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+The Project Gutenberg EBook of Wunderbare Reise des kleinen Nils
+Holgersson mit den Wildgänsen, by Selma Lagerlöf
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen
+ Ein Kinderbuch
+
+Author: Selma Lagerlöf
+
+Illustrator: Wilhelm Schulz
+
+Translator: Pauline Klaiber
+
+Release Date: January 29, 2010 [EBook #31114]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NILS HOLGERSSON ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Selma Lagerlöf
+
+ Wunderbare Reise
+ des kleinen Nils Holgersson
+ mit den Wildgänsen
+
+ Ein Kinderbuch
+
+ Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen
+ von
+ Pauline Klaiber
+
+ Ausgabe in einem Bande
+
+ Zehntes bis fünfzehntes Tausend
+
+ Mit 95 Textillustrationen und 8 farbigen Vollbildern
+ von
+ Wilhelm Schulz
+
+ sowie einer Übersichtskarte von Schweden
+
+ Albert Langen, München 1920
+
+ Druck von Hesse & Becker in Leipzig
+ Einbände von E. A. Enders in Leipzig
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ 1 Der Junge 1
+ 2 Akka von Kebnekajse 15
+ 3 Das Leben der Wildvögel 29
+ 4 Haus Glimminge 39
+ 5 Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg 50
+ 6 Im Regenwetter 58
+ 7 Die Treppe mit den drei Stufen 63
+ 8 Am Ronnebyfluß 67
+ 9 Karlskrona 75
+ 10 Die Reise nach Öland 83
+ 11 Die Südspitze von Öland 87
+ 12 Der große Schmetterling 94
+ 13 Die Kleine Karlsinsel 98
+ 14 Zwei Städte 109
+ 15 Die Sage von Småland 119
+ 16 Die Krähen 124
+ 17 Die alte Bauernfrau 139
+ 18 Von Taberg nach Huskvarna 148
+ 19 Der große Vogelsee 152
+ 20 Die Wahrsagung 166
+ 21 Der Rock aus Drillich und Samt 171
+ 22 Die Geschichte von Karr und Graufell 175
+ 23 Der schöne Garten 204
+ 24 In Närke 216
+ 25 Der Eisgang 231
+ 26 Die Teilung 235
+ 27 Im Bergwerkdistrikt 239
+ 28 Der Eisenhammer 244
+ 29 Der Dalälf 256
+ 30 Der Bruderteil 264
+ 31 Walpurgisnacht 278
+ 32 Vor den Kirchen 286
+ 33 Die Überschwemmung 289
+ 34 Die Sage von Uppland 299
+ 35 In Uppsala 304
+ 36 Daunenfein 317
+ 37 Stockholm 327
+ 38 Der Adler Gorgo 338
+ 39 Über Gästrikland hin 348
+ 40 Ein Tag in Hälsingeland 355
+ 41 In Medelpad 367
+ 42 Ein Morgen in Ångermanland 373
+ 43 Västerbotten und Lappland 382
+ 44 Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats 396
+ 45 Bei den Lappen 410
+ 46 Gen Süden! Gen Süden! 421
+ 47 Die Sage vom Härjedal 436
+ 48 Wärmland und Dalsland 445
+ 49 Ein kleiner Herrenhof 451
+ 50 Das Gold auf der Schäre 460
+ 51 Silber im Meer 467
+ 52 Ein großer Herrenhof 473
+ 53 Die Reise nach Vemmenhög 489
+ 54 Bei Holger Nilssons 493
+ 55 Der Abschied von den Wildgänsen 502
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+1
+
+Der Junge
+
+Das Wichtelmännchen
+
+
+ Sonntag, 20. März
+
+Es war einmal ein Junge. Er war ungefähr vierzehn Jahre alt, groß und gut
+gewachsen und flachshaarig. Viel nutz war er nicht, am liebsten schlief
+oder aß er, und sein größtes Vergnügen war, irgend etwas anzustellen.
+
+Es war an einem Sonntagmorgen, und die Eltern machten sich fertig, in die
+Kirche zu gehen. Der Junge saß in Hemdärmeln auf dem Tischrande und dachte,
+wie günstig das sei, daß Vater und Mutter fortgingen und er ein paar
+Stunden lang tun könne, was ihm beliebe. »Jetzt kann ich Vaters Flinte
+herunternehmen und schießen, ohne daß es mir jemand verbietet,« sagte er zu
+sich.
+
+Aber es war fast, als habe der Vater die Gedanken seines Sohnes erraten,
+denn als er schon auf der Schwelle stand, um hinauszugehen, hielt er inne
+und wendete sich zu ihm. »Da du nicht mit Mutter und mir in die Kirche
+gehen willst,« sagte er, »so sollst du wenigstens daheim die Predigt lesen.
+Willst du mir das versprechen?«
+
+»Ja,« antwortete der Junge, »das kann ich schon.« Aber er dachte natürlich,
+er werde gewiß nicht mehr lesen, als ihm behagte.
+
+Dem Jungen kam es vor, als ob seine Mutter sich noch nie so rasch bewegt
+hätte. In einem Nu war sie am Bücherbrett, nahm Luthers Postille herunter,
+schlug die Predigt vom Tage auf und legte das Buch auf den Tisch am
+Fenster. Sie schlug auch das Evangelienbuch auf und legte es neben die
+Postille. Schließlich rückte sie noch den großen Lehnstuhl an den Tisch,
+der im vorigen Jahr auf der Auktion im Pfarrhause zu Vemmenhög gekauft
+worden war und in dem sonst außer Vater niemand sitzen durfte.
+
+Der Junge dachte, die Mutter mache sich wirklich zu viel Mühe mit diesen
+Vorbereitungen, denn er hatte im Sinne, nicht mehr als eine oder zwei
+Seiten zu lesen. Aber zum zweiten Male war es, als ob der Vater ihm mitten
+ins Herz sehen könnte, denn er trat zu ihm und sagte in strengem Ton: »Gib
+wohl acht, daß du ordentlich liest! Wenn wir zurückkommen, werde ich dich
+über jede Seite ausfragen, und wenn du etwas übergangen hast, geht es dir
+schlecht.«
+
+»Die Predigt hat vierzehn und eine halbe Seite,« sagte die Mutter, als
+wollte sie das Maß feststellen. »Du mußt dich gleich daran machen, wenn du
+fertig werden willst.«
+
+Damit gingen sie endlich, und als der Junge unter der Tür stand und ihnen
+nachsah, war ihm, als sei er in einer Falle gefangen worden. »Jetzt
+wünschen sie sich Glück, daß sie es so gut eingerichtet haben, und daß ich,
+so lange sie weg sind, über der Predigt sitzen muß,« dachte er.
+
+Aber der Vater und die Mutter wünschten sich sicherlich nicht Glück,
+sondern sie waren ganz betrübt. Sie waren arme Kätnerleute, und ihr Gütchen
+war nicht größer als ein Garten. Als sie hierhergezogen waren, hatten sie
+nicht mehr als ein Schwein und ein paar Hühner füttern können; aber sie
+waren außerordentlich strebsame und tüchtige Leute, und jetzt hatten sie
+auch Kühe und Gänse. Sie waren ungeheuer vorwärts gekommen und wären an dem
+schönen Morgen ganz froh und zufrieden in die Kirche gewandert, wenn sie
+nicht immer an ihren Jungen hätten denken müssen. Der Vater klagte, daß er
+so träg und faul sei, in der Schule habe er nicht lernen wollen, und er sei
+ein solcher Taugenichts, daß man ihn mit knapper Not zum Gänsehüten
+gebrauchen könne. Die Mutter konnte nichts dagegen sagen, aber sie war
+hauptsächlich betrübt, weil er so wild und böse war, hartherzig gegen die
+Tiere und boshaft gegen die Menschen.
+
+»Ach, wenn Gott ihm doch die Bosheit austreiben und ihm ein andres Herz
+geben würde!« seufzte die Mutter. »Er bringt schließlich noch sich selbst
+und uns ins Unglück.«
+
+Der Junge überlegte lange, ob er die Predigt lesen solle oder nicht. Aber
+schließlich hielt er es doch fürs beste, diesmal folgsam zu sein. Er setzte
+sich also in den Pfarrhauslehnstuhl und begann zu lesen. Aber als er eine
+Weile die Wörter halblaut vor sich hingeplappert hatte, war es, als
+schläfre ihn das Gemurmel ein, und er fühlte, daß er einnickte.
+
+Draußen war das herrlichste Frühlingswetter. Es war zwar erst der
+zwanzigste März, aber der Junge wohnte weit drunten im südlichen Schonen,
+im Dorfe Westvemmenhög, und da war der Frühling schon in vollem Gange. Die
+Bäume waren zwar noch nicht grün, aber überall sproßten frische Knospen
+hervor. Alle Gräben standen voll Wasser, der Huflattich blühte am
+Grabenrande, und das Gesträuch, das auf dem Steinmäuerchen wuchs, war braun
+und glänzend geworden. Der Buchenwald in der Ferne dehnte sich gleichsam
+und wurde zusehends dichter, und über der Erde wölbte sich ein hoher,
+blauer Himmel. Die Haustür war angelehnt, man konnte das Trillern der
+Lerchen im Zimmer hören. Die Hühner und die Gänse spazierten auf dem Hofe
+umher, und die Kühe, die die Frühlingsluft bis in den Stall hinein spürten,
+brüllten hin und wieder: »Muh, muh!«
+
+Der Junge las und nickte und kämpfte mit dem Schlafe. »Nein, ich will nicht
+schlafen,« dachte er, »sonst werde ich den ganzen Vormittag mit der Predigt
+nicht fertig.«
+
+Aber was auch der Grund sein mochte, -- er schlief dennoch ein.
+
+Er wußte nicht, ob er kurz oder lang geschlafen hatte, aber er erwachte
+von einem leichten Geräusch, das hinter seinem Rücken hörbar wurde. Auf dem
+Fensterbrett, gerade vor ihm, stand ein kleiner Spiegel, in dem man fast
+die ganze Stube überschauen konnte. In dem Augenblick nun, wo der Junge den
+Kopf aufrichtete, fiel sein Blick in den Spiegel, und da sah er, daß der
+Deckel von Mutters Truhe aufgeschlagen war.
+
+Mutter besaß eine große, schwere eichene Truhe mit eisernen Beschlägen, die
+außer ihr niemand öffnen durfte. Darin verwahrte sie alles, was sie von
+ihrer Mutter geerbt hatte und was ihr besonders ans Herz gewachsen war. Da
+drinnen lagen einige altmodische Bauerntrachten aus rotem Tuch mit kurzen
+Leibchen und gefältelten Röcken und perlenbestickten Bruststücken. Auch
+weiße gestärkte Kopftücher und schwere silberne Schnallen und Ketten waren
+darin. Die Leute wollten solche Sachen jetzt nicht mehr tragen, und Mutter
+hatte schon wiederholt daran gedacht, sie zu verkaufen, hatte das aber doch
+nie übers Herz gebracht.
+
+Jetzt sah der Junge im Spiegel ganz deutlich, daß der Deckel der Truhe
+offen stand. Er konnte nicht begreifen, wie das zugegangen war, denn Mutter
+hatte, bevor sie fortging, den Deckel zugemacht. Das wäre Mutter nicht
+passiert, daß sie die Truhe offen gelassen hätte, wenn er allein zu Hause
+blieb.
+
+Es wurde ihm ganz unheimlich zumute. Er fürchtete, ein Dieb könnte sich
+hereingeschlichen haben, und wagte nicht, sich zu rühren, sondern saß ganz
+still und starrte in den Spiegel hinein.
+
+Während er so dasaß und wartete, daß der Dieb sich zeige, begann er sich zu
+fragen, was das wohl für ein schwarzer Schatten sei, der auf den Rand der
+Truhe fiel. Er sah und sah und wollte seinen Augen nicht trauen. Aber was
+dort im Anfang einem Schatten geglichen hatte, wurde immer deutlicher, und
+bald merkte er, daß es etwas Wirkliches war; und es war in der Tat nichts
+andres als ein Wichtelmännchen, das rittlings auf dem Rande der Truhe saß.
+
+Der Junge hatte wohl schon von Wichtelmännchen reden hören, aber er hatte
+sich nie gedacht, daß sie so klein sein könnten. Das Wichtelmännchen, das
+dort auf dem Rande saß, war ja nur eine Spanne lang. Es hatte ein altes,
+runzliges, bartloses Gesicht und trug einen schwarzen Rock mit langen
+Schößen, Kniehosen und einen breitrandigen schwarzen Hut. Es sah sehr
+zierlich und fein aus, mit weißen Spitzen um den Hals und um die
+Handgelenke, Schnallen an den Schuhen und die Strumpfbänder in eine
+Schleife gebunden. Jetzt eben hatte es einen gestickten Brustlatz aus der
+Truhe herausgenommen und betrachtete die alte Arbeit mit solcher Andacht,
+daß es das Erwachen des Jungen gar nicht bemerkt hatte.
+
+Der Junge war äußerst verdutzt, als er das Wichtelmännchen sah; aber
+eigentlich Angst hatte er nicht vor ihm. Vor einem so kleinen Geschöpf
+konnte man sich unmöglich fürchten. Und da das Wichtelmännchen von seinem
+eignen Tun so hingenommen war, daß es weder hörte noch sah, bekam der Junge
+sogleich große Lust, ihm einen Streich zu spielen, es in die Truhe
+hineinzustoßen und den Deckel zuzuschlagen, oder etwas Ähnliches.
+
+Aber das Wichtelmännchen mit den Händen anzurühren, das getraute sich der
+Junge doch nicht; und deshalb sah er sich nach etwas im Zimmer um, womit er
+ihm einen Stoß versetzen könnte. Er ließ die Blicke vom Kanapee nach dem
+Klapptisch und vom Klapptisch nach dem Herd wandern. Er musterte die
+Kochtöpfe und die Kaffeekanne, die auf einem Brett neben dem Herde standen,
+den Wasserkrug neben der Tür, und die Löffel, die Messer und Gabeln und die
+Schüsseln und Teller, die durch die halbgeöffnete Schranktür sichtbar
+waren. Er sah hinauf zu Vaters Flinte, die neben dem dänischen Königspaar
+an der Wand hing, und nach den Pelargonien und Fuchsien, die auf dem
+Fensterbrett blühten. Ganz zuletzt fiel sein Blick auf ein altes
+Fliegennetz, das am Fensterkreuz hing.
+
+Kaum hatte er das Fliegennetz erblickt, als er es auch schon zu sich
+heranzog und das Netz nach dem Truhenrande schwang. Und er war ganz
+überrascht über sein Glück. Er wußte beinahe selbst nicht, wie es
+zugegangen war, -- aber er hatte das Wichtelmännchen wirklich gefangen. Der
+arme Kerl lag, den Kopf nach unten, in dem langen Netze und konnte sich
+nicht mehr heraushelfen.
+
+Im ersten Augenblick wußte der Junge gar nicht, was er mit seinem Fang tun
+solle. Er schwang nur immer das Netz sorglich hin und her, damit das
+Wichtelmännchen keine Zeit bekomme, herauszuklettern.
+
+Jetzt begann das Wichtelmännchen zu sprechen; es bat und flehte um seine
+Freiheit und sagte, es habe der Familie seit vielen Jahren viel Gutes getan
+und wäre wirklich einer besseren Behandlung wert. Wenn der Junge es
+loslasse, wolle es ihm einen alten Speziestaler geben sowie eine silberne
+Kette und eine Goldmünze, die so groß sei wie der Deckel an der silbernen
+Uhr seines Vaters.
+
+Dem Jungen kam zwar das Lösegeld nicht gerade groß vor; aber seit er das
+Wichtelmännchen in seiner Gewalt hatte, fürchtete er sich gewissermaßen vor
+ihm. Er fühlte, daß er sich in etwas eingelassen hatte, was fremd und
+unheimlich war und nicht in diese Welt gehörte; deshalb war er nur sehr
+froh, es loszuwerden.
+
+Er ging also schnell auf das Angebot ein und hielt das Netz still, damit
+das Wichtelmännchen herauskriechen könne. Als dieses aber beinahe aus dem
+Netz heraus war, fiel dem Jungen ein, daß er sich größere Dinge und alles
+mögliche Gute hätte ausbedingen können. Jedenfalls hätte er die Bedingung
+stellen können, daß ihm das Wichtelmännchen die Predigt in den Kopf zaubern
+müsse. »Wie dumm von mir, daß ich es freiließ,« dachte er und begann das
+Netz aufs neue hin und her zu schwingen, damit das Wichtelmännchen wieder
+hineinpurzle.
+
+Aber kaum hatte der Junge das getan, da bekam er eine fürchterliche
+Ohrfeige, daß ihm war, als zerspringe ihm der Kopf in tausend Stücke. Er
+flog zuerst an die eine Wand und dann an die andre, schließlich fiel er auf
+den Boden und blieb da bewußtlos liegen.
+
+Als er wieder erwachte, war er noch in der Hütte. Von dem Wichtelmännchen
+war keine Spur mehr zu sehen. Der Truhendeckel war geschlossen, und das
+Fliegennetz hing an seinem gewöhnlichen Platz am Fenster. Wenn dem Jungen
+nicht die rechte Wange von der Ohrfeige so sehr gebrannt hätte, hätte er
+sich versucht gefühlt, alles für einen Traum zu halten. »Was aber auch
+geschehen sein mag, jedenfalls werden Vater und Mutter behaupten, daß es
+nichts gewesen sei als ein Traum,« dachte er. »Sie werden mir wegen des
+Wichtelmännchens sicher nichts von der Predigt abziehen, und es wird am
+besten sein, wenn ich mich jetzt eilig dahinter mache.«
+
+Aber als er an den Tisch ging, kam ihm etwas sehr verwunderlich vor. Das
+Zimmer konnte doch unmöglich größer geworden sein. Woher kam es denn aber,
+daß er jetzt so viel mehr Schritte machen mußte als sonst, wenn er an den
+Tisch ging? Und was war denn mit dem Stuhl? Er sah zwar nicht gerade aus,
+als sei er größer als vorher, aber der Junge mußte zuerst auf die Leiste
+zwischen den Stuhlbeinen steigen und dann vollends auf den Sitz
+hinaufklettern. Und gerade so war es auch mit dem Tisch. Er konnte nicht
+auf die Tischplatte hinaufsehen, sondern mußte auf die Armlehne des Stuhles
+steigen.
+
+»Was ist denn aber das?« sagte der Junge. »Ich glaube wahrhaftig, das
+Wichtelmännchen hat den Lehnstuhl und den Tisch und die ganze Stube
+verhext.«
+
+Die Postille lag auf dem Tische, und anscheinend war sie unverändert. Aber
+etwas Verkehrtes mußte doch daran sein, denn er konnte kein Wort lesen,
+sondern mußte erst auf das Buch selbst hinaufsteigen.
+
+Er las ein paar Zeilen, dann aber sah er zufällig auf. Dabei fiel sein
+Blick in den Spiegel, und da rief er ganz laut: »Ei sieh, da ist ja noch
+einer!«
+
+Denn im Spiegel sah er ganz deutlich einen winzig kleinen Knirps in einer
+Zipfelmütze und Lederhosen.
+
+»Der ist genau so angezogen wie ich,« sagte der Junge und schlug vor
+Verwunderung die Hände zusammen. Aber da sah er, daß der Kleine im Spiegel
+dasselbe tat.
+
+Da begann er sich an den Haaren zu ziehen, sich in den Arm zu kneifen und
+sich im Kreise zu drehen, und augenblicklich tat der Kleine im Spiegel
+dasselbe.
+
+Jetzt lief der Junge ein paarmal um den Spiegel herum, um zu sehen, ob
+vielleicht so ein kleiner Kerl hinter dem Spiegel verborgen sei, aber er
+fand niemand dahinter, und da begann er vor Schrecken am ganzen Leibe zu
+zittern. Denn jetzt begriff er, daß das Wichtelmännchen ihn selbst
+verzaubert hatte, und daß er selbst der kleine Knirps war, dessen Bild er
+im Spiegel sah.
+
+
+Die Wildgänse
+
+Der Junge wollte durchaus nicht glauben, daß er in ein Wichtelmännchen
+verwandelt worden war. »Es ist gewiß nur ein Traum und eine Einbildung,«
+dachte er. »Wenn ich ein paar Augenblicke warte, werde ich schon wieder ein
+Mensch sein.« Er stellte sich vor den Spiegel und schloß die Augen. Erst
+nach ein paar Minuten öffnete er sie wieder und erwartete nun, daß der
+Spuk vorbei sei. Aber dies war nicht der Fall, er war noch ebenso klein wie
+vorher. Sein weißes Flachshaar, die Sommersprossen auf seiner Nase, die
+Flicken auf seinen Lederhosen und das Loch im Strumpfe, alles war wie
+vorher, nur sehr, sehr verkleinert.
+
+Nein, es half nichts, wenn er auch noch so lange dastand und wartete. Er
+mußte etwas andres versuchen. O, das beste, was er tun könnte, wäre gewiß,
+das Wichtelmännchen aufzusuchen und sich mit ihm zu versöhnen!
+
+Er sprang auf den Boden hinunter und begann zu suchen. Er lugte hinter die
+Stühle und Schränke, unter das Kanapee und hinter den Herd. Er kroch sogar
+in ein paar Mauselöcher, aber das Wichtelmännchen war nicht zu finden.
+
+Während er suchte, weinte er und bat und versprach alles nur erdenkliche.
+Nie, nie wieder wolle er jemand sein Wort brechen, nie, nie mehr unartig
+sein und nie wieder über einer Predigt einschlafen!
+
+Wenn er nur seine menschliche Gestalt wieder bekäme, würde ganz gewiß ein
+ausgezeichneter, guter, folgsamer Junge aus ihm. Aber was er auch immer
+versprach, es half alles nichts.
+
+Plötzlich fiel ihm ein, daß er Mutter einmal hatte sagen hören, das
+Wichtelvolk halte sich gern im Kuhstall auf, und schnell beschloß er, auch
+dort nachzusehen, ob das Wichtelmännchen da zu finden sei. Zum Glück stand
+die Tür offen; denn er hätte das Schloß nicht selbst öffnen können, so aber
+konnte er ungehindert hinausschlüpfen.
+
+Als er in den Flur kam, sah er sich nach seinen Holzschuhen um, denn im
+Zimmer ging er natürlich auf Strümpfen. Er überlegte, wie er sich wohl mit
+den großen, schwerfälligen Holzschuhen abfinden solle, aber in diesem
+Augenblick entdeckte er auf der Schwelle ein Paar winzige Schuhe. Als er
+sah, daß das Wichtelmännchen so vorsorglich gewesen war, auch seine
+Holzschuhe zu verwandeln, wurde er ängstlicher. »Dieser Jammer soll
+offenbar lange dauern,« dachte er.
+
+Auf dem alten eichenen Brett, das vor der Haustür lag, hüpfte ein Sperling
+hin und her. Kaum erblickte dieser den Jungen, da rief er auch schon: »Seht
+doch, Nils, der Gänsehirt! Seht den kleinen Däumling! Seht doch Nils
+Holgersson Däumling!«
+
+Sogleich wendeten sich die Gänse und die Hühner nach dem Jungen um, und es
+entstand ein entsetzliches Geschrei: »Kikerikiki!« krähte der Hahn. »Das
+geschieht ihm recht! Kikerikiki! Er hat mich am Kamme gezogen!«
+
+»Ga, ga, ga, gag, das geschieht ihm recht!« riefen die Hühner, und sie
+fuhren ohne Aufhören damit fort.
+
+Die Gänse sammelten sich in einen Haufen, steckten die Köpfe zusammen und
+fragten: »Wer hat das getan? Wer hat das getan?«
+
+Aber das merkwürdige daran war, daß der Junge verstand, was sie sagten. Er
+war so verwundert darüber, daß er auf der Türschwelle stehen blieb und
+zuhörte. »Das kommt gewiß daher, daß ich in ein Wichtelmännchen verwandelt
+bin,« sagte er, »deshalb verstehe ich die Tiersprache.«
+
+Es war ihm unausstehlich, daß die Hühner mit ihrem ewigen »das geschieht
+ihm recht« gar nicht aufhören wollten. Er warf einen Stein nach ihnen und
+rief: »Haltet den Schnabel, Lumpenpack!«
+
+Aber er hatte eines vergessen. Er war jetzt nicht mehr so groß, daß die
+Hühner sich vor ihm hätten fürchten müssen. Die ganze Hühnerschar stürzte
+auf ihn zu, pflanzte sich um ihn herum auf und schrie: »Ga, ga, ga, gag! Es
+geschieht dir recht! Ga, ga, ga, gag! Es geschieht dir recht!«
+
+Der Junge versuchte ihnen zu entwischen; aber die Hühner sprangen hinter
+ihm her und schrien so laut, daß ihm beinahe Hören und Sehen verging. Er
+wäre ihnen auch wohl kaum entgangen, wenn nicht die Hauskatze daher
+gekommen wäre. Sobald die Hühner die Katze sahen, verstummten sie und
+schienen an nichts andres mehr zu denken, als fleißig in der Erde nach
+Würmern zu scharren.
+
+Der Junge lief schnell auf die Katze zu. »Liebe Mietze,« sagte er, »du
+kennst doch alle Winkel und Schlupflöcher hier auf dem Hofe? Sei lieb und
+teile mir mit, wo ich das Wichtelmännchen finden kann.«
+
+Die Katze gab ihm nicht sogleich Antwort. Sie setzte sich nieder, legte den
+Schwanz zierlich in einem Ring um die Vorderpfoten und sah den Jungen an.
+Es war eine große, schwarze Katze mit einem weißen Fleck auf der Brust. Ihr
+Fell war glatt und glänzte im Sonnenschein. Sie hatte die Krallen
+eingezogen, ihre Augen waren gleichmäßig grau mit nur einem kleinen,
+schmalen Schlitz in der Mitte. Die Katze sah durch und durch gutmütig aus.
+
+»Ich weiß allerdings, wo das Wichtelmännchen wohnt,« sagte sie mit
+freundlicher Stimme. »Aber damit ist nicht gesagt, daß ich es dir sagen
+werde.«
+
+»Liebe, liebe Mietze, du mußt mir helfen,« sagte der Junge. »Siehst du
+nicht, wie es mich verzaubert hat?«
+
+Die Katze öffnete ihre Augen ein klein wenig, so daß die grüne Bosheit
+herausschien. Sie spann und schnurrte vor Vergnügen, ehe sie antwortete.
+»Soll ich dir vielleicht jetzt helfen, weil du mich so oft am Schwanz
+gezogen hast?« sagte sie schließlich.
+
+Da wurde der Junge böse; er vergaß ganz, wie klein und ohnmächtig er jetzt
+war. »Ich kann dich ja noch einmal am Schwanz ziehen, jawohl,« sagte er und
+sprang auf die Katze los.
+
+In demselben Augenblick aber war diese so verändert, daß der Junge sie kaum
+noch für dasselbe Tier halten konnte. Sie hatte den Rücken gekrümmt -- die
+Beine waren länger geworden, sie kratzte sich mit den Krallen im Nacken,
+der Schwanz war kurz und dick, die Ohren legten sich zurück, das Maul
+fauchte, und die Augen standen weit offen und funkelten in roter Glut.
+
+Der Junge wollte sich von einer Katze nicht erschrecken lassen und trat
+noch einen Schritt näher. Aber da machte die Katze einen Satz, ging gerade
+auf den Jungen los, warf ihn um und stellte ihm mit weitaufgesperrtem Maul
+die Vorderbeine auf die Brust.
+
+Der Junge fühlte, wie ihm ihre Klauen durch die Weste und das Hemd in die
+Haut eindrangen und wie die scharfen Eckzähne ihm den Hals kitzelten. Da
+begann er aus Leibeskräften um Hilfe zu schreien.
+
+[Illustration]
+
+Aber es kam niemand, und er glaubte schon sicher, seine letzte Stunde hätte
+geschlagen. Da fühlte er, daß die Katze die Krallen einzog und seinen Hals
+losließ.
+
+»So,« sagte sie, »jetzt will ich es genug sein lassen. Für diesmal magst du
+meiner guten Hausmutter zuliebe mit der Angst davonkommen. Ich wollte nur,
+daß du wüßtest, wer von uns beiden der Stärkere ist.«
+
+Damit ging die Katze ihrer Wege und sah eben so sanft und fromm aus wie
+vorher, als sie gekommen war. Der Junge schämte sich so, daß er kein Wort
+sagen konnte; er lief deshalb eiligst in den Kuhstall hinein, das
+Wichtelmännchen zu suchen.
+
+Es waren nur drei Kühe im Stalle. Aber als der Junge eintrat, begannen sie
+alle zu brüllen und einen solchen Spektakel zu machen, daß man hätte meinen
+können, es seien wenigstens dreißig.
+
+»Muh, muh, muh!« brüllte Majros. »Es ist doch gut, daß es noch eine
+Gerechtigkeit auf der Welt gibt.«
+
+»Muh, muh, muh!« riefen alle drei auf einmal. Der Junge konnte nicht
+verstehen, was sie sagten, so wild schrieen sie durcheinander.
+
+Er wollte nach dem Wichtelmännchen fragen, aber er konnte sich kein Gehör
+verschaffen, weil die Kühe in vollem Aufruhr waren. Sie betrugen sich genau
+so, als wäre ein fremder Hund zu ihnen hereingebracht worden, schlugen mit
+den Hinterfüßen aus, rasselten an ihren Halsketten, wendeten die Köpfe
+rückwärts und stießen mit den Hörnern.
+
+»Komm nur her!« sagte Majros. »Dann geb' ich dir einen Stoß, den du nicht
+so bald wieder vergessen wirst.«
+
+»Komm her!« sagte Gull-Lilja. »Dann lasse ich dich auf meinen Hörnern
+reiten.«
+
+»Komm nur, komm, dann sollst du erfahren, wie es mir geschmeckt hat, wenn
+du mir deinen Holzschuh auf den Rücken warfst, was du immer tatest!« sagte
+Stern.
+
+»Ja, komm nur her, dann werde ich dich für die Wespen bezahlen, die du mir
+ins Ohr gesetzt hast!« schrie Gull-Lilja.
+
+Majros war die älteste und klügste von den dreien, und sie war am
+zornigsten. »Komm nur,« sagte sie, »daß ich dich für die vielen Male
+bezahlen kann, wo du den Melkschemel unter deiner Mutter weggezogen hast,
+sowie für jedes Mal, wo du ihr einen Fuß stelltest, wenn sie mit dem
+Melkeimer daherkam, und für alle Tränen, die sie hier über dich geweint
+hat.«
+
+Der Junge wollte ihnen sagen, wie sehr er sein schlechtes Betragen bereue
+und daß er von jetzt an immer artig sein werde, wenn sie ihm nur sagten, wo
+das Wichtelmännchen zu finden wäre. Aber die Kühe hörten gar nicht auf ihn;
+sie brüllten so laut, daß er Angst bekam, es könne sich schließlich eine
+von ihnen losreißen, und so hielt er es fürs beste, sich aus dem Kuhstalle
+davonzuschleichen.
+
+Als der Junge wieder auf den Hof kam, war er ganz mutlos. Er sah ein, daß
+ihm auf dem ganzen Hofe bei seiner Suche nach dem Wichtelmännchen niemand
+beistehen wollte. Und wahrscheinlich würde ihm auch das Wichtelmännchen,
+selbst wenn er es fände, wenig helfen.
+
+Er kroch auf das breite Steinmäuerchen, das das ganze Gütchen umgab und das
+mit Weißdorn und Brombeerranken überwachsen war. Dort ließ er sich nieder,
+zu überlegen, wie es werden solle, wenn er seine menschliche Gestalt nicht
+mehr erlangte. Wenn nun Vater und Mutter von der Kirche heimkämen, würden
+sie sich baß verwundern. Ja, im ganzen Lande würde man sich verwundern, und
+die Leute würden daherkommen von Ost-Vemmenhög und von Torp und von Skurup,
+ja, aus dem ganzen Vemmenhöger Bezirk würden sie zusammenkommen, ihn
+anzuschauen. Und wer weiß, vielleicht würden die Eltern ihn sogar
+mitnehmen, ihn auf den Märkten zu zeigen.
+
+Ach, es war zu schrecklich, nur daran zu denken! Da wäre es ihm schließlich
+noch am liebsten, wenn ihn nur kein Mensch mehr zu sehen bekäme!
+
+Ach, wie unglücklich war er doch! Auf der weiten Welt war gewiß noch nie
+ein Mensch so unglücklich gewesen wie er. Er war kein Mensch mehr, sondern
+ein verhexter Zwerg.
+
+Er begann allmählich zu verstehen, was das heißen wollte, kein Mensch mehr
+zu sein. Von allem war er nun geschieden; er konnte nicht mehr mit andern
+Jungen spielen, konnte niemals das Gütchen von seinen Eltern übernehmen,
+und es war ganz und gar ausgeschlossen daß sich je ein Mädchen entschließen
+würde, ihn zu heiraten.
+
+Er betrachtete seine Heimat. Es war ein kleines weiß angestrichnes
+Bauernhaus, das mit seinem hohen, steilen Strohdach wie in die Erde
+hineingedrückt aussah. Die Wirtschaftsgebäude waren auch klein und die
+Äckerchen so winzig, daß ein Pferd sich kaum darauf hätte umdrehen können.
+Aber so klein und arm das Ganze auch war, es war doch noch viel zu gut für
+ihn. Er konnte keine bessere Wohnung verlangen als ein Loch unter dem
+Scheunenboden.
+
+Es war wunderschönes Wetter, rings um ihn her murmelte und knospte und
+zwitscherte es. Aber ihm war das Herz schwer. Nie wieder würde er sich über
+etwas freuen können. Er meinte, den Himmel noch nie so dunkelblau gesehen
+zu haben wie an diesem Tage. Zugvögel kamen dahergeflogen. Sie kamen vom
+Auslande, waren über die Ostsee gerade auf Smygehuk zugesteuert und waren
+jetzt auf dem Wege nach Norden. Es waren Vögel von den verschiedensten
+Arten; aber er kannte nur die Wildgänse, die in zwei langen, keilförmigen
+Reihen flogen.
+
+Schon mehrere Scharen Wildgänse waren so vorübergeflogen. Sie flogen hoch
+droben, aber er hörte doch, wie sie riefen: »Jetzt gehts auf die hohen
+Berge! Jetzt gehts auf die hohen Berge!«
+
+Sobald die Wildgänse die zahmen Gänse sahen, die auf dem Hofe umherliefen,
+senkten sie sich herab und riefen: »Kommt mit, kommt mit! Jetzt gehts auf
+die hohen Berge!«
+
+Die zahmen Gänse reckten unwillkürlich die Hälse und horchten, antworteten
+dann aber verständig: »Es geht uns hier ganz gut! Es geht uns hier ganz
+gut!«
+
+Es war, wie gesagt, ein überaus schöner Tag, und die Luft war so frisch und
+leicht, daß es ein Vergnügen sein mußte, darin zu fliegen. Und mit jeder
+neuen Schar Wildgänse, die vorüberflog, wurden die zahmen Gänse
+aufgeregter. Ein paarmal schlugen sie mit den Flügeln, als hätten sie große
+Lust, mitzufliegen. Aber jedesmal sagte eine alte Gänsemutter: »Seid nicht
+verrückt, Kinder, das hieße so viel als hungern und frieren.«
+
+Bei einem jungen Gänserich hatten die Zurufe ein wahres Reisefieber
+erweckt. »Wenn noch eine Schar kommt, fliege ich mit!« rief er.
+
+Jetzt kam eine neue Schar und rief wie die andern. Da schrie der junge
+Gänserich: »Wartet, wartet, ich komme mit!« Er breitete seine Flügel aus
+und hob sich empor. Aber er war des Fliegens zu ungewohnt und fiel wieder
+auf den Boden zurück.
+
+Die Wildgänse mußten jedenfalls seinen Ruf gehört haben. Sie wendeten sich
+um und flogen langsam zurück, um zu sehen, ob er mitkäme.
+
+»Wartet! Wartet!« rief er und machte einen neuen Versuch.
+
+All das hörte der Junge auf dem Mäuerchen. »Das wäre sehr schade, wenn der
+große Gänserich fortginge,« dachte er; »Vater und Mutter würden sich
+darüber grämen, wenn er bei ihrer Rückkehr nicht mehr da wäre.«
+
+Während er dies dachte, vergaß er wieder ganz, daß er klein und ohnmächtig
+war. Er sprang von dem Mäuerchen hinunter, lief mitten in die Gänseschar
+hinein und umschlang den Gänserich mit seinen Armen. »Das wirst du schön
+bleiben lassen, von hier wegzufliegen, hörst du!« rief er.
+
+Aber gerade in diesem Augenblick hatte der Gänserich herausgefunden, wie er
+es machen müsse, um vom Boden fortzukommen. In seinem Eifer nahm er sich
+nicht die Zeit, den Jungen abzuschütteln; dieser mußte mit in die Luft
+hinauf.
+
+Es ging so schnell aufwärts, daß es dem Jungen schwindlig wurde. Ehe er
+sich klar machen konnte, daß er den Hals des Gänserichs loslassen müßte,
+war er schon so hoch droben, daß er sich totgefallen hätte, wenn er jetzt
+hinuntergestürzt wäre.
+
+Das einzige, was er unternehmen konnte, um in eine etwas bequemere Lage zu
+kommen, war ein Versuch, auf den Rücken des Gänserichs zu klettern. Und er
+kletterte wirklich hinauf, wenn auch mit großer Mühe. Aber es war gar nicht
+leicht, sich auf dem glatten Rücken zwischen den beiden schwingenden
+Flügeln festzuhalten. Er mußte mit beiden Händen tief in die Federn und den
+Flaum hineingreifen, um nicht hintüber zu fallen.
+
+
+Das gewürfelte Tuch
+
+Dem Jungen war es so wirr im Kopfe, daß er lange nichts von sich wußte. Die
+Luft pfiff und sauste ihm entgegen, die Flügel neben ihm bewegten sich, und
+in den Federn brauste es wie ein ganzer Sturm. Dreizehn Gänse flogen um ihn
+her, alle schlugen mit den Flügeln und schnatterten. Es schwirrte ihm vor
+den Augen, und es sauste ihm in den Ohren; er wußte nicht, ob sie hoch oder
+niedrig flogen, noch wohin er mitgenommen wurde.
+
+Schließlich kam er doch wieder so weit zu sich, um sich annähernd klar
+machen zu können, daß er doch erfahren müsse, wohin die Gänse mit ihm
+flogen. Aber dies war nicht so leicht, denn er wußte nicht, wo er den Mut
+hernehmen sollte, hinunterzusehen. Er war fest überzeugt, daß es ihm beim
+ersten Versuche ganz schwindlig werden würde. Seinetwegen flogen sie auch
+etwas langsamer als gewöhnlich.
+
+Als der Junge schließlich aber doch hinuntersah, meinte er, unter sich ein
+großes Tuch ausgebreitet zu sehen, das in eine unglaubliche Menge großer
+und kleiner Vierecke eingeteilt war.
+
+»Wohin bin ich denn gekommen?« fragte er sich.
+
+Er sah nichts weiter als Viereck an Viereck. Die einen waren überzwerch,
+die andern länglich, aber überall waren Ecken und gerade Ränder. Nichts war
+rund, nichts gebogen.
+
+»Was ist denn das da unten für ein großes gewürfeltes Tuch?« sagte der
+Junge vor sich hin, ohne von irgend einer Seite eine Antwort zu erwarten.
+
+Aber die Wildgänse um ihn her riefen sogleich: »Äcker und Wiesen! Äcker und
+Wiesen!«
+
+Da begriff der Junge, daß das große gewürfelte Tuch, über das er hinflog,
+der flache Erdboden von Schonen war. Und er begann zu verstehen, warum es
+so gewürfelt und farbig aussah. Die hellgrünen Vierecke erkannte er zuerst,
+das waren die Roggenfelder, die im vorigen Herbst bestellt worden waren und
+sich unter dem Schnee grün erhalten hatten. Die gelbgrauen Vierecke waren
+die Stoppelfelder, wo im vorigen Sommer Frucht gewachsen war, die
+bräunlichen waren alte Kleeäcker und die schwarzen leere Weideplätze oder
+ungepflügtes Brachfeld. Die braunen Vierecke mit einem gelben Rand waren
+sicherlich die Buchenwälder, denn da sind die großen Bäume, die mitten im
+Walde wachsen, im Winter entlaubt, während die jungen Buchen am Waldessaum
+ihre vergilbten Blätter bis zum Frühjahr behalten. Es waren auch dunkle
+Vierecke da mit etwas Grauem in der Mitte. Das waren die großen viereckig
+gebauten Höfe mit den geschwärzten Strohdächern und den gepflasterten
+Hofplätzen. Und dann wieder waren Vierecke da, die in der Mitte grün waren
+und einen braunen Rand hatten. Das waren die Gärten, wo die Rasenplätze
+schon grünten, während das Buschwerk und die Bäume, die sie umgaben, noch
+in der nackten braunen Rinde dastanden.
+
+Der Junge mußte unwillkürlich lachen, als er sah, wie gewürfelt alles
+aussah.
+
+Aber als die Wildgänse ihn lachen hörten, riefen sie wie strafend:
+»Fruchtbares, gutes Land! Fruchtbares, gutes Land!«
+
+Der Junge war schon wieder ernst geworden. »Daß du lachen kannst,« dachte
+er, »du, dem das Allerschrecklichste widerfahren ist, was einem Menschen
+begegnen kann.«
+
+Er war eine Weile sehr ernst, aber bald mußte er wieder lachen.
+
+Nachdem er sich an diese Art des Reisens gewöhnt hatte, so daß er wieder an
+etwas andres denken konnte als daran, wie er sich auf dem Gänserücken
+erhalten solle, bemerkte er, daß viele Vogelscharen durch die Lüfte
+dahinflogen, die alle dem Norden zustrebten. Und es war ein Schreien und
+Schnattern von Schar zu Schar.
+
+»So -- ihr seid heute auch herübergekommen!« schrieen einige.
+
+»Jawohl,« antworteten die Gänse. »Was haltet ihr vom Frühling?«
+
+»Noch nicht ein Blatt auf den Bäumen und kaltes Wasser in den Seen!«
+erklang die Antwort.
+
+Als die Gänse über einen Ort hinflogen, wo zahmes Federvieh umherlief,
+riefen sie: »Wie heißt der Hof?«
+
+[Illustration: Das gewürfelte Tuch (Zu Seite 12)]
+
+Da reckte der Hahn den Kopf in die Höhe und antwortete: »Der Hof heißt
+Kleinfeld, heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!«
+
+Die meisten Häuser hießen wohl nach ihren Besitzern, wie es in Schonen
+Sitte ist, aber anstatt zu sagen: »Dieser Hof gehört Per Matsson und jener
+Ole Rasson,« gaben die Hähne ihnen den Namen, der ihnen selbst am
+passendsten erschien. Wenn sie auf einem armen Gütchen oder Kätnerhäuschen
+wohnten, riefen sie: »Dieser Hof heißt >Körnerlos<!« Und von den
+allerärmlichsten schrieen sie: »Dieser Hof heißt >Frißwenig! Frißwenig<!«
+
+Die großen, reichen Bauernhöfe bekamen große Namen von den Hähnen, zum
+Beispiel: Glückshof, Eierberg oder Talerhaus!
+
+Aber die Hähne auf den Herrenhöfen waren zu hochmütig, sich etwas
+Scherzhaftes auszudenken, sie krähten nur und riefen mit einer Kraft, als
+wollten sie bis in die Sonne gehört werden: »Dies ist Dybecks Herrenhof!
+Heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!«
+
+Und etwas weiterhin stand einer, der rief: »Dies ist Swaneholm, das sollte
+doch jedermann wissen!«
+
+Der Junge merkte, daß die Gänse nicht in gerader Linie weiter flogen. Sie
+schwebten über der ganzen südlichen Ebene hin und her, als freuten sie
+sich, wieder in Schonen zu sein, und als wollten sie jeden einzelnen Hof
+begrüßen.
+
+So kamen sie auch an einen Hof, wo mehrere große ausgedehnte Gebäude mit
+hohen Schornsteinen standen und rings umher eine Menge kleinerer Häuser.
+
+»Dies ist die Zuckerfabrik von Jordberga!« riefen die Hähne. »Dies ist die
+Zuckerfabrik von Jordberga!«
+
+Der Junge fuhr auf dem Rücken des Gänserichs zusammen. Diesen Ort hätte er
+kennen sollen. Er lag nicht weit vom Hause seiner Eltern entfernt, und im
+vorigen Jahre war er dort Gänsehirt gewesen. Aber alles sah eben ganz
+anders aus, wenn man es von oben aus betrachtete.
+
+Ei ei! Ob wohl das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, seine Kameraden vom
+vorigen Jahre, noch da waren? Und was würden sie wohl sagen, wenn sie
+wüßten, daß er hoch über ihren Köpfen dahinflog!
+
+Dann verloren sie Jordberga aus dem Gesicht und flogen nach Svedala und
+Skabersee und wieder zurück über Börringekloster und Häckeberga. Der Junge
+bekam an diesem einen Tag mehr von Schonen zu sehen als in allen übrigen
+seines Lebens vorher.
+
+Wenn die Wildgänse zahme Gänse trafen, waren sie am vergnügtesten. Dann
+flogen sie ganz langsam und riefen hinunter: »Jetzt gehts auf die hohen
+Berge! Kommt doch mit! Kommt doch mit!«
+
+Aber die zahmen Gänse antworteten: »Der Winter ist noch im Land! Ihr seid
+zu zeitig dran! Kehrt wieder um! Kehrt wieder um!«
+
+Die Wildgänse senkten sich nieder, damit die zahmen sie besser verstehen
+konnten, und riefen zurück: »Kommt mit, dann wollen wir euch Fliegen und
+Schwimmen lehren!«
+
+Aber da fühlten sich die zahmen Gänse beleidigt, und sie antworteten auch
+nicht mehr mit einem einzigen Schnattern.
+
+Aber die Wildgänse senkten sich noch tiefer hinunter, so daß sie beinahe
+die Erde berührten, und dann hoben sie sich blitzschnell in die Höhe, als
+wenn sie über etwas furchtbar erschrocken wären. »Oj, oj, oj!« riefen sie.
+»Das sind ja gar keine Gänse, es sind nur Schafe, es sind nur Schafe!«
+
+Die Gänse auf der Erde gerieten dadurch ganz außer sich und schrieen laut:
+»Wenn ihr nur totgeschossen würdet! Alle miteinander, alle miteinander!«
+
+Als der Junge dies Gezänke hörte, lachte er. Aber dann erinnerte er sich
+daran, wie sehr er sich ins Unglück gebracht hatte, und da weinte er. Aber
+nach einer kleinen Weile lachte er doch wieder.
+
+Noch nie war er so schnell vorwärts gekommen, und schnell und wild zu
+reiten, das war von jeher sein Vergnügen gewesen. Und er hätte natürlich
+nie gedacht, daß es da droben in der Luft so erfrischend sein könnte, und
+daß da ein so guter Erd- und Harzgeruch heraufdränge.
+
+Und er hatte sich auch noch nie vorgestellt, wie das wäre, wenn man hoch in
+der Luft dahinflöge. Das war ja gerade, als flöge man weit weg von seinem
+Kummer und seinen Sorgen und von allen Widerwärtigkeiten, die man sich
+denken konnte.
+
+
+
+
+2
+
+Akka von Kebnekajse
+
+Der Abend
+
+
+Der große zahme Gänserich, der mit den Wildgänsen davongeflogen war, fühlte
+sich sehr stolz, daß er über die Südebene in Gesellschaft der Wildgänse hin
+und her fliegen und mit den zahmen Vögeln Kurzweil treiben konnte. Aber so
+glücklich er auch war, das schützte ihn doch nicht davor, daß er am Mittag
+allmählich müde wurde. Er versuchte tiefer zu atmen und schneller mit den
+Flügeln zu schlagen, aber trotzdem blieb er mehrere Gänselängen hinter den
+andern zurück.
+
+Als die wilden Gänse, die ganz hinten flogen, bemerkten, daß die zahme
+nicht mehr mitkommen konnte, riefen sie der, die an der Spitze flog und den
+keilförmigen Zug führte, zu: »Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!«
+
+»Was wollt ihr von mir?« fragte die Anführerin.
+
+»Der Weiße bleibt zurück! Der Weiße bleibt zurück!«
+
+»Sagt ihm, schneller fliegen sei leichter als langsam!« rief die Anführerin
+zurück und streckte sich wie vorher.
+
+Der Gänserich versuchte es zwar, den Rat zu befolgen und seinen Flug zu
+beschleunigen, aber dadurch wurde er so ermattet, daß er bis auf die
+beschnittenen Weidenbäume, die Äcker und Wiesen einfaßten, hinuntersank.
+
+»Akka! Akka! Akka von Kebnekajse!« riefen nun wieder die hintersten Gänse,
+die sahen, wie schwer es dem Gänserich wurde.
+
+»Was wollt ihr jetzt wieder?« fragte die Anführerin und schien sehr
+ärgerlich zu sein.
+
+»Der Weiße fällt! Der Weiße fällt!«
+
+»Sagt ihm, es sei leichter, hoch zu fliegen als niedrig,« rief die
+Anführerin.
+
+Der Gänserich versuchte auch diesen Rat zu befolgen; aber als er in die
+Höhe hinaufsteigen wollte, kam er so außer Atem, daß es ihm beinahe die
+Brust zersprengte.
+
+»Akka! Akka!« riefen die hintersten.
+
+»Könnt ihr mich nicht in Ruhe fliegen lassen?« fragte die Anführerin und
+schien noch ungeduldiger als zuvor zu sein.
+
+»Der Weiße ist am Hinunterfallen! Der Weiße ist am Hinunterfallen!«
+
+»Wer nicht mit der Schar fliegen kann, der muß wieder umkehren; sagt ihm
+das!« rief die Führerin. Und es fiel ihr durchaus nicht ein, langsamer zu
+fliegen, sondern sie streckte sich wie zuvor.
+
+»Aha, so steht es also?« sagte der Gänserich. Es wurde ihm plötzlich klar,
+daß die Wildgänse ganz und gar nicht daran dachten, ihn nach Lappland
+mitzunehmen. Sie hatten ihn nur zum Spaß mitgelockt.
+
+Er fühlte sich nur darüber ärgerlich, daß ihn die Kräfte gerade jetzt
+verließen, da konnte er diesen Landstreichern nicht zeigen, daß eine zahme
+Gans auch etwas leisten konnte. Und als das ärgerlichste von allem erschien
+ihm dieses Zusammentreffen mit Akka von Kebnekajse. Obwohl er eine zahme
+Gans war, hatte er doch von einer Anführerin reden hören, die Akka heiße
+und beinahe hundert Jahre alt sei. Sie stand so hoch in Achtung, daß sich
+stets nur die besten Wildgänse an sie anschlossen. Aber niemand verachtete
+die zahmen Gänse mehr als Akka und ihre Schar, und deshalb hätte ihnen der
+Gänserich jetzt gar zu gerne gezeigt, daß er ihnen ebenbürtig sei.
+
+Er flog langsam hinter den andern drein, während er überlegte, ob er
+umdrehen oder weiterfliegen solle. Da sagte plötzlich der Knirps, den er
+auf seinem Rücken trug: »Lieber Gänserich Martin! Du wirst doch einsehen,
+daß einer, der noch nie geflogen ist, unmöglich mit den Wildgänsen bis nach
+Lappland hinauf fliegen kann. Wäre es da nicht besser, du drehtest um, ehe
+du dich zugrunde richtest?«
+
+Aber dieser kleine Knirps da auf seinem Rücken war dem Gänserich noch das
+unangenehmste von allem, und kaum hatte er verstanden, daß der Kleine ihm
+die Kraft zu der Reise nicht zutraute, als er auch schon beschloß, dabei zu
+bleiben.
+
+»Wenn du noch ein Wort darüber sagst, werfe ich dich in die erste
+Mergelgrube, über die wir hinfliegen,« sagte er. Und vor lauter Zorn
+wuchsen ihm die Kräfte derart, daß er fast ebensogut fliegen konnte wie die
+andern.
+
+Lange hätte er freilich so nicht mehr fortmachen können; aber es war auch
+nicht nötig, denn jetzt sank die Schar schnell abwärts, und gerade bei
+Sonnenuntergang schossen die Gänse jäh hinunter. Ehe der Junge und der
+Gänserich es ahnten, waren sie am Strande von Vombsee.
+
+»Hier soll wohl übernachtet werden,« dachte der Junge und sprang vom Rücken
+des Gänserichs hinunter.
+
+Er stand auf einem schmalen, sandigen Ufer, und vor ihm lag ein ziemlich
+großer See. Aber der See machte einen häßlichen Eindruck. Er war fast ganz
+mit Eis bedeckt, das schwarz und uneben und voller Risse und Löcher war,
+wie das im Frühling zu sein pflegt. Lange konnte es mit dem Eise nicht mehr
+dauern, es war schon vom Ufer abgetrennt und hatte rundherum einen breiten
+Gürtel von schwarzem, glänzendem Wasser. Aber das Eis war doch noch da und
+verbreitete Kälte und winterliches Unbehagen.
+
+Auf der andern Seite des Sees schien freundliches, angebautes Land zu sein;
+aber wo die Gänse sich niedergelassen hatten, lag eine große
+Tannenschonung. Und es sah aus, als ob der Tannenwald die Macht hätte, den
+Winter an sich zu fesseln. Überall sonst war die Erde frei von Schnee, aber
+unter den riesigen Tannen lag er noch dicht; er war geschmolzen und wieder
+gefroren, geschmolzen und wieder gefroren, so daß er jetzt hart wie Eis
+war.
+
+Dem Jungen war es, als sei er in eine winterliche Einöde gekommen, und es
+wurde ihm so bänglich zumut, daß er am liebsten laut geweint hätte.
+
+Er war sehr hungrig, denn er hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Aber wo
+hätte er etwas zu essen hernehmen sollen? Im März wächst weder auf den
+Bäumen noch auf den Feldern etwas Eßbares.
+
+Ja, wo sollte er etwas zu essen hernehmen? Und wer würde ihm Obdach
+gewähren? Wer ihm ein Bett richten? Wer ihn an seinem Feuer niedersitzen
+lassen und wer ihn vor den Wildgänsen beschützen?
+
+Denn jetzt war die Sonne untergegangen, und nun wehte es kalt vom See
+herüber; die Dunkelheit senkte sich vom Himmel herab, das Unbehagen schlich
+sich hinter der Dämmerung her, und im Walde begann es zu knistern und zu
+prasseln.
+
+Jetzt war es vorbei mit dem frohen Mut, der ihn beseelt hatte, solange er
+da oben durch die Lüfte dahinflog, und in seiner Angst sah er sich nach
+seinem Reisegefährten um. Er hatte ja sonst niemand, an den er sich hätte
+halten können.
+
+Da sah er, daß der Gänserich noch schlimmer daran war als er. Der lag noch
+immer auf demselben Fleck, wo er niedergesunken war, und es sah aus, als
+liege er in den letzten Zügen. Sein Hals ruhte schlaff auf der Erde, seine
+Augen waren geschlossen, und der Atem war nur noch ein schwaches Zischen.
+
+»Lieber Gänserich Martin,« sagte der Junge, »versuche einen Schluck Wasser
+zu trinken. Es sind keine zwei Schritte bis zum See.«
+
+Aber der Gänserich rührte sich nicht.
+
+Der Junge war freilich bisher gegen alle Tiere, den Gänserich nicht
+ausgenommen, recht hartherzig gewesen, aber jetzt erschien ihm dieser als
+die einzige Stütze, die er noch hatte, und er bekam große Angst, er könnte
+ihn verlieren.
+
+Er fing gleich an, ihn zu stoßen und zu schieben, um ihn zum Wasser
+hinzubringen. Das war eine harte Arbeit für den Jungen, denn der Gänserich
+war groß und schwer; aber schließlich gelang es ihm doch.
+
+Der Gänserich kam mit dem Kopfe zuerst ins Wasser hinein. Einen Augenblick
+blieb er still liegen, bald aber streckte er den Kopf heraus, schüttelte
+sich das Wasser aus den Augen und schnaubte. Dann schwamm er stolz zwischen
+das Röhricht hinein.
+
+Die Wildgänse lagen vor ihm im See. Sobald sie auf die Erde
+heruntergekommen waren, hatten sie sich ins Wasser gestürzt, ohne sich nach
+dem Gänserich oder nach dem Gänsereiter umzusehen. Sie hatten sich eifrig
+gebadet und geputzt, und jetzt schlürften sie halbverfaulte Teichlinsen und
+Wassergräser in sich hinein.
+
+Der weiße Gänserich hatte das Glück, einen kleinen Barsch zu entdecken,
+rasch ergriff er ihn, schwamm damit zum Strande hin und legte ihn vor dem
+Jungen nieder. »Das bekommst du zum Dank dafür, daß du mir ins Wasser
+hinuntergeholfen hast,« sagte er.
+
+Dies war das erste freundliche Wort, das der Junge an diesem Tage zu hören
+bekam. Er wurde so froh darüber, daß er den Gänserich am liebsten umarmt
+hätte, aber er wagte es doch nicht. Und auch über die Gabe freute er sich.
+Zuerst meinte er zwar, es sei ihm ganz unmöglich, den Fisch roh zu essen,
+dann aber bekam er doch Lust, wenigstens den Versuch zu machen.
+
+Er fühlte nach, ob er sein Messer bei sich hätte, und wirklich hing es noch
+an seinem Hosenknopf, wenn auch so verkleinert, daß es nicht größer war als
+ein Zündholz. Aber den Fisch konnte er damit immerhin abschuppen und
+reinigen; und es dauerte gar nicht lange, da war der Barsch aufgegessen.
+
+Als der Junge gesättigt war, schämte er sich eigentlich, daß er etwas Rohes
+hatte essen können. »Ich bin offenbar gar kein Mensch mehr, sondern ein
+richtiges Wichtelmännchen,« dachte er.
+
+Während der Junge den Fisch verzehrte, war der Gänserich ganz ruhig neben
+ihm stehen geblieben; aber als jener den letzten Bissen verschluckt hatte,
+sagte er mit leiser Stimme: »Wir sind unter ein recht eingebildetes
+Wildgänsevolk geraten, das alle zahmen Gänse verachtet.«
+
+»Ja, ich hab es wohl bemerkt,« erwiderte der Junge.
+
+»Es wäre freilich sehr ehrenvoll für mich, wenn ich bis nach Lappland mit
+ihnen reisen und ihnen zeigen könnte, daß auch eine zahme Gans etwas
+leisten kann.«
+
+»O jaaa,« erwiderte der Junge gedehnt, denn er traute dies dem Gänserich
+nicht zu, wollte ihm aber nicht widersprechen.
+
+»Ich glaube aber nicht, daß ich mich auf so einer Reise allein
+zurechtfinden kann,« fuhr der Gänserich fort, »deshalb möchte ich dich
+fragen, ob du nicht mitkommen und mir helfen möchtest?«
+
+Der Junge hatte natürlich nichts andres gedacht, als so schnell wie möglich
+nach Hause zurückzukehren. Er war daher über die Maßen erstaunt und wußte
+nicht, was er sagen sollte. »Ich glaubte, wir beide seien nicht gut Freund
+miteinander,« sagte er. Aber das schien der Gänserich ganz und gar
+vergessen zu haben; er erinnerte sich nur noch daran, daß der Junge ihm
+vorhin das Leben gerettet hatte.
+
+»Ich müßte eigentlich zu Vater und Mutter zurückkehren,« sagte der Junge.
+
+»O, ich werde dich schon zu rechter Zeit zu ihnen zurückbringen!« rief der
+Gänserich. »Und ich werde dich nicht verlassen, bis ich dich wieder vor
+deiner eignen Schwelle niedergesetzt habe.«
+
+Der Junge dachte, es wäre vielleicht ganz gut, wenn er seinen Eltern noch
+eine Weile nicht unter die Augen käme. Er war daher dem Vorschlag nicht
+abgeneigt und wollte gerade zustimmen, als er ein lautes Donnern hinter
+sich hörte. Die Wildgänse waren alle auf einmal aus dem See
+herausgesprungen und schüttelten jetzt das Wasser von sich ab. Dann
+ordneten sie sich, die Anführerin an der Spitze, in eine lange Reihe und
+kamen auf die beiden zu.
+
+Als der weiße Gänserich jetzt die Wildgänse betrachtete, war ihm gar nicht
+behaglich zumut. Er hatte erwartet, sie mehr den zahmen Gänsen ähnlich zu
+sehen und sich ihnen mehr verwandt zu fühlen. Aber sie waren viel kleiner
+als er, und keine von ihnen war weiß, sondern alle waren grau, an einzelnen
+Stellen ins Braune spielend. Und vor ihren Augen hätte er sich beinahe
+gefürchtet, sie waren gelb und glänzten, als ob Feuer dahinter brennte. Dem
+Gänserich war immer eingeprägt worden, es sei schicklich, langsam und
+breitspurig zu gehen, aber diese hier schienen gar nicht gehen zu können,
+ihr Gang war ein halbes Springen. Am meisten aber erschrak er, als er ihre
+Füße sah, denn die waren sehr groß und die Sohlen zertreten und zerrissen.
+Man sah wohl, daß die Wildgänse nie darauf acht gaben, wohin sie traten,
+und nie einen Umweg machten. Sonst waren sie sehr zierlich und ordentlich,
+aber an ihren Füßen konnte man sie als arme Landstreicher erkennen.
+
+Der Gänserich konnte dem Jungen gerade noch zuflüstern: »Rede nur keck von
+der Leber weg, aber sage nichts davon, daß du ein Mensch bist,« da waren
+auch die Gänse schon bei ihnen angelangt.
+
+Sie blieben vor den beiden stehen und nickten viele Male mit dem Halse, und
+der Gänserich tat dasselbe, nur noch viel öfter. Sobald es des Grüßens
+genug war, sagte die Anführerin: »Jetzt sollten wir wohl erfahren, was ihr
+für Leute seid?«
+
+»Von mir ist nicht viel zu sagen,« begann der Gänserich. »Ich bin im
+vorigen Jahre in Skanör geboren. Im Herbst wurde ich an Holger Nilsson von
+Westvemmenhög verkauft, und dort bin ich bis jetzt gewesen.«
+
+»Du scheinst keine Familie zu haben, auf die du stolz sein könntest,« sagte
+die Anführerin. »Woher kommt es dann, daß du so keck bist, dich mit den
+Wildgänsen einzulassen?«
+
+»Vielleicht, um euch wilden Gänsen zu zeigen, daß auch wir zahmen etwas
+leisten können,« antwortete der Gänserich.
+
+»Ja, das wäre gut, wenn du uns das zeigen könntest,« sagte die Anführerin.
+»Wir haben nun schon gesehen, wie du fliegen kannst, aber möglicherweise
+bist du in andrer Hinsicht tüchtiger. Bist du stark im Dauerschwimmen?«
+
+»O nein, dessen kann ich mich nicht rühmen,« antwortete der Gänserich; er
+glaubte zu merken, daß die Anführerin schon entschlossen war, ihn nach
+Hause zurückzuschicken, und es war ihm deshalb gleichgültig, was er
+antwortete. »Ich bin noch nie weiter geschwommen, als quer über eine
+Mergelgrube,« fuhr er fort.
+
+»Dann erwarte ich, daß du ein Meister im Springen bist.«
+
+»Noch niemals habe ich eine zahme Gans springen sehen,« antwortete der
+Gänserich und machte damit seine Sache noch schlimmer.
+
+Der große weiße Gänserich war nun ganz sicher, daß die Anführerin ihn
+unter keiner Bedingung mitnehmen werde. Er war deshalb höchst erstaunt, als
+sie sagte: »Du beantwortest die an dich gestellten Fragen ja recht mutig,
+und wer Mut hat, kann ein guter Reisegefährte sein, wenn er auch im Anfang
+ungewandt ist. Hättest du nicht Lust, ein paar Tage bei uns zu bleiben,
+damit wir sehen können, was du leisten kannst?«
+
+»Das ist mir sehr angenehm,« erwiderte der Gänserich äußerst vergnügt.
+
+Hierauf streckte die Anführerin den Schnabel aus und sagte: »Aber wen hast
+du denn da bei dir? So einen habe ich noch nie gesehen.«
+
+»Es ist mein Gefährte,« sagte der Gänserich. »Er ist sein Lebetag Gänsehirt
+gewesen und kann uns möglicherweise auf der Reise nützlich sein.«
+
+»Ja, für eine zahme Gans mag das ganz gut sein,« antwortete die wilde. »Wie
+heißt er?«
+
+»Er hat verschiedene Namen,« sagte der Gänserich zögernd. Er wußte nicht,
+wie er sich aus der Klemme ziehen sollte, denn er wollte nicht verraten,
+daß der Junge einen menschlichen Namen hatte. »Ach, er heißt Däumling,«
+sagte er plötzlich.
+
+»Ist er aus dem Geschlecht der Wichtelmännchen?« fragte die Anführerin.
+
+»Um welche Tageszeit geht ihr Wildgänse schlafen?« fragte der Gänserich
+hastig und versuchte so um die Antwort auf die letzte Frage herumzukommen.
+»Um diese Zeit fallen mir immer die Augen von selbst zu.«
+
+Man sah wohl, daß die Gans, die mit dem Gänserich sprach, sehr alt sein
+mußte. Ihr ganzes Federkleid war eisgrau, ohne dunkle Streifen. Ihr Kopf
+war größer, ihre Beine gröber und ihre Füße mehr zertreten als die der
+andern. Die Federn waren steif, die Schultern knochig, der Hals mager.
+Alles dies kam vom Alter. Nur ihren Augen hatte dieses noch nichts
+anzuhaben vermocht, sie glänzten heller und sahen jünger aus als die Augen
+aller andern.
+
+Jetzt wendete sie sich sehr feierlich an den Gänserich. »So wisse denn,
+Gänserich, daß ich Akka von Kebnekajse bin, und die Gans, die zu meiner
+Rechten fliegt, ist Yksi von Vassijaure, und die zu meiner Linken ist Kaksi
+von Nuolja. Wisse auch, daß die zweite rechts Kolme von Sarjektjåkko und
+die zweite links Neljä von Svappavaara ist, und daß hinter ihnen Viisi von
+Oviksfjällen und Kuusi von Sjangeli sind. Und wisse auch, daß die sechs
+jungen Gänse, die ganz zuletzt kommen, drei rechts, drei links, ebenfalls
+Hochlandwildgänse aus den besten Familien sind. Du darfst uns nicht für
+Landstreicher halten, die mit jedem, der ihnen in den Weg kommt,
+Kameradschaft schließen, und du darfst nicht glauben, daß wir mit jemand
+unsre Schlafstelle teilen, der nicht sagen will, aus welchem Geschlecht er
+stammt.«
+
+Als die Anführerin Akka auf diese Weise sprach, trat der Junge hastig vor.
+Es hatte ihn betrübt, daß der Gänserich, der so keck für sich selbst
+gesprochen hatte, so ausweichende Antworten gab, als es sich um ihn
+handelte.
+
+»Ich will nicht geheim halten, wer ich bin,« sagte er. »Ich heiße Nils
+Holgersson, bin der Sohn eines Häuslers, und bis zum heutigen Tage bin ich
+ein Mensch gewesen, aber heute morgen -- --«
+
+Weiter kam der Junge nicht, denn niemand hörte mehr auf ihn. Kaum hatte er
+gesagt, daß er ein Mensch sei, als die Anführerin drei Schritte und die
+andern noch weiter zurückwichen. Und sie reckten alle die Hälse und
+zischten ihn zornig an.
+
+»Du bist mir doch gleich verdächtig vorgekommen, als ich dich hier auf dem
+Strand sah, und jetzt mußt du dich schleunigst entfernen, wir dulden keine
+Menschen unter uns,« sagte Akka von Kebnekajse.
+
+»Es ist doch wohl nicht möglich,« versuchte der Gänserich zu vermitteln,
+»daß ihr Wildgänse euch vor einem so kleinen Wesen fürchtet. Morgen soll er
+gewiß nach Hause zurückkehren, aber über Nacht werdet ihr ihn doch unter
+euch dulden müssen. Keiner von uns könnte es verantworten, einen solchen
+kleinen Kerl sich in der Nacht allein gegen Wiesel und Fuchs verteidigen zu
+lassen.«
+
+Die Wildgans kam wieder näher heran, aber man sah deutlich, wie schwer es
+ihr wurde, ihre Furcht zu bezwingen. »Ich bin gelehrt worden, mich vor
+allem, was Mensch heißt, zu fürchten, einerlei ob klein oder groß,« sagte
+sie. »Aber wenn du, Gänserich, dafür einstehen willst, daß uns dieser hier
+nichts Böses tut, dann mag er über Nacht dableiben. Ich fürchte jedoch,
+unser Nachtquartier wird weder dir noch ihm passen, denn wir begeben uns
+auf das schwimmende Eis hinaus und schlafen dort.«
+
+Sie dachte wohl, der Gänserich werde bei dieser Ankündigung unschlüssig
+werden. Er ließ sich aber nichts merken. »Ihr seid sehr klug und versteht
+es, einen sichern Schlafplatz auszuwählen,« sagte er.
+
+»Aber du stehst mir dafür ein, daß er morgen nach Hause zurückkehrt.«
+
+»Dann muß auch ich mich von euch trennen,« sagte der Gänserich, »denn ich
+habe ihm versprochen, ihn nicht zu verlassen.«
+
+»Es steht dir frei, zu fliegen, wohin du willst,« entgegnete die
+Anführerin.
+
+Damit hob sie die Flügel und flog auf das Eis hinaus, wohin ihr eine
+Wildgans nach der andern folgte.
+
+Der Junge war betrübt darüber, daß aus seiner Reise nach Lappland nichts
+werden sollte, und überdies fürchtete er sich vor dem kalten Nachtquartier.
+»Es wird immer schlimmer, Gänserich,« sagte er. »Und das erste wird sein,
+daß wir da draußen auf dem Eise erfrieren.«
+
+Aber der Gänserich war guten Mutes. »Das hat keine Gefahr,« sagte er.
+»Sammle jetzt nur in aller Eile so viel Stroh und Gras zusammen, als du zu
+tragen vermagst.«
+
+Als der Junge beide Arme voller dürren Grases hatte, faßte der Gänserich
+ihn mit seinem Schnabel am Hemdkragen, hob ihn auf und flog aufs Eis
+hinüber, wo die Wildgänse, den Schnabel unter einen Flügel gesteckt, schon
+standen und schliefen.
+
+»Breite jetzt das Gras auf dem Eis aus, damit ich etwas habe, worauf ich
+stehen kann, um nicht anzufrieren. Hilf du mir, dann helfe ich dir auch,«
+sagte der Gänserich.
+
+Der Junge tat, wie ihm geheißen war, und sobald er fertig war, ergriff ihn
+der Gänserich noch einmal am Hemdkragen und steckte ihn unter seinen
+Flügel. »Hier liegst du warm und gut,« sagte er und drückte den Flügel an,
+damit der Kleine nicht herunterfallen sollte.
+
+Er war so in Flaum eingebettet, daß er nicht antworten konnte; aber warm
+und schön lag er, und müde war er, und im nächsten Augenblick schlief er.
+
+
+Die Nacht
+
+Es ist eine bekannte Tatsache, daß das Eis trügerisch ist, und daß man sich
+nicht darauf verlassen kann. Mitten in der Nacht veränderte die vom Lande
+losgelöste Eisdecke auf dem Vombsee ihre Lage, so daß sie an einer Stelle
+den Strand berührte. Und da geschah es, daß Smirre, der Fuchs, der damals
+auf der östlichen Seite des Sees im Park von Övedskloster wohnte, auf
+seiner nächtlichen Jagd dies sah. Smirre hatte die Wildgänse allerdings
+schon am Abend gesehen, jedoch nicht erwartet, einer von ihnen beikommen zu
+können. Jetzt lief er schnell aufs Eis hinaus; als er aber den Wildgänsen
+schon ganz nahe war, glitt er plötzlich aus, und seine Krallen kratzten auf
+dem Eise. Davon erwachten die Gänse, und sie schlugen mit den Flügeln, um
+sich in die Luft zu erheben. Aber Smirre war ihnen zu hurtig. Er machte
+einen Satz, gerade als schleudere ihn jemand vorwärts, ergriff eine Gans am
+Flügel und stürzte wieder dem Lande zu.
+
+Aber in dieser Nacht waren die Wildgänse nicht allein auf dem Eise draußen;
+sie hatten einen Menschen bei sich, wenn auch einen noch so kleinen. Als
+der Gänserich mit den Flügeln schlug, erwachte der Junge, er fiel aufs Eis
+hinunter und saß da ganz schlaftrunken; zuerst konnte er sich die Aufregung
+unter den Gänsen gar nicht erklären, bis er plötzlich einen kleinen,
+kurzbeinigen Hund mit einer Gans im Maule davonlaufen sah.
+
+Da sprang er rasch auf, dem Hunde die Gans abzujagen. Er hörte noch, daß
+der Gänserich ihm nachrief: »Däumling, nimm dich in acht! Nimm dich in
+acht!«
+
+»Aber vor einem so kleinen Hunde brauche ich mich doch wohl nicht zu
+fürchten,« dachte der Junge und stürmte davon.
+
+Die Wildgans, die der Fuchs Smirre mit sich wegschleifte, hörte das
+Geklapper von des Jungen Holzschuhen auf dem Eise, und sie traute ihren
+Ohren kaum. »Meint der kleine Knirps, er könne mich dem Fuchse abjagen?«
+dachte sie. Und so elendiglich sie auch daran war, so begann sie doch ganz
+unten im Halse belustigt zu schnattern, beinahe als lache sie.
+
+»Das erste, was ihm passiert, wird sein, daß er in eine Eisritze purzelt,«
+dachte sie.
+
+Aber so finster die Nacht auch war, der Junge sah alle Risse und Löcher im
+Eise und machte große Sätze darüber hinweg. Das kam daher, daß er jetzt
+die guten Nachtaugen der Wichtelmännchen hatte und in der Dunkelheit sehen
+konnte. Nichts war farbig, sondern alles grau oder schwarz, aber er sah den
+See und das Ufer ebenso deutlich wie bei Tage.
+
+Da wo das Eis ans Land stieß, sprang Smirre hinüber, und während er sich
+den Uferabhang hinaufarbeitete, rief der Junge ihm zu: »Laß die Gans los,
+du Lümmel!«
+
+Smirre wußte nicht, wer das gerufen hatte; er nahm sich auch nicht die
+Zeit, sich umzusehen, sondern lief noch schneller davon. Jetzt rannte er in
+einen großen prächtigen Buchenwald hinein, und der Junge lief hinter ihm
+her, ohne an irgend eine Gefahr zu denken. Dagegen mußte er immerfort daran
+denken, mit welcher Mißachtung er am vorhergehenden Abend von den Gänsen
+behandelt worden war, und deshalb hätte er ihnen jetzt gar zu gerne
+bewiesen, daß ein Mensch, wenn er auch noch so klein ist, allen andern
+Geschöpfen überlegen sei.
+
+Einmal ums andre befahl er dem Hunde da vor sich, seine Beute loszulassen.
+»Was bist du für ein Hund, der sich nicht schämt, eine ganze Gans zu
+stehlen?« rief er. »Lege sie sogleich nieder, sonst wirst du sehen, was für
+Prügel du bekommst! Laß los, sag ich, sonst werde ich deinem Herrn sagen,
+wie du dich benimmst!«
+
+Als Smirre merkte, daß er für einen Hund gehalten wurde, der sich vor
+Prügel fürchtete, kam ihm das so komisch vor, daß er die Gans beinahe hätte
+fallen lassen. Smirre war ein großer Räuber, der sich nicht mit der Jagd
+auf Ratten und Feldmäuse begnügte, sondern sich auch in die Höfe wagte und
+Hühner und Gänse stahl. Er wußte, wie sehr er in der ganzen Umgegend
+gefürchtet war. Und jetzt diese Drohung. So etwas Verrücktes hatte er seit
+seiner Kindheit nicht mehr gehört!
+
+Aber der Junge lief aus Leibeskräften; es war ihm, als glitten die dicken
+Buchenstämme an ihm vorüber, und der Abstand zwischen ihm und Smirre
+verminderte sich immer mehr. Endlich war er Smirre so nahe, daß er ihn am
+Schwanze fassen konnte. »Jetzt entreiße ich dir die Gans doch!« rief er und
+hielt Smirre am Schwanze so fest, als er nur konnte. Aber er war nicht
+stark genug, Smirre aufzuhalten. Der Fuchs riß ihn so heftig mit sich fort,
+daß die dürren Buchenblätter umherstoben.
+
+Doch jetzt glaubte Smirre zu entdecken, wie ungefährlich sein Verfolger
+sei. Er hielt an, legte die Gans auf die Erde, stellte sich mit den
+Vorderpfoten darauf, damit sie nicht wegfliegen könne, und war auf dem
+Punkte, ihr den Hals abzubeißen; aber dann konnte er es doch nicht lassen,
+den kleinen Wicht vorher noch ein wenig zu reizen. »Ja, mach nur, daß du
+mich bei dem Herrn verklagst, denn jetzt beiße ich die Gans tot,« sagte er.
+
+Wer sich aber sehr verwunderte, als er die spitzige Nase desjenigen sah,
+den er verfolgt hatte, und zugleich hörte, welche heisere, boshafte Stimme
+er hatte, das war der Junge. Er war so wütend über den Räuber, der sich
+über ihn lustig machte, daß gar keine Spur von Furcht in ihm aufstieg. Er
+packte den Schwanz nur noch fester, stemmte sich gegen eine Buchenwurzel,
+und gerade, als der Fuchs die offne Schnauze am Halse der Gans hatte, zog
+er aus Leibeskräften an. Smirre war so überrascht, daß er sich ein paar
+Schritte rückwärts ziehen ließ, und dadurch wurde die Wildgans frei. Sie
+flatterte schwerfällig empor, denn ihre Flügel waren verletzt, und sie
+konnte sie kaum gebrauchen; überdies sah sie in der Dunkelheit des Waldes
+gar nichts, sondern war so hilflos wie ein Blinder. Sie konnte deshalb dem
+Jungen keinerlei Beistand leisten, sondern versuchte nur, durch eine
+Öffnung in dem grünen Blätterdache hinauszugelangen, um den See wieder zu
+erreichen.
+
+Da warf Smirre sich auf den Jungen. »Kann ich den einen nicht bekommen, so
+will ich wenigstens den andern haben,« fauchte er, und man hörte seiner
+Stimme an, wie aufgebracht er war.
+
+»O denke doch ja nicht, daß dir das gelingen werde,« sagte der Junge. Er
+war ganz aufgeräumt, weil es ihm gelungen war, die Gans zu retten. Auch
+hielt er sich noch immer an dem Fuchsschwanze fest und schwang sich an ihm,
+als ihn der Fuchs zu fangen versuchte, auf die andre Seite hinüber.
+
+Das war ein Tanz im Walde, daß die Buchenblätter nur so umherstoben! Smirre
+drehte sich rund, rund herum, aber der Schwanz schwang sich auch rund, rund
+herum, der Junge hielt sich daran fest, und der Fuchs konnte ihn nicht
+fassen.
+
+Der Junge war so vergnügt über seinen Erfolg, daß er im Anfang nur lachte
+und den Fuchs verspottete; aber Meister Reineke war beharrlich, wie alte
+Jäger zu sein pflegen, und allmählich wurde es dem Jungen doch angst, er
+könnte schließlich noch gefaßt werden.
+
+Da erblickte er eine kleine junge Buche, die schlank wie ein Pfahl
+aufgewachsen war, nur um recht bald ins Freie zu gelangen, hoch da droben
+über dem grünen Laubdach, das die alten Buchen über dem jungen Bäumchen
+ausbreiteten. In aller Eile ließ der Junge den Fuchsschwanz los und
+kletterte auf die Buche hinauf. Smirre aber war so im Eifer, daß er sich
+noch eine ganze Weile nach seinem Schwanze im Kreise drehte. »Du brauchst
+nicht weiter zu tanzen,« sagte der Junge plötzlich.
+
+Der Fuchs war wütend; diese Schmach, einen so kleinen Knirps nicht in seine
+Macht zu bekommen, war ihm unerträglich, er legte sich deshalb unter der
+Buche nieder, um den Jungen zu bewachen.
+
+Der Junge hatte es nicht übermäßig gut da oben; er saß rittlings auf einem
+schwachen Zweige, und die junge Buche reichte nicht hinauf bis zu dem
+Blätterdache, so daß er auf keinen andern Baum hinübergelangen konnte; aber
+er mochte sich auch nicht wieder hinunter auf den Boden wagen. Er fror
+gewaltig und war nahe daran, ganz steif zu werden und seinen Zweig
+loszulassen; auch war er entsetzlich schläfrig, hütete sich aber wohl, sich
+vom Schlaf übermannen zu lassen, aus Angst, dann auf den Boden
+hinunterzufallen.
+
+O, es war fürchterlich, mitten in der Nacht so im Walde draußen zu sitzen!
+Er hatte bis jetzt keine Ahnung gehabt, was das bedeutete, wenn es Nacht
+ist. Es war, als sei alles versteinert und könne nie wieder zum Leben
+erwachen.
+
+Dann begann der Tag zu grauen, und der Junge war froh, als alles sein altes
+Aussehen wieder annahm, obgleich die Kälte jetzt gegen Morgen noch
+durchdringender wurde als in der Nacht.
+
+Als endlich die Sonne aufging, war sie nicht gelb, sondern rot. Dem Jungen
+kam es vor, als sehe sie böse aus, und er fragte sich, warum sie wohl böse
+sei. Vielleicht weil die Nacht, während die Sonne weggewesen war, eine
+solche Kälte auf der Erde verbreitet hatte.
+
+Die Sonnenstrahlen sprühten in großen Feuergarben am Himmel auf, um zu
+sehen, was die Nacht auf der Erde getan hatte, und es sah aus, als ob alles
+ringsum errötete, wie wenn es ein schlechtes Gewissen hätte. Die Wolken am
+Himmel, die seidenglatten Buchenstämme, die kleinen, ineinander
+verflochtenen Zweige des Laubdaches, der Rauhreif, der die Buchenblätter
+auf dem Boden bedeckte, alles glühte und wurde rot.
+
+Aber immer mehr Sonnenstrahlen schossen am Himmel auf, und bald war alles
+Grauen der Nacht verschwunden. Die Lähmung war wie weggeblasen, und gar
+vieles Lebendige trat zutage. Der Schwarzspecht mit dem roten Hals begann
+mit dem Schnabel an einem Baumstamme zu hämmern. Das Eichhörnchen huschte
+mit einer Nuß aus seinem Bau heraus, setzte sich auf einen Zweig und begann
+sie aufzuknabbern. Der Star kam mit einer Wurzelfaser dahergeflogen, und
+der Buchfink sang in dem Baumwipfel.
+
+Da verstand der Junge, daß die Sonne zu allen diesen kleinen Wesen gesagt
+hatte: »Erwacht und kommt heraus aus eurer Behausung, jetzt bin ich hier!
+Jetzt braucht ihr euch vor nichts mehr zu fürchten.«
+
+Vom See her drang der Ruf der Wildgänse, die sich zur Weiterreise rüsteten,
+zu dem Jungen herüber; und bald darauf flogen alle vierzehn Gänse über den
+Wald hin. Der Junge versuchte ihnen zuzurufen; aber sie flogen so hoch
+droben, daß seine Stimme sie nicht erreichen konnte. Sie glaubten wohl, der
+Fuchs habe ihn schon lange aufgefressen. Ach, sie gaben sich auch nicht
+einmal die Mühe, sich nach ihm umzusehen!
+
+Der Junge war vor lauter Angst dem Weinen nahe; aber die Sonne stand jetzt
+goldgelb und vergnügt am Himmel und flößte der ganzen Welt Mut ein. »Du
+brauchst dich nicht zu fürchten oder vor etwas Angst zu haben, Nils
+Holgersson, solange ich da bin,« sagte sie.
+
+
+Das Spiel der Gänse
+
+ Montag, 21. März
+
+Alles im Walde blieb so lange unverändert, als eine Gans ungefähr braucht,
+um ihr Frühstück zu genießen; aber gerade um die Zeit, wo der Morgen in den
+Vormittag übergehen wollte, flog eine einzelne Wildgans unter das dichte
+Laubdach herein. Zögernd suchte sie ihren Weg zwischen Stämmen und Zweigen
+und flog ganz langsam. Sobald der Fuchs sie sah, verließ er seinen Platz
+unter der jungen Buche und schlich zu ihr hin. Die Wildgans wich dem Fuchs
+nicht aus, sondern flog ganz nahe heran. Smirre machte einen hohen Satz
+nach ihr, verfehlte sie aber, und die Gans flog in der Richtung zum See
+weiter.
+
+[Illustration]
+
+Es dauerte nicht lange, so kam auch schon eine zweite Wildgans
+dahergeflogen. Sie nahm denselben Weg wie die vorige und flog noch
+langsamer und noch näher am Boden. Auch sie strich dicht an Smirre vorüber,
+und er machte einen so hohen Satz nach ihr, daß seine Ohren ihre Füße
+berührten; aber auch sie entkam unbeschädigt und setzte still wie ein
+Schatten ihren Weg nach dem See fort.
+
+Eine kleine Weile verging, da tauchte wieder eine Gans auf, die noch
+langsamer, noch näher am Boden flog. Smirre machte einen gewaltigen Satz,
+und es fehlte nur ein Haarbreit, so hätte er sie gefaßt; aber auch diese
+Gans entkam ihm.
+
+Kaum war sie verschwunden, so erschien auch schon die vierte Wildgans.
+Obgleich diese so langsam flog, daß es Smirre vorkam, als könne er sie ohne
+besondre Schwierigkeit fassen, fürchtete er sich jetzt vor einem neuen
+Mißerfolg und beschloß, sie unangetastet vorbeifliegen zu lassen. Aber sie
+nahm denselben Weg wie die andern, und gerade, als sie über Smirre hinflog,
+ließ sie sich so tief heruntersinken, daß er sich doch verleiten ließ, nach
+ihr zu springen. Er sprang so hoch, daß er sie mit der Tatze berührte; aber
+sie warf sich rasch zur Seite und rettete ihr Leben.
+
+Ehe Smirre ausgekeucht hatte, erschienen drei Gänse in einer Reihe. Sie
+flogen ganz in derselben Weise wie die vorhergehenden, und Smirre machte
+hohe Sätze, sie zu erreichen; aber es gelang ihm nicht, eine von ihnen zu
+fangen.
+
+Jetzt tauchten fünf Gänse auf; aber diese flogen besser als die
+vorhergehenden, und obgleich auch sie Smirre zum Springen verleiten zu
+wollen schienen, widerstand er doch der Versuchung.
+
+Nach einer ziemlich langen Pause tauchte wieder eine einzelne Gans auf. Das
+war die dreizehnte. Die war so alt, daß sie ganz grau war und nicht einen
+einzigen dunklen Streifen auf dem Körper hatte. Sie schien den einen Flügel
+nicht recht gebrauchen zu können und flog erbärmlich schlecht und schief,
+so daß sie fast am Boden streifte. Smirre machte nicht nur einen hohen Satz
+nach ihr, sondern verfolgte sie auch noch springend und hüpfend nach dem
+See zu; aber auch diesmal wurde seine Mühe nicht belohnt.
+
+Als die vierzehnte Gans erschien, war es ein sehr schöner Anblick, denn sie
+war ganz weiß, und als sie ihre großen Flügel bewegte, schien ein helles
+Licht in dem dunklen Wald aufzuleuchten. Als Smirre ihrer ansichtig wurde,
+bot er seine ganze Kraft auf und sprang halbwegs bis zum Blätterdach empor;
+aber die weiße Gans flog, wie alle die andern vorher, unbeschädigt an ihm
+vorüber.
+
+Nun wurde es eine Weile ganz still unter den Buchen; es sah aus, als sei
+der ganze Schwarm Wildgänse weitergeflogen.
+
+Da fiel Smirre plötzlich sein Gefangner, der kleine Knirps, wieder ein; er
+hatte keine Zeit gehabt, an ihn zu denken, seit er die erste Gans gesehen
+hatte. Aber natürlich war der längst auf und davon.
+
+Doch Smirre blieb auch jetzt nicht viel Zeit, an den kleinen Kerl zu
+denken, denn eben kam die erste Gans wieder vom See her und flog langsam
+unter dem Blätterdach hin. Trotz seines Mißerfolges freute sich Smirre über
+ihre Rückkehr, und mit einem großen Satz stürzte er auf sie zu. Aber er war
+zu eilig gewesen, er hatte sich nicht die nötige Zeit zum Berechnen seines
+Sprunges genommen und sprang nun an ihr vorbei.
+
+Nach dieser Gans kam wieder eine, und dann noch eine, und dann eine dritte,
+vierte, fünfte, bis die Reihe mit der alten eisgrauen und der großen weißen
+abschloß. Alle flogen langsam und nahe am Boden; und als sie über Smirre
+schwebten, senkten sie sich noch tiefer herab, als ob sie ihn einladen
+wollten, sie zu fangen. Und Smirre verfolgte sie, er machte mehrere Meter
+hohe Sätze, und doch konnte er keine erwischen.
+
+Das war der schrecklichste Tag, den der Fuchs Smirre je erlebt hatte. Die
+Wildgänse flogen unaufhörlich über seinem Kopf weg, hin und her, hin und
+her. Große, herrliche Gänse, die sich auf den deutschen Äckern und Heiden
+fett gefressen hatten, strichen den ganzen Tag durch den Wald so nahe an
+ihm vorüber, daß er sie wiederholt berührte, und doch konnte er seinen
+Hunger nicht mit einer einzigen stillen.
+
+Der Winter war kaum vorüber, und Smirre erinnerte sich an die Tage und
+Nächte, wo er meistens müßig umhergestreift war, weil er auch nicht ein
+einziges Wildbret erjagen konnte, denn die Zugvögel waren fortgezogen, die
+Ratten verbargen sich unter der gefrorenen Erde und die Hühner waren
+eingesperrt. Aber der Hunger des ganzen Winters war nicht so schwer zu
+ertragen gewesen, als der Mißerfolg dieses einen Tages.
+
+Smirre war kein junger Fuchs mehr; oft waren ihm die Hunde an den Fersen
+gewesen, und die Kugeln hatten ihm um die Ohren gepfiffen. Er hatte tief
+drinnen in seinem Bau gelegen, während die Dachshunde in dessen Gängen
+waren und ihn beinahe gefunden hätten. Aber alle Angst, die Smirre während
+einer solchen aufregenden Jagd durchgemacht hatte, war nicht zu vergleichen
+mit dem Gefühl, das ihn ergriff, so oft er einen mißglückten Sprung nach
+den Wildgänsen machte.
+
+Am Morgen, als das Spiel begann, war Smirre so schmuck gewesen, daß die
+Gänse bei seinem Anblick gestutzt hatten; Smirre liebte die Pracht, und
+sein Pelz war glänzend rot, seine Brust weiß, die Tatzen schwarz und der
+Schwanz üppig wie eine Feder. Aber das schönste an ihm war doch die
+Spannkraft seiner Bewegungen und der Glanz seiner Augen. Als es jedoch an
+diesem Tage Abend wurde, hing Smirres Pelz in Zotteln herunter, er war in
+Schweiß gebadet, seine Augen waren matt, die Zunge hing ihm lang aus dem
+keuchenden Maule heraus, und um die Lippen stand ihm der Schaum.
+
+Den ganzen Nachmittag war Smirre so müde, daß er wie verwirrt war. Er sah
+nichts andres mehr vor sich als fliegende Gänse. Er sprang nach
+Sonnenflecken, die auf dem Boden glänzten, und nach einem armen
+Schmetterling, der zu früh aus seiner Puppe geschlüpft war.
+
+Die Wildgänse flogen und flogen unermüdlich hin und wieder; den ganzen Tag
+hörten sie nicht auf, Smirre zu quälen, sie fühlten kein Mitleid, als sie
+Smirre verwirrt, aufgeregt, wahnsinnig sahen. Unerbittlich fuhren sie fort,
+obgleich sie wußten, daß er sie kaum noch sah und nach ihrem Schatten
+sprang.
+
+Erst als Smirre ganz ermattet und kraftlos, beinah auf dem Punkt, den Geist
+aufzugeben, auf einen Haufen dürren Laubes niedersank, hörten sie auf, ihn
+zum besten zu haben.
+
+»Jetzt weißt du, Fuchs, wie es dem geht, der sich mit Akka von Kebnekajse
+einläßt!« riefen sie ihm in die Ohren; und damit ließen sie ihn endlich in
+Ruhe.
+
+
+
+
+3
+
+Das Leben der Wildvögel
+
+Im Bauernhof
+
+
+ Donnerstag, 24. März
+
+Gerade in jenen Tagen trug sich in Schonen ein Ereignis zu, das nicht
+allein sehr viel von sich reden machte, sondern auch in die Zeitungen kam,
+das aber viele für eine Erfindung hielten, weil sie es sich durchaus nicht
+erklären konnten.
+
+Im Park von Övedskloster war nämlich ein Eichhornweibchen gefangen und auf
+einen nahegelegenen Bauernhof gebracht worden. Alle Bewohner des
+Bauernhofs, alte und junge, freuten sich sehr über das kleine hübsche Tier
+mit dem großen Schwanz, den klugen neugierigen Augen und den kleinen netten
+Füßchen. Sie wollten sich den ganzen Sommer an seinen flinken Bewegungen,
+seiner putzigen Art, Haselnüsse zu knabbern, und an seinem lustigen Spiel
+erfreuen. Schnell brachten sie einen alten Eichhörnchenkäfig in Ordnung,
+der aus einem kleinen grün angestrichenen Häuschen und einem aus Draht
+geflochtenen Rad bestand. Das Häuschen, das Tür und Fenster hatte, sollte
+dem Eichhörnchen als Eß- und Schlafzimmer dienen, deshalb machten sie ein
+Lager aus Laub zurecht, stellten eine Schale Milch hinein und legten einige
+Haselnüsse dazu. Das Rad sollte sein Spielzimmer sein, wo es spielen und
+klettern und sich im Kreise herumschwingen könnte.
+
+Die Menschen glaubten, sie hätten es für das Eichhörnchen recht gut
+gemacht, und sie verwunderten sich sehr, daß es ihm offenbar nicht gefiel.
+Betrübt und mißmutig und nur ab und zu einen scharfen Klagelaut ausstoßend,
+saß es in einer Ecke seines Stübchens. Es rührte die Speisen nicht an und
+schwang sich auch nicht ein einziges Mal in dem Rad. »Es fürchtet sich,«
+sagten die Leute auf dem Bauernhof. »Aber morgen, wenn es an seine Umgebung
+gewöhnt ist, wird es schon spielen und fressen.«
+
+In dem Bauernhofe waren aber zu der Zeit große Vorbereitungen zu einem Fest
+im Gang, und gerade an dem Tag, wo das Eichhörnchen gefangen worden war,
+war große Backerei. Zum Unglück jedoch hatte entweder der Teig nicht recht
+aufgehen wollen, oder die Leute waren etwas langsam bei der Arbeit gewesen,
+und so mußten sie noch lange nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten.
+
+Überall herrschte natürlich großer Eifer, und man hatte es sehr eilig in
+der Küche; niemand nahm sich Zeit, nachzusehen, wie es dem Eichhörnchen
+ging. Doch die alte Mutter des Hauses war zu bejahrt, um noch beim Backen
+helfen zu können; und obwohl sie das recht gut einsah, war sie doch betrübt
+darüber, ganz ausgeschlossen zu sein; sie ging auch nicht zu Bett, sondern
+setzte sich ans Fenster der Wohnstube und sah hinaus. Die Küchentür war der
+Wärme wegen aufgemacht worden, und durch sie fiel ein heller Lichtschein
+auf den Hof hinaus. Es war ein von Gebäuden umschlossener Hof, der jetzt so
+hell erleuchtet war, daß die Frau die Risse und Löcher in der Verkalkung an
+der gegenüberliegenden Wand deutlich sehen konnte. Sie sah auch den Käfig
+des Eichhörnchens, der gerade dort hing, wo der Lichtschein am hellsten
+hinfiel, und da sah sie, daß das Eichhörnchen immerfort aus seinem Stübchen
+in das Rad und vom Rad wieder ins Stübchen hineinlief, ohne sich einen
+Augenblick Ruhe zu gönnen. Sie dachte, das Tier sei doch in einer
+sonderbaren Aufregung, aber sie meinte, der scharfe Lichtschein halte es
+wach.
+
+Zwischen dem Kuh- und dem Pferdestall war ein großes, breites Einfahrtstor,
+das jetzt auch von dem Lichtschein aus der Küche hellbeleuchtet war. Als
+eine gute Weile vergangen war, sah die alte Mutter, daß durch das Hoftor
+ganz leise und vorsichtig ein winziger Knirps hereingeschlichen kam; er war
+nur eine Spanne hoch, hatte aber Holzschuhe an den Füßen und trug
+Lederhosen wie ein gewöhnlicher Arbeiter. Die alte Mutter wußte sogleich,
+daß dies das Wichtelmännchen war, und fürchtete sich nicht im geringsten,
+denn sie hatte immer gehört, daß sich ein solches auf dem Hofe aufhalte,
+obgleich es noch nie jemand gesehen hatte; und ein Wichtelmännchen brachte
+ja Glück, wo es sich zeigte.
+
+Sobald das Wichtelmännchen auf den gepflasterten Hof kam, lief es eilig auf
+den Käfig zu, und da es ihn nicht erreichen konnte, weil er zu hoch hing,
+ging es nach dem Geräteschuppen, holte eine Stange heraus, lehnte sie an
+den Käfig und kletterte an ihr hinauf, gerade wie ein Seemann an einem Tau
+hinaufklettert. Als es den Käfig erreicht hatte, rüttelte es an der Tür des
+kleinen grünen Hauses, um es zu öffnen; aber die alte Mutter war ganz
+beruhigt, denn sie wußte, daß die Kinder ein Vorlegeschloß daran gehängt
+hatten, aus Angst, die Jungen vom Nachbarhof könnten versuchen, das
+Eichhörnchen zu stehlen. Die Frau sah, daß das Eichhörnchen, als das
+Wichtelmännchen die Tür nicht aufbrachte, in das Rad herauskam. Da führten
+nun die beiden ein langes Zwiegespräch, und nachdem das Wichtelmännchen
+alles wußte, was ihm das Tier zu sagen hatte, glitt es an der Stange wieder
+hinunter und lief eilig zum Tor hinaus.
+
+Die Frau glaubte nicht, daß sie in dieser Nacht noch etwas von dem
+Wichtelmännchen zu sehen bekäme, blieb aber doch am Fenster sitzen. Nach
+einer Weile kam es auch richtig wieder. Es hatte es so eilig, daß seine
+Füße kaum den Boden zu berühren schienen, und lief spornstreichs auf den
+Käfig zu. Mit ihren fernsichtigen Augen sah es die Frau deutlich, auch
+bemerkte sie, daß es etwas in den Händen trug; aber was es war, konnte sie
+nicht erkennen. Jetzt legte es das, was es in der linken Hand hielt, auf
+das Steinpflaster nieder, aber das in seiner Rechten nahm es mit hinauf
+zum Käfig. Hier stieß es mit seinem Holzschuh so heftig an das Fensterchen,
+daß die Scheibe zersprang, und durch diese reichte es nun das, was es in
+der Hand hielt, dem Eichhörnchen hinein. Dann rutschte es an der Stange
+herunter, nahm den andern Gegenstand vom Boden und kletterte auch damit zum
+Käfig hinauf. Schnell wie der Blitz war es wieder unten und stürmte so
+eilig davon, daß ihm die alte Frau kaum mit den Augen folgen konnte.
+
+Aber jetzt litt es die alte Mutter nicht mehr im Zimmer. Ganz leise stand
+sie von ihrem Stuhl auf, ging auf den Hof hinaus und stellte sich in den
+Schatten des Brunnens, um hier das Wichtelmännchen zu erwarten. Und noch
+jemand war da, der auch aufmerksam und neugierig geworden war. Das war die
+Hauskatze; leise kam sie dahergeschlichen und blieb an der Mauer, gerade
+ein paar Schritte von dem hellen Lichtstreifen entfernt, stehen.
+
+Die beiden mußten in der kalten Nacht lange warten, und die Frau überlegte
+sich schon, ob sie nicht lieber hineingehen sollte, als sie ein Geklapper
+auf dem Pflaster hörte und sah, daß der kleine Knirps von einem
+Wichtelmännchen wirklich noch einmal daherkam. Auch jetzt trug er in jeder
+Hand etwas, und was er trug, das zappelte und quietschte. Jetzt ging der
+alten Mutter ein Licht auf, und sie verstand, daß das Wichtelmännchen in
+das Haselnußwäldchen gelaufen war, dort die Jungen des Eichhörnchens geholt
+hatte und sie jetzt ihrer Mutter brachte, damit sie nicht verhungern
+müßten.
+
+Die alte Frau verhielt sich ganz still, um das Wichtelmännchen nicht zu
+stören, und das schien sie auch nicht bemerkt zu haben. Es war eben im
+Begriff, das eine Junge auf den Boden zu legen, um zum Käfig
+hinaufzuklettern, als es plötzlich die grünen Augen der Katze dicht neben
+sich funkeln sah. Ganz ratlos blieb es stehen, in jeder Hand ein junges
+Eichhörnchen.
+
+Es drehte sich um und spähte im Hof umher. Da gewahrte es die alte Mutter,
+und ohne sich lange zu besinnen, trat es rasch zu ihr hin und reichte ihr
+eines der Tierchen.
+
+Die alte Mutter wollte sich des Vertrauens des Wichtelmännchens nicht
+unwürdig zeigen; sie nahm ihm das Eichhörnchen ab und hielt es fest, bis
+das Wichtelmännchen mit dem ersten zum Käfig hinaufgeklettert war und dann
+kam, das zweite, das es ihr anvertraut hatte, zu holen.
+
+Am nächsten Morgen, als die Leute auf dem Bauernhofe beim Frühstück
+versammelt waren, konnte die Alte unmöglich über das Erlebnis der
+vergangenen Nacht schweigen. Aber alle miteinander lachten sie aus und
+sagten, sie habe das nur geträumt. Zu dieser Jahreszeit gäbe es ja noch gar
+keine jungen Eichhörnchen.
+
+Doch sie war ihrer Sache ganz sicher und verlangte, daß man im Käfig
+nachsehe. Man tat es, und siehe da, auf dem Lager aus Laub, in der kleinen
+Stube, lagen vier halbnackte, halbblinde, erst zwei Tage alte Junge.
+
+Als der Vater dies sah, sagte er: »Das mag nun zugegangen sein, wie es
+will, aber so viel ist sicher, wir hier auf dem Hofe haben uns benommen,
+daß wir uns vor Tieren und Menschen schämen müssen.« Damit nahm er das
+Eichhörnchen mitsamt den vier Jungen aus dem Käfig heraus und legte alle in
+die Schürze der Mutter. »Geh damit in das Haselnußwäldchen und gib ihnen
+ihre Freiheit wieder,« sagte er.
+
+Dies ist das Ereignis, das so viel von sich reden gemacht hatte und sogar
+in die Zeitung kam, das aber die meisten nicht glauben wollten, weil sie es
+sich nicht erklären konnten.
+
+
+Im Park von Övedskloster
+
+Den Tag, an dem die Wildgänse ihr Spiel mit dem Fuchs trieben, verbrachte
+der Junge in einem verlassenen Eichhörnchennest in tiefem Schlafe. Als er
+gegen Abend erwachte, war er sehr betrübt. »Nun werden sie mich bald nach
+Hause zurückschicken,« dachte er, »und dann gibt es keinen Ausweg mehr für
+mich, ich muß mich Vater und Mutter so zeigen, wie ich jetzt bin.«
+
+Aber als er zu den Wildgänsen hinkam, die im Vombsee umherschwammen und
+badeten, wurde kein Wort von seiner Abreise laut. »Sie meinen vielleicht,
+der Weiße sei zu müde, um sich heute abend noch mit mir auf den Weg zu
+machen,« dachte er.
+
+Am nächsten Morgen waren die Gänse schon lange vor Sonnenaufgang munter,
+und der Junge war fest überzeugt, daß er und der Gänserich die Heimreise
+nun unverzüglich antreten mußten. Aber merkwürdigerweise durften alle beide
+die Wildgänse auf ihren Morgenausflug begleiten. Der Junge konnte sich
+durchaus nicht denken, was der Grund zu diesem Aufschub sein könnte, aber
+dann klügelte er sich heraus, daß die Wildgänse den Gänserich nicht auf
+eine so weite Reise schicken wollten, ehe er sich ordentlich sattgegessen
+hätte. Wie es sich aber auch verhalten mochte, der Junge war über jede
+weitere Stunde, die zwischen ihm und dem Wiedersehen mit seinen Eltern lag,
+von Herzen froh.
+
+Die Wildgänse flogen über den Herrenhof von Övedskloster hin, der in einem
+herrlichen Park östlich von dem See lag, und der wundervoll aussah mit
+seinem großen Schloß, seinem schönen gepflasterten, von niedrigen Mauern
+und Lusthäusern umgebenen Hofe und seinem vornehmen altmodischen Garten mit
+den geschnittenen Hecken, dichten Laubgängen, Teichen, Springbrunnen,
+prachtvollen Bäumen und kurzgeschorenen Rasenplätzen, wo die Rabatten
+voller bunter Frühlingsblumen standen.
+
+Als die Wildgänse in aller Frühe über den Herrenhof hinflogen, war noch
+kein Mensch zu sehen. Nachdem sie sich dessen genau versichert hatten,
+ließen sie sich ganz nahe zur Hundehütte hinunter und riefen: »Was ist das
+hier für eine kleine Hütte? Was ist das hier für eine kleine Hütte?«
+
+Sogleich kam der Hund zornig und wütend aus seinem Hause herausgerannt und
+bellte aus Leibeskräften.
+
+»Nennt ihr das eine Hütte, ihr, ihr Landstreicher? Seht ihr nicht, daß das
+ein großes steinernes Schloß ist? Seht ihr nicht, was für schöne Mauern,
+wie viele Fenster, welche mächtigen Tore und welche prachtvolle Terrasse es
+hat, wau, wau, wau? Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Seht ihr denn nicht den
+Hof, den Garten, die Gewächshäuser und die Marmorfiguren? Nennt ihr das
+eine Hütte, ihr? Haben die Hütten für gewöhnlich einen Park ringsum, wo es
+Buchenwälder und Haselnußgebüsch und Baumwiesen und Eichenhaine und
+Tannengehölze und einen Tiergarten voller Rehe gibt? Wau, wau, wau! Nennt
+ihr das eine Hütte, ihr? Habt ihr Hütten gesehen mit so vielen
+Nebengebäuden, daß sie einen ganzen Ort bilden? Ihr kennt wohl sehr viele
+Hütten, die eine eigne Kirche und ein eignes Pfarrhaus haben und die über
+Herrenhäuser und Bauernhöfe und Pachthöfe und Amtswohnungen gebieten, wau,
+wau, wau! Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Zu dieser Hütte hier gehört das
+größte Gut in ganz Schonen, ihr Bettelvolk! Nicht ein einziges Fleckchen
+Erde könnt ihr da droben von eurer Höhe aus sehen, das nicht unter dieser
+Hütte stünde, wau, wau, wau!«
+
+Der Hund brachte dies alles wirklich in einem Atemzug heraus; die Gänse
+flogen über dem Hofe hin und her und hörten ihm zu, bis er Atem schöpfen
+mußte, dann aber riefen sie: »Warum bist du denn so zornig? Wir haben gar
+nicht nach dem Schloß gefragt, sondern nur nach deiner Hundehütte!«
+
+Als der Junge diese Neckerein hörte, lachte er zuerst, aber dann drängte
+sich ihm der Gedanke auf, der ihn auf einmal ernst stimmte. »Ach, wie viele
+solcher Scherze würdest du zu hören bekommen, wenn du mit den Wildgänsen
+durchs ganze Land bis hinauf nach Lappland reisen dürftest!« seufzte er
+leise. »Da du dir dein Leben nun doch einmal so verdorben hast, wäre eine
+solche Reise noch das beste, was dir widerfahren könnte.«
+
+Die Wildgänse flogen auf einen der jenseits vom Herrenhof gelegenen großen
+Äcker und weideten da ein paar Stunden lang das Wintergras ab. Inzwischen
+ging der Junge in den an den Acker anstoßenden großen Park hinein und
+spähte eifrig, ob nicht an den Zweigen der Haselsträucher da und dort noch
+eine Haselnuß vom vergangenen Herbst zu finden wäre. Aber während er so im
+Parke umherstreifte, tauchte der Gedanke an die Heimreise einmal ums andre
+drohend vor seiner Seele auf. Immer wieder mußte er sich ausmalen, wie
+schön er es haben würde, wenn er bei den Wildgänsen bleiben dürfte. Hungern
+und frieren würde er freilich oftmals müssen, dafür aber wäre er auch aller
+Arbeit und allem Lernen enthoben.
+
+Während er noch diesen Gedanken nachhing, ließ sich plötzlich die alte
+graue Gans neben ihm nieder und fragte ihn, ob er etwas Eßbares gefunden
+habe. Nein, er habe nichts gefunden, antwortete der Junge. Da versuchte
+Akka ihm zu helfen, aber auch sie fand keine Haselnüsse, entdeckte jedoch
+dafür ein paar Hagebutten, die noch an einem wilden Rosenbusch hingen. Der
+Junge verzehrte sie mit gutem Appetit; aber er fragte sich doch, was wohl
+seine Mutter sagen würde, wenn sie wüßte, daß ihr Sohn sich mit rohen
+Fischen und ausgefrornen Hagebutten das Leben fristete.
+
+Als die Wildgänse endlich satt geworden waren, zogen sie wieder an den See
+hinunter und trieben da bis zur Mittagszeit allerlei Kurzweil. Sie
+forderten den weißen Gänserich zum Wettbewerb in ihren Künsten heraus, im
+Springen, Fliegen und Schwimmen, und der große zahme tat sein Bestes, aber
+die flinken Wildgänse liefen ihm in allem den Rang ab. Während dieser
+ganzen Zeit saß der Junge auf dem Rücken des Gänserichs, feuerte diesen an
+und war eben so vergnügt wie die andern. Das war ein Geschrei und Gelächter
+und Gegacker, und es war nur zu verwundern, daß die Herrschaft auf dem
+Schloß nicht darauf aufmerksam wurde.
+
+Nachdem die Wildgänse des Spielens überdrüssig geworden waren, flogen sie
+auf das Eis hinüber und pflegten ein paar Stunden der Ruhe. Den Nachmittag
+verbrachten sie fast ganz auf dieselbe Weise wie den Vormittag, zuerst
+weideten sie ein paar Stunden, dann badeten und spielten sie am Rande des
+Eises bis zum Sonnenuntergang, und dann stellten sie sich auf dem Eise auf,
+wo sie auch sogleich einschliefen.
+
+»Ja, so ein Leben würde mir gerade gefallen,« dachte der Junge, als er am
+Abend unter den Flügel des Gänserichs kroch. »Aber morgen werde ich wohl
+fortgeschickt werden.«
+
+Bevor er einschlief, überlegte er noch einmal alle Vorteile, die ihm aus
+der Reise mit den Wildgänsen erwachsen würden. Er würde nicht gescholten,
+wenn er faul wäre, den lieben langen Tag hindurch könnte er dem lieben Gott
+die Zeit abstehlen, und seine einzige Sorge wäre, wie er sich etwas Eßbares
+verschaffen könnte. Doch er brauchte ja jetzt so wenig zu seinem Unterhalt,
+da würde sich schon Rat schaffen lassen.
+
+Und dann malte er sich aus, was er alles zu sehen bekäme, und wie viele
+Abenteuer er erleben würde. O das wäre etwas ganz anderes als die Arbeit
+und Schinderei daheim. »Ach, wenn ich doch die Wildgänse auf dieser Reise
+begleiten dürfte, dann wollte ich mich über meine Verwandlung gewiß nicht
+grämen!« dachte er.
+
+Er hatte jetzt vor nichts Angst, als nach Hause geschickt zu werden; aber
+auch am Mittwoch mahnten die Wildgänse nicht an die Abreise. Der Tag
+verging wie der vorhergehende, und dem Jungen gefiel das ungebundene Leben
+im Freien immer besser.
+
+Er war der Meinung, er habe den einsamen Park, der so groß war wie ein
+Wald, ganz für sich allein, und er fühlte durchaus keine Sehnsucht nach der
+engen Stube und den kleinen Äckerchen seiner Heimat.
+
+Am Mittwoch glaubte er, die Wildgänse hätten die Absicht, ihn bei sich zu
+behalten, aber am Donnerstag hatte er diese Hoffnung nicht mehr. Der
+Donnerstag begann ganz wie der vorhergehende Tag. Die Wildgänse weideten
+auf den großen Äckern, und der Junge ging im Park auf die Nahrungssuche.
+Nach einiger Zeit gesellte sich Akka zu ihm und fragte, ob er etwas Eßbares
+gefunden habe. Nein, das hatte er nicht. Da stöberte Akka eine vertrocknete
+Kümmelstaude auf, an der noch alle die kleinen Früchte unversehrt hingen.
+Aber nachdem der Junge gegessen hatte, sagte Akka zu ihm, sie finde, er
+streife viel zu verwegen im Park umher, ob er denn nicht wisse, vor wie
+vielen Feinden sich so ein kleines Geschöpf, wie er eines sei, zu hüten
+habe? Nein, das wisse er nicht, sagte der Junge, und darauf begann Akka ihm
+die Feinde aufzuzählen.
+
+Wenn er in den Wald gehe, sagte sie, solle er sich vor dem Fuchs und dem
+Marder in acht nehmen, wenn er sich am Ufer aufhalte, dürfe er die
+Fischotter nicht vergessen, wenn er auf einem Steinmäuerchen sitze, müsse
+er an das Wiesel denken, das durch das kleinste Loch hindurchschlüpfen
+könne, und wenn er sich auf einen Laubhaufen niederlegen wolle, um zu
+schlafen, müsse er zuerst untersuchen, ob nicht etwa eine Kreuzotter in
+eben diesem Haufen ihren Winterschlaf halte. Sobald er aufs offne Feld
+hinauskomme, solle er sich vor Habicht und Geier, vor Adler und Falken, die
+droben in der Luft schwebten, hüten. Im Haselnußgebüsch könne er vom
+Sperber gefangen werden. Dohlen und Krähen fänden sich überall, und ihnen
+solle er nur nicht zu viel trauen. Und sobald die Dämmerung hereinbreche,
+solle er die Ohren spitzen und auf die großen Eulen aufpassen, die mit
+lautlosem Flügelschlag daherschwebten, so daß sie schon ganz dicht bei ihm
+seien, ehe er ihre Nähe nur ahne.
+
+Als der Junge von so vielen Feinden hörte, die ihm mit dem Tode drohten,
+erschien es ihm ganz unmöglich, mit dem Leben davonzukommen. Er fürchtete
+sich zwar nicht besonders vor dem Sterben, wollte aber doch lieber nicht
+aufgefressen werden. Er fragte deshalb Akka, was er tun müsse, um den
+Raubtieren zu entgehen.
+
+Und Akka antwortete sogleich, er müsse versuchen, sich mit dem kleinen
+Tiervolk in Wald und Feld, mit den Eichhörnchen und den Hasen, mit den
+Finken, Meisen, Spechten und Lerchen auf guten Fuß zu stellen. Wenn er sich
+die zu Freunden mache, dann würden sie ihn vor Gefahren warnen, ihm
+Schlupfwinkel zeigen und in der höchsten Not sich zusammentun, ihn zu
+verteidigen.
+
+Als sich dann aber der Junge später am Tag diesen Rat zunutze machen wollte
+und sich an Sirle, das Eichhörnchen, um gütigen Beistand wandte, da zeigte
+es sich, daß dieses ihm nicht helfen wollte. »Von dem kleinen Tiervolk
+darfst du dir keine Hoffnung auf Hilfe machen,« sagte Sirle. »Meinst du,
+wir wüßten nicht, daß du Nils, der Gänsejunge bist, der im vorigen Jahr die
+Schwalbennester herunterriß, die Stareneier zerbrach, die jungen Krähen in
+die Mergelgrube warf, Drosseln in Schlingen fing und Eichhörnchen in Käfige
+sperrte? Du mußt dir selber helfen, so gut du kannst, und mußt noch froh
+sein, wenn wir uns nicht zusammentun und dich zu den Deinen zurückjagen.«
+
+Das war gerade so eine Antwort, die der Junge früher nicht ungestraft hätte
+hingehen lassen. Jetzt aber bekam er nur Angst, auch die Wildgänse möchten
+erfahren, wie böse er sein konnte. Seither war er in beständiger Angst
+gewesen, die Wildgänse würden ihm am Ende die Erlaubnis, bei ihnen zu
+bleiben, verweigern, und er hatte sich deshalb, seit er in ihrer
+Gesellschaft war, nicht die kleinste Unart erlaubt. Viel Böses hätte er
+freilich, da er doch so klein war, nicht anstellen können, aber er hätte
+doch Gelegenheit genug gehabt, Vogelnester auszunehmen und die Eier zu
+zerbrechen. So aber war er immer nur ganz artig gewesen, hatte keiner Gans
+eine Feder aus dem Flügel gerupft, keine einzige unhöfliche Antwort
+gegeben, und wenn er Akka guten Morgen wünschte, nahm er jedesmal die Mütze
+ab und verbeugte sich dazu.
+
+Den ganzen Donnerstag hindurch dachte er, die Wildgänse wollten ihn gewiß
+nur seiner Schlechtigkeit wegen nicht mit nach Lappland nehmen, und als er
+am Abend hörte, daß das Weibchen des Eichhörnchens Sirle geraubt worden sei
+und dessen neugeborenen Jungen nun verhungern müßten, beschloß er, ihnen zu
+helfen, und es ist schon berichtet worden, wie gut das Nils Holgersson
+gelang.
+
+Als der Junge am Freitag wieder in den Park kam, hörte er die Buchfinken in
+jedem Gebüsch davon singen, wie das Weibchen des Eichhörnchens Sirle durch
+grimmige Räuber von ihren neugeborenen Jungen weg geraubt worden sei und
+wie der Gänsejunge Nils sich zwischen die Menschen hineingewagt und ihr
+ihre Kleinen gebracht hätte.
+
+»Wer ist nun im Park von Övedskloster so gefeiert,« sangen die Buchfinken,
+»wie Däumeling, den alle fürchteten, so lange er der Gänsejunge Nils war?
+Sirle, das Eichhörnchen, gibt ihm Nüsse, die armen Hasen machen Männchen
+vor ihm, die Rehe nehmen ihn auf den Rücken und laufen mit ihm davon, wenn
+der Fuchs Smirre in seiner Nähe auftaucht, die Meisen warnen ihn vor dem
+Sperber, und die Finken und Lerchen singen von seiner Heldentat!«
+
+Der Junge war ganz sicher, daß Akka und die andern Wildgänse alles dies
+gehört hatten, aber trotzdem verging der ganze Freitag, ohne daß ihm gesagt
+worden wäre, er dürfe jetzt bei ihnen bleiben.
+
+Bis zum Samstag durften die Wildgänse auf den Äckern bei Öved weiden, ohne
+von Smirre gestört zu werden. Aber als sie am Samstag früh auf das Feld
+hinüberkamen, lag er da im Hinterhalt und verfolgte sie von einem Acker zum
+andern. Als nun Akka sah, daß er sie durchaus nicht in Ruhe lassen wollte,
+faßte sie einen raschen Entschluß, sie erhob sich hoch in die Luft und flog
+mit ihrer Schar mehrere Meilen weit über die Ebenen von Färs und dem
+Linderöder Bergrücken hin. Dort ließen sie sich in der Gegend von
+Vittskövle nieder. Dann wurde es wieder Sonntag. Eine ganze Woche war nun
+vergangen, seit der Junge verzaubert worden war, und noch immer war er
+ebenso klein wie am ersten Tage.
+
+Aber es sah nicht aus, als ob ihm das großen Kummer machte. Am
+Sonntagnachmittag saß er auf einem großen, dichten Weidenbusch am Seeufer
+und blies auf einer Weidenpfeife. Ringsumher saßen so viele Meisen und
+Buchfinken und Stare, als auf dem Gebüsch Platz hatten, und zwitscherten
+ihre Weisen, die der Junge nachzublasen versuchte. Aber der Junge verstand
+sich nicht besonders auf diese Kunst; er blies so falsch, daß sich den
+kleinen Lehrmeistern alle Federn sträubten und sie in hellem Entsetzen
+schrien und mit den Flügeln schlugen. Der Junge aber lachte so herzlich
+über ihren Eifer, daß ihm die Pfeife entfiel.
+
+Wieder begann er zu blasen, aber auch diesmal ging es nicht besser, und die
+ganze Vogelschar jammerte: »Heute spielst du noch schlechter als sonst,
+Däumling! Du bringst keinen reinen Ton heraus. Wo hast du nur deine
+Gedanken, Däumling?«
+
+»Die sind anderswo,« antwortete der Junge. Und das war ganz wahr. Er mußte
+immerfort daran denken, wie lange er wohl noch bei den Wildgänsen bleiben
+dürfte, und ob er am Ende schon an diesem Tage noch fortgeschickt werde.
+
+Doch plötzlich warf der Junge die Pfeife weg und sprang von dem Weidenbusch
+herunter, denn er sah Akka und alle Gänse in einer langen Reihe auf sich
+zukommen. Sie schritten ungewöhnlich langsam und feierlich daher, und dem
+Jungen wurde sogleich klar, daß er jetzt erfahren werde, was sie mit ihm zu
+tun gedächten.
+
+Als die Gänse schließlich vor ihm stehen blieben, sagte Akka:
+
+»Du hast allen Grund, dich über mich zu verwundern, weil ich mich noch
+nicht bei dir bedankt habe, daß du mich aus Smirres Klauen errettet hast.
+Aber ich gehöre zu denen, die lieber mit Taten als mit Worten danken. Und
+ich glaube, lieber Däumling, daß es mir gelungen ist, dir einen großen
+Dienst zu erweisen. Ich habe nämlich an das Wichtelmännchen, das dich
+verzaubert hat, Botschaft geschickt. Zuerst wollte es nichts davon hören,
+dich wieder in deine alte Gestalt zu verwandeln, aber ich habe eine
+Botschaft um die andre geschickt und ihm mitteilen lassen, wie gut du dich
+hier bei uns aufgeführt hast. Jetzt läßt es dich grüßen und dir sagen, daß
+du, sobald du wieder nach Hause zurückgekehrt seiest, wieder ein Mensch
+werden würdest.«
+
+Aber wie merkwürdig! Ebenso vergnügt wie der Junge gewesen war, als Akka zu
+sprechen angefangen hatte, ebenso betrübt war er, als sie zu sprechen
+aufhörte. Er sagte kein Wort, sondern wendete sich nur ab und weinte.
+
+»Was soll denn aber das bedeuten?« fragte Akka. »Es sieht aus, als habest
+du mehr von mir erwartet, als ich dir jetzt geboten habe.«
+
+Aber der Junge dachte an sorgenfreie Tage und lustige Neckereien, an
+Abenteuer und Freiheit und an die Reisen hoch über der Erde hin, deren er
+nun verlustig gehen würde, und er weinte laut vor Kummer und Betrübnis.
+»Ich mache mir nichts daraus, wieder ein Mensch zu werden!« schluchzte er.
+»Ich will mit euch nach Lappland!«
+
+»Ich will dir etwas sagen,« erwiderte Akka. »Das Wichtelmännchen ist sehr
+leicht verletzt, und ich fürchte, es werde dir schwer werden, es ein andres
+Mal zu deinen Gunsten zu stimmen, wenn du sein Anerbieten jetzt
+ausschlägst.«
+
+Es war von jeher merkwürdig gewesen, daß dieser Junge noch niemals jemand
+eigentlich lieb gehabt hatte, weder Vater noch Mutter, noch den
+Schullehrer, noch die Schulkameraden, noch die Jungen auf den Nachbarhöfen.
+Alles, was sie je von ihm verlangt hatten, einerlei, ob es sich um Spiel
+oder Arbeit handelte, war ihm langweilig vorgekommen. Deshalb gab es jetzt
+auch keinen Menschen, nach dem er sich gesehnt oder den er vermißt hätte.
+
+Die einzigen, mit denen er sich einigermaßen vertragen hatte, waren das
+Gänsemädchen Åsa und ihr Bruder Klein-Mats gewesen, ein paar Kinder, die
+wie er auch Gänse hüteten. Aber auch mit ihnen verband ihn keine richtige
+Freundschaft. O nein, ganz und gar nicht!
+
+»Ich will nicht wieder ein Mensch werden!« schluchzte der Junge. »Ich will
+euch nach Lappland begleiten! Deshalb bin ich eine ganze Woche lang artig
+gewesen.«
+
+»Es soll dir nicht verweigert werden, uns zu begleiten, so lange du Lust
+hast,« sagte Akka. »Aber überlege dir nun zuerst, ob du nicht lieber nach
+Hause zurückkehren möchtest. Es könnte ein Tag kommen, wo du es bereutest.«
+
+»Nein,« sagte der Junge, »da ist nichts zu bereuen. Es ist mir noch nie so
+gut gegangen, wie hier bei euch.«
+
+»Nun, dann sei es also, wie du willst,« sagte Akka.
+
+»Danke, danke!« rief der Junge. Und er fühlte sich so glücklich, daß er
+jetzt ebenso vor Freude weinen mußte, wie er vorher vor Kummer geweint
+hatte.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+4
+
+Haus Glimminge
+
+Schwarze Ratten und graue Ratten
+
+
+Im südöstlichen Schonen, nicht weit vom Meere entfernt, liegt eine alte
+Burg, Glimmingehaus genannt. Sie besteht aus einem einzigen hohen, großen
+und starken steinernen Bau, den man in der ebenen Gegend meilenweit sehen
+kann. Sie hat nur vier Stockwerke, ist aber so mächtig, daß ein
+gewöhnliches Bauernhaus, das auf demselben Gut steht, sich wie ein
+Puppenhäuschen dagegen ausnimmt.
+
+Die äußern Mauern und die Zwischenwände und Wölbungen dieses steinernen
+Hauses sind alle so dick, daß im Innern kaum noch für etwas andres Raum ist
+als für die dicken Quermauern. Die Treppen sind eng, die Gänge schmal, und
+es sind nur wenig Zimmer da. Und damit die Mauern ihre Stärke behalten
+sollten, ist auch nur eine kleine Zahl Fenster in den obern Stockwerken
+angebracht worden, in dem untersten aber sind überhaupt nur kleine
+Lichtöffnungen. In den alten Kriegszeiten waren die Menschen nur zu froh,
+wenn sie sich in ein so großes, starkes Haus einschließen konnten, wie
+jemand jetzt im eisigkalten Winter froh ist, wenn er in seinen Pelz
+hineinkriechen kann. Aber als die gute Friedenszeit kam, wollten die Leute
+nicht mehr in den dunkeln, kalten steinernen Räumen der Burg wohnen; sie
+haben schon seit langer Zeit Glimmingehaus verlassen und sind in Wohnungen
+gezogen, wo Luft und Licht hineindringen können.
+
+Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, befanden sich
+also keine Menschen in Glimmingehaus, aber deshalb fehlte es da doch nicht
+an Bewohnern. Auf dem Dache wohnte jeden Sommer ein Storchenpaar in einem
+großen Nest. Unter dem Dache wohnten zwei Nachteulen, in den Gängen hingen
+Fledermäuse, auf dem Herd in der Küche wohnte eine alte Katze, und drunten
+im Keller gab es Hunderte von der alten Sorte der schwarzen Ratten.
+
+Ratten stehen nicht gerade in großem Ansehen bei den andern Tieren; aber
+die schwarzen Ratten auf Glimmingehaus machten eine Ausnahme, und es wurde
+immer mit Achtung von ihnen gesprochen, weil sie im Streit mit ihren
+Feinden große Tapferkeit bewiesen hatten und auch sehr viel Ausdauer
+während der großen Unglückszeiten, die über ihr Volk hingegangen waren. Sie
+gehörten nämlich einem Rattenvolk an, das einmal sehr zahlreich und mächtig
+gewesen, jetzt aber am Aussterben war. Während einer langen Reihe von
+Jahren hatten die schwarzen Ratten, Landratten genannt, Schonen und das
+ganze Land besessen. Sie waren fast in jedem Keller zu finden gewesen, fast
+auf jedem Boden, in Scheunen und auf Heuböden, in Vorratskammern und
+Backstuben, in den Wirtschaftsgebäuden und Ställen, in Kirchen und Burgen,
+in Brennereien und Mühlen, sowie in allen andern von Menschen bewohnten
+Gebäuden; aber jetzt waren sie von allen diesen vertrieben und beinahe
+ausgerottet. Nur auf dem einen oder andern einsam gelegenen Platz konnte
+man noch einige antreffen, aber nirgends waren sie so zahlreich wie auf
+Glimmingehaus.
+
+Wenn ein Tiervolk ausstirbt, beruht das meistens auf dem Vorgehen der
+Menschen; hier aber war das nicht der Fall gewesen. Die Menschen hatten
+freilich mit den schwarzen Ratten gekämpft, sie hatten ihnen aber keinen
+namhaften Schaden zufügen können. Wer sie besiegt hatte, das war ein
+Tiervolk ihres eignen Stammes gewesen, ein Volk, das man die grauen Ratten
+nannte. Die grauen Ratten, oder die Wanderratten, hatten nicht wie die
+schwarzen von Urzeiten her im Lande gewohnt. Sie stammten von ein paar
+armen Einwanderern her, die vor hundert Jahren von einem lübischen Schiff
+in Malmö ans Land gestiegen waren. Sie waren heimatlose, halb verhungerte
+Tröpfe, die in diesem Hafen ihren Aufenthalt nahmen, um die Pfeiler unter
+den Brücken herumschwammen und den Abfall fraßen, der ins Wasser geworfen
+wurde. Nie wagten sie sich in die Stadt hinein, die den schwarzen Ratten
+gehörte.
+
+Aber allmählich, nachdem die grauen Ratten an Zahl zugenommen hatten,
+faßten sie Mut und gingen in die Stadt hinein. Anfangs zogen sie nur in ein
+paar alte verlassene Häuser, die die schwarzen Ratten aufgegeben hatten;
+sie suchten ihre Nahrung in Rinnsteinen und auf Misthaufen und nahmen mit
+allem Unrat vorlieb, den die schwarzen Ratten nicht anrühren wollten. Es
+waren wetterfeste, genügsame und unerschrockene Tiere; und in ein paar
+Jahren waren sie so mächtig geworden, daß sie es unternahmen, die schwarzen
+Ratten von Malmö zu verjagen. Sie nahmen ihnen Dachräume, Keller und
+Magazine weg, hungerten sie aus, oder bissen sie tot, denn sie fürchteten
+sich durchaus nicht vor Kampf und Streit.
+
+Und nachdem Malmö genommen war, zogen sie in kleinern und größern Scharen
+aus, das ganze Land zu erobern. Es ist beinahe unbegreiflich, warum die
+schwarzen Ratten sich nicht zu einem großen gemeinsamen Heereszug
+versammelten und die grauen Ratten vernichteten, so lange diese noch nicht
+zahlreich waren. Aber die schwarzen waren wohl von ihrer Macht so
+überzeugt, daß sie sich die Möglichkeit, das Land zu verlieren, gar nicht
+vorstellen konnten. Sie saßen ruhig auf ihren Besitztümern, und inzwischen
+nahmen ihnen die grauen Ratten Hof um Hof, Dorf um Dorf, Stadt um Stadt
+weg. Sie wurden ausgehungert, verdrängt, ausgerottet. In Schonen hatten sie
+sich nirgends halten können, ausgenommen auf Glimmingehaus.
+
+Das alte steinerne Haus hatte so dicke Mauern und so wenige Rattengänge
+führten hindurch, daß es den schwarzen Ratten gelungen war, es zu halten
+und die grauen Ratten am Hereindringen zu verhindern. Ein Jahr ums andre,
+eine Nacht um die andre war der Streit zwischen den Angreifern und
+Verteidigern fortgegangen; aber die schwarzen Ratten hatten treulich Wache
+gestanden und mit der größten Todesverachtung gekämpft, und dank dem alten,
+prächtigen Haus hatten sie bis jetzt immer gesiegt.
+
+Es muß zugegeben werden, daß die schwarzen Ratten, so lange sie die Macht
+gehabt hatten, von allen lebenden Geschöpfen ebenso verabscheut gewesen
+waren, wie die grauen es jetzt sind, und das mit vollem Recht. Sie hatten
+sich über arme gefesselte Gefangene geworfen und sie gequält, sie hatten
+Leichen aufgefressen, hatten die letzte Rübe aus dem Keller der Armen
+wegstibitzt, schlafenden Gänsen die Füße abgebissen, den Hühnern die Eier
+und ihre kleinen mit zartem Flaum bedeckten gelben Kücken geraubt und
+tausend andre Missetaten vollführt. Aber seit das Unglück über sie gekommen
+war, war das alles wie vergessen, niemand konnte es unterlassen, die
+letzten des Geschlechts, die den grauen Ratten so lange widerstanden
+hatten, zu bewundern.
+
+Die grauen Ratten, die auf dem Glimmingehof und dessen Umgebung wohnten,
+führten den Streit immer weiter und versuchten jede nur mögliche
+Gelegenheit zu benützen, sich der Burg zu bemächtigen. Man hätte meinen
+können, sie hätten die kleine Schar schwarzer Ratten wohl im Besitz von
+Glimmingehaus lassen können, da sie ja das ganze übrige Land besaßen, aber
+das fiel ihnen gar nicht ein. Sie pflegten zu sagen, es sei ihnen
+Ehrensache, die schwarzen Ratten doch noch zu besiegen. Aber wer die grauen
+Ratten kannte, wußte wohl, daß es einen andern Grund hatte; die Menschen
+benützten nämlich Glimmingehaus als Kornspeicher, und darum wollten die
+grauen keine Ruhe geben, bis sie es erobert hätten.
+
+
+Der Storch
+
+ Montag, 28. März
+
+Eines Morgens wurden die Gänse, die draußen auf dem Eis des Vombsee standen
+und schliefen, durch laute Rufe in der Luft sehr früh geweckt. »Trirop!
+Trirop!« erklang es. »Trianut, der Kranich, läßt die Wildgans Akka und ihre
+Schar grüßen! Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!«
+
+Akka streckte schnell den Kopf in die Höhe und antwortete: »Schönen Dank
+und Gruß! Schönen Dank und Gruß!«
+
+Darauf flogen die Kraniche weiter, aber die Wildgänse hörten noch lange,
+wie sie über jedem Feld und über jedem Waldhügel riefen: »Trianut läßt
+grüßen! Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!«
+
+Die Wildgänse freuten sich über diese Botschaft. »Du hast Glück,« sagten
+sie zu dem weißen Gänserich, »daß du bei dem großen Kranichtanz anwesend
+sein darfst.«
+
+»Ist es denn etwas so Merkwürdiges, die Kraniche tanzen zu sehen?« fragte
+der Gänserich.
+
+»Es ist etwas, was du dir nie träumen lassen könntest,« antworteten die
+Wildgänse.
+
+»Nun müssen wir überlegen, was wir morgen mit Däumling tun, damit ihm kein
+Unglück widerfährt, während wir nach dem Kullaberg reisen,« sagte Akka.
+
+»Däumling darf nicht allein bleiben!« rief der Gänserich. »Wenn die
+Kraniche ihm nicht erlauben, ihren Tanz mit anzusehen, dann bleibe ich bei
+ihm.«
+
+»Keinem Menschen ist je vergönnt gewesen, der Versammlung der Tiere auf dem
+Kullaberg beizuwohnen,« sagte Akka, »und ich wage es nicht, Däumling
+dorthin mitzunehmen. Aber wir wollen später am Tage noch weiter darüber
+sprechen. Jetzt müssen wir vor allem daran denken, etwas zum Essen zu
+bekommen.«
+
+Damit gab Akka das Zeichen zum Aufbruch. Auch an diesem Tag suchte sie
+Smirres wegen das Weidefeld in großer Entfernung und ließ sich erst bei den
+sumpfigen Wiesen ein Stück südlich von Glimmingehaus nieder.
+
+Diesen ganzen Tag hindurch saß der Junge am Ufer eines kleinen Teichs und
+blies auf einer Rohrpfeife. Er war schlechter Laune, weil er den
+Kranichtanz nicht sehen sollte, und konnte sich nicht überwinden, mit dem
+Gänserich oder mit einer der Wildgänse ein einziges Wort zu sprechen.
+
+Ach, wie bitter war es, daß Akka ihm noch immer mißtraute! Wenn ein Junge
+es abgeschlagen hatte, wieder ein Mensch zu werden, weil er lieber mit
+einer Schar armer Wildgänse umherziehen wollte, dann müßte sie doch
+begreifen, daß er sie nicht verraten würde. Und ebensogut müßte sie
+begreifen, daß es ihre Pflicht wäre, ihn alles Merkwürdige, was sie ihm nur
+zeigen könnte, sehen zu lassen; er hatte doch so viel aufgegeben, um bei
+den Wildgänsen zu bleiben.
+
+»Ich muß ihnen meine Meinung gerade heraus sagen,« dachte er. Aber eine
+Stunde um die andre verging, ohne daß er seine Absicht ausgeführt hätte.
+Dies klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber den Jungen war wirklich eine
+Art Ehrfurcht vor der alten Akka überkommen, und er fühlte wohl, daß es
+nicht leicht sein würde, sich ihrem Willen zu widersetzen.
+
+Auf der einen Seite der sumpfigen Wiese, wo die Gänse weideten, lag eine
+breite steinerne Mauer. Und da geschah es, daß der Blick des Jungen, als er
+gegen Abend den Kopf aufrichtete, um mit Akka zu sprechen, auf die Mauer
+fiel. Da entfuhr ihm ein kleiner Schrei der Verwunderung, so daß alle Gänse
+schnell aufsahen, und auch sie starrten überrascht nach derselben Stelle.
+Im ersten Augenblick glaubten alle, der Junge nicht ausgeschlossen, daß
+die grauen rundlichen Steine, aus denen das Mäuerchen bestand, Beine
+bekommen hätten und auf und davon gingen; aber bald sahen sie, daß es eine
+Schar Ratten war, die darüber hinlief. Sie bewegten sich sehr schnell und
+liefen dicht nebeneinander in Marschordnung vorwärts, und es waren ihrer so
+viele, daß sie eine gute Weile das ganze Mäuerchen bedeckten.
+
+Der Junge hatte sich vor Ratten gefürchtet, als er noch ein großer starker
+Mensch gewesen war. Wie sollte er das jetzt nicht tun, wo er so klein war,
+daß zwei oder drei von ihnen ihn überwältigen konnten? Ein Schauder nach
+dem andern lief ihm den Rücken hinunter, während er den Rattenzug
+betrachtete.
+
+Aber merkwürdigerweise schienen die Gänse ganz denselben Abscheu vor den
+Ratten zu haben. Sie sprachen nicht mit ihnen; und als die Ratten vorüber
+waren, schüttelten sie sich, als ob ihnen Schlick zwischen die Federn
+gekommen wäre.
+
+»So viele graue Ratten unterwegs,« sagte Yksi von Vassijaure, »das ist kein
+gutes Zeichen.«
+
+Jetzt wollte der Junge die Gelegenheit ergreifen und Akka sagen, daß er
+meine, sie müßte ihn eigentlich mit auf den Kullaberg nehmen; aber wieder
+wurde er daran verhindert, denn ein großer Vogel ließ sich ganz hastig
+mitten zwischen den Gänsen nieder.
+
+Wenn man diesen Vogel ansah, hätte man denken können, er habe Leib, Hals
+und Kopf von einer kleinen weißen Gans entlehnt. Aber zu all dem hatte er
+sich große schwarze Flügel angeschafft, sowie lange rote Beine und einen
+langen, dicken Schnabel, der viel zu groß für den kleinen Kopf war und ihn
+herunterzog, so daß der Vogel ein etwas bekümmertes, sorgenvolles Aussehen
+bekam.
+
+Akka legte in aller Eile ihre Flügel zurecht und verbeugte sich viele Male
+mit dem Halse, während sie dem Storch entgegenging. Sie war nicht besonders
+verwundert, ihn so früh im Jahr in Schonen zu sehen, weil sie wußte, daß
+die Storchenmännchen zu guter Zeit eintreffen, um nachzusehen, ob das
+Storchennest während des Winters keinen Schaden gelitten habe, ehe die
+Storchenweibchen sich der Mühe unterziehen, über die Ostsee zu fliegen.
+Aber sie verwunderte sich doch sehr, was es zu bedeuten habe, daß der
+Storch sie aufsuchte, denn der Storch geht am liebsten nur mit Leuten
+seines eignen Stammes um.
+
+»Ihre Wohnung wird doch nicht in Unordnung sein, Herr Ermenrich?« sagte
+Akka.
+
+Nun zeigte es sich, daß es ganz wahr ist, wenn es heißt, der Storch öffne
+nur selten den Schnabel, ohne zu klagen. Und da es dem Storch schwer wurde,
+die Worte herauszubringen, so klang das, was er sagte, noch betrübter.
+Zuerst klapperte er eine gute Weile mit dem Schnabel, und dann sprach er
+mit einer heisern, schwachen Stimme. Er beklagte sich über alles mögliche;
+das Nest hoch droben auf dem Dachfirst von Glimmingehaus sei von den
+Winterstürmen ganz verdorben, und er könne keine Nahrung finden. Die
+Menschen eigneten sich allmählich sein ganzes Besitztum an. Sie machten
+seine sumpfigen Wiesen urbar und bebauten seine Moore. Er habe im Sinn,
+von Schonen wegzuziehen und nie wieder zurückzukehren.
+
+Während der Storch so klagte, konnte es Akka, die Wildgans, die nirgends
+Schutz und Schirm genoß, nicht lassen, im stillen zu denken: »Wenn ich es
+so gut hätte wie Sie, Herr Ermenrich, dann würde ich zu stolz zum Klagen
+sein. Sie haben ein freier, wilder Vogel bleiben können und sind doch so
+gut bei den Menschen angeschrieben, daß keiner eine Kugel auf Sie abschießt
+oder ein Ei aus Ihrem Nest stiehlt.« Aber sie behielt ihre Gedanken für
+sich, und zu dem Storch sagte sie nur, sie könne nicht glauben, daß er ein
+Haus verlassen wolle, das den Störchen schon seit seiner Erbauung als
+Heimat gedient hätte.
+
+Jetzt fragte der Storch schnell, ob die Gänse den Zug der grauen Ratten
+nach Glimmingehaus gesehen hätten, und als Akka antwortete, ja, sie hätten
+das Teufelszeug wohl gesehen, erzählte er ihr von den tapfern schwarzen
+Ratten, die seit vielen Jahren die Burg verteidigt hätten. »Aber in dieser
+Nacht wird Glimmingehaus unter die Herrschaft der grauen Ratten kommen,«
+sagte der Storch seufzend.
+
+»Warum gerade in dieser Nacht, Herr Ermenrich?« fragte Akka.
+
+»Weil beinahe alle schwarzen Ratten, im Vertrauen darauf, daß alle andern
+Tiere auch dorthin eilen würden, gestern abend nach dem Kullaberg
+aufgebrochen sind,« antwortete der Storch. »Aber sehen Sie, die grauen
+Ratten sind daheim geblieben, und jetzt versammeln sie sich, um in der
+Nacht in die Burg einzudringen, wenn diese nur von ein paar alten
+Schwächlingen, die nicht mit nach dem Kullaberg reisen können, verteidigt
+wird. Sie werden ja auch ihr Ziel erreichen; aber ich habe nun seit so
+vielen Jahren in friedlicher Nachbarschaft mit den schwarzen Ratten gelebt,
+daß es mir nicht gefällt, wenn ich mit deren Feinden Umgang pflegen soll.«
+
+Jetzt verstand Akka, warum der Storch zu ihnen gekommen war; er war über
+die Handlungsweise der grauen Ratten so empört, daß er sich über sie
+beklagen wollte. Aber nach Art der Störche hätte er sicherlich nichts
+getan, das Unglück abzuwenden.
+
+»Haben Sie den schwarzen Ratten Nachricht geschickt, Herr Ermenrich?«
+fragte Akka.
+
+»Nein,« antwortete der Storch, »das würde nichts nützen. Ehe sie zurück
+sein können, ist die Burg genommen.«
+
+»Seien Sie dessen nicht so ganz sicher, Herr Ermenrich,« sagte Akka. »Ich
+glaube, ich kenne eine alte Wildgans, die eine solche Schandtat gerne
+verhindern würde.«
+
+Nachdem Akka dies gesagt hatte, hob der Storch den Kopf und sah sie groß
+an. Und das war nicht verwunderlich, denn die alte Akka hatte weder Klauen
+noch Schnabel, die in einem Kampf zu gebrauchen waren. Und überdies war sie
+ein Tagvogel, sobald die Nacht kam, schlief sie unfehlbar ein, während die
+Ratten gerade bei Nacht kämpften.
+
+Aber Akka schien fest entschlossen, den schwarzen Ratten beizustehen. Sie
+rief Yksi von Vassijaure herbei und befahl ihr, die Gänse nach dem Vombsee
+zu führen, und als die Gänse Einwendungen machten, rief sie gebieterisch:
+»Ich glaube, es wird für uns alle das beste sein, wenn ihr mir gehorcht.
+Ich muß nach dem großen Steinhaus fliegen, und wenn ihr mich begleitet, ist
+es nicht zu vermeiden, daß die Leute vom Hofe uns sehen, und dann schießen
+sie auf uns. Der einzige, den ich mitnehmen will, ist Däumling. Er kann
+sich sehr nützlich machen, weil er gute Augen hat und bei Nacht wach zu
+bleiben vermag.«
+
+An diesem Tag war der Junge in seiner störrischsten Laune, und als er
+hörte, was Akka sagte, richtete er sich in seiner ganzen Länge auf und
+trat, die Hände auf dem Rücken und die Nase in der Luft, vor, um zu
+erklären, daß er sich nicht dazu hergeben wolle, mit Ratten zu kämpfen, und
+sich Akka also nach einer andern Hilfe umsehen müsse.
+
+Aber in dem Augenblick, wo er sich zeigte, begann der Storch sich zu regen.
+Er hatte nach der Gewohnheit der Störche mit gesenktem Kopf und den
+Schnabel gegen den Hals gedrückt, dagestanden. Jetzt begann es jedoch in
+seinem Hals zu gurgeln, als lache er. Er senkte den Schnabel blitzschnell,
+erfaßte den Jungen und warf ihn ein paar Meter hoch in die Luft hinauf.
+Dieses Kunststück wiederholte er siebenmal, während der Junge schrie und
+die Gänse riefen: »Was tun Sie denn, Herr Ermenrich, das ist kein Frosch!
+Es ist ein Mensch, Herr Ermenrich!«
+
+Endlich stellte der Storch den Jungen doch wieder ganz unbeschädigt auf die
+Erde. Hierauf sagte er zu Akka: »Ich fliege jetzt nach Glimmingehaus
+zurück, Mutter Akka. Alle, die dort wohnen, waren sehr ängstlich, als ich
+wegflog. Sie werden sicherlich sehr froh sein, wenn ich ihnen mitteile, daß
+die Wildgans Akka und Däumling, der Menschenknirps, kommen werden, sie zu
+retten.«
+
+Damit streckte der Storch den Hals vor, schlug mit den Flügeln und flog wie
+ein Pfeil von einem straff gespannten Bogen davon. Akka verstand, daß er
+sich über sie lustig machte, ließ sich das aber nicht anfechten. Sie
+wartete, während der Junge seine Holzschuhe suchte, die der Storch von ihm
+abgeschüttelt hatte, dann setzte sie ihn auf ihren Rücken und flog dem
+Storch nach. Und der Junge leistete seinerseits keinen Widerstand und sagte
+auch kein Wort, daß er nicht mitwolle. Er ärgerte sich grün und gelb und
+schlug ein spöttisches Gelächter auf. Dieser eingebildete Gesell mit den
+langen roten Beinen glaubte wohl von ihm, er sei zu nichts nütze. Aber er
+würde ihm schon zeigen, was der Nils Holgersson von Westvemmenhög für ein
+Kerl war.
+
+Einige Augenblicke später stand Akka im Storchennest auf Glimmingehaus. Es
+war ein großes, prächtiges Nest. Als Unterlage hatte es ein Rad und darauf
+mehrere Lagen Zweige und Rasenstücke. Das Nest war so alt, daß verschiedene
+Büsche und Kräuter da droben Wurzel geschlagen hatten; und wenn die
+Storchenmutter in der runden Vertiefung mitten im Nest auf ihren Eiern saß,
+konnte sie sich nicht allein an der großartigen Aussicht über einen Teil
+von Schonen erfreuen, sondern auch an wilden Rosen und Hauslauch.
+
+Der Junge und Akka konnten gleich sehen, daß hier etwas Außergewöhnliches
+vorging. Auf dem Rande des Storchennestes saßen nämlich zwei Nachteulen,
+eine alte graugestreifte Katze und ein Dutzend uralte Ratten mit
+ausgewachsenen Zähnen und triefenden Augen. Das waren nicht gerade die
+Tiere, die man sonst in friedlicher Gemeinschaft sieht.
+
+Keines von ihnen wendete sich um, Akka anzusehen oder zu begrüßen. Sie
+hatten für nichts einen Gedanken, sondern starrten nur unverwandt auf
+einige lange graue Linien, die da und dort auf den kahlen Winterfeldern zu
+sehen waren.
+
+Alle schwarzen Ratten saßen ganz still da. Man sah ihnen an, daß sie in der
+größten Verzweiflung waren und wohl wußten, daß sie weder ihr eignes Leben
+noch die Burg verteidigen konnten. Die beiden Eulen rollten ihre großen
+Augen und zuckten dabei unaufhörlich mit den Federkränzen, die diese
+umgaben. Dabei erzählten sie mit schauerlich krächzenden Stimmen von der
+Grausamkeit der grauen Ratten und sagten, derentwegen müßten sie jetzt ihre
+Wohnung verlassen, denn sie hätten gehört, daß diese Tiere weder Eier noch
+unflügge Junge verschonten. Die alte gestreifte Katze war ganz sicher, daß
+die grauen Ratten sie totbeißen würden, wenn sie in so großer Zahl in die
+Burg eindrängen, und sie keifte unaufhörlich mit den schwarzen Ratten. »Wie
+konntet ihr auch so dumm sein und eure besten Krieger weggehen lassen?«
+sagte sie. »Wie konntet ihr den grauen Ratten trauen? Es ist ganz
+unverzeihlich.«
+
+Die zwölf Ratten erwiderten kein Wort; aber der Storch konnte es trotz
+seines Kummers nicht lassen, die Katze zu necken. »Hab keine Angst,
+Mausefängerin,« sagte er. »Siehst du nicht, daß Mutter Akka und Däumling
+gekommen sind, die Burg zu retten? Du kannst dich darauf verlassen, daß es
+ihnen gelingen wird. Jetzt muß ich mich zum Schlaf zurecht machen, und ich
+tue es ganz beruhigt. Morgen, wenn ich erwache, wird keine einzige graue
+Ratte auf Glimmingehaus zu finden sein.«
+
+Der Junge warf Akka einen Blick zu, der andeutete, wie gerne er dem Storch
+eins auf den Rücken versetzt hätte, als dieser sich jetzt auf den äußersten
+Rand des Nestes, das eine Bein in die Höhe gezogen, zum Schlafen
+aufstellte. Aber Akka sah gar nicht beleidigt aus, sie beschwichtigte den
+Jungen und sagte: »Es wäre sehr schlimm, wenn jemand, der so alt ist wie
+ich, sich nicht aus größeren Schwierigkeiten als dieser hier heraushelfen
+könnte. Wenn Sie, Herr und Frau Eule, da Sie sich die ganze Nacht wach
+halten können, ein paar Aufträge für mich besorgen wollen, dann wird, denke
+ich, alles noch gut werden.«
+
+Die beiden Eulen waren willig, die Aufträge auszurichten, und Akka befahl
+dem Eulenmann, die weggereisten schwarzen Ratten aufzusuchen und ihnen zu
+raten, so schnell wie möglich heimzukehren. Die Eulenfrau aber schickte sie
+zu der Turmeule Flammea, die in der Domkirche zu Lund wohnte, und zwar mit
+einem so geheimnisvollen Auftrag, daß Akka ihn der Eulenfrau nur mit
+flüsternder Stimme anzuvertrauen wagte.
+
+[Illustration: Der Storch (Zu Seite 46)]
+
+
+Der Rattenfänger
+
+Es war gegen Mitternacht, als die grauen Ratten nach vielem Suchen endlich
+ein offenstehendes Kellerloch fanden. Es saß ziemlich hoch in der Mauer,
+aber die Ratten stellten sich aufeinander, immer eine auf die Schultern der
+vorhergehenden, und so dauerte es gar nicht lange, bis die mutigste von
+ihnen durch das Loch springen konnte, sofort bereit, in Glimmingehaus
+einzudringen, vor deren Mauern so viele ihrer Vorfahren gefallen waren.
+
+Die graue Ratte saß eine Weile im Kellerloch und wartete, daß sie
+angefallen werde. Das Hauptheer der Verteidiger war allerdings abwesend,
+aber sie nahm an, daß die zurückgebliebenen schwarzen Ratten sich nicht
+ohne Kampf ergeben würden. Mit klopfendem Herzen horchte sie auf das
+kleinste Geräusch; aber alles blieb ganz still. Da faßte der Anführer der
+grauen Ratten sich ein Herz und sprang in den kalten, dunklen Keller
+hinein.
+
+Eine graue Ratte nach der andern folgte dem Anführer. Alle verhielten sich
+sehr still, und alle erwarteten, die schwarzen Ratten aus einem Hinterhalt
+hervorbrechen zu sehen. Erst als so viele in den Keller eingedrungen waren,
+daß keine mehr Platz auf dem Boden hatte, wagten sie sich weiter.
+
+Obgleich sie noch nie in dem Gebäude selbst gewesen waren, fanden sie den
+Weg doch ohne jegliche Schwierigkeit, und sie fanden auch sehr bald die
+Gänge in den Mauern, deren die schwarzen Ratten sich bedient hatten, um in
+die obern Stockwerke zu gelangen. Ehe sie diese schmalen und engen Treppen
+hinaufkletterten, lauschten sie wieder sehr aufmerksam nach allen Seiten.
+Daß sich die schwarzen Ratten so gänzlich zurückhielten, war ihnen viel
+unheimlicher, als wenn sie sich zu offnem Kampfe gestellt hätten. Sie
+konnten ihrem Glück kaum trauen, als sie das erste Stockwerk ohne Unfall
+erreicht hatten.
+
+Gleich beim Eintreten schlug ihnen der Duft des Korns entgegen, das in
+großen Haufen auf dem Boden lag. Aber es war für sie noch nicht an der
+Zeit, ihren Sieg zu genießen. Mit der größten Sorgfalt durchsuchten sie
+zuerst die düsteren, kahlen Gemächer. Sie sprangen in der alten Schloßküche
+auf den Herd, der mitten auf dem Boden stand, und wären im nächsten Raum
+beinahe in einen Brunnen gestürzt. Keine einzige der schmalen
+Lichtöffnungen ließen sie unbeachtet, aber nirgends stießen sie auf
+schwarze Ratten.
+
+Als nun dieses Stockwerk ganz und gar in ihrer Gewalt war, begannen sie,
+sich mit ganz derselben Vorsicht des zweiten zu bemächtigen. Wieder mußten
+sie eine mühevolle gefährliche Kletterpartie durch die Mauern machen,
+während sie in atemloser Angst erwarteten, daß der Feind über sie herfalle.
+Und obgleich sie der herrlichste Duft von den Kornhaufen lockte, zwangen
+sie sich doch, in größter Ordnung die frühere Gesindestube mit ihren
+mächtigen Pfeilern zu untersuchen, den steinernen Tisch und den Herd, die
+tiefen Fensternischen und das Loch im Boden, durch das man in früheren
+Zeiten siedendes Pech auf den eindringenden Feind hinuntergegossen hatte.
+
+Aber die schwarzen Ratten waren und blieben unsichtbar. Die grauen suchten
+nun den Weg nach dem dritten Stockwerk mit dem großen Festsaal des
+Schloßherrn, der eben so kahl und leer war wie alle andern Gemächer des
+alten Hauses, und sie drangen sogar bis hinauf ins alleroberste Stockwerk,
+das nur aus einem einzigen großen, öden Raum bestand. Der einzige Ort, an
+den sie nicht dachten und den sie nicht untersuchten, war das große
+Storchennest auf dem Dache, wo gerade in diesem Augenblick die Eulenfrau
+Akka weckte und ihr mitteilte, daß die Turmeule Flammea ihrem Wunsche
+willfahrt habe und ihr das Erbetene schicke.
+
+Nachdem die grauen Ratten also gewissenhaft die ganze Burg durchsucht
+hatten, fühlten sie sich beruhigt. Sie nahmen an, daß die schwarzen Ratten
+davongezogen seien, ohne an Widerstand zu denken, und frohen Herzens
+hüpften sie auf die Kornhaufen hinauf.
+
+Aber kaum hatten sie die ersten Weizenkörner verzehrt, als da unten im Hof
+vor der Burg der weiche Ton einer kleinen scharfen Pfeife ertönte. Die
+Ratten hoben die Köpfe aus dem Korn, lauschten unbeweglich, sprangen ein
+paar Schritte vor, als wollten sie die Haufen verlassen, kehrten aber
+wieder um und begannen aufs neue zu fressen.
+
+Wieder erklang die Pfeife mit starkem, durchdringendem Ton. Und jetzt
+geschah etwas Merkwürdiges. Eine Ratte, zwei Ratten, ja ein ganzer Trupp
+ließen die Körner los, sprangen aus den Kornhaufen heraus und liefen auf
+dem kürzesten Weg, so schnell sie konnten, in den Keller hinunter, um aus
+dem Hause hinauszukommen. Es waren jedoch noch viele graue Ratten
+zurückgeblieben. Diese dachten an die Mühe, die es sie gekostet hatte,
+Glimmingehaus zu erobern, und sie wollten es nicht wieder verlassen. Aber
+die Pfeifentöne nötigten sie noch einmal, und da mußten sie ihnen folgen.
+In wilder Eile stürzten auch sie aus den Kornhaufen heraus, rannten durch
+die engen Löcher in den Mauern und purzelten in ihrem Eifer,
+hinunterzukommen, übereinander.
+
+Mitten auf dem Hofe stand ein kleiner Knirps, der auf einer Pfeife blies.
+Rund um sich her hatte er schon einen ganzen Kreis von Ratten, die ihm
+entzückt und hingerissen zuhörten, und mit jedem Augenblick strömten neue
+herbei. Sobald er die Pfeife nur eine Sekunde lang verstummen ließ, sah es
+aus, als ob die Ratten Lust hätten, sich auf ihn zu werfen und ihn
+totzubeißen, aber sobald er blies, waren sie unter seiner Macht.
+
+Als der Knirps alle grauen Ratten aus Glimmingehaus herausgepfiffen hatte,
+begann er langsam zum Hofe hinaus und auf die Landstraße zu wandern; und
+alle grauen Ratten folgten ihm, weil ihnen alle die Pfeifentöne so süß in
+den Ohren klangen, daß sie nicht widerstehen konnten.
+
+Der Knirps ging vor ihnen her und lockte sie mit sich auf den Weg nach
+Vallby. Unaufhörlich blies er auf seiner Pfeife, die aus einem Tierhorn
+gemacht zu sein schien, obgleich das Horn so klein war, daß es in unsern
+Tagen kein Tier gibt, aus dessen Stirn es hätte gebrochen sein können. Es
+wußte auch niemand, wer die Pfeife verfertigt hatte. Aber die Turmeule
+Flammea hatte das Horn in einer Nische der Domkirche zu Lund gefunden; sie
+hatte es dem Raben Bataki gezeigt, und diese beiden hatten miteinander
+ausgerechnet, daß dies eines von jenen Hörnern sein müsse, die in früheren
+Zeiten von den Menschen verfertigt worden waren, die sich Macht über Ratten
+und Mäuse verschaffen wollten. Der Rabe aber war Akkas Freund, und von ihm
+hatte sie erfahren, daß Flammea einen solchen Schatz besaß.
+
+Und es war in der Tat so, die Ratten konnten der Pfeife nicht widerstehen.
+Der Junge ging vor ihnen her und blies so lange, als die Sterne am Himmel
+strahlten, und die ganze Zeit liefen die Ratten hinter ihm her. Er blies
+beim Morgengrauen, er blies beim Sonnenaufgang, und noch immer folgte ihm
+die ganze Rattenschar und wurde weiter und immer weiter von den großen
+Kornböden auf Glimmingehaus weggelockt.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+5
+
+Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg
+
+
+ Dienstag, 29. März
+
+Es muß zugegeben werden, daß in ganz Schonen, wo doch so viele prächtige
+Schlösser sich erheben, keines von allen so schöne Mauern hat wie der alte
+Kullaberg.
+
+Der Kullaberg ist niedrig und langgestreckt, er ist durchaus kein großes
+mächtiges Gebirge. Auf dem breiten Bergrücken liegen Wälder und Felder, und
+da und dort eine mit Heidekraut bewachsene Fläche. Es ist da oben weder
+besonders schön noch besonders merkwürdig, und es sieht da gerade so aus
+wie auf jeder andern hochgelegenen Gegend in Schonen.
+
+Wer die mitten über den Kamm des Berges hinlaufende Landstraße einschlägt,
+sagt sich unwillkürlich: »Dieses Gebirge verdient seine Berühmtheit gar
+nicht. Es gibt hier nichts Sehenswertes.«
+
+Aber dann geschieht es vielleicht, daß er vom Wege abweicht und an den Rand
+des Berges tritt und über den schroffen Abhang hinabschaut, und da entdeckt
+er auf einmal so viel Sehenswertes, daß er kaum weiß, wie er alles auf
+einmal betrachten soll.
+
+Denn der Kullaberg steht nicht wie andre Gebirge auf dem Festlande mit
+Ebnen und Tälern ringsherum, sondern er hat sich gleichsam so weit ins Meer
+hineingestürzt, als er überhaupt konnte. Nicht das kleinste Stückchen Land
+liegt unten am Berg, das ihn gegen die Meereswogen schützte; diese können
+ganz dicht bis an die Felsenwände heran, können sie auswaschen und nach
+Belieben formen.
+
+Deshalb stehen die Gebirgswände dort auch so reich verziert da, wie das
+Meer und dessen Mithelfer, die Winde, sie zugerichtet haben. Da sind
+schroffe, tief in die Bergseiten hineingeschnittene Schluchten und schwarze
+hervorspringende Felsen, die unter den beständigen Peitschenschlägen des
+Windes blankgescheuert sind. Da sind einzelstehende Felsensäulen, die
+senkrecht aus dem Wasser aufragen, und dunkle Grotten mit engen Zugängen.
+Da finden sich steile nackte Felswände und sanfte bewachsene Abhänge, dann
+wieder kleine Felsenvorsprünge und Buchten, sowie kleine Rollsteine, die
+mit jedem Wogenschlag rasselnd umhergespült werden. Da sind auch
+stattliche Felsentore, die sich über dem Wasser wölben, und spitzig
+aufragende Steinblöcke, die beständig mit weißem Schaum überspritzt werden,
+und wieder andre, die sich in schwarzgrünem, unveränderlichem stillem
+Wasser spiegeln. Da gibt es in den Felsen eingemeißelte Riesenkessel und
+gewaltige Spalten, die den Wanderer verlocken, sich in die Tiefe des
+Gebirges bis zur Höhle des Kullamanns hineinzuwagen.
+
+Und an allen diesen Schluchten und Felsen, oben darauf und an allen Seiten
+hin, wachsen und klettern Pflanzen und Zweige und Ranken empor. Bäume
+wachsen auch da, aber die Macht des Windes ist so groß, daß auch die Bäume
+sich in rankenartige Gewächse verwandeln müssen, damit sie sich an den
+Abhängen halten können. Die Eichenstämme haben sich niedergelegt und
+kriechen förmlich am Boden hin, während ihr Laub wie ein dichtes Gewölbe
+über ihnen steht, und kurzstämmige Buchen stehen wie große Laubzelte in den
+Schluchten.
+
+Die merkwürdigen Bergwände mit dem weiten blauen Meer davor und der
+schimmernden scharfen Luft darüber, das alles zusammen macht das
+Kullagebirge den Menschen so lieb, daß den ganzen Sommer hindurch große
+Scharen von ihnen jeden Tag hinaufziehen. Schwerer wäre zu sagen, wodurch
+es für die Tiere so anziehend wird, daß sie sich jedes Jahr zu einer großen
+Spielversammlung da vereinigen. Aber dies ist eine Sitte, die seit uralten
+Zeiten beibehalten ist, und man hätte damals dabei sein müssen, als die
+erste Meereswoge am Kullaberg zu Schaum zerschellte, um erklären zu können,
+warum gerade er vor allen andern zum Versammlungsort gewählt wurde.
+
+Wenn die Zusammenkunft stattfinden soll, machen die Edelhirsche, die Rehe,
+die Hasen, die Füchse und die übrigen wilden Vierfüßler die Reise nach dem
+Kullagebirge schon in der Nacht zuvor, um nicht von den Menschen gesehen zu
+werden. Gerade vor Sonnenaufgang ziehen sie alle nach dem Spielplatz, einer
+mit Heidekraut bewachsenen Ebene links vom Wege, nicht besonders weit von
+dem höchsten Gipfel des Gebirges entfernt.
+
+Der Spielplatz ist von allen Seiten von runden Felskuppen umgeben, die die
+Tiere vor jedermann verbergen, der nicht gerade zufällig an diesen Platz
+gerät. Und im März ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß sich irgend ein
+Wanderer dorthin verirren sollte. Alle die Fremden, die sonst auf den
+Felsen herumstreifen und an den Gebirgswänden hinaufklettern, haben die
+Herbststürme schon vor vielen Monaten fortgejagt. Und der Leuchtturmwächter
+draußen auf dem äußersten Vorgebirge, die alte Frau im Kullahof und der
+Kullabauer und sein Hausgesinde gehen nur ihre gewohnten Wege und laufen
+nicht auf dem einsamen Heideland herum.
+
+Wenn die Vierfüßler auf dem Spielplatz angelangt sind, lassen sie sich auf
+den runden Felsenkuppen nieder. Jede Tierart bleibt für sich, obgleich
+selbstverständlich an einem solchen Tag allgemeiner Burgfriede herrscht und
+kein Tier Angst zu haben braucht, von einem andern überfallen zu werden. An
+diesem Tag könnte ein junges Häschen über den Hügel der Füchse
+hinspazieren, ohne auch nur einen von seinen langen Löffeln einzubüßen.
+Aber die Tiere stellen sich doch in abgesonderten Scharen auf; das ist alte
+Sitte.
+
+Wenn alle ihre Plätze eingenommen haben, sehen sie sich nach den Vögeln um.
+Es pflegt an diesem Tag immer schönes Wetter zu sein. Die Kraniche sind
+gute Wetterpropheten, und sie würden die Tiere nicht zusammenrufen, wenn
+Regen zu erwarten wäre. Obgleich aber die Luft klar ist und nichts die
+Aussicht hemmt, sehen die Vierfüßler doch keine Vögel. Das ist merkwürdig.
+Die Sonne steht schon hoch am Himmel, und die Vögel sollten doch unterwegs
+sein.
+
+Was den Tieren auf dem Kullaberg dagegen auffällt, ist die eine oder andre
+kleine dunkle Wolke, die langsam über dem ebnen Land hinzieht. Und siehe
+da, eine dieser Wolken steuert jetzt plötzlich auf das Ufer des Öresund und
+auf den Kullaberg zu. Als die Wolke mitten über dem Spielplatz ist, hält
+sie an, und gleichzeitig beginnt die ganze Wolke zu zwitschern und zu
+klingen, als bestünde sie aus nichts als Tönen. Sie hebt und senkt sich,
+aber immerfort singt und klingt sie. Plötzlich fällt die ganze Wolke auf
+einen Hügel herab, die ganze Wolke auf einmal, und im nächsten Augenblick
+ist der Hügel vollständig von grauen Lerchen bedeckt, schönen
+rot-grau-weißen Buchfinken, gesprenkelten Staren und graugrünen Meisen.
+
+Gleich darauf zieht noch eine Wolke über die Ebne hin. Sie hält über jedem
+Hof an, über jeder Arbeiterhütte und jedem Schloß, über Marktflecken und
+Städten, über Bauerngütern und Bahnhöfen, über Fischerdörfern und
+Zuckerfabriken. So oft sie anhält, saugt sie vom Boden eine kleine
+aufwirbelnde Säule von Staubkörnchen auf. Dadurch wächst und wächst die
+Wolke, und als sie endlich vollständig ist und nach dem Kullaberg steuert,
+ist es nicht mehr eine einzige Wolke, sondern eine ganze Wolkenwand, die so
+groß ist, daß sie von Höganäs bis Mölle einen Schatten auf die Erde wirft.
+Als sie über dem Spielplatz anhält, verdeckt sie die Sonne, und es muß eine
+gute Weile Sperlinge auf einen der Hügel regnen, bis die, die ganz innen in
+der Wolke geflogen waren, wieder einen Schimmer vom Tageslicht wahrnehmen
+können.
+
+Aber jetzt taucht doch die größte von allen diesen Vogelwolken auf. Sie ist
+aus Scharen gebildet, die von allen Seiten herbeigeflogen kamen und sich
+miteinander vereinigt haben. Sie hat eine tief graublaue Färbung, und kein
+Sonnenstrahl dringt durch sie hindurch. Düster und schreckeneinjagend wie
+eine Gewitterwolke zieht sie daher, erfüllt von unheimlichstem Spuk, von
+gräßlichem, schreiendem, verächtlichem Gelächter und unglückprophezeiendem
+Gekrächze. Die Tiere auf dem Spielplatz sind froh, als sie sich endlich in
+einen Regen von flügelschlagenden, krächzenden Vögeln: von Dohlen, Raben
+und dem übrigen Krähenvolk auflöst.
+
+Hierauf erscheinen am Himmel nicht nur Wolken, sondern eine Menge andrer
+Striche und Zeichen. Dann zeigen sich im Osten und Nordosten gerade
+punktierte Linien. Das sind die Waldvögel von den Göinger Bezirken, die
+Birk- und Auerhühner, die in langen Reihen, mit einem Abstand von ein paar
+Metern zwischen den einzelnen Vögeln daherfliegen. Und die Sumpfvögel, die
+sich auf Måkläppen vor Falsterbo aufhalten, kommen jetzt über den Öresund
+in allerlei sonderbaren Flugordnungen gezogen: in Triangeln oder langen
+Schnörkeln, in schiefen Haken oder in Halbkreisen.
+
+Bei der großen Versammlung, die in dem Jahre stattfand, wo Nils Holgersson
+mit den Wildgänsen umherzog, kam Akka mit ihrer Schar später als alle
+andern, und das war nicht zu verwundern, denn Akka hatte, um den Kullaberg
+zu erreichen, über ganz Schonen hinfliegen müssen. Außerdem hatte sie sich,
+sobald sie erwachte, zuerst nach Däumling umgesehen, der ja viele Stunden
+lang gegangen war, den grauen Ratten auf der Pfeife vorgeblasen und sie
+damit weit weg von Glimmingehaus gelockt hatte. Das Eulenmännchen war mit
+der Botschaft zurückgekehrt, daß die schwarzen Ratten gleich nach
+Sonnenuntergang daheim eintreffen würden, und es war also keine Gefahr
+mehr, wenn man die Pfeife der Turmeule verstummen ließ und den grauen
+Ratten erlaubte, zu gehen, wohin sie wollten.
+
+Aber nicht Akka war es, die den Jungen entdeckte, wie er mit seinem langen
+Gefolge dahinzog, und die sich ganz schnell auf ihn herabsenkte, ihn mit
+dem Schnabel erfaßte und mit ihm in die Luft hinaufstieg, sondern Herr
+Ermenrich war es, der Storch. Denn auch Herr Ermenrich hatte sich
+aufgemacht, ihn zu suchen, und nachdem er ihn ins Storchennest
+hinaufgebracht hatte, bat er ihn um Verzeihung, daß er ihn am
+vorhergehenden Abend so unehrerbietig behandelt hätte.
+
+Der Junge freute sich sehr darüber, und er und der Storch wurden recht gute
+Freunde. Akka war auch sehr freundlich gegen ihn und rieb ihren alten Kopf
+mehrere Male an seinem Arm. Aber am vergnügtesten wurde der Junge doch, als
+Akka den Storch fragte, ob er es für rätlich halte, daß sie Däumling mit
+auf den Kullaberg nähmen. »Ich glaube, wir können uns auf ihn ebensogut
+verlassen wie auf uns selber,« sagte sie. »Er wird uns den Menschen sicher
+nicht verraten.«
+
+Der Storch riet sogleich sehr eifrig, Däumling mitzunehmen. »Gewiß müssen
+Sie Däumling mit nach dem Kullaberg nehmen, Mutter Akka,« sagte er. »Es ist
+ein Glück für uns, daß wir ihn für alles, was er heute Nacht unseretwegen
+ausgestanden hat, belohnen können. Und da ich mich noch immer über mein
+gestriges unpassendes Benehmen gräme, werde ich selbst ihn auf meinem
+Rücken nach dem Versammlungsort tragen.«
+
+Es gibt nicht viel, was besser schmeckt, als von solchen gelobt zu werden,
+die selbst klug und tüchtig sind, und der Junge hatte sich noch nie so
+glücklich gefühlt als jetzt, wo die Wildgans und der Storch auf diese Weise
+von ihm sprachen.
+
+Der Junge machte also die Reise nach dem Kullaberg auf dem Rücken des
+Storches, und obgleich er das für eine große Ehre hielt, verursachte es ihm
+doch viel Angst, denn Herr Ermenrich war ein Meister im Fliegen und flog
+mit ganz andrer Eile davon als die Wildgänse. Während Akka mit
+gleichmäßigen Flügelschlägen immer geradeaus flog, vergnügte sich der
+Storch mit einer Menge Flugkünste. Bald lag er in unermeßlicher Höhe ganz
+still da und schwebte durch die Luft, ohne die Flügel zu bewegen, bald ließ
+er sich mit solcher Eile hinabsinken, daß es aussah, als stürze er hilflos
+wie ein Stein auf die Erde hinunter, bald flog er zu seinem Vergnügen in
+großen und kleinen Kreisen wie ein Wirbelwind um Akka herum. Der Junge
+hatte noch nie so etwas erlebt, und obgleich er beständig von Angst erfüllt
+war, mußte er im stillen doch anerkennen, daß er früher nicht gewußt hatte,
+was man gut fliegen heißt.
+
+Nur ein einziges Mal wurde während der Reise angehalten, das war, als Akka
+sich mit ihren Reisegefährten am Vombsee vereinigte und ihnen zurief, daß
+die grauen Ratten besiegt worden seien. Dann flogen alle miteinander
+geraden Wegs nach dem Kullaberg.
+
+Hier ließen sie sich oben auf dem Hügel nieder, der den Wildgänsen
+aufgehoben war; und als jetzt der Junge die Blicke von Hügel zu Hügel
+wandern ließ, sah er, daß auf dem einen das vielzackige Geweih der
+Edelhirsche und auf einem andern die Nackenbüsche der grauen Habichte
+aufragten. Ein Hügel war rot von Füchsen, ein andrer schwarz und weiß von
+Seevögeln, einer grau von Ratten. Einer war mit schwarzen Raben besetzt,
+die unaufhörlich schrieen, einer mit Lerchen, die nicht imstande waren,
+sich ruhig zu verhalten, sondern immer wieder in die Luft hinaufstiegen und
+vor Freude jubilierten.
+
+Wie es von jeher Sitte auf dem Kullaberg ist, begannen die Krähen die
+Spiele und Vorstellungen des Tages mit einem Flugtanz. Sie teilten sich in
+zwei Scharen, die aufeinander zuflogen, sich trafen, dann umwendeten und
+aufs neue begannen. Dieser Tanz hatte viele Runden und kam den Zuschauern,
+wenn sie die Tanzregeln nicht kannten, etwas zu einförmig vor. Die Krähen
+waren sehr stolz auf ihren Tanz, aber alle andern Tiere waren froh, als er
+zu Ende war. Er kam ihnen ebenso düster und sinnlos vor, wie das Spiel des
+Wintersturmes mit den Schneeflocken. Sie wurden schon vom Ansehen ganz
+niedergedrückt und warteten eifrig auf etwas, das sie ein bißchen froh
+stimmen würde.
+
+Sie brauchten auch nicht vergeblich zu warten, denn sobald die Krähen
+fertig waren, kamen die Hasen dahergesprungen. In einer langen Reihe, ohne
+besondre Ordnung strömten sie herbei. Dazwischen kam einer ganz allein,
+dann wieder drei oder vier in einer Reihe. Alle hatten sich auf die
+Hinterläufe aufgerichtet, und sie stürmten so schnell vorwärts, daß ihre
+langen Ohren nach allen Seiten schwankten. Während des Springens drehten
+sie sich im Kreise herum, machten hohe Sätze und schlugen sich mit den
+Vorderpfoten gegen die Rippen, daß es knallte. Einige schlugen viele
+Purzelbäume hintereinander, andre kugelten sich zusammen und rollten wie
+Räder vorwärts, einer stand auf einem Lauf und schwang sich im Kreise, ein
+andrer ging auf den Vorderpfoten. Es war durchaus keine Ordnung da, aber es
+war viel Aufregung bei diesem Spiel der Hasen, und die vielen Tiere, die
+zusahen, begannen schneller zu atmen. Jetzt war es Frühling. Lust und
+Freude waren im Anzug. Der Winter war vorüber, der Sommer nahte. Bald war
+das Leben nur noch ein Spiel!
+
+Als die Hasen ausgetobt hatten, war die Reihe des Auftretens an den großen
+Vögeln des Waldes. Hunderte von Auerhähnen in glänzend schwarzem Staat und
+mit hellroten Augenbrauen warfen sich auf eine große Eiche, die mitten auf
+dem Spielplatz stand. Der Auerhahn, der auf dem obersten Zweig saß, blies
+die Federn auf, ließ die Flügel hängen und streckte den Schwanz in die
+Höhe, so daß die weißen Deckfedern sichtbar wurden. Hierauf streckte er den
+Hals vor und stieß ein paar Töne aus dem verdickten Hals heraus. »Tjäck,
+tjäck, tjäck!« klang es. Mehr konnte er nicht herausbringen, es gluckste
+nur mehrere Male tief drunten in seiner Kehle. Dann schloß er die Augen und
+flüsterte: »Sis, sis, sis -- hört wie schön! Sis, sis, sis!« Und zugleich
+verfiel er in solche Verzückung, daß er nicht mehr wußte, was rings um ihn
+her geschah.
+
+Während der erste Auerhahn noch mit seinem sis, sis fortfuhr, fingen die
+drei, die am nächsten unter ihm saßen, zu balzen an, und ehe sie die ganze
+Weise durchgebalzt hatten, begannen die zehn, die etwas weiter unten saßen;
+und so ging es von Zweig zu Zweig, bis alle die Hunderte von Auerhähnen
+balzten und glucksten und sisisten. Sie fielen alle in dieselbe Verzückung
+während ihres Gesanges, und gerade das wirkte auf die andern Tiere wie ein
+ansteckender Rausch. Das Blut war ihnen vorhin lustig und leicht durch die
+Adern geflossen, jetzt begann es schwer und heiß zu wallen. »Ja, es ist
+sicherlich Frühling,« dachten die vielen Tiervölker. »Die Winterkälte ist
+verschwunden, das Feuer des Frühlings ist auf der Erde angezündet.«
+
+Als die Birkhühner merkten, daß die Auerhähne so großen Erfolg hatten,
+konnten sie sich nicht mehr still verhalten. Da kein Baum da war, wo sie
+Platz gehabt hätten, stürmten sie auf den Spielplatz hinunter, wo das
+Heidekraut so hoch stand, daß nur ihre schön geschwungenen Schwanzfedern
+und ihre dicken Schnäbel hervorsahen, und begannen zu singen: »Orr, orr,
+orr!«
+
+Gerade als die Birkhühner mit den Auerhähnen zu wetteifern begannen,
+geschah etwas Unerhörtes. Während alle Tiere an nichts andres dachten als
+an das Spiel der Auerhähne, schlich sich ein Fuchs ganz leise an den Hügel
+der Wildgänse heran. Er ging sehr vorsichtig und kam weit auf den Hügel
+hinauf, bevor ihn jemand bemerkte. Plötzlich entdeckte ihn doch eine Gans,
+und da sie sich nicht denken konnte, daß sich der Fuchs in guter Absicht
+zwischen die Gänse hineingeschlichen hätte, rief sie schnell: »Wildgänse,
+nehmt euch in acht! Nehmt euch in acht!« Der Fuchs packte sie am Halse,
+vielleicht hauptsächlich um sie zum Schweigen zu bringen, aber die
+Wildgänse hatten den Ruf schon vernommen und hoben sich in die Luft empor.
+Und als sie aufgeflogen waren, sahen alle Tiere den Fuchs Smirre mit einer
+toten Gans im Maule auf dem Hügel der wilden Gänse stehen.
+
+Aber weil er also den Frieden des Spieltages gebrochen hatte, wurde schwere
+Strafe über Smirre verhängt, so daß er sein ganzes Leben lang bereuen
+mußte, daß er seine Rachgier nicht hatte unterdrücken können, sondern es
+versucht hatte, auf diese Weise Akka und ihrer Schar zu nahe zu kommen.
+Schnell wurde er von einer Schar Füchse umringt und alter Sitte gemäß
+verurteilt. Der Urteilsspruch aber lautet: »Wer immer den Frieden des
+großen Spieltages bricht, wird des Landes verwiesen.« Kein Fuchs wollte
+das Urteil mildern, denn sie wußten alle, sobald sie etwas derartiges
+versuchten, würden sie in demselben Augenblick vom Spielplatz verjagt und
+ihnen nicht erlaubt werden, ihn je wieder zu betreten. Also wurde das
+Verbannungsurteil ohne Widerspruch Smirre kundgetan. Es wurde ihm
+untersagt, in Schonen zu verbleiben. Er wurde von seiner Frau und von
+seinen Verwandten geschieden, von Jagdrevier, Wohnung und von den
+Schlupfwinkeln, die er bisher zu eigen gehabt hatte, und mußte sein Glück
+in der Fremde versuchen. Und damit alle Füchse in Schonen wissen sollten,
+daß Smirre in dieser Landschaft vogelfrei war, biß ihm der älteste von den
+Füchsen die Spitze seines rechten Ohrs ab. Sobald dies getan war, begannen
+die jungen Füchse blutdürstig zu heulen und sich auf Smirre zu werfen. Es
+blieb ihm nichts andres übrig, als die Flucht zu ergreifen, und mit allen
+jungen Füchsen an den Fersen rannte er vom Kullaberg fort.
+
+Alles das geschah, während die Birkhühner und die Auerhähne miteinander
+wetteiferten. Aber diese Vögel vertiefen sich in solchem Grade in ihren
+Gesang, daß sie weder hören noch sehen, und sie hätten sich auch gar nicht
+stören lassen.
+
+Kaum war der Wettstreit der Waldvögel beendet, als die Edelhirsche von
+Häckeberga vortraten, ihr Kampfspiel zu zeigen. Mehrere Paare Edelhirsche
+kämpften zu gleicher Zeit. Sie stürzten mit großer Kraft aufeinander los,
+schlugen donnernd mit den Geweihen zusammen, so daß sich deren Stangen
+ineinander flochten, und einer versuchte den andern zurückzudrängen.
+Heidekrautbüschel flogen unter ihren Hufen auf, der Atem stand ihnen wie
+Rauch vor dem Maule, aus ihrer Kehle drang unheimliches Gebrüll, und der
+Schaum floß ihnen am Bug hinunter.
+
+Ringsum auf den Hügeln herrschte atemlose Stille, während die
+streitkundigen Hirsche im Treffen waren, und bei allen Tieren regten sich
+neue Gefühle. Alle und jedes einzelne fühlten sich mutig und stark, voll
+wiederkehrender Kraft, vom Frühling neu geboren, hurtig zu jeder Art
+Abenteuer bereit. Sie fühlten keinen Zorn gegeneinander, doch hoben sich
+überall Flügel, Nackenfedern sträubten sich und Krallen wurden gewetzt.
+Wenn die Hirsche von Häckeberga noch einen Augenblick weitergekämpft
+hätten, würde auf allen Hügeln ein wilder Kampf entbrannt sein, weil bei
+allen Tieren ein brennender Eifer um sich gegriffen hatte, zu zeigen, daß
+auch sie voller Leben seien, daß die Ohnmacht des Winters vorüber sei, daß
+Kraft ihre Adern schwelle.
+
+Aber die Edelhirsche beendigten ihren Kampf gerade im rechten Augenblick,
+und schnell ging ein Flüstern von Hügel zu Hügel: »Jetzt kommen die
+Kraniche!«
+
+Und da kamen die grauen wie in Dämmerung gekleideten Vögel, mit langen
+Federbüschen in den Flügeln und rotem Federschmuck im Nacken. Die Vögel mit
+ihren langen Beinen, ihren schlanken Hälsen und ihren kleinen Köpfen
+glitten in geheimnisvoller Verwirrung von ihrem Hügel herab. Während sie
+vorwärts glitten, drehten sie sich halb fliegend, halb tanzend im Kreise
+herum. Die Flügel anmutig erhoben, bewegten sie sich mit unfaßlicher
+Schnelligkeit. Es war, als spielten graue Schatten ein Spiel, dem das Auge
+kaum zu folgen vermochte. Es war, als hätten sie es von den Nebeln
+gelernt, die über die einsamen Moore hinschweben. Ein Zauber lag darin;
+alle, die noch nie auf dem Kullaberg gewesen waren, begriffen nun, warum
+die ganze Versammlung ihren Namen von dem Kranichtanz hat. Es lag eine
+gewisse Wildheit darin, aber das Gefühl, das diese erweckte, war eine holde
+Sehnsucht. Niemand dachte jetzt mehr daran, zu kämpfen. Dagegen fühlten
+jetzt alle, die Beflügelten und die Flügellosen, einen Drang in sich,
+ungeheuer hoch hinaufzusteigen, ja bis über die Wolken hinauf, um zu sehen,
+was sich darüber befinde, einen Drang, den schweren Körper zu verlassen,
+der sie auf die Erde hinabzog, und nach dem Überirdischen hinzuschweben.
+
+Eine solche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nach dem hinter dem Leben
+Verborgenen fühlten die Tiere nur einmal im Jahre, und zwar an dem Tag, wo
+sie den großen Kranichtanz sahen.
+
+
+
+
+6
+
+Im Regenwetter
+
+
+ Mittwoch, 30. März
+
+Nun kam der erste Regentag während der Reise. Solange sich die Wildgänse in
+der Nähe des Vombsees aufgehalten hatten, war schönes Wetter gewesen; an
+demselben Tag, wo sie ihre Reise nach dem Norden fortsetzten, begann es zu
+regnen, und der Junge saß stundenlang tropfnaß und vor Kälte zitternd auf
+dem Rücken des Gänserichs.
+
+Am Morgen, als sie fortzogen, war es hell und warm gewesen. Die Wildgänse
+hatten sich hoch in die Luft erhoben, gleichmäßig und ohne Eile in strenger
+Ordnung mit Akka an der Spitze, und die übrigen in zwei scharfen Linien
+hinter ihr, flogen sie dahin. Sie hatten sich keine Zeit genommen, den
+Tieren auf den Feldern kleine Bosheiten zuzurufen, aber da sie nicht
+imstande waren, sich ganz still zu verhalten, ließen sie unaufhörlich im
+Takt mit ihren Flügelschlägen ihren gewöhnlichen Lockruf ertönen: »Wo bist
+du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!«
+
+Alle beteiligten sich an diesem einförmigen Rufen, das sie nur ab und zu
+unterbrachen, um dem zahmen Gänserich die Wegweiser zu zeigen, nach denen
+sie sich richteten. Die Zeichen auf dieser Reise waren die vereinzelten
+Erhöhungen des Sinderöder Bergrückens, der Herrenhof Ovesholm, der
+Kristianstädter Kirchturm, das Krongut Bäckawald, die schmale Landspitze
+zwischen dem Oppmannasee und dem Ivösee und dem schroffen Abhang des
+Ryßbergs.
+
+Es war eine einförmige Reise gewesen; und als die Regenwolken allmählich
+auftauchten, dachte der Junge, das sei doch einmal eine Abwechslung.
+Früher, wo er die Regenwolken nur von unten gesehen hatte, waren sie ihm
+immer grau und langweilig vorgekommen, aber hoch droben zwischen ihnen zu
+sein, das war etwas ganz andres. Der Junge sah deutlich, daß die Wolken
+ungeheure Lastwagen waren, die berghoch beladen am Himmel hinfuhren; die
+einen waren mit riesigen grauen Säcken bepackt, andre mit Tonnen, die so
+groß waren, daß sie einen ganzen See fassen konnten, wieder andre furchtbar
+hoch mit großen Kesseln und Flaschen. Und nachdem so viele aufgefahren
+waren, daß sie den ganzen Himmelsraum füllten, war es, als habe ihnen
+jemand ein Zeichen gegeben, denn sie begannen alle auf einmal aus Kesseln,
+Tonnen, Flaschen und Säcken Wasser auf die Erde hinunterzugießen.
+
+In dem Augenblick, wo die ersten Frühlingsgüsse auf die Erde prasselten,
+stießen alle die kleinen Vögel in den Gehölzen und auf den Wiesen solche
+Freudenrufe aus, daß die ganze Luft davon widerhallte und der Junge auf
+seinem Gänserücken erschreckt zusammenfuhr. »Jetzt bekommen wir Regen, der
+Regen bringt uns den Frühling, der Frühling gibt uns Blumen und grünes
+Laub, und die Blumen geben uns Raupen und Insekten, und Raupen und Insekten
+geben uns Nahrung! Viele und gute Nahrung ist das Beste, was es gibt!«
+sangen die Vögelein.
+
+Auch die Wildgänse freuten sich über den Frühlingsregen, der die Pflanzen
+aus ihrem Winterschlaf weckte und die Eisdecke auf den Seen zerbrach. Es
+war ihnen nicht möglich, noch länger so ernst zu bleiben wie bisher, und
+sie fingen an, lustige Rufe auf die Landschaft unter ihnen hinabzuschicken.
+
+Als sie über die großen Kartoffelfelder, die bei Kristianstadt besonders
+gut sind, und die jetzt noch schwarz und kahl dalagen, hinflogen, riefen
+sie: »Wachet jetzt auf und bringet Nutzen! Der Frühling ist da, der euch
+weckt! Nun habt ihr auch lange genug gefaulenzt!«
+
+Wenn sie Menschen sahen, die sich beeilten, unter Dach und Fach zu kommen,
+ermahnten sie sie und sagten: »Warum habt ihr es denn so eilig? Seht ihr
+nicht, daß es Brot und Kuchen regnet? Brot und Kuchen!«
+
+Eine große dicke Wolke bewegte sich rasch in nördlicher Richtung vorwärts
+und schien den Gänsen zu folgen. Sie glaubten wohl, daß sie die Wolke mit
+sich zögen, denn als sie jetzt gerade große Gärten unter sich sahen, riefen
+sie ganz stolz: »Hier kommen wir mit Anemonen! Wir kommen mit Rosen, mit
+Apfelblüten und Kirschenknospen! Wir kommen mit Erbsen und Bohnen, mit
+Weizen und Roggen! Wer Lust hat, greife zu! Wer Lust hat, greife zu!«
+
+So hatte es geklungen, während die ersten Regenschauer fielen, wo sich noch
+alle über den Regen freuten. Als es aber den ganzen Nachmittag fortregnete,
+wurden die Gänse ungeduldig und riefen den durstigen Wäldern rings um den
+Ivösee zu: »Habt ihr noch nicht bald genug? Habt ihr noch nicht bald
+genug?«
+
+Der Himmel überzog sich immer mehr mit einem gleichmäßigen Grau, und die
+Sonne verbarg sich so gut, daß niemand herausfand, wo sie steckte. Der
+Regen fiel dichter, er klatschte schwer auf die Gänseflügel und drang durch
+die eingeölten Außenfedern bis auf die Haut durch. Die Erde dampfte, Seen,
+Gebirge und Wälder flossen zu einem undeutlichen Wirrwarr zusammen, und die
+Wegzeiger waren nicht mehr zu erkennen. Die Fahrt ging immer langsamer, die
+lustigen Zurufe verstummten, und der Junge fühlte die Kälte immer mehr.
+
+Aber doch hielt er den Mut aufrecht, solange er durch die Luft ritt. Auch
+am Abend, als sie sich unter einer kleinen Kiefer niedergelassen hatten,
+mitten auf einem großen Moor, wo alles naß und kalt war, wo die einen
+Erdhaufen mit Schnee bedeckt waren und die andern kahl aus einem Tümpel
+halbgeschmolzenen Eiswassers aufragten, war er noch nicht mutlos gewesen,
+sondern war fröhlich umhergelaufen und hatte sich Krähenbeeren und
+gefrorene Preißelbeeren gesucht. Aber dann wurde es Abend, und die
+Dunkelheit senkte sich so tief herab, daß nicht einmal solche Augen, wie
+der Junge jetzt hatte, hindurchdringen konnten, und das weite Land sah
+merkwürdig unheimlich und schreckenerregend aus. Unter dem Flügel des
+Gänserichs lag der Junge zwar wohl eingebettet, aber Kälte und Feuchtigkeit
+hinderten ihn am Einschlafen. Er hörte auch so viel Gerassel und Geprassel
+und drohende Stimmen ringsum, daß ihn furchtbares Entsetzen ergriff und er
+nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Wenn er sich nicht zu Tode
+ängstigen sollte, dann mußte er fort, dahin, wo es ein wärmendes Feuer und
+Licht gab.
