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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:55:03 -0700 |
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Reimer, +1828. + + + + +Dem +Prediger Kadach + +in Ziebingen, +bei Frankfurt an der Oder. + + +Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien Ihre Bekanntschaft. Als +ich zwei Jahre später aus Italien zurück kam, fand ich Sie in jener +Einsamkeit des Landes, die damals meine Heimath war, und seitdem sind +wir als Freunde verbunden geblieben. Alle schönen Stunden jener Zeit, im +Genuß der Musik, der Poesie und einer edlen und freien Mittheilung in +gebildeten Zirkeln feiner und geistreicher Menschen haben wir beisammen +verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz über manchen Verlust im Verlauf +der Jahre mit einander getheilt. Auch in meine Studien und Arbeiten sind +Sie gern und gründlich eingegangen. Shakspear, Göthe und Sophokles haben +uns oft gemeinsam beschäftigt. Meine Arbeiten über den brittischen Dichter +sind Ihnen mehr, wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem freien +Sinne waren diese Studien, in denen Sie sich gern vertieften, erfreulich, +so gründlich und gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom wahren +religiösen Geiste des Christenthums durchdrungen, hingaben. Ein ächter +frommer Priester, ein freier Denker, ein Begeisterter für Kunst, ein +edler, treuer Freund, -- als solchen habe ich Sie gesehn und gekannt, +und nie werden Ihnen, so wenig wie mir, die schönen Tage und Abendstunden +aus dem Gedächtnisse entschwinden, in denen Solger unsre ländliche +Einsamkeit neu erfrischte, in welchen er uns seine Manuskripte vorlas +und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens und alles Hohe durch die +Lebensworte unseres Freundes inniger verstanden. + +_L. Tieck._ + + + + +Abdallah. + +Eine Erzählung. + +1792. + + + + +Erstes Kapitel. + + +Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan _Ali_ beherrscht. -- Dem Tirannen +entgeht der Haß nie, mit dem ihn seine Unterthanen verfolgen und _Ali_ +betrachtete sie bald als eben so viele Feinde, über die ihn nur seine +Grausamkeit und sein Ansehn erhalten könnten: mit andern Freuden +unbekannt, sollte ihm das Gefühl seiner Macht jeden Mangel ersetzen. + +Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenuß zu kennen, war er +zum Greise geworden und in einer unerschöpflichen Leere schmachtete er +itzt jedem neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben und er +begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der er den Untergang der Sonne +sahe, die, wie er wußte, jenseit des Horizonts wieder heraufstieg, +-- selbst sein einziges Kind _Zulma_ liebte er nicht, nur Stolz war es, +was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie für die Krone der +Schönheit anerkannte. -- + +In der Hauptstadt des Landes lebte _Selim_ in einer weisen Eingezogenheit, +ohne eine öffentliche Bedienung, ohne daß man viel von ihm sprach ward +er von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei, sparsam ohne +Kargheit und sein Aufwand unterschied sich sehr von der Pracht des +Veziers und der übrigen Großen. + +Aus seinen Leiden hatte er stets seine große starke Seele gerettet; +seinen Haß konnte nichts aussöhnen, aber eben so unauslöschlich war +seine Liebe. -- Mit dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn +_Abdallah_, das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zurückgelassen +hatte. + + + + +Zweites Kapitel. + + +Die Sonne war schon untergegangen, als _Abdallah_ und _Omar_ durch +ein schönes Gehölz wandelten. _Omar_ war der Lehrer Abdallahs, ein +ehrwürdiger Greis, dessen flammende Augen tief in eines jeden Seele +schauten, seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm her, +aber ein süßes Lächeln, das fast immer seinen Mund umschwebte, verjüngte +sein Gesicht durch eine liebenswürdige Freundlichkeit und lockte zur +Mittheilung aller Gefühle und einer kindlichen Aufschließung des +Herzens. + +Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller See im bleichen +Licht des Mondes glänzte. Der letzte Streif der Abendröthe glimmte durch +die Fichtenwipfel und durch die zitternden Cypressen bebten ungewiß die +Sterne. Verspätete Mücken spielten im Mondstrahle, Käfer summten träge +und schläfrig um sie her, und laut erklang durch die ruhige Einsamkeit +des Waldes das zirpende Lied des Heimchens. + +Siehe Omar, begann _Abdallah_, wie schön! -- Ha! der ruhige See über +den sich der Mondschein so lieblich herabsenkt, -- der Abend, der noch +in den hohen Wipfeln der Bäume säuselt, das Lied der Nachtigall, das +mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem Walde heraufschallt, -- o +sieh Omar! wie alle Geschöpfe sich freuen, wie alles lebt und im Leben +glücklich ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendröthe Abschied +nehmen, und der Käfer der Nacht seinen dumpfen Willkommen entgegensummt. +-- O die lebendige Kraft, die aus der Natur so unerschöpflich quillt und +unzähligen Wesen Athem und Dasein giebt, -- dieser Anblick erfüllt das +Herz mit lautem überströmenden Dank gegen den, der so gütig alles aus +dem Nichts hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei glücklich! -- + +Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen Baums und sahe starr +vor sich nieder. + +_Abdallah._ Du bist traurig, mein Omar, kann dich dieser Anblick nicht +heiter machen? + +Omar blickte auf und faßte seine Hand. -- Sieh, sprach er, die +Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen der Sonne so wehmüthig +nach, denn es war das letztemal, daß sie sich in ihrem Strahl erquickten. +-- Diese Woge wirft das Leben an den Strand, die nächste Welle kömmt, +verschlingt es wieder und senkt es in die tiefsten Abgründe. -- Eine +unendliche Schöpfung spielt itzt lebendig um dich herum, -- und in der +folgenden Stunde -- liegt sie todt und verwest. -- Eine Lebenskraft +fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen wie ein Allmosen +auf einen Augenblick einen Funken Leben, sie sind -- und geben dann ihr +Leben wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist ein Gesang, wo ein +Ton den andern verschlingt und vom nächsten verschlungen wird. -- + +_Abdallah._ Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft meine schöne +Begeisterung mächtig nieder. -- Ach ja, alles geht durch die Natur +hindurch und verläuft sich wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur +geboren, um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zurück, woher es +gekommen ist. -- O Omar, wenn ich dich nun fragte: Warum glänzt dieser +Mond? Warum funkeln diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist +in meinem Innern? + +_Omar._ Wozu? -- O Jüngling, laß die Erde unaufgewühlt, du findest ein +scheußliches Todtengerippe! Laß diese Geheimnisse ewig deiner Seele +verschlossen bleiben. -- + +_Abdallah._ Verschlossen? -- O nein, mein drängender Geist steht vor +dieser Pforte und klopft ungestüm an. -- Was der Mensch fassen kann, +will auch ich begreifen. + +_Omar._ Du vertraust dich einem Meere, das dich nie an's Land +zurückträgt, Zweifel wälzen sich auf Zweifel, Woge stürmt auf Woge, +dein Ruder ist unnütz und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar +unermeßlich entgegen. + +_Abdallah._ Ich könnte nicht ruhig sein, wenn ich wüßte, daß etwas da +sei, was in meinem Gehirne Raum hätte und dem ich den Eingang versagen +müßte. + +_Omar._ Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer vor sich, an die sie +vergebens mit allen Kräften anrennt, -- wir sind in einem ehernen Gewölbe +eingeschlossen, wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden +Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind nichts, als der Widerschein +von uns selbst im glatten Erze, -- o schon viele Weisen stürzten mit +Ohnmacht von diesen Schranken zurück, -- und starben. -- Der Zweck +unsers Daseins? -- O wer hindurchschauen könnte durch das Geheimniß +der unendlichen Nacht, wenn doch vom Thron der Gottheit nur _ein_ +Sonnenstrahl herniederschösse! -- Wir tappen ängstlich umher -- und +finden nur die Wände, die uns eingeschlossen halten. Wir sehen nichts, +als daß wir Gefangene sind, -- _warum_ wir es sind, müssen wir mit +Geduld vom Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten. + +_Abdallah._ O warum verlieh uns der Schöpfer nur so viel Kraft, diese +Schranken zu sehn und nicht zu durchbrechen? -- Warum ward eine Ahndung +in unser Herz gelegt, die nie zur Gewißheit reift? Eine Centnerlast +liegt auf unsrer Brust, und wir kämpfen vergeblich sie abzuschütteln. + +_Omar._ Vielleicht werden alle diese Räthsel einst gelöst. -- Ein großer +Schwung wälzt sich durch alle Theile der Natur, durch alle Wesen klingt +ein Ton. Eine Kraft drängt sie zu einem Mittelpunkt: _Genuß_! -- Alles +schöpft aus dem nie versiegenden Quell und legt sich dann zum Schlafe +nieder. -- Die Welt ist eine reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt +und gesättigt aufsteht, der Schöpfer schickte die Millionen Wesen in die +Wüste hinaus, sie sind Staub und in sich selber eingekerkert, -- aber er +gab ihnen tausend Mittel auf den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles +freut sich, alle Wesen kommen, genießen und sterben dann, ohne es zu +wissen, so wie sie geboren wurden, -- nur der verblendete Mensch verfehlt +sein vorgestecktes Ziel. + +_Abdallah._ Der Mensch? -- Wie? der Preis der Schöpfung? Um dessentwillen +die Natur ihre reichen Schätze aufthut? Um den sich die Bestimmung alles +Erschaffenen dreht? + +_Omar._ O des Stolzes! -- Die Bestimmung alles Erschaffenen? Kein Mensch +weiß seine eigne Bestimmung, er taumelt selbst verlassen in der Finsterniß +und maßt sich an, den Wesen ihren Rang und ihren Zweck anzuweisen. -- Allen +Wesen ward ein gleiches Bürgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch +reißt sich aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genießen wie alles +genießt, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode und seinem Verhängniß, +alle seine Kräfte kämpfen rastlos von der Zeit eine Stunde und eine +Minute nach der andern zu erbetteln, -- um auch in dieser zu fürchten, +um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren Auflösung weit außer +ihm liegt. + +_Abdallah._ Wenn Genuß der höchste letzte Zweck unsers Daseins ist, +wodurch ist dann der Mensch vom Thiere unterschieden? + +_Omar._ Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch wäre glücklich, hätte er +nie höher gestrebt, die Natur umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen +Armen, hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, -- aber der Stolze +hat sich von seiner Mutter losgeschworen, sieht die Sterne, die über +seinem Haupte hängen, erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen +zu: ich bin euch nahe! Wehmüthig lächelnd blicken die Sterne auf ihn +herab und er steht nun verirrt am schwindelnden Abschuß; zur blühenden +Wiese, die er erst verschmähte, hat er den Rückweg verloren. -- + +_Abdallah._ Und nichts als diesen verächtlichen Übermuth hätte der +Mensch vor den Thieren des Waldes voraus? + +_Omar._ Nichts als ihn. Mit verachtendem Fuß stößt er die Erde zurück +und will sich an die Gottheit drängen, aber seine klägliche Natur zieht +ihn allmächtig zurück. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich +brüstet, -- Wolkenschatten, die der Wind über die Ebne jagt und denen +der Wahnsinnige nachtaumelt. + +_Abdallah._ Tugend, Omar, nur ein Schatten? -- Der Lasterhafte und der Edle +ständen hier in einer Reihe? Die beiden Enden, Größe und Verächtlichkeit, +schlängen sich zusammen? Aus _einem_ Samen sproßte der Schierling und +die heilende Pflanze? -- Unmöglich! -- + +_Omar._ Und warum unmöglich? + +_Abdallah._ Wo ich anbetend in den Staub sinke, wo mein Geist in +verehrender Demuth die Flügel zusammenschlägt, wo mein ganzes Wesen sich +in Ehrfurcht auflöst, -- an diesen Stolz der Menschheit wäre die Schaam +der Welt mit unauflöslichen Ketten geschlagen? + +_Omar._ Derselbe Gesang auf einer andern Laute. + +_Abdallah._ Nein, Omar, nein. -- Die Gerechtigkeit des Ewigen wird durch +diesen Glauben angeklagt. -- Wie könnte der Gütige dem Edlen Belohnung +und dem Bösewicht Strafen aus jener schwarzen Thür am Ende ihrer Bahn +entgegenschicken? + +_Omar._ Abdallah, wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht, +wohin wir gehen. Ob uns ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied +nehmen, ob wir mit allen unsern Träumen in das kalte Grab eingeriegelt +werden -- o das ist ein Räthsel, vor dem die Weisen ewig forschend +stehen werden. -- Strafe, -- Belohnung, -- Tugend, -- Laster. -- Wenn +ich dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend und Laster +gründetest, du würdest um eine Antwort verlegen sein. -- Die Gewohnheit +lehrt uns Worte sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken. + +_Abdallah._ Omar, du machst, daß ich mir selber mißtraue. -- + +_Omar._ Wir sind mit unsrem Lob und unsrer Verdammung so freigebig und +kurzsichtig genug, um nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides +vertheilen. -- Wir ahnden nicht, daß es nur eine Kraft ist, die in der +Tugend und im Laster lebt, beides _eine_ Gestalt, aus demselben Spiegel +zurückgeworfen. -- Nur ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied +und sagte: dies sei gut, dies nicht! + +_Abdallah._ Ein Thor? + +_Omar._ Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist zu kurz _uns selbst_ +zu kennen, -- in unsrem eignen Innern herrscht ein wüstes Dunkel und +mit vorwitzigem Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen in seiner +Seele lesen. + +Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder. _Omar_ fuhr fort: + +Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem Innern aufsteigen, +von tausend innern Kräften gereift, von hundert Neigungen gepflegt, +schießt die Pflanze empor, -- nur ich, der Schöpfer, bin mit ihrer +Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur, ich handle nur für +mich, der ich mich selbst kenne, -- alle übrigen Menschen sind für mich +in einer mindern Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der +Krokodil Fremdlinge sind. + +_Abdallah._ Omar, du wirfst mich in eine fürchterliche Einsamkeit, ich +verliere mich selbst in der schrecklichen Wüstniß. -- + +_Omar._ Ich handle, wie mein innrer Sinn es mir befiehlt, und ein +Fremdling, der nicht in das Gebäude meiner Seele hineinschauen kann, der +die Leiter nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gefühl, das Gefühl +zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich zur Wirklichkeit aus dem +unergründeten Brunnen heraufstieg, -- dieser tritt mit kaltem und +verschloßnem Sinn herbei und sagt: deine That ist ein _Laster_! + +_Abdallah._ O ich verstehe dich! weiter! weiter! + +_Omar._ Aus derselben Quelle wird eine andre Schaale heraufgezogen +und man nennt sie _Tugend_. Beide steigen aus der Tiefe _einer_ Seele +hervor, aus _einem_ Stoff gewebt -- und man hält sie für Feinde. + +_Abdallah._ Fürchterlich sonderbar! + +_Omar._ Wo ist der Bösewicht, der nicht zum Engel würde, wenn er +den Richter in die geheime Werkstätte seiner Seele führen könnte? +-- Abdallah, wir sind Brüder aller Mörder, die je die Geschichte mit +Abscheu genannt hat und schwesterlich schließt sich unsre Seele an alle, +die einst bewundert und angebetet wurden. -- O ihr Thoren, laßt den +nichtigen Rangstreit, _ein_ Hauch weht in allem Leben, -- freut euch +dieses Hauches, er kehrt nicht zurück, wenn er entflohen ist. + +_Abdallah._ Du führst mich durch Labirinthe, Omar. -- + +_Omar._ Als die erste Gesellschaft zusammentrat, als man das erste +Gesetz niederschrieb, da veräußerte der Mensch selbst sein hohes, +heiliges Recht. Dem Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit, +allmächtig ward eine Schnur zwischen Gut und Böse gezogen und +unglückliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile, die Menschen gegen +Menschen hetzten, das Blut von Tausenden vergossen. -- An den Gedanken +_Verbrecher_ knüpfte man Haß und Unversöhnlichkeit und eine ewige +Verfolgung wühlt durch das ganze Menschengeschlecht. -- Seit der Zeit +ist der große Spruch gesprochen; in einem nichtigen Taumel greift der +eine zur Belohnung seiner _Tugend_ nach der Sonne und tritt gewaltsam +seinen Bruder unter sich, der nach dem Übereinkommen ein _Verbrecher_ +ist. -- + +_Abdallah._ Ha! die ewigen Schranken stürzen ein! + +_Omar._ Strafe und Belohnung? -- Hier unten sind sie entschieden, -- aber +wen soll der Richter dort belohnen oder strafen? -- Sandte er nicht alles +was ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht sein Athem, +der den Staub belebt? -- Alle Handlungen kommen zu ihm zurück und melden +sich als ihm angehörig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten umher; +wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem Spiegel der unendlichen +Naturen, soll er, _kann_ er sich selber strafen? -- + +_Abdallah._ Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten stehn aus einem +Abgrund auf, mich zu schrecken. -- + +_Omar._ Von einer unbekannten Macht der Welt übergeben, tritt der Mensch +seine Bahn an, nicht aus sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen +in das Leben geworfen. -- Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen und +Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht durchaus verloren, +-- alle Lagen, von Kindheit an bis in sein Greisenalter, prägen sich in +treuen Abdrücken in seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn +anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung, seinem Vergnügen, +aus den todten Gegenständen, die ihn umgeben, tritt ein andres fremdes +Wesen an seine Stelle, -- das nach und nach von einem neuen wieder +verdrängt wird. + +_Abdallah._ So sind wir nur eine Hütte, in die ein Fremdling nach dem +andern einkehrt und sie dem folgenden überläßt. + +_Omar._ Wer handelt nun? -- Wer ist gut, wer böse? -- Soll des Mörders +Dolch bestraft werden, oder sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der +Gedanke, den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? -- Sein Blut, +das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der durch tausend Formen +wandelnd, von einem Sonnenstaub seinen Weg antrat und beim gräßlichsten +Morde aufhörte? + +_Abdallah._ Undurchdringlich ist das Gewebe, das sich seit Ewigkeiten +her verschlang. + +_Omar._ Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern Willen, unsern +Vorsatz nennen, ist nur der Einfluß fremder Dinge, wir sind nur ein +Stoff, an welchem fremde Kräfte sichtbar werden; ein großes Spiel von +einer fremden Macht regiert, der eine steht als König, der andre als +Sklave da, -- und alle sind sich gleich, nichts als hölzerne Zeichen, +obgleich der König und der Ritter stolz auf das Fußvolk vor sich +hinabsehn, -- das Spiel ist zu Ende -- und Laster und Tugend hört auf +verschieden zu sein. -- Ein Wirbel dreht sich durch die Welt, alles bis +zum kleinsten wirkt in den großen Plan; der eine Augenblick gebiert den +folgenden, eine Handlung stößt die andre vor sich her, eine unendliche +Kette, die sich rund um alle Welten zieht. Kein Glied kannst du +herausreissen, ohne das vorhergehende und folgende zu zerstören und +eine allgemeine Vernichtung zu bewirken. + +_Abdallah._ O entsetzlich! -- Omar, -- ich schaudre, -- wenn ich gerade +_diesen_ Schritt itzt nicht thäte, -- nicht gerade _diesen_ Gedanken +dächte -- so könnte die Welt nicht erschaffen sein! -- + +_Omar._ Nothwendig. -- Eine große Schwungkraft belebt die Unendlichkeit, +alle Kräfte weben und wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die +treibende Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle Pulse der +Natur und so geht das große Werk den allmächtigen Gang. -- Wie will dies +kleine Wesen, der Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in seinem +engen Geist den Schöpfer mit all seinen Planen fassen? Eigenmächtig gegen +das Weltall wirken und durch sein jämmerliches Dasein noch _Verdienst_ +erringen? Ohnmächtig kämpfend wird er fortgerissen, der eine Ton verklingt +in der allgemeinen Harmonie. + +Beide schwiegen düster vor sich hinbrütend. Ein hohes Roth flog über +_Omar's_ Wangen, ein neues Feuer fuhr in seinen Augen auf, er faßte +heftig Abdallah's Hand. + +Jüngling! rief er aus, was wir gut, was wir böse nennen, verschwimmt +in ein Wesen, alles ist nur _ein_ Hauch, _ein_ Geist wandelt durch die +ganze Natur und _ein_ Element wogt in der Unermeßlichkeit -- und dieses +ist _Gott_! + +Abdallah fuhr zurück. + +_Omar._ Wo sollte der Unendliche jenseit der Schöpfung Raum für sich +finden? -- Er umarmt und durchdringt die Welt, _die Welt ist Gott, in +einem_ Urstoff steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind +Theile seines Wesens! -- Dies ist der tiefe Sinn von der Lehre seiner +Allgegenwart. -- Wirft er einst die Kleidung wieder von sich, dann gehn +im Ruin die Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder da, er +vor sich selbst, in der ewigen Wüste. -- + +Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund umher versunken, er stand +mit gesenktem Haupte und betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen +Bilder, die auf- und niederschwebten. -- Omar, sagte er nach langer +Zeit, -- nun ist die Kraft meiner Seele versiegt, alle meine schönen +Entwürfe, meine wonnevollen Schwärmereien liegen wie Leichen um mich +her, alle Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust +verwest. -- Ein Kampf rastloser Zweifel wüthet da, wo ehedem meine +Himmel standen. + +_Omar._ Du hast es so gewollt, du hast das fürchterliche Todtengerippe +ausgegraben, wo du einen Schatz zu finden hofftest. -- O, wohl dem, der +mit verbundnen Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst anrührt +und furchtsam fragt: Wer bin ich? + +Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein Geist war von +hundert neuen Vorstellungen verwirrt, ohne sich festhalten zu lassen +flohen tausend Gestalten seiner Seele mit Blitzesschnelle vorüber. + +Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen der Tannen und von +zitternden Schatten getheilt, gossen sich goldene Streifen über die +Wiese aus. Ein leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der Bäume und +spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See schwankend tanzte; +ruhig betrachtete sich die Gegend selbstgefällig in dem Wasserspiegel +und der Duft der Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schooß der Erde. + +Die schöne Landschaft, mit all den lieblichen Träumen, die über ihr +hingen, vermischte sich nach und nach mit den Gedanken Abdallah's; er +hatte sich schon den Spielen seiner Einbildungskraft überlassen, als er +noch zu denken glaubte. + +Die Wipfel säuselten immer leiser und leiser, vom Winde angehaucht lief +ein stilles Flüstern durch das Rohr des Sees, -- immer wunderbarer spielte +das Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, -- noch einigemal blickte +er mit mattem Auge empor und sahe wie vom nahen Berge ein Greis in die +Arme seines Omar eilte, -- beide hielten sich umarmt -- als die Gegend +allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang hinabsank. -- + +Aus den Cypressen stiegen Träume auf ihn herab, durch seine Augenlieder +dämmerte schwach in seine Traumgestalten die monderhellte Gegend. -- + +Plötzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes Rauschen, wie wenn +die erboßte Fluth gegen Felsen hinanheult, fuhr immer lauter und lauter +über ihn dahin, -- Abdallah erwachte. + +Da stand er einsam in schwarzer Nacht, Stürme hatten den Mond hinter +ferne Gebirge hinabgeschleudert, große Wolken wälzten sich krauß durch +einander, die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. -- Ein +Schaudern springt aus dem Walde hervor und packt ihn an mit eiskaltem +Arm. Omar! ruft er mit bebender Stimme, aber höhnend stürmt der Orkan +durch seine Töne und wirft sie zerrissen in die Lüfte. + +Ein leuchtender Glanz flammte plötzlich in den Wolkengebirgen auf, eine +Feuerkugel flog durch den Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend +blendende Funken von sich sprühte. -- Jeder Funken sprang mit einem +Donner los, der sich furchtbar auf des Sturmwinds Schwingen über alle +Wälder hinabwälzte. -- Mit lautem Gebrüll sank die Kugel nieder und die +stille Nacht stand wieder um Abdallah. -- + +Eine bleiche zitternde Gestalt fährt aus dem nahen Busche und ergreift +kalt Abdallahs Hand, -- es war Omar. -- Krampfhaft preßte er die Hand +des Jünglings in die seinige und riß ihn mit sich fort. -- + +Abdallah folgte schaudernd. + +Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach, Omar's Gesicht war +lang und verzerrt, sein Auge rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn +anzusehen. -- An Geist und Körper müde, legte er sich schlafen, Omar +ging noch lange gedankenvoll umher. + + + + +Drittes Kapitel. + + +Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. Der Tag sah trübe +durch die Fenster und eine schwermüthige Erinnerung des gestrigen Abends +kam ihm sogleich entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn an; alles, +was er vorher gedacht hatte, war von einem Strudel kämpfender Zweifel +verschlungen. Alle seine früheren Gedanken schienen ihm unreif und +kindisch; er hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und doch +that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er so sorgfältig aufgezogen +hatte, zerstört zu sehn. -- Wie eine schwarze Nacht stieg es in ihm auf, +wenn sein Geist noch einmal über alle die Gedanken hinwegsahe, die er +seit gestern dachte; er hätte es so gern nicht geglaubt, er hätte so +gern den vorigen Sonnenschein zurückgerufen, die vorige Unschuld seiner +Seele zurückgezaubert, aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst +alle seine früheren Gedanken zurück, die wieder in ihm aufdämmern +wollten. + +O heilige Tugend! rief er aus, -- vor derem Bilde ich einst niederkniete, +-- dein Altar ist umgestürzt! Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit +kühnem Fittig emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat meine +Schwingkraft gelähmt. -- Wer bin ich, wenn diese Gottheit todt ist, die +mich sonst mit mütterlichem Lächeln zu sich lockte? -- Ich muß mich +selbst verachten, wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine finstre +Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn ich dem Druck einer +fremden Macht nachgeben muß, die mich wider meinen Willen zu Gräueln +oder edeln Thaten drängt. -- Doch, was schwatz' ich? -- Mein Wille sinkt +im Triebwerk des Ganzen unter und mit der Tugend ist das Laster zugleich +gestorben, ich bin ein abgerißnes Blatt, das der Wirbelwind nach seinem +Gefallen in die Lüfte wirft. -- Der Unendliche, den ich sonst schwindelnd +dachte, auf dessen Vatersorge und Allmacht ich so fest vertraute -- er +und das Schicksal ist mir entrissen. Im Felsen und im Gesträuch steht +der Unfaßliche vor mir, mir näher gebracht und dadurch um so entfernter. +Omars Lehre hat mich zu einer Waise, mich mir selbst verächtlich +gemacht, -- und doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! -- + +Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen Träumen; Gefühle +wollten sich itzt in seine Seele zurückdrängen, die ihn einst so +bezaubert und die Aussichten des Lebens so verschönt hatten, aber kein +Klang aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte Seele. O! +rief er aus, gieb mir meine glückliche Unwissenheit zurück, Omar, laß +mich wieder zum Kinde werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach für +diese Last, er seufzt gekrümmt unter der drückenden Bürde. + +_Raschid_ trat itzt zu ihm herein. Er war kein Freund Abdallah's, aber +einer von den angenehmen Gesellschaftern, an die der Jüngling sich so +leicht schließt und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher +über die Gärten des Sultans und kam itzt zu Abdallah um Trost zu suchen, +denn er war gewöhnlich finster und verdrüßlich. Abdallah ging ihm +freundschaftlich entgegen. »Willkommen, sprach er, indem er ihm froh die +Hand drückte, ich habe dich lange nicht gesehn.« -- Er freute sich, daß +ihn jemand aus seinen Träumereien riß, die er gern von sich abwarf und +sich dem Wohlwollen überließ. -- Willkommen! rief er noch einmal. + +Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und sein Auge eingefallen. +Ein schweres Leiden schien seine Seele zu drücken, eine tiefe +unbestechliche Schwermuth sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge, +nichts vermochte eine Heiterkeit über sein Gesicht zu werfen, seine +Stimme war langsam und ohne Feuer. -- + +Dein Anblick wird immer kränker, fuhr Abdallah fort. + +_Raschid._ Kränker? -- Wirklich? -- Vielleicht geh' ich dem Tode +entgegen. + +_Abdallah._ Dem Tode? -- + +_Raschid._ Ich hoff' es. + +_Abdallah._ Du _hoffst_ es? + +_Raschid._ Mein Geist erträgt die Leiden nicht mehr, die sich immer +höher thürmen. + +_Abdallah._ Deine Liebe, Raschid, wird dich in dein Grab hinuntertragen. +-- Sei heitrer, verabschiede deinen Gram und werde wieder der blühende +Jüngling, der du warst. -- Die Liebe soll ja, wie man sagt, in Felsen +Paradiese auferstehen lassen und dir -- + +_Raschid._ O glücklich, daß du davon wie von einem unbekannten Lande +sprichst. -- Doch nein, du bist unglücklich. -- Ein Wesen ohne Liebe, +-- eine Laute ohne Saiten. -- Für die göttlichsten Empfindungen todt +kriecht der Gefühllose im Staube, wenn der Liebende den glänzenden +Fittig im Morgenrothe wiegt. -- + +_Abdallah._ Und dennoch nennst du dich elend. -- + +_Raschid._ Ja und doch möcht' ich meine Liebe nicht zurückgeben, -- Freund, +nur _ein_ Blick aus ihrem Auge -- ach! er würde den Frühling in meiner +Seele wieder auferwecken! -- Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten mich +zurück, -- ich liebe und darf nicht hoffen, -- ich wünsche und meine +Wünsche überschreien meinen Verstand; wenn er zuweilen die Stimme erhebt, +-- o dann treten sie alle bleich zurück. -- Mein Unglück hat alle Blumen +um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, die Freude hat mich +in eine düstre Nacht geworfen und mir ewig ihre Thür verschlossen, -- ach +Abdallah, ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung soll mich +in's Leben zurückhalten? -- + +_Abdallah._ Wer würde nicht wenigstens hoffen? -- + +_Raschid._ Ach! wenn ich nur hoffen dürfte! wenn ich nur eine Spalte in +der hohen Felsenmauer entdeckte, durch die ich mich hindurchwinden könnte! + +_Abdallah._ Du hast mir aber noch nie den Gegenstand deiner Liebe +genannt -- wen liebst du? + +_Raschid._ Laß dies noch itzt ein Geheimniß bleiben. -- Ach! ich möcht' +es mir selber nicht gestehn, daß der Mensch sich seinem Glücke Mauern in +den Weg baute, die seiner Ohnmacht spotten, daß -- ich kam hierher mich +zu trösten und ich gehe trauriger von dir als ich kam. + +_Abdallah._ Wodurch kann ich dich trösten? + +_Raschid._ Nein, ich mag auch nicht getröstet sein. -- Lebe wohl! +-- dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich leide ihn für sie, -- ich will +in der Einsamkeit meine Thränen weinen, ich finde keinen Menschen, der +mich versteht. + +Er ging und Abdallah sah ihm traurig nach, dann versank er wieder +allmählig in sein voriges Nachdenken. Omar kam. -- Du bist so tiefsinnig, +Abdallah? + +Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an. + +Worüber dachtest du? fragte Omar. + +_Abdallah._ Über deine gestrigen Lehren. + +_Omar._ Sie haben dich traurig gemacht. + +_Abdallah._ Ich irre in einer ausgestorbenen Wüste, alles ist hin, was +einst mein war, ich selbst habe mich verloren. Du hast mich Verachtung +meiner selbst und der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich +sonst so warm die Natur umfaßte? -- + +_Omar._ Und muß denn Abdallah _hassen_, um _lieben_ zu können? -- Ich +habe dir deinen Haß genommen und um so größer sollte deine Liebe sein; +du sollst alles lieben, auch den, den die schmähende Welt mit Füßen +tritt. + +_Abdallah._ Alles? -- Ach Omar, kann es der Mensch? + +_Omar._ Er soll es wollen. + +_Abdallah._ Mein Geist sträubt sich gegen diesen freudenleeren Glauben. + +_Omar._ Weil er deinen Stolz kränkt. -- Vieles ist gestürzt, auf das du +bis itzt eingebildet dich für besser als tausend andre hieltest; es ist +dir genommen und du sinkst zu den übrigen Menschen hinab. Aus Eigennutz +bist du unzufrieden und bildest dir ein, es geschehe der Tugend wegen. +-- + +_Abdallah._ Omar, du hast tief in meine Seele geschaut. -- Kann aber die +sterbliche Natur sich ganz vom Eigennutz losreißen? du sagtest selber, +jeder handle nur für sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner +Entwürfe und müssen die übrigen Wesen nicht mir selber weichen? + +_Omar._ Du sollst und kannst dich nie von dieser Schwäche trennen, +-- nur der Stolz sei dieser Eigennutz nicht; sei eigennützig im _Genuß_, +ein Traum ist kein Genuß. -- + +Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater _Selim._ + +_Omar._ Und verschließe diese Lehren tief in deine Brust, sie taugen für +kein ander Ohr. + +_Abdallah._ Für mich allein hast du also diese Trostlosigkeit ausgelesen? + +_Omar._ Abdallah, sei nicht undankbar. -- Der Weisere kann mich nur +verstehn. + +Abdallah ging. + + + + +_Viertes Kapitel._ + + +Selim saß in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er +bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte +er, um dir eine wichtige Nachricht anzukündigen; hat dir Omar nichts +davon gesagt? + +Nichts, antwortete Abdallah, -- aber dieser Name den du genannt hast, +lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser +Omar? + +Und wie kömmst du so plötzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst +ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas näher von +ihm unterrichtet zu sein. + +Dieser Omar, antwortete _Abdallah_, ist mein zweiter Vater, nach dir +lieb' ich _ihn_ am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein +soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt. +-- So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben +so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner +Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott +nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der +Weisheit. Alles, was ich denke und weiß, habe ich aus ihm geschöpft, +-- ohne seine Liebe könnte ich nicht glücklich sein. -- Er ist mir +bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so +vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Züge hab' +ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprägt, -- nur gestern +am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als +gewöhnlich hob, -- oder war es das nüchterne leere Erwachen von einem +Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene +Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur +Stadt zurückging, trat mich plötzlich das sonderbare Gefühl an, als +wenn ein _fremder Mann_ zu meiner Seite gehe, -- ich war hundertmal +im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht, +ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewiß um ihn her und +verstellte alle seine bekannten Züge, -- ich war aus mir selbst +herausgerissen, -- ich folgte ihm schaudernd. + +_Selim._ In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen +tausend Schwärmereien und trügende Gefühle um uns her, die, wenn wir +nach ihnen greifen, in Luft zerfließen und unsern Geist zu einer trägen, +thatenlosen Beschaulichkeit führen. Der männliche Jüngling muß alle +diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurückweisen, auf seiner +Bahn ungestört weiter gehn und diesen Morgendünsten nicht einmal ein +zurückgeworfenes Auge schenken. + +_Abdallah._ Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer +ist dieser Omar? + +Ich will dir alles sagen, was ich von ihm weiß, antwortete _Selim_; du +hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun +auch als deinen Wohlthäter ehren. -- _Ali_, der wie ein verzehrender +Brand in dem Körper seines Landes wüthet, gegen den tausend Flüche der +Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch +mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schätze +lockten seine Habsucht, er entriß mir alles, was ich besaß, -- nur deine +Mutter und du -- weiter blieb mir in dieser Welt nichts übrig. Du warst +damals einen Sommer alt und lächeltest am Busen deiner Mutter unverständig +dem Elend entgegen. -- Wir verließen die Stadt und wanderten über +unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und +reichte uns die ärmliche Nahrung, alle meine Freunde verließen mich, als +hätten sie mich nie gekannt, Sorge und Dürftigkeit waren unsre einzigen +unzertrennlichen Gefährten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und +lebten kärglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen +zuwarf. -- Ein stiller Gram wühlte unsichtbar in dem Herzen deiner +Mutter, sie reichte mir lächelnd den Abschiedskuß -- und ging nach +einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurück. Ich blieb mit meinem +Unglück in der Einsamkeit. + +Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort: + +Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein +Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lächeln nach +deiner Mutter fragtest und an den Grabhügel pochtest, um sie wieder +heraufzulocken; aber dein Lächeln war das letzte schwache Band, das mich +damals an diese Welt zurück hielt, unverletzliche Pflichten sprachen +mich aus deinem freundlichen Auge an, _du_ lebtest noch und darum war +mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend +entfernen, in der _Zamiri_ ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und +mich in dem Wohnorte meines Grams zurück zu halten. -- Ach Abdallah, es +waren traurige Tage, -- wenn das junge Morgenroth so glühend heraufstieg +und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend +über die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen +Sorgen langsam aufstieg, -- die Erinnerung dieser Tage, -- der Mensch +muß viel erdulden, aber sein Muth muß ihn nie verlassen. + + +Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hörte Abdallah die Erzählung +seines Vaters, dieser sprach dann weiter: + + +Ich besuchte täglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete +andächtig auf ihrem Grabe und flehte um Stärke. Im innigsten Gefühle +meines Elends saß ich einst auf dem Grabhügel, du spieltest unbefangen +vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu +und setzte sich traulich an meine Seite, unmännliche Thränen rannen heiß +über meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe +blühten. -- Plötzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem +Schatten der Bäume näherte. Er hatte mich in meinem Glücke oft besucht +und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn +ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des +Propheten wehte. Mein Unglück schien ihn zu rühren: Grabe, sprach er, +hinter jenem verfallnen Hügel und ein neues Glück wird dir entgegenblühen. +-- Ich grub und fand einen großen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir +Ali genommen hatte, -- als ich dem Derwisch meinen heißen Dank bringen +wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken -- und dieser Derwisch ist +_Omar_? + +_Abdallah._ Omar? + +_Selim._ Dein Lehrer Omar. -- Ihm dank' ich alles, was ich besitze, +alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. -- Ich ließ +mich an der fernsten Gränze des Reiches nieder, veränderte meinen Namen +und nannte mich _Selim._ Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht +sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verändert und sich +hierher begeben hat. -- Ich war itzt so glücklich als ich nur werden +konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus +besuchte. Ein hagrer ausgedörrter Greis reichte mir seine lange Hand, +die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen +eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schädel hin und her und seine +Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem +Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem +Todtengerippe -- deinen Omar. + +_Abdallah._ Omar? + +_Selim._ Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthäter, verpflegte ihn wie +einen Vater, bis er von seiner Siechheit genaß. Als seine Gesundheit und +seine Kräfte zurückgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand +und sagte: »du bist mein Wohlthäter Selim, du hast mein Leben gerettet +und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich +bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann.« So ward unser Wohlthäter +dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund. + +Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an +Omar und hing an seine Lehren ein noch größeres Gewicht; seines Lehrers +Tugend war unbezweifelt, um so zuverläßiger mußte also seine Weisheit +werden; der Lasterhafte, der die Tugend läugnet, wird nicht gehört, aber +wenn der Edle dem Bösewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder +nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres. + +Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die +Nachricht zu hören, die ich dir anzukündigen hatte? + +_Abdallah._ Verzeih mein Vater -- ich höre. -- + +_Selim._ Du sollst dich vermählen. + +_Abdallah._ Dein Gebot ist mein Wille. + +_Selim._ Des edlen _Abubekers_ Tochter. + +_Abdallah._ Du willst es und sie ist meine Gattin. + +_Selim._ Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, mein Sohn. Abdallah +wird seines Vaters Liebe nicht mit Undank vergelten. + +_Abdallah._ Nein, nie mein Vater. + +_Selim._ Du liebst also nicht, mein Sohn? + +_Abdallah._ Ich liebe nur dich und Omar. -- + +_Selim._ Laß diese kindliche Liebe nie in deinem Busen verlöschen. +-- Abubekers Tochter, -- oder meinen _Fluch_! + +Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzürnenden Blick an, den +Abdallah nicht verstand. Es war ein kalter fester Blick, der sich +unauslöschlich mit dem fürchterlichen Worte _Fluch_ in Abdallah's +Gedächtniß grub; bei diesem Blicke kehrte plötzlich wie ein Blitzstrahl +die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in seine Seele zurück, -- als +dieser hereintrat. + +Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, freundliche, bekannte +Omar; er ging froh hinweg und alle seine ängstlichen Besorgnisse waren +verschwunden. + + + + +_Fünftes Kapitel._ + + +Itzt trat auch _Abubeker_ in das Zimmer und mit ihm mehrere von seinen +und Selim's Freunden. + +_Abubeker_ war ein Greis von siebenzig Jahren, sein Gesicht war lang und +hager, sein Auge sanft und sein silberweißer Bart sank ehrwürdig auf +seine Brust herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben, +ohne daß er sie, oder sie ihn vermißte; er lebte mit seiner Tochter in +einer häuslichen Einsamkeit, nur von seinen Freunden gekannt und geehrt. +Er war im Felde erzogen und unter der Rüstung ein Greis geworden, die +Feinde hatten seine Tapferkeit gefürchtet und in seinem männlichen Alter +war Abubekers Name durch das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den +Diensten des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des Volkes, der +Ruhm gleicht dem Nebel, der sich über das ganze Gefilde auseinander +wickelt und am weitesten ausgestreckt, verschwindet. Im Lager und in +Schlachten hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden können, er +dachte daher nur langsam und beharrte unerschütterlich auf jede gefaßte +Meinung, jede seiner Überzeugungen ließ er sich ungern nehmen und eine +neue an ihre Stelle setzen: denn das, worüber er einmal gedacht hatte, +schien ihm die einzige und letzte Wahrheit. + +Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und alle setzten sich. + +Eine kleine Stille weilte über die Versammlung, als Selim endlich +aufstand, Abubekers Hand ergriff und wie von einem heiligen Feuer +ergriffen, also redete: + +Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, ein wackrer Mann; das +seid Ihr alle, die Ihr zugegen seid, und wäre einer unter uns, der dies +große Gefühl nicht in seinem Busen trüge, der entferne sich, ehe ich +weiter spreche, denn meine Worte taugen für kein unedles Ohr. -- Aber +nein, -- die edelsten Männer des Staats sind hier versammelt und darum +sollen ungescheut meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. Zum +Biedermanne muß der Biedermann ohne Umschweif sprechen, und eben dies +war die Ursach meiner Einladung. + +Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung umher, dann fuhr +er fort: + +Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen Tage, als der +Scepter des weisen _Alfargo_ dieses Land beherrschte, als ein ewiger +Friede an den Gränzen des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche +Treue alle Unterthanen in ein schönes Band vereinte und die Rüstung des +Fürsten war, als das Glück in unsern Häusern wohnte, als -- wozu der +schönen Erinnerung, Freunde? diese Zeit _war_ und _ist_ nicht mehr, der +Sonnenstrahl, der scheu an des Gefängnisses Mauern zittert, macht dem +Gefangenen den Kerker enger, diese Erinnerung ist uns das, was dem +verirrten Wandrer in der Sturmnacht das ausgelöschte Licht. Wir _waren +glücklich_, aus diesem Gedanken springt die traurige Überzeugung: wir +_sind unglücklich!_ -- Wie beim Gewitter hängt die Luft schwer und +drückend über unserm Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld +verlassen und verbergen sich in Höhlen, das Gras zittert leise dem +kommenden Sturm, die ganze Natur athmet schwer und harrt mit banger +Ungeduld dem einbrechenden Wetter. -- Dies ist das Bild unsers Vaterlandes, +Freunde; kein Gesicht lächelt, als das der unverständigen Kinder, kein +Auge glänzt, als das Auge des Sterbenden, keine Fröhlichkeit lacht +aus betrübten Herzen, -- traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst +versunken, von keinem heitern Gefühl aus unsern schwarzen Träumen geweckt, +stehn wir verlassen auf einer spitzen, meerumheulten Klippe und klagen +in das wilde Rauschen der See. -- Und warum hängen unsre Thränen so +schwer an den rothgeweinten Augenliedern? Warum schwellen unterdrückte +Seufzer unsre Brust so hoch? -- Sind die blühenden Felder um uns her +Wüsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne nicht mehr ihren Mantel +über dieses Reich? Hängt eine verzehrende Seuche über unsern Häuptern? +Sind unsre Freunde verschieden? -- + +Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest schaut wild auf uns +herab, die Sonne ist uns untergegangen und die Blüthe unsrer Fluren ist +dahin! Ein liebliches Morgenroth spielte im fröhlichen Wogengeräusch um +uns her, die Fluth sinkt zurück und unser Nachen steht auf einem dürren +Felsengrund eingeklammert. -- Das Glück hat uns seine Hand zum ewigen +Abschied gereicht und wir sehen mißvergnügt seinem Scheiden nach. -- Und +tröstet uns denn kein Ersatz über unsern Verlust und sind wir auch nicht +einmal begierig, die Ursach unsers Elends zu erfahren? + +O zum _Allgütigen_ laßt eure Klagen nicht dringen, denn er zürnt uns +nicht, die freigebige Natur hält keine karge Hand über uns ausgestreckt. +-- Aber welche übermenschliche Gewalt schnürt unsre Brust so mächtig +zusammen? Wer schlägt dies verfinsternde Gewölbe um uns her? -- O daß +ich es schaamroth aussprechen muß, -- ein Fremder würde staunend unsrer +Schwachheit spotten, -- ein _Mensch_! + +Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fließt, wie zu einem geizigen Meere, alle +unsre Arbeit zurück, wir leben nur für ihn, für den Einzigen kämpfen im +unnützen Streit alle unsre Kräfte. -- Ihm hast du, dem Undankbaren, deine +Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt, +hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner fürchterlichen +Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. -- Leben und Vernichtung +hält er auf der verfälschten Wage, an seinen Launen hängt schwankend +unser Glück, Gewitter donnern aus seinem zürnenden Auge, das Lächeln +seines Mundes ist unsre erquickende Frühlingssonne, seine Worte des +Ewigen unveränderliche Gesetze, -- wir stehn da, und fühlen daß wir +elend sind, und o der Schande! -- wir begnügen uns damit, daß wir es +fühlen! + +Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, daß wir auch +nicht einmal _murren_? Sind wir uns so fremd geworden, daß wir auch +nicht einmal unser Schicksal geändert wünschen? Daß wir uns mit dem +begnügen, was er uns aus der Verheerung zurückwirft und uns der Gnade +freuen, die uns noch unter den Trümmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln +vergönnt? Die Schlange verwundet wüthend die Ferse ihres Mörders, die +schuldlose Taube kämpft ohnmächtig gegen den Zerstörer ihres Nestes, +ja der zertretene Wurm krümmt sich zürnend unter dem Fuße des Wandrers +-- und _wir_! -- Wer ist der Schändliche, der sich nicht der Ketten +schämte und sie gern von seinen Armen streifte? -- O er gehe hin und +erzähle Ali meine Rede! + +Sklave und freier Bürger sind in unsern Zeiten gleich, das Reich kennt +nur _einen freien_, wir _alle_ sind seine Sklaven, das Vaterland und +seine Bürger sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wünsche knien vor +seinem Willen, das hohe Recht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt, +haben wir an diesen Betrüger verspielt. Unser Dasein können wir nicht +Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, Steine, die ein +muthwilliger Knabe zum Spielwerk am Abend in das Meer wirft. -- -- Und +wer ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Körper, von dem +zerbrochen jeder Stahl zurückprallt? -- Nein, eine Sammlung Staub, +wie wir, von einem aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestürzt. + +Wo ist der Muth, der in unsern Vätern focht und die Feinde erzittern +machte? Sind alle Dolche stumpf? Ist keiner mehr, der zu den Waffen +greift und sich und seine Brüder rächt? Keiner? -- O ich habe mich +geirrt, ich vergaß, daß ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, wo +unser höchster Wunsch ist, der schändlichste seiner Sklaven zu werden. +-- Die Zeit hat ihren Kreis gemacht und alles Edle aus unsern Jahren +hinweggenommen, nur mich Unglücklichen hat sie einsam stehen lassen. + +Er schwieg. -- Die Männer glühten, die Arme der Jünglinge zuckten +unwillkührlich. In vielen Augen stand die Thräne der hohen Begeisterung, +viele wollten aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise +Abubeker mit langsamer bedächtiger Stimme also sprach: + +Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, das Reich ist +unglücklich, die Tyrannei herrscht mit erschlichener Gewalt von ihrem +Thron herab, das Volk seufzt tiefgebückt unter dem ehernen Joch, -- aber +höre mich als Freund und zürne nicht. -- Ich stehe auf einem hohen Gipfel, +von dem ich über so manche Jahre hinweg sehe, die zu meinen Füßen +ausgebreitet liegen, das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die +Stelle der Weisheit. -- Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, die +verheerend das Gefilde überschwemmt, und es gedüngt und fruchtbarer +wieder verläßt? Einen Stamm, den der Blitz verbrennt und aus dessen +Asche ein schönerer mit frischer Kraft hervorschießt? -- In dem +gegenwärtigen Übel liegt oft die Geburt eines künftigen Glücks, nur daß +das sterbliche Auge nicht durch die Dunkelheit der Zukunft dringt, daß +unser kleiner Blick nur das umfaßt, was vor uns, nicht, was oft dicht +daneben liegt. -- Schon vielen Völkern sandte der Herr zur Züchtigung +einen eisernen Scepter und schon viele erkennten die bessernde Hand. +-- Ali ist vielleicht nur der Abgesandte einer höhern Macht, der uns +von dorther den Krieg ankündigt: können wir rebellisch gegen den Ewigen +aufstehn und seine weisen Plane meistern und verwerfen? Ziemt es dem +Sklaven, seinen Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? -- Tausend Diener horchen +auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen die Befehle seines Zorns. +Er darf nur winken und Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen. +Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und im Unmuth mit dem Hauch +seines Mundes gegen die Gränze des Weltalls zu zerschmettern, -- und er +sollte nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, wenn es sein +Wille wäre? -- Nein, wir wollen dulden, Selim, und im Dulden unsre große +Seele zeigen. Rache brüllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde und +verzeihe! -- + +O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre Kräfte verzehrt, +spricht aus dir. Der Stunden, die du noch zu leben hast, sind dir zu +wenige, um für sie zu handeln, -- aber unsre Kinder, Abubeker! + +_Abubeker._ Wacht nicht über sie das große Auge, das sich niemals +schließt? -- Laß sie die Tugend und Gott verehren und sie können nicht +elend werden. + +Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing an zu sprechen: + +Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand aus den Wolken lenkt +oft sichtbar die Schicksale der Menschen, das dunkle Verhängniß tritt +oft aus seiner Finsterniß hervor, und zwingt selbst den kühnsten +Zweifler zur schaudernden Verehrung. + +_Selim._ Und auch du, Omar? der du meinen großen Entwurf zuerst zur +Reife brachtest? + +_Omar._ Oft aber waltet die Allmacht in ihrer Undurchdringlichkeit und +lagert vor die frechen Augen Finsternisse um sich her. Oft tritt das +unerbittliche Schicksal zurück, es zerreißt den Faden, an dem es den +Menschen lenkt und läßt ihn ohne Leitung gehn. Dann schaut es auf +den Weg des Wandrers herab und zeichnet ihn mit ewigen Zügen auf der +unvergänglichen Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die Seeligen +oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden Druck stehn aus dem Herzen +die Tugend oder das Laster auf. + +_Abubeker._ Ich fasse den Sinn deiner Rede, Omar. Wenn das ewige +unwandelbare Schicksal niemals den Menschen aus seiner Hand ließe, dann +trieben wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre Schuld den +Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, oder in die See versenkte. + +_Omar._ Alle Widersprüche vereinten sich dann in einen Mittelpunkt, +die ganze Natur wäre eine Flöte, auf der ewig die Töne des schaffenden +Künstlers erklängen, keine That gehörte uns, unschuldig kehrten alle zum +Schöpfer zurück. -- Nein, Abubeker, wenn der Ewige auch nach seiner Güte +das Laster zuläßt, so ist er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften +führt, das hieße ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist ja das +Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernünfteln, mit eben der +Vernunft, die er uns lieh, ihn zu erkennen. + +_Abubeker._ Ein Irrthum täuschte mich, Omar. + +_Omar._ Ein Athem seines Wesens streifte leise den irdischen Staub und +es entstand der _Mensch_. Dieser göttliche Funke, der aus der Nacht sich +ihm freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des Waldes, +den Bäumen und Felsenwänden heraushebt, dieses ist das große Zeichen, +an dem die Menschen sich erkennen, das untrügliche Unterpfand, daß uns +jenseit ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den Staub +wieder von sich abschüttelt und zürnend das Thal verläßt, um einen +schönern Hügel zu ersteigen. + +_Abubeker._ Deine Worte wecken in meiner Seele eine Sonne, die das +Dunkel erleuchtet. + +_Omar._ Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der Natur finden. Wie der +Schnecke und dem Wurme Fühlhörner gegeben sind, um ihre Nahrung zu +suchen und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gütige dem Menschen +den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist das Leben, dem edleren Menschen +ist das Leben nur ein Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch +seinen Verstand sich selbst und Gott erkennen; je näher er diesem Ziele +gekommen ist, je mehr hat er die Krone des Siegers verdient. -- Ohne +diesen Stern, der unser Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf, +unter tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. -- Die Kraft der Heilung +liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber der Schöpfer tritt uns nicht +unmittelbar in den Weg; die schwache menschliche Natur würde zu sehr vor +ihm zusammenschaudern, er legt seine Furchtbarkeit ab und in schönen +Blüthen findet der Verstand des Menschen die Kraft des Gütigen wieder, +und Tod und Krankheiten fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden +Hauch, der ihnen aus den Kräutern entgegen duftet. + +_Abubeker._ Deine Gedanken über den Ewigen sind wie der Schein des +Mondes, sie leuchten auf den Pfad, ohne zu blenden, du verschlingst die +Allmacht mit der Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der +Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich _lieben_. + +_Omar._ Der Verstand regiert wie ein Steuermann unsern Willen gegen Wind +und Wogen der Leidenschaften und des Unglücks. -- Der Verstand formt +aus dem ungestellten Zufall eine Säule; statt uns selbst die Hand zu +reichen und durch das Dunkel zu führen, haucht der Ewige an diesen +Funken und er leuchtet heller. -- Dann werden große und edle Thaten +geboren, Tyrannenthronen gestürzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen, +Völker besiegt und des Propheten Glaube über Meere getragen. -- Diesen +Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heißt seiner Güte spotten, da er +uns einen Schatz anvertraute, den wir nicht benutzen, dann wird er uns +einst schwer zur Rechenschaft ziehen, daß wir ein Gut verachteten, das +uns ihm ähnlich macht. -- Es waren Propheten, die die Zukunft weissagten +von Gottes Athem angeweht: wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen +diese Gedanken gesendet hätte, wenn er durch uns Ali strafen und das +Reich wieder glücklich machen wollte und seine Allmacht dabei unsichtbar +erhalten, wenn wir die Pflanzen wären, aus denen der Gütige mittelbar +Genesung unsern Brüdern zusendete? + +Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die übrigen horchten +aufmerksam auf seine Rede. + +_Omar._ Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem Wink zu folgen und +unverzeihliche Trägheit, wenn wir die Arbeit, die er uns in den Weg +legt, verdrossen liegen lassen? -- Auf dann! tretet alle Zweifel unter +euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige »Nein« zu unsrer That, -- nun, +dann wird das Unglück unsern Schritten folgen und uns von seinem Zorne +Nachricht bringen. + +_Abubeker._ Du hast mich überwunden, Omar, ich gebe deiner Weisheit +nach. + +_Omar._ Ha! wenn wir keine Leuchte hätten, die uns durch die Nacht +begleitete! -- aber wir tragen sie in unserm Busen. -- Glaubet! ruft +uns der Ewige selbst zu -- und handelt nach eurem Glauben und Herzen! +Daher jagt das nagende Gewissen den Bösewicht, dies ist der gute Engel, +der den Menschen zu edeln Thaten winkt. -- Ein jeder muß nach seiner +Überzeugung handeln -- und wer glaubt nicht, daß wir alle glücklicher +wären, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? Unser Recht? -- o er +hat unser Recht verletzt, er hat unsre Menschheit gekränkt, er zwingt +uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er ist unser _Feind_, +nicht unser Fürst. Wir scheuchen das Unglück über die fernen Gebirge, +das itzt so dräuend über uns hängt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes, +aus seinem Grabe wird das Glück dann wieder auferstehn und uns dafür +belohnen, unsre Brüder werden Freudenthränen weinen, -- ha! wer steht +noch müssig? Wer kann noch furchtsam zurückzagen? -- Nein, Abubeker, +Freunde, -- wir _wollen_ nicht die Krone von Ali's Haupte reissen, +wir _müssen_ es, -- das Land liegt kniend zu unsern Füßen, des Ewigen +ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die Nothwendigkeit reicht +uns den blutigen Dolch, -- wir _können_ nicht zurücktreten und den +furchtbaren Arm von uns weisen. + +_Selim._ Nein, wir können, wir _dürfen_ es nicht. Die Gefahr streckt uns +ihren Rachen entgegen, -- stürzt auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht +unsern Triumph! Welcher Feige würde nicht mit dem Edlen um jeglichen +Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die große nie zerfallende +Scheidemauer zöge? Daß wir unser Leben wagen, o das ist es, was unser +Unternehmen zu einer großen That stempelt, das ist es, warum sie Männer +und keine Knaben fordert. Das Glück schwebt um uns her; faßt mit starkem +Arm den ehernen Ring und haltet ihn fest, -- dreht er sich allmächtig +weiter, -- nun was können wir mehr als _sterben_? Und können wir in +tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern Tod finden, als im Kampf mit der +Tyrannei dahinzusinken? -- O wem das _Leben_ das höchste Gut ist, der +mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, er mag sich hinter Ali's Thron +verkriechen und sich fest an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an +dem er gefesselt ist, -- wir kämpfen, siegen oder sterben für's Vaterland +und unsre Brüder, -- das Schild am Arm, den Säbel in der Faust stürzen wir +vor Ali hin und fordern _uns selbst_ von ihm zurück, -- wir verschwinden +in dem großen Ganzen, eine Woge im Meer; was liegt an mir, wenn ich auch +untergehe? -- Die Gefahr nicht achten, heißt sie tödten; sich selber muß +der Edle freudig seinen Brüdern opfern können. -- Wer so denkt, der +reiche mir seine Rechte! + +Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, jeder wollte der Erste +sein, der die Hand des edlen Selim faßte. -- Es ist kein Schändlicher +unter uns! riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat hinzu +und umarmte Selim und Omar. Eine große Begeisterung wandelte durch den +Saal, alle Gesichter glühten, alle Augen funkelten. + +Brüder! rief Selim aus, -- das Loos ist gefallen! -- Er kniete nieder. +-- Hier schwör' ich bei dem Ewigen und seinem Propheten, bis auf meine +letzte Lebenskraft gegen Ali zu kämpfen, mein Vaterland zu retten oder +zu sterben! + +Alle knieten und schwuren ihm den großen Eid nach, dann umarmten sie +sich von neuem, drückten sich die Hand und küßten sich wie Brüder. +_Ein_ Gedanke lebte in allen Seelen, _eine_ Entzückung, _ein_ Geist +wehte durch die ganze Versammlung. + +Freunde! sprach _Omar_, -- und wer soll denn an Ali's Stelle treten und +eine neue Sonne über unser Reich heraufgehn lassen. + +Alle schwiegen und _Omar_ fuhr fort. + +Das unmündige Volk bedarf eines Führers, ohne Oberhaupt würde es sich +selber vernichten. Ein weiser Mann muß an der Spitze stehn, der alle die +schweifenden Kräfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unnütz an +tausend mannichfaltigen Gegenständen zerschellen. -- Ihr kennt Selims +Weisheit, seinen Muth, seine Güte und Menschenliebe. Er betrete den +verwaisten Thron, er werfe unser Elend in das unergründete Meer und +wecke das Glück aus seinem Schlummer. -- Wer andrer Meinung ist, der +spreche! + +Du thust mir Unrecht, rief _Selim_, als alle schwiegen; warlich Omar, +deine Worte schmerzen mich tief. -- Hat denn Ehrgeiz oder Herrschsucht +meine Gedanken geleitet? Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung? +-- Ich widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch allen, wenn ihr +ihm beistimmt. -- Der Unbetrügliche sieht mein Herz, beim Grabe seines +Propheten schwör' ich hier, -- durch meinen Tod, ja durch meine _Schande_ +wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben und vergessen +werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf mein letzter Gedanke. -- Omar, +wie konntest du dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorübergehen? +-- Hier steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem zu tragen, das Ali +entweiht. -- + +Er warf sich vor dem Greise nieder und berührte mit der Stirn dreimal +den Boden, alle übrigen folgten seinem Beispiel. Der erstaunte Abubeker +war gerührt und konnte ihnen nur durch Thränen antworten. + +Du bist unser, Abubeker, sprach _Selim_, freiwillig zu uns herübergetreten, +von keinem äußern Zwange gedrückt. Der Edle muß aus eignem Willen handeln, +und damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf dich fiele, +hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, die du itzt erfahren sollst. +-- Ali, nach deinen Schätzen begierig, hat das Ziel deines Lebens näher +rücken wollen; Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet +und dich uns gerettet. + +Der Greis _Abubeker_ drückte ihm schweigend die Hand. -- Selim, sprach +er dann, ich bin dir sehr viel schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum, +du wandest ihn aus den Händen ungerechter Feinde, du schütztest mein +Leben gegen einen Räuber, dessen Säbel schon über meinen Schädel blinkte, +-- erinnerst du dich noch jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche +Freundschaft schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und wollen ihn noch +ferner halten. -- Damals schwurst du feierlich in meine Hand, dein Sohn +Abdallah sollte der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille? + +_Selim._ Ich schwur und ich hätte keinen Willen mehr, wenn es nicht mein +sehnlichster Wunsch, mein freudenvollster Gedanke wäre. + +_Abubeker._ Mein Kind vermählt sich deinem Sohne. + +_Selim._ Und wenn auch das Unglück uns verfolgt, auch wenn ich tausend +Schätze besäße und du wärst eben so elend, wie ich einst war, -- sie +wird meine Tochter, -- nimm dies Versprechen noch einmal vor dieser +feierlichen Versammlung. + +_Abubeker._ Eben dies verspreche ich dir, wackrer Selim. -- Dein Sohn +wird der meinige, -- aber wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher +vermißt. Sollte er keinen Theil an diesem großen Schauspiel nehmen? + +Omar trat hervor. -- Der zarte gefühlvolle Jüngling, sprach er, taugt +noch nicht für Männer Unternehmungen. Tausend zärtliche Besorgnisse für +seinen Vater würden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt noch +in der Blüthe und kann noch keine Früchte treiben; diese Gedanken würden +ihm Ruhe und Schlaf rauben und seine Hülfe würde uns unmerklich sein. +-- So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan, auf dem ein +Schwindel ihn wachend seiner Vernunft berauben würde. Wenn er oben steht, +dann wecken wir ihn sanft und er wird uns unsre zärtliche Sorgfalt danken. + +Alle stimmten ihm bei und man beschloß am folgenden Tage sich von neuem +zu versammeln, um über die Mittel zur Ausführung ihres Entwurfs zu +berathschlagen. Dann ging man froh auseinander und ein jeder nahm große +Gedanken und schöne Entwürfe in seiner Brust verschlossen mit sich. + + + + +_Sechstes Kapitel._ + + +So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; unbefangen ging Abdallah +neben allen Gefahren hin, die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in +schwarzen krausen Wolken über ihn zusammen, aber er hörte nicht den +Sturm, der von allen Bergen her die Dämpfe zusammenjagte, unbesorgt ging +er in seiner Unwissenheit dreist einher, wo er, in das Geheimniß der +Verschwörung eingeweiht, sorgsam prüfend den Fuß auf die schwankende +Brücke gesetzt hätte und zitternd sich umgesehn, ob nicht unter ihm die +Pfeiler stürzten. + +Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, er wollte eben die +Stadt verlassen, als ihm _Raschid_ begegnete. + +Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah entgegen. + +_Raschid_ war traurig wie gewöhnlich und erwiederte Abdallah's Gruß mit +niedergeschlagenem Blicke. + +Du bist traurig, sprach _Abdallah_, komm mit mir in die schöne Natur, +der Frühling wird dich heitrer machen. + +Itzt nicht, antwortete _Raschid_, nöthige Geschäfte rufen mich zu Ali; +aber wenn die Sonne untergeht, dann erwarte mich auf der steinernen +Bank, dem Pallast gegen über. -- Er entfernte sich schnell und Abdallah +ging durch die Thore der Stadt. + +Der schönste Frühlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, die Luft +athmete lau, Düfte von tausend Blumen lagen auf den Schwingen des +Westwindes, über die Berge war der glänzende Himmel wie ein blaues Zelt +ausgespannt, unter welchem lichte Wolken in leichter Bewegung tanzten. +-- Itzt hatte er einen Hügel erstiegen, der die schönste Gegend übersahe. +Ein Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, der Wald rauschte +ernst und feierlich und durch sein zitterndes Grün blinkte ein Strom +verstohlen hervor, der bald verschwand und dann wieder schön gekrümmt wie +ein weiter See im Sonnenschein glänzte. Friedliche Hütten lagen traulich +unter den Zweigen der Bäume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen +Strahlen auf das frische Grün des Rasens, das bald heller bald dunkler +sich den Hügel hinuntergoß, Cedern standen feierlich schwarz auf den +Bergen, die den Horizont begränzten. Alle Wesen, von der Fliege die im +Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und dem Adler in den Wolken, +waren froh und glücklich, von jedem Zweige des Waldes rauschte die +Freude, in tausend Gesängen bunter Vögel zwitscherte sie in das Geräusch +der Waldung. + +Abdallah stand und betrachtete mit Entzücken die glanzumschlungne +Gegend. O der schönen Welt! rief er endlich aus. Wie freundlich es aus +dem Thale zu mir heraufweht! Wie göttlich diese Wonne mich, wie ihren +Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend weit hinter mir, +alle meine Sinne thun sich dem wohlthätigen großen Gefühle auf. -- Welch +ein Feuer in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen zum +Herzen strömen! -- O unglückseliges Gedächtniß! -- Nur Tod brütete in +dieser unendlichen Pracht? -- Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem, +der im Walde rauscht? -- Mit dieser funkensprühenden Begeistrung bin +ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und doch drängt sich alles so zu +mir herauf, alles kniet vor mir und meinen Gefühlen nieder, in meinen +Empfindungen schwimmt ein ätherischer Glanz, der von mir selbst Bewunderung +erzwingt, ich schlage an die goldnen Saiten der Natur und verstehe den +großen Klang, -- ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten stummen +Massen, -- hinweg mit dir du Weisheit, die mich verschmachten läßt, +-- du raubst mir den Genuß, und Genuß ist ja das erste und letzte Ziel +dieses Erdenlebens. + +Er lagerte sich am grünen Abhang des Hügels und schaute in die +unendlichen Reize hinaus, die sich nach und nach dem aufmerksamen Auge +unaufhörlich auseinander wickelten. -- Eine heilige Ruhe schwebte mit +leisem Fittig über die Gegend, hundert neue Schönheiten gossen sich +aus, wenn sich der Schatten vor den Wald hin ausstreckte und die Berge +höher hinanlief, über das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein +freundlich zusammen und wechselten und spielten durch einander. Ein +gelber schräger Sonnenstrahl schimmerte gebrochen durch die fernen +Cedern und erglühte durch die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grünen +Berg, die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder zuckten. + +O! daß ich mich stürzen könnte in das Meer der unermeßnen Göttlichkeit! +rief der wonnetrunkene _Abdallah_, -- diese tausendfachen Schätze in +meinen Busen saugen! Könnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in +meiner Brust diese göttlichen Gefühle, die itzt durch meine Seele zittern! +Ach, daß der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! -- Ich +höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare +unausfüllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift? +Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder. +Ich schwindle auf der Freude höchsten Gipfel und stürze in den Staub +betäubt zurück. -- Alle meine Gefühle drängen mich weiter hinaus zu +einem unbekannten Etwas, zuweilen flattert unstät ein Schein durch die +Dämmerung und wie eine holdselige Erinnerung winkt es mir zu, -- aber +er verlischt plötzlich und die ungestümen Wogen wälzen sich von neuem +durcheinander. + +Ein Abendwind bließ durch die Waldung, ein rother Duft schwebte um den +Horizont, die ungewissen Widerscheine flossen nach und nach zusammen und +ein Kranz von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die Stirn des +Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus den Hütten und vermischte sich +mit dem Nebel, der leise und langsam über die Fluren schritt und in +tausend blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl durchbrochen. +Ein Schäfer zog mit seiner klingenden Heerde den Abhang herauf und seine +einsame Flöte tönte sanft in das Thal hinab. + +Abdallah ging mit seinen Träumen zur Stadt zurück, das Rauschen des +Waldes hallte ihm noch immer wieder, in sein Ohr tönte noch die Flöte, +die vom Berg herab ihm mit ihren Melodieen flüsternd gefolgt war. + +Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast des Sultan's +gegenüber, in tausend verworrenen Gefühlen versunken. Die Leere der +Stadt mit ihrem abendlichen Geräusch und der lärmenden Emsigkeit umgab +ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thüren, der Handwerker verließ +seine Läden, die Ausrufer gingen durch die Straßen, von den Moscheen +ward die Stunde zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose +Getöse hallte ihm noch wehmüthig froh der Flötenklang, in das Bild der +dämmernden Straßen schwamm noch ein Wiederschein von der reizenden +Landschaft und bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermüthigem Lächeln +ansah. Das Getön einer Thür riß ihn aus seinen Träumen, er schlug die +Augen auf und sahe -- _Zulma_, des Sultans Tochter. + +Schlank und mit majestätischer Anmuth trat sie herbei, um auf dem Altan +die Blumen und jungen Citronenbäume zu begießen und auf einen Augenblick +die Kühlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar floß geringelt +auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge brannte wie ein Stern durch die +Wolkennacht. Um ihre zarten Lippen spielte eine süße Freundlichkeit und +die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lächeln. + +Weitgeöffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, er verschlang +mit glühendem Blicke die reizende Gestalt und jede ihrer kleinsten +Bewegungen, er glaubte ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma +die schönste der Houris zu sehn, -- unter ihm hätte ein Erdbeben +unergründliche Schlünde reißen können -- er hätte es nicht gefühlt, +-- hätten tausend Donner um ihn her gebrüllt, -- er hätte sie nicht +gehört, -- alle seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem Körper +entflohen und brannte verzehrend in seinen Augen. -- _Zulma_ ging wieder +zurück und Abdallah starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch +immer den Schimmer des weißen Arms durch die grünen zitternden Blätter +zu sehn, zu sehn, wie die Rosen von ihrem Anhauch schöner glühten und +von Zulma's Glanz die Lilien heller leuchteten. + +Endlich erwachte er aus seiner Betäubung, so wie der Wandrer in der Nacht +erwacht, der müde auf dem Felde einschlief und den ein Reisender mit +einer Fackel weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, er +kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen Erinnerungen +abgerissen, taumelt er dumpf seine Straße fort, die Berge um ihn her +wanken im Schein und die Gegend liegt dunkel wie ein Räthsel vor ihm. +-- Aus diesem Gewirre kehrte _Abdallah_ endlich zurück, -- er sah, er +hörte wieder, seine zugeschloßnen Sinne thaten sich wieder auf, -- aber +er erkannte sich selbst nicht wieder. So wie er itzt sahe, hatte er noch +nie gesehen, so hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue Sonne +schien ihm entgegen, aus jedem Ton grüßten ihn holde Melodieen. Ihm war +als stiege er aus einer finstern feuchten Gruft heut zuerst dem Licht +entgegen, hundert Besorgnisse schüttelte er von sich ab, er fühlte sich +frei, stark und groß, kühn zu jedem Unternehmen, ausdauernd für jede +Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, feiner fühlend für Schönheit +und Edelmuth. -- Rothe Wolken schwammen durch den Himmel und glänzten +vorüberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten um ihn +her, alles war ihm theuer, alles war ihm neu und ein neugewonnener Freund. +-- Er ging über die Brücke des Flusses, der die Stadt durchströmte. Eine +flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth sank hinter den +Fluß nieder und warf ein bleiches goldnes Netz nach dem Abendsterne, der +seinem Glanze folgte, der Strom glühte in Purpur, vom Kuß des Himmels +erröthend, in sanften Krümmungen schlich sich das erhabne Ufer neben +den Strom hin und spiegelte sich in seiner Fluth, rosenrothe Wellen +plätscherten an das grüne Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde, +die auf einem schmalen grünen Landstreif sich in den Strom drängte und +aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre sprach in zärtlichen Tönen +vom Fluß herüber, -- Abdallah sahe in jeder Schönheit Zulma's Gestalt, +die jeden Reiz erhöhte, er schwamm in einem Meer von Wonne, er stürzte +sich und versank in die schönsten, erhabensten Gefühle. + +Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder und aus Osten +stiegen Schatten mit großen Schritten auf; er weinte und wußte nicht, +warum eine Thräne sich so heiß aus seinem Auge drängte. + +Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen trugen ihn auf dem Bache +der süßen Schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein. + +Die Zukunft strömte ihm hell und glänzend entgegen, wie ein Quell dem +durstigen Wanderer, goldne Träume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand +in den Träumen. -- Er war so glücklich, daß er nie hätte erwachen mögen. + + + + +_Siebentes Kapitel._ + + +Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs Armen und er erwachte. +_Zulma_ war sein erster Gedanke, der gestrige Abend stand vor ihm und +seine Einbildung holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen zurück. +Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor seiner Seele, oder wie eine +mondbeglänzte Gegend, er zweifelte an allen seinen Gefühlen, durch ihre +ganze Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die Quelle, aus +der dieser Strom seiner umgewandelten Empfindungen geflossen sei. + + +Ein früher Strahl des Morgens zitterte durch sein Fenster, er öffnete es +und sahe sinnend in die schöne Gegend hinaus. Ein frischer, kühlender +Hauch kam ihm entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des Flusses +und brannte golden an den Fenstern der hundert Palläste umher, ein dünner +Nebel sank in den Fluß zurück und durch den Himmel war ein purpurnes +Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte Zulma's Gestalt +hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, die sich auf den Wellen brachen +und lächelte ihm entgegen, in den Gebüschen am gegenüberliegenden Berge +säuselte ihr Name, die ganze Natur umher war nur ein Wiederhall seiner +Empfindungen. -- Dürftig und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser +Umwandlung gefühlt hatte, seine Phantasie war nun erst mündig geworden +und verschmähte ihr voriges kindisches Spielwerk, seine erhabensten +Gedanken reihten sich willig an das, vor dem er sonst kalt und ohne +Empfindung vorübergegangen war, ein heiliges Entzücken flüsterte im +Grase und spielte in der Gluth der Wolken, wie ein großes verschloßnes +Buch hatte sich ihm die ganze Natur aufgeschlagen. + + +_Raschid_ trat herein, als Abdallah sich noch seinen Schwärmereien +überließ, er wollte seinem Freunde Vorwürfe machen, daß er sein Wort +gebrochen und ihn am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hörte nicht, +was er sagte, sondern sprach mit seinen Träumen und wußte kaum, daß +Raschid neben ihm stand. Dieser verließ ihn endlich voll Verdruß, als +ihm Abdallah nur durch einzelne unzusammenhängende Töne antwortete. + +_Abdallah_ hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, er hing glühend +an seinen Phantasieen und Omar und seine traurige Weisheit war von +seinen neuen Gefühlen verschlungen. -- Vordem hatte er mit Kindlichkeit +die Tugend und sich geliebt, alle Räthsel, die vor ihm lagen, hatte ihm +Niemand Räthsel genannt und er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem +Abend, an welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, schien +ihm alles Glück der Einbildung erloschen, die schöne Hülle war von der +Natur abgefallen und er sahe nur das nackte Gerippe; er hatte schon +daran verzweifelt, daß ihn je wieder ein Strahl aus den glücklichen +Tagen seiner Unwissenheit anfliegen könnte, -- und itzt schmückte sich +alles schöner als je, so zauberreich stand noch nie die Wirklichkeit vor +ihm, so geläutert und rein hatte noch kein Gefühl in ihm geklungen. + +_Omar_ trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn nicht. -- Worüber denkst +du? fragte ihn dieser. -- Über nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und +Omar entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn sein geliebter +Lehrer verließ, als wenn eine lästige Gesellschaft von ihm gegangen wäre; +er überließ sich ungestört seinen Schwärmereien, wie jemand, der in +einem schönen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. -- Was ist +dir, mein Abdallah, sprach _Omar_ nach einiger Zeit, indem er von neuem +hereintrat. + +Abdallah schwieg. -- Was hat dich so tiefsinnig gemacht? fragte ihn Omar +mit freundschaftlicher Unruhe. + +Omar! stammelte _Abdallah_, sieh die Natur, die unendliche, unbegränzte, +sieh, wie tausend Schönheiten mich anlächeln und tausend schlafende +Empfindungen in meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen +von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. Wie des Morgens Gluth sich +durch die Wolken schwingt, wie die blühende Erde sich lächelnd in die +Arme des Himmels schließt, sieh, wie alles rund umher in dem lebendigen +Glanze schwelgt, -- o daß ich diese Göttlichkeit an mein Herz drücken +könnte und mit Seligkeit gesättigt in den hohen allgemeinen Wohllaut +zerfließen! + +Es ist nicht das, sprach der ernste _Omar_, indem er Abdallahs Hand +ergriff, du willst deinen alten Freund hintergehen und das solltest du +nicht. Du warst mir noch nie verschlossen, noch nie vergaßest du über +deine Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so wie itzt, -- noch +nie suchtest du deinen Blick meinen Forschungen zu verbergen, -- nein +Abdallah, noch nie strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes +zu ziehn. -- + +_Abdallah_ sahe nieder und schwieg; _Omar_ hatte die geheimsten Geberden +seines Geistes verstanden, er suchte daher beschämt seine Gesinnungen +zu verbergen und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit seinen +innigsten Gefühlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht glühte, seine Blicke +irrten ungewiß auf den Boden umher und suchten einen Gegenstand, der sie +fesseln könnte. -- Omar fuhr fort: + +Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? -- Bin ich nicht mehr +Omar, dein Freund? Warum willst du dich mir verbergen? Entdecke dich +mir, unsre Seelen sind sich ja verschwistert, laß mich dein Glück oder +Unglück mit genießen oder leiden; seit wann ist Abdallah so eigennützig +geworden? + +Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine heiße Thräne stieg in +sein Auge, ein großer Seufzer erstickte seine Worte, seine Hand zitterte +in der Hand Omars, dieser ließ sie mit freundschaftlichem Unwillen fallen. + +Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, so stehen Omar +und er nicht mit einander. -- Gut, ich muß dein Vertrauen noch erst zu +_verdienen_ suchen. -- Er wollte gehn. -- + +Nein, nein, Omar, rief ihm _Abdallah_ heftig nach, bleib! o ich will +ja zu dir sprechen. -- Doch was soll ich dir sagen? Wie wirst du mich +verstehn, da ich mich selbst nicht verstehe? -- Es giebt keine Worte, +keine Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingießen könnte, +wie es hier in meinem Herzen strömt und lebt! -- Könnt' ich dein Herz in +das meinige legen, deinen Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann +würdest du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn! + +_Omar._ Seelen, die sich so vertraut sind, wie die unsrigen, legen in +die Worte jene Empfindungen hinein, die keine Beschreibung ausfüllt, den +geistigen Hauch, der sich in keinen Tönen festhalten läßt, -- darum +werd' ich dich verstehen. + +_Abdallah._ Aber kann deine ernste Weisheit auch dem jungen Freunde +verzeihen? + +_Omar._ So sehr kann _Abdallah_ nicht fehlen, daß für sein Vergehn keine +Verzeihung sein sollte. + +_Abdallah._ Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein +Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe. +Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar, +alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist +meinem Herzen näher gerückt, ich fühle mich größer, edler, geistiger, +-- o mein Omar, laß dir alles in einem Wort' enträthseln: _ich liebe!_ + +_Omar._ Du liebst? + +_Abdallah._ O du mochtest lächeln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es +ist nicht jenes Gefühl, das unsre Dichter so oft beschreiben, -- kein +Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in +seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefühl der +Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt +hinauszureissen; eine allmächtige Woge hat mich auf die hohe gähe Spitze +einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurück und ich stehe +schwindelnd über Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf +ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, -- die Gottheit hat heut +mein Leben von neuem berührt und durch die leisesten Töne hindurch +zittert der allmächtige Stoß. -- Wer würde nicht dies Verbrechen mit mir +theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen? + +_Omar._ Dir verzeihen, daß du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles +Erschaffenen, das, was uns die öde Welt in einen Garten umwandelt? + +_Abdallah._ Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken +Kinde; ja, es ist die schönste Vollendung des Menschen, ich fühl' es, +Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, laß mir nur diese übrig und +ich werde sie nicht vermissen. + +_Omar._ Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, -- nenne +mir ihren Namen. + +_Abdallah._ Omar, du bist ein Gotteslästerer! -- Setze das Paradies auf +die eine und _Zulma_ auf die andre Seite, und ich werde _Zulma_ ohne +Bedenken wählen. -- Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts, +als sie, -- mir war's, als fiele ein lächelnder Blick ihres holden +Angesichts auf mich herab, -- o wär' es Wahrheit, ich wollte mein Leben +gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen! + +_Omar._ Zulma? -- _Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?_ + +_Abdallah_ schwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du +die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glücklich, als +ich nicht daran dachte, warum gönntest du mir nicht diesen lieblichen +Betrug? + +_Omar._ Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich zu dieser Sonne empor +zu schwingen? + +_Abdallah._ O die Liebe, die Allmächtige wird sie mir reichen! -- Der +Verzagte verliert ewig, dem Kühnen geht das Glück selbst entgegen. + +_Omar._ Du stehst vor einem Abgrund, der sich zwischen zwei Felsen +reißt, ein dichter Nebel liegt wie Land dazwischen und du trittst mit +vertrauendem Fuß in die Luft, aber du wirst in die Tiefe stürzen. + +_Abdallah._ Ach Omar, ich habe dir mein Geheimniß entdeckt, kannst du +nichts, als es tadeln, hast du keinen mitleidigen Trost, keinen Rath für +mich? + +_Omar._ Und wenn ich ihn hätte? + +_Abdallah._ O dann wollt' ich vor dir knien und dich meinen Erschaffer +nennen. -- Nur Hoffnung und ich bin nicht ganz elend! + +_Omar._ Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren -- + +_Abdallah._ Die Unmöglichkeit soll unter das Joch den ehernen Nacken +beugen, Gefahren will ich wie Blumen brechen und sie Zulma entgegentragen, +ich will durch wilde Ströme schwimmen, über Abgründe springen, durch +hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klüfte drängen, durch +die kein Leben wandelt, wenn sie nur am Ziel der schreckenvollen Wanderung +steht. -- O sprich! nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und +ich will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen! + +Abdallah! rief _Omar_ aus, sein Gesicht war feierlich ernst, seine Augen +durchschauten wild den Jüngling, -- heut in der Nacht will ich dich +wieder sprechen. Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach. + +Unglücklicher! rief er aus, -- wo sind nun alle deine hohen, himmlischen +Schwärmereien? Sie sind vor einem Worte wie Nebel niedergesunken, +und eine kahle Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im +tausendfachen Schimmer spielte. -- Welche Kette hängt an dem Worte +_Ali_, die mich so gewaltsam von Zulma zurückreißt? Lieg' ich in den +Staub gebunden und glänzt sie ewig unerreichbar wie ein Sirius über mir? +-- Nein, ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt es +kein Glück, kein Leben für mich, bei diesem Spiele kann ich nur +gewinnen. + +Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn ein Gedanke +plötzlich überraschte. + +Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig fort. -- Und mit deines +Vaters Fluch, Elender, verlierst du nichts? -- O eine schwarze Ahndung +breitet sich über meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt vielleicht +das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich stehe hier vielleicht am +Scheidewege, wo ich in einen dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und +die freie helle Flur auf immer verlasse. -- Mein Vater selbst tritt mir +in den Weg und hält mich an, mein Vater liebt mich, um mich elend zu +machen. -- Alle meine Hoffnungen stürzen von diesem Fels zurück und +hinter mir stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren +mir den Rückweg. -- Omar, leite deinen Freund aus dieser Irre! -- + +Er überließ sich seinen Gedanken, die bald den vorigen Schwärmereien +weichen mußten, bald wieder kalt und verweisend ihre Stelle einnahmen. +-- So träumte und dachte er bis zum Abend. + + + + +_Achtes Kapitel._ + +Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar und Abdallah die Stadt +verließen. + +Wolken gossen sich gedrängt und düster von den Bergen herab, in hohen +unendlichen Gebirgen aufgewälzt, wie eine dicke gewölbte Mauer hing der +schwarze Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten über ihnen, kein +Stern sah durch die Hülle, kein Strahl des Mondes zitterte durch die +Wolkenwildniß: ein Regen rauschte in den nahen Bäumen, durch den fernen +Wald wandelte der Sturm dumpf murrend, die Wächter riefen aus der Stadt +die Stunden der Nacht, die Natur schwieg mit feierlichem Ernst und +ein heimliches Grauen stieg von den finstern Bergen. -- Beide gingen +schweigend und in tiefen Gedanken versunken. -- Nach einer langen Stille +begann _Omar_: + +Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen unabsehbaren Finsternissen +über uns schwebt, wir treten wie in eine unendliche Wüste hinaus. Wie +fürchterlich verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz um +uns her wälzt, -- sieh, wie es durch einander wogt und flieht und sich +zerrissen jagt! -- Kaum ist ein ferner Schimmer des Mondes sichtbar, +der unaufhörlich mit der Finsterniß kämpft, der Regen fällt in schweren +Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch den dichten Wald, wie +ein verlornes Kind, das in der Irre winselt. + +Abdallah schloß sich fester an den Arm seines Freundes, -- Omar, +sprach er mit beklemmter Stimme, -- o diese Nacht ist das Bild eines +unglücklichen Lebens! So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in +die Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem Lichtstrahl +erquickt. -- Horch! wie sich der Strom in wunderbaren Tönen an dem Ufer +bricht! Wie verworren alles vor uns liegt, -- Omar, diese Nacht ist +fürchterlich! + +_Omar._ Fürchterlich? + +_Abdallah._ Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefühlt, so +einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefühlen, so losgespühlt wie +ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare +Gefühl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern. + +_Omar._ Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Träumen; +so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das +einsame wimmernde Plätschern des Ufers zu hören, -- o dann ist mir, als +stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne +unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstände, dann ist mir oft, +als könnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung +stillschaffend wandeln hören, als könnte mein entkörperter Blick durch +das große Gebäude dringen und die hohe Ordnung verstehn. -- Ja, Abdallah, +eine solche Nacht winkt der Schwärmerei, hier wohnen tausend kühne +Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurückzittern, hier +tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns +dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen; +der Spötter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift geängstigt +nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne +Getöse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze, +die Kleidung fällt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem +Schauder die unendlichen Kräfte durch einander weben und die Räder im +ewigen Schwung sich drehen. + +_Abdallah._ Sieh, wie hier verloren ein Glühwurm mit mattem Fluge summt +und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte +Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und +sie nicht auslöschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines +Freundes zu verlieren. -- Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so +armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser +Auge muß ihn ängstlich wiedersuchen, -- und wie verlieren wir uns in +diesem mitternächtlichen Gefilde, und diese unbegränzte Flur wird auf +der Erde kaum bemerkt. -- + +_Omar._ Und wie versinkt diese Erde in der Unermeßlichkeit der _Welt_? +-- Abdallah, unser kühnster Schwung fällt lahm von dem Gedanken zurück, +-- diese Welt, -- o vielleicht, daß für Wesen jenseit unsrer Gedanken +dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwürmer sind, die der Erde wie einem +Grashalm einen grünen vorüberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, -- und +die höchsten Gedankenschwünge dieser Wesen schlagen gewiß noch nicht an +die Gränze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer höher +und höher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in +jeder Hand hält sie tausend Welten. + +_Abdallah._ Der Gedanke stürzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die +Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin +ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will? + +_Omar._ Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen +Saiten der Laute wälzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir +diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so +lauter spottet ein höhnendes Gelächter unsrer Schwachheit. + +_Abdallah._ Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir +verstehen ihr Winken nicht. + +_Omar._ Die Gottheit zieht an die große Kette des Lebens und vom +Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle +ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schüttelt. -- Du wirst +Gewürme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich +freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, -- für uns +sind sie nur Wesen eines Augenblicks, -- auf uns lächeln vielleicht eben +so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug +scheint; ihr Leben scheint höhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der +erste Sonnenstrahl aufküßt, und _diese_ verwehen doch nur wie ein Staub +in der Ewigkeit. + +_Abdallah._ Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth +emportaucht und im Auftauchen zerspringt. + +_Omar._ Darum sagte jener große Sänger: »Jahrtausende sind vor dir nur +wie ein Augenblick.« -- Und doch kriechen die nichtigen Gewürme auf der +Erde umher und nennen sich dem Ewigen ähnlich, und brüsten sich mit +Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre +Weisheit kennt, -- o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen +zur Verzweiflung bringen könnte. -- Eine alberne Mummerei, wo ein jeder +nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lügen zu strafen, -- wenn wir sie +nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn -- so sind sie nichts +als Knochen und verächtliche Verwesung. -- Ha! sie wollen den Ewigen +fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lüge, +und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht. + +_Abdallah._ Verachtung sei ihre Strafe! + +_Omar._ Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, der wieder in Staub zerfällt, +der nichts als Staub ist, in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus +Würmern ward und wieder zu Würmern wird, -- o des Erbarmens! mit diesem +verläugnen sie den Finger, der seinen Namen in die Unendlichkeit +hineinschreibt. + +_Abdallah._ O sie sollten verehrend niederknien, blinde Anbetung des +Ewigen sollte ihre Weisheit sein. + +_Omar._ Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren Lauf vollenden und sie +können die Lebenskraft der Schnecke nicht begreifen, ihre armselige +Erfahrung stempeln sie Gesetze der Natur; daß die Sonne auf- und +untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit begreiflich gemacht, +aber daß sie einst stille stände, oder an den Gestirnen zertrümmerte, +-- dagegen sträubt sich ihr Glaube und die Welt nennt sie _Weise_. + +_Abdallah._ Der blöden Thoren! + +_Omar._ Wir stehn unter unendlichen Räthseln, nur die Gewohnheit hat sie +uns weniger fremd gemacht; vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis +zur Mücke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorüber gehn? O könnten +wir an diese Wunder allmächtig schlagen und Antwort fordern; -- aber es +ist nur der Ton unsers Arms, der durch den Felsen dröhnt, -- sie ziehn +vorüber und bleiben stumm. -- Wir selbst sind uns eben so unbegreiflich, +als der Geist, der auf Mondstrahlen niederschwebend durch die Wolken +flattert und Wälder mit einem Hauch ausrottet. + +_Abdallah._ O könnte der richtende Mensch von allen Wesen Rechenschaft +fordern! + +_Omar._ Empfandest du nie, Abdallah, daß wenn dein Verstand durch tausend +Stufen auf der höchsten schmalen Spitze schwindelnd taumelte, -- daß er +dann wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehülflichkeit des Steins +herabstürzte? + +_Abdallah._ Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verächtlichsten vor +mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwäche kämpfend im Begriff sind +ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmächtig hinsinken, und nichts +als verworrene Gefühle davon tragen, dunkler und körperlicher als die +unmittelbarsten, die todte Gegenstände um uns unsern Sinnen reichen. +-- O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe +austauschen möchte! + +_Omar._ Auf dieser gähen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen +fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren +Lüften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht über +die nächtliche Haide wandeln; dies ist der fürchterliche Augenblick, wo +der Verstand zwischen höherer Weisheit und Wahnsinn ungewiß hängt, ein +Windstoß von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf +die andre Seite. -- Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder +nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick +gräbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. -- Verstehst du mich, Abdallah? + +_Abdallah._ Ich folge deinem Geiste. + +_Omar._ Diesen ist dann die Binde von den Augen genommen, der Verblendete +nennt sie Thoren, die Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch +ihre Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner Krücken. Sie +ergreifen die großen Zügel der Natur und lenken sie nach ihrer Willkühr, +sie rufen Geister aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln, +das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied von der großen +Kette des Schicksals und lassen sie bis tief hinunter wanken. -- Die +Weisen der Welt sehn mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt +sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an die Handhabe der +Natur, er hat die verborgenen aber einfachen Gesetze gesehn und er ist +Herr der Welt, durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts +kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet mit tiefem Sinn +zu seinen Schülern: _Glaubet, und ihr werdet Berge versetzen!_ und sie +glaubten und die Natur gehorchte ihnen. + +Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte ihn leise: Liebst du +Zulma noch? + +Abdallah fuhr auf. -- Zulma? -- Du hast alles um mich her ausgelöscht, +Omar, aber in tiefer Ferne winkt mir aus der dicken Nacht noch _ein_ +freundlicher Funke, -- ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig +lieben. -- Ich stoße die Verächtlichkeit der Welt auf die Seite, ich +gehe unwissend ihren Räthseln vorüber, -- diese Weisheit ist nicht für +ein sterbliches Gehirn, -- _meine_ Weisheit sei _Genuß_, mögen Wunder +und Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhülle mich an ihrem Busen +und sehe sie nicht. + +_Omar._ Wenn dich aber nur dies Reich der Geister glücklich machen kann? + +_Abdallah._ Ich gehe freudig jeden Weg, der mich zu dieser Krone führt. + +_Omar._ Fühlst du dich stark genug für die furchtbare, zermalmende +Vertraulichkeit? + +_Abdallah._ O ich will zentnerschwere Bürden mit allen ihren +haarsträubenden Schaudern, mit allem kalten Grausen auf meinen Rücken +nehmen, -- denn Zulma steht vor mir und lächelt und sie drücken mich +nicht. + +_Omar_ ergriff schweigend die Hand des Jünglings. -- Abdallah! rief er +laut, Abdallah! so erfahre, was du nie erfahren solltest und laß es tief +in deinem Innern widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir sind +die Gesetze der Welt unterthänig! + +Abdallah fuhr zurück und riß seine Hand aus der Hand Omars. -- Wie? +-- Omar? -- Ha! wie eine eiskalte Hand mich fürchterlich von dir +hinwegreißt! Omar, dieser _bekannte_ Omar mehr als Mensch? -- Er tausend +Stufen höher als ich -- und doch derselbe, mit dem der Knabe Abdallah +spielte? -- O fürchterlich! fürchterlich! + +_Omar._ So jämmerlich sinkst du unter diesem Grausen zusammen und sollst +es nur bis zu deiner Zulma tragen? + +_Abdallah._ Nein, Omar, ich sinke nicht. -- So sei denn mehr als Mensch, +laß die mächtigen Riegel der Zukunft aufspringen, und die Welt sich +unter deinen Sprüchen krümmen, laß alle deine Kraft meinen Wünschen +nachfliegen und aus meinen Träumen Wirklichkeit schaffen. + +Es sei, sprach _Omar_ langsam und ernst. -- Sie waren in ein kleines +Felsenthal gekommen, in dem sich ein Wasserfall schäumend von einem +Hügel goß. -- Wo sind wir? rief Abdallah aus, -- diese Gegend sah ich +noch nie. -- Omar schlug mit seinem Stab dreimal auf den Boden und ein +dumpfes Dröhnen und Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft dich, +sprach _Omar_ und zugleich riß sich eine schwarze Kluft klingend in den +Boden. -- Omar faßte die bebende kalte Hand Abdallah's. -- Hier steige +hinab und gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort wird sich +dir die Zukunft enthüllen. + +Abdallah setzte langsam den Fuß hinein und sahe seinen Lehrer zweifelhaft +an; Eulen heulten ihm aus der Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der +Wächter in der Stadt die Mitternachtstunde, -- Omar ließ die Hand +Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. -- Die Erde verschloß +sich wieder. + +Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne sahen durch das blaue +Gewölbe, zuweilen noch rauschten die Bäume und schüttelten rasselnd den +Regen von den Blättern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand gelehnt. + +Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar schlug auf den Boden +-- und Abdallah trat bleich, mit verzerrten Zügen und starren Augen wie +ein Gespenst aus der Grube, seine Knie zitterten. -- Er stürzte wüthend +nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei ähnlich war. + + + + +_Neuntes Kapitel._ + + +Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. -- Ha! rief er +fürchterlich, welch ein bleiches Feuer schlägt über mir zusammen und +nagt an meinen Gebeinen? -- Warum sieht das richtende Schicksal aus +tausend glühenden Augen so fürchterlich auf mich herab? + +Abdallah, sprach Omar und ging ihm näher, Abdallah, der Mondschein +umgiebt dich und die Sterne flimmern über dir. + +Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig untergegangen! -- Sie +werden mich nicht wieder grüßen, -- dann ging Abdallah zu Omar, und +sagte zu ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor Wahnsinn! + +Was hast du gesehen? fragte ihn _Omar._ + +Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich das wilde Keuchen +seiner Brust etwas besänftigt hatte, dann sprach er: + +Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Träumender, der laute Donner der +zusammenspringenden Felsen weckte mich aus meinem Taumel. -- Ich tappte +unendliche kalte, feuchte Wände hinab, eine fürchterliche Stille ging +vor mir her, ich hörte in der entsetzlichsten Einsamkeit nichts als das +Wehen meines Athems, der sich die Mauer hinabschleifte und das Dröhnen +meiner Tritte. -- Meine Zähne klapperten vor kaltem Schauder, und +ein Grausen setzte mir die Hände in den Rücken und trieb mich weiter. +-- Plötzlich kam es mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und +Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath empfangen wird. +-- Donner wälzten sich durch die hallenden Gewölbe, Waldströme stürzten +sich rauschend herab, und ein Hohngelächter borst mir von allen Seiten +entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner Sinne betäubte und zu +neuen Schrecknissen wieder weckte. -- Oft schwieg es und wie Flöten +und Nachtigallengesänge flüsterte es über mir und weckte hämisch die +Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten Herzen, -- und +plötzlich brachen dann wieder die Donner und Siegestöne hervor, und +das Hohngelächter schallte von neuem und jagte meine Seele zur +Verzweiflung. -- + +Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher und die Einsamkeit und +Stille streckten sich wieder vor mir aus, tausend Schrecken flogen um +mich herum und saußten mit kaltem Fittig um mein Haupt. -- Eine nasse +Felsenwand stand vor mir, -- ich tappe zur Seite -- unerbittlich streckt +sich mir ein Fels entgegen, -- ich stürze rückwärts, -- auch dort der +Weg durch eine Klippe verriegelt. + +Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, mein Gebrüll sprang +fürchterlich von den Felsen zurück, ich verfluchte mich und dich und +betete von neuem in noch gräßlichern Verwünschungen. -- Plötzlich wehte +es wie ein Wind über mir hin, es flüsterte und zischte und aus dem Felsen +leuchteten sanfte Schimmer. -- In mannichfaltigen Verschränkungen webten +und flutheten sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen schossen +hin und her und leckten die Felsenmauer und rollten sich dann in eine +große Flamme. Aus der Flamme streckte sich langsam ein weißgebleichtes +Todtengebein hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger +einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein zurück. -- Itzt fuhr +das Feuer wüthend auf und ab und ein heller Sonnenschein sprang plötzlich +aufrecht und stieß mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt sah' ich +-- o wären meine Augen ewig verblindet! -- Hätte vor dieser Stunde mich +der Todesengel mit seinem Schwert geschlagen, -- ich sahe, -- o verflucht, +dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! -- den Leichnam meines +Vaters, fürchterlich geschwollen und mit entstellten Zügen und die +scheußliche Hand reckte sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn +hin. -- + +Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend auseinander und das +schauderhafte Getön kömmt mir wieder schneidend entgegen, wie ein Heer +von bösen Engeln, die in gräßlicher wüthender Schadenfreude mit den +Höllenpauken die Verdammten begrüßen, -- das Hohngelächter trat +mir wieder frech entgegen, ach! und hinter mir schleppte sich das +fürchterliche Bild meines gemordeten Vaters, als wenn es die Hand +ausstreckte, mich festzuhalten, -- ich flohe mit kalten Schweißtropfen +auf der Stirn, bis mir endlich das verworrene Getöse nur wie aus tiefer +ungewisser Ferne nachtönte. -- Ich ging durch hundert Gewölbe, ich drängte +mich durch unendliche Klüfte, wand mich durch tausend Felsenspalten kalt +und ohne Leben hindurch, -- und immer weiter dehnte sich mein Weg, ich +schrie um Hülfe, mein Geschrei erklang durch hundert gewundene Öffnungen +und verhallte wie der Wind in der Ferne, -- ich stürzte durch neue +Felsengemächer und alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurück. +-- Schon verließen mich meine Kräfte, schon wollt' ich mich verzweifelnd +niederwerfen und lebendig eingegraben ein Dasein enden, das mir nur +Qualen verhieß, -- als ein mächtiger Donner die Erde über mir auseinander +riß. -- Dem gräßlichsten aller Tode entronnen stürzte ich der Rettung +und dem Lichte entgegen und dankte. + +Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. -- Omar! Omar! schrie +er plötzlich auf. -- Sieh! sieh! da liegt das bleiche, fürchterlich +verzerrte Bild und sieht mich mit den todten Augen an, -- o warum hast +du es nicht in die Kluft zurückgeschleudert, und sie dann auf ewig, auf +ewig verschlossen! + +Omar antwortete nicht und sah ihn wehmüthig an. -- Abdallah stand lange +und starrte auf einen Punkt, dann fragte er ohne sich umzusehen: -- Nur +meines Vaters Tod kann mich glücklich machen? + +Das Schicksal hat es ausgesprochen, das fürchterliche Wort, antwortete +_Omar._ + +Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurück. + + + + +_Zehntes Kapitel._ + + +Abdallah erwachte nur erst spät, fürchterliche Träume hatten ihn gequält +und seine Kräfte erschöpft, er fuhr schreiend aus dem Schlafe auf und +seine Augen suchten Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon früh +sein Gemach verlassen. + +Er stand auf und brütete mit finstrer Seele über sein Unglück, er suchte +umsonst nach tröstenden Gedanken. -- Wenn er an Zulma dachte, so stellte +sich ihm der Fluch seines Vaters und das gräßliche unterirdische Bild +entgegen, der _Freund_ Omar war ihm entrissen und dafür ein fremdartiges +übermenschliches Wesen untergeschoben, in sich selber konnte er nicht +zurückfliehn, denn aus seinem Innern heulten ihm tausend Ungeheuer +entgegen, eine trostlose Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen +und dunkle Zauberdämonen grinzten ihn in seiner schwarzen Wüste an; +alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm gestohlen, seine Begeisterung, +die einst für das Große und Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen +Dämpfen erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. Für +eine Freundesseele, der er sich hätte aufschließen können, hätte er die +Hälfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal stieg der Gedanke in ihm +auf, seinen Jammer in den Busen seines Vaters zu schütten und seinem hohen +eingebildeten Glück zu entsagen, in einer beschränkten Zufriedenheit zu +leben, und seine goldnen Träume zu verabschieden, aber dann fühlte er +wieder lebhaft, daß er die Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten, +nie wieder von sich abschütteln könnte, sein Elend hatte ihn so fest +verstrickt, daß seine Lebenszeit zu kurz schien, die verwickelten Fäden +auseinander zu lösen. Der Strudel hatte ihn ergriffen, er konnte nicht +rückwärts, sondern mußte sich den Wogen überlassen, die ihn dürren +Felsenmauern vorüberwälzten, Zulma war die einzige Blume, die in der +starren Wildniß ihn mit ihren lieblichen Farben erquickte. + +»O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich in das Thal des +Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich jagt das Verhängniß hinter +mir her, nur das todte Opfer kann es versöhnen, der Abgrund gähnt +bereitwillig unter mir und hinter mir steht das Schicksal und läßt mich +nicht entrinnen, ich sträube mich vergebens, mein Wille ist zu schwach, +ich _muß_ hinunter. In der Sterblichkeit ist keine Rettung und Gott +-- o dieser Grundstein ist versunken, alles ist eingestürzt und die +wüsten Trümmern rufen mir wehmüthig zu: _es war!_« + +Erst mit der Dämmerung kam _Omar_ zurück. Er fand Abdallah in +Gedanken versunken und den Ring betrachtend, den er in der Nacht aus +der unterirdischen Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und +Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und sagte: Omar, -- ja +ich erkenne noch jene Züge, die einst meinem Freunde zugehörten. -- Er +konnte sich nicht länger zurückhalten, er fiel ihm lautweinend in die +Arme, -- ja Omar, rief er aus, -- es war eine schöne Zeit! + +Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du sprichst von ihr, als +wäre sie nicht mehr. Ich war und bin dein Freund, wandre durch das weite +Asien und du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger liebte +als ich. -- + +Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O gieb mir zurück, Omar, +was du mir genommen hast, sagte er mit klagender Stimme, als ich mit +kindlichem, leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen +Ahndungen ging ich der verschloßnen Welt vorüber, du hast sie mir +aufgethan und verächtlich liegt die häusliche Armseligkeit der innern +Natur vor mir. Die Brücke ist hinter mir eingestürzt, ich kann nicht +wieder rückwärts. Mit sicherm Fuße stand ich einst auf diesem Ufer, der +Triebsand schießt unter mir zusammen und versenkt mich in den Abgrund. + +_Omar._ Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken zu, ergreife ihn und +rette dich. + +_Abdallah._ Als ich noch auf deinen Knien ruhte, mit deinem Barte +spielte, und mich in deinen Augen lächelnd sah, -- o wie glücklich war +ich damals! Rufe jene Jahre zurück, Omar, und ich gebe dir freudig alles +wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die Liebe zurück, mit +der ich dich damals liebte, da gehörtest du mir, ich dir. -- Omar, ich +liebe dich noch, aber ein geheimes Grausen hält Wache um dich her und +läßt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens dringen. -- Du +stehst mir verloren in den Wolken und ich seufze zu dir hinauf, der +Mensch kann nur den Menschen lieben, dem Gotte gebührt Anbetung. + +_Omar._ Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin derselbe Freund, der ich +war, bleibe auch du derselbe. + +_Abdallah._ Ich? -- O von _dem_ Abdallah ist nichts mehr als der Name +da, alles übrige gehört den bösen Geistern. + +_Omar._ Ermanne dich Abdallah, und vergiß die Begebenheiten dieser +Nacht. + +_Abdallah._ Vergessen? -- Er zeigte auf den magischen Ring, -- o sieh +den ernsten unermüdlichen Mahner, nein, ich werde sie nicht vergessen. + +Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare magische +Charaktere eingegraben waren. -- Sieh, Omar! rief er aus, -- hier steht +in unverständlichen Zeichen mein Unglück geschrieben, dies ist der +Pfandbrief meines Elends, meines Vaters gräßliches Todesurtheil, der +schwarze Gränzstein meines Lebens; -- wie eine Blutschuld hängt dieser +Ring an meinem Finger. + +_Omar._ Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn ich werde dich heut noch +verlassen. -- Du fährst zurück? Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. -- +Nur höre meine Bitte: liebe mich stets, laß keine Verläumder sich +zwischen unsre Freundschaft drängen, ich bin dein auf ewig, dein Glück +ist der Endzweck meines Lebens. Laß keinen Wurm der Lästerung sich auf +die Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. -- Versprichst du mir +das? + +_Abdallah._ Ja. -- Aber warum reisest du? -- Und warum gerade itzt? + +Davon ein andermal, sagte _Omar_, und umarmte ihn. Abdallah hielt ihn +ängstlich fest umschlossen, er drückte ihn lange an seine Brust. -- Mir +ist, Omar, seufzte er, als würdest du mich lange nicht wiedersehn, oder +noch unglücklicher als itzt! + +Bald und glücklich, sagte Omar und machte sich aus Abdallahs Umarmung +los, -- vergiß nicht meine Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht +verlassen, mein Schutz soll eine Rüstung um dich legen. Verfolgen dich +Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe diesen Ring und du bist gerettet. + +Bei _diesem_ Ringe soll ich an meinen Omar denken? fragte Abdallah mit +schwerem Schmerz. Omar sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte +gehen, er kehrte wieder zurück. -- Noch, sagte er, habe ich dir eine +Botschaft zu bringen, die dein Herz bis oben an mit Freuden erfüllen und +jeden Kummer ertränken muß, oder meine Freundschaft hat vergebens +gehandelt. Höre! + +Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht. + +Zulma liebt dich! rief Omar. + +Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, -- o dann bin ich mit +mir selber wieder ausgesöhnt! -- Zulma? -- Unendliche Wonne kömmt mir in +diesem Ton entgegen! -- Zulma? -- Nicht möglich! -- So plötzlich kann +die feindselige Wirklichkeit nicht auf die andre Seite springen! -- O +Himmel! wie verächtlich liegen dann alle meine Klagen vor mir! -- Sie +liebt mich? -- O nun -- nun mag das Unglück gedrängt um mich wimmeln -- +vor diesem Worte flieht alles rückwärts. -- Omar, dieser Talisman +schützt mehr als der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun +bin ich mehr als ein Mensch! -- _Dein Freund und Zulma's Geliebter!_ O +wo ist der Sterbliche, der mit mir um den Rang nach der Gottheit +stritte? -- Aber nicht möglich! -- Wie kann -- o du willst mich +täuschen, Omar, um mich wieder lächeln zu sehn, du grausam zärtlicher! +In eben so vielen Worten wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese +Seligkeit enthielten. -- Omar, sprich, schweige nicht, -- in einem Worte +Seligkeit oder Verdammniß, -- o auf Jammer bin ich nun ja schon gefaßt, +sprich es aus: sie liebt mich nicht! + +_Omar._ Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, -- laß mich sprechen. Ich +sahe in die schwarze Tiefe deines Unglücks und suchte einen goldnen +Sonnenstrahl in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mußte die Rettung +sein, oder du warst verloren. -- Ich eilte zu Zulma, (wie ich die +hundert Schwierigkeiten überwand, das sei dir itzt gleichgültig) ich +sprach von dir, sie kannte dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt, +ohne von dir bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward +gerührt. -- Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! Gehe mit dem +Geständniß zu ihm zurück, daß ich keinen als Abdallah liebe. + +_Abdallah._ Keinen als Abdallah? -- O _nun_ erst ist mir dieser Name +theuer, von itzt an will ich stolz werden, Abdallah zu sein. -- O Omar, +wäre diese Empfindung nicht so übermenschlich, sie würde mich +unglücklich machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu wünschen übrig. + +_Omar._ Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen? + +_Abdallah._ Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur die Möglichkeit, und ich +muß, ich muß sie sehen! -- + +_Omar._ Abdallah, laß nur die Vorsicht neben deiner Liebe gehn und die +trunkene durch die Gefahren sicher geleiten. -- Sie selbst hat mir die +Möglichkeit gegeben. -- Dort, jenseit des Flusses siehst du die Mauer, +die sich um den Garten des Sultans zieht, eine alte Cipresse steht dort +am Ufer, nach jener Stelle fahre in der Nacht, in _dieser_ Nacht, du +wirst Gesang und die Töne einer Guitarre hören, antworte mit deiner +Laute und übersteige dort die Mauer des Gartens -- und du findest Zulma +allein, nur von einer vertrauten Sklavin begleitet. + +Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor Wonne, und Thränen +erstickten seine Worte. -- Fort! rief er, ich kann nicht danken! -- + +Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch +einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so +unentbehrlich war. -- Dann ging dieser allein mit großen Schritten auf +und ab, er küßte seine Laute und schlug mit brennendem Entzücken in ihre +Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdämmern wollte +und der Nacht die Zügel der Welt übergeben, er hätte ungeduldig den +zögernden Himmel herumrollen mögen und die schwarze Seite mit dem Mond +und ihren Sternen heraufreißen. Dann sah er wieder nach der Mauer +hinüber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich, +wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinübergeschaut, +und wie sie itzt sein Glück und alle seine Wünsche umfasse. Aus allen +seinen Träumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm +her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm +untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Träume, +Wünsche und Gedanken. + +_Selim_ und _Abubeker_ hatten indeß schon mehrmals ihre Freunde +versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und +erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und über die +Flur seinen verderblichen Grimm auszugießen. + +Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede +Art der Rüstungen in unterirdischen Gewölben verwahrt, heimliche Zeichen +unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide +verbanden. Ein mächtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur +Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit +unzerbrechlichen Fesseln zusammen. -- _Omar_ trat itzt zum letztenmal in +ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an. + + + + +Zweites Buch. + + + + +Erstes Kapitel. + + +Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die Spitze eines fernen +Berges herüber und jagte einen freundlichen Schein über den Strom; +_Abdallah_ bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit +auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und +wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen, +die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es +war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem +Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß sich +itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen Lichtes über den +Fluß aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder +und fuhr in den glatten Strom hinein. -- Er schwamm wie in einem Meere +von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen +Abendwinden geneckt, die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher +voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen +durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen +herum und schienen ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß +und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die +gestirnte Wölbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und +nieder. Dem Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das Rauschen +des Kahns wie Flötengesang in die süße Wellenmelodie. + +Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das säuselnd seine +grünen Schwerter im Mondstrahle blitzen ließ und unaufhörlich gegen +Abendfliegen kämpfte, die summend am Ufer des Stromes schwärmten. -- Die +alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jüngling +ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit +klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's +losreißen würde, mit ängstlicher Furcht erwartete er diesen schönen +Augenblick; die höchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften +Gegenstand. -- Der Schall eines Fußtrittes kam längst dem Fluß herab, +er schloß sich dichter an den Baum; der Schall kam näher und Abdallah +erkannte das Gesicht _Raschids_, der traurig und gedankenvoll vorüberging, +ohne ihn zu bemerken. -- Denkend und träumend, hoffend und fürchtend +stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und +lächelte seine Träume an, alles flüsterte so heimlich und liebevoll um +ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und +beschenkte die blauen Kinder des Frühlings mit hellen kristallenen +Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grünen +Blättern in dem Strom umher, bläuliche Wasserschmetterlinge haschten +sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's +Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann +wieder wollüstig in hohe silberne Töne hinein, die weithin durch das +Laub der Bäume zitterten. -- Itzt -- ein freudiger Schauder fiel mächtig +auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern, +-- itzt erklang eine leise Guitarre über die Mauer des Gartens und sang: + + Mondschein winke, + Welle locke + Den Geliebten + In die Fluth. -- + + Und der Mond winkt, + Und die Welle lockt, -- + Kömmt der Geliebte + Durch die goldnen Fluthen? + + Sprich aus deiner hohen Palme, + Holde Sängerin der Nacht: + Kömmt er durch Wellengelispel? + Naht er durch der spielenden Wogen Melodie? + + Steht er silbern unter goldnen Schimmern, + Die in lichten Kreisen um ihn zucken, + Um die Locken eine Strahlenkrone weben? + Sprich ihm mit traulichem Geschwätz entgegen: + + Wie ich harre, + Auf ihn hoffe, + Und die holde Nacht + Neben mir schlummert. -- + +Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Geständniß der Liebenden. +Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit +ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel +umarmend um die Erde. -- Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute +und sang: + + Sonne der Nacht! + Himmel meiner Seele! + Reizgeschmückte, + Schönheitgekrönte, + Ich nahe deiner Gottheit! + +Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich der Mauer. -- Selbst +die leblose Natur schien ihn zu begünstigen, die Zeit hatte aus der +Mauer viele Steine herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er +leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit einem kühnen +Sprunge stand er dann in dem Garten. + +Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, Bäume +schienen in Bäume verschlungen. Die Winde wühlten in tausend Wohlgerüchen +und jagten und verließen sie wieder, und die Blumen schüttelten zutraulich +ihr Haupt gegeneinander. -- Abdallah eilt mit großem Schritt durch den +Garten, er hat vergessen wo und wer er ist, er fliegt zu einer blühenden +dunkeln Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, in einer schönen +Stellung auf einen Rasensitz hingegossen und stürzt in namenlosen +Entzückungen ohne Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. -- + +Zulma beugte sich schüchtern über ihn. -- Abdallah! flüsterte sie leise, +-- Abdallah! + +Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es zitternd auf ihr Knie. + +Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher. + +Er gehorchte. -- Und es ist wahr, rief _Abdallah_, was mir noch der +kühnste Traum nicht gegeben hat? Es ist wahr, Zulma? -- O ich darf +_dich_ ja nicht fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wünschen +bestochen sein. + +Zulma faßte seine Hand. -- Es ist kein Traum, Abdallah, nein, so schön +sind Träume nicht. + +_Abdallah._ Nein, nein Zulma, denn wenn sie es ja sind, so muß uns das +hohe Entzücken aus dem Schlafe reissen, -- dies ist mein Trost, ja es +muß Wahrheit sein. + +Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. -- Blätter säuselten, +die Blüthen dufteten, der Mondschein schlummerte süß auf dem grünen +Rasen, durch die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch. + +_Abdallah._ O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick entgegengesehn! +-- Was hatt' ich dir zu sagen, -- und nun, -- meine Zunge ist stumm, +kaum bin ich mich meiner selbst bewußt. + +_Zulma._ Wo findet die Liebe Worte? -- o Abdallah, wie glücklich machst +du mich, -- wie haben dich seit drei Monden meine Augen nun so oft +vergebens gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem Fenster +erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir nachgeflogen, -- und nun +sind alle meine Wünsche erfüllt! + +_Abdallah._ O wie werd' ich mich von der Quaal dieser Wonne wieder +erholen können? Wie wird mir nun die Welt dort draussen leer und öde +sein! -- O Zulma, könnt' ich hier, hier zu deinen Füßen sterben, daß +mein Geist aus einem Paradiese in das andre schlüpfte! + +Er warf sich nieder und bedeckte die Hände Zulma's mit Küssen. -- Zulma +beugte sich zärtlich auf ihn herab, eine Thräne, halb von Freude, halb +von Wehmuth glänzend, trat in ihr schwarzes Auge. »Liebst du mich +wirklich, Abdallah?« fragte sie mit der rührendsten Unschuld. + +O laß mich schwören! rief der trunkene _Abdallah_ aus, bei dem Hauch der +Liebe, der durch den Garten wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel +mit tausend goldenen Augen auf uns herabsieht, -- + +Zulma ergriff seine Hand. -- Lügner, sagte sie leise, und dieser Ring, +-- sie hielt ihm den Zaubertalisman an der linken Hand entgegen. + +Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, es war ihm, als würden +furchtbare Gestalten aus den rauschenden Gebüschen hervortreten; er +verschloß die Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen. + +Nein, sagte er betäubt, dies ist ein Geschenk der Freundschaft, ein +heiliges Versprechen meines Glücks, ein Unterpfand, das mich deines +Besitzes versichert. -- O Zulma mein, auf ewig mein! + +_Zulma._ Auf ewig? + +_Abdallah._ Es soll, es wird sein! -- warum würde sich alles so +wunderbar fürchterlich an einander reihen, wenn es nicht dazu wäre? O +das Schicksal häuft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend zu +machen; ich werde glücklich sein! + +_Zulma._ Ich verstehe dich nicht, Abdallah. + +_Abdallah._ Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! o Thörichter, was willst du +mehr? + +Er umarmte sie und drückte sich inniger an ihren Busen, sein Mund fiel +glühend auf den ihrigen; eine Stille der Mitternacht lag um sie her. Das +Herz sprach zum Herzen in verständlichen Schlägen, die Geister besprachen +sich in der hohen Entzückung, -- ein heiliger Hauch wehte wie ein +Schutzgeist um sie her, die Sterne glänzten goldener, die Natur lächelte +mütterlich auf ihre glücklichen Kinder hin. + +Ein Händeklatschen aus dem nahen Busche. -- Wir müssen scheiden, sagte +Zulma seufzend; geh zuweilen dem Pallast meines Vaters vorüber, dann +sollen dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu mir kömmst. +Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum Unmöglichkeit, das +Veilchen vergebliches Hoffen, die Rose bist du, -- wenn diese auf der +Mitte des Altans steht, dann kömmst du wieder hieher, sobald dich meine +Laute gerufen hat. -- Sie drückte ihn noch einmal feurig an ihre Brust +und Abdallah ging wie im Traume taumelnd zurück. -- + +Als er in den Nachen stieg, tönte es ihm silbern aus dem Garten nach: + + Walle sanft auf stillen Wellen, + Dich geleitet meine Seele + Säuselnd durch die blaue Fluth. + +Er ließ das Schiff vom Strome forttreiben und sang leise zurück: + + Doch bei dir weilt meine Seele; + Wie die abgerißne Blume + Schwimm' ich durch die blaue Fluth. + +Die Töne verklangen in dem leisen Wogengeräusch. -- Der Nachen landete. + +Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, alle seine Gefühle +waren zu laut angeschlagen, in seine stille enge Wohnung konnte er itzt +nicht zurückkehren. Er eilte in's Freie, wo der Mond über das Gefilde +ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch kleine Spalten +blickte. -- Er überließ sich allen seinen Empfindungen, die durcheinander +strömten. -- Das Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus +seinen Träumen, er sahe auf und stand wieder in dem Felsenthal, wo +Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt hatte. Vom Berge rann im +Mondschein der Strom wie schäumendes Blut hinunter. + +Ein Schauder verschlang alle seine süßen Empfindungen, mit kalter Hand +griff ein Grausen in seine Brust und zerriß das zarte Gewebe. + +Welche dunkle Macht hat mich hierher geführt? rief er aus. -- Der +Jammer verfolgt mich ungestüm bis in die Wohnung der Seeligen. -- Alle +gräßlichen Erinnerungen steigen wieder von diesen Felsen herab, es kömmt +mir wild und zähnknirschend entgegen! -- Das Bild meines Vaters regt +sich unter meinen Füßen und will sich zu mir emporarbeiten. -- Hinweg! +hinweg! -- + +Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den Bergen hinter ihm +»Abdallah!