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+The Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Schriften
+ Achter Band
+
+Author: Ludwig Tieck
+
+Release Date: January 25, 2010 [EBook #31074]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN ***
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+
+Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+Ludwig Tieck's
+Schriften.
+
+Achter Band.
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+Abdallah.
+Die Brüder.
+Almansur.
+Das grüne Band.
+
+
+
+Berlin,
+bei G. Reimer,
+1828.
+
+
+
+
+Dem
+Prediger Kadach
+
+in Ziebingen,
+bei Frankfurt an der Oder.
+
+
+Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien Ihre Bekanntschaft. Als
+ich zwei Jahre später aus Italien zurück kam, fand ich Sie in jener
+Einsamkeit des Landes, die damals meine Heimath war, und seitdem sind
+wir als Freunde verbunden geblieben. Alle schönen Stunden jener Zeit, im
+Genuß der Musik, der Poesie und einer edlen und freien Mittheilung in
+gebildeten Zirkeln feiner und geistreicher Menschen haben wir beisammen
+verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz über manchen Verlust im Verlauf
+der Jahre mit einander getheilt. Auch in meine Studien und Arbeiten sind
+Sie gern und gründlich eingegangen. Shakspear, Göthe und Sophokles haben
+uns oft gemeinsam beschäftigt. Meine Arbeiten über den brittischen Dichter
+sind Ihnen mehr, wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem freien
+Sinne waren diese Studien, in denen Sie sich gern vertieften, erfreulich,
+so gründlich und gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom wahren
+religiösen Geiste des Christenthums durchdrungen, hingaben. Ein ächter
+frommer Priester, ein freier Denker, ein Begeisterter für Kunst, ein
+edler, treuer Freund, -- als solchen habe ich Sie gesehn und gekannt,
+und nie werden Ihnen, so wenig wie mir, die schönen Tage und Abendstunden
+aus dem Gedächtnisse entschwinden, in denen Solger unsre ländliche
+Einsamkeit neu erfrischte, in welchen er uns seine Manuskripte vorlas
+und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens und alles Hohe durch die
+Lebensworte unseres Freundes inniger verstanden.
+
+_L. Tieck._
+
+
+
+
+Abdallah.
+
+Eine Erzählung.
+
+1792.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan _Ali_ beherrscht. -- Dem Tirannen
+entgeht der Haß nie, mit dem ihn seine Unterthanen verfolgen und _Ali_
+betrachtete sie bald als eben so viele Feinde, über die ihn nur seine
+Grausamkeit und sein Ansehn erhalten könnten: mit andern Freuden
+unbekannt, sollte ihm das Gefühl seiner Macht jeden Mangel ersetzen.
+
+Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenuß zu kennen, war er
+zum Greise geworden und in einer unerschöpflichen Leere schmachtete er
+itzt jedem neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben und er
+begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der er den Untergang der Sonne
+sahe, die, wie er wußte, jenseit des Horizonts wieder heraufstieg,
+-- selbst sein einziges Kind _Zulma_ liebte er nicht, nur Stolz war es,
+was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie für die Krone der
+Schönheit anerkannte. --
+
+In der Hauptstadt des Landes lebte _Selim_ in einer weisen Eingezogenheit,
+ohne eine öffentliche Bedienung, ohne daß man viel von ihm sprach ward
+er von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei, sparsam ohne
+Kargheit und sein Aufwand unterschied sich sehr von der Pracht des
+Veziers und der übrigen Großen.
+
+Aus seinen Leiden hatte er stets seine große starke Seele gerettet;
+seinen Haß konnte nichts aussöhnen, aber eben so unauslöschlich war
+seine Liebe. -- Mit dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn
+_Abdallah_, das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zurückgelassen
+hatte.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Die Sonne war schon untergegangen, als _Abdallah_ und _Omar_ durch
+ein schönes Gehölz wandelten. _Omar_ war der Lehrer Abdallahs, ein
+ehrwürdiger Greis, dessen flammende Augen tief in eines jeden Seele
+schauten, seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm her,
+aber ein süßes Lächeln, das fast immer seinen Mund umschwebte, verjüngte
+sein Gesicht durch eine liebenswürdige Freundlichkeit und lockte zur
+Mittheilung aller Gefühle und einer kindlichen Aufschließung des
+Herzens.
+
+Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller See im bleichen
+Licht des Mondes glänzte. Der letzte Streif der Abendröthe glimmte durch
+die Fichtenwipfel und durch die zitternden Cypressen bebten ungewiß die
+Sterne. Verspätete Mücken spielten im Mondstrahle, Käfer summten träge
+und schläfrig um sie her, und laut erklang durch die ruhige Einsamkeit
+des Waldes das zirpende Lied des Heimchens.
+
+Siehe Omar, begann _Abdallah_, wie schön! -- Ha! der ruhige See über
+den sich der Mondschein so lieblich herabsenkt, -- der Abend, der noch
+in den hohen Wipfeln der Bäume säuselt, das Lied der Nachtigall, das
+mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem Walde heraufschallt, -- o
+sieh Omar! wie alle Geschöpfe sich freuen, wie alles lebt und im Leben
+glücklich ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendröthe Abschied
+nehmen, und der Käfer der Nacht seinen dumpfen Willkommen entgegensummt.
+-- O die lebendige Kraft, die aus der Natur so unerschöpflich quillt und
+unzähligen Wesen Athem und Dasein giebt, -- dieser Anblick erfüllt das
+Herz mit lautem überströmenden Dank gegen den, der so gütig alles aus
+dem Nichts hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei glücklich! --
+
+Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen Baums und sahe starr
+vor sich nieder.
+
+_Abdallah._ Du bist traurig, mein Omar, kann dich dieser Anblick nicht
+heiter machen?
+
+Omar blickte auf und faßte seine Hand. -- Sieh, sprach er, die
+Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen der Sonne so wehmüthig
+nach, denn es war das letztemal, daß sie sich in ihrem Strahl erquickten.
+-- Diese Woge wirft das Leben an den Strand, die nächste Welle kömmt,
+verschlingt es wieder und senkt es in die tiefsten Abgründe. -- Eine
+unendliche Schöpfung spielt itzt lebendig um dich herum, -- und in der
+folgenden Stunde -- liegt sie todt und verwest. -- Eine Lebenskraft
+fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen wie ein Allmosen
+auf einen Augenblick einen Funken Leben, sie sind -- und geben dann ihr
+Leben wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist ein Gesang, wo ein
+Ton den andern verschlingt und vom nächsten verschlungen wird. --
+
+_Abdallah._ Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft meine schöne
+Begeisterung mächtig nieder. -- Ach ja, alles geht durch die Natur
+hindurch und verläuft sich wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur
+geboren, um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zurück, woher es
+gekommen ist. -- O Omar, wenn ich dich nun fragte: Warum glänzt dieser
+Mond? Warum funkeln diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist
+in meinem Innern?
+
+_Omar._ Wozu? -- O Jüngling, laß die Erde unaufgewühlt, du findest ein
+scheußliches Todtengerippe! Laß diese Geheimnisse ewig deiner Seele
+verschlossen bleiben. --
+
+_Abdallah._ Verschlossen? -- O nein, mein drängender Geist steht vor
+dieser Pforte und klopft ungestüm an. -- Was der Mensch fassen kann,
+will auch ich begreifen.
+
+_Omar._ Du vertraust dich einem Meere, das dich nie an's Land
+zurückträgt, Zweifel wälzen sich auf Zweifel, Woge stürmt auf Woge,
+dein Ruder ist unnütz und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar
+unermeßlich entgegen.
+
+_Abdallah._ Ich könnte nicht ruhig sein, wenn ich wüßte, daß etwas da
+sei, was in meinem Gehirne Raum hätte und dem ich den Eingang versagen
+müßte.
+
+_Omar._ Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer vor sich, an die sie
+vergebens mit allen Kräften anrennt, -- wir sind in einem ehernen Gewölbe
+eingeschlossen, wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden
+Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind nichts, als der Widerschein
+von uns selbst im glatten Erze, -- o schon viele Weisen stürzten mit
+Ohnmacht von diesen Schranken zurück, -- und starben. -- Der Zweck
+unsers Daseins? -- O wer hindurchschauen könnte durch das Geheimniß
+der unendlichen Nacht, wenn doch vom Thron der Gottheit nur _ein_
+Sonnenstrahl herniederschösse! -- Wir tappen ängstlich umher -- und
+finden nur die Wände, die uns eingeschlossen halten. Wir sehen nichts,
+als daß wir Gefangene sind, -- _warum_ wir es sind, müssen wir mit
+Geduld vom Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten.
+
+_Abdallah._ O warum verlieh uns der Schöpfer nur so viel Kraft, diese
+Schranken zu sehn und nicht zu durchbrechen? -- Warum ward eine Ahndung
+in unser Herz gelegt, die nie zur Gewißheit reift? Eine Centnerlast
+liegt auf unsrer Brust, und wir kämpfen vergeblich sie abzuschütteln.
+
+_Omar._ Vielleicht werden alle diese Räthsel einst gelöst. -- Ein großer
+Schwung wälzt sich durch alle Theile der Natur, durch alle Wesen klingt
+ein Ton. Eine Kraft drängt sie zu einem Mittelpunkt: _Genuß_! -- Alles
+schöpft aus dem nie versiegenden Quell und legt sich dann zum Schlafe
+nieder. -- Die Welt ist eine reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt
+und gesättigt aufsteht, der Schöpfer schickte die Millionen Wesen in die
+Wüste hinaus, sie sind Staub und in sich selber eingekerkert, -- aber er
+gab ihnen tausend Mittel auf den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles
+freut sich, alle Wesen kommen, genießen und sterben dann, ohne es zu
+wissen, so wie sie geboren wurden, -- nur der verblendete Mensch verfehlt
+sein vorgestecktes Ziel.
+
+_Abdallah._ Der Mensch? -- Wie? der Preis der Schöpfung? Um dessentwillen
+die Natur ihre reichen Schätze aufthut? Um den sich die Bestimmung alles
+Erschaffenen dreht?
+
+_Omar._ O des Stolzes! -- Die Bestimmung alles Erschaffenen? Kein Mensch
+weiß seine eigne Bestimmung, er taumelt selbst verlassen in der Finsterniß
+und maßt sich an, den Wesen ihren Rang und ihren Zweck anzuweisen. -- Allen
+Wesen ward ein gleiches Bürgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch
+reißt sich aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genießen wie alles
+genießt, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode und seinem Verhängniß,
+alle seine Kräfte kämpfen rastlos von der Zeit eine Stunde und eine
+Minute nach der andern zu erbetteln, -- um auch in dieser zu fürchten,
+um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren Auflösung weit außer
+ihm liegt.
+
+_Abdallah._ Wenn Genuß der höchste letzte Zweck unsers Daseins ist,
+wodurch ist dann der Mensch vom Thiere unterschieden?
+
+_Omar._ Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch wäre glücklich, hätte er
+nie höher gestrebt, die Natur umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen
+Armen, hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, -- aber der Stolze
+hat sich von seiner Mutter losgeschworen, sieht die Sterne, die über
+seinem Haupte hängen, erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen
+zu: ich bin euch nahe! Wehmüthig lächelnd blicken die Sterne auf ihn
+herab und er steht nun verirrt am schwindelnden Abschuß; zur blühenden
+Wiese, die er erst verschmähte, hat er den Rückweg verloren. --
+
+_Abdallah._ Und nichts als diesen verächtlichen Übermuth hätte der
+Mensch vor den Thieren des Waldes voraus?
+
+_Omar._ Nichts als ihn. Mit verachtendem Fuß stößt er die Erde zurück
+und will sich an die Gottheit drängen, aber seine klägliche Natur zieht
+ihn allmächtig zurück. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich
+brüstet, -- Wolkenschatten, die der Wind über die Ebne jagt und denen
+der Wahnsinnige nachtaumelt.
+
+_Abdallah._ Tugend, Omar, nur ein Schatten? -- Der Lasterhafte und der Edle
+ständen hier in einer Reihe? Die beiden Enden, Größe und Verächtlichkeit,
+schlängen sich zusammen? Aus _einem_ Samen sproßte der Schierling und
+die heilende Pflanze? -- Unmöglich! --
+
+_Omar._ Und warum unmöglich?
+
+_Abdallah._ Wo ich anbetend in den Staub sinke, wo mein Geist in
+verehrender Demuth die Flügel zusammenschlägt, wo mein ganzes Wesen sich
+in Ehrfurcht auflöst, -- an diesen Stolz der Menschheit wäre die Schaam
+der Welt mit unauflöslichen Ketten geschlagen?
+
+_Omar._ Derselbe Gesang auf einer andern Laute.
+
+_Abdallah._ Nein, Omar, nein. -- Die Gerechtigkeit des Ewigen wird durch
+diesen Glauben angeklagt. -- Wie könnte der Gütige dem Edlen Belohnung
+und dem Bösewicht Strafen aus jener schwarzen Thür am Ende ihrer Bahn
+entgegenschicken?
+
+_Omar._ Abdallah, wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht,
+wohin wir gehen. Ob uns ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied
+nehmen, ob wir mit allen unsern Träumen in das kalte Grab eingeriegelt
+werden -- o das ist ein Räthsel, vor dem die Weisen ewig forschend
+stehen werden. -- Strafe, -- Belohnung, -- Tugend, -- Laster. -- Wenn
+ich dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend und Laster
+gründetest, du würdest um eine Antwort verlegen sein. -- Die Gewohnheit
+lehrt uns Worte sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken.
+
+_Abdallah._ Omar, du machst, daß ich mir selber mißtraue. --
+
+_Omar._ Wir sind mit unsrem Lob und unsrer Verdammung so freigebig und
+kurzsichtig genug, um nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides
+vertheilen. -- Wir ahnden nicht, daß es nur eine Kraft ist, die in der
+Tugend und im Laster lebt, beides _eine_ Gestalt, aus demselben Spiegel
+zurückgeworfen. -- Nur ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied
+und sagte: dies sei gut, dies nicht!
+
+_Abdallah._ Ein Thor?
+
+_Omar._ Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist zu kurz _uns selbst_
+zu kennen, -- in unsrem eignen Innern herrscht ein wüstes Dunkel und
+mit vorwitzigem Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen in seiner
+Seele lesen.
+
+Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder. _Omar_ fuhr fort:
+
+Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem Innern aufsteigen,
+von tausend innern Kräften gereift, von hundert Neigungen gepflegt,
+schießt die Pflanze empor, -- nur ich, der Schöpfer, bin mit ihrer
+Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur, ich handle nur für
+mich, der ich mich selbst kenne, -- alle übrigen Menschen sind für mich
+in einer mindern Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der
+Krokodil Fremdlinge sind.
+
+_Abdallah._ Omar, du wirfst mich in eine fürchterliche Einsamkeit, ich
+verliere mich selbst in der schrecklichen Wüstniß. --
+
+_Omar._ Ich handle, wie mein innrer Sinn es mir befiehlt, und ein
+Fremdling, der nicht in das Gebäude meiner Seele hineinschauen kann, der
+die Leiter nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gefühl, das Gefühl
+zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich zur Wirklichkeit aus dem
+unergründeten Brunnen heraufstieg, -- dieser tritt mit kaltem und
+verschloßnem Sinn herbei und sagt: deine That ist ein _Laster_!
+
+_Abdallah._ O ich verstehe dich! weiter! weiter!
+
+_Omar._ Aus derselben Quelle wird eine andre Schaale heraufgezogen
+und man nennt sie _Tugend_. Beide steigen aus der Tiefe _einer_ Seele
+hervor, aus _einem_ Stoff gewebt -- und man hält sie für Feinde.
+
+_Abdallah._ Fürchterlich sonderbar!
+
+_Omar._ Wo ist der Bösewicht, der nicht zum Engel würde, wenn er
+den Richter in die geheime Werkstätte seiner Seele führen könnte?
+-- Abdallah, wir sind Brüder aller Mörder, die je die Geschichte mit
+Abscheu genannt hat und schwesterlich schließt sich unsre Seele an alle,
+die einst bewundert und angebetet wurden. -- O ihr Thoren, laßt den
+nichtigen Rangstreit, _ein_ Hauch weht in allem Leben, -- freut euch
+dieses Hauches, er kehrt nicht zurück, wenn er entflohen ist.
+
+_Abdallah._ Du führst mich durch Labirinthe, Omar. --
+
+_Omar._ Als die erste Gesellschaft zusammentrat, als man das erste
+Gesetz niederschrieb, da veräußerte der Mensch selbst sein hohes,
+heiliges Recht. Dem Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit,
+allmächtig ward eine Schnur zwischen Gut und Böse gezogen und
+unglückliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile, die Menschen gegen
+Menschen hetzten, das Blut von Tausenden vergossen. -- An den Gedanken
+_Verbrecher_ knüpfte man Haß und Unversöhnlichkeit und eine ewige
+Verfolgung wühlt durch das ganze Menschengeschlecht. -- Seit der Zeit
+ist der große Spruch gesprochen; in einem nichtigen Taumel greift der
+eine zur Belohnung seiner _Tugend_ nach der Sonne und tritt gewaltsam
+seinen Bruder unter sich, der nach dem Übereinkommen ein _Verbrecher_
+ist. --
+
+_Abdallah._ Ha! die ewigen Schranken stürzen ein!
+
+_Omar._ Strafe und Belohnung? -- Hier unten sind sie entschieden, -- aber
+wen soll der Richter dort belohnen oder strafen? -- Sandte er nicht alles
+was ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht sein Athem,
+der den Staub belebt? -- Alle Handlungen kommen zu ihm zurück und melden
+sich als ihm angehörig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten umher;
+wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem Spiegel der unendlichen
+Naturen, soll er, _kann_ er sich selber strafen? --
+
+_Abdallah._ Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten stehn aus einem
+Abgrund auf, mich zu schrecken. --
+
+_Omar._ Von einer unbekannten Macht der Welt übergeben, tritt der Mensch
+seine Bahn an, nicht aus sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen
+in das Leben geworfen. -- Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen und
+Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht durchaus verloren,
+-- alle Lagen, von Kindheit an bis in sein Greisenalter, prägen sich in
+treuen Abdrücken in seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn
+anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung, seinem Vergnügen,
+aus den todten Gegenständen, die ihn umgeben, tritt ein andres fremdes
+Wesen an seine Stelle, -- das nach und nach von einem neuen wieder
+verdrängt wird.
+
+_Abdallah._ So sind wir nur eine Hütte, in die ein Fremdling nach dem
+andern einkehrt und sie dem folgenden überläßt.
+
+_Omar._ Wer handelt nun? -- Wer ist gut, wer böse? -- Soll des Mörders
+Dolch bestraft werden, oder sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der
+Gedanke, den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? -- Sein Blut,
+das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der durch tausend Formen
+wandelnd, von einem Sonnenstaub seinen Weg antrat und beim gräßlichsten
+Morde aufhörte?
+
+_Abdallah._ Undurchdringlich ist das Gewebe, das sich seit Ewigkeiten
+her verschlang.
+
+_Omar._ Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern Willen, unsern
+Vorsatz nennen, ist nur der Einfluß fremder Dinge, wir sind nur ein
+Stoff, an welchem fremde Kräfte sichtbar werden; ein großes Spiel von
+einer fremden Macht regiert, der eine steht als König, der andre als
+Sklave da, -- und alle sind sich gleich, nichts als hölzerne Zeichen,
+obgleich der König und der Ritter stolz auf das Fußvolk vor sich
+hinabsehn, -- das Spiel ist zu Ende -- und Laster und Tugend hört auf
+verschieden zu sein. -- Ein Wirbel dreht sich durch die Welt, alles bis
+zum kleinsten wirkt in den großen Plan; der eine Augenblick gebiert den
+folgenden, eine Handlung stößt die andre vor sich her, eine unendliche
+Kette, die sich rund um alle Welten zieht. Kein Glied kannst du
+herausreissen, ohne das vorhergehende und folgende zu zerstören und
+eine allgemeine Vernichtung zu bewirken.
+
+_Abdallah._ O entsetzlich! -- Omar, -- ich schaudre, -- wenn ich gerade
+_diesen_ Schritt itzt nicht thäte, -- nicht gerade _diesen_ Gedanken
+dächte -- so könnte die Welt nicht erschaffen sein! --
+
+_Omar._ Nothwendig. -- Eine große Schwungkraft belebt die Unendlichkeit,
+alle Kräfte weben und wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die
+treibende Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle Pulse der
+Natur und so geht das große Werk den allmächtigen Gang. -- Wie will dies
+kleine Wesen, der Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in seinem
+engen Geist den Schöpfer mit all seinen Planen fassen? Eigenmächtig gegen
+das Weltall wirken und durch sein jämmerliches Dasein noch _Verdienst_
+erringen? Ohnmächtig kämpfend wird er fortgerissen, der eine Ton verklingt
+in der allgemeinen Harmonie.
+
+Beide schwiegen düster vor sich hinbrütend. Ein hohes Roth flog über
+_Omar's_ Wangen, ein neues Feuer fuhr in seinen Augen auf, er faßte
+heftig Abdallah's Hand.
+
+Jüngling! rief er aus, was wir gut, was wir böse nennen, verschwimmt
+in ein Wesen, alles ist nur _ein_ Hauch, _ein_ Geist wandelt durch die
+ganze Natur und _ein_ Element wogt in der Unermeßlichkeit -- und dieses
+ist _Gott_!
+
+Abdallah fuhr zurück.
+
+_Omar._ Wo sollte der Unendliche jenseit der Schöpfung Raum für sich
+finden? -- Er umarmt und durchdringt die Welt, _die Welt ist Gott, in
+einem_ Urstoff steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind
+Theile seines Wesens! -- Dies ist der tiefe Sinn von der Lehre seiner
+Allgegenwart. -- Wirft er einst die Kleidung wieder von sich, dann gehn
+im Ruin die Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder da, er
+vor sich selbst, in der ewigen Wüste. --
+
+Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund umher versunken, er stand
+mit gesenktem Haupte und betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen
+Bilder, die auf- und niederschwebten. -- Omar, sagte er nach langer
+Zeit, -- nun ist die Kraft meiner Seele versiegt, alle meine schönen
+Entwürfe, meine wonnevollen Schwärmereien liegen wie Leichen um mich
+her, alle Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust
+verwest. -- Ein Kampf rastloser Zweifel wüthet da, wo ehedem meine
+Himmel standen.
+
+_Omar._ Du hast es so gewollt, du hast das fürchterliche Todtengerippe
+ausgegraben, wo du einen Schatz zu finden hofftest. -- O, wohl dem, der
+mit verbundnen Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst anrührt
+und furchtsam fragt: Wer bin ich?
+
+Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein Geist war von
+hundert neuen Vorstellungen verwirrt, ohne sich festhalten zu lassen
+flohen tausend Gestalten seiner Seele mit Blitzesschnelle vorüber.
+
+Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen der Tannen und von
+zitternden Schatten getheilt, gossen sich goldene Streifen über die
+Wiese aus. Ein leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der Bäume und
+spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See schwankend tanzte;
+ruhig betrachtete sich die Gegend selbstgefällig in dem Wasserspiegel
+und der Duft der Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schooß der Erde.
+
+Die schöne Landschaft, mit all den lieblichen Träumen, die über ihr
+hingen, vermischte sich nach und nach mit den Gedanken Abdallah's; er
+hatte sich schon den Spielen seiner Einbildungskraft überlassen, als er
+noch zu denken glaubte.
+
+Die Wipfel säuselten immer leiser und leiser, vom Winde angehaucht lief
+ein stilles Flüstern durch das Rohr des Sees, -- immer wunderbarer spielte
+das Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, -- noch einigemal blickte
+er mit mattem Auge empor und sahe wie vom nahen Berge ein Greis in die
+Arme seines Omar eilte, -- beide hielten sich umarmt -- als die Gegend
+allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang hinabsank. --
+
+Aus den Cypressen stiegen Träume auf ihn herab, durch seine Augenlieder
+dämmerte schwach in seine Traumgestalten die monderhellte Gegend. --
+
+Plötzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes Rauschen, wie wenn
+die erboßte Fluth gegen Felsen hinanheult, fuhr immer lauter und lauter
+über ihn dahin, -- Abdallah erwachte.
+
+Da stand er einsam in schwarzer Nacht, Stürme hatten den Mond hinter
+ferne Gebirge hinabgeschleudert, große Wolken wälzten sich krauß durch
+einander, die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. -- Ein
+Schaudern springt aus dem Walde hervor und packt ihn an mit eiskaltem
+Arm. Omar! ruft er mit bebender Stimme, aber höhnend stürmt der Orkan
+durch seine Töne und wirft sie zerrissen in die Lüfte.
+
+Ein leuchtender Glanz flammte plötzlich in den Wolkengebirgen auf, eine
+Feuerkugel flog durch den Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend
+blendende Funken von sich sprühte. -- Jeder Funken sprang mit einem
+Donner los, der sich furchtbar auf des Sturmwinds Schwingen über alle
+Wälder hinabwälzte. -- Mit lautem Gebrüll sank die Kugel nieder und die
+stille Nacht stand wieder um Abdallah. --
+
+Eine bleiche zitternde Gestalt fährt aus dem nahen Busche und ergreift
+kalt Abdallahs Hand, -- es war Omar. -- Krampfhaft preßte er die Hand
+des Jünglings in die seinige und riß ihn mit sich fort. --
+
+Abdallah folgte schaudernd.
+
+Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach, Omar's Gesicht war
+lang und verzerrt, sein Auge rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn
+anzusehen. -- An Geist und Körper müde, legte er sich schlafen, Omar
+ging noch lange gedankenvoll umher.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. Der Tag sah trübe
+durch die Fenster und eine schwermüthige Erinnerung des gestrigen Abends
+kam ihm sogleich entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn an; alles,
+was er vorher gedacht hatte, war von einem Strudel kämpfender Zweifel
+verschlungen. Alle seine früheren Gedanken schienen ihm unreif und
+kindisch; er hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und doch
+that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er so sorgfältig aufgezogen
+hatte, zerstört zu sehn. -- Wie eine schwarze Nacht stieg es in ihm auf,
+wenn sein Geist noch einmal über alle die Gedanken hinwegsahe, die er
+seit gestern dachte; er hätte es so gern nicht geglaubt, er hätte so
+gern den vorigen Sonnenschein zurückgerufen, die vorige Unschuld seiner
+Seele zurückgezaubert, aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst
+alle seine früheren Gedanken zurück, die wieder in ihm aufdämmern
+wollten.
+
+O heilige Tugend! rief er aus, -- vor derem Bilde ich einst niederkniete,
+-- dein Altar ist umgestürzt! Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit
+kühnem Fittig emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat meine
+Schwingkraft gelähmt. -- Wer bin ich, wenn diese Gottheit todt ist, die
+mich sonst mit mütterlichem Lächeln zu sich lockte? -- Ich muß mich
+selbst verachten, wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine finstre
+Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn ich dem Druck einer
+fremden Macht nachgeben muß, die mich wider meinen Willen zu Gräueln
+oder edeln Thaten drängt. -- Doch, was schwatz' ich? -- Mein Wille sinkt
+im Triebwerk des Ganzen unter und mit der Tugend ist das Laster zugleich
+gestorben, ich bin ein abgerißnes Blatt, das der Wirbelwind nach seinem
+Gefallen in die Lüfte wirft. -- Der Unendliche, den ich sonst schwindelnd
+dachte, auf dessen Vatersorge und Allmacht ich so fest vertraute -- er
+und das Schicksal ist mir entrissen. Im Felsen und im Gesträuch steht
+der Unfaßliche vor mir, mir näher gebracht und dadurch um so entfernter.
+Omars Lehre hat mich zu einer Waise, mich mir selbst verächtlich
+gemacht, -- und doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! --
+
+Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen Träumen; Gefühle
+wollten sich itzt in seine Seele zurückdrängen, die ihn einst so
+bezaubert und die Aussichten des Lebens so verschönt hatten, aber kein
+Klang aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte Seele. O!
+rief er aus, gieb mir meine glückliche Unwissenheit zurück, Omar, laß
+mich wieder zum Kinde werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach für
+diese Last, er seufzt gekrümmt unter der drückenden Bürde.
+
+_Raschid_ trat itzt zu ihm herein. Er war kein Freund Abdallah's, aber
+einer von den angenehmen Gesellschaftern, an die der Jüngling sich so
+leicht schließt und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher
+über die Gärten des Sultans und kam itzt zu Abdallah um Trost zu suchen,
+denn er war gewöhnlich finster und verdrüßlich. Abdallah ging ihm
+freundschaftlich entgegen. »Willkommen, sprach er, indem er ihm froh die
+Hand drückte, ich habe dich lange nicht gesehn.« -- Er freute sich, daß
+ihn jemand aus seinen Träumereien riß, die er gern von sich abwarf und
+sich dem Wohlwollen überließ. -- Willkommen! rief er noch einmal.
+
+Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und sein Auge eingefallen.
+Ein schweres Leiden schien seine Seele zu drücken, eine tiefe
+unbestechliche Schwermuth sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge,
+nichts vermochte eine Heiterkeit über sein Gesicht zu werfen, seine
+Stimme war langsam und ohne Feuer. --
+
+Dein Anblick wird immer kränker, fuhr Abdallah fort.
+
+_Raschid._ Kränker? -- Wirklich? -- Vielleicht geh' ich dem Tode
+entgegen.
+
+_Abdallah._ Dem Tode? --
+
+_Raschid._ Ich hoff' es.
+
+_Abdallah._ Du _hoffst_ es?
+
+_Raschid._ Mein Geist erträgt die Leiden nicht mehr, die sich immer
+höher thürmen.
+
+_Abdallah._ Deine Liebe, Raschid, wird dich in dein Grab hinuntertragen.
+-- Sei heitrer, verabschiede deinen Gram und werde wieder der blühende
+Jüngling, der du warst. -- Die Liebe soll ja, wie man sagt, in Felsen
+Paradiese auferstehen lassen und dir --
+
+_Raschid._ O glücklich, daß du davon wie von einem unbekannten Lande
+sprichst. -- Doch nein, du bist unglücklich. -- Ein Wesen ohne Liebe,
+-- eine Laute ohne Saiten. -- Für die göttlichsten Empfindungen todt
+kriecht der Gefühllose im Staube, wenn der Liebende den glänzenden
+Fittig im Morgenrothe wiegt. --
+
+_Abdallah._ Und dennoch nennst du dich elend. --
+
+_Raschid._ Ja und doch möcht' ich meine Liebe nicht zurückgeben, -- Freund,
+nur _ein_ Blick aus ihrem Auge -- ach! er würde den Frühling in meiner
+Seele wieder auferwecken! -- Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten mich
+zurück, -- ich liebe und darf nicht hoffen, -- ich wünsche und meine
+Wünsche überschreien meinen Verstand; wenn er zuweilen die Stimme erhebt,
+-- o dann treten sie alle bleich zurück. -- Mein Unglück hat alle Blumen
+um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, die Freude hat mich
+in eine düstre Nacht geworfen und mir ewig ihre Thür verschlossen, -- ach
+Abdallah, ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung soll mich
+in's Leben zurückhalten? --
+
+_Abdallah._ Wer würde nicht wenigstens hoffen? --
+
+_Raschid._ Ach! wenn ich nur hoffen dürfte! wenn ich nur eine Spalte in
+der hohen Felsenmauer entdeckte, durch die ich mich hindurchwinden könnte!
+
+_Abdallah._ Du hast mir aber noch nie den Gegenstand deiner Liebe
+genannt -- wen liebst du?
+
+_Raschid._ Laß dies noch itzt ein Geheimniß bleiben. -- Ach! ich möcht'
+es mir selber nicht gestehn, daß der Mensch sich seinem Glücke Mauern in
+den Weg baute, die seiner Ohnmacht spotten, daß -- ich kam hierher mich
+zu trösten und ich gehe trauriger von dir als ich kam.
+
+_Abdallah._ Wodurch kann ich dich trösten?
+
+_Raschid._ Nein, ich mag auch nicht getröstet sein. -- Lebe wohl!
+-- dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich leide ihn für sie, -- ich will
+in der Einsamkeit meine Thränen weinen, ich finde keinen Menschen, der
+mich versteht.
+
+Er ging und Abdallah sah ihm traurig nach, dann versank er wieder
+allmählig in sein voriges Nachdenken. Omar kam. -- Du bist so tiefsinnig,
+Abdallah?
+
+Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an.
+
+Worüber dachtest du? fragte Omar.
+
+_Abdallah._ Über deine gestrigen Lehren.
+
+_Omar._ Sie haben dich traurig gemacht.
+
+_Abdallah._ Ich irre in einer ausgestorbenen Wüste, alles ist hin, was
+einst mein war, ich selbst habe mich verloren. Du hast mich Verachtung
+meiner selbst und der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich
+sonst so warm die Natur umfaßte? --
+
+_Omar._ Und muß denn Abdallah _hassen_, um _lieben_ zu können? -- Ich
+habe dir deinen Haß genommen und um so größer sollte deine Liebe sein;
+du sollst alles lieben, auch den, den die schmähende Welt mit Füßen
+tritt.
+
+_Abdallah._ Alles? -- Ach Omar, kann es der Mensch?
+
+_Omar._ Er soll es wollen.
+
+_Abdallah._ Mein Geist sträubt sich gegen diesen freudenleeren Glauben.
+
+_Omar._ Weil er deinen Stolz kränkt. -- Vieles ist gestürzt, auf das du
+bis itzt eingebildet dich für besser als tausend andre hieltest; es ist
+dir genommen und du sinkst zu den übrigen Menschen hinab. Aus Eigennutz
+bist du unzufrieden und bildest dir ein, es geschehe der Tugend wegen.
+--
+
+_Abdallah._ Omar, du hast tief in meine Seele geschaut. -- Kann aber die
+sterbliche Natur sich ganz vom Eigennutz losreißen? du sagtest selber,
+jeder handle nur für sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner
+Entwürfe und müssen die übrigen Wesen nicht mir selber weichen?
+
+_Omar._ Du sollst und kannst dich nie von dieser Schwäche trennen,
+-- nur der Stolz sei dieser Eigennutz nicht; sei eigennützig im _Genuß_,
+ein Traum ist kein Genuß. --
+
+Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater _Selim._
+
+_Omar._ Und verschließe diese Lehren tief in deine Brust, sie taugen für
+kein ander Ohr.
+
+_Abdallah._ Für mich allein hast du also diese Trostlosigkeit ausgelesen?
+
+_Omar._ Abdallah, sei nicht undankbar. -- Der Weisere kann mich nur
+verstehn.
+
+Abdallah ging.
+
+
+
+
+_Viertes Kapitel._
+
+
+Selim saß in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er
+bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte
+er, um dir eine wichtige Nachricht anzukündigen; hat dir Omar nichts
+davon gesagt?
+
+Nichts, antwortete Abdallah, -- aber dieser Name den du genannt hast,
+lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser
+Omar?
+
+Und wie kömmst du so plötzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst
+ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas näher von
+ihm unterrichtet zu sein.
+
+Dieser Omar, antwortete _Abdallah_, ist mein zweiter Vater, nach dir
+lieb' ich _ihn_ am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein
+soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt.
+-- So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben
+so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner
+Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott
+nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der
+Weisheit. Alles, was ich denke und weiß, habe ich aus ihm geschöpft,
+-- ohne seine Liebe könnte ich nicht glücklich sein. -- Er ist mir
+bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so
+vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Züge hab'
+ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprägt, -- nur gestern
+am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als
+gewöhnlich hob, -- oder war es das nüchterne leere Erwachen von einem
+Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene
+Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur
+Stadt zurückging, trat mich plötzlich das sonderbare Gefühl an, als
+wenn ein _fremder Mann_ zu meiner Seite gehe, -- ich war hundertmal
+im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht,
+ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewiß um ihn her und
+verstellte alle seine bekannten Züge, -- ich war aus mir selbst
+herausgerissen, -- ich folgte ihm schaudernd.
+
+_Selim._ In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen
+tausend Schwärmereien und trügende Gefühle um uns her, die, wenn wir
+nach ihnen greifen, in Luft zerfließen und unsern Geist zu einer trägen,
+thatenlosen Beschaulichkeit führen. Der männliche Jüngling muß alle
+diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurückweisen, auf seiner
+Bahn ungestört weiter gehn und diesen Morgendünsten nicht einmal ein
+zurückgeworfenes Auge schenken.
+
+_Abdallah._ Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer
+ist dieser Omar?
+
+Ich will dir alles sagen, was ich von ihm weiß, antwortete _Selim_; du
+hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun
+auch als deinen Wohlthäter ehren. -- _Ali_, der wie ein verzehrender
+Brand in dem Körper seines Landes wüthet, gegen den tausend Flüche der
+Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch
+mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schätze
+lockten seine Habsucht, er entriß mir alles, was ich besaß, -- nur deine
+Mutter und du -- weiter blieb mir in dieser Welt nichts übrig. Du warst
+damals einen Sommer alt und lächeltest am Busen deiner Mutter unverständig
+dem Elend entgegen. -- Wir verließen die Stadt und wanderten über
+unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und
+reichte uns die ärmliche Nahrung, alle meine Freunde verließen mich, als
+hätten sie mich nie gekannt, Sorge und Dürftigkeit waren unsre einzigen
+unzertrennlichen Gefährten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und
+lebten kärglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen
+zuwarf. -- Ein stiller Gram wühlte unsichtbar in dem Herzen deiner
+Mutter, sie reichte mir lächelnd den Abschiedskuß -- und ging nach
+einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurück. Ich blieb mit meinem
+Unglück in der Einsamkeit.
+
+Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort:
+
+Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein
+Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lächeln nach
+deiner Mutter fragtest und an den Grabhügel pochtest, um sie wieder
+heraufzulocken; aber dein Lächeln war das letzte schwache Band, das mich
+damals an diese Welt zurück hielt, unverletzliche Pflichten sprachen
+mich aus deinem freundlichen Auge an, _du_ lebtest noch und darum war
+mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend
+entfernen, in der _Zamiri_ ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und
+mich in dem Wohnorte meines Grams zurück zu halten. -- Ach Abdallah, es
+waren traurige Tage, -- wenn das junge Morgenroth so glühend heraufstieg
+und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend
+über die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen
+Sorgen langsam aufstieg, -- die Erinnerung dieser Tage, -- der Mensch
+muß viel erdulden, aber sein Muth muß ihn nie verlassen.
+
+
+Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hörte Abdallah die Erzählung
+seines Vaters, dieser sprach dann weiter:
+
+
+Ich besuchte täglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete
+andächtig auf ihrem Grabe und flehte um Stärke. Im innigsten Gefühle
+meines Elends saß ich einst auf dem Grabhügel, du spieltest unbefangen
+vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu
+und setzte sich traulich an meine Seite, unmännliche Thränen rannen heiß
+über meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe
+blühten. -- Plötzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem
+Schatten der Bäume näherte. Er hatte mich in meinem Glücke oft besucht
+und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn
+ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des
+Propheten wehte. Mein Unglück schien ihn zu rühren: Grabe, sprach er,
+hinter jenem verfallnen Hügel und ein neues Glück wird dir entgegenblühen.
+-- Ich grub und fand einen großen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir
+Ali genommen hatte, -- als ich dem Derwisch meinen heißen Dank bringen
+wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken -- und dieser Derwisch ist
+_Omar_?
+
+_Abdallah._ Omar?
+
+_Selim._ Dein Lehrer Omar. -- Ihm dank' ich alles, was ich besitze,
+alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. -- Ich ließ
+mich an der fernsten Gränze des Reiches nieder, veränderte meinen Namen
+und nannte mich _Selim._ Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht
+sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verändert und sich
+hierher begeben hat. -- Ich war itzt so glücklich als ich nur werden
+konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus
+besuchte. Ein hagrer ausgedörrter Greis reichte mir seine lange Hand,
+die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen
+eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schädel hin und her und seine
+Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem
+Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem
+Todtengerippe -- deinen Omar.
+
+_Abdallah._ Omar?
+
+_Selim._ Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthäter, verpflegte ihn wie
+einen Vater, bis er von seiner Siechheit genaß. Als seine Gesundheit und
+seine Kräfte zurückgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand
+und sagte: »du bist mein Wohlthäter Selim, du hast mein Leben gerettet
+und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich
+bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann.« So ward unser Wohlthäter
+dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.
+
+Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an
+Omar und hing an seine Lehren ein noch größeres Gewicht; seines Lehrers
+Tugend war unbezweifelt, um so zuverläßiger mußte also seine Weisheit
+werden; der Lasterhafte, der die Tugend läugnet, wird nicht gehört, aber
+wenn der Edle dem Bösewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder
+nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres.
+
+Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die
+Nachricht zu hören, die ich dir anzukündigen hatte?
+
+_Abdallah._ Verzeih mein Vater -- ich höre. --
+
+_Selim._ Du sollst dich vermählen.
+
+_Abdallah._ Dein Gebot ist mein Wille.
+
+_Selim._ Des edlen _Abubekers_ Tochter.
+
+_Abdallah._ Du willst es und sie ist meine Gattin.
+
+_Selim._ Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, mein Sohn. Abdallah
+wird seines Vaters Liebe nicht mit Undank vergelten.
+
+_Abdallah._ Nein, nie mein Vater.
+
+_Selim._ Du liebst also nicht, mein Sohn?
+
+_Abdallah._ Ich liebe nur dich und Omar. --
+
+_Selim._ Laß diese kindliche Liebe nie in deinem Busen verlöschen.
+-- Abubekers Tochter, -- oder meinen _Fluch_!
+
+Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzürnenden Blick an, den
+Abdallah nicht verstand. Es war ein kalter fester Blick, der sich
+unauslöschlich mit dem fürchterlichen Worte _Fluch_ in Abdallah's
+Gedächtniß grub; bei diesem Blicke kehrte plötzlich wie ein Blitzstrahl
+die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in seine Seele zurück, -- als
+dieser hereintrat.
+
+Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, freundliche, bekannte
+Omar; er ging froh hinweg und alle seine ängstlichen Besorgnisse waren
+verschwunden.
+
+
+
+
+_Fünftes Kapitel._
+
+
+Itzt trat auch _Abubeker_ in das Zimmer und mit ihm mehrere von seinen
+und Selim's Freunden.
+
+_Abubeker_ war ein Greis von siebenzig Jahren, sein Gesicht war lang und
+hager, sein Auge sanft und sein silberweißer Bart sank ehrwürdig auf
+seine Brust herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben,
+ohne daß er sie, oder sie ihn vermißte; er lebte mit seiner Tochter in
+einer häuslichen Einsamkeit, nur von seinen Freunden gekannt und geehrt.
+Er war im Felde erzogen und unter der Rüstung ein Greis geworden, die
+Feinde hatten seine Tapferkeit gefürchtet und in seinem männlichen Alter
+war Abubekers Name durch das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den
+Diensten des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des Volkes, der
+Ruhm gleicht dem Nebel, der sich über das ganze Gefilde auseinander
+wickelt und am weitesten ausgestreckt, verschwindet. Im Lager und in
+Schlachten hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden können, er
+dachte daher nur langsam und beharrte unerschütterlich auf jede gefaßte
+Meinung, jede seiner Überzeugungen ließ er sich ungern nehmen und eine
+neue an ihre Stelle setzen: denn das, worüber er einmal gedacht hatte,
+schien ihm die einzige und letzte Wahrheit.
+
+Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und alle setzten sich.
+
+Eine kleine Stille weilte über die Versammlung, als Selim endlich
+aufstand, Abubekers Hand ergriff und wie von einem heiligen Feuer
+ergriffen, also redete:
+
+Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, ein wackrer Mann; das
+seid Ihr alle, die Ihr zugegen seid, und wäre einer unter uns, der dies
+große Gefühl nicht in seinem Busen trüge, der entferne sich, ehe ich
+weiter spreche, denn meine Worte taugen für kein unedles Ohr. -- Aber
+nein, -- die edelsten Männer des Staats sind hier versammelt und darum
+sollen ungescheut meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. Zum
+Biedermanne muß der Biedermann ohne Umschweif sprechen, und eben dies
+war die Ursach meiner Einladung.
+
+Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung umher, dann fuhr
+er fort:
+
+Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen Tage, als der
+Scepter des weisen _Alfargo_ dieses Land beherrschte, als ein ewiger
+Friede an den Gränzen des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche
+Treue alle Unterthanen in ein schönes Band vereinte und die Rüstung des
+Fürsten war, als das Glück in unsern Häusern wohnte, als -- wozu der
+schönen Erinnerung, Freunde? diese Zeit _war_ und _ist_ nicht mehr, der
+Sonnenstrahl, der scheu an des Gefängnisses Mauern zittert, macht dem
+Gefangenen den Kerker enger, diese Erinnerung ist uns das, was dem
+verirrten Wandrer in der Sturmnacht das ausgelöschte Licht. Wir _waren
+glücklich_, aus diesem Gedanken springt die traurige Überzeugung: wir
+_sind unglücklich!_ -- Wie beim Gewitter hängt die Luft schwer und
+drückend über unserm Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld
+verlassen und verbergen sich in Höhlen, das Gras zittert leise dem
+kommenden Sturm, die ganze Natur athmet schwer und harrt mit banger
+Ungeduld dem einbrechenden Wetter. -- Dies ist das Bild unsers Vaterlandes,
+Freunde; kein Gesicht lächelt, als das der unverständigen Kinder, kein
+Auge glänzt, als das Auge des Sterbenden, keine Fröhlichkeit lacht
+aus betrübten Herzen, -- traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst
+versunken, von keinem heitern Gefühl aus unsern schwarzen Träumen geweckt,
+stehn wir verlassen auf einer spitzen, meerumheulten Klippe und klagen
+in das wilde Rauschen der See. -- Und warum hängen unsre Thränen so
+schwer an den rothgeweinten Augenliedern? Warum schwellen unterdrückte
+Seufzer unsre Brust so hoch? -- Sind die blühenden Felder um uns her
+Wüsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne nicht mehr ihren Mantel
+über dieses Reich? Hängt eine verzehrende Seuche über unsern Häuptern?
+Sind unsre Freunde verschieden? --
+
+Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest schaut wild auf uns
+herab, die Sonne ist uns untergegangen und die Blüthe unsrer Fluren ist
+dahin! Ein liebliches Morgenroth spielte im fröhlichen Wogengeräusch um
+uns her, die Fluth sinkt zurück und unser Nachen steht auf einem dürren
+Felsengrund eingeklammert. -- Das Glück hat uns seine Hand zum ewigen
+Abschied gereicht und wir sehen mißvergnügt seinem Scheiden nach. -- Und
+tröstet uns denn kein Ersatz über unsern Verlust und sind wir auch nicht
+einmal begierig, die Ursach unsers Elends zu erfahren?
+
+O zum _Allgütigen_ laßt eure Klagen nicht dringen, denn er zürnt uns
+nicht, die freigebige Natur hält keine karge Hand über uns ausgestreckt.
+-- Aber welche übermenschliche Gewalt schnürt unsre Brust so mächtig
+zusammen? Wer schlägt dies verfinsternde Gewölbe um uns her? -- O daß
+ich es schaamroth aussprechen muß, -- ein Fremder würde staunend unsrer
+Schwachheit spotten, -- ein _Mensch_!
+
+Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fließt, wie zu einem geizigen Meere, alle
+unsre Arbeit zurück, wir leben nur für ihn, für den Einzigen kämpfen im
+unnützen Streit alle unsre Kräfte. -- Ihm hast du, dem Undankbaren, deine
+Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt,
+hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner fürchterlichen
+Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. -- Leben und Vernichtung
+hält er auf der verfälschten Wage, an seinen Launen hängt schwankend
+unser Glück, Gewitter donnern aus seinem zürnenden Auge, das Lächeln
+seines Mundes ist unsre erquickende Frühlingssonne, seine Worte des
+Ewigen unveränderliche Gesetze, -- wir stehn da, und fühlen daß wir
+elend sind, und o der Schande! -- wir begnügen uns damit, daß wir es
+fühlen!
+
+Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, daß wir auch
+nicht einmal _murren_? Sind wir uns so fremd geworden, daß wir auch
+nicht einmal unser Schicksal geändert wünschen? Daß wir uns mit dem
+begnügen, was er uns aus der Verheerung zurückwirft und uns der Gnade
+freuen, die uns noch unter den Trümmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln
+vergönnt? Die Schlange verwundet wüthend die Ferse ihres Mörders, die
+schuldlose Taube kämpft ohnmächtig gegen den Zerstörer ihres Nestes,
+ja der zertretene Wurm krümmt sich zürnend unter dem Fuße des Wandrers
+-- und _wir_! -- Wer ist der Schändliche, der sich nicht der Ketten
+schämte und sie gern von seinen Armen streifte? -- O er gehe hin und
+erzähle Ali meine Rede!
+
+Sklave und freier Bürger sind in unsern Zeiten gleich, das Reich kennt
+nur _einen freien_, wir _alle_ sind seine Sklaven, das Vaterland und
+seine Bürger sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wünsche knien vor
+seinem Willen, das hohe Recht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt,
+haben wir an diesen Betrüger verspielt. Unser Dasein können wir nicht
+Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, Steine, die ein
+muthwilliger Knabe zum Spielwerk am Abend in das Meer wirft. -- -- Und
+wer ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Körper, von dem
+zerbrochen jeder Stahl zurückprallt? -- Nein, eine Sammlung Staub,
+wie wir, von einem aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestürzt.
+
+Wo ist der Muth, der in unsern Vätern focht und die Feinde erzittern
+machte? Sind alle Dolche stumpf? Ist keiner mehr, der zu den Waffen
+greift und sich und seine Brüder rächt? Keiner? -- O ich habe mich
+geirrt, ich vergaß, daß ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, wo
+unser höchster Wunsch ist, der schändlichste seiner Sklaven zu werden.
+-- Die Zeit hat ihren Kreis gemacht und alles Edle aus unsern Jahren
+hinweggenommen, nur mich Unglücklichen hat sie einsam stehen lassen.
+
+Er schwieg. -- Die Männer glühten, die Arme der Jünglinge zuckten
+unwillkührlich. In vielen Augen stand die Thräne der hohen Begeisterung,
+viele wollten aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise
+Abubeker mit langsamer bedächtiger Stimme also sprach:
+
+Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, das Reich ist
+unglücklich, die Tyrannei herrscht mit erschlichener Gewalt von ihrem
+Thron herab, das Volk seufzt tiefgebückt unter dem ehernen Joch, -- aber
+höre mich als Freund und zürne nicht. -- Ich stehe auf einem hohen Gipfel,
+von dem ich über so manche Jahre hinweg sehe, die zu meinen Füßen
+ausgebreitet liegen, das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die
+Stelle der Weisheit. -- Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, die
+verheerend das Gefilde überschwemmt, und es gedüngt und fruchtbarer
+wieder verläßt? Einen Stamm, den der Blitz verbrennt und aus dessen
+Asche ein schönerer mit frischer Kraft hervorschießt? -- In dem
+gegenwärtigen Übel liegt oft die Geburt eines künftigen Glücks, nur daß
+das sterbliche Auge nicht durch die Dunkelheit der Zukunft dringt, daß
+unser kleiner Blick nur das umfaßt, was vor uns, nicht, was oft dicht
+daneben liegt. -- Schon vielen Völkern sandte der Herr zur Züchtigung
+einen eisernen Scepter und schon viele erkennten die bessernde Hand.
+-- Ali ist vielleicht nur der Abgesandte einer höhern Macht, der uns
+von dorther den Krieg ankündigt: können wir rebellisch gegen den Ewigen
+aufstehn und seine weisen Plane meistern und verwerfen? Ziemt es dem
+Sklaven, seinen Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? -- Tausend Diener horchen
+auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen die Befehle seines Zorns.
+Er darf nur winken und Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen.
+Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und im Unmuth mit dem Hauch
+seines Mundes gegen die Gränze des Weltalls zu zerschmettern, -- und er
+sollte nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, wenn es sein
+Wille wäre? -- Nein, wir wollen dulden, Selim, und im Dulden unsre große
+Seele zeigen. Rache brüllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde und
+verzeihe! --
+
+O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre Kräfte verzehrt,
+spricht aus dir. Der Stunden, die du noch zu leben hast, sind dir zu
+wenige, um für sie zu handeln, -- aber unsre Kinder, Abubeker!
+
+_Abubeker._ Wacht nicht über sie das große Auge, das sich niemals
+schließt? -- Laß sie die Tugend und Gott verehren und sie können nicht
+elend werden.
+
+Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing an zu sprechen:
+
+Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand aus den Wolken lenkt
+oft sichtbar die Schicksale der Menschen, das dunkle Verhängniß tritt
+oft aus seiner Finsterniß hervor, und zwingt selbst den kühnsten
+Zweifler zur schaudernden Verehrung.
+
+_Selim._ Und auch du, Omar? der du meinen großen Entwurf zuerst zur
+Reife brachtest?
+
+_Omar._ Oft aber waltet die Allmacht in ihrer Undurchdringlichkeit und
+lagert vor die frechen Augen Finsternisse um sich her. Oft tritt das
+unerbittliche Schicksal zurück, es zerreißt den Faden, an dem es den
+Menschen lenkt und läßt ihn ohne Leitung gehn. Dann schaut es auf
+den Weg des Wandrers herab und zeichnet ihn mit ewigen Zügen auf der
+unvergänglichen Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die Seeligen
+oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden Druck stehn aus dem Herzen
+die Tugend oder das Laster auf.
+
+_Abubeker._ Ich fasse den Sinn deiner Rede, Omar. Wenn das ewige
+unwandelbare Schicksal niemals den Menschen aus seiner Hand ließe, dann
+trieben wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre Schuld den
+Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, oder in die See versenkte.
+
+_Omar._ Alle Widersprüche vereinten sich dann in einen Mittelpunkt,
+die ganze Natur wäre eine Flöte, auf der ewig die Töne des schaffenden
+Künstlers erklängen, keine That gehörte uns, unschuldig kehrten alle zum
+Schöpfer zurück. -- Nein, Abubeker, wenn der Ewige auch nach seiner Güte
+das Laster zuläßt, so ist er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften
+führt, das hieße ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist ja das
+Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernünfteln, mit eben der
+Vernunft, die er uns lieh, ihn zu erkennen.
+
+_Abubeker._ Ein Irrthum täuschte mich, Omar.
+
+_Omar._ Ein Athem seines Wesens streifte leise den irdischen Staub und
+es entstand der _Mensch_. Dieser göttliche Funke, der aus der Nacht sich
+ihm freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des Waldes,
+den Bäumen und Felsenwänden heraushebt, dieses ist das große Zeichen,
+an dem die Menschen sich erkennen, das untrügliche Unterpfand, daß uns
+jenseit ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den Staub
+wieder von sich abschüttelt und zürnend das Thal verläßt, um einen
+schönern Hügel zu ersteigen.
+
+_Abubeker._ Deine Worte wecken in meiner Seele eine Sonne, die das
+Dunkel erleuchtet.
+
+_Omar._ Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der Natur finden. Wie der
+Schnecke und dem Wurme Fühlhörner gegeben sind, um ihre Nahrung zu
+suchen und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gütige dem Menschen
+den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist das Leben, dem edleren Menschen
+ist das Leben nur ein Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch
+seinen Verstand sich selbst und Gott erkennen; je näher er diesem Ziele
+gekommen ist, je mehr hat er die Krone des Siegers verdient. -- Ohne
+diesen Stern, der unser Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf,
+unter tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. -- Die Kraft der Heilung
+liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber der Schöpfer tritt uns nicht
+unmittelbar in den Weg; die schwache menschliche Natur würde zu sehr vor
+ihm zusammenschaudern, er legt seine Furchtbarkeit ab und in schönen
+Blüthen findet der Verstand des Menschen die Kraft des Gütigen wieder,
+und Tod und Krankheiten fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden
+Hauch, der ihnen aus den Kräutern entgegen duftet.
+
+_Abubeker._ Deine Gedanken über den Ewigen sind wie der Schein des
+Mondes, sie leuchten auf den Pfad, ohne zu blenden, du verschlingst die
+Allmacht mit der Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der
+Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich _lieben_.
+
+_Omar._ Der Verstand regiert wie ein Steuermann unsern Willen gegen Wind
+und Wogen der Leidenschaften und des Unglücks. -- Der Verstand formt
+aus dem ungestellten Zufall eine Säule; statt uns selbst die Hand zu
+reichen und durch das Dunkel zu führen, haucht der Ewige an diesen
+Funken und er leuchtet heller. -- Dann werden große und edle Thaten
+geboren, Tyrannenthronen gestürzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen,
+Völker besiegt und des Propheten Glaube über Meere getragen. -- Diesen
+Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heißt seiner Güte spotten, da er
+uns einen Schatz anvertraute, den wir nicht benutzen, dann wird er uns
+einst schwer zur Rechenschaft ziehen, daß wir ein Gut verachteten, das
+uns ihm ähnlich macht. -- Es waren Propheten, die die Zukunft weissagten
+von Gottes Athem angeweht: wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen
+diese Gedanken gesendet hätte, wenn er durch uns Ali strafen und das
+Reich wieder glücklich machen wollte und seine Allmacht dabei unsichtbar
+erhalten, wenn wir die Pflanzen wären, aus denen der Gütige mittelbar
+Genesung unsern Brüdern zusendete?
+
+Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die übrigen horchten
+aufmerksam auf seine Rede.
+
+_Omar._ Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem Wink zu folgen und
+unverzeihliche Trägheit, wenn wir die Arbeit, die er uns in den Weg
+legt, verdrossen liegen lassen? -- Auf dann! tretet alle Zweifel unter
+euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige »Nein« zu unsrer That, -- nun,
+dann wird das Unglück unsern Schritten folgen und uns von seinem Zorne
+Nachricht bringen.
+
+_Abubeker._ Du hast mich überwunden, Omar, ich gebe deiner Weisheit
+nach.
+
+_Omar._ Ha! wenn wir keine Leuchte hätten, die uns durch die Nacht
+begleitete! -- aber wir tragen sie in unserm Busen. -- Glaubet! ruft
+uns der Ewige selbst zu -- und handelt nach eurem Glauben und Herzen!
+Daher jagt das nagende Gewissen den Bösewicht, dies ist der gute Engel,
+der den Menschen zu edeln Thaten winkt. -- Ein jeder muß nach seiner
+Überzeugung handeln -- und wer glaubt nicht, daß wir alle glücklicher
+wären, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? Unser Recht? -- o er
+hat unser Recht verletzt, er hat unsre Menschheit gekränkt, er zwingt
+uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er ist unser _Feind_,
+nicht unser Fürst. Wir scheuchen das Unglück über die fernen Gebirge,
+das itzt so dräuend über uns hängt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes,
+aus seinem Grabe wird das Glück dann wieder auferstehn und uns dafür
+belohnen, unsre Brüder werden Freudenthränen weinen, -- ha! wer steht
+noch müssig? Wer kann noch furchtsam zurückzagen? -- Nein, Abubeker,
+Freunde, -- wir _wollen_ nicht die Krone von Ali's Haupte reissen,
+wir _müssen_ es, -- das Land liegt kniend zu unsern Füßen, des Ewigen
+ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die Nothwendigkeit reicht
+uns den blutigen Dolch, -- wir _können_ nicht zurücktreten und den
+furchtbaren Arm von uns weisen.
+
+_Selim._ Nein, wir können, wir _dürfen_ es nicht. Die Gefahr streckt uns
+ihren Rachen entgegen, -- stürzt auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht
+unsern Triumph! Welcher Feige würde nicht mit dem Edlen um jeglichen
+Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die große nie zerfallende
+Scheidemauer zöge? Daß wir unser Leben wagen, o das ist es, was unser
+Unternehmen zu einer großen That stempelt, das ist es, warum sie Männer
+und keine Knaben fordert. Das Glück schwebt um uns her; faßt mit starkem
+Arm den ehernen Ring und haltet ihn fest, -- dreht er sich allmächtig
+weiter, -- nun was können wir mehr als _sterben_? Und können wir in
+tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern Tod finden, als im Kampf mit der
+Tyrannei dahinzusinken? -- O wem das _Leben_ das höchste Gut ist, der
+mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, er mag sich hinter Ali's Thron
+verkriechen und sich fest an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an
+dem er gefesselt ist, -- wir kämpfen, siegen oder sterben für's Vaterland
+und unsre Brüder, -- das Schild am Arm, den Säbel in der Faust stürzen wir
+vor Ali hin und fordern _uns selbst_ von ihm zurück, -- wir verschwinden
+in dem großen Ganzen, eine Woge im Meer; was liegt an mir, wenn ich auch
+untergehe? -- Die Gefahr nicht achten, heißt sie tödten; sich selber muß
+der Edle freudig seinen Brüdern opfern können. -- Wer so denkt, der
+reiche mir seine Rechte!
+
+Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, jeder wollte der Erste
+sein, der die Hand des edlen Selim faßte. -- Es ist kein Schändlicher
+unter uns! riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat hinzu
+und umarmte Selim und Omar. Eine große Begeisterung wandelte durch den
+Saal, alle Gesichter glühten, alle Augen funkelten.
+
+Brüder! rief Selim aus, -- das Loos ist gefallen! -- Er kniete nieder.
+-- Hier schwör' ich bei dem Ewigen und seinem Propheten, bis auf meine
+letzte Lebenskraft gegen Ali zu kämpfen, mein Vaterland zu retten oder
+zu sterben!
+
+Alle knieten und schwuren ihm den großen Eid nach, dann umarmten sie
+sich von neuem, drückten sich die Hand und küßten sich wie Brüder.
+_Ein_ Gedanke lebte in allen Seelen, _eine_ Entzückung, _ein_ Geist
+wehte durch die ganze Versammlung.
+
+Freunde! sprach _Omar_, -- und wer soll denn an Ali's Stelle treten und
+eine neue Sonne über unser Reich heraufgehn lassen.
+
+Alle schwiegen und _Omar_ fuhr fort.
+
+Das unmündige Volk bedarf eines Führers, ohne Oberhaupt würde es sich
+selber vernichten. Ein weiser Mann muß an der Spitze stehn, der alle die
+schweifenden Kräfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unnütz an
+tausend mannichfaltigen Gegenständen zerschellen. -- Ihr kennt Selims
+Weisheit, seinen Muth, seine Güte und Menschenliebe. Er betrete den
+verwaisten Thron, er werfe unser Elend in das unergründete Meer und
+wecke das Glück aus seinem Schlummer. -- Wer andrer Meinung ist, der
+spreche!
+
+Du thust mir Unrecht, rief _Selim_, als alle schwiegen; warlich Omar,
+deine Worte schmerzen mich tief. -- Hat denn Ehrgeiz oder Herrschsucht
+meine Gedanken geleitet? Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung?
+-- Ich widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch allen, wenn ihr
+ihm beistimmt. -- Der Unbetrügliche sieht mein Herz, beim Grabe seines
+Propheten schwör' ich hier, -- durch meinen Tod, ja durch meine _Schande_
+wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben und vergessen
+werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf mein letzter Gedanke. -- Omar,
+wie konntest du dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorübergehen?
+-- Hier steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem zu tragen, das Ali
+entweiht. --
+
+Er warf sich vor dem Greise nieder und berührte mit der Stirn dreimal
+den Boden, alle übrigen folgten seinem Beispiel. Der erstaunte Abubeker
+war gerührt und konnte ihnen nur durch Thränen antworten.
+
+Du bist unser, Abubeker, sprach _Selim_, freiwillig zu uns herübergetreten,
+von keinem äußern Zwange gedrückt. Der Edle muß aus eignem Willen handeln,
+und damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf dich fiele,
+hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, die du itzt erfahren sollst.
+-- Ali, nach deinen Schätzen begierig, hat das Ziel deines Lebens näher
+rücken wollen; Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet
+und dich uns gerettet.
+
+Der Greis _Abubeker_ drückte ihm schweigend die Hand. -- Selim, sprach
+er dann, ich bin dir sehr viel schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum,
+du wandest ihn aus den Händen ungerechter Feinde, du schütztest mein
+Leben gegen einen Räuber, dessen Säbel schon über meinen Schädel blinkte,
+-- erinnerst du dich noch jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche
+Freundschaft schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und wollen ihn noch
+ferner halten. -- Damals schwurst du feierlich in meine Hand, dein Sohn
+Abdallah sollte der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille?
+
+_Selim._ Ich schwur und ich hätte keinen Willen mehr, wenn es nicht mein
+sehnlichster Wunsch, mein freudenvollster Gedanke wäre.
+
+_Abubeker._ Mein Kind vermählt sich deinem Sohne.
+
+_Selim._ Und wenn auch das Unglück uns verfolgt, auch wenn ich tausend
+Schätze besäße und du wärst eben so elend, wie ich einst war, -- sie
+wird meine Tochter, -- nimm dies Versprechen noch einmal vor dieser
+feierlichen Versammlung.
+
+_Abubeker._ Eben dies verspreche ich dir, wackrer Selim. -- Dein Sohn
+wird der meinige, -- aber wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher
+vermißt. Sollte er keinen Theil an diesem großen Schauspiel nehmen?
+
+Omar trat hervor. -- Der zarte gefühlvolle Jüngling, sprach er, taugt
+noch nicht für Männer Unternehmungen. Tausend zärtliche Besorgnisse für
+seinen Vater würden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt noch
+in der Blüthe und kann noch keine Früchte treiben; diese Gedanken würden
+ihm Ruhe und Schlaf rauben und seine Hülfe würde uns unmerklich sein.
+-- So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan, auf dem ein
+Schwindel ihn wachend seiner Vernunft berauben würde. Wenn er oben steht,
+dann wecken wir ihn sanft und er wird uns unsre zärtliche Sorgfalt danken.
+
+Alle stimmten ihm bei und man beschloß am folgenden Tage sich von neuem
+zu versammeln, um über die Mittel zur Ausführung ihres Entwurfs zu
+berathschlagen. Dann ging man froh auseinander und ein jeder nahm große
+Gedanken und schöne Entwürfe in seiner Brust verschlossen mit sich.
+
+
+
+
+_Sechstes Kapitel._
+
+
+So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; unbefangen ging Abdallah
+neben allen Gefahren hin, die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in
+schwarzen krausen Wolken über ihn zusammen, aber er hörte nicht den
+Sturm, der von allen Bergen her die Dämpfe zusammenjagte, unbesorgt ging
+er in seiner Unwissenheit dreist einher, wo er, in das Geheimniß der
+Verschwörung eingeweiht, sorgsam prüfend den Fuß auf die schwankende
+Brücke gesetzt hätte und zitternd sich umgesehn, ob nicht unter ihm die
+Pfeiler stürzten.
+
+Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, er wollte eben die
+Stadt verlassen, als ihm _Raschid_ begegnete.
+
+Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah entgegen.
+
+_Raschid_ war traurig wie gewöhnlich und erwiederte Abdallah's Gruß mit
+niedergeschlagenem Blicke.