+
+»Wie wärs, wenn ich mich nur diese eine Nacht zu den Menschen hineinwagte?«
+dachte er. »Nur so, daß ich ein Weilchen an einem Feuer sitzen dürfte und
+einen Mundvoll zu essen bekäme. Vor Sonnenaufgang könnte ich ja zu den
+Gänsen zurückkehren.«
+
+Er kroch sachte unter dem Flügel hervor und glitt auf den Boden hinunter.
+Weder der Gänserich noch eine der andern Gänse erwachte, und leise und
+unbemerkt schlich er über das Moor weg.
+
+Er wußte nicht recht, in welchem Teil des Landes er sich befand, ob in
+Schonen, in Småland oder in Blekinge.
+
+Aber gerade, bevor sich die Gänse auf dem Moor niedergelassen hatten, hatte
+er einen Schein von einer großen Stadt gesehen, und dorthin lenkte er jetzt
+seine Schritte. Es dauerte auch nicht lange, bis er einen Weg fand, und
+bald war er auf der langen mit Bäumen eingefaßten Landstraße, wo auf jeder
+Seite Hof an Hof lag.
+
+Der Junge war in eines der großen Kirchspiele geraten, die weiter droben im
+Land sehr allgemein sind, die es aber unten in der Ebene gar nicht gibt.
+
+Die Wohnhäuser waren aus Holz und sehr hübsch gebaut. Die meisten hatten
+mit geschnitzten Leisten verzierte Giebel, und die Glasveranden waren mit
+der einen und andern bunten Scheibe versehen. Die Wände waren mit heller
+Ölfarbe angestrichen, die Türen und Fensterrahmen leuchteten blau und grün,
+hin und wieder auch rot. Während der Junge dahinwanderte und die Häuser
+betrachtete, hörte er sogar, wie die Leute in den warmen Stuben plauderten
+und lachten. Die Worte konnte er nicht verstehen, aber es kam ihm sehr
+schön vor, menschliche Stimmen zu hören. »Ich möchte wissen, was sie sagen
+würden, wenn ich anklopfte und um Einlaß bäte?« dachte er.
+
+Das war es ja, was er im Sinn gehabt hatte; aber beim Anblick der
+erleuchteten Fenster war seine Angst vor der Dunkelheit verschwunden.
+Dagegen fühlte er jene Scheu, die ihn immer in der Nähe der Menschen
+überkam. »Ich werde mich eine Weile in dem Dorf umsehen,« dachte er, »ehe
+ich bei jemand um Obdach und Speise anhalte.«
+
+An einem Haus war ein Balkon. Und gerade als der Junge vorüberging, wurden
+die Balkontüren aufgemacht, und durch feine, lichte Vorhänge strömte ein
+gelber Lichtschein heraus. Dann trat eine schöne junge Frau heraus und
+beugte sich über das Geländer. »Es regnet, jetzt wird es bald Frühling,«
+sagte sie. Als der Junge sie sah, überkam ihn zum erstenmal ein
+merkwürdiges Angstgefühl. Es war ihm, als müsse er weinen. Zum erstenmal
+ergriff ihn eine gewisse Unruhe darüber, daß er sich selbst von den
+Menschen ausgeschlossen hatte.
+
+Kurz nachher kam er an einem Kaufladen vorüber. Vor dem Hause stand eine
+rote Sämaschine. Er blieb stehen und sah sie an und kroch schließlich auf
+den Bock hinauf. Als er droben saß, schnalzte er mit der Zunge und tat, als
+fahre er. Er dachte, welches Glück das wäre, wenn er eine so schöne
+Maschine über einen Acker fahren dürfte.
+
+Einen Augenblick lang hatte er ganz vergessen, wie er jetzt aussah, aber
+gleich erinnerte er sich wieder daran, und eilig sprang er von der Maschine
+herunter. Eine immer größere Unruhe bemächtigte sich seiner. Ja, wer
+beständig unter Tieren leben mußte, kam doch in vielem zu kurz. Die
+Menschen waren wirklich recht merkwürdige und tüchtige Geschöpfe.
+
+Er ging an der Post vorbei und dachte da an die Zeitungen, die jeden Tag
+mit Neuigkeiten von allen vier Enden der Welt kommen. Er sah die Apotheke
+und die Doktorwohnung, und da mußte er denken, welche große Macht die
+Menschen doch hatten, daß sie Krankheit und Tod bekämpfen konnten. Er kam
+an die Kirche und dachte an die Menschen, die sie erbaut hatten, um in ihr
+von einer andern Welt zu hören, einer Welt außerhalb der, in der sie
+lebten, sowie von Gott und Auferstehung und einem ewigen Leben.
+
+Und je weiter er kam, desto besser gefielen ihm die Menschen.
+
+Kinder können eben niemals weiter sehen, als ihre Nase lang ist. Was am
+nächsten vor ihnen liegt, nach dem strecken sie die Hand aus, ohne sich
+darum zu kümmern, was es sie kosten könnte. Nils Holgersson hatte kein
+Verständnis dafür gehabt, was er verloren gab, als er ein Wichtelmännchen
+zu bleiben wünschte; jetzt aber ergriff ihn eine furchtbare Angst, er würde
+am Ende nie wieder seine rechte Gestalt erlangen können.
+
+Aber wie in aller Welt müßte er es angreifen, um wieder ein Mensch zu
+werden? Das hätte er schrecklich gerne gewußt.
+
+Er kroch auf eine Haustreppe hinauf und setzte sich da mitten in den
+strömenden Regen, um zu überlegen. Er saß eine Stunde da, zwei Stunden, und
+sann und grübelte mit tiefgefurchter Stirne. Aber er wurde nicht klüger; es
+war, als ob sich seine Gedanken nur immer in seinem Kopf im Kreise drehten.
+Und je länger er dasaß, desto unmöglicher erschien es ihm, irgend eine
+Lösung zu finden.
+
+»Dies ist sicherlich viel zu schwer für einen, der so wenig gelernt hat wie
+ich,« dachte er schließlich. »Ich werde jedenfalls zu den Menschen
+zurückkehren müssen. Dann muß ich den Pfarrer und den Doktor und den
+Schullehrer fragen, und auch noch andre, die gelehrt sind und Hilfe für so
+etwas wissen.«
+
+Ja, er beschloß, dies sogleich zu tun; er stand auf und schüttelte sich,
+denn er war so naß wie ein Hund, der in einem Wassertümpel gewesen ist.
+
+In diesem Augenblick sah er, daß eine große Eule daherflog und sich auf
+einen der Bäume an der Straße niederließ. Gleich darauf begann eine
+Waldeule, die unter der Dachleiste saß, sich zu bewegen und zu rufen:
+»Kiwitt, kiwitt, bist du wieder da, Sumpfeule? Wie ist es dir im Ausland
+gegangen?«
+
+»Danke der Nachfrage, Waldeule, es ist mir gut gegangen,« sagte die
+Sumpfeule. »Ist während meiner Abwesenheit irgend etwas Merkwürdiges
+passiert?«
+
+»Nicht hier in Blekinge, Sumpfeule, aber in Schonen ist ein Junge in ein
+Wichtelmännchen verwandelt und so klein gemacht worden wie ein
+Eichhörnchen, und dann ist der Junge mit einer zahmen Gans nach Lappland
+gereist.«
+
+»Das ist ja eine sonderbare Neuigkeit, eine sonderbare Neuigkeit! Kann er
+jetzt nie wieder ein Mensch werden, Waldeule? Sag, kann er nie wieder ein
+Mensch werden?«
+
+»Das ist ein Geheimnis, Sumpfeule, aber du sollst es doch wissen. Das
+Wichtelmännchen hat gesagt, wenn der Junge die zahme Gans bewacht, daß sie
+unbeschädigt wieder heimkommen und -- -- --«
+
+»Und was noch, Waldeule, was noch?«
+
+»Fliege mit mir auf den Kirchturm hinauf, dann sollst du alles erfahren.
+Ich habe Angst, es könnte uns hier auf der Straße jemand zuhören.«
+
+Damit flogen die beiden Eulen davon, aber der Junge warf seine Mütze hoch
+in die Luft. »Wenn ich nur über den Gänserich wache, damit er unbeschädigt
+wieder heimkommt, dann werde ich wieder ein Mensch. Hurra! Hurra! Dann
+werde ich wieder ein Mensch!«
+
+Er schrie Hurra, und es war merkwürdig, daß man ihn drinnen im Hause nicht
+hörte. Aber das war nicht der Fall, und der Junge lief zurück zu den
+Wildgänsen auf das nasse Moor hinaus, so schnell ihn seine Beine tragen
+konnten.
+
+
+
+
+7
+
+Die Treppe mit den drei Stufen
+
+
+ Donnerstag, 31. März
+
+Am nächsten Tag wollten die Wildgänse durch den Allbobezirk in Småland nach
+Norden weiterreisen und schickten Yksi und Kaksi als Kundschafter voraus;
+diese kamen zurück und sagten, alles Wasser sei gefroren und alle Felder
+seien mit Schnee bedeckt.
+
+»Dann wollen wir lieber dableiben, wo wir sind,« sagten die Wildgänse. »Wir
+können nicht durch ein Land reisen, wo es weder Wasser noch Futter gibt.«
+
+»Wenn wir bleiben, wo wir sind, werden wir vielleicht einen ganzen Monat
+warten müssen,« sagte Akka. »Da wollen wir lieber ostwärts durch Blekinge
+reisen und versuchen, ob wir nicht später über Småland durch den
+Mörebezirk, der an der Küste liegt und wo es frühzeitig Frühling wird,
+weiterkommen können.«
+
+So ritt nun also der Junge am nächsten Tage über Blekinge hin. Jetzt wo es
+hell war, hatte sich sein Gemüt wieder beruhigt, und er konnte nicht
+begreifen, was ihn gestern abend so sehr angefochten hatte. Jetzt wollte er
+die Reise nach Lappland und das ungebundene Leben ganz und gar nicht mehr
+aufgeben.
+
+Über der Landschaft Blekinge lag ein dichter Regennebel, und der Junge
+konnte nicht erkennen, wie das Land unter ihm aussah. »Ich möchte wohl
+wissen, ob wir hier über gutes oder schlechtes Erdreich hinfliegen?« dachte
+er, und er zerbrach sich den Kopf, um sich zu erinnern, was er in der
+Schule darüber gehört hatte. Zugleich aber wußte er auch, daß ihm dies
+nichts nützen konnte, weil er ja seine Aufgaben nie ordentlich gelernt
+hatte.
+
+Doch plötzlich sah er die ganze Schule deutlich vor sich. Die Kinder saßen
+in den schmalen Schulbänken und streckten die Finger in die Höhe, der
+Lehrer saß auf dem Katheder und sah unzufrieden aus, er selbst aber stand
+vorne an der Karte und sollte Fragen über Blekinge beantworten, wußte aber
+kein Wort zu sagen. Mit jeder Sekunde wurde das Gesicht des Lehrers
+düsterer, und der Junge dachte, der Lehrer nehme es viel genauer mit der
+Geographie als mit irgend einem der andern Fächer. Jetzt kam er auch noch
+vom Katheder herunter, nahm dem Jungen den Stock aus der Hand und schickte
+ihn auf seinen Platz zurück. »Das nimmt gewiß kein gutes Ende,« dachte der
+Junge.
+
+Aber der Lehrer trat an ein Fenster und sah eine Weile hinaus, und dann
+begann er leise zu pfeifen, wie er zu tun pflegte, wenn er guter Laune war.
+Jetzt stieg er wieder auf den Katheder und sagte, er wolle ihnen etwas von
+Blekinge erzählen.
+
+Und was der Lehrer dann erzählt hatte, war so unterhaltend gewesen, daß der
+Junge wohl aufgepaßt hatte. Wenn er nur daran dachte, wußte er jedes Wort
+wieder.
+
+»Småland ist ein hohes Haus,« begann der Lehrer, »mit Tannen auf dem Dache;
+vor dem Hause aber ist eine breite Treppe mit drei Stufen, und diese Treppe
+wird Blekinge genannt.
+
+Es ist eine Treppe, die tüchtig zugenommen hat. Sie erstreckt sich acht
+Meilen weit über die Vorderseite des småländischen Hauses, und wer die
+Treppe bis an die Ostsee hinuntergehen will, hat vier Meilen zu wandern.
+
+Es ist auch schon recht lange her, seit die Treppe gebaut worden ist. Tage
+und Jahre sind vergangen, seit die ersten aus Feldsteinen gehauenen Stufen
+zu einer bequemen Verkehrsstraße zwischen Småland und der Ostsee eben und
+gleichmäßig gelegt wurden.
+
+Da die Treppe schon so alt ist, wird man wohl begreifen, daß sie jetzt
+nicht mehr so aussieht wie zu der Zeit, wo sie neu war. Ich weiß nicht, wie
+viel man sich damals um so etwas gekümmert hat, aber jedenfalls war bei
+einer solchen Größe keine Kunst imstande, sie rein zu halten. Nach ein paar
+Jahren wuchsen Moos und Flechten darauf, Spreu und dürres Laub wurde im
+Herbst darüber geweht, und ihm Frühling wurde sie mit niederprasselnden
+Steinen und Kies überschüttet. Und da dies alles liegen blieb, sammelte
+sich schließlich so viel Erde auf der Treppe an, daß nicht nur Gras und
+Kräuter, sondern auch Büsche und große Bäume darauf Wurzel schlugen.
+
+Aber zugleich ist zwischen den drei Stufen ein großer Unterschied
+entstanden. Die oberste, die Småland am nächsten liegt, ist zum großen Teil
+mit magrer Erde und kleinen Steinen bedeckt, und es wachsen nicht gern
+andre Bäume da als Weißbirken und Faulkirschen und Tannen, die die Kälte
+dort oben ertragen und mit wenig zufrieden sind. Am allerbesten begreift
+man, wie kärglich und ärmlich es da oben ist, wenn man sieht, wie klein die
+vom Walde urbar gemachten Äcker sind, was für winzige Häuser die Leute sich
+da bauen und wie weit die Kirchen voneinander entfernt sind.
+
+Auf der mittlern Treppe gibt es bessere Erde, und es wird dort auch nicht
+so sehr kalt. Man sieht das gleich daran, daß die Bäume höher und von
+besserer Art sind. Dort wachsen Ahorn und Eichen und Linden, Hängebirken
+und Haselsträucher, aber keine Nadelhölzer. Und noch deutlicher sieht man
+es an den vielen bebauten Landstrecken und an den großen und schönen
+Häusern, die sich die Menschen gebaut haben. Es stehen auch viele Kirchen
+auf der mittlern Stufe, und große Ortschaften liegen rings um sie herum,
+und sie nimmt sich in jeder Beziehung besser und schöner aus als die
+oberste Stufe.
+
+Aber die unterste Stufe ist doch von allen die beste. Sie ist mit guter,
+richtiger Erde bedeckt, und da, wo sie liegt und sich im Meere badet, hat
+man nicht das geringste Gefühl von der småländischen Kälte. Hier unten
+gedeihen Buchen und Kastanien und Nußbäume, und sie werden so groß, daß sie
+über das Kirchendach hinausragen. Hier sind auch die größten Ackerfelder;
+aber die Leute leben nicht allein vom Ackerbau und vom Ertrag der Wälder,
+sie beschäftigen sich auch mit dem Fischfang, mit Handel und Schiffahrt.
+Deshalb gibt es hier auch die kostbarsten Häuser und die schönsten Kirchen,
+und die Kirchspiele sind zu Handelsplätzen und Städten herangewachsen.
+
+Aber damit ist noch nicht alles über die drei Treppenstufen gesagt. Denn
+man muß wohl bedenken, daß das Wasser, wenn es auf das Dach des großen
+Hauses in Småland regnet, oder wenn der Schnee da oben schmilzt, sich
+irgendwohin verlaufen muß, und da stürzt natürlich ein Teil davon die große
+Treppe hinunter. Im Anfang floß es allerdings über die ganze Breite der
+Treppe; aber dann entstanden Risse darin, und allmählich hat sich nun das
+Wasser daran gewöhnt, in mehreren gut ausgewaschenen Rinnen
+hinunterzufließen. Und Wasser ist Wasser, was man auch immer damit tun mag.
+Es gönnt sich nie Ruhe. An einer Stelle gräbt es sich ein, sickert in den
+Erdboden und verschwindet, und an einer andern Stelle nimmt es zu. Die
+Rinnen hat es zu Tälern ausgegraben, die Talwände hat es mit Erde bedeckt,
+und dann haben Büsche und Ranken und Bäume sich daran angeklammert, in so
+dichter und reicher Fülle, daß sie den Wasserstrom, der in der Tiefe
+dahinfließt, beinahe verdecken. Aber wenn die Ströme an die Absätze
+zwischen den Stufen kommen, müssen sie sich kopfüber hinunterstürzen, und
+dadurch kommt das Wasser in so schäumende Erregung, daß es die Kraft hat,
+Mühlräder und Maschinen zu treiben; und Mühlen und Fabriken sind denn auch
+rings um jeden Wasserfall her entstanden.
+
+Aber auch damit ist durchaus noch nicht alles über das Land mit den drei
+Treppenstufen gesagt, sondern es muß auch noch hervorgehoben werden, daß da
+droben in Småland in dem großen Haus einst ein Riese wohnte, der alt
+geworden war. Und es ärgerte ihn, daß er in seinem hohen Alter gezwungen
+sein sollte, die hohe Treppe hinunterzugehen, um den Lachs im Meere zu
+fangen. Er dachte, es sei viel bequemer, wenn der Lachs dahin käme, wo er
+hauste.
+
+Er ging daher auf das Dach seines großen Hauses und schleuderte von da
+mächtige Steine in die Ostsee hinein. Er warf sie mit solcher Kraft, daß
+die Steine über ganz Blekinge wegflogen und wirklich ins Meer fielen. Und
+als die Steine hineinfielen, bekam der Lachs so große Angst, daß er aus dem
+Meere herausging, die Ströme von Blekinge hinauffloh, dann durch die Bäche
+hindurchschwamm, mit hohen Sprüngen sich die Fälle hinaufschnellte und
+nicht eher anhielt, als bis er weit drinnen in Småland bei dem alten Riesen
+war.
+
+Und wie wahr alles das ist, das sieht man an den vielen Inseln und Schären,
+die vor der Küste von Blekinge liegen, die aber nichts andres sind als die
+vielen großen Steine, die der Riese dahingeschleudert hat.
+
+Man erkennt es auch daran, daß der Lachs sich immer noch durch die Ströme
+von Blekinge und durch die Wasserfälle in die ruhig fließenden Wasser bis
+nach Småland hinaufarbeitet.
+
+Aber jener Riese hat viel Dank und Ehre von den Bewohnern von Blekinge
+verdient, denn die Lachsfischerei in den Strömen und die Steinhauerei in
+den Schären ist eine Arbeit, womit sich bis zum heutigen Tag viele Menschen
+ihren Unterhalt verdienen.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+8
+
+Am Ronnebyfluß
+
+
+ Freitag, 1. April
+
+Weder die Wildgänse noch der Fuchs Smirre hatten geglaubt, daß sie je
+wieder zusammentreffen würden, nachdem dieser Schonen verlassen hatte. Aber
+nun geschah es, daß die Wildgänse ihren Weg über Blekinge nahmen, und da
+hatte sich Smirre auch hinbegeben. Er hatte die Zeit bis jetzt in dem
+nördlichen Teil dieser Landschaft verbracht und war äußerst mißvergnügt
+über diesen Aufenthalt. Eines Nachmittags, als Smirre in einer einsamen
+Waldgegend, nicht weit von dem Ronnebyfluß entfernt, umherstreifte, sah er
+eine Schar Wildgänse daherfliegen. Er sah sogleich, daß eine der Gänse weiß
+war, und da wußte er ja, mit wem er es zu tun hatte.
+
+Und sofort begann Smirre hinter den Gänsen herzujagen, einmal, weil ihn
+nach einer guten Mahlzeit gelüstete, dann aber auch in der Absicht, sich
+für all den Verdruß zu rächen, den sie ihm bereitet hatten. Er sah sie
+ostwärts bis zum Ronnebyfluß fliegen; dort änderten sie die Richtung und
+zogen weiter nach Süden. Er erriet, daß sie sich am Flußufer eine
+Schlafstätte suchten, und hoffte, ohne besondre Schwierigkeit einige von
+ihnen erwischen zu können.
+
+Aber als Smirre endlich den Ort erblickte, wo die Gänse sich niedergelassen
+hatten, entdeckte er, daß es ein sehr gut beschützter Platz war, und daß er
+ihnen nicht beikommen konnte.
+
+Der Ronnebyfluß ist zwar kein großer und mächtiger Wasserlauf, aber er ist
+seiner schönen Ufer wegen doch sehr berühmt. Einmal ums andre zwängt er
+sich zwischen steilen Gebirgswänden hindurch, die senkrecht aus dem Wasser
+aufragen und vollständig mit Geißblatt, Faulkirschen und Weißdorn, mit
+Erlen, Ebereschen und Weiden bewachsen sind; an einem schönen Sommertag
+gibt es nicht leicht etwas Angenehmeres, als auf dem kleinen, dunklen Fluß
+dahinzurudern und hinaufzuschauen in all das Grün, das sich an den rauhen
+Felswänden festklammert.
+
+Aber jetzt, als die Wildgänse und Smirre an den Fluß kamen, herrschte noch
+der kalte, rauhe Vorfrühling, alle Bäume standen noch kahl, und niemand
+dachte auch nur mit einem Gedanken daran, ob die Ufer schön oder häßlich
+seien.
+
+Die Wildgänse waren indes sehr froh, daß sie unter einer so steilen
+Bergwand einen schmalen Sandstreifen sahen, gerade groß genug, um die ganze
+Schar aufzunehmen. Vor ihnen brauste der Fluß, der jetzt, wo der Schnee
+schmolz, wild und angeschwollen war, hinter sich hatten sie die
+unbesteigbaren Felsenwände, und herabhängende Zweige verdeckten sie; sie
+hätten es nicht besser haben können.
+
+Smirre stand oben auf dem Gebirgskamm und schaute zu den Wildgänsen
+hinunter. »Diese Verfolgung kannst du ebensogut gleich aufgeben,« sagte er
+zu sich selbst. »Einen so steilen Berg kannst du nicht hinunterklettern,
+durch den wilden Strom kannst du nicht schwimmen, und unten am Berg ist
+auch nicht der kleinste Streifen Land, der zur Schlafstelle der Gänse
+führen würde. Diese Gänse sind dir zu klug, Reineke. Gib dir keine Mühe
+mehr, sie zu jagen.«
+
+Aber wie andern Füchsen auch, wurde es Smirre schwer, ein halb ausgeführtes
+Unternehmen aufzugeben; er legte sich deshalb ganz außen an den Bergrand
+und verwandte kein Auge von den Wildgänsen. Während er sie so betrachtete,
+dachte er an all das Böse, das sie ihm zugefügt hatten. Ja, ihre Schuld war
+es, daß er aus Schonen verbannt worden war und nach Blekinge hatte flüchten
+müssen, wo er bis jetzt noch keinen Herrenhofpark, keine zahmen Gänse, kein
+Wildgehege voller Rehe und leckerer Rehzicklein gesehen hatte. Er arbeitete
+sich in eine solche Wut hinein, während er so dalag, daß er den Gänsen Tod
+und Verderben wünschte, sogar wenn er selbst nicht dazu kommen sollte, sie
+zu verspeisen.
+
+Als Smirres Zorn diesen hohen Grad erreicht hatte, hörte er in einer großen
+Kiefer dicht neben sich ein Geraschel, und er sah ein Eichhörnchen, das von
+einem Marder heftig verfolgt wurde, den Baum herunterlaufen. Keines von den
+beiden bemerkte Smirre, der sich ganz ruhig verhielt und der Jagd zusah,
+die von Baum zu Baum ging. Er betrachtete das Eichhörnchen, das so leicht
+durch die Bäume huschte, als ob es fliegen könnte. Er betrachtete auch den
+Marder, der kein so kunstgerechter Kletterer war wie das Eichhörnchen, aber
+doch die Baumstämme hinauf und hinunter lief, als seien es ebene Waldpfade.
+
+»Könnte ich nur halb so gut klettern wie eins von diesen beiden,« dachte
+der Fuchs, »dann dürften die dort drunten nicht länger in Ruhe schlafen.«
+
+Sobald die Jagd zu Ende und das Eichhörnchen gefangen war, ging Smirre zu
+dem Marder hin, machte aber zum Zeichen, daß er ihn seiner Jagdbeute nicht
+berauben wolle, auf zwei Schritt Abstand vor ihm Halt. Er begrüßte den
+Marder sehr freundlich und gratulierte zu dem Ausfall der Jagd. Smirre
+setzte seine Worte sehr gut, wie dies beim Fuchs immer der Fall ist. Der
+Marder dagegen, der sich mit seinem langen, schmalen Körper, seinem feinen
+Kopf, seinem weichen Fell und seinem hellbraunen Fleck am Halse wie ein
+kleines Wunder von Schönheit ausnimmt, ist in Wirklichkeit nur ein
+ungeschlachter Waldbewohner und gab dem Fuchs kaum eine Antwort.
+
+»Nur eins verwundert mich,« fuhr Smirre fort, »daß sich ein solcher Jäger
+wie du mit der Jagd auf Eichhörnchen begnügt, wenn sich so viel besseres
+Wildbret in erreichbarer Nähe befindet.« Hier hielt er inne und wartete auf
+eine Erwiderung, aber als der Marder ihn, ohne ein Wort zu sagen, ganz
+unverschämt angrinste, fuhr er fort: »Wäre es möglich, daß du die Wildgänse
+dort unten an der Felswand nicht gesehen hättest? Oder bist du kein so
+guter Kletterer, daß du nicht zu ihnen hinunter gelangen könntest?«
+
+Diesmal brauchte Smirre nicht auf Antwort zu warten. Der Marder stürzte mit
+gekrümmtem Rücken und gesträubtem Fell auf ihn zu. »Hast du Wildgänse
+gesehen?« zischte er ihn an. »Wo sind sie? Sag es schnell, sonst beiße ich
+dir die Gurgel entzwei.«
+
+»Nun, nun, vergiß nicht, daß ich doppelt so groß bin als du, und sei ein
+bißchen höflich. Ich wünsche gar nichts weiter, als dir die Wildgänse zu
+zeigen.«
+
+Einen Augenblick später war der Marder auf dem Wege den Abhang hinunter,
+und während Smirre zusah, wie er seinen schlangendünnen Körper von Zweig zu
+Zweig schwang, dachte er: »Dieser schöne Baumjäger hat das grausamste Herz
+der ganzen Schöpfung. Ich glaube, die Wildgänse werden mir für ein blutiges
+Erwachen zu danken haben.«
+
+Aber gerade, als Smirre den Todesschrei der Gänse zu hören erwartete, sah
+er den Marder in den Fluß hinunterplumpsen, so daß das Wasser hoch
+aufspritzte. Und gleich nachher erklang starkes Flügelschlagen, und alle
+Gänse flogen in wilder Hast auf.
+
+Smirre wollte den Gänsen schnell nachjagen, aber er war so neugierig zu
+erfahren, wie sie gerettet worden waren, daß er stehen blieb, bis der
+Marder wieder heraufgeklettert kam. Der Ärmste war patschnaß und hielt ab
+und zu an, um sich den Kopf mit den Vorderpfoten zu reiben.
+
+»Ich habe mir doch gedacht, daß du ein Tölpel wärst und in den Fluß fallen
+würdest,« sagte Smirre verächtlich.
+
+»Ich habe mich nicht tölpelhaft angestellt, und du hast nicht nötig, mich
+zu schelten,« erwiderte der Marder. »Ich saß schon auf einem der untersten
+Zweige und überlegte, wie ich eine ganze Menge von ihnen töten könnte, als
+ein kleiner Knirps, nicht größer als ein Eichhörnchen, aufsprang und mir
+mit solcher Kraft einen Stein an den Kopf warf, daß ich ins Wasser
+purzelte, und ehe ich wieder aus dem Wasser herauskrabbeln konnte -- --«
+
+Der Marder brauchte nicht weiter zu berichten. Er hatte keinen Zuhörer
+mehr. Smirre war schon weit weg hinter den Gänsen her.
+
+Indessen war Akka südwärts geflogen, eine neue Schlafstelle zu suchen. Es
+war noch ein wenig Tagesschein vorhanden, und der Halbmond stand hoch am
+Himmel, so daß sie einigermaßen sehen konnte. Zum Glück kannte sie sich gut
+in der Gegend aus, denn es war mehr als einmal vorgekommen, daß die Gänse,
+wenn sie im Frühjahr über die Ostsee flogen, nach Blekinge verschlagen
+worden waren.
+
+Sie flog also am Fluß hin, solange sie ihn durch die mondscheinbeglänzte
+Landschaft wie eine schwarze, blinkende Schlange dahingleiten sah. Auf
+diese Weise gelangten sie bis hinunter zum Tiefen Fall, wo der Fluß sich in
+einer unterirdischen Rinne verbirgt und dann klar und durchsichtig, wie
+wenn er von Glas wäre, sich in eine enge Schlucht hinabstürzt, auf deren
+Boden er in glitzernde Tropfen und umherspritzenden Schaum zerschellt.
+Unterhalb des Falles lagen einige Steine, zwischen denen das Wasser in
+wilden Wirbeln aufschäumte, und hier ließ sich Akka nieder. Dies war wieder
+ein guter Ruheplatz, besonders so spät am Abend, wo keine Menschen mehr
+unterwegs waren. Bei Sonnenuntergang hätten die Gänse sich nicht gut hier
+niederlassen können, denn der Tiefe Fall liegt in keiner öden Gegend. Auf
+der einen Seite erhebt sich eine große Kartonnagefabrik, und auf der
+andern, die steil und mit Bäumen bestanden ist, liegt der Park von
+Tiefental, in dem beständig auf den schlüpfrigen und steilen Pfaden
+Menschen umherstreifen, die sich an dem tobenden Brausen des wilden Stromes
+erfreuen wollen.
+
+Es war hier gerade wie an dem ersten Platz; keine der Gänse schenkte der
+Tatsache, daß sie an einen weltberühmten Platz gekommen waren, auch nur
+einen Gedanken. Später dachten sie freilich, es sei unheimlich und
+gefährlich, auf solchen glatten, nassen Steinen mitten in einem Stromwirbel
+zu schlafen, der vielleicht aufwallen und sie mit fortreißen würde. Aber
+sie mußten zufrieden sein, wenn sie nur vor Raubtieren sicher waren.
+
+Nach einer Weile kam Smirre am Flußufer dahergerannt. Er erblickte die
+Gänse, die da draußen in den schäumenden Stromschnellen standen, und sah
+sogleich, daß er auch hier nicht zu ihnen gelangen konnte. Er fühlte sich
+sehr gedemütigt, ja, es war ihm, als stehe sein ganzes Ansehen als Jäger
+auf dem Spiel.
+
+Während er darüber nachdachte, sah er einen Fischotter mit einem Fisch im
+Maul aus dem Wirbel heraussteigen. Smirre ging auf ihn zu, blieb aber mit
+zwei Schritt Entfernung vor ihm stehen, um zu zeigen, daß er ihm seine
+Jagdbeute nicht nehmen wolle. »Du bist ein merkwürdiger Kerl, daß du dich
+mit Fischen begnügst, wenn doch die Steine dort draußen voller Gänse
+stehen,« sagte Smirre. Er war so erregt, daß er sich nicht Zeit nahm, seine
+Worte so wohl zu setzen, wie es sonst seine Gewohnheit war.
+
+Der Fischotter wendete nicht einmal den Kopf nach dem Strom. »Dies ist
+nicht das erstemal, daß wir uns begegnen, Smirre,« sagte er. Er war ein
+Landstreicher, wie alle Fischotter, und hatte oft am Vombsee gefischt, wo
+er auch mit Smirre zusammengetroffen war. »Ich weiß wohl, wie du es
+anfängst, dir eine Lachsforelle zu ergattern.«
+
+»Ach, bist du es, Greifan?« sagte Smirre erfreut, weil er wußte, daß dieser
+Fischotter ein kühner und gewandter Schwimmer war. »Da wundert es mich
+nicht, daß du die Wildgänse gar nicht ansehen magst, denn du bist ja nicht
+imstande, zu ihnen hinzukommen.«
+
+Aber der Otter, der Schwimmhäute zwischen den Zehen, einen steifen
+Schwanz, der so gut wie ein Ruder ist, und einen Pelz hat, durch den das
+Wasser nicht dringen kann, wollte sich nicht nachsagen lassen, daß es einen
+Wasserwirbel gebe, den er nicht bewältigen könne. Er wendete sich dem
+Strome zu, und sobald er die Wildgänse erblickte, stürzte er sich über das
+steile Ufer in den Fluß hinein.
+
+Wäre der Frühling etwas weiter vorgeschritten und die Nachtigallen schon im
+Park von Tiefental eingetroffen gewesen, dann hätten diese sicher in vielen
+Nächten Greifans Kampf mit den Wasserwirbeln besungen.
+
+Denn der Otter wurde oft von den Wogen zurückgeworfen und in die Tiefe
+hinuntergerissen, aber er arbeitete sich immer wieder herauf und weiter
+nach den großen Steinen hin. Er schwamm in das stille Wasser hinter die
+Steine und kam so allmählich den Gänsen immer näher. Es war ein
+gefährliches Werk, das wohl wert gewesen wäre, von den Nachtigallen
+besungen zu werden.
+
+Smirre folgte dem Otter mit den Blicken, so gut er konnte. Er sah, daß
+dieser beständig näher an die Gänse herankam, und glaubte überdies zu
+sehen, daß er schon im Begriff war, zu ihnen hinaufzuklettern. Aber jetzt
+schrie der Otter plötzlich wild und gellend auf. Smirre sah, wie er
+rückwärts ins Wasser fiel und mitgerissen wurde wie ein blindes junges
+Kätzchen. Gleich darauf schlugen die Gänse hart mit den Flügeln; sie
+erhoben sich alle und flogen davon, sich wieder einen andern Ruheplatz zu
+suchen.
+
+Bald nachher kletterte der Otter ans Ufer. Er sagte kein Wort, sondern
+begann nur, seine eine Vorderpfote zu lecken. Aber als Smirre ihn
+verspottete, weil es ihm mißglückt sei, brach er los.
+
+»An meiner Schwimmkunst fehlte es nicht, Smirre. Ich war bis zu den Gänsen
+gekommen und wollte eben zu ihnen hinaufklettern, als ein kleiner Knirps
+auf mich lossprang und mich mit einem scharfen Eisen in den Fuß stach. Das
+tat mir so weh, daß ich das Gleichgewicht verlor, und dann ergriff mich der
+Wirbel.«
+
+Er brauchte nicht weiter zu erzählen. Smirre war schon weg und auf dem Weg
+zu den Gänsen.
+
+Noch einmal mußte Akka mit den Gänsen nächtlicherweile die Flucht
+ergreifen. Zum Glück war der Mond noch am Himmel, und bei dessen Schein
+gelang es ihr, eine von den andern Schlafstellen zu finden, die sie in
+dieser Gegend kannte. Sie flog wieder südwärts, den glänzenden Fluß
+entlang. Über dem Herrenhof von Tiefental und über Ronnebys dunklem Dach
+und weißem Wasserfall flog sie hin, ohne sich niederzulassen. Aber eine
+Strecke südlicher von der Stadt, nicht weit vom Meere, liegt die Ronnebyer
+Heilquelle mit ihrem Bade- und Quellenhaus, mit großen Gasthöfen und
+Sommerwohnungen für die Badegäste. Alles dies steht den ganzen Winter
+hindurch öde und leer, was alle Vögel zur Genüge wissen, und viele
+Vogelscharen suchen bei harten, stürmischen Zeiten auf den Altanen und
+Veranden der großen Gebäude Schutz.
+
+Hier ließen sich die Wildgänse auf einem Balkon nieder, und ihrer
+Gewohnheit gemäß schliefen sie sogleich ein. Der Junge dagegen konnte
+nicht schlafen, weil er jetzt bei Nacht nicht mehr ohne weitres unter den
+Flügel des Gänserichs zu kriechen wagte. Wenn er da zwischen Federn und
+Flaum gebettet lag, konnte er gar nichts sehen und nur schlecht hören. Dann
+konnte er nicht über die Sicherheit des weißen Gänserichs wachen, und das
+war ja das einzige, was ihm wichtig war. Und wie gut war es gewesen, daß er
+in dieser Nacht nicht geschlafen hatte, sonst hätte er nicht den Marder und
+den Otter verjagen können. Nein, es mochte mit dem Schlaf gehen wie es
+wollte, er durfte jetzt nicht mehr an sich selbst, er mußte in erster Linie
+an den Gänserich denken.
+
+Der Junge saß auf einem Balkon, der nach Süden ging, so daß er die Aussicht
+auf das Meer hatte. Und da er nun doch nicht schlafen konnte und das Meer
+mit seinen Landzungen und Buchten vor sich hatte, mußte er unwillkürlich
+denken, wie schön das sei, wenn Meer und Land so zusammenstießen wie hier
+in Blekinge.
+
+Nach all dem, was er gesehen hatte, konnten Meer und Land auf die
+verschiedenste Weise zusammentreffen. An vielen Orten kam das Land zum Meer
+hinunter mit flachen hügeligen Wiesen, und das Meer kam ihm mit Flugsand
+entgegen, den es in Haufen und Wällen niederlegte. Es war, als könnten sich
+die beiden so wenig leiden, daß sie einander nur das Schlechteste, was sie
+besaßen, zeigen wollten; aber es kam auch vor, daß das Land, wenn das Meer
+zu ihm hinkam, eine Gebirgsmauer vor sich aufrichtete, als sei das Meer
+etwas Gefährliches, und wenn das Land dies tat, fuhr das Meer mit wilder
+Brandung darauf los, peitschte und schnaubte und schlug gegen die Klippen
+und sah aus, als wolle es das Hügelland zerreißen.
+
+Hier in Blekinge aber ging es anders zu, wenn Meer und Land zusammenkamen.
+Hier zersplitterte das Land sich in Landzungen und Inseln und Holme, und
+das Meer verteilte sich in Fjorde und Buchten und Sunde, und daher kam es
+vielleicht, daß es aussah, als wollten die beiden einträchtig und friedlich
+zusammenkommen.
+
+Jetzt dachte der Junge vor allem an das Meer. Es lag so einsam und
+verlassen und unendlich da und wälzte nur immerfort seine grauen Wogen.
+Wenn es sich dem Land näherte und auf das erste Eiland traf, überflutete es
+dieses, riß alles Grüne ab und machte es ebenso kahl und grau wie es selbst
+ist. Dann traf es wohl nochmals auf ein Eiland, und mit diesem ging es
+ebenso. Und abermals traf es auf ein Eiland, ja, und da ging es genau wie
+bei den vorigen. Auch dieses wurde entkleidet und geplündert, als ob es in
+Räuberhände gefallen wäre. Aber dann wurden die Schären immer dichter, und
+das Meer sah wohl ein, daß das Land ihm seine kleinen Kinder
+entgegenschickte, es zur Milde zu bewegen. Es wurde auch immer
+freundlicher, je weiter es hereinkam, es rollte seine Wogen weniger hoch,
+dämpfte seine Stürme, ließ das Grüne in den Spalten und Rinnen stehen und
+verteilte sich in kleine Sunde und Buchten, und am Land drinnen war es
+schließlich so ungefährlich, daß sich kleine Boote auf die sanfte Flut
+hinauswagten. Es kannte sich gewiß selbst nicht mehr, so hold und
+freundlich war es geworden.
+
+Alsdann dachte der Junge an das Festland. Ernst lag es da und war fast
+überall gleich. Es bestand aus flachen Ackerfeldern, zwischen denen hier
+und da ein von Birken eingefriedigter Weideplatz lag, oder auch aus
+langgestreckten, bewaldeten Bergrücken; es lag da, als dächte es nur an
+Hafer und Rüben und Kartoffeln, an Tannen und Fichten. Dann kam eine
+Meeresbucht, die tief ins Land einschnitt. Daraus machte sich das Land aber
+nichts, sondern umrandete sie mit Birken und Erlen, ganz als sei sie ein
+freundlicher Süßwassersee. Dann schob sich noch eine Bucht hinein. Aber
+auch daraus machte sich das Land nichts, sie bekam dieselbe Bekleidung wie
+die vorige. Doch die Meerbusen begannen sich auszuweiten und sich zu
+teilen; sie zersplitterten die Felder und Wälder, und da konnte das Land
+nicht mehr anders, es mußte Notiz davon nehmen.
+
+»Ich glaube wahrhaftig, das Meer selbst kommt daher,« sagte das Land und
+fing schnell an, sich zu schmücken. Es bekränzte sich mit Blumen, nahm
+Wellenform an und schob sogar kleine Inseln ins Meer hinein. Es wollte
+nichts mehr von Fichten und Kiefern wissen, sondern warf sie ab wie alte
+Werktagskleider und machte Staat mit großen Eichbäumen, Linden, Kastanien
+und mit blühenden Auen, und wurde so schön wie der Park eines Herrenhofs.
+Und als es mit dem Meer zusammentraf, war es so verändert, daß es sich
+selbst nicht mehr kannte.
+
+So weit war der Junge in seinen Gedanken gekommen, als ihn plötzlich ein
+langes, unheimliches Heulen, das vom Badehauspark herklang, aufschreckte.
+Und als er sich aufrichtete, sah er auf dem Rasen unter dem Balkon einen
+Fuchs im weißen Mondschein stehen. Denn Smirre war den Gänsen noch einmal
+nachgegangen. Aber als er den Platz, wo sie sich niedergelassen hatten,
+fand, sah er ein, daß er jetzt auf keine Weise zu ihnen gelangen konnte,
+und da hatte er vor lauter Wut laut hinausgeheult.
+
+Als der Fuchs so heulte, erwachte die alte Akka, und obgleich sie fast
+nichts sehen konnte, glaubte sie doch die Stimme zu erkennen. »Bist du es,
+Smirre, der heute Nacht unterwegs ist?« fragte sie.
+
+»Ja,« antwortete Smirre, »ich bins, und ich will jetzt fragen, wie euch
+Gänsen die Nacht gefällt, die ich euch bereitet habe?«
+
+»Willst du damit sagen, daß du es gewesen bist, der den Marder und den
+Otter auf uns gehetzt hat?« fragte Akka.
+
+»Eine gute Tat soll man nicht leugnen,« sagte Smirre. »Ihr habt einmal das
+Gänsespiel mit mir getrieben, jetzt hab ich angefangen, das Fuchsspiel mit
+euch zu treiben; ich hab auch nicht im Sinn, es zu beendigen, solange noch
+eine von euch am Leben ist, und wenn ich euch durchs ganze Land verfolgen
+müßte.«
+
+»Du solltest dir aber doch überlegen, ob das recht von dir ist, Smirre,
+wenn du, der mit Zähnen und Krallen bewaffnet ist, uns, die
+verteidigungslosen, auf diese Weise verfolgst,« sagte Akka.
+
+Smirre glaubte jetzt, Akka habe Angst, und deshalb sagte er schnell: »Wenn
+du, Akka, mir den kleinen Däumling, der mir so in die Quere gekommen ist,
+herunterwirfst, dann will ich Frieden mit euch schließen und werde weder
+dir noch einer von den deinen je wieder etwas Böses tun.«
+
+»Den Däumling kann ich dir nicht geben,« sagte Akka. »Von der jüngsten bis
+zur ältesten ist keine unter uns, die nicht gern das Leben für ihn lassen
+würde.«
+
+»Wenn ihr ihn so lieb habt,« erwiderte Smirre, »dann soll er der erste
+sein, an dem ich meine Rache kühlen werde, das verspreche ich euch!«
+
+Akka gab keine Antwort mehr, und nachdem Smirre noch ein paarmal aufgeheult
+hatte, wurde alles still. Der Junge war noch immer wach und schaute durch
+das Balkongeländer auf die Schären hinaus. Vorhin hatte er so angenehme und
+frohe Gedanken gehabt. Wie Tanz und Spiel waren sie ihm durchs Gehirn
+gezogen, und er wünschte, daß sie wiederkämen. Aber er konnte die
+Landschaft nicht mehr mit denselben Blicken betrachten wie vorher, und die
+schönen Gedanken wollten nicht wiederkehren. Da erkannte er, daß die
+schönen Gedanken scheu und empfindlich sind, und daß Haß und Unfriede sie
+immer verjagen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+9
+
+Karlskrona
+
+
+ Samstag, 2. April
+
+Es war Abend in Karlskrona und heller Mondschein. Jetzt herrschte warmes,
+schönes Wetter, am Tage aber hatte es gestürmt und geregnet, und die
+Menschen meinten sicher, es regne und stürme noch immer, denn kaum einer
+von ihnen wagte sich auf die Straße hinaus.
+
+Während die Stadt so verlassen dalag, kam die Wildgans Akka mit ihrer Schar
+über Vämmön und Pantarholm auf Karlskrona zugeflogen. Sie waren spät abends
+noch unterwegs, sich einen sichern Schlafplatz draußen auf den Schären zu
+suchen. Auf dem Lande konnten sie nicht bleiben, weil der Fuchs Smirre sie
+immer wieder aufstöberte, wo sie sich auch niederlassen mochten.
+
+Als nun der Junge hoch oben durch die Luft ritt und auf das Meer mit seinen
+Schären hinuntersah, kam ihm alles merkwürdig unheimlich und gespensterhaft
+vor. Der Himmel war nicht mehr blau, sondern wölbte sich über ihm wie eine
+Kuppel aus grünem Glas. Das Meer war milchweiß, und so weit das Auge
+reichte, rollte es in kleinen, weißen Wogen mit silberschimmernden
+Schaumkronen daher. Mitten in all diesem Weiß ragten die vielgestalteten
+Inseln kohlschwarz heraus. Ob sie groß oder klein waren, ob eben wie Wiesen
+oder mit wilden Felsstücken bedeckt, alle sahen gleich schwarz aus. Ja,
+sogar auch die Wohnhäuser und Kirchen und Windmühlen, die gewöhnlich weiß
+oder rot sind, zeichneten sich schwarz von dem grünen Himmel ab. Der Junge
+hatte beinahe das Gefühl, als sei die Erde unter ihm vertauscht worden, so
+daß er in eine ganz andre Welt gekommen sei.
+
+Er dachte eben, in dieser Nacht wolle er recht tapfer sein und sich nicht
+fürchten, als er etwas erblickte, was ihm einen großen Schrecken einjagte.
+Das war eine bergige Insel, die mit großen, scharfen Felsblöcken bedeckt
+war, und zwischen diesen schwarzen Blöcken glänzten funkelnde Stellen von
+schimmerndem Golde. Er mußte unwillkürlich an den Maglestein von dem
+Zauberer Ljungby denken, den der Zauberer zuweilen auf hohe goldne Säulen
+stellt, und er hätte gerne gewußt, ob dies etwas Ähnliches sei.
+
+Aber die Steine da mit dem Gold wären schließlich noch angegangen, wenn es
+nicht rings um die Insel von lauter großen Meeresungetümen gewimmelt hätte.
+Sie sahen wie Wal- und Haifische und andre große Meeresungeheuer aus, aber
+der Junge war dafür, daß es Meergeister seien, die sich hier versammelt
+hatten und hinaufklettern wollten, um mit den dort wohnenden Landgeistern
+zu kämpfen. Und die auf dem Lande fürchteten sich sicher, denn der Junge
+sah einen großen Riesen ganz oben auf dem Gipfel der Insel stehen, der die
+Arme in die Höhe reckte wie in Verzweiflung über all das Unglück, das ihm
+und seiner Insel widerfahren sollte.
+
+Der Junge erschrak nicht wenig, als er merkte, daß Akka sich gerade auf
+diese Insel niedersinken ließ. »Ach nein, ach nein!« rief er. »Wir werden
+uns doch da nicht niederlassen sollen?«
+
+Aber die Gänse sanken immer tiefer, und jetzt war der Junge aufs höchste
+überrascht, daß er so verkehrt hatte sehen können. Die großen Steinblöcke
+waren nichts andres als Häuser. Die ganze Insel war eine Stadt; die
+glänzenden, goldnen Punkte waren Laternen und erleuchtete Fensterreihen.
+Der Riese, der ganz oben auf der Insel stand, war eine Kirche mit zwei
+Türmen, und alle die Meeresungeheuer und Zauberer, die er zu sehen geglaubt
+hatte waren Boote und große Schiffe, die rings um die Insel herum verankert
+waren. Auf dieser dem Lande zugelegnen Seite der Insel lagen gepanzerte
+Kriegsschiffe, einige mit ungeheuer dicken, nach rückwärts geneigten
+Schornsteinen, dann wieder länger und schmäler gebaute, die sicherlich wie
+Fische durchs Wasser gleiten konnten.
+
+Welche Stadt konnte nun das wohl sein? Ja, das konnte der Junge schon
+herausbringen, weil er die vielen Kriegsschiffe da unten sah. Sein ganzes
+Leben lang hatte er Angst vor Schiffen gehabt, obgleich er nie mit andern
+etwas zu tun gehabt hatte als mit den kleinen Segelbooten, die er auf dem
+Dorfteich hatte schwimmen lassen. Er wußte wohl, daß diese Stadt, die mit
+so vielen Kriegsschiffen dort lag, nur Karlskrona sein konnte.
+
+Der Großvater des Jungen war früher Matrose auf einem Kriegsschiff gewesen,
+und so lange er lebte, hatte er jeden Tag von Karlskrona erzählt, von der
+großen Werft und allem andern, was es da gab. Hier fühlte sich der Junge
+ganz wie zu Hause, und er freute sich, daß er jetzt das alles sehen durfte,
+von dem er so viel hatte erzählen hören.
+
+Nur im Fluge sah er den Turm und die Festungswerke, die den Hafeneingang
+abschließen, sowie die vielen Gebäude draußen auf der Werft, denn jetzt
+ließ sich Akka auf einem von den flachgedeckten Kirchtürmen nieder.
+
+Das war allerdings ein sichrer Platz für solche, die einem Fuchse
+entwischen wollten, und der Junge fragte sich, ob er es nicht wagen
+könnte, in dieser Nacht wieder unter die Flügel des Gänserichs zu kriechen.
+Ja, das konnte er bestimmt, und es würde ihm sicher gut tun, wenn er wieder
+einmal ein bißchen schlafen dürfte. Am nächsten Morgen wollte er dann
+versuchen, etwas mehr von der Werft und den Schiffen zu sehen.
+
+ * * * * *
+
+Dem Jungen kam es selbst sonderbar vor, daß er sich nicht ruhig verhalten
+und still warten konnte, bis er etwas von den Schiffen zu sehen bekäme. Er
+hatte sicher noch keine fünf Minuten geschlafen, als er unter dem Flügel
+hervorglitt und am Blitzableiter und an den Dachrinnen auf den Boden
+hinunterkletterte.
+
+Bald stand er auf einem großen Marktplatz, der sich vor der Kirche
+ausbreitete; er war mit rundlichen, oben zugespitzten Steinen gepflastert,
+und das Gehen darauf war ebenso beschwerlich für ihn, wie für große Leute
+das Gehen auf einer Wiese voll Erdschollen. Leute, die in einer unbebauten
+Gegend und weit draußen auf dem Lande wohnen, fühlen sich immer ängstlich,
+wenn sie in eine Stadt kommen, wo die Häuser steif und aufrecht dastehen
+und die Straßen und Plätze offen daliegen, so daß sie jeder, der
+vorübergeht, betrachten kann. Und wenn große Leute so denken, kann man sich
+leicht vorstellen, wieviel mehr es dem Däumling so gehen mußte. Als er auf
+dem Markt von Karlskrona stand und die Deutsche Kirche und das Rathaus und
+den Dom, von dem er gerade heruntergekommen war, sah, wünschte er sich
+unwillkürlich zu den Gänsen droben auf dem Kirchturm zurück. Zum Glück war
+der Marktplatz ganz leer. Kein Mensch war zu sehen, wenn man nicht etwa ein
+Standbild, das auf einem hohen Sockel stand, für einen solchen rechnen
+wollte. Der Junge betrachtete das Standbild lange und hätte gerne gewußt,
+wer dieser große Mann in Dreispitz, langem Rock, Kniehosen und groben
+Schuhen sei. Er hielt einen langen Stock in der Hand und sah aus, als mache
+er auch Gebrauch davon, denn er hatte ein furchtbar strenges Gesicht mit
+einer großen Habichtsnase und einem häßlichen Mund.
+
+»Was hat denn dieser Lippenfritze hier zu tun?« sagte der Junge
+schließlich.
+
+Noch nie hatte er sich so klein und ärmlich gefühlt wie an diesem Abend. Er
+versuchte sich aufzuraffen, indem er etwas Keckes sagte. Dann dachte er
+nicht mehr an das Standbild, sondern bog in eine breite Straße ein, die zum
+Meer hinunterführte. Aber er war noch nicht lange gegangen, als er hörte,
+daß jemand hinter ihm herkam. Vom Markt her kam jemand, der mit schweren
+Füßen auf das Pflaster stampfte und seinen Stock auf den Boden aufstieß. Es
+klang fast, als hätte der große Mann aus Bronze, der drüben auf dem Markte
+stand, sich auf den Weg gemacht.
+
+Der Junge horchte auf die Schritte, während er die Straße hinunterlief, und
+immer deutlicher erkannte er, daß es der Mann aus Bronze sein mußte. Die
+Erde bebte und die Häuser zitterten, sicherlich konnte niemand anders so
+gehen; und der Junge erschrak, als ihm einfiel, was er vorhin über ihn
+gesagt hatte. Er wagte nicht einmal den Kopf zu drehen, um nachzusehen, ob
+er es wirklich sei.
+
+»Er geht vielleicht nur zu seinem eignen Vergnügen spazieren,« dachte der
+Junge weiter. »Wegen der paar Worte, die ich über ihn gesagt habe, kann er
+doch unmöglich böse auf mich sein. Es war ja gar nicht schlimm gemeint.«
+
+Anstatt nun geradeaus zu gehen, um womöglich an die Werft zu gelangen, bog
+der Junge in eine nach Osten führende Straße ein. Er wollte dem, der hinter
+ihm herkam, um jeden Preis ausweichen.
+
+Aber gleich darauf hörte er den Bronzenen auch in diese Straße einbiegen.
+Da erschrak der Junge so sehr, daß er einfach nicht wußte, was er tun
+sollte. Und wie schwer ist es, einen Schlupfwinkel zu finden in einer
+Stadt, wo alle Türen fest verschlossen sind! Da sah er zu seiner Rechten
+eine alte aus Holz gebaute Kirche, die etwas abseits von der Straße in
+einer großen Anlage stand. Er bedachte sich nicht einen Augenblick, sondern
+stürzte auf die Kirche zu. »Wenn ich nur hineinkomme, werde ich wohl vor
+allem Übel beschützt sein!« meinte er.
+
+Während er dahinstürmte, sah er plötzlich einen Mann auf einem Sandweg
+stehen, der ihm winkte. »Das ist gewiß jemand, der mir helfen will,« dachte
+der Junge; es wurde ihm ganz leicht ums Herz, und er eilte auf den Mann zu.
+Er hatte wirklich Herzklopfen vor lauter Angst.
+
+Aber als er bei dem Mann angekommen war, der am Rande des Weges auf einem
+kleinen Schemel stand, stutzte er sehr. »Der kann mir doch nicht gewinkt
+haben,« dachte er; denn jetzt sah er, daß der ganze Mann aus Holz war.
+
+Er blieb vor dem Mann stehen und betrachtete ihn. Es war ein
+grobgeschnittener Kerl mit kurzen Beinen, breitem rotem Gesicht, glänzendem
+schwarzem Haar und einem schwarzen Vollbart. Er hatte einen schwarzen
+hölzernen Hut auf dem Kopf, auf dem Leib einen braunen hölzernen Rock, um
+die Mitte eine schwarze hölzerne Schärpe, an den Beinen weite, graue
+hölzerne Hosen und Strümpfe und an den Füßen schwarze Holzschuhe. Er war
+überdies frisch gestrichen und gefirnist, so daß er im Mondschein glänzte
+und gleiste; und der Frühling tat auch noch das Seinige dazu und gab ihm
+ein so gutmütiges Aussehen, daß der Junge sogleich Vertrauen zu ihm faßte.
+
+Neben dem Mann auf dem Wege stand eine Holztafel, und auf dieser las der
+Junge:
+
+ »Ich bitt euch ganz demütiglich,
+ Kann sprechen zwar nicht gut,
+ Kommt, gebt ein Scherflein her für mich
+ Und legts in meinen Hut!«
+
+Ach freilich, der Mann war eine Armenbüchse! Der Junge war ganz verdutzt.
+Er hatte geglaubt, etwas ganz besonders Merkwürdiges vor sich zu haben. Und
+jetzt erinnerte er sich auch, daß der Großvater von diesem hölzernen Manne
+gesprochen und gesagt hatte, alle Kinder von Karlskrona hätten ihn sehr
+gern. Und das mußte wohl wahr sein, denn auch dem Jungen fiel es schwer,
+sich von dem hölzernen Mann zu trennen. Er hatte etwas so Altmodisches, man
+konnte ihn für viele hundert Jahre alt halten, und zugleich sah er doch
+stark und stolz und lebenslustig aus, gerade wie die Leute in alten Zeiten
+gewesen sein mußten.
+
+Es machte dem Jungen so viel Vergnügen, den hölzernen Mann anzusehen, daß
+er den andern, vor dem er geflohen war, ganz vergaß. Aber jetzt hörte er
+ihn wieder. O weh! auch er verließ die Straße und kam in den Kirchhof
+herein. Er ging ihm auch hierher nach! Wohin sollte der Junge nun flüchten?
+
+Gerade in diesem Augenblick sah er, daß der Hölzerne sich verbeugte und
+seine breite hölzerne Hand ausstreckte. Man konnte ihm unmöglich etwas
+andres als Gutes zutrauen, und mit einem Satz stand ihm der Junge auf der
+Hand. Und der Hölzerne hob ihn zu seinem Hut empor und steckte ihn
+darunter.
+
+Kaum war der Junge versteckt, kaum hatte der Hölzerne den Arm wieder an
+seinen richtigen Platz getan, als der Bronzene auch schon vor ihm stand und
+mit seinem Stock so gewaltig auf den Boden stieß, daß der Hölzerne auf
+seinem Schemel erzitterte. Hierauf sagte der Bronzene mit lauter metallener
+Stimme: »Wer ist Er?«
+
+Der Arm des Hölzernen fuhr hinauf, daß es in dem alten Holzwerk knackte, er
+legte die Hand an den Hutrand und antwortete: »Rosenbom, mit Verlaub, Eure
+Majestät, früher Oberbootsmann auf dem Linienschiff Dristigheten, nach
+beendigtem Kriegsdienst Kirchenwächter bei der Admiralskirche, schließlich
+in Holz geschnitten und als Armenbüchse auf dem Kirchhof aufgestellt.«
+
+Däumling fuhr zusammen, als er den Hölzernen »Eure Majestät« sagen hörte.
+Denn wenn er jetzt darüber nachdachte, so fiel ihm allerdings ein, daß das
+Standbild auf dem Markt den vorstellen mußte, der die Stadt gegründet
+hatte. Es war also niemand Geringeres als Karl XI. selbst, mit dem er
+zusammengetroffen war.
+
+»Er versteht es, Auskunft über sich zu geben. Kann Er mir nun auch sagen,
+ob Er nicht einen kleinen Jungen gesehen hat, der heute Nacht in der Stadt
+herumstrolcht? Es ist eine naseweise Kanaille, und wenn ich ihn fasse,
+werde ich ihn Mores lehren.« Damit stieß er seinen Stock noch einmal auf
+den Boden und sah schrecklich grimmig drein.
+
+»Mit Verlaub, Eure Majestät, ich hab ihn gesehen,« sagte der Hölzerne; und
+der Junge, der unter dem Hut zusammengekauert saß und durch eine Ritze im
+Holz den Bronzenen sehen konnte, begann vor Angst heftig zu zittern. Aber
+er beruhigte sich wieder, als der Hölzerne fortfuhr: »Eure Majestät ist auf
+falscher Fährte. Der Junge wollte gewiß auf die Werft, um sich dort zu
+verstecken.«
+
+»Meint Er das, Rosenbom? Nun, dann bleib Er nicht länger auf seinem Schemel
+stehen, sondern komm Er mit mir und helf Er mir, den kleinen Kerl zu
+suchen. Vier Augen sehen besser als zwei, Rosenbom.«
+
+Aber der Hölzerne antwortete mit jammervoller Stimme: »Ich möchte
+untertänigst bitten, dableiben zu dürfen, wo ich bin. Ich sehe gesund und
+glänzend aus, weil man mich eben frisch angestrichen hat, aber innerlich
+bin ich alt und gichtbrüchig und kann keine Motion vertragen.«
+
+Der Bronzene gehörte sicherlich zu denen, die keinen Widerspruch vertragen
+können. »Was sind das für Flausen! Komm Er nur, Rosenbom!« Und er streckte
+seinen langen Stock aus und versetzte dem andern einen dröhnenden Schlag
+auf die Schulter. »Da sieht Er, daß Er hält, Rosenbom.«
+
+Die beiden machten sich also auf den Weg und wanderten stattlich und
+gewaltig durch die Straßen von Karlskrona, bis sie an ein großes Tor kamen,
+das zur Werft führte. Davor stand ein Marinesoldat Schildwache; aber der
+Bronzene ging wie selbstverständlich an ihm vorbei und stieß die Tür auf,
+ohne daß es der Matrose zu bemerken schien.
+
+Sobald sie durch das Tor hindurchgeschritten waren, sahen sie einen weiten,
+durch hölzerne Brücken abgeteilten Hafen vor sich. In den verschiedenen
+Hafenbecken lagen Kriegsschiffe; diese erschienen in der Nähe noch größer
+und schreckenerregender als vorher, wo der Junge sie von oben herab gesehen
+hatte. »Es war doch nicht so ganz verkehrt, wenn ich sie für
+Meeresungeheuer hielt,« dachte er.
+
+»Wo meint Er, daß wir zuerst suchen sollen, Rosenbom?« fragte der Bronzene.
+
+»So einer könnte sich am allerleichtesten im Modellsaal verstecken,«
+antwortete der Hölzerne.
+
+Auf einem schmalen Streifen Land, der rechts dem ganzen Hafen entlang lief,
+lagen altertümliche Gebäude. Der Bronzene ging auf ein Haus mit niedrigen
+Mauern, viereckigen Fenstern und einem ansehnlichen Dach zu. Er stieß mit
+seinem Stock gegen die Tür, daß sie aufsprang, und stapfte eine Treppe mit
+ausgetretenen Stufen hinauf. Sie kamen in einen großen Saal, der mit einer
+Menge bemasteter und aufgetakelter Schiffe angefüllt war. Ohne daß es ihm
+jemand gesagt hätte, wußte der Junge, daß er hier die Modelle zu den
+Schiffen sah, die für die schwedische Flotte gebaut worden waren.
+
+Es gab viele verschiedene Arten von Schiffen. Alte Linienschiffe, deren
+Seiten mit Kanonen gespickt waren, die vorne und hinten mächtige Aufbauten
+hatten und deren Masten einen großen Wirrwarr von Segel und Tauen zeigten.
+Ferner kleine Küstenschiffe mit Ruderbänken an den Seiten, unbedeckte
+Kanonenschaluppen und reich vergoldete Fregatten; das waren die Modelle von
+den Schiffen, deren sich die Könige auf ihren Reisen bedient hatten. Und
+endlich waren da auch die schweren, breiten Panzerschiffe mit Türmen und
+Kanonen auf dem Verdeck, die heutigentags gebraucht werden, sowie schlanke,
+schwarzglänzende Torpedoboote, die wie lange schmale Fische aussahen.
+
+Während der Junge zwischen all diesem herumgetragen wurde, wurde er ganz
+verdutzt. »Nein, daß so große und stolze Schiffe hier in Schweden gebaut
+worden sind!« dachte er.
+
+Er hatte gut Zeit, sich umzusehen, denn als der Bronzene die Modelle sah,
+vergaß er alles andre. Er betrachtete sie der Reihe nach, vom ersten bis
+zum letzten, und ließ sie sich erklären. Und Rosenbom, der Oberbootsmann
+von Dristigheten, erzählte alles, was er wußte, wer die Baumeister gewesen
+waren, wer sie geführt hatte, und welches Schicksal sie gehabt hatten. Von
+Chapmann und Puke und Trolle, von Hogland und Svensksund erzählte er, bis
+zum Jahre 1809, denn von da an war er nicht mehr dabei gewesen.
+
+Ihm und dem Bronzenen gefielen die alten Holzschiffe am besten. Auf die
+neuen Panzerschiffe schienen sie sich nicht so recht zu verstehen.
+
+»Ich sehe, daß Er von den neuen da nichts weiß, Rosenbom,« sagte der
+Bronzene. »Wir wollen deshalb jetzt gehen und etwas andres ansehen, denn
+das macht mir Spaß, Rosenbom.«
+
+Jetzt dachte er gewiß nicht mehr daran, den Jungen zu suchen, und dieser
+fühlte sich unter dem hölzernen Hut ganz sicher und behaglich.
+
+Die beiden Männer gingen durch die großen Werkstätten, durch die
+Segelnähereien und die Ankerschmieden, durch die Maschinen- und
+Schreinerwerkstätten. Sie besahen die hohen Kranen und die Docks, die
+großen Vorratshäuser, den Artilleriehof, das Zeughaus, die lange Seilerbahn
+und das große verlassene Dock, das aus den Felsen herausgesprengt worden
+war. Sie gingen auf die Bohlenbrücken hinaus, wo die Kriegsschiffe
+verankert lagen, begaben sich an Bord der Schiffe und betrachteten sie wie
+zwei alte Seebären, fragten und verwarfen und billigten und ärgerten sich.
+
+Der Junge saß sicher unter dem hölzernen Hut und hörte sie erzählen, wie
+auf diesem Platz gearbeitet und gestritten worden war, um die hier
+ausgerüsteten Schiffe fertigzustellen. Er hörte, wie man Leib und Leben
+aufs Spiel gesetzt hatte, wie das letzte Scherflein für diese Schiffe
+geopfert worden war, wie talentvolle Männer ihre ganze Kraft eingesetzt
+hatten, diese Fahrzeuge, die das Vaterland verteidigten und beschützten, zu
+verbessern und zu vervollkommnen. Dem Jungen traten ein paarmal
+unwillkürlich die Tränen in die Augen, als er von diesem allem erzählen
+hörte. Und er freute sich, daß er so genaue Auskunft darüber erhielt.
+
+Ganz zuletzt kamen sie auf einen offnen Hof, wo die Galionsfiguren von
+alten Linienschiffen aufgestellt waren. Und etwas Merkwürdigeres hatte der
+Junge noch nie gesehen, denn die Figuren, die da hingen, hatten unglaublich
+große, schreckenerregende Gesichter. Groß, kühn und wild sahen sie aus, von
+demselben stolzen Geist erfüllt, der einst die großen Schiffe ausgerüstet
+hatte. Sie waren von einer andern Zeit und von andern Händen hervorgebracht
+worden. Dem Jungen war es, als schrumpfe er vor ihnen ganz zusammen.
+
+Aber als sie hierhergelangt waren, sagte der bronzene Mann zu dem
+hölzernen: »Nehm Er vor denen, die hier stehen, den Hut ab, Rosenbom! Sie
+alle sind für das Vaterland im Kampf gewesen.«
+
+Aber ebenso wie der Bronzene hatte auch Rosenbom vergessen, warum sie die
+Wanderung begonnen hatten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, lüpfte
+er seinen Hut und rief:
+
+»Ich nehme meinen Hut ab vor dem, der den Hafen auserwählte, der den Grund
+zur Werft legte und eine neue Flotte schuf, vor dem König, der dies alles
+hier ins Leben gerufen hat!«
+
+»Danke, Rosenbom, das war gut gesagt. Er ist ein prächtiger Mann, Rosenbom.
+Aber was hat Er denn da, Rosenbom?«
+
+Denn Nils Holgersson stand mitten auf Rosenboms kahlem Schädel. Aber er
+hatte jetzt keine Angst mehr, sondern schwang seine weiße Mütze und rief:
+»Ein Hurra für dich, Lippenfritze!«
+
+Er schrie so laut, daß er erwachte. Und da merkte er zu seiner großen
+Verwunderung, daß er alles miteinander geträumt hatte, und daß er noch
+immer bei den Gänsen auf dem Kirchendach war.
+
+
+
+
+10
+
+Die Reise nach Öland
+
+
+ Sonntag, 3. April
+
+Am nächsten Morgen flogen die Wildgänse auf eine Schäreninsel, um dort zu
+weiden. Sie trafen da mit einigen Graugänsen zusammen, und diese
+verwunderten sich sehr, als sie die Wildgänse erblickten, denn sie wußten
+wohl, daß diese Verwandten von ihnen am liebsten über das Innere des Landes
+ihren Flug nehmen. Sie waren sehr neugierig und ließen nicht nach mit
+Fragen und Verwundern, bis die Wildgänse alles erzählten, was sie von dem
+Fuchs Smirre auszustehen gehabt hatten. Als sie fertig waren, sagte eine
+der Graugänse, die ebenso alt und ebenso klug wie Akka zu sein schien: »Es
+ist ein großes Unglück für euch, daß der Fuchs in seiner eignen Heimat für
+friedlos erklärt worden ist. Er wird jetzt sicher sein Wort halten und euch
+bis Lappland verfolgen. Wenn ich an eurer Stelle wäre, würde ich nicht
+nordwärts über Småland reisen, sondern den Umweg über Öland nehmen, damit
+er eure Spur vollständig verliert. Wenn ihr ihm ganz entgehen wollt, müßt
+ihr ein paar Tage auf der Südspitze der Insel verweilen. Es gibt dort
+Nahrung in Hülle und Fülle und auch gute Gesellschaft. Ihr werdet es gewiß
+nicht bereuen, wenn ihr hingeht.«
+
+Dies war wirklich ein guter Rat, und die Wildgänse beschlossen, ihn zu
+befolgen. Sobald sie sich gut gesättigt hatten, traten sie die Reise nach
+Öland an. Keine von ihnen war zwar jemals dagewesen, aber die Graugänse
+erklärten ihnen den Weg. Sie sagten ihnen, sie sollten nur immer südwärts
+fliegen, bis sie einen großen Vogelzug erreichten, der an der Küste von
+Blekinge hinfliege. Alle Vögel, die an der Nordsee überwintert und ihren
+Sommeraufenthalt in Rußland und Finnland hätten, nähmen diesen Weg, und
+alle suchten Öland auf, um dort auszuruhen. Es werde den Wildgänsen gewiß
+nicht schwer werden, die Wegrichtung zu erfahren.
+
+An diesem Tage war es ganz windstill und so warm wie an einem Sommertage,
+also zu einer Seereise das beste Wetter, das es geben konnte. Das einzige
+Bedenkliche war, daß die Luft nicht ganz klar, sondern der Himmel grau und
+bedeckt war. Da und dort standen große Wolkenwände, die bis auf den
+Meeresspiegel heruntergingen und die Aussicht verdeckten. Als die Reisenden
+aus den Schären herauskamen, breitete sich das Meer so spiegelglatt vor
+ihnen aus, daß der Junge, als er zufällig hinabsah, meinte, das Wasser sei
+verschwunden. Es war kein Grund mehr unter ihm, ringsum waren nur Wolken
+und Himmel. Er wurde ganz verwirrt und klammerte sich ängstlich an den
+Gänserich an, wie damals, wo er zum erstenmal auf ihm saß. Er hatte das
+Gefühl, als könne er sich unmöglich da oben halten, sondern müsse auf einer
+Seite hinunterfallen.
+
+Es wurde auch immer schlimmer, als die Gänse den großen Vogelweg
+erreichten, von dem die Graugans gesprochen hatte. Eine Schar Vögel um die
+andre kam dahergeflogen, und alle hielten in derselben Richtung. Sie
+folgten gleichsam einem vorgezeichneten Weg. Es waren Enten und Graugänse,
+Mantelmöwen und Lummen, Seetaucher und Eisenten, Säger und Taucher,
+Strandelstern und Seebirkhühner. Als sich der Junge jetzt vorbeugte und
+dahin sah, wo das Meer sein sollte, erblickte er den ganzen Vogelzug im
+Wasser widergespiegelt. Aber wie merkwürdig, er war so verwirrt, daß er gar
+nicht wußte, was er sah, sondern meinte, alle diese Vögel flögen mit
+abwärts gekehrtem Rücken daher. Er verwunderte sich auch nicht einmal
+besonders darüber, denn er wußte selbst nicht mehr, was unten und was oben
+war. Die Vögel waren ermattet und sehnten sich danach, die Insel möglichst
+schnell zu erreichen. Keiner schrie oder sagte ein lustiges Wort, und
+deshalb kam dem Jungen alles so sonderbar unwirklich vor.
+
+»Wie, wenn wir die Erde verlassen hätten?« fragte er sich. »Wie, wenn wir
+geradeswegs in den Himmel hineinflögen?«
+
+Ringsumher sah er nichts als Wolken und Vögel, und allmählich kam es ihm
+ganz wahrscheinlich vor, daß sie in den Himmel flögen. Da wurde er sehr
+vergnügt und fragte sich, was er wohl da droben sehen würde. Auf einmal
+fühlte er sich ganz frei von Schwindel, und der Gedanke, daß er in den
+Himmel fliege und die Erde verlasse, machte ihn überglücklich.
+
+Aber da hörte er auf einmal einen lauten Schuß knallen und sah ein paar
+kleine Rauchwölkchen aufsteigen.
+
+In demselben Augenblick entstand eine große Unruhe unter den Vögeln.
+»Schützen! Schützen! Schützen in Booten!« riefen sie. »Fliegt hoch hinauf!
+Fliegt außer Schußweite!«
+
+Da sah der Junge auf einmal, daß sie noch immer über dem Meere hinflogen
+und durchaus nicht im Himmel waren. In einer langen Reihe lagen Boote unten
+auf dem Wasser, und aus ihnen sandten die Jäger Schuß auf Schuß zu ihnen
+herauf. Die vordersten Vogelscharen hatten die Jäger nicht beizeiten
+bemerkt und waren zu niedrig geflogen. Mehrere dunkle Körper fielen aufs
+Meer hinab, und bei jedem Körper, der hinabstürzte, stießen die
+Überlebenden laute Jammerrufe aus.
+
+Für den, der sich eben noch im Himmel glaubte, war das Erwachen zu so viel
+Schrecken und Jammer höchst merkwürdig. Akka flog, so schnell sie konnte,
+hoch in die Luft hinauf, und dann zog die Schar mit der größten Eile
+weiter. Die Wildgänse kamen auch wirklich unbeschädigt davon, aber der
+Junge konnte sich von seiner Verwunderung gar nicht erholen. Wie war es nur
+möglich, daß jemand auf solche Vögel schoß, wie Akka, Yksi und Kaksi und
+den Gänserich und alle die andern! Die Menschen hatten doch wirklich gar
+keinen Begriff von dem, was sie taten!
+
+Nun ging es weiter durch die ruhige Luft, und wieder war es still ringsum
+wie vorher, nur einige ermattete Vögel riefen ab und zu: »Sind wir noch
+nicht bald da? Seid ihr sicher, daß wir auf dem rechten Wege sind?«
+
+Und darauf antworteten die an der Spitze: »Wir fliegen gerade auf Öland zu!
+Wir fliegen gerade auf Öland zu!«
+
+Die Wildenten waren müde, und die Seetaucher flogen an ihnen vorbei. »Habt
+es doch nicht so eilig!« riefen ihnen die Enten zu. »Ihr fresset uns ja
+alles weg!«
+
+»O es reicht gut für euch und uns!« erwiderten die Seetaucher.
+
+Doch ehe sie so weit gekommen waren, daß sie die Insel sehen konnten, wehte
+ihnen ein leichter Wind entgegen, der etwas mit sich führte, das wie große
+weiße Rauchwolken aussah, die wohl von irgend einer Feuersbrunst
+aufstiegen.
+
+Als die Vögel die ersten Rauchwirbel daherwogen sahen, wurden sie ängstlich
+und verstärkten ihre Eile. Aber das, was wie Rauch ausgesehen hatte, wallte
+immer dichter heran, und schließlich hüllte es sie vollkommen ein. Kein
+Geruch machte sich bemerkbar; der Rauch war auch nicht schwarz und trocken,
+sondern ganz weiß und feucht, und der Junge erkannte bald, daß es nur Nebel
+war.
+
+Als der Nebel so dicht wurde, daß man keine Spanne mehr vor sich sehen
+konnte, begannen die Vögel, sich ganz wie verrückt zu gebärden. Alle, die
+vorher in so guter Ordnung geflogen waren, fingen jetzt an, einander im
+Nebel zu necken und zu uzen. Sie flogen kreuz und quer, um einander
+irrezuführen.
+
+»Nehmt euch in acht!« riefen sie. »Ihr fliegt ja nur im Kreis herum! Auf
+diese Weise kommt ihr nie nach Öland!«
+
+Alle wußten recht gut, wo die Insel lag, aber sie taten ihr möglichstes,
+die andern zu verwirren. »Seht doch die Eisenten!« erscholl es aus dem
+Nebel heraus. »Sie fliegen in die Nordsee zurück!«
+
+»Nehmt euch in acht, ihr Graugänse!« schrie einer von einer andern Seite
+her. »Wenn ihr so weiter fliegt, kommt ihr nach Rügen hinunter!«
+
+Es war, wie gesagt, keine Gefahr vorhanden, daß die fremden Vögel sich nach
+einer falschen Seite verlocken lassen würden. Wem es aber schwer gemacht
+wurde, das waren die Wildgänse. Die Schelme merkten bald, daß diese ihres
+Weges nicht so recht sicher waren, und taten alles, was sie konnten, sie
+irrezuführen.
+
+»Wo wollt ihr hin, ihr guten Leute?« rief ein Schwan. Und mit recht
+teilnehmendem, ernstem Ausdruck flog er gerade auf Akka zu.
+
+»Wir wollen nach Öland, aber wir sind noch nie dagewesen,« antwortete Akka.
+Sie glaubte, dies sei ein Vogel, auf den man sich verlassen könne.
+
+»Das ist doch zu schlimm,« sagte der Schwan. »Man hat euch auf einen
+falschen Weg gelockt. Ihr seid ja auf dem Wege nach Blekinge. Kommt nur mit
+mir, ich will euch recht führen.«
+
+Darauf flog er mit ihnen davon, und nachdem er sie von der Vogelstraße so
+weit weggelockt hatte, daß sie keinen Ruf mehr hörten, verschwand er im
+Nebel.
+
+Nun flogen die Wildgänse eine Weile ganz aufs Geratewohl weiter. Aber kaum
+hatten sie die andern Vögel wiedergefunden, als sich auch schon eine Ente
+an sie heranmachte. »Das beste wäre, ihr legtet euch aufs Wasser, bis der
+Nebel sich verzogen hat,« sagte die Ente. »Man merkt wohl, daß ihr nicht
+sehr reisegewandt seid.«
+
+Beinahe wäre es den Schelmen gelungen, Akka verwirrt zu machen. Soweit der
+Junge es verstehen konnte, flogen sie eine gute Weile im Kreis herum.
+
+»Nehmt euch in acht! Seht ihr nicht, daß ihr auf und ab fliegt?« rief ein
+Seetaucher im Vorbeischießen. Unwillkürlich umklammerte der Junge den Hals
+des Gänserichs, denn das hatte er auch schon lange gefürchtet.
+
+Wer weiß, wann sie hingekommen wären, wenn sich jetzt nicht in der Ferne
+das dumpfe Rollen eines Kanonenschusses hätte hören lassen.
+
+Da streckte Akka den Hals vor, schlug hart mit den Flügeln und flog mit
+voller Sicherheit weiter. Jetzt hatte sie etwas, wonach sie sich richten
+konnte. Die Graugans hatte ihr ja noch besonders geraten, daß sie sich
+nicht ganz außen auf der Südspitze niederlassen solle, weil dort eine
+Kanone stünde, mit der die Menschen auf den Nebel schössen. Jetzt wußte sie
+die Richtung, und jetzt konnte sie niemand mehr irremachen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+11
+
+Die Südspitze von Öland
+
+
+ Sonntag, 3. bis Mittwoch, 6. April
+
+Auf dem südlichsten Teil von Öland liegt ein altes Krongut, das Ottenby
+heißt. Es ist ein sehr großes Gut, das sich von einem Ufer zum andern quer
+über die Insel erstreckt, und das Merkwürdige an ihm ist, daß es von jeher
+ein Aufenthaltsort für große Tierscharen war. Im siebzehnten Jahrhundert,
+wo die Könige nach Öland fuhren, dort der Jagd zu pflegen, war das
+Besitztum ein einziger großer Wildpark. Im achtzehnten Jahrhundert war ein
+Gestüt dort, wo edle Rassepferde gezüchtet wurden, und außerdem noch eine
+Schäferei mit vielen hundert Schafen. In unsern Tagen gibt es da weder
+Vollblutpferde noch Schafherden. Statt ihrer sind große Scharen junger
+Pferde da, die für unsere Kavallerieregimenter bestimmt sind.
+
+In dem ganzen Lande gibt es gewiß keinen Hof, der einen bessern
+Aufenthaltsort für Tiere aller Art böte. Die östliche Küste entlang liegt
+die alte Schäferwiese, die, eine Viertelmeile lang, die größte Wiese
+Schwedens ist, und dort können die Tiere ebenso frei weiden und spielen und
+sich tummeln wie in der Wildnis. Und da ist auch der berühmte Hain von
+Ottenby mit den hundertjährigen Eichen, die Schatten gegen die Sonne
+spenden und Schutz vor dem strengen Ölandswind gewähren. Und dann darf man
+die lange Mauer von Ottenby nicht vergessen; diese läuft quer über das
+Eiland hin und schließt Ottenby von der übrigen Insel ab. Diese Mauer zeigt
+den Tieren, bis wohin sich das alte Krongut erstreckt, und hält sie davon
+ab, auf fremdes Gebiet zu gehen, wo sie nicht das Recht haben, sich
+aufzuhalten.
+
+Aber daß es viele zahme Tiere auf Ottenby gibt, ist noch lange nicht alles;
+man sollte beinahe glauben, die wilden Tiere hätten auch das Gefühl, daß
+auf einem alten Krongut sowohl wilde als zahme auf Schutz und Schirm
+rechnen dürfen, weil sie sich in so großen Scharen dahin wagen. Nicht
+allein Hirsche von dem alten Stamme, sowie Hasen und Brandenten und
+Rebhühner halten sich mit Vorliebe dort auf, sondern dieses Gut ist im
+Frühling und Spätsommer auch der Ruheplatz für Tausende von Zugvögeln; und
+auf dem sumpfigen östlichen Strand unterhalb der Schäferwiese lassen sie
+sich in erster Linie nieder, um da zu weiden und auszuruhen.
+
+Als die Wildgänse und Nils Holgersson Öland schließlich erreicht hatten,
+ließen sie sich wie alle andern auf dem Strande unterhalb der Schäferei
+nieder. Der Nebel lag ebenso dicht über der Insel wie vorher über dem
+Meere. Aber der Junge war doch erstaunt über die vielen Vögel, die er auf
+dem kleinen Stückchen des Strandes, das er überschauen konnte, sah.
+
+Es war ein langer, sandiger Strand mit Steinen und Wasserpfützen und einer
+großen Menge angeschwemmten Tangs. Wenn der Junge die Wahl gehabt hätte,
+würde er wohl nie daran gedacht haben, sich da niederzulassen; aber die
+Vögel hielten diesen Ort gewiß für ein wahres Paradies. Enten und Graugänse
+weideten auf der Wiese, am Ufer hüpften Strandläufer und andre Strandvögel
+umher. Die Seetaucher lagen im Wasser und fischten, aber am meisten Leben
+und Bewegung war doch auf den langen Tangbänken vor dem Ufer draußen. Da
+standen die Vögel nebeneinander und suchten Larven, von denen es eine
+grenzenlose Menge geben mußte, denn man hörte niemals, daß sich irgend eine
+Klage über Mangel an Futter erhoben hätte.
+
+Die meisten von den Vögeln wollten weiterreisen und hatten sich nur zum
+Ausruhen hier niedergelassen. Sobald der Anführer einer Schar meinte, seine
+Reisegenossen hätten sich jetzt genug gestärkt und gelabt, sagte er: »Seid
+ihr jetzt fertig? Dann begeben wir uns wohl weiter?«
+
+»Nein, warte noch, warte noch! Wir sind noch lange nicht satt!« riefen die
+Mitreisenden.
+
+»Ihr meint wohl, ihr dürftet euch so vollfressen, daß ihr euch nicht mehr
+bewegen könnt?« erwiderte der Anführer. Dann schlug er mit den Flügeln und
+flog davon. Aber mehr als einmal mußte er wieder umkehren, weil die andern
+nicht zum Weiterfliegen zu bewegen waren.
+
+Unterhalb der äußersten Tangbank lag eine Schar Schwäne. Sie hatten keine
+Lust, an Land zu gehen, sondern ruhten sich, auf dem Wasser liegend und
+sich leise hin und her wiegend, aus. Ab und zu tauchten sie mit dem Hals
+unter und holten sich Speise aus dem Meeresgrund. Wenn sie etwas besonders
+Gutes ergattert hatten, stießen sie einen lauten Schrei aus, der wie ein
+Trompetenstoß klang.
+
+Als der Junge hörte, daß Schwäne dort unten lagen, lief er schnell auf die
+Tangbänke hinaus. Er hatte noch nie wilde Schwäne in der Nähe gesehen. Und
+er hatte Glück, denn er gelangte ganz nahe zu ihnen hin.
+
+Der Junge war jedoch nicht der einzige, der die Schwäne gehört hatte;
+sowohl die Wildgänse als auch die Graugänse und die Enten und die
+Seetaucher schwammen zwischen die Tangbänke hinein, legten sich wie ein
+Ring um die Schar der Schwäne herum und schauten sie unverwandt an. Die
+Schwäne bliesen die Federn auf, breiteten die Flügel wie Segel aus und
+hoben die Hälse hoch in die Höhe. Bisweilen schwamm einer von ihnen zu
+einer Gans oder einem großen Seetaucher oder einer Tauchente hin und sagte
+ein paar Worte. Und dann war es, als ob der Angesprochene kaum den Schnabel
+zu einer Entgegnung zu öffnen wagte.
+
+Doch da war auch ein kleiner Seetaucher, ein kleiner schwarzer Schlingel,
+dem war diese ganze Feierlichkeit unerträglich. Hurtig tauchte er unter und
+verschwand unter dem Wasser. Gleich darauf stieß einer der Schwäne einen
+lauten Schrei aus und schwamm so schnell davon, daß das Wasser hinter ihm
+schäumte. Dann hielt er an und versuchte, wieder majestätisch auszusehen.
+Aber gleich darauf schrie ein andrer wie der erste, und im nächsten
+Augenblick auch ein dritter.
+
+Nun aber konnte es der kleine Seetaucher nicht länger unter dem Wasser
+aushalten, und er erschien wieder an der Oberfläche, klein und schwarz und
+boshaft. Die Schwäne stürzten auf ihn zu; aber als sie sahen, was für ein
+kleiner Wicht er war, machten sie rasch kehrt, als ob sie sich für zu gut
+hielten, mit ihm anzubinden. Der kleine Seetaucher tauchte jedoch von neuem
+unter und zwickte die Schwäne abermals in die Füße. Das tat ihnen sicher
+weh, und das schlimmste war, daß sie ihre Würde nicht aufrecht erhalten
+konnten. Da machten sie der Sache rasch ein Ende. Sie schlugen mit den
+Flügeln, daß es donnerte, jagten ein großes Stück gleichsam auf dem Wasser
+springend weiter, bekamen schließlich Luft unter die Schwingen und flogen
+davon.
+
+Als sie fort waren, fehlten sie den andern Vögeln sehr, und die, denen das
+Vorgehen des kleinen Seetauchers vorher Spaß gemacht hatte, schalten ihn
+jetzt wegen seiner Unverschämtheit aus.
+
+Der Junge ging wieder dem Lande zu. Hier angekommen hielt er bei den
+Strandläufern an und schaute ihrem Spiel zu. Sie standen in einer langen
+Reihe am Strand und sahen wie winzige Kraniche aus; wie diese hatten sie
+auch kleine Körper, hohe Beine, lange Hälse und leichte, schwebende
+Bewegungen, aber sie waren nicht grau, sondern braun. Da standen sie in
+einer langen Reihe an dem von den Wellen bespülten Uferrand. Sobald eine
+Woge daherrauschte, sprang die ganze Reihe rückwärts, wenn die Welle aber
+wieder zurückwich, liefen sie ihr nach. Und so ging es stundenlang fort.
+
+Die schönsten von allen Vögeln waren die Brandenten. Sie waren wohl mit den
+gewöhnlichen Enten verwandt, denn wie diese hatten sie auch einen schweren,
+gedrungenen Körper, einen breiten Schnabel und Schwimmflossen, doch waren
+sie viel prächtiger gekleidet. Ihr Federkleid selbst war weiß, aber um den
+Hals hatten sie ein gelb und schwarzes Band, die Flügeldecke glänzte grün,
+rot und schwarz, die Flügelspitzen waren schwarz, und der Kopf war
+schwarzgrün und schillerte wie Seide.
+
+Sobald sich eine von ihnen am Strande zeigte, sagten die andern Vögel:
+»Seht, seht! Sie versteht es, sich herauszuputzen!«
+
+»Wenn sie nicht so schön wären, brauchten sie ihre Beine nicht in die Erde
+hineinzugraben, sondern könnten wie andre Vögel offen daliegen,« spottete
+eine braune Wildente.
+
+»Und wenn sie sich auch alle Mühe gibt, so kann sie doch nicht schön
+aussehen mit so einer Nase, wie sie hat,« sagte eine Graugans.
+
+Und das ist auch wirklich wahr. Die Brandenten haben einen großen Knorpel
+auf der Schnabelwurzel, der ihrer Schönheit Eintrag tut.
+
+Vor dem Strande flogen Möwen und Seeschwalben über das Wasser hin und
+fischten. »Was fangt ihr da für Fische?« fragte eine Wildgans.
+
+»Stichlinge! Die Ölandstichlinge sind die besten Fische von der Welt,«
+sagte eine Möwe. »Willst du sie nicht versuchen?« Mit vollem Mund flog sie
+zu der Gans hin und wollte ihr von den kleinen Fischen geben.
+
+»O pfui!« rief diese. »Meint ihr, ich werde so abscheuliches Zeug fressen?«
+
+Am nächsten Morgen war es noch ebenso nebelig. Die Wildgänse gingen auf die
+Wiese und weideten; der Junge aber wanderte an den Strand hinunter, sich
+Muscheln zu sammeln. Es gab dort sehr viele, und da er dachte, er komme
+vielleicht morgen an einen Platz, wo sich für ihn gar nichts zu essen
+fände, wollte er versuchen, sich ein Säckchen zu machen, in dem er die
+Muscheln mitnehmen könnte. Auf der Wiese fand er dürres Riedgras, das zäh
+und stark war, und aus diesem begann er ein Ränzel zu flechten. Er
+verbrachte mehrere Stunden mit dieser Arbeit; als aber das Ränzel fertig
+war, fühlte er sich auch recht befriedigt von seinem Werk.
+
+Um die Mittagszeit liefen plötzlich alle Wildgänse eilig auf ihn zu und
+fragten ihn, ob er den weißen Gänserich nicht gesehen habe? »Vor ganz
+kurzem war er noch bei uns,« sagte Akka, »aber jetzt wissen wir nicht mehr,
+wo er ist.«
+
+Heftig erschrocken fuhr der Junge auf. Er fragte die Gänse, ob ein Fuchs
+oder Adler gesehen worden, oder ob kürzlich irgend ein Mensch in der Nähe
+gewesen sei? Doch keine von den Gänsen hatte etwas Verdächtiges gesehen;
+der Gänserich mußte sich im Nebel verlaufen haben.
+
+Auf welche Weise der Gänserich aber auch weggekommen sein mochte, das
+änderte an dem Unglück des Jungen nichts, und angstvoll lief er davon, ihn
+zu suchen. Der Nebel beschützte ihn, so daß er ungesehen überall hingehen
+konnte, aber zugleich hinderte er ihn selbst auch am Sehen. Der Junge lief
+südwärts die Küste entlang bis zu dem Leuchtturm und der Nebelkanone auf
+der äußersten Spitze. Überall war dasselbe Vogelgewimmel, aber kein
+Gänserich. Der Junge wagte sich sogar bis zum Ottenbyer Hof, ja er
+untersuchte jede einzelne der alten, hohen Eichen im Hain; aber nirgends
+fand er eine Spur von dem Gänserich.
+
+Er suchte und suchte, bis es zu dunkeln anfing. Da mußte er nach dem
+östlichen Strand zurückkehren. Mit schweren Schritten wanderte er dahin und
+war sehr unglücklich. Ach, es war wohl auch dumm von ihm gewesen, zu
+hoffen, daß er eine zahme Gans unbeschädigt durch das ganze Land führen
+könnte! Und doch hatte er so sehr gewünscht, daß es ihm glücke, nicht
+allein seiner selbst wegen, sondern auch um des Gänserichs willen, den er
+ebenso lieb hatte wie sich selbst.
+
+Wie er nun so über die Schäferwiese hinwanderte, kam ihm etwas großes
+Weißes aus dem Nebel entgegen, und wer anders war es, als der Gänserich!
+Ganz unbeschädigt kam er daher und war äußerst vergnügt, daß er endlich den
+Weg zu den andern zurückgefunden habe. Der Nebel habe ihn so verwirrt im
+Kopfe gemacht, sagte er, daß er den ganzen Tag hindurch auf der Wiese
+umhergeirrt sei. In seiner Freude schlang der Junge die Arme um den Hals
+des Gänserichs und bat ihn inständig, sich doch in acht zu nehmen und nicht
+wieder von den andern wegzugehen. Und der Gänserich versprach hoch und
+teuer, es nie wieder zu tun. Nie, nie wieder!
+
+Am nächsten Morgen jedoch, als der Junge am Ufer Muscheln suchte, kamen die
+Gänse wieder dahergelaufen und fragten, ob er den Gänserich nicht gesehen
+habe.
+
+Nein, ganz und gar nicht. Ja, dann sei der Gänserich abermals verschwunden.
+Er werde sich bei dem Nebel gerade wie gestern wieder verlaufen haben.
+
+Voll Entsetzen machte sich der Junge eilig auf die Suche. Er fand eine
+Stelle, wo die Mauer von Ottenby so abgebröckelt war, daß er
+hinüberklettern konnte. Er suchte dann unten am Strand, der sich hier
+ausdehnt und allmählich so groß wird, daß Platz für Äcker und Wiesen und
+Bauernhöfe da ist. Dann stieg er hinauf auf das flache Hochland, das die
+Mitte der Insel einnimmt; dort gibt es keine andern Gebäude als Windmühlen,
+und der Rasen ist so dünn, daß das weiße Kalkgestein darunter
+hervorschimmert.
+
+Der Gänserich aber war nicht zu finden, und da es allmählich Abend wurde,
+mußte der Junge sich wieder dem Strand zuwenden. Er war jetzt fest
+überzeugt, daß er seinen Reisekameraden wirklich verloren habe, und dadurch
+ganz mutlos gemacht, wußte er nicht, was er tun sollte.
+
+Schon war er wieder über die Mauer gestiegen, als er dicht neben sich einen
+Stein rasseln hörte, und als er sich danach umwendete, glaubte er etwas
+unterscheiden zu können, das sich in einem Steinhaufen dicht neben der
+Mauer bewegte. Er schlich näher hinzu, und da sah er, wie der weiße
+Gänserich mit mehreren langen Wurzelfasern mühselig den Steinhaufen
+hinaufkletterte. Der Gänserich sah den Jungen nicht, und dieser rief ihn
+nicht an, denn er wollte zuerst ergründen, warum der Gänserich auf diese
+Weise ein Mal ums andre verschwand.
+
+Und er erfuhr auch bald die Ursache. Oben auf dem Steinhaufen lag eine
+junge Graugans, die vor Freude laut aufschrie, als sie den Gänserich
+erblickte. Der Junge schlich noch näher hinzu, um zu hören, was die beiden
+sprächen; und da hörte er, daß die Graugans einen beschädigten Flügel hatte
+und deshalb nicht fliegen konnte; ihre Reisegefährten waren schon
+weggereist und hatten sie allein zurückgelassen. Sie war am Verhungern
+gewesen, als der weiße Gänserich am gestrigen Tage ihr Rufen gehört und sie
+aufgesucht hatte. Und seither war er bemüht gewesen, ihr Nahrung zu
+verschaffen. Beide hatten gehofft, sie würde hergestellt sein, ehe er die
+Insel wieder verlassen müsse, aber sie konnte noch immer weder gehen noch
+stehen. Der Gänserich war sehr betrübt darüber, aber er tröstete sie
+damit, daß er noch lange nicht wegreisen werde. Schließlich wünschte er ihr
+gute Nacht und versprach, am nächsten Tage wiederzukommen.
+
+Der Junge ließ den Gänserich vorausgehen, und sobald dieser verschwunden
+war, schlich er auch auf den Steinhaufen hinauf. Als er nun die junge Gans
+sah, verstand er, warum der Gänserich ihr seit zwei Tagen Futter gebracht
+hatte, und warum er nicht gestehen wollte, was er tat. Die Graugans hatte
+das niedlichste Köpfchen, das man sich denken konnte; ihr Federkleid war
+wie Seide so weich, und die Augen hatten einen sanften, flehenden Ausdruck.
+
+Als sie den Jungen erblickte, wollte sie entfliehen, aber ihr einer Flügel
+war beschädigt, er schleifte am Boden und hinderte sie bei allen
+Bewegungen.
+
+»Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten,« sagte der Junge und hielt an,
+um ihr zu zeigen, daß sie nicht nötig habe, vor ihm zu fliehen. »Ich bin
+Däumling, Gänserich Martins Reisekamerad,« fuhr er fort. Dann aber stockte
+er und wußte nicht, was er sagen sollte.
+
+Tiere haben manchmal etwas an sich, was einem unwillkürlich die Frage in
+den Mund legt, was für Wesen sie eigentlich seien. Man fühlt sich beinahe
+versucht, sie für verwandelte Menschen zu halten. Und so war es auch bei
+dieser Graugans. Sobald Däumling gesagt hatte, wer er war, neigte sie den
+Hals und Kopf sehr anmutig vor ihm, und mit einer so schönen Stimme, von
+der der Junge kaum glauben konnte, daß sie einer Gans angehöre, sagte sie:
+»Ich freue mich sehr über dein Kommen. Du kannst mir gewiß helfen, der
+weiße Gänserich hat mir gesagt, es gäbe niemand, der so gut und klug sei
+wie du.«
+
+Dies sagte sie mit einer Würde, von der der Junge ganz eingeschüchtert
+wurde. »Das kann doch wohl keine Gans sein,« dachte er. »Es ist gewiß eine
+verzauberte Prinzessin.«
+
+Er hätte ihr schrecklich gern geholfen, und so griff er mit seinen kleinen
+Händen in die Federn hinein und tastete nach dem Flügelknochen. Der Knochen
+war nicht gebrochen, aber er war aus dem Gelenk geraten, und sein Finger
+kam an ein leeres Gelenkschüsselchen. »Halt nun fest!« sagte er, faßte den
+Röhrenknochen tapfer an und drehte ihn dahin, wo er hingehörte. Für einen
+ersten Versuch machte er seine Sache recht schnell und gut; aber es mußte
+der armen Gans doch sehr, sehr weh getan haben, denn sie stieß nur einen
+einzigen gellenden Schrei aus und sank dann, ohne noch ein Lebenszeichen
+von sich zu geben, auf die Steine nieder.
+
+Der Junge erschrak furchtbar. Er hatte ihr ja nur helfen wollen, und jetzt
+war sie tot. Mit einem großen Satz sprang er von dem Steinhaufen hinunter
+und lief davon. Er hatte das Gefühl, als habe er einen Menschen getötet.
+
+Am nächsten Morgen war die Luft klar und vollständig frei von Nebel, und
+Akka sagte, nun solle die Reise fortgesetzt werden. Alle Gänse waren sehr
+bereit, weiterzureisen, bloß der weiße Gänserich machte Einwendungen, und
+der Junge wußte den Grund wohl; er wollte nur nicht von der jungen Graugans
+wegreisen. Aber Akka hörte nicht auf ihn, sondern machte sich gleich auf
+den Weg.
+
+Der Junge sprang auf den Rücken des Gänserichs, und der Weiße folgte der
+Schar, obgleich langsam und unwillig. Der Junge aber freute sich, daß man
+die Insel verließ. Er hatte Gewissensbisse wegen der Graugans, wollte aber
+dem Gänserich nicht sagen, wie es gegangen sei, als er sie hatte heilen
+wollen. »Es wäre am besten, wenn Martin es gar nicht erführe,« dachte er.
+Aber zugleich verwunderte er sich doch, daß der Weiße das Herz hatte, die
+Graugans zu verlassen.
+
+Doch plötzlich machte der Gänserich kehrt. Der Gedanke an die junge Gans
+hatte ihn übermannt. Mit der Lapplandreise mochte es gehen, wie es wollte!
+Mit dem Bewußtsein, daß die junge Gans einsam und krank zurückbliebe und
+verhungern müsse, konnte er nicht mit den andern davonfliegen.
+
+Mit wenigen Flügelschlägen war er an dem Steinhaufen. Aber da lag keine
+junge Graugans zwischen den Steinen. »Daunenfein! Daunenfein! Wo bist du?«
+rief der Gänserich.
+
+»Der Fuchs wird sie wohl geholt haben,« dachte der Junge.
+
+Aber in demselben Augenblick hörte er eine schöne Stimme dem Gänserich
+antworten: »Hier bin ich, Gänserich, hier bin ich! Ich habe nur ein
+Morgenbad genommen.« Und aus dem Wasser tauchte die kleine Graugans empor,
+vollständig frisch und gesund. Und nun erzählte sie, wie Däumling ihren
+Flügel eingerenkt habe, und daß sie ganz hergestellt sei.
+
+Die Wassertropfen lagen wie Perlen auf ihren wie Seide schillernden Federn,
+und der Däumling dachte abermals, sie sei gewiß eine richtige kleine
+Prinzessin.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+12
+
+Der große Schmetterling
+
+
+ Mittwoch, 6. April
+
+Die Gänse flogen die langgestreckte Insel entlang, die jetzt deutlich
+sichtbar unter ihnen lag. Dem Jungen war es leicht und froh ums Herz. Er
+war jetzt ebenso vergnügt und zufrieden, wie er gestern düster gestimmt und
+niedergedrückt gewesen war, wo er auf der Suche nach dem Gänserich die
+Insel durchstreift hatte. Es sah aus, als bestehe das Innere der Insel aus
+einer kahlen Hochebene mit einem Kranz von gutem, fruchtbarem Land an den
+Küsten hin; und jetzt begann dem Jungen der Sinn eines Gesprächs klar zu
+werden, das er am vorhergehenden Abend mitangehört hatte.
+
+Er hatte sich da an einer der vielen Windmühlen auf der Hochebene
+ausgeruht, als zwei Schäfer, ihre Hunde zur Seite und eine große Schafherde
+hinter sich, dahergekommen waren. Der Junge war nicht erschrocken, denn er
+saß wohlgeborgen unter der Mühlentreppe; aber die Hirten ließen sich auf
+derselben Treppe nieder, und so hatte der Junge sich wohl oder übel
+mäuschenstill verhalten müssen.
+
+Der eine Hirte war jung und sah ganz so aus, wie solche Leute meistens
+aussehen. Der andre dagegen war ein alter, merkwürdiger Mensch. Er hatte
+einen großen, knochigen Körper, aber einen kleinen Kopf, und das Gesicht
+zeigte weiche, sanfte Züge. Kopf und Körper schienen ganz und gar nicht
+zusammen zu passen.
+
+Er saß eine Weile still da und schaute mit einem unbeschreiblich müden
+Blick in den Nebel hinein. Dann wendete er sich an seinen Gefährten und
+knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Dieser nahm ruhig Brot und Käse aus seiner
+Hirtentasche heraus und begann zu essen; er gab fast keine Antwort, hörte
+aber sehr geduldig zu, ganz als ob er dächte: »Ich will dir eine Freude
+machen und dich eine Weile reden lassen.«
+
+»Nun will ich dir etwas erzählen, Erik,« sagte der alte Schäfer. »Ich denke
+mir, daß in den alten Zeiten, wo die Menschen und die Tiere noch weit
+größer waren als jetzt, wohl auch die Schmetterlinge ungeheuer groß gewesen
+sind. Und da hat es wohl einmal einen viele Meilen langen Schmetterling
+gegeben mit Flügeln so breit wie Meere. Diese Flügel waren so wunderschön
+blau und silberschimmernd, daß alle andern Tiere stehen blieben und dem
+Schmetterling verwundert nachschauten, wenn er durch die Luft dahinflog.
+
+Aber der Schmetterling hatte einen Fehler, er war zu groß für seine Flügel,
+die den Körper kaum zu tragen vermochten. Es wäre aber doch gegangen, wenn
+er verständig gewesen und über dem Festland geblieben wäre. Doch das war er
+nicht, sondern er wagte sich auf die Ostsee hinaus; aber er war noch nicht
+weit gekommen, als der Sturm ihm entgegenbrauste und an seinen Flügeln
+zerrte. Ja, ja, Erik, man kann leicht erraten, wie es gehen mußte, als der
+Ostseesturm seine zarten Schmetterlingsflügel zerzauste. Es dauerte nicht
+lange, da waren sie abgerissen und weggewirbelt, und dann fiel natürlich
+der arme Schmetterlingskörper hinunter ins Meer. Im Anfang schwankte er auf
+den Wogen hin und her, dann strandete er gerade vor Småland auf einem
+Felsenriff. Und da blieb er liegen, so groß und so lang als er war.
+
+Und nun denke ich mir, Erik, wenn der Schmetterling auf Erde gelegen wäre,
+würde er bald verwest und auseinander gefallen sein. Da er aber ins Meer
+und auf den Felsen fiel, verkalkte er allmählich und wurde hart wie Stein.
+Du weißt ja, daß wir drunten am Strand Steine gefunden haben, die nichts
+andres als versteinerte Raupen waren. Und nun glaube ich, daß es bei dem
+Schmetterling gerade so ging. Ich glaube, daß er, als er draußen in der
+Ostsee lag, zu einem langen, schmalen Felsen wurde. Glaubst du das nicht
+auch?«
+
+Er hielt inne, eine Antwort abzuwarten, und der andre nickte ihm zu. »Mach
+nur weiter, damit ich erfahre, wo du eigentlich hinaus willst,« sagte er.
+
+»Und nun merk wohl auf, Erik, dieses Öland hier, auf dem ich und du leben,
+ist nichts andres als der alte Schmetterlingskörper. Wenn man es sich
+überlegt, merkt man bald, daß die Insel ein Schmetterling ist. Gegen Norden
+kommt der schmale Vorderkörper und der runde Kopf zum Vorschein, nach Süden
+sieht man das hintere Ende, das sich zuerst ausbreitet und dann in eine
+scharfe Spitze ausläuft.«
+
+Hier hielt er wieder inne und sah seinen Gefährten an, gleichsam ängstlich,
+auf welche Weise dieser seine Behauptung aufnehmen werde. Aber der junge
+Schäfer aß in größter Ruhe weiter und nickte dem Alten nur aufmunternd zu.
+
+»Sobald der Schmetterling in einen Kalksteinfelsen verwandelt war,« fuhr
+dieser fort, »kamen Samenkörner mit dem Winde dahergeflogen und wollten auf
+dem Felsen Wurzel schlagen. Aber es wurde ihnen sehr schwer, sich auf dem
+kahlen, glatten Gebirge festzuhalten, und so dauerte es sehr lange, bis
+irgend etwas andres als Riedgras da wachsen konnte. Dann kamen
+Schafschwingel, Sonnenröschen und Hunderosensträucher.
+
+Aber selbst heute noch gibt es nicht so viel Wachstum hier oben, daß das
+Gebirge ganz davon bedeckt wird, es schimmert da und dort noch hervor. Und
+von pflügen und säen kann hier oben gar keine Rede sein, dazu ist der
+Erdboden zu hart.
+
+Aber wenn du mir beistimmst, daß die Heide und die Felsenmauern, die
+ringsum stehen, aus dem Schmetterlingskörper gebildet sind, dann hast du
+auch ein Recht zu fragen, wo das Land, das unter dem Gebirge liegt,
+hergekommen sei.«
+
+»Ja, ganz recht,« sagte der andre, der aß, »das habe ich gerade fragen
+wollen.«
+
+»Du mußt bedenken, daß Öland recht viele Jahre im Wasser gelegen hat, und
+während der Zeit hat sich alles das, was auf den Wogen umhertreibt, Tang
+und Sand und Muscheln, ringsherum angesammelt und ist da liegen geblieben.
+Alsdann sind im Osten und Westen vom Festland Steine und Geröll
+herabgestürzt. Auf diese Weise hat die Insel breitere Ufer bekommen, wo
+Getreide und Blumen und Bäume wachsen können. Hier oben auf dem harten
+Schmetterlingskörper weiden nur Schafe und Kühe und junge Pferde, hier
+wohnen nur Schneehühner und Brachvögel, und außer Windmühlen und ein paar
+ärmlichen Steinschuppen sind keine Gebäude da, wo wir Hirten Schutz finden
+könnten. Aber drunten am Strand liegen die großen Bauerngüter und Kirchen
+und Pfarrhöfe und Fischerdörfer und eine ganze Stadt.«
+
+Er sah den andern fragend an. Dieser war mit seiner Mahlzeit fertig und
+packte eben seinen Schnappsack wieder zusammen. »Ich möchte nur wissen, wo
+du mit all diesem hinaus willst,« sagte er.
+
+»Ja, nur das eine möchte ich wissen,« sagte der Schäfer; er senkte die
+Stimme, so daß die Worte fast flüsternd herauskamen, und dabei starrte er
+in den Nebel hinein mit seinen kleinen Augen, die von all dem, wonach er
+ausspähte, und was doch nicht da ist, matt geworden zu sein schienen. »Ja,
+nur das möchte ich wissen, ob die Bauern, die in den eingefriedigten Höfen
+drunten unter dem Felsengebirge wohnen, oder die Fischer, die Strömlinge
+aus dem Meere holen, oder die Kaufleute in Borgholm, oder die alljährlich
+wiederkehrenden Badegäste, oder die Reisenden, die in den Borgholmer
+Schloßruinen umherwandeln, oder die Jäger, die im Herbst zur Hühnerjagd
+hierherkommen, oder die Maler, die hier auf dem Rasen sitzen und die Schafe
+und Windmühlen malen -- ja, ich möchte wohl wissen, ob ein einziger von
+ihnen weiß, daß diese Insel einst ein Schmetterling gewesen ist, der mit
+großen glänzenden Flügeln umherflog.«
+
+»Gewiß,« sagte der junge Hirte plötzlich, »wer einmal an einem Abend hier
+am Rande der Felsenmauern gesessen und die Nachtigallen im Gebüsch hat
+schlagen hören und hinüber nach dem Sunde von Kalmar geschaut hat, dem muß
+der Gedanke gekommen sein, daß diese Insel nicht wie alle andern entstanden
+sein kann.«
+
+»Ich möchte wissen,« fuhr der Alte fort, »ob nicht ein einziger von ihnen
+den Wunsch gehabt hat, den Windmühlen so große Flügel zu geben, daß sie bis
+zum Himmel reichten, so große Flügel, daß sie imstande wären, die ganze
+Insel aus dem Meere aufzuheben und sie wie einen Schmetterling unter
+Schmetterlingen umherfliegen zu lassen.«
+
+»Vielleicht ist etwas an dem, was du sagst,« fiel der junge Schäfer ein,
+»denn in den Sommernächten, wo sich der Himmel hoch und klar über der Insel
+wölbt, ist es mir manchmal gewesen, als wolle sie sich aus dem Meere
+erheben und fortfliegen.«
+
+Als aber der Alte den Jungen nun endlich zum Sprechen gebracht hatte, hörte
+er ihm gar nicht recht zu. »Ich möchte wissen,« sagte er mit noch leiserer
+Stimme, »ob mir jemand erklären kann, warum hier oben auf der Felsenhöhe
+eine so große Sehnsucht wohnt? An jedem Tage meines Lebens habe ich sie
+gefühlt, und ich meine auch, jedem, der sich hier oben aufhält, müsse sie
+sich ins Herz hineinschleichen. Aber ich möchte wissen, ob es keinem von
+den andern klar geworden ist, daß diese Sehnsucht nur über uns kommt, weil
+die ganze Insel ein Schmetterling ist, der sich nach seinen Flügeln sehnt?«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+13
+
+Die Kleine Karlsinsel
+
+Der Sturm
+
+
+ Freitag, 8. April
+
+Die Wildgänse hatten auf der nördlichen Spitze von Öland übernachtet und
+waren nun auf dem Wege nach dem Festland. Ein recht heftiger Südwind, der
+über den Sund von Kalmar herfegte, trieb sie in nördlicher Richtung weiter.
+Trotzdem arbeiteten sie sich ziemlich schnell dem Lande zu. Als sie aber
+die ersten Schären erreicht hatten, hörten sie ein lautes Donnern, als ob
+eine Menge flügelstarker Vögel dahersauste, und das Wasser unten wurde auf
+einmal ganz schwarz. Akka hielt die Flügel so schnell an, daß sie beinahe
+ganz still in der Luft lag. Dann ließ sie sich aufs Meer hinabsinken. Aber
+ehe die Gänse das Wasser erreicht hatten, war der Weststurm herangekommen.
+Schon jagte er Staubwolken, Wogenschaum und kleine Vögel vor sich her; er
+riß auch die Wildgänse mit sich fort, warf sie herum und jagte sie aufs
+weite Meer hinaus.
+
+Es war ein entsetzlicher Sturm. Ein Mal ums andre versuchten die Wildgänse
+umzudrehen; aber es war ihnen nicht möglich, und sie wurden immer weiter
+auf die Ostsee hinausgetrieben. Der Sturm hatte sie schon an Öland
+vorbeigejagt, und sie hatten jetzt nur das öde graue Meer vor sich; es
+blieb ihnen nichts andres übrig, als nachzugeben.
+
+Als Akka merkte, daß kein Umdrehen möglich war, hielt sie es für unnötig,
+sich von dem Sturm über die ganze Ostsee jagen zu lassen, und sie ließ sich
+deshalb aufs Wasser hinab. Es war hoher Seegang, der mit jedem Augenblick
+noch zunahm. Meergrün rauschten die Wogen daher, eine immer höher als die
+andre, mit wilden, zackigen Schaumkronen. Es war, als wetteiferten sie
+miteinander, welche am höchsten und wildesten aufwallen und aufschäumen
+könne. Aber die Wildgänse fürchteten sich nicht vor dem Wogenschwall, er
+schien ihnen im Gegenteil großes Vergnügen zu machen; sie strengten sich
+gar nicht mit Schwimmen an, sondern ließen sich auf die Wellenkämme hinauf-
+und in die Wogengänge hinabgleiten, und sie waren so vergnügt wie ein Kind
+in einer Schaukel. Eine Weile ging es ihnen sehr gut, und ihre einzige
+Sorge war, die Schar könnte schließlich zerstreut werden. Die armen
+Landvögel, die im Sturm über ihnen dahinjagten, riefen neidisch: »Ja, wer
+schwimmen kann, für den hat es keine Not!«
+
+Aber die Wildgänse waren doch nicht ohne Gefahr, denn das Schaukeln machte
+sie furchtbar schläfrig. Unaufhörlich wollten sie den Kopf zurücklegen, den
+Schnabel unter den Flügel stecken und schlafen. Aber nichts ist
+gefährlicher, als auf diese Weise einzuschlafen, und Akka rief daher
+immerfort: »Schlaft nicht, Wildgänse! Wer schläft, wird von der Schar
+weggetrieben! Wer von der Schar abkommt, ist verloren!«
+
+Aber trotz aller Versuche, dem Schlaf zu widerstehen, schlief doch eine um
+die andre ein; selbst Akka war nahe daran, einzunicken, als sie plötzlich
+etwas Rundes, Dunkles aus dem Gipfel einer Woge auftauchen sah. »Seehunde!
+Seehunde! Seehunde!« schrie sie mit lauter, gellender Stimme und flog mit
+klatschenden Flügelschlägen auf. Es war die höchste Zeit; ehe die letzte
+Wildgans das Wasser verlassen hatte, waren die Seehunde so nahe, daß sie
+nach deren Füßen schnappten.
+
+So waren die Wildgänse wieder mitten im Sturm, der sie vor sich her aufs
+Meer hinaustrieb. Er gönnte weder sich selbst noch den andern einen
+Augenblick Ruhe. Und kein Land war zu entdecken, überall ringsum nur das
+wilde Meer.
+
+Sobald sie es wagen konnten, ließen sich die Gänse wieder aufs Meer hinab;
+nachdem sie jedoch eine Weile auf den Wogen geschaukelt hatten, wurden sie
+wieder schläfrig. Und sobald sie schliefen, schwammen die Seehunde heran.
+Wäre die alte Akka nicht so wachsam und klug gewesen, dann wäre gewiß nicht
+eine mit dem Leben davongekommen.
+
+Der Sturm raste den ganzen Tag hindurch ohne Aufhören und richtete
+schreckliche Verheerungen unter allen den Vögeln an, die um diese
+Jahreszeit auf der Reise waren. Manche verloren ihre Richtung vollständig
+und wurden in ferne Länder verschlagen, wo sie elendiglich verhungerten;
+andre ermatteten so sehr, daß sie ins Meer hinunterstürzten und ertranken.
+Viele wurden an den Felswänden zerschmettert und viele ein Raub der
+Seehunde.
+
+Der Sturm dauerte den ganzen Tag hindurch, und schließlich drängte sich
+Akka die Frage auf, ob sie und ihre Schar nicht am Ende noch verunglücken
+würden. Sie waren jetzt alle todmüde, aber so weit das Auge reichte,
+konnten sie keinen Platz entdecken, wo sie hätten ausruhen können. Gegen
+Abend wagten sie es auch nicht mehr, sich aufs Meer hinabzulassen, denn
+ganz plötzlich hatte es sich mit großen Eisschollen bedeckt, die sich
+gegeneinander auftürmten, und Akka fürchtete, sie und die andern könnten
+dazwischen erdrückt werden. Ein paarmal versuchten die Wildgänse, sich auf
+die Eisschollen zu stellen; aber einmal fegte sie der wilde Sturm ins
+Wasser hinein, und ein andres Mal krochen die unbarmherzigen Seehunde zu
+ihnen aufs Eis hinauf.
+
+Bei Sonnenuntergang waren die Gänse wieder in der Luft. In banger Furcht
+vor der Nacht flogen sie weiter. Die Dunkelheit schien ihnen an diesem von
+Gefahren erfüllten Abend gar zu schnell hereinzubrechen.
+
+Es war schrecklich, daß sie noch immer kein Land sahen. Wie würde es ihnen
+erst gehen, wenn sie die ganze Nacht da draußen bleiben müßten? Entweder
+würden sie zwischen den Eisschollen zerquetscht, oder von den Seehunden
+aufgefressen, oder nach allen Seiten auseinandergesprengt.
+
+Der Himmel war mit Wolken bedeckt und der Mond verhüllt, die Dunkelheit
+brach rasch herein. Plötzlich nahm die ganze Natur ringsum ein unheimliches
+Aussehen an, das dem mutigsten Herzen Entsetzen einflößte. Die Rufe von
+Zugvögeln, die sich in höchster Not befanden, hatten den ganzen Tag die
+Luft erfüllt, aber jetzt, wo man nicht mehr sah, wer sie ausstieß, klangen
+sie schauerlich und schreckenerregend. Drunten auf dem Meere prallten die
+Schollen des Treibeises mit lautem Krachen aufeinander, und die Seehunde
+stimmten ihr wildes Jagdgeheul an. Es war, als ob Himmel und Erde am
+Einstürzen seien.
+
+
+Die Gefahr
+
+Der Junge hatte eine Weile gedankenvoll aufs Meer hinabgeschaut. Da war es
+ihm plötzlich, als werde das Brausen noch stärker als vorher. Er schaute
+auf; gerade vor ihm, nur ein paar Meter entfernt, ragte ein steiler Felsen
+auf. An seinem Fuße brachen sich die Wogen mit hoch aufspritzendem Schaum.
+Ja, ja, gerade vor ihm war eine rauhe, kahle Felsenwand, und auf diese
+flogen die Wildgänse zu. Der Junge war überzeugt, daß sie daran zerschellen
+müßten, und er glaubte schon dem Tod ins Gesicht zu sehen.
+
+Er hatte kaum noch Zeit, sich zu verwundern, daß Akka die Gefahr nicht
+beizeiten erkannt habe, als sie auch schon an dem Felsen angekommen waren.
+Doch jetzt sah er auch die halbrunde Öffnung einer Grotte; in diese hinein
+stürzten die Gänse, und im nächsten Augenblick waren sie in Sicherheit.
+
+Das erste jedoch, woran jede von ihnen dachte, ehe sie sich der eignen
+Rettung erfreute, war nachzusehen, ob auch alle Reisegefährten gerettet
+seien. Da fanden sich denn auch Akka, Yksi, Kolme, Neljä, Viisi, Kuusi,
+alle die sechs jungen Gänse, der Gänserich, Daunenfein und Däumling, nur
+Kaksi von Nuolja, die erste Gans vom linken Flügel, war verschwunden, und
+keine der andern wußte etwas von ihrem Schicksal.
+
+Als die Wildgänse sahen, daß nur Kaksi von ihnen getrennt worden war,
+nahmen sie die Sache leicht. Kaksi war alt und klug. Sie kannte alle Wege
+und Gewohnheiten der Schar, und es würde ihr schon gelingen, sich wieder
+mit dieser zu vereinigen.
+
+Hierauf begannen die Wildgänse sich umzusehen. Es drang noch etwas
+Tagesschimmer durch den Eingang herein, und sie konnten erkennen, daß die
+Höhle sehr tief und weit war. Sie freuten sich schon über die gute
+Nachtherberge, die sie gefunden hatten, als eine von ihnen einige glänzende
+grüne Punkte bemerkte, die aus einem dunklen Winkel hervorleuchteten. »Das
+sind Augen!« rief Akka. »Es sind große Tiere hier drinnen.«
+
+Die Gänse stürzten dem Ausgang zu, aber Däumling, der in der Dunkelheit
+besser als die Wildgänse sah, rief ihnen zu: »Ihr braucht nicht zu fliehen.
+Es sind nur einige Schafe, die an der Höhlenwand liegen.«
+
+[Illustration]
+
+Als die Wildgänse sich an den Dämmerschein in der Höhle gewöhnt hatten,
+sahen sie die Schafe recht gut. Die Erwachsenen waren ihnen wohl an Zahl
+gleich, aber außerdem waren noch einige Lämmer da. Ein großer Widder mit
+langen, gewundenen Hörnern schien der vornehmste von der kleinen Herde zu
+sein, und unter vielen Verbeugungen gingen die Wildgänse auf ihn zu. »Gott
+zum Gruß hier in der Wildnis!« begrüßten sie ihn. Aber der Widder lag ganz
+still, und kein einziges Wort des Willkommens drang über seine Lippen.
+
+Da glaubten die Wildgänse, die Schafe seien mißvergnügt über ihr Eindringen
+in die Höhle. »Es ist euch vielleicht nicht angenehm, daß wir hier
+hereingekommen sind,« sagte Akka. »Aber wir können nichts dafür, der Wind
+hat uns hierher verschlagen. Wir sind den ganzen Tag im Sturm
+umhergeflogen, und es wäre uns eine große Wohltat, wenn wir hier
+übernachten dürften.«
+
+Es dauerte eine gute Weile, bis eines von den Schafen nur ein Wort
+erwiderte, dagegen hörten die Gänse deutlich, wie einige von ihnen tief
+aufseufzten. Akka wußte wohl, daß Schafe immer schüchtern sind und
+sonderbare Manieren haben, aber diese schienen ganz und gar keinen Begriff
+davon zu haben, was sich gehörte.
+
+Schließlich begann ein altes Mutterschaf, das ein längliches,
+gramdurchfurchtes Gesicht hatte, mit klagender Stimme: »Von uns verweigert
+euch gewiß keines den Aufenthalt hier; aber dies ist ein Haus der Trauer,
+und wir können nicht mehr wie in frühern Zeiten Gäste bei uns aufnehmen.«
+
+»Darüber braucht ihr euch keine Sorge zu machen,« sagte Akka. »Wenn ihr
+wüßtet, was wir heute ausgestanden haben, würdet ihr gewiß verstehen, wie
+froh wir sind, wenn wir nur ein sicheres Plätzchen bekommen, wo wir
+schlafen können.«
+
+Als Akka dies sagte, richtete sich der alte Widder auf. »Es wäre gewiß
+besser für euch, im stärksten Sturm umherzufliegen, als hierzubleiben. Aber
+jetzt sollt ihr euch doch nicht wieder auf den Weg machen, ehe wir euch mit
+dem besten, was das Haus vermag, bewirtet haben.«
+
+Er führte sie zu einer mit Wasser gefüllten Vertiefung im Boden. Dicht
+daneben lag ein Haufen Spreu und Häcksel, und er bat die Gänse, es sich gut
+schmecken zu lassen. »Wir haben einen sehr strengen Schneewinter gehabt,«
+sagte er. »Die Bauern, denen wir gehören, brachten uns Heu und Haferstroh,
+damit wir nicht verhungerten. Und dieser Haufen ist alles, was noch davon
+übrig ist.«
+
+Die Gänse machten sich eifrig über das Futter her. Sie fanden, daß sie es
+herrlich getroffen hätten, und waren in allerbester Laune. Sie sahen ja
+wohl, daß die Schafe voller Angst waren; aber da sie wußten, wie leicht
+Schafe sich erschrecken lassen, glaubten sie nicht, daß es sich um eine
+wirkliche Gefahr handeln könne. Sobald sie satt waren, dachten sie darum
+auch an nichts andres, als sich nun an einem guten Schlafe zu erfreuen.
+Aber da richtete sich der große Widder abermals auf und kam auf sie zu. Die
+Gänse meinten, noch nie ein Schaf mit so langen, starken Hörnern gesehen zu
+haben. Und auch sonst sah der Widder merkwürdig aus. Er hatte eine große,
+knochige Stirn, kluge Augen und eine vornehme Haltung, wie ein recht
+stolzes, mutiges Tier.
+
+»Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen, euch hier schlafen zu lassen,
+ohne euch zu sagen, daß es hier durchaus nicht sicher ist,« sagte er. »Wir
+können für den Augenblick keine Logierbesuche bei uns aufnehmen.«
+
+Jetzt erst merkte Akka, daß dies Ernst war. »Wenn ihr es durchaus wünscht,
+so werden wir uns entfernen,« sagte sie. »Aber wollt ihr uns nicht vorher
+sagen, was euch bekümmert? Wir wissen nichts, ja wir wissen nicht einmal,
+wohin wir geraten sind.«
+
+»Dies ist die Kleine Karlsinsel,« erwiderte der Widder. »Sie liegt westlich
+vor Gotland, und es wohnen nur Schafe und Meeresvögel hier.«
+
+»Vielleicht seid ihr wilde Schafe?« fragte Akka.
+
+»Ja, man könnte uns beinahe so nennen,« antwortete der Widder. »Mit den
+Menschen haben wir eigentlich nichts zu tun. Es besteht ein altes
+Übereinkommen zwischen uns und den Bauern eines Hofes auf Gotland; demgemäß
+müssen uns diese in bösen Schneewintern mit Futter versehen, und dafür
+dürfen sie die Überzähligen von uns mitnehmen. Die Insel ist so klein, daß
+sie nur eine begrenzte Anzahl von uns ernähren kann. Aber sonst versorgen
+wir uns das ganze Jahr hindurch selbst, und wir wohnen in keinen Häusern
+mit Türen und Riegeln, sondern halten uns in solchen Höhlen wie diese hier
+auf.«
+
+»Was! Bleibt ihr auch im Winter draußen?« fragte Akka verwundert.
+
+»Jawohl,« antwortete der Widder. »Es gibt das ganze Jahr hindurch Futter
+genug hier.«
+
+»Das klingt ja fast, als hättet ihr es besser als andre Schafe,« sagte
+Akka. »Aber was ist das nun für ein Unglück, das euch betroffen hat?«
+
+»Im vergangenen Winter,« sagte der Widder, »war es so bitter kalt, daß das
+Meer zufror. Da kamen drei Füchse übers Eis herüber, und sie sind seitdem
+hier geblieben. Außer ihnen ist auf der ganzen Insel nicht ein einziges
+lebensgefährliches Tier.«
+
+»Wie, wagen es die Füchse, solche Tiere, wie ihr seid, anzugreifen?«
+
+»O nein, bei Tage nicht, da kann ich mich und die Meinigen wohl
+verteidigen,« sagte der Widder und schüttelte seine Hörner. »Aber bei
+Nacht, wenn wir in der Höhle schlafen, da schleichen sie heran und
+überfallen uns. Wir geben uns zwar alle Mühe, wach zu bleiben, aber einmal
+muß man ja schlafen, und das benutzen sie. In den benachbarten Behausungen
+haben sie schon alle Schafe getötet, und es waren Herden darunter, die
+ebenso groß waren wie die meinige.«
+
+»Es ist nicht angenehm, eingestehen zu müssen, daß wir so hilflos sind,«
+sagte jetzt das alte Mutterschaf, »und es wäre viel besser für uns, wenn
+wir zahme Schafe wären.«
+
+»Meint ihr, die Füchse werden auch heute nacht kommen?« fragte Akka.
+
+»Es ist nicht anders zu erwarten,« antwortete das Mutterschaf. »Gestern
+nacht sind sie hier gewesen und haben uns ein Lamm gestohlen, und sie
+werden nicht ausbleiben, so lange noch eins von uns am Leben ist. So haben
+sie es bei den andern Herden auch gemacht.«
+
+»Aber wenn die wenigen, die übrig geblieben sind, noch länger hierbleiben,
+dann sterbet ihr ja vollständig aus,« sagte Akka.
+
+»Ja, es wird nicht mehr lange dauern, bis es keine Schafe mehr auf der
+Kleinen Karlsinsel gibt,« seufzte das Mutterschaf.
+
+Sehr unschlüssig stand Akka da. Wieder im Sturm umherzufliegen, war kein
+Vergnügen, aber in einem Haus zu bleiben, wo solche Gäste erwartet wurden,
+war auch nicht gut. Nachdem sie eine Weile überlegt hatte, wendete sie
+sich an Däumling. »Sag, möchtest du uns diesmal nicht auch helfen, wie
+schon so oft?« fragte sie ihn.
+
+»Jawohl,« erwiderte der Junge, »recht gern.«
+
+»Du tust mir zwar leid, wenn du nicht schlafen darfst,« fuhr Akka fort,
+»aber trotzdem möchte ich dich bitten, heute zu wachen und uns zu wecken,
+wenn du die Füchse kommen siehst, damit wir wegfliegen können.«
+
+Der Junge versprach, es zu tun. Er wußte ja, daß die andern müder waren als
+er und also auch mehr Recht zum Schlafen hatten.
+
+Er trat an die Öffnung der Höhle, kroch hier zum Schutz vor dem Sturm unter
+einen Stein und begann seine Wache. Allmählich klärte sich der Himmel auf,
+und der Mondschein spielte auf den Wogen. Der Junge trat unter den
+Höhleneingang und schaute hinaus. Die Höhle befand sich ziemlich hoch an
+der Felsenwand, und nur ein schrecklich steiler Weg führte zu ihr herauf.
+Auf diesem würden die Füchse wohl daherkommen.
+
+Füchse sah er nun zwar noch keine, dafür aber etwas andres, das ihm im
+ersten Augenblick großen Schrecken einjagte. Unterhalb des Berges auf dem
+schmalen Streifen Land am Ufer hin standen einige Riesen oder andre
+steinerne Ungeheuer. Oder vielleicht waren es auch Menschen. Zuerst glaubte
+er, er träume, dann aber war er ganz sicher, daß er noch nicht geschlafen
+habe. Er sah die großen Männer ganz deutlich, es konnte keine
+Gesichtstäuschung sein. Einige standen draußen am Ufer, die andern aber
+ganz dicht am Berge, als ob sie hinaufklettern wollten. Die einen hatten
+große, dicke Köpfe, andre wieder gar keine. Die einen waren einarmig, und
+einige hatten hinten und vorne große Höcker.
+
+So etwas Sonderbares hatte der Junge noch nie gesehen; er stand da droben
+und fürchtete sich so schrecklich vor den Ungeheuern, daß er beinahe
+vergessen hätte, auf die Füchse aufzupassen. Jetzt aber hörte er eine Klaue
+auf einem Stein kratzen, und er sah drei Füchse den Abhang heraufkommen.
+Sobald der Junge wußte, daß er es mit etwas Wirklichem zu tun hatte,
+beruhigte er sich vollständig und fühlte keine Spur von Angst mehr. Dann
+dachte er, es wäre doch recht schade, wenn er jetzt nur die Gänse weckte,
+die Schafe aber ihrem Schicksal überließe, und er wollte es lieber anders
+machen.
+
+Eilig lief er in die Höhle hinein, weckte den großen Widder, indem er ihn
+an den Hörnern schüttelte und sich zugleich auf dessen Rücken schwang.
+»Steh auf, Alter, dann wollen wir den Füchsen einen gelinden Schrecken
+einjagen!« flüsterte er.
+
+Er hatte versucht, so still wie möglich zu sein, aber die Füchse hatten
+doch ein Geräusch gehört. Als sie den Höhleneingang erreicht hatten,
+hielten sie an und überlegten. Ganz bestimmt hatte sich eines von den
+Schafen bewegt. »Ich möchte wohl wissen, ob sie wach sind?« sagte der eine
+Fuchs.
+
+»Ach, geh nur hinein,« sagte einer von den andern. »Sie können uns
+jedenfalls nichts tun.«
+
+Als sie tiefer in die Höhle hineingekommen waren, blieben sie stehen und
+witterten. »Wen wollen wir heute nehmen?« flüsterte der vorderste.
+
+»Heute nehmen wir den großen Widder,« zischelte der hinterste. »Dann haben
+wir mit den andern leichte Arbeit.«
+
+Der Junge saß auf dem Rücken des alten Widders und sah, wie die Füchse sich
+heranschlichen. »Stoß nur gerade aus!« flüsterte er. Der Widder stieß zu,
+und der erste Fuchs wurde Hals über Kopf an den Eingang zurückgeschleudert.
+»Stoß jetzt nach links!« sagte der Junge und drehte den großen Kopf des
+Widders in die richtige Lage. Der Widder führte einen gewaltigen Stoß nach
+links, der den zweiten Fuchs in die Seite traf. Dieser überkugelte sich
+mehrere Male, ehe er wieder auf die Beine kam und fliehen konnte. Dem
+Jungen wäre es am liebsten gewesen, wenn der dritte auch noch einen
+Denkzettel bekommen hätte, aber dieser war schon auf und davon.
+
+»Jetzt werden sie für heute nacht genug haben!« rief der Junge.
+
+»Das glaube ich auch,« sagte der Widder. »Lege dich nun auf meinen Rücken
+und krieche in die Wolle hinein. Nach dem Sturm, in dem du heute draußen
+gewesen bist, hast du ein warmes Lager wohl verdient.«
+
+[Illustration]
+
+
+Das Höllenloch
+
+ Samstag, 9. April
+
+Am nächsten Tage wanderte der Widder mit dem Jungen auf dem Rücken auf der
+Insel umher. Diese bestand aus einem einzigen großen Felsen. Sie war wie
+ein großes Haus mit senkrechten Mauern und einem Plattdach. Der Widder ging
+zuerst auf das Felsendach hinauf und zeigte dem Jungen die guten
+Weideplätze, die da oben waren, und dem Jungen kam die Insel gerade wie für
+Schafe geschaffen vor. Auf dem Berge wuchs nicht viel weiter als
+Schafschwingel und andre kleine, dürre, gewürzige Kräuter, die Schafe gern
+fressen.
+
+Aber wer glücklich den jähen Abhang hinaufgekommen war, für den gab es da
+oben wahrlich auch noch andres zu sehen als nur Schafweiden. Da war zuerst
+das weite, weite Meer, das jetzt im Sonnenglanz herrlich blau leuchtete und
+mit schimmernden Wellen daherrollte. Nur an einzelnen Klippenvorsprüngen
+schäumte es weiß auf. Geradeaus gegen Osten lag die gleichmäßige,
+langgestreckte Küste von Gotland, und im Südwesten die Große Karlsinsel,
+die dieselbe Formation zeigte wie die Kleine Karlsinsel. Als der Widder
+ganz an den Rand der Felsenkuppe trat, so daß der Junge die Bergwand
+hinunterschauen konnte, sah er, daß sie voller Vogelnester war, und in der
+blauen Flut unten lagen in friedlicher Vereinigung die verschiedensten
+Arten von Möwen, Eidervögeln und Lummen und Alken, die eifrig Strömlinge
+fischten.
+
+»Dies ist wirklich ein gelobtes Land,« sagte der Junge. »Ihr habt es
+wahrlich gut, ihr Schafe.«
+
+»Jawohl, es ist schön hier,« sagte der Widder. Es war, als wollte er noch
+etwas hinzufügen, sagte aber doch nichts, sondern seufzte nur. »Aber wenn
+du allein hier umhergehst,« fuhr er nach einer Weile fort, »dann nimm dich
+ja vor allen den Spalten in acht, die über den Berg hinlaufen.« Und das war
+eine gute Warnung, denn an mehreren Stellen waren tiefe und breite
+Felsenrisse. Die größte von diesen Spalten heiße das Höllenloch, sagte der
+Widder, es sei mehrere Meter tief und mehr als einen Meter breit. »Wenn
+einer da hinunterfiele, dann wäre es aus mit ihm,« fügte der Widder noch
+hinzu, und dem Jungen kam es vor, als habe er dies mit einer besondern
+Absicht gesagt.
+
+Nun führte er den Jungen an den Strand hinunter. Da bekam er denn auch die
+Riesen, die ihn in der Nacht erschreckt hatten, in der Nähe zu sehen. Es
+waren große Felsengebilde; der Widder nannte sie »Raukar«, und der Junge
+konnte sich nicht satt daran sehen. Er meinte, wenn es wirklich in Steine
+verwandelte Zauberer gäbe, müßten sie so aussehen.
+
+Obgleich es unten am Strande auch recht schön war, gefiel es dem Jungen
+doch noch besser oben auf der Felsenhöhe. Es war ihm unheimlich da unten,
+weil überall tote Schafe lagen, denn hier pflegten die Füchse ihre
+Mahlzeiten zu halten. Der Widder und der Junge sahen vollständig abgenagte
+Skelette, aber auch Körper, die nur halb abgefressen waren, und wieder
+andre, die die Füchse ganz unversehrt gelassen hatten. Mit Grausen sahen
+sie, daß die wilden Tiere nur zu ihrem Vergnügen über die Schafe herfielen,
+nur um zu jagen und zu morden.
+
+Der Widder hielt nicht bei den Toten an, sondern ging still an ihnen
+vorbei. Aber selbstverständlich sah der Junge die ganze Abscheulichkeit; er
+konnte nicht anders.
+
+Jetzt stieg der Widder wieder den Berg hinauf; als er aber oben angekommen
+war, blieb er stehen und sagte: »Wenn jemand, der klug und tüchtig wäre,
+all dieses Elend hier zu sehen bekäme, dann würde er gewiß nicht ruhen, bis
+die Füchse ihre gerechte Strafe bekommen hätten.«
+
+»Die Füchse müssen aber doch auch leben,« sagte der Junge.
+
+»Jawohl,« erwiderte der Widder. »Und wer nicht mehr Tiere tötet, als er zu
+seinem Unterhalt bedarf, der darf wohl am Leben bleiben. Diese hier aber
+sind Übeltäter!«
+
+»Die Bauern, denen die Insel gehört, müßten kommen und euch helfen,« meinte
+der Junge.
+
+»Sie sind auch schon mehrere Male hier gewesen,« sagte der Widder, »aber
+die Füchse versteckten sich in Höhlen und Felsenspalten, wo man nicht auf
+sie schießen konnte.«
+
+»Ach, mein guter Alter, Ihr glaubt doch wohl nicht, daß so ein armer
+kleiner Wicht wie ich mit ihnen fertig werden könnte, nachdem weder ihr
+noch die Bauern sie haben überwältigen können?« sagte der Junge.
+
+»Wer klein und pfiffig ist, kann vieles ausrichten,« antwortete der Widder.
+
+Sie sprachen jetzt nicht weiter von dieser Sache, und der Junge begab sich
+zu den Wildgänsen, die auf dem Berggipfel weideten. Obgleich er es dem
+Widder nicht hatte zeigen wollen, war er doch sehr betrübt über das
+Schicksal der Schafe, und er hätte ihnen gar zu gern geholfen. »Ich will
+jedenfalls mit Akka und dem Gänserich Martin darüber reden,« dachte er.
+»Vielleicht können sie mir einen guten Rat geben.«
+
+Etwas später nahm der weiße Gänserich den Jungen auf den Rücken und
+wanderte mit ihm über den Felsengipfel nach dem Höllenloch. Ganz sorglos
+lief er über die offne Berghöhe hin und schien gar nicht daran zu denken,
+wie weiß und groß er war. Er suchte sich nicht hinter Erdhaufen oder andern
+Erhöhungen zu verstecken, sondern ging ruhig seines Weges weiter. Es war
+merkwürdig, daß er nicht ein bißchen vorsichtig war, denn es schien ihm
+während des gestrigen Sturmes gar schlecht gegangen zu sein. Er hinkte mit
+dem rechten Bein, und der linke Flügel schleifte am Boden, als ob er
+gebrochen wäre.
+
+Er wanderte umher, als sei durchaus keine Gefahr zu befürchten, biß da und
+dort einen Grashalm ab und sah sich gar nicht um. Der Junge lag auf dem
+Gänserücken ausgestreckt und schaute zum blauen Himmel empor. Er war das
+Reiten jetzt so gewohnt, daß er auf dem Gänserücken stehen und liegen
+konnte.
+
+Da der Gänserich und der Junge so sorglos waren, bemerkten sie natürlich
+die drei Füchse nicht, die jetzt auf dem Berggipfel auftauchten. Und die
+Füchse, die wohl wußten, daß es beinahe unmöglich ist, einer Gans auf
+offnem Felde beizukommen, dachten im ersten Augenblick gar nicht daran, auf
+sie Jagd zu machen. Da sie aber nichts andres zu tun hatten, sprangen sie
+schließlich in eine der langen Felsenspalten hinein und versuchten, sich an
+die Gans heranzuschleichen. Sie gingen dabei so vorsichtig zu Werk, daß der
+Gänserich auch nicht einen Schein von ihnen sehen konnte.
+
+Als sie nicht mehr weit von dem Gänserich entfernt waren, machte dieser
+einen Versuch, aufzufliegen. Er schlug mit den Flügeln, aber es gelang ihm
+nicht, vom Boden wegzukommen. Daraus folgerten die Füchse, der Gänserich
+könne nicht fliegen, und sie eilten rascher vorwärts. Sie hielten sich
+nicht mehr in der Kluft versteckt, sondern liefen auf die Hochebene hinaus.
+Hier verbargen sie sich, so gut sie konnten, hinter Erdhaufen und
+Felsstücken und kamen so immer näher zu dem Gänserich hin, ohne daß dieser
+merkte, daß Jagd auf ihn gemacht wurde. Schließlich waren sie ihm ganz
+nahe, jetzt konnten sie den Sprung wagen, und mit einem großen Satz warfen
+sie sich alle drei zugleich auf ihn.
+
+Im letzten Augenblick mußte der Gänserich aber doch etwas gemerkt haben,
+denn er sprang rasch zur Seite, und die Füchse verfehlten ihn. Aber das war
+nicht von großer Bedeutung, denn der Gänserich hatte nur ein paar Meter
+Vorsprung, und dazu war er lahm. Der Ärmste lief zwar, was er konnte, und
+Gänse können ja ungeheuer schnell laufen, selbst einem Fuchs kann es schwer
+fallen, sie zu fangen.
+
+Der Junge saß rücklings auf dem Gänserücken und rief und schrie den Füchsen
+zu: »Ihr habt euch am Schaffleisch zu fett gefressen, ihr Füchse, ihr könnt
+ja nicht einmal eine Gans fangen!« Er reizte und ärgerte sie; das machte
+sie ganz toll und hitzig, und sie rannten jetzt sinnlos vorwärts.
+
+Der weiße Gänserich aber lief geradeswegs auf die große Kluft zu. Als er
+sie erreicht hatte, schlug er mit den Flügeln, und drüben war er! Gerade da
+hatten ihn die Füchse eingeholt.
+
+Der Gänserich lief, nachdem er über das Höllenloch hinübergekommen war,
+ebenso schnell vorwärts wie vorher. Doch kaum war er einige Meter weiter
+gelaufen, als der Junge ihm auf den Hals klopfte und sagte: »Jetzt kannst
+du anhalten, Gänserich!«
+
+In diesem Augenblick hörten sie hinter sich ein paar wilde Schreie, ein
+Kratzen von Krallen und das Aufschlagen von mehreren Körpern. Aber von den
+Füchsen sahen sie nichts mehr.
+
+Am nächsten Morgen fand der Leuchtturmwächter auf der Großen Karlsinsel ein
+Stück Rinde unter seiner Haustür, auf dem mit krummen, eckigen Buchstaben
+geschrieben stand: »Die Füchse auf der kleinen Insel sind in das Höllenloch
+gefallen. Mach, daß du hinkommst!«
+
+Und das tat der Leuchtturmwächter auch.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+14
+
+Zwei Städte
+
+Die Stadt auf dem Meeresgrunde
+
+
+ Samstag, 9. April
+
+Es war eine stille, klare Nacht. Die Wildgänse brauchten nicht in einer der
+Höhlen Schutz zu suchen; sie schliefen oben auf dem Felsengipfel, und der
+Junge hatte sich neben den Gänsen auf dem kurzen, trockenen Grase
+ausgestreckt.
+
+Der Mond schien hell in jener Nacht, so hell, daß der Junge lange nicht
+einschlafen konnte. Er besann sich, wie lange er nun schon von Hause fort
+war, und als er nachrechnete, waren seit dem Beginn seiner Reise gerade
+drei Wochen verflossen. Und da fiel ihm ein, daß heute der stille Sonnabend
+vor Ostern war.
+
+»Heute nacht sind alle Hexen vom Blocksberg unterwegs,« dachte er und
+kicherte ein wenig. Vor dem Nöck und dem Wichtelmännchen fürchtete er sich
+wohl ein wenig, aber an die Hexen glaubte er ganz und gar nicht.
+
+»Wenn in dieser Nacht das Hexenpack unterwegs wäre, dann müßte ich es doch
+sehen. Bei so vollständig hellem und klarem Himmel könnte sich nicht der
+kleinste Punkt durch die Luft bewegen, ohne daß ich ihn wahrnähme,« dachte
+er weiter.
+
+Während er nun zum Himmel aufschaute und an alles dies dachte, wurde ihm
+ein sehr schöner Anblick zuteil. Ziemlich hoch über dem Horizont segelte
+der Vollmond rund und hell dahin, und über ihn hin flog ein großer Vogel.
+Er flog nicht am Mond vorüber, sondern tauchte so auf, als flöge er gerade
+aus ihm heraus. Ganz schwarz hob sich der Vogel von dem hellen Hintergrunde
+ab, und seine Schwingen reichten von dem einen Rand der Mondscheibe bis zum
+andern. Sein Körper war klein, der Hals lang und schmal, die Beine hingen
+lang und dünn herab, und der Junge erkannte bald, daß es ein Storch sein
+mußte.
+
+Ein paar Augenblicke später ließ sich auch wirklich der Storch, Herr
+Ermenrich, neben dem Jungen nieder. Er neigte sich über ihn und stieß ihn
+mit dem Schnabel an, um ihn zu wecken.
+
+Der Junge setzte sich sogleich auf. »Ich schlafe nicht, Herr Ermenrich,«
+sagte er. »Aber warum sind Sie mitten in der Nacht unterwegs, und wie steht
+es auf Glimmingehaus? Wollen Sie mit Mutter Akka sprechen?«
+
+»Die Nacht ist zu hell zum Schlafen,« antwortete Herr Ermenrich. »Ich bin
+daher über die Karlsinsel geflogen, um dich, meinen Freund Däumling, zu
+besuchen, denn ich habe von einer Fischmöwe gehört, du seiest heute nacht
+hier. Nach Glimmingehaus bin ich noch nicht gezogen, sondern wohne noch in
+Pommern.«
+
+Der Junge freute sich über die Maßen, daß Herr Ermenrich ihn aufgesucht
+hatte. Sie plauderten eine Weile über alles mögliche wie alte Freunde.
+Plötzlich fragte der Storch den Jungen, ob er nicht Lust hätte, in dieser
+schönen Nacht einen Ausflug zu machen?
+
+Doch, das wollte der Junge von Herzen gern, wenn der Storch ihn nur bis zum
+Sonnenaufgang wieder zu den Gänsen zurückbringen wolle. Herr Ermenrich
+versprach es, und sogleich ging es auf die Reise.
+
+Wieder flog Herr Ermenrich geraden Weges auf den Mond zu. Höher und höher
+ging es hinauf, das Meer versank unter ihnen; aber sie schwebten gar leicht
+dahin, es war fast, als lägen sie ganz still.
+
+Als Herr Ermenrich sich auf die Erde hinabsinken ließ und anhielt, war es
+dem Jungen, als sei erst eine unbegreiflich kurze Zeit vergangen; und doch
+hatte der Storch einen ganz bedeutenden Weg zurückgelegt, denn in demselben
+Augenblick, wo er den Jungen auf die Erde setzte, sagte er: »Dies ist
+Pommern. Jetzt bist du in Deutschland, Däumling.« Der Junge war über die
+Nachricht, daß er sich in einem fremden Lande befinde, ganz verdutzt. Das
+hätte er nie gedacht. Schnell sah er sich um. Er stand auf einem einsamen,
+mit weichem, feinem Sand bedeckten Meeresstrand. Auf der Landseite lief
+eine lange Reihe oben mit Strandhafer bewachsener Dünenhügel hin, die zwar
+nicht sehr hoch waren, dem Jungen aber die Aussicht ins Land hinein
+vollständig versperrten.
+
+Herr Ermenrich stieg auf einen Sandhügel hinauf, zog das eine Bein in die
+Höhe und legte den Hals zurück, um den Schnabel unter die Flügel zu
+stecken. »Während ich mich ausruhe, kannst du eine Weile am Strande
+umherwandern,« sagte er zu Däumling. »Aber verlaufe dich nicht, damit du
+mich wiederfinden kannst.«
+
+Der Junge wollte zuerst einen der Dünenhügel erklettern, um zu sehen, wie
+das Land dahinter aussehe. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht,
+als er mit der Spitze seines Holzschuhs an etwas Hartes stieß. Er bückte
+sich, und da sah er auf dem Sande eine kleine von Grünspan durch und durch
+zerfressene dünne Kupfermünze. Sie war so schlecht, daß sie ihn nicht
+einmal des Aufhebens wert deuchte, und er schleuderte sie mit dem Fuße weg.
+
+Aber als sich der Junge wieder aufrichtete, wie grenzenlos überrascht war
+er da! Keine zwei Schritte vor ihm erhob sich eine dunkle Mauer mit einem
+großen turmgekrönten Tor.
+
+Vor einem Augenblick, als er sich nach der Münze bückte, hatte sich das
+Meer noch glänzend und glitzernd vor ihm ausgebreitet, jetzt aber war es
+durch eine lange Mauer mit Zinnen und Türmen verdeckt. Und gerade vor dem
+Jungen, wo vorher nur einige Tangbänke gewesen waren, öffnete sich das
+große Tor in der Mauer.
+
+Der Junge war sich ganz klar darüber, daß dies eine Art Geisterspuk sein
+mußte. Aber er dachte, davor brauche er sich wahrlich nicht zu fürchten.
+Was er sah, war ja gar nicht unheimlich oder grauenhaft. Die Mauern und
+Türme waren prächtig gebaut, und jetzt regte sich auch gleich der Wunsch in
+ihm, zu sehen, was dahinter sei. »Ich muß untersuchen, was das ist,« dachte
+er, und damit ging er durchs Tor.
+
+Unter dem kleinen Torgewölbe saßen in bunten, gepufften Anzügen,
+langstielige Streitäxte neben sich, die Wächter und spielten Würfel. Sie
+waren ganz in ihr Spiel vertieft und gaben nicht auf den Jungen acht, der
+hastig an ihnen vorbeieilte.
+
+Dicht am Tor war ein freier, mit glatten Steinfliesen gepflasterter Platz.
+Ringsum standen hohe, prachtvolle Häuser, und zwischen diesen öffneten sich
+lange, schmale Straßen.
+
+Auf dem Platz vor dem Tor wimmelte es von Menschen. Die Männer trugen
+lange, pelzverbrämte Mäntel über seidenen Unterkleidern, federngeschmückte
+Barette saßen ihnen schräg auf dem Scheitel, und über die Brust herunter
+hingen ihnen wunderschöne Ketten. Alle waren herrlich gekleidet, es hätten
+lauter Fürsten sein können.
+
+Die Frauen trugen spitze Hauben und lange Gewänder mit engen Ärmeln. Sie
+waren auch prächtig geschmückt, aber ihr Staat konnte sich bei weitem nicht
+mit dem der Männer messen.
+
+Dies alles glich ja ganz den Bildern in dem alten Märchenbuch, das Mutter
+ab und zu einmal aus ihrer Truhe holte und ihm zeigte. Der Junge wollte
+seinen Augen nicht trauen.
+
+Aber noch viel merkwürdiger als die Männer und die Frauen war die Stadt
+selbst. Jedes Haus hatte einen Giebel nach der Straße zu, und diese Giebel
+waren so reich verziert, daß man hätte glauben können, sie wollten
+miteinander wetteifern, welcher von ihnen am schönsten geschmückt sei.
+
+Wer rasch viel Neues zu sehen bekommt, kann sich nachher nicht mehr an
+alles erinnern. Aber der Junge erinnerte sich später doch noch, daß er
+ausgezackte Giebel gesehen hatte, auf deren verschiedenen Absätzen die
+Figuren von Christus und den Aposteln standen, Giebel, die an beiden Seiten
+hinauf mit Figuren geschmückte Nischen hatten, dann wieder solche, die mit
+buntem Glas oder mit weißem und schwarzem Marmor eingelegt waren und die
+ihm gewürfelt und gestreift entgegenschimmerten.
+
+Doch während der Junge alles dies bewunderte, wurde er von einer ihm
+selbst unbegreiflichen Hast überfallen. »So etwas haben meine Augen noch
+nie gesehen. So etwas werde ich meiner Lebtage nicht wieder sehen,« sagte
+er sich. Und er begann in die Stadt hineinzulaufen, Straße auf, Straße ab,
+ohne anzuhalten. Die Straßen waren eng und schmal, aber durchaus nicht leer
+und düster wie in den Städten, die er bis jetzt gesehen hatte. Überall
+waren Menschen; alte Weiber saßen vor ihren Türen und spannen ohne
+Spinnrädchen, nur an der Kunkel. Die Warenlager der Kaufleute waren wie
+Marktbuden nach der Straße zu offen. An einem Platze wurde Tran gekocht, an
+einem andern wurden Häute gegerbt, an einem Wege war eine Seilerbahn.
+
+Wenn der Junge nur Zeit gehabt hätte, ja dann hätte er hier alles mögliche
+lernen können! Er sah, wie die Waffenschmiede dünne Brustharnische
+hämmerten, wie die Goldschmiede Edelsteine in Ringe und Armbänder
+einsetzten, wie die Drechsler ihre Dreheisen handhabten, wie die
+Schuhmacher weiche rote Schuhe sohlten, wie der Goldspinner Goldfäden
+drehte und wie die Weber Seide und Gold in ihre Gewebe hineinwoben.
+
+Aber der Junge hatte keine Zeit zum Verweilen. Er stürmte nur immer
+vorwärts, um so viel als möglich zu sehen, ehe alles wieder verschwinden
+würde.
+
+Die Stadtmauer ging rund um die ganze Stadt herum und umschloß sie, gerade
+wie in Schweden die Steinmäuerchen die Äcker einfrieden. Am Ende jeder
+Straße sah man die Mauer turm- und zinnengekrönt hervorschauen. Und oben
+darauf wanderten Kriegsknechte umher in glänzendem Harnisch und blankem
+Helm.
+
+Als der Junge die ganze Stadt durchquert hatte, kam er wieder an ein
+Stadttor. Da draußen lag das Meer und der Hafen. Hier sah der Junge
+altertümliche Schiffe mit Ruderbänken in der Mitte und mit hohen Aufbauten
+vorn und hinten. Lastträger und Kaufleute liefen eifrig hin und her.
+Überall war Leben, und alle hatten es eilig.
+
+Aber auch hier erlaubte ihm seine innere Unruhe nicht, sich aufzuhalten. Er
+eilte wieder in die Stadt hinein und kam jetzt auf den großen Marktplatz.
+Hier lag die Domkirche mit drei hohen Türmen und tiefen, mit steinernen
+Figuren geschmückten Toren. Die Wände waren mit Bildhauerarbeit so reich
+verziert, daß auch nicht ein einziger Stein zu sehen war, der nicht seinen
+Schmuck gehabt hätte. Und welch eine Pracht schimmerte durch das offne
+Portal heraus! Goldne Kruzifixe, mit vergoldeter Schmiedearbeit verzierte
+Altäre und Priester in goldnen Meßgewändern! Der Kirche gerade gegenüber
+stand ein Haus mit Zinnen auf dem Dach und mit einem einzigen schlanken
+himmelhohen Turm. Das war wohl das Rathaus. Und von der Kirche bis zum
+Rathaus, rings um den ganzen Markt herum, standen die schönsten
+Giebelhäuser mit den mannigfaltigsten Verzierungen.
+
+[Illustration: Die Stadt auf dem Meeresgrunde (Zu Seite 112)]
+
+Der Junge hatte sich warm und müde gelaufen; er dachte, er habe nun so
+ziemlich das Merkwürdigste von der Stadt gesehen, und ging deshalb etwas
+langsamer weiter. Die Straße, in die er eben eingebogen war, das war gewiß
+die, wo die Stadtbewohner ihre prächtigen Kleider kauften. Die Leute
+drängten sich vor den kleinen Läden, wo die Kaufleute auf ihren Tischen
+starre, geblümte Seidenstoffe, dicken Goldbrokat, schillernden Samt,
+leichte, flockig gewobene seidene Tücher und spinnwebdünne Spitzen
+ausbreiteten.
+
+Vorher, als der Junge so rasch gelaufen war, hatte niemand auf ihn acht
+gegeben. Die Leute hatten gewiß geglaubt, es springe nur eine graue Ratte
+vorbei. Aber jetzt, wo er ganz langsam durch die Straße dahinwandelte,
+gewahrte ihn einer der Kaufleute, und sogleich begann er ihm zu winken.
+
+Der Junge wurde zuerst ängstlich und wollte davonlaufen; aber der Kaufmann
+winkte ihm nur, lachte ihm zu und breitete ein herrliches Stück Seidensamt
+auf seinem Tische aus, als ob er ihn damit herbeilocken wollte.
+
+Der Junge schüttelte den Kopf. »Ich werde in meinem ganzen Leben nicht so
+reich sein, um auch nur einen Meter von diesem Stoff kaufen zu können,«
+dachte er.
+
+Aber jetzt hatte man ihn die ganze Straße entlang von jedem Laden aus
+bemerkt. Wohin er auch sah, überall stand ein Krämer und winkte ihm. Sie
+ließen ihre reichen Kunden stehen und dachten nur noch an ihn. Er sah, wie
+sie in den verstecktesten Winkel des Ladens liefen, um das Beste, was sie
+zu verkaufen hatten, hervorzuholen, und wie ihnen, während sie es auf den
+Tisch legten, vor Hast und Eifer die Hände zitterten.
+
+Als der Junge nicht anhielt, sondern weiterging, sprang einer der Kaufleute
+über seinen Tisch weg, hielt ihn fest und breitete Silberbrokat und in
+allen Farben schillernde gewebte Tapeten vor ihm aus. Der Junge konnte
+nicht anders, als den guten Mann auslachen. Er hätte ihm doch ansehen
+müssen, daß ein so armer Schlucker wie er keine solchen Waren kaufen
+konnte. Er blieb stehen und streckte dem Krämer seine beiden leeren Hände
+hin, um den Leuten zu zeigen, daß er nichts besaß und daß sie ihn in Ruhe
+lassen sollten.
+
+Da hob der Kaufmann einen Finger auf, nickte ihm zu und schob ihm den
+ganzen Haufen von herrlichen Waren hin.
+
+»Kann er meinen, er wolle dies alles für ein einziges Geldstück verkaufen?«
+fragte sich Däumling.
+
+Der Kaufmann zog ein kleines abgegriffenes, schlechtes Geldstück heraus,
+das geringste, das es überhaupt gibt, und hielt es dem Däumling hin. Und in
+seinem Eifer, zu verkaufen, legte er noch zwei große silberne Becher auf
+den Haufen.
+
+Da begann der Junge in seinen Taschen zu suchen. Er wußte zwar wohl, daß er
+nicht einen einzigen roten Heller besaß, aber unwillkürlich sah er doch
+nach.
+
+Alle die andern Kaufleute sahen eifrig zu, wie der Handel ablaufen würde,
+und als sie den Jungen in seinen Taschen suchen sahen, sprangen sie über
+ihre Tische, ergriffen so viel Gold- und Silberschmuck, als ihre Hände zu
+fassen vermochten, und boten es ihm an. Und alle machten ihm Zeichen, daß
+sie als Bezahlung nichts weiter verlangten, als einen einzigen Heller.
+
+Aber der Junge drehte seine Westen- und Hosentaschen um und um; er besaß
+nichts, gar nichts. Da traten allen diesen stattlichen Kaufleuten, die doch
+so viel reicher waren als er, die Tränen in die Augen, und der Junge
+fühlte sich seltsam bewegt, denn sie sahen gar so ängstlich aus. Er besann
+sich, ob er ihnen denn nicht auf irgend eine Weise helfen könnte, und da
+fiel ihm plötzlich die grünspanige Kupfermünze ein, die er vorhin am Strand
+gesehen hatte.
+
+Sofort lief er in größter Eile die Straße hinunter; und er hatte Glück,
+denn er kam an dasselbe Tor, durch das er zuerst gegangen war. Er stürzte
+hinaus und suchte nach der Kupfermünze, die vorhin hier gelegen hatte.
+
+Und richtig, da lag sie; aber als er sie aufgehoben hatte und mit ihr in
+die Stadt zurückeilen wollte, sah er nur noch das Meer vor sich. Keine
+Stadtmauer, kein Tor, keine Wächter, keine Straßen, keine Häuser waren mehr
+zu sehen, nichts, nichts als das Meer!
+
+Unwillkürlich traten dem Jungen die Tränen in die Augen. Von Anfang an
+hatte er ja alles, was er gesehen hatte, für eine Gesichtstäuschung
+gehalten, aber nachher hatte er dies ganz vergessen, und nur noch daran
+gedacht, wie schön alles sei; und jetzt, wo die Stadt verschwunden war,
+fühlte er sich aufs tiefste betrübt.
+
+In demselben Augenblick erwachte Herr Ermenrich und ging zu Däumling hin.
+Aber der Junge hörte ihn nicht, und der Storch mußte ihn mit dem Schnabel
+anstoßen, um sich bemerklich zu machen. »Ich glaube, du hast ebenso fest
+geschlafen wie ich,« sagte er.
+
+»Ach, Herr Ermenrich,« sagte Däumling. »Was war das für eine Stadt, die
+eben hier stand?«
+
+»Hast du eine Stadt gesehen?« erwiderte der Storch. »Du hast geschlafen und
+geträumt, ich hab es ja gesagt.«
+
+»Nein, ich habe nicht geschlafen,« sagte Däumling. Und er erzählte dem
+Storch alles, was er erlebt hatte.
+
+Da sagte Herr Ermenrich: »Was mich selbst anbetrifft, so glaube ich doch,
+daß du hier am Strande geschlafen und alles dies geträumt hast. Aber ich
+will dir nicht verschweigen, daß Bataki, der Rabe, der der gelehrteste von
+allen Vögeln ist, mir einmal erzählt hat, hier habe einst eine Stadt
+gestanden, namens Vineta. Diese Stadt sei über die Maßen reich und schön
+gewesen, und keine einzige Stadt auf der Welt habe sich mit ihr vergleichen
+können. Aber unglücklicherweise seien ihre Einwohner hochmütig und
+prunksüchtig geworden. Und,« fuhr der Storch fort, »Bataki sagt, zur Strafe
+dafür sei Vineta von einer Sturmflut überschwemmt und ins Meer hinab
+versenkt worden. Ihre Einwohner aber dürften nicht sterben und auch ihre
+Stadt nicht zerstören. Nur alle hundert Jahre einmal dürfe diese in all
+ihrer Pracht aus dem Meere aufsteigen und liege dann genau eine Stunde lang
+auf dem Festlande.«
+
+»Ja, das muß wahr sein,« sagte Däumling, »denn ich habe sie gesehen.«
+
+»Aber wenn die Stunde vorübergegangen und es während dieser Zeit niemand in
+Vineta gelungen sei, irgend etwas an ein lebendes Wesen zu verkaufen, dann
+versinke die Stadt wieder ins Meer. Wenn du, Däumling, auch nur ein
+einziges, noch so ärmliches Geldstück gehabt hättest, um den Kaufmann zu
+bezahlen, dann hätte Vineta am Strande liegen bleiben dürfen, und deren
+Menschen hätten wie andre Menschen leben und sterben dürfen.«
+
+»Ach, Herr Ermenrich,« sagte der Junge, »jetzt weiß ich, warum Sie mitten
+in der Nacht gekommen sind und mich geholt haben. Sie glaubten, ich könne
+die alte Stadt retten. Ach, Herr Ermenrich, ich bin tief betrübt, daß es
+mir nicht gelungen ist!«
+
+Er verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte; und man hätte kaum sagen
+können, welcher von den beiden betrübter aussah, der Junge oder Herr
+Ermenrich.
+
+
+Die lebendige Stadt
+
+ Montag, 11. April
+
+Am Ostermontag waren die Wildgänse mit Däumling wieder auf der Reise und
+flogen jetzt über Gotland hin. Die große Insel lag flach und gleichmäßig
+unter ihnen, der Erdboden war ganz so wie in Schonen, und sie sahen viele
+Kirchen und Bauernhöfe. Der Unterschied aber war, daß hier zwischen den
+Feldern viele Baumwiesen prangten und daß die Höfe nicht im Viereck gebaut
+waren. Und große Herrensitze mit alten, von reichen Parkanlagen umgebenen
+Schlössern und Türmen gab es auf Gotland gar nicht.
+
+Däumlings wegen hatten die Wildgänse den Weg über Gotland gewählt, denn der
+arme Junge war nun schon zwei Tage lang sehr niedergedrückt.
+
+Ohne Aufhören sah er jene Stadt vor sich, die sich ihm auf so merkwürdige
+Weise gezeigt hatte. Er konnte an nichts andres denken als an diese schönen
+Gebäude und prächtigen Menschen. »Ach, wenn es mir doch gelungen wäre, dies
+alles dem Leben zurückzugeben!« dachte er. »Welch ein Unglück ist es doch,
+daß so viel Schönes auf dem Grunde des Meeres liegen soll!«
+
+Akka und der Gänserich hatten sich alle Mühe gegeben, Däumling zu
+überzeugen, daß dieses Erlebnis ein Traum oder eine Gesichtstäuschung
+gewesen sei; aber davon wollte der Junge nichts hören. Er war ganz sicher,
+alles selbst gesehen zu haben, und niemand konnte ihn von seiner
+Überzeugung abbringen. Tiefbetrübten Herzens ging er umher, und schließlich
+wurden seine Reisegefährten besorgt um ihn.
+
+Doch plötzlich, gerade als der Junge am allerniedergeschlagensten gewesen
+war, kam die alte Kaksi dahergeflogen. Sie war von dem Sturm nach Gotland
+verschlagen worden und hatte über die ganze Insel hinfliegen müssen, bis
+sie erfuhr, wo sich ihre Reisegefährten befanden. Als sie nun auf der
+Kleinen Karlsinsel eintraf und hörte, was Däumling fehlte, sagte sie
+plötzlich:
+
+»Wenn Däumling über eine alte Stadt trauert, dann kann ich ihn schnell
+trösten. Kommt nur mit mir, ich zeige ihm einen Ort, den ich gestern
+gesehen habe, und dann braucht er nicht länger betrübt zu sein.«
+
+Darauf hatten sich die Gänse von den Schafen verabschiedet, und jetzt waren
+sie auf dem Wege nach dem Ort, den Kaksi dem Däumling zeigen wollte. Und so
+betrübt er auch war, so konnte er es doch nicht lassen, auf das Land
+hinunterzusehen, über das sie eben hinflogen.
+
+Da kam es ihm vor, als ob diese Insel von Anfang an eine ebenso hohe,
+steile Klippe gewesen sein müsse, wie die Karlsinsel, nur natürlich viel,
+viel größer. Aber später mußte sie auf irgend eine Weise platt gedrückt
+worden sein. Irgend jemand hatte wohl ein großes Wellholz genommen und war
+damit über die Insel hingefahren wie über ein Stück Teig; er hatte aber
+diese Arbeit nicht solange fortgesetzt, bis alles vollständig glatt und
+eben geworden war wie ein Fladen, denn als die Gänse dem Ufer entlang
+flogen, sah der Junge an mehreren Stellen hohe weiße Kalkwände mit Grotten
+und Felsenpfeilern; aber an den meisten Stellen war die Insel doch
+plattgedrückt, und der Strand fiel flach gegen das Meer ab.
+
+Die Schar verbrachte einen schönen, friedlichen Sonntagnachmittag auf dem
+Festland. Das Wetter war so recht behaglich warm wie an einem Sommertag,
+die Bäume waren mit großen Knospen wie übersät, und die Frühlingsblumen
+bedeckten die Wiesen wie mit einem Teppich, die langen, schlanken Kätzchen
+der Pappelbäume schwankten, und in den Gärtchen, die jedes noch so kleine
+Häuschen umgaben, prangten die Stachelbeerbüsche im schönsten Grün.
+
+[Illustration]
+
+Die Wärme und das Knospen und Blühen allüberall hatten die Menschen auf
+Wege und Stege herausgelockt; wo immer eine kleine Anzahl versammelt war,
+wurde gespielt, und zwar nicht allein von Kindern, sondern auch von
+Erwachsenen. Sie warfen um die Wette mit Steinen nach einem bestimmten Ziel
+und schlugen Bälle in so großen Bogen in die Luft hinauf, daß sie die
+Wildgänse fast erreichten. Es sah sehr lustig und hübsch aus, große Leute
+so spielen zu sehen, und der Junge hätte sich sicherlich darüber gefreut,
+wenn ihm nicht so sehr betrübt zumute gewesen wäre.
+
+Aber er mußte doch zugeben, daß dies ein schöner Ausflug war. Überall sang
+und klang es fröhlich durch die Luft. Kleine Kinder spielten Ringelreihen
+und sangen dazu. Und die Heilsarmee war auch unterwegs. Der Junge sah eine
+ganze Menge schwarz und rot gekleidete Menschen auf einem Waldhügel sitzen;
+es wurde Gitarre gespielt und auf Blechinstrumenten geblasen. Auf einer
+Straße kam eine große Schar Menschen daher. Das waren die Guttempler oder
+Antialkoholiker, der Junge erkannte sie an ihren großen flatternden Fahnen
+mit goldnen Inschriften. Sie sangen ununterbrochen ein Lied ums andre. Der
+Junge vernahm fortwährend den Schall ihrer Stimmen, solange er sich in
+Hörweite befand.
+
+So oft der Junge später an Gotland dachte, mußte er immer gleich auch an
+Spiel und Tanz denken.
+
+Lange hatte er still hinabgeschaut, als er zufällig die Augen aufschlug.
+Nein, wie erstaunte er da! Ohne daß er es gemerkt hatte, waren die Gänse
+von dem Innern der Insel in westlicher Richtung auf die Küste zugeflogen.
+Jetzt lag das weite, blaue Meer vor ihnen! Aber nicht das Meer erschien dem
+Jungen so merkwürdig, sondern eine Stadt, die dort an dem hohen
+Meeresstrand aufragte.
+
+Die Gänseschar kam von Osten her, und die Sonne war im Untergehen, als sie
+die Stadt erreichte, deren Mauern und Türme und hohe Giebelhäuser und
+Kirchen sich vollständig schwarz von dem hellen Abendhimmel abhoben. Der
+Junge konnte deshalb nicht sehen, wie sie in Wirklichkeit beschaffen waren,
+und ein paar Augenblicke glaubte er, dies sei eine ebenso prächtige Stadt
+wie jene, die er in der Osternacht gesehen hatte.
+
+Als er aber richtig in die Stadt hineinkam, da sah er, daß die Stadt hier
+jener auf dem Meeresgrunde ähnlich und unähnlich zugleich war. Es herrschte
+derselbe Unterschied zwischen ihnen, wie zwischen dem Aussehen eines
+Menschen, der an dem einen Tag in Purpur und mit reichem Schmuck angetan,
+am nächsten aber in dürftige Lumpen gehüllt ist.
+
+Ja, diese Stadt hier hatte wohl auch einmal so ausgesehen wie jene, die er
+an der pommerschen Küste bewundert hatte. Diese hier war auch von einer
+Ringmauer mit Türmen und Toren umgeben. Aber die Türme der Stadt, die auf
+der Erde hatte bleiben dürfen, waren ohne Dächer, leer und öde. Die
+Torbogen hatten keine Türen, die Wächter und Kriegsknechte waren
+verschwunden, die ganze glänzende Pracht war dahin. Nur die nackten, grauen
+Mauern waren noch da.
+
+Als der Junge weiter über die innre Stadt hinflog, sah er, daß sie zum
+größten Teil aus kleinen, niedrigen hölzernen Häusern bestand; nur da und
+dort fanden sich einige hohe Giebelhäuser und Kirchen, die noch aus der
+alten Zeit stammten. Die Giebelhäuser waren weiß angestrichen und ohne
+jeglichen Zierat. Aber weil der Junge so ganz kürzlich erst die versunkene
+Stadt gesehen hatte, glaubte er zu wissen, wie sie geschmückt gewesen
+waren: die einen mit Bildsäulen, andre mit schwarzem und weißem Marmor.
+
+Und genau so war es auch bei den alten Kirchen. Die meisten von ihnen waren
+ohne Dach mit kahlen Mauern. Überall öde Fensterhöhlen, grasbewachsener,
+mit zerbrochenen Fliesen bedeckter Boden und mit Schlingpflanzen
+bewachsene Mauerreste! Aber jetzt wußte der Junge, wie diese Kirchen
+einstmals ausgesehen hatten: die Wände waren mit Bildwerken und Gemälden
+bedeckt gewesen, im Chor hatten Altäre und goldne Kreuze gestanden, und da
+und dort hatten Priester in goldgestickten Meßgewändern ihres Amtes
+gewaltet.
+
+Der Junge sah auch die kleinen, jetzt am Sonntagabend fast menschenleeren
+Stadttore. O er wußte, wie es hier von prächtig gekleideten Menschen
+gewimmelt hatte! Er wußte, daß diese Tore wie große Werkstätten gewesen
+waren, wo alle Arten von Arbeitern gewirkt und geschafft hatten.
+
+Aber was Nils Holgersson nicht sah, das war, daß diese Stadt auch heute
+noch schön und merkwürdig ist. Er sah weder die hübschen Häuschen in den
+hinteren Gäßchen, mit ihren geschwärzten Mauern, ihren weißen Hausecken und
+der roten Pelargonienpracht hinter den blitzblanken Fensterscheiben, noch
+die vielen prächtigen Gärten und Alleen, und ebensowenig die großartige
+Schönheit der mit Schlingpflanzen bewachsenen Ruinen. Seine Augen waren so
+erfüllt von der vergangenen Herrlichkeit, daß er an der gegenwärtigen
+nichts Gutes sehen konnte.
+
+Die Wildgänse flogen ein paarmal über der Stadt hin und her, damit Däumling
+alles recht genau sehen könnte. Zuletzt ließen sie sich in einer
+Kirchenruine auf dem grasigen Boden nieder, um dort zu übernachten.
+
+Als die Gänse schon schliefen, war Däumling immer noch wach und schaute
+durch das zertrümmerte Dachgewölbe zu dem blaßroten Abendhimmel empor.
+Nachdem er so eine Weile in Gedanken versunken war, beschloß er, sich nicht
+mehr darüber zu grämen, daß er die versunkene Stadt nicht hatte retten
+können.
+
+Nein, jetzt wollte er nicht mehr trauern! Wenn die Stadt, die er gesehen
+hatte, nicht ins Meer versunken wäre, hätte sie vielleicht nach einiger
+Zeit ebenso arm und verfallen ausgesehen wie diese hier. Vielleicht hätte
+sie der Zeit und der Vergänglichkeit auch nicht widerstehen können, sondern
+wäre bald gewesen wie diese hier mit ihren Kirchen ohne Dächer, mit Häusern
+ohne Zierat und mit ihren einsamen leeren Gassen. Da war es doch besser,
+sie stand im Verborgnen dort unten in all ihrer Herrlichkeit.
+
+»Es wird ja wohl so am besten sein, wie es gekommen ist,« dachte er. »Ich
+glaube, selbst wenn ich die Macht hätte, die Stadt zu retten, würde ich es
+jetzt wohl nicht mehr tun.«
+
+Von da an trauerte er nicht mehr über diese Sache. Und es gibt sicher
+viele, die so denken, weil sie noch jung sind. Aber wenn die Menschen alt
+werden und sich daran gewöhnt haben, sich mit wenigem zu begnügen, dann
+freuen sie sich mehr über das Visby, das da ist, als über das schöne Vineta
+auf dem Meeresgrund.
+
+
+
+
+15
+
+Die Sage von Småland
+
+
+ Dienstag, 12. April
+
+Die Wildgänse waren gut übers Meer gekommen und hatten sich im nördlichen
+Småland im Tjuster Bezirk niedergelassen. Hier erstreckten sich überall
+Meeresarme weit ins Land hinein und teilten es in Inseln, in Halbinseln, in
+Landengen und Landzungen. Das Meer war so aufdringlich, daß schließlich nur
+noch die Hügel und Bergrücken vom Wasser unbedeckt blieben.
+
+Als die Wildgänse vom Meer hereinflogen, war es Abend geworden, und das
+hügelige Land lag schön zwischen den glänzenden Fjorden vor ihnen. Da und
+dort sah der Junge Hütten und Häuser auf den Inseln; und je weiter man ins
+Land hineinkam, desto größer und besser wurden die Wohnstätten, schließlich
+wuchsen sie zu großen weißen Herrenhöfen heran. Am Ufer hin stand
+gewöhnlich eine Reihe Bäume, diesseits davon lagen Ackerfelder, und oben
+auf den kleinen Hügeln wuchsen aufs neue Bäume. Der Junge mußte
+unwillkürlich an Blekinge denken. Hier war wieder eine Gegend, wo Land und
+Meer auf so schöne und stille Weise zusammentrafen, sich gleichsam das
+Schönste und Beste, was sie hatten, zu zeigen.
+
+Die Wildgänse ließen sich auf einem kahlen Holm weit drinnen im Gåsfjord
+nieder. Beim ersten Blick auf den Strand merkten sie, daß der Frühling
+große Fortschritte gemacht hatte, während sie sich auf den Inseln
+aufgehalten hatten. Die großen, prächtigen Bäume waren zwar noch nicht
+belaubt, aber die Wiesen darunter schimmerten in weiß, grün, gelb und blau.
+Die Gänse hielten verwundert an und überlegten, woher das wohl komme. Aber
+dann ging ihnen auf einmal ein Licht auf; die Wiesen waren mit weißen
+Anemonen, Krokus und Leberblümchen bedeckt.
+
+Als die Wildgänse den Blumenteppich sahen, erschraken sie, denn sie
+fürchteten, sich am Ende zu lange in dem südlichen Teil des Landes
+aufgehalten zu haben, und Akka sagte sogleich, sie würden wohl keine Zeit
+haben, einen von den Ruheplätzen in Småland aufzusuchen. Schon am nächsten
+Morgen müßten sie über Ostgötland nordwärts weiterreisen.
+
+Demgemäß würde also der Junge nicht viel von Småland sehen, und es fehlte
+nicht viel, so hätte er sich darüber gegrämt. Von keiner andern Landschaft
+hatte er nämlich so viel sprechen hören, als gerade von Småland, und er
+hatte sich sehr gewünscht, es einmal mit eignen Augen zu sehen.
+
+Wie wir wissen, war er im letzten Sommer bei einem Bauern in der Nähe von
+Jordberga als Gänsejunge angestellt gewesen, und da war er beinahe jeden
+Tag mit ein paar armen Kindern aus Småland zusammengetroffen, die auch
+Gänse hüteten. Und diese Kinder hatten ihn mit ihrem Småland beständig
+geneckt und geärgert.
+
+Aber es wäre unrecht gewesen, wenn er behauptet hätte, das Gänsemädchen Åsa
+habe ihn geärgert. Dazu war es viel zu klug. Nein, wer einen mit Absicht
+ärgern konnte, das war ihr Bruder Klein-Mats gewesen.
+
+»Du, Gänsejunge Nils, weißt du, wie es ging, als Småland und Schonen
+erschaffen wurden?« konnte er fragen. Und wenn dann Nils nein sagte, begann
+er schnell die witzige Geschichte über Småland zu erzählen.
+
+»Ja, weißt du,« begann er, »es geschah zu der Zeit, wo der liebe Gott die
+Welt erschuf. Während er mitten darin war, kam Sankt Petrus des Wegs daher.
+Er blieb bei dem lieben Gott stehen und sah ihm eine Weile zu, dann aber
+fragte er, ob das eine sehr schwierige Arbeit sei? >O ja, so ganz leicht
+ist es gerade nicht,< antwortete der liebe Gott. Sankt Petrus blieb noch
+eine Weile stehen, und als er merkte, mit welcher Leichtigkeit der liebe
+Gott ein Land ums andre herausarbeitete, bekam er Lust, es auch zu
+versuchen. >Möchtest du nicht ein wenig ausruhen?< sagte er zum lieben
+Gott. >Dann könnte ich indessen deine Arbeit übernehmen.< Aber das wollte
+der liebe Gott nicht. >Ich weiß nicht, ob du dich auf diese Kunst so gut
+verstehst, daß ich dich da weiterarbeiten lassen kann, wo ich aufhöre,<
+antwortete er. Da wurde Sankt Petrus ärgerlich und sagte, er getraue sich,
+ebenso gute Länder erschaffen zu können, wie der liebe Gott.
+
+In diesem Augenblick war der liebe Gott gerade an der Erschaffung von
+Småland. Es war zwar noch nicht einmal halbfertig, aber es versprach ein
+unbeschreiblich schönes und fruchtbares Land zu werden. Da aber der liebe
+Gott Sankt Petrus nur schwer etwas abschlagen konnte und außerdem wohl auch
+dachte, was so gut begonnen worden sei, könne eigentlich niemand mehr
+verderben, sagte er: >Wenn es dir recht ist, wollen wir einmal versuchen,
+welcher von uns sich auf diese Art Arbeit am besten versteht. Da du noch
+ein Anfänger bist, sollst du an dem Land hier, das ich angefangen habe,
+weiterarbeiten, ich aber will ein neues schaffen.< Sankt Petrus ging gleich
+auf den Vorschlag ein, und jeder begann sofort an seinem Platz zu arbeiten.
+
+Der liebe Gott rückte ein wenig südwärts und machte sich daran, Schonen zu
+erschaffen. Es dauerte auch gar nicht lange, da war er fertig. Nun wendete
+er sich an Sankt Petrus und fragte ihn, ob er fertig sei und ob er das neue
+Land betrachten wolle. >Ich habe meines schon lange in Ordnung,< sagte
+Sankt Petrus; und man hörte seiner Stimme an, wie zufrieden er mit seinem
+Werk war.
+
+Als Sankt Petrus Schonen sah, mußte er zugeben, daß von diesem Land nur
+Gutes gesagt werden könne. Es war ein fruchtbares, leicht zu bebauendes
+Land mit großen Ebenen, wohin man sah, und kaum einer leichten Andeutung
+von Berg. Es sah aus, als habe sich der liebe Gott vorgenommen, dieses Land
+besonders gut zu machen, damit es den Leuten da wohl sei. >Ja, das ist ein
+gutes Land,< sagte Sankt Petrus, >aber ich glaube, meines ist doch noch
+besser.< -- >Dann wollen wir es gleich einmal ansehen,< sagte der liebe
+Gott.
+
+Als Sankt Petrus die Arbeit aufnahm, war das Land im Norden und Osten schon
+fertig gewesen, aber den südlichen und westlichen Teil und die ganze Mitte
+hatte er allein machen dürfen. Als nun der liebe Gott sah, was Sankt Petrus
+gearbeitet hatte, erschrak er so, daß er unwillkürlich anhielt und ausrief:
+>Aber was hast du nur gemacht, Sankt Petrus?<
+
+Sankt Petrus selbst sah ganz verdutzt drein. Er hatte sich eingebildet, für
+das Land könne nichts besser sein, als wenn es recht warm sei. Deshalb
+hatte er eine ungeheure Menge Steine und Berge aufgehäuft und ein Hochland
+zusammengemauert, in dem Glauben, daß er es dadurch näher an die Sonne
+heranbringe, und daß es alsdann recht viel Sonnenwärme bekomme. Auf die
+Steinhaufen hatte er eine dünne Lage Erde gebreitet, und dann war seiner
+Meinung nach alles aufs Beste bestellt gewesen.
+
+Aber während er in Schonen gewesen war, waren ein paar starke Regengüsse
+niedergerauscht, und mehr hatte es nicht bedurft, um zu zeigen, wessen
+Arbeit die beste sei. Als der liebe Gott herzutrat, das Land zu betrachten,
+war alles Erdreich weggeschwemmt, und der nackte Gebirgsstock wurde überall
+sichtbar. Wo es noch am besten aussah, lag Lehm und schwerer Kies auf den
+Steinflächen, aber auch dies sah äußerst mager aus, und man begriff leicht,
+daß da kaum etwas andres als Wacholder und Fichten, Moos und Heidekraut
+wachsen könnte. Nur allein das Wasser war in reicher Menge vorhanden, denn
+das hatte alle die Schluchten unten in dem Gebirge gefüllt, und überall sah
+man Seen, Bäche und Flüsse, von den Mooren und Teichen, die sich über große
+Flächen ausbreiteten, gar nicht zu reden. Das ärgerlichste aber war, daß
+die einen Gegenden zu viel Wasser hatten, während in andern großer Mangel
+daran war; weite Felder lagen wie ausgetrocknete Heiden da, und der
+geringste Luftzug wirbelte ganze Wolken von Erde und Sand auf.
+
+>Was kannst du nur für eine Absicht gehabt haben, daß du dieses Land so
+erschaffen hast?< fragte der liebe Gott. Sankt Petrus entschuldigte sich
+und sagte, er habe das Land so hoch gebaut, damit es recht viel Sonnenwärme
+bekomme.
+
+>Aber dann bekommt es ja auch sehr viel Nachtkälte,< entgegnete der liebe
+Gott, >denn auch sie kommt vom Himmel herunter. Ich fürchte, das wenige,
+was da wachsen kann, wird erfrieren.<
+
+Daran hatte Sankt Petrus natürlich nicht gedacht.
+
+>Ja, das wird ein mageres, vom Frost heimgesuchtes Land sein,< sagte der
+liebe Gott. >Daran läßt sich nun nichts mehr ändern.<«
+
+Wenn Klein-Mats in seiner Erzählung so weit gekommen war, fiel ihm immer
+die Gänsehirtin Åsa ins Wort. »Ich kann es nicht leiden, Klein-Mats,« sagte
+sie, »daß du Småland so elendiglich hinstellst. Du vergißt ganz, wieviel
+guter Boden doch da ist. Denk nur an den Mörebezirk am Sund von Kalmar! Ich
+möchte wohl wissen, ob es irgendwo üppigere Getreidefelder gibt? Dort liegt
+Acker an Acker, ganz wie hier in Schonen. Das ist ausgezeichneter Boden,
+und ich wüßte wirklich nicht, was dort nicht wachsen würde.«
+
+»Ich kann nichts daran ändern,« sagte Klein-Mats, »denn ich erzähle die
+Geschichte, wie ich sie selbst gehört habe.«
+
+»Und ich habe viele Leute sagen hören, ein so schönes Küstenland wie Tjust
+gebe es nirgends mehr. Denk doch an die Buchten und die Holme und die
+Herrenhöfe und die Wälder!«
+
+»Ja, das ist wohl wahr,« gab Klein-Mats zu.
+
+»Und weißt du nicht mehr, was die Lehrerin sagte? Eine so belebte, schöne
+Gegend wie das Stückchen von Småland, das südlich vom Wettern liegt, gebe
+es in ganz Schweden nicht mehr. Denk an den schönen See und an die gelben
+Strandberge, und an Grenna und Jönköping mit den Zündholzfabriken und an
+den Munksee, und denk doch nur an Huskvarna und an alle die großen Anlagen
+dort!«
+
+»Ja, das ist wohl wahr,« sagte Klein-Mats noch einmal.
+
+»Und denk an Visingö, Klein-Mats, mit den Ruinen dort, und an den
+Eichenwald, und an alle die historischen Erinnerungen! Denk an das Tal, wo
+der Emfluß entspringt, mit allen den Ortschaften und Mühlen und
+Holzstoffabriken und Sägereien und Schreinerwerkstätten dort!«
+
+»Ja, das ist alles wahr,« sagte Klein-Mats mit ganz betrübtem Gesicht.
+
+Aber plötzlich schaute er auf. »Sind wir aber dumm!« rief er. »Das alles
+liegt ja in dem Småland des lieben Gottes, in dem Teil des Landes, der
+schon fertig war, als Sankt Petrus sich an die Arbeit machte. Es ist also
+ganz richtig, denn das sollte ja schön und prächtig sein. Aber in Sankt
+Petrus Småland sah es ganz so aus, wie es in der Sage heißt, und es wundert
+mich gar nicht, daß der liebe Gott betrübt war, als er es sah. Sankt Petrus
+verlor aber jedenfalls den Mut nicht, er versuchte im Gegenteil, den lieben
+Gott zu trösten. >Sei mir nicht böse,< bat er. >Warte nur, bis ich Menschen
+geschaffen habe, die die Moore urbar machen und die Bergrücken in Äcker
+umwandeln.<
+
+Aber jetzt war die Geduld des lieben Gottes doch schließlich erschöpft.
+>Nein, du magst hinuntergehen nach Schonen, das ich zu einem guten,
+fruchtbaren Land gemacht habe, und dort den Schonen schaffen, aber den
+Småländer, den überlaß mir.< Und dann erschuf der liebe Gott den Småländer
+und machte ihn klug und genügsam, froh und fleißig, unternehmend und
+tüchtig, damit er sich in dem armen Land seinen Unterhalt erwerben könne.«
+
+Sobald Klein-Mats an diesem Punkt angekommen war, pflegte er aufzuhören,
+und wenn dann Nils Holgersson auch geschwiegen hätte, wäre alles gut
+gegangen; der aber konnte es nicht lassen, zu fragen, wie es denn Sankt
+Petrus bei der Erschaffung der Menschen gegangen sei.
+
+»Ja, wie gefällst du dir selber?« antwortete Klein-Mats mit so
+verächtlicher Miene, daß Nils Holgersson sofort über ihn herfiel, um ihn
+durchzubläuen. Aber Mats war nur ein kleiner Kerl, und die ein Jahr ältre
+Åsa lief rasch herbei, ihm zu helfen. So gutmütig sie sonst war, sobald
+jemand dem Bruder zu nahe kam, fuhr sie auf wie eine Löwin. Nils Holgersson
+aber wollte sich nicht mit einem Mädel balgen, deshalb kehrte er den
+Geschwistern den Rücken und ging seiner Wege und schaute den ganzen Tag
+hindurch nicht ein einziges Mal nach der Seite, wo sich die småländischen
+Kinder befanden.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+16
+
+Die Krähen
+
+Der tönerne Topf
+
+
+In der südöstlichen Ecke von Småland liegt der Bezirk Sunnerbo. Dort ist
+aber ganz ebner, gleichmäßiger Boden, und wer diesen Bezirk im Winter
+sieht, kann sich nichts andres denken, als daß sich unter dem Schnee
+umgepflügte Brachfelder, grüne Roggenäcker und abgemähte Kleewiesen
+ausbreiten, wie es im Flachland zu sein pflegt. Aber wenn der Schnee in
+Sunnerbo im Anfang April endlich schmilzt, dann zeigt es sich, daß das, was
+grün darunter liegen sollte, nichts als trockne, sandige Heiden, nackte
+Felskuppen und große, sumpfige Moore sind. Wohl gibt es da und dort auch
+Äcker, aber sie sind so klein, daß man sie kaum bemerkt; und kleine graue
+oder rote Bauernhütten sind wohl auch da, aber meistens sind sie in einem
+Buchenwäldchen ganz versteckt, als ob sie Angst hätten, sich zu zeigen.