« rief. + +Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er stand. -- Ein Greis stieg +von dem Berge herab und eilte auf Abdallah zu. + +Wer bist du? rief ihm der Jüngling entgegen. + +Dein Freund, antwortete der Greis. -- + +Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht des Alten, Abdallah hatte +ihn schon gesehn: nach langem Nachsinnen entdeckte er, daß es eben der +Greis sei, der in jener fürchterlichen Sturmnacht in die Arme Omars geeilt +sei, ehe er unter der Cipresse einschlief. -- + +Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von Palmblättern. + +Was soll das? fragte Abdallah erstaunt. + +Nimm, antwortete der Greis, -- lies und sei gerettet! + +Gerettet? rief Abdallah aus. + +Ein böser Geist, antwortete der Fremde, steht in der Gestalt deines +Freundes Omar neben dir, nimm die Warnung des alten _Nadir_ gütig auf, +der auch einst sein Freund gewesen ist, verlaß diese Schlange, die dich +mit ihren giftigen Knoten umstrickt. + +Omar? sagte Abdallah, Omar? -- O nenne seinen Namen mit Ehrfurcht, deine +Lästerungen werden nicht an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen. + +Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu lange weilen und ein +heimliches Grauen, das von dir ausströmt, jagt mich zurück. + +Der Greis verschwand wieder in den Felsen. -- + +Ein wacher Hahn krähte von einem Dorfe durch die Monddämmerung, Hunde +heulten in der Gegend umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken +langsam zur Stadt zurück. + +Er wollte noch itzt diese Blätter lesen, aber die Gefühle, die ihn +durchstürmt hatten, hatten ihn so ermüdet, daß er nach wenigen +Augenblicken in einen tiefen Schlaf versank. + + + + +Zweites Kapitel. + + +Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder in dem Pallast +Selims versammelt und man war itzt im Begriff, heimlich auseinander zu +gehen. -- Der morgende Tag, sprach _Selim_, ist also zur Ausführung +unsers großen Entwurfs bestimmt? -- Ihr habt es selbst beschlossen, +es sei. -- Das Glück geht uns entgegen und reicht uns zu unsrer +Unternehmung die Hand. + +Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans ein großes Fest gefeiert, +zu dem schon alles bereitet war. Der ganze Pallast war dann in Freude +und Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die Wachten +vernachlässigten ihr Amt und auf dieses Fest hatten die Verschwornen +ihren Anschlag gegründet. -- Man hatte Selims Freunde und Sklaven in +dieser Nacht gerüstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren Schlage, +einem jeden war zu diesem großen Augenblick sein Amt angewiesen, Rüstungen +und Harnische erklangen dumpf in den stillen Gewölben und durch die +Einsamkeit der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, alle Seelen +waren stark wie die Sehne eines Bogens angezogen, schon zitterte der +Pfeil, losgeschnellt nach seinem Ziel zu fliegen. + +Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dämmerung des Tages herauf, +schon drängt sich ein blutrother Streif hervor und erinnert uns an unsre +Unternehmung. -- Seid ihr es noch itzt zufrieden, daß heut der große +Wurf gewagt werde? + +Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte sich stillschweigend an +die Mauer. + +Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei! + +Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich _Abubeker_, denn die +Menge hätte mich doch überstimmt, aber itzt laßt mich sprechen und +handelt dann nach eurem Willen. -- Diese Nacht war fürchterlich, ein +kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rücken hinabgeschlichen; mögt +ihr mich doch einen thörichten Greis nennen, den das Alter wieder in +die Kindheit zurückgeführt hat. -- Als Omar von uns Abschied nahm und +aus der Thür ging, hörtet ihr da nicht aus der Ferne ein Gelächter, das +mein Blut in Eis verwandelte? -- Hörtet ihr nicht über dem Pallast ein +Gekrächz von Raben, die über uns, als ihre Beute hinwegflogen? Die Eulen +winselten um das Dach und Hunde heulten vor der Thür, als wäre das Haus +mit Leichen angefüllt. -- Mir war, als sähe ich schadenfrohe böse Geister +mit höhnischen Gesichtern durch die Spalten der Thür sehen und einen +schwarzen Strich durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns in +sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den Wink des Schicksals +bereit. -- + +Der Morgen stieg in Säulen von Dampf empor und ein gedrängtes Heer von +Raben flog krächzend von Osten her, und flatterte von neuem über das +Dach des Pallastes. -- + +Seht! rief Abubeker, -- da steigt die Unglücksvorbedeutung von neuem +herauf! Diese Vögel des Todes krächzen uns noch einmal unser Schicksal +entgegen. Der heutige Tag sträubt sich unwillig unter der Last, die wir +auf ihn legen wollen; wartet auf einen günstigeren, wo uns das Glück +seine holden Zeichen entgegensendet. -- + +Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt zu reden anfing: + +Ihr tretet alle ungewiß zurück, von einer schwarzen Ahndung hart +angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz von euch und entflieht, +und ihr glaubt, daß auch ich zu euch hinübertreten werde und dem großen +Entwurf Lebewohl sage. -- Abubeker, du hast das Blut aus allen Wangen +gejagt und die Furcht sitzt auf derselben Stelle, aus welcher der Muth +vorher thronte. Ha! wessen Auge darf sich anmaßen, in die Geheimnisse der +Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? Wer versteht die räthselhafte +Schrift, in der der Ewige der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie +enträthseln _wollen_, heißt nicht den tiefen Sinn verstehen. Deine +Ängstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; welches kühne und große +Unternehmen wird erst auf die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen +warten? Wer könnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz bestätigen +müßten? Ward der Mensch darum über diese Wesen gesetzt, um vor ihnen zu +zittern? -- Und laß diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, laß die +Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, muß darum unser Unternehmen +nicht in Erfüllung gehen? Wenn wir nun zugleich mit _Ali_ sterben, so +sind wir nicht unglücklich, denn unser Tod macht unsre Freunde glücklich. +-- Was werdet ihr bei den Gefahren thun, wenn ihr schon vor der dunkeln +Ahndung der Gefahr zurückzittert? -- Kein so begünstigender Tag als +der heutige wird uns wieder entgegengehn; unverzeihliche Trägheit ist +es, wenn wir unsre Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber +aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von unserm Vorhaben +benachrichtigt, und dann erst haben diese unglücklichen Vorbedeutungen +Wahrheit gesprochen. Wenn das Schicksal uns zürnt, so ist es mir +erwünschter, noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ängstlichen +Erwartungen zu leben. + +Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und die übrigen folgten +seinem Beispiel. -- Man beschloß am Abend mit gewaffneter Hand in den +Pallast zu dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. -- Alle +warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen des Abends. + + + + +Drittes Kapitel. + + +Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefühle, traurig und froh, +drängten sich ihm mit den ersten Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen +die ihn mit Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzückungen seinen +Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine Dämmerung, die hundert +Flammen durchzuckten und von der kalten Finsterniß wieder ausgelöscht +wurden. Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, neben +dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollüstigen Empfindungen waren +ihm nachgeschwommen und kämpften itzt mit den Schreckenserinnerungen, +seine Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und Seligkeiten +wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, die bald der Schatten +überfliegt, bald wieder ein blendender Sonnenstrahl vergoldet. -- Die +Palmblätter lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen. + +Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich nicht getäuscht, die +Schmähsucht will das Band zerreissen, das meine Seele an die deine +knüpft, man will dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte +Andenken meines vorigen Glückes rauben, auch den letzten Becher will man +von meinen brennenden Lippen nehmen. -- Ob ich diese Blätter lese? Oder +sie ungesehn in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht hat dann +meine Freundschaft befleckt, dann kann ich ohne Scheu dem zurückkehrenden +Omar entgegengehn und ihm den Kuß der Liebe geben. -- Verdacht? -- Himmel! +was kann dem großen allmächtigen Omar an dem Wurm Abdallah liegen? -- Ihm +ziemt es, von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht mir, +-- sein Sonnenglanz sieht mit milder Güte auf mich Verlassenen herab +-- und ich will ihm mißtrauen? Was kann er denn von mir gewinnen, das er +nicht schon tausendfach besäße? Was kann ich verlieren, das er mir nicht +unendlich ersetzen könnte? -- Nein Omar, dein Abdallah wird nie undankbar +sein, du pflanzest für ihn einen Garten, dessen Kühlung ihn erquicken +soll, und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast du mir nicht in +dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? Das feindselige Verhängniß +kämpft gegen deine Güte an, es fordert laut mein Elend, aber du hältst +einen Schild vor meine Brust. -- Deinen Freund _Nadir_ hast du verloren, +mich sollst, mich _kannst_ du nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst +verächtlich von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese Blätter +lesen, ich will diese Verläumdungen erfahren, um desto unzertrennlicher +an dir zu hangen. + +Er nahm die Blätter und fing an zu lesen: + + * * * * * + +Abdallah, ich beschwöre dich bei allem, was dir auf dieser Erde und +jenseit des Grabes theuer ist, weise diese Worte nicht mit der Kälte +zurück, mit der man einen verdächtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe +sie tief in die Tafel deiner Seele und laß sie dort durch kein Mißtrauen, +durch keinen täuschenden Verdacht wieder auslöschen. Zweifle in der +ganzen Zukunft deines Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel könnten +dich um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung ahndete, +was je ein Geist zu erlangen strebte. O ich bin glücklich, es ist die +edelste That meines Lebens, und der Zweck meines Daseins ist zehnfach +erfüllt; wenn diese Blätter nicht zu spät in deine Hände fallen, der +Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das Rohr ein Heiligthum, +das diese Züge niederschrieb, dann kann ich dem Richter jenseit mit +Vertrauen entgegentreten und meine Rechnung seinen Händen überliefern, +diese That löscht alle meine Sünden in seinem schwarzen Buche aus. -- + +Aber du möchtest mich nicht verstehen und in meinen Worten nur +Verläumdungen finden, darum will ich zu dir wie zu einem Verbündeten +sprechen, der schon in die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du +stehst einmal jenseit der glücklichen Unwissenheit und es wäre Frevel, +von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung dich vielleicht noch +von dem Abgrund zurückreissen kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen +Nachsinnen stehst. -- + +Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du kniest vor einem verdorrten +Stamm, den du für das Bild eines Gottes hältst, du verehrst in Omar +die Macht, die über die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn auf +der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen Abschuß vergebens +hinaufklimmst, -- o dürft' ich ganz die Hülle von deinen Augen nehmen +und einen Stern in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prächtigen +Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Säulen brennend emporsteigen +-- und vergissest, daß es nur Dampf und nichtiger Rauch ist. -- Könntest +du ohne Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du würdest +da verachten, wo du itzt verehrst. -- Die Mauer der Allmacht ist +unübersteiglich, kein Sterblicher wird je in das Innere des Heiligthums +dringen, eine unwiderstehliche Hand hält den Staub unerbittlich von dem +zurück, was nur daurende Geister sehn und begreifen können, uns ist ein +Feld angewiesen, wo wir über Blumen denken dürfen, jene unendlichen +Wälder sind unserm Blick zu groß, kaum hören wir zuweilen von der Mauer +ihr dumpfes Rauschen herüber, kein Auge wird sich je in den Garten des +Ewigen wagen. -- Jene Kraft, die der Getäuschte für einen Theil der +Allmacht hält, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen Augen +schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen das hervor, was er glaubt +vom Himmel herabsteigen zu sehen. + +Welcher Wurm kann sich ohne Flügel zum Glanz der Sonne aufwärts schwingen? +Ein Strahl zittert auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein +Gebot zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, aber es ist nichts, als +ein Tropfen Thau's, in welchem ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel +entgegenlächelt. Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze greifen +und ihnen Stillstand gebieten; wer würde noch zum Allmächtigen beten, +wenn der Hauch des Staubes die Weltendonner seiner Sprache überschrie, +wenn ein Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwürfe und das große +Gewebe sperrte? -- Nein Abdallah, du _glaubst_ zu sehen, was du nicht +sehen kannst, in dir selber schlägst du die Töne an, die du aus den +Wolken zu hören glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht zu +Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu beherrschen, das große +Geheimniß, vor dem du verehrend zurückschauderst, ist nichts, als ein +gemeiner Betrug, den du an einem armseligen Künstler verachten würdest. + +Darum höre mich und sei was du warst, verliere den Freund und gewinne +dich selber der Verrätherei wieder ab, sprich das belebende Wort über +die Leichen aus und laß aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen, +die du selbst ermordet hast; laß das schlachtende Messer inne halten +und binde sorgsam die letzte Rose auf, die schon in der Sonnenhitze +verschmachten will. -- + +Mein Name ist _Nadir_, ich trete mit dem morgenden Tage in mein +achtzigstes Jahr, traue meinem Alter, das mich bald vor den Thron des +Richters bringen wird, wo man mir jede Lüge aufbewahrt. -- Seit meiner +Kindheit brannte in mir eine unauslöschliche Ungeduld, alles zu erfahren +und zu wissen, was nur in der Seele des Menschen Raum fände; als Jüngling +schweifte ich bald mit meinen Gedanken über die Gränze hinaus, die eine +gütige und grausame Hand unserm vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein +Verstand wollte das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche +durchdringen, die Schwäche der Menschheit hielt ich nur für die Schwäche +_meines_ Geistes, meine Sinne schweiften durch alle Regionen der kühnsten +Zweifel und der verwegensten Irrthümer, ich riß alles um mich her aus, +und bepflanzte die leere Schöpfung dann mit den Wesen meiner Einbildung, +ich glaubte nichts, um alles zu glauben. Alle meine Kräfte bot' ich zum +Kampfe auf und fühlte mitten im Streit meine Schwäche, ich hatte durch +meine Kühnheit Gott und das Schicksal verloren und doch genügte ich +mir nicht selbst in der traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung +geläugnet und fing nun an, an die Macht fremder Wesen und Dämonen zu +glauben; Aberglaube und Nichtglaube berühren sich unmittelbar auf der +Gränze, aus einem Feinde der Andacht ward ich ein Schwärmer. Von itzt +lebte ich unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich mich +hinandrängen wollte, die Ähnlichkeit der Gottheit schien mir darin zu +liegen, die geheimen Winke der Natur zu verstehn, und das Unmögliche +möglich zu machen, ich taumelte auf einem schmalen gefährlichen Wege +durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden Hoffnungen begleitet. + +Auf dem Gipfel des Caucasus, hört' ich, wohne der weise _Achmed_, der +die große Auflösung zu den Millionen Räthseln gefunden habe, den Stab, +mit dem er an die Sonne und die Sterne reichen könne und dem sich die +Zukunft aufthue. Ich verließ mein Vaterland, um diesen Gott zu sehen +und sein Schüler zu werden, wenn er mich für würdig erklärte. Er nahm +mich auf und ich überstand fünf harte Probejahre, in denen er mich +durch tausend Mühseligkeiten zurück zu schrecken versuchte, aber meine +Wißbegierde ertrug alle Lasten leicht und tröstete meine Ungeduld, die +zuweilen erwachte, mit dem herrlichen Augenblick, in welchem meinen +Augen der ewige Vorhang niederfallen würde. -- _Omar_ war wie ich ein +Schüler Achmeds, -- der erharrte Tag erschien endlich und ich ward in +den schwarzen Bund aufgenommen. -- Wir mußten beide dem edeln Achmed +mit einem heiligen Eide schwören, nur durch unsre Macht Glück und Freude +zu verbreiten, dem Elenden beizustehn, den Schändlichen zu strafen und +so dem Ewigen ähnlich zu werden. -- Wir schwuren es und Achmeds Gewalt +war die unsrige. + +Nun erst sah ich ein, daß meine Wünsche jenseit der Schranken der +Menschheit lagen, daß das, was ich verloren gegeben hatte, mehr werth +sei, als mein Gewinnst. Alle meine großen Hoffnungen waren hintergangen, +ich war im Begriff mich selbst zu verachten. Tausendmal wünscht' ich +die Vergangenheit zurück, in der ich noch nicht an die Gränze der +menschlichen Kraft gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift +höhnend zu den Thieren des Feldes zurückwies. Ich hatte gehofft, daß +sich mir die Ewigkeit aufschließen würde, wo ich im Heiligsten die +Gottheit schaute und den großen Plan der Welt sähe, den sie gezeichnet +hat -- und ich ward vor einem Spiegel geführt, in dem ich nun meine +eigne Verächtlichkeit sahe und eine Kunst war mir verliehen, die mir +durch armseligen Betrug den großen Verlust nicht ersetzen konnte, eine +Macht, die Niemand an dem Besitzer beneiden würde, wenn er nur _einen_ +Blick durch den blendenden Glanz zu werfen vermöchte. + +Omars Freundschaft tröstete mich in meiner Trostlosigkeit und versöhnte +nach und nach mein Mißvergnügen, wir tauschten unsre Seelen gegen +einander aus, und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund +und jeder Gedanke, jedes Gefühl floß in das Wesen des Freundes hinüber. + +Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb allein bei meinem +Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit und Ruhe, von der Welt +und ihren Geschäften geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und +der Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund Omar und wünschte +ihn zu mir zurück. Zwanzig Jahre waren so verflossen, als ich von meinem +Lehrer Achmed den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise +setzte er hinzu, könnte wichtige Folgen haben. + +Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und fand ihn endlich hier +wieder, an jenem Abend, als du unter einer Cipresse eingeschlafen warst +und ein brausender Sturm dich aus deinen Träumen weckte. -- Er eilte in +meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde des Wiedersehens; wir +erzählten uns unsre Schicksale und Omar sprach also: + +»O! daß der Mensch in Seinem Busen einen unversöhnlichen Feind mit sich +herumtragen muß, der ihn unabläßig quält! daß dies heillose Drängen unsrer +Seele, dies Streben gegen die Unmöglichkeit uns den Genuß unsers Daseins +raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt!« + +Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, die Nacht sah +schweigend auf uns herab, die Bäume wiegten sich leiserauschend und Omar +fuhr also fort: + +»Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide noch den Unterricht des +weisen Achmeds genossen, von jenem Sturm, der unaufhörlich in dem Baum +unsers Geistes wüthet und ihn zu zerstören droht. Kaum hatte ich von dir +Abschied genommen, so verfolgten mich alle meine Wünsche mit erneuerter +Wuth, mein brennender Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds +Kenntniß nur von neuem angefacht, mein Vordrängen war vergebens gewesen, +denn noch in dichtem Nebel eingehüllt lag der große Felsen in der Ferne, +hinter welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fühlte mich +eingeengt und gepreßt und war unglücklicher als ich je gewesen war.« + +»Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie +Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im düstern +Kerker erheben. _Weisheit_ war mir der edelste, der einzige Zweck des +Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmücken könnte, ein +Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verächtlich +-- und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher +wußte, daß sich hinter mir ein Abgrund reissen würde, um mir den Rückweg +ewig unmöglich zu machen.« + +Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine +Rede. -- Mein Freund fuhr fort: + +»Am Ende der Welt, in einem fürchterlichen Schlund, der sich zwischen +die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfuß +sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwänden das Grausen wohnt +und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern +streift, dort, -- so sagte eine alte Sage, -- wohne seit Jahrtausenden +ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Haß der Ewigkeit +entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig, +ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt +sei. -- Greise erzählten mir unter Schaudern, daß er ein höherer Geist +gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wüste +der Strafe der Allmacht entronnen sei, _Mondal_, so nannten sie den +Schrecklichen und sagten, daß der große Verworfene keine Strafe bedürfe, +denn er selber sei seine Verdammniß. Man sprach von den Wundern die er +ehedem gethan und denen die Völker in Demuth erzittert wären, von +gräßlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gerächt, sein +Name war die Loosung zum Schrecken.« + +»_Ihn_ wollt' ich aufsuchen und mich an seine fürchterliche Größe drängen, +hier die Flammen meines Busens kühlen, oder ein unausbleibliches Verderben +finden. -- Ich wanderte durch die Wüsten von Afrika, ich ging über die +hohen unermeßlichen Gebirge und näherte mich endlich der langerhofften +Gegend. Das Gebirge lag fürchterlich aufgethürmt, wie die Mauer der Welt +vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fuß zu flattern +und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche +Leere des Äthers, immer höher und höher aufgewälzt und immer furchtbarer +und kühner aufgethürmt.« + +»Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hügel an die +unbegränzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren +Schätzen und Städten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das +Meer unermeßlich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten +winkte mich die Sterblichkeit zurück, sie streckte die Arme liebevoll +nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mütterlich an ihren Busen +hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe +gehangen hatte. -- Aber ich ging vorwärts und ließ hier meine Menschheit +zurück, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehörte, ich riß +auf ewig das große Band entzwei, das mich an die Schöpfung hielt, ich +setzte den Fuß vorwärts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die +Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die +Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder +angewinkt zu werden.« + +»Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher +die Natur umher, die Bäume starben aus, die Sträucher, und endlich +erlosch auch der letzte Schimmer des grünen Grases unter meinen Füßen. +-- Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser +wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier +eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, über mir und +unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere. +-- Bei jedem Schritte zog sich ein härterer Panzer um meine Brust, keine +meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt +zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon +vergessen, daß ich einst ein Mensch gewesen sei.« -- + +»Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermüdung geschaffen +zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch, +erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod +seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und +dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete +mich, immer größere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefühle +gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz +und das Bewußtsein meines Daseins blieb mir übrig.« + +»Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das +rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder +brütete über diesem Schlund, in den sich tausend Höhlen rissen und ein +verworrenes Gebäude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwüste, +kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen +grinßten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier +selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften +Stille.« + +»Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkührlich aus und der erste +Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber +fuhr erschrocken zurück und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten +Schlünden.« + +»Die letzte Furcht faßte mich zweifelhaft an. -- Soll ich hinuntersteigen? +fragte ich mich leise. -- Noch, noch steht mir der Rückweg offen! Noch +darf ich selber über meinen Willen gebieten. -- Doch was soll ich in der +Welt? -- Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hölle +bleibt den Unbefriedigten übrig, -- ich kann nicht anders, ich würde +nichts vom Menschen wieder rückwärts bringen: -- und zugleich stieg ich +in das fürchterliche Thal hinab.« + +»Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, wie in den +unerbittlichen Tod schritt ich hinunter. + +»Plötzlich fuhr ich bebend zurück. -- In einer halb dunkeln Grotte saß ein +Greis und lächelte mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem +Zähngeknirsch eines Ungeheuers glich. Ein weißer Bart sank bis auf seine +Füße hinab und deckte sein Gesicht. Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen +sahe aus seinen wilden Augen, er hatte bloß das Ansehn eines Menschen, +um die Menschheit von sich zurückzuscheuchen. -- Sein Anblick hatte mich +bis in das Innerste meiner Seele erschüttert und ich wagte es nicht, +die Augen zum zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften +Gefühlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich in meinem Busen +aufgenommen, -- aber hier fand ich ein Wesen, vor dem meine Frechheit +Demuth ward, alle meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflöste.« + +»Wer bist du? rief er mir in Tönen entgegen, wie ohne Klang und Athem; +sie kamen zu mir, wie aus einer fernen Welt und sprachen in Accenten, +von denen kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.« + +»Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber nicht begreift! +Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen Klippen ausgezogen! -- Das +Leben hat keinen Reiz für mich, ich will in der Wildniß meine Freude +suchen.« + +»Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit einem Blicke an, der +meine Seele mit Riesenkräften zusammendrückte.« + +»Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht sieht, ich sitze +hier und faste der Ewigkeit entgegen und noch kein Staubgeborner hat es +gewagt, mich in meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen spiele +und Schauder mir die Zeit verkürzen. -- Was suchst du hier?« -- + +»Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich zitternd, ich schäme +mich ein Mensch zu sein, nimm du mich in deine Gesellschaft auf und +vergönne, daß ich deinen Geist begreife und dir ähnlich werde.« + +»Er sahe mich an und lachte fürchterlich auf, daß die Felsen umher in +ihren Wurzeln wankten. -- Vermessener! rief er dann: -- Du verläugnest +die Menschheit und doch zeigen deine Worte, daß du ihr noch zugehörst. +_Ein_ Funke, der von mir zu dir herüberleuchtete, würde dein Wesen +zersprengen. Dank' es meiner Verachtung, daß mein Anblick dich nicht +tödtet!« + +»Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, so bleibt mir keine +Hoffnung übrig, als meine Vernichtung!« + +»Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog den Mund zum Grinsen, so +kalt und todt wie die Felsen umher. Was _ist_, kann nicht vernichtet +werden, die Ewigkeit hält dich fest, so lange die Zeit dauert, dauerst +du selbst. Du kannst dich tödten und in eben dem Augenblick stehst du +ein neues Wesen in deiner eignen Verdammniß wieder da, -- so hat es der +Gütige dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfängt. O! wenn +_Vernichtung_ möglich wäre, wenn wir uns selber angehörten und +beherrschten -- o dann wäre noch Glück in seiner Schöpfung!« -- + +»Ich fuhr mit Entsetzen zurück. -- Voll Frechheit kömmst du hierher, +sprach Mondal weiter, und bedachtest nicht, daß dein Wesen sich nie dem +meinigen nähern könne. -- Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht +verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; die Gedanken, +die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, unser Urstoff ist +verschieden, wir können uns in keiner Empfindung begegnen.« + +»Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen aus, ein Wesen, das +mich versteht? Mir ist alles verschlossen, in der ganzen Schöpfung kein +Laut, der in mir denselben anschlüge. Vernichte dies Streben in meiner +Brust, das mich durch alle Welten drängen würde, du verwirfst mich als +deinen Schüler, erniedrige mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne +Bewußtsein zu deinen Füßen windet.« + +»Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur hält dich gefangen! +Ich will dir geben, was ich kann, -- aber du wirst meine Bedingung nicht +erfüllen.« + +»Alles, alles, sprach ich hastig, -- nur reiß mich aus diesem peinvollen +Dasein, mach, daß ich mich nicht verachten muß, sollt' ich mich auch +dafür verabscheuen!« -- + +»Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich stehe nicht über der +Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges Geschöpf, dessen Gedanken und +Gefühle Strahlen sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht +zusammenfließen, sondern sich ewig zurückstoßen. Die Menschen haben von +ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu ordnen und in ein Ganzes zu bringen, +_meine_ Freude ist Zerstörung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten sie +in einer ewigen Thätigkeit an Ordnung und Harmonie, Sklaven eines Herrn, +dem sie dadurch schmeicheln wollen, Schönheit und Tugend nennen sie das +Gebäude, das sie aufführen, für mich giebt es keine Tugend als ihre +Laster. -- Kannst du deine angeborne Menschheit bis auf die letzte +schwächste Ahndung ablegen und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann +ein heiserer Mißklang dir eben so viel Freude geben, als jener Wohlklang +dort unten, verlierst du nichts an jenem Gott dort oben, so bist du +mein!« + +»Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die Hand.« + +»Zerstörung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch sei Vernichtung, +jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge ihre Tugend und sei der Freund +des Bösen, kehre in die Welt zurück und zerreiß das Gewebe, mit dem sie +sich an ihre Gottheit knüpfen wollen, dies beschwöre mir mit einem +großen Eid und unter diesen Bedingungen will ich zeigen, was kein Auge +sieht. Fern ist noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit zum +Greise wird.« -- + +Omar hielt hier in seiner Erzählung ein. -- »Und du schwurst den Eid?« +rief ich erschrocken aus. -- + +»Ich schwur ihn,« antwortete er langsam und sprach dann weiter: »Es war +ein Schwur, o, mehr ein Fluch, unter dem sich die geängstigte Erde hätte +bäumen mögen, ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen.« -- + +»Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, alle meine Gedanken +waren zu Riesen aufgewachsen, die gegen den Himmel anstürmten, meine +vorige Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefühle waren +ehern, mein Busen Diamant.« + +»Ich ward in seine fürchterlichen Geheimnisse eingeweiht, Flüche +segneten mich ein, Grausen stieg mir aus den unendlichen Labyrinthen +entgegen und Schauder waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten +das Ungedachte, ich war über den fernsten Gränzstein der Menschheit +hinausgeschritten und wandelte nun, ein fremder Pilger, jenseit dem +Leben auf der dürren Haide. -- Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurück, +die Zukunft schloß sich meinem Blicke auf. -- Mondal zeigte mir ein +ungeheures Buch, in welchem auf jedem seiner Millionen Blätter tausend +Punkte gezeichnet waren. -- Dies ist mein Almanach, sagte er lächelnd, +so viel Punkte du ausgelöscht siehst, so viele Tage hab' ich durchlebt, +die übrigen sind die Tage, die noch bis zum letzten Tage übrig sind, +ihre Zahl ist unzählbar; aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit +ab, auch der letzte Punkt wird ausgelöscht und die neugeborne Ewigkeit +wandelt über den Ruin der Welten. Bis dahin sieht mein Auge; was dann +sein wird, ist ein Geheimniß, das ich schon seit Jahrtausenden zu +enthüllen strebe.« + +»Mein Geschäft war nun geendigt und ich ging in die Welt zurück, nicht +um zu leben und zu genießen, sondern um Genuß und Leben zu zerstören. +Alle meine vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde +entgegen, ich zerstörte und vernichtete, so weit nur meine Gewalt +reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten und Flüche der Wittwen +und Waisen, mein Weg war mit Thränen benetzt und Grabhügel waren die +Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. -- Der Ewige hatte mich in +ein Leben verwiesen, das ich verachtete und ich sättigte mich im Genuß +der Rache, ihn selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine +Geschöpfe mußten meinem Zorne büßen! Das Dasein quälte mich, wie eine +Gewissensangst, Vernichtung war nicht möglich, Flüche nicht genug, ich +mußte ihn _strafen_.« -- + +»Ich kam in mein Vaterland und der Sultan _Ali_ ward mein Freund, er +war im Begriff, seinen Unterthanen ein guter Fürst zu werden, aber +ich lehrte ihn die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam er +endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen zum Schrecken des +Landes gemacht hat. Durch mich ließ er tausend Schlachtopfer fallen und +tausend eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch _Selim_; +Ali nahm ihm seine Schätze, Selim entflohe mit seiner Gattin und einem +kleinen Sohne, auch die Gattin mußte sterben und ihn sein Sohn nur +noch gewaltsam in ein quaalvolles Leben zurückhalten. -- Ich ging unter +den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie dienstbare Henkerknechte +liefen Schrecken vor mir her und schlugen gewaltsam jedes Gefühl, jeden +Menschengedanken von mir zurück, -- so fand ich den armen, vormals +glücklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner Gattin sitzend, -- da +flog mir wie ein ferner Schein der Wunsch vorüber, wieder in den +entweihten Menschenorden zu treten. -- In diesem unseligen Augenblick +vergaß ich meines Amts und meines Herrn und ließ den trauernden Selim in +den Schooß des Glücks zurückkehren, meine Macht ließ ihn einen Schatz +finden, der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. -- O wie hab' +ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, wie gern hätt' ich +ihn zurückgenommen und Selim's Glück mit neunfachem Jammer ausgetauscht, +wenn es dem Zauberer vergönnt wäre, sein eigen Werk wieder zu vernichten.« + +»Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu Mondals Wohnung zurück, +ich sträubte mich vergebens gegen die drängende Macht. -- Mondal trat +mir entgegen. Schon so früh kömmst du wieder? sagte er mit gräßlichem +Hohnlächeln, -- du hast deine Menschheit abgeschworen, dein Vertrauen +war so frech -- und doch kömmst du selber zurück, dich anzuklagen? Stumm +ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen Klippenmeer, er +spaltete einen Felsen und warf mich bis an die Hüften in die Öffnung, +die donnernd wieder zusammensprang.« -- + +»Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine heiße Gluth webte sich +am Tage um mich her und nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen +bohrten sich glühend in mein Innres und in der Nacht jagten sich kalte +Nordwinde um mich her und bliesen mich mit ihrem Athem an, ein Panzer +von Eis umgab meinen Körper und zerschmolz wieder an der Gluth des +Morgens. Siedende Waldströme stürzten brausend auf mich herab und +schmetterten spielend mein Gebein gegen hervorragende Felsenspitzen. +Mein Geheul erklang fürchterlich den Abgrund hinab, und sprang von +Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag kalt und ohne Mitleid +um mich her. -- So brüllte ich vier Jahr meine Flüche und meine Bitten +dem unerweichlichen Mondal entgegen, aber er hörte mich nicht; zuweilen +flog er auf einer braunen Wolke über mein Haupt, sahe höhnisch auf mich +herab, freute sich meiner Quaalen und überließ mich dann von neuem den +unerbittlichen Martern. -- Endlich schien er gerührt, oder der alten +Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust +bewohnen? -- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und +neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, aber nur unter einer +schweren Bedingung geb' ich dich frei.« -- -- -- -- + +Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als sich ein lautes +Getümmel im Hofe des Pallastes erhob. -- Bestürzt eilte er an's Fenster +-- und die furchtbaren Palmblätter entsanken seiner Hand. -- + + + + +Viertes Kapitel. + + +Säbel glänzten im Schein der Sonne und leuchteten Abdallah wie Blitze +entgegen; in einem fürchterlichen Getümmel kämpften Selim's Sklaven mit +der Leibwache Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit +entblößtem Säbel stürzte er hinaus. + +Ein wildes Geschrei flog über den Hof des Pallastes, Ali's Sklaven +wütheten gegen Selims bewaffnete Freunde, das Geklirre der Säbel an die +Schilder geschlagen, rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem weißen +Barte vor ihm, in seinem Blute gewälzt, das Geschrei und der Klang der +Waffen schlug gegen die Mauern des Pallastes, Blut floß in Strömen, +einige Sklaven flohen, andre stürzten todt nieder, -- und itzt sahe +Abdallah auch seinen Vater unter einem Säbelhiebe sinken. + +Er stürzte sich wüthend in das Gedränge und metzelte um sich her, eine +blinde Wuth gab ihm Riesenkräfte, er fühlte die leichten Wunden nicht, +die er erhalten hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewühle auf und +ab, -- eine bekannte Stimme rief seinen Namen aus, -- es war sein Freund +_Raschid._ -- Auch du? rief Abdallah wüthend, -- auch du bist mit meinem +Elende einverstanden? -- Nur wider meinen Willen, antwortete Raschid und +gab ihm die Hand; rette nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh' +er lebt noch. + +Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen Füßen und sahe ihn mit +einem matten Blicke an; Abdallah ergriff ihn stark und trug ihn aus dem +Getümmel, Raschid begleitete ihn und half den verwundeten Selim aus dem +Hofe des Pallastes führen, alle Krieger machten dem bekannten Raschid +Platz, weil sie den Verwundeten für einen Diener Ali's hielten; so +brachte Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das Thor der +Stadt. + +Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, heftige Gedanken +schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen stahl sich ein Seufzer aus +seiner Brust, den er aber seinem Sohne zu verbergen suchte. + +Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte sich auf einen +Erdhügel am Wege. Sein Gesicht war bleich, seine Wunde, die Abdallah +verbunden hatte, fing von neuem an zu bluten. -- Warum hast du mich +nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal auf mich zürnt? +-- Du hättest mich jenen Dolchen lassen sollen, denen du mich entrissest, +denn ich gehörte ihnen an, von Verrätherei dem Tode verkauft. -- + +Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner Wuth und Angst nach +und nach zurück. Er war bis itzt in eine unwillkührliche Thätigkeit +geworfen, er hatte nicht empfunden und nicht gedacht, über die Gefahr +seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. -- Vater! rief er aus, +-- o daß ich dich habe retten können, daß ich dich aus dem Gemetzel +herausriß und dem Leben wiedergab, -- o das ist das erstemal, daß dein +Sohn dir etwas mehr als Dank sagen kann, -- eine Stunde, wo ich dir +durch Thaten meine Liebe zeigen könnte, habe ich so lange gewünscht, +-- ach! und sie mußte so schrecklich, so unvermuthet kommen! + +Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, mein großer Entwurf +ist dahin! -- deine Ahndung, alter wackerer Mann, hatte Recht, warum +hörten wir nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die schönste +Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? -- Ich habe ein großes Spiel +gewagt, ich setzte verwegen mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus +-- und das Schicksal rief _Selim_! + +Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah. + +O ich weiß kaum, daß ich verwundet bin! rief Selim unwillig aus, ich +weiß nur, daß ich habe entfliehen müssen. -- O warum kann ich nicht der +verächtliche Hund jenes müden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht? +Er ist freier und glücklicher als ich! -- + +Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam weiter. Oft ließ er ihn +auf Rasenhügel sich niedersetzen und wenn er erquickt war, mahnte er +ihn sogleich wieder zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde +fürchtete. -- So gingen sie langsam bis zum Abend und wandten sich zu +einem kleinen unbesuchten Nebenweg, der in einen Wald hineinführte. -- + +Die rothen Streifen des Abends wallen durch den Himmel, sagte der Greis, +sie wollen den trägen Selim zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu +spät und findet nur noch meine Schande. -- O dürft' ich eure verhaßten +Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet ihr euch in Ali's Blute! +-- Meine Freunde sind für mich gefallen und der feigherzige Selim flieht +und rettet ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! dessen +Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet lag und vom Blute +triefte! -- verzeih Abubeker, dem unvorsichtigen Freunde, der deiner +älteren Weisheit nicht traute. -- + +So klagte Selim auf dem Wege und hörte nur wenig auf den Trost seines +Sohnes. -- Das Schicksal, sprach er endlich, nachdem er lange bei sich +gedacht hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefährlichkeiten und +mannichfaltiges Unglück, mein Muth soll vielleicht noch härter gestählt +werden, um dann desto größere Funken zu schlagen. Der Mann muß vor +seinem Tode nichts verloren geben, seine Entwürfe müssen ihm so +unverletzlich sein, wie Heiligthümer, die man ihm zum Aufbewahren +anvertraute, der nächste Tag versöhnt mich vielleicht mit dem +heutigen. -- + +Er ging getröstet weiter. + + + + +Fünftes Kapitel. + + +In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bäume am meisten +verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel sich unter den verschränkten +Zweigen herabsenkte und man kaum von der fernen Landstraße zuweilen ein +dumpfes Getöse hörte; dort stand unter Büschen versteckt ein kleines +ländliches Haus, das Selim sich vor vielen Jahren hatte erbauen lassen, +um hier auf der Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz +zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn kannten diesen Aufenthalt, kein +Weg führte zu dieser Wohnung, nur ein Fußsteig, der sich in hundert +Krümmungen wand und den kein Fremder auffinden konnte. Seit vielen +Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, selbst Selim fand itzt +den Weg dahin nur mit Mühe. Büsche und hohes Gras hatten den kleinen +Fußsteig verschlungen, sie mußten sich durch junge Bäume drängen, die in +einander gewachsen waren, sie verloren oft den Pfad und fanden ihn nur +mühsam wieder, erst mit der Finsterniß kamen sie an die Hütte. -- + +Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt und vom Regen +durchlöchert, durch die Fenster hatten sich junge Gesträuche gedrängt +und Epheu schlängelte sich in grünen Labyrinthen die Wände hinan, +Heimchen nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam durch die +Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; Eulen hatten sich auf den +benachbarten Bäumen niedergelassen und heulten nach dem Hause hinüber. +Der Aufenthalt begrüßte sie traurig und verfallen, wie ein kranker +Freund, der auf dem Sterbebette Abschied nimmt. + +Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim ließ sich sogleich auf +ein kleines Ruhebett nieder. -- In der Nähe rieselte eine Quelle vom +Berge herab und Abdallah schöpfte aus dem frischen Wasser einen Trank +für seinen entkräfteten Vater. -- Ich bin erquickt, sprach dieser, -- o +daß ich dich noch übrig habe, daß das Schicksal dich nicht von meiner +Seite genommen hat, das ist ein Glück, dessen Größe ich mit inniger +Dankbarkeit verehre. + +Abdallah verband von neuem die Wunde Selims und bat dann seinen Vater, +ihm zu sagen, woher dieses Unglück so plötzlich auf ihn eingestürmt sei, +was es veranlaßt habe und womit sein Vater den Zorn Ali's so heftig +aufgereizt habe. -- Diese Wunde, sagte Selim, die mir plötzlich so +tödtlich geschlagen wurde, ist mir selber unbegreiflich, schon seit +lange wälze ich alle meine Gedanken umher, dieses Räthsel zu verstehen, +alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorübergehn, aber +auf kein einziges Gesicht steht der Name Verräther. -- Der Himmel selber +wirft sich mir entgegen und drängt den Strom gegen seine Quelle zurück. +-- Dann erzählte er ihm die Entstehung der Verschwörung gegen Ali's +Leben und nannte ihm alle Ursachen, die sie veranlaßt hatten. -- Ich +wollte das Land glücklich machen, so schloß er, aber der Ewige will, daß +sein Elend noch ferner dauere, er zürnt auf mich, daß ich seinen weisen +Rathschlüssen habe vorgreifen wollen und an seine Stelle treten. Der +Sterbliche muß nur der Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit +Vorwitz den geheimen Plan der Gottheit zu übersehen glauben, sein Frevel +bestraft sich selbst. -- Der Tyrann herrscht und ich beseufze hier +verlassen mein Unglück, ohne Rath und Hülfe, ohne Freund, -- o wenn nur +_Omar_ zurückkäme, auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte +Hoffnung: aber wenn er auch zurückkömmt, kann er das, was geschehen ist, +ungeschehen machen? Er kann nichts als trösten, und Trost ohne Hülfe ist +kein Trost für mich, -- meinen Freunden wird endlich kein Dienst übrig +bleiben, als mich in mein Grab zu legen. + +Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim fühlte einige Thränen heiß +über seine Wangen fließen, er schämte sich seiner Schwäche und nur die +Finsterniß, die die Zähren seinem Sohne verbarg, tröstete ihn etwas +über seine Unmännlichkeit. Abdallah ergriff die Hand seines Vaters +und drückte sie ohne zu sprechen an seine brennenden Lippen, Selim +umarmte ihn schweigend und eine wehmüthige Stille war um ihren Schmerz +ausgegossen. -- Durch die Fenster dämmerte ein irrer Schein der Sterne +und eine Fledermaus schlug mit rauschendem Flügel an die äußern Wände. +Selim sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, das sich +durch die grünen Gebüsche brach, vom Wege und seiner Wunde müde schloß +sich endlich das gespannte Auge und er versank in einen sanften +Schlummer. Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem Vater und +schien auf das Athemholen Selims zu horchen. + + + + +Sechstes Kapitel. + + +Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die Quelle in der Nähe +plätscherte immer leiser und leiser, das Rauschen der Bäume verhallte +immer dumpfer und Selims Athem röchelte schwach, wie der Athem eines +Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und sahe in einer +kalten Seelenträgheit dem wunderbaren Spiele seiner Gedanken zu. Sein +Vater hatte den Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren die +Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom in seine Seele +zurückgekommen; schon hatte er alles vergessen, aber dieser Ton brachte +ihm mit Wucher zurück, was er so gern nicht angenommen hätte, was er so +gern auf ewig von sich zurückgewiesen hätte. -- Omar! sprach er leise zu +sich selbst -- Omar! wiederholte er mit zitternder Stimme. Sein Geist +wandte sich scheu vor dem Gedanken zurück, der sich unüberwindlich zu +ihm hinaufkämpfte. -- Omar hatte die kindliche Liebe schon verloren, +mit der er ihn ehedem geliebt hatte, seit jener Nacht, die ihn zum +Vertrauten seiner übermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich +seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefühl, einer Art von Anbetung +vermischt: aber er war immer noch der Freund Omars geblieben, seine +Liebe hatte sich gleichsam nur ein anderes Gewand gewählt, ohne ihr +Wesen zu verändern, -- aber zu _der_ Empfindung, die itzt seine Seele +durchschnitt, hatte bis dahin auch kein Keim, keine Ahndung in seiner +Brust gelegen: es war nicht Mißtrauen, nicht Haß, nicht Abscheu, nicht +Entsetzen; ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefühlen gewirkt. Ein +Todtengewölbe hatte sich ihm aufgethan, in welchem grinsende Gerippe, +Moder und scheußliche Verwesung in tausend gräßlichen Vermischungen vor +ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit schadenfrohem Lächeln +an ihm vorüber und wie in Nebel gehüllt tobten neue Furchtbarkeiten aus +der nächtlichen Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen engen +Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch drängen sollte, um sich +dann in einen Abgrund zu zerschmettern. + +Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser Name, der einst +meinem Vater zugehörte? der die Loosung zur Freude und zur Liebe war! +-- Itzt ist es der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach mir +auswirft. -- Oder war alles, alles nur ein Traum? Es kann nicht Wahrheit +sein, unmöglich! Wie könnte so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie könnte +so plötzlich der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben noch die +Freundlichkeit thronte? -- Wenn Omar statt mir die Hand zu reichen, mir +einen schuppigen Drachenhals entgegenreckt, -- wer soll mich dann aus +der Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wänden, ein verlorner +Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn der Ort, wo meine Seele sonst +am liebsten verweilte, sich so plötzlich in einen Kerker umwandeln kann? +-- Ich schwindle vor den tausend Gestalten zurück, die aus einem wüsten +dunkeln Abgrund so drohend ihr Haupt emporheben und mir still und +schweigend wie unversöhnliche ewige Strafen zunicken! -- Nein, so +fürchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Träume verweben sich +in solchen verworrenen Wolkengebilden. Wo war mein guter Engel, als +diese Phantasieen in meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl +verschlangen, der noch kärglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete? +-- Wer würde dann noch zaudern und sich bedenken, aus diesem Leben +herauszugehn, wenn es ihn mit so entsetzlichen Speisen fütterte? -- Nein, +nein, o Verzweiflung wäre für ein solches Unglück zu wenig, es kann +nicht Wahrheit, es _soll_ ein Traum gewesen sein! -- + +Er schwieg, eine dunkle Stille säuselte um ihn her, in der finstern +Nacht und der leeren Einsamkeit sahe er nichts als seine Gedanken +schwimmen, ein Wiederhall seiner Seele wiederholte unzähligemal den +Namen _Omar._ + +Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. -- Ich erinnere mich der +Stelle, wo ich jene schrecklichen Worte las, o ich weiß es zu gut, wann +und wie es war, mein boshaftes Gedächtniß wiederholt mir mit hämischer +Freude die gestrige glückselige Nacht und stellt mir noch einmal den +alten _Nadir_ hin, der mir die Blätter reicht. -- Nein, es ist kein +Traum, wenn unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum ist +und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, der durch die +Leere seegelt und den ein nichtiger Schein anfliegt, bis ihn ein Wind +verweht. -- Blas't mich Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in +tausend Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen finde! +-- Wo Grausen und Unglück wohnen, wo der letzte leuchtende Funke +knisternd aus der Asche springt, wo eine ewige Einsamkeit auf tausend +Verderben brütet, -- o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort ist +die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen seinen Streifereien +mein müder Geist zurück, dies ist das Ziel, wo ich endlich ruhen soll, +nach welchem mein schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles +weicht aus meiner Bahn zurück, nur meine Verächtlichkeit bleibt mir +übrig und die Hölle, die hinter mir ras't. + +Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, das unbarmherzige +Urtheil, das fürchterliche Geheimniß ist wie ein Todtengerippe aus +seinen verhüllenden Gewändern herausgeschritten, -- zurück, zurück von +meinem Halse, Scheusal! -- Es klopfte ja ein Menschenherz in dir, als +ich dich verhüllten Fremdling an meine Brust drückte, wo hast du +Betrüger dein Herz gelassen? -- + +Habe ich jene grausenvollen Blätter bis zu Ende gelesen und ihre ganze +Gräßlichkeit in meinen Busen gesogen? -- Nein, nein, -- ein freudiger +Funke glimmt in der Nacht wieder auf, die Auflösung des Räthsels ist +noch übrig, -- ja, du wirst mir wieder geschenkt werden, mein Omar! Ja, +der Ort kann itzt noch keine Wildniß sein, auf welchem so eben noch +dieser freudenreiche Tempel stand. -- Ja, Omar hat sich von Mondals +fürchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme der Menschheit +zurückgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, er ist wieder ein Mensch +geworden, die übrigen Blätter werden, müssen es enthüllen. -- + +Er faßte den Entschluß in die Stadt zurück zu gehn und jene Blätter +wieder aufzusuchen, die sein Schicksal enthielten, er bückte sich leise +auf seinen Vater herab und hörte, ob er noch schlummere, dann verließ er +schnell das Zimmer. -- + +Er drängte sich durch die Labyrinthe der Gebüsche und tappte in der +wüsten Nacht mit den Händen umher, um den verborgenen Pfad zu entdecken. +-- Rauschend jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, die Sterne +weinten kalten Thau herab, Sturmwinde spielten heulend im dichten Walde. +-- Abdallah stürzte oft gegen Bäume und fuhr durch rasselnde Gesträuche, +flimmernde Lichter führten ihn oft trügend tiefer in den Wald hinein, +wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; endlich trat er auf die +Heerstraße. -- + +Er ging durch das Thor und durch die stillen Straßen der Stadt, auf der +Brücke hatten zwei Fischer ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich +leise. -- Abdallah stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmüthiger +Verzweiflung an den Abend zurück, an welchem der Untergang der Sonne +sich so schön in dem Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen +schwammen, die für ihn mit Seligkeiten landeten, als jede Welle den +Namen Zulma und Abdallah lispelte und mit dem Abendwinde stritt, wer +»Zulma« am süßesten säuselte, er dachte an die Himmelsnacht zurück, als +sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen Wonnen aufgethan +hatte, -- er sahe nach der Gartenmauer, -- aber eine neidische Finsterniß +warf sich vor sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im +kalten Winde der Nacht und wankten in einer düstern Dämmerung, ein Stern +blickte zuweilen wehmüthig hinter den schwarzen Wolken hervor und warf +traurig einen flüchtigen Blick auf die dunkle Fluth. -- Er stand in +tiefen Gedanken und maß sein Elend an der Größe seines vorigen Glücks. +Das Gespräch der Fischer flüsterte leise in das Rieseln der Wellen. + +Wie ich dir sagte, _Sadi_, sprach der eine, auch keine Mauer von seinem +Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglücklichen Selim +mit den gräßlichsten Flüchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so +fürchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nähern. + +Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben +getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine +Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen. + +Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann, +er hat mich vom Hungertod gerettet, er muß gewiß Ursachen gehabt haben, +so zu handeln, denn er ist ein edler Mann. + +Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott über uns gesetzt und +ihn verletzen heißt Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die +Strafe Ali's verdient. + +Sie stritten noch länger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie +hatten nichts gefangen und gingen verdrießlich nach Hause. Abdallah +hatte ihrem Gespräche traurig zugehört und näherte sich dem Pallast +seines Vaters. + +Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein großes Todtengewölbe. +Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen +Tritte die Wände hinabschallten, er stieß mit dem Fuß an die Körper der +Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem +Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und röchelte fürchterlich. +Abdallah schritt bebend über sie hinweg und trat in die Gemächer des +Pallastes. Alles war einsam und verödet, so still, als hätten niemals +Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, -- itzt kam er in sein Zimmer. +-- Mit zitternden Händen suchte er auf den Tischen und am Boden umher +und fand die fürchterlichen Blätter nirgends. -- Wie? -- rief er aus, +-- sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht +einmal meinem Elende in's Angesicht sehen können? Sollte das schadenfrohe +Schicksal mir auch selbst diese fürchterliche Freude der Gewißheit +rauben wollen, damit meine Verdammniß in unaufhörlicher Angst bestehe? + +Ängstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: -- es gilt deine +Liebe, Omar! ob ich mich mit dir aussöhne, oder nicht, hängt von diesem +Augenblicke ab, -- jetzt weiß ich nur genug, um unaufhörliche Quaalen zu +dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. -- Er suchte lange und +unermüdet, endlich sprang er wüthend auf und wollte gehen, sein Fuß +stieß an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wälzte, er streckte +seine Hand darnach aus, -- es waren die erwünschten fürchterlichen +Palmblätter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen +hatte. -- + + + + +Siebentes Kapitel. + + +Die Hände Abdallah's zitterten, als er die Blätter ergriff und mit ihnen +durch die Gemächer zurückeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte, +trat wieder vor seine Seele, er drückte krampfhaft die Faust zusammen +und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flügeln +hinter ihm herjagten, so entflohe er über den Hof des Hauses und durch +die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. -- Nur ein +einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhängen umher und seine +Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie +unruhig auf und niedergehn, er hörte seinen Namen nennen und starrte +lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. -- Das einzige lebendige +Licht in der großen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung +Zulma's neben seiner Verzweiflung ließ einen wunderbaren Schein in die +tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte +Blume, die zu früh in einem schönen Wintertage aufbricht. Das Liebliche +und die Gräßlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen, +aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter +Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf, +aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmüthige Erinnerung +einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte. + +Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm durch die schwarze Nacht +entgegen, es war _Raschid_, sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurück +und ging lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte ihn +kaum, in die Verworrenheit seiner Träume verloren. + +Nun bin ich ganz unglücklich, begann Raschid, nun ist mir alles genommen, +ich sehe keinen Ausweg, als die Verzweiflung. Alles, auch der letzte +fernste Abendschein meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen. +-- Ich bin aus Ali's Pallast entflohen und habe mich vor seiner Wuth +gerettet, denn er hat mir den Tod geschworen, -- er glaubt, daß durch +meine Hülfe dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er weiß, daß ich +dein Freund war. -- Ist dein Vater gesichert? + +Mein Vater? fuhr Abdallah auf, -- ja! -- + +Sei wachsam, Abdallah, antwortete _Raschid_, Ali wüthet, wie er noch nie +gewüthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater +lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger, +dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrümmernden +Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige +Verschwörung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei für einen +Menschen zu kühn, hat seine Rache so heißhungrig gemacht, daß nur sie +durch Selims Tod wird gesättigt werden können. -- Dein Haus wird zerstört +werden und ein Fluch des Himmels darüber ausgesprochen. Schütze Selim, +denn sein Schicksal würde fürchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem +Sultan verrathen würde. + +Raschid ging und Abdallah verließ die Stadt und eilte nach der einsamen +Hütte zurück. -- Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel +der Bäume und jagte ein nüchternes Licht durch die Schatten des Waldes, +als Abdallah von der dunkeln Anhöhe hinunterging und sich im Waldgrunde +der einsamen Wohnung seines Vaters näherte. -- Ich habe dich schon +vermißt, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du +hättest mich verlassen, denn der Elende muß jeder Furcht und keiner +Hoffnung trauen. -- + +Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah. + +Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Kräfte +zurückgegeben. -- Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen +Wald zu meinem Fenster drängt, um mich zu grüßen, wie der Himmel mich +mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch +hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber +ich will nicht untersinken, auch dieses Unglück will ich noch auf meine +Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mögen +tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer +Stimme in eine Höhle verkriechen, sondern ihnen mit Kühnheit antworten. +Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen, +noch einen Faden hat mir das gütige Schicksal übrig gelassen und an +diesen will ich das Gewebe meines Glückes unverdrossen von neuem beginnen; +wenn dieser reißt, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Händen +werfen. + +Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin +noch dein und werd' es bleiben. Laß dich von dieser Freude noch in diese +Welt zurückhalten. + +Die Wunde Selims war minder gefährlich als gestern, aber er war ermattet, +selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater, +er brannte vor Begierde den Inhalt der Blätter zu erfahren, aber es +war unmöglich, den Kranken, dem seine Hülfe so unentbehrlich war, zu +verlassen. -- Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett +seines Vaters und zündete eine Lampe an, die er in einem benachbarten +Zimmer gefunden hatte. + +Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg +aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren +Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf +durch das enge Zimmer eine matte Dämmerung, Abdallah zog aus seinem +Busen die Palmblätter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle +Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. -- Nein, +sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurückgegeben werden, diese +Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste fürchten, die grausamen +Blätter werden mir ihn nicht wiedergeben, -- er las weiter: + + * * * * * + +-- -- -- -- -- »Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung +überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen. +-- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie +ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung +geb' ich dich frei.« + +»Sprich sie aus, Gräßlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm +mich wieder aus dieser Höllenpein, sprich es schnell und ich will das +Unmögliche möglich machen!« -- + +»Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der +wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmächtig und ohne +Bewußtsein, endlich kam mein Geist zu mir zurück, Mondal stand noch +neben mir.