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If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Römische Geschichte Book 8 + +Author: Theodor Mommsen + +Release Date: February, 2002 [Etext #3065] +[Most recently updated: January 15, 2020] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + + + + +Römische Geschichte + +Achtes Buch +Länder und Leute von Caesar bis Diocletian + +von Theodor Mommsen + +The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some +(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a +modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek +words, nor is there any differentiation between the different accents of +ancient Greek and the subscript iotas are missing as well. + +Contents + + Vorrede + + Achtes Buch—Länder und Leute von Caesar bis Diocletian + Einleitung + KAPITEL I. Die Nordgrenze Italiens + KAPITEL II. Spanien + KAPITEL III. Die gallischen Provinzen + KAPITEL IV. Das römische Germanien und die freien Germanen + KAPITEL V. Britannien + KAPITEL VI. Die Donauländer und die Kriege an der Donau + KAPITEL VII. Das griechische Europa + KAPITEL VIII. Kleinasien + KAPITEL IX. Die Euphratgrenze und die Parther + KAPITEL X. Syrien und das Nabatäerland + KAPITEL XI. Judäa und die Juden + KAPITEL XII. Ägypten + + + + +Vorrede + + +Der Wunsch, daß die ‘Römische Geschichte’ fortgesetzt werden möge, ist +mir öfter geäußert worden, und er trifft mit meinem eigenen zusammen, +so schwer es auch ist, nach dreißig Jahren den Faden da wieder +aufzunehmen, wo ich ihn fallen lassen mußte. Wenn er nicht unmittelbar +anknüpft, so ist daran wenig gelegen; ein Fragment würde der vierte +Band ohne den fünften ebenso sein, wie es der fünfte jetzt ist ohne den +vierten. Überdies meine ich, daß die beiden zwischen diesem und den +früheren fehlenden Bücher für das gebildete Publikum, dessen +Verständnis des römischen Altertums zu fördern diese Geschichte +bestimmt ist, eher durch andere Werke vertreten werden können als das +vorliegende. Der Kampf der Republikaner gegen die durch Caesar +errichtete Monarchie und deren definitive Feststellung, welche in dem +Sechsten Buch erzählt werden sollen, sind so gut aus dem Altertum +überliefert, daß jede Darstellung wesentlich auf eine Nacherzählung +hinausläuft. Das monarchische Regiment in seiner Eigenart und die +Fluktuationen der Monarchie sowie die durch die Persönlichkeit der +einzelnen Herrscher bedingten allgemeinen Regierungsverhältnisse, denen +das Siebente Buch bestimmt ist, sind wenigstens oftmals zum Gegenstand +der Darstellung gemacht worden. Was hier gegeben wird, die Geschichte +der einzelnen Landesteile von Caesar bis auf Diocletian, liegt, wenn +ich nicht irre, dem Publikum, an das dieses Werk sich wendet, in +zugänglicher Zusammenfassung nirgends vor, und daß dies nicht der Fall +ist, scheint mir die Ursache zu sein, weshalb dasselbe die römische +Kaiserzeit häufig unrichtig und unbillig beurteilt. Freilich kann diese +meines Erachtens für das richtige Verständnis der Geschichte der +römischen Kaiserzeit vorbedingende Trennung dieser Spezialgeschichten +von der allgemeinen des Reiches für manche Abschnitte, insbesondere für +die Epoche von Gallienus bis auf Diocletian, wieder nicht vollständig +durchgeführt werden und hat hier die noch ausstehende allgemeine +Darstellung ergänzend einzutreten. + +Wenn überhaupt ein Geschichtswerk in den meisten Fällen nur mit und +durch die Landkarte anschaulich wird, so gilt dies von dieser +Darstellung des Reiches der drei Erdteile nach seinen Provinzen in +besonderem Grade, während hierfür genügende Karten nur in den Händen +weniger Leser sein können. Dieselben werden also mit mir meinem Freunde +Kiepert es danken, daß er, in der Weise und in der Begrenzung, wie der +Inhalt dieses Bandes es an die Hand gab, demselben zunächst ein +allgemeines Übersichtsblatt, das außerdem mehrfach für die +Spezialkarten ergänzend eintritt, und weiter Spezialkarten der +einzelnen Reichsteile hinzugefügt hat … + +Berlin, im Februar 1885 + +Einige Versehen, auf die ich aufmerksam gemacht worden bin und die in +den Platten sich beseitigen ließen, sind bei dem dritten Abzuge +verbessert worden, der vierte ist ein unveränderter Abdruck des +vorigen. + +Februar 1886; September 1894 + + + + +Achtes Buch +Länder und Leute von Caesar bis Diocletian + + +Gehe durch die Welt und sprich mit jedem. + +Firdusí + + + + +Einleitung + + +Die Geschichte der römischen Kaiserzeit stellt ähnliche Probleme wie +diejenige der früheren Republik. + +Was aus der literarischen Überlieferung unmittelbar entnommen werden +kann, ist nicht bloß ohne Farbe und Gestalt, sondern in der Tat +meistens ohne Inhalt. Das Verzeichnis der römischen Monarchen ist +ungefähr ebenso glaubwürdig wie das der Konsuln der Republik und +ungefähr ebenso instruktiv. Die den ganzen Staat erschütternden großen +Krisen sind in ihren Umrissen erkennbar; viel besser aber als über die +Samnitenkriege sind wir auch nicht unterrichtet über die germanischen +unter den Kaisern Augustus und Marcus. Der republikanische +Anekdotenschatz ist sehr viel ehrbarer als der gleiche der Kaiserzeit; +aber die Erzählungen von Fabricius und die vom Kaiser Gaius sind +ziemlich gleich flach und gleich verlogen. Die innerliche Entwicklung +des Gemeinwesens liegt vielleicht für die frühere Republik in der +Überlieferung vollständiger vor als für die Kaiserzeit; dort bewahrt +sie eine, wenn auch getrübte und verfälschte Schilderung der +schließlich wenigstens auf dem Markte Roms endigenden Wandlungen der +staatlichen Ordnung; hier vollzieht sich diese im kaiserlichen Kabinett +und gelangt in der Regel nur mit ihren Gleichgültigkeiten in die +Öffentlichkeit. Dazu kommt die ungeheure Ausdehnung des Kreises und die +Verschiebung der lebendigen Entwicklung vom Zentrum in die Peripherie. +Die Geschichte der Stadt Rom hat sich zu der des Landes Italien, diese +zu der der Welt des Mittelmeers erweitert, und worauf es am meisten +ankommt, davon erfahren wir am wenigsten. Der römische Staat dieser +Epoche gleicht einem gewaltigen Baum, um dessen im Absterben +begriffenen Hauptstamm mächtige Nebentriebe rings emporstreben. Der +römische Senat und die römischen Herrscher entstammen bald jedem +anderen Reichsland ebensosehr wie Italien; die Quiriten dieser Epoche, +welche die nominellen Erben der weltbezwingenden Legionäre geworden +sind, haben zu den großen Erinnerungen der Vorzeit ungefähr dasselbe +Verhältnis wie unsere Johanniter zu Rhodos und Malta und betrachten +ihre Erbschaft als ein nutzbares Recht, als stiftungsmäßige Versorgung +arbeitsscheuer Armer. Wer an die sogenannten Quellen dieser Epoche, +auch die besseren, geht, bemeistert schwer den Unwillen über das Sagen +dessen, was verschwiegen zu werden verdiente, und das Verschweigen +dessen, was notwendig war zu sagen. Denn groß Gedachtes und weithin +Wirkendes ist auch in dieser Epoche geschaffen worden; die Führung des +Weltregiments ist selten so lange in geordneter Folge verblieben, und +die festen Verwaltungsnormen, wie sie Caesar und Augustus ihren +Nachfolgern vorzeichneten, haben sich im ganzen mit merkwürdiger +Festigkeit behauptet, trotz allem Wechsel der Dynastien und der +Dynasten, welcher in der nur darauf blickenden und bald zu +Kaiserbiographien zusammenschwindenden Überlieferung mehr als billig im +Vordergrunde steht. Die scharfen Abschnitte, welche in der +landläufigen, durch jene Oberflächlichkeit der Grundlage geirrten +Auffassung die Regierungswechsel machen, gehören weit mehr dem +Hoftreiben an als der Reichsgeschichte. Das eben ist das Großartige +dieser Jahrhunderte, daß das einmal angelegte Werk, die Durchführung +der lateinisch-griechischen Zivilisierung in der Form der Ausbildung +der städtischen Gemeindeverfassung, die allmähliche Einziehung der +barbarischen oder doch fremdartigen Elemente in diesen Kreis, eine +Arbeit, welche ihrem Wesen nach Jahrhunderte stetiger Tätigkeit und +ruhiger Selbstentwicklung erforderte, diese lange Frist und diesen +Frieden zu Lande und zur See gefunden hat. Das Greisenalter vermag +nicht neue Gedanken und schöpferische Tätigkeit zu entwickeln, und das +hat auch das römische Kaiserregiment nicht getan; aber es hat in seinem +Kreise, den die, welche ihm angehörten, nicht mit Unrecht als die Welt +empfanden, den Frieden und das Gedeihen der vielen vereinigten Nationen +länger und vollständiger gehegt, als es irgendeiner anderen Vormacht je +gelungen ist. In den Ackerstädten Afrikas, in den Winzerheimstätten an +der Mosel, in den blühenden Ortschaften der lykischen Gebirge und des +syrischen Wüstenrandes ist die Arbeit der Kaiserzeit zu suchen und auch +zu finden. Noch heute gibt es manche Landschaft des Orients wie des +Okzidents, für welche die Kaiserzeit den an sich sehr bescheidenen, +aber doch vorher wie nachher nie erreichten Höhepunkt des guten +Regiments bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz +aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet +damals oder heute mit größerem Verstande und mit größerer Humanität +regiert worden ist, ob Gesittung und Völkerglück im allgemeinen seitdem +vorwärts- oder zurückgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, ob der +Spruch zu Gunsten der Gegenwart ausfallen würde. Aber wenn wir finden, +daß dieses also war, so fragen wir die Bücher, die uns geblieben sind, +meistens umsonst, wie dieses also geworden ist. Sie geben darauf +sowenig eine Antwort, wie die Überlieferung der früheren Republik die +gewaltige Erscheinung des Rom erklärt, welches in Alexanders Spuren die +Welt unterwarf und zivilisierte. + +Ausfüllen läßt sich die eine Lücke sowenig wie die andere. Aber es +schien des Versuches wert, einmal abzusehen sowohl von den +Regentenschilderungen mit ihren bald grellen, bald blassen und nur zu +oft gefälschten Farben wie auch von dem scheinhaft chronologischen +Aneinanderreihen nicht zusammenpassender Fragmente, und dafür zu +sammeln und zu ordnen, was für die Darstellung des römischen +Provinzialregiments die Überlieferung und die Denkmäler bieten, der +Mühe wert, durch diese oder durch jene zufällig erhaltene Nachrichten, +in dem Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine +Institutionen in ihrer Beziehung auf die einzelnen Landesteile, mit den +für jeder. derselben, durch die Natur des Bodens und der Bewohner +gegebenen Bedingungen, durch die Phantasie, welche wie aller Poesie so +auch aller Historie Mutter ist, nicht zu einem Ganzen, aber zu dem +Surrogat eines solchen zusammenzufassen. Aber die Epoche Diocletians +habe ich dabei nicht hinausgehen wollen, weil das neue Regiment, +welches damals geschaffen wurde, höchstens im zusammenfassenden +Ausblick den Schlußstein dieser Erzählung bilden kann; seine volle +Würdigung verlangt eine besondere Erzählung und einen anderen +Weltrahmen, ein bei schärferem Verständnis des Einzelnen in dem großen +Sinn und mit dem weiten Blick Gibbons durchgeführtes selbständiges +Geschichtswerk. Italien und seine Inseln sind ausgeschlossen worden, da +diese Darstellung von der des allgemeinen Reichsregiments nicht +getrennt werden kann. Die sogenannte äußere Geschichte der Kaiserzeit +ist aufgenommen als integrierender Teil der Provinzialverwaltung; was +wir Reichskriege nennen würden, sind gegen das Ausland unter der +Kaiserzeit nicht geführt worden, wenngleich die durch die Arrondierung +oder Verteidigung der Grenzen hervorgerufenen Kämpfe einige Male +Verhältnisse annahmen, daß sie als Kriege zwischen zwei gleichartigen +Mächten erscheinen, und der Zusammensturz der römischen Herrschaft in +der Mitte des dritten Jahrhunderts, welcher einige Dezennien hindurch +ihr definitives Ende werden zu sollen schien, aus der an mehreren +Stellen gleichzeitig unglücklich geführten Grenzverteidigung sich +entwickelte. Die große Vorschiebung und Regulierung der Nordgrenze, wie +sie unter Augustus teilweise ausgeführt ward, teilweise mißlang, leitet +die Erzählung ein. Auch sonst sind die Ereignisse auf einem jeden der +drei hauptsächlichsten Schauplätze der Grenzverteidigung, des Rheins, +der Donau, des Euphrat, zusammengefaßt worden. Im übrigen ist die +Darstellung nach den Landschaften geordnet. Im einzelnen fesselndes +Detail, Stimmungsschilderungen und Charakterköpfe hat sie nicht zu +bieten; es ist dem Künstler, aber nicht dem Geschichtschreiber erlaubt, +das Antlitz des Arminius zu erfinden. Mit Entsagung ist dies Buch +geschrieben und mit Entsagung möchte es gelesen sein. + + + + +KAPITEL I. +Die Nordgrenze Italiens + + +Die römische Republik hat ihr Gebiet hauptsächlich auf den Seewegen +gegen Westen, Süden und Osten erweitert; nach derjenigen Richtung hin, +in welcher Italien und die von ihm abhängigen beiden Halbinseln im +Westen und im Osten mit dem großen Kontinent Europas zusammenhängen, +war dies wenig geschehen. Das Hinterland Makedoniens gehorchte den +Römern nicht und nicht einmal der nördliche Abhang der Alpen; nur das +Hinterland der gallischen Südküste war durch Caesar zum Reiche +gekommen. Bei der Stellung, die das Reich im allgemeinen einnahm, +durfte dies so nicht bleiben; die Beseitigung des trägen und unsicheren +Regiments der Aristokratie mußte vor allem an dieser Stelle sich +geltend machen. Nicht so geradezu wie die Eroberung Britanniens hatte +Caesar die Ausdehnung des römischen Gebiets am Nordabhang der Alpen und +am rechten Ufer des Rheins den Erben seiner Machtstellung aufgetragen; +aber der Sache nach war die letztere Grenzerweiterung bei weitem näher +gelegt und notwendiger als die Unterwerfung der überseeischen Kelten, +und man versteht es, daß Augustus diese unterließ und jene aufnahm. +Dieselbe zerfiel in drei große Abschnitte: die Operationen an der +Nordgrenze der griechisch-makedonischen Halbinsel im Gebiet der +mittleren und unteren Donau, in Illyricum; die an der Nordgrenze +Italiens selbst, im oberen Donaugebiet, in Rätien und Noricum; endlich +die am rechten Rheinufer, in Germanien. Meistens selbständig geführt, +hängen die militärisch-politischen Vornahmen in diesen Gebieten doch +innerlich zusammen, und wie sie sämtlich aus der freien Initiative der +römischen Regierung hervorgegangen sind, können sie auch in ihrem +Gelingen wie in ihrem teilweisen Mißlingen nur in ihrer Gesamtheit +militärisch und politisch verstanden werden. Sie werden darum auch mehr +im örtlichen als wie zeitlichen Zusammenhang dargelegt werden; das +Gebäude, von dem sie doch nur Teile sind, wird besser in seiner inneren +Geschlossenheit als in der Zeitfolge der Bauten betrachtet. + +Das Vorspiel zu dieser großen Gesamtaktion machen die Einrichtungen, +welche Caesar der Sohn, so wie er in Italien und Sizilien freie Hand +gewonnen hatte, an den oberen Küsten des Adriatischen Meeres und im +angrenzenden Binnenland vornahm. In den hundertundfünfzig Jahren, die +seit der Gründung Aquileias verflossen waren, hatte wohl der römische +Kaufmann von dort aus sich des Verkehrs mehr und mehr bemächtigt, aber +der Staat unmittelbar nur geringe Fortschritte gemacht. An den +Haupthäfen der dalmatinischen Küste, ebenso auf der von Aquileia in das +Savetal führenden Straße bei Nauportus (Ober-Laibach) hatten sich +ansehnliche Handelsniederlassungen gebildet; Dalmatien, Bosnien, +Istrien und die Krain galten als römisches Gebiet und wenigstens das +Küstenland war in der Tat botmäßig; aber die rechtliche Städtegründung +stand noch ebenso aus wie die Bändigung des unwirtlichen Binnenlandes. +Hier aber kam noch ein anderes Moment hinzu. In dem Kriege zwischen +Caesar und Pompeius hatten die einheimischen Dalmater ebenso +entschieden für den letzteren Partei ergriffen wie die dort ansässigen +Römer für Caesar; auch nach der Niederlage des Pompeius bei Pharsalos +und nach der Verdrängung der Pompeianischen Flotte aus den illyrischen +Gewässern setzten die Eingeborenen den Widerstand energisch und +erfolgreich fort. Der tapfere und fähige Publius Vatinius, der früher +in diese Kämpfe mit großem Erfolg eingegriffen hatte, wurde mit einem +starken Heere nach Illyricum gesandt, wie es scheint in dem Jahre vor +Caesars Tode und nur als Vorhut des Hauptheeres, mit welchem der +Diktator selbst nachfolgend die eben damals mächtig emporstrebenden +Daker niederzuwerfen und die Verhältnisse im ganzen Donaugebiet zu +ordnen beabsichtigte. Diesen Plan schnitten die Dolche der Mörder ab; +man mußte sich glücklich schätzen, daß die Daker nicht ihrerseits in +Makedonien eindrangen, und Vatinius selbst focht gegen die Dalmater +unglücklich und mit starken Verlusten. Als dann die Republikaner im +Osten rüsteten, ging das illyrische Heer in das des Brutus über und die +Dalmatiner blieben längere Zeit unangefochten. Nach der Niederwerfung +der Republikaner ließ Antonius, dem bei der Teilung des Reiches +Makedonien zugefallen war, im Jahre 715 (39) die unbotmäßigen Dardaner +im Nordwesten und die Parthiner an der Küste (östlich von Durazzo) zu +Paaren treiben, wobei der berühmte Redner Gaius Asinius Pollio die +Ehren des Triumphes gewann. In Illyricum, welches unter Caesar stand, +konnte nichts geschehen, solange dieser seine ganze Macht auf den +sizilischen Krieg gegen Sextus Pompeius wenden mußte; aber nach dessen +glücklicher Beendigung warf Caesar selbst sich mit aller Kraft auf +diese Aufgabe. Die kleinen Völkerschaften von Doclea (Cernagora) bis zu +den Japuden (bei Fiume) wurden in dem ersten Feldzug (719 35) zur +Botmäßigkeit zurückgebracht oder jetzt zuerst gebändigt. Es war kein +großer Krieg mit namhaften Feldschlachten, aber die Gebirgskämpfe gegen +die tapferen und verzweifelnden Stämme und das Brechen der festen, zum +Teil mit römischen Maschinen ausgerüsteten Burgen waren keine leichte +Aufgabe; in keinem seiner Kriege hat Caesar in gleichem Grade eigene +Energie und persönliche Tapferkeit entwickelt. Nach der mühsamen +Unterwerfung des Japudengebiets marschierte er noch in demselben Jahre +im Tal der Kulpa aufwärts zu deren Mündung in die Save; die dort +gelegene feste Ortschaft Siscia (Sziszek), der Hauptwaffenplatz der +Pannonier, gegen den bisher die Römer noch nie mit Erfolg vorgegangen +waren, ward jetzt besetzt und zum Stützpunkt bestimmt für den Krieg +gegen die Daker, den Caesar demnächst aufzunehmen gedachte. In den +beiden folgenden Jahren (720, 721 34, 33) wurden die Dalmater, die seit +einer Reihe von Jahren gegen die Römer in Waffen standen, nach dem Fall +ihrer Feste Promona (Promina bei Dernis, oberhalb Sebenico) zur +Unterwerfung gezwungen. Wichtiger aber als diese Kriegserfolge war das +Friedenswerk, das zugleich sich vollzog und zu dessen Sicherung sie +dienen sollten. Ohne Zweifel in diesen Jahren erhielten die Hafenplätze +an der istrischen und dalmatinischen Küste, soweit sie in dem +Machtbereich Caesars lagen, Tergeste (Triest), Pola, Iader (Zara), +Salome (bei Spalato), Narona (an der Narentamündung), nicht minder +jenseits der Alpen, auf der Straße von Aquileia über die Julische Alpe +zur Save, Emona (Laibach), durch den zweiten Julier zum Teil städtische +Mauern, sämtlich städtisches Recht. Die Plätze selbst bestanden wohl +alle schon längst als römische Flecken; aber es war immer von +wesentlicher Bedeutung, daß sie jetzt unter die italischen Gemeinden +gleichberechtigt eingereiht wurden. + +Der Dakerkrieg sollte folgen; aber der Bürgerkrieg ging zum zweitenmal +ihm vor. Statt nach Illyricum rief er den Herrscher in den Osten; und +der große Entscheidungskampf zwischen Caesar und Antonius warf seine +Wellen bis in das ferne Donaugebiet. Das durch den König Burebista +geeinigte und gereinigte Volk der Daker, jetzt unter dem König Cotiso, +sah sich von beiden Gegnern umworben - Caesar wurde sogar beschuldigt, +des Königs Tochter zur Ehe begehrt und ihm dagegen die Hand seiner +fünfjährigen Tochter Julia angetragen zu haben. Daß der Daker im +Hinblick auf die von dem Vater geplante, von dem Sohn durch die +Befestigung Siscias eingeleitete Invasion sich auf Antonius’ Seite +schlug, ist begreiflich; und hätte er ausgeführt, was man in Rom +besorgte, wäre er, während Caesar im Osten focht, vom Norden her in das +wehrlose Italien eingedrungen, oder hätte Antonius nach dem Vorschlag +der Daker die Entscheidung statt in Epirus vielmehr in Makedonien +gesucht und dort die dakischen Scharen an sich gezogen, so wären die +Würfel des Kriegsglücks vielleicht anders gefallen. Aber weder das eine +noch das andere geschah; zudem brach eben damals der durch Burebistas +kräftige Hand geschaffene Dakerstaat wieder auseinander; die inneren +Unruhen, vielleicht auch von Norden her die Angriffe der germanischen +Bastarner und der späterhin Dakien nach allen Richtungen umklammernden +sarmatischen Stämme, verhinderten die Daker, in den auch über ihre +Zukunft entscheidenden römischen Bürgerkrieg einzugreifen. + +Unmittelbar nachdem die Entscheidung in diesem gefallen war, wandte +sich Caesar zu der Regulierung der Verhältnisse an der unteren Donau. +Indes da teils die Daker selbst nicht mehr so wie früher zu fürchten +waren, teils Caesar jetzt nicht mehr bloß über Illyricum, sondern über +die ganze griechisch-makedonische Halbinsel gebot, wurde zunächst diese +die Basis der römischen Operationen. Vergegenwärtigen wir uns die +Völker und die Herrschaftsverhältnisse; die Augustus dort vorfand. + +Makedonien war seit Jahrhunderten römische Provinz. Als solche reichte +es nicht hinaus nördlich über Stobi und östlich über das +Rhodopegebirge; aber der Machtbereich Roms erstreckte sich weit über +die eigentliche Landesgrenze, obwohl in schwankendem Umfang und ohne +feste Form. Ungefähr scheinen die Römer damals bis zum Haemus (Balkan) +die Vormacht gehabt zu haben, während das Gebiet jenseits des Balkan +bis zur Donau wohl einmal von römischen Truppen betreten, aber +keineswegs von Rom abhängig war ^1. Jenseits des Rhodopegebirges waren +die Makedonien benachbarten thrakischen Dynasten, namentlich die der +Odrysen, denen der größte Teil der Südküste und ein Teil der Küste des +Schwarzen Meeres botmäßig war, durch die Expedition des Lucullus unter +römische Schutzherrschaft gekommen, während die Bewohner der mehr +binnenländischen Gebiete, namentlich die Besser an der oberen Mariza +Untertanen wohl hießen, aber nicht waren und ihre Einfälle in das +befriedete Gebiet sowie die Vergeltungszüge in das ihrige stetig +fortgingen. So hatte um das Jahr 694 (60) der leibliche Vater des +Augustus, Gaius Octavius, und im Jahre 711 (43) während der +Vorbereitungen zu dem Kriege gegen die Triumvirn Marcus Brutus gegen +sie gestritten. Eine andere thrakische Völkerschaft, die Dentheleten +(in der Gegend von Sofia), hatten noch in Ciceros Zeit bei einem +Einfall in Makedonien Miene gemacht, dessen Hauptstadt Thessalonike zu +belagern. Mit den Dardanern, den westlichen Nachbarn der Thraker, einem +Zweig der illyrischen Völkerfamilie, welche das südliche Serbien und +den Distrikt Prisrend bewohnten, hatte der Amtsvorgänger des Lucullus, +Curio, mit Erfolg und ein Dezennium später Ciceros Kollege im Konsulat, +Gaius Antonius, im Jahre 692 (62) unglücklich gefochten. Unterhalb des +dardanischen Gebiets, unmittelbar an der Donau, saßen wieder thrakische +Stämme, die einstmals mächtigen, jetzt herabgekommenen Triballer im Tal +des Oescus (in der Gegend von Plewna), weiterhin an beiden Ufern der +Donau bis zur Mündung Daker, oder wie sie am rechten Donauufer mit dem +alten, auch den asiatischen Stammgenossen gebliebenen Volksnamen +gewöhnlich genannt wurden, Myser oder Möser, wahrscheinlich zu +Burebistas Zeit ein Teil seines Reiches, jetzt wieder in verschiedene +Fürstentümer zersplittert. Die mächtigste Völkerschaft aber zwischen +Balkan und Donau waren damals die Bastarner. Wir sind diesem tapferen +und zahlreichen Stamm, dem östlichsten Zweig der großen germanischen +Sippe, schon mehrfach begegnet. Eigentlich ansässig hinter den +transdanuvianischen Dakern jenseits der Gebirge, die Siebenbürgen von +der Moldau scheiden, an den Donaumündungen und in dem weiten Gebiet von +da zum Dnjestr, befanden sie sich selber außerhalb des römischen +Bereichs; aber vorzugsweise aus ihnen hatte sowohl König Philipp von +Makedonien wie König Mithradates von Pontus seine Heere gebildet und in +dieser Weise hatten die Römer schon früher oft mit ihnen gestritten. +Jetzt hatten sie in großen Massen die Donau überschritten und sich +nördlich vom Haemus festgesetzt; insofern der dakische Krieg, wie ihn +Caesar der Vater und dann der Sohn geplant hatten, ohne Zweifel der +Gewinnung des rechten Ufers der unteren Donau galt, war er nicht minder +gegen sie gerichtet wie gegen die rechtsufrigen dakischen Möser. Die +griechischen Küstenstädte in dem Barbarenland Odessos (bei Varna), +Tomis, Istropolis, schwer bedrängt durch dies Völkergewoge, waren hier +wie überall die geborenen Klienten der Römer. + +——————————————————————————- + +^1 Dies sagt ausdrücklich Dio (51, 23) zum Jahre 725 (29): τέος μέν ούν +ταύτ εποίουν (d. h. solange die Bastarner nur die Triballer - bei +Oescus in Niedermösien - und die Dardaner in Obermösien angriffen), +ουδέν σφίσι πράγμα πρός τούς Ρωμαίους ήν. Επεί δέ τόν τε Αίμον +υπερέβεσαν καί τήν Θράκην τήν Δενθελήτων ένσπονδον αυτοίς ούσαν +κατέδραμον κ. τ. λ. Die Bundesgenossen in Mösien, von denen Dio 38, 10 +spricht, sind die Küstenstädte. + +——————————————————————————- + +Zur Zeit der Diktatur Caesars, als Burebista auf der Höhe seiner Macht +stand, hatten die Daker an der Küste bis hinab nach Apollonia jenen +fürchterlichen Verheerungszug ausgeführt, dessen Spuren noch nach +anderthalb Jahrhunderten nicht verwischt waren. Es mag wohl zunächst +dieser Einfall gewesen sein, welcher Caesar den Vater bestimmte, den +Dakerkrieg zu unternehmen; und nachdem der Sohn jetzt auch über +Makedonien gebot, mußte er allerdings sich verpflichtet fühlen, eben +hier sofort und energisch einzugreifen. Die Niederlage, die Ciceros +Kollege Antonius bei Istropolis durch die Bastarner erlitten hatte, +darf als ein Beweis dafür genommen werden, daß diese Griechen wieder +einmal der Hilfe der Römer bedurften. + +In der Tat wurde bald nach der Schlacht bei Actium (725 29) Marcus +Licinius Crassus, der Enkel des bei Karrhä gefallenen, von Caesar als +Statthalter nach Makedonien gesandt und beauftragt, den zweimal +verhinderten Feldzug nun auszuführen. Die Bastarner, welche eben damals +in Thrakien eingefallen waren, fügten sich ohne Widerstand, als Crassus +sie auffordern ließ, das römische Gebiet zu verlassen; aber ihr Rückzug +genügte dem Römer nicht. Er überschritt seinerseits den Haemus ^2, +schlug am Einfluß des Cibrus (Tzibritza) in die Donau die Feinde, deren +König Deldo auf der Wahlstatt blieb, und nahm, was aus der Schlacht in +eine nahe Festung entkommen war, mit Hilfe eines zu den Römern +haltenden Dakerfürsten gefangen. Ohne weiteren Widerstand zu leisten, +unterwarf sich dem Überwinder der Bastarner das gesamte mösische +Gebiet. Diese kamen im nächsten Jahr wieder, um die erlittene +Niederlage wettzumachen; aber sie unterlagen abermals und mit ihnen, +was von den mösischen Stämmen wieder zu den Waffen gegriffen hatte. +Damit waren diese Feinde von dem rechten Donauufer ein für allemal +ausgewiesen und dieses vollständig der römischen Herrschaft +unterworfen. Zugleich wurden die noch nicht botmäßigen Thraker +gebändigt, den Bessern das nationale