+
+Wo der Sunnerboer Bezirk mit der Grenze von Halland zusammenstößt, liegt
+eine Sandheide, die so groß ist, daß jemand, der auf der einen Seite steht,
+nicht bis zum andern Ende sehen kann. Auf der ganzen Ebene wächst nichts
+als Heidekraut, und man könnte wohl auch schwerlich etwas andres dort zum
+Wachsen bringen. Zu allererst müßte man dann das Heidekraut ausrotten; denn
+obgleich dieses nur einen kleinen, verkrüppelten Stamm, kleine verkrüppelte
+Zweige und trockne, verkrüppelte Blätter hat, bildet es sich doch ein, es
+sei ein Baum, und beträgt sich demgemäß ganz wie die wirklichen Bäume,
+breitet sich waldartig über weite Strecken aus, hält treulich zusammen und
+will nicht leiden, daß andre kleine und große Gewächse in seinen Bereich
+eindringen.
+
+Die einzige Stelle auf der Heide, wo das Heidekraut nicht Alleinherrscher
+sein kann, ist ein niedriger, steiniger Bergrücken, der sich mitten über
+das Heideland hinzieht. Da gibt es Wacholderbüsche, Ebereschen und mehrere
+große, schöne Buchen. Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen
+umherzog, war auch eine Hütte mit einem kleinen Stück gepflügten Landes
+dort, aber die Leute, die da gewohnt hatten, waren aus dem einen oder
+andern Grunde weggezogen. Die kleine Hütte stand leer, und die Äcker lagen
+unbebaut.
+
+Beim Verlassen ihrer Hütte hatten die Menschen zwar vorsorglich die
+Ofenklappe zugemacht, die Fensterhaken angelegt und die Tür verschlossen.
+Aber sie hatten nicht daran gedacht, daß eine Fensterscheibe zerschlagen
+und die Öffnung nur mit einem Lappen verstopft war. Nach ein paar tüchtigen
+Sommerregen war der Lappen verfault und zusammengesunken; und schließlich
+war es einer Krähe gelungen, ihn wegzupicken.
+
+Der Bergrücken auf der Heide war nämlich nicht so einsam, wie man annehmen
+könnte, sondern er war von einem großen Volke Krähen bewohnt, das aber
+natürlich nicht das ganze Jahr hindurch seinen Aufenthalt da hatte. Im
+Winter zogen die Krähen ins Ausland, im Herbst flogen sie von einem Acker
+zum andern im ganzen Götaland umher und pickten Saatkörner auf, im Sommer
+zerstreuten sie sich auf die Höfe im Bezirk Sunnerbo und lebten von Eiern,
+Beeren und jungen Vögeln; aber in jedem Frühling, wenn sie Nester bauen und
+Eier legen wollten, kehrten sie auf dieses mit Heidekraut bewachsene
+Heideland zurück.
+
+Die Krähe, die den Lappen aus dem Fenster herausgepickt hatte, hieß Garm
+Weißfeder, wurde aber nie anders als Fumle oder Drumle oder schlechtweg
+Fumle-Drumle genannt, weil sie sich immer dumm und ungeschickt anstellte
+und zu nichts zu gebrauchen war, als daß man sich über sie lustig machte.
+Fumle-Drumle war größer und stärker als alle die andern Krähen, aber das
+half ihr gar nichts, die andern trieben nach wie vor ihren Spott mit ihr.
+Und auch das half ihr nichts, daß sie aus sehr vornehmem Geschlecht
+stammte. Von Rechts wegen hätte sie sogar der Anführer der ganzen Schar
+sein müssen, weil diese Würde von Urzeiten her dem Ältesten der Weißfeder
+zu eigen gewesen war. Aber lange, ehe Fumle-Drumle zur Welt kam, hatte ihre
+Familie die Macht verloren, und diese gehörte jetzt einer grausamen wilden
+Krähe, namens Wind-Eile.
+
+Der Herrscherwechsel aber stammte daher, daß die Krähen auf dem
+Krähenbergrücken beschlossen hatten, ihre Lebensweise zu ändern. Viele
+werden wohl glauben, alles, was Krähe heiße, lebe auf ein und dieselbe
+Weise, aber dies ist ganz unrichtig. Es gibt ganze Krähenvölker, die ein
+ehrenwertes Leben führen, das heißt, sich nur von Samenkörnern,
+Würmerlarven und schon gestorbenen Tieren nähren. Und es gibt andre, die
+ein wahres Räuberunwesen treiben; diese fallen über junge Hasen und kleine
+Vögel her und rauben jedes Vogelnest aus, das sie nur entdecken können.
+
+Die alten Weißfeder waren streng und mäßig gewesen; und so lange sie die
+Anführer waren, hatten die Krähen sich so aufführen müssen, daß ihnen die
+andern Vögel nichts Böses nachsagen konnten. Aber die Krähen waren sehr
+zahlreich; es herrschte große Armut bei ihnen, und sie brachten es auf die
+Dauer nicht fertig, einen so strengen Wandel zu führen. Sie empörten sich
+deshalb gegen die Weißfeder und gaben die Macht einem Krähenmann namens
+Wind-Eile, der der schlimmste Räuber und Nestplünderer war, den man sich
+denken konnte, wenn nicht sein Weib, die Wind-Kåra, schließlich noch
+schlimmer war. Unter der Anführerschaft dieser beiden hatten sich die
+Krähen einem solchen Lebenswandel hingegeben, daß sie jetzt mehr gefürchtet
+waren als Habichte und Eulen.
+
+Fumle-Drumle wurde natürlich keine Stimme eingeräumt. Die ganze Schar
+erklärte einstimmig, er schlage nicht im geringsten seinen Vorfahren nach
+und passe ganz und gar nicht zum Anführer. Es wäre überhaupt nicht von ihm
+gesprochen worden, wenn er nicht immer neue Dummheiten gemacht hätte.
+Einige besonders kluge sagten allerdings bisweilen, es sei vielleicht ein
+Glück für Fumle-Drumle, daß er ein so unbeholfener Tropf sei, sonst hätten
+Wind-Eile und Kåra es nicht gewagt, diesen Abkömmling des alten
+Häuptlingsgeschlechtes in der Schar bleiben zu lassen.
+
+Jetzt waren diese beiden im Gegenteil sehr freundlich gegen Fumle-Drumle
+und nahmen ihn gern mit auf ihre Jagdzüge; da konnten dann alle andern
+sehen, daß sie viel geschickter und kühner waren als der gute Fumle-Drumle.
+
+Keine von den Krähen wußte, daß Fumle-Drumle den Lappen aus der
+zerbrochenen Fensterscheibe herausgepickt hatte, und wenn sie es gewußt
+hätten, würden sie sich aufs höchste darüber verwundert haben. Die
+Keckheit, sich einer menschlichen Wohnung zu nähern, hätten sie
+Fumle-Drumle nie zugetraut. Fumle-Drumle behielt die Sache auch vollständig
+für sich, und dazu hatte er seine guten Gründe. Wind-Eile und Kåra
+behandelten ihn zwar bei Tage und in Gegenwart der andern immer gut, aber
+in einer sehr dunklen Nacht, als die Krähen schon auf ihren Zweigen
+aufgesessen waren, war er plötzlich von ein paar Krähen überfallen und
+beinahe ermordet worden. Von da an begab er sich jeden Abend, nachdem es
+dunkel geworden war, von seinem gewohnten Schlafplatz in die Hütte hinein.
+
+Da geschah es, daß die Krähen, nachdem sie schon ihre Nester auf dem
+Krähenberge in Ordnung gebracht hatten, einen merkwürdigen Fund machten.
+Eines Nachmittags waren Wind-Eile, Fumle-Drumle und ein paar andre in ein
+großes, an dem einen Ende der Heide liegendes Loch im Boden hinabgeflogen.
+Dieses Loch war nichts weiter als eine Kiesgrube, aber die Krähen konnten
+sich mit einer so einfachen Erklärung nicht zufrieden geben; sie flogen
+beständig hinein und drehten jedes Sandkorn um, weil sie gar zu gern gewußt
+hätten, warum die Menschen diese Grube gemacht hatten. Während sie so
+eifrig beschäftigt waren, stürzte plötzlich eine Masse Kies von der einen
+Seite herunter. Die Krähen liefen erregt dorthin, und das Glück wollte es,
+daß zwischen den herabgestürzten Steinen und dem Kies ein ziemlich großer
+tönerner, mit einem Holzdeckel verschlossener Topf lag. Sie wollten
+natürlich wissen, ob etwas darin sei, versuchten auch, ein Loch in den Topf
+zu hacken und den Deckel aufzumachen; aber keins von beiden gelang ihnen.
+
+Ganz ratlos standen sie um den Topf herum und betrachteten ihn, als sie
+plötzlich eine Stimme hörten: »Soll ich kommen und euch helfen, ihr
+Krähen?« Sie schauten hastig auf, und da, am Rande der Grube, saß ein
+Fuchs, der zu ihnen herunterschaute. Der Fuchs war, was Farbe und Gestalt
+betraf, einer der schönsten Füchse, den die Krähen je gesehen hatten. Sein
+einziger Schönheitsfehler war, daß er ein Ohr verloren hatte.
+
+»Wenn du Lust hast, uns eine Gefälligkeit zu erweisen,« sagte Wind-Eile,
+»werden wir nicht nein sagen.« Gleichzeitig aber flog sie aus der Grube
+heraus, und die andern Krähen folgten ihr eilig nach. Der Fuchs hüpfte an
+ihrer Statt hinunter, biß an dem Topf herum und zog am Deckel, aber auch er
+konnte ihn nicht öffnen.
+
+»Kannst du dir denken, was darin ist?« fragte Wind-Eile.
+
+Der Fuchs rollte den Topf hin und her und horchte aufmerksam. »Silbermünzen
+sinds gewiß und wahrhaftig, lauter silberne Münzen sinds!« sagte er.
+
+Das war mehr, als die Krähen erwartet hatten. »Meinst du wirklich, es
+könnte Silber sein?« fragten sie, und ihre Augen funkelten vor Begierde;
+denn so merkwürdig es auch klingen mag, es gibt auf der Welt nichts, was
+die Krähen mehr lieben, als Silbermünzen.
+
+»Hört nur, wie sie klirren!« sagte der Fuchs und rollte den Topf noch
+einmal hin und her. »Ich weiß nur nicht, wie wir dazu kommen sollen.«
+
+»Nein, das ist wohl unmöglich,« seufzten die Krähen.
+
+Der Fuchs rieb sich den Kopf mit der linken Pfote und überlegte. Vielleicht
+könnte es ihm jetzt mit Hilfe der Krähen gelingen, diesen Knirps, der ihm
+immer wieder entging, in seine Gewalt zu bekommen. »Ich wüßte wohl einen,
+der uns den Topf öffnen könnte,« sagte der Fuchs schließlich.
+
+»Wen? Wen?« riefen die Krähen, und in ihrem Eifer flatterten sie wieder in
+die Grube hinab.
+
+»Das will ich euch sagen, wenn ihr mir versprecht, ihn mir nachher
+auszuliefern,« sagte der Fuchs.
+
+Und nun erzählte er den Krähen von Däumling und sagte, wenn sie ihn auf die
+Heide hier herausbringen könnten, würde der ihnen den Topf sicher öffnen
+können. Aber als Lohn für diesen Rat verlange er, daß ihm Däumling
+überlassen werde, sobald er den Krähen die Silbermünzen verschafft hätte.
+Die Krähen hatten keinen Grund, Däumling zu verschonen, und gingen ohne
+weitres auf die Bedingung ein.
+
+Dies alles war leicht zu vereinbaren gewesen, schwerer aber war es, zu
+erfahren, wo der Däumling und die Wildgänse sich befanden. Wind-Eile machte
+sich selbst mit fünfzehn Krähen auf den Weg und sagte, er werde bald wieder
+zurück sein. Aber ein Tag um den andern verging, ohne daß die Krähen auf
+dem Krähenhügel auch nur einen Schein von ihm gesehen hätten.
+
+
+Von den Krähen geraubt
+
+ Mittwoch, 13. April
+
+Beim ersten Morgengrauen waren die Wildgänse draußen, um sich etwas Nahrung
+zu verschaffen, ehe sie die Reise nach Ostgötland antraten. Der Holm in der
+Gåsbucht, wo sie geschlafen hatten, war klein und kalt, aber im Wasser
+ringsum wuchsen allerlei Gewächse, an denen sie sich sättigen konnten. Der
+Junge war schlimmer daran, er suchte vergeblich etwas Eßbares für sich.
+
+Als er sich nun hungrig und in der Morgenkühle schnatternd nach allen
+Seiten umsah, fiel sein Blick auf ein paar Eichhörnchen, die auf einer mit
+Bäumen bestandenen Landzunge gerade vor der kleinen Felseninsel spielten.
+Da dachte er, die Eichhörnchen hätten vielleicht noch etwas von ihrem
+Wintervorrat übrig, und er bat den weißen Gänserich, ihn auf die Landzunge
+hinüberzubringen, er wolle die Eichhörnchen um ein paar Haselnüsse bitten.
+
+Der große Weiße schwamm gleich mit ihm über die Meerenge; aber zum Unglück
+waren die Eichhörnchen von ihrem Spiel vollständig in Anspruch genommen,
+sie jagten einander von Baum zu Baum und nahmen sich keine Zeit, den Jungen
+anzuhören, sondern zogen sich im Gegenteil immer tiefer ins Gebüsch hinein.
+Der Junge lief ihnen eilig nach und war bald aus dem Gesichtskreis des
+Gänserichs verschwunden, der ruhig am Strande liegen geblieben war.
+
+Der Junge watete durch einige Wiesen, wo die Anemonen so hoch standen, daß
+sie ihm beinahe bis zum Kinn reichten, da fühlte er sich plötzlich hinten
+angefaßt, und es wurde der Versuch gemacht, ihn aufzuheben. Rasch wendete
+er sich um; da sah er, daß ihn eine Krähe am Halskragen gepackt hatte. Er
+versuchte sich loszureißen; aber ehe ihm dies gelang, eilte noch eine Krähe
+herbei, biß sich in einem von seinen Strümpfen fest und riß ihn zu Boden.
+
+Wenn der Junge sogleich um Hilfe geschrieen hätte, wäre es dem Gänserich
+wohl gelungen, ihn zu befreien, aber der Junge dachte wahrscheinlich, mit
+ein paar Krähen müsse er es allein aufnehmen können. Er schlug und stieß um
+sich; aber die Krähen ließen nicht los, und es gelang ihnen auch wirklich,
+ihre Beute mit sich in die Luft hinaufzunehmen. Sie gingen aber dabei so
+unvorsichtig zu Werke, daß der Kopf des Jungen gegen einen Baum stieß. Er
+bekam einen starken Schlag auf den Wirbel; es wurde ihm schwarz vor den
+Augen, und er verlor das Bewußtsein.
+
+Als der Junge die Augen wieder aufschlug, befand er sich hoch über der
+Erde. Nur langsam kehrte ihm das Gedächtnis zurück, und im Anfang wußte er
+weder, wo er war, noch was er sah. Als er unter sich schaute, glaubte er,
+da unten sei ein ungeheuer großer wolliger Teppich ausgebreitet, der in den
+unregelmäßigsten Mustern von grün und blau gewebt war. Es war ein sehr
+dicker, prachtvoller Teppich, aber der Junge dachte: »Wie schade, daß er so
+verdorben ist!« Denn der Teppich sah geradezu zerfetzt aus, lange Risse
+liefen mitten hindurch, und an einigen Stellen waren große Stücke
+weggerissen. Das merkwürdigste aber war, daß der Teppich über einen Spiegel
+ausgebreitet zu sein schien, denn da, wo die Löcher und Risse waren,
+schimmerte helles, glänzendes Spiegelglas hervor.
+
+Das nächste, was der Junge sah, war die aufgehende Sonne, die sich jetzt
+über dem Horizont zeigte, und siehe da, der Spiegel unter den Löchern und
+Rissen in dem Teppich begann plötzlich in rotem und goldnem Glanze zu
+schimmern. Das sah prachtvoll aus, und der Junge freute sich über das
+schöne Farbenspiel, obgleich er nicht recht begriff, was er eigentlich sah.
+Aber jetzt begannen die Krähen abwärts zu fliegen, und auf einmal entdeckte
+er, daß der große Teppich unter ihm die mit grünen Nadelholzwäldern und
+braunen, kahlen Laubwäldern bedeckte Erde war, die Löcher und Risse aber
+lauter glänzende Fjorde und kleine Seen waren.
+
+Und nun fiel ihm ein, daß er, als er das erstemal auf dem Gänserücken durch
+die Luft geflogen war, geglaubt hatte, der Erdboden in Schonen sei ein
+gewürfeltes Tuch. Doch dieses Land hier, das wie ein zerrissener Teppich
+aussah, wie mochte es wohl heißen?
+
+Eine Menge Fragen gingen ihm durch den Kopf. Warum saß er nicht auf dem
+Rücken des weißen Gänserichs? Warum flog ein großer Schwarm um ihn her? Und
+warum wurde er hierher und dorthin gezerrt und geschleudert, so daß er fast
+hinunterfiel?
+
+Doch plötzlich wurde ihm alles klar. Er war von ein paar Krähen geraubt
+worden. Der weiße Gänserich lag noch am Strand und wartete auf ihn, und die
+Wildgänse wollten heute noch nach Ostgötland weiterreisen; ihn selbst aber
+brachte man fort. Südwestwärts ging es; das erkannte er daran, daß er die
+Sonnenscheibe hinter sich hatte. Ja, und der große Wälderteppich dort
+drunten mußte Småland sein.
+
+»Wie wird es dem weißen Gänserich nun gehen, wenn ich nicht mehr für ihn
+sorgen kann?« dachte der Junge. Er begann den Krähen zuzurufen, sie sollten
+ihn sogleich zu den Wildgänsen zurückbringen. Seiner selbst wegen war er
+jedoch nicht im geringsten beunruhigt, er glaubte, die Krähen hätten ihn
+aus reinem Mutwillen mitgenommen.
+
+Die Krähen aber richteten sich ganz und gar nicht nach seinen Befehlen,
+sondern flogen so schnell als möglich weiter. Aber nach einer Weile schlug
+eine mit den Flügeln auf eine Art, die bei den Krähen bedeutet: »Seht euch
+vor! Gefahr!« Sogleich tauchten alle in einen Fichtenwald unter und drangen
+zwischen riesigen Zweigen hindurch bis hinunter auf den Waldboden. Hier
+angekommen, setzten sie den Jungen unter einer dichten Fichte nieder, wo er
+so gut verborgen war, daß ihn nicht einmal der Blick eines Falken hätte
+entdecken können.
+
+Die Schnäbel auf den Jungen gerichtet, stellten sich fünfzehn Krähen als
+Wache um ihn herum. »Nun, ihr Krähen, werde ich jetzt vielleicht erfahren,
+warum ihr mich geraubt habt?« fragte der Junge.
+
+Aber er hatte kaum ausgeredet, als ihn auch schon eine große Krähe
+anzischte: »Schweig! Oder ich hacke dir die Augen aus!«
+
+Und mit diesem Ausspruch war es der Krähe sicherlich Ernst, darüber konnte
+kein Zweifel herrschen; dem Jungen blieb also nichts andres übrig, als zu
+gehorchen. Schweigend saß er da und starrte die Krähen an, und die Krähen
+starrten ihn an.
+
+Aber je länger er sie betrachtete, desto weniger gefielen sie ihm. Ihr
+Federkleid war schrecklich schmutzig und schlecht geputzt, ganz als ob die
+Krähen von einem Bad oder von Einölen gar nichts wüßten. An ihren Zehen und
+Klauen klebte vertrocknete Erde, und in den Schnabelwinkeln saßen
+Speisereste. Das war ein andrer Schlag Vögel als die Wildgänse, das sah der
+Junge wohl. Sie hatten ein grausames, habsüchtiges, gieriges und freches
+Aussehen, ganz wie richtige Räuber und Landstreicher.
+
+»Da bin ich ja wohl unter ein echtes Räuberpack geraten,« dachte der Junge.
+
+In demselben Augenblick hörte er den Lockruf der Wildgänse über sich: »Wo
+bist du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!«
+
+Er erriet, daß Akka und die andern auf der Suche nach ihm waren; aber ehe
+er antworten konnte, zischte die große Krähe, die der Anführer der Bande zu
+sein schien, ihm ins Ohr: »Denk an deine Augen!« Und es blieb ihm nichts
+andres übrig, als zu schweigen.
+
+Die Wildgänse hatten wohl keine Ahnung, daß der Junge ihnen so nahe war;
+sie waren gewiß nur zufällig über diesen Wald hingeflogen, denn der Junge
+hörte sie nur noch ein paarmal rufen, dann verstummten sie. »Ja, nun mußt
+du dir selbst helfen, Nils Holgersson!« sagte er zu sich selbst. »Nun mußt
+du zeigen, ob du während der in der Wildnis verbrachten Wochen etwas
+gelernt hast.«
+
+Nach einer Weile machten die Krähen Anstalt, aufzubrechen; sie hatten
+offenbar die Absicht, den Jungen noch weiter mitzunehmen, und zwar wieder
+so, daß ihn die eine am Hemdkragen, die andre am Strumpf festhielt. Doch da
+sagte der Junge: »Ist denn keine unter euch stark genug, mich auf ihrem
+Rücken zu tragen? Ihr habt mich schon so mißhandelt, daß ich wie gerädert
+bin. Laßt mich doch reiten, ich werde mich gewiß nicht hinabstürzen, das
+verspreche ich.«
+
+»Glaube nur nicht, daß wir uns darum kümmern, wie es dir geht,« sagte der
+Anführer.
+
+Aber jetzt kam die größte von den Krähen herbei; sie hatte eine weiße Feder
+im Flügel und sagte: »Es wäre gewiß besser für uns alle, Wind-Eile, wenn
+wir Däumling ganz und nicht halb an Ort und Stelle brächten, deshalb will
+ich versuchen, ihn auf meinem Rücken zu tragen.«
+
+»Wenn du es kannst, Fumle-Drumle, dann hab ich nichts dagegen,« sagte
+Wind-Eile. »Aber verliere ihn ja nicht!«
+
+Damit war schon viel gewonnen, und der Junge war wieder ganz vergnügt. »Den
+Mut brauche ich noch nicht zu verlieren, weil mich die Krähen geraubt
+haben,« dachte er. »Mit diesen Gaunern werde ich schon fertig werden.«
+
+Die Krähen flogen in südwestlicher Richtung immer weiter über Småland hin.
+Es war ein herrlicher, sonniger, warmer Morgen, die Vögel auf der Erde
+drunten gingen alle auf Freiersfüßen, sie sangen und zwitscherten ihre
+zärtlichsten Weisen. In einem hohen, dunklen Wald, hoch droben in dem
+Wipfel einer Fichte, saß eine Drossel mit herabhängenden Flügeln und
+aufgeblähtem Hals und sang ein Mal ums andre: »Ach, wie schön bist du! Wie
+wunderbar schön bist du! Niemand ist so schön wie du!« Und sobald sie mit
+diesem Liede zu Ende war, fing sie wieder von vorn an.
+
+Aber gerade zu der Zeit flog der Junge über den Wald hin, und nachdem er
+das Lied ein paarmal mit angehört hatte und merkte, daß die Drossel sonst
+keines konnte, hielt er beide Hände wie eine Trompete vor den Mund und rief
+hinab: »Das haben wir schon früher gehört! Das haben wir schon früher
+gehört!«
+
+»Wer macht sich über mein Lied lustig?« fragte die Drossel und versuchte
+den Sprecher zu entdecken.
+
+»Der von den Krähen Geraubte ist es!« antwortete der Junge.
+
+Da wendete der Krähenhäuptling den Kopf und sagte: »Hüte deine Augen,
+Däumling!«
+
+Aber der Junge dachte: »Ach, was kümmere ich mich darum! Nun gerade will
+ich dir zeigen, daß ich mich nicht fürchte!«
+
+Immer weiter ins Land hinein ging es, und überall gab es Wälder und Seen.
+Auf einem von Birken eingefriedigten Weideplatze saß die Waldtaube auf
+einem kahlen Zweige, und vor ihr stand der Täuberich. Er blies die Federn
+auf, verdrehte den Hals, wiegte den Körper auf und ab, so daß die
+Brustfedern den Zweig streiften, und dazwischen gurrte er: »Du, du, bist
+die schönste im Walde! Keine im Walde ist so schön wie du, du, du!«
+
+Aber oben in den Lüften flog der Junge vorüber, und als er den Täuberich
+hörte, konnte er sich nicht still verhalten. »Glaub ihm nicht! Glaub ihm
+nicht!« rief er hinab.
+
+»Wer, wer, wer ist es, der mich verleumdet?« gurrte der Täuberich und
+versuchte den zu entdecken, der ihm die Worte zugerufen hatte.
+
+»Der von den Krähen Geraubte ist es!« rief der Junge.
+
+Wieder drehte Wind-Eile den Kopf nach dem Jungen und befahl ihm zu
+schweigen; aber Fumle-Drumle, der ihn trug, sagte: »Laß ihn doch schwatzen,
+dann denken die kleinen Vögel, wir Krähen seien gute, freundliche Vögel
+geworden.«
+
+»O, die sind wohl auch nicht so dumm!« entgegnete Wind-Eile; aber der
+Gedanke schmeichelte ihm doch, und von da an ließ er den Jungen rufen, so
+viel er wollte.
+
+Weiter und weiter ging es, meistens über Wälder und Waldwiesen hin, aber
+natürlich kamen hin und wieder auch Kirchen und Dörfer und am Waldesrand
+kleine Häuser. Einmal sahen sie einen alten schönen Herrensitz mit
+rotangestrichenen Mauern und einem steilen Dach mit mehreren Absätzen.
+Dahinter lag der Wald, davor ein See, der Vorplatz war von mächtigen
+Ahornbäumen eingefaßt, und im Garten standen große, vielästige
+Stachelbeerbüsche. Ganz oben auf der Wetterfahne saß ein Star und
+zwitscherte so laut, daß jeder Ton bis zu dem Starenweibchen hinunterdrang,
+das in einem Starenkasten am Birnbaum auf seinen Eiern saß. »Wir haben vier
+kleine Eier!« sang der Star. »Wir haben vier schöne, runde Eier! Wir haben
+das ganze Nest voll prächtiger Eier!«
+
+Der Star sang sein Lied zum tausendsten Mal, als der Junge über den Hof
+hinflog. Da legte er die Hände wie ein Rohr vor den Mund und rief: »Die
+Dohle wird sie holen! Die Dohle wird sie holen!«
+
+»Wer ist es, der mich erschrecken will?« fragte der Star und schlug unruhig
+mit den Flügeln.
+
+»Der Krähenreiter ists, der Krähenreiter!« rief der Junge. Diesmal gebot
+der Krähenhäuptling dem Jungen nicht Schweigen. Er und die ganze Schar
+waren im Gegenteil so lustig, daß sie vor Befriedigung krächzten.
+
+Je weiter sie ins Land hineinkamen, desto größer wurden die Seen, und desto
+mehr Inseln und Landzungen hatten sie. Am Ufer eines Sees stand der
+Enterich und machte tiefe Bücklinge vor der Ente. »Ich will dir treu
+bleiben mein Leben lang! Ich will dir treu bleiben mein Leben lang!«
+erklärte er feierlich.
+
+»Es dauert keinen Sommer lang!« schrie der Junge, der eben vorüberflog.
+
+»Was bist du denn für einer?« rief ihm der Enterich nach.
+
+»Ich heiße Krähenraub!« schrie der Junge.
+
+Um die Mittagszeit ließen sich die Krähen auf einer Waldwiese nieder. Sie
+flogen umher und suchten sich Speise, aber keiner von ihnen fiel es ein,
+auch dem Jungen etwas zu geben. Plötzlich flog Fumle-Drumle mit einem
+wilden Rosenzweig, an dem einige rote Hagebutten saßen, im Schnabel zu dem
+Häuptling hin. »Sieh, was ich dir bringe, Wind-Eile,« sagte er. »Dies ist
+etwas Gutes, das für dich paßt.«
+
+Aber Wind-Eile krächzte verächtlich. »Meinst du, ich wolle alte,
+vertrocknete Hagebutten fressen?«
+
+»Und ich hatte gedacht, du würdest dich darüber freuen,« sagte Fumle-Drumle
+und warf den Zweig in hellem Mißmut weg. Der Zweig aber fiel gerade vor dem
+Jungen nieder, und dieser war nicht faul, ihn aufzuheben und seinen Hunger
+mit den Beeren zu stillen.
+
+Als die Krähen satt waren, begannen sie miteinander zu plaudern. »Woran
+denkst du, Wind-Eile? Du bist heute so still?« sagte eine zu dem Anführer.
+
+»Ich denke daran, daß in dieser Gegend einmal eine Henne lebte, die ihre
+Herrin sehr lieb hatte; und um ihr eine rechte Freude zu machen, legte sie
+ein besonders großes Ei, das sie unter dem Scheunenboden verbarg. So lange
+sie das Ei ausbrütete, freute sie sich immerfort, wie beglückt die Frau
+über das Küchlein sein werde. Die Frau wunderte sich natürlich, wo die
+Henne so lange blieb. Sie suchte überall nach, fand sie aber nicht.
+Langschnabel, kannst du erraten, wer sie fand?«
+
+»Ich glaube, ich kann es erraten, Wind-Eile, und nachdem du dies erzählt
+hast, will ich etwas Ähnliches zum besten geben. Entsinnt ihr euch der
+großen schwarzen Katze im Hinneryder Pfarrhaus? Sie war mit ihrer
+Herrschaft unzufrieden, weil diese ihr immer die neugeborenen Jungen
+wegnahm und ertränkte. Nur ein einziges Mal gelang es der Katze, die
+kleinen Neugeborenen zu verstecken, denn da legte sie sie in eine
+Strohmiete auf dem Acker. Sie war überglücklich mit ihren Jungen, aber ich
+glaube, ich hatte noch mehr Freude an ihnen als sie.«
+
+Jetzt wurden die andern Krähen so eifrig, daß sie einander ins Wort fielen.
+»Ist das eine Kunst, Eier und neugeborene Junge zu stehlen?« rief eine.
+»Ich hab einmal einen jungen, beinahe ausgewachsenen Hasen erjagt. Da galt
+es, ihn von Dickicht zu Dickicht zu verfolgen -- --«
+
+Weiter kam sie nicht, denn schon fiel ihr eine andre ins Wort. »Es mag ja
+ganz lustig sein, Hühner und Katzen zu ärgern, aber viel interessanter
+finde ich es, wenn eine Krähe einem Menschen Verdruß bereiten kann. Ich hab
+einmal einen silbernen Löffel gestohlen -- --«
+
+Aber länger konnte der Junge diese Unterhaltung nicht mit anhören. »Nein,
+hört nun, ihr Krähen, ihr solltet euch schämen,« sagte er, »so viele
+Schlechtigkeiten preiszugeben. Jetzt habe ich drei Wochen bei den
+Wildgänsen zugebracht, aber von ihnen habe ich nur Gutes gehört. Ihr müßt
+einen schlechten Häuptling haben, wenn er euch erlaubt, auf solche Weise zu
+rauben und zu morden. Ihr solltet ein neues Leben anfangen, denn ich sage
+euch, die Menschen sind eurer Bosheit so überdrüssig geworden, daß sie euch
+auszurotten versuchen, koste es, was es wolle. Und dann wird es bald aus
+mit euch sein.«
+
+Als Wind-Eile und die Krähen dies hörten, wurden sie so erbost, daß sie
+sich auf den Jungen stürzten, um ihn zu zerhacken und zu zerreißen. Aber
+Fumle-Drumle lachte und krächzte und stellte sich vor ihn hin. »Nein, nein,
+nein!« wehrte er ab und schien ganz entsetzt zu sein. »Was meint ihr wohl,
+was Wind-Kåra sagen wird, wenn ihr den Däumling umbringt, ehe er uns die
+Silbermünzen verschafft hat?«
+
+»Ja du, du hast wohl Angst vor dem Weibervolk!« rief Wind-Eile. Aber
+jedenfalls ließen er und die andern Krähen Däumling jetzt in Frieden.
+
+Bald darauf zogen die Krähen weiter. Bis dahin hatte der Junge fortwährend
+gedacht, Småland sei doch kein so armes Land, wie ihm gesagt worden war. Es
+war ja wohl dicht bewaldet und voller Bergrücken, aber an den Flüssen und
+Seen lagen bebaute Felder, und eine wirkliche Wildnis hatte er bis jetzt
+noch nicht angetroffen. Aber je tiefer er ins Land hineinkam, desto weiter
+voneinander entfernt waren die Dörfer und Gehöfte, und schließlich war es
+doch, als fliege er über eine wahre Wildnis hin, denn er sah nichts als
+Moore, Heideland und Felsenhügel.
+
+Die Sonne war im Untergehen, aber es war doch noch taghell, als die Krähen
+die mit Heidekraut bewachsene Ebene erreichten. Wind-Eile schickte eine
+Krähe voraus mit der Nachricht, daß ihr Suchen mit Erfolg gekrönt worden
+sei; und als dies bekannt wurde, flogen mehrere hundert Krähen, Wind-Kåra
+an der Spitze, vom Krähenhügel fort und den Ankommenden entgegen. Mitten
+unter dem ohrenzerreißenden Krächzen, das die Krähen bei der gegenseitigen
+Begrüßung ausstießen, sagte Fumle-Drumle zu dem Jungen: »Du bist auf der
+ganzen Reise so lustig und vergnügt gewesen, daß ich dich liebgewonnen
+habe. Deshalb will ich dir jetzt einen guten Rat geben. Sobald wir uns
+niederlassen, trägt man dir eine Arbeit auf, die dir sehr leicht vorkommen
+wird. Aber hüte dich wohl, sie auszuführen.«
+
+Gleich darauf setzte Fumle-Drumle den Jungen in einer Sandgrube nieder. Der
+Junge ließ sich auf den Boden fallen und blieb wie zum Tode ermattet
+liegen. Flügelschlagend, daß es wie ein Sturm brauste, flatterten unzählige
+Krähen um ihn her; aber der Junge machte die Augen nicht auf.
+
+»Steh auf, Däumling!« befahl Wind-Eile. »Du mußt etwas für uns tun, was für
+dich eine Kleinigkeit ist.«
+
+Aber der Junge rührte sich nicht, sondern stellte sich schlafend. Doch ohne
+ein weitres Wort zu verlieren, packte ihn Wind-Eile am Arm und schleppte
+ihn über den Sand zu einem altertümlich geformten tönernen Topf hin, der
+mitten in der Grube stand. »Steh auf, Däumling,« befahl er, »und öffne uns
+den Topf!«
+
+»Warum läßt du mich denn nicht schlafen?« sagte der Junge. »Heute abend bin
+ich zu müde dazu. Wartet bis morgen!«
+
+»Öffne den Topf!« befahl Wind-Eile und schüttelte den Jungen.
+
+Jetzt setzte sich der Junge auf und betrachtete den Topf sehr genau. »Wie
+sollte ich armes Kind einen solchen Topf öffnen können? Er ist ja ebenso
+groß wie ich selbst!«
+
+»Öffne ihn!« befahl Wind-Eile noch einmal. »Sonst geht es dir schlecht!«
+
+Der Junge stand auf, wankte zu dem Topf hin, befühlte den Deckel und ließ
+die Arme sinken. »Ich bin doch sonst nicht so schwach,« sagte er. »Laßt
+mich doch nur bis morgen schlafen, dann werde ich den Deckel gewiß
+aufbringen.«
+
+Doch Wind-Eile war ungeduldig; er sprang vor und pickte den Jungen ins
+Bein. Aber eine solche Behandlung wollte dieser sich nicht gefallen lassen;
+rasch riß er sich los, sprang ein paar Schritte zurück, zog sein Messer aus
+der Scheide und hielt es ausgestreckt vor sich hin.
+
+»Nimm dich in acht, du!« rief er Wind-Eile zu.
+
+Der aber war zu erbittert, um der Gefahr auszuweichen. Ganz blind vor Wut
+stürzte er auf den Jungen zu und direkt in das Messer hinein, das ihm durch
+das eine Auge ins Gehirn hineindrang. Der Junge zog zwar das Messer hastig
+zurück, aber Wind-Eile schlug nur noch ein paarmal mit den Flügeln, dann
+sank er tot zu Boden.
+
+»Wind-Eile ist tot! Der Fremde hat unsern Häuptling Wind-Eile umgebracht!«
+schrien die Krähen, die zunächst standen. Und dann erhob sich ein
+entsetzlicher Lärm; die einen jammerten, die andern schrien nach Rache.
+Alle miteinander, Fumle-Drumle an der Spitze, stürzten oder flatterten auf
+den Jungen zu. Aber wie gewöhnlich benahm sich Fumle-Drumle ganz verkehrt.
+Er flatterte nur mit ausgebreiteten Flügeln über dem Jungen und verhinderte
+dadurch die andern, an ihn heranzukommen und auf ihn loszuhacken.
+
+Jetzt sah der Junge, daß er sich da in eine schlimme Lage gebracht hatte.
+Er konnte den Krähen nicht entfliehen, und nirgends war ein Ort, wo er sich
+hätte verstecken können? Aber dann fiel ihm der tönerne Topf ein. Mit einem
+kräftigen Ruck riß er den Deckel herunter und sprang hinein, um sich darin
+zu verstecken. Aber der Topf war ein schlechter Schlupfwinkel, denn er war
+fast bis zum Rande mit kleinen dünnen Silbermünzen gefüllt, und der Junge
+konnte nicht tief genug hineinkommen. Da beugte er sich vor und begann die
+Münzen herauszuwerfen.
+
+Bis jetzt waren die Krähen in einem dichten Schwarm um ihn hergeflattert
+und hatten versucht, nach ihm zu hacken; als er aber die Münzen herauswarf,
+vergaßen sie auf einmal ihre Rachgier und pickten die Geldstücke eiligst
+auf. Mit vollen Händen warf der Junge Münzen heraus, und alle Krähen, ja
+selbst Wind-Kåra, versuchten sie aufzufangen. Und jede, der es gelang, eine
+Münze zu erhaschen, stürzte in größter Hast auf und davon nach ihrem Nest,
+die Beute dort zu verstecken.
+
+Als der Junge alle Silbermünzen aus dem Topf herausgeworfen hatte, sah er
+auf. Da war nur noch eine einzige Krähe in der Sandgrube, Fumle-Drumle mit
+der weißen Feder im Flügel, der ihn getragen hatte. »Du hast mir einen
+größern Dienst geleistet, als du ahnen kannst, Däumling,« sagte die Krähe
+mit einer ganz andern Stimme und mit ganz anderm Tonfall als vorher, »und
+deshalb will ich dir das Leben retten. Setz dich auf meinen Rücken, dann
+bringe ich dich in ein Versteck, wo du während der Nacht sicher bist.
+Morgen werde ich es dann so einrichten, daß du zu deinen Freunden
+zurückgebracht wirst.«
+
+
+Die Hütte
+
+ Donnerstag, 14. April
+
+Als der Junge am nächsten Morgen erwachte, lag er auf einem Bett, und als
+er vier Wände um sich her und ein Dach über sich sah, glaubte er daheim zu
+sein. »Ob Mutter nicht bald mit dem Kaffee kommt?« murmelte er noch im
+Halbschlaf. Aber dann fiel ihm ein, daß er ganz verlassen in einer Hütte
+auf dem Krähenberg lag, und daß Fumle-Drumle mit der weißen Feder ihn am
+vorhergehenden Abend hierhergetragen hatte.
+
+Dem Jungen taten alle Glieder weh nach der Reise, die er am gestrigen Tage
+gemacht hatte, und das Stilliegen kam ihm deshalb sehr schön vor. Er
+wartete auf Fumle-Drumle, der versprochen hatte, wiederzukommen, ihn zu
+holen. Das Bett war von einem Vorhang aus gewürfeltem Baumwollstoff
+umgeben, der Junge schob ihn zur Seite, um sich in der Stube umzusehen.
+Nein, ein solches Gebäude hatte er sicherlich noch nie gesehen! Die Wände
+bestanden nur aus einer doppelten Reihe Latten, dann kam gleich das Dach.
+Eine Zimmerdecke war nicht da, man konnte bis zum Dachfirst hinaufsehen.
+Die ganze Hütte war so klein, daß sie ihm mehr für solche Wesen, wie er
+jetzt eines war, als für richtige Menschen gemacht zu sein schien; aber der
+Herd und der Kamin waren ganz richtig gebaut und kamen ihm gerade so groß
+vor wie alle, die er früher gesehen hatte. Die Eingangstür auf der einen
+Giebelseite neben dem Herd war so schmal, daß sie beinahe einer Luke glich.
+An der andern Giebelseite war ein niedriges, breites Fenster mit vielen
+kleinen Scheiben. Es waren fast keine beweglichen Möbel im Zimmer, die Bank
+an der einen Langseite und der Tisch am Fenster waren an der Wand
+festgemacht, und desgleichen das große Bett, in dem der Junge lag, sowie
+auch der bunte Wandschrank.
+
+Der Junge hätte gar zu gern gewußt, wem die Hütte gehörte, und warum sie
+unbewohnt sei. Es sah ganz so aus, als ob die abwesenden Bewohner die
+Absicht gehabt hätten, wiederzukommen. Die Kaffeekanne und der Grützentopf
+standen auf dem Herd, und in dem Ofenwinkel lag etwas Brennholz. Der
+Ofenschürer und die Backschaufel standen in einer Ecke, der Spinnrocken war
+auf einen Stuhl gestellt, auf dem Bort über dem Fenster lagen Werg und
+Flachs, ein paar Stränge Garn, ein Talglicht und ein Bund Zündhölzer.
+
+Ja, es sah gerade aus, als ob die Leute, denen die Hütte gehörte,
+zurückzukehren gedächten. In der Bettlade lagen die nötigen Bettstücke, und
+an der Wand waren lange Tuchstreifen befestigt, auf denen drei Reiter zu
+sehen waren, die Kaspar, Melchior und Balthasar hießen. Dieselben Pferde
+und dieselben Reiter waren viele Male abgebildet. Sie ritten in der ganzen
+Stube herum und nahmen ihren Weg sogar bis zu den Dachbalken hinauf.
+
+Aber oben im Dach erblickte der Junge etwas, das ihn eiligst auf die Beine
+brachte. Da oben auf einem Haken hingen ein paar trockne Brotkuchen. Sie
+sahen allerdings etwas schimmelig und alt aus, aber es war doch immerhin
+Brot. Er versetzte ihnen mit der Backschaufel ein paar Schläge, daß ein
+Stück herunterfiel. Schnell stillte er seinen Hunger und stopfte auch seine
+Taschen noch voll damit. Wie unglaublich gut doch Brot schmeckte!
+
+Dann schaute er sich noch einmal in der Stube um, ob er nicht etwas
+entdecke, das ihm nützlich sein könnte! »Ich darf doch wohl das mitnehmen,
+was mir notwendig ist, da sich niemand darum kümmert,« dachte er. Aber das
+meiste, was er sah, war zu groß und zu schwer. Das einzige, was er etwa
+mitnehmen konnte, waren ein paar Zündhölzer.
+
+Er kletterte auf den Tisch hinauf und schwang sich mit Hilfe der Vorhänge
+auf das Brett über dem Fenster. Während er da oben stand und die Zündhölzer
+in sein Säckchen hineinstopfte, flog die Krähe mit der weißen Feder zum
+Fenster herein.
+
+»Nun, da bin ich,« sagte sie und hielt bei dem Tisch an. »Ich konnte nicht
+früher abkommen, weil wir Krähen heute einen neuen Häuptling gewählt
+haben.«
+
+»Wen habt ihr denn gewählt?« fragte der Junge.
+
+»Einen, der keine Räuberei und Ungerechtigkeit dulden wird,« sagte die
+Krähe und reckte sich, daß sie ganz majestätisch aussah. »Garm Weißfeder
+ist gewählt worden, der vorher Fumle-Drumle hieß.«
+
+»Das ist eine gute Wahl,« sagte der Junge, und er gratulierte Fumle-Drumle
+herzlich.
+
+»Ja, du darfst mir wohl Glück wünschen,« sagte Garm; und dann erzählte er
+dem Jungen, was für ein Leben er mit Wind-Eile und Kåra gehabt hätte.
+
+Plötzlich hörte der Junge vor dem Fenster eine Stimme, die ihm bekannt
+vorkam. »Ist er hier?« fragte Smirre, der Fuchs.
+
+»Ja, da drinnen hat er sich versteckt,« antwortete eine Krähenstimme.
+
+»Nimm dich in acht, Däumling!« rief Garm. »Wind-Kåra steht mit dem Fuchs
+draußen, der dich auffressen will!«
+
+Mehr konnte er nicht sagen, denn der Fuchs machte einen Satz gegen das
+Fenster. Die alte, morsche Fensterverkleidung gab nach, und im nächsten
+Augenblick stand Smirre auf dem Tische am Fenster. Den neugewählten
+Häuptling, Garm Weißfeder, der keine Zeit zum Davonfliegen gehabt hatte,
+biß er sofort tot. Dann sprang er auf den Boden hinunter und schaute sich
+nach dem Jungen um.
+
+Dieser versuchte sich hinter einem Garnhaspel zu verstecken, aber Smirre
+hatte ihn schon gesehen und duckte sich zum Sprunge. Ach, die Hütte war so
+gar klein und niedrig, der Junge war keinen Augenblick im Zweifel, daß ihn
+der Fuchs ohne Schwierigkeit erreichen könne! Aber in diesem Augenblick war
+der Junge nicht ohne Verteidigungswaffen. Eilig brannte er ein Zündholz an,
+hielt es an das Wergbündel, und als dieses aufflammte, warf er es auf
+Smirre hinunter. Und als das Feuer auf den Fuchs fiel, wurde dieser von
+einem wahnsinnigen Schrecken erfaßt. Er dachte nicht mehr an den Jungen;
+ohne sich zu besinnen, floh er aus der Hütte hinaus.
+
+Aber es sah aus, als ob der Junge zwar einer Gefahr entgangen sei, jedoch
+nur, um sich in eine größere zu bringen. Von dem Wergbündel, das er nach
+Smirre geworfen hatte, verbreitete sich das Feuer weiter, und schon hatte
+es den Bettumhang ergriffen. Der Junge sprang hinunter und versuchte die
+Flammen zu löschen; aber das Feuer brannte schon zu stark, die Stube füllte
+sich schnell mit Rauch, und Smirre, der vor dem Fenster stehen geblieben
+war, erriet leicht, wie es da drinnen stand. »Na, Däumling,« rief er, »was
+willst du wählen? Gebraten werden oder zu mir herauskommen? Ich möchte dich
+allerdings am liebsten auffressen, aber wenn dich der Tod auf andre Weise
+erreicht, bin ich es auch zufrieden.«
+
+Der Junge war überzeugt, daß der Fuchs recht habe, denn das Feuer griff
+schrecklich schnell um sich. Schon brannte das ganze Bett, vom Boden stieg
+Rauch auf, und an den gemalten Tuchstreifen krochen die Flammen von einem
+Reiter zum andern. Der Junge war auf den Herd hinaufgesprungen und
+versuchte die Klappe zum Backofen zu öffnen; da hörte er plötzlich, daß ein
+Schlüssel in die Tür gesteckt und leise umgedreht wurde. Das mußten
+Menschen sein, und in der Not, in der der Junge sich befand, fürchtete er
+sich nicht, er freute sich nur. Er sah zwei Kinder vor sich; aber zu
+beobachten, was für Gesichter sie machten, als sie die Stube in Flammen
+stehen sahen, dazu ließ er sich keine Zeit, sondern stürzte an ihnen vorbei
+ins Freie.
+
+Weit wagte er jedoch nicht zu laufen, denn er wußte wohl, daß Smirre ihm
+auflauerte, und daß er am besten tat, sich in der Nähe der Kinder
+aufzuhalten. Er wendete den Kopf, um zu sehen, wie sie aussähen; aber er
+hatte sie noch keine Sekunde betrachtet, als er auch schon auf sie
+zustürzte und ausrief: »Guten Tag, Åsa! Guten Tag, Klein-Mats!«
+
+Denn als der Junge die Kinder erkannte, vergaß er vollständig, wo er sich
+befand. Die Krähen, die brennende Hütte und die sprechenden Tiere
+verschwanden aus seinem Gedächtnis. In Westvemmenhög auf einem Stoppelfelde
+hütete er seine Gänse, auf dem Felde daneben wanderten die beiden
+småländischen Kinder mit den ihrigen; und sobald er die Kinder sah, sprang
+er auf das Steinmäuerchen und rief: »Guten Tag, Gänsehirtin Åsa! Guten Tag,
+Klein-Mats!«
+
+Als aber die beiden Kinder einen kleinen Knirps mit ausgestreckten Händen
+auf sich zulaufen sahen, faßten sie sich gegenseitig an, wichen ein paar
+Schritte zurück und sahen zum Tod erschrocken aus.
+
+Und als der Junge ihren Schrecken wahrnahm, kam er zu sich und erinnerte
+sich, wer er war. Und da meinte er, es könnte ihm nichts Schlimmeres
+passieren, als wenn ihn gerade diese Kinder in seiner verhexten Gestalt
+sähen. Die Scham und der Kummer darüber, daß er kein Mensch mehr war,
+überwältigten ihn. Er wendete sich um und entfloh, wohin, das wußte er
+selbst nicht.
+
+Aber siehe da, draußen auf der Heide, was begegnete ihm da Gutes? Aus dem
+Heidekraut schimmerte etwas Weißes hervor, und ihm entgegen kamen der weiße
+Gänserich und Daunenfein. Als der Weiße ihn in solcher Hast daherrennen
+sah, glaubte er, daß der Junge von gefährlichen Feinden verfolgt würde. In
+aller Eile hob er ihn auf seinen Rücken und flog mit ihm davon.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+17
+
+Die alte Bauernfrau
+
+
+ Donnerstag, 14. April
+
+Drei müde Wanderer waren spät am Abend noch unterwegs und suchten sich eine
+Nachtherberge. Sie befanden sich in einer armen einsamen Gegend des
+nördlichen Smålands, und doch hätte sich ein solches Ruheplätzchen, wie sie
+es wünschten, eigentlich finden lassen müssen, denn es waren keine
+verwöhnten Schwächlinge, die nach weichen Betten oder wohleingerichteten
+Zimmern fragten.
+
+»Wenn nur einer von diesen langen Bergrücken einen so steilen, hohen Gipfel
+hätte, daß ein Fuchs an keiner Seite hinaufklettern könnte, dann hätten wir
+einen guten Schlafplatz!« sagte einer von ihnen.
+
+»Wenn ein einziges von den großen Mooren aufgefroren und so weich und naß
+wäre, daß sich ein Fuchs nicht darauf hinauswagte, dann wäre das auch ein
+recht guter Nachtaufenthalt,« sagte der zweite.
+
+»Wenn nur an einem der zugefrorenen Seen, an denen wir vorbeikamen, das Eis
+vom Ufer ganz losgelöst wäre, so daß kein Fuchs vom Lande aus hinüber
+gelangen könnte, dann hätten wir das, was wir suchen,« sagte der dritte.
+
+Das Schlimmste aber war, daß zwei von den Reisenden nach Sonnenuntergang
+furchtbar schläfrig wurden und sich kaum noch aufrecht halten konnten.
+Deshalb wurde der dritte, der auch nachts wachen konnte, bei der
+zunehmenden Dunkelheit mit jedem Augenblick unruhiger. »Es ist doch
+wirklich ein Unglück,« dachte er. »Nun sind wir in ein Land geraten, wo die
+Seen und Moore mit Eis bedeckt daliegen, so daß der Fuchs überall
+hinübergelangen kann. An andern Orten ist das Eis ganz geschmolzen; aber
+jetzt sind wir wohl in dem kältesten Småland, wo der Frühling seinen Einzug
+noch nicht gehalten hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll, um einen guten
+Schlafplatz ausfindig zu machen. Wenn ich nicht einen Ort erreiche, wo wir
+wohlbeschützt sind, fällt Smirre über uns her, ehe der Morgen anbricht.«
+
+Er sah sich nach allen Seiten um; aber nirgends fand sich ein Platz, der
+ihm passend erschienen wäre. Ach, und es war ein trüber kalter Abend mit
+Wind und Sprühregen! Immer unheimlicher und unbehaglicher wurde es ringsum.
+
+Es mag einem sonderbar vorkommen, aber die Reisenden schienen ganz und gar
+keine Lust zu haben, in irgend einem Hof um Obdach zu bitten. Sie waren
+schon an vielen Kirchspielen vorübergekommen, ohne an einer einzigen Tür
+anzuklopfen. Selbst die kleinen Schutzhütten am Waldesrand, bei deren
+Anblick alle armen Wanderer freudig aufatmen, schienen ihnen nicht zu
+gefallen. Man hätte sich schließlich versucht fühlen können, zu sagen, es
+geschehe ihnen ganz recht, wenn sie in Not seien, da sie ja die Hilfe, die
+ihnen geboten werde, nicht annehmen wollten.
+
+Als es aber endlich so dunkel geworden war, daß kaum noch ein heller
+Streifen am Himmel zu sehen war, und die beiden, die sich des Schlafes
+nicht erwehren konnten, im Halbschlummer weiter wanderten, kamen sie an
+einen Bauernhof, der fern von allen andern Höfen ganz einsam dalag. Und er
+lag nicht allein einsam da, sondern sah auch aus, als sei er vollständig
+unbewohnt. Aus dem Schornstein stieg kein Rauch auf, aus den Fenstern drang
+kein Lichtschein heraus, kein Mensch war auf dem Hofplatze zu sehen. Als
+nun der eine, der sich auch nachts wach halten konnte, den Hof sah, dachte
+er: »Nun mag es gehen, wie es will, aber hier müssen wir hineinzukommen
+versuchen. Etwas Besseres finden wir wahrscheinlich doch nicht.«
+
+Gleich darauf standen alle drei auf dem Hofplatze. Die beiden Schläfrigen
+schliefen wirklich ein, sobald sie anhielten, der dritte aber spähte eifrig
+umher, um herauszufinden, wo sie am besten unterkommen könnten. Der Hof war
+durchaus nicht klein; außer dem Wohngebäude, dem Pferde- und Viehstall, war
+noch eine lange Reihe von andern Wirtschaftsgebäuden, Scheunen, Lagerräumen
+und Geräteschuppen zu sehen. Aber alles sah schrecklich ärmlich und
+heruntergekommen aus; die Häuser hatten graue, moosbewachsene, schiefe
+Mauern, die einzufallen drohten. Die Dächer zeigten gähnende Löcher, und
+die Türen hingen schräg in ihren zerbrochenen Angeln. Offenbar hatte sich
+seit langer Zeit niemand mehr die Mühe gegeben, hier auch nur einen Nagel
+einzuschlagen.
+
+Indessen aber hatte der von den Reisenden, der wach war, ausfindig gemacht,
+welches von den Gebäuden der Viehstall sein mußte. Er rüttelte die beiden
+andern auf und führte sie zu der Stalltür hin. Glücklicherweise war sie nur
+mit einem Haken zugemacht, den man mit einem Stecken leicht zurückschieben
+konnte. In dem Gedanken, daß sie nun bald alle in Sicherheit seien, stieß
+der Anführer der drei Wanderer einen Seufzer der Erleichterung aus; als
+aber die Stalltür laut knarrend aufging, hörte er plötzlich eine Kuh
+brüllen. »Kommt Ihr nun endlich, Mutter?« sagte die Kuh. »Ich glaubte
+schon, Ihr würdet mir heute gar kein Futter bringen.«
+
+Als er merkte, daß der Stall nicht leer war, blieb der wache Wanderer ganz
+erschrocken in der Tür stehen. Doch bald faßte er wieder Mut, denn er sah,
+daß nur eine Kuh und drei oder vier Hühner da waren.
+
+»Wir sind drei arme Reisende, die eine Nachtherberge suchen, wo uns kein
+Fuchs überfallen und kein Mensch fangen kann,« sagte er. »Wir möchten wohl
+wissen, ob dies ein guter Platz für uns wäre.«
+
+»Das glaube ich gewiß,« antwortete die Kuh. »Die Wände sind zwar schlecht,
+aber bis jetzt ist noch nie ein Fuchs hereingedrungen, und auf dem Hofe
+wohnt niemand als eine alte Frau, die gewiß nicht imstande ist, jemand zu
+fangen. Aber was seid ihr für Leute?« fuhr sie fort und drehte den Kopf, um
+die Eingetretenen sehen zu können.
+
+»Ach, ich bin Nils Holgersson aus Westvemmenhög, der in ein Wichtelmännchen
+verwandelt worden ist,« antwortete der erste der Reisenden. »Ich habe eine
+zahme Gans bei mir, auf der ich gewöhnlich reite, und außerdem auch noch
+eine Graugans.«
+
+»So liebe Gäste sind noch nie innerhalb meiner vier Wände gewesen,« sagte
+die Kuh. »Ich heiße euch willkommen, obgleich ich fast noch lieber gesehen
+hätte, wenn meine Hausmutter mit meinem Nachtessen gekommen wäre.«
+
+Der Junge geleitete nun die Gänse in den recht großen Stall hinein und
+brachte sie in einem leeren Stand unter, wo sie auch gleich wieder
+einschliefen.
+
+Sich selbst machte er ein kleines Häufchen Stroh zurecht und dachte nicht
+anders, als daß er auch gleich einschlafen werde.
+
+Aber daraus wurde nichts, denn die arme Kuh, die kein Futter bekommen
+hatte, verhielt sich keinen Augenblick ruhig. Sie rasselte mit ihrer
+Halskette, drehte sich in ihrem Stande hin und her und klagte, wie hungrig
+sie sei. Der Junge konnte kein Auge schließen; wachend lag er auf seinem
+Häuflein Stroh und dachte an alles, was er in den letzten Tagen erlebt
+hatte. Da war zuerst das unerwartete Zusammentreffen mit dem Gänsemädchen
+Åsa und Klein-Mats, und er grübelte darüber nach, ob wohl die kleine Hütte
+in Småland, die er angezündet hatte, die Hütte der beiden Kinder gewesen
+sei. Er konnte sich ja wohl erinnern, daß sie gerade von so einem Häuschen
+an der großen Heide erzählt hatten. Sie waren also miteinander gekommen,
+ihre Heimat wiederzusehen, und als sie endlich dahingelangt waren, hatte
+sie in Flammen gestanden. Ach, welch ein großer Schmerz mußte das für sie
+gewesen sein! Und er, er war schuld daran! Es tat ihm schrecklich leid, und
+er gelobte sich, wenn er je wieder ein Mensch würde, sich alle Mühe zu
+geben, sie für den Verlust und die Enttäuschung schadlos zu halten.
+
+Dann kehrten seine Gedanken zu den Krähen zurück, und als er an
+Fumle-Drumle dachte, der ihn gerettet, aber in demselben Augenblick, wo er
+zum Häuptling gemacht worden war, den Tod erlitten hatte, da wurde der
+Junge tief betrübt, und die Tränen traten ihm in die Augen. Ja, er hatte es
+recht schwer gehabt in den letzten Tagen. Aber ein großes Glück war ihm
+doch widerfahren -- der Gänserich und Daunenfein hatten ihn gefunden.
+
+Der Gänserich hatte ihm dann alles erzählt. Sobald die Wildgänse gemerkt
+hatten, daß Däumling verschwunden war, hatten sie alle die kleinen Tiere
+des Waldes nach ihm gefragt, und da hatten sie bald erfahren, daß eine
+Schar småländischer Krähen ihn fortgeführt habe. Die Krähen waren aber
+schon außer Sehweite gewesen, und niemand hatte gewußt, wohin sie sich
+gewandt hatten. Um nun den Jungen so schnell als möglich wiederzufinden,
+hatte Akka den Wildgänsen befohlen, sich zu zerstreuen und immer zwei und
+zwei zusammen nach allen Seiten hin zu suchen. Wenn sie zwei Tage lang
+gesucht hätten, sollten sie, ob sie ihn gefunden hätten oder nicht, im
+nordwestlichen Småland auf einem hohen Berggipfel, der einem jäh
+abgebrochenen Turm glich und Taberg hieß, wieder zusammentreffen. Und
+nachdem Akka ihnen noch die besten Wegzeichen angegeben und ihnen
+beschrieben hatte, wie sie den Taberg finden könnten, hatten die Gänse sich
+getrennt.
+
+Der weiße Gänserich hatte sich Daunenfein als Reisegefährten gewählt. Aufs
+höchste besorgt waren sie da und dorthin geflogen, und wie sie so
+umhergeirrt waren, hatten sie eine Amsel in einem Baumwipfel klagen und
+schelten hören, weil sie von einem, der sich Krähenraub genannt habe,
+verspottet worden sei. Die beiden hatten die Amsel ausgefragt, und sie
+hatte ihnen gezeigt, in welcher Richtung dieser »Krähenraub« gereist war.
+Später waren sie einem Täuberich begegnet, sowie einem Star und einer
+Wildente, die sich alle über einen Übeltäter beklagt hatten, der sie in
+ihrem Gesang unterbrochen und sich Krähenraub, Krähenbeute und
+Krähendiebstahl geheißen habe. Auf diese Weise hatten der Gänserich und
+Daunenfein die Spur des Däumlings bis zu der mit Heidekraut bewachsenen
+Heide im Bezirk Sunnerbo verfolgen können.
+
+Sobald nun die beiden Däumling gefunden hatten, waren alle drei in
+nördlicher Richtung weitergezogen, um den Taberg zu erreichen. Aber das war
+ein sehr weiter Weg, und die Dunkelheit hatte sie überfallen, ehe sie den
+Berggipfel hatten wahrnehmen können. »Aber wenn wir nur morgen hinkommen,
+dann hat alle Not ein Ende,« dachte der Junge und bohrte sich tiefer in das
+Stroh hinein, um es wärmer zu haben.
+
+Die Kuh hatte sich indessen nicht beruhigt, und jetzt begann sie plötzlich
+mit dem Jungen zu sprechen. »Hat nicht einer von euch vorhin gesagt, er sei
+ein Wichtelmännchen? Wenn er wirklich eines ist, versteht er wohl auch,
+eine Kuh zu versorgen?«
+
+»Was fehlt dir denn?« fragte der Junge.
+
+»Alles mögliche fehlt mir,« antwortete die Kuh. »Ich bin weder gemolken
+noch versorgt worden, habe kein Futter für die Nacht und keine Streu unter
+mir. Die Hausmutter kam in der Dämmerung zu mir in den Stall, um mich wie
+gewöhnlich zu versorgen, aber sie fühlte sich so krank, daß sie sogleich
+wieder hineingehen mußte, und seither ist sie nicht wiedergekommen.«
+
+»Da ist es recht schade, daß ich so klein und schwach bin,« sagte der
+Junge, »denn ich werde dir leider nicht helfen können.«
+
+»Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, du seiest schwach, weil du so
+klein bist?« sagte die Kuh. »Alle die Wichtelmännchen, von denen ich je
+gehört habe, waren so stark, daß sie ein ganzes Fuder Heu tragen und eine
+Kuh mit einem einzigen Faustschlag töten konnten.«
+
+Unwillkürlich mußte der Junge lachen. »Das waren Wichtelmännchen von einer
+andern Sorte als ich!« rief er. »Aber ich will deine Halskette lösen und
+die Stalltür aufmachen, dann kannst du hinausgehen und deinen Durst an
+einer der Wasserpfützen löschen. Und dann will ich sehen, ob ich auf den
+Heuboden hinaufklettern und Heu in deine Krippe hinunterwerfen kann.«
+
+»Ja, das wäre doch immerhin etwas,« sagte die Kuh.
+
+Der Junge tat, wie er gesagt hatte; und als die Kuh eine volle Krippe vor
+sich hatte, hoffte er endlich selbst schlafen zu dürfen. Aber kaum hatte er
+es sich auf seinem Lager bequem gemacht, als die Kuh wieder mit ihm zu
+sprechen begann.
+
+»Du wirst gewiß ärgerlich über mich, wenn ich dich um etwas bitte,« sagte
+sie.
+
+»Gewiß nicht,« antwortete der Junge, »wenn es nur etwas ist, was ich tun
+kann.«
+
+»Dann sei so gut und geh in das Haus hier über dem Hof gerade gegenüber und
+sieh nach, wie es der Hausmutter geht. Ich fürchte, es ist ihr ein Unglück
+zugestoßen.«
+
+»Nein, das kann ich nicht, denn ich habe nicht den Mut, mich vor den
+Menschen sehen zu lassen.«
+
+»Vor einer alten, kranken Frau wirst du dich doch nicht fürchten?« sagte
+die Kuh. »Und du brauchst nicht einmal zu ihr in die Stube hineinzugehen.
+Stell dich nur vor die Tür und schau zu dem Türspalt hinein.«
+
+»Ja, wenn du weiter nichts verlangst, kann ich es ja tun,« sagte der Junge.
+
+Damit öffnete er die Stalltür und trat auf den Hofplatz hinaus. Es war eine
+schreckliche Nacht, um draußen zu sein. Weder Mond noch Sterne leuchteten,
+der Wind heulte, und der Regen prasselte hernieder. Das Schlimmste aber
+war, daß sieben große Eulen auf dem Dachfirst des Wohnhauses saßen. Wie
+schauerlich war es für den Jungen, sie da droben krächzen und über das
+schlechte Wetter klagen zu hören! Aber noch schrecklicher war ihm doch das
+Bewußtsein, daß es um ihn geschehen sei, sobald auch nur eine von ihnen ihn
+erblicke.
+
+»Ja, wer klein ist, der ist zu bedauern,« sagte der Junge, als er auf den
+Hof trat. Und er hatte ein Recht, so zu sprechen. Zweimal wurde er vom
+Sturm umgeblasen, ehe er das Wohnhaus erreichte, und einmal fegte ihn ein
+Windstoß in einen Wassertümpel hinein, in dem er beinahe ertrunken wäre.
+Aber schließlich erreichte er doch sein Ziel.
+
+Als er vor dem Hause angekommen war, kletterte er ein paar Stufen hinauf,
+stieg mühselig über eine Schwelle hinüber und gelangte in den Flur. Die
+Zimmertür war geschlossen, aber in der einen Ecke war ein großes Stück
+herausgesägt, damit die Katze aus und eingehen könnte. Das Hineingucken in
+die Stube fiel also dem Jungen durchaus nicht schwer.
+
+Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, als er auch schon
+erschrocken den Kopf zurückbog. Auf dem Boden da drinnen lag eine alte
+grauhaarige Frau. Sie rührte sich nicht und stöhnte auch nicht, und ihr
+Gesicht sah merkwürdig weiß aus. Es war, als ob ein unsichtbarer Mond einen
+bleichen Schein darauf werfe.
+
+Da tauchte in dem Jungen eine Erinnerung auf. Als sein Großvater starb, war
+dessen Gesicht gerade auch so sonderbar weiß geworden. Die alte Frau, die
+da drinnen auf dem Boden lag, mußte tot sein. Sie hatte wohl einen Schlag
+bekommen, und der Tod hatte sie so rasch ereilt, daß sie sich nicht einmal
+mehr zu Bett hatte legen können.
+
+Der Junge erschrak fürchterlich; mitten in der stockfinstern Nacht war er
+ganz allein mit einer Toten. Hals über Kopf stürzte er über die Schwelle
+und die Treppe hinunter und lief in größter Eile in den Stall zurück.
+
+Als er der Kuh erzählt hatte, was er in der Stube gesehen, hörte sie auf zu
+fressen. »So, so, die Hausmutter ist tot,« sagte sie. »Dann wird es auch
+mit mir bald aus sein.«
+
+»Es wird schon jemand kommen, der Euch versorgt,« sagte der Junge tröstend.
+
+»Ach,« sagte die Kuh, »du weißt nicht, daß ich schon doppelt so alt bin,
+als eine Kuh sonst zu werden pflegt, ehe sie auf die Schlachtbank gelegt
+wird. Aber wenn mich meine gute Hausmutter nicht mehr versorgen kann, habe
+ich auch gar kein Verlangen, noch länger zu leben.«
+
+Eine Weile schwieg sie; aber der Junge merkte wohl, daß sie weder schlief
+noch fraß. Und es dauerte auch nicht lange, da begann die Kuh von neuem:
+»Liegt sie auf dem Boden?«
+
+»Ja, mitten in der Stube,« antwortete der Junge.
+
+»Wenn sie hier im Stall war, sprach sie immer von allem, was sie
+bekümmerte,« fuhr die Kuh fort. »Ich verstand alles, was sie sagte,
+obgleich ich ihr nicht antworten konnte. Und gerade in den letzten Tagen
+sagte sie, sie fürchte, wenn es bei ihr ans Sterben gehe, werde niemand bei
+ihr sein. Niemand werde ihr die Augen zudrücken, niemand ihr die Hände auf
+der Brust falten, wenn sie tot sei. Möchtest du nun nicht hinübergehen und
+dies tun?«
+
+Der Junge war unentschlossen. Er erinnerte sich, daß seine Mutter den
+Großvater, als er gestorben war, sehr fürsorglich zurecht gelegt hatte. Und
+er wußte, daß dies etwas war, was man tun mußte. Aber er fühlte auch, daß
+er nicht den Mut habe, mitten in dieser schauerlichen Nacht zu der Toten
+hinüberzugehen. Er gab der Kuh keine abschlägige Antwort, aber er machte
+auch keinen Schritt in der Richtung der Stalltür.
+
+Das alte Tier verhielt sich eine Weile stumm, als ob es auf Antwort
+wartete, und als der Junge fortgesetzt schwieg, wiederholte es seine Bitte
+nicht; statt dessen begann es dem Jungen von seiner Hausmutter zu erzählen.
+
+Und wie viel war doch da zu erzählen! In allererster Linie von allen den
+Kindern, die sie aufgezogen hatte. Die Kinder waren ja jeden Tag in den
+Stall gekommen, und im Sommer waren sie mit dem Vieh auf das Moor und die
+Weideplätze gezogen. Die alte Kuh hatte alle genau gekannt, und es waren
+lauter gesunde, fröhliche, fleißige Kinder gewesen. »Ja, ja, das Vieh weiß
+sehr gut, ob die Hirten tüchtig sind,« sagte die Kuh.
+
+Und ebensoviel hatte sie von dem Hof zu berichten. Er war nicht immer so
+armselig gewesen wie jetzt. Ein sehr ausgedehntes Besitztum war es,
+obgleich es zum größten Teil aus Moor und steinigem Heideland bestand und
+nicht viel Platz zu Äckern vorhanden war; aber als Viehweide war es überall
+ausgezeichnet. Zu einer Zeit hatte in dem ganzen langen Stallgebäude in
+jedem Stand eine Kuh ihren Platz gehabt, und der jetzt ganz leere
+Ochsenstall war voll schöner Ochsen gewesen. Und damals hatte im Wohnhaus
+und im Stall eitel Lust und Freude geherrscht. Wenn die Hausmutter die
+Stalltür öffnete, sang und trällerte sie, und alle Kühe brüllten vor
+Freude, wenn sie sie kommen hörten.
+
+Aber der Hausherr war gestorben, als die Kinder noch klein waren und sich
+noch nicht nützlich machen konnten. Die Frau hatte den Hof übernehmen
+müssen mit all seiner Arbeit und all seiner Sorge. Sie war stark wie ein
+Mann und pflügte und erntete. Wenn sie am Abend zum Melken in den Stall
+kam, war sie bisweilen müde und weinte. Aber sobald sie an ihre Kinder
+dachte, wurde sie wieder froh. Dann wischte sie sich die Tränen aus den
+Augen und sagte: »Das tut nichts, sobald meine Kinder erwachsen sind,
+bekomme auch ich gute Tage. Ja, wenn nur sie heranwachsen!«
+
+Doch sobald die Kinder erwachsen waren, überfiel diese eine ganz
+eigentümliche Sehnsucht. Sie wollten nicht daheim bleiben, und so zogen sie
+fort in ein fremdes Land. Die Mutter bekam keine Hilfe. Einige der Kinder
+hatten sich verheiratet, ehe sie weggezogen waren, und diese ließen ihre
+kleinen Kinder bei der Großmutter zurück. Und gerade wie früher ihre
+Kinder, so begleiteten jetzt die Enkel die Frau in den Stall. Sie hüteten
+die Kühe, und es waren auch lauter gute, gesunde Menschenkinder. Und
+abends, wenn die Frau gar so müde war, daß sie beim Melken fast einschlief,
+rüttelte sie sich doch wieder auf und faßte neuen Mut, sobald sie an die
+Enkelkinder dachte. »Auch ich bekomme noch gute Tage,« sagte sie, »wenn sie
+einmal herangewachsen sind.«
+
+Aber als diese Kinder herangewachsen waren, zogen auch sie fort, hinüber zu
+den Eltern in das fremde Land. Keines kehrte zurück, keines blieb daheim.
+Die alte Frau war schließlich ganz allein auf dem Hof.
+
+Sie bat auch niemals, daß eines bei ihr bleibe. »Meinst du denn, Rotkopf,
+ich hätte das Herz, sie zu bitten, bei mir zu bleiben, wenn sie es draußen
+in der Welt besser bekommen können?« pflegte sie zu sagen, wenn sie neben
+der alten Kuh in deren Stand stand. »Hier in Småland steht ihnen ja nichts
+als Armut bevor.«
+
+Als aber das letzte Enkelkind fortgezogen war, war auch die Frau am Ende
+ihrer Kräfte. Sie wurde auf einmal gebückt und grauhaarig und ging gar
+mühselig, als ob sie sich kaum noch von der Stelle bewegen möchte. Und dann
+hörte sie auf zu arbeiten. Die Fürsorge für den Hof wurde ihr gleichgültig,
+und sie ließ fünf gerade sein. Sie ließ das Gebäude verfallen und verkaufte
+die Ochsen und Kühe. Nur die alte Kuh, die jetzt mit Däumling sprach,
+behielt sie. Diese ließ sie am Leben, weil alle die Kinder mit ihr auf die
+Weide gezogen waren.
+
+Sie hätte sich ja wohl Knechte und Mägde zur Hilfe halten können, aber seit
+die eignen Kinder sie verlassen hatten, mochte sie keine Fremden um sich
+sehen. Und vielleicht war es ihr gerade recht, wenn der Hof verfiel, da ja
+keines der Kinder ihn je übernehmen würde. Sie kümmerte sich nicht darum,
+ob sie selbst verarmte, weil sie nicht mehr für ihr Eigentum sorgte. Nur
+eins fürchtete sie, daß die Kinder erfahren könnten, wie schlecht es um sie
+stünde. »Daß es nur die Kinder nicht erfahren! Daß es nur die Kinder nicht
+erfahren!« seufzte sie, wenn sie mit unsichern Schritten durch den Stall
+ging.
+
+Die Kinder schrieben beständig und baten sie, zu ihnen zu kommen, aber das
+wollte sie nicht. Sie wollte das Land nicht sehen, das ihr die Kinder
+genommen hatte. Sie war böse auf das Land. »Es ist wohl dumm von mir, daß
+ich es nicht leiden kann, das Land, das gut gegen sie gewesen ist,« sagte
+sie, »aber ich will es nicht sehen.«
+
+Sie dachte an nichts als an die Kinder, und daran, daß sie in ein fremdes
+Land hatten ziehen müssen. Im Sommer führte sie die Kuh zur Weide hinaus
+auf das große Moor. Sie selbst saß den lieben langen Tag am Rande des
+Moors, die Hände im Schoß, und wenn sie heimging, sagte sie: »Siehst du,
+Rotkopf, wenn hier anstatt des unfruchtbaren Moorlandes große, fette Äcker
+gewesen wären, dann hätten sie nicht fortzuziehen brauchen.«
+
+Sie konnte sich in einen wahren Zorn über das Moor hineinreden, das sich so
+groß vor ihr ausbreitete und doch von keinem Nutzen war. Und oftmals sagte
+sie auch, ihr Mann sei schuld daran, daß die Kinder von ihr fortgezogen
+seien.
+
+Am letzten Abend war sie zittriger und schwächer gewesen als je vorher.
+Nicht einmal zum Melken hatte sie die Kraft gehabt. Über den Stand gebeugt
+erzählte sie von zwei Bauern, die dagewesen seien und ihr das Moor hätten
+abkaufen wollen. Sie hätten Ablaufgräben hindurchziehen, dann Getreide
+darein säen und ernten wollen. Diese Nachricht hatte die alte Frau froh und
+ängstlich zugleich gemacht. »Hör nur, Rotkopf,« sagte sie, »hör nur, sie
+sagten, auf dem Moor könnte Roggen wachsen. Jetzt will ich den Kindern
+schreiben, sie sollen heimkommen. Sie brauchten nicht länger fortzubleiben,
+denn jetzt könnten sie ihr tägliches Brot daheim gewinnen.«
+
+Um diesen Brief zu schreiben, war sie in ihre Stube gegangen -- -- --
+
+Der Junge hörte nicht mehr, was die alte Kuh noch erzählte. Er öffnete die
+Stalltür und ging über den Hof in die Stube zu der Toten, vor der er sich
+vorhin so gefürchtet hatte.
+
+An der Tür hielt er an und sah sich um.
+
+Es sah in der Stube nicht so ärmlich aus, wie er erwartet hatte. Es waren
+viele solche Dinge da, wie die Leute sie zu haben pflegen, die Verwandte in
+Amerika haben. In einer Ecke stand ein amerikanischer Schaukelstuhl, auf
+dem Tisch am Fenster lag eine schöne Plüschdecke, und eine andre schöne
+Decke war über das Bett gebreitet. An den Fenstern hingen in reich
+geschnitzten Rahmen die Photographien der fortgezogenen Kinder und Enkel,
+auf der Kommode standen hohe Vasen und ein paar Leuchter mit dicken
+gedrehten Kerzen.
+
+Der Junge suchte eine Zündholzschachtel und zündete die beiden Kerzen an;
+nicht weil er noch besser zu sehen wünschte, sondern weil er wußte, daß
+dies eine Sitte war, womit man die Toten ehrte.
+
+Dann trat er zu der Toten, drückte ihr sanft die Augen zu, faltete ihr die
+Hände auf der Brust und strich ihr das dünne graue Haar aus dem Gesicht.
+
+Er dachte gar nicht mehr an Furcht, er war im Gegenteil von Mitleid erfüllt
+und tief betrübt, daß die alte Frau auf ihre alten Tage so verlassen
+gewesen war und so bitteres Heimweh gelitten hatte. Diese eine Nacht
+wenigstens wollte er bei ihrem toten Körper Wache halten.
+
+Er suchte nach dem Gesangbuch und begann einige Lieder halblaut zu lesen.
+Aber da hörte er mitten in einem Lied auf, denn er hatte plötzlich an seine
+Eltern denken müssen.
+
+Nein, daß sich Eltern so nach ihren Kindern sehnen können! Das hatte er ja
+noch gar nicht gewußt. Nein, daß das Leben für sie zu Ende sein sollte,
+wenn die Kinder nicht mehr da sind! Wie, wenn sich nun seine Eltern daheim
+auch so nach ihm sehnten, wie die Alte hier sich nach ihren Kindern gesehnt
+hatte?
+
+Der Gedanke machte ihn froh, aber er wagte nicht daran zu glauben. Er war
+nicht so gewesen, daß jemand nach ihm Heimweh haben könnte.
+
+Aber was nicht war, das konnte vielleicht noch werden!
+
+Ringsum im Zimmer sah er die Bilder der fernen Kinder. Bilder von großen,
+starken Männern und Frauen mit ernsten Gesichtern, Bräute in langen
+Schleiern, Herren in feinen Anzügen, und Kinder mit lockigem Haar und in
+schönen weißen Kleidern! Und ihm war, als starrten sie alle nur ins Blaue
+hinein und wollten nichts sehen.
+
+»Ihr Armen!« sagte er. »Eure Mutter ist tot. Ihr könnt nicht mehr gut
+machen, daß ihr sie verlassen habt. Aber meine Mutter lebt.«
+
+Hier hielt er inne; er mußte lächeln. »Ja, meine Mutter lebt,« sagte er.
+»Alle beide leben, Vater und Mutter.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+18
+
+Von Taberg nach Huskvarna
+
+
+ Freitag, 15. April
+
+Der Junge wachte fast die ganze Nacht hindurch, aber gegen Morgen schlief
+er ein, und da träumte er von seinem Vater und seiner Mutter. Er konnte sie
+kaum wieder erkennen, denn sie hatten beide graues Haar bekommen, und ihre
+Gesichter waren alt und runzlig geworden. Er fragte sie, woher das komme,
+und sie sagten, sie seien so gealtert, weil sie so bittres Heimweh nach ihm
+gehabt hätten. Dies rührte ihn, aber es verwunderte ihn auch, denn er hatte
+immer geglaubt, sie würden sich nur freuen, ihn los zu sein.
+
+Als der Junge erwachte, war es Morgen und helles schönes Wetter draußen.
+Zuerst aß er selbst ein Stück Brot, das er in der Stube fand, dann gab er
+der Kuh und den Gänsen ihr Morgenfutter, zuletzt machte er die Stalltür auf
+und sagte zu der Kuh, sie solle sich nach dem nächsten Hof begeben. Wenn
+sie allein daherkomme, würden die Nachbarn schon erraten, wie es bei ihrer
+Hausmutter stehe. Sie würden dann herbeieilen, um nach ihr zu sehen, da
+würden sie den Leichnam finden und ihn begraben.
+
+Kaum hatte die kleine Gesellschaft sich in die Lüfte erhoben, als sie auch
+schon einen hohen Berg mit fast senkrechten Wänden und einem flachen Gipfel
+sahen. Das mußte der Taberg sein. Und richtig, auf dem Berggipfel standen
+Akka, Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi, sowie die sechs
+jungen Gänse, und alle warteten auf die drei Ankömmlinge. Das war eine
+Freude, als sie sahen, daß es dem Gänserich und Daunenfein gelungen war,
+Däumling zu finden! Es erhob sich ein Geschnatter und Flügelschlagen und
+Hin- und Herfragen, das gar nicht beschrieben werden kann.
+
+Der Taberg ist ziemlich hoch hinauf mit Wald bestanden, aber oben auf dem
+Gipfel ist er ganz kahl, und von da aus kann man nach allen Seiten hin
+weit umherschauen. Gegen Osten, Süden und Westen bietet sich dem Auge fast
+nichts dar, als ein armes bergiges Hochland mit dunklen Tannenwäldern,
+braunen Mooren, eisbedeckten Seen und blauenden Bergrücken. Unwillkürlich
+dachte der Junge, jene Sage über die Erschaffung von Småland müsse doch
+wohl wahr sein. Wer dieses Land geschaffen, habe sich nicht viele Mühe
+gegeben, sondern nur flüchtig drauf los gearbeitet. Als der Junge aber nach
+Norden schaute, da sah er etwas ganz andres. Hier sah das Land aus, als sei
+es mit der größten Liebe und Fürsorge geschaffen worden. Hier sah der Junge
+lauter schöne Berge, sanfte Täler, durch die sich Bäche schlängelten bis
+hin zu dem großen Wetternsee, der eisfrei und hell glänzend dalag und
+leuchtete, als sei er nicht mit Wasser, sondern mit blauem Licht gefüllt.
+
+Ja, der Wettern war es, der gegen Norden alles so schön machte! Es sah
+gerade aus, als steige aus dem See ein blauer Schimmer auf, der sich über
+die Landschaft ausbreitete. Gehölze und Hügel und die Dächer und Türme der
+Stadt Jönköping lagen von einem blauen Schein umflossen da, den das Auge
+mit Wohlgefallen betrachtete. »Wenn es im Himmel Länder gibt,« dachte der
+Junge, »dann sind sie wohl auch so blau wie dieses hier.« Und es war ihm,
+als sei ihm eine Ahnung davon aufgegangen, wie es einst im Paradiese
+ausgesehen hatte.
+
+Als die Gänse etwas später am Tage ihre Reise fortsetzten, flogen sie dem
+blauen Tale zu. Sie waren alle in bester Laune, schrieen und lärmten
+derart, daß alle, die nur Ohren zu hören hatten, auf sie aufmerksam werden
+mußten.
+
+Dies war nun aber auch der erste so recht schöne Frühlingstag, den sie in
+diesem Landesteil erlebten. Bis dahin hatte der Frühling seine Arbeit unter
+Wind und Regen ausgeführt, und als es nun ganz schnell wunderschönes Wetter
+geworden war, überkam die Menschen drunten auf der Erde eine wahre
+Sehnsucht nach Sonnenwärme und nach grünen Wäldern, und sie konnten es kaum
+bei ihrer täglichen Arbeit aushalten. Als jetzt die Wildgänse frei und
+lustig hoch über ihnen dahinflogen, hielten alle ohne Ausnahme in ihrer
+Arbeit inne und schauten ihnen nach.
+
+Die ersten, die an diesem Tage die Wildgänse erblickten, waren die Taberger
+Bergwerkleute, die damit beschäftigt waren, das Erz an der Oberfläche des
+Berges herauszubrechen. Als die Arbeiter die Wildgänse vernahmen, hörten
+sie auf, an ihren Sprenglöchern zu bohren, und einer von ihnen rief den
+Vögeln zu: »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?«
+
+Die Gänse verstanden nicht, was er sagte; aber der Junge beugte sich über
+den Gänserücken vor und antwortete an ihrer Statt: »Dahin, wo es weder
+Pickel noch Hämmer gibt!«
+
+Als die Grubenarbeiter diese Worte hörten, glaubten sie, ihre eigne
+Sehnsucht habe das Gänsegeschnatter wie menschliche Worte in ihren Ohren
+erklingen lassen. »Nehmt uns mit! Nehmt uns mit!« riefen die Arbeiter.
+
+»Heuer nicht!« schrie der Junge. »Heuer nicht!«
+
+Die Wildgänse flogen den Tabergfluß entlang nach dem Munksee, und immer
+noch verführten sie dasselbe Gelärm und Getue. Hier auf dem schmalen
+Landstreifen zwischen dem Munksee und dem Wettern liegt Jönköping mit
+seinen großen Fabriken. Zuerst flogen die Gänse über die große Papierfabrik
+am Munksee hin. Die Mittagspause war eben zu Ende, und große
+Arbeiterscharen strömten dem Tor der Fabrik zu. Als sie die Wildgänse
+hörten, blieben sie einen Augenblick horchend stehen. »Wohin geht die
+Reise? Wohin geht die Reise?« rief einer von den Arbeitern den Gänsen zu.
+
+Die Wildgänse verstanden nicht, was er sagte, aber an ihrer Statt
+antwortete der Junge: »Dahin, wo es weder Maschinen noch Dampfkessel gibt!«
+
+Die Arbeiter hörten diese Antwort, aber auch sie glaubten, ihre eigne
+Sehnsucht lasse ihnen das Gänsegeschnatter wie menschliche Worte erklingen.
+»Nehmt uns mit! Nehmt uns mit!« rief eine ganze Menge Arbeiter miteinander.
+
+»Heuer nicht! Heuer nicht!« entgegnete der Junge.
+
+Dann flogen die Gänse über die großen Zündholzfabriken hin. Groß wie eine
+Festung erheben sie sich am Ufer des Wettern, und ihre hohen Schornsteine
+ragen bis zum Himmel auf. Kein Mensch war auf den Höfen zu sehen, aber in
+einem großen Saal saßen junge Fabrikmädchen und füllten die Zündhölzer in
+Schachteln. Bei dem schönen Wetter hatten sie ein Fenster geöffnet, und das
+Rufen der Wildgänse drang zu ihnen herein. Das dem Fenster zunächst
+sitzende Mädchen beugte sich mit ihrer Zündholzschachtel in der Hand zum
+Fenster hinaus und rief: »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?«
+
+»In ein Land, wo man weder Licht noch Zündhölzer braucht!« antwortete der
+Junge.
+
+Das Mädchen meinte freilich, was sie höre, sei nur Gänsegeschnatter, aber
+ein paar Worte schienen ihr doch klar geworden zu sein, und sie rief als
+Antwort: »Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!«
+
+»Heuer nicht!« entgegnete der Junge. »Heuer nicht!«
+
+Östlich von den Fabriken liegt Jönköping auf dem herrlichsten Platz, den
+eine Stadt nur einnehmen kann. Der schmale Wettersee hat auf seiner
+östlichen und westlichen Seite hohe, steile aus Sand gebildete Ufer, aber
+gegen Süden sind die Sandmauern eingestürzt, wie um Platz für ein großes
+Tor zu schaffen, durch das man zum See gelangen kann. Und mitten in dem
+Tor, mit Bergen rechts und Bergen links, dem Munksee hinter sich und dem
+Wettersee vor sich, liegt Jönköping.
+
+Die Gänse flogen über die lange, schmale Stadt hin und vollführten auch
+hier noch immer denselben Lärm wie draußen auf dem Lande. Aber in der Stadt
+gab lange niemand acht auf sie. Es war nicht zu erwarten, daß die
+Stadtbewohner auf der Straße stehen bleiben und die Wildgänse anrufen
+würden. Jetzt flogen diese über der Anlage hin, wo die Büste des Dichters
+Viktor Rydberg aufgestellt ist. In der Anlage war es still und
+menschenleer, keine Spaziergänger waren unter den hohen Bäumen zu sehen.
+Aber plötzlich drang eine kraftvolle Stimme zu den Wildgänsen herauf:
+»Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?«
+
+»In das Land, wo es weder Straßen noch Plätze gibt!« schrie der Junge.
+
+»Nehmt mich mit!« rief die starke Stimme. Sie klang so kräftig, als ob sie
+aus einem ehernen Halse käme.
+
+»Heuer nicht! Heuer nicht!« entgegnete der Junge.
+
+Die Gänse flogen weiter, dem Ufer des Wettern entlang; und nach einer Weile
+kamen sie an das Sannaer Krankenheim. Einige von den Kranken standen auf
+einer Veranda, um sich an der Frühlingsluft zu erfreuen, da hörten sie das
+Gänsegeschnatter. »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?« fragte
+einer der Kranken mit schwacher kaum vernehmlicher Stimme.
+
+»In ein Land, wo es weder Kummer noch Krankheit gibt!« antwortete der
+Junge.
+
+»Nehmt uns mit!« sagten die Kranken.
+
+»Heuer nicht! Heuer nicht!« lautete die Antwort.
+
+Als die Schar noch ein Stück weiter geflogen war, kamen sie nach Huskvarna.
+Dieser Ort liegt in einem Tal; steile, schön geformte Berge stehen rings
+umher, und in langen, schmalen Wasserfällen kommt ein Bach die Anhöhe
+herabgerauscht. Große Werkstätten und Fabriken liegen am Fuß der Berge, im
+Tal breiten sich die von kleinen Gärten umgebenen Arbeiterwohnungen aus,
+und mitten im Tal erhebt sich ein Schulhaus. In dem Augenblick, wo die
+Wildgänse vorüberflogen, läutete eine Glocke, und eine Menge Kinder strömte
+aus der Schule heraus. Es waren ihrer so viele, daß sie den ganzen Schulhof
+füllten. »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?« riefen die Kinder,
+als sie die Wildgänse hörten.
+
+»Dahin, wo es weder Bücher noch Aufgaben gibt!« rief der Junge.
+
+»O, nehmt uns mit! Nehmt uns mit!« schrien die Kinder.
+
+»Heuer nicht, aber nächstes Jahr!« erwiderte der Junge. »Heuer nicht, aber
+nächstes Jahr!«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+19
+
+Der große Vogelsee
+
+Jarro, die Wildente
+
+
+Am Ostufer des Wettern liegt Omberg, östlich von Omberg liegt Dagsmosse,
+östlich von Dagsmosse liegt der See Tåkern, und rings um den Tåkern breitet
+sich die große gleichmäßige Ostgötaebene aus.
+
+Der Tåkern ist ein recht großer See, und in alten Zeiten scheint er noch
+größer gewesen zu sein. Aber dann meinten die Menschen, er bedecke einen
+gar zu großen Teil der fruchtbaren Ebene, und sie versuchten das Wasser
+abzulassen, um den Grund des Sees umzupflügen und Getreide darein zu säen.
+Es gelang ihnen jedoch nicht, den ganzen See trocken zu legen, wie es wohl
+ihre Absicht gewesen war; und so bedeckt er noch immer eine große Fläche.
+Aber seit der See zum erstenmal abgelassen wurde, ist das Wasser an keiner
+Stelle mehr als einen Meter tief. Die Ufer sind moorig und schlickrig
+geworden, und auf dem See draußen ragen überall kleine sumpfige Holme über
+dem Wasser auf.
+
+Doch es gibt jemand, der gern mit den Füßen im Wasser steht, wenn nur sein
+Körper und Kopf in der Luft sind. Das ist das Schilf, und nirgends gedeiht
+es besser als an den langgestreckten, seichten Ufern des Tåkern und rings
+um die kleinen Sumpfholme herum. Ja, es gedeiht da so ausgezeichnet, daß es
+mehr als mannshoch wird und so dicht wächst, daß sich ein Boot mit knapper
+Not hindurchzwängen kann. Das Röhricht bildet einen breiten grünen Gürtel
+um den ganzen See herum, der dadurch nur an ein paar Stellen, wo die
+Menschen Luft geschafft haben, zugänglich ist.
+
+Aber wenn das Schilf die Menschen vom See ausschließt, so verleiht es
+dagegen vielen andern Geschöpfen Schutz und Schirm. In dem Schilf selbst
+gibt es viele Teiche und Kanäle mit grünen stillstehenden Gewässern, wo
+Wasserlinsen und Laichkraut gedeihen, und wo Mückenlarven, Fischbrut und
+Kaulquappen in unermeßlichen Mengen ausgebrütet werden. An den Ufern dieser
+kleinen Teiche und Kanäle gibt es auch eine Menge wohlversteckter Plätze,
+wo die Seevögel ihre Eier ausbrüten und ihre Jungen füttern können, ohne
+von Feinden bedroht oder von Nahrungssorgen geplagt zu sein.
+
+Es wohnt auch eine unglaubliche Menge Vögel in diesem Röhricht, und deren
+Zahl nimmt mit jedem Jahre zu, je mehr es bekannt wird, was für ein
+prächtiger Aufenthaltsort das ist. Die ersten, die sich am Tåkern
+niedergelassen haben, sind die Wildenten, die auch heute noch zu Tausenden
+da wohnen. Aber jetzt haben sie nicht mehr den ganzen See für sich allein,
+sie müssen ihn mit Schwänen, Tauchern, Bläßhühnern, Seetauchern,
+Löffelenten und vielen andern teilen.
+
+Der Tåkern ist sicherlich der größte und ausgezeichnetste Vogelsee im
+ganzen Land, und die Vögel müssen sich glücklich preisen, so lange sie
+einen solchen Aufenthaltsort besitzen. Aber es ist ungewiß, wie lange sie
+die Herrschaft über die Röhrichtstrecken behalten dürfen, denn die Menschen
+können nicht vergessen, daß sich der See über eine bedeutende Strecke
+guten, fruchtbaren Landes erstreckt, und einmal übers andre taucht wieder
+der Vorschlag unter ihnen auf, den See trocken zu legen. Und wenn dieser
+Vorschlag verwirklicht würde, dann müßten die vielen tausend Vögel die
+Gegend verlassen.
+
+Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, wohnte am
+Tåkern ein Wildenterich namens Jarro. Er war noch jung und hatte erst einen
+Sommer, einen Herbst und einen Winter erlebt. Das war sein erster Frühling.
+Er war erst kürzlich von Nordafrika zurückgekehrt, und zwar sehr
+frühzeitig, denn als er am Tåkern anlangte, war dieser noch mit Eis
+bedeckt.
+
+Eines Abends, als Jarro und die andern jungen Erpel sich damit vergnügten,
+in ununterbrochenem Flug über dem See hin und her zu fliegen, erklangen
+plötzlich ein paar Schüsse, und Jarro wurde in die Brust getroffen. Er
+glaubte, er müsse sterben; aber damit der Jäger, der auf ihn geschossen
+hatte, ihn nicht finden und verspeisen solle, flog er weiter, so lange er
+nur konnte. Er überlegte nicht, wohin er flog, sondern suchte nur das
+Weite. Als ihn dann die Kräfte verließen und seine Flugkraft erlahmte,
+befand er sich nicht mehr über dem See, sondern über einem der großen
+Bauernhöfe am Tåkernstrand, und zum Tode erschöpft, sank er gerade vor dem
+Eingang dieses Hofes zu Boden.
+
+Kurz darauf ging ein junger Knecht über den Hof. Er sah Jarro und hob ihn
+auf. Aber Jarro, der nur noch in Frieden zu sterben wünschte, nahm seine
+letzten Kräfte zusammen und biß den Knecht derb in den Finger, damit er ihn
+loslasse.
+
+Doch es gelang Jarro nicht, sich freizumachen; aber sein Angriff hatte doch
+etwas Gutes, denn der Knecht merkte, daß Jarro nicht tot war. Ganz behutsam
+trug er ihn ins Haus hinein und zeigte ihn der Hofbäuerin, einer jungen
+Frau mit einem freundlichen Gesicht. Sie nahm dem Knecht Jarro sogleich
+ab, streichelte ihm den Rücken und trocknete ihm das Blut ab, das zwischen
+dem Flaum an seinem Hals hervorsickerte. Dann betrachtete sie ihn sehr
+genau, und als sie sah, wie schön er war mit seinem dunkelgrünen glänzenden
+Kopf, seinem weißen Halsband, seinem braunroten Rücken und seinen blauen
+Flügeldecken, dachte sie schließlich, es wäre schade, wenn er sterben
+müßte. Rasch richtete sie einen Korb her und bettete Jarro darein.
+
+Jarro hatte die ganze Zeit mit den Flügeln geschlagen und loszukommen
+versucht, als er aber merkte, daß die Menschen ihn nicht umbringen wollten,
+legte er sich mit einem Gefühl des Wohlbehagens in dem Korbe zurecht. Jetzt
+erst fühlte er, wie ermattet er von den Schmerzen und dem Blutverluste war.
+Die Hausfrau nahm den Korb auf, um ihn in eine Ecke am Herd zu tragen; aber
+ehe sie ihn niedersetzte, hatte Jarro schon die Augen geschlossen und war
+eingeschlafen.
+
+Nach einer Weile erwachte Jarro dadurch, daß ihn jemand leise anstieß. Als
+er die Augen aufschlug, erschrak er so fürchterlich, daß ihm beinahe das
+Bewußtsein schwand. Jetzt war er verloren, denn vor ihm stand einer, der
+für ihn gefährlicher war als Menschen und Raubvögel. Niemand anders als
+Cäsar selbst, der langhaarige Hühnerhund, stand vor ihm und beroch ihn.
+
+Welche geradezu erbarmungswürdige Angst hatte nicht Jarro im vorigen Sommer
+ausgestanden, so oft er, als ein kleines mit gelbem Flaum bedecktes Junges,
+den Ruf über das Röhricht hin ertönen hörte: »Cäsar kommt! Cäsar kommt!«
+Und wenn er den braun- und weißgefleckten Hund mit dem zähnefletschenden
+Maul durch das Schilf waten sah, glaubte er den Tod selbst vor sich zu
+sehen. Er hatte immer gehofft, die Stunde werde er nie erleben müssen, wo
+Cäsar ihm Auge in Auge gegenüberstehe.
+
+Und jetzt hatte er zu seinem Unglück gerade in den Hof hinabfallen müssen,
+wo Cäsar daheim war, denn dieser stand vor ihm! »Was bist du denn für
+einer?« brummte Cäsar. »Wie bist du denn ins Haus hereingekommen? Bist du
+nicht drunten im Röhricht daheim?«
+
+Nur mit knapper Not brachte Jarro die Worte heraus: »Sei mir nicht böse,
+Cäsar, daß ich ins Haus hereingekommen bin! Ich kann nichts dafür. Eine
+Kugel hat mich getroffen, und die Menschen selbst haben mich in diesen Korb
+gebettet.«
+
+»So, so, die Menschen selbst haben dich in den Korb gelegt,« sagte Cäsar.
+»Dann haben sie gewiß die Absicht, dich zu heilen, obgleich sie meiner
+Meinung nach klüger daran täten, dich zu verspeisen, solange du in ihrer
+Macht bist. Aber hier im Hause herrscht jedenfalls Burgfriede. Du brauchst
+nicht so angstvoll auszusehen, wir sind jetzt nicht auf dem Tåkern.«
+
+Damit machte Cäsar kehrt und legte sich vor dem flammenden Herdfeuer zum
+Schlafen nieder. Sobald Jarro begriff, daß diese gräßliche Gefahr
+überstanden war, überfiel ihn die große Mattigkeit aufs neue, und er
+schlief wieder ein.
+
+Als Jarro wieder erwachte, sah er ein Gefäß mit Grütze und Wasser neben
+sich stehen. Er fühlte sich zwar noch sehr krank, aber Hunger hatte er
+trotzdem, und so begann er zu fressen. Als die Hausmutter sah, daß es ihm
+schmeckte, trat sie herzu, streichelte ihn und sah sehr vergnügt aus.
+Hierauf schlief Jarro abermals ein; mehrere Tage lang tat er nichts als
+essen und schlafen.
+
+Eines Morgens aber fühlte er sich so gesund, daß er aus dem Korb
+herausstieg und auf dem Boden hinlief. Aber er war noch nicht weit
+gekommen, als er auch schon umfiel und nicht mehr aufstehen konnte. Da kam
+Cäsar herbei, öffnete sein großes Maul und packte ihn. Jarro glaubte
+natürlich, der Hund wolle ihn totbeißen; aber Cäsar trug ihn in seinen Korb
+zurück, ohne ihm etwas zuleide zu tun. Dadurch faßte Jarro großes Vertrauen
+zu Cäsar; ja, bei seinem nächsten Gehversuch ging er geradewegs zu dem
+Hunde hin und legte sich neben ihn. Von da an waren die beiden gute
+Freunde, und Jarro lag jeden Tag ganz ruhig schlafend zwischen Cäsars
+Pfoten.
+
+Aber noch größere Hingabe als für Cäsar fühlte Jarro für die Hausfrau. Vor
+ihr fürchtete er sich auch nicht im geringsten, er rieb sogar seinen Kopf
+an ihrer Hand, so oft sie ihm sein Futter brachte. Wenn sie aus dem Zimmer
+ging, seufzte er schmerzlich, und wenn sie wieder eintrat, hieß er sie in
+seiner eignen Sprache willkommen.
+
+Jarro vergaß vollständig, wie sehr er sich früher vor den Hunden und den
+Menschen gefürchtet hatte. Sie kamen ihm sanft und gut vor, er liebte sie
+und wünschte sehnlichst, gesund zu sein, um drunten am Tåkern den Wildenten
+erzählen zu können, daß ihre alten Feinde durchaus nicht gefährlich seien
+und sie sich ganz und gar nicht vor ihnen zu fürchten brauchten.
+
+Jarro hatte herausgefunden, daß die Menschen hier in dem Hause und auch
+Cäsar vertrauenerweckende Augen hatten, in die hineinzuschauen einem wohl
+tat. Die einzige im Hause, deren Augen er nicht gern begegnete, war
+Klaurina, die Hauskatze. Sie tat ihm zwar nichts zuleide, aber er konnte
+nun einmal kein Vertrauen zu ihr fassen. Sie zankte sich auch immer mit
+ihm, weil er die Menschen lieb hatte. »Du meinst, sie sorgten für dich,
+weil sie dich lieb hätten,« sagte Klaurina. »Warte nur, bis du ordentlich
+fett bist, dann drehen sie dir den Kragen um. Ich kenne sie, jawohl.«
+
+Jarro hatte wie alle Vögel ein weiches, versöhnliches Herz, und wenn er die
+Katze so reden hörte, wurde er tief betrübt. Die Hausfrau sollte ihm den
+Kragen umdrehen wollen! Nein, das konnte er nicht von ihr glauben,
+ebensowenig als er so etwas von ihrem Söhnchen glauben würde, einem kleinen
+Jungen, der mit ihm schäkernd und plaudernd stundenlang neben seinem Korbe
+saß. Die beiden liebten ihn gewiß ebenso ehrlich wie er sie, dessen glaubte
+er sicher zu sein.
+
+Eines Tages, als Jarro und Cäsar auf ihrem gewohnten Platze vor dem Herde
+lagen, saß Klaurina auf der Herdplatte und begann mit der Wildente zu
+zanken.
+
+»Ich möchte wohl wissen, was ihr Wildenten im nächsten Jahre tun werdet,
+wenn der Tåkern trocken gelegt und in Äcker verwandelt wird?« sagte die
+Katze.
+
+»Was sagst du da, Klaurina?« rief Jarro und sprang entsetzt auf.
+
+»Jaso, Jarro, ich vergesse immer wieder, daß du die menschliche Sprache
+nicht so gut verstehst wie ich und Cäsar,« erwiderte die Katze, »sonst
+wüßtest du doch, was die Männer, die gestern hier waren, gesprochen haben.
+Sie sagten, das Wasser des Tåkern solle abgelassen werden, und im nächsten
+Jahre werde der Grund des Sees beinahe so trocken sein wie ein Stubenboden.
+Deshalb möchte ich wissen, wohin ihr Wildenten euch dann begeben wollt?«
+
+Als Jarro diese Rede hörte, geriet er in einen fürchterlichen Zorn. Wie
+eine Schlange zischend fuhr er die Katze an. »Du bist boshaft wie ein
+Bläßhuhn und willst mich nur gegen die Menschen aufhetzen. Ich glaube gar
+nicht, daß sie so etwas im Sinne haben, denn der See ist das Eigentum der
+Wildenten, und das müssen die Menschen doch wissen. Warum sollten sie so
+viele Vögel heimatlos und unglücklich machen wollen? Du hast gewiß das
+alles nur ausgeheckt, um mir Angst zu machen. Ich wollte, Gorgo, der Adler,
+würde dich zerfleischen, ja, ich wollte, die Hausfrau schnitte dir deinen
+Schnurrbart ab!«
+
+Aber mit diesem Ausfall konnte Jarro die Katze nicht zum Schweigen bringen.
+»So, du meinst also, ich lüge?« sagte sie. »Dann frage doch Cäsar. Er war
+gestern Abend auch hier in der Stube, und Cäsar lügt nie.«
+
+»Cäsar,« wendete sich Jarro an den Hund, »du verstehst die Sprache der
+Menschen viel besser als Klaurina. Sage, daß sie nicht recht verstanden
+hat! Bedenke doch, was geschehen würde, wenn die Menschen den Tåkern
+trocken legten und den Seegrund in Äcker verwandelten! Dann gäbe es doch
+für die erwachsenen Enten weder Wasserlinsen noch Laichkraut und für die
+jungen Entlein keine Fischbrut, keine Kaulquappen und keine Mückenlarven
+mehr. Dann würde auch das Röhricht verschwinden, wo die kleinen Entlein
+sich verstecken können, bis sie fliegen gelernt haben. Alle Enten müßten ja
+fortziehen und sich einen andern Aufenthalt suchen. Aber wo sollten sie
+einen solchen Zufluchtsort finden wie den Tåkern? Cäsar, sag, daß Klaurina
+nicht recht gehört hat!«
+
+Cäsars Benehmen während dieser Anrede war im höchsten Grade sonderbar. Er
+war vorher hellwach gewesen; aber als Jarro sich an ihn wendete, gähnte er,
+legte seine lange Nase auf seine Vorderpfoten, und im nächsten Augenblick
+lag er im tiefsten Schlafe.
+
+Mit einem durchtriebenen Lächeln sah die Katze auf Cäsar hinunter. »Ich
+glaube, Cäsar hat keine Lust, dir zu antworten,« sagte sie zu Jarro. »Er
+ist gerade wie alle andern Hunde; sie wollen nie zugeben, daß die Menschen
+unrecht tun können. Aber du kannst dich auf mein Wort unbedingt verlassen.
+Und ich will dir auch sagen, warum die Menschen den See austrocknen wollen.
+Wenn ihr Wildenten die Herrschaft über den See noch hättet, würden sie ihn
+nicht ablassen, denn von euch haben sie doch noch einen gewissen Nutzen.
+
+Aber jetzt haben ja die Taucher und die Bläßhühner und andre Vögel, die den
+Menschen nicht zur Nahrung dienen, beinahe das ganze Röhricht besetzt, und
+derentwegen meinen sie den See nicht beibehalten zu müssen.«
+
+Jarro würdigte die Katze keiner Antwort mehr, aber er hob den Kopf und
+schrie Cäsar ins Ohr: »Cäsar! Cäsar! Auf dem Tåkern gibt es noch so viele
+Enten, daß sie die Luft wie mit Wolken erfüllen, das weißt du wohl! Darum
+sag, daß es nicht wahr ist! Nein, die Menschen können nicht im Sinn haben,
+uns heimatlos zu machen!«
+
+Jetzt sprang Cäsar auf und fuhr so heftig auf Klaurina los, daß diese sich
+auf ein Wandbrett flüchten mußte. »Ich werde dich lehren, still zu sein,
+wenn ich schlafen will!« donnerte er sie an. »Natürlich weiß ich, daß es
+sich darum handelt, den See in diesem Jahre abzulassen. Aber man hat ja
+schon so oft über diese Sache gesprochen, ohne daß sie je verwirklicht
+worden wäre. Und dieses Trockenlegen des Sees ist etwas, was ich durchaus
+nicht billige. Denn wie sollte es mit der Jagd gehen, wenn der Tåkern
+ausgetrocknet würde? Du bist ein Simpel, wenn du dich über so etwas freust.
+Was haben wir denn dann noch für ein Vergnügen, wenn es keine Vögel mehr
+auf dem Tåkern gibt?«
+
+
+Der Lockvogel
+
+ Sonntag, 17. April
+
+Ein paar Tage später war Jarro fast hergestellt, und er konnte schon durchs
+ganze Zimmer fliegen. Er wurde denn auch von der Hausfrau gestreichelt, und
+der kleine Junge pflückte die ersten hervorsprießenden Grashälmchen für
+ihn. Während die Hausfrau ihn streichelte, dachte Jarro, obgleich er jetzt
+wieder so gesund war, daß er, sobald es ihm beliebte, an den Tåkern hätte
+hinabfliegen können, er wolle sich doch noch nicht von den Menschen
+trennen, ja, am liebsten möchte er sein ganzes Leben lang bei ihnen
+bleiben.
+
+Aber eines Morgens in aller Frühe legte die Hausmutter eine Halfter oder
+Schlinge um Jarro, die ihn am Gebrauch seiner Flügel hinderte, und dann
+übergab sie ihn jenem Knecht, der ihn damals auf dem Hofe gefunden hatte.
+Der Knecht nahm ihn unter den Arm und ging mit ihm zum Tåkern hinunter.
+
+Während Jarro krank lag, war das Eis geschmolzen. Das alte vertrocknete
+Röhricht vom vorigen Jahre stand noch an den Ufern und Holmen, aber alle
+Wasserpflanzen hatten in der Tiefe Schößlinge getrieben, und die grünen
+Spitzen reichten schon bis zur Oberfläche des Wassers. Und jetzt waren fast
+alle Zugvögel zurückgekehrt. Die gebogenen Schnäbel der Scharben sahen aus
+dem Schilf hervor, die Taucher schwammen mit einem neuen Halskragen umher,
+und die Bekassinen sammelten eifrig Stroh zu ihren Nestern.
+
+Der Knecht bestieg einen Kahn, legte Jarro auf den Boden und begann in den
+See hinauszustechen. Jarro, der sich jetzt daran gewöhnt hatte, nur Gutes
+von den Menschen zu erwarten, sagte zu Cäsar, der auch dabei war, er sei
+dem Knecht sehr dankbar, daß er ihn auf den See hinausfahre. Aber der
+Knecht hätte ihn nicht so fest zu fesseln brauchen, denn er wolle den
+Menschen gar nicht entfliehen. Cäsar gab keine Antwort, er war an diesem
+Morgen äußerst wortkarg.
+
+Das einzige, was Jarro ein wenig sonderbar vorkam, war, daß der Knecht
+seine Flinte mitgenommen hatte. Die guten Leute auf dem Hofe würden doch
+sicherlich keine Vögel schießen wollen. Und außerdem hatte ihm Cäsar
+gesagt, die Menschen gingen in dieser Jahreszeit nicht auf die Jagd. »Es
+ist Schonzeit,« hatte er gesagt, »obgleich das für mich natürlich nicht
+gilt.«
+
+Der Knecht ruderte zu einem der schilfumkränzten Sumpfholme hinüber. Hier
+stieg er aus, schichtete altes Röhricht zu einem großen Haufen zusammen und
+legte sich dahinter nieder. Die Schlinge um die Flügel und mit einer langen
+Schnur an das Boot angebunden, durfte Jarro umhergehen.
+
+Plötzlich erblickte dieser einige von den jungen Wildenten, in deren
+Gesellschaft er früher um die Wette über den See hin und her geschwommen
+war. Sie waren weit entfernt, aber Jarro rief sie mit einigen lauten Rufen
+herbei. Sie gaben ihm Antwort, und eine große schöne Schar näherte sich
+ihm. Bevor sie noch herangekommen war, begann Jarro von seiner wunderbaren
+Errettung und von der Güte der Menschen zu berichten. Aber schon knallten
+zwei Schüsse hinter ihm. Drei Enten sanken tot ins Röhricht. Cäsar
+platschte hinaus und fing sie auf.
+
+Da verstand Jarro -- die Menschen hatten ihn gerettet, um ihn als Lockvogel
+zu gebrauchen. Und das war ihnen auch geglückt. Drei Enten hatten um
+seinetwillen sterben müssen.
+
+Es war ihm, als müsse er vor Scham selbst sterben, ja, es war ihm, als ob
+ihn auch sein Freund Cäsar verächtlich ansehe; und als sie wieder in der
+Stube waren, wagte er nicht mehr, sich neben den Hund zu legen.
+
+Am nächsten Morgen wurde Jarro abermals an den kleinen Holm gebracht. Auch
+diesmal gewahrte er bald einige Enten. Als er sie aber auf sich zufliegen
+sah, rief er ihnen zu: »Fort! Fort! Nehmt euch in acht! Fliegt wo anders
+hin! Hinter dem Schilfhaufen liegt ein Jäger im Hinterhalt! Ich bin nur ein
+Lockvogel!« Und es gelang ihm wirklich, die Enten zu verhindern, in
+Schußweite heranzukommen.
+
+Jarro hatte kaum Zeit, ein Grashälmchen zu verzehren, so eifrig war er auf
+der Wacht. Sobald sich ein Vogel näherte, schrie er ihm seinen Warnungsruf
+entgegen; er warnte sogar auch Taucher und Bläßhühner, obgleich er sie
+verabscheute, weil sie die Enten aus ihren besten Verstecken verdrängten.
+Aber seinetwegen sollte gewiß kein einziger Vogel ins Unglück geraten. Und
+dank Jarros Wachsamkeit mußte der Knecht heimkehren, ohne Gelegenheit zu
+einem einzigen Schuß bekommen zu haben.
+
+Dessenungeachtet sah Cäsar weniger mißvergnügt aus als am Tage vorher; und
+als es Abend wurde, nahm er Jarro ins Maul, trug ihn zum Herd hin und ließ
+ihn zwischen seinen Vorderpfoten schlafen.
+
+Aber Jarro fühlte sich nicht mehr behaglich in der Stube; er war tief
+unglücklich, und das Herz tat ihm weh bei dem Gedanken, daß die Menschen
+ihn nie lieb gehabt hätten. Wenn jetzt die Hausfrau oder der kleine Junge
+ihn streichelten, steckte er den Schnabel unter den Flügel und tat, als ob
+er schliefe.
+
+Mehrere Tage hatte Jarro seine traurige Wacht gehalten, und man kannte ihn
+schon am ganzen Tåkern. Eines Morgens, als er wie gewöhnlich rief: »Nehmt
+euch in acht, ihr Vögel! Kommt mir nicht nahe! Ich bin nur ein Lockvogel!«
+sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen. Dies war nun nichts
+besonders Merkwürdiges; es war ein Nest vom vorigen Jahre, und da die
+Tauchernester so gebaut sind, daß sie wie Boote auf dem Wasser schwimmen
+können, treibt häufig eines auf den See hinaus. Aber Jarro blieb doch
+stehen und betrachtete es, denn es schwamm geradeswegs auf den Holm zu, als
+ob es jemand über das Wasser steuere.
+
+Als es näher kam, sah Jarro, daß ein kleiner Mensch, der kleinste, den er
+je gesehen hatte, in dem Nest saß und mit zwei Stäbchen ruderte. Und dieses
+Menschlein rief ihm zu: »Komm so nahe ans Wasser heran, als du kannst,
+Jarro, und halte dich zum Fliegen bereit! Du wirst bald befreit werden.«
+
+Einige Augenblicke später lag das Nest am Land, aber der kleine Ruderer
+verließ es nicht, sondern saß ganz still zwischen Zweigen und Halmen
+verborgen. Jarro verhielt sich auch beinahe regungslos. Der Gedanke, frei
+zu werden und seinem Unglück entfliehen zu können, hatte ihn förmlich
+gelähmt.
+
+Das nächste, was geschah, war, daß eine Schar Wildgänse daherflog. Da kam
+Jarro wieder zu sich, und er warnte sie mit lauten Rufen; aber
+dessenungeachtet flogen sie mehrere Male über dem Holm hin und her. Sie
+hielten sich so hoch in der Luft, daß sie außer Schußweite waren; aber der
+Knecht ließ sich trotzdem verleiten, ein paar Schüsse auf sie abzugeben.
+Kaum waren diese abgefeuert, als der kleine Knirps auf und ans Land sprang,
+ein kleines Messer aus der Scheide zog und mit einem raschen Schnitt Jarros
+Schlinge löste. »Flieg nun davon, Jarro, ehe der Knecht wieder geladen
+hat!« rief er, während er selbst in das Nest zurücksprang und vom Lande
+abstieß. Der Jäger hatte die Augen auf die Gänse gerichtet und daher nicht
+gemerkt, daß Jarro befreit worden war. Aber Cäsar hatte besser acht
+gegeben, und gerade als Jarro die Flügel hob, stürzte er herbei und packte
+ihn im Nacken.
+
+Jarro schrie zum Erbarmen, aber der Knirps, der ihn befreit hatte, sagte
+mit der größten Ruhe zu Cäsar: »Wenn deine Gesinnung so edel ist wie dein
+Aussehen, so kannst du nicht jemand bei einer so gemeinen Beschäftigung,
+ein Lockvogel zu sein, zurückhalten wollen.«
+
+Als Cäsar diese Worte hörte, grinste er boshaft mit der Oberlippe, aber
+nach einem Augenblick ließ er Jarro los. »Flieg, Jarro!« sagte er. »Du bist
+wirklich zu gut zu einem Lockvogel. Ich wollte dich auch nicht deshalb
+zurückhalten, sondern weil die Stube ohne dich so leer sein wird.«
+
+
+Die Trockenlegung des Sees
+
+ Mittwoch, 20. April
+
+In der Bauernstube war es wirklich sehr leer, als Jarro nicht mehr da war.
+Dem Hund und der Katze wurde die Zeit lang, weil sie sich nicht mehr
+miteinander über ihn streiten konnten, und die Hausfrau vermißte das
+fröhliche Geschnatter, das Jarro angestimmt hatte, so oft sie ins Zimmer
+trat. Am meisten Heimweh nach ihm hatte aber doch der kleine Junge Per Ola.
+Per Ola war erst drei Jahre alt und überdies das einzige Kind, und er hatte
+noch nie einen so guten Spielkameraden gehabt wie Jarro. Als man Per Ola
+sagte, Jarro sei zu den andern Enten auf den Tåkern zurückgekehrt, wollte
+er sich mit dieser Nachricht nicht zufrieden geben, sondern dachte
+immerfort darüber nach, wie er wohl den guten Jarro wieder bekommen könnte.
+
+Per Ola hatte sehr oft mit Jarro geplaudert, während dieser in seinem Korb
+lag, und das Kind war fest überzeugt, daß ihn der Erpel immer verstanden
+habe. Er bat die Mutter, mit ihm an den See hinunterzugehen, denn er wolle
+Jarro aufsuchen und ihn überreden, wieder zu ihnen zu kommen. Die Mutter
+wollte davon nichts hören, aber deshalb gab Per Ola sein Vorhaben nicht
+auf.
+
+Am Tag, nachdem Jarro verschwunden war, spielte Per Ola draußen im Garten.
+Wie gewöhnlich spielte er ganz allein; aber Cäsar lag auf der Treppe, und
+als die Mutter Per Ola herausgebracht hatte, hatte sie zu dem Hunde gesagt:
+»Gib auf Per Ola acht, Cäsar!«
+
+Wenn nun alles wie sonst gewesen wäre, hätte Cäsar auch dem Befehl Folge
+geleistet. Per Ola wäre gut bewacht gewesen und keinerlei Gefahr gelaufen.
+Aber in diesen Tagen war Cäsar gar nicht er selbst. Er wußte, daß die
+Bauern, die um den Tåkern herum wohnten, wegen der Trockenlegung des Sees
+verhandelt hatten, und daß die Sache beinahe so gut wie beschlossen war.
+Die Enten müßten also fortziehen, und Cäsar würde nie mehr ehrlich und
+ordentlich Jagd auf sie machen können. Der Gedanke an dieses Unglück
+beschäftigte den Hund vollständig, und er dachte nicht mehr daran, über das
+Kind zu wachen.
+
+Und Per Ola sah sich kaum allein auf dem Hof, als er auch schon die rechte
+Stunde gekommen glaubte, nach dem Tåkern zu gehen und mit Jarro zu reden.
+Er öffnete ein Pförtchen und schlug den schmalen Wiesenpfad zum See
+hinunter ein. Solange man ihn von daheim sehen konnte, ging er ganz
+langsam, aber dann begann er zu laufen. Er hatte große Angst, die Mutter
+oder sonst jemand würde ihm zurufen, er dürfe nicht an den See hinunter. Er
+wollte zwar nichts Böses tun, nur Jarro überreden, zurückzukehren, fühlte
+aber wohl, daß die andern sein Vorhaben nicht gebilligt hätten.
+
+Als Per Ola den Strand erreicht hatte, rief er Jarro mehrere Male mit
+Namen. Dann wartete er lange, aber Jarro zeigte sich nicht. Per Ola sah
+allerdings verschiedene Vögel, die wie Wildenten aussahen; diese flogen
+aber an ihm vorbei, ohne sich um ihn zu kümmern, und daraus schloß Per Ola,
+daß keiner von ihnen der rechte sei.
+
+Als Jarro sich nicht zeigte, dachte der kleine Junge, er könne Jarro gewiß
+leichter finden, wenn er sich auf den See hinaus begebe. Es lagen mehrere
+gute Boote am Ufer, aber die waren alle angebunden. Das einzige nicht
+festgemachte Boot war ein alter lecker Kahn, dessen sich niemand mehr
+bediente. Per Ola kletterte unter großer Anstrengung hinein, ohne sich
+darum zu kümmern, daß der ganze Boden mit Wasser bedeckt war. Die Ruder
+konnte der kleine Bursche natürlich nicht handhaben, dafür aber begann er
+in dem Boot zu schaukeln und es hin und her zu wiegen. Es wäre sicher
+keinem erwachsenen Menschen gelungen, einen Kahn auf diese Weise auf den
+Tåkern hinauszubringen, aber wenn hoher Wasserstand ist und das Unglück es
+will, haben kleine Kinder eine wunderbare Fähigkeit, aufs Wasser
+hinauszukommen; Per Ola trieb wirklich bald auf dem Tåkern umher und rief
+nach seinem geliebten Jarro.
+
+Als der alte Kahn auf diese Weise auf dem See schaukelte, öffneten sich
+alle seine Ritzen noch weiter, und das Wasser strömte stärker herein. Darum
+kümmerte sich aber Per Ola nicht im geringsten. Er saß vorn auf dem kleinen
+Brett, rief jeden Vogel an, den er sah, und wunderte sich, warum Jarro
+nicht erscheine.
+
+Schließlich aber nahm Jarro den Jungen wirklich wahr. Er hörte, wie Per Ola
+ihn mit dem Namen rief, den er bei den Menschen gehabt hatte, und daraus
+schloß er, daß sich der Junge auf den Tåkern hinausbegeben habe, um ihn zu
+suchen. Jarro freute sich unaussprechlich über diese Entdeckung; also
+liebte ihn einer von den Menschen doch aufrichtig! Schnell wie ein Pfeil
+schoß er zu Per Ola hinunter, setzte sich neben ihn und ließ sich von ihm
+liebkosen. Alle beide waren sehr glücklich über das Wiedersehen.
+
+Aber plötzlich merkte Jarro, wie es mit dem Kahn stand. Er war schon halb
+voll Wasser, in kurzer Zeit mußte er untersinken. Jarro versuchte Per Ola
+klar zu machen, daß er, da er weder fliegen noch schwimmen könne, versuchen
+müsse, ans Land zu kommen. Aber das Kind verstand Jarro nicht. Da zögerte
+Jarro keinen Augenblick, sondern flog eilig davon, um Hilfe
+herbeizuschaffen.
+
+Nach einer kleinen Weile kehrte Jarro zurück, und da trug er auf seinem
+Rücken einen kleinen Knirps, der viel kleiner als Per Ola war. Wenn er
+nicht gesprochen und sich bewegt hätte, würde ihn Per Ola für eine Puppe
+gehalten haben. Und dieser Knirps befahl Per Ola, sofort eine lange, dünne
+Stange zu ergreifen, die im Kahn lag, und zu versuchen, das Fahrzeug nach
+einem der kleinen Sumpfholme hinüberzustoßen. Per Ola gehorchte, und dann
+begannen die beiden mit vereinten Kräften den Kahn vorwärts zu treiben. Mit
+einigen Stößen erreichten sie wirklich einen kleinen, schilfumkränzten
+Holm; und als sie hier angekommen waren, wurde Per Ola befohlen, ans Land
+zu gehen. Und gerade in dem Augenblick, wo Per Ola den Fuß ans Land setzte,
+war der Kahn so mit Wasser gefüllt, daß er sank.
+
+Als Per Ola dies sah, fühlte er ganz deutlich, daß Vater und Mutter sehr
+böse über ihn werden würden, und er hätte sicherlich geweint, wenn nicht
+seine Gedanken sogleich von etwas ganz anderm in Anspruch genommen worden
+wären. Plötzlich kam eine große Schar grauer Vögel dahergeflogen, die sich
+auf der Insel niederließ. Dann führte der kleine Knirps Per Ola zu den
+Vögeln hin und erzählte ihm, wie sie hießen und was sie sagten. Und das war
+so lustig, daß Per Ola alles andre vergaß.
+
+Doch schnell flog Jarro nach dem Bauernhof, um Cäsar mitzuteilen, wo Per
+Ola sei. Cäsar folgte Jarro an das Ufer hinunter, und von da schwamm und
+watete er nach dem Sumpfholm hinüber. Dort saß Per Ola laut lachend und vor
+Freude jubelnd auf einem Haufen trocknen Schilfs, die Wildgänse und die
+Wildenten rings um ihn herum.
+
+Cäsar blieb lange auf dem Holm, und zwar nicht allein Per Olas wegen. Zum
+erstenmal in seinem ganzen Leben war er mit den Vögeln des Tåkern in
+friedlichen Verkehr gekommen, und er verwunderte sich über deren Klugheit.
+Sie fragten ihn, ob das, was Jarro berichtet habe, wahr sei, daß nämlich
+der Tåkern wirklich ausgetrocknet werden solle?
+
+»Es ist noch nicht entschieden,« sagte Cäsar, »aber morgen wollen die
+Strandeigentümer sich versammeln, um einen endgültigen Entschluß zu fassen,
+und ich fürchte, diesmal wird der Vorschlag durchgehen. Es ist recht
+traurig für die Vögel, aber auch für mich ist es kein Spaß, ich verliere
+das beste Jagdgebiet, das ein Hund je gehabt hat.«
+
+Die Vögel wurden über die Maßen betrübt, als sie Jarros Aussage durch Cäsar
+bekräftigen hörten. Die Nachricht lief von einem Röhricht zum andern über
+den ganzen See hin, und überall erhoben sich laute Klagerufe. Die stolzen
+Schwäne jammerten nicht weniger als die kleinen Rohrsänger, und die Enten
+und Bläßhühner, die einander sonst verabscheuen, waren ganz einig darüber,
+daß dies ein furchtbares Unglück sei.
+
+Als Cäsar endlich aufbrach, um nach dem Hof zurückzukehren, sagte die alte
+Akka, die Anführerin der Wildgänse, zu ihm: »Für mich ist es einerlei, denn
+ich bin nur ein durchreisender Zugvogel, aber wenn du die Vögel wirklich
+hier am Tåkern behalten möchtest, dann müßtest du den Eltern nicht so bald
+mitteilen, wo das Kind zu finden sei.«
+
+Cäsar starrte die Wildgans mit weitoffnen Augen an. »Du bist ganz gewiß
+eine wunderbare alte Gans,« sagte er.
+
+»Ach, mir ist schon manches vorgekommen in meinem Leben,« sagte Akka, »und
+ich weiß, es wird uns allen weich ums Herz, wenn wir unsre Jungen verlieren
+sollen.«
+
+»Ich werde deinen Rat befolgen,« sagte Cäsar, »aber ihr steht mir dafür
+ein, daß Per Ola kein Leid geschieht.«
+
+Indessen hatten die Leute auf dem Hofe Per Ola vermißt und nach ihm
+gesucht. Sie suchten in den Wirtschaftsgebäuden, sahen in den Brunnen
+hinunter und untersuchten den Keller. Dann suchten sie auf Wegen und
+Stegen, eilten auch auf den Nachbarhof, um zu hören, ob sich das Kind nicht
+dahin verirrt habe, und schließlich suchten sie ihn auch am Tåkern. Aber so
+viel sie auch suchten, Per Ola war nirgends zu entdecken.
+
+Cäsar, der Hund, wußte recht gut, wen die Herrschaft suchte, aber er tat
+nichts, sie auf die richtige Spur zu leiten. Dagegen lag er ganz ruhig da,
+als ob ihn die Sache gar nichts anginge. »Es kann euch Menschen nichts
+schaden, wenn ihr einmal ein paar Stunden lang in Sorge seid,« dachte er.
+»Per Ola geschieht da draußen nichts Böses, und den andern gönne ich es,
+wenn sie ordentlich Angst ausstehen.«
+
+Später am Tage entdeckte man Per Olas Fußtapfen drunten am Bootschuppen.
+Und dann merkte man, daß der alte lecke Kahn nicht mehr am Ufer lag. Da
+begann man zu verstehen, was geschehen war.
+
+Der Hausherr und die Knechte schoben sogleich die Boote ins Wasser und
+fuhren hinaus, den Jungen zu suchen. Bis spät am Abend fuhren sie auf dem
+Tåkern umher, ohne auch nur einen Schein von ihm zu entdecken. Da konnten
+sie sich nichts andres denken, als daß das alte Fahrzeug gesunken sei und
+das Kind nun tot auf dem Grunde des Sees liege.
+
+Am Abend wanderte Per Olas Mutter ruhelos am Strande hin und her. Die
+andern waren alle überzeugt, daß Per Ola ertrunken sei, sie aber konnte es
+nicht glauben und suchte und suchte unaufhörlich. Sie suchte zwischen
+Schilf und Binsen, sie wanderte auf dem sumpfigen Strand umher, ohne zu
+beachten, wie tief ihre Füße einsanken und wie naß sie wurden. Sie war am
+Verzweifeln, und das Herz tat ihr unsäglich weh. Sie weinte nicht, aber sie
+rang die Hände und rief mit lauter, klagender Stimme nach ihrem Kind.
+
+Rings herum hörte sie die Klagen der Schwäne und Enten und Brachschnepfen.
+Ihr war, als wanderten alle klagend und jammernd hinter ihr drein. »Sie
+haben gewiß einen Kummer, weil sie so jammern,« dachte die Mutter. »Aber es
+sind ja nur Vögel,« dachte sie weiter, »die haben sicherlich keinen
+Kummer.«
+
+Aber wunderbar war es doch, daß die Vögel jetzt nach Sonnenuntergang noch
+nicht verstummt waren. Sie hörte, wie alle diese unzähligen Vogelscharen,
+die rings um den Tåkern wohnten, nacheinander ihre Klagerufe ertönen
+ließen. Mehrere liefen hinter ihr her, andre sausten auf raschen Flügeln an
+ihr vorüber, alle jammerten und klagten.
+
+Und die Angst, die sie selbst quälte, öffnete ihr das Herz. Ihr war, als
+stehe sie allen den andern lebenden Wesen gar nicht mehr so fern, wie dies
+bei den Menschen sonst der Fall zu sein pflegt. Viel besser als je vorher
+verstand sie, wie es den Vögeln zumut sein müsse. Auch sie hatten ihre
+tägliche Sorge für Haus und Kind. Es war wohl gar kein so großer
+Unterschied zwischen den Vögeln und den Menschen, wie sie bisher geglaubt
+hatte.
+
+Dann fiel ihr die Trockenlegung des Sees ein. Diese war schon so gut wie
+fest beschlossen. Ach und dadurch würden alle die Tausende von Schwänen,
+Enten und Tauchern ihre Heimat hier am Tåkern verlieren! »Das wird sehr
+traurig für sie sein,« dachte sie. »Wo sollen sie später ihre Jungen
+aufziehen?«
+
+Sie blieb stehen und überlegte. »Ja, es mag ja wohl ganz gut und
+vorteilhaft sein, einen See in Äcker und Wiesen zu verwandeln,« dachte sie,
+»aber der See braucht ja nicht gerade der Tåkern zu sein, sondern ein
+andrer, der nicht so vielen Tausenden von Tieren zur Heimat dient.«
+
+»Morgen soll die Trockenlegung endgültig beschlossen werden,« dachte sie
+weiter. Und sie fragte sich, ob nicht am Ende Per Ola deshalb gerade an
+diesem Tage sich verlaufen habe? Ob es nicht am Ende Gottes Absicht sei,
+durch den Kummer ihr Herz zu rühren, damit es sich der Barmherzigkeit
+öffne, gerade heute, ehe es zu spät wäre, die schlechte Tat zu verhindern?
+
+Rasch ging sie auf den Hof zurück und sprach mit ihrem Mann über das alles.
+Sie sprach von dem See und den Vögeln und sagte schließlich, sie glaube,
+Per Olas Tod sei eine Strafe, die Gott über sie verhängt habe. Und sie sah
+bald, daß ihr Mann derselben Ansicht war.
+
+Sie besaßen schon vorher einen großen Hof, und wenn die Trockenlegung des
+Sees zustande kam, fiel ihnen ein sehr bedeutender Teil des Seegrundes zu,
+wodurch ihr Besitztum beinahe noch einmal so groß wurde. Deshalb waren sie
+auch eifriger für den Plan gewesen als irgend einer von den andern
+Strandbesitzern. Die andern hatten die Ausgaben gescheut und die
+Befürchtung ausgesprochen, die Trockenlegung werde am Ende ebensowenig
+gelingen wie das erste Mal. Per Olas Vater wußte, daß nur er sie
+schließlich zu dem Unternehmen bestimmt hatte. Er hatte seine ganze
+Überredungskunst angewendet, um seinem Sohn einen doppelt so großen Hof
+hinterlassen zu können, als er selbst einst von seinem Vater geerbt hatte.
+
+Jetzt fragte er sich, ob es wohl eine Fügung Gottes sei, daß der Tåkern ihm
+seinen Sohn genommen habe, gerade am Tage, bevor der Kontrakt zur
+Trockenlegung unterschrieben werden sollte? Und seine Frau brauchte nicht
+mehr viel zu sagen. »Ja, ja, vielleicht will Gott nicht, daß wir in seine
+Ordnung eingreifen,« sagte er. »Ich will morgen mit den andern sprechen,
+und ich glaube, wir werden alles beim Alten lassen.«
+
+Während die Eheleute so miteinander sprachen, lag Cäsar vor dem Herd. Mit
+aufgehobenem Kopf hörte er genau zu. Als er seiner Sache sicher zu sein
+glaubte, stand er auf, ging zur Mutter hin, faßte sie am Rock und zog sie
+nach der Tür hin. »Aber Cäsar!« sagte sie und wollte sich frei machen.
+»Weißt du, wo Per Ola ist?« rief sie gleich darauf. Und Cäsar bellte lustig
+und sprang an der Tür hinauf. Die Mutter öffnete, Cäsar stürmte in großen
+Sätzen zum Tåkern hinunter, und ohne sich lange zu besinnen, lief die
+Mutter hinter ihm drein, so fest war sie überzeugt, daß Cäsar wußte, wo ihr
+Kind war. Kaum hatte sie den Strand erreicht, da drang auch schon das
+Weinen einer Kinderstimme vom See herüber an ihr Ohr.
+
+Per Ola hatte mit Däumling und den Vögeln den vergnügtesten Tag seines
+Lebens verbracht, aber jetzt weinte er, weil er hungrig war und sich bei
+der Dunkelheit fürchtete. Ach, wie froh war er, als Vater und Mutter und
+Cäsar kamen, ihn zu holen!
+
+Und bei schönem, hellem Mondschein, während die Vögel des Tåkern lustig um
+sie herumflatterten, fuhren sie zurück, heim nach dem Bauernhof.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+20
+
+Die Wahrsagung
+
+
+ Freitag, 22. April
+
+Eines Nachts schlief der Junge auf einem der Holme des Tåkern, als das
+Geräusch von Ruderschlägen ihn weckte. Kaum hatte er die Augen aufgemacht
+und sie auf den See gerichtet, als ein starker Lichtschein aufflammte, der
+ihn beinahe blendete.
+
+Zuerst konnte er nicht begreifen, was draußen auf dem See so hell
+leuchtete, bald aber sah er, daß am Schilfrand ein Kahn lag, in dessen
+Hintersteven eine große Pechfackel an einer eisernen Gabel brannte. Die
+roten Flammen der Fackel spiegelten sich deutlich in dem nachtschwarzen
+See, und der prächtige Schein mußte die Fische herbeigelockt haben, denn um
+die Flamme in der Tiefe herum zeigte sich eine Menge dunkler Striche, die
+sich beständig bewegten und den Platz wechselten.
+
+In dem Kahn befanden sich zwei alte Männer. Der eine saß bei den Rudern,
+der andre stand auf dem hintern Brett und hielt einen kurzen, mit großen
+Widerhaken versehenen Spieß in der Hand. Der Mann, der die Ruder führte,
+schien ein armer Fischer zu sein. Er war klein, ausgemergelt und
+wettergebräunt und hatte einen dünnen abgetragenen Rock an. Offenbar war
+dieser Mann gewohnt, bei jedem Wetter draußen zu sein, und machte sich
+nichts aus der Kälte. Der andre war wohlgenährt und gut gekleidet und sah
+wie ein gebieterischer, selbstbewußter Bauer aus.
+
+»Halt nun still!« sagte der Bauer, als sie dicht bei dem Holm waren, wo der
+Junge lag. In demselben Augenblick stieß er den Spieß ins Wasser, und als
+er ihn wieder herauszog, kam ein langer, prächtiger Aal mit aus der Tiefe
+herauf.
+
+»Ei sieh da!« sagte der Bauer, während er den Aal von der Gabel losmachte,
+»das ist einer, der sich sehen lassen kann. Jetzt haben wir, glaub ich,
+genug und können umdrehen.«
+
+Aber der andre schaute sich um, ohne die Ruder zu bewegen. »Wie schön ist
+es heute Abend hier draußen!« sagte er. Und das war in der Tat so. Kein
+Lüftchen rührte sich; mit Ausnahme des Streifens, den der Kahn gezogen
+hatte, lag der ganze Wasserspiegel regungslos da. Wie eine Fläche aus purem
+Golde leuchtete er in dem Feuerschein.
+
+Hoch und klar wölbte sich der mit Sternen besäte dunkelblaue Nachthimmel
+darüber. Gegen Westen verdeckten die Schilfholme das Ufer. Dort drüben
+erhob sich der Omberg groß und dunkel, viel mächtiger als gewöhnlich, und
+er schnitt ein großes dreieckiges Stück des Himmelsgewölbes weg.
+
+Der andre wendete den Kopf von dem Feuerschein ab und schaute sich um. »Ja,
+es ist schön hier in Ostgötland,« sagte er. »Aber das beste an der
+Landschaft ist doch nicht ihre Schönheit.«
+
+»Was ist denn das beste?« fragte der Fährmann.
+
+»Daß es von jeher eine angesehene, hochgepriesene Landschaft war.«
+
+»Ja, das ist sehr wahr.«
+
+»Und ferner, daß man weiß, daß es immer so bleiben wird.«
+
+»Wie soll man das wissen?« fragte der andre, der die Ruder führte.
+
+Der Bauer richtete sich auf und stützte sich auf seinen Spieß. »In unserer
+Familie hat sich eine alte Geschichte immer wieder vom Vater auf den Sohn
+vererbt, und in dieser Geschichte erfährt man, wie es mit Ostgötland gehen
+wird.«
+
+»Dann könntest du sie mir wohl erzählen,« sagte der Ruderer.
+
+»Wir pflegen sie sonst nicht dem ersten besten zu erzählen, aber einem
+alten Kameraden will ich sie nicht vorenthalten.«
+
+»Auf dem Gute Ulvåsa hier in Ostgötland,« fuhr er fort, und jetzt konnte
+man an seinem Ton merken, daß er etwas erzählte, was er selbst von andern
+gehört hatte und auswendig wußte, »wohnte vor vielen Jahren eine
+Schloßherrin, die die Gabe hatte, in die Zukunft zu schauen und den Leuten
+vorauszusagen, was ihnen widerfahren werde, und zwar sicher und genau, wie
+wenn es wirklich schon geschehen wäre. Deshalb wurde sie weitberühmt, und
+man kann sich wohl denken, wie die Leute von nah und fern herbeizogen, um
+zu erfahren, was sie Gutes oder Böses zu erwarten hätten.
+
+Eines Tages, als die Frau auf Ulvåsa in ihrem Saal am Spinnrad saß, wie das
+in frühern Zeiten Sitte war, trat ein armer Bauer herein und setzte sich
+ganz unten an der Tür auf die Bank.
+
+>Ich möchte wohl wissen, was Ihr denkt, liebe Schloßherrin?< sagte der
+Bauer nach einer Weile.
+
+>Ich denke an hohe und heilige Dinge,< antwortete sie.
+
+>Es würde sich wohl nicht schicken, wenn ich Euch um etwas fragte, das mir
+sehr am Herzen liegt?< fragte der Bauer.
+
+>Ei, es wird dir wohl nichts am Herzen liegen, als die Frage, ob du viel
+Korn von deinen Äckern ernten werdest. Aber ich bin gewohnt, von dem Kaiser
+gefragt zu werden, wie es um seine Krone stehe, und von dem Papst, wie es
+mit seinen Schlüsseln bestellt sei?<
+
+>Ja, so etwas ist wohl nicht leicht zu beantworten,< sagte der Bauer. >Und
+ich habe auch gehört, daß noch nie jemand von hier weggegangen sei, der mit
+der Antwort, die er erhalten habe, zufrieden gewesen wäre.<
+
+Als der Bauer dies sagte, sah er, daß die Schloßfrau sich auf die Lippe biß
+und auf der Bank weiter hinaufrückte. >So, das hast du von mir gehört?<
+sagte sie. >Nun, dann mache einmal den Versuch und frage mich nach dem, was
+du wissen möchtest, alsdann wirst du ja sehen, ob ich so antworten kann,
+daß du zufrieden bist.<
+
+Nach dieser Aufforderung zögerte der Bauer nicht länger mit seinem
+Anliegen. Er sagte, er sei gekommen, sich zu erkundigen, wie es zukünftig
+mit Ostgötland gehen werde. Denn nichts sei ihm so lieb wie dieses Land,
+und er wisse, er würde bis zu seiner letzten Stunde glücklich sein, wenn er
+eine gute Antwort auf diese Frage bekäme.
+
+>Wenn du sonst nichts wissen willst,< sagte die weise Frau, >dann werde ich
+dich wohl befriedigen können. Denn so wahr ich hier sitze, kann ich dir
+sagen, Ostgötland wird allezeit etwas haben, dessen es sich vor andern
+Landschaften wird rühmen können.<
+
+>Ja, das ist eine gute Antwort, liebe Schloßfrau,< sagte der Bauer, >und
+ich wäre ganz befriedigt, wenn ich nur begreifen könnte, wie das zugehen
+soll.<
+
+>Warum sollte es nicht möglich sein?< sagte die Frau von Ulvåsa. >Weißt du
+nicht, daß Ostgötland jetzt schon weit berühmt ist? Oder meinst du, es gebe
+in ganz Schweden eine Landschaft, die sich rühmen könnte, zwei solche
+Klöster zu besitzen wie Alvastra und Vreta, und eine so schöne Domkirche
+wie die in Linköping?<
+
+>Das mag wohl so sein,< sagte der Bauer, >aber ich bin ein alter Mann und
+weiß, daß das Herz des Menschen veränderlich ist, und ich fürchte, es
+möchte eine Zeit kommen, wo sie uns weder wegen Alvastra oder Vreta noch
+wegen unserer Domkirche ehren werden.<
+
+>Damit kannst du recht haben,< sagte die Frau von Ulvåsa, >aber deshalb
+brauchst du doch nicht an meiner Wahrsagung zu zweifeln. Ich werde jetzt
+ein neues Kloster auf Vadstena bauen lassen, und dieses wird sicherlich das
+berühmteste hier im Norden werden. Hoch und niedrig wird dorthin
+wallfahren, und alle werden diese Landschaft preisen, weil sie einen so
+heiligen Ort in ihren Grenzen birgt.<
+
+Der Bauer erwiderte, er freue sich ganz außerordentlich über diese
+Nachricht. Aber da er wohl wisse, daß alles vergänglich sei, möchte er eben
+doch gar zu gern erfahren, was dem Lande Ansehen verschaffen könne, wenn
+das Kloster Vadstena je einmal in üblen Ruf käme.
+
+>Du bist nicht leicht zufrieden zu stellen,< sagte die Frau von Ulvåsa,
+>aber ich sehe gar weit in die Zukunft, und deshalb kann ich dir sagen, ehe
+das Kloster Vadstena seinen Glanz verliert, wird daneben ein Schloß erbaut
+werden, das das prächtigste seiner Zeit sein wird. Könige und Fürsten
+werden da wohnen, und es wird der ganzen Landschaft zur Ehre gereichen,
+einen solchen Schmuck zu besitzen.<
+
+>Das zu hören, freut mich auch sehr,< sagte der Bauer. >Aber ich bin ein
+alter Mann und weiß, wie es mit der Herrlichkeit dieser Welt zu gehen
+pflegt, und ich möchte wohl wissen, was die Blicke der Leute auf diese
+Landschaft lenken soll, wenn das Schloß einmal in Verfall gerät.<
+
+>Du begehrst nicht wenig zu wissen,< sagte die Frau von Ulvåsa, >aber ich
+kann doch so weit in die Zukunft schauen, daß ich sehe, wie in den Wäldern
+um Finspång herum Leben und Bewegung entsteht. Ich sehe, daß dort
+Eisenhütten und Schmiedewerkstätten errichtet werden, und ich glaube, daß
+man die ganze Landschaft darum ehren wird, daß in ihrem Gebiet das Eisen
+verarbeitet wird.<
+
+Der Bauer verbarg nicht, wie sehr er sich über diese Nachricht freute.
+>Aber,< fuhr er fort, >wenn es nun so schlecht ginge, daß auch das
+Finspånger Hüttenwerk sein Ansehen verlöre, dann könnte wohl unmöglich noch
+etwas Neues aufkommen, dessen sich Ostgötland rühmen könnte?<
+
+>Du bist nicht leicht zufriedenzustellen,< sagte die Frau von Ulvåsa, >aber
+so weit in die Zukunft kann ich doch noch schauen, daß ich sehe, wie hier
+von Herrenleuten, die in fremden Ländern Krieg geführt haben, Edelsitze
+erbaut werden, die so groß wie Schlösser sind, und ich glaube, daß diese
+Herrenhöfe dem Lande ebensoviel Ehre eintragen werden, wie alles andre, von
+dem ich gesprochen habe.<
+
+>Aber wenn einst die Zeit kommt, wo niemand mehr die großen Herrenhöfe
+preist?<
+
+>So brauchst du doch keineswegs ängstlich zu sein,< erwiderte die Frau von
+Ulvåsa. >Auf den Auen von Medevi in der Nähe des Wettern sehe ich
+Heilquellen hervorsprudeln, und die Quellen von Medevi werden dem Lande
+ebensoviel Ehre gewinnen wie irgend etwas, von dem ich bis jetzt gesprochen
+habe.<
+
+>Ja, das ist wirklich etwas Großes, was ich da gehört habe,< sagte der
+Bauer. >Aber wenn nun eine Zeit kommt, wo die Menschen an andern Quellen
+Heilung suchen?<
+
+>Deshalb brauchst du nicht ängstlich zu sein,< antwortete die Frau von
+Ulvåsa. >Denn ich sehe, wie die Menschen von Motala bis Mem arbeiten. Sie
+graben eine Wasserstraße quer durchs Land, und von dieser wird Ostgötland
+ebensoviel Ehre haben wie von irgend etwas anderm.<
+
+Aber der Bauer sah trotzalledem beunruhigt aus.
+
+>Ich sehe, wie die Fälle des Motalastromes Räder drehen,< sagte die Frau
+von Ulvåsa, und auf ihren Wangen zeigten sich zwei rote Flecke, denn jetzt
+begann sie ungeduldig zu werden. >Ich höre in Motala Hammerschläge dröhnen
+und in Norrköping Webstühle schlagen.<
+
+>Ja, das ist ein angenehmer Klang,< sagte der Bauer, >aber alles ist
+vergänglich, und ich fürchte, auch dieses könnte einmal vergessen und
+verlassen sein.<
+
+Doch als der Bauer auch jetzt noch nicht befriedigt war, da war die Geduld
+der Schloßfrau erschöpft. >Du sagst, alles sei vergänglich!< rief sie.
+>Aber jetzt will ich dir etwas nennen, was immer und ewig sich gleich
+bleiben wird. Und das ist, daß es hier in dieser Landschaft bis zum
+jüngsten Tage solche hochmütige, eigensinnige Bauern geben wird, wie du
+einer bist!<
+
+Kaum hatte die Frau von Ulvåsa dies gesagt, als der Bauer auch schon
+fröhlich und vergnügt aufstand und ihr für die gute Auskunft dankte. Jetzt
+endlich sei er befriedigt, sagte er.
+
+>Jetzt verstehe ich nicht, was du meinst,< sagte die Frau von Ulvåsa.
+
+>Ja, seht Ihr, liebe Schloßfrau,< antwortete der Bauer, >ich denke so:
+alles, was Könige und Klosterleute und Gutsbesitzer und Stadtbewohner bauen
+und errichten, das hat nur einige Jahre Bestand. Aber wenn Ihr mir sagt,
+daß es in Ostgötland immer ehrgeizige und beharrliche Bauern geben werde,
+dann weiß ich auch, daß es seinen alten Ruhm behalten wird. Denn nur die,
+die unter der ewigen Arbeit zur Erde gebückt einhergehen, können das Land
+für alle Zeiten in Wohlstand und Ehren erhalten.<«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+21
+
+Der Rock aus Drillich und Samt
+
+
+ Samstag, 23. April
+
+Hoch droben in der Luft flog der Junge dahin. Er hatte die große
+Ostgötaebene unter sich, und im Vorüberfliegen zählte er die vielen weißen
+Kirchen, die zwischen den kleinen Baumgruppen aufragten. Und es dauerte
+nicht lange, da war er schon bei der Zahl fünfzehn angekommen. Aber dann
+kam er draus, und er konnte die richtige Reihenzahl nicht mehr einhalten.
+
+Die meisten Höfe hatten große weißangestrichene zweistöckige Häuser, die
+sehr stattlich aussahen, und der Junge verwunderte sich sehr darüber.
+»Hierzulande gibt es, wie es scheint, keine Bauern,« sagte er vor sich hin.
+»Ich sehe ja lauter Herrenhöfe.«
+
+Doch da riefen die Wildgänse sogleich: »Hier wohnen die Bauern wie
+Herrenleute! Hier wohnen die Bauern wie Herrenleute!«
+
+Auf der Ebene drunten waren Eis und Schnee verschwunden, und die
+Frühlingsarbeiten hatten begonnen. »Was sind das für lange Krebse, die über
+die Äcker hinkriechen?« fragte der Junge nach einer Weile.
+
+»Pflüge und Ochsen! Pflüge und Ochsen!« antworteten alle Wildgänse
+zugleich.
+
+Die Ochsen kamen auf den Äckern so langsam vorwärts, daß man gar nicht
+merkte, wie sie sich bewegten, und die Gänse riefen ihnen zu: »Ihr kommt
+erst im nächsten Jahr an Ort und Stelle! Ihr kommt erst im nächsten Jahr an
+Ort und Stelle!«
+
+Aber die Ochsen blieben die Antwort nicht schuldig. Sie taten das Maul auf
+und brüllten: »Wir schaffen in einer Stunde mehr Nutzen, als solche
+Landstreicher wie ihr in eurem ganzen Leben!«
+
+An einigen Orten wurden die Pflüge von Pferden gezogen, und diese zogen mit
+viel größerem Eifer als die Ochsen. »Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit zu
+tun?« riefen die Gänse den Pferden zu. »Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit
+zu tun?«
+
+»Schämt ihr euch nicht selbst, die Faulenzer zu spielen?« wieherten die
+Pferde zurück.
+
+Während Pferde und Ochsen bei der Arbeit draußen waren, lief der
+Stallhammel auf dem Hofe umher. Er war frisch geschoren und machte allerlei
+Bocksprünge, warf die kleinen Jungen um, trieb den Kettenhund in seine
+Hütte hinein und stolzierte dann umher, als sei er allein Herr auf dem
+Hofe. »Hammel, Hammel, was hast du mit deiner Wolle getan?« fragten die
+Wildgänse, die über ihn hinflogen.
+
+»Die hab ich in die Fabriken von Norrköping geschickt!« antwortete der
+Hammel mit einem langen Meckern.
+
+»Hammel, Hammel, was hast du mit deinen Hörnern gemacht?« fragten die
+Gänse. Aber Hörner hatte der Hammel zu seinem großen Kummer nie gehabt, und
+man konnte ihn nicht mehr kränken, als wenn man ihn darnach fragte. Lange
+sprang er wild umher und stieß mit dem Kopfe, so zornig war er.
+
+Auf der Landstraße trieb ein Mann aus Schonen eine Herde Ferkel vor sich
+her, die erst ein paar Wochen alt waren und weiter oben im Lande verkauft
+werden sollten. Die Ferkel trotteten tapfer voran, ob sie auch noch so
+klein waren, und hielten sich dicht zusammen, wie um beieinander Schutz zu
+suchen. »Nöff, nöff, nöff, wir sind zu zeitig von Vater und Mutter
+weggekommen! Nöff, nöff, nöff, wie soll es uns armen Kindern gehen?«
+grunzten die Ferkelchen.
+
+Nicht einmal die Wildgänse hatten das Herz, solche arme Tröpfchen zu
+necken. »Es wird euch besser gehen, als ihr denkt!« riefen sie ihnen im
+Vorbeifliegen zu.
+
+Die Wildgänse waren nie so guter Laune, als wenn sie über ebenes Land
+hinflogen. Da beeilten sie sich durchaus nicht, sondern flogen von Hof zu
+Hof und trieben ihren Spaß mit den Haustieren.
+
+Während der Junge so über die Ebene hinritt, fiel ihm eine Sage ein, die er
+vor langer Zeit einmal gehört hatte. Er erinnerte sich ihrer nicht ganz
+genau, es handelte sich darin um einen Rock, dessen eine Hälfte aus
+goldglänzendem Samt, die andre aber aus grauem Drillich bestand. Aber der
+Besitzer des Rockes besetzte die Drillichseite mit so viel Perlen und
+Edelsteinen, daß sie schöner und köstlicher glänzte als der Goldstoff.
+
+An diese Drillichseite mußte der Junge denken, als er jetzt auf Ostgötland
+hinabschaute, denn es bestand aus einer großen Ebene, die im Norden und
+Süden von zwei bewaldeten Bergen eingeschlossen war. Die beiden Bergeshöhen
+lagen schimmernd blau und wie mit einem goldnen Schleier verhüllt im
+Morgenlicht da, und die Ebene, die nur einen winterlich kahlen Acker neben
+dem andern ausbreitete, machte an und für sich keinen schöneren Eindruck
+als grauer Drillich.
+
+Aber den Menschen war es gut gegangen auf dieser Ebene, weil sie freigebig
+und gütig ist, und deshalb hatten sie versucht, sie so schön als möglich
+herauszuputzen. Als der Junge hoch droben auf dem Gänserücken dahinritt,
+kamen ihm die Städte und Höfe, Kirchen und Fabriken, Schlösser und Bahnhöfe
+wie große und kleine Schmuckstücke vor, die darüber hingestreut waren. Die
+Ziegeldächer glänzten im Sonnenschein, und die Fensterscheiben funkelten
+wie Edelsteine. Gelbe Landstraßen, glänzende Eisenbahnschienen und blaue
+Kanäle liefen wie aus Seide gestickte Ranken zwischen den Ortschaften hin.
+Linköping lag um seine Domkirche herum wie die Perleneinfassung um einen
+kostbaren Stein, und die Höfe auf dem Lande waren wie Busennadeln und
+Knöpfe. Es war nicht viel Ordnung im Muster, aber es war eine Pracht, die
+zu sehen man nie müde wurde.
+
+Die Gänse hatten die Omberggegend verlassen und flogen jetzt in östlicher
+Richtung am Götakanal hin. Dieser war auch dabei, sich für den Sommer
+herzurichten. Arbeiter besserten die Kanalufer aus und strichen die großen
+Schleusentüren mit Teer an.
+
+Ja, überall auf dem Lande wurde gearbeitet, um den Frühling gut zu
+empfangen, und desgleichen auch in den Städten. Da standen Maler und Maurer
+auf den Gerüsten vor den Häusern und machten sie fein, die Dienstmädchen
+beugten sich zu den offnen Fenstern heraus und putzten die Scheiben.
+Drunten am Hafen wurden Segelboote und Dampfschiffe hergerichtet.
+
+Bei Norrköping verließen die Wildgänse die Ebene und flogen gen Kolmården,
+und eine Weile folgten sie einer alten, hügeligen Landstraße, die sich an
+Felsenschluchten und wilden Bergwänden hinzog. Da stieß der Junge plötzlich
+einen Schrei aus. Er hatte, während er da auf dem Gänserich durch die Luft
+ritt, mit dem einen Fuß geschaukelt und dabei einen Holzschuh verloren.
+
+»Gänserich! Gänserich!« rief der Junge. »Ich habe meinen Holzschuh fallen
+lassen!«
+
+Der Gänserich wendete sich um und ließ sich auf die Erde hinabfallen. Aber
+da sah der Junge, daß zwei Kinder, die auf dem Wege daherkamen, seinen
+Schuh aufgelesen hatten.
+
+»Gänserich! Gänserich!« schrie der Junge schnell. »Flieg wieder hinauf! Es
+ist zu spät! Ich kann meinen Schuh nicht wieder erlangen!«
+
+Aber drunten auf dem Wege stand das Gänsemädchen Åsa mit ihrem Bruder
+Klein-Mats, und sie betrachteten einen kleinen Holzschuh, der vom Himmel
+heruntergefallen war.
+
+»O Klein-Mats, erinnerst du dich, als wir am Övedskloster vorbeikamen,
+erzählte man uns in einem Bauernhofe, man habe dort ein Wichtelmännchen
+gesehen, das Lederhosen und Holzschuhe angehabt habe wie ein einfacher
+Arbeiter. Und weißt du, wie wir nach Vittskövle kamen, erzählte uns ein
+Mädchen, sie habe ein Wichtelmännchen in Holzschuhen gesehen, das auf dem
+Rücken einer Gans davongeflogen sei. Und weißt du, Klein-Mats, als wir
+selbst in unsere Hütte zurückkehrten, da haben wir ein Männlein gesehen,
+das gerade so angezogen war und auch auf eine Gans hinaufkletterte, mit der
+es dann davonflog. Vielleicht ist eben jetzt dasselbe gute Wichtelmännchen
+da oben auf seiner Gans über uns hingeflogen, und das hat den Schuh
+verloren.«
+
+»Ja, so wirds wohl sein,« sagte Klein-Mats.
+
+Sie wendeten den Holzschuh um und betrachteten ihn genau, denn man findet
+nicht alle Tage den Holzschuh eines Wichtelmännchens auf der Landstraße.
+
+»Warte, warte, Klein-Mats!« rief Åsa. »Hier auf der einen Seite steht
+etwas.«
+
+»Ja, wirklich. Aber es sind sehr kleine Buchstaben.«
+
+»Laß mich einmal sehen! Ja, da steht -- -- da steht -- Nils Holgersson von
+Westvemmenhög.«
+
+»Das ist das Merkwürdigste, was ich je gehört habe!« sagte Klein-Mats.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+22
+
+Die Geschichte von Karr und Graufell
+
+Der Kolmården
+
+
+Nördlich von Bråviken, gerade an der Grenze zwischen Ostgötland und
+Sörmland liegt ein Berg, der mehrere Meilen lang und über eine Meile breit
+ist. Wenn er auch ebenso hoch wie lang und breit wäre, dann wäre er der
+schönste Berg, den man sich nur denken könnte; aber er ist nun eben nicht
+so hoch.
+
+Ab und zu trifft man wohl ein Gebäude, das von Anfang an so groß angelegt
+wurde, daß der Eigentümer es nicht ausbauen konnte. Wenn man ganz nahe
+herankommt, sieht man dicke Grundmauern, starke Gewölbe und tiefe Keller,
+aber gar keine Außenwände und keine Dächer, das Ganze erhebt sich nur ein
+paar Fuß hoch über der Erde; nun, beim Anblick des eben genannten
+Grenzberges muß man unwillkürlich an so ein verlassenes Bauwerk denken,
+denn er sieht fast aus, als sei er gar kein fertiger Berg, sondern nur die
+Grundlage für einen Berg. Mit steil abfallenden Hängen ragt er aus der
+Ebene empor, und nach allen Seiten sind große Felsmassen aufgetürmt, die
+aussehen, als wären sie dazu bestimmt gewesen, mächtige, hohe Felsenhallen
+zu tragen. Alles ist gewaltig und großartig und riesenmäßig angelegt, aber
+es hat keine richtige Höhe, keinen richtigen Stil. Der Baumeister muß der
+Sache überdrüssig geworden sein und sie aufgegeben haben, ehe er die
+steilen Felsenwände und die spitzigen Gipfel und scharfen Kuppen
+aufgeführt hatte, die sonst wie Mauern und Dächer auf den fertig gebauten
+Bergen stehen.
+
+Aber gleichsam als Ersatz für die Gipfel und Felsenkuppen ist der große
+Berg von jeher mit prächtigen Bäumen bestanden gewesen. Eichen und Linden
+wuchsen am Saum des Waldes und in den Tälern, Birken und Erlen um den See
+herum, Tannen droben auf den steilen Terrassen, Fichten aber überall, wo
+sich nur eine Handvoll Erde fand, in der sie Wurzel schlagen konnten. Alle
+diese Bäume miteinander bildeten den in alten Zeiten so gefürchteten großen
+Wald von Kolmården, der so verrufen war, daß jeder Wanderer, der hindurch
+mußte, seine Seele Gott befahl und seines letzten Stündchens gewärtig war.
+
+Jetzt ist es freilich schon so lange her, seit der Wald von Kolmården
+heranwuchs, daß niemand mehr imstande wäre, uns zu sagen, wie er allmählich
+so wurde, wie er heute ist. Im Anfang mußten sich die Bäume wohl ordentlich
+wehren, bis sie in dem harten Felsengrund Wurzel geschlagen hatten, und sie
+wurden darum so wetterfest, weil sie zwischen nackten Felsblöcken stehen
+und ihre Nahrung aus den magern Schutthalden ziehen mußten. Es ging ihnen
+wie so manchem Menschen, der sich in seiner Jugend schwer durchkämpfen muß,
+aber gerade dadurch später groß und stark wird. Als der Wald herangewachsen
+war, hatte er Bäume, die drei Mann kaum umspannen konnten; die Zweige waren
+zu einem undurchdringlichen Netzwerk verflochten, und der Boden ringsherum
+war von harten, glatten Wurzeln durchwoben. Der Wald war ein herrlicher
+Aufenthaltsort für wilde Tiere und für Räuber, die es verstanden,
+hindurchzukriechen und sich einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Aber für
+andre Wesen hatte dieser Wald nichts Verlockendes; er war kalt und düster,
+unwegsam und unzugänglich, voll stachligen Gestrüpps, und die alten Bäume
+mit ihren bärtigen Zweigen und moosbewachsenen Stämmen sahen aus wie wilde
+Spukgestalten.
+
+In der ersten Zeit, wo sich die Menschen in Sörmland und Ostgötland
+niederließen, war ringsum beinahe nichts als Wald, der aber in den
+fruchtbaren Tälern und auf den Ebenen bald ausgerottet wurde. Den Kolmårder
+Wald dagegen, der auf magerem Felsengrund stand, nahm sich niemand die Mühe
+zu fällen. Und je länger er unberührt stehen bleiben durfte, desto dichter
+und mächtiger wuchs er heran, bis er schließlich eine Festung bildete,
+deren Mauern von Tag zu Tag dicker wurden; wer da hindurchdringen wollte,
+mußte die Axt zu Hilfe nehmen.
+
+Andre Wälder müssen oft Angst vor den Menschen haben, aber bei dem
+Kolmårder Walde war es gerade umgekehrt, da waren es die Menschen, die sich
+fürchten mußten, denn er war so dunkel und dicht, daß die Jäger und
+Besenbinder sich immer wieder darin verirrten und oft halb verhungerten,
+bis sie sich endlich aus der Wildnis herausgearbeitet hatten. Und für die
+Leute, die von Ostgötland nach Sörmland oder umgekehrt reisen mußten, war
+dies ein geradezu lebensgefährliches Unternehmen. Auf schmalen Tierpfaden
+mußten sie sich mühselig durcharbeiten; denn die Grenzbevölkerung war
+nicht einmal imstande, einen gebahnten Weg durch den Wald zu unterhalten.
+Es führten weder Brücken über die Bäche, noch Fähren über die Seen, oder
+Baumstämme über die Moore. Und im ganzen Walde war nirgends eine Hütte, wo
+friedliche Menschen wohnten, während es Räuberhöhlen und Schlupfwinkel für
+die wilden Tiere in Menge gab. Nicht viele Reisende kamen unbeschädigt
+durch den Wald hindurch; aber um so mehr stürzten in Abgründe und versanken
+in Sümpfen, wurden von Räubern ausgeplündert, oder von wilden Tieren zu
+Tode gejagt. Selbst die Ansiedler, die am Rande des großen Waldes wohnten
+und sich nie hineinwagten, litten Schaden durch ihn, denn Wölfe und Bären
+drangen heraus und raubten ihnen das Vieh. Solange sich die wilden Tiere in
+dem dichten Kolmården verstecken konnten, war es ganz und gar unmöglich,
+sie auszurotten.
+
+Soviel war sicher, sowohl die Ostgötländer als die Sörmländer wären den
+Wald mit Freuden losgewesen; aber das ging eben sehr langsam, solange es
+noch anderweitig fruchtbaren Boden gab. Allmählich aber rückte man doch
+vor; an den Abhängen rings um den dichten Urwald entstanden Dörfer und
+Bauernhöfe, der Wald wurde einigermaßen befahrbar gemacht, und bei Krokek
+mitten in der dichtesten Wildnis, bauten Mönche ein Kloster, wo die
+Reisenden einen sicheren Zufluchtsort fanden.
+
+Immerhin verblieb der Wald auch fernerhin eine wilde, gefährliche Gegend,
+bis eines schönen Tages ein Wanderer, der ganz ins Herz hineingedrungen
+war, durch Zufall entdeckte, daß der Kolmårder Berg in seinem Innern
+Erzlager barg. Sobald dies bekannt wurde, strömten die Grubenarbeiter und
+Bergleute in den Wald, die Schätze zu heben. Und nun kam die Zeit, in der
+die Macht des Waldes gebrochen wurde; die Menschen warfen Gruben auf und
+bauten Schmelzöfen und Bergwerke in dem alten Walde. Doch dies allein hätte
+ihm nicht ernstlich geschadet, wenn bei dem Bergwerkbetrieb nicht auch so
+ungeheuer viel Brennmaterial verbraucht worden wäre. Kohlenbrenner und
+Holzfäller hielten ihren Einzug in dem alten düstern Urwald, und sie
+machten ihm nahezu den Garaus. Um die Bergwerke herum wurde er ganz
+niedergehauen und der ausgerodete Boden in Ackerland verwandelt. Viele
+Ansiedler zogen hinauf, und bald entstanden da, wo vor kurzem noch nichts
+als Bärenhöhlen gewesen waren, mehrere neue Dörfer mit Kirchen und
+Pfarrhöfen.
+
+Selbst an den Stellen, wo man den Wald nicht vollständig ausgerottet hatte,
+wurden die alten Baumriesen gefällt und das Dickicht gelichtet. Nach allen
+Richtungen wurden Wege angelegt und die wilden Tiere und Räuber verjagt.
+Als die Menschen so allmählich Herr über den Wald geworden waren, handelten
+sie sehr schlecht gegen ihn; ohne eine Spur von Rücksicht wurden die Bäume
+gefällt und Kohlen daraus gebrannt. Sie hatten ihren alten Haß gegen den
+Wald nicht vergessen, und nun sah es aus, als wollten sie ihn ganz und gar
+von der Erde vertilgen.
+
+Zum Glück für den Wald fand sich schließlich gar nicht so sehr viel Erz in
+den Kolmårder Gruben. Deshalb nahmen die Grubenarbeit und der
+Bergwerkbetrieb bald wieder ab. Dann hörte auch das Kohlenbrennen auf, und
+der Wald konnte ein wenig aufatmen. Viele von den Leuten, die sich in den
+Kolmårder Ortschaften niedergelassen hatten, wurden arbeitslos und konnten
+sich nur schwer durchbringen; der Wald aber wuchs wieder heran und breitete
+sich von neuem aus, daß die Höfe und Bergwerke schließlich wie Inseln in
+einem grünen Meere dalagen. Die Kolmårder Bewohner versuchten es nun mit
+dem Ackerbau, aber ohne besonderen Erfolg; der alte Waldboden wollte lieber
+Königseichen und Riesentannen hervorbringen, als Rüben und Getreide.
+
+Zu der Zeit betrachteten die Menschen den Wald mit düstern Blicken; der
+Wald schien immer kräftiger und üppiger zu werden, während sie selbst ärmer
+und immer ärmer wurden. Aber schließlich fiel ihnen ein, es könnte doch
+möglicherweise an dem Walde selbst etwas Gutes sein. Vielleicht könnten sie
+gerade durch ihn ihr Auskommen finden; eines Versuches müßte es doch
+jedenfalls wert sein.
+
+[Illustration]
+
+So begannen die Leute denn Balken und Bauholz aus dem Walde zu holen und
+sie dann an die Tieflandbewohner, die ihren Wald schon ganz gefällt hatten,
+zu verkaufen. Und die Menschen erkannten bald, daß sie, wenn sie
+einigermaßen vernünftig zu Werke gingen, ihr Auskommen ebensogut vom Walde
+als von den Äckern und den Erzgruben haben könnten. Von da an sahen die
+Menschen den Wald mit ganz andern Augen an. Sie lernten es, schonend mit
+ihm umzugehen und ihn zu lieben. Jetzt vergaßen sie auch die alte
+Feindschaft und betrachteten fortan den Wald als ihren besten Freund.
+
+
+Karr
+
+Ungefähr zwölf Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog,
+geschah es, daß einer der Bergwerkbesitzer von Kolmården einen seiner
+Jagdhunde los sein wollte. Er ließ seinen Waldhüter kommen und sagte ihm,
+es sei ihm unmöglich, den Hund zu behalten, weil man diesem nicht
+abgewöhnen könne, alle Schafe und Hühner zu jagen, die er erblicke;
+deshalb solle der Waldhüter den Hund mit sich nehmen und draußen im Walde
+erschießen.
+
+Der Waldhüter band dem Hund einen Strick um den Hals, um ihn an einen
+bestimmten Platz im Walde zu führen, wo man die alten Hunde vom Herrenhofe
+erschoß und vergrub. Der Waldhüter war ein guter Mensch, aber er war doch
+froh, daß der Hund erschossen werden sollte, denn es war ihm wohlbekannt,
+daß dieser Hund auch noch auf andres Wild Jagd machte, als auf Schafe und
+Hühner. Sehr häufig trieb er sich im Wald herum und stibitzte bald ein
+Häschen, bald einen jungen Auerhahn.
+
+Es war ein kleiner schwarzer Hund mit einer gelben Brust und gelben
+Vorderpfoten. Er hieß Karr und war so klug, daß er alles verstehen konnte,
+was die Menschen sagten. Als nun der Waldhüter mit ihm durch den Wald zog,
+wußte Karr recht wohl, was seiner wartete. Aber das hätte ihm beileibe
+niemand ansehen können. Er ließ nicht den Kopf hängen und kniff auch nicht
+den Schwanz ein, sondern sah ganz ebenso unbekümmert aus wie sonst.
+
+Wir werden gleich sehen, warum der Hund sich so viele Mühe gab, niemand
+merken zu lassen, daß er Angst hatte. Rings um das alte Bergwerk herum
+erstreckte sich nämlich ein großer dichter Wald, der allen Bewohnern der
+Umgegend und den Tieren recht wohl bekannt war, denn der Eigentümer des
+Waldes hatte diesem seit einer Reihe von Jahren die größte Schonung
+angedeihen lassen; kaum Brennholz hatte gefällt werden dürfen, ja, man
+hatte nicht einmal gewagt, ihn zu lichten, sondern hatte ihn einfach
+wachsen lassen, wie er wollte. Aber ein Wald, der auf solche Weise behütet
+wird, mußte selbstverständlich ein beliebter Zufluchtsort für die Tiere
+werden, und so hatten sich diese auch sehr zahlreich da niedergelassen.
+Unter sich nannten die Tiere den Wald den »Friedenswald«, und sie
+betrachteten ihn als den allerbesten Zufluchtsort im ganzen Lande.
+
+Während der Hund nun an dem Strick durch den Wald geführt wurde, fiel ihm
+ein, wie sehr er von allen kleinen Tieren, die hier wohnten, gefürchtet
+war.
+
+»Ei, Karr, denk dir, was das für eine Freude hier ringsum im Walde wäre,
+wenn sie wüßten, was deiner wartet!« dachte er. Aber er wedelte mit dem
+Schwanze und stieß ein fröhliches Bellen aus, damit doch ja niemand denke,
+er fürchte sich und sei niedergeschlagen.
+
+»Welches Vergnügen hätte ich denn im Leben, wenn ich nicht ab und zu einmal
+auf die Jagd gehen könnte!« sagte er. »Bereue, wer Lust hat, ich tus gewiß
+nicht!«
+
+Aber in demselben Augenblick, wo der Hund dies sagte, ging eine sonderbare
+Veränderung mit ihm vor. Er streckte den Kopf und Hals vor, als hätte er am
+liebsten laut hinausgeheult; auch lief er jetzt nicht mehr neben dem
+Forstwart her, sondern hielt sich hinter ihm. Offenbar war dem guten Karr
+etwas Unangenehmes eingefallen.
+
+Der Sommer war jetzt angebrochen, die Elchkühe hatten vor kurzem ihre
+Jungen zur Welt gebracht, und am vorhergehenden Abend war es Karr gelungen,
+ein kaum fünf Tage altes Elchkälbchen von seiner Mutter weg und auf ein
+Moor hinauszutreiben. Da hatte er das Kälbchen zwischen den Rasenhügeln
+umhergejagt, nicht eigentlich, um es zu fangen, sondern um sich an dessen
+Angst zu ergötzen. Die Elchmutter wußte, daß das Moor jetzt, so kurz nach
+dem Auftauen des gefrorenen Bodens, grundlos war und noch kein großes Tier
+tragen konnte. Sie blieb deshalb am Rande stehen, solange sie es aushalten
+konnte; als aber Karr das Kälbchen immer weiter hinaustrieb, ging die
+Elchkuh plötzlich auch aufs Moor hinaus, jagte den Hund weg, nahm das
+Kälbchen an sich und ging mit ihm wieder dem Lande zu. Die Elentiere
+schreiten viel geschickter als andre Tiere über schwankenden gefährlichen
+Grund hin, und es sah aus, als würde es der Elchkuh gelingen, den festen
+Boden wieder zu erreichen. Aber als sie schon ganz dicht am Lande angelangt
+war, rutschte ein Rasenhügel, auf den sie den Fuß gesetzt hatte, plötzlich
+in den Sumpf hinein, und sie selbst sank mit. Sie gab sich alle Mühe,
+wieder herauszukommen, konnte aber nirgends festen Fuß fassen, und so sank
+sie immer tiefer hinein. Karr stand unbeweglich da und wagte kaum zu atmen,
+und als er merkte, daß die Elchkuh sich nicht allein heraushelfen konnte,
+lief er so schnell, als seine Füße ihn trugen, davon. Er hatte plötzlich an
+alle die Schläge denken müssen, die ihm zuteil werden würden, wenn es
+herauskäme, daß er die Elchkuh aufs Moor hinausgelockt hatte, und so wagte
+er vor lauter Angst nicht anzuhalten, bis er daheim angelangt war.
+
+Dieses Erlebnis war unserm Karr vorhin eingefallen, und es quälte ihn jetzt
+mehr als alle andern lockeren Streiche, die er je ausgeführt hatte.
+Vielleicht kam es daher, weil er der Elchkuh und dem Kälbchen gar kein Leid
+hatte antun wollen, sondern ganz unabsichtlich schuld an ihrem Tode
+geworden war.
+
+»Aber vielleicht sind die beiden noch am Leben,« dachte der Hund mit einem
+Male. »Sie waren ja noch nicht tot, als ich von ihnen weglief. Vielleicht
+sind sie doch noch herausgekommen.«
+
+Karr bekam eine unwiderstehliche Lust, etwas darüber zu erfahren, solange
+er noch Zeit hatte. Er sah, daß der Waldhüter den Strick nicht besonders
+festhielt. Da machte er einen raschen Sprung zur Seite -- er kam wirklich
+los und rannte nun wie besessen in den Wald hinein und dem Moore zu; der
+Waldhüter hatte nicht einmal Zeit, die Flinte an die Wange zu legen, so
+schnell entschwand der Hund seinen Blicken.
+
+Dem Waldhüter blieb nichts andres übrig, als hinter Karr herzulaufen, und
+als er an das Moor kam, stand der Hund ein paar Meter vom Rande entfernt
+auf einem Rasenhügel und heulte aus Leibeskräften. Der Waldhüter dachte, er
+müsse doch nachsehen, was das bedeute. Vorsichtig legte er die Flinte neben
+sich nieder und kroch auf allen vieren aufs Moor hinaus. Er war noch nicht
+weit gekommen, da sah er eine Elchkuh im Moor liegen und neben ihr ein
+Kälbchen. Die Kuh war tot, aber das Kälbchen lebte noch; es war aber ganz
+ermattet und konnte sich nicht rühren. Karr stand dicht daneben; bald
+bückte er sich nieder und leckte das Kälbchen, bald stieß er laute
+Klagetöne aus, um Hilfe herbeizurufen.
+
+Der Waldhüter hob das Kälbchen auf und schleppte es ans Ufer. Als nun der
+Hund merkte, daß das Kälbchen gerettet würde, geriet er ganz außer sich vor
+Freude. Er sprang um den Waldhüter herum, leckte ihm die Hände und stieß
+ein fröhliches Bellen aus.
+
+Der Waldhüter trug das Kälbchen nach Hause und legte es im Stall in einen
+Stand. Dann holte er Hilfe herbei, damit die tote Elchkuh aus dem Moor
+herausgezogen würde; und erst nachdem dies alles geschehen war, fiel ihm
+ein, daß er ja Karr hätte erschießen sollen. Er lockte den Hund, der die
+ganze Zeit über nicht von seiner Seite gewichen und ihm überall
+nachgelaufen war, und ging wieder mit ihm in den Wald hinein.
+
+Der Waldhüter ging geradewegs nach dem Hundegraben; aber plötzlich schien
+er sich anders zu besinnen, denn er drehte wieder um und schlug den Weg
+nach dem Herrenhof ein.
+
+Karr war ganz ruhig hinter ihm hergelaufen; aber als der Waldhüter umkehrte
+und den Weg nach seiner alten Heimstätte einschlug, wurde er unruhig. Ach,
+nun hatte der Waldhüter gewiß herausgefunden, daß Karr es gewesen war, der
+an dem Tode der Elchkuh schuld war, und nun führte er ihn nach dem
+Herrenhof, damit er dort noch vor seinem Tode seine Schläge bekäme!
+
+Aber Schläge bekommen, das war das schlimmste, was Karr widerfahren konnte,
+und bei dieser Aussicht konnte er den Mut kaum noch aufrecht erhalten. Er
+ließ den Kopf hängen, und als die beiden den Herrenhof erreichten, sah Karr
+gar nicht auf, sondern tat, als erkenne er keinen Menschen.
+
+Der gnädige Herr stand auf der Treppe, als der Waldhüter ankam.
+
+»Was haben Sie denn da für einen Hund, Waldhüter?« fragte er. »Das ist doch
+wohl nicht unser Karr, der müßte doch schon längst erschossen sein?«
+
+Der Waldhüter erzählte nun von den Elchen; Karr aber machte sich so klein
+wie nur möglich und verkroch sich hinter den Beinen des Forstwarts, damit
+man ihn nicht sehe.
+
+Aber der Forstwart erzählte die Geschichte nicht so, wie Karr gedacht
+hatte. Er lobte Karr über die Maßen und sagte, der Hund habe offenbar
+gewußt, daß die Elche in Not gewesen seien, und habe sie retten wollen.
+
+»Nun können der gnädige Herr mit dem Hund machen, was Sie wollen; ich kann
+ihn nicht erschießen,« sagte der Forstwart zum Schluß.
+
+Der Hund richtete sich auf und horchte. Er wollte seinen Ohren nicht
+trauen, und obgleich er nicht zeigen wollte, wie groß seine Angst gewesen
+war, konnte er ein leises Bellen doch nicht unterdrücken. War es wirklich
+möglich, daß er das Leben behalten durfte, nur weil er so besorgt um die
+Elentiere gewesen war?
+
+Der gnädige Herr fand auch, daß Karr sich gut benommen hatte; da er ihn
+aber unter keinen Umständen wieder auf dem Hofe haben wollte, wußte er
+nicht gleich, was er sagen sollte.
+
+»Ja, wenn Sie ihn versorgen wollen, Waldhüter, und mir dafür einstehen, daß
+er sich künftig besser aufführt, dann mag er am Leben bleiben,« sagte er
+schließlich.
+
+Der Waldhüter war bereit, Karr zu sich zu nehmen; und so kam Karr zu dem
+Waldhüter.
+
+
+Graufells Flucht
+
+Von dem Tage an, wo Karr zu dem Waldhüter kam, gab er das unerlaubte Jagen
+vollständig auf. Nicht allein, weil er einen so heilsamen Schrecken
+davongetragen hatte, sondern vielmehr, weil er nicht wollte, daß der
+Waldhüter böse auf ihn würde. Denn seit der Waldhüter ihm das Leben
+gerettet hatte, liebte er ihn über alles in der Welt. Karr hatte keinen
+andern Gedanken mehr, als seinem neuen Herrn überall nachzulaufen und auf
+ihn aufzupassen. Wenn dieser ausging, rannte Karr voraus und untersuchte
+den Weg, und wenn er daheim war, lag Karr vor der Tür und beobachtete alle
+Aus- und Eingehenden mit scharfem Auge.
+
+Wenn im Waldhause alles ganz still war, wenn ringsum kein Schritt laut
+wurde und Karrs Herr sich an den jungen Bäumchen, die er in seinem Garten
+heranzog, zu schaffen machte, vertrieb sich Karr die Zeit damit, mit dem
+Elchkälbchen zu spielen.
+
+Im Anfang hatte Karr gar keine Lust verspürt, sich mit dem Tiere abzugeben.
+Da er aber seinem Herrn auf Weg und Steg nachlief, kam er auch mit ihm in
+den Stall, und während dieser das Kälbchen mit Milch tränkte, saß Karr vor
+dem Stand und schaute zu. Der Waldhüter nannte das Kälbchen Graufell; er
+meinte, einen feineren Namen verdiene es nicht, und darin stimmte Karr mit
+seinem Herrn überein. So oft er das Kälbchen ansah, meinte er, seiner
+Lebtage noch nie etwas so Häßliches und Unförmliches gesehen zu haben. Das
+Kälbchen hatte lange schlotterige Beine, die wie lose Stelzen unter seinem
+Körper saßen. Der Kopf war sehr groß; er hatte ein geradezu greisenhaftes
+Aussehen und hing immer auf die eine Seite herunter. Die Haut saß runzelig
+auf dem Körper, als hätte das Tier einen Pelz an, der nicht für es gemacht
+worden war. Auch sah es immer gedrückt und mißmutig aus; aber
+merkwürdigerweise stand es stets schnell auf, sobald es Karr vor dem Stand
+erblickte, wie wenn es sich über den Anblick des Hundes freute.
+
+Mit jedem Tag wurde das Elchkälbchen elender; es wuchs nicht, und
+schließlich konnte es sich nicht einmal mehr aufrichten, wenn es Karr sah.
+Einmal sprang der Hund zu ihm in den Stand hinein, und da leuchteten die
+Augen des Kälbchens auf, als sei ihm ein besonderer Wunsch in Erfüllung
+gegangen. Von dieser Zeit an besuchte Karr das Kälbchen jeden Tag; er blieb
+stundenlang bei ihm, leckte ihm den Pelz, spielte und scherzte mit ihm und
+teilte ihm dies und das mit, was ein Tier des Waldes wissen sollte.
+
+Und es war merkwürdig, von dem Tag an, wo Karr auf den Gedanken kam, zu
+dem Kälbchen hineinzugehen, begann dieses zu wachsen und zu gedeihen. Als
+es dann erst ein wenig zu Kräften gekommen war, nahm es in wenigen Wochen
+ungeheuer zu, und schon nach kurzer Zeit hatte es keinen Platz mehr in dem
+kleinen Stand, sondern mußte in einem Gehege untergebracht werden. Und nach
+ein paar weiteren Monaten waren seine Beine so lang geworden, daß es mit
+Leichtigkeit über die Hecke hätte springen können.
+
+Da bekam der Waldhüter von dem Gutsbesitzer die Erlaubnis, den Platz mit
+einem starken hohen Zaun einzufriedigen. Hier verbrachte das Tier mehrere
+Jahre und wuchs allmählich zu einem großen gewaltigen Elch heran. Karr
+leistete ihm Gesellschaft, so oft er konnte; aber jetzt geschah dies nicht
+mehr aus Mitleid, sondern weil sich eine warme Freundschaft zwischen den
+beiden gebildet hatte. Der Elch war noch immer niedergeschlagen und schien
+auch träge und energielos; aber Karr verstand es, seinen Freund munter und
+fröhlich zu machen.
+
+Graufell hatte nun fünf Sommer bei dem Waldhüter verbracht; da wurde eines
+Tages von einem Zoologischen Garten im Ausland an den gnädigen Herrn die
+Anfrage gerichtet, ob er den Elch vielleicht verkaufen würde. Ja, das
+wollte der gnädige Herr gern. Dem Waldhüter tat es sehr leid; aber es hätte
+ja nichts genützt, wenn er sich gesträubt hätte, und so wurde denn der
+Verkauf des Tieres endgültig beschlossen. Karr erfuhr bald, was bevorstand,
+und lief mit der Nachricht eilends zu seinem Freunde hinaus. Der Hund war
+unglückselig, daß er Graufell verlieren sollte; aber der Elch nahm die
+Sache ganz ruhig auf und schien weder betrübt noch erfreut darüber zu sein.
+
+»Willst du dich denn so ohne allen Widerstand fortschicken lassen?« fragte
+Karr.
+
+»Was könnte es nützen, wenn ich mich auch wehren würde?« erwiderte
+Graufell. »Ich bliebe freilich am liebsten da, wo ich bin, aber wenn man
+mich verkauft, muß ich eben fort von hier.«
+
+Karr stand vor Graufell und betrachtete ihn mit prüfenden Blicken. Man
+konnte gut sehen, daß der Elch noch nicht ganz ausgewachsen war. Seine
+Schaufeln waren noch nicht so breit und sein Höcker nicht so hoch und seine
+Mähne nicht so wild, wie die der ausgewachsene Elche, aber um sich seine
+Freiheit zu erkämpfen, dazu wäre er doch stark genug gewesen.
+
+»Man merkt wohl, daß er sein Leben lang in der Gefangenschaft gewesen ist,«
+dachte Karr; aber er sagte nichts.
+
+Erst nach Mitternacht kehrte der Hund in das Gehege zurück; er wußte, da
+hatte der Elch ausgeschlafen und war bei seiner ersten Mahlzeit.
+
+»Es ist gewiß recht vernünftig von dir, daß du dich so ruhig in dein
+Schicksal findest, Graufell,« sagte Karr, der jetzt ganz beruhigt und
+vergnügt zu sein schien. »Du wirst in einem großen Garten eingesperrt
+werden und da ein sorgenfreies Leben haben. Aber weißt du, es wäre doch
+recht schade, wenn du von hier fortkämest, ohne vorher den Wald gesehen zu
+haben. Du weißt, deine Stammesgenossen haben den Wahlspruch: >Der Elch ist
+eins mit dem Walde<, und du bist noch nicht einmal in einem Walde gewesen.«
+
+
+Graufell hob den Kopf von dem Klee, an dem er eben kaute. »Ich möchte den
+Wald wohl gern sehen, aber wie soll ich über den Zaun kommen?« sagte er mit
+seiner gewöhnlichen Trägheit.
+
+»Nein, das ist wohl ganz unmöglich für einen, der so kurze Beine hat,«
+sagte Karr.
+
+Der Elch schielte zu Karr hinüber, der trotz seiner Kleinheit jeden Tag
+mehrere Male über den Zaun sprang. Er trat an den Zaun, machte einen
+Sprung -- und war im Freien, beinahe ohne daß er wußte, wie es zugegangen
+war.
+
+Nun wanderten die beiden in den Wald hinein. Es war eine wunderschöne
+mondhelle Sommernacht; aber drinnen unter den Bäumen war es dunkel, und der
+Elch ging mit vorsichtigen Schritten vorwärts.
+
+»Es wäre vielleicht am besten, wenn wir umkehrten,« sagte Karr. »Du bist ja
+noch nie in solch einem wilden Walde gegangen und könntest dir leicht ein
+Bein brechen.«
+
+Da begann Graufell plötzlich rascher und kecker vorwärts zu gehen.
+
+Karr führte den Elch in den Teil des Waldes, wo mächtige Tannen wuchsen,
+die so dicht standen, daß nie ein Windhauch hindurchdrang. »Hier pflegen
+deine Stammesgenossen vor Sturm und Kälte Schutz zu suchen,« sagte Karr.
+»Und sie stehen hier den ganzen Winter hindurch unter freiem Himmel. Aber
+du bekommst es ja dort, wo du hinkommst, viel besser. Da hast du ein Dach
+über dem Kopf und stehst dann wie eine Kuh in einem Stalle.«
+
+Graufell gab keine Antwort; er blieb stehen und zog den würzigen Tannenduft
+ein. »Hast du mir noch mehr zu zeigen, oder habe ich jetzt den ganzen Wald
+gesehen?« fragte er.
+
+Da ging Karr mit ihm an ein großes Moor und zeigte ihm die Rasenhügel und
+das Bebemoor.
+
+»Über dieses Moor hin fliehen die Elche, wenn ihnen Gefahr droht,« sagte
+Karr. »Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber trotzdem sie so groß und
+schwer sind, können sie darauf gehen, ohne einzusinken. Du wüßtest dir
+gewiß auf so schwankem Grunde nicht zu helfen; aber du brauchst es ja auch
+gar nicht, denn du wirst nie von Jägern verfolgt werden.«
+
+Graufell gab keine Antwort, aber mit einem großen Satz war er draußen auf
+dem Moor. Es war ihm eine Freude, als er fühlte, wie die Rasenhügel unter
+ihm schwankten. Er lief weit hinaus und kehrte zu Karr zurück, ohne ein
+einziges Mal eingesunken zu sein.
+
+»Haben wir jetzt den ganzen Wald gesehen?« fragte er.
+
+»Nein, noch nicht,« sagte Karr.
+
+Jetzt ging er mit dem Elch an den Waldessaum, wo hohe Laubholzbäume
+wuchsen: Eichen, Espen und Linden.
+
+»Hier pflegen deine Stammesgenossen Laub und Rinde zu fressen,« sagte Karr.
+»Sie halten dies für die beste Nahrung; aber im Ausland bekommst du
+jedenfalls viel besseres Futter.«
+
+Graufell betrachtete verwundert die prächtigen Bäume, die sich wie grüne
+Kuppeln über ihm wölbten. Er kostete das Eichenlaub und die Espenrinde.
+
+»Das schmeckt bitter und gut,« sagte er. »Es ist besser als Klee.«
+
+»Dann kannst du dich ja freuen, daß du es einmal zu schmecken bekommen
+hast,« sagte der Hund.
+
+Hierauf führte er den Elch an einen kleinen Waldsee. Das Wasser lag ganz
+still und glänzend da, und die von leichten Nebelschleiern halb verhüllten
+Ufer spiegelten sich darin. Als Graufell den See erblickte, blieb er
+unbeweglich stehen.
+
+»Was ist das, Karr?« fragte er; denn er sah zum erstenmal einen See.