+
+Du bist traurig, sprach _Abdallah_, komm mit mir in die schöne Natur,
+der Frühling wird dich heitrer machen.
+
+Itzt nicht, antwortete _Raschid_, nöthige Geschäfte rufen mich zu Ali;
+aber wenn die Sonne untergeht, dann erwarte mich auf der steinernen
+Bank, dem Pallast gegen über. -- Er entfernte sich schnell und Abdallah
+ging durch die Thore der Stadt.
+
+Der schönste Frühlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, die Luft
+athmete lau, Düfte von tausend Blumen lagen auf den Schwingen des
+Westwindes, über die Berge war der glänzende Himmel wie ein blaues Zelt
+ausgespannt, unter welchem lichte Wolken in leichter Bewegung tanzten.
+-- Itzt hatte er einen Hügel erstiegen, der die schönste Gegend übersahe.
+Ein Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, der Wald rauschte
+ernst und feierlich und durch sein zitterndes Grün blinkte ein Strom
+verstohlen hervor, der bald verschwand und dann wieder schön gekrümmt wie
+ein weiter See im Sonnenschein glänzte. Friedliche Hütten lagen traulich
+unter den Zweigen der Bäume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen
+Strahlen auf das frische Grün des Rasens, das bald heller bald dunkler
+sich den Hügel hinuntergoß, Cedern standen feierlich schwarz auf den
+Bergen, die den Horizont begränzten. Alle Wesen, von der Fliege die im
+Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und dem Adler in den Wolken,
+waren froh und glücklich, von jedem Zweige des Waldes rauschte die
+Freude, in tausend Gesängen bunter Vögel zwitscherte sie in das Geräusch
+der Waldung.
+
+Abdallah stand und betrachtete mit Entzücken die glanzumschlungne
+Gegend. O der schönen Welt! rief er endlich aus. Wie freundlich es aus
+dem Thale zu mir heraufweht! Wie göttlich diese Wonne mich, wie ihren
+Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend weit hinter mir,
+alle meine Sinne thun sich dem wohlthätigen großen Gefühle auf. -- Welch
+ein Feuer in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen zum
+Herzen strömen! -- O unglückseliges Gedächtniß! -- Nur Tod brütete in
+dieser unendlichen Pracht? -- Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem,
+der im Walde rauscht? -- Mit dieser funkensprühenden Begeistrung bin
+ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und doch drängt sich alles so zu
+mir herauf, alles kniet vor mir und meinen Gefühlen nieder, in meinen
+Empfindungen schwimmt ein ätherischer Glanz, der von mir selbst Bewunderung
+erzwingt, ich schlage an die goldnen Saiten der Natur und verstehe den
+großen Klang, -- ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten stummen
+Massen, -- hinweg mit dir du Weisheit, die mich verschmachten läßt,
+-- du raubst mir den Genuß, und Genuß ist ja das erste und letzte Ziel
+dieses Erdenlebens.
+
+Er lagerte sich am grünen Abhang des Hügels und schaute in die
+unendlichen Reize hinaus, die sich nach und nach dem aufmerksamen Auge
+unaufhörlich auseinander wickelten. -- Eine heilige Ruhe schwebte mit
+leisem Fittig über die Gegend, hundert neue Schönheiten gossen sich
+aus, wenn sich der Schatten vor den Wald hin ausstreckte und die Berge
+höher hinanlief, über das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein
+freundlich zusammen und wechselten und spielten durch einander. Ein
+gelber schräger Sonnenstrahl schimmerte gebrochen durch die fernen
+Cedern und erglühte durch die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grünen
+Berg, die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder zuckten.
+
+O! daß ich mich stürzen könnte in das Meer der unermeßnen Göttlichkeit!
+rief der wonnetrunkene _Abdallah_, -- diese tausendfachen Schätze in
+meinen Busen saugen! Könnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in
+meiner Brust diese göttlichen Gefühle, die itzt durch meine Seele zittern!
+Ach, daß der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! -- Ich
+höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare
+unausfüllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift?
+Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder.
+Ich schwindle auf der Freude höchsten Gipfel und stürze in den Staub
+betäubt zurück. -- Alle meine Gefühle drängen mich weiter hinaus zu
+einem unbekannten Etwas, zuweilen flattert unstät ein Schein durch die
+Dämmerung und wie eine holdselige Erinnerung winkt es mir zu, -- aber
+er verlischt plötzlich und die ungestümen Wogen wälzen sich von neuem
+durcheinander.
+
+Ein Abendwind bließ durch die Waldung, ein rother Duft schwebte um den
+Horizont, die ungewissen Widerscheine flossen nach und nach zusammen und
+ein Kranz von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die Stirn des
+Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus den Hütten und vermischte sich
+mit dem Nebel, der leise und langsam über die Fluren schritt und in
+tausend blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl durchbrochen.
+Ein Schäfer zog mit seiner klingenden Heerde den Abhang herauf und seine
+einsame Flöte tönte sanft in das Thal hinab.
+
+Abdallah ging mit seinen Träumen zur Stadt zurück, das Rauschen des
+Waldes hallte ihm noch immer wieder, in sein Ohr tönte noch die Flöte,
+die vom Berg herab ihm mit ihren Melodieen flüsternd gefolgt war.
+
+Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast des Sultan's
+gegenüber, in tausend verworrenen Gefühlen versunken. Die Leere der
+Stadt mit ihrem abendlichen Geräusch und der lärmenden Emsigkeit umgab
+ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thüren, der Handwerker verließ
+seine Läden, die Ausrufer gingen durch die Straßen, von den Moscheen
+ward die Stunde zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose
+Getöse hallte ihm noch wehmüthig froh der Flötenklang, in das Bild der
+dämmernden Straßen schwamm noch ein Wiederschein von der reizenden
+Landschaft und bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermüthigem Lächeln
+ansah. Das Getön einer Thür riß ihn aus seinen Träumen, er schlug die
+Augen auf und sahe -- _Zulma_, des Sultans Tochter.
+
+Schlank und mit majestätischer Anmuth trat sie herbei, um auf dem Altan
+die Blumen und jungen Citronenbäume zu begießen und auf einen Augenblick
+die Kühlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar floß geringelt
+auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge brannte wie ein Stern durch die
+Wolkennacht. Um ihre zarten Lippen spielte eine süße Freundlichkeit und
+die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lächeln.
+
+Weitgeöffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, er verschlang
+mit glühendem Blicke die reizende Gestalt und jede ihrer kleinsten
+Bewegungen, er glaubte ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma
+die schönste der Houris zu sehn, -- unter ihm hätte ein Erdbeben
+unergründliche Schlünde reißen können -- er hätte es nicht gefühlt,
+-- hätten tausend Donner um ihn her gebrüllt, -- er hätte sie nicht
+gehört, -- alle seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem Körper
+entflohen und brannte verzehrend in seinen Augen. -- _Zulma_ ging wieder
+zurück und Abdallah starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch
+immer den Schimmer des weißen Arms durch die grünen zitternden Blätter
+zu sehn, zu sehn, wie die Rosen von ihrem Anhauch schöner glühten und
+von Zulma's Glanz die Lilien heller leuchteten.
+
+Endlich erwachte er aus seiner Betäubung, so wie der Wandrer in der Nacht
+erwacht, der müde auf dem Felde einschlief und den ein Reisender mit
+einer Fackel weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, er
+kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen Erinnerungen
+abgerissen, taumelt er dumpf seine Straße fort, die Berge um ihn her
+wanken im Schein und die Gegend liegt dunkel wie ein Räthsel vor ihm.
+-- Aus diesem Gewirre kehrte _Abdallah_ endlich zurück, -- er sah, er
+hörte wieder, seine zugeschloßnen Sinne thaten sich wieder auf, -- aber
+er erkannte sich selbst nicht wieder. So wie er itzt sahe, hatte er noch
+nie gesehen, so hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue Sonne
+schien ihm entgegen, aus jedem Ton grüßten ihn holde Melodieen. Ihm war
+als stiege er aus einer finstern feuchten Gruft heut zuerst dem Licht
+entgegen, hundert Besorgnisse schüttelte er von sich ab, er fühlte sich
+frei, stark und groß, kühn zu jedem Unternehmen, ausdauernd für jede
+Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, feiner fühlend für Schönheit
+und Edelmuth. -- Rothe Wolken schwammen durch den Himmel und glänzten
+vorüberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten um ihn
+her, alles war ihm theuer, alles war ihm neu und ein neugewonnener Freund.
+-- Er ging über die Brücke des Flusses, der die Stadt durchströmte. Eine
+flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth sank hinter den
+Fluß nieder und warf ein bleiches goldnes Netz nach dem Abendsterne, der
+seinem Glanze folgte, der Strom glühte in Purpur, vom Kuß des Himmels
+erröthend, in sanften Krümmungen schlich sich das erhabne Ufer neben
+den Strom hin und spiegelte sich in seiner Fluth, rosenrothe Wellen
+plätscherten an das grüne Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde,
+die auf einem schmalen grünen Landstreif sich in den Strom drängte und
+aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre sprach in zärtlichen Tönen
+vom Fluß herüber, -- Abdallah sahe in jeder Schönheit Zulma's Gestalt,
+die jeden Reiz erhöhte, er schwamm in einem Meer von Wonne, er stürzte
+sich und versank in die schönsten, erhabensten Gefühle.
+
+Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder und aus Osten
+stiegen Schatten mit großen Schritten auf; er weinte und wußte nicht,
+warum eine Thräne sich so heiß aus seinem Auge drängte.
+
+Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen trugen ihn auf dem Bache
+der süßen Schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein.
+
+Die Zukunft strömte ihm hell und glänzend entgegen, wie ein Quell dem
+durstigen Wanderer, goldne Träume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand
+in den Träumen. -- Er war so glücklich, daß er nie hätte erwachen mögen.
+
+
+
+
+_Siebentes Kapitel._
+
+
+Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs Armen und er erwachte.
+_Zulma_ war sein erster Gedanke, der gestrige Abend stand vor ihm und
+seine Einbildung holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen zurück.
+Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor seiner Seele, oder wie eine
+mondbeglänzte Gegend, er zweifelte an allen seinen Gefühlen, durch ihre
+ganze Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die Quelle, aus
+der dieser Strom seiner umgewandelten Empfindungen geflossen sei.
+
+
+Ein früher Strahl des Morgens zitterte durch sein Fenster, er öffnete es
+und sahe sinnend in die schöne Gegend hinaus. Ein frischer, kühlender
+Hauch kam ihm entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des Flusses
+und brannte golden an den Fenstern der hundert Palläste umher, ein dünner
+Nebel sank in den Fluß zurück und durch den Himmel war ein purpurnes
+Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte Zulma's Gestalt
+hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, die sich auf den Wellen brachen
+und lächelte ihm entgegen, in den Gebüschen am gegenüberliegenden Berge
+säuselte ihr Name, die ganze Natur umher war nur ein Wiederhall seiner
+Empfindungen. -- Dürftig und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser
+Umwandlung gefühlt hatte, seine Phantasie war nun erst mündig geworden
+und verschmähte ihr voriges kindisches Spielwerk, seine erhabensten
+Gedanken reihten sich willig an das, vor dem er sonst kalt und ohne
+Empfindung vorübergegangen war, ein heiliges Entzücken flüsterte im
+Grase und spielte in der Gluth der Wolken, wie ein großes verschloßnes
+Buch hatte sich ihm die ganze Natur aufgeschlagen.
+
+
+_Raschid_ trat herein, als Abdallah sich noch seinen Schwärmereien
+überließ, er wollte seinem Freunde Vorwürfe machen, daß er sein Wort
+gebrochen und ihn am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hörte nicht,
+was er sagte, sondern sprach mit seinen Träumen und wußte kaum, daß
+Raschid neben ihm stand. Dieser verließ ihn endlich voll Verdruß, als
+ihm Abdallah nur durch einzelne unzusammenhängende Töne antwortete.
+
+_Abdallah_ hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, er hing glühend
+an seinen Phantasieen und Omar und seine traurige Weisheit war von
+seinen neuen Gefühlen verschlungen. -- Vordem hatte er mit Kindlichkeit
+die Tugend und sich geliebt, alle Räthsel, die vor ihm lagen, hatte ihm
+Niemand Räthsel genannt und er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem
+Abend, an welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, schien
+ihm alles Glück der Einbildung erloschen, die schöne Hülle war von der
+Natur abgefallen und er sahe nur das nackte Gerippe; er hatte schon
+daran verzweifelt, daß ihn je wieder ein Strahl aus den glücklichen
+Tagen seiner Unwissenheit anfliegen könnte, -- und itzt schmückte sich
+alles schöner als je, so zauberreich stand noch nie die Wirklichkeit vor
+ihm, so geläutert und rein hatte noch kein Gefühl in ihm geklungen.
+
+_Omar_ trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn nicht. -- Worüber denkst
+du? fragte ihn dieser. -- Über nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und
+Omar entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn sein geliebter
+Lehrer verließ, als wenn eine lästige Gesellschaft von ihm gegangen wäre;
+er überließ sich ungestört seinen Schwärmereien, wie jemand, der in
+einem schönen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. -- Was ist
+dir, mein Abdallah, sprach _Omar_ nach einiger Zeit, indem er von neuem
+hereintrat.
+
+Abdallah schwieg. -- Was hat dich so tiefsinnig gemacht? fragte ihn Omar
+mit freundschaftlicher Unruhe.
+
+Omar! stammelte _Abdallah_, sieh die Natur, die unendliche, unbegränzte,
+sieh, wie tausend Schönheiten mich anlächeln und tausend schlafende
+Empfindungen in meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen
+von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. Wie des Morgens Gluth sich
+durch die Wolken schwingt, wie die blühende Erde sich lächelnd in die
+Arme des Himmels schließt, sieh, wie alles rund umher in dem lebendigen
+Glanze schwelgt, -- o daß ich diese Göttlichkeit an mein Herz drücken
+könnte und mit Seligkeit gesättigt in den hohen allgemeinen Wohllaut
+zerfließen!
+
+Es ist nicht das, sprach der ernste _Omar_, indem er Abdallahs Hand
+ergriff, du willst deinen alten Freund hintergehen und das solltest du
+nicht. Du warst mir noch nie verschlossen, noch nie vergaßest du über
+deine Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so wie itzt, -- noch
+nie suchtest du deinen Blick meinen Forschungen zu verbergen, -- nein
+Abdallah, noch nie strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes
+zu ziehn. --
+
+_Abdallah_ sahe nieder und schwieg; _Omar_ hatte die geheimsten Geberden
+seines Geistes verstanden, er suchte daher beschämt seine Gesinnungen
+zu verbergen und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit seinen
+innigsten Gefühlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht glühte, seine Blicke
+irrten ungewiß auf den Boden umher und suchten einen Gegenstand, der sie
+fesseln könnte. -- Omar fuhr fort:
+
+Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? -- Bin ich nicht mehr
+Omar, dein Freund? Warum willst du dich mir verbergen? Entdecke dich
+mir, unsre Seelen sind sich ja verschwistert, laß mich dein Glück oder
+Unglück mit genießen oder leiden; seit wann ist Abdallah so eigennützig
+geworden?
+
+Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine heiße Thräne stieg in
+sein Auge, ein großer Seufzer erstickte seine Worte, seine Hand zitterte
+in der Hand Omars, dieser ließ sie mit freundschaftlichem Unwillen fallen.
+
+Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, so stehen Omar
+und er nicht mit einander. -- Gut, ich muß dein Vertrauen noch erst zu
+_verdienen_ suchen. -- Er wollte gehn. --
+
+Nein, nein, Omar, rief ihm _Abdallah_ heftig nach, bleib! o ich will
+ja zu dir sprechen. -- Doch was soll ich dir sagen? Wie wirst du mich
+verstehn, da ich mich selbst nicht verstehe? -- Es giebt keine Worte,
+keine Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingießen könnte,
+wie es hier in meinem Herzen strömt und lebt! -- Könnt' ich dein Herz in
+das meinige legen, deinen Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann
+würdest du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn!
+
+_Omar._ Seelen, die sich so vertraut sind, wie die unsrigen, legen in
+die Worte jene Empfindungen hinein, die keine Beschreibung ausfüllt, den
+geistigen Hauch, der sich in keinen Tönen festhalten läßt, -- darum
+werd' ich dich verstehen.
+
+_Abdallah._ Aber kann deine ernste Weisheit auch dem jungen Freunde
+verzeihen?
+
+_Omar._ So sehr kann _Abdallah_ nicht fehlen, daß für sein Vergehn keine
+Verzeihung sein sollte.
+
+_Abdallah._ Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein
+Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe.
+Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar,
+alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist
+meinem Herzen näher gerückt, ich fühle mich größer, edler, geistiger,
+-- o mein Omar, laß dir alles in einem Wort' enträthseln: _ich liebe!_
+
+_Omar._ Du liebst?
+
+_Abdallah._ O du mochtest lächeln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es
+ist nicht jenes Gefühl, das unsre Dichter so oft beschreiben, -- kein
+Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in
+seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefühl der
+Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt
+hinauszureissen; eine allmächtige Woge hat mich auf die hohe gähe Spitze
+einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurück und ich stehe
+schwindelnd über Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf
+ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, -- die Gottheit hat heut
+mein Leben von neuem berührt und durch die leisesten Töne hindurch
+zittert der allmächtige Stoß. -- Wer würde nicht dies Verbrechen mit mir
+theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen?
+
+_Omar._ Dir verzeihen, daß du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles
+Erschaffenen, das, was uns die öde Welt in einen Garten umwandelt?
+
+_Abdallah._ Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken
+Kinde; ja, es ist die schönste Vollendung des Menschen, ich fühl' es,
+Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, laß mir nur diese übrig und
+ich werde sie nicht vermissen.
+
+_Omar._ Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, -- nenne
+mir ihren Namen.
+
+_Abdallah._ Omar, du bist ein Gotteslästerer! -- Setze das Paradies auf
+die eine und _Zulma_ auf die andre Seite, und ich werde _Zulma_ ohne
+Bedenken wählen. -- Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts,
+als sie, -- mir war's, als fiele ein lächelnder Blick ihres holden
+Angesichts auf mich herab, -- o wär' es Wahrheit, ich wollte mein Leben
+gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen!
+
+_Omar._ Zulma? -- _Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?_
+
+_Abdallah_ schwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du
+die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glücklich, als
+ich nicht daran dachte, warum gönntest du mir nicht diesen lieblichen
+Betrug?
+
+_Omar._ Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich zu dieser Sonne empor
+zu schwingen?
+
+_Abdallah._ O die Liebe, die Allmächtige wird sie mir reichen! -- Der
+Verzagte verliert ewig, dem Kühnen geht das Glück selbst entgegen.
+
+_Omar._ Du stehst vor einem Abgrund, der sich zwischen zwei Felsen
+reißt, ein dichter Nebel liegt wie Land dazwischen und du trittst mit
+vertrauendem Fuß in die Luft, aber du wirst in die Tiefe stürzen.
+
+_Abdallah._ Ach Omar, ich habe dir mein Geheimniß entdeckt, kannst du
+nichts, als es tadeln, hast du keinen mitleidigen Trost, keinen Rath für
+mich?
+
+_Omar._ Und wenn ich ihn hätte?
+
+_Abdallah._ O dann wollt' ich vor dir knien und dich meinen Erschaffer
+nennen. -- Nur Hoffnung und ich bin nicht ganz elend!
+
+_Omar._ Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren --
+
+_Abdallah._ Die Unmöglichkeit soll unter das Joch den ehernen Nacken
+beugen, Gefahren will ich wie Blumen brechen und sie Zulma entgegentragen,
+ich will durch wilde Ströme schwimmen, über Abgründe springen, durch
+hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klüfte drängen, durch
+die kein Leben wandelt, wenn sie nur am Ziel der schreckenvollen Wanderung
+steht. -- O sprich! nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und
+ich will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen!
+
+Abdallah! rief _Omar_ aus, sein Gesicht war feierlich ernst, seine Augen
+durchschauten wild den Jüngling, -- heut in der Nacht will ich dich
+wieder sprechen. Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach.
+
+Unglücklicher! rief er aus, -- wo sind nun alle deine hohen, himmlischen
+Schwärmereien? Sie sind vor einem Worte wie Nebel niedergesunken,
+und eine kahle Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im
+tausendfachen Schimmer spielte. -- Welche Kette hängt an dem Worte
+_Ali_, die mich so gewaltsam von Zulma zurückreißt? Lieg' ich in den
+Staub gebunden und glänzt sie ewig unerreichbar wie ein Sirius über mir?
+-- Nein, ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt es
+kein Glück, kein Leben für mich, bei diesem Spiele kann ich nur
+gewinnen.
+
+Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn ein Gedanke
+plötzlich überraschte.
+
+Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig fort. -- Und mit deines
+Vaters Fluch, Elender, verlierst du nichts? -- O eine schwarze Ahndung
+breitet sich über meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt vielleicht
+das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich stehe hier vielleicht am
+Scheidewege, wo ich in einen dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und
+die freie helle Flur auf immer verlasse. -- Mein Vater selbst tritt mir
+in den Weg und hält mich an, mein Vater liebt mich, um mich elend zu
+machen. -- Alle meine Hoffnungen stürzen von diesem Fels zurück und
+hinter mir stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren
+mir den Rückweg. -- Omar, leite deinen Freund aus dieser Irre! --
+
+Er überließ sich seinen Gedanken, die bald den vorigen Schwärmereien
+weichen mußten, bald wieder kalt und verweisend ihre Stelle einnahmen.
+-- So träumte und dachte er bis zum Abend.
+
+
+
+
+_Achtes Kapitel._
+
+Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar und Abdallah die Stadt
+verließen.
+
+Wolken gossen sich gedrängt und düster von den Bergen herab, in hohen
+unendlichen Gebirgen aufgewälzt, wie eine dicke gewölbte Mauer hing der
+schwarze Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten über ihnen, kein
+Stern sah durch die Hülle, kein Strahl des Mondes zitterte durch die
+Wolkenwildniß: ein Regen rauschte in den nahen Bäumen, durch den fernen
+Wald wandelte der Sturm dumpf murrend, die Wächter riefen aus der Stadt
+die Stunden der Nacht, die Natur schwieg mit feierlichem Ernst und
+ein heimliches Grauen stieg von den finstern Bergen. -- Beide gingen
+schweigend und in tiefen Gedanken versunken. -- Nach einer langen Stille
+begann _Omar_:
+
+Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen unabsehbaren Finsternissen
+über uns schwebt, wir treten wie in eine unendliche Wüste hinaus. Wie
+fürchterlich verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz um
+uns her wälzt, -- sieh, wie es durch einander wogt und flieht und sich
+zerrissen jagt! -- Kaum ist ein ferner Schimmer des Mondes sichtbar,
+der unaufhörlich mit der Finsterniß kämpft, der Regen fällt in schweren
+Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch den dichten Wald, wie
+ein verlornes Kind, das in der Irre winselt.
+
+Abdallah schloß sich fester an den Arm seines Freundes, -- Omar,
+sprach er mit beklemmter Stimme, -- o diese Nacht ist das Bild eines
+unglücklichen Lebens! So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in
+die Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem Lichtstrahl
+erquickt. -- Horch! wie sich der Strom in wunderbaren Tönen an dem Ufer
+bricht! Wie verworren alles vor uns liegt, -- Omar, diese Nacht ist
+fürchterlich!
+
+_Omar._ Fürchterlich?
+
+_Abdallah._ Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefühlt, so
+einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefühlen, so losgespühlt wie
+ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare
+Gefühl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern.
+
+_Omar._ Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Träumen;
+so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das
+einsame wimmernde Plätschern des Ufers zu hören, -- o dann ist mir, als
+stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne
+unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstände, dann ist mir oft,
+als könnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung
+stillschaffend wandeln hören, als könnte mein entkörperter Blick durch
+das große Gebäude dringen und die hohe Ordnung verstehn. -- Ja, Abdallah,
+eine solche Nacht winkt der Schwärmerei, hier wohnen tausend kühne
+Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurückzittern, hier
+tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns
+dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen;
+der Spötter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift geängstigt
+nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne
+Getöse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze,
+die Kleidung fällt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem
+Schauder die unendlichen Kräfte durch einander weben und die Räder im
+ewigen Schwung sich drehen.
+
+_Abdallah._ Sieh, wie hier verloren ein Glühwurm mit mattem Fluge summt
+und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte
+Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und
+sie nicht auslöschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines
+Freundes zu verlieren. -- Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so
+armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser
+Auge muß ihn ängstlich wiedersuchen, -- und wie verlieren wir uns in
+diesem mitternächtlichen Gefilde, und diese unbegränzte Flur wird auf
+der Erde kaum bemerkt. --
+
+_Omar._ Und wie versinkt diese Erde in der Unermeßlichkeit der _Welt_?
+-- Abdallah, unser kühnster Schwung fällt lahm von dem Gedanken zurück,
+-- diese Welt, -- o vielleicht, daß für Wesen jenseit unsrer Gedanken
+dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwürmer sind, die der Erde wie einem
+Grashalm einen grünen vorüberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, -- und
+die höchsten Gedankenschwünge dieser Wesen schlagen gewiß noch nicht an
+die Gränze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer höher
+und höher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in
+jeder Hand hält sie tausend Welten.
+
+_Abdallah._ Der Gedanke stürzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die
+Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin
+ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?
+
+_Omar._ Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen
+Saiten der Laute wälzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir
+diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so
+lauter spottet ein höhnendes Gelächter unsrer Schwachheit.
+
+_Abdallah._ Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir
+verstehen ihr Winken nicht.
+
+_Omar._ Die Gottheit zieht an die große Kette des Lebens und vom
+Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle
+ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schüttelt. -- Du wirst
+Gewürme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich
+freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, -- für uns
+sind sie nur Wesen eines Augenblicks, -- auf uns lächeln vielleicht eben
+so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug
+scheint; ihr Leben scheint höhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der
+erste Sonnenstrahl aufküßt, und _diese_ verwehen doch nur wie ein Staub
+in der Ewigkeit.
+
+_Abdallah._ Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth
+emportaucht und im Auftauchen zerspringt.
+
+_Omar._ Darum sagte jener große Sänger: »Jahrtausende sind vor dir nur
+wie ein Augenblick.« -- Und doch kriechen die nichtigen Gewürme auf der
+Erde umher und nennen sich dem Ewigen ähnlich, und brüsten sich mit
+Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre
+Weisheit kennt, -- o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen
+zur Verzweiflung bringen könnte. -- Eine alberne Mummerei, wo ein jeder
+nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lügen zu strafen, -- wenn wir sie
+nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn -- so sind sie nichts
+als Knochen und verächtliche Verwesung. -- Ha! sie wollen den Ewigen
+fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lüge,
+und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht.
+
+_Abdallah._ Verachtung sei ihre Strafe!
+
+_Omar._ Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, der wieder in Staub zerfällt,
+der nichts als Staub ist, in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus
+Würmern ward und wieder zu Würmern wird, -- o des Erbarmens! mit diesem
+verläugnen sie den Finger, der seinen Namen in die Unendlichkeit
+hineinschreibt.
+
+_Abdallah._ O sie sollten verehrend niederknien, blinde Anbetung des
+Ewigen sollte ihre Weisheit sein.
+
+_Omar._ Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren Lauf vollenden und sie
+können die Lebenskraft der Schnecke nicht begreifen, ihre armselige
+Erfahrung stempeln sie Gesetze der Natur; daß die Sonne auf- und
+untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit begreiflich gemacht,
+aber daß sie einst stille stände, oder an den Gestirnen zertrümmerte,
+-- dagegen sträubt sich ihr Glaube und die Welt nennt sie _Weise_.
+
+_Abdallah._ Der blöden Thoren!
+
+_Omar._ Wir stehn unter unendlichen Räthseln, nur die Gewohnheit hat sie
+uns weniger fremd gemacht; vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis
+zur Mücke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorüber gehn? O könnten
+wir an diese Wunder allmächtig schlagen und Antwort fordern; -- aber es
+ist nur der Ton unsers Arms, der durch den Felsen dröhnt, -- sie ziehn
+vorüber und bleiben stumm. -- Wir selbst sind uns eben so unbegreiflich,
+als der Geist, der auf Mondstrahlen niederschwebend durch die Wolken
+flattert und Wälder mit einem Hauch ausrottet.
+
+_Abdallah._ O könnte der richtende Mensch von allen Wesen Rechenschaft
+fordern!
+
+_Omar._ Empfandest du nie, Abdallah, daß wenn dein Verstand durch tausend
+Stufen auf der höchsten schmalen Spitze schwindelnd taumelte, -- daß er
+dann wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehülflichkeit des Steins
+herabstürzte?
+
+_Abdallah._ Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verächtlichsten vor
+mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwäche kämpfend im Begriff sind
+ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmächtig hinsinken, und nichts
+als verworrene Gefühle davon tragen, dunkler und körperlicher als die
+unmittelbarsten, die todte Gegenstände um uns unsern Sinnen reichen.
+-- O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe
+austauschen möchte!
+
+_Omar._ Auf dieser gähen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen
+fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren
+Lüften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht über
+die nächtliche Haide wandeln; dies ist der fürchterliche Augenblick, wo
+der Verstand zwischen höherer Weisheit und Wahnsinn ungewiß hängt, ein
+Windstoß von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf
+die andre Seite. -- Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder
+nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick
+gräbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. -- Verstehst du mich, Abdallah?
+
+_Abdallah._ Ich folge deinem Geiste.
+
+_Omar._ Diesen ist dann die Binde von den Augen genommen, der Verblendete
+nennt sie Thoren, die Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch
+ihre Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner Krücken. Sie
+ergreifen die großen Zügel der Natur und lenken sie nach ihrer Willkühr,
+sie rufen Geister aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln,
+das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied von der großen
+Kette des Schicksals und lassen sie bis tief hinunter wanken. -- Die
+Weisen der Welt sehn mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt
+sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an die Handhabe der
+Natur, er hat die verborgenen aber einfachen Gesetze gesehn und er ist
+Herr der Welt, durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts
+kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet mit tiefem Sinn
+zu seinen Schülern: _Glaubet, und ihr werdet Berge versetzen!_ und sie
+glaubten und die Natur gehorchte ihnen.
+
+Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte ihn leise: Liebst du
+Zulma noch?
+
+Abdallah fuhr auf. -- Zulma? -- Du hast alles um mich her ausgelöscht,
+Omar, aber in tiefer Ferne winkt mir aus der dicken Nacht noch _ein_
+freundlicher Funke, -- ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig
+lieben. -- Ich stoße die Verächtlichkeit der Welt auf die Seite, ich
+gehe unwissend ihren Räthseln vorüber, -- diese Weisheit ist nicht für
+ein sterbliches Gehirn, -- _meine_ Weisheit sei _Genuß_, mögen Wunder
+und Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhülle mich an ihrem Busen
+und sehe sie nicht.
+
+_Omar._ Wenn dich aber nur dies Reich der Geister glücklich machen kann?
+
+_Abdallah._ Ich gehe freudig jeden Weg, der mich zu dieser Krone führt.
+
+_Omar._ Fühlst du dich stark genug für die furchtbare, zermalmende
+Vertraulichkeit?
+
+_Abdallah._ O ich will zentnerschwere Bürden mit allen ihren
+haarsträubenden Schaudern, mit allem kalten Grausen auf meinen Rücken
+nehmen, -- denn Zulma steht vor mir und lächelt und sie drücken mich
+nicht.
+
+_Omar_ ergriff schweigend die Hand des Jünglings. -- Abdallah! rief er
+laut, Abdallah! so erfahre, was du nie erfahren solltest und laß es tief
+in deinem Innern widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir sind
+die Gesetze der Welt unterthänig!
+
+Abdallah fuhr zurück und riß seine Hand aus der Hand Omars. -- Wie?
+-- Omar? -- Ha! wie eine eiskalte Hand mich fürchterlich von dir
+hinwegreißt! Omar, dieser _bekannte_ Omar mehr als Mensch? -- Er tausend
+Stufen höher als ich -- und doch derselbe, mit dem der Knabe Abdallah
+spielte? -- O fürchterlich! fürchterlich!
+
+_Omar._ So jämmerlich sinkst du unter diesem Grausen zusammen und sollst
+es nur bis zu deiner Zulma tragen?
+
+_Abdallah._ Nein, Omar, ich sinke nicht. -- So sei denn mehr als Mensch,
+laß die mächtigen Riegel der Zukunft aufspringen, und die Welt sich
+unter deinen Sprüchen krümmen, laß alle deine Kraft meinen Wünschen
+nachfliegen und aus meinen Träumen Wirklichkeit schaffen.
+
+Es sei, sprach _Omar_ langsam und ernst. -- Sie waren in ein kleines
+Felsenthal gekommen, in dem sich ein Wasserfall schäumend von einem
+Hügel goß. -- Wo sind wir? rief Abdallah aus, -- diese Gegend sah ich
+noch nie. -- Omar schlug mit seinem Stab dreimal auf den Boden und ein
+dumpfes Dröhnen und Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft dich,
+sprach _Omar_ und zugleich riß sich eine schwarze Kluft klingend in den
+Boden. -- Omar faßte die bebende kalte Hand Abdallah's. -- Hier steige
+hinab und gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort wird sich
+dir die Zukunft enthüllen.
+
+Abdallah setzte langsam den Fuß hinein und sahe seinen Lehrer zweifelhaft
+an; Eulen heulten ihm aus der Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der
+Wächter in der Stadt die Mitternachtstunde, -- Omar ließ die Hand
+Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. -- Die Erde verschloß
+sich wieder.
+
+Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne sahen durch das blaue
+Gewölbe, zuweilen noch rauschten die Bäume und schüttelten rasselnd den
+Regen von den Blättern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand gelehnt.
+
+Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar schlug auf den Boden
+-- und Abdallah trat bleich, mit verzerrten Zügen und starren Augen wie
+ein Gespenst aus der Grube, seine Knie zitterten. -- Er stürzte wüthend
+nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei ähnlich war.
+
+
+
+
+_Neuntes Kapitel._
+
+
+Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. -- Ha! rief er
+fürchterlich, welch ein bleiches Feuer schlägt über mir zusammen und
+nagt an meinen Gebeinen? -- Warum sieht das richtende Schicksal aus
+tausend glühenden Augen so fürchterlich auf mich herab?
+
+Abdallah, sprach Omar und ging ihm näher, Abdallah, der Mondschein
+umgiebt dich und die Sterne flimmern über dir.
+
+Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig untergegangen! -- Sie
+werden mich nicht wieder grüßen, -- dann ging Abdallah zu Omar, und
+sagte zu ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor Wahnsinn!
+
+Was hast du gesehen? fragte ihn _Omar._
+
+Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich das wilde Keuchen
+seiner Brust etwas besänftigt hatte, dann sprach er:
+
+Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Träumender, der laute Donner der
+zusammenspringenden Felsen weckte mich aus meinem Taumel. -- Ich tappte
+unendliche kalte, feuchte Wände hinab, eine fürchterliche Stille ging
+vor mir her, ich hörte in der entsetzlichsten Einsamkeit nichts als das
+Wehen meines Athems, der sich die Mauer hinabschleifte und das Dröhnen
+meiner Tritte. -- Meine Zähne klapperten vor kaltem Schauder, und
+ein Grausen setzte mir die Hände in den Rücken und trieb mich weiter.
+-- Plötzlich kam es mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und
+Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath empfangen wird.
+-- Donner wälzten sich durch die hallenden Gewölbe, Waldströme stürzten
+sich rauschend herab, und ein Hohngelächter borst mir von allen Seiten
+entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner Sinne betäubte und zu
+neuen Schrecknissen wieder weckte. -- Oft schwieg es und wie Flöten
+und Nachtigallengesänge flüsterte es über mir und weckte hämisch die
+Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten Herzen, -- und
+plötzlich brachen dann wieder die Donner und Siegestöne hervor, und
+das Hohngelächter schallte von neuem und jagte meine Seele zur
+Verzweiflung. --
+
+Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher und die Einsamkeit und
+Stille streckten sich wieder vor mir aus, tausend Schrecken flogen um
+mich herum und saußten mit kaltem Fittig um mein Haupt. -- Eine nasse
+Felsenwand stand vor mir, -- ich tappe zur Seite -- unerbittlich streckt
+sich mir ein Fels entgegen, -- ich stürze rückwärts, -- auch dort der
+Weg durch eine Klippe verriegelt.
+
+Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, mein Gebrüll sprang
+fürchterlich von den Felsen zurück, ich verfluchte mich und dich und
+betete von neuem in noch gräßlichern Verwünschungen. -- Plötzlich wehte
+es wie ein Wind über mir hin, es flüsterte und zischte und aus dem Felsen
+leuchteten sanfte Schimmer. -- In mannichfaltigen Verschränkungen webten
+und flutheten sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen schossen
+hin und her und leckten die Felsenmauer und rollten sich dann in eine
+große Flamme. Aus der Flamme streckte sich langsam ein weißgebleichtes
+Todtengebein hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger
+einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein zurück. -- Itzt fuhr
+das Feuer wüthend auf und ab und ein heller Sonnenschein sprang plötzlich
+aufrecht und stieß mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt sah' ich
+-- o wären meine Augen ewig verblindet! -- Hätte vor dieser Stunde mich
+der Todesengel mit seinem Schwert geschlagen, -- ich sahe, -- o verflucht,
+dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! -- den Leichnam meines
+Vaters, fürchterlich geschwollen und mit entstellten Zügen und die
+scheußliche Hand reckte sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn
+hin. --
+
+Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend auseinander und das
+schauderhafte Getön kömmt mir wieder schneidend entgegen, wie ein Heer
+von bösen Engeln, die in gräßlicher wüthender Schadenfreude mit den
+Höllenpauken die Verdammten begrüßen, -- das Hohngelächter trat
+mir wieder frech entgegen, ach! und hinter mir schleppte sich das
+fürchterliche Bild meines gemordeten Vaters, als wenn es die Hand
+ausstreckte, mich festzuhalten, -- ich flohe mit kalten Schweißtropfen
+auf der Stirn, bis mir endlich das verworrene Getöse nur wie aus tiefer
+ungewisser Ferne nachtönte. -- Ich ging durch hundert Gewölbe, ich drängte
+mich durch unendliche Klüfte, wand mich durch tausend Felsenspalten kalt
+und ohne Leben hindurch, -- und immer weiter dehnte sich mein Weg, ich
+schrie um Hülfe, mein Geschrei erklang durch hundert gewundene Öffnungen
+und verhallte wie der Wind in der Ferne, -- ich stürzte durch neue
+Felsengemächer und alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurück.
+-- Schon verließen mich meine Kräfte, schon wollt' ich mich verzweifelnd
+niederwerfen und lebendig eingegraben ein Dasein enden, das mir nur
+Qualen verhieß, -- als ein mächtiger Donner die Erde über mir auseinander
+riß. -- Dem gräßlichsten aller Tode entronnen stürzte ich der Rettung
+und dem Lichte entgegen und dankte.
+
+Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. -- Omar! Omar! schrie
+er plötzlich auf. -- Sieh! sieh! da liegt das bleiche, fürchterlich
+verzerrte Bild und sieht mich mit den todten Augen an, -- o warum hast
+du es nicht in die Kluft zurückgeschleudert, und sie dann auf ewig, auf
+ewig verschlossen!
+
+Omar antwortete nicht und sah ihn wehmüthig an. -- Abdallah stand lange
+und starrte auf einen Punkt, dann fragte er ohne sich umzusehen: -- Nur
+meines Vaters Tod kann mich glücklich machen?
+
+Das Schicksal hat es ausgesprochen, das fürchterliche Wort, antwortete
+_Omar._
+
+Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurück.
+
+
+
+
+_Zehntes Kapitel._
+
+
+Abdallah erwachte nur erst spät, fürchterliche Träume hatten ihn gequält
+und seine Kräfte erschöpft, er fuhr schreiend aus dem Schlafe auf und
+seine Augen suchten Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon früh
+sein Gemach verlassen.
+
+Er stand auf und brütete mit finstrer Seele über sein Unglück, er suchte
+umsonst nach tröstenden Gedanken. -- Wenn er an Zulma dachte, so stellte
+sich ihm der Fluch seines Vaters und das gräßliche unterirdische Bild
+entgegen, der _Freund_ Omar war ihm entrissen und dafür ein fremdartiges
+übermenschliches Wesen untergeschoben, in sich selber konnte er nicht
+zurückfliehn, denn aus seinem Innern heulten ihm tausend Ungeheuer
+entgegen, eine trostlose Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen
+und dunkle Zauberdämonen grinzten ihn in seiner schwarzen Wüste an;
+alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm gestohlen, seine Begeisterung,
+die einst für das Große und Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen
+Dämpfen erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. Für
+eine Freundesseele, der er sich hätte aufschließen können, hätte er die
+Hälfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal stieg der Gedanke in ihm
+auf, seinen Jammer in den Busen seines Vaters zu schütten und seinem hohen
+eingebildeten Glück zu entsagen, in einer beschränkten Zufriedenheit zu
+leben, und seine goldnen Träume zu verabschieden, aber dann fühlte er
+wieder lebhaft, daß er die Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten,
+nie wieder von sich abschütteln könnte, sein Elend hatte ihn so fest
+verstrickt, daß seine Lebenszeit zu kurz schien, die verwickelten Fäden
+auseinander zu lösen. Der Strudel hatte ihn ergriffen, er konnte nicht
+rückwärts, sondern mußte sich den Wogen überlassen, die ihn dürren
+Felsenmauern vorüberwälzten, Zulma war die einzige Blume, die in der
+starren Wildniß ihn mit ihren lieblichen Farben erquickte.
+
+»O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich in das Thal des
+Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich jagt das Verhängniß hinter
+mir her, nur das todte Opfer kann es versöhnen, der Abgrund gähnt
+bereitwillig unter mir und hinter mir steht das Schicksal und läßt mich
+nicht entrinnen, ich sträube mich vergebens, mein Wille ist zu schwach,
+ich _muß_ hinunter. In der Sterblichkeit ist keine Rettung und Gott
+-- o dieser Grundstein ist versunken, alles ist eingestürzt und die
+wüsten Trümmern rufen mir wehmüthig zu: _es war!_«
+
+Erst mit der Dämmerung kam _Omar_ zurück. Er fand Abdallah in
+Gedanken versunken und den Ring betrachtend, den er in der Nacht aus
+der unterirdischen Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und
+Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und sagte: Omar, -- ja
+ich erkenne noch jene Züge, die einst meinem Freunde zugehörten. -- Er
+konnte sich nicht länger zurückhalten, er fiel ihm lautweinend in die
+Arme, -- ja Omar, rief er aus, -- es war eine schöne Zeit!
+
+Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du sprichst von ihr, als
+wäre sie nicht mehr. Ich war und bin dein Freund, wandre durch das weite
+Asien und du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger liebte
+als ich. --
+
+Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O gieb mir zurück, Omar,
+was du mir genommen hast, sagte er mit klagender Stimme, als ich mit
+kindlichem, leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen
+Ahndungen ging ich der verschloßnen Welt vorüber, du hast sie mir
+aufgethan und verächtlich liegt die häusliche Armseligkeit der innern
+Natur vor mir. Die Brücke ist hinter mir eingestürzt, ich kann nicht
+wieder rückwärts. Mit sicherm Fuße stand ich einst auf diesem Ufer, der
+Triebsand schießt unter mir zusammen und versenkt mich in den Abgrund.
+
+_Omar._ Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken zu, ergreife ihn und
+rette dich.
+
+_Abdallah._ Als ich noch auf deinen Knien ruhte, mit deinem Barte
+spielte, und mich in deinen Augen lächelnd sah, -- o wie glücklich war
+ich damals! Rufe jene Jahre zurück, Omar, und ich gebe dir freudig alles
+wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die Liebe zurück, mit
+der ich dich damals liebte, da gehörtest du mir, ich dir. -- Omar, ich
+liebe dich noch, aber ein geheimes Grausen hält Wache um dich her und
+läßt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens dringen. -- Du
+stehst mir verloren in den Wolken und ich seufze zu dir hinauf, der
+Mensch kann nur den Menschen lieben, dem Gotte gebührt Anbetung.
+
+_Omar._ Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin derselbe Freund, der ich
+war, bleibe auch du derselbe.
+
+_Abdallah._ Ich? -- O von _dem_ Abdallah ist nichts mehr als der Name
+da, alles übrige gehört den bösen Geistern.
+
+_Omar._ Ermanne dich Abdallah, und vergiß die Begebenheiten dieser
+Nacht.
+
+_Abdallah._ Vergessen? -- Er zeigte auf den magischen Ring, -- o sieh
+den ernsten unermüdlichen Mahner, nein, ich werde sie nicht vergessen.
+
+Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare magische
+Charaktere eingegraben waren. -- Sieh, Omar! rief er aus, -- hier steht
+in unverständlichen Zeichen mein Unglück geschrieben, dies ist der
+Pfandbrief meines Elends, meines Vaters gräßliches Todesurtheil, der
+schwarze Gränzstein meines Lebens; -- wie eine Blutschuld hängt dieser
+Ring an meinem Finger.
+
+_Omar._ Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn ich werde dich heut noch
+verlassen. -- Du fährst zurück? Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. --
+Nur höre meine Bitte: liebe mich stets, laß keine Verläumder sich
+zwischen unsre Freundschaft drängen, ich bin dein auf ewig, dein Glück
+ist der Endzweck meines Lebens. Laß keinen Wurm der Lästerung sich auf
+die Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. -- Versprichst du mir
+das?
+
+_Abdallah._ Ja. -- Aber warum reisest du? -- Und warum gerade itzt?
+
+Davon ein andermal, sagte _Omar_, und umarmte ihn. Abdallah hielt ihn
+ängstlich fest umschlossen, er drückte ihn lange an seine Brust. -- Mir
+ist, Omar, seufzte er, als würdest du mich lange nicht wiedersehn, oder
+noch unglücklicher als itzt!
+
+Bald und glücklich, sagte Omar und machte sich aus Abdallahs Umarmung
+los, -- vergiß nicht meine Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht
+verlassen, mein Schutz soll eine Rüstung um dich legen. Verfolgen dich
+Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe diesen Ring und du bist gerettet.
+
+Bei _diesem_ Ringe soll ich an meinen Omar denken? fragte Abdallah mit
+schwerem Schmerz. Omar sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte
+gehen, er kehrte wieder zurück. -- Noch, sagte er, habe ich dir eine
+Botschaft zu bringen, die dein Herz bis oben an mit Freuden erfüllen und
+jeden Kummer ertränken muß, oder meine Freundschaft hat vergebens
+gehandelt. Höre!
+
+Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht.
+
+Zulma liebt dich! rief Omar.
+
+Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, -- o dann bin ich mit
+mir selber wieder ausgesöhnt! -- Zulma? -- Unendliche Wonne kömmt mir in
+diesem Ton entgegen! -- Zulma? -- Nicht möglich! -- So plötzlich kann
+die feindselige Wirklichkeit nicht auf die andre Seite springen! -- O
+Himmel! wie verächtlich liegen dann alle meine Klagen vor mir! -- Sie
+liebt mich? -- O nun -- nun mag das Unglück gedrängt um mich wimmeln --
+vor diesem Worte flieht alles rückwärts. -- Omar, dieser Talisman
+schützt mehr als der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun
+bin ich mehr als ein Mensch! -- _Dein Freund und Zulma's Geliebter!_ O
+wo ist der Sterbliche, der mit mir um den Rang nach der Gottheit
+stritte? -- Aber nicht möglich! -- Wie kann -- o du willst mich
+täuschen, Omar, um mich wieder lächeln zu sehn, du grausam zärtlicher!
+In eben so vielen Worten wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese
+Seligkeit enthielten. -- Omar, sprich, schweige nicht, -- in einem Worte
+Seligkeit oder Verdammniß, -- o auf Jammer bin ich nun ja schon gefaßt,
+sprich es aus: sie liebt mich nicht!
+
+_Omar._ Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, -- laß mich sprechen. Ich
+sahe in die schwarze Tiefe deines Unglücks und suchte einen goldnen
+Sonnenstrahl in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mußte die Rettung
+sein, oder du warst verloren. -- Ich eilte zu Zulma, (wie ich die
+hundert Schwierigkeiten überwand, das sei dir itzt gleichgültig) ich
+sprach von dir, sie kannte dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt,
+ohne von dir bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward
+gerührt. -- Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! Gehe mit dem
+Geständniß zu ihm zurück, daß ich keinen als Abdallah liebe.
+
+_Abdallah._ Keinen als Abdallah? -- O _nun_ erst ist mir dieser Name
+theuer, von itzt an will ich stolz werden, Abdallah zu sein. -- O Omar,
+wäre diese Empfindung nicht so übermenschlich, sie würde mich
+unglücklich machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu wünschen übrig.
+
+_Omar._ Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen?
+
+_Abdallah._ Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur die Möglichkeit, und ich
+muß, ich muß sie sehen! --
+
+_Omar._ Abdallah, laß nur die Vorsicht neben deiner Liebe gehn und die
+trunkene durch die Gefahren sicher geleiten. -- Sie selbst hat mir die
+Möglichkeit gegeben. -- Dort, jenseit des Flusses siehst du die Mauer,
+die sich um den Garten des Sultans zieht, eine alte Cipresse steht dort
+am Ufer, nach jener Stelle fahre in der Nacht, in _dieser_ Nacht, du
+wirst Gesang und die Töne einer Guitarre hören, antworte mit deiner
+Laute und übersteige dort die Mauer des Gartens -- und du findest Zulma
+allein, nur von einer vertrauten Sklavin begleitet.
+
+Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor Wonne, und Thränen
+erstickten seine Worte. -- Fort! rief er, ich kann nicht danken! --
+
+Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch
+einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so
+unentbehrlich war. -- Dann ging dieser allein mit großen Schritten auf
+und ab, er küßte seine Laute und schlug mit brennendem Entzücken in ihre
+Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdämmern wollte
+und der Nacht die Zügel der Welt übergeben, er hätte ungeduldig den
+zögernden Himmel herumrollen mögen und die schwarze Seite mit dem Mond
+und ihren Sternen heraufreißen. Dann sah er wieder nach der Mauer
+hinüber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich,
+wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinübergeschaut,
+und wie sie itzt sein Glück und alle seine Wünsche umfasse. Aus allen
+seinen Träumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm
+her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm
+untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Träume,
+Wünsche und Gedanken.
+
+_Selim_ und _Abubeker_ hatten indeß schon mehrmals ihre Freunde
+versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und
+erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und über die
+Flur seinen verderblichen Grimm auszugießen.
+
+Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede
+Art der Rüstungen in unterirdischen Gewölben verwahrt, heimliche Zeichen
+unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide
+verbanden. Ein mächtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur
+Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit
+unzerbrechlichen Fesseln zusammen. -- _Omar_ trat itzt zum letztenmal in
+ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an.
+
+
+
+
+Zweites Buch.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die Spitze eines fernen
+Berges herüber und jagte einen freundlichen Schein über den Strom;
+_Abdallah_ bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit
+auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und
+wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen,
+die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es
+war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem
+Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß sich
+itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen Lichtes über den
+Fluß aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder
+und fuhr in den glatten Strom hinein. -- Er schwamm wie in einem Meere
+von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen
+Abendwinden geneckt, die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher
+voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen
+durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen
+herum und schienen ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß
+und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die
+gestirnte Wölbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und
+nieder. Dem Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das Rauschen
+des Kahns wie Flötengesang in die süße Wellenmelodie.
+
+Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das säuselnd seine
+grünen Schwerter im Mondstrahle blitzen ließ und unaufhörlich gegen
+Abendfliegen kämpfte, die summend am Ufer des Stromes schwärmten. -- Die
+alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jüngling
+ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit
+klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's
+losreißen würde, mit ängstlicher Furcht erwartete er diesen schönen
+Augenblick; die höchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften
+Gegenstand. -- Der Schall eines Fußtrittes kam längst dem Fluß herab,
+er schloß sich dichter an den Baum; der Schall kam näher und Abdallah
+erkannte das Gesicht _Raschids_, der traurig und gedankenvoll vorüberging,
+ohne ihn zu bemerken. -- Denkend und träumend, hoffend und fürchtend
+stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und
+lächelte seine Träume an, alles flüsterte so heimlich und liebevoll um
+ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und
+beschenkte die blauen Kinder des Frühlings mit hellen kristallenen
+Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grünen
+Blättern in dem Strom umher, bläuliche Wasserschmetterlinge haschten
+sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's
+Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann
+wieder wollüstig in hohe silberne Töne hinein, die weithin durch das
+Laub der Bäume zitterten. -- Itzt -- ein freudiger Schauder fiel mächtig
+auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern,
+-- itzt erklang eine leise Guitarre über die Mauer des Gartens und sang:
+
+ Mondschein winke,
+ Welle locke
+ Den Geliebten
+ In die Fluth. --
+
+ Und der Mond winkt,
+ Und die Welle lockt, --
+ Kömmt der Geliebte
+ Durch die goldnen Fluthen?
+
+ Sprich aus deiner hohen Palme,
+ Holde Sängerin der Nacht:
+ Kömmt er durch Wellengelispel?
+ Naht er durch der spielenden Wogen Melodie?
+
+ Steht er silbern unter goldnen Schimmern,
+ Die in lichten Kreisen um ihn zucken,
+ Um die Locken eine Strahlenkrone weben?
+ Sprich ihm mit traulichem Geschwätz entgegen:
+
+ Wie ich harre,
+ Auf ihn hoffe,
+ Und die holde Nacht
+ Neben mir schlummert. --
+
+Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Geständniß der Liebenden.
+Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit
+ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel
+umarmend um die Erde. -- Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute
+und sang:
+
+ Sonne der Nacht!
+ Himmel meiner Seele!
+ Reizgeschmückte,
+ Schönheitgekrönte,
+ Ich nahe deiner Gottheit!
+
+Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich der Mauer. -- Selbst
+die leblose Natur schien ihn zu begünstigen, die Zeit hatte aus der
+Mauer viele Steine herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er
+leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit einem kühnen
+Sprunge stand er dann in dem Garten.
+
+Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, Bäume
+schienen in Bäume verschlungen. Die Winde wühlten in tausend Wohlgerüchen
+und jagten und verließen sie wieder, und die Blumen schüttelten zutraulich
+ihr Haupt gegeneinander. -- Abdallah eilt mit großem Schritt durch den
+Garten, er hat vergessen wo und wer er ist, er fliegt zu einer blühenden
+dunkeln Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, in einer schönen
+Stellung auf einen Rasensitz hingegossen und stürzt in namenlosen
+Entzückungen ohne Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. --
+
+Zulma beugte sich schüchtern über ihn. -- Abdallah! flüsterte sie leise,
+-- Abdallah!
+
+Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es zitternd auf ihr Knie.
+
+Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher.
+
+Er gehorchte. -- Und es ist wahr, rief _Abdallah_, was mir noch der
+kühnste Traum nicht gegeben hat? Es ist wahr, Zulma? -- O ich darf
+_dich_ ja nicht fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wünschen
+bestochen sein.
+
+Zulma faßte seine Hand. -- Es ist kein Traum, Abdallah, nein, so schön
+sind Träume nicht.
+
+_Abdallah._ Nein, nein Zulma, denn wenn sie es ja sind, so muß uns das
+hohe Entzücken aus dem Schlafe reissen, -- dies ist mein Trost, ja es
+muß Wahrheit sein.
+
+Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. -- Blätter säuselten,
+die Blüthen dufteten, der Mondschein schlummerte süß auf dem grünen
+Rasen, durch die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch.
+
+_Abdallah._ O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick entgegengesehn!
+-- Was hatt' ich dir zu sagen, -- und nun, -- meine Zunge ist stumm,
+kaum bin ich mich meiner selbst bewußt.
+
+_Zulma._ Wo findet die Liebe Worte? -- o Abdallah, wie glücklich machst
+du mich, -- wie haben dich seit drei Monden meine Augen nun so oft
+vergebens gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem Fenster
+erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir nachgeflogen, -- und nun
+sind alle meine Wünsche erfüllt!
+
+_Abdallah._ O wie werd' ich mich von der Quaal dieser Wonne wieder
+erholen können? Wie wird mir nun die Welt dort draussen leer und öde
+sein! -- O Zulma, könnt' ich hier, hier zu deinen Füßen sterben, daß
+mein Geist aus einem Paradiese in das andre schlüpfte!
+
+Er warf sich nieder und bedeckte die Hände Zulma's mit Küssen. -- Zulma
+beugte sich zärtlich auf ihn herab, eine Thräne, halb von Freude, halb
+von Wehmuth glänzend, trat in ihr schwarzes Auge. »Liebst du mich
+wirklich, Abdallah?« fragte sie mit der rührendsten Unschuld.
+
+O laß mich schwören! rief der trunkene _Abdallah_ aus, bei dem Hauch der
+Liebe, der durch den Garten wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel
+mit tausend goldenen Augen auf uns herabsieht, --
+
+Zulma ergriff seine Hand. -- Lügner, sagte sie leise, und dieser Ring,
+-- sie hielt ihm den Zaubertalisman an der linken Hand entgegen.
+
+Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, es war ihm, als würden
+furchtbare Gestalten aus den rauschenden Gebüschen hervortreten; er
+verschloß die Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen.
+
+Nein, sagte er betäubt, dies ist ein Geschenk der Freundschaft, ein
+heiliges Versprechen meines Glücks, ein Unterpfand, das mich deines
+Besitzes versichert. -- O Zulma mein, auf ewig mein!
+
+_Zulma._ Auf ewig?
+
+_Abdallah._ Es soll, es wird sein! -- warum würde sich alles so
+wunderbar fürchterlich an einander reihen, wenn es nicht dazu wäre? O
+das Schicksal häuft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend zu
+machen; ich werde glücklich sein!
+
+_Zulma._ Ich verstehe dich nicht, Abdallah.
+
+_Abdallah._ Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! o Thörichter, was willst du
+mehr?
+
+Er umarmte sie und drückte sich inniger an ihren Busen, sein Mund fiel
+glühend auf den ihrigen; eine Stille der Mitternacht lag um sie her. Das
+Herz sprach zum Herzen in verständlichen Schlägen, die Geister besprachen
+sich in der hohen Entzückung, -- ein heiliger Hauch wehte wie ein
+Schutzgeist um sie her, die Sterne glänzten goldener, die Natur lächelte
+mütterlich auf ihre glücklichen Kinder hin.
+
+Ein Händeklatschen aus dem nahen Busche. -- Wir müssen scheiden, sagte
+Zulma seufzend; geh zuweilen dem Pallast meines Vaters vorüber, dann
+sollen dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu mir kömmst.
+Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum Unmöglichkeit, das
+Veilchen vergebliches Hoffen, die Rose bist du, -- wenn diese auf der
+Mitte des Altans steht, dann kömmst du wieder hieher, sobald dich meine
+Laute gerufen hat. -- Sie drückte ihn noch einmal feurig an ihre Brust
+und Abdallah ging wie im Traume taumelnd zurück. --
+
+Als er in den Nachen stieg, tönte es ihm silbern aus dem Garten nach:
+
+ Walle sanft auf stillen Wellen,
+ Dich geleitet meine Seele
+ Säuselnd durch die blaue Fluth.
+
+Er ließ das Schiff vom Strome forttreiben und sang leise zurück:
+
+ Doch bei dir weilt meine Seele;
+ Wie die abgerißne Blume
+ Schwimm' ich durch die blaue Fluth.
+
+Die Töne verklangen in dem leisen Wogengeräusch. -- Der Nachen landete.
+
+Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, alle seine Gefühle
+waren zu laut angeschlagen, in seine stille enge Wohnung konnte er itzt
+nicht zurückkehren. Er eilte in's Freie, wo der Mond über das Gefilde
+ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch kleine Spalten
+blickte. -- Er überließ sich allen seinen Empfindungen, die durcheinander
+strömten. -- Das Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus
+seinen Träumen, er sahe auf und stand wieder in dem Felsenthal, wo
+Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt hatte. Vom Berge rann im
+Mondschein der Strom wie schäumendes Blut hinunter.
+
+Ein Schauder verschlang alle seine süßen Empfindungen, mit kalter Hand
+griff ein Grausen in seine Brust und zerriß das zarte Gewebe.
+
+Welche dunkle Macht hat mich hierher geführt? rief er aus. -- Der
+Jammer verfolgt mich ungestüm bis in die Wohnung der Seeligen. -- Alle
+gräßlichen Erinnerungen steigen wieder von diesen Felsen herab, es kömmt
+mir wild und zähnknirschend entgegen! -- Das Bild meines Vaters regt
+sich unter meinen Füßen und will sich zu mir emporarbeiten. -- Hinweg!
+hinweg! --
+
+Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den Bergen hinter ihm
+»Abdallah!« rief.
+
+Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er stand. -- Ein Greis stieg
+von dem Berge herab und eilte auf Abdallah zu.
+
+Wer bist du? rief ihm der Jüngling entgegen.
+
+Dein Freund, antwortete der Greis. --
+
+Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht des Alten, Abdallah hatte
+ihn schon gesehn: nach langem Nachsinnen entdeckte er, daß es eben der
+Greis sei, der in jener fürchterlichen Sturmnacht in die Arme Omars geeilt
+sei, ehe er unter der Cipresse einschlief. --
+
+Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von Palmblättern.
+
+Was soll das? fragte Abdallah erstaunt.
+
+Nimm, antwortete der Greis, -- lies und sei gerettet!
+
+Gerettet? rief Abdallah aus.
+
+Ein böser Geist, antwortete der Fremde, steht in der Gestalt deines
+Freundes Omar neben dir, nimm die Warnung des alten _Nadir_ gütig auf,
+der auch einst sein Freund gewesen ist, verlaß diese Schlange, die dich
+mit ihren giftigen Knoten umstrickt.
+
+Omar? sagte Abdallah, Omar? -- O nenne seinen Namen mit Ehrfurcht, deine
+Lästerungen werden nicht an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen.
+
+Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu lange weilen und ein
+heimliches Grauen, das von dir ausströmt, jagt mich zurück.
+
+Der Greis verschwand wieder in den Felsen. --
+
+Ein wacher Hahn krähte von einem Dorfe durch die Monddämmerung, Hunde
+heulten in der Gegend umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken
+langsam zur Stadt zurück.
+
+Er wollte noch itzt diese Blätter lesen, aber die Gefühle, die ihn
+durchstürmt hatten, hatten ihn so ermüdet, daß er nach wenigen
+Augenblicken in einen tiefen Schlaf versank.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder in dem Pallast
+Selims versammelt und man war itzt im Begriff, heimlich auseinander zu
+gehen. -- Der morgende Tag, sprach _Selim_, ist also zur Ausführung
+unsers großen Entwurfs bestimmt? -- Ihr habt es selbst beschlossen,
+es sei. -- Das Glück geht uns entgegen und reicht uns zu unsrer
+Unternehmung die Hand.
+
+Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans ein großes Fest gefeiert,
+zu dem schon alles bereitet war. Der ganze Pallast war dann in Freude
+und Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die Wachten
+vernachlässigten ihr Amt und auf dieses Fest hatten die Verschwornen
+ihren Anschlag gegründet. -- Man hatte Selims Freunde und Sklaven in
+dieser Nacht gerüstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren Schlage,
+einem jeden war zu diesem großen Augenblick sein Amt angewiesen, Rüstungen
+und Harnische erklangen dumpf in den stillen Gewölben und durch die
+Einsamkeit der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, alle Seelen
+waren stark wie die Sehne eines Bogens angezogen, schon zitterte der
+Pfeil, losgeschnellt nach seinem Ziel zu fliegen.
+
+Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dämmerung des Tages herauf,
+schon drängt sich ein blutrother Streif hervor und erinnert uns an unsre
+Unternehmung. -- Seid ihr es noch itzt zufrieden, daß heut der große
+Wurf gewagt werde?
+
+Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte sich stillschweigend an
+die Mauer.
+
+Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei!
+
+Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich _Abubeker_, denn die
+Menge hätte mich doch überstimmt, aber itzt laßt mich sprechen und
+handelt dann nach eurem Willen. -- Diese Nacht war fürchterlich, ein
+kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rücken hinabgeschlichen; mögt
+ihr mich doch einen thörichten Greis nennen, den das Alter wieder in
+die Kindheit zurückgeführt hat. -- Als Omar von uns Abschied nahm und
+aus der Thür ging, hörtet ihr da nicht aus der Ferne ein Gelächter, das
+mein Blut in Eis verwandelte? -- Hörtet ihr nicht über dem Pallast ein
+Gekrächz von Raben, die über uns, als ihre Beute hinwegflogen? Die Eulen
+winselten um das Dach und Hunde heulten vor der Thür, als wäre das Haus
+mit Leichen angefüllt. -- Mir war, als sähe ich schadenfrohe böse Geister
+mit höhnischen Gesichtern durch die Spalten der Thür sehen und einen
+schwarzen Strich durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns in
+sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den Wink des Schicksals
+bereit. --
+
+Der Morgen stieg in Säulen von Dampf empor und ein gedrängtes Heer von
+Raben flog krächzend von Osten her, und flatterte von neuem über das
+Dach des Pallastes. --
+
+Seht! rief Abubeker, -- da steigt die Unglücksvorbedeutung von neuem
+herauf! Diese Vögel des Todes krächzen uns noch einmal unser Schicksal
+entgegen. Der heutige Tag sträubt sich unwillig unter der Last, die wir
+auf ihn legen wollen; wartet auf einen günstigeren, wo uns das Glück
+seine holden Zeichen entgegensendet. --
+
+Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt zu reden anfing:
+
+Ihr tretet alle ungewiß zurück, von einer schwarzen Ahndung hart
+angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz von euch und entflieht,
+und ihr glaubt, daß auch ich zu euch hinübertreten werde und dem großen
+Entwurf Lebewohl sage. -- Abubeker, du hast das Blut aus allen Wangen
+gejagt und die Furcht sitzt auf derselben Stelle, aus welcher der Muth
+vorher thronte. Ha! wessen Auge darf sich anmaßen, in die Geheimnisse der
+Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? Wer versteht die räthselhafte
+Schrift, in der der Ewige der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie
+enträthseln _wollen_, heißt nicht den tiefen Sinn verstehen. Deine
+Ängstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; welches kühne und große
+Unternehmen wird erst auf die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen
+warten? Wer könnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz bestätigen
+müßten? Ward der Mensch darum über diese Wesen gesetzt, um vor ihnen zu
+zittern? -- Und laß diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, laß die
+Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, muß darum unser Unternehmen
+nicht in Erfüllung gehen? Wenn wir nun zugleich mit _Ali_ sterben, so
+sind wir nicht unglücklich, denn unser Tod macht unsre Freunde glücklich.