Heiligtum des Dionysos genommen +und die Verwaltung desselben den Fürsten der Odrysen übertragen, welche +überhaupt seitdem unter dem Schutz der römischen Obergewalt die +Oberherrlichkeit über die thrakischen Völkerschaften südlich vom Haemus +führten oder doch führen sollten. Unter seinen Schutz wurden ferner die +griechischen Küstenstädte am Schwarzen Meere gestellt und auch das +übrige eroberte Gebiet verschiedenen Lehnsfürsten zugeteilt, auf die +somit zunächst der Schutz der Reichsgrenze überging ^3; eigene Legionen +hatte Rom für diese fernen Landschaften nicht übrig. Makedonien wurde +dadurch zur Binnenprovinz, die der militärischen Verwaltung nicht +ferner bedurfte. Das Ziel, das bei jenen dakischen Kriegsplänen ins +Auge gefaßt worden war, war erreicht. + +———————————————————————————— + +^2 Wenn Dio sagt (51, 23): τήν Σεγετικήν κακουμένην προσεποιήσατο καί +ες τήν Μυσίδα ενέβαλε, so kann jene Stadt wohl nur Serdica sein, das +heutige Sofia, am oberen Oescus, der Schlüssel für das mösische Land. + +^3 Nach dem Feldzug des Crassus ist das eroberte Land wahrscheinlich in +der Weise organisiert worden, daß die Küste zum Thrakischen Reich kam, +wie dies G. Zippel (Die römische Herrschaft in Illyricum bis auf +Augustus. Leipzig 1877, S. 243) dargetan hat, der westliche Teil aber, +ähnlich wie Thrakien den einheimischen Fürsten zu Lehen gegeben ward, +an deren eines Stelle der noch unter Tiberius fungierende praefectus +civitatium Moesiae et Triballiae (CIL V, 1838) getreten sein muß. Die +übliche Annahme, daß Mösien anfänglich mit Illyricum verbunden gewesen +sei, ruht nur darauf, daß dasselbe bei der Aufzählung der im Jahre 727 +(27) zwischen Kaiser und Senat geteilten Provinzen bei Dio 53, 12 nicht +genannt werde und also in “Dalmatien” enthalten sei. Aber auf die +Lehnsstaaten und die prokuratorischen Provinzen erstreckt sich diese +Aufzählung überhaupt nicht und insofern ist bei jener Annahme alles in +Ordnung. Dagegen sprechen gegen die gewöhnliche Auffassung +schwerwiegende Argumente. Wäre Mösien ursprünglich ein Teil der Provinz +Illyricum gewesen, so hätte es diesen Namen behalten; denn bei Teilung +der Provinz pflegt der Name zu bleiben und nur ein Determinativ +hinzuzutreten. Die Benennung Illyricum aber, die Dio ohne Zweifel a. a. +O. wiedergibt, hat sich in dieser Verbindung immer beschränkt auf das +obere (Dalmatien) und das untere (Pannonien). Ferner bleibt, wenn +Mösien ein Teil von Illyricum war, für jenen Präfekten von Mösien und +Triballien, resp. seinen königlichen Vorgänger kein Raum. Endlich ist +es wenig wahrscheinlich, daß im Jahre 727 (27) einem einzigen +senatorischen Statthalter ein Kommando von dieser Ausdehnung und +Wichtigkeit anvertraut worden ist. Dagegen erklärt sich alles einfach, +wenn nach dem Kriege des Crassus in Mösien kleine Klientelstaaten +entstanden; diese standen als solche von Haus aus unter dem Kaiser, und +da bei deren sukzessiver Einziehung und Umwandlung in eine +Statthalterschaft der Senat nicht mitwirkte, konnte sie leicht in den +Annalen ausfallen. Vollzogen hat sie sich in oder vor dem Jahre 743 +(11), da der damals den Krieg gegen die Thraker führende Statthalter L. +Calpurnius Piso, dem Dio 54, 34 irrig die Provinz Pamphylien beilegt, +als Provinz nur Pannonien oder Mösien gehabt haben kann und da in +Pannonien damals Tiberius als Legat fungierte, für ihn nur Mösien übrig +bleibt. Im Jahre 6 n. Chr. erscheint sicher ein kaiserlicher +Statthalter von Mösien. + +———————————————————————————— + +Allerdings war dieses Ziel nur ein vorläufiges. Aber bevor Augustus die +definitive Regulierung der Nordgrenze in die Hand nahm, wandte er sich +zu der Reorganisation der schon zum Reiche gehörigen Landschaften; über +ein Dezennium verging mit der Ordnung der Dinge in Spanien, Gallien, +Asien, Syrien. Wie er dann, als dort das Nötige geschehen war, das +umfassende Werk angriff, soll nun erzählt werden. + +Italien, das über drei Weltteile gebot, war, wie gesagt, noch +keineswegs unbedingt Herr im eigenen Hause. Die Alpen, die es gegen +Norden beschirmen, waren in ihrer ganzen Ausdehnung von einem Meer zum +andern angefüllt mit kleinen, wenig zivilisierten Völkerschaften +illyrischer, rätischer, keltischer Nationalität, deren Gebiete zum Teil +hart angrenzten an die der großen Städte der Transpadana - so das der +Trumpiliner (Val Trompia) an die Stadt Brixia, das der Camunner (Val +Camonica, oberhalb des Lago d’Iseo) an die Stadt Bergomum, das der +Salasser (Val d’Aosta) an Eporedia (Ivrea), und die keineswegs +friedliche Nachbarschaft pflogen. Oft genug überwunden und als besiegt +auf dem Kapitol proklamiert, plünderten diese Stämme, allen Lorbeeren +der vornehmen Triumphatoren zum Trotz, fortwährend die Bauern und die +Kaufleute Oberitaliens. Ernstlich zu steuern war dem Unwesen nicht, +solange die Regierung sich nicht entschloß, die Alpenhöhen zu +überschreiten und auch den nördlichen Abhang in ihre Gewalt zu bringen; +denn ohne Zweifel strömten beständig zahlreiche dieser Raubgesellen +über die Berge herüber, um das reiche Nachbarland zu brandschatzen. +Auch nach Gallien hin war noch in gleicher Weise zu tun; die +Völkerschaften im oberen Rhonethal (Wallis und Waadt) waren zwar von +Caesar unterworfen worden, aber sind auch unter denen genannt, die den +Feldherren seines Sohnes zu schaffen machten. Andererseits klagten die +friedlichen gallischen Grenzdistrikte über die stetigen Einfälle der +Räter. Eine Geschichtserzählung leiden und fordern die zahlreichen +Expeditionen nicht, welche Augustus dieser Mißstände halber +veranstaltet hat; in den Triumphalfasten sind sie nicht verzeichnet und +gehören auch nicht hinein, aber sie gaben Italien zum ersten Mal +Befriedung des Nordens. Erwähnt mögen werden die Niederwerfung der oben +erwähnten Camunner im Jahre 738 (16) durch den Statthalter von +Illyricum und die gewisser ligurischer Völkerschaften in der Gegend von +Nizza im Jahre 740 (14), weil sie zeigen, wie noch um die Mitte der +augustischen Zeit diese unbotmäßigen Stämme unmittelbar auf Italien +drückten. Wenn der Kaiser späterhin in dem Gesamtbericht über seine +Reichsverwaltung erklärte, daß gegen keine dieser kleinen +Völkerschaften von ihm zu Unrecht Gewalt gebraucht worden sei, so wird +dies dahin zu verstehen sein, daß ihnen Gebietsabtretungen und +Sitzwechsel angesonnen wurden und sie sich dagegen zur Wehr setzten; +nur der unter König Cottius von Segusio (Susa) vereinigte kleine +Gauverband fügte sich ohne Kampf in die neue Ordnung. + +Der Schauplatz dieser Kämpfe waren die südlichen Abhänge und die Täler +der Alpen. Es folgte die Festsetzung auf dem Nordabhang der Gebirge und +in dem nördlichen Vorlande im Jahre 739 (15). Die beiden dem +kaiserlichen Hause zugezählten Stiefsöhne Augusts, Tiberius, der +spätere Kaiser, und sein Bruder Drusus, wurden damit in die ihnen +bestimmte Feldherrnlaufbahn eingeführt - es waren sehr sichere und sehr +dankbare Lorbeeren, die ihnen in Aussicht gestellt wurden. Von Italien +aus das Tal der Etsch hinauf drang Drusus in die rätischen Berge ein +und erfocht hier einen ersten Sieg; für das weitere Vordringen reichte +ihm der Bruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetischen Gebiet +aus die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die römischen Trieren +die Boote der Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 739 (15), +wurde in der Umgegend der Donauquellen die letzte Schlacht geschlagen, +durch die Rätien und das Vindelikerland, das heißt Tirol, die +Ostschweiz und Bayern, fortan Bestandteile des Römischen Reiches +wurden. Kaiser Augustus selbst war nach Gallien gegangen, um den Krieg +und die Einrichtung der neuen Provinz zu überwachen. Da wo die Alpen am +Golf von Genua endigen, auf der Höhe oberhalb Monaco, wurde einige +Jahre darauf von dem dankbaren Italien dem Kaiser Augustus ein weit in +das Tyrrhenische Meer hinausschauendes, noch heute nicht ganz +verschwundenes Denkmal dafür errichtet, daß unter seinem Regiment die +Alpenvölker alle vom oberen zum unteren Meer - ihrer sechsundvierzig +zählt die Inschrift auf - in die Gewalt des römischen Volkes gebracht +worden waren. Es war nicht mehr als die einfache Wahrheit, und dieser +Krieg das, was der Krieg sein soll, der Schirmer und der Bürge des +Friedens. + +Schwieriger wohl als die eigentliche Kriegsarbeit war die Organisation +des neuen Gebietes; insbesondere auch deshalb, weil die inneren +politischen Verhältnisse hier zum Teil recht störend eingriffen. Da +nach der Lage der Dinge das militärische Schwergewicht nicht in Italien +liegen durfte, so mußte die Regierung darauf bedacht sein, die großen +Militärkommandos aus der unmittelbaren Nähe Italiens möglichst zu +entfernen; ja es hat wohl bei der Besetzung Rätiens selbst das +Bestreben mitgewirkt, das Kommando, welches wahrscheinlich bis dahin in +Oberitalien selbst nicht hatte entbehrt werden können, definitiv von +dort wegzulegen, wie es dann auch zur Ausführung kam. Was man zunächst +erwarten sollte, daß für die in dem neugewonnenen Gebiet +unentbehrlichen militärischen Aufstellungen ein großer Mittelpunkt am +Nordabhang der Alpen geschaffen worden wäre, davon geschah das gerade +Gegenteil. Es wurde zwischen Italien einer- und den großen Rhein- und +Donaukommandos andererseits ein Gürtel kleinerer Statthalterschaften +gezogen, die nicht bloß alle vom Kaiser, sondern auch durchaus mit dem +Senat nicht angehörigen Männern besetzt wurden. Italien und die +südgallische Provinz wurden geschieden durch die drei kleinen +Militärdistrikte der Seealpen (Departement der Seealpen und Provinz +Cuneo), der Kottischen mit der Hauptstadt Segusio (Susa) und +wahrscheinlich der Graischen (Ostsavoyen), unter denen der zweite, von +dem schon genannten Gaufürsten Cottius und seinen Nachkommen eine +Zeitlang in den Formen der Klientel verwaltete ^4 am meisten bedeutete, +die aber alle eine gewisse Militärgewalt besaßen und deren nächste +Bestimmung war, in dem betreffenden Gebiet und vor allem auf den +wichtigen, dasselbe durchschneidenden Reichsstraßen die öffentliche +Sicherheit zu erhalten. Das obere Rhonetal dagegen, also das Wallis, +und das neu eroberte Rätien wurden einem nicht im Rang, aber wohl an +Macht höher stehenden Befehlhaber untergeben; ein relativ ansehnliches +Korps war hier nun einmal unumgänglich erforderlich. Indes wurde, um +dasselbe möglichst verringern zu können, Rätien durch Entfernung seiner +Bewohner im großen Maßstab entvölkert. Den Ring schloß die ähnlich +organisierte Provinz Noricum, den größten Teil des heutigen deutschen +Osterreich umfassend. Diese weite und fruchtbare Landschaft hatte sich +ohne wesentlichen Widerstand der römischen Herrschaft unterworfen, +wahrscheinlich in der Form, daß hier zunächst ein abhängiges Fürstenrum +entstand, bald aber der König dem kaiserlichen Prokurator wich, von dem +er ohnehin sich nicht wesentlich unterschied. Von den Rhein- und +Donaulegionen erhielten allerdings einige ihre Standlager in der +unmittelbaren Nähe, einerseits der rätischen Grenze bei Vindonissa, +andererseits der norischen bei Poetovio, offenbar, um auf die +Nachbarprovinz zu drücken; aber Armeen ersten Ranges mit Legionen unter +senatorischen Generalen gab es in jenem Zwischenbereich so wenig wie +senatorische Statthalter. Das Mißtrauen gegen das neben dem Kaiser den +Staat regierende Kollegium findet in dieser Einrichtung einen sehr +drastischen Ausdruck. + +—————————————————————- + +^4 Der offizielle Titel des Cottius war nicht König, wie der seines +Vaters Donnus, sondern “Gauverbandsvorstand” (praefectus civitatium), +wie er auf dem noch stehenden, im Jahre 745/46 (9/8) von ihm zu Ehren +des Augustus errichteten Bogen von Susa genannt wird. Aber die Stellung +war ohne Zweifel lebenslänglich und, unter Vorbehalt der Bestätigung +des Lehnsherrn, auch erblich, also insofern der Verband allerdings ein +Fürstentum, wie er auch gewöhnlich heißt. + +—————————————————————- + +Nächst der Befriedung Italiens war der Hauptzweck dieser Organisation +die Sicherung seiner Kommunikationen mit dem Norden, die für den +Handelsverkehr von nicht minder einschneidender Bedeutung war wie in +militärischer Beziehung. Mit besonderer Energie griff Augustus diese +Aufgabe an und es ist wohl verdient, daß in den Namen Aosta und +Augsburg, vielleicht auch in dem der Julischen Alpen der seinige noch +heute fortlebt. Die alte Küstenstraße, die Augustus von der ligurischen +Küste durch Gallien und Spanien bis an den Atlantischen Ozean teils +erneuerte, teils herstellte, hat nur Handelszwecken dienen können. Auch +die Straße über die Kottische Alpe, schon durch Pompeius eröffnet, ist +unter Augustus durch den schon erwähnten Fürsten von Susa ausgebaut und +nach ihm benannt worden; ebenfalls eine Handelsstraße, verknüpft sie +Italien über Turin und Susa mit der Handelshauptstadt Südgalliens +Arelate. Aber die eigentliche Militärlinie, die unmittelbare Verbindung +zwischen Italien und den Rheinlagern führt durch das Tal der Dora +Baltea aus Italien teils nach der Hauptstadt Galliens, Lyon, teils nach +dem Rhein. Hatte die Republik sich darauf beschränkt, den Eingang jenes +Tals durch die Anlegung von Eporedia (Ivrea) in ihre Gewalt zu bringen, +so nahm Augustus dasselbe ganz in Besitz in der Weise, daß er dessen +Bewohner, die immer noch unruhigen und schon während des dalmatinischen +Krieges von ihm bekämpften Salasser, nicht bloß unterwarf, sondern +geradezu austilgte - ihrer 36000, darunter 8000 streitbare Männer, +wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in die Sklaverei +verkauft und den Käufern auferlegt, binnen zwanzig Jahre keinem +derselben die Freiheit zu gewähren. Das Feldlager selbst, von dem aus +sein Feldherr Varro Murena im Jahre 729 (25) sie schließlich aufs Haupt +geschlagen hatte, wurde die Festung, welche, besetzt mit 3000 der +Kaisergarde entnommenen Ansiedlern, die Verbindungen sichern sollte, +die Stadt Augusta Praetoria, das heutige Aosta, deren damals errichtete +Mauern und Tore noch heute stehen. Sie beherrschte später zwei +Alpenstraßen, sowohl die über die Grafische Alpe oder den Kleinen St. +Bernhard an der oberen Isère und der Rhone nach Lyon führende wie die, +welche über die Pöninische Alpe, den Großen St. Bernhard, zum Rhonetal +und zum Genfer See und von da in die Täler der Aare und des Rheins +lief. Aber für die erste dieser Straßen ist die Stadt angelegt worden, +da sie ursprünglich nur nach Osten und Westen führende Tore gehabt hat, +und es konnte dies auch nicht anders sein, da die Festung ein Dezennium +vor der Besetzung Rätiens gebaut ward, auch in jenen Jahren die spätere +Organisation der Rheinlager noch nicht bestand und die direkte +Verbindung der Hauptstädte Italiens und Galliens durchaus in erster +Reihe stand. In der Richtung auf die Donau zu ist der Anlage von Emona +an der oberen Save auf der alten Handelsstraße von Aquileia über die +Julische Alpe in das pannonische Gebiet schon gedacht worden; diese +Straße war zugleich die Hauptader der militärischen Verbindung von +Italien mit dem Donaugebiet. Mit der Eroberung Rätiens endlich verband +sich die Eröffnung der Straße, welche von der letzten italischen Stadt +Tridentum (Trient) das Etschtal hinauf zu der im Lande der Vindeliker +neu angelegten Augusta, dem heutigen Augsburg, und weiter zur oberen +Donau führte. Als dann der Sohn des Feldherrn, der dieses Gebiet zuerst +aufgeschlossen hatte, zur Regierung gelangte, ist dieser Straße der +Name der Claudischen beigelegt worden ^5. Sie stellte zwischen Rätien +und Italien die militärisch unentbehrliche Verbindung her; indes hat +sie in Folge der relativ geringen Bedeutung der rätischen Armee und +wohl auch in Folge der schwierigeren Kommunikation niemals die +Bedeutung gehabt wie die Straße von Aosta. + +———————————————————————————- + +^5 Wir kennen diese Straße nur in der Gestalt, die der Sohn des +Erbauers, Kaiser Claudius, ihr gab; ursprünglich kann sie natürlich +nicht via Claudia Augusta geheißen haben, sondern nur via Augusta, und +schwerlich als ihr Endpunkt in Italien Altinum, ungefähr das heutige +Venedig, betrachtet worden sein, da unter Augustus noch alle +Reichsstraßen nach Rom führten. Daß die Straße auch durch das obere +Etschtal lief, ist erwiesen durch den bei Meran gefundenen Meilenstein +(CIL V 8003); daß sie an die Donau führte, ist bezeugt, die Verbindung +dieses Straßenbaus mit der Anlage von Augusta Vindelicum, wenn dies +auch zunächst nur Marktflecken (forum) war, mehr als wahrscheinlich +(CIL III, p. 711); auf welchem Wege von Meran aus Augsburg und die +Donau erreicht wurden, wissen wir nicht. Späterhin ist die Straße dahin +korrigiert worden, daß sie bei Bozen die Etsch verläßt und das +Eisacktal hinauf über den Brenner nach Augsburg führt. + +———————————————————————————- + +Die Alpenpässe und der Nordabhang der Alpen waren somit in gesichertem +römischen Besitz. Jenseits der Alpen erstreckte sich östlich vom Rhein +das germanische Land, südwärts der Donau das der Pannonier und der +Möser. Auch hier wurde kurz nach der Besetzung Rätiens, und ziemlich +gleichzeitig nach beiden Seiten hin, die Offensive ergriffen. +Betrachten wir zunächst die Vorgänge an der Donau. + +Das Donaugebiet, allem Anschein nach bis zum Jahre 727 (27) mit +Oberitalien zusammen verwaltet, wurde damals bei der Reorganisation des +Reiches ein selbständiger Verwaltungsbezirk Illyricum unter eigenem +Statthalter. Er bestand aus Dalmatien mit seinem Hinterland bis zum +Drin, während die Küste weiter südwärts seit langem zur +Statthalterschaft Makedonien gehörte, und den römischen Besitzungen im +Lande der Pannonier an der Save. Das Gebiet zwischen dem Haemus und der +Donau bis zum Schwarzen Meer, welches kurz zuvor Crassus in +Reichsabhängigkeit gebracht hatte, sowie nicht minder Noricum und +Rätien standen im Klientelverhältnis zu Rom, gehörten also zwar nicht +zu diesem Sprengel, aber hingen doch zunächst von dem Statthalter +Illyricums ab. Auch das noch keineswegs beruhigte Thrakien südlich vom +Haemus fiel militärisch in denselben Bereich. Es ist eine bis in späte +Zeit bestehende Fortwirkung dieser ursprünglichen Organisation gewesen, +daß das ganze Donaugebiet von Rätien bis Mösien als ein Zollbezirk +unter dem Namen Illyricum im weiteren Sinne zusammengefaßt worden ist. +Legionen standen nur in dem eigentlichen Illyricum, in den übrigen +Distrikten wahrscheinlich gar keine Reichstruppen, höchstens kleinere +Detachements; das Oberkommando führte der aus dem Senat hervorgehende +Prokonsul der neuen Provinz, während die Soldaten und die Offiziere +selbstverständlich kaiserlich waren. Es zeugt von dem ernsten Charakter +der nach der Eroberung Rätiens beginnenden Offensive, daß zunächst der +Nebenherrscher Agrippa das Kommando im Donaugebiet übernahm, dem der +Prokonsul von Illyricum von Rechts wegen sich unterzuordnen hatte, und +dann, als Agrippas plötzlicher Tod im Frühjahr 742 (12) diese +Kombination scheitern machte, im Jahre darauf Illyricum in kaiserliche +Verwaltung überging, also die kaiserlichen Feldherren hier das +Oberkommando erhielten. Bald bildeten sich hier drei militärische +Mittelpunkte, welche dann auch die administrative Dreiteilung des +Donaugebiets herbeiführten. Die kleinen Fürstentümer in dem von Crassus +eroberten Gebiet machten der Provinz Mösien Platz, deren Statthalter +fortan in dem heutigen Serbien und Bulgarien die Grenzwacht hielt gegen +Daker und Bastarner. In der bisherigen Provinz Illyricum wurde ein Teil +der Legionen an der Kerka und der Cettina postiert, um die immer noch +schwierigen Dalmater im Zaum zu halten. Die Hauptmacht stand in +Pannonien an der damaligen Reichsgrenze, der Save. Chronologisch genau +läßt sich diese Dislokation der Legionen und Organisation der Provinzen +nicht fixieren; wahrscheinlich haben die gleichzeitig geführten +ernsthaften Kriege gegen die Pannonier und die Thraker, von denen wir +gleich zu berichten haben werden, zunächst dazu geführt, die +Statthalterschaft von Mösien einzurichten, und haben erst einige Zeit +nachher die dalmatischen Legionen und die an der Save eigene +Oberbefehlshaber erhalten. + +Wie die Expeditionen gegen die Pannonier und die Germanen gleichsam +eine Wiederholung des rätischen Feldzugs in erweitertem Maßstab sind, +so waren auch die Führer, welche mit dem Titel kaiserlicher Legaten an +die Spitze gestellt wurden, dieselben; wieder die beiden Prinzen des +kaiserlichen Hauses, Tiberius, der an Agrippas Stelle das Kommando in +Illyricum übernahm, und Drusus, der an den Rhein ging, beide jetzt +nicht mehr unerprobte Jünglinge, sondern Männer in der Blüte ihrer +Jahre und schwerer Arbeit wohl gewachsen. + +An nächsten Anlässen für die Kriegführung fehlte es in der Donaugegend +nicht. Raubgesindel aus Pannonien und selbst aus dem friedlichen +Noricum plünderte im Jahre 738 (16) bis nach Istrien hinein. Zwei Jahre +darauf ergriffen die illyrischen Provinzialen gegen ihre Herren die +Waffen und obwohl sie dann, als Agrippa im Herbst des Jahres 741 (13) +das Kommando übernahm, ohne Widerstand zu leisten zum Gehorsam +zurückkehrten, sollen doch unmittelbar nach seinem Tode die Unruhen +aufs neue begonnen haben. Wir vermögen nicht zu sagen, wieweit diese +römischen Erzählungen der Wahrheit entsprechen; der eigentliche Grund +und Zweck dieses Krieges war gewiß die durch die allgemeine politische +Lage geforderte Vorschiebung der römischen Grenze. Über die drei +Kampagnen des Tiberius in Pannonien 742 bis 744 (12-10) sind wir sehr +unvollkommen unterrichtet. Als Ergebnis derselben wurde von der +Regierung die Feststellung der Donaugrenze für die Provinz Illyricum +angegeben. Daß diese seitdem in ihrem ganzen Laufe als die Grenze des +römischen Gebiets angesehen wurde, ist ohne Zweifel richtig, aber eine +eigentliche Unterwerfung oder gar eine Besetzung dieses ganzen weiten +Gebiets ist damals keineswegs erfolgt. Hauptsächlichen Widerstand gegen +Tiberius leisteten die schon früher für römisch erklärten +Völkerschaften, insbesondere die Dalmater; unter den damals zuerst +effektiv unterworfenen ist die namhafteste die der pannonischen Breuker +an der unteren Save. Schwerlich haben die römischen Heere während +dieser Feldzüge die Drau auch nur überschritten, auf keinen Fall ihre +Standlager an die Donau verlegt. Das Gebiet zwischen Save und Drau +wurde allerdings besetzt und das Hauptquartier der illyrischen +Nordarmee von Siscia an der Save nach Poetovio (Pettau) an der +mittleren Drau verlegt, während in dem vor kurzem besetzten norischen +Gebiet die römischen Besatzungen bis an die Donau bei Carnuntum +reichten (Petronell bei Wien), damals die letzte norische Stadt gegen +Osten. Das weite und große Gebiet zwischen der Drau und der Donau, das +heutige westliche Ungarn, ist allem Anschein nach damals nicht einmal +militärisch besetzt worden. Es entsprach dies dem Gesamtplan der +begonnenen Offensive; man suchte die Fühlung mit dem gallischen Heer, +und für die neue Reichsgrenze im Nordosten war der natürliche +Stützpunkt nicht Ofen, sondern Wien. + +Gewissermaßen eine Ergänzung zu dieser pannonischen Expedition des +Tiberius bildet diejenige, welche gleichzeitig gegen die Thraker von +Lucius Piso unternommen ward, vielleicht dem ersten eigenen +Statthalter, den Mösien gehabt hat. Die beiden großen benachbarten +Nationen, die Illyriker und die Thraker, von denen in einem späteren +Abschnitt eingehender gehandelt werden wird, standen damals gleichmäßig +zur Unterwerfung. Die Völkerschaften des inneren Thrakiens erwiesen +sich noch störriger als die Illyriker und den von Rom ihnen gesetzten +Königen wenig botmäßig; im Jahre 738 (16) mußte ein römisches Heer dort +einrücken und den Fürsten gegen die Besser zu Hilfe kommen. Wenn wir +genauere Berichte über die dort wie hier in den Jahren 741 bis 743 +(13-11) geführten Kämpfe hätten, würde das gleichzeitige Handeln der +Thraker und der Illyriker vielleicht als gemeinschaftliches erscheinen. +Gewiß ist es, daß die Masse der Thrakerstämme südlich vom Haemus und +vermutlich auch die in Mösien sitzenden sich an diesem Nationalkrieg +beteiligten, und daß die Gegenwehr der Thraker nicht minder hartnäckig +war als die der Illyriker. Es war für sie zugleich ein Religionskrieg; +das den Bessern genommene und den römisch gesinnten Odrysenfürsten +überwiesene Dionysosheiligtum ^6 war nicht vergessen; ein Priester +dieses Dionysos stand an der Spitze der Insurrektion und sie richtete +sich zunächst eben gegen jene Odrysenfürsten. Der eine derselben wurde +gefangen und getötet, der andere verjagt; die zum Teil nach römischem +Muster bewaffneten und disziplinierten Insurgenten siegten indem ersten +Treffen über Piso und drangen vor bis nach Makedonien und in den +Thrakischen Chersones; man fürchtete für Asien. Indes die römische +Zucht behielt doch schließlich das Übergewicht auch über diese tapferen +Gegner; in mehreren Feldzügen wurde Piso des Widerstandes Herr, und das +entweder schon bei dieser Gelegenheit oder bald nachher auf dem +“thrakischen Ufer” eingerichtete Kommando von Mösien brach den +Zusammenhang der dakisch-thrakischen Völkerschaften, indem es die +Stämme am linken Ufer der Donau und die verwandten südlich vom Haemus +voneinander schied, und sicherte dauernd die römische Herrschaft im +Gebiet der unteren Donau. + +—————————————————————————- + +^6 Die Örtlichkeit, “in welcher die Besser den Gott Dionysos verehren” +und die Crassus ihnen nahm und den Odrysen gab (Dio 51, 25), ist gewiß +derselbe Liberi patris lucus, in welchem Alexander opferte und der +Vater des Augustus, cum per secreta Thraciae exercitum duceret, das +Orakel wegen seines Sohnes befragte (Suet. Aug. 94) und das schon +Herodot (2, 111; vgl. Eur. Hek. 1267) als unter Obhut der Besser +stehendes Orakelheiligtum erwähnt. Gewiß ist es nordwärts der Rhodope +zu suchen; wiedergefunden ist es noch nicht. + +—————————————————————————- + +Näher noch als von den Pannoniern und den Thrakern ward es den Römern +von den Germanen gelegt, daß der damalige Zustand der Dinge auf die +Dauer nicht bleiben könne. Die Reichsgrenze war seit Caesar der Rhein, +vom Bodensee bis zu seiner Mündung. Eine Völkerscheide war er nicht, da +schon von alters her im Nordosten Galliens die Kelten sich vielfach mit +Deutschen gemischt hatten, die Treuerer und die Nervier Germanen +wenigstens gern gewesen wären, am mittleren Rhein Caesar selbst die +Reste der Scharen des Ariovistus, Triboker (im Elsaß), Nemeter (um +Speyer), Vangionen (um Worms) seßhaft gemacht hatte. Freilich hielten +diese linksrheinischen Deutschen fester zu der römischen Herrschaft als +die keltischen Gaue und nicht sie haben den Landsleuten auf dem rechten +Ufer die Pforten Galliens geöffnet. Aber diese, seit langem der +Plunderzüge über den Fluß gewohnt und der mehrfach halb geglückten +Versuche, dort sich festzusetzen, keineswegs vergessen, kamen auch +ungerufen. Die einzige germanische Völkerschaft jenseits des Rheines, +die schon in Caesars Zeit sich von ihren Landsleuten getrennt und unter +römischen Schutz gestellt hatte, die Ubier, hatten vor dem Haß ihrer +erbitterten Stammgenossen weichen und auf dem römischen Ufer Schutz und +neue Wohnsitze suchen müssen (716 38); Agrippa, obwohl persönlich in +Gallien anwesend, hatte unter dem Druck des