+
+»Das ist ein großes Wasser, ein See,« sagte Karr. »Dein Geschlecht pflegt
+von einem Ufer zum andern hinüberzuschwimmen. Von dir kann man das freilich
+nicht verlangen; aber du solltest doch jedenfalls hineinsteigen und ein Bad
+nehmen.« Mit diesen Worten ging Karr selbst an den See hinunter und schwamm
+hinaus.
+
+Graufell blieb ziemlich lange am Ufer stehen; schließlich aber stieg er
+doch in die Flut. Er hielt den Atem an vor Wohlbehagen, als das Wasser sich
+weich und kühl an seinen Körper anschmiegte. Er wollte es auch auf dem
+Rücken fühlen und ging deshalb weiter hinein. Da merkte er, daß das Wasser
+ihn trug, und nun fing er an zu schwimmen. Bald schwamm er lustig um Karr
+herum und war im Wasser wie zu Hause. Als die beiden wieder am Ufer
+angelangt waren, fragte der Hund, ob sie nun nach Hause gehen sollten.
+
+»Ach, es ist noch lange bis zum Morgen, laß uns noch eine Weile im Walde
+umherstreifen!« sagte Graufell.
+
+Sie gingen wieder in den Nadelwald hinein und erreichten bald einen freien
+Platz, der vom hellen Mondschein übergossen dalag. Auf den Gräsern und
+Blumen funkelten Tautropfen. Mitten auf der Waldwiese weideten ein paar
+große Tiere, ein Elchstier, mehrere Elchkühe und verschiedene Rinder und
+Kälber. Als Graufell diese Tiere erblickte, hielt er jäh an. Die Elchkühe
+und das Jungvieh beachtete er kaum; seine Augen waren unverwandt auf den
+alten Elchstier gerichtet, der ein breites Schaufelgeweih mit vielen
+Spitzen, einen mächtigen Höcker auf dem Rist und am Halse einen großen
+Mähnensack herunterhängen hatte.
+
+»Was ist denn das für einer?« fragte Graufell, und seine Stimme bebte vor
+Erregung.
+
+»Er heißt Hornkrone,« sagte Karr, »und ist dein Stammesgenosse. Solche
+breite Schaufeln und eine ebensolche Mähne bekommst du wohl eines Tages
+auch, und wenn du im Wald verbliebest, würdest du wohl auch der Anführer
+einer Herde.«
+
+»Wenn der dort drüben mein Stammesgenosse ist, dann will ich näher treten
+und ihn betrachten,« sagte Graufell. »Ich hätte nie gedacht, daß ein
+Elchstier so stattlich sein könnte.«
+
+Graufell ging zu den Elchen hin, kehrte aber fast augenblicklich wieder zu
+Karr zurück, der am Waldessaum stehen geblieben war.
+
+»Bist du nicht freundlich aufgenommen worden?« fragte Karr.
+
+»Ich sagte zu ihm, ich treffe hier zum erstenmal mit Stammesgenossen
+zusammen, und bat ihn, mich hier unter ihnen weiden zu lassen; aber er wies
+mich fort und drohte mir mit seinem Geweih.«
+
+»Du hast wohl getan, daß du ihm ausgewichen bist,« sagte Karr. »Ein junger
+Stier, der noch kein Schaufelgeweih hat, muß sich vor einem Kampf mit alten
+Elchen hüten. Ein andrer hätte freilich einen schlechten Ruf im Walde
+bekommen, wenn er ohne Widerstand zurückgewichen wäre; aber das braucht
+dich nicht anzufechten, denn du begibst dich ja ins Ausland.«
+
+Kaum hatte Karr diese Worte gesprochen, als Graufell sich auch schon wieder
+der Wiese zuwendete. Der alte Elch kam gerade auf ihn zu, und bald waren
+die beiden mitten im heftigsten Kampfe. Sie drangen mit den Geweihen
+aufeinander ein und stießen zu, und Graufell wurde über die ganze Wiese
+zurückgetrieben; er schien gar nicht zu verstehen, wie er seine Kraft
+gebrauchen sollte. Als er aber bis zum Waldessaum zurückgedrängt worden
+war, stemmte er die Füße fester auf den Boden, stieß heftig mit dem Geweih
+und begann nun seinerseits Hornkrone zurückzutreiben. Graufell kämpfte
+lautlos, aber Hornkrone keuchte und schnaubte. Nun wurde der alte Elch
+allmählich über die ganze Wiese zurückgedrängt. Plötzlich ertönte ein
+lautes Krachen. Von Hornkrones Geweih war die Spitze abgebrochen. Da riß er
+sich heftig von Graufell los und rannte in den Wald hinein.
+
+Karr stand noch immer am Waldrand, als Graufell zu ihm zurückkehrte. »Jetzt
+hast du alles gesehen, was im Wald ist,« sagte er zu Graufell. »Sollen wir
+jetzt nach Hause gehen?«
+
+»Ja, es wird wohl allmählich Zeit dazu,« sagte Graufell.
+
+Auf dem Heimweg waren beide schweigsam. Karr seufzte mehrere Male, wie wenn
+er sich in etwas verrechnet hätte, Graufell aber schritt mit hoch erhobenem
+Kopf dahin und schien sich über sein Abenteuer zu freuen. Ohne das
+geringste Zögern ging er weiter, aber als er mit Karr vor seinem Gehege
+angekommen war, blieb er stehen. Er betrachtete den engen Raum, in dem er
+bisher sein Leben verbracht hatte, sah das festgetretene Erdreich, das
+verwelkte Futter, den kleinen Trog, aus dem er seinen Durst gelöscht, und
+den dunkeln Verschlag, wo er geschlafen hatte.
+
+»Der Elch ist eins mit dem Walde!« rief er und warf den Kopf so weit
+zurück, daß sein Nacken auf dem Rücken lag; und dann stürmte er in wilder
+Flucht in den Wald hinein.
+
+[Illustration: Karr und Graufell (Zu Seite 186)]
+
+
+Hilflos
+
+Tief drinnen in einem Fichtengehölz des alten Friedenswaldes zeigten sich
+jedes Jahr im August grauweiße Nachtschmetterlinge von der Art, die man
+Nonnen heißt. Sie waren klein, und es waren ihrer so wenige, daß sie fast
+von niemand bemerkt wurden. Nachdem diese Nonnen ein paar Nächte hindurch
+in dem Walde umhergeflattert waren, legten sie ein paar Tausend Eier auf
+die Baumstämme, und kurz darauf sanken sie leblos zu Boden.
+
+Wenn dann der Frühling kam, krochen aus den Eiern kleine Raupen, die sich
+sogleich von Tannennadeln nährten. Sie hatten einen guten Appetit, konnten
+aber den Bäumen doch keinen ernstlichen Schaden zufügen, weil ihnen von den
+Vögeln hart zugesetzt wurde. Mehr als einige hundert Raupen entgingen den
+Verfolgern nur selten.
+
+Die wenigen Raupen, die zu wirklichem Wachstum gelangten, krochen auf die
+Zweige hinauf, spannen sich in weiße Fäden ein und blieben ein paar Wochen
+lang unbeweglich auf einem Fleck sitzen. Während dieser Zeit wurde
+gewöhnlich mehr als die Hälfte von ihnen weggeschnappt. Wenn im August
+hundert Nonnen wohlbeschwingt und ausgewachsen im Walde umherflogen, so
+konnten sie sich zu einem guten Jahre gratulieren.
+
+Viele Jahre lang führten die Nonnen ein solches unsicheres und unbemerktes
+Dasein im Friedenswalde. In der ganzen Gegend war kein einziges Insekt in
+so geringer Zahl vertreten. Und so harmlos und ungefährlich wären sie auch
+ferner geblieben, wenn ihnen nicht ganz unvermutet ein Helfer erstanden
+wäre.
+
+Aber daß die Nonnen einen Helfer bekamen, das hing mit der Flucht des Elchs
+aus dem Waldhüterhause zusammen. Graufell wanderte nämlich den ganzen
+ersten Tag nach seiner Flucht im Walde umher, um darin heimisch zu werden.
+Gegen Abend drang er durch dichtes Buschwerk und fand dahinter einen
+offenen Platz, wo der Boden aus Moor und weichem Schlick bestand. In der
+Mitte war ein Tümpel schwarzen Wassers, und ringsherum standen hohe
+Fichten, die vor Alter und Saftlosigkeit fast gar keine Nadeln mehr hatten.
+Graufell gefiel der Platz gar nicht, und er hätte ihn sogleich wieder
+verlassen, wenn er nicht dicht bei dem Tümpel einige hellgrüne Kallablätter
+entdeckt hätte.
+
+Als er den Kopf zu den Kallablättern herunterneigte, sah er eine große
+schwarze Schlange, die darunter lag und schlief. Der Elch hatte Karr von
+den giftigen Ottern erzählen hören, die es im Walde gäbe, und als das
+Gewürm den Kopf hob, seine gespaltene Zunge herausstreckte und ihn
+anzischte, da glaubte Graufell, er habe ein furchtbar gefährliches Tier vor
+sich. Er erschrak sehr, hob den Fuß auf, schlug mit dem Huf nach der
+Schlange und zertrat sie. Hierauf eilte er in wilder Flucht davon.
+
+Sobald Graufell verschwunden war, tauchte eine andre, ebenso lange und
+ebenso schwarze Schlange aus dem Tümpel auf. Sie kroch zu der Getöteten
+hin und fuhr ihr mit der Zunge über den zerschmetterten Kopf.
+
+»Ist es möglich, daß du tot bist, meine gute alte Harmlos?« zischte die
+Schlange. »Und wir beide haben so viele Jahre lang glücklich zusammen
+gelebt! Wir haben es gut beieinander gehabt, und es war so schön hier in
+dem Tümpel, daß wir älter wurden, als alle andern Nattern im Walde. Dies
+ist das bitterste Leid, das mich hätte treffen können.«
+
+Die Natter war tiefbetrübt, ihr langer Körper ringelte sich, als ob er auch
+verwundet wäre. Selbst die Frösche, die in beständiger Angst vor ihr
+lebten, hatten Mitleid mit ihr.
+
+»Welch ein böses Geschöpf muß doch das sein, das eine arme Natter
+totschlägt, die sich nicht wehren kann?« zischte die Schlange. »Diese Untat
+verdiente wahrhaftig eine ausgesucht harte Strafe.« Die Natter wand und
+krümmte sich eine Weile in ihrem Schmerz, aber plötzlich hob sie den Kopf.
+»So wahr ich Hilflos heiße und die älteste Natter im Walde bin, ich werde
+für diese Missetat hier Rache nehmen! Ich will nicht ruhen, bis der
+grausame Elch ebenso tot auf der Erde liegt, wie hier meine getreue
+Lebensgefährtin!«
+
+Nachdem die Schlange dieses Gelübde abgelegt hatte, ringelte sie sich zu
+einem Knäuel zusammen und überlegte. Aber etwas Schwierigeres läßt sich
+wohl kaum ausdenken, als wie eine arme Natter sich an einem großen starken
+Elch rächen könnte, und der alte Hilflos überlegte zwei volle Tage und zwei
+Nächte hindurch, ohne einen Ausweg zu finden.
+
+In einer Nacht jedoch, wo die Schlange noch schlaflos über ihren
+Rachegedanken brütete, hörte sie ein leichtes Rascheln über ihrem Kopfe,
+und als sie aufschaute, gewahrte sie einige schimmernde
+Nonnenschmetterlinge, die zwischen den Bäumen gaukelten. Sie sah ihnen
+lange zu, dann zischte sie laut vor sich hin, aber schließlich schlief sie,
+offenbar ganz zufrieden mit dem, was sie sich ausgedacht hatte, ein.
+
+Am nächsten Vormittag begab sich die Natter zu Kryle, der Kreuzotter, die
+in einem steinigen, hochgelegenen Teil des Friedenswaldes wohnte. Dort
+angekommen, berichtete sie von dem Tod der alten Natter und stellte dann
+der Kreuzotter das Ansinnen, die Rache für sie auszuführen, weil sie so
+gefährliche Bisse versetzen könne. Aber Kryle war nicht sehr geneigt, sich
+mit den Elchen in Streit einzulassen.
+
+»Wenn ich einen Elch anfallen würde,« sagte sie, »würde er mich auf der
+Stelle töten. Die alte Harmlos ist tot, und wir können sie mit aller Mühe
+nicht wieder ins Leben zurückrufen. Warum sollte ich mich da ihretwegen ins
+Unglück stürzen?«
+
+Als die Natter diese Antwort vernahm, hob sie den Kopf einen vollen Fuß
+hoch vom Boden auf und zischte ganz entsetzlich. »Wisch, wasch! Wisch,
+wasch!« sagte sie. »Wie schade, daß jemand, der solche Waffen erhalten hat,
+zu feige ist, sie zu gebrauchen.«
+
+Als die Kreuzotter dieses hörte, wurde sie auch zornig. »Krieche deines
+Weges weiter, alter Hilflos!« zischte sie. »Das Gift läuft mir schon in die
+Zähne; aber ich möchte dich lieber verschonen, da du ja doch als ein
+Stammesgenosse von mir betrachtet wirst.«
+
+Aber die Natter rührte sich nicht; und eine gute Weile lagen die Schlangen,
+einander anzischend und sich gegenseitig Grobheiten ins Gesicht
+schleudernd, auf demselben Fleck. Als aber Kryle so zornig war, daß sie
+nicht mehr zischen, sondern nur noch züngeln konnte, schlug die Natter
+plötzlich einen andern Ton an.
+
+»Ich hatte eigentlich noch einen zweiten Auftrag für dich,« sagte sie und
+ließ ihre Stimme zu einem sanften Flüstern sinken. »Aber jetzt hab ich dich
+wohl so erzürnt, daß du keine Lust mehr hast, mir zu helfen.«
+
+»Wenn du nur nichts Unsinniges von mir verlangst, dann stehe ich dir gern
+zu Diensten.«
+
+»In den Fichten bei meinem Wassertümpel,« sagte die Natter, »wohnt ein
+Schmetterlingsvolk, das in den Nächten des Spätsommers umherfliegt.«
+
+»Ich weiß schon, welche du meinst,« sagte Kryle. »Was ist mit ihnen?«
+
+»Sie sind das kleinste Insektenvolk,« sagte Hilflos, »und dazu auch das
+unschädlichste von allen, weil ihre Raupen sich von nichts als Tannennadeln
+ernähren.«
+
+»Das weiß ich wohl,« sagte Kryle.
+
+»Ich habe Angst, daß dieses Schmetterlingsvolk bald vollständig ausgerottet
+wird,« fuhr die Natter fort. »Im Frühjahr werden die Raupen von gar so
+vielen weggeschnappt.«
+
+Nun verstand die Kreuzotter die Absicht der Natter. Diese wollte die Raupen
+offenbar für sich allein behalten, und so antwortete sie freundlich: »Soll
+ich den Eulen sagen, sie sollen diese Tannenraupen in Frieden lassen?«
+
+»Ja, es wäre mir lieb, wenn du dieses auswirken könntest; du hast ja hier
+im Walde etwas zu sagen,« antwortete Hilflos.
+
+»Vielleicht kann ich auch bei den Drosseln ein gutes Wort für die
+Nadelfresser einlegen,« sagte die Kreuzotter. »Ich tue dir gern einen
+Gefallen, wenn du nichts Unsinniges verlangst.«
+
+»Jetzt hast du mir ein gutes Versprechen gegeben, Kryle,« sagte Hilflos,
+»und ich bin sehr froh, daß ich zu dir gekommen bin.«
+
+
+Die Nonnen
+
+Mehrere Jahre später schlief Karr eines Morgens auf dem Hausflur. Es war im
+Frühsommer, zur Zeit der kurzen Nächte, und tageshell, obgleich die Sonne
+noch nicht aufgegangen war. Da erwachte Karr davon, daß ihn jemand beim
+Namen rief. »Bist du es, Graufell?« fragte er; denn der Elch kam beinahe
+jede Nacht, ihn zu begrüßen. Karr erhielt keine Antwort, aber wieder hörte
+er, daß ihn jemand rief. Diesmal glaubte er Graufells Stimme deutlich zu
+erkennen, und er lief dem Tone nach.
+
+Karr hörte, daß der Elch vor ihm herlief, konnte ihn aber nicht erreichen.
+Ohne auf Weg oder Steg zu achten, stürmte der Elch mitten durchs Dickicht
+hindurch in den dichtesten Nadelwald hinein, und Karr konnte die Spur nur
+mit großer Mühe verfolgen.
+
+»Karr, Karr!« ertönte es wieder. Und die Stimme war sicher Graufells, aber
+mit einem Beiklang, den der Hund noch nie vernommen hatte.
+
+»Ich komme, ich komme! Wo bist du?« antwortete Karr.
+
+»Karr, Karr! Siehst du nicht, wie es fällt, fällt?« fragte Graufell.
+
+Da sah Karr, daß von den Fichten unaufhörlich Nadeln herunterrieselten wie
+ein dichter Regen. »Ja, ich sehe, wie es fällt!« rief er, lief aber
+zugleich tiefer in den Wald hinein, den Elch zu finden.
+
+Graufell eilte gestreckten Laufes durchs Gebüsch, und abermals hätte Karr
+fast die Spur verloren.
+
+»Karr, Karr!« brüllte Graufell jetzt geradezu. »Merkst du nicht, wie es
+hier im Walde riecht?«
+
+Karr blieb stehen und witterte. Es war ihm vorher nicht aufgefallen; aber
+jetzt merkte er, daß die Fichten einen viel stärkeren Duft ausströmten als
+gewöhnlich.
+
+»Ja, ich rieche es auch,« sagte er, nahm sich aber gar nicht Zeit,
+herauszubringen, woher der Geruch komme, sondern eilte nur weiter hinter
+Graufell drein.
+
+Abermals rannte der Elch in größter Eile davon; der Hund konnte ihn nicht
+einholen. »Karr, Karr!« rief er nach einer Weile wieder. »Hörst du nicht,
+wie es in den Bäumen knackt?« Und jetzt war Graufells Stimme so betrübt,
+daß es einen Stein hätte erbarmen können.
+
+Karr hielt an und lauschte. Da hörte er ein schwaches, aber deutliches
+Knacken in den Bäumen; es klang wie das Ticken einer Uhr.
+
+»Ja, ich höre, wie es knackt!« rief Karr; und diesmal lief er nicht weiter.
+Er fühlte, der Elch wollte nicht, daß er ihm folge, er wollte ihn auf etwas
+aufmerksam machen, das hier im Walde vorging.
+
+Karr stand unter einer Fichte mit üppigen, schwer herabhängenden Zweigen
+und dicken dunkelgrünen Nadeln. Er betrachtete den Baum genau, und da war
+es ihm, als ob die Nadeln sich bewegten. Als er dann noch näher hinzutrat,
+entdeckte er eine Menge weißlichgrauer Raupen, die auf den Zweigen
+herumkrabbelten und die Nadeln fraßen. Jeder Zweig war bedeckt mit solchen
+Raupen, die nagten und fraßen; und es knackte in den Bäumen von allen den
+kleinen unermüdlichen Kiefern. Unaufhörlich fielen abgebissene Nadeln
+herunter, und der armen Fichte entströmte ein überwältigender Duft, den der
+Hund fast nicht aushalten konnte.
+
+»Diese Fichte wird nicht viele von ihren Nadeln behalten dürfen,« dachte
+Karr und richtete seine Blicke auf den nächsten Baum. Auch dieser war eine
+große stattliche Fichte, aber sie sah genau so aus wie die andre. »Was das
+nur ist?« dachte Karr weiter. »Es ist schade um die stolzen Bäume, mit
+ihrer Schönheit wird es bald aus sein.« Er ging von Baum zu Baum und suchte
+herauszubringen, was eigentlich mit ihnen geschehen war. »Hier ist eine
+Edeltanne,« dachte er. »An diese haben sich die Raupen vielleicht nicht
+gewagt.« Aber auch diese Tanne war angegriffen. »Und hier eine Birke.
+Jawohl, auch hier, auch hier! Da wird der Waldhüter keine Freude daran
+haben,« dachte Karr.
+
+Er lief weiter in den Wald hinein, um zu sehen, wie weit die Verheerung
+sich ausgedehnt hätte. Wohin er kam, ertönte dasselbe Ticken, verbreitete
+sich derselbe Geruch, fiel derselbe Nadelregen; Karr brauchte gar nicht
+mehr anzuhalten, um zu untersuchen, an diesen Zeichen erkannte er schon,
+wie die Sache stand. Die kleinen Raupen fanden sich überall. Der ganze Wald
+war in Gefahr, von ihnen kahl gefressen zu werden.
+
+Plötzlich kam Karr in einen Waldstrich, wo ihm kein Geruch entgegenschlug
+und wo alles still und ruhig war. »Hier ist ihre Herrschaft zu Ende,«
+dachte der Hund, er hielt an und schaute sich um. Aber hier war es sogar
+noch schlimmer, hier hatten die Raupen ihre Arbeit schon beendigt, und die
+Bäume standen ohne Nadeln kahl da. Wie tot sahen sie aus, und das einzige,
+was sie bedeckte, war eine Menge verwirrter Fäden, die die Raupen gesponnen
+und als Brücken und Stege benützt hatten.
+
+Hier drinnen unter den sterbenden Bäumen stand Graufell und wartete auf
+Karr. Aber er war nicht allein, neben ihm standen vier alte Elche, die
+angesehensten vom ganzen Walde. Karr kannte sie wohl. Da war Krummrück, ein
+kleiner Elch, aber mit einem größeren Höcker als alle andern, dann
+Hornkrone, der stattlichste des ganzen Elchvolkes, sowie Wirrmähne mit
+seinem dichten Pelz, und dann noch ein alter hochbeiniger, der Riesenkraft
+hieß und entsetzlich hitzig und streitsüchtig gewesen war, bis er bei der
+letzten Herbstjagd eine Kugel in den Schenkel bekommen hatte.
+
+»Was in aller Welt geht denn hier im Walde vor?« fragte Karr, als er die
+Elche erreicht hatte, die mit gesenkten Köpfen und weit vorgeschobener
+Oberlippe dastanden und äußerst nachdenklich aussahen.
+
+»Das weiß niemand,« antwortete Graufell. »Dieses Insektenvolk ist immer das
+schwächste im ganzen Walde gewesen und hat noch nie einen Schaden
+angerichtet; aber in den letzten Jahren hat es sich ungeheuer rasch
+vermehrt, und jetzt sieht es aus, als wäre es imstande, den ganzen Wald zu
+zerstören.«
+
+»Ja, es sieht schlimm aus,« sagte Karr. »Aber wie ich sehe, sind die
+Weisesten des Waldes zusammengekommen, zu beraten, und sie haben vielleicht
+schon eine Hilfe ersonnen.«
+
+Als der Hund dies sagte, hob Krummrück höchst feierlich seinen schweren
+Kopf, bewegte die langen Ohren und sagte: »Wir haben dich hierhergerufen,
+Karr, um von dir zu hören, ob die Menschen etwas von dieser Verheerung
+wissen?«
+
+»Nein,« erwiderte Karr, »sie wissen nichts von dem Unglück; so tief in den
+Wald hinein kommt ja außer zur Jagdzeit nie ein Mensch.«
+
+»Wir, die Alten hier im Walde,« nahm Hornkrone das Wort, »glauben nicht,
+daß wir Tiere allein über das Insektenvolk Herr werden können.«
+
+»Dies halten wir jedoch fast für ein ebenso großes Unglück wie das andre,«
+sagte Wirrmähne. »Nun wird es bald aus sein mit dem Frieden im Walde.«
+
+»Aber wir können doch nicht den ganzen Wald zugrunde gehen lassen,« sagte
+Riesenkraft. »Es bleibt uns durchaus keine Wahl.«
+
+Karr fühlte, wie schwer es den Elchen wurde, mit ihrem Anliegen
+herauszurücken, und er versuchte ihnen zu helfen. »Meinet ihr vielleicht,
+ich solle es den Menschen zu wissen tun, wie es hier steht?« fragte er.
+
+Da nickten alle die alten Elche mit den Köpfen. »Es ist ein schweres
+Unglück, daß wir von den Menschen Hilfe verlangen müssen, aber es gibt
+keinen andern Ausweg,« sagten sie.
+
+Bald darauf war Karr auf dem Heimweg. Während er so tief bekümmert über
+alles, was er erfahren hatte, dahineilte, kam ihm eine große schwarze
+Natter entgegen. »Schön guten Tag hier im Walde!« zischte die Natter.
+
+»Schön guten Tag!« bellte der Hund und eilte vorbei, ohne anzuhalten. Aber
+die Natter drehte um und versuchte, Karr einzuholen. »Vielleicht ist sie
+auch in Sorge um den Wald,« dachte Karr und blieb stehen.
+
+Die Natter begann sogleich von der großen Verheerung zu reden. »Wenn aber
+die Menschen herbeigerufen werden, dann wird es mit der Ruhe und dem
+Frieden hier im Walde bald aus sein,« sagte sie.
+
+»Das fürchte ich auch,« erwiderte Karr, »aber die Alten im Walde wissen
+wohl, was sie tun.«
+
+»Ich könnte einen bessern Rat geben,« sagte die Natter. »Wenn ich nur den
+Lohn bekäme, den ich mir wünsche.«
+
+»Bist du nicht das Tier, das man Hilflos heißt,« sagte der Hund
+verächtlich.
+
+»Ich bin im Walde alt geworden,« erwiderte die Natter, »und ich weiß, wie
+solches Ungeziefer vertilgt werden muß.«
+
+»Wenn du das könntest,« sagte Karr, »dann wird dir sicher niemand dein
+Verlangen weigern.«
+
+Nachdem Karr dies gesagt hatte, schlüpfte die Schlange unter eine
+Baumwurzel, und erst, als sie wohlbeschützt in einem engen Loch lag, setzte
+sie die Unterredung fort. »Nun, dann grüße Graufell von mir,« rief sie,
+»und sag ihm, wenn er aus dem Friedenswalde fortziehen und nicht Rast
+machen wolle, bis er hoch in den Norden gezogen sei, wo keine Eiche mehr im
+Walde wächst, und auch versprechen wolle, nie wieder zurückzukehren,
+solange die Natter Hilflos lebt, dann werde der alte Hilflos über das
+Ungeziefer, das jetzt auf den Nadelholzbäumen herumkriecht und sich an
+ihren Nadeln mästet, Krankheit und Tod schicken.«
+
+»Was sagst du da?« fragte Karr, während sich ihm vor Entsetzen die Haare
+auf dem Rücken sträubten. »Was hat dir denn Graufell zuleide getan?«
+
+»Er hat die umgebracht, die ich am liebsten hatte,« antwortete die
+Schlange. »Und ich will mich an ihm rächen.«
+
+Noch ehe die Natter ausgesprochen hatte, fuhr Karr auf sie los; aber sie
+lag wohlgeborgen unter der Baumwurzel.
+
+»Bleib du nur da liegen, solang es dir gefällt!« rief Karr schließlich.
+»Wir werden auch ohne deine Hilfe Herr über die Tannenraupen werden.«
+
+Am nächsten Tage ging der Gutsbesitzer mit dem Waldhüter durch den Wald.
+Karr lief im Anfang neben ihnen her, aber nach einer Weile verschwand er,
+und bald nachher ertönte ein heftiges Bellen aus der Tiefe des Waldes
+heraus. »Da ist Karr wieder auf der Jagd,« sagte der Gutsbesitzer.
+
+Aber der Waldhüter wollte es nicht glauben. »Karr hat seit vielen Jahren
+nicht mehr unerlaubt gejagt,« erwiderte er. Dann lief er rasch in den Wald
+hinein, um zu sehen, was für ein Hund gebellt hätte, und der Gutsbesitzer
+ging hinter ihm her.
+
+Sie folgten dem Bellen bis in den dichtesten Wald hinein; aber da
+verstummte es plötzlich. Die beiden Männer blieben stehen, um zu lauschen;
+und da, in der tiefen Stille, hörten sie, wie die Kiefer der Insekten
+arbeiteten; sie sahen die Tannennadeln herunterrieseln und rochen den
+starken Duft. Dann sahen sie auch, daß alle Bäume mit den Raupen des
+Nonnenschmetterlings bedeckt waren, jenen kleinen Baumfeinden, die
+meilenweite Wälder zerstören können.
+
+
+Der große Krieg gegen die Nonnen
+
+Im nächsten Frühling ging Karr eines Morgens im Walde spazieren. »Karr,
+Karr!« ertönte eine Stimme hinter ihm. Der Hund wendete sich um; er hatte
+richtig gehört. Ein alter Fuchs stand vor seinem Bau, der hatte ihn
+angerufen.
+
+»Sag mir, ob die Menschen etwas mit dem Walde vorhaben?« fragte der Fuchs.
+
+»Ja, du kannst dich darauf verlassen,« antwortete Karr. »Sie arbeiten, was
+das Zeug hält.«
+
+»Sie haben mir mein ganzes Geschlecht umgebracht, und jetzt werden sie mich
+auch totschlagen,« sagte der Fuchs. »Aber es sei ihnen verziehen, wenn sie
+nur den Wald retten.«
+
+In diesem Jahre streifte Karr nie im Walde umher, ohne daß er gefragt
+wurde, ob die Menschen den Wald retten könnten. Es war nicht leicht für
+Karr, darauf zu antworten, denn die Menschen wußten selbst nicht, ob es
+ihnen gelingen würde, über die Nonnen Herr zu werden.
+
+Wenn man bedenkt, wie gefürchtet und berüchtigt der alte Kolmården gewesen
+war, so war es ein merkwürdiger Anblick, daß jetzt jeden Tag über hundert
+Männer in den Wald gingen und aus Leibeskräften arbeiteten, ihn vor dem
+Verderben zu retten. Die am meisten verheerten Strecken wurden geschlagen,
+das Unterholz gelichtet und die niedrigsten Zweige der großen Bäume
+abgehauen, damit die Raupen nicht so leicht von Baum zu Baum kriechen
+könnten. Um den verheerten Wald herum hieben die Männer breite Wege aus
+und umhegten ihn mit Leimstangen; dadurch hofften sie die Raupen
+einzusperren und auf ihr jetziges Bereich zu beschränken. Nachdem dies
+getan war, legten sie Leimringe um die Baumstämme. Auf diese Weise wollte
+man die Raupen am Herunterkriechen von den schon abgefressenen Bäumen
+verhindern und sie zwingen, da zu bleiben, wo sie waren, weil sie dann
+verhungern müßten.
+
+Bis spät ins Frühjahr hinein setzten die Menschen diese Arbeit fort. Sie
+waren voll guter Hoffnung und warteten fast mit Ungeduld auf das
+Ausschlüpfen der Raupen, denn sie waren fest überzeugt, sie so fest
+eingesperrt zu haben, daß die meisten Hungers sterben müßten.
+
+Mit dem Beginn des Sommers schlüpften dann die Raupen aus, und sie waren
+jetzt noch viel, viel zahlreicher als im letzten Jahre. Aber die Menschen
+meinten, das tue nichts, wenn sie nur eingesperrt seien und nicht genug
+Futter fänden.
+
+Aber in dieser Beziehung ging es nicht ganz so, wie man gehofft hatte. Es
+blieben freilich unzählige Raupen an den Leimstangen hängen, auch mußten
+große Mengen vor den Leimringen Halt machen und konnten nicht von den
+Bäumen heruntergelangen; aber trotzdem hätte man nicht behaupten können,
+daß die Raupen eingesperrt gewesen wären. Sie waren außerhalb und innerhalb
+der Einfriedigung; sie waren überall: auf den Landstraßen krochen sie hin,
+auf den Feldmäuerchen, an den Häusermauern hinauf. Sie wanderten aus dem
+Friedenswald hinaus und in andre Teile des Kolmården hinein.
+
+»Sie hören nicht auf, bis der ganze Wald zerstört ist,« sagten die
+Menschen, die sich vor Angst fast nicht zu helfen wußten, und denen die
+Tränen in die Augen traten, so oft sie in den Wald kamen.
+
+Karr war das ganze Ungeziefer, das da draußen herumkroch und nagte, so zum
+Ekel, daß er sich kaum noch entschließen konnte, vors Haus hinauszugehen.
+Aber eines Tages dachte er, er müsse sich doch wieder einmal nach Graufell
+umsehen. So schlug er denn den Weg nach dessen Aufenthaltsgebiet ein, und
+mit der Nase an der Erde lief der Hund rasch vorwärts. Als er an die
+Baumwurzel kam, wo er im vergangenen Jahre mit dem alten Hilflos
+zusammengetroffen war, lag dieser wieder in dem Loch und rief ihn an.
+
+»Hast du über das, was ich dir bei unserer letzten Begegnung sagte, mit
+Graufell gesprochen?« fragte die Natter. Aber Karr bellte nur und
+versuchte, an sie heranzukommen. »Tu es auf alle Fälle,« sagte die
+Schlange. »Du siehst ja, daß die Menschen nichts gegen die Verheerung
+ausrichten können.«
+
+»Ja, und du auch nicht,« antwortete Karr im Weitereilen.
+
+Karr fand Graufell; aber der Elch war in sehr gedrückter Stimmung. Er
+begrüßte Karr nur ganz flüchtig und begann sogleich von dem Walde zu reden.
+
+»Ich wüßte nicht, was ich dafür geben würde, wenn dieses Elend ein Ende
+nähme!« sagte er.
+
+»Dann müßte ich dir ja wohl mitteilen, daß es den Anschein hat, als
+könntest du den Wald retten,« sagte Karr. Und nun richtete er dem Elch den
+Auftrag der Natter aus.
+
+»Wenn dies ein andrer als der alte Hilflos versprochen hätte, würde ich
+sofort in die Verbannung gehen,« sagte Graufell. »Aber woher sollte eine
+arme Natter solche Macht nehmen?«
+
+»Es ist natürlich nur eine Großtuerei,« sagte Karr. »Die Schlangen tun
+immer, als wüßten sie mehr als andre Tiere.«
+
+Als Karr nach Hause gehen mußte, begleitete ihn Graufell eine Strecke. Da
+hörte Karr eine Drossel, die hoch oben in einem Tannenwipfel saß, rufen:
+»Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist! Da ist
+Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!«
+
+Karr wollte seinen Ohren nicht trauen; aber im nächsten Augenblick lief ein
+Hase über den Weg, und als dieser die beiden Daherkommenden sah, blieb er
+stehen, wedelte mit den Ohren und rief: »Da kommt Graufell, der an der
+Verheerung des Waldes schuld ist!« Dann sprang er davon, so schnell er
+konnte.
+
+»Was wollen sie denn damit sagen?« fragte Karr.
+
+»Ich weiß es nicht recht,« antwortete Graufell. »Aber ich glaube, die
+kleinen Tiere im Wald sind unzufrieden mit mir, weil ich geraten hatte, daß
+wir Hilfe bei den Menschen suchen sollten; denn als das Unterholz
+geschlagen wurde, sind ihnen alle ihre Schlupfwinkel und Behausungen
+zerstört worden.«
+
+Die beiden Freunde gingen eine Strecke weiter, und Karr hörte, wie es von
+allen Seiten ertönte: »Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes
+schuld ist!« Graufell tat, als höre er es nicht, aber Karr glaubte jetzt zu
+verstehen, warum der Elch so niedergedrückt war.
+
+»Du, Graufell,« fragte Karr hastig, »was meint denn die Natter damit, wenn
+sie sagt, du habest ihr ihre liebste Gefährtin umgebracht?«
+
+»Wie soll ich das wissen?« sagte Graufell. »Du weißt doch, daß ich keinem
+Tiere etwas zuleide tue.«
+
+Kurz darauf begegneten sie den vier alten Elchen, Krummrück, Hornkrone,
+Wirrmähne und Riesenkraft. Still und nachdenklich wanderten sie daher,
+einer hinten dem andern.
+
+»Schön guten Tag!« rief ihnen Graufell entgegen.
+
+»Schön guten Tag!« antworteten die Elche. »Wir wollten dich eben aufsuchen,
+Graufell, um mit dir wegen des Waldes zu beraten.«
+
+»Die Sache ist die,« begann Krummrück. »Es ist uns zu Ohren gekommen, daß
+hier im Walde eine Missetat verübt worden ist, und weil diese nicht
+geahndet wurde, ist der ganze Wald dem Untergang geweiht.«
+
+»Was ist das für eine Missetat?« fragte Graufell.
+
+»Ein Waldbewohner soll ein unschädliches Tier, das er doch nicht verzehren
+konnte, umgebracht haben. Dies wird im Friedenswalde für eine Missetat
+gerechnet.«
+
+»Und wer hat denn eine solche Freveltat begangen?« fragte Graufell.
+
+»Ein Elch soll es gewesen sein. Und wir wollen dich jetzt fragen, ob du
+eine Ahnung hast, wer es sein könnte.«
+
+»Nein,« antwortete Graufell. »Ich habe nie etwas von einem Elch gehört, der
+ein unschädliches Tier getötet hätte.«
+
+Graufell verließ die andern und ging mit Karr weiter. Er war noch
+schweigsamer als zuvor und schritt mit tiefgesenktem Kopf dahin. Jetzt
+kamen sie an der Kreuzotter Kryle vorbei, die auf einem Stein lag. »Da ist
+Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist,« zischte Kryle,
+gerade wie alle andern. Aber jetzt war Graufells Geduld zu Ende. Er stellte
+sich vor die Kreuzotter hin und hob ein Vorderbein auf.
+
+»Hast du im Sinn, mich auch umzubringen, wie du die Natter, das Weibchen
+des alten Hilflos, umgebracht hast?« rief Kryle.
+
+»Habe ich eine Natter umgebracht?« fragte Graufell.
+
+»Ja, am ersten Tag, wo du in den Wald herauskamst, hast du das Weibchen von
+der Natter Hilflos totgetreten.«
+
+Graufell wendete sich rasch ab und gesellte sich wieder zu Karr. Plötzlich
+hielt er an. »Karr,« sagte er, »ich habe die Freveltat begangen. Ich habe
+ein unschädliches Tier umgebracht. Ich bin schuld an der Zerstörung des
+Waldes.«
+
+»Was sagst du da?« unterbrach ihn Karr.
+
+»Sage der Natter Hilflos, Graufell werde heute nacht noch in die Verbannung
+gehen.«
+
+»Niemals werde ich so etwas sagen!« rief Karr. »Der hohe Norden ist eine
+sehr gefährliche Gegend für die Elche.«
+
+»Meinst du, ich wollte noch hier bleiben, nachdem ich so großes Unheil
+angestiftet habe?« erwiderte Graufell.
+
+»Übereile dich nicht. Warte bis morgen, ehe du irgend etwas unternimmst!«
+
+»Du selbst hast mich gelehrt, daß die Elche eins mit dem Walde seien,«
+sagte Graufell; und mit diesen Worten trennte er sich von Karr.
+
+Karr ging nach Hause; aber durch die Unterredung unruhig geworden, ging er
+schon am nächsten Tag wieder in den Wald, den Elch aufzusuchen. Aber
+Graufell war nirgends zu finden, und der Hund suchte auch nicht lange. Er
+erriet sogleich, daß Graufell die Natter beim Wort genommen hatte und in
+die Verbannung gegangen war.
+
+Während Karr in solche Gedanken versunken dahinwanderte, erblickte er
+plötzlich den Waldhüter, der unter einem Baum stand und hinaufdeutete.
+»Wonach schaust du?« fragte ein Mann, der neben dem Waldhüter stand.
+
+»Unter den Raupen ist eine Seuche ausgebrochen.«
+
+Karr verwunderte sich über die Maßen; fast aber noch mehr entrüstete er
+sich darüber, daß die Natter die Macht gehabt hatte, ihr Wort zu halten.
+Nun mußte Graufell wahrscheinlich ewig lange fortbleiben, denn diese Natter
+starb wohl nie.
+
+Während Karr noch tiefbetrübt war, kam ihm ein Gedanke, der ihn ein wenig
+tröstete. »Die Natter braucht vielleicht gar nicht so schrecklich alt zu
+werden, sie wird ja wohl nicht immer wohlbeschützt unter einer Baumwurzel
+liegen,« dachte er. »Wenn sie nur erst die Raupen fortgeschafft hat, dann
+weiß ich einen, der ihr die Gurgel abbeißt.«
+
+Ja, über die Raupen war wirklich eine Krankheit gekommen, aber im ersten
+Sommer verbreitete sie sich nicht in großer Ausdehnung. Kaum war sie
+ausgebrochen, da war es für die Raupen Zeit, sich einzupuppen, und aus den
+Puppen schlüpften dann Millionen von Schmetterlingen. Diese flatterten in
+jeder Nacht, Schneeflocken gleich, zwischen den Bäumen umher und legten
+unzählige Eier. Für das nächste Jahr konnte man sich auf noch größere
+Verheerungen gefaßt machen.
+
+Die Verheerung kam, aber nicht allein für den Wald, sondern auch über die
+Raupen selbst. Die Seuche verbreitete sich rasch von einer Waldstrecke zur
+andern. Die erkrankten Raupen fraßen nicht mehr; sie krochen in den Gipfel
+des Baums hinauf und starben da. Unter den Menschen herrschte große Freude,
+als sie die Raupen sterben sahen; aber noch größere Freude griff unter den
+Tieren Platz. Der Hund Karr wanderte Tag um Tag in grimmiger Freude umher
+und dachte nur an den Augenblick, wo er es wagen dürfte, dem alten Hilflos
+die Gurgel abzubeißen.
+
+Die Raupen hatten sich jedoch schon in meilenweitem Umkreis über den
+Nadelwald ausgebreitet, und auch in diesem Sommer erreichte die Krankheit
+nicht alle; viele blieben am Leben, die sich einpuppten und Schmetterlinge
+wurden.
+
+Durch Zugvögel erhielt Karr oft Grüße von Graufell, der ihm sagen ließ, er
+sei noch am Leben, und es gehe ihm gut. Aber die Vögel vertrauten Karr an,
+Graufell sei wiederholt von Wilderern hart verfolgt worden und ihnen nur
+mit knapper Not entkommen.
+
+Karr verzehrte sich in Sorge und Kummer und Heimweh nach Graufell. Aber
+noch zwei Sommer hindurch mußte er ausharren. Da erst war es zu Ende mit
+den Raupen.
+
+Kaum hörte Karr den Waldhüter sagen, jetzt sei der Wald außer Gefahr, als
+er sich auch schon auf die Jagd nach dem alten Hilflos begab. Aber als er
+in das Dickicht kam, machte er eine entsetzliche Entdeckung: er konnte
+nicht mehr jagen, konnte nicht mehr rennen, konnte seinen Feind nicht
+aufspüren, konnte gar nichts mehr sehen. Während der langen Wartezeit war
+leise das Alter über Karr hereingebrochen; ohne daß er es gemerkt hatte,
+war er alt geworden. Nicht einmal eine Natter konnte er mehr totbeißen; er
+war nicht fähig, seinen Freund Graufell von seinem Feinde zu befreien.
+
+
+Die Rache
+
+Eines Nachmittags ließ sich Akka von Kebnekajse mit ihrer Schar am Ufer
+eines Waldsees nieder. Sie befanden sich zwar noch im Kolmården, hatten
+aber Ostgötland schon verlassen und waren jetzt im Jönåker Bezirk in
+Sörmland.
+
+Wie es in den Gebirgsgegenden der Fall zu sein pflegt, brach der Frühling
+hier sehr spät an, und der ganze See war bis auf einen schmalen offnen Rand
+am Ufer noch ganz mit Eis bedeckt. Die Gänse stürzten sich sofort ins
+Wasser, um zu baden und Nahrung zu suchen; aber Nils Holgersson hatte am
+Vormittag seinen Holzschuh verloren und ging deshalb zwischen die am Ufer
+wachsenden Erlen und Birken hinein, um etwas zu suchen, das er sich an den
+Fuß binden könnte.
+
+Der Junge mußte ziemlich weit gehen, bis er etwas Passendes fand, und er
+sah sich unruhig um, denn es kam ihm nicht ganz geheuer im Walde vor.
+»Nein, da ziehe ich Wasser und ebenes Land vor,« dachte er, »denn da sieht
+man doch, wohin man kommt. Wenn dies wenigstens ein Buchenwald wäre, dann
+ginge es noch an; dort ist fast kein Unterholz, aber Birken- und
+Fichtenwälder sind gar so wild und unwegsam. Ich verstehe nicht, wie die
+Leute sich das gefallen lassen. Wenn dieser Wald hier mir gehörte, würde
+ich die ganze Herrlichkeit abhauen lassen.«
+
+Schließlich entdeckte er ein Stück Birkenrinde und probierte es eben an
+seinen Fuß, als er hinter sich etwas rascheln hörte. Er wendete sich um und
+sah eine Schlange, die, durch das Unterholz kriechend, gerade auf ihn
+zukam. Sie war ungewöhnlich lang und dick; aber der Junge sah sogleich, daß
+sie auf beiden Seiten ihres Kopfes einen weißen Fleck hatte, und blieb
+deshalb ruhig stehen. »Es ist ja nur eine Natter,« dachte er, »die kann mir
+wohl nichts tun.«
+
+Im nächsten Augenblick aber bekam er einen so heftigen Stoß von der
+Schlange, daß er umfiel. Er war zwar in einem Nu wieder auf den Beinen und
+rannte davon, aber die Schlange verfolgte ihn. Der Boden war steinig und
+mit Gestrüpp bewachsen, deshalb kam der Junge nicht sehr schnell vorwärts,
+und die Schlange war ihm dicht an den Fersen.
+
+Plötzlich erblickte er einen großen, steil aufragenden Felsblock, und rasch
+kletterte er hinauf. »Hierher kann mir die Natter nicht folgen,« dachte er.
+Aber als er glücklich droben war und sich umschaute, sah er, daß die
+Schlange hinter ihm hinaufzuklettern versuchte.
+
+Oben auf dem Felsblock, dicht neben dem Jungen, lag ein andrer Stein, rund
+und so groß wie ein Menschenkopf. Er lag ganz lose auf einem schmalen
+Rande; es war fast unbegreiflich, wie er überhaupt daliegen konnte. Als nun
+die Schlange näher kam, sprang der Junge hinter den runden Stein und
+versetzte diesem einen Stoß. Der Stein rollte auf die Schlange, riß sie mit
+auf den Boden hinunter und blieb da gerade auf dem Schlangenkopf liegen.
+
+»Der Stein hat seine Sache gut gemacht,« dachte der Junge und stieß einen
+Seufzer der Erleichterung aus. Er sah, wie die Schlange noch ein paar
+heftige Zuckungen machte und dann ganz ruhig liegen blieb. »Ich glaube, ich
+bin auf der ganzen Reise fast noch nie in größerer Gefahr gewesen!« rief er
+noch nachträglich schaudernd aus.
+
+[Illustration]
+
+Aber kaum hatte er sich etwas von seinem Schrecken erholt, da hörte er ein
+Sausen in der Luft, und im nächsten Augenblick ließ sich ein Vogel dicht
+neben der Schlange nieder. Der Vogel war ungefähr von der Größe und Gestalt
+einer Krähe, hatte aber ein schönes Gewand aus schwarzen metallisch
+glänzenden Federn. Vorsichtig zog sich der Junge in einen Spalt des
+Felsblockes zurück. Die Erinnerung an sein Abenteuer mit den Krähen war
+noch frisch in seinem Gedächtnis, und er wollte sich deshalb nicht zeigen,
+wenn es nicht durchaus nötig war.
+
+Der schwarze Vogel ging mit langen Schritten neben dem Schlangenkörper hin
+und her und drehte ihn mit dem Schnabel um. Schließlich schlug er mit den
+Flügeln und schrie mit heiserer, gellender Stimme: »Diese tote Natter hier
+ist gewiß der alte Hilflos!«
+
+Noch einmal schritt er die Schlange entlang, dann blieb er in tiefem
+Nachdenken stehen und kratzte sich mit dem Fuß im Nacken. »Es kann
+unmöglich zwei so große Schlangen hier im Walde gegeben haben,« sagte er.
+»Er ist es ganz gewiß.«
+
+Der Vogel war schon im Begriff, seinen Schnabel in die Schlange zu
+schlagen, da besann er sich plötzlich eines andern. »Sei kein Dumrian,
+Bataki,« sagte er. »Du wirst doch die Schlange nicht fressen, ehe du Karr
+herbeigerufen hast. Er würde nie und nimmer glauben, daß der alte Hilflos
+tot sei, wenn er ihn nicht selbst hier liegen sähe.«
+
+Der Junge gab sich alle Mühe, ganz still zu sein; aber als er den Vogel so
+lächerlich-feierlich auf und ab schreiten sah und mit sich selbst sprechen
+hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken.
+
+Der Vogel hörte es, und mit einem einzigen Flügelschlag war er droben auf
+dem Stein. Rasch richtete sich der Junge auf und ging auf den Vogel zu.
+»Bist du nicht der Rabe, der Bataki genannt wird und ein guter Freund von
+Akka von Kebnekajse ist?« fragte er.
+
+Der Vogel betrachtete den Jungen genau und nickte dann dreimal mit dem
+Kopfe. »Du bist doch wohl nicht der Junge, der mit den Wildgänsen
+umherzieht und den sie Däumling nennen?« fragte er.
+
+»Doch, der bin ich,« antwortete der Junge.
+
+»Ei, das ist herrlich, daß ich dich treffe!« rief der Rabe. »Du kannst mir
+vielleicht sagen, wer diese Natter erschlagen hat?«
+
+»Der Stein hier war es. Ich habe ihn auf die Natter hinuntergerollt, und er
+hat sie erschlagen,« sagte der Junge und erzählte hierauf dem Raben, wie
+alles zugegangen war.
+
+»Das ist ein ordentliches Stück Arbeit für einen so kleinen Kerl wie du,«
+sagte der Rabe. »Ich habe hier in der Nähe einen Freund, der wird sehr
+beglückt sein, wenn er hört, daß die Schlange tot ist, und ich wünschte,
+ich könnte dir einen Gegendienst leisten.«
+
+»Dann sage mir, warum du dich über den Tod der Schlange so sehr freust,«
+erwiderte der Junge.
+
+»Ach, das ist eine lange Geschichte!« seufzte der Rabe. »Wenn du sie
+anhören müßtest, würde dir bald die Geduld ausgehen.«
+
+Aber der Junge behauptete, er würde die Geduld sicher nicht verlieren, und
+so erzählte ihm denn der Rabe die ganze Geschichte von Karr und Graufell
+und der Natter Hilflos. Als er damit fertig war, schwieg der Junge noch
+eine Weile und starrte nur immer geradeaus.
+
+»Ich danke dir recht schön,« sagte er schließlich. »Nun ich dies alles
+gehört habe, ist es mir, als kennte ich mich hier im Walde viel besser aus.
+Ich möchte wohl wissen, ob von dem großen Friedenswalde noch etwas übrig
+geblieben ist?«
+
+»Das meiste davon ist verheert,« entgegnete Bataki. »Die Bäume sehen aus,
+als sei ein Waldbrand über sie hingegangen; sie müssen gefällt werden, und
+es wird viele Jahre dauern, bis der Wald wieder das ist, was er früher
+war.«
+
+»Diese Schlange hier hat wirklich den Tod verdient,« sagte der Junge. »Aber
+ich möchte doch wissen, ob sie tatsächlich sicher war, daß sie die Seuche
+unter die Raupen schicken konnte?«
+
+»Vielleicht wußte sie, daß die Nonnen auf diese Weise umkommen würden,«
+sagte Bataki.
+
+»Das ist wohl möglich; jedenfalls war der alte Hilflos ein äußerst kluges
+Tier, soviel ist sicher.«
+
+Der Junge schwieg, und der Rabe hatte auch gar nicht auf ihn gehört; er
+lauschte mit abgewendetem Kopf in den Wald hinein. »Hörst du!« sagte er.
+»Karr ist in der Nähe. Wie glücklich wird er sein, wenn er erfährt, daß der
+alte Hilflos tot ist.«
+
+Der Junge drehte den Kopf nach der Seite, woher der Ton kam. »Er spricht
+mit den Wildgänsen,« sagte er.
+
+»Ja, er hat sich wohl an den Strand hinunter geschleppt, um das Neueste von
+Graufell zu erfahren.«
+
+Nun hüpften der Rabe und der Junge eiligst von dem Felsblock herunter und
+liefen miteinander nach dem Strande. Alle Gänse waren aus dem Wasser
+herausgegangen; sie umringten einen alten Hund, ein gichtbrüchiges,
+schwaches Tier, das aussah, als könnte es jeden Augenblick tot umfallen.
+
+»Siehst du, das ist Karr,« sagte Bataki zu dem Jungen. »Laß ihn nun zuerst
+hören, was ihm die Wildgänse zu berichten haben, nachher sagen wir ihm
+dann, daß die Schlange tot ist.«
+
+Und sie hörten zu, was Akka dem guten Karr mitteilte.
+
+»Es war im vorigen Jahre auf unserer Frühlingsreise,« begann sie. »Eines
+Morgens waren wir, Yksi und Kaksi und ich, von Siljan in Dalarna
+weggeflogen, und unser Weg führte uns über die großen Grenzwälder zwischen
+Dalarna und Hälsingeland. Unter uns sahen wir nichts als den schwarzgrünen
+Nadelwald. Zwischen den Bäumen lag noch hoher Schnee, die Flüsse waren noch
+zugefroren, aber da und dort schimmerte eine offene Wake, und an den Ufern
+war der Schnee teilweise schon ganz verschwunden. Wir sahen fast nirgends
+Dörfer oder große Höfe, nur graue Sennhütten, die jetzt im Winter öde und
+verlassen waren. Ab und zu erblickten wir auch einen schmalen gewundenen
+Waldweg; da hatten die Leute während des Winters gefällte Bäume
+heimgefahren, und drunten an den Flüssen lagen große Stapel Bauholz
+aufgeschichtet.
+
+Während wir nun so dahinflogen, sahen wir drei Jäger, die drunten durch den
+Wald gingen. Sie liefen auf Schneeschuhen, hatten Hunde am Riemen und das
+Messer im Gürtel, aber keine Flinten bei sich. Der Schnee hatte eine harte
+Eiskruste, und die Jäger hielten sich nicht an die gewundenen Waldpfade,
+sondern liefen ganz geradeaus. Es sah aus, als wüßten sie recht wohl, wohin
+sie sich zu wenden hätten, um das zu finden, was sie suchten.
+
+Wir Wildgänse flogen hoch in der Luft dahin, und der ganze Wald lag
+deutlich erkennbar unter uns. Als wir die Jäger erblickten, hätten wir gar
+zu gerne gewußt, was für ein Wild sie erjagen wollten. Wir flogen deshalb
+hin und her und spähten zwischen die Bäume hinein. Da sahen wir in einem
+dichten Gehölz etwas, das wie große moosbewachsene Steine aussah. Aber es
+konnten doch keine Steine sein, denn es lag gar kein Schnee darauf.
+
+Nun flogen wir eilig hinab und ließen uns mitten in dem Gehölz nieder. Da
+bewegten sich die drei Felsblöcke. Es waren drei Elche, die da in dem
+Waldesdunkel lagen: ein Elchstier und zwei Kühe. Als wir uns niederließen,
+stand der Elchstier auf und kam auf uns zu. Es war der größte und schönste
+Elch, den wir je gesehen hatten. Aber als er merkte, daß ihn nur so ein
+paar arme Wildgänse geweckt hatten, legte er sich wieder nieder.
+
+>Nein, Väterchen, leg dich nicht wieder schlafen,< sagte ich da zu ihm.
+>Flieht, so rasch ihr könnt; es sind Jäger im Walde, und sie steuern
+geradenwegs auf euren Aufenthaltsort zu.<
+
+>Hab schönen Dank für die Warnung, Gänsemutter,< sagte der Elch, schon
+wieder halb im Schlafe. >Aber Ihr wißt doch wohl, daß uns Elchen seit
+vielen Jahren hier im Walde eine Freistatt gewährt ist. Diese Jäger sind
+wahrscheinlich nur auf die Fuchsjagd ausgezogen.<
+
+>Es waren eine Menge Fußspuren im Schnee, aber die Jäger beachteten sie gar
+nicht. Glaubt mir, ihr Elche! Sie wissen, daß ihr hier liegt. Sie kommen
+hierher, euch zu erlegen. Ohne Flinte, nur mit Spieß und Messer bewaffnet,
+sind sie ausgezogen, weil sie um diese Zeit hier im Walde nicht zu schießen
+wagen.<
+
+Der Elchstier blieb ebenso ruhig liegen wie vorher, aber die Elchkühe
+wurden ängstlich. >Es ist vielleicht doch so, wie die Wildgänse sagen!<
+riefen sie und richteten sich auf.
+
+>Bleibt nur ruhig liegen!< befahl der Stier. >Es kommen keine Jäger
+hierher; ihr dürft euch darauf verlassen.<
+
+Es war nichts zu machen, und so flogen wir Wildgänse wieder in die Luft
+hinauf,« fuhr Akka fort. »Aber wir schwebten noch über demselben Platze hin
+und her, denn wir wollten sehen, wie es den Elchen ergehen würde. Und kaum
+hatten wir uns zu unserer gewöhnlichen Flughöhe erhoben, als wir den
+Elchstier aus dem Dickicht heraustreten sahen. Er witterte ringsum und ging
+dann geradenwegs auf die Jäger zu. Beim Dahinschreiten trat er auf große
+Zweige, die mit lautem Krachen zerbrachen. Nun kam er an ein weites, kahles
+Moor. Er ging darauf hinaus und stellte sich mitten auf das offene Moor, wo
+ihm nichts Schutz bot.
+
+Und dort blieb der Elch stehen, bis die Jäger am Waldrand auftauchten. In
+demselben Augenblick aber warf er sich herum und entfloh in einer andern
+Richtung, als in der, woher er gekommen war. Die Jäger ließen die Hunde
+los, und sie selber liefen auf ihren Schneeschuhen so rasch wie möglich
+hinter ihm her.
+
+Mit weit zurückgeworfenem Kopf rannte der Elch in größter Eile davon. Unter
+seinen Hufen flog der Schnee empor und stob um ihn her wie eine dichte
+Wolke. Hunde und Jäger blieben weit zurück. Jetzt blieb der Elch stehen,
+wie um sie zu erwarten, und erst, als sie wieder in seinem Gesichtskreis
+auftauchten, stürmte er weiter. Wir errieten, daß es seine Absicht war, die
+Jäger von dem Lagerplatz der Kühe wegzulocken, und wir lobten ihn um seiner
+Tapferkeit willen; er selbst begab sich in Gefahr, damit den Seinigen kein
+Leid widerfahren sollte. Keine von uns wollte den Ort verlassen, bis wir
+wüßten, wie die Sache ablaufen würde.
+
+Ein paar Stunden lang ging die Jagd in derselben Weise fort, und wir
+verwunderten uns, daß die Jäger sich die Mühe machten, den Elch immer
+weiter zu verfolgen, da sie doch keine Gewehre bei sich hatten. Sie konnten
+sich doch wohl nicht einbilden, sie wären imstande, im Laufen länger
+auszuhalten, als so ein Renner wie dieser Elch.
+
+Aber allmählich entfloh der Elch nicht mehr mit derselben Geschwindigkeit.
+Er setzte die Füße vorsichtiger auf den Schnee. Und wenn er sie wieder
+herauszog, glaubten wir Blutspuren zu erkennen.
+
+Da begriffen wir, warum die Jäger so beharrlich waren. Sie rechneten auf
+die Hilfe des Schnees. Der Elch war schwer, bei jedem Schritt sank er bis
+auf den Grund der Schneeschicht ein, und dabei scheuerte ihm die harte
+Eiskruste des Schnees die Beine wund. Sie schabte ihm die Haare weg und riß
+ihm die Haut auf, und das tat dem Elch bei jedem Schritt bitter weh.
+
+Die Jäger und Hunde dagegen, die von viel leichterem Gewicht waren, konnten
+auf der Eisdecke gehen und verfolgten den Elch immer weiter. Er floh und
+floh, aber seine Schritte wurden immer unsicherer und schwankender, und er
+keuchte gewaltig. Er litt nicht allein starke Schmerzen, das Waten durch
+den tiefen Schnee ermüdete ihn auch zusehends.
+
+Schließlich verlor er die Geduld. Er hielt an und ließ die Hunde und Jäger
+herankommen, um den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Während er so dastand und
+auf seine Verfolger wartete, warf er einen Blick nach oben, und als er uns
+Wildgänse, die über ihm schwebten, sah, rief er: >Bleibet hier, Wildgänse,
+bis alles zu Ende ist! Und wenn ihr wieder über den Kolmården hinzieht,
+dann suchet den Hund Karr auf und saget ihm, daß sein Freund Graufell einen
+schönen Tod gehabt habe.<«
+
+[Illustration]
+
+Als Akka so weit in ihrer Erzählung gekommen war, richtete sich der alte
+Hund auf und ging zwei Schritte näher zu ihr hin. »Graufell hat ein gutes
+Leben geführt,« sagte er. »Er kennt mich. Er weiß, daß ich ein tapferer
+Hund bin und mich nur freue, wenn ich zu hören bekomme, daß er einen
+schönen Tod gehabt hat. Erzähl mir nun ...«
+
+Bei diesen Worten wedelte Karr mit dem Schwanze und hob den Kopf, wie um
+eine kecke, stolze Haltung anzunehmen, sank aber dann gleich wieder
+zusammen.
+
+»Karr, Karr!« ertönte eine menschliche Stimme aus dem Walde heraus.
+
+Rasch stand der alte Hund auf. »Mein Herr ruft mich,« sagte er, »und ich
+zögere nicht, ihm zu folgen. Ich sah ihn vorhin seine Flinte laden, und wir
+beide werden nun zum letzten Male miteinander in den Wald gehen. Ich danke
+dir, liebe Wildgans. Nun weiß ich alles, was ich zu wissen brauchte, um
+zufrieden in den Tod zu gehen.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+23
+
+Der schöne Garten
+
+
+ Sonntag, 24. April
+
+Am nächsten Tage flogen die Wildgänse über Sörmland weiter gen Norden. Der
+Junge schaute auf die Landschaft hinab und dachte, sie gleiche keiner von
+allen den Gegenden, die er bis jetzt gesehen hatte. Es gab da keine großen
+Ebenen wie in Schonen und Ostgötland, auch keine großen zusammenhängenden
+Waldbezirke wie in Småland, sondern eine Vermischung von allem möglichen.
+
+»Hier haben sie einen großen See und einen breiten Fluß und einen mächtigen
+Wald mitsamt einem großen Gebirge zusammengenommen und in Stücke zerhackt,
+diese dann untereinander gemischt und ganz aufs Geratewohl auf der Erde
+ausgebreitet,« dachte der Junge, denn er sah nichts als kleine Täler und
+kleine Seen, kleine Hügel und kleine Waldstrecken. Nichts durfte sich so
+recht ausbreiten. Sobald eine Ebene sich richtig dehnen wollte, stellte
+sich ihr ein Hügel in den Weg, und wenn der Hügel sich recken wollte, um
+ein ordentlicher Berg zu werden, fing gleich die Ebene wieder an. Sobald
+ein See so groß geworden war, daß er sich sehen lassen konnte, verengte er
+sich wieder zu einem Fluß, und auch dieser durfte nicht sehr weit fließen,
+bis er wieder zu einem See ausgedehnt wurde.
+
+Da die Wildgänse ziemlich nahe an der Küste hinflogen, konnte der Junge das
+Meer überschauen, und da sah er, daß auch das Meer seinen mächtigen
+Wasserspiegel nicht ununterbrochen ausbreiten durfte; überall schauten
+kleine Inseln hervor, und selbst diese Inseln hatten keine große
+Ausdehnung, gleich schmiegte sich das Wasser wieder um sie her. Überall
+war ein beständiger Wechsel; Nadelwälder wurden von Laubholzwäldern
+abgelöst, die Äcker von Mooren, die großen Güter von Bauernhöfen.
+
+Auf den Äckern sah man nirgends fleißige Menschen, dafür aber waren die
+Straßen und Wege überall belebt. Aus den kleinen Höfen am Rande des
+Kolmården kamen sie heraus, in schwarzen Kleidern, Gesangbuch und
+Taschentuch in der Hand.
+
+»Es ist Sonntag,« dachte der Junge und ließ seinen Blick andächtig auf den
+Kirchgängern ruhen. An einem Ort sah er ein Brautpaar, das mit großem
+Gefolge in die Kirche fuhr, und an einem andern kam ein Leichenzug langsam
+auf dem Wege daher. Er sah auch große Herrschaftskutschen und kleine
+Bauernchaisen, sowie auch große Boote auf den Seen, die alle auf dem Weg
+nach der Kirche waren.
+
+Jetzt flogen die Gänse über die Kirche von Björkvik hin, dann über Bettna
+und Blaksta und Vadsbro, und dann ging es nach Sköldinge und Floda. Überall
+läuteten die Glocken; wunderbar schön drang das Geläute zu dem Jungen
+herauf; es war fast, als sei die ganze kristallklare Luft um ihn her zu
+lauter Tönen und Klängen geworden.
+
+»So viel ist sicher,« dachte der Junge, »ich mag hinkommen, wo ich will,
+überall höre ich das Läuten der Kirchenglocken.« Und bei diesem Gedanken
+überkam ihn ein Gefühl der Sicherheit: obgleich er sich jetzt in einer ganz
+andern Welt befand, war ihm, als könne er sich nicht vollständig verirren,
+so lange diese gewaltigen Stimmen noch imstande wären, ihn zurückzurufen.
+
+Die Wildgänse waren nun schon eine gute Weile über Sörmland hingeflogen,
+als der Junge plötzlich einen schwarzen Punkt entdeckte, der sich drunten
+auf der Erde unter ihnen hinbewegte. Zuerst glaubte er, es sei ein Hund,
+und er hätte nicht weiter darüber nachgedacht, wenn das Tier nicht mit den
+Wildgänsen über ihm gleichen Schritt zu halten versucht hätte. Es stürmte
+durch das offne Land und durch die Gehölze hindurch, sprang über Gräben,
+setzte über Feldmäuerchen und ließ sich durch nichts aufhalten.
+
+»Es sieht fast aus, als sei der Fuchs Smirre wieder unterwegs,« sagte der
+Junge. »Aber wir werden ihn jedenfalls bald hinter uns gelassen haben.«
+
+Gleich darauf flogen die Wildgänse so rasch, wie es ihnen nur möglich war,
+und hielten nicht an, solange der Fuchs noch in Sicht war. Erst als dieser
+sie nicht mehr sehen konnte, wendeten sie um und flogen nun in einem großen
+Bogen in südwestlicher Richtung, fast als wollten sie nach Ostgötland
+zurückkehren. »Es muß doch Smirre gewesen sein,« dachte der Junge, »da
+Mutter Akka hier abbiegt und einen andern Weg einschlägt.«
+
+Als es Abend wurde, schwebten die Wildgänse über einem alten Rittergute in
+Sörmland, namens Groß-Djulö. Das große weiße Wohnhaus lag im Schutze eines
+prächtigen Laubholzparkes, und vor ihm breitete sich der große Djulösee aus
+mit seinen hervorspringenden Landzungen und hohen Ufern. Das Herrenhaus sah
+ehrwürdig und behaglich aus; der Junge konnte sich eines leisen Seufzers
+nicht enthalten, als die Wildgänse über das Gut hinflogen, und er dachte
+unwillkürlich, wie das wohl sein würde, wenn er nach vollendeter Tagereise,
+anstatt auf einem sumpfigen Moor oder einer eiskalten Eisscholle abgesetzt
+zu werden, in so ein einladendes Herrenhaus eintreten dürfte.
+
+Aber von so etwas konnte natürlich keine Rede sein. Die Wildgänse ließen
+sich etwas nördlich von dem Herrenhofe auf einer überschwemmten Waldwiese
+nieder, wo nur da und dort ein Rasenhügel herausschaute. Dies war fast die
+schlechteste Nachtherberge, die der Junge auf der ganzen Reise bisher
+gehabt hatte.
+
+Unschlüssig, was er tun sollte, blieb er noch eine Weile auf dem Rücken des
+Gänserichs sitzen. Plötzlich sprang er hinunter und eilte in großen Sätzen
+von einem Erdhügel zum andern, bis er festen Boden unter den Füßen hatte;
+dann lief er eilig in der Richtung, wo der Hof lag, weiter.
+
+Zufälligerweise saßen an diesem Abend in einer Kätnerhütte, die zu dem Gute
+Groß-Djulö gehörte, ein paar Leute um die offene Feuerstelle in eifriger
+Unterhaltung beieinander. Sie hatten über die Predigt gesprochen, über die
+Frühjahrsarbeit und über die Wetteraussichten; aber als die Unterhaltung
+etwas ins Stocken kam, baten sie eine alte Frau, die Mutter des Kätners,
+ihnen eine Gespenstergeschichte zu erzählen.
+
+Es ist ja wohl bekannt, daß es im ganzen Reiche nirgends so viele
+Herrenhöfe und nirgends so viele Spukgeschichten gibt wie gerade in
+Sörmland. Die alte Frau hatte in ihrer Jugend auf den großen Gütern gedient
+und wußte so viele seltsame Dinge, daß sie bis zum nächsten Morgen hätte
+erzählen können. Sie brachte ihre Geschichten auch überaus gut und
+glaubwürdig vor; wer ihr zuhörte, ganz einerlei wer es war, fühlte sich
+versucht, alles für reine Wahrheit zu halten. Und die Leute rückten voll
+Angst näher zueinander hin, so oft die Alte sich mitten in ihrer Erzählung
+unterbrach und fragte, ob die andern nicht auch ein Geräusch gehört hätten.
+
+»Wie merkwürdig, daß ihr es nicht hört!« sagte sie dann. »Irgend etwas
+schleicht hier herum.« Aber die andern wollten durchaus nichts gehört
+haben.
+
+Nachdem die Alte schon allerlei Geschichten von Eriksberg, Vibyholm,
+Julita, Lagmansö und noch von verschiedenen andern Orten erzählt hatte,
+fragte einer, ob denn auf Groß-Djulö nie so etwas Merkwürdiges passiert
+sei.
+
+»O doch,« sagte die Alte, »von da erzählt man sich auch allerlei.«
+
+Und nun wollten natürlich alle sogleich die Geschichten von ihrem eignen
+Gute hören.
+
+Und die Frau erzählte, auf einem Hügel, nördlich von Groß-Djulö, da wo
+jetzt nur noch Wald sei, habe einst ein Schloß gestanden, vor dem sich ein
+herrlicher Garten ausbreitete. Dann sei einmal ein Mann, den man allgemein
+den Herrn Karl genannt und der zu jener Zeit ganz Sörmland regiert habe,
+auf das Schloß gekommen. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, sei er in
+den Garten hinausgegangen und habe in tiefe Gedanken versunken lange über
+den Groß-Djulöer See und dessen schöne Ufer hingeschaut. Aber während er so
+dastand und sich an dem, was er sah, erlabte und im stillen dachte, es gebe
+doch kein schöneres Land als Sörmland, hörte er plötzlich hinter sich
+jemand einen tiefen Seufzer ausstoßen. Rasch drehte er sich um, und da sah
+er einen alten tief über seinen Spaten gebeugten Tagelöhner.
+
+»Hast du so traurig geseufzt?« fragte Herr Karl. »Worüber hast du denn zu
+seufzen?«
+
+»Ach, ich darf schon seufzen, wenn ich tagaus, tagein hier so schwer
+arbeiten muß,« antwortete der Tagelöhner.
+
+Aber Herr Karl war von heftiger Gemütsart, und er konnte es nicht leiden,
+wenn die Leute sich beklagten.
+
+»Hast du sonst über nichts zu klagen?« rief er. »Ich sage dir, ich wollte
+ganz zufrieden sein, wenn ich mein Lebenlang Sörmlands Boden umgraben
+dürfte!«
+
+»Möge es dem gnädigen Herrn so gehen, wie Er sich wünscht!« antwortete der
+Tagelöhner.
+
+Aber später sagten die Leute, Herr Karl habe um dieses Ausspruchs willen
+nach seinem Tode keine Ruhe im Grabe gefunden, sondern müsse jede Nacht
+nach Groß-Djulö kommen und in seinem Garten graben.
+
+»Ja, jetzt ist freilich kein Schloß und kein Garten mehr da,« sagte die
+Alte mit Nachdruck. »Wo diese einst lagen, ist jetzt nur ein ganz
+gewöhnlicher Waldhügel. Aber schon mancher Wanderer, der in einer dunkeln
+Nacht durch den Wald ging, hat dort den Garten wieder erblickt.«
+
+Hier hielt die Alte inne und schielte nach einem dunkeln Winkel in der
+Stube. »Hat sich nicht dort etwas gerührt?« fragte sie.
+
+»Ganz gewiß nicht, Mutter, erzähl nur weiter!« sagte die Schwiegertochter.
+»Ich habe gestern dort in der Ecke ein großes Mauseloch entdeckt, hatte
+aber so viel andres zu tun, daß ich vergaß, es zuzustopfen. Erzähl nur
+weiter, ob jemand, den du kennst, den Garten gesehen hat.«
+
+»Jawohl,« fuhr die Alte fort, »und zwar mein eigner Vater. In einer schönen
+Sommernacht kam er durch den Wald daher; da sah er plötzlich neben sich
+eine hohe Gartenmauer, und über diese hinweg konnte er die herrlichsten
+Obstbäume wahrnehmen, die über und über mit Blüten und Früchten bedeckt
+waren und deren Zweige weit über die Mauer heraushingen. Mein Vater ging
+ganz leise weiter und wunderte sich, woher dieser Garten auf einmal
+gekommen sei. Da wurde hastig ein Tor in der Mauer aufgerissen, ein Gärtner
+trat heraus und fragte, ob Vater nicht seinen Garten sehen wolle. Der Mann
+hatte einen Spaten in der Hand und trug einen gewöhnlichen großen
+Gärtnerschurz, und Vater wollte dem Manne gerade folgen, als sein Blick
+zufällig auf dessen Gesicht fiel. In demselben Augenblick erkannte er die
+große Stirnlocke und den Knebelbart. Es war der leibhaftige Herr Karl, so
+wie ihn mein Vater auf den Bildern in den Herrenhöfen ringsum oft gesehen
+hatte, wo er ...«
+
+Hier wurde die Alte aufs neue unterbrochen; diesmal durch ein brennendes
+Scheit Holz, das so hell aufloderte, daß die Funken und Kohlen auf den
+Boden herausstoben. Alle dunkeln Ecken in der Stube wurden hell erleuchtet,
+und die alte Großmutter glaubte einen Schimmer von einem Wichtelmännchen zu
+sehen, das neben dem Mauseloch saß und ihrer Erzählung zuhörte, sich aber
+jetzt eilig davonmachte.
+
+Die Schwiegertochter holte Schaufel und Kehrbesen, kehrte die Kohlen
+zusammen und setzte sich dann wieder nieder. »Jetzt kannst du weiter
+erzählen, Mutter,« sagte sie.
+
+Aber die Frau wollte nicht mehr. »Es ist genug für heute,« sagte sie mit
+sonderbar erregter Stimme.
+
+Die andern wollten noch mehr hören; aber die Schwiegertochter sah, daß die
+Alte ganz bleich geworden war und daß ihre Hände zitterten. »Nein, Mutter
+ist müde geworden und muß jetzt zu Bett gehen,« sagte sie.
+
+Nach einer Weile kehrte der Junge wieder in den Wald und zu den Wildgänsen
+zurück. Er kaute an einer Moorrübe, die er vor dem Keller der Kätnerhütte
+gefunden hatte. Das war ein herrliches Abendessen für ihn, und er war sehr
+befriedigt, weil er mehrere Stunden lang in der warmen Stube hatte sitzen
+dürfen. »Wenn ich jetzt nur auch ein ordentliches Nachtquartier finden
+könnte!« dachte er.
+
+Da fiel ihm ein, das beste wäre wohl, wenn er sich eine Schlafstelle auf
+einer prächtigen Tanne, die dicht am Wege stand, einrichten würde. Er
+schwang sich hinauf, flocht ein paar Zweiglein zusammen und hatte nun ein
+Bett, in dem er ausgezeichnet lag.
+
+Er dachte noch eine Weile über das nach, was er in der Hütte gehört hatte;
+vor allem aber beschäftigten sich seine Gedanken mit diesem Herrn Karl, der
+im Djulöer Walde spuken sollte. Aber bald schlief er ein, und er hätte wohl
+ruhig bis zum nächsten Morgen geschlafen, wenn ihn nicht das Knirschen
+einer eisernen Gitterpforte, die gerade unter ihm aufgemacht wurde, geweckt
+hätte.
+
+Der Junge ist im Nu wach, wischt sich den Schlaf aus den Augen und sieht
+sich um. Dicht neben ihm ist eine hohe Mauer, und über die Mauer schauen
+Obstbäume heraus, die sich unter der Last ihrer Früchte beugen.
+
+Der Junge denkt zuerst nur: »Das ist doch merkwürdig! Es war doch kein
+Garten da, als ich einschlief.« Aber nach ein paar Augenblicken kehrt ihm
+die Erinnerung zurück, und er weiß, was das für ein Garten ist.
+
+Aber das Merkwürdigste an der Sache ist vielleicht doch, daß er sich gar
+nicht fürchtet, sondern ein unbeschreibliches Verlangen hat, in den Garten
+hineinzukommen. Auf der Tanne, wo er liegt, ist es dunkel und kalt, in dem
+Garten da unten aber ist es hell; die Rosen und das Obst auf den Bäumen
+sind wie von goldnem Sonnenschein überflutet. Wie herrlich wäre es für ihn,
+wenn er jetzt, nachdem er so lange Zeit in Regen und Kälte umhergezogen
+war, auch einmal ein wenig Sonnenwärme genießen dürfte! Und das
+Hineinkommen in den Garten scheint überdies mit gar keiner Schwierigkeit
+verbunden zu sein; dicht neben der Tanne ist eine Pforte in der hohen
+Mauer, und ein alter Gärtner hat eben die großen Gittertüren aufgemacht. Er
+steht jetzt an der Pforte und späht in den Wald hinein, ganz als ob er
+jemand erwartete.
+
+In einem Nu ist der Junge von seinem Baum herunter. Die Mütze in der Hand
+tritt er auf den Gärtner zu, verbeugt sich und fragt, ob man den Garten
+wohl ansehen dürfe.
+
+»Jawohl,« antwortet der Gärtner mit barscher Stimme. »Tritt nur ein!«
+
+Dann macht er die Türen wieder zu und verschließt sie mit einem schweren
+Schlüssel, den er vorne in seinen Gürtel steckt. Indessen betrachtet ihn
+der Junge genau. Der Mann hat ein bärbeißiges Gesicht, mit großem
+Schnurrbart und spitzigem Knebelbart und einer scharfen Nase. Wenn er nicht
+eine blaue Gärtnerschürze umgebunden und einen Spaten in der Hand gehalten
+hätte, würde der Junge ihn für einen alten Soldaten gehalten haben.
+
+Der Gärtner geht mit langen Schritten in den Garten hinein, daß der Junge
+laufen muß, um Schritt mit ihm halten zu können. Der Weg ist sehr schmal,
+und der Junge tritt unversehens auf die Raseneinfassung. Aber da wird ihm
+sogleich eingeschärft, das Gras nicht niederzutreten, und von da an geht er
+nur noch hinter seinem Führer her.
+
+Der Junge hat das Gefühl, der Gärtner halte es für weit unter seiner Würde,
+einem so kleinen Wicht wie diesem Jungen den Garten zu zeigen, deshalb wagt
+er gar nichts zu fragen, sondern läuft nur mit, und lange Zeit wirft ihm
+der Gärtner nur ab und zu eine Bemerkung hin. Gleich hinter der Mauer ist
+eine dichte Hecke, und während die beiden hindurchgehen, sagt der Gärtner,
+diese heiße er den Kolmården.
+
+»Ja, sie ist so groß, daß sie so einen Namen wohl verdient,« erwidert der
+Junge. Aber der Gärtner hört gar nicht auf das, was Nils Holgersson sagt.
+
+Jetzt haben sie das Buschwerk hinter sich, und der Junge kann einen
+ansehnlichen Teil des Gartens überschauen. Da sieht er gleich, daß dieser
+keine besonders große Ausdehnung hat, er mag wohl kaum ein paar Morgen groß
+sein. Im Süden und Westen beschützt ihn die Mauer, aber gegen Norden und
+Osten ist er von Wasser umgeben, da braucht er keine Einfriedigung.
+
+Jetzt bleibt der Gärtner stehen, um eine Ranke aufzubinden, und der Junge
+hat Zeit, sich umzusehen. Er hat zwar in seinem Leben noch nicht viele
+Gärten gesehen, aber er hat das Gefühl, daß dieser hier ganz anders sei,
+als jeder andre Garten. Darüber ist er keinen Augenblick im Zweifel, daß er
+in ganz altmodischer Weise angelegt sein muß, denn eine so überwältigende
+Menge von kleinen Hügeln und kleinen Blumenbeeten und kleinen Hecken und
+kleinen Rasenflecken und kleinen Gartenhäuschen sieht man jetzt nirgends
+mehr. Und ebensowenig einen solchen Durcheinander von kleinen Teichen und
+gewundenen Kanälen, wie hier auf allen Seiten zu sehen sind.
+
+Überall stehen herrliche Bäume und liebliche Blumen, und in den kleinen
+Kanälen ist durchsichtig klares, tiefgrünes Wasser, in dem sich alles
+ringsum widerspiegelt. Dem Jungen kommt es vor, als sei dies das Paradies.
+Er schlägt vor Entzücken die Hände zusammen und ruft: »So etwas Schönes
+habe ich noch nie gesehen! Was ist doch das für ein wunderschöner Garten?«
+
+Kaum hat der Junge diesen Ausruf getan, da wendet sich der Gärtner rasch
+nach ihm um und sagt mit seiner barschen Stimme: »Der Garten heißt
+Sörmland. Wer bist du denn, daß du das nicht weißt? Er hat von jeher für
+einen der schönsten Gärten im ganzen Lande gegolten.«
+
+Bei dieser Antwort wird es dem Jungen wohl ein wenig wunderlich zumute;
+aber er hat so viel zu sehen, daß er gar keine Zeit hat, weiter über den
+Sinn dieses Ausspruchs nachzudenken. Aber so schön alle die vielen Blumen
+und die durch die Rasenflächen sich hinschlängelnden Kanäle auch sind, so
+macht dem Jungen doch etwas andres noch viel mehr Spaß, nämlich die vielen
+kleinen Lauben und Puppenhäuschen, die überall durch die Bäume
+hindurchschimmern. Sie sind im ganzen Garten verstreut, aber die meisten
+stehen doch am Rande der kleinen Teiche und der Kanäle. Es sind jedoch gar
+keine richtigen Häuser, denn sie sind so klein, wie wenn sie für Leute
+gebaut wären, die nicht größer sind als der Junge selbst; aber alle sind
+außerordentlich hübsch und fein ausgestattet. Und alle Arten von Gebäuden
+sind vertreten: die einen sehen aus wie Schlösser mit Türmen und
+Seitenflügeln, andre wie Kirchen und wieder andre wie Mühlen und
+Bauernhäuser.
+
+Ja, alle sind außerordentlich hübsch, und der Junge hätte am liebsten bei
+jedem einzelnen Gebäude Halt gemacht, um es genau zu betrachten, aber er
+wagt nicht, vom Pfad abzuweichen, sondern geht nur immer hinter dem Gärtner
+her. Bald erreichen sie ein Gebäude, das größer und stattlicher ist als
+alle vorhergehenden. Es ist ein dreistöckiges Schloß mit großem Portal und
+breiten Seitenflügeln, das auf einem Hügel mitten zwischen Blumenbeeten
+steht, und der Weg dahin führt auf kleinen zierlichen Brücken über einen
+Kanal nach dem andern.
+
+Der Junge folgt dem Gärtner noch immer gewissenhaft dicht auf den Fersen,
+er wagt nicht, etwas andres zu tun; aber als er an all dem Schönen
+vorübergehen muß, entschlüpft ihm ein tiefer Seufzer, den der gestrenge
+Herr nicht überhören kann. Er bleibt stehen und sagt: »Dieses Gebäude hier
+heißt Eriksberg. Wenn du hineingehen willst, habe ich nichts dagegen; aber
+hüte dich vor der Pintorpafrau.«
+
+Wer sich das nicht zweimal sagen läßt, das ist der Junge. Er läuft die
+Allee hinunter. Alles scheint genau für so einen kleinen Kerl, wie er ist,
+ausgemessen zu sein. Die Treppenstufen haben die richtige Höhe, und er kann
+jede Türklinke aufmachen. Aber nie hätte er gedacht, daß er je so etwas
+Schönes zu sehen bekäme! Die eichenen Fußböden sind glänzend gebohnt, die
+Zimmerdecken gegipst und reich bemalt. An den Wänden hängt Bild an Bild,
+die mit Seidenstoff überzogenen Sofas und Sessel haben vergoldete Lehnen. Er
+kommt in ein Zimmer, wo die Wände über und über mit Büchern bedeckt sind,
+und wieder in Gemächer, wo auf den Tischen und in den Schränken herrliche
+Kostbarkeiten liegen. Der Junge beeilt sich soviel wie möglich, aber er ist
+eben doch erst durch das halbe Haus gegangen, als der Gärtner ihn auch
+schon ruft, und als er heraustritt, steht der Alte davor und kaut
+ungeduldig an seinem Schnurrbart.
+
+»Nun, wie ist es dir ergangen?« fragt er. »Hast du die Pintorpafrau
+gesehen?«
+
+Aber der Junge ist keiner lebenden Seele begegnet, und als er dies sagt,
+verzerrt sich das Gesicht des Gärtners wie in großem Schmerz.
+
+»Hat die Pintorpafrau Ruhe gefunden und ich nicht!« sagt er; und der Junge
+hätte nie geglaubt, daß eine Menschenstimme je solche Verzweiflung
+ausdrücken könnte.
+
+Dann geht der Gärtner wieder mit langen Schritten weiter, und der Junge
+läuft hinter ihm her, während er versucht, wenigstens soviel wie möglich
+von allen den Merkwürdigkeiten zu sehen. Jetzt geht es um einen Teich
+herum, der etwas größer ist als die andern. Lange weiße Lusthäuschen, die
+Herrschaftssitzen gleichen, schimmern überall zwischen den Gebüschen und
+Blumengruppen hervor. Der Gärtner hält nirgends an, aber im Weitergehen
+richtet er ab und zu ein paar Worte an den Jungen. »Dies hier nenne ich den
+Yngaren. Dies ist Danbyholm. Hier hast du Hagbyberga. Hier Hovsta. Und hier
+Åkerö.«
+
+Kurz darauf erreicht der Gärtner mit ein paar Riesenschritten einen kleinen
+Teich, den er Båven heißt. Aber hier hört er den Jungen einen Ruf des
+Erstaunens ausstoßen, und so bleibt er stehen. Der Junge hat vor einer
+kleinen Brücke Halt gemacht, die zu einem Schloß führt, das mitten auf dem
+Teich liegt.
+
+»Wenn du Lust hast, dann kannst du hinüberlaufen und dir Vibyholm ansehen,«
+sagt er. »Aber nimm dich vor der Weißen Frau in acht.«
+
+Und der Junge ist natürlich nicht faul, der Aufforderung Folge zu leisten.
+In dem Schloß hängen ungeheuer viele Bildnisse an den Wänden, und dem
+Jungen ist es fast, als sähe er ein großes Bilderbuch vor sich. Er findet
+es so unterhaltend, daß er gern die ganze Nacht hier umhergegangen wäre;
+aber es war noch nicht viel Zeit verstrichen, da hört er schon wieder die
+Stimme des Gärtners, die ihn ruft.
+
+»Komm, komm!« ruft er. »Ich habe noch andres zu tun, als hier auf dich zu
+warten, du kleiner Knirps.«
+
+Als der Junge wieder über die Brücke zurückeilt, ruft ihm der Gärtner zu:
+»Nun, wie ist es dir ergangen? Hast du die Weiße Frau gesehen?«
+
+Der Junge hat keine lebende Seele gesehen und sagt dies auch dem Gärtner.
+Da stößt der Alte seinen Spaten so hart auf einen Stein auf, daß der Stein
+zerspringt, und mit einer Stimme, die die allertiefste Verzweiflung
+ausdrückt, ruft er: »Hat die Weiße Frau auf Vibyholm Ruhe gefunden und ich
+nicht?«
+
+Bis jetzt sind die beiden in dem südlichen Teil des Gartens umhergewandert;
+jetzt wendet sich der Gärtner dem westlichen Teile zu. Dieser ist ganz
+anders angelegt. Große ebene Rasenflächen wechseln mit Erdbeerbeeten,
+Kohlfelder mit Stachel- und Johannisbeerbüschen ab. Auch hier sind kleine
+Gartenhäuschen, aber die meisten sind rot angestrichen; sie sehen aus wie
+Bauernhäuser und sind von Hopfengärten und Kirschbäumen umgeben.
+
+Hier hält sich der Gärtner nicht auf; nur im Vorbeigehen sagt er zu dem
+Jungen: »Diese Gegend hier heiße ich Vingåker.«
+
+Gleich darauf deutet er auf ein Gebäude, das viel einfacher aussieht als
+die übrigen und am ehesten mit einer Schmiede verglichen werden könnte.
+»Dies ist eine große Werkstatt,« sagt er. »Ich nenne sie Eskilstuna. Wenn
+du Lust hast, kannst du hineingehen und dich darin umsehen.«
+
+Der Junge geht hinein; sieht aber zuerst nichts als eine ungeheure Menge
+von Rädern, die schnurren, von Hämmern, die stampfen, und Winden, die
+knirschen. Es ist hier so viel zu sehen, daß er wohl die ganze Nacht
+dageblieben wäre, wenn ihn der Gärtner nicht gerufen hätte.
+
+Hierauf wandern sie miteinander im nördlichen Teil des Gartens dem See
+entlang. Das Ufer tritt bald zurück, ragt bald ins Wasser hinein,
+Landzungen und Buchten, Buchten und Landzungen wechseln miteinander ab. Vor
+den Landzungen liegen kleine Inseln, die nur durch schmale Wasserarme vom
+Lande getrennt sind. Diese Inselchen gehören auch noch zum Garten. Sie sind
+mit derselben Sorgfalt angelegt wie alles übrige.
+
+Der Junge kommt an einem schönen Gebäude nach dem andern vorüber, aber der
+Gärtner hält nirgends an. Jetzt gelangen sie an eine prächtige rote Kirche,
+die von schwerbeladenen Obstbäumen umgeben auf einer Landzunge liegt und
+sich da ganz großartig ausnimmt. Der Gärtner will auch hier nur
+vorübergehen, aber der Junge faßt sich ein Herz und fragt, ob er nicht
+hineingehen dürfe.
+
+»Ja, ja, geh nur hinein,« antwortet der Gärtner. »Aber hüte dich vor dem
+Bischof Rogge. Es ist wohl möglich, daß er sich bis zum heutigen Tage hier
+in Strängnäs aufhält.«
+
+Rasch läuft der Junge in die Kirche hinein und sieht da schöne
+Grabdenkmäler und Altarbilder. Vor allem bewundert er in einer Kapelle
+neben der Vorhalle einen Reiter in vergoldeter Rüstung. Auch hier ist so
+viel zu sehen, daß der Junge gern die ganze Nacht hier zugebracht hätte;
+aber er muß wieder hinaus, denn er darf den Gärtner nicht auf sich warten
+lassen.
+
+Als er wieder herauskommt, sieht er, daß der Gärtner eine Eule beobachtet,
+die hinter einem Rotschwänzchen herjagt. Der Alte pfeift dem
+Rotschwänzchen; es fliegt herbei und läßt sich vertrauensvoll auf der
+Schulter des Gärtners nieder, und als die Eule in ihrem Jagdeifer hinter
+ihm dreinfliegt, jagt er sie mit seinem Spaten fort.
+
+»Er ist doch nicht so gefährlich, wie er aussieht,« denkt der Junge, als er
+sieht, wie zärtlich der Alte den armen Singvogel beschützt.
+
+Aber sobald der Gärtner den Jungen erblickt, wendet er sich zu ihm und
+fragt, ob er den Bischof Rogge gesehen habe. Und als der Junge es verneint,
+sagt er in bitterem Gram: »Hat der Bischof Ruhe bekommen und ich nicht?«
+
+Bald erreichen sie das stattlichste von den vielen Puppenhäusern. Es ist
+eine aus Backsteinen aufgeführte Burg mit drei massiven runden, durch lange
+Flügel verbundenen Türmen.
+
+[Illustration]
+
+»Geh hinein und sieh dich um, wenn du Lust hast!« sagt der Gärtner. »Dies
+ist Gripsholm, und hier mußt du dich in acht nehmen, daß du dem König Erich
+nicht begegnest.«
+
+Der Junge geht durch ein tiefes Torgewölbe und gelangt auf einen großen
+dreieckigen, von niedrigen Häusern umgebenen Hof. Die Häuser sehen nicht
+besonders vornehm aus, und der Junge hat keine Lust, hineinzugehen. Er
+springt nur Bock über zwei lange Kanonen, die hier aufgepflanzt sind, und
+eilt dann weiter. Nun geht es durch ein zweites tiefes Torgewölbe, und dann
+gelangt er in einen zweiten Schloßhof, der von prächtigen Gebäuden umgeben
+ist; hier geht er hinein. Er durchschreitet zuerst große altertümliche
+Zimmer, wo an den Decken die Querbalken sichtbar sind und an allen Wänden
+große dunkle Bilder hängen, auf denen ernst aussehende Herren und Damen in
+seltsamen steifen Gewändern abgebildet sind.
+
+Eine Treppe höher kommt der Junge durch hellere und freundlichere Gemächer.
+Hier fühlt er so recht deutlich, daß er sich in einem königlichen Schloß
+befindet, denn an den Wänden sind lauter glänzende Bildnisse von Königen
+und Königinnen. Noch eine Treppe höher ist ein großer Bodenraum, auf den
+ringsherum die verschiedenartigsten Räume münden: die einen sind
+freundliche Zimmer mit schönen weißen Möbeln, dann kommt ein kleines
+Theater, und gleich daneben ist ein richtiges Gefängnis, ein düsterer Raum
+mit nackten, steinernen Wänden, vergitterten Fenstern und einem Boden,
+dessen Fliesen von den schweren Tritten der Gefangenen ausgetreten sind.
+
+Hier ist so viel zu sehen, daß der Junge gern viele Tage lang da verweilt
+hätte; aber der Gärtner ruft ihn, und er wagt es nicht, den Ruf zu
+überhören.
+
+»Hast du König Erich gesehen?« fragt der Gärtner, als der Junge aus dem
+Schlosse heraustritt. Aber der Junge hat niemand gesehen, und da sagt der
+Alte wieder wie zuvor, nur mit noch größerer Verzweiflung im Ton: »Hat
+König Erich zur Ruhe gehen dürfen, ich aber nicht!«
+
+Jetzt richten die beiden ihre Schritte nach dem östlichen Teil des Gartens.
+Sie kommen an einem Badeort vorüber, den der Gärtner Södertelje nennt,
+sowie an einem alten Schloß, dem er den Namen Hörningsholm gibt. Hier ist
+übrigens nicht viel zu sehen. Überall ragen Felsen und Klippen auf, die
+immer einsamer und kahler werden, je weiter draußen sie liegen.
+
+Jetzt wenden sie sich nach Süden, und der Junge erkennt die Hecke wieder,
+die der Gärtner Kolmården nannte, und daran errät er, daß sie sich dem
+Ausgange nähern.
+
+Der Junge ist hocherfreut über alles, was er gesehen hat, und als sie nun
+schon nahe bei dem großen Gittertor sind, versucht er dem Gärtner seinen
+Dank auszusprechen. Aber der Alte hört gar nicht auf ihn, sondern geht nur
+geradenwegs auf das Tor zu. Hier angekommen wendet er sich an den Jungen
+und reicht ihm seinen Spaten. »Da, halte ihn, während ich das Tor
+aufschließe,« sagt er zu dem Jungen.
+
+Diesem aber ist es ohnedies leid, daß er dem barschen alten Mann schon so
+viel Mühe gemacht hat, und er will ihm daher jede weitere Anstrengung
+ersparen.
+
+»Meinetwegen braucht Ihr das schwere Tor gar nicht aufzumachen,« sagt er
+und schlüpft gleichzeitig zwischen den Gitterstäben hindurch; für so einen
+kleinen Knirps hatte das natürlich nicht die geringste Schwierigkeit.
+
+Der Junge tut es in der besten Absicht und ist höchst bestürzt, als er
+hört, daß der Gärtner hinter ihm in heftigen Zorn ausbricht, auf den Boden
+stampft und an dem Gitter rüttelt.
+
+»Was ist denn? Was ist denn?« fragt der Junge bestürzt. »Ich wollte Euch ja
+nur die Mühe ersparen. Warum seid Ihr denn so böse?«
+
+»Sollte ich etwa nicht böse sein?« entgegnet der Alte. »Es wäre nichts
+weiter nötig gewesen, als daß du meinen Spaten genommen hättest, dann
+hättest du hierbleiben und den Garten besorgen müssen, während ich abgelöst
+gewesen wäre. Jetzt weiß ich nicht, wie lange ich noch hier ausharren muß.«
+
+Bei diesen Worten rüttelt der Gärtner wieder heftig an dem Gittertor und
+sieht schrecklich zornig aus; aber dem Jungen tut er unwillkürlich von
+Herzen leid und er versucht ihn zu trösten.
+
+»Seid doch nicht so betrübt darüber, Herr Karl von Södermanland,« sagt er.
+»Denn es findet sich gewiß niemand, der Euren Garten so gut pflegen würde,
+wie Ihr es tut.«
+
+Als der Junge das sagt, wird der alte Gärtner ganz still und ruhig, und der
+Junge meint einen hellen Schein über die harten Züge hingleiten zu sehen.
+Aber er kann es nicht deutlich sehen, denn plötzlich verblaßt die ganze
+Gestalt und verschwindet wie im Nebel. Und nicht nur die Gestalt, nein,
+auch der ganze Garten mit allen Blumen und Früchten und dem Sonnenschein
+verbleicht und verschwindet, und wo er gestanden hat, ist nichts andres
+mehr als der öde, wilde Wald.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+24
+
+In Närke
+
+Die Ysätter-Kajsa
+
+
+In Närke gab es in früheren Zeiten etwas, was es anderswo gar nicht gab,
+nämlich eine Hexe, die die Ysätter-Kajsa hieß.
+
+Den Namen Kajsa hatte sie bekommen, weil sie soviel mit Sturm und Wind zu
+tun hatte, und solche Wetterhexen werden immer so genannt; der Beinamen
+aber war ihr gegeben worden, weil es hieß, sie stamme aus dem Ysätter Sumpf
+im Kirchspiel Asker.
+
+Es hatte allerdings den Anschein, als habe sie ihre eigentliche Heimat in
+Asker, aber man sah sie auch häufig an andern Orten. In ganz Närke mußte
+man stets darauf gefaßt sein, sie vor sich auftauchen zu sehen.
+
+Sie war aber keine traurige oder unheimliche Hexe, sondern munter und
+lustig, und am allerwohlsten war es ihr, wenn ein richtiger Sausewind
+daherfegte. Sobald es tüchtig stürmte, machte sie sich auf, um auf der
+Ebene von Närke einen ordentlichen Reigen zu tanzen.
+
+Der Närker Bezirk ist eigentlich bloß eine einzige Ebene, die von allen
+Seiten von waldigen Höhen umgeben ist. Nur im nordöstlichsten Winkel
+durchbricht der Hjälmar die lange Gebirgsmauer.
+
+Wenn nun der Wind am Morgen draußen auf der Ostsee ordentlich Kräfte
+gesammelt hat und sich ins Land hinein auf den Weg macht, fährt er
+ungehindert zwischen den Sörmländer Hügeln hindurch und gelangt ohne
+jegliche Schwierigkeit dort am Hjälmar nach Närke hinein. Hier fegt er quer
+über die Ebene hin; aber gerade gegenüber stößt er im Westen auf die hohe
+Kilsberger Felsenwand und wird von dieser zurückgeworfen. Da krümmt sich
+der Wind wie eine Schlange und jagt gegen Süden. Aber hier trifft er auf
+den Tived und bekommt einen Stoß, der ihn nach Osten schleudert. Im Osten
+jedoch liegt der Tylöwald, und dieser schickt den Wind nordwärts zu dem
+Kägla. Und von dem Kägla jagt der Wind aufs neue gegen Kilsberg, Tived und
+den Tylöwald.
+
+So geht es fort: der Wind dreht und dreht sich in immer kleineren Kreisen,
+bis er sich schließlich wie ein Kreisel mitten auf der Ebene um sich selbst
+dreht. Aber an solchen Tagen, wenn der Wirbelwind über die Ebene hinfuhr,
+da war die Ysätter-Kajsa so recht vergnügt. Dann stand sie mitten drin im
+Wirbel und drehte sich selbst wie ein Kreisel. Ihr langes Haar flatterte
+bis hinauf zu den Wolken, ihr Gewand schleifte über den Boden hin wie eine
+Staubwolke, und die ganze Ebene breitete sich unter ihr aus wie ein
+Tanzboden.
+
+Morgens saß die Ysätter-Kajsa meist auf einer hohen Tanne am Bergabhang und
+schaute über die Ebene hin. Zur Winterzeit, wenn es tüchtig geschneit
+hatte, kamen viele Schlitten dahergefahren. Und sobald Kajsa die Schlitten
+sah, trieb sie eiligst ein ordentliches Schneegestöber daher und fegte so
+hohe Schneewehen zusammen, daß die Leute nur mit Mühe und Not wieder nach
+Hause kommen konnten. Bei schönem Sommerwetter aber, zur Zeit der Heuernte,
+saß die Ysätter-Kajsa ganz still auf ihrem Baum, bis die ersten Heuwagen
+hoch beladen zur Abfahrt bereit waren. Dann aber hui! sauste sie mit ein
+paar Platzregen daher, die der Arbeit für diesen Tag ein Ende machten.
+
+Soviel war sicher, daß sie selten an etwas andres dachte, als Unheil
+anzurichten. Die Kohlenbrenner droben in den Kilsbergen wagten die ganze
+Nacht kaum ein Auge zu schließen; denn sobald Kajsa einen unbewachten
+Meiler sah, kam sie leise herbeigeschlichen und blies hinein, bis die
+hellen Flammen herausschlugen. Und wenn die Fuhrleute von Laxå und Svartå
+einmal noch spät abends mit Erzlasten unterwegs waren, hüllte Kajsa den Weg
+und die ganze Gegend in so dichten Nebel, daß Menschen und Pferde sich
+verirrten und mit den schweren Karren in Moore und Sümpfe hineingerieten.
+
+Wenn die Pröpstin von Glanshammar an einem schönen Sommertage den
+Kaffeetisch draußen im Garten gedeckt hatte, und dann ein Windstoß
+daherkam, der die Decke aufwirbelte und Tassen und Teller umwarf, da wußte
+man schon, wem man diesen Spaß zu verdanken hatte. Wenn dem Bürgermeister
+von Örebro der Hut vom Kopf geweht wurde und er ihm über den ganzen
+Marktplatz nachlaufen mußte, wenn die Leute von Vinö mit ihren Gemüsebooten
+im Hjälmar auf den Grund fuhren, wenn zum Trocknen aufgehängte Wäsche
+heruntergerissen und in den Schmutz geworfen wurde, wenn am Abend der Rauch
+in die Stuben hineindrang und es aussah, als könne er den Weg durch den
+Schornstein gar nicht finden, dann herrschte keine Spur von Zweifel
+darüber, wer sich auf diese Weise die Zeit vertrieb.
+
+Aber wenn auch die Ysätter-Kajsa ihre Lust an lauter solchem Schabernack
+hatte, war sie doch im Grunde ihres Herzens nicht eigentlich boshaft. Man
+merkte wohl, daß sie mit den Händelsüchtigen, den Geizigen und den
+Hartherzigen am schlimmsten verfuhr, die guten Leute dagegen und die armen
+Kinder nahm sie sehr oft in Schutz. Und alte Leute erzählen auch heute
+noch, die Ysätter-Kajsa sei, als in Asker die Kirche brannte, mitten in den
+Rauch und die hohen Flammen hineingefahren und habe die Gefahr abgewendet.
+
+Immerhin waren die Leute in Närke der Wetterhexe oft recht überdrüssig, sie
+jedoch, die Ysätter-Kajsa, war ihrer tollen Streiche nie überdrüssig. Wenn
+sie droben auf dem Rande einer Wolke saß und auf Närke hinabschaute, das so
+freundlich und wohlhabend dalag, mit seinen stattlichen Bauernhöfen auf der
+Ebene und seinen reichen Erzgruben und Bergwerken in dem Gebirge, mit dem
+langsam dahinfließenden Svartå, den seichten fischreichen Binnenseen, der
+guten Stadt Örebro, die sich rings um das ernstaufragende Schloß mit den
+massiven Ecktürmen ausbreitete, dann dachte sie gewiß: »Hier hätten es die
+Menschen sicherlich allzugut, wenn ich nicht da wäre. Hier muß jemand sein
+wie ich, der sie aufrüttelt und in Atem erhält.«
+
+Dann stieß sie ein wildes, gellendes Gelächter aus, das klang wie das
+Schreien einer Elster, und jagte davon, tanzend und wirbelnd von einem Ende
+der Ebene zum andern. Und wenn die Bewohner von Närke sahen, wie sie ihre
+Staubschleppe über die Ebene hinzog, konnten sie ein Lächeln nicht
+unterdrücken. Denn unartig und neckisch war sie, das konnte nicht geleugnet
+werden, aber sie hatte auch einen herrlichen Humor. Der Umgang mit der
+Ysätter-Kajsa war für die Bauern ebenso belebend, wie der Sturmwind für die
+Ebene, wenn er so recht toll darüber hinfegte.
+
+Heutigentages wird nun behauptet, die Ysätter-Kajsa sei längst tot und
+begraben, wie alles andre Hexen- und Zaubervolk auch. Aber das kann man
+fast nicht glauben. Das wäre gerade, wie wenn jemand daherkäme und
+behaupten wollte, die Luft werde von jetzt an über der Ebene ganz still
+stehen und der Sturm werde nie mehr mit Saus und Braus und frischem Wind
+und gewaltigem Platzregen darüber hinwirbeln.
+
+Ja, wer da meint, die Ysätter-Kajsa sei tot und begraben, der soll nur
+hören, wie es in jenem Jahr in Närke ging, wo Nils Holgersson durch diese
+Gegend zog, und dann soll er selbst sagen, was er darüber denkt.
+
+
+Der Jahrmarktsabend
+
+ Mittwoch, 27. April
+
+Es war am Tag vor dem großen Viehmarkt in Örebro, und es goß so vom Himmel
+herunter, daß man draußen nichts mehr voneinander unterscheiden konnte. Das
+war ein Regen gerade wie die Sündflut. Der Himmel schien alle seine
+Schleusen geöffnet zu haben, und gar mancher dachte im stillen: »Dies ist
+ganz wie zur Zeit der Ysätter-Kajsa. Gerade an den Jahrmärkten, da trieb
+sie den tollsten Schabernack. So ein Regenwetter am Vorabend des
+Jahrmarktes, das hätte ihr gepaßt.«
+
+Je weiter der Abend vorrückte, desto schlimmer wurde der Regen. Als die
+Dunkelheit einbrach, ging ein wahrer Wolkenbruch nieder, die Wege wurden
+ganz grundlos, und den Leuten, die mit ihrem Vieh unterwegs waren, um bei
+guter Zeit nach Örebro zu kommen, ging es schlecht. Die Kühe und Ochsen
+waren übermüdet und sträubten sich, weiterzugehen, mehrere von den armen
+Tieren warfen sich mitten auf der Landstraße zu Boden, um zu zeigen, daß
+sie nicht mehr weiter könnten. Alle die Leute, die am Wege wohnten, mußten
+den Jahrmarktbesuchern Tür und Tor öffnen und sie so gut es eben ging für
+die Nacht aufnehmen. Alles war überfüllt, nicht nur die Wohnhäuser, nein,
+auch die Ställe und Scheunen.
+
+Wer nur immer konnte, versuchte indes sich bis zum Wirtshaus
+durchzukämpfen; aber wer es erreicht hatte, bereute fast, nicht in einem
+der Häuser an der Straße geblieben zu sein, denn alle Stände in den
+Kuhställen und alle Krippen im Pferdestall waren längst besetzt. Die armen
+Leute hatten keine Wahl, sie mußten ihre Pferde und Kühe unter freiem
+Himmel im Regen stehen lassen, ja, ihre Besitzer selbst konnten nur mit
+Mühe und Not unter Dach und Fach kommen.
+
+Auf dem Hofplatz war ein Gedränge, ein Schmutz und eine Nässe, die man gar
+nicht beschreiben konnte. Viele von den Tieren standen geradezu im Wasser
+und konnten sich nicht einmal niederlegen. Manchen von den Bauern gelang es
+allerdings, Stroh für ihr Vieh zu ergattern, da konnten sich die armen
+Tiere wenigstens niederlegen, und man konnte sie notdürftig zudecken; andre
+aber saßen drin im Wirtshaus, tranken und spielten und vergaßen darüber ihr
+Vieh, für das sie sorgen sollten, vollständig.
+
+Nils Holgersson und die Wildgänse hatten an diesem Abend einen Holm im
+Hjälmar erreicht. Die kleine Insel war nur durch einen schmalen, seichten
+Wasserarm vom Lande getrennt; bei niedrigem Wasserstand konnte man
+trockenen Fußes hinüberkommen.
+
+Auf dem Holm draußen regnete es ebenso heftig wie sonst überall auch. Der
+Junge konnte bei dem Regen, der unaufhörlich auf ihn herabfiel, nicht
+einschlafen. Schließlich stand er auf und wanderte auf der Insel umher. Er
+meinte, er fühle den Regen weniger, wenn er sich bewegte.
+
+Kaum war er rings auf der Insel herumgegangen, als er in dem Wasser, das
+den Holm vom Festland trennte, ein Plätschern hörte, und schon im nächsten
+Augenblick sah er ein einzelnes Pferd zwischen den Büschen daherkommen. Es
+war eine alte Mähre, ein so elendes, kraftloses Pferd, wie Nils Holgersson
+noch nie eines gesehen hatte. Es war lendenlahm und steifbeinig und
+entsetzlich mager, man konnte alle Rippen unter der Haut zählen. Es trug
+weder Sattel noch Zaumzeug, nur eine alte Halfter, von der ein
+halbverfaultes Strickende herunterhing. Offenbar hatte ihm das Losreißen
+keinerlei Schwierigkeiten bereitet.
+
+Das Pferd ging geradenwegs auf die Stelle zu, wo die Wildgänse schliefen,
+und der Junge bekam Angst, es könnte sie treten. »Wohin willst du? Nimm
+dich in acht!« rief er dem Pferde zu.
+
+»Ach so, da bist du,« sagte das Pferd und kam auf den Jungen zu. »Ich bin
+eine ganze Meile weit gegangen, dich zu finden.«
+
+»Weißt du denn etwas von mir?« fragte der Junge verwundert.
+
+»Ich habe ja wohl Ohren zum Hören, wenn ich auch alt bin. Es wird
+gegenwärtig viel von dir gesprochen.«
+
+Während es dies sagte, senkte das Pferd den Kopf, um besser sehen zu
+können, und Nils Holgersson bemerkte, daß es einen kleinen Kopf mit schönen
+Augen und einem feinen, weichen Maule hatte.
+
+»Das ist einstmals ein gutes Pferd gewesen, wenn es auch auf seine alten
+Tage heruntergekommen ist,« dachte der Junge.
+
+»Ich möchte dich bitten, mit mir zu gehen und mir in einer Sache
+beizustehen,« sagte das Pferd.
+
+Der Junge dachte, es wäre wohl eine gewagte Sache, mit so einem elenden
+Geschöpf fortzugehen, und entschuldigte sich mit dem schlechten Wetter.
+
+Doch das Pferd sagte: »Auf meinem Rücken hast du es nicht schlechter, als
+wenn du hier liegst. Aber du hast vielleicht den Mut nicht, mit so einer
+alten Schindmähre, wie ich eine bin, wegzugehen.«
+
+»O doch, dazu habe ich schon den Mut,« sagte der Junge.
+
+»Dann wecke jetzt die Gänse, damit wir mit ihnen ausmachen, wo sie dich
+morgen wieder abholen werden,« sagte das Pferd.
+
+Kurz darauf saß Nils Holgersson auf dem Rücken des Pferdes, das viel besser
+trabte, als der Junge gedacht hatte; aber es war doch ein weiter Ritt durch
+Nacht und Regen, bis sie endlich vor einer großen Herberge Halt machten.
+Hier sah es schrecklich unheimlich aus. Die Wagengeleise auf der Straße
+waren übermäßig tief; der Junge war überzeugt, er würde ertrinken, wenn er
+da hineinfiele. An dem Lattenzaun, der das Gehöft rings umgab, waren
+ungefähr dreißig bis vierzig Pferde und Kühe angebunden; ohne jeglichen
+Schutz gegen den Regen standen sie da, und innen im Hofraum sah Nils
+Holgersson Karren mit hohen Kisten, in denen Schafe und Kälber, Schweine
+und Hühner untergebracht waren.
+
+Das Pferd stellte sich an dem Lattenzaun auf. Der Junge saß noch auf seinem
+Rücken, und mit seinen guten Nachtaugen, die er seit seiner Verzauberung
+hatte, sah er ganz deutlich, wie schlecht es die armen Tiere hier hatten.
+
+»Wie kommt es nur, daß ihr hier außen im Regen steht?« fragte er.
+
+»Wir sind auf dem Wege nach dem Jahrmarkt in Örebro, aber des Regens wegen
+mußten wir hier haltmachen. Dies ist zwar eine Herberge, es sind jedoch so
+viele Reisende angekommen, daß wir keinen Platz mehr im Hause fanden.«
+
+Der Junge erwiderte nichts; schweigend schaute er sich um. Nicht viele von
+den Tieren schliefen, von allen Seiten ertönten Klagen und lautes Murren.
+Und die armen Geschöpfe hatten allen Grund zum Jammern, denn das Wetter war
+jetzt noch schlimmer als am Tage. Ein eiskalter Wind hatte sich erhoben,
+und der scharfe peitschende Regen war jetzt mit Schnee vermischt. Da war es
+nicht schwer zu erraten, welche Hilfe das Pferd von dem Jungen verlangte.
+
+»Siehst du dort den großen Bauernhof, der dem Wirtshause gerade gegenüber
+liegt?« fragte das Pferd.
+
+»Jawohl,« sagte der Junge, »ich sehe ihn, und ich begreife nicht, warum ihr
+nicht dort um Obdach gebeten habt. Ist dort auch schon alles voll?«
+
+»Nein, es sind keine fremden Tiere dort,« antwortete das Pferd. »Aber die
+Besitzer dieses Hofes sind so geizig und ungefällig, daß es gar nichts
+nützen könnte, wenn man sie um ein Obdach bitten würde.«
+
+»Ach, so hängt es also zusammen! Ja, dann müßt ihr freilich bleiben, wo ihr
+seid.«
+
+[Illustration]
+
+»Aber ich bin auf dem Hofe drüben geboren und aufgewachsen,« sagte das
+Pferd, »und ich weiß, daß dort ein großer Pferdestall und auch ein Kuhstall
+ist mit vielen Krippen und Ständen, und ich möchte wissen, ob du uns nicht
+den Eintritt dazu verschaffen könntest.«
+
+»Ach nein, dazu habe ich sicher den Mut nicht,« erwiderte der Junge. Aber
+die armen Tiere taten ihm schrecklich leid, und so entschloß er sich, es
+jedenfalls einmal zu versuchen.
+
+Er lief hinüber auf den fremden Hof und sah da gleich, daß alle
+Wirtschaftsgebäude verschlossen und alle Schlüssel abgezogen waren. Ratlos
+und hilflos stand er da, doch da wurde ihm von einer ganz unerwarteten
+Seite Hilfe zuteil. Mit gewaltigem Sausen kam plötzlich eine Windsbraut
+dahergefahren und riß eine große Scheunentür auf, vor der der Junge eben
+Halt gemacht hatte.
+
+Natürlich kehrte der Junge mit größter Eile zu dem Pferde zurück und sagte:
+»Ihr könnt zwar nicht in die Ställe hinein, aber eine große leere Scheune
+ist zu schließen vergessen worden, und dahin will ich euch führen.«
+
+»Dafür sollst du schön bedankt sein,« sagte das Pferd. »Es wird mir gut
+tun, wenn ich noch einmal in meiner alten Heimat schlafen darf. Dies ist
+die einzige Freude, die mir in meinem Leben noch zuteil werden kann.«
+
+Auf dem reichen Bauernhofe, der dem Wirtshaus gerade gegenüber lag, waren
+indes die Bewohner an diesem Abend viel länger als gewöhnlich aufgeblieben.
+
+Der Bauer war ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren. Er war groß und
+schlank und hatte ein schönes, aber etwas finsteres Gesicht. Am Tage war er
+im Regen draußen gewesen und war da ebenso naß geworden wie alle andern
+Leute auch. Deshalb hatte er beim Abendessen seine alte Mutter, die noch
+Herrin auf dem Hofe war, gebeten, ein Feuer auf der offenen Feuerstelle
+anzuzünden, damit er seine Kleider trocknen könnte. Die Mutter hatte ein
+ärmliches Holzfeuerchen angezündet, denn in diesem Hause wurde kein
+Brennholz verschwendet, und der Bauer hatte seinen Rock auf einem Stuhl
+dicht vor dem Feuer aufgehängt. Dann hatte er den Fuß auf den Herd
+gestellt, den Ellbogen aufs Knie gestützt und nachdenklich in die Flammen
+geschaut. So stand er nun schon seit mehreren Stunden, ohne sich zu rühren;
+die einzige Bewegung, die er machte, war, ab und zu ein neues Stück Holz
+aufs Feuer zu werfen.
+
+Die Mutter hatte den Tisch abgeräumt und sein Bett hergerichtet, dann war
+sie ins Hinterstübchen gegangen und hatte es sich da bequem gemacht. Von
+Zeit zu Zeit trat sie an die Tür und sah ihren Sohn fragend an, der noch
+immer vor dem Feuer stand und nicht zu Bett ging.
+
+»Es fehlt mir nichts, Mutter,« sagte er. »Ich muß nur an etwas aus früherer
+Zeit denken.«
+
+Die Sache aber war die: Als der Sohn bei seiner Heimkehr am Wirtshaus
+vorbeigekommen war, hatte ihn ein Pferdehändler gefragt, ob er nicht ein
+Pferd kaufen wolle. Dabei hatte er ihm einen alten Gaul gezeigt, der so
+jämmerlich zugerichtet war, daß der Bauer den Mann unwillkürlich mit den
+Worten anfuhr, er müsse ja verrückt sein, wenn er meine, er könne ihn mit
+so einer Schindmähre anführen.
+
+»Ach nein,« antwortete der Pferdehändler, »das meine ich nicht. Aber da
+dieses Pferd früher in Euerm Besitz war, dachte ich, Ihr hättet vielleicht
+Lust, ihm das Gnadenbrot zu gewähren, denn das tut ihm not.«
+
+Da hatte der Bauer das Pferd näher angesehen und es wieder erkannt. Ja, er
+hatte es einst selbst großgezogen und eingefahren. Aber deshalb fiel es ihm
+doch nicht ein, so ein altes, unbrauchbares Tier zu kaufen. Nein, davon
+konnte keine Rede sein. Er gehörte nicht zu denen, die ihr Geld wegwarfen!
+
+Trotzdem hatte der Anblick des Pferdes viele Erinnerungen in ihm
+wachgerufen, und diese Erinnerungen hielten ihn jetzt fest. Deshalb mochte
+er nicht zu Bett gehen.
+
+Ach ja, dieses Pferd war ein gutes, ein flottes Tier gewesen! Sein Vater
+hatte es von Anfang an ihm allein überlassen. Er hatte es eingefahren, und
+es war ihm lieber gewesen als alles andre, was er sein eigen nannte. Der
+Vater hatte sich beklagt, daß er es zu gut füttere, und da hatte er oft den
+Hafer für seinen Liebling stibitzt.
+
+Solange er dieses Pferd hatte, ging er nie zu Fuß in die Kirche, sondern
+fuhr immer, und zwar aus keinem andern Grunde, als um mit seinem Pferde
+groß zu tun. Er selbst trug eigengewobene und eigengemachte Kleider, das
+Fuhrwerk war ärmlich und unangestrichen, aber das Pferd war das schönste
+Tier, das den Kirchenhügel hinauffuhr.
+
+Einmal hatte er sich ein Herz gefaßt und seinen Vater gefragt, ob er sich
+nicht einen Tuchanzug kaufen und das Fuhrwerk mit Ölfarbe anstreichen
+dürfe. Aber der Vater hatte ihn wie versteinert angesehen, ja, der Sohn
+hatte einen Augenblick gefürchtet, den Vater werde der Schlag treffen. Er
+hatte dann versucht, seinem Vater begreiflich zu machen, daß er, wenn er
+mit einem so prächtigen Pferd fahre, selbst auch ein wenig hübsch aussehen
+sollte.
+
+Der Vater hatte gar nichts gesagt, aber ein paar Tage nachher war er mit
+dem Pferd nach Örebro gegangen und hatte es da verkauft.
+
+Das war grausam vom Vater gewesen; aber dieser hatte offenbar gefürchtet,
+das Pferd könnte den Sohn zur Eitelkeit und zur Verschwendung verleiten.
+Und jetzt, so lange nachher, mußte der Sohn zugeben, daß der Vater damals
+recht gehabt hatte. Ein solches Pferd konnte einem wohl zum Fallstrick
+werden. Aber im Anfang war ihm der Verlust seines Lieblings schrecklich
+nahe gegangen. Von Zeit zu Zeit war er nur deshalb nach Örebro gefahren,
+um, an einer Straßenecke stehend, das Pferd vorbeifahren zu sehen, oder um
+sich mit einem Stück Zucker zu ihm in seinen neuen Stall zu schleichen.
+
+»Wenn der Vater stirbt und ich den Hof bekomme, dann kaufe ich mir mein
+Pferd wieder. Das ist das erste, was ich tue,« hatte er damals gesagt.
+
+Jetzt war der Vater tot, und er selbst saß schon seit mehreren Jahren auf
+dem Hofe; aber er hatte keinen einzigen Versuch gemacht, das Pferd wieder
+zu kaufen. Ja, seit langer Zeit hatte er an diesem Abend zum ersten Male
+wieder an das Tier gedacht.
+
+Wie merkwürdig, daß er es so ganz und gar hatte vergessen können! Aber der
+Vater war ein sehr gebieterischer und eigensinniger Mann gewesen, und als
+der Sohn erwachsen war und die beiden den Hof miteinander bewirtschafteten,
+da hatte sein Vater große Gewalt über ihn bekommen. Schließlich dachte er,
+alles, was der Vater tat, sei gut und recht. Und als er dann selbst den Hof
+bekam, hatte er sich nur immer Mühe gegeben, in allem genau so zu handeln,
+wie sein Vater gehandelt hatte.
+
+Er wußte ja wohl, daß die Leute sagten, sein Vater sei geizig gewesen; aber
+es war doch gewiß nur recht, wenn man den Geldbeutel fest zumachte und das
+Geld nicht unnötig zum Fenster hinauswarf. Man durfte das Hab und Gut, das
+einem anvertraut worden war, nicht vergeuden. Besser ein Geizhals heißen
+und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die andern Bauern
+mit großen Hypotheken herumschlagen müssen.
+
+So weit war der Bauer in seinen Gedanken gekommen, als er plötzlich heftig
+zusammenfuhr, weil er etwas Sonderbares gehört hatte. Es war, als ob eine
+laute, spottende Stimme gerade das wiederholte, was er eben gedacht hatte.
+»Es ist am besten, den Geldbeutel fest zuzumachen. Es ist besser, ein
+Geizhals heißen und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die
+andern Hofbesitzer mit Hypotheken herumschlagen müssen.«
+
+Das klang gerade, als wolle sich jemand über seine Klugheit lustig machen,
+und er war auf dem Punkt, in Wut zu geraten, als er entdeckte, daß alles
+auf einem Irrtum beruhte. Draußen hatte sich ein heftiger Wind erhoben, er
+aber hatte die ganze Zeit hier gestanden und war schläfrig geworden; da
+hatte er das Heulen des Windes im Schornstein für eine menschliche Stimme
+gehalten.
+
+Er wendete sich um und sah auf die große Wanduhr; es schlug eben elf Uhr.
+»Da ist es höchste Zeit, daß du zu Bett gehst,« dachte er. Aber dann fiel
+ihm ein, daß er seine allabendliche Runde auf dem Hofe noch nicht gemacht
+hatte, um nachzusehen, ob alle Türen und Läden geschlossen und alle Lichter
+gelöscht seien. Dies hatte er noch nie unterlassen, seit er Herr auf dem
+Hofe geworden war. Rasch warf er seinen Rock über und ging in den Regen
+hinaus.
+
+Draußen fand er alles, wie es sein sollte, nur die Tür der leeren Scheune
+war vom Wind aufgerissen worden. Er holte also den Schlüssel, verschloß die
+Scheune und steckte den Schlüssel in die Rocktasche. Dann kehrte er in die
+Stube zurück, zog den Rock aus und hängte ihn aufs neue vors Feuer. Aber er
+ging auch jetzt noch nicht zu Bett, sondern wanderte in der Stube hin und
+her. Das war doch ein gräßliches Wetter! So ein durchdringend kalter Wind
+und ein eisiger Schneeregen! Und sein altes Pferd stand nun da draußen,
+ohne auch nur eine Decke als Schutz gegen das Unwetter zu haben! Er müßte
+doch eigentlich hinausgehen und seinem alten Freund ein Obdach gewähren, da
+er nun doch einmal in diese Gegend gekommen war.
+
+Jetzt hörte der Junge in dem gegenüberliegenden Gasthof eine alte Uhr mit
+schrillem Ton elf Uhr schlagen. Er war gerade im Begriff, die Tiere
+loszubinden, um sie in den Bauernhof hineinzuführen. Es dauerte ziemlich
+lange, bis er sie geweckt und aufgestellt hatte; aber schließlich war alles
+in Ordnung, und in einer langen Reihe, der Junge als Wegweiser voran,
+bewegte sich der Zug in den Hof des geizigen Bauern hinein.
+
+Aber während der Junge mit den Tieren beschäftigt gewesen war, hatte der
+Bauer seine Runde beendet und das Scheunentor zugeschlossen. Als nun der
+Junge vor der Scheune ankam, war der Eingang versperrt. Ganz bestürzt blieb
+der Junge stehen. Aber nein, die armen Tiere konnte er nicht hier draußen
+lassen. Er mußte ins Haus hinein und sich den Schlüssel verschaffen.
+
+»Sorge dafür, daß sie sich still verhalten, während ich den Schlüssel
+hole,« sagte er zu dem alten Pferd. Mit diesen Worten eilte er davon.
+
+Mitten auf dem Hofplatz hielt er an, um zu überlegen, wie er ins Haus
+hineinkommen sollte. Während er noch gedankenverloren dastand, sah er auf
+der Straße zwei kleine Wanderer daherkommen, und jetzt eben machten sie vor
+dem Wirtshaus halt.
+
+Der Junge sah gleich, daß es zwei kleine Mädchen waren, und er lief auf sie
+zu, denn er dachte, sie würden ihm vielleicht helfen können.
+
+»Komm, Britta Marie,« sagte das eine von den Kindern, »jetzt darfst du
+nicht mehr weinen. Hier ist die Herberge. Hier bekommen wir gewiß ein
+Nachtlager.«
+
+Kaum hatte das Mädchen dies gesagt, als der Junge ihr auch schon zurief:
+»Nein, ihr braucht gar nicht erst zu fragen, ob man euch im Wirtshaus
+aufnehmen wolle, denn das ist ganz unmöglich. Aber in dem Bauernhof hier
+sind keine Gäste. Gehet nur hinein!«
+
+Die beiden kleinen Mädchen hörten die Worte deutlich, konnten aber den, der
+mit ihnen sprach, nicht sehen. Sie verwunderten sich indes nicht weiter
+darüber, denn ringsum war es stockdunkel. Das größere Mädchen erwiderte
+denn auch sogleich: »In diesen Hof wollen wir nicht hineingehen, denn die
+Leute, die darin wohnen, sind hart und geizig. Sie sind schuld daran, daß
+wir hier auf der Landstraße betteln gehen müssen.«
+
+»Das ist wohl möglich,« sagte der Junge. »Aber gehet trotzdem nur hinein;
+ihr werdet sehen, es läuft alles gut ab.«
+
+»Nun, wir können es jedenfalls versuchen, aber man wird uns nicht einmal
+hineinlassen,« sagten die beiden Kinder; damit gingen sie auf das Wohnhaus
+zu und klopften an die Tür.
+
+Der Bauer stand noch immer am Feuer und dachte an sein altes Pferd; da
+drang das Klopfen der Kinder an sein Ohr. Er ging an die Haustür, um zu
+sehen, wer draußen sei, beschloß aber zugleich, sich gewiß nicht überreden
+zu lassen, irgendeinen Wanderer aufzunehmen. Aber in dem Augenblick, wo er
+einen Spalt an der Tür öffnete, lag auch schon die Windsbraut auf der
+Lauer. Sie riß dem Bauern die Tür aus der Hand und warf ihn selbst gegen
+die Wand zurück. Um die Tür wieder zuzuziehen, mußte er auf die Haustreppe
+hinaustreten, und als er in die Stube zurückkehrte, standen die beiden
+Kinder schon mitten darin.
+
+Es waren zwei arme, schmutzige, in Lumpen gehüllte, halb verhungerte
+Bettelkinder, zwei kleine Mädchen, die unter der Last von zwei
+Bettelsäcken, die ebenso groß waren wie sie selbst, heftig keuchten.
+
+»Was seid denn ihr für Pack, das noch so spät in der Nacht unterwegs ist?«
+fragte der Bauer unfreundlich.
+
+Die beiden Kinder antworteten nicht sogleich, sondern stellten zuerst ihre
+Säcke ab. Dann traten sie mit zum Gruß ausgestreckten Händen auf den Bauern
+zu. »Wir sind die Anne und die Britta Marie vom Engärd,« sagte die ältere,
+»und wir möchten um eine Nachtherberge bitten.«
+
+Der Bauer ergriff die ihm dargebotenen Händchen nicht, ja, er wollte die
+beiden Bettelmädchen gerade vor die Tür setzen, als eine neue Erinnerung
+vor ihm auftauchte. Das Engärd war ein kleines Haus, wo eine bedürftige
+Witwe mit ihren fünf Kindern gewohnt hatte. Die Witwe war dem alten Bauern
+einige hundert Kronen schuldig gewesen, und um seine Forderung zu
+befriedigen, hatte der Bauer ihre Hütte verkaufen lassen. Die Witwe war
+hierauf mit ihren drei ältesten Kindern nach Nordland gezogen, dort Arbeit
+zu suchen, die beiden jüngeren aber waren der Gemeinde zur Last gefallen.
+
+Dem Bauern stieg der Ärger auf, als er an dieses Vorkommnis dachte. Er
+wußte, wie sehr sein Vater im Kirchspiel verurteilt worden war, weil er das
+Geld verlangt hatte, das ihm doch von Rechts wegen gehört hatte.
+
+»Was tut ihr denn gegenwärtig?« fragte er mit barscher Stimme. »Sorgt denn
+der Armenpfleger nicht für euch? Warum streicht ihr auf der Landstraße
+umher und bettelt?«
+
+[Illustration]
+
+»Wir können nichts dafür,« antwortete das ältere Mädchen. »Die Leute, bei
+denen wir sind, haben uns auf den Bettel ausgeschickt.«
+
+»Ja, und ihr könnt euch nicht beklagen, denn eure Säcke sind ja ganz voll,«
+sagte der Bauer. »Es ist am besten, ihr esset euch an dem, was ihr darin
+habt, satt, denn hier gibt es nichts zu essen. Alle Frauenzimmer auf dem
+Hofe sind schon zu Bett. Und dann könnt ihr euch hier in die Ecke am Herd
+legen, da friert ihr nicht.«
+
+Dabei machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand, wie um die Kinder
+zurückzuscheuchen, und seine Augen nahmen einen fast harten Ausdruck an,
+denn er dachte, er müsse ja froh sein, daß er einen Vater gehabt hatte, der
+um sein Besitztum besorgt gewesen war, sonst hätte er, der Sohn,
+vielleicht auch als kleiner Junge mit dem Bettelsack umherlaufen müssen,
+wie diese Kinder hier.
+
+Kaum hatte der Bauer diesen Gedanken zu Ende gedacht, als die gellende,
+spöttische Stimme, die er an diesem Abend schon einmal gehört hatte, Wort
+für Wort wiederholte. Er horchte und erkannte gleich, daß es keine
+Menschenstimme war, sondern nur der Wind, der im Schornstein sein Wesen
+trieb. Aber es war seltsam, sobald der Wind seine Gedanken in dieser Weise
+laut wiederholte, erschienen sie ihm merkwürdig dumm, hartherzig und
+falsch.
+
+Die Kinder hatten sich indessen nebeneinander auf dem harten Boden
+ausgestreckt; aber sie waren nicht still, sondern murmelten noch etwas vor
+sich hin.
+
+»Wollt ihr wohl schweigen!« rief der Bauer. Er war jetzt in so gereizter
+Stimmung, daß er die Kinder hätte schlagen können.
+
+Aber das Gemurmel hörte nicht auf, obgleich er den Kindern noch einmal
+barsch zu schweigen befahl.
+
+»Als unsere Mutter von uns fortging,« sagte da plötzlich eine helle
+Kinderstimme, »mußte ich ihr versprechen, mein Abendgebet nie zu vergessen.
+Dieses Versprechen muß ich halten und Britta Marie auch. Sobald wir: >Müde
+bin ich, geh zur Ruh, schließ die müden Augen zu< gebetet haben, sind wir
+ganz still.«
+
+Der Bauer blieb wortlos sitzen und hörte die Kleinen ihr Abendgebet
+sprechen. Dann ging er mit langen Schritten im Zimmer hin und her, und
+zuweilen preßte er wie in großer Seelenangst die Hände zusammen.
+
+Das Pferd zugrunde gerichtet! Die beiden Kinder zu umherstrolchenden
+Bettlern gemacht! Und beides das Werk seines Vaters! Ach, was der Vater
+getan hatte, war am Ende doch nicht immer ganz recht gewesen!
+
+Er warf sich auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hände. Plötzlich
+begann es in seinem Gesicht zu zucken; die Tränen traten ihm in die Augen,
+aber rasch wischte er sie weg. Doch neue Tränen drangen hervor, und es half
+nichts, daß er auch diese eilig wegwischte, es kamen immer neue.
+
+Jetzt öffnete seine Mutter die Tür des Hinterstübchens, und eilig drehte
+der Bauer seinen Stuhl um, damit er ihr den Rücken zuwendete. Aber sie
+mußte doch etwas Außergewöhnliches gemerkt haben, denn sie blieb eine gute
+Weile hinter ihm stehen, wie wenn sie darauf wartete, daß er etwas sage.
+Dann fiel ihr ein, wie schwer es den Männern immer wird, von dem zu
+sprechen, was sie am tiefsten berührt; ja, sie mußte ihm wohl ein wenig
+helfen.
+
+Vom Hinterstübchen aus hatte sie gesehen, was sich in der großen Stube
+zugetragen hatte; sie brauchte deshalb nicht zu fragen. Sie ging nur ganz
+leise zu den beiden schlafenden Kindern hin, hob sie auf, trug sie ins
+Hinterstübchen und legte sie da in ihr eigenes Bett. Dann kam sie wieder zu
+dem Sohne heraus.
+
+»Du, Lars,« sagte sie und tat, als sähe sie gar nicht, daß er weinte. »Laß
+mich die Kinder hier behalten!«
+
+»Was sagst du, Mutter?« fragte er und versuchte seine Tränen zu
+unterdrücken.
+
+»Ich habe sie schon immer herzlich bedauert, gleich damals, als dein Vater
+ihrer Mutter das Haus verkaufte. Und auch du hast Mitleid mit ihnen
+gehabt.«
+
+»Ja, aber ...«
+
+»Ich möchte sie gerne hier behalten und ordentliche Menschen aus ihnen
+machen. Sie sind zu gut zum Betteln.«
+
+Der Bauer konnte nichts erwidern, denn jetzt stürzten ihm die hellen Tränen
+aus den Augen; er ergriff die runzlige Hand seiner Mutter und streichelte
+sie.
+
+[Illustration]
+
+Doch plötzlich fuhr er, wie von Angst erfaßt, jäh auf. »Was würde der Vater
+dazu sagen?« rief er.
+
+»Der Vater hat zu seiner Zeit hier geherrscht, jetzt ist die deinige
+gekommen. Solange der Vater lebte, mußte ihm gehorcht werden. Jetzt aber
+ist die Reihe an dir, zu zeigen, wer du bist.«
+
+Der Sohn war so überrascht über diese Worte, daß seine Tränen versiegten.
+»Aber ich zeige mich doch, wie ich bin!« sagte er.
+
+»Nein,« erwiderte seine Mutter, »das tust du eben nicht. Du gibst dir nur
+alle Mühe, deinem Vater zu gleichen. Der aber hat harte Zeiten hier
+durchgemacht, und deshalb graute ihm vor der Armut. Er meinte, er sei
+verpflichtet, in erster Linie nur immer an sich selbst zu denken. Du aber
+hast solche schwere Zeiten, die dich hätten hart machen können, nie
+gekannt. Du hast mehr, als du brauchst, und da wäre es unnatürlich, wenn du
+nicht auch an andre denken würdest.«
+
+Hinter den beiden Kindern war der Junge ins Haus und in die Stube
+hineingeschlüpft und hatte sich da in einem dunkeln Winkel versteckt. Schon
+im ersten Augenblick hatte er den Scheunentürschlüssel, der aus der
+Rocktasche des Bauern herausguckte, entdeckt.
+
+»Wenn der Bauer die Kinder fortschickt, nehme ich den Schlüssel und laufe
+mit ihm davon,« dachte er.
+
+Aber dann wurden die Kinder nicht fortgeschickt; der Junge mußte in seinem
+Winkel sitzen bleiben und wußte nicht, was er tun sollte. Die Mutter sprach
+lange mit ihrem Sohn, und während sie mit ihm sprach, hörte dieser auf zu
+weinen; schließlich nahm sein Gesicht einen geradezu schönen Ausdruck an,
+es war, als sei er ein ganz andrer Mensch geworden, und noch immer
+streichelte er die alte runzlige Hand seiner Mutter.
+
+»Jetzt müssen wir aber doch zu Bett gehen,« sagte die Mutter, als sie sah,
+daß er seine Fassung wieder erlangt hatte.
+
+»Nein,« sagte er und stand rasch auf, »ich kann noch nicht zu Bett gehen.
+Draußen ist noch ein Gast, dem ich ein Obdach für die Nacht geben muß.«
+
+Mehr sagte er nicht, er warf nur rasch seinen Rock über, zündete eine
+Laterne an und ging hinaus. Draußen war es noch ebenso kalt und regnerisch,
+aber als er auf die Haustreppe trat, summte er eine Melodie vor sich hin.
+Er fragte sich, ob ihn das Pferd wohl erkennen, und ob es sich freuen
+werde, wenn es wieder in seinen alten Stall hineinkäme.
+
+Als er über den Hofplatz ging, hörte er eine Tür im Winde auf- und
+zuschlagen. »Der Wind hat die Scheunentür wieder aufgerissen,« dachte er
+und ging hin, sie abermals zu schließen.
+
+Im nächsten Augenblick stand er vor der Scheune, und er wollte eben die Tür
+zumachen, da war es ihm, als ob sich drinnen etwas bewegte.
+
+Das kam aber daher, daß der Junge die Gelegenheit benützt und mit dem
+Bauern zu gleicher Zeit das Haus verlassen hatte. Rasch war er an die
+Scheune gelaufen, vor der er die Tiere verlassen hatte. Aber diese standen
+nicht mehr im Regen draußen. Ein heftiger Windstoß hatte schon lange die
+Scheunentür abermals aufgerissen und so den armen Tieren ein Dach über dem
+Kopf verschafft. Und das Geräusch, das der Bauer gehört hatte, hatte von
+dem Jungen hergerührt, als er in die Scheune hineinlief.
+
+Jetzt leuchtete der Bauer mit seiner Laterne hinein, und da sah er, daß die
+ganze Tenne voll von schlafendem Vieh lag. Kein Mensch war zu sehen. Die
+Tiere waren nicht angebunden, sie hatten sich auf dem Stroh niedergelegt,
+wie es eben ging.
+
+Der Bauer wurde zornig über diese uneingeladenen Gäste; er begann zu rufen
+und zu schelten, um sie zu wecken und hinauszujagen. Aber die Tiere
+blieben ganz still liegen, wie wenn sie sich durchaus nicht stören lassen
+wollten. Ein einziges erhob sich, ein altes Pferd, und kam ruhig auf den
+Bauern zu.
+
+Und plötzlich verstummte der Bauer. Schon am Gang erkannte er dieses Tier.
+Er hob die Laterne, das Pferd kam zu ihm heran und legte ihm den Kopf auf
+die Schulter.
+
+Liebevoll streichelte ihm der Bauer die Nase. »Mein altes gutes Pferd!
+Alter guter Kerl!« sagte er. »Was haben sie mit dir gemacht? Jawohl, mein
+alter Freund, ich werde dich kaufen. Du sollst nie wieder vom Hofe hier
+vertrieben werden, und du sollst es so gut haben, wie du dir nur wünschen
+kannst, mein guter Alter. Die andern, die du mitgebracht hast, dürfen hier
+übernachten, du aber kommst mit mir in den Stall. Jetzt darf ich dir so
+viel Hafer geben, als du nur fressen kannst, ohne daß ich ihn stibitzen
+muß. Du wirst wohl auch noch nicht ganz zugrunde gerichtet sein. Das
+schönste Pferd auf dem Kirchplatz, das wirst du wieder sein. Ja, wie einst!
+So, so, mein gutes Tier, so so!«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+25
+
+Der Eisgang
+
+
+ Donnerstag, 28. April
+
+Am nächsten Tag war wunderschönes Wetter. Es blies allerdings noch ein
+tüchtiger Westwind; aber darüber freute man sich nur, denn er trocknete die
+von dem gestrigen Regen aufgeweichten Wege.
+
+Früh am Morgen wanderten auf der Landstraße, die von Sörmland nach Närke
+führt, das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, die beiden Småländer Kinder.
+Der Weg führte an dem südlichen Ufer des Hjälmar hin, und die Kinder
+betrachteten eifrig das Eis, das noch den größten Teil des Sees bedeckte.
+Die Morgensonne goß ihren hellen Schein auf den Eisspiegel, der durchaus
+nicht düster und drohend aussah, wie dies im Frühling gewöhnlich der Fall
+ist, sondern glänzend hell und einladend zu den Kindern herüberleuchtete.
+So weit das Auge reichte, war das Eis fest und trocken. Das Regenwasser war
+schon durch alle Löcher und Sprünge hindurchgesickert, oder es war vom Eis
+selbst aufgesogen worden; so sahen die Kinder nichts als eine herrliche
+Eisdecke.
+
+Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats waren nach dem nördlichen Schweden
+unterwegs, und unwillkürlich stieg der Gedanke in ihnen auf, wie viele
+Schritte es ihnen doch ersparen würde, wenn sie quer über den großen See
+gehen könnten, anstatt rings um ihn herumwandern zu müssen. Sie wußten
+allerdings, daß das Frühlingseis gefährlich sei; aber dieses hier sah ja
+vollständig sicher aus. Am Ufer war es mehrere Zoll dick, das sahen sie
+deutlich. Sie sahen auch einen ausgetretenen Pfad, dem sie folgen könnten,
+und das andre Ufer schien überdies ganz nahe vor ihnen zu liegen; in einer
+Stunde wären sie sicher drüben.
+
+»Komm, wir wollen es versuchen,« sagte Klein-Mats. »Wenn wir gut achtgeben,
+daß wir nicht in eine Wake hineingeraten, geht es ganz leicht.«
+
+Damit begaben sich die beiden Kinder aufs Eis hinaus. Das Eis war gar nicht
+glatt, sondern im Gegenteil ganz leicht zu beschreiten. Es war mehr Wasser
+darauf, als die Kinder vom Lande aus hatten wahrnehmen können, und da und
+dort waren kleine Löcher, wo das Wasser herausquoll. Vor solchen Stellen
+mußte man sich hüten; aber mitten am Tage und bei dem hellen Sonnenschein
+war das nicht schwer.
+
+Die Kinder kamen rasch und leicht vorwärts, und sie sagten immer wieder,
+wie klug es doch gewesen sei, daß sie, anstatt sich auf der aufgeweichten
+Landstraße weiter zu plagen, den Weg übers Eis genommen hätten.
+
+Als sie eine Strecke weit gegangen waren, kamen sie an die Vinö. Auf dieser
+Insel sah sie eine alte Frau von ihrem Fenster aus. Eilig lief sie aus
+ihrem Hause heraus, winkte den Kindern und rief ihnen etwas zu, was diese
+aber nicht verstehen konnten; so viel errieten sie indes doch, die Frau
+warnte sie vor dem Weitergehen. Aber die Kinder auf dem Eis draußen
+dachten, sie sähen ja deutlich, daß ihnen keine Gefahr drohte. Sie wären
+wohl dumm, wenn sie das Eis jetzt verließen, da doch alles so gut ging.
+
+Sie wanderten also an der Vinö vorüber, und jetzt hatten sie eine
+meilenweite Eisfläche vor sich. Von da an trafen die Kinder wiederholt auf
+große Wasserpfützen, um die herum sie große Umwege machen mußten. Aber das
+machte ihnen nur Spaß. Sie liefen um die Wette, um herauszufinden, wo das
+Eis am besten sei, und fühlten weder Hunger noch Müdigkeit. Sie hatten ja
+den ganzen Tag vor sich und lachten nur, so oft sie auf ein neues Hindernis
+stießen.
+
+Ab und zu richteten sie den Blick auf das gegenüberliegende Ufer. Es schien
+noch immer gleich weit entfernt zu sein, obgleich sie schon eine ganze
+Stunde gegangen sein mochten. Da wurden sie doch ein wenig stutzig; sie
+hatten den See nicht für gar so breit gehalten. »Es ist, als ob das Ufer
+drüben vor uns zurückwiche,« sagte Klein-Mats.
+
+Hier auf dem Eise war kein Schutz vor dem Westwind, der jetzt von Minute zu
+Minute heftiger wurde und ihnen die Kleider so um die Beine schlug, daß sie
+kaum noch vorwärts kommen konnten. Dieser kalte Wind war die erste
+wirkliche Unannehmlichkeit, die ihnen auf ihrem Weg begegnete.
+
+Und über etwas verwunderten sie sich: der Wind kam mit einem sonderbaren
+Dröhnen dahergefegt, wie wenn er das Klappern einer großen Mühle oder den
+Lärm einer mechanischen Werkstatt mit sich brächte. Aber auf den Eisfeldern
+hier gab es ja nichts derartiges.
+
+Die Kinder waren jetzt westwärts um die große Insel Valen herumgegangen,
+und jetzt meinten sie auch zu sehen, daß sie dem nördlichen Ufer immer
+näher rückten. Aber zugleich wurde der Wind immer unerträglicher; das laute
+Donnern, das hinter ihm herklang, nahm auch zu, und da wurden die Kinder
+allmählich ängstlich.
+
+Plötzlich stieg der Gedanke in ihnen auf, das Donnern, das sie hörten,
+könnte am Ende von Wellen herkommen, die sich mit wildem Schäumen am Ufer
+brächen. Aber das war auch unmöglich, denn der See war ja noch ganz mit Eis
+bedeckt.
+
+Trotzdem blieben sie stehen und sahen sich um. Weit drüben im Westen, dort
+bei Björnö und Göksholmland erhob sich ein weißer Wall, der quer über das
+Eis hinging. Sie glaubten zuerst, es sei eine Schneeschanze, die den Weg
+entlang lief, aber bald erkannten sie, daß es der Schaum von Wellen war,
+die gegen das Eis getrieben wurden.
+
+Als die Kinder das sahen, faßten sie sich bei den Händen und liefen, ohne
+ein Wort zu sagen, so schnell als ihre Beine sie zu tragen vermochten,
+davon. Dort drüben im Westen war der See offen, und sie meinten auch zu
+sehen, wie der aufschäumende Rand gegen Osten vordrang. Sie wußten zwar
+nicht, ob das Eis nun überall zugleich aufbrechen würde, oder was sonst
+geschehen könnte, aber sie fühlten deutlich, daß sie in Gefahr waren.
+
+Auf einmal war es ihnen, als hebe sich das Eis gerade an der Stelle, über
+die sie hinliefen. Ja, ja, es hob sich und senkte sich wieder, wie wenn
+jemand von unten darangestoßen hätte. Gleich darauf ertönte ein dumpfer
+Knall, dann liefen nach allen Seiten Sprünge über die Eisdecke hin, und die
+Kinder sahen, wie diese Sprünge sich rasch nach allen Seiten weiter
+ausdehnten.
+
+Jetzt wurde es einen Augenblick ganz still auf dem Eise; aber dann fühlten
+die Kinder aufs neue, wie sich das Eis unter ihnen hob und senkte, und
+darnach wurden die Sprünge zu Rissen, durch die Wasser heraussprudelte. Und
+gleich darauf wurden die Risse zu klaffenden Spalten, die das Eis in große
+Schollen zerteilten.
+
+»Åsa!« rief Klein-Mats. »Das ist gewiß der Eisgang!«
+
+»Ja, so ist es, Klein-Mats,« sagte Åsa. »Aber wir können das Land noch
+erreichen. Lauf nur rasch weiter!«
+
+In Wirklichkeit hatten die Wellen und der Wind noch ein schweres Stück
+Arbeit vor sich, bis das Eis von dem See weggeschafft sein konnte. Das
+Schwierigste war zwar getan, als die Eisdecke zerbrochen war, aber alle
+diese großen Schollen mußten noch zerkleinert und gegeneinander
+geschleudert werden, bis sie ganz zertrümmert, zerrieben und aufgelöst
+waren. Es gab noch eine Menge ganz hartes, festes Eis, das große,
+unbeschädigte Flächen bildete.
+
+Die größte Gefahr für die Kinder lag aber darin, daß sie keinen Überblick
+über das Eis hatten. Sie konnten nicht sehen, wie breit die Risse waren und
+ob sie hinüberspringen könnten, und sie wußten auch nicht, welche
+Eisschollen groß genug waren, sie zu tragen. So irrten sie ratlos hin und
+her und gerieten dabei nur weiter auf den See hinaus, anstatt dem Lande
+näher zu kommen. Schließlich wußten sie sich auf dem brechenden Eise gar
+nicht mehr zu helfen; in höchster Angst blieben sie stehen und fingen an zu
+weinen.
+
+Plötzlich flog eine Schar Wildgänse in sausender Eile über ihnen hin. Die
+Gänse schnatterten überlaut, und zu ihrer höchsten Verwunderung hörten die
+Kinder mitten aus dem Gänsegeschnatter heraus die Worte: »Ihr müßt nach
+rechts gehen, nach rechts!«
+
+Die Kinder folgten hurtig dem Rat; aber es dauerte nicht lange, da standen
+sie schon wieder ratlos vor einem breiten, klaffenden Spalt.
+
+Und wieder hörten sie die Gänse über sich schreien, und aus dem Geschnatter
+heraus unterschieden sie die Worte: »Bleibt, wo ihr seid! Bleibt, wo ihr
+seid!«
+
+Die Kinder sprachen kein Wort über das, was sie hörten, sie gehorchten nur
+und blieben stehen. Gleich darauf glitten die Eisschollen wieder zusammen,
+und sie konnten über den Riß hinüberspringen. Nun faßten sie einander
+wieder an und rannten weiter. Sie hatten Angst, nicht allein vor der
+Gefahr, sondern auch vor der Hilfe, die ihnen zuteil geworden war.
+
+Bald mußten sie wieder zweifelnd innehalten; aber sofort drang eine Stimme
+zu ihnen herunter, die rief: »Geradeaus! Geradeaus! Geradeaus!«
+
+So ging es ungefähr eine halbe Stunde lang fort; da hatten die Kinder die
+lange Lungerspitze erreicht und konnten von da ans Land waten. Man merkte
+ihnen wohl an, wie groß ihre Angst gewesen war, denn als sie das Ufer
+erreicht hatten, hielten sie nicht an, um den See noch einmal zu
+betrachten, wo die Wellen jetzt ein immer wilderes Spiel mit den
+Eisschollen trieben, sondern eilten nur immer weiter. Als sie aber eine
+Strecke weit gegangen waren, machte Åsa plötzlich halt. »Warte hier ein
+wenig, Klein-Mats,« sagte sie. »Ich hab etwas vergessen.«
+
+Damit ging sie wieder ans Ufer zurück. Hier suchte sie eifrig in ihrem Sack
+und zog schließlich einen kleinen Holzschuh heraus; den stellte sie auf
+einen Stein, wo er recht deutlich sichtbar war. Dann kehrte sie, ohne sich
+auch nur ein einziges Mal umzusehen, zu Klein-Mats zurück.
+
+Sie hatte sich aber kaum umgedreht, als rasch wie der Blitz eine große,
+weiße Gans aus der Luft herabsauste, den Holzschuh mit dem Schnabel packte
+und ebenso rasch wieder hoch hinaufflog.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+26
+
+Die Teilung
+
+
+ Donnerstag, 28. April
+
+Nachdem die Wildgänse dem Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats über den
+Hjälmarsee hinübergeholfen hatten, flogen sie gen Norden, bis sie
+Westmanland erreichten. Hier ließen sie sich auf den großen Getreidefeldern
+im Fellingsbroer Kirchspiel nieder, um auszuruhen und zu weiden.
+
+Der Junge war auch hungrig, schaute sich aber vergeblich nach etwas Eßbarem
+um. Während er nun nach allen Seiten umherspähte, sah er auf dem nächsten
+Feld zwei Männer hinter dem Pflug hergehen. Jetzt gerade ließen sie ihre
+Pflüge stehen und setzten sich nieder, um ihren mitgenommenen Imbiß zu
+verzehren. Rasch eilte der Junge hinter ihnen her und schlich sich ganz
+nahe zu den beiden Männern hin. Wenn diese mit ihrer Mahlzeit fertig seien,
+dachte er, fänden sich für so einen kleinen Knirps doch vielleicht noch ein
+paar Brosamen oder eine Brotrinde.
+
+An dem Feld lief ein Pfad hin, und auf diesem kam ein alter Mann
+dahergegangen. Als er die beiden Arbeiter erblickte, hielt er an, kletterte
+über das Steinmäuerchen und trat zu ihnen.
+
+»Für mich ist es auch Zeit zum Frühstücken,« sagte er, nahm seinen Ranzen
+ab und holte sein Butterbrot heraus. »Ich freue mich, daß ich mein
+Frühstück nicht allein essen muß,« fuhr er fort.
+
+Bald war unter den dreien eine Unterhaltung im Gange, und die beiden
+Pflüger erfuhren, daß der Fremde ein Grubenarbeiter aus dem Norberger
+Bezirk war. Er arbeite jetzt nicht mehr, denn er sei zu alt, die
+Grubenleitern herauf und hinunter zu klettern, aber er wohne noch in der
+Nähe der Grube in einem kleinen Häuschen. Seine Tochter sei in Fellingsbro
+verheiratet, und er sei eben zu Besuch bei ihr gewesen. Sie wolle, er solle
+ganz zu ihr ziehen, aber dazu könne er sich nicht entschließen.
+
+»Es gefällt Euch also hier nicht so gut wie in Norberg?« fragte der eine
+der Bauern mit einem leisen Lächeln, denn er wußte wohl, daß Fellingsbro
+eines der größten und reichsten Kirchspiele in der ganzen Umgegend war.
+
+»Meint ihr, ich könnte es in so einer flachen Gegend aushalten?« erwiderte
+der Alte mit einer abweisenden Handbewegung, wie wenn so etwas gar nicht
+denkbar wäre.
+
+Und nun begannen die drei in aller Freundschaft sich darüber zu streiten,
+wo es in Westmanland am schönsten sei. Der eine der Bauern war in
+Fellingsbro geboren und lobte die Ebene sehr, der andre aber stammte aus
+dem Weståser Bezirk, und er hielt die Ufer des Mälar mit seinen bewaldeten
+Holmen und schönen Landzungen für den besten Teil dieses Landes. Aber der
+Alte wollte sich durchaus nicht überzeugen lassen, und um den andern zu
+beweisen, daß er recht habe, fragte er, ob er ihnen eine Geschichte
+erzählen dürfe, die er in seiner eigenen Jugend von ganz alten Leuten
+gehört hatte.
+
+»Hier in Westmanland,« so begann er, »wohnte in alten Zeiten eine betagte
+Frau aus dem Riesengeschlecht, die sehr reich war, denn ihr gehörte das
+ganze Land. Sie hatte natürlich alles, was sie sich nur wünschen konnte,
+und doch drückte sie ein schwerer Kummer, denn sie wußte nicht, wie sie ihr
+Besitztum zwischen ihre drei Söhne verteilen sollte.
+
+Das kam aber daher, daß sie die beiden ältesten Söhne nicht so lieb hatte
+wie den jüngsten, der ihr Augapfel war. Diesem jüngsten wollte sie den
+Löwenanteil an der Erbschaft zuwenden; zugleich aber hatte sie Angst, es
+würde Streit und Zank zwischen den Brüdern entstehen, wenn sie die
+Erbschaft nicht gleichmäßig unter sie verteilte.
+
+Eines Tages fühlte sich die alte Frau dem Tode nahe, und jetzt war keine
+Zeit mehr zum Überlegen. Sie rief alle drei Söhne an ihr Lager und sprach
+mit ihnen wegen der Erbschaft.
+
+>Ich habe mein Besitztum in drei Teile geteilt, zwischen denen ihr wählen
+müßt,< sagte sie. >Zu dem ersten gehören die mit Eichen bestandenen Hügel
+und bewaldeten Holme und blühenden Wiesen, und das alles habe ich um den
+Mälar herum zusammengetan. Wer von euch diesen Teil erwählt, wird an den
+Ufern eine gute Weide für Schafe und Kühe haben, und auf den Holmen findet
+er Laub zum Winterfutter, wenn er nicht etwa Gartenbau dort treiben will.
+An den Ufern ziehen sich eine Menge Buchten und Landzungen hin; es ist da
+also reichlich Gelegenheit zur Beförderung der Erzeugnisse des Landes und
+jeglicher Art von Verkehr. Wo sich die Flüsse in den See ergießen, lassen
+sich gute Hafenplätze anlegen, und ich glaube, daß dort bald Dörfer und
+Städte heranwachsen werden. Und an gutem Ackerboden wird es ihm auch nicht
+fehlen, obgleich das Land so zerrissen daliegt. Es kann nur von Vorteil
+sein, wenn die Söhne von Anfang an lernen, von einer Insel zur andern zu
+ziehen; denn dadurch werden sie gute Seefahrer, die in fremde Länder reisen
+können und von da große Reichtümer heimbringen. Ja, das ist also der erste
+Teil. Was sagt ihr dazu?<
+
+Nun, alle Söhne stimmten miteinander überein, daß dies ein ausgezeichneter
+Teil sei, und wer ihn bekomme, dürfe sich glücklich preisen.
+
+>Nein, an ihm ist nichts auszusetzen,< sagte die alte Frau aus dem
+Riesengeschlecht, >und der zweite Teil ist nicht minder gut. Zu diesem hab
+ich alles getan, was ich an ebenem Land und freiem Feld besitze. Da liegt
+nun ein Acker neben dem andern, vom Mälar bis hinauf nach Dalarna. Wer
+diesen Teil wählt, wird es sicher nicht bereuen. Er kann so viel Getreide
+bauen, als er will, und große Güter anlegen, und weder er noch seine
+Nachkommen brauchen sich wegen ihres Unterhalts graue Haare wachsen zu
+lassen. Damit die Ebene nicht sumpfig wird, habe ich große Wasserläufe
+durchgezogen, die bilden öfters Wasserfälle, wo Mühlen und Schmieden
+errichtet werden können. Den Gräben entlang habe ich den Schutt hoch
+aufgehäuft, da können leicht Wälder angepflanzt werden, aus denen Brennholz
+gewonnen wird. Dies ist nun also der zweite Teil, und ich meine, wer den
+bekommt, hätte alle Ursache, zufrieden zu sein.<
+
+Auch darin stimmten alle drei Söhne überein, und sie dankten der Mutter
+sehr, weil sie alles so gut für sie eingerichtet habe.
+
+>Ja, ich habe mir alle Mühe gegeben, es so gut wie möglich zu machen,< fuhr
+diese fort. >Aber jetzt komme ich zu dem Teil, der mir am meisten
+Kopfzerbrechen gemacht hat. Denn seht, nachdem ich alle meine Haine und
+meine Weiden und Waldhügel zu dem einen Teil, meine Äcker und fruchtbaren
+Landstrecken aber zu dem andern getan hatte, merkte ich, daß mir von meinem
+Besitztum nichts andres mehr übrig blieb, als die bergigen Fichten- und
+Tannenwälder, die Berggipfel, die Gebirgsschluchten, die kahlen Felswände
+und mageren Wacholdergebüsche, die ärmlichen Birkengruppen und kleinen
+Seen. Dies alles zusammen wird nun natürlich keiner von euch haben wollen.
+Trotzdem habe ich all dies kleine Zeug gesammelt und es im Norden und
+Westen von dem ebenen Land aufgestellt; aber ich fürchte, wer diesen Teil
+wählt, hat nichts als Armut in Aussicht. Er wird nichts als Schafe und
+Geißen halten können, und um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, wird er
+auf den Seen dem Fischfang, im Wald der Jagd obliegen müssen. Wasserfälle
+und Stromschnellen sind freilich in Menge vorhanden, so daß er so viele
+Mühlen bauen könnte, als er nur Lust hat; aber leider wird er nichts andres
+zu mahlen haben, als die Rinde von seinen Bäumen. Und mit Bären und Wölfen
+wird er wohl auch seine liebe Not haben, denn in dieser Wildnis werden sie
+sich sicherlich heimisch fühlen.
+
+Ja, dies ist nun der dritte Teil. Ich weiß ja wohl, er läßt sich mit den
+beiden andern nicht vergleichen, und wenn ich nicht schon so alt wäre,
+hätte ich die Teilung noch einmal gemacht, aber das ist mir nicht möglich.
+Und jetzt hab ich in meinem letzten Stündlein keine Ruhe, weil ich nicht
+weiß, welchem von euch ich diesen schlechtesten Teil geben soll. Ihr seid
+mir alle drei gute Söhne gewesen, und es bedrückt mich, daß ich gegen einen
+von euch ungerecht sein soll.<
+
+Nachdem die alte Frau aus dem Riesengeschlecht ihren Söhnen die Sache also
+dargelegt hatte, sah sie alle drei bekümmert an. Jetzt sagten sie nicht
+mehr, wie bei den beiden ersten Malen, sie habe richtig geteilt und gut für
+sie gesorgt. Schweigend standen sie da, und man konnte wohl merken, daß
+der, so den letzten Teil erhielt, sehr unzufrieden sein würde.
+
+Ja, da lag nun die alte Mutter mit bangem Herzen, und die Söhne sahen, daß
+sie schon im voraus Todesqualen erlitt, weil sie die Teile bestimmen mußte
+und doch nicht wußte, welchen von den Söhnen sie unglücklich machen sollte,
+indem sie ihm den schlechtesten Teil gab.
+
+Doch der jüngste von den dreien, der liebte seine Mutter am meisten, und er
+konnte es nicht mit ansehen, wie sie sich abquälte. Deshalb sagte er: >Du
+brauchst dir keinen Kummer über diese Sache zu machen, Mutter, leg dich
+beruhigt nieder und scheide in Ruhe und Frieden aus diesem Leben. Gib den
+schlechten Teil mir; ich werde mich schon durchschlagen, und wie es auch
+gehen mag, ich werde mich nicht darüber grämen, wenn die andern es besser
+haben als ich.<
+
+Sobald der jüngste Sohn dies gesagt hatte, beruhigte sich die Mutter; sie
+dankte ihm innig und lobte ihn. Das Bestimmen der beiden andern Teile
+machte ihr keinen Kummer, denn diese waren fast ganz gleich gut.
+
+Als nun alles geordnet war, dankte die Mutter dem Sohne noch einmal und
+sagte, sie habe erwartet gehabt, daß gerade er ihr aus der Not helfen
+werde. Zugleich sagte sie noch, wenn er nun in seine Einöde hinaufkomme,
+solle er sich an die große Liebe erinnern, die sie immer für ihn gehabt
+habe.
+
+Damit schloß sie die Augen und starb; und nachdem sie begraben war, ging
+jeder von den Brüdern auf sein Erbteil, es in Augenschein zu nehmen.
+Jawohl, die beiden ältesten konnten nicht anders, als höchst zufrieden mit
+dem ihrigen sein.
+
+Der dritte aber wanderte hinauf in die Einöde, und da sah er, daß die
+Mutter die Wahrheit gesprochen hatte: sein Teil bestand hauptsächlich aus
+Felswänden und kleinen Seen. Aber er erkannte doch, mit welcher Liebe sie
+dieses Erbteil für ihn hergerichtet hatte, denn es waren zwar nur ärmliche
+Überreste, aber sie waren so gut zusammengestellt, daß das allerschönste
+Land daraus geworden war. An vielen Stellen war es wild und unheimlich,
+aber schön war es trotzdem. Dieser Anblick tat dem Sohne ordentlich wohl;
+aber froh war er darum doch nicht.
+
+Allmählich jedoch machte er eine Entdeckung: er sah, daß der Felsengrund da
+und dort ein merkwürdiges Aussehen hatte. Und als er genauer hinsah, war er
+überall mit Erzadern durchzogen. Eisen war vorherrschend, außerdem fand
+sich auch noch viel Silber und Kupfer auf seinem Eigentum. Jetzt ahnte der
+Sohn, daß er größern Reichtum erhalten hatte als seine beiden Brüder, und
+jetzt dämmerte ihm die Erkenntnis auf, was für eine Absicht seine Mutter
+mit ihrer Erbteilung gehabt hatte.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+27
+
+Im Bergwerkdistrikt
+
+
+ Donnerstag, 28. April
+
+Die Wildgänse hatten eine beschwerliche Reise. Es war ihre Absicht gewesen,
+gleich nachdem sie gefrühstückt hätten, geradenwegs über Westmanland
+hinzuziehen, aber der Westwind nahm zu und trieb sie anstatt nordwärts ganz
+an die Grenze von Uppland.
+
+Sie flogen hoch droben, und der Wind jagte sie in größter Eile davon. Der
+Junge schaute hinunter, um zu sehen, wie es in Westmanland beschaffen sei,
+konnte aber nicht viel unterscheiden. Der östliche Teil dieser Landschaft
+war flach und eben, das sah er deutlich, aber er konnte nicht begreifen,
+was alle die Furchen und Striche bedeuteten, die von Norden nach Süden und
+quer über die Ebene hinliefen. Das alles sah höchst wunderbar aus, denn
+fast alle die Striche erstreckten sich beinahe schnurgerade und mit ganz
+gleichem Zwischenraum.
+
+»Dieses Land ist ebenso gestreift wie die Schürze meiner Mutter,« sagte der
+Junge. »Ich möchte nur wissen, was das für Streifen sind, die darüber
+hinlaufen?«
+
+»Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!« antworteten die
+Wildgänse. »Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!«
+
+Und das war wirklich wahr, denn als die Gänse ostwärts getrieben wurden,
+kamen sie zuerst über den Hedstrom, der zwischen zwei Bergrücken fließt und
+neben dem eine Eisenbahn hinläuft. Dann erreichten sie den Kolbäkfluß, der
+auf seiner einen Seite eine Eisenbahn und auf der andern einen Bergrücken
+hat, über den eine Landstraße führt. Hierauf kam der Svartå, der auch an
+Bergen und Landstraßen hinfließt, dann der Lillå mit dem Badelundberg, und
+schließlich der Sagå mit Straße und Eisenbahn auf seiner rechten Seite.
+
+»Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Wege gesehen, die alle von
+einer Seite herkommen,« dachte der Junge. »Es müssen doch schrecklich viele
+Waren von Norden her durch dieses Land hindurchgeführt werden.«
+
+Zugleich erschien ihm das aber sehr merkwürdig, denn der Junge glaubte,
+gleich hinter Westmanland sei Schweden zu Ende. Was dann noch käme, könne
+nicht viel andres sein als Wald und Einöde.
+
+Als der Wind die Wildgänse ganz bis zum Sagå hingetrieben hatte, mußte Akka
+erkannt haben, daß sie wo anders hingekommen war, als sie beabsichtigt
+hatte, denn hier drehte sie um, und die Schar arbeitete sich bei heftigem
+Gegenwind zurück gegen Westen. Sie flogen also noch einmal über die
+gestreifte Ebene und dann nach dem westlichen Teil der Landschaft, die aus
+waldigem Hügelland bestand.
+
+Solange es über die Ebene hinging, hatte sich der Junge über den Hals des
+Gänserichs gebeugt und hinabgeschaut, aber als sie die Ebene hinter sich
+hatten, richtete er sich auf, um seine Augen ausruhen zu lassen, denn da,
+wo die Erde mit Wald bedeckt ist, gab es selten etwas Besonderes zu sehen.
+
+Als sie jedoch eine Strecke über die Waldhügel hingeflogen waren, war es
+dem Jungen plötzlich, als höre er drunten auf der Erde etwas knirschen und
+ächzen.
+
+Da mußte er sich natürlich wieder vorbeugen und hinuntersehen. Die
+Wildgänse flogen jetzt bei dem starken Gegenwind nicht besonders rasch,
+deshalb konnte der Junge das Land unter sich sehr deutlich erkennen. Das
+erste, was er sah, war ein schwarzes Loch, das senkrecht in die Erde
+hineinging. Über dem Loch war von großen Balken ein Hebewerk errichtet, und
+das Hebewerk holte unter Knirschen und Ächzen eben eine mit Felsstücken
+beladene Tonne herauf. Ringsherum lagen große Steinhaufen; in einem
+Schuppen zischte eine Dampfmaschine. Frauen und Kinder saßen in einem Kreis
+auf dem Boden und sortierten die Steine. Auf einer kleinen Schienenbahn
+rollten ein paar mit grauen Steinen beladene Wagen dahin, und am Waldessaum
+lagen kleine Arbeiterwohnungen.
+
+Der Junge konnte nicht begreifen, was das sein sollte, und aus vollem Halse
+rief er auf die Erde hinunter: »Was ist denn das für ein Ort, wo man so
+viele Feldsteine aus der Erde heraufholt?«
+
+»Hört den Dumrian! Hört den Dumrian!« zwitscherten die Sperlinge, die hier
+daheim waren und gut Bescheid wußten. »Er kann Eisenerz nicht von
+Feldsteinen unterscheiden! Er kann Eisenerz nicht von Feldsteinen
+unterscheiden!«
+
+Da erkannte der Junge, daß das, was er da unten sah, eine Grube war. Er war
+ziemlich enttäuscht, denn er hatte geglaubt, eine Grube müßte auf einem
+hohen Berg liegen, diese hier aber lag auf dem ebenen Boden zwischen zwei
+Hügeln.
+
+Bald hatten die Wildgänse die Grube hinter sich; der Junge saß wieder
+aufrecht und sah geradeaus, denn die Waldhügel und die Birkengehölze, die
+da unter ihm lagen, hatte er schon gar so oft gesehen. Da drang plötzlich
+eine starke Hitze von der Erde bis zu ihm herauf, und rasch mußte er sich
+wieder vorbeugen, um zu sehen, woher sie käme.
+
+Unter ihm lagen große Haufen Kohlen und Erz, und zwischen diesen stand ein
+hohes achteckiges, rotangestrichenes Gebäude, das eine ganze Flammengarbe
+zum Himmel hinaufsandte.
+
+Zuerst konnte sich der Junge nichts andres denken, als daß da unten eine
+Feuersbrunst ausgebrochen sei; aber als er sah, wie die Leute ruhig
+umhergingen und sich nicht im geringsten um das Feuer kümmerten, da wußte
+er gar nicht, was er daraus machen sollte.
+
+»Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn ein Haus
+in Flammen steht?« rief er auf die Erde hinunter.
+
+»Trala! der hat Angst vor dem Feuer!« zwitscherten die Finken, die am
+Waldrande nisteten und wohl wußten, was in ihrer Nachbarschaft vorging. »Er
+weiß nicht, wie das Eisen aus dem Erz herausgeschmolzen wird. Er kann das
+Feuer aus einem Schmelzofen nicht von einer Feuersbrunst unterscheiden!«
+
+Bald hatten die Wildgänse den Schmelzofen hinter sich, und der Junge
+schaute, wieder aufrecht sitzend, geradeaus, weil er meinte, in dieser
+Waldgegend sei nichts Besonderes zu sehen.
+
+Aber sie waren noch nicht weit gekommen, als aus der Tiefe der Erde ein
+fürchterlicher Lärm und Spektakel zu ihm heraufdrang, und als er
+hinunterschaute, fiel ihm zuerst ein Wasserfall auf, der über eine Felswand
+hinunterstürzte. Neben dem Wasserfall stand ein großes Gebäude mit einem
+schwarzen Dach und einem hohen Schornstein, der einen dicken mit Funken
+vermischten Rauch ausstieß. Vor dem Gebäude lagen Eisenklumpen und
+Eisenstangen und wirkliche kleine Berge von Kohlen. Der Boden war weit
+umher ganz schwarz, und nach allen Seiten hin erstreckten sich schwarze
+Pfade. Aus dem Gebäude heraus tönte ein unbeschreiblicher Lärm; es dröhnte
+und donnerte ununterbrochen, und es war, als ob sich jemand mit gewaltigen
+Schlägen gegen ein brüllendes wildes Tier zu verteidigen suchte. Aber
+merkwürdigerweise kümmerte sich niemand um das, was hier vorging. Eine
+Strecke weiterhin lagen Arbeiterwohnungen unter grünen Bäumen, und noch
+etwas weiter ragte ein großer weißer Herrensitz auf. Auf den Stufen vor den
+Arbeiterwohnungen spielten die Kinder seelenvergnügt, und in der Allee, die
+zum Herrenhofe führte, gingen die Leute vollkommen beruhigt spazieren.
+
+»Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn die
+Leute in dem Gebäude dort einander totschlagen?« rief der Junge hinunter.
+
+»Hak ak ak ak, der hat eine Ahnung! Hak ak ak ak!« lachte eine Elster.
+»Dort wird niemand in Stücke gerissen. Das Eisen siedet und zischt, wenn es
+unter den Hammer kommt.«
+
+Bald waren die Wildgänse auch über das Eisenwerk hinweggeflogen; der Junge
+hatte sich abermals aufgerichtet und schaute geradeaus, denn er dachte,
+jetzt sei hier im Walde gewiß nichts Besonderes mehr zu sehen.
+
+Nachdem sie eine Weile geflogen waren, hörte der Junge eine Glocke läuten,
+und noch einmal mußte er sich vorbeugen, um zu sehen, woher der Klang käme.
+
+Da sah er unter sich einen Bauernhof, wie er noch nie einen gesehen hatte.
+Das Wohnhaus war ein langes, rotangestrichenes, einstöckiges Gebäude; es
+war nicht einmal übermäßig groß, aber was den Jungen in Verwunderung
+setzte, waren die vielen großen, stattlichen Wirtschaftsgebäude, die
+daneben lagen. Der Junge wußte ungefähr, wie viele Nebengebäude zu einem
+Hofe gehörten, hier aber waren alle doppelt und dreifach vorhanden. So
+einen Überfluß an Wirtschaftsgebäuden hätte er sich nie träumen lassen. Und
+er konnte sich auch durchaus nicht denken, was darin aufbewahrt werden
+sollte, denn in der Nähe des Hofes waren fast gar keine bebauten Felder.
+Drinnen im Walde sah er wohl ein paar kleine Äcker; diese waren aber
+einerseits so klein, daß man sie kaum Äcker nennen konnte, und andrerseits
+stand auf jedem von ihnen schon eine Scheune, wo die zu erwartende Ernte
+untergebracht werden konnte.
+
+Auf dem Stallgebäude hing die Vesperglocke in einem Türmchen, und das
+Läuten dieser Glocke hatte der Junge vorhin vernommen. Eben ging der Bauer
+mit seinen Knechten nach der Küche, und der Junge sah, daß er ein
+zahlreiches stattliches Gesinde hatte.
+
+»Was sind das für Leute, die mitten im Walde, wo es doch kein Ackerland
+gibt, so große Höfe bauen?« rief der Junge hinunter.
+
+Auf dem Misthaufen stand der Hofhahn, und er blieb die Antwort nicht
+schuldig.
+
+»Kikeriki! Dies ist ein altes Bergwerk! Ein altes Bergwerk!« krähte er.
+»Die Äcker liegen unter der Erde! Die Äcker liegen unter der Erde!«
+
+Jetzt verstand der Junge. Das war kein gewöhnliches Waldland, über das man
+nur so hinfliegen durfte. Ringsum waren allerdings Wälder und Berge, diese
+aber bargen unglaublich viel Merkwürdiges in ihrer Mitte.
+
+Er sah Grubenfelder, wo die Hebebäume am Umfallen waren, weil die Erde
+durch Grubenlöcher schon ganz durchbohrt war, dann andre Grubenfelder, wo
+noch immer gearbeitet wurde; von diesen dröhnten dumpfe Sprengschüsse bis
+zu den Wildgänsen herauf, und in deren Nähe zogen sich die
+Arbeiterwohnungen wie ganze Dörfer am Waldrande hin. Er sah auch alte
+verlassene Schmiedewerkstätten, wo er durch die eingestürzten Dächer
+hindurch auf riesige eisenbeschlagene Hammerstiele und plump gemauerte
+Essen sehen konnte. Dann kamen wieder große Eisenwerke, wo so eifrig
+gearbeitet und gehämmert wurde, daß die Erde erzitterte. Tief drinnen in
+der Waldeinöde lagen still verborgen kleine Weiler, die aussahen, als
+wüßten sie gar nichts von dem Gelärm um sie her. Dann sah er Luftbahnen, an
+deren Drahtseilen die mit Erz beladenen Körbe lautlos hin und her glitten.
+In allen Wasserfällen drehten sich klappernde Räder, elektrische Leitungen
+führten durch den stillen Wald, und ungeheuer lange Eisenbahnzüge kamen
+dahergerollt, Züge von sechzig bis siebzig mit Erz und Kohlen, mit
+Eisenstangen und Stahldraht beladenen Wagen.
+
+Nachdem der Junge dies alles eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, konnte
+er sich nicht länger zurückhalten.
+
+»Wie heißt denn dieses Land hier, wo nichts als Eisen wächst?« fragte er,
+obgleich er jetzt wußte, daß die Vögel drunten ihn verspotten würden.
+
+Da fuhr ein alter Uhu, der in einer verlassenen Schmelzhütte eben ein
+Schläfchen machte, aus dem Traume auf, streckte seinen runden Kopf heraus
+und rief mit unheimlich krächzender Stimme: »Uhu, uhu, uhu! Das Land hier
+heißt Bergwerkdistrikt! Wenn hier kein Eisen wüchse, würden bis zum
+heutigen Tag nichts als Bären und Eulen hier wohnen.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+28
+
+Der Eisenhammer
+
+
+ Donnerstag, 28. April
+
+Der heftige Westwind blies fast den ganzen Tag hindurch, während die
+Wildgänse über den Bergwerkdistrikt hinflogen; und sobald sie sich gen
+Norden wenden wollten, wurden sie wieder ostwärts getrieben. Aber Akka
+glaubte, der Fuchs Smirre versuche ihnen durch den östlichen Teil des
+Landes zu folgen, deshalb wollte sie nicht nach dieser Seite fliegen, und
+so drehte sie einmal ums andre wieder um und arbeitete sich mühselig gen
+Westen zurück. Auf diese Weise kamen die Wildgänse nur sehr langsam
+vorwärts, und am Nachmittag waren sie noch immer im Bergwerkdistrikt von
+Westmanland. Gegen Abend legte sich indes der Wind, und die ermatteten
+Reisenden hofften vor Sonnenuntergang mit Leichtigkeit noch eine gute
+Strecke zurücklegen zu können. Aber da fuhr plötzlich eine heftige
+Windsbraut daher, die die Wildgänse wie Bälle vor sich hertrieb, und der
+Junge, der ganz sorglos dasaß und an nichts Böses dachte, wurde unvermutet
+von dem Gänserücken aufgehoben und in den weiten Luftraum
+hinausgeschleudert.
+
+Der Junge war indes so klein und leicht, daß er bei dem heftigen Sturm
+nicht geradeswegs auf die Erde hinunterfiel, sondern zuerst eine Strecke
+weit mit dem Winde fortgetrieben wurde, dann erst sank er langsam und
+flatternd hinunter, gerade wie ein Blatt, das von einem Baum herabwirbelt.
+
+»O das ist nicht gefährlich!« dachte der Junge noch im Fallen. »Ich sinke
+so langsam auf den Boden hinunter, wie wenn ich ein Blatt Papier wäre.
+Gänserich Martin wird schon heruntersausen und mich auflesen.«
+
+Als er unten auf der Erde angekommen war, riß er zuerst die Mütze vom Kopfe
+und winkte mit ihr, damit der Gänserich sehen könnte, wo er war. »Hier bin
+ich, wo bist du? Hier bin ich, wo bist du?« rief er und war fast erstaunt,
+als der Gänserich Martin nicht schon neben ihm stand.
+
+Aber der große Weiße war nirgends zu sehen, und ebensowenig hob sich die
+Schar der Wildgänse irgendwo vom Himmel ab. Sie waren spurlos verschwunden.
+
+Dies kam zwar dem Jungen etwas sonderbar vor, aber er beunruhigte sich
+deshalb nicht. Es fiel ihm keinen Augenblick ein, Mutter Akka und der
+Gänserich Martin könnten ihn im Stiche lassen. Er dachte, der heftige
+Windstoß habe sie wohl mitgenommen, und sobald sie umdrehen könnten, würden
+sie zurückkehren, ihn zu holen.
+
+Aber was war denn das? Wo befand er sich denn eigentlich? Zuerst hatte er
+immer nur zum Himmel hinaufgeschaut, um die Wildgänse zu entdecken, aber
+jetzt hatte er sich plötzlich umgesehen. Er war gar nicht auf die ebene
+Erde hinabgefallen, sondern in eine tiefe, weite Bergschlucht, oder was es
+sonst sein mochte. Es war ein Raum, so groß wie eine Kirche, mit fast
+senkrechten Felswänden auf allen Seiten, ohne irgend ein Dach darüber. Auf
+dem Boden lagen einige große Felsblöcke zerstreut, und zwischen diesen
+wuchs Moos und Heidekraut und kleine, niedrige Birken. Da und dort waren an
+den Felswänden hervorspringende Felsen, und von diesen hingen zerbrochene
+Leitern herab. Auf der einen Seite gähnte ein tiefes Gewölbe, das aussah,
+als ginge es weit, weit in den Berg hinein.
+
+Der Junge war nicht umsonst einen ganzen Tag lang über die vielen Bergwerke
+hingeflogen. Er erriet gleich, daß diese große Schlucht von Menschen
+geschaffen worden war, die in alten Zeiten hier Erz aus dem Gebirge
+gebrochen hatten. »Ich muß gleich versuchen, ob ich hinaufklettern kann,«
+dachte er, »denn sonst finden mich meine Reisekameraden am Ende nicht
+mehr.«
+
+Er wollte gerade an die Felswand herangehen, als er sich von hinten
+angefaßt fühlte und eine rauhe Stimme vernahm, die ihm ins Ohr brummte:
+»Was bist denn du für ein Geschöpf?«
+
+Rasch wendete sich der Junge um, und in der ersten Bestürzung glaubte er
+einem großen, mit langem braunem Moos bedeckten Felsblock gegenüber zu
+stehen; aber dann sah er, daß der Felsblock breite Füße, einen Kopf, Augen
+und ein großes brummendes Maul hatte.
+
+Der Junge brachte kein Wort heraus, und das große Tier schien auch gar
+keine Antwort zu erwarten. Es warf den kleinen Wicht um, rollte ihn mit der
+Tatze hin und her und schnupperte an ihm herum. Es sah aus, als wollte es
+den Jungen im nächsten Augenblick verschlingen, doch da schien es sich
+anders zu besinnen und rief: »Murre und Brumme, kommt, kommt! Hier ist ein
+guter Bissen für euch!«
+
+Augenblicklich kamen zwei zottelige Junge dahergetrottet, die noch unsicher
+auf den Beinen waren und eine ganz weiche Haut wie junge Hunde hatten.
+
+»Was hast du denn gefunden, Bärenmutter? Dürfen wir es sehen?« riefen die
+Jungen.
+
+»Na, da bin ich also unter die Bären geraten,« dachte der Junge. »Ja, nun
+kann sich Smirre wohl die Mühe sparen, noch länger hinter mir herzujagen.«
+
+Mit ihrer Schnauze schob die Bärenmutter den Fund ihren Jungen zu; das eine
+packte ihn auch sogleich mit dem Maule und lief mit ihm davon. Aber es biß
+nicht hart zu, denn es war ausgelassen und wollte erst eine Weile mit dem
+Däumling spielen, ehe es ihn umbrächte. Das zweite Junge lief hinter dem
+ersten her, ihm das Spielzeug abzujagen; es humpelte und trottete aber so
+schwerfällig daher, daß es seinem Bruder, der den Jungen in der Schnauze
+hatte, gerade auf den Kopf fiel. Und dann wälzten sich die beiden
+übereinander, bissen und balgten sich und brummten dazu.
+
+Während die beiden jungen Bären so beschäftigt waren, gelang es dem Jungen
+zu entwischen; er rannte hurtig zu der Felswand hin und begann
+hinaufzuklettern.
+
+Aber die beiden Bärenjungen stürzten hinter ihm her, kletterten rasch und
+behende die Wand hinauf, holten den Jungen ein und warfen ihn wie einen
+Ball aufs Moos hinunter.
+
+»Nun weiß ich doch, wie es einem armen Mäuschen zumute sein muß, wenn es in
+die Krallen einer Katze geraten ist,« dachte der Junge.
+
+Noch mehrere Male versuchte er zu entwischen; er lief weit in den alten
+Grubengang hinein, verbarg sich hinter Steinblöcken und kletterte auf die
+Birken hinauf; aber wo er sich auch zu verstecken suchte, die jungen Bären
+fanden ihn überall. Und sobald sie ihn gefangen hatten, ließen sie ihn
+wieder los, damit er aufs neue entfliehen sollte und sie ihn abermals
+einfangen könnten.
+
+Schließlich war der Junge so müde und der ganzen Geschichte so überdrüssig,
+daß er sich platt auf den Boden warf. »Lauf, lauf!« brummten die jungen
+Bären. »Sonst fressen wir dich!«
+
+»Ja, tut es nur,« sagte der Junge, »ich kann nicht mehr laufen.«
+
+Rasch liefen die beiden Jungen zu der Bärenmutter hin. »Bärenmutter,
+Bärenmutter!« klagten sie. »Er will nicht mehr spielen!«
+
+»Nun, dann nehmt ihn und verteilt ihn unter euch,« sagte die Bärenmutter.
+Aber als der Junge das hörte, erschrak er so sehr, daß er das Spiel
+sogleich wieder aufnahm.
+
+Als es Schlafenzeit war und die Bärenmutter ihre Jungen herbeirief, damit
+sie sich dicht neben ihr niederlegen sollten, waren sie so vergnügt
+gewesen, daß sie sich am nächsten Tag an demselben Spiel ergötzen wollten.
+Sie nahmen den Jungen mit, legten ihre Tatzen auf ihn; so konnte er sich
+nicht rühren, ohne daß sie erwachten. Sie schliefen auch gleich ein, und
+der Junge dachte, er werde nach einer Weile einen Versuch machen können,
+sich davonzuschleichen. Aber der arme Kerl war in seinem ganzen Leben noch
+nie so hin und her geworfen und gerollt, noch nie so herumgejagt und wie
+ein Kreisel herumgedreht worden, er war todmüde und schlief deshalb auch
+gleich ein.
+
+Nach einer Weile kam auch der Bärenvater nach Hause. Er kletterte die
+Felswand herunter, und der Junge erwachte von dem Gerassel der
+herabrollenden Steine, als der Alte sich in die Grube hinuntergleiten ließ.
+Er war ein furchtbar großer Bär mit gewaltigen Gliedmaßen, einem riesigen
+Rachen, großen, blendendweißen Eckzähnen und kleinen, boshaften Augen. Dem
+Jungen lief unwillkürlich ein kalter Schauder den Rücken hinab, als er
+diesen alten Waldkönig erblickte.
+
+»Es riecht hier nach Menschen!« sagte der Bärenvater, gleich als er bei der
+Bärin angekommen war, und dabei stieß er ein dröhnendes Brummen aus.
+
+»Wie kannst du dir so etwas Dummes einbilden,« erwiderte die Bärin und
+blieb ganz ruhig auf ihrem Platze liegen. »Es ist zwar ausgemacht, daß wir
+den Menschen keinen Schaden mehr zufügen; aber wenn einer hierherkäme, wo
+ich und die Jungen unsern Aufenthaltsort haben, dann wäre bald nicht mehr
+so viel von ihm übrig, daß du es riechen könntest.«
+
+Der Bärenvater legte sich neben der Bärin nieder; er schien aber mit der
+Antwort, die sie ihm gegeben hatte, nicht recht zufrieden zu sein, denn er
+schnupperte und witterte immer wieder von neuem.
+
+»Hör doch auf mit diesem Geschnupper!« sagte die Bärenmutter. »Nachgerade
+solltest du mich doch so gut kennen, daß ich den Jungen niemand nahe kommen
+lasse, der ihnen etwas zuleide tun könnte. Erzähl mir lieber, was du getan
+hast, denn ich habe dich ja seit acht Tagen nicht mehr gesehen.«
+
+»Ich habe mich nach einer andern Wohnung für uns umgesehen,« begann der
+Bärenvater. »Zuerst ging ich nach Wärmland hinein, um von den Verwandten in
+Nyskoge zu hören, wie es ihnen ginge. Aber diese Mühe hätte ich mir sparen
+können, denn sie sind gar nicht mehr dort. In dem ganzen Wald ist nicht
+eine einzige Bärenhöhle mehr bewohnt.«
+
+»Ich glaube, die Menschen wollen den ganzen Wald für sich allein haben,«
+erwiderte die Bärin. »Selbst wenn wir sie mitsamt ihrem Vieh ganz in
+Frieden lassen und uns von nichts als von Preiselbeeren, Ameisen und
+Kräutern nähren, dürfen wir nicht im Walde bleiben. Ich möchte wissen, wo
+wir eigentlich hin sollen, um einen sichern Aufenthaltsort zu finden.«
+
+»Hier in dieser Grube ist es uns freilich seit Jahren ausgezeichnet
+gegangen,« sagte der Bärenvater. »Aber seit das große Klopfwerk dicht neben
+uns errichtet worden ist, kann ich es eben hier nicht mehr aushalten.
+Schließlich habe ich mich dann noch östlich vom Dalälf, in der Nähe von
+Garpenberg umgesehen. Dort gibt es auch noch viele Grubenlöcher und andre
+gute Schlupfwinkel, und es kam mir vor, als könnte man dort ziemlich sicher
+vor den Menschen sein ...«
+
+In dem Augenblick, wo der Bärenvater dies sagte, richtete er sich auf und
+fing wieder an zu schnuppern. »Es ist doch merkwürdig, sobald ich von
+Menschen spreche, steigt mir dieser Geruch wieder in die Nase,« sagte er.
+
+»Dann geh und sieh selber nach, wenn du mir nicht glaubst,« sagte die
+Bärin. »Ich möchte wohl wissen, wo hier ein Mensch verborgen sein sollte?«
+
+Schnuppernd ging der Bär in der Höhle umher. Schließlich kehrte er
+unverrichteter Sache zu der Bärenmutter zurück und legte sich neben ihr
+nieder.
+
+»Hab ich nicht recht gehabt?« fragte sie. »Aber du meinst natürlich, außer
+dir habe niemand Augen und Ohren.«
+
+»Bei der Nachbarschaft, die wir haben, kann man nie vorsichtig genug sein,«
+sagte der Bär ruhig. Aber plötzlich fuhr er mit großem Gebrüll empor:
+Unglücklicherweise hatte einer von den jungen Bären seine Tatze auf Nils
+Holgerssons Gesicht hingeschoben, dies hatte dem Jungen den Atem benommen,
+und er hatte niesen müssen.
+
+Jetzt konnte die Bärin den alten Bären nicht mehr beschwichtigen. Ein
+Junges flog nach rechts, das andre nach links, und dann sah er Nils
+Holgersson, ehe dieser sich aufrichten konnte.
+
+Und er hätte ihn auch mit einem Happ hinuntergeschluckt, wenn sich die
+Bärenmutter nicht ins Mittel gelegt hätte. »Rühr ihn nicht an! Das ist den
+Jungen ihr Spielzeug. Sie sind den ganzen Abend so vergnügt mit ihm
+gewesen, daß sie ihn nicht aufaßen, sondern für morgen früh aufgehoben
+haben.«
+
+Aber der Bär stieß die Bärin weg. »Mische dich nicht in das, was du nicht
+verstehst!« brummte er. »Merkst du denn nicht, daß es schon von weitem nach
+Menschen riecht? Sogleich werde ich ihn fressen, sonst spielt er uns irgend
+einen schlimmen Streich.«
+
+Wieder sperrte er das Maul auf. Indessen aber hatte der Junge ein wenig
+nachdenken können, und dann hatte er in aller Eile seine Zündhölzer aus
+seinem Ränzel herausgerissen -- das war das einzige Verteidigungsmittel,
+das er hatte. Er rieb eins an seinen Lederhosen an und steckte dem Bären
+das brennende Streichholz in den Rachen.