+-- Was werdet ihr bei den Gefahren thun, wenn ihr schon vor der dunkeln
+Ahndung der Gefahr zurückzittert? -- Kein so begünstigender Tag als
+der heutige wird uns wieder entgegengehn; unverzeihliche Trägheit ist
+es, wenn wir unsre Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber
+aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von unserm Vorhaben
+benachrichtigt, und dann erst haben diese unglücklichen Vorbedeutungen
+Wahrheit gesprochen. Wenn das Schicksal uns zürnt, so ist es mir
+erwünschter, noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ängstlichen
+Erwartungen zu leben.
+
+Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und die übrigen folgten
+seinem Beispiel. -- Man beschloß am Abend mit gewaffneter Hand in den
+Pallast zu dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. -- Alle
+warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen des Abends.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefühle, traurig und froh,
+drängten sich ihm mit den ersten Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen
+die ihn mit Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzückungen seinen
+Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine Dämmerung, die hundert
+Flammen durchzuckten und von der kalten Finsterniß wieder ausgelöscht
+wurden. Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, neben
+dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollüstigen Empfindungen waren
+ihm nachgeschwommen und kämpften itzt mit den Schreckenserinnerungen,
+seine Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und Seligkeiten
+wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, die bald der Schatten
+überfliegt, bald wieder ein blendender Sonnenstrahl vergoldet. -- Die
+Palmblätter lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen.
+
+Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich nicht getäuscht, die
+Schmähsucht will das Band zerreissen, das meine Seele an die deine
+knüpft, man will dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte
+Andenken meines vorigen Glückes rauben, auch den letzten Becher will man
+von meinen brennenden Lippen nehmen. -- Ob ich diese Blätter lese? Oder
+sie ungesehn in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht hat dann
+meine Freundschaft befleckt, dann kann ich ohne Scheu dem zurückkehrenden
+Omar entgegengehn und ihm den Kuß der Liebe geben. -- Verdacht? -- Himmel!
+was kann dem großen allmächtigen Omar an dem Wurm Abdallah liegen? -- Ihm
+ziemt es, von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht mir,
+-- sein Sonnenglanz sieht mit milder Güte auf mich Verlassenen herab
+-- und ich will ihm mißtrauen? Was kann er denn von mir gewinnen, das er
+nicht schon tausendfach besäße? Was kann ich verlieren, das er mir nicht
+unendlich ersetzen könnte? -- Nein Omar, dein Abdallah wird nie undankbar
+sein, du pflanzest für ihn einen Garten, dessen Kühlung ihn erquicken
+soll, und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast du mir nicht in
+dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? Das feindselige Verhängniß
+kämpft gegen deine Güte an, es fordert laut mein Elend, aber du hältst
+einen Schild vor meine Brust. -- Deinen Freund _Nadir_ hast du verloren,
+mich sollst, mich _kannst_ du nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst
+verächtlich von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese Blätter
+lesen, ich will diese Verläumdungen erfahren, um desto unzertrennlicher
+an dir zu hangen.
+
+Er nahm die Blätter und fing an zu lesen:
+
+ * * * * *
+
+Abdallah, ich beschwöre dich bei allem, was dir auf dieser Erde und
+jenseit des Grabes theuer ist, weise diese Worte nicht mit der Kälte
+zurück, mit der man einen verdächtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe
+sie tief in die Tafel deiner Seele und laß sie dort durch kein Mißtrauen,
+durch keinen täuschenden Verdacht wieder auslöschen. Zweifle in der
+ganzen Zukunft deines Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel könnten
+dich um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung ahndete,
+was je ein Geist zu erlangen strebte. O ich bin glücklich, es ist die
+edelste That meines Lebens, und der Zweck meines Daseins ist zehnfach
+erfüllt; wenn diese Blätter nicht zu spät in deine Hände fallen, der
+Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das Rohr ein Heiligthum,
+das diese Züge niederschrieb, dann kann ich dem Richter jenseit mit
+Vertrauen entgegentreten und meine Rechnung seinen Händen überliefern,
+diese That löscht alle meine Sünden in seinem schwarzen Buche aus. --
+
+Aber du möchtest mich nicht verstehen und in meinen Worten nur
+Verläumdungen finden, darum will ich zu dir wie zu einem Verbündeten
+sprechen, der schon in die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du
+stehst einmal jenseit der glücklichen Unwissenheit und es wäre Frevel,
+von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung dich vielleicht noch
+von dem Abgrund zurückreissen kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen
+Nachsinnen stehst. --
+
+Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du kniest vor einem verdorrten
+Stamm, den du für das Bild eines Gottes hältst, du verehrst in Omar
+die Macht, die über die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn auf
+der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen Abschuß vergebens
+hinaufklimmst, -- o dürft' ich ganz die Hülle von deinen Augen nehmen
+und einen Stern in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prächtigen
+Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Säulen brennend emporsteigen
+-- und vergissest, daß es nur Dampf und nichtiger Rauch ist. -- Könntest
+du ohne Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du würdest
+da verachten, wo du itzt verehrst. -- Die Mauer der Allmacht ist
+unübersteiglich, kein Sterblicher wird je in das Innere des Heiligthums
+dringen, eine unwiderstehliche Hand hält den Staub unerbittlich von dem
+zurück, was nur daurende Geister sehn und begreifen können, uns ist ein
+Feld angewiesen, wo wir über Blumen denken dürfen, jene unendlichen
+Wälder sind unserm Blick zu groß, kaum hören wir zuweilen von der Mauer
+ihr dumpfes Rauschen herüber, kein Auge wird sich je in den Garten des
+Ewigen wagen. -- Jene Kraft, die der Getäuschte für einen Theil der
+Allmacht hält, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen Augen
+schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen das hervor, was er glaubt
+vom Himmel herabsteigen zu sehen.
+
+Welcher Wurm kann sich ohne Flügel zum Glanz der Sonne aufwärts schwingen?
+Ein Strahl zittert auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein
+Gebot zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, aber es ist nichts, als
+ein Tropfen Thau's, in welchem ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel
+entgegenlächelt. Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze greifen
+und ihnen Stillstand gebieten; wer würde noch zum Allmächtigen beten,
+wenn der Hauch des Staubes die Weltendonner seiner Sprache überschrie,
+wenn ein Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwürfe und das große
+Gewebe sperrte? -- Nein Abdallah, du _glaubst_ zu sehen, was du nicht
+sehen kannst, in dir selber schlägst du die Töne an, die du aus den
+Wolken zu hören glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht zu
+Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu beherrschen, das große
+Geheimniß, vor dem du verehrend zurückschauderst, ist nichts, als ein
+gemeiner Betrug, den du an einem armseligen Künstler verachten würdest.
+
+Darum höre mich und sei was du warst, verliere den Freund und gewinne
+dich selber der Verrätherei wieder ab, sprich das belebende Wort über
+die Leichen aus und laß aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen,
+die du selbst ermordet hast; laß das schlachtende Messer inne halten
+und binde sorgsam die letzte Rose auf, die schon in der Sonnenhitze
+verschmachten will. --
+
+Mein Name ist _Nadir_, ich trete mit dem morgenden Tage in mein
+achtzigstes Jahr, traue meinem Alter, das mich bald vor den Thron des
+Richters bringen wird, wo man mir jede Lüge aufbewahrt. -- Seit meiner
+Kindheit brannte in mir eine unauslöschliche Ungeduld, alles zu erfahren
+und zu wissen, was nur in der Seele des Menschen Raum fände; als Jüngling
+schweifte ich bald mit meinen Gedanken über die Gränze hinaus, die eine
+gütige und grausame Hand unserm vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein
+Verstand wollte das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche
+durchdringen, die Schwäche der Menschheit hielt ich nur für die Schwäche
+_meines_ Geistes, meine Sinne schweiften durch alle Regionen der kühnsten
+Zweifel und der verwegensten Irrthümer, ich riß alles um mich her aus,
+und bepflanzte die leere Schöpfung dann mit den Wesen meiner Einbildung,
+ich glaubte nichts, um alles zu glauben. Alle meine Kräfte bot' ich zum
+Kampfe auf und fühlte mitten im Streit meine Schwäche, ich hatte durch
+meine Kühnheit Gott und das Schicksal verloren und doch genügte ich
+mir nicht selbst in der traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung
+geläugnet und fing nun an, an die Macht fremder Wesen und Dämonen zu
+glauben; Aberglaube und Nichtglaube berühren sich unmittelbar auf der
+Gränze, aus einem Feinde der Andacht ward ich ein Schwärmer. Von itzt
+lebte ich unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich mich
+hinandrängen wollte, die Ähnlichkeit der Gottheit schien mir darin zu
+liegen, die geheimen Winke der Natur zu verstehn, und das Unmögliche
+möglich zu machen, ich taumelte auf einem schmalen gefährlichen Wege
+durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden Hoffnungen begleitet.
+
+Auf dem Gipfel des Caucasus, hört' ich, wohne der weise _Achmed_, der
+die große Auflösung zu den Millionen Räthseln gefunden habe, den Stab,
+mit dem er an die Sonne und die Sterne reichen könne und dem sich die
+Zukunft aufthue. Ich verließ mein Vaterland, um diesen Gott zu sehen
+und sein Schüler zu werden, wenn er mich für würdig erklärte. Er nahm
+mich auf und ich überstand fünf harte Probejahre, in denen er mich
+durch tausend Mühseligkeiten zurück zu schrecken versuchte, aber meine
+Wißbegierde ertrug alle Lasten leicht und tröstete meine Ungeduld, die
+zuweilen erwachte, mit dem herrlichen Augenblick, in welchem meinen
+Augen der ewige Vorhang niederfallen würde. -- _Omar_ war wie ich ein
+Schüler Achmeds, -- der erharrte Tag erschien endlich und ich ward in
+den schwarzen Bund aufgenommen. -- Wir mußten beide dem edeln Achmed
+mit einem heiligen Eide schwören, nur durch unsre Macht Glück und Freude
+zu verbreiten, dem Elenden beizustehn, den Schändlichen zu strafen und
+so dem Ewigen ähnlich zu werden. -- Wir schwuren es und Achmeds Gewalt
+war die unsrige.
+
+Nun erst sah ich ein, daß meine Wünsche jenseit der Schranken der
+Menschheit lagen, daß das, was ich verloren gegeben hatte, mehr werth
+sei, als mein Gewinnst. Alle meine großen Hoffnungen waren hintergangen,
+ich war im Begriff mich selbst zu verachten. Tausendmal wünscht' ich
+die Vergangenheit zurück, in der ich noch nicht an die Gränze der
+menschlichen Kraft gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift
+höhnend zu den Thieren des Feldes zurückwies. Ich hatte gehofft, daß
+sich mir die Ewigkeit aufschließen würde, wo ich im Heiligsten die
+Gottheit schaute und den großen Plan der Welt sähe, den sie gezeichnet
+hat -- und ich ward vor einem Spiegel geführt, in dem ich nun meine
+eigne Verächtlichkeit sahe und eine Kunst war mir verliehen, die mir
+durch armseligen Betrug den großen Verlust nicht ersetzen konnte, eine
+Macht, die Niemand an dem Besitzer beneiden würde, wenn er nur _einen_
+Blick durch den blendenden Glanz zu werfen vermöchte.
+
+Omars Freundschaft tröstete mich in meiner Trostlosigkeit und versöhnte
+nach und nach mein Mißvergnügen, wir tauschten unsre Seelen gegen
+einander aus, und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund
+und jeder Gedanke, jedes Gefühl floß in das Wesen des Freundes hinüber.
+
+Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb allein bei meinem
+Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit und Ruhe, von der Welt
+und ihren Geschäften geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und
+der Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund Omar und wünschte
+ihn zu mir zurück. Zwanzig Jahre waren so verflossen, als ich von meinem
+Lehrer Achmed den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise
+setzte er hinzu, könnte wichtige Folgen haben.
+
+Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und fand ihn endlich hier
+wieder, an jenem Abend, als du unter einer Cipresse eingeschlafen warst
+und ein brausender Sturm dich aus deinen Träumen weckte. -- Er eilte in
+meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde des Wiedersehens; wir
+erzählten uns unsre Schicksale und Omar sprach also:
+
+»O! daß der Mensch in Seinem Busen einen unversöhnlichen Feind mit sich
+herumtragen muß, der ihn unabläßig quält! daß dies heillose Drängen unsrer
+Seele, dies Streben gegen die Unmöglichkeit uns den Genuß unsers Daseins
+raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt!«
+
+Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, die Nacht sah
+schweigend auf uns herab, die Bäume wiegten sich leiserauschend und Omar
+fuhr also fort:
+
+»Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide noch den Unterricht des
+weisen Achmeds genossen, von jenem Sturm, der unaufhörlich in dem Baum
+unsers Geistes wüthet und ihn zu zerstören droht. Kaum hatte ich von dir
+Abschied genommen, so verfolgten mich alle meine Wünsche mit erneuerter
+Wuth, mein brennender Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds
+Kenntniß nur von neuem angefacht, mein Vordrängen war vergebens gewesen,
+denn noch in dichtem Nebel eingehüllt lag der große Felsen in der Ferne,
+hinter welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fühlte mich
+eingeengt und gepreßt und war unglücklicher als ich je gewesen war.«
+
+»Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie
+Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im düstern
+Kerker erheben. _Weisheit_ war mir der edelste, der einzige Zweck des
+Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmücken könnte, ein
+Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verächtlich
+-- und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher
+wußte, daß sich hinter mir ein Abgrund reissen würde, um mir den Rückweg
+ewig unmöglich zu machen.«
+
+Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine
+Rede. -- Mein Freund fuhr fort:
+
+»Am Ende der Welt, in einem fürchterlichen Schlund, der sich zwischen
+die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfuß
+sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwänden das Grausen wohnt
+und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern
+streift, dort, -- so sagte eine alte Sage, -- wohne seit Jahrtausenden
+ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Haß der Ewigkeit
+entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig,
+ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt
+sei. -- Greise erzählten mir unter Schaudern, daß er ein höherer Geist
+gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wüste
+der Strafe der Allmacht entronnen sei, _Mondal_, so nannten sie den
+Schrecklichen und sagten, daß der große Verworfene keine Strafe bedürfe,
+denn er selber sei seine Verdammniß. Man sprach von den Wundern die er
+ehedem gethan und denen die Völker in Demuth erzittert wären, von
+gräßlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gerächt, sein
+Name war die Loosung zum Schrecken.«
+
+»_Ihn_ wollt' ich aufsuchen und mich an seine fürchterliche Größe drängen,
+hier die Flammen meines Busens kühlen, oder ein unausbleibliches Verderben
+finden. -- Ich wanderte durch die Wüsten von Afrika, ich ging über die
+hohen unermeßlichen Gebirge und näherte mich endlich der langerhofften
+Gegend. Das Gebirge lag fürchterlich aufgethürmt, wie die Mauer der Welt
+vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fuß zu flattern
+und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche
+Leere des Äthers, immer höher und höher aufgewälzt und immer furchtbarer
+und kühner aufgethürmt.«
+
+»Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hügel an die
+unbegränzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren
+Schätzen und Städten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das
+Meer unermeßlich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten
+winkte mich die Sterblichkeit zurück, sie streckte die Arme liebevoll
+nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mütterlich an ihren Busen
+hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe
+gehangen hatte. -- Aber ich ging vorwärts und ließ hier meine Menschheit
+zurück, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehörte, ich riß
+auf ewig das große Band entzwei, das mich an die Schöpfung hielt, ich
+setzte den Fuß vorwärts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die
+Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die
+Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder
+angewinkt zu werden.«
+
+»Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher
+die Natur umher, die Bäume starben aus, die Sträucher, und endlich
+erlosch auch der letzte Schimmer des grünen Grases unter meinen Füßen.
+-- Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser
+wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier
+eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, über mir und
+unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere.
+-- Bei jedem Schritte zog sich ein härterer Panzer um meine Brust, keine
+meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt
+zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon
+vergessen, daß ich einst ein Mensch gewesen sei.« --
+
+»Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermüdung geschaffen
+zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch,
+erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod
+seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und
+dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete
+mich, immer größere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefühle
+gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz
+und das Bewußtsein meines Daseins blieb mir übrig.«
+
+»Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das
+rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder
+brütete über diesem Schlund, in den sich tausend Höhlen rissen und ein
+verworrenes Gebäude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwüste,
+kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen
+grinßten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier
+selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften
+Stille.«
+
+»Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkührlich aus und der erste
+Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber
+fuhr erschrocken zurück und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten
+Schlünden.«
+
+»Die letzte Furcht faßte mich zweifelhaft an. -- Soll ich hinuntersteigen?
+fragte ich mich leise. -- Noch, noch steht mir der Rückweg offen! Noch
+darf ich selber über meinen Willen gebieten. -- Doch was soll ich in der
+Welt? -- Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hölle
+bleibt den Unbefriedigten übrig, -- ich kann nicht anders, ich würde
+nichts vom Menschen wieder rückwärts bringen: -- und zugleich stieg ich
+in das fürchterliche Thal hinab.«
+
+»Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, wie in den
+unerbittlichen Tod schritt ich hinunter.
+
+»Plötzlich fuhr ich bebend zurück. -- In einer halb dunkeln Grotte saß ein
+Greis und lächelte mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem
+Zähngeknirsch eines Ungeheuers glich. Ein weißer Bart sank bis auf seine
+Füße hinab und deckte sein Gesicht. Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen
+sahe aus seinen wilden Augen, er hatte bloß das Ansehn eines Menschen,
+um die Menschheit von sich zurückzuscheuchen. -- Sein Anblick hatte mich
+bis in das Innerste meiner Seele erschüttert und ich wagte es nicht,
+die Augen zum zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften
+Gefühlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich in meinem Busen
+aufgenommen, -- aber hier fand ich ein Wesen, vor dem meine Frechheit
+Demuth ward, alle meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflöste.«
+
+»Wer bist du? rief er mir in Tönen entgegen, wie ohne Klang und Athem;
+sie kamen zu mir, wie aus einer fernen Welt und sprachen in Accenten,
+von denen kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.«
+
+»Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber nicht begreift!
+Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen Klippen ausgezogen! -- Das
+Leben hat keinen Reiz für mich, ich will in der Wildniß meine Freude
+suchen.«
+
+»Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit einem Blicke an, der
+meine Seele mit Riesenkräften zusammendrückte.«
+
+»Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht sieht, ich sitze
+hier und faste der Ewigkeit entgegen und noch kein Staubgeborner hat es
+gewagt, mich in meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen spiele
+und Schauder mir die Zeit verkürzen. -- Was suchst du hier?« --
+
+»Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich zitternd, ich schäme
+mich ein Mensch zu sein, nimm du mich in deine Gesellschaft auf und
+vergönne, daß ich deinen Geist begreife und dir ähnlich werde.«
+
+»Er sahe mich an und lachte fürchterlich auf, daß die Felsen umher in
+ihren Wurzeln wankten. -- Vermessener! rief er dann: -- Du verläugnest
+die Menschheit und doch zeigen deine Worte, daß du ihr noch zugehörst.
+_Ein_ Funke, der von mir zu dir herüberleuchtete, würde dein Wesen
+zersprengen. Dank' es meiner Verachtung, daß mein Anblick dich nicht
+tödtet!«
+
+»Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, so bleibt mir keine
+Hoffnung übrig, als meine Vernichtung!«
+
+»Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog den Mund zum Grinsen, so
+kalt und todt wie die Felsen umher. Was _ist_, kann nicht vernichtet
+werden, die Ewigkeit hält dich fest, so lange die Zeit dauert, dauerst
+du selbst. Du kannst dich tödten und in eben dem Augenblick stehst du
+ein neues Wesen in deiner eignen Verdammniß wieder da, -- so hat es der
+Gütige dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfängt. O! wenn
+_Vernichtung_ möglich wäre, wenn wir uns selber angehörten und
+beherrschten -- o dann wäre noch Glück in seiner Schöpfung!« --
+
+»Ich fuhr mit Entsetzen zurück. -- Voll Frechheit kömmst du hierher,
+sprach Mondal weiter, und bedachtest nicht, daß dein Wesen sich nie dem
+meinigen nähern könne. -- Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht
+verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; die Gedanken,
+die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, unser Urstoff ist
+verschieden, wir können uns in keiner Empfindung begegnen.«
+
+»Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen aus, ein Wesen, das
+mich versteht? Mir ist alles verschlossen, in der ganzen Schöpfung kein
+Laut, der in mir denselben anschlüge. Vernichte dies Streben in meiner
+Brust, das mich durch alle Welten drängen würde, du verwirfst mich als
+deinen Schüler, erniedrige mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne
+Bewußtsein zu deinen Füßen windet.«
+
+»Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur hält dich gefangen!
+Ich will dir geben, was ich kann, -- aber du wirst meine Bedingung nicht
+erfüllen.«
+
+»Alles, alles, sprach ich hastig, -- nur reiß mich aus diesem peinvollen
+Dasein, mach, daß ich mich nicht verachten muß, sollt' ich mich auch
+dafür verabscheuen!« --
+
+»Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich stehe nicht über der
+Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges Geschöpf, dessen Gedanken und
+Gefühle Strahlen sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht
+zusammenfließen, sondern sich ewig zurückstoßen. Die Menschen haben von
+ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu ordnen und in ein Ganzes zu bringen,
+_meine_ Freude ist Zerstörung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten sie
+in einer ewigen Thätigkeit an Ordnung und Harmonie, Sklaven eines Herrn,
+dem sie dadurch schmeicheln wollen, Schönheit und Tugend nennen sie das
+Gebäude, das sie aufführen, für mich giebt es keine Tugend als ihre
+Laster. -- Kannst du deine angeborne Menschheit bis auf die letzte
+schwächste Ahndung ablegen und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann
+ein heiserer Mißklang dir eben so viel Freude geben, als jener Wohlklang
+dort unten, verlierst du nichts an jenem Gott dort oben, so bist du
+mein!«
+
+»Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die Hand.«
+
+»Zerstörung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch sei Vernichtung,
+jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge ihre Tugend und sei der Freund
+des Bösen, kehre in die Welt zurück und zerreiß das Gewebe, mit dem sie
+sich an ihre Gottheit knüpfen wollen, dies beschwöre mir mit einem
+großen Eid und unter diesen Bedingungen will ich zeigen, was kein Auge
+sieht. Fern ist noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit zum
+Greise wird.« --
+
+Omar hielt hier in seiner Erzählung ein. -- »Und du schwurst den Eid?«
+rief ich erschrocken aus. --
+
+»Ich schwur ihn,« antwortete er langsam und sprach dann weiter: »Es war
+ein Schwur, o, mehr ein Fluch, unter dem sich die geängstigte Erde hätte
+bäumen mögen, ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen.« --
+
+»Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, alle meine Gedanken
+waren zu Riesen aufgewachsen, die gegen den Himmel anstürmten, meine
+vorige Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefühle waren
+ehern, mein Busen Diamant.«
+
+»Ich ward in seine fürchterlichen Geheimnisse eingeweiht, Flüche
+segneten mich ein, Grausen stieg mir aus den unendlichen Labyrinthen
+entgegen und Schauder waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten
+das Ungedachte, ich war über den fernsten Gränzstein der Menschheit
+hinausgeschritten und wandelte nun, ein fremder Pilger, jenseit dem
+Leben auf der dürren Haide. -- Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurück,
+die Zukunft schloß sich meinem Blicke auf. -- Mondal zeigte mir ein
+ungeheures Buch, in welchem auf jedem seiner Millionen Blätter tausend
+Punkte gezeichnet waren. -- Dies ist mein Almanach, sagte er lächelnd,
+so viel Punkte du ausgelöscht siehst, so viele Tage hab' ich durchlebt,
+die übrigen sind die Tage, die noch bis zum letzten Tage übrig sind,
+ihre Zahl ist unzählbar; aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit
+ab, auch der letzte Punkt wird ausgelöscht und die neugeborne Ewigkeit
+wandelt über den Ruin der Welten. Bis dahin sieht mein Auge; was dann
+sein wird, ist ein Geheimniß, das ich schon seit Jahrtausenden zu
+enthüllen strebe.«
+
+»Mein Geschäft war nun geendigt und ich ging in die Welt zurück, nicht
+um zu leben und zu genießen, sondern um Genuß und Leben zu zerstören.
+Alle meine vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde
+entgegen, ich zerstörte und vernichtete, so weit nur meine Gewalt
+reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten und Flüche der Wittwen
+und Waisen, mein Weg war mit Thränen benetzt und Grabhügel waren die
+Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. -- Der Ewige hatte mich in
+ein Leben verwiesen, das ich verachtete und ich sättigte mich im Genuß
+der Rache, ihn selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine
+Geschöpfe mußten meinem Zorne büßen! Das Dasein quälte mich, wie eine
+Gewissensangst, Vernichtung war nicht möglich, Flüche nicht genug, ich
+mußte ihn _strafen_.« --
+
+»Ich kam in mein Vaterland und der Sultan _Ali_ ward mein Freund, er
+war im Begriff, seinen Unterthanen ein guter Fürst zu werden, aber
+ich lehrte ihn die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam er
+endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen zum Schrecken des
+Landes gemacht hat. Durch mich ließ er tausend Schlachtopfer fallen und
+tausend eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch _Selim_;
+Ali nahm ihm seine Schätze, Selim entflohe mit seiner Gattin und einem
+kleinen Sohne, auch die Gattin mußte sterben und ihn sein Sohn nur
+noch gewaltsam in ein quaalvolles Leben zurückhalten. -- Ich ging unter
+den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie dienstbare Henkerknechte
+liefen Schrecken vor mir her und schlugen gewaltsam jedes Gefühl, jeden
+Menschengedanken von mir zurück, -- so fand ich den armen, vormals
+glücklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner Gattin sitzend, -- da
+flog mir wie ein ferner Schein der Wunsch vorüber, wieder in den
+entweihten Menschenorden zu treten. -- In diesem unseligen Augenblick
+vergaß ich meines Amts und meines Herrn und ließ den trauernden Selim in
+den Schooß des Glücks zurückkehren, meine Macht ließ ihn einen Schatz
+finden, der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. -- O wie hab'
+ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, wie gern hätt' ich
+ihn zurückgenommen und Selim's Glück mit neunfachem Jammer ausgetauscht,
+wenn es dem Zauberer vergönnt wäre, sein eigen Werk wieder zu vernichten.«
+
+»Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu Mondals Wohnung zurück,
+ich sträubte mich vergebens gegen die drängende Macht. -- Mondal trat
+mir entgegen. Schon so früh kömmst du wieder? sagte er mit gräßlichem
+Hohnlächeln, -- du hast deine Menschheit abgeschworen, dein Vertrauen
+war so frech -- und doch kömmst du selber zurück, dich anzuklagen? Stumm
+ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen Klippenmeer, er
+spaltete einen Felsen und warf mich bis an die Hüften in die Öffnung,
+die donnernd wieder zusammensprang.« --
+
+»Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine heiße Gluth webte sich
+am Tage um mich her und nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen
+bohrten sich glühend in mein Innres und in der Nacht jagten sich kalte
+Nordwinde um mich her und bliesen mich mit ihrem Athem an, ein Panzer
+von Eis umgab meinen Körper und zerschmolz wieder an der Gluth des
+Morgens. Siedende Waldströme stürzten brausend auf mich herab und
+schmetterten spielend mein Gebein gegen hervorragende Felsenspitzen.
+Mein Geheul erklang fürchterlich den Abgrund hinab, und sprang von
+Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag kalt und ohne Mitleid
+um mich her. -- So brüllte ich vier Jahr meine Flüche und meine Bitten
+dem unerweichlichen Mondal entgegen, aber er hörte mich nicht; zuweilen
+flog er auf einer braunen Wolke über mein Haupt, sahe höhnisch auf mich
+herab, freute sich meiner Quaalen und überließ mich dann von neuem den
+unerbittlichen Martern. -- Endlich schien er gerührt, oder der alten
+Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust
+bewohnen? -- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und
+neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, aber nur unter einer
+schweren Bedingung geb' ich dich frei.« -- -- -- --
+
+Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als sich ein lautes
+Getümmel im Hofe des Pallastes erhob. -- Bestürzt eilte er an's Fenster
+-- und die furchtbaren Palmblätter entsanken seiner Hand. --
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+Säbel glänzten im Schein der Sonne und leuchteten Abdallah wie Blitze
+entgegen; in einem fürchterlichen Getümmel kämpften Selim's Sklaven mit
+der Leibwache Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit
+entblößtem Säbel stürzte er hinaus.
+
+Ein wildes Geschrei flog über den Hof des Pallastes, Ali's Sklaven
+wütheten gegen Selims bewaffnete Freunde, das Geklirre der Säbel an die
+Schilder geschlagen, rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem weißen
+Barte vor ihm, in seinem Blute gewälzt, das Geschrei und der Klang der
+Waffen schlug gegen die Mauern des Pallastes, Blut floß in Strömen,
+einige Sklaven flohen, andre stürzten todt nieder, -- und itzt sahe
+Abdallah auch seinen Vater unter einem Säbelhiebe sinken.
+
+Er stürzte sich wüthend in das Gedränge und metzelte um sich her, eine
+blinde Wuth gab ihm Riesenkräfte, er fühlte die leichten Wunden nicht,
+die er erhalten hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewühle auf und
+ab, -- eine bekannte Stimme rief seinen Namen aus, -- es war sein Freund
+_Raschid._ -- Auch du? rief Abdallah wüthend, -- auch du bist mit meinem
+Elende einverstanden? -- Nur wider meinen Willen, antwortete Raschid und
+gab ihm die Hand; rette nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh'
+er lebt noch.
+
+Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen Füßen und sahe ihn mit
+einem matten Blicke an; Abdallah ergriff ihn stark und trug ihn aus dem
+Getümmel, Raschid begleitete ihn und half den verwundeten Selim aus dem
+Hofe des Pallastes führen, alle Krieger machten dem bekannten Raschid
+Platz, weil sie den Verwundeten für einen Diener Ali's hielten; so
+brachte Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das Thor der
+Stadt.
+
+Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, heftige Gedanken
+schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen stahl sich ein Seufzer aus
+seiner Brust, den er aber seinem Sohne zu verbergen suchte.
+
+Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte sich auf einen
+Erdhügel am Wege. Sein Gesicht war bleich, seine Wunde, die Abdallah
+verbunden hatte, fing von neuem an zu bluten. -- Warum hast du mich
+nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal auf mich zürnt?
+-- Du hättest mich jenen Dolchen lassen sollen, denen du mich entrissest,
+denn ich gehörte ihnen an, von Verrätherei dem Tode verkauft. --
+
+Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner Wuth und Angst nach
+und nach zurück. Er war bis itzt in eine unwillkührliche Thätigkeit
+geworfen, er hatte nicht empfunden und nicht gedacht, über die Gefahr
+seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. -- Vater! rief er aus,
+-- o daß ich dich habe retten können, daß ich dich aus dem Gemetzel
+herausriß und dem Leben wiedergab, -- o das ist das erstemal, daß dein
+Sohn dir etwas mehr als Dank sagen kann, -- eine Stunde, wo ich dir
+durch Thaten meine Liebe zeigen könnte, habe ich so lange gewünscht,
+-- ach! und sie mußte so schrecklich, so unvermuthet kommen!
+
+Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, mein großer Entwurf
+ist dahin! -- deine Ahndung, alter wackerer Mann, hatte Recht, warum
+hörten wir nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die schönste
+Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? -- Ich habe ein großes Spiel
+gewagt, ich setzte verwegen mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus
+-- und das Schicksal rief _Selim_!
+
+Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah.
+
+O ich weiß kaum, daß ich verwundet bin! rief Selim unwillig aus, ich
+weiß nur, daß ich habe entfliehen müssen. -- O warum kann ich nicht der
+verächtliche Hund jenes müden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht?
+Er ist freier und glücklicher als ich! --
+
+Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam weiter. Oft ließ er ihn
+auf Rasenhügel sich niedersetzen und wenn er erquickt war, mahnte er
+ihn sogleich wieder zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde
+fürchtete. -- So gingen sie langsam bis zum Abend und wandten sich zu
+einem kleinen unbesuchten Nebenweg, der in einen Wald hineinführte. --
+
+Die rothen Streifen des Abends wallen durch den Himmel, sagte der Greis,
+sie wollen den trägen Selim zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu
+spät und findet nur noch meine Schande. -- O dürft' ich eure verhaßten
+Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet ihr euch in Ali's Blute!
+-- Meine Freunde sind für mich gefallen und der feigherzige Selim flieht
+und rettet ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! dessen
+Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet lag und vom Blute
+triefte! -- verzeih Abubeker, dem unvorsichtigen Freunde, der deiner
+älteren Weisheit nicht traute. --
+
+So klagte Selim auf dem Wege und hörte nur wenig auf den Trost seines
+Sohnes. -- Das Schicksal, sprach er endlich, nachdem er lange bei sich
+gedacht hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefährlichkeiten und
+mannichfaltiges Unglück, mein Muth soll vielleicht noch härter gestählt
+werden, um dann desto größere Funken zu schlagen. Der Mann muß vor
+seinem Tode nichts verloren geben, seine Entwürfe müssen ihm so
+unverletzlich sein, wie Heiligthümer, die man ihm zum Aufbewahren
+anvertraute, der nächste Tag versöhnt mich vielleicht mit dem
+heutigen. --
+
+Er ging getröstet weiter.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bäume am meisten
+verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel sich unter den verschränkten
+Zweigen herabsenkte und man kaum von der fernen Landstraße zuweilen ein
+dumpfes Getöse hörte; dort stand unter Büschen versteckt ein kleines
+ländliches Haus, das Selim sich vor vielen Jahren hatte erbauen lassen,
+um hier auf der Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz
+zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn kannten diesen Aufenthalt, kein
+Weg führte zu dieser Wohnung, nur ein Fußsteig, der sich in hundert
+Krümmungen wand und den kein Fremder auffinden konnte. Seit vielen
+Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, selbst Selim fand itzt
+den Weg dahin nur mit Mühe. Büsche und hohes Gras hatten den kleinen
+Fußsteig verschlungen, sie mußten sich durch junge Bäume drängen, die in
+einander gewachsen waren, sie verloren oft den Pfad und fanden ihn nur
+mühsam wieder, erst mit der Finsterniß kamen sie an die Hütte. --
+
+Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt und vom Regen
+durchlöchert, durch die Fenster hatten sich junge Gesträuche gedrängt
+und Epheu schlängelte sich in grünen Labyrinthen die Wände hinan,
+Heimchen nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam durch die
+Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; Eulen hatten sich auf den
+benachbarten Bäumen niedergelassen und heulten nach dem Hause hinüber.
+Der Aufenthalt begrüßte sie traurig und verfallen, wie ein kranker
+Freund, der auf dem Sterbebette Abschied nimmt.
+
+Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim ließ sich sogleich auf
+ein kleines Ruhebett nieder. -- In der Nähe rieselte eine Quelle vom
+Berge herab und Abdallah schöpfte aus dem frischen Wasser einen Trank
+für seinen entkräfteten Vater. -- Ich bin erquickt, sprach dieser, -- o
+daß ich dich noch übrig habe, daß das Schicksal dich nicht von meiner
+Seite genommen hat, das ist ein Glück, dessen Größe ich mit inniger
+Dankbarkeit verehre.
+
+Abdallah verband von neuem die Wunde Selims und bat dann seinen Vater,
+ihm zu sagen, woher dieses Unglück so plötzlich auf ihn eingestürmt sei,
+was es veranlaßt habe und womit sein Vater den Zorn Ali's so heftig
+aufgereizt habe. -- Diese Wunde, sagte Selim, die mir plötzlich so
+tödtlich geschlagen wurde, ist mir selber unbegreiflich, schon seit
+lange wälze ich alle meine Gedanken umher, dieses Räthsel zu verstehen,
+alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorübergehn, aber
+auf kein einziges Gesicht steht der Name Verräther. -- Der Himmel selber
+wirft sich mir entgegen und drängt den Strom gegen seine Quelle zurück.
+-- Dann erzählte er ihm die Entstehung der Verschwörung gegen Ali's
+Leben und nannte ihm alle Ursachen, die sie veranlaßt hatten. -- Ich
+wollte das Land glücklich machen, so schloß er, aber der Ewige will, daß
+sein Elend noch ferner dauere, er zürnt auf mich, daß ich seinen weisen
+Rathschlüssen habe vorgreifen wollen und an seine Stelle treten. Der
+Sterbliche muß nur der Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit
+Vorwitz den geheimen Plan der Gottheit zu übersehen glauben, sein Frevel
+bestraft sich selbst. -- Der Tyrann herrscht und ich beseufze hier
+verlassen mein Unglück, ohne Rath und Hülfe, ohne Freund, -- o wenn nur
+_Omar_ zurückkäme, auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte
+Hoffnung: aber wenn er auch zurückkömmt, kann er das, was geschehen ist,
+ungeschehen machen? Er kann nichts als trösten, und Trost ohne Hülfe ist
+kein Trost für mich, -- meinen Freunden wird endlich kein Dienst übrig
+bleiben, als mich in mein Grab zu legen.
+
+Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim fühlte einige Thränen heiß
+über seine Wangen fließen, er schämte sich seiner Schwäche und nur die
+Finsterniß, die die Zähren seinem Sohne verbarg, tröstete ihn etwas
+über seine Unmännlichkeit. Abdallah ergriff die Hand seines Vaters
+und drückte sie ohne zu sprechen an seine brennenden Lippen, Selim
+umarmte ihn schweigend und eine wehmüthige Stille war um ihren Schmerz
+ausgegossen. -- Durch die Fenster dämmerte ein irrer Schein der Sterne
+und eine Fledermaus schlug mit rauschendem Flügel an die äußern Wände.
+Selim sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, das sich
+durch die grünen Gebüsche brach, vom Wege und seiner Wunde müde schloß
+sich endlich das gespannte Auge und er versank in einen sanften
+Schlummer. Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem Vater und
+schien auf das Athemholen Selims zu horchen.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die Quelle in der Nähe
+plätscherte immer leiser und leiser, das Rauschen der Bäume verhallte
+immer dumpfer und Selims Athem röchelte schwach, wie der Athem eines
+Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und sahe in einer
+kalten Seelenträgheit dem wunderbaren Spiele seiner Gedanken zu. Sein
+Vater hatte den Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren die
+Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom in seine Seele
+zurückgekommen; schon hatte er alles vergessen, aber dieser Ton brachte
+ihm mit Wucher zurück, was er so gern nicht angenommen hätte, was er so
+gern auf ewig von sich zurückgewiesen hätte. -- Omar! sprach er leise zu
+sich selbst -- Omar! wiederholte er mit zitternder Stimme. Sein Geist
+wandte sich scheu vor dem Gedanken zurück, der sich unüberwindlich zu
+ihm hinaufkämpfte. -- Omar hatte die kindliche Liebe schon verloren,
+mit der er ihn ehedem geliebt hatte, seit jener Nacht, die ihn zum
+Vertrauten seiner übermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich
+seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefühl, einer Art von Anbetung
+vermischt: aber er war immer noch der Freund Omars geblieben, seine
+Liebe hatte sich gleichsam nur ein anderes Gewand gewählt, ohne ihr
+Wesen zu verändern, -- aber zu _der_ Empfindung, die itzt seine Seele
+durchschnitt, hatte bis dahin auch kein Keim, keine Ahndung in seiner
+Brust gelegen: es war nicht Mißtrauen, nicht Haß, nicht Abscheu, nicht
+Entsetzen; ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefühlen gewirkt. Ein
+Todtengewölbe hatte sich ihm aufgethan, in welchem grinsende Gerippe,
+Moder und scheußliche Verwesung in tausend gräßlichen Vermischungen vor
+ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit schadenfrohem Lächeln
+an ihm vorüber und wie in Nebel gehüllt tobten neue Furchtbarkeiten aus
+der nächtlichen Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen engen
+Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch drängen sollte, um sich
+dann in einen Abgrund zu zerschmettern.
+
+Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser Name, der einst
+meinem Vater zugehörte? der die Loosung zur Freude und zur Liebe war!
+-- Itzt ist es der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach mir
+auswirft. -- Oder war alles, alles nur ein Traum? Es kann nicht Wahrheit
+sein, unmöglich! Wie könnte so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie könnte
+so plötzlich der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben noch die
+Freundlichkeit thronte? -- Wenn Omar statt mir die Hand zu reichen, mir
+einen schuppigen Drachenhals entgegenreckt, -- wer soll mich dann aus
+der Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wänden, ein verlorner
+Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn der Ort, wo meine Seele sonst
+am liebsten verweilte, sich so plötzlich in einen Kerker umwandeln kann?
+-- Ich schwindle vor den tausend Gestalten zurück, die aus einem wüsten
+dunkeln Abgrund so drohend ihr Haupt emporheben und mir still und
+schweigend wie unversöhnliche ewige Strafen zunicken! -- Nein, so
+fürchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Träume verweben sich
+in solchen verworrenen Wolkengebilden. Wo war mein guter Engel, als
+diese Phantasieen in meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl
+verschlangen, der noch kärglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete?
+-- Wer würde dann noch zaudern und sich bedenken, aus diesem Leben
+herauszugehn, wenn es ihn mit so entsetzlichen Speisen fütterte? -- Nein,
+nein, o Verzweiflung wäre für ein solches Unglück zu wenig, es kann
+nicht Wahrheit, es _soll_ ein Traum gewesen sein! --
+
+Er schwieg, eine dunkle Stille säuselte um ihn her, in der finstern
+Nacht und der leeren Einsamkeit sahe er nichts als seine Gedanken
+schwimmen, ein Wiederhall seiner Seele wiederholte unzähligemal den
+Namen _Omar._
+
+Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. -- Ich erinnere mich der
+Stelle, wo ich jene schrecklichen Worte las, o ich weiß es zu gut, wann
+und wie es war, mein boshaftes Gedächtniß wiederholt mir mit hämischer
+Freude die gestrige glückselige Nacht und stellt mir noch einmal den
+alten _Nadir_ hin, der mir die Blätter reicht. -- Nein, es ist kein
+Traum, wenn unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum ist
+und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, der durch die
+Leere seegelt und den ein nichtiger Schein anfliegt, bis ihn ein Wind
+verweht. -- Blas't mich Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in
+tausend Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen finde!
+-- Wo Grausen und Unglück wohnen, wo der letzte leuchtende Funke
+knisternd aus der Asche springt, wo eine ewige Einsamkeit auf tausend
+Verderben brütet, -- o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort ist
+die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen seinen Streifereien
+mein müder Geist zurück, dies ist das Ziel, wo ich endlich ruhen soll,
+nach welchem mein schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles
+weicht aus meiner Bahn zurück, nur meine Verächtlichkeit bleibt mir
+übrig und die Hölle, die hinter mir ras't.
+
+Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, das unbarmherzige
+Urtheil, das fürchterliche Geheimniß ist wie ein Todtengerippe aus
+seinen verhüllenden Gewändern herausgeschritten, -- zurück, zurück von
+meinem Halse, Scheusal! -- Es klopfte ja ein Menschenherz in dir, als
+ich dich verhüllten Fremdling an meine Brust drückte, wo hast du
+Betrüger dein Herz gelassen? --
+
+Habe ich jene grausenvollen Blätter bis zu Ende gelesen und ihre ganze
+Gräßlichkeit in meinen Busen gesogen? -- Nein, nein, -- ein freudiger
+Funke glimmt in der Nacht wieder auf, die Auflösung des Räthsels ist
+noch übrig, -- ja, du wirst mir wieder geschenkt werden, mein Omar! Ja,
+der Ort kann itzt noch keine Wildniß sein, auf welchem so eben noch
+dieser freudenreiche Tempel stand. -- Ja, Omar hat sich von Mondals
+fürchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme der Menschheit
+zurückgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, er ist wieder ein Mensch
+geworden, die übrigen Blätter werden, müssen es enthüllen. --
+
+Er faßte den Entschluß in die Stadt zurück zu gehn und jene Blätter
+wieder aufzusuchen, die sein Schicksal enthielten, er bückte sich leise
+auf seinen Vater herab und hörte, ob er noch schlummere, dann verließ er
+schnell das Zimmer. --
+
+Er drängte sich durch die Labyrinthe der Gebüsche und tappte in der
+wüsten Nacht mit den Händen umher, um den verborgenen Pfad zu entdecken.
+-- Rauschend jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, die Sterne
+weinten kalten Thau herab, Sturmwinde spielten heulend im dichten Walde.
+-- Abdallah stürzte oft gegen Bäume und fuhr durch rasselnde Gesträuche,
+flimmernde Lichter führten ihn oft trügend tiefer in den Wald hinein,
+wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; endlich trat er auf die
+Heerstraße. --
+
+Er ging durch das Thor und durch die stillen Straßen der Stadt, auf der
+Brücke hatten zwei Fischer ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich
+leise. -- Abdallah stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmüthiger
+Verzweiflung an den Abend zurück, an welchem der Untergang der Sonne
+sich so schön in dem Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen
+schwammen, die für ihn mit Seligkeiten landeten, als jede Welle den
+Namen Zulma und Abdallah lispelte und mit dem Abendwinde stritt, wer
+»Zulma« am süßesten säuselte, er dachte an die Himmelsnacht zurück, als
+sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen Wonnen aufgethan
+hatte, -- er sahe nach der Gartenmauer, -- aber eine neidische Finsterniß
+warf sich vor sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im
+kalten Winde der Nacht und wankten in einer düstern Dämmerung, ein Stern
+blickte zuweilen wehmüthig hinter den schwarzen Wolken hervor und warf
+traurig einen flüchtigen Blick auf die dunkle Fluth. -- Er stand in
+tiefen Gedanken und maß sein Elend an der Größe seines vorigen Glücks.
+Das Gespräch der Fischer flüsterte leise in das Rieseln der Wellen.
+
+Wie ich dir sagte, _Sadi_, sprach der eine, auch keine Mauer von seinem
+Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglücklichen Selim
+mit den gräßlichsten Flüchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so
+fürchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nähern.
+
+Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben
+getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine
+Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.
+
+Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann,
+er hat mich vom Hungertod gerettet, er muß gewiß Ursachen gehabt haben,
+so zu handeln, denn er ist ein edler Mann.
+
+Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott über uns gesetzt und
+ihn verletzen heißt Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die
+Strafe Ali's verdient.
+
+Sie stritten noch länger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie
+hatten nichts gefangen und gingen verdrießlich nach Hause. Abdallah
+hatte ihrem Gespräche traurig zugehört und näherte sich dem Pallast
+seines Vaters.
+
+Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein großes Todtengewölbe.
+Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen
+Tritte die Wände hinabschallten, er stieß mit dem Fuß an die Körper der
+Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem
+Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und röchelte fürchterlich.
+Abdallah schritt bebend über sie hinweg und trat in die Gemächer des
+Pallastes. Alles war einsam und verödet, so still, als hätten niemals
+Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, -- itzt kam er in sein Zimmer.
+-- Mit zitternden Händen suchte er auf den Tischen und am Boden umher
+und fand die fürchterlichen Blätter nirgends. -- Wie? -- rief er aus,
+-- sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht
+einmal meinem Elende in's Angesicht sehen können? Sollte das schadenfrohe
+Schicksal mir auch selbst diese fürchterliche Freude der Gewißheit
+rauben wollen, damit meine Verdammniß in unaufhörlicher Angst bestehe?
+
+Ängstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: -- es gilt deine
+Liebe, Omar! ob ich mich mit dir aussöhne, oder nicht, hängt von diesem
+Augenblicke ab, -- jetzt weiß ich nur genug, um unaufhörliche Quaalen zu
+dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. -- Er suchte lange und
+unermüdet, endlich sprang er wüthend auf und wollte gehen, sein Fuß
+stieß an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wälzte, er streckte
+seine Hand darnach aus, -- es waren die erwünschten fürchterlichen
+Palmblätter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen
+hatte. --
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+
+Die Hände Abdallah's zitterten, als er die Blätter ergriff und mit ihnen
+durch die Gemächer zurückeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte,
+trat wieder vor seine Seele, er drückte krampfhaft die Faust zusammen
+und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flügeln
+hinter ihm herjagten, so entflohe er über den Hof des Hauses und durch
+die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. -- Nur ein
+einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhängen umher und seine
+Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie
+unruhig auf und niedergehn, er hörte seinen Namen nennen und starrte
+lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. -- Das einzige lebendige
+Licht in der großen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung
+Zulma's neben seiner Verzweiflung ließ einen wunderbaren Schein in die
+tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte
+Blume, die zu früh in einem schönen Wintertage aufbricht. Das Liebliche
+und die Gräßlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen,
+aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter
+Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf,
+aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmüthige Erinnerung
+einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte.
+
+Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm durch die schwarze Nacht
+entgegen, es war _Raschid_, sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurück
+und ging lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte ihn
+kaum, in die Verworrenheit seiner Träume verloren.
+
+Nun bin ich ganz unglücklich, begann Raschid, nun ist mir alles genommen,
+ich sehe keinen Ausweg, als die Verzweiflung. Alles, auch der letzte
+fernste Abendschein meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen.
+-- Ich bin aus Ali's Pallast entflohen und habe mich vor seiner Wuth
+gerettet, denn er hat mir den Tod geschworen, -- er glaubt, daß durch
+meine Hülfe dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er weiß, daß ich
+dein Freund war. -- Ist dein Vater gesichert?
+
+Mein Vater? fuhr Abdallah auf, -- ja! --
+
+Sei wachsam, Abdallah, antwortete _Raschid_, Ali wüthet, wie er noch nie
+gewüthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater
+lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger,
+dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrümmernden
+Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige
+Verschwörung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei für einen
+Menschen zu kühn, hat seine Rache so heißhungrig gemacht, daß nur sie
+durch Selims Tod wird gesättigt werden können. -- Dein Haus wird zerstört
+werden und ein Fluch des Himmels darüber ausgesprochen. Schütze Selim,
+denn sein Schicksal würde fürchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem
+Sultan verrathen würde.
+
+Raschid ging und Abdallah verließ die Stadt und eilte nach der einsamen
+Hütte zurück. -- Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel
+der Bäume und jagte ein nüchternes Licht durch die Schatten des Waldes,
+als Abdallah von der dunkeln Anhöhe hinunterging und sich im Waldgrunde
+der einsamen Wohnung seines Vaters näherte. -- Ich habe dich schon
+vermißt, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du
+hättest mich verlassen, denn der Elende muß jeder Furcht und keiner
+Hoffnung trauen. --
+
+Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah.
+
+Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Kräfte
+zurückgegeben. -- Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen
+Wald zu meinem Fenster drängt, um mich zu grüßen, wie der Himmel mich
+mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch
+hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber
+ich will nicht untersinken, auch dieses Unglück will ich noch auf meine
+Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mögen
+tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer
+Stimme in eine Höhle verkriechen, sondern ihnen mit Kühnheit antworten.
+Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen,
+noch einen Faden hat mir das gütige Schicksal übrig gelassen und an
+diesen will ich das Gewebe meines Glückes unverdrossen von neuem beginnen;
+wenn dieser reißt, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Händen
+werfen.
+
+Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin
+noch dein und werd' es bleiben. Laß dich von dieser Freude noch in diese
+Welt zurückhalten.
+
+Die Wunde Selims war minder gefährlich als gestern, aber er war ermattet,
+selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater,
+er brannte vor Begierde den Inhalt der Blätter zu erfahren, aber es
+war unmöglich, den Kranken, dem seine Hülfe so unentbehrlich war, zu
+verlassen. -- Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett
+seines Vaters und zündete eine Lampe an, die er in einem benachbarten
+Zimmer gefunden hatte.
+
+Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg
+aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren
+Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf
+durch das enge Zimmer eine matte Dämmerung, Abdallah zog aus seinem
+Busen die Palmblätter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle
+Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. -- Nein,
+sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurückgegeben werden, diese
+Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste fürchten, die grausamen
+Blätter werden mir ihn nicht wiedergeben, -- er las weiter:
+
+ * * * * *
+
+-- -- -- -- -- »Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung
+überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen.
+-- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie
+ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung
+geb' ich dich frei.«
+
+»Sprich sie aus, Gräßlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm
+mich wieder aus dieser Höllenpein, sprich es schnell und ich will das
+Unmögliche möglich machen!« --
+
+»Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der
+wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmächtig und ohne
+Bewußtsein, endlich kam mein Geist zu mir zurück, Mondal stand noch
+neben mir.«
+
+»Wandre zur Welt zurück, sagte er mit fürchterlicher Stimme, und nur das
+gräßlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhören zurückschaudert, kann
+dir meine Verzeihung erwerben. -- Keine gemeine und leichte That söhnt
+dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche
+deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn
+umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode übergiebt.
+Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen für dich ersinnen,
+die im Augenblick dich zermalmen und mit noch gräßlichern Schmerzen dich
+wieder in's Leben zurückreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten
+und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thätigkeit setzen. Ungestraft
+soll ein Mensch meiner nicht spotten dürfen. -- Geh zurück und lies dir
+einen Sterblichen aus, der dich löse; nach zwanzig Jahren erwart' ich
+deine Rechenschaft.«
+
+Ich ging. -- Für Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine
+Quaalen bezahlen. -- »Und dort Nadir,« rief Omar itzt mit lauter Stimme,
+-- »dort liegt mein Unterpfand!«
+
+Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen
+hatten bis itzt meine Zunge gelähmt, ich fühlte mich von Omar mit
+tausend Armen zurückgerissen. -- Dort unter jener Palme? rief ich nach
+langem Stillschweigen aus. --
+
+»Ja,« antwortete Omar, »er bezahlt die große Schuld, auf ihn bin ich
+von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache
+sättige.«
+
+Ich fuhr zurück und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir
+alles zu sagen. -- Unglücklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme,
+du schläfst und siehst den Felsen nicht, der über deinem Haupte
+zusammenstürzen will!
+
+»Nadir! mein Freund!« schrie Omar, -- »o hab' ich mich an der Menschheit
+wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern
+wäre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, -- und du willst deinen Omar
+zu unendlichen Martern zurücksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als
+dein Freund?« --
+
+Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen
+Händen! Du hast die Verdammniß angetastet, die Hölle hängt an dir!
+
+Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar riß mich gewaltig zurück, wir
+rangen einen hartnäckigen Kampf, wüthend stritten wir in hundert
+Gestalten, als Tiger, Löwen und Elephanten, unermüdet jagten wir uns
+durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine große
+glühende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben
+der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich
+mußte ich der höllischen Übermacht Omars weichen, die Donner und
+Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.
+
+Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurückgehn, er hielt dich fest und
+wachte über dich, wie ein Tiger über seine Beute.
+
+Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt,
+die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich
+her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe
+allgemach entgegenführt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die
+Tugend genommen, die Welt ist dir verächtlich, deine Leidenschaft kämpft
+gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimniß führt dich dem Wahnsinn
+entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen
+wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrämpfen; nur Zulma hält deine
+Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglückt die Natur, nur dir ist sie
+eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fährst du in den
+unvermeidlichen Strudel hinein, -- o Abdallah, Abdallah, rette dich!
+Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weißt nun deine grausenvolle
+Bestimmung; o ich beschwöre dich, glaube meinen Worten, laß keine
+blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergiß nicht seine
+heiligsten Gebote. Wenn du, mir mißtrauend, zu deinem vorigen Freunde
+zurückkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er führt dich gewiß
+endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem gräßlichen Endzweck;
+ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit kühnem Muth;
+bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir
+dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlägt
+noch für die Tugend.
+
+Ja, Jüngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich
+gestoßen hat und der sie aus boshafter Rache verläugnen will. Suche
+diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter
+Räthseln umher, aber fühltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das
+dieser Gottheit loderte? Das Gefühl der Tugend ward uns mit auf die Welt
+gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und
+es einst vollendet zurück zu bringen. Dies Gefühl das in unserm Busen
+glüht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernünftelei
+wird es je verbannen, nichts löscht diesen Glanz aus, der auch wider des
+Bösewichts Willen niedergedrückt stets von neuem in ihm aufleuchtet,
+diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere
+Richter schläft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverfälscht
+da. -- Dieses himmlische Gefühl ist der Fittig, der uns einst zum Thron
+der Gottheit hinaufschwingen wird; o lähme nicht diese Flugkraft,
+dieser Muthwille würde dich einst an jenem Tage allmächtig niederwärts
+halten. Kehre zurück und baue die wilden Trümmern wieder auf, laß
+dein Menschengefühl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der
+Thron des Ewigen wird unerschüttert stehen, wenn auch tausend Zweifel
+gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren großen Gang und kein
+Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schöpfers wird in das
+innere Geheimniß dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt
+hast, daß der Mensch höher stehe, als das Thier, das unverständig über
+die Pracht der Schöpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der
+Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefühl,
+das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, laß dir nicht heimtückisch
+dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit.
+Ein großes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne
+Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch
+der Verdammniß zueilte, durch den zärtlichsten Sohn soll der Vater
+sterben, Liebe und täuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir
+ausgeworfen, du mußt verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dämonen
+tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig
+untersinkst.
+
+Du siehst traurig auf diese Worte hin und fühlst, daß du Zulma's Liebe
+nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand
+deines Glücks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst
+nicht zurückschreiten, ohne den Fuß über den Strom zu setzen, der dein
+Glück und Unglück scheidet. -- Deines Vaters Fluch wirft sich deiner
+Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters über diese
+Unmöglichkeit hinwegführen, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber
+vertraue dich mir und ich will dich glücklich machen. Die Geheimnisse
+des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, in _einer_ Nacht soll sich
+in diesen magischen Gefilden dein großes Glück entscheiden. Ohne deine
+Menschheit zu zertrümmern, will ich dich über den Fluch deines Vaters
+hinweg, in die Arme deiner Zulma führen, diesen einen Weg, nur mir
+bekannt, hat dir das Verhängniß offen gelassen, reich' deinem Freund
+_Nadir_ die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. -- O wie leicht,
+voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am
+sonnbeglänzten Ziele die Krone des Siegers empfängst, Zulma in deinen
+Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben
+wieder abgekämpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit
+flatterndem Haar zur Hölle ihrer Heimath zurück, glänzend steht die
+Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkränzen
+entgegen. O Jüngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurück.
+-- Kannst du je selbst in Zulma's Armen glücklich sein, wenn der schwarze
+Wurm in deinem Busen ewig frißt und an deiner Seele mit giftigem Zahne
+nagt? Wenn du dir selbst unaufhörlich einen Spiegel vorhältst, aus dem
+dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Ankläger
+entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die
+bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? -- Wenn selbst die Thräne
+endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor
+deinem eigenen Schatten zurückstürzest? -- Verehre den Schöpfer und
+seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma
+nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten
+Staub und die Hülle eines leblosen Gerippes finden, laß den Vorhang
+wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen
+hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den großen Weltenschöpfer
+meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schönheit, itzt steht in jedem
+Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick muß ewig
+irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fügt,
+du klagst den Ewigen und seine Schöpfung an, weil er dich beim großen
+Gebäude nicht um Rath befragte.
+
+Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir Zulma erkaufen soll, so
+komm in der Mitternachtsstunde in jenes Felsenthal, in welchem sich ein
+Wasserfall vom Berge gießt: du mußt mit dem Geisterreich vertraulich
+werden und durch tausend Schauder unerschrocken gehen. Wenn du auch
+nicht die Möglichkeit der Auflösung begreifen kannst, so ist sie doch
+da, durch Muth mußt du Zulma gewinnen; um dein Glück in Ruhe zu genießen,
+um ewig von diesen schwarzen Dämonen der Nacht unangefochten zu bleiben,
+mußt du dich kühn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du auf immer
+ihre Furchtbarkeit von dir abschütteln. -- Geh ihnen dreist entgegen, es
+sind nichts als leere Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen
+sich zurück in ihre Nichtigkeit retten. -- In jenem Thal' erwart' ich
+dich.
+
+Den Zauberring reiß von deinem Finger, er fesselt dich unauflöslich an
+Omar und dein Elend, er ist das letzte Glied der schwarzen Kette, an der
+der Meineidige dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band
+zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehörst der Menschheit wieder
+zu.
+
+Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, der dich im
+Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; säume nicht, Abdallah, neun
+Nächte erwart' ich dich hier, kömmst du nicht, so will ich für dich
+beten.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+Abdallah hatte die fürchterlichen Blätter geendigt und sein Auge sah
+noch immer starr auf die letzten Worte hin, er verlor sich in tausend
+wunderbaren Gedanken und Gefühlen und eine stumpfe Betäubung hielt
+endlich alle seine Sinne gefangen. -- Das schwarze Buch der Nacht mit
+der goldenen Schrift war durch den Himmel aufgeschlagen, die Erde ruhte
+ringsum in einem heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte matt
+und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth des Dochtes, itzt hob
+sie sich zum letztenmale und verflog in die Finsterniß, die rothe Kohle
+zersprang knisternd und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser
+und leiser flüsterte es um Abdallah her.
+
+Nun ist es ja gelöst, sprach er endlich, das große Räthsel. O daß die
+Hölle Raum in so wenigen Worten findet! Hinweg mit dem schändlichen
+Namen Omar aus meinem Gedächtniß! Hätt' ich ihn nie nennen hören! dieser
+Name -- o ich kann diesem Gedanken nicht folgen, bei dem mein Verstand
+erlahmt -- dieser Name ist das Freudengeschrei der Hölle und doch so
+fest in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig ausreissen,
+die Vergessenheit soll ihren Fittig über ihn schlagen und dann ist es,
+als wär' es nie gewesen. Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und
+doch Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, -- ja, Omar,
+fahre wohl, ich nehme diesen Weg, fahre wohl, wir sehn uns nie wieder.
+Gehe du zu deiner kalten Verdammniß zurück, ich gehe in die Wohnung der
+Seeligen und finde dort alle jene Schätze wieder, die einst mein waren.
+Mögen die Stunden verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal
+verflucht! -- Doch still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes
+voriges Leben! --
+
+Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben durch das Fenster in ein
+Gebüsche werfen, aber plötzlich hielt er ein, -- ein Gedanke überraschte
+ihn. --
+
+Was willst du thun? fuhr er fort, -- auch das letzte Bret fahren lassen,
+das dir der Schiffbruch übrig gelassen hat? -- Hat Omar mich nicht selbst
+vor den Verläumdungen der Lästerer gewarnt? Wodurch hat es dieser
+Fremdling verdient, daß ich seinem Märchen und seiner ungeprüften
+Redlichkeit mehr glaube, als meinem längst erprobten Freunde? Ihn will
+ich zurückstoßen und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme werfen?
+Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel ein neues, noch größeres
+Elend für mich gesponnen wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum
+Eingang in das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir die
+Unmöglichkeit unter sich niederkämpfen? Wie meines Vaters Gebot mit
+meiner Liebe vereinigen? Auf welchem Wege sollen sich diese Widersprüche
+begegnen? -- Es kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, ein Fremdling
+will auf dem Thron sitzen, den mein Omar bis itzt eingenommen hat. -- Aber
+wenn es Wahrheit wäre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschöpften dann
+mein Elend? Was könnte mir dann meine Seligkeit bezahlen, die ich wie
+ein muthwilliger Knabe verspielt hätte? -- Ich will hinaus und das
+Unternehmen wagen, für Zulma ist jede Gefahr nur ein Spiel! Und dieser
+Ring hier sei mein Anker, den ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu
+verschlingen drohen.
+
+Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer und suchte durch den
+Wald den Weg nach jenem furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht über
+der Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome ruhten auf
+ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften durch den Wald und rothe
+Strahlen kräuselten sich um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter
+zogen am Horizont mit fürchterlichem Schweigen auf; aber Abdallah drängte
+sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten hindurch, er fand endlich
+die Heerstraße und das enge Thal.
+
+Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme freudig entgegen, o
+glücklich, daß du meiner Einladung gefolgt bist. Nadir stieg schnell von
+einem Felsen herab und eilte ihm entgegen. -- Wenn ich dich retten kann,
+Abdallah, so bin ich glücklich, dein Geist ist edel, dein Herz sanft und
+so tief zum schändlichsten Verbrechen solltest du herabsinken? In dir
+fließen tausend Quellen der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen
+entgegenrauschen?
+
+Abdallah reichte ihm zagend die Hand. -- Ich will mich dir vertrauen,
+rief er aus, ich will dir glauben, so gern ich dir nicht glauben möchte.
+-- Zeige mir den Weg zu meinem Glücke!
+
+Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, sagte Nadir, aber
+laß dich von keiner auf deinem Wege zurückhalten, es sind nur leere
+Gebilde, die wie ein Rauch um dich wehen und sich wieder in Nichts
+verwandeln; wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so bist
+du nur von einem schweren Traum erwacht. Um nie wieder vom Geisterreich
+und seinen Phantomen im Glücke beunruhigt zu werden, mußt du durch das
+ganze magische Gefilde wandeln; laß dich von keiner Furcht überraschen,
+denke unaufhörlich daran, daß es dein Glück oder Elend entscheidet, wenn
+du zitterst, oder sie muthig verachtest. --
+
+O laß mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, laß mich mein
+Glück erjagen und mich tausend grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei
+mein Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildniß in meiner Fahne tragen und
+mich kühn durch alle Schrecken kämpfen. --
+
+Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. -- Plötzlich
+sank unter ihren Fußen die Erde ein und sie standen in einem weiten
+unabsehlichen Felsengewölbe. Eine matte Dämmerung goß sich durch das
+Steingemach aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein bleicher
+Schimmer und fluthete in grünen Strahlengeweben durcheinander, ein
+betäubender Duft wälzte sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie
+ein Nebel, oben lag eine schwarze Finsterniß, eine Mauer, durch die kein
+scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. Ein leises Brausen rauschte
+wie ein Gespenst in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen Strahlen
+und verflogen wie sinkende Sterne.
+
+Vergiß meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, laß dich nicht
+täuschen, sondern gehe kühn durch jene Gestalten, die sich dir mit allen
+Schaudern entgegenwerfen werden. So ungestalt und wunderbar, in so
+seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit verkleiden mag, so
+vergiß nie, daß es nur Dünste sind und keine Wirklichkeit, daß alles
+ohne Gewalt um dich herum spielt und nicht an dich hinandringen kann,
+ein eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, laß die Wesen daran
+vorüberrauschen, so lange dein Muth dich aufrecht hält, können sie dir
+nicht schaden. --
+
+Und wann, fragte Abdallah, wann ist mein Glück entschieden? --
+
+Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, lös't sich alles auf;
+gewinnst du das Kleinod, so ist es dein vor dem Aufgang der Sonne, so
+kömmt dir dein Vater und Zulma mit der Morgenröthe entgegen und bringt
+dir deine verlorne Ruhe wieder. --
+
+Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend, nur ein Wink meinem
+Geiste, wie dieses schwere Räthsel aufzulösen möglich sei. --
+
+Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem Blick, denn sähest
+du in der Tiefe der Ungewißheit den Nachen der Zukunft schwimmen, dränge
+dein Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du hinuntersteigen
+sollst, o so wäre dein Unternehmen kein Kampf, vor dem man zurückzagen
+könnte, das Verdienst des Wagens ginge unter und Abdallah wäre ein
+falscher Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein großes Glück
+abgewönne.
