sicher, diese +Leute waren nicht nur wohlhabender, sondern auch glücklicher als die in den +andern Häusern. + +Der junge Herr sprach mit seinem Oheim, und der alte Herr sah ein, welch +ein großes Glück es wäre, wenn sich die Leute in ihrer freien Zeit mit +irgendeiner Handarbeit beschäftigen würden. Um aber dies zu erreichen, +müßten sie ohne Zweifel von Kind auf gelehrt werden, die Hände zu +gebrauchen. Die beiden Herren meinten, zur Erreichung dieses Zieles könnten +sie nichts Besseres tun, als eine Slöjdschule für Kinder einzurichten. Die +Kinder sollten da lernen, einfache Geräte aus Holz herzustellen, denn, +meinten die beiden Herren, diese Art Arbeit werde allen am leichtesten +fallen. Sie waren überzeugt, wer von den Leuten einmal gelernt hätte, das +Messer ordentlich zu gebrauchen, werde dann später leicht lernen, auch den +großen Schmiedehammer und den kleinen Schuhmacherhammer zu führen. Wessen +Hand aber von Kindheit auf an nichts gewöhnt sei, werde vielleicht niemals +darauf kommen, daß der Mensch darin ein Werkzeug besitzt, das mehr wert ist +als alle andern. + +Sie hatten also angefangen, Kinder im Handslöjd auf Nääs zu unterrichten, +und bald sahen sie, wie nützlich und gut es für die Kleinen war, so +nützlich und gut, daß sie nur wünschten, alle Kinder in ganz Schweden +könnten einen ähnlichen Unterricht bekommen. + +Aber wie sollte das ausführbar sein? Ringsum in ganz Schweden wuchsen ja +viele hunderttausend Kinder heran; diese konnten doch nicht alle auf Nääs +versammelt werden, um da Slöjdunterricht zu bekommen? Das war ganz und gar +unmöglich. + +Da kam der junge Herr mit einem neuen Vorschlag. Wie, wenn man, anstatt die +Kinder zu unterrichten, ein Slöjdseminar für deren Lehrer einrichten würde? +Wie, wenn die Lehrer und Lehrerinnen vom ganzen Lande in Nääs +zusammenkämen, da Slöjd lernten und nachher mit allen den Kindern, die sie +in ihren Schulen hatten, Slöjd treiben würden? Auf diese Weise gelänge es +schließlich vielleicht doch, daß bei allen Kindern die Hände ebenso geübt +würden wie das Gehirn. + +Als dieser Gedanke in den Herzen der beiden Herren einmal Wurzel geschlagen +hatte, ließ er sie nicht mehr los, und sie suchten ihn zu verwirklichen. + +Die beiden Herren halfen einander treulich. Der alte Herr baute +Arbeitssäle, Versammlungshäuser, den Turnsaal und sorgte für Wohnung und +Unterhalt der Neuankommenden. Der junge Herr wurde der Vorsteher des +Seminars; er arbeitete den Unterrichtsplan aus, überwachte die Arbeit und +hielt Vorträge. Und damit noch nicht genug: er lebte auch beständig mit den +Schülern zusammen, machte sich mit den Verhältnissen des einzelnen bekannt +und wurde ihnen ein aufrichtiger, treuer Freund. + +Und wie groß war von Anfang an die Zahl der Teilnehmer! In jedem Jahre +wurden vier Kurse gehalten, und zu allen meldeten sich mehr Schüler, als +aufgenommen werden konnten. Die Schule wurde auch bald im Auslande bekannt, +und aus aller Herren Länder kamen Lehrer und Lehrerinnen nach Nääs, um zu +lernen, wie sie es machen müßten, ihre Hände auszubilden. Kein Ort in +Schweden war im Ausland so bekannt wie Nääs, und kein Schwede hat je so +viele Freunde ringsum auf der ganzen Welt gehabt, wie der Vorsteher des +Slöjdseminars auf Nääs. + +Die kleine schüchterne Lehrerin hörte dieser Erzählung zu, und je länger +sie zuhörte, desto heller wurde es um sie her. Bis jetzt hatte sie gar +nicht gewußt, warum die Slöjdschule auf Nääs war, sie hatte sich nicht klar +gemacht, daß sie von zwei Männern geschaffen worden war, die ihrem Lande +etwas Gutes tun wollten, hatte keine Ahnung davon gehabt, daß sie ihre +Arbeit ohne Lohn taten, daß sie alles opferten, was sie opfern konnten, um +ihren Mitmenschen zu helfen, besser und glücklicher zu werden. + +Als sie jetzt über die große Güte und Nächstenliebe nachdachte, die hinter +allem diesem lag, rührte es sie fast bis zu Tränen; so etwas hatte sie noch +nie erlebt. + +Am nächsten Tag ging sie mit einem ganz andern Verständnis an ihre Arbeit. +Wenn ihr das alles aus lauter Güte geboten wurde, mußte sie mit einem ganz +andern Fleiß daran gehen als bisher. Sie vergaß nun, an sich selbst zu +denken; die Arbeit und das große Ziel, das erreicht werden sollte, nahmen +sie jetzt ganz in Anspruch. Und von diesem Augenblick an machte sie ihre +Sache ganz ausgezeichnet; sobald ihre Schüchternheit ihr nicht hindernd in +den Weg trat, war sie sehr geschickt und fingerfertig. + +Jetzt, wo ihr die Schuppen von den Augen gefallen waren, erkannte sie +überall das wunderbare, große Wohlwollen. Jetzt sah sie, wie liebevoll im +ganzen Seminar alles für die Teilnehmer an den Kursen eingerichtet war. +Diese Teilnehmer wurden bei weitem nicht nur in Handarbeit unterrichtet; +der Vorstand hielt Vorträge über Erziehung, er gab Turnunterricht, er +bildete einen Gesangverein, und beinahe jeden Abend vereinigte man sich zu +Musik und Vorlesungen. Und außerdem standen Bücher, Boote, Badehäuser und +Klaviere zur Verfügung; alle sollten es gut haben, sich wohl befinden und +vergnügt sein. + +Allmählich wurde der Lehrerin klar, welch ein unschätzbarer Vorteil das +war, wenn jemand die schönen Sommertage auf einem solchen großen +schwedischen Herrenhofe verbringen durfte. Das Schloß, in dem der alte Herr +wohnte, lag auf einem fast ganz von einem See umgebnen Hügel, und eine +schöne steinerne Brücke bildete die Verbindung mit dem Lande. Die Lehrerin +hatte noch nie etwas so Schönes gesehen, wie die Blumenbeete auf den +Terrassen vor dem Schlosse, wie die alten Eichen im Park, wie den Weg dem +Seeufer entlang, wo die Bäume sich über das Wasser neigten, oder wie den +Ausblick vom Aussichtspavillon auf dem Felsen über den See hin. Die +Schulgebäude lagen auf dem Festland, dem Schloß gerade gegenüber auf +grünen, schattigen Wiesen, aber es stand den Schülern frei, sich ganz nach +Belieben im Schloßpark zu ergehen. Der Lehrerin war es, als wisse sie erst +jetzt, wie schön der Sommer sei, da sie ihn an einem so wunderschönen Ort +wie Nääs genießen durfte. + +Doch muß man nicht meinen, es sei nun eine große Veränderung mit ihr +vorgegangen; nein, mutig und selbstbewußt wurde sie nicht, aber sie fühlte +sich froh und glücklich. Diese Güte hier erwärmte sie bis ins innerste Herz +hinein. An einem solchen Orte, wo es alle gut mit ihr meinten und ihr +nützlich zu sein suchten, konnte sie sich unmöglich ängstlich fühlen. Und +als der Lehrgang zu Ende war und die Schüler Nääs verließen, war sie ganz +neidisch auf alle, die dem alten und dem jungen Herrn richtig danken und +das, was sie fühlten, in schönen Worten ausdrücken konnten. Ach, so weit +brachte sie es gewiß in ihrem ganzen Leben nicht! + +Sie kehrte nach Hause zurück, nahm ihre Arbeit in der Schule wieder auf und +war ebenso befriedigt davon wie vorher. Von Nääs war sie nicht weiter +entfernt, als daß sie an einem freien Nachmittag zu Fuß hin und zurück +gelangen konnte, und im Anfang tat sie das auch ziemlich oft. Aber es war +eben immer wieder ein andrer Jahrgang, immer andre Gesichter, ihre +Schüchternheit überfiel sie aufs neue, und so wurde sie allmählich ein +immer seltenerer Gast in der Slöjdschule. Aber die Zeit, wo sie selbst +Schülerin auf Nääs gewesen war, stand trotzdem immer als das beste, was sie +je erlebt hatte, in ihrer Erinnerung. + +Im Frühling hörte sie eines Tages, daß der alte Herr auf Nääs gestorben +sei. Da gedachte sie des schönen Sommers, den sie auf seinem Gute verbracht +hatte, und das Herz wurde ihr schwer, weil sie sich niemals so recht bei +ihm bedankt hatte. Er hatte ja sicherlich Dankesbezeugungen genug erhalten, +von Hohen wie von Niederen; aber sie selbst würde sich jetzt glücklicher +gefühlt haben, wenn sie ihm einmal mit ein paar Worten ausgedrückt hätte, +wieviel er für sie getan habe. + +Auf Nääs wurde der Unterricht ganz in derselben Weise fortgesetzt wie vor +dem Tode des alten Herrn. Er hatte nämlich das ganze schöne Gut der Schule +vermacht; sein Neffe aber blieb auch fernerhin der Vorsteher und verwaltete +alles miteinander. So oft die Lehrerin nach Nääs kam, war irgend etwas +Neues zu sehen. Jetzt handelte es sich nicht mehr allein um Slöjdkurse; der +Vorsteher wollte auch die alten Gebräuche und die alten Volksvergnügungen +wieder ins Leben rufen, und so richtete er auch Lehrgänge für Singspiele +und viele andre Arten von Spielen ein. Aber in einer Hinsicht blieb alles +beim alten; noch immer wurde den Leuten von dem Wohlwollen, das sie hier +überall umgab, das Herz warm, und sie fühlten, wie sehr doch alles darauf +eingerichtet war, daß sie sich nicht allein Kenntnisse erwürben, sondern +auch Arbeitsfreudigkeit mitnähmen, wenn sie zu den kleinen Schulkindern +ringsum im Lande zurückkehrten. + +Nur wenige Jahre nach dem Tode des alten Herrn hörte die Lehrerin eines +Sonntags in der Kirche, der Vorsteher auf Nääs sei gefährlich erkrankt. Sie +wußte, daß er seit einiger Zeit an schweren Herzkrämpfen litt, hatte aber +an keine Lebensgefahr für ihn gedacht. Jetzt aber hieß es, diesmal stehe es +sehr schlecht. + +Von dem Augenblick an, wo die Lehrerin dies hörte, konnte sie nichts andres +mehr denken, als daß am Ende der Vorsteher jetzt auch sterben würde wie der +alte Herr, ohne daß sie ihm ihren Dank ausgesprochen hätte, und sie +überlegte hin und her, was sie doch tun könnte, um ihren Dank darzubringen. + +Am Sonntag nachmittag ging die Lehrerin bei den Nachbarn umher und fragte, +ob die Kinder sie nicht nach Nääs begleiten dürften. Sie habe gehört, der +Vorsteher sei krank, und sie denke, es werde ihn freuen, wenn die Kinder +hinkämen und ihm ein paar Lieder sängen. Es sei allerdings schon ziemlich +spät am Tage, aber es sei ja jetzt gerade heller, klarer Mondschein, +deshalb könnte man gut noch gehen. Die Lehrerin hatte das Gefühl, daß sie +an diesem Abend durchaus noch nach Nääs müsse; und sie fürchtete, es könnte +am nächsten Tag zu spät sein. + + +Die Sage von Westgötland + + Sonntag, 9. Oktober + +Die Wildgänse hatten Bohuslän verlassen und verbrachten die Nacht auf einem +Sumpf in Westgötland. Um im Trocknen zu sein, war der kleine Nils +Holgersson auf einen Grabenrain hinaufgekrochen, der quer über die sumpfige +Wiese hinlief. Er suchte noch nach einem trockenen Platz, wo er sich zum +Schlafen niederlegen könnte, als er eine kleine Schar Menschen des Weges +daherkommen sah. Es war eine junge Lehrerin mit etwa einem Dutzend Kinder +um sich her. Die Lehrerin in der Mitte, schritten sie in einem dichten +Trüpplein unter fröhlichem und vertraulichem Geplauder frisch drauf los, +und der Junge konnte der Lust nicht widerstehen, eine Strecke weit hinter +ihnen herzulaufen, um zu hören, wovon sie miteinander sprachen. + +Und diese Absicht konnte er leicht ausführen; wenn er sich im Schatten am +Wegrand hielt, konnte ihn unmöglich jemand sehen. Und wo fünfzehn Menschen +gingen, machte das Geräusch ihrer Fußtritte einen ordentlichen Lärm; da +konnte sicher niemand den Kies unter seinen kleinen Holzschuhen knirschen +hören! + +Um die Kinder auf dem Wege in guter Laune zu erhalten, erzählte ihnen die +Lehrerin alte Sagen. Als der Junge sich der Schar anschloß, war sie eben +mit einer fertig geworden, aber die Kinder bettelten sogleich um eine neue. + +»Habt ihr denn die Geschichte von dem alten Riesen in Westgötland schon +gehört, der auf eine Insel weit droben im nördlichen Eismeer gezogen war?