+
+Der Bär fauchte, als ihm der Schwefelgeruch in die Nase stieg, und damit
+war die Flamme gelöscht. Der Junge hielt schon ein zweites Zündholz bereit,
+aber merkwürdigerweise griff ihn der Bär nicht wieder an.
+
+»Kannst du viele solche blaue Blumen anzünden?« fragte der Bär.
+
+»So viele, daß ich den Wald einäschern könnte,« antwortete der Junge, denn
+er glaubte, er könne den Bären dadurch in Angst versetzen.
+
+»Könntest du vielleicht ein Haus oder einen ganzen Hof anzünden?« fragte
+der Bär.
+
+»Das wäre keine Kunst für mich,« prahlte der Junge, in der Hoffnung, sich
+bei dem Bären in Respekt zu setzen.
+
+»Das ist gut,« sagte der Bär. »Dann mußt du mir einen Dienst leisten. Jetzt
+bin ich froh, daß ich dich nicht aufgefressen habe.«
+
+Damit nahm der Bärenvater den Jungen ganz sachte und vorsichtig zwischen
+die Zähne und begann mit ihm die Felswand hinaufzuklettern. Es ging
+unbegreiflich leicht und hurtig, obgleich der Bär so groß und schwer war,
+und sobald er oben angekommen war, rannte er eiligst in den Wald hinein.
+Auch hier ging es rasch vorwärts; es war klar, der Bär war wie dazu
+geschaffen, sich einen Weg durch dichte Wälder hindurch zu bahnen. Sein
+plumper Körper schob sich durchs Gestrüpp hindurch, wie ein Boot durch das
+Röhricht im Wasser hindurchgleitet.
+
+»Sieh dir nun das große Klopfwerk dort unten an,« sagte der Bär zu dem
+Jungen.
+
+Der große Eisenhammer mit seinen vielen mächtigen Gebäuden lag am Rande
+eines Wasserfalls. Riesige Schornsteine sandten schwarze Rauchwolken empor,
+die Feuer der Schmelzöfen züngelten hell auf, alle Fenster und Luken waren
+erleuchtet. Da drinnen waren die Hämmer und Walzwerke im Gang, und es wurde
+mit voller Kraft gearbeitet, daß einem von dem Gerassel und Gedröhne die
+Ohren gellten. Rings um die Werkstätten herum lagen ungeheure Kohlenställe,
+große Schlackenhaufen, Packhäuser, Bretterstapel und Werkzeugschuppen. Eine
+kleine Strecke davon befanden sich lange Reihen von Arbeiterwohnungen,
+schöne Villen, Schulhäuser, Vereinshäuser und Kaufläden. Aber dort war
+alles still und wie eingeschlafen. Der Junge sah nicht dorthin, er hatte
+nur Augen für den Eisenhammer. Der Boden ringsumher war kohlschwarz, der
+Himmel wölbte sich herrlich dunkelblau über den aus den Schmelzöfen
+herausschlagenden Flammen, der Wasserfall rauschte weißschäumend herunter,
+die Gebäude selbst standen riesengroß da und stießen Licht und Rauch und
+Feuer und Funken heraus. Es war das großartigste Bild, das der Junge jemals
+gesehen hatte.
+
+»Du willst doch wohl nicht behaupten, daß du so ein großes Gebäude in Brand
+stecken könntest?« fragte der Bärenvater.
+
+Da war nun der Junge zwischen den Bärentatzen eingeklemmt, und er war
+überzeugt, wenn er überhaupt mit dem Leben davonkommen sollte, mußte er dem
+Bären Respekt vor seiner Geschicklichkeit beibringen. »Ein großes oder
+kleines Gebäude, das ist mir ganz einerlei,« sagte er deshalb. »Ich kann es
+gut in Brand stecken.«
+
+»Dann will ich dir etwas sagen,« fuhr der Bär fort. »Meine Vorfahren haben
+von der Zeit an, wo der Wald hier heranwuchs, in dieser Gegend gewohnt. Ich
+habe das Jagdgebiet und die Weideplätze, die Höhlen und Schlupfwinkel von
+ihnen geerbt und mein ganzes Leben lang in Ruhe und Frieden hier gewohnt.
+Im Anfang störten mich die Menschen nur wenig. Sie kamen daher, hackten an
+den Bergen herum, holten etwas Erz heraus und bauten am Wasserfall einen
+Eisenhammer und einen Schmelzofen. Der Hammer dröhnte nur ein paarmal am
+Tage, der Schmelzofen wurde nie länger als ein paar Mondwechsel lang
+geheizt, und darein konnte ich mich schon finden. Aber seit die Menschen
+vor einigen Jahren dieses Klopfwerk da errichtet haben, das Tag und Nacht
+hindurch gleichmäßig weitergeht, kann ich es nicht mehr aushalten. Früher
+waren nur ein Fabrikdirektor und einige Schmiede da, aber jetzt sind eine
+Unmenge Leute hier, und ich bin nie mehr sicher vor ihnen. Ich glaubte
+schon, ich müßte fortziehen, aber jetzt hab ich etwas Besseres
+herausgefunden.«
+
+Der Junge überlegte, was der Bärenvater wohl ausgeheckt habe; aber er hatte
+keine Zeit mehr, zu fragen, denn jetzt nahm ihn der Bär wieder zwischen die
+Zähne und trottete mit ihm dem Hügel zu. Der Junge konnte nichts sehen;
+aber an dem zunehmenden Getöse erriet er, daß sie sich dem Eisenhammer
+näherten.
+
+Der Bärenvater kannte den Eisenhammer genau. In dunkeln Nächten war er oft
+herumgestreift und hatte beobachtet, was da drinnen vorging, und sich
+gefragt, ob man denn niemals mit der Arbeit aussetze. Er hatte mit den
+Tatzen an den Mauern zu rütteln versucht und nur gewünscht, so stark zu
+sein, daß er das ganze Gebäude mit einem Schlage zerschmettern könnte.
+
+Der Bär war von dem schwarzen Boden nicht leicht zu unterscheiden, und wenn
+er sich überdies im Schatten der Mauern hielt, schwebte er nicht gerade in
+Gefahr, entdeckt zu werden. Jetzt ging er ohne Furcht zwischen die
+Werkstätten hinein und kletterte auf einen Schlackenhaufen; hier stellte er
+sich auf die Hinterbeine, nahm den Jungen zwischen die Vorderbeine und hob
+ihn in die Höhe. »Probiere, ob du in das Haus hineinsehen kannst!« sagte
+er.
+
+In dem Eisenhammer waren sie gerade beim Bessemerblasen. Oben an der Decke
+hing eine große schwarze, runde, mit geschmolzenem Eisen gefüllte Kugel; in
+diese wurde ein starker Luftstrom hineingepreßt. Und als diese Luft mit
+furchtbarem Getöse in die Eisenmasse hineindrang, stob ein ganzer
+Funkenschwall heraus. In Strahlen, in Garben, in langen Dolden fuhren die
+Funken empor. Sie hatten die verschiedensten Farben, waren groß und klein,
+brachen sich an der Wand und flogen in dem ganzen Saale herum. Der
+Bärenvater ließ den Jungen das prächtige Schauspiel genießen, bis die Leute
+mit dem Blasen fertig waren und der rote flüssige, schönglänzende Stahl aus
+der runden Kugel heraus in ein paar Gefäße floß. Dem Jungen kam alles, was
+er da sah, wundervoll vor; er war ganz hingerissen davon und hatte fast
+vergessen, daß er zwischen zwei Bärentatzen gefangen saß.
+
+Jetzt ließ der Bärenvater den Jungen auch in das Walzwerk hineinsehen. Ein
+Arbeiter nahm eben ein kurzes, dickes Stück Eisen aus dem Ofen heraus und
+legte es dann unter eine Walze. Als die Eisenstange unter der Walze wieder
+hervorkam, war sie zusammengepreßt und in die Länge gezogen. Rasch ergriff
+sie ein andrer Arbeiter und steckte sie unter eine härtere Walze, die sie
+noch länger und dünner preßte. So ging es von Walze zu Walze; die
+Eisenstange wurde gestreckt und gezogen und schlängelte sich schließlich
+als ein mehrere Meter langer rotglühender Draht am Boden hin. Aber während
+das erste Stück Eisen also gepreßt wurde, hatten die Arbeiter ein zweites
+aus dem Ofen herausgenommen und unter die Walzen gelegt, und nachdem dieses
+halbwegs fertig war, holten sie ein drittes. Unaufhörlich schlängelten sich
+neue rotglühende Drähte wie zischende Schlangen auf dem Boden hin. Dem
+Jungen gefiel dies alles außerordentlich gut; aber noch besser gefielen ihm
+die Arbeiter, die leicht und behende die glühenden Stangen mit ihren Zangen
+packten und sie unter die Walzen hinunterzwangen. Wie spielend hantierten
+sie da mit dem glühenden Eisen. »Das ist eine richtige Mannesarbeit, das
+muß ich sagen,« flüsterte der Junge vor sich hin.
+
+Jetzt ließ der Bär den Jungen auch in die Schmelzhütte und in die
+Eisenschmiede hineinsehen; da sperrte er vor Verwunderung Mund und Nase
+auf. »Diese Leute haben keine Angst vor Hitze und Flammen,« dachte er.
+Schwarz und rußig waren sie auch, und sie kamen ihm wie eine Art
+Feuermenschen vor, weil sie imstande waren, das Eisen nach Belieben zu
+biegen und zu formen. Er konnte sich gar nicht denken, daß gewöhnliche
+Menschen wirklich solche Macht hätten.
+
+»So geht es da drinnen Tag um Tag, Nacht um Nacht weiter,« klagte der Bär
+und legte sich auf den Boden. »Nein, es ist auf die Dauer nicht zum
+Aushalten, das wirst du begreifen. Deshalb bin ich goldfroh, daß ich der
+Sache jetzt ein Ende machen kann.«
+
+»So, das könnt Ihr,« fragte der Junge. »Wie wollt Ihr denn das anfangen?«
+
+»Nun, ich meine, du sollst die Gebäude hier in Brand stecken,« sagte der
+Bär. »Dann bekäme ich Ruhe vor dem ewigen Spektakel und könnte in meiner
+alten Heimat verbleiben.«
+
+Dem Jungen lief es eiskalt den Rücken hinunter. Also deshalb hatte der
+Bärenvater ihn hierhergebracht!
+
+»Wenn du das Klopfwerk anzündest, dann schenke ich dir das Leben, wenn du
+aber nicht tust, was ich will, wird es bald aus mit dir sein.«
+
+Die großen Werkstätten hatten dicke Backsteinmauern, und der Junge dachte,
+der Bärenvater habe gut befehlen, das Gehorchen sei ihm von selbst
+unmöglich gemacht. Im nächsten Augenblick jedoch erkannte er, daß es
+vielleicht doch nicht so ganz unmöglich wäre. Dicht neben ihnen lag ein
+Haufen Stroh und Hobelspäne, die er leicht anzünden konnte; neben den
+Spänen ragte ein Stapel Bretter auf, und die Bretter reichten bis dicht an
+einen großen Kohlenschuppen heran. Der Kohlenschuppen stieß an die
+Werkstätten; und wenn diese in Brand gerieten, griff das Feuer bald auf das
+Dach des Eisenhammers hinüber. Alles, was brennen konnte, fing dann Feuer,
+die Mauern barsten vor Hitze, und die Maschinen würden vollständig
+zerstört.
+
+»Nun, willst du, oder willst du nicht?« fragte der Bär.
+
+Der Junge wußte, daß er sofort nein sagen sollte; aber er wußte auch, daß
+ihn dann die Bärentatzen, die ihn noch immer festhielten, mit einem
+einzigen Griff zerdrückten. Deshalb sagte er: »Ich muß es mir zuerst etwas
+überlegen.«
+
+»Nun, so tu es,« brummte der Bär. »Aber ich will dir noch etwas sagen. Das
+Eisen ist es, das den Menschen eine solche Macht über uns Bären verliehen
+hat, und auch aus diesem Grunde will ich der Arbeit hier ein Ende gemacht
+haben.«
+
+Der Junge wollte die Bedenkzeit benützen, um irgend etwas herauszufinden,
+wodurch er entwischen könnte; aber er war so von Angst überwältigt, daß er
+gar nicht Herr über seine Gedanken werden konnte, sondern nur immer daran
+denken mußte, welche große Hilfe das Eisen doch für die Menschen sei. Sie
+brauchten ja das Eisen zu allem. Aus Eisen bestand die Pflugschar, die das
+Feld umpflügte, aus Eisen die Axt, die das Haus baute, aus Eisen die Sense,
+die das Getreide schnitt, aus Eisen das Messer, das zu allem möglichen
+gebraucht wurde. Aus Eisen bestand der Zaum, der das Pferd lenkte, das
+Schloß, das die Tür verschloß, die Nägel, die die Möbel zusammenhielten,
+die Platten, die das Dach deckten. Das Gewehr, das die wilden Tiere
+ausgerottet hatte, war aus Eisen, und ebenso der Pickel, der in der Grube
+das Erz heraushackte. Eisen bekleidete die Kriegsschiffe, die der Junge in
+Karlskrona gesehen hatte, auf Eisenschienen rollten die Lokomotiven durchs
+Land; aus Eisen bestand die Nadel, die das Kleid nähte, die Schere, die die
+Schafe schor, der Topf, in dem das Essen gekocht wurde. Das Große und das
+Kleine, alles, was nützlich und unentbehrlich war, bestand aus Eisen. Ja,
+der Bärenvater hatte ganz recht, das Eisen war es, das den Menschen die
+Übermacht über die Bären gegeben hatte.
+
+»Nun, willst du, oder willst du nicht?« fragte der Bär noch einmal.
+
+Der Junge fuhr auf. Da hatte er nun an vollständig unnötige Sachen gedacht
+und noch nichts herausgefunden, was ihn retten könnte.
+
+»Seid doch nicht so ungeduldig,« sagte er. »Dies ist eine sehr wichtige
+Sache für mich, und ich muß ordentlich Zeit zum Überlegen haben.«
+
+»Nun, dann überleg dirs noch eine Weile,« sagte der Bärenvater. »Aber das
+will ich noch sagen: das Eisen ist schuld daran, daß die Menschen soviel
+klüger geworden sind als wir Bären, und gerade deshalb möchte ich der
+Arbeit hier ein Ende machen.«
+
+Als der Junge diese neue Bedenkzeit gewonnen hatte, wollte er sie zum
+Entwerfen eines Rettungsplanes anwenden. Aber er konnte und konnte in
+dieser Nacht seine Gedanken nicht zusammenhalten, sie beschäftigten sich
+immer wieder mit dem Eisen. Da ging ihm allmählich ein helles Licht darüber
+auf, was die Menschen hatten alles denken und ausklügeln müssen, bis sie
+herausgebracht hatten, wie sie das Eisen aus dem Erz herausschmelzen
+könnten; und er sah plötzlich ganz deutlich die alten schwarzen Schmiede
+vor sich, die sich über die Esse beugten und darüber nachgrübelten, wie sie
+die Sache richtig angreifen müßten. Und vielleicht gerade deshalb, weil sie
+so lange hatten darüber nachgrübeln müssen, war den Menschen der Verstand
+gewachsen, daß sie schließlich so große Fabriken hatten bauen können. Ja,
+ja, darüber konnte kein Zweifel herrschen, die Menschen verdankten dem
+Eisen mehr, als sie sich selbst bewußt waren.
+
+»Nun, wie stehts?« fragte der Bärenvater. »Willst du, oder willst du
+nicht?«
+
+Der Junge fuhr zusammen. Noch immer nahmen ihn unnötige Gedanken gefangen,
+obgleich er nicht wußte, was er tun sollte, um zu entwischen! »Die Wahl ist
+gar nicht so leicht, wie Ihr meint,« sagte er. »Gebt mir noch ein wenig
+Bedenkzeit, Bärenvater.«
+
+»Eine kleine Weile will ich noch warten,« sagte der Bär. »Aber dann gibts
+keine Ausflucht mehr. Ich sage dir, dem Eisen allein verdanken es die
+Menschen, daß sie hier im Bärenland wohnen können, und eben deshalb will
+ich ihnen die Fabrik hier zerstören.«
+
+»Diese letzte Bedenkzeit will ich mir aber nun zunutze machen,« dachte der
+Junge. Doch ängstlich und verwirrt, wie er war, konnte er durchaus nicht
+Herr über seine Gedanken werden, und diese beschäftigten sich jetzt mit
+allem, was er gesehen hatte, während er auf dem Rücken des Gänserichs über
+den Bergwerkdistrikt hingeflogen war. Ja, ja, es war merkwürdig, wie viel
+Leben und Bewegung und wie viel nützliche Arbeit in der Wildnis erstanden
+war! Wie arm und öde wäre es doch da, wenn es kein Eisen gäbe! Der Junge
+dachte an den Eisenhammer hier, der, seit er gebaut worden war, so vielen
+Menschen ihr tägliches Brot gab, der so viele von Menschen bewohnte Häuser
+um sich versammelt und Eisenbahnen und Telegraphendrähte herbeigezogen
+hatte, und der in die Welt hinaus ...
+
+»Nun, wie stehts?« fragte der Bär. »Willst du, oder willst du nicht?«
+
+Der Junge fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Keinerlei Rettung hatte er
+sich ausgedacht; aber so viel wußte er, daß er nichts gegen das Eisen
+unternehmen würde, gegen das Eisen, dem reich und arm so viel verdankte und
+das so vielen Menschen in diesem Land das tägliche Brot gab.
+
+»Ich will nicht,« sagte der Junge.
+
+Ohne etwas zu sagen, drückte der Bärenvater seine Tatzen fester zusammen.
+
+»Ihr werdet mich nie dazu bringen, den Eisenhammer zu zerstören,« sagte der
+Junge. »Denn das Eisen ist ein großer Segen, und es wäre unrecht, sich
+daran zu vergreifen.«
+
+»Dann erwartest du wohl auch nicht, daß ich dich am Leben lasse?« fragte
+der Bär.
+
+»Nein, das erwarte ich nicht,« antwortete der Junge und sah dem Bären fest
+in die Augen.
+
+Der Bärenvater drückte die Tatzen immer fester zusammen. Es tat sehr weh,
+und dem Jungen traten die Tränen in die Augen; aber er schwieg und sagte
+kein Wort.
+
+»Gut! Eins, zwei, dr..!« sagte der Bär und hob langsam die eine Tatze, denn
+er hoffte bis zuletzt, der Junge werde nachgeben.
+
+In diesem Augenblick hörte der Junge ganz in der Nähe etwas knacken, und
+nur ein paar Schritte entfernt sah er einen glänzenden Gewehrlauf blitzen.
+Er und der Bärenvater waren beide vollständig mit sich selbst beschäftigt
+gewesen und hatten deshalb gar nicht gemerkt, daß sich ein Mensch bis dicht
+zu ihnen herangeschlichen hatte.
+
+»Bärenvater!« schrie der Junge. »Hört Ihr nichts? Es hat jemand einen Hahn
+gespannt! Flieht, flieht, sonst werdet Ihr erschossen!«
+
+Wie der Blitz sprang der Bär auf, fand aber doch noch Zeit, den Jungen
+mitzunehmen. Ein paar Schüsse knallten hinter ihm her, und die Kugeln
+pfiffen ihm um die Ohren, trafen ihn aber nicht.
+
+Während der Junge nun so im Maule des Bären hing, dachte er, so dumm wie in
+dieser Nacht sei er doch noch nie gewesen. Wenn er nur geschwiegen hätte,
+dann wäre der Bär erschossen worden, und er hätte entwischen können. Aber
+er hatte sich so daran gewöhnt, den Tieren zu helfen, daß er es ganz
+unwillkürlich tat.
+
+Als der Bär ein Stück weit in den Wald hineingelaufen war, blieb er stehen
+und stellte den Jungen auf den Boden. »Ich danke dir, Kleiner,« sagte er.
+»Wenn du nicht gewesen wärest, hätten die Kugeln sicher besser getroffen.
+Und nun will ich dir einen Gegendienst leisten. Wenn du je wieder mit einem
+Bären zusammentriffst, dann sage nur das zu ihm, was ich dir jetzt ins Ohr
+flüstere, und dann wird er dich nicht anrühren.«
+
+Hierauf sagte der Bärenvater dem Jungen ganz leise ein paar Worte ins Ohr
+und trottete dann eiligst davon, denn er glaubte zu hören, daß die Hunde
+und Jäger ihn verfolgten.
+
+Der Junge aber stand allein im Walde, frei und unverletzt, und konnte
+selbst kaum glauben, daß es so war.
+
+ * * * * *
+
+Die Wildgänse waren den ganzen Abend immerfort hin und her geflogen, hatten
+gespäht und gerufen, aber keinen Däumling finden können. Sie suchten auch
+noch weiter, nachdem schon die Sonne untergegangen war, und als es so
+dunkel wurde, daß es Schlafenszeit für sie war, fühlten sich alle sehr
+niedergedrückt. Sie glaubten, der Junge sei beim Hinunterfallen verunglückt
+und liege nun irgendwo tot im Waldgestrüpp, wo sie ihn nicht sehen könnten.
+
+Aber am nächsten Morgen, als die Sonne das Gesicht über die Berge erhob und
+die Gänse weckte, siehe! da lag der Junge wie gewöhnlich ruhig schlafend
+mitten unter ihnen, und als er erwachte und ihr verwundertes Geschrei und
+Geschnatter hörte, mußte er hell auflachen.
+
+Die Gänse waren äußerst begierig, zu hören, was passiert war, ja, sie
+wollten nicht einmal auf die Weide gehen, ehe sie die ganze Geschichte
+erfahren hatten. Da berichtete der Junge rasch und vergnügt sein ganzes
+Abenteuer mit dem Bären, aber dann schien er plötzlich nicht weiter
+erzählen zu wollen. »Nun, wie ich zu euch zurückgekommen bin, das wißt ihr
+wohl schon,« sagte er.
+
+»Nein, nein, wir wissen gar nichts! Wir glaubten, du habest dich zu Tod
+gefallen!«
+
+»Das ist doch merkwürdig,« sagte der Junge. »Denn als der Bärenvater mich
+verlassen hatte, kletterte ich auf eine Tanne und schlief ein. Aber beim
+ersten Morgengrauen erwachte ich davon, daß ein Adler auf mich zusauste,
+mich in seine Klauen nahm und mit mir davonflog. Ich dachte natürlich,
+jetzt sei es aus mit mir. Aber er tat mir gar nichts zuleide, flog nur
+geradeswegs hierher und setzte mich mitten unter euch ab.«
+
+»Sagte er nicht, wer er sei?« fragte der große Weiße.
+
+»Ehe ich mich bedanken konnte, war er schon verschwunden. Ich glaubte,
+Mutter Akka habe ihn geschickt, mich zu holen.«
+
+»Das ist wirklich merkwürdig,« sagte der Gänserich. »Bist du auch sicher,
+daß es ein Adler war?«
+
+»Ich habe zwar noch nie einen Adler gesehen,« sagte der Junge. »Aber der
+Vogel war so groß, daß ich keinen andern Namen für ihn wüßte.«
+
+Der Gänserich Martin wendete sich an die Wildgänse und fragte sie, was sie
+von der Sache hielten. Diese aber schauten nur in die Luft hinauf, als
+dächten sie an ganz andre Dinge.
+
+»Wir dürfen aber doch unser Frühstück nicht ganz vergessen,« sagte Mutter
+Akka; damit breitete sie die Flügel aus und flog eilig davon.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+29
+
+Der Dalälf
+
+
+ Freitag, 29. April
+
+An diesem Tag bekam Nils Holgersson den südlichen Teil von Dalarna zu
+sehen. Die Wildgänse flogen über das ungeheure Grubenfeld von Grängesberg
+hin, über die großen Anlagen bei Ludovika, über das Ulvhütter Eisenwerk und
+die alte Fabrik von Gränghammer bis zur Ebene von Groß-Tuna und dem Dalälf.
+
+Als der Junge gleich im Anfang hinter jedem Hügel Fabrikschlote aufragen
+sah, glaubte er, es sei hier alles wie in Westmanland; als er aber dann an
+den großen Fluß kam, da sah er etwas ganz Neues. Dies war der erste
+richtige Fluß, den er in seinem Leben zu sehen bekam, und der Anblick
+dieser großen, breiten Wassermasse, die durch die Landschaft hinzog, machte
+einen überwältigenden Eindruck auf ihn.
+
+Als die Wildgänse die Schiffbrücke von Torsång erreichten, änderten sie die
+Richtung und flogen dem Flusse entlang nordwestwärts weiter, gerade als
+wollten sie diesen als Wegzeiger benützen. Der Junge betrachtete die Ufer,
+wo meilenlang ein Gebäude dicht neben dem andern lag. Er sah die großen
+Wasserfälle bei Domnarvet und Kvarnsveden, sowie die großen Fabriken, deren
+Räder von diesen Wassern getrieben wurden. Er sah die Schiffbrücken auf dem
+Wasser liegen, die Boote, die diese Brücke trugen, die Flöße, die auf dem
+Flusse hintrieben, die Eisenbahnen, die dem Ufer entlang oder quer übers
+Wasser fuhren, und allmählich wurde ihm klar, was dies für ein großes und
+merkwürdiges Wasser war.
+
+Gegen Norden machte der Fluß einen großen Bogen. Innerhalb dieser Krümmung
+war das Land öde und menschenleer, und hier ließen sich die Wildgänse auf
+einer Wiese nieder, um zu weiden. Der Junge lief gleich auf den Uferrain
+hinauf; er wollte den Fluß betrachten, der hier in einem breiten Bette
+tief unter ihm hinzog. Die Landstraße führte zum Fluß hinunter, und die
+Reisenden wurden auf einer Fähre übergesetzt. Das war etwas Neues für den
+Jungen, und es machte ihm eine Weile großen Spaß, da zuzusehen. Doch
+plötzlich überfiel ihn eine ungeheure Müdigkeit. »Ich glaube, ich muß ein
+wenig schlafen, denn ich habe in der letzten Nacht kein Auge geschlossen,«
+dachte er. Damit kauerte er an einem dichten Grashügel nieder, versteckte
+sich, so gut er konnte, unter Gras und Kräutern und schlief ein.
+
+Er erwachte an einem Geräusch: neben ihm saßen Menschen, die sich
+miteinander unterhielten. Sie waren auf der Landstraße dahergekommen,
+konnten aber nicht gleich über den Fluß gesetzt werden, weil große
+Eisschollen im Wasser trieben, die die Fähre am Überfahren hinderten. Um
+sich die Wartezeit zu verkürzen, hatten die Leute den Wall erstiegen und
+sich da niedergesetzt; jetzt redeten sie davon, welche Beschwer man mit dem
+Flusse doch habe.
+
+»Ob wir wohl heuer auch wieder so eine große Überschwemmung bekommen wie im
+vorigen Jahre?« sagte ein Bauer. »Da ging das Wasser bei uns daheim bis
+oben an die Telegraphenstangen, und die ganze Schiffbrücke wurde mit
+fortgerissen.«
+
+»Im letzten Jahr richtete er in unserer Gegend nicht so viel Schaden an,«
+sagte ein andrer Bauer. »Aber vor zwei Jahren wurde mir ein ganzer
+Heuschober weggeschwemmt.«
+
+»Die Nacht werde ich nie vergessen, wo die Überschwemmung die große Brücke
+bei Domnarvet zerstörte,« sagte ein Eisenbahnarbeiter. »In jener Nacht hat
+in der ganzen Fabrik niemand auch nur ein Auge geschlossen.«
+
+»Ja, der Fluß richtet viel Schaden an,« sagte ein großer, stattlicher Mann.
+»Aber wenn ich euch hier so über ihn losziehen höre, muß ich unwillkürlich
+an unsern Propst denken. In der Propstei wurde einmal ein Fest gefeiert,
+und da beklagten sich die Leute auch über den Fluß, gerade wie ihr jetzt,
+doch da wurde der Propst ganz erregt und sagte, er wolle uns eine
+Geschichte erzählen. Und als er dies getan hatte, wagte von der ganzen
+Gesellschaft auch nicht einer mehr ein böses Wort über den Dalälf zu sagen,
+und ich möchte wissen, ob es euch nicht auch so gegangen wäre, wenn ihr
+zugehört hättet.«
+
+Als die Leute dies hörten, wollten alle wissen, was der Propst über den
+Fluß gesagt hätte, und der Bauer erzählte ihnen die Geschichte, so gut er
+sich noch daran erinnern konnte.
+
+Hoch droben an der norwegischen Grenze lag tief im Gebirge ein See. Aus
+diesem floß ein Bach heraus, der sofort eifrig schäumend daherrauschte. So
+klein er auch war, wurde er doch gleich von Anfang an der Storå, der »Große
+Fluß« genannt, weil er aussah, als könnte etwas Rechtes aus ihm werden.
+
+Gleich nachdem er den See verlassen hatte, schaute er sich neugierig nach
+allen Seiten um, welche Richtung er jetzt wohl am besten einschlagen würde.
+Aber was er sah, war nicht gerade ermutigend. Nach rechts, nach links und
+geradeaus waren nichts als waldige Hügel, die allmählich zu kahlen
+Felsrücken, und weiterhin steile, kahle Felswände, die zu hohen Berggipfeln
+wurden.
+
+Der Fluß richtete seine Blicke gen Westen; da hatte er den Långfjäll mit
+dem Djupgravstöten, sowie Barfröhågna und Storvätteshågna vor sich. Jetzt
+schaute er nordwärts. Da war der Näsfjäll, im Osten ragte der Nipfjäll, im
+Süden aber der Städjan auf. Der Fluß überlegte eben, ob er nicht am besten
+täte, wieder in den See zurückzukehren. Aber dann dachte er, er müßte doch
+wenigstens einen Versuch machen, bis zum Meere durchzudringen, und so
+machte er sich denn auf den Weg.
+
+Wie man sich denken kann, war es ein schweres Stück Arbeit für den Fluß,
+sich einen Weg durch die Wildnis hindurchzubahnen. Wenn ihm nichts andres
+im Wege stand, war immer noch der Wald da. Um freien Lauf zu bekommen,
+mußte er eine Kiefer um die andre entwurzeln. Im Frühjahr, wenn der erste
+Zulauf kam und sich sein Bett mit Schneewasser aus den Wäldern füllte, und
+wenn später die Schneeschmelze auf den Bergen begann, so daß die
+Gebirgswasser von den Felsen herabstürzten, da war der Fluß am stärksten
+und reißendsten. Da nahm er alle seine Kraft zusammen, rauschte mächtig
+daher, fegte Stämme und Erde hinweg und grub sich einen Weg durch die
+Sandhügel hindurch. Aber auch im Spätjahr, wenn er nach den Herbstregen
+gestiegen war, vollbrachte er ein tüchtiges Stück Arbeit.
+
+Eines schönen Tages, als der Storå sich wie gewöhnlich seinen Weg eifrig
+weiterbahnte, hörte er rechts von sich tief im Walde ein Rauschen und
+Plätschern. Er lauschte so eifrig, daß er fast ganz still hielt. »Was mag
+das nur sein?« fragte er.
+
+Der Wald, der ringsumher aufragte, konnte es nicht lassen, sich über den
+Fluß ein wenig lustig zu machen.
+
+»Du meinst wohl, du seiest ganz allein auf der Welt?« sagte er. »Aber ich
+will dir nur sagen: was du da hörst, ist der Grövel aus dem Grövelsee.
+Jetzt eben hat er sich durch ein schönes Tal hindurchgegraben, und er
+erreicht das Meer gewiß ebenso schnell wie du.«
+
+Aber der Storå hatte seinen eigenen Kopf, und als er dies hörte, sagte er,
+ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: »Der Grövel ist gewiß ein armer
+Schlucker, der nicht allein vorwärts kommt. Sag ihm deshalb, der Storå vom
+Vånsee sei auf dem Weg zum Meere, der wolle sich seiner annehmen, und wenn
+er sich ihm anschließen wolle, ihm weiterhelfen.«
+
+»Du bist ein rechter Prahlhans,« sagte der Wald. »Ja, ich will ihm deinen
+Gruß bestellen, aber der Grövel wird keine Freude daran haben.«
+
+Am nächsten Morgen jedoch stand der Wald vor dem Storå und sagte, er solle
+von dem Grövel einen Gruß bestellen. Dieser habe sich so mühselig
+durchkämpfen müssen und sei deshalb um jede Hilfe froh, er werde sich daher
+so rasch er könne, mit dem Storå vereinigen.
+
+Nachdem dies geschehen war, arbeitete sich der Storå natürlich nur noch
+schneller weiter, und nach kurzer Zeit erblickte er einen schönen schmalen
+See, in dessen klarem Wasser sich der Idreberg und die Städjanfelsen
+widerspiegelten.
+
+»Was ist denn das?« fragte der Fluß, der vor lauter Verwunderung wieder
+beinahe stillstand. »Ich kann doch nicht so verrückt gewesen und wieder zum
+Vånsee zurückgekehrt sein?«
+
+Aber der Wald, der zu jener Zeit überall zur Hand war, sagte sogleich: »O
+nein, du bist nicht zum Vånsee zurückgekommen, dies ist der Idresee, den
+der Sörälf mit seinem Wasser gefüllt hat. Das ist ein tüchtiger Fluß. Jetzt
+hat er den See ganz gefüllt und sucht sich einen Ausfluß zu verschaffen.«
+
+Als der Storå das hörte, sagte er rasch zu dem Walde: »Du, der überall
+hinreicht, könntest dem Sörälf einen Gruß von mir ausrichten und ihm sagen,
+der Storå vom Vånsee sei da, und wenn er mich durch den See hindurchziehen
+lasse, wolle ich ihn dafür mit nach dem Meere nehmen. Er brauche sich dann
+gar nicht mehr um sein Fortkommen zu bekümmern, dafür würde ich sorgen.«
+
+»Nun, ich kann ihm deinen Vorschlag wohl ausrichten,« sagte der Wald, »aber
+der Sörälf wird wohl nicht auf deinen Vorschlag eingehen, denn er ist
+ebenso mächtig wie du.«
+
+Am nächsten Tag jedoch richtete der Wald aus, der Sörälf sei es auch müde,
+sich allein einen Weg zu bahnen, und er wolle sich gern mit dem Storå
+vereinigen.
+
+Der Fluß zog also mitten durch den See hindurch und arbeitete sich immer
+weiter durch den Wald und das Gebirge. Eine Weile kam er ordentlich
+vorwärts; aber dann geriet er in eine Felsenschlucht hinein, die von allen
+Seiten verschlossen war. Da gab es keinen Ausweg für ihn. Er brauste und
+schäumte vor Zorn, und als der Wald hörte, wie rasend er war, sagte er:
+»Jetzt ist es doch aus mit dir!«
+
+»Aus mit mir!« rief der Fluß. »O nein, aber ich habe hier etwas ganz
+Besonderes vor. Ich will nur sehen, ob ich nicht ebensogut wie der Sörälf
+einen See machen kann.«
+
+So fing er an, den Särnasee zu schaffen, und dazu brauchte er einen ganzen
+Sommer hindurch. Je höher das Wasser in dem See stieg, desto höher hob sich
+auch der Storå, und schließlich fand er am südlichen Rand eine Stelle, wo
+er hinausfließen konnte.
+
+Nachdem der Fluß wohlbehalten aus dieser Klemme hinausgekommen war, hörte
+er eines Tages zu seiner Linken ein lautes Brausen und Rauschen. So ein
+lautes Brausen hatte er im Walde noch nie vernommen, und er fragte schnell,
+was denn das sei.
+
+Und natürlich hatte der Wald auch sogleich eine Antwort bereit. »Das ist
+der Fjätälf,« sagte er. »Hörst du, wie er rauscht und braust? Er ist auf
+dem Weg nach dem Meere.«
+
+»Wenn du so weit reichst, daß der Fluß dich hören kann,« rief der Storå,
+»dann grüß ihn von mir und sage dem Schwächling, der Storå vom Vånsee biete
+sich an, ihn mit nach dem Meere zu nehmen; doch nur unter der Bedingung,
+daß er meinen Namen annehme und gehorsam mit mir weiter fließe.«
+
+»O, der Fjätälf gibt seine Selbständigkeit nicht auf, das glaube ich nun
+und nimmer!« sagte der Wald.
+
+Aber am nächsten Tag mußte er dem Storå gestehen, daß auch der Fjätälf es
+müde geworden sei, sich seinen eigenen Weg zu bahnen, und sich gerne mit
+dem Storå vereinigen wolle.
+
+Und der Storå zog immer weiter durchs Land. Er war indes noch gar nicht so
+groß, wie man eigentlich hätte erwarten können, da er jetzt doch so viele
+Helfer bei sich hatte. Aber stolz war er! Sein Lauf bestand fast aus lauter
+Wasserfällen, und mit lautem Rauschen rief er alles, was im Walde
+plätscherte und rieselte, ja selbst das kleinste Frühlingsbächlein, zu sich
+heran.
+
+Eines Tages hörte er weit, weit im Westen einen Fluß rauschen, und als er
+den Wald fragte, was das sei, antwortete dieser, das sei der Fuluälf, der
+das Wasser von den Fulufelsen aufnehme und sich schon ein sehr langes und
+breites Bett gegraben habe.
+
+Kaum hatte der Storå das vernommen, als er dem Wald auch schon den
+gewohnten Gruß auftrug; der Wald übernahm auch den Auftrag, und am nächsten
+Tag brachte er dann Botschaft vom Fuluälf. »Sage dem Storå,« hatte der Fluß
+geantwortet, »ich wolle durchaus keine Hilfe. Ein solcher Gruß hätte
+außerdem besser mir angestanden als dem Storå, denn ich bin der mächtigere
+von uns beiden und komme sicher früher zum Meere als er.«
+
+Kaum hatte der Storå diese Botschaft gehört, als er auch schon seine
+Antwort bereit hatte. »Sage dem Fuluälf sofort,« rief er dem Walde zu, »ich
+fordere ihn zum Wettstreit heraus. Wenn er meint, er sei stärker als ich,
+soll er es beweisen und mit mir um die Wette laufen. Wer zuerst am Meere
+anlangt, hat gewonnen!«
+
+Als der Fuluälf diese Botschaft hörte, erwiderte er: »Ich habe nichts gegen
+den Storå, und es wäre mir lieber gewesen, wenn ich meinen Weg in Ruhe und
+Frieden hätte fortsetzen dürfen. Aber die Fulufelsen schicken mir gewiß
+soviel Beistand, daß es feig von mir wäre, wenn ich die Herausforderung
+nicht annähme.«
+
+Hierauf begannen die beiden Ströme das Wettrennen. Mit noch größerer Eile
+als vorher rauschten sie dahin und ließen sich Sommer und Winter keine
+Ruhe.
+
+Aber es hatte allen Anschein, als ob der Storå sehr bald Grund hätte, seine
+verwegene Herausforderung zu bereuen, denn er stieß auf ein Hindernis, das
+ihm beinahe unüberwindlich wurde. Dieses Hindernis war ein Berg, der mitten
+auf seinem Wege lag, und durch den nur eine ganz enge Felsenspalte führte.
+Der Storå machte sich so schmal wie möglich und drängte sich unter wildem
+Schäumen hinein; aber er mußte viele Jahre lang waschen und aushöhlen, bis
+er die Spalte zu einer annähernd genügend breiten Rinne ausgeweitet hatte.
+
+Während dieser Zeit fragte der Storå den Wald mindestens alle sechs Monate
+einmal, wie es dem Fuluälf gehe.
+
+»Dem Fuluälf geht es so gut, wie er es sich nur wünschen kann,« antwortete
+der Wald. »Er hat sich mit dem Görälf vereinigt, der das Wasser von dem
+norwegischen Gebirge aufnimmt.«
+
+Und ein andres Mal, als der Storå den Wald wieder gefragt hatte, antwortete
+dieser:
+
+»Um den brauchst du dir keine Sorge zu machen, er hat eben den ganzen
+Horrmundsee mitgenommen.«
+
+Aber den Horrmundsee hatte der Storå selbst mitzunehmen die Absicht gehabt,
+und als er nun von dessen Übergang in den Fuluälf hörte, wurde er so
+wütend, daß er sich endlich durch seinen Engpaß hindurchzwängte und so
+wildschäumend davonstürzte, daß er mehr Erde und Wald mit sich fortriß, als
+eigentlich notwendig gewesen wäre. Es war gerade im Frühling, und der Fluß
+überschwemmte die ganze Gegend zwischen Hyckjeberg und Väsaberg, und ehe er
+sich wieder beruhigen konnte, hatte er eine Landschaft geschaffen, die das
+Älfdal genannt wurde.
+
+»Ich möchte nur wissen, was der Fuluälf dazu sagt!« rief der Storå dem
+Walde zu.
+
+Der Fuluälf hatte indessen Transtrand und Lima ausgegraben, aber nun stand
+er schon ziemlich lange vor Limed und suchte nach einem Ausweg, weil er
+sich nicht über das steile Gebirge hinunterzustürzen wagte. Als er jedoch
+hörte, daß der Storå seinen Engpaß durchbrochen und das Älfdal ausgegraben
+habe, sagte er, nun möge es gehen, wie es wolle, er könne sich nicht länger
+aufhalten. Und er warf sich die Limedwand hinunter.
+
+Es war ein gewaltiger Sprung, aber er kam wohlbehalten unten an, und jetzt
+ging es natürlich schnellen Laufes weiter. Er grub Malung und Järna aus,
+und hier gelang es ihm, den Vanfluß zu überreden, sich mit ihm zu
+vereinigen, obgleich der Vanfluß ganze zehn Meilen lang war und sich auf
+eigene Faust einen so großen See wie den Vänjan ausgegraben hatte.
+
+Ab und zu glaubte der Fuluälf ein merkwürdig starkes Brausen zu vernehmen.
+
+»Jetzt ist mir, als höre ich, wie sich der Storå ins Meer stürzt,« sagte
+er.
+
+»Nein,« sagte der Wald, »was du hörst, ist freilich das Rauschen des Storå,
+aber er hat das Meer noch nicht erreicht. Er hat allerdings den Orsasee und
+den Skattungen aufgenommen und prahlt nun, er wolle das ganze Siljantal
+füllen.«
+
+Das war eine gute Nachricht für den Fuluälf. Er dachte, wenn sich der Storå
+einmal ins Siljantal hinunter verirrt hätte, dann sei er dort wie in einem
+Gefängnis eingeschlossen, und er selbst werde alsdann das Meer sicher
+zuerst erreichen.
+
+Von da an zog der Fuluälf ganz behaglich dahin. Im Frühjahr vollbrachte er
+sein schwerstes Stück Arbeit. Da stieg er hoch über Wälder und Hügel hinauf
+und wo er hinzog, hinterließ er ein breites Tal. Auf diese Weise schritt er
+von Järna nach Näs und von Näs nach Floda. Von Floda kam er nach Gagnef.
+Hier war schon im voraus eine Ebene. Die Berge waren weit zurückgewichen,
+und der Fuluälf konnte ohne jegliche Schwierigkeit weiterziehen; da vergaß
+er seinen vorherigen Eifer vollständig und schlängelte sich in allerlei
+Buchten und Krümmungen dahin, fast wie ein ganz junges, fröhliches
+Bächlein.
+
+Aber wenn der Fuluälf den Storå vergessen hatte, so hatte doch der Storå
+den Fuluälf nicht vergessen. Jeden Tag war er eifrig an seiner Arbeit, das
+Siljantal ganz mit Wasser zu füllen, damit er an irgend einer Stelle
+hinauskommen könnte; aber wie ein ungeheures Becken lag das Tal noch immer
+da und schien niemals voll zu werden. Der Storå war oft am Verzweifeln und
+glaubte schon, er müsse schließlich den ganzen Gesundaberg unter Wasser
+setzen, nur um aus seinem jetzigen Gefängnis herauszukommen. Er versuchte
+bei Rättvik durchzubrechen, aber da stand ihm der Lerdalberg im Wege.
+Schließlich kam er aber doch bei Leksand heraus.
+
+»Sag dem Fuluälf nicht, daß ich herausgekommen bin!« rief er dem Wald zu;
+und der Wald versprach zu schweigen.
+
+Im Vorbeigehen nahm der Storå nun den Insee mit, und dann floß er als
+stolzer, gewaltiger Fluß durch Gagnef hindurch.
+
+Als er in Gagnef nahe bei Mjälgen war, sah er einen prachtvollen, breiten
+Fluß, der mit hellem, glänzendem Wasser dahergezogen kam, und der die
+Wälder und Sandhügel, die ihm im Wege lagen, wie spielend auf die Seite
+schob.
+
+»Was ist denn das für ein wunderschöner Fluß?« fragte der Storå.
+
+Aber gerade in diesem Augenblick fragte der andre Fluß, der der Fuluälf
+war, ganz dasselbe. »Was ist denn das für ein Fluß, der so stolz und
+gewaltig von Norden daherkommt? Ich hätte nie geglaubt, daß ich einen Fluß
+sehen würde, der so mächtig und kraftvoll zu Tale zieht,« sagte er.
+
+Da sagte der Wald so laut, daß beide Flüsse es hörten: »Nachdem ihr alle
+beide, der Storå und der Fuluälf, so Gutes über einander gesagt habt, meine
+ich, ihr solltet euch nun ohne Säumen miteinander vereinigen und euch dann
+gemeinsam einen Weg zum Meere bahnen.«
+
+Das schien den beiden Flüssen zu gefallen. Aber noch ein Hindernis stand
+ihnen im Wege. Keiner wollte seinen Namen aufgeben und den des andern
+annehmen.
+
+Aus diesem Grunde wäre die Vereinigung schließlich fast nicht zustande
+gekommen; da schlug der Wald vor, sie sollten doch einen neuen Namen
+annehmen, der bis jetzt keinem von ihnen gehöre.
+
+Darauf gingen sie ein, und der Wald sollte den Namen wählen. Dieser
+bestimmte nun, der Storå solle seinen Namen ablegen und sich Ost-Dalälf
+nennen, und der Fuluälf solle seinen auch ablegen und den Namen West-Dalälf
+annehmen. Und nachdem sie sich dann vereinigt hätten, sollten beide
+zusammen recht und schlecht Dalälf heißen.
+
+Und jetzt, nachdem die beiden Flüsse sich vereinigt hatten, ging es mit
+gewaltiger Kraft weiter: nun konnte ihnen nichts mehr widerstehen. Sie
+machten den Boden von Groß-Tuna so eben wie einen Hofplatz; sie stürzten
+sich ohne Zögern über die Felsen bei Kvarnsveden und Domnarvet hinunter.
+Als sie in die Nähe des Runnsees kamen, sogen sie dessen Wasser auf und
+zwangen alle Flüsse der Umgegend, sich mit ihnen zu vereinigen. Dann zogen
+sie ohne große Hindernisse ostwärts, immer weiter dem Meere zu und wurden
+an manchen Stellen so breit wie ganze Seen. Bei Söderfors errangen sie sich
+großen Ruhm, desgleichen auch bei Älfkarleby, und endlich erreichten sie
+das Meer.
+
+Als sie eben im Begriff waren, sich ins Meer zu stürzen, gedachten sie
+ihres langen Wettstreits, und wie viele Mühe und Beschwer sie dadurch
+gehabt hätten.
+
+Jetzt fühlten sie sich alt und müde und verwunderten sich, daß sie sich in
+ihrer Jugend so gerne gestritten und gegenseitig herausgefordert hatten,
+ja, sie fragten sich, was für einen Nutzen sie eigentlich davon gehabt
+hätten.
+
+Aber auf diese Frage erhielten sie keine Antwort, denn der Wald war weit
+droben im Lande stehen geblieben; sie selbst aber konnten sich in ihrem
+Bette nicht umdrehen und also auch nicht sehen, wie die Menschen überall
+vorgedrungen waren, wie viele Straßen sie gebaut hatten, wie an den Seen
+des Ost-Dalälfs und in den Tälern des West-Dalälfs eine Ortschaft um die
+andre herangewachsen war, und wie im ganzen Lande noch immer überall nur
+öde Wälder und kahle Gebirge waren, ausgenommen da, wo die beiden Flüsse
+während ihres heftigen Wettstreits hingezogen waren.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+30
+
+Der Bruderteil
+
+Die alte Grubenstadt
+
+
+ Freitag, 29. April
+
+Bataki, der Rabe, wußte in ganz Schweden keinen Ort, wo es ihm so gut
+gefiel wie in Falun. Sobald im Frühjahr die Erde wieder ein wenig
+hervorschimmerte, begab er sich dahin und hielt sich dann mehrere Wochen
+lang in der Nähe der alten Bergwerkstadt auf.
+
+Falun liegt in einer Talsenkung, durch die ein Flüßchen von kurzem Lauf
+hinzieht. An dem nördlichen Ende des Tals liegt ein schöner, heller kleiner
+See mit grünen, reich gegliederten Ufern, namens Varpan. Am südlichen Ende
+ist eine weite, große vom Runnsee gebildete Bucht, die auch fast wie ein
+See ist; sie heißt Tisken und hat niedriges, trübes Wasser und sumpfige,
+unschöne mit allem möglichen Abfall übersäte Ufer. Östlich von dem Tale
+zieht sich eine reizende Hügelkette hin, auf deren Gipfel stattliche
+Tannenwälder und saftige Birkengehölze prangen und deren Hänge überall mit
+schattigen Obstgärten bedeckt sind. Westlich von der Stadt liegt auch ein
+Bergrücken. Dieser ist ganz oben mit ärmlichen Kiefern bestanden, die Hänge
+aber sind vollständig kahl, ohne Bäume und Kräuter, wie eine richtige
+Wüste. Nichts gibt es dort oben, nichts als große runde Steinblöcke, die
+überall verstreut liegen.
+
+Die Stadt Falun, die in der Talsenkung rechts und links von dem Flusse
+liegt, sieht aus, als sei sie ganz nach der Bodenbeschaffenheit, auf der
+sie steht, gebaut worden. Auf der grünen Seite des Tales sind alle die
+Gebäude, die ein stattliches oder hübsches Aussehen haben. Da stehen die
+beiden Kirchen, das Rathaus, die Wohnung des Bezirkspräsidenten, die
+Bergwerkskanzleien, die Bank, die Gasthäuser, die vielen Schulen, das
+Spital, sowie alle hübschen Villen und schönen Landhäuser. Auf der
+schwarzen Seite dagegen gibt es Straßen auf, Straßen ab nichts als
+rotangestrichene einstöckige Häuser, lange traurige Holzschuppen und große
+plumpe Fabrikgebäude. Und auf der andern Seite dieser Gassen, mitten in der
+großen Steinwüste, liegen die Faluner Gruben mit ihren Fahrkünsten, Winden
+und Pumpwerken, mit altmodischen Gebäuden, die schief auf dem untergrabenen
+Erdreich stehen, mit hohen schwarzen Schlackenbergen und langen Reihen
+Schmelzöfen ringsumher.
+
+Was nun Bataki betrifft, so pflegte er niemals auch nur einen Blick auf den
+östlichen Stadtteil zu werfen und ebensowenig auf den schönen Varpansee. Um
+so besser aber gefiel ihm die westliche Seite und der kleine Tiskensee.
+
+Der Rabe Bataki liebte alles, was geheimnisvoll war, alles, was ihm
+Gelegenheit zum Grübeln gab und ihn zum Nachdenken anregte, und dazu fand
+er auf der schwarzen Seite reichlich Gelegenheit. So machte es ihm zum
+Beispiel ein großes Vergnügen, zu ergründen, warum diese alte rote
+Holzstadt nicht auch abgebrannt sei, wie alle andern roten Holzstädte in
+diesem Lande? Ebenso hatte er sich gefragt, wie lange wohl die windschiefen
+Häuser am Rande der Gruben noch stehen bleiben könnten? Er hatte über den
+großen »Schacht«, jene ungeheure Öffnung im Boden mitten auf dem
+Grubenfeld, ernstlich nachgedacht und war auch ganz bis auf den Grund
+hineingeflogen, um zu untersuchen, wie dieser unermeßlich große leere Raum
+entstanden sei. Er war in helle Verwunderung ausgebrochen über die riesigen
+Schlackenhaufen, die wie Mauern den Schacht und die Grubenhäuser umgaben.
+Auch hatte er sich klar zu machen versucht, was die kleine Signalglocke zu
+bedeuten habe, die das ganze Jahr hindurch in bestimmten Zwischenräumen
+einen kurzen, unheimlich klingenden Glockenschlag vernehmen ließ; und in
+erster Linie hätte er gerne gewußt, wie es ganz drunten in der Erde
+aussähe, wo das Kupfererz seit so vielen hundert Jahren herausgebrochen
+wurde, und wo die Erde so untergraben und so voller Gänge war wie ein
+Ameisenhaufen. Wenn es dann Bataki schließlich gelungen war, einigermaßen
+Klarheit in diese seine Gedanken zu bringen, schwebte er fort und hinaus in
+die unheimliche Steinwüste, um weiter darüber nachzusinnen, warum kein Gras
+zwischen den Feldsteinen wüchse, oder zuweilen begab er sich auch hinunter
+an den Tisken. Dieser See erschien ihm als das wunderbarste Wasser, das er
+je gesehen hatte. Woher mochte es nur kommen, daß gar keine Fische darin
+waren, und woher wurde denn das Wasser, wenn es ein Sturm aufwühlte,
+manchmal ganz rot? Das war um so wunderbarer, als ein Grubenfluß, der in
+den See floß, glänzendes hellgelbes Wasser hatte. Bataki zerbrach sich den
+Kopf über die Ruinen der zerstörten Gebäude, die noch am Ufer des Sees
+lagen, sowie über die Tisker Sägemühle, die von grünen Gärten umgeben und
+von hohen Bäumen beschattet zwischen der öden Steinwüste und dem
+merkwürdigen See hervorschimmerte.
+
+In dem Jahr, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, stand
+am Ufer des Tisken eine Strecke vor der Stadt draußen ein altes Haus, das
+die »Schwefelküche« genannt wurde, weil dort alle paar Jahre einige Monate
+lang Schwefel gekocht wurde. Das Haus war eine alte Baracke, die einst rot
+angestrichen gewesen war, allmählich aber eine graubraune Färbung
+angenommen hatte. Statt der Fenster sah man nur eine Reihe Luken, die
+überdies beinahe fast immer verrammelt waren. In dieses Haus hatte Bataki
+fast noch nie einen Blick hineinwerfen können, und deshalb war es ihm viel
+interessanter als jedes andre. Er hüpfte auf dem Dach umher, um irgend ein
+Loch zu entdecken, und oftmals saß er auf dem hohen Schornstein und schaute
+durch die enge Öffnung hinunter.
+
+Aber eines Tages ging es Bataki schlecht. Es hatte tüchtig gestürmt, und in
+der alten Schwefelküche war eine Luke aufgerissen worden. Bataki hatte die
+Gelegenheit natürlich sogleich benützt und war durch die Luke in das
+Gebäude hineingeflogen. Doch kaum war er drinnen, da schlug die Luke hinter
+ihm wieder zu, und Bataki war gefangen. Er hoffte, der Sturm werde die Luke
+von neuem aufreißen, aber dazu schien der gar keine Lust zu haben.
+
+Durch die Risse in den Mauern fiel ziemlich viel Licht in das Gebäude
+hinein, und so wurde Bataki wenigstens die Freude zuteil, sich in dem Raume
+umsehen zu können. Es war nichts darin, als ein großer Herd mit einem
+eingemauerten Kessel, und daran hatte sich der Rabe bald satt gesehen. Er
+wollte darum das Gebäude jetzt wieder verlassen, fand dies aber noch immer
+unmöglich; der Wind wollte die Luke nicht wieder aufreißen. Kein einziges
+Loch und keine Tür stand offen; der Rabe befand sich ganz allein in seinem
+Gefängnis.
+
+Bataki begann um Hilfe zu rufen, und als keine kam, setzte er sein Geschrei
+den ganzen Tag hindurch fort. Es gibt wohl kein andres Tier, das einen so
+ununterbrochenen Spektakel verführen kann wie ein Rabe, und das Gerücht,
+daß Bataki in Gefangenschaft geraten sei, verbreitete sich wie ein
+Lauffeuer. Die graugestreifte Katze von der Tisker Sägemühle war die erste,
+die Kunde von dem Unglück erhielt. Sie teilte es den Hühnern mit, und diese
+gackerten es den vorbeifliegenden Vögeln zu. Bald wußten alle Dohlen und
+Tauben und Krähen und Sperlinge in ganz Falun, was geschehen war, und alle
+flogen auch sogleich nach der alten Schwefelküche, um die Sache in der Nähe
+zu besehen. Alle hatten großes Mitleid mit dem Raben, aber keinem kam ein
+guter Gedanke, wie man ihm heraushelfen könnte.
+
+Da plötzlich rief ihnen Bataki mit seiner scharfen, krächzenden Stimme zu:
+»Still, ihr da draußen! Und hört mich an! Da ihr sagt, ihr möchtet mir gern
+heraushelfen, so erforscht, wo sich die alte Wildgans von Kebnekajse mit
+ihrer Schar befindet. So viel ich weiß, ist sie zu dieser Jahreszeit in
+Dalarna. Sagt Akka, wie es hier um mich steht. Ich glaube, der einzige, der
+mir helfen kann, ist unter ihrer Schar!«
+
+Die Taube Agar, der beste Botschafter im ganzen Land, traf die Schar der
+Wildgänse am Ufer des Dalälf, und als die Dämmerung anbrach, kam sie mit
+Akka dahergeflogen. Die beiden ließen sich vor der Schwefelküche nieder.
+Auf Akkas Rücken saß der Däumling; die andern Wildgänse waren auf einer
+kleinen Insel im Runnsee zurückgeblieben, weil Akka gefürchtet hatte, es
+könnte mehr schaden als nützen, wenn alle miteinander nach Falun kämen.
+
+Nachdem Akka sich einen Augenblick mit Bataki beraten hatte, nahm sie den
+Däumling auf den Rücken und flog nach einem Hofe, der ganz in der Nähe der
+Schwefelküche lag. Sachte schwebte sie über den Garten und das Birkengehölz
+hin, die den kleinen Hof umgaben, und währenddessen schauten die beiden,
+Akka und der Junge, unverwandt auf die Erde hinab. Hier spielten die Kinder
+im Freien, das war leicht zu erraten, denn auf dem Boden lagen allerlei
+Spielsachen umher, und es dauerte auch gar nicht lange, bis die beiden in
+der Luft droben entdeckt hatten, was sie suchten. In einem lustig
+plätschernden Frühlingsbach hämmerte eine Reihe kleiner Mühlen, und ganz in
+der Nähe davon lag ein kleines Stemmeisen. Auf ein paar kleinen Holzböcken
+stand ein halbfertiges Boot, und daneben fand der Junge einen winzigen
+Knäuel Bindfaden.
+
+Mit diesen Sachen flogen die beiden nach der Schwefelküche zurück. Der
+Junge band das eine Ende des Bindfadens um den Schornstein, führte das
+andre in das tiefe Loch hinein und ließ sich dann selbst daran
+hinuntergleiten. Nachdem er Bataki begrüßt hatte, der ihm mit vielen
+schönen Worten für sein Kommen dankte, machte sich der Junge daran, mit dem
+Stemmeisen ein Loch in die Wand zu schlagen.
+
+Die Schwefelküche hatte keine dicken Wände, aber der Junge brachte mit
+jedem Schlag nur einen ganz kleinen dünnen Span los; ein Mäuschen hätte mit
+seinen Vorderzähnen ganz dasselbe leisten können. Ach, der Junge sah schon,
+er würde unfehlbar die ganze Nacht arbeiten müssen, wenn er ein genügend
+großes Loch für den Raben zustande bringen wollte!
+
+Bataki sehnte sich ungeheuer nach der Freiheit und konnte vor lauter
+Aufregung nicht schlafen. Im Anfang war der Junge sehr fleißig; aber nach
+einer Weile hörte der Rabe, daß die Schläge in immer längeren
+Zwischenräumen ertönten, und schließlich setzten sie ganz aus.
+
+»Du bist gewiß müde,« sagte Bataki, »und kannst vielleicht nicht mehr
+weitermachen.«
+
+»Nein, ich bin nicht müde,« antwortete der Junge und griff wieder nach dem
+Stemmeisen. »Aber ich habe schon längere Zeit keine Nacht ordentlich
+geschlafen, und nun weiß ich nicht, wie ich mich wach halten soll.«
+
+Wieder ging die Arbeit eine Weile rasch vorwärts, doch nach kurzer Zeit
+ertönten die Schläge wieder in immer längeren Zwischenräumen. Und wieder
+weckte der Rabe den Jungen; aber soviel war ihm jetzt klar, wenn er nicht
+irgend etwas ausfindig machte, mit dem er ihn wach erhalten konnte, mußte
+er nicht nur diese eine Nacht, sondern auch noch den ganzen nächsten Tag in
+seinem Gefängnis verbleiben.
+
+»Meinst du, die Arbeit ginge dir besser von der Hand, wenn ich dir eine
+Geschichte erzählen würde?« fragte Bataki.
+
+»Ja, das wäre wohl möglich,« antwortete der Junge. Zugleich aber mußte er
+laut gähnen; der arme Kerl war furchtbar schläfrig und konnte kaum noch
+sein Werkzeug festhalten.
+
+
+Die Geschichte von der Grube zu Falun
+
+»Siehst du, mein lieber Däumling,« begann der Rabe, »ich habe schon sehr
+lange auf der Welt gelebt. Gutes und Schlimmes ist mir widerfahren, und
+mehrere Male bin ich sogar von den Menschen gefangen gehalten worden;
+dadurch habe ich nicht allein ihre Sprache verstehen lernen, sondern ich
+habe mir auch viel von ihrer Gelehrsamkeit zu eigen gemacht. Und jetzt kann
+ich behaupten, daß es im ganzen Land keinen Vogel gibt, der so gut Bescheid
+über deine Stammesgenossen wüßte wie ich.
+
+Einmal saß ich viele Jahre lang ununterbrochen in einem Käfig bei einem
+Obersteiger hier in Falun, und in seinem Hause erfuhr ich das, was ich dir
+jetzt erzählen will.
+
+In alten Zeiten wohnte hier in Dalarna ein Riese mit seinen beiden
+Töchtern. Als nun der Riese alt war und fühlte, daß er sterben mußte, ließ
+er seine Töchter vor sich kommen, um sein Besitztum zwischen ihnen zu
+teilen.
+
+Sein Hauptreichtum bestand in einigen ganz mit Kupfer angefüllten Bergen,
+und diese wollte er seinen Töchtern schenken. >Aber ehe ich euch die
+Erbschaft übergebe,< sagte der Riese, >müßt ihr mir versprechen, jedweden
+Fremdling, der euern Kupferberg entdeckt, totzuschlagen, ehe er seine
+Entdeckung irgend einem andern Menschen mitteilen kann.<
+
+Die älteste der beiden Riesentöchter war wild und grausam, und sie
+versprach ohne Zögern, dem Gebot des Vaters Folge zu leisten. Die andre
+aber hatte ein weicheres Gemüt, und der Vater sah, daß sie überlegte, ehe
+sie das Versprechen gab. Deshalb vermachte er ihr nur ein Drittel der
+Erbschaft; und die älteste erhielt also gerade noch einmal so viel wie die
+jüngste.
+
+>Auf dich kann ich mich verlassen wie auf einen Mann, das weiß ich,< sagte
+der Riese, >und deshalb erhältst du den Bruderteil.<
+
+Gleich darauf starb der Riese, und lange Zeit hielten die beiden Töchter
+gewissenhaft ihr Gelübde. Mehr als ein armer Holzfäller oder Jäger
+entdeckte das Kupfererz, das an mehreren Stellen ganz an der Oberfläche der
+Berge lag; aber kaum war er zu Hause angelangt und hatte den Seinigen
+mitgeteilt, was er gesehen hatte, als ihm auch schon ein Unglück zustieß.
+Entweder wurde er von einem stürzenden Baum erschlagen oder unter einem
+Bergsturz begraben. Nie hatte er Zeit, einem andern Menschen zu zeigen, wo
+der Schatz in der Wildnis zu finden war.
+
+[Illustration: Die Geschichte von der Grube zu Falun (Zu Seite 268)]
+
+Zu jener Zeit war es allgemein Brauch im Lande, daß die Bauern im Sommer
+ihr Vieh weit hinein in die Wälder auf die Weide schickten. Die
+Hirtenmädchen zogen mit aus, sie zu bewachen, sie zu melken und Butter und
+Käse zu bereiten. Und damit die Leute und das Vieh ein Obdach in der
+Einöde hätten, rodeten die Bauern mitten in der Wildnis ein Stück Wald um
+und errichteten ein paar kleine Blockhäuser, die sie Sennhütten nannten.
+
+Nun aber hatte einmal ein Bauer, der am Dalälf im Kirchspiel Torsång
+wohnte, seine Sennhütten drüben am Runnsee errichtet, wo der Boden so
+steinig war, daß ihn bis dahin niemand urbar zu machen versucht hatte. In
+einem Herbst begab sich der Bauer mit zwei Lastpferden nach der Viehweide,
+um beim Heimschaffen des Viehs, der Butterfässer und der Käslaibe zu
+helfen. Als er das Vieh zählte, bemerkte er, daß einer der Geißböcke ganz
+rote Hörner hatte.
+
+>Was hat denn der Geißbock Kåre für merkwürdig rote Hörner?< fragte der
+Bauer die Sennerin.
+
+>Ich weiß nicht, was es ist,< antwortete das Mädchen. >Den ganzen Sommer
+hindurch ist er jeden Abend mit solchen roten Hörnern zurückgekommen. Er
+glaubt gewiß, das sei schön.<
+
+>Meinst du?< fragte der Bauer.
+
+>Ach, dieser Bock ist eine eigensinnige Kreatur; ich mag ihm die roten
+Hörner noch so oft abreiben, sofort läuft er wieder davon und macht sie
+sich von neuem rot.<
+
+>Reibe die rote Farbe noch einmal ab,< sagte der Bauer. >Dann will ich
+sehen, woher er sie bekommt.<
+
+Kaum hatte das Mädchen die Hörner abgerieben, als der Bock auch schon
+wieder rasch in den Wald hineinsprang. Der Bauer lief hinter ihm her, und
+als er den Bock einholte, rieb dieser eben seine Hörner an einigen roten
+Steinen. Der Bauer hob die Steine auf, leckte und roch daran und war
+überzeugt, daß er hier Erz gefunden hätte.
+
+Während er noch dastand und über die Sache nachdachte, rollte dicht neben
+ihm ein Felsblock den Berg herunter. Der Bauer sprang auf die Seite und
+rettete sich, der Bock Kåre aber wurde getroffen und erschlagen; und als
+der Bauer den Abhang hinaufschaute, sah er ein großes, starkes Riesenweib,
+das eben im Begriff war, einen zweiten Felsblock auf ihn herunter zu
+wälzen.
+
+>Was tust du denn?< rief der Bauer. >Ich habe doch weder dir noch den
+Deinigen etwas zuleide getan.<
+
+>Das weiß ich wohl,< erwiderte die Riesin. >Aber ich muß dich umbringen,
+weil du meinen Kupferberg entdeckt hast.< Sie sagte dies mit so betrübter
+Stimme, wie wenn sie den Bauern ganz gegen ihren Willen töten müsse, und so
+faßte sich dieser ein Herz und knüpfte ein Gespräch mit ihr an. Da erzählte
+sie ihm von dem alten Riesen, ihrem Vater, von dem Versprechen, das sie
+hatte geben müssen, und von der Schwester, die den Bruderteil bekommen
+hatte.
+
+>Ach, es ist mir in der Seele zuwider, wenn ich die armen unschuldigen
+Tröpfe, die meinen Kupferberg entdecken, immer gleich umbringen muß, und
+ich wünschte, ich hätte die Erbschaft gar nicht angetreten,< sagte die
+Riesin. >Aber was ich versprochen habe, muß ich halten.< Und damit machte
+sie sich wieder an dem Felsblock zu schaffen.
+
+>Habe es nur nicht gar so eilig!< rief der Bauer. >Mich brauchst du deines
+Versprechens wegen nicht umzubringen, denn ich habe ja das Kupfer nicht
+entdeckt; der Bock ist es gewesen, und ihn hast du doch schon erschlagen.<
+
+>Meinst du, ich könnte mir daran genügen lassen?< fragte die Riesentochter
+mit zweifelnder Stimme.
+
+>Ja, sicherlich,< antwortete der Bauer. >Du hast dein Versprechen treulich
+gehalten, mehr kann niemand von dir verlangen.< Und er redete ihr so
+verständig zu, bis sie ihn wirklich am Leben ließ.
+
+Zu allererst zog der Bauer nun mit seinem Vieh heimwärts. Dann ging er
+hinunter in den Bergwerkdistrikt und dingte sich da ein paar Bergleute.
+Diese halfen ihm, an der Stelle, wo der Bock erschlagen worden war, nach
+dem Erz zu schürfen. Im Anfang hatte er Angst, er würde noch nachträglich
+erschlagen; aber die Riesentochter war der ewigen Bewachung ihres
+Kupferbergs überdrüssig geworden, und deshalb tat sie ihm nie etwas zuleid.
+
+Die Erzader, die der Bauer entdeckt hatte, lief an der Oberfläche des
+Berges hin. Das Ausbrechen des Erzes war deshalb weder eine schwierige noch
+eine mühselige Arbeit. Der Bauer und die Knechte schleppten Holz aus dem
+Walde herbei, schichteten große Holzstöße auf dem Kupferberg auf und
+zündeten sie an. Von der Hitze zersprang das Gestein, und nun konnten sie
+leicht zu dem Erz gelangen. Hierauf läuterten sie das Erz so lange immer
+wieder in einem andern Feuer, bis sie das reine Kupfer von allen Schlacken
+befreit hatten.
+
+In früheren Zeiten verwendeten die Leute noch viel mehr Kupfer zum
+täglichen Gebrauch als heutzutage. Kupfer war deshalb eine sehr gesuchte,
+nützliche Ware, und der Bauer, dem die Grube gehörte, wurde bald ein
+steinreicher Mann. Er baute sich einen großen prächtigen Hof, und die Grube
+nannte er nach dem Bock das Kårerbe. Wenn er nach Torsång in die Kirche
+fuhr, war sein Pferd mit Silber beschlagen, und bei der Hochzeit seiner
+Tochter ließ er aus zwanzig Tonnen Malz Bier brauen und zehn große Ochsen
+am Spieße braten.
+
+Zu jener Zeit blieben die Leute meistens ruhig daheim, jeder in seinem
+eigenen Bezirk, und die Neuigkeiten verbreiteten sich nicht so hurtig wie
+jetzt. Aber das Gerücht von der Kupfergrube drang doch allmählich zu vielen
+Menschen, und wer nichts Wichtigeres zu tun hatte, machte sich auf den Weg
+hinauf nach Dalarna. Auf dem Kårerbe wurden alle bedürftigen Wanderer gut
+aufgenommen. Der Bauer nahm sie in seinen Dienst, gab ihnen einen guten
+Lohn und ließ sie Erz für ihn graben. Es gab genug, ja übergenug Erz, und
+je mehr Leute der Bauer beschäftigte, desto reicher wurde er.
+
+Eines Abends, so geht die Sage, kamen vier starke Männer mit dem
+Bergmannspickel über der Schulter zum Kårerbe gewandert. Sie wurden
+freundlich aufgenommen wie alle andern, aber als der Bauer sie fragte, ob
+sie für ihn arbeiten wollten, verneinten sie es rundweg.
+
+>Wir wollen auf eigene Rechnung Erz graben,< sagten sie.
+
+>Ihr wißt doch wohl, daß der Erzberg mir gehört?< fragte der Bauer.
+
+>Wir wollen gar nichts aus deiner Grube holen,< entgegneten die Fremden.
+>Der Berg ist groß; und an dem, was frei und unbeschützt in der Wildnis
+liegt, haben wir ebensoviel Anrecht wie du.<
+
+Mehr wurde nicht über die Sache geredet, und der Bauer bezeigte den Fremden
+auch jetzt noch alle Gastfreundschaft. Früh am nächsten Morgen zogen die
+Fremden zur Arbeit aus; eine Strecke weiterhin fanden sie wirklich
+Kupfererz und fingen an, es auszubrechen. Nachdem sie so ein paar Tage
+gearbeitet hatten, kam der Bauer zu ihnen heraus.
+
+>Der Berg ist sehr reich an Erz,< sagte er.
+
+>Ja, da müssen noch viele Leute fleißig sein, bis dieser Schatz gehoben
+ist,< erwiderten die Fremden.
+
+>Das weiß ich wohl,< sagte der Bauer, >aber ich meine doch, ihr solltet mir
+von dem Erz, das ihr ausbrecht, eine Abgabe zahlen, denn mir habt ihr es zu
+verdanken, daß ihr überhaupt hier arbeiten könnt.<
+
+>Wir wissen nicht, was du damit sagen willst,< entgegneten die Männer.
+
+>Nun, ich habe doch den Berg durch meine Klugheit erlöst,< sagte der Bauer.
+Und dann erzählte er den Fremden von den beiden Riesentöchtern und dem
+Bruderteil.
+
+Die Männer hörten aufmerksam zu; aber was sie sich aus der Erzählung
+merkten, war etwas ganz andres, als was der Bauer gemeint hatte.
+
+>Ist es auch gewiß, daß die andre Riesentochter gefährlicher ist als die,
+mit der du zusammengetroffen bist?< fragten sie.
+
+>Jawohl, und sie würde euch nicht verschonen,< lautete die Antwort des
+Bauern.
+
+Damit verließ er die Männer, beobachtete sie aber doch noch aus der Ferne.
+Nach einer Weile sah er, daß sie ihre Arbeit einstellten und in den Wald
+hineinwanderten.
+
+Als an diesem Abend der Bauer mit seinen Leuten beim Abendessen saß, drang
+plötzlich lautes Wolfsgeheul aus dem Walde heraus. Und durch das Heulen der
+wilden Tiere hindurch ertönten menschliche Hilferufe. Rasch sprang der
+Bauer auf, aber die Knechte schienen keine Lust zu haben, ihm zu folgen.
+>Es geschieht dem Diebsgesindel ganz recht, wenn es von den Wölfen
+zerrissen wird,< sagten sie.
+
+>Wer in Not ist, dem muß man beistehen,< sagte der Bauer und begab sich
+rasch mit allen seinen fünfzig Knechten in den Wald.
+
+Dort sahen sie gleich ein großes Rudel Wölfe, die umeinander sprangen und
+sich um eine Beute balgten. Nachdem die Knechte die Wölfe
+auseinandergejagt hatten, lagen vier menschliche Körper auf der Erde, die
+so entsetzlich zugerichtet waren, daß man sie nicht hätte erkennen können,
+wenn nicht vier Bergmannspickel daneben gelegen hätten.
+
+[Illustration]
+
+Nach diesem Ereignis verblieb der Kupferberg im Besitz des einen Bauern bis
+an dessen Tod. Hierauf übernahmen ihn die Söhne; diese ließen die Grube
+gemeinsam bearbeiten; alles Erz, das im Laufe des Jahres gewonnen worden
+war, wurde in Haufen geteilt, um diese das Los geworfen, und dann schmolz
+jeder das Kupfer in seiner eigenen Hütte aus. Sie alle wurden mächtige
+Bergleute und bauten sich große stattliche Höfe. Nach ihnen kamen deren
+Erben an die Reihe; diese öffneten neue Grubenschächte und vermehrten den
+Erzgewinn. Mit jedem Jahre nahm die Grube an Umfang zu, und immer mehr
+Bergwerkleute hatten teil daran. Die einen wohnten ganz in der Nähe, andre
+hatten ihre Höfe und Schmelzöfen im ganzen Bezirk ringsumher. Es entstand
+allmählich eine Anzahl Dörfer, und alles zusammen bekam den Namen
+Großer-Kupferbergwerkbezirk.
+
+Nun darf man aber eins nicht vergessen. Das Erz lag an der Oberfläche des
+Berges, und man konnte es herausbrechen wie die Steine aus einem
+Steinbruch. Mit der Zeit aber nahm das ein Ende, und nun waren die
+Grubenarbeiter gezwungen, das Erz tief unter der Erde zu suchen. Mit Hilfe
+von tiefen Schächten und langen, gewundenen Gängen mußten sie sich in die
+dunkeln Eingeweide der Erde hineinwühlen, dort ihre Minen legen und das Erz
+heraussprengen. Das Sprengen ist an und für sich ein sehr mühseliges und
+schweres Stück Arbeit, und sie wird noch beschwerlicher, weil der Rauch
+nicht abziehen kann; dazu kommt dann noch das Herausschaffen des Erzes auf
+steilen Leitern. Je tiefer es ins Innere der Erde hineinging, desto
+gefährlicher war die Arbeit. Manchmal drangen reißende Wildwasser aus einem
+Winkel in die Grube hinein, manchmal stürzte die Decke über den Arbeitern
+zusammen. Dadurch war die Arbeit in der großen Grube schließlich so
+berüchtigt, daß sich niemand freiwillig dazu hergeben wollte. Nun bot man
+zum Tode verurteilten Verbrechern und vogelfreien Menschen, die den Wald
+unsicher machten, an, ihnen ihre Missetaten zu vergeben, wenn sie
+Grubenarbeiter in Falun werden wollten.
+
+Seit vielen, vielen Jahren hatte niemand mehr daran gedacht, den Bruderteil
+zu suchen. Aber unter den vogelfreien Männern, die zum Großen Kupferberg
+kamen, gab es auch solche, die ein ordentliches Abenteuer mehr schätzten
+als ihr Leben, und sie streiften oft im Walde umher, in der Hoffnung, den
+andern Kupferberg, den Bruderteil, zu finden.
+
+Wie es allen denen, die suchten, erging, weiß niemand, aber eine Geschichte
+von ein paar Grubenarbeitern hat sich noch erhalten. Diese Arbeiter kamen
+eines Abends ganz spät zu ihrem Herrn und erzählten, sie hätten eine
+gewaltige Erzader im Walde entdeckt. Sie hätten den Weg bezeichnet, und am
+nächsten Tage wollten sie ihrem Herrn die Ader zeigen. Aber der nächste Tag
+war ein Sonntag, und an diesem Tag wollte der Herr nicht in den Wald und
+Erz suchen; statt dessen ging er mit allen seinen Leuten in die Kirche. Es
+war Winter, und die ganze Schar nahm ihren Weg über den Varpansee. Auf dem
+Hinweg ging alles gut, aber auf dem Rückweg gerieten jene beiden Männer in
+eine Wake und ertranken. Da begannen die Leute sich an die alte Sage von
+dem Bruderteil zu erinnern, und sie raunten einander zu, diese Männer seien
+ganz gewiß darauf gestoßen.
+
+Um die Schwierigkeiten bei der Grubenarbeit nach Möglichkeit zu heben,
+ließen die Bergwerkbesitzer erfahrne Bergleute aus dem Auslande kommen; und
+diese fremden Meister unterrichteten die Leute in Falun, Fahrkünste in die
+Gruben zu bauen, mit denen man das Wasser herauspumpen und das Erz
+heraufwinden konnte. Die Fremden glaubten nicht so recht an die Sage von
+den Riesentöchtern: aber das wollten sie gerne glauben, daß sich irgendwo
+in der Nähe noch eine mächtige Erzader finden könnte, und sie suchten auch
+eifrig danach. Eines Abends kam denn auch ein deutscher Obersteiger in das
+Gasthaus bei der Grube und sagte, er habe den Bruderteil gefunden. Aber der
+Gedanke an den großen Reichtum, den er jetzt gewinnen würde, machte ihn
+vollständig verwirrt und unzurechnungsfähig. An demselben Abend hielt er
+ein großes Gelage in dem Wirtshaus; er trank und tanzte und spielte, und
+schließlich entstand Streit und Schlägerei, und der Deutsche wurde von
+einem seiner Saufkumpane erstochen.
+
+Aus dem Großen-Kupferbergwerk wurde noch immer so viel Erz gebrochen, daß
+diese Grube für die reichste im ganzen Lande galt. Sie war nicht allein für
+die nächste Umgebung eine Quelle unversiegbaren Reichtums, -- auch die
+Abgaben, die davon erhoben wurden, waren in schweren Zeiten eine große
+Hilfe für das schwedische Reich. Durch die Grube entstand nach und nach die
+Stadt Falun, die Grube selbst galt für eine Merkwürdigkeit ersten Ranges
+und war so nutzbringend, daß selbst die Könige nach Falun zu reisen
+pflegten, um sie zu sehen, ja, sie nannten sie geradezu das Glück und die
+Schatzkammer des Sveareiches.
+
+Einer der letzten, der den Bruderteil sah, war ein junger Faluner Bergmann
+aus einer vornehmen, reichen Familie, der einen Hof und einen Schmelzofen
+in der Stadt besaß. Er wollte eine schöne Bauerntochter von Leksand
+heiraten, und so machte er sich eines Tages dorthin auf den Weg. Er brachte
+seine Werbung vor; sie aber sagte, wenn er sich nicht entschließen könnte,
+von Falun wegzuziehen, wolle sie ihn nicht heiraten. In Falun liege der
+Rauch aus den Schmelzöfen dick und drückend über der Stadt, und es werde
+ihr schon ganz schwer ums Herz, wenn sie nur daran denke.
+
+Der Bergmann hatte das Mädchen sehr lieb, und auf dem Rückweg war er tief
+betrübt. Er hatte von jeher in Falun gewohnt, und es war ihm noch nie der
+Gedanke gekommen, es könnte jemand schwer fallen, da zu leben. Als er sich
+aber jetzt der Stadt näherte, erstaunte er über die Maßen. Aus der großen
+Grubenöffnung, aus den hundert Schmelzöfen ringsum wallte ein schwarzer,
+beißender Schwefelrauch heraus und hüllte die ganze Stadt wie in einen
+Nebel ein. Der Rauch hinderte die Pflanzen am richtigen Wachstum, kahl und
+öde lagen die Felder ringsumher. Überall sah der Bergmann von schwarzen
+Kohlenschuppen umgebene Schmelzöfen, aus denen die Flammen herausschlugen,
+und zwar nicht allein hier in der Stadt und in deren nächster Umgebung,
+sondern in der ganzen Umgegend bei Grycksbo, bei Bengtsarvet, bei
+Bergsgården, bei Stennäset, bei Korsnäs, in Vika, selbst bis nach Aspeboda.
+Ja, nun verstand er es: wer gewohnt war, im hellen Sonnenschein an den
+grünen Ufern des glänzenden Siljansees zu wohnen, der konnte hier unten
+nicht gedeihen.
+
+Der Anblick der Stadt stimmte ihn noch trauriger, als er schon vorher
+gewesen war. Er hatte keine Lust, gleich nach Hause zu gehen, sondern wich
+vom Wege ab und wanderte in den Wald hinein. Hier streifte er den ganzen
+Tag umher, ohne daran zu denken, wohin er ging.
+
+Gegen Abend stand er plötzlich vor einer Bergwand, die wie lauteres Gold
+glänzte, und als er näher hinsah, entdeckte er, daß der Glanz von einer
+großen Kupferader herrührte. Zuerst freute er sich über die Entdeckung;
+aber dann fiel ihm die Sage von dem Bruderteil ein, der schon so vielen zum
+Verderben gereicht hatte, und da erschrak er im tiefsten Innern. >Heute bin
+ich wirklich vom Unglück verfolgt,< dachte er. >Vielleicht muß ich nun auch
+noch das Leben lassen, weil ich den Reichtum hier entdeckt habe.<
+
+Rasch wendete er sich ab und machte sich auf den Heimweg. Nach einer Weile
+begegnete er einer großen starken Frau. Sie sah aus, als könnte sie die
+ehrfurchtgebietende Mutter eines Bergmanns sein; aber er konnte sich nicht
+erinnern, sie je gesehen zu haben.
+
+>Ich möchte wohl wissen, was du im Walde vorgehabt hast, denn ich habe dich
+den ganzen Tag darin umherstreifen sehen?< sagte die Frau.
+
+>Ich habe mich nach einem Bauplatz umgesehen, denn das Mädchen, das ich
+liebe, will nicht in Falun wohnen,< antwortete der Bergmann.
+
+>Hast du nicht im Sinn, Erz aus dem Kupferberg zu brechen, den du vorhin
+entdeckt hast?< fragte sie weiter.
+
+>Nein, ich muß die Grubenarbeit aufgeben, sonst bekomme ich das Mädchen,
+das ich liebe, nicht.<
+
+>Nun, dann halte dein Wort, und es wird dir nichts Böses widerfahren,<
+sagte die Frau; und damit verließ sie ihn.
+
+Er aber beeilte sich, das zu verwirklichen, was er nur aus Not als Ausrede
+gesagt hatte. Er gab die Grubenarbeit auf und baute sich weit entfernt von
+Falun einen Hof. Da hatte sie, die er liebte, nichts mehr gegen seine
+Werbung; sie wurde seine Frau und zog mit ihm.«
+
+Damit endigte die Erzählung des Raben. Der Junge hatte sich wirklich die
+ganze Zeit wach erhalten, trotzdem aber hatte er sein Werkzeug nicht
+besonders fleißig gehandhabt.
+
+»Nun, wie ging es dann später?« fragte er, als der Rabe zu sprechen
+aufgehört hatte.
+
+»Ach, seit jener Zeit ist es mit dem Kupfergewinn rückwärts gegangen. Die
+Stadt steht allerdings noch, aber die alten Schmelzöfen sind nicht mehr da.
+Die ganze Gegend ist mit alten Bergmannshöfen übersät, aber die darin
+wohnen, müssen Land- und Forstwirtschaft betreiben. Die faluner Grube ist
+nächstens erschöpft, und es wäre jetzt notwendiger als je, daß man den
+Bruderteil fände.«
+
+»Ob wohl dieser Bergmann, von dem du eben erzählt hast, der letzte gewesen
+ist, der ihn gesehen hat?« fragte der Junge.
+
+»Sobald du ein Loch in die Wand gehauen und mich befreit hast, werde ich
+dir sagen, wer dieser letzte gewesen ist,« antwortete der Rabe.
+
+Der Junge fuhr zusammen und begann sein Stemmeisen wieder rascher zu
+handhaben. Es war ihm gewesen, als ob Bataki dies letzte in einem
+merkwürdig bedeutungsvollen Ton gesagt hätte, beinahe wie wenn er dem
+Jungen zu verstehen geben wollte, er selbst, der Rabe, habe die große
+Erzader gesehen. Mochte er wohl eine Absicht gehabt haben, als er ihm diese
+Geschichte erzählt hatte?
+
+»Du bist gewiß viel in dieser Gegend umhergestreift?« fragte der Junge, um
+etwas Näheres zu erfahren. »Und während du über die Berge und Wälder
+hingeschwebt bist, hast du gewiß allerlei gefunden?«
+
+»Allerdings, und ich könnte dir viel Merkwürdiges zeigen, wenn du nur erst
+mit dieser Arbeit fertig wärest,« sagte der Rabe.
+
+Jetzt hackte der Junge mit einem Eifer darauf los, daß die Späne nur so
+flogen. Ganz gewiß hatte der Rabe den Bruderteil gefunden!
+
+»Da ist es nur schade, daß du als Rabe gar keinen Nutzen aus dem Reichtum
+ziehen kannst,« sagte der Junge.
+
+»Ich spreche jetzt nicht weiter über die Sache, bis ich sehe, ob du
+wirklich ein Loch zustande bringst, durch das ich hinausschlüpfen kann,«
+entgegnete Bataki.
+
+Der Junge arbeitete und arbeitete; schließlich wurde das Eisen ganz heiß in
+seiner Hand. Er glaubte, die Absicht des Raben zu erraten. Dieser konnte
+doch nicht selbst Erz ausbrechen, und da hatte er gewiß im Sinn, seine
+Entdeckung ihm, Nils Holgersson, zu vermachen. Das war das glaubwürdigste
+und natürlichste. Aber wenn der Junge dann das Geheimnis kannte, dann wußte
+er, was er tat: sobald er seine menschliche Gestalt wieder erlangt hätte,
+würde er hierher zurückkehren, den großen Reichtum zu heben. Und wenn er
+dann genug Geld erworben hätte, kaufte er das ganze Kirchspiel
+Westvemmenhög und baute sich da ein Schloß, so groß wie Vittskövle. Und
+eines schönen Tages lüde er dann den Häusler Holger Nilsson und dessen Frau
+aufs Schloß ein. Wenn diese ankämen, stünde er auf der Freitreppe und
+sagte: »Bitte, treten Sie ein und tun Sie, als ob Sie zu Hause wären!« Sie
+erkennten ihn natürlich nicht, sondern fragten sich nur immer wieder, wer
+denn der feine Herr sei, der sie eingeladen habe. Und dann fragte der feine
+Herr: »Würden Sie nicht gerne auf so einem Schlosse wie diesem hier
+wohnen?« -- »Doch, das versteht sich von selbst, aber das ist nichts für
+uns,« antworteten sie. -- »Doch, doch, Sie sollen das Schloß hier als
+Zahlungsstatt bekommen für den großen weißen Gänserich, der im vorigen
+Jahre davongeflogen ist,« antwortete dann der feine Herr .....
+
+Der Junge bewegte sein Eisen immer hurtiger. Das zweite, wozu er sein Geld
+anwenden würde, wäre, für das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats ein neues
+Häuschen auf der Heide von Sunnerbo zu bauen. Natürlich ein viel schöneres
+und größeres als das alte. Und dann wollte er den ganzen Tåkern kaufen, und
+dann .....
+
+»Jetzt muß ich deinen Fleiß tatsächlich loben,« sagte der Rabe. »Ich
+glaube, das Loch ist schon groß genug.«
+
+Und der Rabe konnte sich wirklich hindurchzwängen. Der Junge folgte ihm,
+und da sah er Bataki ein paar Schritte entfernt auf einem Stein sitzen.
+
+»Jetzt werde ich mein Versprechen halten, Däumling,« begann Bataki in
+höchst feierlichem Ton, »und dir sagen, daß ich selbst den Bruderteil
+gesehen habe. Aber ich möchte dir nicht raten, ihn zu suchen, denn ich habe
+mich viele Jahre lang abgemüht, bis ich ihn gefunden hatte.«
+
+»Ich dachte, du würdest mir zur Belohnung für meine Hilfe zeigen, wo er
+ist,« sagte der Junge.
+
+»Ach, Däumling, du mußt doch schrecklich schläfrig gewesen sein, während
+ich von dem Bruderteil erzählte,« sagte Bataki. »Sonst könntest du so etwas
+nicht erwarten. Hast du denn nicht gehört, daß alle, die offenbaren
+wollten, wo der Bruderteil sich befände, das Leben eingebüßt haben? Nein,
+mein Freund, Bataki hat in seinem langen Leben gelernt, den Mund zu
+halten.«
+
+Damit breitete Bataki seine Flügel aus und flog davon.
+
+Dicht neben der Schwefelküche schlief Mutter Akka; aber es dauerte eine
+gute Weile, bis der Junge zu ihr trat und sie weckte. Er war verstimmt und
+betrübt, weil er um den großen Reichtum gekommen war, und er hatte jetzt
+das Gefühl, als habe er nicht das geringste, worüber er sich freuen könnte.
+
+»Im übrigen glaube ich gar nicht an die Geschichte mit den Riesentöchtern
+und ebensowenig an die Wölfe und an das trügerische Eis,« sagte er vor sich
+hin. »Natürlich sind die armen Grubenarbeiter, als sie die reiche Erzader
+mitten im wilden Wald entdeckten, vor lauter Freude ganz von Sinnen
+gekommen und haben deshalb später den rechten Platz nicht mehr finden
+können. Und dann hat sie die Enttäuschung so vollständig überwältigt, daß
+sie einfach nicht mehr leben konnten. Denn ganz so ist es mir jetzt
+zumute.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+31
+
+Walpurgisnacht
+
+
+ Samstag, 30. April
+
+Auf einen Tag im Jahre freuen sich die Kinder in Dalarna ebensosehr wie auf
+den Weihnachtsabend. Das ist die Walpurgisnacht, wo sie ringsumher im Lande
+Freudenfeuer anzünden dürfen.
+
+Schon wochenlang vorher denken die Jungen und Mädchen an nichts weiter, als
+nur recht viel Holz zu den Walpurgisfeuern zusammenzutragen. Sie gehen in
+den Wald und sammeln dürre Zweige und Tannenzapfen, sie sammeln Späne beim
+Schreiner und Knüppel und Rinde und Holzknorren beim Holzfäller. Alle Tage
+gehen sie zum Kaufmann und betteln um alte Kisten; und wenn eines irgendwo
+eine alte Teertonne ergattert hat, dann versteckt es sie als seinen größten
+Schatz und wagt erst in der letzten Stunde damit herauszurücken, gerade ehe
+die Feuer angezündet werden sollen. Die kleinen Reisigzweige, mit denen man
+die jungen Bohnen und Erbsen stützt, sind in großer Gefahr, desgleichen
+auch alle die alten herausgerissenen Zaunpfähle, alles zerbrochene
+Holzgeschirr und alle auf dem Felde vergessenen Heureiter.
+
+Wenn der große Abend endlich da ist, haben in jedem Dorfe die Kinder
+entweder auf einem Hügel oder auch am Seeufer aus dürren Zweigen und Reisig
+und allem möglichen nur erdenklichen Brennbarem einen großen Haufen
+aufgeschichtet. An einzelnen Orten haben sie sogar zwei, ja drei Holzstöße;
+denn manchmal entzweien sich die Mädchen und Knaben schon beim Sammeln des
+Holzes, oder die Kinder vom südlichen Teil des Dorfes wollen das Feuer bei
+sich haben, aber die Kinder vom nördlichen Teil gehen nicht darauf ein und
+verschaffen sich deshalb ihr Feuer auf eigene Rechnung.
+
+Die Holzstöße sind meist schon früh am Nachmittag fertig; und dann
+versammeln sich alle Kinder mit Zündholzschachteln in der Tasche um sie
+herum und warten ungeduldig auf den Einbruch der Dunkelheit. Um diese
+Jahreszeit ist es in Dalarna so schrecklich lang Tag! Um acht Uhr abends
+fängt es kaum erst an zu dämmern. Kalt und feucht ist es draußen, denn es
+ist ja noch halb Winter, und den Kindern wird die Zeit lang. Auf den freien
+Plätzen und auf den offenen Feldern ist aller Schnee schon geschmolzen, und
+mitten am Tage wenn die Sonne hoch am Himmel steht, ist es auch ganz
+behaglich warm; aber in den Wäldern liegen noch große Schneewehen, die Seen
+sind noch mit Eis bedeckt, und in der Nacht sinkt das Thermometer häufig
+immer noch mehrere Grade unter Null herab. Deshalb wird ab und zu auch
+einmal ein Feuer angezündet, ehe es so recht dunkel ist. Aber nur die
+kleinsten und ungeduldigsten Kinder übereilen sich in dieser Weise; die
+großen warten, bis die Nacht vollständig hereingebrochen ist, damit sich
+die Feuer recht großartig ausnehmen.
+
+Endlich ist die richtige Stunde gekommen. Jedes Kind, es mag einen noch so
+kleinen Zweig zum Holzstoß beigetragen haben, ist anwesend; nun zündet der
+älteste Junge einen Strohwisch an und steckt ihn unten in den Haufen
+hinein. Sogleich beginnt das Feuer zu arbeiten; es knattert und knistert im
+Reisig; der Rauch wallt schwarz und drohend auf; endlich dringen die
+Flammen oben aus dem Reisighaufen heraus; hell und klar steigen sie auf
+einmal mehrere Meter in die Höhe, so daß sie in der ganzen Gegend gesehen
+werden können.
+
+Wenn die Kinder eines Dorfes ihren eignen Holzstoß in vollen Brand gesetzt
+haben, nehmen sie sich Zeit, sich umzusehen. Ja, dort brennt ein Feuer, und
+dort drüben ein zweites! Jetzt flammt eins auf dem Hügel dort auf, und
+jetzt eins ganz droben auf dem Berge! Alle Kinder hoffen, ihr eignes Feuer
+werde das größte und hellste sein; und sie haben so große Angst, es könnte
+die andern möglicherweise nicht übertreffen, daß sie jetzt in der letzten
+Stunde nach den Häusern rennen und Vater und Mutter noch um ein paar
+Bretterstumpen oder um etwas Brennholz bitten.
+
+Wenn das Feuer eine Weile gebrannt hat, kommen die Erwachsenen und die
+alten Leute auch herbei, es sich anzusehen. Aber das Feuer ist nicht allein
+schön und hell, es verbreitet auch eine schöne gute Wärme und verlockt
+dadurch die Zuschauer, sich auf den Steinen und Erdhügeln ringsum
+niederzulassen. Da sitzen sie und schauen in die Flammen, bis es einem
+einfällt, es wäre doch recht behaglich, wenn man an dem schönen Feuer ein
+Schälchen Kaffee kochen würde. Während der Kaffeekessel summt, erzählt wohl
+einer eine Geschichte; und wenn diese zu Ende ist, ist gleich wieder ein
+andrer mit einer neuen bei der Hand.
+
+Die Erwachsenen denken hauptsächlich an den Kaffee und die Geschichten, die
+Kinder aber suchen das Feuer möglichst lange in hellem Brand zu erhalten.
+Dem Frühling ist es so schrecklich schwer geworden, den Schnee zu schmelzen
+und das Eis aufzutauen. Wie schön wäre es, wenn man ihm nun mit dem Feuer
+ein wenig helfen könnte! Sonst kann er ja unmöglich den Boden rechtzeitig
+von der Kälte befreien, damit Bäume und Kräuter auch rechtzeitig
+ausschlagen können.
+
+ * * * * *
+
+Die Wildgänse hatten sich für die Nacht auf dem Eise des Siljansees
+niedergelassen, und da ein schrecklich kalter Nordwind daherfegte, mußte
+der Junge unter den Flügel des weißen Gänserichs kriechen. Aber er hatte
+noch nicht lange dagelegen, als ihn ein Flintenschuß auffahren ließ. Rasch
+glitt er unter dem Flügel hervor und sah sich erschrocken um.
+
+Hier draußen auf dem Eise, wo die Gänse ruhten, war alles ganz still, so
+sehr der Junge auch umherspähte, er konnte nirgends einen Jäger entdecken.
+Aber als er nach dem Lande hinschaute, nahm er etwas ganz Merkwürdiges
+wahr; er meinte zuerst, er sehe eine Gespenstererscheinung, etwas in der
+Art, wie damals die Stadt Vineta, oder den Garten bei Groß-Djulö.
+
+Am Nachmittag waren die Gänse mehrere Male über dem großen See hin und her
+geflogen, ehe sie den Platz gewählt hatten, wo sie sich niederlassen
+wollten. Und da hatten sie dem Jungen die großen Kirchen und Dörfer
+gezeigt, die an den Ufern des Sees lagen. Er hatte Leksand, Rättvik, Mora
+und die Sollerö gesehen. Die Kirchendörfer waren sehr groß, sie sahen wie
+richtige Landstädte aus, und der Junge hatte sich sehr verwundert, wie
+dicht bebaut dies Land hier im Norden war. Die ganze Gegend erschien ihm
+viel freundlicher und lachender, als er erwartet hatte; er hatte durchaus
+nichts Unheimliches oder Schreckeneinjagendes entdecken können.
+
+Aber jetzt, in der dunkeln Nacht, flammte an diesen selben Ufern ein großer
+Kranz von hellen Feuern auf. Überall sah man sie lodern: in Mora am
+nördlichen Ende des Sees, am Ufer der Sollerö in Vikarby, auf der Höhe über
+dem Dorfe Sjurberg, auf dem Kirchenplatz ganz draußen auf der Landzunge bei
+Rättvik, auf dem Lerdalberg, und dann weiterhin auf allen Landzungen und
+Hügeln bis hinunter nach Leksand. Der Junge zählte mehr als hundert Feuer;
+er konnte ganz und gar nicht begreifen, wo sie hergekommen wären, und ob
+nicht Hexerei und Zauberkunst mit im Spiele sei.
+
+Bei dem Schuß waren auch die Wildgänse erwacht, aber sobald Akka einen
+Blick auf den Strand geworfen hatte, sagte sie: »Die Menschenkinder treiben
+heute Kurzweil.« Hierauf steckten alle Wildgänse die Köpfe aufs neue unter
+die Flügel und schliefen sogleich wieder ein.
+
+Der Junge aber betrachtete die Feuer, die das ganze Ufer wie eine lange
+Reihe von goldenen Kleinodien schmückten, und wie eine Motte wurde er von
+dem Licht und der Wärme unwiderstehlich angezogen; er wäre gern näher
+hingegangen, aber er wußte nicht recht, ob er die Gänse ohne Gefahr
+verlassen könnte. Ein Schuß um den andern tönte zu ihm herüber, und da er
+jetzt wußte, daß keine Gefahr damit verbunden war, lockten ihn auch diese.
+Die Leute dort drüben bei den Feuern schienen so vergnügt zu sein, daß sie
+sich am Lachen und Jubeln nicht genügen lassen konnten, sie mußten auch
+noch Freudenschüsse abfeuern. Und jetzt wurden bei einem Feuer, das auf
+einem Berg brannte, überdies noch Raketen abgebrannt. Dort hatten sie ein
+riesiges Feuer, und es lag hoch droben; aber das war ihnen noch nicht
+genug, sie wollten es noch schöner haben. Bis hinauf in die Wolken des
+Himmels sollte man sehen, wie vergnügt sie wären.
+
+Der Junge hatte sich ganz allmählich dem Ufer genähert; da drang plötzlich
+Gesang an sein Ohr, und jetzt hielt ihn nichts mehr zurück; er rannte dem
+Lande zu, da mußte er dabei sein.
+
+Aus der Tiefe der Rättviker Bucht führt eine ungewöhnlich lange
+Dampfschiffbrücke ins Wasser hinaus; am äußersten Ende dieser Brücke stand
+eine Anzahl von Sängern, die in der späten Nachtstunde ihre Lieder über den
+See hinklingen ließen. Es war fast, als meinten sie, der Frühling schlafe,
+den Wildgänsen gleich, draußen auf dem Eise des Siljansees, und sie müßten
+ihn wecken.
+
+Die Sänger huben an mit dem Lied: »Ich weiß ein Land weit droben im Nord!«
+Dann kam: »Im Sommer gar schön, wenn die Erde sich freut, im Tal bei zwei
+Flüssen, den großen.« Dann: »Der Marsch geht nach Tuna!« Hierauf: »Freie,
+große, kecke Männer,« und zum Schluß: »In Dalarna wohnten, in Dalarna
+wohnen«. Es waren lauter Lieder über Dalarna. Auf der Brücke selbst brannte
+kein Feuer, und die Sänger konnten nicht weit umhersehen, aber mit den
+Tönen tauchte vor ihnen und vor allen, die zuhörten, ihr Land auf, schöner
+und hinreißender, als wenn sie es beim Tageslicht gesehen hätten. Es war,
+als wollten sie den Frühling also anflehen: »Sieh, solch ein Land wartet
+auf dich! Willst du uns nicht zu Hilfe kommen? Willst du den Winter noch
+länger seinen Druck über diese wunderschöne Gegend ausüben lassen?«
+
+Nils Holgersson lauschte dem Gesang unbeweglich bis zum Ende, dann erst
+eilte er dem Lande zu. Ganz drinnen in der Bucht war das Eis schon
+geschmolzen; es war aber hier so viel Sand angeschwemmt, daß der Junge ganz
+gut bis zu einem Feuer hingelangen konnte, das dicht am Uferrain lag.
+Vorsichtig, vorsichtig schlich er sich immer näher heran, bis er die
+Menschen, die neben dem Feuer standen oder saßen, sehen und auch hören
+konnte, was sie sprachen. Und wieder begann er sich über das, was sie
+sagten, zu verwundern und sich zu fragen, ob er nicht eine Spukerscheinung
+vor sich habe. Noch nie hatte er Menschen in solchen Anzügen gesehen. Die
+Frauen trugen schwarze spitzige Mützen auf dem Kopf, kleine weiße
+Pelzjäckchen, rosa Tücher um den Hals, grünseidene Leibchen und schwarze
+Röcke mit einem weiß, rot, grün und schwarz gestreiften Vorderblatt. Die
+Männer hatten runde Hüte mit niedrigem Kopf, blaue Röcke mit rot
+eingefaßten Säumen, gelbe Lederhosen, die bis an die Kniee reichten und von
+roten mit Quästchen gezierten Strumpfbändern festgehalten wurden. Der Junge
+wußte nicht, ob es nur von den Anzügen herkäme, aber er meinte, diese
+Menschen sähen ganz anders aus als an andern Orten: viel stattlicher und
+viel vornehmer. Er hörte, daß sie miteinander sprachen, konnte aber lange
+kein Wort verstehen. Da fielen ihm die schönen Kleider ein, die seine
+Mutter in ihrer Truhe verwahrte und die seit ewiger Zeit niemand hatte
+tragen wollen, und er fragte sich, ob er hier nicht am Ende Leute aus
+früheren Zeiten vor sich habe, Leute, die in den letzten hundert Jahren
+nicht mehr auf Erden geweilt hätten.
+
+Dies war jedoch nur ein Gedanke, der ihm durch den Kopf ging und gleich
+wieder verschwand, denn er sah wohl, daß diese Leute hier lebendige
+Menschen waren. Die Ursache aber, warum der Junge so dachte, ist die, daß
+sich die Bewohner am Siljansee in ihrer Rede, in ihrer Tracht und in ihren
+Sitten noch mehr von den vergangenen Zeiten bewahrt haben, als es an andern
+Orten der Fall ist.
+
+Bald wurde sich der Junge auch darüber klar, daß die Leute dort am Feuer
+von alten Zeiten sprachen. Sie erzählten, wie es ihnen in ihren jungen
+Jahren ergangen sei, wo sie auf weiten Wegen in andre Landesteile hätten
+wandern müssen, um durch ihre Arbeit den ihrigen daheim das tägliche Brot
+zu verschaffen. Der Junge hörte mehrere Leute ihre Geschichte erzählen;
+aber später konnte er sich doch am besten an das erinnern, was eine ganz
+alte Frau aus ihrem Leben mitgeteilt hatte.
+
+
+Die Geschichte der Kerstis vom Moore
+
+»Meine Eltern hatten einen kleinen Hof in Ostbjörka,« begann die Alte,
+»aber wir waren viele Geschwister, und die Zeiten waren sehr hart, deshalb
+mußte ich schon mit sechzehn Jahren in die Fremde hinaus. Wir zogen
+miteinander, so ungefähr zwanzig junge Leute, von Rättvik aus; im Jahre
+1845, am 14. April kam ich zum erstenmal nach Stockholm. Als Mundvorrat auf
+der Reise hatte ich etwas Brot, ein Stück Kalbfleisch und etwas Käse.
+Vierundzwanzig Groschen waren mein ganzer Geldvorrat. Die andern
+Lebensmittel, die ich von Hause mitbekam, packte ich in meinen Reisesack
+und schickte ihn samt meinem Arbeitsanzug mit einem Bauernwagen im voraus
+nach Stockholm.
+
+So schlugen wir denn alle zwanzig den Weg nach Falun ein; wir legten
+täglich drei bis vier Meilen zurück, und so erreichten wir Stockholm am
+siebenten Tage. Das war noch anders, als wenn die Mädchen sich heutzutage
+nur auf die Eisenbahn setzen und dann höchst bequem in acht bis neun
+Stunden an Ort und Stelle sind.
+
+Als wir in Stockholm einzogen, riefen die Leute einander zu: >Seht, da
+kommt das Dalregiment!< Und es war auch, als ob ein ganzes Regiment
+dahermarschiert käme, als wir in unsern Schuhen mit den hohen Absätzen, in
+die der Schuhmacher mindestens fünfzehn große Nägel hineingeschlagen hatte,
+durch die Straßen schritten; und da wir die spitzigen Pflastersteine nicht
+gewohnt waren, traten mehrere von uns häufig fehl und fielen zu Boden.
+
+Wir gingen in ein Wirtshaus, in das >Weiße Roß<, wo die Leute aus Dalarna
+abzusteigen pflegten und das auf dem Södermalm in der großen Badstraße lag.
+Die Leute aus Mora wohnten in derselben Straße, in der >Großen Krone<.
+Jetzt aber mußte eilig etwas verdient werden, das kann ich euch sagen, denn
+von den vierundzwanzig Groschen, die ich von daheim mitbekommen hatte,
+waren nur noch achtzehn übrig. Eines von den andern Mädchen sagte, ich
+solle mich bei einem Rittmeister, der am Hornstull wohne, nach Arbeit
+umsehen. Dort wurde ich auf vier Tage gedungen, während der ich in seinem
+Garten graben und pflanzen mußte. Als Lohn erhielt ich vierundzwanzig
+Groschen, mußte mich aber selbst verköstigen. Da konnte ich mir nur wenig
+zum Essen kaufen, doch die kleinen Töchterchen der Herrschaft sahen, daß
+ich hungrig war; sie liefen in die Küche hinein und verlangten noch etwas
+zum Essen für mich, und so wurde ich doch satt.
+
+Hierauf kam ich zu einer Frau in der Norrlandstraße. Da mußte ich in einer
+ganz miserabeln Kammer schlafen; die Mäuse zernagten mir meine Mütze und
+mein Halstuch und fraßen ein Loch in meinen Reisesack. Ich mußte ihn mit
+einem alten Stiefelschaft, den man mir gab, flicken. In diesem Haus hatte
+ich nur auf vierzehn Tage Arbeit, und dann mußte ich mit zwei Reichstalern
+in der Tasche nach Hause wandern. Diesmal nahm ich den Weg über Leksand und
+hielt mich da in einem Dorfe namens Rönnäs ein paar Tage auf. Ich erinnere
+mich, daß die Leute dort Hafergrütze kochten, die mit Spreu und Kleie
+vermischt war. Sie hatten nichts andres, und in jenen Tagen der Hungersnot
+mußten sie noch froh daran sein.
+
+Ja, in jenem Jahr war es mir nicht gerade glänzend gegangen, aber im
+nächsten ging es mir noch schlechter.
+
+Seht, ich mußte eben wieder ausziehen, denn sonst hätten sie daheim nichts
+zum Leben gehabt. Diesmal schloß ich mich an zwei andre Mädchen an, und wir
+wanderten zusammen nach Hundiksvall. Bis dorthin waren es fünfundzwanzig
+Meilen, und wir mußten unsere Reisesäcke den ganzen Weg selber auf dem
+Rücken tragen, denn jetzt hatten wir keinen Bauernwagen, der sie
+mitgenommen hätte.
+
+Wir hatten gehofft, Gartenarbeit zu finden; aber als wir hinkamen, lag noch
+überall der Schnee, und mit der Gartenarbeit war es nichts. Da ging ich
+vors Dorf hinaus auf die großen Bauernhöfe und bat flehentlich, man solle
+mir doch irgend eine Arbeit geben. Ach, ihr lieben Leute, wie hungrig und
+müde war ich, bis ich einen Hof fand, wo man mich behielt und mich um acht
+Groschen am Tag Wolle krempeln ließ! Später fand ich schließlich doch auch
+Arbeit in den Gärten der Stadt, und da blieb ich bis Juli. Dann aber
+überkam mich das Heimweh mit solcher Macht, daß ich mich auf den Weg nach
+Rättvik machte. Ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt. Meine Schuhe
+waren durchgelaufen, und so mußte ich die vierundzwanzig Meilen barfuß
+zurücklegen. Aber ich wanderte frohen Herzens dahin, denn jetzt hatte ich
+fünfzehn Reichstaler erspart, und für meine kleinen Geschwister brachte ich
+ein paar altbackene Weißbrötchen und eine Tüte voll Zuckerstückchen mit,
+die ich mir zusammengespart hatte. So oft mir jemand zwei Stückchen Zucker
+in meinen Kaffee gab, warf ich immer nur eines hinein und hob das andre
+auf.
+
+Ja, da sitzt ihr nun, ihr Mädchen, und wißt nicht, wie sehr ihr dem lieben
+Gott dafür danken solltet, daß er uns bessere Zeiten gegeben hat, denn
+damals folgte ein Hungerjahr auf das andre; alle jungen Leute in Dalarna
+mußten sich auswärts nach einem Verdienst umsehen. Im nächsten Jahre --
+das war Anno 1847 -- wanderte ich wieder nach Stockholm und arbeitete im
+großen Hornberger Garten. Außer mir waren noch mehrere Mädchen da, und wir
+hatten jetzt einen etwas besseren Taglohn, mußten aber trotzdem tüchtig
+sparen. Wir sammelten im Gartenland alte Nägel und Knochen, die wir an den
+Lumpensammler verkauften. Für das Geld kauften wir uns dann eine Art
+steinharten Zwieback, wie sie in der Militärbäckerei für die Soldaten
+gebacken wurden. Ende Juli kehrte ich wieder nach Hause zurück, um daheim
+bei der Ernte zu helfen. Diesmal hatte ich mir dreißig Reichstaler erspart.
+
+Auch im folgenden Jahre mußte ich auf den Verdienst ausziehen. Diesmal kam
+ich zu einem Stallmeister, der vor Stockholm wohnte. In diesem Sommer war
+Manöver auf dem Lagårdsgärdet, und der Kellermeister schickte mich hinaus,
+die Küche zu überwachen, die er in einem großen Rüstwagen eingerichtet
+hatte. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, wird mir jener Tag
+unvergeßlich sein, wo ich draußen im Lager vor dem König Oskar auf der Lur
+blasen mußte. Der König schickte mir einen ganzen Speziestaler zur
+Belohnung.
+
+Dann war ich mehrere Sommer nacheinander Fährmädchen bei Brunswik; da
+ruderte ich die Leute zwischen Albano und Haga über. Dies war meine beste
+Zeit; wir hatten die Luren mit im Boot, und manchmal nahmen die Reisenden
+selbst die Ruder, damit wir ihnen auf den Luren blasen konnten. Als im
+Herbst die Fähre eingestellt wurde, ging ich nach Uppland hinauf und half
+in den Bauernhöfen beim Dreschen. Gegen Weihnachten kehrte ich dann allemal
+mit etwa hundert Reichstalern in der Tasche nach Hause zurück. Und dann
+hatte ich beim Dreschen auch noch Saatkorn verdient; der Vater holte es ab,
+sobald man mit dem Schlitten fahren konnte. Ja, seht, wenn ich und meine
+Geschwister nicht mit unsern Sparpfennigen heimgekommen wären, dann hätten
+sie daheim nichts zu leben gehabt, denn die Ernte vom eigenen Boden war
+meist gegen Weihnachten schon zu Ende, und zu jener Zeit baute man noch
+nicht viel Kartoffeln. Dann mußte man beim Kaufmann das Korn kaufen; wenn
+aber die Tonne Roggen vierzig Reichstaler und der Hafer vierundzwanzig
+Reichstaler kostete, dann galt es haushälterisch zu sein. Zu jener Zeit
+wurde bei uns feingehacktes Stroh unter das Brotmehl gemischt. Dieses
+Strohbrot glitt nicht leicht hinunter, das kann ich euch sagen; man mußte
+ordentlich Wasser dazu trinken, daß man es überhaupt hinunterbrachte.
+
+So wanderte ich jedes Jahr hin und her, bis ich mich verheiratete, und das
+war im Jahre 1856. Jon und ich waren in Stockholm gute Freunde geworden.
+Aber jedes Jahr, wenn ich wieder nach Hause ging, war mir immer ein wenig
+bänglich ums Herz, die Stockholmer Mädchen könnten seine Gedanken von mir
+abwendig machen. Sie nannten ihn den schönen Moor-Jon und den schönen
+Dalmann, das wußte ich. Doch in seinem Herzen wohnte keine Falschheit, und
+als er sich genug erspart hatte, machten wir Hochzeit.
+
+Während der nächsten Jahre herrschte lauter Freude und keine Sorge bei uns;
+aber das dauerte nicht lange, 1863 starb Jon, und ich stand mit meinen
+fünf Kindern allein auf der Welt. Es ging uns jedoch nicht einmal so
+schlecht, denn in Dalarna waren bessere Zeiten angebrochen. Jetzt gab es
+Kartoffeln und auch reichlich Getreide. Das war ein großer Unterschied
+gegen die früheren Zeiten. Ich bewirtschaftete die kleinen Äcker, die ich
+geerbt hatte, und hatte auch mein eigenes Häuschen. So verging ein Jahr ums
+andre, die Kinder wuchsen heran, und die von ihnen, die noch leben, sind
+jetzt vermögliche Leute, Gott sei Dank! Sie können sich gar nicht so recht
+vorstellen, wie knapp die Leute es hier in Dalarna gehabt haben, als ihre
+Mutter noch jung war.«
+
+Damit schloß die Alte ihre Erzählung. Während sie gesprochen hatte, war das
+Feuer niedergebrannt. Jetzt standen alle auf und sagten, es sei Zeit, nach
+Hause zu gehen. Der Junge ging wieder aufs Eis hinaus, sich nach seinen
+Reisegefährten umzusehen; aber während er so allein über das Eis hinlief,
+klang in seinen Ohren noch immer der Vers, den er die Leute auf der Brücke
+hatte singen hören. »In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen trotz Armut auch
+Treue und Ehre ...« Dann kamen einige Verse, an die er sich nicht mehr
+erinnern konnte, aber den Schluß wußte er noch: »Sie mischten mit Rinde
+nicht selten ihr Brot, doch mächtigen Herren ward Hilfe in Not bei den
+armen Männern in Dale.«
+
+Der Junge hatte nicht alles vergessen, was er einst in der Schule von den
+Männern aus dem Hause Sture und von Gustav Wasa gehört hatte, und er hatte
+sich immer gewundert, warum sie gerade bei den Dalmännern Hilfe gesucht
+haben sollten. Aber jetzt verstand er es; denn in einem Lande, wo es solche
+Frauen gab wie die Alte, die dort am Feuer ihre Geschichte erzählt hatte,
+mußten ja die Männer geradezu unbesiegbar sein.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+32
+
+Vor den Kirchen
+
+
+ Sonntag, 1. Mai
+
+Als der Junge am nächsten Morgen erwachte und aufs Eis hinunterglitt, mußte
+er hell auflachen. Während der Nacht hatte es geschneit, ja es schneite
+noch immer, die ganze Luft war voll von weißen Flocken, und solange sie
+herunterfielen, sah es fast aus, als seien es lauter Flügel von erfrorenen
+Schmetterlingen. Auf dem See lag der Schnee mehrere Zentimeter tief, die
+Ufer schimmerten ganz weiß, und die Wildgänse sahen wie kleine Schneewehen
+aus, soviel Schnee hatten sie auf dem Rücken.
+
+Ab und zu rührten sich Akka oder Yksi oder Kaksi ein wenig; wenn sie aber
+sahen, daß es noch immer weiter schneite, steckten sie schnell den Kopf
+wieder unter den Flügel. Sie dachten wohl, bei solchem Wetter könnten sie
+nichts Besseres tun als schlafen, und darin gab ihnen der Junge vollkommen
+recht.
+
+Einige Stunden später erwachte er von dem Geläute der Kirchenglocken in
+Rättvik, die zum Gottesdienst riefen. Das Schneien hatte jetzt aufgehört,
+aber ein starker Nordwind fegte daher, und auf dem Eise draußen war es
+bitter kalt. Der Junge war froh, als die Wildgänse endlich den Schnee
+abschüttelten und ans Land flogen, um sich etwas zum Essen zu verschaffen.
+
+An diesem Tage war in Rättvik Konfirmation, und die Konfirmanden, die schon
+früh zur Kirche gekommen waren, standen in kleinen Gruppen an der
+Kirchhofmauer. Sie waren alle in ihren Sonntagsgewändern, und ihre Kleider
+waren so neu und bunt, daß man sie schon von weitem leuchten sah.
+
+»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich die Kinder dort
+sehen kann!« rief der Junge.
+
+Die alte Wildgans hielt dies offenbar für einen sehr natürlichen Wunsch,
+denn sie ließ sich so tief wie möglich hinabsinken und flog dreimal um die
+Kirche herum. Es wäre schwer zu sagen, wie die Kinder in Wirklichkeit
+ausgesehen hätten; aber als Nils Holgersson die Knaben und die Mädchen von
+oben herab betrachtete, meinte er, noch nie so viele schöne junge
+Menschenkinder beisammen gesehen zu haben. »Ich glaube nicht, daß es in des
+Königs Schloß schönere Prinzen und Prinzessinnen geben kann,« sagte er vor
+sich hin.
+
+Es hatte in der Tat tüchtig geschneit. In Rättvik waren alle Felder mit
+Schnee bedeckt, und Akka konnte nirgends ein Plätzchen entdecken, wo sie
+sich mit ihrer Schar hätte niederlassen können. Da besann sie sich nicht
+lange und flog südwärts gen Leksand.
+
+In Leksand waren wie gewöhnlich alle jungen Leute auf Arbeit ausgezogen. Es
+waren also hauptsächlich alte Leute daheim, und als die Wildgänse
+dahergeflogen kamen, wanderte eben ein langer Zug von lauter alten Frauen
+durch die stattliche Birkenallee, die zur Kirche führt. Sie kamen auf den
+weißen Wegen durch die weißstämmigen Birken in schneeweißen Mänteln aus
+Schaffellen, weißen Pelzröcken, gelb oder schwarz- und weißgestreiften
+Schürzen und weißen Hauben, die das weiße Haar dicht umrahmten.
+
+»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die alten
+Leute ansehen kann!« rief der Junge.
+
+Das schien der alten Anführerin wohl ein natürlicher Wunsch, denn sie ließ
+sich so weit, wie sie es wagen konnte, herabsinken und flog dreimal über
+der Birkenallee hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie die alten Leute
+in der Nähe ausgesehen hätten, aber dem Jungen war es, als habe er noch
+niemals alte Frauen mit einem so klugen und freundlichen Ausdruck gesehen.
+»Diese alten Frauen sehen aus, als hätten sie Könige zu Söhnen und
+Königinnen zu Töchtern,« sagte der Junge vor sich hin.
+
+Aber in Leksand war es auch nicht besser als in Rättvik. Überall lag tiefer
+Schnee, und Akka wußte sich keinen andern Rat, als weiter gen Süden nach
+Gagnef zu fliegen.
+
+In Gagnef hatte an diesem Tage vor dem Gottesdienst ein Begräbnis
+stattgefunden. Der Leichenzug hatte sich etwas verspätet, und dann hatte
+das Begräbnis auch noch länger gedauert, als man gedacht hatte. Als die
+Wildgänse dahergeflogen kamen, waren noch nicht alle Leute in der Kirche,
+mehrere Frauen gingen sogar noch auf dem Kirchhof umher und besuchten ihre
+Gräber. Sie trugen grüne Leibchen mit roten Ärmeln, und auf dem Kopfe
+hatten sie farbige Tücher mit bunten Fransen.
+
+»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die
+Bauernweiber ansehen kann!« rief der Junge.
+
+Dies hielt die alte Gans wohl für einen natürlichen Wunsch, denn sie flog
+dreimal über dem Kirchhof hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie sich
+die Leute in der Nähe ausgenommen hätten, aber als der Junge die Frauen von
+oben her durch die Bäume des Kirchhofs hindurch sah, erschienen sie ihm wie
+lauter schöne Blumen. »Sie sehen alle aus, als seien sie im Garten eines
+Königs gewachsen,« dachte er.
+
+Aber selbst in Gagnef fand sich nirgends ein freies Feld, und so blieb den
+Wildgänsen nichts andres übrig, als sich noch weiter südwärts nach Floda zu
+wenden.
+
+In Floda saßen die Leute schon in der Kirche, als die Wildgänse
+dahergeflogen kamen; aber gleich nach dem Gottesdienst sollte eine Hochzeit
+stattfinden, und der ganze Hochzeitszug stand draußen auf dem Kirchenhügel.
+Die Braut trug eine goldene Krone auf dem aufgelösten Haar und war so über
+und über mit Blumen und bunten Bändern und Schmucksachen behängt, daß einem
+die Augen ordentlich weh taten, wenn man sie ansah. Der Bräutigam trug
+einen langen blauen Gehrock, Kniehosen und eine rote Mütze. Die Leibchen
+und Rocksäume der Brautjungfern waren mit Rosen und Tulipanen bestickt, und
+die Eltern und Nachbarn gingen in ihren bunten Bauerntrachten mit im Zuge.
+
+»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, daß ich die jungen Leute
+sehen kann!« bat der Junge.
+
+Und die Anführerin ließ sich so weit, als sie es nur wagen konnte,
+hinabsinken und flog dreimal über dem Kirchenhügel hin und her. Es wäre
+schwer zu sagen, wie die Hochzeitsleute in der Nähe ausgesehen hätten, aber
+so von oben aus meinte der Junge, eine so schöne Braut und einen so stolzen
+Bräutigam und einen so stattlichen Hochzeitszug könne es gewiß sonst
+nirgends geben. »Ich möchte wissen, ob der König und die Königin schöner
+aussehen, wenn sie in ihrem Schlosse umhergehen?« dachte er in seinem
+Herzen.
+
+Hier in Floda fanden die Wildgänse endlich ein vom Schnee befreites Feld
+und mußten also nicht noch länger nach Futter suchen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+33
+
+Die Überschwemmung
+
+
+ 1.-4. Mai
+
+Mehrere Tage lang herrschte in den Gebieten nördlich vom Mälar
+entsetzliches Wetter. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, der Wind
+heulte, und es regnete in Strömen. Die Menschen und Tiere wußten wohl, daß
+es so sein mußte, wenn es Frühling werden sollte, trotzdem aber erschien
+ihnen dieses Wetter fast unerträglich.
+
+Nachdem es einen Tag lang geregnet hatte, fingen die Schneemassen in den
+Wäldern im Ernst zu schmelzen an, und die Frühlingsbäche begannen zu
+rauschen. Alle Wasserpfützen auf den Höfen, das stillstehende Wasser in den
+Gräben, das Wasser, das zwischen den Grashügeln auf den Mooren und in den
+Teichen hervorquoll, alles miteinander kam in Bewegung und suchte sich
+einen Weg nach den Bächen, um nach dem Meere mitgenommen zu werden.
+
+Die Bäche liefen so rasch wie nur möglich nach den Mälarflüssen, und die
+Flüsse taten ihr bestes, ihrerseits die Wassermassen dem Mälar zuzuführen.
+Und dann warfen an ein und demselben Tage alle kleinen Seen in Uppland und
+im Bergwerkdistrikt ihre Eisdecken ab. Dadurch füllten sich die Bäche mit
+Eisschollen, und das Wasser in ihnen stieg hurtig bis zu den Uferrändern.
+So vergrößert stürzten sich die Flüsse jetzt in den Mälar, und es dauerte
+nicht lange, da hatte dieser so viel Wasser aufgenommen, als er überhaupt
+fassen konnte. Reißend und wild schäumend drängte er seinem Ausfluß zu;
+aber der Norrstrom ist eine enge Wasserstraße, die das Wasser nicht so
+hurtig durchfließen lassen konnte, wie es nötig gewesen wäre. Überdies
+wehte ein sehr starker Ostwind, die Meereswellen brachen sich hoch
+aufschäumend am Ufer und standen dadurch dem Strom hindernd im Wege, als
+dieser sein Süßwasser in die Ostsee ergießen wollte. Da nun die Flüsse dem
+Mälar unaufhörlich neues Wasser zuführten, der Strom aber seine Fülle nicht
+so rasch hinausführen konnte, blieb dem großen See nichts andres übrig, als
+über seine Ufer zu treten.
+
+Der See stieg sehr langsam, wie wenn er den schönen Ufern nur ungern
+Schaden zufügen würde. Da diese aber überall sehr niedrig und flach sind,
+hatte das Wasser schon nach kurzer Zeit das Land weit überschwemmt, und
+mehr brauchte er nicht, um allerorten die größte Aufregung hervorzurufen.
+
+Der Mälar ist ein See von ganz besonderer Beschaffenheit; er besteht aus
+lauter engen Fjorden, Buchten und Sunden. Nirgends breitet er sich zu
+weiten, sturmgepeitschten Flächen aus; er scheint zu nichts anderm
+geschaffen zu sein, als für Lustfahrten, Segeltouren und fröhlichen
+Fischfang, und er hat viele reizende bewaldete Holme und Landzungen.
+Nirgends sind nackte, einsame, vom Wind umfegte Ufer; es ist, als habe der
+See nie daran gedacht, daß hier etwas andres als Lustschlösser,
+Sommerhäuser, Herrenhöfe und Vergnügungsorte stehen sollten. Und weil er
+sich für gewöhnlich so freundlich und mild zeigt, gerät vielleicht gerade
+deshalb alles in so fürchterliche Aufregung, wenn er ab und zu einmal seine
+freundliche Miene ablegt und offenbart, daß er auch ernstlich gefährlich
+werden kann.
+
+Da es nun aussah, als wolle der Mälar wirklich eine Überschwemmung
+anrichten, wurden alle Boote und Einbäume, die während des Winters ans Land
+gezogen waren, in aller Eile gedichtet und geteert, damit sie so rasch wie
+möglich zum Gebrauch bereit wären. Die Brücken der Waschfrauen wurden
+hereingezogen, die Landungsbrücken dagegen verstärkt. Die Bahnwärter, deren
+Aufgabe es war, die dem Ufer entlang laufenden Eisenbahnstrecken zu
+bewachen, gingen beständig auf dem Bahndamm hin und her und wagten weder
+bei Nacht noch bei Tag ein wenig zu schlafen.
+
+Die Bauern, die auf den niedrigen Holmen Heu oder dürres Laub in Scheunen
+aufbewahrt hatten, schafften alles eilig ans Land herüber. Die Fischer
+zogen ihre Netze und Reusen ein, damit sie nicht vom Hochwasser mit
+fortgerissen würden. An den Fähren wimmelte es von Menschen, die rasch
+übergesetzt werden wollten. Wer immer unterwegs war, ob auf dem Heimwege
+oder nach auswärts, mußte sich beeilen, solange die Überfahrt noch möglich
+war.
+
+In der Stockholmer Gegend, wo an den Ufern ein Dorf neben dem andern liegt,
+war die Geschäftigkeit am größten. Die meisten Landhäuser lagen allerdings
+so hoch über den Ufern, daß ihnen keine Gefahr drohte; aber jedes von
+diesen Landhäusern hatte ja auch sein Badehaus und seine Landungsbrücke,
+und sie mußten in Sicherheit gebracht werden.
+
+Doch nicht allein die Menschen gerieten in Aufregung, als der Mälar über
+seine Ufer stieg, nein, auch die Tiere waren in großer Not: Die Enten,
+deren Eier zwischen den Büschen am Ufer lagen, die Wasserratten und die
+Spitzmäuse, die am Ufer wohnten und kleine hilflose Junge in ihrem Neste
+hatten, ja selbst die stolzen Schwäne bekamen Angst für ihre Nester und
+ihre Eier.
+
+Und es waren keine unnötigen Sorgen, denn mit jeder Stunde wuchs der Mälar.
+
+Den Weiden und Erlen an den Ufern ging das Wasser schon hoch an den Stämmen
+herauf. In die Gärten war das Wasser eingedrungen; es arbeitete da in
+seiner eigenen Weise, und in den Gemüsebeeten und auf den Roggenfeldern,
+die ihm erreichbar waren, richtete es großen Schaden an.
+
+Der See stieg und stieg, mehrere Tage hindurch. Die tiefgelegenen Wiesen um
+Gripsholm herum standen unter Wasser, und das große Schloß war jetzt nicht
+allein durch einen schmalen Graben, sondern durch breite Sunde vom
+Festlande getrennt. In Strängnäs wurde die schöne Strandpromenade in einen
+brausenden Fluß verwandelt, und in Wästerås bereitete man sich darauf vor,
+mit Booten in den Straßen umherzufahren. Ein paar Elche hatten auf einem
+Holm im Mälar überwintert; deren Lagerstatt geriet unter Wasser und kam ans
+Land geschwommen. Ganze Stapel Brennholz, eine Menge Bretter und Balken,
+Bottiche und Eimer schwammen umher, und überall waren die Leute eifrig
+bemüht, sie zu bergen.
+
+In dieser schwierigen Zeit schlich Smirre, der Fuchs, eines Tages durch ein
+Birkengehölz, das etwas nördlich vom Mälar lag. Wie gewöhnlich
+beschäftigten sich seine Gedanken mit den Wildgänsen und dem Däumling, und
+er sann und sann, wie er sie wieder finden könnte, denn er hatte ihre Spur
+vollständig verloren.
+
+Während er so ganz mutlos dahinwanderte, entdeckte er plötzlich die Taube
+Agar, die Botschafterin, auf einem Birkenzweig. »Wie gut, daß ich dich
+treffe, Agar!« rief Smirre. »Du kannst mir vielleicht sagen, wo sich Akka
+von Kebnekajse mit ihrer Schar aufhält.«
+
+»Es ist wohl möglich, daß ich es weiß,« sagte Agar; »aber ich habe nicht im
+Sinn, es dir mitzuteilen.«
+
+»Das ist mir auch einerlei,« fuhr Smirre fort, »wenn du ihr nur eine
+Botschaft ausrichten willst, die man mir für sie aufgetragen hat. Du weißt
+doch, wie schrecklich es in diesen Tagen am Mälar aussieht. Es ist eine
+fürchterliche Überschwemmung, und das große Schwanenvolk, das in der
+Hjälstabucht wohnt, ist in größter Sorge um seine Nester und Eier. Nun hat
+der Schwanenkönig Dagklar von dem Knirps gehört, der mit den Wildgänsen
+umherzieht und für alles Rat weiß, und er hat mich zu Akka geschickt, sie
+zu bitten, mit dem Däumling nach der Hjälstabucht zu kommen.«
+
+»Ich werde deinen Auftrag ausrichten,« erwiderte Agar. »Aber es ist mir
+nicht recht klar, wie der kleine Wicht den Schwänen helfen könnte.«
+
+»Mir ist es auch nicht klar, aber er kann ja alles mögliche.«
+
+»Ich wundere mich auch sehr darüber, daß Dagklar einen Fuchs mit einem
+Auftrag an die Wildgänse schickt,« wandte Agar ein.
+
+»Da hast du ganz recht, wir sind sonst Feinde,« erwiderte Smirre mit
+freundlicher Stimme. »Aber in der Not muß man einander beistehen. Übrigens
+wirst du gut tun, wenn du Akka nicht sagst, daß du die Botschaft durch
+einen Fuchs erhalten hast, sonst könnte sie am Ende mißtrauisch werden.«
+
+
+Die Schwäne in der Hjälstabucht
+
+Der sicherste Zufluchtsort für die Schwimmvögel am ganzen Mälar ist die
+Hjälstabucht; dies ist der innerste Teil der Ekolsundbucht, die wieder eine
+Ausweitung des Norra-Björköfjords ist. Dieser Fjord aber ist die
+zweitgrößte von den langen Buchten, die der Mälar nach Uppland hinein
+erstreckt.
+
+Die Hjälstabucht hat flache Ufer, einen niedrigen Wasserstand und eine
+Menge Binsen ganz wie der Tåkern. Sie ist zwar lange nicht so groß wie der
+berühmte Vogelsee, aber trotzdem eine ausgezeichnete Heimat für die Vögel,
+weil sie seit vielen Jahren als Freistatt anerkannt ist. Es wohnt nämlich
+ein großes Schwanenvolk dort, und der Besitzer des ganz in der Nähe
+liegenden alten Krongutes Ekolsund hat die Jagd da verboten, damit die
+Schwäne nicht gestört oder beunruhigt würden.
+
+Sobald Akka erfahren hatte, daß die Schwäne ihrer Hilfe bedürften, flog sie
+eiligst nach der Hjälstabucht. Sie gelangte am Abend hin und sah da gleich,
+welche ungeheuern Zerstörungen die Überschwemmung angerichtet hatte. Die
+großen Schwanennester waren losgerissen und von dem heftigen Wind auf die
+Bucht hinausgetrieben worden; einige waren schon auseinandergefallen, andre
+umgestürzt, und die Eier lagen jetzt hell glänzend drunten im Wasser auf
+dem Grund.
+
+Als sich Akka in der Bucht niederließ, waren alle hier wohnenden Schwäne am
+östlichen Ufer versammelt, wo sie vor dem Winde am besten geschützt waren.
+Die Überschwemmung hatte freilich großen Schaden bei ihnen angerichtet,
+aber sie waren viel zu stolz, irgend einen Kummer zu zeigen. »Es hat keinen
+Wert, unglücklich darüber zu sein. Hier herum gibt es genug Wurzelfasern
+und Stiele, um neue Nester zu bauen,« sagten sie. Kein einziger Schwan
+hatte daran gedacht, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sie hatten
+keine Ahnung, daß Smirre die Wildgänse herbeigerufen hatte.
+
+Es waren mehrere hundert Schwäne versammelt, und sie hatten sich ihrem Rang
+und ihrer Stellung gemäß aufgestellt; die jungen und unerfahrenen zu
+äußerst im Kreis, die alten und weisen mehr nach innen. Ganz in der Mitte
+lag Dagklar, der Schwanenkönig, mit Schneefrid, der Schwanenkönigin; diese
+beiden waren älter als alle andern, und fast alle Mitglieder des
+Schwanenvolkes waren ihre Kinder und Kindeskinder.
+
+Dagklar und Schneefrid konnten von jenen Zeiten erzählen, wo es in Schweden
+noch gar keine wilden Schwäne gab, sondern nur zahme in den Schloßgräben
+und Teichen. Aber dann war einmal ein Schwanenpaar entwischt und hatte sich
+in der Hjälstabucht niedergelassen. Von diesen beiden stammten nun alle die
+Schwäne ab, die hier wohnten. In der jetzigen Zeit gibt es allerdings eine
+Menge wilder Schwäne im Mälar, sowie im Tåkern und im Hornborgasee; aber
+alle diese Ansiedler stammen aus der Hjälstabucht, und die Schwäne waren
+sehr stolz darauf, daß sich ihre Familie über einen See nach dem andern
+ausbreitete.
+
+Die Wildgänse hatten sich zufälligerweise auf der westlichen Seite der
+Bucht niedergelassen; aber nachdem Akka entdeckt hatte, wo die Schwäne
+lagen, schwamm sie sogleich zu ihnen hinüber. Sie war selbst sehr erstaunt,
+daß nach ihr geschickt worden war; aber sie betrachtete es als eine Ehre
+und wollte keinen Augenblick verlieren, wenn sie den Schwänen beistehen
+konnte.
+
+Als Akka in die Nähe der Schwäne kam, hielt sie an, um zu sehen, ob die
+Gänse hinter ihr auch in einer geraden Linie und in der rechten Entfernung
+voneinander schwämmen. »Schwimmt nun hübsch und gerade!« sagte sie. »Starrt
+die Schwäne nicht an, als ob ihr noch nie etwas Schönes gesehen hättet, und
+kümmert euch nicht um das, was sie zu euch sagen!«
+
+Akka besuchte die alte Schwanenherrschaft nicht zum ersten Male, und bis
+jetzt war sie immer mit der Aufmerksamkeit empfangen worden, die einem so
+weitgereisten und angesehenen Vogel gebührte. Aber es war ihr nie angenehm,
+wenn sie durch alle die andern Schwäne, die die Alten umringten,
+hindurchschwimmen mußte. Sie kam sich nie so klein und grau vor, als wenn
+sie mit den Schwänen zusammen war, und zuweilen ließ auch der eine oder der
+andre eine Bemerkung über gewisse graue häßliche Leute fallen. Aber da
+hielt es Akka immer fürs klügste, zu tun, als ob sie es nicht gehört hätte,
+und nur ruhig weiter zu schwimmen.
+
+Diesmal schien alles ungewöhnlich gut zu gehen. Die Schwäne glitten ganz
+still zur Seite, und die Wildgänse schwammen wie durch eine mit großen
+weißschimmernden Vögeln eingefaßte Straße hindurch. Und diese weißen Vögel,
+die ihre Flügel wie Segel ausspannten, um sich vor den Fremden in ihrer
+ganzen Schönheit zu zeigen, boten einen überaus prächtigen Anblick. Sie
+machten nicht eine einzige spitzige Bemerkung, worüber Akka sich sehr
+verwunderte. »Gewiß hat König Dagklar von ihren Unarten Kenntnis erhalten
+und ihnen gesagt, sie sollten sich wie gebildete Tiere benehmen,« dachte
+die alte Wildgans.
+
+Aber während die Schwäne sich so alle Mühe gaben, ihre guten Sitten zu
+zeigen, entdeckten sie plötzlich den weißen Gänserich, der ganz hinten in
+der langen Reihe der Gänse schwamm. Da ging ein Raunen der Verwunderung und
+des Zorns durch die Schwanenreihen, und mit einem Schlage war es aus mit
+dem gebildeten Benehmen.
+
+»Was ist denn das?« rief einer von den Schwänen. »Wollen die Wildgänse
+jetzt weiße Federn haben?«
+
+»Sie werden sich doch nicht einbilden, daß sie deshalb Schwäne würden!«
+schrie es von allen Seiten.
+
+Und mit ihren weithintönenden Stimmen schrien die Schwäne immer lauter
+durcheinander; es war Akka ganz unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, um
+ihnen zu erklären, daß dies eine zahme Gans sei, die sich ihnen
+angeschlossen habe.
+
+»Da kommt gewiß der Gänsekönig selbst daher!« spotteten die Schwäne.
+
+»Sie sind ganz unglaublich unverschämt!« riefen die andern.
+
+»Es ist gar keine Gans, es ist eine zahme Ente!«
+
+Der große Weiße gedachte Akkas Ermahnung, sich nicht um das zu kümmern, was
+ihnen zugerufen würde. Er schwieg also ganz still und schwamm so schnell
+wie möglich vorwärts; aber es half nichts, die Schwäne wurden nur noch
+ausfälliger.
+
+»Was hat er denn für eine Kröte auf dem Rücken?« fragte einer von ihnen.
+»Die Gänse meinen wohl, wir könnten nicht sehen, daß es eine Kröte ist,
+trotzdem sie sich wie ein Mensch herausgeputzt hat?«
+
+Nun schwammen alle die Schwäne, die vorher in so schöner Ordnung dagelegen
+hatten, in wilder Aufregung durcheinander; alle drängten sich vor, um die
+weiße Wildgans zu sehen.
+
+»So ein weißer Gänserich sollte sich wenigstens schämen, sich hier vor uns
+Schwänen sehen zu lassen!«
+
+»Er ist gewiß ebenso grau wie die andern und nur in einen Melkkübel
+getaucht.«
+
+Jetzt hatte Akka den König Dagklar erreicht und wollte ihn eben fragen,
+womit sie ihm behilflich sein könnte, als dieser den Aufruhr unter seinem
+Volke gewahr wurde.
+
+»Was ist denn da los? Habe ich ihnen nicht befohlen, höflich gegen die
+Fremden zu sein?« rief er und sah sehr unzufrieden aus.
+
+Schneefrid, die Schwanenkönigin, schwamm zu ihren Untertanen hin, um
+Ordnung unter ihnen zu schaffen, und Dagklar wendete sich wieder an Akka.
+Doch schon kehrte Schneefrid sehr erregt zurück. »Kannst du sie nicht zum
+Schweigen bringen?« rief ihr der Schwanenkönig entgegen.
+
+»Es ist eine weiße Wildgans unter ihnen,« antwortete die Schwanenkönigin.
+»Das ist wirklich schändlich. Es wundert mich nicht, daß sie wütend sind.«
+
+»Eine weiße Wildgans!« rief Dagklar. »Das ist zu toll! Das gibt es ja gar
+nicht. Du wirst nicht recht gesehen haben.«
+
+Das Gedränge um den Gänserich Martin herum wurde immer größer. Akka und die
+andern Wildgänse versuchten, zu ihm hinzuschwimmen; aber sie wurden hin und
+her gepufft und konnten nicht bis zu ihm gelangen.
+
+Jetzt setzte sich auch der alte Schwanenkönig, der stärkste von dem ganzen
+Volke, in Bewegung. Er schob alle andern zur Seite und bahnte sich einen
+Weg zu dem weißen Gänserich hin. Aber als er sah, daß da wirklich eine
+weiße Gans auf dem Wasser lag, wurde er ebenso erregt wie alle andern. Er
+fauchte vor Zorn, stürzte geradeswegs auf den Gänserich los und rupfte ihm
+ein paar Federn aus. »Ich will dich lehren, du Wildgans, in so einem Aufzug
+zu den Schwänen zu kommen!« rief er.
+
+»Flieh, Martin, flieh, flieh!« rief Akka, denn sie erkannte, daß ihm die
+Schwäne jede Feder ausrupfen würden. Und »Flieh, flieh!« schrie auch der
+Däumling.
+
+Aber der Gänserich war so fest zwischen den Schwänen eingekeilt, daß er
+seine Flügel nicht ausspannen konnte; und von allen Seiten streckten die
+erzürnten Schwäne ihre starken Schnäbel vor, ihm die Federn auszurupfen.
+
+Der Gänserich verteidigte sich, so gut er konnte; er biß und stieß um sich,
+und die andern Wildgänse griffen die Schwäne auch an. Aber das Ende war nur
+zu gut abzusehen; doch da wurde den Wildgänsen ganz unerwartet von andrer
+Seite Hilfe zuteil. Ein Rotkehlchen, das gesehen hatte, wie übel es den
+Wildgänsen bei den Schwänen erging, war der Helfer. Es stieß jenen scharfen
+Warnungsruf aus, dessen sich die kleinen Vögel bedienen, wenn es gilt,
+einen Habicht oder Falken in die Flucht zu jagen. Und kaum war der Ruf
+dreimal erklungen, als auch schon alle kleinen Vögel der Umgegend auf
+blitzschnellen Schwingen in einem großen kreischenden Schwarm auf die
+Hjälstabucht zustürmten.
+
+Und diese armen schwachen Vögelein warfen sich auf die Schwäne; sie
+zwitscherten ihnen in die Ohren, versperrten ihnen die Aussicht mit ihren
+Flügeln, machten sie mit ihrem Geflatter verwirrt und brachten sie ganz
+außer sich, indem sie ihnen in die Ohren schrieen: »Schämt euch! Schämt
+euch, ihr Schwäne!«
+
+Der Überfall der kleinen Vögel dauerte nur ein paar Augenblicke; aber als
+der Vogelschwarm wieder weggeflogen und die Schwäne einigermaßen zu sich
+gekommen waren, hatten die Wildgänse die Flucht ergriffen und schon die
+andre Seite der Bucht erreicht.
+
+
+Der neue Kettenhund
+
+Etwas Gutes wenigstens hatten die Schwäne: als sie sahen, daß die Wildgänse
+entkommen waren, fanden sie es unter ihrer Würde, ihnen nachzujagen. Die
+Wildgänse durften also in aller Ruhe auf einer mit Binsen bewachsenen Insel
+schlafen.
+
+Nils Holgersson aber konnte vor lauter Hunger nicht einschlafen. »Ich muß
+sehen, daß ich in irgend einem Hause etwas zum Essen finde,« sagte er.
+
+In diesen Tagen, wo so vielerlei auf dem Wasser umhertrieb, war es für so
+einen kleinen Wicht wie Nils Holgersson nicht schwer, ein
+Beförderungsmittel zu finden. Er besann sich daher nicht lange, sondern
+sprang auf ein Bretterstück, das zwischen die Binsen hineingetrieben war.
+Dann fischte er einen kleinen Stock auf und stieß durch das seichte Wasser
+dem Ufer zu.
+
+Kaum hatte er dieses erreicht, als er neben sich ein Plätschern im Wasser
+hörte. Er blieb unbeweglich stehen und sah da zuerst eine Schwänin, die
+ganz in seiner Nähe in ihrem großen Neste lag; dann aber erblickte er einen
+Fuchs, der ein paar Schritte ins Wasser hineingewatet war und sich zu dem
+Schwanenneste hinschlich.
+
+»Hallo, hallo! Steh auf, steh auf!« rief der Junge und schlug mit seinem
+Stock ins Wasser.
+
+Die Schwänin stand auf, aber doch nicht so rasch, daß der Fuchs sich nicht
+hätte auf sie werfen können, wenn er gewollt hätte. Aber er gab diesen Plan
+auf und rannte eiligst auf den Jungen zu.
+
+Der Däumling sah den Fuchs auf sich zukommen und lief spornstreichs ins
+Land hinein. Vor ihm lag weiter, flacher Wiesengrund, nirgends sah er einen
+Baum, den er hätte erklettern, nirgends ein Loch, in dem er sich hätte
+verstecken können. Es blieb ihm nichts übrig, als zu fliehen. Nun war der
+Junge zwar ein guter Läufer, aber daß er es in der Geschwindigkeit mit
+einem Fuchs, der frei und ungehindert laufen konnte und nichts zu tragen
+hatte, nicht aufnehmen könnte, dessen war er sich nur zu klar.
+
+Eine Strecke weit im Lande drinnen lagen einige Kätnerhütten, aus deren
+Fenstern heller Lichtschein herausdrang. Natürlich lief der Junge darauf
+zu; aber er mußte sich selbst sagen, daß ihn der Fuchs längst eingeholt
+haben würde, ehe er die Häuser erreicht hätte.
+
+Einmal war ihm der Fuchs schon so nahe, daß er den Jungen sicher zu haben
+meinte; aber da sprang dieser hastig zur Seite und lief wieder der Bucht
+zu. Diese Wendung hielt den Fuchs ein wenig auf, und ehe er den Jungen aufs
+neue eingeholt hatte, war dieser zu ein paar Männern hingelaufen, die den
+ganzen Tag hindurch und noch am Abend das auf dem Wasser umhertreibende Gut
+geborgen hatten und jetzt auf dem Heimweg waren.
+
+Die Männer waren müde und schläfrig; sie hatten weder den Fuchs noch den
+Jungen bemerkt, obgleich dieser auf sie zugelaufen war. Der Junge wollte
+sie indes gar nicht anreden und sie auch nicht um Hilfe bitten; er begnügte
+sich damit, neben ihnen herzulaufen, denn er dachte: »Der Fuchs wird sich
+wohl hüten, ganz dicht zu den Menschen hinzugehen.«
+
+Aber bald hörte er, wie der Fuchs herbeischlich. Ja, er wagte sich wirklich
+ganz nahe an die Menschen heran, denn er dachte: »Sie werden mich wohl für
+einen Hund halten.«
+
+»Was schleicht denn da für ein Hund hinter uns her?« sagte auch in der Tat
+einer von den Männern. »Er kommt uns so nahe, als ob er uns beißen wollte.«
+
+Der andre blieb stehen und sah sich um. »Weg mit dir! Was willst du?« rief
+er und versetzte dem Fuchs einen Stoß, der ihn auf die andre Seite des
+Weges beförderte. Von da an hielt sich der Fuchs in ein paar Metern
+Abstand, lief aber unentwegt hinter den Männern her.
+
+Bald erreichten die Männer die Kätnerhütten und gingen miteinander in eine
+von ihnen hinein. Der Junge hatte eigentlich im Sinne gehabt, sich mit
+ihnen hineinzuschleichen; aber kaum war er auf dem Flur angekommen, da sah
+er einen großen, schönen, langhaarigen Kettenhund aus der Hundehütte
+herausrasen und den Hausherrn stürmisch begrüßen. Da änderte der Junge
+seine Absicht und blieb vor dem Hause.
+
+»Hör einmal, Hofhund,« sagte er leise, sobald die Männer die Tür hinter
+sich zugemacht hatten. »Willst du mir nicht helfen, heute nacht einen Fuchs
+zu fangen?«
+
+Der Hofhund hatte keine scharfen Augen, und zornig und hitzig war er von
+dem Angebundensein auch geworden. »Wie soll ich einen Fuchs fangen?« bellte
+er wütend. »Wer bist denn du, daß du daherkommst und mich verspottest? Komm
+mir nur so nahe, daß ich dich fassen kann, dann werde ich dich lehren,
+deinen Spott mit mir zu treiben.«
+
+»O, ich habe durchaus keine Angst vor dir!« rief der Junge und lief zu dem
+Hund hin. Und als der Hund den kleinen Knirps sah, war er so überrascht,
+daß er kein Wort herausbringen konnte.
+
+»Ich bin der Junge, den die Tiere den Däumling nennen, und der mit den
+Wildgänsen umherzieht,« sagte Nils Holgersson. »Hast du noch nicht von mir
+reden hören?«
+
+»Doch, die Schwalben haben wohl so etwas von dir gezwitschert,« antwortete
+der Hund. »Du scheinst große Dinge ausgerichtet zu haben, obwohl du nur so
+klein bist.«
+
+»Ja, bis heute ist es mir ganz gut gegangen, aber wenn du mir nicht hilfst,
+dann ist es wohl aus mit mir. Ein Fuchs ist mir dicht an den Fersen. Er
+steht dort an den Ecke und lauert auf mich.«
+
+»Ei freilich, ich wittre ihn wirklich deutlich,« sagte der Hund. »Den
+werden wir bald haben.«
+
+Damit jagte der Hofhund davon, so weit seine Kette reichte, und bellte und
+kläffte eine gute Weile.
+
+»Ich glaube nicht, daß er sich jetzt noch einmal heranwagt,« sagte er dann.
+
+»Ach, mit dem Bellen allein wird dieser Fuchs nicht in die Flucht
+geschlagen,« sagte der Junge. »Er wird gleich wieder da sein, und das wäre
+auch am besten, denn ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du
+ihn gefangen nehmen sollst.«
+
+»Treibst du schon wieder deinen Spott mit mir?« rief der Hund.
+
+»Nein, gewiß nicht. Komm nur mit mir in die Hundehütte hinein, damit der
+Fuchs uns nicht hören kann; dann sage ich dir, wie du es machen mußt,«
+sagte der Junge.
+
+Der Junge und der Hund krochen miteinander in die Hütte hinein und
+flüsterten da eifrig zusammen.
+
+Nach einer Weile steckte der Fuchs die Nase um die Ecke, und als alles
+still war, schlich er sich sachte in den Hof hinein. Er verfolgte die Spur
+des Jungen bis zur Hundehütte hin und setzte sich in angemessener
+Entfernung davon nieder, um zu überlegen, wie er ihn herauslocken könnte.
+Plötzlich steckte der Hund den Kopf heraus und knurrte den Fuchs an. »Mach
+daß du fort kommst, sonst komme ich heraus und packe dich!« rief er.
+
+»Deinetwegen bleibe ich ruhig hier sitzen, solange ich Lust habe,«
+erwiderte der Fuchs.
+
+»Geh deiner Wege!« brummte der Hund noch einmal in drohendem Ton. »Sonst
+hast du heute nacht zum letzenmal gejagt.«
+
+Aber der Fuchs grinste den Hund nur an und wich nicht vom Fleck. »Ich weiß
+schon, wie weit deine Kette reicht,« sagte er.
+
+[Illustration]
+
+»Nun habe ich dich zweimal gewarnt,« sagte der Hund und trat aus seiner
+Hütte heraus. »Jetzt mußt du die Folgen selbst tragen.«
+
+Und in demselben Augenblick fuhr er mit einem großen Satz auf den Fuchs
+los. Er erreichte ihn ohne jegliche Schwierigkeit, denn er war frei; der
+Junge hatte ihm sein Halsband abgenommen.
+
+Einen Augenblick kämpften die beiden Tiere miteinander; aber der Streit war
+bald entschieden: Der Hund stand als Sieger, der Fuchs lag auf dem Boden
+und wagte sich nicht zu rühren. »Ruhig, ruhig! Wenn du nicht ganz ruhig
+bleibst, beiße ich dich tot,« sagte der Hund. Dann packte er ihn am Nacken
+und schleppte ihn in seine Hütte hinein. Da stand der Junge mit der
+Hundekette; er legte dem Fuchs das Halsband zweimal um den Hals und zog es
+recht fest zu, damit er ganz sicher gefangen saß; und die ganze Zeit über
+mußte der Fuchs vollkommen still liegen und wagte sich nicht zu rühren.
+
+»So so, mein Herr Smirre, nun hoffe ich, daß ein guter Kettenhund aus dir
+wird,« sagte der Junge, als er fertig war.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+34
+
+Die Sage von Uppland
+
+
+ Donnerstag, 5. Mai
+
+Am nächsten Tag hatte der Regen aufgehört, aber es stürmte noch den ganzen
+Vormittag, und die Überschwemmung nahm immer mehr überhand. Gleich nach
+Mittag jedoch trat ein Umschlag in der Witterung ein. Es wurde auf einmal
+herrliches Wetter: warm, windstill und wunderschön.
+
+Der Junge lag höchst vergnügt mitten in einem Busch prachtvoll blühender
+Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als zwei Schulkinder mit ihren
+Büchern und ihrem Vesperbrot auf einem Wiesenpfad daherkamen, der sich am
+Ufer hinschlängelte. Die Kinder gingen ganz langsam und sahen sehr betrübt
+aus. Als sie dicht bei dem Jungen angekommen waren, setzten sie sich auf
+ein paar Steine und schütteten sich gegenseitig das Herz aus.
+
+»Mutter wird sehr ärgerlich werden, wenn sie hört, daß wir heute unsere
+Aufgabe wieder nicht gekonnt haben,« sagte eines von ihnen.
+
+»Ja, und der Vater auch,« fuhr das andre fort. Und von ihrem Kummer ganz
+überwältigt, brachen die beiden Kinder in lautes Weinen aus.
+
+Der Junge überlegte eben, ob er sie denn nicht auf irgendeine Weise trösten
+könnte, als eine kleine, bucklige alte Frau mit einem lieben, freundlichen
+Gesicht auf dem Pfade daherkam und vor den Kindern Halt machte.
+
+»Kinder, warum weint ihr denn?« fragte die Alte.
+
+Da erzählten ihr die Kinder, sie hätten in der Schule ihre Aufgabe nicht
+gekonnt, und nun schämten sie sich so, daß sie nicht nach Hause gehen
+wollten.
+
+»Aber was ist denn das für eine schwere Aufgabe, die ihr gar nicht lernen
+könnt?« fragte die Alte. Da berichteten die Kinder, sie hätten die
+Geographie von ganz Uppland aufgehabt.
+
+»Das ist allerdings nach dem Buch vielleicht gar nicht so leicht zu
+lernen,« sagte die Alte. »Aber nun sollt ihr hören, was meine Mutter mir
+einmal von diesem Land erzählt hat. Ich selbst bin nicht in die Schule
+gegangen und habe deshalb auch nichts weiter davon gelernt, aber was meine
+Mutter mir darüber erzählt hat, hab ich meiner Lebtage nicht wieder
+vergessen.«
+
+»Nun also, meine Mutter sagte,« so begann die Alte, indem sie sich neben
+die Kinder auf einen Stein setzte, »in alten Zeiten sei Uppland die ärmste
+und unbedeutendste Landschaft von ganz Schweden gewesen. Sie habe nur aus
+mageren Lehmfeldern und einigen niedrigen Steinhaufen bestanden, und es
+soll bis zum heutigen Tage noch viele solcher Landstrecken da geben, wenn
+wir hier unten am Mälar auch nicht viel davon sehen.
+
+Nun ja, woher es nun auch kommen mochte, traurig und betrübt sah es in
+Uppland aus, und das arme Uppland hatte das Gefühl, daß die andern
+Landschaften es für einen richtigen armen Schlucker hielten, und das ist
+auf die Dauer doch recht ärgerlich. Eines schönen Tages jedoch hatte
+Uppland das ganze Elend so gründlich satt, daß es einen Sack auf den Rücken
+und einen Stab in die Hand nahm und auszog, um bei denen, die es so viel
+besser hatten, zu betteln.
+
+Zuerst wanderte das arme Uppland immer südwärts, bis es nach Schonen kam.
+Dort angelangt, jammerte es, wie arm es sei, und bettelte um etwas
+fruchtbares Erdreich.
+
+>Nächstens weiß man nicht mehr, was man allen Bettelleuten, die einen
+überlaufen, geben soll,< sagte Schonen. >Aber wir wollen einmal sehen. Da
+habe ich gerade ein paar Mergelgruben eröffnet, und du kannst dir einige
+von den Rasenstücken nehmen, die ich dort an den Rand geworfen habe!<
+
+Uppland nahm die Rasenstücke, bedankte sich schön, und wanderte von Schonen
+nach Westgötland. Dort angekommen, jammerte es, wie arm es sei, und bat
+wieder um Erdboden.
+
+>Erdboden kann ich dir nicht geben,< sagte Westgötland. >Einem Bettler
+gönne ich auch nicht ein Stückchen von meinen fetten Wiesen. Wenn du aber
+einen von meinen kleinen Flüssen brauchen kannst, die durch die Ebene
+hinziehen, dann nimm ihn dir.<
+
+Uppland nahm den Fluß und bedankte sich schön. Hierauf zog es nach Halland.
+Dort jammerte es aufs neue, wie arm es sei, und bat um Erdboden.
+
+>Ich bin auch nicht reicher als du,< sagte Halland, >und deshalb brauchte
+ich dir auch nichts zu geben. Wenn du aber meinst, es verlohne sich der
+Mühe, kannst du dir ein paar Steinhaufen ausbrechen und mitnehmen.<
+
+Uppland nahm das Geschenk, bedankte sich schön und eilte weiter nach
+Bohuslän. Da durfte es so viele kahle Felsen in seinen Sack stecken, als es
+nur wollte. >Sie sehen zwar nichts gleich,< sagte Bohuslän, >aber als
+Schutz gegen den Wind kannst du sie schon verwenden. Sie werden dir
+nützlich sein, denn du wohnst ja auch am Meere, gerade wie ich.<
+
+Uppland nahm alles, was ihm geschenkt wurde, dankbar an und wies nichts
+zurück, obgleich man ihm überall nur das gab, was die andern am leichtesten
+entbehren zu können glaubten. Wärmland warf ihm ein Stück Berg hin,
+Westmanland gab ihm eine Reihe von seinen Hügeln, Ostgötland schenkte ihm
+ein Stück von dem wilden Kolmården, und Småland stopfte ihm fast den ganzen
+Sack voll Moorboden, Steinhaufen und Heidehügeln.
+
+Sörmland wollte nichts herschenken als ein paar Mälarbuchten, und Dalarna
+wollte auch nichts von seinem Land hergeben und fragte deshalb, ob sich
+Uppland nicht mit einem Stück vom Dalälf begnügen wolle.
+
+Zuletzt bekam es von Närke noch einige sumpfige am Hjälmar gelegene Wiesen;
+dann aber war sein Sack ganz voll, und nun meinte Uppland auch genug
+zusammengebettelt zu haben.
+
+Als es wieder zu Hause anlangte und alles, was es erbettelt hatte, aus
+seinem Sack herausnahm, dachte es freilich: >Da habe ich nichts als einen
+Haufen Gerümpel mit heimgebracht.< Es seufzte und zerbrach sich den Kopf
+darüber, wie es denn seine Gaben nützlich verwenden könnte.
+
+Nun verging ein Jahr ums andre, währenddessen Uppland daheim sein Eigentum
+ordnete, und schließlich hatte es auch alles nach seinem Gutdünken
+aufgestellt.
+
+[Illustration]
+
+Zu jener Zeit wurde in Schweden viel darüber verhandelt, wo in dem
+schwedischen Reiche der König wohnen und wo er sein Schloß und die
+Hauptstadt errichten sollte. Natürlich wollte jede Landschaft den König bei
+sich haben, und es wurde lange darüber hin und her gestritten.
+
+>Ich meine, der König sollte in der Landschaft wohnen, die sich als die
+klügste und tüchtigste ausweist,< sagte schließlich Uppland; und die andern
+Landschaften erklärten diesen Ausspruch für einen klugen Rat. Es wurde also
+beschlossen, daß die Landschaft, die sich als die klügste und tüchtigste
+ausweise, den König und die Hauptstadt bekommen solle.
+
+Kaum waren alle Landschaften wieder zu Hause angelangt, als auch schon eine
+Botschaft von Uppland bei ihnen eintraf, die sie zu einem Fest zu sich
+einlud. >Was könnte uns denn dieser arme Schlucker wohl zu bieten haben?<
+sagten alle Landschaften; aber sie nahmen doch die Einladung an.
+
+Als sie ankamen, waren sie über das, was sie sahen, aufs höchste
+überrascht. Dicht bebaut breitete sich Uppland vor ihnen aus. In der Mitte
+der Landschaft lag ein schöner Hof neben dem andern, an der Küste dehnten
+sich Ortschaften aus, und auf allen Wassern der Landschaft fuhren
+zahlreiche Schiffe hin und her.
+
+>Es ist eine Schande, mit dem Bettelsack umherzuziehen, wenn man es daheim
+so gut hat,< sagten die andern Landschaften.
+
+>Ich habe euch eingeladen, um euch eure Geschenke ordentlich zu zeigen,
+denn euch habe ich es zu verdanken, daß ich mich jetzt so gut fortbringen
+kann,< sagte Uppland.
+
+>Als ich heimkam,< fuhr Uppland fort, >leitete ich zu allererst den Dalälf
+in meinen Bereich herein, und zwar so, daß er zwei prächtige Wasserfälle
+bilden mußte, den einen bei Söderfors und den andern bei Älfkarleby.
+Südlich vom Dalälf bei Dannemora stellte ich den Berg auf, den ich von
+Wärmland bekam, und da entdeckte ich, daß Wärmland nicht so genau
+nachgesehen hatte, was es weggab, denn der Berg bestand aus dem besten
+Eisenerz. Ringsherum pflanzte ich den Wald, das Geschenk Ostgötlands, nun
+waren an ein und derselben Stelle Erz, Wälder und Wasserkraft beieinander,
+und daß da reiche Bergwerke entstehen würden, versteht sich von selber.
+
+Nachdem ich es nun im Norden so gut eingerichtet hatte, stellte ich die
+Westmanländischen Hügel auf; aber ich streckte und dehnte sie, bis sie bis
+zum Mälar hinreichten und da Landzungen und Holme bildeten, die sich bald
+mit Grün bekleideten und zu schönen Gärten wurden. Die Buchten von Sörmland
+aber dehnte ich so weit wie möglich ins Land hinein; dadurch wurde dieses
+den Schiffen zugänglich und trat in Verbindung mit der Welt draußen.
+
+Nachdem im Norden und Süden alles fertig war, wendete ich mich der
+östlichen Küste zu, und nun sammelte ich alle die nackten Klippen und
+Steinhaufen, die Heidestrecken und die kahlen Felder, die ihr mir gegeben
+hattet, und warf sie ins Meer. So entstanden alle meine Holme und Inseln,
+die mir für die Schiffahrt und den Fischfang äußerst nützlich sind und die
+ich für mein wertvollstes Eigentum halte.
+
+Dann hatte ich von euern Geschenken nichts mehr übrig als die Rasenstücke
+von Schonen; diese legte ich mitten ins Land hinein, und daraus wurde die
+fruchtbare Vaksala-Ebene. Den trägen Fluß aber, den mir Westgötland gegeben
+hatte, leitete ich über die Wiese hin, und so bildet er eine gute
+Verbindung zu den Mälarbuchten.<
+
+Jetzt verstanden die andern Landschaften, wie alles zugegangen war, und
+obgleich sie immer noch etwas ärgerlich waren, mußten sie doch zugeben, daß
+Uppland seine Sache gut gemacht hätte. >Du hast mit wenig Mitteln Großes
+geleistet. Ja, du bist wirklich am klügsten und tüchtigsten von uns allen,<
+sagten sie.
+
+>Ich danke euch für diesen Ausspruch,< sagte Uppland. >Wenn ihr das sagt,
+dann bin ich auch die Landschaft, die den König und die Hauptstadt bekommen
+soll.<
+
+Wieder wurden die Landschaften etwas ärgerlich; aber ein Wort ist ein Wort,
+und so blieb es dabei.
+
+So bekam Uppland den König und die Hauptstadt und wurde die erste von allen
+Landschaften. Und das war nicht mehr als recht und billig, denn Klugheit
+und Tüchtigkeit, diese beiden sind es, die auch heute noch aus Bettlern
+Fürsten machen.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+35
+
+In Uppsala
+
+Der Student
+
+
+ Donnerstag, 5. Mai
+
+Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, war in
+Uppsala ein sehr tüchtiger junger Student. Er wohnte in einem Dachstübchen,
+und die jungen Leute sagten, er lebe geradezu von der Luft. Sein Studium
+betrieb er mit Lust und Liebe, und er wurde früher fertig als alle seine
+Studiengenossen. Trotzdem aber war er kein Bücherwurm und Spielverderber,
+sondern freute sich mit seinen Kameraden der akademischen Freiheit, gerade
+wie ein rechter Student sein soll. Er hatte nicht einen einzigen Fehler,
+wenn man nicht etwa das einen Fehler nennen wollte, daß er vom Glück etwas
+verwöhnt worden war. Aber das kann dem besten passieren; das Glück ist
+nicht so leicht zu ertragen, besonders nicht in der Jugend.
+
+Eines Morgens, gleich nachdem der Student aufgewacht war, dachte er darüber
+nach, wie gut es ihm doch immer gegangen sei. »Alle Menschen haben mich
+lieb, die Lehrer und die Kameraden,« sagte er vor sich hin. »Und wie gut
+ist es mir bei meinem Studium ergangen! Heut muß ich zum letzten Male zum
+>Tentamen<, und dann habe ich nicht mehr viel zu tun. Wenn ich nur zur
+rechten Zeit fertig werde, bekomme ich gewiß eine gute Stelle mit einem
+ordentlichen Gehalt. Ja, ich habe in der Tat merkwürdig viel Glück, aber
+ich habe es mir auch tüchtig sauer werden lassen, da kann es mir nicht
+anders als gut gehen.«
+
+Die Studenten in Uppsala sitzen nicht in Klassenzimmern und lernen da wie
+Schulkinder miteinander, sondern jeder studiert daheim auf seiner eignen
+Bude. Wenn sie dann mit einem Fach fertig sind, gehen sie zu ihren
+Professoren und werden gleich in diesem Fach examiniert. Eine solche
+Prüfung wird ein »Tentamen« genannt, und jetzt sollte der obengenannte
+Student gerade in dem letzten und schwersten Fach seiner ganzen Studienzeit
+examiniert werden.
+
+Sobald er sich angezogen und sein Frühstück eingenommen hatte, setzte er
+sich an den Schreibtisch, um einen letzten Blick in die Bücher zu werfen.
+
+»Ich glaube, es ist ganz überflüssig, denn ich bin ja sehr gut
+vorbereitet,« dachte er. »Aber ich will doch lieber bis zuletzt büffeln,
+dann habe ich mir nichts vorzuwerfen.«
+
+Er hatte noch nicht lange studiert, als es an seiner Tür klopfte und ein
+Student mit einem dicken Band unter dem Arm bei ihm eintrat. Dieser Student
+war von einem ganz andern Kaliber als der, der am Schreibtisch saß. Er war
+bleich und schüchtern und sah ärmlich und bedürftig aus. Es war einer von
+denen, die sich einzig und allein auf die Bücher und nichts weiter
+verstehen. Man sagte ihm nach, er sei sehr gelehrt; aber er war so scheu
+und schüchtern, daß er sich noch nicht ein einziges Mal zu einem Tentamen
+herangewagt hatte. Alle seine Kameraden glaubten, es werde ein »ewiger
+Student« aus ihm werden, ein solcher, der ein Jahr ums andre in Uppsala
+bleibt, immerfort studiert und studiert, und aus dem doch nie etwas Rechtes
+wird.
+
+Jetzt kam dieser »ewige Student« zu unserm Studenten, ihn zu bitten, ein
+Buch durchzulesen, das er geschrieben hatte. Es war noch nicht gedruckt,
+sondern nur im Manuskript fertig.
+
+»Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du ein wenig hineinsehen
+möchtest und mir dann sagen, ob es irgend einen Wert hat,« sagte der
+schüchterne Student.
+
+Der Student, der immer Glück hatte, dachte im stillen: »Da haben wirs
+wieder, mich können alle Menschen besonders gut leiden; es mögen mich eben
+alle. Da kommt nun auch dieser Sonderling zu mir; der kann sich nicht
+überwinden, irgend jemand sein Werk zu zeigen, und nun bittet er mich, mein
+Urteil darüber abzugeben.«
+
+Er versprach, das Manuskript sobald wie möglich zu lesen, und der andre
+legte es vor ihn auf den Schreibtisch. »Du mußt gut Acht darauf geben,«
+sagte er. »Ich habe fünf Jahre lang daran gearbeitet; und wenn es verloren
+ginge, könnte ich es nicht noch einmal schreiben.«
+
+»So lange es bei mir ist, wird ihm nichts passieren,« sagte der Student.
+Und darauf entfernte sich der andre.
+
+Der Student zog den großen Stoß Papier zu sich heran. »Was der wohl da
+zusammengeschmiert hat?« sagte er. »Ah, die Geschichte der Stadt Uppsala;
+das klingt ja nicht so übel!«
+
+Nun war aber unserm Studenten Uppsala die liebste Stadt von ganz Schweden,
+und er war überaus neugierig, zu sehen, was der »ewige Student« über diese
+Stadt geschrieben hätte. »Wenn ich mir die Sache recht überlege, kann ich
+seine Geschichte ebensogut gleich lesen,« murmelte er. »Es hat ja doch
+keinen Wert, wenn ich mich hier bis zum letzten Augenblick schinde. Deshalb
+geht es mir doch nicht besser beim Professor.«
+
+Der Student fing also zu lesen an und hob den Kopf nicht mehr von den
+Blättern, bis er das letzte gelesen hatte. »Ei sieh einmal!« sagte er. »Das
+ist ja ein fürchterlich gelehrtes Werk. Wenn dieses Buch herauskommt, ist
+der ewige Student ein gemachter Mann. Nein, wie freue ich mich, ihm sagen
+zu können, daß mir sein Werk gefällt!«
+
+Er sammelte alle die losen Blätter, aus denen das Manuskript bestand,
+wieder sorgfältig zusammen und legte sie auf den Tisch. Während er noch
+damit beschäftigt war, hörte er eine Uhr schlagen.
+
+»Ei der Tausend, es ist höchste Zeit, daß ich zum Professor gehe!« rief er
+und eilte zur Türe hinaus, seine schwarzen Kleider zu holen, die in einem
+Kämmerchen auf dem Bodenraum hingen. Aber wie es öfters zu gehen pflegt,
+wenn man in Eile ist: Schloß und Schlüssel waren widerwillig, und es
+dauerte eine gute Weile, bis der Student wieder in sein Zimmer zurückkam.
+
+Als er über die Schwelle trat, stieß er einen lauten Schrei aus. In der
+Eile, mit der er hinausgegangen war, hatte er die Tür seines Zimmers hinter
+sich offen gelassen, und das Fenster am Schreibtisch war auch offen
+gewesen. Dadurch war ein heftiger Zug entstanden, und jetzt sah der Student
+die losen Blätter des Manuskripts zum Fenster hinauswirbeln. Mit einem
+großen Satz war er am Schreibtisch und legte die Hand auf die Blätter. Aber
+es war nicht mehr viel zu retten: höchstens zehn bis zwölf Blätter lagen
+noch auf der Tischplatte, alle andern flatterten, vom Wind getrieben, über
+die Dächer und Höfe hin.
+
+Der Student bog sich weit zum Fenster hinaus und sah den Blättern nach. Auf
+dem Dach vor dem Mansardenfenster saß ein schwarzer Vogel, der ihn mit
+spöttischer Überlegenheit ansah. »Ist das nicht ein Rabe?« dachte der
+Student. »Man sagt doch, die Raben bedeuteten Unglück.«
+
+Einige von den Blättern lagen noch auf dem Dache, und so hätte er
+vielleicht wenigstens noch einen Teil des verlorenen Gutes retten können,
+wenn das Tentamen nicht gewesen wäre. Nun aber meinte er, er müsse sich in
+erster Linie um seine eignen Angelegenheiten kümmern. »Es handelt sich ja
+um meine ganze Zukunft,« dachte er.
+
+Er warf sich in seinen schwarzen Anzug und stürzte zu dem Professor.
+Unterwegs mußte er immerfort an das verlorene Manuskript denken. »Das ist
+eine recht ärgerliche Geschichte,« dachte er. »Wie schade, daß ich in so
+großer Eile war!«
+
+Der Professor begann das Examen; aber der Student konnte an nichts andres
+denken, als an das verlorene Manuskript. »Was sagte doch der arme Kerl?«
+dachte er. »Sagte er nicht, er habe fünf Jahre lang an dem Buch gearbeitet
+und wäre nicht imstande, es noch einmal zu schreiben? Ach, woher soll ich
+nun den Mut nehmen, ihm zu gestehen, daß es mir abhanden gekommen ist?«
+
+Der Student war sehr aufgeregt und höchst unglücklich über sein Mißgeschick
+mit dem Manuskript und konnte sich auf nichts besinnen. Alle seine
+Kenntnisse waren wie weggeblasen. Er hörte nicht, was der Professor fragte,
+und hatte auch keine Ahnung, was er antwortete. Der Professor war ganz
+entsetzt über eine solche Unwissenheit und konnte nichts andres tun, als
+ihn durchfallen lassen.
+
+Als der Student wieder auf die Straße kam, war er unglückselig. »Jetzt
+entgeht mir die gute Stelle!« dachte er. »Und wer ist ganz allein schuld
+daran? Dieser alte Bücherwurm! Warum mußte er auch gerade heute mit seinem
+Werk daherkommen? Aber so geht es, wenn man immer gefällig ist.«
+
+In diesem Augenblick sah der Student den, an den er eben dachte, auf sich
+zukommen. Er wollte ihm natürlich nicht sagen, daß ihm das Manuskript
+abhanden gekommen sei, ehe er einen Versuch gemacht hätte, es wieder zu
+erlangen, und suchte deshalb stillschweigend an ihm vorübergehen. Aber der
+andre wanderte ganz betrübt und niedergedrückt daher und dachte nur
+immerfort, was der Student wohl über sein Buch sagen werde. Als dieser nun
+mit einem unfreundlichen Kopfnicken vorübereilte, wurde er von einer
+grenzenlosen Angst erfaßt. Er hielt ihn am Ärmel fest und fragte ihn, ob er
+schon ein wenig in das Manuskript hineingesehen habe.
+
+»Ich komme eben von meinem Tentamen,« antwortete der Student und wollte
+rasch weitergehen. Aber der andre glaubte, er weiche ihm aus, damit er ihm
+nicht sagen müsse, wie wenig ihm das Manuskript gefallen habe. Ach, da war
+ihm, als müsse ihm das Herz brechen! Diese Arbeit, der er fünf Jahre seines
+Lebens geopfert hatte, war also ganz wertlos! Tief betrübt sagte er zu dem
+Studenten: »Höre nun, was ich dir sage. Lies mein Buch, so rasch du kannst,
+und dann teile mir mit, was du darüber denkst; aber wenn es nichts wert
+ist, verbrenne es, dann will ich es gar nicht mehr sehen.«
+
+Nach diesen Worten ging er hastig davon. Der Student sah ihm nach und
+wollte ihn zurückrufen, besann sich dann aber anders und lenkte seine
+Schritte heimwärts.
+
+Hier angekommen, zog er rasch seinen Werktagsanzug wieder an und eilte
+fort, nach den verlorenen Blättern zu suchen. Er suchte in den Straßen, auf
+den freien Plätzen und in den Gärten. Dann suchte er in den Höfen, ja er
+ging sogar weit vor die Stadt hinaus; aber er fand nicht ein einziges
+Blatt.
+
+Nachdem er ein paar Stunden ununterbrochen gesucht hatte, war er so
+hungrig, daß er etwas essen mußte. In seinem gewohnten Gasthaus traf er
+wieder mit dem ewigen Studenten zusammen, der auch sogleich auf ihn zukam,
+um etwas über sein Buch zu erfahren.
+
+»Ich werde heute abend zu dir kommen und mit dir darüber sprechen,« sagte
+der Student ziemlich abweisend. Er wollte den Verlust des Manuskripts nicht
+gestehen, ehe er ganz sicher wäre, daß er es nicht wieder erlangen könnte.
+
+Der andre erblaßte: »Vergiß nicht, daß du es vernichten mußt, wenn es
+nichts wert ist!« sagte er im Fortgehen; denn jetzt war er vollkommen
+überzeugt, daß dem Studenten sein Buch ganz und gar nicht gefallen habe.
+
+Der Student eilte wieder in die Stadt zurück und suchte ununterbrochen,
+bis es ganz dunkel war; aber nirgends war eine Spur von den verlorenen
+Blättern zu entdecken. Auf dem Rückweg nach seiner Wohnung traf er mit ein
+paar Kameraden zusammen.
+
+»Wo hast denn du dich herumgetrieben; du bist ja nicht zum Maienfest
+gekommen?« fragten sie.
+
+»Ach, ist heute das Maienfest gewesen?« rief der Student. »Das hatte ich
+ganz vergessen.«
+
+Während er noch mit seinen Kameraden sprach, kam ein junges Mädchen, das
+der Student sehr lieb hatte, an der Gruppe vorüber. Sie sah ihn nicht an,
+sondern sprach mit einem andern Studenten, dem sie überaus freundlich
+zulächelte. Da fiel dem Studenten plötzlich etwas ein: Er hatte dieses
+junge Mädchen gebeten gehabt, doch ja gewiß zum Maienfest zu kommen, damit
+er mit ihr zusammen sein könnte; und nun hatte er selbst sich nicht
+eingefunden. Ach, was mochte sie von ihm denken!
+
+Ein Stich ging ihm durchs Herz, und er wollte ihr nacheilen; aber da sagte
+einer von seinen Freunden: »Mit Stenberg, unserm guten Bücherwurm, scheint
+es schlecht zu stehen. Er ist heute nachmittag krank geworden.«
+
+»Es wird doch nicht gefährlich sein?« fragte der Student hastig.
+
+»Irgend ein Herzleiden. Er hat einen schlimmen Anfall gehabt, der sich
+jederzeit wiederholen kann. Der Doktor meint, er habe irgend einen schweren
+Kummer, und seine Wiederherstellung hänge davon ab, ob man ihn von dieser
+Sorge befreien könne.«
+
+Kurz darauf trat der Student bei dem Kranken ein. Dieser lag bleich und
+matt in seinem Bett und war nach dem schweren Anfall noch gar nicht wieder
+recht zu sich gekommen.
+
+»Ich komme, wegen deines Buches mit dir zu reden,« begann der Student. »Es
+ist ein ausgezeichnetes Werk; ich habe selten so etwas Schönes gelesen.«
+
+Der ewige Student richtete sich in seinem Bette auf und sah den andern mit
+großen Augen an. »Warum warst du dann heute nachmittag so sonderbar?«
+fragte er.
+
+»Ich war in schlechter Laune, weil ich in dem Tentamen durchgefallen bin,
+und ich glaubte auch nicht, daß du dir so viel aus meinem Urteil machen
+würdest,« sagte der Student. »Aber dein Buch hat mir ausnehmend gut
+gefallen.«
+
+Der Kranke sah den andern forschend an und war immer fester überzeugt, daß
+ihm dieser etwas verheimlichen wollte. »Du sagst das nur, weil ich krank
+bin und du mich nun trösten möchtest.«
+
+»Ganz gewiß nicht. Es ist eine ausgezeichnete Arbeit, ich versichere es
+dir.«
+
+»Hast du es wirklich nicht vernichtet, wie ich dir gesagt hatte?«
+
+»So verrückt bin ich nicht.«
+
+»Dann hole es. Beweise mir, daß du es nicht vernichtet hast, alsdann will
+ich dir glauben,« sagte der Kranke und sank schwach und ermattet auf sein
+Kissen zurück. Dem Studenten wurde ganz bang, er fürchtete, der Ärmste
+bekomme einen neuen Anfall.
+
+Das war ein entsetzlicher Augenblick für den Studenten. Er nahm die Hände
+des Kranken zwischen die seinigen und erzählte ihm, daß der Wind die
+Blätter des Manuskripts zum Fenster hinausgeweht hätte, und daß er
+unglückselig darüber sei, weil er ihm einen so großen Schaden verursacht
+habe.
+
+Als er fertig war, streichelte ihm der Kranke zärtlich die Hand. »Du bist
+gut gegen mich, ja, sehr gut,« sagte er. »Aber gib dir keine Mühe, mir
+solche Geschichten zu erzählen, um mich zu schonen. Ich weiß, du hast mir
+gehorcht und das Manuskript vernichtet, weil es zu schlecht war; aber nun
+willst du es nicht eingestehen, weil du meinst, ich könnte die Wahrheit
+nicht ertragen.«
+
+Der Student versicherte hoch und teuer, die Wahrheit gesprochen zu haben;
+aber der Kranke blieb eigensinnig bei seiner Ansicht und wollte es nicht
+glauben. »Wenn du mir mein Manuskript wiedergeben könntest, ja, dann würde
+ich dir glauben,« sagte er.
+
+Er wurde immer elender, und der Student hielt es schließlich fürs beste,
+sich zu entfernen; er fürchtete, durch seine Anwesenheit die Sache nur noch
+zu verschlimmern.
+
+Zu Hause angelangt, fühlte er sich so trostlos und müde, daß er sich kaum
+noch aufrecht halten konnte. Er machte sich eine Tasse Tee und legte sich
+dann zu Bett. Als er die Decke heraufzog, mußte er unwillkürlich daran
+denken, wie glücklich er am Morgen beim Erwachen gewesen war. Und jetzt
+waren seine eignen schönen Hoffnungen zerstört; aber das wäre ja noch zu
+ertragen gewesen. »Das Schlimmste ist doch, daß ich nun mein ganzes Leben
+lang das Bewußtsein mit mir herumtragen muß, das Unglück eines andern
+Menschen verschuldet zu haben,« sagte er.
+
+Er war überzeugt, er werde die ganze Nacht kein Auge schließen können. Aber
+merkwürdigerweise schlief er gleich ein, sobald er den Kopf aufs Kissen
+gelegt hatte. Er hatte nicht einmal mehr Zeit, die Lampe, die auf dem
+Tischchen, das neben seinem Bett stand, zu löschen.
+
+
+Das Maienfest
+
+Aber in dem Augenblick, wo der Student einschlief, stand just draußen auf
+dem Dache vor dem Mansardenfenster ein kleiner Knirps in gelben Lederhosen,
+grüner Weste und mit einer weißen Zipfelmütze auf dem Kopf, und dieser
+kleine Knirps dachte, wenn er an der Stelle des jungen Mannes wäre, der da
+drin in seinem Bette lag und schlief, dann wäre er vollkommen glücklich.
+
+Daß sich aber Nils Holgersson, der vor ein paar Stunden in einem
+Dotterblumenbusch bei Ekolsundviken lag, jetzt in Uppsala befand, daran war
+Bataki, der Rabe, schuld, der ihn mit sich auf Abenteuer gelockt hatte.
+
+Der Junge selbst hatte an dergleichen nicht im entferntesten gedacht. Er
+lag da zwischen den Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als er
+plötzlich Bataki mitten zwischen den dahinziehenden Wolken entdeckte. Der
+Junge hätte sich am liebsten vor dem Raben versteckt; aber Bataki hatte ihn
+schon gesehen, und im nächsten Augenblick stand er auch mitten in den
+Dotterblumen und redete Nils Holgersson an, wie wenn er und der Junge immer
+die besten Freunde gewesen wären.
+
+Und so düster und feierlich Bataki auch aussah, der Junge merkte doch, daß
+ihm der Schelm im Auge saß, ja, er hatte das Gefühl, der Rabe sei nur
+gekommen, sich auf irgend eine Weise über ihn lustig zu machen. Der Junge
+nahm sich deshalb vor, auf gar nichts einzugehen, was Bataki auch sagen
+möchte.
+
+Bataki sagte, er habe nicht vergessen, daß er dem Jungen eine Genugtuung
+schuldig sei, weil er ihm nicht habe sagen dürfen, wo sich der Bruderteil
+befinde, und er wolle ihm jetzt dafür ein andres Geheimnis anvertrauen. Er
+wisse nämlich, wie einer, der so verzaubert worden sei wie der Junge,
+wieder ein Mensch werden könne.
+
+Der Rabe war der festen Überzeugung gewesen, wenn er eine solche Lockspeise
+auswerfe, werde der Junge sogleich anbeißen. Dieser aber antwortete in
+abweisendem Ton, er wisse schon, daß er wieder ein Mensch werden könne,
+wenn es ihm gelinge, den weißen Gänserich wohlbehalten zuerst nach Lappland
+und dann wieder zurück nach Schonen zu führen.
+
+»Aber wie du weißt, ist es gar nicht so leicht, einen Gänserich
+wohlbehalten durchs Land zu führen,« entgegnete Bataki. »Da wäre es gar
+nicht so übel, wenn du noch einen andern Ausweg wüßtest, falls dir der eine
+nicht gelingen sollte. Wenn du es jedoch nicht wissen willst, dann halte
+ich meinen Schnabel.«
+
+Da antwortete der Junge, er habe nichts dagegen, wenn ihm Bataki das
+Geheimnis mitteilen wolle.
+
+»Und das will ich auch,« sagte der Rabe, »doch erst im richtigen
+Augenblick. Setze dich auf meinen Rücken und komm mit auf einen Ausflug,
+dann werden wir sehen, ob sich vielleicht eine gute Gelegenheit bietet.«
+
+Da wurde der Junge wieder mißtrauisch, und er wußte nicht recht, wie er mit
+Bataki daran war. »Du hast wohl den Mut nicht, dich mir anzuvertrauen,«
+sagte der Rabe. Aber der Junge konnte durchaus nicht ertragen, wenn jemand
+meinte, er fürchte sich vor etwas; und so saß er im nächsten Augenblick auf
+dem Rücken des Raben.
+
+Bataki trug ihn nach Uppsala und setzte ihn dort auf einem Dach ab. Hierauf
+befahl er ihm, sich recht umzuschauen und ihm dann zu sagen, wer wohl in
+dieser Stadt wohne und regiere.
+
+Der Junge schaute über die Stadt hin. Sie war ziemlich groß und hatte eine
+herrliche Lage mitten auf einer weiten, fruchtbaren Ebene. Er sah viele
+vornehme, stattliche Häuser, und auf einem Hügel ragte ein festgemauertes
+Schloß mit zwei massiven Türmen auf.
+
+»Vielleicht wohnt der König mit seinem Gefolge da,« sagte der Junge.
+
+»Du hast nicht gerade schlecht geraten,« versetzte der Rabe. »Der Ort ist
+in alten Zeiten eine Königsstadt gewesen; aber jetzt ist es mit dieser
+Herrlichkeit vorbei.«
+
+Noch einmal sah sich der Junge um. Da fiel ihm vor allem die schöne
+Domkirche auf, die mit ihren drei schlanken Türmen, mit ihren prächtigen
+Portalen und reichverzierten Mauern in der Sonne glänzte.
+
+»Vielleicht wohnt hier ein Bischof mit seinen Pfarrern,« sagte er.
+
+»Das ist auch nicht gerade schlecht geraten,« erwiderte der Rabe. »Es haben
+hier wirklich einmal Erzbischöfe gewohnt, die ebenso mächtig waren wie
+Könige, und auch jetzt noch hat ein Kirchenfürst seinen Sitz hier, aber er
+regiert auch nicht in dieser Stadt.«
+
+»Dann weiß ich nicht, wen ich nennen soll,« sagte der Junge.
+
+»In dieser Stadt regiert die Wissenschaft,« sprach der Rabe feierlich. »Die
+großen Gebäude, die du hier überall siehst, sind für sie und ihre Jünger
+eingerichtet.«
+
+Der Junge wollte dies kaum glauben. Aber der Rabe sagte: »Komm nur mit,
+dann sollst du selbst sehen!«
+
+Hierauf flog er mit dem Jungen davon, und sie sahen miteinander in die
+großen Häuser hinein. An mehreren Orten standen die Fenster offen, und der
+Junge konnte da und dort tief hineinschauen. Da sah er, daß der Rabe die
+Wahrheit gesprochen hatte.
+
+Bataki zeigte ihm die große Bibliothek, die vom Erdgeschoß bis zum
+Dachfirst mit Büchern angefüllt ist; er führte ihn in das stolze
+Universitätsgebäude hinein und zeigte ihm die prächtigen Hörsäle. Dann flog
+er mit ihm an den alten Gebäuden vorüber, die das Gustavianum heißen; da
+konnte der Junge durch die Fenster ausgestopfte Tiere wahrnehmen. Sie
+flogen über das große Gewächshaus mit den vielen seltenen Pflanzen hin und
+schauten auf das Observatorium hinunter, wo das lange Fernrohr zum Himmel
+gerichtet war.
+
+Sie flogen auch an vielen Fenstern vorüber; und der Junge sah da in Zimmer,
+wo die Wände ringsum von oben bis unten mit Büchern bedeckt waren, und wo
+alte Herren mit Brillen auf den Nasen eifrig lasen oder schrieben. Dann
+flogen sie an Giebelfenstern vorbei, wo die Studenten, auf ihren Sofas
+ausgestreckt, dicke Manuskripte vor sich hatten.
+
+Schließlich ließ sich der Rabe auf einem Dache nieder. »Siehst du nun, daß
+ich die Wahrheit gesprochen habe, als ich dir sagte, in dieser Stadt
+regiere die Wissenschaft?« sagte er. Und der Junge mußte zugeben, daß es
+sich so verhalte. »Wenn ich nicht ein Rabe wäre,« fuhr Bataki fort,
+»sondern nur ein Mensch wie du, dann würde ich mich hier niederlassen. Ich
+würde dann Tag für Tag in einem Zimmer voll Bücher sitzen und alles lesen,
+was darin stünde. Hättest du nicht auch Lust zu so etwas?«
+
+»Nein, ich glaube, ich würde viel lieber mit den Wildgänsen umherziehen,«
+antwortete der Junge.
+
+»Wie, möchtest du nicht ein Mensch werden, der die Krankheiten heilen
+kann?« fragte der Rabe.
+
+»Doch, das möchte ich vielleicht schon.«
+
+»Möchtest du nicht ein Mensch werden, der alles weiß, was sich je in der
+Welt zugetragen hat, der alle Sprachen sprechen und einem sagen kann,
+welche Bahnen die Sonne, der Mond und die Sterne am Himmel beschreiben?«
+fragte der Rabe.