« + +»Wandre zur Welt zurück, sagte er mit fürchterlicher Stimme, und nur das +gräßlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhören zurückschaudert, kann +dir meine Verzeihung erwerben. -- Keine gemeine und leichte That söhnt +dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche +deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn +umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode übergiebt. +Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen für dich ersinnen, +die im Augenblick dich zermalmen und mit noch gräßlichern Schmerzen dich +wieder in's Leben zurückreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten +und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thätigkeit setzen. Ungestraft +soll ein Mensch meiner nicht spotten dürfen. -- Geh zurück und lies dir +einen Sterblichen aus, der dich löse; nach zwanzig Jahren erwart' ich +deine Rechenschaft.« + +Ich ging. -- Für Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine +Quaalen bezahlen. -- »Und dort Nadir,« rief Omar itzt mit lauter Stimme, +-- »dort liegt mein Unterpfand!« + +Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen +hatten bis itzt meine Zunge gelähmt, ich fühlte mich von Omar mit +tausend Armen zurückgerissen. -- Dort unter jener Palme? rief ich nach +langem Stillschweigen aus. -- + +»Ja,« antwortete Omar, »er bezahlt die große Schuld, auf ihn bin ich +von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache +sättige.« + +Ich fuhr zurück und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir +alles zu sagen. -- Unglücklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme, +du schläfst und siehst den Felsen nicht, der über deinem Haupte +zusammenstürzen will! + +»Nadir! mein Freund!« schrie Omar, -- »o hab' ich mich an der Menschheit +wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern +wäre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, -- und du willst deinen Omar +zu unendlichen Martern zurücksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als +dein Freund?« -- + +Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen +Händen! Du hast die Verdammniß angetastet, die Hölle hängt an dir! + +Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar riß mich gewaltig zurück, wir +rangen einen hartnäckigen Kampf, wüthend stritten wir in hundert +Gestalten, als Tiger, Löwen und Elephanten, unermüdet jagten wir uns +durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine große +glühende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben +der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich +mußte ich der höllischen Übermacht Omars weichen, die Donner und +Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe. + +Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurückgehn, er hielt dich fest und +wachte über dich, wie ein Tiger über seine Beute. + +Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt, +die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich +her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe +allgemach entgegenführt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die +Tugend genommen, die Welt ist dir verächtlich, deine Leidenschaft kämpft +gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimniß führt dich dem Wahnsinn +entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen +wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrämpfen; nur Zulma hält deine +Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglückt die Natur, nur dir ist sie +eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fährst du in den +unvermeidlichen Strudel hinein, -- o Abdallah, Abdallah, rette dich! +Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weißt nun deine grausenvolle +Bestimmung; o ich beschwöre dich, glaube meinen Worten, laß keine +blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergiß nicht seine +heiligsten Gebote. Wenn du, mir mißtrauend, zu deinem vorigen Freunde +zurückkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er führt dich gewiß +endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem gräßlichen Endzweck; +ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit kühnem Muth; +bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir +dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlägt +noch für die Tugend. + +Ja, Jüngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich +gestoßen hat und der sie aus boshafter Rache verläugnen will. Suche +diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter +Räthseln umher, aber fühltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das +dieser Gottheit loderte? Das Gefühl der Tugend ward uns mit auf die Welt +gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und +es einst vollendet zurück zu bringen. Dies Gefühl das in unserm Busen +glüht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernünftelei +wird es je verbannen, nichts löscht diesen Glanz aus, der auch wider des +Bösewichts Willen niedergedrückt stets von neuem in ihm aufleuchtet, +diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere +Richter schläft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverfälscht +da. -- Dieses himmlische Gefühl ist der Fittig, der uns einst zum Thron +der Gottheit hinaufschwingen wird; o lähme nicht diese Flugkraft, +dieser Muthwille würde dich einst an jenem Tage allmächtig niederwärts +halten. Kehre zurück und baue die wilden Trümmern wieder auf, laß +dein Menschengefühl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der +Thron des Ewigen wird unerschüttert stehen, wenn auch tausend Zweifel +gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren großen Gang und kein +Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schöpfers wird in das +innere Geheimniß dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt +hast, daß der Mensch höher stehe, als das Thier, das unverständig über +die Pracht der Schöpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der +Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefühl, +das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, laß dir nicht heimtückisch +dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit. +Ein großes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne +Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch +der Verdammniß zueilte, durch den zärtlichsten Sohn soll der Vater +sterben, Liebe und täuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir +ausgeworfen, du mußt verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dämonen +tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig +untersinkst. + +Du siehst traurig auf diese Worte hin und fühlst, daß du Zulma's Liebe +nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand +deines Glücks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst +nicht zurückschreiten, ohne den Fuß über den Strom zu setzen, der dein +Glück und Unglück scheidet. -- Deines Vaters Fluch wirft sich deiner +Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters über diese +Unmöglichkeit hinwegführen, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber +vertraue dich mir und ich will dich glücklich machen. Die Geheimnisse +des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, in _einer_ Nacht soll sich +in diesen magischen Gefilden dein großes Glück entscheiden. Ohne deine +Menschheit zu zertrümmern, will ich dich über den Fluch deines Vaters +hinweg, in die Arme deiner Zulma führen, diesen einen Weg, nur mir +bekannt, hat dir das Verhängniß offen gelassen, reich' deinem Freund +_Nadir_ die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. -- O wie leicht, +voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am +sonnbeglänzten Ziele die Krone des Siegers empfängst, Zulma in deinen +Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben +wieder abgekämpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit +flatterndem Haar zur Hölle ihrer Heimath zurück, glänzend steht die +Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkränzen +entgegen. O Jüngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurück. +-- Kannst du je selbst in Zulma's Armen glücklich sein, wenn der schwarze +Wurm in deinem Busen ewig frißt und an deiner Seele mit giftigem Zahne +nagt? Wenn du dir selbst unaufhörlich einen Spiegel vorhältst, aus dem +dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Ankläger +entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die +bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? -- Wenn selbst die Thräne +endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor +deinem eigenen Schatten zurückstürzest? -- Verehre den Schöpfer und +seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma +nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten +Staub und die Hülle eines leblosen Gerippes finden, laß den Vorhang +wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen +hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den großen Weltenschöpfer +meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schönheit, itzt steht in jedem +Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick muß ewig +irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fügt, +du klagst den Ewigen und seine Schöpfung an, weil er dich beim großen +Gebäude nicht um Rath befragte. + +Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir Zulma erkaufen soll, so +komm in der Mitternachtsstunde in jenes Felsenthal, in welchem sich ein +Wasserfall vom Berge gießt: du mußt mit dem Geisterreich vertraulich +werden und durch tausend Schauder unerschrocken gehen. Wenn du auch +nicht die Möglichkeit der Auflösung begreifen kannst, so ist sie doch +da, durch Muth mußt du Zulma gewinnen; um dein Glück in Ruhe zu genießen, +um ewig von diesen schwarzen Dämonen der Nacht unangefochten zu bleiben, +mußt du dich kühn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du auf immer +ihre Furchtbarkeit von dir abschütteln. -- Geh ihnen dreist entgegen, es +sind nichts als leere Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen +sich zurück in ihre Nichtigkeit retten. -- In jenem Thal' erwart' ich +dich. + +Den Zauberring reiß von deinem Finger, er fesselt dich unauflöslich an +Omar und dein Elend, er ist das letzte Glied der schwarzen Kette, an der +der Meineidige dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band +zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehörst der Menschheit wieder +zu. + +Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, der dich im +Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; säume nicht, Abdallah, neun +Nächte erwart' ich dich hier, kömmst du nicht, so will ich für dich +beten. + + + + +Achtes Kapitel. + + +Abdallah hatte die fürchterlichen Blätter geendigt und sein Auge sah +noch immer starr auf die letzten Worte hin, er verlor sich in tausend +wunderbaren Gedanken und Gefühlen und eine stumpfe Betäubung hielt +endlich alle seine Sinne gefangen. -- Das schwarze Buch der Nacht mit +der goldenen Schrift war durch den Himmel aufgeschlagen, die Erde ruhte +ringsum in einem heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte matt +und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth des Dochtes, itzt hob +sie sich zum letztenmale und verflog in die Finsterniß, die rothe Kohle +zersprang knisternd und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser +und leiser flüsterte es um Abdallah her. + +Nun ist es ja gelöst, sprach er endlich, das große Räthsel. O daß die +Hölle Raum in so wenigen Worten findet! Hinweg mit dem schändlichen +Namen Omar aus meinem Gedächtniß! Hätt' ich ihn nie nennen hören! dieser +Name -- o ich kann diesem Gedanken nicht folgen, bei dem mein Verstand +erlahmt -- dieser Name ist das Freudengeschrei der Hölle und doch so +fest in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig ausreissen, +die Vergessenheit soll ihren Fittig über ihn schlagen und dann ist es, +als wär' es nie gewesen. Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und +doch Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, -- ja, Omar, +fahre wohl, ich nehme diesen Weg, fahre wohl, wir sehn uns nie wieder. +Gehe du zu deiner kalten Verdammniß zurück, ich gehe in die Wohnung der +Seeligen und finde dort alle jene Schätze wieder, die einst mein waren. +Mögen die Stunden verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal +verflucht! -- Doch still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes +voriges Leben! -- + +Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben durch das Fenster in ein +Gebüsche werfen, aber plötzlich hielt er ein, -- ein Gedanke überraschte +ihn. -- + +Was willst du thun? fuhr er fort, -- auch das letzte Bret fahren lassen, +das dir der Schiffbruch übrig gelassen hat? -- Hat Omar mich nicht selbst +vor den Verläumdungen der Lästerer gewarnt? Wodurch hat es dieser +Fremdling verdient, daß ich seinem Märchen und seiner ungeprüften +Redlichkeit mehr glaube, als meinem längst erprobten Freunde? Ihn will +ich zurückstoßen und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme werfen? +Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel ein neues, noch größeres +Elend für mich gesponnen wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum +Eingang in das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir die +Unmöglichkeit unter sich niederkämpfen? Wie meines Vaters Gebot mit +meiner Liebe vereinigen? Auf welchem Wege sollen sich diese Widersprüche +begegnen? -- Es kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, ein Fremdling +will auf dem Thron sitzen, den mein Omar bis itzt eingenommen hat. -- Aber +wenn es Wahrheit wäre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschöpften dann +mein Elend? Was könnte mir dann meine Seligkeit bezahlen, die ich wie +ein muthwilliger Knabe verspielt hätte? -- Ich will hinaus und das +Unternehmen wagen, für Zulma ist jede Gefahr nur ein Spiel! Und dieser +Ring hier sei mein Anker, den ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu +verschlingen drohen. + +Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer und suchte durch den +Wald den Weg nach jenem furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht über +der Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome ruhten auf +ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften durch den Wald und rothe +Strahlen kräuselten sich um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter +zogen am Horizont mit fürchterlichem Schweigen auf; aber Abdallah drängte +sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten hindurch, er fand endlich +die Heerstraße und das enge Thal. + +Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme freudig entgegen, o +glücklich, daß du meiner Einladung gefolgt bist. Nadir stieg schnell von +einem Felsen herab und eilte ihm entgegen. -- Wenn ich dich retten kann, +Abdallah, so bin ich glücklich, dein Geist ist edel, dein Herz sanft und +so tief zum schändlichsten Verbrechen solltest du herabsinken? In dir +fließen tausend Quellen der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen +entgegenrauschen? + +Abdallah reichte ihm zagend die Hand. -- Ich will mich dir vertrauen, +rief er aus, ich will dir glauben, so gern ich dir nicht glauben möchte. +-- Zeige mir den Weg zu meinem Glücke! + +Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, sagte Nadir, aber +laß dich von keiner auf deinem Wege zurückhalten, es sind nur leere +Gebilde, die wie ein Rauch um dich wehen und sich wieder in Nichts +verwandeln; wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so bist +du nur von einem schweren Traum erwacht. Um nie wieder vom Geisterreich +und seinen Phantomen im Glücke beunruhigt zu werden, mußt du durch das +ganze magische Gefilde wandeln; laß dich von keiner Furcht überraschen, +denke unaufhörlich daran, daß es dein Glück oder Elend entscheidet, wenn +du zitterst, oder sie muthig verachtest. -- + +O laß mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, laß mich mein +Glück erjagen und mich tausend grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei +mein Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildniß in meiner Fahne tragen und +mich kühn durch alle Schrecken kämpfen. -- + +Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. -- Plötzlich +sank unter ihren Fußen die Erde ein und sie standen in einem weiten +unabsehlichen Felsengewölbe. Eine matte Dämmerung goß sich durch das +Steingemach aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein bleicher +Schimmer und fluthete in grünen Strahlengeweben durcheinander, ein +betäubender Duft wälzte sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie +ein Nebel, oben lag eine schwarze Finsterniß, eine Mauer, durch die kein +scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. Ein leises Brausen rauschte +wie ein Gespenst in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen Strahlen +und verflogen wie sinkende Sterne. + +Vergiß meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, laß dich nicht +täuschen, sondern gehe kühn durch jene Gestalten, die sich dir mit allen +Schaudern entgegenwerfen werden. So ungestalt und wunderbar, in so +seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit verkleiden mag, so +vergiß nie, daß es nur Dünste sind und keine Wirklichkeit, daß alles +ohne Gewalt um dich herum spielt und nicht an dich hinandringen kann, +ein eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, laß die Wesen daran +vorüberrauschen, so lange dein Muth dich aufrecht hält, können sie dir +nicht schaden. -- + +Und wann, fragte Abdallah, wann ist mein Glück entschieden? -- + +Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, lös't sich alles auf; +gewinnst du das Kleinod, so ist es dein vor dem Aufgang der Sonne, so +kömmt dir dein Vater und Zulma mit der Morgenröthe entgegen und bringt +dir deine verlorne Ruhe wieder. -- + +Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend, nur ein Wink meinem +Geiste, wie dieses schwere Räthsel aufzulösen möglich sei. -- + +Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem Blick, denn sähest +du in der Tiefe der Ungewißheit den Nachen der Zukunft schwimmen, dränge +dein Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du hinuntersteigen +sollst, o so wäre dein Unternehmen kein Kampf, vor dem man zurückzagen +könnte, das Verdienst des Wagens ginge unter und Abdallah wäre ein +falscher Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein großes Glück +abgewönne. + +Er schwieg und ließ dann unwillig die Hand Abdallahs fahren. -- Aber du +traust mir nicht, setzte er mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir +dieser Ring. -- O möge dich dies Mißtrauen nie gereuen! -- Itzt lebe +wohl. -- + +Er ging zurück und verschwand plötzlich in die Felsenwände. + + + + +Neuntes Kapitel. + + +Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewiß, ob er noch itzt den Ring +vom Finger reissen solle, oder nicht, er versuchte es, aber der +Zauberring klemmte sich fest und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah +ging mit langsamen Schritten vorwärts. + +Das Gewölbe schloß sich immer dichter hinter ihm zu, als wenn es +ihm den Rückweg zur Welt versperren wollte, gewaltsam hielt ihn die +Unterwelt in ihren Armen, lebendig eingegraben war ihm zum Tage +durch tausend Klippen die Rückkehr verriegelt, vor ihm eine schwarze, +undurchdringliche Nacht, unter bangen Räthseln und Erwartungen gefangen, +war er oft im Begriff, sich umzuwenden und den Rückweg durch die +Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder an jene +unterirdischen Gewölbe, zu denen ihn Omar hinabgesandt hatte, er sahe +den Leichnam seines Vaters vor sich liegen und ging weiter, indem er +laut den Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterniß drängte. + +Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den Wänden herab und die +Dunkelheit wuchs immer dichter zusammen, endlich versank der letzte +Strahl und eine schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken +nieder. -- Die Felsenmauern endigten sich und er trat in ein großes +unendliches Gefilde, über das ein dürrer Wind hinwehte. -- Er athmete +bange empor, drückend lag die Finsterniß auf ihm gewälzt, er ging wie +ein Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, das auf +dem öden Schlachtfelde in stiller Nacht seinen Leichnam sucht, er wagte +es kaum, Athem zu holen und den Fuß hörbar aufzusetzen, eine Stille, so +einsam und todt lag um ihn her, daß er den Wurm vernahm, der durch das +erstorbene Gras mit knisterndem Fuße ging. Bei jedem Schritt verschlang +ihn eine dickere Dunkelheit, bei jedem Fußtritt glaubte er in ein neues +Grab zu treten, das über seinem Kopf zusammenschlug; wohin er auch das +bange Auge warf, stand die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte +mitleidig durch das schwarze Gewölbe, kein Funke erglühte und warf sich +durch das Dunkel, selbst kein Laut trat freundschaftlich seinem Ohre +nahe, ihn zu trösten. -- + +In dumpfer Betäubung wandelte er durch die dunkle ausgestorbne Leere, +als er plötzlich an der fernsten Gränze der Finsterniß ein blaues Licht +entdeckte, das wie eine kleine Sonne grüne Strahlen um sich warf, in +hundert Krümmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. Die Nacht +sog begierig den Schein in sich und zitterte dämmernd und ungewiß um +die ferne Helle. -- Abdallah ging mit erneutem Muthe dem Lichte näher, +das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. -- Schon sah er +deutlicher den Weg unter sich, schon zog die Dämmerung immer schneller +von seinen Augen hinweg, -- als er vor einem Pallaste stand, aus welchem +ihm das Licht entgegen glänzte. Ein breiter Fluß rauschte dem Schlosse +vorüber und eine Brücke führte zum Eingang des Pallastes. -- Der Strom +floß still und schwermüthig hin, seine Wellen murmelten leise wie das +Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer klagte ihnen in wimmernden +Tönen nach. + +Abdallah betrat die Brücke, lehnte sich gedankenvoll auf das Geländer, +und betrachtete den Funken, der vom Pallaste her sich in trüben Streifen +in den Wogen spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg und +wollten den tröstenden Schein mit sich hinwegwälzen, aber hartnäckig +sprang er wieder von dem Rücken der Woge herunter und sie floß weinend +und klagend weiter. -- + +Er verließ die Brücke und sie zog sich hinter ihm auf; Abdallah fuhr +zusammen. -- Jedes Grausen stieß ihn vor sich her, übergab ihn dem +benachbarten Schauder und sprang dann von ihm zurück, wie ein Felsenstück, +das ein Wasserfall von der höchsten Spitze des Berges reißt; eine Klippe +wirft es spielend der andern zu, ein Abgrund dem andern, _zurück_ führt +es kein Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich nicht herab, +um es wieder aufwärts zu tragen. -- + +Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; über der Thür waren diese +Worte geschrieben: + + »Wanderer, der du über den Thränenstrom gegangen bist, sieh hinter + dir, der Rückweg ist unmöglich, nur durch diesen Pallast geht der + Pfad der Rettung. -- Fühlst du aber keinen Muth in deinem Busen, + so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter + der Thür.« + +Abdallah trat in das große Thor und sein Fußtritt hallte laut in den +hohen Gewölben, wunderbare Töne kamen ihm entgegen, flogen über ihn +hinweg und streiften die Mauer, die Gebäude schienen den Fremdling +staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen Lauten +wimmelte um ihn her. -- Er ging über den gepflasterten Hof, jeder +Schritt hallte dreifach an den unermeßlichen Wänden, auf denen sich die +Nacht zu stemmen schien. Er ging durch eine Thür und trat in ein dunkles +stilles Zimmer, er ging durch das Gemach hindurch, um eine andre Thür zu +öffnen, die ihn auch in ein leeres unerleuchtetes Gemach führte, das +Grausen schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war still wie +ein Grab. -- Er eilte mit leisen Schritten und verhaltnem Athem durch +viele Gemächer, und alle fand er leer, endlich eröffnete er eine Thür +und ein schwacher Schimmer brach ihm entgegen. + +Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die es erleuchtete wie der +Mond durch schwarze Wolken das Gefilde, alles war still und feierlich +umher, ein betäubender Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag ein +Greis und schlief, sein silberweißer Bart fiel ehrwürdig auf seine Brust +herab, seine Füße ruhten auf einem kostbaren Teppich. Er glich dem +Propheten Gottes an Majestät, Engel wären vor ihm niedergekniet. -- + +Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und betrachtete den +schlummernden Greis; der Schlaf schien sich mit Wohlgefallen über ihn +zu neigen und ein Traum ihm den Himmel aufzuschließen, er lächelte im +Schlaf, und Abdallah fühlte, daß sich Thränen heiliger Ehrfurcht und +Anbetung in seine Augen drängten. + +Endlich trat er näher, und eine leise Musik schwebte wie ein Abendnebel +vom Boden empor und wiegte sich zitternd durch die Dämmrung, wie ein +Duft stieg sie auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewölbe +und quoll von neuem in süßeren Melodieen auf; Wohllaut ergoß sich auf +Wohllaut, wo kleine Wellen sich im Mondschein übereinanderjagen, von +wankenden Blumen angerührt; jeder Ton schwamm so süß hinüber, wie der +letzte sterbende Klang der Flöte, jeder Ton schien den Wonnegesang zu +schließen, und immer neue Accente gossen sich aus, wie ein stiller Quell, +der sich unaufhörlich aus der Wiese hervordrängt. Heilige Wollustschauer +zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor sich in den +entzückenden Melodieen. + +Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, und sich immer +größer und größer ausdehnt, bis sie endlich zerspringt, so hob sich itzt +der Greis von seinem Ruhebette langsam und nach dem Fluß des Gesanges +auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem zurück und erhob sich von +neuem, seine weit ausgestreckten Arme schienen sich von dem gewundenen +Körper loszureissen, seine Züge und seine Gestalt waren nicht körperlich, +er glich einem leicht gewundnen Nebel, -- endlich öffnete er die Augen, +es war, wie wenn der erste Strahl des Morgens durch den nächtlichen +Rauch bricht. + +Wer schlägt den heiligen Talisman an, sprach er leise und langsam, und +erweckt mich vom Schlummer? Die Melodie zerreißt das goldene Netz, das +ein schöner Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kömmt über den +Fluß zurück, der die Erde und den Himmel scheidet. Wer ist es, der die +große Glocke anzieht, die mich zu erscheinen zwingt? + +Abdallah schwieg. -- Ha! bist du es Jüngling, fuhr der Greis freundlich +fort, auf den ich hier schon so lange harrte? Glücklich, daß du mich +gefunden hast. -- Ich will deinem Blicke das Reich der Weisheit +aufschließen, du sollst in die Tiefen der Erkenntniß dringen, ich will +dir eine Leuchte geben, und du sollst in die finstern Schachten steigen, +um Gold von schlechtem Erze zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will +ich dich begleiten und in den Sonnentempel der Tugend führen, dich +dem Glanzthrone der Gottheit näher bringen, du sollst den Blick in +die flammenden Meere wagen und sehen, was nur der Cherub sieht. + +Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein innerer Krampf schien +ihn heftig zu erschüttern, wie Meereswogen sank und stieg sein Busen +ungestüm, eine wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und gewaltig +seine Seele gegen die Mauern seines Körpers zu schleudern. + +Tugend? rief er geängstigt, -- o wo geht der Strahl auf, nach welchem +die Menschheit so ungestüm sich drängt? -- Wo ist der Grund, auf dem der +Thron der Gottheit ruht? -- + +Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller Wesen heißt _Genuß_! +-- Was kann der Staub, den das Ohngefähr im Spiele modelte und zum Scherz +in die Wirklichkeit warf -- wie kann er sich so trotzig aufrichten und +nach den Sternen als seinen Brüdern die Hand ausstrecken? -- Wie kann er +vermessen den ewigen Richter auffordern, um sich auf der untrüglichen +Waage abwägen zu lassen? -- Er geht im Trotze zur Verwesung zurück und +träumt von Unsterblichkeit; ein herrschsüchtiger Sklave, der sich von der +eisernen Kette des harten Nichtseins losgerissen hat, und verächtlich den +Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner engen Höhle an das Licht +verirrt hat und sich für den Herrn der weiten Schöpfung hält. -- -- Ein +Wesen, das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch mehr zu +brüsten; sein Name ist Verächtlichkeit, er gehört der Verwesung, die +Elemente arbeiten an seiner Zerstörung, sie senden den Stolzen zurück, +woher er gekommen ist, die Erde läßt sich unerbittlich die Schuld wieder +bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner entronnen. + +Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen Busen den Gedanken der +Gottheit beherbergen? Sie fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben +ihm entgegen, wie die Mücke, die der Sonne zufliegen will und sich am +Schein der Lampe verbrennt: sie glauben und können ihn nicht begreifen, +sie drängen sich einander in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen +wohin, alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt +wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube ohne Überzeugung. + +Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht ihn vergebens, +tausend Ewigkeiten sind verflossen, die Welten rollen sich durch die +Unendlichkeit, und sehen ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kömmt +nicht. Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung? + +Das Kochen seines Busens ward wüthender, er schlug heftig an seine +Brust. Sein Kopf drehte sich gewaltsam hin und her, und seine Augen +glühten und schwangen sich herum wie Feuerräder. -- Ein Grinsen +fletschte plötzlich aus seinem Munde hervor, er brüllte und hielt dem +bebenden Abdallah ein knirschendes Lächeln in starrer Wuth entgegen. +Abdallah fuhr mit einem lauten Schrei zurück, denn in der Nebelgestalt +wankte es hin und her wie _Omars_ Gesicht. -- + +Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch einmal. Genuß ist die +Tugend des Menschen, er selbst sein Gott, die Kette des Schicksals ist +zertrümmert, ein blindes Ohngefähr streckt durch die Welten die eherne +Hand aus, -- alles ist Staub und Würmer, die Verächtlichkeit thront in +der Schöpfung! + +Vatermörder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt heraus, dein Vater +wirft sich deinem Glück entgegen, -- Vatermörder! Stoß ihn nieder und +sei mir gegrüßt! -- + +Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen Abdallah aus, der mit +zitterndem Knie aus dem Zimmer entfloh. Ein kalter Schauder goß sich +über seinen Körper aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schweiß +benetzte seine Stirn. + +Er sammelte seine Kräfte und ging dann langsam weiter. Viele Gemächer +und Säle öffnete er und ging hindurch, alle standen leer in wüster +Dunkelheit, von einem heimlichen Grauen durchsäuselt. -- Er kam an eine +Thür, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen drängten. -- O es +ist fürchterlich, sagte er leise, eine unbekannte Pforte zu öffnen und +zu wissen, daß mir Schrecken entgegenspringen. + +Er öffnete die Thür furchtsam und fuhr mit einem krampfhaften Schauder +wieder zurück. -- In einem großen hellerleuchteten Saal wütheten stumm +und ohne begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten +tanzend auf und ab. -- Ein Riesenkopf mit verzerrten Zügen wankte auf +zwergartigen Körpern schrecklich hin und her. Sie verschlangen sich in +wilden Gruppen und stürmten wie Meereswogen stumm durch den Saal, sie +rauschten immer schneller und ungestümer vorüber, die Flammen der Kerzen +zitterten. -- Vatermörder! schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und +riß ihn in den Saal in die Mitte der schwärmenden Ungeheuer, man führte +ihn taumelnd in den fürchterlichen Reigen, und eine Unholdin warf ihn +der andern zu, im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und ab, die +Tänzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander, mit lächerlicher +Entsetzlichkeit wälzten sie sich um einander her und hüpften mit +fürchterlichen Geberden. -- Dies ist deine Hochzeit, raunte ihm eine +schreckliche Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen; +eine andre trat leise hinzu und flüsterte: siehe rückwärts, deine _Zulma_ +steht hinter dir. Abdallah wandte sich schnell, und ein gräßliches Wesen +stand hinter ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an, +alle ihre Züge waren fürchterlich verzerrt. -- Sie reichte ihm eine +lange dürre Todtenhand, und Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit +lautem Gebrüll, schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem +Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang. -- + + + + +Zehntes Kapitel. + + +Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die schwache Mondstrahlen +durch finstre Wolken nur mit einer einschleiernden Dämmerung erhellten. +Ein schneidender Regen wehte ihn an, über das einsame Gefilde wehte +traurig ein lauter Wind. Wie ein verschüttetes Grab fiel es hinter ihm +zu. + +Unbekannte Wesen schauerten ihm vorüber und entflohen eiligst, Gestalten +gingen vorbei und schienen ihn mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten, +er war in eine Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden +Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter Fremdling. + +Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche Schrecken stehn noch im +Hinterhalt und lauern auf ihre Beute? Welche Schauder sollen noch in dem +Mark meiner Gebeine wühlen? Meine Wünsche reichen zur Welt nicht zurück, +die Gedanken, die ich von dort mitnahm, sind an dem gräßlichen Thor +angehalten, Grausen umgiebt mich, alle meine Gefühle zerschmelzen in +Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In eine ungeheure Wüste +hinausgestoßen, begrüßen mich nur die Ungeheuer der Nacht. -- Über +welche Steppen soll mein Fuß itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung +streckt es sich vor mir aus, wo noch das wilde Chaos ungeordnet liegt +und die Zeit nicht in die Tiefe hinabsieht, wo alle trägen Elemente im +Todtenschlafe liegen und Leben und Verwesung sich umarmt, wie eine +Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht nicht hörte, aufgespart, +um eine Hölle hier aufzubauen. + +Er ging über eine große Haide, von einer schweren Bangigkeit gedrückt, +von jedem Trost feindselig zurückgestoßen, von jedem erquickenden +Gedanken abgewiesen. Endlich hörte er aus der Ferne einen Gesang, wie +von Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und Todesschmerzen +den letzten Schrei ausbrüllen; es glich dem Gerassel eines Wagens, der +zerschmettert von Felsen stürzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf +Klippen zerspringt: + + Wir sind des großen Hauses + Gewaltge Wächter. -- + Das Thor ist Verzweiflung, + Der Eingang Wahnsinn, + Jammergeschrei, + Schaudergebrüll + Sind die jauchzenden + Wonnegesänge, + Die aus der Wohnung + Dem Fremdling tönen. -- + Ewig! Ewig! + Sieht der Gequälte + Marterzermalmte + Mit schwerem Ächzen + Nach der letzten Quaal. + Aber sie kömmt nicht, + Aber sie naht nicht, + Nimmergesättigt + Knirscht der grausame Zahn + An ihren Gebeinen. -- + +Ein wilder Klang ertönte zu der gräßlichen Melodie des Gesanges. +Abdallah kam näher. -- + +Zwei riesengroße nackte Gerippe standen vor dem Eingang eines engen +Felsenweges, der sich in geschlängelten Krümmungen wand. Sie standen +gebleicht und zitterten mit den wankenden Häuptern; nach der Melodie des +Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend gegeneinander, ihr +weißer Schädel nickte fürchterlich, einzelne dunkle Haare schweiften +flatternd durch die dämmernde Finsterniß und seufzten in dem feuchten +Nachtwind; mit den leeren Augenhöhlen starrten sie in die Wüstniß hinaus +und aus den grinsenden nackten Gebissen drängte sich der zerschmetterte +Gesang hervor. + +Abdallah fühlte sich von einem kalten Wahnsinn angefaßt und ging in +einer dumpfen Gleichgültigkeit den entsetzlichen Gestalten entgegen. -- + + Vatermörder! + Auf des Vaters Leichnam + Tritt in das Heiligthum der Schauder! -- + +so brüllte es ihm aus den Wächtern des Felsenwegs entgegen, er kam ihnen +näher. + +Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters gewälzt, blaß, mit +geschwollenem Gesicht und fürchterlich aufgerissenen Augen. -- Er +schritt über den Leichnam ohne Besinnung hinweg und der Gesang fuhr +ihm knirschend nach; wüthend und geängstigt, von tausend Foltermartern +verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den Felsenweg: er war kühn +durch die Gestalten hindurchgeschritten, und fuhr itzt selbst vor dieser +Erinnerung bleich und zitternd zurück. Aus der Ferne hörte er den Gesang +und das Klingen der Todtengebeine, er stürzte mit Verzweiflungseil durch +die Krümmungen des Pfades, die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er hörte +ihren Vernichtungsgesang und stürzte brüllend weiter. -- + +Plötzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in einen spitzen +schroffen Winkel, er hörte das Nahen der Gespenster, schon sahe er ihre +Schädel über die Felsen her blinken, -- stumm, ohne Gefühle stand er +da, eine Distel, die sich von der Felsenwand beugte, schoß in seinem +dämmernden Auge zum Baum empor, alles wankte zitternd hin und her, +-- er sank zur Erde, nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring. + + * * * * * + + + + +Drittes Buch. + +Erstes Kapitel. + + +Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in der kleinen Hütte, er +öffnete langsam die Augen und fuhr zusammen, als er die so bekannten +Gegenstände wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er starrte +die Decke und die Wände des Zimmers lange mit weit geöffneten Augen an, +es schien ihm unmöglich, daß er das sähe, was vor ihm stand. -- Der +Morgen säuselte in den Gebüschen vor dem Hause, ein früher Strahl +schlüpfte durch das grüne Gewebe des Waldes und zitterte flimmernd durch +das Fenster, -- lautschreiend bedeckte er seine Augen mit den Händen, +denn _Omar_ saß neben ihm. -- Er stritt lange mit sich selbst, ob er es +wagen solle, noch einmal nach dieser Gestalt hinzublicken, alles schien +ihm nur eine neue Einbildung und die schrecklichste, die räthselhafteste +von allen. + +Abdallah, du kömmst aus einem schweren Traum zurück, sagte Omars +freundliche Stimme. + +Abdallah ließ ermüdet die Hände fallen, er sahe betäubt vor sich nieder. +-- Aus einem Traum komme ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme, +-- o wo fängt die Wahrheit an? Wo steht die Gränzsäule? Laß mich sie +finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt. -- + +Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie hastig und mit +plötzlichem Schrecken zurück. -- Was ist dir? sagte sein Lehrer; warum +sieht mein Abdallah nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner +Stimme? + +Warum? rief Abdallah lauter. -- Ha! bist du nicht Omar, der der Nacht und +ihren Schrecken gehört, was suchst du auf der Oberwelt? Willst du den +Flüchtling einholen, der dir entlaufen ist? -- Geh, wo mitternächtliche +Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt, dort ist deine Behausung, +taste mich nicht an, Unhold, ich bin ein _Mensch_! + +Ist das der erste Gruß, sagte Omar klagend, den mir mein Abdallah bei +meiner Zurückkunft giebt? + +Abdallah hörte nicht was er sagte, sein Geist stand vor einem gräßlichen +Schlunde, in welchem tausend Mißgestalten sich übereinander wälzten und +verschlungen, ein hundertfaches Leben wie in einem Körper wimmelte, sein +Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes einzeln mit festem Auge +zu betrachten, aber ein trüber Schleier zog sich vor sein Gesicht. + +Ich habe in dieser Nacht eine gräßliche Bekanntschaft gemacht, sprach +er, die Hölle hat sich mir aufgethan und in ihr Innres eingeführt, ein +großes Siegel hat sich mir gelöst, ein böser Engel hat dir einen Brief +gebracht und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar, ich weiß +nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich in meinen schwachen +Menschenbusen gewagt, die Hölle wohnt in meinem Herzen; alle Schauder, +die du pflanztest, sind mächtig emporgeschossen und ihre Frucht hat dich +selbst vergiftet. -- Fort! sei was du warst und dann komm zu mir zurück, +bis dahin will ich dich verkennen, bis du mir ein Zeugniß bringst, das +dich wieder unter die Menschen einschreibt. + +Abdallah! Abdallah! rief _Omar_ aus, deine Träume sprechen noch aus dir; +nein, so kannst du nicht zu deinem Freunde Omar reden, oder hat dich +Zulma in der neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert? + +Zulma! rief Abdallah aus, -- dieser Klang ist der einzige in der ganzen +Natur, der freundlich an die Saiten meines Herzens schlägt, diese +Melodie ist mir in der großen Zertrümmerung übrig geblieben, alle meine +Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige dafür gewonnen. -- O +alle meine Erinnerungen sind Lügner, oder du warst es, der mir diesen +Diamant in der Finsterniß schenkte. + +_Omar._ Ich that es, -- aber mein Abdallah lohnt mich mit Undank. Oder +hat mich ein Lästerer aus deinem Herzen gerissen? -- Welche Hand hat +jene Gemälde verlöschen können, die ich seit deiner Kindheit in deiner +zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe alles, auch die Wurzel +verdorret und vermodert? Hat ein Sturmwind allen Blüthensaamen in das +Meer verweht, daß auch nicht eine grüne Sprosse von neuem aus dem Boden +keimt? -- o dann hab' ich meine schönsten, meine letzten Jahre wie ein +Knabe verschwendet, alle meine Hoffnungen und Wünsche einer Morgenröthe +anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken untersinkt, -- dann hab' +ich keine Freude mehr, als das Grab. -- + +_Abdallah._ Du willst in meinem Herzen Fürsprecher erwecken, die ich +selber nicht wiederfinden kann. -- Ach, Omar, Omar, bin ich vielleicht +wahnsinnig? Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O +allenthalben renn' ich an eine Mauer wüthend an, die mich unbarmherzig +zurückwirft. -- Wen soll ich fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach, +vielleicht bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind in einer +leeren Wüste, das eingeschlafen ist und von allen diesen irdischen +Possenspielen und Furchtbarkeiten träumt und beim Erwachen sich selbst +verspottet. + +Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte sich dann von neuem zu +Omar. Sei es, wie es sei, sprach er, ich will dir Rechenschaft geben, +wie lange ich mit dem Vermögen ausreichte, das du mir geliehen hast, +unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein, Omar, der Kampf mit +dir hat mir Arbeit gekostet, du ließest dich von meinem Mißtrauen nur +schwer zu Boden ringen. + +Er erzählte ihm den Inhalt der Palmblätter, die ihm Nadir in der Nacht +gegeben hatte und die Erscheinungen der Unterwelt. -- Siehe, schloß er +seine Erzählung, dies sind die Begebenheiten dieser fürchterlichen +Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren Gräßlichkeiten nach einem +Mittelpunkt, meinem Elende hin; der Greis, der dir glich, der mich mit +täuschender Freundschaft empfing und mit Gottesläugnungen von sich jagte, +-- ja nur das Grausen wird mich mit Zulma vermählen, meine Hochzeit wird +sein, wie ich sie in dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam +meines Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten steigen, ja, die +Hölle hat mir einen Spiegel vorgehalten, in dem mir die Zukunft +vorübergezogen ist. + +_Omar._ Aber ermanne dich nur Abdallah und siehe, daß alle diese +Gestalten nur Traumgestalten waren, die neckend um den Schlafenden +gaukeln und bange vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges +zurückfliehen; denn ich kam in der Stunde der Mitternacht hierher +und fand dich schlafend. + +_Abdallah._ Du fandest mich? schlafend? hier auf diesem Bette? + +_Omar._ Beim Propheten! + +_Abdallah._ Nun, dann will ich alles Unbegreifliche glauben und auf die +wunderbarste Erzählung, wie auf Wahrheit schwören. -- Was sind alle +meine Sinne, wenn sie solche Täuschung nicht bemerken? -- Wenn der Herr +in seinem eignen Hause sich verirrt und von einem Fremden wieder +zurechtweisen läßt? -- Omar, dann bin ich mir noch nie unbegreiflich +gewesen, als itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie +eine Schlange meinen Händen entschlüpft? -- Woran soll ich dann nicht +zweifeln, wenn ich daran zweifeln soll, daß ich diese Hütte verließ, daß +ich die Sterne über mir flimmern sah, daß ich jene Blätter las? Wer +stellt mir dann für mein Dasein einen Bürgen? O ich möchte nicht auf +diese bedenkliche Behauptung schwören! -- Welchen Gehalt hat dann der +Verstand des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine Schätze +erhält, so betrügerische Sklaven sind? Alles, was wir wissen und +glauben, ist dann nur ein Irrthum, unsre höchste Weisheit verkriecht +sich dann vielleicht beschämt, wenn einst ein erleuchtender Strahl in +die dämmerungsvolle Grube fährt. + +_Omar._ Irrthum ist des Menschen Nahrung und hält ihn fest in den Kreis +der Menschen; wenn im Mondschein die schwächere Täuschung möglich ist, +den Stamm eines Baumes für einen bekannten Freund anzusehen, warum +willst du an jener zweifeln, die dich im Traum über eine Haide und zu +gespensterbewachten Felsen führt? Wer hat nicht schon irgend einmal so +lebendige Gestalten im Traum gesehn, daß er ihn Wahrheit nennen möchte? + +_Abdallah._ Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange mit meinem +Schicksal! + +_Omar._ Wären deine Gesichte weniger zusammenhängend, dann eben würd' +ich sie um so leichter für Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so +genau an dein Schicksal schließen, scheinen sie mir nur Traumgestalten. +-- An jenem Abend, an welchem ein Sturm und der Glanz einer Feuerkugel +dich aus dem Schlafe weckte, -- an jenem Abend sannest du über neue, dir +unbekannte Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine Schule eine schöne +mondbeglänzte Gegend, liebliche Bilder wiegen dich in den Schlaf, -- ein +Greis eilt auf deinen Omar zu, -- wer könnte Omar hassen, da _du_ ihn +liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier Freunde -- und du bist +eingeschlafen. Aber deine Augen täuschten dich, dieser _Nadir_ ist schon +seit vielen Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende der Welt +bis zum andern, und als ich ihn an jenem Abend vom Berge steigen sah, +warf ich mich ihm zu einem hartnäckigen Kampf entgegen, wir stritten in +mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich glühend durch den +Himmel; ich sahe dein Erschrecken, aber damals wollt' ich dir diese +Erscheinung nicht erklären, es wäre grausam gewesen, dem weichen +Jünglings-Herzen den _menschlichen_ Freund zu nehmen und ihm ein fremdes, +kaltes Wesen dafür zurückzugeben. -- Du liebst Zulma, die Unmöglichkeit +geht dir entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich dir, wer +ich bin. -- Eine neue Thür zu einem unbekannten Gemache geht dir auf, du +staunest, Schauder führen dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du +erfährst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. Du denkst nun +deinen Omar nicht mehr mit der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn +ehedem dachtest, an seinen Namen knüpfst du dein Unglück und durch eine +verzeihliche menschliche Täuschung verwechselst du ihn in eben diesem +Augenblick mit der Ursach dieses Unglücks. -- Ich nehme Abschied von dir +und warne dich besorgt vor Lästerungen, die deinen Freund verläumden +würden, du bist gerührt und kaum bin ich entfernt, so steht ein leiser +Argwohn nach und nach in deiner Seele auf, du hältst meine Besorgniß für +Bangigkeit des Bewußtseins. Was ich fürchtete, tritt ein, mein Feind +Nadir benutzt meine Abwesenheit und warnt dich vor deinem Lehrer, der +dich unglücklich machen will. -- Du kömmst in Gedanken zurück, du bist +nicht der einzige, der mißtraut, selbst ein Freund Omar's steht auf +und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in schwarze Träume. -- Nadir +will dich retten, Omar will dich elend machen. -- Nur etwas Großes, +Fürchterliches kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, -- in diesem +Gedanken versammelst du alle fürchterliche Träume deiner Kindheit, so +entsteht das ungeheure Märchen, das du in den Palmblättern zu lesen +glaubst. -- Aber ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? Soll dir +Zulma ewig verloren sein? -- Dieser Wunsch, der nach einer Befriedigung +schreit, greift nach einer Hoffnung, mit den nächtlichen Geheimnissen +vertraut siehst du nur in der Allmacht der Geister die Möglichkeit der +Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt dir und lockt dich durch süße +Versprechungen an sich und du schläfst ein. -- Schwarze Traumgestalten +nehmen dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage dachtest, kommen +in der Nacht in Phantasieen gekleidet wieder, Omar ist ein Ungeheuer, +Zulma dein Unglück, dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen +dich mit höllischen Gesängen. -- In diesem Traume finde ich dich, von +meiner Reise zurückkehrend: du siehst, nichts als eine Täuschung hat das +ganze Gewebe zusammengeschoben. Allen Verdacht in dir zu tödten, dürft' +ich dir nur die Ursach meiner Reise erzählen, aber sei damit zufrieden, +daß sie dich deinem Glücke näher gebracht hat, etwas muß mein Abdallah +mir auf mein Wort glauben, dies sei das Zeichen, daß er sich mit seinem +alten Freunde wieder ausgesöhnt hat. -- Ja Abdallah, du mußt mir es +glauben, o bei allem, wobei ein Wesen schwören kann, ich liebe dich! +-- Meine Weisheit, meine Gewalt genügt mir nicht, mein Herz verschmachtet +und dürstet nach Liebe, -- dich hab' ich gefunden, dich hab' ich +ausgewählt, deine Liebe soll mich glücklich machen, oder ich muß mich in +mein Grab einschließen, -- o Abdallah, laß diesen Traum dein einziges +Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb mir deine Seele zurück; +willst du mich aus allen meinen Hoffnungen hinausstoßen und einsam +und verlassen durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, das +wird, das kann mein Abdallah nicht, dann hätt' ich ihn nie mit dieser +innigen Vaterliebe lieben können, dann hätte er nicht so lange bei mir +ausgehalten. -- Ja, Abdallah, du bist wieder mein! + +Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte er in seinem Auge die +Seele wiedersuchen, die ehedem aus ihm gesprochen habe; in allen Zügen +redete ihn jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als Knabe +geliebt hatte, -- er fiel weinend an seine Brust. -- Ja! ja! rief er +laut schluchzend, ich bin wieder dein, keine Gewalt soll unsre Seelen +auseinander reissen! + +Selim erwachte. -- Du begrüßest deinen Lehrer, sagte er, er ist in +dieser Nacht zurückgekommen, aber du schliefest so sanft, daß wir dich +nicht wecken wollten. + +_Omar._ Wir sehn uns traurig wieder, Selim; das Schicksal hat eine +schwere Hand gegen dich ausgestreckt. + +_Selim._ Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt mich nicht mehr, meine +Kräfte kehren zurück und ich will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung +halten, -- sieht deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein Mittel, +meinem großen, edlen Vorsatz auszuführen? + +_Omar._ Ich sehe nichts. -- + +_Selim._ O dann, ja dann will ich meine Kräfte fallen lassen und mich +verdrossen in den Wellen untertauchen. -- Nun erst fängt mein Unglück +an, mich zu drücken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen Stab +gegeben, auf dem ich mich stützte, -- aber itzt wird mir das Leben eine +Last, nun wünsch' ich zu sterben. Seitdem ich weiß, daß mein Tagewerk +ganz geendigt ist, bin ich ermüdet und will mich schlafen legen. -- In +dieser trägen Unthätigkeit sollt' ich leben, hier, wie ein Thier in der +Wildniß, von allen Menschenrechten ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach +und nach verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trägen und verfaulten Dünsten +emporwuchs und war und dann nicht mehr ist? -- Nein, Omar, blicke noch +einmal über den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft +umher, -- kann nichts, auch mein Tod nicht durch die Mauer dringen, die +das Schicksal vor mein Vorhaben gestellt hat? + +_Omar._ Dein Tod könnte dein Volk vielleicht glücklich machen. + +_Selim._ O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung aufgebrannt. -- Aber +ich Unglücklicher! meine Gesundheit kömmt schadenfroh zu mir zurück und +_selbst_ den Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist Frevel, +-- o sage mir, wie ich ohne Sünde sterben kann und mein Volk ist +glücklich. + +_Omar._ Diesen Aufschluß mußt du nicht von mir, sondern von der Zeit +erwarten, noch liegt alles dunkel und verworren vor meinen Blicken. -- + +Abdallah verließ das Zimmer. + + + + +Zweites Kapitel. + + +In tiefen Gedanken ging der Jüngling unter dem lauten Rauschen des +Waldes auf und ab. -- Ja, -- sprach er zu sich selbst, -- Omar ist mir +zurückgegeben, alles umher liegt in wüster Verwirrung von schwarzer +Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er _soll_ es sein, mir und dem +Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in meine Seele aufgenommen: +denn wo fänden meine Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige +Gewißheit, die ich eigenmächtig zur Untrüglichkeit stemple, fallen alle +Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, wieder zur Erde, und +ich stehe da in der freien uneingeschränkten Gegend. Meine Rechnung ist +richtig, wenn dieser einzige Fehler ausgelöscht wird, ich will meiner +Mühe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe unangesehen diesen +Verlust preis, um ein langweiliges Spiel zu beschließen. + +Mein Vater wünscht zu sterben, -- o ich sehe schon in der Ferne die Woge +schwimmen, die auch die letzte kleine Bergspitze, auf der ich stehe, +herunterschlagen wird, sie wälzt sich immer näher und näher. -- Das +Schicksal rückt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach auf +jene fürchterliche Stunde, unvermeidlich schlägt sie an und ich stehe +plötzlich, ohne es ändern zu können, ohne meine Beihülfe jenseit der +Gegenwart. -- Traurig wie der Mond geht dann mein Vater unter und +zugleich steigt Zulma mir gegenüber mit tausendfacher Pracht unter +goldnen Flammen auf, -- das Verhängniß läßt mich zwischen dem Vater und +der Geliebten wählen, -- o verzeihe, großer Prophet, ich wähle Zulma! Es +_muß_ sein, es kann, es will nicht anders. -- Welcher Sterbliche kann +den Eigensinn des Schicksals brechen? + +Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem Walde herausgegangen +und stand itzt auf der Landstraße. -- Die Stadt mit ihren runden Moscheen +lag vor ihm, die Fenster im Pallast Ali's glänzten blendend in der Sonne, +er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu sehen, seine Schwärmerei +sahe ihre Blicke, mit denen sie wehmüthig nach ihm hinstarrte; ohne an +die Gefahren zu denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er in +die Stadt hinein. + +Der zürnende Ali hatte indeß auf Befriedigung seiner Rache gesonnen. Daß +Selim ungestraft diese Verschwörung sollte unternommen haben, daß er ihm +selbst entflohen sei, ohne daß irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken +reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte einen fürchterlichen +Eid geschworen, sich an Selim zu rächen und dieser Schwur quälte ihn +unablässig; er hatte daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer +geheimen Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel vorschlagen zu +lassen, die den verborgenen Selim entdecken müßten, er hatte beschlossen, +alles auf diese Wollust der befriedigten Rache zu verwenden, nichts +sollte ihm zu kostbar sein, den verwegenen Aufrührer zu strafen. + +Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe mit brennenden Augen +nach den Fenstern des Altans hinauf, -- er sahe Zulma, sie blickte +verstohlen hinter einem zurückgezogenen Vorhang auf die Straße, kaum +aber sahe sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend +zurückflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch der letzte Schimmer +ihres Schattens verschwand, dann warf er sich auf eine Bank und sahe +nach den Blumen des Altans. -- Die Rose war hinter den Citronenbaum +gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie, das +Sinnbild der Furcht. -- + +Er ging weiter und kam über die Brücke der Stadt an den Pallast seines +Vaters. -- Wehmüthige Thränen traten ihm in die Augen, als er so +unbarmherzig alles zerstört sah. Einzelne Mauern und Thüren standen wie +verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher, Steine und +Balken aufeinander gehäuft. Traurig suchte er die Stelle des Zimmers +auf, das er ehedem bewohnt hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf +denen man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches lehnte sich +noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick den Einsturz. Das +bekannte Haus, das ihn so oft so freundlich und väterlich aufgenommen +hatte, das die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt +hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose, in welchem er +sonst glücklich gewesen war, war vernichtet, auch selbst das Andenken +seiner Seligkeit schien ihm der zürnende Himmel nehmen zu wollen und +bis auf die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit den +schönsten Freuden genährt hatte. + +Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken, als er das +laute Schmettern einer Trompete hörte, von einem verwirrten Getöse und +Geschrei des Volks begleitet; er kümmerte sich nicht um das Geräusch, +nur klang es ihm, als wenn er den Namen _Selim_ laut habe nennen hören. +-- Itzt kam der Zug bei ihm vorüber und er sahe einen Herold auf einem +Pferde, der dicht neben ihm still hielt, einigemal in die Trompete stieß +und dann laut ausrief: + + »Daß derjenige, und wäre er selbst ein Sklave, welcher den + Verräther _Selim_ lebendig in die Hände des Sultan's liefern + würde, seine berühmte, schöne Tochter _Zulma_ als Gemalin dafür + zum Lohn erhalten solle.