« +fragte die Lehrerin. Nein, die hätten sie noch nie gehört, riefen die +Kinder; und die Lehrerin begann: + +»In einer dunkeln, stürmischen Nacht scheiterte einstmals ein Schiff an +einer kleinen Schäre weit droben im nördlichen Eismeer. Das Schiff +zerschellte an den Klippen, und von der ganzen Besatzung konnten sich nur +zwei Mann ans Land retten. Tropfnaß und von Kälte erstarrt, standen sie auf +der kleinen Felseninsel und waren natürlich überaus froh, als sie am Ufer +ein großes Feuer lodern sahen. Ohne an eine Gefahr zu denken, eilten sie +darauf zu; und erst als sie ganz nahe herangekommen waren, sahen sie, daß +vor dem Feuer ein fürchterlich großer Hüne saß, ja, es war ein so großer +und starker Mann, daß sie keinen Augenblick im Zweifel sein konnten, mit +wem sie da zusammengetroffen waren, nämlich mit einem Mann aus dem +Riesengeschlecht. + +Zögernd blieben sie stehen; aber der Nordwind fuhr mit furchtbarer +Eiseskälte über die Schäre hin, und sie fühlten wohl, daß sie erfrieren +müßten, wenn sie sich nicht an dem Feuer des Riesen wärmen dürften. Deshalb +beschlossen sie, sich zu dem Riesen hinzuwagen. + +>Guten Abend, Vater,< sagte der ältere von den beiden. >Wollt Ihr zwei +schiffbrüchigen Seeleuten erlauben, sich an Eurem Feuer zu wärmen?< + +Der Riese fuhr jäh aus seinen Gedanken auf; er reckte sich und zog sein +Schwert aus der Scheide. + +>Was seid denn ihr für Gesellen?< fragte er, denn er war alt und konnte +nicht mehr gut sehen, was das für Geschöpfe waren, die ihn angeredet +hatten. + +>Wir sind beide aus Westgötland, wenn Ihr es wissen wollt,< antwortete der +ältere von den beiden Seeleuten. >Unser Schiff ist hier in der Nähe +gescheitert, und wir haben uns nun halbnackt und halberfroren ans Land +gerettet.< + +>Ich lasse mich sonst auf meiner Schäre mit den Menschen nicht in ein +Gespräch ein; wenn ihr aber aus Westgötland seid, ist es etwas andres,< +sagte der Riese und steckte sein Schwert wieder in die Scheide. >Dann dürft +ihr euch hier niedersetzen und euch wärmen, denn ich stamme selbst aus +Westgötland und habe dort viele Jahre lang in dem großen Hügel bei Skalunda +gewohnt.< + +Die Seeleute setzten sich auf einen Felsblock. Sie wagten den Riesen nicht +anzureden und sahen ihn deshalb nur schweigend an. Aber je länger sie ihn +betrachteten, desto größer erschien er ihnen, und desto kleiner und +schwächer fühlten sie sich selbst. + +>Meine Augen sind nicht mehr so gut wie früher,< sagte der Riese, >und ich +kann euch kaum unterscheiden; ich hätte mich sonst gefreut, zu sehen, wie +ein Westgöte heutigentags aussieht. Einer von euch reiche mir indes +wenigstens die Hand, damit ich fühle, ob es noch warmes Blut in Schweden +gibt.< + +Die Männer betrachteten zuerst die Hände des Riesen und dann ihre eignen. +Keiner der beiden hatte Lust, den Händedruck des Riesen kennen zu lernen. +Aber dann fiel ihr Blick auf einen eisernen Spieß, den der Riese zum +Anfachen seines Feuers benützte. Er war im Feuer liegen geblieben und an +dem einen Ende glühend rot. Mit vereinten Kräften hoben die beiden Männer +die Stange auf und streckten sie dem Riesen hin. Er ergriff den Spieß und +preßte die Hand so fest darum, daß ihm das Eisen zwischen den Fingern +herausquoll. + +>O ja, ich merke wohl, es gibt noch heißes Blut in Schweden,< sagte er ganz +vergnügt zu den verblüfften Seeleuten. + +Dann wurde es wieder still um das Feuer her; aber diese Begegnung mit +Landsleuten führte die Gedanken des Riesen zurück nach Westgötland, und +eine Erinnerung nach der andern tauchte vor seiner Seele auf. + +>Ich möchte wohl wissen, wie es jetzt am Skalundaer Hügel aussieht?< fragte +er die beiden Männer. + +Keiner von ihnen wußte etwas von dem Hügel, nach dem der Riese fragte. + +[Illustration: Die Sage von Westgötland (Zu Seite 480)] + +>Er wird wohl seither tüchtig zusammengesunken sein<, antwortete der eine +zögernd. Er hatte das Gefühl, einem solchen Fragesteller dürfe man keine +Antwort schuldig bleiben. + +>Freilich, freilich, ich habe es mir wohl gedacht,< erwiderte der Riese mit +einem zustimmenden Kopfnicken. >Man kann auch nichts andres erwarten, denn +diesen Hügel haben meine Frau und meine Tochter einmal am frühen Morgen in +einer Stunde in ihren Schürzen zusammengetragen.< + +Wieder grübelte er nach und suchte in seinen Erinnerungen. Er hatte ja +Westgötland nicht erst vor kurzem verlassen, und es dauerte eine Weile, bis +er zu diesen Erinnerungen hindurchgedrungen war. + +>Aber der Kinnekulle und Billinge und die andern kleinern über die große +Ebene verstreuten Berge stehen doch wohl noch?< fragte er wieder. + +>Jawohl, die stehen noch,< antwortete der Seemann; und um dem Riesen zu +zeigen, daß er ihn für einen tüchtigen Mann halte, fuhr er fort: >Ihr habt +wohl beim Errichten von diesen Bergen mitgeholfen?< + +>Nein, das gerade nicht,< sagte der Riese. >Aber soviel kann ich dir sagen, +meinem Vater habt ihr es zu verdanken, daß diese Berge noch dastehen. Als +ich noch ein kleiner Bursche war, gab es in Westgötland keine große Ebene, +sondern da, wo jetzt die Ebene sich ausbreitet, lag eine Felsengegend, die +sich vom Wettersee bis zum Götaälf erstreckte. Aber dann nahmen sich ein +paar Flüsse vor, sich ihr Bett durch das Gebirge hindurchzugraben und bis +zum Wenersee hinunterzufließen. Das Gebirge bestand nicht aus richtigem +Granit, sondern aus Kalkstein und Schiefer, deshalb konnten es die Flüsse +leicht auswaschen. Ich erinnere mich noch, daß sie das Flußbett und die +Täler breiter und immer breiter machten und schließlich zu wahren Ebenen +ausweiteten. Mein Vater nahm mich manchmal mit, wenn er hinging und sich +die Arbeit der Flüsse ansah, und der Vater war nicht so recht damit +einverstanden, daß die Flüsse das ganze Gebirge zerstörten. + +>Ein paar Ruheplätze könnten sie uns wenigstens noch übrig lassen,< sagte +er, und zugleich zog er seine steinernen Schuhe aus und stellte den einen +ganz im Westen und den andern ganz im Osten des Gebirges auf. Seinen +steinernen Hut legte er auf eine Felskuppe am Wenersee, meine steinerne +Mütze schleuderte er etwas weiter gen Süden, und seine steinerne Keule +schickte er in derselben Richtung hinterdrein. + +Was wir sonst noch von guten, harten Steinen bei uns hatten, legte er an +verschiedenen Orten nieder. Die Flüsse spülten dann allmählich das ganze +Gebirge weg, aber an den Stellen, die mein Vater mit seinen steinernen +Sachen bedeckt hatte, wagten sie nicht zu rühren, und so blieben sie +stehen. Da, wo mein Vater seinen einen Schuh hingestellt hat, ist unter dem +Absatz der Halleberg und unter der Sohle der Hunneberg stehen geblieben. +Unter dem andern Schuh ist Billinge erhalten, Vaters Hut hat den Kinnekulle +bewahrt, unter meiner Mütze liegt der Mösseberg, und unter der Keule birgt +sich Ålleberg. Alle andern kleinen Berge der westgötischen Ebene sind auch +meinem Vater zuliebe verschont worden, und ich möchte wissen, ob es in +Westgötland noch viele Männer gibt, vor denen die Leute soviel Respekt +haben wie einst vor meinem Vater?< + +>Das ist nicht leicht zu beantworten,< sagte der Seemann. >Wenn aber in +Eurer Zeit die Flüsse und Riesen so allmächtig gewesen sind, dann bekomme +ich ordentlich vermehrte Achtung vor den Menschen; denn jetzt sind sie ganz +allein die Herren über die Ebene und das Gebirge.< + +Der Riese rümpfte die Nase ein wenig, und er schien mit der Antwort nicht +so recht zufrieden zu sein; aber schon nach einer kleinen Weile knüpfte er +das Gespräch wieder an. >Wie steht es denn gegenwärtig mit dem Trollhätta?< +fragte er. + +>Er rauscht und donnert wie von jeher,< antwortete der Seemann. >Habt Ihr +vielleicht gerade wie bei der Erhaltung der Westgötaberge auch mitgeholfen, +den großen Wasserfall herzustellen?< + +>O nein, das nicht gerade,< erwiderte der Riese. >Aber als ich noch ein +kleiner Knirps war, benutzten mein Bruder und ich die Fälle noch als +Rutschbahn. Wir stellten uns auf einen Balken, und hui! dann ging es den +Gullöfall und Toppöfall und die drei andern Fälle hinunter! Wir kamen so +rasch dahergesaust, daß wir beinahe bis zum Meer hingerutscht wären. Ob es +wohl heutzutage in Westgötland auch noch jemand gibt, der sich auf solche +Weise ergötzt?< + +>Das kann ich nicht sagen,< antwortete der Seemann. >Aber ich glaube fast, +es ist eine ebenso wunderbare Leistung, daß wir Menschen dem Trollhätta +entlang einen Kanal gebaut haben, auf dem wir nicht allein wie Ihr in Euren +jungen Jahren den Trollhätta hinunter, sondern ihn auch mit Booten und +Dampfschiffen hinauffahren können.< + +>Das ist allerdings sehr merkwürdig,< versetzte der Riese; und es war fast, +als habe ihn die Antwort ein wenig verdrossen. >Kannst du mir nun auch noch +sagen, wie es in der Gegend am Mjörnsee aussieht, die früher das Hungerland +genannt wurde?