+
+»O ja, das könnte ja auch ganz unterhaltend sein.«
+
+»Möchtest du nicht lernen, zwischen gut und böse zu unterscheiden, zwischen
+Recht und Unrecht?«
+
+»Auch das ist gut und nützlich,« antwortete der Junge. »Ich habe es schon
+oft bemerkt.«
+
+»Und möchtest du nicht ein Pfarrer werden und in deiner Kirche daheim
+predigen?«
+
+»Wenn ich es so weit brächte, würden Vater und Mutter überglücklich sein!«
+seufzte der Junge.
+
+Auf diese Weise gab der Rabe dem Jungen zu verstehen, wie glücklich die
+jungen Leute seien, die in Uppsala studieren konnten. Aber der Däumling
+wünschte trotzdem nicht, einer von ihnen zu sein.
+
+Gerade an diesem Abend wurde zufälligerweise das große Maienfest gefeiert,
+das in Uppsala jedes Jahr dem Frühlingsanfang zu Ehren gehalten wird. Es
+hätte eigentlich schon am ersten Mai stattfinden sollen; aber an diesem
+Tage hatte es in Strömen geregnet, und so war es auf einen andern Tag
+verschoben worden.
+
+Jetzt sah Nils Holgersson die Studenten, als sie nach dem botanischen
+Garten zogen, wo das Fest gehalten wurde. In einem langen, breiten Zuge
+kamen sie daher mit den weißen Studentenmützen auf dem Kopfe, und die ganze
+Straße sah aus wie ein schwarzer, mit weißen Wasserrosen bedeckter Strom.
+Dem Zuge voran wurden weißseidene goldgestickte Fahnen getragen, und den
+ganzen Weg entlang sangen die Teilnehmer lauter Frühlingslieder. Aber Nils
+Holgersson war es, als seien es gar nicht die Studenten, die die Lieder
+sangen; ihm war, als schwebe der Gesang über dem Zuge, ja er hatte das
+Gefühl, als sängen nicht die Studenten dem Frühling zu Ehren, sondern als
+sei der Frühling irgendwo verborgen und singe für die Studenten. Nils
+Holgersson hätte gar nicht gedacht, daß Menschengesang so schön klingen
+könnte! Er klang wie das Sausen des Windes in den Tannenwipfeln, klang wie
+eherne Glockentöne und wie das Lied der wilden Schwäne draußen am
+Meeresufer.
+
+Als die Studenten den Garten erreicht hatten, wo die Rasenflächen im
+Schmucke des ersten zarten hellgrünen Grases glänzten und die
+Frühlingsknospen der Bäume und Sträucher am Aufbrechen waren, hielt der Zug
+vor einer Rednerbühne; ein alter Herr stieg hinauf und begann eine Rede.
+
+Die Rednerbühne war auf der Freitreppe des großen Gewächshauses errichtet,
+und der Rabe setzte den Jungen auf das Dach des Treibhauses. Da saß er in
+aller Ruhe und konnte alles ganz behaglich sehen und hören. Der alte Herr
+auf der Rednerbühne sagte, das beste im Leben sei, jung zu sein und in
+Uppsala studieren zu dürfen. Er sprach von der guten, friedlichen Arbeit
+des Studiums und von der reichen, sonnigen Jugendfreude, die nirgends so
+genossen werden könnte, wie in einem großen Kreise von Studiengenossen.
+Einmal ums andre betonte er das Glück, das darin liege, im Kreise froher,
+hochgesinnter Genossen leben zu dürfen; das mache die Arbeit so leicht, das
+Leid so flüchtig, die Hoffnungen so golden.
+
+Der Junge betrachtete die in einem Halbkreis um die Rednerbühne
+versammelten Studenten, und da ging ihm ein Licht auf, wie über die Maßen
+herrlich es sein müßte, ihrem Kreise anzugehören. Welch eine Ehre und welch
+ein Glück, Mitglied einer solchen Schar zu sein! Da galt jeder gleich mehr,
+als er für sich allein gegolten hätte.
+
+Nach der Rede wurde ein Lied angestimmt, und nach dem Gesang betrat ein
+neuer Redner die Bühne. Der Junge hätte nie geglaubt, daß die menschliche
+Sprache so erschüttern, aufmuntern und erfreuen könnte.
+
+Bisher hatte Nils Holgersson hauptsächlich die Studenten betrachtet; jetzt
+sah er, daß diese sich nicht allein in dem Garten befanden, sondern daß
+auch junge Mädchen in hellen Gewändern und viele andre Leute da waren. Aber
+diesen allen ging es offenbar gerade wie dem Jungen, sie schienen auch alle
+nur der Studenten wegen gekommen zu sein.
+
+Ab und zu gab es eine Pause zwischen den Reden und Gesängen, und dann
+zerstreuten sich die Scharen über den ganzen Garten. Aber schon nach kurzer
+Zeit stand ein neuer Redner auf der Bühne, und rasch sammelten sich die
+Zuhörer wieder um ihn. Und so ging es weiter, bis die Dunkelheit anbrach.
+
+Als alles zu Ende war, atmete der Junge tief auf, und wie aus einem Traum
+erwachend rieb er sich die Augen, denn er war in einem Lande gewesen, in
+das er noch nie einen Fuß gesetzt hatte. Alle diese vielen jungen Leute,
+die so lebensfroh waren und der Zukunft so siegessicher entgegensahen,
+wirkten mit ihrem Frohsinn und ihrer Freude ansteckend auf die andern, und
+jetzt war der Junge mit ihnen in dem Lande der Freude gewesen. Als aber die
+Töne des letzten Liedes hinstarben, da überkam ihn die Erkenntnis, wie
+traurig sein eigenes Leben doch war, und er konnte es fast nicht über sich
+gewinnen, zu seinen armen Reisegenossen zurückzukehren.
+
+Der Rabe hatte die ganze Zeit über neben dem Jungen gesessen; jetzt kratzte
+er sich mit dem Fuße hinter dem Ohr. »Nun, Däumling, soll ich dir jetzt
+mitteilen, wie du wieder ein Mensch werden kannst?« fragte er. »Du mußt
+warten, bis du mit jemand zusammentriffst, der zu dir sagt, er möchte gern
+an deiner Stelle mit den Wildgänsen umherziehen; dann mußt du den
+Augenblick wahrnehmen und zu ihm sagen ...«
+
+Und nun teilte Bataki dem Jungen ein paar Worte mit, die so wirksam und
+gefährlich waren, daß sie gar nicht laut ausgesprochen, sondern nur
+geflüstert werden durften, solange sie nicht im Ernst gesagt sein sollten.
+
+»So, mehr brauchst du nicht zu sagen, um wieder ein Mensch zu werden,«
+sagte Bataki zum Schluß.
+
+»Ja, das glaube ich wohl,« erwiderte der Junge, »denn ich finde natürlich
+nie jemand, der sich an meine Stelle wünschte.«
+
+»O, das ist nicht so ganz unmöglich,« sagte der Rabe. Und hierauf war er
+mit dem Jungen wieder in die Stadt hineingeflogen und hatte ihn auf dem
+Dach vor jenem Kammerfenster abgesetzt, wo, wie wir oben gehört haben, der
+Junge nun schon eine Weile saß und darüber nachdachte, wie glücklich doch
+der Student sein müsse, der in der Dachkammer da drinnen in seinem Bett lag
+und schlief.
+
+
+Die Probe
+
+Der Student fuhr aus seinem Schlafe auf und sah, daß die Lampe noch immer
+auf seinem Nachttischchen brannte. »Ei, die habe ich zu löschen vergessen,«
+dachte er und richtete sich auf den Ellenbogen auf, um sie
+hinunterzuschrauben. Aber ehe er so weit gekommen war, sah er, daß sich auf
+seinem Schreibtisch etwas bewegte.
+
+Das Zimmer war sehr klein; zwischen dem Bett und dem Schreibtisch war kein
+breiter Raum, und der Student konnte die Bücher und Papiere, das
+Schreibzeug und die Photographien auf dem Tische alle deutlich sehen. Wie
+merkwürdig: ganz ebenso deutlich wie alles andre sah er auch einen ganz
+kleinen Knirps, der sich eben über die Butterdose neigte und sich ein
+Butterbrot zurechtmachte.
+
+Der Student hatte im Laufe des Tages so viel erlebt, daß er allem, was ihm
+noch passieren konnte, fast ganz gleichgültig gegenüberstand. Er erschrak
+nicht und verwunderte sich auch nicht, sondern nahm es als etwas ganz
+Natürliches hin: dieser kleine Knirps war hereingekommen, sich etwas zum
+Essen zu holen.
+
+Ohne die Lampe zu löschen, legte sich der Student wieder zurück und
+betrachtete den Knirps mit halbgeschlossenen Augen, der jetzt ganz
+seelenvergnügt auf einem Briefbeschwerer saß und sich an den Überresten von
+des Studenten Abendessen labte. Er zog seine Mahlzeit absichtlich so lange
+wie nur möglich hinaus, ja, er verdrehte die Augen vor Wohlbehagen und
+schmatzte mit der Zunge. Die trockene Brotrinde und die Käsereste schienen
+offenbar seltene Leckerbissen für den kleinen Kerl zu sein.
+
+Der Student wollte ihn bei seiner Mahlzeit nicht stören, aber als er
+vollständig satt zu sein schien, redete er ihn an:
+
+»Hallo, du, was bist denn du für ein Kerlchen?« fragte er.
+
+Der Junge fuhr zusammen und lief ans Fenster; als er aber merkte, daß der
+Student ganz ruhig liegen blieb und ihn nicht verfolgte, hielt er inne.
+
+»Ich bin Nils Holgersson von Westvemmenhög,« begann er. »Und ich bin ein
+Mensch wie du auch, aber ich bin in ein Wichtelmännchen verwandelt worden,
+und seitdem ziehe ich mit den Wildgänsen umher.«
+
+»Das ist ja eine sonderbare Geschichte,« sagte der Student. Und dann fragte
+er den Jungen aus, bis er ungefähr alles wußte, was Nils Holgersson seit
+seinem Weggange von Hause widerfahren war.
+
+»Du hast es wahrhaftig gut,« seufzte der Student. »Ach, wer doch an deiner
+Stelle wäre und alle seine Sorgen hinter sich lassen könnte!«
+
+Bataki stand draußen auf dem Fensterbrett und hörte zu. Als nun der Student
+diesen Seufzer ausstieß, klopfte er mit dem Schnabel ans Fenster, und der
+Junge merkte wohl, daß ihn der Rabe damit mahnen wollte, doch ja die
+Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen, falls der Student das rechte Wort
+sagen sollte.
+
+»Ach, du wirst mir doch nicht weismachen wollen, daß du mit mir tauschen
+möchtest!« erwiderte der Junge. »Wer Student ist, will sicher nichts andres
+sein.«
+
+»So hab ich heute morgen beim Erwachen auch gedacht,« sagte der Student.
+»Aber du solltest nur wissen, was mir heute zugestoßen ist. Für mich gibt
+es kein Glück mehr. Das beste für mich wäre, wenn ich mit den Wildgänsen
+auf und davon fliegen könnte.«
+
+Wieder klopfte Bataki ans Fenster; dem Jungen selbst wurde es ganz
+schwindlig, und sein Herz begann heftig zu klopfen, denn es klang ja fast,
+als sei der Student auf dem Punkt, das richtige Wort zu sagen.
+
+»Jetzt habe ich dir erzählt, wie es mir ergangen ist,« sagte der Junge zu
+dem Studenten. »Teile mir nun auch deine Geschichte mit.«
+
+Der Student war nur zu froh, sich jemand anvertrauen zu können, und
+erzählte ganz der Wahrheit gemäß alles, was ihm widerfahren war. »Das eine
+wäre ja am Ende nicht hoffnungslos verloren, aber ich habe einen andern ins
+Unglück gestürzt, und das ist mir ganz unerträglich,« sagte er zum
+Schlusse. »Es wäre in der Tat besser für mich, wenn ich an deiner Stelle
+wäre und mit den Wildgänsen umherziehen könnte.«
+
+Jetzt klopfte Bataki noch lauter ans Fenster; aber der Junge blieb eine
+gute Weile ganz ruhig und still sitzen und schaute nur geradeaus.
+
+»Warte einen Augenblick, ich komme wieder,« sagte er dann leise zu dem
+Studenten.
+
+Hierauf ging er mit kleinen, zögernden Schritten über den Schreibtisch und
+durchs Fenster hinaus. Als er aufs Dach hinauskam, ging eben die Sonne auf,
+und die Stadt Uppsala breitete sich, vom roten Morgenlicht übergossen, vor
+ihm aus. Es glänzte und gleißte von allen Türmen und Zinnen, und wieder
+dachte der Junge unwillkürlich, daß dies doch eine richtige Stadt der
+Freude sei.
+
+»Was hast du denn aber gedacht?« rief der Rabe. »Jetzt hast du die
+Gelegenheit, wieder ein Mensch zu werden, verpaßt!«
+
+»Ich habe keine Lust, mit dem Studenten zu tauschen,« entgegnete der
+Junge. »Denn dann hätte ich nichts als Unannehmlichkeiten wegen der
+weggeflogenen Papiere.«
+
+»Derentwegen brauchtest du dir keine Sorge zu machen, die kann ich dir
+wieder verschaffen,« sagte Bataki.
+
+»Ja, das glaube ich schon, aber ich bin nicht sicher, ob du es auch tust.
+In dieser Beziehung müßte ich zuerst ganz beruhigt sein,« erwiderte der
+Junge.
+
+Ohne ein Wort zu sagen, breitete Bataki die Flügel aus und flog davon. Aber
+schon im nächsten Augenblick kehrte er mit ein paar Blättern Papier im
+Schnabel zurück. Und so flog er eine ganze Stunde lang hin und her, fleißig
+wie eine Schwalbe, die ihr Nest baut, und brachte dem Jungen ein Blatt ums
+andre.
+
+»So, jetzt hast du wohl fast alles beieinander,« sagte er schließlich und
+stellte sich keuchend auf das Fensterbrett.
+
+»Ich danke dir schön, Bataki,« sagte der Junge. »Jetzt will ich wieder
+hineingehen und mit dem Studenten sprechen.«
+
+In diesem Augenblick warf der Rabe einen Blick ins Zimmer hinein, und da
+sah er, daß der Student eben die Papiere sorgfältig glattstrich und
+aufeinanderschichtete. »Du bist doch der größte Dummkopf, den ich je
+gesehen habe,« fuhr Bataki den Jungen an. »Hast du dem Studenten die
+Blätter gegeben? Dann brauchst du nicht mehr zu ihm hineinzugehen. Jetzt
+sagt er gewiß nicht mehr, er wolle mit dir tauschen.«
+
+Der Junge betrachtete den Studenten. Dieser war überglücklich und tanzte im
+bloßen Hemde vor lauter Freude in dem kleinen Zimmer umher.
+
+»Ach, Bataki, du hast mich ja nur auf die Probe stellen wollen, das weiß
+ich wohl,« sagte Nils Holgersson. »Du dachtest natürlich, ich würde den
+Gänserich Martin auf seiner beschwerlichen Reise allein lassen, und er
+könnte dann selbst sehen, wie er durchkomme, wenn es mir nur selber gut
+ginge. Aber als mir der Student da drinnen seine Geschichte erzählte,
+erkannte ich, wie häßlich das ist, wenn man einen Freund in der Not
+verläßt, und das wollte ich nicht tun.«
+
+Bataki kratzte sich mit dem Fuß im Nacken und sah beinahe verlegen aus. Er
+wußte gar nicht, was er sagen sollte, und flog darum mit dem Jungen
+geradenwegs zu den Wildgänsen zurück.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+36
+
+Daunenfein
+
+Die schwimmende Stadt
+
+
+ Freitag, 6. Mai
+
+Es gab nichts Lieberes und Gütigeres als die kleine Graugans Daunenfein.
+Alle andern Wildgänse hatten sie sehr lieb, und der weiße Gänserich hätte
+gern sein Leben für sie gelassen. Wenn Daunenfein um etwas bat, konnte es
+ihr selbst die alte Akka nicht abschlagen.
+
+Sobald Daunenfein an den Mälar kam, erkannte sie die Landschaft wieder.
+Gleich davor mußte das Meer mit den großen Schären sein, wo ihre Eltern und
+Schwestern auf einem kleinen Holm wohnten. Daunenfein bat die Wildgänse,
+ehe sie weiter nach Norden zögen, mit ihr nach ihrer Heimat zu fliegen,
+damit sie den Ihrigen zeigen könne, daß sie noch am Leben sei; das würde
+daheim eine große Freude geben.
+
+Akka sagte Daunenfein gerade heraus, sie sei der Ansicht, Daunenfeins
+Eltern und Geschwister hätten sich damals, als sie Öland verließen, nicht
+gerade liebevoll gegen die kranke Schwester benommen. Aber Daunenfein
+wollte Akka nicht recht geben. »Was hätten sie denn tun sollen, als sie
+sahen, daß ich nicht fliegen konnte?« erwiderte sie. »Sie hätten doch
+meinethalben nicht auf Öland zurückbleiben können.«
+
+Um die Wildgänse zu bewegen, mit ihr nach den Schären hinauszufliegen,
+erzählte ihnen Daunenfein von ihrer Heimat. Diese liege auf einer
+Felseninsel. Wenn man die Insel aus der Ferne sehe, meine man, es gäbe gar
+nichts als Steine da, wenn man aber dort ankomme, finde man in den Rissen
+und Spalten herrliches Futter. Und bessere Brutplätze als dort in den
+Felsenspalten und unter den Weidenbüschen könnte man lange suchen. Das
+beste von allem aber sei doch ein alter Fischer, der auf dem Holm wohne.
+Daunenfein habe gehört, daß er in seiner Jugend ein großer Jäger gewesen
+sei, der immer zwischen den Schären gelegen und Vögel erlegt habe. Aber auf
+seine alten Tage, nachdem seine Frau gestorben und seine Kinder fortgezogen
+seien, wohne er ganz allein in seinem Häuschen, und jetzt beschütze er die
+Vögel auf seiner Schäreninsel. Er lege nie mehr auf sie an und halte auch
+die andern Fischer davon ab. Statt dessen gehe er jetzt bei den
+Vogelnestern umher, und wenn die Weibchen auf ihren Eiern säßen, bringe er
+ihnen Futter. Kein einziger Vogel fürchte sich vor ihm. Daunenfein sei oft
+in seiner Hütte gewesen, und da habe er ihr Brotkrumen hingestreut. Weil
+nun der Fischer so gut gegen die Vögel sei, hätten sich diese auch in
+großer Menge auf der Schäre niedergelassen, und es fehle dort nächstens an
+dem nötigen Platz. Wenn man im Frühling zu spät eintreffe, könnten
+möglicherweise schon alle Brutplätze besetzt sein. »Und deshalb haben meine
+Eltern und Geschwister mich auch allein in Öland zurücklassen müssen,«
+schloß Daunenfein die Erzählung.
+
+Und Daunenfein bat und bettelte so lange, bis sie ihren Willen durchgesetzt
+hatte, obgleich die Wildgänse sich schon etwas verspätet hatten und
+eigentlich ohne Aufenthalt nordwärts reisen sollten. Aber der Besuch in den
+Schären würde die Reise allerdings nur um einen einzigen Tag verzögern.
+
+Eines Morgens, nachdem sie sich wohl gestärkt hatten, brachen sie auf und
+flogen in östlicher Richtung über den Mälar hin. Der Junge wußte nicht
+genau, wohin die Gänse flogen, aber er sah bald, wie viel lebhafter der
+Verkehr wurde, und wie viel dichter bebaut die Ufer waren, je weiter
+ostwärts sie kamen.
+
+Schwerbeladene Prahme und Kähne und Fischerbarken waren in derselben
+Richtung wie die Wildgänse unterwegs, und viele schöne, weiße Dampfschiffe
+kamen ihnen entgegen, oder fuhren an ihnen vorbei. An den Ufern liefen
+Eisenbahnen und Landstraßen hin, alle einem und demselben Ziel entgegen.
+Dort im Osten mußte irgendein Ort sein, den alle an diesem Morgen noch zu
+erreichen suchten.
+
+Auf einer der Inseln sahen sie ein großes, weißes Schloß, und eine Strecke
+weiter waren die Ufer allmählich mit Villen bedeckt. Im Anfang lagen diese
+in großen Zwischenräumen, später aber dichter, und bald stand dem ganzen
+Ufer entlang eine Villa neben der andern. Die Häuser waren von höchst
+verschiedener Bauart: hier lag ein Schloß, dort eine Hütte. Hier erhob sich
+ein langer, niedriger Herrenhof, dort eine Villa mit vielen kleinen Türmen.
+Die einen standen mitten in Obstgärten, die meisten aber waren von kleinen
+Gehölzen umgeben, die ohne besondere Pflege die Ufer einfaßten. Aber so
+ungleich sie auch waren, eins hatten sie alle gemeinsam, sie waren nicht
+einfach und ernst, wie andre Häuser, sondern wie Puppenhäuser, leuchtend
+grün und blau und weiß und rot angestrichen.
+
+Der Junge betrachtete eben eifrig alle diese lustigen Sommerhäuser am
+Strande, als Daunenfein plötzlich einen Schrei ausstieß. »Jetzt erkenne ich
+meine Heimat deutlich wieder!« rief sie. »Dort drüben liegt die schwimmende
+Stadt!«
+
+Da schaute Nils geradeaus, er sah aber zuerst gar nichts als feinen Dunst
+und Nebel, die über dem Wasser schwebten. Dann unterschied er hohe Türme
+und da und dort ein Haus mit langen Fensterreihen. Die Gebäude tauchten auf
+und verschwanden wieder, je nachdem der Nebel hin und her wogte. Aber ein
+Uferstreifen war nirgends zu erblicken; alles schien auf dem Wasser zu
+ruhen.
+
+Als der Junge der Stadt näher kam, sah er keine lustigen Puppenhäuser mehr
+am Ufer, die waren dafür mit rauchigen Fabrikgebäuden bedeckt. Hinter hohen
+Plankenzäunen erstreckten sich große Kohlen- und Bretterhaufen, und an
+schwarzen, schmutzigen Brücken lagen schwerfällige Frachtdampfer; darüber
+aber breitete sich überall der wogende, durchsichtige Nebelschleier aus,
+und dadurch erschien alles so großartig und gewaltig und fremdartig, daß es
+einen beinahe schönen Eindruck machte.
+
+[Illustration]
+
+Die Wildgänse flogen an Fabriken und Frachtdampfern vorüber und kamen der
+nebelumhüllten Stadt immer näher. Da sanken plötzlich alle Nebelschleier
+aufs Wasser hinunter, nur ein dünner, leichter in zartestem Rosa und
+Hellblau schimmernder Dunst schwebte noch darüber. Die andern Nebel aber
+wälzten sich unter der Schar über das Wasser und das Land hin. Sie
+verbargen die Grundmauern und den untern Teil der Häuser, während die
+oberen Stockwerke, die Dächer, Türme, Giebel und Dachfirste deutlich
+sichtbar waren. Einige der Häuser erschienen auf diese Weise übermäßig hoch
+und erinnerten unwillkürlich an den Turm zu Babel. Der Junge konnte sich ja
+wohl denken, daß sie auf Hügel und Felsenrücken gebaut sein mußten; diese
+selbst sah er allerdings nicht, nur die Häuser, die über den Nebelmassen
+aufragten. Der Nebel war glänzend weiß, und die Häuser lagen schwarz und
+dunkel mitten darin, denn die Sonne stand im Osten, und ihre Strahlen
+fielen nicht auf diese Seite.
+
+Wohin der Junge schaute, überall sah er Dächer und Türme aus dem Nebelmeer
+auftauchen; die Wildgänse flogen offenbar über eine große Stadt hin.
+Bisweilen teilten sich die wallenden Nebelmassen, und dann sah der Junge
+einen rauschenden, brausenden Strom, aber Land konnte er nirgends
+entdecken. Es war ein wunderschöner Anblick, aber er fühlte sich doch ein
+wenig beklommen, wie es meistens geht, wenn man etwas sieht, was einem
+unverständlich ist.
+
+Sobald sie die Stadt hinter sich hatten, war die Erde nicht mehr vom Nebel
+verhüllt. Jetzt konnte man Ufer, Wasser und Inseln deutlich unterscheiden.
+Der Junge schaute zurück, um einen letzten Blick auf die Stadt zu werfen.
+Sie sah jetzt noch mehr wie ein Zaubermärchen aus. Die Sonne hatte alle die
+Nebelschleier rosig angehaucht, und diese schwebten nun, in herrlichstem
+Blau und Rot und Gelb leuchtend, über der Landschaft. Die Häuser waren ganz
+weiß, wie wenn sie aus Licht gebaut wären, die Fenster und Türme aber
+glänzten wie lauter Feuer. Und alles schwamm auf dem Wasser wie zuvor.
+
+Die Wildgänse flogen rasch ostwärts. Im Anfang sah es hier ganz so aus wie
+am Mälar. Zuerst ging es über Fabriken und Werkstätten hin, dann zeigten
+sich an den Ufern allmählich hübsche Landhäuser. Es wimmelte von
+Dampfschiffen und Booten; aber jetzt kamen diese von Osten her und fuhren
+westwärts der Stadt zu.
+
+[Illustration]
+
+Die Wildgänse flogen weiter, und anstatt der schmalen Mälarfjorde und der
+kleinen Inseln breitete sich jetzt eine größere Wasserfläche mit
+umfangreicheren Inseln unter ihnen aus. Das Festland wich zur Seite und war
+bald nicht mehr zu sehen. Die Pflanzenwelt wurde kärglicher; Laubhölzer gab
+es nur noch wenig, das Nadelholz bekam das Übergewicht. Die Landhäuser
+hörten auf, und statt ihrer sah man Bauernhäuser und Fischerhütten.
+
+Immer weiter flogen die Wildgänse; jetzt waren keine großen, bebauten
+Inseln mehr zu sehen, nur unzählige kleine über das Wasser verstreute
+Schären. Die Fjorde wurden nicht mehr vom Festland eingeengt, das weite,
+unbegrenzte Meer dehnte sich vor ihnen aus.
+
+Hier draußen ließen sich die Wildgänse auf einer Felseninsel nieder, und
+als der Junge abgestiegen war, wendete er sich an Daunenfein. »Was ist denn
+das für eine Stadt, über die wir hingeflogen sind?« fragte er.
+
+»Ich weiß nicht, wie sie bei den Menschen genannt wird,« antwortete
+Daunenfein. »Wir Graugänse nennen sie nur die schwimmende Stadt.«
+
+
+Die Schwestern
+
+Daunenfein hatte zwei Schwestern: Flügelschön und Goldauge. Es waren kluge
+und starke Vögel; aber sie hatten kein so weiches, glänzendes Federgewand
+wie Daunenfein und auch keinen so freundlichen, liebenswürdigen Charakter.
+Schon zu der Zeit, wo sie noch kleine häßliche Gösselchen gewesen waren,
+hatten ihnen die Eltern und Verwandten, ja sogar auch der alte Fischer
+deutlich zu verstehen gegeben, daß sie Daunenfein lieber hätten, und
+deshalb hatten diese beiden ihre Schwester Daunenfein von jeher gehaßt.
+
+Als die Wildgänse sich auf der Felseninsel niederließen, weideten
+Daunenfeins Schwestern, Flügelschön und Goldauge, eben auf einem grünen
+Fleck, und sie sahen die Wildgänse sogleich.
+
+»Sieh nur, Schwester Goldauge, welche stattlichen Wildgänse sich da auf
+unsrer Insel niederlassen!« sagte Flügelschön. »Ich habe noch nicht oft
+Vögel gesehen, die eine so prächtige Haltung gehabt hätten. Und sieh nur,
+sie haben einen weißen Gänserich bei sich! Hast du je einen so schönen
+Vogel gesehen? Man könnte ihn fast für einen Schwan halten.«
+
+Goldauge stimmte der Schwester bei und meinte auch, da sei gewiß sehr
+vornehmer Besuch auf die Insel gekommen. Aber plötzlich unterbrach sie sich
+und rief: »Schwester Flügelschön! Schwester Flügelschön! Siehst du nicht,
+wer bei ihnen ist?«
+
+In demselben Augenblick erkannte auch Flügelschön ihre Schwester
+Daunenfein, und sie war so überrascht, daß sie eine ganze Weile nur mit
+offenem Schnabel dastand und zischte.
+
+»Es ist nicht möglich, es ist nicht möglich! Wie sollte sie zu solchen
+Leuten gekommen sein? Wir ließen sie ja auf Öland zurück, und dort hat sie
+verhungern müssen.«
+
+»Nun wird sie uns natürlich bei Vater und Mutter verklagen und sagen, daß
+wir sie gestoßen hätten, bis sie sich den Flügel ausrenkte. Aber das ist
+noch nicht das schlimmste von allem, denn du wirst sehen, wir werden dafür
+von der Insel verjagt.«
+
+»Ja, das wird eine nette Geschichte geben; denn wenn der verzärtelte
+Nestkegel wieder da ist, gibt es natürlich lauter Widerwärtigkeiten,« sagte
+Flügelschön. »Aber ich würde es doch fürs klügste halten, wenn wir im
+Anfang täten, als ob wir uns über ihre Rückkehr freuten. Sie ist nämlich
+sehr dumm, und vielleicht hat sie nicht einmal gemerkt, daß wir sie mit
+Absicht stießen.«
+
+Während Flügelschön und Goldauge so miteinander redeten, hatten die
+Wildgänse drunten am Strand ihre von dem raschen Flug zerzausten Federn
+geglättet, und jetzt wanderten sie in einer langen Reihe auf den
+Felsenspalt zu, wo, wie Daunenfein wußte, die Eltern zu wohnen pflegten.
+
+Daunenfeins Eltern waren ausgezeichnete Leute; sie wohnten schon länger auf
+der Insel als alle die andern Vögel. Sie halfen deshalb auch allen
+Neuankommenden und gaben ihnen guten Rat. Auch sie hatten die Wildgänse
+daherfliegen sehen, aber Daunenfein in der Schar nicht erkannt.
+
+»Sieh nur, da lassen sich Wildgänse auf der Felseninsel nieder, das ist
+doch merkwürdig!« sagte der Gänsevater. »Es ist eine prächtige Schar, das
+sieht man schon am Fluge, aber es wird schwierig sein, für so viele
+ordentliche Weideplätze zu finden.«
+
+»Bis jetzt ist die Insel noch nicht überfüllt, und wir können schon noch
+Gäste aufnehmen,« meinte die Gänsefrau, die freundlichen, gutherzigen
+Gemütes war, gerade wie Daunenfein.
+
+Als Akka näher herankam, gingen Daunenfeins Eltern ihr entgegen, und sie
+wollten die Gäste eben auf der Insel willkommen heißen, als Daunenfein von
+ihrem Platze hinten im Zug aufflog und sich gerade vor ihren Eltern
+niederließ.
+
+»Vater und Mutter, hier bin ich! Kennt ihr denn eure Daunenfein nicht
+mehr?« rief sie.
+
+Zuerst wollten die Alten ihren Augen nicht trauen; aber dann erkannten sie
+die Tochter und waren natürlich glückselig über das Wiedersehen.
+
+Während nun die Wildgänse und der Gänserich Martin und auch Daunenfein
+eifrig durcheinanderschnatterten, weil alle erzählen wollten, wie
+Daunenfein gerettet worden war, kamen Flügelschön und Goldauge
+dahergelaufen. Schon aus der Ferne riefen sie: »Guten Tag! Guten Tag!« und
+taten so erfreut über Daunenfeins Rückkehr, daß diese ganz gerührt wurde.
+
+Den Wildgänsen gefiel es sehr gut auf der Felseninsel, und so beschlossen
+sie, nicht vor dem nächsten Morgen weiterzureisen. Nach einer Weile fragten
+die beiden Schwestern Daunenfein, ob sie mit ihnen kommen wolle, um zu
+sehen, wo sie ihre Nester zu bauen beabsichtigten. Daunenfein war sogleich
+bereit, und als sie die Plätze sah, lobte sie die Schwestern und sagte, sie
+hätten sich da sehr wohlgeschützte Brutstätten ausgewählt.
+
+»Wo willst denn du dich niederlassen, Daunenfein?« fragten die Schwestern.
+
+»Ich?« erwiderte Daunenfein. »Ich habe nicht die Absicht, auf der Insel zu
+bleiben, denn ich will mit den Wildgänsen nach Lappland reisen.«
+
+»Wie schade! Du willst uns also wieder verlassen?« sagten die Schwestern.
+
+»Ich wäre recht gerne bei euch und bei unsern Eltern geblieben,« erwiderte
+Daunenfein. »Aber ich bin schon mit dem großen weißen Gänserich verlobt.«
+
+»Hör ich recht?« rief Flügelschön. »Du bekommst den schönen Gänserich? Das
+ist doch ....« Aber in diesem Augenblick stieß Goldauge sie heftig an, und
+so sprach sie nicht weiter.
+
+Die beiden bösen Schwestern steckten während des Vormittags wiederholt
+eifrig die Köpfe zusammen. Sie waren ganz außer sich vor Zorn, weil
+Daunenfein einen Freier wie den weißen Gänserich hatte. Sie selbst hatten
+zwar auch Freier; aber die ihrigen waren ganz gewöhnliche Graugänse, und
+seit sie den Gänserich Martin gesehen hatten, kamen ihnen ihre Freier
+häßlich und ärmlich vor, sie mochten sie gar nicht mehr ansehen.
+
+»Man könnte sich wirklich zu Tode darüber grämen,« sagte Goldauge. »Hättest
+wenigstens du ihn bekommen, Schwester Flügelschön!« rief sie.
+
+»Ich wollte, der Kerl wäre tot, dann müßte ich mir jetzt nicht den ganzen
+Sommer hindurch unaufhörlich vorsagen: Deine Schwester Daunenfein hat sich
+mit einem weißen Gänserich verlobt,« sagte Flügelschön.
+
+Trotzdem waren die Schwestern fortgesetzt sehr freundlich gegen Daunenfein;
+und nachmittags nahm Goldauge Daunenfein mit sich, damit sie Goldauges
+Freier sehen sollte. »Er ist zwar nicht so schön wie dein Bräutigam,« sagte
+Goldauge. »Dafür kann man aber auch ganz sicher sein, daß er das wirklich
+ist, wofür er sich ausgibt.«
+
+»Was willst du damit sagen, Goldauge?« fragte Daunenfein.
+
+Goldauge wollte zuerst nicht mit der Sprache heraus, aber schließlich kam
+es doch an den Tag: Goldauge und Flügelschön hatten sich darüber besonnen,
+ob die Sache mit dem Weißen auch auf ganz natürliche Weise zugegangen sei.
+»Noch niemals ist ein weißer Gänserich mit Wildgänsen umhergezogen,« sagten
+die Schwestern, »und wir möchten wohl wissen, ob er nicht am Ende
+verzaubert ist.«
+
+»Seid ihr verrückt?« sagte Daunenfein gekränkt. »Er ist ja ein zahmer
+Gänserich.«
+
+»Er hat aber einen bei sich, der verzaubert ist,« sagte Goldauge, »und da
+könnte er gut selbst auch verzaubert sein. An deiner Stelle hätte ich
+Angst, er sei möglicherweise ein schwarzer Kormoran.«
+
+Goldauge wußte ihre Worte sehr gut zu setzen und jagte der armen Daunenfein
+einen großen Schrecken ein.
+
+»Was du da sagst, ist doch wohl nicht dein Ernst!« rief die kleine
+Graugans. »Du willst mich nur erschrecken.«
+
+»Ich will nur dein Bestes, Daunenfein,« sagte Goldauge. »Denn ich könnte
+mir nichts Schrecklicheres denken, als wenn du mit einem Kormoran
+fortfliegen würdest. Aber ich will dir etwas sagen. Bring ihn dazu, von
+diesen Wurzeln hier, die ich für dich gesammelt habe, zu essen. Wenn er
+verzaubert ist, wird es sich sofort zeigen. Ist dies nicht der Fall, dann
+bleibt er so, wie er ist.«
+
+Der Junge saß mitten unter den Graugänsen und hörte der Unterhaltung
+zwischen Akka und dem Gänsevater zu, als plötzlich Daunenfein
+dahergestürzt kam. »Däumling! Däumling!« schluchzte sie. »Der Gänserich
+Martin ist am Sterben. Ich habe ihn umgebracht!«
+
+»Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich rasch zu ihm hin!«
+rief der Junge.
+
+Die beiden flogen davon, und Akka eilte mit den andern Wildgänsen hinter
+ihnen her. Als sie bei dem Gänserich ankamen, lag dieser auf dem Boden
+ausgestreckt. Er konnte kein Wort herausbringen, sondern schnappte nur
+immer nach Luft.
+
+»Kitzle ihn an der Gurgel und schlage ihn auf den Rücken!« befahl Akka.
+
+Der Junge tat es; da hustete der große Weiße einige lange Wurzeln heraus,
+die ihm im Halse stecken geblieben waren.
+
+»Hast du hiervon gegessen?« fragte Akka und deutete auf die am Boden
+liegenden Wurzeln.
+
+»Ja,« antwortete der Gänserich.
+
+»Dann darfst du von Glück sagen, daß sie dir im Halse stecken geblieben
+sind,« sagte Akka. »Die Wurzeln sind giftig, und wenn du sie geschluckt
+hättest, wärest du unrettbar verloren gewesen.«
+
+»Daunenfein sagte, ich solle davon essen,« sagte der Gänserich.
+
+»Ich habe sie von meiner Schwester bekommen,« rief Daunenfein und erzählte,
+wie alles zugegangen war.
+
+»Nimm dich vor deinen Schwestern in acht, Daunenfein,« sagte Akka. »Sie
+meinen es nicht gut mit dir.«
+
+Aber Daunenfein hatte ein gar zu gutes Herz, sie konnte niemand etwas Böses
+zutrauen. Als nun Flügelschön nach einer Weile zu ihr kam und sagte, sie
+wolle ihr jetzt auch ihren Freier zeigen, ging sie sogleich mit.
+
+»Er ist freilich nicht so schön wie der deinige,« sagte die Schwester,
+»aber dafür ist er auch viel tapferer und kühner.«
+
+»Woher weißt du das?« fragte Daunenfein.
+
+»Das will ich dir sagen. Unter den Möwen und Enten hier herrscht Jammer und
+Not, weil jeden Morgen bei Tagesanbruch ein großer Raubvogel dahergeflogen
+kommt und eine von ihnen mitnimmt.«
+
+»Was ist es für ein Vogel?« fragte Daunenfein.
+
+»Wir wissen es nicht,« antwortete die Schwester. »Es ist noch nie so einer
+hier auf der Insel gesehen worden. Merkwürdigerweise hat er noch nie eine
+Gans angefallen. Da hat sich nun mein Freier entschlossen, morgen mit ihm
+zu kämpfen und ihn zu verjagen.«
+
+»Wenn die Sache nur gut abläuft!« sagte Daunenfein.
+
+»Ich fürchte, das wird nicht der Fall sein,« versetzte die Schwester. »Ja,
+wenn mein Gänserich so groß und stark wäre wie der deinige, dann hätte ich
+auch Hoffnung auf Erfolg.«
+
+»Soll ich den Gänserich Martin bitten, mit diesem fremden Raubvogel
+anzubinden?« fragte Daunenfein.
+
+»Das wäre mir freilich das allerliebste,« erwiderte Flügelschön. »Du
+könntest mir gar keinen größeren Gefallen tun.«
+
+Am nächsten Morgen war der Gänserich Martin schon vor der Sonne auf; er
+stellte sich auf die höchste Klippe und spähte nach allen Seiten umher.
+Bald tauchte im Westen ein großer dunkler Vogel auf, der auf die Insel
+zuflog. Er hatte ungeheuer große Flügel, und der Gänserich sah gleich, daß
+es ein Adler war. Er hatte keinen gefährlicheren Gegner als eine Eule
+erwartet und erkannte jetzt wohl, daß es das Leben galt. Aber es fiel ihm
+nicht ein, dem Kampf mit einem Vogel, der so viel stärker war als er,
+auszuweichen.
+
+Jetzt schoß der Adler aus der Höhe herab und schlug seine Klauen in eine
+Möwe; aber ehe er mit ihr auffliegen konnte, stürmte der Gänserich heran.
+
+»Laß die Möwe los!« schrie er. »Und laß dich nie wieder hier blicken, sonst
+bekommst du es mit mir zu tun!«
+
+»Was bist denn du für ein Prahlhans?« sagte der Adler. »Es ist ein Glück
+für dich, daß ich nie eine Gans angreife, sonst wäre es bald um dich
+geschehen.«
+
+Der Gänserich Martin glaubte, der Adler sei zu hochmütig, mit ihm zu
+kämpfen. Er ging darum wutschnaubend auf ihn los, biß ihn in den Hals und
+schlug ihn mit den Flügeln. Das konnte sich der Adler natürlich nicht
+gefallen lassen, und nun kämpfte er mit dem Gänserich, aber nicht einmal
+mit voller Kraft.
+
+Der Junge schlief noch bei Akka und den andern Wildgänsen. Da hörte er
+Daunenfein rufen: »Däumling! Däumling! Der Gänserich wird von einem Adler
+zerrissen!«
+
+»Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich zu ihm hin,« sagte
+der Junge.
+
+Als die beiden die Klippe erreicht hatten, blutete der Gänserich aus
+mehreren Wunden; er kämpfte aber trotzdem weiter. Der Junge konnte sich
+nicht mit einem Adler einlassen, und es blieb ihm also nichts andres übrig,
+als bessere Hilfe herbeizurufen. »Schnell, schnell, Daunenfein! Rufe Akka
+und die Wildgänse herbei!« befahl er.
+
+Doch in dem Augenblick, wo der Junge das sagte, hörte der Adler auf zu
+kämpfen. »Wer spricht hier von Akka?« fragte er. Und als er den Däumling
+gewahr wurde und das Geschnatter der herbeieilenden Wildgänse hörte,
+breitete er rasch die Schwingen aus. »Sage Akka, ich hätte nicht erwartet,
+sie oder irgend jemand aus ihrem Gefolge hier draußen auf dem Meere
+anzutreffen!« rief er; und damit flog er stolz und majestätisch davon.
+
+»Das ist derselbe Adler, der mich einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht
+hat,« sagte der Junge und schaute ihm verwundert nach.
+
+Die Wildgänse wollten in aller Frühe von der Insel wegfliegen, beschlossen
+aber, vorher doch noch ein wenig zu frühstücken. Während sie noch weideten,
+flog eine Felsenente zu Daunenfein hin. »Ich soll dich von deinen
+Schwestern grüßen,« sagte sie. »Sie wagen es nicht mehr, sich unter den
+Wildgänsen sehen zu lassen, aber ich soll sagen, du solltest doch ja die
+Insel nicht verlassen, ohne dem alten Fischer einen Besuch gemacht zu
+haben.«
+
+»Das will ich auch tun!« rief Daunenfein. Sie war jedoch sehr ängstlich
+geworden und wollte nicht allein hingehen. Deshalb bat sie den Gänserich
+und den Däumling, sie nach der Hütte zu begleiten.
+
+Die Tür der Hütte stand offen. Daunenfein ging hinein, die beiden andern
+blieben draußen. Im nächsten Augenblick hörten sie Akka das Zeichen zum
+Aufbruch geben. Die Graugans trat auch gleich darauf aus der Hütte heraus
+und flog mit den Wildgänsen von der Insel fort.
+
+Die Schar war schon eine ziemliche Strecke zwischen den Schären
+hingeflogen, als der Junge sich über die Graugans, die mit ihnen flog, sehr
+verwunderte. Daunenfein flog doch sonst so leicht und ruhig dahin, diese
+aber hier ruderte mit schweren rauschenden Flügelschlägen durch die Luft.
+»Akka, wende um! Akka, wende um!« rief der Junge erregt. »Es ist ein
+fremder Vogel unter uns. Wir haben Flügelschön in unsrer Schar!«
+
+Kaum hatte er dies gesagt, als die Graugans einen häßlichen zornigen Ruf
+ausstieß, und nun war niemand mehr im Zweifel, wer sie war. Akka und die
+andern wendeten sich gegen sie; die Graugans entfloh jedoch nicht sogleich,
+sondern stürzte sich auf den großen Weißen, packte den Däumling mit dem
+Schnabel und flog mit ihm davon.
+
+Nun entspann sich eine wilde Jagd zwischen den Schären. Flügelschön flog
+sehr rasch, aber die Wildgänse waren dicht hinter ihr, und sie hatte nicht
+die geringste Hoffnung, ihnen zu entkommen.
+
+Da stieg plötzlich ein leichter, weißer Rauch aus dem Meere auf, und
+zugleich ertönte der Knall eines Schusses. In ihrem Eifer hatten die Vögel
+nicht gemerkt, daß sie über einem Boot hinflogen, in dem ein einzelner
+Fischer saß.
+
+Es wurde indes niemand getroffen; aber gerade über dem Boot öffnete
+Flügelschön den Schnabel und ließ den Däumling ins Meer fallen.
+
+
+
+
+37
+
+Stockholm
+
+
+Vor mehreren Jahren wohnte auf Skansen, dem großen Freiluftmuseum bei
+Stockholm, wo so gar vielerlei Merkwürdiges aus ganz Schweden
+zusammengebracht worden ist, ein kleiner, alter Mann, namens Klement
+Larsson. Er stammte aus Hälsingeland und war nach Skansen gekommen, um dort
+alte Volkstänze und Volkslieder auf seiner Geige zu spielen. Er trat aber
+natürlich meist nur an den Nachmittagen als Geiger auf, vormittags saß er
+als Wächter in einem der schönen Bauernhäuser, die man aus allen Teilen des
+Landes nach Skansen verpflanzt hat. Im Anfang dachte Klement, er habe es
+jetzt auf seine alten Tage besser, als er sich in seinem ganzen Leben je
+einmal zu träumen gewagt hätte. Aber nach einiger Zeit wurde es ihm
+schrecklich langweilig da droben, besonders in den Stunden, wo er Aufsicht
+hatte. Wenn Leute kamen, die sich das Haus ansahen, dann ging es ja noch
+an; aber manchmal saß der gute Klement stundenlang ganz allein da drinnen,
+und dann überkam ihn das Heimweh mit solcher Gewalt, daß er es oft kaum
+mehr aushalten konnte und allen Ernstes daran dachte, seine Stelle
+aufzugeben. Er war freilich sehr arm, und wenn er in seine Heimat
+zurückkehrte, fiel er der Gemeinde zur Last, das wußte er recht wohl.
+Deshalb kämpfte er auch mit aller Macht gegen das Heimweh an, obgleich er
+sich von Tag zu Tag unglücklicher fühlte.
+
+Eines schönen Tages, zu Anfang Mai, hatte Klement ein paar Stunden frei,
+und er ging eben den steilen Hügel hinab, auf dem Skansen liegt, als er
+einem Fischer aus den Schären begegnete, der mit seinem Kasten auf dem
+Rücken daherkam. Der Fischer war ein junger, kräftiger Mann, der öfters
+nach Skansen kam und Seevögel anbot, die er lebendig gefangen hatte;
+Klement war schon oft mit ihm zusammengetroffen.
+
+Heute nun hielt der Fischer Klement an und fragte ihn, ob der Vorstand von
+Skansen daheim sei. Nachdem Klement ihm Auskunft gegeben hatte, fragte er
+seinerseits den Fischer, was er denn Seltenes in seinem Kasten habe.
+
+»Ich will es dir zeigen, Klement,« sagte der Fischer, »wenn du mir dafür
+einen guten Rat geben und mir sagen willst, was ich dafür verlangen soll.«
+
+Damit streckte er Klement seinen Fischkasten hin. Klement sah hinein, sah
+noch einmal hinein und trat hastig einen Schritt zurück. »Um alles in der
+Welt, Asbjörn, wo hast du denn diesen aufgetrieben?«
+
+Es war ihm eingefallen, daß ihm seine Mutter, als er noch ein Kind war,
+oft von den Wichtelmännchen, die unter dem Steinboden wohnten, erzählt
+hatte. Er sollte nicht weinen und nicht schreien, damit die Wichtelmännchen
+nicht erzürnt würden. Als er dann erwachsen war, hatte er geglaubt, seine
+Mutter habe die Geschichten von den Wichtelmännchen nur erfunden, um ihm
+einen heilsamen Schrecken einzujagen. »Aber nun ist es also doch keine
+Erfindung von meiner Mutter gewesen,« dachte Klement. »Denn hier in
+Asbjörns Kasten liegt ja einer aus dem Wichtelvolk.«
+
+In Klements Herzen wohnte noch immer ein Rest von jener Kinderangst, und es
+lief ihm kalt über den Rücken hinab, als er in den Kasten hineinschaute.
+Asbjörn sah Klements Schrecken und fing zu lachen an; aber Klement nahm die
+Sache sehr ernst.
+
+»Erzähle mir doch, wo du ihn her hast,« sagte er.
+
+»O, du mußt nicht denken, ich hätte ihm aufgelauert,« sagte Asbjörn. »Das
+Kerlchen ist selbst zu mir gekommen. Heute morgen bin ich in aller Frühe im
+Boot hinausgefahren, und kaum hatte ich das Festland hinter mir, als eine
+Schar Wildgänse mit lautem Geschnatter von Osten dahergezogen kam. Ich
+feuerte einen Schuß auf sie ab, traf jedoch keine von ihnen, dafür aber
+sauste dieser kleine Kerl aus der Luft herunter und fiel dicht neben meinem
+Boot ins Wasser, ich brauchte nur die Hand nach ihm auszustrecken.«
+
+»Du wirst ihn doch nicht getroffen haben, Asbjörn?«
+
+»O nein, er ist ganz frisch und gesund; aber zuerst war er nicht so recht
+bei sich, und diese Gelegenheit benützte ich, ihm Hände und Füße mit einem
+Stück Bindfaden zusammenzubinden, damit er mir nicht davonlaufen könnte.
+Denn ich dachte ja gleich, das sei etwas für Skansen.«
+
+Klement wurde es ganz sonderbar zumut, als der Fischer sein Erlebnis
+erzählte. Alles, was er in seiner Jugend von den Wichtelmännchen gehört
+hatte, von ihrer Rachgier gegen Feinde und ihrer Hilfsbereitschaft gegen
+Freunde, tauchte in seiner Seele auf. Wer es je einmal versucht hatte, ein
+Wichtelmännchen gefangen zu halten, dem war es schlecht ergangen.
+
+»Höre, Asbjörn, du hättest ihn gleich wieder freigeben sollen,« sagte
+Klement.
+
+»Ich hätte auch beinahe gar nicht anders gekonnt,« antwortete Asbjörn. »Die
+Wildgänse verfolgten mich bis nach Hause, und selbst dann flogen sie noch
+lange über den Schären hin und her und schrieen immerfort, wie wenn sie das
+Kerlchen wieder haben wollten. Ja, und das war noch nicht einmal alles,
+denn die ganze Vogelgesellschaft da draußen, Möwen und Seeschwalben und
+alle andern, die keinen ehrlichen Schuß Pulver wert sind, ließen sich laut
+schreiend auf den Klippen nieder, und als ich aus meiner Hütte heraustrat,
+flatterten sie wie toll um mich her; es blieb mir nichts übrig, als wieder
+umzukehren. Meine Frau sagte, ich solle den Knirps wieder laufen lassen,
+aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, ihn hierher nach Skansen
+zu bringen. Da stellte ich denn eine Puppe von unserm Kleinen ans Fenster,
+steckte den Knirps rasch in meinen Kasten und machte mich wieder auf den
+Weg. Die Vögel meinten wohl, die Puppe am Fenster sei das Kerlchen, denn
+sie ließen mich diesmal unbehelligt gehen.«
+
+»Spricht er nicht?« fragte Klement.
+
+»Doch, im Anfang machte er einen Versuch, den Vögeln etwas zuzurufen; aber
+das wollte ich nicht, und so stopfte ich ihm einen Knebel in den Mund.«
+
+»Aber Asbjörn, daß du das gewagt hast! Hast du denn gar kein Verständnis?
+Dies ist doch etwas Übernatürliches.«
+
+»Ach, wie soll ich wissen, was es ist,« sagte Asbjörn ruhig. »Das müssen
+die andern herausbringen, ich bins zufrieden, wenn man mich nur gut dafür
+bezahlt. Und nun sag mir, Klement, wie viel wird mir der gelehrte Herr
+Doktor droben auf Skansen wohl für das Kerlchen geben?«
+
+Klement überlegte lange, ehe er antwortete. Er hatte auf einmal
+schreckliche Angst für den Knirps bekommen. Es war ihm gerade, als stehe
+seine Mutter neben ihm und sage zu ihm, er solle immer gut gegen das
+Wichtelvolk sein.
+
+»Ich weiß nicht, was der Doktor dir dafür geben wird,« sagte er
+schließlich. »Aber wenn du ihn mir verkaufen willst, dann biete ich dir
+zwanzig Kronen dafür.«
+
+Als der Spielmann diese große Summe nannte, sah ihn der Fischer grenzenlos
+überrascht an. Er dachte, Klement meine wohl, der Kleine sei im Besitz von
+geheimen Kräften, die ihm von Nutzen sein könnten; und da er keineswegs
+sicher war, ob der Doktor seinen Fund für ebenso wichtig halten und ihm so
+viel dafür bieten würde, nahm er Klements Angebot an.
+
+Der Spielmann steckte seinen Einkauf in eine seiner weiten Taschen, stieg
+wieder den Hügel hinauf und ging in eine der Sennhütten, wo weder fremde
+Besucher noch sonst ein Aufseher waren. Er schloß die Tür hinter sich zu,
+nahm das Kerlchen heraus, das noch immer an Händen und Füßen gebunden war
+und einen Knebel im Mund hatte, und legte es vorsichtig auf eine Bank.
+
+»Gib nun wohl acht, was ich dir sage,« begann Klement. »Ich weiß, du und
+deinesgleichen, ihr laßt euch nicht gern vor den Menschen sehen, sondern
+wollt am liebsten ungehindert euer Wesen treiben. Ich will dir deshalb
+deine Freiheit zurückgeben, aber nur unter einer Bedingung: du mußt hier im
+Park bleiben, bis ich dir erlaube, dich von hier zu entfernen. Wenn du
+darauf eingehen willst, dann nicke dreimal mit dem Kopfe.«
+
+Erwartungsvoll sah Klement den Kleinen an; dieser aber rührte sich nicht.
+
+»Es soll dir nicht schlecht gehen,« fuhr Klement fort. »Ich werde dir jeden
+Tag dein Essen bringen; überdies wirst du auch sicher hier allerlei zu tun
+bekommen und brauchst also keine Langeweile zu haben. Aber du darfst
+nirgends anders hingehen, bis ich es dir erlaube, hörst du! Wir wollen ein
+Zeichen ausmachen: so lange ich dir dein Essen in einem weißen Napf
+hinstelle, mußt du hierbleiben, wenn es aber in einer blauen Schale ist,
+dann darfst du dich entfernen.«
+
+Wieder sah Klement den Kleinen erwartungsvoll an und hoffte auf das
+verabredete Zeichen; das Kerlchen aber rührte sich nicht.
+
+»Ja, dann muß ich dich eben doch dem Direktor von Skansen zeigen, es bleibt
+nichts andres übrig,« sagte Klement. »Du wirst dann in eine Glasflasche
+gesteckt, und alle Leute aus der großen Stadt Stockholm kommen hierher und
+gucken dich an.«
+
+Dieser Ausspruch schien dem Kleinen Schrecken einzujagen; denn kaum hatte
+Klement ihn getan, als der Kleine mit dem Kopfe nickte.
+
+»So ists recht!« sagte Klement. Er zog sein Messer heraus, durchschnitt dem
+Kerlchen die Fessel an den Händen und ging dann hastig zur Tür hinaus.
+
+Vor allem andern löste der Junge jetzt die Schnur von seinen Füßen und zog
+sich den Knebel aus dem Mund. Als er sich dann aber nach Klement Larsson
+umsah, um ihm zu danken, war dieser schon verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Klement war noch nicht weiter als nur eben zur Tür hinausgekommen, als er
+einem schönen alten Herrn begegnete, der nach einem nahegelegenen,
+herrlichen Aussichtspunkt unterwegs zu sein schien. Klement konnte sich
+nicht erinnern, den vornehmen alten Herrn schon einmal gesehen zu haben;
+dieser aber hatte Klement wohl schon öfters bemerkt, wenn er seine
+Volkweisen spielte, denn er blieb stehen und redete ihn an.
+
+»Guten Tag, Klement,« sagte er. »Wie geht es dir? Du wirst doch nicht krank
+sein? Du kommst mir seit einiger Zeit etwas abgemagert vor.«
+
+Der Herr hatte etwas so unbeschreiblich Leutseliges in seinem Wesen, daß
+sich Klement ein Herz faßte und ihm erzählte, wie sehr ihn das Heimweh
+plage.
+
+»Wie? Hier in Stockholm hast du Heimweh? Das ist doch wohl nicht möglich!«
+sagte der vornehme alte Herr und sah dabei fast ein wenig gekränkt aus.
+Aber dann fiel ihm ein, daß er ja einen alten Bauern aus Hälsingeland vor
+sich hatte, und der frühere freundliche Ausdruck trat wieder in sein
+Gesicht.
+
+»Du hast gewiß noch nie gehört, wie Stockholm eigentlich entstanden ist,
+Klement? Sonst wüßtest du ganz genau, daß du dir das Heimweh nur
+einbildest. Komm, begleite mich zu der Bank dort drüben, dann will ich dir
+ein wenig von Stockholm erzählen.«
+
+Nachdem der vornehme alte Herr sich auf der Bank niedergelassen hatte, ließ
+er seinen Blick zuerst einige Augenblicke auf Stockholm ruhen, das sich in
+seiner ganzen Pracht vor ihm ausbreitete, und er atmete tief auf, wie wenn
+er die ganze Schönheit der Gegend in sich aufnehmen wollte. Dann wendete er
+sich an den Spielmann.
+
+»Siehst du, Klement,« begann er und zeichnete, während er sprach, in den
+Sandweg vor sich eine kleine Landkarte. »Dies hier ist Uppland, und hier
+gegen Süden schiebt sich eine von vielen Buchten zerrissene Landzunge
+herein. Und hier schließt sich Sörmland an mit einer zweiten von
+ebensovielen Buchten zerschnittenen Landzunge, die direkt nach Norden
+läuft. Und hier von Westen her kommt ein See mit vielen Inseln. Dies ist
+der Mälar. Und hier von Osten fließt ein andres Wasser herbei, das vor
+lauter Inseln und Schären kaum vorwärts kommen kann. Das ist die Ostsee.
+Hier aber, Klement, hier, wo Uppland mit Sörmland und der Mälar mit der
+Ostsee zusammentreffen, fließt ein kleiner Fluß, der heißt der Norrstrom,
+und mitten drin im Norrstrom liegen drei kleine Holme.
+
+Ursprünglich waren diese Holme nichts weiter als gewöhnliche Inseln mit ein
+paar Bäumen darauf, die seit undenklichen Zeiten ganz unbewohnt dalagen,
+wie es heutigentages noch viele hier im Mälar gibt. Sie hatten ganz
+zweifellos eine recht gute Lage, da sie gerade in der Mitte von zwei Seen
+und zwei Landschaften lagen, aber das fiel niemand auf. Ein Jahr ums andre
+verging, die Menschen siedelten sich sowohl an den Mälarufern als draußen
+auf den Schären an, aber die drei Holme mitten im Norrstrom bekamen keine
+Bewohner. Nur selten einmal legte ein Seefahrer dort an und schlug sein
+Nachtlager auf; aber niemand ließ sich dauernd da nieder.
+
+Eines Tages nun hatte ein Fischer, der auf der Lidinginsel draußen am Meere
+wohnte, sein Boot in den Mälar hereingesteuert, und fing da eine solche
+Menge Fische, daß er ganz vergaß, zu rechter Zeit sein Boot wieder
+heimwärts zu lenken. Er war nicht weiter gekommen als bis zu den drei
+Holmen, als auch schon die Nacht hereinbrach. Da dachte der Fischer, er
+täte gewiß am besten, hier an Land zu gehen und zu warten, bis der Mond
+aufgegangen wäre, denn der Mond war im Zunehmen.
+
+Es war im Spätherbst und noch wunderschönes Wetter, obwohl die Abende schon
+recht dunkel zu sein pflegten. Der Fischer zog also sein Boot an Land,
+legte sich daneben, bettete seinen Kopf auf einen Stein und versank bald in
+einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, war der Mond schon hoch am Himmel; er
+stand gerade über dem Fischer und leuchtete gar prächtig mit fast
+tageshellem Schein.
+
+Der Mann sprang auf und wollte eben sein Boot ins Wasser schieben, als er
+draußen auf dem Norrstrom viele dunkle Punkte sah, die sich hin und her
+bewegten. Eine große Schar Seehunde schwamm eilig auf den Holm zu, und als
+der Fischer merkte, daß die Seehunde ans Land kriechen wollten, bückte er
+sich nach seinem Spieß, den er im Boot liegen hatte. Doch als er sich
+wieder aufrichtete, sah er keine Seehunde mehr; anstatt der Seehunde
+standen wunderschöne junge Mädchen am Strande, in grünen,
+langnachschleppenden, seidenen Gewändern, jede mit einer Perlenkrone auf
+dem Kopfe. Da wußte der Fischer, wen er vor sich hatte, nämlich die
+Meerweibchen, die auf den öden Schären weit draußen im Meere wohnten. Sie
+hatten ihre Seehundgewänder nur übergeworfen, um ans Land zu schwimmen, wo
+sie sich im Mondschein auf den grünen Holmen zu ergötzen gedachten.
+
+Ganz leise legte der Fischer seinen Speer wieder hin, und als die
+Meerweibchen tiefer in die Insel hineingingen, um zu spielen, schlich er
+ihnen nach und betrachtete sie. Er hatte gehört, die Meermädchen seien
+wunderbar schön, wer sie sehe, werde von ihrer Schönheit ganz bezaubert;
+und er mußte wirklich zugeben, daß nicht zu viel von ihnen behauptet worden
+war.
+
+Nachdem die Meerweibchen eine Weile unter den Bäumen getanzt hatten, ging
+der Fischer ans Ufer hinunter, nahm eines von den Seehundfellen, die noch
+dalagen, und versteckte es unter einem Stein. Dann ging er nach seinem Boot
+zurück, legte sich neben ihm nieder und stellte sich schlafend.
+
+Nach kurzer Zeit sah er die Meermädchen an den Strand zurückkehren und ihre
+Seehundhüllen wieder überwerfen. Im Anfang herrschte eitel Lachen und
+Scherzen unter ihnen; aber bald verwandelte sich die Freude in lautes
+Jammern und Klagen, weil eine von ihnen ihr Seehundgewand nicht mehr finden
+konnte. Alle liefen am Ufer hin und her und halfen ihr suchen, aber kein
+Seehundfell war zu finden. Während sie noch eifrig suchten, sahen sie, daß
+sich der Himmel im Osten lichtete und der Tag graute. Da schienen sie nicht
+länger bleiben zu können, und alle schwammen davon, ausgenommen die eine,
+die ohne Seehundfell war. Sie blieb am Strand sitzen und weinte bitterlich.
+
+Dem Fischer tat das arme Meerweibchen herzlich leid; aber er zwang sich,
+ganz ruhig liegen zu bleiben, bis es heller Tag war. Da stand er auf, schob
+sein Boot ins Wasser, und erst als er schon das Ruder aufgehoben hatte, tat
+er, als ob er sie ganz zufälligerweise wahrnähme.
+
+>Wer bist denn du?< rief er. >Bist du eine Schiffbrüchige?<
+
+Sie stürzte auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ihr Seehundfell gesehen
+habe; aber der Fischer tat, als verstehe er nicht einmal, was sie meinte.
+Da setzte sie sich wieder nieder und fing aufs neue zu weinen an. Aber
+jetzt schlug er ihr vor, zu ihm ins Boot zu steigen.
+
+>Komm mit mir in meine Hütte,< sagte er, >meine Mutter wird sich deiner
+annehmen. Du kannst doch nicht hier auf dem Holm bleiben, wo du weder ein
+Bett findest, noch etwas zu essen bekommst.< Und er sprach ihr gar
+freundlich zu, bis sie sich überreden ließ und zu ihm ins Boot stieg.
+
+Der Fischer und seine Mutter waren alle beide außerordentlich gut gegen das
+arme Meerweibchen, und es schien sich auch ganz wohl bei ihnen zu befinden.
+Mit jedem Tag wurde es fröhlicher, half der Alten bei der Arbeit und war
+ganz wie ein andres Mädchen, nur viel schöner als alle andern aus der
+Umgegend. Eines Tages fragte sie der Fischer, ob sie seine Frau werden
+wolle; da hatte sie gar nichts dagegen und sagte sogleich ja.
+
+Nun richtete man die Hochzeit her, und als sich die Jungfrau zur Hochzeit
+schmücken sollte, zog sie das grünseidene Schleppkleid an und setzte die
+schimmernde Perlenkrone auf, die sie damals getragen hatte, als der Fischer
+sie zum ersten Male sah. In jenen Zeiten aber gab es weder eine Kirche noch
+einen Geistlichen auf den Schären; die Hochzeitsleute setzten sich in ein
+Boot, fuhren in den Mälar hinein und ließen sich in der ersten Kirche, an
+die sie kamen, trauen.
+
+Der Fischer hatte seine Braut und seine Mutter im Boot, und er steuerte
+sein Boot so gut, daß es allen andern vorauskam. Als sie jenen Holm sehen
+konnten, wo er seine Braut gewonnen hatte, die nun glücklich und geschmückt
+neben ihm im Boot saß, mußte er unwillkürlich lächeln.
+
+>Warum lachst du?< fragte die Braut.
+
+[Illustration: Die Meermädchen (Zu Seite 332)]
+
+>Ach, ich denke an jene Nacht, wo ich dein Seehundfell versteckte,<
+antwortete der Fischer; er fühlte sich ihrer jetzt vollkommen sicher und
+meinte, er brauche nichts mehr vor ihr zu verheimlichen.
+
+>Was sagst du da?< fragte die Braut. >Ich habe doch nie ein Seehundfell
+gehabt.< Es war, als habe sie alles vergessen.
+
+>Weißt du denn nicht mehr, wie du mit den Meermädchen getanzt hast?< fragte
+der Fischer.
+
+>Ich weiß nicht, was du meinst,< antwortete die Braut. >Du hast wohl heute
+nacht einen sonderbaren Traum gehabt.<
+
+>Wenn ich dir nun aber dein Seehundfell zeige, glaubst du mir dann?< fragte
+der Fischer und steuerte sogleich auf jenen Holm zu. Als sie dort
+angekommen waren, stieg das Brautpaar aus, und der Fischer zog das Fell
+unter dem Stein hervor, wo er es damals versteckt hatte.
+
+Aber kaum erblickte die Braut das Seehundfell, als sie es auch schon an
+sich riß und sich über den Kopf warf. Das Fell schmiegte sich ihr um die
+Glieder wie etwas Lebendiges, und sie warf sich augenblicklich in den Strom
+hinein.
+
+Der Bräutigam sah sie fortschwimmen. Rasch sprang er ihr nach ins Wasser,
+konnte sie aber nicht mehr erreichen. Als er sah, daß er sie nicht mehr
+zurückhalten konnte, warf er in seiner Verzweiflung seinen Spieß hinter ihr
+her. Dieser traf besser, als der Fischer gewollt hatte, denn das arme
+Meerweibchen stieß einen lauten Schrei aus und verschwand in der Tiefe.
+
+Der Fischer blieb am Ufer stehen und hoffte, sie werde wieder an der
+Oberfläche auftauchen. Aber da sah er, wie sich über das Wasser ringsum ein
+milder Glanz ergoß, der ihm eine wunderbare Schönheit verlieh. So etwas
+hatte der Fischer noch nie gesehen; das Wasser glänzte und blinkte und
+spielte in rosigem und weißem Schimmer, gerade wie Perlmutter in einer
+Muschel.
+
+Und als die glitzernden Wellen ans Ufer schlugen, sah der Fischer, daß auch
+dieses sich veränderte. Überall begann es zu blühen und zu duften; ein
+weicher Glanz breitete sich aus, und es bekam eine Schönheit, die es früher
+nicht gehabt hatte.
+
+Und der Fischer erriet, woher das alles kam. Die Sache ist nämlich die: Wer
+ein Meerweibchen sieht, findet es schöner als alle andern Menschenkinder --
+er kann gar nicht anders -- und als sich nun das Blut des Meerweibchens mit
+dem Wasser vermischte und alsdann mit den Wellen über die Ufer floß, teilte
+sich ihre Schönheit auch diesen mit; die Schönheit wurde ihnen als Erbteil
+geschenkt, daß alle, die sie sahen, von der Lieblichkeit dieser Ufer
+hingerissen wurden und von da an stets von Sehnsucht nach ihnen erfüllt
+waren.«
+
+Als der vornehme Herr in seiner Erzählung so weit gekommen war, sah er
+Klement an, und dieser nickte dem Erzähler ernst zu, sagte aber nichts,
+denn er wollte ihn nicht unterbrechen.
+
+»Und nun paß wohl auf, Klement, was ich dir sage,« fuhr der vornehme alte
+Herr fort, und jetzt blitzte es plötzlich schalkhaft in seinen Augen auf.
+»Von jener Zeit an siedelten sich die Menschen auf den Holmen an. Zuerst
+waren es nur Bauersleute und Fischer, aber eines schönen Tages kam der
+König mit seinem Jarl den Strom heraufgezogen. Als er die drei Holme sah,
+machte er die andern gleich darauf aufmerksam, daß jedes Schiff, das in den
+Mälar hineinwollte, daran vorbeifahren müsse. Und der Jarl meinte, hier
+müßte man eigentlich das Fahrwasser unter Schloß und Riegel legen, dann
+könnte man es nach Belieben öffnen und schließen, also die Handelsschiffe
+hereinlassen, die Seeräuberflotten aber hinaussperren.
+
+Und siehst du, Klement, dieser Vorschlag wurde ausgeführt,« sagte der alte
+Herr, indem er aufstand und von neuem mit seinem Stock in den Sand
+zeichnete. »Auf der größten der drei Inseln, siehst du, hier, baute der
+Jarl eine Burg mit einem prächtigen Wachturm, der Kärnan genannt wurde. Und
+rings um den Holm herum zog er Mauern, siehst du, so. Und hier im Süden
+machte er ein Tor in die Mauer und setzte einen starken Turm darauf. Er
+baute Brücken nach den andern Holmen hinüber und versah auch diese mit
+hohen Türmen. Und draußen auf dem Wasser, in weitem Umkreis um die Holme
+herum, schlug er einen Kranz von Pfählen mit Querbalken, die geöffnet und
+geschlossen werden konnten; nun konnte kein Schiff ohne seine Erlaubnis
+vorbeifahren.
+
+Du siehst also, Klement, die drei Holme, die so lange unbemerkt dagelegen
+hatten, waren plötzlich in eine starke Festung verwandelt worden. Aber
+damit war es noch nicht genug. Diese Ufer und Sunde hier zogen die Menschen
+an, und bald strömten von allen Seiten Leute herbei, die sich auf den
+Holmen niederließen. Für diese Leute baute der Jarl eine Kirche, die später
+die Storkyrka genannt wurde. Hier liegt sie heute noch, ganz dicht bei der
+Burg, und hier, innerhalb der Mauern lagen die kleinen Häuser der ersten
+Ansiedler. Sie waren nicht großartig, aber damals brauchte es nicht mehr,
+um den Ort eine Stadt zu nennen. Die Stadt wurde Stockholm genannt, und so
+heißt sie noch bis auf den heutigen Tag.
+
+Dann kam ein Tag, Klement, wo der Jarl nach seiner großen Arbeit zur Ruhe
+eingehen durfte; aber Stockholm fehlte es darum doch nicht an einem
+Baumeister. Mönche kamen dahergezogen, die man die schwarzen Brüder nannte;
+Stockholm hatte es ihnen angetan, und so baten sie darum, sich da ein
+Kloster bauen zu dürfen. Das Kloster wurde dann auch wirklich auf dem
+Stadtholm gebaut, hier gleich hinter der Storkyrkan. Nach einiger Zeit
+kamen auch noch andere Mönche ins Land, die sich die grauen Brüder nannten.
+Diese baten auch um Erlaubnis, sich in Stockholm anzubauen. Aber auf dem
+großen Holm war nun kein Platz mehr für ihr Kloster; es wurde daher auf
+einem der kleineren, dem Mälar zugekehrten Holme erbaut, und dieser Holm
+heißt von jener Zeit an der Gråmunkeholm, oder der Holm der grauen Mönche.
+Auf dem dritten Holm aber siedelten sich fromme Männer an, die sich Brüder
+vom heiligen Geist nannten und sich besonders um die Krankenpflege
+annahmen. Sie bauten ein Krankenhaus, und der Holm wurde seit jener Zeit
+der Helgeandsholm, der Holm des heiligen Geistes, genannt.
+
+Siehst du, Klement, nun waren die drei Holme schon ganz mit Häusern
+bedeckt; aber immer neue Leute strömten herbei, denn das Wasser und die
+Ufer hier haben ja, wie du weißt, die Eigenschaft, die Menschen anzuziehen.
+Es kamen fromme Frauen vom Orden der heiligen Klara, die auch um einen
+Bauplatz baten. Doch war guter Rat teuer, und es blieb ihnen nichts anderes
+übrig, als sich am nördlichen Ufer anzubauen, auf dem Norrmalm, wie dieser
+Teil genannt wurde. Sie waren freilich nicht so recht zufrieden damit, denn
+mitten durch den Norrmalm zieht sich ein hoher Bergrücken, und dort hatte
+die Stadt ihren Galgenhügel, deshalb war der Ort verachtet; aber die
+Schwestern vom Orden der heiligen Klara bauten doch ihre Kirche und ihr
+Kloster am Ufer, gerade unter dem Galgenhügel. Und nachdem sie sich einmal
+in dieser Gegend niedergelassen hatten, kamen bald andre hinzu. Hier, ganz
+im Norden auf dem Hügel selbst, wurde ein Krankenhaus und eine Kirche
+gebaut, die dem heiligen Georg geweiht waren, und hier, gerade unter dem
+Hügel, erstand eine Kirche für den heiligen Jakob.
+
+Auch auf dem Södermalm, wo die Klippen steil aus dem Meere aufragen, fing
+man zu bauen an. Hier entstand bald eine Kirche zu Ehren der Heiligen
+Jungfrau Maria.
+
+Aber nun, Klement, darfst du nicht glauben, es seien nur Klosterleute nach
+Stockholm gezogen. O nein, außer ihnen kamen noch viele andre Leute; vor
+allem eine Menge deutscher Handwerker und Kaufleute, und da diese tüchtiger
+waren als die schwedischen, wurden sie gut aufgenommen. Sie ließen sich in
+der Stadt innerhalb der Mauern nieder, rissen die kleinen, ärmlichen
+Häuser, die vorher da standen, nieder und bauten dafür große, prächtige
+Gebäude aus Stein. Aber es war nur wenig Platz da drinnen innerhalb der
+Mauern, und so mußten die Häuser mit den Giebeln nach der Straße dicht
+nebeneinander gebaut werden.
+
+Ja ja, Klement, da siehst du, wie Stockholm die Menschen herbeizog.«
+
+In diesem Augenblick tauchte unten am Wege ein andrer Herr auf, der rasch
+auf die beiden zukam. Doch der alte Herr, der mit Klement sprach, winkte
+den Neuangekommenen mit einer Handbewegung zurück; da blieb dieser in der
+Ferne stehen. Der vornehme alte Herr aber setzte sich neben den Spielmann
+auf die Bank.
+
+»Nun sollst du mir einen Gefallen tun, Klement,« sagte er. »Ich habe keine
+Zeit, mich noch länger mit dir zu unterhalten, aber ich werde dir ein Buch
+über Stockholm schicken, und das sollst du von Anfang bis zu Ende
+durchlesen. Jetzt habe ich sozusagen bei dir den Grund von Stockholm
+gelegt, Klement, nun sollst du weiter daran bauen. Ja, studiere jetzt
+selbst weiter und mache dir klar, wie es der Stadt ferner ergangen ist, und
+wie sie sich allmählich verändert hat. Lies, wie die kleine enge,
+mauerumschlossene Stadt auf den Holmen sich zu diesem Häusermeer
+ausgebreitet hat, das wir hier vor uns sehen. Lies, wie aus dem düsteren
+Turm Kärnan das schöne helle Schloß da drunten geworden ist, und wie die
+Kirche der grauen Mönche in die Grabstätte der schwedischen Könige
+umgewandelt wurde. Lies, wie der eine Holm nach dem andern bebaut wurde.
+Lies, wie die Gemüseländer auf Söder und Norr in schöne Gärten oder bebaute
+Stadtviertel umgewandelt wurden. Lies, wie die Hügel geebnet und die
+Wasserstraßen ausgefüllt wurden. Lies, wie die Könige die Tiergärten
+einfriedigen ließen, woraus dann die schönen Ausflugsorte des Volkes
+wurden. Gib dir Mühe, so recht vertraut mit Stockholm zu werden, Klement,
+denn die Stadt gehört nicht allein den Stockholmern, sie gehört dir und
+ganz Schweden.
+
+Und wenn du dann das alles über Stockholm liest, Klement, dann denke daran,
+daß ich dir gesagt habe, Stockholm habe die Kraft, alles andre anzuziehen.
+Zuerst zog der König hierher, dann bauten sich die vornehmen Herren ihre
+Paläste da. Dann zog einer nach dem andern hierher, so daß Stockholm jetzt
+nicht nur eine Stadt für sich oder für die nächste Umgebung ist, nein,
+Klement, es ist eine Stadt für das ganze Reich.
+
+Du weißt doch, Klement, in jedem Kirchspiel gibt es einen Gemeinderat, aber
+in Stockholm wird der Reichstag fürs ganze Volk gehalten. Du weißt, im
+ganzen Lande hat jeder Bezirk einen Richter, aber in Stockholm ist ein
+Gerichtshof, der über allen andern steht. Du weißt, überall gibt es
+Kasernen und Truppen, aber in Stockholm sind die höchsten, die das ganze
+Heer unter sich haben. Überall im Lande sind Eisenbahnen, aber alle werden
+von Stockholm aus geleitet. Hier sind die Vorgesetzten der Pfarrer, der
+Lehrer, der Ärzte, der Vögte, der Richter. Hier ist der Mittelpunkt für
+unser Land. Von hier kommt das Geld, das du in deiner Tasche hast, und die
+Marken, die wir auf unsere Briefe kleben. Von hier erhalten alle Schweden
+irgend etwas, und hier haben auch alle Schweden irgend etwas zu tun. Hier
+braucht sich niemand fremd zu fühlen oder Heimweh zu haben. Hier sind alle
+Schweden daheim.
+
+Und wenn du das alles liest, Klement, dann denk auch an das letzte, was
+Stockholm herbeigezogen hat. Das sind auf Skansen die alten Häuser, die
+alten Tänze, die alten Trachten und das alte Hausgerät. Hier sind auch
+Spielleute und Märchenerzähler; alles Alte und Gute ist nach Stockholm
+gekommen, hierher nach Skansen, damit es in Ehren gehalten werde, und damit
+es neugeehrt draußen unter dem Volk wieder erstehen soll.
+
+Aber wenn du dies alles von Stockholm gelesen hast, Klement, dann sollst du
+dich vor allem auf diesen Platz hier setzen; du sollst sehen, wie die
+Wellen ihr glitzerndes Spiel treiben und die Ufer in blendender Schönheit
+erglänzen. Ja, du sollst selbst dafür sorgen, daß auch du von dem Zauber
+ergriffen und hingerissen wirst.«
+
+Der schöne alte Herr hatte die Stimme etwas erhoben; sie klang nun laut und
+majestätisch gebietend, und seine Augen blitzten. Jetzt stand er auf,
+winkte Klement noch freundlich mit der Hand und verließ ihn. Klement aber
+fühlte plötzlich in seinem Herzen ganz deutlich, der Herr, der da mit ihm
+gesprochen hatte, mußte ein sehr vornehmer Herr sein, und er verbeugte sich
+hinter ihm, so tief er nur konnte.
+
+Am nächsten Tage kam ein königlicher Lakai mit einem großen,
+roteingebundenen Buch und einem Brief zu Klement, und in dem Briefe stand,
+daß das Buch vom König sei.
+
+Darnach war der gute alte Klement Larsson mehrere Tage lang ganz wirr im
+Kopfe; es war fast kein vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen, und nach
+acht Tagen kam er zu dem Direktor von Skansen und kündigte seine Stelle.
+Als Grund brachte er vor, er müsse durchaus in seine Heimat zurückkehren.
+
+»Warum willst du denn nach Hause?« fragte der Direktor. »Gefällt es dir
+denn gar nicht hier?«
+
+»Doch, doch, es gefällt mir gut,« antwortete Klement. »In dieser Beziehung
+habe ich nichts mehr zu klagen, aber ich muß trotzdem nach Hause.«
+
+Klement hatte sich in einer schweren Not befunden, weil der König zu ihm
+gesagt hatte, er solle Stockholm genau kennen lernen, dann werde es ihm da
+gewiß gefallen. Aber Klement fand Tag und Nacht keine Ruhe mehr, bis er
+daheim in seiner Heimat berichten konnte, daß der König das zu ihm gesagt
+hatte. Ach, welch ein Glück würde das sein, wenn er vor der Kirche daheim
+hoch und nieder erzählte, wie gut der König gegen ihn gewesen war, wie er
+auf derselben Bank neben ihm gesessen, sich in ein Gespräch mit ihm
+eingelassen und mit ihm, einem armen alten Spielmann, eine ganze Stunde
+lang geredet hatte, um ihn von seinem Heimweh zu heilen. Es war ja schon
+etwas Großes, daß er es hier auf Skansen den Lappländern und den Mädchen
+von Dalarna erzählen konnte; aber was war das gegen das Glück, es denen
+daheim mitteilen zu können!
+
+Und wenn Klement auch schließlich ins Armenhaus kommen sollte, selbst das
+erschien ihm nach diesem Erlebnis nicht mehr schwer. Er wäre trotzdem ein
+ganz andrer Mensch als vorher und würde auf ganz andre Weise geachtet und
+geehrt werden.
+
+Und diese neue Sehnsucht überwältigte ihn. Er konnte nicht anders, er mußte
+zu dem Direktor gehen und ihm sagen, er wolle durchaus in seine Heimat
+zurückkehren.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+38
+
+Der Adler Gorgo
+
+Im Felsental
+
+
+Weit droben auf dem lappländischen Gebirge lag ein altes Adlernest auf
+einem Felsenvorsprung, der über einer schroffen Bergwand herausragte. Das
+Nest war aus Tannenzweigen verfertigt, die schichtenweise quer
+übereinandergelegt waren. Seit Jahren war es immer mehr erweitert und
+erhöht worden, und jetzt hatte es mehrere Meter im Durchmesser und lag da
+droben, fast ebenso groß wie eine Lappenhütte.
+
+Die Felsenwand, auf der das Adlernest lag, überschattete ein ziemlich hohes
+Tal, das im Sommer immer von einer Schar Wildgänse bewohnt war; und dieses
+Tal war auch wirklich ein ausgezeichneter Zufluchtsort für die Gänse, denn
+es lag so gut versteckt zwischen den Bergen, daß es nicht vielen Leuten
+bekannt war; ja, selbst unter den Lappen wußte man nur wenig davon. Mitten
+in dem Tal lag ein kleiner runder See, wo sich reichlich Nahrung für die
+kleinen Gänschen fand, und an den mit Weidenbüschen und kleinen
+verkrüppelten Birken dicht bestandenen Ufern gab es so gute Brutplätze, wie
+sie sich die Gänse nur wünschen konnten.
+
+Seit undenklichen Zeiten hatten droben auf dem Felsen Adler und drunten im
+Tal Wildgänse gewohnt. Alle Jahre raubten die Adler einige von den
+Wildgänsen, hüteten sich aber wohl, so viele zu rauben, daß diese aus dem
+Tale verscheucht worden wären. Ihrerseits hatten die Wildgänse auch nicht
+so gar wenig Nutzen von den Adlern; diese waren ja wohl Räuber, aber sie
+hielten andre Räuber fern.
+
+Ein paar Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, stand die
+alte Führerin der Schar, Akka von Kebnekajse, eines Morgens in dem
+Felsental und schaute zu dem Adlernest hinauf. Die Adler pflegten kurz nach
+Sonnenaufgang auf die Jagd auszufliegen; und in allen den Sommern, die Akka
+in diesem Tal verbracht hatte, war sie jeden Morgen auf ihrem Posten
+gewesen und hatte beobachtet, ob die Adler im Tale blieben, um da zu jagen,
+oder ob sie sich nach andern Jagdgebieten begaben.
+
+Sie brauchte nicht lange zu warten, bis die beiden stattlichen Vögel die
+Felsenplatte verließen. Schön, aber furchtbar schwebten sie durch die Luft
+dahin. Sie schlugen die Richtung nach dem Flachlande ein, und Akka stieß
+einen erleichterten Seufzer aus.
+
+Die alte Anführerin war nun zu alt zum Eierlegen und Junge aufzuziehen. So
+vertrieb sie sich denn im Sommer die Zeit damit, daß sie von einem
+Gänsenest zum andern wanderte und über das Ausbrüten und Aufziehen der
+Jungen gute Ratschläge erteilte. Außerdem hielt sie nicht allein Ausschau
+nach den Adlern, sondern auch nach den Bergfüchsen, den Eulen und andern
+Feinden, von denen den Gänsen und deren Jungen Gefahr drohen konnte.
+
+Gegen Mittag spähte Akka wieder nach den Adlern aus. Das hatte sie nun in
+jedem Sommer, seit sie in diesem Tale Aufenthalt nahm, getan. Sie sah auch
+den Adlern immer schon am Fluge an, ob sie eine gute Jagd gehabt hatten,
+und dann fühlte sie sich für die Ihrigen beruhigt. Aber heute kehrten die
+Adler nicht zurück.
+
+»Ich muß alt und stumpfsinnig geworden sein,« dachte Akka, nachdem sie eine
+Weile gewartet hatte. »Die Adler müssen ja längst daheim sein.«
+
+Am Nachmittag schaute sie abermals nach der Felsenwand hinauf; jetzt hätten
+die Adler auf dem schroffen Felsenvorsprung auftauchen müssen, wo sie ihre
+Nachmittagsruhe zu halten pflegten; und am Abend spähte sie abermals, denn
+da pflegten die Adler im Bergsee ein Bad zu nehmen; aber immer und immer
+spähte sie vergeblich. Und wieder jammerte Akka, daß sie alt werde. Sie war
+es so gewohnt, die Adler über sich auf dem Berge zu sehen, deshalb konnte
+sie sich gar nicht denken, daß sie noch nicht zurückgekehrt sein könnten.
+
+Am nächsten Morgen war Akka schon früh auf den Beinen, und wieder schaute
+sie nach den Adlern aus. Aber auch jetzt sah sie nichts von ihnen. Dagegen
+drang durch die Morgenstille ein Schrei an ihr Ohr, der zornig und
+jämmerlich zugleich klang und aus dem Neste zu kommen schien.
+
+»Sollte da droben wirklich ein Unglück geschehen sein?« dachte Akka. Sie
+breitete die Flügel aus und flog so hoch hinauf, daß sie in das Adlernest
+hineinsehen konnte.
+
+Da oben war nichts von dem Adlerpaar zu entdecken; im ganzen Neste war
+niemand als ein halbnacktes Junges, das nach Nahrung schrie.
+
+Langsam und zögernd ließ sich Akka zu dem Adlernest hinabsinken. Das war
+ein unheimlicher Ort! Man merkte gleich, was für Räuber hier wohnten. In
+dem Neste und auf der Felsenplatte lagen gebleichte Knochen, blutige Federn
+und Hautfetzen, Hasenköpfe, Vogelschnäbel und federnbesetzte Füße von
+Schneehühnern. Auch das Adlerjunge, das mitten in allen diesen
+Überbleibseln lag, bot mit seinem großen aufgesperrten Schnabel, seinem
+unbeholfenen flaumigen Körper und seinen unfertigen Flügeln einen
+widerwärtigen Anblick.
+
+Schließlich überwand Akka ihren Widerwillen und setzte sich auf den Rand
+des Nestes, sah sich aber doch ängstlich nach allen Seiten um, denn sie war
+darauf gefaßt, die alten Adler im nächsten Augenblick dahersausen zu sehen.
+
+»Gut, daß endlich jemand kommt!« rief das Adlerjunge. »Verschaff mir
+sogleich etwas zu essen!«
+
+»Na na, das hat wohl keine so große Eile,« sagte Akka. »Sag mir zuerst, wo
+deine beiden Eltern sind.«
+
+»Ja, wenn ich das wüßte! Gestern morgen sind sie fortgeflogen und haben mir
+nichts als eine Maus dagelassen. Du wirst dir denken können, daß die schon
+lange verzehrt ist! Es ist unverschämt von meiner Mutter, mich so Hunger
+leiden zu lassen.«
+
+[Illustration]
+
+Jetzt war Akka überzeugt, daß die alten Adler erschossen worden waren, und
+sie dachte, wenn sie das Junge hier verhungern ließe, wäre sie die ganze
+Räubergesellschaft in Zukunft los. Aber sie konnte sich eben doch nicht
+entschließen, ein solches verlassenes Junge so elendiglich umkommen zu
+lassen, wenn es in ihrer Macht stand, ihm zu helfen.
+
+»Was starrst du mich denn so an?« schrie das Junge. »Hörst du nicht, daß
+ich etwas zu essen will?«
+
+Akka breitete die Flügel aus und flog rasch zu dem kleinen See hinunter;
+kurz darauf erschien sie wieder im Adlernest mit einer Forelle im Schnabel.
+
+Aber als sie den Fisch vor den jungen Adler hinlegte, geriet dieser ganz
+außer sich vor Zorn. »Meinst du, ich esse solches Zeug?« schrie er, stieß
+den Fisch weg und hackte mit seinem scharfen Schnabel nach Akka. »Verschaff
+mir ein Schneehuhn oder eine Wühlmaus, hörst du!«
+
+Aber jetzt streckte Akka den Kopf vor und gab dem Jungen einen ordentlichen
+Schlag in den Nacken. »Das laß dir gesagt sein,« rief die Alte, »wenn ich
+dir Futter verschaffen soll, mußt du mit dem zufrieden sein, was ich dir
+bringen kann. Dein Vater und deine Mutter sind tot, von ihnen kannst du
+also keine Hilfe mehr erwarten. Wenn du aber lieber hier verhungern willst,
+während du auf Schneehühner und Wühlmäuse wartest, dann habe ich nichts
+dagegen.«
+
+Nachdem Akka dies gesagt hatte, flog sie sogleich davon und ließ sich erst
+nach einer guten Weile wieder in dem Neste sehen. Da hatte das Junge den
+Fisch verzehrt, und als Akka ihm einen neuen Fisch hinlegte, verschlang es
+diesen sogleich, obgleich man ihm gut anmerkte, daß er ihm abscheulich
+schmeckte.
+
+Nun hatte Akka eine schwere Aufgabe. Die alten Adler kehrten niemals
+wieder, und so mußte sie alle Nahrung für das Junge ganz allein
+herbeischaffen. Sie brachte ihm Fische und Frösche, und diese Kost schien
+dem jungen Adler gar nicht übel zu bekommen, denn er wuchs groß und kräftig
+heran. Bald hatte er seine Eltern vollständig vergessen und glaubte, Akka
+sei seine rechte Mutter. Und Akka liebte ihn wie ein eigenes Kind. Sie
+erzog ihn mit aller Sorgfalt und gab sich die größte Mühe, ihm seinen
+wilden Sinn und seinen Hochmut abzugewöhnen.
+
+Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, fühlte Akka die Zeit herbeikommen,
+wo sie ihre Federn verlor und also nicht fliegen konnte. Sie wußte, während
+eines ganzen Monats würde sie dann nicht imstande sein, dem Jungen im
+Adlernest Nahrung zu bringen, und so müßte dieses elendiglich verhungern.
+
+»Hör nun, Gorgo,« sagte Akka eines Tages zu dem jungen Adler. »Jetzt kann
+ich dir keine Fische mehr hier heraufbringen, und nun fragt es sich, ob du
+dich ins Tal hinunterwagst, damit ich dir auch ferner deine Nahrung
+verschaffen kann. Du mußt jetzt wählen, ob du lieber hier oben verhungern,
+oder dich ins Tal hinunterwerfen willst, was dich möglicherweise das Leben
+kosten kann.«
+
+Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stieg Gorgo auf den Rand des
+Nestes. Er nahm sich kaum die Mühe, die Entfernung mit dem Blick zu messen,
+sondern breitete seine kleinen Flügel aus und flog hinunter. Er überschlug
+sich zwar ein paarmal in der Luft, gebrauchte aber doch seine Flügel ganz
+geschickt, und so kam er unbeschädigt drunten im Tal an.
+
+Von da an verbrachte Gorgo den Sommer zusammen mit den jungen Gösselchen
+und wurde ihnen bald ein sehr guter Kamerad. Da er sich selbst für einen
+jungen Gänserich hielt, gab er sich alle Mühe, gerade so zu leben wie sie,
+und wenn sie in den See hinausschwammen, lief er hinter ihnen her, bis er
+fast ertrank. Er schämte sich fürchterlich, daß er nicht schwimmen lernen
+konnte, und ging zu Akka, ihr sein Leid zu klagen.
+
+»Warum kann ich nicht ebensogut schwimmen lernen wie die andern?« fragte
+er.
+
+»Du hast allzu gekrümmte Zehen und zu große Klauen bekommen, während du da
+droben auf dem Felsenvorsprung lagst,« sagte Akka. »Aber du brauchst dich
+deshalb nicht zu grämen, es wird doch noch ein rechter Vogel aus dir.«
+
+Die Flügel des jungen Adlers waren bald groß genug, ihn zu tragen; aber es
+dauerte doch noch bis zum Herbst, wo die jungen Gänse fliegen lernen
+sollten, bis es ihm einfiel, daß er seine Flügel auch zum Fliegen
+gebrauchen könnte. Nun aber brach eine herrliche Zeit für ihn an, denn in
+dieser Kunst war er bald der erste von allen. Seine Kameraden blieben nie
+länger in der Luft droben, als sie durchaus mußten; er aber hielt sich fast
+den ganzen Tag da droben auf und übte sich im Fliegen. Er war noch immer
+nicht darauf gekommen, daß er von andrer Art war als die Gösselchen. Aber
+es fiel ihm doch allerlei auf, was ihn in Erstaunen setzte, und immer
+wieder kam er mit neuen Fragen zu Akka.
+
+»Warum laufen die Schneehühner und die Wühlmäuse davon, sobald sich auch
+nur mein Schatten droben am Felsen zeigt?« fragte er. »Vor den andern
+Gänsen zeigen sie keinen solchen Schrecken.«
+
+»Deine Flügel sind zu groß geworden, während du droben auf dem
+Felsenvorsprung lagst, und vor denen fürchten sich die kleinen Tiere,«
+sagte Akka. »Aber du brauchst dich nicht darüber zu grämen, es wird doch
+ein rechter Vogel aus dir.«
+
+Nachdem Gorgo fliegen gelernt hatte, lernte er auch ganz von selbst, Fische
+und Frösche zu fangen, aber bald begann er auch darüber nachzugrübeln.
+
+»Woher kommt es, daß ich von Fischen und Fröschen lebe?« fragte er. »Das
+tun ja meine Brüder und Schwestern auch nicht?«
+
+»Das kommt daher, weil ich keine andre Nahrung für dich hatte, solange du
+droben auf dem Felsenvorsprung lagst,« sagte Akka. »Aber du brauchst dich
+nicht darüber zu grämen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.«
+
+Als die Wildgänse im Herbst südwärts zogen, flog Gorgo mit in der Schar. Er
+betrachtete sich immer als zu ihnen gehörig; aber ringsumher in der Luft
+flogen unzählige Vögel, die alle auf dem Wege nach dem Süden waren, und als
+Akka mit einem Adler in ihrem Gefolge daherkam, gerieten sie in große
+Aufregung. Bald war die Schar der Wildgänse von einem Schwarm neugieriger
+Vögel umringt, die ihre Verwunderung laut kundgaben. Akka gebot ihnen
+Schweigen, aber es war nicht möglich, so viele böse Zungen im Zaum zu
+halten.
+
+»Warum nennen sie mich einen Adler?« fragte Gorgo unaufhörlich, und er
+wurde immer hitziger. »Können sie denn nicht sehen, daß ich eine Wildgans
+bin? Ich bin doch kein Vogelräuber, der seinesgleichen verzehrt! Wie kommen
+sie nur darauf, mir einen so häßlichen Namen zu geben?«
+
+Eines Tages flogen die Wildgänse über einen Bauernhof hin, wo viele Hühner
+auf dem Misthaufen scharrten. »Ein Adler! Ein Adler!« riefen alle Hühner
+und liefen eiligst davon, sich zu verstecken. Aber jetzt konnte Gorgo, der
+von den Adlern immer als von wilden Bösewichten hatte reden hören, seinen
+Zorn nicht mehr bemeistern. Er schlug mit den Flügeln, schoß hinunter und
+schlug seine Fänge in eines von den Hühnern. »Ich will dich lehren, daß ich
+kein Adler bin!« schrie er heftig und hackte mit dem Schnabel auf das Huhn
+los.
+
+Da hörte er, daß Akka ihn von oben aus rief. Er gehorchte augenblicklich
+und flog hinauf. Die alte Wildgans kam ihm entgegengeflogen, um ihn zu
+züchtigen. »Was tust du?« rief sie und schlug mit dem Flügel nach ihm.
+»Hattest du etwa im Sinne, das arme Huhn zu zerreißen? Du solltest dich
+schämen!«
+
+Als aber der Adler die Züchtigung ohne Widerstand hinnahm, erhob sich unter
+den großen Vogelscharen ringsumher ein wahrer Sturm von Spottreden und
+Schmähungen. Der Adler hörte es, und nun wendete er sich mit zornigen
+Blicken an Akka, wie wenn er sie anfallen wollte. Aber er änderte seine
+Absicht sogleich wieder, stieg mit heftigen Flügelschlägen hoch in die Luft
+hinauf, so hoch, bis ihn kein Ruf mehr erreichen konnte, und schwebte da
+droben umher, solange die Wildgänse ihn noch sehen konnten.
+
+Drei Tage später erschien er wieder bei den Wildgänsen.
+
+»Jetzt weiß ich, wer ich bin,« sagte er zu Akka. »Und da ich ein Adler bin,
+muß ich so leben, wie es einem Adler geziemt. Aber deshalb können wir doch
+gute Freunde bleiben; dich oder eine der Deinigen werde ich nie angreifen.«
+
+Aber Akka hatte ihren ganzen Stolz darein gesetzt, diesen Adler zu einem
+ungefährlichen Vogel heranzuziehen, und sie wollte es nicht leiden, daß er
+nach seiner Art leben wollte.
+
+»Meinst du, ich werde mit einem Vogelräuber Freundschaft halten?« sagte
+sie. »Lebe so, wie ich es dich gelehrt habe, dann darfst du wie bisher in
+meiner Schar bleiben.«
+
+Beide waren stolz und unbeugsam; keines wollte nachgeben, und schließlich
+verbot Akka dem Adler geradezu, sich in ihrer Nähe sehen zu lassen, ja, sie
+war so böse auf ihn, daß in Akkas Nähe niemand seinen Namen auch nur
+auszusprechen wagte.
+
+Von dieser Stunde an zog Gorgo im Lande umher, einsam und von allen
+gemieden, wie alle großen Räuber. Er war oftmals in trüber Stimmung, und
+sicherlich sehnte er sich oft nach der Zeit zurück, wo er sich noch für
+eine Wildgans gehalten und mit den lustigen jungen Gösselchen gespielt
+hatte. Unter den Tieren war er wegen seiner Kühnheit berühmt. Es hieß, er
+fürchte sich vor nichts und vor niemand als vor seiner Pflegemutter Akka,
+und er stand auch in dem Rufe, sich noch nie an einer Wildgans vergriffen
+zu haben.
+
+
+Gefangen
+
+Gorgo war erst drei Jahre alt und hatte noch nicht daran gedacht, sich eine
+Frau zu nehmen und eine Heimat zu gründen, als er eines Tages von einem
+Jäger gefangen wurde, der ihn an das Freiluftmuseum Skansen in Stockholm
+verkaufte. Als Gorgo nach Skansen kam, waren schon zwei Adler da. Sie
+wurden in einem Käfig aus eisernen Stangen und Stahldraht gefangen
+gehalten; der Käfig stand im Freien und war sehr groß, und damit die Adler
+sich heimisch fühlen sollten, hatte man sogar einige Bäume hinein
+verpflanzt und einen ordentlichen Berg aus Steinblöcken darin aufgeführt.
+Aber trotz allem gediehen die Vögel nicht; fast den ganzen Tag saßen sie
+unbeweglich auf demselben Platz, ihr schönes dunkles Gefieder wurde
+struppig und verlor seinen Glanz und, hoffnungslose Sehnsucht im Blick,
+starrten die armen Tiere gerade in die Luft hinaus.
+
+[Illustration]
+
+In der ersten Woche seiner Gefangenschaft war Gorgo noch wach und lebendig;
+aber dann überfiel ihn allmählich eine dumpfe Gleichgültigkeit. Er saß ganz
+ruhig auf demselben Platz, starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und
+die Tage vergingen, ohne daß er es merkte.
+
+Eines Morgens, als Gorgo wie gewöhnlich im Halbschlaf befangen war, hörte
+er, daß ihn jemand vom Boden aus anrief.
+
+»Wer ruft mich?« fragte er.
+
+»Aber Gorgo, erkennst du mich denn nicht mehr? Ich bin der Däumling, der
+mit den Wildgänsen umherzog.«
+
+»Ist Akka auch gefangen worden?« fragte Gorgo, in einem Ton, wie wenn er
+aus einem tiefen Schlafe erwachte und seine Gedanken erst zusammennehmen
+müßte.
+
+»Nein, Akka und der weiße Gänserich und die ganze Schar der Wildgänse sind
+wahrscheinlich jetzt droben in Lappland,« sagte der Junge. »Nur ich bin
+hier gefangen.«
+
+Während der Junge dies sagte, sah er, daß Gorgo die Augen abwendete und wie
+vorher in die Luft hinausstarrte.
+
+»Königsadler!« rief der Junge. »Ich habe nicht vergessen, daß du mich
+einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht und auch das Leben des weißen
+Gänserichs verschont hast. Sag mir, ob ich dir in irgend einer Weise helfen
+könnte!«
+
+Aber Gorgo hob kaum den Kopf. »Störe mich nicht, Däumling!« sagte er. »Ich
+träume eben, ich flöge hoch droben in der Luft umher, und ich will nicht
+erwachen.«
+
+»Du mußt dir Bewegung machen und dich darum kümmern, was um dich her
+vorgeht,« mahnte der Junge. »Sonst siehst du bald ebenso elendig aus wie
+die andern Adler hier.«
+
+»Ich wünschte, ich wäre schon wie sie. Sie sind so traumverloren, daß sie
+nichts mehr berühren kann,« sagte Gorgo.
+
+Als es Nacht geworden war und alle Adler schliefen, ertönte ein leichtes
+Kratzen an dem Stahldrahtnetz, das den Adlerkäfig bedeckte. Die beiden
+alten und abgestumpften Gefangenen ließen sich von dem Geräusch nicht
+stören, aber Gorgo erwachte. »Wer da?« rief er. »Wer bewegt sich da oben
+auf dem Dache?«
+
+»Ich bin's, Gorgo, der Däumling,« antwortete der Junge. »Ich versuche hier
+den Draht durchzufeilen, damit du entfliehen kannst.«
+
+Der Adler hob den Kopf und sah in der hellen Nacht, wie der Junge eifrig an
+dem Drahtnetz, das über den Käfig gespannt war, feilte. Einen Augenblick
+regte sich die Hoffnung in seinem Herzen, aber die Mutlosigkeit gewann doch
+gleich wieder die Oberhand. »Ach, Däumling, ich bin ein sehr großer Vogel,«
+sagte er. »So viele Drähte, daß ich hinauskommen kann, wirst du kaum
+durchfeilen können. Gib dein Vorhaben lieber gleich auf und laß mich in
+Frieden.«
+
+»Schlaf du nur und kümmere dich nicht um mich,« erwiderte der Junge. »Heute
+nacht werde ich freilich noch nicht fertig und morgen nacht auch nicht;
+aber ich will nun einmal versuchen, dich zu befreien, denn hier gehst du ja
+vollständig zugrunde.«
+
+Gorgo schlief wieder ein; als er aber am nächsten Morgen erwachte, sah er
+gleich, daß schon eine große Menge Drähte durchgefeilt waren. An diesem Tag
+fühlte er sich nicht so schläfrig wie am vorhergehenden; er schlug oft mit
+den Flügeln und hüpfte auf den Ästen umher, um seine steifen Glieder wieder
+geschmeidig zu machen.
+
+Eines Morgens in aller Frühe, gerade als der erste Streifen Morgenlicht am
+Himmel aufleuchtete, weckte der Däumling den Adler. »Versuch es jetzt,
+Gorgo!« sagte er.
+
+Der Adler schaute auf. Der Junge hatte wirklich die vielen Drähte
+durchgefeilt; da droben in dem Stahldrahtnetz war ein großes Loch. Gorgo
+bewegte die Flügel und schwang sich hinauf. Zweimal fiel er wieder in den
+Käfig zurück, aber schließlich gelangte er doch glücklich ins Freie.
+
+Mit stolzen Flügelschlägen stieg er hoch zu den Wolken empor. Der kleine
+Däumling stand unten und sah ihm mit einem wehmütigen Ausdruck nach. Ach
+wie sehr wünschte er, es käme jemand und gäbe auch ihm die Freiheit!
+
+Der Junge war jetzt ganz heimisch auf Skansen. Er hatte mit allen Tieren
+Bekanntschaft geschlossen und viele Freunde unter ihnen gewonnen; er sah ja
+auch wohl ein, daß in diesem Freiluftmuseum außerordentlich viel
+Interessantes und Lehrreiches zu sehen war, und es wurde ihm nicht schwer,
+sich die Zeit zu vertreiben; aber doch zogen seine Gedanken jeden Tag
+sehnsüchtig hinaus zu seinem lieben Gänserich Martin und allen seinen
+andern Reisegefährten.
+
+»Wenn ich doch nur nicht durch mein Versprechen gebunden wäre! Dann wollte
+ich schon einen Vogel finden, der mich zu den Wildgänsen trüge,« dachte er.
+
+Es klingt recht merkwürdig, daß Klement Larsson dem Jungen seine Freiheit
+nicht wiedergegeben hatte, aber man muß bedenken, wie verwirrt der kleine
+Spielmann war, als er Skansen verließ. An dem Morgen, wo er abreiste, hatte
+er sich allerdings vorgenommen gehabt, dem kleinen Knirps sein Essen in
+einem blauen Napf hinzustellen, aber zum Unglück hatte er keinen solchen
+finden können. Dann waren alle die Leute von Skansen -- die Lappen, die
+Mädchen aus Dalarna, die Maurer und Gärtner -- herbeigekommen, ihm Lebewohl
+zu sagen, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich einen blauen Napf zu
+verschaffen. Die Stunde der Abreise kam heran, und schließlich wußte er
+sich nicht anders zu helfen, als einen der Lappländer um Hilfe zu bitten.
+
+»Hör einmal,« sagte er. »Hier auf Skansen wohnt einer von dem Wichtelvolk,
+dem ich jeden Morgen etwas zu essen bringe. Willst du mir nun einen
+Gefallen tun? Hier ist etwas Geld, dafür kaufe einen blauen Napf und stelle
+ihn morgen mit etwas Grütze und Milch auf die Treppe der Bollnäshütte.«
+
+Der alte Lappe machte ein sehr verwundertes Gesicht; aber Klement hatte
+keine Zeit mehr, ihm die Sache noch näher zu erklären, denn er mußte jetzt
+auf den Bahnhof.
+
+Der Lappe war dann auch wirklich in die Stadt gegangen, einen blauen Napf
+zu kaufen; als er aber keinen blauen sah, der ihm für seinen Zweck passend
+erschien, kaufte er einen weißen, und in diesem stellte er gewissenhaft
+jeden Morgen Milch und Grütze hin.
+
+Auf diese Weise war der Junge seines Versprechens nicht entbunden worden.
+Er wußte wohl, daß Klement fort war, aber er selbst durfte nicht
+davongehen.
+
+In dieser Nacht nun sehnte sich der Junge mehr als gewöhnlich nach der
+Freiheit, und das kam daher, daß es jetzt im Ernst Frühling und Sommer
+geworden war. Er hatte während der Reise ja oft unter der Kälte und dem
+schlechten Wetter gelitten, und in der ersten Zeit auf Skansen hatte er
+öfters gedacht, es sei vielleicht ganz gut, daß er die Reise hatte aufgeben
+müssen, denn wenn er im Mai nach Lappland gekommen wäre, hätte er dort
+droben sicherlich erfrieren müssen. Aber jetzt war es warm geworden, die
+Wiesen prangten in frischem Grün, Birken und Pappeln hatten ein seidig
+schillerndes Blätterkleid, die Kirschbäume, ja alle möglichen Obstbäume
+standen mit Blüten übersät da, die Beerensträucher hatten schon ganz kleine
+Früchte auf den Zweiglein, die Eichen rollten äußerst vorsichtig ihre
+Blätter auf, Erbsen, Kohl und Bohnen grünten auf den Gemüsebeeten auf
+Skansen.
+
+»Jetzt wäre es wohl auch in Lappland warm und schön,« dachte der Junge.
+»Wie gerne säße ich an einem schönen Morgen auf dem Rücken des Gänserichs
+Martin! Wie prächtig wäre jetzt ein Ritt durch die warme stille Luft da
+droben, von wo ich auf die mit grünem Gras und mit herrlichen Blumen
+geschmückte Erde herunterschauen könnte!«
+
+Der Junge war noch mit diesem Gedanken beschäftigt, als plötzlich Gorgo aus
+der Luft heruntersauste und sich neben dem Däumling auf das Dach des Käfigs
+setzte. »Ich wollte nur meine Flügel prüfen, um zu sehen, ob sie mich noch
+ordentlich tragen,« sagte er. »Du hast hoffentlich nicht gedacht, ich werde
+dich hier in der Gefangenschaft zurücklassen? Setze dich jetzt auf meinen
+Rücken, dann bringe ich dich zu deinen Reisegefährten zurück.«
+
+»Nein, das ist unmöglich,« sagte der Junge. »Ich habe mein Wort darauf
+gegeben, daß ich hier bleibe, bis man mir die Freiheit zurückgibt.«
+
+»Was schwatzest du da für dummes Zeug?« erwiderte Gorgo. »Zuerst hat man
+dich gegen deinen Willen hierhergebracht und dich dann noch obendrein
+gezwungen, hierzubleiben. So ein Versprechen braucht man nicht zu halten,
+das wirst du doch verstehen?«
+
+»Ich muß es trotzdem halten,« sagte der Junge. »Nein, mein lieber Gorgo,
+ich danke dir für deine gute Absicht, aber du kannst mir nicht helfen.«
+
+»So, kann ich es nicht?« erwiderte Gorgo. »Das sollst du bald sehen!« Und
+in demselben Augenblick ergriff Gorgo den Jungen mit seinen großen Fängen,
+schwang sich mit ihm zu den Wolken hinauf und verschwand in nördlicher
+Richtung.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+39
+
+Über Gästrikland hin
+
+Der kostbare Gürtel
+
+
+ Mittwoch, 15. Juni
+
+Der Adler flog ununterbrochen in nördlicher Richtung weiter, bis er ein
+gutes Stück über Stockholm hinausgekommen war; da ließ er sich auf einen
+bewaldeten Hügel hinab und lockerte den Griff, mit dem er den Jungen
+festhielt.
+
+Aber kaum fühlte sich dieser frei, als er, so schnell er nur konnte, wieder
+nach der Stadt zurücklief.
+
+Da machte der Adler einen großen Sprung, holte den Jungen ein und legte die
+Klaue auf ihn. »Willst du ins Gefängnis zurückkehren?« fragte er.
+
+»Was willst du eigentlich von mir? Ich werde doch wohl gehen dürfen, wohin
+ich will!« rief der Junge und versuchte sich von dem Adler los zu machen.
+Doch da ergriff ihn Gorgo abermals mit seinen starken Fängen, hob ihn auf
+und trug ihn fort.
+
+Nun flog er mit dem Jungen über ganz Uppland hin und hielt nicht an, bis er
+den großen Wasserfall bei Älvkarleby erreicht hatte. Hier ließ er sich auf
+einen Stein nieder, der mitten im Strom gerade unter dem rauschenden
+Wasserfall lag, und ließ dann seinen Gefangenen aufs neue los.
+
+Der Junge erkannte sogleich, daß es ihm ganz unmöglich war, dem Adler von
+hier aus zu entfliehen. Von oben her kam der weißschäumende Schwall
+herabgestürzt, und ringsum brandete und wogte das Wasser mit wildem
+Schäumen. Der Junge war sehr erbittert, daß er auf diese Weise wortbrüchig
+werden mußte; er wendete dem Adler den Rücken und wollte kein Wort mehr mit
+ihm sprechen.
+
+Aber nachdem jetzt der Adler den Jungen an einer Stelle abgesetzt hatte, wo
+er ihm nicht mehr entfliehen konnte, erzählte er ihm, wie er von Akka von
+Kebnekajse aufgezogen worden, mit dieser seiner Pflegemutter aber jetzt in
+Feindschaft geraten sei.
+
+»Und jetzt kannst du vielleicht verstehen, Däumling, warum ich dich zu den
+Wildgänsen zurückbringen möchte,« sagte er zum Schluß. »Ich habe gehört, in
+welch hoher Gunst du bei Akka stehst, und deshalb wollte ich dich bitten,
+den Friedensstifter zwischen uns zu machen.«
+
+Sobald der Junge hörte, daß der Adler ihn nicht nur aus Eigensinn
+fortgetragen hatte, wurde er wieder freundlich gegen ihn.
+
+»Ich würde dir außerordentlich gern in dieser Sache helfen,« sagte er,
+»aber ich bin ja durch mein Versprechen gebunden.« Und nun erzählte er
+seinerseits dem Adler, wie er in Gefangenschaft geraten sei, und daß
+Klement Larsson Skansen verlassen hätte, ohne ihm sein Wort zurückzugeben.
+
+Doch der Adler wollte um keinen Preis seinen Plan aufgeben. »Höre mich an,
+Däumling!« sagte er. »Meine Flügel tragen mich, wohin du nur willst, und
+meine Augen machen alles ausfindig, was du nur sehen möchtest. Erzähl mir,
+wie der Mann aussah, der dir das Versprechen abgenommen hat, ich will ihn
+aufsuchen und dich zu ihm tragen. Alsdann mußt du sehen, wie du ihn dazu
+bringst, dich von deinem Versprechen zu entbinden.«
+
+Dieser Vorschlag leuchtete dem Jungen ein. »Ja, ja, Gorgo, man merkt wohl,
+welchen klugen Vogel du als Pflegemutter gehabt hast,« sagte er. Dann
+beschrieb er dem Adler Klement Larsson ganz genau und fügte auch noch
+hinzu, er habe auf Skansen gehört, daß der kleine Spielmann aus
+Hälsingeland stammte.
+
+»Wir wollen ganz Hälsingeland absuchen, von Lingbo bis Mellansjö, von
+Storberg bis Hornsland!« rief der Adler. »Gleich morgen, noch ehe es Abend
+geworden ist, wirst du mit dem Manne reden können.«
+
+»Jetzt versprichst du sicher mehr, als du halten kannst, Gorgo,« sagte der
+Junge.
+
+»O, ich wäre ein schlechter Adler, wenn ich das nicht könnte!« erwiderte
+Gorgo.
+
+Als Gorgo mit dem Däumling von Älvkarleby aufbrach, waren die beiden ganz
+gute Freunde geworden, und der Junge ritt jetzt auf Gorgos Rücken. Auf
+diese Weise sah er wieder etwas von den Gegenden, über die sie hinflogen.
+Solange ihn der Adler in den Klauen getragen hatte, war ihm das nicht
+möglich gewesen. Es war vielleicht ganz gut für ihn, daß er sich nicht so
+genau auskannte, denn wenn er gewußt hätte, daß er am Morgen über so schöne
+Orte wie die alten Königshügel von Uppsala, über die große Österbyer
+Fabrik, die Danemoraer Grube und das alte Schloß zu Örbyhus hingeflogen
+war, hätte er sich gewiß sehr gegrämt, weil er nichts davon gesehen hatte.
+
+Jetzt trug ihn der Adler hurtig über Gästrikland hin. In dem südlichen Teil
+war nicht viel zu sehen, was die Aufmerksamkeit gefangen nehmen konnte.
+Eine fast ganz mit Tannenwald bestandene Ebene breitete sich ungeheuer groß
+unter ihm aus; weiter gegen Norden aber erstreckte sich quer durch die
+Landschaft, von der Dalagrenze bis zum Bottnischen Meerbusen, ein schöner
+Landstrich mit bewaldeten Hügeln, glänzenden Seen und rauschenden Strömen.
+Da lagen dichtbevölkerte Kirchspiele um weiße Kirchen herum, Landstraßen
+und Eisenbahnen kreuzten sich, die Häuser waren in Grün gebettet, und
+blühende Gärten schickten holde Düfte in die Luft hinauf.
+
+An den Wasserläufen sah der Junge mehrere große Eisenhämmer, ganz ähnliche,
+wie er schon im Bergwerkdistrikt gesehen hatte. In ungefähr gleichen
+Zwischenräumen lagen sie in einer Reihe bis zum Meere hin, wo schließlich
+eine große Stadt ihre weißen Häusermassen ausbreitete. Nördlich von dieser
+dichtbevölkerten Gegend setzten die dunkeln Wälder wieder ein; doch war
+hier das Land nicht eben, sondern bildete Hügel und Täler, es hob und
+senkte sich wie ein aufgeregtes Meer.
+
+»Dieses Land hat ein Kleid aus Tannenzweigen und eine Jacke aus Feldsteinen
+an,« sagte sich der Junge im stillen. »Aber um die Mitte trägt es einen
+Gürtel, der an Kostbarkeit nicht seinesgleichen hat, denn er ist mit
+blauschimmernden Seen und blumigen Wiesen bestickt; die großen Eisenhämmer
+schmücken ihn wie eine Reihe von Edelsteinen, und als Schnalle dient ihm
+eine große Stadt mit Schlössern und Kirchen und großen Häusergruppen.«
+
+Nachdem Gorgo mit dem Jungen eine Strecke weit in die nördlich sich
+hinziehende Waldgegend hineingeflogen war, ließ sich Gorgo ganz oben auf
+dem Gipfel eines kahlen Felsen nieder, und als der Junge auf den Boden
+hinuntergesprungen war, sagte der Adler: »Es gibt hier im Walde allerlei
+Leckerbissen für dich, und ich selbst kann die drückenden Gedanken an die
+Gefangenschaft gewiß nicht los werden und mich nicht so recht frei fühlen,
+bis ich wieder auf der Jagd gewesen bin. Du hast doch wohl keine Angst,
+wenn ich davonfliege?«
+
+»O nein,« sagte der Junge, »fliege du nur.«
+
+»Du kannst gehen, wohin es dir beliebt, nur gegen Sonnenuntergang solltest
+du wieder hier sein,« sagte der Adler, und dann flog er davon.
+
+Der Junge fühlte sich ziemlich einsam und verlassen, als er dann auf einem
+Stein saß und über die nackten Gebirgshalden und die großen Wälder
+hinschaute, die ihn rings umgaben. Aber er hatte noch nicht lange
+dagesessen, als von drunten aus dem Walde Gesang zu ihm heraufdrang und er
+etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern sah. Bald erkannte er eine
+blau-gelbe Fahne, und an dem Gesang und dem fröhlichen Rufen erriet er
+auch, daß die Fahne einem ganzen Zug von Menschen vorausgetragen wurde;
+aber es dauerte noch recht lange, bis er sehen konnte, welche Art von Zug
+es war. Die Fahne wurde auf Zickzackwegen heraufgetragen, und Nils
+Holgersson war außerordentlich gespannt, wohin diese Fahne und die Menschen
+dahinter wollten. Auf die einsame, öde Berghalde, wo er sich eben befand,
+kamen sie gewiß nicht, das konnte er sich gar nicht denken. Und doch war es
+so. Jetzt tauchte die Fahne am Waldessaum auf, und hinter ihr strömten eine
+Menge Menschen heraus, denen die Fahne den Weg gewiesen hatte. Auf dem
+ganzen Berge war nun Leben und Bewegung, und an diesem Tage hatte der Junge
+so viel zu sehen, daß er sich keinen Augenblick langweilte.
+
+
+Der große Tag des Waldes
+
+Auf dem breiten Gebirgsrücken, wo der Junge von Gorgo zurückgelassen worden
+war, hatte vor ungefähr zehn Jahren ein Waldbrand gewütet. Die verkohlten
+Bäume waren gefällt und fortgeschafft worden, und da, wo der große
+Brandplatz an den frischen Wald stieß, hatte sich allmählich wieder einiges
+Wachstum eingestellt. Aber der größte Teil lag noch immer unheimlich kahl
+und verlassen da. Zwischen den Steinen waren zwar noch schwarze Baumstümpfe
+und legten Zeugnis davon ab, daß einst ein großer, prächtiger Wald hier
+gestanden hatte, aber nirgends sproßten junge Schößlinge aus dem Boden
+heraus.
+
+Die Leute wunderten sich darüber, wie lange es dauerte, bis sich die
+leere Fläche wieder mit Wald bekleidete; sie vergaßen ganz, daß seit
+jener Zeit, wo das Feuer hier gewütet hatte, die Erde aller Feuchtigkeit
+ermangelte. Deshalb waren nicht allein alle Bäume gänzlich verbrannt und
+alles, was auf dem Waldboden wuchs -- Heidekraut, Maiblumen, Moos und
+Preißelbeerstauden --, verschwunden, sondern auch die Erde, die den
+Felsengrund bedeckte, war nach dem Brande so trocken und lose wie Asche
+geworden. Jeder Windstoß, der daherjagte, wirbelte sie hoch in die Luft
+hinauf; und da die Berghöhe dem Winde sehr ausgesetzt war, wurde ein
+Steinblock um den andern reingefegt. Der Regen tat natürlich auch das
+Seine, das Erdreich hinwegzuschwemmen; und nachdem sich nun Wind und
+Wetter zehn Jahre lang alle Mühe gegeben hatten, den Berg abzufegen, sah
+er so kahl aus, daß man sich nichts andres denken konnte, als daß er bis
+ans Ende der Welt so liegen bleiben würde.
+
+Aber eines Tages, gleich in der ersten Sommerzeit, versammelten sich alle
+Kinder des Dorfes, in dessen Gebiet der abgebrannte Berg lag, vor einer der
+Schulen. Jedes Kind trug eine Hacke oder einen Spaten auf der Schulter,
+sowie ein Paket Mundvorrat in der Hand. Sobald alle Kinder versammelt
+waren, wanderten sie in einem langen Zuge dem Walde zu. Die Fahne wurde
+vorausgetragen, die Lehrer und Lehrerinnen gingen nebenher, und hinterdrein
+kamen einige Waldhüter und ein Pferd, das eine große Ladung
+Tannenschößlinge und Tannensamen trug.
+
+Dieser Zug hielt in keinem der dem Dorf zunächstliegenden Birkengehölze
+an, nein, er wanderte weit hinauf in den Wald. Immer höher ging es auf
+verlassenen alten Viehwegen, und die Füchse streckten die Köpfe aus ihrem
+Bau heraus und fragten verwundert, was doch das für Hirtenvolk sei, das zu
+Berg ziehe. Der Zug kam an verlassenen Weilern vorüber, wo früher in jedem
+Herbst Kohlen gebrannt worden waren, und die Kreuzschnäbel wendeten ihren
+krummen Schnabel nach dem Zuge und konnten nicht begreifen, was das für
+Kohlenbrenner sein sollten, die da in den Wald eindrangen.
+
+So erreichte der Zug schließlich die große abgebrannte Hochebene. Da waren
+die Felsen ganz kahl, ohne die feinen Linäenranken, von denen sie einstmals
+bedeckt gewesen waren, und die Steinplatten waren des schönen silberweißen
+Mooses und auch der feinen niedlichen Renntierflechten entkleidet. Rings um
+die schwarzen Wassertümpel herum, die sich in den Felsenspalten und
+Vertiefungen angesammelt hatten, wuchsen weder Kallablätter noch Sauerklee.
+Auf den kleinen Plätzen, wo zwischen den Steinblöcken und Rissen noch Erde
+lag, standen keine Farrenkräuter, keine Sternmieren, keine weißen Pyrola,
+nirgends war eine Spur von all dem Grünen und Roten und Buschigen und
+Weichen und Zierlichen, was sonst den Waldboden schmückt.
+
+Es war, als ob plötzlich heller Sonnenschein über die graue Hochebene
+hinleuchtete, als die Kinder des Dorfes sich darauf zerstreuten. Das war
+doch wieder etwas Frohes und Schönes, etwas Frisches und Rosiges, etwas
+Junges und etwas im Wachsen Begriffenes! Vielleicht konnten sie dem armen
+verlassenen Waldboden wieder zu etwas Leben verhelfen!
+
+Nachdem die Kinder sich ausgeruht und gesättigt hatten, ergriffen sie die
+Hacken und Spaten und fingen an zu arbeiten. Die Waldhüter zeigten ihnen,
+wie sie es machen müßten, und nun steckten die Kinder in jedes noch so
+kleine Fleckchen Erde, das sie entdecken konnten, die kleinen
+Tannenpflänzchen hinein.
+
+Während die Kinder also pflanzten, sprachen sie ganz altklug miteinander
+davon, wie diese kleinen Pflänzchen, die sie jetzt in die Erde
+hineinsteckten, das Erdreich festhalten würden, damit es nicht wieder
+weggeblasen werden könnte. Aber das sei nicht das einzige Gute daran, denn
+dadurch bilde sich auch neue Erde unter den Wurzeln, in diese falle Samen
+hinein, und in einigen Jahren könnten sie da, wo jetzt nichts als kahle
+Felsblöcke seien, Himbeeren und Heidelbeeren pflücken. Und die kleinen
+Pflanzen, die sie hier einsetzten, würden allmählich zu großen Bäumen
+heranwachsen, ja in späteren Jahren könne man große Häuser oder stolze
+Schiffe daraus bauen.
+
+Wenn aber sie, die Kinder, jetzt nicht heraufgekommen wären und gepflanzt
+hätten, solange noch ein bißchen Erde in den Felsenspalten lag, dann wäre
+durch den Wind und den Regen jede Möglichkeit, daß je hier etwas gepflanzt
+werden könnte, vollends zerstört worden, und es hätte also niemals wieder
+ein Wald auf diesem Berge entstehen können.
+
+»Ja, es ist nur gut, daß wir heraufgekommen sind,« sagten die Kinder. »Es
+war wirklich die höchste Zeit.« Und sie kamen sich ungeheuer wichtig vor.
+
+Während die Kinder so auf dem Berge arbeiteten, waren Vater und Mutter
+daheim; nachdem aber einige Zeit vergangen war, hätten sie gar zu gerne
+gewußt, wie es den Kindern droben auf dem Berge gehe. Sie dachten, es sei
+natürlich nur zum Spaß, daß solche kleinen Leute einen Wald pflanzen
+sollten, aber es könnte jedenfalls ganz unterhaltend sein, wenn sie
+nachsähen, wie es da droben zugehe. Und ehe sie sich versahen, waren Vater
+und Mutter schon auf dem Wege nach dem Walde. Als sie den Bergpfad erreicht
+hatten, trafen sie mit andern Nachbarn zusammen.
+
+»Wollt ihr hinauf zum Brandplatz?«
+
+»Ja, wir sind eben auf dem Wege.«
+
+»Um nach den Kindern zu sehen?«
+
+»Ja, wir wollen hinauf und sehen, was sie da treiben.«
+
+»Es ist natürlich nur zum Spaß.«
+
+»Freilich, viele Bäume werden da droben nicht wachsen.«
+
+»Wir haben den Kaffeekessel bei uns, damit sie etwas Warmes bekommen, da
+sie den ganzen Tag von trockner Kost leben müssen.«
+
+Jetzt erreichten Vater und Mutter den Brandplatz, und zuerst dachten sie
+nichts weiter, als wie hübsch alle die roten Wangen der Kinder auf dem
+grauen Berge aussähen. Aber dann gaben sie genau acht, wie die Kinder
+arbeiteten: die einen setzten die Pflänzchen ein, die andern zogen Furchen
+und säten Samen hinein, wieder andere rissen das Heidekraut heraus, damit
+es die jungen Bäumchen nicht ersticken sollte.
+
+Sie sahen auch, wie eifrig und ernsthaft die Kinder es mit der Arbeit
+nahmen; sie hatten ja kaum Zeit, aufzuschauen.
+
+Der Vater sah eine Weile zu, dann fing er auch an Heidekraut
+herauszureißen. Nur zum Scherze natürlich. Die Kinder waren die
+Lehrmeister, denn jetzt kannten sie die Kunst, und sie durften nun Vater
+und Mutter zeigen, wie man es machen mußte.
+
+Schließlich nahmen dann auch alle die Erwachsenen, die heraufgekommen
+waren, nach den Kindern zu sehen, an der Arbeit teil. Da war es natürlich
+noch viel unterhaltender als vorher, und nach kurzer Zeit bekamen die
+Kinder noch mehr Hilfe.
+
+Man brauchte nämlich noch mehr Handwerkszeug, und ein paar Jungen mit
+langen Beinen wurden nach Hacken und Spaten ins Dorf hinuntergeschickt. Als
+diese an den Häusern vorbeirannten, kamen die Bewohner heraus und fragten:
+»Was ist denn los? Ist ein Unglück geschehen?«
+
+»Nein, nein, aber das ganze Dorf ist droben auf dem Brandplatz und hilft
+den Wald pflanzen.«
+
+»Ei, wenn das ganze Dorf droben ist, dann wollen wir auch nicht
+daheimbleiben.«
+
+So strömte alles auf den abgebrannten Berg hinauf. Zuerst blieben die
+Neuangekommenen ruhig stehen und schauten eine Weile zu; aber dann konnten
+sie es nicht lassen, sich an der Arbeit zu beteiligen. Denn es mochte wohl
+sehr vergnüglich sein, wenn der Bauer im Frühjahr seinen Acker bestellt
+und dabei an das Getreide denkt, das aus der Erde herauswachsen soll, aber
+dies war doch noch verlockender.
+
+Hier sollten nicht nur schwache Halme aus dieser Saat aufgehen, sondern
+starke Bäume mit hohen Stämmen und mächtigen Zweigen. Hier handelte es sich
+nicht nur darum, die Ernte eines Sommers hervorzurufen, sondern Wachstum
+für viele Jahre. Das hier bedeutete so viel, wie Insektensummen,
+Drosselschlag und Auerhahnbalzen hervorzurufen und ungezähltes Leben auf
+dem Brandplatz zu wecken. Und dann war es auch wie ein Denkmal, das man für
+die kommenden Geschlechter errichtete. Bisher hätte man ihnen einen kahlen,
+nackten Berg als Erbe hinterlassen, jetzt aber sollten sie einen stolzen
+Wald dafür bekommen; und wenn die Nachkommen dies erkannten, dann
+verstanden sie sicher auch, daß ihre Vorfahren gute und kluge Leute gewesen
+waren, und darum würden sie mit Ehrerbietung und Dankbarkeit der Vorfahren
+gedenken.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+40
+
+Ein Tag in Hälsingeland
+
+Ein großes grünes Blatt
+
+
+ Donnerstag, 16. Juni
+
+Am nächsten Morgen ritt der Junge auf Gorgos Rücken über Hälsingeland hin.
+Hellschimmernd lag es unter ihm; die Nadelholzbäume hatten hellgrüne
+Triebe, die Birkengehölze frisches Laub, die Wiesen neues saftiges Gras,
+und auf den Äckern wogte die junge, grüne Saat. Es war ein hochgelegenes,
+bergiges Land, aber mitten hindurch zog sich ein offenes, lachendes Tal,
+und von diesem erstreckten sich bald kurze und enge, bald lange und breite
+Täler nach beiden Seiten ins Land hinein.
+
+»Dieses Land werde ich wohl mit dem Blatt eines Baumes vergleichen müssen,«
+dachte Nils Holgersson, »denn es ist so grün wie ein Blatt, und die Täler
+verzweigen sich ungefähr in derselben Weise, wie die Rippen auf einem
+ausgebreiteten Blatte.«
+
+Von dem großen Haupttal zweigten sich zuerst gewaltige Seitentäler ab, eins
+nach Osten, eins nach Westen. Dann schickte es nur noch kleine Täler aus,
+bis es ziemlich weit nach Norden gekommen war. Da streckte es wieder zwei
+starke Arme aus, lief alsdann noch eine Strecke weiter, wurde hierauf immer
+schmäler und verlor sich schließlich in der Wildnis.
+
+Mitten durch das große Tal floß ein breiter, prächtiger Fluß, der sich an
+vielen Stellen zu Seen erweiterte. Ganz dicht am Flusse lagen Wiesen, die
+mit kleinen grauen Scheunen wie übersät waren; nach diesen Wiesen kamen die
+Äcker, und an der Talgrenze, wo der Wald einsetzte, standen die Höfe. Diese
+waren stattlich und schön gebaut, einer lag neben dem andern in einer fast
+ununterbrochenen Reihe. Die Kirchen ragten am Flußufer hoch empor, und
+rings um diese sammelten sich die Höfe zu großen Dörfern. Andre
+Häusergruppen drängten sich um die Bahnhöfe zusammen, sowie um die
+Sägewerke, die da und dort an den Seen und Flüssen lagen und leicht zu
+erkennen waren an den großen Bretterstapeln, die sich ringsherum
+auftürmten.
+
+Die Seitentäler waren ebenso wie das mittlere Tal voller Seen und Wiesen,
+Dörfern und Gehöften. Lachend und freundlich glitten sie zwischen die
+dunklen Berge hinein, von denen sie allmählich so zusammengepreßt wurden,
+daß sie schließlich ganz schmal waren und nur noch für einen kleinen Bach
+Platz hatten.
+
+Auf den Bergkuppen zwischen den Tälern ragte der Nadelwald auf. Er hatte
+keinen ebenen Boden, und eine Menge Felsblöcke lagen da droben wild
+durcheinander, aber der Wald verdeckte alles wie eine Pelzdecke, die über
+einen eckigen Körper gebreitet ist.
+
+Ja, es war ein schönes Land, und der Junge sah auch ein gut Teil davon,
+denn der Adler suchte ja den alten Spielmann Klement Larsson; und so flog
+er, immerfort nach dem alten Manne ausspähend, unermüdlich von Tal zu Tal.
+
+Als der Morgen anbrach, entstand Leben und Bewegung auf den Höfen. An den
+Kuhställen, die in diesem Lande sehr groß und hoch sind und sowohl
+Schornsteine als auch breite Fenster haben, wurden die Türen sperrangelweit
+aufgemacht und die Kühe herausgelassen; es waren schöne weiße feingebaute
+und geschmeidige Tiere, überaus sicher auf den Füßen und so munter, daß sie
+die lächerlichsten Sprünge machten. Die Kälber und Schafe wurden auch
+herausgelassen, und auch diese waren unverkennbar in der allerbesten Laune.
+
+Und mit jedem Augenblick wurde es lebendiger auf den Höfen. Ein paar junge
+Dirnen mit Ranzen auf dem Rücken gingen zwischen dem Vieh umher. Ein Junge
+mit einem langen Stock in der Hand hielt die Schafe beieinander, ein
+Hündchen lief zwischen den Kühen umher und bellte solche Tiere, die sich
+stoßen wollten, zornig an. Der Bauer spannte ein Pferd vor einen Karren und
+belud ihn mit Butterkübeln, Käseformen und allerlei Lebensmitteln.
+Fröhliches Lachen und Singen ertönte, und das Vieh war so vergnügt, wie
+wenn heute ein besonderer Festtag wäre.
+
+Bald darauf waren alle miteinander auf dem Wege nach dem Walde. Eine von
+den Mägden ging an der Spitze und lockte das Vieh mit schönen Jodlern.
+Hinter ihr kam der Zug in einer langen Reihe. Der Hirtenjunge und der
+Hirtenhund liefen hin und her und gaben wohl acht, daß keines der Tiere vom
+Wege abwich. Ganz hinten kamen der Bauer und sein Knecht. Sie gingen neben
+dem Karren, um ihn vor dem Umstürzen zu bewahren, denn es ging einen gar
+schmalen, steinigen Waldpfad hinauf.
+
+Entweder ist es in Hälsingeland Sitte, daß die Bauern ihr Vieh an ein und
+demselben Tage in die Wälder schicken, oder es traf sich in diesem Jahre
+zufälligerweise so. Soviel ist sicher, Nils Holgersson sah solche Fröhliche
+Züge von Menschen und Vieh aus jedem Tal und jedem Hof nach dem öden Walde
+hinaufziehen und diesen mit Leben erfüllen. Aus den dunkeln Wäldern heraus
+hörte er den ganzen Tag das Jodeln der Sennerinnen und das Läuten der
+Kuhglocken. Die meisten hatten einen langen beschwerlichen Weg vor sich,
+und der Junge sah, wie sie mit großer Mühe über sumpfige Moore hinzogen
+und, um einen Windbruch zu vermeiden, oft große Umwege machen mußten. Die
+Karren stießen oft gegen Steinblöcke und stürzten um; aber die Männer
+überwanden alle Schwierigkeiten mit fröhlichem Lachen und unverwüstlicher
+Laune.
+
+Im Lauf des Nachmittags gelangten die Wanderer auf ausgerodete Plätze, wo
+ein niedriger Kuhstall und einige kleine graue Hütten standen. Als die Kühe
+den Platz zwischen den Hütten erreicht hatten, brüllten sie vergnügt, als
+erkennten sie den Ort wieder, und fraßen sogleich von dem grünen saftigen
+Gras. Unter Scherzen und lustigen Reden holten die Leute Wasser und
+Brennholz herbei, und was auf dem Karren war, wurde in die größte der
+Hütten hineingetragen. Bald stieg der Rauch aus dem Schornstein auf, dann
+setzten sich die Sennerinnen, der Hirtenjunge und die Männer draußen im
+Freien um einen flachen Stein, der als Tisch diente, und hielten ihre
+Mahlzeit.
+
+[Illustration]
+
+Der Adler Gorgo war fest überzeugt, daß er Klement Larsson unter diesen
+Leuten, die auf dem Wege in den Wald waren, finden würde. Sobald er einen
+Viehzug entdeckte, ließ er sich hinabsinken und untersuchte ihn mit seinem
+scharfen Auge. Aber eine Stunde um die andre verging, und noch immer hatte
+er Klement nicht gefunden.
+
+Nachdem er sehr oft hin und her geflogen war, erreichte der Adler gegen
+Abend eine bergige, einsame, östlich von dem großen Haupttal gelegene
+Gegend. Wieder sah er eine Sennhütte unter sich; die Leute und das Vieh
+waren schon angekommen, die Männer spalteten Brennholz, und die Mägde
+melkten die Kühe.
+
+»Sieh dort!« rief Gorgo. »Ich glaube, jetzt haben wir ihn!«
+
+Er ließ sich hinuntersinken, und zu seiner großen Verwunderung sah Nils
+Holgersson, daß Gorgo recht hatte. Da stand wirklich der kleine Klement
+Larsson und machte Brennholz klein.
+
+Gorgo ließ sich eine kurze Strecke von der Sennhütte entfernt im Walde
+nieder.
+
+»Nun habe ich ausgeführt, was ich übernommen hatte,« sagte er und warf den
+Kopf stolz zurück. »Jetzt mußt du sehen, daß du mit dem Manne sprichst. Ich
+werde mich inzwischen auf jenen dichten Tannenwipfel dort setzen und auf
+dich warten.«
+
+
+Die Neujahrsnacht der Tiere
+
+Auf der Almhütte war die Arbeit zu Ende und das Abendbrot gegessen, aber
+die Leute saßen noch beieinander und plauderten. Es war lange her, seit sie
+zum letztenmal in einer schönen Sommernacht im Walde gewesen waren, und
+alle hatten das Gefühl, als hätten sie gar keine Zeit zum Schlafen. Es war
+noch taghell ringsum, und die Sennerinnen waren eifrig mit ihrer Handarbeit
+beschäftigt, bisweilen aber hoben sie den Kopf, schauten in den Wald hinein
+und lächelten leise vor sich hin.
+
+»Ja, nun sind wir wieder hier oben,« sagten sie; und damit versank das Dorf
+mit all seiner Unruhe aus ihrer Erinnerung, und der Wald umschloß sie mit
+seinem stillen Frieden. Wenn sie daheim auf ihren Höfen daran dachten, daß
+sie den ganzen Sommer hindurch allein da droben im Walde sein müßten,
+konnten sie sich kaum denken, wie sie das aushalten sollten; sobald sie
+aber in die Sennhütten heraufgekommen waren, kam es ihnen vor, als sei dies
+doch ihre allerbeste Zeit.
+
+Vor ein paar Sennhütten, die nahe beieinander lagen, waren die jungen
+Mädchen und Burschen zusammengekommen, einander zu begrüßen; es war also
+eine ziemliche Anzahl Menschen, die sich da auf der Wiese vor den Hütten
+niedergelassen hatten, aber eine rechte Unterhaltung wollte trotzdem nicht
+in Gang kommen. Die Burschen mußten am nächsten Tage wieder hinunter ins
+Dorf, und die Sennerinnen trugen ihnen noch allerlei kleine Bestellungen
+und Grüße an die Ihrigen daheim auf.
+
+Da sah die älteste der Sennerinnen von ihrer Arbeit auf und sagte ganz
+lustig: »Es ist gar nicht nötig, daß es heute abend so still bei uns
+zugeht, denn wir haben ja zwei Burschen unter uns, die sonst gern etwas
+erzählen. Der eine ist Klement Larsson, der hier neben mir sitzt, und der
+andere Bernhard von Sunnansee, der dort drüben steht und nach dem Blackåsen
+hinaufschaut. Kommt, wir wollen sie bitten, daß jeder von ihnen eine
+Geschichte zum besten gebe, und wer die schönste Geschichte erzählt, dem
+verspreche ich das Halstuch hier, an dem ich eben stricke.«
+
+Dieser Vorschlag fand großen Beifall; die beiden, die miteinander
+wetteifern sollten, machten natürlich zuerst Einwendungen, gaben aber bald
+nach. Klement bat Bernhard, den Anfang zu machen, und dieser hatte nichts
+dagegen. Er kannte Klement Larsson nicht genau, aber er meinte, von diesem
+könnte man nur irgendeine alte Geschichte von Gespenstern und Trollen
+erwarten; und da er wußte, daß die Leute so etwas gerne hörten, hielt er es
+fürs klügste, gleich selbst etwas derartiges zu wählen.
+
+»Vor mehreren hundert Jahren,« begann er, »geschah es, daß ein Propst von
+Delsbo hier in der Nähe in einer Neujahrsnacht mitten durch den dichten
+Wald ritt. In seinen dicken Pelz gehüllt und die Pelzmütze auf dem Kopf,
+saß er auf seinem Pferd, und an dem Sattelknopf hing ein Felleisen, in dem
+er den Abendmahlskelch, das Kirchenbuch und den Kirchenrock verwahrt
+hatte. Aus dem entfernten Filialdorf, weit drinnen im Walde, hatte man ihn
+zu einem Kranken gerufen; er hatte bis spät in der Nacht bei diesem
+gesessen und mit ihm gesprochen. Jetzt endlich war er auf dem Heimweg, aber
+er war überzeugt, daß er erst zu Hause ankommen werde, wenn Mitternacht
+längst vorüber sei.
+
+Während er nun so durch den Wald dahinreiten mußte, zu einer Zeit, wo er
+sonst daheim in seinem Bette lag, war er froh, daß wenigstens kein
+schlimmes Wetter herrschte. Es war eine stille Nacht mit ruhiger Luft und
+überzogenem Himmel. Der Vollmond segelte groß und rund hinter den Wolken am
+Himmel und verbreitete eine gewisse Helle, obgleich er selbst nicht zu
+sehen war. Wenn das bißchen Mondlicht nicht geschienen hätte, wäre der Weg
+nur schwer von den Feldern zu unterscheiden gewesen; denn es war ja mitten
+im Winter, und alles hatte ein und dieselbe graubraune Farbe.
+
+In dieser Nacht ritt der Propst ein Pferd, auf das er große Stücke hielt.
+Es war stark und ausdauernd und fast ebenso klug wie ein Mensch. Unter
+anderem konnte es von jedem Ort in dem ganzen Kirchspiel, es mochte sein,
+wo es wollte, den Weg nach Hause finden. Dies hatte der Propst schon
+mehrere Male erfahren, und er verließ sich so fest darauf, daß er nie mehr
+an den Weg dachte, wenn er dieses Pferd ritt. So kam er auch jetzt, mit
+lose herunterhängenden Zügeln und in seinen Gedanken weit weg, mitten in
+der grauen Nacht durch den wilden Wald dahergeritten.
+
+Der Propst dachte an seine Predigt, die er am nächsten Tage halten mußte,
+und außerdem auch noch an vieles andere. Es dauerte eine gute Weile, bis er
+wieder auf den Weg achtete und sich fragte, wie weit er wohl jetzt gekommen
+sei. Als er dann schließlich aufschaute und sah, daß der Wald noch immer
+ebenso dicht war wie zu Anfang des Rittes, verwunderte er sich höchlich. Er
+war jetzt schon sehr lange geritten, eigentlich hätte er bereits an dem
+bebauten Teil des Kirchspiels angekommen sein müssen.
+
+Es sah damals in Delsbo gerade so aus wie heute noch. Die Kirche und der
+Pfarrhof und alle großen Höfe lagen im Norden des Kirchspiels um Dellen
+her, während gen Süden nur Wälder und Berge waren. Als daher der Propst
+sah, daß er sich noch in der Wildnis befand, wußte er, daß dies der
+südliche Teil seines Kirchspiels war und er, um nach Hause zu kommen, also
+nach Norden hätte reiten müssen. Aber gerade dies schien er nicht zu tun.
+Am Himmel leuchteten zwar weder Mond noch Sterne, nach denen er sich hätte
+richten können, aber der Propst war einer von denen, die die
+Himmelsrichtung im Kopf haben, und er hatte das bestimmte Gefühl, daß er
+gen Süden, vielleicht auch gen Osten reite.
+
+Er war schon im Begriff, das Pferd zu wenden, besann sich aber dann anders.
+Das Pferd hatte sich noch nie verirrt und würde es gewiß auch heute nicht
+tun. Viel eher könnte er, der Propst, sich täuschen. Er war in tiefe
+Gedanken versunken gewesen und hatte des Weges nicht geachtet. So ließ er
+denn das Pferd in der bisherigen Richtung weitergehen und versank aufs neue
+in seine Grübeleien.
+
+Aber gleich darauf traf ihn ein großer Zweig so heftig, daß er fast vom
+Pferde gefallen wäre. Da wurde ihm klar: jetzt mußte er untersuchen, wohin
+er eigentlich gekommen war; es half alles nichts.
+
+Er betrachtete den Weg; er ritt über weiches Moos hin, wo kein
+ausgetretener Pfad zu erblicken war. Das Pferd aber schritt ohne jegliches
+Zögern rasch dahin. Doch gerade wie vorhin war der Propst auch jetzt
+überzeugt, daß es in der verkehrten Richtung vorwärts gehe.
+
+Diesmal besann er sich nicht lange, ob er eingreifen solle. Er ergriff die
+Zügel, zwang das Pferd, umzudrehen, und es gelang ihm auch, es auf den Pfad
+zurückzuführen. Aber kaum waren sie da angekommen, als das Pferd einen
+Umweg machte und aufs neue geradeswegs in den Wald hineinlief.
+
+Der Propst war seiner Sache so sicher, wie man einer Sache überhaupt sicher
+sein kann. >Aber wenn das Pferd so gar eigensinnig ist,< dachte er, >dann
+will es gewiß einen bessern Weg aufsuchen.< Und so ließ er es weitergehen.
+
+Das Pferd kam gut vorwärts, obgleich es keinen gebahnten Weg vor sich
+hatte. Wenn ihm ein Berggipfel im Wege stand, kletterte es gewandt wie eine
+Geiß hinauf, und wenn es dann wieder bergab ging, stemmte es die Füße
+zusammen und rutschte die steilen Felsplatten hinunter.
+
+>Wenn ich nur wenigstens so zeitig nach Hause komme, daß ich die Kirche
+noch erreichen kann,< dachte der Propst. >Was würden meine Delsboer sagen,
+wenn ich nicht zu rechter Zeit zum Gottesdienst da wäre?<
+
+Er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, denn plötzlich erreichte
+er einen Ort, den er wiedererkannte. Es war ein kleines dunkles Wasser, wo
+er im letzten Sommer gefischt hatte. Da merkte der Propst, daß er mit
+seiner Befürchtung recht gehabt hatte. Er befand sich tief drinnen im
+Walde, und das Pferd drang immer weiter gegen Südosten vor. Es schien sich
+ordentlich vorgenommen zu haben, seinen Herrn so weit wie nur möglich von
+der Kirche und dem Pfarrhause wegzutragen.
+
+Rasch sprang der Propst aus dem Sattel. Auf diese Weise konnte er sich von
+dem Pferd nicht in die Wildnis hineintragen lassen. Er mußte nach Hause,
+und da das Pferd eigensinnig in verkehrter Richtung gehen wollte, beschloß
+er, zu Fuß zu gehen und das Tier am Zügel zu führen, bis sie auf bekannten
+Wegen angekommen wären. Er wickelte sich also die Zügel um den Arm, und die
+Wanderung begann. In dem dicken Pelz durch den Wald zu wandern, war
+freilich keine leichte Sache; doch der Propst war ein starker, abgehärteter
+Mann, der vor nichts zurückschrak. Aber bald machte ihm das Pferd neue
+Sorgen. Anstatt ihm zu folgen, stemmte es die Hufe fest auf den Boden und
+sperrte sich.
+
+Da wurde der Propst zornig. Er schlug dieses Pferd sonst nie und wollte das
+auch jetzt nicht tun. Statt dessen warf er ihm die Zügel über den Hals und
+ließ es stehen. >Wir müssen uns hier wohl trennen, da du durchaus deinen
+eigenen Weg gehen willst,< sagte er.
+
+Er war kaum ein paar Schritte gegangen, als das Pferd hinter ihm herkam,
+ihn vorsichtig am Rockärmel faßte und ihn zurückzuhalten versuchte. Der
+Propst wendete sich um und sah dem Tier in die Augen, wie um zu erforschen,
+warum es sich so sonderbar gebärdete.
+
+Der Propst konnte eigentlich nicht recht begreifen, wie es möglich war, --
+aber soviel ist sicher: trotz der Dunkelheit sah er das Gesicht des Pferdes
+ganz deutlich, er konnte darin lesen wie in dem eines Menschen, und da
+begriff er plötzlich, daß sich das Pferd in einer fürchterlichen Angst und
+Unruhe befand; es warf seinem Herrn einen Blick zu, der flehend und
+vorwurfsvoll zugleich war. >Ich habe dir gedient und Tag um Tag nach deinem
+Willen getan,< schien es zu sagen. >Könntest du mir nun nicht in dieser
+einzigen Nacht nachgeben?<
+
+Der Propst wurde gerührt über diese Bitte, die er in den Augen des Tieres
+las. Es war klar, das Pferd brauchte in dieser Nacht seine Hilfe auf
+irgendeine Weise, und da er ein ganzer Mann war, beschloß er sofort, ihm zu
+folgen. Ohne weiteres Zögern führte er es an einen Stein, wo er sich in den
+Sattel schwingen konnte, und sagte: >Geh du weiter! Da du mich mithaben
+möchtest, will ich dich nicht verlassen. Niemand soll von dem Propst von
+Delsbo sagen können, daß er sich geweigert habe, jemand beizustehen, der in
+Not war.<
+
+Danach ließ er das Pferd gehen, wohin es wollte, und er richtete sein
+Augenmerk nur darauf, daß er sich im Sattel hielt. Es war ein gefährlicher
+und beschwerlicher Ritt, fast die ganze Zeit über ging es bergan durch
+dichten ungebahnten Wald, wo man keine zwei Schritte vor sich sehen konnte.
+Aber der Propst meinte doch zu erkennen, daß es einen hohen Berg
+hinaufging. Das Pferd arbeitete sich steile Felswände hinauf; wenn der
+Propst selbst das Tier geleitet hätte, wäre es ihm gewiß nie eingefallen,
+sein Pferd auf solchen Wegen gehen zu lassen.
+
+>Du wirst doch nicht daran denken, den Blackåsen hinaufzuklettern!< sagte
+er; und dabei lachte er ein wenig, denn der Blackåsen war, wie er wohl
+wußte, der höchste Berg in Hälsingeland.
+
+Während er nun so dahinritt, merkte der Propst, daß er und das Pferd nicht
+allein draußen in der Nacht unterwegs waren. Er hörte Steine rollen und
+Zweige krachen; es hörte sich an, wie wenn große Tiere sich einen Weg durch
+den Wald bahnten; und da es in dieser Gegend viele Wölfe gab, fragte sich
+der Propst, ob ihn das Pferd am Ende einem Kampf mit wilden Tieren
+entgegentrage.
+
+Bergan ging es, bergan! Und je höher sie kamen, desto lichter wurde der
+Wald.
+
+Schließlich ritt der Propst über einen fast kahlen Bergrücken, wo er nach
+allen Seiten ausschauen konnte. Unermeßlich dehnte sich das Land vor seinen
+Blicken; mit düstern Wäldern bedeckt, reihten sich Hügel und Bergketten
+wellenförmig aneinander. Bei der herrschenden Dunkelheit wurde es dem
+Propst schwer, sich in der Gegend zurechtzufinden, aber nach kurzer Zeit
+wurde ihm doch ganz klar, wo er sich befand.
+
+>Ja, ich bin wahrhaftig auf den Blackåsen geritten,< dachte er. >Es kann
+kein andrer Berg sein. Dort im Westen sehe ich den Järvsee, und im Osten
+drüben glänzt bei Agön das Meer. Im Norden sehe ich auch etwas schimmern,
+das wird Dellen sein, und da in der Tiefe unter mir sehe ich den weißen
+Dunst des Nianwasserfalls. Ja, ja, dies ist der Blackåsen, es ist kein
+Zweifel. Das ist wahrhaftig ein Abenteuer!<
+
+Als er auf dem höchsten Gipfel angekommen war, hielt das Pferd hinter einem
+dichten Fichtenbaum an; es war, als wolle es sich da verborgen halten. Der
+Propst beugte sich vor und bog die Zweige auseinander; so erhielt er einen
+freien Ausblick.
+
+Des Berges kahler Scheitel lag vor ihm; aber nicht einsam und verlassen,
+wie er erwartet hatte. Mitten auf dem offenen Platze lag ein großer
+Felsblock, und rings um diesen her waren viele wilde Tiere versammelt. Es
+kam dem Propst vor, als seien diese Tiere zur Abhaltung einer Art Thing
+hier zusammengekommen.
+
+Dem großen Felsen zunächst sah der Propst die Bären; diese waren so
+schwerfällig und von so mächtigem Körperbau, daß sie aussahen wie
+pelzbekleidete Steinblöcke. Sie hatten sich niedergelegt und blinzelten
+ungeduldig mit ihren kleinen Augen. Man sah, sie waren aus ihrem
+Winterschlaf aufgestanden, um zum Thing zu gehen, und es wurde ihnen
+schwer, sich wach zu erhalten. Hinter den Bären saßen einige hundert Wölfe
+in dichten Reihen; diese waren nicht schläfrig, sondern jetzt mitten in der
+Winternacht heller wach als je im Sommer. Wie Hunde saßen sie auf den
+Hinterfüßen, peitschten den Boden mit den Schwänzen und schnauften
+gewaltig, während ihnen die Zunge zum Maule heraushing. Hinter den Wölfen
+schlichen mit steifen Beinen und klotzigen Gliedmaßen, wie große
+mißgestaltete Katzen, die Luchse umher. Sie schienen sich vor den andern
+Tieren zu scheuen und zischten, wenn ihnen eines nahe kam. Das nächste
+Glied hinter den Luchsen bildeten die Vielfraße, die ein Katzengesicht und
+einen Bärenpelz haben. Diesen gefiel es nicht auf dem Erdboden, sie
+trampelten ungeduldig mit ihren breiten Füßen und wollten wieder hinauf auf
+die Bäume. Hinter diesen auf dem ganzen Platze bis hinüber an den Waldrand
+tummelten sich die Füchse, die Wiesel, die Marder, lauter Tiere, die alle
+klein und besonders schön gebaut waren, aber ein noch viel wilderes und
+blutdürstigeres Aussehen hatten als die größern Raubtiere.
+
+Der Propst sah alle diese Tiere sehr gut, denn der ganze Platz war erhellt.
+Auf dem hohen Felsblock in der Mitte stand nämlich der Waldgeist, in der
+Hand einen brennenden Kienspan, der mit einer hellen, klaren Flamme
+brannte. Der Geist war so groß wie der höchste Baum im Walde; er trug einen
+Mantel aus Tannenzweigen, und seine Haare waren Tannenzapfen. Ganz ruhig
+stand er da und sah spähend und lauschend in den Wald hinein.
+
+Obgleich der Propst alles ganz deutlich sah, wunderte er sich doch so sehr,
+daß er sich förmlich dagegen wehrte und seinen eignen Augen nicht trauen
+wollte. >Es ist ja ganz und gar unmöglich,< dachte er. >Bei mir muß irgend
+etwas nicht in Ordnung sein. Ich bin zu lang im Waldesdunkel umhergeritten;
+es ist eine Einbildung, die Gewalt über mich bekommen hat.<
+
+Aber trotzdem verfolgte er alles mit gespannter Aufmerksamkeit und fragte
+sich, was er wohl hier zu sehen bekäme und was geschehen würde.
+
+Er brauchte nicht lange zu warten. Aus dem Walde herauf drang jetzt das
+Bimmeln einer kleinen Glocke. Und gleich nachher hörte er wieder das
+Geräusch von Schritten und brechenden Zweigen, als bräche eine Menge Tiere
+durch die Wildnis hindurch.
+
+Eine große Schar Haustiere kam den Berg herauf. Sie tauchten in derselben
+Ordnung, wie wenn sie auf dem Wege nach dem Stalle wären, aus dem Walde
+auf; voran ging die Leitkuh mit der Glocke, dann kam der Stier, dann die
+andern Kühe und dahinter das Jungvieh und die Kälber. Ihnen folgten die
+Schafe in einer dichten Herde. Hierauf kamen die Ziegen und zuletzt einige
+Pferde und Füllen. Der Schäferhund lief neben der Herde her, die aber weder
+von einem Hirten noch von einer Hirtin begleitet war.
+
+Dem Propst zerriß es fast das Herz, als er die Haustiere so geradeswegs auf
+die Raubtiere zugehen sah. Er hätte sich ihnen gerne in den Weg gestellt,
+sie mit lautem Rufen vor dem Weitergehen zu warnen, aber er fühlte wohl,
+daß es in keiner menschlichen Macht stand, in dieser Nacht die Schritte der
+Tiere aufzuhalten, und so verhielt er sich ganz still.
+
+Man konnte leicht sehen, wie sehr es den Haustieren vor dem Wege graute,
+den sie machen mußten. Sie sahen elend und angstvoll aus; selbst die
+Leitkuh schritt mit hängendem Kopf und mutlosen Schritten vorwärts. Die
+Ziegen hatten zu nichts Lust, weder zum Hüpfen noch zum Bocken, die Pferde
+versuchten mutig auszusehen, aber es lief ihnen ein Schauder nach dem
+andern über den Rücken. Am jammervollsten sah der Schäferhund aus; er hatte
+den Schwanz eingezogen und kroch beinahe am Boden hin.
+
+Die Leitkuh führte den ganzen Zug bis dicht vor den Waldgeist, der dort auf
+dem Felsblock stand. Sie ging rings um den Felsen herum und wendete sich
+dann wieder dem Walde zu, ohne daß die wilden Tiere sie angerührt hätten.
+Und auf diese Weise wanderte die ganze Herde unangetastet an den Raubtieren
+vorüber.
+
+Während die Haustiere so an dem Waldgeist vorüberzogen, sah der Propst, daß
+er über einige von ihnen seine Kienfackel senkte und abwärts kehrte.
+
+So oft dies geschah, brachen die Raubtiere in ein lautes, vergnügtes
+Gebrüll aus, besonders wenn die Fackel über einer Kuh oder sonst über einem
+größern Tier gesenkt wurde. Aber das Tier, auf das sich also die Fackel
+herabsenkte, stieß einen lauten, gellenden Schrei aus, als würde ihm ein
+Messer ins Herz gestoßen, und die ganze Herde, zu der es gehörte, brach
+gleichfalls in lautes Klagen aus.
+
+Jetzt begann der Propst zu verstehen, was er hier vor sich sah. Er hatte
+früher schon von einer Sage gehört, nach der sich die Haustiere von Delsbo
+in jeder Neujahrsnacht auf dem Blackåsen versammeln müßten, damit der
+Waldgeist da die Tiere bezeichnen könnte, die im Lauf des nächsten Jahres
+den Raubtieren zum Opfer fallen sollten. Der Propst wurde von innigem
+Mitleid erfaßt für das arme Vieh, das also in die Gewalt der Raubtiere
+verfiel, obgleich es ja eigentlich keinen andern Herrn haben sollte als den
+Menschen.
+
+Kaum war die erste Herde wieder abgezogen, als auch schon der Ton einer
+neuen Kuhglocke aus dem Walde ertönte und der Viehstand von einem andern
+Hofe den Berg heraufgezogen kam. Alles verlief in ganz derselben Weise wie
+das erstemal. Die Tiere gingen zu dem Waldgeist hin, der streng und ernst
+da droben stand und da ein Tier und dort ein Tier als dem Tode verfallen
+bezeichnete. Und nach dieser Herde kam ohne Unterbrechung eine Schar um die
+andre daher. Einige von den Herden waren so klein, daß sie nur aus einer
+einzigen Kuh und einigen Schafen bestanden; andre wieder bestanden nur aus
+ein paar Geißen. Man sah, diese kamen aus kleinen, ärmlichen Waldhütten;
+aber auch sie mußten vor den Waldgeist, und weder die einen noch die andern
+blieben verschont.
+
+Der Propst dachte an die Bauern von Delsbo, die eine so große Liebe für
+ihre Haustiere hatten. >Wenn sie das nur wüßten, würden sie es nicht auf
+diese Weise geschehen lassen!< dachte er. >Sie würden eher ihr eignes Leben
+wagen, als ihren Viehstand zwischen Bären und Wölfen zum Waldgeist
+hinwandern und diesen das Urteil über sie fällen lassen.<
+
+Die letzte Schar, die herankam, war der Viehstand des Pfarrhofs. Der
+Pfarrer erkannte von weitem die Glocke der Leitkuh, und das mußte auch das
+Pferd getan haben. Es begann an allen Gliedern zu zittern, und sein Körper
+bedeckte sich mit Schweiß. >Jaso, nun ist die Reihe an dir, am Waldgeist
+vorüberzugehen und dein Urteil zu vernehmen,< sagte der Propst zu dem
+Pferd. >Aber fürchte dich nicht! Ich verstehe, warum du mich hierher
+geführt hast, und werde dich nicht verlassen.<
+
+Der prächtige Viehstand des Pfarrhofs tauchte in einem langen Zug aus dem
+Walde auf und ging auf die Raubtiere und den Waldgeist zu. Den Schluß des
+Zuges bildete das Pferd, das seinen Herrn auf den Blackåsen gebracht hatte.
+Der Propst war nicht abgestiegen, sondern saß ruhig im Sattel und ließ sich
+von dem Tier zum Waldgeist hintragen.
+
+Der Propst hatte weder eine Flinte noch ein Messer zu seiner Verteidigung;
+aber er hatte das Kirchenbuch herausgenommen und drückte es fest an die
+Brust, als er sich jetzt in Kampf mit dem Unhold einließ.
+
+Zuerst schien es, als habe niemand den Propst bemerkt. Genau wie die andern
+Herden wanderte auch die aus dem Pfarrhof an dem Waldgeist vorüber, und
+dieser senkte seine Kienfackel nicht ein einziges Mal. Erst als das kluge
+Pferd vorüberging, machte er eine Bewegung, um es für den Tod zu
+kennzeichnen.
+
+[Illustration: Die Neujahrsnacht der Tiere (Zu Seite 364)]
+
+Aber in demselben Augenblick streckte der Pfarrer dem Waldgeist das
+Kirchenbuch entgegen, und der Fackelschein fiel auf das Kreuz des
+Einbandes. Da stieß der Waldgeist einen lauten, gellenden Schrei aus, die
+Fackel entfiel seiner Hand, und die Flamme erlosch in demselben Augenblick.
+
+In dem plötzlichen Übergang von Licht und Dunkel konnte der Propst nichts
+sehen, und er hörte auch nichts mehr. Um ihn her herrschte dieselbe tiefe
+Stille, wie immer hier draußen in der Wildnis zur Winterzeit.
+
+Da teilten sich plötzlich die dichten Wolken, die den Himmel verdeckten; in
+dem Spalt erschien der Vollmond, und sein Licht fiel auf die Erde. Jetzt
+sah der Propst, daß er und das Pferd ganz allein auf dem Gipfel des
+Blackåsen waren; nicht ein einziges von allen den wilden Tieren war noch
+vorhanden, und der Boden war von allen den Viehherden, die darüber
+hingewandert waren, nicht zertreten. Er selbst aber saß auf seinem Pferde,
+das Kirchenbuch in den ausgestreckten Händen. Das Pferd unter ihm aber
+zitterte und war in Schweiß gebadet.
+
+Als der Propst den Berg hinuntergeritten war und seinen Hof erreicht hatte,
+wußte er nicht mehr, ob das, was er gesehen hatte, ein Traum oder
+Wirklichkeit gewesen war; aber daß es eine Mahnung an ihn sein sollte, auch
+der armen Haustiere zu gedenken, die in der Gewalt der wilden Tiere waren,
+das verstand er. Und er predigte den Bauern von Delsbo mit so gewaltigen
+Worten, daß zu seiner Zeit alle Bären und Wölfe im Walde ausgerottet
+wurden; allerdings scheinen sie, nachdem er gestorben war, leider wieder
+zurückgekehrt zu sein.«
+
+Hier schloß Bernhard seine Erzählung. Er wurde von allen Seiten sehr
+gelobt, und es schien eine ausgemachte Sache, daß er den Preis bekommen
+würde. Den meisten tat Klement sogar ordentlich leid, weil er mit Bernhard
+wetteifern sollte.
+
+Aber Klement begann seine Erzählung unerschrocken.
+
+»Eines Tages ging ich auf Skansen, dem großen Lustgarten vor Stockholm
+umher und hatte Heimweh,« begann er; und dann erzählte er von dem
+Wichtelmännchen, das er da freigekauft habe, damit es nicht in einen Käfig
+gesetzt und wie ein wildes Tier den Leuten gezeigt worden sei. Und er
+erzählte weiter, wie er, nachdem er kaum diese gute Tat getan hatte, auch
+dafür belohnt worden war. Er erzählte und erzählte, während die
+Verwunderung seiner Zuhörer beständig zunahm, und als er endlich an den
+königlichen Lakaien und an das prächtige Buch kam, hatten alle Sennerinnen
+ihre Handarbeiten in den Schoß sinken lassen; sie saßen unbeweglich da und
+sahen Klement an, der so wunderbare Erlebnisse gehabt hatte.
+
+Sobald Klement geendigt hatte, sagte die älteste Sennerin, daß das Halstuch
+ihm gehöre. »Denn,« sagte sie, »Bernhard hat uns das erzählt, was einem
+andern passiert ist, Klement aber hat selbst eine richtige Geschichte
+erlebt, und das halte ich für mehr.«
+
+Darin stimmten alle mit ihr überein. Seit sie erfahren hatten, daß Klement
+mit dem König gesprochen hatte, sahen sie ihn mit ganz andern Augen an als
+vorher, und der kleine Spielmann fürchtete sich fast, zu zeigen, wie stolz
+er sich fühlte. Aber mitten in seinem großen Glück fragte ihn plötzlich
+jemand, was er denn mit dem Wichtelmännchen gemacht habe.
+
+»Die blaue Schale konnte ich ihm leider nicht selbst hinstellen,« sagte
+Klement, »aber ich habe den alten Lappen gebeten, es für mich zu tun. Was
+später aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.«
+
+Kaum hatte Klement dies gesagt, als ein kleiner Tannenzapfen dahergesaust
+kam und ihm an die Nase flog. Der Tannenzapfen war nicht vom Baume
+heruntergefallen und auch nicht von einem Menschen geschleudert worden;
+niemand konnte begreifen, woher er gekommen war.
+
+»Ei, ei, Klement,« sagte die Sennerin, »es sieht fast aus, als könnte das
+Wichtelvolk hören, was wir sprechen! Ich glaube, Ihr hättet nicht einen
+andern mit dem Hinausstellen der blauen Schale beauftragen, sondern es
+selbst tun sollen.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+41
+
+In Medelpad
+
+
+ Freitag, 17. Juni
+
+Der Adler und der Junge waren am nächsten Morgen in aller Frühe wieder
+unterwegs, und Gorgo dachte, er werde an diesem Tage weit nach Västerbotten
+hinaufkommen, aber da hörte er ganz zufälligerweise den Jungen vor sich
+hinsagen, in so einem Land, wie in diesem hier, über das er jetzt
+hinfliege, könnten sich wohl Menschen unmöglich fortbringen.
+
+Das Land, das unter ihnen lag, war das südliche Medelpad, und weit umher
+war nichts zu sehen als wilde, dunkle Wälder. Aber sobald der Adler hörte,
+was Nils Holgersson sagte, rief er: »Hier oben ist der Wald der Acker!«
+
+Der Junge mußte daran denken, welch ein großer Unterschied doch zwischen
+den goldig schimmernden Getreidefeldern sei mit ihren weichen Halmen, die
+in einem Sommer in die Höhe schossen, und den dunkeln Tannenwäldern mit
+ihren harten Stämmen, die Jahre brauchten, bis sie zum Fällen
+herangewachsen waren.
+
+»Wer sein Auskommen von so einem Acker haben will, muß ordentlich Geduld
+haben,« erwiderte er.
+
+Mehr wurde nicht gesprochen, bis sie einen Ort erreichten, wo der Wald
+gefällt und der Boden mit Baumstümpfen und abgehackten Zweigen bedeckt war.
+Während sie über dieses Rodland hinflogen, hörte der Adler den Jungen
+wieder vor sich hinsagen, das sei doch eine schrecklich häßliche und
+armselige Gegend.
+
+»Dies hier ist ein Acker, der im letzten Winter geschnitten worden ist,«
+sagte der Adler sogleich.
+
+Der Junge dachte daran, wie die Schnitter in seinem Heimatdorfe am hellen
+Sommermorgen mit ihren blanken schönen großen Mähmaschinen auszogen und in
+ganz kurzer Zeit einen Acker geschnitten hatten. Aber der Ertrag dieses
+Ackers hier wurde im Winter geerntet! Wenn hoher Schnee lag und die Kälte
+am strengsten war, zogen die Holzfäller hinaus ins Ödland. Welch ein hartes
+Stück Arbeit war schon das Fällen eines einzigen Baumes! Um aber eine so
+große Strecke Wald, wie diese hier, auszuroden, mußten die Arbeiter
+wahrscheinlich mehrere Wochen im Walde gehaust haben.
+
+»Das müssen tüchtige Leute sein, die einen solchen Acker schneiden können,«
+sagte der Junge.
+
+Nachdem der Adler wieder ein paar Flügelschläge getan hatte, sah der Junge
+eine kleine Hütte auf dem ausgerodeten Waldboden. Sie war aus groben,
+unbehauenen Baumstämmen zusammengezimmert, hatte keine Fenster, und als
+Türe dienten nur ein paar lose Bretter. Das Dach war mit Rinde und Zweigen
+bedeckt gewesen, die aber jetzt auseinandergefallen waren. Der Junge sah,
+daß innen in der Hütte nur ein paar hölzerne Bänke und ein paar große
+Steine waren, die als Herd gedient hatten. Als sie über die Hütte
+hinflogen, hörte der Adler den Jungen vor sich hinsagen, wer denn wohl in
+so einer elenden Hütte gewohnt haben könnte.
+
+»Die Schnitter haben hier gewohnt, als sie den Waldacker mähten,« versetzte
+der Adler.
+
+Der Junge dachte daran, wie daheim in seiner Gegend die Schnitter am Abend
+froh und lustig von der Arbeit heimkehrten und ihnen das Beste, was Mutter
+im Vorratshause hatte, vorgesetzt wurde. Hier mußten sie nach der strengen
+Arbeit auf harten Bänken schlafen, in einer Hütte, die schlechter war als
+ein Schuppen. Und von was sie sich hier nährten, das konnte er einfach
+nicht begreifen.
+
+»Ach, hier wird wohl den Schnittern kein Erntefest gehalten!« sagte er.
+
+Etwas weiter hin sahen sie unter sich einen furchtbar schlechten Weg; er
+war schmal und uneben, mit Steinen übersät und voll von Löchern und zog
+sich in Schlangenwindungen durch den Wald hin. An mehreren Stellen war er
+auch von Bächen durchschnitten; und während der Adler über diesen Waldweg
+hinflog, hörte er den Jungen sagen, was denn auf so einem Weg befördert
+werden könnte?
+
+»Auf diesem Weg ist die Ernte in die Scheune geführt worden,« sagte Gorgo.
+
+Unwillkürlich mußte der Junge daran denken, welch ein Fest es daheim war,
+wenn die großen, mit zwei starken Pferden bespannten Erntewagen das
+Getreide vom Acker hereinholten. Der Knecht thronte hoch droben auf dem
+Wagen, die Pferde warfen sich stolz in die Brust, und die Dorfkinder, die
+auf den Wagen hatten hinaufklettern dürfen, saßen halb beglückt, halb
+ängstlich auf den Garben und schrien und lachten durcheinander. Hier aber
+wurden Stämme geladen und dann steile Abhänge hinauf- und hinabgefahren.
+Die Pferde mußten wie gerädert sein, und der Kutscher war gewiß oft der
+Verzweiflung nahe. »Da werden wohl nicht viel lustige Reden unterwegs hin
+und her fliegen,« sagte der Junge.
+
+Der Adler segelte mit gewaltigen Flügelschlägen weiter durch die Luft
+dahin, und so gelangten sie bald an einen Fluß. Hier sahen sie einen Platz,
+der mit Spänen, Holzstücken und Rinde bedeckt war, und der Adler hörte den
+Jungen sagen, warum es denn da drunten so unordentlich aussähe?
+
+»Hier sind die Garben in Haufen gesetzt worden.«
+
+Der Junge mußte unwillkürlich an die Garbendiemen in seiner Heimat denken,
+die dicht bei den Höfen errichtet werden, als wenn sie deren schönster
+Schmuck wären. Hier aber wurde die Ernte nach einem einsamen Flußufer
+geschafft und dann da liegen gelassen. »Ob wohl ein einziger Besitzer in
+diese Wildnis hier herauskommt, seine Diemen zu zählen und sie mit denen
+seiner Nachbarn zu vergleichen?« rief der Junge unwillkürlich.
+
+Bald erreichten sie einen großen Fluß, den Ljungan, der in einem breiten
+Tale dahinzieht, und da war mit einem Schlage alles so verändert, daß man
+hätte meinen können, man sei in einem ganz andern Lande. Der dunkle
+Nadelwald war auf den steilen Abhängen über dem Tale zurückgeblieben, und
+die Hänge prangten jetzt überall mit weißstämmigen Birken und Eschen. Das
+Tal war so breit, daß sich der Fluß an mehreren Stellen zu einem See
+erweitern konnte, und an den Ufern stand ein großer wohlhabender Hof dicht
+neben dem andern. Als nun die beiden über das Tal hinflogen, hörte der
+Adler, wie der Junge sich fragte, ob denn wohl die Wiesen und Äcker da
+drunten für diese ganze Bevölkerung ausreichten?
+
+»Hier wohnen die Schnitter, die den Waldacker geschnitten haben,« sagte der
+Adler.
+
+Der Junge dachte an die niedrigen Häuser und die eng zusammengebauten Höfe
+in Schonen. »Hier wohnen ja die Bauern geradezu in Herrenhäusern, und es
+sieht aus, als lohne sich die Arbeit im Walde doch recht gut,« sagte er.
+
+Der Adler hatte die Absicht gehabt, quer über den Ljungan hinüberzufliegen;
+als er aber ein Stück weit über den Fluß geflogen war, hörte er den Jungen
+vor sich hinsagen, wer denn nun weiter für das Holz sorge, nachdem es in
+Haufen geschichtet worden sei? Da drehte Gorgo um und flog in östlicher
+Richtung weiter.
+
+»Der Fluß sorgt weiter dafür; er führt es nach der Mühle,« sagte er.
+
+Der Junge dachte daran, wie sorgfältig man daheim mit den Garben umging,
+damit nichts verschleudert wurde. Hier kamen große Mengen von Balken den
+Fluß heruntergeschwommen, ohne daß sich jemand darum bekümmerte. Er war
+überzeugt, daß nicht die Hälfte von denen da ankommen würden, wo sie
+sollten. Die einen schwammen allerdings mitten in der Strömung, und dann
+ging alles gut, andre aber wurden gegen die Ufer getrieben, oder sie
+stießen an Landzungen an, wo sie dann in dem ruhigen Uferwasser der Buchten
+liegen blieben. In den Seen sammelten sich die Stämme in solch großer Zahl,
+daß sie oft die ganze Oberfläche bedeckten. Hier blieben sie liegen und
+schienen sich bis ins Unendliche ausruhen zu wollen. An den Brücken stauten
+sie sich, in den Wasserfällen brachen sie mittendurch, in den
+Stromschnellen wurden sie zwischen Steine hineingeklemmt und türmten sich
+zu hohen, schwankenden Stapeln auf.
+
+»Ich möchte wohl wissen, wie lange diese Ernte braucht, bis sie die Mühle
+erreicht?« sagte der Junge.
+
+Aber Gorgo flog nur langsam immer weiter den Ljungan entlang. Zu
+wiederholten Malen hielt er sich mit weit ausgebreiteten Flügeln ganz still
+in der Luft droben, damit der Junge sehen konnte, in welcher Weise diese
+Erntearbeit vor sich ging.
+
+Nach einer Weile gelangten sie an einen Platz, wo die Flößer an der Arbeit
+waren. Und der Adler hörte den Jungen fragen, was denn das für Leute seien,
+die da am Ufer hinliefen?
+
+»Diese Leute sorgen für das Getreide, das sich unterwegs aufgehalten hat,«
+sagte Gorgo.
+
+Der Junge dachte daran, wie ruhig und still die Leute in seiner Heimat ihre
+Garben in die Mühle fuhren. Hier liefen die Männer mit langen Bootshaken in
+den Händen am Ufer hin und halfen den Stämmen mit vieler Mühe und
+Beschwerlichkeit weiter. Sie wateten ins Uferwasser hinaus, wobei sie von
+Kopf bis zu Fuß naß wurden. Sie sprangen von Stein zu Stein in die
+Stromschnellen hinein und schritten auf den schwankenden Stämmen so ruhig
+umher, wie wenn sie auf dem festen Boden gingen. Das waren kühne und
+entschlossene Männer!
+
+»Wenn ich dies alles hier sehe, muß ich unwillkürlich an die Schmiede im
+Bergwerkdistrikt denken, die mit dem Feuer umgingen, als sei es vollständig
+ungefährlich,« sagte der Junge. »Diese Flößer hier spielen mit dem Wasser,
+als seien sie dessen Herren. Sie scheinen es so unterjocht zu haben, daß es
+sich nicht mehr an sie heran traut.«
+
+Ganz allmählich hatten sie die Mündung des Flusses erreicht, und nun lag
+der Bottnische Meerbusen vor ihnen. Aber Gorgo flog nicht geradeaus,
+sondern in nördlicher Richtung dem Ufer entlang. Er war noch nicht weit
+geflogen, als sie unter sich ein Sägewerk sahen, das eine förmliche kleine
+Ortschaft bildete; und während der Adler darüber hin und her schwebte,
+hörte er den Jungen vor sich hinsagen, das sei doch ein prächtiger großer
+Ort!
+
+»Hier hast du die große Sägemühle, die Svartvik heißt,« rief der Adler.
+
+Der Junge dachte an die Windmühlen in seiner Heimat, die so friedlich von
+grünen Bäumen umgeben dalagen und langsam ihre Flügel drehten. Diese Mühle
+hier, wo die Waldernte gemahlen wurde, lag dicht am Meeresufer. Auf dem
+Wasser davor schwamm eine Menge Balken, von denen einer nach dem andern mit
+eisernen Ketten zuerst auf eine schräge Brücke und von da in ein
+scheunenartiges Haus hineingezogen wurde. Was da drinnen mit ihnen geschah,
+konnte der Junge nicht sehen, aber er hörte ein lautes Rasseln und Dröhnen,
+und auf der andern Seite des Hauses kamen kleine, mit weißen Brettern
+hochbeladene Wagen herausgerollt. Die Wagen fuhren auf blanken Schienen
+nach dem Zimmerplatz, wo die Bretter zu großen Stapeln aufgebaut waren,
+die ganze Straßen bildeten, gerade wie in einer Stadt die Häuser. An einer
+Stelle wurden neue Stapel gebaut, an einer andern die alten eingerissen und
+die Bretter auf zwei große Schiffe geladen, die schon ihrer Last harrten.
+Überall wimmelte es von Arbeitern, deren Häuser hinter dem Zimmerplatz
+lagen.
+
+»Hier wird ja gearbeitet, daß schließlich der ganze Wald in Medelpad
+zusammengesägt werden wird,« sagte der Junge.
+
+Der Adler bewegte seine Flügel ein wenig, und sofort sah der Junge ein
+neues Sägewerk mit Sägemühle, Zimmerplatz, Hafen und Arbeiterwohnungen, das
+dem ersten ganz ähnlich sah.
+
+»Hier ist noch eine von den großen Mühlen. Diese heißt die Bienenburg,«
+sagte Gorgo.
+
+[Illustration]
+
+»Ja, ich sehe wohl, der Wald gibt eine viel größere Ernte, als ich gedacht
+hatte,« sagte Nils Holgersson. »Aber noch mehr solcher Holzmühlen gibt es
+doch wohl nicht?«
+
+Der Adler bewegte nur ganz sachte die Flügel; er flog an einigen Sägewerken
+vorüber, und so gelangten sie rasch an eine große Stadt. Als der Adler
+hörte, daß der Junge fragte, was das wohl für eine Stadt sein könnte, rief
+er: »Dies ist Sundsvall. Das ist der Hauptplatz des Bezirks.«
+
+Da mußte der Junge an die Städte drunten in Schonen denken, die gar so alt
+und grau und ernst aussahen. Hier oben im kalten Norden lag Sundsvall ganz
+drinnen in einer schönen Bucht und sah neu und vergnügt und strahlend schön
+aus. Von oben gesehen hatte die Stadt etwas überaus Lustiges, denn in der
+Mitte lag eine Gruppe schöner, hoher steinerner Häuser, die kaum in
+Stockholm ihresgleichen haben konnten; rings um diese hohen steinernen
+Gebäude her war ein freier Raum, und dann erst kam ein Kranz von
+Holzhäusern, die freundlich und gemütlich von kleinen Gärten umgeben
+dalagen, aber allem Anscheine nach sehr gut wußten, daß sie geringer waren
+als die steinernen Häuser und sich deshalb nicht ganz zu ihnen hinwagen
+dürften.
+
+»Das ist ja eine sehr große, reiche Stadt,« sagte der Junge. »Sollte der
+magere Waldboden dies alles hervorgebracht haben? Das ist aber doch wohl
+nicht möglich?«
+
+Der Adler bewegte die Flügel und flog hinüber nach Alnön, das Sundsvall
+gerade gegenüber liegt. Hier konnte sich der Junge nicht genug verwundern
+über alle die vielen Sägewerke, die der Küste entlang lagen. Hier bei Alnön
+lagen sie dicht nebeneinander, und auf dem Festland gerade gegenüber lag
+auch Sägewerk neben Sägewerk, Zimmerplatz neben Zimmerplatz. Der Junge
+zählte mindestens vierzig, aber er glaubte, es seien noch mehr.
+
+»Es ist doch recht merkwürdig, daß es hier oben so aussehen kann,« sagte
+er. »So viel Leben und so viel Bewegung habe ich auf der ganzen Reise noch
+nirgends gesehen. Das ist doch ein wunderbares Land! Wohin ich auch kommen
+mag, überall gibt es etwas, wodurch sich die Menschen ihren Lebensunterhalt
+verschaffen können.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+42
+
+Ein Morgen in Ångermanland
+
+Das Brot
+
+
+ Samstag, 18. Juni
+
+Als der Adler am nächsten Morgen eine Strecke weit nach Ångermanland
+hineingeflogen war, sagte er, heute sei er hungrig, er wolle sich etwas
+Nahrung verschaffen. Er setzte Nils Holgersson auf einer mächtigen Tanne
+ab, die auf einem hohen Felsen stand, und flog davon.
+
+Der Junge machte sich einen guten Sitzplatz auf einem gegabelten Ast, und
+von da aus schaute er nach Ångermanland hinunter. Es war ein wunderschöner
+Morgen, die Sonne vergoldete die Baumwipfel, ein sanfter Wind strich wie
+liebkosend durch die Nadeln, und ein lieblicher Duft stieg aus dem Walde
+auf. Dem Jungen war froh und sorglos zumute; er dachte, niemand könnte es
+besser gehen als ihm.
+
+Nach allen Seiten war die Aussicht offen, und er konnte frei umherschauen.
+Gegen Westen war das Land voller Felsenkuppen und Berggipfel, die in der
+Ferne immer höher und wilder wurden. Ostwärts war auch hügeliges Land; da
+aber senkte es sich und wurde niedriger, bis es sich drunten am Meere
+schließlich ganz flach hinzog. Überall blinkten Bäche und Flüsse, die, so
+lange sie zwischen den Bergen flossen, einen gar beschwerlichen Lauf mit
+vielen Stromschnellen und Wasserfällen hatten, sich aber ausbreiteten,
+glänzend hell und breit wurden, sobald sie sich der Küste näherten. Den
+Bottnischen Meerbusen konnte Nils Holgersson auch sehen. In der Nähe des
+Landes war er mit Inseln gespickt und in Landzungen ausgezackt, aber
+weiterhin lag die Wasserfläche dunkelblau glänzend da wie ein Sommerhimmel.
+
+»Dieses Land sieht aus wie ein Flußufer, gleich nachdem es geregnet hat,«
+dachte der Junge. »Viele kleine Bäche fließen heraus und graben Furchen in
+den Boden, die sich winden und hinschlängeln und ineinanderlaufen. Und es
+ist in der Tat ein recht schöner Anblick. Ich erinnere mich wohl, daß der
+alte Lappe auf Skansen immer sagte, der liebe Gott habe Schweden, als er
+es auf der Erde ausbreitete, verkehrt hingestellt. Die andern lachten ihn
+aus, aber er blieb bei seinem Ausspruch und sagte, wenn sie gesehen hätten,
+wie schön es da droben im Norden sei, dann würden sie wohl einsehen, daß es
+nicht von Anfang beabsichtigt gewesen sei, ein solches Land so abseits zu
+legen. Und ich glaube fast, darin hatte er recht.«
+
+Nachdem sich der Junge an der Landschaft satt gesehen hatte, nahm er sein
+Ränzel ab, zog ein Stück feines Weißbrot heraus und begann zu essen.
+
+»Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein so gutes Brot
+gegessen,« sagte er. »Und wieviel ich noch habe! Das genügt noch für
+mehrere Tage. Gestern um diese Zeit hätte ich nicht geglaubt, daß ich heute
+im Besitz von solchem Reichtum sein würde.«
+
+Während er lustig kaute und drauf los aß, dachte er daran, auf welche Weise
+er das Brot bekommen hatte.
+
+»Es schmeckt mir gewiß auch deshalb so ausgezeichnet, weil ich es auf eine
+so schöne Weise erhalten habe,« sagte er.
+
+Schon am Abend vorher hatte der Königsadler Medelpad verlassen, und kaum
+hatte er die Grenze von Ångermanland erreicht, als der Junge ein Wiesental
+und einen Fluß erblickte, die an Schönheit und Größe alles andre, was er
+bisher gesehen hatte, übertrafen.
+
+Das Tal lag ungeheuer breit zwischen den Bergen, und der Junge fragte sich,
+ob nicht am Ende dieses Tal in frühern Zeiten von einem andern Flusse,
+einem viel größern und breitern als dem jetzigen, ausgegraben worden sein
+könnte. Nachdem das Tal hergestellt gewesen war, mußte es durch irgendein
+Ereignis mit Sand und Erde verschüttet worden sein, zwar nicht vollständig,
+aber doch ein gutes Stück an dem Gebirge hinauf. Durch das Geröll hindurch
+hatte sich dann der jetzige Fluß, der sehr breit und wasserreich war, auch
+ein tiefes Bett gegraben. Er hatte seine Ufer wunderschön ausgeschnitten:
+bald umsäumten ihn Abhänge, die in roter, blauer und gelber Blumenpracht
+bis herauf zu dem Jungen leuchteten, bald ragten die felsigen Strecken, die
+dem Wasser zu hart zum Durchbrechen gewesen waren, wie steile Mauern und
+Türme am Flußufer auf.
+
+Als der Adler den Jungen so hoch droben durch die Lüfte getragen hatte, war
+es diesem gewesen, als könne er zu gleicher Zeit in drei verschiedene
+Welten hineinschauen. Ganz drunten im Tale, wo der Fluß hinzog, war die
+eine Welt. Da wurden Balken fortgeflößt, da eilten Dampfboote von Brücke zu
+Brücke, da klapperten die Sägewerke, da wurden große Frachtschiffe beladen,
+da wurde der Lachs gefangen, da wurde gerudert und gesegelt, da flogen
+unzählige Schwalben, die ihre Nester in der Nähe des Ufers hatten, hin und
+her!
+
+Aber ein Stockwerk höher, sozusagen zur ebenen Erde, die sich ganz bis an
+den Rand der Berge erstreckte, war die zweite Welt. Da lagen Gehöfte,
+Dörfer und Kirchen; da bestellten die Bauern ihre Felder, da weidete das
+Vieh, da grünten die Wiesen, da waren die Weiber in ihren kleinen
+Gemüsegärten eifrig an der Arbeit, da zogen sich die Landstraßen in vielen
+Krümmungen hin, da brauste die Eisenbahn einher!
+
+Und dann, weit entfernt von all diesem, droben auf den waldbestandenen
+Höhen, da war die dritte Welt. Da lag das Weibchen des Auerhahns auf seinen
+Eiern, da stand der Elch im tiefen Waldesdunkel verborgen, da lauerte der
+Luchs, da knabberte das Eichhörnchen, da dufteten die Tannen, da blühten
+die Heidelbeeren, da schlug die Drossel ihre Triller!
+
+Als Nils Holgersson das reiche Flußtal erblickte, fing er an, über Hunger
+zu klagen. »Nun habe ich seit zwei vollen Tagen nichts zu essen bekommen,«
+sagte er, »und ich bin ganz ausgehungert.«
+
+Gorgo war der Gedanke unerträglich, es könne nachher heißen, dem Jungen sei
+es bei ihm schlechter gegangen als bei den Wildgänsen, und er flog deshalb
+sogleich langsamer.
+
+»Warum hast du das nicht früher gesagt?« fragte er. »Du kannst so viel zu
+essen haben, wie du nur willst. Wenn du einen Adler als Reisekameraden
+hast, brauchst du nicht zu hungern.«
+
+Gleich darauf gewahrte Gorgo einen Bauern, der drunten am Flusse ein Feld
+besäte. Das Saatkorn trug der Mann in einem Korbe vorn auf der Brust, und
+so oft der Korb leer war, holte er sich neuen Vorrat aus einem Sack, der
+drüben am Rande des Ackers stand. Der Adler vermutete mit Recht, daß dieser
+Sack mit dem Besten gefüllt sei, was sich der Junge nur wünschen könnte,
+und er ließ sich deshalb an dieser Stelle hinuntersinken.
+
+Aber ehe der Adler den Boden erreicht hatte, entstand um ihn her ein
+entsetzlicher Lärm; in dem Glauben, der Adler wolle sich auf einen Vogel
+stürzen, kamen Krähen, Sperlinge und Schwalben mit lautem Geschrei eilig
+dahergeflogen.
+
+»Weg, weg, du Räuber! Weg, weg, du Vogelmörder!« schrien sie; und sie
+verführten einen solchen Spektakel, daß der Bauer aufmerksam wurde und
+herbeilief. Da war der Adler gezwungen, zu fliehen, und der Junge hatte
+auch nicht ein einziges Körnchen bekommen.
+
+Diese kleinen Vögel hatten sich zu sonderbar benommen; nicht genug, daß sie
+den Adler in die Flucht zwangen, sie verfolgten ihn auch noch eine gute
+Strecke das Tal entlang. Und überall wurden die Leute auf das laute
+Vogelgeschrei aufmerksam; die Weiber liefen vor die Häuser heraus und
+klatschten so laut in die Hände, daß es wie Gewehrsalven klang, und die
+Männer kamen mit der Flinte in der Hand herbeigelaufen.