damals bevorstehenden +sizilischen Krieges nicht vermocht, ihnen in anderer Weise zu helfen, +und den Rhein nur überschritten, um die Überführung zu bewirken. Aus +dieser ihrer Siedlung ist später unser Köln erwachsen. Nicht bloß die +auf dem rechten Rheinufer Handel treibenden Römer wurden vielfältig von +den Germanen geschädigt, so daß sogar im Jahre 729 (25) deswegen ein +Vorstoß über den Rhein ausgeführt ward und Agrippa im Jahre 734 (20) +vom Rhein herübergekommene germanische Schwärme aus Gallien +hinauszuschlagen hatte; es geriet im Jahre 738 (16) das jenseitige Ufer +in eine allgemeinere, auf einen Einbruch in großem Maßstab +hinauslaufende Bewegung. Die Sugambrer an der Ruhr gingen voran, mit +ihnen ihre Nachbarn, nördlich im Lippetal die Usiper, südlich die +Tencterer; sie griffen die bei ihnen verweilenden römischen Händler auf +und schlugen sie ans Kreuz, überschritten dann den Rhein, plünderten +weit und breit die gallischen Gaue, und als ihnen der Statthalter von +Germanien den Legaten Marcus Lollius mit der fünften Legion +entgegenschickte, fingen sie erst deren Reiterei ab und schlugen dann +die Legion selbst in schimpfliche Flucht, wobei ihnen sogar deren Adler +in die Hände fiel. Nach allem diesem kehrten sie unangefochten zurück +in ihre Heimat. Dieser Mißerfolg der römischen Waffen, wenn auch an +sich nicht von Gewicht, war doch der germanischen Bewegung und selbst +der schwierigen Stimmung in Gallien gegenüber nichts weniger als +unbedenklich; Augustus selbst ging nach der angegriffenen Provinz, und +es mag dieser Vorgang wohl die nächste Veranlassung gewesen sein zur +Aufnahme jener großen Offensive, die, mit dem Rätischen Krieg 739 (15) +beginnend, weiter zu den Feldzügen des Tiberius in Illyricum und des +Drusus in Germanien führte. + +Nero Claudius Drusus, geboren im Jahre 716 (38) von Livia im Hause +ihres neuen Gemahls, des späteren Augustus, und von diesem gleich einem +Sohn - die bösen Zungen sagten, als sein Sohn - geliebt und gehalten, +ein Bild männlicher Schönheit und von gewinnender Anmut im Verkehr, ein +tapferer Soldat und ein tüchtiger Feldherr, dazu ein erklärter +Lobredner der alten republikanischen Ordnung und in jeder Hinsicht der +populärste Prinz des kaiserlichen Hauses, übernahm bei Augustus’ +Rückkehr nach Italien (741 13) die Verwaltung von Gallien und den +Oberbefehl gegen die Germanen, deren Unterwerfung jetzt ernstlich in +das Auge gefaßt ward. Wir vermögen weder die Stärke der damals am Rhein +stehenden Armee noch die bei den Germanen obwaltenden Zustände genügend +zu erkennen; nur das tritt deutlich hervor, daß die letzteren nicht +imstande waren, dem geschlossenen Angriff in entsprechender Weise zu +begegnen. Das Neckargebiet, ehemals von den Helvetiern besessen, dann +lange Zeit streitiges Grenzland zwischen ihnen und den Germanen, lag +verödet und beherrscht einerseits durch die jüngst unterworfene +Landschaft der Vindeliker, andererseits durch die römisch gesinnten +Germanen um Straßburg, Speyer und Worms. Weiter nordwärts, in der +oberen Maingegend, saßen die Markomannen, vielleicht der mächtigste der +suebischen Stämme, aber mit den Germanen des Mittelrheins seit alters +her verfeindet. Nordwärts des Mains folgten zunächst im Taunus die +Chatten, weiter rheinabwärts die schon genannten Tencterer, Sugambrer +und Usiper; hinter ihnen die mächtigen Cherusker an der Weser, außerdem +eine Anzahl Völkerschaften zweiten Ranges. Wie diese mittelrheinischen +Stämme, voran die Sugambrer, jenen Angriff auf das römische Gallien +ausgeführt hatten, so richtete sich auch der Vergeltungszug des Drusus +hauptsächlich gegen sie, und sie auch verbanden sich gegen Drusus zur +gemeinschaftlichen Abwehr und zur Aufstellung eines aus dem Zuzug aller +dieser Gaue zu bildenden Volksheers. Aber die friesischen Stämme an der +Nordseeküste schlossen sich nicht an, sondern verharrten in der ihnen +eigenen Isolierung. + +Es waren die Germanen, die die Offensive ergriffen. Die Sugambrer und +ihre Verbündeten griffen wieder alle Römer auf, deren sie auf ihrem +Ufer habhaft werden konnten, und schlugen die Centurionen darunter, +ihrer zwanzig an der Zahl, ans Kreuz. Die verbündeten Stämme +beschlossen, abermals in Gallien einzufallen, und teilten auch die +Beute im voraus - die Sugambrer sollten die Leute, die Cherusker die +Pferde, die suebischen Stämme das Gold und Silber erhalten. So +versuchten sie im Anfang des Jahres 742 (12) wieder den Rhein zu +überschreiten und hofften auf die Unterstützung der linksrheinischen +Germanen und selbst auf eine Insurrektion der eben damals durch das +ungewohnte Schätzungsgeschäft erregten gallischen Gaue. Aber der junge +Feldherr traf seine Maßregeln gut: er erstickte die Bewegung im +römischen Gebiet, noch ehe sie recht in Gang kam, warf die +Eindringenden bei dem Flußübergang selbst zurück und ging dann +seinerseits über den Strom, um das Gebiet der Usiper und Sugambrer zu +brandschatzen. Dies war eine vorläufige Abwehr; der eigentliche +Kriegsplan, in größerem Stil angelegt, ging aus von der Gewinnung der +Nordseeküste und der Mündungen der Eins und der Elbe. Der zahlreiche +und tapfere Stamm der Bataver im Rheindelta ist, allem Anschein nach +damals und durch gütliche Vereinbarung, dem Römischen Reiche +einverleibt worden; mit ihrer Hilfe wurde vom Rheine zur Zuidersee und +aus dieser in die Nordsee eine Wasserverbindung hergestellt, welche der +Rheinflotte einen sichereren und kürzeren Weg zur Ems- und Elbemündung +eröffnete. Die Friesen an der Nordküste folgten dem Beispiel der +Bataver und fügten sich gleichfalls der Fremdherrschaft. Es war wohl +mehr noch die maßhaltende Politik als die militärische Übergewalt, die +hier den Römern den Weg bahnte: diese Völkerschaften blieben fast ganz +steuerfrei und wurden zum Kriegsdienst in einer Weise herangezogen, die +nicht schreckte, sondern lockte. Von da ging die Expedition an der +Nordseeküste hinauf; im offenen Meer wurde die Insel Burchanis +(vielleicht Borkum vor Ostfriesland) mit stürmender Hand genommen, auf +der Ems die Bootflotte der Bructerer von der römischen Flotte besiegt; +bis an die Mündung der Weser zu den Chaukern ist Drusus gelangt. +Freilich geriet die Flotte heimkehrend auf die gefährlichen und +unbekannten Watten, und wenn die Friesen nicht der schiffbrüchigen +Armee sicheres Geleit gewährt hätten, wäre sie in sehr kritische Lage +geraten. Nichtsdestoweniger war durch diesen ersten Feldzug die Küste +von der Rhein- zur Wesermündung römisch geworden. + +Nachdem also die Küste umfaßt war, begann im nächsten Jahr (743 11) die +Unterwerfung des Binnenlandes. Sie wurde wesentlich erleichtert durch +den Zwist unter den mittelrheinischen Germanen. Zu dem im Jahre vorher +versuchten Angriff auf Gallien hatten die Chatten den versprochenen +Zuzug nicht gestellt; in begreiflichem, aber noch vielmehr +unpolitischem Zorn hatten die Sugambrer mit gesamter Hand das +Chattenland überfallen, und so wurde ihr eigenes Gebiet sowie das ihrer +nächsten Nachbarn am Rhein ohne Schwierigkeit von den Römern besetzt. +Die Chatten unterwarfen sich dann den Feinden ihrer Feinde ohne +Gegenwehr; nichtsdestoweniger wurden sie angewiesen, das Rheinufer zu +räumen und dafür dasjenige Gebiet zu besetzen, das bis dahin die +Sugambrer innegehabt hatten. Nicht minder unterlagen weiter +landeinwärts die mächtigen Cherusker an der mittleren Weser. Die an der +unteren sitzenden Chauker wurden, wie ein Jahr zuvor von der Seeseite, +so jetzt zu Lande angegriffen und damit das gesamte Gebiet zwischen +Rhein und Weser wenigstens an den militärisch entscheidenden Stellen in +Besitz genommen. Der Rückweg wäre allerdings, eben wie im vorigen +Jahre, fast verhängnisvoll geworden; bei Arbalo (unbekannter Lage) +sahen sich die Römer in einem Engpaß von allen Seiten von den Germanen +umzingelt und ihrer Verbindungen verlustig; aber die feste Zucht der +Legionäre und daneben die übermütige Siegesgewißheit der Deutschen +verwandelten die drohende Niederlage in einen glänzenden Sieg ^7. Im +nächsten Jahr (744 10) standen die Chatten auf, erbittert über den +Verlust ihrer alten schönen Heimstatt; aber jetzt blieben sie +ihrerseits allein und wurden nach hartnäckiger Gegenwehr und nicht ohne +empfindlichen Verlust von den Römern überwältigt (745 9). Die +Markomannen am oberen Main, die nach der Einnahme des Chattengebiets +zunächst dem Angriff ausgesetzt waren, wichen ihm aus und zogen sich +rückwärts in das Land der Boier, das heutige Böhmen, ohne von hier aus, +wo sie dem unmittelbaren Machtkreise Roms entrückt waren, in die Kämpfe +am Rhein einzugreifen. In dem ganzen Gebiet zwischen Rhein und Weser +war der Krieg zu Ende. Drusus konnte im Jahre 745 (9) im Cheruskergau +das rechte Weserufer betreten und von da vorgehen bis an die Elbe, die +er nicht überschritt, vermutlich angewiesen war, nicht zu +überschreiten. Manches harte Gefecht wurde geliefert, erfolgreicher +Widerstand nirgends geleistet. Aber auf dem Rückweg, der, wie es +scheint, die Saale hinauf und von da zur Weser genommen ward, traf die +Römer ein schwerer Schlag, nicht durch den Feind, aber durch einen +unberechenbaren Unglücksfall. Der Feldherr stürzte mit dem Pferd und +brach den Schenkel; nach dreißigtägigen Leiden verschied er in dem +fernen Lande zwischen Saale und Weser ^8, das nie vor ihm eine römische +Armee betreten hatte, in den Armen des aus Rom herbeigeeilten Bruders, +im dreißigsten Jahre seines Alters, im Vollgefühl seiner Kraft und +seiner Erfolge, von den Seinigen und dem ganzen Volke tief und lange +betrauert, vielleicht glücklich zu preisen, weil die Götter ihm gaben, +jung aus dem Leben zu scheiden und den Enttäuschungen und Bitterkeiten +zu entgehen, welche die Höchstgestellten am schmerzlichsten treffen, +während in der Erinnerung der Welt noch heute seine glänzende +Heldengestalt fortlebt. + +——————————————————————————- + +^7 Daß die Schlacht bei Arbalo (Plin. nat. 11, 17, 55) in dieses Jahr +gehört, zeigt Obsequens 72 und also geht auf sie die Erzählung bei Dio +54, 33. + +^8 Daß der Sturz des Drusus in der Saalegegend erfolgte, wird aus +Strabon 7,1, 3 p. 291 gefolgert werden dürfen, obwohl er nur sagt, daß +er auf dem Heerzuge zwischen Salas und Rhein umkam und die +Identifikation des Salas mit der Saale allein auf der Namensähnlichkeit +beruht. Von der Unglücksstätte wurde er dann bis in das Sommerlager +transportiert (Sen. dial. ad Marciam 3: ipsis illum hostibus aegrum cum +veneratione et pace mutua prosequentibus nec optare quod expediebat +audentibus) und in diesem ist er gestorben (Suet. Claud. 1). Dies lag +tief im Barbarenland (Val. Max. 5, 5, 3) und nicht allzuweit von dem +Schlachtfelde des Varus (Tac. ann. 2, 7, wo die vetus ara Druso sita +gewiß auf den Sterbeplatz zu beziehen ist); man wird dasselbe im +Wesergebiet suchen dürfen. Die Leiche wurde dann in das Winterlager +geschafft (Dio 55, 2) und dort verbrannt; diese Stätte galt nach +römischem Gebrauch auch als Grabstätte, obwohl die Beisetzung der Asche +in Rom stattfand, und darauf ist der honorarius tumulus mit der +jährlichen Leichenfeier zu beziehen (Suet. a. a. O.). Wahrscheinlich +hat man dessen Stätte in Vetera zu suchen. Wenn ein späterer +Schriftsteller (Eutr. 7, 13) von dem monumentum des Drusus bei Mainz +spricht, so ist dies nicht wohl das Grabmal, sondern das anderweitig +erwähnte Tropaeum (Flor. epit. 2, 30: Marcomanorum spoliis et +insignibus quendam editum tumulum in tropaei modum excoluit). + +——————————————————————————- + +In dem großen Gang der Dinge änderte, wie billig, der Tod des tüchtigen +Feldherrn nichts. Sein Bruder Tiberius kam früh genug, nicht bloß um +ihm die Augen zuzudrücken, sondern auch um mit seiner sicheren Hand das +Heer zurück und die Eroberung Germaniens weiter zu führen. Er +kommandierte dort während der beiden folgenden Jahre (746, 747 8, 7); +zu größeren Kämpfen ist es während derselben nicht gekommen, aber weit +und breit zwischen Rhein und Elbe zeigten sich die römischen Truppen, +und als Tiberius die Forderung stellte, daß sämtliche Gaue die römische +Herrschaft förmlich anzuerkennen hätten, und zugleich erklärte, die +Anerkennung nur von sämtlichen Gauen zugleich entgegennehmen zu können, +fügten sie sich ohne Ausnahme, zuletzt von allen die Sugambrer, für die +es freilich einen wirklichen Frieden nicht gab. Wie weit man +militärisch gelangt war, beweist die wenig später fallende Expedition +des Lucius Domitius Ahenobarbus. Dieser konnte als Statthalter von +Illyricum, wahrscheinlich von Vindelizien aus, einem unsteten +Hermundurenschwarm im Markomannenlande selbst Sitze anweisen und +gelangte bei dieser Expedition bis an und über die obere Elbe, ohne auf +Widerstand zu treffen ^9. Die Markomannen in Böhmen waren völlig +isoliert, und das übrige Germanien zwischen Rhein und Elbe eine, wenn +auch noch keineswegs befriedete, römische Provinz. + +————————————————————————- + +^9 Die Mitteilung Dios (55, IOa), zum Teil bestätigt durch Tacitus +(arm. 4, 44) kann nicht anders aufgefaßt werden. Diesem Statthalter muß +ausnahmsweise auch Noricum und Rätien unterstellt gewesen sein oder der +Lauf der Operationen veranlaßte ihn, die Grenze seiner +Statthalterschaft zu überschreiten. Daß er Böhmen selbst durchschritten +habe, was in noch größere Schwierigkeiten verwickeln würde, fordert der +Bericht nicht. + +————————————————————————- + +Die militärisch-politische Organisation Germaniens, wie sie damals +angelegt ward, vermögen wir nur unvollkommen zu erkennen, da uns einmal +über die in früherer Zeit zum Schutz der gallischen Ostgrenze +getroffenen Einrichtungen jede genaue Kunde fehlt, andererseits +diejenigen der beiden Brüder durch die spätere Entwicklung der Dinge +großenteils zerstört worden sind. Eine Verlegung der römischen Grenzhut +vom Rhein weg hat keineswegs stattgefunden; so weit wollte man +vielleicht kommen, aber war man nicht. Ähnlich wie in Illyricum damals +die Donau, war die Elbe wohl die politische Reichsgrenze, aber der +Rhein die Linie der Grenzverteidigung, und von den Rheinlagern liefen +die rückwärtigen Verbindungen nach den großen Städten Galliens und nach +dessen Häfen ^10. Das große Hauptquartier während dieser Feldzüge ist +das spätere sogenannte “alte Lager”, Castra vetera (Birten bei Xanten), +die erste bedeutende Höhe abwärts Bonn am linken Rheinufer, militärisch +etwa dem heutigen Wesel am rechten entsprechend. Dieser Platz, besetzt +vielleicht seit den Anfängen der Römerherrschaft am Rhein, ist von +Augustus eingerichtet worden als Zwingburg für Germanien; und wenn die +Festung zu allen Zeiten der Stützpunkt für die römische Defensive am +linken Rheinufer gewesen ist, so war sie für die Invasion des rechten +nicht weniger wohl gewählt, gelegen gegenüber der Mündung der weit +hinauf schiffbaren Lippe und mit dem rechten Ufer durch eine feste +Brücke verbunden. Den Gegensatz zu diesem “alten Lager” an der Mündung +der Lippe, bildete wahrscheinlich das an der Mündung des Main, +Mogontiacum, das heutige Mainz, allem Anschein nach eine Schöpfung des +Drusus; wenigstens zeigen die schon erwähnten, den Chatten auferlegten +Gebietsabtretungen, sowie die weiterhin zu erwähnenden Anlagen im +Taunus, daß Drusus die militärische Wichtigkeit der Mainlinie und also +auch die ihres Schlüssels auf dem linken Rheinufer deutlich erkannt +hat. Wenn das Legionslager an der Aare, wie es scheint, eingerichtet +worden ist, um die Räter und Vindeliker im Gehorsam zu erhalten, so +fällt dessen Anlage vermutlich schon in diese Zeit, aber es ist dann +auch mit den gallisch-germanischen Militäreinrichtungen nur äußerlich +verknüpft gewesen. Das Straßburger Legionslager reicht schwerlich bis +in so frühe Zeit hinauf. Die Basis der römischen Heerstellung bildet +die Linie von Mainz bis Wesel. Daß Drusus und Tiberius, abgesehen von +der damals nicht mehr kaiserlichen narbonensischen Provinz, sowohl die +Statthalterschaft von ganz Gallien wie auch das Kommando der sämtlichen +rheinischen Legionen gehabt haben, ist ausgemacht; von diesen Prinzen +abgesehen, mag damals wohl die Zivilverwaltung Galliens von dem +Kommando der Rheintruppen getrennt gewesen sein, aber schwerlich war +das letztere damals schon in zwei koordinierte Kommandos geteilt ^11. + +————————————————————————- + +^10 Auf eine rückwärtige Verbindung der Rheinlager mit dem Hafen von +Boulogne dürfte die viel bestrittene Notiz des Florus (epit. 2, 30) zu +beziehen sein: Bonnam (oder Bormam) et Gessoriacum pontibus iunxit +classibusque firmavit, womit zu vergleichen sind die von demselben +Schriftsteller erwähnten Kastelle an der Maas. Bonn kann damals füglich +die Station der Rheinflotte gewesen sein; Boulogne ist auch in späterer +Zeit noch Flottenstation gewesen. Drusus konnte wohl Veranlassung haben +den kürzesten und sichersten Landweg zwischen den beiden Flottenlagern +für Transporte brauchbar zu machen, wenn auch der Schreiber +wahrscheinlich, um das Auffallende bemüht, durch zugespitzte +Ausdrucksweise Vorstellungen erweckt, die so nicht richtig sein können. + +^11 Über die administrative Teilung Galliens fehlt es, abgesehen von +der Abtrennung der Narbonensis, an allen Nachrichten, da sie nur auf +kaiserlichen Verfügungen beruhte und darüber nichts in die +Senatsprotokolle kam. Aber von der Existenz eines gesonderten ober- und +untergermanischen Kommandos geben die erste Kunde die Feldzüge des +Germanicus, und die Varusschlacht ist unter jener Voraussetzung kaum zu +verstehen; hier erscheinen wohl die hiberna inferiora, die von Vetera +(Vell. 2, 120), und den Gegensatz dazu, die superiora können nur die +von Mainz gemacht haben, aber auch diese stehen nicht unter einem +Kollegen, sondern unter dem Neffen, also einem Unterbefehlshaber des +Varus. Wahrscheinlich hat die Teilung erst in Folge der Niederlage in +den letzten Jahren des Augustus stattgefunden. + +————————————————————————- + +Über den Bestand der damaligen Rheinarmee können wir nur etwa sagen, +daß die Armee des Drusus schwerlich stärker, vielleicht geringer war +als die, welche zwanzig Jahre später in Germanien stand, von fünf bis +sechs Legionen, etwa 50000 bis 60000 Mann. + +Diesen militärischen Einrichtungen am linken Rheinufer sind die am +rechten getroffenen korrelat. Zunächst nahmen die Römer dieses selbst +in Besitz. Es traf dies vor allem die Sugambrer, wobei allerdings die +Vergeltung für den erbeuteten Adler und die ans Kreuz geschlagenen +Centurionen mitgewirkt hat. Die zur Erklärung der Unterwerfung +abgesandten Boten, die Vornehmsten der Nation, wurden gegen das +Völkerrecht als Kriegsgefangene behandelt und kamen in den italischen +Festungen elend um. Von der Masse des Volkes wurden 40000 Köpfe aus +ihrer Heimat entfernt und auf dem gallischen Ufer angesiedelt, wo sie +später vielleicht unter dem Namen der Cugerner begegnen. Nur ein +geringer und ungefährlicher Überrest des mächtigen Stammes durfte in +den alten Wohnsitzen bleiben. Auch suebische Haufen sind nach Gallien +übergeführt, andere Völkerschaften weiter landeinwärts gedrängt worden, +wie die Marser und ohne Zweifel auch die Chatten; am Mittelrhein wurde +überall die eingeborene Bevölkerung des rechten Ufers verdrängt oder +doch geschwächt. Längs dieses Rheinufers wurden ferner befestigte +Posten, fünfzig an der Zahl, eingerichtet. Vorwärts Mogontiacum wurde +das den Chatten abgenommene Gebiet, seitdem der Gau der Mattfiaker bei +dem heutigen Wiesbaden, in die römischen Linien gezogen und die Höhe +des Taunus stark befestigt ^12. Vor allem aber wurde von Vetera aus die +Lippelinie in Besitz genommen; von der doppelten, von Tagemarsch zu +Tagemarsch mit Kastellen besetzten Militärstraße an den beiden Ufern +des Flusses ist wenigstens die rechtsuferige sicher ebenso das Werk des +Drusus wie dies bezeugt ist von der Festung Aliso im Quellgebiet der +Lippe, wahrscheinlich dem heutigen Dorfe Elsen unweit Paderborn ^13. + +———————————————————————- + +^12 Das von Drusus in monte Tauno angelegte praesidium (Tac. ann. 1, +56) und das mit Aliso zusammengestellte (φρούριον εν Χα`αττοις παρ' +αυτώ τώ Ρήνω (Dio 54, 33) sind wahrscheinlich identisch, und die +besondere Stellung des Mattiakergaus hängt augenscheinlich mit der +Anlage von Mogontiacum zusammen. + +^13 Daß das “Kastell am Zusammenfluß des Lupias und des Helison” bei +Dio 54, 33 identisch ist mit dem öfter genannten Aliso und dies an der +oberen Lippe gesucht werden muß, ist keinem Zweifel unterworfen, und +daß das römische Winterlager an den Lippequellen (ad caput Lupiae, +Vell. 2, 105), unseres Wissens das einzige derartige auf germanischem +Boden, eben dort zu suchen ist, wenigstens sehr wahrscheinlich. Daß die +beiden an der Lippe hin laufenden Römerstraßen und deren befestigte +Marschlager wenigstens bis in die Gegend von Lippstadt führten, haben +namentlich Hölzermanns Untersuchungen dargetan. Die obere Lippe hat nur +einen namhaften Zufluß, die Alme, und da unweit der Mündung dieser in +die Lippe das Dorf Elsen liegt, so darf hier der Namensähnlichkeit +einiges Gewicht beigelegt werden. + +Der Ansetzung von Aliso an der Mündung der Glenne (und Liese) in die +Lippe, welche unter andern Schmidt vertritt, steht vornehmlich +entgegen, daß das Lager ad caput Lupiae dann von Aliso verschieden +gewesen sein muß, überhaupt dieser Punkt von der Weserlinie zu weit +abliegt, während von Elsen aus der Weg geradezu durch die Dörenschlucht +in das Werretal führt. überhaupt bemerkt Schmidt (Westfälische +Zeitschrift für Gesch. und Alterthumskunde 20, 1862, S. 259), kein +Anhänger der Identifikation von Aliso und Elsen, daß die Höhen von +Wever (unweit Elsen) und überhaupt der linke Talrand der Alme der +Mittelpunkt eines Halbkreises sind, welchen die vorliegenden Gebirge +bilden, und diese hochgelegene, trockene, bis zu dem Gebirge eine +genaue Übersicht gestattende Gegend, welche das ganze lippische Land +deckt und selbst in der Front durch die Alme gedeckt ist, sich gut +eignet zum Ausgangspunkt eines Zuges gegen die Weser. + +———————————————————————- + +Dazu kam der schon erwähnte Kanal von der Rheinmündung zur Zuidersee +und ein von Lucius Domitius Ahenobarbus durch eine längere Sumpfstrecke +zwischen der Eins und dem Unterrhein gezogener Damm, die sogenannten +“langen Brücken”. Außerdem standen durch das ganze Gebiet zerstreut +einzelne römische Posten; dergleichen werden späterhin erwähnt bei den +Friesen und den Chaukern, und in diesem Sinne mag es richtig sein, daß +die römischen Besatzungen bis zur Weser und bis zur Elbe reichten. +Endlich lagerte das Heer wohl im Winter am Rhein, im Sommer aber, auch +wenn nicht eigentlich Expeditionen unternommen wurden, durchgängig im +eroberten Lande, in der Regel bei Aliso. + +Aber nicht bloß militärisch richteten die Römer in dem neugewonnenen +Gebiet sich ein. Die Germanen wurden angehalten, wie andere +Provinzialen, von dem römischen Statthalter Recht zu nehmen und die +Sommerexpeditionen des Feldherrn entwickelten sich allmählich zu den +üblichen Gerichtsreisen des Statthalters. Anklage und Verteidigung der +Angeschuldigten fand in lateinischer Zunge statt; die römischen +Sachwalter und Rechtsbeistände begannen wie diesseits so jenseits des +Rheines ihre überall schwer empfundene, hier die solcher Dinge +ungewohnten Barbaren tief erbitternde Wirksamkeit. Es fehlte viel zur +völligen Durchführung der provinzialen Einrichtung; an förmliche Umlage +der Schatzung, an regulierte Aushebung für das römische Heer ward noch +nicht gedacht. Aber wie der neue Gauverband eben jetzt in Gallien im +Anschluß an die daselbst eingeführte göttliche Verehrung des Monarchen +eingerichtet ward, so wurde eine ähnliche Einrichtung auch in dem neuen +Germanien getroffen; als Drusus für Gallien den Augustusaltar in Lyon +weihte, wurden die zuletzt auf dem linken Rheinufer angesiedelten +Germanen, die Ubier, nicht in diese Vereinigung aufgenommen, sondern in +ihrem Hauptort, der der Lage nach für Germanien ungefähr war, was Lyon +für die drei Gallien, ein gleichartiger Altar für die germanischen Gaue +errichtet, dessen Priestertum im Jahre 9 der junge Cheruskerfürst +Segimundus, des Segestes Sohn, verwaltete. + +Den vollen militärischen Erfolg brach oder unterbrach doch die +kaiserliche Familienpolitik. Das Zerwürfnis zwischen Tiberius und +seinem Stiefvater führte dazu, daß jener im Anfang des Jahres 748 (6) +das Kommando niederlegte. Das dynastische Interesse gestattete es +nicht, umfassende militärische Operationen anderen Generalen als +Prinzen des kaiserlichen Hauses anzuvertrauen; und nach Agrippas und +Drusus’ Tod und Tiberius’ Rücktritt gab es fähige Feldherrn in +demselben nicht. Allerdings werden in den zehn Jahren, wo Statthalter +mit gewöhnlicher Befugnis in Illyricum und in Germanien schalteten, die +militärischen Operationen daselbst wohl nicht so vollständig +unterbrochen worden sein, wie es uns erscheint, da die höfisch gefärbte +Überlieferung über die mit und die ohne Prinzen geführten Kampagnen +nicht in gleicher Weise berichtet; aber das Stocken ist unverkennbar, +und dieses selbst war ein Rückschritt. Ahenobarbus, der infolge seiner +Verschwägerung mit dem kaiserlichen Hause - seine Gattin war die +Schwestertochter Augusts - freiere Hand hatte als andere Beamte und der +in seiner illyrischen Statthalterschaft die Elbe überschritten hatte, +ohne Widerstand zu finden, erntete später als Statthalter Germaniens +dort keine Lorbeeren. Nicht bloß die Erbitterung, auch der Mut der +Germanen waren wieder im Steigen und im Jahre 2 erscheint das Land +wieder im Aufstand, die Cherusker und die Chauker unter den Waffen. +Inzwischen hatte am Kaiserhofe der Tod sich ins Mittel geschlagen und +der Wegfall der jungen Söhne des Augustus diesen und Tiberius +ausgesöhnt. Kaum war diese Versöhnung durch die Annahme an Kindesstatt +besiegelt und proklamiert (4), so nahm Tiberius das Werk da wieder auf, +wo es unterbrochen worden war, und führte abermals in diesem und den +beiden folgenden Sommern (5-6) die Heere über den Rhein. Es war eine +Wiederholung und Steigerung der früheren Feldzüge. Die Cherusker wurden +im ersten Feldzug, die Chauker im zweiten zum Gehorsam zurückgebracht; +die den Batavern benachbarten und an Tapferkeit nicht nachstehenden +Cannenefaten, die im Quellgebiet der Lippe und an der Ems sitzenden +Bructerer und andere Gaue mehr unterwarfen sich, ebenso die hier zuerst +erwähnten mächtigen Langobarden, damals hausend zwischen der Weser und +Elbe. Der erste Feldzug führte über die Weser hinein in das Innere; in +dem zweiten standen an der Elbe selbst die römischen Legionen dem +germanischen Landsturm am anderen Ufer gegenüber. Vom Jahre 4 auf 5 +nahm, es scheint zum ersten Mal, das römische Heer das Winterlager auf +germanischem Boden bei Aliso. Alles dies wurde erreicht ohne erhebliche +Kämpfe; die umsichtige Kriegführung brach nicht die Gegenwehr, sondern +machte sie unmöglich. Diesem Feldherrn war es nicht um unfruchtbare +Lorbeeren zu tun, sondern um dauernden Erfolg. Nicht minder wurde die +Seefahrt wiederholt; wie die erste Kampagne des Drusus, so ist die +letzte des Tiberius ausgezeichnet durch die Beschiffung der Nordsee. +Aber die römische Flotte gelangte diesmal weiter: die ganze Küste der +Nordsee bis zum Vorgebirge der Kimbrer, das heißt zur jütischen Spitze, +ward von ihr