« + +Wieder das Schmettern der Trompete und der Zug lärmte vorüber. -- + +Dumpf und ohne Gedanken verließ Abdallah die Stadt, träumend wie ein +Mann, der vom Schlafe erwacht und sein Haus in prasselnden Flammen +sieht, die schon sein Bette lecken; er springt auf und steht betäubt und +ohne Bewußtsein vor dem leuchtenden Element, das wüthend durch seine +Besitzungen geht, er hat sich nur gerettet um desto unfehlbarer zu +verderben: -- so kam Abdallah fast ohne es zu bemerken zur Hütte im +Walde zurück. + + + + +Drittes Kapitel. + + +Fürchterliche Gedanken warfen in der Nacht Abdallah hin und her, sein +Auge starrte in die Finsterniß hinaus. Gräßlichkeiten zogen durch seinen +Busen, Schauder jagten sich durch seine Gebeine, er wünschte mit Sehnsucht +den Tag, die Dunkelheit um ihn her machte seine Seele noch schwärzer, +oft schleppten seine heißen Wünsche seine sanftern Gefühle in Ketten +hinter sich, oft riß sich sein Gefühl wieder los und rang seine Wünsche +nieder. Er schien in zwei feindselige Wesen zerrissen, die unermüdet +gegen einander kämpften. + +Endlich erschlafften alle seine Kräfte, in seiner müden Seele starben +alle seine Wünsche und Hoffnungen aus, gewaltsam schloß er in der +Ermattung mit sich selbst einen Frieden. + +Er sprang von seinem Lager auf, als kaum die erste graue Dämmerung des +Tages die Schatten spaltete. Selim schlief noch und Abdallah verließ +die Hütte. Er ging schnell unter den Bäumen auf und ab, er athmete die +frische Luft des Morgens ein und wollte gewaltsam alle Gefühle von sich +abwälzen, die ihn, wie lebendig eingegraben gleich Steinen drückten, +aber er schlug vergeblich gegen die Mauern der Grube, kein Strahl des +Tageslichtes wagte sich hinein. + +Omar näherte sich ihm itzt und beide gingen schweigend auf und ab; +Abdallah scheute sich, seinen Freund einen Blick in die Wüste seiner +Seele thun zu lassen. + +Was wühlt in deinem Innern so gewaltig? begann Omar, in der Nacht hört' +ich dich seufzen. -- Was ist dir, mein Abdallah? + +Abdallah schwieg noch. -- Nein, rief er plötzlich, -- meine Seele ist +zu schwach für diesen ewigen Streit! -- die menschliche Natur erliegt +dieser Gewalt, ich bin endlich müde und will mich selbst besiegt zu +Boden werfen. -- Er ergriff Omar's Hand. -- Ja, Omar, höre das Gelübde, +das ich vor dir ablegen will, -- ich will, ich muß Zulma entsagen, mein +Vater bleibe mir und Zulma gehe mir verloren; ich ward geboren, um den +Becher des Glückes nicht zu kosten, ich willige in diese traurige +Nothwendigkeit. -- + +_Omar._ Und was hat dich zu diesem Entschluß gebracht, der dir alle +deine Hoffnungen kostet? + +_Abdallah._ Meine Menschheit, -- o! ich bezahle sie mit dem kostbarsten, +was ich besitze, vielleicht weit über ihren Werth, denn ohne Zulma ist +mir die Welt ausgestorben; ich entsage der höchsten Seligkeit auf ewig, +das Gefühl der Liebe wird nie in meinem Busen wieder aufwachen, nur ihre +Schmerzen bleiben mir auf immer zurück. + +Abdallah erzählte seinem Lehrer itzt, was er gestern in der Stadt gesehn +habe. -- Diese Erinnerung, fuhr er dann fort, hat mir diese Nacht +schlaflos gemacht; wenn ich die Augen schloß, weckten mich Ungeheuer +durch Zuckungen auf, -- o Omar, Omar, giebt es auf der Erde ein Wesen, +das sein Elend mit dem meinigen messen könnte? + +_Omar._ Und Abubekers Tochter wird deine Gattin? + +_Abdallah._ Niemals, das Schicksal nimmt mir Zulma, aber kein andres +Weib soll auch jemals in diesen Armen ruhn, diese Freiheit wird mir noch +bleiben. Nein, ich will den Schwur nicht brechen, den ich zu Zulma's +Füßen schwur. -- Jeder Freude, jeder Hoffnung sage ich Lebewohl, mit +meinem Elend will ich in die Wüste ziehn und dort das Morgenroth mit +meinen Thränen begrüßen und den Abend mit Klagen rufen, Seufzer sollen +meine Sprache werden und die Wehmuth meine Gespielin. -- Ja, Omar, +dieses Glück ist mir noch übrig, diese Freude ist die einzige, die mir +nicht kann genommen werden. + +_Omar._ Auch nicht durch deines Vaters Gebot? -- Er will, du sollst der +Gemal _Roxanens_ werden. + +_Abdallah._ Nein, das kann er nicht wollen, wenn ich ihm dies Opfer +bringe. Nein, ich komme ihm entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja +mein Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulma _kann_ nicht +meine Gattin werden, und Roxane _soll_ es nicht. -- + +_Omar._ Und dann wirst du in deiner Einsamkeit mit leerem Herzen +glücklich sein? -- + +_Abdallah._ Ich glaube es itzt, und wenn ich es nicht kann, so will ich +es wenigstens glauben. Alle meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt +zurück, dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen Schmerz und +die schönen Erinnerungen nehme ich mit mir. -- + +_Omar._ Wenn aber dein Vater auch zu _diesem_ Glück nicht seine +Einwilligung gäbe? + +_Abdallah._ O, er kann es mir ja nicht beneiden; er ist nicht grausam. +-- Ich will itzt gleich zu meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges +Versprechen erlassen. -- Dann geh ich aus der Welt und eine geräumige +Höhle wird meine Wohnung, Bäume und Thiere sind meine Gesellschaft, +ach, nach und nach werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der +Gesellschaft meines Kummers werd' ich zum Greise, und erzähle mir dann +zum Abendzeitvertreib, wie ein geschwätziges Kind, meine Leiden selbst. +-- Nicht wahr, Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir werden uns +nach Jahren selber unkenntlich, was mir itzt Thränen auspreßt, darüber +kann ich einst vielleicht lächeln? Endlich ermüdet die Quaal an mir und +geht verdrossen hinweg, die Stunde durchläuft ihren Kreis und wir stehn +an der schwarzen Pforte, und alles was wir litten, alles worüber wir uns +freuten, liegt wie Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir, +daß wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die Hand nach dem +Morgenroth ausstrecken und den fliehenden Regenbogen haschen wollen. +-- Alles ist in mir gestorben und wird nie wieder aufleben, die Flammen +meiner Seele sind ausgelöscht, mein Busen ist Eis. Zulma ist todt, meine +Liebe ist verschwunden, und was sonst in diesem Herzen brannte, das hast +du erstickt, -- nein, zürne nicht, Omar, ich verlange es nicht zurück, +unter Felsen und verdorrten Wäldern brauch' ich nicht ein Mensch zu sein, +was nützt mir dort die Tugend und der Glaube an Gott? Ich will mich auf +ewig von der Menschheit losreißen und mit den Thieren verbrüdern. Ja, +Omar, ich gehe zu meinem Vater. + +Er kehrte schnell in das Zimmer zurück. Selim war noch nicht erwacht, +und Abdallah kniete vor sein Bette und betrachtete aufmerksam seinen +Vater, der süß lächelte, in holdselige Träume verloren. -- Nein, sagte +er leise, -- jene Gedanken, die sich in der Nacht zu mir hinanschlichen, +sind verflucht, -- Gott! wie konnt' ich sie nur denken, ohne mich zu +verabscheuen? -- diesen Greis, der mein Vater ist, -- diesen, -- nein, +ich mag es mir selber nicht gestehn. -- Nein, dazu bin ich nicht in +die Welt getreten, noch ist Rettung möglich, noch ist nicht die letzte +Öffnung zugefallen, durch die ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann. +-- Wie sanft er schläft! -- Wie er mich auch im Schlaf anlächelt! -- Seine +Vaterliebe fühlt die Nähe des geliebten, des einzigen Sohnes, -- als meine +Mutter gestorben war, war ich es, der ihn an das Leben festhielt, und +ich! -- Nein! die Hölle mag sich einen andern Zögling suchen, -- meine +Seele findet hier noch einen Ankergrund! + +Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. -- Was will mein Sohn? +fragte er. + +Abdallah küßte ihn und umarmte ihn glühend. -- O Vater! rief er aus, +-- kannst du deinem Sohne eine Bitte abschlagen, die einzige, die +letzte, die er von dir erflehen wird? + +_Selim._ Was kann der arme Selim noch besitzen, das seinem Sohne nicht +auch gehörte? -- Doch nein, Abdallah, -- mein Vermögen sind Thränen und +Jammer, dies werde dir nicht. + +_Abdallah._ Gieb mir deinen Segen, Vater. -- + +Selim legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes. + +_Abdallah._ Nein, Vater, ich will dich nicht täuschen, segne mich, wenn +ich dir meine Bitte gesagt habe. + +_Selim._ Sprich, mein Sohn, warum gehst du diesen Umweg zum Herzen +deines Vaters? + +_Abdallah._ O mein Vater! -- Wenn du mich liebst, wenn dein Sohn nicht +von dir gehaßt wird, -- o so nimm jenen Fluch zurück, mit dem du mir +einst drohtest. -- Abubekers Tochter kann nicht meine Gattin werden. -- + +Er bedeckte mit den Händen das Gesicht und warf sich nieder, Selim sahe +starr auf ihn hin. -- + +Sie kann nicht? -- fragte er kalt, -- und was hat der Sohn an dem Willen +seines Vaters zu tadeln? + +_Abdallah._ O nicht diesen Ton, der mich verurtheilt, sprich gütiger +mein Vater, oder ich muß verzweifeln! -- + +_Selim._ Du verlangst Güte, wo du mir nur Trotz giebst? Auch gegen den +ungehorsamen Sohn soll ich zärtlich sein? + +_Abdallah._ Nein, ungehorsam schelte mich nicht, -- kein andres Mädchen +soll meine Gattin werden, aber auch Roxane nicht. -- Nur widerrufe jenen +Fluch, Vater, wenn du nicht meine Verzweiflung sehen willst! -- + +_Selim._ Ich widerrufe nicht. + +Abdallah stand auf und sahe ihn mit einem festen Blicke an. -- Vater! +rief er aus, an diesem Fluch hängt das ganze übrige Glück meines Lebens, +meine letzte Tugend, mein Schicksal jenseit dieser Welt! -- Widerrufe, +Vater, du sollst, du mußt es, -- o ja und du wirst es auch. -- + +_Selim._ Nein. In dreien Tagen wird Roxane deine Gattin, oder alle +Verwünschungen, die ein Vater für seinen ungehorsamen Sohn vom Himmel +herabflehen kann, fallen auf dein Haupt. + +Ich kann nicht, sagte Abdallah kalt und langsam. -- Du liebst mich, ja, +Vater, -- o wie wenig kostet dich diese Zurücknahme, -- ach! und wüßtest +du, wie viel sie mir gälte! + +_Selim._ Zurück, Ungehorsamer! ich widerrufe nicht, das schwör' ich +beim Himmel und der Pracht seiner Sonne! -- Mein Wort kann ich nicht +brechen, das ich Abubeker gab, um die thörichten Launen eines Jünglings +zu befriedigen, der seinem Vater trotzen will. + +Abdallah warf sich wüthend nieder. -- Du schwörst? rief er heftig. +-- Nun so schwör' ich hier auch beim Grabe des großen Propheten, beim +Himmel und allen seinen Engeln, daß Roxane nie, nie, nie meine Gattin +wird! -- + +Selim stand zornig auf. -- Ich habe keinen Sohn mehr! sprach er heftig. +-- Ist das die Sprache, in der ein Sohn zu seinem Vater sprechen muß? +Glaubst du mich durch Trotz zu beugen? O hier stoßen Felsen auf Felsen, +ich wanke nicht in meinem Vorsatz. -- Du hast den Sohn verläugnet, nun +so will ich denn auch den Vater verläugnen! -- Ich werfe meinen Fluch +auf dich hin und mit Centnerlast möge er dich drücken. -- Alles Unglück +jage hinter dir dreimal Verfluchten her, der Himmel wende sein Angesicht +von dir ab, wenn die Hölle nach dir die Arme ausstreckt; wenn du am +Busen der Geliebten liegst, so fresse ein kaltes Grauen das Mark deiner +Gebeine, in der Einsamkeit liege der Leichnam deines Vaters vor dir, +den dein Ungehorsam zum Grabe reif macht; von Gewissensangst gefoltert, +von allen Schrecken zum Leibeigenen erkauft, stirb unter Krämpfen und +Verzuckungen. + +_Abdallah._ O wirf nur Fluch auf Fluch, der Ewige hat mich schon seit +der Geburt verflucht, dein Höllensegen findet nichts mehr zu vollenden. +-- Ha! so spricht ein Vater zum einzigen Sohn? dies ist die Einsegnung, +die er mir auf die große Reise giebt. -- Wer soll mich segnen, wenn der +Vater mich mit diesen Flüchen verwünscht? + +_Selim._ Fort aus meinem Angesicht! _Du_ hast meinem Unglück die Krone +aufgesetzt! -- Du gehörst mir nicht mehr! Ich hasse deinen Anblick! +hinweg! daß ich nicht versucht werde, dir noch mehr zu fluchen! + +Er verließ das Zimmer wüthend. + +Nein! schrie Abdallah, mir soll keine Rettung bleiben! Ich steh in der +Verdammniß eingekerkert, und mein Vater selbst nimmt den Schlüssel zur +Pforte und wirft ihn auf ewig in's Meer; nun ist keine Befreiung möglich, +die Hölle streckt den Arm über mich aus und läßt mich nicht entrinnen! +-- Er warf sich ohne Bewußtsein in einen Sessel und Omar trat herein. +-- Er sahe lange den Jüngling mit forschendem Auge an: Hat er deine Bitte +erhört? fragte er besorgt. + +_Abdallah._ Du siehst dies Kochen meiner Brust und fragst noch? O! +wann könnte mir auch eine Hoffnung in Erfüllung gehn, wäre sie auch so +armselig, daß sie der Bettler auf seinem Wege liegen ließe! -- Ich darf +nur wünschen und tausend Stimmen schreien: Nein! in meinen Wunsch. -- Das +Schicksal hat mich unter Millionen zu seinem grausamen Spiel erlesen. +-- O warum ward ich ein Mensch geschaffen? -- Warum mußte ich hinter dem +Vorhang hervorgestoßen werden, um den Zuschauern zum Gespött zu werden? + +_Omar._ Und dein Entschluß? + +_Abdallah._ O was kann ich noch wollen? -- Welchen Entschluß kann ich +noch fassen? Selbst das Elend, das ich mir wählte, ist keine Freistätte +mehr für mich; wohin ich auch fliehen will, hält mich ein Abgesandter +der Verdammniß fest, die Erde stürzt unter mir ein, jede Scholle, an der +ich mich empor arbeiten will, giebt treulos nach, -- was kann ich anders +als mich dem Verderben überlassen? + +Omar ging mit großen Schritten auf und ab, seine Augen funkelten, seine +Mienen drohten fürchterlich. -- Ha! rief er endlich aus, -- dies ist der +zärtliche Vater, der seinen Sohn so innig liebt! -- Worte sind seine Liebe, +unbarmherzig läßt er den Sohn an diesem ehernen Eigensinn verbluten! +Kalt läßt er ihn liegen und sterben, hat er doch seine _Vaterrechte_ +behauptet! -- Und dieser Grausame nennt sich meinen Freund! -- Wie kann +er ein Freund sein, da er kein Vater ist? Liebe ist ihm fremd, seine +Tugend ist Trotz, Eigensinn seine Standhaftigkeit! -- Ich kündige ihm +meine Freundschaft auf, wer meinen Abdallah haßt, den hasse auch _ich_, +Selim ist aus meinem Herzen gestoßen, ich will seinen Namen aus meinem +Gedächtniß reißen! -- Dir auch _dieses_ Glück nicht zu gönnen! -- Diese +Hölle war ihm noch zu schön für seinen Sohn, er hat härtere Strafen für +ihn ersonnen. -- Die Liebe sei verwünscht, mit der ich einst sein Freund +war, für dich geb' ich die feindselige Welt verloren, was liegt mir an +diesem Selim? -- + +_Abdallah._ O wär' ich nicht Selims Sohn, o dann, dann wär' ich +glücklich! -- Aber boshaft weht mir das Schicksal alle Unmöglichkeiten +zusammen! Nur für mich wird alles angeordnet zum fürchterlichen Scherz. +-- O könnt' ich den Sohn verläugnen, dann würde Selims Eigensinn +bestraft werden können, -- aber, -- es kann, es darf nicht sein! + +_Omar._ Du wolltest ihn verloren geben, um Zulma zu gewinnen. Seinen +Eigensinn gegen deine Liebe. -- Er sollte dir eine Verschreibung werden, +durch die du einen Schatz einlösetest, der dich auf ewig vor dem Mangel +sicherte? -- Ha, Abdallah, nein, nein, es kann, es darf nicht sein! -- Die +Tugend, die Pflicht, -- o wer kann es alles nennen, was dich von diesem +Gedanken zurückreißt? -- + +_Abdallah._ O ich schmachte nach andern Speisen, ich bin mit Grausen +gesättigt. -- Führt mein Pfad zur Hölle, o so ist es besser durch _einen_ +kühnen Sprung, als durch Umwege dahinzukommen. Aber noch spricht eine +Stimme in mir, die mich Sohn nennt, die laut um Hülfe schreien würde, +wenn ich sie ersticken wollte, hundert Gefühle sind mit diesem Ton +verbunden. -- Das Entsetzen der Natur wäre in den Abdallah verkleidet, +wenn ich so sehr alles vergessen könnte, was den Menschen zum Menschen +macht. + +_Omar._ Nein, du darfst dich nicht von ihnen losreißen, verachte sie, +nur halte dich treu in ihrer Mitte; o dürftest du nicht die Freiheit, +ein Mensch zu sein, mit allen Schätzen dieser Welt bezahlen! -- Ja, die +Unmöglichkeit stellt sich fürchterlich vor den Eigensinnigen hin und +beschützt ihn unverwundbar, -- aber Abdallah! sorge auch bei Tage und in +der Nacht, wachend und schlafend, daß niemand die Wohnung deines Vaters +entdecke und ein Sklave den Preis erringe, nach welchem du strebtest. -- + +_Abdallah._ O, ehe ich Zulma in eines andern Armen sehe, ehe -- + +_Omar._ Ehe? + +_Abdallah._ Will ich sterben. -- + +_Omar._ Dann hast du die Leiden der Welt abgeschüttelt, aber keine der +hiesigen Freuden geht mit dir. -- + +_Abdallah._ Ach, Omar, dann bin ich todt und die Welt nennt mich +tugendhaft. -- Doch wenn mir Gedanken folgen, wohin keiner unsrer +Erdengedanken dringt, -- ach Omar, -- werden mir dann nicht Freuden +begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? -- Kann ich itzt wünschen, +was ich nicht begreifen kann? -- Nur der Thor und der Verzweifelte +tauscht ein gewisses Gut gegen ein ungewisses aus und glaubt zu +gewinnen. + +_Omar._ Und wenn nun unsre Rechnung hier unten schon völlig geschlossen +würde? Wenn alle Anweisungen auf jenseit falsch und untergeschoben wären, +und wer wird sich für ihre Ächtheit verbürgen? o dann -- doch zurück von +diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich habe dir nichts gesagt. -- O, +Abdallah; was hast du dann gegen deinen großen Verlust gewonnen? + +_Abdallah._ Ich habe mich selbst verloren und das ist für den Elenden +Gewinns genug. Dann drückt mich kein Gefühl und kein Gedanke quält mich, +ich liege im kühlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt, +kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint mich. Alle +Martern suchen mich dann vergebens auf, sie finden mich nicht; in den +mütterlichen Armen der Erde gehalten scheucht die Zärtliche jedes +Ungemach von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe umweht mich, +kein Traum ängstigt meinen Schlaf, kein Schrecken kann mich zurückrufen. + +_Omar._ Nicht sein? -- O die menschliche Natur fährt vor dem Gedanken +zurück, -- wer wird Leben gegen Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen, +ohne Gefühl und Gedanken, Würmern eine Wohnung, todt, vermodert und +verächtlich, ein Scheusal jedem lebenden Auge: kein _Schlaf_, keine Ruhe, +kein _Schlummer_, -- sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig +hinausgestoßen, _da gewesen und nicht mehr_, -- giebt es in der +Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als: _nicht da zu sein_? + +_Abdallah._ _Nichtsein!_ O es ist wahr, die Einbildung erblaßt vor +dieser Vorstellung, -- Leben und Nichtsein. -- Und wenn ich nun alles +dem Halsstarrigen und seinen Entwürfen aufgeopfert habe, wenn leere +Phantome und Feigheit die Schwelle meines Glücks bewacht haben, Omar, +und ich gehe dann unter, auf ewig unter, -- das Wesen, dem ich meine +Seligkeiten sparte, ist nirgends aufzufinden, -- o ist dies etwas +anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der im ganzen Leben +kargt, um nicht zu genießen und im Tode alles hinter sich läßt? -- + +_Omar._ Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir her, -- aber was willst +du thun? + +_Abdallah._ Ha! wer verdirbt nicht den Freund, um die Geliebte zu +retten? Wer wagt nicht die Hälfte seines Vermögens, um das Ganze zu +erhalten? -- Und soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des Fürsten +gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm beweisen, der +Diener darf nicht die Aufträge seines Herrn prüfen, ohne ungehorsam zu +sein. -- Und wo ist die Gränze zwischen Recht und Unrecht? -- Mir ist +es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und welche böse wirkt; +was die Menschen Tugend und Laster nennen, verstrickt sich hier oft +unauflösbar. -- Die Zukunft bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath +zu fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht, der ihn elend +machte? -- Wird er zu Ali zurückgebracht, o so hat ihn meine Freundschaft +ermordet, ohne mich wäre er noch glücklich. -- Unsre Thaten wandeln oft +über viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen werden, -- kann +die Schuld auf uns zurückfallen? Sollen wir den Fehler des Zufalls +büßen? -- Diese That -- o ich mag sie nicht denken, -- warum könnten +ihre Folgen nicht glücklich werden? könnte sie sich nicht in den +unergründlichen Strom weiß und unschuldig waschen? -- + +_Omar._ Aber den _Vater_, -- dem du das Dasein dankst, -- zwar nicht ein +Dasein voll Freuden -- + +_Abdallah._ Nein, voll Todesschmerzen; o wie kann ich ihm für diese Welt +voll Quaalen danken? + +_Omar._ Nein, für dein Dasein kann der Felsenharte keinen Dank von dir +fordern, denn dann hättest du Unrecht über seine Halsstarrigkeit zu +klagen, über den fürchterlichen Fluch zu jammern, den er auf dich gelegt +hat. -- So lange er dann nicht dein _Leben_ endet, hast du keine Ursach +auf ihn zu zürnen. + +_Abdallah._ In eine Hölle hat er mich verwiesen und _dafür_ sollt' ich +ihn lieben? + +_Omar._ Er konnte aber nicht vorher wissen, daß dies Leben dir Pein +zubereiten würde, -- freilich, eben so wenig, ob es dich glücklich +machen würde. + +_Abdallah._ Nicht er, ein blindes Ohngefähr hat mich in das Leben +gerufen. -- Wußte mein Vater denn im voraus, daß gerade _ich_, dieser +Abdallah, sein Sohn werden würde? -- + +_Omar._ Wäre es nicht die Pflicht des Sohnes, vor dem rasenden Vater +Schutz bei den Gesetzen zu suchen? + +_Abdallah._ _Vater, Sohn_, nichts als leere Namen, der Verstand muß sich +nicht vom Geschrei der Menge betäuben lassen, er zieht der Wahrheit ihre +Hülle ab und sieht sie ohne Kleidung, Gewohnheit und Sitten hindern ihn +nie in seiner Forschung. -- Nicht wahr, mein Omar? + +_Omar._ Halt ein, Abdallah! Soll der Leichtsinnige der zärtlichen +Vaterliebe, der Fürsorge vergessen? Soll er die Sorgen mit kaltem Undank +vergelten? -- Dankbarkeit ist das große Band, das sich unzertrennlich +durch alle Wesen webt, jeder handelt für den andern, um sich in seiner +Brust einen Pallast zu erbauen, an Dankbarkeit knüpft sich Liebe und +Wohlwollen, Wohlthaten und Dank wechseln sich in dem Herzen der Ältern +und Kinder aus, ein Magnet in jeder Brust, der sich ewig anzieht. + +_Abdallah._ Dies, ja dies ist das letzte Gefühl, das mich noch an ihn +gefesselt hält, alle Fäden hat er durchgeschnitten, nur dieser eine ist +ihm treu geblieben. -- + +_Omar._ Deine Erziehung war Selims Pflicht, aber nicht die hundert +kleinen Wohlthaten, die er dir erzeigte, die tausend Freuden, die er +dir zubereitete, das Wohlwollen, mit dem er dich durch das Knabenalter +in die Jünglingsjahre begleitete, -- dafür mußt du ihm danken. + +_Abdallah._ Omar, es ist meine Pflicht ihn zu lieben. + +_Omar._ Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt der Geizige hundertfach +zurück, was er dir gab; die Freude, die das große Glück deines Lebens +entscheidet, versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat er +dir gegönnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, -- er schenkt dir ein +glänzendes Glas und fordert mit eigenmächtiger Gewalt alle schönen +Hoffnungen deiner Zukunft von dir ein, du mußt in einer heißen Wüste +verschmachten, weil er dir einst einen Trank aus der Quelle schöpfte, +du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener, der nicht weiter +gehn darf, als seine Kette reicht; strebt er über ihr Maas hinaus, dann +fühlt er die täuschende Freiheit, dann fühlt er sich an der +unbarmherzigen Mauer festgehalten. -- + +_Abdallah._ O es ist schrecklich! -- Welch ein Recht, welches Gesetz +liegt in dem Worte Vater, um diese unumschränkte Gewalt über ein Wesen +zu haben, das er _Sohn_ nennt? -- Darf dieser Ton die Gesetze der Vernunft +umstoßen und aus Menschenfreiheit schändliche Sklaverei machen? -- Der +Tod des Vaters macht den Sohn glücklich, -- warum soll er sich nicht +freuen dürfen, daß endlich das quälende Band aufgelöst wird? -- Ist der +Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem Sohn in das Leben einen +gräßlichen Fluch mitgiebt, von dem er hofft, daß er ihn elend machen +soll? -- Selim stirbt, -- und Abdallah schleppt ein langes Leben wie +eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem Gliede hängt sich die +Pein mit hundertfachen Martern, alle Glückseligkeiten fliehen vor dem +fürchterlichen Gerassel zurück, -- ist dies ein Vater, der seinen Sohn +liebt, oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt? + +_Omar._ Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen den Schmerz der Pfeile, +die ein quaalvolles Leben auf uns abschießt. + +_Abdallah._ Warum ward dem Menschen die Vernunft gegeben, wenn er sich +von einer blinden Gewohnheit will beherrschen lassen? Die Vernunft soll +ihn begleiten und über seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit darf +nur den Unverständigen hinreissen, dem dieses Steuerruder fehlt, dieser +muß furchtsam landen, wo er die übrigen landen sieht, und mit ihnen +sein Schiff wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unnützer +Kühnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden Winden und +Wellen ein Spiel. -- Und welche Vernunft, -- Omar, ich spreche es aus, +-- welche hält mich zurück? -- -- Sprich, denn ich sehe nichts! -- + +_Omar._ Unsre Vernunft prallt ohnmächtig von allen Dingen zurück, die +jenseit der Menschheit liegen, wir verstehen nicht den Gang der Welt +und die Schrift der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der +Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimniß bleiben, -- aber eben +dadurch, daß diese Weisheit nicht für das irdische Gehirn ist, werden +wir deutlich auf die andre Seite zurückgewiesen. Die Natur winkt ihren +Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen zur reichen Tafel ein +und sagt ihnen laut: _genießt_! + +_Abdallah._ Daß wir da sind, um zu genießen, das ist die Weisheit, die +unser Verstand begreift. Jedes Wesen lebt nur in und für sich selbst in +einer großen Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das +sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. -- Sein Genuß ist es, warum +er geschaffen ward, er hat das Recht, jedes andre Wesen, das ihn im +Genießen hindert, aus seiner Bahn hinwegzustoßen. Der Stärkere besiegt +den Schwächern, der Löwe bekämpft den Löwen, der Tiger den Tiger, der +Mensch den Menschen. -- Noch ist kein Gestorbener zurückgekommen und hat +gegen diese Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der +Ewigkeit verrathen, -- bis der Leichnam wieder kömmt, bis todte Zungen +dagegen lästern, werd' ich an diese Lehre glauben. + +_Omar._ Was wir Tugend nennen, ist bloß Gewohnheit, nichts als ein +Gesetz, um die Gesellschaft, die der Mensch errichtet hat, aufrecht +zu erhalten, ohne diese würde sie sich selbst vernichten. -- Helden, +Gesetzgeber, Weise sind _tugendhaft_, weil sie das Band der Gesellschaft +fester ziehn, Mörder und Diebe nennen wir Bösewichter, weil sie dies +Band zu zerreissen suchen. Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den +Unterschied dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden, wenn +es das Wohl der Vereinigung befördert; schon mancher Mord war heilsam +und mancher Diebstahl löblich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den +Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen. + +_Abdallah._ O ja, Laster und Tugend fließen in einen Strahl zusammen, es +ist hohe Weisheit, daß man den Unverständigeren glauben läßt, sie wären +von Ewigkeit her geschieden. -- + +_Omar._ Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht, daß du mir einst +diese Lehren so fürchterlich wiederholen würdest, -- o wäre mein +Scharfsinn gewachsen, damit ich dir widersprechen könnte! -- _Zulma_ +mag es einst versuchen. + +_Abdallah._ Zulma? -- O Himmel! Omar, sollte sie mich nicht zu Thaten +aufrufen dürfen, durch die ich sie dem hartnäckigen Schicksal abränge; +nur diese That führt mich in ihre Arme und sie wird mein Zögern +schelten. + +_Omar._ Doch wenn nun diese That, diese einzige, dich auf immer elend +machte? -- + +_Abdallah._ O wenn ich daran glauben soll, so kann ich meinem Elende auf +keinem Wege entrinnen. -- In Zulma's Armen bin ich unglücklich, meines +Vaters Fluch liegt auch in der einsamen Wüste schwer auf meiner Seele, +noch größeres Elend steht neben Roxanen. -- Welcher Ausweg bleibt mir +übrig? + +_Omar._ Nun so ergreife den Pfad, auf welchem die meisten Blumen blühen, +wo der Rasen am hellsten lacht, wo der Himmel blau über der freundlichen +Landschaft liegt. Itzt, itzt eben stehst du am Scheidewege. -- + +_Abdallah._ Werd' ich aber mit Zulma glücklich sein? -- + +_Omar._ Hör' ich diesen Zweifel aus _Abdallah's_ Munde? Von denselben +Lippen, die neulich in trunkener Wonne nicht Worte fanden? -- Oder ist +es nur Schwachheit, die aus dir spricht? Eine Unentschlossenheit, die +gern glücklich sein möchte, ohne doch die Schwierigkeiten der Unternehmung +zu tragen? die Fluth stürmt hinter dir her, aber du scheust dich, den +schroffen Felsen zu erklettern, der dir die Rettung anbietet. + +_Abdallah._ Nein, -- nein, -- Selim stirbt, und kann ich ihm sein +voriges Glück wieder zurückgeben? Wird sein ganzes Leben nicht eine +einzige wehmüthige Erinnerung sein? Ein ewiger Kampf von Schmerz und +Hoffnung? -- Er verliert hier nichts, er kann im Tode nur gewinnen, er +dauert, oder löscht aus, -- es ist besser, nicht zu sein, als an dem +Joch eines quaalvollen Lebens zu schleppen. Selim kann mit Zuversicht +sterben, er muß es jenseit besser finden: denn er läßt keine Freude +zurück, den letzten Kranz, Vaterfreude, hat er muthwillig zerrissen. + +_Omar._ Der schwache Greis, der schon an der Schwelle des Todes steht -- + +_Abdallah._ Ha! wenn meine große Aufopferung ihm Unsterblichkeit gewönne, +-- ha! dann könnt' ich diesen Kampf in meinem Busen dulden, dann könnt' +ich Roxanens Gatte werden, oder ohne Klagen mit meinem Fluch in die +Wüste ziehn, ja, könnt' ich ihm durch meine Quaalen auch nur noch _ein_ +Menschenalter erkaufen, -- aber der unerbittliche Tod lacht über mich. +Selim muß sterben, bald sterben, vielleicht ist er schon in wenigen +Stunden nicht mehr. + +_Omar._ Wer würde dir dann nicht verzeihen, wenn du bereutest, daß du +mit diesem unvermeidlichen Tod dein Glück nicht der eilenden Zeit +abgekauft hättest? -- Dieser Athemzug erwirbt dir Zulma, ist er +ausgelöscht, dann kannst du dieses Kleinod durch tausend Leben nicht +erkaufen. + +_Abdallah._ Und liegt ihm denn selbst an diesen wenigen Stunden, die +ihm noch zugezählt sind? Du hast es selbst gehört, wie sehr er den Tod +wünscht, seit er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. -- Itzt +würde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine Gewißheit hoffen könnten. +-- Soll ich mich bedenken, ihn glücklich zu machen, oder warten, bis er +sich selbst den Dolch in die Brust stößt? -- + +_Omar._ Das Land mit seinen Bürgern war die Freude deines Vaters, einst +ein neues Glück zu säen und die schöne Saat aufschießen zu sehen, dies +war der feurigste seiner Wünsche, die kühnste seiner Hoffnungen. Für +seine Mitbürger unternahm er das große Wagestück, auf das er sein Glück +und sein Leben setzte, -- die Würfel fielen unglücklich. -- Roxane +sollte deine Gattin werden, um die Ernte jener Aussaat einzunehmen, +aber das Verhängniß verschwor sich gegen ihn und an einem Tage ward +alles zernichtet. -- Der Wille deines Vaters könnte entschuldigt, deine +Aufopferung gelobt werden, wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck +deines Vaters erreichen könntest, -- aber sieh umher, tausend +Unmöglichkeiten spotten deines Scharfsinns. -- + +_Abdallah._ Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin führen, wohin mich +Roxane führen sollte, sie giebt mir den Thron dieses Reichs, und ich +rotte die Dornen aus, die Ali pflanzte, dann kömmt der schöne, der große +Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen über dieses Land auf, +ich verwandle es in einen Garten voll schöner Blüthen. -- Nicht wahr, +Omar, mein Vater würde sich nicht einen Augenblick bedacht haben, mich +dem Wohl des Landes aufzuopfern? -- Und ich säume ihn dem Glück der +Bürger hinzugeben? Das Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen +der Nachkommen wird mich einst belohnen. + +_Omar._ Und Zulma! -- Sollte sie in den Armen eines andern deiner +vergessen? Solltest du einst ihrem Pallast als ein unbekannter Sklave +vorübergehn und sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick +auf dich herabwerfen? -- Solltest du einst als Bettler vorübergehn und +von der geliebten Zulma mit Verachtung abgewiesen werden? + +_Abdallah._ Nein, nein, das soll nie geschehen, so lange ein Herz in +meinem Busen schlägt, ist sie mein, noch mein letzter Blutstropfe würde +für ihren Besitz kämpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist sie der +Inhalt meiner Gedanken und alle meine Kräfte laufen nach diesem Ziele. + +Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht widersetzen. Steht +diese That in jenem großen Buche, welcher Finger will die ewigen Züge +verlöschen? _Deinetwegen_ wird das große Gewebe nicht inne halten, der +Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen Willen gefragt. -- + +Abdallah stand in tiefen Gedanken. -- + +Du kannst nicht gut, du kannst nicht böse handeln, fuhr Omar fort, _ein_ +Geist ist es, der in den Millionen Leben glüht, du und ich, Selim und +Zulma sind nur _ein_ Wesen, du arbeitest stets für und gegen dich, du +kannst eigenmächtig über deine Handlungen den Ausspruch fällen, und +diese gut und jene böse nennen, wer mag dir widersprechen? + +Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten beide das Zimmer +verlassen, Selim kam ihnen zornig entgegen. -- Fort! Verbannter! rief er +aus, so lange der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich dein +Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen Verwünschungen belade! + +Omar blieb bei Selim zurück, und Abdallah ging traurig und zürnend in +das Dickicht des Waldes, wo eine einsame Stille ihn begrüßte, nur von +einem leisen Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten lagen +übereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf den grünen Rasen herab. +-- + +O der Eiskalte! rief Abdallah laut, wie leicht es ihm wird, ewige +Quaalen auf mich herabzubitten! -- und ich zögre und bedenke seinen Tod, +-- ihm wird es so leicht, mich ewig zu verderben, und ich kann diese +Gefühle in meiner Brust nicht niederwerfen. Kann dieser einzige Verlust +nicht tausendfachen Gewinn geben? Kann das Land und Zulma nicht laut +dies Leben von mir fordern? und da er es selbst verachtet und für seine +Mitbürger hinzugeben brennt? -- + +Ach und was vermag ich gegen das eiserne Schicksal? gegen die dicken +Mauern schlagen vergebens meine Kräfte an, -- wenn es sein soll, -- o +dieser Gedanke selbst ist mir vor meiner Geburt schon vorgeschrieben, +ich kann nichts als ihn nachdenken, -- in den ewigen Gesetzen liegt die +Sünde, -- die Hand mordet, die den Dolch ergreift, nicht das Werkzeug, +das der größern Kraft wider Willen nachgeben muß. -- O das ist ein +Gedanke, der mich dem Wahnsinn entgegen führen könnte. -- Alle meine +Wünsche gehen hier unter, mein Wille ist todt, -- ich muß, ich muß es +vollbringen, und dann erst wird das Werkzeug aus den Händen gelegt. +-- Wo finden meine Gedanken auf diesem Meere einen Ort der Ruhe? -- Wo +eine Insel, an die sie im Sturme landen können? -- + +Er setzte sich in das Gras unter einem dichten Baum und sahe starr dem +Spiel der Mücken und Gewürme auf der Erde zu. -- + + + + +Viertes Kapitel. + + +Ein Geräusch dicht neben ihm im Busche schreckte ihn auf, _Raschid_ +stand vor ihm. -- + +Er sprang auf und fiel seinen Freund schnell in die Arme. -- O, rief er, +das ist es, was ich suchte, ja, ein Mensch hat mir gefehlt und dieser +wird mir itzt gesendet. + +Wir sind beide unglücklich, sagte _Raschid_, Elend verschwistert unsre +Seelen. + +_Abdallah._ Du elend? -- O worin kannst du unglücklich sein? + +_Raschid._ Ich? -- Ich irre in der Nacht und am Tage durch verlassene +und wüste Gegenden, ich wünsche und hoffe und verzweifle in demselben +Augenblick, -- ach Abdallah! Abdallah! du weißt vielleicht, was Unglück +ist, nicht wahr, du würdest mich glücklich machen, wenn du es könntest? + +_Abdallah._ Ja ich weiß was Elend ist, Unglück ist mir nicht fremd. +-- Aber was kannst du bei mir wollen? Suchst du Quaalen und Verzweiflung? +-- o die kann ich dir geben, -- sieh! dies sind meine Schätze! + +Sie gingen mit einander, in Abdallah's Busen lag es zentnerschwer, er +wollte zu reden anfangen und schwieg dann wieder furchtsam. Endlich +umarmte er den Freund noch einmal glühend: Raschid! Raschid! rief er, du +bist ein Mensch, nicht wahr, es schlägt ein fühlendes Herz in dieser +Brust? deine Seele ist für Mitleid nicht taub, -- o sprich! nur ein Wort +der tröstenden Linderung! -- + +_Raschid._ Du schweigst? vertraue deinem Freunde den Sturm, der in deiner +Seele wüthet. -- Was kann dich so mit Riesenkräften niederdrücken? + +Abdallah schwieg noch immer, -- ich liebe Zulma! rief er dann plötzlich. +-- Ach, ich muß dies fürchterliche Geheimniß in einen Menschenbusen +ausschütten, o tröste mich, -- verzeihst du mir, nennst du mich Bruder, +wenn -- hast du je die Allmacht der Liebe gefühlt? + +Zulma? rief Raschid und stürzte bleich zurück, Zulma? O Unglücklicher! + +_Abdallah._ Nur ein Wort aus deinem Munde! _Darf_ ich sie wünschen? +-- macht mich meine Liebe zum Ungeheuer? -- warum starrst du mich so an? +Willst du mir keinen Trost geben? + +_Raschid._ Trost? -- Dieses Entsetzen hat mich zu dir gejagt, ich kam zu +dir, um zu deinen Füßen mir mein Glück zu erbetteln, -- du liebst Zulma, +-- o Unglücklicher, so wisse, so erfahre es denn und schaudre bis in das +Innerste deiner Seele, -- auch Raschid liebt diese Tochter der Sonne! +aus dieser Quelle sind alle meine Martern geflossen, dies hat mich seit +Jahren gepeinigt und an der Wurzel meines Lebens genagt. + +_Abdallah._ Du liebst sie? du? -- O Raschid, hinweg! du bist nicht mehr +mein Freund! -- ich verlange einen Ton der mich tröstet, ich schlage +verzweifelnd an die Laute, -- aber alle ihre Saiten sind zerrissen, kein +Wiederhall in der ganzen Schöpfung! + +_Raschid._ Darum bin ich hier, Selim sollte mich glücklich machen, du +solltest mir ihn abtreten. + +_Abdallah._ Nein! nein! -- O beim Unendlichen, alles thürmt sich immer +höher und höher, alle Schrecken wachsen zu Riesen auf und werfen sich +mir entgegen. -- Nein, nein, Raschid, du darfst nicht, Selim ist mein +und Zulma mein, deine Hand darf es nicht wagen, in mein Glück zu +greifen. + +_Raschid._ Hinweg Freundschaft und Mitleid! die Liebe kömmt ihren Thron +zu besteigen! Ich bin nicht mehr Raschid, nicht mehr dein Freund -- Ja, +ich will den großen Kampf mit dir eingehen, Abdallah, unsre Freundschaft +sei zerrissen! Fluch um Fluch, Hölle um Hölle, alle Schrecken gegen +einander, -- Zulma ist mein! mein, sag' ich, -- endlich hat der Himmel +den Verstoßenen wieder angenommen, ich bin mit mir selber ausgesöhnt. + +_Abdallah._ Raschid, ich ziehe allmächtig diese Waage nieder, die zu den +Wolken aufgeschnellt wird, dieser Baum ist mein, in dessen Schatten du +dich lagern willst, -- Zulma liebt mich! -- + +_Raschid._ O sie wird, sie muß mich einst lieben, deines Vaters Elend +ist eine Leiter, die mich in den Himmel trägt, ich will verwegen bis +auf die letzte schwindelnde Sprosse steigen und wie ein Gott auf die +armselige Welt hinabsehen. + +Er wollte gehen und Abdallah hielt ihn mächtig zurück. -- Wohin willst +du? rief er aus, Schrecklicher! + +Zu Ali, antwortete _Raschid,_ dein Vater ist ein Unterpfand, das +mir nicht entrinnen wird, ich bin nicht vergebens deinen Schritten +nachgeschlichen; o ich muß eilen, denn ich fühl' es im Innern meiner +Seele, für Zulma würd' ich freudig meinen Vater und meine Mutter der +Schlachtbank überliefern. + +Sie rangen hartnäckig mit einander. -- O noch, noch verweile, rief +Abdallah, nur diesen einzigen Tag noch, nur diese Stunde schenke mir +noch mitleidig! + +Um in dieser um meine Seligkeit betrogen zu werden? antwortete Raschid. +-- Nein! zurück von mir! -- Er riß sich gewaltsam los und entflohe mit +der Eil des Windes, auch keinen flüchtigen Blick warf er seinem Freunde +rückwärts. -- + +Abdallah sahe ihm betäubt und schwindelnd nach. -- Ha! nun ist es ja +entschieden, sagte er mit unterdrücktem Lächeln, meine Martern habe ich +umsonst geduldet, Zulma ist mir ewig, ewig verloren. -- Ha! wie es in +meinem Innern tobt und wüthet! -- Kalt steh' ich da und sehe, wie auch +meine letzte Freude von einem fremden Vorübergehenden lachend gemordet +wird. -- Er verhöhnt Freundschaft und Liebe und fliegt nach seinem +glänzenden Ziel, -- nur ich zögernder Thor schlage mich mit tausend +Zweifeln und verliere den großen Augenblick. -- Zulma nicht mein, +Raschids? -- O das, das kann, das soll nicht sein! So weit dürfte dieser +Fremde sich in mein Paradies hineinwagen? -- Was hält mich denn zurück? +-- Wollte er nicht seinen Vater dieser Wonne ohne Bedenken opfern? -- O +er ist ja auch ein Mensch, -- er liebt ja Gott und betet das Schicksal +und die Tugend an und dennoch, -- mir ist alles genommen und doch zögert +meine Trägheit noch? Wie mit hundert Stricken wird mein Arm zum tödtlichen +Streich herabgerissen und ich kämpfe noch gegen diesen Schlag, -- und +muß Selim nicht dennoch sterben? -- Er muß -- und ich und Zulma sind +unglücklich, -- ja, ja, es muß sein, -- ich höre die Stimmen umher +brüllen, die mich zur That anmahnen. -- + +Er drängte sich in wüthender Eil durch die Gebüsche und sahe auf der +Landstraße Raschid schon weit voraus, der der Stadt zueilte. Geängstigt +rennt er ihm nach und stürzt wie beflügelt hinter ihm her, seine Augen +sahen den Weg nicht, sein Athem röchelte laut, oft biß er knirschend die +Zähne zusammen. -- Endlich erreichte er ihn matt und ohne Bewußtsein. +-- Halt! rief er laut, -- halt an mit deiner Beute, Betrüger! + +Raschid sahe rückwärts und erblickte Abdallah, er wollte ihm von neuem +entfliehen, aber gewaltig ergriff ihn Abdallahs Arm und hielt ihn zurück. +-- Nein, du sollst mir nicht entrinnen, schrie er wüthend, schwöre hier +durch einen gräßlichen Eid dich von Zulma los, -- oder beim Propheten! +ich vergesse unsre Freundschaft, so wie du sie vergessen hast. + +Raschid wollte sich los machen, aber Abdallah schlug seine Arme um ihn +und hielt ihn mit der Kraft eines Riesen an seine Brust geklammert. +-- Zurückgerissen von dem Sonnenglanz, rief er, sollst du in einem ewigen +Dunkel verschmachten, schwöre Zulma ab und wirf deine frechen Wünsche +hinter dir, -- ha! Selim ist _mein_ Vater, nur Vatermord kann dich +Zulma's würdig machen. + +Ich schwöre nicht! schrie Raschid auf, -- von mir Schändlicher! für +Zulma ring' ich mit dir um Leben und Tod. -- + +Er versuchte es, sich mit allen Kräften aus Abdallah's Armen zu +schleudern, aber dieser drängte ihn zu fest an sich, Raschid biß ihn +mit den Zähnen wüthend in den Arm, um sich frei zu machen. -- Sie rangen +unter einem dumpfen Gebrülle gegen einander, kräftig warfen sie sich hin +und her, die Erde dröhnte unter ihren Tritten. -- Endlich warf Abdallah +den ermüdeten Raschid nieder, er kniete auf ihn hin. -- Willst du itzt +Zulma zurückgeben? schrie er und stierte ihn mit einem eisernen Blicke +an. -- Nein, nein, und müßt ich ewig dafür verdammt werden, nein! brüllte +ihm Raschid zu. -- Abdallah zog einen Dolch und stieß ihn in die Brust +des Überwundenen, ein großer Blutstrom stürzte hervor und floß über +die Erde. -- Unter krampfhaften Zuckungen starb Raschid endlich, ein +Schleier zog sich über sein starres hervorgetriebenes Auge, er lag +bleich und unbeweglich da. -- + +Abdallah stand über ihm und betrachtete ihn mit fürchterlicher +Schadenfreude. -- Warum rufst du nicht mehr Zulma's Namen aus? sagte +er bitterlächelnd, wirst du mir sie itzt noch abkämpfen wollen? -- Kann +ich nun ruhen, ohne deine Eile zu fürchten? -- Nun wirst du sie nicht +gewinnen, die Würmer nehmen dich in Besitz! Nun ist sie mein, mein! o +ich will es dir in die Ohren schreien, bis du von neuem fluchst, -- Zulma +ist mein! -- Ha, warum bist du im Augenblick so kalt, gleichgültig und +träge geworden? -- Liebst du Zulma nicht mehr? -- verdient sie itzt +nicht mehr die Huldigung deiner Wünsche? -- + +Ein plötzlicher heftiger Schauder fiel ihn an, er wandte sich und flohe +mit Windesschnelligkeit zur Stadt. + + + + +Fünftes Kapitel. + + +Er stürzte wild in die Stadt hinein und eilte wie ein Rasender durch die +Straßen, alles wich ihm furchtsam auf seinem Wege aus, man hielt ihn für +einen Wahnsinnigen, der seinem Kerker entsprungen sei und jedermann sahe +ihn mit Furcht und Mitleid nach. Er schweifte wüthend umher und stand +itzt vor dem Pallast des Sultans. Als er hineinstürzen wollte, hielten +ihn die Leibwächter zurück. Er wollte sich mit Gewalt hindurchdrängen, +er schrie laut, man sollte, man müßte ihn zum Sultan führen, man stieß +ihn wie einen Unsinnigen fort; da er aber stets von neuem und stets +dringender bat, nahm man ihm endlich seinen Dolch ab und ließ ihn in +den Pallast treten. _Mehmed,_ der Vezier, begegnete ihm, Abdallah's +Knie zitterten, seine Stimme war nur ein gebrochenes Lallen. Der Vezier +sahe ihn mißtrauisch an und ging endlich in das Gemach des Sultans. +-- Abdallah stand zitternd auf dem langen Gange vor den Thüren der +Zimmer, er wußte nicht mehr, wer er war und was er wollte, vorübergehende +Sklaven betrachteten ihn mit Erstaunen, wie einen niegesehenen Fremdling, +er sahe scheu umher, alle fuhren vor ihm, wie vor einem Mörder zurück. +Sein Zustand war fürchterlich und doch wünschte er ihn verlängert, +sehnlich wartete er auf die Eröffnung der Thür und konnte sich diesen +Augenblick nie als wirklich denken; ein wehmüthiges Entsetzen, eine +fremde Verzweiflung, die ihn mit einer kalten Freude erfüllte, herrschte +in seiner Seele. Itzt war ihm nichts werth und nichts verhaßt, er war +sich selber abgestorben, in einem dumpfen Nachsinnen verloren, gab er +sich endlich Mühe zu entdecken, warum er dort stehe und auf was er +harre. -- In einzelnen Streifen brach sich der Sonnenschein durch die +Fenster und er betrachtete aufmerksam die kleinen zitternden Strahlen, +die sich zusammenwebten und wieder auseinander flogen, sein unverwandtes +Auge verlor sich in aufmerksamen Betrachtungen von hundert Kleinigkeiten, +dann sahe er wieder nach den Sklaven, die vor ihm zitterten und eine leise +Ahndung sprach in ihm an, als müßte er sich vor ihren Blicken schämen. +-- In der Ferne flog ein Schall den langen Gang hinab, mit seinem todten +eiskalten Blick sah er hin, es war _Zulma,_ die mit einigen Sklavinnen +dicht vor ihm vorüber in ein Gemach ging, ein Schleier bedeckte ihr +Gesicht, aber er erkannte ihren Gang und den Glanz ihres Auges durch +die Verhüllung. Alle seine gefesselten wüthenden Leidenschaften wurden +plötzlich von eisernen Banden wie Wirbelwinde losgelassen, er kam zu +sich selber zurück und fand jedes Entsetzen in der grauenvollen Wohnung +wieder. Er starrte dem Schimmer ihres Gewandes lange nach, sie hatte ihn +nicht erkannt. -- Wo bist du? fragte ihn ein aufwachender Gedanke, -- und +was willst du? -- Ha! die Verdammniß hält dir noch einmal die trügende +Speise an der giftigen Angel hin; war es nicht _Zulma_, die vorüberging? +-- Es ist _meine_ Zulma, sprach er in sich weiter, sie ist _mein_, jetzt +geh' ich hin und bezahle den großen Kauf, die Hölle reicht mir ihre +Verschreibung. -- Jetzt, jetzt wird der fürchterliche Augenblick nahen, +der mich zum ernsten Verhör fordert, doch auch _er_ wird vorübergehen, +die Zeit verschlingt geizig alles. -- Aber auch mein Glück wird +verschwinden, es wird eine Zeit kommen, in der ich sagen werde, Zulma +_war_ mein und dann? -- Nein, nein, ich will die Zeit festschmieden und +ihre Räder zerbrechen, lahm soll sie langsamer von dannen schleichen. +Die Wonne der Liebe soll mich berauschen bis ich wahnsinnig werde; wenn +ich Zulma in meinen Armen halte, dann soll sich die Hölle nicht an mich +hinanwagen, ihre Schuld einzufordern, o, ich will, ich _will_ glücklich +sein, -- ich will schwören, daß ich nicht elend sein werde, der Fluch +Selims trifft mich im Paradiese an, und flattert scheu zurück, in Zulma +finde ich die Tugend und Gott, nur hier will ich anbeten, ich will mir +selber Trotz bieten; die Seele ist verächtlich, die nicht Muth hat, von +sich zurückzuschleudern, was feindlich in ihre Seligkeiten bricht, nur +der Furchtsame leidet, durch seine feige Einwilligung ist der Elende +elend, -- ha! ich trotze dem Schicksal und der Allmacht, ich will kühn +schroffe Klippen erklettern und mit hohnlachendem Triumph meine Kränze +aus den Schrecken pflücken, -- wer, wer kann mir verbieten glücklich zu +sein? Wer will meinen frechen Geist beherrschen? Wer in Zulma's Armen +Elend auf mich herabsprechen? -- o er versuch' es, der Ewige, -- _mich_ +treffen seine Flüche nicht, -- mein Glück ist meine Tugend, ohne Zulma +bin ich unglücklich, -- Tugend ist ein nichtiger Schall, der verdammende +Richter hat in seinem Busen nie die Menschheit gefühlt, -- ein tyrannisches +Schicksal hat eherne Gesetze für uns geschrieben, der Ewige hielt seine +Erschaffenen für Engel, -- er selber versteht die Menschheit nicht, +-- darum zertrümmert diese Gesetze, er wird einst verzeihen, oder er ist +ein Tyrann, der die Schöpfung belebte, um sich ihrer Quaalen zu freuen. -- + +Die Thür des Gemaches öffnete sich. Der Vezier des Sultans trat heraus +und führte Abdallah in ein prächtiges Zimmer; Ali saß in einer kalten +empörenden Wuth auf einem Sessel und sahe dem eintretenden Abdallah +starr entgegen; der Jüngling warf sich vor ihm nieder. + +Eine lange Stille. Ali blickte auf ihn ernst herab, Abdallah wagte es +nicht, die Augen aufzuheben. Seine Sinne hatten ihn verlassen, er ächzte +laut in einer todten Betäubung. -- Was willst du? fragte ihn endlich der +Sultan mit zurückschreckender Kälte. + +Abdallah hob sein Haupt auf und blieb auf den Knien liegen. -- Was +ich will? -- antwortete er leise. -- O diesen großen, schrecklichen, +einzigen Augenblick wollt' ich. -- Itzt, itzt ist er da! -- Was such' +ich hier? -- Warum kam ich hierher? -- Wer bist du? + +Er ist wahnsinnig! schrie Ali auf, hinweg mit dem Unsinnigen! + +Sklaven näherten sich und wollten ihn hinwegführen, Abdallah widersetzte +sich ihnen stumm, -- nein, rief er endlich aus, laßt mich! Ich muß hier +bleiben, eine große Entdeckung führte mich vor deinen Thron, darum höre +mich an. -- Ali winkte, und die Sklaven entfernten sich wieder. + +Nun sprich! sagte Ali, oder bei meinem Zorn, du gehst nicht lebendig aus +diesem Saal! + +Ich will sprechen, sagte Abdallah. O ich muß sprechen, von itzt an hab' +ich keinen Willen weiter. -- O Zulma! Zulma! -- Ali, du hast ein großes +Kleinod ausgeboten, du hast dem Zulma verheißen, der Selim deiner Strafe +ausliefern würde. + +_Ali._ Ja. + +_Abdallah._ Wirst du dein Versprechen halten? + +_Ali._ Beim Propheten! + +_Abdallah._ O so ist sie _mein!_ ich bringe dir das Geheimniß, gegen das +du sie austauschen mußt. + +Ali sprang heftig auf. -- Selim? rief er, Selim? O meine Rache lechzt +nach diesem Blute, sprich es aus, wo ist er? Wo kann ich ihn finden? + +Abdallah schwieg. -- + +Sprich! schrie Ali noch einmal, meine Wuth steht mit neuer Macht in +meinem Busen auf, foltre meine Ungeduld nicht länger, -- oder beim +Propheten -- + +Was hab' ich gethan? sagte Abdallah. -- Hab' ich es ausgesprochen, das +fürchterliche Wort? O nein, nein, ich habe nichts gesagt, ich frage dich +Sultan, sprich, nicht wahr, ich habe nichts gesagt? -- O laßt mich, laßt +mich schweigen, meine Worte werden zu Mißgeburten, die meinen eignen +Busen verwunden, ich bin an die Schwelle der Verdammniß gekommen, o laßt +mich wieder rückwärts schreiten. + +Sein Körper zitterte in einer fürchterlichen Angst, er wollte sich +aufheben, aber er sank wieder kraftlos nieder. + +Verwegner! sprach Ali zürnend, bist du Frecher hierhergekommen! meiner +zu spotten? -- Du kannst nicht wieder zurückfordern, was du gesagt +hast; sprich, oder Foltern sollen die Nachrichten aus dir herausquälen, +die du mir verweigerst. -- + +_Abdallah._ Und es muß also sein? die fürchterliche Frage ist nun auf +ewig entschieden? -- Nun so sei es denn! + +Er hob sich mühsam auf, seine Stimme zitterte, sein Gesicht war bleich, +sein Blick starr. -- Er beschrieb dem wüthenden Ali den Pfad, der zu der +Wohnung Selims führte, er nannte ihm die Zeichen, an denen man den Weg +erkennen könnte. Ali befahl seiner Leibwache, diesen Weg aufzusuchen und +Selim zu ihm zu führen. -- Abdallah wollte mit dieser wieder aus dem +Saal hinauswanken. + +Nein, rief Ali, so steht unser Spiel nicht, du verweilst hier, bis die +Abgeordneten zurückkommen; sind deine Nachrichten Lügner gewesen, so +soll dein Leben für deine Frechheit büßen. + +Abdallah blieb zurück und sahe wieder starr vor sich nieder. + +_Ali._ Hast du Wahrheit gesprochen, o dann werde dieser Tag als ein Fest +gefeiert, Jubelgesänge sollen durch den Pallast jauchzen, durch die ganze +Stadt eine laute Freude brausen. Was Selims Frechheit wagte, hat noch +kein Sterblicher gewagt, er werde gestraft, wie noch kein Sterblicher +gestraft worden ist. Ich will darauf sinnen, wie ich ihn martre, allen +meinen Launen will ich an diesem Verworfnen ein Fest geben, heut will +ich nach langer Zeit wieder fröhlich sein. Fürchterlich will ich unter +meine Feinde treten, alles um mich her will ich verwüsten, was mich +haßt. Auf Liebe darf ich nicht mehr hoffen, aber _fürchten_ soll man +mich immer; so weit ist es mit mir noch nicht gekommen, daß man mich +ungestraft verachten dürfte. -- Ich will den Trotzigen zittern sehn und +sollt' ich mein Gehirn mit Ersinnung von Martern zersprengen; Selim +läugnet mir meine Menschheit ab, nun so mag er denn einen Tiger in mir +finden. Nur durch Martern will ich zu ihm sprechen, die Folter soll mein +Dolmetscher sein. + +Bebend hörte Abdallah die Worte Ali's, er sahe ihn mit einem stieren +Blicke an, kalt und ohne Leben wie das Gesicht eines ehernen Bildes. Ali +fuhr zornig fort: + +O daß das Leben nicht meinem Rufe gehorcht, _ein_ Tod ist zu wenig, um +diesen Frevel abzubüßen, ich wollte ihn mit Flammengeißeln durch hundert +Tode und Leben peitschen, in die Vernichtung geworfen und wieder zum +Dasein aufgeschreckt wollt' ich ihn mit Quaalen jagen, bis er in Demuth +zitternd um Gnade flehte und den letzten Tod als ein Geschenk erwinselte. +-- Hat der Bösewicht nicht Freuden genossen, mit denen ich niemals +Bekanntschaft machte? War ich nicht von je ein Bettler gegen ihn? Und +mit niedrigem Neide steht er auf, mir auch das letzte zu stehlen, das +Leben, ein Gut, das er verachtet, das einzige, was mir nur übrig blieb, +da diese Menschen, die er liebt, mir alles genommen haben. Meine einzige +Perl? -- O dafür soll er keine Verzeihung finden, und wenn er mir alle +Schätze seines Busens wie einem Erben hinterlassen könnte. + +Abdallah erlag unter der Last dieser Gedanken, länger konnte er sie +nicht ertragen, er riß mit Gewalt seinen Geist von diesen gräßlichen +Vorstellungen zurück. Und _Zulma_? fragte er mit zitternder Stimme. + +_Ali._ Sie ist dein, sie ist deine Gattin, und du bist mein Sohn, mein +ganzes Reich soll es erfahren, daß du mein Sohn bist. -- O ich bin +glücklich, daß diese Tochter, mein Stolz, eine Lockspeise meiner Rache +geworden ist, durch diese _eine_ That belohnt sie meine väterliche +Zärtlichkeit. + +Zulma mein? -- stammelte Abdallah. -- + +Aber wer bist du? fragte Ali, du hast mir deinen Namen noch nicht +genannt. + +Abdallah fuhr erschrocken auf. -- Wer? schrie er laut. O daß ich es +vergessen dürfte! daß dies Andenken sich nicht so fürchterlich an mich +hinge! -- Ha! wer bin ich? -- -- Nein, kein Mensch, kein Thier, kein +Teufel, -- o hinweg mit der Schaam! selbst diese geziemt dem Verworfenen +nicht mehr. -- _Ich bin sein Sohn._ + +Abdallah? Selims Sohn? schrie Ali auf. -- + +Ich war einst Abdallah, antwortete er. + +Ali fuhr bleich zurück, erblassend sah sich das Gefolge des Sultans an, +ein starres Entsetzen bemächtigte sich eines jeden, man betrachtete den +Jüngling als ein fremdartiges Wesen, das der Menschheit, seiner Mutter, +auf ewig entlaufen sei. + +Ihr fahrt zurück? sagte Abdallah. -- Selbst Ali erblaßt, vor dem +schüchtern jede menschliche Empfindung zurückbebt, ha dieser Blitzstrahl +dringt allmächtig durch den steinernen Harnisch seines Busens! er fühlt +es, er freut sich, daß er ein Mensch ist! Wie war es denn möglich, +daß ich über diese unermeßliche Kluft sprang und nicht im Springen +zerschmettert wurde? -- Nun steh' ich jenseit und strecke die Arme nach +der Vergangenheit aus. -- Ha! warum erblaßt ihr? -- Ihr fahrt zurück +wie vor einem Verbrecher, der an die letzte fürchterliche Gränze aller +Laster gekommen ist, ihr scheut euch mich Bruder zu nennen, -- ach, ein +hartes Verhängniß weht mich wie einen Staub umher, ich muß der sein, der +ich bin. -- + +Ali sah ihn lange mit einem staunenden Blicke an. -- Ich nannte dich so +eben Sohn, sagte er langsam und leise, -- Zulma bleibt dir, -- aber mein +_Sohn_ kannst du nicht werden. -- + +_Abdallah._ Weil ich diesen Namen auf ewig gebrandmarkt habe, ha! Väter +werden bei diesem Ton zusammenfahren und Mütter schaudern; seit Abdallah +seinen Vater verrieth, zittert ein schneidendes Gefühl durch die Brust +der Ältern, die Hölle jauchzt, der Himmel weint, Greise wetzen Dolche für +den ungebornen Enkel, mein böser Engel hat sein schwarzes Buch geschlossen +und steht müssig zu meiner Rechten, diese That endigt das Verzeichnis +meiner Sünden; alles, was ich nun noch thun kann, ist nichtswürdig gegen +diesen glänzenden Triumph. + +Alle schwiegen und Abdallah sprach heftiger weiter: + +Nun ich über den Gränzstein ausgeschritten bin, o Himmel, nun ich +jenseit aller Menschen wohne, o so nimm mir auch das Bewußtsein und +meine Gedanken, -- was sollen sie mir dort in der verbrannten Wildniß? +-- Gieß den Wahnsinn in vollen glühenden Schalen auf mich herab! -- Itzt, +itzt kann ich wahnsinnig werden, ich fühl' es, -- ich gebe dir den Funken +zurück, den du mir grausam geliehen hast. -- Aber das Schicksal ruft +fürchterlich: Nein! Ja mir selbst wächst unaufhörlich der Schierling, +der mich in Todeskrämpfen zittern läßt, zum Bewußtsein verdammt zieh' +ich selber die Feuerflammen und Verdammnißquaalen um mich herum, dieser +Geist ist meine Hölle und giebt mich nie wieder frei. -- Itzt ist auch +die letzte, die traurigste Blume der Hoffnung verwelkt, ich habe die +Verzweiflung überstanden und bin noch der ich war; o warum ist unsre +Tugend und Ruhe nicht so felsenhart und unzerbrechlich, als dies kalte +quälende Bewußtsein? + +Unglücklicher! sagte Ali, wie war es möglich -- + +Abdallah unterbrach ihn: -- Kann ich es selbst begreifen? das Verhängniß +und Zulma, -- ich habe diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich +mich selbst dabei verspielte? -- Zulma, Zulma soll es mir alles ersetzen, +ha! oder ich will einst den Richter jenseit bitter anklagen, daß er mich +um mein Leben betrog, daß er mir hämisch einen großen Tausch anbot -- und +mich schadenfroh hinterging -- + +Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir! du lästerst den Herrn, +Elender! -- Was hilft es, daß du gegen die Last kämpfest, du wirst sie +niemals abwerfen. -- + +Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward milder, sein Auge +menschlicher. Er dachte über einen Gedanken nach, der ihn wehmüthig +machte. + +Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu seinem Vezier. -- Wer +tadelt mich nun noch, daß ich die Menschheit verachte? Wer darf noch +murren, wenn ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als gültig +anerkennen will? -- Sie selber sendet einen aus ihrer Mitte, der ihre +schwarze Verrätherei entdeckt, der den verächtlichen Betrug entlarvt. Bis +itzt hab' ich noch immer gefürchtet, an diesem Geschlecht zu irren, aber +nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin überzeugt! Was hat Selim von mir +gewollt, da sein Sohn, den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine +Stimme schreit? -- Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Verächtlichkeit +und Meineid mir warnend auf der Gränze entgegenkommen? diesen Bothschafter +hier nennen sie selber tugendhaft und er schlägt das Vermögen unter, +das sie ihm anvertrauten und entläuft knechtisch mit seiner Beute. -- O +hinweg von mir, was sich mit dem Namen Mensch brüstet! Ihr Stolz ist +Niedrigkeit, ihre Tugenden sind nur unterdrückte Verbrechen, von itzt +sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden, der sich durch +keinen blendenden Glanz bestechen läßt. Ich will ihren Stolz verfolgen, +bis er zur Demuth wird, sie verkaufen sich um eine Nichtswürdigkeit der +Hölle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie für die ewige +Verdammniß gefangen nehmen. Selim haßte mich, weil ich die Menschheit +haßte, weil ich sie nicht lieben konnte, wollte er das Band meines +Lebens zerreissen, diesen hat er für seine Menschheit erzogen und er +verläugnet sie auf ewig. -- Mit Selim will ich mein strenges Amt beginnen, +statt zu verachten will ich das Siegel itzt _verhöhnen_, auf das diese +Elenden so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen, über ihre +allgemeine Vernichtung würde die Erde und der Himmel jauchzen. Selim ist +die erste Beute, die mir aus dieser schändlichen Rotte zugeworfen wird, +an ihm will ich dreist sündigen, an ihm sollen sie eine Probe ihrer +Verfolgung sehn und zittern. -- Kömmt er noch nicht? Ich schmachte nach +seinem Anblick, itzt will ich ihm mit Kühnheit entgegengehn, denn unser +großer Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage gewonnen, er +soll zusammenfahren. Alle Quaalen will ich an ihm ermüden und ihn dann +erst des Spielwerks überdrüssig, in die Vernichtung werfen. + +Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren da gestanden, er +hatte kaum Ali's Worte verstanden. Plötzlich brach wieder ein Ton durch +die taube stumme Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet +unter den flüchtigen Schatten, er wachte wie aus einem Rausche auf. + +Mächte des Himmels! rief er plötzlich in lauter Angst, -- was, _was_ +hab' ich gethan? Ha! wie bin ich hierhergekommen? -- Wer ist es, der aus +meinen Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst Abdallah +nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner Behausung geworfen und zerstört +seine Wohnung, o könnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! -- Nein, dies +hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen Brand im Innern meiner +Seele hat noch kein Sterblicher erduldet. + +Er stürzte wüthend nieder. + +Allmächtiger! rief er. -- _Was_ hab' ich gethan? -- Vernichte mich, +Gräßlicher, damit ich aus diesem Traum erwache! -- Nur einen, einen +Donner auf mein Haupt, laß ihn zerstörend durch mein Herz rollen und den +Blitz durch diese Brust flammen, -- wirf mich in die Hölle hinab, nur +rette mich von _diesem_ Gefühl, laß die Verdammniß mich nur von _dieser_ +Quaal erlösen! -- Himmel! wie ein Nachtwandler wache ich plötzlich auf +und finde mich in eine Todtengruft verirrt. -- Reißt mit glühenden Ketten, +mit Feuerhaken diesen angeklammerten Drachen aus meinem Busen, der +wüthend mit scharfem Zahn in mein Eingeweide beißt! -- Beschützt mich +Geister der Hölle und schlagt diese Erinnerungen zurück, die zu mir +hinanspringen! -- O Ali, Ali, -- ruf deine Henker und laß mich vernichten, +wenn noch ein einziges Menschengefühl unter den vermoderten Ruinen +liegt, -- findest du nur noch eins, das letzte, o so laß mich sterben. +-- + +Ali sahe kalt auf ihn herab. -- Du sollst leben, sagte er. + +_Abdallah._ Leben? -- Ha! du geizest mit dem Tode! Selim soll sterben, +ich bin dieser Wohlthat nicht werth. O wenn du nur noch einen Klang von +der zerrissenen Harmonie in dir spürst, wenn meine Quaal dir denkbar +ist, -- o so laß ihn nicht sterben, gönne dir selber diesen ersten großen +Sieg, versuch es nur diesmal, nur dies einzigemal, -- und wenn dich dein +Gefühl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen. + +_Ali._ Selim muß sterben. -- + +_Abdallah._ Sterben? -- O wie kalt du dies eine Wort aussprichst, an das +sich meine ganze Seligkeit gehängt hat. -- _Sterben?