< + +>O ja, die Gegend hat uns allen viel Kummer und Kopfzerbrechen gemacht,< +antwortete der Westgöte. >Habt Ihr vielleicht mitgeholfen, sie so mager und +trostlos anzulegen?< + +>O nein, das nicht gerade,< sagte der Riese wieder. >Zu meiner Zeit hat ein +prächtiger Wald dort gestanden. Aber als eine meiner Töchter Hochzeit +machte, brauchten wir sehr viel Holz, um den Backofen zu schüren; da nahm +ich ein langes Seil, schlang es um den ganzen Hungerländer Wald herum, riß +ihn mit einem einzigen Ruck heraus und trug ihn nach Hause. Ich möchte +wissen, ob es heutigentags noch jemand gäbe, der einen ganzen Wald auf +einmal herausreißen könnte?< + +>Das wage ich nicht zu behaupten,< sagte der Westgöte. >Aber das weiß ich, +daß in meiner Jugend das Hungerland kahl und unfruchtbar dalag, während es +jetzt ganz mit Wald bedeckt ist. Das halte ich nun für eine richtige +männliche Tat.< + +>Nun ja, aber drunten in dem südlichen Westgötland, da können sich doch +wohl keine Menschen fortbringen?< sagte der Riese. + +>Habt Ihr auch dort bei der Einrichtung des Landes geholfen?< rief der +Westgöte. + +>O nein, das nicht gerade,< versetzte der Riese. >Aber ich erinnere mich, +wenn wir Riesenkinder dort die Herden hüteten, bauten wir viele steinerne +Häuser; und durch alle die Steine, die wir umherwarfen, ist der Boden ganz +unbestellbar geworden, deshalb müßte es sehr schwer sein, dort Ackerfelder +zu gewinnen.< + +>Ja, das ist gewißlich wahr; es lohnt sich kaum der Mühe, dort Ackerbau zu +treiben,< sagte der Westgöte. >Aber die Bevölkerung hat sich auf die +Herstellung von Holzwaren gelegt; und meiner Ansicht nach beweist es mehr +Tüchtigkeit, wenn sich jemand in einer so armen Gegend durchbringt, als +wenn er beim Ruinieren des Bodens behilflich ist.< + +>Jetzt bleibt mir nur noch eine Frage übrig,< sagte der Riese. >Wie habt +ihr euch drunten an der Küste eingerichtet, wo der Götaälf ins Meer +fließt?< + +>Habt Ihr da auch die Hand mit im Spiele gehabt?< fragte der Seemann. + +>Das nicht gerade,< entgegnete der Riese. >Aber, wir gingen vorzeiten oft +an den Strand hinunter, lockten uns einen Walfisch heran, setzten uns auf +dessen Rücken und ritten durch die Fjorde und Schären. Ich möchte wissen, +ob du jemand kennst, der das heute noch tut?< + +>Das will ich unbeantwortet lassen,< erwiderte der Seemann. >Aber ich halte +es für eine ebenso große Leistung, daß die Menschen an der Mündung des +Götaälf eine Stadt gebaut haben, von der Schiffe nach allen Meeren der Erde +ausziehen.< + +Hierauf gab der Riese keine Antwort; und der Seemann, der selbst in +Göteborg daheim war, beschrieb nun die reiche Handelsstadt mit ihrem großen +Hafen, mit ihren Brücken und Kanälen und den prächtigen Straßen; er +erzählte auch, es wohnten da sehr viele tüchtige Kaufleute und Schiffer, +und es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß sie Göteborg noch zu der +ersten Stadt des Nordens machten. + +Bei jeder neuen Antwort waren die Runzeln auf der Stirne des Riesen tiefer +geworden; daß die Menschen sich so zum Herren über die Natur gemacht +hatten, war ihm offenbar unangenehm. + +>Ja ja, es muß sich sehr viel verändert haben in Westgötland,< sagte er +schließlich, >und ich würde am liebsten selbst wieder hinkommen und dies +und jenes herstellen.< + +Als der Seemann diese Worte hörte, erschrak er ein wenig; wenn der Riese +nach Westgötland käme, geschähe es sicher nicht in guter Absicht. Er ließ +sich jedoch nichts anmerken, sondern sagte: + +>Ihr dürft überzeugt sein, daß Ihr festlich empfangen würdet. Euch zu Ehren +soll mit allen Kirchenglocken geläutet werden.< + +>So, es gibt also noch Kirchenglocken in Westgötland?< fragte der Riese, +als sei er etwas bedenklich geworden. >Sind denn die großen Glocken in +Husaby, Skara und Varnhem noch nicht zu Tode geläutet?< + +>O nein, sie sind alle noch da, und seit Eurer Zeit sind viele neue +dazugekommen. Jetzt gibt es in ganz Westgötland nicht eine Ortschaft, wo +man kein Glockengeläute hörte.< + +>Nun, dann ist es wohl am besten, ich bleibe, wo ich bin,< sagte der Riese. +>Denn dieser Glocken wegen bin ich ja einst dort weggezogen.< + +Hierauf versank er in Gedanken, wendete sich aber doch bald wieder an die +Seeleute. >Ihr könnt euch jetzt ganz ruhig am Feuer niederlegen und +schlafen,< sagte er. >Morgen früh will ich dafür sorgen, daß ein Schiff +hier vorüberfährt, das euch mitnimmt und in eure Heimat zurückbringt. Aber +für die Gastfreundschaft, die ich euch erwiesen habe, verlange ich eine +Gefälligkeit von euch. Wenn ihr heimgekehrt seid, sollt ihr zu dem besten +Mann in ganz Westgötland gehen und ihm diesen Ring übergeben. Ihr sollt ihn +von mir grüßen und ihm ausrichten, wenn er den Ring an seinen Finger +stecke, werde er noch viel mehr werden, als er jetzt sei.< + +Sobald die Seeleute zu Hause angekommen waren, gingen sie zu dem besten +Mann in Westgötland und übergaben ihm den Ring. Aber der Mann war zu klug, +ihn sofort an seinen Finger zu stecken. Statt dessen hängte er ihn an eine +kleine Eiche auf seinem Hofe. In demselben Augenblick schoß die Eiche so +gewaltig in die Höhe, daß man sie förmlich wachsen sah. Sie trieb +Schößlinge und lange Zweige; der Stamm wurde dicker, die Rinde verhärtete +sich, der Baum bekam neue Blätter und verlor sie wieder, setzte Blüten und +Früchte an und wurde in kurzer Zeit eine so mächtige Eiche, wie man noch +nie eine gesehen hatte. Aber kaum war sie ausgewachsen, als sie ebenso +schnell zu verwelken begann: die Zweige fielen ab, der Stamm wurde hohl, +der Baum siechte hin, bald war nichts mehr von ihm übrig als ein Stumpf. + +Da nahm der Mann den Ring und schleuderte ihn weit von sich. >Dieses +Geschenk des Riesen hat die Macht, einem Manne große Kraft zu verleihen und +ihn für kurze Zeit leistungsfähiger als alle andern zu machen,< sagte er. +>Aber der Besitzer würde sich auch in ganz kurzer Zeit überanstrengen, und +dann wäre es bald aus mit seiner Tüchtigkeit und seinem Glück. Ich will +nichts damit zu tun haben, und ich hoffe nur, niemand wird den Ring finden, +denn er ist uns nicht in guter Absicht geschickt worden.< + +Aber es ist eben doch möglich, daß der Ring gefunden worden ist. So oft +sich ein Mensch, in dem Bestreben, andern Gutes zu tun, über seine Kräfte +anstrengt, möchte man unwillkürlich fragen, ob er am Ende den Ring gefunden +habe, und ob dieser es sei, der ihn zwingt, so zu schaffen und zu wirken, +daß er sich vor der Zeit abnützt und sein Werk unvollendet verlassen muß.« + + +Der Gesang + +Die Lehrerin war, während sie erzählte, mit raschen Schritten vorwärts +gegangen, und als sie ihre Geschichte beendigt hatte, war sie mit den +Kindern beinahe an ihrem Ziel angelangt. Dort tauchten schon die +Wirtschaftsgebäude auf, die, wie alles andre auf dem Gute, von prächtigen +Bäumen beschattet dalagen, und noch ehe sie daran vorübergekommen war, sah +sie das Schloß droben auf der Terrasse hervorschimmern. + +Bis zu diesem Augenblick war sie über ihren Einfall sehr glücklich gewesen, +und kein zagender Gedanke war in ihr aufgestiegen; aber jetzt, beim Anblick +des Hofes, begann ihr der Mut zu sinken. Wie, wenn das, was sie vorhatte, +nun ganz verkehrt wäre? Wer kümmerte sich denn wohl um ihre Dankbarkeit? +Vielleicht würde man sie nur auslachen, wenn sie jetzt am späten Abend noch +mit ihren Schulkindern daherkäme? Und sie alle miteinander konnten gewiß +auch gar nicht so schön singen, daß sich jemand etwas aus dem Gesang machen +würde! + +Sie ging langsamer, und als sie die Stufen erreichte, die zur +Schloßterrasse führten, bog sie vom Wege ab und stieg diese Treppe hinan. +Seit dem Tode des alten Herrn stand zwar das große Schloß leer, das wußte +sie sehr wohl; sie ging auch nur hinauf, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen, +ob sie weitergehen oder umkehren solle. Als sie die Treppe erstiegen hatte +und das im Mondschein blendend hell schimmernde Schloß vor sich liegen sah, +als sie die Hecken und Blumenbeete, die Brustwehr und die Urnen und die +majestätische Freitreppe sah, wurde ihr immer ängstlicher zumute. Ach, hier +war alles so vornehm und prachtvoll; nein, hier hatte sie gewiß nichts zu +tun! »Komm mir nicht zu nahe!« schien ihr das schöne weiße Schloß +zuzurufen. »Du wirst dir doch nicht einbilden, du und deine Schulkinder +könnten einem Manne, der an einem solchen Orte zu wohnen gewöhnt ist, +irgendeine Freude bereiten?« + +Um diese Unschlüssigkeit, die sie allmählich ganz beherrschte, zu +verscheuchen, erzählte die Lehrerin ihren Schulkindern die Geschichte von +dem alten und dem jungen Herrn, gerade so, wie sie sie selbst einst als +Schülerin auf Nääs gehört hatte. Und dies hob ihren Mut wieder ein wenig. +Es war ja doch wahr, daß das Schloß und das ganze Gut dem Slöjdseminar +geschenkt worden waren. Jawohl geschenkt, damit Lehrer und Lehrerinnen eine +glückliche Zeit auf dem schönen Gute verleben und danach ihren Schulkindern +Kenntnisse und Freude mit nach Hause bringen könnten! Aber wenn diese +beiden Herren der Schule ein solches Geschenk gemacht hatten, so war doch +dadurch der Beweis geliefert, wie hoch sie die Lehrer schätzten! Dadurch +hatten sie klar und deutlich gezeigt, daß sie die Erziehung der +schwedischen Kinder für viel wichtiger hielten als alles andre. Nein nein, +gerade hier dürfte sie sich am allerwenigsten niedergeschlagen fühlen, +redete sich die Lehrerin selbst zu. + +Diese Gedanken trösteten sie auch wirklich ein wenig, und sie wollte ihren +Plan jetzt doch ausführen. Um ihren Mut zu stärken, schlug sie den Weg +durch den Park ein, der sich vom Schloßhügel zum See hinunter erstreckte. +Während sie unter diesen schönen Bäumen dahinschritt, die im Mondschein +dunkel und geheimnisvoll hoch aufragten, erwachten viele frohe Erinnerungen +in ihrem Herzen. Sie erzählte den Kindern, wie es zu ihrer Zeit auf Nääs +gewesen war und wie glücklich sie sich hier als Schülerin gefühlt hatte, wo +sie jeden Tag in dem schönen Park hatte spazieren gehen dürfen. Sie +erzählte von frohen Festen, von Spiel und Arbeit, aber vor allem von der +großen Güte, die die Tore des schönen Herrenhofs für sie und für so viele +andere geöffnet hatte. + +Auf diese Weise gelang es ihr, wieder Mut zu fassen, und sie ging wirklich +durch den Park und über die alte steinerne Brücke und erreichte endlich die +Wiesen am See drunten, wo die Villa des Vorstehers mitten zwischen den +Schulgebäuden stand. + +Dicht bei der Brücke war der grüne Spielplatz, und als sie daran +vorübergingen, erzählte die Lehrerin den Kindern, wie schön es hier an den +Sommerabenden gewesen sei, wenn der Rasen von hellgekleideten Menschen +wimmelte und Singspiele und Ballspiele einander ablösten. Sie zeigte den +Kindern das Vereinshaus, in dem der Versammlungssaal war, das Seminar, wo +die Vorträge gehalten wurden, die Häuser, wo die Slöjdsäle und der Turnsaal +untergebracht waren. Die Lehrerin ging rasch und sprach unaufhörlich, wie +um gar keine Zeit zum Ängstlichwerden zu haben. Aber als sie schließlich so +weit gekommen war, daß sie die Villa des Vorstehers sehen konnten, hielt +sie jäh an. + +»Hört, Kinder, ich glaube, wir wollen nicht weitergehen,« sagte sie. »Es +ist mir früher gar nicht eingefallen, daß der Vorsteher vielleicht so +schwer krank ist, daß ihm unser Gesang schaden könnte, und es wäre +furchtbar, wenn er dadurch noch kränker würde.