+
+Und so ging es jedesmal, sobald sich der Adler auf die Erde hinabsinken
+ließ. Der Junge hatte die Hoffnung, der Adler werde ihm etwas Nahrung
+verschaffen können, schon aufgegeben. Ach, er hatte bis jetzt gar nicht
+gewußt, wie verhaßt und verabscheut Gorgo war! Dieser tat dem Jungen
+herzlich leid, und er meinte fast, es geschähe ihm unrecht.
+
+Nach einer Weile flogen sie über einen schönen Bauernhof hin, wo die
+Hausfrau offenbar großen Backtag gehabt hatte. Die frischgebackenen
+Weißbrote standen zum Abkühlen auf dem Hofplatz, und die Bäuerin selbst
+stand zur Aufsicht daneben, damit weder Hund noch Katze eines davon
+stibitze.
+
+Der Adler hätte sich auf den Hof hinabsinken lassen können; aber vor den
+Augen der Bäuerin wagte er die Brote nicht anzugreifen. Ratlos flog er hin
+und her; ein paarmal war er schon dicht über dem Schornstein, flog aber
+jedesmal wieder in die Höhe.
+
+Jetzt gewahrte die Bäuerin den Adler; sie hob den Kopf und sah ihm nach.
+
+»Wie sonderbar dieser Vogel sich benimmt!« sagte sie. »Ich glaube gar, er
+möchte eines von meinen Brötchen.«
+
+Es war eine sehr schöne Frau, groß und blondhaarig, mit einem offenen,
+fröhlichen Gesicht. Sie lachte herzlich, nahm eines der Brötchen von der
+Platte und hielt es hoch über ihrem Kopf empor. »Wenn du es willst, dann
+hol es dir!« rief sie.
+
+[Illustration]
+
+Der Adler konnte nicht verstehen, was sie sagte; aber er war sich doch
+sogleich klar darüber, daß sie ihm das Brot geben wollte. Blitzschnell
+schoß er hinunter, schnappte ihr das Brot aus der Hand und schoß wieder in
+die Luft hinauf.
+
+Als der Junge den Adler das Brot ergreifen sah, traten ihm die Tränen in
+die Augen; einerseits aus Freude, weil er nun mehrere Tage lang nicht zu
+hungern brauchte, andrerseits aber, weil er tief gerührt war, daß die
+Bäuerin ihr Brot mit einem wilden Raubvogel geteilt hatte.
+
+Und während Nils Holgersson nun hier in dem Tannenwipfel saß, konnte er
+sich, sobald er nur wollte, das Bild der großen, blondhaarigen Frau ins
+Gedächtnis zurückrufen; er sah sie ganz deutlich vor sich, wie sie auf dem
+Hofplatz stand und das Brot in die Höhe hob. O, sie hatte ohne Zweifel
+gewußt, daß der große Vogel ein Königsadler war, ein Räuber, den die Leute
+sonst mit scharfen Schüssen begrüßen, und sie hatte wohl auch das
+sonderbare Wesen bemerkt, das der Adler auf dem Rücken trug; aber sie hatte
+nicht erst lange gefragt, wer die beiden waren; sobald sie begriff, daß sie
+hungrig waren, hatte sie ihnen von ihrem guten Brot mitgeteilt!
+
+»Wenn ich einmal wieder ein Mensch bin,« dachte der Junge, »dann mache ich
+mich auf den Weg und suche die schöne Bäuerin an dem großen Flusse auf, um
+ihr dafür zu danken, daß sie so gut gegen uns gewesen ist.«
+
+
+Der Waldbrand
+
+Während Nils Holgersson noch mit seinem Frühstück beschäftigt war, wehte
+ihm plötzlich von Norden her ein schwacher Brandgeruch entgegen. Er wendete
+sich gleich nach dieser Seite und sah von einem der bewaldeten Hügel eine
+ganz dünne Rauchsäule aufsteigen, und zwar nicht von dem ihm am nächsten
+liegenden, sondern von einem aus der dahinter aufragenden Hügelkette.
+Dieser Rauch, der da mitten aus dem wilden Walde aufstieg, machte den
+Jungen stutzig; aber dann dachte er, es könne ja möglicherweise dort eine
+Sennhütte sein, und die Sennerinnen seien beim Kaffeekochen.
+
+Aber es war doch sonderbar, wie sehr der Rauch zunahm und wie er sich immer
+weiter ausbreitete! Von einer Sennhütte konnte er nicht aufsteigen; aber
+vielleicht waren dort Kohlenbrenner bei ihren Meilern. Auf Skansen hatte
+der Junge eine Kohlenbrennerhütte und einen Kohlenmeiler gesehen, und er
+hatte auch gehört, daß in diesen Wäldern hier an verschiedenen Orten Kohlen
+gebrannt würden. Aber eigentlich hatten Kohlenbrenner doch nur im Frühjahr
+und im Winter brennende Meiler!
+
+Der Rauch nahm mit jedem Augenblick zu; jetzt wogte er über den ganzen
+Hügel hin. Ein Kohlenmeiler konnte nicht so viel Rauch hervorbringen, das
+war ausgeschlossen. Irgendwo mußte ein Brand sein; der Junge sah auch eine
+Menge Vögel aufsteigen und nach dem nächsten Hügel hinüberfliegen. Habichte
+und Auerhähne und andre kleine Vögel, die der Junge aus dieser Entfernung
+nicht erkennen konnte, flüchteten sich vor dem Brande.
+
+Aus der kleinen weißen Rauchsäule war jetzt eine schwere weiße Wolke
+geworden, die sich am Hügelrand hinwälzte und von da ins Tal hinabsenkte.
+Aus der Wolke heraus flogen Funken und Rußflocken, und ab und zu leckte
+auch eine rote Flamme durch den Rauch. Dort drüben mußte sicher eine
+gewaltige Feuersbrunst ausgebrochen sein! Aber was in aller Welt brannte
+denn dort? Es konnte doch unmöglich ein Bauernhof so tief drinnen im Walde
+versteckt liegen?
+
+Und bei einer solchen Feuersbrunst, wie die da drüben, hätte sicher auch
+mehr als ein Hof brennen müssen. Jetzt wallte der Rauch nicht nur von dem
+Hügel auf; nein, auch aus dem Tale drunten, das der Junge zwar nicht sehen
+konnte, weil es von dem nächsten Hügel verdeckt war, stiegen große
+Rauchmassen auf. Es war nicht anders möglich, der Wald selbst mußte in
+Brand geraten sein.
+
+Der Junge konnte sich fast nicht vorstellen, daß der frische grüne Wald in
+Brand geraten könnte. Und doch mußte es so sein! Aber wenn nun der Wald
+dort drüben wirklich brannte, dann konnte das Feuer ja bis zu ihm
+herüberdringen! »Sehr wahrscheinlich ist dies zwar nicht, aber es wäre mir
+doch recht angenehm, wenn der Adler jetzt bald käme,« dachte der Junge.
+»Wenn ich doch nur von hier fort wäre!« Schon allein der Brandgeruch, den
+er bei jedem Atemzug einatmen mußte, war ihm unerträglich.
+
+[Illustration]
+
+Plötzlich erklang ringsum ein entsetzliches Knattern und Dröhnen. Es kam
+von dem nächsten Hügel her. Ganz oben auf dem Gipfel stand eine ebenso hohe
+Tanne wie die, auf der Nils Holgersson saß. Sie war sehr hoch und ragte
+über alle andern hinaus. Vorhin war sie von der Morgensonne rot beleuchtet
+gewesen, jetzt glühten alle ihre Nadeln wie auf einen Schlag, und sie fing
+Feuer. So schön war sie noch niemals gewesen; aber dies war das letztemal,
+wo sie ihre Schönheit zeigen konnte. Sie war der erste Baum auf diesem
+Hügel, der Feuer fing, und der Junge konnte gar nicht begreifen, wie es
+zugegangen war. War das Feuer auf roten Schwingen dahergeflogen gekommen?
+Oder war es zischend an der Erde hingekrochen wie eine Schlange? Das war
+nicht leicht zu entscheiden, jedenfalls war es nun da; der ganze Baum
+loderte hell auf wie ein Haufen Reisig.
+
+Da, da! Jetzt schlug der Rauch an verschiedenen Stellen auf dem Hügel
+zugleich heraus! Der Waldbrand war Vogel und Schlange zugleich; er konnte
+sich ebensogut weit durch die Luft schwingen wie an der Erde hinkriechen;
+er entzündete den ganzen Waldhügel auf einen Schlag.
+
+Nun entstand eine wahre Panik; die Vögel flohen in wilder Eile. Wie große
+Rußflocken flatterten sie aus dem Rauche heraus, flogen quer übers Tal hin
+und auf den Hügel, wo sich der Junge befand. Ein Uhu ließ sich neben dem
+Jungen nieder, und gerade über ihm setzte sich ein Habicht auf einen Zweig.
+Zu jeder andern Zeit wären dies gefährliche Nachbarn gewesen; aber jetzt
+beachteten die Vögel den Jungen gar nicht. Sie starrten nur in das Feuer
+hinein und konnten offenbar durchaus nicht begreifen, was dort im Walde
+vorging. Ein Marder lief auch auf den Baum herauf; er stellte sich auf die
+äußerste Spitze eines Zweiges und schaute unverwandt zu dem brennenden
+Waldhügel hinüber. Dicht neben dem Marder saß ein Eichhörnchen; aber die
+beiden schienen einander gar nicht zu sehen.
+
+Jetzt jagte das Feuer den Abhang herunter. Es zischte und dröhnte wie ein
+brausender Sturm. Durch den Rauch hindurch konnte man die Flammen von Baum
+zu Baum züngeln sehen. Ehe eine Tanne in Brand geriet, wurde sie zuerst in
+eine dünne Rauchwolke wie in einen Schleier gehüllt, dann wurden mit einem
+Schlag alle ihre Nadeln rot, und dann begann sie zu knistern und zu
+brennen.
+
+Drunten im Tal vor dem Hügel floß ein kleiner von Erlen und Birken
+umsäumter Bach. Es sah aus, als müsse das Feuer hier Halt machen. Die
+Laubholzbäume gerieten nicht so rasch in Brand wie die Nadelhölzer. Hier
+stand das Feuer wie vor einer Mauer und konnte nicht weiter. Es glühte und
+sprühte und versuchte, nach dem Nadelwald auf der andern Seite des Baches
+hinüberzuspringen; aber es gelang ihm nicht.
+
+Für eine Weile war das Feuer zum Stillstand gebracht; doch jetzt leckte
+eine lange Feuerzunge hinüber nach einer hohen, abgestorbenen Fichte, die
+unten am Abhang wuchs; sofort stand auch der ganze Baum in heller Lohe, und
+damit war das Feuer über den Bach herübergekommen. Die Hitze war überaus
+stark; jeder Baum am ganzen Abhang war in größter Gefahr: er konnte im
+nächsten Augenblick in Brand geraten. Und mit solchem wilden Brausen und
+Donnern, wie es nur der heftigste Sturm oder der wildeste Wasserfall
+hervorbringt, jagte das Feuer jetzt den jenseitigen Hügel hinauf.
+
+Da breiteten der Habicht und der Uhu die Flügel aus und flogen davon. Der
+Marder schoß von dem Baum hinunter. Allem Anscheine nach dauerte es jetzt
+nicht mehr lange, bis das Feuer diese Tanne ergriff, und der Junge mußte
+machen, daß er herunterkam. Aber es war nicht so leicht für ihn, an dem
+hohen, geraden Stamm der Tanne hinabzuklettern; er klammerte sich an, so
+gut es ging, und ließ sich so von einem Zweig zum andern hinuntergleiten,
+und schließlich stürzte er schwer zu Boden. Aber er hatte keine Zeit, sich
+zu überzeugen, ob er sich verletzt hatte. Nur fort, fort! Das war die
+Losung. Wie ein zischender Blitz schlug das Feuer in die Tanne, der
+Erdboden darunter war glühend heiß und begann zu rauchen. Auf der einen
+Seite von dem Jungen lief ein Luchs, auf der andern ringelte sich eine
+lange Kreuzotter, und ganz dicht neben der Kreuzotter kluckte eine
+Auerhenne, die mit ihren kleinen flaumigen Jungen davoneilte.
+
+Als die Flüchtlinge den Abhang hinuntergekommen waren und das Tal erreicht
+hatten, trafen sie mit Menschen zusammen, die ausgezogen waren, das Feuer
+zu löschen. Sie waren gewiß schon lange hier am Werke gewesen; aber der
+Junge hatte so fortgesetzt nach der Seite gestarrt, woher das Feuer kam,
+daß er sie nicht früher wahrgenommen hatte. Auch durch dieses Tal floß ein
+dicht mit Laubhölzern umsäumter Bach, und hinter diesen Bäumen arbeiteten
+die Leute. Sie fällten die den Erlen zunächststehenden Nadelhölzer, holten
+Wasser aus dem Bach, schütteten es aufs Erdreich und rissen Heidekraut und
+Maiblumenstöcke heraus, damit sich das Feuer keinen Weg durch das Gestrüpp
+bahnen könnte.
+
+Auch diese Leute dachten an nichts andres als an den Waldbrand, der sich
+ihnen entgegenwälzte. Die fliehenden Tiere liefen ihnen zwischen den Beinen
+durch; aber sie kümmerten sich gar nicht darum. Sie schlugen nicht nach der
+Kreuzotter, machten keinen Versuch, die Auerhenne zu fangen, während sie
+mit ihren kleinen piependen Jungen am Bachufer hin und her lief; ja sie
+beachteten nicht einmal den Däumling. Sie standen da und hielten große
+Tannenzweige in den Händen, die sie vorher in den Bach getaucht hatten und
+offenbar als Waffen gegen das Feuer benützen wollten. Es waren nicht
+besonders viele Leute, und es war ein merkwürdiger Anblick, wie sie so ganz
+ruhig zum Kämpfen bereit dastanden, während alles andre, was Leben hatte,
+entfloh.
+
+Als sich das Feuer mit lautem Dröhnen und Krachen, mit unerträglicher Hitze
+und erstickendem Rauch den Hügel herabwälzte und ohne einen Augenblick
+anzuhalten, Miene machte, über den Bach mit seiner Mauer aus grünen Bäumen
+nach dem andern Ufer hinüberzuspringen, wichen die Menschen zuerst
+unwillkürlich zurück, als wenn sie es nicht mehr hier aushalten könnten.
+Aber sie flohen nicht weit, sondern kehrten wieder um.
+
+Jetzt lief der Waldbrand mit wilder Gewalt Sturm. Die Funken sprühten und
+ergossen sich wie ein Feuerregen über die Laubholzbäume. Lange, feurige
+Zungen schlugen zischend aus dem Rauch heraus, als wenn der Wald auf der
+andern Seite sie anzöge.
+
+Aber die Laubholzbäume hielten das Feuer auf, und unter ihnen arbeiteten
+die Menschen. Wo die Erde zu rauchen anfing, trugen sie in Eimern Wasser
+herbei und kühlten sie ab. Wenn ein Baum in Rauch eingehüllt wurde, hieben
+sie mit gewaltigen Axtschlägen drauf los, stürzten ihn um und löschten die
+Flammen. Wo das Feuer im Heidekraut glimmte, schlugen sie mit den nassen
+Tannenzweigen darauf und erstickten es.
+
+Der Rauch war jetzt so dicht, daß er alles einhüllte. Man konnte nicht
+sehen, wie der Kampf sich entwickelte; aber es war wohl zu merken, welch
+ein harter Kampf es war, und mehrere Male war es gewiß nahe daran, daß das
+Feuer den Sieg davongetragen hätte.
+
+Aber gottlob, nach einer guten Weile nahm das laute Krachen und Dröhnen des
+verheerenden Feuers ab, und der Rauch verteilte sich! Da hatten die
+Laubholzbäume alle ihre Blätter verloren, das Erdreich darunter war
+vollständig versengt, die Menschen waren vom Rauch geschwärzt und in
+Schweiß gebadet, aber der Waldbrand war überwältigt, er flammte nicht mehr.
+Weiß und weich glitt jetzt der Rauch am Boden hin, und eine Menge schwarze
+Stämme tauchte aus ihm auf. Das war alles, was von dem prächtigen Wald noch
+übrig war.
+
+Der Junge war auf einen Steinblock hinaufgeklettert und hatte von da dem
+Kampfe der Menschen mit dem Feuer zugesehen. Aber jetzt, wo der Wald
+gerettet war, begann für ihn die Gefahr; der Uhu und der Habicht richteten
+plötzlich ihre Augen auf ihn.
+
+Doch in diesem Augenblick hörte der Junge eine ihm wohlbekannte Stimme
+seinen Namen rufen. Der Königsadler Gorgo kam durch den Wald
+heruntergesaust. Und bald wiegte sich der Junge von aller Gefahr erlöst
+hoch in den Lüften.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+43
+
+Västerbotten und Lappland
+
+Die fünf Kundschafter
+
+
+Während Nils Holgersson auf Skansen war, saß er einmal unter der Treppe des
+Bollnäshauses und hörte da, wie Klement Larsson und der alte Lappe sich
+miteinander über Lappland unterhielten. Sie stimmten ganz miteinander
+überein, daß Norrland der beste Teil von ganz Schweden sei; aber Klement
+Larsson gefiel die Gegend südlich vom Ångermanfluß am besten, während der
+Lappe behauptete, die nördlich von diesem Fluß liegenden Landschaften seien
+die wichtigsten.
+
+Im Laufe des Gesprächs kam es aber heraus, daß Klement nie höher droben
+gewesen war als in Härnösand, und da konnte der Lappe das Lachen nicht
+unterdrücken, weil er sich mit so großer Bestimmtheit über Gegenden
+aussprach, die er nie gesehen hatte.
+
+»Ich sehe schon, Klement, ich muß dir eine Geschichte erzählen, aus der du
+ersehen kannst, wie es in Västerbotten und Lappland, in dem großen Sameland
+aussieht, wo du noch nie gewesen bist,« sagte er.
+
+»Von mir kann gewiß niemand sagen, daß ich eine Geschichte ausgeschlagen
+hätte, ebensowenig wie man von dir sagen könnte, du sagtest jemals nein zu
+einer Tasse Kaffee,« antwortete Klement.
+
+Und dann begann der alte Lappe seine Geschichte.
+
+»So höre denn, Klement! Einmal geschah es, daß die Vögel, die drunten in
+Schweden südlich von dem alten Sameland wohnten, meinten, sie säßen zu eng
+aufeinander und könnten sich nicht mehr ausbreiten. Deshalb beschlossen
+sie, nordwärts zu ziehen.
+
+Sie versammelten sich und hielten Rat. Die Jungen und Ungeduldigen wollten
+sogleich aufbrechen; aber die Alten und Klugen bestanden darauf, daß zuerst
+Kundschafter ausgesandt würden, die das Land erforschen sollten.
+
+>Jede von den fünf großen Vogelscharen soll einen Kundschafter
+ausschicken,< sagten die Weisen, >damit wir alle zuvor erfahren, ob wir da
+droben auch gute Brutstätten, Nahrung und Schlupfwinkel finden können.<
+
+Da wählten die fünf großen Vogelscharen sogleich fünf gute kluge Vögel aus.
+Die Waldvögel einen Auerhahn, die Vögel der Ebene eine Lerche, die Seevögel
+eine Fischmöwe, die Süßwasservögel eine Lumme und die Bergvögel einen
+Schneesperling.
+
+Als diese fünf die Reise antreten sollten, sagte der Auerhahn, der größte
+und gebieterischste von diesen fünf: >Was da vor uns liegt, sind sehr große
+Länderstrecken. Wenn wir zusammen reisen, dauert es überaus lange, bis wir
+über das ganze Gebiet, das wir untersuchen sollen, hingeflogen sind. Fliegt
+aber jeder von uns für sich allein und untersucht seinen Teil des Landes,
+dann kann unsre ganze Aufgabe in ein paar Tagen vollendet sein.<
+
+Die vier andern Kundschafter waren mit diesem Vorschlag einverstanden und
+richteten sich danach. Sie einigten sich dahin, daß der Auerhahn den
+mittelsten Teil des Landes untersuchen sollte; die Lerche sollte eine
+Strecke östlicher fliegen, die Fischmöwe noch weiter gegen Osten, da wo das
+Land ins Meer abfällt; die Lumme übernahm es, weiter westlich zu fliegen
+als der Auerhahn, und der Schneesperling sollte am weitesten westlich, ganz
+an der Landesgrenze hinfliegen.
+
+In dieser Ordnung flogen die fünf Vögel gen Norden, so weit als das
+Festland reichte. Dann drehten sie um und kehrten wieder heim und erzählten
+den versammelten Vögeln, was sie gesehen hatten.
+
+Die Fischmöwe, die dem Meeresufer entlang geflogen war, ergriff zuerst das
+Wort.
+
+[Illustration]
+
+>Da droben im Norden ist ein gutes Land,< sagte sie. >Es besteht aus einer
+einzigen Reihe von Schären; überall sind fischreiche Sunde und bewaldete
+Landzungen und Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind, und die
+Seevögel finden dort überall ausgezeichnete Brutplätze. Die Menschen
+treiben ein wenig Fischfang und Seefahrt in den Sunden, aber nicht so viel,
+daß es uns Vögel stören könnte. Wenn die Seevögel meinem Rat folgen, dann
+ziehen sie sogleich gen Norden.<
+
+Nach der Fischmöwe begann die Lerche, die das Land innerhalb der Küste
+untersucht hatte.
+
+[Illustration]
+
+>Ich verstehe nicht, was die Möwe da von Landzungen und Inseln behauptet,<
+sagte sie. >Ich habe nichts weiter gesehen als große Felder und
+wunderschöne blühende Wiesen. In meinem ganzen Leben hab ich noch nie ein
+Land gesehen, das von so vielen großen Flüssen durchschnitten gewesen wäre;
+es war eine wahre Freude, zu sehen, wie diese Ströme mit ihren gewaltigen
+Wassermassen so ruhig und gleichmäßig durch die Ebene hinzogen. An den
+Ufern liegen die Bauernhöfe so dicht wie die Häuser an einer Straße, und an
+den Flußmündungen sind Städte, sonst aber ist das Land sehr einsam und nur
+spärlich bewohnt. Wenn die Vögel der Ebene meinem Rat folgen, ziehen sie
+sogleich nordwärts.<
+
+Nach der Lerche kam der Auerhahn an die Reihe, der in der Mitte des Landes
+geflogen war.
+
+[Illustration]
+
+>Ich begreife weder, was die Lerche mit ihren Wiesen, noch was die
+Fischmöwe mit ihren Schären will,< sagte er. >Ich habe auf der ganzen Reise
+nichts andres gesehen als Tannen- und Fichtenwälder, eine Menge großer
+Moore und viele rauschende, brausende Flüsse; aber alles, was nicht Moor
+oder Fluß war, war dunkler Wald, und ich habe keine Felder und keine
+menschlichen Wohnungen gesehen. Wenn die Waldvögel meinem Rat folgen
+wollen, ziehen sie sogleich nordwärts.<
+
+Nach dem Auerhahn berichtete die Lumme, die den Landstrich auf der andern
+Seite der Wälder untersucht hatte.
+
+>Ich begreife nicht, wo die Lerche und die Fischmöwe ihre Augen gehabt
+haben,< sagte die Lumme. >Es ist ja fast gar kein Erdreich da droben.
+Nichts als große Seen. Zwischen schönen Ufern blinken dunkelblaue Bergseen,
+die sich da und dort zu brausenden Wasserfällen erweitern. An einigen
+dieser Seen habe ich Kirchen und Dörfer gesehen, aber andre lagen ganz
+einsam und friedlich da. Wenn die Süßwasservögel meinem Rat folgen, dann
+ziehen sie sogleich nordwärts.<
+
+[Illustration]
+
+Zum Schluß gab der Schneesperling, der an der Landesgrenze hingeflogen war,
+seine Meinung preis.
+
+>Ich begreife nicht, was die Lumme mit ihren Seen will, und es ist mir auch
+ganz unverständlich, was der Auerhahn, die Lerche und die Fischmöwe für ein
+Land gesehen haben wollen,< sagte er. >Ich habe da droben im Norden ein
+großes Gebirgsland gefunden. Nirgends traf ich Ebenen und ebensowenig große
+Wälder, dagegen Berggipfel um Berggipfel, Felsengegend an Felsengegend. Und
+ich habe Eisfelder und Schnee gesehen, sowie Gebirgsbäche, deren Wasser
+milchweiß waren. Keine Felder, keine Wiesen, so weit das Auge reichte, nur
+große mit Weiden, Zwergbirken und Renntiermoos bedeckte Halden. Keine
+Bauern, keine Haustiere, keine Höfe habe ich angetroffen, aber Lappen,
+Renntiere und Lappenzelte. Wenn die Gebirgsvögel meinem Rate folgen, ziehen
+sie sogleich nordwärts.<
+
+[Illustration]
+
+Nachdem die fünf Kundschafter also gesprochen hatten, schalten sie einander
+und nannten sich gegenseitig Lügner, und sie waren schon im Begriff,
+aufeinander loszufahren, um die Wahrheit ihrer Worte mit einem Kampfe
+auszufechten. Aber die alten, klugen Vögel, die die Kundschafter
+ausgeschickt und mit großer Freude vernommen hatten, was diese berichteten,
+beruhigten die Kampflustigen.
+
+>Streitet euch nicht!< sagten sie. >Soviel haben wir aus euren Worten
+vernommen, daß da droben im Norden ein gutes Gebirgsland und ein großes
+Seenland und ein großes Waldland und ein großes ebenes Land und große
+Schären sind. Das ist mehr, als wir erwartet hatten, ja, viele große
+Königreiche können sich nicht rühmen, dies alles innerhalb ihrer Grenzen
+zu besitzen.<«
+
+[Illustration]
+
+
+Das wandernde Land
+
+ Samstag, 18. Juni
+
+Jetzt, wo Nils Holgersson selbst über das Land hinflog, von dem der Lappe
+erzählt hatte, fiel ihm diese Geschichte wieder ein. Der Adler hatte ihm
+gesagt, der flache Küstenstrich, der sich da unter ihnen ausbreitete, sei
+Västerbotten, und die blauenden Höhen ganz draußen im Westen seien
+Lappland.
+
+Ach, wie glücklich war Nils Holgersson, daß er jetzt nach all der Angst,
+die er während des Waldbrandes ausgestanden hatte, wohlbehalten wieder auf
+Gorgos Rücken saß! Dieses Gefühl war an und für sich schon beglückend, aber
+die Reise selbst war jetzt auch wunderbar schön. Am Morgen war der Wind aus
+Norden gekommen, jetzt hatte er sich gewendet, die Reisenden hatten ihn im
+Rücken, und deshalb spürten sie ihn gar nicht. Da auch der Adler ganz
+gleichmäßig flog, glaubte der Junge bisweilen, dieser stehe ganz still, und
+er schlage nur immerfort mit den Flügeln, ohne vom Flecke zu kommen. Statt
+dessen aber schien unter ihm alles in Bewegung zu sein. Der ganze Erdboden
+und alles, was darauf war, glitt langsam südwärts. Wälder, Häuser, Wiesen,
+Zäune, Flüsse, Ortschaften, Schäreninseln, Sägewerke, alles war auf der
+Wanderschaft! Der Junge überlegte, wohin alle miteinander nur wollten?
+Waren sie es müde geworden, so lange da droben im Norden zu stehen, und
+wollten sie nun südwärts ziehen?
+
+Zwischen allem diesem, das sich bewegte und gen Süden wanderte, stand nur
+eins still, nämlich ein Eisenbahnzug. Er hielt gerade unter den beiden, die
+da droben durch die Lüfte flogen, und es ging dem Zuge genau wie Gorgo: er
+konnte nicht vom Flecke kommen. Die Lokomotive spie Rauch und Funken aus,
+der Junge konnte bis zu sich herauf hören, daß die Räder laut auf den
+Schienen rasselten, aber der Zug selbst bewegte sich nicht. Die Wälder
+glitten an ihm vorüber, die Bahnwärterhäuschen glitten vorüber, die
+Schlagbäume und die Telegraphenstangen glitten vorüber, aber der Zug stand
+still. Ein breiter Fluß mit einer langen Brücke über sich floß ihm
+entgegen; aber der Fluß und die Brücke glitten ohne jegliche Schwierigkeit
+unter dem Zuge durch. Schließlich kam ein Bahnhof dahergelaufen. Der
+Stationsvorsteher stand mit seiner roten Fahne in der Hand auf dem
+Bahnsteig und glitt langsam zu dem Zuge hin. Als er seine Fahne schwang,
+stieß die Lokomotive noch schwärzere Rauchwirbel heraus als vorher und
+pfiff jämmerlich, wie wenn sie sich darüber beklagte, daß sie nicht
+vorwärts kommen könne. Aber in demselben Augenblick setzte sich der Zug in
+Bewegung und, gerade wie der Bahnhof und alles andre, glitt jetzt auch er
+südwärts dahin. Der Junge sah, wie die Wagentüren aufgemacht wurden und die
+Reisenden ausstiegen, während doch alle beide, die Reisenden mitsamt dem
+Zuge, sich in südlicher Richtung weiter bewegten. Aber jetzt wendete Nils
+Holgersson seine Blicke von der Erde ab und versuchte geradeaus zu schauen.
+Der Anblick dieses wunderbaren Eisenbahnzuges hatte ihn ordentlich
+schwindlig gemacht.
+
+Doch nachdem er eine Weile eine kleine weiße Wolke angestarrt hatte, wurde
+ihm diese Unterhaltung langweilig, und er schaute wieder hinunter. Immer
+noch war es, als halte sich der Adler ganz ruhig in den Lüften, während
+alles andre südwärts davon eilte. Als nun der Junge so auf dem Rücken des
+Adlers saß und sich mit nichts anderm unterhalten konnte als mit seinen
+eignen Gedanken, machte es ihm Spaß, sich auszudenken, wie es wäre, wenn
+ganz Västerbotten in Bewegung käme und gen Süden zöge. Ei der Tausend, wenn
+nun der Acker dort, der da unter ihm hinglitt -- er war wohl eben erst
+eingesät, denn nirgends war ein grünes Hälmchen zu sehen -- hinunter auf
+die Südebene in Schonen fahren würde, wo der Roggen um diese Zeit schon
+Ähren trug!
+
+Die Nadelwälder hatten sich da oben verändert. Die Bäume standen weit
+auseinander, mit kurzen Zweigen und fast schwarzen Nadeln. Viele Bäume
+hatten verdorrte Wipfel und sahen krank aus. Die Erde unter ihnen war mit
+alten Stämmen bedeckt, die wegzuschaffen niemand sich die Mühe gegeben
+hatte. Wie, wenn nun so ein Wald so weit hinunterkäme, daß er den Kolmården
+sehen könnte? Wie ärmlich müßte er sich dann vorkommen!
+
+Und der Garten, den er jetzt gerade unter sich sah! Es waren schöne Bäume
+darin, aber weder Obstbäume, noch edle Linden oder Kastanien, nur
+Vogelbeeren und Birken. Es war auch schönes Gebüsch darin, aber kein
+Goldregen und Flieder, nur Faulkirschen und Holunder. Auch Gemüsebeete sah
+der Junge, aber die waren bis jetzt weder umgegraben noch angepflanzt. Wie,
+wenn nun so ein Gütchen an einem Herrschaftsgarten in Sörmland angefahren
+käme? Da würde es sich selbst gewiß nur für eine Einöde halten!
+
+Oder diese Wiese dort, die mit so vielen kleinen grauen Scheunen bedeckt
+war, daß man hätte meinen können, die Hälfte des Bodens sei zu Bauplätzen
+verwendet worden! Wenn sie hinunterzöge nach der Ostgötaebene, würden die
+Bauern da drunten wahrlich große Augen machen!
+
+Aber wenn das große Moorland, das jetzt unter ihm lag und ganz mit Fichten
+bestanden war, die aber nicht wie in gewöhnlichen Wäldern aufrecht und
+gerade wuchsen, sondern sich mit buschigen Zweigen und üppigen Kronen in
+hübschen Gruppen auf dem schönsten Teppich von Renntiermoos aufgestellt
+hatten, wenn dieses Moorland den Weg hinunter nach Övedskloster einschlüge,
+dann würde der prächtige Park dort einräumen müssen, daß nun seinesgleichen
+gefunden sei.
+
+Wie, wenn die hölzerne Kirche dort unter ihm, mit den roten Holzschindeln
+an den Wänden, mit dem bunt bemalten Glockenturm und einem ganzen Städtchen
+von grauen Kirchenhütten um sich her, in denen die Familien, die weit her
+kamen, übernachteten, an einer der großen fest gemauerten Kirchen auf der
+Insel Gotland vorübergezogen käme? Die würden einander ordentlich etwas zu
+erzählen haben!
+
+Aber der Stolz und die Ehre der ganzen Landschaft waren die gewaltigen
+dunkeln Flüsse mit ihren prächtigen Tälern, diesen Tälern mit ihren vielen
+Höfen, ihrer Menge Bauholz, ihren Sägewerken, ihren Dörfern und mit dem
+großen Gewimmel von Dampfschiffen an den Mündungen! Wenn solch ein Fluß
+sich weiter drunten im Land zeigen würde, dann würden alle Flüsse und Bäche
+südlich vom Dalälf vor lauter Scham in die Erde versinken!
+
+Und wie, wenn so eine ungeheuer große Ebene, eine so gut gelegene, so
+leicht zu bebauende Ebene vor die Augen der armen Smålandbauern
+herangeglitten käme? Da würden sie von ihren kleinen Äckerchen und ihren
+steinigen Wiesen daherlaufen und eifrig zu graben und zu bebauen anfangen!
+
+Und seht, an einem war diese Landschaft reicher als alle andern, nämlich an
+Licht. Die Kraniche schliefen stehend auf den Mooren; die Nacht mußte
+angebrochen sein, aber das Licht war nicht verschwunden. Die Sonne war
+nicht südwärts gezogen wie alles andre. Dagegen war sie jetzt so weit
+nördlich gewandert, daß sie dem Jungen mit geraden Strahlen ins Gesicht
+schien. Und sie hatte es offenbar gar nicht im Sinne, hinter den Horizont
+hinabzutauchen. Wie, wenn dieses Licht und diese Sonne in Westvemmenhög
+scheinen würden? Das würde dem Häusler Holger Nilsson und seiner Frau
+gefallen, ein Arbeitstag, der vierundzwanzig Stunden dauerte!
+
+
+Der Traum
+
+ Sonntag, 19. Juni
+
+Nils Holgersson hob den Kopf und schaute sich plötzlich hell wach um. Das
+war doch merkwürdig! Hier lag er und hatte an einem Orte geschlafen, wo er
+noch nie gewesen war. Nein, dieses Tal hier, in dem er lag, hatte er gewiß
+noch nie gesehen, und ebensowenig die Berge, die es umgaben. Er erkannte
+den runden See nicht, der mitten im Tale lag, und noch niemals hatte er so
+ärmliche, verkrüppelte Birken gesehen wie die, unter denen er ruhte.
+
+Und wo war der Adler? Er konnte ihn nirgends entdecken. Gorgo mußte ihn
+verlassen haben. Welch ein Abenteuer!
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+Der Junge legte sich wieder auf den Boden nieder, schloß die Augen und
+versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wie alles vor seinem
+Einschlafen gewesen war.
+
+Er erinnerte sich, daß es ihm, während sie über Västerbotten hingeflogen
+waren, die ganze Zeit gewesen war, als ob der Adler ganz ruhig in der Luft
+droben auf ein und demselben Flecke verbliebe, während das Land unter ihnen
+gen Süden zog. Aber dann hatte sich der Adler nordwestwärts gewandt, und in
+demselben Augenblick hatte das Land drunten stillgestanden, und der Junge
+hatte gefühlt, daß der Adler ihn mit Windeseile davontrug.
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+»Jetzt fliegen wir nach Lappland hinein,« sagte Gorgo. Und sofort beugte
+sich der Junge weit vor, um die Landschaft zu sehen, von der er so viel
+gehört hatte.
+
+Aber er fühlte sich ziemlich enttäuscht, denn er sah nichts als große
+Wälder und weite Moore. Nichts als Wald und Moor, Moor und Wald, bis ins
+Unendliche. Die große Einförmigkeit machte ihn schließlich so schläfrig,
+daß er beinahe hinuntergestürzt wäre.
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+Da sagte er zu dem Adler, er könne nicht länger auf dessen Rücken sitzen
+bleiben, er müsse durchaus ein wenig schlafen. Sofort ließ sich Gorgo ins
+Tal hinuntersinken, und der Junge warf sich ins Moos; aber dann nahm ihn
+Gorgo zwischen seine Klauen und schwang sich wieder mit ihm in die Luft
+hinauf.
+
+»Schlaf du nur, Däumling!« rief er. »Mich hält der Sonnenschein wach, und
+ich will die Reise fortsetzen.«
+
+Und obgleich der Junge sehr unbequem zwischen den Klauen des Adlers hing,
+schlief er wirklich ein, und während er schlief, hatte er einen Traum.
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+Es war ihm, als sei er auf einer breiten Straße drunten im südlichen
+Schweden, und als laufe er da so schnell vorwärts, wie seine kleinen Beine
+ihn nur zu tragen vermochten. Er war jedoch nicht allein: eine Menge
+Wanderer zog denselben Weg. Dicht neben ihm marschierten Roggenhalme mit
+schweren Ähren an der Spitze, blaue Kornblumen und andre bunte Feldblumen;
+die Apfelbäume keuchten unter der Last ihrer Früchte daher, hinter ihnen
+kamen die Bohnen und Erbsen mit vollen Bälgen, große Büsche Wucherblumen
+und ein ganzes Buschwerk von Beerensträuchern. Große Laubholzbäume, Buchen,
+Eichen und Linden schritten in aller Ruhe in der Mitte der Straße; stolz
+rauschten ihre Kronen, und sie gingen niemand aus dem Wege. Die kleinen
+Pflanzen liefen dem Jungen zwischen den Beinen durch: Erdbeerstöcke,
+Anemonen, Löwenzahn, Klee und Vergißmeinnicht. Zuerst meinte der Junge, es
+seien lauter Pflanzen, die auf dem Wege dahinzogen, aber bald entdeckte er,
+daß auch Tiere und Menschen dazwischen waren. Die Insekten summten zwischen
+den vorwärtsstrebenden Pflanzen, in den Gräben schwammen Fische, auf den
+dahinwandernden Bäumen sangen die Vögel, zahme und wilde Tiere liefen um
+die Wette mit; und mitten zwischen all diesem Gewimmel wanderten Menschen
+daher, die einen trugen Spaten und Sensen, andre Äxte, wieder andre Flinten
+und einige Fischgeräte.
+
+Der Zug wanderte fröhlich und lustig dahin, und das verwunderte den Jungen
+gar nicht, als er sah, wer ihn führte. Denn das war niemand geringeres als
+die Sonne selbst. Diese rollte auf der Straße vor ihnen her wie ein großes
+glänzendes Haupt, von vielfarbig strahlendem Haar umgeben und mit einem
+Gesicht, das vor Frohsinn und Güte leuchtete.
+
+»Vorwärts!« rief sie ununterbrochen. »Niemand braucht sich zu fürchten,
+wenn ich dabei bin. Vorwärts! Vorwärts!«
+
+»Ich möchte wohl wissen, wohin die Sonne uns zu führen gedenkt?« sagte der
+Junge vor sich hin.
+
+Die Roggenhalme, die neben ihm gingen, hörten, was der Junge sagte, und
+entgegneten sogleich: »Sie will uns nach Lappland hinaufführen, und dort
+sollen wir gegen den großen Versteinerer kämpfen.«
+
+Nils Holgersson sah bald, daß allmählich mehrere von den Fußgängern
+bedenklich wurden; sie gingen langsamer und blieben schließlich zurück. Er
+sah, wie die großen Buchen anhielten; die Rehe und der Weizen blieben am
+Grabenrand stehen, und ebenso die Brombeerbüsche, die großen gelben
+Dotterblumen, die Kastanienbäume und die Rebhühner.
+
+Er schaute zurück, um zu ergründen, warum so viele zurückblieben. Da
+entdeckte er, daß er sich nicht mehr in dem südlichen Schweden befand; die
+Reise war über die Maßen rasch vor sich gegangen, sie befanden sich jetzt
+schon im Svealand.
+
+Hier oben ging die Eiche mit immer langsameren Schritten. Sie blieb ein
+wenig stehen, machte noch einige zögernde Schritte und hielt dann ganz an.
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+»Warum geht die Eiche nicht mehr mit?« fragte der Junge.
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+»Sie hat Angst vor dem großen Versteinerer,« sagte eine helle, grüne junge
+Birke, die so froh und wohlgemut vorwärts schritt, daß es eine wahre Lust
+war.
+
+Obgleich nun schon viele zurückgeblieben waren, wanderte doch noch eine
+große Schar mit frischem Mute weiter. Und das Sonnenhaupt rollte die ganze
+Zeit vor ihnen her und rief: »Vorwärts! Vorwärts! Niemand braucht Angst zu
+haben, solange ich dabei bin!«
+
+Der Zug setzte seine Reise mit derselben Hast fort. Bald war er droben in
+Norrland; aber jetzt half alles nichts mehr, soviel auch die Sonne bat und
+flehte. Der Apfelbaum blieb stehen, der Kirschbaum blieb stehen und die
+Haferfrucht blieb stehen. Der Junge wendete sich an die Zurückbleibenden.
+
+»Warum wollt ihr nicht mehr mit? Warum verlasset ihr die Sonne?« fragte er.
+
+»Wir wagen es nicht. Wir haben Angst vor dem großen Versteinerer, der
+droben in Lappland wohnt,« antworteten sie.
+
+Der Junge schloß daraus, daß sie jetzt sehr hoch hinauf nach Lappland
+gekommen sein müßten, und hier wurde die Schar auch immer dünner. Der
+Roggen und die Gerste, die Erdbeerstöcke und die Heidelbeerbüsche, die
+Erbsenranken, die Johannisbeersträucher waren alle bis hierher mitgegangen;
+das Elentier und die Kuh waren Seite an Seite gewandert; aber jetzt blieben
+alle diese zurück. Die Menschen gingen noch eine Strecke weiter mit, aber
+dann hielten auch sie an. Die Sonne wäre jetzt beinahe ganz verlassen
+gewesen, wenn nicht neue Reisegenossen dazu gekommen wären. Weidenbüsche
+und eine Menge anderes Strauchwerk schlossen sich dem Zuge an, desgleichen
+auch Lappen und Renntiere, Bergeulen und Blaufüchse und Schneehühner.
+
+Jetzt hörte der Junge, daß ihnen etwas entgegenkam. Eine Menge Bäche und
+Flüsse, die mit gewaltigem Rauschen und Brausen daherschäumten.
+
+»Warum haben sie es denn so eilig?« fragte der Junge.
+
+»Sie fliehen vor dem großen Versteinerer, der droben auf dem Gebirge
+wohnt,« antwortete ein Schneehuhn.
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+Ganz plötzlich sah Nils Holgersson, daß gerade vor ihnen eine hohe, dunkle,
+mit Zinnen gekrönte Mauer aufragte. Bei dem Anblick dieser Mauer schienen
+alle zurückzuweichen; aber die Sonne wendete rasch ihr strahlendes Gesicht
+der Mauer zu und goß ihr Licht darüber aus. Und siehe da! keine Mauer stand
+ihnen im Wege, nur lauter wunderschöne Berge, die sich einer hinter dem
+andern auftürmten. Die Gipfel leuchteten glänzend im Sonnenschein, und die
+Abhänge schimmerten hellblau mit goldenen Streifen dazwischen.
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+»Vorwärts! Vorwärts! Es ist keine Gefahr, so lange ich dabei bin!« rief die
+Sonne; und schon rollte sie an den steilen Bergwänden hinauf.
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+Aber auf diesem Wege den Berg hinauf wurde die Sonne von der tapfern jungen
+Birke, der starken Fichte und der wetterfesten Tanne verlassen. Hier
+verließen sie auch das Renntier, die Lappen und das Weidengebüsch. Und
+schließlich, als die Sonne den Gipfel des Berges erreicht hatte, war keiner
+mehr bei ihr als der kleine Nils Holgersson.
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+Die Sonne rollte in eine Schlucht hinein, wo die Wände mit Eis bedeckt
+waren, und Nils Holgersson wollte ihr in die Schlucht hinein folgen; aber
+er kam nicht weiter als bis an den Eingang, denn plötzlich sah er etwas
+Entsetzliches. Ganz drinnen in der Schlucht saß ein alter Troll mit einem
+Körper aus Eis, mit Haar aus Eiszapfen und einem Mantel aus Schnee. Vor
+dem Troll lagen mehrere schwarze Wölfe, die, sobald die Sonne sich zeigte,
+aufstanden und den Rachen weit aufsperrten. Da drang aus dem einen
+Wolfsrachen bittere Kälte, aus dem zweiten ein beißender Nordwind und aus
+dem dritten schwarze Finsternis heraus.
+
+»Da haben wir wohl den großen Versteinerer und sein Gefolge,« dachte der
+Junge. Er war sich ganz klar darüber, daß er am besten täte, wenn er sich
+auf und davon machte; aber er war zu neugierig, zu sehen, wie die Begegnung
+zwischen der Sonne und dem Troll ablaufen würde, und so blieb er stehen.
+
+[Illustration]
+
+Der Troll rührte sich nicht; mit seinem schauderhaften Eisgesicht starrte
+er der Sonne entgegen, und die Sonne stand auch ganz still und lachte und
+strahlte ihn nur immerfort an. So verging eine Weile, und der Junge meinte
+zu hören, daß der Troll zu seufzen und zu wimmern beginne. Der Schneemantel
+glitt von seiner Schulter herab, und die drei fürchterlichen Wölfe heulten
+nicht mehr so laut.
+
+Doch da rief die Sonne auf einmal: »Jetzt ist meine Zeit vorbei!« und
+rollte rückwärts zu der Schlucht hinaus.
+
+Da ließ der Troll seine drei Wölfe los, und plötzlich kamen der Nordwind,
+die Kälte und die Finsternis aus der Schlucht herausgefahren und jagten
+hinter der Sonne her. »Weg mit ihr! Jagt sie fort!« schrie der Troll. »Jagt
+sie so weit fort, daß sie nie wieder kommen kann! Zeigt ihr, daß Lappland
+mir gehört!«
+
+Als aber Nils Holgersson hörte, daß die Sonne aus Lappland verjagt werden
+sollte, entsetzte er sich über die Maßen. Mit einem lauten Schrei fuhr er
+auf und erwachte -- --
+
+Als er ein wenig zu sich gekommen war, sah er, daß er in einem großen, von
+Bergen umschlossenen Felsental lag. Aber wo war Gorgo? Und wie sollte er
+erfahren, wo er sich befand?
+
+Er richtete sich auf und schaute sich um. Da fiel sein Blick auf ein
+sonderbares Gebäude aus Fichtenzweigen, das auf einem Felsenabsatz stand.
+»Das ist gerade so ein Adlernest, wie Gorgo ...«
+
+Nils Holgersson dachte den Gedanken nicht zu Ende. Statt dessen riß er die
+Mütze vom Kopfe, schwang sie lustig und schrie: »Hurra!« Er hatte erraten,
+wohin Gorgo ihn gebracht hatte! Hier war das Tal, wo oben auf dem
+Felsenabsatz die Adler und unten im Tal die Wildgänse wohnten. Er war am
+Ziel! Im nächsten Augenblick würde er wieder mit dem Gänserich Martin, mit
+Akka und allen Reisekameraden vereinigt sein!
+
+
+Am Ziel
+
+Der Junge ging ganz leise umher und suchte nach seinen Freunden. Ringsum im
+Tale war es überall ganz still. Die Sonne war noch nicht über die Felswände
+heraufgestiegen; es mußte also noch sehr früh am Tage sein, und die
+Wildgänse waren auch noch nicht aufgewacht. Der Junge hatte kaum einige
+Schritte gemacht, als er lächelnd stehen blieb, weil er etwas gar so
+Schönes sah. Dort im Grase lag eine Wildgans auf einem kleinen Neste, und
+neben ihr stand der Gänserich. Er schlief zwar auch, aber man sah wohl, er
+hatte sich so nahe dabei aufgestellt, um bei jeder Gefahr zur Hand zu sein.
+
+Ohne die beiden zu stören, wanderte der Junge weiter und lugte zwischen die
+kleinen Weidenbüsche hinein, die überall wuchsen. Es dauerte auch nicht
+lange, da entdeckte er wieder ein Gänsepaar. Diese gehörten nicht zu seiner
+Schar; es waren Fremde, aber der Junge freute sich doch sehr über sie. Und
+plötzlich summte er ein fröhliches Liedchen vor sich hin, nur weil er mit
+ihnen zusammengetroffen war.
+
+Jetzt schaute er wieder in ein Gebüsch hinein, und da entdeckte er endlich
+ein Paar, das er kannte. Das war ganz bestimmt Neljä, die da auf ihren
+Eiern lag, und der danebenstehende Gänserich war Kolme. Ja, ja, so war es!
+Eine Täuschung war ausgeschlossen!
+
+Er hatte die größte Lust, die beiden zu wecken, unterließ es dann aber doch
+und ging weiter.
+
+Im nächsten Strauchwerk sah er Viisi und Kuusi, und nicht weit davon fand
+er Yksi und Kaksi. Alle vier schliefen, und der Junge ging vorüber, ohne
+sie zu stören.
+
+Als er in die Nähe des nächsten Gebüsches kam, glaubte er zwischen den
+Zweigen etwas Weißes hervorschimmern zu sehen, und sogleich begann sein
+Herz vor lauter Freude laut und rasch zu klopfen. Ja, es war, wie er
+erwartet hatte! Da drinnen lag Daunenfein, noch eben so niedlich wie
+früher, auf ihren Eiern, und neben ihr stand der weiße Gänserich. Der Junge
+meinte, man könne ihm sogar im Schlafe ansehen, wie stolz er darauf war, da
+oben in den lappländischen Bergen bei seiner Frau Wache stehen zu dürfen.
+
+Aber der Junge wollte auch den weißen Gänserich nicht wecken, leise ging er
+weiter wie bisher.
+
+Er mußte ziemlich lange suchen, bis er auf weitere Wildgänse stieß. Aber da
+entdeckte er auf einem kleinen Hügel etwas, das einem grauen Erdhaufen
+glich. Und als er am Fuß des Hügels angekommen war, war der Erdhaufen
+nichts andres als Akka von Kebnekajse, die ganz hell wach da droben stand
+und sich umschaute, als bewache sie das ganze Tal.
+
+»Guten Tag, Mutter Akka!« sagte der Junge. »Wie schön, daß Ihr wach seid!
+Wollt Ihr jetzt nicht noch ein wenig warten, ehe Ihr die andern weckt? Ich
+möchte gar zu gerne ein wenig allein mit Euch sprechen.«
+
+Die alte Anführergans stürzte den Hügel herunter und auf den Jungen zu.
+Zuerst packte sie ihn und schüttelte ihn, dann strich sie ihm mit dem
+Schnabel am ganzen Körper auf und ab, und dann schüttelte sie ihn noch
+einmal. Aber sie sagte kein Wort, denn er hatte sie ja gebeten, die andern
+nicht zu wecken.
+
+Der Däumling küßte die alte Mutter Akka auf beide Wangen, und dann fing er
+an zu erzählen, wie er nach Skansen gebracht und dort gefangen gehalten
+worden war.
+
+»Und nun kann ich Euch noch erzählen, daß Smirre, der Fuchs mit dem
+abgebissenen Ohre, in dem Fuchsbau auf Skansen gefangen saß,« fuhr der
+Junge fort, nachdem er seine Erlebnisse berichtet hatte. »Und obgleich er
+sehr häßlich gegen uns gewesen ist, tat er mir doch herzlich leid. Es waren
+noch viele andre Füchse in dem großen Fuchskäfig; diesen schien es indes
+ganz wohl da zu sein, nur Smirre saß immer sehr betrübt da und sehnte sich
+nach der Freiheit. Ich hatte mir nach und nach viele gute Freunde da droben
+erworben, und eines Tages hörte ich von dem Lappenhund, es sei ein Mann
+nach Skansen gekommen, der Füchse kaufen wolle. Er sei von einer weit
+draußen im Meere liegenden Insel. Auf dieser Insel seien alle Füchse
+ausgerottet worden, infolgedessen aber könne man sich jetzt dort der Ratten
+nicht mehr erwehren, und deshalb wolle man wieder Füchse einführen.
+
+Sobald ich das erfahren hatte, ging ich nach dem Fuchskäfig und sagte:
+>Smirre, morgen kommen Leute hierher, die einige Füchse kaufen wollen.
+Versteck dich also nicht, sondern bleibe hier draußen und sorge dafür, daß
+du gefangen wirst, dann erhältst du deine Freiheit wieder.< Er ist dann
+meinem Rat gefolgt, und nun läuft er wohl auf jener Insel frei umher. Was
+sagt Ihr dazu, Mutter Akka? War das eine Tat nach Eurem Sinne?«
+
+»Wenn ich es selbst gewesen wäre, hätte ich es nicht besser machen können,«
+antwortete Akka.
+
+»Es freut mich, daß Ihr damit einverstanden seid,« sagte der Junge. »Nun
+aber möchte ich Euch noch etwas andres fragen. Eines Tages sah ich, daß der
+Adler Gorgo, der damals mit dem Gänserich Martin kämpfte, als Gefangener
+nach Skansen gebracht und da in den Adlerkäfig gesetzt wurde. Er sah gar
+elend und traurig aus, und manchmal war es mir, als müßte ich in das
+Stahldrahtnetz über seinem Kopf ein Loch feilen, damit er herausfliegen
+könnte. Aber dann dachte ich wieder: Nein, nein, denn er ist ja ein
+gefährlicher Räuber und Vogelfresser! Ich wußte nicht, ob es recht wäre,
+einen solchen Missetäter herauszulassen, und so dachte ich, es sei
+vielleicht doch am besten, wenn er bliebe, wo er war. Was sagt Ihr dazu,
+Mutter Akka? War das richtig gedacht?«
+
+»Nein, das war gar nicht richtig gedacht,« sagte Akka. »Man kann über die
+Adler denken, wie man will; aber sie sind stolzer und freiheitsliebender
+als andre Tiere, und es ist sehr unrecht, wenn sie in Gefangenschaft
+gehalten werden. Weißt du, was ich dir vorschlagen möchte? Sobald du
+ausgeruht hast, reisen wir beide hinunter zu dem großen Vogelgefängnis und
+befreien Gorgo.«
+
+»Diese Worte habe ich von Euch erwartet, Mutter Akka,« sagte der Junge. »Es
+gibt welche, die sagen, Ihr hättet keine Liebe mehr für den, den Ihr mit so
+großer Mühe aufgezogen habt, weil er so lebt, wie ein Adler seiner Natur
+nach leben muß. Aber eben jetzt hab ich gehört, daß es nicht so ist. Nun
+will ich nachsehen, ob der Gänserich Martin noch nicht erwacht ist, und
+wenn Ihr indessen dem ein Wort des Dankes sagen wollt, der mich zu Euch
+zurückgebracht hat, dann trefft Ihr ihn wahrscheinlich droben auf dem
+Felsenabsatz, wo Ihr einstmals ein hilfloses Adlerjunges gefunden habt.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+44
+
+Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats
+
+Die Krankheit
+
+
+In dem Jahre, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, wurde viel
+von zwei Kindern gesprochen, die durch das Land wanderten. Sie waren von
+Småland aus dem Bezirke Sunnerbo, und sie hatten einst mit ihren Eltern in
+einem Häuschen draußen auf der großen Ljungheide gewohnt. Als die Kinder
+noch ganz klein waren, klopfte eines Abends eine arme Frau bei den Leuten
+an und bat um ein Obdach. Obgleich die Hütte knapp Raum für die eigenen
+Bewohner hatte, wurde die arme Frau doch eingelassen, und die Mutter machte
+ihr ein Lager auf dem Boden zurecht. Die ganze Nacht hindurch hustete das
+arme Weib so fürchterlich, daß es den Kindern war, als sollte ihnen das
+Haus über dem Kopfe einstürzen, und am Morgen war sie so krank, daß sie
+nicht mehr weiter konnte.
+
+Der Mann und die Frau waren so gut gegen sie wie nur möglich. Sie ließen
+sie in ihrem eigenen Bette liegen und schliefen selbst auf dem Fußboden,
+und der Mann ging zum Doktor und holte Tropfen für sie. Während der ersten
+Tage war die Frau auch wie gar nicht recht bei sich gewesen, sie hatte nur
+immerfort gefordert und verlangt, aber nie ein Wort des Dankes gesagt;
+allmählich jedoch wurde sie milder, sie taute auf und wurde demütig und
+dankbar. Schließlich bat sie nur immer, man möge sie vors Haus und auf die
+Heide hinaustragen, damit sie da draußen sterbe. Und als die Leute ihr
+Begehren nicht erfüllen wollten, erzählte sie ihnen, sie sei in den letzten
+Jahren mit einer Schar Zigeuner umhergezogen, obgleich sie nicht von
+Zigeunern abstamme; sie sei die Tochter eines Hofbauern, aber von Hause
+davongelaufen und dann bei den Zigeunern geblieben. Und jetzt glaube sie,
+eine Zigeunerin, die einen Haß auf sie gehabt habe, die habe ihr die
+Krankheit angewünscht. Aber nicht genug damit, das Zigeunerweib habe ihr
+auch gedroht und gesagt, ebenso schlimm, wie es ihr selbst gehen werde,
+solle es auch allen denen gehen, die sie unter ihrem Dach aufnähmen und gut
+gegen sie seien. Und an diese Drohung glaube sie, sagte die Kranke, und
+deshalb bitte sie so inständig, daß man sie zum Hause hinauswerfe und sich
+gar nicht mehr um sie kümmere, denn über so gute Leute wolle sie kein
+Unglück bringen. Aber die Eltern hatten nicht nach dem Willen der Kranken
+getan. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, daß sie ein wenig Angst bekamen,
+aber sie hatten eben doch nicht das Herz, so eine arme todkranke Frau vor
+die Tür zu setzen.
+
+Bald darauf starb das Weib, und dann war das Unglück über die armen Leute
+hereingebrochen. Früher hatte eitel Freude in ihrem Hause geherrscht; arm
+waren sie allerdings immer gewesen, aber ganz verarmt waren sie doch nicht.
+Der Vater verfertigte Webkämme, und die Mutter und die Kinder halfen bei
+der Arbeit. Der Vater schnitzte die Kämme, die Mutter und die große
+Schwester fügten sie zusammen. Die kleinern Kinder hobelten die Zapfen und
+schnitzten sie zurecht. Die ganze Familie arbeitete vom Morgen bis zum
+Abend; aber sie waren immer fröhlich und guter Dinge, besonders wenn der
+Vater von der Zeit erzählte, wo er durch ferne Länder gewandert war und
+Webkämme verkauft hatte. Der Vater hatte einen glücklichen Humor und
+erzählte oft so lustig, daß die Mutter und alle Kinder sich beinahe krank
+lachten.
+
+Die Zeit nach dem Tode der armen Frau stand vor den Kindern immer wie ein
+böser Traum; sie wußten nicht mehr, ob sie kurz oder lang gewesen war, sie
+erinnerten sich nur, daß daheim ein Begräbnis nach dem andern stattfand.
+Ihre Geschwister starben und wurden zu Grabe getragen, eines nach dem
+andern. Sie hatten zwar nicht mehr als vier Geschwister gehabt, aber den
+Kindern kam es vor, als seien es viel mehr gewesen. Schließlich war es
+außerordentlich still und drückend daheim in ihrer Hütte geworden. Es war,
+als fände jeden Tag ein Begräbnis statt.
+
+Die Mutter hielt den Mut einigermaßen aufrecht, aber der Vater wurde ein
+ganz andrer Mensch. Er konnte nicht mehr arbeiten und auch nicht mehr
+scherzen, sondern saß nur vom Morgen bis zum Abend da, den Kopf in den
+Händen vergraben, und grübelte.
+
+Einmal -- es war nach dem dritten Begräbnis -- brach er in wilde
+verzweifelte Reden aus, vor denen die Kinder Angst bekamen. »Nein, ich kann
+es nicht begreifen, warum ein solches Unglück über uns hereingebrochen
+ist!« rief er. »Wir haben doch nur eine gute Tat getan, als wir der Kranken
+halfen. Ist denn das Böse in der Welt mächtiger als das Gute?« Die Mutter
+hatte versucht, ihn mit vernünftigen Worten zu trösten; aber es gelang ihr
+nicht, ihn so ruhig und ergeben zu machen, wie sie selbst war.
+
+Ein paar Tage später hatten sie den Vater verloren. Aber er war nicht
+gestorben, sondern auf und davon gegangen. Ach, da war gerade die älteste
+Schwester erkrankt, und diese war von jeher der Liebling des Vaters
+gewesen! Als er dann sah, daß sie auch sterben mußte, entfloh er dem ganzen
+Elend. Die Mutter sagte nur, es sei gewiß besser für den Vater, daß er
+jetzt nicht da sei. Er wäre sonst am Ende noch verrückt geworden. Er grüble
+sich ja von Sinn und Verstand, wenn er nur immerfort darüber nachgrübelte,
+ob Gott es denn zulassen könne, daß ein böser Mensch so viel Unglück auf
+Erden anrichte.
+
+Nachdem der Vater auf und davon gegangen war, wurden sie sehr arm. Im
+Anfang hatte er ihnen noch Geld geschickt; aber dann war es ihm wohl selbst
+schlecht gegangen, denn er schickte nichts mehr. Und an dem Tag, wo die
+älteste Schwester begraben wurde, schloß die Mutter das Haus zu und verließ
+mit den beiden letzten Kindern, die ihr noch geblieben waren, die Heimat.
+Sie ging mit ihnen nach Schonen, weil sie hoffte, dort Arbeit auf den
+Rübenfeldern zu bekommen, und sie erhielt auch eine Stellung in der
+Zuckerfabrik zu Jordberga. Die Mutter war eine tüchtige Arbeiterin und
+hatte ein fröhliches, offenes Wesen. Jedermann hatte sie gern; viele
+verwunderten sich, daß sie nach allem, was sie durchgemacht hatte, noch so
+ruhig sein könnte; aber sie hatte ein starkes, geduldiges Herz. Wenn jemand
+die beiden prächtigen Kinder lobte, erwiderte sie nur: »Sie werden auch
+bald sterben.« Und dies sagte sie, ohne daß ihre Stimme zitterte und ohne
+daß ihr die Tränen in die Augen traten. Sie hatte sich daran gewöhnt,
+nichts andres mehr zu erwarten.
+
+Aber es kam nicht so, wie sie erwartete. Statt dessen wurde sie selbst
+krank. Es ging rasch zu Ende mit ihr, noch rascher als mit den kleinen
+Geschwistern. Im Anfang des Sommers war sie nach Schonen gezogen; und als
+der Herbst kam, waren die Kinder allein.
+
+Während die Mutter krank lag, sagte sie immer wieder zu ihren Kindern, sie
+habe nie bereut, daß sie die arme Frau damals bei sich aufgenommen hätten,
+und das sollten sie niemals vergessen. Denn wenn man recht gehandelt habe,
+dann sei das Sterben nicht schwer. Alle Menschen müßten sterben, dem Tode
+könne keiner entrinnen; das aber habe man selbst in der Hand, ob man mit
+einem guten oder einem schlechten Gewissen sterben müsse.
+
+Ehe die Mutter starb, suchte sie noch einigermaßen für die Kinder zu
+sorgen. Sie bat die Leute, bei denen sie wohnte, sie möchten die Kinder
+doch in der Kammer, wo sie alle drei zusammen gewohnt hätten, auch ferner
+verbleiben lassen. Wenn die Kinder nur einen Aufenthaltsort hätten, würden
+sie niemand zur Last fallen; sie könnten sich selbst versorgen, das wisse
+sie. Die Kinder durften dann wirklich die Kammer behalten; sie mußten aber
+dafür die Gänse hüten, denn für diese Arbeit findet man nur schwer die
+richtigen Kinder. Es ging dann wirklich, wie die Mutter gesagt hatte: die
+beiden Kinder sorgten selbst für ihren Unterhalt. Das kleine Mädchen konnte
+Hustenzucker kochen, und der Junge konnte aus Holz allerlei Spielzeug
+verfertigen, das er ringsum auf den Höfen verkaufte. Die Kinder hatten
+Handelstalent, und nach einiger Zeit fingen sie an, bei den Bauern Eier und
+Butter aufzukaufen, die sie dann wieder an die Arbeiter der Zuckerfabrik
+verkauften. Sie waren sehr ordentlich und pünktlich, und man konnte ihnen
+alles anvertrauen, was es auch immer sein mochte. Das Mädchen war das
+ältere von den beiden, und mit dreizehn Jahren war sie schon so zuverlässig
+wie ein Erwachsenes. Sie war still und ernst, aber der Junge war redselig
+und lustig, und die Schwester sagte immer von ihm, er schnattere mit den
+Gänsen auf der Wiese um die Wette.
+
+Als die Kinder zwei Jahre auf Jordberga gewohnt hatten, wurde eines Abends
+in der Schule ein Vortrag gehalten. Der Vortrag war zwar eigentlich nur für
+Erwachsene bestimmt, aber die beiden småländischen Kinder saßen auch unter
+den Zuhörern; die Kinder selbst rechneten sich gar nicht zu den Kindern, ja
+die Erwachsenen taten es kaum. Der Redner sprach von jener traurigen
+Krankheit, der Tuberkulose, die jedes Jahr so viele Menschen in Schweden
+zum Opfer fordere. Er sprach sehr klar und leicht verständlich, und die
+Kinder verstanden jedes Wort.
+
+Nach dem Vortrag blieben sie vor der Schule stehen und warteten. Als der
+Redner aus dem Hause trat, faßten sie einander bei der Hand, schritten
+feierlich auf ihn zu und fragten ihn, ob sie etwas mit ihm besprechen
+dürften.
+
+Der Redner schaute wohl ein wenig verwundert drein, als er diese beiden
+Kinder sah, die da vor ihm standen mit ihren runden, rosigen
+Kindergesichtern und mit einem Ernst sprachen, der dreimal so alten Leuten
+angestanden hätte; aber er hörte sie doch sehr freundlich an.
+
+Die Kinder erzählten, was sie daheim erlebt hatten, und fragten dann den
+Redner, ob er glaube, daß ihre Geschwister und die Mutter an der Krankheit
+gestorben seien, die er eben in seinem Vortrag beschrieben habe. Ja, das
+sei sehr wahrscheinlich, antwortete der Redner. Es könnte wohl kaum eine
+andere Krankheit gewesen sein.
+
+Die Kinder fragten weiter: Wie, wenn nun Vater und Mutter das, was die
+beiden Kinder an diesem Abend erfahren hatten, damals schon gewußt und sich
+in acht genommen hätten, wenn sie die Kleider der Kranken verbrannt und
+auch das Bett nicht mehr benutzt hätten, -- wären dann vielleicht alle die
+noch am Leben, um die sie jetzt trauern müßten?
+
+Der Redner antwortete, das könne niemand ganz bestimmt sagen, aber er könne
+sich wohl denken, daß keines von ihren eigenen Angehörigen hätte zu sterben
+brauchen, wenn sie es verstanden hätten, sich vor der Ansteckung zu hüten.
+
+Jetzt zögerten die Kinder ein wenig, ehe sie ihre nächste Frage
+vorbrachten; aber sie rührten sich nicht von der Stelle, denn die Frage,
+die sie jetzt beantwortet haben wollten, war die allerwichtigste.
+Schließlich kam die Frage heraus: Ob es dann nicht wahr sei, daß die
+Zigeunerin die Krankheit über sie herabbeschworen habe, weil sie der armen
+Frau, auf die das Zigeunerweib seinen Haß geworfen hatte, geholfen hätten?
+Ob es nicht ein Fluch gewesen sei, der sie getroffen habe?
+
+Nein, das sei durchaus nicht der Fall gewesen, erwiderte der Redner, das
+könne er ihnen getrost versichern. Kein Mensch habe die Macht, auf solche
+Weise eine Krankheit über einen andern zu bringen. Und sie wüßten ja, daß
+sich die Krankheit im ganzen Lande in fast allen Häusern eingenistet habe,
+obgleich sie nicht überall so viele weggerafft habe wie bei ihnen.
+
+Hierauf bedankten sich die Kinder und gingen miteinander nach Hause.
+
+Am nächsten Tage aber erschienen die Kinder bei ihrem Brotherrn und
+kündigten ihre Stelle. Sie sagten, sie könnten in diesem Jahre die Gänse
+nicht hüten, sie müßten wo anders hin. Ja, wohin sie denn wollten? fragte
+er. Sie müßten ausziehen und ihren Vater suchen, lautete die Antwort, denn
+sie müßten ihm sagen, daß die Mutter und die Geschwister an einer
+gewöhnlichen Krankheit gestorben seien, und nicht an einem Fluche, den böse
+Menschen auf sie herabbeschworen hätten. Sie seien selbst so froh darüber,
+daß sie dies erfahren hätten; aber deshalb hielten sie es jetzt für ihre
+Pflicht, es ihrem Vater mitzuteilen, denn er grüble gewiß noch bis zu
+diesem Tage darüber nach.
+
+Zuerst begaben die Kinder sich in ihre alte Heimat auf der Heide bei
+Sunnerbo, und als sie dort ankamen, stand zu ihrer großen Verwunderung das
+Häuschen in hellen Flammen.
+
+Hierauf gingen sie ins Pfarrhaus, und da erfuhren sie, daß ein Mann, der
+bei der Eisenbahn beschäftigt war, ihren Vater bei Malmberget hoch droben
+in Lappland gesehen habe.
+
+Damals habe er in den Erzgruben gearbeitet, und er tue das vielleicht noch,
+aber ganz sicher sei es nicht. Als der Pfarrer hörte, daß die Kinder
+ausziehen wollten, ihren Vater zu suchen, holte er eine Landkarte herbei,
+zeigte ihnen darauf, wie weit es nach Malmberget war, und riet ihnen von
+der Reise ab. Aber die Kinder sagten, es sei durchaus notwendig, sie müßten
+versuchen, ihren Vater zu finden. Er sei aus seiner Heimat geflohen, weil
+er etwas geglaubt habe, was sich gar nicht so verhalten hätte, und nun
+müßten sie ihm sagen, daß er sich getäuscht habe.
+
+Die Kinder hatten sich von ihrem Handel etwas Geld erspart; aber sie
+wollten es lieber nicht für die Eisenbahn ausgeben, und so entschlossen sie
+sich, zu Fuß zu gehen. Und sie bereuten es nachher ganz und gar nicht, denn
+es war eine wunderbar schöne Fußreise.
+
+Noch ehe sie Småland hinter sich hatten, gingen sie eines Tages in einen
+Bauernhof hinein, etwas zu essen zu kaufen. Die Hausfrau war fröhlich und
+redselig, sie fragte die Kinder, wer sie seien und woher sie kämen, und die
+Kinder erzählten ihr ihre ganze Geschichte. »Ach du lieber Gott! Ach du
+lieber Gott!« rief die Frau ein Mal ums andere, während die Kinder
+erzählten. Dann tischte sie ihnen viel Gutes zu essen auf, und sie durften
+durchaus nichts dafür bezahlen. Als sie sich bedankten und zum Weitergehen
+anschickten, fragte die Bäuerin, ob sie nicht im nächsten Dorfe bei ihrem
+Bruder einkehren wollten, und sie sagte ihnen auch, wie er hieß und wo er
+wohnte. Ja, das wollten die Kinder natürlich sehr gerne.
+
+»Ihr sollt ihn von mir grüßen und ihm erzählen, was ihr alles erlebt habt,«
+trug ihnen die Bäuerin zuletzt noch auf.
+
+Die Kinder taten es, und der Bruder der Bäuerin nahm sie auch sehr
+freundlich auf. Er fuhr sie auf einen Hof im nächsten Dorfe, und da wurde
+ihnen auch eine gute Aufnahme zuteil. So oft sie nun von einem Hofe
+weggingen, hieß es immer: »Wenn ihr da oder dorthin kommt, dann geht nur
+hinein und erzählt, was ihr erlebt habt!«
+
+In den Höfen, wohin die Kinder gewiesen wurden, war immer irgend jemand
+brustkrank. Und ohne daß sie es wußten, wanderten nun diese beiden Kinder
+durchs Land und belehrten die Menschen darüber, welche gefährliche
+Krankheit das war, die sich in den Heimstätten eingeschlichen hatte, und
+wie sie am besten bekämpft werden könnte.
+
+In den alten Zeiten, wo die Pest, die der schwarze Tod genannt wurde, das
+Land verheerte, sollen der Sage nach ein Junge und ein Mädchen von Hof zu
+Hof gewandert sein. Der Junge trug eine Harke in der Hand, und wenn er vor
+einem Hause anhielt und mit seiner Harke vor der Tür rechte, so bedeutete
+das, daß darinnen viele, aber doch nicht alle sterben würden, denn die
+Zähne einer Harke stehen weit voneinander ab und nehmen nicht alles mit.
+Das Mädchen aber trug einen Besen in der Hand, und wenn sie vor einer Tür
+kehrte, dann bedeutete es, daß alle, die darinnen wohnten, sterben müßten;
+denn der Besen ist ein Gerät, das vollständig rein fegt.
+
+Ist es nun nicht merkwürdig, daß in unseren Tagen zwei Kinder einer
+schweren und gefährlichen Krankheit wegen durchs Land ziehen mußten? Aber
+diese Kinder schreckten die Leute nicht mit Harke und Besen, sie sagten im
+Gegenteil: »Wir dürfen uns nicht daran genügen lassen, nur den Hof zu
+rechen und den Boden zu scheuern. Wir müssen auch Schrubber und Bürste und
+Seife gebrauchen. Vor unserer Tür soll rein gefegt sein, sowohl innerhalb
+als außerhalb, und wir selbst sollen uns auch rein halten. Auf diese Weise
+werden wir schließlich Herr über die Krankheit werden.«
+
+
+Klein-Mats Begräbnis
+
+Klein-Mats war tot. Allen, die ihn noch vor ein paar Stunden frisch und
+froh gesehen hatten, erschien es unglaublich; aber leider war es doch so.
+Klein-Mats war tot und mußte begraben werden.
+
+Klein-Mats starb eines Morgens in aller Frühe, und außer seiner Schwester
+Åsa war niemand beim Sterben anwesend.
+
+»Rufe niemand herbei,« sagte Klein-Mats, als es dem Ende zuging. Und die
+Schwester tat nach seiner Bitte. »Ich bin so froh, daß ich nicht an der
+Krankheit sterbe, Åsa,« sagte Klein-Mats. »Du nicht auch?« Und als die
+Schwester nichts erwiderte, fuhr er fort: »Ich mache mir gar nichts aus dem
+Sterben, wenn ich nur nicht auf dieselbe Weise sterben muß wie die Mutter
+und unsere Geschwister. Wenn das geschehen wäre, hättest du den Vater wohl
+kaum überzeugen können, daß die anderen nur von einer gewöhnlichen
+Krankheit hinweggerafft worden sind; aber du wirst sehen, jetzt gelingt es
+dir.«
+
+Als alles vorüber war, blieb Åsa noch lange neben dem toten Bruder sitzen
+und dachte darüber nach, was der kleine Bruder während seines Lebens hatte
+durchmachen müssen. Und dabei dachte sie, er habe in der Tat alles Unglück
+und Ungemach mit dem Mut eines erwachsenen Menschen getragen. Seine letzten
+Worte fielen ihr ein. Wie tapfer war er doch immer gewesen! Sie war sich
+vollständig klar darüber, daß Klein-Mats, wenn er nun begraben wurde, mit
+ganz denselben Ehren in die Erde versenkt werden müsse, wie ein erwachsener
+Mensch.
+
+Sie unterschätzte zwar die Schwierigkeit, das durchzusetzen, durchaus
+nicht; aber sie wünschte es eben von ganzem Herzen, und für Klein-Mats
+wollte sie das Äußerste versuchen.
+
+Das Gänsemädchen Åsa befand sich um diese Zeit hoch droben in Lappland, bei
+dem großen Grubenfeld, das Malmberget genannt wird. Es war merkwürdig, daß
+sie sich gerade dort befand, aber es war vielleicht ganz gut so für sie.
+
+Klein-Mats und seine Schwester waren durch große endlose Wälder gewandert,
+bis sie endlich hierher gelangt waren. Mehrere Tage lang hatten sie weder
+Äcker noch Gehöfte gesehen, nichts als kleine Posthäuser, bis sie
+schließlich ganz unvermutet an dem großen Friedhof von Gellivare angekommen
+waren.
+
+Dieses Dorf lag mit seiner Kirche, seinem Bahnhof, mit Rathaus, Bank,
+Apotheke und Gasthaus am Fuß eines hohen Berges, auf dem noch jetzt mitten
+im Sommer helle Streifen Schnee schimmerten. Die Häuser in Gellivare waren
+fast alle noch ganz neu und gut und ordentlich gebaut. Wenn die Kinder
+nicht den Schnee auf den Bergen und die noch vollständig kahl dastehenden
+Birken gesehen hätten, wäre ihnen Gellivare gar nicht wie ein hoch droben
+in Lappland liegender Ort vorgekommen. Und doch war Gellivare noch nicht
+der Ort, wo ihr Vater zu finden sein sollte, es war vielmehr Malmberget,
+das noch eine Strecke weiter nördlich lag, und dort hätte es sicher nicht
+so ordentlich ausgesehen wie hier in Gellivare.
+
+Das aber hatte folgenden Grund. Obgleich die Menschen schon lange gewußt
+hatten, daß sich in der Nähe von Gellivare sehr viel Eisenerz fand, war
+doch die Ausbeutung erst vor einigen Jahren richtig in Gang gekommen,
+nachdem die Eisenbahn fertig geworden war. Dann aber strömten mehrere
+tausend Menschen auf einmal hinauf, und es war auch Arbeit genug für sie
+da, nur fehlte es an Häusern, und diese mußten sie sich nun, so gut es eben
+ging, in aller Eile herstellen; die einen zimmerten sich aus unbehauenen
+Balken Hütten zusammen, andere wohnten in Schuppen, die sie sich aus Kisten
+und leeren Dynamitdosen bauten, die sie wie Backsteine aufeinander legten.
+Jetzt waren allmählich ziemlich viele ordentliche Häuser entstanden, aber
+der ganze Ort sah jedenfalls höchst merkwürdig aus. Da waren große Viertel
+mit schönen, hellen Häusern, aber dazwischen stieß man plötzlich auf
+ungerodeten Waldboden mit Baumstümpfen und Steinblöcken. Die Inspektoren
+und Ingenieure hatten schöne große Wohnhäuser, und daneben waren niedrige
+komische Baracken, die von der ersten Zeit her noch dastanden. Überdies gab
+es Eisenbahnen, elektrisches Licht und große Maschinenhäuser. Durch einen
+mit Glühlichtern erhellten Tunnel konnte man tief ins Gebirge hineinfahren;
+überall herrschte ein gewaltiges Treiben, und ein mit Eisenerz
+schwerbeladener Zug um den andern fuhr vom Bahnhof ab. Aber ringsumher lag
+noch das große Ödland, wo noch kein Acker bestellt, noch kein Haus gebaut
+wurde, wo niemand anders wohnte als Lappen, die mit ihren Renntieren
+umherzogen.
+
+Jetzt saß Åsa bei der Leiche ihres Bruders und dachte daran, daß es im
+Leben gerade so zugehe, wie hier an diesem Orte. Meistens ging es ja wohl
+ordentlich und friedlich zu; aber sie hatte doch auch hier dies und jenes
+gesehen, was wild und seltsam war, und sie hatte das Gefühl, daß es
+vielleicht hier leichter anginge als an anderen Orten, etwas durchzusetzen,
+was außerhalb des Gewöhnlichen lag.
+
+[Illustration]
+
+Sie dachte daran, wie es ihnen ergangen war, als sie nach Malmberget
+gekommen und nach einem Arbeiter gefragt hatten, der Jon Assarsson heiße
+und zusammengewachsene Augenbrauen habe. Diese zusammengewachsenen
+Augenbrauen fielen einem bei dem Vater zuerst auf. Dadurch konnten sich die
+Leute sehr leicht an ihn erinnern, und die Kinder erfuhren auch sogleich,
+daß ihr Vater mehrere Jahre lang in Malmberget gearbeitet habe, jetzt aber
+auf der Wanderschaft sei. Sobald die Unruhe über ihn komme, streife er
+planlos umher. Wohin er gegangen war, wußte niemand, aber alle waren fest
+überzeugt, er werde in ein paar Wochen wieder zurückkommen. Und wenn die
+beiden Jon Assarssons Kinder seien, könnten sie ja, während sie auf den
+Vater warteten, wohl in seiner Hütte wohnen. Eine Frau hatte dann den
+Hausschlüssel unter der Türschwelle hervorgezogen und die Kinder eintreten
+lassen. Niemand verwunderte sich über ihr Kommen, aber ebensowenig schien
+sich jemand darüber zu verwundern, daß der Vater bisweilen zwecklos in der
+Einöde umherwanderte. Hier oben waren sie wohl daran gewöhnt, daß jeder
+nach seinem eigenen Kopf handelte.
+
+Åsa war gleich mit sich im reinen, wie Klein-Mats Begräbnis gehalten werden
+sollte. Am vergangenen Sonntag hatte sie dem Begräbnis eines
+Grubenaufsehers beigewohnt. Der Sarg war von den eigenen Pferden des
+Inspektors in die Kirche nach Gellivare gefahren worden, und ein langer Zug
+Grubenarbeiter war hinter dem Sarge hergegangen. Am Grabe hatte eine
+Musikkapelle gespielt und ein Singchor gesungen. Und nach dem Begräbnis
+waren alle, die mit in der Kirche gewesen waren, in die Schule zum Kaffee
+eingeladen gewesen. So etwas Ähnliches wünschte das Gänsemädchen Åsa für
+ihren Bruder Klein-Mats.
+
+Sie hatte sich schon so lebhaft in die Sache hineingelebt, daß sie den
+ganzen Leichenzug fast schon vor sich sah; aber dann sank ihr der Mut
+wieder, und sie sagte sich, es werde doch wohl nicht so sein können, wie
+sie es wünschte. Nicht weil es zu teuer gewesen wäre; sie und Klein-Mats
+hatten sich viel Geld erspart, und sie konnte dem Bruder ein so schönes
+Begräbnis verschaffen, wie nur jemand wünschen konnte. Die Schwierigkeit
+lag ganz wo anders. Erwachsene Menschen, das wußte Åsa, wollten sich nie
+nach einem Kinde richten, und Åsa war ja nur ein paar Jahre älter als
+Klein-Mats, der jetzt, wo er tot neben ihr lag, gar so klein und mager
+aussah. Und Åsa war ja selbst noch ein Kind.
+
+Die erste, mit der Åsa des Begräbnisses wegen sprach, war die
+Krankenpflegerin. Schwester Hilma kam, kurz nachdem Klein-Mats den letzten
+Atemzug getan hatte, vor dem Häuschen an, und schon bevor sie die Tür
+aufmachte, wußte sie, wie es drinnen stand. Um diese Zeit mußte es zu Ende
+sein. Am vorhergehenden Nachmittag war Klein-Mats in der Nähe der Gruben
+umhergestreift und stand zu nahe an einem Lichtschacht, als eben eine
+Sprengung im Gange war; da hatten ihn einige umherfliegende Steine
+getroffen. Er war ganz allein gewesen und hatte lange ohnmächtig auf dem
+Boden gelegen, ohne daß jemand wußte, was geschehen war. Schließlich
+bekamen ein paar Männer, die unter dem Lichtschacht arbeiteten, auf höchst
+seltsame Weise Kenntnis von dem Unglücksfall. Sie behaupteten, ein kleines
+Knirpschen, kaum eine Spanne hoch, sei am Rande der Grube erschienen und
+habe ihnen zugerufen, sie sollten rasch Klein-Mats zu Hilfe kommen, er
+liege vor der Grube und sei am Verbluten. Hierauf war Klein-Mats nach Hause
+getragen und verbunden worden; aber es war schon zu spät gewesen. Er hatte
+so viel Blut verloren, daß er nicht mehr zu retten war.
+
+Als die Krankenschwester ins Zimmer trat, dachte sie weniger an Klein-Mats,
+als an seine Schwester. »Was soll ich nur mit dem armen Kinde anfangen?«
+fragte sie sich. »Sie wird ganz untröstlich sein.«
+
+Aber sie sah bald, daß Åsa weder weinte noch jammerte, sondern ganz ruhig
+bei allem half, was getan werden sollte. Die Krankenpflegerin verwunderte
+sich sehr darüber; aber sie erhielt Aufklärung, als Åsa mit ihr wegen des
+Begräbnisses sprach.
+
+»Wenn man mit jemand wie Klein-Mats zusammengewesen ist,« sagte Åsa, die
+sich leicht ein wenig altklug und feierlich ausdrückte, »dann muß man vor
+allem anderen daran denken, wie man ihn ehren kann, so lange es noch
+möglich ist. Nachher ist Zeit genug zum Weinen.«
+
+Und dann bat sie die Krankenschwester, ihr zu helfen, daß Klein-Mats ein
+ehrenvolles Begräbnis bekäme. Niemand verdiene ein solches mehr als
+Klein-Mats, sagte Åsa.
+
+Die Krankenschwester meinte, wenn dieser Gedanke dem armen verlassenen
+Kinde Trost gewähren könne, so sei das nur ein großes Glück für Åsa. Sie
+versprach, ihr zu helfen, und das war für Åsa von größter Wichtigkeit, ja
+es war ihr, als sei das Ziel jetzt schon fast erreicht; denn Schwester
+Hilmas Stimme fiel hier schwer ins Gewicht. Auf dem großen Grubenfeld, wo
+die Sprengschüsse jeden Tag ertönten, mußte ja jeder Arbeiter jeden
+Augenblick gewärtig sein, von einem umherfliegenden Stein oder einem
+herabrollenden Felsblock getroffen zu werden, und deshalb wollte sich jeder
+mit der Krankenschwester gut stellen.
+
+Als darum Schwester Hilma und Åsa bei den Grubenarbeitern herumgingen und
+sie baten, am nächsten Sonntag Klein-Mats das Trauergeleite zu geben,
+schlugen ihnen nicht viele ihre Bitte ab. »Wenn Schwester Hilma uns darum
+bittet, dann tun wir es,« sagten sie.
+
+Auch mit der Musik brachte die Krankenpflegerin alles nach Wunsch in
+Ordnung; es sollte am Grabe geblasen und von dem kleinen Singchor auch ein
+Lied gesungen werden. Wegen des Schulhauses tat Schwester Hilma keine
+Schritte; da es aber noch schönes beständiges Sommerwetter war, wurde
+beschlossen, die Leidtragenden im Freien mit Kaffee zu bewirten. Tische und
+Bänke sollten aus dem Saale der Guttempler und Tassen und Teller vom
+Kaufmann entlehnt werden. Zwei Grubenarbeiterfrauen, die in den Truhen
+allerlei Vorräte hatten, die sie, so lange sie hier in der Einöde wohnten,
+nicht gebrauchten, nahmen der Schwester zuliebe feines Tischzeug heraus,
+das auf die Kaffeetische gebreitet werden sollte.
+
+Dann wurden Zwiebacke und Bretzeln bei einem Bäcker in Boden und
+schwarz-weißes Konfekt bei einem Konditor in Luleå bestellt.
+
+Es herrschte eine solche Aufregung wegen dieses Begräbnisses, das Åsa ihrem
+Bruder veranstalten wollte, daß in ganz Malmberget davon gesprochen wurde.
+Und schließlich erfuhr auch der Inspektor, was sich da vorbereitete.
+
+Als dieser hörte, daß fünfzig Grubenarbeiter einen zwölfjährigen Jungen zu
+Grabe geleiten sollten, der, soviel er wußte, ein herumziehender
+Betteljunge gewesen war, kam es ihm wie der reine Wahnsinn vor. Und Gesang
+und Musik und Kaffeebewirtung sollte es geben! Und das Grab mit Tannenreis
+geschmückt, und Konfekt von Luleå! Er ließ die Krankenpflegerin zu sich
+kommen und befahl ihr, die ganze Sache zu verhindern.
+
+»Es ist unrecht, wenn man das Kind sein Geld auf diese Weise verschleudern
+läßt,« sagte er. »Erwachsene Leute können sich doch unmöglich nach dem
+Einfall eines Kindes richten. Ihr macht euch ja alle miteinander
+lächerlich.«
+
+Der Inspektor war weder zornig noch böse; er sprach ganz ruhig und bat die
+Krankenpflegerin mit einfachen Worten, den Gesang und die Musik und das
+große Geleite abzubestellen. Es sei ja ganz genügend, wenn neun bis zehn
+Menschen den Jungen zu Grabe geleiteten. Und die Krankenpflegerin
+widersprach dem Inspektor mit keinem Wort, teils aus Respekt, teils auch,
+weil sie in ihrem Herzen zugeben mußte, daß er recht habe. Es war wirklich
+zu viel Aufhebens um so einen Betteljungen. Aus Mitleid mit dem armen
+Mädchen war ihr das Herz mit dem Verstande durchgegangen.
+
+Von der Villa des Inspektors ging die Krankenpflegerin hinunter in das
+Arbeiterviertel, Åsa zu sagen, daß sie es nun nicht so einrichten könne,
+wie das Mädchen es wünschte; aber sie tat es nicht mit leichtem Herzen,
+denn niemand wußte besser als sie, was dieses Begräbnis für das arme Kind
+bedeutete. Auf dem Wege traf sie mit ein paar Arbeiterfrauen zusammen;
+diesen teilte sie ihre Sorgen mit, und die Arbeiterfrauen sagten sogleich,
+der Inspektor habe ganz recht, es hätte gar keinen Sinn, wenn man mit einem
+Betteljungen soviel Umstände machen würde. Das arme Mädchen tue ihnen zwar
+herzlich leid, aber es wäre ganz unnatürlich, wenn man ein Kind auf diese
+Weise alles einrichten und anordnen ließe, deshalb sei es ganz gut, wenn
+aus dem Ganzen nichts würde.
+
+Beim Nachhausegehen teilten die Frauen die Geschichte noch anderen mit, und
+bald hatte sich von dem Arbeiterviertel bis nach den Grubenschächten die
+Nachricht verbreitet: das große feierliche Begräbnis für Klein-Mats dürfe
+nicht stattfinden; und da stimmte jedermann sogleich darin überein, daß es
+so allein richtig sei.
+
+In ganz Malmberget war gewiß nur eine einzige Person, die anderer Meinung
+war, und diese eine war das Gänsemädchen Åsa.
+
+Die Krankenpflegerin hatte wirklich einen schweren Kampf mit ihr; Åsa
+klagte nicht und weinte nicht, aber sie wollte nicht nachgeben. Sie sagte,
+da sie von dem Inspektor keine Hilfe verlange, habe er ja gar nichts dabei
+zu tun. Er könne ihr doch nicht verbieten, ihren Bruder zu begraben, wie
+sie wollte.
+
+Erst als ihr mehrere von den Frauen erklärt hatten, nachdem der Inspektor
+nichts davon wissen wolle, werde nicht eine von ihnen an dem Begräbnis
+teilnehmen, wurde ihr klar, daß sie dessen Erlaubnis haben müsse.
+
+Åsa saß einen Augenblick ganz still da und überlegte, dann stand sie rasch
+auf.
+
+»Wohin willst du?« fragte die Krankenschwester.
+
+»Ich muß selbst mit dem Inspektor reden,« antwortete Åsa.
+
+»Du denkst doch wohl nicht, er werde sich darum kümmern, was du ihm sagst?«
+riefen die Frauen.
+
+»Ich glaube, Klein-Mats wäre es recht, wenn ich hinginge,« sagte Åsa. »Der
+Inspektor weiß vielleicht gar nicht, was für ein Mensch Klein-Mats gewesen
+ist.«
+
+Das Gänsemädchen Åsa machte sich rasch fertig und war bald auf dem Wege zum
+Inspektor. Aber es ist wohl kaum nötig, zu sagen, wie unerhört es war, daß
+ein Kind wie Åsa überhaupt daran denken konnte, den Inspektor, den
+mächtigsten Mann in ganz Malmberget, von seinem einmal ausgesprochenen
+Willen abzubringen. Deshalb gingen auch die Krankenschwester und die andern
+Frauen ganz von selbst hinter ihr her, um zu sehen, ob sie wirklich den Mut
+hätte, in die Villa hineinzugehen.
+
+Das Gänsemädchen Åsa ging in der Mitte der Straße, und während sie so dahin
+wanderte, hatte sie etwas an sich, daß sich die Leute unwillkürlich nach
+ihr umschauten. Sie schritt so ernst und würdig einher wie ein junges
+Mädchen, das am Konfirmationstag zum Altar schreitet. Sie hatte sich ein
+großes schwarzseidenes Tuch, ein Erbstück von ihrer Mutter, um den Kopf
+geschlungen, in der Hand trug sie ein zusammengefaltetes Taschentuch und in
+der anderen ein Körbchen Spielsachen, die Klein-Mats verfertigt hatte.
+
+Als die am Wege spielenden kleinen Kinder Åsa so daherkommen sahen, liefen
+sie auf sie zu und riefen: »Wohin gehst du, Åsa? Wohin gehst du?«
+
+Aber Åsa gab keine Antwort; sie hatte die Frage nicht einmal gehört und
+ging ruhig weiter. Als aber die Kinder immer wieder fragten und Åsa an den
+Kleidern zogen, hielten die hinterherkommenden Weiber die Kinder zurück und
+geboten ihnen Schweigen. »Laßt sie gehen,« sagten sie. »Sie geht zum
+Inspektor, ihn zu bitten, daß sie ihrem Bruder, Klein-Mats, ein großes
+Begräbnis halten darf.«
+
+Da wurden auch die Kinder von Erstaunen überwältigt, weil Åsa sich auf
+etwas so Kühnes einlassen wollte, und eine kleine Schar Kinder lief mit, zu
+sehen, wie das ablaufen würde.
+
+Dies alles trug sich etwa um sechs Uhr nachmittags zu, als eben die
+Arbeiter in den Gruben Schicht machten; und als Åsa eine Strecke weit
+gegangen war, kamen mehrere hundert Arbeiter mit langen, hastigen Schritten
+des Weges daher. Für gewöhnlich sahen sie, wenn sie von der Arbeit kamen,
+weder rechts noch links, aber als sie Åsa begegneten, merkten einige
+gleich, daß das Kind etwas Ungewöhnliches vorhatte, und fragten es, was
+geschehen sei. Åsa sagte kein Wort, aber die Kinder schrieen laut
+durcheinander, wohin sie wollte. Da dachten einige der Arbeiter, das sei
+doch ein sehr mutiges Unterfangen von einem Kinde, und sie gingen auch mit,
+zu sehen, wie es ihr dabei ginge.
+
+Åsa ging in das Kontorgebäude hinein, wo der Inspektor um diese Zeit
+gewöhnlich bei seiner Arbeit saß. Als sie in den Flur trat, ging die Tür
+auf, und der Inspektor stand vor ihr; er hatte den Hut auf und den Stock in
+der Hand und war auf dem Wege nach seiner Wohnung, um zu Mittag zu essen.
+
+»Wen möchtest du sprechen?« fragte er, als er das kleine Mädchen sah, das
+mit einem schwarzseidenen Tuch um den Kopf und einem zusammengefalteten
+Taschentuch in der Hand so feierlich daherkam.
+
+»Ich möchte gern mit dem Herrn Inspektor selbst sprechen,« antwortete Åsa.
+
+»Ach so! Nun dann komm herein!« sagte der Inspektor und trat wieder ins
+Kontor. Er ließ die Tür hinter sich offen, denn er dachte natürlich, das
+kleine Mädchen würde ihn nicht lange aufhalten. So kam es, daß die
+Personen, die hinter Åsa hergekommen waren und nun im Flur und auf der
+Treppe standen, hörten, was im Kontor vorging.
+
+Nachdem das Gänsemädchen Åsa eingetreten war, richtete sie sich zuerst auf,
+schob das seidene Tuch zurück und heftete ihre runden Kinderaugen, die
+einen so ernsten Blick hatten, daß es einem ins Herz schnitt, ruhig auf das
+Gesicht des Inspektors. »Klein-Mats ist ja nun tot,« begann sie, und dabei
+zitterte ihre Stimme, daß sie einen Augenblick nicht weiter sprechen
+konnte.
+
+Jetzt wußte der Inspektor, wen er vor sich hatte. »Ach so, du bist also das
+kleine Mädchen, das das große Begräbnis halten will,« sagte er freundlich.
+»Das mußt du aber lassen, Kind. Es wird zu teuer für dich. Wenn ich nur
+früher etwas davon gewußt hätte, dann würde ich es gleich verhindert
+haben.«
+
+Es zuckte in dem Gesicht des kleinen Mädchens, und der Inspektor glaubte,
+sie würde in Tränen ausbrechen. Statt dessen aber sagte sie: »Darf ich dem
+Herrn Inspektor nicht ein wenig von Klein-Mats erzählen?«
+
+»Ich habe eure Geschichte schon gehört,« erwiderte der Inspektor in seiner
+gewöhnlichen ruhigen, freundlichen Weise. »Du tust mir von Herzen leid, das
+darfst du mir glauben. Ich will gewiß nur dein Bestes.«
+
+Da richtete sich das Gänsemädchen Åsa noch höher auf, und sie begann mit
+lauter, klarer Stimme: »Von seinem neunten Jahre an hat Klein-Mats weder
+Vater noch Mutter mehr gehabt, und von da an hat er ganz für sich selbst
+sorgen müssen wie ein erwachsener Mann. Er ist sich stets zu gut zum
+Betteln gewesen, niemals hätte er auch nur um einen Teller Suppe gebeten,
+ohne dafür bezahlen zu wollen. Er hat immer gesagt: >Ein Mann darf nicht
+betteln, das schickt sich nicht für ihn.< Um etwas zu verdienen, ist
+Klein-Mats umhergegangen und hat Eier und Butter aufgekauft, und da hat er
+seine Sache so gut gemacht wie ein gewiegter Kaufmann. Er hat nie etwas
+verschleudert und niemals auch nur einen roten Heller für sich behalten,
+sondern alles miteinander mir gebracht. Wenn er die Gänse hütete, hat er
+immer eine Arbeit mitgenommen und ist dann so fleißig gewesen, wie nur ein
+Erwachsener es sein kann. Die Bauern in Schonen haben Klein-Mats, wenn er
+von Hof zu Hof wanderte, oft sehr große Summen mitgegeben, denn sie wußten,
+daß sie sich auf Klein-Mats ebensogut verlassen könnten wie auf sich
+selbst. Und deshalb ist es nicht richtig, wenn man sagt, Klein-Mats sei nur
+ein Kind gewesen, denn es gibt nicht viele große Leute, die -- -- --«
+
+Der Inspektor sah zu Boden; nicht eine Muskel bewegte sich in seinem
+Gesicht, und Åsa schwieg, denn es war ihr, als ob ihre Worte gar keinen
+Eindruck auf ihn machten. Daheim in der Hütte, da war es ihr gewesen, als
+hätte sie so gar viel von Klein-Mats zu sagen, aber jetzt kam es ihr
+herzlich wenig vor. Ach, wie sollte sie doch den Inspektor zu der Einsicht
+bringen, daß Klein-Mats es verdiente, mit Ehrenbezeugungen begraben zu
+werden, die man einem Erwachsenen zuteil werden ließ?
+
+»Und wenn ich nun das Begräbnis selbst bezahlen will ...« begann Åsa
+wieder, verstummte aber aufs neue.
+
+Jetzt hob der Inspektor den Kopf und sah dem Gänsemädchen Åsa tief in die
+Augen. Er prüfte sie und schätzte sie ein, wie der zu tun gewohnt ist, dem
+viele Menschen unterstellt sind. Und während er so tat, dachte er: »Dieses
+Mädchen hier hat ihre Heimat, ihre Eltern und ihre Geschwister verloren,
+aber noch ist ihr Mut nicht gebrochen, es wird ein prächtiges Menschenkind
+aus ihr werden. Aber ich darf der Last, die sie zu tragen hat, nicht das
+geringste hinzufügen, denn das könnte der Strohhalm sein, unter dem sie
+zusammenbräche.« Er verstand, was das für sie gewesen war, als sie sich
+entschloß, hierherzukommen, um mit ihm zu sprechen. Sie mußte diesen Bruder
+über alles geliebt haben! Nein, einer solchen Liebe durfte man keine
+abschlägige Antwort geben!
+
+»Ja, ja, ich muß dich wohl gewähren lassen,« sagte der Inspektor.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+45
+
+Bei den Lappen
+
+
+Das Begräbnis war vorüber. Die Gäste des Gänsemädchens Åsa waren gegangen,
+und sie saß allein in der kleinen Hütte, die ihrem Vater gehört hatte. Åsa
+hatte die Tür verriegelt, um in Ruhe und Frieden an ihren Bruder denken zu
+können. Sie dachte an alles, was Klein-Mats gesagt und getan hatte, an eins
+nach dem andern; es war so viel, daß sie ganz vergaß, zu Bett zu gehen, und
+nicht nur den ganzen Abend, sondern auch noch spät in der Nacht in ihre
+Gedanken versunken sitzen blieb. Je mehr sie an ihren Bruder dachte, desto
+deutlicher sah sie, wie schwer es ihr werden würde, ohne ihn weiter zu
+leben, und schließlich legte sie den Kopf auf den Tisch und weinte
+bitterlich. »Was soll aus mir werden, wenn ich Klein-Mats nicht mehr habe?«
+schluchzte sie.
+
+Es war, wie gesagt, schon spät in der Nacht, und das Gänsemädchen Åsa hatte
+einen anstrengenden Tag hinter sich, deshalb war es nicht verwunderlich,
+daß sie der Schlaf übermannte, sobald sie den Kopf auf den Tisch sinken
+ließ. Und ebensowenig verwunderlich war es, daß ihr von Klein-Mats träumte,
+an den sie immerfort gedacht hatte. Plötzlich war es ihr, als trete
+Klein-Mats leibhaftig zu ihr ins Zimmer herein und sage: »Åsa, nun mußt du
+dich aufmachen und unsern Vater suchen.« Und sie schien zu antworten: »Wie
+könnte ich das, ich weiß ja nicht einmal, wo ich ihn suchen soll?«
+
+»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen,« antwortete Klein-Mats in
+seiner gewohnten frischen, fröhlichen Art. »Ich will dir jemand schicken,
+der dir helfen kann.«
+
+In demselben Augenblick, wo das Gänsemädchen Åsa also träumte, klopfte es
+an ihre Kammertür. Und das war ein wirkliches Klopfen, nicht eines, das sie
+nur im Traume hörte. Aber sie war noch ganz in ihrem Traume befangen und
+konnte nicht unterscheiden, was Wirklichkeit und was Einbildung war. Als
+sie nun hinging und die Tür öffnete, dachte sie: »Nun kommt ganz bestimmt
+der Helfer, den mir Klein-Mats zu schicken versprochen hat.«
+
+Hätte nun Schwester Hilma oder irgend ein anderer richtiger Mensch auf der
+Schwelle gestanden, als Åsa die Tür aufmachte, dann hätte sie gleich
+gemerkt, daß sie nicht mehr träumte; aber dies war nicht der Fall; der,
+welcher da draußen stand und geklopft hatte, war gar kein Mensch, es war
+ein kleiner Knirps, kaum eine Spanne lang. Obgleich so spät in der Nacht,
+war es doch ebenso hell wie bei Tage, und Åsa erkannte sofort dasselbe
+Kerlchen, mit dem sie und Klein-Mats auf ihrer Wanderung durch das Land
+schon ein paarmal zusammengetroffen waren. Damals hatte sie sich vor ihm
+gefürchtet, und so wäre es ihr auch jetzt gegangen, wenn sie ganz hell wach
+gewesen wäre. Aber sie hatte das Gefühl, als träume sie noch immer, und
+deshalb blieb sie ganz ruhig stehen und dachte: »Ich habe nichts anderes
+erwartet, als daß Klein-Mats diesen meinte, als er sagte, er wolle mir
+jemand schicken, der mir behilflich sein könne, Vater ausfindig zu machen.«
+Und darin hatte sie nicht ganz unrecht, denn der kleine Bursche kam aus
+keinem anderen Grunde, als wegen ihres Vaters mit ihr zu sprechen. Als er
+sah, daß sie sich nicht vor ihm fürchtete, teilte er ihr mit wenigen Worten
+mit, wo ihr Vater sei, und was sie tun müsse, um zu ihm zu gelangen.
+
+Aber während der Knirps sprach, kehrte Åsa allmählich das volle Bewußtsein
+zurück, und als er ausgesprochen hatte, war sie vollständig wach. Und da
+entsetzte sie sich über die Maßen, -- denn hier stand sie ja und sprach mit
+einem, der nicht ihrer Welt angehörte! Sie brachte kein Wort über die
+Lippen, ja nicht einmal einen einfachen Dank, sondern wich rasch ins Zimmer
+zurück und schlug die Tür heftig hinter sich zu. Sie glaubte allerdings
+noch zu sehen, daß das Gesicht des Kleinen einen sehr betrübten Ausdruck
+annahm, als sie das tat, aber sie konnte nicht anders. Ganz außer sich vor
+Entsetzen, kroch sie nun eiligst in ihr Bett und zog die Decke über den
+Kopf.
+
+Und doch, trotzdem sie so große Angst vor dem kleinen Knirps hatte, fühlte
+sie, daß er es gut mit ihr meinte, und am nächsten Tag verlor sie keine
+Zeit, das zu tun, was er ihr geraten hatte.
+
+[Illustration]
+
+Auf dem linken Ufer vom Luossajaure, einem kleinen See, der noch viele
+Meilen nördlicher liegt als Malmberget, war ein kleines Lappenlager. Am
+südlichen Ende des Sees ragte ein gewaltiger Berg auf, der Kirunavara heißt
+und der der Sage nach aus lauter Eisenerz bestehen soll. Auf der
+nordöstlichen Seite lag wieder ein Berg, der Luossavara heißt, und auch das
+ist ein an Eisenerz reicher Berg. Zu diesen Bergen hinauf wurde eben die
+Eisenbahn von Gellivare aus weitergeführt, und in der Nähe von Kirunavara
+baute man eifrig einen Bahnhof, ein Gasthaus und eine Menge Wohnhäuser für
+die Arbeiter und Ingenieure, die hier wohnen sollten, wenn die Ausbeutung
+des Erzes einmal ordentlich in Gang gekommen wäre. Es war ein ganzes
+Städtchen von hübschen, behaglichen Häusern, das da so hoch droben in
+diesem nördlich gelegenen Bezirk entstand, wo die kleinen verkrüppelten
+Birken, die hier überall wuchsen, ihre Blätter erst nach dem Johannisfest
+entfalten können. Westlich von dem See lag das Land frei und offen da, und
+dort hatten, wie schon gesagt, ein paar Lappenfamilien ihr Lager
+aufgeschlagen. Vor ungefähr einem Monat waren sie dahin gekommen und hatten
+dann nicht viel Zeit gebraucht, ihre Wohnung in Ordnung zu bringen. Zur
+Herstellung eines guten und ebenen Bauplatzes hatten sie weder Felsen
+sprengen noch Grundmauern errichten müssen; nachdem sie sich erst einen
+guten trockenen Platz in der Nähe des Sees ausgewählt hatten, brauchten sie
+nichts weiter zu tun, als etwas Weidengebüsch wegzuhauen und ein paar
+Erdhügel zu ebnen, und damit war der Bauplatz hergestellt.
+
+Und dann machten sie sich durchaus keine Sorgen über alles, was zum Bau
+eines Hauses nötig ist. Sie hatten nicht viele Tage lang gehauen und
+gehämmert und gezimmert, bis die Holzwände gesichert dastanden; ebensowenig
+hatten sie sich Mühe mit dem Aufrichten des Daches gegeben und sich auch
+nicht den Kopf zerbrochen, wie das Haus innen mit Brettern getäfelt,
+Fenster und Türen eingesetzt und Schlösser und Riegel angebracht würden.
+Sie brauchten nichts weiter, als ihre Zeltstangen fest in den Boden
+hineinzuschlagen und die Zeltdecke darüber zu hängen, und dann war die
+Wohnung schon so gut wie fertig. Auch das Einziehen und Einrichten machte
+ihnen recht herzlich wenig Mühe. Das Wichtigste war, einige Fichtenzweige
+und ein paar Felle auf dem Boden auszubreiten und an eine eiserne Kette,
+die oben an den Zeltstangen befestigt wurde, den großen Kessel zu hängen,
+in dem sie sich ihr Renntierfleisch zu kochen pflegten.
+
+Die Ansiedler auf der östlichen Seite des Sees, die aus Leibeskräften
+arbeiteten, ihre Häuser vor Beginn des strengen Winters fertig zu bringen,
+verwunderten sich sehr über die Lappen, die nun schon seit vielen, vielen
+hundert Jahren hier oben in dem kalten Norden umherstreiften, ohne je zu
+denken, man könnte einen anderen Schutz vor Sturm und Kälte nötig haben als
+dünne Zeltwände. Und die Lappen wunderten sich ihrerseits über die
+Ansiedler, die sich diese ganze schwierige und mühselige Arbeit machten,
+wenn doch der Besitz von einigen Renntieren und eines Zeltes zur Erhaltung
+des Lebens genügte.
+
+An einem Nachmittag im Juli regnete es da droben am Luossajaure ganz
+fürchterlich, und die Lappen, die sonst zur Sommerzeit fast die ganzen Tage
+und Nächte im Freien zubrachten, waren alle miteinander in einem Zelte
+zusammengekrochen; da kauerten sie ums Feuer und tranken Kaffee.
+
+Während sie sich so bei dem Kaffeetopf ganz vergnüglich unterhielten, kam
+von der Kirunaer Seite ein Boot über den See herübergerudert und legte bei
+dem Lappenlager an. Aus dem Boot stieg ein Arbeiter mit einem Mädchen, das
+dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte. Die Hunde der Lappen rannten
+den beiden mit heftigem Bellen entgegen, und einer der Lappen steckte den
+Kopf aus der Zeltöffnung heraus, um zu sehen, was es gäbe. Er war sehr
+erfreut, als er den Arbeiter sah, denn dieser war ein guter Freund von den
+Lappen, ein freundlicher, redseliger Mann, der sich in der Lappensprache
+unterhalten konnte. Der Lappe rief ihm auch gleich zu, er solle nur zu
+ihnen ins Zelt hereinkriechen.
+
+[Illustration]
+
+»Du kommst wie gerufen, Söderberg,« sagte er. »Der Kaffeekessel hängt über
+dem Feuer. Bei diesem Regenwetter kann man nichts anderes tun. Komm nur
+herein und erzähl uns etwas Neues aus der Welt draußen!«
+
+Der Arbeiter kroch zu den Lappen hinein; und mit viel Mühe und unter eitel
+Lachen und Scherzen wurde ihm und dem Mädchen in dem kleinen Zelt, das
+schon vorher gepfropft voll von Menschen war, noch Platz gemacht, und dann
+fing der Mann sogleich an, lappisch mit seinen Wirten zu sprechen. Indessen
+saß das Mädchen, das mit ihm gekommen war und von der Unterhaltung nichts
+verstand, ganz still da und betrachtete erstaunt den Fleischkessel und den
+Kaffeetopf, das Feuer und den Rauch, die Lappen und die Lappenfrauen, die
+Kinder und Hunde, die Wände und den Boden, die Kaffeetassen und die
+Tabakspfeifen, die bunten Kleider und die geschnitzten Geräte, -- nichts,
+gar nichts war so, wie sie es gewohnt war.
+
+Aber plötzlich gab sie das Umherschauen auf und schlug die Augen nieder,
+denn sie fühlte, daß alle im Zelte sie ansahen. Söderberg mußte etwas von
+ihr erzählt haben, denn jetzt nahmen die Männer und Weiber ihre kurzen
+Tabakspfeifen aus dem Munde und starrten sie an. Der ihr zunächst sitzende
+Lappe klopfte ihr auf die Schulter und sagte auf schwedisch: »Gut, gut!«
+Ein Lappenweib schenkte eine große Tasse Kaffee ein, die ihr mit vieler
+Mühe hinübergereicht wurde, und ein Lappenjunge von ungefähr demselben
+Alter wie das Mädchen schlängelte sich zwischen die Dasitzenden durch, bis
+er ganz nahe zu dem Mädchen hingekommen war. Da blieb er liegen und sah sie
+nur immer an.
+
+Das Mädchen erriet, wovon die Rede war: gewiß hatte Söderberg erzählt, wie
+sie das feierliche Begräbnis für Klein-Mats zustande gebracht hatte; aber
+sie wünschte innig, er möchte nicht soviel von ihr erzählen, sondern lieber
+die Lappen fragen, ob sie nichts von ihrem Vater wüßten. Der kleine Knirps
+hatte ihr gesagt, er halte sich bei den Lappen auf, die ihr Lager westwärts
+vom Luossajaure aufgeschlagen hätten, und da hatte sie gebeten, man möchte
+sie mit einem der Züge, die Material zum Eisenbahnbau hinaufbrachten,
+hinfahren lassen -- denn richtige Züge gingen noch nicht auf dieser
+Bahn --, damit sie ihren Vater suchen könne. Alle miteinander, Aufseher und
+Arbeiter, waren ihr nach Kräften behilflich gewesen, und ein Ingenieur in
+Kiruna hatte jetzt Söderberg, der lappisch sprechen konnte, mit ihr über
+den See hinübergeschickt, dort sollte er sich für sie nach ihrem Vater
+erkundigen. Sie hatte gehofft, sie würde ihn da treffen, sobald sie
+angekommen wäre, und sie hatte auch gleich ihren Blick prüfend von einem
+Gesicht zum andern im ganzen Zelt herumgleiten lassen. Aber ach, alle diese
+Gesichter gehörten dem Lappenvolk an, der Vater war nicht da!
+
+Je länger Söderberg mit den Lappen sprach, desto ernster wurden alle; Åsa
+sah es wohl. Die Lappen schüttelten die Köpfe und klopften sich an die
+Stirne, als wenn sie von jemand sprächen, der nicht ganz bei Verstand sei.
+Dies beunruhigte Åsa sehr, sie konnte nicht mehr ruhig zuhören und zuwarten
+und fragte deshalb Söderberg, was die Lappen von ihrem Vater wüßten.
+
+»Sie sagen, er sei auf dem Fischfang,« antwortete der Arbeiter, »und sie
+wüßten nicht, ob er heute abend zurückkomme. Aber sobald das Wetter wieder
+etwas besser ist, will einer von ihnen sich aufmachen und ihn suchen.«
+
+Hierauf wendete sich Söderberg wieder an die Lappen und sprach aufs neue
+eifrig mit ihnen. Er wollte offenbar nicht, daß Åsa noch mehr Fragen über
+ihren Vater an ihn richte.
+
+Am nächsten Tage war sehr schönes Wetter. Ola Serka, der Vornehmste unter
+den Lappen, hatte gesagt, er wolle sich selbst auf die Suche nach Åsas
+Vater machen. Aber er beeilte sich durchaus nicht; ruhig hockte er noch vor
+dem Zelte, dachte an Jon Assarsson und überlegte, wie er ihm die Nachricht
+von der Ankunft seiner Tochter beibringen sollte. Es handelte sich nämlich
+darum, ihm die Nachricht so mitzuteilen, daß er nicht erschrak und entfloh,
+denn er war ein sehr eigentümlicher Mann, der sich ängstlich hütete, mit
+Kindern zusammenzutreffen. Er pflegte zu sagen, er bekomme gar so trübe
+Gedanken, wenn er Kinder sehe, und das könne er nicht ertragen.
+
+Während Ola Serka über seine Aufgabe nachdachte, saßen Åsa und Aslak, der
+Lappenjunge, der am vorhergehenden Abend das Mädchen so unverwandt
+angeschaut hatte, auf dem freien Platze vor dem Zelte und plauderten
+miteinander. Aslak war in die Schule gegangen und konnte schwedisch
+sprechen. Er erzählte Åsa von dem Leben seines Volkes und versicherte ihr,
+ihnen ginge es besser als allen anderen Menschen. Åsa dagegen fand, daß es
+ihnen schrecklich schlecht gehe, und sie sagte ihm das auch.
+
+»Du weißt nicht, was du sprichst,« erwiderte Aslak. »Bleibe nur eine Woche
+lang bei uns, dann wirst du selbst sehen, daß wir das glücklichste Volk auf
+der ganzen Welt sind.«
+
+»Wenn ich eine Woche hier bliebe, würde ich wahrscheinlich in euerm Zelt
+vor lauter Rauch ersticken,« sagte Åsa.
+
+»Das darfst du nicht sagen,« erwiderte der Lappenjunge. »Du weißt ja gar
+nichts von uns. Ich will dir eine Geschichte erzählen, daraus kannst du
+ersehen, daß es dir immer besser bei uns gefallen würde, je länger du hier
+bliebest.«
+
+Und dann fing Aslak an, Åsa von der Zeit zu erzählen, wo die große
+Krankheit, die der schwarze Tod genannt wurde, durchs Land gezogen war. Er
+wußte nicht, ob sie hier oben im richtigen Lappland, wo sie sich jetzt
+befanden, gewütet hatte, aber in Jämtland hatte sie ganz fürchterlich
+gehaust. Von den Lappen, die da in den Wäldern und Gebirgen wohnten, waren
+bis auf einen einzigen Jungen von fünfzehn Jahren alle gestorben, und von
+den Schweden, die in den Tälern wohnten, war niemand verschont geblieben
+als ein Mädchen, das auch ungefähr fünfzehn Jahre alt war.
+
+»Der Junge und das Mädchen waren einen ganzen Winter hindurch in dem
+verlassenen Lande umhergezogen, um andere Menschen zu finden,« erzählte
+Aslak weiter. »Und gegen das Frühjahr stießen sie endlich aufeinander. Da
+bat das schwedische Mädchen den Lappenjungen, mit ihr südwärts zu ziehen,
+damit sie wieder zu Leuten aus ihrem Stamme komme. Sie wolle nicht in
+Jämtland bleiben, wo nur verlassene, ausgestorbene Höfe seien.
+
+>Ich will dich führen, wohin du willst,< sagte der Junge, >aber nicht vor
+dem Winter. Jetzt ist es Frühling, meine Renntiere ziehen westwärts ins
+Gebirge hinauf, und du weißt, wir vom Lappenvolke müssen dahin gehen, wohin
+uns unsere Renntiere führen!<
+
+Das schwedische Mädchen war das Kind reicher Eltern. Sie war gewohnt, in
+einem Hause zu wohnen, in einem Bett zu schlafen und an einem Tische zu
+essen. Bis jetzt hatte sie das arme Gebirgsvolk immer verachtet, und sie
+meinte, die Menschen, die unter freiem Himmel schliefen, müßten sehr
+unglücklich sein. Aber sie fürchtete sich vor der Rückkehr in ihre Heimat,
+wo alles ausgestorben war.
+
+>So laß mich wenigstens mit dir in die Berge hinaufziehen,< sagte sie zu
+dem Jungen, >dann muß ich doch nicht hier allein sein, wo ich nie eine
+menschliche Stimme vernehme.<
+
+Der Junge ging gern darauf ein, und so zog das Mädchen mit den Renntieren
+hinauf ins Gebirge. Die Herde sehnte sich nach den guten Bergweiden und
+legte jeden Tag ein großes Stück Weges zurück. Es blieb den beiden keine
+Zeit, ein Zelt aufzuschlagen; nur in den Stunden, wo die Renntiere
+anhielten, um zu weiden, konnten sie sich auf den Schnee werfen und ein
+wenig schlafen. Die Tiere fühlten den Südwind durch ihre Pelze wehen, und
+sie fühlten auch, daß er in wenigen Tagen den Schnee von den Berghängen
+wegfegen würde. Das Mädchen und der Junge mußten ihnen durch schmelzenden
+Schnee und brechendes Eis hindurch nacheilen. Als sie endlich hoch ins
+Gebirge hinaufgekommen waren, wo der Nadelwald aufhörte und die
+verkrüppelten Birken anfingen, ruhten sie sich einige Wochen aus, bis der
+Schnee von den obersten Berghalden geschmolzen war; dann zogen sie da
+hinauf. Das Mädchen jammerte und keuchte und sagte sehr oft, sie sei müde,
+sie wolle umkehren und wieder ins Tal hinunter; aber sie ging doch noch
+lieber mit, als daß sie allein, ohne eine lebende Seele, mit der sie ein
+Wort hätte sprechen können, zurückgeblieben wäre.
+
+Als sie endlich die Hochebene erreicht hatten, schlug der Junge auf einem
+schönen grünen Platz, der gegen einen Gebirgsbach sanft abfiel, ein Zelt
+für das Mädchen auf. Als es Abend wurde, fing der Junge die Renntierkühe
+mit einer Wurfleine ein, melkte sie und gab dem Mädchen von der Milch zu
+trinken. Er fand auch etwas Renntierkäse und getrocknetes Renntierfleisch,
+das sein Volk im vorigen Jahre da oben auf der Höhe versteckt hatte. Aber
+das Mädchen jammerte immerfort und war durchaus nicht zufrieden. Sie wollte
+weder getrocknetes Renntierfleisch essen, noch Renntiermilch trinken. Sie
+konnte sich nicht daran gewöhnen, im Zelt auf dem Boden oder nur auf einem
+von wenigen Zweigen und einem Renntierfell hergerichteten Lager zu
+schlafen. Aber der Sohn des Gebirgsvolkes lachte nur über ihr Gejammer und
+war immer gut und freundlich gegen sie.
+
+Nachdem so einige Tage vergangen waren, trat das Mädchen zu dem Jungen, als
+er eben die Renntiere melkte, und fragte, ob sie ihm helfen dürfe. Sie
+übernahm es jetzt auch, Feuer unter dem Kessel anzuzünden, wenn
+Renntierfleisch gekocht werden sollte, sowie Wasser zu holen und Käse zu
+bereiten. Nun hatten die beiden eine schöne Zeit miteinander. Das Wetter
+war warm und das Essen leicht zu beschaffen. Sie zogen miteinander aus,
+Vogelschlingen zu legen, Forellen in den Bächen zu fangen und Multebeeren
+auf den Mooren zu pflücken.
+
+Als der Sommer zu Ende ging, zogen sie bis zu der Grenze zwischen dem
+Nadel- und dem Laubholzwald vom Gebirge herunter, und da schlugen sie
+wieder ihr Lager auf. Es war jetzt Schlachtzeit, und sie mußten alle Tage
+sehr streng arbeiten; aber es war auch eine gute Zeit, denn jetzt konnten
+sie sich noch leichter Nahrung verschaffen als im Sommer. Als der Schnee
+vom Himmel herabwirbelte und sich die Seen allmählich mit Eis bedeckten,
+zogen die Kinder ostwärts in den dichten Fichtenwald hinein. Sobald sie da
+ihr Zelt errichtet hatten, machten sie sich an die Winterarbeiten. Der
+Junge lehrte das Mädchen Faden aus Renntiersehnen drehen, die Felle
+bereiten und Kleider und Schuhe daraus nähen, sowie Kämme und Werkzeuge aus
+Renntierhörnern verfertigen, auf Schneeschuhen laufen und in
+Renntierschlitten fahren. Nachdem sie den dunkeln Winterwald hinter sich
+hatten und die Sonne allmählich wieder warm schien, sagte der Junge zu dem
+Mädchen, jetzt wolle er sie in den Süden des Landes begleiten, damit sie
+die Leute ihres eigenen Stammes wiederfinde.
+
+Doch da sah ihn das Mädchen verwundert an. >Warum willst du mich
+fortschicken?< fragte sie. >Sehnst du dich, wieder allein mit deinen
+Renntieren zu sein?<
+
+>Ich glaubte, du sehntest dich fort von hier,< erwiderte der Junge.
+
+>Jetzt habe ich fast ein ganzes Jahr lang das Leben des Lappenvolkes
+gelebt,< sagte das Mädchen, >nun kann ich nicht mehr zu meinem Volk
+zurückkehren. Nachdem ich so frei auf den Bergen und in den Wäldern
+umhergezogen bin, ist es mir nicht mehr möglich, in engen Häusern zu
+wohnen. Jage mich nicht fort, sondern laß mich hier bleiben, denn euer
+Leben ist besser als das unsrige.<
+
+Und das Mädchen blieb ihr ganzes Leben lang bei dem Jungen und hatte
+niemals Heimweh nach ihrem Volke und nach dem Leben in den Tälern. Und wenn
+du, Åsa, nur einen Monat hier oben bliebest, würdest du dich auch nicht
+wieder von uns trennen können.«
+
+Mit diesen Worten schloß Aslak seine Erzählung, und in demselben Augenblick
+nahm Ola Serka die Pfeife aus dem Munde und stand auf. Der alte Ola
+verstand mehr schwedisch, als er andere wissen lassen wollte, und er hatte
+verstanden, was der Sohn gesagt hatte. Und während er zugehört hatte, war
+ihm plötzlich klar geworden, auf welche Weise er Jon Assarsson mitteilen
+müsse, daß seine Tochter gekommen sei, ihn zu suchen.
+
+Ola Serka ging hinunter an den Luossajaure und wanderte dort eine Strecke
+dem Ufer entlang, bis er einen Mann traf, der auf einem Stein saß und
+fischte. Der Fischer hatte graues Haar und eine gebeugte Haltung. Seine
+Augen sahen müde drein; etwas Schlaffes und Hilfloses lag über dem ganzen
+Manne, er sah aus, wie jemand, der versucht hat, eine Last zu tragen, die
+ihm zu schwer war, oder wie einer, der über etwas nachgrübelte, das ihm zu
+schwierig zu lösen war, und der nun gebrochen und mutlos geworden ist, eben
+weil ihm die Sache nicht glücken wollte.
+
+»Du hast offenbar Glück bei deinem Fischfang gehabt, Jon, da du die ganze
+Nacht hier sitzen geblieben bist,« sagte der Gebirgsbewohner in lappischer
+Sprache und trat näher.
+
+Der andre fuhr zusammen und schaute auf. Der Köder an seiner Angel war
+verschwunden, und neben ihm lag nicht ein einziger Fisch. Hastig befestigte
+er einen neuen Köder an der Angel und warf dann die Schnur wieder aus.
+Indessen setzte sich Ola neben ihm ins Gras.
+
+»Ich möchte gern etwas mit dir besprechen,« begann der Lappe. »Du weißt,
+ich hab eine Tochter gehabt, die im vorigen Jahre gestorben ist, und
+seitdem habe ich sie in meinem Zelte bitter vermißt.«
+
+»Ja, das weiß ich,« erwiderte der Fischer kurz, als könnte er es nicht
+ertragen, an ein verstorbenes Kind erinnert zu werden; er sprach gut
+lappisch.
+
+»Aber es nützt nichts, wenn man sein Leben vertrauert,« fuhr der Lappe
+fort.
+
+»Nein, es nützt gar nichts.«
+
+»Und deshalb hab ich gedacht, ich wolle ein anderes Kind annehmen. Meinst
+du nicht, das sei ein guter Gedanke?«
+
+»Es kommt darauf an, was es für ein Kind ist, Ola.«
+
+»Ich will dir erzählen, was ich über das Mädchen weiß, Jon,« sagte Ola.
+
+Und nun erzählte er dem Fischer, in diesem Sommer seien zwei Kinder, ein
+Junge und ein Mädchen, nach Malmberget gekommen, ihren Vater zu suchen, und
+als sie gehört hatten, daß der Vater abwesend war, seien sie dort
+geblieben, seine Rückkehr abzuwarten. Aber während sie sich in Malmberget
+aufhielten, sei der Junge durch einen Felsblock bei einer Sprengung ums
+Leben gekommen, und da habe das Mädchen ihm ein feierliches Begräbnis,
+gerade wie für einen Erwachsenen gehalten.
+
+Hierauf beschrieb Ola sehr schön, wie das arme kleine Mädchen alle Menschen
+dazu gebracht habe, daß sie ihr geholfen hätten, ja, daß sie sogar den Mut
+gehabt habe, selbst zum Inspektor zu gehen.
+
+»Ist es dies Mädchen, das du zu dir nehmen willst, Ola?« fragte der
+Fischer.
+
+»Ja,« antwortete der Lappe. »Als wir ihre Geschichte hörten, haben wir alle
+weinen müssen; alle haben darin übereingestimmt, daß eine so gute Schwester
+gewiß auch eine gute Tochter abgeben werde, und wir haben jetzt nur den
+einen Wunsch, daß sie zu uns komme.«
+
+Der andere schwieg eine Weile und setzte dann auch die Unterhaltung
+offenbar nur fort, um seinem Freunde, dem Lappen, eine Freude zu machen.
+
+»Und das Mädchen gehört doch wohl deinem eigenen Stamme an?«
+
+»Nein, es gehört nicht zum Lappenvolke.«
+
+»Dann ist sie doch wohl die Tochter eines Ansiedlers, die an das Leben hier
+oben im Norden gewöhnt ist?«
+
+»Nein, sie stammt weit aus dem Süden drunten,« sagte Ola und sah dabei aus,
+als habe das gar nichts mit der Sache zu tun.
+
+Aber jetzt wurde der Fischer aufmerksam. »Dann solltest du sie nicht bei
+dir behalten, Ola,« sagte er. »Wenn sie nicht von Geburt daran gewöhnt ist,
+kann sie den Winteraufenthalt in so einem Lappenzelt gewiß nicht ertragen.«
+
+»Sie bekommt gute Eltern und gute Geschwister in diesem Lappenzelt,« fuhr
+Ola hartnäckig fort. »Alleinstehen ist schlimmer als frieren.«
+
+Aber jetzt wurde der Fischer immer eifriger, die Sache zu verhindern. Es
+war, als könne er den Gedanken nicht ertragen, daß ein Kind, das
+schwedische Eltern hatte, bei den Lappen wohnen sollte.
+
+»Hast du nicht gesagt, das Mädchen habe einen Vater in Malmberget?«
+
+»Er ist tot,« versetzte der Lappe kurz.
+
+»Weißt du das aber auch ganz gewiß, Ola?«
+
+»Was braucht man da noch zu fragen,« erwiderte der Lappe verächtlich.
+»Hätten die beiden Kinder wohl nötig gehabt, allein durchs ganze Land zu
+ziehen, wenn ihr Vater noch am Leben wäre? Wäre es denkbar, daß zwei kleine
+Kinder selbst für sich hätten sorgen müssen, wenn sie einen Vater hätten?
+Hätte das Mädchen den schweren Gang zum Inspektor selbst machen müssen,
+wenn ihr Vater noch lebte? Meinst du, sie wäre dann jetzt auch nur einen
+einzigen Augenblick allein und verlassen, jetzt, wo das ganze Sameland
+davon spricht, was für ein gutes, mutiges Mädchen sie sei? Das Mädchen
+selbst meint freilich, ihr Vater sei noch am Leben, ich aber sage, er muß
+tot sein, es ist nicht anders möglich.«
+
+Der Mann mit den müden Augen wendete sich dem Lappen zu. »Wie heißt sie,
+Ola?« fragte er.
+
+Der Lappe überlegte ein wenig, dann sagte er: »Ich weiß es nicht mehr, aber
+ich will sie fragen.«
+
+»Sie fragen? Ja, ist sie denn schon hier?«
+
+»Ja, sie ist drüben im Zelte.«
+
+»Wie, Ola? Hast du sie zu dir genommen, ehe du weißt, was ihr Vater dazu
+sagen wird?«
+
+»Was brauche ich mich um ihren Vater zu kümmern? Wenn er wirklich nicht tot
+ist, dann will er offenbar nichts von dem Kinde wissen, und er kann nur
+froh sein, wenn ein anderer sich ihrer annehmen will.«
+
+Doch jetzt warf der Fischer seine Gerte weg und richtete sich auf; es war
+eine Lebhaftigkeit über ihn gekommen, als wenn neues Leben in ihm erwacht
+wäre.
+
+»Dieser Vater ist wahrscheinlich nicht wie andere Menschen,« fuhr der Lappe
+fort. »Vielleicht ist er einer von denen, die von schwermütigen Gedanken
+verfolgt werden, so daß er es bei keiner Arbeit lange aushalten kann. Aber
+sage selbst, wäre ein solcher Vater ein großer Gewinn für das Mädchen?«
+
+Während Ola dies sagte, stand der Fischer auf und ging mit raschen
+Schritten dem Ufer entlang.
+
+»Wohin willst du?« fragte der Lappe.
+
+»Ich will mir deine Pflegetochter ansehen, Ola.«
+
+»Das ist recht,« sagte Ola. »Komm nur und sieh sie dir an. Du wirst gewiß
+finden, daß ich eine gute Pflegetochter bekomme.«
+
+Der Schwede ging mit immer rascheren Schritten vorwärts, und der alte Ola
+konnte ihm kaum nachkommen. Nachdem sie eine kleine Strecke zurückgelegt
+hatten, sagte Ola zu seinem Gefährten: »Jetzt eben fällt mir ein, wie das
+Mädchen heißt. Åsa Jontochter heißt sie.«
+
+Der andre beschleunigte seine Schritte nur noch mehr, und der alte Ola war
+so beglückt, daß er am liebsten in lauten Jubel ausgebrochen wäre. Als nach
+einer Weile die Zelte vor ihren Augen auftauchten, ergriff Ola noch einmal
+das Wort.
+
+»Sie ist hier heraufgekommen, um ihren Vater zu suchen, nicht, um meine
+Pflegetochter zu werden; aber wenn sie den Vater nicht findet, möchte ich
+sie gerne in meinem Zelt behalten.«
+
+Doch der andre erwiderte nichts, er eilte nur mit immer größerer Hast
+vorwärts.
+
+»Ich habe es mir doch gedacht, daß er bei der Nachricht, ich wolle seine
+Tochter unter die Lappen aufnehmen, erschrecken werde,« sagte Ola vor sich
+hin.
+
+Als der Mann von Kiruna, der Åsa nach dem Lappenlager hinübergerudert
+hatte, später am Tage wieder zurückruderte, hatte er zwei Personen in
+seinem Boot, die dicht nebeneinander saßen und sich so fest an der Hand
+hielten, als ob sie sich nie wieder trennen wollten. Es waren Jon Assarsson
+und seine Tochter Åsa. Alle beide hatten jetzt ein ganz anderes Aussehen
+als noch vor ein paar Stunden. Jon Assarsson sah lange nicht mehr so müde
+und gebeugt aus, und seine Augen hatten einen hellen, freundlichen
+Ausdruck, als wenn er jetzt Antwort auf das bekommen hätte, was ihn so
+lange geängstigt hatte; und das Gänsemädchen Åsa schaute jetzt nicht mehr
+mit dem ihm eigenen altklugen Blick umher. Jetzt hatte sie ja jemand, auf
+den sie sich stützen und verlassen konnte, und es sah aus, als sei sie auf
+dem Wege, wieder ein harmloses Kind zu werden.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+46
+
+Gen Süden! Gen Süden!
+
+Der erste Reisetag
+
+
+ Samstag, 1. Oktober
+
+Nils Holgersson saß auf dem Rücken des weißen Gänserichs und ritt hoch
+droben durch die Lüfte. Einunddreißig Wildgänse flogen in wohlgeordnetem
+Zuge rasch südwärts. Ihre Federn rauschten, und die vielen Flügel schlugen
+mit so lautem Sausen durch die Luft, daß man fast sein eigenes Wort nicht
+verstehen konnte. Akka von Kebnekajse flog an der Spitze, hinter ihr kamen
+Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi, der Gänserich Martin und
+Daunenfein. Die sechs jungen Gänse, die sich im letzten Herbst der Schar
+angeschlossen hatten, waren nun fortgeflogen, um sich auf eigene Faust
+durchzubringen. Statt dessen hatten die Gänse zweiundzwanzig junge Gänse
+bei sich, die in diesem Sommer im Felsental herangewachsen waren. Elf von
+ihnen flogen rechts und elf links, und sie gaben sich alle Mühe, denselben
+Abstand zwischen sich einzuhalten wie die großen Gänse.
+
+Die armen Jungen hatten noch nie eine große Reise gemacht, und im Anfang
+wurde es ihnen sehr schwer, bei dem raschen Fluge der Alten mitzukommen.
+
+»Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!« riefen sie in jammervollem
+Tone.
+
+»Was gibts?« fragte die Anführerin.
+
+»Unsere Flügel sind von dem vielen Schlagen müde!« schrien die Jungen.
+
+»Je länger ihr weitermacht, desto besser geht es,« erwiderte die
+Anführerin; und sie flog auch nicht ein bißchen langsamer, sondern ebenso
+geschwind wie zuvor. Und es war wirklich, als ob sie recht behalten sollte,
+denn nachdem die jungen Gänse ein paar Stunden geflogen waren, klagten sie
+nicht mehr über Müdigkeit. Droben im Felsental waren sie jedoch den ganzen
+Tag auf der Weide gewesen, und es dauerte deshalb nicht lange, bis sie sich
+nach Nahrung sehnten.
+
+»Akka, Akka, Akka von Kebnekajse!« riefen die jungen Gänse mit kläglicher
+Stimme.
+
+»Was gibts jetzt?« fragte die Anführerin.
+
+»Wir sind so hungrig, daß wir nicht mehr weiter fliegen können!« schrien
+die Jungen. »Wir sind so hungrig, daß wir nicht mehr weiter fliegen
+können!«
+
+[Illustration]
+
+»Die Wildgänse müssen es lernen, Luft zu essen und Wind zu trinken!«
+antwortete die Anführerin, und sie hielt nicht an, sondern flog gerade wie
+vorher weiter.
+
+Es war auch beinahe, als lernten es die Jungen wirklich, von Luft und Wind
+zu leben, denn nachdem sie wieder eine Weile geflogen waren, klagten sie
+nicht mehr über Hunger. Die Schar war noch immer droben zwischen den
+Bergen, und die alten Gänse riefen mit lauter Stimme die Namen aller der
+Berggipfel, an denen sie vorüberkamen, damit die Jungen lernten, wie sie
+hießen. Aber nachdem es eine Zeitlang so fortgegangen war: »Das ist
+Porsotjokko, das ist Sarjektjokko, das ist Sulitelma!« wurden die Jungen
+aufs neue ungeduldig.
+
+»Akka, Akka, Akka!« riefen sie mit herzzerreißender Stimme.
+
+»Was gibts denn?« fragte die Anführerin.
+
+»Wir können nicht noch mehr Namen in unseren Kopf hineinbringen!« schrien
+die Jungen. »Wir können nicht noch mehr Namen in unseren Kopf
+hineinbringen!«
+
+»Je mehr in euren Kopf hineinkommt, desto mehr Platz habt ihr darin,«
+antwortete die Anführerin; und sie rief ihnen die merkwürdigen Namen gerade
+wie vorher zu.
+
+Nils Holgersson dachte auch, es sei höchste Zeit für die Wildgänse,
+südwärts zu ziehen, denn es war schon sehr viel Schnee gefallen; soweit das
+Auge reichte, war die Erde ganz weiß. Und es war auch in der letzten Zeit
+im Felsental tatsächlich recht unbehaglich gewesen. Regen und Sturm und
+Nebel hatten unaufhörlich miteinander abgewechselt, und wenn sich das
+Wetter je einmal aufhellte, hatte sogleich starker Frost eingesetzt. Die
+Beeren und Pilze, von denen sich der Junge den Sommer hindurch ernährt
+hatte, erfroren oder verfaulten. Schließlich hatte er sich mit rohen
+Fischen sättigen müssen, und das war ihm äußerst unangenehm gewesen. Die
+Tage wurden immer kürzer, und bei den langen Abenden und dem immer späteren
+Tagesanbruch war es natürlich sehr traurig und langweilig für den Jungen
+gewesen; denn er konnte ja seine Natur nicht so einrichten und nicht genau
+so lange schlafen, wie die Sonne verschwunden war.
+
+Dann aber hatten die Gösselchen allmählich so große Flügel bekommen, daß
+die Reise gen Süden unternommen werden konnte, und der Junge war
+hochbeglückt darüber. Er sang und lachte in einem fort, während er jetzt
+auf dem Rücken des Gänserichs dahinflog. Ach, er sehnte sich nicht nur von
+Lappland fort, weil es da droben jetzt trüb und dunkel und kalt und mit der
+Nahrung knapp bestellt war, nein, er hatte auch noch andere Gründe dazu.
+
+[Illustration]
+
+In den ersten Wochen hatte er da droben durchaus nicht an Heimweh gelitten.
+Er meinte, noch niemals in einem so wunderschönen Lande gewesen zu sein,
+und hatte keine anderen Sorgen, als sich der Mückenschwärme zu erwehren,
+damit sie ihn nicht ganz und gar auffräßen. Von dem weißen Gänserich sah er
+in dieser Zeit nicht viel; denn der große Weiße dachte an nichts andres,
+als für Daunenfein zu sorgen, und wich keinen Schritt von ihrer Seite. Da
+hatte sich der Junge an die alte Akka und an den Adler Gorgo gehalten, und
+die drei hatten viele vergnügte Stunden miteinander verbracht. Er war von
+den Vögeln auf weite Ausflüge mitgenommen worden; Nils Holgersson hatte
+sogar oben auf dem schneebedeckten Kebnekajse gestanden und auf die
+Gletscher hinabgeschaut, die sich dort unter dem steilen Bergkegel
+ausbreiten. Der Junge war auch noch auf vielen andern hohen Berggipfeln
+gewesen, die nur sehr selten von einem Menschenfuß betreten worden sind.
+Akka zeigte ihm verborgene Täler zwischen den Bergen und ließ ihn in
+Felsenschluchten hinabsehen, wo die Bärinnen ihre Jungen aufzogen. Es
+versteht sich von selbst, daß er auch die Bekanntschaft der zahmen
+Renntiere machte, die in großen Scharen an den Ufern des schönen Torneteich
+weideten; und er war auch drunten an dem großen Sjöfall gewesen und hatte
+den dort wohnenden Bären von ihren Verwandten im Bergwerkdistrikt Grüße
+bestellt. Wo immer er hinkam, -- überall war das Land wunderschön; er
+freute sich auch von Herzen, daß er alles sehen durfte, und doch hätte er
+nicht immer da leben mögen. Er mußte Akka recht geben, wenn sie sagte: »Die
+schwedischen Ansiedler sollten dieses Land nicht beunruhigen, sondern es
+wie bisher den Bären und Wölfen und Renntieren und Wildgänsen, den
+Bergeulen, den Wühlmäusen und den Lappen überlassen, die dazu geschaffen
+sind, da zu leben.«
+
+Eines Tages war Akka mit ihm auf eines der großen Grubenfelder geflogen,
+und da hatte er Klein-Mats von einem Sprengschuß zerschmettert an der
+Grubenöffnung gefunden. In den nächsten Tagen hatte der Junge dann an
+nichts weiter denken können, als wie er dem Gänsemädchen Åsa helfen könnte;
+nachdem aber diese ihren Vater gefunden hatte und seiner Hilfe nicht mehr
+bedurfte, wanderte er meistens in dem Felsental umher; und von dieser Zeit
+an sehnte er sich nach dem Tag, wo er mit dem Gänserich Martin heimkehren
+und wieder ein Mensch werden würde. Ach, er wollte doch so gerne wieder so
+werden, daß das Gänsemädchen Åsa mit ihm zu sprechen wagte und ihm nicht
+vor lauter Angst die Tür vor der Nase zuschlüge!
+
+Ja, ja, Nils Holgersson war überglücklich, daß es nun südwärts ging. Als
+der erste Fichtenwald auftauchte, schwang er seine Mütze und rief Hurra!
+und auf dieselbe Weise begrüßte er das erste graue Ansiedlerhaus, die erste
+Ziege, die erste Katze und die ersten Hühner. Der Weg führte über
+prachtvolle Wasserfälle hin, und zu seiner Rechten sah der Junge
+wunderschöne Berge; aber an solche Herrlichkeiten war er jetzt so gewöhnt,
+daß er kaum noch einen Blick auf sie warf. Etwas andres war es, als er
+östlich von den Bergen die Kapelle von Kvickjock, von einem kleinen
+Pfarrhof und einem kleinen Dorfe umgeben, erblickte. Dieser Anblick ergriff
+ihn so mächtig, daß ihm die Tränen in die Augen traten.
+
+Die ganze Zeit trafen die Wildgänse mit andern Zugvögeln zusammen, die
+jetzt in etwas größeren Scharen als im Frühling einhergeflogen kamen.
+
+»Wohin, ihr Wildgänse, wohin?« riefen die Zugvögel.
+
+»Ins Ausland, wie ihr auch!« antworteten die Wildgänse. »Ins Ausland, ins
+Ausland!«
+
+»Die Jungen sind ja noch nicht ganz ausgewachsen!« riefen die andern. »Mit
+so kleinen Flügeln kommen sie nie übers Meer hinüber!«
+
+Die Lappen und die Renntiere zogen nun auch von den Bergen herunter. Sie
+kamen in guter Ordnung daher: ein Lappe führte den Zug an, dann kam die
+Herde mit den großen Renntierstieren in den ersten Gliedern, hierauf eine
+Reihe Lasttiere, die die Zelte und das andre Eigentum der Lappen trugen,
+und zum Schlusse etwa sieben bis acht Menschen.
+
+Als die Wildgänse die Renntiere sahen, ließen sie sich etwas hinuntersinken
+und riefen ihnen zu: »Habt schönen Dank für den Sommer! Habt schönen Dank
+für den Sommer!«
+
+»Glückliche Reise und auf Wiedersehen im nächsten Jahr!« antworteten die
+Renntiere.
+
+Aber als die Bären die Wildgänse sahen, zeigten sie sie ihren Jungen und
+brummten: »Seht, seht! Diese dort fürchten sich vor ein bißchen Kälte;
+deshalb bleiben sie im Winter nicht daheim.«
+
+Aber die alten Wildgänse blieben den Bären die Antwort nicht schuldig,
+sondern riefen den Jungen zu: »Seht, seht! Diese verschlafen lieber das
+halbe Jahr, als daß sie sich der Mühe unterziehen, südwärts zu reisen!«
+
+Drunten in den Fichtenwäldern saßen die jungen Auerhähne zerzaust und
+verfroren beieinander und sahen den großen Vogelscharen, die jubelnd und
+fröhlich südwärts zogen, mit sehnsüchtigen Augen nach.
+
+»Wann kommt die Reihe an uns?« fragten sie die Auerhähne. »Wann kommt die
+Reihe an uns?«
+
+»Ihr müßt bei Vater und Mutter daheim bleiben,« sagten die alten Auerhähne.
+»Ihr müßt bei Vater und Mutter daheim bleiben.«
+
+[Illustration]
+
+
+Auf dem Östberge
+
+ Dienstag, 4. Oktober
+
+Wer sich je in Gebirgsgegenden aufgehalten hat, weiß, wie beschwerlich der
+Nebel sein kann, wenn er sich über eine Landschaft hereinwälzt und die
+ganze Aussicht verhüllt, so daß man von allen den schönen ringsumher
+aufragenden Bergen gar nichts sieht. Mitten im Sommer kann man in solch
+einen Nebel hineingeraten, und im Herbst ist es kaum möglich, ihm zu
+entgehen, das kann man mit Wahrheit behaupten. Nils Holgersson hatte im
+ganzen genommen recht schönes Wetter gehabt, solange sich die Wildgänse
+noch in Lappland befanden; aber kaum hatten sie gemeldet, jetzt ginge es
+nach Jämtland hinein, als die Nebel auch schon um sie her aufstiegen und
+sich so verdichteten, daß sie nichts von der Landschaft sahen. Der Junge
+flog einen ganzen Tag auf dem Rücken des Gänserichs dahin, ohne zu wissen,
+ob er in einem Gebirgsland oder in einem Flachland wäre.
+
+Gegen Abend ließen sich die Wildgänse auf einem grünen Platze nieder, der
+nach allen Seiten hin abfiel. Sie mußten sich also auf dem Gipfel eines
+Hügels befinden; ob dieser aber groß oder klein war, das konnte der Junge
+nicht herausbringen. Er dachte jedoch, sie müßten in einer bewohnten Gegend
+sein, denn er glaubte Menschenstimmen, sowie das Rasseln von Fuhrwerken zu
+hören, die auf einer Straße dahinrollten; ganz sicher war er seiner Sache
+indes nicht.
+
+Er hätte sich schrecklich gerne nach einem Hofe umgesehen, fürchtete aber,
+sich im Nebel zu verirren, und so entschloß er sich, bei den Wildgänsen zu
+bleiben. Ringsum tropfte alles vor Nässe und Feuchtigkeit; an jedem
+Grashälmchen und jedem Kräutlein hingen kleine Tropfen, und der Junge bekam
+ordentlich einen Regenschauer auf sich hernieder, sobald er sich nur ein
+wenig bewegte. »Es ist hier nicht viel besser als droben im Felsental,«
+dachte er. »Aber ein paar Schritte könnte ich doch machen,« dachte er
+weiter. Und jetzt konnte er auch in ganz geringer Entfernung vor sich ein
+Gebäude unterscheiden, das zwar nicht umfangreich, aber viele Stockwerke
+hoch war; der Junge konnte nicht bis zum Dache hinauf sehen. Die Haustür
+war verschlossen, und das Haus schien ganz unbewohnt zu sein. Ach, es war
+natürlich nur ein Aussichtsturm, wo es weder etwas zu essen, noch ein
+gewärmtes Zimmer gab! Aber Nils Holgersson lief trotzdem in größter Eile zu
+den Wildgänsen zurück.
+
+»Lieber Gänserich Martin,« sagte er, »nimm mich auf den Rücken und trage
+mich auf den Turm dort drüben hinauf. Ich kann hier nicht schlafen, weil es
+überall zu naß ist; dort droben werde ich schon ein trockenes Plätzchen
+finden, wo ich mich niederlegen kann.«
+
+Der Gänserich Martin war sogleich bereit, seinem guten Freunde zu helfen;
+er trug ihn hinauf auf das Plattdach des Turmes, und da schlief der Junge,
+bis ihn die Morgensonne weckte.
+
+Als er seine Augen aufschlug und sich umschaute, konnte er zuerst gar nicht
+begreifen, was er sah, oder wo er sich befand. Er war früher einmal auf
+einem Jahrmarkt in einem Zelt gewesen und hatte da ein mächtig großes
+Panorama gesehen; und jetzt war es ihm, als stehe er wieder mitten in so
+einem großen runden Zelt, mit einer schönen roten Decke über sich, während
+an den Wänden und am Boden hin eine prächtige weite Landschaft gemalt war,
+mit großen Dörfern, Wiesen, Landstraßen und Eisenbahnen, ja sogar mit einer
+ganzen Stadt. Es wurde ihm ja bald klar, daß er sich hier nicht in einem
+Panorama befand, sondern daß er selbst auf einem Aussichtsturm stand, mit
+dem roten Morgenhimmel über sich und einem wirklichen Land ringsumher. Aber
+er hatte jetzt schon so lange nichts anderes als Einöde gesehen, da war es
+nicht verwunderlich, daß er das, was er jetzt vor sich sah -- eine
+richtige, dichtbebaute Landschaft, -- für ein Gemälde hielt.
+
+[Illustration]
+
+Und noch etwas war schuld daran, daß der Junge alles, was er sah, zuerst
+für ein Gemälde gehalten hatte; von allem, was er sah, hatte nämlich nichts
+seine richtige Farbe. Der Aussichtsturm, auf dem er sich befand, stand auf
+einem Berg, der Berg auf einer Insel, und die Insel selbst lag nahe bei dem
+östlichen Ufer eines großen Sees. Der See aber war nicht grau, wie solche
+Binnenseen sonst zu sein pflegen, sondern ein großer Teil seines
+Wasserspiegels schimmerte ebenso rosig wie der Morgenhimmel, und drinnen in
+den tiefen Buchten blinkte er fast nachtschwarz heraus. Und dann war das
+Land um den See herum nicht grün; mit allen seinen eingeheimsten
+Getreidefeldern und den goldigschimmernden Laubwäldern leuchtete es
+hellgelb herüber, und rings um das Gelbe zog sich ein breiter Gürtel aus
+schwarzem Nadelwald. Noch niemals war dem Jungen der Wald so schwarz
+erschienen wie an diesem Morgen; aber er meinte, es komme vielleicht daher,
+weil der Laubwald innerhalb des dunklen Fichtengürtels so besonders hell
+glänzte. Jenseits dieser dunkeln Strecke blauten im Osten einige Höhenzüge;
+aber am ganzen westlichen Horizont wölbte sich ein langgestreckter,
+glänzender Bogen aus zackigen, verschiedengeformten Bergen von einer
+wunderbar schönen, sanftglänzenden Farbe, die weder rot noch weiß noch blau
+genannt werden konnte, -- es gab einfach gar keinen Namen für diese
+Schattierung.
+
+Doch jetzt wendete der Junge seinen Blick von den Bergen und Nadelwäldern
+ab und richtete ihn auf die nächste Umgebung. Rings um den See her in dem
+goldnen Gürtel tauchte allmählich ein rotes Dorf nach dem andern und eine
+weiße Kirche nach der andern auf, und direkt gen Osten, jenseits des
+schmalen Sundes, der die Insel vom Festland trennte, lag eine Stadt. Sie
+breitete sich am Seeufer aus, dicht hinter ihr ragte ein Berg auf, der sie
+beschützte, und ringsumher lag eine reiche dichtbevölkerte Landschaft.
+
+»Diese Stadt hat es wirklich verstanden, sich eine gute Lage auszuwählen,«
+dachte der Junge. »Wie sie wohl heißen mag?«
+
+In demselben Augenblick fuhr er heftig zusammen und schaute sich um. Er war
+ganz in die Aussicht versunken gewesen und hatte deshalb gar nicht gemerkt,
+daß unten Menschen herangekommen waren.
+
+Jetzt liefen diese Besucher eilig die Treppen herauf. Der Junge hatte
+gerade noch Zeit, sich nach einem Versteck umzusehen und sich dort zu
+verbergen; da waren sie auch schon oben.
+
+[Illustration]
+
+Es war eine Schar junger Leute, die auf einer Fußwanderung begriffen waren.
+Sie hatten Jämtland durchstreift und gaben nun ihrer Freude in lauten
+Worten Ausdruck, daß sie am vorhergehenden Abend Östersund noch erreicht
+hätten und nun an diesem schönen Morgen die Aussicht vom Östberg auf die
+Frösö genießen könnten. Von hier aus könne man mehr als zwanzig Meilen im
+Umkreis umherschauen, nun könnten sie doch noch einen letzten Blick auf ihr
+liebes Jämtland werfen, ehe sie es verließen.
+
+»Dort unten haben wir Sunne,« sagten sie. »Und dort liegt Marby und dort
+drüben Hallen. Was wir dort gerade im Norden sehen, ist die Kirche von
+Rödö, und die andere da unter uns ist die von Frösö.«
+
+[Illustration]
+
+Dann unterhielten sie sich über die Berge. Die nächstliegenden seien die
+Oviksfjälle, sagten die einen, und die anderen stimmten alle damit überein;
+aber dann waren sie nicht ganz einig darüber, welcher wohl der Klövsjöfjäll
+und der Anarisfjäll seien, und wo Västerfjället, Almåsafjället und der
+Åreskutan lägen.
+
+Während sie noch darüber sprachen, zog ein junges Mädchen eine Landkarte
+heraus, breitete sie auf ihren Knieen aus und studierte darin. Plötzlich
+schaute sie auf.
+
+»Wenn ich das Jämtland so hier auf einer Karte sehe,« sagte sie, »kommt es
+mir immer wie ein einziger großer Felsen vor. Ich warte immer darauf, daß
+mir jemand einmal erzählt, dieses Gebirge habe einst ganz aufrecht
+dagestanden und bis zum Himmel hinaufgereicht.«
+
+»Das hätte wahrlich ein gewaltiger Berg sein müssen,« sagte eines von den
+andern und lachte das junge Mädchen aus.
+
+»Allerdings; aber deshalb ist er ja auch umgefallen. Hier, seht doch
+selbst! Es gleicht wahrhaftig einem richtigen hohen Berge mit breitem Fuß
+und spitzigem Gipfel.«
+
+»Es paßt gar nicht so schlecht für ein Gebirgsland, wenn der ganze
+Gebirgsstock wie ein einzelner Berg aussieht,« sagte wieder eines von den
+Umstehenden. »Ich habe zwar schon allerlei Sagen vom Jämtland gehört, aber
+doch noch nie ...«
+
+»Kennst du die Sage vom Jämtland?« fiel ihm das junge Mädchen eifrig ins
+Wort. »Dann mußt du sie sogleich erzählen.«
+
+»Und hier ist der allerbeste Platz zum Anhören, hier, wo wir gleich das
+ganze Land vor uns haben.«
+
+Alle anderen stimmten mit dem jungen Mädchen überein; und ihr Gefährte ließ
+sich nicht lange nötigen, sondern begann sogleich seine Erzählung.
+
+[Illustration]
+
+
+Die Sage von Jämtland
+
+»Zu der Zeit, wo es noch Riesen in Jämtland gab, geschah es einmal, daß ein
+alter Bergriese auf dem Hofe vor seinem Hause stand und seine Pferde
+striegelte. Während er eifrig bei dieser Arbeit war, fingen die Pferde
+plötzlich vor lauter Angst heftig zu zittern an.
+
+>Was ist denn mit euch los?< sagte der Riese und sah sich um, was die
+Pferde wohl erschreckt haben könnte. Es waren aber weder Wölfe noch Bären
+in der Nähe zu erblicken; das einzige, was er entdecken konnte, war ein
+Wandersmann, der zwar bei weitem nicht so groß und stark war wie er selbst,
+aber doch recht stattlich aussah und offenbar auch über gute Kräfte
+verfügte, und der eben den Pfad heraufstieg, der zu der Berghütte führte.
+Aber kaum war der alte Bergriese des Wandersmanns gewahr geworden, als er
+auch schon von Kopf bis zu Fuß zitterte, gerade wie seine Pferde; er nahm
+sich gar nicht Zeit, seine angefangene Arbeit fertig zu machen, sondern
+lief eiligst in den Saal hinein zu seinem Weib, das an der Kunkel Werg
+spann.
+
+>Was ist denn los?< fragte die Frau. >Du siehst ja todesbleich aus.<
+
+>Soll ich etwa nicht bleich aussehen,< erwiderte der Riese, >wenn ein
+Wanderer des Weges daherkommt, der ebenso gewiß, wie du mein Weib bist,
+Asa-Thor sein muß.<
+
+>Das ist freilich kein willkommener Besuch,< erwiderte das Weib des Riesen.
+>Kannst du ihm nicht die Augen verhexen, daß er den ganzen Hof hier für
+einen Felsen hält und an unserer Tür vorübergeht?<
+
+>Es ist zu spät, Zauberkunst auszuüben,< sagte der Riese, >denn ich höre
+ihn schon die Pforte öffnen und in den Hof hereintreten.<
+
+>Dann rate ich dir, dich verborgen zu halten und mich ihn allein in Empfang
+nehmen zu lassen,< sagte die Frau schnell. >Ich will mein bestes tun, ihm
+das Wiederkommen zu verleiden.<
+
+Der Vorschlag gefiel dem Riesen über die Maßen. Er ging in die Kammer
+nebenan, seine Frau aber blieb auf der Frauenbank in dem Saal sitzen und
+spann ruhig weiter, als ahnte sie keine Gefahr.
+
+Aber nun müßt ihr wissen, daß es zu jenen Zeiten im Jämtland ganz anders
+aussah als heutigen Tages. Das ganze Land war eine einzige flache
+Hochebene, die vollständig kahl und nackt dalag, nicht einmal ein
+Fichtenwald konnte sich da fortbringen. Es gab weder See, noch Fluß, und
+auch keine Felder, über die der Pflug hätte gehen können. Ja, zu jener Zeit
+waren nicht einmal die Berge und Felsenmassen da, die jetzt im ganzen Lande
+zerstreut liegen, diese standen alle weit drüben im Westen. In dem ganzen
+großen Lande konnten keine Menschen leben, aber den Riesen ging es dafür um
+so besser. Wohl kaum ohne ihren Willen und ihr Einverständnis blieb das
+Land so öde und ungastlich liegen; und deshalb hatte es seine guten Gründe,
+wenn der Bergriese so erschrak, als er Asa-Thor auf sein Haus zukommen sah.
+Er wußte, die Asen waren denen nicht hold, die Kälte, Dunkelheit und Öde um
+sich verbreiteten und die Erde daran verhinderten, reich und fruchtbar zu
+werden und sich mit menschlichen Wohnungen zu schmücken.
+
+Die Frau des Riesen brauchte nicht lange zu warten; nach wenigen
+Augenblicken ertönten feste Schritte vor dem Hause, und der Wanderer, den
+der Riese auf dem Pfad gesehen hatte, riß die Tür auf und trat in die
+Stube. Er blieb jedoch nicht an der Tür stehen, wie sonst die
+umherziehenden Leute zu tun pflegen, sondern ging geradeswegs auf die Frau
+zu, die auf der entgegengesetzten Seite des Saals an der Giebelwand saß.
+Aber wie merkwürdig! Als er meinte, nun habe er ein ordentliches Stück
+zurückgelegt, war er erst eine ganz kleine Strecke von der Tür entfernt,
+und es war noch weit bis zur Feuerstelle, die sich mitten in der Stube
+befand. Der Fremde machte längere Schritte; aber nachdem er wieder eine
+Weile gegangen war, kam es ihm vor, als sei die Frau und auch die
+Feuerstelle noch weiter entfernt als bei seinem Eintritt. Im Anfang war ihm
+das Haus gar nicht besonders groß vorgekommen, und er merkte erst, wie groß
+es war, als er die Feuerstelle schließlich erreicht hatte; denn da war er
+so müde, daß er sich auf seinen Stab stützen und ausruhen mußte. Als die
+Frau des Riesen sah, daß er stehen blieb, legte sie die Kunkel weg, stand
+von der Bank auf und war mit wenigen Schritten neben ihm.
+
+>Wir Riesen haben große Stuben gern,< sagte sie, >und mein Mann beklagt
+sich oft darüber, wie enge es hier sei. Aber für jemand, der keine größeren
+Schritte machen kann als du, muß es sehr anstrengend sein, das Zimmer eines
+Riesenhauses zu durchschreiten, das begreife ich recht wohl. Laß mich nun
+wissen, wer du bist und was du von den Riesen willst?<
+
+Augenscheinlich lag dem Wanderer eine heftige Antwort auf der Zunge; aber
+er wollte sich ohne Zweifel mit einer Frau nicht in Streit einlassen, denn
+er antwortete ganz ruhig: >Mein Name ist Handfest, und ich bin ein Recke,
+der manches Abenteuer bestanden hat. Nun habe ich das ganze Jahr daheim auf
+meinem Hof gesessen und hatte mich schon gefragt, ob es denn gar nichts
+mehr für mich zu tun gebe, als ich die Menschen sagen hörte, ihr Riesen
+sorgtet gar zu schlecht für das Land hier oben, so daß es außer euch
+niemand hier aushalten könne. Da habe ich mich flugs aufgemacht, um mit
+deinem Manne über diese Sache zu sprechen und ihn zu fragen, ob er nicht
+für eine bessere Ordnung hier Sorge tragen wolle.<
+
+>Mein Mann ist auf der Jagd,< sagte die Frau, >und wenn er nach Hause
+kommt, wird er dir selbst Antwort auf deine Fragen geben. Aber das will ich
+dir doch sagen: wer mit solchen Fragen zu einem Bergriesen kommt, müßte
+eigentlich ein größerer Mann sein als du. Es wäre gewiß am besten für
+deinen guten Ruf, wenn du dich gleich wieder aus dem Staube machtest, ohne
+mit dem Riesen zusammengetroffen zu sein.<
+
+>O nein, da ich nun einmal gekommen bin, will ich auch auf ihn warten,<
+erwiderte der Mann, der sich Handfest genannt hatte.
+
+>Ich habe dir nach meinem besten Wissen geraten,< sagte die Riesin, >tu nun
+eben, was du nicht lassen kannst. Setze dich indessen hier auf die Bank,
+dann will ich dir einen Willkommtrunk holen.<
+
+Die Frau ergriff ein gewaltiges Methorn und begab sich damit in den
+hintersten Winkel der Stube, wo das Metfaß lag. Auch dieses kam dem Gaste
+nicht besonders groß vor; als aber die Frau den Zapfen herauszog, stürzte
+der Met mit so lautem Brausen in das Methorn, wie wenn ein Wasserfall ins
+Zimmer hereingerauscht käme. Das Horn war bald voll. Aber als die Frau den
+Zapfen wieder in das Faß hineinstecken wollte, kam sie nicht zustande
+damit; der Met schäumte wild hervor, riß ihr den Zapfen heraus und floß auf
+den Boden. Die Frau machte noch einen Versuch, den Zapfen wieder
+hineinzustecken, aber es mißlang ihr abermals. Da rief sie den Fremden zu
+Hilfe.
+
+>Siehst du denn nicht, daß mir der Met ausläuft, Handfest? Komm her und
+steck den Zapfen in die Tonne!<
+
+Der Gast eilte ihr sofort zu Hilfe; er nahm den Zapfen und versuchte, ihn
+in das Spundloch hineinzudrücken; aber der Met riß ihn wieder heraus,
+schleuderte ihn weit weg, schoß mit unverminderter Gewalt heraus und
+überschwemmte den Boden.
+
+Handfest versuchte es ein Mal ums andre, den Zapfen hineinzustecken, aber
+es gelang ihm nicht, und schließlich warf er den Zapfen weg. Der ganze
+Boden war nun mit Met bedeckt, und damit man doch wenigstens im Zimmer sein
+konnte, zog der Fremde tiefe Furchen, in denen der Met fließen konnte. Er
+machte in dem harten Felsengrund Rinnen, wie Kinder im Frühling durch den
+Sand Furchen ziehen, damit das Schneewasser ablaufen kann, und da und dort
+stampfte er mit dem Fuße tiefe Löcher, in denen die Flüssigkeit sich
+sammeln konnte. Die Frau sah ganz ruhig zu; und wenn der Gast aufgeschaut
+hätte, würde er entdeckt haben, daß sie seiner Arbeit verwundert und auch
+entsetzt zusah.
+
+Aber als er fertig war, sagte sie spöttisch: >Ich danke dir schön,
+Handfest. Ich sehe, du tust, was in deiner Macht steht. Sonst hilft mir
+mein Mann, den Zapfen einzusetzen; aber es kann ja nicht jedermann so stark
+sein wie er. Da du nun dies nicht tun kannst, wäre es wohl am besten für
+dich, wenn du gleich jetzt deines Weges zögest.<
+
+>Ich gehe nicht, ehe ich mein Vorhaben ausgeführt habe,< sagte der Fremde,
+aber er sah beschämt und niedergeschlagen dabei aus.
+
+>Dann setze dich dort auf die Bank,< sagte die Frau. >Ich will den Kessel
+aufs Feuer stellen und dir einen Teller Grütze kochen.<
+
+Sie tat, wie sie gesagt hatte; als aber die Grütze beinahe fertig war,
+wendete sie sich an den Gast und sagte: >Ich sehe eben, daß ich fast kein
+Mehl mehr habe, um die Grütze gehörig dick zu machen. Meinst du, du seiest
+stark genug, die Mühle zu drehen, die dort neben dir steht; ein paar
+Drehungen genügen schon, und es ist Korn zwischen den Steinen. Du mußt
+jedoch deine ganze Kraft zusammennehmen, denn die Mühle geht nicht gerade
+leicht.<
+
+Der Gast ließ sich nicht lange bitten, sondern suchte die Handmühle zu
+drehen. Sie kam ihm nicht besonders groß vor; als er aber den Griff erfaßt
+hatte und den Stein im Kreise herumdrehen wollte, ging sie so schwer, daß
+er sie nicht bewegen konnte; er wendete seine ganze Kraft auf, brachte aber
+trotz aller Mühe die Mühle nur ein einziges Mal im Kreise herum.
+
+Mit stummer Verwunderung sah die Riesenfrau zu, während er sich abmühte;
+und als er die Mühle losließ, sagte sie: >Ja, ich bin von meinem Mann her
+freilich bessere Hilfe gewöhnt, wenn die Mühle nicht gehen will. Aber es
+kann ja niemand von dir fordern, daß du mehr tun sollst, als deine Kraft
+vermag; du wirst jetzt aber doch wohl selbst einsehen, daß es am besten für
+dich wäre, wenn du nicht mit dem zusammen träfest, der auf dieser Mühle
+mahlen kann, soviel er Lust hat.<
+
+>Trotzdem habe ich im Sinne, auf ihn zu warten,< erwiderte Handfest ganz
+leise und sanft.
+
+>Nun, dann setze dich dort auf die Bank, während ich ein Bett für dich
+zurecht mache,< sagte die Frau; >denn in diesem Falle wirst du hier
+übernachten müssen.<
+
+Sie richtete ihm aus vielen Kissen und Decken ein Lager her und wünschte
+ihm gute Nacht. >Du wirst das Bett ziemlich hart finden,< sagte sie, >aber
+mein Mann liegt jede Nacht auf so einem Lager.<
+
+Als Handfest sich nun in dem Bett behaglich ausstrecken wollte, fühlte er
+so viel Unebenheiten und Vertiefungen unter sich, daß von Schlafen keine
+Rede sein konnte; er wälzte und drehte sich von einer Seite auf die andere,
+konnte aber durchaus nicht einschlafen. Schließlich warf er in hellem Zorn
+ein Kissen dahin und ein Polster dorthin, und dann schlief er ruhig bis zum
+Morgen.
+
+Als die Sonne durch die Dachluke herein schien, stand er auf und verließ
+das Haus der Riesen. Er ging über den Hofplatz und durch die Pforte; als er
+jedoch diese wieder hinter sich zumachte, stand plötzlich die Frau des
+Riesen neben ihm.
+
+>Ich sehe, du willst nun doch deiner Wege gehen, Handfest,< sagte sie, >und
+das ist gewiß auch das klügste, was du tun kannst.<
+
+>Wenn dein Mann in einem solchen Bett schlafen kann, wie du mir für diese
+letzte Nacht bereitet hast,< sagte Handfest mißmutig, >dann will ich mich
+nicht mit ihm einlassen, denn dann muß er ein Mann von Eisen sein, mit dem
+es niemand aufnehmen kann.<
+
+Die Riesin lehnte an der Pforte. >Jetzt, wo du außerhalb meines Hofes bist,
+Handfest,< sagte sie, >will ich dir doch sagen, daß deine Reise zu uns
+Riesen durchaus nicht so unehrenvoll für dich abgelaufen ist, wie du selbst
+zu denken scheinst. Es ist gar nicht merkwürdig, daß du den Weg durch meine
+Stube lang fandest; da bist du über die ganze Hochebene, die Jämtland
+genannt wird, hingegangen. Desgleichen war es auch nicht verwunderlich, daß
+du den Zapfen nicht in das Faß hinein brachtest, denn aus dem Faß ist dir
+alles Wasser entgegengeströmt, das von den Schneebergen herabläuft. Und als
+du das Wasser auf dem Boden in Rinnen leitetest, hast du Furchen und
+Vertiefungen geschaffen, die jetzt Flüsse und Seen sind. Es war kein
+geringer Beweis deiner Stärke, daß du die Mühle einmal im Kreise
+herumgebracht hast, denn zwischen den Steinen war kein Korn, sondern
+Kalksteine und Schiefer, und mit der einen Drehung hast du soviel gemahlen,
+daß die ganz Hochebene mit guter fruchtbarer Erde bedeckt worden ist. Daß
+du in dem Bett, das ich dir zurecht gemacht habe, nicht hast liegen können,
+verwundert mich auch nicht; denn ich habe große eckige Berggipfel
+hineingelegt; diese hast du nun über das halbe Land hingeschleudert, und
+vielleicht sind dir die Menschen dafür nicht so dankbar wie für das andere,
+was du getan hast. Ich sage dir jetzt Lebewohl und verspreche dir, daß ich
+und mein Mann von hier fortziehen werden an einen Ort, wo du uns nicht so
+leicht aufsuchen kannst.<
+
+Der Wanderer hörte dies alles mit wachsendem Zorne an, und als die
+Riesenfrau ausgesprochen hatte, griff er nach dem Hammer, den er in seinem
+Gürtel trug. Aber ehe er ihn herausziehen konnte, war die Frau
+verschwunden, und da, wo das Haus der Riesen gestanden hatte, war nichts
+mehr zu sehen als eine graue Bergwand. Aber was nicht verschwunden war, das
+waren die mächtigen Flüsse und Seen, denen Handfest auf der Hochebene
+einen Weg geschaffen, sowie das fruchtbare Erdreich, das er gemahlen hatte.
+Nicht verschwunden waren außerdem noch die prächtigen Berge, die dem
+Jämtland seine Schönheit verleihen und allen denen, die es besuchen, Kraft
+und Gesundheit, Freude, Mut und Lebenslust schenken; deshalb ist wohl auch
+von allen Taten, die Asa-Thor vollbracht hat, keine lobenswerter als die,
+welche er in jener Nacht ausführte, als er Felsenmassen hinausschleuderte,
+vom Frostviksgebirge im Norden bis zum Helagsberg im Süden, von den
+Ovikshöhen bis jenseits des Storsee, ja bis zu den Sylarna, den hohen
+Bergen an der Reichsgrenze.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+47
+
+Die Sage vom Härjedal
+
+
+ Dienstag, 4. Oktober
+
+Nils Holgersson wurde unruhig, weil die Reisenden gar so lange auf dem
+Aussichtsturm blieben. Der Gänserich Martin konnte seinen Gefährten nicht
+abholen, solange die Fremden da waren, und der Junge wußte doch, daß die
+Wildgänse so rasch wie möglich südwärts reisen wollten. Mitten unter der
+Erzählung war es ihm freilich gewesen, als höre er Gänsegeschnatter und
+laute Flügelschläge; vielleicht waren das die Wildgänse, die weiterflogen.
+Aber der Junge hatte nicht an die Brüstung zu treten gewagt, um zu sehen,
+wie es sich verhielt.
+
+Als die Gesellschaft endlich gegangen war und der Junge sich aus seinem
+Versteck herauswagen konnte, sah er keine Wildgänse drunten auf dem Boden,
+und kein Gänserich Martin kam, ihn zu holen. Er rief: »Hier bin ich! Wo
+bist du?« so laut er konnte; aber die Reisegefährten zeigten sich nicht. Es
+fiel ihm zwar keinen Augenblick ein, sie könnten ihn verlassen haben; aber
+er fürchtete, es sei ihnen ein Unglück zugestoßen, und er überlegte eben,
+auf welche Weise er sie ausfindig machen könnte, als sich plötzlich der
+Rabe Bataki neben ihm niederließ.
+
+Der Junge hätte nie gedacht, daß er Bataki jemals mit einem so frohen
+Willkommen begrüßen würde, wie er jetzt tat. »Lieber Bataki,« sagte er,
+»wie herrlich, daß du kommst! Du kannst mir vielleicht sagen, was aus dem
+Gänserich Martin und aus den Wildgänsen geworden ist.«
+
+»Jawohl, und ich komme gerade in ihrem Auftrag,« antwortete der Rabe. »Akka
+hat einen Jäger auf dem Gebirge umherstreifen sehen, deshalb wagte sie es
+nicht, auf dich zu warten, sondern ist vorausgeflogen. Setze dich jetzt auf
+meinen Rücken, dann wirst du gleich wieder bei deinen Freunden sein.«
+
+Der Junge setzte sich eiligst auf Batakis Rücken, und Bataki würde die
+Wildgänse auch bald eingeholt haben, wenn ihn der Nebel nicht daran
+verhindert hätte. Aber es war, als hätte die Morgensonne den Nebel wieder
+geweckt. Kleine, leichte Nebelschleier, die sich verdichteten und mit
+erstaunlicher Schnelligkeit ausbreiteten, stiegen plötzlich vom See, von
+den Feldern und aus dem Walde auf, und schon nach ganz kurzer Zeit war die
+Erde ringsum von weißen, wogenden Nebelmassen verhüllt.
+
+Da droben, wo Bataki flog, war vollständig klare Luft und strahlender
+Sonnenschein; aber die Wildgänse waren offenbar mitten in den Nebelmassen,
+da die beiden sie mit keinem Auge entdecken konnten. Der Junge und der Rabe
+riefen und schrien aus vollem Halse, aber sie erhielten keine Antwort.
+
+»Das ist doch ein rechtes Mißgeschick,« sagte der Rabe schließlich. »Aber
+wir wissen ja, in welcher Richtung sie fliegen, und sobald der Nebel sich
+verzieht, werde ich sie schon ausfindig machen.«
+
+Der Junge war sehr betrübt, daß er gerade jetzt von dem Gänserich Martin
+getrennt worden war, denn auf der Reise war der große Weiße allen möglichen
+Gefahren ausgesetzt. Aber nachdem er sich ein paar Stunden lang gegrämt und
+geängstigt hatte, sagte er sich, es sei ja doch bisher auch kein Unglück
+geschehen, und deshalb hätte es keinen Sinn, wenn er jetzt schon den Mut
+sinken ließe.
+
+In diesem Augenblick hörte er drunten auf der Erde einen Hahn krähen, und
+sogleich neigte er sich über den Rücken des Raben vor und rief: »Wie heißt
+das Land, über das ich hinfliege? Wie heißt das Land, über das ich
+hinfliege?«
+
+»Es heißt Härjedal! Härjedal! Härjedal!« krähte der Hahn.
+
+»Wie sieht es bei euch da drunten aus?« fragte der Junge.
+
+»Berge im Westen, Wälder im Osten und ein breites Tal durchs ganze Land!«
+antwortete der Hahn.
+
+»Schönen Dank! Schönen Dank für die gute Antwort!« rief der Junge.
+
+Nachdem sie wieder eine Weile geflogen waren, hörte er unter sich im Nebel
+eine Krähe krächzen.
+
+»Was für Menschen wohnen hier in diesem Lande?« rief der Junge hinunter.
+
+»Ein prächtiges, gutes Bauernvolk!« antwortete die Krähe. »Ein prächtiges,
+gutes Bauernvolk!«
+
+»Was arbeiten sie?« fragte der Junge. »Was arbeiten sie?«
+
+»Sie treiben Viehzucht und roden den Wald aus!« krächzte die Krähe zurück.
+
+»Schönen Dank! Schönen Dank für die gute Antwort!« rief der Junge.
+
+Kurz darauf hörte er den Gesang eines Menschen durch den Nebel
+heraufdringen.
+
+»Gibt es irgendeine große Stadt in dieser Landschaft?« fragte der Junge.
+
+»Was ... Was ... Wer ruft denn hier?« rief der Mensch als Antwort.
+
+»Gibt es irgendeine große Stadt in dieser Landschaft?« wiederholte der
+Junge.
+
+»Ich will wissen, wer da ruft?« schrie der Mensch.
+
+»Ja, ich habe mir wohl gedacht, daß ich keinen ordentlichen Bescheid
+bekäme, wenn ich einen Menschen fragte,« rief der Junge.
+
+Nach kurzer Zeit verzog sich der Nebel ebenso rasch wieder, wie er
+aufgetaucht war, und nun sah der Junge, daß Bataki über einem breiten
+Flußtal hinflog. Es war ein schöner Landstrich mit ebenso hohen Bergen wie
+im Jämtland, aber am Fuße der Berge war kein fruchtbares, dichtbebautes
+Land wie dort. Die Ortschaften lagen weit voneinander entfernt, und die
+Felder waren nur klein. Bataki flog den Fluß in südlicher Richtung entlang,
+bis er in die Nähe eines Dorfes kam. Da flog er auf ein Stoppelfeld
+hinunter und ließ den Jungen absteigen.
+
+»Auf diesem Felde hat im Sommer Gerste gestanden,« sagte Bataki. »Sieh, ob
+du nicht etwas Eßbares findest.«
+
+Der Junge befolgte den guten Rat, und schon nach ganz kurzer Zeit fand er
+eine Ähre. Während er die Körner herausschälte und sie verzehrte, fing
+Bataki ein Gespräch mit ihm an.
+
+»Siehst du das große Gebirge dort, das gerade im Süden vor uns aufragt?«
+fragte er.
+
+»Jawohl, ich sehe es deutlich,« antwortete der Junge.
+
+»Es heißt Sonfjället,« fuhr der Rabe fort, »und du darfst mir glauben, in
+den alten Tagen hat es dort viele Wölfe gegeben.«
+
+»Dieses Gebirge muß auch ein guter Schlupfwinkel für sie gewesen sein,«
+räumte der Junge ein.
+
+»Ja, für die Leute hier im Tale war es oft sehr schwer, daß sie sich auch
+noch mit den Wölfen herumschlagen mußten,« sagte Bataki.
+
+»Weißt du nicht irgendeine gute Geschichte von Wölfen, die du mir erzählen
+könntest?« fragte der Junge. Und Bataki erzählte:
+
+»Vor langer, langer Zeit sollen die Wölfe von Sonfjället einmal einen
+Bauern überfallen haben, der mit einer Ladung Böttchergefäße umherfuhr. Er
+war von Hede, einem Dorf, das einige Meilen höher droben, als wir uns hier
+befinden, im Ådal liegt. Es war Winter, und die Wölfe jagten hinter dem
+Schlitten her, als er eben über das Eis des Ljusnan hinüberfuhr. Es waren
+ihrer wohl acht bis zehn Stück, und der Bauer hatte kein gutes Pferd, so
+daß er nicht viel Hoffnung hatte, ihnen entkommen zu können.
+
+Als der Mann die Wölfe hinter sich heulen hörte und sah, was für ein großes
+Rudel er im Rücken hatte, verlor er alle Besinnung, und es fiel ihm nicht
+ein, daß er Kübel, Bottiche und Wannen eiligst von seinem Wagen hätte
+werfen sollen, um die Last zu erleichtern. Er peitschte nur auf das Pferd
+los, und dieses lief auch wie noch nie, aber trotzdem kamen die Wölfe immer
+näher, das merkte der Bauer wohl. Es war eine sehr einsame Gegend, der
+nächste Hof lag mindestens noch zwei Meilen entfernt, der Bauer konnte
+nichts anderes erwarten, als daß seine letzte Stunde gekommen sei, und er
+fühlte, wie ihm vor Entsetzen alle Glieder erstarrten.
+
+Während er so wie gelähmt dasaß, sah er, daß sich zwischen den
+Tannenbüschen, die auf dem Eis aufgepflanzt waren, um den Weg zu
+bezeichnen, etwas bewegte. Und als er sah, was es war, wuchs der Schrecken,
+der ihn schon vorher erfaßt hatte, ins ungeheure.
+
+Aber nicht Wölfe waren es, die ihm da entgegenkamen, sondern ein altes
+Bettelweib. Sie hieß die Finnen-Malin und war eine rechte Landstreicherin.
+Sie hinkte ein wenig und hatte überdies einen kleinen Höcker; der Mann
+konnte sie schon aus der Ferne erkennen.
+
+Die Frau ging gerade auf die Wölfe zu. Offenbar wurden sie durch den
+Schlitten vor ihr verdeckt, und dem Bauern war es sogleich klar: wenn er an
+ihr vorüberfuhr, ohne sie zu warnen, dann fiel sie den wilden Tieren
+unwiederbringlich zur Beute, und während diese die Alte zerrissen, konnte
+er entkommen. Auf ihren Stock gestützt, hinkte sie langsam daher; ja, sie
+war unrettbar verloren, wenn er ihr nicht half. Aber wenn er auch anhielt
+und sie auf den Schlitten nahm, war es durchaus nicht sicher, daß sie
+gerettet würde; wenn er es tat, war es mehr als wahrscheinlich, daß er von
+den Wölfen eingeholt würde, und dann wurden alle miteinander, er und die
+Alte und das Pferd, zerrissen und aufgefressen, und der Bauer fragte sich,
+ob es nicht am richtigsten wäre, ein Leben zu opfern, um zwei andere zu
+retten.
+
+Aber damit war es noch nicht genug, er mußte sogleich auch daran denken,
+wie es ihm wohl nachher selbst gehen würde: Ob er Gewissensbisse bekäme,
+weil er dem Weib nicht geholfen hatte, ob die Leute erführen, daß er ihr
+begegnet war und sie im Stiche gelassen hatte?
+
+In seiner Brust entspann sich ein großer Streit, und er sagte sich
+schließlich: >Es wäre mir viel lieber, ich wäre ihr gar nicht begegnet!<
+
+In diesem Augenblick stießen die Wölfe ein lautes Geheul aus. Das Pferd
+schreckte zusammen, fuhr wild davon und jagte an dem Bettelweib vorüber.
+Sie hatte das Wolfsgeheul auch gehört, und als der Bauer an ihr
+vorübersauste, las er in ihrem Gesicht, daß sie wußte, was ihr bevorstand.
+Sie stand da, den Mund zu einem Schrei geöffnet und die Arme um Hilfe
+ausgestreckt, aber sie hatte weder geschrien noch einen Versuch gemacht,
+sich auf den Schlitten zu werfen. Sie mußte von irgendeiner Erscheinung wie
+versteinert worden sein.
+
+>Ich habe wohl wie ein böser Geist ausgesehen, als ich an ihr
+vorüberfuhr,< dachte der Bauer, und er versuchte, sich jetzt, wo er seines
+Lebens sicher sein konnte, zufrieden zu fühlen. Aber in demselben
+Augenblick begann es in seiner Brust zu arbeiten und zu brennen. Er hatte
+noch nie etwas Böses getan, und nun hatte er in einem einzigen Augenblick
+sein Leben verdorben. >Nein, es mag gehen, wie es will!< rief er plötzlich
+und hielt das Pferd an. >Ich kann sie nicht mit den Wölfen allein lassen.<
+
+Nur mit großer Mühe gelang es ihm, das Pferd zu wenden; aber schließlich
+brachte er es doch zustande, und er hatte die Finnen-Malin bald wieder
+erreicht.
+
+>Steige schnell in meinen Schlitten!< befahl er ihr in barschem Ton; denn
+er war wütend über sich selbst, weil er das Weib nicht seinem Schicksale
+überlassen konnte. >Du tätest auch besser, daheim zu bleiben, anstatt dich
+immer herumzutreiben, du alte Hexe,< fuhr er fort, >jetzt werden wir beide
+deinetwegen umkommen, der Rappe und ich.<
+
+Das Weib erwiderte kein Wort, aber der Bauer war jetzt in einer so
+verzweifelten Stimmung, daß er sie nicht schonen konnte. >Der Rappe ist
+heute schon fünf Meilen gelaufen, da wirst du begreifen, daß er bald
+ermattet sein wird. Und die Last ist nicht leichter geworden, seit du dazu
+gekommen bist.<
+
+Die Schlittenkufen knirschten auf dem Eis; aber trotzdem vermeinte er zu
+hören, wie die Klauen der Wölfe hinter ihm aufschlugen, und er fühlte, daß
+die Raubtiere ihn nun eingeholt hatten.
+
+>Jetzt ist es aus mit uns,< sagte er. >Daß ich dich zu retten versucht
+habe, ist weder dir noch mir gut bekommen, Finnen-Malin.<
+
+Erst jetzt sprach das Weib ein paar Worte. Vorher hatte sie nur
+geschwiegen, wie jemand, der an Scheltworte gewöhnt ist.
+
+>Ich kann nicht verstehen, warum du deine Gefäße nicht abladest und die
+Last erleichterst,< sagte sie. >Du kannst ja morgen früh wiederkommen und
+sie zusammenlesen.<
+
+Der Bauer verstand, welch ein kluger Rat das war, und war nur höchst
+erstaunt, daß er nicht selbst daran gedacht hatte. Er übergab dem Weib die
+Zügel, löste den Strick, der die Gefäße zusammenhielt, und begann eifrig,
+sie abzuladen. Die Wölfe jagten schon neben dem Schlitten her, hielten aber
+jetzt an, um zu untersuchen, was da aufs Eis flog, und dadurch bekamen die
+Reisenden wieder einen kleinen Vorsprung.
+
+>Wenn das nicht hilft, werde ich mich selbstverständlich den Wölfen
+ausliefern, damit du entkommst,< sagte die Finnen-Malin.
+
+Als sie dies sagte, war der Bauer eben dabei, einen großen schweren
+Braubottich vom Schlitten hinabzustoßen. Aber plötzlich hielt er inne, als
+wenn er sich nicht entschließen könnte, diesen abzuladen. In Wirklichkeit
+jedoch waren seine Gedanken von etwas ganz anderem in Anspruch genommen.
+>Ein Pferd und ein Mann, denen gar nichts fehlt, sollten doch eigentlich
+nicht gezwungen sein, sich wegen einer alten Frau von den Wölfen fressen
+zu lassen,< dachte er. >Es muß doch wohl noch einen Ausweg zur Rettung
+geben. Ja, ganz sicher gibt es einen; der Fehler ist nur, daß ich ihn nicht
+herausfinden kann.<
+
+Schließlich schob er wieder an dem Braubottich; doch plötzlich hielt er
+wieder an und brach in lautes Lachen aus.
+
+Das Weib sah ihn erschreckt an und fragte sich, ob er verrückt geworden
+sei; aber der Bauer lachte nur über sich selbst, weil er bisher so dumm
+gewesen war.
+
+Jetzt wußte er, was er tun mußte; es war das einfachste von der Welt, und
+er konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nicht früher eingefallen war.
+
+>Paß nun wohl auf, was ich sage, Malin,< begann er. >Was du da gesagt hast,
+daß du dich den Wölfen vorwerfen wollest, war wirklich gut von dir. Aber
+das ist nicht nötig, denn ich weiß jetzt, wie uns allen dreien geholfen
+werden kann. Du mußt jetzt nur tun, was ich sage. Du nimmst die Zügel, und
+was ich auch danach tue, du bleibst ganz ruhig sitzen und fährst geraden
+Wegs nach Linsäll. Dort weckst du die Leute auf und sagst ihnen, daß ich
+hier mit zehn Wölfen allein auf dem Eise sei, und bittest sie, mir zu
+helfen.<
+
+Der Bauer wartete nun, bis die Wölfe wieder ganz dicht herangekommen waren.
+Dann wälzte er den großen Bottich aufs Eis hinab, sprang selbst nach und
+kroch darunter.
+
+Es war ein großer, schwerer Bottich, dazu gemacht, einen ganzen
+Weihnachtsvorrat an Bier fassen zu können. Die Wölfe sprangen darauf zu,
+bissen in die Reifen und versuchten, den Bottich umzustürzen. Aber er war
+zu stark und zu schwer, sie konnten nichts ausrichten; der darunter saß,
+war sicher.
+
+Ja, der Bauer wußte, daß er sicher war, die Wölfe konnten ihm nichts
+anhaben, und er lachte unter seinem Bottich.
+
+Aber plötzlich wurde er sehr ernst. >Sobald ich wieder in irgendeiner Not
+bin,< sagte er, >werde ich an diesen Braubottich denken; und ich werde mich
+daran erinnern, daß ich weder mir selbst noch andern unrecht zu tun
+brauche. Es gibt immer noch einen dritten Ausweg, es handelt sich nur
+darum, ihn zu finden.<«
+
+Damit schloß Bataki seine Erzählung. Aber Nils Holgersson hatte jetzt schon
+gemerkt, daß Bataki nie eine Geschichte erzählte, ohne eine besondere
+Absicht dabei zu haben, und je länger er ihm zuhörte, desto nachdenklicher
+wurde der Junge.
+
+»Ich möchte wohl wissen, warum du mir eigentlich diese Geschichte erzählt
+hast?« sagte er schließlich.
+
+»Ach, sie ist mir eben gerade eingefallen, als ich den Sonfjäll
+betrachtete,« antwortete der Rabe.
+
+Sie flogen nun weiter den Ljusnan entlang, und nach ungefähr einer Stunde
+gelangten sie an das Dorf Kolsätt, das gerade auf der Grenze von
+Hälsingeland liegt. Hier ließ sich der Rabe in der Nähe einer kleinen
+niedrigen Hütte nieder. Sie hatte keine Fenster, sondern nur eine Luke; aus
+dem Schornstein stieg ein mit Funken vermischter Rauch empor, und aus dem
+Hause heraus dröhnten laute Hammerschläge.
+
+»Wenn ich diese Schmiede hier sehe,« sagte der Rabe, »muß ich unwillkürlich
+daran denken, daß es in früherer Zeit im Härjedal und ganz besonders in
+diesem Dorfe hier ausgezeichnete Schmiede gegeben hat, die ihresgleichen im
+ganzen Reiche nicht hatten.«
+
+»Kannst du mir nicht vielleicht auch von ihnen eine Geschichte erzählen?«
+fragte der Junge.
+
+»O doch, denn ich habe gehört, ein Schmied von Härjedal habe einmal zwei
+andere Schmiedemeister, einen von Dalarna und einen von Wärmland, zu einem
+Wettstreit im Nägelschmieden herausgefordert. Die Herausforderung wurde
+angenommen, und die drei Schmiede kamen hier in Kolsätt zusammen. Der
+Dalmann machte sich zuerst an die Arbeit. Er schmiedete ein Dutzend Nägel,
+die alle ganz gleich und so spitzig und glatt waren, daß sie nicht besser
+hätten sein können. Nach ihm kam der Wärmländer an die Reihe. Er schmiedete
+auch ein Dutzend Nägel, und diese waren über alles Lob erhaben, und dazu
+kam noch, daß dieser Schmied nur halb soviel Zeit dazu gebraucht hatte als
+der Dalmann. Als die zu Schiedsrichtern erwählten Männer dies sahen, sagten
+sie zu dem Schmied vom Härjedal, es hätte gar keinen Wert, wenn er noch
+irgendeinen Versuch machte, denn besser als der Dalmann und hurtiger als
+der Wärmländer könne er doch nicht schmieden.