_ -- Fühlst du, was +ich in diesem einzigen Wort verliere? -- mehr, als mir tausend Kronen +ersetzen können, mehr als diese Erde werth ist. -- O Ali, denke den großen +Gedanken, durch _einen_ Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem +Gott emporschwingen, der mir mit freigebiger Güte den Himmel schenkt, +der großmüthig mich aus der Hölle nimmt und sie verschließt, -- o Ali, +_sterben_ kann mein Vater durch den Dolch eines jeden Sklaven, -- aber +dann steht die ganze Schöpfung da und kann den Hauch des Lebens nicht +wieder fesseln, der flüchtig den Körper verließ, -- nur die Allmacht +kann zu ihm wieder sagen: _lebe_! O Ali, du darfst itzt des Allmächtigen +Stelle vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei großmüthig, +sei menschlich. -- + +_Ali._ Er muß sterben. -- + +_Abdallah._ Nein, laß ihn den Wink des Ewigen erwarten. -- Du findest +ihn dort einst wieder: laß ihn dir als Freund entgegengehn. Wünsch' es, +daß du den heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet +findest. + +_Ali._ Nein, er muß sterben, _heut_ sterben. -- Wer bist du mir? Und für +dich sollt' ich diese Freude verloren geben? -- + +_Abdallah._ Sterben? und unter Martern sterben? -- Nichts kann diesen +fürchterlichen Ausspruch vernichten? -- Unter Martern, die bis in die +fernsten Pulse der menschlichen Natur zucken? -- Nun so häufe Quaal auf +Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf Schmerzen, trinke sein Blut und +laß dir seine Gebeine vorsetzen, fülle das Maaß meiner Verdammniß bis +oben an, daß auch keine Faser von mir der Hölle entrinne. -- Nun es +Flüche gilt, o so stürme die Unendlichkeit mit Millionen Flüchen auf +mich ein, -- nun bin ich einmal tief hinein in Raserei verirrt, nun mag +kommen was da will. -- Siehe, Gräßlicher, nun zittre ich nicht mehr, nun +scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen, so verworfen ich bin, so +fühl' ich doch noch, daß _ich_ ihm verzeihen würde. -- Ich unternahm das +fürchterliche Spiel, um mein Glück, um Zulma zu gewinnen, -- du aber +stehst von deiner Felsenkälte gepanzert da -- und freust dich bloß der +Todesquaalen. Du gewinnst durch seine Schmerzen nichts und ich verliere +alles. -- O nun dränge sich Verderben auf Verderben, nun die Würfel einmal +gefallen sind, nun stürze der Himmel und die Erde zusammen und begrabe +alles in _eine_ Hölle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast meine Geduld +verspottet und mich zur fürchterlichen Gränze des Wahnsinns gerissen und +nun trotz' ich dir und Gott. Was kann ich noch fürchten, da ich selbst +mein größtes Entsetzen bin? -- Ich könnte frech den Ewigen zum Zweikampf +fordern und fluchend niedersinken. -- + +Er stürzte zu Boden, brüllte laut und schlug heftig mit den Fäusten +seine Brust, der Vezier trat hinzu und wollte ihn hinwegreissen, aber +Ali hielt ihn zurück. -- + +Laß ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm Lächeln, mich ergötzt die Ohnmacht +dieses Wurms. Er möchte sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein +Bewußtsein an sein Verbrechen geschmiedet. -- Sieh, dies ist der Mensch, +der Wiederschein des Ewigen. -- Sieh, wie er in der Wuth sich wälzt und +wie ein Rasender brüllt, -- würdest du ihn dir als einen Edelstein unter +verächtlichen Gewürmen hervorlesen? Laß ihn liegen, -- o beklage mich, +daß ich zum _Menschen_ ward, ich schäme mich meiner selbst! + +Abdallah's Bewußtsein kam zurück. -- Derselbe Leichnamsblick kömmt mir +wieder entgegen? sprach er matt und leise. -- Sieht so ein Mensch aus? +-- O dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde sie mitleidiger +finden, als dich. + +_Ali._ Ich bedaure dich. -- + +_Abdallah._ Es ist nicht möglich, -- dann würde dein Auge eine andre +Sprache reden. _Ali._ Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das mit dir +einen Rang in der Schöpfung hat, ich bemitleide mich selbst und darum +bedaure ich dich. Weil ich euch verachte, will ich deinem Vater die +Quaalen erlassen, mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen, auch +ihre Schmerzen können mich nicht vergnügen. Stehe auf, ich erlasse sie +ihm. + +Abdallah stand langsam auf, er ging betäubt zurück und stand ohne +Bewußtsein und Gedanken an die marmorne Mauer gelehnt, Ali sahe starr +vor sich nieder. + +Es erhob sich ein Geräusch im Hofe des Pallastes, der Vezier eilte an's +Fenster. + +Was ist dort? fragte Ali. -- + +Selim, antwortete Mehmed, wird von der Wache hereingeführt. -- Wie stolz +der Verwegene seine Ketten trägt! -- + +Man hörte laut Ketten klirren; Abdallah fuhr aus seinem Todtenschlafe +auf. -- + +Ketten? sagte er leise. -- Ketten? -- O wohin soll ich mich verbergen? +-- + +Das Geräusch kam näher, Abdallah drückte sich fester an die Mauer und +bedeckte mit den Händen das Gesicht. + + * * * * * + + + + +Sechstes Kapitel. + + +Selim trat mit der Wache herein, die ihn vor Ali führte. Er stellte sich +stumm vor ihn hin, Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blick an; Selim +hielt unerschrocken diesen Blick aus, ohne die Augen niederzuschlagen. + +Du bist mein! rief Ali aus. -- + +Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat es so gewollt. + +_Ali._ Und du zitterst nicht? + +_Selim._ Nein. -- + +_Ali._ Da du in meiner Gewalt bist? -- + +_Selim._ Was soll ich fürchten? Du hast die Gewalt mich zu tödten und +ich wünsche den Tod. -- + +_Ali._ Auch einen martervollen Tod? + +_Selim._ Endlich muß doch die _letzte_ Marter zu mir kommen, die mich +mitleidig frei macht. Wie soll ich Martern fürchten, wenn sie nicht ewig +dauren? -- Wie kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle +Stunden scheuen? -- + +_Ali._ Du wünschest den Tod und dies könnte mich versuchen, dich nicht +zu tödten. + +_Selim._ Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es keine Freude, keine +Hoffnung mehr. Ich mag nicht in einer Welt leben, wo dein Wille, +dein Befehl alle Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit größerer +Kaltblütigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod auszusprechen. +-- Ich hatte auf diesen Fall gerechnet; daß ich sterben konnte, daß du +Sieger sein konntest, diese Möglichkeit hatte ich nicht vergessen und +darum bin ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefaßt, +entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige. -- + +_Ali._ Du hättest mich dem Tode übergeben? + +_Selim._ Ja, denn du machst dein Volk unglücklich und es verdient +glücklich zu sein. -- + +_Ali._ Du hättest mich unter Martern sterben lassen. + +_Selim._ Nein, für _dich_ wäre der Tod die größte Strafe gewesen. + +_Ali._ Du verachtest mich? + +_Selim._ Lehre mich, wie ich dich ehren kann. -- + +_Ali._ Du kannst mich hassen, nur verachten sollst du mich nicht. -- + +_Selim._ Nimm mir meine Meinung. + +_Ali._ Du wirst zittern! + +_Selim._ Vor dir? -- Niemals! -- dies ist also der Ali, vor dem Asien +bebt? das Schrecken des Volks, der Mann, mit dessen Namen Mütter ihre +Kinder zur Ruhe bringen? -- Ich hätte ihn schrecklicher geglaubt. -- Dies +ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die Hand, auf deren Wink +das Leben wie ein Hauch entflieht? -- O versperre dich, Sultan, in +deinem Pallaste, werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin +kommen, daß keiner vor dir zittert. + +_Ali._ Du wagst es, mich zu verspotten? + +_Selim._ Was kann ich wagen? -- Das Leben hass' ich, so wie ich dich +hasse, deine Martern veracht' ich, wie ich dich verachte, -- nenne mir +ein Wort, das die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der mich +erzittern macht; du kannst es nicht. -- Sieh, ich bin über dir und über +dem Schicksal erhaben. -- O sieh' mich nicht so drohend an, dein Blick +fällt vergebens so flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher, +ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; trüg' ich nicht diese +Ketten, o so müßtest du in _meiner_ Gegenwart zittern, ein Verräther hat +dir dies Zittern erspart, ein Verräther hat meinen Vorsatz vernichtet, +auf ihn komme das Elend des Volks, nicht über dich. -- + +_Ali._ Nicht über mich? + +_Selim._ Nein, -- du verachtest die Menschheit, du verkennst ihren Werth, +Menschen gelten dir weniger als Pflanzen, durch Schätze kannst du sie +nur belohnen, durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung von +dem Gefühl, das den Menschen zum Menschen erhebt, -- und darum bemitleid' +ich dich, darum verzeih' ich dir. + +_Ali._ Verworfner? du verzeihst mir? -- Welcher Stolz spricht aus diesem +Sklaven? -- Führt ihn hinweg! + +Die Leibwache wollte ihn wegführen, als Selim sich noch einmal zu Ali +wandte: -- + +Und was gewinnst du mit meinem Tode? -- sprach er mit fester Stimme, wird +dein Zittern enden mit diesem Schlag? -- Wirst du weniger beim Schall des +Windes und vor deinem Schatten zurückschrecken? -- Die Tyrannen tragen ihre +Strafe in ihrem eigenen Busen. -- Dein Volk haßt dich und du weißt es, die +Welt verachtet dich und du verachtest dich selbst. -- Hartnäckig ringst +du mit dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelenträgheit +herauszureissen, -- aber du vermagst es nicht. -- Ich sterbe und du lebst, +-- aber beim Allmächtigen! ich möchte dein Schicksal nicht mit dem +meinigen vertauschen! -- Schon daß ich _dich_ im Tode verliere, ist ein +Gewinn, ein Leben, über das _du_ in jeder Stunde gebieten kannst, ist +kein Gut für mich, ein Glück, das von dir abhängt, kann kein Glück sein. +-- Und welches Leben, welches Glück bleibt _dir_ zurück? o sieh in die +Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden freudenleeren Wüste. +-- Ohne lieben zu können und ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du +jeder Stunde entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude vertilgt, +ein ewiger Durst, der nie eine löschende Quelle findet. -- Deine Brust +ist hohl, du schämst dich ein Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten, +treulos haben sie dich alle verlassen. -- So lebst du -- und stirbst +endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stündlich Freuden und vertraust +dich unbefriedigt jedem neuen Tage, der letzte sinkt unter, -- du bist +nicht mehr und glaubst auch nicht gewesen zu sein, -- Und darum, weil +ich dich bemitleide, verzeih' ich dir! + +Ali stand nachdenkend. -- Noch dräut der Mordstahl in deiner Hand, fuhr +Selim fort, noch erzittert alles rund umher vor deinem Machtspruch, +-- aber eine freudige Aussicht thut sich mir auf. -- Unaufhaltsam bricht +der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer näher, armselig wird +deine Schreckensstimme in dem Brüllen der Orkane verwehen, dann, -- o +sie kann nicht fern sein, diese Zeit, -- dann fühlt die Menschheit ihre +große Kraft und fühlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen mit einem +furchtbaren Klang und du zitterst! -- Dann löscht kein Mord die hellen +Flammen aus, dann gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit +fordert ihre ewigen Rechte zurück; -- ich kann ruhig sterben, denn diese +Zukunft lacht mir entgegen. + +Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, Abdallah eilte +hervor und stürzte vor seinem Vater nieder. -- + +Du hier? fragte Selim freundlich; glücklich, daß ich dich gefunden habe, +mein Herz suchte dich schon auf dem Wege, aber doch wird mir der +Abschied von dir diese Reise erschweren. -- + +Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit dumpfer Stimme. Er +klammerte sich schmerzhaft um seine Kniee, alle seine Pulse schlugen +gewaltsam, seine Brust röchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater +hinauf. + +Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die Arme deines Vaters. -- Er +umarmte ihn. -- Mit diesem Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder +von dir, den ich voreilig über dich ausgesprochen habe, wenn ich _dir_ +fluche, welche Seligkeit lasse ich dann auf dieser Welt zurück? -- Nein, +Abdallah, aller Segen des Himmels komme auf dein Haupt herab. -- O vergieb +dem Vater, der vom Zorne übereilt ward, vergieb ihm, geliebter Sohn! -- + +Vater! Vater! schrie Abdallah laut, -- dein Segen brennt glühend auf +meinem Haupte, gieb mir meinen Fluch zurück, er machte mich glücklich. +Fluche mir, Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz elend +machen willst. -- + +_Selim._ Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat dich mein Unglück in +diese Wuth gesetzt? -- o laß mich, ich sterbe freudig. Ehre das Andenken +deines Vaters und Abubekers Tochter werde deine Gattin. + +_Abdallah._ Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren! die Hölle ist mein +Paradies; Flüche sind meine Freude! + +_Selim._ Ich mußte ja doch bald sterben, Abdallah, -- laß mich, du bist +nicht Schuld an meinem Tode, wir sehn uns einst wieder. + +_Abdallah._ Nein, nein! du bist mir ewig, ewig verloren; wir sehn uns +nie wieder, ach! du weißt nicht -- + +_Selim._ Wir wollen Abschied nehmen, nur auf ein Menschenalter. Ich +lasse dir meinen besten Segen zurück, mein Geist wird über dir wachen, +meine Seele der Wächter deines Glücks sein. Ich will der Gehülfe deines +guten Engels werden, -- nur verzeih meine Härte, geliebter Sohn, mit der +ich heut am Morgen mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut. -- + +Abdallah schloß sich ohne Bewußtsein krampfhaft an seinen Vater, Selim +hielt ihn in seinen Armen und sahe wehmüthig auf ihn hin. -- Komm zurück, +sagte er zärtlich, denn ich muß scheiden, von dir und von dieser Welt; +ich habe genug gelebt, bleibe du zurück, entfliehe von hier und suche dir +ein besseres Vaterland, hasse den Bösewicht und liebe den Tugendhaften, +ehre Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens gegen dich +anstürmen; du wirst in dir selber stets eine unversiegbare Quelle von +Glück entdecken, das dir kein Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an +den Edlen reicht das Unglück nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit, +kein Bösewicht kann ihn niederdrücken, er lebt und geht aus dem Leben +hinaus ohne zu klagen, denn er weiß, daß er dort den Lohn seines +Edelmuths empfängt. -- + +Nimm mich mit dir! rief Abdallah. -- An deiner Seite wird man es nicht +wagen, mich vom Eingange des Paradieses zu verscheuchen. O laß mich mit +dir sterben! + +_Selim._ Nein, Abdallah, du bleibst zurück, bis dich der Richter fordert, +bis die Jahre ihren Kreis gemacht haben, bis die Welle deines Lebens in +das große Meer der Ewigkeit fließt, -- bis dahin sei ruhig, wir sehn +uns wieder. -- Tröste dich mit dem schönen Augenblick, in welchem ich +freudig meinem Sohn entgegen gehen werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe +unzertrennlich verbindet; wo wir uns mit Lächeln von den hiesigen +Träumen erzählen, -- o halte mich nicht länger von diesem schönen +Aufenthalt zurück, der Tod ist nur eine Brücke, die mich dorthin führt, +-- Lebe wohl! -- + +Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser hing sich fest +an seinen Vater. -- Ich lasse dich nicht, ich kann dich nicht lassen, +schrie er wüthend, fluche mir und ich gebe dich frei, übergieb mich der +Hölle und ich will dich dem Paradiese lassen. -- Vater, du weißt nicht, +wen du in deinen Armen hältst. + +Meinen Sohn, meinen geliebten Sohn, antwortete Selim. -- + +Als du mir heut zürntest, antwortete Abdallah, als du mir fluchtest, da +liebt' ich dich, da warst du mein gütiger Vater, hinweg! itzt muß ich +dich hassen, denn du labst dich an meiner Höllenpein. + +Abdallah stieß seinen Vater wüthend von sich, Selim sahe ihn befremdet +an. -- + +Ist das mein Sohn? sprach er leise. -- Welcher böse Engel spricht aus +deinem Munde? + +_Abdallah._ O erst hast du mich in die Verdammniß tief hineingestoßen, +dein Arm ist zu schwach, mich wieder zurückzureissen, dein Segen wird +den Fluch nicht von mir hinwegnehmen, der in allen meinen Gebeinen +ras't, dieser Wassertropfen kann den schrecklichen Brand nicht löschen. + +_Selim._ Hat deines Vaters Zorn dich wahnsinnig gemacht, geliebter Sohn? +-- Komm aus deiner Raserei zurück, ich muß fort, lebe wohl. + +Er umarmte ihn noch einmal zärtlich, sein Kuß ruhte lange auf den Lippen +seines Sohnes, Abdallah lag erschöpft in seinen Armen, sein Auge hing +matt an den Blicken seines Vaters. -- Lebe wohl, sagte der Jüngling +schluchzend. Thränen stürzten über seine Wangen. Sein Vater wollte ihn +verlassen, er drückte stumm die Hand des Sohnes, Abdallah hielt sie fest +in der seinigen eingeschlossen; endlich wickelte er sich von ihm los, +Abdallah taumelte zurück und sank gefühllos gegen die Mauer. -- + +Auch _dies_ hab' ich überstanden, sagte Selim, und wandte sich zu Ali, +dies war die Marter, die mir meinen Tod schmerzhaft machte; itzt magst +du dich an meinen Schmerzen ergötzen und kein Stöhnen, kein Ächzen soll +dir einen schadenfrohen Triumph gönnen. -- + +Ali sahe ihn mit einem leichenkalten Blick an. -- + +Du glaubst, fragte er ihn höhnisch, nichts kann dich mehr erschüttern, +nun dieser Abschied vorüber ist? + +_Selim._ Nichts. -- + +_Ali._ Hüte dich, daß ich dich nicht schaamroth mache und du als ein +Lügner vor mir stehst. + +_Selim._ Ich wiederhole es, nun mag kommen, was da will, ich will ihm +mit festem Auge in's Angesicht sehen. -- + +_Ali._ Du stirbst gern? -- + +_Selim._ Ja. + +_Ali._ Du liebst, du achtest die Menschheit? + +_Selim._ Würd' ich _dich_ sonst je haben hassen können? -- Ja, könntest +du mir diesen Glauben an die Menschheit nehmen, dann würd' ich dich +für meinen Sieger anerkennen, dann, nicht eher, würd' ich mein Leben +bereuen, dann, dann hätt' ich umsonst gelebt, dann wäre mein Stolz +eine verächtliche Traumgestalt, die Arbeit meines Lebens ein nichtiges +Kinderspiel gewesen, ich würde die Stunden zurückwünschen, in denen ich +Menschenglück aufbaute und an dem Reichthum meiner Seele sammelte, +_dann_ würd' ich wünschen, Ali gewesen zu sein. + +_Ali._ Und wenn ich dich nun dahin bringen könnte? + +Selim sahe ihn mit einem furchtsamen Blick an, -- dann, sagte er +schüchtern, dann würd' ich vor dir zittern. -- Aber nein, unmöglich, +diesen Glauben kannst du mir nicht nehmen, du bist kein Mensch, was +willst du von ihrem Adel wissen? -- + +Ali lächelte ihn höhnisch an. -- Bist du nicht neugierig, den kennen zu +lernen, der mir deinen Aufenthalt verrieth? fragte er mit funkelnden +Blicken. + +Nein, antwortete Selim, ich habe ihm verziehen, sei es, wer es wolle. + +Ali ergriff die Hand Selims und führte ihn dann zu Abdallah. -- Dieser +ist es! sagte er schnell. + +Selim fuhr blaß zurück. -- Soll ich dieser Lüge glauben? sagte er +nach einigem Stillschweigen; nein, Ali, dazu ist sie nicht fein genug +ersonnen. + +Dieser ist es! sagte Ali noch einmal mit schadenfroher Miene. + +_Selim._ O Lügner, sieh dies Auge, diese entstellten Züge, diese +Todesblässe, und wiederhole dann deine Worte noch einmal. + +_Ali._ O dann wäre mein Triumph noch tausendmal herrlicher, wenn er itzt +nicht bereute. -- + +Selim schwieg, er sahe mit einem schweren Blick auf Abdallah hin; Abdallah +schlug die Augen nieder, alle seine Glieder zitterten. + +Und mein Sohn antwortet nicht? fuhr Selim auf. -- Nicht mit _einem_ Ton, +durch _einen_ Blick widerlegt er diese gräßliche Lüge? -- Soll ich dies +Stillschweigen für Bewußtsein halten? + +Abdallah drängte sich fester an die Mauer, er wünschte, daß ihn die Erde +verschlingen möchte und schwieg. + +Soll ich es glauben? sprach Selim erschrocken. -- O wenn ich _hier_ +zweifeln soll, dann ist alles, was ich glaubte, Irrthum, dann -- o +ich Unglückseliger! -- dann Ali, geb' ich mich besiegt. -- O Himmel! +Abdallah! Abdallah! sprich zu deinem Vater, höre meine letzte Bitte. +-- Er faßte die Hand Abdallah's. -- Sprich, und zerrisse der Ton mein +Ohr, nur _eine_ Sylbe, nur _einen_ Athemzug: sprach er Wahrheit? -- + +Abdallah's Herz wollte springen, er zitterte stärker, sein Busen kochte, +mit matter stockender Stimme stammelte er endlich: Ja! + +Ja? -- sagte Selim und ließ plötzlich seine Hand niederfallen. -- Ja? +-- Nun dann bin ich von einem tiefen Schlaf erwacht. -- Auch _dir_ hab' +ich verziehen. -- + +Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. -- Auf _diese_ Verdammniß +hättest du nicht gerathen und hättest du dein Gehirn zersprengen sollen? +fragte er ihn boshaft. -- Du liebtest ihn, er liebte dich? Er gehört zu +den Edelsten der Menschheit? -- Sieh, dies sind die _Verehrungswürdigen_ +unter der Natterbrut. Selim, nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun +ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim Ewigen schwur, ist kein +Meineid, -- ich habe, was ich wollte, ich sehe dich _zittern_! + +Ein Fieberschauer schüttelte Selims Gebeine. Ich habe die Menschheit nie +gekannt, sagte er sehr ernst. -- Noch einmal sahe er mit starrem Auge nach +seinem Sohn, dann verließ er stumm den Saal, -- die Leibwache folgte ihm. +-- Ali sahe ihm schadenfroh nach. -- Ich bin gerächt! sprach er freudig, +für die Menschheit hat er gekämpft und sie fällt in seiner letzten Stunde +treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen bittern Kelch reichen! +So groß hätt' ich meinen Sieg nie geträumt. -- Er wagte es nicht, mich +anzusehen, -- nun kann ich ihn verachten! + +Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein Gesicht war todtenbleich, +alle Glieder in einer fürchterlichen Erschlaffung erstarrt, man sahe +kaum, daß er Athem holte. + +Verloren! verloren! schrie er dann plötzlich. -- Er schwieg wieder, +alles war still, nur zuweilen tönte ein abgerissener brüllender Schrei +Abdallah's durch den Saal. -- Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust, +tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick zugleich, +Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen stürmten durch seine Seele. +-- Mein Vater! mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter Stimme. +-- O dies war sein letzter Blick! -- dies! -- o Ewiger, warum starb +ich nicht vor diesem Blick? -- Er hat mir vergeben? -- Nein, eine +heißhungrige Quaal nagt an mir. Alles ist zerstört und vernichtet, o +mein Vater! -- Stille, daß ich diesen Namen nicht nenne! Vater? -- Ich +bin kein Sohn, ich habe keinen Vater! -- Nein, wie Abdallah sieht kein +Sohn aus, -- ich bin von der Menschheit ausgestoßen! Teufel sind meine +Brüder, die Hölle ist meine Heimath. + +Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal, Ali winkte ihm: man +gebe ihm den Trank noch nicht, sagte er. Der Sklave ging. + +In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem Vater der Tod gebracht! +-- Ha, wie die bösen Engel alle hohnlachend um mich grinsen! Nun gehöre +ich ihnen leibeigen, nichts wird mich loskaufen. -- Mein Name ist aus +der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch der Verdammniß steh' ich +eingeschrieben, -- bald wird mir die fürchterliche Rechnung vorgelesen +werden! -- -- + +Ali ging ihm näher und sagte: Verweile hier, ich gehe um Selim sterben +zu sehn. -- Itzt wird er den Giftbecher nicht so muthig, so verächtlich +leeren. Höhnisch lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner +Thaten und seiner Begeistrung schämen. -- Diese Wonne will ich mir nicht +versagen. + +Ali ging und der Vezier und die übrigen begleiteten ihn. -- Abdallah +blieb in dem weiten Saal allein, alles um ihn her schien ihn mit +fürchterlichen Gesichtern anzublicken, er stieß wüthend seinen Kopf +gegen die Mauer. + +Itzt! itzt! -- sprach er leise, -- itzt trinkt er den Becher, itzt +lachen Ali und sein schändliches Gefolge über die Todeszuckungen meines +Vaters; Selim denkt an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch +schrecklichern Krämpfen. -- O Abdallah! Abdallah! -- Wardst du darum +geboren? -- O nun ist jenes fürchterliche Ziel herangerückt! -- Auf +ewig, auf ewig bin ich verloren! -- Selim! -- Abdallah! -- Die ganze +Natur wird in ihr Chaos zurückspringen, denn die Liebe ist todt, alle +Elemente werden von neuem feindselig gegen einander kämpfen und die Welt +in Trümmern schlagen. -- O warum gerade _ich_, unter Millionen ich der +Verworfene, der seinen Vater ermorden muß? -- Nur _ich_? -- In diesem +Gedanken grinst mich die ganze Hölle an. + +Er stand von neuem in einer dumpfen Betäubung. + + + + +Siebentes Kapitel. + + +Omar trat in den Saal. Abdallah fuhr auf als er ihn sahe und stürzte sich +wild in seine Arme. Rettung! Rettung! schrie er heftig. -- Omar, reiß +mich durch deine Gewalt aus diesem Strudel, der mich zerschmettert; +o wo bist du gewesen? Warum hast du mich so unbeschützt allen diesen +fürchterlichen Quaalen überlassen? -- Bin ich deiner Hülfe nicht mehr +werth? Liebt kein Wesen mehr den Abdallah, seit er der Menschheit untreu +geworden ist? -- Omar! rette mich vor mir selbst! sieh, ich bin fast +wahnsinnig, o könnt' ich es ganz werden, ich wäre glücklich! + +Ich erschrecke vor dir, sagte Omar, ich glaubte dich nicht _so_ zu finden. + +_Abdallah._ Nicht so? -- O und wie anders? Wie kann ich anders sein? +-- Wundre dich, daß du mich noch lebendig antriffst, kein Sterblicher hat +noch mit so vielen Martern gerungen. -- Ich sollte ruhig sein, itzt, da +mein Vater unter gräßlichen Schmerzen knirscht? -- + +_Omar._ Er leidet nicht mehr. -- + +_Abdallah._ Itzt? + +_Omar._ Er ist todt! + +_Abdallah._ Todt? -- Todt? -- Er war und ist nicht mehr. Todt? O wie +viel liegt in dem armseligen kleinen Worte. Nun hat er mein Verbrechen +abgebüßt. -- + +Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar vergeblich zu zerstreuen +suchte. -- Ich habe ihn gehabt, fuhr er dann fort. -- _Gehabt?_ -- O +Himmel, mein Vater, den ich so zärtlich liebte, der mich so innigst +liebte, _dieser_ ist _todt_. Von seinem Sohne geschlachtet, hingegeben +der Mordgier durch Abdallah. -- Ach, Omar! Omar! -- So eben hätt' ich +durch Zulma seine Martern abkaufen mögen und nun klag' ich darüber, daß +er sie nicht mehr fühlt. -- + +_Omar._ Sei weise, Abdallah. Laß das, was vergangen ist, vergangen sein. +-- Was hast du gewonnen, wenn dich diese Gedanken ewig quälen? Zweifle +an allem was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine Hoffnungen +kommen dir gekrönt entgegen, siehe, es fehlt keine in ihrem feierlichen +Zuge, geh mit heitrer Stirn auf sie zu, wie es dem Glücklichen ziemt. +-- Hinweg mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Bräutigam, der seine Braut +erwartet; Tausende sind unglücklich, ohne des Glücks zu genießen, das dein +ist. _Zulma_! rufe diesen Namen nur und alle Sorgen werden zurücktreten, +feigherzig entflieht dann jeder Kummer. + +_Abdallah._ Zulma? -- O das war eine Seligkeit, auf die ich einst so +sehnlichst hoffte, aber auch dieser Strahl ist hinter Wolken untergegangen, +auch diese Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. -- Du +zeigst, um mich zu trösten, auf ein Grabmal hin, in welchem ein Freund +schlummert, der einst meine Wonne war. + +_Omar._ O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben, ruf nur einen Strahl +jener Entzückungen zurück, mit denen du ehemals ihren Namen dachtest. -- + +_Abdallah._ Ach Omar, sie wird mir ein ewiges Verzeichniß meiner Verbrechen +sein, alle beseligenden Gefühle sind auf ewig von mir hinweggeflohen, +nur die entsetzlichen sind mir geblieben, diese knüpfen sich an jedes +Wesen, an jede Erwartung. -- + +_Omar._ Reiß dich aus dieser trägen Seelentaubheit, zeige den Schaudern +eine Heldenbrust, und sie werden zurückstürzen! + +_Abdallah._ Nein, Omar, auf welche Freude darf der Vatermörder rechnen? +Jedem andern Verbrecher verzeiht der gütige Himmel einst, aber des +Vatermörders Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel +würden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones erbleichen. Seit +Ewigkeiten ward ich ausgelesen, ein Spott des grausen Verhängnisses zu +sein und dies fürchterliche Spiel wird sich niemals enden. -- Ach! könnt' +ich wieder werden was ich war, könnt' ich zu dir sagen: weck mich auf! +und ich erwachte dann und alles, alles wäre nur ein Traum gewesen, stände +dann der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand, wärst du +derselbe Omar, der du ehedem warst, -- ach! als ich deine Lehren noch +mit kindlicher Unbefangenheit in mich sog, als ein zürnender Blick +meines Vaters oder von dir das Unglück dieser Erde für mich war, als ich +froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des Morgens mich zu neuen +Freuden weckte, als ich mich so unbesorgt und mit kindlichem Lächeln +jedem Tage überließ, der mich dem folgenden überlieferte, -- o wann kann +ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist dieser Abdallah so +plötzlich jenseit aller Verbrechen und Laster geschleudert? -- Himmel! +wie nahe liegt mir die Zeit, als ich noch vor dem Gedanken _Mörder_ +zurückbebte? -- Und _selbst_ ein Mörder sein und der verworfenste von +allen Mördern, _Vatermörder!_ -- o dürft' ich an die Unmöglichkeit +glauben, dürft' ich der Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit +mir selber wieder versöhnen. -- Aber nein, es ist! Nicht wahr, Omar, es +ist? -- + +_Omar._ Es war. + +_Abdallah._ Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allmächtige selbst kann mein +Verbrechen nicht von mir wieder abkaufen. -- Ach, Omar, als mein Vater +hörte, daß sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, -- ach, da +sahe er mich mit einem Blicke an, -- o es war ein entsetzlicher Blick, +nie wird meine Einbildung diesen Blick verlieren, keine Stunde meines +Lebens war mir noch so fürchterlich, als diese, noch nie war meine +Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick des Auges; alles +Entsetzen lag darin. Laß mich nur diesen Blick vergessen, Omar, und +ich will das freche Versprechen wagen, alles übrige zu vergessen! + +_Omar._ Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir selbst. -- + +Ali und sein Gefolge kamen zurück. -- Auch keinen Schrei konnte ihm der +Tod auspressen, sagte Ali mürrisch, sein Tod war so halsstarrig wie sein +Leben, er ging in die Vernichtung wie ein andrer sich zum Schlafen auf +sein Lager wirft; der Schmerz wühlte in allen seinen Zügen und trieb +seine Glieder fürchterlich geschwollen auf, aber er sahe dem gräßlichen +Anblick wie einem Spiele zu. -- Auch kein Seufzer ist ihm entschlüpft. + +Ali winkte und einige Sklaven traten hervor, die den betäubten Abdallah in +ein Bad führten. In Träumen verloren that er ohne Besinnung alles, was man +von ihm verlangte. Man salbte ihn dann mit köstlichem Balsam und schmückte +ihn mit reichen Kleidern, er bemerkte kaum diese Veränderungen. -- Mit +Gold und Purpur geschmückt ward er in den Saal zu Ali zurückgeführt. + +Alle Großen des Reichs waren hier versammelt, der Saal schimmerte von +Edelsteinen, himmelblaue Polster mit Gold geschmückt lagen an den Seiten +des Saales. Jedermann begrüßte Abdallah ehrerbietig, alles neigte sich +tief, er zwang sich heiter umherzusehen und jeden Gruß mit Freundlichkeit +zu erwiedern. + +Prächtig gekleidet trat Zulma itzt herein; Abdallah hatte sie noch nie +so schön gesehn, er fuhr unwillkührlich auf und eilte ihr entgegen: mit +ihr trat ein Priester herein. -- + +Ali nahm die Hand Zulma's und legte sie in die Hand Abdallah's. -- Ich +gebe sie dir, sprach er, so wie ich sie dir verheißen habe; deine Treue +gegen deinen Fürsten hat dir diesen Lohn erworben, werde nie untreu, und +meine Gnade und die Gunst des Himmels wird ewig auf dich herunterblicken. + +Der Priester sprach den Segen über beide aus, die Gäste warfen sich +nieder und wünschten ihnen Glück. -- Abdallah sahe immer starr vor sich +nieder, nur zuweilen drückte er heftig und stumm Zulma's Hand, sie sahe +oft besorgt nach ihm hin, aber er bemerkte ihre Blicke nicht und brütete +wieder in seinem dumpfen Nachsinnen weiter. + +Die Feierlichkeit war geendigt, Ali und die Gäste entfernten sich, um im +Garten die frische Kühle der Abendluft einzuathmen, Abdallah und Zulma +standen allein im Saale. -- + +O so ist denn endlich, begann Zulma, der große, der fürchterlich schöne, +der langerwünschte Augenblick herangekommen, an dem ich von jeher +zweifelte? -- So sind denn nun alle meine Wünsche erfüllt? -- O wie +zagt' ich gestern, und flohe erschrocken zurück, als ich dich vor dem +Pallast stehen sahe, ich wußte wie sehr mein Vater dem deinigen zürnt, +-- aber nun ist ja alles vorüber, -- ich sinne vergebens, wie du durch +die Unmöglichkeiten hindurchgedrungen bist und dich zu mir gekämpft +hast, -- aber sei's, auf welche Art es wolle, ich halte dich in meinen +Armen und bin glücklich, und was will ich denn noch mehr als dieses +Glück? Daß ich glücklich bin, daran weiß ich genug, alles übrige ist +mir heute gleichgültig und ohne Werth. -- Aber warum bist du so stumm, +Abdallah? Meine Freude schwatzt und die deinige schweigt in ein stilles +Nachsinnen verloren? + +Abdallah sahe auf. -- Fühlst du dich glücklich in meinen Armen? fragte +er leise. + +_Zulma._ So glücklich wie im Paradiese. + +_Abdallah._ Ganz glücklich? + +_Zulma._ Könntest du daran zweifeln? -- + +_Abdallah._ O so ist der Fluch des Ewigen nicht auf meine Stirn geprägt, +-- und du fühlst nicht, daß du in den Armen eines Mörders liegst? + +_Zulma._ Eines Mörders? + +_Abdallah._ Hörtest du den Herold nicht das schreckliche Gebot ausrufen? + +Himmel! -- du hast nicht, -- sagte Zulma mit banger Ahndung, -- sie +konnte, sie wagte es nicht, weiter zu sprechen. + +Ja! rief Abdallah lautlachend, ich gab meinen Vater verloren, um dich, +dich zu gewinnen! + +Zulma fuhr erblassend zurück, sie wollte ohnmächtig niedersinken, aber +Abdallah fing sie in seinen Armen auf. Mit halbgeschlossenen Augen sahe +sie ihn starr an, sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen zitterten, sie +wollte sich aus seiner Umarmung losmachen, aber in einem schrecklichen +Krampf hielt er sie fest an seine Brust gedrückt. Du bist mein! mein! +schrie er laut, -- ich habe dich der Hölle abgerungen und keine Hölle +soll dich mir wieder rauben, -- so wie du mir gehörst, gehörte noch kein +Weib dem Manne, jedes Haar deines Hauptes ist durch einen Fluch erkauft. +-- O Zulma! Zulma! auch du willst mich verlassen? -- Für dich hab' ich +mich ja der Verdammniß verpfändet, für dich, nur für dich bin ich der +Natur und meiner Menschheit abtrünnig geworden und habe wüthend an meinen +eignen Gebeinen genagt, -- o hier ist noch die letzte Freistatt meiner +Seele, in kein andres Gebiet darf sich der gebrandmarkte Verbrecher +wagen, nur die Liebe nimmt ihn gütig auf. -- O Zulma! an deinen Busen +gelehnt sollen mich deine süßen Lippen Vergessenheit lehren, hier will +ich dem Himmel zum Trotz Seligkeiten genießen, -- o dich hatt' ich +vergessen, als ich dem Ewigen meine Freuden aufkündigte. + +Ein Mörder? Ein _Vatermörder_? schrie Zulma schrecklich auf. -- O hinweg +Ungeheuer aus meinen Armen, du bist nicht mehr Abdallah! + +Zulma! Zulma! rief Abdallah, hier ist meine letzte Hoffnung, nimm mir +diese und meine Wollust ist Raserei und Gotteslästerung! -- Wenn mir +auch diese Seligkeit untreu wird, o so will ich mich in das ganze Meer +der Verdammniß hineinwerfen, da Rettung doch unmöglich ist! Nein, Zulma +muß mir bleiben, oder der Allmächtige ist mehr als grausam, er hat +ja eine ganze Ewigkeit vor sich, mich zu martern, er lasse mir diese +wenigen Jahre hier unten. + +Gräßlicher! sagte Zulma. -- O du hast mir ein entsetzliches Geheimniß +enträthselt. -- Liebe sollte sich in deine Brust hinein erkühnen? Wo das +Grausen auf einem schwarzen Throne sitzt und Schauder seine furchtbaren +Wächter sind? -- Nein Abdallah, -- meine Liebe ist seit diesem Augenblick +erloschen; o Entsetzlicher, ich fürchte dich, wie sollt' ich dich lieben +können? + +Zulma! schrie Abdallah, o es gilt nun alles, alles, ich fluche dir mit +entsetzlichen Flüchen, denn um dich hab' ich die That gethan, ich weihe +dich zur Verdammniß und zum Grausen ein, ich klammre mich fest an dich +und reisse dich mit mir in die Hölle, die meiner wartet. + +_Zulma._ Du rasest, Abdallah. -- O hast du mich so gewinnen wollen? +-- So? -- hinweg! -- die Menschheit hat dich ausgestoßen, was will der +Verworfne in _meinen_ Armen? Ich gehöre ihr noch an, -- ich habe meinen +Vater nicht ermordet, -- wenn ich mit seinem Blute besprützt zu dir komme, +dann wollen wir uns lieben, bis dahin sei mein Abscheu! + +Abdallah ließ sie fahren. -- Diese Furchtbarkeit sagte er, fehlte noch an +der gräßlichen Zahl, Zulma weicht zurück; nun ewige Quaalen nehmt mich +in Empfang! -- die Liebe vergiebt mir nicht, -- was soll ich von dem +strengen Richter dort hoffen? Alles sagt sich von mir los, nur ich selber +bleibe mir übrig. Vernichtung, stürme hervor! Brause heran, Verderben! +-- Hölle, öffne deine Arme! Sei verflucht Zulma, und der Augenblick, in +welchem ich dich zuerst erblickte! + +Abdallah warf sich erschöpft auf einen Polster, Zulma wagte es nicht, +ihn anzusehen, sie trocknete sich heimlich kalte Thränen des Entsetzens +von den Augen. -- Ihr Vater kam mit den Gästen aus dem Garten zurück. + + + + +Achtes Kapitel. + + +Auch Omar trat itzt mit den übrigen Gästen herein und bewillkommte +Abdallah. -- In einem bunten Gewühl durchkreiste sich alles fröhlich und +sprach und schwatzte mit einander; Sklaven und Sklavinnen liefen durch +den Saal und bereiteten die Tafel und die festliche Mahlzeit; Lichter +glänzten auf goldenen und silbernen Leuchtern und blendende Schimmer +zitterten durch das Gemach. Alle Augen sahen fröhlich umher, alle lachten +und scherzten, nur Abdallah stand mitten unter ihnen, wie ein Gegenstand +ihres Spottes, sein Auge verirrte sich in der Versammlung und starrte +dann wieder unbeweglich auf den Boden hin; oft fing er an mit dem, der +ihm am nächsten stand, zu sprechen, aber sogleich brach er wieder ab, ohne + es selbst zu wissen, und verlor sich in seinem gräßlichen Stillschweigen. +-- Zulma wandelte verlegen durch den Saal, bald sprach sie mit ihrem +Vater, bald sahe sie nach dem leblosen Abdallah hin. -- Endlich erblickte +Abdallah seinen Omar im Gedränge, er eilte sogleich auf ihn zu, er hatte +ein bekanntes Wesen endlich aufgefunden, das mit seinen Gefühlen vertraut +war. Abdallah und Omar gingen auf und ab. + +Auch das letzte Glück, sagte endlich Abdallah, ist mir abtrünnig +geworden, Zulma liebt mich nicht. + +Sie liebt dich nicht? fragte Omar erstaunt. + +O sie verabscheut mich, antwortete Abdallah. -- Diese Liebe war nur ein +sehr kurzer Frühling, der schwarze Winter kömmt zurück. Siehst du, wie +mir alles, alles ungetreu wird? -- Ach Omar, ich wanke wie in einem +Traum einher, -- könnt' ich mich ruhig in mein Grab hineinlegen! O hätt' +ich nie gelebt! + +Omar wollte ihn beruhigen, aber Abdallah hörte nicht auf seine Worte, er +blieb in sich selbst zurückgezogen und seufzte schwer. + +Das Gastmahl war indeß angeordnet, die Lichter glänzten in helleren +Schimmern, das Gewühl verlor sich itzt, man ordnete sich und setzte sich +an den Tisch. Zulma saß zur Linken Abdallah's, Omar zur Rechten. + +Man aß und alle waren froh und vergnügt, Sklavinnen tanzten, sangen und +spielten auf Guitarren und Theorben, andre schlugen kleine Handpauken, +andre Cymbeln. + +Abdallah sprach nur wenig, er sahe starr vor sich nieder, Zulma anzusehen +wagte er nicht. -- + +Unter einer fröhlichen Musik tanzten die Sklavinnen und sangen: + + Schwebt in süßen Melodieen + Sanftgesungne Hochzeitslieder, + Und in immer süßern Tönen + Grüßt des Bräutigams, + Grüßt das Ohr der Braut. -- + + Wonnelieder + Sprechen in den frohen Tanz, + Jauchzende Gesänge + Schweben in leisem Fluge + Um euer beglücktes Haupt. + + Wie ein goldner Blüthenregen + Schwimme Glück auf euch herab, + Wie nach Wettergewölken + Sich Regenbogen + Durch die Finsterniß spannen, + So komme stets nach trüben Stunden + Die Freude unermüdet wieder. -- + +Die Tänze verwebten sich in immer neuen Verschlingungen, ein zauberischer +Wohlgeruch floß durch den ganzen Saal, alle Gesichter lachten und glänzten +von Fröhlichkeit. Abdallah war betäubt, er hatte alles vergessen, die +Tänze und Gesänge hatten ihn so sehr aus sich selbst herausgerissen, +daß er mit der Freude eines Wahnsinnigen jedem fröhlich entgegenlachte. +Von einer wilden, thierischen Fröhlichkeit berauscht umarmte er bald +Omar und dann wieder Zulma, selbst Zulma lächelte zuweilen und spiegelte +sich munter in seinen Augen. Die Gesänge jauchzten und Abdallah jauchzte +zuweilen laut in die tanzenden Chöre. Auch Ali schien fröhlich, seine +Rache war befriedigt und der furchtbare Selim, der einzige Mann in +seinem Reiche, vor dem er zitterte, war nicht mehr. -- + +Eine lange Gestalt drängte sich itzt aus dem Gewühl hervor, dicht +eingewickelt in schwarzen Gewändern zog sie einher, ein stiller Schauer +begleitete sie, alles wich zurück. -- Zu einer Laute hörte man leise +singen: + + Die Hölle hat den Sünder angenommen. -- + Dem Feigen ziemen keine Kronen, + Nur der Muth kann sie erringen; + Seht ihr den Frevler + Unwissend + Neben seinem Verderben sitzen? -- + +Abdallah fühlte, wie ein kaltes Grausen seinen Rücken hinunterging. Die +seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah vorüber, sie schlug das Gewand +vom Kopf zurück, es war _Nadirs_ altes todtenbleiches Gesicht; er trug +einen Spiegel unter seiner Hülle; -- Omar's Gesicht spiegelte sich von +ohngefähr, -- und o des Entsetzens! es zeigte sich so, wie es Abdallah +in dem wunderbaren Zauberpallast gesehen hatte. + +Der Greis verlor sich wieder in dem Gedränge. + +Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem Freunde, -- horch! +-- hörst du nicht unter den Gesängen eine Stimme leise: Vatermörder! +ächzen? -- horch! horch! wie der Ton eines Sterbenden, -- das ist sein +Geist, -- Vatermörder! seufzt es so schwer, so abgestoßen, wie mit einer +innigen Herzensbangigkeit. -- O! schlagt die Guitarren und Theorben! rief +er laut, bis ihre Saiten springen! überschreiet diesen verwegenen Mahner +und jagt ihn betäubt aus dem Saale, laßt die Pauken lauter donnern! +-- Schlagt alles in einen furchtbaren Klang zusammen, daß keine fremde +Stimme hörbar werde! -- + +Die Gesänge wurden lauter und wilder, die Tänze wüthender, wie schießende +Flammen, so schnell flohe und verfolgte man sich, in immer künstlichern +Geweben verschlungen: + + Schlag an das Sterngewölbe + Stürmender Wonnegesang! + Daß weit durch die stille Nacht + Die rauschende Freude töne! + Trage zum Meeresstrande + Tönender Wiederhall + Unsern Wonnegesang! + Daß ferne Klippengestade + Den Namen _Abdallah_ hallen, + Daß über grüne Wiesen + Der Name _Zulma_ wandle, + Die Blumen schöner färbe. + Daß der Mond sich freue + Und goldner scheine, + Und die Zügel der Nacht nicht fahren lasse + Vor der Sonne fliehend. + +Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegenüberstehende Wand +geheftet, seine Augen starrten fürchterlich aufgerissen wild in die +Leere hinaus. -- Befremdet fragte ihn Omar: was ist dir? + +Sieh! Omar! ächzte Abdallah. -- Sieh, die seltsame Erscheinung dort vor +mir! -- Eine weiße dürre Todtenhand klemmt sich heimlich und unbemerkt aus +der Wand heraus und winkt mich unermüdet hinein, -- was mag es sein, das +mich so ruft? -- Noch immer winkt sie mir ernst und befehlend, -- sieh' +den zernagten gekrümmten Finger! -- Ha! es hat dich gesehn, denn die +Hand hat sich zurückgezogen! -- Omar, sie kömmt wieder, -- sieh, der +Arm dürr und knochicht bis zur Schulter, -- es will sich aus der Mauer +herausdrängen, -- sollte das mein Vater sein, der durchaus zu mir will, +um an meiner Freude Theil zu nehmen? -- Stich mir die Augen aus, Omar, +ich mag es nicht länger sehn! -- + +Omar lächelte ihn wehmüthig an. -- Omar, sieh umher! sagte Abdallah +ängstlich, -- mir ist plötzlich, als sitze ich hier unter todten fremden +gemietheten Maschinen, die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen +öffnen, -- sieh doch, wie der abgemessen mit dem hölzernen Schädel nickt, +der sich Ali nennt, -- ich bin betrogen! -- das sind keine Menschen, ich +sitze einsam hier unter leblosen Bildern, -- ha! nickt nur und hebt die +nachgemachten Arme auf, -- mich sollt ihr nicht hintergehn! -- Sieh doch, +dies hier sollte Zulma sein? -- Ha! ein beinernes Gerippe, scheußlich +mit Fleisch eingehüllt, -- sieh! itzt eben werden ihr die todten Augen +aus dem Schädel fallen, -- hu! ich sitze unter Moder und Verwesung, wie +in einer Schlachtbank bei aufgehäuftem Fleisch, -- rette mich, -- o +hinweg! du bist nichts besser als diese! + +Die Gesänge übertönten ihn: -- + + Im goldnen Wolkenschleier + Steigt die schöne Tochter der Nacht + Ihre Himmelsbahn hinan. + Fröhlich rauschend + Hüpfen Meereswellen + Ihr mit holdem Gruß entgegen. -- + Sie mustert ernst ihre Sternenreihen, + Alle Sterne neigen sich mit Ehrfurcht, + Sie wandelt still. -- -- + +Plötzlich fielen alle Lauten mit einem mächtigen Klang auf den Boden, +alle Gesichter am Tisch wurden plötzlich starr und blaß, jeder ward +unwillkührlich in einer gräßlichen Stellung festgehalten, wie zum Spott +aufgestellte Leichname saßen alle da und sahen sich unter Schaudern an. +-- Abdallah sprang auf, seine Zähne knirschten entsetzlich. -- Vatermord! +-- Vatermord! -- schrie er, -- die Hölle kriecht unter unsern Füßen +umher, -- der bleiche Tod steigt aus der Wand heraus und kömmt drohend +auf mich zu! -- + +Alle fuhren auf. -- Er ist rasend! -- schrie Ali laut und ein +plötzlicher Schreck fiel auf alle herab, sie entflohen hinweggejagt, +Abdallah's Augen funkelten, -- er wollte Zulma mit Gewalt zurückhalten, +sie riß sich mit einem lauten Geschrei von ihm los, und ließ ihren +Schleier in seinen Händen; schäumend warf er ihr brüllend seinen Dolch +nach, er fuhr in die Wand. + +Unsichtbare Wesen tobten hinter den Entflohenen her, sie zertraten die +Lauten und polterten fürchterlich durch den Saal, -- Stürme hausten +klingend in den Fenstern, seltsame Töne schrien aus den Mauern hervor, +es ras'te durch den ganzen Pallast wie ein fliehendes Heer. -- Abdallah +sank auf seinen Sitz zurück. -- + +Es ward still und als er die Augen wieder aufschlug, tanzten stumm durch +den Saal die grauenvollen mißgestalteten Zwerge aus dem Zauberpallast, +das Ungeheuer Zulma hatte sich ihm gegenüber gestellt, einzelne lange +Haare wiegten sich auf dem nackten Schädel, aus dem ungeheuern Kopf +grinsten ihm wild verzerrte Züge und Zähnknirschen entgegen, sie nickte +ihm einen freundlichen Gruß zu, bot ihm die Hand, warf einen blutigen +Ring auf den Tisch, und versank dann lächelnd unter die Erde. + +Mit ihrem freundlichen Grinsen begrüßten ihn alle Ungeheuer und +verflogen dann in die Wände. + + + + +Neuntes Kapitel. + + +Abdallah blieb lange stumm, der Mond schien blutig durch die purpurnen +Vorhänge auf den Boden, im kalten Ernst saß Omar neben ihm. + +Omar! rief endlich Abdallah, von der entsetzlichsten Angst und Verzweiflung +gefoltert, -- Omar! er umschlang ihn wüthend mit den Armen. -- Alles, +alles ist fort, nur du bleibst unauflöslich mein, ja, du hast es mir +geschworen, -- du liebst den Vatermörder noch, -- o ja, du kannst ihn +nicht hassen. -- O könnt' ich mich stürmend in deinen Busen drängen und +dort meine Wohnung bauen, und in dir mich gegen alle diese Schrecken +verschanzen. -- Könnte sich meine Seele in die deinige retten! -- du +antwortest nicht, mein Omar, -- o sprich! -- horch! wie entsetzlich die +Todtenstille um uns flüstert! -- sprich! + +Omar lachte laut auf, Abdallah bebte zurück. -- + +Du lachst? -- schrie er wüthend, -- Omar, komm, wir wollen uns beide +wahnsinnig spielen und mit den Nägeln unsre Gesichter zerkratzen, damit +ich mich im Spiegel nie wieder kenne! -- Omar, willst du deinen Freund +nicht schützen? + +Suche Schutz beim Schicksal und bei Gott! sagte Omar lachend. + +Du hast sie mir gestohlen! rief Abdallah aus, gieb mir mein Eigenthum +zurück! -- + +Er stürzte auf Omar zu und ergriff ihn wüthend bei der Brust. + +Ich kann es dir nicht wiedergeben, antwortete Omar kalt, ich gehöre +_Mondal_ an. -- + +Abdallah stürzte mit neuen Schrecken rückwärts. -- _Mondal_? schrie er, +-- o so ist es dennoch alles wahr? -- Mondal! + +Er saß starr und leblos da, alle Fürchterlichkeiten hatten seine Kräfte +erschöpft. -- + +Itzt mußt du alles wissen, sprach Omar, diese Quaalen hab' ich dir bis +zuletzt aufgespart, damit du nicht darben dürftest. -- Wisse, ich war +es, der Ali Selim's Verschwörung verrieth, meine Abreise war eine Lüge +um dich und Selim zu täuschen. -- Mondal! meine Rechnung ist richtig und +ich bin frei! + +Abdallah wand sich in zuckenden Krämpfen, es zermalmte seinen Busen und +er konnte lange nicht sprechen. -- Du hast es meisterlich vollbracht, +sagte er endlich, ich möchte dir verzeihen, wenn _ich_ es nicht wäre, +der zum Abdallah verdammt worden ist; o wechsle mich mit dem elendesten +Gewürme aus, und ich will jauchzen. -- Sogar der armseligste Trost fehlt +mir, mich zu laben, es ist auf dieser Erde kein Elenderer als ich; der +gefolterte Sklave, der gespießte Verbrecher würde sich nicht gegen den +glücklichen Gemal Zulma's austauschen lassen, o könnte mir die Wonne +werden, daß ich ein Bösewicht würde, der unter Millionen Quaalen auf der +Folter in Stücken gerissen würde, und nicht _dieser_ Abdallah. -- + +Omar sahe triumphirend auf ihn hin: -- Es war keine leichte Arbeit, +sagte er, diese schöne Seele so zu verstümmeln. + +Abdallah fuhr auf. -- Erinnere mich _daran_ nicht, schrie er mit den +Zähnen knirschend, Hämischer! nicht diese Erinnerungen! -- Omar, sieh +wie weit du mich in den Abgrund hinabgerissen hast, laß mich nun ganz +hinunterspringen! -- Du gehst zu Mondal zurück, o nimm mich mit dir, laß +mich nicht zurück, -- ich muß ihn kennen lernen und sein Freund werden, +ich will ihm bald ähnlich sein, meine Prüfung habe ich schon überstanden. + +Er blickte matt empor. -- Omar war nicht mehr da, ein unbekanntes +gräßliches Wesen saß neben ihm. -- Abdallah stürzte wie eine Leiche +zurück. -- + +Das hagre Gesicht beugte sich fürchterlich auf ihn herab. -- Elender, +krächzte es, -- dies ist Omars wahre Gestalt, wenn er die lästige Larve +abnimmt, -- so kannst du ihn ewig nicht ertragen. -- + +Abdallah lag noch ohne Bewegung auf dem Polster. -- + +Es hob sich neben ihm auf, ging zur Thür, er hörte sie öffnen, der Fremde +ging hinaus und schloß sie hinter sich wieder zu. -- + + + + +Zehntes Kapitel. + + +Abdallah war auf seinen Sitz zurückgesunken. -- Alles war still um ihn +her, er schlug die Augen wieder auf. + +Der runde Mond sahe durch die purpurnen Vorhänge der Fenster, die Stunde +der Mitternacht ward ausgerufen. -- Alle Lichter im Saale waren erloschen, +nur ein einziges brannte in der Ferne noch matt und blau und zuckte +sterbend und flimmernd auf und nieder. -- Itzt erlosch es und ein kleiner +Strahl von Dampf zog sich aufwärts und verflog in der Dämmerung. -- + +Nun bin ich allein, sagte Abdallah leise, -- nun ihr Schauder, nun werft +euch alle auf einmal über mich! -- Ihr Flüche Selims, kommt heran, itzt +habt ihr Zeit, mich zu zermalmen. -- O sie sind schon gräßlich in +Erfüllung gegangen, ich habe alles erduldet und überlebe die fürchterliche +Zerstörung. -- Die Schauder mögen sich itzt an mir versuchen, ich spiele +vertraulich mit ihnen, die Gräßlichkeit ist meine Braut geworden, ich +erschrecke nicht mehr vor ihr. -- + +Allem Entsetzen Preis gegeben, will ich itzt selbst einen kühnen Schritt +meinem Feind entgegensetzen. Hier unten finde ich kein neues Grausen mehr, +ich will nun durch unbekannte Gefilde wandeln und dort meine Freunde +suchen. -- + +Er suchte nach seinem Dolch auf den Polster umher, als seine Hände +plötzlich das kalte Gesicht eines Leichnams fühlten. -- Eine Leiche ist +mein Bett! rief er und taumelte bebend auf. -- Der Mond schien auf das +weiße Antlitz, aufgeschwollen, mit weit hervorstarrenden Augen und +verzerrten Zügen lag der Leichnam seines Vaters vor ihm. -- + +Darauf hätt' ich mich nicht besonnen! schrie er rasend, -- der Scharfsinn +der Hölle übertrifft den meinen, -- sie hat gesiegt! -- + +Er sahe starr auf den Leichnam hin. -- Regte er sich nicht? -- sprach er +leise. -- Er starrte von neuem auf ihn hin. -- Ha! er regte sich wieder! +-- + +Wie das Stöhnen eines Schlummernden schallte es itzt aus der fürchterlichen +Leiche heraus. -- Abdallah hörte es bebend. -- + +Er schläft! -- Er schläft! -- sprach er im Wahnsinn. -- O in der stillen +Mitternacht neben einem Schlafenden zu stehn, ist fürchterlich, ich muß +ihn wecken! -- Er schlug mit der Faust auf die Brust des Todten. -- + +Bist du's, geliebter Sohn? -- erhob sich eine dumpfe Stimme. -- Die +Leiche hob sich langsam auf. -- Komm in meine Arme! -- Komm! Ich muß von +Tugend und Gott zu dir sprechen. -- + +Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, -- meine Lehre war falsch. -- + +Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. -- Abdallah fuhr zurück. +-- Hinweg! hinweg! brüllte er, -- wir kennen uns nicht mehr! + +Dann stürzte er auf ihn zu und schlug ihn wüthend mit der Faust auf den +Schädel, daß er laut und fürchterlich erklang. -- -- + +Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den Saal schlichen, fanden +sie Abdallah mit wild verzerrtem Gesicht todt auf der Erde liegen. + + + + +Die Brüder. + +Eine Erzählung. + +1795. + + +In der Nähe von _Bagdad_ lebten _Omar_ und _Machmud_, die Söhne einer +armen Familie. Als der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Vermögen, +und jeder von ihnen beschloß, zu versuchen, wie hoch er damit sein Glück +bringen könne. _Omar_ zog fort, um eine kleine Reise zu machen, und den +Ort zu finden, wo er sich niederlassen wolle. _Machmud_ begab sich nach +_Bagdad_, wo er einen kleinen Handel anfing, der in kurzer Zeit sein +Vermögen um ein Ansehnliches vermehrte. Er lebte sehr sparsam und +eingezogen, und sammelte sorgfältig jede Zechine zu seinem Kapitale, +um mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf diese Art bekam er +bei mehreren reicheren Kaufleuten Kredit, die ihm zuweilen einen Theil +der Schifffracht abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm +versuchten. Durch wiederholtes Glück ward _Machmud_ dreister, er wagte +größere Summen, und sie trugen ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und +nach ward er bekannter, seine Geschäfte wurden größer, er hatte bei +vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von vielen andern Gelder in +den Händen hatte, und das Glück schien ihm beständig zu lächeln. _Omar_ +war im Gegentheil unglücklich gewesen, keiner von seinen vielen Versuchen +war ihm gelungen; er kam jetzt ganz arm, fast ohne Kleider, nach _Bagdad_, +hörte von seinem Bruder und ging zu ihm, um bei ihm Hülfe zu suchen. +_Machmud_ freute sich, seinen Bruder wieder zu sehn, beklagte aber seine +Armuth. Da er sehr gutmüthig und weich war, gab er ihm sogleich eine +Summe aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls einen Laden +ein. _Omar_ fing an mit Seidenwaaren und Kleidern für Frauen zu handeln, +und das Schicksal schien ihm in _Bagdad_ günstiger, sein Bruder hatte +ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher nicht nöthig, sich +wegen der Wiederbezahlung zu ängstigen. Er war in allen Unternehmungen +unbesonnener als sein Bruder, und eben deswegen glücklicher; er war +bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis dahin mit _Machmud_ ihre +Geschäfte gemacht hatten, und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu +machen: dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt auf seine +Seite fiel. _Machmud_ hatte sich jetzt eine Gattin gewählt, die ihn zu +manchem Aufwande nöthigte, den er bis dahin nicht gemacht hatte; er +mußte von seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden zu bezahlen. +Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben aus, sein Kredit sank, und +er war der Verzweiflung nahe, als er die Nachricht erhielt, daß eins von +seinen Schiffen untergegangen sei, ohne daß man das mindeste habe retten +können: jetzt meldete sich ein Gläubiger, der dringend die Bezahlung +seiner Schuld verlangte. _Machmud_ sah ein, daß an dieser Zahlung sein +ganzes noch übriges Glück hänge, er beschloß also in dieser äußersten +Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder zu nehmen. Er eilte zu ihm, +und fand ihn sehr verdrüßlich, weil er gerade einen kleinen Verlust +erlitten hatte. -- Bruder, begann _Machmud_, ich komme in der äußersten +Verlegenheit mit einer Bitte zu dir. + +_Omar._ Sie betrifft? + +_Machmud._ Mein Schiff ist gescheitert, alle Gläubiger drängen mich und +wollen von keinem Aufschube wissen, mein ganzes Glück hängt von diesem +Tage ab, leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen. + +_Omar._ Zehntausend Zechinen? -- Du versprichst dich doch nicht, Bruder? + +_Machmud._ Nein, _Omar_, ich kenne die Summe recht gut, die ich fordre, +und nur grade so viel, nicht eine Zechine weniger, kann mich von der +schimpflichsten Armuth retten. + +_Omar._ _Zehntausend Zechinen?_ + +_Machmud._ Gieb sie mir, Bruder, ich will alles anwenden, sie dir in +kurzem wieder zu erstatten. + +_Omar._ Wer sie hätte! -- mir sind Schulden ausgeblieben, -- ich weiß +selbst nicht, was ich anfangen soll, -- man hat mich noch heut erst um +hundert Zechinen betrogen. + +_Machmud._ Dein Kredit wird mir diese Summe leicht verschaffen können. + +_Omar._ Aber niemand will jetzt Geld ausleihen, Mißtraun von allen +Seiten: nicht _ich_ bin mißtrauisch, das weiß der Himmel! -- aber es +würde jedermann vermuthen, daß ich das Geld für _dich_ verlange, und du +weißt selbst am besten, an wie schwachen Fäden oft das Zutrauen hängt, +das man zu einem Kaufmanne hat. + +_Machmud._ Lieber _Omar_, ich muß dir gestehen, ich hatte diese +Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet. Ich würde mich in umgekehrtem +Falle nicht so argwöhnisch und saumselig finden lassen. + +_Omar._ Das sagst du _jetzt_. Auch bin ich gar nicht argwöhnisch -- ich +wollte, ich könnte dir helfen: Gott ist mein Zeuge, daß es mich freuen +würde. + +_Machmud._ Du kannst es, wenn du nur willst. + +_Omar._ Alles, was ich besitze, würde die verlangte Summe noch nicht +vollmachen. + +_Machmud._ O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf daraus gemacht, daß +mein Bruder nicht der erste war, bei dem ich Hülfe suchte, -- und +warlich es schmerzt mich, daß ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last +gefallen bin. + +_Omar._ Du wirst böse; das solltest du nicht, denn du hast Unrecht. + +_Machmud._ Unrecht? -- Wer von uns beiden thut nicht seine Pflicht? -- +Ach, Bruder, ich kenne dich nicht wieder. + +_Omar._ Ich habe erst heute hundert Zechinen eingebüßt, dreihundert +andere stehn mir auch gar nicht sicher, und ich muß mich auf ihren +Verlust gefaßt machen. -- Wärst du in der vorigen Woche zu mir gekommen, +o -- ja, da herzlich gern -- + +_Machmud._ Soll ich dich denn an unsre ehemalige Freundschaft erinnern? +-- Ach, wie tief kann uns das Unglück erniedrigen! + +_Omar._ Du sprichst da auf eine Art Bruder, die mich fast beleidigen +sollte. + +_Machmud._ Dich beleidigen? -- + +_Omar._ Wenn man alles mögliche thut, -- wenn man selbst Noth leidet +und fürchten muß, noch mehr zu verlieren; -- soll man da nicht gekränkt +werden, wenn man für seinen guten Willen nichts als bittern Spott, tiefe +Verachtung zurück empfängt? + +_Machmud._ Zeige mir deinen guten Willen, und du sollst meinen wärmsten +Dank empfangen. + +_Omar._ Zweifle nicht länger daran, oder du bringst mich auf; ich +bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen, aber wenn man mich auf +solche ausgesuchte Art kränkt -- + +_Machmud._ Ich merke es recht gut, _Omar_, daß du den Beleidigten +spielst, um einen bessern Vorwand zu haben, völlig mit mir zu brechen. + +_Omar._ Du würdest nicht auf diesen Gedanken kommen, wenn du dich nicht +auf solchen Kleinlichkeiten ertappt hättest. _Die_ Laster argwöhnt man +von andern am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut ist. + +_Machmud._ Nein, _Omar_, weil du mich doch durch diese Sprache zum +Prahlen aufforderst, ich handelte nicht so gegen dich, als du, ein +unbekannter Fremdling, nach Bagdad kamst. + +_Omar._ Also für die fünfhundert Zechinen, die du mir damals gabst, +verlangst du jetzt von mir zehntausend? + +_Machmud._ Hätte ich's vermocht, ich hätte dir damals mehr gegeben. + +_Omar._ Freilich, wenn du es verlangst, muß ich dir die fünfhundert +Zechinen zurück geben, ob du es gleich nicht gerichtlich erweisen +kannst. + +_Machmud._ Ach, mein Bruder! -- + +_Omar._ Ich will sie dir schicken. -- Erwartest du keine Briefe aus +Persien? + +_Machmud._ Ich erwarte nichts mehr. + +_Omar._ Aufrichtig, Bruder, du hättest dich etwas mehr einschränken +sollen, auch nicht heirathen, wie ich es bis jetzt noch immer unterlassen +habe; aber du warst von Kindheit an ein wenig unbesonnen. Laß dir das zur +Warnung dienen. + +_Machmud._ Du hattest ein Recht, mir die verlangte Gefälligkeit zu +verweigern, aber nicht dazu, mir so bittere Vorwürfe zu machen. + +_Machmud_ verließ mit tiefgerührtem Herzen seinen undankbaren Bruder. +-- So ist es denn wahr, rief er aus, daß nur Gewinnsucht die Seele des +Menschen ist! -- Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke! +für Geld verkaufen sie Treue und Liebe, stoßen die schönsten Gefühle +von sich weg, um das nichtswürdige Metall zu besitzen, das uns mit +schändlichen Fesseln an diese schmuzige Erde kettet! -- Eigennutz ist +die Klippe, an der jede Freundschaft zerschellt, -- die Menschen sind +ein verworfenes Geschlecht! -- Ich habe keine Freunde und keinen Bruder +gekannt, nur mit Kaufleuten bin ich umgegangen. Ich Thor, daß ich von +Liebe und Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldstücke muß man +ihnen wechseln! + +Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, um seinen Schmerz etwas +erkalten zu lassen. Er weinte, als er das tobende Marktgewühl sah, wie +jedermann gleich den Ameisen beschäftigt war, in seine dumpfe Wohnung +einzutragen, wie keiner sich um den Andern kümmerte, als nur wenn er mit +seinem Gewinn zusammenhing, alle durch einander laufend, so empfindungslos, +wie Zahlen. -- Er ging trostlos nach Hause. + +Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fünfhundert Zechinen, +die er seinem Bruder einst mit dem besten Wohlwollen gegeben hatte; sie +waren bald eine Beute der stürmenden Gläubiger. Alles was er besaß, ward +öffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den Hafen, aber die +Ladung diente nur, um alle seine Schulden zu bezahlen. Arm, wie der +Bettler, verließ er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen +Bruders vorüberzugehen. + +Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, tröstete ihn und suchte +seinen Kummer zu zerstreuen; aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken +seines Unglücks war noch zu frisch in _Machmuds_ Gedächtniß, er sah noch +immer die Thürme der Stadt vor sich, in der sein Bruder wohnte, der kalt +und ungerührt bei seinem Unglücke geblieben war. + +_Omar_ fragte niemand nach seinem Bruder, um ihn nicht bemitleiden zu +dürfen, er bildete sich ein, es könne vielleicht noch alles gut gegangen +sein. Indessen hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten, +man ward mißtrauischer gegen ihn, und mehrere Kaufleute vertrauten ihm +nicht mit der Leichtigkeit ihre Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, daß +_Omar_ jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermögen stolz ward, +so daß er sich viele Feinde machte, die sich freueten, wenn er irgend +einen Schaden erlitt. + +Es schien, als wenn das Verhängniß seine Undankbarkeit gegen seinen +Bruder bestrafen wolle, denn ein Verlust folgte in kurzer Zeit auf den +andern. _Omar_, der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte, +wagte größere Summen, und auch diese gingen verloren. Er hörte auf, +Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, das Mißtrauen gegen ihn ward +allgemein, alle Gläubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, _Omar_ kannte +niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit würde helfen wollen; er sah +keinen andern Ausweg vor sich, als in der Nacht heimlich die Stadt zu +verlassen, und zu versuchen, ob ihm das Glück in einer andern Gegend +günstiger sein würde. -- + +Das kleine Vermögen, das er noch mit sich hatte nehmen können, war bald +verzehrt. Seine Unruhe wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er +sah der drückendsten Armuth entgegen, -- und doch keinen Ausweg ihr zu +entfliehen. + +Unter Klagen und schwermüthigen Gedanken war er so bis an die persische +Gränze gewandert. Er hatte jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Münzen +ausgegeben, die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in einer +Carawanserei zu bezahlen; er fühlte Hunger, und da sich die Sonne schon +zu neigen anfing, eilte er, um einen Zufluchtsort zu erreichen, in +welchem er noch in dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen +könne. + +Wie unglücklich bin ich! sprach er zu sich selbst. Wie verfolgt mich das +Schicksal und fordert mein Elend, welche schreckliche Aussicht eröffnet +sich mir! -- Ich werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben müssen, +es ertragen müssen, wenn man mich verhöhnend abweist, nicht murren dürfen, +wenn der Verschwender frech vorüber geht, mich keines Anblicks würdigt, +und hundert Goldstücke für eine elende Spielerei verschleudert. -- O +Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! -- wie ungleich und +ungerecht theilt das Glück seine Schätze aus. Es schüttet seinen ganzen +Reichthum über den Lasterhaften, und läßt den Tugendhaften Hungers +sterben. + +Die Felsen, die _Omar_ überstieg, machten ihn müde, er setzte sich auf +eine Rasenerhöhung am Wege nieder und ruhte aus. Da schleppte sich an +Krücken ein Bettler vor ihm vorüber und murmelte eine unverständliche +Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes Auge stand tief +im Kopfe, und seine bleiche Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es +zum Mitleiden. Die Aufmerksamkeit _Omars_ ward wider seinen Willen auf +diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, der murmelnd seine dürre Hand +nach ihm ausstreckte. Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte +jetzt, daß dieser Unglückliche auch taub und stumm sei. + +O wie unaussprechlich glücklich bin ich! rief er aus, -- und ich klage +noch? Warum kann ich nicht arbeiten; -- warum nicht durch das Werk +meiner Hände meine Bedürfnisse erwerben? Wie gern würde dieser Elende +mit mir tauschen und sich glücklich preisen! Ich bin undankbar gegen den +Himmel. + +Von einem plötzlichen Mitleiden ergriffen, zog er die letzten Silbermünzen +aus seiner Tasche und gab sie dem Bettler, der nach einem stummen Danke +seinen Weg fortsetzte. + +_Omar_ fühlte sich jetzt außerordentlich leicht und froh, die Gottheit +hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, wie elend der Mensch sein +könne, um ihn zu belehren. Er fühlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu +erdulden und durch seine Thätigkeit wieder abzuwerfen. Er machte Plane, +wie er sich ernähren wolle, und wünschte nur gleich eine Gelegenheit +herbei, um zu zeigen wie fleißig er sein könne. Er hatte nach seinem +edeln Mitleiden gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der er +ihm sein ganzes übriges Vermögen hingegeben hatte, eine Empfindung, wie +er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte. + +Ein steiler Fels stand an der Seite, und _Omar_ bestieg ihn mit leichtem +Herzen, um die Gegend zu überschauen, die der Untergang der Sonne +verschönerte. Er sah hier zu seinen Füßen gelagert die schöne Welt mit +ihren frischen Ebenen und majestätischen Bergen, mit den dunkeln Wäldern +und rothglänzenden Strömen, über alles das goldene Netz des Abendroths +ausgespannt; und er fühlte sich wie ein Fürst, der alles dies beherrsche, +und den Bergen, Wäldern und Strömen gebiete. + +Er saß oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun der Gegend versunken. +Er beschloß hier den Aufgang des Mondes abzuwarten und dann seine Reise +fortzusetzen. + +Das Abendroth versank und Dämmerung fiel aus den Wolken nieder, ihr +folgte bald die finstre Nacht. -- Die Sterne flimmerten am dunkelblauen +Gewölbe, und die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille. +_Omar_ sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und sein Auge verlor +sich schwindelnd in die unendliche Zahl der Sterne, er betete an die +Majestät Gottes und fühlte heilige Schauer durch seine Seele ziehn. + +Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen Horizont erhöbe, +blauleuchtend zog er empor und näherte sich wie ein glänzendes Feuer +dem Mittelpunkte des Himmels. Die Sterne traten bleicher zurück, +und wie ein Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen +Himmel und regnete in zarten, rothdämmernden Strahlen herab. -- _Omar_ +erstaunte über die wunderbare Erscheinung und ergötzte sich an dem +schönen und seltsamen Lichte: die Wälder und Berge umher funkelten, +die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie ein goldenes Gezelt +wölbte sich der Schein über _Omar_ zusammen. + +Sei mir gegrüßt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, rief eine süße Stimme +von oben herab, du erbarmest dich des Elends, und der Herr sieht mit +Wohlgefallen auf dich herab. + +Wie verhallende Flötentöne säuselten die Winde der Nacht um _Omar_, +seine Brust hob sich froh und beklemmt, sein Auge war vom Glanze, sein +Ohr von den himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze schritt +eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den Entzückten; es war +_Asrael_, der glänzende Engel Gottes. -- Steige mit mir auf diesen +rothen Strahlen in die Wohnung der Seligen, rief die süße Stimme, denn +du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies mit seinen +Seligkeiten zu schauen. + +Herr, sprach _Omar_ zitternd, wie soll ich dir als ein Sterblicher +folgen können? Mein irdischer Leib ist noch nicht von mir genommen. + +Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. -- _Omar_ reichte sie ihm +mit bebendem Entzücken, und sie wandelten auf den rothen Strahlen durch +die Wolken, zwischen den Sternen hindurch, und die süßen Töne gingen +hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren Weg, und Blumendüfte +würzten die Luft. + +Plötzlich ward es Nacht, _Omar_ schrie laut auf, und lag in dicker +Finsterniß unten am Fuße des steilen Felsen mit zerschmetterten Armen. +Der Mond hob sich eben dunkelroth hinter einem Hügel hervor, und warf +die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal. + +O ich dreimal Unglücklicher! rief _Omar_ jammernd aus, als er seine +Besinnung wieder gesammelt hatte. -- Hatte der Himmel nicht genug an +meinem Elende, daß er mich in einem lügnerischen Traume von der Spitze +des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich dem Hunger zum +Raube werden soll? -- Belohnt er so das Mitleiden, das ich mit einem +Elenden hatte? -- Wer war jemals unglücklicher als ich? + +Eine Gestalt schleppte sich mühsam vorüber, die _Omar_ für den Bettler +erkannte, dem er heut den Rest seines Vermögens gegeben hatte. _Omar_ +rief ihn jammernd an, er solle die Wohlthat, die er von ihm empfangen, +mit ihm theilen, aber der Krüppel keuchte gleichgültig in seinem Wege +weiter, und _Omar_ wußte nicht, ob er ihn nicht gehört habe, oder sich +nur verstelle, um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu kümmern. Bin +ich nun nicht elender, als dieser Verworfene? klagte _Omar_ durch die +Nacht. -- Wer wird sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist, +was mich noch trösten konnte? + +Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie glühende Feuer brannte +es in den Gebeinen, und jeder Athemzug gab ihm Pein. Er überlegte +schweigend sein Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen +Bruder. -- + +O, wo bist du Edelmüthiger! rief er aus, vielleicht hat dich das Schwert +des Todesengels schon getroffen, das Elend hat dich vielleicht in der +drückendsten Armuth verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem +armen Bruder geflucht. -- Ach ich habe es um dich verdient, ich leide +jetzt die Strafe für meinen Undank, für meine Hartherzigkeit, der Himmel +ist gerecht! -- Und ich konnte noch so stolz einhergehn, und Gott zum +Zeugen meiner Tugend anrufen? -- O Himmel! vergieb dem Sünder, der sich +ohne Murren deiner Züchtigung unterwirft. + +_Omar_ verlor sich in trüben Gedanken, er erinnerte sich, mit welcher +brüderlicher Liebe ihn _Machmud_ damals, als er zum erstenmale verarmet +war, aufgenommen hatte, er warf es sich vor, daß er es unterlassen +habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank gegen seinen Bruder +abzubezahlen; er wünschte den Tod als das Ende seiner Strafe und seiner +Leiden. + +Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine kleine Carawane von +einigen Kameelen zog sich langsam durch das Thal. Die Liebe zum Leben +erwachte bei _Omar_, er rief die Vorüberziehenden mit kläglicher Stimme +um Hülfe an. Man legte ihn behutsam auf ein Kameel, um in der nächsten +Stadt seine Wunden verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch +des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den Unglücklichen selbst, +und _Omar_ erkannte in ihm seinen Bruder. Seine Beschämung war ohne +Gränzen, so wie das Mitleiden _Machmuds_. Der eine Bruder bat um +Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben; Thränen flossen von dem +Angesichte beider, und die rührendste Versöhnung ward zwischen ihnen +gefeiert. + +_Machmud_ hatte sich nach seiner Verarmung nach _Ispahan_ gewandt, und +war dort mit einem alten reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald +lieb gewann und ihn mit seinem Vermögen unterstützte. Das Glück war dem +Vertriebenen günstig, und er erlangte sein verlorenes Vermögen in kurzer +Zeit wieder; sein alter Wohlthäter starb, und setzte ihn zum Erben ein. +-- + +Als _Omar_ geheilt war, reiste er mit seinem Bruder nach _Ispahan_, wo +ihm dieser eine neue Handlung einrichtete. _Omar_ vermählte sich und +vergaß nie, wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide lebten +von dieser Zeit in der größten Eintracht, und waren für die ganze Stadt +ein Muster der brüderlichen Liebe. + + + + +Almansur. + +Ein Idyll. + +1790. + + +Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der Palme, eine Thräne +rollte von seinen Wangen, er blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie +an seinem Stabe hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze +Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben vor ihm, +Abendroth und Regennächte. Noch einmal blickte er rückwärts nach Bagdad +und sahe wie sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge +langsam hinabzog. -- Nun so lebe wohl! Auf ewig wohl! rief er, und ging +langsam weiter ohne selbst zu wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die +Vögel des Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen sahen weder das +goldne Feuermeer um dort sich Trost zu holen, sein Ohr hörte nicht die +Melodieen, die von jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind spielte +mit seinem Mantel, aber er ließ ihn nachläßig hängen und eilte weiter +vom Wege ab, mit tiefgesenktem Blick. + +Endlich blickte er auf, er sah sich in einem schönen Thale, rings um von +grünen Bergen umschlossen, im Thale glänzte ein silberner See, auf den das +Abendroth auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben sich sanft umher +und auf ihnen schimmerten Reben, Palmen standen auf Abhängen und wiegten +sich rauschend über das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte sich +zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende Vollmond gossen +ein so süßes Licht um alle Gegenstände, daß Almansur sich in einem +Theile des Paradieses glaubte. Er stand und sahe die schönbewachsnen +Berge, wie der Abendschein über die grünen Abhänge herüberschwamm +und sanftes Roth auf den gegenüberstehenden Berg streute, durch einen +Palmenhain schlängelte sich der schimmernde Glanz der Gluth des Himmels, +und bebte zurück in jedem Tropfen der am Grase zitterte, von jedem Blatt, +an welchem ein Rubin sich wiegte. Der Mond stand über einem finstern +Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die großen Wälder sangen +der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte in sein Rosenbett hinab, das +Heimchen zirpte, der Mond schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf +jedem leichten Wölkchen des Himmels, das unter dem Monde hinwegschlüpfte +und ihm etwas von seinem goldnen Glanze stahl, schien Ruhe, Trost und +Freude zu schweben. Lange stand noch Almansur so, doch endlich lößte sich +sein Gefühl in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf die Erinnerung +seines Unglücks war mit dem letzten Streit der untergehenden Sonne hinter +den Bergen hinabgeleitet. Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald +hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegenüberstehenden Abhang, +oder auf den Spiegel des tief unten glänzenden Sees. + +Er ging über einen Quell, der aus den Spalten des Berges sich drängte +und sein Silber hinuntergoß; er kam zu einer kleinen Vertiefung, wo +unter Weidenzweigen versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches +hervorragte. Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen +zu haben; er ging herum um diesen Kranz von Weiden, und stand vor dem +Eingang einer kleinen Hütte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin +und her wallte, pflanzte mit ruhigem Lächeln Reben, und band sie an die +schwesterliche Ulme, dann sah er zum Monde hinauf, dann in den goldnen +See hinab, und setzte wieder freudig seine Arbeit fort. -- »Der Himmel +schütte seinen Segen auf dich herab!« rief _Almansur_ dem Greise zu; +liebevoll dankte der Greis und führte den Jüngling in die dämmernde +Hütte. + +Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen, bellten und wedelten. +Der Greis und der Jüngling setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann +holte der geschäftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch und Datteln. +»Iß!« sprach er. -- _Almansur_ aß wenig; bald sah er die niedren Wände +der Hütte an, bald blickte er auf den lächelnden Alten. Nach der Mahlzeit +setzten sich beide vor dem Eingang der Hütte. + +Du bist recht glücklich! fing _Almansur_ nach einer langen Stille an, wenn +man je glücklich werden kann. -- Ja, war die Antwort des Greises; ich +stahl mich aus dem Getümmel der Welt hinweg, und niemand vermißte mich; +ängstlich, mit Schweißtropfen auf der Stirn jagte ich dem Glücke nach +-- umsonst! Es floh wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll +schlich ich mich in diese Hütte, ich sah mich um, und es stand neben +mir. -- Ja! Dank dir großer Prophet! Ich bin hier recht glücklich! -- O, +wenn ich am Morgen hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener +neigenden Spitze hängt, dann zollen dir meine Thränen heißen Dank, dann +seh ich auf mein voriges Leben zurück, wie der müde Pilger am Grabe des +Propheten auf die zurückgelegten Steppen; -- dann schwebt vor mir die +ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch das rosenrothe Gewebe des +Morgens, er durchfliegt die Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug +um die glühenden Räder des Sonnenwagens. -- Jeder meiner Blicke schaut +dann voll Dank zum Himmel! + +_Almansur_ horchte vorwärts gebeugt mit Ehrfurcht der Rede des Greises, +er sah in seinen Augen eine Thräne glänzen, heiß rann eine Zähre über die +Wangen _Almansurs_. -- Dann ergriff er voll Zutraun die Hand des Greises; +o weiter! sprach er, deine Stimme ist wie das Murmeln der fernen Quelle +dem Durstigen. Weiter! Mein Geist fliege dir nach! -- Versuch' es in +todten Worten mir das Abendroth deines Glücks zu malen. -- + +O Jüngling, sprach der Greis, Glück läßt sich besser fühlen, als dies +Gefühl sich in Worten zwängen läßt. -- Leise schleicht sich durch das +helle Weinlaub am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und +flüstert mir: »Erwache!« zu. Ich erhebe mich vom rothen Glanz umflossen, +und sehe wie die Sonne majestätisch hinab ins Thal schreitet, die Natur +wacht auf und lächelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir glüht der +See, über mir flammt der Himmel, die Waldung rauscht, die Lerche singt, +der See bebt, und ihre Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die +Wette. Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter den blauen Mantel +stiehlt, dann besuch ich meine Heerden, die Ziegen blöken mir entgegen, +die Lämmer hüpfen um mich her. -- O ich lebe hier nicht ganz verlassen! +Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig eines jeden Baums; wenn +das erste Laub nach dem Winter erscheint, oder mein Blick des Frühlings +erstes Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn ein +längst gewünschter Freund unvermuthet dem Schiff' entsteigt; das erste +Sommerlüftchen, das meiner Wange vorüberbebt, ist mir, was dem Elenden +ein blauer Hoffnungsstrahl ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden von +meinem Berge herab eine junge Pappel ins Thal warf, da weint' ich um +den jungen Baum, als habe mir der Tod einen geliebten Jüngling davon +geführt. Ach, dies einsame Thal möcht ich nur gegen Mahomets Paradies +vertauschen, es gilt mir mehr als die Erde mit ihren Königreichen, diese +Bäume gelten mir mehr als Könige und Fürsten mit ihren Unterthanen. Ich +besuche oft drüben die alten Palmen, sehe nach jenen jungen Birken die +ich selber pflanzte, und freue mich über ihren Wachsthum wie ein Vater +über seine Kinder. Im kleinen Gärtchen hinter meiner Hütte scheint die +Gluth der Rose auf die weiße Lilie, das Veilchen kniet zu den Füßen der +stolzen Malve, und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich mich +im Vorbeigehn, wann und wie ich sie pflanzte, jede habe ich selbst am +Morgen und Abend begossen. Diese Blumen, diese Bäume sind meine Freunde, +von ihnen brüstet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir keiner +höhnisch nach. Neid und Verläumdung dürfen nicht über diese Berge fliegen, +des Glückes Pfeil zerschnitt ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen +jenseits den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden +Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen; das Glück und die Ruhe fliegen +hier verschlungen Arm in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder +Quelle flüstert Glück, in jedem Nachhall der Berge tönt ruhige Freude. + +Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde fällt, wenn der Herbst auf +selbst gesponnenen Seidenfäden durch die Lüfte schwebt, sie um die Bäume +wickelt, und das reife Obst mit den Blättern abschüttelt, dann seh' ich, +wie die Natur sich einkleidet, und unter dem glänzenden Schwanenbette +schläft, um gestärkt mit neuem Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen +herabrauscht, wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen saußt, wenn +die Fichten knarren, der Wind Schneegestöber vor sich her wirbelt -- +dann nehm ich von der Wand die silberbezogne Leier, dann sing' ich dem +Frühlinge meines Lebens Lieder, und sehe lächelnd dem Untergang meiner +Sonne entgegen. Dann dämmert vor meinen Augen der Nebel der Vergangenheit, +dann schwing ich mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch Dämmrung +ferner Vorzeit, durch schweigende öde Nacht der Zukunft. -- In diesem +Kreislauf wallte mir mehr als ein halbes Jahrhundert vorüber, in dieser +schönen, ununterbrochenen Einförmigkeit. -- -- + +O Jüngling! Mit warmer Freundschaft drückst du meine Hand, eine Thräne +zittert in deinen schwarzen Augenwimpern, -- sprich -- führte dich +Kummer zu meiner einsamen Hütte? + +_Almansur._ Ja, Kummer führt mich zu dir, Greis! -- Ach, laß mich mit +Dir diese Hütte bewohnen, laß mich dein Sohn sein. Die Freude ist für +mich gestorben. -- Ich muß die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier +laß unter dieser Palme den Wind am Abend meine Seufzer davon führen, +laß am Morgen mich unter dieser Cypresse weinen. -- Warum sollt' ich zu +jenen Menschen zurückkehren, wo jeder dem fliehenden Glücke nachläuft, +und keiner den Saum seines Kleides berührt, wo einer des andern lacht, +und blind für eigne Fehler ist, wo Verläumdung und Neid hinter mir gehn, +die sich täuschend in das Gewand der Freundschaft hüllen. -- Nein, hier +will ich ein neues Leben beginnen, mein voriges Leben mir als einen Traum +denken, den der Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine +Bitte nicht zurück, in keinem Winkel glimmt für mich ein Fünkchen Freude +mehr als hier. Schon lange war es mir unerträglich, mich ohne Zweck und +Absicht vom Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu lassen, +warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen, wo jedes Gesicht mir +zuwider ist, essen und trinken, schlafen und aufstehn, den einen Tag so +wie den andern; warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft? Ich bin +mir selbst und andern verhaßt! zu welchem Endzweck schuf der Schöpfer +die Menschheit? Einer den andern zu quälen? Ihm den Genuß des Lebens zu +rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen schwerfälligen Tanz +um ihre Sonnen? Warum ließ der Schöpfer aus seiner Hand die Schöpfung +hervorgehn? Warum warf er das Sternenheer durch den Himmel? Sollen wir +hier leben, ohne glücklich zu sein, und dann wie der Baum verwelken; +wozu dann dies quaalenvolle Leben? -- Oder harrt schönerer Sonnenschein +unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft durch Dornen, über +Felsen? -- -- O Greis! dies, dies hat mich schon längst unglücklich +gemacht! -- + +Der Greis sah ihn an und schwieg. »Verweile!« sprach er dann. Ein +frommer Einsiedler schenkte mir schon vor vielen Jahren ein kleines +Buch; es ist nur ein Märchen, der Mond scheint hell; ich will es dir +lesen. -- -- + +Er ging fort. _Almansur_ sah indeß starr vor sich hin ins Thal, sein +Blick ruhte auf einen Zweig, den der Wind hin und her warf; sein Kummer +war zurückgekehrt, die mancherlei Scenen seines Lebens wachten in seiner +Seele auf. Er preßte eine Thräne in sein Auge zurück; der Greis kam, +setzte sich nieder und las: -- -- + +_Nadir._ Ein Mährchen. + +Der finstre Menschenhasser _Nadir_ wandelte über eine von Arabiens +Steppen. Die Sonne stand in der Mitte des Himmels und warf ihre +glühenden Strahlen auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gesträuch, +welches einen erquickenden Schatten darbot; _Nadirs_ Auge suchte +vergebens eine Quelle, seinen brennenden Durst zu löschen, er ging +matt und langsam, er sah schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke +herbeischweben wollte, ihm Regen und Kühlung zu schenken; so weit +sein Auge reichte, glänzte der Himmel im hellblauen Gewande, der Sonne +Strahlen wurden immer heißer und heißer, kein milder Wind wehte ihm +Kühlung zu, Stille lag ausgestreckt über der Erde, die Vögel waren +im Schatten des fernsten Waldes zurückgeflogen, und kein Dorf, kein +Haus winkte dem Wandrer. Vor sich und um sich sah _Nadir_ nur eine +unermeßliche Wüste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den +Schatten des verdorrten Grases setzen konnte. + +_Nadir_ verwünschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal das Schicksal +der Menschen, denen ewig Quaal und Schmerz auf jedem ihrer Schritte +folgen. Durch den blauen Himmel goß sich nach und nach ein sanfter +Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog über die Ebne. + +Dank sei dir großer Prophet! rief der schmachtende _Nadir_, indem er +über sich den Mond und die Sterne hervorkeimen sah. Er schleppte sich +langsam fort, seine Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O +ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus, könnt' ich jetzt +durch einen Strom des Nordpols schwimmen! Er ging weiter. Es wehte ein +kühlender Wind über die Haide, _Nadir_ kam in einen Wald. Der Wind +ward stärker, Wolken flohen durch den Himmel, und löschten mit ihren +schwarzen Fingern den Mond und die Sterne aus, der Sturm schüttelte +den Wald, die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen stürzte +herab. Endlich sah _Nadir_ durch den verschränkten Wald ein fernes, +flimmerndes Licht, das durch das nasse Laub und durch den Regen ihm +entgegenblickte: er drängte sich durch den Wald, durch Gebüsche, die +ihn oft mit ihren nassen Armen umfaßten: er kam durch die Waldung, und +sah über eine Ebne das Licht vor sich glänzen. + +Es war eine niedre Hütte, deren moosiges Dach vom Regen triefte, er +schlug an die kleine Thür, ein Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen, +der Wetterhahn des Daches knarrte im Winde; leise öffnete sich die Thür +des Hauses, eine alte Frau trat heraus. -- Wollt ihr einem armen Wandrer +erlauben, diese Nacht hier zu schlafen? flehte _Nadir_. Sehr gern war +die Antwort. Sie führte ihn in das Haus durch einen Gang. Dort, wo du das +Licht durch die Thüre flimmern siehst, dort geh' hinein; -- sie verließ +ihn. _Nadir_ bewunderte den großen Gang in der kleinen Hütte, seine +Schritte hallten von der Mauer zurück, als er durch die Stille ging. +Er stand vor der Thür, aus der das Licht ihm entgegenglänzte, -- er +öffnete sie -- und das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er +trat in einen großen unermeßlichen Saal, den tausend Lichter erleuchteten; +die Wände glänzten von Marmor mit Gold umgossen, eine himmlische Musik +schwamm auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. -- Wo bin ich? rief +_Nadir_. -- Ein prächtiggekleidetes Frauenbild kam ihm entgegen, sie +führte ihn zu einem Tische und lud ihn zum Essen ein; _Nadir_ aß und +wagte kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und getrunken +hatte, fühlte er sich durch neuen Muth, durch neue Kraft beseelt, er +sah um sich. Tausend Lichter glänzten auf Kronenleuchtern von Diamant. +Saphir, Rubinen und Gold waren über die schönpolirten Wände hingestreut, +unsichtbare Musik goß sich umher und gaukelte um _Nadirs_ Ohr, sein Auge +verlor sich ermüdet in die entferntesten Bogengänge, ohne ihr Ende +erreicht zu haben; _Nadirs_ Staunen ward immer größer. + +»Komm!« rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu und führte ihn durch +die blendenden Säle. Er sahe sie mit allen Arten von Menschen angefüllt +und weidete sich an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und aßen +einige, dort weinten andre, andre tanzten in fröhlichen Reihen. Dieser +Pallast, begann _Nadirs_ Führerin, ist ein Werk meines gestorbenen +Gatten, er suchte das Glück lange vergebens und fand es endlich mit +mir in der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies Spielwerk +hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft ich will. -- Er war ein +mächtiger Zauberer, gewandt in allen geheimen Künsten; auf sein Gebot +entstand dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen zusammen. +Sieh, jede Art von Menschen befindet sich hier; dort auf den Thron sitzt +ein König, seine Stirn schmückt das Diadem, seine Schultern umfließt der +Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er beneidet heimlich +den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet und zittert; er ist ein gütiger +Regent, er macht andre glücklich, ist aber selbst unglücklich. Jener +Volkslehrer lehrt Demuth und haßt den der neben ihm steht, weil er ihn +mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene Säulen gelehnt steht ein Haufe +unglücklicher Menschen, in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die +Eitelkeit der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz von Ehre noch +von Reichthümern blenden, ihre Wünsche scheinen so mäßig und sind doch +so vielumfassend, werden fast nie erfüllt. -- Dort stehen andre, für +welche die Welt mit allen ihren Schönheiten gestorben ist, sie können +keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu geben und ihre Blätter zu +zählen, keinen schönen Baum, ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten +und zu bemerken, zu welchem Geschlecht er gehöre; sie kennen jeden +Stern, der am Himmel flammt, und wissen die Stunde, wenn der Mond auf +und untergeht, sie haschen jede Abendfliege, und stellen sie in ihren +Rang in der Schöpfung, sie sagen uns, daß jeder Sonnenstaub bewohnt sei. +-- Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare Art mit Gemälden +ausgeziert, sie sind doppelt; auf der einen Seite stellen sie alles +ernsthaft, auf der andern dasselbe lächerlich dar. Sieh, hier trauert +eine Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint gerührt, +jener auf der andern Seite lacht. -- Siehst du jene dort, die so bleich +sind und starr auf die Erde blicken? bei ihrer Geburt vergoß das Elend +Thränen über sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern; sie +können über ein gelbes Blatt weinen, das vom Baume auf die Erde fällt, +sie hassen die Welt und sich am meisten; sie machen oft andre glücklich, +aber kein Anblick von Glück, kein Anblick der aufgehenden Sonne kann +sie vergnügt machen; sie lächeln, aber ihr Lächeln ist als wenn die +Abendsonne durch einen verdorrten Baum scheint, ihnen folgt das Unglück +wie ihr Schatten, ihre Augen sind matt von Thränen, ihre Wangen bleich, +sie sind die ärmsten Geschöpfe. -- Jener jauchzende Haufe verspottet +sie, ihr Mund lacht stets, ihre Augen blinzeln jedem freudig entgegen, +die Welt nennt sie Thoren, sie sind glücklich, denn sie halten sich für +weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen ihr +Leben, lachen im Winter eben so wie im Sommer, bei dem Aufgang der Sonne +wie beim Untergang, die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung und +gab ihnen das Vermögen alles lächerlich zu finden. -- Jene spielten +mit ihrer Phantasie, der Verstand löste die Fesseln der gebundenen +Einbildung, sie schoß wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der +Verstand an seinen Krücken hinter sie her und kann sie nicht einholen, +jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt angeschlagen einen +falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige, Unglückliche; aber sie sind +wirklich glücklich. Jener hält die Kette, die ihn an die Mauer festhält, +für ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen für den Purpurmantel des +Königs. Jener glaubt in seinem Strohlager alle Schätze Indiens zu +besitzen und fühlt sich beseligt. -- Jener ist taub für jeden Harfenton, +blind für jede Schönheit, die der Maler der Natur abstahl, seine Seele +sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur wenn er sich an den Tisch +setzt, er hört nicht die himmlische Musik, die ihn umfließt, aber er +lächelt beim Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in seine +Seele. -- Wer von allen diesen scheint dir in dem Zustande zu sein, in +den die Natur den Menschen aus ihrer Hand hervorgehn ließ? -- O jener, +rief _Nadir_, der sich an den Dampf der Speisen weidet, denn er ist +der glücklichste, an sein Herz reicht nicht die Stimme des Elends, ihn +durchbohrt nicht des Mitleids scharfer Pfeil, er ist der glücklichste, +er kann viermal täglich glücklich sein; wozu sind jene feinern +Empfindungen, sie bringen weit mehr Schmerz als Vergnügen hervor! +-- Sieh, jener Mann, fing die Führerin _Nadirs_ an, der dort unbekannt +herumgeht, ist ein verehrungswürdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner +achtet auf ihn, aber er findet sein Glück im Glücke anderer; manche +heiße Thräne fleht im Dunkeln Segen für ihn vom Himmel, manche Brust +athmet durch ihn freier, manche Klage verstummte durch ihn, er erfüllt +den Beruf des Menschen, er macht andre glücklich, und nur dazu schuf uns +die Natur. -- Du willst die Gesellschaft der Menschen verlassen, komm +und überzeuge dich, daß der Mensch da sei um in Gesellschaft glücklich +zu leben; warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen, +warum die Bestimmung der Welten? zwecklos rollen sie nicht um ihre +Sonnen, aber warum wollen des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der +Natur durchdringen? der Mensch ist da, das zu genießen, was ihm die +freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber nicht über die Gränze +hinausschreiten wollen, die ihm gezeichnet ward. Sie gingen hin durch +die hundert Bogengänge und _Nadir_ bewunderte die Pracht des Pallastes; +seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, daß es Frevel sei, sich von +den Menschen zurückzuziehn, vor ihm zerrann der dunkle Nebel, er +durchdrang den Plan der höchsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft +der Menschen zurückzukehren. + +Der Tag öffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth flog über die +Ebne und schimmerte an den Fenstern; _Nadirs_ Führerin verließ ihn, ein +Bogengang verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gemälde und ihre +Beschauer, ein Licht erlosch nach dem andern, die Pracht gleitete von +den Wänden, die Decke sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner +und kleiner, immer düstrer und düstrer, und der helle Sonnenschein glänzte +endlich an den Wänden einer niedern Hütte. _Nadir_ öffnete vor Staunen +stumm die niedre Thür, er suchte vergebens den langen Gang, die alte +Frau öffnete die kleine Hausthür, er ging hinaus, die Thür ward hinter +ihm verschlossen; dieselbe kleine Hütte, an deren Thür er gestern klopfte +-- der Hund bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den +Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen Regen und das +Morgenroth schwamm in den großen Tropfen. »Wacht' ich, oder träumt' +ich?« rief _Nadir_ aus; er sah über einen niedern Zaun in den Garten +neben der Hütte, ein Knabe mit nackten Füßen pflückte sich Kirschen von +einem Baume. Er stand lange stumm da, seine Phantasie malte ihm noch +einmal den gestrigen Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zurück +nach der wundervollen Hütte, bis ein Wald den letzten weißen Schimmer +von ihr ihm entzog. -- -- + +Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich hin. Der Mond schien +hell, die Sterne bebten im schimmernden See, die Cypressen rauschten. +Kehre zurück, Jüngling, begann der Greis, kehre zur Welt zurück, wer +weiß, wo dein Glück schlummert, gehe hin und erwecke es, du bist zur +Gesellschaft geboren, gehe hin und erfülle deine Bestimmung, genieße +ohne zu grübeln und du wirst gewiß glücklich sein. + +_Almansur._ Verzeihe, edler Greis, daß ich dich täuschte, dir meinen +Gram nicht ganz enthüllte. Wenn du die Geschichte meines Unglücks hörst, +und du räthst mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zurückzukehren, +so will ich dein Verlangen erfüllen. + +Ich heiße _Almansur_, mein Vater war ein Kaufmann in Bagdad; ich hatte +einen Freund, einen einzigen, ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor +wenig Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als meine +Seele, sie vermählte sich vor wenig Tagen. -- _Roxane_ war schön, wie +der werdende Tag, schöner wie eine der Houris, auf ihren Wangen floß +Abendroth, ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden Sonne, die +sich im Meere spiegelt, ihr Lächeln war der Sonnenschein des Frühlings, +in ihren blauen Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden +Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel im goldnen Glanze der +Morgensonne um Felsen sich kräuselt; -- sie kannte meine Liebe. -- Ihr +Vater lag einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn retten, +aber er mußte ihn trinken in weniger Zeit als die Biene am Abend braucht +nach ihren Zellen zurückzufliegen, es war ein Quell, der in der schwarzen +Kluft eines weitentfernten Felsen murmelte. _Roxane_ liebte ihren Vater, +ich sah die Thränen in ihren Augen glänzen, ich schwang mich auf mein +Roß, eilte hin, füllte eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich +stürzte zurück, die Wälder sausten mir vorüber, eine Eiche raubte mir +meinen Turban, mein Roß eilte dem Winde voraus, sein Hufschlag tönte +laut, ich kam zurück; _Roxanens_ Vater ward gerettet, ihr Lächeln dankte +mir, und ich war vergnügt. Ich sank nieder von Schweiß und Staub bedeckt, +mein gutes treues Roß starb noch an demselben Abend, _Roxanens_ Lächeln +dankte mir, und ich war vergnügt. O für sie hätte ich die heißen Ebnen +Äthiopiens mit nackten Füßen durchmessen, für sie hätte ich unbedeckt +den Schnee des Caucasus erklettert. Ach ich träumte eine so heitre +goldne Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte mit mir, +aber ach, sie gab ihre Hand einem andern, denn er war reicher als ich; +vorgestern ward ihre Vermählung gefeiert, jeder Trompetenstoß, der aus +der Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln, jeder ferne Donner +der Pauken, stieß einen glühenden Dolch durch meine Brust; in der +Mitternacht verließ ich Bagdad kalt und stumm, verließ den Ort, wo +jeder Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in meine Seele +zurückriefen, die Sonne war für mich auf ewig untergegangen; ich ging +fort ohne zu wissen wohin, endlich kam ich zu deiner glücklichen +Einsamkeit. Edler Greis, o höre meine heiße Bitte, es ist der einzige +Wunsch, der mir zurückblieb, laß mich an deiner Seite, im Schooße +der Ruhe und der Einsamkeit, meine übrigen Tage verleben; ach, die +Einsamkeit hat ja Trost für so manche Leiden, sie trocknet so manche +Zähre, wiegt so manchen Kummer ein; hier in diesem glücklichen Thale +will ich den Traum meiner Jugend noch einmal träumen, hier will ich +weinen, wenn ich erwache. Laß mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich +an die Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind +von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen Bergen hingestreut, +laß sie mich hier wiedersuchen; laß sie mich wiederfinden, Greis, denn +beim Barte des Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder glücklich +sein. -- Aber warum glänzen Thränen in deinen Augen und verlieren sich +in die Silberwellen deines Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust +erheben? Woher diese fliegende Röthe auf deinen Wangen? + +_Greis._ Ach, _Almansur_! -- deine Worte haben meinen entschlafenen +Kummer erweckt, ich hielt ihn für todt, aber er schlief nur. -- O +Jüngling, du hast den Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder +vorübergeführt. -- Ein ähnlich Schicksal führte mich hierher; ach, +_Fatime_! diese Thränen fließen dir! dieser Seufzer fliegt zu dir! Vor +meinen Augen webt sich die Vergangenheit noch einmal hin, sie glänzt im +Sonnenschein, eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. -- O _Almansur_, +bewohne mit mir diese Hütte, trinke mit mir von meiner Milch, laß uns +beide in den Schatten eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du seist +mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. Jüngling, du bist mir theuer +geworden, theile mit mir was ich habe, wir wollen wie die Sonne des +Tages, wie der Mond der Nacht, in schöner Gleichförmigkeit unser Leben +verfließen sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben in einem Kreise dreht, +so leben, wie eine Welle beständig um ihr grünes Eiland murmelnd fließt; +beide bewundern wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn ihrem +Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem Gärtchen pflanzen, du +begießest sie mit mir am Abend, du brichst mit mir das Obst von den +Zweigen und freust dich mit mir des Frühlings und Sommers: Jeden Wandrer, +der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit Speise und Trank erquicken, +und ihn dann auf die rechte Straße führen; dem Trauernden wollen wir +den Balsam des Trostes reichen, vor dem Fröhlichen unsern Kummer in +unsrer Brust verschließen. Wir erzählen uns dann die Geschichte unsrer +verflossenen Jahre, wir tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein, +ich lerne jeden Baum kennen, der dir einst mächtig war, du beschreibst +mir deine vorige Wohnung so genau als wollte ich sie morgen beziehn, +ich sage dir von jedem Bache, bei dem ich mich einst freute oder Thränen +vergoß, ich zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede +Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen Welt, du in +der meinigen, oder wir sitzen am Abend unter dieser Cypresse und sehen +wie sich der Mond auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser +spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres Laub die +Sterne gebrochen flimmern; wir erzählen uns wunderbare Mährchen so +vertraut als wären es die alltäglichsten Dinge; wir träumen uns unser +Leben nach dem Tode, bauen luftige Schlösser und reissen sie wieder ein; +so leben wir, bis der Tod mir immer näher und näher schleicht und mich +unvermerkt aus deinen Armen führt, dann häufest du mir einen Grabhügel +unter jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest du meine +Hütte allein, dann sitzest du ohne mich vor dem Eingange, dann denkst du +beim Schimmer des Mondes an den gestorbenen _Abdallah_, dann brichst du +das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine Hülfe, dem verirrten +Pilger zeigst du das Gras auf meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht +ein biedrer Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen Hütte und hörst +den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem Geiste mit einem +Lichtkranze entgegenfliege. + + + + +Das grüne Band. + +Eine Erzählung. + +1792. + + +Durch die Thäler und über die Wiesen wandelte der graue Nebel; über +einen Tannenhain blickte die Sonne noch einmal aus Westen auf die Fluren +zurück, die sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen +Gebüsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das Murmeln eines kleinen +Baches ward hörbarer: als über die Haide eine Schaar von Kriegern gegen +die Veste _Mannstein_ zog. Der letzte goldne Schein der Sonne flog +zitternd die schönpolirten Rüstungen auf und ab, durch die abendliche +Stille tönte laut der Huftritt ihrer Rosse. -- Da schmetterte von der +Zinne der Burg eine fröhliche Trompete, und weckte mit ihren Tönen den +Widerhall am Tannenberge; die Zugbrücke ließ sich nieder, und _Friedrich +von Mannstein_ zog mit seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde +sich um ihn her drängte, um ihm Glück zu wünschen, daß er aus der Fehde +wohlbehalten zurück gekehrt sey. + +Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, als seine Tochter auf +ihn zueilte und in die Arme ihres Vaters sank. »Meine _Emma_!« rief +Friedrich, »bist du wohl? Gottlob, daß ich dich wiedersehe!« -- »Kommt +Ihr wohlbehalten zurück?« sprach sie, indem sie schüchtern um sich +blickte und sich etwas aus den Armen ihres Vaters zurück bog. -- »Habt +Ihr viele von euren Leuten verloren?« -- »Ja,« antwortete _Friedrich_, +»zwölf, und unter diesen einen meiner treusten Diener.« -- »Doch nicht« +-- fiel _Emma_ schnell ein, -- der Name _Adalbert_ zitterte auf ihren +Lippen, sie ward bleich, -- »doch nicht -- _Wilibald_?« sagte sie, indem +sie eine unwillkührliche Thräne in ihr Auge zurückzwängte. + +Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt sich wacker, +-- aber er fiel, -- er hat sein Leben rühmlich beschlossen. Wohl jedem + Kriegesmanne, der so wie er stirbt! -- Ich werde seinen Verlust fühlen; +ich liebte ihn, als wär' er mein Bruder. -- Aber komm in die Burg, liebe +Tochter, der Nebel hängt schon kalt und feucht in den Wipfeln der Bäume, +dein Haar flattert in der kühlen Abendluft; mich dünkt, du siehst bleich +aus, -- du bist doch wohl? + +Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell. + +»Herr Ritter!« sprach ein Knappe, der aus dem Schloßhofe trat, »wollt +Ihr nicht in die Burg gehn? Euer Waffenbruder _Konrad von Burgfels_ +harrt Eurer drinnen.« + +»Konrad? Er sei mir willkommen!« rief Friedrich, und ging in den +Schloßhof; Emma, die Hausgenossen und sein Knappe Adalbert folgten ihm. +-- Adalberts und Emma's Blicke fanden sich. -- Wie viel sagten sie sich +nicht in diesem Blick! -- Die Freude sich wiederzusehn, Dank für die +Rettung, zärtliche Besorgniß, -- dieß und hundert Fragen und hundert +Antworten lagen in diesem einzigen Blicke. -- Adalbert führte sein +treues Roß in den Stall, Emma ging langsam aber heiter die Wendeltreppe +hinan, blickte aus dem runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und +begab sich dann in ihr Gemach. + +Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen und schloß ihn froh +in seine Arme. -- »Gottlob!« rief er, »daß ich dich einmal wiedersehe! +-- Du kommst aus einer Fehde mit _Manfred_?« + +_Friedrich._ Ja, Freund! und du? + +_Konrad._ Woher? Für mich, weißt du ja, giebt's schon lange keine Fehden +mehr! ich komme von meinem alten einsamen Schlosse. -- Seit mein _Karl_ +nicht mehr da ist, sieht es so öde und verlassen aus. Stehe ich auf +dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, so muß ich immer wider +Willen nach dem Berge hinsehn, hinter welchem er zuletzt verschwand; die +eisernen Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen Karl zu, und muß +dann jedesmal an den Tod denken. -- Ach! es ist traurig, Freund, wenn +man alt wird, der Tummelplatz unsrer Wünsche wird dann so eng, wir können +nur noch wenig hoffen, -- aber dieß wenige wünschen wir mit einer +Sehnsucht, mit einer Wehmuth -- So lange sich mein Sohn in Palästina +unter den Ungläubigen herumtummelt, werde ich dich öfter auf deiner Burg +heimsuchen, die Einsamkeit macht mich traurig. + +Sie waren indeß in den Saal getreten. -- »Setz dich, Freund!« sprach +Friedrich, »ich habe dich schier verkennen gelernt, Konrad saß lange +nicht auf jenem Sessel.« + +_Konrad._ Es soll von itzt an öfter geschehen. -- Du hast ihn +geschlagen? + +_Friedrich._ Den räuberischen Manfred, -- ja -- Zwölf meiner besten Leute +hab' ich verloren, es war ein hitziges Gefecht. -- Mein Knappe Adalbert, +du wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann gezeigt, ohne +ihn stand es so so -- wir waren schon einmal zurückgetrieben, -- ich sage +dir, es wird ein tapfrer Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn. +-- Bringt Wein, Buben! -- + +Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken. + +_Konrad._ Wir leben in unsern Nachkommen wieder auf; ich hoffe, mein +Karl soll dem Namen Burgfels keine Schande machen. + +_Friedrich._ Das wird er nicht. Welch ein glücklicher Vater bist du! Es +war mein tägliches Gebet zu Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir +einst die Augen zudrückte, der nach meinem Tode auf meiner Burg haußte, +der -- doch, wir wollen ja nicht traurig sein. + +_Konrad._ Du hast es auch nicht Ursach, der weise Himmel erhörte dein +Gebet vielleicht darum nicht, um dir Jammer zu ersparen. -- Du weißt +nicht, wie wehe der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen Sohn +der Brust des Vaters thut. Man gewöhnt sich früh an Gram. -- Bald siehst +du den Knaben auf einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem +Schritte; der Jüngling kommt nicht von der Jagd zurück, und bei jedem +Wiehern, bei jedem Hufschlag eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er +ist es nicht, dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel der +Nacht, -- und wenn du ihn gar fern von dir weißt, im Gewühl der Schlachten, +-- erst als Vater macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. -- Alle +Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene Stunde, jede schöne +Erinnerung, das Glück der Vergangenheit und Zukunft flicht der Greis in +_einen_ freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm des Jünglings, +-- ach! und wie viel tausend Schwerter können diesen Kranz zerreissen. +Wir setzen unser ganzes Vermögen auf _einen_ Wurf, und in jedem +Augenblicke müssen wir zittern, zu verarmen. -- Es ist warlich besser +der Vater einer hoffnungsvollen Tochter sein! + +_Friedrich._ Du bist undankbar gegen das gütige Schicksal. -- Den Knaben +zum Jüngling werden sehn, in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden, +-- nenne mir eine Freude, die größer sei, als diese. -- Und wenn er nun +zurückkehrt, wenn er nun von jenem Berg wieder heruntersprengt, vor ihm +her der Ruhm, hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine +erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, wie dann? + +_Konrad_ (der sich die Augen trocknet). Dann? -- Nun dann will ich dir +Recht geben, aber eher nicht. + +_Friedrich._ Immer find' ich doch noch in dir den alten Konrad wieder, +der jedesmal im Wort- und Lanzenkampf das Feld behalten muß. -- Trink! +stoß an! auf den Ruhm deines Sohnes! + +_Konrad._ Und das Glück deiner Tochter! + +_Friedrich._ Denkst du, daß ich für sie unbekümmert bin? -- Wollen wir +mit unsern Kindern tauschen, Konrad? + +_Konrad._ Freund und Waffenbruder! -- ein Gedanke kömmt mir wieder, den +ich schon oft dachte, wenn ich des Nachts in meiner einsamen Kammer +schlaflos lag, und der Wind um den Schloßthurm saußte, -- sei du der +Vater meines Sohnes, deine Tochter sei mein, doch so, daß keiner von +uns das Recht auf sein Kind verliert. + +_Friedrich._ Topp, alter Freund! -- Da hast du die Hand eines Ritters, +der noch nie sein Wort brach! -- Bei Gott und Ritterehre! keiner als +dein Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, -- nur muß er mit Ehre +zurückkehren. + +_Konrad._ Das wird er, wenn er zurückkehrt, dafür laß dir den alten Konrad +bürgen. Mit Ruhm, oder nie sehn wir ihn wieder. -- + +_Friedrich._ Alter Freund! der Wein hat mich sehr froh gemacht. -- Welch +eine liebliche Zukunft seh' ich emporblühen! -- Allenthalben winkt die +schönste Blume des Lebens: Vaterfreude! -- In diesem Garten wollen wir +ruhen, bis wir in einen noch schönern hinüberschlummern. + +Die Alten drückten sich schweigend die Hand, ihre Freude war eine +wehmüthige geworden; ein Paar große Thränen fielen schwer aus ihren +Augen, die sie in einem schönen Irrthum für Freudenthränen hielten. Sie +merkten nicht, daß sie der bange Zweifel erzeugte: »Werden diese Träume +in Erfüllung gehn?« + +Sie saßen noch lange zusammen im traulichen Gespräch, und erzählten sich +noch einmal die Geschichte ihrer Jugend und ihres männlichen Alters. Die +Gesichter der Greise glühten voll Jugendkraft, beide vergaßen, daß sie +Greise waren. + +Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem Gespräche ab, jeder +ging heiter in sein Schlafgemach. + + * * * * * + +Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende Mond brach seine +dämmernde Strahlen durch die Bogenfenster; eine heilige Stille schwebte +über Flur und Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke tönte +durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen Schritte Emma's +längst den Wänden des großen Ganges, der die Zimmer der Burg theilte, +hinrauschten. Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien ihm +itzt wie von ungefähr zu begegnen. + +Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden itzt von keinem +Überlästigen beobachtet. »Meine Emma!« rief Adalbert aus, und schloß das +Mädchen rasch in seine Arme. + +»Bist du endlich wieder da?« fing Emma an, -- »O! wüßtest du, wie vielen +Kummer du mir indeß gemacht hast, die ganze Burg war mir indeß so eng +wie ein Gefängniß, die Flur war für mich ein Klosterzwinger, denn Berge +und Wälder schlossen mich ja ringsum ein und trennten mich von dir. -- Der +Garten schien mir öde und finster, das Blaue des Himmels hing düstrer +als sonst über meinem Haupte -- sage mir doch, -- was hat itzt alles +wieder so hell und frei gemacht?« + +_Adalbert._ Die Sonne der Liebe, Emma! + +_Emma._ Dein schönes Auge, Adalbert! -- Ach! wie viel hab' ich um dich +gelitten, itzt erst weiß ich es, wie theuer, wie unentbehrlich du mir +bist. Beständig hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie auch +noch so fern umherschwärmte, so war die Rückkehr zu dir, ihrer lieben +Heimath, doch stets das nächste: der Gedanke, der der fernste schien, +war doch unmittelbar eins mit der Liebe. -- Bei Dingen, wobei ich bis +itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, Zukunft und +-- dich! -- Ich schwatze, lieber Adalbert! aber die Freude ist ja +geschwätzig. -- + +_Adalbert._ Und welcher Liebende hörte dieß Geschwätz nicht gern? + +_Emma._ Neulich ging ich jenen verdorrten Baum vorüber, -- ich bin vor +ihm hundertmal vorübergegangen, aber nicht mit diesem sonderbaren Gefühl +-- ich dachte plötzlich an jenes Jahr, in welchem er noch grünte; ich +war noch ein Kind, als ich einst an ihn gelehnt die Frühlingsflur +überschaute; -- er blühte damals so schön, die Sonne glänzte so hell in +seinen zitternden Blättern, o! wie fröhlich war ich damals, -- die ganze +Natur und der Baum schien mit mir fröhlich; -- itzt stand er da, als +wenn er mich traurig ansähe, als wenn es ihn schmerzte, daß er nicht +mehr fröhlich seyn könnte. -- Wie ganz anders war itzt alles um mich +her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung nur wie von gestern. +-- Ach! Adalbert! da dacht' ich an dich und mich. -- + +_Adalbert._ Du erschreckst mich, Emma! ich war so heiter, du hast mich +traurig gemacht. + +_Emma._ Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar mir in diesem einzigen +Augenblicke die Welt vorkam; die Vergangenheit schien mir ein Traum, die +Zukunft ein Schatten. -- Wie der Frühling entflieht dein Glück, sagte +mir der ernste Baum; du wirst bald, sehr bald unglücklich sein. -- + +_Adalbert._ Verjage diese schwarze Ahnungen, laß diese grausamen Spiele +deiner Einbildung! -- Emma kann, darf nicht unglücklich sein! + +_Emma._ Daß sie es kann, empfand ich in jedem Augenblicke deiner +Abwesenheit. -- Ach Adalbert! ich fange an zu glauben, daß Unglück sehr +wohlfeil sei, und ich will mich an diesen Gedanken gewöhnen. + +_Adalbert._ Du hast Recht. -- Unglück ist ja der Preis, um den wir unser +weniges Glück in diesem Leben erkaufen müssen. -- Du seufzest, Emma? +-- Himmel! du weinst? -- O! ich verstehe diese Seufzer, diese Thränen. +-- Könnt' ich doch das Schicksal fragen: Wird Emma einst die Meinige? + +_Emma._ Um gewisses Unglück für ungewisse Hoffnungen einzutauschen? Laß +sie ungewiß seyn, es sind doch immer Hoffnungen. + +_Adalbert._ Und werden diese Hoffnungen nie Verzweiflung werden? Wird +diese schöne Frucht nie vertrocknet vom Baume fallen? -- Ach, Emma! +-- der Winter kömmt endlich: und Sommer und Herbst sind nur ein schöner +Traum gewesen. -- Wie dann? + +_Emma._ Dann laben wir uns an der Erinnerung dieses schönen Traums, wie +Kinder, die im Finstern erwacht sind und gern wieder einschlafen möchten. + +_Adalbert._ Emma! wird dein Vater je den armen verwaisten Knappen +Adalbert, der nichts als sein Schwert besitzt, mit deiner Hand +beglücken? -- Er, der Herr so vieler Burgen, der Besitzer großer +Schätze? Wird er das je? + +_Emma._ Willst du denn, daß ich durchaus sagen soll: ich glaube es nicht. +-- Doch warum wollen wir nur immer zweifeln? -- Er hat dich erzogen, er +liebt dich wie seinen Sohn, er schätzt deine Tapferkeit -- Adalbert! wir +wissen ja nicht, was die folgende Stunde gebiert, warum wollen wir denn +über künftige Jahre hinwegschauen? -- Trage von itzt an dieß grüne Band +um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, dein Leben nicht +unnöthig zu wagen. + +_Adalbert._ Grün ist die Farbe der Hoffnung. + +_Emma._ Und die Meinige. Verlier' es nie, es sei dir ein Unterpfand +meiner ewigen Liebe und Treue. + +_Adalbert._ Auch wenn die Farbe verbleicht ist? -- + +_Emma._ Auch dann. + +Itzt rauschte die Thür eines Gemachs, die beiden alten Ritter traten +heraus; ein stummer Händedruck, und Adalbert und Emma schieden. -- -- + +Alles war wieder laut und geschäftig in der Burg, die Sonne war schon +seit einigen Stunden aufgegangen, als vor den Thoren von Mannstein ein +Ritter hielt, und begehrte eingelassen zu werden. Die Thore öffneten +sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den Saal zum alten +Friedrich geführt. + +Friedrich ging ihm entgegen, ließ ihn sich niedersetzen, befahl ihm +einen Becher Wein zu reichen, und fragte dann, was sein Begehr sei? + +»Ich bin ein Abgesandter,« begann der fremde Ritter. + +»So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen!« sprach Friedrich +-- »Aber wer sendet Euch?« + +_Ritter._ Der Ritter _Manfred_, der Euch wohl bekannt sein wird. + +_Friedrich._ Was verlangt er? + +_Ritter._ Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu endigen, Frieden zu +schließen und Euer Freund zu werden. + +_Friedrich._ Mein Freund? -- + +_Ritter._ Aber nur unter einer Bedingung -- + +_Friedrich._ Sie ist? -- + +_Ritter._ Eure schöne Tochter! -- + +Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand auf den Tisch und +blickte den Ritter zornig an. Dann ging er lange mit großen Schritten +auf und ab. -- Endlich stand er still, sah den Ritter noch einmal lange +und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker Stimme, die zuweilen +nur von einer unterdrückten Wuth zitterte: »Geht zurück, Ritter! und +sagt dem schändlichen Manfred, daß eher meine Burg in Trümmern stürzen +soll, daß ich lieber mit eigner Hand meine Tochter ermorden, als in +seinen Armen wissen will. -- Ein Ritter, kein Meuchelmörder, soll ihr +Gemal werden; unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet sein, +denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Räuber zu vertilgen, und +ein Räuber ist Manfred. -- Sagt ihm nur, ich habe es nicht vergessen, +wie er meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie durch ihn des +Edeln von Löwenau Burgen und Ländereien widerrechtlich gepreßt werden; +sagt ihm, daß mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern +bereit sei, den Kampf zu erneuen. -- Will er Euch nicht glauben, so mag +er sich von mir selbst die Antwort im Blachfelde holen.« + +Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf sein Roß, und jagte +hinweg ohne nur einen Blick nach der Burg zurückzuwerfen. + +Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein Ingrimm in einem +freundschaftlichen Gespräche mit Konrad von Burgfels nach und nach +verlor. + + * * * * * + +Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die Gesandtschaft Manfreds +vergessen. Der Wein machte, daß sie in der Zukunft, welche sie sich +erträumten, allenthalben nur Glück und Freude sahen, und dadurch harmlos +und unbefangen die traurige Wahrheit vergaßen: daß jeder Augenblick ein +Unglück erzeugen könne. + +Emma stand indeß an einem Bogenfenster und blickte in die schöne Gegend +hinaus, welche der Mond beleuchtete. Sie träumte sich in die Zukunft +hinüber, tausend angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen +sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte. + +Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes Rauschen ferner Wälder +rief das Andenken der Vergangenheit in ihre Seele zurück. Um sich diesem +Gefühle ganz zu überlassen, schlich sie sich langsam auf den Altan der +Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzücken auf ihre väterlichen +Fluren herab, mit dem der Liebende den Abendschein der Erinnerung +vorigen Glücks betrachtet. + +Itzt schwebte der Mond noch eben über einen fernen Hügel, nun sank er +langsam, und ein blasser zitternder Glanz überflog noch einmal die +Eichenwälder, dann standen sie ernst und finster da; die fernsten +westlichen Wolken tauchten sich im Vorüberschweben in einen bleichen +goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend in Dunkel eingehüllt, +finster und schauerlich, wie die Zukunft dem, der Unglück ahndet. + +»O Bild des Glücks!« rief Emma aus. -- »So stirbt die letzte Hoffnung +auf dem Grabe des Geliebten, so welkt die letzte Blume im Kranze +menschlicher Freuden, so weht der Sturm die letzte Blüthe vom +verdorrenden Baum.« + +Eine heisse Thräne stieg langsam in ihr Auge. + +Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, schwarze Wolken +hingen ernst unter dem Glanze der Sterne über fernen Wäldern, und schon +begann die Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhöle -- da braust +es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht daher wie ein Schwarm +Gespenster, die durch den Eichenforst fahren, -- ein unwillkührlicher +Schauer zitterte langsam über Emma's Körper hin. -- + +Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt näher, wie ein Klang von Harnischen. +-- Wie sich um den Felsen eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt +eine düstre Schaar um die Mauer der Burg. + +Emma wollte zurück und in das Gemach ihres Vaters eilen, aber sie fühlte +sich zu schwach, eine unbekannte Macht hielt sie gewaltsam zurück, sie +drängte sich bebend in die Ecke des Altans. + +Itzt schwebte es über den Wall herüber, -- schon rauschte es durch den +Graben der Burg -- da schmetterte plötzlich laut und furchtbar von der +Zinne der Burg die Trompete des Thurmwächters, und Emma schrak heftig +zusammen. + +Plötzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die Sturmglocke hallte +fürchterlich, Panzer rasselten, Pferde wieherten, Tritte dröhnten laut +durch alle Säle, Stimmen schallten verwirrt durch einander, -- ihr war, +wie in einem Traume, große Tropfen der Angst standen auf ihrer Stirn, +und ihre Bangigkeit stieg endlich so hoch, daß sie mit einem +schmerzhaften Vergnügen die Entwickelung dieses fürchterlichen Traums +erwartete. + +Noch einmal schrie alles plötzlich laut durcheinander, Rüstungen +erklangen, Schwerter klirrten, dann eine kurze Stille, die von einem +neuen Geschrei unterbrochen wurde, die Krieger wütheten wie zwei +Gewitter gegeneinander. -- Itzt hörte sie Adalberts Gang, er ging durch +die Säle, den Altan vorüber, sie wollte seinen Namen ausrufen, aber kein +Ton stand ihr zu Gebot. + +Als er vorüber war, rief sie laut: »Adalbert!« -- Aber er konnte diesen +Ruf nicht mehr vernehmen. Sie raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig +durch die Säle, bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in +welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftönte; sie rannte durch eine +verborgene Thür, eilte über die niedergelassene Zugbrücke nach dem +offenen Felde, wo ihr die Sterne bleich und erschrocken über ihrem +Haupte zu flimmern schienen. + +Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hügel nieder, und sah nach der +Burg zurück, die wie in Nebelwolken eingehüllt da lag. -- Das Schmettern +der Trompeten tönte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute Klang +über Berge und Wälder, gebrochen schmetterte der Widerhall am fernen +Felsen die Töne nach, die dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs +versanken. -- + +Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das Dunkel der Nacht, Schatten +flohen hin und her, Nacht und Helle kämpften mit einander, alle Schrecken +boten sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas Auge, die endlich +das Gesicht mit den Händen verdeckte. + +Das Geräusch des Kampfes kam ihr näher, Krieger flohen ihr dicht vorüber, +andre sanken verfolgt zu Boden, sie hörte das Röcheln der Todesangst und +schauderte noch stärker. + +Ein Ritter eilt daher, der Flüchtlinge verfolgt, sie springt auf und +stürzt athemlos in seine Arme! -- Es war Adalbert. -- + +»Adalbert! Adalbert!« ruft sie mit bebender Stimme und drückt sich fast +ohne Bewußtsein an seine Brust, -- »rette mich!« + +»Manfred siegt!« rief er wüthend aus, »aber ein guter Engel ließ mich +dich finden, meinen Muth zu stärken. -- Zurück in den Kampf! -- Ha! die +Meutrer! -- die Burg brennt!« + +Er ließ sie sanft nieder, und stürzte wild hinweg. + +Emma schloß die Augen, denn sie hörte noch immer die schrecklichen +Worte: die Burg brennt! -- Endlich blickte sie matt und schüchtern +auf, -- welcher Anblick! -- Kühn wälzte sich eine Flamme aus der Burg +himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majestätisch hin und her, +und übersah mit kühnem Blicke die ganze Gegend. -- Der Burggraben glühte +im Widerschein, alle Wälder und Berge wankten hin und her im zitternden +Flammenglanze, große Funken flogen Sternen ähnlich durch die Nacht, und +sanken neben Emma im feuchten Grase verlöschend nieder! -- + +Im Schein sah sie die Kämpfenden gegeneinander wüthen, Arme gegen +Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; Schwerter glänzten wie fernes +Wetterleuchten durch die Nacht, Trompeten und Hörner hallten wie Donner. +-- Ihre Augen schlossen sich müde und geblendet. + +Sie öffnete sie nur mühsam nach langer Zeit, die Flamme war zurück +gesunken, das Geräusch des Kampfes war verschwunden, die gräßlichste +Stille lag schwer und drückend über der ganzen Natur. -- Zweifel +schüttelten itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewißheit trat +an die Stelle des vorigen Entsetzens. -- »Gott!« rief sie lautseufzend, +und im Ton der Verzweiflung. + +»Emma!« seufzte es leise aus einem nahen Gebüsche mit dem ächzenden +Tone eines Sterbenden. Emma bebte auf. Es rasselte im Laube. -- »Mein +Vater!« rief sie aus, und stürzte in die Arme Friedrichs, der verwundet +hieher geflohen und niedergesunken war. -- + +»Wüthet noch die Flamme in der Burg meiner Väter?« fragte er mit schwacher +Stimme. + +»Nein!« sprach Emma, »die Flamme ist gelöscht.« + +»Nun Gott sei Dank!« antwortete Friedrich und erhob sich. + +Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fühlte sie das Blut des Greises +über ihre Hand fließen. + +»Himmel!« rief sie aus, »mein Vater, Ihr blutet!« -- Schnell zerriß +sie ihren Schleier und verband die Wunde so sorgfältig, als es die +Finsterniß der Nacht erlaubte. Friedrich küßte sie und drückte sie stumm +an seine Brust. -- »O, ich bin glücklich!« sprach er endlich, »da ich +dich wieder gefunden habe; mag Manfred doch in meinen Burgen wüthen, +wenn du nur mein bleibst; mag das Feuer meine Schätze verzehren, wenn +ich dich nur noch an meine Brust drücken kann. -- Ich bin nicht +unglücklich!« -- + +Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken säumten sich mit sanftem +Roth, ein kalter Morgenwind wehte, die Gegend trat nach und nach aus +der Nacht hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich das +Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender Fittig umarmte den +östlichen Horizont. + +Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fühlte sich stärker, als er +aus der Ferne über einen Berg einen Trupp Reiter auf sich zusprengen +sahe; Adalbert war an ihrer Spitze. + +»Sieg! Sieg!« frohlockte die jauchzende Schaar; »Sieg!« hallte das Thal +mit seinen Felsen wieder; »Sieg!« sprach Emma freudig nach; eine Thräne +der Freude stürzte schnell aus ihrem Auge, und eine schöne Röthe überflog +ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob sich schnell bei dem Worte, und sah +wieder so kühn umher, als er es sonst gewohnt war. + +Adalbert stieg von seinem Rosse. »Manfred ist geschlagen!« sprach er, +»nur wenige von seiner Rotte sind meinem strafenden Schwerte entronnen.« +Friedrich eilte ihm entgegen, und schloß ihn herzlich in seine Arme. +»Sei mir willkommen!« rief er ihm entgegen, »willkommen, mein geliebter +Sohn!« + +»Euer Sohn?« sprach Adalbert froh auffahrend; er blickte schüchtern auf +Emma, die bei diesem Blicke erröthete. + +»Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich,« sprach Friedrich, »verdank ich dir +nicht alles? -- Sage, wie kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem +Ritterworte! alles was meine Ehre erlaubt sei dein.« + +Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte er den Namen Emma +aussprechen, als er das Auge noch einmal zu ihr wandte. -- Sie schlug +schüchtern die Augen nieder, und schüchtern stammelten nun Adalberts +Lippen statt _Emma_ -- »das _Ritterschwert_.« -- + +Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf. + + * * * * * + +Manfreds Schaar war gänzlich zerstreut, und die Ordnung in Friedrichs +Burg wieder hergestellt. Das Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur +wenigen Schaden thun können, und obgleich viele von Friedrichs Kriegern +gefallen und verwundet waren, konnte dieser doch dem Glück und Adalbert +Dank sagen, daß er den verrätherischen Überfall nicht theurer hatte +bezahlen müssen. + +Konrad von Burgfels verließ Friedrichs Veste, um die seinige zu +besuchen, der nächtliche Überfall hatte ihn besorgt gemacht; er reiste +mit dem Versprechen ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder +einzukehren. + +Unmuthig ging indeß Adalbert im Schloßgarten auf und ab, denn sein +Gedächtniß wiederholte ihm alle Vorfälle dieser Nacht mit den kleinsten +Umständen. -- »Adalbert!« rief er endlich aus, »was hast du gethan? --« +Unbesonnen hast du den großen Augenblick deines Lebens verscherzt, in +welchem die Waage deines Glücks im Gleichgewichte stand; -- kam es nicht +bloß auf dich an, glücklich zu seyn? -- Ein Wort aus meinem Munde, und +sie war mein, ewig mein! -- Dein? Ist das so gewiß? -- Welcher Sterbliche +wagt es, so frech das ganze Glück seines Lebens einem einzigen Hauche +anzuvertrauen? -- Hätte mir nun das _Nein_ wie meine Sterbeglocke +fürchterlich aus seinem Munde getönt, Adalbert, wie dann? -- Itzt bleibt +dir doch noch die tröstende Hoffnung. -- Aber hoffen, und ewig nur hoffen, +indeß sich meine Kraft aufzehrt, und das Ziel meines Glücks immer weiter +aus meinen Augen gerückt wird. -- Hoffnung! dieser ärmliche Ersatz für +Genuß, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns freundlich winkt und +uns so in unser Grab lockt, -- lieber Gewißheit des Unglücks als dieses +peinliche Schwanken zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als in +jedem Augenblick den Tod fürchten. Und muß ich nicht doch irgend einmal +mein ganzes Glück einer Frage anvertrauen? -- Ja! es sei gewagt, noch +heut muß sich mein Schicksal entscheiden, -- und was wag' ich denn +dabei? + +»Was?« fuhr er seufzend nach einer Pause fort, »die ganze Seligkeit +dieses Lebens. Wie wird die ganze Welt verdorren, wie werden alle meine +Freuden hinwelken, wenn der verdammende Urtheilsspruch mir tönt! -- Aber +sei's! der hat noch dem Glücke keine Krone abgewonnen, der nicht mit ihm +zu würfeln wagte, -- mag das Spiel um Tod und Leben gehn! -- was ist mir +ein _solches_ Leben? der Tod sei mir willkommen! -- + +»O daß ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre werden ihn mir nicht +wieder anbieten, er nannte mich Sohn -- Wird er mich je wieder so +nennen? -- Kenne ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schätze +ist? + +»Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt nicht Ritter so wie +er? -- Itzt sind wir uns gleich, und die vorige glückliche Nacht hat +mich noch über ihn gestellt. + +»Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben auf? Wer erzog dich? +Wem dankst du _dein_ Leben? -- O, ich fühl' es! dieser Kampf meiner +Seele wird nie enden.« + +So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging heftig auf und ab, +bald stand er plötzlich still und heftete den Blick auf den Boden, dann +ging er langsamer, stand wieder still, bis er erschrocken wieder +auffuhr, und noch schneller auf- und niederging. + +»Wir sind ja Beide _Menschen_!« sprach er endlich langsam und beruhigt, +»es betrifft das Glück meines Lebens, und auch er soll dadurch glücklich +werden; ich will der zärtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schützen, sein +pflegen, es soll ihn gewiß nicht reuen. Er findet keinen Eidam, der seine +Emma so lieben, so glücklich machen würde, als ich, das fühl' ich, und +ihr Glück, hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.« + +So ausgerüstet ging er itzt muthig in Friedrichs Gemach. Die Sonne war +schon untergegangen, und der Ritter saß still und gedankenvoll in seinem +Zimmer. + +Adalbert fühlte sein Herz heftig klopfen, als er die Thür öffnete, die +Brust ward ihm zu enge, er war mit dem Ritter so vertraut, und doch war +es ihm als wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen. + +»Willkommen, Adalbert!« rief ihm Friedrich entgegen, »gut daß du kömmst, +ich wollte dich schon rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander +getrunken, und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl nicht das +letztemal sein, daß mir mit einander trinken?« + +»Das letztemal?« fragte Adalbert und eine glühende Hitze überflog ihn; +er war itzt fest entschlossen, kein Wort zu sagen. + +_Friedrich._ Setze dich zu mir, Adalbert! wir wollen uns heut wohl sein +lassen, du hast gekämpft, dafür mußt du ruhen. + +Buben brachten Wein, der Alte goß die Becher voll, und Beide tranken. +Adalbert nachdenkend und traurig, fast ohne zu wissen, daß er trank, +Friedrich desto fröhlicher. + +_Friedrich._ Du bist nicht munter, Adalbert! du trinkst ja warlich wie +ein Mädchen. -- Was ist dir? + +_Adalbert._ Nichts. -- Er sahe starr vor sich hin, indem er mit Wollen +und Nichtwollen kämpfte. Itzt riß er sich gewaltsam aus seiner +Träumerei, glaubte falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell +und zerstreut hinzu: O ja! + +_Friedrich._ Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst bist du ein fröhlicher +Gesellschafter, man verkennt dich heute ganz. + +_Adalbert._ Heut? + +_Friedrich._ Am ersten Tage deines Lebens? + +_Adalbert._ Ich bin unzufrieden, -- eine peinigende Reue verscheucht +allen Frohsinn. + +_Friedrich._ Reue? worüber? + +_Adalbert._ Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin unzufrieden mit dem +heutigen Morgen. + +_Friedrich._ Wie? -- Wäre es nicht dein heißester Wunsch gewesen, in den +Orden der Ritterschaft zu treten? + +_Adalbert._ Nicht mein heißester, -- meine Zunge sprach es wider meinen +Willen, -- ich hätte Euch -- um _Emma_ bitten sollen! -- + +Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und schmerzlich fühlte +er itzt sein Herz schlagen, das Wamms ward ihm zu enge; er wollte nach +einem Becher greifen um seine glühende Röthe zu verbergen, aber der +Becher fiel aus seiner zitternden Hand. + +Eine lange tiefe Stille. Adalbert hörte seinen heißen Athem wehen und +zwängte ihn in seine Brust zurück, er wünschte sich itzt in das Geräusch +einer Schlacht, mitten unter die Stürme einer Gewitternacht. + +»Adalbert!« sagte Friedrich, und Adalbert schrak zusammen, als hätte ihn +der Blitz getroffen. + +»Adalbert!« fuhr Friedrich fort, »du bist undankbar, -- du bist mein +Freund, bist du damit nicht zufrieden? + +_Adalbert._ Nein, edler Ritter! ich will, ich muß Euer Sohn werden. -- + +Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich zürnte nicht, er +hatte ihn angeredet, wie ein gütiger Vater seinen Sohn anredet. So tief +vorher sein Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor. + +»Du mußt?« sagte Friedrich, »wärst du boshaft genug, mir eine schwarze +Mauer vor die schönste Aussicht hinzustellen? -- Nein, Adalbert! +-- _diese_ Bitte muß ich dir abschlagen.« + +»Abschlagen?« sprach Adalbert ganz leise nach, als wenn er sich +fürchtete, dieß Wort noch einmal zu hören. -- Aber die Bahn war +gebrochen, er war in einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte, +daher behielt er Muth genug zu fragen: »aus welcher Ursach?« + +_Friedrich._ Meine schönsten Träume waren von jeher, daß meine Tochter +einem Ritter vermählt würde von edler und berühmter Abkunft, -- die fehlt +dir; ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine Freude, -- sie +erbt von mir Burgen und Schätze, diese muß mein Eidam auch besitzen, -- du +hast diese nicht. -- Du kannst mein Freund sein, aber nicht mein Sohn. + +_Adalbert._ Ritter! um Gottes willen, widerruft was Ihr da gesagt habt! +-- Ruhm und Schätze verlangt Ihr? wie nichtswürdig ist beides in den +Armen der Liebe! -- Vater! Emma an meine Seite, und Ihr sollt in einem +Himmel leben, Ihr sollt ungern diese Erde verlassen! -- Können Euch Ruhm +und Schätze Glück bezahlen? Wiegen Goldstücke die Thränen Eurer Tochter +auf? -- Ich muß verzweifeln, wenn Ihr nicht widerruft! + +_Friedrich._ Adalbert! + +_Adalbert._ Wird Euch nach meinem Tode auf dieser Stelle nie der Name +Adalbert einfallen? -- O Friedrich! Friedrich! + +Er stürzte kraftlos nieder und umarmte heftig die Kniee des Ritters. +-- Friedrich beugte sich gerührt über ihn und hob ihn auf. »Unglücklicher!« +sagte er, »Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines Sohnes.« + +_Adalbert._ O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet Euer Versprechen -- + +»Halt!« rief Friedrich und stand wüthend auf, »Bösewicht! mein Ritterwort +brechen! -- Bei Gott! dann mag der Henker mein Wappen zertrümmern, und +den Namen Mannstein an eine Schandsäule schreiben! Geh Verworfner! -- Geh! +du entehrst das Schwert an deiner Seite. + +Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert stand stumm und +unbeweglich vor ihm, ohne alle Zeichen des Lebens. + +»Von itzt an,« sprach Friedrich, »halte ich dich jeder Schandthat fähig; +du verlässest morgen meine Burg, ich lasse dir ein Roß zäumen; bei meiner +Ritterehre! ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher Bube könnte +Emma entehren, und Konrad von Burgfels ermorden.« + +Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thüre des Zimmers stand er still, +seine Kniee wankten, seine Hände zitterten, so nahte er sich dem Ritter +und sagte halblächelnd: »Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal mit +einander getrunken.