+
+Er schwieg und ließ dann unwillig die Hand Abdallahs fahren. -- Aber du
+traust mir nicht, setzte er mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir
+dieser Ring. -- O möge dich dies Mißtrauen nie gereuen! -- Itzt lebe
+wohl. --
+
+Er ging zurück und verschwand plötzlich in die Felsenwände.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewiß, ob er noch itzt den Ring
+vom Finger reissen solle, oder nicht, er versuchte es, aber der
+Zauberring klemmte sich fest und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah
+ging mit langsamen Schritten vorwärts.
+
+Das Gewölbe schloß sich immer dichter hinter ihm zu, als wenn es
+ihm den Rückweg zur Welt versperren wollte, gewaltsam hielt ihn die
+Unterwelt in ihren Armen, lebendig eingegraben war ihm zum Tage
+durch tausend Klippen die Rückkehr verriegelt, vor ihm eine schwarze,
+undurchdringliche Nacht, unter bangen Räthseln und Erwartungen gefangen,
+war er oft im Begriff, sich umzuwenden und den Rückweg durch die
+Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder an jene
+unterirdischen Gewölbe, zu denen ihn Omar hinabgesandt hatte, er sahe
+den Leichnam seines Vaters vor sich liegen und ging weiter, indem er
+laut den Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterniß drängte.
+
+Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den Wänden herab und die
+Dunkelheit wuchs immer dichter zusammen, endlich versank der letzte
+Strahl und eine schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken
+nieder. -- Die Felsenmauern endigten sich und er trat in ein großes
+unendliches Gefilde, über das ein dürrer Wind hinwehte. -- Er athmete
+bange empor, drückend lag die Finsterniß auf ihm gewälzt, er ging wie
+ein Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, das auf
+dem öden Schlachtfelde in stiller Nacht seinen Leichnam sucht, er wagte
+es kaum, Athem zu holen und den Fuß hörbar aufzusetzen, eine Stille, so
+einsam und todt lag um ihn her, daß er den Wurm vernahm, der durch das
+erstorbene Gras mit knisterndem Fuße ging. Bei jedem Schritt verschlang
+ihn eine dickere Dunkelheit, bei jedem Fußtritt glaubte er in ein neues
+Grab zu treten, das über seinem Kopf zusammenschlug; wohin er auch das
+bange Auge warf, stand die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte
+mitleidig durch das schwarze Gewölbe, kein Funke erglühte und warf sich
+durch das Dunkel, selbst kein Laut trat freundschaftlich seinem Ohre
+nahe, ihn zu trösten. --
+
+In dumpfer Betäubung wandelte er durch die dunkle ausgestorbne Leere,
+als er plötzlich an der fernsten Gränze der Finsterniß ein blaues Licht
+entdeckte, das wie eine kleine Sonne grüne Strahlen um sich warf, in
+hundert Krümmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. Die Nacht
+sog begierig den Schein in sich und zitterte dämmernd und ungewiß um
+die ferne Helle. -- Abdallah ging mit erneutem Muthe dem Lichte näher,
+das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. -- Schon sah er
+deutlicher den Weg unter sich, schon zog die Dämmerung immer schneller
+von seinen Augen hinweg, -- als er vor einem Pallaste stand, aus welchem
+ihm das Licht entgegen glänzte. Ein breiter Fluß rauschte dem Schlosse
+vorüber und eine Brücke führte zum Eingang des Pallastes. -- Der Strom
+floß still und schwermüthig hin, seine Wellen murmelten leise wie das
+Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer klagte ihnen in wimmernden
+Tönen nach.
+
+Abdallah betrat die Brücke, lehnte sich gedankenvoll auf das Geländer,
+und betrachtete den Funken, der vom Pallaste her sich in trüben Streifen
+in den Wogen spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg und
+wollten den tröstenden Schein mit sich hinwegwälzen, aber hartnäckig
+sprang er wieder von dem Rücken der Woge herunter und sie floß weinend
+und klagend weiter. --
+
+Er verließ die Brücke und sie zog sich hinter ihm auf; Abdallah fuhr
+zusammen. -- Jedes Grausen stieß ihn vor sich her, übergab ihn dem
+benachbarten Schauder und sprang dann von ihm zurück, wie ein Felsenstück,
+das ein Wasserfall von der höchsten Spitze des Berges reißt; eine Klippe
+wirft es spielend der andern zu, ein Abgrund dem andern, _zurück_ führt
+es kein Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich nicht herab,
+um es wieder aufwärts zu tragen. --
+
+Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; über der Thür waren diese
+Worte geschrieben:
+
+ »Wanderer, der du über den Thränenstrom gegangen bist, sieh hinter
+ dir, der Rückweg ist unmöglich, nur durch diesen Pallast geht der
+ Pfad der Rettung. -- Fühlst du aber keinen Muth in deinem Busen,
+ so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter
+ der Thür.«
+
+Abdallah trat in das große Thor und sein Fußtritt hallte laut in den
+hohen Gewölben, wunderbare Töne kamen ihm entgegen, flogen über ihn
+hinweg und streiften die Mauer, die Gebäude schienen den Fremdling
+staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen Lauten
+wimmelte um ihn her. -- Er ging über den gepflasterten Hof, jeder
+Schritt hallte dreifach an den unermeßlichen Wänden, auf denen sich die
+Nacht zu stemmen schien. Er ging durch eine Thür und trat in ein dunkles
+stilles Zimmer, er ging durch das Gemach hindurch, um eine andre Thür zu
+öffnen, die ihn auch in ein leeres unerleuchtetes Gemach führte, das
+Grausen schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war still wie
+ein Grab. -- Er eilte mit leisen Schritten und verhaltnem Athem durch
+viele Gemächer, und alle fand er leer, endlich eröffnete er eine Thür
+und ein schwacher Schimmer brach ihm entgegen.
+
+Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die es erleuchtete wie der
+Mond durch schwarze Wolken das Gefilde, alles war still und feierlich
+umher, ein betäubender Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag ein
+Greis und schlief, sein silberweißer Bart fiel ehrwürdig auf seine Brust
+herab, seine Füße ruhten auf einem kostbaren Teppich. Er glich dem
+Propheten Gottes an Majestät, Engel wären vor ihm niedergekniet. --
+
+Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und betrachtete den
+schlummernden Greis; der Schlaf schien sich mit Wohlgefallen über ihn
+zu neigen und ein Traum ihm den Himmel aufzuschließen, er lächelte im
+Schlaf, und Abdallah fühlte, daß sich Thränen heiliger Ehrfurcht und
+Anbetung in seine Augen drängten.
+
+Endlich trat er näher, und eine leise Musik schwebte wie ein Abendnebel
+vom Boden empor und wiegte sich zitternd durch die Dämmrung, wie ein
+Duft stieg sie auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewölbe
+und quoll von neuem in süßeren Melodieen auf; Wohllaut ergoß sich auf
+Wohllaut, wo kleine Wellen sich im Mondschein übereinanderjagen, von
+wankenden Blumen angerührt; jeder Ton schwamm so süß hinüber, wie der
+letzte sterbende Klang der Flöte, jeder Ton schien den Wonnegesang zu
+schließen, und immer neue Accente gossen sich aus, wie ein stiller Quell,
+der sich unaufhörlich aus der Wiese hervordrängt. Heilige Wollustschauer
+zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor sich in den
+entzückenden Melodieen.
+
+Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, und sich immer
+größer und größer ausdehnt, bis sie endlich zerspringt, so hob sich itzt
+der Greis von seinem Ruhebette langsam und nach dem Fluß des Gesanges
+auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem zurück und erhob sich von
+neuem, seine weit ausgestreckten Arme schienen sich von dem gewundenen
+Körper loszureissen, seine Züge und seine Gestalt waren nicht körperlich,
+er glich einem leicht gewundnen Nebel, -- endlich öffnete er die Augen,
+es war, wie wenn der erste Strahl des Morgens durch den nächtlichen
+Rauch bricht.
+
+Wer schlägt den heiligen Talisman an, sprach er leise und langsam, und
+erweckt mich vom Schlummer? Die Melodie zerreißt das goldene Netz, das
+ein schöner Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kömmt über den
+Fluß zurück, der die Erde und den Himmel scheidet. Wer ist es, der die
+große Glocke anzieht, die mich zu erscheinen zwingt?
+
+Abdallah schwieg. -- Ha! bist du es Jüngling, fuhr der Greis freundlich
+fort, auf den ich hier schon so lange harrte? Glücklich, daß du mich
+gefunden hast. -- Ich will deinem Blicke das Reich der Weisheit
+aufschließen, du sollst in die Tiefen der Erkenntniß dringen, ich will
+dir eine Leuchte geben, und du sollst in die finstern Schachten steigen,
+um Gold von schlechtem Erze zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will
+ich dich begleiten und in den Sonnentempel der Tugend führen, dich
+dem Glanzthrone der Gottheit näher bringen, du sollst den Blick in
+die flammenden Meere wagen und sehen, was nur der Cherub sieht.
+
+Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein innerer Krampf schien
+ihn heftig zu erschüttern, wie Meereswogen sank und stieg sein Busen
+ungestüm, eine wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und gewaltig
+seine Seele gegen die Mauern seines Körpers zu schleudern.
+
+Tugend? rief er geängstigt, -- o wo geht der Strahl auf, nach welchem
+die Menschheit so ungestüm sich drängt? -- Wo ist der Grund, auf dem der
+Thron der Gottheit ruht? --
+
+Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller Wesen heißt _Genuß_!
+-- Was kann der Staub, den das Ohngefähr im Spiele modelte und zum Scherz
+in die Wirklichkeit warf -- wie kann er sich so trotzig aufrichten und
+nach den Sternen als seinen Brüdern die Hand ausstrecken? -- Wie kann er
+vermessen den ewigen Richter auffordern, um sich auf der untrüglichen
+Waage abwägen zu lassen? -- Er geht im Trotze zur Verwesung zurück und
+träumt von Unsterblichkeit; ein herrschsüchtiger Sklave, der sich von der
+eisernen Kette des harten Nichtseins losgerissen hat, und verächtlich den
+Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner engen Höhle an das Licht
+verirrt hat und sich für den Herrn der weiten Schöpfung hält. -- -- Ein
+Wesen, das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch mehr zu
+brüsten; sein Name ist Verächtlichkeit, er gehört der Verwesung, die
+Elemente arbeiten an seiner Zerstörung, sie senden den Stolzen zurück,
+woher er gekommen ist, die Erde läßt sich unerbittlich die Schuld wieder
+bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner entronnen.
+
+Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen Busen den Gedanken der
+Gottheit beherbergen? Sie fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben
+ihm entgegen, wie die Mücke, die der Sonne zufliegen will und sich am
+Schein der Lampe verbrennt: sie glauben und können ihn nicht begreifen,
+sie drängen sich einander in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen
+wohin, alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt
+wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube ohne Überzeugung.
+
+Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht ihn vergebens,
+tausend Ewigkeiten sind verflossen, die Welten rollen sich durch die
+Unendlichkeit, und sehen ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kömmt
+nicht. Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung?
+
+Das Kochen seines Busens ward wüthender, er schlug heftig an seine
+Brust. Sein Kopf drehte sich gewaltsam hin und her, und seine Augen
+glühten und schwangen sich herum wie Feuerräder. -- Ein Grinsen
+fletschte plötzlich aus seinem Munde hervor, er brüllte und hielt dem
+bebenden Abdallah ein knirschendes Lächeln in starrer Wuth entgegen.
+Abdallah fuhr mit einem lauten Schrei zurück, denn in der Nebelgestalt
+wankte es hin und her wie _Omars_ Gesicht. --
+
+Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch einmal. Genuß ist die
+Tugend des Menschen, er selbst sein Gott, die Kette des Schicksals ist
+zertrümmert, ein blindes Ohngefähr streckt durch die Welten die eherne
+Hand aus, -- alles ist Staub und Würmer, die Verächtlichkeit thront in
+der Schöpfung!
+
+Vatermörder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt heraus, dein Vater
+wirft sich deinem Glück entgegen, -- Vatermörder! Stoß ihn nieder und
+sei mir gegrüßt! --
+
+Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen Abdallah aus, der mit
+zitterndem Knie aus dem Zimmer entfloh. Ein kalter Schauder goß sich
+über seinen Körper aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schweiß
+benetzte seine Stirn.
+
+Er sammelte seine Kräfte und ging dann langsam weiter. Viele Gemächer
+und Säle öffnete er und ging hindurch, alle standen leer in wüster
+Dunkelheit, von einem heimlichen Grauen durchsäuselt. -- Er kam an eine
+Thür, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen drängten. -- O es
+ist fürchterlich, sagte er leise, eine unbekannte Pforte zu öffnen und
+zu wissen, daß mir Schrecken entgegenspringen.
+
+Er öffnete die Thür furchtsam und fuhr mit einem krampfhaften Schauder
+wieder zurück. -- In einem großen hellerleuchteten Saal wütheten stumm
+und ohne begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten
+tanzend auf und ab. -- Ein Riesenkopf mit verzerrten Zügen wankte auf
+zwergartigen Körpern schrecklich hin und her. Sie verschlangen sich in
+wilden Gruppen und stürmten wie Meereswogen stumm durch den Saal, sie
+rauschten immer schneller und ungestümer vorüber, die Flammen der Kerzen
+zitterten. -- Vatermörder! schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und
+riß ihn in den Saal in die Mitte der schwärmenden Ungeheuer, man führte
+ihn taumelnd in den fürchterlichen Reigen, und eine Unholdin warf ihn
+der andern zu, im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und ab, die
+Tänzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander, mit lächerlicher
+Entsetzlichkeit wälzten sie sich um einander her und hüpften mit
+fürchterlichen Geberden. -- Dies ist deine Hochzeit, raunte ihm eine
+schreckliche Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen;
+eine andre trat leise hinzu und flüsterte: siehe rückwärts, deine _Zulma_
+steht hinter dir. Abdallah wandte sich schnell, und ein gräßliches Wesen
+stand hinter ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an,
+alle ihre Züge waren fürchterlich verzerrt. -- Sie reichte ihm eine
+lange dürre Todtenhand, und Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit
+lautem Gebrüll, schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem
+Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang. --
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+
+Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die schwache Mondstrahlen
+durch finstre Wolken nur mit einer einschleiernden Dämmerung erhellten.
+Ein schneidender Regen wehte ihn an, über das einsame Gefilde wehte
+traurig ein lauter Wind. Wie ein verschüttetes Grab fiel es hinter ihm
+zu.
+
+Unbekannte Wesen schauerten ihm vorüber und entflohen eiligst, Gestalten
+gingen vorbei und schienen ihn mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten,
+er war in eine Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden
+Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter Fremdling.
+
+Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche Schrecken stehn noch im
+Hinterhalt und lauern auf ihre Beute? Welche Schauder sollen noch in dem
+Mark meiner Gebeine wühlen? Meine Wünsche reichen zur Welt nicht zurück,
+die Gedanken, die ich von dort mitnahm, sind an dem gräßlichen Thor
+angehalten, Grausen umgiebt mich, alle meine Gefühle zerschmelzen in
+Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In eine ungeheure Wüste
+hinausgestoßen, begrüßen mich nur die Ungeheuer der Nacht. -- Über
+welche Steppen soll mein Fuß itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung
+streckt es sich vor mir aus, wo noch das wilde Chaos ungeordnet liegt
+und die Zeit nicht in die Tiefe hinabsieht, wo alle trägen Elemente im
+Todtenschlafe liegen und Leben und Verwesung sich umarmt, wie eine
+Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht nicht hörte, aufgespart,
+um eine Hölle hier aufzubauen.
+
+Er ging über eine große Haide, von einer schweren Bangigkeit gedrückt,
+von jedem Trost feindselig zurückgestoßen, von jedem erquickenden
+Gedanken abgewiesen. Endlich hörte er aus der Ferne einen Gesang, wie
+von Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und Todesschmerzen
+den letzten Schrei ausbrüllen; es glich dem Gerassel eines Wagens, der
+zerschmettert von Felsen stürzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf
+Klippen zerspringt:
+
+ Wir sind des großen Hauses
+ Gewaltge Wächter. --
+ Das Thor ist Verzweiflung,
+ Der Eingang Wahnsinn,
+ Jammergeschrei,
+ Schaudergebrüll
+ Sind die jauchzenden
+ Wonnegesänge,
+ Die aus der Wohnung
+ Dem Fremdling tönen. --
+ Ewig! Ewig!
+ Sieht der Gequälte
+ Marterzermalmte
+ Mit schwerem Ächzen
+ Nach der letzten Quaal.
+ Aber sie kömmt nicht,
+ Aber sie naht nicht,
+ Nimmergesättigt
+ Knirscht der grausame Zahn
+ An ihren Gebeinen. --
+
+Ein wilder Klang ertönte zu der gräßlichen Melodie des Gesanges.
+Abdallah kam näher. --
+
+Zwei riesengroße nackte Gerippe standen vor dem Eingang eines engen
+Felsenweges, der sich in geschlängelten Krümmungen wand. Sie standen
+gebleicht und zitterten mit den wankenden Häuptern; nach der Melodie des
+Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend gegeneinander, ihr
+weißer Schädel nickte fürchterlich, einzelne dunkle Haare schweiften
+flatternd durch die dämmernde Finsterniß und seufzten in dem feuchten
+Nachtwind; mit den leeren Augenhöhlen starrten sie in die Wüstniß hinaus
+und aus den grinsenden nackten Gebissen drängte sich der zerschmetterte
+Gesang hervor.
+
+Abdallah fühlte sich von einem kalten Wahnsinn angefaßt und ging in
+einer dumpfen Gleichgültigkeit den entsetzlichen Gestalten entgegen. --
+
+ Vatermörder!
+ Auf des Vaters Leichnam
+ Tritt in das Heiligthum der Schauder! --
+
+so brüllte es ihm aus den Wächtern des Felsenwegs entgegen, er kam ihnen
+näher.
+
+Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters gewälzt, blaß, mit
+geschwollenem Gesicht und fürchterlich aufgerissenen Augen. -- Er
+schritt über den Leichnam ohne Besinnung hinweg und der Gesang fuhr
+ihm knirschend nach; wüthend und geängstigt, von tausend Foltermartern
+verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den Felsenweg: er war kühn
+durch die Gestalten hindurchgeschritten, und fuhr itzt selbst vor dieser
+Erinnerung bleich und zitternd zurück. Aus der Ferne hörte er den Gesang
+und das Klingen der Todtengebeine, er stürzte mit Verzweiflungseil durch
+die Krümmungen des Pfades, die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er hörte
+ihren Vernichtungsgesang und stürzte brüllend weiter. --
+
+Plötzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in einen spitzen
+schroffen Winkel, er hörte das Nahen der Gespenster, schon sahe er ihre
+Schädel über die Felsen her blinken, -- stumm, ohne Gefühle stand er
+da, eine Distel, die sich von der Felsenwand beugte, schoß in seinem
+dämmernden Auge zum Baum empor, alles wankte zitternd hin und her,
+-- er sank zur Erde, nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Drittes Buch.
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in der kleinen Hütte, er
+öffnete langsam die Augen und fuhr zusammen, als er die so bekannten
+Gegenstände wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er starrte
+die Decke und die Wände des Zimmers lange mit weit geöffneten Augen an,
+es schien ihm unmöglich, daß er das sähe, was vor ihm stand. -- Der
+Morgen säuselte in den Gebüschen vor dem Hause, ein früher Strahl
+schlüpfte durch das grüne Gewebe des Waldes und zitterte flimmernd durch
+das Fenster, -- lautschreiend bedeckte er seine Augen mit den Händen,
+denn _Omar_ saß neben ihm. -- Er stritt lange mit sich selbst, ob er es
+wagen solle, noch einmal nach dieser Gestalt hinzublicken, alles schien
+ihm nur eine neue Einbildung und die schrecklichste, die räthselhafteste
+von allen.
+
+Abdallah, du kömmst aus einem schweren Traum zurück, sagte Omars
+freundliche Stimme.
+
+Abdallah ließ ermüdet die Hände fallen, er sahe betäubt vor sich nieder.
+-- Aus einem Traum komme ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme,
+-- o wo fängt die Wahrheit an? Wo steht die Gränzsäule? Laß mich sie
+finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt. --
+
+Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie hastig und mit
+plötzlichem Schrecken zurück. -- Was ist dir? sagte sein Lehrer; warum
+sieht mein Abdallah nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner
+Stimme?
+
+Warum? rief Abdallah lauter. -- Ha! bist du nicht Omar, der der Nacht und
+ihren Schrecken gehört, was suchst du auf der Oberwelt? Willst du den
+Flüchtling einholen, der dir entlaufen ist? -- Geh, wo mitternächtliche
+Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt, dort ist deine Behausung,
+taste mich nicht an, Unhold, ich bin ein _Mensch_!
+
+Ist das der erste Gruß, sagte Omar klagend, den mir mein Abdallah bei
+meiner Zurückkunft giebt?
+
+Abdallah hörte nicht was er sagte, sein Geist stand vor einem gräßlichen
+Schlunde, in welchem tausend Mißgestalten sich übereinander wälzten und
+verschlungen, ein hundertfaches Leben wie in einem Körper wimmelte, sein
+Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes einzeln mit festem Auge
+zu betrachten, aber ein trüber Schleier zog sich vor sein Gesicht.
+
+Ich habe in dieser Nacht eine gräßliche Bekanntschaft gemacht, sprach
+er, die Hölle hat sich mir aufgethan und in ihr Innres eingeführt, ein
+großes Siegel hat sich mir gelöst, ein böser Engel hat dir einen Brief
+gebracht und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar, ich weiß
+nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich in meinen schwachen
+Menschenbusen gewagt, die Hölle wohnt in meinem Herzen; alle Schauder,
+die du pflanztest, sind mächtig emporgeschossen und ihre Frucht hat dich
+selbst vergiftet. -- Fort! sei was du warst und dann komm zu mir zurück,
+bis dahin will ich dich verkennen, bis du mir ein Zeugniß bringst, das
+dich wieder unter die Menschen einschreibt.
+
+Abdallah! Abdallah! rief _Omar_ aus, deine Träume sprechen noch aus dir;
+nein, so kannst du nicht zu deinem Freunde Omar reden, oder hat dich
+Zulma in der neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert?
+
+Zulma! rief Abdallah aus, -- dieser Klang ist der einzige in der ganzen
+Natur, der freundlich an die Saiten meines Herzens schlägt, diese
+Melodie ist mir in der großen Zertrümmerung übrig geblieben, alle meine
+Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige dafür gewonnen. -- O
+alle meine Erinnerungen sind Lügner, oder du warst es, der mir diesen
+Diamant in der Finsterniß schenkte.
+
+_Omar._ Ich that es, -- aber mein Abdallah lohnt mich mit Undank. Oder
+hat mich ein Lästerer aus deinem Herzen gerissen? -- Welche Hand hat
+jene Gemälde verlöschen können, die ich seit deiner Kindheit in deiner
+zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe alles, auch die Wurzel
+verdorret und vermodert? Hat ein Sturmwind allen Blüthensaamen in das
+Meer verweht, daß auch nicht eine grüne Sprosse von neuem aus dem Boden
+keimt? -- o dann hab' ich meine schönsten, meine letzten Jahre wie ein
+Knabe verschwendet, alle meine Hoffnungen und Wünsche einer Morgenröthe
+anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken untersinkt, -- dann hab'
+ich keine Freude mehr, als das Grab. --
+
+_Abdallah._ Du willst in meinem Herzen Fürsprecher erwecken, die ich
+selber nicht wiederfinden kann. -- Ach, Omar, Omar, bin ich vielleicht
+wahnsinnig? Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O
+allenthalben renn' ich an eine Mauer wüthend an, die mich unbarmherzig
+zurückwirft. -- Wen soll ich fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach,
+vielleicht bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind in einer
+leeren Wüste, das eingeschlafen ist und von allen diesen irdischen
+Possenspielen und Furchtbarkeiten träumt und beim Erwachen sich selbst
+verspottet.
+
+Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte sich dann von neuem zu
+Omar. Sei es, wie es sei, sprach er, ich will dir Rechenschaft geben,
+wie lange ich mit dem Vermögen ausreichte, das du mir geliehen hast,
+unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein, Omar, der Kampf mit
+dir hat mir Arbeit gekostet, du ließest dich von meinem Mißtrauen nur
+schwer zu Boden ringen.
+
+Er erzählte ihm den Inhalt der Palmblätter, die ihm Nadir in der Nacht
+gegeben hatte und die Erscheinungen der Unterwelt. -- Siehe, schloß er
+seine Erzählung, dies sind die Begebenheiten dieser fürchterlichen
+Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren Gräßlichkeiten nach einem
+Mittelpunkt, meinem Elende hin; der Greis, der dir glich, der mich mit
+täuschender Freundschaft empfing und mit Gottesläugnungen von sich jagte,
+-- ja nur das Grausen wird mich mit Zulma vermählen, meine Hochzeit wird
+sein, wie ich sie in dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam
+meines Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten steigen, ja, die
+Hölle hat mir einen Spiegel vorgehalten, in dem mir die Zukunft
+vorübergezogen ist.
+
+_Omar._ Aber ermanne dich nur Abdallah und siehe, daß alle diese
+Gestalten nur Traumgestalten waren, die neckend um den Schlafenden
+gaukeln und bange vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges
+zurückfliehen; denn ich kam in der Stunde der Mitternacht hierher
+und fand dich schlafend.
+
+_Abdallah._ Du fandest mich? schlafend? hier auf diesem Bette?
+
+_Omar._ Beim Propheten!
+
+_Abdallah._ Nun, dann will ich alles Unbegreifliche glauben und auf die
+wunderbarste Erzählung, wie auf Wahrheit schwören. -- Was sind alle
+meine Sinne, wenn sie solche Täuschung nicht bemerken? -- Wenn der Herr
+in seinem eignen Hause sich verirrt und von einem Fremden wieder
+zurechtweisen läßt? -- Omar, dann bin ich mir noch nie unbegreiflich
+gewesen, als itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie
+eine Schlange meinen Händen entschlüpft? -- Woran soll ich dann nicht
+zweifeln, wenn ich daran zweifeln soll, daß ich diese Hütte verließ, daß
+ich die Sterne über mir flimmern sah, daß ich jene Blätter las? Wer
+stellt mir dann für mein Dasein einen Bürgen? O ich möchte nicht auf
+diese bedenkliche Behauptung schwören! -- Welchen Gehalt hat dann der
+Verstand des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine Schätze
+erhält, so betrügerische Sklaven sind? Alles, was wir wissen und
+glauben, ist dann nur ein Irrthum, unsre höchste Weisheit verkriecht
+sich dann vielleicht beschämt, wenn einst ein erleuchtender Strahl in
+die dämmerungsvolle Grube fährt.
+
+_Omar._ Irrthum ist des Menschen Nahrung und hält ihn fest in den Kreis
+der Menschen; wenn im Mondschein die schwächere Täuschung möglich ist,
+den Stamm eines Baumes für einen bekannten Freund anzusehen, warum
+willst du an jener zweifeln, die dich im Traum über eine Haide und zu
+gespensterbewachten Felsen führt? Wer hat nicht schon irgend einmal so
+lebendige Gestalten im Traum gesehn, daß er ihn Wahrheit nennen möchte?
+
+_Abdallah._ Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange mit meinem
+Schicksal!
+
+_Omar._ Wären deine Gesichte weniger zusammenhängend, dann eben würd'
+ich sie um so leichter für Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so
+genau an dein Schicksal schließen, scheinen sie mir nur Traumgestalten.
+-- An jenem Abend, an welchem ein Sturm und der Glanz einer Feuerkugel
+dich aus dem Schlafe weckte, -- an jenem Abend sannest du über neue, dir
+unbekannte Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine Schule eine schöne
+mondbeglänzte Gegend, liebliche Bilder wiegen dich in den Schlaf, -- ein
+Greis eilt auf deinen Omar zu, -- wer könnte Omar hassen, da _du_ ihn
+liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier Freunde -- und du bist
+eingeschlafen. Aber deine Augen täuschten dich, dieser _Nadir_ ist schon
+seit vielen Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende der Welt
+bis zum andern, und als ich ihn an jenem Abend vom Berge steigen sah,
+warf ich mich ihm zu einem hartnäckigen Kampf entgegen, wir stritten in
+mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich glühend durch den
+Himmel; ich sahe dein Erschrecken, aber damals wollt' ich dir diese
+Erscheinung nicht erklären, es wäre grausam gewesen, dem weichen
+Jünglings-Herzen den _menschlichen_ Freund zu nehmen und ihm ein fremdes,
+kaltes Wesen dafür zurückzugeben. -- Du liebst Zulma, die Unmöglichkeit
+geht dir entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich dir, wer
+ich bin. -- Eine neue Thür zu einem unbekannten Gemache geht dir auf, du
+staunest, Schauder führen dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du
+erfährst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. Du denkst nun
+deinen Omar nicht mehr mit der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn
+ehedem dachtest, an seinen Namen knüpfst du dein Unglück und durch eine
+verzeihliche menschliche Täuschung verwechselst du ihn in eben diesem
+Augenblick mit der Ursach dieses Unglücks. -- Ich nehme Abschied von dir
+und warne dich besorgt vor Lästerungen, die deinen Freund verläumden
+würden, du bist gerührt und kaum bin ich entfernt, so steht ein leiser
+Argwohn nach und nach in deiner Seele auf, du hältst meine Besorgniß für
+Bangigkeit des Bewußtseins. Was ich fürchtete, tritt ein, mein Feind
+Nadir benutzt meine Abwesenheit und warnt dich vor deinem Lehrer, der
+dich unglücklich machen will. -- Du kömmst in Gedanken zurück, du bist
+nicht der einzige, der mißtraut, selbst ein Freund Omar's steht auf
+und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in schwarze Träume. -- Nadir
+will dich retten, Omar will dich elend machen. -- Nur etwas Großes,
+Fürchterliches kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, -- in diesem
+Gedanken versammelst du alle fürchterliche Träume deiner Kindheit, so
+entsteht das ungeheure Märchen, das du in den Palmblättern zu lesen
+glaubst. -- Aber ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? Soll dir
+Zulma ewig verloren sein? -- Dieser Wunsch, der nach einer Befriedigung
+schreit, greift nach einer Hoffnung, mit den nächtlichen Geheimnissen
+vertraut siehst du nur in der Allmacht der Geister die Möglichkeit der
+Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt dir und lockt dich durch süße
+Versprechungen an sich und du schläfst ein. -- Schwarze Traumgestalten
+nehmen dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage dachtest, kommen
+in der Nacht in Phantasieen gekleidet wieder, Omar ist ein Ungeheuer,
+Zulma dein Unglück, dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen
+dich mit höllischen Gesängen. -- In diesem Traume finde ich dich, von
+meiner Reise zurückkehrend: du siehst, nichts als eine Täuschung hat das
+ganze Gewebe zusammengeschoben. Allen Verdacht in dir zu tödten, dürft'
+ich dir nur die Ursach meiner Reise erzählen, aber sei damit zufrieden,
+daß sie dich deinem Glücke näher gebracht hat, etwas muß mein Abdallah
+mir auf mein Wort glauben, dies sei das Zeichen, daß er sich mit seinem
+alten Freunde wieder ausgesöhnt hat. -- Ja Abdallah, du mußt mir es
+glauben, o bei allem, wobei ein Wesen schwören kann, ich liebe dich!
+-- Meine Weisheit, meine Gewalt genügt mir nicht, mein Herz verschmachtet
+und dürstet nach Liebe, -- dich hab' ich gefunden, dich hab' ich
+ausgewählt, deine Liebe soll mich glücklich machen, oder ich muß mich in
+mein Grab einschließen, -- o Abdallah, laß diesen Traum dein einziges
+Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb mir deine Seele zurück;
+willst du mich aus allen meinen Hoffnungen hinausstoßen und einsam
+und verlassen durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, das
+wird, das kann mein Abdallah nicht, dann hätt' ich ihn nie mit dieser
+innigen Vaterliebe lieben können, dann hätte er nicht so lange bei mir
+ausgehalten. -- Ja, Abdallah, du bist wieder mein!
+
+Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte er in seinem Auge die
+Seele wiedersuchen, die ehedem aus ihm gesprochen habe; in allen Zügen
+redete ihn jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als Knabe
+geliebt hatte, -- er fiel weinend an seine Brust. -- Ja! ja! rief er
+laut schluchzend, ich bin wieder dein, keine Gewalt soll unsre Seelen
+auseinander reissen!
+
+Selim erwachte. -- Du begrüßest deinen Lehrer, sagte er, er ist in
+dieser Nacht zurückgekommen, aber du schliefest so sanft, daß wir dich
+nicht wecken wollten.
+
+_Omar._ Wir sehn uns traurig wieder, Selim; das Schicksal hat eine
+schwere Hand gegen dich ausgestreckt.
+
+_Selim._ Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt mich nicht mehr, meine
+Kräfte kehren zurück und ich will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung
+halten, -- sieht deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein Mittel,
+meinem großen, edlen Vorsatz auszuführen?
+
+_Omar._ Ich sehe nichts. --
+
+_Selim._ O dann, ja dann will ich meine Kräfte fallen lassen und mich
+verdrossen in den Wellen untertauchen. -- Nun erst fängt mein Unglück
+an, mich zu drücken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen Stab
+gegeben, auf dem ich mich stützte, -- aber itzt wird mir das Leben eine
+Last, nun wünsch' ich zu sterben. Seitdem ich weiß, daß mein Tagewerk
+ganz geendigt ist, bin ich ermüdet und will mich schlafen legen. -- In
+dieser trägen Unthätigkeit sollt' ich leben, hier, wie ein Thier in der
+Wildniß, von allen Menschenrechten ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach
+und nach verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trägen und verfaulten Dünsten
+emporwuchs und war und dann nicht mehr ist? -- Nein, Omar, blicke noch
+einmal über den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft
+umher, -- kann nichts, auch mein Tod nicht durch die Mauer dringen, die
+das Schicksal vor mein Vorhaben gestellt hat?
+
+_Omar._ Dein Tod könnte dein Volk vielleicht glücklich machen.
+
+_Selim._ O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung aufgebrannt. -- Aber
+ich Unglücklicher! meine Gesundheit kömmt schadenfroh zu mir zurück und
+_selbst_ den Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist Frevel,
+-- o sage mir, wie ich ohne Sünde sterben kann und mein Volk ist
+glücklich.
+
+_Omar._ Diesen Aufschluß mußt du nicht von mir, sondern von der Zeit
+erwarten, noch liegt alles dunkel und verworren vor meinen Blicken. --
+
+Abdallah verließ das Zimmer.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+In tiefen Gedanken ging der Jüngling unter dem lauten Rauschen des
+Waldes auf und ab. -- Ja, -- sprach er zu sich selbst, -- Omar ist mir
+zurückgegeben, alles umher liegt in wüster Verwirrung von schwarzer
+Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er _soll_ es sein, mir und dem
+Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in meine Seele aufgenommen:
+denn wo fänden meine Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige
+Gewißheit, die ich eigenmächtig zur Untrüglichkeit stemple, fallen alle
+Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, wieder zur Erde, und
+ich stehe da in der freien uneingeschränkten Gegend. Meine Rechnung ist
+richtig, wenn dieser einzige Fehler ausgelöscht wird, ich will meiner
+Mühe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe unangesehen diesen
+Verlust preis, um ein langweiliges Spiel zu beschließen.
+
+Mein Vater wünscht zu sterben, -- o ich sehe schon in der Ferne die Woge
+schwimmen, die auch die letzte kleine Bergspitze, auf der ich stehe,
+herunterschlagen wird, sie wälzt sich immer näher und näher. -- Das
+Schicksal rückt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach auf
+jene fürchterliche Stunde, unvermeidlich schlägt sie an und ich stehe
+plötzlich, ohne es ändern zu können, ohne meine Beihülfe jenseit der
+Gegenwart. -- Traurig wie der Mond geht dann mein Vater unter und
+zugleich steigt Zulma mir gegenüber mit tausendfacher Pracht unter
+goldnen Flammen auf, -- das Verhängniß läßt mich zwischen dem Vater und
+der Geliebten wählen, -- o verzeihe, großer Prophet, ich wähle Zulma! Es
+_muß_ sein, es kann, es will nicht anders. -- Welcher Sterbliche kann
+den Eigensinn des Schicksals brechen?
+
+Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem Walde herausgegangen
+und stand itzt auf der Landstraße. -- Die Stadt mit ihren runden Moscheen
+lag vor ihm, die Fenster im Pallast Ali's glänzten blendend in der Sonne,
+er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu sehen, seine Schwärmerei
+sahe ihre Blicke, mit denen sie wehmüthig nach ihm hinstarrte; ohne an
+die Gefahren zu denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er in
+die Stadt hinein.
+
+Der zürnende Ali hatte indeß auf Befriedigung seiner Rache gesonnen. Daß
+Selim ungestraft diese Verschwörung sollte unternommen haben, daß er ihm
+selbst entflohen sei, ohne daß irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken
+reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte einen fürchterlichen
+Eid geschworen, sich an Selim zu rächen und dieser Schwur quälte ihn
+unablässig; er hatte daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer
+geheimen Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel vorschlagen zu
+lassen, die den verborgenen Selim entdecken müßten, er hatte beschlossen,
+alles auf diese Wollust der befriedigten Rache zu verwenden, nichts
+sollte ihm zu kostbar sein, den verwegenen Aufrührer zu strafen.
+
+Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe mit brennenden Augen
+nach den Fenstern des Altans hinauf, -- er sahe Zulma, sie blickte
+verstohlen hinter einem zurückgezogenen Vorhang auf die Straße, kaum
+aber sahe sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend
+zurückflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch der letzte Schimmer
+ihres Schattens verschwand, dann warf er sich auf eine Bank und sahe
+nach den Blumen des Altans. -- Die Rose war hinter den Citronenbaum
+gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie, das
+Sinnbild der Furcht. --
+
+Er ging weiter und kam über die Brücke der Stadt an den Pallast seines
+Vaters. -- Wehmüthige Thränen traten ihm in die Augen, als er so
+unbarmherzig alles zerstört sah. Einzelne Mauern und Thüren standen wie
+verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher, Steine und
+Balken aufeinander gehäuft. Traurig suchte er die Stelle des Zimmers
+auf, das er ehedem bewohnt hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf
+denen man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches lehnte sich
+noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick den Einsturz. Das
+bekannte Haus, das ihn so oft so freundlich und väterlich aufgenommen
+hatte, das die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt
+hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose, in welchem er
+sonst glücklich gewesen war, war vernichtet, auch selbst das Andenken
+seiner Seligkeit schien ihm der zürnende Himmel nehmen zu wollen und
+bis auf die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit den
+schönsten Freuden genährt hatte.
+
+Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken, als er das
+laute Schmettern einer Trompete hörte, von einem verwirrten Getöse und
+Geschrei des Volks begleitet; er kümmerte sich nicht um das Geräusch,
+nur klang es ihm, als wenn er den Namen _Selim_ laut habe nennen hören.
+-- Itzt kam der Zug bei ihm vorüber und er sahe einen Herold auf einem
+Pferde, der dicht neben ihm still hielt, einigemal in die Trompete stieß
+und dann laut ausrief:
+
+ »Daß derjenige, und wäre er selbst ein Sklave, welcher den
+ Verräther _Selim_ lebendig in die Hände des Sultan's liefern
+ würde, seine berühmte, schöne Tochter _Zulma_ als Gemalin dafür
+ zum Lohn erhalten solle.«
+
+Wieder das Schmettern der Trompete und der Zug lärmte vorüber. --
+
+Dumpf und ohne Gedanken verließ Abdallah die Stadt, träumend wie ein
+Mann, der vom Schlafe erwacht und sein Haus in prasselnden Flammen
+sieht, die schon sein Bette lecken; er springt auf und steht betäubt und
+ohne Bewußtsein vor dem leuchtenden Element, das wüthend durch seine
+Besitzungen geht, er hat sich nur gerettet um desto unfehlbarer zu
+verderben: -- so kam Abdallah fast ohne es zu bemerken zur Hütte im
+Walde zurück.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Fürchterliche Gedanken warfen in der Nacht Abdallah hin und her, sein
+Auge starrte in die Finsterniß hinaus. Gräßlichkeiten zogen durch seinen
+Busen, Schauder jagten sich durch seine Gebeine, er wünschte mit Sehnsucht
+den Tag, die Dunkelheit um ihn her machte seine Seele noch schwärzer,
+oft schleppten seine heißen Wünsche seine sanftern Gefühle in Ketten
+hinter sich, oft riß sich sein Gefühl wieder los und rang seine Wünsche
+nieder. Er schien in zwei feindselige Wesen zerrissen, die unermüdet
+gegen einander kämpften.
+
+Endlich erschlafften alle seine Kräfte, in seiner müden Seele starben
+alle seine Wünsche und Hoffnungen aus, gewaltsam schloß er in der
+Ermattung mit sich selbst einen Frieden.
+
+Er sprang von seinem Lager auf, als kaum die erste graue Dämmerung des
+Tages die Schatten spaltete. Selim schlief noch und Abdallah verließ
+die Hütte. Er ging schnell unter den Bäumen auf und ab, er athmete die
+frische Luft des Morgens ein und wollte gewaltsam alle Gefühle von sich
+abwälzen, die ihn, wie lebendig eingegraben gleich Steinen drückten,
+aber er schlug vergeblich gegen die Mauern der Grube, kein Strahl des
+Tageslichtes wagte sich hinein.
+
+Omar näherte sich ihm itzt und beide gingen schweigend auf und ab;
+Abdallah scheute sich, seinen Freund einen Blick in die Wüste seiner
+Seele thun zu lassen.
+
+Was wühlt in deinem Innern so gewaltig? begann Omar, in der Nacht hört'
+ich dich seufzen. -- Was ist dir, mein Abdallah?
+
+Abdallah schwieg noch. -- Nein, rief er plötzlich, -- meine Seele ist
+zu schwach für diesen ewigen Streit! -- die menschliche Natur erliegt
+dieser Gewalt, ich bin endlich müde und will mich selbst besiegt zu
+Boden werfen. -- Er ergriff Omar's Hand. -- Ja, Omar, höre das Gelübde,
+das ich vor dir ablegen will, -- ich will, ich muß Zulma entsagen, mein
+Vater bleibe mir und Zulma gehe mir verloren; ich ward geboren, um den
+Becher des Glückes nicht zu kosten, ich willige in diese traurige
+Nothwendigkeit. --
+
+_Omar._ Und was hat dich zu diesem Entschluß gebracht, der dir alle
+deine Hoffnungen kostet?
+
+_Abdallah._ Meine Menschheit, -- o! ich bezahle sie mit dem kostbarsten,
+was ich besitze, vielleicht weit über ihren Werth, denn ohne Zulma ist
+mir die Welt ausgestorben; ich entsage der höchsten Seligkeit auf ewig,
+das Gefühl der Liebe wird nie in meinem Busen wieder aufwachen, nur ihre
+Schmerzen bleiben mir auf immer zurück.
+
+Abdallah erzählte seinem Lehrer itzt, was er gestern in der Stadt gesehn
+habe. -- Diese Erinnerung, fuhr er dann fort, hat mir diese Nacht
+schlaflos gemacht; wenn ich die Augen schloß, weckten mich Ungeheuer
+durch Zuckungen auf, -- o Omar, Omar, giebt es auf der Erde ein Wesen,
+das sein Elend mit dem meinigen messen könnte?
+
+_Omar._ Und Abubekers Tochter wird deine Gattin?
+
+_Abdallah._ Niemals, das Schicksal nimmt mir Zulma, aber kein andres
+Weib soll auch jemals in diesen Armen ruhn, diese Freiheit wird mir noch
+bleiben. Nein, ich will den Schwur nicht brechen, den ich zu Zulma's
+Füßen schwur. -- Jeder Freude, jeder Hoffnung sage ich Lebewohl, mit
+meinem Elend will ich in die Wüste ziehn und dort das Morgenroth mit
+meinen Thränen begrüßen und den Abend mit Klagen rufen, Seufzer sollen
+meine Sprache werden und die Wehmuth meine Gespielin. -- Ja, Omar,
+dieses Glück ist mir noch übrig, diese Freude ist die einzige, die mir
+nicht kann genommen werden.
+
+_Omar._ Auch nicht durch deines Vaters Gebot? -- Er will, du sollst der
+Gemal _Roxanens_ werden.
+
+_Abdallah._ Nein, das kann er nicht wollen, wenn ich ihm dies Opfer
+bringe. Nein, ich komme ihm entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja
+mein Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulma _kann_ nicht
+meine Gattin werden, und Roxane _soll_ es nicht. --
+
+_Omar._ Und dann wirst du in deiner Einsamkeit mit leerem Herzen
+glücklich sein? --
+
+_Abdallah._ Ich glaube es itzt, und wenn ich es nicht kann, so will ich
+es wenigstens glauben. Alle meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt
+zurück, dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen Schmerz und
+die schönen Erinnerungen nehme ich mit mir. --
+
+_Omar._ Wenn aber dein Vater auch zu _diesem_ Glück nicht seine
+Einwilligung gäbe?
+
+_Abdallah._ O, er kann es mir ja nicht beneiden; er ist nicht grausam.
+-- Ich will itzt gleich zu meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges
+Versprechen erlassen. -- Dann geh ich aus der Welt und eine geräumige
+Höhle wird meine Wohnung, Bäume und Thiere sind meine Gesellschaft,
+ach, nach und nach werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der
+Gesellschaft meines Kummers werd' ich zum Greise, und erzähle mir dann
+zum Abendzeitvertreib, wie ein geschwätziges Kind, meine Leiden selbst.
+-- Nicht wahr, Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir werden uns
+nach Jahren selber unkenntlich, was mir itzt Thränen auspreßt, darüber
+kann ich einst vielleicht lächeln? Endlich ermüdet die Quaal an mir und
+geht verdrossen hinweg, die Stunde durchläuft ihren Kreis und wir stehn
+an der schwarzen Pforte, und alles was wir litten, alles worüber wir uns
+freuten, liegt wie Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir,
+daß wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die Hand nach dem
+Morgenroth ausstrecken und den fliehenden Regenbogen haschen wollen.
+-- Alles ist in mir gestorben und wird nie wieder aufleben, die Flammen
+meiner Seele sind ausgelöscht, mein Busen ist Eis. Zulma ist todt, meine
+Liebe ist verschwunden, und was sonst in diesem Herzen brannte, das hast
+du erstickt, -- nein, zürne nicht, Omar, ich verlange es nicht zurück,
+unter Felsen und verdorrten Wäldern brauch' ich nicht ein Mensch zu sein,
+was nützt mir dort die Tugend und der Glaube an Gott? Ich will mich auf
+ewig von der Menschheit losreißen und mit den Thieren verbrüdern. Ja,
+Omar, ich gehe zu meinem Vater.
+
+Er kehrte schnell in das Zimmer zurück. Selim war noch nicht erwacht,
+und Abdallah kniete vor sein Bette und betrachtete aufmerksam seinen
+Vater, der süß lächelte, in holdselige Träume verloren. -- Nein, sagte
+er leise, -- jene Gedanken, die sich in der Nacht zu mir hinanschlichen,
+sind verflucht, -- Gott! wie konnt' ich sie nur denken, ohne mich zu
+verabscheuen? -- diesen Greis, der mein Vater ist, -- diesen, -- nein,
+ich mag es mir selber nicht gestehn. -- Nein, dazu bin ich nicht in
+die Welt getreten, noch ist Rettung möglich, noch ist nicht die letzte
+Öffnung zugefallen, durch die ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann.
+-- Wie sanft er schläft! -- Wie er mich auch im Schlaf anlächelt! -- Seine
+Vaterliebe fühlt die Nähe des geliebten, des einzigen Sohnes, -- als meine
+Mutter gestorben war, war ich es, der ihn an das Leben festhielt, und
+ich! -- Nein! die Hölle mag sich einen andern Zögling suchen, -- meine
+Seele findet hier noch einen Ankergrund!
+
+Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. -- Was will mein Sohn?
+fragte er.
+
+Abdallah küßte ihn und umarmte ihn glühend. -- O Vater! rief er aus,
+-- kannst du deinem Sohne eine Bitte abschlagen, die einzige, die
+letzte, die er von dir erflehen wird?
+
+_Selim._ Was kann der arme Selim noch besitzen, das seinem Sohne nicht
+auch gehörte? -- Doch nein, Abdallah, -- mein Vermögen sind Thränen und
+Jammer, dies werde dir nicht.
+
+_Abdallah._ Gieb mir deinen Segen, Vater. --
+
+Selim legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes.
+
+_Abdallah._ Nein, Vater, ich will dich nicht täuschen, segne mich, wenn
+ich dir meine Bitte gesagt habe.
+
+_Selim._ Sprich, mein Sohn, warum gehst du diesen Umweg zum Herzen
+deines Vaters?
+
+_Abdallah._ O mein Vater! -- Wenn du mich liebst, wenn dein Sohn nicht
+von dir gehaßt wird, -- o so nimm jenen Fluch zurück, mit dem du mir
+einst drohtest. -- Abubekers Tochter kann nicht meine Gattin werden. --
+
+Er bedeckte mit den Händen das Gesicht und warf sich nieder, Selim sahe
+starr auf ihn hin. --
+
+Sie kann nicht? -- fragte er kalt, -- und was hat der Sohn an dem Willen
+seines Vaters zu tadeln?
+
+_Abdallah._ O nicht diesen Ton, der mich verurtheilt, sprich gütiger
+mein Vater, oder ich muß verzweifeln! --
+
+_Selim._ Du verlangst Güte, wo du mir nur Trotz giebst? Auch gegen den
+ungehorsamen Sohn soll ich zärtlich sein?
+
+_Abdallah._ Nein, ungehorsam schelte mich nicht, -- kein andres Mädchen
+soll meine Gattin werden, aber auch Roxane nicht. -- Nur widerrufe jenen
+Fluch, Vater, wenn du nicht meine Verzweiflung sehen willst! --
+
+_Selim._ Ich widerrufe nicht.
+
+Abdallah stand auf und sahe ihn mit einem festen Blicke an. -- Vater!
+rief er aus, an diesem Fluch hängt das ganze übrige Glück meines Lebens,
+meine letzte Tugend, mein Schicksal jenseit dieser Welt! -- Widerrufe,
+Vater, du sollst, du mußt es, -- o ja und du wirst es auch. --
+
+_Selim._ Nein. In dreien Tagen wird Roxane deine Gattin, oder alle
+Verwünschungen, die ein Vater für seinen ungehorsamen Sohn vom Himmel
+herabflehen kann, fallen auf dein Haupt.
+
+Ich kann nicht, sagte Abdallah kalt und langsam. -- Du liebst mich, ja,
+Vater, -- o wie wenig kostet dich diese Zurücknahme, -- ach! und wüßtest
+du, wie viel sie mir gälte!
+
+_Selim._ Zurück, Ungehorsamer! ich widerrufe nicht, das schwör' ich
+beim Himmel und der Pracht seiner Sonne! -- Mein Wort kann ich nicht
+brechen, das ich Abubeker gab, um die thörichten Launen eines Jünglings
+zu befriedigen, der seinem Vater trotzen will.
+
+Abdallah warf sich wüthend nieder. -- Du schwörst? rief er heftig.
+-- Nun so schwör' ich hier auch beim Grabe des großen Propheten, beim
+Himmel und allen seinen Engeln, daß Roxane nie, nie, nie meine Gattin
+wird! --
+
+Selim stand zornig auf. -- Ich habe keinen Sohn mehr! sprach er heftig.
+-- Ist das die Sprache, in der ein Sohn zu seinem Vater sprechen muß?
+Glaubst du mich durch Trotz zu beugen? O hier stoßen Felsen auf Felsen,
+ich wanke nicht in meinem Vorsatz. -- Du hast den Sohn verläugnet, nun
+so will ich denn auch den Vater verläugnen! -- Ich werfe meinen Fluch
+auf dich hin und mit Centnerlast möge er dich drücken. -- Alles Unglück
+jage hinter dir dreimal Verfluchten her, der Himmel wende sein Angesicht
+von dir ab, wenn die Hölle nach dir die Arme ausstreckt; wenn du am
+Busen der Geliebten liegst, so fresse ein kaltes Grauen das Mark deiner
+Gebeine, in der Einsamkeit liege der Leichnam deines Vaters vor dir,
+den dein Ungehorsam zum Grabe reif macht; von Gewissensangst gefoltert,
+von allen Schrecken zum Leibeigenen erkauft, stirb unter Krämpfen und
+Verzuckungen.
+
+_Abdallah._ O wirf nur Fluch auf Fluch, der Ewige hat mich schon seit
+der Geburt verflucht, dein Höllensegen findet nichts mehr zu vollenden.
+-- Ha! so spricht ein Vater zum einzigen Sohn? dies ist die Einsegnung,
+die er mir auf die große Reise giebt. -- Wer soll mich segnen, wenn der
+Vater mich mit diesen Flüchen verwünscht?
+
+_Selim._ Fort aus meinem Angesicht! _Du_ hast meinem Unglück die Krone
+aufgesetzt! -- Du gehörst mir nicht mehr! Ich hasse deinen Anblick!
+hinweg! daß ich nicht versucht werde, dir noch mehr zu fluchen!
+
+Er verließ das Zimmer wüthend.
+
+Nein! schrie Abdallah, mir soll keine Rettung bleiben! Ich steh in der
+Verdammniß eingekerkert, und mein Vater selbst nimmt den Schlüssel zur
+Pforte und wirft ihn auf ewig in's Meer; nun ist keine Befreiung möglich,
+die Hölle streckt den Arm über mich aus und läßt mich nicht entrinnen!
+-- Er warf sich ohne Bewußtsein in einen Sessel und Omar trat herein.
+-- Er sahe lange den Jüngling mit forschendem Auge an: Hat er deine Bitte
+erhört? fragte er besorgt.
+
+_Abdallah._ Du siehst dies Kochen meiner Brust und fragst noch? O!
+wann könnte mir auch eine Hoffnung in Erfüllung gehn, wäre sie auch so
+armselig, daß sie der Bettler auf seinem Wege liegen ließe! -- Ich darf
+nur wünschen und tausend Stimmen schreien: Nein! in meinen Wunsch. -- Das
+Schicksal hat mich unter Millionen zu seinem grausamen Spiel erlesen.
+-- O warum ward ich ein Mensch geschaffen? -- Warum mußte ich hinter dem
+Vorhang hervorgestoßen werden, um den Zuschauern zum Gespött zu werden?
+
+_Omar._ Und dein Entschluß?
+
+_Abdallah._ O was kann ich noch wollen? -- Welchen Entschluß kann ich
+noch fassen? Selbst das Elend, das ich mir wählte, ist keine Freistätte
+mehr für mich; wohin ich auch fliehen will, hält mich ein Abgesandter
+der Verdammniß fest, die Erde stürzt unter mir ein, jede Scholle, an der
+ich mich empor arbeiten will, giebt treulos nach, -- was kann ich anders
+als mich dem Verderben überlassen?
+
+Omar ging mit großen Schritten auf und ab, seine Augen funkelten, seine
+Mienen drohten fürchterlich. -- Ha! rief er endlich aus, -- dies ist der
+zärtliche Vater, der seinen Sohn so innig liebt! -- Worte sind seine Liebe,
+unbarmherzig läßt er den Sohn an diesem ehernen Eigensinn verbluten!
+Kalt läßt er ihn liegen und sterben, hat er doch seine _Vaterrechte_
+behauptet! -- Und dieser Grausame nennt sich meinen Freund! -- Wie kann
+er ein Freund sein, da er kein Vater ist? Liebe ist ihm fremd, seine
+Tugend ist Trotz, Eigensinn seine Standhaftigkeit! -- Ich kündige ihm
+meine Freundschaft auf, wer meinen Abdallah haßt, den hasse auch _ich_,
+Selim ist aus meinem Herzen gestoßen, ich will seinen Namen aus meinem
+Gedächtniß reißen! -- Dir auch _dieses_ Glück nicht zu gönnen! -- Diese
+Hölle war ihm noch zu schön für seinen Sohn, er hat härtere Strafen für
+ihn ersonnen. -- Die Liebe sei verwünscht, mit der ich einst sein Freund
+war, für dich geb' ich die feindselige Welt verloren, was liegt mir an
+diesem Selim? --
+
+_Abdallah._ O wär' ich nicht Selims Sohn, o dann, dann wär' ich
+glücklich! -- Aber boshaft weht mir das Schicksal alle Unmöglichkeiten
+zusammen! Nur für mich wird alles angeordnet zum fürchterlichen Scherz.
+-- O könnt' ich den Sohn verläugnen, dann würde Selims Eigensinn
+bestraft werden können, -- aber, -- es kann, es darf nicht sein!
+
+_Omar._ Du wolltest ihn verloren geben, um Zulma zu gewinnen. Seinen
+Eigensinn gegen deine Liebe. -- Er sollte dir eine Verschreibung werden,
+durch die du einen Schatz einlösetest, der dich auf ewig vor dem Mangel
+sicherte? -- Ha, Abdallah, nein, nein, es kann, es darf nicht sein! -- Die
+Tugend, die Pflicht, -- o wer kann es alles nennen, was dich von diesem
+Gedanken zurückreißt? --
+
+_Abdallah._ O ich schmachte nach andern Speisen, ich bin mit Grausen
+gesättigt. -- Führt mein Pfad zur Hölle, o so ist es besser durch _einen_
+kühnen Sprung, als durch Umwege dahinzukommen. Aber noch spricht eine
+Stimme in mir, die mich Sohn nennt, die laut um Hülfe schreien würde,
+wenn ich sie ersticken wollte, hundert Gefühle sind mit diesem Ton
+verbunden. -- Das Entsetzen der Natur wäre in den Abdallah verkleidet,
+wenn ich so sehr alles vergessen könnte, was den Menschen zum Menschen
+macht.
+
+_Omar._ Nein, du darfst dich nicht von ihnen losreißen, verachte sie,
+nur halte dich treu in ihrer Mitte; o dürftest du nicht die Freiheit,
+ein Mensch zu sein, mit allen Schätzen dieser Welt bezahlen! -- Ja, die
+Unmöglichkeit stellt sich fürchterlich vor den Eigensinnigen hin und
+beschützt ihn unverwundbar, -- aber Abdallah! sorge auch bei Tage und in
+der Nacht, wachend und schlafend, daß niemand die Wohnung deines Vaters
+entdecke und ein Sklave den Preis erringe, nach welchem du strebtest. --
+
+_Abdallah._ O, ehe ich Zulma in eines andern Armen sehe, ehe --
+
+_Omar._ Ehe?
+
+_Abdallah._ Will ich sterben. --
+
+_Omar._ Dann hast du die Leiden der Welt abgeschüttelt, aber keine der
+hiesigen Freuden geht mit dir. --
+
+_Abdallah._ Ach, Omar, dann bin ich todt und die Welt nennt mich
+tugendhaft. -- Doch wenn mir Gedanken folgen, wohin keiner unsrer
+Erdengedanken dringt, -- ach Omar, -- werden mir dann nicht Freuden
+begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? -- Kann ich itzt wünschen,
+was ich nicht begreifen kann? -- Nur der Thor und der Verzweifelte
+tauscht ein gewisses Gut gegen ein ungewisses aus und glaubt zu
+gewinnen.
+
+_Omar._ Und wenn nun unsre Rechnung hier unten schon völlig geschlossen
+würde? Wenn alle Anweisungen auf jenseit falsch und untergeschoben wären,
+und wer wird sich für ihre Ächtheit verbürgen? o dann -- doch zurück von
+diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich habe dir nichts gesagt. -- O,
+Abdallah; was hast du dann gegen deinen großen Verlust gewonnen?
+
+_Abdallah._ Ich habe mich selbst verloren und das ist für den Elenden
+Gewinns genug. Dann drückt mich kein Gefühl und kein Gedanke quält mich,
+ich liege im kühlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt,
+kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint mich. Alle
+Martern suchen mich dann vergebens auf, sie finden mich nicht; in den
+mütterlichen Armen der Erde gehalten scheucht die Zärtliche jedes
+Ungemach von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe umweht mich,
+kein Traum ängstigt meinen Schlaf, kein Schrecken kann mich zurückrufen.
+
+_Omar._ Nicht sein? -- O die menschliche Natur fährt vor dem Gedanken
+zurück, -- wer wird Leben gegen Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen,
+ohne Gefühl und Gedanken, Würmern eine Wohnung, todt, vermodert und
+verächtlich, ein Scheusal jedem lebenden Auge: kein _Schlaf_, keine Ruhe,
+kein _Schlummer_, -- sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig
+hinausgestoßen, _da gewesen und nicht mehr_, -- giebt es in der
+Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als: _nicht da zu sein_?
+
+_Abdallah._ _Nichtsein!_ O es ist wahr, die Einbildung erblaßt vor
+dieser Vorstellung, -- Leben und Nichtsein. -- Und wenn ich nun alles
+dem Halsstarrigen und seinen Entwürfen aufgeopfert habe, wenn leere
+Phantome und Feigheit die Schwelle meines Glücks bewacht haben, Omar,
+und ich gehe dann unter, auf ewig unter, -- das Wesen, dem ich meine
+Seligkeiten sparte, ist nirgends aufzufinden, -- o ist dies etwas
+anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der im ganzen Leben
+kargt, um nicht zu genießen und im Tode alles hinter sich läßt? --
+
+_Omar._ Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir her, -- aber was willst
+du thun?
+
+_Abdallah._ Ha! wer verdirbt nicht den Freund, um die Geliebte zu
+retten? Wer wagt nicht die Hälfte seines Vermögens, um das Ganze zu
+erhalten? -- Und soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des Fürsten
+gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm beweisen, der
+Diener darf nicht die Aufträge seines Herrn prüfen, ohne ungehorsam zu
+sein. -- Und wo ist die Gränze zwischen Recht und Unrecht? -- Mir ist
+es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und welche böse wirkt;
+was die Menschen Tugend und Laster nennen, verstrickt sich hier oft
+unauflösbar. -- Die Zukunft bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath
+zu fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht, der ihn elend
+machte? -- Wird er zu Ali zurückgebracht, o so hat ihn meine Freundschaft
+ermordet, ohne mich wäre er noch glücklich. -- Unsre Thaten wandeln oft
+über viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen werden, -- kann
+die Schuld auf uns zurückfallen? Sollen wir den Fehler des Zufalls
+büßen? -- Diese That -- o ich mag sie nicht denken, -- warum könnten
+ihre Folgen nicht glücklich werden? könnte sie sich nicht in den
+unergründlichen Strom weiß und unschuldig waschen? --
+
+_Omar._ Aber den _Vater_, -- dem du das Dasein dankst, -- zwar nicht ein
+Dasein voll Freuden --
+
+_Abdallah._ Nein, voll Todesschmerzen; o wie kann ich ihm für diese Welt
+voll Quaalen danken?
+
+_Omar._ Nein, für dein Dasein kann der Felsenharte keinen Dank von dir
+fordern, denn dann hättest du Unrecht über seine Halsstarrigkeit zu
+klagen, über den fürchterlichen Fluch zu jammern, den er auf dich gelegt
+hat. -- So lange er dann nicht dein _Leben_ endet, hast du keine Ursach
+auf ihn zu zürnen.
+
+_Abdallah._ In eine Hölle hat er mich verwiesen und _dafür_ sollt' ich
+ihn lieben?
+
+_Omar._ Er konnte aber nicht vorher wissen, daß dies Leben dir Pein
+zubereiten würde, -- freilich, eben so wenig, ob es dich glücklich
+machen würde.
+
+_Abdallah._ Nicht er, ein blindes Ohngefähr hat mich in das Leben
+gerufen. -- Wußte mein Vater denn im voraus, daß gerade _ich_, dieser
+Abdallah, sein Sohn werden würde? --
+
+_Omar._ Wäre es nicht die Pflicht des Sohnes, vor dem rasenden Vater
+Schutz bei den Gesetzen zu suchen?
+
+_Abdallah._ _Vater, Sohn_, nichts als leere Namen, der Verstand muß sich
+nicht vom Geschrei der Menge betäuben lassen, er zieht der Wahrheit ihre
+Hülle ab und sieht sie ohne Kleidung, Gewohnheit und Sitten hindern ihn
+nie in seiner Forschung. -- Nicht wahr, mein Omar?
+
+_Omar._ Halt ein, Abdallah! Soll der Leichtsinnige der zärtlichen
+Vaterliebe, der Fürsorge vergessen? Soll er die Sorgen mit kaltem Undank
+vergelten? -- Dankbarkeit ist das große Band, das sich unzertrennlich
+durch alle Wesen webt, jeder handelt für den andern, um sich in seiner
+Brust einen Pallast zu erbauen, an Dankbarkeit knüpft sich Liebe und
+Wohlwollen, Wohlthaten und Dank wechseln sich in dem Herzen der Ältern
+und Kinder aus, ein Magnet in jeder Brust, der sich ewig anzieht.
+
+_Abdallah._ Dies, ja dies ist das letzte Gefühl, das mich noch an ihn
+gefesselt hält, alle Fäden hat er durchgeschnitten, nur dieser eine ist
+ihm treu geblieben. --
+
+_Omar._ Deine Erziehung war Selims Pflicht, aber nicht die hundert
+kleinen Wohlthaten, die er dir erzeigte, die tausend Freuden, die er
+dir zubereitete, das Wohlwollen, mit dem er dich durch das Knabenalter
+in die Jünglingsjahre begleitete, -- dafür mußt du ihm danken.
+
+_Abdallah._ Omar, es ist meine Pflicht ihn zu lieben.
+
+_Omar._ Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt der Geizige hundertfach
+zurück, was er dir gab; die Freude, die das große Glück deines Lebens
+entscheidet, versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat er
+dir gegönnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, -- er schenkt dir ein
+glänzendes Glas und fordert mit eigenmächtiger Gewalt alle schönen
+Hoffnungen deiner Zukunft von dir ein, du mußt in einer heißen Wüste
+verschmachten, weil er dir einst einen Trank aus der Quelle schöpfte,
+du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener, der nicht weiter
+gehn darf, als seine Kette reicht; strebt er über ihr Maas hinaus, dann
+fühlt er die täuschende Freiheit, dann fühlt er sich an der
+unbarmherzigen Mauer festgehalten. --
+
+_Abdallah._ O es ist schrecklich! -- Welch ein Recht, welches Gesetz
+liegt in dem Worte Vater, um diese unumschränkte Gewalt über ein Wesen
+zu haben, das er _Sohn_ nennt? -- Darf dieser Ton die Gesetze der Vernunft
+umstoßen und aus Menschenfreiheit schändliche Sklaverei machen? -- Der
+Tod des Vaters macht den Sohn glücklich, -- warum soll er sich nicht
+freuen dürfen, daß endlich das quälende Band aufgelöst wird? -- Ist der
+Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem Sohn in das Leben einen
+gräßlichen Fluch mitgiebt, von dem er hofft, daß er ihn elend machen
+soll? -- Selim stirbt, -- und Abdallah schleppt ein langes Leben wie
+eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem Gliede hängt sich die
+Pein mit hundertfachen Martern, alle Glückseligkeiten fliehen vor dem
+fürchterlichen Gerassel zurück, -- ist dies ein Vater, der seinen Sohn
+liebt, oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt?