« + +Der kleine Nils Holgersson war die ganze Zeit neben der Schar hergegangen +und hatte alles gehört, was die Lehrerin erzählte. Er wußte also, daß sie +ausgezogen waren, um jemand, der drüben in der Villa krank lag, einige +Lieder zu singen. Und nun sollte aus dem Gesange nichts werden, weil der +Kranke möglicherweise dadurch beunruhigt und aufgeregt werden könnte! + +»Wie schade, wenn sie wieder umkehrten, ohne gesungen zu haben!« dachte er. +»Sie könnten ja doch leicht erfahren, ob der Kranke drinnen das Zuhören +ertragen kann. Warum geht denn die Lehrerin nicht hin zu der Villa und +erkundigt sich?« + +Aber dieser Gedanke schien der Lehrerin gar nicht zu kommen, sie kehrte +vielmehr um und trat langsam den Heimweg an. Die Schulkinder machten ein +paar Einwendungen, aber sie beschwichtigte sie. »Nein, nein,« sagte sie. +»Es war ein dummer Einfall von mir, daß ich jetzt so spät am Abend noch +hierher wanderte, um zu singen. Wir würden nur stören.« + +Da dachte Nils Holgersson, wenn keines von den andern es tun wolle, dann +müsse er jetzt hingehen und zu erfahren suchen, ob der Kranke wirklich zu +schwach sei, ein Lied anzuhören. Rasch lief er von der Schar weg und aufs +Haus zu. Vor der Villa hielt eben ein Wagen, und neben den Pferden stand +ein alter Kutscher. Der Junge war kaum bis zum Hauseingang hingelangt, als +die Tür aufging und ein Mädchen mit einem Servierbrett heraustrat. + +»Sie werden wohl noch eine Weile auf den Herrn Doktor warten müssen, +Larsson,« sagte sie. »Die gnädige Frau schickt Ihnen hier indessen zur +Stärkung etwas Warmes.« + +»Wie geht es dem Herrn?« fragte der Kutscher. + +»Er hat jetzt keine Schmerzen mehr, aber es ist, als stehe das Herz still. +Schon seit einer Stunde liegt er ganz regungslos da. Wir wissen kaum, ob er +noch lebt.« + +»Gibt der Doktor keine Hoffnung?« + +»Es kann gehen, wie es will, Larsson, ja es kann gehen, wie es will. Es +ist, als lausche er immerfort auf einen Ruf. Kommt dieser Ruf von oben, so +muß er ihm folgen.« + +Nils Holgersson lief rasch den Weg hinunter, um die Lehrerin und die Kinder +einzuholen; das Sterben seines Großvaters fiel ihm ein. Der Großvater war +Seemann gewesen, und ganz zuletzt noch hatte er gebeten, man solle das +Fenster aufmachen, damit er den Wind noch einmal rauschen höre. Wenn nun +der Kranke dort drüben mit so großer Vorliebe im Kreise der Jugend geweilt +hatte und ihren Liedern und Spielen so gerne zuhörte ... + +Die Lehrerin ging unschlüssig die Allee hinunter. Jetzt, wo sie von Nääs +wegging, war es ihr, als müsse sie wieder umkehren; vorhin aber war sie +auch wieder umgekehrt. Ach, sie war noch immer gleich ängstlich und +unsicher! + +Sie sprach nicht mehr mit den Kindern, sondern ging schweigend ihres Weges +dahin. In der Allee war so tiefer Schatten, daß sie nicht sehen konnte; +aber es war ihr, als höre sie viele, viele Töne um sich her, und von allen +Seiten drangen unzählige ängstliche Stimmen auf sie ein. »Wir sind gar so +weit weg, alle wir andern,« sagten die Stimmen. »Du aber bist ganz nahe. +Geh und sing ihm vor, was wir alle fühlen!« + +Und sie erinnerte sich an einen nach dem andern, denen der Vorsteher +geholfen und für die er gesorgt hatte. Übermenschlich hatte er sich +angestrengt, um allen Bedürftigen zu helfen. »Geh und sing ihm!« flüsterte +es um die Lehrerin her. »Laß ihn nicht sterben, ohne einen letzten Gruß von +seiner Schule! Denke nicht, du seist gering und unbedeutend! Denk an die +große Schar, die hinter dir steht! Gib ihm zu verstehen, ehe er von uns +geht, wie innig wir ihn lieben!« + +Die Lehrerin ging immer langsamer. Da hörte sie plötzlich einen Ton, der +mit den Stimmen und mahnenden Rufen in ihrer Seele nichts zu tun hatte, +sondern aus der äußern Welt um sie her an ihr Ohr drang. Es war keine +gewöhnliche menschliche Stimme, es klang wie das Zwitschern eines Vogels, +oder wie das Zirpen einer Heuschrecke. Aber es rief doch ganz deutlich, sie +solle wieder umkehren. + +Und mehr brauchte es nicht, um der kleinen Lehrerin den Mut +zurückzugeben. -- + +Die Lehrerin und die Kinder hatten vor den Fenstern des Vorstehers ein paar +Lieder gesungen, und selbst die Lehrerin meinte, der Gesang habe in dieser +Abendstunde wunderbar schön geklungen; es war gewesen, wie wenn unbekannte +Stimmen mitgesungen hätten. Der ganze Himmelsraum war wie von Tönen und +Lauten erfüllt gewesen. Sie hatten den Gesang nur anzustimmen brauchen, da +waren alle diese Töne erwacht und hatten mit eingestimmt. + +Jetzt öffnete sich plötzlich die Haustür, und jemand trat rasch heraus. +»Nun kommen sie, mir zu sagen, ich solle aufhören,« dachte die Lehrerin. +»Wenn es ihm nur nicht geschadet hat!« + +Aber das war nicht der Fall. Sie wurde gebeten, ins Haus hereinzukommen, +sich etwas auszuruhen und dann noch ein paar Lieder zu singen. + +Auf der Treppe trat ihr der Doktor entgegen. »Für diesmal ist die Gefahr +vorüber,« sagte er. »Er hatte in einer Art Betäubung gelegen, und das Herz +schlug immer langsamer. Aber als Sie zu singen anfingen, war es, als wenn +er einen Ruf vernommen hätte von allen, die seiner noch bedürfen. Er +fühlte, daß die Zeit, wo er von seiner Arbeit ausruhen darf, noch nicht +angebrochen sei. Singen Sie ihm noch mehr und freuen Sie sich, denn ich +glaube, Ihr Gesang hat ihn ins Leben zurückgerufen. Jetzt dürfen wir ihn +vielleicht noch ein paar Jahre behalten.« + +[Illustration] + + + + +53 + +Die Reise nach Vemmenhög + + + Donnerstag, 3. November + +Zu Anfang November flogen die Wildgänse eines Tages über das Hallandgebirge +nach Schonen hinein. Sie hatten sich einige Wochen auf den großen Ebenen +bei Fallköping aufgehalten, und da sich mehrere andre Scharen Wildgänse +auch dort niedergelassen hatten, war es eine schöne Zeit für alle gewesen; +die Alten hatten viel miteinander geplaudert und die Jungen in allen Arten +von Leibesübungen gewetteifert. + +Was nun Nils Holgersson betrifft, so war er nicht so sehr erfreut über den +langen Aufenthalt in Westgötland. Er gab sich alle Mühe, seinen Mut +aufrecht zu erhalten, aber es wurde ihm sehr schwer, sich mit seinem +Schicksal auszusöhnen. + +»Hätte ich doch nur erst Schonen hinter mir und wäre glücklich im Ausland!« +dachte er. »Dann wüßte ich, daß ich nichts mehr zu hoffen hätte, und würde +ruhiger werden.« + +Eines Morgens in aller Frühe waren dann die Wildgänse aufgebrochen und nach +Halland hinuntergeflogen. Im Anfang hatte der Junge keine große Lust, sich +die Landschaft zu betrachten; er meinte, es werde da nicht viel Neues zu +sehen sein. Der östliche Teil war ein hügeliges Land mit großen +Heidestrecken, die an Småland erinnerten, und weiter gegen Westen ragten +runde, kahle, durch Buchten getrennte Berggipfel auf, ungefähr wie in +Bohuslän. + +Als aber die Wildgänse immer weiter südwärts über den schmalen Küstenstrich +hinflogen, beugte sich der Junge weit über den Hals des Gänserichs vor und +verwandte kein Auge mehr vom Boden. Er sah, daß die Berge sich lichteten +und die Ebene sich ausbreitete. Und zugleich sah er auch, daß die Küste +weniger zerrissen war. Die Schären davor wurden spärlich und immer +spärlicher, bis sie schließlich ganz verschwanden und das weite offene +Meer bis dicht ans Festland heranreichte. + +Und dann hörte der Wald auf. Weiter droben im Lande hatte der Junge nun +freilich schon viele schöne Ebenen gesehen; aber alle waren von Wäldern +umrahmt gewesen. Der Wald hatte sich überall ausgebreitet. Es war, als ob +das Land dort eigentlich nur den Bäumen gehörte, und das bebaute Land sah +nur wie große gerodete Plätze im Walde aus. Und auf allen Ebenen hatten +Baumgruppen und Gehölze gestanden, wie um zu zeigen, daß der Wald jeden +Augenblick einschreiten und von dem Land wieder Besitz ergreifen könnte. + +Aber hier war das ganz anders. Hier hatte das Flachland das Übergewicht. +Unbeschränkt erstreckte es sich bis zum Horizont. Es gab wohl auch große, +wohlgepflegte Forste, aber keinen wilden Wald. Und gerade daß das Land so +offen dalag, mit einem Acker neben dem andern, erinnerte den Jungen an +Schonen. Den offnen Strand mit seinen sandigen Ufern und Tanghaufen glaubte +er auch wiederzuerkennen. Es wurde ihm froh und ängstlich zugleich ums +Herz. »Jetzt kann ich nicht mehr weit von meiner Heimat entfernt sein,« +dachte er. + +Die Landschaft veränderte sich aber doch wieder; große Bäche kamen aus +Westgötland und Småland dahergeschäumt und unterbrachen die Einförmigkeit +der Ebene; Seen, Moore, Heidestrecken, mit Flugsand bedeckte Felder +versperrten den Äckern den Weg; aber diese breiteten sich doch immer weiter +aus, bis hinunter zum Hallandgebirge, das an der Grenze von Schonen mit +seinen schönen Schluchten und Tälern aufragt. + +Schon mehrere Male hatten die jungen Gänse in der Schar die alten gefragt: +»Wie sieht es im Auslande aus? Wie sieht es im Auslande aus?