erkundet und sie vereinigte sich dann, die Elbe +hinauffahrend, mit dem an dieser aufgestellten Landheer. Diese zu +überschreiten, hatte der Kaiser ausdrücklich untersagt; aber die Völker +jenseits der Elbe, die eben genannten Kimbrer im heutigen Jütland, die +Charuden südlich von ihnen, die mächtigen Semnonen zwischen Elbe und +Oder traten wenigstens in Beziehung zu den neuen Nachbarn. + +Man konnte meinen, am Ziel zu sein. Aber eines fehlte doch noch zur +Herstellung des eisernen Ringes, der Großdeutschland umklammern sollte: +es war die Herstellung der Verbindung zwischen der mittleren Donau und +der oberen Elbe, die Besitznahme des alten Boierheims, das in seinem +Bergkranz gleich einer gewaltigen Festung zwischen Noricum und +Germanien sich einschob. Der König Maroboduus, aus edlem +Markomannengeschlecht, aber in jungen Jahren durch längeren Aufenthalt +in Rom eingeführt in dessen straffere Heer- und Staatsordnung, hatte +nach der Heimkehr, vielleicht während der ersten Feldzüge des Drusus +und der dadurch herbeigeführten Übersiedlung der Markomannen vom Main +an die obere Elbe, sich nicht bloß zum Fürsten seines Volkes erhoben, +sondern auch diese seine Herrschaft nicht in der lockeren Weise des +germanischen Königtums, sondern, man möchte sagen, nach dem Muster der +augustischen gestaltet. Außer seinem eigenen Volk gebot er über den +mächtigen Stamm der Lugier (im heutigen Schlesien) und seine Klientel +muß sich über das ganze Gebiet der Elbe erstreckt haben, da die +Langobarden und die Semnonen als ihm untertänig bezeichnet werden. +Bisher hatte er den Römern wie den übrigen Germanen gegenüber völlige +Neutralität beobachtet; er gewährte wohl den flüchtigen Römerfeinden in +seinem Lande eine Freistatt, aber tätig mischte er sich in den Kampf +nicht, nicht einmal, als die Hermunduren von dem römischen Statthalter +auf markomannischem Gebiet Wohnsitze angewiesen erhielten und als das +linke Elbufer den Römern botmäßig ward. Er unterwarf sich ihnen nicht, +aber er nahm alle jene Vorgänge hin, ohne darum die freundlichen +Beziehungen zu den Römern zu unterbrechen. Durch diese gewiß nicht +großartige und schwerlich auch nur kluge Politik hatte er erreicht, als +der letzte angegriffen zu werden; nach den vollkommen gelungenen +germanischen Feldzügen der Jahre 4 und 5 kam die Reihe an ihn. Von zwei +Seiten her, von Germanien und Noricum aus, rückten die römischen Heere +vor gegen den böhmischen Bergring; den Main hinauf, die dichten Wälder +vom Spessart zum Fichtelgebirge mit Axt und Feuer lichtend, ging Gaius +Sentius Saturninus, von Carnuntum aus, wo die illyrischen Legionen +durch den Winter 5 auf 6 gelagert hatten, Tiberius selbst gegen die +Markomannen vor; die beiden Heere, zusammen zwölf Legionen, waren den +Gegnern, deren Streitmacht auf 70000 Mann zu Fuß und 4000 Reiter +geschätzt wurde, schon der Zahl nach fast um das Doppelte überlegen. +Die umsichtige Strategik des Feldherrn schien den Erfolg auch diesmal +völlig sichergestellt zu haben, als ein plötzlicher Zwischenfall den +weiteren Vormarsch der Römer unterbrach. + +Die dalmatinischen Völkerschaften und die pannonischen wenigstens des +Savegebietes gehorchten seit kurzem den römischen Statthaltern; aber +sie ertrugen das neue Regiment mit immer steigendem Groll, vor allem +wegen der ungewohnten und schonungslos gehandhabten Steuern. Als +Tiberius später einen der Führer nach den Gründen des Abfalls fragte, +antwortete ihm dieser, es sei geschehen, weil die Römer ihren Herden zu +Hütern nicht Hunde noch Hirten, sondern Wölfe setzten. Jetzt waren die +Legionen aus Dalmatien an die Donau geführt und die wehrhaften Leute +aufgeboten worden, um eben dahin zur Verstärkung der Armeen gesendet zu +werden. Diese Mannschaften machten den Anfang und ergriffen die Waffen +nicht für, sondern gegen Rom; ihr Führer war ein Daesitiate (um +Serajevo), Bato. Dem Beispiel folgten die Pannonier unter Führung +zweier Breuker, eines anderen Bato und des Pinnes. Mit unerhörter +Schnelligkeit und Einträchtigkeit erhob sich ganz Illyricum; auf 200000 +zu Fuß und 9000 zu Pferde wurde die Zahl der insurgierten Mannschaften +geschätzt. Die Aushebung für die Auxiliartruppen, welche namentlich bei +den Pannoniern in bedeutendem Maße stattfand, hatte die Kunde des +römischen Kriegswesens, zugleich mit der römischen Sprache und selbst +der römischen Bildung in weiterem Umfang verbreitet; diese gedienten +römischen Soldaten bildeten jetzt den Kern der Insurrektion ^14. Die in +den insurgierten Gebieten in großer Zahl angesessenen oder verweilenden +römischen Bürger, die Kaufleute und vor allem die Soldaten, wurden +überall aufgegriffen und erschlagen. Wie die provinzialen +Völkerschaften kamen auch die unabhängigen in Bewegung. Die den Römern +ganz ergebenen Fürsten der Thraker führten allerdings ihre ansehnlichen +und tapferen Scharen den römischen Feldherrn zu; aber vom anderen Ufer +der Donau brachen die Daker, mit ihnen die Sarmaten, in Mösien ein. Das +ganze weite Donaugebiet schien sich verschworen zu haben, um der +Fremdherrschaft ein jähes Ende zu bereiten. + +———————————————————— + +^14 Das und nicht mehr sagt Velleius (2, 110): in omnibus Pannoniis non +disciplinae (= Kriegszucht) tantummodo, sed linguae quoque notitia +Romanae, plerisque etiam litterarum Usus et familiaris animorum erat +exercitatio. Es sind das dieselben Erscheinungen, wie sie bei den +Cheruskerfürsten begegnen, nur in gesteigertem Maße; und sie sind +vollkommen begreiflich, wenn man sich der von Augustus aufgestellten +pannonischen und breukischen Alen und Kohorten erinnert. + +———————————————————— + +Die Insurgenten waren nicht gemeint, den Angriff abzuwarten, sondern +sie planten einen Überfall Makedoniens und sogar Italiens. Die Gefahr +war ernst; über die Julischen Alpen hinüber konnten die Aufständischen +in wenigen Tagen wiederum vor Aquileia und Tergeste stehen - sie hatten +den Weg dahin noch nicht verlernt - und in zehn Tagen vor Rom, wie der +Kaiser selbst im Senat es aussprach, allerdings um sich der Zustimmung +desselben zu den umfassenden und drückenden militärischen +Veranstaltungen zu versichern. In schleunigster Eile wurden neue +Mannschaften auf die Beine gebracht und die zunächst bedrohten Städte +mit Besatzung versehen; ebenso, was irgendwo von Truppen entbehrlich +war, nach den bedrohten Punkten geschickt. Der erste zur Stelle war der +Statthalter von Mösien, Aulus Caecina Severus, und mit ihm der +thrakische König Rhoemetalkes; bald folgten andere Truppen aus den +überseeischen Provinzen nach. Vor allen Dingen aber mußte Tiberius, +statt in Böhmen einzudringen, zurückkehren nach Illyricum. Hätten die +Insurgenten abgewartet, bis die Römer mit Maroboduus im Kampfe lagen, +oder dieser mit ihnen gemeinschaftliche Sache gemacht, so konnte die +Lage für die Römer eine sehr kritische werden. Aber jene schlugen zu +früh los, und dieser, getreu seinem System der Neutralität, ließ sich +dazu herbei, eben jetzt auf der Basis des Status quo mit den Römern +Frieden zu schließen. So mußte Tiberius zwar die Rheinlegionen +zurücksenden, da Germanien unmöglich von Truppen entblößt werden +konnte, aber sein illyrisches Heer konnte er mit den aus Mösien, +Italien und Syrien anlangenden Truppen vereinigen und gegen die +Insurgenten verwenden. In der Tat war der Schrecken größer als die +Gefahr. Die Dalmater brachen zwar zu wiederholten Malen in Makedonien +ein und plünderten die Küste bis nach Apollonia hinab; aber zu dem +Einfall in Italien kam es nicht, und bald war der Brand auf seinen +ursprünglichen Herd beschränkt. + +Dennoch war die Kriegsarbeit nicht leicht: auch hier wie überall war +die abermalige Niederwerfung der Unterworfenen mühsamer als die +Unterwerfung selbst. Niemals ist in augustischer Zeit eine gleiche +Truppenmasse unter demselben Kommando vereinigt gewesen; schon im +ersten Kriegsjahre bestand das Heer des Tiberius aus zehn Legionen +nebst den entsprechenden Hilfsmannschaften, dazu zahlreichen freiwillig +wieder eingetretenen Veteranen und anderen Freiwilligen, zusammen etwa +120000 Mann; späterhin hatte er fünfzehn Legionen unter seinen Fahnen +vereinigt ^15. Im ersten Feldzug (6) wurde mit sehr abwechselndem Glück +gestritten; es gelang wohl, die großen Ortschaften, wie Siscia und +Sirmium, gegen die Insurgenten zu schützen, aber der Dalmatiner Bato +focht ebenso hartnäckig und zum Teil glücklich gegen den Statthalter +von Pannonien, Marcus Valerius Messalla, des Redners Sohn, wie sein +pannonischer Namensgenosse gegen den von Mösien, Aulus Caecina. Vor +allem der kleine Krieg machte den römischen Truppen viel zu schaffen. +Auch das folgende Jahr (7), in welchem neben Tiberius sein Neffe, der +junge Germanicus, auf den Kriegsschauplatz trat, brachte kein Ende der +ewigen Kämpfe. Erst im dritten Feldzug (8) gelang es, zunächst die +Pannonier zu unterwerfen, hauptsächlich, wie es scheint, dadurch, daß +ihr Führer Bato, von den Römern gewonnen, seine Truppen bewog, am Fluß +Bathinus samt und sonders die Waffen zu strecken und den Kollegen im +Oberbefehl, Pinnes, den Römern auslieferte, wofür er von diesen als +Fürst der Breuker anerkannt ward. Zwar traf den Verräter bald die +Strafe: sein dalmatinischer Namensgenosse fing ihn und ließ ihn +hinrichten, und noch einmal flackerte bei den Breukern der Aufstand +auf; aber er ward rasch wieder erstickt und der Dalmater beschränkt auf +die Verteidigung der eigenen Heimat. Hier hatte Germanicus und andere +Korpsführer in diesem wie noch im folgenden Jahr (9) in den einzelnen +Gauen heftige Kämpfe zu bestehen; in dem letzteren wurden die Pirusten +(an der epirotischen Grenze) und der Gau, dem der Führer selbst +angehörte, die Daesitiaten bezwungen, ein tapfer verteidigtes Kastell +nach dem andern gebrochen. Noch einmal im Laufe des Sommers erschien +Tiberius selbst wieder im Felde und setzte die gesamten Streitkräfte +gegen die Reste der Insurrektion in Bewegung. Auch Bato, in dem festen +Andetrium (Muck, oberhalb Salome), seiner letzten Zufluchtstau, von dem +römischen Heere eingeschlossen, gab die Sache verloren. Er verließ die +Stadt, da er nicht vermochte, die Verzweifelten zur Unterwerfung zu +bestimmen, und unterwarf sich dem Sieger, bei dem er ehrenvolle +Behandlung fand; er ist, als politischer Gefangener interniert, in +Ravenna gestorben. Ohne den Führer setzte die Mannschaft den +vergeblichen Kampf noch eine Zeitlang fort, bis die Römer das Kastell +mit stürmender Hand einnahmen - wahrscheinlich diesen Tag, den 3. +August, verzeichnen die römischen Kalender als den Jahrestag des von +Tiberius in Illyricum erfochtenen Sieges. + +———————————————————————- + +^15 Nimmt man an, daß von den zwölf Legionen, die gegen Maroboduus im +Marsch waren (Tac. ann. 2, 46), so viele, als wir bald nachher in +Germanien finden, also fünf, auf dieses Heer kommen, so zählte das +illyrische Heer des Tiberius sieben, und die Zahl von zehn (Vell. 2, +113) kann füglich bezogen werden auf den Zuzug aus Mösien und Italien, +die fünfzehn auf den Zuzug aus Ägypten oder Syrien und auf die weiteren +Aushebungen in Italien, von wo die neu ausgehobenen Legionen zwar nach +Germanien, aber die dadurch abgelösten zu Tiberius’ Heer kamen. Ungenau +spricht Velleius (2, 112) gleich im Beginn des Krieges von fünf durch +A. Caecina und Plautius Silvanus ex transmarinis provinciis +herangeführten Legionen; einmal konnten die überseeischen Truppen nicht +sofort zur Stelle sein, und zweitens sind die Legionen des Caecina +natürlich die mösischen. Vgl. meinen Kommentar zum Monumentum Ancyranum +(Res gestae divi Augusti), 2. Aufl. 1883, S. 71. + +———————————————————————- + +Auch die Daker jenseits der Donau traf die Vergeltung. Wahrscheinlich +in dieser Zeit, nachdem der illyrische Krieg sich zu Gunsten Roms +entschieden hatte, führte Gnaeus Lentulus ein starkes römisches Heer +über die Donau, gelangte bis an den Marisus (Marosch) und schlug sie +nachdrücklich in ihrem eigenen Lande, das damals zuerst eine römische +Armee betrat. Fünfzigtausend gefangene Daker wurden in Thrakien +ansässig gemacht. + +Die Späteren haben den “Batonischen Krieg” der Jahre 6 bis 9 den +schwersten genannt, den Rom seit dem Hannibalischen gegen einen +auswärtigen Feind zu bestehen gehabt hat. Dem illyrischen Land hat er +arge Wunden geschlagen; in Italien war die Siegesfreude grenzenlos, als +der junge Germanicus die Botschaft des entscheidenden Erfolges nach der +Hauptstadt überbrachte. Lange hat der Jubel nicht gewährt; fast +gleichzeitig mit der Kunde von diesem Erfolg kam die Nachricht von +einer Niederlage nach Rom, wie sie Augustes in seiner fünfzigjährigen +Regierung nur einmal erlebt hat und die in ihren Folgen noch viel +bedeutsamer war als in sich selbst. + +Die Zustände in der Provinz Germanien sind früher dargelegt worden. Der +Gegenschlag, der auf jede Fremdherrschaft mit der Unvermeidlichkeit +eines Naturereignisses folgt und der soeben in dem illyrischen Lande +eingetreten war, bereitete auch dort, in den mittelrheinischen Gauen, +sich vor. Die Reste der unmittelbar am Rhein sitzenden Stämme waren +freilich völlig entmutigt, aber die weiter zurück wohnenden, +vornehmlich die Cherusker, Chatten, Bructerer, Marser, kaum minder +geschädigt und keineswegs ohnmächtig. Wie immer in solchen Lagen, +bildete sich in jedem Gau eine Partei der fügsamen Römerfreunde und +eine nationale, die Wiedererhebung im Verborgenen vorbereitende. Die +Seele von dieser war ein junger, sechsundzwanzigjähriger Mann aus dem +Fürstengeschlecht der Cherusker, Arminius, des Sigimer Sohn; er und +sein Bruder Flavus waren vom Kaiser Augustes mit dem römischen +Bürgerrecht und mit Ritterrang beschenkt worden ^16 und beide hatten +als Offiziere in den letzten römischen Feldzügen unter Tiberius mit +Auszeichnung gefochten; der Bruder diente noch im römischen Heer und +hatte sich in Italien eine Heimstatt begründet. Begreiflicherweise galt +auch Arminius den Römern als ein Mann besonderen Vertrauens; die +Anschuldigungen, die sein besser unterrichteter Landsmann Segestes +gegen ihn vorbrachte, vermochten dies Zutrauen bei der wohlbekannten, +zwischen beiden bestehenden Verfeindung nicht zu erschüttern. Von den +weiteren Vorbereitungen haben wir keine Kunde; daß der Adel und vor +allem die adlige Jugend auf der Seite der Patrioten stand, versteht +sich von selbst und findet darin deutlichen Ausdruck, daß Segestes’ +eigene Tochter Thusnelda wider das Verbot ihres Vaters sich dem +Arminius vermählte, auch ihr Bruder Segimundus und Segestes’ Bruder +Segimer sowie sein Neffe Sesithacus bei der Insurrektion eine +hervorragende Rolle spielten. Weiten Umfang hat sie nicht gehabt, bei +weitem nicht den der illyrischen Erhebung; kaum darf sie, streng +genommen, eine germanische genannt werden. Die Bataver, die Friesen, +die Chauker an der Küste waren nicht daran beteiligt, ebensowenig was +von suebischen Stämmen unter römischer Herrschaft stand, noch weniger +König Marobod; es erhoben sich in der Tat nur diejenigen Germanen, die +einige Jahre zuvor sich gegen Rom konföderiert hatten und gegen die +Drusus’ Offensive zunächst gerichtet gewesen war. Der illyrische +Aufstand hat die Gärung in Germanien ohne Zweifel gefördert, aber von +verbindenden Fäden zwischen den beiden gleichartigen und fast +gleichzeitigen Insurrektionen fehlt jede Spur; auch würden, hätten sie +bestanden, die Germanen schwerlich mit dem Losschlagen gewartet haben, +bis der pannonische Aufstand überwältigt war und in Dalmatien eben die +letzten Burgen kapitulierten. Arminius war der tapfere und verschlagene +und vor allen Dingen glückliche Führer in dem Verzweiflungskampf um die +verlorene nationale Unabhängigkeit; nicht weniger, aber auch nicht +mehr. + +———————————————————————— + +^16 Das sagt Velleius (2, 118): adsiduus militiae nostrae prioris +comes, iure etiam civitatis Romanae eius equestres consequens gradus; +was mit dem ductor popularium des Tacitus (ann. 2, 10) zusammenfällt. +In dieser Zeit müssen dergleichen Offiziere nicht selten vorgekommen +sein; so fochten in dem dritten Feldzug des Drusus inter primores +Chumstinctus et Avectius tribuni ex civitate Nerviorum (Liv. ep. 141) +und unter Germanicus Chariovalda dux Batavorum (Tac. ann. 2, 11). + +———————————————————————— + +Es war mehr die Schuld der Römer als das Verdienst der Insurgenten, +wenn deren Plan gelang. Insofern hat der illyrische Krieg hier +allerdings eingegriffen. Die tüchtigen Führer und allem Anschein nach +auch die erprobten Truppen waren vom Rhein an die Donau gezogen worden. +Vermindert war das germanische Heer, wie es scheint, nicht, aber der +größte Teil desselben bestand aus neuen, während des Krieges gebildeten +Legionen. Schlimmer noch war es um die Führerschaft bestellt. Der +Statthalter Publius Quinctilius Varus ^17 war wohl der Gemahl einer +Nichte des Kaisers und ein Mann von übel erworbenem, aber fürstlichem +Reichtum und von fürstlicher Hoffart, aber von trägem Körper und +stumpfem Geist und ohne jede militärische Begabung und Erfahrung, einer +jener vielen hochgestellten Römer, welche infolge des Festhaltens an +der alten Zusammenwerfung der Administrativ- und der +Oberoffiziersstellungen die Feldherrnschärpe nach dem Muster Ciceros +trugen. Er wußte die neuen Untertanen weder zu schonen noch zu +durchschauen; Bedrückung und Erpressung wurden geübt, wie er es von +seiner früheren Statthalterschaft über das geduldige Syrien her gewohnt +war; das Hauptquartier wimmelte von Advokaten und Klienten, und in +dankbarer Demut nahmen insbesondere die Verschworenen bei ihm Urteil +und Recht, während sich das Netz um den hoffärtigen Prätor dichter und +dichter zusammenzog. + +————————————————————— + +^17 Das Bildnis des Varus zeigt eine Kupfermünze der afrikanischen +Stadt Achulla, geschlagen unter seinem Prokonsulat von Afrika im Jahre +747/48 (7/6) (L. Müller, Numismatique de l’ancienne Afrique. Kopenhagen +18674, Bd. 2, S. 44, vgl. S. 52). Die Basis, welche einst die ihm von +der Stadt Pergamon gesetzte Bildsäule trug, haben die Ausgrabungen +daselbst wieder ans Licht gebracht; die Unterschrift lautet: ο δήμος +[ετίμησεν] Πόπλιον Κοινκτίλιον Σέξτου υιόν Ουάρ[ον] πάσης αρετή[ς +ένεκα]. + +————————————————————— + +Die Lage der Armee war die damals normale. Es standen mindestens fünf +Legionen in der Provinz, von denen zwei ihr Winterlager in Mogontiacum, +drei in Vetera oder auch in Aliso hatten. Das Sommerlager hatten die +letzteren im Jahre 9 an der Weser genommen. Die natürliche +Verbindungsstraße von der oberen Lippe zur Weser führt über den +niederen Höhenzug des Osning und des Lippischen Waldes, welcher das Tal +der Ems von dem der Weser scheidet, durch die Dörenschlucht in das Tal +der Werre, die bei Rehme unweit Minden in die Weser fällt. Hier also +ungefähr lagerten damals die Legionen des Varus. Selbstverständlich war +dieses Sommerlager mit Aliso, dem Stützpunkt der römischen Stellungen +am rechten Rheinufer, durch eine Etappenstraße verbunden. Die gute +Jahreszeit ging zu Ende und man schickte sich zum Rückmarsch an. Da kam +die Meldung, daß ein benachbarter Gau im Aufstand sei, und Varus +entschloß sich, statt auf jener Etappenstraße das Heer zurückzuführen, +einen Umweg zu nehmen und unterwegs die Abgefallenen zum Gehorsam +zurückzubringen ^18. So brach man auf; das Heer bestand nach +zahlreichen Detachierungen aus drei Legionen und neun Abteilungen der +Truppen zweiter Klasse, zusammen etwa 20000 Mann ^19. Als nun die Armee +sich von ihrer Kommunikationslinie hinreichend entfernt hatte und tief +genug in das unwegsame Land eingedrungen war, standen in den +benachbarten Gauen die Konföderierten auf, machten die bei ihnen +stationierten kleinen Truppenabteilungen nieder und brachen von allen +Seiten aus den Schluchten und Wäldern gegen das marschierende Heer des +Statthalters vor. Arminius und die namhaftesten Führer der Patrioten +waren bis zum letzten Augenblick im römischen Hauptquartier geblieben, +um Varus sicher zu machen; noch am Abend vor dem Tage, an dem die +Insurrektion losbrach, hatten sie im Feldherrnzelt bei Varus gespeist +und Segestes, indem er den bevorstehenden Ausbruch des Aufstandes +ankündigte, den Feldherrn beschworen, ihn selbst sowie die +Angeschuldigten sofort verhaften zu lassen und die Rechtfertigung +seiner Anklage von den Tatsachen zu erwarten. Varus’ Vertrauen war +nicht zu erschüttern. Von der Tafel weg ritt Arminius zu den +Insurgenten und stand den anderen Tag vor den Wällen des römischen +Lagers. Die militärische Situation war weder besser noch schlimmer als +die der Armee des Drusus vor der Schlacht bei Arbalo und als sie unter +ähnlichen Verhältnissen oftmals für römische Armeen eingetreten ist; +die Kommunikationen waren für den Augenblick verloren, die mit schwerem +Troß beschwerte Armee in dem pfadlosen Lande und in schlimmer, +regnerischer Herbstzeit durch mehrere Tagemärsche von Aliso getrennt, +die Angreifer der Zahl nach ohne Zweifel den Römern weit überlegen. In +solchen Lagen entscheidet die Tüchtigkeit der Truppe; und wenn die +Entscheidung hier einmal zu Ungunsten der Römer fiel, so wird die +Unerfahrenheit der jungen Soldaten und vor allen Dingen die Kopf- und +Mutlosigkeit des Feldherrn dabei wohl das meiste getan haben. Nach +erfolgtem Angriff setzte das römische Heer seinen Marsch, jetzt ohne +Zweifel in der Richtung auf Aliso, noch drei Tage fort, unter stetig +steigender Bedrängnis und steigender Demoralisation. Auch die höheren +Offiziere taten teilweise ihre Schuldigkeit nicht; einer von ihnen ritt +mit der gesamten Reiterei vom Schlachtfeld weg und ließ das Fußvolk +allein den Kampf bestehen. Der erste, der völlig verzagte, war der +Feldherr selbst; verwundet im Kampfe, gab er sich den Tod, ehe die +letzte Entscheidung gefallen war, so früh, daß die Seinigen noch den +Versuch machten, die Leiche zu verbrennen und der Verunehrung durch den +Feind zu entziehen. Seinem Beispiel folgte eine Anzahl der +Oberoffiziere. Als dann alles verloren war, kapitulierte der +übriggebliebene Führer und gab auch das aus der Hand, was diesen +letzten noch blieb, den ehrlichen Soldatentod. So ging in einem der +Täler der das Münsterland begrenzenden Höhenzüge im Herbst des Jahres 9 +n. Chr. das germanische Heer Zugrunde ^20. Die Adler fielen alle drei +in Feindeshand. Keine Abteilung schlug sich durch, auch jene Reiter +nicht, die ihre Kameraden im Stich gelassen hatten; nur wenige +Vereinzelte und Versprengte vermochten sich zu retten. Die Gefangenen, +vor allem die Offiziere und die Advokaten, wurden ans Kreuz geschlagen +oder lebendig begraben oder bluteten unter dem Opfermesser der +germanischen Priester. Die abgeschnittenen Köpfe wurden als +Siegeszeichen an die Bäume der heiligen Haine genagelt. Weit und breit +stand das Land auf gegen die Fremdherrschaft; man hoffte auf den +Anschluß Marobods; die römischen Posten und Straßen fielen auf dem +ganzen rechten Rheinufer ohne weiteres in die Gewalt der Sieger. Nur in +Aliso leistete der tapfere Kommandant Lucius Caedicius, kein Offizier, +aber ein altgedienter Soldat, entschlossenen Widerstand und seine +Schützen wußten den Germanen, die Fernwaffen nicht besaßen, das Lagern +vor den Wällen so zu verleiden, daß sie die Belagerung in eine Blockade +umwandelten. Als die letzten Vorräte der Belagerten erschöpft waren und +immer noch kein Entsatz kam, brach Caedicius in einer finsteren Nacht +auf, und dieser Rest des Heeres erreichte in der Tat, wenn auch +beschwert mit zahlreichen Frauen und Kindern und durch die Angriffe der +Germanen starke Verluste erleidend, schließlich das Lager von Vetera. +Dorthin waren auch die beiden in Mainz stehenden Legionen unter Lucius +Nonius Asprenas auf die Nachricht von der Katastrophe gegangen. Die +entschlossene Verteidigung von Aliso und Asprenas rasches Eingreifen +verhinderten die Germanen, ihren Sieg auf dem linken Rheinufer zu +verfolgen, vielleicht die Gallier, sich gegen Rom zu erheben. + +————————————————————————- + +^18 Der Dionische Bericht, der einzige, der diese Katastrophe in +einigem Zusammenhang überliefert, erklärt den Verlauf derselben in +genügender Weise, wenn man nur, was Dio allerdings nicht hervorhebt, +das allgemeine Verhältnis des Sommer- und des Winterlagers hinzunimmt +und die von Ranke (Weltgeschichte. Leipzig 1881-88. Bd. 3, 2, S. 275) +mit Recht gestellte Frage, wie gegen eine lokale Insurrektion das ganze +Heer hat marschieren können, damit beantwortet. Der Bericht des Florus +beruht keineswegs auf ursprünglich anderen Quellen, wie derselbe +Gelehrte annimmt, sondern lediglich auf dem dramatischen Zusammenrücken +der Motive, wie es allen Historikern dieses Schlages eigen ist. Die +friedliche Rechtspflege des Varus und die Erstürmung des Lagers kennt +die bessere Überlieferung beide auch und in ihrem ursächlichen +Zusammenhang; die lächerliche Schilderung, daß, während Varus auf dem +Gerichtsstuhl sitzt und der Herold die Parteien vorladet, die Germanen +zu allen Toren in das Lager einbrechen, ist nicht Überlieferung, +sondern aus dieser verfertigtes Tableau. Daß dieses außer mit der +gesunden Vernunft auch mit Tacitus’ Schilderung der drei Marschlager in +unlösbarem Widerspruch steht, leuchtet ein. + +^19 Die normale Stärke der drei Alen und der sechs Kohorten ist +insofern nicht genau zu berechnen, als darunter einzelne +Doppelabteilungen (miliariae) gewesen sein können; aber viel über 20000 +Mann kann das Heer nicht gezählt haben. Andererseits liegt keine +Ursache vor, eine wesentliche Differenz der effektiven Stärke von der +normalen anzunehmen. Die zahlreichen Detachierungen, deren Erwähnung +geschieht (Dio 56, 19), finden ihren Ausdruck in der verhältnismäßig +geringen Zahl der Auxilien, die immer dafür vorzugsweise verwendet +wurden. + +^20 Da Germanicus, von der Ems kommend, das Gebiet zwischen Ems und +Lippe, das heißt das Münsterland, verheert, und nicht weit davon der +Teutoburgiensis saltus liegt, wo Varus’ Heer zugrunde ging (Tat. ann. +1, 61), so liegt es am nächsten, diese Bezeichnung, welche auf das +flache Münsterland nicht paßt, von dem das Münsterland nordöstlich +begrenzenden Höhenzug, dem Osning zu verstehen; aber auch an das etwas +weiter nördlich parallel mit dem Osning von Minden zur Huntequelle +streichende Wiehengebirge kann gedacht werden. Den Punkt an der Weser, +an dem das Sommerlager stand, kennen wir nicht; indes ist nach der Lage +von Aliso bei Paderborn und nach den zwischen diesem und der Weser +bestehenden Verbindungen wahrscheinlich dasselbe etwa bei Minden +gewesen. Die Richtung des Rückmarsches kann jede andere, nur nicht die +nächste nach Aliso gewesen sein, und die Katastrophe erfolgte also +nicht auf der militärischen Verbindungslinie zwischen Minden und +Paderborn selbst, sondern in größerer oder geringerer Entfernung von +dieser. Varus mag von Minden etwa in der Richtung auf Osnabrück +marschiert sein, dann nach dem Angriff von dort aus nach Paderborn zu +gelangen versucht und auf diesem Marsch in einem jener beiden Höhenzüge +sein Ende gefunden haben. Seit Jahrhunderten ist in der Gegend von +Venne an der Huntequelle eine auffallend große Anzahl von römischen +Gold-, Silber- und Kupfermünzen gefunden worden, wie sie in +augustischer Zeit umliefen, während spätere Münzen daselbst so gut wie +gar nicht vorkommen (vgl. die Nachweisungen bei Paul Höfen Der Feldzug +des Germanicus im Jahre 16. Gotha 1884, S. 82 f.). Einem Münzschatz +können diese Funde nicht angehören, wegen des zerstreuten Vorkommens +und der Verschiedenheit der Metalle; einer Handelsstätte auch nicht, +wegen der zeitlichen Geschlossenheit; sie sehen ganz aus wie der +Nachlaß einer großen aufgeriebenen Armee, und die vorliegenden Berichte +über die Varusschlacht lassen sich mit dieser Lokalität vereinigen. + +Über das Jahr der Katastrophe hätte nie gestritten werden sollen; die +Verschiebung in das Jahr 10 ist ein bloßes Versehen. Die Jahreszeit +wird einigermaßen dadurch bestimmt, daß zwischen der Anordnung der +illyrischen Siegesfeier und dem Eintreffen der Unglücksbotschaft in Rom +nur fünf Tage liegen und jene wahrscheinlich den Sieg vom 3. August zur +Voraussetzung hat wenn sie auch nicht unmittelbar auf diesen gefolgt +ist. Danach wird die Niederlage etwa im September oder Oktober +stattgefunden haben, was auch dazu stimmt, daß der letzte Marsch des +Varus offenbar der Rückmarsch aus dem Sommer- in das Winterlager +gewesen ist. + +————————————————————————- + +Die Niederlage war insofern bald wieder ausgeglichen, als die +Rheinarmee sofort nicht bloß ergänzt, sondern ansehnlich verstärkt +ward. Tiberius übernahm abermals das Kommando derselben und wenn aus +dem auf die Varusschlacht folgenden Jahr (10) die Kriegsgeschichte +Gefechte nicht zu verzeichnen hatte, so ist wahrscheinlich damals die +Besetzung der Rheingrenze mit acht Legionen und wohl gleichzeitig die +Teilung dieses Kommandos in das der oberen Armee mit dem Hauptquartier +Mainz und das der unteren mit dem Hauptquartier Vetera, überhaupt also +diejenige Einrichtung daselbst getroffen worden, die dann durch +Jahrhunderte maßgebend geblieben ist. Man mußte erwarten, daß auf diese +Vermehrung der Rheinarmee die energische Wiederaufnahme der Operationen +auf dem rechten Rheinufer gefolgt wäre. Der römisch-germanische Kampf +war nicht ein Kampf zwischen zwei in politischem Gleichgewicht +stehenden Mächten, in welchem die Niederlage der einen einen +ungünstigen Friedensschluß rechtfertigen kann; es war der Kampf eines +zivilisierten und organisierten Großstaates gegen eine tapfere, aber +politisch und militärisch barbarische Nation, in welchem das +schließliche Ergebnis von vornherein feststeht und ein vereinzelter +Mißerfolg in dem vorgezeichneten Plan so wenig etwas ändern darf, wie +das Schiff darum seine Fahrt aufgibt, weil ein Windstoß es aus der Bahn +wirft. Aber es kam anders. Wohl ging Tiberius im folgenden Jahr (11) +über den Rhein; aber diese Expedition glich den früheren nicht. Er +blieb den Sommer drüben und feierte dort des Kaisers Geburtstag, aber +die Armee hielt sich in der unmittelbaren Nähe des Rheins und von Zügen +an die Weser und an die Elbe war keine Rede - es sollte offenbar den +Germanen nur gezeigt werden, daß die Römer den Weg in ihr Land noch zu +finden wußten, vielleicht auch diejenigen Einrichtungen am rechten +Rheinufer getroffen werden, welche die veränderte Politik erforderte. + +Das große, beide Heere umfassende Kommando blieb und es blieb also auch +im kaiserlichen Hause. Germanicus hatte es schon im Jahre 11 neben +Tiberius geführt; im folgenden (12), wo ihn die Verwaltung des +Konsulats in Rom festhielt, kommandierte Tiberius allein am Rhein; mit +dem Anfang des Jahres 13 übernahm Germanicus den alleinigen Oberbefehl. +Man betrachtete sich als im Kriegsstand gegen die Germanen; aber es +waren tatenlose Jahre ^21. Ungern ertrug der feurige und ehrgeizige +Erbprinz den ihm auferlegten Zwang, und man begreift es von dem +Offizier, daß er die drei Adler in Feindeshand nicht vergaß, von dem +leiblichen Sohn des Drusus, daß er dessen zerstörten Bau wieder +aufzurichten wünschte. Bald bot sich ihm dazu die Gelegenheit oder er +nahm sie. Am 19. August des Jahres 14 starb Kaiser Augustus. Der erste +Thronwechsel in der neuen Monarchie verlief nicht ohne Krise und +Germanicus hatte Gelegenheit, durch Taten seinem Vater zu beweisen, daß +er gesonnen war, ihm die Treue zu wahren. Darin aber fand er zugleich +die Rechtfertigung, die lange gewünschte Invasion Germaniens auch +ungeheißen wieder aufzunehmen; er erklärte, die nicht unbedenkliche, +durch den Thronwechsel bei den Legionen hervorgerufene Gärung durch +diesen frischen Kriegszug ersticken zu müssen. Ob dies ein Grund oder +ein Vorwand war, wissen wir nicht und wußte vielleicht er selber nicht. +Dem Kommandanten der Rheinarmee konnte das Überschreiten der Grenze +überall nicht gewehrt werden, und es hing immer bis zu einem gewissen +Grade von ihm ab, wie weit gegen die Germanen vorgegangen werden +sollte. Vielleicht auch glaubte er, im Sinne des neuen Herrschers zu +handeln, der ja wenigstens ebensoviel Anspruch wie sein Bruder auf den +Namen des Besiegers von Germanien hatte und dessen angekündigtes +Erscheinen im Rheinlager wohl so aufgefaßt werden konnte, als komme er, +um die auf Augustus’ Geheiß abgebrochene Eroberung Germaniens wieder +aufzunehmen. Wie dem auch sei, die Offensive jenseits des Rheins begann +aufs neue. Noch im Herbst des Jahres 14 führte Germanicus selbst +Detachements aller Legionen bei Vetera über den Rhein und drang an der +Lippe hinauf ziemlich tief in das Binnenland vor, weit und breit das +Land verheerend, die Eingeborenen niedermachend, die Tempel - so den +hochgeehrten der Tanfana - zerstörend. Die Betroffenen, es waren +vornehmlich Bructerer, Tubanten und Usiper, suchten dem Kronprinzen auf +der Heimkehr das Schicksal des Varus zu bereiten; aber an der +energischen Haltung der Legionen prallte der Angriff ab. Da dieser +Vorstoß keinen Tadel fand, vielmehr dem Feldherrn dafür Danksagungen +und Ehrenbezeugungen dekretiert wurden, ging er weiter. Im Frühling des +Jahres 15 versammelte er seine Hauptmacht zunächst am Mittelrhein und +ging selbst von Mainz vor gegen die Chatten bis an die oberen Zuflüsse +der Weser, während das untere Heer weiter nordwärts die Cherusker und +die Marser angriff. Eine gewisse Rechtfertigung für dies Vorgehen lag +darin, daß die römisch gesinnten Cherusker, welche unter dem +unmittelbaren Eindruck der Katastrophe des Varus sich den Patrioten +hatten anschließen müssen, jetzt wieder mit der viel stärkeren +Nationalpartei in offenem Kampfe lagen und die Intervention des +Germanicus anriefen. In der Tat gelang es, den von seinen Landsleuten +hart bedrängten Römerfreund Segestes zu befreien und dabei dessen +Tochter, die Gattin des Arminius, in die Gewalt zu bekommen; auch des +Segestes Bruder Segimerus, einst neben Arminius der Führer der +Patrioten, unterwarf sich; die inneren Zerwürfnisse der Germanen +ebneten einmal mehr der Fremdherrschaft die Wege. Noch im selben Jahre +unternahm Germanicus den Hauptzug nach dem Emsgebiet; Caecina rückte +von Vetera aus an die obere Ems, er selbst ging mit der Flotte von der +Rheinmündung aus eben dorthin; die Reiterei zog die Küste entlang durch +das Gebiet der treuen Friesen. Wieder vereinigt, verwüsteten die Römer +das Land der Bructerer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe und +machten von da aus einen Zug nach der Unglücksstätte, wo sechs Jahre +zuvor das Heer des Varus geendigt hatte, um den gefallenen Kameraden +das Grabmal zu errichten. Bei dem weiteren Vormarsch wurde die römische +Reiterei von Arminius und den erbitterten Patriotenscharen in einen +Hinterhalt gelockt und wäre aufgerieben worden, wenn nicht die +anrückende Infanterie größeres Unheil verhindert hätte. Schwerere +Gefahren brachte die Heimkehr von der Ems, welche auf denselben Wegen +angetreten ward wie der Hinmarsch. Die Reiterei gelangte unbeschädigt +in das Winterlager. Dafür das Fußvolk der vier Legionen die Flotte bei +der schwierigen Fahrt - es war um die Zeit der Herbstnachtgleiche - +nicht genügte, so schiffte Germanicus zwei derselben wieder aus und +ließ sie am Strande zurückgehen; aber mit dem Verhältnis von Ebbe und +Flut in dieser Jahreszeit ungenügend bekannt, verloren sie ihr Gepäck +und gerieten in Gefahr, massenweise zu ertrinken. Der Rückmarsch der +vier Legionen des Caecina von der Ems zum Rhein glich genau dem des +Varus, ja das schwere sumpfige Land bot wohl noch größere +Schwierigkeiten als die Schluchten der Waldgebirge. Die ganze Masse der +Eingeborenen, an ihrer Spitze die beiden Cheruskerfürsten, Arminius und +dessen hochangesehener Oheim Inguiomerus, warf sich auf die abziehenden +Truppen in der sicheren Hoffnung, ihnen das gleiche Schicksal zu +bereiten, und füllte ringsum die Sümpfe und Wälder. Der alte Feldherr +aber, in vierzigjährigem Kriegsdienst erprobt, blieb kaltblütig auch in +der äußersten Gefahr und hielt seine verzagenden und hungernden +Mannschaften fest in der Hand. Dennoch hätte auch er vielleicht das +Unheil nicht abwenden können, wenn nicht nach einem glücklichen Angriff +während des Marsches, bei dem die Römer einen großen Teil ihrer +Reiterei und fast das ganze Gepäck einbüßten, die siegesgewissen und +beutelustigen Deutschen gegen Arminius Rat dem anderen Führer gefolgt +wären und statt der weiteren Umstellung des Feindes geradezu den Sturm +auf das Lager versucht hätten. Caecina ließ die Germanen bis an die +Wälle herankommen, brach aber dann aus allen Toren und Pforten mit +solcher Gewalt auf die Stürmenden ein, daß sie eine schwere Niederlage +erlitten und infolgedessen der weitere Rückzug ohne wesentliche +Hinderung stattfand. Am Rhein hatte man die Armee schon verloren +gegeben und war im Begriff gewesen, die Brücke bei Vetera abzuwerfen, +um wenigstens das Eindringen der Germanen in Gallien zu verhindern; nur +die entschlossene Einrede einer Frau, der Gattin des Germanicus, der +Tochter Agrippas, hatte den verzagten und schimpflichen Entschluß +vereitelt. + +————————————————————- + +^21 Den fortdauernden Kriegsstand bezeugen Tacitus (ann. 1, 9) und Dio +(56, 26); aber berichtet wird gar nichts aus den nominellen Feldzügen +der Sommer 12, 13 und 14, und die Expedition vom Herbst des Jahres 14 +erscheint als die erste von Germanicus unternommene. Allerdings ist +Germanicus wahrscheinlich noch bei Augustus’ Lebzeiten als Imperator +ausgerufen worden (Monumentum Ancyranum, S. 17); aber es steht nichts +im Wege, dies auf den Feldzug des Jahres 11 zu beziehen, in dem +Germanicus mit prokonsularischer Gewalt neben Tiberius kommandierte +(Dio 56, 25). Im Jahre 12 war er in Rom zur Verwaltung des Konsulats, +welche er das ganze Jahr hindurch behielt und mit welcher es damals +noch ernsthaft genommen wurde; dies erklärt, weshalb Tiberius, wie dies +jetzt erwiesen ist (Hermann Schulz, Quaestiones Ovidianae. Greifswald +1883, S. 15 f.), noch im Jahre 12 nach Germanien ging und sein +Rheinkommando erst im Anfang des Jahres 13 mit der pannonischen +Siegesfeier niederlegte. + +————————————————————- + +Die Wiederaufnahme der Unterwerfung Germaniens begann also nicht gerade +mit Glück. Das Gebiet zwischen Rhein und Weser war wohl wieder betreten +und durchschritten worden, aber entscheidende Erfolge hatten die Römer +nicht aufzuzeigen, und der ungeheure Verlust an Material, namentlich an +Pferden, wurde schwer empfunden, so daß, wie in Scipios Zeiten, die +Städte Italiens und der westlichen Provinzen bei dem Ersatz des +Verlorenen mit patriotischen Beisteuern sich beteiligten. + +Germanicus änderte für den nächsten Feldzug (16) seinen Kriegsplan: er +versuchte, die Unterwerfung Germaniens auf die Nordsee und die Flotte +zu stützen, teils weil die Völkerschaften an der Küste, die Bataver, +Friesen, Chauker mehr oder minder zu den Römern hielten, teils um die +zeitraubenden und verlustvollen Märsche vom Rhein zur Weser und zur +Elbe und wieder zurück abzukürzen. Nachdem er dieses Frühjahr wie das +vorige zu raschen Vorstößen am Main und an der Lippe verwendet hatte, +schiffte er im Anfang des Sommers auf der inzwischen fertiggestellten +gewaltigen Transportflotte von 1000 Segeln sein gesamtes Heer an der +Rheinmündung ein und gelangte in der Tat ohne Verlust bis an die der +Ems, wo die Flotte blieb, und weiter, vermutlich die Ems hinauf bis an +die Haasemündung und dann an dieser hinauf in das Werretal, durch +dieses an die Weser. Damit war die Durchführung der bis 80000 Mann +starken Armee durch den Teutoburger Wald, welche namentlich für die +Verpflegung mit großen Schwierigkeiten verbunden war, vermieden, in dem +Flottenlager für die Zufuhr ein sicherer Rückhalt gegeben, und die +Cherusker auf dem rechten Ufer der Weser statt von vorn in der Flanke +angegriffen. Auf diesem trat den Römern das Gesamtaufgebot der Germanen +entgegen, wiederum geführt von den beiden Häuptern der Patriotenpartei, +Arminius und Inguiomerus; über welche Streitkräfte dieselben geboten, +beweist, daß sie im Cheruskerland zunächst an der Weser selbst, dann +etwas weiter landeinwärts ^22, zweimal kurz nacheinander gegen das +gesamte römische Heer in offener Feldschlacht schlugen und in beiden +den Sieg hart bestritten. Allerdings fiel dieser den Römern zu und von +den germanischen Patrioten blieb ein beträchtlicher Teil auf den +Schlachtfeldern - Gefangene wurden nicht gemacht und von beiden Seiten +mit äußerster Erbitterung gefochten; das zweite Tropaeum des Germanicus +sprach von der Niederwerfung aller germanischen Völker zwischen Rhein +und Elbe; der Sohn stellte diese seine Kampagne neben die glänzenden +des Vaters und berichtete nach Rom, daß er im nächsten Feldzug die +Unterwerfung Germaniens vollendet haben werde. Aber Arminius entkam, +obwohl verwundet, und blieb auch ferner an der Spitze der Patrioten, +und ein unvorhergesehenes Unheil verdarb den Waffenerfolg. Auf der +Heimkehr, die von dem größten Teil der Legionen zu Schiff gemacht +wurde, geriet die Transportflotte in die Herbststürme der Nordsee; die +Schiffe wurden nach allen Seiten über die Inseln der Nordsee und bis an +die britische Küste hin geschleudert, ein großer Teil ging zugrunde und +die sich retteten, hatten größtenteils Pferde und Gepäck über Bord +werfen und froh sein müssen, das nackte Leben zu bergen. Der +Fahrtverlust kam, wie in den Zeiten der Punischen Kriege, einer +Niederlage gleich; Germanicus selbst, mit dem Admiralschiff einzeln +verschlagen an den öden Strand der Chauker, war in Verzweiflung über +diesen Mißerfolg drauf und dran, seinen Tod in demselben Ozean zu +suchen, dessen Beistand er im Beginn dieses Feldzuges so ernstlich und +so vergeblich angerufen hatte. Wohl erwies sich späterhin der +Menschenverlust nicht ganz so groß, wie es anfänglich geschienen hatte, +und einige erfolgreiche Schläge, die der Feldherr nach der Rückkehr an +den Rhein den nächstwohnenden Barbaren versetzte, hoben den gesunkenen +Mut der Truppen. Aber im ganzen genommen endigte der Feldzug des Jahres +16, verglichen mit dem des vorigen, wohl mit glänzenderen Siegen, aber +auch mit viel empfindlicherer Einbuße. + +———————————————————————- + +^22 Die Annahme Schmidts (Westfälische Zeitschrift 20, 1862, S. 301), +daß die erste Schlacht auf dem Idistavisischen Feld, etwa bei +Bückeburg, geschlagen sei, die zweite, wegen der dabei erwähnten +Sümpfe, vielleicht am Steinhuder See, bei dem südlich von diesem +liegenden Dorf Bergkirchen, wird von der Wahrheit sich nicht weit +entfernen und kann wenigstens als Veranschaulichung gelten. Auf ein +gesichertes Ergebnis muß bei diesem wie bei den meisten Taciteischen +Schlachtberichten verzichtet werden. + +———————————————————————- + +Germanicus Abberufung war zugleich die Aufhebung des Oberkommandos der +rheinischen Armee. Die bloße Teilung des Kommandos setzte der +bisherigen Kriegführung ein Ziel; daß Germanicus nicht bloß abberufen +ward, sondern keinen Nachfolger erhielt, kam hinaus auf die Anordnung +der Defensive am Rhein. So ist denn auch der Feldzug des Jahres 16 der +letzte gewesen, den die Römer geführt haben, um Germanien zu +unterwerfen und die Reichsgrenze vom Rhein an die Elbe zu verlegen. Daß +die Feldzüge des Germanicus dieses Ziel hatten, lehrt ihr Verlauf +selbst und das die Elbgrenze feiernde Tropaeum. Auch die +Wiederherstellung der rechtsrheinischen militärischen Anlagen, der +Taunuskastelle sowohl wie der Festung Aliso und der diese mit Vetera +verbindenden Linie, gehört nur zum Teil zu derjenigen Besetzung des +rechten Rheinufers, wie sie auch mit dem beschränkten Operationsplan +nach der Varusschlacht sich vertrug, zum Teil griff sie weit über +denselben hinaus. Aber was der Feldherr wollte, wollte der Kaiser nicht +oder nicht ganz. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Tiberius die +Unternehmungen des Germanicus am Rhein von Haus aus mehr hat geschehen +lassen, und gewiß, daß er durch dessen Abberufung im Winter 16/17 +denselben ein Ziel hat setzen wollen. Ohne Zweifel ist zugleich ein +guter Teil des Erreichten aufgegeben, namentlich aus Aliso die +Besatzung zurückgezogen worden. Wie Germanicus von dem im Teutoburger +Walde errichteten Siegesdenkmal schon das Jahr darauf keinen Stein mehr +fand, so sind auch die Ergebnisse seiner Siege wie ein Schlag ins +Wasser verschwunden, und keiner seiner Nachfolger hat auf diesem Grunde +weiter gebaut. + +Wenn Augustus das eroberte Germanien nach der Varusschlacht verloren +gegeben hatte, wenn Tiberius jetzt, nachdem die Eroberung abermals in +Angriff genommen worden war, sie abzubrechen befahl, so ist die Frage +wohl berechtigt, welche Motive die beiden bedeutenden Regenten hierbei +geleitet haben und was diese wichtigen Vorgänge für die allgemeine +Reichspolitik bedeuten. + +Die Varusschlacht ist ein Rätsel, nicht militärisch, aber politisch, +nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen. Augustus hatte nicht +unrecht, wenn er seine verlorenen Legionen nicht von dem Feind oder dem +Schicksal, sondern von dem Feldherrn zurückforderte; es war ein +Unglücksfall, wie ungeschickte Korpsführer sie von Zeit zu Zeit für +jeden Staat herbeiführen; schwer begreift man, daß die Aufreibung einer +Armee von 20000 Mann ohne weitere unmittelbare militärische +Konsequenzen der großen Politik eines einsichtig regierten Weltstaates +eine entscheidende Wendung gegeben hat. Und doch haben die beiden +Herrscher jene Niederlage mit einer beispiellosen und für die Stellung +der Regierung, der Armee wie den Nachbarn gegenüber bedenklichen und +gefährlichen Geduld ertragen; doch haben sie den Friedensschluß mit +Marobod, der ohne Zweifel eigentlich nur eine Waffenruhe sein sollte, +zu einem definitiven werden lassen und nicht weiter versucht, das obere +Elbtal in die Hand zu bekommen. Es muß Tiberius nicht leicht angekommen +sein, den großen, mit dem Bruder gemeinschaftlich begonnenen, dann nach +dessen Tode von ihm fast vollendeten Bau zusammenstürzen zu sehen; der +gewaltige Eifer, womit er, sowie er in das Regiment wieder eingetreten +war, den vor zehn Jahren begonnenen germanischen Krieg aufgenommen +hatte, läßt ermessen, was diese Entsagung ihn gekostet haben muß. Wenn +dennoch nicht bloß Augustus bei derselben beharrte, sondern auch nach +dessen Tode er selbst, so ist dafür ein anderer Grund nicht zu finden, +als daß sie die durch zwanzig Jahre hindurch verfolgten Pläne zur +Veränderung der Nordgrenze als unausführbar erkannten und die +Unterwerfung und Behauptung des Gebietes zwischen dem Rhein und der +Elbe ihnen die Kräfte des Reiches zu übersteigen schien. + +Wenn die bisherige Reichsgrenze von der mittleren Donau bis an deren +Quelle und den oberen Rhein und dann rheinabwärts lief, so wurde sie +allerdings durch die Verlegung an die in ihrem Quellgebiet der +mittleren Donau sich nähernde Elbe und an deren ganzen Lauf wesentlich +verkürzt und verbessert; wobei wahrscheinlich außer dem evidenten +militärischen Gewinn auch noch das politische Moment in Betracht kam, +daß die möglichst weite Entfernung der großen Kommandos von Rom und +Italien eine der leitenden Maximen der Augusteischen Politik war und +ein Elbheer in der weiteren Entwicklung Roms schwerlich dieselbe Rolle +gespielt haben würde, wie sie die Rheinheere nur zu bald übernahmen. +Die Vorbedingungen dazu, die Niederwerfung der germanischen +Patriotenpartei und des Suebenkönigs in Böhmen, waren keine leichten +Aufgaben; indes man hatte dem Gelingen derselben schon einmal ganz nahe +gestanden und bei richtiger Führung konnten diese Erfolge nicht +verfehlt werden. Aber eine andere Frage war es, ob nach der Einrichtung +der Elbgrenze die Truppen aus dem zwischenliegenden Gebiet weggezogen +werden konnten; diese Frage hatte der dalmatisch-pannonische Krieg in +sehr ernster Weise der römischen Regierung gestellt. Wenn schon das +bevorstehende Einrücken der römischen Donauarmee in Böhmen einen mit +Anstrengung aller militärischen Hilfsmittel erst nach vierjährigem +Kampf niedergeworfenen Volksaufstand in Illyricum hervorgerufen hatte, +so durfte weder zur Zeit noch auf lange Jahre hinaus dies weite Gebiet +sich selbst überlassen werden. Ähnlich stand es ohne Zweifel am Rhein. +Das römische Publikum pflegte wohl sich zu rühmen, daß der Staat ganz +Gallien in Unterwürfigkeit halte durch die 1200 Mann starke Besatzung +von Lyon; aber die Regierung konnte nicht vergessen, daß die beiden +großen Armeen am Rhein nicht bloß die Germanen abwehrten, sondern auch +für die keineswegs durch Fügsamkeit sich auszeichnenden gallischen Gaue +gar sehr in Betracht kamen. An der Weser oder gar an der Elbe +aufgestellt, hätten sie diesen Dienst nicht in gleichem Maße geleistet; +und sowohl den Rhein wie die Elbe besetzt zu halten, vermochte man +nicht. So mochte Augustus wohl zu dem Schluß kommen, daß mit dem +damaligen, allerdings seit kurzem erheblich verstärkten, aber immer +noch tief unter dem Maß des wirklich Erforderlichen stehenden +Heerbestand jene große Grenzregulierung nicht auszuführen sei; die +Frage ward damit aus einer militärischen zu einer Frage der inneren +Politik und insonderheit zu einer Finanzfrage. Die Kosten der Armee +noch weiter zu steigern, hat weder Augustus noch Tiberius sich getraut. +Man kann dies tadeln. Der lähmende Doppelschlag der illyrischen und der +germanischen Insurrektion mit ihren schweren Katastrophen, das hohe +Alter und die erlahmende Kraft des Herrschers, die zunehmende Abneigung +des Tiberius gegen frisches Handeln und große Initiative und vor allem +gegen jede Abweichung von der Politik des Augustus, haben dabei ohne +Zweifel bestimmend mit- und vielleicht zum Nachteil des Staates +gewirkt. Man fühlt es in dem nicht zu billigenden, aber wohl +erklärlichen Auftreten des Germanicus, wie das Militär und die Jugend +das Aufgeben der neuen Provinz Germanien empfanden. Man erkennt in dem +dürftigen Versuch, mit Hilfe der paar linksrheinischen deutschen Gaue +wenigstens dem Namen nach das verlorene Germanien festzuhalten, in den +zweideutigen und unsicheren Worten, mit denen Augustus selbst in seinem +Rechenschaftsbericht Germanien als römisch in Anspruch nimmt oder auch +nicht, wie verlegen die Regierung in dieser Sache der öffentlichen +Meinung gegenüber stand. Der Griff nach der Elbgrenze war ein +gewaltiger, vielleicht überkühner gewesen; vielleicht von Augustus, +dessen Flug im allgemeinen so hoch nicht ging, erst nach jahrelangem +Zaudern und wohl nicht ohne den bestimmenden Einfluß des ihm vor allen +nahestehenden jüngeren Stiefsohns unternommen. Aber einen allzu kühnen +Schritt zurückzutun ist in der Regel nicht eine Verbesserung des +Fehlers, sondern ein zweiter. Die Monarchie brauchte die unbefleckte +kriegerische Ehre und den unbedingten kriegerischen Erfolg in ganz +anderer Weise als das ehemalige Bürgermeisterregiment; das Fehlen der +seit der Varusschlacht niemals ausgefüllten Nummern 17, 18 und 19 in +der Reihe der Regimenter paßte wenig zu dem militärischen Prestige, und +den Frieden mit Marobod aufgrund des Status quo konnte die loyalste +Rhetorik nicht in einen Erfolg umreden. Anzunehmen, daß Germanicus +einem eigentlichen Befehl seiner Regierung zuwider jene weit +aussehenden Unternehmungen begonnen hat, verbietet seine ganze +politische Stellung; aber den Vorwurf, daß er seine doppelte Stellung +als Höchstkommandierender der ersten Armee des Reiches und als +künftiger Thronfolger dazu benutzt hat, um seine +politisch-militärischen Pläne auf eigene Faust durchzuführen, wird man +ihm so wenig ersparen können wie dem Kaiser den nicht minder schweren, +zurückgescheut zu sein vielleicht vor dem Fassen, vielleicht auch nur +vor dem klaren Aussprechen und dem scharfen Durchführen der eigenen +Entschlüsse. Wenn Tiberius die Wiederaufnahme der Offensive wenigstens +geschehen ließ, so muß er empfunden haben, wieviel für eine kräftigere +Politik sprach; wie es überbedächtige Leute wohl tun, mag er wohl +sozusagen dem Schicksal die Entscheidung überlassen haben, bis dann der +wiederholte und schwere Mißerfolg des Kronprinzen die Politik der +Verzagtheit abermals rechtfertigte. Leicht war es für die Regierung +nicht, einer Armee Halt zu gebieten, die von den verlorenen drei Adlern +zwei zurückgebracht hatte; aber es geschah. Was immer die sachlichen +und die persönlichen Motive gewesen sein mögen, wir stehen hier an +einem Wendepunkt der Völkergeschicke. Auch die Geschichte hat ihre Flut +und ihre Ebbe; hier tritt nach der Hochflut des römischen Weltregiments +die Ebbe ein. Nordwärts von Italien hatte wenige Jahre hindurch die +römische Herrschaft bis an die Elbe gereicht; seit der Varusschlacht +sind ihre Grenzen der Rhein und die Donau. Ein Märchen, aber ein altes, +berichtet, daß dem ersten Eroberer Germaniens, dem Drusus, auf seinem +letzten Feldzug an der Elbe eine gewaltige Frauengestalt germanischer +Art erschienen sei und ihm in seiner Sprache das Wort zugerufen habe +“Zurück!” Es ist nicht gesprochen worden, aber es hat sich erfüllt. + +Indes die Niederlage der Augusteischen Politik, wie der Friede mit +Maroboduus und die Hinnahme der Teutoburger Katastrophe wohl bezeichnet +werden darf, war kaum ein Sieg der Germanen. Nach der Varusschlacht muß +wohl durch die Gemüter der Besten die Hoffnung gegangen sein, daß der +Nation aus dem herrlichen Sieg der Cherusker und ihrer Verbündeten und +aus dem Zurückweichen des Feindes im Westen wie im Süden eine gewisse +Einigung erwachsen werde. Den sonst sich fremd gegenüberstehenden +Sachsen und Sueben mag vielleicht eben in diesen Krisen das Gefühl der +Einheit aufgegangen sein. Daß die Sachsen vom Schlachtfelde weg den +Kopf des Varus an den Suebenkönig schickten, kann nichts sein als der +wilde Ausdruck des Gedankens, daß für alle Germanen die Stunde gekommen +sei, in gemeinschaftlichem Ansturm sich auf das Römische Reich zu +stürzen und des Landes Grenze und des Landes Freiheit so zu sichern, +wie sie allein gesichert werden können, durch Niederschlagen des +Erbfeindes in seinem eigenen Heim. Aber der gebildete Mann und +staatskluge König nahm die Gabe der Insurgenten nur an, um den Kopf dem +Kaiser Augustus zur Beisetzung zu senden; er tat nichts für, aber auch +nichts gegen die Römer und beharrte unerschütterlich in seiner +Neutralität. Unmittelbar nach dem Tode des Augustus hatte man in Rom +den Einbruch der Markomannen in Rätien gefürchtet, aber, wie es +scheint, ohne Ursache, und als dann Germanicus die Offensive gegen die +Germanen vom Rhein aus wieder aufnahm, hatte der mächtige +Markomannenkönig untätig zugesehen. Diese Politik der Feinheit