+
+_Omar._ Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen den Schmerz der Pfeile,
+die ein quaalvolles Leben auf uns abschießt.
+
+_Abdallah._ Warum ward dem Menschen die Vernunft gegeben, wenn er sich
+von einer blinden Gewohnheit will beherrschen lassen? Die Vernunft soll
+ihn begleiten und über seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit darf
+nur den Unverständigen hinreissen, dem dieses Steuerruder fehlt, dieser
+muß furchtsam landen, wo er die übrigen landen sieht, und mit ihnen
+sein Schiff wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unnützer
+Kühnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden Winden und
+Wellen ein Spiel. -- Und welche Vernunft, -- Omar, ich spreche es aus,
+-- welche hält mich zurück? -- -- Sprich, denn ich sehe nichts! --
+
+_Omar._ Unsre Vernunft prallt ohnmächtig von allen Dingen zurück, die
+jenseit der Menschheit liegen, wir verstehen nicht den Gang der Welt
+und die Schrift der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der
+Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimniß bleiben, -- aber eben
+dadurch, daß diese Weisheit nicht für das irdische Gehirn ist, werden
+wir deutlich auf die andre Seite zurückgewiesen. Die Natur winkt ihren
+Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen zur reichen Tafel ein
+und sagt ihnen laut: _genießt_!
+
+_Abdallah._ Daß wir da sind, um zu genießen, das ist die Weisheit, die
+unser Verstand begreift. Jedes Wesen lebt nur in und für sich selbst in
+einer großen Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das
+sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. -- Sein Genuß ist es, warum
+er geschaffen ward, er hat das Recht, jedes andre Wesen, das ihn im
+Genießen hindert, aus seiner Bahn hinwegzustoßen. Der Stärkere besiegt
+den Schwächern, der Löwe bekämpft den Löwen, der Tiger den Tiger, der
+Mensch den Menschen. -- Noch ist kein Gestorbener zurückgekommen und hat
+gegen diese Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der
+Ewigkeit verrathen, -- bis der Leichnam wieder kömmt, bis todte Zungen
+dagegen lästern, werd' ich an diese Lehre glauben.
+
+_Omar._ Was wir Tugend nennen, ist bloß Gewohnheit, nichts als ein
+Gesetz, um die Gesellschaft, die der Mensch errichtet hat, aufrecht
+zu erhalten, ohne diese würde sie sich selbst vernichten. -- Helden,
+Gesetzgeber, Weise sind _tugendhaft_, weil sie das Band der Gesellschaft
+fester ziehn, Mörder und Diebe nennen wir Bösewichter, weil sie dies
+Band zu zerreissen suchen. Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den
+Unterschied dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden, wenn
+es das Wohl der Vereinigung befördert; schon mancher Mord war heilsam
+und mancher Diebstahl löblich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den
+Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen.
+
+_Abdallah._ O ja, Laster und Tugend fließen in einen Strahl zusammen, es
+ist hohe Weisheit, daß man den Unverständigeren glauben läßt, sie wären
+von Ewigkeit her geschieden. --
+
+_Omar._ Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht, daß du mir einst
+diese Lehren so fürchterlich wiederholen würdest, -- o wäre mein
+Scharfsinn gewachsen, damit ich dir widersprechen könnte! -- _Zulma_
+mag es einst versuchen.
+
+_Abdallah._ Zulma? -- O Himmel! Omar, sollte sie mich nicht zu Thaten
+aufrufen dürfen, durch die ich sie dem hartnäckigen Schicksal abränge;
+nur diese That führt mich in ihre Arme und sie wird mein Zögern
+schelten.
+
+_Omar._ Doch wenn nun diese That, diese einzige, dich auf immer elend
+machte? --
+
+_Abdallah._ O wenn ich daran glauben soll, so kann ich meinem Elende auf
+keinem Wege entrinnen. -- In Zulma's Armen bin ich unglücklich, meines
+Vaters Fluch liegt auch in der einsamen Wüste schwer auf meiner Seele,
+noch größeres Elend steht neben Roxanen. -- Welcher Ausweg bleibt mir
+übrig?
+
+_Omar._ Nun so ergreife den Pfad, auf welchem die meisten Blumen blühen,
+wo der Rasen am hellsten lacht, wo der Himmel blau über der freundlichen
+Landschaft liegt. Itzt, itzt eben stehst du am Scheidewege. --
+
+_Abdallah._ Werd' ich aber mit Zulma glücklich sein? --
+
+_Omar._ Hör' ich diesen Zweifel aus _Abdallah's_ Munde? Von denselben
+Lippen, die neulich in trunkener Wonne nicht Worte fanden? -- Oder ist
+es nur Schwachheit, die aus dir spricht? Eine Unentschlossenheit, die
+gern glücklich sein möchte, ohne doch die Schwierigkeiten der Unternehmung
+zu tragen? die Fluth stürmt hinter dir her, aber du scheust dich, den
+schroffen Felsen zu erklettern, der dir die Rettung anbietet.
+
+_Abdallah._ Nein, -- nein, -- Selim stirbt, und kann ich ihm sein
+voriges Glück wieder zurückgeben? Wird sein ganzes Leben nicht eine
+einzige wehmüthige Erinnerung sein? Ein ewiger Kampf von Schmerz und
+Hoffnung? -- Er verliert hier nichts, er kann im Tode nur gewinnen, er
+dauert, oder löscht aus, -- es ist besser, nicht zu sein, als an dem
+Joch eines quaalvollen Lebens zu schleppen. Selim kann mit Zuversicht
+sterben, er muß es jenseit besser finden: denn er läßt keine Freude
+zurück, den letzten Kranz, Vaterfreude, hat er muthwillig zerrissen.
+
+_Omar._ Der schwache Greis, der schon an der Schwelle des Todes steht --
+
+_Abdallah._ Ha! wenn meine große Aufopferung ihm Unsterblichkeit gewönne,
+-- ha! dann könnt' ich diesen Kampf in meinem Busen dulden, dann könnt'
+ich Roxanens Gatte werden, oder ohne Klagen mit meinem Fluch in die
+Wüste ziehn, ja, könnt' ich ihm durch meine Quaalen auch nur noch _ein_
+Menschenalter erkaufen, -- aber der unerbittliche Tod lacht über mich.
+Selim muß sterben, bald sterben, vielleicht ist er schon in wenigen
+Stunden nicht mehr.
+
+_Omar._ Wer würde dir dann nicht verzeihen, wenn du bereutest, daß du
+mit diesem unvermeidlichen Tod dein Glück nicht der eilenden Zeit
+abgekauft hättest? -- Dieser Athemzug erwirbt dir Zulma, ist er
+ausgelöscht, dann kannst du dieses Kleinod durch tausend Leben nicht
+erkaufen.
+
+_Abdallah._ Und liegt ihm denn selbst an diesen wenigen Stunden, die
+ihm noch zugezählt sind? Du hast es selbst gehört, wie sehr er den Tod
+wünscht, seit er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. -- Itzt
+würde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine Gewißheit hoffen könnten.
+-- Soll ich mich bedenken, ihn glücklich zu machen, oder warten, bis er
+sich selbst den Dolch in die Brust stößt? --
+
+_Omar._ Das Land mit seinen Bürgern war die Freude deines Vaters, einst
+ein neues Glück zu säen und die schöne Saat aufschießen zu sehen, dies
+war der feurigste seiner Wünsche, die kühnste seiner Hoffnungen. Für
+seine Mitbürger unternahm er das große Wagestück, auf das er sein Glück
+und sein Leben setzte, -- die Würfel fielen unglücklich. -- Roxane
+sollte deine Gattin werden, um die Ernte jener Aussaat einzunehmen,
+aber das Verhängniß verschwor sich gegen ihn und an einem Tage ward
+alles zernichtet. -- Der Wille deines Vaters könnte entschuldigt, deine
+Aufopferung gelobt werden, wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck
+deines Vaters erreichen könntest, -- aber sieh umher, tausend
+Unmöglichkeiten spotten deines Scharfsinns. --
+
+_Abdallah._ Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin führen, wohin mich
+Roxane führen sollte, sie giebt mir den Thron dieses Reichs, und ich
+rotte die Dornen aus, die Ali pflanzte, dann kömmt der schöne, der große
+Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen über dieses Land auf,
+ich verwandle es in einen Garten voll schöner Blüthen. -- Nicht wahr,
+Omar, mein Vater würde sich nicht einen Augenblick bedacht haben, mich
+dem Wohl des Landes aufzuopfern? -- Und ich säume ihn dem Glück der
+Bürger hinzugeben? Das Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen
+der Nachkommen wird mich einst belohnen.
+
+_Omar._ Und Zulma! -- Sollte sie in den Armen eines andern deiner
+vergessen? Solltest du einst ihrem Pallast als ein unbekannter Sklave
+vorübergehn und sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick
+auf dich herabwerfen? -- Solltest du einst als Bettler vorübergehn und
+von der geliebten Zulma mit Verachtung abgewiesen werden?
+
+_Abdallah._ Nein, nein, das soll nie geschehen, so lange ein Herz in
+meinem Busen schlägt, ist sie mein, noch mein letzter Blutstropfe würde
+für ihren Besitz kämpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist sie der
+Inhalt meiner Gedanken und alle meine Kräfte laufen nach diesem Ziele.
+
+Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht widersetzen. Steht
+diese That in jenem großen Buche, welcher Finger will die ewigen Züge
+verlöschen? _Deinetwegen_ wird das große Gewebe nicht inne halten, der
+Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen Willen gefragt. --
+
+Abdallah stand in tiefen Gedanken. --
+
+Du kannst nicht gut, du kannst nicht böse handeln, fuhr Omar fort, _ein_
+Geist ist es, der in den Millionen Leben glüht, du und ich, Selim und
+Zulma sind nur _ein_ Wesen, du arbeitest stets für und gegen dich, du
+kannst eigenmächtig über deine Handlungen den Ausspruch fällen, und
+diese gut und jene böse nennen, wer mag dir widersprechen?
+
+Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten beide das Zimmer
+verlassen, Selim kam ihnen zornig entgegen. -- Fort! Verbannter! rief er
+aus, so lange der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich dein
+Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen Verwünschungen belade!
+
+Omar blieb bei Selim zurück, und Abdallah ging traurig und zürnend in
+das Dickicht des Waldes, wo eine einsame Stille ihn begrüßte, nur von
+einem leisen Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten lagen
+übereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf den grünen Rasen herab.
+--
+
+O der Eiskalte! rief Abdallah laut, wie leicht es ihm wird, ewige
+Quaalen auf mich herabzubitten! -- und ich zögre und bedenke seinen Tod,
+-- ihm wird es so leicht, mich ewig zu verderben, und ich kann diese
+Gefühle in meiner Brust nicht niederwerfen. Kann dieser einzige Verlust
+nicht tausendfachen Gewinn geben? Kann das Land und Zulma nicht laut
+dies Leben von mir fordern? und da er es selbst verachtet und für seine
+Mitbürger hinzugeben brennt? --
+
+Ach und was vermag ich gegen das eiserne Schicksal? gegen die dicken
+Mauern schlagen vergebens meine Kräfte an, -- wenn es sein soll, -- o
+dieser Gedanke selbst ist mir vor meiner Geburt schon vorgeschrieben,
+ich kann nichts als ihn nachdenken, -- in den ewigen Gesetzen liegt die
+Sünde, -- die Hand mordet, die den Dolch ergreift, nicht das Werkzeug,
+das der größern Kraft wider Willen nachgeben muß. -- O das ist ein
+Gedanke, der mich dem Wahnsinn entgegen führen könnte. -- Alle meine
+Wünsche gehen hier unter, mein Wille ist todt, -- ich muß, ich muß es
+vollbringen, und dann erst wird das Werkzeug aus den Händen gelegt.
+-- Wo finden meine Gedanken auf diesem Meere einen Ort der Ruhe? -- Wo
+eine Insel, an die sie im Sturme landen können? --
+
+Er setzte sich in das Gras unter einem dichten Baum und sahe starr dem
+Spiel der Mücken und Gewürme auf der Erde zu. --
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+Ein Geräusch dicht neben ihm im Busche schreckte ihn auf, _Raschid_
+stand vor ihm. --
+
+Er sprang auf und fiel seinen Freund schnell in die Arme. -- O, rief er,
+das ist es, was ich suchte, ja, ein Mensch hat mir gefehlt und dieser
+wird mir itzt gesendet.
+
+Wir sind beide unglücklich, sagte _Raschid_, Elend verschwistert unsre
+Seelen.
+
+_Abdallah._ Du elend? -- O worin kannst du unglücklich sein?
+
+_Raschid._ Ich? -- Ich irre in der Nacht und am Tage durch verlassene
+und wüste Gegenden, ich wünsche und hoffe und verzweifle in demselben
+Augenblick, -- ach Abdallah! Abdallah! du weißt vielleicht, was Unglück
+ist, nicht wahr, du würdest mich glücklich machen, wenn du es könntest?
+
+_Abdallah._ Ja ich weiß was Elend ist, Unglück ist mir nicht fremd.
+-- Aber was kannst du bei mir wollen? Suchst du Quaalen und Verzweiflung?
+-- o die kann ich dir geben, -- sieh! dies sind meine Schätze!
+
+Sie gingen mit einander, in Abdallah's Busen lag es zentnerschwer, er
+wollte zu reden anfangen und schwieg dann wieder furchtsam. Endlich
+umarmte er den Freund noch einmal glühend: Raschid! Raschid! rief er, du
+bist ein Mensch, nicht wahr, es schlägt ein fühlendes Herz in dieser
+Brust? deine Seele ist für Mitleid nicht taub, -- o sprich! nur ein Wort
+der tröstenden Linderung! --
+
+_Raschid._ Du schweigst? vertraue deinem Freunde den Sturm, der in deiner
+Seele wüthet. -- Was kann dich so mit Riesenkräften niederdrücken?
+
+Abdallah schwieg noch immer, -- ich liebe Zulma! rief er dann plötzlich.
+-- Ach, ich muß dies fürchterliche Geheimniß in einen Menschenbusen
+ausschütten, o tröste mich, -- verzeihst du mir, nennst du mich Bruder,
+wenn -- hast du je die Allmacht der Liebe gefühlt?
+
+Zulma? rief Raschid und stürzte bleich zurück, Zulma? O Unglücklicher!
+
+_Abdallah._ Nur ein Wort aus deinem Munde! _Darf_ ich sie wünschen?
+-- macht mich meine Liebe zum Ungeheuer? -- warum starrst du mich so an?
+Willst du mir keinen Trost geben?
+
+_Raschid._ Trost? -- Dieses Entsetzen hat mich zu dir gejagt, ich kam zu
+dir, um zu deinen Füßen mir mein Glück zu erbetteln, -- du liebst Zulma,
+-- o Unglücklicher, so wisse, so erfahre es denn und schaudre bis in das
+Innerste deiner Seele, -- auch Raschid liebt diese Tochter der Sonne!
+aus dieser Quelle sind alle meine Martern geflossen, dies hat mich seit
+Jahren gepeinigt und an der Wurzel meines Lebens genagt.
+
+_Abdallah._ Du liebst sie? du? -- O Raschid, hinweg! du bist nicht mehr
+mein Freund! -- ich verlange einen Ton der mich tröstet, ich schlage
+verzweifelnd an die Laute, -- aber alle ihre Saiten sind zerrissen, kein
+Wiederhall in der ganzen Schöpfung!
+
+_Raschid._ Darum bin ich hier, Selim sollte mich glücklich machen, du
+solltest mir ihn abtreten.
+
+_Abdallah._ Nein! nein! -- O beim Unendlichen, alles thürmt sich immer
+höher und höher, alle Schrecken wachsen zu Riesen auf und werfen sich
+mir entgegen. -- Nein, nein, Raschid, du darfst nicht, Selim ist mein
+und Zulma mein, deine Hand darf es nicht wagen, in mein Glück zu
+greifen.
+
+_Raschid._ Hinweg Freundschaft und Mitleid! die Liebe kömmt ihren Thron
+zu besteigen! Ich bin nicht mehr Raschid, nicht mehr dein Freund -- Ja,
+ich will den großen Kampf mit dir eingehen, Abdallah, unsre Freundschaft
+sei zerrissen! Fluch um Fluch, Hölle um Hölle, alle Schrecken gegen
+einander, -- Zulma ist mein! mein, sag' ich, -- endlich hat der Himmel
+den Verstoßenen wieder angenommen, ich bin mit mir selber ausgesöhnt.
+
+_Abdallah._ Raschid, ich ziehe allmächtig diese Waage nieder, die zu den
+Wolken aufgeschnellt wird, dieser Baum ist mein, in dessen Schatten du
+dich lagern willst, -- Zulma liebt mich! --
+
+_Raschid._ O sie wird, sie muß mich einst lieben, deines Vaters Elend
+ist eine Leiter, die mich in den Himmel trägt, ich will verwegen bis
+auf die letzte schwindelnde Sprosse steigen und wie ein Gott auf die
+armselige Welt hinabsehen.
+
+Er wollte gehen und Abdallah hielt ihn mächtig zurück. -- Wohin willst
+du? rief er aus, Schrecklicher!
+
+Zu Ali, antwortete _Raschid,_ dein Vater ist ein Unterpfand, das
+mir nicht entrinnen wird, ich bin nicht vergebens deinen Schritten
+nachgeschlichen; o ich muß eilen, denn ich fühl' es im Innern meiner
+Seele, für Zulma würd' ich freudig meinen Vater und meine Mutter der
+Schlachtbank überliefern.
+
+Sie rangen hartnäckig mit einander. -- O noch, noch verweile, rief
+Abdallah, nur diesen einzigen Tag noch, nur diese Stunde schenke mir
+noch mitleidig!
+
+Um in dieser um meine Seligkeit betrogen zu werden? antwortete Raschid.
+-- Nein! zurück von mir! -- Er riß sich gewaltsam los und entflohe mit
+der Eil des Windes, auch keinen flüchtigen Blick warf er seinem Freunde
+rückwärts. --
+
+Abdallah sahe ihm betäubt und schwindelnd nach. -- Ha! nun ist es ja
+entschieden, sagte er mit unterdrücktem Lächeln, meine Martern habe ich
+umsonst geduldet, Zulma ist mir ewig, ewig verloren. -- Ha! wie es in
+meinem Innern tobt und wüthet! -- Kalt steh' ich da und sehe, wie auch
+meine letzte Freude von einem fremden Vorübergehenden lachend gemordet
+wird. -- Er verhöhnt Freundschaft und Liebe und fliegt nach seinem
+glänzenden Ziel, -- nur ich zögernder Thor schlage mich mit tausend
+Zweifeln und verliere den großen Augenblick. -- Zulma nicht mein,
+Raschids? -- O das, das kann, das soll nicht sein! So weit dürfte dieser
+Fremde sich in mein Paradies hineinwagen? -- Was hält mich denn zurück?
+-- Wollte er nicht seinen Vater dieser Wonne ohne Bedenken opfern? -- O
+er ist ja auch ein Mensch, -- er liebt ja Gott und betet das Schicksal
+und die Tugend an und dennoch, -- mir ist alles genommen und doch zögert
+meine Trägheit noch? Wie mit hundert Stricken wird mein Arm zum tödtlichen
+Streich herabgerissen und ich kämpfe noch gegen diesen Schlag, -- und
+muß Selim nicht dennoch sterben? -- Er muß -- und ich und Zulma sind
+unglücklich, -- ja, ja, es muß sein, -- ich höre die Stimmen umher
+brüllen, die mich zur That anmahnen. --
+
+Er drängte sich in wüthender Eil durch die Gebüsche und sahe auf der
+Landstraße Raschid schon weit voraus, der der Stadt zueilte. Geängstigt
+rennt er ihm nach und stürzt wie beflügelt hinter ihm her, seine Augen
+sahen den Weg nicht, sein Athem röchelte laut, oft biß er knirschend die
+Zähne zusammen. -- Endlich erreichte er ihn matt und ohne Bewußtsein.
+-- Halt! rief er laut, -- halt an mit deiner Beute, Betrüger!
+
+Raschid sahe rückwärts und erblickte Abdallah, er wollte ihm von neuem
+entfliehen, aber gewaltig ergriff ihn Abdallahs Arm und hielt ihn zurück.
+-- Nein, du sollst mir nicht entrinnen, schrie er wüthend, schwöre hier
+durch einen gräßlichen Eid dich von Zulma los, -- oder beim Propheten!
+ich vergesse unsre Freundschaft, so wie du sie vergessen hast.
+
+Raschid wollte sich los machen, aber Abdallah schlug seine Arme um ihn
+und hielt ihn mit der Kraft eines Riesen an seine Brust geklammert.
+-- Zurückgerissen von dem Sonnenglanz, rief er, sollst du in einem ewigen
+Dunkel verschmachten, schwöre Zulma ab und wirf deine frechen Wünsche
+hinter dir, -- ha! Selim ist _mein_ Vater, nur Vatermord kann dich
+Zulma's würdig machen.
+
+Ich schwöre nicht! schrie Raschid auf, -- von mir Schändlicher! für
+Zulma ring' ich mit dir um Leben und Tod. --
+
+Er versuchte es, sich mit allen Kräften aus Abdallah's Armen zu
+schleudern, aber dieser drängte ihn zu fest an sich, Raschid biß ihn
+mit den Zähnen wüthend in den Arm, um sich frei zu machen. -- Sie rangen
+unter einem dumpfen Gebrülle gegen einander, kräftig warfen sie sich hin
+und her, die Erde dröhnte unter ihren Tritten. -- Endlich warf Abdallah
+den ermüdeten Raschid nieder, er kniete auf ihn hin. -- Willst du itzt
+Zulma zurückgeben? schrie er und stierte ihn mit einem eisernen Blicke
+an. -- Nein, nein, und müßt ich ewig dafür verdammt werden, nein! brüllte
+ihm Raschid zu. -- Abdallah zog einen Dolch und stieß ihn in die Brust
+des Überwundenen, ein großer Blutstrom stürzte hervor und floß über
+die Erde. -- Unter krampfhaften Zuckungen starb Raschid endlich, ein
+Schleier zog sich über sein starres hervorgetriebenes Auge, er lag
+bleich und unbeweglich da. --
+
+Abdallah stand über ihm und betrachtete ihn mit fürchterlicher
+Schadenfreude. -- Warum rufst du nicht mehr Zulma's Namen aus? sagte
+er bitterlächelnd, wirst du mir sie itzt noch abkämpfen wollen? -- Kann
+ich nun ruhen, ohne deine Eile zu fürchten? -- Nun wirst du sie nicht
+gewinnen, die Würmer nehmen dich in Besitz! Nun ist sie mein, mein! o
+ich will es dir in die Ohren schreien, bis du von neuem fluchst, -- Zulma
+ist mein! -- Ha, warum bist du im Augenblick so kalt, gleichgültig und
+träge geworden? -- Liebst du Zulma nicht mehr? -- verdient sie itzt
+nicht mehr die Huldigung deiner Wünsche? --
+
+Ein plötzlicher heftiger Schauder fiel ihn an, er wandte sich und flohe
+mit Windesschnelligkeit zur Stadt.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+Er stürzte wild in die Stadt hinein und eilte wie ein Rasender durch die
+Straßen, alles wich ihm furchtsam auf seinem Wege aus, man hielt ihn für
+einen Wahnsinnigen, der seinem Kerker entsprungen sei und jedermann sahe
+ihn mit Furcht und Mitleid nach. Er schweifte wüthend umher und stand
+itzt vor dem Pallast des Sultans. Als er hineinstürzen wollte, hielten
+ihn die Leibwächter zurück. Er wollte sich mit Gewalt hindurchdrängen,
+er schrie laut, man sollte, man müßte ihn zum Sultan führen, man stieß
+ihn wie einen Unsinnigen fort; da er aber stets von neuem und stets
+dringender bat, nahm man ihm endlich seinen Dolch ab und ließ ihn in
+den Pallast treten. _Mehmed,_ der Vezier, begegnete ihm, Abdallah's
+Knie zitterten, seine Stimme war nur ein gebrochenes Lallen. Der Vezier
+sahe ihn mißtrauisch an und ging endlich in das Gemach des Sultans.
+-- Abdallah stand zitternd auf dem langen Gange vor den Thüren der
+Zimmer, er wußte nicht mehr, wer er war und was er wollte, vorübergehende
+Sklaven betrachteten ihn mit Erstaunen, wie einen niegesehenen Fremdling,
+er sahe scheu umher, alle fuhren vor ihm, wie vor einem Mörder zurück.
+Sein Zustand war fürchterlich und doch wünschte er ihn verlängert,
+sehnlich wartete er auf die Eröffnung der Thür und konnte sich diesen
+Augenblick nie als wirklich denken; ein wehmüthiges Entsetzen, eine
+fremde Verzweiflung, die ihn mit einer kalten Freude erfüllte, herrschte
+in seiner Seele. Itzt war ihm nichts werth und nichts verhaßt, er war
+sich selber abgestorben, in einem dumpfen Nachsinnen verloren, gab er
+sich endlich Mühe zu entdecken, warum er dort stehe und auf was er
+harre. -- In einzelnen Streifen brach sich der Sonnenschein durch die
+Fenster und er betrachtete aufmerksam die kleinen zitternden Strahlen,
+die sich zusammenwebten und wieder auseinander flogen, sein unverwandtes
+Auge verlor sich in aufmerksamen Betrachtungen von hundert Kleinigkeiten,
+dann sahe er wieder nach den Sklaven, die vor ihm zitterten und eine leise
+Ahndung sprach in ihm an, als müßte er sich vor ihren Blicken schämen.
+-- In der Ferne flog ein Schall den langen Gang hinab, mit seinem todten
+eiskalten Blick sah er hin, es war _Zulma,_ die mit einigen Sklavinnen
+dicht vor ihm vorüber in ein Gemach ging, ein Schleier bedeckte ihr
+Gesicht, aber er erkannte ihren Gang und den Glanz ihres Auges durch
+die Verhüllung. Alle seine gefesselten wüthenden Leidenschaften wurden
+plötzlich von eisernen Banden wie Wirbelwinde losgelassen, er kam zu
+sich selber zurück und fand jedes Entsetzen in der grauenvollen Wohnung
+wieder. Er starrte dem Schimmer ihres Gewandes lange nach, sie hatte ihn
+nicht erkannt. -- Wo bist du? fragte ihn ein aufwachender Gedanke, -- und
+was willst du? -- Ha! die Verdammniß hält dir noch einmal die trügende
+Speise an der giftigen Angel hin; war es nicht _Zulma_, die vorüberging?
+-- Es ist _meine_ Zulma, sprach er in sich weiter, sie ist _mein_, jetzt
+geh' ich hin und bezahle den großen Kauf, die Hölle reicht mir ihre
+Verschreibung. -- Jetzt, jetzt wird der fürchterliche Augenblick nahen,
+der mich zum ernsten Verhör fordert, doch auch _er_ wird vorübergehen,
+die Zeit verschlingt geizig alles. -- Aber auch mein Glück wird
+verschwinden, es wird eine Zeit kommen, in der ich sagen werde, Zulma
+_war_ mein und dann? -- Nein, nein, ich will die Zeit festschmieden und
+ihre Räder zerbrechen, lahm soll sie langsamer von dannen schleichen.
+Die Wonne der Liebe soll mich berauschen bis ich wahnsinnig werde; wenn
+ich Zulma in meinen Armen halte, dann soll sich die Hölle nicht an mich
+hinanwagen, ihre Schuld einzufordern, o, ich will, ich _will_ glücklich
+sein, -- ich will schwören, daß ich nicht elend sein werde, der Fluch
+Selims trifft mich im Paradiese an, und flattert scheu zurück, in Zulma
+finde ich die Tugend und Gott, nur hier will ich anbeten, ich will mir
+selber Trotz bieten; die Seele ist verächtlich, die nicht Muth hat, von
+sich zurückzuschleudern, was feindlich in ihre Seligkeiten bricht, nur
+der Furchtsame leidet, durch seine feige Einwilligung ist der Elende
+elend, -- ha! ich trotze dem Schicksal und der Allmacht, ich will kühn
+schroffe Klippen erklettern und mit hohnlachendem Triumph meine Kränze
+aus den Schrecken pflücken, -- wer, wer kann mir verbieten glücklich zu
+sein? Wer will meinen frechen Geist beherrschen? Wer in Zulma's Armen
+Elend auf mich herabsprechen? -- o er versuch' es, der Ewige, -- _mich_
+treffen seine Flüche nicht, -- mein Glück ist meine Tugend, ohne Zulma
+bin ich unglücklich, -- Tugend ist ein nichtiger Schall, der verdammende
+Richter hat in seinem Busen nie die Menschheit gefühlt, -- ein tyrannisches
+Schicksal hat eherne Gesetze für uns geschrieben, der Ewige hielt seine
+Erschaffenen für Engel, -- er selber versteht die Menschheit nicht,
+-- darum zertrümmert diese Gesetze, er wird einst verzeihen, oder er ist
+ein Tyrann, der die Schöpfung belebte, um sich ihrer Quaalen zu freuen. --
+
+Die Thür des Gemaches öffnete sich. Der Vezier des Sultans trat heraus
+und führte Abdallah in ein prächtiges Zimmer; Ali saß in einer kalten
+empörenden Wuth auf einem Sessel und sahe dem eintretenden Abdallah
+starr entgegen; der Jüngling warf sich vor ihm nieder.
+
+Eine lange Stille. Ali blickte auf ihn ernst herab, Abdallah wagte es
+nicht, die Augen aufzuheben. Seine Sinne hatten ihn verlassen, er ächzte
+laut in einer todten Betäubung. -- Was willst du? fragte ihn endlich der
+Sultan mit zurückschreckender Kälte.
+
+Abdallah hob sein Haupt auf und blieb auf den Knien liegen. -- Was
+ich will? -- antwortete er leise. -- O diesen großen, schrecklichen,
+einzigen Augenblick wollt' ich. -- Itzt, itzt ist er da! -- Was such'
+ich hier? -- Warum kam ich hierher? -- Wer bist du?
+
+Er ist wahnsinnig! schrie Ali auf, hinweg mit dem Unsinnigen!
+
+Sklaven näherten sich und wollten ihn hinwegführen, Abdallah widersetzte
+sich ihnen stumm, -- nein, rief er endlich aus, laßt mich! Ich muß hier
+bleiben, eine große Entdeckung führte mich vor deinen Thron, darum höre
+mich an. -- Ali winkte, und die Sklaven entfernten sich wieder.
+
+Nun sprich! sagte Ali, oder bei meinem Zorn, du gehst nicht lebendig aus
+diesem Saal!
+
+Ich will sprechen, sagte Abdallah. O ich muß sprechen, von itzt an hab'
+ich keinen Willen weiter. -- O Zulma! Zulma! -- Ali, du hast ein großes
+Kleinod ausgeboten, du hast dem Zulma verheißen, der Selim deiner Strafe
+ausliefern würde.
+
+_Ali._ Ja.
+
+_Abdallah._ Wirst du dein Versprechen halten?
+
+_Ali._ Beim Propheten!
+
+_Abdallah._ O so ist sie _mein!_ ich bringe dir das Geheimniß, gegen das
+du sie austauschen mußt.
+
+Ali sprang heftig auf. -- Selim? rief er, Selim? O meine Rache lechzt
+nach diesem Blute, sprich es aus, wo ist er? Wo kann ich ihn finden?
+
+Abdallah schwieg. --
+
+Sprich! schrie Ali noch einmal, meine Wuth steht mit neuer Macht in
+meinem Busen auf, foltre meine Ungeduld nicht länger, -- oder beim
+Propheten --
+
+Was hab' ich gethan? sagte Abdallah. -- Hab' ich es ausgesprochen, das
+fürchterliche Wort? O nein, nein, ich habe nichts gesagt, ich frage dich
+Sultan, sprich, nicht wahr, ich habe nichts gesagt? -- O laßt mich, laßt
+mich schweigen, meine Worte werden zu Mißgeburten, die meinen eignen
+Busen verwunden, ich bin an die Schwelle der Verdammniß gekommen, o laßt
+mich wieder rückwärts schreiten.
+
+Sein Körper zitterte in einer fürchterlichen Angst, er wollte sich
+aufheben, aber er sank wieder kraftlos nieder.
+
+Verwegner! sprach Ali zürnend, bist du Frecher hierhergekommen! meiner
+zu spotten? -- Du kannst nicht wieder zurückfordern, was du gesagt
+hast; sprich, oder Foltern sollen die Nachrichten aus dir herausquälen,
+die du mir verweigerst. --
+
+_Abdallah._ Und es muß also sein? die fürchterliche Frage ist nun auf
+ewig entschieden? -- Nun so sei es denn!
+
+Er hob sich mühsam auf, seine Stimme zitterte, sein Gesicht war bleich,
+sein Blick starr. -- Er beschrieb dem wüthenden Ali den Pfad, der zu der
+Wohnung Selims führte, er nannte ihm die Zeichen, an denen man den Weg
+erkennen könnte. Ali befahl seiner Leibwache, diesen Weg aufzusuchen und
+Selim zu ihm zu führen. -- Abdallah wollte mit dieser wieder aus dem
+Saal hinauswanken.
+
+Nein, rief Ali, so steht unser Spiel nicht, du verweilst hier, bis die
+Abgeordneten zurückkommen; sind deine Nachrichten Lügner gewesen, so
+soll dein Leben für deine Frechheit büßen.
+
+Abdallah blieb zurück und sahe wieder starr vor sich nieder.
+
+_Ali._ Hast du Wahrheit gesprochen, o dann werde dieser Tag als ein Fest
+gefeiert, Jubelgesänge sollen durch den Pallast jauchzen, durch die ganze
+Stadt eine laute Freude brausen. Was Selims Frechheit wagte, hat noch
+kein Sterblicher gewagt, er werde gestraft, wie noch kein Sterblicher
+gestraft worden ist. Ich will darauf sinnen, wie ich ihn martre, allen
+meinen Launen will ich an diesem Verworfnen ein Fest geben, heut will
+ich nach langer Zeit wieder fröhlich sein. Fürchterlich will ich unter
+meine Feinde treten, alles um mich her will ich verwüsten, was mich
+haßt. Auf Liebe darf ich nicht mehr hoffen, aber _fürchten_ soll man
+mich immer; so weit ist es mit mir noch nicht gekommen, daß man mich
+ungestraft verachten dürfte. -- Ich will den Trotzigen zittern sehn und
+sollt' ich mein Gehirn mit Ersinnung von Martern zersprengen; Selim
+läugnet mir meine Menschheit ab, nun so mag er denn einen Tiger in mir
+finden. Nur durch Martern will ich zu ihm sprechen, die Folter soll mein
+Dolmetscher sein.
+
+Bebend hörte Abdallah die Worte Ali's, er sahe ihn mit einem stieren
+Blicke an, kalt und ohne Leben wie das Gesicht eines ehernen Bildes. Ali
+fuhr zornig fort:
+
+O daß das Leben nicht meinem Rufe gehorcht, _ein_ Tod ist zu wenig, um
+diesen Frevel abzubüßen, ich wollte ihn mit Flammengeißeln durch hundert
+Tode und Leben peitschen, in die Vernichtung geworfen und wieder zum
+Dasein aufgeschreckt wollt' ich ihn mit Quaalen jagen, bis er in Demuth
+zitternd um Gnade flehte und den letzten Tod als ein Geschenk erwinselte.
+-- Hat der Bösewicht nicht Freuden genossen, mit denen ich niemals
+Bekanntschaft machte? War ich nicht von je ein Bettler gegen ihn? Und
+mit niedrigem Neide steht er auf, mir auch das letzte zu stehlen, das
+Leben, ein Gut, das er verachtet, das einzige, was mir nur übrig blieb,
+da diese Menschen, die er liebt, mir alles genommen haben. Meine einzige
+Perl? -- O dafür soll er keine Verzeihung finden, und wenn er mir alle
+Schätze seines Busens wie einem Erben hinterlassen könnte.
+
+Abdallah erlag unter der Last dieser Gedanken, länger konnte er sie
+nicht ertragen, er riß mit Gewalt seinen Geist von diesen gräßlichen
+Vorstellungen zurück. Und _Zulma_? fragte er mit zitternder Stimme.
+
+_Ali._ Sie ist dein, sie ist deine Gattin, und du bist mein Sohn, mein
+ganzes Reich soll es erfahren, daß du mein Sohn bist. -- O ich bin
+glücklich, daß diese Tochter, mein Stolz, eine Lockspeise meiner Rache
+geworden ist, durch diese _eine_ That belohnt sie meine väterliche
+Zärtlichkeit.
+
+Zulma mein? -- stammelte Abdallah. --
+
+Aber wer bist du? fragte Ali, du hast mir deinen Namen noch nicht
+genannt.
+
+Abdallah fuhr erschrocken auf. -- Wer? schrie er laut. O daß ich es
+vergessen dürfte! daß dies Andenken sich nicht so fürchterlich an mich
+hinge! -- Ha! wer bin ich? -- -- Nein, kein Mensch, kein Thier, kein
+Teufel, -- o hinweg mit der Schaam! selbst diese geziemt dem Verworfenen
+nicht mehr. -- _Ich bin sein Sohn._
+
+Abdallah? Selims Sohn? schrie Ali auf. --
+
+Ich war einst Abdallah, antwortete er.
+
+Ali fuhr bleich zurück, erblassend sah sich das Gefolge des Sultans an,
+ein starres Entsetzen bemächtigte sich eines jeden, man betrachtete den
+Jüngling als ein fremdartiges Wesen, das der Menschheit, seiner Mutter,
+auf ewig entlaufen sei.
+
+Ihr fahrt zurück? sagte Abdallah. -- Selbst Ali erblaßt, vor dem
+schüchtern jede menschliche Empfindung zurückbebt, ha dieser Blitzstrahl
+dringt allmächtig durch den steinernen Harnisch seines Busens! er fühlt
+es, er freut sich, daß er ein Mensch ist! Wie war es denn möglich,
+daß ich über diese unermeßliche Kluft sprang und nicht im Springen
+zerschmettert wurde? -- Nun steh' ich jenseit und strecke die Arme nach
+der Vergangenheit aus. -- Ha! warum erblaßt ihr? -- Ihr fahrt zurück
+wie vor einem Verbrecher, der an die letzte fürchterliche Gränze aller
+Laster gekommen ist, ihr scheut euch mich Bruder zu nennen, -- ach, ein
+hartes Verhängniß weht mich wie einen Staub umher, ich muß der sein, der
+ich bin. --
+
+Ali sah ihn lange mit einem staunenden Blicke an. -- Ich nannte dich so
+eben Sohn, sagte er langsam und leise, -- Zulma bleibt dir, -- aber mein
+_Sohn_ kannst du nicht werden. --
+
+_Abdallah._ Weil ich diesen Namen auf ewig gebrandmarkt habe, ha! Väter
+werden bei diesem Ton zusammenfahren und Mütter schaudern; seit Abdallah
+seinen Vater verrieth, zittert ein schneidendes Gefühl durch die Brust
+der Ältern, die Hölle jauchzt, der Himmel weint, Greise wetzen Dolche für
+den ungebornen Enkel, mein böser Engel hat sein schwarzes Buch geschlossen
+und steht müssig zu meiner Rechten, diese That endigt das Verzeichnis
+meiner Sünden; alles, was ich nun noch thun kann, ist nichtswürdig gegen
+diesen glänzenden Triumph.
+
+Alle schwiegen und Abdallah sprach heftiger weiter:
+
+Nun ich über den Gränzstein ausgeschritten bin, o Himmel, nun ich
+jenseit aller Menschen wohne, o so nimm mir auch das Bewußtsein und
+meine Gedanken, -- was sollen sie mir dort in der verbrannten Wildniß?
+-- Gieß den Wahnsinn in vollen glühenden Schalen auf mich herab! -- Itzt,
+itzt kann ich wahnsinnig werden, ich fühl' es, -- ich gebe dir den Funken
+zurück, den du mir grausam geliehen hast. -- Aber das Schicksal ruft
+fürchterlich: Nein! Ja mir selbst wächst unaufhörlich der Schierling,
+der mich in Todeskrämpfen zittern läßt, zum Bewußtsein verdammt zieh'
+ich selber die Feuerflammen und Verdammnißquaalen um mich herum, dieser
+Geist ist meine Hölle und giebt mich nie wieder frei. -- Itzt ist auch
+die letzte, die traurigste Blume der Hoffnung verwelkt, ich habe die
+Verzweiflung überstanden und bin noch der ich war; o warum ist unsre
+Tugend und Ruhe nicht so felsenhart und unzerbrechlich, als dies kalte
+quälende Bewußtsein?
+
+Unglücklicher! sagte Ali, wie war es möglich --
+
+Abdallah unterbrach ihn: -- Kann ich es selbst begreifen? das Verhängniß
+und Zulma, -- ich habe diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich
+mich selbst dabei verspielte? -- Zulma, Zulma soll es mir alles ersetzen,
+ha! oder ich will einst den Richter jenseit bitter anklagen, daß er mich
+um mein Leben betrog, daß er mir hämisch einen großen Tausch anbot -- und
+mich schadenfroh hinterging --
+
+Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir! du lästerst den Herrn,
+Elender! -- Was hilft es, daß du gegen die Last kämpfest, du wirst sie
+niemals abwerfen. --
+
+Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward milder, sein Auge
+menschlicher. Er dachte über einen Gedanken nach, der ihn wehmüthig
+machte.
+
+Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu seinem Vezier. -- Wer
+tadelt mich nun noch, daß ich die Menschheit verachte? Wer darf noch
+murren, wenn ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als gültig
+anerkennen will? -- Sie selber sendet einen aus ihrer Mitte, der ihre
+schwarze Verrätherei entdeckt, der den verächtlichen Betrug entlarvt. Bis
+itzt hab' ich noch immer gefürchtet, an diesem Geschlecht zu irren, aber
+nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin überzeugt! Was hat Selim von mir
+gewollt, da sein Sohn, den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine
+Stimme schreit? -- Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Verächtlichkeit
+und Meineid mir warnend auf der Gränze entgegenkommen? diesen Bothschafter
+hier nennen sie selber tugendhaft und er schlägt das Vermögen unter,
+das sie ihm anvertrauten und entläuft knechtisch mit seiner Beute. -- O
+hinweg von mir, was sich mit dem Namen Mensch brüstet! Ihr Stolz ist
+Niedrigkeit, ihre Tugenden sind nur unterdrückte Verbrechen, von itzt
+sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden, der sich durch
+keinen blendenden Glanz bestechen läßt. Ich will ihren Stolz verfolgen,
+bis er zur Demuth wird, sie verkaufen sich um eine Nichtswürdigkeit der
+Hölle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie für die ewige
+Verdammniß gefangen nehmen. Selim haßte mich, weil ich die Menschheit
+haßte, weil ich sie nicht lieben konnte, wollte er das Band meines
+Lebens zerreissen, diesen hat er für seine Menschheit erzogen und er
+verläugnet sie auf ewig. -- Mit Selim will ich mein strenges Amt beginnen,
+statt zu verachten will ich das Siegel itzt _verhöhnen_, auf das diese
+Elenden so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen, über ihre
+allgemeine Vernichtung würde die Erde und der Himmel jauchzen. Selim ist
+die erste Beute, die mir aus dieser schändlichen Rotte zugeworfen wird,
+an ihm will ich dreist sündigen, an ihm sollen sie eine Probe ihrer
+Verfolgung sehn und zittern. -- Kömmt er noch nicht? Ich schmachte nach
+seinem Anblick, itzt will ich ihm mit Kühnheit entgegengehn, denn unser
+großer Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage gewonnen, er
+soll zusammenfahren. Alle Quaalen will ich an ihm ermüden und ihn dann
+erst des Spielwerks überdrüssig, in die Vernichtung werfen.
+
+Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren da gestanden, er
+hatte kaum Ali's Worte verstanden. Plötzlich brach wieder ein Ton durch
+die taube stumme Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet
+unter den flüchtigen Schatten, er wachte wie aus einem Rausche auf.
+
+Mächte des Himmels! rief er plötzlich in lauter Angst, -- was, _was_
+hab' ich gethan? Ha! wie bin ich hierhergekommen? -- Wer ist es, der aus
+meinen Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst Abdallah
+nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner Behausung geworfen und zerstört
+seine Wohnung, o könnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! -- Nein, dies
+hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen Brand im Innern meiner
+Seele hat noch kein Sterblicher erduldet.
+
+Er stürzte wüthend nieder.
+
+Allmächtiger! rief er. -- _Was_ hab' ich gethan? -- Vernichte mich,
+Gräßlicher, damit ich aus diesem Traum erwache! -- Nur einen, einen
+Donner auf mein Haupt, laß ihn zerstörend durch mein Herz rollen und den
+Blitz durch diese Brust flammen, -- wirf mich in die Hölle hinab, nur
+rette mich von _diesem_ Gefühl, laß die Verdammniß mich nur von _dieser_
+Quaal erlösen! -- Himmel! wie ein Nachtwandler wache ich plötzlich auf
+und finde mich in eine Todtengruft verirrt. -- Reißt mit glühenden Ketten,
+mit Feuerhaken diesen angeklammerten Drachen aus meinem Busen, der
+wüthend mit scharfem Zahn in mein Eingeweide beißt! -- Beschützt mich
+Geister der Hölle und schlagt diese Erinnerungen zurück, die zu mir
+hinanspringen! -- O Ali, Ali, -- ruf deine Henker und laß mich vernichten,
+wenn noch ein einziges Menschengefühl unter den vermoderten Ruinen
+liegt, -- findest du nur noch eins, das letzte, o so laß mich sterben.
+--
+
+Ali sahe kalt auf ihn herab. -- Du sollst leben, sagte er.
+
+_Abdallah._ Leben? -- Ha! du geizest mit dem Tode! Selim soll sterben,
+ich bin dieser Wohlthat nicht werth. O wenn du nur noch einen Klang von
+der zerrissenen Harmonie in dir spürst, wenn meine Quaal dir denkbar
+ist, -- o so laß ihn nicht sterben, gönne dir selber diesen ersten großen
+Sieg, versuch es nur diesmal, nur dies einzigemal, -- und wenn dich dein
+Gefühl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen.
+
+_Ali._ Selim muß sterben. --
+
+_Abdallah._ Sterben? -- O wie kalt du dies eine Wort aussprichst, an das
+sich meine ganze Seligkeit gehängt hat. -- _Sterben?_ -- Fühlst du, was
+ich in diesem einzigen Wort verliere? -- mehr, als mir tausend Kronen
+ersetzen können, mehr als diese Erde werth ist. -- O Ali, denke den großen
+Gedanken, durch _einen_ Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem
+Gott emporschwingen, der mir mit freigebiger Güte den Himmel schenkt,
+der großmüthig mich aus der Hölle nimmt und sie verschließt, -- o Ali,
+_sterben_ kann mein Vater durch den Dolch eines jeden Sklaven, -- aber
+dann steht die ganze Schöpfung da und kann den Hauch des Lebens nicht
+wieder fesseln, der flüchtig den Körper verließ, -- nur die Allmacht
+kann zu ihm wieder sagen: _lebe_! O Ali, du darfst itzt des Allmächtigen
+Stelle vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei großmüthig,
+sei menschlich. --
+
+_Ali._ Er muß sterben. --
+
+_Abdallah._ Nein, laß ihn den Wink des Ewigen erwarten. -- Du findest
+ihn dort einst wieder: laß ihn dir als Freund entgegengehn. Wünsch' es,
+daß du den heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet
+findest.
+
+_Ali._ Nein, er muß sterben, _heut_ sterben. -- Wer bist du mir? Und für
+dich sollt' ich diese Freude verloren geben? --
+
+_Abdallah._ Sterben? und unter Martern sterben? -- Nichts kann diesen
+fürchterlichen Ausspruch vernichten? -- Unter Martern, die bis in die
+fernsten Pulse der menschlichen Natur zucken? -- Nun so häufe Quaal auf
+Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf Schmerzen, trinke sein Blut und
+laß dir seine Gebeine vorsetzen, fülle das Maaß meiner Verdammniß bis
+oben an, daß auch keine Faser von mir der Hölle entrinne. -- Nun es
+Flüche gilt, o so stürme die Unendlichkeit mit Millionen Flüchen auf
+mich ein, -- nun bin ich einmal tief hinein in Raserei verirrt, nun mag
+kommen was da will. -- Siehe, Gräßlicher, nun zittre ich nicht mehr, nun
+scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen, so verworfen ich bin, so
+fühl' ich doch noch, daß _ich_ ihm verzeihen würde. -- Ich unternahm das
+fürchterliche Spiel, um mein Glück, um Zulma zu gewinnen, -- du aber
+stehst von deiner Felsenkälte gepanzert da -- und freust dich bloß der
+Todesquaalen. Du gewinnst durch seine Schmerzen nichts und ich verliere
+alles. -- O nun dränge sich Verderben auf Verderben, nun die Würfel einmal
+gefallen sind, nun stürze der Himmel und die Erde zusammen und begrabe
+alles in _eine_ Hölle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast meine Geduld
+verspottet und mich zur fürchterlichen Gränze des Wahnsinns gerissen und
+nun trotz' ich dir und Gott. Was kann ich noch fürchten, da ich selbst
+mein größtes Entsetzen bin? -- Ich könnte frech den Ewigen zum Zweikampf
+fordern und fluchend niedersinken. --
+
+Er stürzte zu Boden, brüllte laut und schlug heftig mit den Fäusten
+seine Brust, der Vezier trat hinzu und wollte ihn hinwegreissen, aber
+Ali hielt ihn zurück. --
+
+Laß ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm Lächeln, mich ergötzt die Ohnmacht
+dieses Wurms. Er möchte sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein
+Bewußtsein an sein Verbrechen geschmiedet. -- Sieh, dies ist der Mensch,
+der Wiederschein des Ewigen. -- Sieh, wie er in der Wuth sich wälzt und
+wie ein Rasender brüllt, -- würdest du ihn dir als einen Edelstein unter
+verächtlichen Gewürmen hervorlesen? Laß ihn liegen, -- o beklage mich,
+daß ich zum _Menschen_ ward, ich schäme mich meiner selbst!
+
+Abdallah's Bewußtsein kam zurück. -- Derselbe Leichnamsblick kömmt mir
+wieder entgegen? sprach er matt und leise. -- Sieht so ein Mensch aus?
+-- O dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde sie mitleidiger
+finden, als dich.
+
+_Ali._ Ich bedaure dich. --
+
+_Abdallah._ Es ist nicht möglich, -- dann würde dein Auge eine andre
+Sprache reden. _Ali._ Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das mit dir
+einen Rang in der Schöpfung hat, ich bemitleide mich selbst und darum
+bedaure ich dich. Weil ich euch verachte, will ich deinem Vater die
+Quaalen erlassen, mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen, auch
+ihre Schmerzen können mich nicht vergnügen. Stehe auf, ich erlasse sie
+ihm.
+
+Abdallah stand langsam auf, er ging betäubt zurück und stand ohne
+Bewußtsein und Gedanken an die marmorne Mauer gelehnt, Ali sahe starr
+vor sich nieder.
+
+Es erhob sich ein Geräusch im Hofe des Pallastes, der Vezier eilte an's
+Fenster.
+
+Was ist dort? fragte Ali. --
+
+Selim, antwortete Mehmed, wird von der Wache hereingeführt. -- Wie stolz
+der Verwegene seine Ketten trägt! --
+
+Man hörte laut Ketten klirren; Abdallah fuhr aus seinem Todtenschlafe
+auf. --
+
+Ketten? sagte er leise. -- Ketten? -- O wohin soll ich mich verbergen?
+--
+
+Das Geräusch kam näher, Abdallah drückte sich fester an die Mauer und
+bedeckte mit den Händen das Gesicht.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+Selim trat mit der Wache herein, die ihn vor Ali führte. Er stellte sich
+stumm vor ihn hin, Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blick an; Selim
+hielt unerschrocken diesen Blick aus, ohne die Augen niederzuschlagen.
+
+Du bist mein! rief Ali aus. --
+
+Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat es so gewollt.
+
+_Ali._ Und du zitterst nicht?
+
+_Selim._ Nein. --
+
+_Ali._ Da du in meiner Gewalt bist? --
+
+_Selim._ Was soll ich fürchten? Du hast die Gewalt mich zu tödten und
+ich wünsche den Tod. --
+
+_Ali._ Auch einen martervollen Tod?
+
+_Selim._ Endlich muß doch die _letzte_ Marter zu mir kommen, die mich
+mitleidig frei macht. Wie soll ich Martern fürchten, wenn sie nicht ewig
+dauren? -- Wie kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle
+Stunden scheuen? --
+
+_Ali._ Du wünschest den Tod und dies könnte mich versuchen, dich nicht
+zu tödten.
+
+_Selim._ Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es keine Freude, keine
+Hoffnung mehr. Ich mag nicht in einer Welt leben, wo dein Wille,
+dein Befehl alle Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit größerer
+Kaltblütigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod auszusprechen.
+-- Ich hatte auf diesen Fall gerechnet; daß ich sterben konnte, daß du
+Sieger sein konntest, diese Möglichkeit hatte ich nicht vergessen und
+darum bin ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefaßt,
+entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige. --
+
+_Ali._ Du hättest mich dem Tode übergeben?
+
+_Selim._ Ja, denn du machst dein Volk unglücklich und es verdient
+glücklich zu sein. --
+
+_Ali._ Du hättest mich unter Martern sterben lassen.
+
+_Selim._ Nein, für _dich_ wäre der Tod die größte Strafe gewesen.
+
+_Ali._ Du verachtest mich?
+
+_Selim._ Lehre mich, wie ich dich ehren kann. --
+
+_Ali._ Du kannst mich hassen, nur verachten sollst du mich nicht. --
+
+_Selim._ Nimm mir meine Meinung.
+
+_Ali._ Du wirst zittern!
+
+_Selim._ Vor dir? -- Niemals! -- dies ist also der Ali, vor dem Asien
+bebt? das Schrecken des Volks, der Mann, mit dessen Namen Mütter ihre
+Kinder zur Ruhe bringen? -- Ich hätte ihn schrecklicher geglaubt. -- Dies
+ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die Hand, auf deren Wink
+das Leben wie ein Hauch entflieht? -- O versperre dich, Sultan, in
+deinem Pallaste, werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin
+kommen, daß keiner vor dir zittert.
+
+_Ali._ Du wagst es, mich zu verspotten?
+
+_Selim._ Was kann ich wagen? -- Das Leben hass' ich, so wie ich dich
+hasse, deine Martern veracht' ich, wie ich dich verachte, -- nenne mir
+ein Wort, das die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der mich
+erzittern macht; du kannst es nicht. -- Sieh, ich bin über dir und über
+dem Schicksal erhaben. -- O sieh' mich nicht so drohend an, dein Blick
+fällt vergebens so flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher,
+ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; trüg' ich nicht diese
+Ketten, o so müßtest du in _meiner_ Gegenwart zittern, ein Verräther hat
+dir dies Zittern erspart, ein Verräther hat meinen Vorsatz vernichtet,
+auf ihn komme das Elend des Volks, nicht über dich. --
+
+_Ali._ Nicht über mich?
+
+_Selim._ Nein, -- du verachtest die Menschheit, du verkennst ihren Werth,
+Menschen gelten dir weniger als Pflanzen, durch Schätze kannst du sie
+nur belohnen, durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung von
+dem Gefühl, das den Menschen zum Menschen erhebt, -- und darum bemitleid'
+ich dich, darum verzeih' ich dir.
+
+_Ali._ Verworfner? du verzeihst mir? -- Welcher Stolz spricht aus diesem
+Sklaven? -- Führt ihn hinweg!
+
+Die Leibwache wollte ihn wegführen, als Selim sich noch einmal zu Ali
+wandte: --
+
+Und was gewinnst du mit meinem Tode? -- sprach er mit fester Stimme, wird
+dein Zittern enden mit diesem Schlag? -- Wirst du weniger beim Schall des
+Windes und vor deinem Schatten zurückschrecken? -- Die Tyrannen tragen ihre
+Strafe in ihrem eigenen Busen. -- Dein Volk haßt dich und du weißt es, die
+Welt verachtet dich und du verachtest dich selbst. -- Hartnäckig ringst
+du mit dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelenträgheit
+herauszureissen, -- aber du vermagst es nicht. -- Ich sterbe und du lebst,
+-- aber beim Allmächtigen! ich möchte dein Schicksal nicht mit dem
+meinigen vertauschen! -- Schon daß ich _dich_ im Tode verliere, ist ein
+Gewinn, ein Leben, über das _du_ in jeder Stunde gebieten kannst, ist
+kein Gut für mich, ein Glück, das von dir abhängt, kann kein Glück sein.
+-- Und welches Leben, welches Glück bleibt _dir_ zurück? o sieh in die
+Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden freudenleeren Wüste.
+-- Ohne lieben zu können und ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du
+jeder Stunde entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude vertilgt,
+ein ewiger Durst, der nie eine löschende Quelle findet. -- Deine Brust
+ist hohl, du schämst dich ein Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten,
+treulos haben sie dich alle verlassen. -- So lebst du -- und stirbst
+endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stündlich Freuden und vertraust
+dich unbefriedigt jedem neuen Tage, der letzte sinkt unter, -- du bist
+nicht mehr und glaubst auch nicht gewesen zu sein, -- Und darum, weil
+ich dich bemitleide, verzeih' ich dir!
+
+Ali stand nachdenkend. -- Noch dräut der Mordstahl in deiner Hand, fuhr
+Selim fort, noch erzittert alles rund umher vor deinem Machtspruch,
+-- aber eine freudige Aussicht thut sich mir auf. -- Unaufhaltsam bricht
+der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer näher, armselig wird
+deine Schreckensstimme in dem Brüllen der Orkane verwehen, dann, -- o
+sie kann nicht fern sein, diese Zeit, -- dann fühlt die Menschheit ihre
+große Kraft und fühlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen mit einem
+furchtbaren Klang und du zitterst! -- Dann löscht kein Mord die hellen
+Flammen aus, dann gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit
+fordert ihre ewigen Rechte zurück; -- ich kann ruhig sterben, denn diese
+Zukunft lacht mir entgegen.
+
+Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, Abdallah eilte
+hervor und stürzte vor seinem Vater nieder. --
+
+Du hier? fragte Selim freundlich; glücklich, daß ich dich gefunden habe,
+mein Herz suchte dich schon auf dem Wege, aber doch wird mir der
+Abschied von dir diese Reise erschweren. --
+
+Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit dumpfer Stimme. Er
+klammerte sich schmerzhaft um seine Kniee, alle seine Pulse schlugen
+gewaltsam, seine Brust röchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater
+hinauf.
+
+Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die Arme deines Vaters. -- Er
+umarmte ihn. -- Mit diesem Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder
+von dir, den ich voreilig über dich ausgesprochen habe, wenn ich _dir_
+fluche, welche Seligkeit lasse ich dann auf dieser Welt zurück? -- Nein,
+Abdallah, aller Segen des Himmels komme auf dein Haupt herab. -- O vergieb
+dem Vater, der vom Zorne übereilt ward, vergieb ihm, geliebter Sohn! --
+
+Vater! Vater! schrie Abdallah laut, -- dein Segen brennt glühend auf
+meinem Haupte, gieb mir meinen Fluch zurück, er machte mich glücklich.
+Fluche mir, Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz elend
+machen willst. --
+
+_Selim._ Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat dich mein Unglück in
+diese Wuth gesetzt? -- o laß mich, ich sterbe freudig. Ehre das Andenken
+deines Vaters und Abubekers Tochter werde deine Gattin.
+
+_Abdallah._ Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren! die Hölle ist mein
+Paradies; Flüche sind meine Freude!
+
+_Selim._ Ich mußte ja doch bald sterben, Abdallah, -- laß mich, du bist
+nicht Schuld an meinem Tode, wir sehn uns einst wieder.
+
+_Abdallah._ Nein, nein! du bist mir ewig, ewig verloren; wir sehn uns
+nie wieder, ach! du weißt nicht --
+
+_Selim._ Wir wollen Abschied nehmen, nur auf ein Menschenalter. Ich
+lasse dir meinen besten Segen zurück, mein Geist wird über dir wachen,
+meine Seele der Wächter deines Glücks sein. Ich will der Gehülfe deines
+guten Engels werden, -- nur verzeih meine Härte, geliebter Sohn, mit der
+ich heut am Morgen mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut. --
+
+Abdallah schloß sich ohne Bewußtsein krampfhaft an seinen Vater, Selim
+hielt ihn in seinen Armen und sahe wehmüthig auf ihn hin. -- Komm zurück,
+sagte er zärtlich, denn ich muß scheiden, von dir und von dieser Welt;
+ich habe genug gelebt, bleibe du zurück, entfliehe von hier und suche dir
+ein besseres Vaterland, hasse den Bösewicht und liebe den Tugendhaften,
+ehre Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens gegen dich
+anstürmen; du wirst in dir selber stets eine unversiegbare Quelle von
+Glück entdecken, das dir kein Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an
+den Edlen reicht das Unglück nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit,
+kein Bösewicht kann ihn niederdrücken, er lebt und geht aus dem Leben
+hinaus ohne zu klagen, denn er weiß, daß er dort den Lohn seines
+Edelmuths empfängt. --
+
+Nimm mich mit dir! rief Abdallah. -- An deiner Seite wird man es nicht
+wagen, mich vom Eingange des Paradieses zu verscheuchen. O laß mich mit
+dir sterben!
+
+_Selim._ Nein, Abdallah, du bleibst zurück, bis dich der Richter fordert,
+bis die Jahre ihren Kreis gemacht haben, bis die Welle deines Lebens in
+das große Meer der Ewigkeit fließt, -- bis dahin sei ruhig, wir sehn
+uns wieder. -- Tröste dich mit dem schönen Augenblick, in welchem ich
+freudig meinem Sohn entgegen gehen werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe
+unzertrennlich verbindet; wo wir uns mit Lächeln von den hiesigen
+Träumen erzählen, -- o halte mich nicht länger von diesem schönen
+Aufenthalt zurück, der Tod ist nur eine Brücke, die mich dorthin führt,
+-- Lebe wohl! --
+
+Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser hing sich fest
+an seinen Vater. -- Ich lasse dich nicht, ich kann dich nicht lassen,
+schrie er wüthend, fluche mir und ich gebe dich frei, übergieb mich der
+Hölle und ich will dich dem Paradiese lassen. -- Vater, du weißt nicht,
+wen du in deinen Armen hältst.
+
+Meinen Sohn, meinen geliebten Sohn, antwortete Selim. --
+
+Als du mir heut zürntest, antwortete Abdallah, als du mir fluchtest, da
+liebt' ich dich, da warst du mein gütiger Vater, hinweg! itzt muß ich
+dich hassen, denn du labst dich an meiner Höllenpein.
+
+Abdallah stieß seinen Vater wüthend von sich, Selim sahe ihn befremdet
+an. --
+
+Ist das mein Sohn? sprach er leise. -- Welcher böse Engel spricht aus
+deinem Munde?
+
+_Abdallah._ O erst hast du mich in die Verdammniß tief hineingestoßen,
+dein Arm ist zu schwach, mich wieder zurückzureissen, dein Segen wird
+den Fluch nicht von mir hinwegnehmen, der in allen meinen Gebeinen
+ras't, dieser Wassertropfen kann den schrecklichen Brand nicht löschen.
+
+_Selim._ Hat deines Vaters Zorn dich wahnsinnig gemacht, geliebter Sohn?
+-- Komm aus deiner Raserei zurück, ich muß fort, lebe wohl.
+
+Er umarmte ihn noch einmal zärtlich, sein Kuß ruhte lange auf den Lippen
+seines Sohnes, Abdallah lag erschöpft in seinen Armen, sein Auge hing
+matt an den Blicken seines Vaters. -- Lebe wohl, sagte der Jüngling
+schluchzend. Thränen stürzten über seine Wangen. Sein Vater wollte ihn
+verlassen, er drückte stumm die Hand des Sohnes, Abdallah hielt sie fest
+in der seinigen eingeschlossen; endlich wickelte er sich von ihm los,
+Abdallah taumelte zurück und sank gefühllos gegen die Mauer. --
+
+Auch _dies_ hab' ich überstanden, sagte Selim, und wandte sich zu Ali,
+dies war die Marter, die mir meinen Tod schmerzhaft machte; itzt magst
+du dich an meinen Schmerzen ergötzen und kein Stöhnen, kein Ächzen soll
+dir einen schadenfrohen Triumph gönnen. --
+
+Ali sahe ihn mit einem leichenkalten Blick an. --
+
+Du glaubst, fragte er ihn höhnisch, nichts kann dich mehr erschüttern,
+nun dieser Abschied vorüber ist?
+
+_Selim._ Nichts. --
+
+_Ali._ Hüte dich, daß ich dich nicht schaamroth mache und du als ein
+Lügner vor mir stehst.
+
+_Selim._ Ich wiederhole es, nun mag kommen, was da will, ich will ihm
+mit festem Auge in's Angesicht sehen. --
+
+_Ali._ Du stirbst gern? --
+
+_Selim._ Ja.
+
+_Ali._ Du liebst, du achtest die Menschheit?
+
+_Selim._ Würd' ich _dich_ sonst je haben hassen können? -- Ja, könntest
+du mir diesen Glauben an die Menschheit nehmen, dann würd' ich dich
+für meinen Sieger anerkennen, dann, nicht eher, würd' ich mein Leben
+bereuen, dann, dann hätt' ich umsonst gelebt, dann wäre mein Stolz
+eine verächtliche Traumgestalt, die Arbeit meines Lebens ein nichtiges
+Kinderspiel gewesen, ich würde die Stunden zurückwünschen, in denen ich
+Menschenglück aufbaute und an dem Reichthum meiner Seele sammelte,
+_dann_ würd' ich wünschen, Ali gewesen zu sein.
+
+_Ali._ Und wenn ich dich nun dahin bringen könnte?