« + +»Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren,« hatten die Alten +geantwortet, die das Land schon so oft auf und ab geflogen waren. + +Als die jungen Gänse auf der Reise die langen bewaldeten Bergrücken um +Wärmland her und die glänzenden Seen zwischen der Bohusläner Felsenwelt +oder die schönen Hügel in Westgötland sahen, hatten sie sich verwundert +gefragt: »Sieht die ganze Welt so aus? Sieht die ganze Welt so aus?« + +»Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren, wie es in einem +großen Teile der Welt aussieht,« hatten die Alten geantwortet. + +Nachdem die Wildgänse nun über das Hallandgebirge hingeflogen und schon ein +gutes Stück nach Schonen hineingekommen waren, rief Akka: »Schaut jetzt +hinunter und seht euch um! So sieht es im Ausland aus!« + +Gerade da flogen sie über den Söderberg hin. Der ganze lange Höhenzug war +mit Buchenwäldern bestanden, und mitten in den Wäldern lagen schöne mit +Türmen und Zinnen geschmückte Schlösser. Zwischen den Bäumen grasten Rehe, +und auf den Waldwiesen spielten die Hasen. Jagdhörner klangen durch die +Wälder, und scharfes Hundegebell drang bis zu der dahinfliegenden Schar +herauf. Durch die Wälder führten schöne, breite Straßen, auf denen Herren +und Damen in glänzenden Wagen dahergefahren oder auf wunderschönen Pferden +geritten kamen. Am Fuß des Gebirges breitete sich der Ringsee aus mit dem +alten Bosjökloster auf einer schmalen Landzunge. Die Skäralider Schlucht +durchschneidet den Bergrücken, ein Bach plätschert auf ihrem Grunde, und +die Felswände sind mit Gebüsch und Bäumen dicht bewachsen. + +»Sieht es so im Ausland aus? Sieht es so im Ausland aus?« fragten die +jungen Gänse. + +»Ja, wo waldige Bergrücken sind, sieht es gerade so aus!« rief Akka. »Aber +das ist nicht so sehr oft der Fall. Wartet nur, dann werdet ihr schon +sehen, wie es gewöhnlich dort aussieht!« + +Akka führte die Wildgänse weiter gen Süden nach Schonen auf die große +Ebene. Da lag sie vor ihnen mit weiten Äckern, mit Rübenfeldern, auf denen +die Arbeiter in langen Reihen beschäftigt waren, mit niedrigen, +weißgekalkten, aneinandergebauten Höfen, mit unzähligen kleinen, weißen +Kirchen, mit häßlichen grauen Zuckerfabriken und mit Bahnhöfen, umgeben von +Marktflecken, die einen städtischen Anstrich hatten. Es gab auch viele +Torfmoore mit langen Reihen ausgestochener Torfhügel und Steinkohlengruben +mit schwarzen Kohlenbergen um sich her. Die Landstraßen liefen zwischen +zwei Reihen gestutzter Weidenbäume hin, die Eisenbahnschienen liefen +durcheinander und bildeten ein dichtes Netz über die ganze Ebene. Kleine +buchenumkränzte Seen, jeder mit einem prächtigen Herrenhof am Ufer, +blinkten da und dort hervor. + +»Schaut jetzt hinunter! Seht euch gut um!« rief die Anführerin. »So sieht +es im Ausland aus, von der Küste der Ostsee an bis hinunter zu den hohen +Bergen, und weiter als bis zu diesen sind wir nie gereist.« + +Als die jungen Gänse die Ebene gesehen hatten, flog die Schar nach dem +Öresund. Große sumpfige Wiesen fielen sanft gegen das Meer ab, und lange +Wälle aus schwärzlichem Tang lagen vom Meere angeschwemmt auf dem Strand. +An einigen Stellen waren hohe Uferwälle, an andern lauter Flugsand, der +sich zu Dünen und ganzen Hügeln auftürmte. Die Fischerdörfer lagen am Ufer +mit einer langen Reihe ganz gleichmäßig gebauter und gleichgroßer +Backsteinhäuschen, einem kleinen Leuchtturm draußen am Wellenbrecher und +großen mit braunen Netzen dicht behängten Trockenplätzen. + +»Schaut hinunter! Seht euch wohl um!« sagte Akka. »So sieht es im Ausland +an den Küsten aus!« + +[Illustration] + +Schließlich flog die Anführerin auch über einige der Dörfer hin, und die +Gänse sahen eine Menge schlanker Fabrikschlote, lange, von hohen, +rauchgeschwärzten Häusern eingefaßte Straßen, prächtige, große Parke, +durch die sich schöne Spazierwege schlängelten, sichere Häfen voller +Schiffe, alte Festungswerke und Schlösser und ehrwürdige alte Kirchen. + +»So sehen die Städte im Ausland aus, nur daß sie viel größer sind,« sagte +Akka. »Aber diese hier können auch noch wachsen, gerade wie ihr jungen +Gänse.« + +[Illustration] + +Nachdem Akka so umhergeflogen war, ließ sie sich auf einem Moor im +Vemmenhöger Bezirk nieder. Der Junge aber konnte den Gedanken nicht +loswerden, Akka sei nur deshalb in Schonen umhergeflogen, um ihm zu zeigen, +daß er ein Land habe, das sich mit jedem andern im Ausland wohl messen +könne. Aber das wäre nicht nötig gewesen; der Junge dachte nicht daran, ob +das Land reich oder arm sei. Von dem Augenblick an, wo er die ersten +Weidenhecken und die ersten niedrigen Fachwerkhäuser gesehen hatte, war +sein Herz von heißem Heimweh erfüllt worden. + +[Illustration] + + + + +54 + +Bei Holger Nilssons + + + Donnerstag, 8. November + +Es war ein nebeliger, trüber Tag. Die Wildgänse hatten auf den großen +Feldern bei der Skuruper Kirche geweidet und hielten eben Mittagsrast, da +trat Akka zu Nils Holgersson. + +»Es sieht aus, als bekämen wir jetzt einige Zeit stilles Wetter,« begann +sie, »und ich gedenke deshalb, morgen über die Ostsee zu fliegen.« + +»Ach so,« erwiderte der Junge kurz, denn der Hals war ihm wie zugeschnürt, +und er konnte nicht sprechen. Er hatte eben doch immer noch gehofft, er +werde, solange er in Schonen sei, von seiner Verzauberung befreit werden. + +»Wir sind jetzt ziemlich nahe bei Westvemmenhög,« fuhr Akka fort; »und ich +dachte, du hättest vielleicht Lust, einen kleinen Besuch daheim zu machen. +Es wird ja eine gute Weile dauern, bis du wieder jemand von den Deinen zu +sehen bekommst.« + +»Es ist gewiß am besten, ich unterlasse das,« sagte der Junge; aber seiner +Stimme war wohl anzuhören, wie sehr er sich über den Vorschlag freute. + +»Wenn der Gänserich hier bei uns bleibt, kann ihm ja kein Unglück +geschehen,« sagte Akka. »Ich meine, du solltest dir genauen Bescheid +verschaffen, wie es bei dir daheim steht. Vielleicht könntest du deinen +Eltern doch auf irgendeine Weise helfen, selbst wenn du nicht wieder ein +Mensch wirst.« + +»Ja, da habt Ihr recht, Mutter Akka. Daran hätte ich auch selbst denken +können!« rief der Junge, und er wurde plötzlich ganz eifrig. + +Einen Augenblick später waren er und Akka auf dem Wege zu Holger Nilssons, +und schon nach einer kleinen Weile ließ sich Akka auf dem Steinmäuerchen +nieder, das das Gütchen des Häuslers rings umgab. + +»Es ist doch merkwürdig, wie unverändert alles ist!« sagte der Junge; er +kletterte eilig auf das Mäuerchen hinauf und schaute sich um. »Es ist mir, +als sei es gestern gewesen, daß ich hier auf dem Steinmäuerchen saß und +euch daherfliegen sah.« + +»Ob dein Vater wohl eine Flinte hat?« fragte Akka plötzlich. + +»Das will ich meinen!« rief der Junge. »Dieser Flinte wegen bin ich ja an +jenem Sonntag daheim geblieben, anstatt in die Kirche zu gehen.« + +»Dann wage ich nicht, hier auf dich zu warten,« sagte Akka, »und es ist +wohl am besten, du schleichst dich morgen früh wieder zu uns zurück, dann +kannst du die Nacht über hier bleiben.« + +»Ach nein, Mutter Akka, fliegt nicht fort!« rief der Junge und sprang rasch +von dem Mäuerchen herab. Er wußte nicht, woher es kam, aber er hatte das +Gefühl, als müsse ihm oder den Wildgänsen etwas zustoßen, so daß sie +einander nie mehr sehen würden. »Ihr seht ja wohl, daß ich betrübt bin, +weil ich meine rechte Gestalt nicht wieder bekommen soll, aber ich sage +Euch, ich bereue durchaus nicht, damals mit euch Gänsen fortgeflogen zu +sein. Nein, nein, lieber will ich nie wieder ein Mensch werden, als daß ich +diese Reise nicht mit euch gemacht hätte.« + +Akka sog ein paarmal die Luft durch ihren Schnabel ein, ehe sie antwortete. +»Es liegt mir etwas auf dem Herzen, worüber ich schon lange gern mit dir +gesprochen hätte; da du jedoch nicht zu den Deinen zurückzukehren +gedachtest, hielt ich es nicht für so eilig. Es kann indes nichts schaden, +wenn ich es dir mitteile.« + +»Ihr wißt, es gibt nichts, was ich nicht gerne für Euch täte,« sagte der +Junge. + +»Wenn du etwas Gutes gelernt hast, Däumling, dann bist du vielleicht jetzt +nicht mehr der Ansicht, daß die Menschen allein auf der Welt herrschen +sollten,« sagte die Anführerin feierlich. »Bedenke, ihr habt ein großes +Land für euch, und deshalb könntet ihr uns recht gut ein paar Schären und +einige sumpfige Seen und Moore, sowie einige öde Felsen und abgelegene +Wälder überlassen, wo wir armen Tiere im Frieden leben könnten. Solange ich +lebe, bin ich nun beständig verfolgt und gejagt worden. Es wäre eine +Wohltat, wenn sich für solche Geschöpfe, wie wir sind, auch irgendwo eine +richtige Freistatt fände.« + +»Wie sehr würde ich mich freuen, wenn ich euch in dieser Sache helfen +könnte. Aber ich genieße gewiß niemals soviel Macht und Ansehen bei den +Menschen,« seufzte der Junge. + +»Aber, Däumling, wir stehen ja hier und sprechen miteinander, als ob wir +uns nie wieder sehen sollten!« sagte Akka plötzlich. »Und doch treffen wir +wohl schon morgen früh wieder zusammen. Jetzt will ich zu meiner Schar +zurückfliegen.« Damit hob Akka die Flügel, ließ sich jedoch sogleich wieder +nieder, rieb ihren Schnabel ein paarmal an dem Däumling auf und ab und +flog erst dann endgültig davon. + +Es war schon glockenhell, aber auf dem Hofe war kein Mensch zu sehen, und +der Junge konnte ohne Scheu überall herumgehen. Zuerst lief er in den +Kuhstall hinein, denn er wußte, bei den Kühen würde er Auskunft erhalten. +Im Frühling waren drei prächtige Kühe im Stalle gewesen, aber jetzt stand +nur noch eine einzige da. Diese eine war Majros, und man konnte ihr wohl +anmerken, daß sie Heimweh nach ihren Kameraden hatte. Sie ließ den Kopf +hängen und fraß kaum ein Hälmchen von dem Futter, das vor ihr lag. + +»Guten Tag, Majros!« sagte der Junge und sprang ohne Angst in den Stand zu +ihr hinein. »Wie geht es meiner Mutter und meinem Vater? Und was machen die +Hühner und Gänse und die Katze? Und wo hast du denn Stern und Gull-Lilja +gelassen?