oder der +Feigheit in der wild bewegten, von patriotischen Erfolgen und +Hoffnungen trunkenen germanischen Welt grub sich ihr eigenes Grab. Die +entfernteren, nur lose mit dem Reich verknüpften Suebenstämme, die +Semnonen, Langobarden und Gothonen, sagten dem König ab und machten +gemeinschaftliche Sache mit den sächsischen Patrioten; es ist nicht +unwahrscheinlich, daß die ansehnlichen Streitkräfte, über welche +Arminius und Inguiomerus in den Kämpfen gegen Germanicus offenbar +geboten, ihnen großenteils von daher zugeströmt sind. Als bald darauf +der römische Angriff plötzlich abgebrochen ward, wendeten sich die +Patrioten (17) zum Angriff gegen Maroboduus, vielleicht zum Angriff auf +das Königtum überhaupt, wenigstens wie dieser es nach römischem Muster +verwaltete ^23. Aber auch unter ihnen selbst waren Spaltungen +eingetreten; die beiden nah verwandten cheruskischen Fürsten, die in +den letzten Kämpfen die Patrioten wenn nicht siegreich, doch tapfer und +ehrenvoll geführt und bisher stets Schulter an Schulter gefochten +hatten, standen in diesem Krieg nicht mehr zusammen. Der Oheim +Inguiomerus ertrug es nicht noch länger, neben dem Neffen der zweite zu +sein, und trat bei dem Ausbruch des Krieges auf Maroboduus’ Seite. So +kam es zur Entscheidungsschlacht zwischen Germanen und Germanen, ja +zwischen denselben Stämmen; denn in beiden Armeen fochten sowohl Sueben +wie Cherusker. Lange schwankte der Kampf; beide Heere hatten von der +römischen Taktik gelernt, und auf beiden Seiten war die Leidenschaft +und die Erbitterung gleich. Einen eigentlichen Sieg erfocht Arminius +nicht, aber der Gegner überließ ihm das Schlachtfeld, und da Maroboduus +den kürzeren gezogen zu haben schien, verließen ihn die bisher noch zu +ihm gehalten hatten und fand er sich auf sein eigenes Reich beschränkt. +Als er römische Hilfe gegen die übermächtigen Landsleute erbat, +erinnerte ihn Tiberius an sein Verhalten nach der Varusschlacht und +erwiderte, daß jetzt die Römer ebenfalls neutral bleiben würden. Es +ging nun schleunig mit ihm zu Ende. Schon im folgenden Jahr (18) wurde +er von einem Gothonenfürsten Catualda, den er früher persönlich +beleidigt hatte und der dann mit den übrigen außerböhmischen Sueben von +ihm abgefallen war, in seinem Königssitz selbst überfallen und rettete, +von den Seinigen verlassen, mit Not sich zu den Römern, die ihm die +erbetene Freistatt gewährten - als römischer Pensionär ist er viele +Jahre später in Ravenna gestorben. + +————————————————————— + +^23 Die Angabe des Tacitus (ann. 2, 45), daß dies eigentlich ein Krieg +der Republikaner gegen die Monarchisten gewesen sei, ist wohl nicht +frei von Übertragung hellenisch-römischer Anschauungen auf die sehr +verschiedene germanische Welt. Soweit der Krieg eine ethisch-politische +Tendenz gehabt hat, wird ihn nicht das nomen regis, wie Tacitus sagt, +sondern das certum imperium visque regia des Velleius (2, 108) +hervorgerufen haben. + +————————————————————— + +Also waren Arminius’ Gegner wie seine Nebenbuhler flüchtig geworden, +und die germanische Nation sah auf keinen andern als auf ihn. Aber +diese Größe war seine Gefahr und sein Verderben. Seine eigenen +Landsleute, vor allem sein eigenes Geschlecht schuldigte ihn an, den +Weg Marobods zu gehen und nicht bloß der Erste, sondern auch der Herr +und der König der Germanen sein zu wollen - ob mit Grund oder nicht und +ob, wenn er dies wollte, er damit nicht vielleicht das Rechte wollte, +wer vermag es zu sagen? Es kam zum Bürgerkrieg zwischen ihm und diesen +Vertretern der Volksfreiheit; zwei Jahre nach Maroboduus’ Verbannung +fiel auch er, gleich Caesar, durch den Mordstahl ihm nahestehender, +republikanisch gesinnter Adliger. Seine Gattin Thusnelda und sein in +der Gefangenschaft geborener Sohn Thumelicus, den er nie mit Augen +gesehen hat, zogen bei dem Triumph des Germanicus (26. Mai 17) unter +den anderen vornehmen Germanen gefesselt mit auf das Kapitol; der alte +Segestes ward für seine Treue gegen die Römer mit einem Ehrenplatz +bedacht, von wo aus er dem Einzug seiner Tochter und seines Enkels +zuschauen durfte. Sie alle sind im Römerreich gestorben; mit Maroboduus +fanden auch Gattin und Sohn seines Gegners im Exil von Ravenna sich +zusammen. Wenn Tiberius bei Abberufung des Germanicus bemerkte, daß es +gegen die Deutschen der Kriegführung nicht bedürfe und daß sie das für +Rom Erforderliche schon weiter selber besorgen würden, so kannte er +seine Gegner; darin allerdings hat die Geschichte ihm recht gegeben. +Aber dem hochsinnigen Mann, der sechsundzwanzigjährig seine sächsische +Heimat von der italischen Fremdherrschaft erlöst hatte, der dann in +siebenjährigem Kampfe für die wiedergewonnene Freiheit Feldherr wie +Soldat gewesen war, der nicht bloß Leib und Leben, sondern auch Weib +und Kind für seine Nation eingesetzt hatte, um dann +siebenunddreißigjährig von Mörderhand zu fallen, diesem Mann gab sein +Volk, was es zu geben vermochte, ein ewiges Gedächtnis im Heldenlied. + + + + +KAPITEL II. +Spanien + + +Die Zufälligkeiten der äußeren Politik bewirkten es, daß die Römer +früher als in irgendeinem anderen Teil des überseeischen Kontinents +sich auf der Pyrenäischen Halbinsel festsetzten und hier ein zwiefaches +ständiges Kommando einrichteten. Auch hatte die Republik hier nicht, +wie in Gallien und in Illyricum, sich darauf beschränkt, die Küsten des +italischen Meeres zu unterwerfen, vielmehr gleich von Anfang an, nach +dem Vorgang der Barkiden, die Eroberung der ganzen Halbinsel in das +Auge gefaßt. Mit den Lusitanern (in Portugal und Estremadura) hatten +die Römer gestritten, seit sie sich Herren von Spanien nannten; die +“entferntere Provinz” war recht eigentlich gegen diese und zugleich mit +der näheren eingerichtet worden; die Callaeker (Galicia) wurden ein +Jahrhundert vor der Actischen Schlacht den Römern botmäßig; kurz vor +derselben hatte in seinem ersten Feldzug der spätere Diktator Caesar +die römischen Waffen bis nach Brigantium (Coruňa) getragen und die +Zugehörigkeit dieser Landschaft zu der entfernteren Provinz aufs neue +befestigt. Es haben dann in den Jahren zwischen Caesars Tod bis auf +Augustus Einherrschaft die Waffen in Nordspanien niemals geruht: nicht +weniger als sechs Statthalter haben in dieser kurzen Zeit dort den +Triumph gewonnen, und vielleicht erfolgte die Unterwerfung des +südlichen Abhangs der Pyrenäen vorzugsweise in diese Epoche ^1. Die +Kriege mit den stammverwandten Aquitanern an der Nordseite des +Gebirges, die in die gleiche Epoche fallen und von denen der letzte im +Jahre 727 (27) siegreich zu Ende ging, werden damit in Zusammenhang +stehen. Bei der Reorganisation der Verwaltung im Jahre 727 (27) kam die +Halbinsel an Augustus, weil dort ausgedehnte militärische Operationen +in Aussicht genommen waren und sie einer dauernden Besatzung bedurfte. +Obgleich das südliche Drittel der entfernteren Provinz, seitdem benannt +vom Baetisfluß (Guadalquivir), dem Regiment des Senats bald +zurückgegeben wurde ^2, blieb doch der bei weitem größere Teil der +Halbinsel stets in kaiserlicher Verwaltung, sowohl der größere Teil der +entfernteren Provinz, Lusitanien und Callaekien ^3, wie die ganze große +nähere. Unmittelbar nach Einrichtung der neuen Oberleitung begab sich +Augustus persönlich nach Spanien, um in zweijährigem Aufenthalt (728, +729 26, 25) die neue Verwaltung zu ordnen und die Okkupation der noch +nicht botmäßigen Landesteile zu leiten. Er tat dies von Tarraco aus, +und es wurde damals überhaupt der Sitz der Regierung der näheren +Provinz von Neukarthago nach Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese +Provinz auch seitdem gewöhnlich genannt wird. Wenn es einerseits +notwendig erschien, den Sitz der Verwaltung nicht von der Küste zu +entfernen, so beherrschte andererseits die neue Hauptstadt das +Ebrogebiet und die Kommunikationen mit dem Nordwesten und den Pyrenäen. +Gegen die Asturer (in den Provinzen Asturien und Leon) und vor allem +die Kantabrer (im Vaskenland und der Provinz Santander), welche sich +hartnäckig in ihren Bergen behaupteten und die benachbarten Gaue +überliefen, zog sich mit Unterbrechungen, die die Römer Siege nannten, +der schwere und verlustvolle Krieg acht Jahre hin, bis es endlich +Agrippa gelang, durch Zerstörung der Bergstädte und Verpflanzung der +Bewohner in die Täler den offenen Widerstand zu brechen. + +————————————————————— + +^1 Es triumphierten über Spanien, abgesehen von dem wohl politischen +Triumph des Lepidus, im Jahre 718 (36) Cn. Domitius Calvinus (Konsul +714 40), im Jahre 720 (34) C. Norbanus Flaccus (Konsul 716 38), +zwischen 720 (34) und 725 (29) L. Marcius Philippus (Konsul 716 38) und +Appius Claudius Pulcher (Konsul 716 38), im Jahre 726 (28) C. Calvisius +Sabinus (Konsul 715 39), im Jahre 728 (26) Sex. Appuleius (Konsul 725 +29). Die Schriftsteller erwähnen nur den Sieg, den Calvinus über die +Cerretaner (bei Puycerda in den östlichen Pyrenäen) erfocht (Dio 48, +42; vgl. Vell. 2, 78 und die Münze des Sabinus mit Osca, Eckhel, Bd. 5, +S. 203). + +^2 Da Augusta Emerita in Lusitanien erst im Jahre 729 (25) Kolonie ward +(Dio 53, 26) und diese bei dem Verzeichnis der Provinzen, in denen +Augustus Kolonien gegründet hat (Monumentum Ancyranum, S. 119, vgl. S. +222), nicht füglich unberücksichtigt geblieben sein kann, so wird die +Trennung von Lusitania und Hispania ulterior erst nach dem +kantabrischen Kriege stattgefunden haben. + +^3 Callaekien ist nicht bloß von der Ulterior aus eingenommen worden, +sondern muß noch in der früheren Zeit des Augustus zu Lusitanien gehört +haben, ebenso Asturien anfänglich zu dieser Provinz geschlagen worden +sein. Sonst ist die Erzählung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T. +Carisius, der Erbauer Emeritas, ist offenbar der Statthalter von +Lusitanien, C. Furnius der der Tarraconensis. Damit stimmt auch die +parallele Darstellung bei Florus (epit. 2, 33), denn die Drigaecini der +Handschriften sind sicher die Βριγαικινοί, die Ptolemaeos (2, 6, 29) +unter den Asturern aufführt. Darum faßt auch Agrippa in seinen +Messungen Lusitania mit Asturia und Callaecia zusammen (Plin. nat. 4, +22, 118), und bezeichnet Strabon (3, 4, 20, p. 166) die Callaeker als +früher Lusitaner genannt. Schwankungen in der Abgrenzung der spanischen +Provinzen erwähnt Strabon (3, 4, 19, p. 166). + +————————————————————— + +Wenn, wie Kaiser Augustus sagt, seit seiner Zeit die Küste des Ozeans +von Cadiz bis zur Elbmündung den Römern gehorchte, so war in diesem +Winkel derselben der Gehorsam recht unfreiwillig und von geringem +Verlaß. Zu einer eigentlichen Befriedung scheint es im nordwestlichen +Spanien noch lange nicht gekommen zu sein. Noch in Neros Zeit ist von +Kriegszügen gegen die Asturer die Rede. Deutlicher noch spricht die +Besetzung des Landes, wie Augustus sie angeordnet hat. Callaekien wurde +von Lusitanien getrennt und mit der tarraconensischen Provinz +vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer Hand zu +konzentrieren. Diese Provinz ist nicht bloß damals die einzige gewesen, +welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares Militärkommando +erhalten hat, sondern es wurden von Augustus nicht weniger als drei +Legionen ^4 dorthin gelegt, zwei nach Asturien, eine nach Kantabrien, +und trotz der militärischen Bedrängnis in Germanien und in Illyricum +ward diese Besatzung nicht vermindert. Das Hauptquartier ward zwischen +der alten Metropole Asturiens, Lancia, und der neuen, Asturica Augusta +(Astorga), eingerichtet, in dem noch heute von ihm den Namen führenden +Leon. Mit dieser starken Besetzung des Nordwestens hängen +wahrscheinlich die daselbst in der früheren Kaiserzeit in bedeutendem +Umfange vorgenommenen Straßenanlagen zusammen, obwohl wir, da die +Dislokation dieser Truppen in der augustischen Zeit uns unbekannt ist, +den Zusammenhang im einzelnen nicht nachzuweisen vermögen. So ist von +Augustus und Tiberius für die Hauptstadt Callaekiens Bracara (Braga) +eine Verbindung mit Asturica, das heißt mit dem großen Hauptquartier, +nicht minder mit den nördlich, nordöstlich und südlich benachbarten +Städten hergestellt worden. Ähnliche Anlagen machte Tiberius im Gebiet +der Vasconen und in Kantabrien ^5. Allmählich konnte die Besatzung +verringert, unter Claudius eine Legion, unter Nero eine zweite anderswo +verwendet werden. Doch wurden diese nur als abkommandiert angesehen, +und noch zu Anfang der Regierung Vespasians hatte die spanische +Besatzung wieder ihre frühere Stärke; eigentlich reduziert haben sie +erst die Flavier, Vespasian auf zwei, Domitian auf eine Legion. Von da +an bis in die diocletianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7. +gemina und eine gewisse Zahl von Hilfskontingenten in Leon +garnisoniert. + +————————————————————— + +^4 Es sind dies die 4. makedonische, die 6. victrix und die 10. gemina. +Die erste von diesen kam in Folge der durch Claudius’ britannische +Expedition veranlaßten Verschiebung der Truppenlager an den Rhein. Die +beiden anderen, obwohl inzwischen mehrfach anderswo verwendet, standen +noch im Anfang der Regierung Vespasians in ihrer alten Garnison und mit +ihnen anstatt der 4. die von Galba neu errichtete 1. adiutrix (Tac. +hist. 1, 44). Alle drei wurden in Veranlassung des Bataverkrieges an +den Rhein geschickt, und es kam davon nur eine zurück. Denn noch im +Jahre 88 lagen in Spanien mehrere Legionen (Plin. paneg. 14; vgl. +Hermes 3, 1868, S. 118), von welchen eine sicher die schon vor dem +Jahre 79 in Spanien garnisonierende 7. gemina (CIL II, 2477) ist; die +zweite muß eine von jenen dreien sein und ist wahrscheinlich die 1. +adiutrix, da diese bald nach dem Jahre 88 an den Donaukriegen Domitians +sich beteiligt und unter Traian in Obergermanien steht, was die +Vermutung nahelegt, daß sie eine der mehreren im Jahre 88 von Spanien +nach Obergermanien geführten Legionen gewesen und bei dieser +Veranlassung aus Spanien weggekommen ist. In Lusitanien haben keine +Legionen gestanden. + +^5 Bei dem Ort Pisoraca (Herrera am Pisuerga, zwischen Palencia und +Santander), der allein auf Inschriften des Tiberius und des Nero, und +zwar als Ausgangspunkt einer Kaiserstraße genannt wird (CIL II, 4883, +4884), dürfte das Lager der kantabrischen Legion gewesen sein, wie bei +Leon das asturische. Auch Augustobriga (westlich von Saragossa) und +Complutum (Alcalá de Henares, nordwärts von Madrid) werden nicht ihrer +städtischen Bedeutung wegen, sondern als Truppenlager +Reichsstraßenzentren gewesen sein. + +————————————————————— + +Keine Provinz ist unter dem Prinzipat weniger von den äußeren wie von +den inneren Kriegen berührt worden als dieses Land des fernen Westens. +Wenn in dieser Epoche die Truppenkommandos gleichsam die Stelle der +rivalisierenden Parteien übernahmen, so hat das spanische Heer auch +dabei durchaus eine Nebenrolle gespielt; nur als Helfer seines Kollegen +trat Galba in den Bürgerkrieg ein und der bloße Zufall trug ihn an die +erste Stelle. Die vergleichungsweise auch nach der Reduktion noch +auffallend starke Besatzung des Nordwestens der Halbinsel läßt darauf +schließen, daß diese Gegend noch im zweiten und dritten Jahrhundert +nicht vollständig botmäßig gewesen ist; indes vermögen wir über die +Verwendung der spanischen Legion innerhalb der Provinz, die sie besetzt +hielt, nichts Bestimmtes anzugeben. Der Krieg gegen die Kantabrer ist +mit Hilfe von Kriegsschiffen geführt worden; nachher haben die Römer +keine Veranlassung gehabt, hier eine dauernde Flottenstation +einzurichten. Erst in der nachdiocletianischen Zeit finden wir die +Pyrenäische Halbinsel, wie die italische und die +griechisch-makedonische, ohne ständige Besatzung. + +Daß die Provinz Baetica, wenigstens seit dem Anfang des 2. +Jahrhunderts, von der gegenüberliegenden Küste aus durch die Mauren - +die Piraten des Rif - vielfach heimgesucht wurde, wird in der +Darstellung der afrikanischen Verhältnisse näher auszuführen sei. +Vermutlich ist es daraus zu erklären, daß, obwohl sonst in den +Provinzen des Senats kaiserliche Truppen nicht zu stehen pflegen, +ausnahmsweise Italica (bei Sevilla) mit einer Abteilung der Legion von +Leon belegt war ^6. Hauptsächlich aber lag es dem in der Provinz von +Tingis (Tanger) stationierten Kommando ob, das reiche südliche Spanien +vor diesen Einfällen zu schützen. Dennoch ist es vorgekommen, daß +Städte wie Italica und Singili (unweit Antequera) von den Piraten +belagert wurden. + +————————————————————————- + +^6 Damit kann in Verbindung gebracht werden, daß dieselbe Legion auch, +wenngleich nur zeitweise und mit einem Detachement, in Numidien aktiv +gewesen ist. + +————————————————————————- + +Wenn dem weltgeschichtlichen Werke der Kaiserzeit, der Romanisierung +des Okzidents, von der Republik irgendwo vorgearbeitet war, so war dies +in Spanien geschehen. Was das Schwert begonnen, führte der friedliche +Verkehr weiter: das römische Silbergeld hat in Spanien geherrscht, +lange bevor es sonst außerhalb Italien gangbar ward, und die Bergwerke, +der Wein- und Ölbau, die Handelsbeziehungen bewirkten an der Küste, +namentlich im Südwesten, ein stetiges Einströmen italischer Elemente. +Neukarthago, die Schöpfung der Barkiden und von seiner Entstehung an +bis in die augustische Zeit die Hauptstadt der Diesseitigen Provinz und +der erste Handelsplatz Spaniens, umschloß schon im siebenten +Jahrhundert eine zahlreiche römische Bevölkerung; Carteia, gegenüber +dem heutigen Gibraltar, ein Menschenalter vor der Gracchenzeit +gegründet, ist die erste überseeische Stadtgemeinde mit einer +Bevölkerung römischen Ursprungs; die altberühmte Schwesterstadt +Karthagos, Gades, das heutige Cadiz, die erste fremdländische Stadt +außerhalb Italien, welche römisches Recht und römische Sprache annahm. +Hatte also an dem größten Teil der Küste des Mittelländischen Meeres +die alteinheimische wie die phönikische Zivilisation bereits unter der +Republik in die Art und Weise des herrschenden Volkes eingelenkt, so +wurde in der Kaiserzeit in keiner Provinz die Romanisierung so +energisch von oben herab gefördert wie in Spanien. Vor allem die +südliche Hälfte der Baetica zwischen dem Baetis und dem Mittelmeer hat, +zum Teil schon unter der Republik oder durch Caesar, zum Teil in den +Jahren 739 (15) und 740 (14) durch Augustur, eine stattliche Reihe von +römischen Vollbürgergemeinden erhalten, die hier nicht etwa +vorzugsweise die Küste, sondern vor allem das Binnenland füllen, voran +Hispalis (Sevilla) und Corduba (Cordoba) mit Kolonialrecht, mit +Munizipalrecht Italica (bei Sevilla) und Gades (Cadiz). Auch im +südlichen Lusitanien begegnet eine Reihe gleichberechtigter Städte, +namentlich Olisipo (Lissabon), Pax Iulia (Beja) und die von Augustur +während seines Aufenthalts in Spanien gegründete und zur Hauptstadt +dieser Provinz gemachte Veteranenkolonie Emerita (Merida). In der +Tarraconensis finden sich die Bürgerstädte überwiegend an der Küste, +Karthago nova, Ilici (Elche), Valentia, Dertosa (Tortosa), Tarraco, +Barcino (Barcelona); im Binnenland tritt nur hervor die Kolonie im +Ebrotal Caesaraugusta (Saragossa). Vollbürgergemeinden zählte man in +ganz Spanien unter Augustus fünfzig; gegen fünfzig andere hatten bis +dahin latinisches Recht empfangen und standen hinsichtlich der inneren +Ordnung den Bürgergemeinden gleich. Bei den übrigen hat dann Kaiser +Vespasianus bei Gelegenheit der von ihm im Jahre 74 veranstalteten +allgemeinen Reichsschätzung die latinische Gemeindeordnung ebenfalls +eingeführt. Die Verleihung des Bürgerrechts ist weder damals noch +überhaupt in der besseren Kaiserzeit viel weiter ausgedehnt worden, als +sie in augustischer Zeit gediehen war ^7, wobei wahrscheinlich +hauptsächlich die Rücksicht auf das den Reichsbürgern gegenüber +beschränkte Aushebungsrecht maßgebend gewesen ist. + +———————————————————————————- + +^7 Daß “die Iberer Römer genannt werden”, wie Josephus (c. Ap. 2, 4) +sich ausdrückt, kann nur auf die Erteilung des latinischen Rechts durch +Vespasian bezogen werden und ist eine inkorrekte Angabe des Fremden. + +———————————————————————————- + +Die einheimische Bevölkerung Spaniens, welche also teils mit italischen +Ansiedlern vermischt, teils zu italischer Sitte und Sprache hingeleitet +ward, tritt in der Geschichte der Kaiserzeit nirgends deutlich +erkennbar hervor. Wahrscheinlich hat derjenige Stamm, dessen Reste und +dessen Sprache sich bis auf den heutigen Tag in den Bergen Vizcayas, +Guipuzcoas und Navarras behaupten, einstmals die ganze Halbinsel in +ähnlicher Weise erfüllt wie die Berber das nordafrikanische Land. Ihr +Idiom, von den indogermanischen grundverschieden und flexionslos wie +das der Finnen und Mongolen, beweist ihre ursprüngliche +Selbständigkeit, und ihre wichtigsten Denkmäler, die Münzen, umfassen +in dem ersten Jahrhundert der Herrschaft der Römer in Spanien die +Halbinsel mit Ausnahme der Südküste von Cadiz bis Granada, wo damals +die phönikische Sprache herrschte, und des Gebietes nördlich von der +Mündung des Tajo und westlich von den Ebroquellen, welches damals +wahrscheinlich großenteils faktisch unabhängig und gewiß durchaus +unzivilisiert war; in diesem iberischen Gebiet unterscheidet sich wohl +die südspanische Schrift deutlich von der der Nordprovinz, aber nicht +minder deutlich sind beide Äste eines Stammes. Die phönikische +Einwanderung hat sich hier auf noch engere Grenzen beschränkt als in +Afrika und die keltische Mischung die allgemeine Gleichförmigkeit der +nationalen Entwicklung nicht in einer für uns erkennbaren Weise +modifiziert. Aber die Konflikte der Römermit den Iberern gehören +überwiegend der republikanischen Epoche an und sind früher dargestellt +worden. Nach den bereits erwähnten letzten Waffengängen unter der +ersten Dynastie verschwinden die Iberer völlig aus unseren Augen. Auch +auf die Frage, wieweit sie in der Kaiserzeit sich romanisiert haben, +gibt die uns gebliebene Kunde keine befriedigende Antwort. Daß sie im +Verkehr mit den fremden Herren von jeher veranlaßt sein werden, sich +der römischen Sprache zu bedienen, bedarf des Beweises nicht; aber auch +aus dem öffentlichen Gebrauch innerhalb der Gemeinden schwindet unter +dem Einfluß Roms die nationale Sprache und die nationale Schrift. Schon +im letzten Jahrhundert der Republik ist die anfänglich in weitem +Umfange gestattete einheimische Prägung in der Hauptsache beseitigt +worden; aus der Kaiserzeit gibt es keine spanische Stadtmünze mit +anderer als lateinischer Aufschrift ^8. Wie die römische Tracht war die +römische Sprache auch bei denjenigen Spaniern, die des italischen +Bürgerrechts entbehrten, in großem Umfang verbreitet, und die Regierung +begünstigte die faktische Romanisierung des Landes ^9. Als Augustus +starb, überwog römische Sprache und Sitte in Andalusien, Granada, +Murcia, Valencia, Katalonien, Arragonien, und ein guter Teil davon +kommt auf Rechnung nicht der Kolonisierung, sondern der Romanisierung. +Durch die vorher erwähnte Anordnung Vespasians ward die einheimische +Sprache von Rechts wegen auf den Privatverkehr beschränkt. Daß sie in +diesem sich behauptet hat, beweist ihr heutiges Dasein; was jetzt auf +die Berge sich beschränkt, welche weder die Goten noch die Araber je +besetzt haben, wird in der römischen Zeit sicher über einen großen Teil +Spaniens, besonders den Nordwesten, sich erstreckt haben. Dennoch ist +die Romanisierung in Spanien sicher sehr viel früher und stärker +eingetreten als in Afrika; Denkmäler mit einheimischer Schrift aus der +Kaiserzeit sind in Afrika in ziemlicher Anzahl, in Spanien kaum +nachzuweisen, und die Berbersprache beherrscht heute noch halb +Nordafrika, die iberische nur die engen Täler der Basken. Es konnte das +nicht anders kommen, teils weil in Spanien die römische Zivilisation +viel früher und viel kräftiger auftrat als in Afrika, teils weil die +Eingeborenen dort nicht wie hier den Rückhalt an den freien Stämmen +hatten. + +—————————————————————————- + +^8 Das wohl jüngste sicher datierbare Denkmal der einheimischen Sprache +ist eine Münze von Osicerda, welche den während des Gallischen Krieges +von Caesar geschlagenen Denaren mit dem Elefanten nachgeprägt ist, mit +lateinischer und iberischer Aufschrift (Zobel, Estudio histórico de la +moneda antigua española. Bd. 2, S. 11). Unter den ganz oder teilweise +epichorischen Inschriften Spaniens mögen sich manche jüngere befinden; +öffentliche Setzung ist bei keiner derselben auch nur wahrscheinlich. + +^9 Es hat eine Zeit gegeben, wo die Peregrinengemeinden das Recht, die +lateinische zur Geschäftssprache zu machen, vom Senat erbitten mußten; +aber für die Kaiserzeit gilt das nicht mehr. Vielmehr ist hier +wahrscheinlich häufig das Umgekehrte eingetreten, zum Beispiel das +Münzrecht in der Weise gestattet worden, daß die Aufschrift lateinisch +sein mußte. Ebenso sind öffentliche Gebäude, die Nichtbürger +errichteten, lateinisch bezeichnet; so lautet eine Inschrift von Ilipa +in Andalusien (CIL II, 1087): Urchail Atitta f(ilius) Chilasurgun +portas fornac(es) aedificand(a) curavit de s(ua) p(ecunia). Daß das +Tragen der Toga auch Nichtrömern gestattet und ein Zeichen von loyaler +Gesinnung war, zeigt sowohl Strabons Äußerung über die Tarraconensis +togata wie Agricolas Verhalten in Britannien (Tac. Agr. 21). + +—————————————————————————- + +Die einheimische Gemeindeverfassung der Iberer war von der gallischen +nicht in einer für uns erkennbaren Weise verschieden. Von Haus aus +zerfiel Spanien, wie das Keltenland dies- und jenseits der Alpen, in +Gaubezirke; die Vaccäer und die Kantabrer unterschieden sich schwerlich +wesentlich von den Cenomanen der Transpadana und den Remern der +Belgica. Daß auf den in der früheren Epoche der Römerherrschaft +geschlagenen spanischen Münzen vorwiegend nicht die Städte genannt +werden, sondern die Gaue, nicht Tarraco, sondern die Cessetaner, nicht +Saguntum, sondern die Arsenser, zeigt deutlicher noch als die +Geschichte der damaligen Kriege, daß auch in Spanien einst größere +Gauverbände bestanden. Aber die siegenden Römer behandelten diese +Verbände nicht überall in gleicher Weise. Die transalpinischen Gaue +blieben auch unter römischer Herrschaft politische Gemeinwesen; wie die +cisalpinischen sind die spanischen nur geographische Begriffe. Wie der +Distrikt der Cenomanen nichts ist als ein Gesamtausdruck für die +Territorien von Brixia, Bergomum und so weiter, so bestehen die Asturer +aus zweiundzwanzig politisch selbständigen Gemeinden, die allem +Anschein nach rechtlich sich nicht mehr angehen als die Städte Brixia +und Bergomum ^10. Dieser Gemeinden zählte die tarraconensische Provinz +in augustischer Zeit 293, in der Mitte des zweiten Jahrhunderts 275. Es +sind also hier die alten Gauverbände aufgelöst worden. Dabei ist +schwerlich bestimmend gewesen, daß die Geschlossenheit der Vettonen und +der Kantabrer bedenklicher für die Reichseinheit erschien als diejenige +der Sequaner und der Treuerer; hauptsächlich beruht der Unterschied +wohl in der Verschiedenheit der Zeit und der Form der Eroberung. Die +Landschaft am Guadalquivir ist anderthalb Jahrhunderte früher römisch +geworden als die Ufer der Loire und der Seine; die Zeit, wo das +Fundament der spanischen Ordnung gelegt wurde, liegt derjenigen Epoche +nicht so gar fern, wo die samnitische