+
+Selim sahe ihn mit einem furchtsamen Blick an, -- dann, sagte er
+schüchtern, dann würd' ich vor dir zittern. -- Aber nein, unmöglich,
+diesen Glauben kannst du mir nicht nehmen, du bist kein Mensch, was
+willst du von ihrem Adel wissen? --
+
+Ali lächelte ihn höhnisch an. -- Bist du nicht neugierig, den kennen zu
+lernen, der mir deinen Aufenthalt verrieth? fragte er mit funkelnden
+Blicken.
+
+Nein, antwortete Selim, ich habe ihm verziehen, sei es, wer es wolle.
+
+Ali ergriff die Hand Selims und führte ihn dann zu Abdallah. -- Dieser
+ist es! sagte er schnell.
+
+Selim fuhr blaß zurück. -- Soll ich dieser Lüge glauben? sagte er
+nach einigem Stillschweigen; nein, Ali, dazu ist sie nicht fein genug
+ersonnen.
+
+Dieser ist es! sagte Ali noch einmal mit schadenfroher Miene.
+
+_Selim._ O Lügner, sieh dies Auge, diese entstellten Züge, diese
+Todesblässe, und wiederhole dann deine Worte noch einmal.
+
+_Ali._ O dann wäre mein Triumph noch tausendmal herrlicher, wenn er itzt
+nicht bereute. --
+
+Selim schwieg, er sahe mit einem schweren Blick auf Abdallah hin; Abdallah
+schlug die Augen nieder, alle seine Glieder zitterten.
+
+Und mein Sohn antwortet nicht? fuhr Selim auf. -- Nicht mit _einem_ Ton,
+durch _einen_ Blick widerlegt er diese gräßliche Lüge? -- Soll ich dies
+Stillschweigen für Bewußtsein halten?
+
+Abdallah drängte sich fester an die Mauer, er wünschte, daß ihn die Erde
+verschlingen möchte und schwieg.
+
+Soll ich es glauben? sprach Selim erschrocken. -- O wenn ich _hier_
+zweifeln soll, dann ist alles, was ich glaubte, Irrthum, dann -- o
+ich Unglückseliger! -- dann Ali, geb' ich mich besiegt. -- O Himmel!
+Abdallah! Abdallah! sprich zu deinem Vater, höre meine letzte Bitte.
+-- Er faßte die Hand Abdallah's. -- Sprich, und zerrisse der Ton mein
+Ohr, nur _eine_ Sylbe, nur _einen_ Athemzug: sprach er Wahrheit? --
+
+Abdallah's Herz wollte springen, er zitterte stärker, sein Busen kochte,
+mit matter stockender Stimme stammelte er endlich: Ja!
+
+Ja? -- sagte Selim und ließ plötzlich seine Hand niederfallen. -- Ja?
+-- Nun dann bin ich von einem tiefen Schlaf erwacht. -- Auch _dir_ hab'
+ich verziehen. --
+
+Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. -- Auf _diese_ Verdammniß
+hättest du nicht gerathen und hättest du dein Gehirn zersprengen sollen?
+fragte er ihn boshaft. -- Du liebtest ihn, er liebte dich? Er gehört zu
+den Edelsten der Menschheit? -- Sieh, dies sind die _Verehrungswürdigen_
+unter der Natterbrut. Selim, nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun
+ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim Ewigen schwur, ist kein
+Meineid, -- ich habe, was ich wollte, ich sehe dich _zittern_!
+
+Ein Fieberschauer schüttelte Selims Gebeine. Ich habe die Menschheit nie
+gekannt, sagte er sehr ernst. -- Noch einmal sahe er mit starrem Auge nach
+seinem Sohn, dann verließ er stumm den Saal, -- die Leibwache folgte ihm.
+-- Ali sahe ihm schadenfroh nach. -- Ich bin gerächt! sprach er freudig,
+für die Menschheit hat er gekämpft und sie fällt in seiner letzten Stunde
+treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen bittern Kelch reichen!
+So groß hätt' ich meinen Sieg nie geträumt. -- Er wagte es nicht, mich
+anzusehen, -- nun kann ich ihn verachten!
+
+Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein Gesicht war todtenbleich,
+alle Glieder in einer fürchterlichen Erschlaffung erstarrt, man sahe
+kaum, daß er Athem holte.
+
+Verloren! verloren! schrie er dann plötzlich. -- Er schwieg wieder,
+alles war still, nur zuweilen tönte ein abgerissener brüllender Schrei
+Abdallah's durch den Saal. -- Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust,
+tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick zugleich,
+Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen stürmten durch seine Seele.
+-- Mein Vater! mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter Stimme.
+-- O dies war sein letzter Blick! -- dies! -- o Ewiger, warum starb
+ich nicht vor diesem Blick? -- Er hat mir vergeben? -- Nein, eine
+heißhungrige Quaal nagt an mir. Alles ist zerstört und vernichtet, o
+mein Vater! -- Stille, daß ich diesen Namen nicht nenne! Vater? -- Ich
+bin kein Sohn, ich habe keinen Vater! -- Nein, wie Abdallah sieht kein
+Sohn aus, -- ich bin von der Menschheit ausgestoßen! Teufel sind meine
+Brüder, die Hölle ist meine Heimath.
+
+Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal, Ali winkte ihm: man
+gebe ihm den Trank noch nicht, sagte er. Der Sklave ging.
+
+In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem Vater der Tod gebracht!
+-- Ha, wie die bösen Engel alle hohnlachend um mich grinsen! Nun gehöre
+ich ihnen leibeigen, nichts wird mich loskaufen. -- Mein Name ist aus
+der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch der Verdammniß steh' ich
+eingeschrieben, -- bald wird mir die fürchterliche Rechnung vorgelesen
+werden! -- --
+
+Ali ging ihm näher und sagte: Verweile hier, ich gehe um Selim sterben
+zu sehn. -- Itzt wird er den Giftbecher nicht so muthig, so verächtlich
+leeren. Höhnisch lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner
+Thaten und seiner Begeistrung schämen. -- Diese Wonne will ich mir nicht
+versagen.
+
+Ali ging und der Vezier und die übrigen begleiteten ihn. -- Abdallah
+blieb in dem weiten Saal allein, alles um ihn her schien ihn mit
+fürchterlichen Gesichtern anzublicken, er stieß wüthend seinen Kopf
+gegen die Mauer.
+
+Itzt! itzt! -- sprach er leise, -- itzt trinkt er den Becher, itzt
+lachen Ali und sein schändliches Gefolge über die Todeszuckungen meines
+Vaters; Selim denkt an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch
+schrecklichern Krämpfen. -- O Abdallah! Abdallah! -- Wardst du darum
+geboren? -- O nun ist jenes fürchterliche Ziel herangerückt! -- Auf
+ewig, auf ewig bin ich verloren! -- Selim! -- Abdallah! -- Die ganze
+Natur wird in ihr Chaos zurückspringen, denn die Liebe ist todt, alle
+Elemente werden von neuem feindselig gegen einander kämpfen und die Welt
+in Trümmern schlagen. -- O warum gerade _ich_, unter Millionen ich der
+Verworfene, der seinen Vater ermorden muß? -- Nur _ich_? -- In diesem
+Gedanken grinst mich die ganze Hölle an.
+
+Er stand von neuem in einer dumpfen Betäubung.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+
+Omar trat in den Saal. Abdallah fuhr auf als er ihn sahe und stürzte sich
+wild in seine Arme. Rettung! Rettung! schrie er heftig. -- Omar, reiß
+mich durch deine Gewalt aus diesem Strudel, der mich zerschmettert;
+o wo bist du gewesen? Warum hast du mich so unbeschützt allen diesen
+fürchterlichen Quaalen überlassen? -- Bin ich deiner Hülfe nicht mehr
+werth? Liebt kein Wesen mehr den Abdallah, seit er der Menschheit untreu
+geworden ist? -- Omar! rette mich vor mir selbst! sieh, ich bin fast
+wahnsinnig, o könnt' ich es ganz werden, ich wäre glücklich!
+
+Ich erschrecke vor dir, sagte Omar, ich glaubte dich nicht _so_ zu finden.
+
+_Abdallah._ Nicht so? -- O und wie anders? Wie kann ich anders sein?
+-- Wundre dich, daß du mich noch lebendig antriffst, kein Sterblicher hat
+noch mit so vielen Martern gerungen. -- Ich sollte ruhig sein, itzt, da
+mein Vater unter gräßlichen Schmerzen knirscht? --
+
+_Omar._ Er leidet nicht mehr. --
+
+_Abdallah._ Itzt?
+
+_Omar._ Er ist todt!
+
+_Abdallah._ Todt? -- Todt? -- Er war und ist nicht mehr. Todt? O wie
+viel liegt in dem armseligen kleinen Worte. Nun hat er mein Verbrechen
+abgebüßt. --
+
+Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar vergeblich zu zerstreuen
+suchte. -- Ich habe ihn gehabt, fuhr er dann fort. -- _Gehabt?_ -- O
+Himmel, mein Vater, den ich so zärtlich liebte, der mich so innigst
+liebte, _dieser_ ist _todt_. Von seinem Sohne geschlachtet, hingegeben
+der Mordgier durch Abdallah. -- Ach, Omar! Omar! -- So eben hätt' ich
+durch Zulma seine Martern abkaufen mögen und nun klag' ich darüber, daß
+er sie nicht mehr fühlt. --
+
+_Omar._ Sei weise, Abdallah. Laß das, was vergangen ist, vergangen sein.
+-- Was hast du gewonnen, wenn dich diese Gedanken ewig quälen? Zweifle
+an allem was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine Hoffnungen
+kommen dir gekrönt entgegen, siehe, es fehlt keine in ihrem feierlichen
+Zuge, geh mit heitrer Stirn auf sie zu, wie es dem Glücklichen ziemt.
+-- Hinweg mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Bräutigam, der seine Braut
+erwartet; Tausende sind unglücklich, ohne des Glücks zu genießen, das dein
+ist. _Zulma_! rufe diesen Namen nur und alle Sorgen werden zurücktreten,
+feigherzig entflieht dann jeder Kummer.
+
+_Abdallah._ Zulma? -- O das war eine Seligkeit, auf die ich einst so
+sehnlichst hoffte, aber auch dieser Strahl ist hinter Wolken untergegangen,
+auch diese Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. -- Du
+zeigst, um mich zu trösten, auf ein Grabmal hin, in welchem ein Freund
+schlummert, der einst meine Wonne war.
+
+_Omar._ O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben, ruf nur einen Strahl
+jener Entzückungen zurück, mit denen du ehemals ihren Namen dachtest. --
+
+_Abdallah._ Ach Omar, sie wird mir ein ewiges Verzeichniß meiner Verbrechen
+sein, alle beseligenden Gefühle sind auf ewig von mir hinweggeflohen,
+nur die entsetzlichen sind mir geblieben, diese knüpfen sich an jedes
+Wesen, an jede Erwartung. --
+
+_Omar._ Reiß dich aus dieser trägen Seelentaubheit, zeige den Schaudern
+eine Heldenbrust, und sie werden zurückstürzen!
+
+_Abdallah._ Nein, Omar, auf welche Freude darf der Vatermörder rechnen?
+Jedem andern Verbrecher verzeiht der gütige Himmel einst, aber des
+Vatermörders Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel
+würden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones erbleichen. Seit
+Ewigkeiten ward ich ausgelesen, ein Spott des grausen Verhängnisses zu
+sein und dies fürchterliche Spiel wird sich niemals enden. -- Ach! könnt'
+ich wieder werden was ich war, könnt' ich zu dir sagen: weck mich auf!
+und ich erwachte dann und alles, alles wäre nur ein Traum gewesen, stände
+dann der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand, wärst du
+derselbe Omar, der du ehedem warst, -- ach! als ich deine Lehren noch
+mit kindlicher Unbefangenheit in mich sog, als ein zürnender Blick
+meines Vaters oder von dir das Unglück dieser Erde für mich war, als ich
+froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des Morgens mich zu neuen
+Freuden weckte, als ich mich so unbesorgt und mit kindlichem Lächeln
+jedem Tage überließ, der mich dem folgenden überlieferte, -- o wann kann
+ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist dieser Abdallah so
+plötzlich jenseit aller Verbrechen und Laster geschleudert? -- Himmel!
+wie nahe liegt mir die Zeit, als ich noch vor dem Gedanken _Mörder_
+zurückbebte? -- Und _selbst_ ein Mörder sein und der verworfenste von
+allen Mördern, _Vatermörder!_ -- o dürft' ich an die Unmöglichkeit
+glauben, dürft' ich der Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit
+mir selber wieder versöhnen. -- Aber nein, es ist! Nicht wahr, Omar, es
+ist? --
+
+_Omar._ Es war.
+
+_Abdallah._ Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allmächtige selbst kann mein
+Verbrechen nicht von mir wieder abkaufen. -- Ach, Omar, als mein Vater
+hörte, daß sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, -- ach, da
+sahe er mich mit einem Blicke an, -- o es war ein entsetzlicher Blick,
+nie wird meine Einbildung diesen Blick verlieren, keine Stunde meines
+Lebens war mir noch so fürchterlich, als diese, noch nie war meine
+Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick des Auges; alles
+Entsetzen lag darin. Laß mich nur diesen Blick vergessen, Omar, und
+ich will das freche Versprechen wagen, alles übrige zu vergessen!
+
+_Omar._ Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir selbst. --
+
+Ali und sein Gefolge kamen zurück. -- Auch keinen Schrei konnte ihm der
+Tod auspressen, sagte Ali mürrisch, sein Tod war so halsstarrig wie sein
+Leben, er ging in die Vernichtung wie ein andrer sich zum Schlafen auf
+sein Lager wirft; der Schmerz wühlte in allen seinen Zügen und trieb
+seine Glieder fürchterlich geschwollen auf, aber er sahe dem gräßlichen
+Anblick wie einem Spiele zu. -- Auch kein Seufzer ist ihm entschlüpft.
+
+Ali winkte und einige Sklaven traten hervor, die den betäubten Abdallah in
+ein Bad führten. In Träumen verloren that er ohne Besinnung alles, was man
+von ihm verlangte. Man salbte ihn dann mit köstlichem Balsam und schmückte
+ihn mit reichen Kleidern, er bemerkte kaum diese Veränderungen. -- Mit
+Gold und Purpur geschmückt ward er in den Saal zu Ali zurückgeführt.
+
+Alle Großen des Reichs waren hier versammelt, der Saal schimmerte von
+Edelsteinen, himmelblaue Polster mit Gold geschmückt lagen an den Seiten
+des Saales. Jedermann begrüßte Abdallah ehrerbietig, alles neigte sich
+tief, er zwang sich heiter umherzusehen und jeden Gruß mit Freundlichkeit
+zu erwiedern.
+
+Prächtig gekleidet trat Zulma itzt herein; Abdallah hatte sie noch nie
+so schön gesehn, er fuhr unwillkührlich auf und eilte ihr entgegen: mit
+ihr trat ein Priester herein. --
+
+Ali nahm die Hand Zulma's und legte sie in die Hand Abdallah's. -- Ich
+gebe sie dir, sprach er, so wie ich sie dir verheißen habe; deine Treue
+gegen deinen Fürsten hat dir diesen Lohn erworben, werde nie untreu, und
+meine Gnade und die Gunst des Himmels wird ewig auf dich herunterblicken.
+
+Der Priester sprach den Segen über beide aus, die Gäste warfen sich
+nieder und wünschten ihnen Glück. -- Abdallah sahe immer starr vor sich
+nieder, nur zuweilen drückte er heftig und stumm Zulma's Hand, sie sahe
+oft besorgt nach ihm hin, aber er bemerkte ihre Blicke nicht und brütete
+wieder in seinem dumpfen Nachsinnen weiter.
+
+Die Feierlichkeit war geendigt, Ali und die Gäste entfernten sich, um im
+Garten die frische Kühle der Abendluft einzuathmen, Abdallah und Zulma
+standen allein im Saale. --
+
+O so ist denn endlich, begann Zulma, der große, der fürchterlich schöne,
+der langerwünschte Augenblick herangekommen, an dem ich von jeher
+zweifelte? -- So sind denn nun alle meine Wünsche erfüllt? -- O wie
+zagt' ich gestern, und flohe erschrocken zurück, als ich dich vor dem
+Pallast stehen sahe, ich wußte wie sehr mein Vater dem deinigen zürnt,
+-- aber nun ist ja alles vorüber, -- ich sinne vergebens, wie du durch
+die Unmöglichkeiten hindurchgedrungen bist und dich zu mir gekämpft
+hast, -- aber sei's, auf welche Art es wolle, ich halte dich in meinen
+Armen und bin glücklich, und was will ich denn noch mehr als dieses
+Glück? Daß ich glücklich bin, daran weiß ich genug, alles übrige ist
+mir heute gleichgültig und ohne Werth. -- Aber warum bist du so stumm,
+Abdallah? Meine Freude schwatzt und die deinige schweigt in ein stilles
+Nachsinnen verloren?
+
+Abdallah sahe auf. -- Fühlst du dich glücklich in meinen Armen? fragte
+er leise.
+
+_Zulma._ So glücklich wie im Paradiese.
+
+_Abdallah._ Ganz glücklich?
+
+_Zulma._ Könntest du daran zweifeln? --
+
+_Abdallah._ O so ist der Fluch des Ewigen nicht auf meine Stirn geprägt,
+-- und du fühlst nicht, daß du in den Armen eines Mörders liegst?
+
+_Zulma._ Eines Mörders?
+
+_Abdallah._ Hörtest du den Herold nicht das schreckliche Gebot ausrufen?
+
+Himmel! -- du hast nicht, -- sagte Zulma mit banger Ahndung, -- sie
+konnte, sie wagte es nicht, weiter zu sprechen.
+
+Ja! rief Abdallah lautlachend, ich gab meinen Vater verloren, um dich,
+dich zu gewinnen!
+
+Zulma fuhr erblassend zurück, sie wollte ohnmächtig niedersinken, aber
+Abdallah fing sie in seinen Armen auf. Mit halbgeschlossenen Augen sahe
+sie ihn starr an, sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen zitterten, sie
+wollte sich aus seiner Umarmung losmachen, aber in einem schrecklichen
+Krampf hielt er sie fest an seine Brust gedrückt. Du bist mein! mein!
+schrie er laut, -- ich habe dich der Hölle abgerungen und keine Hölle
+soll dich mir wieder rauben, -- so wie du mir gehörst, gehörte noch kein
+Weib dem Manne, jedes Haar deines Hauptes ist durch einen Fluch erkauft.
+-- O Zulma! Zulma! auch du willst mich verlassen? -- Für dich hab' ich
+mich ja der Verdammniß verpfändet, für dich, nur für dich bin ich der
+Natur und meiner Menschheit abtrünnig geworden und habe wüthend an meinen
+eignen Gebeinen genagt, -- o hier ist noch die letzte Freistatt meiner
+Seele, in kein andres Gebiet darf sich der gebrandmarkte Verbrecher
+wagen, nur die Liebe nimmt ihn gütig auf. -- O Zulma! an deinen Busen
+gelehnt sollen mich deine süßen Lippen Vergessenheit lehren, hier will
+ich dem Himmel zum Trotz Seligkeiten genießen, -- o dich hatt' ich
+vergessen, als ich dem Ewigen meine Freuden aufkündigte.
+
+Ein Mörder? Ein _Vatermörder_? schrie Zulma schrecklich auf. -- O hinweg
+Ungeheuer aus meinen Armen, du bist nicht mehr Abdallah!
+
+Zulma! Zulma! rief Abdallah, hier ist meine letzte Hoffnung, nimm mir
+diese und meine Wollust ist Raserei und Gotteslästerung! -- Wenn mir
+auch diese Seligkeit untreu wird, o so will ich mich in das ganze Meer
+der Verdammniß hineinwerfen, da Rettung doch unmöglich ist! Nein, Zulma
+muß mir bleiben, oder der Allmächtige ist mehr als grausam, er hat
+ja eine ganze Ewigkeit vor sich, mich zu martern, er lasse mir diese
+wenigen Jahre hier unten.
+
+Gräßlicher! sagte Zulma. -- O du hast mir ein entsetzliches Geheimniß
+enträthselt. -- Liebe sollte sich in deine Brust hinein erkühnen? Wo das
+Grausen auf einem schwarzen Throne sitzt und Schauder seine furchtbaren
+Wächter sind? -- Nein Abdallah, -- meine Liebe ist seit diesem Augenblick
+erloschen; o Entsetzlicher, ich fürchte dich, wie sollt' ich dich lieben
+können?
+
+Zulma! schrie Abdallah, o es gilt nun alles, alles, ich fluche dir mit
+entsetzlichen Flüchen, denn um dich hab' ich die That gethan, ich weihe
+dich zur Verdammniß und zum Grausen ein, ich klammre mich fest an dich
+und reisse dich mit mir in die Hölle, die meiner wartet.
+
+_Zulma._ Du rasest, Abdallah. -- O hast du mich so gewinnen wollen?
+-- So? -- hinweg! -- die Menschheit hat dich ausgestoßen, was will der
+Verworfne in _meinen_ Armen? Ich gehöre ihr noch an, -- ich habe meinen
+Vater nicht ermordet, -- wenn ich mit seinem Blute besprützt zu dir komme,
+dann wollen wir uns lieben, bis dahin sei mein Abscheu!
+
+Abdallah ließ sie fahren. -- Diese Furchtbarkeit sagte er, fehlte noch an
+der gräßlichen Zahl, Zulma weicht zurück; nun ewige Quaalen nehmt mich
+in Empfang! -- die Liebe vergiebt mir nicht, -- was soll ich von dem
+strengen Richter dort hoffen? Alles sagt sich von mir los, nur ich selber
+bleibe mir übrig. Vernichtung, stürme hervor! Brause heran, Verderben!
+-- Hölle, öffne deine Arme! Sei verflucht Zulma, und der Augenblick, in
+welchem ich dich zuerst erblickte!
+
+Abdallah warf sich erschöpft auf einen Polster, Zulma wagte es nicht,
+ihn anzusehen, sie trocknete sich heimlich kalte Thränen des Entsetzens
+von den Augen. -- Ihr Vater kam mit den Gästen aus dem Garten zurück.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+Auch Omar trat itzt mit den übrigen Gästen herein und bewillkommte
+Abdallah. -- In einem bunten Gewühl durchkreiste sich alles fröhlich und
+sprach und schwatzte mit einander; Sklaven und Sklavinnen liefen durch
+den Saal und bereiteten die Tafel und die festliche Mahlzeit; Lichter
+glänzten auf goldenen und silbernen Leuchtern und blendende Schimmer
+zitterten durch das Gemach. Alle Augen sahen fröhlich umher, alle lachten
+und scherzten, nur Abdallah stand mitten unter ihnen, wie ein Gegenstand
+ihres Spottes, sein Auge verirrte sich in der Versammlung und starrte
+dann wieder unbeweglich auf den Boden hin; oft fing er an mit dem, der
+ihm am nächsten stand, zu sprechen, aber sogleich brach er wieder ab, ohne
+ es selbst zu wissen, und verlor sich in seinem gräßlichen Stillschweigen.
+-- Zulma wandelte verlegen durch den Saal, bald sprach sie mit ihrem
+Vater, bald sahe sie nach dem leblosen Abdallah hin. -- Endlich erblickte
+Abdallah seinen Omar im Gedränge, er eilte sogleich auf ihn zu, er hatte
+ein bekanntes Wesen endlich aufgefunden, das mit seinen Gefühlen vertraut
+war. Abdallah und Omar gingen auf und ab.
+
+Auch das letzte Glück, sagte endlich Abdallah, ist mir abtrünnig
+geworden, Zulma liebt mich nicht.
+
+Sie liebt dich nicht? fragte Omar erstaunt.
+
+O sie verabscheut mich, antwortete Abdallah. -- Diese Liebe war nur ein
+sehr kurzer Frühling, der schwarze Winter kömmt zurück. Siehst du, wie
+mir alles, alles ungetreu wird? -- Ach Omar, ich wanke wie in einem
+Traum einher, -- könnt' ich mich ruhig in mein Grab hineinlegen! O hätt'
+ich nie gelebt!
+
+Omar wollte ihn beruhigen, aber Abdallah hörte nicht auf seine Worte, er
+blieb in sich selbst zurückgezogen und seufzte schwer.
+
+Das Gastmahl war indeß angeordnet, die Lichter glänzten in helleren
+Schimmern, das Gewühl verlor sich itzt, man ordnete sich und setzte sich
+an den Tisch. Zulma saß zur Linken Abdallah's, Omar zur Rechten.
+
+Man aß und alle waren froh und vergnügt, Sklavinnen tanzten, sangen und
+spielten auf Guitarren und Theorben, andre schlugen kleine Handpauken,
+andre Cymbeln.
+
+Abdallah sprach nur wenig, er sahe starr vor sich nieder, Zulma anzusehen
+wagte er nicht. --
+
+Unter einer fröhlichen Musik tanzten die Sklavinnen und sangen:
+
+ Schwebt in süßen Melodieen
+ Sanftgesungne Hochzeitslieder,
+ Und in immer süßern Tönen
+ Grüßt des Bräutigams,
+ Grüßt das Ohr der Braut. --
+
+ Wonnelieder
+ Sprechen in den frohen Tanz,
+ Jauchzende Gesänge
+ Schweben in leisem Fluge
+ Um euer beglücktes Haupt.
+
+ Wie ein goldner Blüthenregen
+ Schwimme Glück auf euch herab,
+ Wie nach Wettergewölken
+ Sich Regenbogen
+ Durch die Finsterniß spannen,
+ So komme stets nach trüben Stunden
+ Die Freude unermüdet wieder. --
+
+Die Tänze verwebten sich in immer neuen Verschlingungen, ein zauberischer
+Wohlgeruch floß durch den ganzen Saal, alle Gesichter lachten und glänzten
+von Fröhlichkeit. Abdallah war betäubt, er hatte alles vergessen, die
+Tänze und Gesänge hatten ihn so sehr aus sich selbst herausgerissen,
+daß er mit der Freude eines Wahnsinnigen jedem fröhlich entgegenlachte.
+Von einer wilden, thierischen Fröhlichkeit berauscht umarmte er bald
+Omar und dann wieder Zulma, selbst Zulma lächelte zuweilen und spiegelte
+sich munter in seinen Augen. Die Gesänge jauchzten und Abdallah jauchzte
+zuweilen laut in die tanzenden Chöre. Auch Ali schien fröhlich, seine
+Rache war befriedigt und der furchtbare Selim, der einzige Mann in
+seinem Reiche, vor dem er zitterte, war nicht mehr. --
+
+Eine lange Gestalt drängte sich itzt aus dem Gewühl hervor, dicht
+eingewickelt in schwarzen Gewändern zog sie einher, ein stiller Schauer
+begleitete sie, alles wich zurück. -- Zu einer Laute hörte man leise
+singen:
+
+ Die Hölle hat den Sünder angenommen. --
+ Dem Feigen ziemen keine Kronen,
+ Nur der Muth kann sie erringen;
+ Seht ihr den Frevler
+ Unwissend
+ Neben seinem Verderben sitzen? --
+
+Abdallah fühlte, wie ein kaltes Grausen seinen Rücken hinunterging. Die
+seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah vorüber, sie schlug das Gewand
+vom Kopf zurück, es war _Nadirs_ altes todtenbleiches Gesicht; er trug
+einen Spiegel unter seiner Hülle; -- Omar's Gesicht spiegelte sich von
+ohngefähr, -- und o des Entsetzens! es zeigte sich so, wie es Abdallah
+in dem wunderbaren Zauberpallast gesehen hatte.
+
+Der Greis verlor sich wieder in dem Gedränge.
+
+Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem Freunde, -- horch!
+-- hörst du nicht unter den Gesängen eine Stimme leise: Vatermörder!
+ächzen? -- horch! horch! wie der Ton eines Sterbenden, -- das ist sein
+Geist, -- Vatermörder! seufzt es so schwer, so abgestoßen, wie mit einer
+innigen Herzensbangigkeit. -- O! schlagt die Guitarren und Theorben! rief
+er laut, bis ihre Saiten springen! überschreiet diesen verwegenen Mahner
+und jagt ihn betäubt aus dem Saale, laßt die Pauken lauter donnern!
+-- Schlagt alles in einen furchtbaren Klang zusammen, daß keine fremde
+Stimme hörbar werde! --
+
+Die Gesänge wurden lauter und wilder, die Tänze wüthender, wie schießende
+Flammen, so schnell flohe und verfolgte man sich, in immer künstlichern
+Geweben verschlungen:
+
+ Schlag an das Sterngewölbe
+ Stürmender Wonnegesang!
+ Daß weit durch die stille Nacht
+ Die rauschende Freude töne!
+ Trage zum Meeresstrande
+ Tönender Wiederhall
+ Unsern Wonnegesang!
+ Daß ferne Klippengestade
+ Den Namen _Abdallah_ hallen,
+ Daß über grüne Wiesen
+ Der Name _Zulma_ wandle,
+ Die Blumen schöner färbe.
+ Daß der Mond sich freue
+ Und goldner scheine,
+ Und die Zügel der Nacht nicht fahren lasse
+ Vor der Sonne fliehend.
+
+Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegenüberstehende Wand
+geheftet, seine Augen starrten fürchterlich aufgerissen wild in die
+Leere hinaus. -- Befremdet fragte ihn Omar: was ist dir?
+
+Sieh! Omar! ächzte Abdallah. -- Sieh, die seltsame Erscheinung dort vor
+mir! -- Eine weiße dürre Todtenhand klemmt sich heimlich und unbemerkt aus
+der Wand heraus und winkt mich unermüdet hinein, -- was mag es sein, das
+mich so ruft? -- Noch immer winkt sie mir ernst und befehlend, -- sieh'
+den zernagten gekrümmten Finger! -- Ha! es hat dich gesehn, denn die
+Hand hat sich zurückgezogen! -- Omar, sie kömmt wieder, -- sieh, der
+Arm dürr und knochicht bis zur Schulter, -- es will sich aus der Mauer
+herausdrängen, -- sollte das mein Vater sein, der durchaus zu mir will,
+um an meiner Freude Theil zu nehmen? -- Stich mir die Augen aus, Omar,
+ich mag es nicht länger sehn! --
+
+Omar lächelte ihn wehmüthig an. -- Omar, sieh umher! sagte Abdallah
+ängstlich, -- mir ist plötzlich, als sitze ich hier unter todten fremden
+gemietheten Maschinen, die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen
+öffnen, -- sieh doch, wie der abgemessen mit dem hölzernen Schädel nickt,
+der sich Ali nennt, -- ich bin betrogen! -- das sind keine Menschen, ich
+sitze einsam hier unter leblosen Bildern, -- ha! nickt nur und hebt die
+nachgemachten Arme auf, -- mich sollt ihr nicht hintergehn! -- Sieh doch,
+dies hier sollte Zulma sein? -- Ha! ein beinernes Gerippe, scheußlich
+mit Fleisch eingehüllt, -- sieh! itzt eben werden ihr die todten Augen
+aus dem Schädel fallen, -- hu! ich sitze unter Moder und Verwesung, wie
+in einer Schlachtbank bei aufgehäuftem Fleisch, -- rette mich, -- o
+hinweg! du bist nichts besser als diese!
+
+Die Gesänge übertönten ihn: --
+
+ Im goldnen Wolkenschleier
+ Steigt die schöne Tochter der Nacht
+ Ihre Himmelsbahn hinan.
+ Fröhlich rauschend
+ Hüpfen Meereswellen
+ Ihr mit holdem Gruß entgegen. --
+ Sie mustert ernst ihre Sternenreihen,
+ Alle Sterne neigen sich mit Ehrfurcht,
+ Sie wandelt still. -- --
+
+Plötzlich fielen alle Lauten mit einem mächtigen Klang auf den Boden,
+alle Gesichter am Tisch wurden plötzlich starr und blaß, jeder ward
+unwillkührlich in einer gräßlichen Stellung festgehalten, wie zum Spott
+aufgestellte Leichname saßen alle da und sahen sich unter Schaudern an.
+-- Abdallah sprang auf, seine Zähne knirschten entsetzlich. -- Vatermord!
+-- Vatermord! -- schrie er, -- die Hölle kriecht unter unsern Füßen
+umher, -- der bleiche Tod steigt aus der Wand heraus und kömmt drohend
+auf mich zu! --
+
+Alle fuhren auf. -- Er ist rasend! -- schrie Ali laut und ein
+plötzlicher Schreck fiel auf alle herab, sie entflohen hinweggejagt,
+Abdallah's Augen funkelten, -- er wollte Zulma mit Gewalt zurückhalten,
+sie riß sich mit einem lauten Geschrei von ihm los, und ließ ihren
+Schleier in seinen Händen; schäumend warf er ihr brüllend seinen Dolch
+nach, er fuhr in die Wand.
+
+Unsichtbare Wesen tobten hinter den Entflohenen her, sie zertraten die
+Lauten und polterten fürchterlich durch den Saal, -- Stürme hausten
+klingend in den Fenstern, seltsame Töne schrien aus den Mauern hervor,
+es ras'te durch den ganzen Pallast wie ein fliehendes Heer. -- Abdallah
+sank auf seinen Sitz zurück. --
+
+Es ward still und als er die Augen wieder aufschlug, tanzten stumm durch
+den Saal die grauenvollen mißgestalteten Zwerge aus dem Zauberpallast,
+das Ungeheuer Zulma hatte sich ihm gegenüber gestellt, einzelne lange
+Haare wiegten sich auf dem nackten Schädel, aus dem ungeheuern Kopf
+grinsten ihm wild verzerrte Züge und Zähnknirschen entgegen, sie nickte
+ihm einen freundlichen Gruß zu, bot ihm die Hand, warf einen blutigen
+Ring auf den Tisch, und versank dann lächelnd unter die Erde.
+
+Mit ihrem freundlichen Grinsen begrüßten ihn alle Ungeheuer und
+verflogen dann in die Wände.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+Abdallah blieb lange stumm, der Mond schien blutig durch die purpurnen
+Vorhänge auf den Boden, im kalten Ernst saß Omar neben ihm.
+
+Omar! rief endlich Abdallah, von der entsetzlichsten Angst und Verzweiflung
+gefoltert, -- Omar! er umschlang ihn wüthend mit den Armen. -- Alles,
+alles ist fort, nur du bleibst unauflöslich mein, ja, du hast es mir
+geschworen, -- du liebst den Vatermörder noch, -- o ja, du kannst ihn
+nicht hassen. -- O könnt' ich mich stürmend in deinen Busen drängen und
+dort meine Wohnung bauen, und in dir mich gegen alle diese Schrecken
+verschanzen. -- Könnte sich meine Seele in die deinige retten! -- du
+antwortest nicht, mein Omar, -- o sprich! -- horch! wie entsetzlich die
+Todtenstille um uns flüstert! -- sprich!
+
+Omar lachte laut auf, Abdallah bebte zurück. --
+
+Du lachst? -- schrie er wüthend, -- Omar, komm, wir wollen uns beide
+wahnsinnig spielen und mit den Nägeln unsre Gesichter zerkratzen, damit
+ich mich im Spiegel nie wieder kenne! -- Omar, willst du deinen Freund
+nicht schützen?
+
+Suche Schutz beim Schicksal und bei Gott! sagte Omar lachend.
+
+Du hast sie mir gestohlen! rief Abdallah aus, gieb mir mein Eigenthum
+zurück! --
+
+Er stürzte auf Omar zu und ergriff ihn wüthend bei der Brust.
+
+Ich kann es dir nicht wiedergeben, antwortete Omar kalt, ich gehöre
+_Mondal_ an. --
+
+Abdallah stürzte mit neuen Schrecken rückwärts. -- _Mondal_? schrie er,
+-- o so ist es dennoch alles wahr? -- Mondal!
+
+Er saß starr und leblos da, alle Fürchterlichkeiten hatten seine Kräfte
+erschöpft. --
+
+Itzt mußt du alles wissen, sprach Omar, diese Quaalen hab' ich dir bis
+zuletzt aufgespart, damit du nicht darben dürftest. -- Wisse, ich war
+es, der Ali Selim's Verschwörung verrieth, meine Abreise war eine Lüge
+um dich und Selim zu täuschen. -- Mondal! meine Rechnung ist richtig und
+ich bin frei!
+
+Abdallah wand sich in zuckenden Krämpfen, es zermalmte seinen Busen und
+er konnte lange nicht sprechen. -- Du hast es meisterlich vollbracht,
+sagte er endlich, ich möchte dir verzeihen, wenn _ich_ es nicht wäre,
+der zum Abdallah verdammt worden ist; o wechsle mich mit dem elendesten
+Gewürme aus, und ich will jauchzen. -- Sogar der armseligste Trost fehlt
+mir, mich zu laben, es ist auf dieser Erde kein Elenderer als ich; der
+gefolterte Sklave, der gespießte Verbrecher würde sich nicht gegen den
+glücklichen Gemal Zulma's austauschen lassen, o könnte mir die Wonne
+werden, daß ich ein Bösewicht würde, der unter Millionen Quaalen auf der
+Folter in Stücken gerissen würde, und nicht _dieser_ Abdallah. --
+
+Omar sahe triumphirend auf ihn hin: -- Es war keine leichte Arbeit,
+sagte er, diese schöne Seele so zu verstümmeln.
+
+Abdallah fuhr auf. -- Erinnere mich _daran_ nicht, schrie er mit den
+Zähnen knirschend, Hämischer! nicht diese Erinnerungen! -- Omar, sieh
+wie weit du mich in den Abgrund hinabgerissen hast, laß mich nun ganz
+hinunterspringen! -- Du gehst zu Mondal zurück, o nimm mich mit dir, laß
+mich nicht zurück, -- ich muß ihn kennen lernen und sein Freund werden,
+ich will ihm bald ähnlich sein, meine Prüfung habe ich schon überstanden.
+
+Er blickte matt empor. -- Omar war nicht mehr da, ein unbekanntes
+gräßliches Wesen saß neben ihm. -- Abdallah stürzte wie eine Leiche
+zurück. --
+
+Das hagre Gesicht beugte sich fürchterlich auf ihn herab. -- Elender,
+krächzte es, -- dies ist Omars wahre Gestalt, wenn er die lästige Larve
+abnimmt, -- so kannst du ihn ewig nicht ertragen. --
+
+Abdallah lag noch ohne Bewegung auf dem Polster. --
+
+Es hob sich neben ihm auf, ging zur Thür, er hörte sie öffnen, der Fremde
+ging hinaus und schloß sie hinter sich wieder zu. --
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+
+Abdallah war auf seinen Sitz zurückgesunken. -- Alles war still um ihn
+her, er schlug die Augen wieder auf.
+
+Der runde Mond sahe durch die purpurnen Vorhänge der Fenster, die Stunde
+der Mitternacht ward ausgerufen. -- Alle Lichter im Saale waren erloschen,
+nur ein einziges brannte in der Ferne noch matt und blau und zuckte
+sterbend und flimmernd auf und nieder. -- Itzt erlosch es und ein kleiner
+Strahl von Dampf zog sich aufwärts und verflog in der Dämmerung. --
+
+Nun bin ich allein, sagte Abdallah leise, -- nun ihr Schauder, nun werft
+euch alle auf einmal über mich! -- Ihr Flüche Selims, kommt heran, itzt
+habt ihr Zeit, mich zu zermalmen. -- O sie sind schon gräßlich in
+Erfüllung gegangen, ich habe alles erduldet und überlebe die fürchterliche
+Zerstörung. -- Die Schauder mögen sich itzt an mir versuchen, ich spiele
+vertraulich mit ihnen, die Gräßlichkeit ist meine Braut geworden, ich
+erschrecke nicht mehr vor ihr. --
+
+Allem Entsetzen Preis gegeben, will ich itzt selbst einen kühnen Schritt
+meinem Feind entgegensetzen. Hier unten finde ich kein neues Grausen mehr,
+ich will nun durch unbekannte Gefilde wandeln und dort meine Freunde
+suchen. --
+
+Er suchte nach seinem Dolch auf den Polster umher, als seine Hände
+plötzlich das kalte Gesicht eines Leichnams fühlten. -- Eine Leiche ist
+mein Bett! rief er und taumelte bebend auf. -- Der Mond schien auf das
+weiße Antlitz, aufgeschwollen, mit weit hervorstarrenden Augen und
+verzerrten Zügen lag der Leichnam seines Vaters vor ihm. --
+
+Darauf hätt' ich mich nicht besonnen! schrie er rasend, -- der Scharfsinn
+der Hölle übertrifft den meinen, -- sie hat gesiegt! --
+
+Er sahe starr auf den Leichnam hin. -- Regte er sich nicht? -- sprach er
+leise. -- Er starrte von neuem auf ihn hin. -- Ha! er regte sich wieder!
+--
+
+Wie das Stöhnen eines Schlummernden schallte es itzt aus der fürchterlichen
+Leiche heraus. -- Abdallah hörte es bebend. --
+
+Er schläft! -- Er schläft! -- sprach er im Wahnsinn. -- O in der stillen
+Mitternacht neben einem Schlafenden zu stehn, ist fürchterlich, ich muß
+ihn wecken! -- Er schlug mit der Faust auf die Brust des Todten. --
+
+Bist du's, geliebter Sohn? -- erhob sich eine dumpfe Stimme. -- Die
+Leiche hob sich langsam auf. -- Komm in meine Arme! -- Komm! Ich muß von
+Tugend und Gott zu dir sprechen. --
+
+Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, -- meine Lehre war falsch. --
+
+Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. -- Abdallah fuhr zurück.
+-- Hinweg! hinweg! brüllte er, -- wir kennen uns nicht mehr!
+
+Dann stürzte er auf ihn zu und schlug ihn wüthend mit der Faust auf den
+Schädel, daß er laut und fürchterlich erklang. -- --
+
+Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den Saal schlichen, fanden
+sie Abdallah mit wild verzerrtem Gesicht todt auf der Erde liegen.
+
+
+
+
+Die Brüder.
+
+Eine Erzählung.
+
+1795.
+
+
+In der Nähe von _Bagdad_ lebten _Omar_ und _Machmud_, die Söhne einer
+armen Familie. Als der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Vermögen,
+und jeder von ihnen beschloß, zu versuchen, wie hoch er damit sein Glück
+bringen könne. _Omar_ zog fort, um eine kleine Reise zu machen, und den
+Ort zu finden, wo er sich niederlassen wolle. _Machmud_ begab sich nach
+_Bagdad_, wo er einen kleinen Handel anfing, der in kurzer Zeit sein
+Vermögen um ein Ansehnliches vermehrte. Er lebte sehr sparsam und
+eingezogen, und sammelte sorgfältig jede Zechine zu seinem Kapitale,
+um mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf diese Art bekam er
+bei mehreren reicheren Kaufleuten Kredit, die ihm zuweilen einen Theil
+der Schifffracht abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm
+versuchten. Durch wiederholtes Glück ward _Machmud_ dreister, er wagte
+größere Summen, und sie trugen ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und
+nach ward er bekannter, seine Geschäfte wurden größer, er hatte bei
+vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von vielen andern Gelder in
+den Händen hatte, und das Glück schien ihm beständig zu lächeln. _Omar_
+war im Gegentheil unglücklich gewesen, keiner von seinen vielen Versuchen
+war ihm gelungen; er kam jetzt ganz arm, fast ohne Kleider, nach _Bagdad_,
+hörte von seinem Bruder und ging zu ihm, um bei ihm Hülfe zu suchen.
+_Machmud_ freute sich, seinen Bruder wieder zu sehn, beklagte aber seine
+Armuth. Da er sehr gutmüthig und weich war, gab er ihm sogleich eine
+Summe aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls einen Laden
+ein. _Omar_ fing an mit Seidenwaaren und Kleidern für Frauen zu handeln,
+und das Schicksal schien ihm in _Bagdad_ günstiger, sein Bruder hatte
+ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher nicht nöthig, sich
+wegen der Wiederbezahlung zu ängstigen. Er war in allen Unternehmungen
+unbesonnener als sein Bruder, und eben deswegen glücklicher; er war
+bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis dahin mit _Machmud_ ihre
+Geschäfte gemacht hatten, und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu
+machen: dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt auf seine
+Seite fiel. _Machmud_ hatte sich jetzt eine Gattin gewählt, die ihn zu
+manchem Aufwande nöthigte, den er bis dahin nicht gemacht hatte; er
+mußte von seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden zu bezahlen.
+Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben aus, sein Kredit sank, und
+er war der Verzweiflung nahe, als er die Nachricht erhielt, daß eins von
+seinen Schiffen untergegangen sei, ohne daß man das mindeste habe retten
+können: jetzt meldete sich ein Gläubiger, der dringend die Bezahlung
+seiner Schuld verlangte. _Machmud_ sah ein, daß an dieser Zahlung sein
+ganzes noch übriges Glück hänge, er beschloß also in dieser äußersten
+Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder zu nehmen. Er eilte zu ihm,
+und fand ihn sehr verdrüßlich, weil er gerade einen kleinen Verlust
+erlitten hatte. -- Bruder, begann _Machmud_, ich komme in der äußersten
+Verlegenheit mit einer Bitte zu dir.
+
+_Omar._ Sie betrifft?
+
+_Machmud._ Mein Schiff ist gescheitert, alle Gläubiger drängen mich und
+wollen von keinem Aufschube wissen, mein ganzes Glück hängt von diesem
+Tage ab, leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen.
+
+_Omar._ Zehntausend Zechinen? -- Du versprichst dich doch nicht, Bruder?
+
+_Machmud._ Nein, _Omar_, ich kenne die Summe recht gut, die ich fordre,
+und nur grade so viel, nicht eine Zechine weniger, kann mich von der
+schimpflichsten Armuth retten.
+
+_Omar._ _Zehntausend Zechinen?_
+
+_Machmud._ Gieb sie mir, Bruder, ich will alles anwenden, sie dir in
+kurzem wieder zu erstatten.
+
+_Omar._ Wer sie hätte! -- mir sind Schulden ausgeblieben, -- ich weiß
+selbst nicht, was ich anfangen soll, -- man hat mich noch heut erst um
+hundert Zechinen betrogen.
+
+_Machmud._ Dein Kredit wird mir diese Summe leicht verschaffen können.
+
+_Omar._ Aber niemand will jetzt Geld ausleihen, Mißtraun von allen
+Seiten: nicht _ich_ bin mißtrauisch, das weiß der Himmel! -- aber es
+würde jedermann vermuthen, daß ich das Geld für _dich_ verlange, und du
+weißt selbst am besten, an wie schwachen Fäden oft das Zutrauen hängt,
+das man zu einem Kaufmanne hat.
+
+_Machmud._ Lieber _Omar_, ich muß dir gestehen, ich hatte diese
+Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet. Ich würde mich in umgekehrtem
+Falle nicht so argwöhnisch und saumselig finden lassen.
+
+_Omar._ Das sagst du _jetzt_. Auch bin ich gar nicht argwöhnisch -- ich
+wollte, ich könnte dir helfen: Gott ist mein Zeuge, daß es mich freuen
+würde.
+
+_Machmud._ Du kannst es, wenn du nur willst.
+
+_Omar._ Alles, was ich besitze, würde die verlangte Summe noch nicht
+vollmachen.
+
+_Machmud._ O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf daraus gemacht, daß
+mein Bruder nicht der erste war, bei dem ich Hülfe suchte, -- und
+warlich es schmerzt mich, daß ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last
+gefallen bin.
+
+_Omar._ Du wirst böse; das solltest du nicht, denn du hast Unrecht.
+
+_Machmud._ Unrecht? -- Wer von uns beiden thut nicht seine Pflicht? --
+Ach, Bruder, ich kenne dich nicht wieder.
+
+_Omar._ Ich habe erst heute hundert Zechinen eingebüßt, dreihundert
+andere stehn mir auch gar nicht sicher, und ich muß mich auf ihren
+Verlust gefaßt machen. -- Wärst du in der vorigen Woche zu mir gekommen,
+o -- ja, da herzlich gern --
+
+_Machmud._ Soll ich dich denn an unsre ehemalige Freundschaft erinnern?
+-- Ach, wie tief kann uns das Unglück erniedrigen!
+
+_Omar._ Du sprichst da auf eine Art Bruder, die mich fast beleidigen
+sollte.
+
+_Machmud._ Dich beleidigen? --
+
+_Omar._ Wenn man alles mögliche thut, -- wenn man selbst Noth leidet
+und fürchten muß, noch mehr zu verlieren; -- soll man da nicht gekränkt
+werden, wenn man für seinen guten Willen nichts als bittern Spott, tiefe
+Verachtung zurück empfängt?
+
+_Machmud._ Zeige mir deinen guten Willen, und du sollst meinen wärmsten
+Dank empfangen.
+
+_Omar._ Zweifle nicht länger daran, oder du bringst mich auf; ich
+bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen, aber wenn man mich auf
+solche ausgesuchte Art kränkt --
+
+_Machmud._ Ich merke es recht gut, _Omar_, daß du den Beleidigten
+spielst, um einen bessern Vorwand zu haben, völlig mit mir zu brechen.
+
+_Omar._ Du würdest nicht auf diesen Gedanken kommen, wenn du dich nicht
+auf solchen Kleinlichkeiten ertappt hättest. _Die_ Laster argwöhnt man
+von andern am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut ist.
+
+_Machmud._ Nein, _Omar_, weil du mich doch durch diese Sprache zum
+Prahlen aufforderst, ich handelte nicht so gegen dich, als du, ein
+unbekannter Fremdling, nach Bagdad kamst.
+
+_Omar._ Also für die fünfhundert Zechinen, die du mir damals gabst,
+verlangst du jetzt von mir zehntausend?
+
+_Machmud._ Hätte ich's vermocht, ich hätte dir damals mehr gegeben.
+
+_Omar._ Freilich, wenn du es verlangst, muß ich dir die fünfhundert
+Zechinen zurück geben, ob du es gleich nicht gerichtlich erweisen
+kannst.
+
+_Machmud._ Ach, mein Bruder! --
+
+_Omar._ Ich will sie dir schicken. -- Erwartest du keine Briefe aus
+Persien?
+
+_Machmud._ Ich erwarte nichts mehr.
+
+_Omar._ Aufrichtig, Bruder, du hättest dich etwas mehr einschränken
+sollen, auch nicht heirathen, wie ich es bis jetzt noch immer unterlassen
+habe; aber du warst von Kindheit an ein wenig unbesonnen. Laß dir das zur
+Warnung dienen.
+
+_Machmud._ Du hattest ein Recht, mir die verlangte Gefälligkeit zu
+verweigern, aber nicht dazu, mir so bittere Vorwürfe zu machen.
+
+_Machmud_ verließ mit tiefgerührtem Herzen seinen undankbaren Bruder.
+-- So ist es denn wahr, rief er aus, daß nur Gewinnsucht die Seele des
+Menschen ist! -- Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke!
+für Geld verkaufen sie Treue und Liebe, stoßen die schönsten Gefühle
+von sich weg, um das nichtswürdige Metall zu besitzen, das uns mit
+schändlichen Fesseln an diese schmuzige Erde kettet! -- Eigennutz ist
+die Klippe, an der jede Freundschaft zerschellt, -- die Menschen sind
+ein verworfenes Geschlecht! -- Ich habe keine Freunde und keinen Bruder
+gekannt, nur mit Kaufleuten bin ich umgegangen. Ich Thor, daß ich von
+Liebe und Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldstücke muß man
+ihnen wechseln!
+
+Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, um seinen Schmerz etwas
+erkalten zu lassen. Er weinte, als er das tobende Marktgewühl sah, wie
+jedermann gleich den Ameisen beschäftigt war, in seine dumpfe Wohnung
+einzutragen, wie keiner sich um den Andern kümmerte, als nur wenn er mit
+seinem Gewinn zusammenhing, alle durch einander laufend, so empfindungslos,
+wie Zahlen. -- Er ging trostlos nach Hause.
+
+Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fünfhundert Zechinen,
+die er seinem Bruder einst mit dem besten Wohlwollen gegeben hatte; sie
+waren bald eine Beute der stürmenden Gläubiger. Alles was er besaß, ward
+öffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den Hafen, aber die
+Ladung diente nur, um alle seine Schulden zu bezahlen. Arm, wie der
+Bettler, verließ er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen
+Bruders vorüberzugehen.
+
+Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, tröstete ihn und suchte
+seinen Kummer zu zerstreuen; aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken
+seines Unglücks war noch zu frisch in _Machmuds_ Gedächtniß, er sah noch
+immer die Thürme der Stadt vor sich, in der sein Bruder wohnte, der kalt
+und ungerührt bei seinem Unglücke geblieben war.
+
+_Omar_ fragte niemand nach seinem Bruder, um ihn nicht bemitleiden zu
+dürfen, er bildete sich ein, es könne vielleicht noch alles gut gegangen
+sein. Indessen hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten,
+man ward mißtrauischer gegen ihn, und mehrere Kaufleute vertrauten ihm
+nicht mit der Leichtigkeit ihre Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, daß
+_Omar_ jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermögen stolz ward,
+so daß er sich viele Feinde machte, die sich freueten, wenn er irgend
+einen Schaden erlitt.
+
+Es schien, als wenn das Verhängniß seine Undankbarkeit gegen seinen
+Bruder bestrafen wolle, denn ein Verlust folgte in kurzer Zeit auf den
+andern. _Omar_, der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte,
+wagte größere Summen, und auch diese gingen verloren. Er hörte auf,
+Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, das Mißtrauen gegen ihn ward
+allgemein, alle Gläubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, _Omar_ kannte
+niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit würde helfen wollen; er sah
+keinen andern Ausweg vor sich, als in der Nacht heimlich die Stadt zu
+verlassen, und zu versuchen, ob ihm das Glück in einer andern Gegend
+günstiger sein würde. --
+
+Das kleine Vermögen, das er noch mit sich hatte nehmen können, war bald
+verzehrt. Seine Unruhe wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er
+sah der drückendsten Armuth entgegen, -- und doch keinen Ausweg ihr zu
+entfliehen.
+
+Unter Klagen und schwermüthigen Gedanken war er so bis an die persische
+Gränze gewandert. Er hatte jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Münzen
+ausgegeben, die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in einer
+Carawanserei zu bezahlen; er fühlte Hunger, und da sich die Sonne schon
+zu neigen anfing, eilte er, um einen Zufluchtsort zu erreichen, in
+welchem er noch in dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen
+könne.
+
+Wie unglücklich bin ich! sprach er zu sich selbst. Wie verfolgt mich das
+Schicksal und fordert mein Elend, welche schreckliche Aussicht eröffnet
+sich mir! -- Ich werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben müssen,
+es ertragen müssen, wenn man mich verhöhnend abweist, nicht murren dürfen,
+wenn der Verschwender frech vorüber geht, mich keines Anblicks würdigt,
+und hundert Goldstücke für eine elende Spielerei verschleudert. -- O
+Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! -- wie ungleich und
+ungerecht theilt das Glück seine Schätze aus. Es schüttet seinen ganzen
+Reichthum über den Lasterhaften, und läßt den Tugendhaften Hungers
+sterben.
+
+Die Felsen, die _Omar_ überstieg, machten ihn müde, er setzte sich auf
+eine Rasenerhöhung am Wege nieder und ruhte aus. Da schleppte sich an
+Krücken ein Bettler vor ihm vorüber und murmelte eine unverständliche
+Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes Auge stand tief
+im Kopfe, und seine bleiche Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es
+zum Mitleiden. Die Aufmerksamkeit _Omars_ ward wider seinen Willen auf
+diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, der murmelnd seine dürre Hand
+nach ihm ausstreckte. Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte
+jetzt, daß dieser Unglückliche auch taub und stumm sei.
+
+O wie unaussprechlich glücklich bin ich! rief er aus, -- und ich klage
+noch? Warum kann ich nicht arbeiten; -- warum nicht durch das Werk
+meiner Hände meine Bedürfnisse erwerben? Wie gern würde dieser Elende
+mit mir tauschen und sich glücklich preisen! Ich bin undankbar gegen den
+Himmel.
+
+Von einem plötzlichen Mitleiden ergriffen, zog er die letzten Silbermünzen
+aus seiner Tasche und gab sie dem Bettler, der nach einem stummen Danke
+seinen Weg fortsetzte.
+
+_Omar_ fühlte sich jetzt außerordentlich leicht und froh, die Gottheit
+hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, wie elend der Mensch sein
+könne, um ihn zu belehren. Er fühlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu
+erdulden und durch seine Thätigkeit wieder abzuwerfen. Er machte Plane,
+wie er sich ernähren wolle, und wünschte nur gleich eine Gelegenheit
+herbei, um zu zeigen wie fleißig er sein könne. Er hatte nach seinem
+edeln Mitleiden gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der er
+ihm sein ganzes übriges Vermögen hingegeben hatte, eine Empfindung, wie
+er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte.
+
+Ein steiler Fels stand an der Seite, und _Omar_ bestieg ihn mit leichtem
+Herzen, um die Gegend zu überschauen, die der Untergang der Sonne
+verschönerte. Er sah hier zu seinen Füßen gelagert die schöne Welt mit
+ihren frischen Ebenen und majestätischen Bergen, mit den dunkeln Wäldern
+und rothglänzenden Strömen, über alles das goldene Netz des Abendroths
+ausgespannt; und er fühlte sich wie ein Fürst, der alles dies beherrsche,
+und den Bergen, Wäldern und Strömen gebiete.
+
+Er saß oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun der Gegend versunken.
+Er beschloß hier den Aufgang des Mondes abzuwarten und dann seine Reise
+fortzusetzen.
+
+Das Abendroth versank und Dämmerung fiel aus den Wolken nieder, ihr
+folgte bald die finstre Nacht. -- Die Sterne flimmerten am dunkelblauen
+Gewölbe, und die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille.
+_Omar_ sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und sein Auge verlor
+sich schwindelnd in die unendliche Zahl der Sterne, er betete an die
+Majestät Gottes und fühlte heilige Schauer durch seine Seele ziehn.
+
+Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen Horizont erhöbe,
+blauleuchtend zog er empor und näherte sich wie ein glänzendes Feuer
+dem Mittelpunkte des Himmels. Die Sterne traten bleicher zurück,
+und wie ein Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen
+Himmel und regnete in zarten, rothdämmernden Strahlen herab. -- _Omar_
+erstaunte über die wunderbare Erscheinung und ergötzte sich an dem
+schönen und seltsamen Lichte: die Wälder und Berge umher funkelten,
+die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie ein goldenes Gezelt
+wölbte sich der Schein über _Omar_ zusammen.
+
+Sei mir gegrüßt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, rief eine süße Stimme
+von oben herab, du erbarmest dich des Elends, und der Herr sieht mit
+Wohlgefallen auf dich herab.
+
+Wie verhallende Flötentöne säuselten die Winde der Nacht um _Omar_,
+seine Brust hob sich froh und beklemmt, sein Auge war vom Glanze, sein
+Ohr von den himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze schritt
+eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den Entzückten; es war
+_Asrael_, der glänzende Engel Gottes. -- Steige mit mir auf diesen
+rothen Strahlen in die Wohnung der Seligen, rief die süße Stimme, denn
+du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies mit seinen
+Seligkeiten zu schauen.
+
+Herr, sprach _Omar_ zitternd, wie soll ich dir als ein Sterblicher
+folgen können? Mein irdischer Leib ist noch nicht von mir genommen.
+
+Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. -- _Omar_ reichte sie ihm
+mit bebendem Entzücken, und sie wandelten auf den rothen Strahlen durch
+die Wolken, zwischen den Sternen hindurch, und die süßen Töne gingen
+hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren Weg, und Blumendüfte
+würzten die Luft.
+
+Plötzlich ward es Nacht, _Omar_ schrie laut auf, und lag in dicker
+Finsterniß unten am Fuße des steilen Felsen mit zerschmetterten Armen.
+Der Mond hob sich eben dunkelroth hinter einem Hügel hervor, und warf
+die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal.
+
+O ich dreimal Unglücklicher! rief _Omar_ jammernd aus, als er seine
+Besinnung wieder gesammelt hatte. -- Hatte der Himmel nicht genug an
+meinem Elende, daß er mich in einem lügnerischen Traume von der Spitze
+des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich dem Hunger zum
+Raube werden soll? -- Belohnt er so das Mitleiden, das ich mit einem
+Elenden hatte? -- Wer war jemals unglücklicher als ich?
+
+Eine Gestalt schleppte sich mühsam vorüber, die _Omar_ für den Bettler
+erkannte, dem er heut den Rest seines Vermögens gegeben hatte. _Omar_
+rief ihn jammernd an, er solle die Wohlthat, die er von ihm empfangen,
+mit ihm theilen, aber der Krüppel keuchte gleichgültig in seinem Wege
+weiter, und _Omar_ wußte nicht, ob er ihn nicht gehört habe, oder sich
+nur verstelle, um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu kümmern. Bin
+ich nun nicht elender, als dieser Verworfene? klagte _Omar_ durch die
+Nacht. -- Wer wird sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist,
+was mich noch trösten konnte?
+
+Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie glühende Feuer brannte
+es in den Gebeinen, und jeder Athemzug gab ihm Pein. Er überlegte
+schweigend sein Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen
+Bruder. --
+
+O, wo bist du Edelmüthiger! rief er aus, vielleicht hat dich das Schwert
+des Todesengels schon getroffen, das Elend hat dich vielleicht in der
+drückendsten Armuth verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem
+armen Bruder geflucht. -- Ach ich habe es um dich verdient, ich leide
+jetzt die Strafe für meinen Undank, für meine Hartherzigkeit, der Himmel
+ist gerecht! -- Und ich konnte noch so stolz einhergehn, und Gott zum
+Zeugen meiner Tugend anrufen? -- O Himmel! vergieb dem Sünder, der sich
+ohne Murren deiner Züchtigung unterwirft.
+
+_Omar_ verlor sich in trüben Gedanken, er erinnerte sich, mit welcher
+brüderlicher Liebe ihn _Machmud_ damals, als er zum erstenmale verarmet
+war, aufgenommen hatte, er warf es sich vor, daß er es unterlassen
+habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank gegen seinen Bruder
+abzubezahlen; er wünschte den Tod als das Ende seiner Strafe und seiner
+Leiden.
+
+Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine kleine Carawane von
+einigen Kameelen zog sich langsam durch das Thal. Die Liebe zum Leben
+erwachte bei _Omar_, er rief die Vorüberziehenden mit kläglicher Stimme
+um Hülfe an. Man legte ihn behutsam auf ein Kameel, um in der nächsten
+Stadt seine Wunden verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch
+des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den Unglücklichen selbst,
+und _Omar_ erkannte in ihm seinen Bruder. Seine Beschämung war ohne
+Gränzen, so wie das Mitleiden _Machmuds_. Der eine Bruder bat um
+Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben; Thränen flossen von dem
+Angesichte beider, und die rührendste Versöhnung ward zwischen ihnen
+gefeiert.
+
+_Machmud_ hatte sich nach seiner Verarmung nach _Ispahan_ gewandt, und
+war dort mit einem alten reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald
+lieb gewann und ihn mit seinem Vermögen unterstützte. Das Glück war dem
+Vertriebenen günstig, und er erlangte sein verlorenes Vermögen in kurzer
+Zeit wieder; sein alter Wohlthäter starb, und setzte ihn zum Erben ein.
+--
+
+Als _Omar_ geheilt war, reiste er mit seinem Bruder nach _Ispahan_, wo
+ihm dieser eine neue Handlung einrichtete. _Omar_ vermählte sich und
+vergaß nie, wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide lebten
+von dieser Zeit in der größten Eintracht, und waren für die ganze Stadt
+ein Muster der brüderlichen Liebe.
+
+
+
+
+Almansur.
+
+Ein Idyll.
+
+1790.
+
+
+Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der Palme, eine Thräne
+rollte von seinen Wangen, er blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie
+an seinem Stabe hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze
+Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben vor ihm,
+Abendroth und Regennächte. Noch einmal blickte er rückwärts nach Bagdad
+und sahe wie sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge
+langsam hinabzog. -- Nun so lebe wohl! Auf ewig wohl! rief er, und ging
+langsam weiter ohne selbst zu wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die
+Vögel des Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen sahen weder das
+goldne Feuermeer um dort sich Trost zu holen, sein Ohr hörte nicht die
+Melodieen, die von jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind spielte
+mit seinem Mantel, aber er ließ ihn nachläßig hängen und eilte weiter
+vom Wege ab, mit tiefgesenktem Blick.
+
+Endlich blickte er auf, er sah sich in einem schönen Thale, rings um von
+grünen Bergen umschlossen, im Thale glänzte ein silberner See, auf den das
+Abendroth auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben sich sanft umher
+und auf ihnen schimmerten Reben, Palmen standen auf Abhängen und wiegten
+sich rauschend über das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte sich
+zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende Vollmond gossen
+ein so süßes Licht um alle Gegenstände, daß Almansur sich in einem
+Theile des Paradieses glaubte. Er stand und sahe die schönbewachsnen
+Berge, wie der Abendschein über die grünen Abhänge herüberschwamm
+und sanftes Roth auf den gegenüberstehenden Berg streute, durch einen
+Palmenhain schlängelte sich der schimmernde Glanz der Gluth des Himmels,
+und bebte zurück in jedem Tropfen der am Grase zitterte, von jedem Blatt,
+an welchem ein Rubin sich wiegte. Der Mond stand über einem finstern
+Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die großen Wälder sangen
+der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte in sein Rosenbett hinab, das
+Heimchen zirpte, der Mond schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf
+jedem leichten Wölkchen des Himmels, das unter dem Monde hinwegschlüpfte
+und ihm etwas von seinem goldnen Glanze stahl, schien Ruhe, Trost und
+Freude zu schweben. Lange stand noch Almansur so, doch endlich lößte sich
+sein Gefühl in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf die Erinnerung
+seines Unglücks war mit dem letzten Streit der untergehenden Sonne hinter
+den Bergen hinabgeleitet. Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald
+hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegenüberstehenden Abhang,
+oder auf den Spiegel des tief unten glänzenden Sees.
+
+Er ging über einen Quell, der aus den Spalten des Berges sich drängte
+und sein Silber hinuntergoß; er kam zu einer kleinen Vertiefung, wo
+unter Weidenzweigen versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches
+hervorragte. Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen
+zu haben; er ging herum um diesen Kranz von Weiden, und stand vor dem
+Eingang einer kleinen Hütte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin
+und her wallte, pflanzte mit ruhigem Lächeln Reben, und band sie an die
+schwesterliche Ulme, dann sah er zum Monde hinauf, dann in den goldnen
+See hinab, und setzte wieder freudig seine Arbeit fort. -- »Der Himmel
+schütte seinen Segen auf dich herab!« rief _Almansur_ dem Greise zu;
+liebevoll dankte der Greis und führte den Jüngling in die dämmernde
+Hütte.
+
+Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen, bellten und wedelten.
+Der Greis und der Jüngling setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann
+holte der geschäftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch und Datteln.