« + +Als Majros die Stimme des Jungen hörte, fuhr sie zusammen, und es sah aus, +als wolle sie mit den Hörnern nach ihm stoßen. Aber sie war jetzt nicht +mehr so hitzig wie früher, sondern nahm sich Zeit, Nils Holgersson näher zu +betrachten, ehe sie zustieß. Er war noch ebenso klein wie bei seiner +Abreise und trug auch noch denselben Anzug; aber er sah sich trotzdem gar +nicht mehr ähnlich. Der Nils Holgersson, der im Frühjahr fortgezogen war, +hatte einen schwerfälligen, langsamen Gang, eine träge Stimme und +schläfrige Augen gehabt; der Nils Holgersson, der jetzt zurückgekehrt war, +war flink und geschmeidig, sprach rasch und hatte glänzende, leuchtende +Augen. Auch hatte er eine so kecke Haltung, daß man unwillkürlich Respekt +vor ihm bekam. Trotz seiner Kleidung, und obgleich er nicht gerade +glücklich aussah, wurde man froh, wenn man ihn nur ansah. + +»Muu!« brüllte Majros. »Es hieß, er sei anders geworden, aber ich wollte es +nicht glauben. Grüß dich Gott, Nils Holgersson, grüß dich Gott! Dies ist +der erste frohe Augenblick, den ich seit langer Zeit gehabt habe.« + +»Ich danke dir, Majros,« erwiderte der Junge, sehr angenehm überrascht über +die freundliche Begrüßung. »Erzähl mir nun, wie es meinem Vater und meiner +Mutter geht!« + +»Seit du fort bist, haben sie nichts als immerfort Kummer und Unglück +gehabt,« sagte Majros. »Das schlimmste aber ist die Sache mit dem teuren +Pferd, das nun den ganzen Sommer nichts tun konnte und immer nur gefressen +hat. Dein Vater kann es nicht übers Herz bringen, es zu erschießen, und +verkaufen kann er es auch nicht. Des Pferdes wegen haben Stern und +Gull-Lilja verkauft werden müssen.« + +Der Junge hätte eigentlich etwas ganz andres gerne gewußt; aber er scheute +sich, geradeheraus zu fragen. Deshalb sagte er: »Meine Mutter war wohl sehr +ärgerlich, als sie entdeckte, daß der Gänserich Martin davongeflogen war?« + +»Wenn sie gewußt hätte, wie alles gekommen war, hätte sie sich über den +Verlust des Gänserichs Martin wohl nicht so sehr gegrämt. So aber trauert +sie Tag und Nacht darüber, daß ihr eigener Sohn von daheim fortgelaufen sei +und den Gänserich mitgenommen habe.« + +»Wie, glaubt sie denn, ich habe die Gans gestohlen?« rief der Junge. + +»Ja, was soll sie denn sonst glauben?« + +»Vater und Mutter meinen wohl, ich hätte mich den Sommer hindurch wie ein +gemeiner Landstreicher herumgetrieben?« + +»Sie denken, es stehe schlimm mit dir,« sagte Majros, »und sie haben um +dich getrauert, wie man trauert, wenn man sein Liebstes verloren hat.« + +Als der Junge dies hörte, verließ er rasch den Kuhstall und ging zu dem +Pferde hinein. Der Pferdestall war ein kleiner, aber hübscher Raum. Der +Junge sah wohl, der Vater hatte sich alle Mühe gegeben, es dem Pferde bei +seiner Ankunft so recht behaglich zu machen. Und es stand auch wirklich ein +wunderschönes Pferd im Stall, das von Gesundheit strotzte. + +»Guten Tag, guten Tag!« sagte der Junge. »Wie ich höre, soll ein krankes +Pferd hier sein. Damit bist du doch wohl nicht gemeint, denn du siehst ja +ganz frisch und ganz gesund aus?« + +Das Pferd wendete den Kopf und sah den Jungen nachdenklich an. + +»Bist du der Sohn des Hauses?« fragte es. »Von dem hab ich sehr viel +sprechen hören. Aber du siehst so gut aus, und wenn ich nicht wüßte, daß du +in ein Wichtelmännchen verwandelt worden bist, würde ich nie geglaubt +haben, du seiest der kleine Nils Holgersson.« + +»Ich weiß wohl, ich habe hier einen schlechten Ruf hinterlassen,« +entgegnete der Junge. »Meine Mutter glaubt, ich hätte mich als ein Dieb +fortgeschlichen; das ist nun freilich einerlei, denn ich bleibe nicht lange +hier. Bevor ich wieder gehe, möchte ich aber doch noch wissen, was dir +eigentlich fehlt.« + +»Wie schade, daß du nicht hier bleibst!« sagte das Pferd. »Ich bin +überzeugt, wir zwei wären sehr gute Freunde geworden. Mir fehlt gar nichts, +als daß ich mir etwas in den Fuß hineingetreten habe, eine Messerspitze, +oder was es sonst sein mag. Es sitzt so tief drinnen, daß es der Doktor +nicht entdeckt; aber es sticht und sticht, und deshalb kann ich durchaus +nicht auftreten. Wenn du nur Holger Nilsson mitteilen würdest, was mir +fehlt, dann würde er mir gewiß helfen können. Ich möchte doch für all das +Futter auch etwas leisten und schäme mich wirklich, hier nichts zu tun, als +immer nur zu fressen.« + +»Wie gut, daß du keine eigentliche Krankheit hast!« rief der Junge. »Ich +muß dafür sorgen, daß du kuriert wirst. Es täte dir wohl nicht weh, wenn +ich mit meinem Messer ein wenig auf deinen Huf kritzelte?« + +Nils Holgersson war mit dem Pferde eben fertig geworden, als er draußen auf +dem Hofe Stimmen hörte. Er öffnete vorsichtig einen Spalt an der Stalltür +und lugte hinaus: Sein Vater und seine Mutter waren es, die von der +Landstraße her auf das Haus zukamen. Ach ja, Nils Holgersson sah ihnen wohl +an, wie niedergedrückt sie waren! Seine Mutter hatte mehr Runzeln im +Gesicht, als sie im Frühjahr gehabt hatte, und sein Vater war ganz grau +geworden; die Mutter versuchte eben den Vater zu überreden, von seinem +Bruder Geld zu entlehnen. + +»Nein, ich will nicht noch mehr Geld entlehnen,« sagte der Vater gerade in +dem Augenblick, wo die beiden am Stall vorübergingen. »Schulden haben ist +das allerschlimmste, dann lieber noch den Hof verkaufen.« + +»Ich hätte auch nicht so sehr viel gegen den Verkauf, wenn es nicht des +Jungen wegen wäre,« erwiderte die Mutter. »Aber wo soll er sich hinwenden, +wenn er nun, wie man sich denken kann, eines Tages arm und elend +zurückkehrt und wir dann nicht mehr da sind?« + +»Ja, da hast du recht,« sagte der Vater. »Aber wir müßten eben den neuen +Besitzer bitten, ihn freundlich aufzunehmen und ihm zu sagen, daß wir ihn +erwarten. Und wir werden ihm kein böses Wort geben, wie er auch sein mag, +nicht wahr, Mutter?« + +»Ach nein, nein! Wenn ich ihn nur wieder hätte, dann wüßte ich doch, daß er +nicht auf der Landstraße hungern und frieren muß; das andre wäre dann ganz +einerlei.« + +Nach diesen Worten gingen die beiden ins Haus hinein, und der Junge hörte +nichts mehr von ihrer Unterhaltung. Die Worte der Eltern hatten ihn +beglückt und gerührt; er erkannte daraus, wie innig lieb sie ihn hatten, +obwohl sie glaubten, er sei ganz verkommen. Er hatte die größte Lust, +hinter ihnen herzulaufen. »Aber ach, wenn sie mich so sähen, wie ich jetzt +bin, würden sie vielleicht noch viel betrübter!« dachte er. + +Während er noch überlegte, was er tun solle, kam ein Wagen dahergefahren +und hielt gerade vor dem Hoftor. Beinahe hätte der Junge vor lauter +Überraschung laut hinausgeschrien; denn die Reisenden, die ausstiegen und +in den Hof hereinkamen, waren niemand anders, als das Gänsemädchen Åsa mit +ihrem Vater. Hand in Hand gingen sie auf das Haus zu; sie schritten ganz +still und ernst vorwärts, aber ein schöner, glücklicher Glanz strahlte aus +ihren Augen. Als sie ungefähr mitten auf dem Hofe angekommen waren, hielt +Åsa ihren Vater zurück und sagte: »Vergiß es ja nicht, Vater, du darfst +weder von dem Holzschuh ein Wort erwähnen, noch von den Wildgänsen, noch +von dem kleinen Knirps, der Nils Holgersson so aufs Haar geglichen hat, daß +er, wenn es nicht Nils selbst gewesen ist, doch in irgendeinem Zusammenhang +mit ihm gestanden haben muß.« + +»Nein, nein, ich will gewiß nichts davon sagen,« erwiderte Jon Assarsson. +»Ich werde nur sagen, ihr Sohn sei dir mehrere Male eine große Hilfe +gewesen, und wir kämen deshalb, zu fragen, ob wir ihnen dafür nicht auch +eine Gefälligkeit erweisen könnten. Seit ich die Grube da droben entdeckt +habe, bin ich ja ein wohlhabender Mann geworden und habe mehr, als ich +brauche.« + +»Ja, ich weiß wohl, daß du deine Worte gut zu setzen verstehst,« sagte Åsa, +»und ich meinte auch nur, du solltest dieses eine verschweigen.« + +Sie traten ins Haus hinein, und der Junge wäre schrecklich gerne +mitgegangen, um zu hören, was drinnen gesprochen wurde. Aber er wagte sich +nicht über den Hofplatz hinüber. Schon nach ganz kurzer Zeit kamen die +beiden wieder heraus, und Vater und Mutter begleiteten sie bis ans +Gittertor. + +Als die beiden Besuche wieder weggefahren waren, blieben die Eltern an der +Pforte stehen und sahen ihnen nach. + +»Nun will ich nicht mehr so betrübt sein,« sagte die Mutter. »Jetzt, wo ich +so viel Gutes von Nils gehört habe.« + +»Eigentlich haben sie uns aber gar nicht so viel von ihm erzählt,« +erwiderte der Vater nachdenklich. + +»Wie, ist es nicht genug, wenn sie einzig und allein deshalb hergereist +sind, uns ihre Hilfe anzubieten, nur weil unser Nils ihnen so große Dienste +geleistet hat? Ich meine übrigens, du hättest ihr Anerbieten annehmen +sollen, Vater!« + +»Nein, Mutter, ich will von niemand Geld annehmen, weder als Geschenk noch +als Darlehen. In erster Linie will ich jetzt meine Schulden los werden, und +dann wollen wir uns wieder heraufbringen. Beim Licht besehen sind wir doch +eigentlich noch gar nicht so steinalt, wie, Mutter?« rief der Vater, und +als er dies sagte, lachte er herzlich. + +»Ich glaube wahrhaftig, du meinst, es sei ein Spaß, den Hof zu verkaufen, +auf den wir doch so viel Mühe und Arbeit verwendet haben!« versetzte die +Mutter. + +»Ach, du weißt wohl, warum ich lache, Mutter. Was mich so schwer bedrückt +hat, daß ich zu nichts mehr Lust und Kraft hatte, war ja der Gedanke, der +Junge sei ein Taugenichts geworden. Nun ich aber weiß, daß er sich gut +gemacht hat, jetzt sollst du sehen: Holger Nilsson ist noch etwas wert!« + +Die Mutter ging ins Haus hinein, Nils Holgersson aber versteckte sich rasch +in einen Winkel, denn der Vater trat in den Stall, um nach dem Pferd zu +sehen. Er ging in den Stand zu ihm hinein und hob wie gewöhnlich dessen +kranken Fuß in die Höhe, um zu sehen, ob er denn nicht entdecken könnte, +was ihm fehle. + +»Aber was ist denn das?« sagte der Vater. Auf dem Huf waren einige +Buchstaben eingeritzt. »Nimm das Eisen ab!