« + +Mit einer schweren Thräne sprach er die Worte »_zum letztenmale_« aus. +Dann verließ er schnell und stumm das Gemach. + +Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf die Thräne Adalberts, +die brennend auf seine Hand gefallen war, er selbst konnte eine andre +nicht in sein Auge zurückzwängen, sie rollte langsam über seine Wange. + +Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die Thräne Adalberts, um es +zu vergessen, daß ein Mann hier geweint habe. + +Er hätte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute die Hitze, in +welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig behandelt hatte, -- aber +die Stunde war vorüber, die schrecklichen Worte waren gesprochen. + +Betäubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das Loos ist gefallen! rief er +wild und warf sich in einen Sessel; ich habe verloren, setzte er dann +mit schrecklicher Kälte hinzu, -- wie konnte ich auch auf einen Gewinn +rechnen? -- Dann ging er lange heftig auf und ab, öffnete stumm das +Fenster und schaute mit starrendem Auge in die monderhellte Gegend. + +Es war eine schöne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich +entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch +dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein +ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und +Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grün gekleidet, auf +jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flämmchen zu brennen und durch +die Nacht zu leuchten. Durch die verschränkten Zweige schlüpfte der +Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grünen Rasen; +die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und +unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken ähnlich, die in +den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwärts schweben; ihre weißen +Stämme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg +erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus +dem Busche ihr entzückendes Lied, Feuerwürmchen schwebten wie kleine +Sterne durch die Nacht und spielten fröhlich im weißen Strahl des +Mondes. + +Die kalte Verzweiflung Adalberts lößte sich bald in die Thränen der +Wehmuth auf. -- Wenn er jetzt den Tönen der Nachtigall folgte, wenn sein +Blick durch den glänzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze +heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. -- Wie könnte Unglück diese +schöne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das +angenehme Gefühl, wenn er aus diesem Traum erwachen würde. + +Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des +Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma, +bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem +Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der +mondbeglänzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten, +dann sah' er sich selbst, wie er für sie kämpfte und siegte, -- sie +reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz floß in einen glühenden +Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wölkchen, +bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand. + +So schwärmte sein Geist in den süßesten Träumen umher, der Zorn Friedrichs +lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in +seiner Seele und stellten sich lächelnd vor jede traurige Erinnerung, +-- als nach und nach der Mond erblich und über die fernen Hügel das +erste graue Licht des Tages zitterte. + +Plötzlich war der schöne Schleier zerrissen, der seine Schläfe so sanft +umfing, alle Täuschungen der Phantasie sanken plötzlich unter. Die +Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in +der Natur -- und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem +Tage kehrten alle Gefühle des Schmerzes in seine Seele zurück. Alle +Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der +kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche Überzeugung zu: Du bist +unglücklich! + +Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, -- dachte er jetzt, +-- ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen +war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! -- jetzt +wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen +die dürre Hand entgegenstrecken. -- Ach, Emma! wirst du mich vergessen? +-- O noch einmal wünsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer +Treue zu erinnern. -- Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schläft +vielleicht noch und ahnet nicht, daß sie meinen Abschied auf ewig +verschläft. -- Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde +ein süßes: Lebewohl! mitzunehmen? + +Er verzögerte seine Abreise, er hoffte noch immer, daß sie bei seinem +Zimmer vorbeirauschen würde, wie sie oft am Morgen that; er horchte +aufmerksam auf jeden Zug des Windes. -- Schon hundertmal hatte er die +Thür geöffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurück; es +fiel ihm jedesmal ein, daß er auf _ewig_ Abschied nehme, daß er, wenn +er aus der Thür getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe, +ohne sie wiederzusehen. -- Eine Stunde nach der andern eilte hinweg, +sie kam nicht, -- da stieg die Sonne düster hinter schwarzen Wolken +empor -- wüthend öffnete er die Thür, schlug sie heftig zu und ging. + + * * * * * + +Adalberts Sinne waren verschlossen, er verließ die Burg wie ein +Träumender. _Kurd_, ein Diener Friedrichs, kam ihm mit einem Pferde im +Hofe entgegen und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert +wies ihn mit bitterm Hohn zurück: Friedrichs Rosse sind zu edel für den +Knappen Adalbert, ich bin kein Bettler, um ein Geschenk von ihm +anzunehmen. + +Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, sein Blick haftete brennend +auf der Stelle, wo er sie sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als +müßte er sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. Schon +kehrte er sich ungewiß wieder nach der Burg um, als ihm sein treuer +Jagdhund entgegen kam und wedelnd zu ihm hinaufsprang. -- Halb wider +seinen Willen stieß er ihn zornig mit dem Fuße zurück. Der Hund legte +sich traurig und schmeichelnd nieder und blickte bittend zu seinem Herrn +empor. -- Kann die Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief +er aus; ja du treuer Gefährte, du sollst mich auf meiner Pilgerschaft +begleiten; ich will ein Wesen neben mir haben, dem ich traurig in's Auge +sehen kann, du sollst meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du +bist kein _Mensch_! + +Etwas leichter ging er über die Zugbrücke durch das äußere Thor. +Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll und schweigend nach der +Burg zurück. Der Himmel hing düster und schwarz über der Gegend, ein +kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen des Burggrabens +plätscherten schwermüthig gegen die Mauer und sonderbar traurig tönte +aus den Regenwolken der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehmüthigem +Vergnügen suchte Adalbert die Plätze auf, wo er als Knabe mit dem alten +Wilibald gespielt, wo Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo +er mit der kleinen Emma so oft herumgeschwärmt war, -- wie war das jetzt +alles so verändert! damals schien die Sonne so heiter, die Zukunft lag +wie ein goldner Maihimmel ausgespannt vor ihm, -- und jetzt! -- Er +dachte an Emma's Ahnungen, schwermüthig sah er nach jenem verdorrten +Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines Lebens. + +Einige Landleute zogen am gegenüberliegenden Berge zu ihrer Arbeit +hinauf. Die Stiere keuchten unter dem drückenden Joch, und schleppten +den heiserknarrenden Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief +Adalbert aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen einher, jeder +Morgen röthet sich zur Arbeit; unglückliche Menschen! die bloß heute +leben, um morgen eben so wie heut für einen andern Tag zu sorgen, die +das unerbittliche Schicksal fest hält, dieses langweilige Spiel zu +spielen. + +Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer Waldecke plötzlich +still, denn er erinnerte sich, daß man von hier aus die Gegend der Burg +zum letztenmale sähe. Er blickte noch einmal mit der wehmüthigsten +Empfindung zurück, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend schienen ihm +jetzt gestorben und hundert wohlbekannte Bäume und Felsen standen wie +Leichensteine auf ihren Gräbern. Nach langem Hinstarren wandte er sich +und ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden, der +Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang vorgezogen. + +Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der Menschen, er bahnte +sich Wege durch einsame Wälder und wildes Obst und Waldwurzeln mußten +seinen Hunger befriedigen. Er wollte niemanden Dank schuldig sein. Der +Unglückliche glaubt sich so gern von der ganzen Menschheit gehaßt, er +findet Trost in diesem Wahn und in der Freude die ganze Menschheit zu +verachten. Diese Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste +mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu vermissen. + +Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen gebrochen durch +das grüne Dunkel und flimmerten sterbend auf den Wellen eines kleinen +rieselnden Bachs. Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte +an die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem grünen Bande Emma's, +das an seinem Arme flatterte. -- Ha! du willst zu ihr zurück! rief er +aus. -- Nein, du mußt bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der +Hoffnung. Wo die Blume der Hoffnung welkt, da sproßt der Schierling +der Verzweiflung. Du bist das _letzte_, das _einzige_, was mir von +Emma übrig blieb; wenn ich dich verliere, worauf kann ich _dann_ noch +rechnen? -- Die erste Thräne seit seiner Verbannung fiel auf das grüne +Band. -- Unglückliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepreßter Stimme fort. +-- Nur auf Thränen soll ich rechnen? Thränen sollen meine ganze Erndte +sein. -- Er trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie +hingefallen war. -- Emma! rief er plötzlich aus, -- die Farbe der +Hoffnung schwindet! -- Wenn du mich je vergessen könntest! + +Er lehnte sich an eine Birke, die über ihm säuselte; die einförmige +Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig in einen leichten Schlummer, aus +welchem ihn das Klirren von Schwertern wieder weckte. -- Das graue Licht +des Abends flatterte ungewiß um die Wipfel der Bäume und furchtbar tönte +das Waffengeräusch durch die Einsamkeit. + +Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem Schalle folgte. Ein +kleiner Fußsteig führte ihn auf einen freien Platz des Waldes, wo er +drei Männer gegen einen Ritter kämpfen sah, der unerschrocken und kalt +mit einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er stürzte hervor +und schlug den nächsten Räuber mit aufgehabenem Schwerte nieder; in +eben dem Augenblicke fiel der zweite von der Hand des fremden Ritters, +zitternd warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die Nacht +des Waldes. + +Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann, indem er +Adalberts Hand herzlich schüttelte; seid mir willkommen! Euch verdank' +ich mein Leben! + +_Dafür_ will ich Euch den Dank erlassen, antwortete Adalbert +bitterlächelnd. + +Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? -- fragte der Fremde, -- daß das +Leben seinen Werth bei dir verloren hat? + +_Adalbert._ Verschont einen Unglücklichen; ihn um sein Unglück fragen, +heißt ihm einen Schlag auf seine frische Wunde geben. + +Der Fremde erhob das Visier des Räubers, den Adalbert erlegt hatte. +-- Ha! _Manfred_! rief er aus. + +Manfred? schrie Adalbert. -- Ja, bei Gott! Mußtest du mir hier deine +Schuld bezahlen? -- Nun wirst du nicht mehr die Veste Friedrichs berennen +wollen. -- + +Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde, begleitet mich zu meiner +Burg, ich bin der Ritter _von Löwenau_, wenn euch mein Name nicht +unbekannt sein sollte. + +Sie gingen. -- Ich kenne ihn, begann Adalbert, der schändliche Manfred +hatte während Eures Aufenthalts in Palästina eure Ländereien in Besitz +genommen. + +Ja, und als er vernahm, daß ich zurückgekehrt sei, legte er sich mit +seinen Gesellen in das Dickicht dieses Gebüsches, weil er wußte, daß +mich meine Straße hindurchführte. Wir sind meiner Veste nahe, ich +schickte daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg fort. +Ich ward überfallen und wäre ohne Euren tapfern Beistand verloren +gewesen. + +Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag vor ihnen. Adalbert +wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm von Löwenau. + +Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Glücklichen sehe, antwortete +Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit eure Freude stören? + +_Löwenau._ Bist du ein Verbrecher? -- Er ließ seine Hand fahren. + +_Adalbert._ Nein, dem Himmel sei Dank! + +_Löwenau._ Und willst doch der Verbrecher Schicksal theilen? Willst dich +wie ein Vatermörder in Wälder und dunkle Hölen verkriechen? Willst den +Anblick der Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die +Folter spannt? -- Der Unglückliche darf kühn emporblicken, die Schläge +des Verhängnisses geben ihm ein Recht, allenthalben Liebe zu fordern. +-- Zögre nicht, wenn ich dich für einen braven Rittersmann halten +soll. -- + +Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, für einen Frevler zu +gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu folgen. + + * * * * * + +In der Burg setzten sich beide an den Tisch und Löwenau beobachtete +seinen Gast genau. + +Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt war, ich habe dir viel +zu danken, du scheinst ein edler Mann zu sein, nimm meine Freundschaft, +meine Brudertreue an, und sage mir, kann ich etwas von meiner großen +Schuld abtragen, kann ich dir helfen? + +_Adalbert._ Du mir? -- O Wilhelm, was kann menschliche Hülfe dem nützen, +auf dem das Schicksal zürnt? + +_Löwenau._ Das Schicksal? -- Daß der Unglückliche doch so gern so stolz +ist sich von der Gottheit verfolgt zu glauben! -- Sei aufrichtig gegen +deinen Freund. -- Vielen ging dadurch alle Hülfe verloren, daß sie +sich dem Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: ich +bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen gar über ihr +Schicksal, da sie doch selbst die Zügel ihres Lebens in den Händen +halten. Glaube meiner Überzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal, +wir müssen nur nicht unthätig die Zügel fahren lassen, und sie voll +Trägheit einer fremden Macht übergeben wollen. -- Noch immer so stumm? + +Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist ein edler Mann, +du denkst nicht wie die meisten Menschen, und darum will ich mich dir +vertrauen, ob ich gleich vorher weiß, daß du mir nicht helfen kannst. +-- Er erzählte ihm die Geschichte seines Unglücks und schloß mit diesen +Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die Liebe gemacht, durch sie bin +ich verwaist und ohne Vaterland. Die Freude hat für mich ihre Thür auf +ewig verschlossen; was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir dehnt +sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist für mich todt und ich +bin der Welt gestorben, sie ist mir ein öder Strand, an den mich ein +unglücklicher Schiffbruch warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem +Sturme übrig blieb, -- ist das Grab, und diese Hoffnung kann mir, dem +Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, diese Zuflucht ist dem +Unglücklichen gesichert. + +_Löwenau._ Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter, wie du, so +unumschränkt von der Liebe beherrschen lassen? + +_Adalbert._ O Ritter, nimm mir meine Liebe und du nimmst mir alles, +was nicht an mir verächtlich ist. -- Nur sie rief mich zur Tapferkeit, +zur Menschlichkeit, in diesem reinen Feuer wurden alle meine Gefühle +geläutert, und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der Liebe. +Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte erborgte Schimmer von +dem Abendgewölk. Mit meiner Liebe stirbt alles in mir, was Mensch heißt. + +_Löwenau._ Ich will dir glauben, denn ich habe noch nie geliebt, seit +meiner Kindheit leb' ich im Geräusch der Waffen; ein schönes Pferd war +für mich das Meisterstück der Natur, und ich verstand die Schönheit nur +an Harnischen zu bewundern, -- und du glaubst gewiß, daß es für dich in +dieser Welt kein andres Glück als die Liebe giebt. -- + +_Adalbert._ Keines! versagte mir die Liebe ihren Kranz, so sind für mich +alle Blumen in der Natur gestorben. + +_Löwenau._ Und Emma ist das einzige Mädchen, das du je lieben kannst? + +_Adalbert._ Ich würde mir selbst verächtlich sein, wenn ich sie nicht +mehr lieben könnte. + +_Löwenau._ Sie muß sehr schön sein. -- Adalbert, ich will dir einen +Vorschlag thun, den du aber nicht zurückweisen mußt. Schon während +deiner Erzählung faßte ich einen Gedanken, der gewiß, so sonderbar er +ist, auszuführen wäre. -- Doch noch vorher ein Wort. -- Du nanntest mir +in deiner Erzählung den Namen Konrad von Burgfels; ich kann dir gewisse +Nachricht geben, daß er in Palästina geblieben ist. Er fiel im Kampf an +meiner Seite. Wie, wenn du jetzt, da dieses Hinderniß aus dem Wege +geräumt ist, zu Friedrich von Mannstein gingest, und von neuem um seine +Tochter anhieltest? + +_Adalbert._ Um von neuem schimpflich zurückgewiesen zu werden? -- Mein +Stolz verbietet es, Emma auf diesem Wege zu suchen. -- Deinen andern +Vorschlag, er mag so sonderbar sein, als er will. -- + +_Löwenau._ Nun so will ich dir meinen ganzen Entwurf mittheilen, aber du +mußt mich nicht unterbrechen, ehe ich geendigt habe. -- Du bleibst hier auf +meiner Burg und lebst in einiger Verborgenheit. -- Ich will zu Friedrich +von Mannstein reisen und um seine Tochter anhalten; er schlägt sie mir +gewiß nicht ab, denn er kennt mich als einen der reichsten Ritter dieses +Landes, auch ist mein Name in Schlachten nicht ganz unberühmt -- Auf +meine Ritterehre! auf meine Brudertreue! ich reise dann mit ihr hieher, +wie ich sie aus der Hand ihres Vaters empfange; du bewohnst mit ihr dann +diese Veste, oder eine andre, sie ist heimlich bis zum Tod ihres Vaters +deine rechtmäßige Gemalin, nachher magst du sie auch öffentlich dafür +erkennen. -- Wende mir nichts ein, zu viel kann ich für dich nie thun. +-- Ich weiß, tausend Freunde an meiner Stelle würden nicht so handeln, +und hundert Liebhaber würden sich bedenken, ihre Einwilligung zu geben; +aber wenn du sie so liebst, wie du sagst, wenn Emma dich wirklich wieder +liebt, so müßt ihr beide meinem sonderbaren Entwurf keine Bedenklichkeiten +in den Weg legen, Ängstlichkeit darf kein Menschenglück verhindern. -- + +_Adalbert._ O wie soll ich dir danken? -- Er umarmte ihn rasch und drückte +ihn heftig an seine klopfende Brust. -- Bruder, du bezahlst, wie man +einem Bettler eine Wohlthat vergilt. -- Wie wenig ist ein Leben ohne +Liebe gegen die Krönung der feurigsten Wünsche? + +_Löwenau._ Du traust doch meiner Redlichkeit? + +_Adalbert._ Verdiente ich sonst wohl den Namen deines Freundes? + +_Löwenau._ Auch keiner meiner Blicke soll sich feurig zu deiner Emma +verirren. + +Beide waren so munter, daß sie sich nicht schlafen legen mochten; sie +tranken die Nacht hindurch und überdachten noch mehr ihren Entwurf. +Adalbert lächelte wieder und Löwenau versprach alles für seinen Freund +zu unternehmen. + +Als die Morgenröthe durch die Bogenfenster dämmerte, ließ sich Wilhelm +ein Roß satteln, und sprengte davon. Adalbert sahe ihm lange nach, bis +der Ritter mit seinem Knappen in einen Wald verschwand. + + * * * * * + +Der Liebende, der noch gestern das Schicksal anklagte, und sich den +Unglücklichsten aller Sterblichen nannte, eilte froh so in die Burg +zurück, als wenn sein Glück schon entschieden wäre. Er sahe wieder die +Möglichkeit, glücklich zu werden, und eine kühne Hoffnung riß ihn um so +höher wieder empor, je tiefer ihn vorher das Unglück gestürzt hatte. Er +athmete wieder frei und unbesorgt, und dachte an den morgenden Tag mit +eben der Unbefangenheit, mit der ein Knabe an ihn denkt, der vom Spiele +auszuruhen kömmt. + +Er ging durch die Burg, um sich mit allen Zimmern bekannt zu machen, er +dachte sich schon Emma in die Säle, setzte sich in einen Sessel, und +träumte sich Emma in den neben ihm stehenden. In jedem Gemälde suchte er +mühsam die Züge zusammen, die auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit +dem Gesicht seiner Emma hatten. Nur selten und schwach stieg der Zweifel +an der glückliche Ausführung des Entwurfs seines Freundes in seiner +Seele auf; er schien so unbesorgt, als wenn er mit dem Schicksal einen +Vertrag geschlossen hätte. + +Die Welt trat wieder aus dem Schatten hervor, die Natur blühte für ihn +von neuem, ein neuer Frühling sank aus dem Morgenhimmel der Hoffnung +nieder, und goß um jede Pflanze einen goldenen Schimmer; tausend schöne +Träume tanzten um ihn her und reichten ihm ihren Nektarbecher; alle +seine Sinne waren dem Gefühl der Freude aufgeschlossen. + +Wie ein Genesender die Rückkehr seiner Kräfte fühlt, wie ein sanfter +Purpur wieder über die bleichen Wangen schleicht, in den erstorbenen +Augen das erste Feuer zuckt, so fühlte sich Adalbert jetzt wieder mit +der Welt, mit allen Menschen ausgesöhnt; er empfand, daß er itzt Niemand +hasse, oder auch nur hassen könne; in jedem Wesen ahnete er den Geist +der Liebe, er hätte die ganze Natur an sein Herz drücken mögen. + +So schwelgte er in den Armen der Hoffnung, er verlebte an dem Busen der +holden Betrügerin Stunden, die unendlich mehr Freuden gewähren, als die +Stunden des Genusses. -- Der Knabe steht vor einer grünen Anhöhe, die ein +goldnes Morgenroth beglänzt, durch die grünen Büsche funkelt freundlich +der Flammenschein; er ersteigt den Berg, in die bezaubernde Gegend zu +kommen, -- aber die Sonne ist indeß heraufgekommen, der lockende Schimmer +verschwunden. + +Adalbert wäre auch ohne Emma nie unglücklich gewesen, wenn er nur immer +so hätte hoffen können. + + * * * * * + +Friedrich von Mannstein hatte indeß in einer traurigen Einsamkeit gelebt. +An jenem Morgen schon, an welchem Adalbert die Burg verließ, war es sein +erster Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand wußte, +welchen Weg Adalbert genommen hatte. Emma war untröstlich, als sie seine +Abreise erfuhr. + +Sie hatte sich so an Adalbert gewöhnt, daß sie sich ohne ihn ihr Dasein +gar nicht denken konnte: er war der Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen, +sie hatte nur immer für ihn gelebt; seit sie gewünscht hatte, war er +das Ziel aller ihrer Wünsche, denn in der Einsamkeit erzogen, hatte sie +nie einen schönern Mann gesehen. -- Sie dachte sich alles zurück, was +sie mit Adalbert genossen und gelitten hatte, sie hatte so süß geträumt +und unbarmherzig hatte sie das Unglück aus allen goldnen Phantasien +gerissen, und vor ein wüstes Meer gestellt, in dem sich nichts als +schwarze Wolkengebilde spiegelten. -- Sie fiel nach und nach in eine +Art von Betäubung, aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur +Versöhnung mit der Welt ermannt. Bei dem Mädchen, deren jugendliche +Phantasie vor dem Bilde des Todes zurückschauderte, war das letzte der +Fall, so sehr sie auch anfangs dagegen kämpfen wollte; aber der Schmerz +hatte sie ermüdet, sie hatte das Maas der Traurigkeit erschöpft. Ihr +Gram ward gemäßigter und sie fing ihre weiblichen Arbeiten wieder an, +mit dem Vorsatz, ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar +flossen noch ihre Thränen sehr oft, wenn sie auf die Erinnerung Adalberts +geleitet ward, aber es waren nicht mehr die heißstürzenden Thränen, die +die Kinder des tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der +Leidende in der Natur nichts als sich und sein Unglück sieht; es waren +die Thränen der Wehmuth, die auch oft nach Jahren noch fließen. Als sie +zum erstenmal wieder lächelte, zürnte sie heftig auf sich selbst; das +zweitemal zürnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht wieder zu +lächeln, und nachher glaubte sie, man könne doch trauern, ohne im Äußern +die Zeichen der Traurigkeit anzunehmen. Friedrich schien den Kummer +seiner Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine Ursach mehr, die +sie bewegte, ihn zu unterdrücken. Hätte er von Adalbert gesprochen, +so hätte sie Muth gefaßt, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie hätte +einen Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. -- So +verwandelte sich Emma's Gram nach und nach in Wehmuth. So steigt die +Leidenschaft vom höchsten Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern +herab, bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma wehklagte +nicht mehr über den Verlust eines Geliebten, sie war nur noch wegen +eines abwesenden Freundes bekümmert. + +Sie fühlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr Vater; dieser war daher +am ersten Tage nicht so traurig, als an den folgenden. Sein Kummer nahm +fast in eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter sich +milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er an Adalbert verloren +habe. Ihm war ein Sohn abgestorben, und diesen vermißte er weit mehr, +als er je vorher würde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein, wenn +er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad von Burgfels hatte ihn +noch nicht wieder besucht. + +So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen, seit dem Tode der +Mutter Emma's war diese Gegend nicht so öde und still gewesen. Dieser +Einsamkeit überdrüssig, beschloß daher Friedrich ein kleines Fest +anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner Jugend und seines +männlichen Alters erinnerte. Er lud mehrere Ritter aus der Nachbarschaft +ein, ließ einen grünen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten, +und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen waren der Dank des Siegers, +Emma sollte ihn überreichen. + +Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels auf Friedrichs Veste, +aber stiller und verschlossener als je. -- Was ist dir, Konrad? fragte +Friedrich ihm entgegeneilend. -- Bist du krank? + +Wollte Gott, ich wär' es! antwortete Konrad. + +_Friedrich._ Was fehlt dir Freund? Dir ist ein Unglück begegnet. -- + +_Konrad._ Ach! Friedrich! -- siehst du, ich hatte wohl Recht; falle +nieder und danke, daß dir kein Sohn geboren ist, -- ich hatte Recht. + +_Friedrich._ Dein Sohn -- + +_Konrad._ Schläft in Palästina den eisernen Schlaf. -- Friedrich, nun +werden die Fahnen meiner Burg _ewig_ »Karl« rufen, und trauriger als je, +-- mein Geschlecht ist ausgestorben. -- Nun werde ich nicht mehr nach +jenen Berg hinblicken, denn _ihn_ werde ich nie heruntersprengen sehn +mit einer erbeuteten Fahne; -- mußte _er_ gerade fallen? -- Der einzige +Sohn, der einzige Trost eines alten Vaters? Mußte _ihn_ gerade der +schadenfrohe Tod erwürgen? -- Nun kann ich ihn nicht anders als in +meinen _Träumen_ sehn. + +_Friedrich._ Tröste dich. Wer kann wider den murren, der das Leben giebt +und nimmt? -- Laß ihn, wer als Jüngling stirbt, der hat nur das Schöne +dieser Welt genossen, alle ihre Leiden sind ihm vorübergegangen. Wie +viele Greise wünschen nicht, als Jünglinge gestorben zu sein. -- Zu viele +Klagen über seinen Tod ist Gotteslästerung. -- + +_Konrad._ Wie gut doch die Reichen immer über Ertragung der Armuth zu +predigen wissen! -- Du bist noch im Besitz deiner Schätze, du ersteigst +einen Hügel, auf dem die Aussicht umher immer schöner und schöner wird, +oben entschlummerst du vom Strahl eines schönen Abends beleuchtet in den +Armen deiner Kinder und Enkel; -- ich gehe den Berg hinab, einsam und +ohne Gefährten, in das enge schwarze Thal des Todes. + +_Friedrich._ Auch _ich_ habe einen Sohn verloren. + +_Konrad._ Du? + +_Friedrich._ Adalbert. -- Er erzählte ihm die Geschichte seiner +Verbannung. + +Friedrich, begann Konrad, als der Ritter geendigt hatte, -- rufe ihn +zurück, mache ihn durch Emma glücklich, mache dich selbst in der Freude +deiner Kinder glücklich. Ich habe nie so lebhaft gefühlt, _was_ das +eigentliche Glück des Lebens sei, als itzt, da ich keine Rechnung mehr +darauf machen darf. Ach! Freund, Ehre, Geburt, Schätze, -- betrügerische +Schatten die uns necken, indeß das wahre Glück mitleidig lächelnd hinter +unsern Rücken entflieht. -- Wie gern möcht' ich mir durch meine Burgen, +meine Ahnen, meinen Ruhm einen Sohn erkaufen können! unberühmt, arm und +ohne Ahnen würd' ich mich doch von der ganzen Welt beneidet glauben. +-- Friedrich, folge meinem Rathe. + +_Friedrich._ Wenn er hier wäre! -- Niemand weiß, wohin er sich gewandt +hat. -- + +Indeß waren die geladenen Ritter angelangt und Emma trat in ihrem +festlichen Schmucke zu ihnen. Sie schien sich selbst zu gefallen. + +Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben sich in +die Schranken und eine Menge Zuschauer aus der benachbarten Gegend +versammelte sich. Emma saß auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter +gingen zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad und +Friedrich, unwillig daß ihren Armen die Schwerter und Lanzen zu schwer +geworden. + +Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier nahm seinen Anfang, +als auf einem schwarzen muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den +Schranken näherte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen aller +Anwesenden auf sich -- Emma verglich ihn in Gedanken mit Adalbert, der +weniger groß, nicht diesen majestätischen Anstand hatte. Sie gestand +sich, der Fremde sei schöner als Adalbert und alle ihre Wünsche erflehten +ihm den Sieg. -- Konrad dachte an seinen Sohn und seufzte. + +Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer Leichtigkeit, welche +zeigte, daß ihm dieses Spiel nicht unbekannt sei. Er betrachtete Emma +genau, er hatte sie sich dem allgemeinen Rufe nach schöner gedacht, ja +eine vollkommene Schönheit erwartet; er fand sich sehr getäuscht; aber +doch zog ein unbeschreibliches Etwas ihres Gesichts seine Blicke stets +wieder nach ihr zurück, er fing an zu glauben, daß eine vollkommene +Schönheit für das Herz selten so gefährlich sei, als ein anziehender +Blick und ein Mund, um den Gram und Heiterkeit stets zu kämpfen scheinen. +-- Emma schlug einigemal die Augen nieder und erröthete. -- + +Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter ward einstimmig der Dank +zuerkannt, er kniete nieder und empfing ihn aus der zitternden Hand des +Fräuleins. -- Er öffnete sein Visir, es war _Wilhelm von Löwenau_. + +Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen Augen des Ritters und +sanken in eben dem Augenblick beschämt auf ihr Busentuch; sie fühlte, daß +in diesen Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch konnte +sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal aufzuschlagen, um den +Anblick der vollkommnen männlichen Schönheit zu genießen. Löwenau kniete +noch immer zu ihren Füßen und verschlang sie mit seinen Augen; das +Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich aus seinem süßen Rausch und +er erhob sich. + +Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch die übrigen Ritter +begrüßten ihn und man begab sich zur Tafel. + +Wilhelm von Löwenau saß als Sieger obenan und ihm gegenüber die +schüchterne Emma, die jeden Gedanken an Adalbert zu verbannen suchte. +-- Löwenau aß und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend. +Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte mit seinen Augen oft +lange auf ihr. -- Das Mahl war geendet, Emma ging in ihr Gemach und +man brachte den Rittern die Pokale. Löwenau stand auf und ging in den +Burggarten. + + * * * * * + +Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen Armen ging er hastig auf +und ab, als ob er einen verlornen wichtigen Gedanken wiedersuche. -- Er +stand still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem wehmüthigen +Blick nach den Fenstern der Burg hinauf, auf denen schon der sanfte +Schimmer des Abends zitterte. Emma stand von ohngefähr an ihrem Fenster +und ging wieder zurück, als sie den Ritter erblickte. + +War das nicht _Emma_? rief er aus. -- Warum klopft mein Herz ungestümer +bei dem Gedanken? -- Emma. -- Wie gleichgültig tönte mir noch gestern +dieser Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den Klang gemischt, +daß heut mein Blut ihm schneller hüpft? Ist dieß Liebe, Wilhelm? + +Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes, meines Erretters. +-- Es kann nicht Liebe sein. Liebe, sagt Adalbert, macht menschlicher, +wohlwollend gegen jedes Geschöpf, und ist mir doch, als ob ich den +Namen Adalbert haßte seit ich den Namen Emma liebe! -- Nein, es ist +nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck, den jeder neue Gegenstand +macht. -- Zuneigung? Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht über mich +gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der neben ihr saß? Wie +konnt' ich ihn beneiden, daß ihn der Saum ihres Kleides berühre? Warum +haßte ich jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was machte +mich glühend heiß, wenn ihr Auge auf mir verweilte? -- Freundschaft ist +dieß Gefühl nicht, wenn es nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! -- ist +es aber Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft +besiegt. + +Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen wäre. -- Als ob es schon +ausgemacht wäre, daß _ich sie_ liebte! -- Es kann, es darf nicht sein. +Ich will mich mit aller meiner Männlichkeit panzern; sie gehört Adalbert, +er liebt sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, -- ein Mann, ein +Ritter muß auf sein Versprechen halten und wenn er selbst darüber zu +Grunde ginge. + +Er eilte in die Burg zurück, und freute sich dieses Sieges. + + * * * * * + + +Emma hatte sich indeß einigemal wieder dem Fenster genähert, ohne von +Löwenau bemerkt zu werden. Sie konnte den schönen Mann nie ohne eine +gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging sehr bald in den Wunsch +über: wenn _dieser_ dich liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie +denn diesen Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen schlossen +mit der Frage: Du liebst ihn also? + +Sie erschrak nicht mehr über diese Frage, schon während der Mahlzeit +hatte sie sich an diesen Gedanken gewöhnt. -- Ganz leise fing ihr Herz +an diese Frage mit Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe +sie noch die Möglichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie erst zu dieser +Liebe nur noch ihre Einwilligung. Dieß war der erste Augenblick, in +welchem sie eine Art von Freude darüber empfand, daß Adalbert nicht +in der Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur noch ganz +schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung des gestrigen Abendmahls +beim majestätischen Aufgang der Sonne. Sie fühlte, daß sie ihren Adalbert +noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben könne, ja sie fing so +gar an, sich ihre Gefühle abzustreiten, er war wie sie jetzt glaubte, +nur ihr Freund gewesen. Durch die Erscheinung Löwenau's war überhaupt +auf sein Bild jener Schatten der Gleichgültigkeit zurückgeworfen, aus +dem die Liebe den geliebten Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht. +Alle Vollkommenheiten, die sie einst an Adalbert bewunderte, fand sie +ungleich vollkommner an Löwenau wieder und jener behielt am Ende nichts +als seine Fehler, die sie sonst immer zu seinen Vorzügen gerechnet hatte; +und da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen anklagt, so +glaubte sie darin, daß er nicht wenigstens Abschied von ihr genommen +habe, einen Beweis zu finden, daß auch er sie nie geliebt habe. -- In +dieser Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum ward sie +endlich Überzeugung. + +Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher, erhabner und niedriger; +den vorher gemeinen Menschen erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt +zum Gemeinen hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem Instrument +in andern Tönen lebt. Was Emma sonst immer mit Verachtung angesehn hatte, +schien ihr itzt wichtig; der geschmückte Löwenau gefiel ihr um ein großes +Theil mehr als er ihr ohne Schmuck würde gefallen haben, sie gestand +sich dieß Gefühl, und beschloß von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere +Aufmerksamkeit zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an Adalbert +darum etwas gleichgültiger an, weil er nur ihres Vaters _Knappe_ gewesen +war. + +Löwenau wollte eben durch den großen Gang in die Versammlung der Ritter +gehn, als Emma, vielleicht zufällig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie +ihn hatte zurückkommen sehn, aus dem Gemache trat. + +Ihr hier, Fräulein? rief Löwenau etwas hastig. + +Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten und in der Art, wie er +sie sprach, einigen Unwillen des Ritters zu entdecken, oder den Gedanken, +sie sei seinetwegen gekommen. -- Um in den Garten zu gehn, antwortete sie, +indem sie rasch vorbeihüpfen wollte. -- + +Ihr flieht mich? sprach der Ritter. + +Euch fliehen? Dann müßtet Ihr nicht der Ritter Löwenau sein. -- + +Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und der Schein des Abends +überflog mit freundlicher Röthe das Gesicht des Mädchens. -- + +Fräulein, -- fing der Ritter nach einigem Stillschweigen an, die Sonne +nimmt durch einen holdseligen Kuß von Euch Abschied, um Euch morgen +wieder mit einem Kusse zu wecken. -- Um Euer Antlitz zittert ein blasser +Flammenschein, man sollte Euch für eine Heilige halten. + +Daß Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich anzubeten, erwiederte +Emma schalkhaft. + +_Löwenau._ Und wenn ich nun in die Versuchung käme? -- Würdet Ihr mein +Gebet erhören, schöne Emma? -- + +_Emma._ Ich müßte erst wissen, um was Ihr mich bitten wolltet. -- Sie +sprach diese Worte leise und mit zitternder Stimme, denn sie fürchtete +und hoffte viel. + +So bitt' ich Euch, sprach Löwenau, nicht so schnell von mir in den +Garten zu eilen. + +Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit einem kleinen Unwillen +über ihre getäuschte Erwartung. -- + +_Löwenau._ Wenn Ihr so gütig seid, mein Fräulein, so werdet Ihr mich +leicht zu einem ungestümen Bitter machen. + +_Emma._ Was könntet Ihr noch mehr wünschen? -- + +_Löwenau._ Euch sehen und nicht wünschen? -- + +_Emma._ Ihr sprecht in Räthseln. + +_Löwenau._ Daß Euer Herz sie verstehen _wollte_! + +Emma sahe starr vor sich hin. Löwenau's Augen wurzelten auf ihrem +Antlitz, er zitterte, eine niegefühlte Empfindung bebte durch seinen +Körper, wie mit Ketten riß es ihn zu Emma hin, er umarmte sie plötzlich +und sprach mit leiser unterdrückter Stimme: Emma, ich liebe dich! -- + +Betäubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach nicht, eine von seinen +Händen lag in der ihrigen, sie drückte sie schweigend. + +Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum erwachend. -- Ein leises +flüsterndes »Ja,« nur der Liebe hörbar, flog ihm entgegen. + +Sein Gesicht sank auf das ihrige, er drückte einen brennenden zitternden +Kuß auf ihre Lippen, -- kein Gedanke, kein Gefühl, keine Erinnerung trat +vor seine Seele, als daß er _sie_ in seinen Armen halte; selbst daß sie +ihn liebe, hatte er vergessen. -- + +Emma erholte sich zuerst aus ihrer Betäubung, noch einen Kuß drückte sie +auf seine Lippen, und flohe dann zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich +athemlos auf einen Sessel niedersank, als würde sie von einem Ungeheuer +verfolgt. Löwenau starrte ihr nach, bis der letzte weiße Schimmer ihres +Gewandes verschwand; lange noch blieb sein Auge unbeweglich auf einen +Punkt geheftet, als wäre ihm ein Gespenst begegnet. + +Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch fröhlich bei den +Pokalen saßen; selbst Friedrich und Konrad hatten ihre verlornen Söhne +vergessen. + +Löwenau wandelte wie im Traum und beantwortete jede Frage nur +unvollständig. -- Friedrich glaubte, er sei von der Reise und vom +Turnier ermüdet und ließ ihn durch einen Diener auf sein Zimmer führen. +Auch die übrigen Ritter gingen aus einander. -- Löwenau entschlief, als +sich seine Phantasie müde geschwärmt, und seine Leidenschaften in +Erschöpfung gekämpft hatten. + + * * * * * + +Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein Versprechen sein erster +Gedanke. Furchtbar trat diese Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn +schrecklich, auf dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten +angefangen habe. -- Aber wie war es möglich rückwärts zu gehn? Er hatte +ihr seine Liebe gestanden, und sie, daß sie ihn wieder liebe. Wenn dieß +Geständniß nicht über seine Lippen geschlüpft wäre, so hätte er gegen +seine Leidenschaft noch kämpfen können; jetzt aber würde er sich und +Emma zugleich unglücklich gemacht haben. -- Er überließ sich und sein +Schicksal endlich ganz und gar der Zeit, wenigstens verschob er alles +Nachsinnen, alle Entschlüsse bis auf jene Stunde, in welcher er bei dem +Vater um sie anhalten wollte. -- Weiß ich doch noch nicht gewiß, ob sie +mir der Vater nicht abschlägt; geschieht es nicht, nun so kann ich ja +auch dann noch immer für Adalbert handeln. -- Mit diesen Täuschungen +beruhigte er die Vorwürfe, die er in dem Innern seiner Seele fühlte. + +Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr fremd, das vertrauliche Du +verdrängte bald die fremde steife Höflichkeit; denn Löwenau verachtete +alle Zurückhaltung, alles Verschließen in sich selbst; er glaubte, es +zieme dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem ungeprüft zu +mißtrauen, von jedem Unbekannten das Beste zu denken, und ihn als Freund +zu behandeln. So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. -- Emma, +die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast immer nur +mit Geschöpfen ihrer Phantasie umgegangen war, besaß noch weniger +Zurückhaltung; sie äußerte sich ganz so, wie sie war, kannte Verstellung +kaum dem Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte. + +Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand ihm, daß sie ihn +nie geliebt habe. Sie glaubte es jetzt. -- Löwenau fühlte sich durch +diese Erklärung glücklich. -- Beide waren sich bald unentbehrlich, und +Löwenau gab den Einladungen Friedrichs, da die übrigen Ritter die Burg +verließen, sehr gern Gehör. Wenn er jetzt nicht bei Emma war, war er +sich selbst zur Last; jede Beschäftigung machte ihm Langeweile, und doch +verlegte er die Stunde immer von einem Tag zum andern, in welcher er bei +Friedrich um sie anhalten wollte; denn er fühlte sich in der Täuschung +etwas beruhigt, daß er noch immer nicht gegen Adalbert handle. + +Emma war jetzt liebenswürdiger als je; der leichte Gram um Adalbert hatte +ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit genommen, sie war jetzt mehr eine +stille, leidende Schönheit, die sich um so reizender an den stärkern +Mann anschließt und hinter seiner Brust einen Schirm gegen alle Stürme +des Schicksals sucht. Ihre neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick +gegeben, in welchem ein schönes Feuer brannte. -- Der heftige Löwenau +liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe. -- + +Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er beschloß noch heute +mit sich und Adalbert Abrechnung zu halten, noch heute bei dem Vater +um sie zu werben. Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel +nachdenkend im Saale fand. -- Woran denkt Ihr, Ritter? redete er ihn an. + +_Friedrich._ Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen, wo ich nur noch in +der Erinnerung leben kann; die Zeit der Thaten ist verschwunden. + +_Löwenau._ Aber könnt Ihr nicht auch in der Zukunft leben? + +_Friedrich._ In der Rückerinnerung lernen wir mehr, nur Thoren sind in +der Zukunft zu Hause. -- Wenn man seinen ganzen Reichthum anwendet, in +jenem goldnen Lande Palläste aufzubauen, und _ein_ Windstoß sie alle +niederreißt: wohin soll dann der verarmte Pilger fliehen? -- Über dem +Lande der Zukunft liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der +Entfernung etwas ein Schloß zu sein, und wenn wir näher kommen, ist +es eine überhangende Klippe, die sich im nächsten Augenblick auf unser +Haupt herabwirft. -- + +_Löwenau._ Ihr wollt also nicht hoffen? + +_Friedrich._ O ja, aber die Hoffnung, jene Betrügerin, nicht zu meiner +täglichen Gesellschaft machen. Das größte Glück erscheint klein, neben +dem Bilde, das uns die Hoffnung vorhielt. + +_Löwenau._ Die Hoffnung trägt für Euch die Gestalt Emma's, und eine +solche Tochter -- -- + +_Friedrich._ Je besser sie ist, desto mehr hab' ich zu fürchten, und je +mehr ich sie liebe, je mehr verlier' ich in ihr. Alles wär' mit ihr +dahin! Ich wünsche nichts, als sie glücklich zu sehn; dann werde ich es +auch sein. + +_Löwenau._ Habt Ihr noch auf keinen Eidam gedacht? + +_Friedrich._ Er schläft in Palästina, Konrad von Burgfels, ihr mußt ihn +gekannt haben, -- ein anderer, -- o ich mag nicht gern daran denken! +-- ein gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab; wäre er jetzt +hier, sie wäre sein. -- + +Löwenau schwieg, und sahe düster vor sich nieder. Ein gewisser -- Wollt +Ihr sie keinem Ritter von berühmtem Hause geben? fragte er endlich. + +_Friedrich._ Wer weiß ob sie mit einem solchen glücklich wäre? + +_Löwenau._ Wenn er sie, wenn sie ihn liebte? + +_Friedrich._ Dann würd' ich mich keinen Augenblick bedenken. + +Löwenau kämpfte jetzt einen schweren Kampf, sein Edelmuth und seine +Liebe rangen hartnäckig mit einander; oft wollte er den Namen Adalbert +aussprechen, aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken an +Emma. -- Die Liebe blieb Siegerin. -- Würdet Ihr mich als Eidam +verschmähen, Ritter? + +_Friedrich._ Euch? -- Ist das Euer Ernst? + +_Löwenau._ Könntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz zutrauen? + +_Friedrich._ Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt. + +_Löwenau._ Dafür kann ich Bürge sein. -- + +_Friedrich._ Nun so darf ich doch endlich hoffen, ein glücklicher Vater +zu werden; ich zweifelte schon daran, denn man muß sich gewöhnen, an +allem in dieser Welt zu zweifeln, was dem Glücke ähnlich sieht. + +_Löwenau._ Ihr seid heute besonders traurig gestimmt. -- + +_Friedrich._ Ich will es nicht länger bleiben, mein Eidam muß nicht +glauben, daß er an mir einen mürrischen Vater erhält. + +Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich ward sehr heiter, +Löwenau ging endlich spät in sein Schlafgemach. + +Sie ist mein! rief er aus. -- Unwidersprechlich mein. -- Itzt sei es +fest beschlossen. -- Sie ist mein, Adalbert! und sollt' ich darüber mein +Leben, welches ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen müssen. +Die Freundschaft sterbe für die Liebe. Sie liebt ihn nicht; sie wäre +unglücklich, und -- bei allen Heiligen! -- sie verdient es nicht zu +sein. Auch er wird sie vergessen, -- oder mein Leben -- ein nichtiges +Geschenk ohne sie, zurückfordern. Mag er! ich werde es vertheidigen, +denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der große Vertrag mit seinem Gewissen +war bald von der Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er für +die Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu glücklichen +Träumen ein. + + * * * * * + +Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt, du mein! ich dein! +so rief Löwenau als er in Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte. +-- Jetzt kann uns nichts in der Welt von einander reißen. + +_Emma._ Ich dein? du mein? -- + +_Löwenau._ Nur etwas mangelt unserm Glück und dieses Wort umfaßt noch +mehr. + +_Emma._ Was könnte dieses Etwas sein? + +_Löwenau._ Daß Adalbert alle seine Rechte auf dich aufgiebt; so lange +wir noch fürchten müssen, daß er zwischen unsre Umarmungen tritt, so +lange sind wir nur halb glücklich. -- Emma, ich weiß den Ort seines +Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige Worte, die ihm +sagen, daß du ihn nicht mehr liebst, daß er jeden Gedanken an dich +vergessen solle, daß du mein seist. -- Ich bitte dich darum, Emma. +Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem Glück unsrer Liebe +überlassen, dann soll keine ängstliche Furcht uns nahe treten, dann will +ich es trotzig mit der Zeit aufnehmen, ob sie durch unzählige Jahre im +Stande sei, meine Liebe zu schwächen. + +Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch Löwenau setzte sich und +schrieb diesen Brief: + + _Adalbert!_ + + Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem Schicksal und nicht + mit mir! Ich bin unschuldig. -- Engel gaben der Versuchung nach und + verspielten ihr ewiges Glück; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag der + Verlust Deiner Freundschaft meine Schwäche bestrafen. -- Emma gehört Dir + nicht mehr, sie ist mein, mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt. + Zweifle nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich nie geliebt. + Alle Deine Hoffnungen sind durch mich gemordet; ermorde mich, wenn Du + Dich rächen mußt; aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen. + Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht die Deinige + werden. Ich bin der Hüter dieses Schatzes; wer ihn erlangen will, muß + mich erst tödten. + _Löwenau._ + +Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die sie ihm gab. Er legte +sie in seinen Brief und siegelte ihn. + + _Ritter_, + + Vergeßt mich, so wie ich Euch vergessen will, denkt an mich stets wie + an einen verstorbenen Freund; ich bin die Verlobte eines Ritters und + darf mich daher nicht mehr nennen: + Eure Emma. + +Löwenau gab die Briefe seinem Knappen Franz, der ihn nach Mannstein +begleitet hatte. Dieser ritt noch an eben dem Tage fort, um so früh als +möglich auf der Burg Löwenau's anzukommen. + +Friedrich und Löwenau dachten itzt nur an das Vermählungsfest, welches +sie recht glänzend zu machen beschlossen. Emma war in den Armen ihres +Geliebten so glücklich, als man es auf dieser Welt sein kann. + + * * * * * + +Adalbert lebte während dieser Zeit noch immer unter seinen schönen +Hoffnungen und erwartete täglich die Bothschaft seines Glücks. Sein +vergebliches Warten machte ihn nicht traurig, nur verdrüßlich, denn +dieser Aufschub schien die Hoffnung von dem glücklichen Fortgang des +Unternehmens zu bestätigen. Er war oft auf die Jagd gegangen, hatte die +schönen Gegenden in der Nähe besucht und dachte jeden Abend bei der +Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden. + +Er war von einem seiner Spaziergänge zurückgekommen und stand an eine +Buche gelehnt, das Wolkenspiel im Abendroth zu betrachten, als er in der +Ferne einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse näherte. Er erkannte +bald in ihm Franz, den Knappen Löwenau's. -- Schnell eilte er mit der +Frage auf ihn zu: ob ihn der Ritter gesendet habe. -- Franz antwortete +mit Ja und überreichte ihm den Brief Löwenau's. -- + +Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und die Aufschrift +betrachtete, er zögerte ihn zu erbrechen. -- Unaussprechliches Glück, +oder Tod springt mir entgegen, -- noch, noch darf ich hoffen, noch bin +ich glücklich. -- Die Sonne war untergegangen, er ging auf sein Zimmer, +den Brief beim Schein eines Lichtes zu lesen. Dieser Augenblick war ihm +feierlich, eine heilige Stille schwebte längst den Wänden des Gemachs, +eine Grille zirpte leise und eine ferne Glocke tönte über den Berg +herüber. -- Er lößte das Siegel. + +Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die Hand und küßte das +Pergament. -- Er las -- und ward bleich, -- er las von neuem und schaute +wild mit weit geöffneten Augen empor, alle seine Gedanken verirrten sich, +er wußte nur, daß er elend sei, kalt und fürchterlich faßte ihn diese +Überzeugung an; was sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden. + +Emma! rief er endlich mit fürchterlicher Stimme, indem seine Besinnung +zurückkehrte. -- Er wagte es, noch einmal zu lesen, dann las er den +Brief Löwenau's. -- Seine Augen schlossen sich, wie von einer zu großen +Helle geblendet, krampfhaft schlug er die Zähne zusammen und hing kalt +und starr wie eine Leiche in dem Sessel. -- _Das_ hatte er nicht +erwartet. + +Er sprang nach einer Stille auf und brüllte wie ein Rasender: Fluch über +alle, die in dieser Stunde glücklich sind! Fluch über alle Elende! -- Ja, +ich fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr -- o ihr Verzweifelten! +kommt zu mir her an meine Brust und helft mich verfluchen! _Eure_ Emma? +_Eure_ Emma? -- Du lügst Meineidige! so hast du dich nie genannt! -- + +Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine Seligkeit der Erde hat +mich Freund genannt. Mein Leben ist ein schwarzes Gewebe von Unglück, +wie von einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend Quaalen +jagt es mich in den Rachen des Todes. _Meinetwegen_ wird ein zärtlicher +Vater grausam, _meinetwegen_ ein edler Freund ein Ungeheuer, -- ich gebe +die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein blindes Ohngefähr würfelt +mit Glück und Unglück, -- gut, so will ich denn auch handeln, so lange +ich noch handeln kann, -- ich will zu ihnen, sie sollen aus ihren +Umarmungen zurückstürzen, als hätten sie den Schuppenhals eines Drachen +berührt. -- Ich will nicht _allein_ unglücklich sein, die _Liebe_ haßt +mich, der _Haß_ soll mich itzt glücklich machen. + +_Eure_ Emma? -- Konnte deine Hand diese Worte schreiben? Dieselbe Hand, +die mir so oft den Schweiß des Kampfes von der Stirn trocknete, dieselbe +Hand, die so oft in der meinigen lag und mich deiner Liebe versicherte +-- o Himmel! was für ein armseliges Ding ist die Tugend, wenn sich +in wenigen Wochen der Mensch so ganz umschaffen kann! Richtet keinen +Bösewicht mehr hin, er ist in wenigen Tagen vielleicht ein Muster für +seine Richter! -- Tugend? -- Für mich ist keine Tugend, kein Gott mehr, +denn sie, das Unterpfand für beide, ist mir verloren. + +Er drückte knirschend Löwenaus Brief zusammen, sein Athem drängte sich +schwer durch seine Kehle, tausend Centner waren auf seine Brust gewälzt. +-- Sein Blick fiel auf Emma's grünes Band nieder, das er auf seiner +Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er riß es wüthend herab. + +Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! -- -- Sie will mich vergessen. -- Ich +kann sie nie vergessen, und warum sollt' ich es auch? -- wenn ich sie +vergessen könnte, dann könnte ich einst wieder lächeln -- aber das werd' +ich nie wieder. + +Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers, alles war still wie +eine Todtengruft. + +Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach er leise, um die tiefe +Einsamkeit nicht zu stören; ich werde bald sterben und habe umsonst +gelebt, von mir darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur +über Jammer kann ich Red' und Antwort geben, -- Emma, ich weise den +fürchterlichen Richter an dich, und an dich Wilhelm! + +_Eure_ Emma! -- Hättest du mir doch wenigstens das armselige »Du« übrig +gelassen, -- aber _nichts_ sollte mir übrig bleiben. -- Gut, setzte er +mit schrecklicher Kälte hinzu, auch dies Band will ich dir zurückbringen. + +Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund hätten nur auf eine grausame +Art mit ihm scherzen wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen; +er dachte, er hätte in seiner Wuth einige Ausdrücke zu stark empfunden, +er suchte dann nochmals in den Briefen nach und quälte sich den +fürchterlichen Sinn zu mildern, -- aber umsonst! der kalte, gefühllose +Buchstabe blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung. + +Der Ritter durchlebte eine fürchterliche Nacht, er konnte nicht +schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal stand sein Verstand +vor dem fürchterlichen Thor des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten +vorüberziehn, die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten; +in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's, alles war nur +ein fürchterlicher Traum gewesen; er drückte sie an sein Herz, +und das Knistern des Briefs, den er noch immer in seiner Hand fest +eingeschlossen hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus +seiner Trunkenheit. Bald kämpfte er mit Löwenau um Tod und Leben und sah +ihn unter seinen Streichen fallen; bald verschlang alles um ihn her eine +große wüste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in der tauben +ausgestorbenen Wildniß, von einer unendlichen Nacht umfangen; Geister +fuhren auf fernen Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure +Reich der ewigen Öde. + +Er fühlte, wie seine Kräfte merklich schwanden. Gott! rief er, wenn ich +diese Nacht sterben müßte! ohne sie noch einmal zu sehn! -- Mein Geist +muß von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich _muß_, ich muß sie +sehn. + +Er wartete ängstlich auf den Anbruch des Morgens, die Nacht schien ihm +Hohn zu sprechen, der Morgen kam immer noch nicht. -- Endlich zitterte +der erste graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang schnell auf, +riß ein Roß aus dem Stalle, und sprengte hinweg. Sein treuer Hund, der +ihm oft auf der Jagd gefolgt war, begleitete ihn. + +Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein Roß unaufhörlich, +denn die größte Eile war ihm zu langsam. + +Eine drückende Hitze zog herauf und sein Roß war schon ermüdet, als er +einen Ritter einholte, der auch diese Straße zog. -- Wohin? fragte er +diesen. -- Nach Mannstein, war die Antwort, zur Hochzeit des edeln +Löwenau und der schönen Emma. -- Adalbert lachte wild auf. -- Worüber +lacht Ihr? -- Voll Freude, daß wir einen Weg haben. -- In eben dem +Augenblicke gab er von neuem dem Rosse die Sporen und sprengte wie +rasend hinweg. -- Warum eilt Ihr so? rief ihm der Ritter nach. -- Seht +Ihr nicht, schrie Adalbert zurück, wie mir der bleiche Tod nachjagt? +-- Er war ihm bald aus den Augen. + +Das grüne Band war um seinen Arm gebunden und flatterte ihm nach; +Todtenblässe hatte sein Gesicht überzogen, sein Roß keuchte und sein +treuer Hund lief ihm oft voraus, und sah ihn winselnd an, -- aber ohne +Bewußtsein jagte er immer wieder in neuer Wuth weiter. -- Am Abend +stürzte der Rappe todt nieder, der Hund war fort, als er sich nach ihm +umsah. -- Auch er hat mich verlassen, dachte Adalbert; aber der treue +Gefährte lag schon weit hinter ihm sterbend am Wege. + +Adalbert reiste zu Fuß die ganze Nacht hindurch, seine Kräfte schienen +übermenschlich, tausend Schrecken schienen ihn unermüdet vor sich hin +zu jagen. -- Am Mittag des andern Tages entdeckte er in einem kleinen +versteckten Thale eine Schäferhütte, sein Gaumen war von der Hitze +aufgeschwollen, er trat in die Hütte und begehrte von einem Greise, den +er dort fand, eine Schale Wasser. -- Ihr sollt kühle Milch bekommen, +sagte dieser, und gab seiner Tochter den Auftrag eine Schale voll zu +holen. -- Das kleine Mädchen eilte willig hinweg und Adalbert stand +düster an die Thür gelehnt. -- Das Mädchen verweilte etwas lange. Wo +bleibst du, Emma? rief der Alte. Adalbert fuhr auf, das Mädchen trat in +eben dem Augenblick herein und bot ihm freundlich lächelnd die Schale. +Statt sie an den Mund zu setzen, warf er sie wüthend auf den Boden, daß +sie in tausend Scherben zersprang; dann eilte er wie ein Wahnsinniger +weiter. + +Die Sonne ging schon unter, als er auf der Grenze des Horizonts einen +Thurm erblickte, der ihm bekannt schien; -- tausend Erinnerungen kamen +in seine Seele zurück, -- es war die Burg Mannstein. + + * * * * * + +Er stand still und sahe mit langem Blick nach der wohlbekannten +väterlichen Gegend, und in seine Verzweiflung mischten sich einige +Tropfen der Wehmuth, sie _so_ wiederzusehn. Die Burg stand zaubervoll +da in einem rothen Flammenschein. Die Sonne ging blutig unter. + +Er eilte weiter. Der letzte Streif des Tages verschwand hinter einen +grünen Berg; der Mond brach hervor, und glänzte durch die zitternden +Tannenzweige. Schon unterschied er die erleuchteten Fenster der Burg, +schon erblickte er in ihnen Schatten, die ungewiß hin und wieder +schwebten, schon hörte er immer näher und näher das Tönen der Trompeten +und den Donner der Pauken, -- tausend brennende Dolche fuhren durch +seine Brust. + +Jetzt war er an die Burg gekommen. Er ging durch das offne Thor, das +frohe Getümmel der Gäste lärmte ihm entgegen, er hätte gern geweint, +aber seine Augen waren trocken. Er schlich sich in den Burggarten und +setzte sich in eine kleine Laube, welche ein Fliederbaum bildete; bald +sahe er still und mit anscheinender Ruhe durch die monderhellte Gegend, +bald nach der geräuschvollen Burg. -- Alle seine Empfindungen wurden +nach und nach abgespannt; er war betäubt, als er zwei Gestalten auf sich +zukommen sah, -- es waren Löwenau und Emma. -- + +Löwenau hatte sich in sich selbst geirrt, er hatte sich für stärker +gehalten, als er wirklich war, die Stimme seines Gewissens war nur +unterdrückt gewesen, sie fing itzt um so lauter an zu sprechen. Er +begann zu ahnen, daß er in Emma's Armen nie recht glücklich sein würde, +aber ohne Emma lag ein grenzenloses Elend vor ihm. Er war am Abend still +und nachdenkend gewesen, und wollte itzt mit Emma einen Spaziergang +durch den Garten machen, um sich etwas zu beruhigen. + +Emma war indeß immer froh und guter Laune gewesen; sie fühlte sich als +Löwenaus Geliebte ganz glücklich -- nur itzt, -- so plötzlich aus dem +Gewirre der Gäste, aus dem Klang der rauschenden Musik gerissen, mitten +in die Einsamkeit eines schauerlichen Gartens gezogen, -- itzt fühlte +sie eine sonderbare Empfindung zu ihrem Herzen emporschwellen, sie hing +an dem Arme Löwenaus und schloß sich fester an ihn. Mein Wilhelm, sagte +sie endlich, -- warum so traurig? Ich habe dich noch nie so still und +gedankenvoll gesehn. -- Deine Hand ist heiß. + +_Löwenau._ Und die deine kalt. Du zitterst Emma? + +_Emma._ Nicht vor Frost, die Sommernacht ist warm; -- aber Wilhelm, es +ist hier im Garten so heimlich, mir ist alles so sonderbar fremd, die +Büsche rauschen und flimmern so wunderbar im Mondenstrahl; hast du nie +einen Geist gesehn, Wilhelm? + +_Löwenau._ Nie Geliebte; aber wie kömmst du zu der Frage? + +_Emma._ Und wie kömmt dieser Gedanke zu mir? _heut_ zu mir? -- Mein +Vater ist doch schon sehr alt, Wilhelm, ich habe ihn sonst nie so genau +angesehn, der Gedanke ängstigte mich drinnen über eine Stunde lang: wie +er mir so gegen über saß, schien er mir schon todt. -- Der Anblick eines +todten Menschen muß schrecklich sein, -- wie mag ich wohl als Leiche +aussehn? + +_Löwenau._ Du quälst mich, Emma. + +_Emma._ Sage mir, wie ich wohl als Leiche aussehn werde. + +_Löwenau._ Wie der Frühling, der im Irrthum um einige Tage zu früh seine +Blumen ausgestreut hat, und vom eisigen Winter wieder übereilt wird. + +_Emma._ Wilhelm! + +_Löwenau._ Was ist dir Emma? Warum fährst du zusammen? + +_Emma._ Mir ist, als stünd' ich unter tausend Gespenstern! -- sieh! jene +Bäume dort sehn fürchterlich aus! -- + +_Löwenau._ Wir wollen in den Saal zurückgehn. + +_Emma._ Wilhelm! -- hörtest du kein Ächzen in der Nähe? + +_Löwenau._ Nichts als den Wind, der durch die Laube rauscht. + +_Emma._ Es war ein schweres Athmen -- wie eines Sterbenden, -- horch, +wie die Blätter zusammenschlagen! -- Gott im Himmel! + +Sie sank ohnmächtig in seine Arme, denn Adalbert trat bleich und +entstellt, mit verworrenen Haaren, dem Auge eines Wahnsinnigen, leise +wie ein Gespenst aus der Laube; mit hohler gewürgter Stimme rief er: +Emma! + +Ihr Bewußtsein kam wieder, aber ihre Sinne blieben zurück, starr wie eine +Leiche sahe sie in Adalberts Auge. -- Emma! Emma! rief dieser wüthend, +kennst du dies Band noch? -- Er hielt es ihr mit zitternden Händen vor. +-- Geliebter! rief sie matt und wollte sich in die Arme Löwenaus werfen; +Adalbert fing sie auf, zog einen Dolch und stieß ihn wüthend in ihre +Brust. -- Kaum war der Todesstreich geführt, so erwachte er wie aus +einem tiefen Schlaf. -- Emma! Emma! er hielt sie fest in seinen Armen; +stirb nicht! ich war rasend! lebe, lebe, und sei glücklich! vergieb mir +und lebe! laß mich für dich sterben! du _darfst_, du _sollst_ nicht +sterben. -- Er kniete nieder und hatte sie fest in seine Arme gepreßt, +als wenn er sie dem Tod abtrotzen wollte; er fühlte nicht, wie sein Blut +aus zehn tödtlichen Wunden rieselte, die ihm indeß Löwenaus Dolch +gestoßen hatte. + +Endlich fühlte er seine Kraft ermatten, er ließ sie sanft auf den Rasen +fallen. -- Du stirbst, Emma? -- Du stirbst? -- Er sank neben ihr zur +Erde. + +Konrad und Friedrich kamen Arm in Arm durch den Buchengang die junge +Braut zu suchen. -- Wo ist meine Tochter? fragte Friedrich seinen Eidam. + +Er wieß stumm mit dem blutigen Dolch auf sie hin. + +Wo? fragte Friedrich. + +Löwenau deutete noch einmal mit dem Dolch auf den Boden und Friedrich +erkannte sie und Adalbert. Stumm schloß er Konrad in seine Arme und +drückte ihn fest an sein Herz: nun haben wir beide nichts mehr zu +hoffen! + +_Konrad._ Das stille Grab, -- und Jenseits! + +Ein Minnesänger sang die traurige Geschichte und schloß mit diesen +Versen: + + Jenseit des Grabes wurden sie gekrönt, + Dort wurden ihre Herzen ausgesöhnt. + Oft schweben sie in feierlichen Stunden + Hin durch den wildverwachsnen Tannenhain, + Sie küssen wechselsweis im Mondenschein + Sich liebevoll die Todeswunden. + Manch Kind sieht sie auf Mondesstrahlen schweben, + Und fühlt ein leises schauerliches Beben: + O Mutter! ruft es aus, im blassen Schein, + Durchfahren Geister itzt den Hain. -- + Die Mutter spricht: sei ruhig Kind, + In Silberpappeln wühlt der Abendwind. + + * * * * * + + + +Hinweise zum Text: + +Folgende Änderungen wurden vorgenommen: + + Zweifel wälzen sich auf Zweifel (Original: dich) + Abdallah sah ihm traurig nach (Original: ihn) + der Frühling wird dich heitrer machen (Original: heitre) + bis sich (...) etwas besänftigt hatte (Original: sich (...) sich) + sobald dich meine Laute gerufen hat (Original: hast) + Oder sie ungesehn in den Strom (...) versenke (Original: ungegesehn) + fing nun an, an die Macht (...)zu glauben (Original: an, die Macht) + andre stürzten todt nieder (Original: Tod) + an dem gräßlichen Thor (Original: gräßlichem) + ich erlasse sie ihm (Original: ihn) + der ihm am nächsten stand (Original: ihn) + wann und wie ich sie pflanzte (Original: wie sie pflanzte) + rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu (Original: zu zu) + die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten (Original: ihm) + sah ihn winselnd an (Original: ihm) + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN *** + +***** This file should be named 31074-8.txt or 31074-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/1/0/7/31074/ + +Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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