+»Iß!« sprach er. -- _Almansur_ aß wenig; bald sah er die niedren Wände
+der Hütte an, bald blickte er auf den lächelnden Alten. Nach der Mahlzeit
+setzten sich beide vor dem Eingang der Hütte.
+
+Du bist recht glücklich! fing _Almansur_ nach einer langen Stille an, wenn
+man je glücklich werden kann. -- Ja, war die Antwort des Greises; ich
+stahl mich aus dem Getümmel der Welt hinweg, und niemand vermißte mich;
+ängstlich, mit Schweißtropfen auf der Stirn jagte ich dem Glücke nach
+-- umsonst! Es floh wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll
+schlich ich mich in diese Hütte, ich sah mich um, und es stand neben
+mir. -- Ja! Dank dir großer Prophet! Ich bin hier recht glücklich! -- O,
+wenn ich am Morgen hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener
+neigenden Spitze hängt, dann zollen dir meine Thränen heißen Dank, dann
+seh ich auf mein voriges Leben zurück, wie der müde Pilger am Grabe des
+Propheten auf die zurückgelegten Steppen; -- dann schwebt vor mir die
+ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch das rosenrothe Gewebe des
+Morgens, er durchfliegt die Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug
+um die glühenden Räder des Sonnenwagens. -- Jeder meiner Blicke schaut
+dann voll Dank zum Himmel!
+
+_Almansur_ horchte vorwärts gebeugt mit Ehrfurcht der Rede des Greises,
+er sah in seinen Augen eine Thräne glänzen, heiß rann eine Zähre über die
+Wangen _Almansurs_. -- Dann ergriff er voll Zutraun die Hand des Greises;
+o weiter! sprach er, deine Stimme ist wie das Murmeln der fernen Quelle
+dem Durstigen. Weiter! Mein Geist fliege dir nach! -- Versuch' es in
+todten Worten mir das Abendroth deines Glücks zu malen. --
+
+O Jüngling, sprach der Greis, Glück läßt sich besser fühlen, als dies
+Gefühl sich in Worten zwängen läßt. -- Leise schleicht sich durch das
+helle Weinlaub am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und
+flüstert mir: »Erwache!« zu. Ich erhebe mich vom rothen Glanz umflossen,
+und sehe wie die Sonne majestätisch hinab ins Thal schreitet, die Natur
+wacht auf und lächelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir glüht der
+See, über mir flammt der Himmel, die Waldung rauscht, die Lerche singt,
+der See bebt, und ihre Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die
+Wette. Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter den blauen Mantel
+stiehlt, dann besuch ich meine Heerden, die Ziegen blöken mir entgegen,
+die Lämmer hüpfen um mich her. -- O ich lebe hier nicht ganz verlassen!
+Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig eines jeden Baums; wenn
+das erste Laub nach dem Winter erscheint, oder mein Blick des Frühlings
+erstes Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn ein
+längst gewünschter Freund unvermuthet dem Schiff' entsteigt; das erste
+Sommerlüftchen, das meiner Wange vorüberbebt, ist mir, was dem Elenden
+ein blauer Hoffnungsstrahl ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden von
+meinem Berge herab eine junge Pappel ins Thal warf, da weint' ich um
+den jungen Baum, als habe mir der Tod einen geliebten Jüngling davon
+geführt. Ach, dies einsame Thal möcht ich nur gegen Mahomets Paradies
+vertauschen, es gilt mir mehr als die Erde mit ihren Königreichen, diese
+Bäume gelten mir mehr als Könige und Fürsten mit ihren Unterthanen. Ich
+besuche oft drüben die alten Palmen, sehe nach jenen jungen Birken die
+ich selber pflanzte, und freue mich über ihren Wachsthum wie ein Vater
+über seine Kinder. Im kleinen Gärtchen hinter meiner Hütte scheint die
+Gluth der Rose auf die weiße Lilie, das Veilchen kniet zu den Füßen der
+stolzen Malve, und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich mich
+im Vorbeigehn, wann und wie ich sie pflanzte, jede habe ich selbst am
+Morgen und Abend begossen. Diese Blumen, diese Bäume sind meine Freunde,
+von ihnen brüstet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir keiner
+höhnisch nach. Neid und Verläumdung dürfen nicht über diese Berge fliegen,
+des Glückes Pfeil zerschnitt ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen
+jenseits den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden
+Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen; das Glück und die Ruhe fliegen
+hier verschlungen Arm in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder
+Quelle flüstert Glück, in jedem Nachhall der Berge tönt ruhige Freude.
+
+Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde fällt, wenn der Herbst auf
+selbst gesponnenen Seidenfäden durch die Lüfte schwebt, sie um die Bäume
+wickelt, und das reife Obst mit den Blättern abschüttelt, dann seh' ich,
+wie die Natur sich einkleidet, und unter dem glänzenden Schwanenbette
+schläft, um gestärkt mit neuem Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen
+herabrauscht, wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen saußt, wenn
+die Fichten knarren, der Wind Schneegestöber vor sich her wirbelt --
+dann nehm ich von der Wand die silberbezogne Leier, dann sing' ich dem
+Frühlinge meines Lebens Lieder, und sehe lächelnd dem Untergang meiner
+Sonne entgegen. Dann dämmert vor meinen Augen der Nebel der Vergangenheit,
+dann schwing ich mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch Dämmrung
+ferner Vorzeit, durch schweigende öde Nacht der Zukunft. -- In diesem
+Kreislauf wallte mir mehr als ein halbes Jahrhundert vorüber, in dieser
+schönen, ununterbrochenen Einförmigkeit. -- --
+
+O Jüngling! Mit warmer Freundschaft drückst du meine Hand, eine Thräne
+zittert in deinen schwarzen Augenwimpern, -- sprich -- führte dich
+Kummer zu meiner einsamen Hütte?
+
+_Almansur._ Ja, Kummer führt mich zu dir, Greis! -- Ach, laß mich mit
+Dir diese Hütte bewohnen, laß mich dein Sohn sein. Die Freude ist für
+mich gestorben. -- Ich muß die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier
+laß unter dieser Palme den Wind am Abend meine Seufzer davon führen,
+laß am Morgen mich unter dieser Cypresse weinen. -- Warum sollt' ich zu
+jenen Menschen zurückkehren, wo jeder dem fliehenden Glücke nachläuft,
+und keiner den Saum seines Kleides berührt, wo einer des andern lacht,
+und blind für eigne Fehler ist, wo Verläumdung und Neid hinter mir gehn,
+die sich täuschend in das Gewand der Freundschaft hüllen. -- Nein, hier
+will ich ein neues Leben beginnen, mein voriges Leben mir als einen Traum
+denken, den der Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine
+Bitte nicht zurück, in keinem Winkel glimmt für mich ein Fünkchen Freude
+mehr als hier. Schon lange war es mir unerträglich, mich ohne Zweck und
+Absicht vom Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu lassen,
+warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen, wo jedes Gesicht mir
+zuwider ist, essen und trinken, schlafen und aufstehn, den einen Tag so
+wie den andern; warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft? Ich bin
+mir selbst und andern verhaßt! zu welchem Endzweck schuf der Schöpfer
+die Menschheit? Einer den andern zu quälen? Ihm den Genuß des Lebens zu
+rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen schwerfälligen Tanz
+um ihre Sonnen? Warum ließ der Schöpfer aus seiner Hand die Schöpfung
+hervorgehn? Warum warf er das Sternenheer durch den Himmel? Sollen wir
+hier leben, ohne glücklich zu sein, und dann wie der Baum verwelken;
+wozu dann dies quaalenvolle Leben? -- Oder harrt schönerer Sonnenschein
+unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft durch Dornen, über
+Felsen? -- -- O Greis! dies, dies hat mich schon längst unglücklich
+gemacht! --
+
+Der Greis sah ihn an und schwieg. »Verweile!« sprach er dann. Ein
+frommer Einsiedler schenkte mir schon vor vielen Jahren ein kleines
+Buch; es ist nur ein Märchen, der Mond scheint hell; ich will es dir
+lesen. -- --
+
+Er ging fort. _Almansur_ sah indeß starr vor sich hin ins Thal, sein
+Blick ruhte auf einen Zweig, den der Wind hin und her warf; sein Kummer
+war zurückgekehrt, die mancherlei Scenen seines Lebens wachten in seiner
+Seele auf. Er preßte eine Thräne in sein Auge zurück; der Greis kam,
+setzte sich nieder und las: -- --
+
+_Nadir._ Ein Mährchen.
+
+Der finstre Menschenhasser _Nadir_ wandelte über eine von Arabiens
+Steppen. Die Sonne stand in der Mitte des Himmels und warf ihre
+glühenden Strahlen auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gesträuch,
+welches einen erquickenden Schatten darbot; _Nadirs_ Auge suchte
+vergebens eine Quelle, seinen brennenden Durst zu löschen, er ging
+matt und langsam, er sah schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke
+herbeischweben wollte, ihm Regen und Kühlung zu schenken; so weit
+sein Auge reichte, glänzte der Himmel im hellblauen Gewande, der Sonne
+Strahlen wurden immer heißer und heißer, kein milder Wind wehte ihm
+Kühlung zu, Stille lag ausgestreckt über der Erde, die Vögel waren
+im Schatten des fernsten Waldes zurückgeflogen, und kein Dorf, kein
+Haus winkte dem Wandrer. Vor sich und um sich sah _Nadir_ nur eine
+unermeßliche Wüste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den
+Schatten des verdorrten Grases setzen konnte.
+
+_Nadir_ verwünschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal das Schicksal
+der Menschen, denen ewig Quaal und Schmerz auf jedem ihrer Schritte
+folgen. Durch den blauen Himmel goß sich nach und nach ein sanfter
+Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog über die Ebne.
+
+Dank sei dir großer Prophet! rief der schmachtende _Nadir_, indem er
+über sich den Mond und die Sterne hervorkeimen sah. Er schleppte sich
+langsam fort, seine Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O
+ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus, könnt' ich jetzt
+durch einen Strom des Nordpols schwimmen! Er ging weiter. Es wehte ein
+kühlender Wind über die Haide, _Nadir_ kam in einen Wald. Der Wind
+ward stärker, Wolken flohen durch den Himmel, und löschten mit ihren
+schwarzen Fingern den Mond und die Sterne aus, der Sturm schüttelte
+den Wald, die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen stürzte
+herab. Endlich sah _Nadir_ durch den verschränkten Wald ein fernes,
+flimmerndes Licht, das durch das nasse Laub und durch den Regen ihm
+entgegenblickte: er drängte sich durch den Wald, durch Gebüsche, die
+ihn oft mit ihren nassen Armen umfaßten: er kam durch die Waldung, und
+sah über eine Ebne das Licht vor sich glänzen.
+
+Es war eine niedre Hütte, deren moosiges Dach vom Regen triefte, er
+schlug an die kleine Thür, ein Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen,
+der Wetterhahn des Daches knarrte im Winde; leise öffnete sich die Thür
+des Hauses, eine alte Frau trat heraus. -- Wollt ihr einem armen Wandrer
+erlauben, diese Nacht hier zu schlafen? flehte _Nadir_. Sehr gern war
+die Antwort. Sie führte ihn in das Haus durch einen Gang. Dort, wo du das
+Licht durch die Thüre flimmern siehst, dort geh' hinein; -- sie verließ
+ihn. _Nadir_ bewunderte den großen Gang in der kleinen Hütte, seine
+Schritte hallten von der Mauer zurück, als er durch die Stille ging.
+Er stand vor der Thür, aus der das Licht ihm entgegenglänzte, -- er
+öffnete sie -- und das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er
+trat in einen großen unermeßlichen Saal, den tausend Lichter erleuchteten;
+die Wände glänzten von Marmor mit Gold umgossen, eine himmlische Musik
+schwamm auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. -- Wo bin ich? rief
+_Nadir_. -- Ein prächtiggekleidetes Frauenbild kam ihm entgegen, sie
+führte ihn zu einem Tische und lud ihn zum Essen ein; _Nadir_ aß und
+wagte kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und getrunken
+hatte, fühlte er sich durch neuen Muth, durch neue Kraft beseelt, er
+sah um sich. Tausend Lichter glänzten auf Kronenleuchtern von Diamant.
+Saphir, Rubinen und Gold waren über die schönpolirten Wände hingestreut,
+unsichtbare Musik goß sich umher und gaukelte um _Nadirs_ Ohr, sein Auge
+verlor sich ermüdet in die entferntesten Bogengänge, ohne ihr Ende
+erreicht zu haben; _Nadirs_ Staunen ward immer größer.
+
+»Komm!« rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu und führte ihn durch
+die blendenden Säle. Er sahe sie mit allen Arten von Menschen angefüllt
+und weidete sich an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und aßen
+einige, dort weinten andre, andre tanzten in fröhlichen Reihen. Dieser
+Pallast, begann _Nadirs_ Führerin, ist ein Werk meines gestorbenen
+Gatten, er suchte das Glück lange vergebens und fand es endlich mit
+mir in der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies Spielwerk
+hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft ich will. -- Er war ein
+mächtiger Zauberer, gewandt in allen geheimen Künsten; auf sein Gebot
+entstand dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen zusammen.
+Sieh, jede Art von Menschen befindet sich hier; dort auf den Thron sitzt
+ein König, seine Stirn schmückt das Diadem, seine Schultern umfließt der
+Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er beneidet heimlich
+den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet und zittert; er ist ein gütiger
+Regent, er macht andre glücklich, ist aber selbst unglücklich. Jener
+Volkslehrer lehrt Demuth und haßt den der neben ihm steht, weil er ihn
+mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene Säulen gelehnt steht ein Haufe
+unglücklicher Menschen, in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die
+Eitelkeit der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz von Ehre noch
+von Reichthümern blenden, ihre Wünsche scheinen so mäßig und sind doch
+so vielumfassend, werden fast nie erfüllt. -- Dort stehen andre, für
+welche die Welt mit allen ihren Schönheiten gestorben ist, sie können
+keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu geben und ihre Blätter zu
+zählen, keinen schönen Baum, ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten
+und zu bemerken, zu welchem Geschlecht er gehöre; sie kennen jeden
+Stern, der am Himmel flammt, und wissen die Stunde, wenn der Mond auf
+und untergeht, sie haschen jede Abendfliege, und stellen sie in ihren
+Rang in der Schöpfung, sie sagen uns, daß jeder Sonnenstaub bewohnt sei.
+-- Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare Art mit Gemälden
+ausgeziert, sie sind doppelt; auf der einen Seite stellen sie alles
+ernsthaft, auf der andern dasselbe lächerlich dar. Sieh, hier trauert
+eine Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint gerührt,
+jener auf der andern Seite lacht. -- Siehst du jene dort, die so bleich
+sind und starr auf die Erde blicken? bei ihrer Geburt vergoß das Elend
+Thränen über sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern; sie
+können über ein gelbes Blatt weinen, das vom Baume auf die Erde fällt,
+sie hassen die Welt und sich am meisten; sie machen oft andre glücklich,
+aber kein Anblick von Glück, kein Anblick der aufgehenden Sonne kann
+sie vergnügt machen; sie lächeln, aber ihr Lächeln ist als wenn die
+Abendsonne durch einen verdorrten Baum scheint, ihnen folgt das Unglück
+wie ihr Schatten, ihre Augen sind matt von Thränen, ihre Wangen bleich,
+sie sind die ärmsten Geschöpfe. -- Jener jauchzende Haufe verspottet
+sie, ihr Mund lacht stets, ihre Augen blinzeln jedem freudig entgegen,
+die Welt nennt sie Thoren, sie sind glücklich, denn sie halten sich für
+weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen ihr
+Leben, lachen im Winter eben so wie im Sommer, bei dem Aufgang der Sonne
+wie beim Untergang, die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung und
+gab ihnen das Vermögen alles lächerlich zu finden. -- Jene spielten
+mit ihrer Phantasie, der Verstand löste die Fesseln der gebundenen
+Einbildung, sie schoß wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der
+Verstand an seinen Krücken hinter sie her und kann sie nicht einholen,
+jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt angeschlagen einen
+falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige, Unglückliche; aber sie sind
+wirklich glücklich. Jener hält die Kette, die ihn an die Mauer festhält,
+für ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen für den Purpurmantel des
+Königs. Jener glaubt in seinem Strohlager alle Schätze Indiens zu
+besitzen und fühlt sich beseligt. -- Jener ist taub für jeden Harfenton,
+blind für jede Schönheit, die der Maler der Natur abstahl, seine Seele
+sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur wenn er sich an den Tisch
+setzt, er hört nicht die himmlische Musik, die ihn umfließt, aber er
+lächelt beim Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in seine
+Seele. -- Wer von allen diesen scheint dir in dem Zustande zu sein, in
+den die Natur den Menschen aus ihrer Hand hervorgehn ließ? -- O jener,
+rief _Nadir_, der sich an den Dampf der Speisen weidet, denn er ist
+der glücklichste, an sein Herz reicht nicht die Stimme des Elends, ihn
+durchbohrt nicht des Mitleids scharfer Pfeil, er ist der glücklichste,
+er kann viermal täglich glücklich sein; wozu sind jene feinern
+Empfindungen, sie bringen weit mehr Schmerz als Vergnügen hervor!
+-- Sieh, jener Mann, fing die Führerin _Nadirs_ an, der dort unbekannt
+herumgeht, ist ein verehrungswürdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner
+achtet auf ihn, aber er findet sein Glück im Glücke anderer; manche
+heiße Thräne fleht im Dunkeln Segen für ihn vom Himmel, manche Brust
+athmet durch ihn freier, manche Klage verstummte durch ihn, er erfüllt
+den Beruf des Menschen, er macht andre glücklich, und nur dazu schuf uns
+die Natur. -- Du willst die Gesellschaft der Menschen verlassen, komm
+und überzeuge dich, daß der Mensch da sei um in Gesellschaft glücklich
+zu leben; warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen,
+warum die Bestimmung der Welten? zwecklos rollen sie nicht um ihre
+Sonnen, aber warum wollen des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der
+Natur durchdringen? der Mensch ist da, das zu genießen, was ihm die
+freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber nicht über die Gränze
+hinausschreiten wollen, die ihm gezeichnet ward. Sie gingen hin durch
+die hundert Bogengänge und _Nadir_ bewunderte die Pracht des Pallastes;
+seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, daß es Frevel sei, sich von
+den Menschen zurückzuziehn, vor ihm zerrann der dunkle Nebel, er
+durchdrang den Plan der höchsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft
+der Menschen zurückzukehren.
+
+Der Tag öffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth flog über die
+Ebne und schimmerte an den Fenstern; _Nadirs_ Führerin verließ ihn, ein
+Bogengang verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gemälde und ihre
+Beschauer, ein Licht erlosch nach dem andern, die Pracht gleitete von
+den Wänden, die Decke sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner
+und kleiner, immer düstrer und düstrer, und der helle Sonnenschein glänzte
+endlich an den Wänden einer niedern Hütte. _Nadir_ öffnete vor Staunen
+stumm die niedre Thür, er suchte vergebens den langen Gang, die alte
+Frau öffnete die kleine Hausthür, er ging hinaus, die Thür ward hinter
+ihm verschlossen; dieselbe kleine Hütte, an deren Thür er gestern klopfte
+-- der Hund bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den
+Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen Regen und das
+Morgenroth schwamm in den großen Tropfen. »Wacht' ich, oder träumt'
+ich?« rief _Nadir_ aus; er sah über einen niedern Zaun in den Garten
+neben der Hütte, ein Knabe mit nackten Füßen pflückte sich Kirschen von
+einem Baume. Er stand lange stumm da, seine Phantasie malte ihm noch
+einmal den gestrigen Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zurück
+nach der wundervollen Hütte, bis ein Wald den letzten weißen Schimmer
+von ihr ihm entzog. -- --
+
+Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich hin. Der Mond schien
+hell, die Sterne bebten im schimmernden See, die Cypressen rauschten.
+Kehre zurück, Jüngling, begann der Greis, kehre zur Welt zurück, wer
+weiß, wo dein Glück schlummert, gehe hin und erwecke es, du bist zur
+Gesellschaft geboren, gehe hin und erfülle deine Bestimmung, genieße
+ohne zu grübeln und du wirst gewiß glücklich sein.
+
+_Almansur._ Verzeihe, edler Greis, daß ich dich täuschte, dir meinen
+Gram nicht ganz enthüllte. Wenn du die Geschichte meines Unglücks hörst,
+und du räthst mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zurückzukehren,
+so will ich dein Verlangen erfüllen.
+
+Ich heiße _Almansur_, mein Vater war ein Kaufmann in Bagdad; ich hatte
+einen Freund, einen einzigen, ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor
+wenig Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als meine
+Seele, sie vermählte sich vor wenig Tagen. -- _Roxane_ war schön, wie
+der werdende Tag, schöner wie eine der Houris, auf ihren Wangen floß
+Abendroth, ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden Sonne, die
+sich im Meere spiegelt, ihr Lächeln war der Sonnenschein des Frühlings,
+in ihren blauen Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden
+Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel im goldnen Glanze der
+Morgensonne um Felsen sich kräuselt; -- sie kannte meine Liebe. -- Ihr
+Vater lag einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn retten,
+aber er mußte ihn trinken in weniger Zeit als die Biene am Abend braucht
+nach ihren Zellen zurückzufliegen, es war ein Quell, der in der schwarzen
+Kluft eines weitentfernten Felsen murmelte. _Roxane_ liebte ihren Vater,
+ich sah die Thränen in ihren Augen glänzen, ich schwang mich auf mein
+Roß, eilte hin, füllte eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich
+stürzte zurück, die Wälder sausten mir vorüber, eine Eiche raubte mir
+meinen Turban, mein Roß eilte dem Winde voraus, sein Hufschlag tönte
+laut, ich kam zurück; _Roxanens_ Vater ward gerettet, ihr Lächeln dankte
+mir, und ich war vergnügt. Ich sank nieder von Schweiß und Staub bedeckt,
+mein gutes treues Roß starb noch an demselben Abend, _Roxanens_ Lächeln
+dankte mir, und ich war vergnügt. O für sie hätte ich die heißen Ebnen
+Äthiopiens mit nackten Füßen durchmessen, für sie hätte ich unbedeckt
+den Schnee des Caucasus erklettert. Ach ich träumte eine so heitre
+goldne Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte mit mir,
+aber ach, sie gab ihre Hand einem andern, denn er war reicher als ich;
+vorgestern ward ihre Vermählung gefeiert, jeder Trompetenstoß, der aus
+der Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln, jeder ferne Donner
+der Pauken, stieß einen glühenden Dolch durch meine Brust; in der
+Mitternacht verließ ich Bagdad kalt und stumm, verließ den Ort, wo
+jeder Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in meine Seele
+zurückriefen, die Sonne war für mich auf ewig untergegangen; ich ging
+fort ohne zu wissen wohin, endlich kam ich zu deiner glücklichen
+Einsamkeit. Edler Greis, o höre meine heiße Bitte, es ist der einzige
+Wunsch, der mir zurückblieb, laß mich an deiner Seite, im Schooße
+der Ruhe und der Einsamkeit, meine übrigen Tage verleben; ach, die
+Einsamkeit hat ja Trost für so manche Leiden, sie trocknet so manche
+Zähre, wiegt so manchen Kummer ein; hier in diesem glücklichen Thale
+will ich den Traum meiner Jugend noch einmal träumen, hier will ich
+weinen, wenn ich erwache. Laß mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich
+an die Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind
+von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen Bergen hingestreut,
+laß sie mich hier wiedersuchen; laß sie mich wiederfinden, Greis, denn
+beim Barte des Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder glücklich
+sein. -- Aber warum glänzen Thränen in deinen Augen und verlieren sich
+in die Silberwellen deines Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust
+erheben? Woher diese fliegende Röthe auf deinen Wangen?
+
+_Greis._ Ach, _Almansur_! -- deine Worte haben meinen entschlafenen
+Kummer erweckt, ich hielt ihn für todt, aber er schlief nur. -- O
+Jüngling, du hast den Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder
+vorübergeführt. -- Ein ähnlich Schicksal führte mich hierher; ach,
+_Fatime_! diese Thränen fließen dir! dieser Seufzer fliegt zu dir! Vor
+meinen Augen webt sich die Vergangenheit noch einmal hin, sie glänzt im
+Sonnenschein, eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. -- O _Almansur_,
+bewohne mit mir diese Hütte, trinke mit mir von meiner Milch, laß uns
+beide in den Schatten eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du seist
+mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. Jüngling, du bist mir theuer
+geworden, theile mit mir was ich habe, wir wollen wie die Sonne des
+Tages, wie der Mond der Nacht, in schöner Gleichförmigkeit unser Leben
+verfließen sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben in einem Kreise dreht,
+so leben, wie eine Welle beständig um ihr grünes Eiland murmelnd fließt;
+beide bewundern wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn ihrem
+Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem Gärtchen pflanzen, du
+begießest sie mit mir am Abend, du brichst mit mir das Obst von den
+Zweigen und freust dich mit mir des Frühlings und Sommers: Jeden Wandrer,
+der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit Speise und Trank erquicken,
+und ihn dann auf die rechte Straße führen; dem Trauernden wollen wir
+den Balsam des Trostes reichen, vor dem Fröhlichen unsern Kummer in
+unsrer Brust verschließen. Wir erzählen uns dann die Geschichte unsrer
+verflossenen Jahre, wir tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein,
+ich lerne jeden Baum kennen, der dir einst mächtig war, du beschreibst
+mir deine vorige Wohnung so genau als wollte ich sie morgen beziehn,
+ich sage dir von jedem Bache, bei dem ich mich einst freute oder Thränen
+vergoß, ich zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede
+Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen Welt, du in
+der meinigen, oder wir sitzen am Abend unter dieser Cypresse und sehen
+wie sich der Mond auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser
+spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres Laub die
+Sterne gebrochen flimmern; wir erzählen uns wunderbare Mährchen so
+vertraut als wären es die alltäglichsten Dinge; wir träumen uns unser
+Leben nach dem Tode, bauen luftige Schlösser und reissen sie wieder ein;
+so leben wir, bis der Tod mir immer näher und näher schleicht und mich
+unvermerkt aus deinen Armen führt, dann häufest du mir einen Grabhügel
+unter jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest du meine
+Hütte allein, dann sitzest du ohne mich vor dem Eingange, dann denkst du
+beim Schimmer des Mondes an den gestorbenen _Abdallah_, dann brichst du
+das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine Hülfe, dem verirrten
+Pilger zeigst du das Gras auf meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht
+ein biedrer Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen Hütte und hörst
+den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem Geiste mit einem
+Lichtkranze entgegenfliege.
+
+
+
+
+Das grüne Band.
+
+Eine Erzählung.
+
+1792.
+
+
+Durch die Thäler und über die Wiesen wandelte der graue Nebel; über
+einen Tannenhain blickte die Sonne noch einmal aus Westen auf die Fluren
+zurück, die sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen
+Gebüsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das Murmeln eines kleinen
+Baches ward hörbarer: als über die Haide eine Schaar von Kriegern gegen
+die Veste _Mannstein_ zog. Der letzte goldne Schein der Sonne flog
+zitternd die schönpolirten Rüstungen auf und ab, durch die abendliche
+Stille tönte laut der Huftritt ihrer Rosse. -- Da schmetterte von der
+Zinne der Burg eine fröhliche Trompete, und weckte mit ihren Tönen den
+Widerhall am Tannenberge; die Zugbrücke ließ sich nieder, und _Friedrich
+von Mannstein_ zog mit seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde
+sich um ihn her drängte, um ihm Glück zu wünschen, daß er aus der Fehde
+wohlbehalten zurück gekehrt sey.
+
+Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, als seine Tochter auf
+ihn zueilte und in die Arme ihres Vaters sank. »Meine _Emma_!« rief
+Friedrich, »bist du wohl? Gottlob, daß ich dich wiedersehe!« -- »Kommt
+Ihr wohlbehalten zurück?« sprach sie, indem sie schüchtern um sich
+blickte und sich etwas aus den Armen ihres Vaters zurück bog. -- »Habt
+Ihr viele von euren Leuten verloren?« -- »Ja,« antwortete _Friedrich_,
+»zwölf, und unter diesen einen meiner treusten Diener.« -- »Doch nicht«
+-- fiel _Emma_ schnell ein, -- der Name _Adalbert_ zitterte auf ihren
+Lippen, sie ward bleich, -- »doch nicht -- _Wilibald_?« sagte sie, indem
+sie eine unwillkührliche Thräne in ihr Auge zurückzwängte.
+
+Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt sich wacker,
+-- aber er fiel, -- er hat sein Leben rühmlich beschlossen. Wohl jedem
+ Kriegesmanne, der so wie er stirbt! -- Ich werde seinen Verlust fühlen;
+ich liebte ihn, als wär' er mein Bruder. -- Aber komm in die Burg, liebe
+Tochter, der Nebel hängt schon kalt und feucht in den Wipfeln der Bäume,
+dein Haar flattert in der kühlen Abendluft; mich dünkt, du siehst bleich
+aus, -- du bist doch wohl?
+
+Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell.
+
+»Herr Ritter!« sprach ein Knappe, der aus dem Schloßhofe trat, »wollt
+Ihr nicht in die Burg gehn? Euer Waffenbruder _Konrad von Burgfels_
+harrt Eurer drinnen.«
+
+»Konrad? Er sei mir willkommen!« rief Friedrich, und ging in den
+Schloßhof; Emma, die Hausgenossen und sein Knappe Adalbert folgten ihm.
+-- Adalberts und Emma's Blicke fanden sich. -- Wie viel sagten sie sich
+nicht in diesem Blick! -- Die Freude sich wiederzusehn, Dank für die
+Rettung, zärtliche Besorgniß, -- dieß und hundert Fragen und hundert
+Antworten lagen in diesem einzigen Blicke. -- Adalbert führte sein
+treues Roß in den Stall, Emma ging langsam aber heiter die Wendeltreppe
+hinan, blickte aus dem runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und
+begab sich dann in ihr Gemach.
+
+Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen und schloß ihn froh
+in seine Arme. -- »Gottlob!« rief er, »daß ich dich einmal wiedersehe!
+-- Du kommst aus einer Fehde mit _Manfred_?«
+
+_Friedrich._ Ja, Freund! und du?
+
+_Konrad._ Woher? Für mich, weißt du ja, giebt's schon lange keine Fehden
+mehr! ich komme von meinem alten einsamen Schlosse. -- Seit mein _Karl_
+nicht mehr da ist, sieht es so öde und verlassen aus. Stehe ich auf
+dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, so muß ich immer wider
+Willen nach dem Berge hinsehn, hinter welchem er zuletzt verschwand; die
+eisernen Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen Karl zu, und muß
+dann jedesmal an den Tod denken. -- Ach! es ist traurig, Freund, wenn
+man alt wird, der Tummelplatz unsrer Wünsche wird dann so eng, wir können
+nur noch wenig hoffen, -- aber dieß wenige wünschen wir mit einer
+Sehnsucht, mit einer Wehmuth -- So lange sich mein Sohn in Palästina
+unter den Ungläubigen herumtummelt, werde ich dich öfter auf deiner Burg
+heimsuchen, die Einsamkeit macht mich traurig.
+
+Sie waren indeß in den Saal getreten. -- »Setz dich, Freund!« sprach
+Friedrich, »ich habe dich schier verkennen gelernt, Konrad saß lange
+nicht auf jenem Sessel.«
+
+_Konrad._ Es soll von itzt an öfter geschehen. -- Du hast ihn
+geschlagen?
+
+_Friedrich._ Den räuberischen Manfred, -- ja -- Zwölf meiner besten Leute
+hab' ich verloren, es war ein hitziges Gefecht. -- Mein Knappe Adalbert,
+du wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann gezeigt, ohne
+ihn stand es so so -- wir waren schon einmal zurückgetrieben, -- ich sage
+dir, es wird ein tapfrer Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn.
+-- Bringt Wein, Buben! --
+
+Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken.
+
+_Konrad._ Wir leben in unsern Nachkommen wieder auf; ich hoffe, mein
+Karl soll dem Namen Burgfels keine Schande machen.
+
+_Friedrich._ Das wird er nicht. Welch ein glücklicher Vater bist du! Es
+war mein tägliches Gebet zu Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir
+einst die Augen zudrückte, der nach meinem Tode auf meiner Burg haußte,
+der -- doch, wir wollen ja nicht traurig sein.
+
+_Konrad._ Du hast es auch nicht Ursach, der weise Himmel erhörte dein
+Gebet vielleicht darum nicht, um dir Jammer zu ersparen. -- Du weißt
+nicht, wie wehe der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen Sohn
+der Brust des Vaters thut. Man gewöhnt sich früh an Gram. -- Bald siehst
+du den Knaben auf einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem
+Schritte; der Jüngling kommt nicht von der Jagd zurück, und bei jedem
+Wiehern, bei jedem Hufschlag eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er
+ist es nicht, dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel der
+Nacht, -- und wenn du ihn gar fern von dir weißt, im Gewühl der Schlachten,
+-- erst als Vater macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. -- Alle
+Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene Stunde, jede schöne
+Erinnerung, das Glück der Vergangenheit und Zukunft flicht der Greis in
+_einen_ freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm des Jünglings,
+-- ach! und wie viel tausend Schwerter können diesen Kranz zerreissen.
+Wir setzen unser ganzes Vermögen auf _einen_ Wurf, und in jedem
+Augenblicke müssen wir zittern, zu verarmen. -- Es ist warlich besser
+der Vater einer hoffnungsvollen Tochter sein!
+
+_Friedrich._ Du bist undankbar gegen das gütige Schicksal. -- Den Knaben
+zum Jüngling werden sehn, in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden,
+-- nenne mir eine Freude, die größer sei, als diese. -- Und wenn er nun
+zurückkehrt, wenn er nun von jenem Berg wieder heruntersprengt, vor ihm
+her der Ruhm, hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine
+erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, wie dann?
+
+_Konrad_ (der sich die Augen trocknet). Dann? -- Nun dann will ich dir
+Recht geben, aber eher nicht.
+
+_Friedrich._ Immer find' ich doch noch in dir den alten Konrad wieder,
+der jedesmal im Wort- und Lanzenkampf das Feld behalten muß. -- Trink!
+stoß an! auf den Ruhm deines Sohnes!
+
+_Konrad._ Und das Glück deiner Tochter!
+
+_Friedrich._ Denkst du, daß ich für sie unbekümmert bin? -- Wollen wir
+mit unsern Kindern tauschen, Konrad?
+
+_Konrad._ Freund und Waffenbruder! -- ein Gedanke kömmt mir wieder, den
+ich schon oft dachte, wenn ich des Nachts in meiner einsamen Kammer
+schlaflos lag, und der Wind um den Schloßthurm saußte, -- sei du der
+Vater meines Sohnes, deine Tochter sei mein, doch so, daß keiner von
+uns das Recht auf sein Kind verliert.
+
+_Friedrich._ Topp, alter Freund! -- Da hast du die Hand eines Ritters,
+der noch nie sein Wort brach! -- Bei Gott und Ritterehre! keiner als
+dein Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, -- nur muß er mit Ehre
+zurückkehren.
+
+_Konrad._ Das wird er, wenn er zurückkehrt, dafür laß dir den alten Konrad
+bürgen. Mit Ruhm, oder nie sehn wir ihn wieder. --
+
+_Friedrich._ Alter Freund! der Wein hat mich sehr froh gemacht. -- Welch
+eine liebliche Zukunft seh' ich emporblühen! -- Allenthalben winkt die
+schönste Blume des Lebens: Vaterfreude! -- In diesem Garten wollen wir
+ruhen, bis wir in einen noch schönern hinüberschlummern.
+
+Die Alten drückten sich schweigend die Hand, ihre Freude war eine
+wehmüthige geworden; ein Paar große Thränen fielen schwer aus ihren
+Augen, die sie in einem schönen Irrthum für Freudenthränen hielten. Sie
+merkten nicht, daß sie der bange Zweifel erzeugte: »Werden diese Träume
+in Erfüllung gehn?«
+
+Sie saßen noch lange zusammen im traulichen Gespräch, und erzählten sich
+noch einmal die Geschichte ihrer Jugend und ihres männlichen Alters. Die
+Gesichter der Greise glühten voll Jugendkraft, beide vergaßen, daß sie
+Greise waren.
+
+Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem Gespräche ab, jeder
+ging heiter in sein Schlafgemach.
+
+ * * * * *
+
+Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende Mond brach seine
+dämmernde Strahlen durch die Bogenfenster; eine heilige Stille schwebte
+über Flur und Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke tönte
+durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen Schritte Emma's
+längst den Wänden des großen Ganges, der die Zimmer der Burg theilte,
+hinrauschten. Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien ihm
+itzt wie von ungefähr zu begegnen.
+
+Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden itzt von keinem
+Überlästigen beobachtet. »Meine Emma!« rief Adalbert aus, und schloß das
+Mädchen rasch in seine Arme.
+
+»Bist du endlich wieder da?« fing Emma an, -- »O! wüßtest du, wie vielen
+Kummer du mir indeß gemacht hast, die ganze Burg war mir indeß so eng
+wie ein Gefängniß, die Flur war für mich ein Klosterzwinger, denn Berge
+und Wälder schlossen mich ja ringsum ein und trennten mich von dir. -- Der
+Garten schien mir öde und finster, das Blaue des Himmels hing düstrer
+als sonst über meinem Haupte -- sage mir doch, -- was hat itzt alles
+wieder so hell und frei gemacht?«
+
+_Adalbert._ Die Sonne der Liebe, Emma!
+
+_Emma._ Dein schönes Auge, Adalbert! -- Ach! wie viel hab' ich um dich
+gelitten, itzt erst weiß ich es, wie theuer, wie unentbehrlich du mir
+bist. Beständig hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie auch
+noch so fern umherschwärmte, so war die Rückkehr zu dir, ihrer lieben
+Heimath, doch stets das nächste: der Gedanke, der der fernste schien,
+war doch unmittelbar eins mit der Liebe. -- Bei Dingen, wobei ich bis
+itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, Zukunft und
+-- dich! -- Ich schwatze, lieber Adalbert! aber die Freude ist ja
+geschwätzig. --
+
+_Adalbert._ Und welcher Liebende hörte dieß Geschwätz nicht gern?
+
+_Emma._ Neulich ging ich jenen verdorrten Baum vorüber, -- ich bin vor
+ihm hundertmal vorübergegangen, aber nicht mit diesem sonderbaren Gefühl
+-- ich dachte plötzlich an jenes Jahr, in welchem er noch grünte; ich
+war noch ein Kind, als ich einst an ihn gelehnt die Frühlingsflur
+überschaute; -- er blühte damals so schön, die Sonne glänzte so hell in
+seinen zitternden Blättern, o! wie fröhlich war ich damals, -- die ganze
+Natur und der Baum schien mit mir fröhlich; -- itzt stand er da, als
+wenn er mich traurig ansähe, als wenn es ihn schmerzte, daß er nicht
+mehr fröhlich seyn könnte. -- Wie ganz anders war itzt alles um mich
+her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung nur wie von gestern.
+-- Ach! Adalbert! da dacht' ich an dich und mich. --
+
+_Adalbert._ Du erschreckst mich, Emma! ich war so heiter, du hast mich
+traurig gemacht.
+
+_Emma._ Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar mir in diesem einzigen
+Augenblicke die Welt vorkam; die Vergangenheit schien mir ein Traum, die
+Zukunft ein Schatten. -- Wie der Frühling entflieht dein Glück, sagte
+mir der ernste Baum; du wirst bald, sehr bald unglücklich sein. --
+
+_Adalbert._ Verjage diese schwarze Ahnungen, laß diese grausamen Spiele
+deiner Einbildung! -- Emma kann, darf nicht unglücklich sein!
+
+_Emma._ Daß sie es kann, empfand ich in jedem Augenblicke deiner
+Abwesenheit. -- Ach Adalbert! ich fange an zu glauben, daß Unglück sehr
+wohlfeil sei, und ich will mich an diesen Gedanken gewöhnen.
+
+_Adalbert._ Du hast Recht. -- Unglück ist ja der Preis, um den wir unser
+weniges Glück in diesem Leben erkaufen müssen. -- Du seufzest, Emma?
+-- Himmel! du weinst? -- O! ich verstehe diese Seufzer, diese Thränen.
+-- Könnt' ich doch das Schicksal fragen: Wird Emma einst die Meinige?
+
+_Emma._ Um gewisses Unglück für ungewisse Hoffnungen einzutauschen? Laß
+sie ungewiß seyn, es sind doch immer Hoffnungen.
+
+_Adalbert._ Und werden diese Hoffnungen nie Verzweiflung werden? Wird
+diese schöne Frucht nie vertrocknet vom Baume fallen? -- Ach, Emma!
+-- der Winter kömmt endlich: und Sommer und Herbst sind nur ein schöner
+Traum gewesen. -- Wie dann?
+
+_Emma._ Dann laben wir uns an der Erinnerung dieses schönen Traums, wie
+Kinder, die im Finstern erwacht sind und gern wieder einschlafen möchten.
+
+_Adalbert._ Emma! wird dein Vater je den armen verwaisten Knappen
+Adalbert, der nichts als sein Schwert besitzt, mit deiner Hand
+beglücken? -- Er, der Herr so vieler Burgen, der Besitzer großer
+Schätze? Wird er das je?
+
+_Emma._ Willst du denn, daß ich durchaus sagen soll: ich glaube es nicht.
+-- Doch warum wollen wir nur immer zweifeln? -- Er hat dich erzogen, er
+liebt dich wie seinen Sohn, er schätzt deine Tapferkeit -- Adalbert! wir
+wissen ja nicht, was die folgende Stunde gebiert, warum wollen wir denn
+über künftige Jahre hinwegschauen? -- Trage von itzt an dieß grüne Band
+um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, dein Leben nicht
+unnöthig zu wagen.
+
+_Adalbert._ Grün ist die Farbe der Hoffnung.
+
+_Emma._ Und die Meinige. Verlier' es nie, es sei dir ein Unterpfand
+meiner ewigen Liebe und Treue.
+
+_Adalbert._ Auch wenn die Farbe verbleicht ist? --
+
+_Emma._ Auch dann.
+
+Itzt rauschte die Thür eines Gemachs, die beiden alten Ritter traten
+heraus; ein stummer Händedruck, und Adalbert und Emma schieden. -- --
+
+Alles war wieder laut und geschäftig in der Burg, die Sonne war schon
+seit einigen Stunden aufgegangen, als vor den Thoren von Mannstein ein
+Ritter hielt, und begehrte eingelassen zu werden. Die Thore öffneten
+sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den Saal zum alten
+Friedrich geführt.
+
+Friedrich ging ihm entgegen, ließ ihn sich niedersetzen, befahl ihm
+einen Becher Wein zu reichen, und fragte dann, was sein Begehr sei?
+
+»Ich bin ein Abgesandter,« begann der fremde Ritter.
+
+»So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen!« sprach Friedrich
+-- »Aber wer sendet Euch?«
+
+_Ritter._ Der Ritter _Manfred_, der Euch wohl bekannt sein wird.
+
+_Friedrich._ Was verlangt er?
+
+_Ritter._ Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu endigen, Frieden zu
+schließen und Euer Freund zu werden.
+
+_Friedrich._ Mein Freund? --
+
+_Ritter._ Aber nur unter einer Bedingung --
+
+_Friedrich._ Sie ist? --
+
+_Ritter._ Eure schöne Tochter! --
+
+Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand auf den Tisch und
+blickte den Ritter zornig an. Dann ging er lange mit großen Schritten
+auf und ab. -- Endlich stand er still, sah den Ritter noch einmal lange
+und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker Stimme, die zuweilen
+nur von einer unterdrückten Wuth zitterte: »Geht zurück, Ritter! und
+sagt dem schändlichen Manfred, daß eher meine Burg in Trümmern stürzen
+soll, daß ich lieber mit eigner Hand meine Tochter ermorden, als in
+seinen Armen wissen will. -- Ein Ritter, kein Meuchelmörder, soll ihr
+Gemal werden; unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet sein,
+denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Räuber zu vertilgen, und
+ein Räuber ist Manfred. -- Sagt ihm nur, ich habe es nicht vergessen,
+wie er meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie durch ihn des
+Edeln von Löwenau Burgen und Ländereien widerrechtlich gepreßt werden;
+sagt ihm, daß mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern
+bereit sei, den Kampf zu erneuen. -- Will er Euch nicht glauben, so mag
+er sich von mir selbst die Antwort im Blachfelde holen.«
+
+Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf sein Roß, und jagte
+hinweg ohne nur einen Blick nach der Burg zurückzuwerfen.
+
+Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein Ingrimm in einem
+freundschaftlichen Gespräche mit Konrad von Burgfels nach und nach
+verlor.
+
+ * * * * *
+
+Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die Gesandtschaft Manfreds
+vergessen. Der Wein machte, daß sie in der Zukunft, welche sie sich
+erträumten, allenthalben nur Glück und Freude sahen, und dadurch harmlos
+und unbefangen die traurige Wahrheit vergaßen: daß jeder Augenblick ein
+Unglück erzeugen könne.
+
+Emma stand indeß an einem Bogenfenster und blickte in die schöne Gegend
+hinaus, welche der Mond beleuchtete. Sie träumte sich in die Zukunft
+hinüber, tausend angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen
+sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte.
+
+Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes Rauschen ferner Wälder
+rief das Andenken der Vergangenheit in ihre Seele zurück. Um sich diesem
+Gefühle ganz zu überlassen, schlich sie sich langsam auf den Altan der
+Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzücken auf ihre väterlichen
+Fluren herab, mit dem der Liebende den Abendschein der Erinnerung
+vorigen Glücks betrachtet.
+
+Itzt schwebte der Mond noch eben über einen fernen Hügel, nun sank er
+langsam, und ein blasser zitternder Glanz überflog noch einmal die
+Eichenwälder, dann standen sie ernst und finster da; die fernsten
+westlichen Wolken tauchten sich im Vorüberschweben in einen bleichen
+goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend in Dunkel eingehüllt,
+finster und schauerlich, wie die Zukunft dem, der Unglück ahndet.
+
+»O Bild des Glücks!« rief Emma aus. -- »So stirbt die letzte Hoffnung
+auf dem Grabe des Geliebten, so welkt die letzte Blume im Kranze
+menschlicher Freuden, so weht der Sturm die letzte Blüthe vom
+verdorrenden Baum.«
+
+Eine heisse Thräne stieg langsam in ihr Auge.
+
+Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, schwarze Wolken
+hingen ernst unter dem Glanze der Sterne über fernen Wäldern, und schon
+begann die Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhöle -- da braust
+es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht daher wie ein Schwarm
+Gespenster, die durch den Eichenforst fahren, -- ein unwillkührlicher
+Schauer zitterte langsam über Emma's Körper hin. --
+
+Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt näher, wie ein Klang von Harnischen.
+-- Wie sich um den Felsen eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt
+eine düstre Schaar um die Mauer der Burg.
+
+Emma wollte zurück und in das Gemach ihres Vaters eilen, aber sie fühlte
+sich zu schwach, eine unbekannte Macht hielt sie gewaltsam zurück, sie
+drängte sich bebend in die Ecke des Altans.
+
+Itzt schwebte es über den Wall herüber, -- schon rauschte es durch den
+Graben der Burg -- da schmetterte plötzlich laut und furchtbar von der
+Zinne der Burg die Trompete des Thurmwächters, und Emma schrak heftig
+zusammen.
+
+Plötzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die Sturmglocke hallte
+fürchterlich, Panzer rasselten, Pferde wieherten, Tritte dröhnten laut
+durch alle Säle, Stimmen schallten verwirrt durch einander, -- ihr war,
+wie in einem Traume, große Tropfen der Angst standen auf ihrer Stirn,
+und ihre Bangigkeit stieg endlich so hoch, daß sie mit einem
+schmerzhaften Vergnügen die Entwickelung dieses fürchterlichen Traums
+erwartete.
+
+Noch einmal schrie alles plötzlich laut durcheinander, Rüstungen
+erklangen, Schwerter klirrten, dann eine kurze Stille, die von einem
+neuen Geschrei unterbrochen wurde, die Krieger wütheten wie zwei
+Gewitter gegeneinander. -- Itzt hörte sie Adalberts Gang, er ging durch
+die Säle, den Altan vorüber, sie wollte seinen Namen ausrufen, aber kein
+Ton stand ihr zu Gebot.
+
+Als er vorüber war, rief sie laut: »Adalbert!« -- Aber er konnte diesen
+Ruf nicht mehr vernehmen. Sie raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig
+durch die Säle, bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in
+welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftönte; sie rannte durch eine
+verborgene Thür, eilte über die niedergelassene Zugbrücke nach dem
+offenen Felde, wo ihr die Sterne bleich und erschrocken über ihrem
+Haupte zu flimmern schienen.
+
+Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hügel nieder, und sah nach der
+Burg zurück, die wie in Nebelwolken eingehüllt da lag. -- Das Schmettern
+der Trompeten tönte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute Klang
+über Berge und Wälder, gebrochen schmetterte der Widerhall am fernen
+Felsen die Töne nach, die dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs
+versanken. --
+
+Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das Dunkel der Nacht, Schatten
+flohen hin und her, Nacht und Helle kämpften mit einander, alle Schrecken
+boten sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas Auge, die endlich
+das Gesicht mit den Händen verdeckte.
+
+Das Geräusch des Kampfes kam ihr näher, Krieger flohen ihr dicht vorüber,
+andre sanken verfolgt zu Boden, sie hörte das Röcheln der Todesangst und
+schauderte noch stärker.
+
+Ein Ritter eilt daher, der Flüchtlinge verfolgt, sie springt auf und
+stürzt athemlos in seine Arme! -- Es war Adalbert. --
+
+»Adalbert! Adalbert!« ruft sie mit bebender Stimme und drückt sich fast
+ohne Bewußtsein an seine Brust, -- »rette mich!«
+
+»Manfred siegt!« rief er wüthend aus, »aber ein guter Engel ließ mich
+dich finden, meinen Muth zu stärken. -- Zurück in den Kampf! -- Ha! die
+Meutrer! -- die Burg brennt!«
+
+Er ließ sie sanft nieder, und stürzte wild hinweg.
+
+Emma schloß die Augen, denn sie hörte noch immer die schrecklichen
+Worte: die Burg brennt! -- Endlich blickte sie matt und schüchtern
+auf, -- welcher Anblick! -- Kühn wälzte sich eine Flamme aus der Burg
+himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majestätisch hin und her,
+und übersah mit kühnem Blicke die ganze Gegend. -- Der Burggraben glühte
+im Widerschein, alle Wälder und Berge wankten hin und her im zitternden
+Flammenglanze, große Funken flogen Sternen ähnlich durch die Nacht, und
+sanken neben Emma im feuchten Grase verlöschend nieder! --
+
+Im Schein sah sie die Kämpfenden gegeneinander wüthen, Arme gegen
+Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; Schwerter glänzten wie fernes
+Wetterleuchten durch die Nacht, Trompeten und Hörner hallten wie Donner.
+-- Ihre Augen schlossen sich müde und geblendet.
+
+Sie öffnete sie nur mühsam nach langer Zeit, die Flamme war zurück
+gesunken, das Geräusch des Kampfes war verschwunden, die gräßlichste
+Stille lag schwer und drückend über der ganzen Natur. -- Zweifel
+schüttelten itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewißheit trat
+an die Stelle des vorigen Entsetzens. -- »Gott!« rief sie lautseufzend,
+und im Ton der Verzweiflung.
+
+»Emma!« seufzte es leise aus einem nahen Gebüsche mit dem ächzenden
+Tone eines Sterbenden. Emma bebte auf. Es rasselte im Laube. -- »Mein
+Vater!« rief sie aus, und stürzte in die Arme Friedrichs, der verwundet
+hieher geflohen und niedergesunken war. --
+
+»Wüthet noch die Flamme in der Burg meiner Väter?« fragte er mit schwacher
+Stimme.
+
+»Nein!« sprach Emma, »die Flamme ist gelöscht.«
+
+»Nun Gott sei Dank!« antwortete Friedrich und erhob sich.
+
+Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fühlte sie das Blut des Greises
+über ihre Hand fließen.
+
+»Himmel!« rief sie aus, »mein Vater, Ihr blutet!« -- Schnell zerriß
+sie ihren Schleier und verband die Wunde so sorgfältig, als es die
+Finsterniß der Nacht erlaubte. Friedrich küßte sie und drückte sie stumm
+an seine Brust. -- »O, ich bin glücklich!« sprach er endlich, »da ich
+dich wieder gefunden habe; mag Manfred doch in meinen Burgen wüthen,
+wenn du nur mein bleibst; mag das Feuer meine Schätze verzehren, wenn
+ich dich nur noch an meine Brust drücken kann. -- Ich bin nicht
+unglücklich!« --
+
+Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken säumten sich mit sanftem
+Roth, ein kalter Morgenwind wehte, die Gegend trat nach und nach aus
+der Nacht hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich das
+Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender Fittig umarmte den
+östlichen Horizont.
+
+Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fühlte sich stärker, als er
+aus der Ferne über einen Berg einen Trupp Reiter auf sich zusprengen
+sahe; Adalbert war an ihrer Spitze.
+
+»Sieg! Sieg!« frohlockte die jauchzende Schaar; »Sieg!« hallte das Thal
+mit seinen Felsen wieder; »Sieg!« sprach Emma freudig nach; eine Thräne
+der Freude stürzte schnell aus ihrem Auge, und eine schöne Röthe überflog
+ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob sich schnell bei dem Worte, und sah
+wieder so kühn umher, als er es sonst gewohnt war.
+
+Adalbert stieg von seinem Rosse. »Manfred ist geschlagen!« sprach er,
+»nur wenige von seiner Rotte sind meinem strafenden Schwerte entronnen.«
+Friedrich eilte ihm entgegen, und schloß ihn herzlich in seine Arme.
+»Sei mir willkommen!« rief er ihm entgegen, »willkommen, mein geliebter
+Sohn!«
+
+»Euer Sohn?« sprach Adalbert froh auffahrend; er blickte schüchtern auf
+Emma, die bei diesem Blicke erröthete.
+
+»Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich,« sprach Friedrich, »verdank ich dir
+nicht alles? -- Sage, wie kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem
+Ritterworte! alles was meine Ehre erlaubt sei dein.«
+
+Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte er den Namen Emma
+aussprechen, als er das Auge noch einmal zu ihr wandte. -- Sie schlug
+schüchtern die Augen nieder, und schüchtern stammelten nun Adalberts
+Lippen statt _Emma_ -- »das _Ritterschwert_.« --
+
+Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf.
+
+ * * * * *
+
+Manfreds Schaar war gänzlich zerstreut, und die Ordnung in Friedrichs
+Burg wieder hergestellt. Das Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur
+wenigen Schaden thun können, und obgleich viele von Friedrichs Kriegern
+gefallen und verwundet waren, konnte dieser doch dem Glück und Adalbert
+Dank sagen, daß er den verrätherischen Überfall nicht theurer hatte
+bezahlen müssen.
+
+Konrad von Burgfels verließ Friedrichs Veste, um die seinige zu
+besuchen, der nächtliche Überfall hatte ihn besorgt gemacht; er reiste
+mit dem Versprechen ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder
+einzukehren.
+
+Unmuthig ging indeß Adalbert im Schloßgarten auf und ab, denn sein
+Gedächtniß wiederholte ihm alle Vorfälle dieser Nacht mit den kleinsten
+Umständen. -- »Adalbert!« rief er endlich aus, »was hast du gethan? --«
+Unbesonnen hast du den großen Augenblick deines Lebens verscherzt, in
+welchem die Waage deines Glücks im Gleichgewichte stand; -- kam es nicht
+bloß auf dich an, glücklich zu seyn? -- Ein Wort aus meinem Munde, und
+sie war mein, ewig mein! -- Dein? Ist das so gewiß? -- Welcher Sterbliche
+wagt es, so frech das ganze Glück seines Lebens einem einzigen Hauche
+anzuvertrauen? -- Hätte mir nun das _Nein_ wie meine Sterbeglocke
+fürchterlich aus seinem Munde getönt, Adalbert, wie dann? -- Itzt bleibt
+dir doch noch die tröstende Hoffnung. -- Aber hoffen, und ewig nur hoffen,
+indeß sich meine Kraft aufzehrt, und das Ziel meines Glücks immer weiter
+aus meinen Augen gerückt wird. -- Hoffnung! dieser ärmliche Ersatz für
+Genuß, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns freundlich winkt und
+uns so in unser Grab lockt, -- lieber Gewißheit des Unglücks als dieses
+peinliche Schwanken zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als in
+jedem Augenblick den Tod fürchten. Und muß ich nicht doch irgend einmal
+mein ganzes Glück einer Frage anvertrauen? -- Ja! es sei gewagt, noch
+heut muß sich mein Schicksal entscheiden, -- und was wag' ich denn
+dabei?
+
+»Was?« fuhr er seufzend nach einer Pause fort, »die ganze Seligkeit
+dieses Lebens. Wie wird die ganze Welt verdorren, wie werden alle meine
+Freuden hinwelken, wenn der verdammende Urtheilsspruch mir tönt! -- Aber
+sei's! der hat noch dem Glücke keine Krone abgewonnen, der nicht mit ihm
+zu würfeln wagte, -- mag das Spiel um Tod und Leben gehn! -- was ist mir
+ein _solches_ Leben? der Tod sei mir willkommen! --
+
+»O daß ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre werden ihn mir nicht
+wieder anbieten, er nannte mich Sohn -- Wird er mich je wieder so
+nennen? -- Kenne ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schätze
+ist?
+
+»Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt nicht Ritter so wie
+er? -- Itzt sind wir uns gleich, und die vorige glückliche Nacht hat
+mich noch über ihn gestellt.
+
+»Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben auf? Wer erzog dich?
+Wem dankst du _dein_ Leben? -- O, ich fühl' es! dieser Kampf meiner
+Seele wird nie enden.«
+
+So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging heftig auf und ab,
+bald stand er plötzlich still und heftete den Blick auf den Boden, dann
+ging er langsamer, stand wieder still, bis er erschrocken wieder
+auffuhr, und noch schneller auf- und niederging.
+
+»Wir sind ja Beide _Menschen_!« sprach er endlich langsam und beruhigt,
+»es betrifft das Glück meines Lebens, und auch er soll dadurch glücklich
+werden; ich will der zärtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schützen, sein
+pflegen, es soll ihn gewiß nicht reuen. Er findet keinen Eidam, der seine
+Emma so lieben, so glücklich machen würde, als ich, das fühl' ich, und
+ihr Glück, hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.«
+
+So ausgerüstet ging er itzt muthig in Friedrichs Gemach. Die Sonne war
+schon untergegangen, und der Ritter saß still und gedankenvoll in seinem
+Zimmer.
+
+Adalbert fühlte sein Herz heftig klopfen, als er die Thür öffnete, die
+Brust ward ihm zu enge, er war mit dem Ritter so vertraut, und doch war
+es ihm als wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen.
+
+»Willkommen, Adalbert!« rief ihm Friedrich entgegen, »gut daß du kömmst,
+ich wollte dich schon rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander
+getrunken, und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl nicht das
+letztemal sein, daß mir mit einander trinken?«
+
+»Das letztemal?« fragte Adalbert und eine glühende Hitze überflog ihn;
+er war itzt fest entschlossen, kein Wort zu sagen.
+
+_Friedrich._ Setze dich zu mir, Adalbert! wir wollen uns heut wohl sein
+lassen, du hast gekämpft, dafür mußt du ruhen.
+
+Buben brachten Wein, der Alte goß die Becher voll, und Beide tranken.
+Adalbert nachdenkend und traurig, fast ohne zu wissen, daß er trank,
+Friedrich desto fröhlicher.
+
+_Friedrich._ Du bist nicht munter, Adalbert! du trinkst ja warlich wie
+ein Mädchen. -- Was ist dir?
+
+_Adalbert._ Nichts. -- Er sahe starr vor sich hin, indem er mit Wollen
+und Nichtwollen kämpfte. Itzt riß er sich gewaltsam aus seiner
+Träumerei, glaubte falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell
+und zerstreut hinzu: O ja!
+
+_Friedrich._ Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst bist du ein fröhlicher
+Gesellschafter, man verkennt dich heute ganz.
+
+_Adalbert._ Heut?
+
+_Friedrich._ Am ersten Tage deines Lebens?
+
+_Adalbert._ Ich bin unzufrieden, -- eine peinigende Reue verscheucht
+allen Frohsinn.
+
+_Friedrich._ Reue? worüber?
+
+_Adalbert._ Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin unzufrieden mit dem
+heutigen Morgen.
+
+_Friedrich._ Wie? -- Wäre es nicht dein heißester Wunsch gewesen, in den
+Orden der Ritterschaft zu treten?
+
+_Adalbert._ Nicht mein heißester, -- meine Zunge sprach es wider meinen
+Willen, -- ich hätte Euch -- um _Emma_ bitten sollen! --
+
+Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und schmerzlich fühlte
+er itzt sein Herz schlagen, das Wamms ward ihm zu enge; er wollte nach
+einem Becher greifen um seine glühende Röthe zu verbergen, aber der
+Becher fiel aus seiner zitternden Hand.
+
+Eine lange tiefe Stille. Adalbert hörte seinen heißen Athem wehen und
+zwängte ihn in seine Brust zurück, er wünschte sich itzt in das Geräusch
+einer Schlacht, mitten unter die Stürme einer Gewitternacht.
+
+»Adalbert!« sagte Friedrich, und Adalbert schrak zusammen, als hätte ihn
+der Blitz getroffen.
+
+»Adalbert!« fuhr Friedrich fort, »du bist undankbar, -- du bist mein
+Freund, bist du damit nicht zufrieden?
+
+_Adalbert._ Nein, edler Ritter! ich will, ich muß Euer Sohn werden. --
+
+Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich zürnte nicht, er
+hatte ihn angeredet, wie ein gütiger Vater seinen Sohn anredet. So tief
+vorher sein Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor.
+
+»Du mußt?« sagte Friedrich, »wärst du boshaft genug, mir eine schwarze
+Mauer vor die schönste Aussicht hinzustellen? -- Nein, Adalbert!
+-- _diese_ Bitte muß ich dir abschlagen.«
+
+»Abschlagen?« sprach Adalbert ganz leise nach, als wenn er sich
+fürchtete, dieß Wort noch einmal zu hören. -- Aber die Bahn war
+gebrochen, er war in einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte,
+daher behielt er Muth genug zu fragen: »aus welcher Ursach?«
+
+_Friedrich._ Meine schönsten Träume waren von jeher, daß meine Tochter
+einem Ritter vermählt würde von edler und berühmter Abkunft, -- die fehlt
+dir; ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine Freude, -- sie
+erbt von mir Burgen und Schätze, diese muß mein Eidam auch besitzen, -- du
+hast diese nicht. -- Du kannst mein Freund sein, aber nicht mein Sohn.
+
+_Adalbert._ Ritter! um Gottes willen, widerruft was Ihr da gesagt habt!
+-- Ruhm und Schätze verlangt Ihr? wie nichtswürdig ist beides in den
+Armen der Liebe! -- Vater! Emma an meine Seite, und Ihr sollt in einem
+Himmel leben, Ihr sollt ungern diese Erde verlassen! -- Können Euch Ruhm
+und Schätze Glück bezahlen? Wiegen Goldstücke die Thränen Eurer Tochter
+auf? -- Ich muß verzweifeln, wenn Ihr nicht widerruft!
+
+_Friedrich._ Adalbert!
+
+_Adalbert._ Wird Euch nach meinem Tode auf dieser Stelle nie der Name
+Adalbert einfallen? -- O Friedrich! Friedrich!
+
+Er stürzte kraftlos nieder und umarmte heftig die Kniee des Ritters.
+-- Friedrich beugte sich gerührt über ihn und hob ihn auf. »Unglücklicher!«
+sagte er, »Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines Sohnes.«
+
+_Adalbert._ O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet Euer Versprechen --
+
+»Halt!« rief Friedrich und stand wüthend auf, »Bösewicht! mein Ritterwort
+brechen! -- Bei Gott! dann mag der Henker mein Wappen zertrümmern, und
+den Namen Mannstein an eine Schandsäule schreiben! Geh Verworfner! -- Geh!
+du entehrst das Schwert an deiner Seite.
+
+Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert stand stumm und
+unbeweglich vor ihm, ohne alle Zeichen des Lebens.
+
+»Von itzt an,« sprach Friedrich, »halte ich dich jeder Schandthat fähig;
+du verlässest morgen meine Burg, ich lasse dir ein Roß zäumen; bei meiner
+Ritterehre! ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher Bube könnte
+Emma entehren, und Konrad von Burgfels ermorden.«
+
+Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thüre des Zimmers stand er still,
+seine Kniee wankten, seine Hände zitterten, so nahte er sich dem Ritter
+und sagte halblächelnd: »Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal mit
+einander getrunken.«
+
+Mit einer schweren Thräne sprach er die Worte »_zum letztenmale_« aus.
+Dann verließ er schnell und stumm das Gemach.
+
+Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf die Thräne Adalberts,
+die brennend auf seine Hand gefallen war, er selbst konnte eine andre
+nicht in sein Auge zurückzwängen, sie rollte langsam über seine Wange.
+
+Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die Thräne Adalberts, um es
+zu vergessen, daß ein Mann hier geweint habe.
+
+Er hätte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute die Hitze, in
+welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig behandelt hatte, -- aber
+die Stunde war vorüber, die schrecklichen Worte waren gesprochen.
+
+Betäubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das Loos ist gefallen! rief er
+wild und warf sich in einen Sessel; ich habe verloren, setzte er dann
+mit schrecklicher Kälte hinzu, -- wie konnte ich auch auf einen Gewinn
+rechnen? -- Dann ging er lange heftig auf und ab, öffnete stumm das
+Fenster und schaute mit starrendem Auge in die monderhellte Gegend.
+
+Es war eine schöne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich
+entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch
+dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein
+ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und
+Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grün gekleidet, auf
+jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flämmchen zu brennen und durch
+die Nacht zu leuchten. Durch die verschränkten Zweige schlüpfte der
+Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grünen Rasen;
+die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und
+unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken ähnlich, die in
+den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwärts schweben; ihre weißen
+Stämme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg
+erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus
+dem Busche ihr entzückendes Lied, Feuerwürmchen schwebten wie kleine
+Sterne durch die Nacht und spielten fröhlich im weißen Strahl des
+Mondes.
+
+Die kalte Verzweiflung Adalberts lößte sich bald in die Thränen der
+Wehmuth auf. -- Wenn er jetzt den Tönen der Nachtigall folgte, wenn sein
+Blick durch den glänzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze
+heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. -- Wie könnte Unglück diese
+schöne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das
+angenehme Gefühl, wenn er aus diesem Traum erwachen würde.