« las er und sah sich verwundert +und überrascht nach allen Seiten um. Schließlich befühlte und betrachtete +er die untere Seite des Hufes sehr genau. »Ich glaube wahrhaftig, es sitzt +etwas Spitziges drin,« murmelte er. + +Während der Vater mit dem Pferd beschäftigt war und der Junge in dem Winkel +verborgen saß, kamen noch mehr Besuche auf den Hof. Mit diesen verhielt es +sich aber folgendermaßen. Als der Gänserich Martin seiner alten Heimat so +nahe war, hatte er der Lust nicht widerstehen können, seine Frau und seine +Kinder den frühern Gefährten auf dem Gütchen vorzustellen; und so hatte er +Daunenfein und die jungen Gänse einfach mitgenommen und war mit ihnen +hierhergeflogen. + +Als nun der Gänserich durch die Luft daherkam, war auf dem ganzen Hofe kein +Mensch zu sehen; er ließ sich deshalb ruhig nieder und zeigte Daunenfein, +wie herrlich er es als zahme Gans gehabt hatte. Nachdem sie sich den +Hofplatz besehen hatten, bemerkte er, daß die Kuhstalltür offen stand. + +»Kommt einen Augenblick mit herein,« sagte er, »dann könnt ihr sehen, wo +ich früher gewohnt habe. Das war etwas andres, als sich in Teichen und +Sümpfen aufzuhalten, wie wir es jetzt tun.« + +Der Gänserich stand auf der Schwelle und schaute in den Kuhstall hinein. +»Es ist kein Mensch da,« sagte er. »Komm, Daunenfein, ich zeige dir den +Gänsestall. Hab keine Angst, es ist nicht die geringste Gefahr dabei.« + +Und so gingen der Gänserich, Daunenfein und alle sechs Jungen in den +Gänsestall hinein, um sich anzusehen, in welchem Glanz und Überfluß der +große Weiße gelebt hatte, ehe er sich der Schar der Wildgänse anschloß. + +»Ja, seht, so hatten wir es. Hier war mein Platz, und dort stand der +Freßtrog, der immer mit Hafer und Wasser gefüllt war,« sagte der Gänserich. +»Ei der Tausend, es ist wahrhaftig auch jetzt noch etwas drin!« Damit schoß +er zum Troge hin und fraß Hafer in sich hinein. + +Aber Daunenfein war unruhig. »Laß uns jetzt wieder gehen!« sagte sie. + +»Nur noch ein paar Körner!« erwiderte der Gänserich. In demselben +Augenblick jedoch stieß er einen Schrei aus und eilte dem Ausgang zu. Aber +es war zu spät, die Tür fiel ins Schloß, Holger Nilssons Frau stand draußen +und schob den Riegel vor; sie waren eingesperrt. + +Holger Nilsson hatte ein spitziges Stück Eisen aus dem Fuß des Rappens +herausgezogen und streichelte das Tier nun ganz erfreut, als seine Frau +eilig in den Pferdestall hereintrat. »Komm, Vater!« rief sie. »Dann sollst +du sehen, was ich für einen Fang gemacht habe!« + +»Nein, wart ein wenig, Mutter, und sieh erst hierher!« sagte Holger +Nilsson. »Ich hab entdeckt, was dem Pferde gefehlt hat.« + +»Ich glaube, das Glück hat sich gewendet und kehrt wieder bei uns ein!« +rief die Frau. »Denk dir nur, der große Gänserich, der im Frühjahr +verschwunden ist, muß mit den Wildgänsen davongeflogen sein! Er ist +zurückgekommen und hat sieben Wildgänse bei sich. Sie gingen in den +Gänsestall hinein, und ich habe sie alle miteinander darin eingeschlossen.« + +»Das ist doch merkwürdig,« sagte Holger Nilsson. »Aber weißt du, was das +beste an der Sache ist, Mutter? Daß wir nun nicht mehr zu glauben brauchen, +unser Junge habe die Gans mitgenommen, als er von daheim fortgelaufen ist.« + +»Ja, da hast du recht, Vater. Aber ich glaube, wir müssen die Gänse heute +abend noch schlachten. In ein paar Tagen ist der Martinstag, und wenn wir +die Gänse dazu noch in die Stadt bringen wollen, müssen wir uns beeilen.« + +»Es kommt mir geradezu wie ein Unrecht vor, wenn wir den Gänserich +schlachten, da er doch mit so einer großen Gesellschaft zu uns +zurückgekehrt ist,« sagte Holger Nilsson. + +»Wenn die Zeiten besser wären, würde ich ihn gern am Leben lassen, aber +wenn wir doch vom Hofe fort müssen, können wir die Gänse ja nicht +behalten,« entgegnete die Frau. + +»Ja, das ist allerdings wahr.« + +»Komm und hilf mir, sie ins Haus hineinzutragen!« sagte die Mutter. + +Sie verließen miteinander den Hof, und einen Augenblick später sah der +Junge seinen Vater mit Daunenfein unter dem einen Arm und dem Gänserich +unter dem andern in Gesellschaft der Mutter über den Hof kommen. Der +Gänserich schrie: »Däumling, komm und hilf mir!« wie immer, wenn ihm eine +Gefahr drohte, obgleich er ja nicht wissen konnte, daß der Junge in der +Nähe war. + +Nils Holgersson hörte ihn wohl schreien, blieb aber trotzdem vor dem Stalle +stehen, nicht weil er wußte, daß es für ihn selbst gut wäre, wenn der +Gänserich geschlachtet würde -- daran dachte er in diesem Augenblick nicht +einmal --, sondern weil er sich, wenn er die Gans retten wollte, vor seinen +Eltern sehen lassen mußte, und dazu konnte er sich nicht entschließen. »Sie +haben es ohnedies schon schwer genug,« dachte er. »Sollte ich wirklich dazu +verurteilt sein, ihnen auch noch diesen Kummer zu bereiten?« + +Aber als sich die Tür hinter dem Gänserich geschlossen hatte, kam Leben in +den Jungen. Schnell wie der Blitz lief er über den Hofplatz, sprang auf die +eichene Schwelle vor der Haustür und von da in den Flur hinein. Aus alter +Gewohnheit zog er die Holzschuhe aus und näherte sich der Stubentür. Aber +er empfand noch immer den größten Widerwillen, sich so vor seinen Eltern +sehen zu lassen, und hatte nicht die Kraft, die Hand aufzuheben und +anzuklopfen. + +»Aber es handelt sich doch um den Gänserich Martin,« dachte er. »Seit du +zum letzten Male hier gestanden hast, ist er immer dein bester Freund +gewesen.« + +In einem Nu durchlebte Nils Holgersson in Gedanken alles wieder, was er und +der Gänserich auf gefrorenen Seen und stürmischen Meeren und zwischen +gefährlichen Raubtieren miteinander durchgemacht hatten. Sein Herz floß +über vor Dankbarkeit und Liebe; er überwand sich und klopfte an die Tür. + +»Ist jemand da?« fragte der Vater, indem er die Tür öffnete. + +»Mutter, du darfst der Gans nichts tun!« rief der Junge; und zugleich +stießen der Gänserich Martin und Daunenfein einen Freudenschrei aus; sie +lagen gebunden auf einer Bank, und an dem Schreien hörte man, daß sie noch +am Leben waren. + +Wer aber auch einen Freudenschrei ausstieß, das war die Mutter. »Nein, wie +groß und schön du geworden bist!« rief sie. + +Der Junge war nicht eingetreten, sondern auf der Schwelle stehen geblieben, +wie jemand, der seines Empfangs nicht ganz sicher ist. + +»Gott sei Lob und Dank, daß ich dich wieder habe!« rief die Mutter. »Komm +herein! Komm herein!« + +»Ja, Gott sei Lob und Dank!« sagte auch der Vater; mehr konnte er nicht +herausbringen. + +Aber der Junge zögerte noch immer auf der Schwelle. Wie war es nur möglich, +daß sich die Eltern über das Wiedersehen freuten, wo er doch so aussah! +Aber da kam die Mutter herbei, schlang ihre Arme um ihn und zog ihn in die +Stube herein; und nun merkte der Junge, wie die Sache sich verhielt. + +»Vater! Mutter! Ich bin groß! Ich bin wieder ein Mensch!« rief er. + +[Illustration] + + + + +55 + +Der Abschied von den Wildgänsen + + + Mittwoch, 9. November + +Am nächsten Morgen war Nils Holgersson vor Tagesgrauen auf und wanderte an +den Strand hinunter. Ehe es richtig hell war, stand er eine kleine Strecke +östlich von dem Fischerdorf Smyge am Ufer. Er war ganz allein; vor dem +Weggehen war er im Gänsestall bei dem Gänserich Martin gewesen und hatte +versucht, ihn zu wecken. Aber der große Weiße hatte sich nicht von der +Stelle gerührt. Ohne ein Wort zu sagen, steckte er den Kopf wieder unter +den Flügel und schlief weiter. + +Der Tag versprach wunderschön zu werden, fast so schön wie jener +Frühlingstag, wo die Wildgänse nach Schonen gekommen waren. Still und +unbeweglich breitete sich das Meer aus; kein Lüftchen rührte sich, und der +Junge dachte daran, welch eine schöne Reise übers Meer die Wildgänse +bekommen würden! + +Er selbst ging noch immer wie im Traum umher. Bald fühlte er sich als +Wichtelmännchen, bald als Mensch. Wenn er ein Steinmäuerchen am Wege sah, +wagte er kaum weiterzugehen, ehe er sich überzeugt hatte, daß kein Raubtier +dahinter auf der Lauer lag. Und gleich darauf lachte er über sich selbst +und freute sich, daß er nun groß und stark war und sich vor nichts mehr zu +fürchten brauchte. + +Als er am Ufer angekommen war, stellte er sich in seiner ganzen Größe weit +draußen auf den Strand, damit ihn die Wildgänse gut sehen könnten. + +Heute war großer Reisetag! Unaufhörlich tönten die Lockrufe durch die +Luft. Der Junge lächelte vor sich hin: er war ja der einzige, der verstand, +was die Vögel einander zuriefen. + +Jetzt kamen auch Wildgänse dahergeflogen, eine große Schar hinter der +andern. »Wenn das nur nicht meine Gänse sind, die da davonfliegen, ohne mir +Lebewohl gesagt zu haben!« dachte er. Er hätte ihnen doch gar zu gerne +erzählt, wie alles zugegangen war, und sich ihnen nun auch als Mensch +gezeigt. + +Jetzt kam eine Schar, die flog schneller und schrie lauter als alle andern, +und etwas in seinem Herzen sagte Nils Holgersson, daß es seine Schar sei; +aber er war seiner Sache doch nicht so gewiß, wie er es am vorhergehenden +Tage gewesen wäre. + +Die Schar flog jetzt langsamer und schwebte über dem Strand hin und her. Da +wußte der Junge, daß seine Ahnung ihn nicht betrogen hatte. Er konnte nur +nicht begreifen, warum sich die Wildgänse nicht neben ihm niederließen. Da, +wo er stand, mußten sie ihn sehen, es war nicht anders möglich. + +Er versuchte, einen Lockton auszustoßen, der sie zu ihm herrufen würde. +Aber was war denn das? Seine Zunge wollte nicht; er konnte den rechten Ton +nicht herausbringen. + +Jetzt hörte er Akka in der Luft droben rufen; aber er verstand nicht, was +sie sagte. »Was ist denn das? Haben die Wildgänse ihre Sprache verändert?« +dachte er. + +Er winkte ihnen mit seiner Mütze, lief am Strande hin und her und rief: +»Hier bin ich! Wo bist du?