Konföderation aufgelöst ward. +Hier waltet der Geist der alten Republik, in Gallien die freiere und +mildere Anschauung Caesars. Die kleineren und machtlosen Distrikte, +welche nach Auflösung der Verbände die Träger der politischen Einheit +wurden, die Kleingaue oder Geschlechter, wandelten sich im Laufe der +Zeit hier wie überall in Städte um. Die Anfänge der städtischen +Entwicklung, auch außerhalb der zu italischem Recht gelangten +Gemeinden, gehen weit in die republikanische, vielleicht in die +vorrömische Zeit zurück; später mußte die allgemeine Verleihung des +latinischen Rechts durch Vespasian diese Umwandlung allgemein oder so +gut wie allgemein machen ^11. Wirklich gab es unter den 293 +augustischen Gemeinden der Provinz von Tarraco 114, unter den 275 des +zweiten Jahrhunderts nur 27 nicht städtische Gemeinden. + +——————————————————————- + +^10 Diese merkwürdigen Ordnungen erhellen namentlich aus den spanischen +Ortsverzeichnissen bei Plinius, und sind von Detlefsen (Philologus 32, +1878, S. 606f.) gut dargelegt worden. Die Terminologie freilich ist +schwankend. Da die Bezeichnungen civitas, populus, gens der +selbständigen Gemeinde eigen sind, kommen sie von Rechts wegen diesen +Teilen zu; also wird zum Beispiel gesprochen von den X civitates der +Autrigonen, den XXII populi der Asturer, der gens Zoelarum (CIL II, +2633), welche eben eine dieser 22 Völkerschaften ist. Das merkwürdige +Dokument, das wir von diesen Zoelae besitzen (CIL II, 2633) lehrt, daß +diese gens wieder in gentilitates zerfiel, welche letzteren auch selbst +gentes hießen, wie eben dieses selbst und andere Zeugnisse (Eph. epigr. +II, p. 243) beweisen. Es findet sich auch civis in Beziehung auf einen +der kantabrischen populi (Eph. epigr. II p. 243). Aber auch für den +größeren Gau, der ja einstmals die politische Einheit war, gibt es +andere Bezeichnungen nicht als diese eigentlich retrospektive und +inkorrekte; namentlich gens wird dafür selbst im technischen Stil +verwendet (z. B. CIL II, 4233: Intercat(iensis) ex gente Vaccaeorum). +Daß das Gemeinwesen in Spanien auf jenen kleinen Distrikten ruht, nicht +auf den Gauen, erhellt sowohl aus der Terminologie selbst wie auch +daraus, daß Plinius (3, 3, 18) jenen 293 Ortschaften die civitates +contributae aliis gegenüberstellt; ferner zeigt es der Beamte at census +accipiendos civitatium XXIII Vasconum et Vardulorum (CIL VI, 1463) +verglichen mit dem censor civitates Remorum foederatae (CIL XI, 1855 +vgl. 2607). + +^11 Da die latinische Gemeindeverfassung für eine nicht städtisch +organisierte Gemeinde nicht paßt, so müssen diejenigen spanischen, +welche noch nach Vespasian der städtischen Organisation entbehrten, +entweder von der Verleihung des latinischen Rechts ausgeschlossen oder +für sie besondere Modifikationen eingetreten sein. Das letztere dürfte +mehr Wahrscheinlichkeit haben. Latinische Namensform zeigen +nachvespasianische Inschriften auch der gentes, wie CIL II, 2633 und +Eph. epigr. II, 322; und wenn einzelne aus dieser Zeit sich finden +sollten mit nichtrömischen Namen, so wird immer noch zu fragen sein, ob +hier nicht bloß faktische Vernachlässigung zugrunde liegt. Indizien +nichtrömischer Gemeindeordnung, in den sparsamen sicher +vorvespasianischen Inschriften verhältnismäßig häufig (CIL II, 172, +1953, 2633, 5048), sind mir in sicher nachvespasianischen nicht +vorgekommen. + +——————————————————————- + +Über die Stellung Spaniens in der Reichsverwaltung ist wenig zu sagen. +Bei der Aushebung haben die spanischen Provinzen eine hervorragende +Rolle gespielt. Die daselbst garnisonierenden Legionen sind +wahrscheinlich seit dem Anfang des Prinzipats vorzugsweise im Lande +selbst ausgehoben worden; als späterhin einerseits die Besatzung +vermindert ward, andererseits die Aushebung mehr und mehr auf den +eigentlichen Garnisonsbezirk sich beschränkte, hat die Baetica, auch +hierin das Los Italiens teilend, das zweifelhafte Glück genossen, +gänzlich vom Wehrdienst ausgeschlossen zu werden. Die auxiliare +Aushebung, welcher namentlich die in der städtischen Entwicklung +zurückgebliebenen Landschaften unterlagen, ist in Lusitanien, +Callaekien, Asturien, nicht minder im ganzen nördlichen und inneren +Spanien in großem Maßstab durchgeführt worden; Augustus, dessen Vater +sogar seine Leibwache aus Spaniern gebildet hatte, hat abgesehen von +der Belgica in keinem der ihm unterstellten Gebiete so umfassend +rekrutiert wie in Spanien. + +Für die Finanzen des Staates ist dies reiche Land ohne Zweifel eine der +sichersten und ergiebigsten Quellen gewesen; Näheres ist darüber nicht +überliefert. + +Auf die Bedeutung des Verkehrs dieser Provinzen gestattet die Fürsorge +der Regierung für das spanische Straßenwesen einigermaßen einen Schluß. +Zwischen den Pyrenäen und Tarraco haben sich römische Meilensteine +schon aus der letzten republikanischen Zeit gefunden, wie sie keine +andere Provinz des Okzidents aufweist. Daß Augustus und Tiberius den +Straßenbau in Spanien hauptsächlich aus militärischen Rücksichten +förderten, ist schon bemerkt worden; aber die bei Karthago nova von +Augustur gebaute Straße kann nur des Verkehrs wegen angelegt sein, und +hauptsächlich dem Verkehr diente auch die von ihm benannte und +teilweise regulierte, teilweise neu angelegte durchgehende Reichsstraße +^12, welche, die italisch-gallische Küstenstraße fortführend und die +Pyrenäen bei dem Paß von Puycerda überschreitend, von da nach Tarraco +ging, dann über Valentia hinaus bis zur Mündung des Jucar ungefähr der +Küste folgte, von da aber quer durch das Binnenland das Tal des Baetis +aufsuchte, sodann von dem Augustusbogen an, der die Grenze der beiden +Provinzen bezeichnete und mit dem eine neue Milienzählung anhob, durch +die Provinz Baetica bis an die Mündung des Flusses lief und also Rom +mit dem Ozean verband. Dies ist allerdings die einzige Reichsstraße in +Spanien. Später hat die Regierung für die Straßen Spaniens nicht viel +getan; die Kommunen, welchen dieselben bald wesentlich überlassen +wurden, scheinen, soviel wir sehen, abgesehen von dem inneren +Hochplateau, überall die Kommunikationen in dem Umfang hergestellt zu +haben, wie der Kulturstand der Provinz sie verlangte. Denn gebirgig wie +Spanien ist, und nicht ohne Steppen und Ödland, gehört es doch zu den +ertragreichsten Ländern der Erde, sowohl durch die Fülle der +Bodenfrucht wie durch den Reichtum an Wein und Öl und an Metallen. +Hinzu trat früh die Industrie, vorzugsweise in Eisenwaren und in +wollenen und leinenen Geweben. Bei den Schätzungen unter Augustus hatte +keine römische Bürgergemeinde, Patavium ausgenommen, eine solche Anzahl +von reichen Leuten aufzuweisen wie das spanische Gades mit seinen durch +die ganze Welt verbreiteten Großhändlern; und dem entsprach die +raffinierte Üppigkeit der Sitten, die dort heimischen +Kastagnettenschlägerinnen und die den eleganten Römern gleich dem +alexandrinischen geläufigen gaditanischen Lieder. Die Nähe Italiens und +der bequeme und billige Seeverkehr gaben für diese Epoche besonders der +spanischen Süd- und Ostküste die Gelegenheit, ihre reichen Produkte auf +den ersten Markt der Welt zu bringen, und wahrscheinlich hat Rom mit +keinem Lande der Welt einen so umfassenden und stetigen Großhandel +betrieben wie mit Spanien. + +—————————————————————————- + +^12 Die Richtung der via Augusta gibt Strabon (3, 4, 9 p. 160) an; ihr +gehören alle Meilensteine an, die jenen Namen haben, sowohl die aus der +Gegend von Lerida (CIL II, 4920-4928) wie die zwischen Tarragona und +Valencia gefundenen (das. 4949-4954), wie endlich die zahlreichen ab +Iano Augusto, qui est ad Baetem oder ab arcu, unde incipit Baetica, ad +oceanum. + +—————————————————————————- + +Daß die römische Zivilisation Spanien früher und stärker durchdrungen +hat als irgendeine andere Provinz, bestätigt sich nach verschiedenen +Seiten, insbesondere in dem Religionswesen und in der Literatur. + +Zwar in dem noch später iberischen, von Einwanderung ziemlich +freigebliebenen Gebiet, in Lusitanien, Callaekien, Asturien, haben die +einheimischen Götter mit ihren seltsamen, meist auf -icus und -ecus +ausgehenden Namen, der Endovellicus, der Eaecus, Vagodonnaegus und wie +sie weiter heißen, auch unter dem Prinzipat noch sich in den alten +Stätten behauptet. Aber in der ganzen Baetica ist nicht ein einziger +Votivstein gefunden worden, der nicht ebensogut auch in Italien hätte +gesetzt sein können; und von der eigentlichen Tarraconensis gilt +dasselbe, nur daß von dem keltischen Götterwesen am oberen Duero +vereinzelte Spuren begegnen ^13. Eine gleich energische sakrale +Romanisierung weist keine andere Provinz auf. + +———————————————————————————— + +^13 In Clunia ist eine Dedikation an die Mütter gefunden (CIL II, 2776) +- die einzige spanische dieses bei den westlichen Kelten so weit +verbreiteten und so lange anhaltenden Kults -, in Uxama eine den +Lugoves gesetzte (das. 2818), welche Gottheit bei den Kelten von +Aventicum wiederkehrt. + +———————————————————————————— + +Die lateinischen Poeten in Corduba nennt Cicero nur, um sie zu tadeln; +und das augustische Zeitalter der Literatur ist auch noch wesentlich +das Werk der Italiener, wenngleich einzelne Provinzialen daran +mithalfen und unter anderen der gelehrte Bibliothekar des Kaisers, der +Philolog Hyginus, als Unfreier in Spanien geboren war. Aber von da an +übernahmen die Spanier darin fast die Rolle wenn nicht des Führers, so +doch des Schulmeisters. Die Cordubenser Marcus Porcius Latro, der +Lehrer und das Muster Ovids, und sein Landsmann und Jugendfreund +Annaeus Seneca, beide nur etwa ein Dezennium jünger als Horaz, aber +längere Zeit in ihrer Vaterstadt als Lehrer der Beredsamkeit tätig, +bevor sie ihre Lehrtätigkeit nach Rom verlegten, sind recht eigentlich +die Vertreter der die republikanische Redefreiheit und Redefrechheit +ablösenden Schulrhetorik. Als der erstere einmal in einem wirklichen +Prozeß aufzutreten nicht umhin konnte, blieb er mit seinem Vortrag +stecken und kam erst wieder in Fluß, als das Gericht dem berühmten Mann +zu Gefallen vom Tribunal weg in den Schulsaal verlegt ward. Auch +Senecas Sohn, der Minister Neros und der Modephilosoph der Epoche, und +sein Enkel, der Poet der Gesinnungsopposition gegen den Prinzipat, +Lucanus, haben eine literarisch ebenso zweifelhafte wie geschichtlich +unbestreitbare Bedeutung, die doch auch in gewissem Sinn Spanien +zugerechnet werden darf. Ebenfalls in der frühen Kaiserzeit haben zwei +andere Provinzialen aus der Baetica, Mela unter Claudius, Columella +unter Nero, jener durch seine kurze Erdbeschreibung, dieser durch eine +eingehende, zum Teil auch poetische Darstellung des Ackerbaus einen +Platz unter den anerkannten stilisierenden Lehrschriftstellern +gewonnen. Wenn in der domitianischen Zeit der Poet Canius Rufus aus +Gades, der Philosoph Decianus aus Emerita und der Redner Valerius +Licinianus aus Bilbilis (Calatayud, unweit Saragossa) als literarische +Größen neben Vergil und Catull und neben den drei cordubensischen +Sternen gefeiert werden, so geschieht dies allerdings ebenfalls von +einem Bilbilitaner, Valerius Martialis ^14, welcher selbst an Feinheit +und Mache, freilich aber auch an Feilheit und Leere unter den Dichtern +dieser Epoche keinem weicht, und man wird mit Recht dabei die +Landsmannschaft in Anrechnung bringen; doch zeigt schon die bloße +Möglichkeit, einen solchen Dichterstrauß zu binden, die Bedeutung des +spanischen Elements in der damaligen Literatur. Aber die Perle der +spanisch-lateinischen Schriftstellerei ist Marcus Fabius Quintilianus +(35 bis 95) aus Calagurris am Ebro. Schon sein Vater hatte als Lehrer +der Beredsamkeit im Rom gewirkt; er selbst wurde durch Galba nach Rom +gezogen und nahm, namentlich unter Domitian, als Erzieher der +kaiserlichen Neffen eine angesehene Stellung ein. Sein Lehrbuch der +Rhetorik und bis zu einem Grade der römischen Literaturgeschichte ist +eine der vorzüglichsten Schriften, die wir aus dem römischen Altertum +besitzen, von feinem Geschmack und sicherem Urteil getragen, einfach in +der Empfindung wie in der Darstellung, lehrhaft ohne Langweiligkeit, +anmutig ohne Bemühung, in scharfem und bewußtem Gegensatz zu der +phrasenreichen und gedankenleeren Modeliteratur. Nicht am wenigsten ist +es sein Werk, daß die Richtung sich, wenn nicht besserte, so doch +änderte. Späterhin tritt in der allgemeinen Nichtigkeit der Einfluß der +Spanier nicht weiter hervor. Was bei ihrer lateinischen +Schriftstellerei geschichtlich besonders ins Gewicht fällt, ist das +vollständige Anschmiegen dieser Provinzialen an die literarische +Entwicklung des Mutterlandes. Cicero freilich spottet über das +Ungeschick und die Provinzialismen der spanischen Dichtungsbeflissenen; +und noch Latros Latein fand nicht den Beifall des römisch geborenen, +ebenso vornehmen wie korrekten Messalla Corvinus. Aber nach der +augustischen Zeit wird nichts Ähnliches wieder vernommen. Die +gallischen Rhetoren, die großen afrikanischen Kirchenschriftsteller +sind auch als lateinische Schriftsteller einigermaßen Ausländer +geblieben; die Seneca und Martialis würde an ihrem Wesen und Schreiben +niemand als solche erkennen; an inniger Liebe zu der eigenen Literatur +und an feinem Verständnis derselben hat nie ein Italiener es dem +calagurritanischen Sprachlehrer zuvorgetan. + +———————————————————————————— + +^14 Die Hinkejamben (1, 61) lauten: + +Hoch schätzt des feinen Dichters Lieder Verona; + +Des Ivlaro freut sich Mantua. + +Pataviums großer Livius macht der Stadt Ruhm aus + +Und Stella wie ihr Flaccus auch. + +Apollodoren rauscht Beifall des Nils Woge; + +Von Nasos Ruhm ist Sulmo voll. + +Die beiden Seneca und den einzigen Lucanus + +Rühmt das beredte Corduba. + +Das lustige Gades wird den Canius sein nennen, + +Emerita meinen Decian. + +Also wird unser Bilbilis auf dich stolz sein, + +Licinian, und auch auf mich. + + + + +KAPITEL III. +Die gallischen Provinzen + + +Wie Spanien war auch das südliche Gallien bereits in republikanischer +Zeit ein Teil des Römischen Reiches geworden, jedoch weder so früh noch +so vollständig wie jenes. Die beiden spanischen Provinzen sind in der +hannibalischen, die Provinz Narbo in der gracchischen Zeit eingerichtet +worden; und wenn dort Rom die ganze Halbinsel an sich nahm, so begnügte +es sich hier nicht bloß bis in die letzte Zeit der Republik mit dem +Besitz der Küste, sondern es nahm auch von dieser unmittelbar nur die +kleinere und die entferntere Hälfte. Nicht mit Unrecht bezeichnete die +Republik diesen ihren Besitz als das Stadtgebiet Narbo (Narbonne); der +größere Teil der Küste, etwa von Montpellier bis Nizza, gehörte der +Stadt Massalia. Diese Griechengemeinde war mehr ein Staat als eine +Stadt, und das von alters her bestehende gleiche Bündnis mit Rom +erhielt durch ihre Machtstellung eine reale Bedeutung, wie sie bei +keiner zweiten Bundesstadt je vorgekommen ist. Freilich waren +nichtsdestoweniger die Römer für diese benachbarten Griechen, mehr noch +als für die entfernteren des Ostens, der Schild wie das Schwert. Die +Massalioten hatten wohl das untere Rhonegebiet bis nach Avignon hinauf +in ihrem Besitz; aber die ligurischen und die keltischen Gaue des +Binnenlandes waren ihnen keineswegs botmäßig, und das römische +Standlager bei Aquae Sextiae (Aix), einen Tagemarsch nordwärts von +Massalia, ist recht eigentlich zum dauernden Schutz der reichen +griechischen Kaufstadt eingerichtet worden. Es war eine der +schwerwiegendsten Konsequenzen des römischen Bürgerkrieges, daß mit der +legitimen Republik zugleich ihre treueste Verbündete, die Stadt +Massalia, politisch vernichtet, aus einem mitherrschenden Staat +umgewandelt ward in eine auch ferner reichsfreie und griechische, aber +ihre Selbständigkeit und ihren Hellenismus in den bescheidenen +Verhältnissen einer provinzialen Mittelstadt bewahrende Gemeinde. In +politischer Hinsicht ist nach der Einnahme im Bürgerkrieg nicht weiter +von Massalia die Rede; die Stadt ist fortan nur für Gallien, was +Neapolis für Italien, das Zentrum griechischer Bildung und griechischer +Lehre. Insofern als der größere Teil der späteren Provinz Narbo erst +damals unter unmittelbare römische Verwaltung trat, gehört auch deren +Einrichtung gewissermaßen erst dieser Epoche an. + +Wie das übrige Gallien in römische Gewalt kam, ist auch bereits erzählt +worden. Vor Caesars Gallischem Krieg erstreckte die Römerherrschaft +sich ungefähr bis nach Toulouse, Vienne und Genf, nach demselben bis an +den Rhein in seinem ganzen Lauf und an die Küsten des Atlantischen +Meeres im Norden wie im Westen. Allerdings war diese Unterwerfung +wahrscheinlich nicht vollständig, im Nordwesten vielleicht nicht viel +weniger oberflächlich gewesen als diejenige Britanniens. Indes erfahren +wir von Ergänzungskriegen hauptsächlich nur hinsichtlich der Distrikte +iberischer Nationalität. Den Iberern gehörte nicht bloß der südliche, +sondern auch der nördliche Abhang der Pyrenäen mit deren Vorland, +Bearn, die Gascogne, das westliche Languedoc ^1; und es ist schon +erwähnt worden, daß, als das nordwestliche Spanien mit den Römern die +letzten Kämpfe bestand, auch auf der nördlichen Seite der Pyrenäen und +ohne Zweifel in Zusammenhang damit, ernsthaft gestritten wurde, zuerst +von Agrippa im Jahre 716 (38), dann von Marcus Valerius Messalla, dem +bekannten Patron der römischen Poeten, welcher im Jahre 726 (28) oder +727 (27), also ungefähr gleichzeitig mit dem Kantabrischen Krieg, in +dem altrömischen Gebiet unweit Narbonne die Aquitaner in offener +Feldschlacht überwand. In Betreff der Kelten wird nichts weiter +gemeldet, als daß kurz vor der Actischen Schlacht die Moriner in der +Picardie niedergeworfen wurden; und wenn auch während des +zwanzigjährigen, fast ununterbrochenen Bürgerkrieges unsere +Berichterstatter die verhältnismäßig unbedeutenden gallischen +Angelegenheiten aus den Augen verloren haben mögen, so beweist doch das +Schweigen des hier vollständigen Verzeichnisses der Triumphe, daß keine +weiteren militärischen Unternehmungen von Bedeutung im Keltenland +während dieser Zeit stattgefunden haben. Auch nachher, während der +langen Regierung des Augustus und bei allen, zum Teil recht +bedenklichen Krisen der germanischen Kriege, sind die gallischen +Landschaften botmäßig geblieben. Freilich hat die römische Regierung +sowohl wie die germanische Patriotenpartei, wie wir gesehen haben, +beständig in Rechnung gezogen, daß ein entscheidender Erfolg der +Deutschen und deren Einrücken in Gallien eine Erhebung der Gallier +gegen Rom im Gefolge haben werde; sicher also kann die Fremdherrschaft +damals noch keineswegs gestanden haben. Zu einer wirklichen +Insurrektion kam es im Jahre 21 unter Tiberius. Es bildete sich unter +dem keltischen Adel eine weit verzweigte Verschwörung zum Sturz des +römischen Regiments. Sie kam vorzeitig zum Ausbruch in den wenig +bedeutenden Gauen der Turoner und der Andecaven an der unteren Loire, +und es wurde sogleich nicht bloß die kleine Lyoner Besatzung, sondern +auch ein Teil der Rheinarmee gegen die Aufständischen in Marsch +gesetzt. Dennoch schlossen die angesehensten Distrikte sich an; die +Treuerer unter Führung des Iulius Florus warfen sich haufenweise in die +Ardennen; in der unmittelbaren Nachbarschaft von Lyon erhoben sich +unter Führung des Iulius Sacrovir die Häduer und die Sequaner. Freilich +wurden die geschlossenen Legionen ohne große Mühe der Rebellen Herr; +allein der Aufstand, an dem die Germanen sich in keiner Weise +beteiligten, zeigt doch den im Lande und namentlich bei dem Adel damals +noch herrschenden Haß gegen die fremden Gebieter, welcher durch den +Steuerdruck und die Finanznot, die als die Ursachen der Insurrektion +bezeichnet werden, gewiß verstärkt, aber nicht erst erzeugt war. Eine +größere Leistung der römischen Staatskunst, als daß sie Galliens Herr +zu werden vermocht hat, ist es, daß sie verstanden hat, es zu bleiben, +und daß Vercingetorix keinen Nachfolger gefunden hat, obwohl es, wie +man sieht, nicht ganz an Männern fehlte, die gern den gleichen Weg +gewandelt wären. Erreicht ward dies durch kluge Verbindung des +Schreckens und des Gewinnens, man kann hinzusetzen des Teilens. Die +Stärke und die Nähe der Rheinarmee ist ohne Frage das erste und das +wirksamste Mittel gewesen, um die Gallier in der Furcht des Herrn zu +erhalten. Wenn dieselbe durch das ganze Jahrhundert hindurch auf der +gleichen Höhe geblieben ist, wie dies in dem folgenden Abschnitt +dargelegt werden wird, so ist dies wahrscheinlich ebenso sehr der +eigenen Untertanen wegen geschehen, als wegen der späterhin keineswegs +besonders furchtbaren Nachbarn. Daß schon die zeitweilige Entfernung +dieser Truppen die Fortdauer der römischen Herrschaft in Frage stellte, +nicht weil die Germanen dann den Rhein überschreiten, sondern weil die +Gallier den Römern die Treue aufsagen konnten, lehrt die Erhebung nach +Neros Tod trotz ihrer Haltlosigkeit: nachdem die Truppen nach Italien +abgezogen waren, um ihren Feldherrn zum Kaiser zu machen, wurde in +Trier das selbständige Gallische Reich proklamiert und die +übriggebliebenen römischen Soldaten auf dieses in Eid und Pflicht +genommen. Aber wenn auch diese Fremdherrschaft, wie jede, auf der +übermächtigen Gewalt, der Überlegenheit der geschlossenen und +geschulten Truppe über die Menge zunächst und hauptsächlich beruhte, so +beruhte sie doch darauf keineswegs ausschließlich. Die Kunst des +Teilens ist auch hier erfolgreich angewandt worden. Gallien gehörte +nicht den Kelten allein; nicht bloß die Iberer waren im Süden stark +vertreten, sondern auch germanische Stämme am Rhein in beträchtlicher +Zahl angesiedelt und durch ihre hervorragende kriegerische Tüchtigkeit +mehr noch als durch ihre Zahl von Bedeutung. In geschickter Weise wußte +die Regierung den Gegensatz zwischen den Kelten und den +linksrheinischen Germanen zu nähren und auszunutzen. Aber mächtiger +wirkte die Politik der Verschmelzung und der Versöhnung. Welche +Maßregeln zu diesem Zwecke ergriffen wurden, wird weiterhin +auseinandergesetzt werden; indem die Gauverfassung geschont und selbst +eine Art nationaler Vertretung bewilligt, gegen das nationale +Priestertum auch, aber allmählich vorgegangen ward, dagegen die +lateinische Sprache von Anfang an obligatorisch und mit jener +nationalen Vertretung die neue Kaiserreligion verschmolzen wurde, +überhaupt indem die Romanisierung nicht in schroffer Weise angefaßt, +aber vorsichtig und geduldig gefördert ward, hörte die römische +Fremdherrschaft in dem Keltenland auf, dies zu sein, da die Kelten +selber Römer wurden und sein wollten. Wie weit die Arbeit bereits nach +Ablauf des ersten Jahrhunderts der Römerherrschaft in Gallien gediehen +war, zeigen die eben erwähnten Vorgänge nach Neros Tod, die in ihrem +Gesamtverlauf teils der Geschichte des römischen Gemeinwesens, teils +den Beziehungen desselben zu den Germanen angehören, aber auch in +diesem Zusammenhang wenigstens andeutungsweise erwähnt werden müssen. +Der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie ging von einem keltischen +Adligen aus und begann mit einer keltischen Insurrektion; aber es war +dies keine Auflehnung gegen die Fremdherrschaft wie die des +Vercingetorix oder noch des Sacrovir, ihr Ziel nicht die Beseitigung, +sondern die Umgestaltung des römischen Regiments; daß ihr Führer seine +Abstammung von einem Bastard Caesars zu den Adelsbriefen seines +Geschlechts zählte, drückt den halb nationalen, halb römischen +Charakter dieser Bewegung deutlich aus. Einige Monate später +proklamierten allerdings, nachdem die abgefallenen römischen Truppen +germanischer Herkunft und die freien Germanen für den Augenblick die +römische Rheinarmee überwältigt hatten, einige keltische Stämme die +Unabhängigkeit ihrer Nation, aber dieser Versuch scheiterte kläglich, +nicht erst durch das Einschreiten der Regierung, sondern schon an dem +Widerspruch der großen Majorität der Keltengaue selbst, die den Abfall +von Rom nicht wollen konnten und nicht wollten. Die römischen Namen der +führenden Adligen, die lateinische Aufschrift der Insurrektionsmünzen, +die durchgehende Travestie der römischen Ordnungen zeigen auf das +deutlichste, daß die Befreiung der keltischen Nation von dem Joch der +Fremden im Jahre 70 n. Chr. deshalb nicht mehr möglich war, weil es +eine solche Nation nicht mehr gab und die römische Herrschaft nach +Umständen als ein Joch, aber nicht mehr als Fremdherrschaft empfunden +ward. Wäre eine solche Gelegenheit zur Zeit der Schlacht bei Philippi +oder noch unter Tiberius den Kelten geboten worden, so wäre der +Aufstand wohl auch nicht anders, aber in Strömen Bluts verlaufen; jetzt +verlief er im Sande. Wenn einige Dezennien nach diesen schweren Krisen +die Rheinarmee beträchtlich reduziert ward, so hatten eben sie den +Beweis geliefert, daß die Gallier in ihrer großen Mehrzahl nicht mehr +daran dachten, sich von den Italienern zu scheiden, und die vier +Generationen, die seit der Eroberung sich gefolgt waren, ihr Werk getan +hatten. Was später dort vorgeht, sind Krisen innerhalb der römischen +Welt. Als diese auseinanderzubrechen drohte, sonderte sich für einige +Zeit wie der Osten so auch der Westen von dem Zentrum des Reiches ab; +aber der Sonderstaat des Postumus war das Werk der Not, nicht der Wahl, +und auch die Sonderung nur eine faktische; die Imperatoren, die über +Gallien, Britannien und Spanien geboten, haben gerade ebenso auf die +Beherrschung des ganzen Reiches Anspruch gemacht wie ihre italischen +Gegenkaiser. Gewiß blieben genug Spuren des alten keltischen Wesens und +auch der alten keltischen Unbändigkeit. Wie der Bischof Hilarius von +Poitiers, selbst ein Gallier, über das trotzige Wesen seiner Landsleute +klagt, so heißen die Gallier auch in den späteren Kaiserbiographien +störrig und unregierlich und geneigt zur Widersetzlichkeit, so daß +ihnen gegenüber Konsequenz und Strenge des Regiments besonders +erforderlich erscheint. Aber an eine Trennung vom Römischen Reich oder +gar an eine Lossagung von der römischen Nationalität, soweit es +überhaupt eine solche damals gab, ist in diesen späteren Jahrhunderten +nirgends weniger gedacht worden als in Gallien; vielmehr füllt die +Entwicklung der römisch-gallischen Kultur, zu welcher Caesar und +Augustus den Grund gelegt haben, die spätere römische Epoche ebenso aus +wie das Mittelalter und die Neuzeit. + +—————————————————————- + +^1 Das iberische Münzgebiet reicht entschieden über die Pyrenäen +hinüber, wenn auch die einzelnen Münzaufschriften, welche unter anderm +auf Perpignan und Narbonne bezogen werden, nicht sicherer Deutung sind. +Da alle diese Prägungen unter römischer Autorisation stattgefunden +haben, so legt dies die Frage nahe, ob nicht früher, namentlich vor der +Gründung von Narbo (636 118), dieser Teil der späteren Narbonensis +unter dem Statthalter des Diesseitigen Spaniens gestanden hat. +Aquitanische Münzen mit iberischer Aufschrift gibt es nicht, so wenig +wie aus dem nordwestlichen Spanien, wahrscheinlich, weil die römische +Oberherrschaft, unter deren Tutel diese Prägung erwachsen ist, solange +dieselbe dauerte, das heißt vielleicht bis zum Numantinischen Krieg, +jene Gebiete nicht umfaßte. + +—————————————————————- + +Die Regulierung Galliens ist das Werk des Augustus. Bei