+
+>Nein, ich ergebe mich nicht,< sagte der Mann vom Härjedal. >Es wird sich
+ja wohl noch etwas finden, womit ich mich auszeichnen kann.< Er legte das
+Eisen auf den Amboß, ohne es vorher in der Esse erhitzt zu haben, und
+hämmerte drauf los, bis es heiß war, und dann schmiedete er einen Nagel um
+den andern, ohne Kohlen oder einen Blasebalg zu brauchen. Noch niemals
+hatte man einen Schmied mit solcher Meisterschaft den Hammer schwingen
+sehen, und der Schmied von Härjedal wurde als der beste im ganzen Lande
+ausgerufen.«
+
+Bataki schwieg, aber der Junge wurde noch nachdenklicher.
+
+»Warum hast du mir das eigentlich erzählt, Bataki?« sagte er.
+
+»Ach, die Geschichte fiel mir ein, als ich die alte Schmiede da sah,«
+antwortete Bataki ganz gleichgültig.
+
+Die beiden Reisenden stiegen nun wieder miteinander in die Luft hinauf, und
+der Rabe flog jetzt südwärts nach dem Kirchspiel Lillhärdal auf der Grenze
+von Dalarna. Hier ließ er sich auf einem bewaldeten Hügel nieder, der ganz
+oben auf einem Bergrücken aufragte.
+
+»Ob du wohl eine Ahnung davon hast, was das für ein Hügel ist, auf dem du
+jetzt stehst, Däumling?« fragte Bataki.
+
+Nein, der Junge mußte einräumen, daß er es nicht wußte.
+
+»Es ist ein Grabhügel,« sagte Bataki. »Hier ruht ein Mann namens Härjulf,
+und er ist der erste gewesen, der sich im Härjedal niedergelassen hat und
+das Land hier zu bebauen anfing.«
+
+»Vielleicht kannst du mir auch von ihm eine Geschichte erzählen?« bat der
+Junge.
+
+»Ich habe nicht viel von ihm gehört, aber meiner Ansicht nach muß er ein
+Norweger gewesen sein. Er hatte zuerst bei einem norwegischen König im
+Dienst gestanden, aber es erhob sich ein Zwist zwischen ihnen, und so mußte
+er aus dem Lande fliehen. Da begab er sich zu dem schwedischen Könige, der
+in Uppsala wohnte, und trat bei diesem in Dienst. Aber nach einiger Zeit
+begehrte er die Schwester des Königs zur Ehefrau, und als ihm der König
+eine so vornehme Braut nicht geben wollte, entfloh er mit ihr. Jetzt war es
+soweit gekommen, daß er weder in Norwegen noch in Schweden wohnen konnte,
+und ins Ausland wollte er nicht ziehen.
+
+>Aber es muß doch wohl noch einen dritten Weg geben,< dachte er; und so zog
+er mit seinen Dienern und seinen Schätzen durch Dalarna hindurch immer
+weiter gen Norden, bis er die großen, wilden Wälder erreichte, die sich
+nördlich von Dalarna ausbreiteten. Dort siedelte er sich an, baute sich ein
+Haus und rodete den Wald aus, und so ist er der erste gewesen, der sich in
+dieser Einöde niedergelassen hat.«
+
+Als Nils Holgersson diese Geschichte hörte, wurde er noch viel
+nachdenklicher. »Wenn ich nur wüßte, was du für eine Absicht dabei hast,
+daß du mir alles dies erzählst,« sagte er noch einmal.
+
+Bataki gab lange keine Antwort; er verdrehte nur den Kopf und kniff die
+Augen zusammen. »Da wir beide jetzt allein hier sind, will ich doch die
+Gelegenheit benützen und dich nach etwas fragen, was mir sehr wichtig ist.
+Hast du je genauen Bescheid darüber erhalten, unter welchen Bedingungen dir
+das Wichtelmännchen, das dich verwandelt hat, deine frühere Gestalt
+wiedergeben will?«
+
+»Ich habe nie von einer anderen Bedingung gehört, als daß ich den weißen
+Gänserich wohlbehalten nach Lappland und wieder nach Schonen zurückbringen
+solle.«
+
+»Das habe ich mir doch gedacht,« rief Bataki; »denn als wir uns das
+letztemal sahen, nahmst du den Mund sehr voll und sagtest, es gäbe nichts
+Häßlicheres, als einen Freund, der sich auf einen verläßt, im Stiche zu
+lassen. Deshalb solltest du doch Akka einmal nach der Bedingung fragen. Du
+weißt, sie ist bei dir daheim gewesen und hat mit dem Wichtelmännchen
+gesprochen.«
+
+»Davon hat mir Akka nichts gesagt,« entgegnete der Junge.
+
+»Sie hielt es wohl fürs Beste, dich in Unkenntnis darüber zu lassen, wie
+die Worte des Wichtelmännchens lauteten, denn sie will natürlich lieber dir
+als dem Gänserich Martin helfen.«
+
+»Es ist doch sonderbar, Bataki, so oft ich mit dir zusammen bin, gelingt es
+dir, mir das Herz so recht schwer und unruhig zu machen,« sagte der Junge.
+
+»Ja, es mag wohl so aussehen,« versetzte der Rabe, »aber ich glaube,
+diesmal wirst du mir doch dankbar sein, denn ich will dir die Worte des
+Wichtelmännchens jetzt mitteilen. Sie lauteten so: Du werdest wieder ein
+Mensch werden, wenn du den Gänserich Martin wieder heimbringest, damit ihn
+deine Mutter schlachten könne.«
+
+Nils Holgersson fuhr auf: »Das ist gewiß nur eine boshafte Erfindung von
+dir!« rief er.
+
+»Du kannst ja Akka selbst fragen,« sagte Bataki. »Da kommt sie eben mit
+ihrer ganzen Schar angeflogen. Vergiß nun nicht, was ich dir heute erzählt
+habe; es gibt immer einen Ausweg aus allen Schwierigkeiten, es handelt sich
+nur darum, ihn zu finden. Und ich freue mich schon jetzt darauf, zu
+erfahren, wie dir das glücken wird.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+48
+
+Wärmland und Dalsland
+
+
+ Mittwoch, 5. Oktober
+
+Am nächsten Tag, als die Wildgänse ausruhten und Akka ein wenig abseits von
+den andern weidete, benutzte der Junge die Gelegenheit und fragte sie, ob
+es wahr sei, was Bataki gesagt hatte. Und Akka konnte es nicht leugnen. Da
+mußte Akka dem Jungen hoch und teuer versprechen, das Geheimnis dem
+Gänserich Martin niemals zu verraten; denn der große Weiße war tapferer,
+edelmütiger Natur, und der Junge fürchtete, es könnte ein Unglück daraus
+entstehen, wenn er die Bedingung des Wichtelmännchens erführe.
+
+Jetzt saß der Junge traurig und schweigsam auf dem Rücken des Gänserichs;
+er ließ den Kopf hängen und hatte gar keine Lust, sich umzuschauen. Er
+hörte, wie die Wildgänse den jungen Gänsen zuriefen, jetzt flögen sie nach
+Dalarna hinein, und jetzt könne man den Städjan droben im Norden sehen, und
+jetzt flögen sie über den östlichen Dalälf, jetzt hätten sie den
+Horrmundsee erreicht -- und jetzt hätten sie das Tal des westlichen Dalälfs
+unter sich; aber der Junge mochte nichts von allem dem ansehen.
+
+»Ich werde ja wohl mein Leben lang mit den Wildgänsen umherziehen müssen
+und bekomme also noch mehr als genug von diesem Lande zu sehen,« dachte er.
+
+Es ermunterte ihn auch nicht, als die Wildgänse riefen, jetzt hätten sie
+Wärmland erreicht, und der Fluß, dem sie südwärts folgten, sei der Klarälf.
+»Ich habe schon so viele Flüsse gesehen,« dachte er, »und brauche mir also
+nicht die Mühe zu nehmen, noch einen zu betrachten.«
+
+Aber wenn der Junge auch mehr Lust gehabt hätte, sich umzusehen, wäre es
+doch kaum der Mühe wert gewesen, denn im nördlichen Wärmland gibt es nichts
+als große, einförmige Wälder, durch die sich der Klarälf schmal und
+schäumend hindurchschlängelt. Da und dort sieht man einen Kohlenmeiler,
+einen Brandplatz, wo früher ein Meiler gestanden hatte, oder einige
+niedrige Hütten ohne jeden Schornstein, in denen die Finnen wohnen; aber im
+allgemeinen steht der weite Wald so unberührt da, daß man meinen könnte,
+man befinde sich hoch droben in Lappland.
+
+Die Wildgänse ließen sich auf einem solchen Brandplatz am Ufer des Klarälf
+nieder; und während die Vögel von der eben hervorsprießenden frischen
+Wintersaat in der Nähe weideten, hörte der Junge helles Lachen und lautes
+Reden aus dem Walde herausdringen. Das Ränzel auf dem Rücken und die Axt
+über der Schulter kamen sieben große starke Männer des Weges daher. An
+diesem Tage sehnte sich der Junge ganz unbeschreiblich nach Menschen; er
+war daher ganz beglückt, als diese sieben Arbeiter die Ränzel vom Rücken
+nahmen und am Flußufer Rast machten.
+
+Sie unterhielten sich äußerst lebhaft miteinander, und der Junge lag hinter
+einem Erdhaufen, voller Freude darüber, Menschenstimmen zu hören. Er erfuhr
+bald, daß diese Männer Wärmländer waren, die sich auf dem Wege nach
+Norrland befanden, wo sie sich nach Arbeit umsehen wollten. Es waren
+fröhliche Menschen, die viel zu erzählen wußten, denn sie hatten an den
+verschiedensten Orten in Arbeit gestanden. Aber während sie sich nun so
+eifrig unterhielten, sagte einer ganz zufällig, er sei jetzt in allen
+Teilen von Schweden gewesen, aber keiner habe ihm so gut gefallen, wie die
+Nordmark droben im westlichen Wärmland, wo er daheim sei.
+
+»Ich stimme ganz mit dir überein, wenn du nur anstatt Nordmark Fryksdal
+sagst, wo meine Heimat ist,« fiel einer von den andern ein.
+
+»Ich aber bin aus dem Bezirk Jösse,« sagte ein dritter, »und ich versichere
+euch, dort ist es noch viel schöner als in der Nordmark und im Fryksdal.«
+
+Nun kam es heraus, daß alle diese sieben Männer aus den verschiedenen
+Teilen von Wärmland waren, und daß jeder seine Heimatgegend für besser und
+schöner hielt als die der andern. Sie stritten sich ein wenig, aber keiner
+konnte den andern von der Richtigkeit seiner eigenen Behauptung überzeugen.
+Es sah fast aus, als würden sie sich schließlich im Ernst entzweien; doch
+da kam ein alter Mann mit langem, schwarzem Haar und kleinen, zwinkernden
+Augen des Wegs daher.
+
+»Was gibts, ihr Leute? Warum streitet ihr euch denn?« fragte er. »Ihr
+schreit ja, daß es nur so durch den Wald schallt.«
+
+Einer der Wärmländer wendete sich rasch an den Neuangekommenen und sagte:
+»Da du hier so hoch droben durch den Wald wanderst, bist du wohl ein
+Finne?«
+
+»Ja, das bin ich,« erwiderte der Alte.
+
+»Ei, das ist recht gut,« sagte der Mann, »denn es heißt ja, ihr Finnen
+hättet mehr Verstand als andere Menschen.«
+
+»Ein guter Ruf ist besser als Gold,« sagte der Finne.
+
+»Nun, wir streiten uns eben darüber, welcher Teil von Wärmland der beste
+sei. Könntest du da nicht vielleicht unsern Streit schlichten, damit wir
+uns dieser Frage wegen nicht schließlich noch untereinander verfeinden?«
+
+»Ich werde entscheiden, so gut ich kann,« sagte der Finne. »Aber ihr müßt
+Geduld mit mir haben, denn ich möchte euch zuerst eine alte Geschichte
+erzählen.«
+
+»In den alten Zeiten,« berichtete der Finne, indem er sich bei den Männern
+niederließ, »sah das ganze Land nördlich vom Wenersee ganz entsetzlich aus.
+Überall waren nur kahle Hochebenen und steile Bergkegel. Für Menschen war
+es ganz unmöglich, da zu wohnen und zu leben. Wege konnten nicht gebahnt
+werden, und der Boden war nicht zu bebauen. Das Land südlich vom Wenersee
+dagegen war auch in jenen Zeiten schon ebenso fruchtbar wie am heutigen
+Tage.
+
+Nun wohnte damals im südlichen Teile ein Riese, der sieben Söhne hatte.
+Alle sieben waren kecke, kräftige Männer; aber sie hatten einen stolzen
+Sinn, und es herrschte sehr oft Unfriede unter ihnen, weil jeder mehr sein
+wollte als der andere.
+
+Der Vater war des ewigen Streitens und Zankens müde, und um ein Ende zu
+machen, versammelte er eines Tages die Söhne um sich und fragte sie, ob sie
+geneigt wären, es auf eine Probe ankommen zu lassen, damit er als Vater
+herausfinde, welcher von ihnen der Tüchtigste sei.
+
+O ja, die Söhne waren sehr damit einverstanden; sie wünschten sich gar
+nichts Besseres.
+
+>Dann wollen wir die Sache folgendermaßen einrichten,< sagte der Vater.
+>Ihr wißt, nördlich von dem kleinen Teich, den wir den Wenersee nennen,
+liegt eine Einöde, die so voller Erdschollen und Gerölle liegt, daß wir
+gar keinen Nutzen davon haben. Morgen soll nun jeder von euch mit seinem
+Pflug hinausfahren und dort soviel umpflügen, als ihm in einem Tag möglich
+ist. Gegen Abend komme ich dann zu euch hinaus, zu sehen, wer am meisten
+geleistet hat.<
+
+Kaum war die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen, als die Brüder auch
+schon mit den bespannten Pflügen bereit standen. Es war der Mühe wert, sie
+zur Arbeit abfahren zu sehen! Die Pferde waren glänzend gestriegelt, das
+Eisen blinkte, und die Pflugschar war frisch geschliffen. Sie fuhren fast
+im Galopp davon, bis sie am Wenersee angekommen waren. Da wichen einige von
+den Brüdern auf die Seite, aber der älteste fuhr geradeswegs in den See
+hinein. >Sollte ich mich vor so einer kleinen Pfütze fürchten?< sagte er
+vom Wenersee.
+
+Als die andern diesen Mut sahen, wollten sie auch nicht zurückstehen. Sie
+stellten sich auf die Pflüge und trieben die Pferde ins Wasser hin. Es
+waren lauter große Pferde, und es dauerte eine gute Weile, bis sie keinen
+Grund mehr unter sich hatten und schwimmen mußten. Die Pflüge trieben auf
+dem Wasser hin, aber für die Männer war es nicht leicht, sich darauf
+festzuhalten. Einige von den Söhnen ließen sich von den Pflügen ziehen, und
+einige mußten waten; aber sie erreichten doch alle das jenseitige Ufer, und
+dort angekommen, machten sie sich alle sogleich an die Arbeit, die Einöde
+zu pflügen, die nichts weniger war als der Landstrich, der später Wärmland
+und Dalsland genannt wurde.
+
+Der älteste von den Söhnen sollte die mittelste Furche pflügen, die beiden
+nächsten stellten sich zu beiden Seiten von ihm auf, und wieder die beiden
+nächstältesten nahmen zu beiden Seiten von diesen Platz; von den beiden
+jüngsten aber pflügte jeder seine Furche, der eine ganz am westlichen Ende,
+der andere aber im östlichsten Teil der Einöde.
+
+Der älteste Bruder zog mit seinem Pfluge im Anfang eine breite und gerade
+Furche, denn unten am Wenersee war der Boden ganz eben und deshalb leicht
+umzubrechen. Es ging rasch vorwärts, bis er an einen großen Stein kam, an
+dem er nicht vorbeikommen konnte, sondern er mußte den Pflug darüber
+hinwegheben. Dann stieß er die Pflugschar aus aller Macht in den Boden und
+schnitt eine breite, tiefe Furche. Aber kurz nachher traf er auf so hartes
+Erdreich, daß er gezwungen war, den Pflug zu heben. Dasselbe wiederholte
+sich noch einmal, und der Riesensohn ärgerte sich, daß er die Furche nicht
+die ganze Strecke gleich breit und tief ziehen konnte. Schließlich wurde
+der Boden ganz hart, und er konnte mit seiner Pflugschar nur noch eine
+Ritze darauf zustande bringen. Auf diese Weise gelangte er aber schließlich
+doch an die nördliche Grenze des Feldes. Dort setzte er sich nieder und
+wartete auf den Vater.
+
+Der zweite Bruder pflügte auch eine breite, tiefe Furche, und er hatte
+Glück, denn er fand eine gute, flache Strecke zwischen Erdschollen, daß er
+seine Furche ohne Unterbrechung ziehen konnte. Da und dort wich er an einer
+Schlucht etwas aus, und je weiter er nach Norden kam, desto mehr
+Ausbiegungen mußte er machen, und desto schmäler wurde seine Furche. Aber
+er war so gut im Gang, daß er nicht an der Grenze anhielt, sondern noch ein
+gutes Stück weiter pflügte, als er nötig gehabt hätte.
+
+Auch dem dritten Bruder, der links von dem Ältesten pflügte, ging es im
+Anfang recht gut. Sein Pflug schnitt eine breitere und tiefere Furche als
+die der andern Brüder; aber nach kurzer Zeit stieß er auf so schlechtes
+Erdreich, daß er nach Westen ausbiegen mußte. Sobald wie möglich pflügte er
+wieder in nördlicher Richtung weiter und pflügte da breit und tief in den
+Boden hinein; aber lange, bevor er an der Grenze angekommen war, konnte er
+nicht mehr weiter. Er wollte aber nicht mitten auf dem Felde aufhören,
+deshalb drehte er die Pferde um und pflügte in einer andern Richtung
+weiter. Doch schon nach kurzer Zeit war er so von allen Seiten
+eingeschlossen, daß er aufhören mußte. >Diese Furche wird wohl die
+schlechteste von allen sein,< dachte er und setzte sich auf seinen Pflug,
+um den Vater zu erwarten.
+
+Es ist wohl nicht nötig, zu berichten, wie es den andern Brüdern gegangen
+war. Sie vollendeten ihre Aufgaben als rechte Männer. Die von ihnen, die in
+der Mitte pflügten, hatten es sehr streng, aber die, die östlich und
+westlich von ihnen gingen, hatten es noch härter. Denn da waren überall
+soviel Steine und Sümpfe, daß die Furchen trotz aller Mühe, die sie sich
+gaben, nicht ganz gerade und gleichmäßig tief werden konnten. Von den
+beiden jüngsten wäre noch zu berichten, daß sie ihren Pflug immer wenden
+und drehen mußten, aber schließlich doch ein gutes Stück Arbeit
+vollbrachten.
+
+Am Abend saß jeder der sieben Brüder müde und niedergeschlagen am Ende
+seiner Furche und wartete auf den Vater.
+
+Jetzt kam der Vater heran. Er trat zuerst zu dem, der am weitesten
+westwärts gearbeitet hatte.
+
+>Guten Abend!< sagte er. >Wie ist es dir bei der Arbeit gegangen?<
+
+>Nicht besonders gut,< sagte der Sohn. >Das war ein äußerst schwieriger
+Boden, den Ihr uns da zum Bearbeiten ausgesucht habt.<
+
+>Du wendest ja deinem Arbeitsfeld den Rücken zu,< sagte der Vater. >Dreh
+dich einmal um, dann kannst du sehen, was du ausgerichtet hast. Es ist gar
+nicht so wenig, wie du meinst.<
+
+Der Sohn drehte sich um, und da sah er, daß da, wo er den Pflug gezogen
+hatte, herrliche Täler mit Seen und schönen, waldigen Berghängen entstanden
+waren. Er war ein gutes Stück durch Dalsland und die Nordmark von Wärmland
+hindurchgekommen und hatte den Laxsee und Lelången und Groß-Le und die
+beiden Silarna durchgepflügt; ja, der Vater hatte allen Grund, mit ihm
+zufrieden zu sein.
+
+>Nun wollen wir sehen, was die andern zustande gebracht haben,< sagte der
+Vater.
+
+Der nächste Sohn, zu dem sie kamen -- der fünfte in der Reihe -- hatte den
+ganzen Jösseer Bezirk und den Glafsfjord gepflügt, und wieder der nächste,
+der dritte, den Värmeln. Der älteste in der Mitte war mit dem Fryksdal und
+den Frykenseen fertig geworden. Der zweitälteste hatte das Älfdal mit dem
+Klarälf gepflügt. Der vierte hatte mit saurer Mühe den Bergwerkdistrikt,
+den Yngen- und Daglösee, sowie eine Menge andere kleine Seen gepflügt. Der
+sechste hatte eine ganz merkwürdige Furche gezogen. Zuerst hatte er für den
+großen See Skagern Platz geschaffen, dann war er in einer schmalen Rinne
+weiter gezogen, die der Letälf ausfüllte, und schließlich war er über die
+Grenze hinübergefahren und hatte in den Bergwerkdistrikten von Westmanland
+kleine Seen herausgegraben.
+
+Nachdem der Vater das ganze umgepflügte Land in Augenschein genommen hatte,
+sagte er, soweit er es beurteilen könne, hätten die Söhne ein gutes Stück
+Arbeit vollbracht, und er habe allen Grund, mit ihnen zufrieden zu sein.
+Jetzt sei das Land keine Wildnis mehr, nun könne es bebaut und bepflanzt
+werden. Sie hätten viele fischreiche Seen und fruchtbare Täler geschaffen.
+Die Flüsse und Bäche hätten einen ordentlichen Fall, daß sie Mühlen,
+Sägewerke und Eisenhämmer treiben könnten. Auf den Bergrücken zwischen den
+gezogenen Furchen sei Platz für Wälder, wo Waldbau und Kohlenbrennerei
+betrieben werden könne, und jetzt sei auch die Möglichkeit da, zu den
+großen Erzlagern in dem Bergwerkdistrikt gute Straßen anzulegen.
+
+Die Söhne freuten sich, als sie den Vater so sprechen hörten; aber sie
+wollten nun auch noch wissen, welcher von ihnen die beste Furche gezogen
+habe.
+
+>Bei einem Erdreich wie diesem hier,< sagte der Vater, >ist es wichtiger,
+daß alle Furchen gut ineinander passen, als daß die eine schöner sei als
+die andre, und ich glaube, wer zu den großen, langen Seen in der Nordmark
+und im Dalsland kommt, wird gerne zugeben, daß er selten etwas Schöneres
+gesehen habe. Aber trotzdem wird er sich freuen, wenn er die hellen,
+fruchtbaren Gegenden um den Glafsfjord und den Värmeln her sieht.
+
+Hat er sich dann eine Weile in diesen lachenden, betriebsamen Landstrichen
+aufgehalten, dann wird er sie gewiß auch gerne mit den langen, engen Tälern
+am Frykensee und am Klarälf vertauschen. Und sollte er auch dieser
+überdrüssig werden, dann wird es ihn erfrischen, wenn er im
+Bergwerkdistrikt verschiedentlich geformte Seen antrifft, die sich
+dahinschlängeln und durch die Berge winden, und deren es so viele sind, daß
+niemand alle ihre Namen behalten kann. Nach diesen Seen mit ihren vielen
+Buchten und Landzungen freut er sich natürlich, wenn er schließlich den
+großen Wasserspiegel des Skagern erblickt. Und nun will ich euch noch etwas
+sagen: Gerade wie mit diesen Furchen geht es auch mit den Söhnen. Kein
+Vater freut sich, wenn der eine tüchtiger ist als der andre; kann er aber
+seinen Blick mit ganz derselben Befriedigung von dem Ältesten bis zum
+Jüngsten schweifen lassen, dann wohnt in seinem Herzen eitel Freude.<«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+49
+
+Ein kleiner Herrenhof
+
+
+ Donnerstag, 6. Oktober
+
+Die Wildgänse folgten dem Lauf des Klarälf bis zu den großen Fabriken bei
+Munkefors. Dann wendeten sie sich nach Westen dem Fryksdal zu. Aber bevor
+sie den Frykensee erreicht hatten, begann es zu dunkeln, und so ließen sie
+sich auf einem flachen Moor in einem Bergwald nieder. Das Moor war nun
+freilich ein ganz gutes Nachtquartier für die Wildgänse; aber Nils
+Holgersson fand es kalt und unbehaglich, und er hätte gerne einen besseren
+Platz zum Schlafen gehabt. Während sie noch in den Lüften droben gewesen
+waren, hatte er am Fuß des Berges einige Höfe gesehen, und nun eilte er
+rasch dorthin, um eines von diesen Häusern zu erreichen. Der Weg war
+länger, als er geglaubt hatte, und er fühlte sich wiederholt versucht,
+wieder umzukehren. Aber endlich lichtete sich der Wald, und er gelangte auf
+eine Landstraße, die am Waldessaum hinlief. Von der Straße führte eine
+schöne Birkenallee nach einem Herrenhofe, und der Junge richtete sogleich
+seine Schritte dahin.
+
+Er gelangte zuerst auf einen von roten Gebäuden umgebenen Platz, der so
+groß wie ein Marktplatz war. Als der Junge diesen Hof durchschritten hatte,
+kam er in einen zweiten Hof, und da sah er das Wohnhaus mit seinen
+Seitenflügeln, mit einem Kiesweg und einem großen Rasenplatz davor und
+einem großen Garten mit vielen Bäumen dahinter. Das Hauptgebäude selbst war
+nur klein und unansehnlich; aber der Rasen war von einer Reihe mächtiger
+Ebereschen eingefaßt, die so dicht standen, daß sie eine ganze Allee
+bildeten, und dem Jungen war es, als sei er in einen prächtigen
+hochgewölbten Saal hineingekommen. Oben darüber schimmerte ein blaßblauer
+Himmel, die Ebereschen hatten gelbe Blätter und große, rote Beerenbüschel;
+der Rasen war zwar noch grün, aber an jenem Abend goß der Mond einen so
+strahlend hellen Glanz vom Himmel herab, daß das Gras wie Silber glänzte.
+
+Kein Mensch war zu sehen, der Junge konnte also frei umhergehen, wo er
+wollte, und als er in den Garten kam, entdeckte er etwas, das ihn sofort in
+gute Laune versetzte. Er war auf eine kleine Eberesche geklettert, um
+einige Vogelbeeren zu essen; aber ehe er einen von den roten Büscheln
+abgebrochen hatte, fiel sein Blick auf einen Ahlkirschenbaum, der auch
+voller Früchte stand. Rasch ließ er sich von der Eberesche hinabgleiten und
+kletterte auf den Ahlkirschenbaum; aber kaum saß er da droben, als er einen
+Johannisbeerstrauch erblickte, an dem noch lange rote Träubchen hingen.
+Ach, und jetzt sah er, daß der ganze Garten voller Stachelbeeren, Himbeeren
+und Hagebutten war! Im Gemüsegarten standen Rüben und Kohlraben, an allen
+Sträuchern hingen Beeren, alle Pflanzen hatten reifen Samen und die
+Grashalme kleine, dicke Ähren. Und dort auf dem Gange -- nein, er täuschte
+sich doch wohl nicht -- da lag wirklich vom Mondschein hell erleuchtet ein
+prächtiger großer Apfel!
+
+Der Junge setzte sich hinter seinen großen Apfel auf den Wegrand und
+schnitt sich mit seinem Taschenmesser kleine Stückchen davon ab. Wie das
+schmeckte! »Ja wenn man nur immer so leicht zu einer guten Mahlzeit käme
+wie hier in diesem Hofe, dann könnte man schließlich schon sein Leben lang
+ein Wichtelmännchen bleiben,« dachte der Junge.
+
+Während er aß, kamen ihm allerlei Gedanken, und schließlich meinte er, ob
+es nicht vielleicht ebensogut wäre, wenn er gleich hier bliebe und die
+Wildgänse allein weiter ziehen ließe.
+
+»Ich weiß eben gar nicht, wie ich dem Gänserich begreiflich machen soll,
+daß ich nicht heimkehren kann,« dachte er. »Da wäre es gewiß besser, ich
+trennte mich vollständig von ihm. Ich könnte es ja dann wie die
+Eichhörnchen machen: mir einen Wintervorrat sammeln, damit ich nicht zu
+verhungern brauchte; und im Kuh- oder Pferdestall fände sich wohl auch ein
+warmes Winkelchen für mich, dann brauchte ich auch nicht zu erfrieren.«
+
+Während er noch darüber nachdachte, hörte er ein leichtes Rauschen über
+seinem Kopfe; und gleich darauf stand neben ihm auf dem Boden etwas, was
+einem kleinen Birkenstumpfe glich. Der Stumpf wendete und drehte sich, zwei
+helle Punkte oben auf dem Gipfel glühten wie zwei Kohlen. Es sah wie ein
+schrecklicher Zauberspuk aus; aber nach ein paar Augenblicken entdeckte der
+Junge, daß der Stumpf einen gekrümmten Schnabel und um die glühenden Augen
+einen großen Federkranz hatte, und da beruhigte er sich wieder.
+
+»Ei wie angenehm, daß ich ein lebendes Wesen hier antreffe,« begann er.
+»Vielleicht könnt Ihr, Frau Nachteule, mir mitteilen, wie dieses Gut hier
+heißt, und was für Leute hier wohnen?«
+
+Die Nachteule hatte wie alle Abend, so auch heute auf der Stufe einer
+großen Leiter gesessen, die am Dach lehnte, und von da auf dem Kiesweg und
+dem Rasen nach Mäusen ausgespäht. Aber zu ihrer großen Verwunderung hatte
+sie nicht ein einziges langgeschwänztes Mäuschen entdecken können. Statt
+dessen gewahrte sie plötzlich, daß sich drunten im Garten etwas bewegte,
+das einem Menschen glich, aber viel kleiner war als jedes menschliche
+Wesen.
+
+»Da haben wir wohl den, der die Mäuse verscheucht,« dachte die Nachteule.
+»Was mag aber das nur für ein Wesen sein?«
+
+»Es ist kein Eichhörnchen und ist auch kein junges Kätzchen und ebensowenig
+ein Wiesel,« dachte die Eule weiter. »Nun hätte man doch geglaubt, ein
+Vogel, der so lange auf einem alten Herrenhofe gewohnt hat wie ich, sollte
+nachgerade wissen, was für Geschöpfe es auf der Welt gibt, aber dies hier
+geht über meinen Verstand.«
+
+Sie starrte das Ding, das sich drunten auf dem Kiesweg bewegte, unverwandt
+an, und ihre Augen glühten. Schließlich aber gewann die Neugierde die
+Oberhand; sie flog auf den Boden hinunter, um sich das fremde Geschöpf in
+der Nähe zu betrachten.
+
+[Illustration]
+
+Als Nils Holgersson zu sprechen anfing, beugte sich die Eule vor und sah
+ihn genau an. »Er hat weder Krallen noch einen Stachel,« dachte sie; »aber
+wer weiß, ob er nicht einen Giftzahn oder sonst eine Waffe hat, die noch
+gefährlicher sein könnte. Es ist gewiß am besten, ich verschaffe mir zuerst
+etwas nähere Auskunft über ihn, ehe ich mich mit ihm einlasse.«
+
+»Der Hof heißt Mårbacka,« sagte sie dann; »und in früheren Zeiten haben
+ausgezeichnete Menschen hier gewohnt. Aber wer bist denn du?«
+
+»Ich habe die Absicht, mich hier niederzulassen,« sagte der Junge, ohne
+eine direkte Antwort auf die Frage der Nachteule zu geben. »Meint Ihr, das
+ließe sich einrichten?«
+
+»O ja, obgleich der Hof jetzt nichts Besonderes mehr ist, im Vergleich zu
+dem, was er früher war,« antwortete die Eule. »Aber man kann immerhin hier
+leben; es kommt ja auch hauptsächlich darauf an, wovon du hier leben
+willst. Hast du im Sinn, dich auf die Mäusejagd zu legen?«
+
+»Nein, Gott soll mich davor bewahren!« rief der Junge. »Es ist wohl mehr
+Gefahr vorhanden, daß die Mäuse mich auffressen, als daß ich ihnen ein Leid
+antue.«
+
+»Ob er wirklich so wenig gefährlich ist, wie er sagt? Das ist doch wohl
+nicht möglich,« dachte die Eule; »aber ich glaube, ich will doch einen
+Versuch machen.« Sie flog auf, und im nächsten Augenblick hatte sie ihre
+Krallen in Nils Holgerssons Schultern geschlagen und hackte nun nach seinen
+Augen. Nils hielt die eine Hand zum Schutz vor die Augen, während er sich
+mit der andern zu befreien suchte und zugleich aus Leibeskräften um Hilfe
+schrie. Er fühlte, daß er in wirklicher Lebensgefahr schwebte, und sagte
+sich, diesmal werde es ganz gewiß aus mit ihm sein.
+
+Aber nun muß ich erzählen, wie wunderbar es sich traf, daß gerade in diesem
+Jahre, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, in Schweden eine
+Schriftstellerin war, die ein Buch über Schweden schreiben sollte, das den
+Kindern als Lesebuch in der Schule dienen könnte. Von Weihnachten bis zum
+Herbst hatte sie sich über ihre Aufgabe besonnen; aber bis jetzt war noch
+nicht eine einzige Zeile an dem Buche geschrieben, und schließlich war sie
+der ganzen Aufgabe so überdrüssig geworden, daß sie sich sagte: »Auf diese
+Weise bringst du nichts zustande, setz dich lieber hin und dichte
+Geschichten und Märchen wie sonst, und laß jemand anders dieses Buch
+schreiben, das lehrreich und ernst sein soll und in dem kein unwahres Wort
+stehen darf.«
+
+Sie war so gut wie entschlossen, ihr Vorhaben aufzugeben; aber sie hätte
+eben doch gar zu gerne etwas Schönes über Schweden geschrieben, und es
+wurde ihr sehr schwer, die Arbeit ungetan zu lassen. Schließlich kam ihr
+der Gedanke, ob sie nicht am Ende deshalb mit dem Buche nicht zustande
+komme, weil sie in einer Stadt sitze und nichts als Straßen und Mauern vor
+sich sehe. »Vielleicht geht es besser, wenn ich aufs Land reise und Felder
+und Wälder betrachten kann,« dachte sie.
+
+Sie stammte aus Wärmland, und sie war fest entschlossen, das Buch mit
+dieser Landschaft beginnen zu lassen. Und vor allem wollte sie von dem Hof
+erzählen, auf dem sie aufgewachsen war. Es war ein kleiner Herrenhof, der
+ganz einsam und weltabgeschieden dalag und auf dem sich noch viele
+altertümliche Sitten und Bräuche erhalten hatten. Sie dachte, den Kindern
+würde es gewiß gefallen, wenn sie von allen den Beschäftigungen hörten, die
+im Laufe des Jahres einander ablösten. Sie wollte erzählen, wie bei ihr
+daheim Weihnachten und Neujahr, Ostern und das Johannisfest gefeiert worden
+wären; was für Möbel und Hausgeräte sie gehabt hätten, wie es in der Küche
+und in der Vorratskammer, in Kuh- und Pferdestall, in Brauhaus und in der
+Badestube ausgesehen hätte. Aber als sie sich nun daran machte, dies zu
+beschreiben, wollte die Feder gar nicht übers Papier hingleiten. Die
+Schriftstellerin konnte durchaus nicht begreifen, woher das kam; aber es
+war jedenfalls so.
+
+Sie sah aber doch alles miteinander so deutlich und lebendig vor sich, wie
+wenn sie noch immer mitten darin gelebt hätte! Trotzdem kam sie nicht
+vorwärts, und schließlich dachte sie, da sie nun doch einmal aufs Land
+reisen wolle, wäre es vielleicht am besten, sie stattete dem alten Hofe
+einen Besuch ab und besähe sich ihn noch einmal genau, ehe sie an dessen
+Beschreibung ginge. Sie war seit vielen Jahren nicht mehr dagewesen, und
+der Gedanke, daß sie nun hier eine Veranlassung zum Hinreisen habe, machte
+ihr das Herz warm. Eigentlich trug sie immer eine Art Heimweh nach dem
+alten Hofe mit sich herum, sie mochte sein, wo sie wollte. Sie sah ja wohl,
+daß andre Orte schöner und besser waren; aber nirgends überkam sie jenes
+Gefühl der Sicherheit und des Wohlbehagens, wie sie es in ihrer
+Kinderheimat immer gehabt hatte.
+
+Diese Reise in die alte Heimat war indes gar nicht so einfach für sie, wie
+man meinen könnte, denn der Hof war an eine ihr ganz fremde Familie
+verkauft worden. Sie dachte freilich, man würde sie gewiß freundlich
+aufnehmen; aber sie wollte ja nicht in die alte Heimat kommen, um mit
+fremden Menschen zu plaudern, sondern um sich alles so recht deutlich ins
+Gedächtnis zurückzurufen, wie es früher da gewesen war. Deshalb richtete
+sie es so ein, daß sie spät am Abend auf Mårbacka eintraf, zu einer Zeit,
+wo schon Feierabend gemacht worden war und das Gesinde sich im Hause
+befand.
+
+Sie hätte nie gedacht, daß es so seltsam sei, in die alte Heimat
+zurückzukehren. Während sie im Wagen saß und nach dem alten Hofe fuhr, war
+es ihr, als werde sie mit jeder Minute jünger und immer jünger, und bald
+war sie nicht mehr eine, deren Haar sich schon grau zu färben begann,
+sondern ein kleines Mädchen mit kurzen Röcken und einem langen
+flachsblonden Zopf. Während sie so dahinfuhr und jeden Hof am Wege wieder
+erkannte, konnte sie es nicht lassen, sich vorzustellen, daß daheim auch
+alles ganz genau wie in früheren Zeiten sein müsse. Wenn sie ankam, standen
+Vater und Mutter und die Geschwister auf der Treppe und hießen sie
+willkommen. Die alte Haushälterin lief ans Küchenfenster, um zu sehen, wer
+käme, und Nero und Freya und noch ein paar andre Hunde kamen dahergerannt
+und sprangen an ihr hinauf!
+
+Je mehr sie sich dem Hofe näherte, desto glücklicher fühlte sie sich. Es
+war Herbst, und eine emsige Zeit mit einer Menge Arbeit stand bevor. Aber
+gerade diese verschiedenen Arbeiten waren es, warum einem das Leben daheim
+nie langweilig und einförmig geworden war. Unterwegs hatte sie gesehen, daß
+die Leute bei der Kartoffelernte waren, und diese war natürlich jetzt auch
+daheim im Gange. Nun mußten zuerst Kartoffeln gerieben und Kartoffelmehl
+gemacht werden. Es war ein milder Herbst gewesen, und sie hätte so gerne
+gewußt, ob wohl der Garten schon ganz eingeheimst sei? Nun, der Kohl stand
+doch jedenfalls noch draußen; aber ob wohl der Hopfen schon gepflückt und
+die Äpfel heruntergenommen waren?
+
+Wenn sie nur nicht am Ende gerade die Herbstputzerei hatten, denn es war
+nicht mehr lang bis zum Herbstmarkt! Zu diesem Jahrmarkt mußte das ganze
+Haus wie ausgeblasen sein. Er wurde als ein großes Fest angesehen, vor
+allem vom Gesinde. Und es war auch wirklich ein Vergnügen, wenn man am
+Vorabend des Marktes in die Küche hinauskam und sah, wie blitzblank alles
+war: der reingewaschene, mit Wacholderzweigen bestreute Fußboden, die
+frischgeweißten Wände und das blankgescheuerte Kupfergeschirr auf den
+Wandbrettern.
+
+Aber wenn das Marktfest vorüber war, kehrte doch nicht lange Ruhe ein. Dann
+mußte der Flachs gehechelt werden. Der Flachs war während der Hundstage auf
+einer Wiese zum Trocknen ausgebreitet worden. Jetzt brachte man ihn in die
+alte Badestube hinein, und in dem großen Badestubenofen wurde ein tüchtiges
+Feuer gemacht und der Flachs gedörrt. Und wenn er dürr genug war, wurden an
+einem Tage alle Nachbarsfrauen zusammengerufen. Diese setzten sich vor die
+Badestube; und nun wurde der Flachs gebrochen und hierauf gehechelt, damit
+sich die feinen weißen Fasern aus den dürren Halmen herauslösten. Während
+dieser Arbeit wurden die Weiber ganz grau vor Staub. Ihr Haar und ihre
+Kleider waren über und über mit Spleißen bedeckt, aber sie waren trotzdem
+seelenvergnügt. Den ganzen Tag hindurch klapperten die Brechstühle, und die
+Weiber schwatzten ununterbrochen darauf los. Wer in die Nähe der Badestube
+kam, hätte meinen können, ein Sturm jage mit lautem Sausen daher.
+
+Nach dem Flachshecheln kam das Backen des Hartbrotes, die Schafschur und
+der Wandertag der Mägde an die Reihe. Im November standen dann die
+arbeitsreichen Schlachttage bevor; das Fleisch wurde eingepökelt, Würste
+gestopft, Blutpudding gekocht und Lichter gegossen. In dieser Zeit kam dann
+wohl auch das Nähmädchen, das die eigengewobenen wollenen Kleider
+verfertigte; und das waren einige fröhliche Wochen, wo alle Frauen des
+Hauses eifrig nähend beisammen saßen. Meistens saß dann auch der
+Schuhmacher zu derselben Zeit drüben in der Knechtstube an seiner Arbeit;
+und man wurde es nie müde, immer und immer wieder zuzusehen, wie er Leder
+zuschnitt, Stiefel sohlte, Absätze aufbaute und die Ringe in die
+Schnürlöcher einschlug. Aber die größte Geschäftigkeit entfaltete sich doch
+gegen Weihnachten. Der Lucietag, wo morgens um fünf Uhr das Stubenmädchen
+in einem weißen Kleide mit brennenden Kerzen im Haar das ganze Haus zum
+Kaffee einlud, war das Zeichen, daß man in den nächsten Wochen nicht viel
+auf Schlaf rechnen durfte.
+
+Jetzt mußte das Weihnachtsbier gebraut, die Stockfische gelaugt, das
+Weihnachtsbackwerk verfertigt und die Weihnachtsputzerei vorgenommen
+werden -- -- --
+
+Die Schriftstellerin stand im Geiste mitten zwischen Pfeffernüssen und
+Honigkuchen, als der Kutscher, wie sie ihn gebeten hatte, am Eingang in die
+Allee seine Pferde anhielt. Sie fuhr jäh aus ihren Träumen auf, und es war
+ihr ganz unheimlich zumute, als sie nun am späten Abend so ganz allein im
+Wagen saß, nachdem sie sich eben noch von allen ihren Lieben umgeben
+geglaubt hatte. Als sie ausstieg und die Allee hinaufwanderte, um unbemerkt
+in ihre alte Heimat hineinzukommen, fühlte sie mit bitterer Wehmut den
+Unterschied zwischen früher und jetzt, und sie wäre am liebsten wieder
+umgekehrt. »Was hat es für einen Wert, daß ich hierher komme? Die alten
+Zeiten kehren ja doch nicht wieder!« dachte sie.
+
+Aber nachdem sie nun soweit gekommen war, meinte sie, es wäre doch nicht
+recht, wenn sie sich den Hof nicht wenigstens ansähe. Und so schritt sie
+weiter, obgleich ihr das Herz mit jedem Schritt schwerer wurde.
+
+Sie hatte gehört, der Hof sei sehr verfallen und verändert, und das war
+wohl auch so; aber jetzt am Abend konnte sie das nicht wahrnehmen. Es war
+ihr eher, als sei alles ganz wie früher. Dort war der Teich, der in ihren
+jungen Tagen voller Karauschen gewesen war, die niemand fischen durfte,
+weil der Vater wollte, daß die Fische hier eine vollständige Freistatt
+haben sollten. Dort waren die Seitenflügel mit der Gesindestube, der
+Vorratskammer und dem Stall, mit der Vesperglocke auf dem einen Giebel und
+der Wetterfahne auf dem andern. Und der Hofplatz vor dem Wohnhause war noch
+immer wie ein eingeschlossener Raum ohne Aussicht nach irgendeiner Seite,
+ganz wie zu Zeiten des Vaters, weil er es nicht übers Herz brachte, irgend
+einen Busch weghauen zu lassen.
+
+Sie war im Schatten eines großen Ahorns bei der Einfahrt stehen geblieben
+und schaute sich nun aufmerksam um, und während sie so dastand, geschah
+etwas Merkwürdiges: eine Schar Tauben kam dahergeflogen und ließ sich neben
+ihr nieder.
+
+Sie konnte kaum glauben, daß es wirkliche Vögel seien, denn Tauben pflegen
+sonst nie nach Sonnenuntergang auszufliegen. Der helle Mondschein mußte sie
+geweckt haben, daß sie geglaubt hatten, es sei schon Tag, und so waren sie
+aus dem Taubenschlag herausgeflogen; aber da waren sie wohl verwirrt
+geworden und hatten den Weg nicht mehr zurückgefunden, und als sie einen
+Menschen gewahrten, flogen sie zu ihm, ihn um seine Hilfe zu bitten.
+
+Zu Lebzeiten ihrer Eltern waren immer eine Menge Tauben auf dem Hofe
+gewesen, denn die Tauben hatten auch zu den Tieren gehört, die der Vater
+unter seinen besonderen Schutz genommen hatte. Wenn nur jemand davon
+sprach, daß eine Taube geschlachtet werden sollte, so verdarb ihm das die
+gute Laune. Jetzt war es ihr eine wahre Herzensfreude, daß die schönen
+Vögel sie an der Schwelle des alten Hauses begrüßten. Wer konnte wissen, ob
+nicht die Tauben gerade deshalb zur Nachtzeit ausgeflogen waren, um ihr zu
+zeigen, daß sie nicht vergessen hätten, welch eine gute Heimat sie einst
+hier gehabt hatten!
+
+Oder hatte vielleicht der Vater seine Vögel mit einem Gruße zu ihr
+geschickt, damit sie sich nicht gar so verlassen und einsam fühlen sollte,
+wenn sie nun wieder in die alte Heimat kam?
+
+Während ihr diese Gedanken durch den Kopf flogen, regte sich eine so heiße
+Sehnsucht nach den alten Zeiten in ihrem Herzen, daß ihr die Tränen in die
+Augen traten. Es war ein gutes Leben gewesen, das sie auf dem Hofe geführt
+hatten. Sie hatten saure Wochen gehabt, aber auch frohe Feste; sie hatten
+den Tag über fleißig sein müssen, aber am Abend hatte man sich um die
+Lampe versammelt und Tegnér und Runeberg, Frau Lenngren und Friedericke
+Bremer gelesen. Sie hatten Getreide gebaut, aber auch Rosen und Jasmin
+gezogen; sie hatten Flachs gesponnen, aber beim Spinnen waren Volkslieder
+gesungen worden. Sie hatten sich mit der Grammatik und der Weltgeschichte
+abgequält; aber sie hatten auch Komödie gespielt und Verse gedichtet. Sie
+hatten am Herd gestanden und das Essen gekocht; aber sie hatten auch
+musizieren dürfen, hatten Klavier, Gitarre und Geige gespielt und Flöte
+geblasen. Sie hatten in einem Garten Kohl und Rüben, Erbsen und Bohnen
+gepflanzt; aber es war noch ein zweiter Garten da, wo es Äpfel und Birnen
+und allerlei Beeren in Hülle und Fülle gab. Sie hatten ein ziemlich
+einsames Leben geführt, aber gerade deshalb hatten sie sich in eine
+Märchen- und Sagenwelt hineingelebt. Ihre Kleider waren aus eigengewobenen
+Stoffen verfertigt gewesen; aber sie hatten auch unabhängig und sorgenfrei
+leben können.
+
+»Nirgends auf der weiten Welt verstehen es die Menschen so gut, sich das
+Leben schön einzurichten, als sie das zu meiner Zeit auf einem solchen
+kleinen Herrenhofe verstanden haben,« dachte die Dichterin. »Da hatte die
+Arbeit ihre Zeit und das Vergnügen seine Zeit, aber die Freude herrschte
+jeden Tag. Wie gern möchte ich hierher zurückkehren!« dachte sie weiter.
+»Seit ich den Hof wiedergesehen habe, fällt mir das Fortgehen fast zu
+schwer.«
+
+Und dann wendete sie sich an die Taubenschar und sagte zu ihr, während sie
+doch zugleich über sich selbst lächelte: »Fliegt zurück zu meinem Vater und
+sagt ihm, daß ich Heimweh habe. Nun bin ich lange genug an fremden Orten
+gewesen; fragt ihn, ob er es nicht einrichten könne, daß ich bald wieder in
+die Heimat meiner Kindheit zurückkehren dürfe?«
+
+Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die ganze Taubenschar auch schon
+auf und davon flog; sie versuchte, den Vögeln mit den Augen zu folgen, aber
+sie verschwanden rasch; es war, als habe die ganze weiße Schar sich in der
+mondhellen Luft aufgelöst.
+
+Aber kaum waren die Tauben verschwunden, als aus dem Garten laute Schreie
+an ihr Ohr drangen, und als sie rasch dahineilte, woher die Rufe kamen, bot
+sich ihr ein merkwürdiger Anblick dar. Ein winzig kleiner Knirps, kaum eine
+Spanne lang, wehrte sich verzweiflungsvoll gegen eine Nachteule.
+
+Zuerst war die Schriftstellerin so überrascht, daß sie sich nicht rühren
+konnte. Aber als der Kleine immer jämmerlicher schrie, legte sie sich rasch
+dazwischen und trennte die beiden Kämpfenden. Die Eule schwang sich auf
+einen Baum, aber das Männlein blieb auf dem Gartenweg stehen, ohne sich zu
+verstecken oder davonzulaufen.
+
+»Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe,« sagte es, »aber Sie hätten die Eule nicht
+fortfliegen lassen sollen. Nun kann ich nicht von hier weggehen, denn sie
+sitzt dort auf dem Baum und lauert mir auf.«
+
+»Ja, es war recht gedankenlos von mir, daß ich sie entwischen ließ. Aber
+kann ich dich nicht dahin begleiten, wo du zu Hause bist?« fragte sie, die
+so gerne Märchen ersann; und sie war nicht wenig erstaunt, daß sie hier so
+ganz unvermutet mit einem Wichtelmännchen zusammengetroffen war. Aber
+eigentlich war sie nicht einmal so sehr erstaunt; es war, als habe sie,
+während sie da im Mondschein vor ihrer alten Heimat gestanden hatte,
+immerfort darauf gewartet, daß sich etwas Wunderbares zutrage.
+
+»Ich hatte mir eigentlich vorgenommen gehabt, hier auf dem Hofe zu
+übernachten,« sagte der Knirps. »Wenn Sie mir einen sicheren Platz zum
+Schlafen anweisen könnten, würde ich erst morgen früh in den Wald
+zurückkehren.«
+
+»Soll ich dir ein Nachtlager anweisen? Wohnst du denn nicht hier?«
+
+»Ach, ich verstehe, Sie halten mich für ein Wichtelmännchen,« sagte der
+Knirps jetzt. »Aber ich bin ein Mensch, gerade wie Sie, und bin nur in ein
+Wichtelmännchen verwandelt worden.«
+
+»Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört habe! Kannst du mir nicht
+erzählen, wie sich das zugetragen hat?«
+
+Der Junge hatte nichts dagegen, seine Abenteuer zu erzählen, und je weiter
+er in seinem Bericht kam, desto erstaunter und verwunderter, aber auch
+desto vergnügter wurde die Zuhörerin.
+
+»Ach, welch ein Glück, daß ich jemand treffe, der durch ganz Schweden auf
+einem Gänserücken gereist ist!« dachte sie. »Alles, was er mir da erzählt,
+kann ich ja in mein Buch schreiben! Jetzt brauche ich mir deswegen keine
+Sorgen mehr zu machen. Wie gut ist es, daß ich nach Hause gereist bin! Wie
+merkwürdig, daß die Hilfe gekommen ist, sobald ich den alten Hof betreten
+habe!«
+
+In demselben Augenblick zuckte ein Gedanke, den sie kaum auszudenken wagte,
+durch ihr Gehirn. Sie hatte ihrem Vater durch die Tauben Botschaft
+geschickt, daß sie sich nach Hause sehne, und sogleich war ihr bei der
+Aufgabe, über die sie schon so lange nachgegrübelt hatte, Hilfe zuteil
+geworden! Konnte das die Antwort ihres Vaters auf ihre Bitte sein?
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+50
+
+Das Gold auf der Schäre
+
+Auf dem Wege zum Meere
+
+
+ Freitag, 7. Oktober
+
+Seit die Wildgänse ihre Herbstreise angetreten hatten, waren sie immer
+geradeswegs südwärts geflogen; aber als sie das Fryksdal verließen,
+änderten sie die Richtung und flogen nun über das westliche Wärmland und
+Dalsland nach Bohuslän. Die jungen Gänse hatten nun so viel Übung im
+Fliegen bekommen, daß sie nicht mehr über Müdigkeit klagten, und Nils
+Holgersson gewann allmählich das Gleichgewicht wieder. Noch immer war er
+hochbeglückt über das Erlebnis auf dem Hofe. Nun hatte er sich einmal mit
+einem Menschen aussprechen können; und die fremde Dame hatte ihn
+aufgemuntert und gesagt, er solle nur wie bisher gegen alle, mit denen er
+zusammentreffe, gut und hilfreich sein, dann werde es ihm gewiß nicht
+schlecht gehen. Wie er seine rechte Gestalt wieder bekommen würde, das
+konnte sie ihm freilich nicht sagen; aber sie hatte ihm etwas von seinem
+alten Mut und Vertrauen wiedergegeben, und das war sicherlich schuld daran,
+daß er jetzt herausgebracht hatte, wie er den großen Weißen von der
+Rückkehr in die Heimat abbringen könnte.
+
+»Weißt du, Gänserich Martin,« sagte er, während sie hoch droben
+dahinflogen, »es wird gewiß recht einförmig für uns, wenn wir den ganzen
+Winter daheimbleiben, jetzt wo wir so eine große Reise mitgemacht haben.
+Ich überlege mir deshalb eben, ob wir nicht mit den Wildgänsen ins Ausland
+reisen sollten.«
+
+»Das kann dir doch nicht Ernst sein!« sagte der Gänserich entsetzt; denn
+jetzt, nachdem er den Beweis geliefert hatte, daß er mit den Wildgänsen bis
+nach Lappland hinauf reisen konnte, war er vollständig zufrieden, wieder in
+Holger Nilssons Gänsestall zurückzukehren.
+
+Der Junge schwieg eine Weile und schaute auf das Wärmland hinunter, wo alle
+Birkenwälder und Haine und Gärten in herbstlich bunten Farben prangten, und
+wo die langen Seen dunkelblau glänzend zwischen ihren Ufern lagen.
+
+»Ich glaube, ich habe die Erde noch nie so schön unter uns daliegen sehen
+wie heute,« sagte er. »Die Seen sehen aus wie blaue Seide und die Ufer wie
+breite goldene Bänder. Meinst du nicht auch, es wäre schade, wenn wir uns
+jetzt in Westvemmenhög festsetzten und nicht noch mehr von der Welt zu
+sehen bekämen?«
+
+»Ich glaubte, du wolltest zu deinem Vater und deiner Mutter zurückkehren,
+um ihnen zu zeigen, was für ein guter Junge du geworden bist?« entgegnete
+der Gänserich.
+
+Den ganzen Sommer hindurch hatte der große Weiße von nichts anderm
+geträumt, als von dem stolzen Augenblick, wo er sich plötzlich auf dem
+freien Platze vor Holger Nilssons Haus niederlassen und den Gänsen und den
+Hühnern und den Kühen und der Katze und auch Mutter Nilsson seine
+Daunenfein und die sechs Jungen zeigen würde! Deshalb war er über den
+Vorschlag des Jungen gar nicht besonders erfreut.
+
+An diesem Tage hielten die Wildgänse mehrere Male lange Rast, denn überall
+fanden sie die herrlichsten Stoppelfelder; sie konnten sich kaum
+entschließen, sie zu verlassen, und so erreichten sie Dalsland erst gegen
+Sonnenuntergang. Sie flogen über den nordwestlichen Teil dieser Landschaft
+hin, und da war es noch schöner als in Wärmland. Dieser Landstrich ist so
+voller Seen, daß sich das Land wie kleine spitzige Hügelketten hinzieht.
+Zum Getreidebau war dieser Boden nicht günstig; um so besser aber gediehen
+die Bäume, und die steilen Uferhänge der Seen sahen aus wie wunderschöne
+Gärten. Es mußte etwas in der Luft oder im Wasser sein, das den
+Sonnenschein noch zurückhielt, wenn die Sonne schon längst hinter die Hügel
+hinabgesunken war; goldene Lichter spielten auf den dunkeln, glänzenden
+Wasserspiegeln, und über der Erde zitterte ein heller, blaßroter Schein,
+aus dem die lichtgelben Birken, die hellroten Eschen und die gelbroten
+Vogelbeerbäume herausragten.
+
+»Meinst du denn nicht auch, lieber Gänserich Martin, es wäre sehr
+langweilig, wenn wir nie wieder so etwas Schönes zu sehen bekämen?« fragte
+der Junge.
+
+»Ich sehe lieber die fruchtbaren flachen Äcker in Schonen als diese magern
+Waldhügel hier. Aber du weißt ja, daß ich mich nicht von dir trennen werde,
+wenn du die Reise durchaus fortsetzen willst,« antwortete der Gänserich.
+
+»Diese Antwort habe ich von dir erwartet,« erwiderte der Junge. Es war ihm
+ein schwerer Stein vom Herzen gefallen, und das konnte man seiner Stimme
+deutlich anhören.
+
+Als sie hierauf über Bohuslän hinflogen, wurden die Hochebenen
+zusammenhängender; die Täler lagen tief drunten wie schmale aus dem Gebirge
+herausgesprengte Schluchten, und die langen Seen darinnen waren so schwarz,
+wie wenn sie aus der Tiefe der Erde aufgestiegen wären. Ja, es war
+wirklich eine wunderschöne Landschaft; und so, wie der Junge sie jetzt
+unter sich sah, bald von einem Sonnenstrahl erhellt, bald im dunkeln
+Schatten liegend, hatte sie einen ganz eigenartigen Reiz. Der Junge wußte
+nicht, woher es kam, aber er dachte unwillkürlich, in den alten Zeiten
+müßten hier gewiß tapfere Recken gewohnt haben, die in diesen
+geheimnisvollen Gegenden gefährliche und kühne Abenteuer bestanden hätten.
+Und der alte Hang nach merkwürdigen Erlebnissen regte sich jetzt im Herzen
+des kleinen Nils Holgersson.
+
+»Es wäre wohl möglich, daß mir etwas fehlen würde, wenn ich künftig nicht
+alle zwei Tage in Lebensgefahr geriete,« dachte er. »Darum ist es gewiß am
+besten, ich bin damit zufrieden, wie es nun einmal ist.«
+
+Davon sagte er aber nichts zu dem großen Weißen; denn die Wildgänse flogen
+mit größter Geschwindigkeit über Bohuslän hin; der Gänserich keuchte heftig
+und hätte kein Wort erwidern können. Die Sonne stand jetzt tief am Himmel;
+ab und zu verschwand sie hinter einem Berggipfel; aber die Wildgänse flogen
+so rasch, daß der große Feuerball immer wieder vor ihnen auftauchte.
+
+Endlich sahen sie im Westen einen hellen Streifen, der sich mit jedem
+Flügelschlag breiter vor ihnen ausdehnte. Das war das Meer; zwischen
+milchweiß, rosenrot und himmelblau immer wechselnd lag es da draußen, und
+als die Gänse an den Strandklippen vorüberflogen, sahen sie abermals die
+Sonne, die jetzt groß und rotglühend am Himmelsrand stand, eben im Begriff,
+ins Meer zu versinken.
+
+Als aber der Junge das freie, unendliche Meer vor sich sah und die rote
+Abendsonne, die mit einem gar so milden Glanz leuchtete, daß er ihr gerade
+ins Gesicht sehen konnte, zogen Freude und Vertrauen in seine Seele ein.
+
+»Es hat keinen Sinn, wenn du auch noch so betrübt bist, Nils Holgersson,«
+sagte die Sonne. »Die Welt ist ein herrlicher Aufenthalt, sowohl für Kleine
+wie für Große, und es ist auch gut, wenn man frank und frei ist und das
+ganze Weltall hat, in dem man sich herumtummeln kann.«
+
+
+Das Geschenk der Wildgänse
+
+Die Wildgänse hatten sich auf einer kleinen Schäreninsel vor Fjällbacka zum
+Schlafen niedergelassen. Aber als es nahe an Mitternacht war und der Mond
+hoch am Himmel stand, rieb sich Akka den Schlaf aus den Augen und weckte
+Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi. Schließlich stieß sie
+auch den Däumling mit dem Schnabel an, daß er erwachte.
+
+»Was gibts, Mutter Akka?« fragte er, erschrocken auffahrend.
+
+»Nichts Gefährliches,« antwortete die Anführerin. »Nichts weiter, als daß
+wir sieben Alten von der Schar ein Stück weit aufs Meer hinausfliegen
+wollen und wissen möchten, ob du Lust hättest, mitzukommen?«
+
+Der Junge erriet sogleich, daß Akka keinen solchen Vorschlag machen würde,
+wenn es sich nicht um etwas Besondres gehandelt hätte; er setzte sich ihr
+also sofort auf den Rücken, und Akka flog in gerader westlicher Richtung
+davon. Zuerst ging es über eine Reihe großer und kleiner, nahe an der Küste
+liegender Inseln hin, dann über eine breite Strecke offnes Wasser, und
+schließlich erreichten sie die große Väderöer Inselgruppe, die ganz draußen
+dicht am offnen Meere liegt. Es waren lauter niedrige, felsige Inseln, und
+im Mondschein konnte man deutlich sehen, daß sie an ihrer Westseite von den
+Wogen ganz glatt geschliffen waren. Einige davon waren ziemlich groß, und
+auf diesen unterschied der Junge einige Häuser. Akka suchte eine der
+kleinsten von diesen Schäreninseln auf und ließ sich darauf nieder. Die
+Schäre bestand nur aus einer unebenen Felsplatte mit einem breiten Spalt in
+der Mitte, in den das Meer feinen weißen Sand und Muscheln hineingeschwemmt
+hatte.
+
+Als der Junge von Akkas Rücken herabsprang, sah er dicht neben sich etwas,
+was einem hohen, spitzigen Stein glich. Aber schon im nächsten Augenblick
+bemerkte er, daß es ein großer Raubvogel war, der sich diese Schäre zum
+Nachtquartier ausgewählt hatte. Der Junge hatte indes kaum Zeit, sich über
+die Wildgänse zu verwundern, die sich so unvorsichtig neben einem
+gefährlichen Feinde niedergelassen hatten, als sich der Vogel auch schon
+mit einem langen Sprung zu ihnen herschwang und Nils Holgersson den Adler
+Gorgo erkannte.
+
+Nun verstand der Junge: Akka und Gorgo hatten sich hier zusammenbestellt!
+
+»Das hast du gut gemacht, Gorgo,« sagte Akka. »Ich hatte eigentlich
+gedacht, du würdest den Ort unsrer Zusammenkunft nicht vor uns erreichen
+können. Hast du schon lange gewartet?«
+
+»Ich bin am Abend angekommen,« antwortete Gorgo. »Ja, die Zeit habe ich gut
+getroffen,« fuhr er fort, »aber ich fürchte, das wird leider auch das
+einzige sein, worüber du mich loben kannst; mit der Sache, die du mir
+aufgetragen hast, steht es nicht gut.«
+
+»Du hast gewiß mehr erreicht, als du dir merken lassen willst,« sagte Akka.
+»Doch ehe du erzählst, wie deine Reise abgelaufen ist, möchte ich den
+Däumling bitten, mir beim Suchen von etwas, was hier auf der Insel
+versteckt ist, zu helfen.«
+
+Der Junge hatte eben aufmerksam ein paar große schöne Schneckenhäuser
+betrachtet, als aber Akka seinen Namen nannte, schaute er auf. »Du hast
+dich wohl verwundert, Däumling, warum wir nicht den geraden Weg eingehalten
+haben, sondern hier aufs Kattegat hinausgeflogen sind?« fuhr Akka fort.
+
+»Es ist mir allerdings ein wenig sonderbar vorgekommen,« antwortete der
+Junge; »aber ich weiß ja, daß Ihr für alles, was Ihr tut, stets einen guten
+Grund habt.«
+
+»Du hast einen guten Glauben an mich,« sagte Akka. »Aber ich fürchte
+beinahe, diesmal wird er dir erschüttert werden, denn sehr wahrscheinlich
+wird diese Reise ohne Erfolg bleiben.«
+
+»Vor vielen Jahren,« fuhr Akka fort, »sind wir, ich und noch einige, die
+jetzt die Alten in unsrer Schar sind, auf einer Frühjahrsreise von einem
+Sturm überfallen und auf diese Insel verschlagen worden. Als wir sahen, daß
+wir nur das unendliche offene Meer vor uns hatten, bekamen wir Angst, wir
+könnten so weit hinausgetrieben werden, daß wir das Land nie wieder
+erreichen würden, und wir ließen uns deshalb auf die Wogen hinunter. Der
+Sturm zwang uns, hier zwischen diesen kahlen Klippen mehrere Tage
+auszuharren. Wir litten großen Hunger, und eines Tages gingen wir hier in
+diese Rinne hinein, in der Hoffnung, da Futter zu finden. Wir fanden indes
+nicht ein einziges Grashälmchen, dafür aber einige Säcke, die fest
+zugebunden, halb verschüttet im Sande lagen. Da wir hofften, es sei Korn in
+den Säcken, rissen und zerrten wir solange daran, bis der Stoff zerriß;
+aber keine Körner kamen heraus, sondern lauter glänzende Goldstücke. Dafür
+hatten wir Wildgänse jedoch keine Verwendung, und wir ließen sie deshalb,
+wo sie waren. In allen diesen Jahren haben wir gar nicht mehr an unsern
+Fund gedacht; da hat sich im letzten Herbst etwas ereignet, was es uns
+wünschenswert macht, Gold zu besitzen. Es ist freilich sehr
+unwahrscheinlich, daß der Schatz noch da ist, aber wir sind trotzdem
+herbeigeflogen, um dich zu bitten, jetzt nachzusehen, wie sich die Sache
+verhält.«
+
+Der Junge sprang in die Felsenspalte hinein, nahm in jede Hand eine Muschel
+und schaufelte damit eifrig den Sand weg. Säcke fand er keine, aber nachdem
+er ein ziemlich tiefes Loch gegraben hatte, hörte er ein Klirren wie von
+Metall, und er merkte, daß er auf eine Münze gestoßen war. Er tastete mit
+den Händen umher, fühlte, daß viele runde Münzen im Sande lagen, und eilte
+rasch zu Akka zurück.
+
+»Die Säcke sind verfault und zerfallen,« sagte er, »aber das Geld liegt
+noch im Sand verstreut, und ich glaube, es ist noch alles da.«
+
+»Das ist gut,« sagte Akka. »Fülle das Loch wieder zu und mache die
+Oberfläche wie vorher, damit niemand sehen kann, daß daran gerührt worden
+ist.«
+
+Der Junge tat, wie Akka ihn geheißen hatte; aber als er darauf wieder aus
+der Felsenspalte heraustrat, blieb er überrascht stehen, denn Akka hatte
+sich an die Spitze der sechs andern Wildgänse gestellt, und der ganze Zug
+kam nun höchst feierlich auf ihn zugeschritten. Vor dem Jungen angekommen,
+hielten sie an, verneigten sich vielmals mit dem Halse und sahen so vornehm
+drein, daß der Junge unwillkürlich die Mütze abnahm und sich auch
+verbeugte.
+
+»Wir haben dir etwas zu sagen,« begann Akka. »Wir, die Alten in der Schar,
+haben zueinander gesagt, wenn du, Däumling, bei Menschen im Dienst
+gestanden und ihnen so viele und große Hilfe geleistet hättest, wie du uns
+geleistet hast, dann würden sie sich ganz gewiß nicht von dir trennen, ohne
+dich reichlich dafür zu belohnen.«
+
+»Ach Mutter Akka, nicht ich habe euch geholfen,« sagte der Junge, »ihr seid
+es gewesen, die sich meiner angenommen haben.«
+
+»Und wir meinen auch,« fuhr Akka fort, »wenn uns nun ein Mensch auf der
+ganzen Reise begleitet hat, sollte er nicht ebenso arm von uns gehen, wie
+er gekommen ist.«
+
+»O, ich weiß recht wohl, was ich in diesem einen Jahr alles gelernt habe!
+Das ist mehr wert als Geld und Gut,« sagte der Junge.
+
+»Da nun diese Goldstücke nach so vielen Jahren noch immer in der
+Felsenspalte liegen, haben sie sicherlich keinen Eigentümer mehr,« fuhr die
+Anführergans fort, »und ich meine, du solltest sie nun an dich nehmen,
+Däumling.«
+
+»Habt ihr denn nicht den Schatz für euch selbst haben wollen, Mutter Akka?«
+fragte der Junge.
+
+»Doch, wir wollen dich damit belohnen, damit dein Vater und deine Mutter
+sehen können, daß du bei ordentlichen Leuten Gänsejunge gewesen bist.«
+
+Der Junge wendete sich halb um; er warf einen Blick übers Meer hin, und
+dann sah er Akka in die glänzenden Augen.
+
+»Ich verwundere mich doch sehr über euch, Mutter Akka,« sagte er. »Ihr
+wollt mich verabschieden und gebt mir meinen Lohn, bevor ich euch gekündigt
+habe.«
+
+»Solange wir Wildgänse noch in Schweden sind, wirst du ja wohl bei uns
+bleiben,« sagte Akka. »Aber ich wollte dir zeigen, wo der Schatz liegt, da
+wir es jetzt ohne einen allzu großen Umweg einrichten konnten.«
+
+»Trotzdem ist es so, wie ich sage,« entgegnete der Junge. »Ihr wollt mich
+los sein, bevor ich selbst von euch fort will. Nach einer so langen Zeit,
+die wir in guter Freundschaft miteinander verbracht haben, wäre es doch
+wohl nicht zuviel verlangt, wenn ihr mich auch noch ins Ausland mitnehmen
+würdet.«
+
+Als der Junge dies sagte, streckten Akka und die andern Wildgänse die Hälse
+gerade in die Höhe und saugten mit halbgeöffnetem Schnabel schweigend die
+Luft ein.
+
+»Das ist etwas, woran ich noch gar nicht gedacht habe,« sagte Akka, nachdem
+sie sich wieder gefaßt hatte. »Aber bevor du irgend einen Entschluß faßt,
+wollen wir hören, was Gorgo zu berichten hat. Ich muß dir nämlich noch
+etwas sagen. Ehe wir Lappland verließen, sind Gorgo und ich
+übereingekommen, daß er nach Schonen in deine Heimat fliegen und versuchen
+solle, bessere Bedingungen für dich auszuwirken.«
+
+»Ja, so ist es,« fiel Gorgo ein. »Aber wie ich dir schon gesagt habe, habe
+ich kein Glück dabei gehabt. Holger Nilssons Haus fand ich ganz leicht, und
+nachdem ich einige Male darüber hingeschwebt war, gewahrte ich auch das
+Wichtelmännchen, das eben zwischen den Gebäuden umherschlich. Ich flog
+sogleich hinunter, packte es und flog mit ihm auf ein Feld hinaus, damit
+wir in aller Ruhe miteinander verhandeln könnten. Nun sagte ich ihm, ich
+käme im Auftrag von Akka von Kebnekajse, um zu fragen, ob es für Nils
+Holgersson nicht leichtere Bedingungen stellen würde.
+
+>Ich wünschte, ich könnte es,< erwiderte das Wichtelmännchen, >denn ich
+habe gehört, der Junge habe sich auf der Reise recht gut gemacht; aber es
+steht nicht in meiner Macht.<
+
+Da wurde ich zornig, und ich sagte, wenn es nicht nachgäbe, würde ich mich
+gar nicht scheuen, ihm die Augen auszuhacken.
+
+>Mache mit mir, was du willst,< erwiderte es, >aber mit Nils Holgersson
+bleibt es, wie ich gesagt habe. Du kannst ihn aber von mir grüßen und ihm
+sagen, er täte am besten, recht bald mit seinem Gänserich heimzukommen,
+denn es stehe schlecht daheim. Holger Nilsson ist leider für einen Bruder,
+dem er volles Vertrauen schenkte, eine Bürgschaft eingegangen, die er jetzt
+hat bezahlen müssen. Mit geborgtem Geld hat er sich ein Pferd gekauft; aber
+das Pferd lahmte vom ersten Male an, wo Holger Nilsson mit ihm fuhr, und
+seitdem ist es nicht zu gebrauchen. Ja, erzähle nur Nils Holgersson,< hat
+das Wichtelmännchen noch eindringlich hinzugefügt, >seine Eltern hätten
+schon zwei Kühe verkaufen müssen, und sie seien gezwungen, von Haus und Hof
+zu gehen, wenn ihnen nicht von irgend einer Seite Hilfe zuteil würde.<«
+
+Als der Junge dies hörte, runzelte er die Stirne und ballte die Fäuste, daß
+die Knöchel weiß hervortraten.
+
+»Das ist sehr grausam von dem Wichtelmännchen!« rief er. »Unter der
+Bedingung, die es gestellt hat, kann ich nicht zu meinen Eltern
+zurückkehren, um ihnen zu helfen. Aber es soll ihm nicht gelingen, einen
+treulosen Freund aus mir zu machen. Mein Vater und meine Mutter sind
+ehrbare Leute, und ich weiß, sie wollen lieber meine Hilfe entbehren, als
+daß ich mit einem bösen Gewissen zu ihnen zurückkehrte.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+51
+
+Silber im Meer
+
+
+ Samstag, 8. Oktober
+
+Wie wir alle wissen, ist das Meer wild und anmaßend, und der seinen
+Angriffen am meisten ausgesetzte Teil Schwedens ist deshalb schon vor
+langer, langer Zeit durch eine lange und breite steinerne Mauer geschützt
+worden, die Bohuslän heißt. Die Mauer ist ungefähr so breit, daß sie das
+ganze Land zwischen Dalsland und dem Meere ausfüllt, aber sie ist nicht
+besonders hoch, wie das bei den Uferdämmen und Wellenbrechern meistens zu
+sein pflegt; sie ist aus gewaltigen Felsblöcken errichtet, und an manchen
+Stellen sind ganze Bergrücken eingefügt worden. Das Bauen mit kleinen
+Steinen hätte auch gar keinen Wert gehabt, wo es sich darum handelte, einen
+Schutzwall gegen das Meer aufzurichten, der sich vom Iddefjord bis zum
+Götaälf erstrecken sollte.
+
+Solche großen Bauwerke werden ja in unsern Tagen nicht mehr hergestellt;
+diese Mauer ist auch ungeheuer alt, und es kann nicht geleugnet werden, daß
+der Zahn der Zeit tüchtig an ihr genagt hat. Die großen Felsblöcke liegen
+nicht mehr so dicht beieinander, wie dies im Anfang wohl der Fall gewesen
+war. Dazwischen haben sich tiefe und breite Spalten gebildet, in denen
+Häuser und Felder Platz gefunden haben. Die Felsblöcke liegen aber doch
+nicht gar zu weit voneinander; man kann noch gut sehen, daß sie einst zu
+der obengenannten Mauer gehört haben.
+
+Auf ihrer Landseite ist die große Mauer noch am besten erhalten. Da führt
+sie lange Strecken weit ununterbrochen und unzerstört hin. Aber in ihrer
+Mitte sind lange tiefe Risse mit Seen auf dem Grunde, und gegen die Küste
+zu ist sie ganz verfallen, da liegt jeder einzelne Felsblock wie ein Hügel
+für sich da.
+
+Erst wenn man die große Mauer unten von der Küste aus sieht, versteht man,
+daß sie nicht nur zu ihrem Vergnügen gerade an dieser Stelle steht. Wie
+stark sie auch im Anfang gewesen sein mochte, an sechs bis sieben Stellen
+ist das Meer durchgebrochen und hat Fjorde gebildet, die mehrere Meilen
+lang sind. Der äußerste Teil steht überdies ganz unter Wasser, und man
+sieht nur die Gipfel der Felsblöcke über dem Meere aufragen. So haben sich
+allmählich viele große und kleine Inseln, die Schären, gebildet, und diese
+müssen den schlimmsten Angriffen des Sturmes und des Meeres standhalten.
+
+Nun könnte man vielleicht glauben, eine Landschaft, die eigentlich nur aus
+einer steinernen Mauer bestehe, müsse ganz und gar unfruchtbar sein, und
+die Menschen dort könnten sich gar nicht fortbringen; aber damit ist es
+trotzdem nicht so ganz schlecht bestellt; wenn auch die Hügel und
+Hochebenen in Bohuslän nackt und kahl sind, so hat sich dafür in allen den
+Schluchten fruchtbares Erdreich angesammelt, das sich, wenn auch die Felder
+selbst nicht gerade sehr groß sind, doch vortrefflich zum Ackerbau eignet.
+In der Regel ist der Winter an der Küste auch nicht so kalt wie weiter
+drinnen im Lande, und an den vor dem Wind geschützten Stellen gedeihen
+gegen Kälte empfindliche Bäume und Pflanzen, die sich sonst kaum weiter
+droben als in Schonen finden.
+
+Und ebensowenig darf man vergessen, daß Bohuslän an der Grenze der großen
+Flur liegt, die allen Menschen auf der Welt gemeinsam gehört. Die Leute von
+Bohuslän können Wege benützen, die sie nicht erst zu bauen, noch im Stand
+zu halten brauchen. Sie können Herden einfangen, die sie nicht zu bewachen
+noch auf die Weide zu führen haben, und ihre Beförderungsmittel werden von
+Zugtieren gezogen, denen sie weder Futter noch Obdach gewähren müssen.
+Deshalb sind sie auch nicht so abhängig vom Ackerbau oder von der Viehzucht
+wie die Bewohner andrer Bezirke, und sie fürchten sich nicht, ihr Heim auf
+sturmgepeitschten Schären aufzuschlagen, wo kein Grashälmchen wächst, oder
+auf den schmalen Streifen Uferland am Fuße der Berge, wo kaum Platz zu
+einem kleinen Kartoffelfeld ist; denn sie wissen, daß das große reiche Meer
+ihnen alles geben kann, was sie bedürfen.
+
+Aber wenn es wahr ist, daß das Meer unendlichen Reichtum birgt, so ist es
+nicht weniger wahr, daß der eine schwierige Aufgabe hat, der sich mit ihm
+abgeben muß. Wer sein Auskommen vom Meere gewinnen will, muß alle Fjorde
+und Buchten, alle Untiefen und Strömungen kennen, kurz gesagt, er muß von
+jedem Stein auf dem Meeresgrunde Bescheid wissen. Durch Sturm und Nebel
+hindurch muß er sein Boot führen und in der schwärzesten Nacht seinen Weg
+finden können. Er muß es verstehen, die Zeichen in der Luft zu deuten, die
+böses Wetter verkünden, und er darf sich aus Kälte und Nässe nichts machen.
+Er muß wissen, wo der Zug der Fische geht und wo die Hummern kriechen, er
+muß schwere Netze hereinziehen und auch die Netze bei unruhiger See
+auswerfen können. Zuerst und vor allem aber muß er ein mutiges Herz in der
+Brust tragen, das nichts danach fragt, ob im Kampf gegen das Meer jeden Tag
+das Leben aufs Spiel gesetzt wird.
+
+An dem Morgen, wo die Wildgänse über Bohuslän hinflogen, war es still und
+friedlich zwischen den Schären. Sie sahen mehrere kleine Fischerdörfer;
+aber es war kein Leben auf den schmalen Gassen, niemand ging in den hübsch
+angestrichenen Häuschen aus und ein. Die braunen Fischnetze hingen in guter
+Ordnung auf dem Trockenplatze, die schweren grünen oder blauen Fischerboote
+lagen mit angeschlagenen Segeln auf dem Strand. Keine Frauen arbeiteten an
+den langen Tischen, wo man sonst Dorsche und Heilbutten zu reinigen
+pflegte.
+
+Die Wildgänse flogen auch über mehrere Lotsenstationen hin. Die
+Lotsenhäuser waren schwarz und weiß angestrichen, die Signalstange ragte
+daneben empor, und der Lotsenkutter lag vertäut an der Brücke. Dort war
+ringsumher alles still, nirgends war ein Dampfer in Sicht, der in dem engen
+Fahrwasser Hilfe gebraucht hätte.
+
+[Illustration]
+
+Die kleinen Küstenorte, über die die Wildgänse hinflogen, hatten ihre
+großen Badehäuser geschlossen, ihre Flaggen eingezogen und die schönen
+Sommerhäuser verriegelt. Niemand war zu sehen, als einige alte
+Schiffskapitäne, die auf den Brücken hin und her spazierten und sehnsüchtig
+aufs Meer hinausschauten.
+
+Auf der östlichen Seite der Inseln, sowie drinnen in den Buchten am Ufer
+sahen die Wildgänse einige Bauernhöfe, und auch dort lagen die
+Verkehrsboote ganz ruhig an den Landungsbrücken. Der Bauer und seine
+Knechte hackten Kartoffeln aus oder sahen nach, ob die Bohnen, die an
+großen Holzgestellen hingen, noch nicht dürr genug seien.
+
+In den großen Steinbrüchen und auf den Schiffswerften waren viele Arbeiter
+tätig. Sie schwangen ihre Schmiedehämmer und Äxte recht fleißig, aber immer
+und immer wieder wendeten sie den Kopf dem Meere zu, wie wenn sie auf
+irgendeine Unterbrechung hofften.
+
+Und die Schärenvögel verhielten sich ebenso ruhig wie die Menschen. Einige
+Scharben, die auf einer steilen Felsenwand geschlafen hatten, verließen
+eine nach der andern die schmalen Felsenvorsprünge und begaben sich mit
+langsamem Flug zu ihren Fischplätzen hin. Die Möwen waren vom Meere
+hereingezogen und spazierten wie richtige Krähen auf dem Ufer umher.
+
+Aber mit einem Schlage veränderte sich alles. Eine Schar Möwen flog
+plötzlich von einem Acker auf und sauste mit solcher Hast südwärts, daß die
+Wildgänse sie kaum fragen konnten, wohin sie wollten, und die Möwen sich
+nicht Zeit nahmen, ihnen eine Antwort zu geben. Nun flogen die Scharben vom
+Wasser auf und folgten den Möwen mit schwerfälligen Flügelschlägen. Die
+Delphine schossen plötzlich wie schwarze Spindeln eiligst durchs Wasser,
+und eine Schar Seehunde stürzte sich von einer flachen Schäre in die Wellen
+und schwamm südwärts.
+
+»Was ist denn los? Was ist denn los?« fragten die Wildgänse; und
+schließlich bekamen sie Antwort von einer Eisente.
+
+»Die Heringe sind in Marstrand eingetroffen! Die Heringe sind in Marstrand
+eingetroffen!« rief sie.
+
+Aber nicht allein die Vögel und Seetiere waren in Bewegung gekommen, die
+Menschen hatten offenbar auch Nachricht von dem Eintreffen der ersten
+großen Heringzüge zwischen den Schären erhalten. Auf den glatten Steinen
+der Fischerdörfer liefen die Leute rasch hin und her. Die Fischerboote
+wurden zur Abfahrt bereit gemacht und die langen Heringnetze vorsichtig
+hineingeschafft. Die Frauen verstauten Proviant und die Ölkleider in die
+Boote, und die Männer kamen so eilig aus ihren Häusern heraus, daß sie,
+schon auf der Straße angekommen, erst in den Rock hineinfuhren.
+
+Schon nach ganz kurzer Zeit waren alle Sunde zwischen den Schären voll
+brauner und grauer Segel, und zwischen den Booten wurden lustige Zurufe und
+Fragen gewechselt. Junge Mädchen waren auf die Klippen hinter den Häusern
+hinaufgeklettert und winkten den Abziehenden nach. Die Lotsen hielten
+scharf Ausguck und waren ganz sicher, daß bald nach ihnen geschickt werde;
+sie hatten deshalb schon ihre Wasserstiefel angezogen und den Kutter klar
+gemacht. Aus den Fjorden heraus fuhren kleine mit Tonnen und Kisten
+beladene Dampfschiffe. Die Bauern hatten eilig die Kartoffelhacke
+weggeworfen, die Schiffsbauer die Werften verlassen, und die alten
+Schiffskapitäne mit den wetterharten Gesichtern konnten natürlich nicht
+zurückbleiben, sondern fuhren mit den Dampfschiffen südwärts, um den
+Heringfang wenigstens mitanzusehen.
+
+Schon nach kurzer Zeit erreichten die Wildgänse Marstrand. Die Heringzüge
+kamen von Westen her und zogen am Leuchtturm auf der Hafenschäre vorbei
+dem Lande zu. In dem breiten Fjord zwischen der Marstrandinsel und der
+Paternosterschäre fuhren die Fischerboote immer zu drei und drei
+nebeneinander her. Da, wo die See dunkler aussah und in kleinen kurzen
+Wellen aufschäumte, waren die Heringe. Die Fischer wußten dies wohl und
+warfen an diesen Stellen vorsichtig die langen Netze ins Wasser, faßten sie
+ringsum zusammen und schnürten sie unten zu, so daß die Heringe nun wie in
+einem ungeheuren Sack drinnen lagen; dann zogen und schnürten sie sie enger
+und enger zusammen, so daß der Raum immer kleiner wurde und das Schleppnetz
+schließlich mit glitzernden Fischen gefüllt herausgezogen werden konnte.
+Bei einigen Schiffsgruppen war der Fischfang schon so weit gediehen, daß
+ihre Boote bis an den Rand mit Fischen gefüllt waren. Die Fischer standen
+bis an die Kniee in Heringen, und von dem Südwester an bis zum untersten
+Rande ihres Ölrockes glänzten sie von lauter Heringschuppen.
+
+[Illustration]
+
+Dann sah man neuangekommene Schiffsgruppen, die umherfuhren und loteten und
+nach Heringen suchten, und wieder andre, die mit großer Mühe ihr Netz
+ausgeworfen, es aber leer wieder herausgezogen hatten. Wenn die Boote voll
+waren, fuhren einige von den Fischern nach den großen im Fjord liegenden
+Dampfschiffen hin und verkauften ihren Fang, andre fuhren nach Marstrand
+und luden da ihre Ladung am Kai aus. Dort waren die Heringweiber schon an
+langen Tischen in voller Arbeit; die Heringe wurden in Tonnen und Kisten
+verpackt, und die ganze Straße lag voller Heringschuppen.
+
+Ja, jetzt war Leben und Bewegung da! Die Menschen waren ganz außer sich
+vor Freude über all dieses Silber, das sie aus den Wogen des Meeres
+herausschöpften, und die Wildgänse flogen viele Male über Marstrand hin und
+her, damit der Junge alles recht genau sehen könnte.
+
+Aber schon nach kurzer Zeit bat er, sie möchten nur weiterfliegen. Er sagte
+nicht, warum er weiter wollte, aber es war vielleicht nicht so schwer zu
+erraten. Unter den Fischern sah er viele schöne, kräftige Leute. Mehrere
+von ihnen waren überaus stattliche Männer mit kühnen Gesichtern unter dem
+Südwester, und sie sahen gerade so keck und verwegen aus, wie jeder Junge
+gerne sein möchte, wenn er selbst einmal erwachsen ist. Ja, für einen, der
+niemals größer werden konnte als ein Hering, war es in der Tat vielleicht
+nicht so vergnüglich, diese prächtigen Gestalten zu betrachten!
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+52
+
+Ein großer Herrenhof
+
+Der alte und der junge Herr
+
+
+Vor einer Reihe von Jahren lebte in einem Kirchspiel in Westgötland eine
+überaus gute, liebe kleine Volksschullehrerin. Sie gab nicht allein einen
+sehr guten Unterricht, sondern verstand es auch, musterhafte Ordnung in
+ihrer Klasse zu halten, und die Kinder liebten sie so sehr, daß sie niemals
+in die Schule kamen, ohne ihre Aufgaben gelernt zu haben. Die Eltern der
+Kinder schätzten sie auch, und es gab überhaupt nur einen einzigen
+Menschen, der nicht wußte, wie gut sie war, und dieser eine war sie selbst.
+Sie hielt alle andern für viel klüger und tüchtiger als sich selbst und
+grämte sich in dem Gedanken, nicht auch so sein zu können wie die andern.
+
+Nachdem die Lehrerin einige Jahre an der Schule unterrichtet hatte, erging
+von der Schulbehörde die Aufforderung an sie, in dem Slöjdseminar[1] auf
+Nääs einen Lehrgang mitzumachen, damit sie später die Kinder lehren könne,
+nicht allein mit dem Kopfe, sondern auch mit den Händen zu arbeiten.
+Niemand kann sich vorstellen, wie überrascht die Lehrerin war, als sie
+diese Aufforderung erhielt. Nääs lag nicht sehr weit von ihrer Schule
+entfernt, sie war wiederholt an dem schönen, stattlichen Gute
+vorübergegangen und hatte über den Slöjdkurs, der auf dem großen, alten
+Herrenhof stattfand, viel Lobenswertes gehört. Aus allen Teilen des Landes
+wurden da Lehrer und Lehrerinnen versammelt, damit sie sich eine gewisse
+Kunstfertigkeit der Hände aneigneten, selbst vom Ausland kamen die Leute zu
+diesem Zweck herbeigereist; aber wie schön diese Aussicht nun auch für die
+Lehrerin war, so wußte sie doch schon im voraus, wie schrecklich ängstlich
+es ihr unter so vielen ausgezeichneten Menschen zumute sein würde, ja es
+war ihr gerade, als könne sie es einfach nicht durchmachen.
+
+ [1] Eine Art Gewerbeschule, hauptsächlich für Holzverarbeitung.
+ Anmerkung des Übersetzers
+
+Aber der Schulbehörde eine abschlägige Antwort zu geben, das wagte sie auch
+nicht; so reichte sie also ihr Gesuch ein und wurde als Schülerin
+angenommen. An einem schönen Juniabend, am Tage, bevor der Sommerunterricht
+beginnen sollte, packte sie ihre Kleider und was sie sonst brauchte in eine
+kleine Reisetasche und wanderte nach Nääs; und wie oft sie auch unterwegs
+anhielt und wie sehr sie sich auch weit wegwünschte, sie kam schließlich
+eben doch an ihrem Ziele an.
+
+Auf Nääs ging es lebhaft zu. Allen Teilnehmern an dem Lehrgang, die von den
+verschiedensten Seiten her eintrafen, mußten in den Häusern, die zu dem
+Gute gehörten, Zimmer angewiesen werden. Allen war es in der ungewohnten
+Umgebung etwas seltsam zumute; aber die kleine Lehrerin dachte wie immer,
+nur sie allein benehme sich ungeschickt und töricht; so hatte sie sich
+schließlich in eine solche Angst hineingearbeitet, daß sie weder sehen noch
+hören konnte. Und sie hatte auch wirklich Schweres durchzumachen: in einer
+schönen Villa wurde ihr ein Zimmer angewiesen, in dem sie mit noch einigen
+jungen Mädchen, die ihr gänzlich unbekannt waren, zusammen wohnen sollte!
+Und mit siebzig fremden Menschen zusammen mußte sie zu Abend essen! Auf
+ihrer einen Seite saß ein kleiner Herr, der im Gesicht ganz gelb war und
+ihr mitteilte, er sei aus Japan, und auf ihrer andern Seite befand sich ein
+Schullehrer aus Jockmock droben in Lappland! Und vom ersten Augenblick an
+ertönte lebhaftes Geplauder und Scherz und Lachen an den langen Tischen.
+Alle sprachen miteinander und machten gegenseitig Bekanntschaft. Sie war
+die einzige, die den Mund nicht aufzutun wagte.
+
+Am nächsten Morgen fing die Arbeit an. Wie in allen Schulen, begann auch
+hier der Tag mit Gesang und Gebet; dann hielt der Vorstand des Seminars
+eine Ansprache über den Slöjd und gab einige kurze Verhaltungsmaßregeln,
+und dann, ohne daß sie recht wußte, wie es zugegangen war, stand sie vor
+einer Hobelbank, ein Stück Holz in der einen Hand und ein Messer in der
+andern, während ein alter Slöjdlehrer ihr zu zeigen versuchte, wie man
+einen Pflanzenstab machte.
+
+Eine solche Arbeit hatte sie noch nie probiert; sie kannte die Handgriffe
+gar nicht und war außerdem so verwirrt, daß sie gar nichts von dem Gehörten
+verstand. Als der Lehrer weitergegangen war, legte sie Messer und Holz auf
+die Hobelbank und starrte nur immer geradeaus.
+
+Ringsherum im Saal standen lauter Hobelbänke, und an allen sah sie
+Menschen, die mit frischem Mut an die Arbeit gingen. Einige von ihnen, die
+schon etwas bewandert in der Kunst waren, kamen herbei und wollten ihr
+helfen; aber sie war nicht imstande, die gegebenen Winke zu benützen, denn
+sie hatte das Gefühl, als ob alle miteinander aufmerksam darauf geworden
+seien, wie ungeschickt sie sich anlasse, und das machte sie furchtbar
+unglücklich; sie war wie gelähmt.
+
+Die Frühstückszeit kam heran, und nach dem Frühstück kam neue Arbeit.
+Zuerst hielt der Vorstand einen Vortrag, dann folgte eine Turnstunde, und
+dann fing der Slöjdunterricht wieder an. Hierauf wurde Mittagspause
+gemacht. In dem großen, hellen Versammlungssaal wurde zu Mittag gegessen
+und Kaffee getrunken, und am Nachmittag ging man wieder an die Slöjdarbeit;
+dann kamen Singübungen an die Reihe und schließlich Spiele im Freien. Die
+Lehrerin war den ganzen Tag hindurch in Bewegung und immer mit den andern
+zusammen, fühlte sich aber immer noch ebenso unglücklich.
+
+Wenn sie später an diese ersten auf Nääs verbrachten Tage zurückdachte, war
+ihr, als sei sie wie in einem Nebel herumgegangen. Alles war düster und
+verschleiert gewesen; sie hatte weder gesehen noch verstanden, was um sie
+her vorging. Dieser Zustand dauerte zwei Tage; am Abend des zweiten Tages
+jedoch fing es plötzlich an, hell um sie zu werden.
+
+Nachdem das Abendessen an diesem zweiten Tag vorüber war, erzählte ein
+alter Volksschullehrer, der früher schon mehrere Male auf Nääs gewesen war,
+einigen neuen Schülern, wie das Slöjdseminar entstanden war, und da die
+kleine Lehrerin in der Nähe saß, hörte sie unwillkürlich auch zu.
+
+Der Volksschullehrer erzählte, Nääs sei ein sehr altes Gut, sei aber früher
+nie etwas andres gewesen als ein großer, schöner Herrenhof, wie so viele
+andre auch, bis der alte Herr, dem er jetzt zu eigen gehöre, hierher
+gezogen sei. Dieser sei ein sehr reicher Mann, und die ersten Jahre seines
+Aufenthalts habe er nur darauf verwendet, das Schloß und den Park zu
+verschönern und die Häuser seiner Untergebenen zu verbessern.
+
+Aber dann sei seine Frau gestorben, und da sie keine Kinder hätten, habe
+der alte Herr sich oft sehr einsam auf dem großen Gute gefühlt. Deshalb
+habe er einen jungen Neffen, den er sehr lieb hatte, überredet, zu ihm zu
+kommen und sich auf Nääs niederzulassen.
+
+Von Anfang an war bestimmt gewesen, daß der junge Herr bei der
+Bewirtschaftung des Gutes Hand anlegen sollte; als er aber aus dieser
+Veranlassung bei den Untergebenen seines Oheims umherging und sah, welches
+Leben sie in ihren ärmlichen Hütten führten, kamen ihm allerlei wunderliche
+Gedanken. Es fiel ihm auf, daß sich in den meisten dieser Wohnungen an den
+langen Winterabenden weder Männer noch Kinder, ja oft nicht einmal die
+Frauen mit irgendeiner Handarbeit beschäftigten. In den frühern Zeiten
+hatten die Leute ihre Hände fleißig rühren müssen zur Herstellung ihrer
+Kleider und ihres Hausgeräts, aber jetzt, wo man alle diese Dinge kaufen
+konnte, hatte diese Art von Arbeit aufgehört. Und da glaubte der junge Herr
+zu sehen, daß in den Häusern, wo man dieses häusliche Gewerbe aufgegeben
+hatte, sich auch das häusliche Behagen und der häusliche Wohlstand
+verabschiedet habe.
+
+Ein einzelnes Mal kam er doch auch in ein Haus, wo der Vater Tische und
+Stühle zusammenzimmerte und die Mutter webte; und soviel war sicher, diese
+Leute waren nicht nur wohlhabender, sondern auch glücklicher als die in den
+andern Häusern.
+
+Der junge Herr sprach mit seinem Oheim, und der alte Herr sah ein, welch
+ein großes Glück es wäre, wenn sich die Leute in ihrer freien Zeit mit
+irgendeiner Handarbeit beschäftigen würden. Um aber dies zu erreichen,
+müßten sie ohne Zweifel von Kind auf gelehrt werden, die Hände zu
+gebrauchen. Die beiden Herren meinten, zur Erreichung dieses Zieles könnten
+sie nichts Besseres tun, als eine Slöjdschule für Kinder einzurichten. Die
+Kinder sollten da lernen, einfache Geräte aus Holz herzustellen, denn,
+meinten die beiden Herren, diese Art Arbeit werde allen am leichtesten
+fallen. Sie waren überzeugt, wer von den Leuten einmal gelernt hätte, das
+Messer ordentlich zu gebrauchen, werde dann später leicht lernen, auch den
+großen Schmiedehammer und den kleinen Schuhmacherhammer zu führen. Wessen
+Hand aber von Kindheit auf an nichts gewöhnt sei, werde vielleicht niemals
+darauf kommen, daß der Mensch darin ein Werkzeug besitzt, das mehr wert ist
+als alle andern.
+
+Sie hatten also angefangen, Kinder im Handslöjd auf Nääs zu unterrichten,
+und bald sahen sie, wie nützlich und gut es für die Kleinen war, so
+nützlich und gut, daß sie nur wünschten, alle Kinder in ganz Schweden
+könnten einen ähnlichen Unterricht bekommen.
+
+Aber wie sollte das ausführbar sein? Ringsum in ganz Schweden wuchsen ja
+viele hunderttausend Kinder heran; diese konnten doch nicht alle auf Nääs
+versammelt werden, um da Slöjdunterricht zu bekommen? Das war ganz und gar
+unmöglich.
+
+Da kam der junge Herr mit einem neuen Vorschlag. Wie, wenn man, anstatt die
+Kinder zu unterrichten, ein Slöjdseminar für deren Lehrer einrichten würde?
+Wie, wenn die Lehrer und Lehrerinnen vom ganzen Lande in Nääs
+zusammenkämen, da Slöjd lernten und nachher mit allen den Kindern, die sie
+in ihren Schulen hatten, Slöjd treiben würden? Auf diese Weise gelänge es
+schließlich vielleicht doch, daß bei allen Kindern die Hände ebenso geübt
+würden wie das Gehirn.
+
+Als dieser Gedanke in den Herzen der beiden Herren einmal Wurzel geschlagen
+hatte, ließ er sie nicht mehr los, und sie suchten ihn zu verwirklichen.
+
+Die beiden Herren halfen einander treulich. Der alte Herr baute
+Arbeitssäle, Versammlungshäuser, den Turnsaal und sorgte für Wohnung und
+Unterhalt der Neuankommenden. Der junge Herr wurde der Vorsteher des
+Seminars; er arbeitete den Unterrichtsplan aus, überwachte die Arbeit und
+hielt Vorträge. Und damit noch nicht genug: er lebte auch beständig mit den
+Schülern zusammen, machte sich mit den Verhältnissen des einzelnen bekannt
+und wurde ihnen ein aufrichtiger, treuer Freund.
+
+Und wie groß war von Anfang an die Zahl der Teilnehmer! In jedem Jahre
+wurden vier Kurse gehalten, und zu allen meldeten sich mehr Schüler, als
+aufgenommen werden konnten. Die Schule wurde auch bald im Auslande bekannt,
+und aus aller Herren Länder kamen Lehrer und Lehrerinnen nach Nääs, um zu
+lernen, wie sie es machen müßten, ihre Hände auszubilden. Kein Ort in
+Schweden war im Ausland so bekannt wie Nääs, und kein Schwede hat je so
+viele Freunde ringsum auf der ganzen Welt gehabt, wie der Vorsteher des
+Slöjdseminars auf Nääs.
+
+Die kleine schüchterne Lehrerin hörte dieser Erzählung zu, und je länger
+sie zuhörte, desto heller wurde es um sie her. Bis jetzt hatte sie gar
+nicht gewußt, warum die Slöjdschule auf Nääs war, sie hatte sich nicht klar
+gemacht, daß sie von zwei Männern geschaffen worden war, die ihrem Lande
+etwas Gutes tun wollten, hatte keine Ahnung davon gehabt, daß sie ihre
+Arbeit ohne Lohn taten, daß sie alles opferten, was sie opfern konnten, um
+ihren Mitmenschen zu helfen, besser und glücklicher zu werden.
+
+Als sie jetzt über die große Güte und Nächstenliebe nachdachte, die hinter
+allem diesem lag, rührte es sie fast bis zu Tränen; so etwas hatte sie noch
+nie erlebt.
+
+Am nächsten Tag ging sie mit einem ganz andern Verständnis an ihre Arbeit.
+Wenn ihr das alles aus lauter Güte geboten wurde, mußte sie mit einem ganz
+andern Fleiß daran gehen als bisher. Sie vergaß nun, an sich selbst zu
+denken; die Arbeit und das große Ziel, das erreicht werden sollte, nahmen
+sie jetzt ganz in Anspruch. Und von diesem Augenblick an machte sie ihre
+Sache ganz ausgezeichnet; sobald ihre Schüchternheit ihr nicht hindernd in
+den Weg trat, war sie sehr geschickt und fingerfertig.
+
+Jetzt, wo ihr die Schuppen von den Augen gefallen waren, erkannte sie
+überall das wunderbare, große Wohlwollen. Jetzt sah sie, wie liebevoll im
+ganzen Seminar alles für die Teilnehmer an den Kursen eingerichtet war.
+Diese Teilnehmer wurden bei weitem nicht nur in Handarbeit unterrichtet;
+der Vorstand hielt Vorträge über Erziehung, er gab Turnunterricht, er
+bildete einen Gesangverein, und beinahe jeden Abend vereinigte man sich zu
+Musik und Vorlesungen. Und außerdem standen Bücher, Boote, Badehäuser und
+Klaviere zur Verfügung; alle sollten es gut haben, sich wohl befinden und
+vergnügt sein.
+
+Allmählich wurde der Lehrerin klar, welch ein unschätzbarer Vorteil das
+war, wenn jemand die schönen Sommertage auf einem solchen großen
+schwedischen Herrenhofe verbringen durfte. Das Schloß, in dem der alte Herr
+wohnte, lag auf einem fast ganz von einem See umgebnen Hügel, und eine
+schöne steinerne Brücke bildete die Verbindung mit dem Lande. Die Lehrerin
+hatte noch nie etwas so Schönes gesehen, wie die Blumenbeete auf den
+Terrassen vor dem Schlosse, wie die alten Eichen im Park, wie den Weg dem
+Seeufer entlang, wo die Bäume sich über das Wasser neigten, oder wie den
+Ausblick vom Aussichtspavillon auf dem Felsen über den See hin. Die
+Schulgebäude lagen auf dem Festland, dem Schloß gerade gegenüber auf
+grünen, schattigen Wiesen, aber es stand den Schülern frei, sich ganz nach
+Belieben im Schloßpark zu ergehen. Der Lehrerin war es, als wisse sie erst
+jetzt, wie schön der Sommer sei, da sie ihn an einem so wunderschönen Ort
+wie Nääs genießen durfte.
+
+Doch muß man nicht meinen, es sei nun eine große Veränderung mit ihr
+vorgegangen; nein, mutig und selbstbewußt wurde sie nicht, aber sie fühlte
+sich froh und glücklich. Diese Güte hier erwärmte sie bis ins innerste Herz
+hinein. An einem solchen Orte, wo es alle gut mit ihr meinten und ihr
+nützlich zu sein suchten, konnte sie sich unmöglich ängstlich fühlen. Und
+als der Lehrgang zu Ende war und die Schüler Nääs verließen, war sie ganz
+neidisch auf alle, die dem alten und dem jungen Herrn richtig danken und
+das, was sie fühlten, in schönen Worten ausdrücken konnten. Ach, so weit
+brachte sie es gewiß in ihrem ganzen Leben nicht!
+
+Sie kehrte nach Hause zurück, nahm ihre Arbeit in der Schule wieder auf und
+war ebenso befriedigt davon wie vorher. Von Nääs war sie nicht weiter
+entfernt, als daß sie an einem freien Nachmittag zu Fuß hin und zurück
+gelangen konnte, und im Anfang tat sie das auch ziemlich oft. Aber es war
+eben immer wieder ein andrer Jahrgang, immer andre Gesichter, ihre
+Schüchternheit überfiel sie aufs neue, und so wurde sie allmählich ein
+immer seltenerer Gast in der Slöjdschule. Aber die Zeit, wo sie selbst
+Schülerin auf Nääs gewesen war, stand trotzdem immer als das beste, was sie
+je erlebt hatte, in ihrer Erinnerung.
+
+Im Frühling hörte sie eines Tages, daß der alte Herr auf Nääs gestorben
+sei. Da gedachte sie des schönen Sommers, den sie auf seinem Gute verbracht
+hatte, und das Herz wurde ihr schwer, weil sie sich niemals so recht bei
+ihm bedankt hatte. Er hatte ja sicherlich Dankesbezeugungen genug erhalten,
+von Hohen wie von Niederen; aber sie selbst würde sich jetzt glücklicher
+gefühlt haben, wenn sie ihm einmal mit ein paar Worten ausgedrückt hätte,
+wieviel er für sie getan habe.
+
+Auf Nääs wurde der Unterricht ganz in derselben Weise fortgesetzt wie vor
+dem Tode des alten Herrn. Er hatte nämlich das ganze schöne Gut der Schule
+vermacht; sein Neffe aber blieb auch fernerhin der Vorsteher und verwaltete
+alles miteinander. So oft die Lehrerin nach Nääs kam, war irgend etwas
+Neues zu sehen. Jetzt handelte es sich nicht mehr allein um Slöjdkurse; der
+Vorsteher wollte auch die alten Gebräuche und die alten Volksvergnügungen
+wieder ins Leben rufen, und so richtete er auch Lehrgänge für Singspiele
+und viele andre Arten von Spielen ein. Aber in einer Hinsicht blieb alles
+beim alten; noch immer wurde den Leuten von dem Wohlwollen, das sie hier
+überall umgab, das Herz warm, und sie fühlten, wie sehr doch alles darauf
+eingerichtet war, daß sie sich nicht allein Kenntnisse erwürben, sondern
+auch Arbeitsfreudigkeit mitnähmen, wenn sie zu den kleinen Schulkindern
+ringsum im Lande zurückkehrten.
+
+Nur wenige Jahre nach dem Tode des alten Herrn hörte die Lehrerin eines
+Sonntags in der Kirche, der Vorsteher auf Nääs sei gefährlich erkrankt. Sie
+wußte, daß er seit einiger Zeit an schweren Herzkrämpfen litt, hatte aber
+an keine Lebensgefahr für ihn gedacht. Jetzt aber hieß es, diesmal stehe es
+sehr schlecht.
+
+Von dem Augenblick an, wo die Lehrerin dies hörte, konnte sie nichts andres
+mehr denken, als daß am Ende der Vorsteher jetzt auch sterben würde wie der
+alte Herr, ohne daß sie ihm ihren Dank ausgesprochen hätte, und sie
+überlegte hin und her, was sie doch tun könnte, um ihren Dank darzubringen.
+
+Am Sonntag nachmittag ging die Lehrerin bei den Nachbarn umher und fragte,
+ob die Kinder sie nicht nach Nääs begleiten dürften. Sie habe gehört, der
+Vorsteher sei krank, und sie denke, es werde ihn freuen, wenn die Kinder
+hinkämen und ihm ein paar Lieder sängen. Es sei allerdings schon ziemlich
+spät am Tage, aber es sei ja jetzt gerade heller, klarer Mondschein,
+deshalb könnte man gut noch gehen. Die Lehrerin hatte das Gefühl, daß sie
+an diesem Abend durchaus noch nach Nääs müsse; und sie fürchtete, es könnte
+am nächsten Tag zu spät sein.
+
+
+Die Sage von Westgötland
+
+ Sonntag, 9. Oktober
+
+Die Wildgänse hatten Bohuslän verlassen und verbrachten die Nacht auf einem
+Sumpf in Westgötland. Um im Trocknen zu sein, war der kleine Nils
+Holgersson auf einen Grabenrain hinaufgekrochen, der quer über die sumpfige
+Wiese hinlief. Er suchte noch nach einem trockenen Platz, wo er sich zum
+Schlafen niederlegen könnte, als er eine kleine Schar Menschen des Weges
+daherkommen sah. Es war eine junge Lehrerin mit etwa einem Dutzend Kinder
+um sich her. Die Lehrerin in der Mitte, schritten sie in einem dichten
+Trüpplein unter fröhlichem und vertraulichem Geplauder frisch drauf los,
+und der Junge konnte der Lust nicht widerstehen, eine Strecke weit hinter
+ihnen herzulaufen, um zu hören, wovon sie miteinander sprachen.
+
+Und diese Absicht konnte er leicht ausführen; wenn er sich im Schatten am
+Wegrand hielt, konnte ihn unmöglich jemand sehen. Und wo fünfzehn Menschen
+gingen, machte das Geräusch ihrer Fußtritte einen ordentlichen Lärm; da
+konnte sicher niemand den Kies unter seinen kleinen Holzschuhen knirschen
+hören!
+
+Um die Kinder auf dem Wege in guter Laune zu erhalten, erzählte ihnen die
+Lehrerin alte Sagen. Als der Junge sich der Schar anschloß, war sie eben
+mit einer fertig geworden, aber die Kinder bettelten sogleich um eine neue.
+
+»Habt ihr denn die Geschichte von dem alten Riesen in Westgötland schon
+gehört, der auf eine Insel weit droben im nördlichen Eismeer gezogen war?«
+fragte die Lehrerin. Nein, die hätten sie noch nie gehört, riefen die
+Kinder; und die Lehrerin begann:
+
+»In einer dunkeln, stürmischen Nacht scheiterte einstmals ein Schiff an
+einer kleinen Schäre weit droben im nördlichen Eismeer. Das Schiff
+zerschellte an den Klippen, und von der ganzen Besatzung konnten sich nur
+zwei Mann ans Land retten. Tropfnaß und von Kälte erstarrt, standen sie auf
+der kleinen Felseninsel und waren natürlich überaus froh, als sie am Ufer
+ein großes Feuer lodern sahen. Ohne an eine Gefahr zu denken, eilten sie
+darauf zu; und erst als sie ganz nahe herangekommen waren, sahen sie, daß
+vor dem Feuer ein fürchterlich großer Hüne saß, ja, es war ein so großer
+und starker Mann, daß sie keinen Augenblick im Zweifel sein konnten, mit
+wem sie da zusammengetroffen waren, nämlich mit einem Mann aus dem
+Riesengeschlecht.
+
+Zögernd blieben sie stehen; aber der Nordwind fuhr mit furchtbarer
+Eiseskälte über die Schäre hin, und sie fühlten wohl, daß sie erfrieren
+müßten, wenn sie sich nicht an dem Feuer des Riesen wärmen dürften. Deshalb
+beschlossen sie, sich zu dem Riesen hinzuwagen.
+
+>Guten Abend, Vater,< sagte der ältere von den beiden. >Wollt Ihr zwei
+schiffbrüchigen Seeleuten erlauben, sich an Eurem Feuer zu wärmen?<
+
+Der Riese fuhr jäh aus seinen Gedanken auf; er reckte sich und zog sein
+Schwert aus der Scheide.
+
+>Was seid denn ihr für Gesellen?< fragte er, denn er war alt und konnte
+nicht mehr gut sehen, was das für Geschöpfe waren, die ihn angeredet
+hatten.
+
+>Wir sind beide aus Westgötland, wenn Ihr es wissen wollt,< antwortete der
+ältere von den beiden Seeleuten. >Unser Schiff ist hier in der Nähe
+gescheitert, und wir haben uns nun halbnackt und halberfroren ans Land
+gerettet.<
+
+>Ich lasse mich sonst auf meiner Schäre mit den Menschen nicht in ein
+Gespräch ein; wenn ihr aber aus Westgötland seid, ist es etwas andres,<
+sagte der Riese und steckte sein Schwert wieder in die Scheide. >Dann dürft
+ihr euch hier niedersetzen und euch wärmen, denn ich stamme selbst aus
+Westgötland und habe dort viele Jahre lang in dem großen Hügel bei Skalunda
+gewohnt.<
+
+Die Seeleute setzten sich auf einen Felsblock. Sie wagten den Riesen nicht
+anzureden und sahen ihn deshalb nur schweigend an. Aber je länger sie ihn
+betrachteten, desto größer erschien er ihnen, und desto kleiner und
+schwächer fühlten sie sich selbst.
+
+>Meine Augen sind nicht mehr so gut wie früher,< sagte der Riese, >und ich
+kann euch kaum unterscheiden; ich hätte mich sonst gefreut, zu sehen, wie
+ein Westgöte heutigentags aussieht. Einer von euch reiche mir indes
+wenigstens die Hand, damit ich fühle, ob es noch warmes Blut in Schweden
+gibt.<
+
+Die Männer betrachteten zuerst die Hände des Riesen und dann ihre eignen.
+Keiner der beiden hatte Lust, den Händedruck des Riesen kennen zu lernen.
+Aber dann fiel ihr Blick auf einen eisernen Spieß, den der Riese zum
+Anfachen seines Feuers benützte. Er war im Feuer liegen geblieben und an
+dem einen Ende glühend rot. Mit vereinten Kräften hoben die beiden Männer
+die Stange auf und streckten sie dem Riesen hin. Er ergriff den Spieß und
+preßte die Hand so fest darum, daß ihm das Eisen zwischen den Fingern
+herausquoll.
+
+>O ja, ich merke wohl, es gibt noch heißes Blut in Schweden,< sagte er ganz
+vergnügt zu den verblüfften Seeleuten.
+
+Dann wurde es wieder still um das Feuer her; aber diese Begegnung mit
+Landsleuten führte die Gedanken des Riesen zurück nach Westgötland, und
+eine Erinnerung nach der andern tauchte vor seiner Seele auf.
+
+>Ich möchte wohl wissen, wie es jetzt am Skalundaer Hügel aussieht?< fragte
+er die beiden Männer.
+
+Keiner von ihnen wußte etwas von dem Hügel, nach dem der Riese fragte.
+
+[Illustration: Die Sage von Westgötland (Zu Seite 480)]
+
+>Er wird wohl seither tüchtig zusammengesunken sein<, antwortete der eine
+zögernd. Er hatte das Gefühl, einem solchen Fragesteller dürfe man keine
+Antwort schuldig bleiben.
+
+>Freilich, freilich, ich habe es mir wohl gedacht,< erwiderte der Riese mit
+einem zustimmenden Kopfnicken. >Man kann auch nichts andres erwarten, denn
+diesen Hügel haben meine Frau und meine Tochter einmal am frühen Morgen in
+einer Stunde in ihren Schürzen zusammengetragen.<
+
+Wieder grübelte er nach und suchte in seinen Erinnerungen. Er hatte ja
+Westgötland nicht erst vor kurzem verlassen, und es dauerte eine Weile, bis
+er zu diesen Erinnerungen hindurchgedrungen war.
+
+>Aber der Kinnekulle und Billinge und die andern kleinern über die große
+Ebene verstreuten Berge stehen doch wohl noch?< fragte er wieder.
+
+>Jawohl, die stehen noch,< antwortete der Seemann; und um dem Riesen zu
+zeigen, daß er ihn für einen tüchtigen Mann halte, fuhr er fort: >Ihr habt
+wohl beim Errichten von diesen Bergen mitgeholfen?<
+
+>Nein, das gerade nicht,< sagte der Riese. >Aber soviel kann ich dir sagen,
+meinem Vater habt ihr es zu verdanken, daß diese Berge noch dastehen. Als
+ich noch ein kleiner Bursche war, gab es in Westgötland keine große Ebene,
+sondern da, wo jetzt die Ebene sich ausbreitet, lag eine Felsengegend, die
+sich vom Wettersee bis zum Götaälf erstreckte. Aber dann nahmen sich ein
+paar Flüsse vor, sich ihr Bett durch das Gebirge hindurchzugraben und bis
+zum Wenersee hinunterzufließen. Das Gebirge bestand nicht aus richtigem
+Granit, sondern aus Kalkstein und Schiefer, deshalb konnten es die Flüsse
+leicht auswaschen. Ich erinnere mich noch, daß sie das Flußbett und die
+Täler breiter und immer breiter machten und schließlich zu wahren Ebenen
+ausweiteten. Mein Vater nahm mich manchmal mit, wenn er hinging und sich
+die Arbeit der Flüsse ansah, und der Vater war nicht so recht damit
+einverstanden, daß die Flüsse das ganze Gebirge zerstörten.
+
+>Ein paar Ruheplätze könnten sie uns wenigstens noch übrig lassen,< sagte
+er, und zugleich zog er seine steinernen Schuhe aus und stellte den einen
+ganz im Westen und den andern ganz im Osten des Gebirges auf. Seinen
+steinernen Hut legte er auf eine Felskuppe am Wenersee, meine steinerne
+Mütze schleuderte er etwas weiter gen Süden, und seine steinerne Keule
+schickte er in derselben Richtung hinterdrein.
+
+Was wir sonst noch von guten, harten Steinen bei uns hatten, legte er an
+verschiedenen Orten nieder. Die Flüsse spülten dann allmählich das ganze
+Gebirge weg, aber an den Stellen, die mein Vater mit seinen steinernen
+Sachen bedeckt hatte, wagten sie nicht zu rühren, und so blieben sie
+stehen. Da, wo mein Vater seinen einen Schuh hingestellt hat, ist unter dem
+Absatz der Halleberg und unter der Sohle der Hunneberg stehen geblieben.
+Unter dem andern Schuh ist Billinge erhalten, Vaters Hut hat den Kinnekulle
+bewahrt, unter meiner Mütze liegt der Mösseberg, und unter der Keule birgt
+sich Ålleberg. Alle andern kleinen Berge der westgötischen Ebene sind auch
+meinem Vater zuliebe verschont worden, und ich möchte wissen, ob es in
+Westgötland noch viele Männer gibt, vor denen die Leute soviel Respekt
+haben wie einst vor meinem Vater?<
+
+>Das ist nicht leicht zu beantworten,< sagte der Seemann. >Wenn aber in
+Eurer Zeit die Flüsse und Riesen so allmächtig gewesen sind, dann bekomme
+ich ordentlich vermehrte Achtung vor den Menschen; denn jetzt sind sie ganz
+allein die Herren über die Ebene und das Gebirge.<
+
+Der Riese rümpfte die Nase ein wenig, und er schien mit der Antwort nicht
+so recht zufrieden zu sein; aber schon nach einer kleinen Weile knüpfte er
+das Gespräch wieder an. >Wie steht es denn gegenwärtig mit dem Trollhätta?<
+fragte er.
+
+>Er rauscht und donnert wie von jeher,< antwortete der Seemann. >Habt Ihr
+vielleicht gerade wie bei der Erhaltung der Westgötaberge auch mitgeholfen,
+den großen Wasserfall herzustellen?<
+
+>O nein, das nicht gerade,< erwiderte der Riese. >Aber als ich noch ein
+kleiner Knirps war, benutzten mein Bruder und ich die Fälle noch als
+Rutschbahn. Wir stellten uns auf einen Balken, und hui! dann ging es den
+Gullöfall und Toppöfall und die drei andern Fälle hinunter! Wir kamen so
+rasch dahergesaust, daß wir beinahe bis zum Meer hingerutscht wären. Ob es
+wohl heutzutage in Westgötland auch noch jemand gibt, der sich auf solche
+Weise ergötzt?<
+
+>Das kann ich nicht sagen,< antwortete der Seemann. >Aber ich glaube fast,
+es ist eine ebenso wunderbare Leistung, daß wir Menschen dem Trollhätta
+entlang einen Kanal gebaut haben, auf dem wir nicht allein wie Ihr in Euren
+jungen Jahren den Trollhätta hinunter, sondern ihn auch mit Booten und
+Dampfschiffen hinauffahren können.<
+
+>Das ist allerdings sehr merkwürdig,< versetzte der Riese; und es war fast,
+als habe ihn die Antwort ein wenig verdrossen. >Kannst du mir nun auch noch
+sagen, wie es in der Gegend am Mjörnsee aussieht, die früher das Hungerland
+genannt wurde?<
+
+>O ja, die Gegend hat uns allen viel Kummer und Kopfzerbrechen gemacht,<
+antwortete der Westgöte. >Habt Ihr vielleicht mitgeholfen, sie so mager und
+trostlos anzulegen?<
+
+>O nein, das nicht gerade,< sagte der Riese wieder. >Zu meiner Zeit hat ein
+prächtiger Wald dort gestanden. Aber als eine meiner Töchter Hochzeit
+machte, brauchten wir sehr viel Holz, um den Backofen zu schüren; da nahm
+ich ein langes Seil, schlang es um den ganzen Hungerländer Wald herum, riß
+ihn mit einem einzigen Ruck heraus und trug ihn nach Hause. Ich möchte
+wissen, ob es heutigentags noch jemand gäbe, der einen ganzen Wald auf
+einmal herausreißen könnte?<
+
+>Das wage ich nicht zu behaupten,< sagte der Westgöte. >Aber das weiß ich,
+daß in meiner Jugend das Hungerland kahl und unfruchtbar dalag, während es
+jetzt ganz mit Wald bedeckt ist. Das halte ich nun für eine richtige
+männliche Tat.<
+
+>Nun ja, aber drunten in dem südlichen Westgötland, da können sich doch
+wohl keine Menschen fortbringen?< sagte der Riese.
+
+>Habt Ihr auch dort bei der Einrichtung des Landes geholfen?< rief der
+Westgöte.
+
+>O nein, das nicht gerade,< versetzte der Riese. >Aber ich erinnere mich,
+wenn wir Riesenkinder dort die Herden hüteten, bauten wir viele steinerne
+Häuser; und durch alle die Steine, die wir umherwarfen, ist der Boden ganz
+unbestellbar geworden, deshalb müßte es sehr schwer sein, dort Ackerfelder
+zu gewinnen.<
+
+>Ja, das ist gewißlich wahr; es lohnt sich kaum der Mühe, dort Ackerbau zu
+treiben,< sagte der Westgöte. >Aber die Bevölkerung hat sich auf die
+Herstellung von Holzwaren gelegt; und meiner Ansicht nach beweist es mehr
+Tüchtigkeit, wenn sich jemand in einer so armen Gegend durchbringt, als
+wenn er beim Ruinieren des Bodens behilflich ist.<
+
+>Jetzt bleibt mir nur noch eine Frage übrig,< sagte der Riese. >Wie habt
+ihr euch drunten an der Küste eingerichtet, wo der Götaälf ins Meer
+fließt?<
+
+>Habt Ihr da auch die Hand mit im Spiele gehabt?< fragte der Seemann.
+
+>Das nicht gerade,< entgegnete der Riese. >Aber, wir gingen vorzeiten oft
+an den Strand hinunter, lockten uns einen Walfisch heran, setzten uns auf
+dessen Rücken und ritten durch die Fjorde und Schären. Ich möchte wissen,
+ob du jemand kennst, der das heute noch tut?<
+
+>Das will ich unbeantwortet lassen,< erwiderte der Seemann. >Aber ich halte
+es für eine ebenso große Leistung, daß die Menschen an der Mündung des
+Götaälf eine Stadt gebaut haben, von der Schiffe nach allen Meeren der Erde
+ausziehen.<
+
+Hierauf gab der Riese keine Antwort; und der Seemann, der selbst in
+Göteborg daheim war, beschrieb nun die reiche Handelsstadt mit ihrem großen
+Hafen, mit ihren Brücken und Kanälen und den prächtigen Straßen; er
+erzählte auch, es wohnten da sehr viele tüchtige Kaufleute und Schiffer,
+und es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß sie Göteborg noch zu der
+ersten Stadt des Nordens machten.
+
+Bei jeder neuen Antwort waren die Runzeln auf der Stirne des Riesen tiefer
+geworden; daß die Menschen sich so zum Herren über die Natur gemacht
+hatten, war ihm offenbar unangenehm.
+
+>Ja ja, es muß sich sehr viel verändert haben in Westgötland,< sagte er
+schließlich, >und ich würde am liebsten selbst wieder hinkommen und dies
+und jenes herstellen.<
+
+Als der Seemann diese Worte hörte, erschrak er ein wenig; wenn der Riese
+nach Westgötland käme, geschähe es sicher nicht in guter Absicht. Er ließ
+sich jedoch nichts anmerken, sondern sagte:
+
+>Ihr dürft überzeugt sein, daß Ihr festlich empfangen würdet. Euch zu Ehren
+soll mit allen Kirchenglocken geläutet werden.<
+
+>So, es gibt also noch Kirchenglocken in Westgötland?< fragte der Riese,
+als sei er etwas bedenklich geworden. >Sind denn die großen Glocken in
+Husaby, Skara und Varnhem noch nicht zu Tode geläutet?<
+
+>O nein, sie sind alle noch da, und seit Eurer Zeit sind viele neue
+dazugekommen. Jetzt gibt es in ganz Westgötland nicht eine Ortschaft, wo
+man kein Glockengeläute hörte.<
+
+>Nun, dann ist es wohl am besten, ich bleibe, wo ich bin,< sagte der Riese.
+>Denn dieser Glocken wegen bin ich ja einst dort weggezogen.<
+
+Hierauf versank er in Gedanken, wendete sich aber doch bald wieder an die
+Seeleute. >Ihr könnt euch jetzt ganz ruhig am Feuer niederlegen und
+schlafen,< sagte er. >Morgen früh will ich dafür sorgen, daß ein Schiff
+hier vorüberfährt, das euch mitnimmt und in eure Heimat zurückbringt. Aber
+für die Gastfreundschaft, die ich euch erwiesen habe, verlange ich eine
+Gefälligkeit von euch. Wenn ihr heimgekehrt seid, sollt ihr zu dem besten
+Mann in ganz Westgötland gehen und ihm diesen Ring übergeben. Ihr sollt ihn
+von mir grüßen und ihm ausrichten, wenn er den Ring an seinen Finger
+stecke, werde er noch viel mehr werden, als er jetzt sei.<
+
+Sobald die Seeleute zu Hause angekommen waren, gingen sie zu dem besten
+Mann in Westgötland und übergaben ihm den Ring. Aber der Mann war zu klug,
+ihn sofort an seinen Finger zu stecken. Statt dessen hängte er ihn an eine
+kleine Eiche auf seinem Hofe. In demselben Augenblick schoß die Eiche so
+gewaltig in die Höhe, daß man sie förmlich wachsen sah. Sie trieb
+Schößlinge und lange Zweige; der Stamm wurde dicker, die Rinde verhärtete
+sich, der Baum bekam neue Blätter und verlor sie wieder, setzte Blüten und
+Früchte an und wurde in kurzer Zeit eine so mächtige Eiche, wie man noch
+nie eine gesehen hatte. Aber kaum war sie ausgewachsen, als sie ebenso
+schnell zu verwelken begann: die Zweige fielen ab, der Stamm wurde hohl,
+der Baum siechte hin, bald war nichts mehr von ihm übrig als ein Stumpf.
+
+Da nahm der Mann den Ring und schleuderte ihn weit von sich. >Dieses
+Geschenk des Riesen hat die Macht, einem Manne große Kraft zu verleihen und
+ihn für kurze Zeit leistungsfähiger als alle andern zu machen,< sagte er.
+>Aber der Besitzer würde sich auch in ganz kurzer Zeit überanstrengen, und
+dann wäre es bald aus mit seiner Tüchtigkeit und seinem Glück. Ich will
+nichts damit zu tun haben, und ich hoffe nur, niemand wird den Ring finden,
+denn er ist uns nicht in guter Absicht geschickt worden.<
+
+Aber es ist eben doch möglich, daß der Ring gefunden worden ist. So oft
+sich ein Mensch, in dem Bestreben, andern Gutes zu tun, über seine Kräfte
+anstrengt, möchte man unwillkürlich fragen, ob er am Ende den Ring gefunden
+habe, und ob dieser es sei, der ihn zwingt, so zu schaffen und zu wirken,
+daß er sich vor der Zeit abnützt und sein Werk unvollendet verlassen muß.«
+
+
+Der Gesang
+
+Die Lehrerin war, während sie erzählte, mit raschen Schritten vorwärts
+gegangen, und als sie ihre Geschichte beendigt hatte, war sie mit den
+Kindern beinahe an ihrem Ziel angelangt. Dort tauchten schon die
+Wirtschaftsgebäude auf, die, wie alles andre auf dem Gute, von prächtigen
+Bäumen beschattet dalagen, und noch ehe sie daran vorübergekommen war, sah
+sie das Schloß droben auf der Terrasse hervorschimmern.
+
+Bis zu diesem Augenblick war sie über ihren Einfall sehr glücklich gewesen,
+und kein zagender Gedanke war in ihr aufgestiegen; aber jetzt, beim Anblick
+des Hofes, begann ihr der Mut zu sinken. Wie, wenn das, was sie vorhatte,
+nun ganz verkehrt wäre? Wer kümmerte sich denn wohl um ihre Dankbarkeit?
+Vielleicht würde man sie nur auslachen, wenn sie jetzt am späten Abend noch
+mit ihren Schulkindern daherkäme? Und sie alle miteinander konnten gewiß
+auch gar nicht so schön singen, daß sich jemand etwas aus dem Gesang machen
+würde!
+
+Sie ging langsamer, und als sie die Stufen erreichte, die zur
+Schloßterrasse führten, bog sie vom Wege ab und stieg diese Treppe hinan.
+Seit dem Tode des alten Herrn stand zwar das große Schloß leer, das wußte
+sie sehr wohl; sie ging auch nur hinauf, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen,
+ob sie weitergehen oder umkehren solle. Als sie die Treppe erstiegen hatte
+und das im Mondschein blendend hell schimmernde Schloß vor sich liegen sah,
+als sie die Hecken und Blumenbeete, die Brustwehr und die Urnen und die
+majestätische Freitreppe sah, wurde ihr immer ängstlicher zumute. Ach, hier
+war alles so vornehm und prachtvoll; nein, hier hatte sie gewiß nichts zu
+tun! »Komm mir nicht zu nahe!« schien ihr das schöne weiße Schloß
+zuzurufen. »Du wirst dir doch nicht einbilden, du und deine Schulkinder
+könnten einem Manne, der an einem solchen Orte zu wohnen gewöhnt ist,
+irgendeine Freude bereiten?«
+
+Um diese Unschlüssigkeit, die sie allmählich ganz beherrschte, zu
+verscheuchen, erzählte die Lehrerin ihren Schulkindern die Geschichte von
+dem alten und dem jungen Herrn, gerade so, wie sie sie selbst einst als
+Schülerin auf Nääs gehört hatte. Und dies hob ihren Mut wieder ein wenig.
+Es war ja doch wahr, daß das Schloß und das ganze Gut dem Slöjdseminar
+geschenkt worden waren. Jawohl geschenkt, damit Lehrer und Lehrerinnen eine
+glückliche Zeit auf dem schönen Gute verleben und danach ihren Schulkindern
+Kenntnisse und Freude mit nach Hause bringen könnten! Aber wenn diese
+beiden Herren der Schule ein solches Geschenk gemacht hatten, so war doch
+dadurch der Beweis geliefert, wie hoch sie die Lehrer schätzten! Dadurch
+hatten sie klar und deutlich gezeigt, daß sie die Erziehung der
+schwedischen Kinder für viel wichtiger hielten als alles andre. Nein nein,
+gerade hier dürfte sie sich am allerwenigsten niedergeschlagen fühlen,
+redete sich die Lehrerin selbst zu.
+
+Diese Gedanken trösteten sie auch wirklich ein wenig, und sie wollte ihren
+Plan jetzt doch ausführen. Um ihren Mut zu stärken, schlug sie den Weg
+durch den Park ein, der sich vom Schloßhügel zum See hinunter erstreckte.
+Während sie unter diesen schönen Bäumen dahinschritt, die im Mondschein
+dunkel und geheimnisvoll hoch aufragten, erwachten viele frohe Erinnerungen
+in ihrem Herzen. Sie erzählte den Kindern, wie es zu ihrer Zeit auf Nääs
+gewesen war und wie glücklich sie sich hier als Schülerin gefühlt hatte, wo
+sie jeden Tag in dem schönen Park hatte spazieren gehen dürfen. Sie
+erzählte von frohen Festen, von Spiel und Arbeit, aber vor allem von der
+großen Güte, die die Tore des schönen Herrenhofs für sie und für so viele
+andere geöffnet hatte.
+
+Auf diese Weise gelang es ihr, wieder Mut zu fassen, und sie ging wirklich
+durch den Park und über die alte steinerne Brücke und erreichte endlich die
+Wiesen am See drunten, wo die Villa des Vorstehers mitten zwischen den
+Schulgebäuden stand.
+
+Dicht bei der Brücke war der grüne Spielplatz, und als sie daran
+vorübergingen, erzählte die Lehrerin den Kindern, wie schön es hier an den
+Sommerabenden gewesen sei, wenn der Rasen von hellgekleideten Menschen
+wimmelte und Singspiele und Ballspiele einander ablösten. Sie zeigte den
+Kindern das Vereinshaus, in dem der Versammlungssaal war, das Seminar, wo
+die Vorträge gehalten wurden, die Häuser, wo die Slöjdsäle und der Turnsaal
+untergebracht waren. Die Lehrerin ging rasch und sprach unaufhörlich, wie
+um gar keine Zeit zum Ängstlichwerden zu haben. Aber als sie schließlich so
+weit gekommen war, daß sie die Villa des Vorstehers sehen konnten, hielt
+sie jäh an.
+
+»Hört, Kinder, ich glaube, wir wollen nicht weitergehen,« sagte sie. »Es
+ist mir früher gar nicht eingefallen, daß der Vorsteher vielleicht so
+schwer krank ist, daß ihm unser Gesang schaden könnte, und es wäre
+furchtbar, wenn er dadurch noch kränker würde.«
+
+Der kleine Nils Holgersson war die ganze Zeit neben der Schar hergegangen
+und hatte alles gehört, was die Lehrerin erzählte. Er wußte also, daß sie
+ausgezogen waren, um jemand, der drüben in der Villa krank lag, einige
+Lieder zu singen. Und nun sollte aus dem Gesange nichts werden, weil der
+Kranke möglicherweise dadurch beunruhigt und aufgeregt werden könnte!
+
+»Wie schade, wenn sie wieder umkehrten, ohne gesungen zu haben!« dachte er.
+»Sie könnten ja doch leicht erfahren, ob der Kranke drinnen das Zuhören
+ertragen kann. Warum geht denn die Lehrerin nicht hin zu der Villa und
+erkundigt sich?«
+
+Aber dieser Gedanke schien der Lehrerin gar nicht zu kommen, sie kehrte
+vielmehr um und trat langsam den Heimweg an. Die Schulkinder machten ein
+paar Einwendungen, aber sie beschwichtigte sie. »Nein, nein,« sagte sie.
+»Es war ein dummer Einfall von mir, daß ich jetzt so spät am Abend noch
+hierher wanderte, um zu singen. Wir würden nur stören.«
+
+Da dachte Nils Holgersson, wenn keines von den andern es tun wolle, dann
+müsse er jetzt hingehen und zu erfahren suchen, ob der Kranke wirklich zu
+schwach sei, ein Lied anzuhören. Rasch lief er von der Schar weg und aufs
+Haus zu. Vor der Villa hielt eben ein Wagen, und neben den Pferden stand
+ein alter Kutscher. Der Junge war kaum bis zum Hauseingang hingelangt, als
+die Tür aufging und ein Mädchen mit einem Servierbrett heraustrat.
+
+»Sie werden wohl noch eine Weile auf den Herrn Doktor warten müssen,
+Larsson,« sagte sie. »Die gnädige Frau schickt Ihnen hier indessen zur
+Stärkung etwas Warmes.«
+
+»Wie geht es dem Herrn?« fragte der Kutscher.
+
+»Er hat jetzt keine Schmerzen mehr, aber es ist, als stehe das Herz still.
+Schon seit einer Stunde liegt er ganz regungslos da. Wir wissen kaum, ob er
+noch lebt.«
+
+»Gibt der Doktor keine Hoffnung?«
+
+»Es kann gehen, wie es will, Larsson, ja es kann gehen, wie es will. Es
+ist, als lausche er immerfort auf einen Ruf. Kommt dieser Ruf von oben, so
+muß er ihm folgen.«
+
+Nils Holgersson lief rasch den Weg hinunter, um die Lehrerin und die Kinder
+einzuholen; das Sterben seines Großvaters fiel ihm ein. Der Großvater war
+Seemann gewesen, und ganz zuletzt noch hatte er gebeten, man solle das
+Fenster aufmachen, damit er den Wind noch einmal rauschen höre. Wenn nun
+der Kranke dort drüben mit so großer Vorliebe im Kreise der Jugend geweilt
+hatte und ihren Liedern und Spielen so gerne zuhörte ...
+
+Die Lehrerin ging unschlüssig die Allee hinunter. Jetzt, wo sie von Nääs
+wegging, war es ihr, als müsse sie wieder umkehren; vorhin aber war sie
+auch wieder umgekehrt. Ach, sie war noch immer gleich ängstlich und
+unsicher!
+
+Sie sprach nicht mehr mit den Kindern, sondern ging schweigend ihres Weges
+dahin. In der Allee war so tiefer Schatten, daß sie nicht sehen konnte;
+aber es war ihr, als höre sie viele, viele Töne um sich her, und von allen
+Seiten drangen unzählige ängstliche Stimmen auf sie ein. »Wir sind gar so
+weit weg, alle wir andern,« sagten die Stimmen. »Du aber bist ganz nahe.
+Geh und sing ihm vor, was wir alle fühlen!«
+
+Und sie erinnerte sich an einen nach dem andern, denen der Vorsteher
+geholfen und für die er gesorgt hatte. Übermenschlich hatte er sich
+angestrengt, um allen Bedürftigen zu helfen. »Geh und sing ihm!« flüsterte
+es um die Lehrerin her. »Laß ihn nicht sterben, ohne einen letzten Gruß von
+seiner Schule! Denke nicht, du seist gering und unbedeutend! Denk an die
+große Schar, die hinter dir steht! Gib ihm zu verstehen, ehe er von uns
+geht, wie innig wir ihn lieben!«
+
+Die Lehrerin ging immer langsamer. Da hörte sie plötzlich einen Ton, der
+mit den Stimmen und mahnenden Rufen in ihrer Seele nichts zu tun hatte,
+sondern aus der äußern Welt um sie her an ihr Ohr drang. Es war keine
+gewöhnliche menschliche Stimme, es klang wie das Zwitschern eines Vogels,
+oder wie das Zirpen einer Heuschrecke. Aber es rief doch ganz deutlich, sie
+solle wieder umkehren.
+
+Und mehr brauchte es nicht, um der kleinen Lehrerin den Mut
+zurückzugeben. --
+
+Die Lehrerin und die Kinder hatten vor den Fenstern des Vorstehers ein paar
+Lieder gesungen, und selbst die Lehrerin meinte, der Gesang habe in dieser
+Abendstunde wunderbar schön geklungen; es war gewesen, wie wenn unbekannte
+Stimmen mitgesungen hätten. Der ganze Himmelsraum war wie von Tönen und
+Lauten erfüllt gewesen. Sie hatten den Gesang nur anzustimmen brauchen, da
+waren alle diese Töne erwacht und hatten mit eingestimmt.
+
+Jetzt öffnete sich plötzlich die Haustür, und jemand trat rasch heraus.
+»Nun kommen sie, mir zu sagen, ich solle aufhören,« dachte die Lehrerin.
+»Wenn es ihm nur nicht geschadet hat!«
+
+Aber das war nicht der Fall. Sie wurde gebeten, ins Haus hereinzukommen,
+sich etwas auszuruhen und dann noch ein paar Lieder zu singen.
+
+Auf der Treppe trat ihr der Doktor entgegen. »Für diesmal ist die Gefahr
+vorüber,« sagte er. »Er hatte in einer Art Betäubung gelegen, und das Herz
+schlug immer langsamer. Aber als Sie zu singen anfingen, war es, als wenn
+er einen Ruf vernommen hätte von allen, die seiner noch bedürfen. Er
+fühlte, daß die Zeit, wo er von seiner Arbeit ausruhen darf, noch nicht
+angebrochen sei. Singen Sie ihm noch mehr und freuen Sie sich, denn ich
+glaube, Ihr Gesang hat ihn ins Leben zurückgerufen. Jetzt dürfen wir ihn
+vielleicht noch ein paar Jahre behalten.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+53
+
+Die Reise nach Vemmenhög
+
+
+ Donnerstag, 3. November
+
+Zu Anfang November flogen die Wildgänse eines Tages über das Hallandgebirge
+nach Schonen hinein. Sie hatten sich einige Wochen auf den großen Ebenen
+bei Fallköping aufgehalten, und da sich mehrere andre Scharen Wildgänse
+auch dort niedergelassen hatten, war es eine schöne Zeit für alle gewesen;
+die Alten hatten viel miteinander geplaudert und die Jungen in allen Arten
+von Leibesübungen gewetteifert.
+
+Was nun Nils Holgersson betrifft, so war er nicht so sehr erfreut über den
+langen Aufenthalt in Westgötland. Er gab sich alle Mühe, seinen Mut
+aufrecht zu erhalten, aber es wurde ihm sehr schwer, sich mit seinem
+Schicksal auszusöhnen.
+
+»Hätte ich doch nur erst Schonen hinter mir und wäre glücklich im Ausland!«
+dachte er. »Dann wüßte ich, daß ich nichts mehr zu hoffen hätte, und würde
+ruhiger werden.«
+
+Eines Morgens in aller Frühe waren dann die Wildgänse aufgebrochen und nach
+Halland hinuntergeflogen. Im Anfang hatte der Junge keine große Lust, sich
+die Landschaft zu betrachten; er meinte, es werde da nicht viel Neues zu
+sehen sein. Der östliche Teil war ein hügeliges Land mit großen
+Heidestrecken, die an Småland erinnerten, und weiter gegen Westen ragten
+runde, kahle, durch Buchten getrennte Berggipfel auf, ungefähr wie in
+Bohuslän.
+
+Als aber die Wildgänse immer weiter südwärts über den schmalen Küstenstrich
+hinflogen, beugte sich der Junge weit über den Hals des Gänserichs vor und
+verwandte kein Auge mehr vom Boden. Er sah, daß die Berge sich lichteten
+und die Ebene sich ausbreitete. Und zugleich sah er auch, daß die Küste
+weniger zerrissen war. Die Schären davor wurden spärlich und immer
+spärlicher, bis sie schließlich ganz verschwanden und das weite offene
+Meer bis dicht ans Festland heranreichte.
+
+Und dann hörte der Wald auf. Weiter droben im Lande hatte der Junge nun
+freilich schon viele schöne Ebenen gesehen; aber alle waren von Wäldern
+umrahmt gewesen. Der Wald hatte sich überall ausgebreitet. Es war, als ob
+das Land dort eigentlich nur den Bäumen gehörte, und das bebaute Land sah
+nur wie große gerodete Plätze im Walde aus. Und auf allen Ebenen hatten
+Baumgruppen und Gehölze gestanden, wie um zu zeigen, daß der Wald jeden
+Augenblick einschreiten und von dem Land wieder Besitz ergreifen könnte.
+
+Aber hier war das ganz anders. Hier hatte das Flachland das Übergewicht.
+Unbeschränkt erstreckte es sich bis zum Horizont. Es gab wohl auch große,
+wohlgepflegte Forste, aber keinen wilden Wald. Und gerade daß das Land so
+offen dalag, mit einem Acker neben dem andern, erinnerte den Jungen an
+Schonen. Den offnen Strand mit seinen sandigen Ufern und Tanghaufen glaubte
+er auch wiederzuerkennen. Es wurde ihm froh und ängstlich zugleich ums
+Herz. »Jetzt kann ich nicht mehr weit von meiner Heimat entfernt sein,«
+dachte er.
+
+Die Landschaft veränderte sich aber doch wieder; große Bäche kamen aus
+Westgötland und Småland dahergeschäumt und unterbrachen die Einförmigkeit
+der Ebene; Seen, Moore, Heidestrecken, mit Flugsand bedeckte Felder
+versperrten den Äckern den Weg; aber diese breiteten sich doch immer weiter
+aus, bis hinunter zum Hallandgebirge, das an der Grenze von Schonen mit
+seinen schönen Schluchten und Tälern aufragt.
+
+Schon mehrere Male hatten die jungen Gänse in der Schar die alten gefragt:
+»Wie sieht es im Auslande aus? Wie sieht es im Auslande aus?«
+
+»Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren,« hatten die Alten
+geantwortet, die das Land schon so oft auf und ab geflogen waren.
+
+Als die jungen Gänse auf der Reise die langen bewaldeten Bergrücken um
+Wärmland her und die glänzenden Seen zwischen der Bohusläner Felsenwelt
+oder die schönen Hügel in Westgötland sahen, hatten sie sich verwundert
+gefragt: »Sieht die ganze Welt so aus? Sieht die ganze Welt so aus?«
+
+»Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren, wie es in einem
+großen Teile der Welt aussieht,« hatten die Alten geantwortet.
+
+Nachdem die Wildgänse nun über das Hallandgebirge hingeflogen und schon ein
+gutes Stück nach Schonen hineingekommen waren, rief Akka: »Schaut jetzt
+hinunter und seht euch um! So sieht es im Ausland aus!«
+
+Gerade da flogen sie über den Söderberg hin. Der ganze lange Höhenzug war
+mit Buchenwäldern bestanden, und mitten in den Wäldern lagen schöne mit
+Türmen und Zinnen geschmückte Schlösser. Zwischen den Bäumen grasten Rehe,
+und auf den Waldwiesen spielten die Hasen. Jagdhörner klangen durch die
+Wälder, und scharfes Hundegebell drang bis zu der dahinfliegenden Schar
+herauf. Durch die Wälder führten schöne, breite Straßen, auf denen Herren
+und Damen in glänzenden Wagen dahergefahren oder auf wunderschönen Pferden
+geritten kamen. Am Fuß des Gebirges breitete sich der Ringsee aus mit dem
+alten Bosjökloster auf einer schmalen Landzunge. Die Skäralider Schlucht
+durchschneidet den Bergrücken, ein Bach plätschert auf ihrem Grunde, und
+die Felswände sind mit Gebüsch und Bäumen dicht bewachsen.
+
+»Sieht es so im Ausland aus? Sieht es so im Ausland aus?« fragten die
+jungen Gänse.
+
+»Ja, wo waldige Bergrücken sind, sieht es gerade so aus!« rief Akka. »Aber
+das ist nicht so sehr oft der Fall. Wartet nur, dann werdet ihr schon
+sehen, wie es gewöhnlich dort aussieht!«
+
+Akka führte die Wildgänse weiter gen Süden nach Schonen auf die große
+Ebene. Da lag sie vor ihnen mit weiten Äckern, mit Rübenfeldern, auf denen
+die Arbeiter in langen Reihen beschäftigt waren, mit niedrigen,
+weißgekalkten, aneinandergebauten Höfen, mit unzähligen kleinen, weißen
+Kirchen, mit häßlichen grauen Zuckerfabriken und mit Bahnhöfen, umgeben von
+Marktflecken, die einen städtischen Anstrich hatten. Es gab auch viele
+Torfmoore mit langen Reihen ausgestochener Torfhügel und Steinkohlengruben
+mit schwarzen Kohlenbergen um sich her. Die Landstraßen liefen zwischen
+zwei Reihen gestutzter Weidenbäume hin, die Eisenbahnschienen liefen
+durcheinander und bildeten ein dichtes Netz über die ganze Ebene. Kleine
+buchenumkränzte Seen, jeder mit einem prächtigen Herrenhof am Ufer,
+blinkten da und dort hervor.
+
+»Schaut jetzt hinunter! Seht euch gut um!« rief die Anführerin. »So sieht
+es im Ausland aus, von der Küste der Ostsee an bis hinunter zu den hohen
+Bergen, und weiter als bis zu diesen sind wir nie gereist.«
+
+Als die jungen Gänse die Ebene gesehen hatten, flog die Schar nach dem
+Öresund. Große sumpfige Wiesen fielen sanft gegen das Meer ab, und lange
+Wälle aus schwärzlichem Tang lagen vom Meere angeschwemmt auf dem Strand.
+An einigen Stellen waren hohe Uferwälle, an andern lauter Flugsand, der
+sich zu Dünen und ganzen Hügeln auftürmte. Die Fischerdörfer lagen am Ufer
+mit einer langen Reihe ganz gleichmäßig gebauter und gleichgroßer
+Backsteinhäuschen, einem kleinen Leuchtturm draußen am Wellenbrecher und
+großen mit braunen Netzen dicht behängten Trockenplätzen.
+
+»Schaut hinunter! Seht euch wohl um!« sagte Akka. »So sieht es im Ausland
+an den Küsten aus!«
+
+[Illustration]
+
+Schließlich flog die Anführerin auch über einige der Dörfer hin, und die
+Gänse sahen eine Menge schlanker Fabrikschlote, lange, von hohen,
+rauchgeschwärzten Häusern eingefaßte Straßen, prächtige, große Parke,
+durch die sich schöne Spazierwege schlängelten, sichere Häfen voller
+Schiffe, alte Festungswerke und Schlösser und ehrwürdige alte Kirchen.
+
+»So sehen die Städte im Ausland aus, nur daß sie viel größer sind,« sagte
+Akka. »Aber diese hier können auch noch wachsen, gerade wie ihr jungen
+Gänse.«
+
+[Illustration]
+
+Nachdem Akka so umhergeflogen war, ließ sie sich auf einem Moor im
+Vemmenhöger Bezirk nieder. Der Junge aber konnte den Gedanken nicht
+loswerden, Akka sei nur deshalb in Schonen umhergeflogen, um ihm zu zeigen,
+daß er ein Land habe, das sich mit jedem andern im Ausland wohl messen
+könne. Aber das wäre nicht nötig gewesen; der Junge dachte nicht daran, ob
+das Land reich oder arm sei. Von dem Augenblick an, wo er die ersten
+Weidenhecken und die ersten niedrigen Fachwerkhäuser gesehen hatte, war
+sein Herz von heißem Heimweh erfüllt worden.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+54
+
+Bei Holger Nilssons
+
+
+ Donnerstag, 8. November
+
+Es war ein nebeliger, trüber Tag. Die Wildgänse hatten auf den großen
+Feldern bei der Skuruper Kirche geweidet und hielten eben Mittagsrast, da
+trat Akka zu Nils Holgersson.
+
+»Es sieht aus, als bekämen wir jetzt einige Zeit stilles Wetter,« begann
+sie, »und ich gedenke deshalb, morgen über die Ostsee zu fliegen.«
+
+»Ach so,« erwiderte der Junge kurz, denn der Hals war ihm wie zugeschnürt,
+und er konnte nicht sprechen. Er hatte eben doch immer noch gehofft, er
+werde, solange er in Schonen sei, von seiner Verzauberung befreit werden.
+
+»Wir sind jetzt ziemlich nahe bei Westvemmenhög,« fuhr Akka fort; »und ich
+dachte, du hättest vielleicht Lust, einen kleinen Besuch daheim zu machen.
+Es wird ja eine gute Weile dauern, bis du wieder jemand von den Deinen zu
+sehen bekommst.«
+
+»Es ist gewiß am besten, ich unterlasse das,« sagte der Junge; aber seiner
+Stimme war wohl anzuhören, wie sehr er sich über den Vorschlag freute.
+
+»Wenn der Gänserich hier bei uns bleibt, kann ihm ja kein Unglück
+geschehen,« sagte Akka. »Ich meine, du solltest dir genauen Bescheid
+verschaffen, wie es bei dir daheim steht. Vielleicht könntest du deinen
+Eltern doch auf irgendeine Weise helfen, selbst wenn du nicht wieder ein
+Mensch wirst.«
+
+»Ja, da habt Ihr recht, Mutter Akka. Daran hätte ich auch selbst denken
+können!« rief der Junge, und er wurde plötzlich ganz eifrig.
+
+Einen Augenblick später waren er und Akka auf dem Wege zu Holger Nilssons,
+und schon nach einer kleinen Weile ließ sich Akka auf dem Steinmäuerchen
+nieder, das das Gütchen des Häuslers rings umgab.
+
+»Es ist doch merkwürdig, wie unverändert alles ist!« sagte der Junge; er
+kletterte eilig auf das Mäuerchen hinauf und schaute sich um. »Es ist mir,
+als sei es gestern gewesen, daß ich hier auf dem Steinmäuerchen saß und
+euch daherfliegen sah.«
+
+»Ob dein Vater wohl eine Flinte hat?« fragte Akka plötzlich.
+
+»Das will ich meinen!« rief der Junge. »Dieser Flinte wegen bin ich ja an
+jenem Sonntag daheim geblieben, anstatt in die Kirche zu gehen.«
+
+»Dann wage ich nicht, hier auf dich zu warten,« sagte Akka, »und es ist
+wohl am besten, du schleichst dich morgen früh wieder zu uns zurück, dann
+kannst du die Nacht über hier bleiben.«
+
+»Ach nein, Mutter Akka, fliegt nicht fort!« rief der Junge und sprang rasch
+von dem Mäuerchen herab. Er wußte nicht, woher es kam, aber er hatte das
+Gefühl, als müsse ihm oder den Wildgänsen etwas zustoßen, so daß sie
+einander nie mehr sehen würden. »Ihr seht ja wohl, daß ich betrübt bin,
+weil ich meine rechte Gestalt nicht wieder bekommen soll, aber ich sage
+Euch, ich bereue durchaus nicht, damals mit euch Gänsen fortgeflogen zu
+sein. Nein, nein, lieber will ich nie wieder ein Mensch werden, als daß ich
+diese Reise nicht mit euch gemacht hätte.«
+
+Akka sog ein paarmal die Luft durch ihren Schnabel ein, ehe sie antwortete.
+»Es liegt mir etwas auf dem Herzen, worüber ich schon lange gern mit dir
+gesprochen hätte; da du jedoch nicht zu den Deinen zurückzukehren
+gedachtest, hielt ich es nicht für so eilig. Es kann indes nichts schaden,
+wenn ich es dir mitteile.«
+
+»Ihr wißt, es gibt nichts, was ich nicht gerne für Euch täte,« sagte der
+Junge.
+
+»Wenn du etwas Gutes gelernt hast, Däumling, dann bist du vielleicht jetzt
+nicht mehr der Ansicht, daß die Menschen allein auf der Welt herrschen
+sollten,« sagte die Anführerin feierlich. »Bedenke, ihr habt ein großes
+Land für euch, und deshalb könntet ihr uns recht gut ein paar Schären und
+einige sumpfige Seen und Moore, sowie einige öde Felsen und abgelegene
+Wälder überlassen, wo wir armen Tiere im Frieden leben könnten. Solange ich
+lebe, bin ich nun beständig verfolgt und gejagt worden. Es wäre eine
+Wohltat, wenn sich für solche Geschöpfe, wie wir sind, auch irgendwo eine
+richtige Freistatt fände.«
+
+»Wie sehr würde ich mich freuen, wenn ich euch in dieser Sache helfen
+könnte. Aber ich genieße gewiß niemals soviel Macht und Ansehen bei den
+Menschen,« seufzte der Junge.
+
+»Aber, Däumling, wir stehen ja hier und sprechen miteinander, als ob wir
+uns nie wieder sehen sollten!« sagte Akka plötzlich. »Und doch treffen wir
+wohl schon morgen früh wieder zusammen. Jetzt will ich zu meiner Schar
+zurückfliegen.« Damit hob Akka die Flügel, ließ sich jedoch sogleich wieder
+nieder, rieb ihren Schnabel ein paarmal an dem Däumling auf und ab und
+flog erst dann endgültig davon.
+
+Es war schon glockenhell, aber auf dem Hofe war kein Mensch zu sehen, und
+der Junge konnte ohne Scheu überall herumgehen. Zuerst lief er in den
+Kuhstall hinein, denn er wußte, bei den Kühen würde er Auskunft erhalten.
+Im Frühling waren drei prächtige Kühe im Stalle gewesen, aber jetzt stand
+nur noch eine einzige da. Diese eine war Majros, und man konnte ihr wohl
+anmerken, daß sie Heimweh nach ihren Kameraden hatte. Sie ließ den Kopf
+hängen und fraß kaum ein Hälmchen von dem Futter, das vor ihr lag.
+
+»Guten Tag, Majros!« sagte der Junge und sprang ohne Angst in den Stand zu
+ihr hinein. »Wie geht es meiner Mutter und meinem Vater? Und was machen die
+Hühner und Gänse und die Katze? Und wo hast du denn Stern und Gull-Lilja
+gelassen?«
+
+Als Majros die Stimme des Jungen hörte, fuhr sie zusammen, und es sah aus,
+als wolle sie mit den Hörnern nach ihm stoßen. Aber sie war jetzt nicht
+mehr so hitzig wie früher, sondern nahm sich Zeit, Nils Holgersson näher zu
+betrachten, ehe sie zustieß. Er war noch ebenso klein wie bei seiner
+Abreise und trug auch noch denselben Anzug; aber er sah sich trotzdem gar
+nicht mehr ähnlich. Der Nils Holgersson, der im Frühjahr fortgezogen war,
+hatte einen schwerfälligen, langsamen Gang, eine träge Stimme und
+schläfrige Augen gehabt; der Nils Holgersson, der jetzt zurückgekehrt war,
+war flink und geschmeidig, sprach rasch und hatte glänzende, leuchtende
+Augen. Auch hatte er eine so kecke Haltung, daß man unwillkürlich Respekt
+vor ihm bekam. Trotz seiner Kleidung, und obgleich er nicht gerade
+glücklich aussah, wurde man froh, wenn man ihn nur ansah.
+
+»Muu!« brüllte Majros. »Es hieß, er sei anders geworden, aber ich wollte es
+nicht glauben. Grüß dich Gott, Nils Holgersson, grüß dich Gott! Dies ist
+der erste frohe Augenblick, den ich seit langer Zeit gehabt habe.«
+
+»Ich danke dir, Majros,« erwiderte der Junge, sehr angenehm überrascht über
+die freundliche Begrüßung. »Erzähl mir nun, wie es meinem Vater und meiner
+Mutter geht!«
+
+»Seit du fort bist, haben sie nichts als immerfort Kummer und Unglück
+gehabt,« sagte Majros. »Das schlimmste aber ist die Sache mit dem teuren
+Pferd, das nun den ganzen Sommer nichts tun konnte und immer nur gefressen
+hat. Dein Vater kann es nicht übers Herz bringen, es zu erschießen, und
+verkaufen kann er es auch nicht. Des Pferdes wegen haben Stern und
+Gull-Lilja verkauft werden müssen.«
+
+Der Junge hätte eigentlich etwas ganz andres gerne gewußt; aber er scheute
+sich, geradeheraus zu fragen. Deshalb sagte er: »Meine Mutter war wohl sehr
+ärgerlich, als sie entdeckte, daß der Gänserich Martin davongeflogen war?«
+
+»Wenn sie gewußt hätte, wie alles gekommen war, hätte sie sich über den
+Verlust des Gänserichs Martin wohl nicht so sehr gegrämt. So aber trauert
+sie Tag und Nacht darüber, daß ihr eigener Sohn von daheim fortgelaufen sei
+und den Gänserich mitgenommen habe.«
+
+»Wie, glaubt sie denn, ich habe die Gans gestohlen?« rief der Junge.
+
+»Ja, was soll sie denn sonst glauben?«
+
+»Vater und Mutter meinen wohl, ich hätte mich den Sommer hindurch wie ein
+gemeiner Landstreicher herumgetrieben?«
+
+»Sie denken, es stehe schlimm mit dir,« sagte Majros, »und sie haben um
+dich getrauert, wie man trauert, wenn man sein Liebstes verloren hat.«
+
+Als der Junge dies hörte, verließ er rasch den Kuhstall und ging zu dem
+Pferde hinein. Der Pferdestall war ein kleiner, aber hübscher Raum. Der
+Junge sah wohl, der Vater hatte sich alle Mühe gegeben, es dem Pferde bei
+seiner Ankunft so recht behaglich zu machen. Und es stand auch wirklich ein
+wunderschönes Pferd im Stall, das von Gesundheit strotzte.
+
+»Guten Tag, guten Tag!« sagte der Junge. »Wie ich höre, soll ein krankes
+Pferd hier sein. Damit bist du doch wohl nicht gemeint, denn du siehst ja
+ganz frisch und ganz gesund aus?«
+
+Das Pferd wendete den Kopf und sah den Jungen nachdenklich an.
+
+»Bist du der Sohn des Hauses?« fragte es. »Von dem hab ich sehr viel
+sprechen hören. Aber du siehst so gut aus, und wenn ich nicht wüßte, daß du
+in ein Wichtelmännchen verwandelt worden bist, würde ich nie geglaubt
+haben, du seiest der kleine Nils Holgersson.«
+
+»Ich weiß wohl, ich habe hier einen schlechten Ruf hinterlassen,«
+entgegnete der Junge. »Meine Mutter glaubt, ich hätte mich als ein Dieb
+fortgeschlichen; das ist nun freilich einerlei, denn ich bleibe nicht lange
+hier. Bevor ich wieder gehe, möchte ich aber doch noch wissen, was dir
+eigentlich fehlt.«
+
+»Wie schade, daß du nicht hier bleibst!« sagte das Pferd. »Ich bin
+überzeugt, wir zwei wären sehr gute Freunde geworden. Mir fehlt gar nichts,
+als daß ich mir etwas in den Fuß hineingetreten habe, eine Messerspitze,
+oder was es sonst sein mag. Es sitzt so tief drinnen, daß es der Doktor
+nicht entdeckt; aber es sticht und sticht, und deshalb kann ich durchaus
+nicht auftreten. Wenn du nur Holger Nilsson mitteilen würdest, was mir
+fehlt, dann würde er mir gewiß helfen können. Ich möchte doch für all das
+Futter auch etwas leisten und schäme mich wirklich, hier nichts zu tun, als
+immer nur zu fressen.«
+
+»Wie gut, daß du keine eigentliche Krankheit hast!« rief der Junge. »Ich
+muß dafür sorgen, daß du kuriert wirst. Es täte dir wohl nicht weh, wenn
+ich mit meinem Messer ein wenig auf deinen Huf kritzelte?«
+
+Nils Holgersson war mit dem Pferde eben fertig geworden, als er draußen auf
+dem Hofe Stimmen hörte. Er öffnete vorsichtig einen Spalt an der Stalltür
+und lugte hinaus: Sein Vater und seine Mutter waren es, die von der
+Landstraße her auf das Haus zukamen. Ach ja, Nils Holgersson sah ihnen wohl
+an, wie niedergedrückt sie waren! Seine Mutter hatte mehr Runzeln im
+Gesicht, als sie im Frühjahr gehabt hatte, und sein Vater war ganz grau
+geworden; die Mutter versuchte eben den Vater zu überreden, von seinem
+Bruder Geld zu entlehnen.
+
+»Nein, ich will nicht noch mehr Geld entlehnen,« sagte der Vater gerade in
+dem Augenblick, wo die beiden am Stall vorübergingen. »Schulden haben ist
+das allerschlimmste, dann lieber noch den Hof verkaufen.«
+
+»Ich hätte auch nicht so sehr viel gegen den Verkauf, wenn es nicht des
+Jungen wegen wäre,« erwiderte die Mutter. »Aber wo soll er sich hinwenden,
+wenn er nun, wie man sich denken kann, eines Tages arm und elend
+zurückkehrt und wir dann nicht mehr da sind?«
+
+»Ja, da hast du recht,« sagte der Vater. »Aber wir müßten eben den neuen
+Besitzer bitten, ihn freundlich aufzunehmen und ihm zu sagen, daß wir ihn
+erwarten. Und wir werden ihm kein böses Wort geben, wie er auch sein mag,
+nicht wahr, Mutter?«
+
+»Ach nein, nein! Wenn ich ihn nur wieder hätte, dann wüßte ich doch, daß er
+nicht auf der Landstraße hungern und frieren muß; das andre wäre dann ganz
+einerlei.«
+
+Nach diesen Worten gingen die beiden ins Haus hinein, und der Junge hörte
+nichts mehr von ihrer Unterhaltung. Die Worte der Eltern hatten ihn
+beglückt und gerührt; er erkannte daraus, wie innig lieb sie ihn hatten,
+obwohl sie glaubten, er sei ganz verkommen. Er hatte die größte Lust,
+hinter ihnen herzulaufen. »Aber ach, wenn sie mich so sähen, wie ich jetzt
+bin, würden sie vielleicht noch viel betrübter!« dachte er.
+
+Während er noch überlegte, was er tun solle, kam ein Wagen dahergefahren
+und hielt gerade vor dem Hoftor. Beinahe hätte der Junge vor lauter
+Überraschung laut hinausgeschrien; denn die Reisenden, die ausstiegen und
+in den Hof hereinkamen, waren niemand anders, als das Gänsemädchen Åsa mit
+ihrem Vater. Hand in Hand gingen sie auf das Haus zu; sie schritten ganz
+still und ernst vorwärts, aber ein schöner, glücklicher Glanz strahlte aus
+ihren Augen. Als sie ungefähr mitten auf dem Hofe angekommen waren, hielt
+Åsa ihren Vater zurück und sagte: »Vergiß es ja nicht, Vater, du darfst
+weder von dem Holzschuh ein Wort erwähnen, noch von den Wildgänsen, noch
+von dem kleinen Knirps, der Nils Holgersson so aufs Haar geglichen hat, daß
+er, wenn es nicht Nils selbst gewesen ist, doch in irgendeinem Zusammenhang
+mit ihm gestanden haben muß.«
+
+»Nein, nein, ich will gewiß nichts davon sagen,« erwiderte Jon Assarsson.
+»Ich werde nur sagen, ihr Sohn sei dir mehrere Male eine große Hilfe
+gewesen, und wir kämen deshalb, zu fragen, ob wir ihnen dafür nicht auch
+eine Gefälligkeit erweisen könnten. Seit ich die Grube da droben entdeckt
+habe, bin ich ja ein wohlhabender Mann geworden und habe mehr, als ich
+brauche.«
+
+»Ja, ich weiß wohl, daß du deine Worte gut zu setzen verstehst,« sagte Åsa,
+»und ich meinte auch nur, du solltest dieses eine verschweigen.«
+
+Sie traten ins Haus hinein, und der Junge wäre schrecklich gerne
+mitgegangen, um zu hören, was drinnen gesprochen wurde. Aber er wagte sich
+nicht über den Hofplatz hinüber. Schon nach ganz kurzer Zeit kamen die
+beiden wieder heraus, und Vater und Mutter begleiteten sie bis ans
+Gittertor.
+
+Als die beiden Besuche wieder weggefahren waren, blieben die Eltern an der
+Pforte stehen und sahen ihnen nach.
+
+»Nun will ich nicht mehr so betrübt sein,« sagte die Mutter. »Jetzt, wo ich
+so viel Gutes von Nils gehört habe.«
+
+»Eigentlich haben sie uns aber gar nicht so viel von ihm erzählt,«
+erwiderte der Vater nachdenklich.
+
+»Wie, ist es nicht genug, wenn sie einzig und allein deshalb hergereist
+sind, uns ihre Hilfe anzubieten, nur weil unser Nils ihnen so große Dienste
+geleistet hat? Ich meine übrigens, du hättest ihr Anerbieten annehmen
+sollen, Vater!«
+
+»Nein, Mutter, ich will von niemand Geld annehmen, weder als Geschenk noch
+als Darlehen. In erster Linie will ich jetzt meine Schulden los werden, und
+dann wollen wir uns wieder heraufbringen. Beim Licht besehen sind wir doch
+eigentlich noch gar nicht so steinalt, wie, Mutter?« rief der Vater, und
+als er dies sagte, lachte er herzlich.
+
+»Ich glaube wahrhaftig, du meinst, es sei ein Spaß, den Hof zu verkaufen,
+auf den wir doch so viel Mühe und Arbeit verwendet haben!« versetzte die
+Mutter.
+
+»Ach, du weißt wohl, warum ich lache, Mutter. Was mich so schwer bedrückt
+hat, daß ich zu nichts mehr Lust und Kraft hatte, war ja der Gedanke, der
+Junge sei ein Taugenichts geworden. Nun ich aber weiß, daß er sich gut
+gemacht hat, jetzt sollst du sehen: Holger Nilsson ist noch etwas wert!«
+
+Die Mutter ging ins Haus hinein, Nils Holgersson aber versteckte sich rasch
+in einen Winkel, denn der Vater trat in den Stall, um nach dem Pferd zu
+sehen. Er ging in den Stand zu ihm hinein und hob wie gewöhnlich dessen
+kranken Fuß in die Höhe, um zu sehen, ob er denn nicht entdecken könnte,
+was ihm fehle.
+
+»Aber was ist denn das?« sagte der Vater. Auf dem Huf waren einige
+Buchstaben eingeritzt. »Nimm das Eisen ab!« las er und sah sich verwundert
+und überrascht nach allen Seiten um. Schließlich befühlte und betrachtete
+er die untere Seite des Hufes sehr genau. »Ich glaube wahrhaftig, es sitzt
+etwas Spitziges drin,« murmelte er.
+
+Während der Vater mit dem Pferd beschäftigt war und der Junge in dem Winkel
+verborgen saß, kamen noch mehr Besuche auf den Hof. Mit diesen verhielt es
+sich aber folgendermaßen. Als der Gänserich Martin seiner alten Heimat so
+nahe war, hatte er der Lust nicht widerstehen können, seine Frau und seine
+Kinder den frühern Gefährten auf dem Gütchen vorzustellen; und so hatte er
+Daunenfein und die jungen Gänse einfach mitgenommen und war mit ihnen
+hierhergeflogen.
+
+Als nun der Gänserich durch die Luft daherkam, war auf dem ganzen Hofe kein
+Mensch zu sehen; er ließ sich deshalb ruhig nieder und zeigte Daunenfein,
+wie herrlich er es als zahme Gans gehabt hatte. Nachdem sie sich den
+Hofplatz besehen hatten, bemerkte er, daß die Kuhstalltür offen stand.
+
+»Kommt einen Augenblick mit herein,« sagte er, »dann könnt ihr sehen, wo
+ich früher gewohnt habe. Das war etwas andres, als sich in Teichen und
+Sümpfen aufzuhalten, wie wir es jetzt tun.«
+
+Der Gänserich stand auf der Schwelle und schaute in den Kuhstall hinein.
+»Es ist kein Mensch da,« sagte er. »Komm, Daunenfein, ich zeige dir den
+Gänsestall. Hab keine Angst, es ist nicht die geringste Gefahr dabei.«
+
+Und so gingen der Gänserich, Daunenfein und alle sechs Jungen in den
+Gänsestall hinein, um sich anzusehen, in welchem Glanz und Überfluß der
+große Weiße gelebt hatte, ehe er sich der Schar der Wildgänse anschloß.
+
+»Ja, seht, so hatten wir es. Hier war mein Platz, und dort stand der
+Freßtrog, der immer mit Hafer und Wasser gefüllt war,« sagte der Gänserich.
+»Ei der Tausend, es ist wahrhaftig auch jetzt noch etwas drin!« Damit schoß
+er zum Troge hin und fraß Hafer in sich hinein.
+
+Aber Daunenfein war unruhig. »Laß uns jetzt wieder gehen!« sagte sie.
+
+»Nur noch ein paar Körner!« erwiderte der Gänserich. In demselben
+Augenblick jedoch stieß er einen Schrei aus und eilte dem Ausgang zu. Aber
+es war zu spät, die Tür fiel ins Schloß, Holger Nilssons Frau stand draußen
+und schob den Riegel vor; sie waren eingesperrt.
+
+Holger Nilsson hatte ein spitziges Stück Eisen aus dem Fuß des Rappens
+herausgezogen und streichelte das Tier nun ganz erfreut, als seine Frau
+eilig in den Pferdestall hereintrat. »Komm, Vater!« rief sie. »Dann sollst
+du sehen, was ich für einen Fang gemacht habe!«
+
+»Nein, wart ein wenig, Mutter, und sieh erst hierher!« sagte Holger
+Nilsson. »Ich hab entdeckt, was dem Pferde gefehlt hat.«
+
+»Ich glaube, das Glück hat sich gewendet und kehrt wieder bei uns ein!«
+rief die Frau. »Denk dir nur, der große Gänserich, der im Frühjahr
+verschwunden ist, muß mit den Wildgänsen davongeflogen sein! Er ist
+zurückgekommen und hat sieben Wildgänse bei sich. Sie gingen in den
+Gänsestall hinein, und ich habe sie alle miteinander darin eingeschlossen.«
+
+»Das ist doch merkwürdig,« sagte Holger Nilsson. »Aber weißt du, was das
+beste an der Sache ist, Mutter? Daß wir nun nicht mehr zu glauben brauchen,
+unser Junge habe die Gans mitgenommen, als er von daheim fortgelaufen ist.«
+
+»Ja, da hast du recht, Vater. Aber ich glaube, wir müssen die Gänse heute
+abend noch schlachten. In ein paar Tagen ist der Martinstag, und wenn wir
+die Gänse dazu noch in die Stadt bringen wollen, müssen wir uns beeilen.«
+
+»Es kommt mir geradezu wie ein Unrecht vor, wenn wir den Gänserich
+schlachten, da er doch mit so einer großen Gesellschaft zu uns
+zurückgekehrt ist,« sagte Holger Nilsson.
+
+»Wenn die Zeiten besser wären, würde ich ihn gern am Leben lassen, aber
+wenn wir doch vom Hofe fort müssen, können wir die Gänse ja nicht
+behalten,« entgegnete die Frau.
+
+»Ja, das ist allerdings wahr.«
+
+»Komm und hilf mir, sie ins Haus hineinzutragen!« sagte die Mutter.
+
+Sie verließen miteinander den Hof, und einen Augenblick später sah der
+Junge seinen Vater mit Daunenfein unter dem einen Arm und dem Gänserich
+unter dem andern in Gesellschaft der Mutter über den Hof kommen. Der
+Gänserich schrie: »Däumling, komm und hilf mir!« wie immer, wenn ihm eine
+Gefahr drohte, obgleich er ja nicht wissen konnte, daß der Junge in der
+Nähe war.
+
+Nils Holgersson hörte ihn wohl schreien, blieb aber trotzdem vor dem Stalle
+stehen, nicht weil er wußte, daß es für ihn selbst gut wäre, wenn der
+Gänserich geschlachtet würde -- daran dachte er in diesem Augenblick nicht
+einmal --, sondern weil er sich, wenn er die Gans retten wollte, vor seinen
+Eltern sehen lassen mußte, und dazu konnte er sich nicht entschließen. »Sie
+haben es ohnedies schon schwer genug,« dachte er. »Sollte ich wirklich dazu
+verurteilt sein, ihnen auch noch diesen Kummer zu bereiten?«
+
+Aber als sich die Tür hinter dem Gänserich geschlossen hatte, kam Leben in
+den Jungen. Schnell wie der Blitz lief er über den Hofplatz, sprang auf die
+eichene Schwelle vor der Haustür und von da in den Flur hinein. Aus alter
+Gewohnheit zog er die Holzschuhe aus und näherte sich der Stubentür. Aber
+er empfand noch immer den größten Widerwillen, sich so vor seinen Eltern
+sehen zu lassen, und hatte nicht die Kraft, die Hand aufzuheben und
+anzuklopfen.
+
+»Aber es handelt sich doch um den Gänserich Martin,« dachte er. »Seit du
+zum letzten Male hier gestanden hast, ist er immer dein bester Freund
+gewesen.«
+
+In einem Nu durchlebte Nils Holgersson in Gedanken alles wieder, was er und
+der Gänserich auf gefrorenen Seen und stürmischen Meeren und zwischen
+gefährlichen Raubtieren miteinander durchgemacht hatten. Sein Herz floß
+über vor Dankbarkeit und Liebe; er überwand sich und klopfte an die Tür.
+
+»Ist jemand da?« fragte der Vater, indem er die Tür öffnete.
+
+»Mutter, du darfst der Gans nichts tun!« rief der Junge; und zugleich
+stießen der Gänserich Martin und Daunenfein einen Freudenschrei aus; sie
+lagen gebunden auf einer Bank, und an dem Schreien hörte man, daß sie noch
+am Leben waren.
+
+Wer aber auch einen Freudenschrei ausstieß, das war die Mutter. »Nein, wie
+groß und schön du geworden bist!« rief sie.
+
+Der Junge war nicht eingetreten, sondern auf der Schwelle stehen geblieben,
+wie jemand, der seines Empfangs nicht ganz sicher ist.
+
+»Gott sei Lob und Dank, daß ich dich wieder habe!« rief die Mutter. »Komm
+herein! Komm herein!«
+
+»Ja, Gott sei Lob und Dank!« sagte auch der Vater; mehr konnte er nicht
+herausbringen.
+
+Aber der Junge zögerte noch immer auf der Schwelle. Wie war es nur möglich,
+daß sich die Eltern über das Wiedersehen freuten, wo er doch so aussah!
+Aber da kam die Mutter herbei, schlang ihre Arme um ihn und zog ihn in die
+Stube herein; und nun merkte der Junge, wie die Sache sich verhielt.
+
+»Vater! Mutter! Ich bin groß! Ich bin wieder ein Mensch!« rief er.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+55
+
+Der Abschied von den Wildgänsen
+
+
+ Mittwoch, 9. November
+
+Am nächsten Morgen war Nils Holgersson vor Tagesgrauen auf und wanderte an
+den Strand hinunter. Ehe es richtig hell war, stand er eine kleine Strecke
+östlich von dem Fischerdorf Smyge am Ufer. Er war ganz allein; vor dem
+Weggehen war er im Gänsestall bei dem Gänserich Martin gewesen und hatte
+versucht, ihn zu wecken. Aber der große Weiße hatte sich nicht von der
+Stelle gerührt. Ohne ein Wort zu sagen, steckte er den Kopf wieder unter
+den Flügel und schlief weiter.
+
+Der Tag versprach wunderschön zu werden, fast so schön wie jener
+Frühlingstag, wo die Wildgänse nach Schonen gekommen waren. Still und
+unbeweglich breitete sich das Meer aus; kein Lüftchen rührte sich, und der
+Junge dachte daran, welch eine schöne Reise übers Meer die Wildgänse
+bekommen würden!
+
+Er selbst ging noch immer wie im Traum umher. Bald fühlte er sich als
+Wichtelmännchen, bald als Mensch. Wenn er ein Steinmäuerchen am Wege sah,
+wagte er kaum weiterzugehen, ehe er sich überzeugt hatte, daß kein Raubtier
+dahinter auf der Lauer lag. Und gleich darauf lachte er über sich selbst
+und freute sich, daß er nun groß und stark war und sich vor nichts mehr zu
+fürchten brauchte.
+
+Als er am Ufer angekommen war, stellte er sich in seiner ganzen Größe weit
+draußen auf den Strand, damit ihn die Wildgänse gut sehen könnten.
+
+Heute war großer Reisetag! Unaufhörlich tönten die Lockrufe durch die
+Luft. Der Junge lächelte vor sich hin: er war ja der einzige, der verstand,
+was die Vögel einander zuriefen.
+
+Jetzt kamen auch Wildgänse dahergeflogen, eine große Schar hinter der
+andern. »Wenn das nur nicht meine Gänse sind, die da davonfliegen, ohne mir
+Lebewohl gesagt zu haben!« dachte er. Er hätte ihnen doch gar zu gerne
+erzählt, wie alles zugegangen war, und sich ihnen nun auch als Mensch
+gezeigt.
+
+Jetzt kam eine Schar, die flog schneller und schrie lauter als alle andern,
+und etwas in seinem Herzen sagte Nils Holgersson, daß es seine Schar sei;
+aber er war seiner Sache doch nicht so gewiß, wie er es am vorhergehenden
+Tage gewesen wäre.
+
+Die Schar flog jetzt langsamer und schwebte über dem Strand hin und her. Da
+wußte der Junge, daß seine Ahnung ihn nicht betrogen hatte. Er konnte nur
+nicht begreifen, warum sich die Wildgänse nicht neben ihm niederließen. Da,
+wo er stand, mußten sie ihn sehen, es war nicht anders möglich.
+
+Er versuchte, einen Lockton auszustoßen, der sie zu ihm herrufen würde.
+Aber was war denn das? Seine Zunge wollte nicht; er konnte den rechten Ton
+nicht herausbringen.
+
+Jetzt hörte er Akka in der Luft droben rufen; aber er verstand nicht, was
+sie sagte. »Was ist denn das? Haben die Wildgänse ihre Sprache verändert?«
+dachte er.
+
+Er winkte ihnen mit seiner Mütze, lief am Strande hin und her und rief:
+»Hier bin ich! Wo bist du?«
+
+Aber es schien, als erschrecke er die Gänse. Sie flogen auf und aufs Meer
+hinaus. Da begriff der Junge endlich: sie wußten nicht, daß er wieder ein
+Mensch war, und erkannten ihn nicht wieder.
+
+Und er konnte sie nicht zu sich rufen, weil ein Mensch die Sprache der
+Vögel nicht sprechen kann. Er konnte sie nicht allein nicht sprechen, nein,
+er konnte sie auch nicht verstehen.
+
+Obgleich Nils Holgersson über seine Befreiung von der Verzauberung
+hochbeglückt war, tat es ihm doch recht bitter weh, daß er nun von seinen
+guten Kameraden ganz getrennt sein sollte. Er legte sich in den Sand und
+vergrub das Gesicht in den Händen. Was hatte es für einen Wert, den Gänsen
+nachzuschauen?
+
+Aber gleich darauf hörte er Flügelrauschen. Der alten Mutter Akka war es
+schwer gefallen, von dem Däumling wegzureisen, und so hatte sie noch einmal
+umgedreht. Und jetzt, wo der Junge still dasaß, wagte sie sich näher an ihn
+heran. Und da war es ihr plötzlich, als seien ihre Augen aufgetan, sie
+erkannte den Dasitzenden und ließ sich am Ufer neben ihm nieder.
+
+Der Junge stieß einen Freudenschrei aus und umschlang die alte Akka mit
+beiden Armen. Die andern Wildgänse rieben ihre Schnäbel an ihm auf und ab
+und drängten sich um ihn zusammen. Sie schnatterten und plauderten und
+wünschten ihm auf alle mögliche Weise Glück; und er sprach auch mit ihnen
+und dankte ihnen für die herrliche Reise, die er in ihrer Gesellschaft
+gemacht hatte. Aber plötzlich wurden die Wildgänse merkwürdig still, als
+wenn sie sagen wollten: »Ach, er ist ja ein Mensch! Er versteht uns nicht,
+und wir verstehen ihn nicht.«
+
+Da stand der Junge auf und trat dicht an Akka heran. Er liebkoste und
+streichelte sie. Dasselbe tat er Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und
+Kuusi, allen den alten, die von Anfang an dabei gewesen waren.
+
+Hierauf ging er vom Ufer weg landeinwärts; er wußte, der Schmerz der Tiere
+dauert nie lange, und so wollte er lieber von ihnen scheiden, solange sie
+noch betrübt darüber waren, daß sie ihn verloren hatten.
+
+Als er den Uferrain erreicht hatte, wendete er sich um und sah den vielen
+Vogelscharen nach, die übers Meer hinflogen. Alle stießen ihre Locktöne
+aus, nur eine Schar Wildgänse zog schweigend ihres Weges, solange er ihnen
+mit den Augen folgen konnte.
+
+Aber die Schar zog in regelmäßiger, schöner Ordnung mit starken und
+kräftigen Flügelschlägen übers Meer. Da ergriff den Jungen eine
+schmerzliche Sehnsucht nach den Davonziehenden, und es hätte nicht viel
+gefehlt, so hätte er sich gewünscht, wieder der Däumling zu sein, um mit
+einer Schar Wildgänse über Land und Meer hinfliegen zu können.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration: Übersichtskarte von Schweden zu der »Wunderbaren Reise des
+kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen«]
+
+
+
+
+Im Verlag von Albert Langen erschien früher
+
+ Selma Lagerlöf
+
+ Gesammelte Werke
+
+ Einzige berechtigte deutsche Originalausgabe
+
+ In zehn Bänden gebunden 50 Mark
+
+ Erster Band: Gösta Berling I
+ Zweiter Band: Gösta Berling II
+ Dritter Band: Die Wunder des Antichrist
+ Vierter Band: Jerusalem I
+ Fünfter Band: Jerusalem II
+ Sechster Band: Liljecronas Heimat
+ Siebenter Band: Eine Herrenhofsage
+ Achter Band: Unsichtbare Bande
+ Neunter Band: Ein Stück Lebensgeschichte
+ Zehnter Band: Christuslegenden
+
+ In Einzelausgaben erschienen von Selma Lagerlöf
+
+ Jerusalem I (In Dalarne), Roman, 19. Auflage
+ Jerusalem II (Im heiligen Land), Roman, 18. Auflage
+ Gösta Berling, Roman, 22. Auflage
+ Eine Herrenhofsage, Roman, 12. Auflage
+ Die Wunder des Antichrist, Roman, 8. Auflage
+ Liljecronas Heimat, Roman, 14. Auflage
+ Jans Heimweh, Roman, 19. Auflage
+ Herrn Arnes Schatz, Erzählung, 6. Auflage
+ Der Fuhrmann des Todes, Erzählung, 10. Auflage
+ Christuslegenden, 27. Auflage
+ Legenden und Erzählungen, 6. Auflage
+ Die Königinnen von Kungahälla, Erzählungen, 8. Auflage
+ Unsichtbare Bande, Erzählungen, 4. Auflage
+ Ein Stück Lebensgeschichte, Erzählungen, 10. Auflage
+ Trolle und Menschen, Erzählungen, 7. Auflage
+ Die sieben Todsünden, Ausgew. Erzählungen, 13. Auflage
+ Wunderbare Reise, Ein Kinderbuch, Volksausgabe, 18. Auflage
+ Das heilige Leben, Roman, 15. Auflage
+ Die schönsten Geschichten, Ausgewählt und eingeleitet von Walter
+ von Molo, 35. Auflage
+
+Verlag von Albert Langen in München
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Anfang verlegt.
+
+Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten. An einigen
+Stellen wurde die Zeichensetzung geändert.
+
+Die unterschiedlichen Schreibweisen Schonen/Skåne, Vänersee/Wenersee und
+Värmland/Wärmland wurden vereinheitlicht zu den in der Übersichtskarte
+verwendeten Schreibweisen Schonen, Wenersee und Wärmland. Die an wenigen
+Stellen verwendete Schreibweise Klein-Matts wurde in die mehrheitlich
+verwendete Schreibweise Klein-Mats geändert.
+
+ Inhaltsverzeichnis: "Die kleine Karlsinsel" wurde geändert in
+ "Die Kleine Karlsinsel"
+ S. 8: "mit weitaufgesperrten Maul" wurde geändert in
+ "mit weitaufgesperrtem Maul"
+ S. 13: "Jordeberga" wurde geändert in "Jordberga" (3x)
+ S. 19: "Westvömmenhög" wurde geändert in "Westvemmenhög"
+ S. 29, 32, 36: "Övedkloster" wurde geändert in "Övedskloster"
+ S. 36: "wie das Weibchen des Eichhörnchen" wurde geändert in
+ "wie das Weibchen des Eichhörnchens"
+ S. 45: "Westvömmenhög" wurde geändert in "Westvemmenhög"
+ S. 48: "Den einzigen Ort, an den sie nicht dachten" wurde geändert in
+ "Der einzige Ort, an den sie nicht dachten"
+ S. 56: "Schaum flog ihnen am Bug hinunter." wurde geändert in
+ "Schaum floß ihnen am Bug hinunter."
+ S. 62: "aber im Schonen ist ein Junge" wurde geändert in
+ "aber in Schonen ist ein Junge"
+ S. 81: "Gallionsfiguren" wurde geändert in
+ "Galionsfiguren"
+ S. 84: "jetzt vorbeugte und dahinsah" wurde geändert in
+ "jetzt vorbeugte und dahin sah"
+ S. 99: "Sie waren jetzt alle totmüde" wurde geändert in
+ "Sie waren jetzt alle todmüde"
+ S. 115: "am allerniedergeschlagendsten" wurde geändert in
+ "am allerniedergeschlagensten"
+ S. 124: "Wo der Sunneboer Bezirk" wurde geändert in
+ "Wo der Sunnerboer Bezirk"
+ S. 138: und S. 141: "Vest-Vemmenhög" wurde geändert in "Westvemmenhög"
+ S. 159: "sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen" wurde geändert in
+ "sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen."
+ S. 173: "Övedkloster" wurde geändert in "Övedskloster"
+ S. 177: "noch Föhren über die Seen" wurde geändert in
+ "noch Fähren über die Seen"
+ S. 179: "und so hatteu" wurde geändert in "und so hatten"
+ S. 182: "Augen des Kälchens" wurde geändert in "Augen des Kälbchens"
+ S. 185: "von einem Ufer zum andern hinüberzuschimmen" wurde geändert in
+ "von einem Ufer zum andern hinüberzuschwimmen"
+ S. 195: "des Waldes Schuld" wurde geändert in
+ "des Waldes schuld"
+ S. 208: "Mutter ist müde geworden war" wurde geändert in
+ "Mutter ist müde geworden"
+ S. 209: "antwortete der Gärtner" wurde geändert in
+ "antwortet der Gärtner"
+ S. 210: "Sofa und Sessel" wurde geändert in
+ "Sofas und Sessel"
+ S. 211: "sagte er" wurde geändert in "sagt er"
+ S. 212: "sagte er" wurde geändert in "sagt er"
+ S. 221: "noch schimmer als am Tage" wurde geändert in
+ "noch schlimmer als am Tage"
+ S. 235: "Fellingbroer Kirchspiel" wurde geändert in
+ "Fellingsbroer Kirchspiel"
+ S. 239: "und trieb sie anstatt ostwärts" wurde geändert in
+ "und trieb sie anstatt nordwärts"
+ S. 258: "wenn der erst Zulauf kam" wurde geändert in
+ "wenn der erste Zulauf kam"
+ S. 252: "und ich muß ordentlich Zeit zum überlegen haben" wurde geändert in
+ "und ich muß ordentlich Zeit zum Überlegen haben"
+ S. 265: "der kleine Tiskansee" wurde geändert in "der kleine Tiskensee"
+ S. 274: "ein junger faluner Bergmann" wurde geändert in
+ "ein junger Faluner Bergmann"
+ S. 276: "wie dieses hier" wurde geändert in
+ "wie diesem hier"
+ S. 287: "dahergepflogen kamen" wurde geändert in "dahergeflogen kamen"
+ S. 290: "sturmgepeischten Flächen" wurde geändert in
+ "sturmgepeitschten Flächen"
+ S. 306: "Dächer und und Höfe" wurde geändert in "Dächer und Höfe"
+ S. 308: "bis ganz es dunkel war" wurde geändert in
+ "bis es ganz dunkel war"
+ S. 324: "Sie meinen es sich nicht gut mit dir" wurde geändert in
+ "Sie meinen es nicht gut mit dir"
+ S. 330: "den vornehmen alten Heren" wurde geändert in
+ "den vornehmen alten Herrn"
+ S. 350: "glänzenden Seeen" wurde geändert in "glänzenden Seen"
+ S. 356: "Tal voller Seeen" wurde geändert in "Tal voller Seen"
+ S. 356: "sah solche fröhliche Züge" wurde geändert in
+ "sah solche Fröhliche Züge"
+ S. 358: "ein Probst von Delsbo" wurde geändert in "ein Propst von Delsbo"
+ S. 360: "Er ergiff die Zügel" wurde geändert in "Er ergriff die Zügel"
+ S. 361: "wo es sich in den Sattel schwingen konnte" wurde geändert in
+ "wo er sich in den Sattel schwingen konnte"
+ S. 367: "im letzen Winter" wurde geändert in "im letzten Winter"
+ S. 371: "im kalten Norden lag Sundswall" wurde geändert in
+ "im kalten Norden lag Sundsvall"
+ S. 374: "große Frachtschiffe geladen" wurde geändert in
+ "große Frachtschiffe beladen"
+ S. 388: "auf der Insel Gottland" wurde geändert in
+ "auf der Insel Gotland"
+ S. 388: "Övedkloster" wurde geändert in "Övedskloster"
+ S. 444: "es handelt sich nun darum" wurde geändert in
+ "es handelt sich nur darum"
+ S. 463: "ich weiß ja, das" wurde geändert in "ich weiß ja, daß"
+ S. 469: "einige Bauerhöfe" wurde geändert in "einige Bauernhöfe"
+ S. 480: "diese Begegnung mit Landsleuten führten" wurde geändert in
+ "diese Begegnung mit Landsleuten führte"
+ S. 481: "um den Riesen zu zeigen" wurde geändert in
+ "um dem Riesen zu zeigen"
+ S. 481: "Felskuppe am Wernersee" wurde geändert in
+ "Felskuppe am Wenersee"
+ S. 481: "seine steinerne Keule schicke er" wurde geändert in
+ "seine steinerne Keule schickte er"
+ S. 482: "von denen die Leute soviel Respekt haben" wurde geändert in
+ "vor denen die Leute soviel Respekt haben"
+ S. 491: "schlanker Fabrikschlöte" wurde geändert in
+ "schlanker Fabrikschlote"
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wunderbare Reise des kleinen Nils
+Holgersson mit den Wildgänsen, by Selma Lagerlöf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NILS HOLGERSSON ***
+
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+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
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+will be renamed.
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.