« + +Aber es schien, als erschrecke er die Gänse. Sie flogen auf und aufs Meer +hinaus. Da begriff der Junge endlich: sie wußten nicht, daß er wieder ein +Mensch war, und erkannten ihn nicht wieder. + +Und er konnte sie nicht zu sich rufen, weil ein Mensch die Sprache der +Vögel nicht sprechen kann. Er konnte sie nicht allein nicht sprechen, nein, +er konnte sie auch nicht verstehen. + +Obgleich Nils Holgersson über seine Befreiung von der Verzauberung +hochbeglückt war, tat es ihm doch recht bitter weh, daß er nun von seinen +guten Kameraden ganz getrennt sein sollte. Er legte sich in den Sand und +vergrub das Gesicht in den Händen. Was hatte es für einen Wert, den Gänsen +nachzuschauen? + +Aber gleich darauf hörte er Flügelrauschen. Der alten Mutter Akka war es +schwer gefallen, von dem Däumling wegzureisen, und so hatte sie noch einmal +umgedreht. Und jetzt, wo der Junge still dasaß, wagte sie sich näher an ihn +heran. Und da war es ihr plötzlich, als seien ihre Augen aufgetan, sie +erkannte den Dasitzenden und ließ sich am Ufer neben ihm nieder. + +Der Junge stieß einen Freudenschrei aus und umschlang die alte Akka mit +beiden Armen. Die andern Wildgänse rieben ihre Schnäbel an ihm auf und ab +und drängten sich um ihn zusammen. Sie schnatterten und plauderten und +wünschten ihm auf alle mögliche Weise Glück; und er sprach auch mit ihnen +und dankte ihnen für die herrliche Reise, die er in ihrer Gesellschaft +gemacht hatte. Aber plötzlich wurden die Wildgänse merkwürdig still, als +wenn sie sagen wollten: »Ach, er ist ja ein Mensch! Er versteht uns nicht, +und wir verstehen ihn nicht.« + +Da stand der Junge auf und trat dicht an Akka heran. Er liebkoste und +streichelte sie. Dasselbe tat er Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und +Kuusi, allen den alten, die von Anfang an dabei gewesen waren. + +Hierauf ging er vom Ufer weg landeinwärts; er wußte, der Schmerz der Tiere +dauert nie lange, und so wollte er lieber von ihnen scheiden, solange sie +noch betrübt darüber waren, daß sie ihn verloren hatten. + +Als er den Uferrain erreicht hatte, wendete er sich um und sah den vielen +Vogelscharen nach, die übers Meer hinflogen. Alle stießen ihre Locktöne +aus, nur eine Schar Wildgänse zog schweigend ihres Weges, solange er ihnen +mit den Augen folgen konnte. + +Aber die Schar zog in regelmäßiger, schöner Ordnung mit starken und +kräftigen Flügelschlägen übers Meer. Da ergriff den Jungen eine +schmerzliche Sehnsucht nach den Davonziehenden, und es hätte nicht viel +gefehlt, so hätte er sich gewünscht, wieder der Däumling zu sein, um mit +einer Schar Wildgänse über Land und Meer hinfliegen zu können. + +[Illustration] + +[Illustration: Übersichtskarte von Schweden zu der »Wunderbaren Reise des +kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen«] + + + + +Im Verlag von Albert Langen erschien früher + + Selma Lagerlöf + + Gesammelte Werke + + Einzige berechtigte deutsche Originalausgabe + + In zehn Bänden gebunden 50 Mark + + Erster Band: Gösta Berling I + Zweiter Band: Gösta Berling II + Dritter Band: Die Wunder des Antichrist + Vierter Band: Jerusalem I + Fünfter Band: Jerusalem II + Sechster Band: Liljecronas Heimat + Siebenter Band: Eine Herrenhofsage + Achter Band: Unsichtbare Bande + Neunter Band: Ein Stück Lebensgeschichte + Zehnter Band: Christuslegenden + + In Einzelausgaben erschienen von Selma Lagerlöf + + Jerusalem I (In Dalarne), Roman, 19. Auflage + Jerusalem II (Im heiligen Land), Roman, 18. Auflage + Gösta Berling, Roman, 22. Auflage + Eine Herrenhofsage, Roman, 12. Auflage + Die Wunder des Antichrist, Roman, 8. Auflage + Liljecronas Heimat, Roman, 14. Auflage + Jans Heimweh, Roman, 19. Auflage + Herrn Arnes Schatz, Erzählung, 6. Auflage + Der Fuhrmann des Todes, Erzählung, 10. Auflage + Christuslegenden, 27. Auflage + Legenden und Erzählungen, 6. Auflage + Die Königinnen von Kungahälla, Erzählungen, 8. Auflage + Unsichtbare Bande, Erzählungen, 4. Auflage + Ein Stück Lebensgeschichte, Erzählungen, 10. Auflage + Trolle und Menschen, Erzählungen, 7. Auflage + Die sieben Todsünden, Ausgew. Erzählungen, 13. Auflage + Wunderbare Reise, Ein Kinderbuch, Volksausgabe, 18. Auflage + Das heilige Leben, Roman, 15. Auflage + Die schönsten Geschichten, Ausgewählt und eingeleitet von Walter + von Molo, 35. Auflage + +Verlag von Albert Langen in München + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Anfang verlegt. + +Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten. An einigen +Stellen wurde die Zeichensetzung geändert. + +Die unterschiedlichen Schreibweisen Schonen/Skåne, Vänersee/Wenersee und +Värmland/Wärmland wurden vereinheitlicht zu den in der Übersichtskarte +verwendeten Schreibweisen Schonen, Wenersee und Wärmland. Die an wenigen +Stellen verwendete Schreibweise Klein-Matts wurde in die mehrheitlich +verwendete Schreibweise Klein-Mats geändert. + + Inhaltsverzeichnis: "Die kleine Karlsinsel" wurde geändert in + "Die Kleine Karlsinsel" + S. 8: "mit weitaufgesperrten Maul" wurde geändert in + "mit weitaufgesperrtem Maul" + S. 13: "Jordeberga" wurde geändert in "Jordberga" (3x) + S. 19: "Westvömmenhög" wurde geändert in "Westvemmenhög" + S. 29, 32, 36: "Övedkloster" wurde geändert in "Övedskloster" + S. 36: "wie das Weibchen des Eichhörnchen" wurde geändert in + "wie das Weibchen des Eichhörnchens" + S. 45: "Westvömmenhög" wurde geändert in "Westvemmenhög" + S. 48: "Den einzigen Ort, an den sie nicht dachten" wurde geändert in + "Der einzige Ort, an den sie nicht dachten" + S. 56: "Schaum flog ihnen am Bug hinunter." wurde geändert in + "Schaum floß ihnen am Bug hinunter." + S. 62: "aber im Schonen ist ein Junge" wurde geändert in + "aber in Schonen ist ein Junge" + S. 81: "Gallionsfiguren" wurde geändert in + "Galionsfiguren" + S. 84: "jetzt vorbeugte und dahinsah" wurde geändert in + "jetzt vorbeugte und dahin sah" + S. 99: "Sie waren jetzt alle totmüde" wurde geändert in + "Sie waren jetzt alle todmüde" + S. 115: "am allerniedergeschlagendsten" wurde geändert in + "am allerniedergeschlagensten" + S. 124: "Wo der Sunneboer Bezirk" wurde geändert in + "Wo der Sunnerboer Bezirk" + S. 138: und S. 141: "Vest-Vemmenhög" wurde geändert in "Westvemmenhög" + S. 159: "sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen" wurde geändert in + "sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen." + S. 173: "Övedkloster" wurde geändert in "Övedskloster" + S. 177: "noch Föhren über die Seen" wurde geändert in + "noch Fähren über die Seen" + S. 179: "und so hatteu" wurde geändert in "und so hatten" + S. 182: "Augen des Kälchens" wurde geändert in "Augen des Kälbchens" + S. 185: "von einem Ufer zum andern hinüberzuschimmen" wurde geändert in + "von einem Ufer zum andern hinüberzuschwimmen" + S. 195: "des Waldes Schuld" wurde geändert in + "des Waldes schuld" + S. 208: "Mutter ist müde geworden war" wurde geändert in + "Mutter ist müde geworden" + S. 209: "antwortete der Gärtner" wurde geändert in + "antwortet der Gärtner" + S. 210: "Sofa und Sessel" wurde geändert in + "Sofas und Sessel" + S. 211: "sagte er" wurde geändert in "sagt er" + S. 212: "sagte er" wurde geändert in "sagt er" + S. 221: "noch schimmer als am Tage" wurde geändert in + "noch schlimmer als am Tage" + S. 235: "Fellingbroer Kirchspiel" wurde geändert in + "Fellingsbroer Kirchspiel" + S. 239: "und trieb sie anstatt ostwärts" wurde geändert in + "und trieb sie anstatt nordwärts" + S. 258: "wenn der erst Zulauf kam" wurde geändert in + "wenn der erste Zulauf kam" + S. 252: "und ich muß ordentlich Zeit zum überlegen haben" wurde geändert in + "und ich muß ordentlich Zeit zum Überlegen haben" + S. 265: "der kleine Tiskansee" wurde geändert in "der kleine Tiskensee" + S. 274: "ein junger faluner Bergmann" wurde geändert in + "ein junger Faluner Bergmann" + S. 276: "wie dieses hier" wurde geändert in + "wie diesem hier" + S. 287: "dahergepflogen kamen" wurde geändert in "dahergeflogen kamen" + S. 290: "sturmgepeischten Flächen" wurde geändert in + "sturmgepeitschten Flächen" + S. 306: "Dächer und und Höfe" wurde geändert in "Dächer und Höfe" + S. 308: "bis ganz es dunkel war" wurde geändert in + "bis es ganz dunkel war" + S. 324: "Sie meinen es sich nicht gut mit dir" wurde geändert in + "Sie meinen es nicht gut mit dir" + S. 330: "den vornehmen alten Heren" wurde geändert in + "den vornehmen alten Herrn" + S. 350: "glänzenden Seeen" wurde geändert in "glänzenden Seen" + S. 356: "Tal voller Seeen" wurde geändert in "Tal voller Seen" + S. 356: "sah solche fröhliche Züge" wurde geändert in + "sah solche Fröhliche Züge" + S. 358: "ein Probst von Delsbo" wurde geändert in "ein Propst von Delsbo" + S. 360: "Er ergiff die Zügel" wurde geändert in "Er ergriff die Zügel" + S. 361: "wo es sich in den Sattel schwingen konnte" wurde geändert in + "wo er sich in den Sattel schwingen konnte" + S. 367: "im letzen Winter" wurde geändert in "im letzten Winter" + S. 371: "im kalten Norden lag Sundswall" wurde geändert in + "im kalten Norden lag Sundsvall" + S. 374: "große Frachtschiffe geladen" wurde geändert in + "große Frachtschiffe beladen" + S. 388: "auf der Insel Gottland" wurde geändert in + "auf der Insel Gotland" + S. 388: "Övedkloster" wurde geändert in "Övedskloster" + S. 444: "es handelt sich nun darum" wurde geändert in + "es handelt sich nur darum" + S. 463: "ich weiß ja, das" wurde geändert in "ich weiß ja, daß" + S. 469: "einige Bauerhöfe" wurde geändert in "einige Bauernhöfe" + S. 480: "diese Begegnung mit Landsleuten führten" wurde geändert in + "diese Begegnung mit Landsleuten führte" + S. 481: "um den Riesen zu zeigen" wurde geändert in + "um dem Riesen zu zeigen" + S. 481: "Felskuppe am Wernersee" wurde geändert in + "Felskuppe am Wenersee" + S. 481: "seine steinerne Keule schicke er" wurde geändert in + "seine steinerne Keule schickte er" + S. 482: "von denen die Leute soviel Respekt haben" wurde geändert in + "vor denen die Leute soviel Respekt haben" + S. 491: "schlanker Fabrikschlöte" wurde geändert in + "schlanker Fabrikschlote" + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Wunderbare Reise des kleinen Nils +Holgersson mit den Wildgänsen, by Selma Lagerlöf + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NILS HOLGERSSON *** + +***** This file should be named 31114-8.txt or 31114-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/1/1/31114/ + +Produced by Norbert H. 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