+
+Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des
+Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma,
+bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem
+Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der
+mondbeglänzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten,
+dann sah' er sich selbst, wie er für sie kämpfte und siegte, -- sie
+reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz floß in einen glühenden
+Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wölkchen,
+bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.
+
+So schwärmte sein Geist in den süßesten Träumen umher, der Zorn Friedrichs
+lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in
+seiner Seele und stellten sich lächelnd vor jede traurige Erinnerung,
+-- als nach und nach der Mond erblich und über die fernen Hügel das
+erste graue Licht des Tages zitterte.
+
+Plötzlich war der schöne Schleier zerrissen, der seine Schläfe so sanft
+umfing, alle Täuschungen der Phantasie sanken plötzlich unter. Die
+Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in
+der Natur -- und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem
+Tage kehrten alle Gefühle des Schmerzes in seine Seele zurück. Alle
+Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der
+kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche Überzeugung zu: Du bist
+unglücklich!
+
+Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, -- dachte er jetzt,
+-- ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen
+war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! -- jetzt
+wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen
+die dürre Hand entgegenstrecken. -- Ach, Emma! wirst du mich vergessen?
+-- O noch einmal wünsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer
+Treue zu erinnern. -- Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schläft
+vielleicht noch und ahnet nicht, daß sie meinen Abschied auf ewig
+verschläft. -- Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde
+ein süßes: Lebewohl! mitzunehmen?
+
+Er verzögerte seine Abreise, er hoffte noch immer, daß sie bei seinem
+Zimmer vorbeirauschen würde, wie sie oft am Morgen that; er horchte
+aufmerksam auf jeden Zug des Windes. -- Schon hundertmal hatte er die
+Thür geöffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurück; es
+fiel ihm jedesmal ein, daß er auf _ewig_ Abschied nehme, daß er, wenn
+er aus der Thür getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe,
+ohne sie wiederzusehen. -- Eine Stunde nach der andern eilte hinweg,
+sie kam nicht, -- da stieg die Sonne düster hinter schwarzen Wolken
+empor -- wüthend öffnete er die Thür, schlug sie heftig zu und ging.
+
+ * * * * *
+
+Adalberts Sinne waren verschlossen, er verließ die Burg wie ein
+Träumender. _Kurd_, ein Diener Friedrichs, kam ihm mit einem Pferde im
+Hofe entgegen und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert
+wies ihn mit bitterm Hohn zurück: Friedrichs Rosse sind zu edel für den
+Knappen Adalbert, ich bin kein Bettler, um ein Geschenk von ihm
+anzunehmen.
+
+Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, sein Blick haftete brennend
+auf der Stelle, wo er sie sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als
+müßte er sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. Schon
+kehrte er sich ungewiß wieder nach der Burg um, als ihm sein treuer
+Jagdhund entgegen kam und wedelnd zu ihm hinaufsprang. -- Halb wider
+seinen Willen stieß er ihn zornig mit dem Fuße zurück. Der Hund legte
+sich traurig und schmeichelnd nieder und blickte bittend zu seinem Herrn
+empor. -- Kann die Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief
+er aus; ja du treuer Gefährte, du sollst mich auf meiner Pilgerschaft
+begleiten; ich will ein Wesen neben mir haben, dem ich traurig in's Auge
+sehen kann, du sollst meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du
+bist kein _Mensch_!
+
+Etwas leichter ging er über die Zugbrücke durch das äußere Thor.
+Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll und schweigend nach der
+Burg zurück. Der Himmel hing düster und schwarz über der Gegend, ein
+kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen des Burggrabens
+plätscherten schwermüthig gegen die Mauer und sonderbar traurig tönte
+aus den Regenwolken der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehmüthigem
+Vergnügen suchte Adalbert die Plätze auf, wo er als Knabe mit dem alten
+Wilibald gespielt, wo Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo
+er mit der kleinen Emma so oft herumgeschwärmt war, -- wie war das jetzt
+alles so verändert! damals schien die Sonne so heiter, die Zukunft lag
+wie ein goldner Maihimmel ausgespannt vor ihm, -- und jetzt! -- Er
+dachte an Emma's Ahnungen, schwermüthig sah er nach jenem verdorrten
+Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines Lebens.
+
+Einige Landleute zogen am gegenüberliegenden Berge zu ihrer Arbeit
+hinauf. Die Stiere keuchten unter dem drückenden Joch, und schleppten
+den heiserknarrenden Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief
+Adalbert aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen einher, jeder
+Morgen röthet sich zur Arbeit; unglückliche Menschen! die bloß heute
+leben, um morgen eben so wie heut für einen andern Tag zu sorgen, die
+das unerbittliche Schicksal fest hält, dieses langweilige Spiel zu
+spielen.
+
+Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer Waldecke plötzlich
+still, denn er erinnerte sich, daß man von hier aus die Gegend der Burg
+zum letztenmale sähe. Er blickte noch einmal mit der wehmüthigsten
+Empfindung zurück, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend schienen ihm
+jetzt gestorben und hundert wohlbekannte Bäume und Felsen standen wie
+Leichensteine auf ihren Gräbern. Nach langem Hinstarren wandte er sich
+und ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden, der
+Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang vorgezogen.
+
+Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der Menschen, er bahnte
+sich Wege durch einsame Wälder und wildes Obst und Waldwurzeln mußten
+seinen Hunger befriedigen. Er wollte niemanden Dank schuldig sein. Der
+Unglückliche glaubt sich so gern von der ganzen Menschheit gehaßt, er
+findet Trost in diesem Wahn und in der Freude die ganze Menschheit zu
+verachten. Diese Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste
+mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu vermissen.
+
+Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen gebrochen durch
+das grüne Dunkel und flimmerten sterbend auf den Wellen eines kleinen
+rieselnden Bachs. Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte
+an die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem grünen Bande Emma's,
+das an seinem Arme flatterte. -- Ha! du willst zu ihr zurück! rief er
+aus. -- Nein, du mußt bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der
+Hoffnung. Wo die Blume der Hoffnung welkt, da sproßt der Schierling
+der Verzweiflung. Du bist das _letzte_, das _einzige_, was mir von
+Emma übrig blieb; wenn ich dich verliere, worauf kann ich _dann_ noch
+rechnen? -- Die erste Thräne seit seiner Verbannung fiel auf das grüne
+Band. -- Unglückliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepreßter Stimme fort.
+-- Nur auf Thränen soll ich rechnen? Thränen sollen meine ganze Erndte
+sein. -- Er trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie
+hingefallen war. -- Emma! rief er plötzlich aus, -- die Farbe der
+Hoffnung schwindet! -- Wenn du mich je vergessen könntest!
+
+Er lehnte sich an eine Birke, die über ihm säuselte; die einförmige
+Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig in einen leichten Schlummer, aus
+welchem ihn das Klirren von Schwertern wieder weckte. -- Das graue Licht
+des Abends flatterte ungewiß um die Wipfel der Bäume und furchtbar tönte
+das Waffengeräusch durch die Einsamkeit.
+
+Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem Schalle folgte. Ein
+kleiner Fußsteig führte ihn auf einen freien Platz des Waldes, wo er
+drei Männer gegen einen Ritter kämpfen sah, der unerschrocken und kalt
+mit einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er stürzte hervor
+und schlug den nächsten Räuber mit aufgehabenem Schwerte nieder; in
+eben dem Augenblicke fiel der zweite von der Hand des fremden Ritters,
+zitternd warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die Nacht
+des Waldes.
+
+Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann, indem er
+Adalberts Hand herzlich schüttelte; seid mir willkommen! Euch verdank'
+ich mein Leben!
+
+_Dafür_ will ich Euch den Dank erlassen, antwortete Adalbert
+bitterlächelnd.
+
+Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? -- fragte der Fremde, -- daß das
+Leben seinen Werth bei dir verloren hat?
+
+_Adalbert._ Verschont einen Unglücklichen; ihn um sein Unglück fragen,
+heißt ihm einen Schlag auf seine frische Wunde geben.
+
+Der Fremde erhob das Visier des Räubers, den Adalbert erlegt hatte.
+-- Ha! _Manfred_! rief er aus.
+
+Manfred? schrie Adalbert. -- Ja, bei Gott! Mußtest du mir hier deine
+Schuld bezahlen? -- Nun wirst du nicht mehr die Veste Friedrichs berennen
+wollen. --
+
+Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde, begleitet mich zu meiner
+Burg, ich bin der Ritter _von Löwenau_, wenn euch mein Name nicht
+unbekannt sein sollte.
+
+Sie gingen. -- Ich kenne ihn, begann Adalbert, der schändliche Manfred
+hatte während Eures Aufenthalts in Palästina eure Ländereien in Besitz
+genommen.
+
+Ja, und als er vernahm, daß ich zurückgekehrt sei, legte er sich mit
+seinen Gesellen in das Dickicht dieses Gebüsches, weil er wußte, daß
+mich meine Straße hindurchführte. Wir sind meiner Veste nahe, ich
+schickte daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg fort.
+Ich ward überfallen und wäre ohne Euren tapfern Beistand verloren
+gewesen.
+
+Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag vor ihnen. Adalbert
+wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm von Löwenau.
+
+Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Glücklichen sehe, antwortete
+Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit eure Freude stören?
+
+_Löwenau._ Bist du ein Verbrecher? -- Er ließ seine Hand fahren.
+
+_Adalbert._ Nein, dem Himmel sei Dank!
+
+_Löwenau._ Und willst doch der Verbrecher Schicksal theilen? Willst dich
+wie ein Vatermörder in Wälder und dunkle Hölen verkriechen? Willst den
+Anblick der Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die
+Folter spannt? -- Der Unglückliche darf kühn emporblicken, die Schläge
+des Verhängnisses geben ihm ein Recht, allenthalben Liebe zu fordern.
+-- Zögre nicht, wenn ich dich für einen braven Rittersmann halten
+soll. --
+
+Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, für einen Frevler zu
+gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu folgen.
+
+ * * * * *
+
+In der Burg setzten sich beide an den Tisch und Löwenau beobachtete
+seinen Gast genau.
+
+Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt war, ich habe dir viel
+zu danken, du scheinst ein edler Mann zu sein, nimm meine Freundschaft,
+meine Brudertreue an, und sage mir, kann ich etwas von meiner großen
+Schuld abtragen, kann ich dir helfen?
+
+_Adalbert._ Du mir? -- O Wilhelm, was kann menschliche Hülfe dem nützen,
+auf dem das Schicksal zürnt?
+
+_Löwenau._ Das Schicksal? -- Daß der Unglückliche doch so gern so stolz
+ist sich von der Gottheit verfolgt zu glauben! -- Sei aufrichtig gegen
+deinen Freund. -- Vielen ging dadurch alle Hülfe verloren, daß sie
+sich dem Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: ich
+bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen gar über ihr
+Schicksal, da sie doch selbst die Zügel ihres Lebens in den Händen
+halten. Glaube meiner Überzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal,
+wir müssen nur nicht unthätig die Zügel fahren lassen, und sie voll
+Trägheit einer fremden Macht übergeben wollen. -- Noch immer so stumm?
+
+Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist ein edler Mann,
+du denkst nicht wie die meisten Menschen, und darum will ich mich dir
+vertrauen, ob ich gleich vorher weiß, daß du mir nicht helfen kannst.
+-- Er erzählte ihm die Geschichte seines Unglücks und schloß mit diesen
+Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die Liebe gemacht, durch sie bin
+ich verwaist und ohne Vaterland. Die Freude hat für mich ihre Thür auf
+ewig verschlossen; was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir dehnt
+sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist für mich todt und ich
+bin der Welt gestorben, sie ist mir ein öder Strand, an den mich ein
+unglücklicher Schiffbruch warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem
+Sturme übrig blieb, -- ist das Grab, und diese Hoffnung kann mir, dem
+Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, diese Zuflucht ist dem
+Unglücklichen gesichert.
+
+_Löwenau._ Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter, wie du, so
+unumschränkt von der Liebe beherrschen lassen?
+
+_Adalbert._ O Ritter, nimm mir meine Liebe und du nimmst mir alles,
+was nicht an mir verächtlich ist. -- Nur sie rief mich zur Tapferkeit,
+zur Menschlichkeit, in diesem reinen Feuer wurden alle meine Gefühle
+geläutert, und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der Liebe.
+Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte erborgte Schimmer von
+dem Abendgewölk. Mit meiner Liebe stirbt alles in mir, was Mensch heißt.
+
+_Löwenau._ Ich will dir glauben, denn ich habe noch nie geliebt, seit
+meiner Kindheit leb' ich im Geräusch der Waffen; ein schönes Pferd war
+für mich das Meisterstück der Natur, und ich verstand die Schönheit nur
+an Harnischen zu bewundern, -- und du glaubst gewiß, daß es für dich in
+dieser Welt kein andres Glück als die Liebe giebt. --
+
+_Adalbert._ Keines! versagte mir die Liebe ihren Kranz, so sind für mich
+alle Blumen in der Natur gestorben.
+
+_Löwenau._ Und Emma ist das einzige Mädchen, das du je lieben kannst?
+
+_Adalbert._ Ich würde mir selbst verächtlich sein, wenn ich sie nicht
+mehr lieben könnte.
+
+_Löwenau._ Sie muß sehr schön sein. -- Adalbert, ich will dir einen
+Vorschlag thun, den du aber nicht zurückweisen mußt. Schon während
+deiner Erzählung faßte ich einen Gedanken, der gewiß, so sonderbar er
+ist, auszuführen wäre. -- Doch noch vorher ein Wort. -- Du nanntest mir
+in deiner Erzählung den Namen Konrad von Burgfels; ich kann dir gewisse
+Nachricht geben, daß er in Palästina geblieben ist. Er fiel im Kampf an
+meiner Seite. Wie, wenn du jetzt, da dieses Hinderniß aus dem Wege
+geräumt ist, zu Friedrich von Mannstein gingest, und von neuem um seine
+Tochter anhieltest?
+
+_Adalbert._ Um von neuem schimpflich zurückgewiesen zu werden? -- Mein
+Stolz verbietet es, Emma auf diesem Wege zu suchen. -- Deinen andern
+Vorschlag, er mag so sonderbar sein, als er will. --
+
+_Löwenau._ Nun so will ich dir meinen ganzen Entwurf mittheilen, aber du
+mußt mich nicht unterbrechen, ehe ich geendigt habe. -- Du bleibst hier auf
+meiner Burg und lebst in einiger Verborgenheit. -- Ich will zu Friedrich
+von Mannstein reisen und um seine Tochter anhalten; er schlägt sie mir
+gewiß nicht ab, denn er kennt mich als einen der reichsten Ritter dieses
+Landes, auch ist mein Name in Schlachten nicht ganz unberühmt -- Auf
+meine Ritterehre! auf meine Brudertreue! ich reise dann mit ihr hieher,
+wie ich sie aus der Hand ihres Vaters empfange; du bewohnst mit ihr dann
+diese Veste, oder eine andre, sie ist heimlich bis zum Tod ihres Vaters
+deine rechtmäßige Gemalin, nachher magst du sie auch öffentlich dafür
+erkennen. -- Wende mir nichts ein, zu viel kann ich für dich nie thun.
+-- Ich weiß, tausend Freunde an meiner Stelle würden nicht so handeln,
+und hundert Liebhaber würden sich bedenken, ihre Einwilligung zu geben;
+aber wenn du sie so liebst, wie du sagst, wenn Emma dich wirklich wieder
+liebt, so müßt ihr beide meinem sonderbaren Entwurf keine Bedenklichkeiten
+in den Weg legen, Ängstlichkeit darf kein Menschenglück verhindern. --
+
+_Adalbert._ O wie soll ich dir danken? -- Er umarmte ihn rasch und drückte
+ihn heftig an seine klopfende Brust. -- Bruder, du bezahlst, wie man
+einem Bettler eine Wohlthat vergilt. -- Wie wenig ist ein Leben ohne
+Liebe gegen die Krönung der feurigsten Wünsche?
+
+_Löwenau._ Du traust doch meiner Redlichkeit?
+
+_Adalbert._ Verdiente ich sonst wohl den Namen deines Freundes?
+
+_Löwenau._ Auch keiner meiner Blicke soll sich feurig zu deiner Emma
+verirren.
+
+Beide waren so munter, daß sie sich nicht schlafen legen mochten; sie
+tranken die Nacht hindurch und überdachten noch mehr ihren Entwurf.
+Adalbert lächelte wieder und Löwenau versprach alles für seinen Freund
+zu unternehmen.
+
+Als die Morgenröthe durch die Bogenfenster dämmerte, ließ sich Wilhelm
+ein Roß satteln, und sprengte davon. Adalbert sahe ihm lange nach, bis
+der Ritter mit seinem Knappen in einen Wald verschwand.
+
+ * * * * *
+
+Der Liebende, der noch gestern das Schicksal anklagte, und sich den
+Unglücklichsten aller Sterblichen nannte, eilte froh so in die Burg
+zurück, als wenn sein Glück schon entschieden wäre. Er sahe wieder die
+Möglichkeit, glücklich zu werden, und eine kühne Hoffnung riß ihn um so
+höher wieder empor, je tiefer ihn vorher das Unglück gestürzt hatte. Er
+athmete wieder frei und unbesorgt, und dachte an den morgenden Tag mit
+eben der Unbefangenheit, mit der ein Knabe an ihn denkt, der vom Spiele
+auszuruhen kömmt.
+
+Er ging durch die Burg, um sich mit allen Zimmern bekannt zu machen, er
+dachte sich schon Emma in die Säle, setzte sich in einen Sessel, und
+träumte sich Emma in den neben ihm stehenden. In jedem Gemälde suchte er
+mühsam die Züge zusammen, die auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit
+dem Gesicht seiner Emma hatten. Nur selten und schwach stieg der Zweifel
+an der glückliche Ausführung des Entwurfs seines Freundes in seiner
+Seele auf; er schien so unbesorgt, als wenn er mit dem Schicksal einen
+Vertrag geschlossen hätte.
+
+Die Welt trat wieder aus dem Schatten hervor, die Natur blühte für ihn
+von neuem, ein neuer Frühling sank aus dem Morgenhimmel der Hoffnung
+nieder, und goß um jede Pflanze einen goldenen Schimmer; tausend schöne
+Träume tanzten um ihn her und reichten ihm ihren Nektarbecher; alle
+seine Sinne waren dem Gefühl der Freude aufgeschlossen.
+
+Wie ein Genesender die Rückkehr seiner Kräfte fühlt, wie ein sanfter
+Purpur wieder über die bleichen Wangen schleicht, in den erstorbenen
+Augen das erste Feuer zuckt, so fühlte sich Adalbert jetzt wieder mit
+der Welt, mit allen Menschen ausgesöhnt; er empfand, daß er itzt Niemand
+hasse, oder auch nur hassen könne; in jedem Wesen ahnete er den Geist
+der Liebe, er hätte die ganze Natur an sein Herz drücken mögen.
+
+So schwelgte er in den Armen der Hoffnung, er verlebte an dem Busen der
+holden Betrügerin Stunden, die unendlich mehr Freuden gewähren, als die
+Stunden des Genusses. -- Der Knabe steht vor einer grünen Anhöhe, die ein
+goldnes Morgenroth beglänzt, durch die grünen Büsche funkelt freundlich
+der Flammenschein; er ersteigt den Berg, in die bezaubernde Gegend zu
+kommen, -- aber die Sonne ist indeß heraufgekommen, der lockende Schimmer
+verschwunden.
+
+Adalbert wäre auch ohne Emma nie unglücklich gewesen, wenn er nur immer
+so hätte hoffen können.
+
+ * * * * *
+
+Friedrich von Mannstein hatte indeß in einer traurigen Einsamkeit gelebt.
+An jenem Morgen schon, an welchem Adalbert die Burg verließ, war es sein
+erster Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand wußte,
+welchen Weg Adalbert genommen hatte. Emma war untröstlich, als sie seine
+Abreise erfuhr.
+
+Sie hatte sich so an Adalbert gewöhnt, daß sie sich ohne ihn ihr Dasein
+gar nicht denken konnte: er war der Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen,
+sie hatte nur immer für ihn gelebt; seit sie gewünscht hatte, war er
+das Ziel aller ihrer Wünsche, denn in der Einsamkeit erzogen, hatte sie
+nie einen schönern Mann gesehen. -- Sie dachte sich alles zurück, was
+sie mit Adalbert genossen und gelitten hatte, sie hatte so süß geträumt
+und unbarmherzig hatte sie das Unglück aus allen goldnen Phantasien
+gerissen, und vor ein wüstes Meer gestellt, in dem sich nichts als
+schwarze Wolkengebilde spiegelten. -- Sie fiel nach und nach in eine
+Art von Betäubung, aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur
+Versöhnung mit der Welt ermannt. Bei dem Mädchen, deren jugendliche
+Phantasie vor dem Bilde des Todes zurückschauderte, war das letzte der
+Fall, so sehr sie auch anfangs dagegen kämpfen wollte; aber der Schmerz
+hatte sie ermüdet, sie hatte das Maas der Traurigkeit erschöpft. Ihr
+Gram ward gemäßigter und sie fing ihre weiblichen Arbeiten wieder an,
+mit dem Vorsatz, ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar
+flossen noch ihre Thränen sehr oft, wenn sie auf die Erinnerung Adalberts
+geleitet ward, aber es waren nicht mehr die heißstürzenden Thränen, die
+die Kinder des tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der
+Leidende in der Natur nichts als sich und sein Unglück sieht; es waren
+die Thränen der Wehmuth, die auch oft nach Jahren noch fließen. Als sie
+zum erstenmal wieder lächelte, zürnte sie heftig auf sich selbst; das
+zweitemal zürnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht wieder zu
+lächeln, und nachher glaubte sie, man könne doch trauern, ohne im Äußern
+die Zeichen der Traurigkeit anzunehmen. Friedrich schien den Kummer
+seiner Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine Ursach mehr, die
+sie bewegte, ihn zu unterdrücken. Hätte er von Adalbert gesprochen,
+so hätte sie Muth gefaßt, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie hätte
+einen Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. -- So
+verwandelte sich Emma's Gram nach und nach in Wehmuth. So steigt die
+Leidenschaft vom höchsten Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern
+herab, bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma wehklagte
+nicht mehr über den Verlust eines Geliebten, sie war nur noch wegen
+eines abwesenden Freundes bekümmert.
+
+Sie fühlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr Vater; dieser war daher
+am ersten Tage nicht so traurig, als an den folgenden. Sein Kummer nahm
+fast in eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter sich
+milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er an Adalbert verloren
+habe. Ihm war ein Sohn abgestorben, und diesen vermißte er weit mehr,
+als er je vorher würde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein, wenn
+er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad von Burgfels hatte ihn
+noch nicht wieder besucht.
+
+So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen, seit dem Tode der
+Mutter Emma's war diese Gegend nicht so öde und still gewesen. Dieser
+Einsamkeit überdrüssig, beschloß daher Friedrich ein kleines Fest
+anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner Jugend und seines
+männlichen Alters erinnerte. Er lud mehrere Ritter aus der Nachbarschaft
+ein, ließ einen grünen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten,
+und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen waren der Dank des Siegers,
+Emma sollte ihn überreichen.
+
+Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels auf Friedrichs Veste,
+aber stiller und verschlossener als je. -- Was ist dir, Konrad? fragte
+Friedrich ihm entgegeneilend. -- Bist du krank?
+
+Wollte Gott, ich wär' es! antwortete Konrad.
+
+_Friedrich._ Was fehlt dir Freund? Dir ist ein Unglück begegnet. --
+
+_Konrad._ Ach! Friedrich! -- siehst du, ich hatte wohl Recht; falle
+nieder und danke, daß dir kein Sohn geboren ist, -- ich hatte Recht.
+
+_Friedrich._ Dein Sohn --
+
+_Konrad._ Schläft in Palästina den eisernen Schlaf. -- Friedrich, nun
+werden die Fahnen meiner Burg _ewig_ »Karl« rufen, und trauriger als je,
+-- mein Geschlecht ist ausgestorben. -- Nun werde ich nicht mehr nach
+jenen Berg hinblicken, denn _ihn_ werde ich nie heruntersprengen sehn
+mit einer erbeuteten Fahne; -- mußte _er_ gerade fallen? -- Der einzige
+Sohn, der einzige Trost eines alten Vaters? Mußte _ihn_ gerade der
+schadenfrohe Tod erwürgen? -- Nun kann ich ihn nicht anders als in
+meinen _Träumen_ sehn.
+
+_Friedrich._ Tröste dich. Wer kann wider den murren, der das Leben giebt
+und nimmt? -- Laß ihn, wer als Jüngling stirbt, der hat nur das Schöne
+dieser Welt genossen, alle ihre Leiden sind ihm vorübergegangen. Wie
+viele Greise wünschen nicht, als Jünglinge gestorben zu sein. -- Zu viele
+Klagen über seinen Tod ist Gotteslästerung. --
+
+_Konrad._ Wie gut doch die Reichen immer über Ertragung der Armuth zu
+predigen wissen! -- Du bist noch im Besitz deiner Schätze, du ersteigst
+einen Hügel, auf dem die Aussicht umher immer schöner und schöner wird,
+oben entschlummerst du vom Strahl eines schönen Abends beleuchtet in den
+Armen deiner Kinder und Enkel; -- ich gehe den Berg hinab, einsam und
+ohne Gefährten, in das enge schwarze Thal des Todes.
+
+_Friedrich._ Auch _ich_ habe einen Sohn verloren.
+
+_Konrad._ Du?
+
+_Friedrich._ Adalbert. -- Er erzählte ihm die Geschichte seiner
+Verbannung.
+
+Friedrich, begann Konrad, als der Ritter geendigt hatte, -- rufe ihn
+zurück, mache ihn durch Emma glücklich, mache dich selbst in der Freude
+deiner Kinder glücklich. Ich habe nie so lebhaft gefühlt, _was_ das
+eigentliche Glück des Lebens sei, als itzt, da ich keine Rechnung mehr
+darauf machen darf. Ach! Freund, Ehre, Geburt, Schätze, -- betrügerische
+Schatten die uns necken, indeß das wahre Glück mitleidig lächelnd hinter
+unsern Rücken entflieht. -- Wie gern möcht' ich mir durch meine Burgen,
+meine Ahnen, meinen Ruhm einen Sohn erkaufen können! unberühmt, arm und
+ohne Ahnen würd' ich mich doch von der ganzen Welt beneidet glauben.
+-- Friedrich, folge meinem Rathe.
+
+_Friedrich._ Wenn er hier wäre! -- Niemand weiß, wohin er sich gewandt
+hat. --
+
+Indeß waren die geladenen Ritter angelangt und Emma trat in ihrem
+festlichen Schmucke zu ihnen. Sie schien sich selbst zu gefallen.
+
+Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben sich in
+die Schranken und eine Menge Zuschauer aus der benachbarten Gegend
+versammelte sich. Emma saß auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter
+gingen zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad und
+Friedrich, unwillig daß ihren Armen die Schwerter und Lanzen zu schwer
+geworden.
+
+Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier nahm seinen Anfang,
+als auf einem schwarzen muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den
+Schranken näherte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen aller
+Anwesenden auf sich -- Emma verglich ihn in Gedanken mit Adalbert, der
+weniger groß, nicht diesen majestätischen Anstand hatte. Sie gestand
+sich, der Fremde sei schöner als Adalbert und alle ihre Wünsche erflehten
+ihm den Sieg. -- Konrad dachte an seinen Sohn und seufzte.
+
+Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer Leichtigkeit, welche
+zeigte, daß ihm dieses Spiel nicht unbekannt sei. Er betrachtete Emma
+genau, er hatte sie sich dem allgemeinen Rufe nach schöner gedacht, ja
+eine vollkommene Schönheit erwartet; er fand sich sehr getäuscht; aber
+doch zog ein unbeschreibliches Etwas ihres Gesichts seine Blicke stets
+wieder nach ihr zurück, er fing an zu glauben, daß eine vollkommene
+Schönheit für das Herz selten so gefährlich sei, als ein anziehender
+Blick und ein Mund, um den Gram und Heiterkeit stets zu kämpfen scheinen.
+-- Emma schlug einigemal die Augen nieder und erröthete. --
+
+Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter ward einstimmig der Dank
+zuerkannt, er kniete nieder und empfing ihn aus der zitternden Hand des
+Fräuleins. -- Er öffnete sein Visir, es war _Wilhelm von Löwenau_.
+
+Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen Augen des Ritters und
+sanken in eben dem Augenblick beschämt auf ihr Busentuch; sie fühlte, daß
+in diesen Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch konnte
+sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal aufzuschlagen, um den
+Anblick der vollkommnen männlichen Schönheit zu genießen. Löwenau kniete
+noch immer zu ihren Füßen und verschlang sie mit seinen Augen; das
+Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich aus seinem süßen Rausch und
+er erhob sich.
+
+Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch die übrigen Ritter
+begrüßten ihn und man begab sich zur Tafel.
+
+Wilhelm von Löwenau saß als Sieger obenan und ihm gegenüber die
+schüchterne Emma, die jeden Gedanken an Adalbert zu verbannen suchte.
+-- Löwenau aß und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend.
+Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte mit seinen Augen oft
+lange auf ihr. -- Das Mahl war geendet, Emma ging in ihr Gemach und
+man brachte den Rittern die Pokale. Löwenau stand auf und ging in den
+Burggarten.
+
+ * * * * *
+
+Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen Armen ging er hastig auf
+und ab, als ob er einen verlornen wichtigen Gedanken wiedersuche. -- Er
+stand still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem wehmüthigen
+Blick nach den Fenstern der Burg hinauf, auf denen schon der sanfte
+Schimmer des Abends zitterte. Emma stand von ohngefähr an ihrem Fenster
+und ging wieder zurück, als sie den Ritter erblickte.
+
+War das nicht _Emma_? rief er aus. -- Warum klopft mein Herz ungestümer
+bei dem Gedanken? -- Emma. -- Wie gleichgültig tönte mir noch gestern
+dieser Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den Klang gemischt,
+daß heut mein Blut ihm schneller hüpft? Ist dieß Liebe, Wilhelm?
+
+Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes, meines Erretters.
+-- Es kann nicht Liebe sein. Liebe, sagt Adalbert, macht menschlicher,
+wohlwollend gegen jedes Geschöpf, und ist mir doch, als ob ich den
+Namen Adalbert haßte seit ich den Namen Emma liebe! -- Nein, es ist
+nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck, den jeder neue Gegenstand
+macht. -- Zuneigung? Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht über mich
+gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der neben ihr saß? Wie
+konnt' ich ihn beneiden, daß ihn der Saum ihres Kleides berühre? Warum
+haßte ich jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was machte
+mich glühend heiß, wenn ihr Auge auf mir verweilte? -- Freundschaft ist
+dieß Gefühl nicht, wenn es nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! -- ist
+es aber Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft
+besiegt.
+
+Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen wäre. -- Als ob es schon
+ausgemacht wäre, daß _ich sie_ liebte! -- Es kann, es darf nicht sein.
+Ich will mich mit aller meiner Männlichkeit panzern; sie gehört Adalbert,
+er liebt sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, -- ein Mann, ein
+Ritter muß auf sein Versprechen halten und wenn er selbst darüber zu
+Grunde ginge.
+
+Er eilte in die Burg zurück, und freute sich dieses Sieges.
+
+ * * * * *
+
+
+Emma hatte sich indeß einigemal wieder dem Fenster genähert, ohne von
+Löwenau bemerkt zu werden. Sie konnte den schönen Mann nie ohne eine
+gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging sehr bald in den Wunsch
+über: wenn _dieser_ dich liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie
+denn diesen Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen schlossen
+mit der Frage: Du liebst ihn also?
+
+Sie erschrak nicht mehr über diese Frage, schon während der Mahlzeit
+hatte sie sich an diesen Gedanken gewöhnt. -- Ganz leise fing ihr Herz
+an diese Frage mit Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe
+sie noch die Möglichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie erst zu dieser
+Liebe nur noch ihre Einwilligung. Dieß war der erste Augenblick, in
+welchem sie eine Art von Freude darüber empfand, daß Adalbert nicht
+in der Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur noch ganz
+schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung des gestrigen Abendmahls
+beim majestätischen Aufgang der Sonne. Sie fühlte, daß sie ihren Adalbert
+noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben könne, ja sie fing so
+gar an, sich ihre Gefühle abzustreiten, er war wie sie jetzt glaubte,
+nur ihr Freund gewesen. Durch die Erscheinung Löwenau's war überhaupt
+auf sein Bild jener Schatten der Gleichgültigkeit zurückgeworfen, aus
+dem die Liebe den geliebten Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht.
+Alle Vollkommenheiten, die sie einst an Adalbert bewunderte, fand sie
+ungleich vollkommner an Löwenau wieder und jener behielt am Ende nichts
+als seine Fehler, die sie sonst immer zu seinen Vorzügen gerechnet hatte;
+und da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen anklagt, so
+glaubte sie darin, daß er nicht wenigstens Abschied von ihr genommen
+habe, einen Beweis zu finden, daß auch er sie nie geliebt habe. -- In
+dieser Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum ward sie
+endlich Überzeugung.
+
+Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher, erhabner und niedriger;
+den vorher gemeinen Menschen erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt
+zum Gemeinen hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem Instrument
+in andern Tönen lebt. Was Emma sonst immer mit Verachtung angesehn hatte,
+schien ihr itzt wichtig; der geschmückte Löwenau gefiel ihr um ein großes
+Theil mehr als er ihr ohne Schmuck würde gefallen haben, sie gestand
+sich dieß Gefühl, und beschloß von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere
+Aufmerksamkeit zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an Adalbert
+darum etwas gleichgültiger an, weil er nur ihres Vaters _Knappe_ gewesen
+war.
+
+Löwenau wollte eben durch den großen Gang in die Versammlung der Ritter
+gehn, als Emma, vielleicht zufällig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie
+ihn hatte zurückkommen sehn, aus dem Gemache trat.
+
+Ihr hier, Fräulein? rief Löwenau etwas hastig.
+
+Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten und in der Art, wie er
+sie sprach, einigen Unwillen des Ritters zu entdecken, oder den Gedanken,
+sie sei seinetwegen gekommen. -- Um in den Garten zu gehn, antwortete sie,
+indem sie rasch vorbeihüpfen wollte. --
+
+Ihr flieht mich? sprach der Ritter.
+
+Euch fliehen? Dann müßtet Ihr nicht der Ritter Löwenau sein. --
+
+Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und der Schein des Abends
+überflog mit freundlicher Röthe das Gesicht des Mädchens. --
+
+Fräulein, -- fing der Ritter nach einigem Stillschweigen an, die Sonne
+nimmt durch einen holdseligen Kuß von Euch Abschied, um Euch morgen
+wieder mit einem Kusse zu wecken. -- Um Euer Antlitz zittert ein blasser
+Flammenschein, man sollte Euch für eine Heilige halten.
+
+Daß Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich anzubeten, erwiederte
+Emma schalkhaft.
+
+_Löwenau._ Und wenn ich nun in die Versuchung käme? -- Würdet Ihr mein
+Gebet erhören, schöne Emma? --
+
+_Emma._ Ich müßte erst wissen, um was Ihr mich bitten wolltet. -- Sie
+sprach diese Worte leise und mit zitternder Stimme, denn sie fürchtete
+und hoffte viel.
+
+So bitt' ich Euch, sprach Löwenau, nicht so schnell von mir in den
+Garten zu eilen.
+
+Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit einem kleinen Unwillen
+über ihre getäuschte Erwartung. --
+
+_Löwenau._ Wenn Ihr so gütig seid, mein Fräulein, so werdet Ihr mich
+leicht zu einem ungestümen Bitter machen.
+
+_Emma._ Was könntet Ihr noch mehr wünschen? --
+
+_Löwenau._ Euch sehen und nicht wünschen? --
+
+_Emma._ Ihr sprecht in Räthseln.
+
+_Löwenau._ Daß Euer Herz sie verstehen _wollte_!
+
+Emma sahe starr vor sich hin. Löwenau's Augen wurzelten auf ihrem
+Antlitz, er zitterte, eine niegefühlte Empfindung bebte durch seinen
+Körper, wie mit Ketten riß es ihn zu Emma hin, er umarmte sie plötzlich
+und sprach mit leiser unterdrückter Stimme: Emma, ich liebe dich! --
+
+Betäubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach nicht, eine von seinen
+Händen lag in der ihrigen, sie drückte sie schweigend.
+
+Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum erwachend. -- Ein leises
+flüsterndes »Ja,« nur der Liebe hörbar, flog ihm entgegen.
+
+Sein Gesicht sank auf das ihrige, er drückte einen brennenden zitternden
+Kuß auf ihre Lippen, -- kein Gedanke, kein Gefühl, keine Erinnerung trat
+vor seine Seele, als daß er _sie_ in seinen Armen halte; selbst daß sie
+ihn liebe, hatte er vergessen. --
+
+Emma erholte sich zuerst aus ihrer Betäubung, noch einen Kuß drückte sie
+auf seine Lippen, und flohe dann zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich
+athemlos auf einen Sessel niedersank, als würde sie von einem Ungeheuer
+verfolgt. Löwenau starrte ihr nach, bis der letzte weiße Schimmer ihres
+Gewandes verschwand; lange noch blieb sein Auge unbeweglich auf einen
+Punkt geheftet, als wäre ihm ein Gespenst begegnet.
+
+Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch fröhlich bei den
+Pokalen saßen; selbst Friedrich und Konrad hatten ihre verlornen Söhne
+vergessen.
+
+Löwenau wandelte wie im Traum und beantwortete jede Frage nur
+unvollständig. -- Friedrich glaubte, er sei von der Reise und vom
+Turnier ermüdet und ließ ihn durch einen Diener auf sein Zimmer führen.
+Auch die übrigen Ritter gingen aus einander. -- Löwenau entschlief, als
+sich seine Phantasie müde geschwärmt, und seine Leidenschaften in
+Erschöpfung gekämpft hatten.
+
+ * * * * *
+
+Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein Versprechen sein erster
+Gedanke. Furchtbar trat diese Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn
+schrecklich, auf dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten
+angefangen habe. -- Aber wie war es möglich rückwärts zu gehn? Er hatte
+ihr seine Liebe gestanden, und sie, daß sie ihn wieder liebe. Wenn dieß
+Geständniß nicht über seine Lippen geschlüpft wäre, so hätte er gegen
+seine Leidenschaft noch kämpfen können; jetzt aber würde er sich und
+Emma zugleich unglücklich gemacht haben. -- Er überließ sich und sein
+Schicksal endlich ganz und gar der Zeit, wenigstens verschob er alles
+Nachsinnen, alle Entschlüsse bis auf jene Stunde, in welcher er bei dem
+Vater um sie anhalten wollte. -- Weiß ich doch noch nicht gewiß, ob sie
+mir der Vater nicht abschlägt; geschieht es nicht, nun so kann ich ja
+auch dann noch immer für Adalbert handeln. -- Mit diesen Täuschungen
+beruhigte er die Vorwürfe, die er in dem Innern seiner Seele fühlte.
+
+Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr fremd, das vertrauliche Du
+verdrängte bald die fremde steife Höflichkeit; denn Löwenau verachtete
+alle Zurückhaltung, alles Verschließen in sich selbst; er glaubte, es
+zieme dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem ungeprüft zu
+mißtrauen, von jedem Unbekannten das Beste zu denken, und ihn als Freund
+zu behandeln. So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. -- Emma,
+die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast immer nur
+mit Geschöpfen ihrer Phantasie umgegangen war, besaß noch weniger
+Zurückhaltung; sie äußerte sich ganz so, wie sie war, kannte Verstellung
+kaum dem Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte.
+
+Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand ihm, daß sie ihn
+nie geliebt habe. Sie glaubte es jetzt. -- Löwenau fühlte sich durch
+diese Erklärung glücklich. -- Beide waren sich bald unentbehrlich, und
+Löwenau gab den Einladungen Friedrichs, da die übrigen Ritter die Burg
+verließen, sehr gern Gehör. Wenn er jetzt nicht bei Emma war, war er
+sich selbst zur Last; jede Beschäftigung machte ihm Langeweile, und doch
+verlegte er die Stunde immer von einem Tag zum andern, in welcher er bei
+Friedrich um sie anhalten wollte; denn er fühlte sich in der Täuschung
+etwas beruhigt, daß er noch immer nicht gegen Adalbert handle.
+
+Emma war jetzt liebenswürdiger als je; der leichte Gram um Adalbert hatte
+ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit genommen, sie war jetzt mehr eine
+stille, leidende Schönheit, die sich um so reizender an den stärkern
+Mann anschließt und hinter seiner Brust einen Schirm gegen alle Stürme
+des Schicksals sucht. Ihre neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick
+gegeben, in welchem ein schönes Feuer brannte. -- Der heftige Löwenau
+liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe. --
+
+Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er beschloß noch heute
+mit sich und Adalbert Abrechnung zu halten, noch heute bei dem Vater
+um sie zu werben. Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel
+nachdenkend im Saale fand. -- Woran denkt Ihr, Ritter? redete er ihn an.
+
+_Friedrich._ Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen, wo ich nur noch in
+der Erinnerung leben kann; die Zeit der Thaten ist verschwunden.
+
+_Löwenau._ Aber könnt Ihr nicht auch in der Zukunft leben?
+
+_Friedrich._ In der Rückerinnerung lernen wir mehr, nur Thoren sind in
+der Zukunft zu Hause. -- Wenn man seinen ganzen Reichthum anwendet, in
+jenem goldnen Lande Palläste aufzubauen, und _ein_ Windstoß sie alle
+niederreißt: wohin soll dann der verarmte Pilger fliehen? -- Über dem
+Lande der Zukunft liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der
+Entfernung etwas ein Schloß zu sein, und wenn wir näher kommen, ist
+es eine überhangende Klippe, die sich im nächsten Augenblick auf unser
+Haupt herabwirft. --
+
+_Löwenau._ Ihr wollt also nicht hoffen?
+
+_Friedrich._ O ja, aber die Hoffnung, jene Betrügerin, nicht zu meiner
+täglichen Gesellschaft machen. Das größte Glück erscheint klein, neben
+dem Bilde, das uns die Hoffnung vorhielt.
+
+_Löwenau._ Die Hoffnung trägt für Euch die Gestalt Emma's, und eine
+solche Tochter -- --
+
+_Friedrich._ Je besser sie ist, desto mehr hab' ich zu fürchten, und je
+mehr ich sie liebe, je mehr verlier' ich in ihr. Alles wär' mit ihr
+dahin! Ich wünsche nichts, als sie glücklich zu sehn; dann werde ich es
+auch sein.
+
+_Löwenau._ Habt Ihr noch auf keinen Eidam gedacht?
+
+_Friedrich._ Er schläft in Palästina, Konrad von Burgfels, ihr mußt ihn
+gekannt haben, -- ein anderer, -- o ich mag nicht gern daran denken!
+-- ein gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab; wäre er jetzt
+hier, sie wäre sein. --
+
+Löwenau schwieg, und sahe düster vor sich nieder. Ein gewisser -- Wollt
+Ihr sie keinem Ritter von berühmtem Hause geben? fragte er endlich.
+
+_Friedrich._ Wer weiß ob sie mit einem solchen glücklich wäre?
+
+_Löwenau._ Wenn er sie, wenn sie ihn liebte?
+
+_Friedrich._ Dann würd' ich mich keinen Augenblick bedenken.
+
+Löwenau kämpfte jetzt einen schweren Kampf, sein Edelmuth und seine
+Liebe rangen hartnäckig mit einander; oft wollte er den Namen Adalbert
+aussprechen, aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken an
+Emma. -- Die Liebe blieb Siegerin. -- Würdet Ihr mich als Eidam
+verschmähen, Ritter?
+
+_Friedrich._ Euch? -- Ist das Euer Ernst?
+
+_Löwenau._ Könntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz zutrauen?
+
+_Friedrich._ Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt.
+
+_Löwenau._ Dafür kann ich Bürge sein. --
+
+_Friedrich._ Nun so darf ich doch endlich hoffen, ein glücklicher Vater
+zu werden; ich zweifelte schon daran, denn man muß sich gewöhnen, an
+allem in dieser Welt zu zweifeln, was dem Glücke ähnlich sieht.
+
+_Löwenau._ Ihr seid heute besonders traurig gestimmt. --
+
+_Friedrich._ Ich will es nicht länger bleiben, mein Eidam muß nicht
+glauben, daß er an mir einen mürrischen Vater erhält.
+
+Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich ward sehr heiter,
+Löwenau ging endlich spät in sein Schlafgemach.
+
+Sie ist mein! rief er aus. -- Unwidersprechlich mein. -- Itzt sei es
+fest beschlossen. -- Sie ist mein, Adalbert! und sollt' ich darüber mein
+Leben, welches ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen müssen.
+Die Freundschaft sterbe für die Liebe. Sie liebt ihn nicht; sie wäre
+unglücklich, und -- bei allen Heiligen! -- sie verdient es nicht zu
+sein. Auch er wird sie vergessen, -- oder mein Leben -- ein nichtiges
+Geschenk ohne sie, zurückfordern. Mag er! ich werde es vertheidigen,
+denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der große Vertrag mit seinem Gewissen
+war bald von der Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er für
+die Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu glücklichen
+Träumen ein.
+
+ * * * * *
+
+Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt, du mein! ich dein!
+so rief Löwenau als er in Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte.
+-- Jetzt kann uns nichts in der Welt von einander reißen.
+
+_Emma._ Ich dein? du mein? --
+
+_Löwenau._ Nur etwas mangelt unserm Glück und dieses Wort umfaßt noch
+mehr.
+
+_Emma._ Was könnte dieses Etwas sein?
+
+_Löwenau._ Daß Adalbert alle seine Rechte auf dich aufgiebt; so lange
+wir noch fürchten müssen, daß er zwischen unsre Umarmungen tritt, so
+lange sind wir nur halb glücklich. -- Emma, ich weiß den Ort seines
+Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige Worte, die ihm
+sagen, daß du ihn nicht mehr liebst, daß er jeden Gedanken an dich
+vergessen solle, daß du mein seist. -- Ich bitte dich darum, Emma.
+Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem Glück unsrer Liebe
+überlassen, dann soll keine ängstliche Furcht uns nahe treten, dann will
+ich es trotzig mit der Zeit aufnehmen, ob sie durch unzählige Jahre im
+Stande sei, meine Liebe zu schwächen.
+
+Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch Löwenau setzte sich und
+schrieb diesen Brief:
+
+ _Adalbert!_
+
+ Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem Schicksal und nicht
+ mit mir! Ich bin unschuldig. -- Engel gaben der Versuchung nach und
+ verspielten ihr ewiges Glück; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag der
+ Verlust Deiner Freundschaft meine Schwäche bestrafen. -- Emma gehört Dir
+ nicht mehr, sie ist mein, mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt.
+ Zweifle nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich nie geliebt.
+ Alle Deine Hoffnungen sind durch mich gemordet; ermorde mich, wenn Du
+ Dich rächen mußt; aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen.
+ Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht die Deinige
+ werden. Ich bin der Hüter dieses Schatzes; wer ihn erlangen will, muß
+ mich erst tödten.
+ _Löwenau._
+
+Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die sie ihm gab. Er legte
+sie in seinen Brief und siegelte ihn.
+
+ _Ritter_,
+
+ Vergeßt mich, so wie ich Euch vergessen will, denkt an mich stets wie
+ an einen verstorbenen Freund; ich bin die Verlobte eines Ritters und
+ darf mich daher nicht mehr nennen:
+ Eure Emma.
+
+Löwenau gab die Briefe seinem Knappen Franz, der ihn nach Mannstein
+begleitet hatte. Dieser ritt noch an eben dem Tage fort, um so früh als
+möglich auf der Burg Löwenau's anzukommen.
+
+Friedrich und Löwenau dachten itzt nur an das Vermählungsfest, welches
+sie recht glänzend zu machen beschlossen. Emma war in den Armen ihres
+Geliebten so glücklich, als man es auf dieser Welt sein kann.
+
+ * * * * *
+
+Adalbert lebte während dieser Zeit noch immer unter seinen schönen
+Hoffnungen und erwartete täglich die Bothschaft seines Glücks. Sein
+vergebliches Warten machte ihn nicht traurig, nur verdrüßlich, denn
+dieser Aufschub schien die Hoffnung von dem glücklichen Fortgang des
+Unternehmens zu bestätigen. Er war oft auf die Jagd gegangen, hatte die
+schönen Gegenden in der Nähe besucht und dachte jeden Abend bei der
+Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden.
+
+Er war von einem seiner Spaziergänge zurückgekommen und stand an eine
+Buche gelehnt, das Wolkenspiel im Abendroth zu betrachten, als er in der
+Ferne einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse näherte. Er erkannte
+bald in ihm Franz, den Knappen Löwenau's. -- Schnell eilte er mit der
+Frage auf ihn zu: ob ihn der Ritter gesendet habe. -- Franz antwortete
+mit Ja und überreichte ihm den Brief Löwenau's. --
+
+Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und die Aufschrift
+betrachtete, er zögerte ihn zu erbrechen. -- Unaussprechliches Glück,
+oder Tod springt mir entgegen, -- noch, noch darf ich hoffen, noch bin
+ich glücklich. -- Die Sonne war untergegangen, er ging auf sein Zimmer,
+den Brief beim Schein eines Lichtes zu lesen. Dieser Augenblick war ihm
+feierlich, eine heilige Stille schwebte längst den Wänden des Gemachs,
+eine Grille zirpte leise und eine ferne Glocke tönte über den Berg
+herüber. -- Er lößte das Siegel.
+
+Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die Hand und küßte das
+Pergament. -- Er las -- und ward bleich, -- er las von neuem und schaute
+wild mit weit geöffneten Augen empor, alle seine Gedanken verirrten sich,
+er wußte nur, daß er elend sei, kalt und fürchterlich faßte ihn diese
+Überzeugung an; was sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden.
+
+Emma! rief er endlich mit fürchterlicher Stimme, indem seine Besinnung
+zurückkehrte. -- Er wagte es, noch einmal zu lesen, dann las er den
+Brief Löwenau's. -- Seine Augen schlossen sich, wie von einer zu großen
+Helle geblendet, krampfhaft schlug er die Zähne zusammen und hing kalt
+und starr wie eine Leiche in dem Sessel. -- _Das_ hatte er nicht
+erwartet.
+
+Er sprang nach einer Stille auf und brüllte wie ein Rasender: Fluch über
+alle, die in dieser Stunde glücklich sind! Fluch über alle Elende! -- Ja,
+ich fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr -- o ihr Verzweifelten!
+kommt zu mir her an meine Brust und helft mich verfluchen! _Eure_ Emma?
+_Eure_ Emma? -- Du lügst Meineidige! so hast du dich nie genannt! --
+
+Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine Seligkeit der Erde hat
+mich Freund genannt. Mein Leben ist ein schwarzes Gewebe von Unglück,
+wie von einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend Quaalen
+jagt es mich in den Rachen des Todes. _Meinetwegen_ wird ein zärtlicher
+Vater grausam, _meinetwegen_ ein edler Freund ein Ungeheuer, -- ich gebe
+die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein blindes Ohngefähr würfelt
+mit Glück und Unglück, -- gut, so will ich denn auch handeln, so lange
+ich noch handeln kann, -- ich will zu ihnen, sie sollen aus ihren
+Umarmungen zurückstürzen, als hätten sie den Schuppenhals eines Drachen
+berührt. -- Ich will nicht _allein_ unglücklich sein, die _Liebe_ haßt
+mich, der _Haß_ soll mich itzt glücklich machen.
+
+_Eure_ Emma? -- Konnte deine Hand diese Worte schreiben? Dieselbe Hand,
+die mir so oft den Schweiß des Kampfes von der Stirn trocknete, dieselbe
+Hand, die so oft in der meinigen lag und mich deiner Liebe versicherte
+-- o Himmel! was für ein armseliges Ding ist die Tugend, wenn sich
+in wenigen Wochen der Mensch so ganz umschaffen kann! Richtet keinen
+Bösewicht mehr hin, er ist in wenigen Tagen vielleicht ein Muster für
+seine Richter! -- Tugend? -- Für mich ist keine Tugend, kein Gott mehr,
+denn sie, das Unterpfand für beide, ist mir verloren.
+
+Er drückte knirschend Löwenaus Brief zusammen, sein Athem drängte sich
+schwer durch seine Kehle, tausend Centner waren auf seine Brust gewälzt.
+-- Sein Blick fiel auf Emma's grünes Band nieder, das er auf seiner
+Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er riß es wüthend herab.
+
+Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! -- -- Sie will mich vergessen. -- Ich
+kann sie nie vergessen, und warum sollt' ich es auch? -- wenn ich sie
+vergessen könnte, dann könnte ich einst wieder lächeln -- aber das werd'
+ich nie wieder.
+
+Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers, alles war still wie
+eine Todtengruft.
+
+Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach er leise, um die tiefe
+Einsamkeit nicht zu stören; ich werde bald sterben und habe umsonst
+gelebt, von mir darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur
+über Jammer kann ich Red' und Antwort geben, -- Emma, ich weise den
+fürchterlichen Richter an dich, und an dich Wilhelm!
+
+_Eure_ Emma! -- Hättest du mir doch wenigstens das armselige »Du« übrig
+gelassen, -- aber _nichts_ sollte mir übrig bleiben. -- Gut, setzte er
+mit schrecklicher Kälte hinzu, auch dies Band will ich dir zurückbringen.
+
+Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund hätten nur auf eine grausame
+Art mit ihm scherzen wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen;
+er dachte, er hätte in seiner Wuth einige Ausdrücke zu stark empfunden,
+er suchte dann nochmals in den Briefen nach und quälte sich den
+fürchterlichen Sinn zu mildern, -- aber umsonst! der kalte, gefühllose
+Buchstabe blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung.
+
+Der Ritter durchlebte eine fürchterliche Nacht, er konnte nicht
+schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal stand sein Verstand
+vor dem fürchterlichen Thor des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten
+vorüberziehn, die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten;
+in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's, alles war nur
+ein fürchterlicher Traum gewesen; er drückte sie an sein Herz,
+und das Knistern des Briefs, den er noch immer in seiner Hand fest
+eingeschlossen hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus
+seiner Trunkenheit. Bald kämpfte er mit Löwenau um Tod und Leben und sah
+ihn unter seinen Streichen fallen; bald verschlang alles um ihn her eine
+große wüste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in der tauben
+ausgestorbenen Wildniß, von einer unendlichen Nacht umfangen; Geister
+fuhren auf fernen Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure
+Reich der ewigen Öde.
+
+Er fühlte, wie seine Kräfte merklich schwanden. Gott! rief er, wenn ich
+diese Nacht sterben müßte! ohne sie noch einmal zu sehn! -- Mein Geist
+muß von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich _muß_, ich muß sie
+sehn.
+
+Er wartete ängstlich auf den Anbruch des Morgens, die Nacht schien ihm
+Hohn zu sprechen, der Morgen kam immer noch nicht. -- Endlich zitterte
+der erste graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang schnell auf,
+riß ein Roß aus dem Stalle, und sprengte hinweg. Sein treuer Hund, der
+ihm oft auf der Jagd gefolgt war, begleitete ihn.
+
+Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein Roß unaufhörlich,
+denn die größte Eile war ihm zu langsam.
+
+Eine drückende Hitze zog herauf und sein Roß war schon ermüdet, als er
+einen Ritter einholte, der auch diese Straße zog. -- Wohin? fragte er
+diesen. -- Nach Mannstein, war die Antwort, zur Hochzeit des edeln
+Löwenau und der schönen Emma. -- Adalbert lachte wild auf. -- Worüber
+lacht Ihr? -- Voll Freude, daß wir einen Weg haben. -- In eben dem
+Augenblicke gab er von neuem dem Rosse die Sporen und sprengte wie
+rasend hinweg. -- Warum eilt Ihr so? rief ihm der Ritter nach. -- Seht
+Ihr nicht, schrie Adalbert zurück, wie mir der bleiche Tod nachjagt?
+-- Er war ihm bald aus den Augen.
+
+Das grüne Band war um seinen Arm gebunden und flatterte ihm nach;
+Todtenblässe hatte sein Gesicht überzogen, sein Roß keuchte und sein
+treuer Hund lief ihm oft voraus, und sah ihn winselnd an, -- aber ohne
+Bewußtsein jagte er immer wieder in neuer Wuth weiter. -- Am Abend
+stürzte der Rappe todt nieder, der Hund war fort, als er sich nach ihm
+umsah. -- Auch er hat mich verlassen, dachte Adalbert; aber der treue
+Gefährte lag schon weit hinter ihm sterbend am Wege.
+
+Adalbert reiste zu Fuß die ganze Nacht hindurch, seine Kräfte schienen
+übermenschlich, tausend Schrecken schienen ihn unermüdet vor sich hin
+zu jagen. -- Am Mittag des andern Tages entdeckte er in einem kleinen
+versteckten Thale eine Schäferhütte, sein Gaumen war von der Hitze
+aufgeschwollen, er trat in die Hütte und begehrte von einem Greise, den
+er dort fand, eine Schale Wasser. -- Ihr sollt kühle Milch bekommen,
+sagte dieser, und gab seiner Tochter den Auftrag eine Schale voll zu
+holen. -- Das kleine Mädchen eilte willig hinweg und Adalbert stand
+düster an die Thür gelehnt. -- Das Mädchen verweilte etwas lange. Wo
+bleibst du, Emma? rief der Alte. Adalbert fuhr auf, das Mädchen trat in
+eben dem Augenblick herein und bot ihm freundlich lächelnd die Schale.
+Statt sie an den Mund zu setzen, warf er sie wüthend auf den Boden, daß
+sie in tausend Scherben zersprang; dann eilte er wie ein Wahnsinniger
+weiter.
+
+Die Sonne ging schon unter, als er auf der Grenze des Horizonts einen
+Thurm erblickte, der ihm bekannt schien; -- tausend Erinnerungen kamen
+in seine Seele zurück, -- es war die Burg Mannstein.
+
+ * * * * *
+
+Er stand still und sahe mit langem Blick nach der wohlbekannten
+väterlichen Gegend, und in seine Verzweiflung mischten sich einige
+Tropfen der Wehmuth, sie _so_ wiederzusehn. Die Burg stand zaubervoll
+da in einem rothen Flammenschein. Die Sonne ging blutig unter.
+
+Er eilte weiter. Der letzte Streif des Tages verschwand hinter einen
+grünen Berg; der Mond brach hervor, und glänzte durch die zitternden
+Tannenzweige. Schon unterschied er die erleuchteten Fenster der Burg,
+schon erblickte er in ihnen Schatten, die ungewiß hin und wieder
+schwebten, schon hörte er immer näher und näher das Tönen der Trompeten
+und den Donner der Pauken, -- tausend brennende Dolche fuhren durch
+seine Brust.
+
+Jetzt war er an die Burg gekommen. Er ging durch das offne Thor, das
+frohe Getümmel der Gäste lärmte ihm entgegen, er hätte gern geweint,
+aber seine Augen waren trocken. Er schlich sich in den Burggarten und
+setzte sich in eine kleine Laube, welche ein Fliederbaum bildete; bald
+sahe er still und mit anscheinender Ruhe durch die monderhellte Gegend,
+bald nach der geräuschvollen Burg. -- Alle seine Empfindungen wurden
+nach und nach abgespannt; er war betäubt, als er zwei Gestalten auf sich
+zukommen sah, -- es waren Löwenau und Emma. --
+
+Löwenau hatte sich in sich selbst geirrt, er hatte sich für stärker
+gehalten, als er wirklich war, die Stimme seines Gewissens war nur
+unterdrückt gewesen, sie fing itzt um so lauter an zu sprechen. Er
+begann zu ahnen, daß er in Emma's Armen nie recht glücklich sein würde,
+aber ohne Emma lag ein grenzenloses Elend vor ihm. Er war am Abend still
+und nachdenkend gewesen, und wollte itzt mit Emma einen Spaziergang
+durch den Garten machen, um sich etwas zu beruhigen.
+
+Emma war indeß immer froh und guter Laune gewesen; sie fühlte sich als
+Löwenaus Geliebte ganz glücklich -- nur itzt, -- so plötzlich aus dem
+Gewirre der Gäste, aus dem Klang der rauschenden Musik gerissen, mitten
+in die Einsamkeit eines schauerlichen Gartens gezogen, -- itzt fühlte
+sie eine sonderbare Empfindung zu ihrem Herzen emporschwellen, sie hing
+an dem Arme Löwenaus und schloß sich fester an ihn. Mein Wilhelm, sagte
+sie endlich, -- warum so traurig? Ich habe dich noch nie so still und
+gedankenvoll gesehn. -- Deine Hand ist heiß.
+
+_Löwenau._ Und die deine kalt. Du zitterst Emma?
+
+_Emma._ Nicht vor Frost, die Sommernacht ist warm; -- aber Wilhelm, es
+ist hier im Garten so heimlich, mir ist alles so sonderbar fremd, die
+Büsche rauschen und flimmern so wunderbar im Mondenstrahl; hast du nie
+einen Geist gesehn, Wilhelm?
+
+_Löwenau._ Nie Geliebte; aber wie kömmst du zu der Frage?
+
+_Emma._ Und wie kömmt dieser Gedanke zu mir? _heut_ zu mir? -- Mein
+Vater ist doch schon sehr alt, Wilhelm, ich habe ihn sonst nie so genau
+angesehn, der Gedanke ängstigte mich drinnen über eine Stunde lang: wie
+er mir so gegen über saß, schien er mir schon todt. -- Der Anblick eines
+todten Menschen muß schrecklich sein, -- wie mag ich wohl als Leiche
+aussehn?
+
+_Löwenau._ Du quälst mich, Emma.
+
+_Emma._ Sage mir, wie ich wohl als Leiche aussehn werde.
+
+_Löwenau._ Wie der Frühling, der im Irrthum um einige Tage zu früh seine
+Blumen ausgestreut hat, und vom eisigen Winter wieder übereilt wird.
+
+_Emma._ Wilhelm!
+
+_Löwenau._ Was ist dir Emma? Warum fährst du zusammen?
+
+_Emma._ Mir ist, als stünd' ich unter tausend Gespenstern! -- sieh! jene
+Bäume dort sehn fürchterlich aus! --
+
+_Löwenau._ Wir wollen in den Saal zurückgehn.
+
+_Emma._ Wilhelm! -- hörtest du kein Ächzen in der Nähe?
+
+_Löwenau._ Nichts als den Wind, der durch die Laube rauscht.
+
+_Emma._ Es war ein schweres Athmen -- wie eines Sterbenden, -- horch,
+wie die Blätter zusammenschlagen! -- Gott im Himmel!
+
+Sie sank ohnmächtig in seine Arme, denn Adalbert trat bleich und
+entstellt, mit verworrenen Haaren, dem Auge eines Wahnsinnigen, leise
+wie ein Gespenst aus der Laube; mit hohler gewürgter Stimme rief er:
+Emma!
+
+Ihr Bewußtsein kam wieder, aber ihre Sinne blieben zurück, starr wie eine
+Leiche sahe sie in Adalberts Auge. -- Emma! Emma! rief dieser wüthend,
+kennst du dies Band noch? -- Er hielt es ihr mit zitternden Händen vor.
+-- Geliebter! rief sie matt und wollte sich in die Arme Löwenaus werfen;
+Adalbert fing sie auf, zog einen Dolch und stieß ihn wüthend in ihre
+Brust. -- Kaum war der Todesstreich geführt, so erwachte er wie aus
+einem tiefen Schlaf. -- Emma! Emma! er hielt sie fest in seinen Armen;
+stirb nicht! ich war rasend! lebe, lebe, und sei glücklich! vergieb mir
+und lebe! laß mich für dich sterben! du _darfst_, du _sollst_ nicht
+sterben. -- Er kniete nieder und hatte sie fest in seine Arme gepreßt,
+als wenn er sie dem Tod abtrotzen wollte; er fühlte nicht, wie sein Blut
+aus zehn tödtlichen Wunden rieselte, die ihm indeß Löwenaus Dolch
+gestoßen hatte.
+
+Endlich fühlte er seine Kraft ermatten, er ließ sie sanft auf den Rasen
+fallen. -- Du stirbst, Emma? -- Du stirbst? -- Er sank neben ihr zur
+Erde.
+
+Konrad und Friedrich kamen Arm in Arm durch den Buchengang die junge
+Braut zu suchen. -- Wo ist meine Tochter? fragte Friedrich seinen Eidam.
+
+Er wieß stumm mit dem blutigen Dolch auf sie hin.
+
+Wo? fragte Friedrich.
+
+Löwenau deutete noch einmal mit dem Dolch auf den Boden und Friedrich
+erkannte sie und Adalbert. Stumm schloß er Konrad in seine Arme und
+drückte ihn fest an sein Herz: nun haben wir beide nichts mehr zu
+hoffen!
+
+_Konrad._ Das stille Grab, -- und Jenseits!
+
+Ein Minnesänger sang die traurige Geschichte und schloß mit diesen
+Versen:
+
+ Jenseit des Grabes wurden sie gekrönt,
+ Dort wurden ihre Herzen ausgesöhnt.
+ Oft schweben sie in feierlichen Stunden
+ Hin durch den wildverwachsnen Tannenhain,
+ Sie küssen wechselsweis im Mondenschein
+ Sich liebevoll die Todeswunden.
+ Manch Kind sieht sie auf Mondesstrahlen schweben,
+ Und fühlt ein leises schauerliches Beben:
+ O Mutter! ruft es aus, im blassen Schein,
+ Durchfahren Geister itzt den Hain. --
+ Die Mutter spricht: sei ruhig Kind,
+ In Silberpappeln wühlt der Abendwind.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Hinweise zum Text:
+
+Folgende Änderungen wurden vorgenommen:
+
+ Zweifel wälzen sich auf Zweifel (Original: dich)
+ Abdallah sah ihm traurig nach (Original: ihn)
+ der Frühling wird dich heitrer machen (Original: heitre)
+ bis sich (...) etwas besänftigt hatte (Original: sich (...) sich)
+ sobald dich meine Laute gerufen hat (Original: hast)
+ Oder sie ungesehn in den Strom (...) versenke (Original: ungegesehn)
+ fing nun an, an die Macht (...)zu glauben (Original: an, die Macht)
+ andre stürzten todt nieder (Original: Tod)
+ an dem gräßlichen Thor (Original: gräßlichem)
+ ich erlasse sie ihm (Original: ihn)
+ der ihm am nächsten stand (Original: ihn)
+ wann und wie ich sie pflanzte (Original: wie sie pflanzte)
+ rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu (Original: zu zu)
+ die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten (Original: ihm)
+ sah ihn winselnd an (Original: ihm)
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN ***
+
+***** This file should be named 31074-8.txt or 31074-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/1/0/7/31074/
+
+Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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