derjenigen der +Reichsverwaltung nach dem Schluß der Bürgerkriege kam das gesamte +Gallien, so wie es Caesar übertragen oder von ihm hinzugewonnen worden +war, nur mit Ausschluß des inzwischen mit Italien vereinigten Gebiets +diesseits der Alpen, unter kaiserliche Verwaltung. Unmittelbar nachher +begab Augustus sich nach Gallien und vollzog im Jahre 727 (27) in der +Hauptstadt Lugudunum die Schatzung der gallischen Provinz, wodurch die +durch Caesar zum Reiche gekommenen Landesteile zuerst einen geordneten +Kataster erhielten und für sie die Steuerzahlung reguliert ward. Er +verweilte damals nicht lange, da die spanischen Angelegenheiten seine +Gegenwart erheischten. Aber die Durchführung der neuen Ordnung stieß +auf große Schwierigkeiten und vielfach auf Widerstand; es sind nicht +bloß militärische Angelegenheiten gewesen, welche Agrippas Aufenthalt +in Gallien im Jahre 735 (19) und den des Kaisers selbst während der +Jahre 738-741 (16-13) veranlaßten; und die dem kaiserlichen Hause +angehörigen Statthalter oder Kommandoführer am Rhein, Augustus’ +Stiefsohn Tiberius 738 (16), dessen Bruder Drusus 742-745 (12-9), +wieder Tiberius 745-747 (9-7), 757-759 (3-5 n. Chr.), 763-765 (9-11 n. +Chr.), dessen Sohn Germanicus 766-769 (12-15 n. Chr.), hatten alle auch +die Aufgabe, die Organisation Galliens weiterzuführen. Das Friedenswerk +war sicher nicht minder schwierig und nicht minder wichtig als die +Waffengänge am Rhein; man erkennt dies darin, daß der Kaiser die +Fundamentierung selbst in die Hand nahm und die Durchführung den +nächst- und höchstgestellten Männern des Reiches anvertraute. Die von +Caesar im Drange der Bürgerkriege getroffenen Festsetzungen haben erst +in diesen Jahren diejenige Gestalt bekommen, welche sie dann im +wesentlichen behielten. Sie erstreckten sich über die alte wie über die +neue Provinz; indes gab Augustus das altrömische Gebiet nebst dem von +Massalia vom Mittelmeer bis an die Cevennen schon im Jahre 732 (22) an +die senatorische Regierung ab und behielt nur Neugallien in eigener +Verwaltung. Dieses immer noch sehr ausgedehnte Gebiet wurde dann in +drei Verwaltungsbezirke aufgelöst, deren jedem ein selbständiger +kaiserlicher Statthalter vorgesetzt wurde. Diese Einteilung knüpfte an +an die schon von dem Diktator Caesar vorgefundene und auf den +nationalen Gegensätzen beruhende Dreiteilung des Keltenlandes in das +von Iberern bewohnte Aquitanien, das rein keltische Gallien und das +keltisch-germanische Gebiet der Bellten; auch ist wohl beabsichtigt +worden, diese den Ausbau der römischen Herrschaft fördernden Gegensätze +einigermaßen in der administrativen Teilung zum Ausdruck zu bringen. +Indes ist dies nur annähernd durchgeführt worden und konnte auch +praktisch nicht anders realisiert werden. Das rein keltische Gebiet +zwischen Garonne und Loire ward zu dem allzu kleinen iberischen +Aquitanien hinzugelegt, das gesamte linksrheinische Ufer vom Lemansee +bis zur Mosel mit der Belgica vereinigt, obwohl die meisten dieser Gaue +keltisch waren; überhaupt überwog der Keltenstamm in dem Grade, daß die +vereinigten Provinzen die “drei Gallien” heißen konnten. Von der +Bildung der beiden sogenannten Germanien, nominell dem Ersatz für die +verlorene oder nicht zustande gekommene wirklich germanische Provinz, +der Sache nach der gallischen Militärgrenze, wird in dem folgenden +Abschnitt die Rede sein. + +Die rechtlichen Verhältnisse wurden in durchaus verschiedener Weise für +die alte Provinz Gallien und für die drei neuen geordnet: jene wurde +sofort und vollständig latinisiert, in dieser zunächst nur das +bestehende nationale Verhältnis reguliert. Dieser Gegensatz der +Verwaltung, welcher weit tiefer eingreift als die formale +Verschiedenheit der senatorischen und der kaiserlichen Administration, +hat wohl die noch heute nachwirkende Verschiedenheit der Länder der +Langue d’oc und der Provence zu denen der Langue d’oui zunächst und +hauptsächlich herbeigeführt. + +Soweit wie die Romanisierung Südspaniens war die des gallischen Südens +in republikanischer Zeit nicht vorgeschritten. Die zwischen den beiden +Eroberungen liegenden achtzig Jahre waren nicht rasch einzuholen; die +Truppenlager in Spanien waren bei weitem stärker und stetiger als die +gallischen, die Städte latinischer Art dort zahlreicher als hier. Wohl +war auch hier in der Zeit der Gracchen und unter ihrem Einfluß Narbo +gegründet worden, die erste eigentliche Bürgerkolonie jenseits des +Meeres; aber sie blieb vereinzelt und im Handelsverkehr zwar Rivalin +von Massalia, aber allem Anscheine nach an Bedeutung ihr keineswegs +gleich. Aber als Caesar anfing, die Geschicke Roms zu leiten, wurde vor +allem hier, in diesem Lande seiner Wahl und seines Sterns, das +Versäumte nachgeholt. Die Kolonie Narbo wurde verstärkt und war unter +Tiberius die volkreichste Stadt im gesamten Gallien. Dann wurden, +hauptsächlich auf dem von Massalia abgetretenen Gebiet, vier neue +Bürgergemeinden angelegt, darunter die bedeutendsten militärisch Forum +Iulii (Fréjus), Hauptstation der neuen Reichsflotte, für den Verkehr +Arelate (Arles) an der Rhonemündung, das bald, als Lyon sich hob und +der Verkehr sich wieder mehr nach der Rhone zog, Narbo überflügelnd, +die rechte Erbin Massalias und das große Emporium des +gallisch-italischen Handels ward. Was er selbst noch und was sein Sohn +in diesem Sinne geschaffen hat, ist nicht bestimmt zu unterscheiden, +und geschichtlich kommt darauf auch wenig an; wenn irgendwo, war hier +Augustus nichts als der Testamentsvollstrecker Caesars. Überall weicht +die keltische Gauverfassung der italischen Gemeinde. Der Gau der Volker +im Küstengebiet, früher den Massalioten untertänig, empfing durch +Caesar latinische Gemeindeverfassung in der Weise, daß die “Prätoren” +der Volker dem ganzen, 24 Ortschaften umfassenden Bezirk vorstanden ^2, +bis dann bald darauf die alte Ordnung auch dem Namen nach verschwand +und an die Stelle des Gaus der Volker die latinische Stadt Nemausus +(Nîmes) trat. Ähnlich erhielt der ansehnlichste aller Gaue dieser +Provinz, der der Allobrogen, welche das Land nördlich der Isère und +östlich der mittleren Rhone, von Valence und Lyon bis in die +savoyischen Berge und an den Lemansee in Besitz hatten, wahrscheinlich +bereits durch Caesar eine gleiche städtische Organisation und +italisches Recht, bis dann Kaiser Gaius der Stadt Vienna das römische +Bürgerrecht gewährte. Ebenso wurden in der gesamten Provinz die +größeren Zentren durch Caesar oder in der ersten Kaiserzeit nach +latinischem Recht organisiert, so Ruscino (Roussillon), Avennio +(Avignon), Aquae Sextiae (Aix), Apta (Apt). Schon am Schluß der +augustischen Zeit war die Landschaft an beiden Ufern der unteren Rhone +in Sprache und Sitte vollständig romanisiert, die Gauverfassung +wahrscheinlich in der gesamten Provinz bis auf geringe Überreste +beseitigt. Die Bürger der Gemeinden, denen das Reichsbürgerrecht +verliehen war, und nicht minder die Bürger derjenigen latinischen +Rechts, welche durch den Eintritt in das Reichsheer oder durch +Bekleidung von Ämtern in ihrer Heimatstadt für sich und ihre Nachkommen +das Reichsbürgerrecht erworben hatten, standen rechtlich den Italienern +vollständig gleich und gelangten gleich ihnen im Reichsdienst zu Ämtern +und Ehren. + +——————————————————————————- + +^2 Das zeigt die merkwürdige Inschrift von Avignon (Herzog, Galliae +Narbonensis historia, descriptio, institutorum compositio. Leipzig 1864 +n. 403): T. Carisius T. f. pr(aetor) Volcar(um) dar, das älteste +Zeugnis für die römische Ordnung des Gemeinwesens in diesen Gegenden. + +——————————————————————————- + +Dagegen in den drei Gallien gab es Städte römischen und latinischen +Rechts nicht, oder vielmehr es gab dort nur eine solche ^3, die eben +darum auch zu keiner der drei Provinzen oder zu allen gehörte, die +Stadt Lugudunum (Lyon). Am äußersten Südrand des kaiserlichen Gallien, +unmittelbar an der Grenze der städtisch geordneten Provinz, am +Zusammenfluß der Rhone und der Saône, an einer militärisch wie +kommerziell gleich wohlgewählten Stelle war während der Bürgerkriege, +zunächst infolge der Vertreibung einer Anzahl in Vienna ansässiger +Italiener ^4, im Jahre 711 (43) diese Ansiedlung entstanden, nicht +hervorgegangen aus einem Keltengau ^5 und daher auch immer mit eng +beschränktem Gebiet, sondern von Haus aus von Italienern gebildet und +im Besitz des vollen römischen Bürgerrechts, einzig in ihrer Art +dastehend unter den Gemeinden der drei Gallien, den Rechtsverhältnissen +nach einigermaßen wie Washington in dem nordamerikanischen Bundesstaat. +Diese einzige Stadt der drei Gallien wurde zugleich die gallische +Hauptstadt. Eine gemeinschaftliche Oberbehörde hatten die drei +Provinzen nicht und von hohen Reichsbeamten hatte dort nur der +Statthalter der mittleren oder der lugudunensischen Provinz seinen +Sitz; aber wenn Kaiser oder Prinzen in Gallien verweilten, residierten +sie regelmäßig in Lyon. Lyon war neben Karthago die einzige Stadt der +lateinischen Reichshälfte, welche nach dem Muster der hauptstädtischen +Garnison eine ständige Besatzung erhielt ^6. Die einzige Münzstätte für +Reichsgeld, die wir im Westen für die frühere Kaiserzeit mit Sicherheit +nachweisen können, ist die von Lyon. Hier war die Zentralstelle des +ganz Gallien umfassenden Grenzzolles, hier der Knotenpunkt des +gallischen Straßennetzes. Aber nicht bloß alle Regierungsanstalten, +welche Gallien gemeinschaftlich waren, hatten ihren geborenen Sitz in +Lyon, sondern diese Römerstadt wurde auch, wie wir weiterhin sehen +werden, der Sitz des keltischen Landtags der drei Provinzen und aller +daran sich knüpfenden politischen und religiösen Institutionen, seiner +Tempel und seiner Jahresfeste. Also blühte Lugudunum rasch empor, +gefördert durch die mit der Metropolenstellung verbundene reiche +Dotation und die für den Handel ungemein günstige Lage. Ein +Schriftsteller aus Tiberius’ Zeit bezeichnet sie als die zweite in +Gallien nach Narbo; späterhin nimmt sie daselbst den Platz neben oder +vor ihrer Rhoneschwester Arelate. Bei der Feuersbrunst, die im Jahre 64 +einen großen Teil Roms in Asche legte, sandten die Lugudunenser den +Abgebrannten eine Beihilfe von 4 Millionen Sesterzen (870000 Mark), und +als ihre eigene Stadt im nächsten Jahr dasselbe Schicksal in noch +härterer Weise traf, steuerte auch ihnen das ganze Reich seinen Beitrag +und sandte der Kaiser die gleiche Summe aus seiner Schatulle. +Glänzender als zuvor erstand die Stadt aus ihren Ruinen, und sie ist +fast durch zwei Jahrtausende unter allen Zeitläuften eine Großstadt +geblieben bis auf den heutigen Tag. In der späteren Kaiserzeit freilich +tritt sie zurück hinter Trier. Die Stadt der Treverer, Augusta genannt +wahrscheinlich von dem ersten Kaiser, gewann bald in der Belgica den +ersten Platz; wenn noch in Tiberius’ Zeit Durocortorum der Remer +(Reims) die volkreichste Ortschaft der Provinz und der Sitz der +Statthalter genannt wird, so teilt bereits ein Schriftsteller aus der +Zeit des Claudius den Primat daselbst dem Hauptort der Treverer zu. +Aber die Hauptstadt Galliens ^7, man darf vielleicht sagen des +Okzidents, ist Trier erst geworden durch die Umgestaltung der +Reichsverwaltung unter Diocletian. Seit Gallien, Britannien und Spanien +unter einer Oberverwaltung stehen, hat diese ihren Sitz in Trier, und +seitdem ist Trier auch, wenn die Kaiser in Gallien verweilen, deren +regelmäßige Residenz und, wie ein Grieche des 5. Jahrhunderts sagt, die +größte Stadt jenseits der Alpen. Indes die Epoche, wo dieses Rom des +Nordens seine Mauern und seine Thermen empfing, die wohl genannt werden +dürfen neben den Stadtmauern der römischen Könige und den Bädern der +kaiserlichen Reichshauptstadt, liegt jenseits unserer Darstellung. +Durch die ersten drei Jahrhunderte der Kaiserzeit ist Lyon das römische +Zentrum des Keltenlandes geblieben, und nicht bloß, weil es an +Volkszahl und Reichtum den ersten Platz einnahm, sondern weil es, wie +keine andere des gallischen Nordens und nur wenige des Südens, eine von +Italien aus gegründete und nicht nur dem Recht, sondern dem Ursprung +und dem Wesen nach römische Stadt war. + +——————————————————————— + +^3 Nur etwa Noviodunum (Nyon am Genfer See) kann in den drei Gallien +der Anlage nach mit Lugudunum zusammengestellt werden; aber da diese +Gemeinde später als civitas Equestrium auftritt (Inscr. Helv. 115), so +scheint sie unter die Gaue eingereiht zu sein, was von Lugudunum nicht +gilt. + +^4 Die aus Vienna von den Allobrogen früher Vertriebenen (οι εκ +Ουιέννης τής Ναρβονησίας υπό τών Αλλοβρίγων ποτέ εκπεσόντες) bei Dio +46, 50 können nicht wohl andere gewesen sein als römische Bürger, da +die Gründung einer Bürgerkolonie zu ihren Gunsten nur unter dieser +Voraussetzung sich begreift. Die “frühere” Vertreibung stand wohl in +Zusammenhang mit dem Allobrogenaufstand unter Catugνatus im Jahre 693 +(61). Die Erklärung, warum die Vertriebenen nicht zurückgeführt, +sondern anderweitig angesiedelt wurden, fehlt, aber es lassen sich +dafür mancherlei Veranlassungen denken, und die Tatsache selbst wird +dadurch nicht in Zweifel gestellt. Die der Stadt zufließenden Renten +(Tac. hist. 1, 65) mögen ihr wohl auf Kosten von Vienna verliehen +worden sein. + +^5 Der Boden gehörte früher den Segusiavern (Plin. nat. 4, 18, 107; +Strab. p. 186, 192), einem der kleinen Klientelgaue der Häduer (Caes. +Gall. 7, 75); aber in der Gaueinteilung zählt sie nicht zu diesen, +sondern steht für sich als μητρόπολις (Ptol. geogr. 2, 8, 11 u. 12). + +^6 Dies sind die 1200 Soldaten, mit welchen, wie der Judenkönig Agrippa +bei Josephus (bel. Iud. 2, 16, 4) sagt, die Römer das gesamte Gallien +in Botmäßigkeit halten. + +^7 Nichts ist so bezeichnend für die Stellung Triers in dieser Zeit als +die Verordnung des Kaisers Gratianus vom Jahre 376 (Cod. Theod. 13, 3, +11), daß den Professoren der Rhetorik und der Grammatik beider Sprachen +in sämtlichen Hauptstädten der damaligen siebzehn gallischen Provinzen +zu ihrem städtischen Gehalt die gleiche Zulage aus der Staatskasse +gegeben, für Trier aber diese höher bemessen werden solle. + +——————————————————————— + +Wie für die Organisation der Südprovinz die italische Stadt die +Grundlage war, so für die nördliche der Gau, und zwar überwiegend +derjenige der keltischen ehemaligen Staats-, jetzigen Gemeindeordnung. +Die Bedeutung des Gegensatzes von Stadt und Gau ist nicht zunächst +abhängig von seinem Inhalt; selbst wenn er ein bloß rechtlich formaler +gewesen wäre, hätte er die Nationalitäten geschieden, auf der einen +Seite das Gefühl der Zugehörigkeit zu Rom, auf der andern Seite das der +Fremdartigkeit geweckt und geschärft. Hoch darf für diese Zeit die +praktische Verschiedenheit der beiden Ordnungen nicht angeschlagen +werden, da die Elemente der Gemeindeordnung, die Beamten, der Rat, die +Bürgerversammlung, dort wie hier dieselben waren und etwa früher +vorhandene, tiefer gehende Gegensätze von der römischen Oberherrschaft +schwerlich lange geduldet wurden. Daher hat auch der Übergang von der +Gauordnung zu der städtischen sich häufig und ohne Anstoß, man kann +vielleicht sagen im Laufe der Entwicklung mit einer gewissen +Notwendigkeit von selber vollzogen. Infolgedessen treten die +qualitativen Unterschiede der beiden Rechtsformen in unserer +Überlieferung wenig hervor. Dennoch war der Gegensatz sicher nicht ein +bloß nomineller, sondern es bestanden in den Befugnissen der +verschiedenen Gewalten, in Rechtspflege, Besteuerung, Aushebung, +Verschiedenheiten, die für die Administration, teils an sich, teils +infolge der Gewöhnung, von Bedeutung waren oder doch bedeutend +schienen. Bestimmt erkennbar ist der quantitative Gegensatz. Die Gaue, +wenigstens wie sie bei den Kelten und den Germanen auftreten, sind +durchgängig mehr Völkerschaften als Ortschaften; dieses sehr +wesentliche Moment ist allen keltischen Gebieten eigentümlich und +selbst durch die später eintretende Romanisierung oft mehr verdeckt als +verwischt. Mediolanum und Brixia haben ihre weiten Grenzen und ihre +dauernde Potenz wesentlich dem zu danken, daß sie eigentlich nichts +sind als die Gaue der Insubrer und der Cenomanen. Daß das Territorium +der Stadt Vienna die Dauphiné und Westsavoyen umfaßt und die ebenso +alten und fast ebenso ansehnlichen Ortschaften Cularo (Grenoble) und +Genava (Genf) bis in die späte Kaiserzeit dem Rechte nach Dörfer der +Kolonie Vienna sind, erklärt sich ebenfalls daraus, daß dieses der +spätere Name der Völkerschaft der Allobrogen ist. In den meisten +keltischen Gauen überwiegt eine Ortschaft so durchaus, daß es einerlei +ist, ob man die Remer oder Durocortorum, die Bituriger oder Burdigala +nennt; aber es kommt auch das Gegenteil vor, wie zum Beispiel bei den +Vocontiern Vasio (Vaison) und Lucus, bei den Carnuten Autricum +(Chartres) und Cenabum (Orleans) sich die Waage halten; und ob die +Vorrechte, die nach italischer und griechischer Ordnung sich +selbstverständlich der Flur gegenüber an den Mauerring knüpfen, bei den +Kelten rechtlich oder auch nur tatsächlich in ähnlicher Weise geordnet +waren, ist mehr als fraglich. Das Gegenbild für diesen Gau im +griechisch-italischen Westen ist viel weniger die Stadt als die +Völkerschaft; die Carnuten hat man mit den Böotern zu gleichen, +Autricum und Cenabum mit Tanagra und Thespiae. Die Besonderheit der +Stellung der Kelten unter der römischen Herrschaft gegenüber anderen +Nationen, den Iberern zum Beispiel und den Hellenen, beruht darauf, daß +diese größeren Verbände dort als Gemeinden fortbestanden, hier +diejenigen Bestandteile, aus denen sie sich zusammensetzten, die +Gemeinden bildeten. Dabei mögen ältere, der vorrömischen Zeit +angehörige Verschiedenheiten der nationalen Entwicklung mitgewirkt +haben; es mag wohl leichter ausführbar gewesen sein, den Böotern den +gemeinschaftlichen Städtetag zu nehmen, als die Helvetier in ihre vier +Distrikte aufzulösen; politische Verbände behaupten sich auch nach der +Unterwerfung unter eine Zentralgewalt da, wo ihre Auflösung die +Desorganisation herbeiführen würde. Dennoch ist, was in Gallien durch +Augustus oder, wenn man will durch Caesar geschah, nicht durch den +Zwang der Verhältnisse herbeigeführt worden, sondern hauptsächlich +durch den freien Entschluß der Regierung, wie er auch allein zu der +übrigens gegen die Kelten geübten Schonung paßt. Denn es gab in der Tat +in der vorrömischen Zeit und noch zur Zeit der Caesarischen Eroberung +eine bei weitem größere Anzahl von Gauen, als wir sie später finden; +namentlich ist es bemerkenswert, daß die zahlreichen, durch Klientel +einem größeren Gau angeschlossenen kleineren in der Kaiserzeit nicht +selbständig geworden, sondern verschwunden sind ^8. Wenn späterhin das +Keltenland geteilt erscheint in eine mäßige Anzahl bedeutender, zum +Teil sogar sehr großer Gaudistrikte, innerhalb deren abhängige Gaue +nirgends zum Vorschein kommen, so ist diese Ordnung freilich durch das +vorrömische Klientelwesen angebahnt, aber erst durch die römische +Reorganisation vollständig durchgeführt worden. Dieser Fortbestand und +diese Steigerung der Gauverfassung wird für die weitere politische +Entwicklung Galliens vor allem bestimmend gewesen sein. Wenn die +tarraconensische Provinz in 293 selbständige Gemeinden zerfiel, so +zählten die drei Gallien zusammen, wie wir sehen werden, deren nicht +mehr als 64. Die Einheit und ihre Erinnerungen blieben ungebrochen; die +eifrige Verehrung, die die ganze Kaiserzeit hindurch dem Quellgott +Nemausus bei den Volkern gezollt wurde, zeigt, wie selbst hier, im +Süden des Landes und in einem zur Stadt umgewandelten Gau die +traditionelle Zusammengehörigkeit noch immer lebendig empfunden ward. +In dieser Art innerlich fest zusammenhaltende Gemeinden mit weiten +Grenzen waren eine Macht. Wie Caesar die gallischen Gemeinden vorfand, +mit einer in völliger politischer wie ökonomischer Abhängigkeit +gehaltenen Volksmasse und einem übermächtigen Adel, so sind sie im +wesentlichen auch unter römischer Herrschaft geblieben; genau wie in +vorrömischer Zeit die großen Adligen mit ihrem nach Tausenden zählenden +Gesinde von Hörigen und Schuldknechten ein jeder in seiner Heimat die +Herren spielten, so schildert uns Tacitus in Tiberius’ Zeit die +Zustände bei den Treverern. Das römische Regiment gab der Gemeinde +weitgehende Rechte, sogar eine gewisse Militärgewalt, so daß sie unter +Umständen Festungen einzurichten und besetzt zu halten befugt war, wie +dies bei den Helvetiern vorkommt, die Beamten die Bürgerwehr aufbieten +konnten und in diesem Falle Offiziersrecht und Offiziersrang hatten. +Diese Befugnis war nicht dieselbe in den Händen des Vorstehers einer +kleinen Stadt Andalusiens und desjenigen eines Bezirkes an der Loire +oder der Mosel vom Umfang einer kleinen Provinz. Die weitherzige +Politik Caesars des Vaters, auf den die Grundzüge dieses Systems +notwendig zurückgeführt werden müssen, zeigt sich hier in ihrer ganzen +großartigen Ausdehnung. + +—————————————————————- + +^8 Bei Caesar erscheinen wohl, im großen und ganzen genommen, dieselben +Gaue, wie sie dann in der augustischen Ordnung vertreten sind, aber +zugleich vielfache Spuren kleinerer Klientelverbände (vgl. 3, 249); so +werden als “Klienten” der Häduer genannt die Segusiaver, die +Ambivareten, die Aulerker Brannoviker und die Brannovier (Caes. Gall. +7, 75), als Klienten der Treuerer die Condruser (Caes. Gall. 4; 6), als +solche der Helvetier die Tulinger und Latobrigen. Mit Ausnahme der +Segusiaver fehlen diese alle auf dem Lyoner Landtage. Dergleichen +kleinere, nicht völlig in die Vororte aufgegangene Gaue mag es in +Gallien zur Zeit der Unterwerfung in großer Zahl gegeben haben. Wenn +nach Josephus (bel. Iud. 2, 16, 4) den Römern 305 gallische Gaue und +1200 Städte gehorchten, so mögen dies die Ziffern sein, die für Caesars +Waffenerfolge herausgerechnet worden sind; wenn die kleinen iberischen +Völker in Aquitanien und die Klientelgaue im Keltenland mitgezählt +wurden, konnten dergleichen Zahlen wohl herauskommen. + +—————————————————————- + +Aber die Regierung beschränkte sich nicht darauf, die Gauordnung den +Kelten zu lassen; sie ließ oder gab ihnen vielmehr auch eine nationale +Verfassung, soweit eine solche mit der römischen Oberherrschaft sich +vereinbaren ließ. Wie der hellenischen Nation, so verlieh Augustus der +gallischen eine organisierte Gesamtvertretung, welche dort wie hier in +der Epoche der Freiheit und der Zerfahrenheit wohl erstrebt, aber nie +erreicht worden war. Unter dem Hügel, den die Hauptstadt Galliens +krönte, da wo die Saône ihr Wasser mit dem der Rhone mischt, weihte am +1. August des Jahres 742 (12) der kaiserliche Prinz Drusus als +Vertreter der Regierung in Gallien der Roma und dem Genius des +Herrschers den Altar, an welchem fortan jedes Jahr an diesem Tage +diesen Göttern von der Gemeinschaft der Gallier die Festfeier +abgehalten werden sollte. Die Vertreter der sämtlichen Gaue wählten aus +ihrer Mitte Jahr für Jahr den “Priester der drei Gallien”, und dieser +brachte am Kaisertag das Kaiseropfer dar und leitete die dazu gehörigen +Festspiele. Diese Landesvertretung hatte nicht bloß eine eigene +Vermögensverwaltung mit Beamten, welche den vornehmen Kreisen des +provinzialen Adels angehörten, sondern auch einen gewissen Anteil an +den allgemeinen Landesangelegenheiten. Von unmittelbarem Eingreifen +derselben in die Politik findet sich allerdings keine andere Spur, als +daß bei der ernsten Krise des Jahres 70 der Landtag der “drei Gallien” +die Treverer von der Auflehnung gegen Rom abmahnte; aber er hatte und +gebrauchte das Recht der Beschwerdeführung über die in Gallien +fungierenden Reichs- und Hausbeamten und wirkte ferner mit wenn nicht +bei der Auflegung, so doch bei der Repartition der Steuern ^9, zumal da +diese nicht nach den einzelnen Provinzen, sondern für Gallien insgemein +angelegt wurden. Ähnliche Einrichtungen hat allerdings die +Kaiserregierung in allen Provinzen ins Leben gerufen, in einer jeden +nicht bloß die sakrale Zentralisierung eingeführt, sondern auch, was +die Republik nicht getan hatte, einer jeden ein Organ verliehen, um +Bitten und Klagen vor die Regierung zu bringen. Dennoch hat Gallien in +dieser Hinsicht vor allen übrigen Reichsteilen wenigstens ein +tatsächliches Privilegium, wie sich denn diese Institution auch allein +hier voll entwickelt findet ^10. Einmal steht der vereinigte Landtag +der drei Provinzen den Legaten und Prokuratoren einer jeden notwendig +unabhängiger gegenüber als zum Beispiel der Landtag von Thessalonike +dem Statthalter von Makedonien. Sodann aber kommt es bei Institutionen +dieser Art weit weniger auf das Maß der verliehenen Rechte an, als auf +das Gewicht der darin vertretenen Körperschaften; und die Stärke der +einzelnen gallischen Gemeinden übertrug sich ebenso auf den Landtag von +Lyon wie die Schwäche der einzelnen hellenischen auf den von Argos. In +der Entwicklung Galliens unter den Kaisern hat der Landtag von Lyon +allem Anschein nach diejenige allgemein gallische Homogenität, welche +daselbst mit der Latinisierung Hand in Hand geht, wesentlich gefördert. + +———————————————————————————- + +^9 Darauf führt außer der Inschrift bei Boissieu, Lyon, S. 609, wo die +Worte tot[i]us cens[us Galliarum] mit dem Namen eines der Altarpriester +in Verbindung gebracht werden, die Ehreninschrift, welche die drei +Gallien einem kaiserlichen Beamten a censibus accipiendis setzen +(Heuzen 6944); derselbe scheint die Katasterrevision für das ganze Land +geleitet zu haben, eben wie früher Drusus, während die Schätzung selbst +durch Kommissarien für die einzelnen Landschaften erfolgte. Auch ein +sacerdos Romae et Augusti der Tarraconensis wird belobt ob curam +tabulari censualis fideliter administratam (CIL II, 4248); es waren +also mit der Steuerrepartierung wohl die Landtage aller Provinzen +befaßt. Die kaiserliche Finanzverwaltung der drei Gallien war +wenigstens der Regel nach so geteilt, daß die beiden westlichen +Provinzen (Aquitanien und Lugudunensis) unter einem Prokurator standen, +Belgica und die beiden Germanien unter einem andern; doch hat es +rechtlich feste Kompetenzen dafür wohl nicht gegeben. Auf eine +regelmäßige Beteiligung bei der Aushebung darf aus der von Hadrian, +offenbar außerordentlicher Weise, mit Vertretern aller spanischen +Distrikte gepflogenen Verhandlung (vita 12) nicht geschlossen werden. + +^10 Für die arca Galliarum, den Freigelassenen der drei Gallien (Heuzen +6393), den adlector arcae Galliarum, inquisitor Galliarum, iudex arcae +Galliarum gibt meines Wissens keine andere Provinz Analogien; und von +diesen Einrichtungen hätten, wenn sie allgemein gewesen wären, die +Inschriften sicher auch sonst Spuren bewahrt. Diese Einrichtungen +scheinen auf eine sich selbst verwaltende und besteuernde Körperschaft +zu führen (der in seiner Bedeutung unklare adlector kommt als Beamter +in Kollegien vor CIL VI, 355; Orelli 2406); wahrscheinlich bestritt +diese Kasse die wohl nicht unbeträchtlichen Ausgaben für die +Tempelgebäude und für das Jahrfest. Eine Staatskasse ist die arca +Galliarum nicht gewesen. + +———————————————————————————- + +Die Zusammensetzung des Landtags, welche uns ziemlich genau bekannt ist +^11, zeigt, in welcher Weise die Nationalitätenfrage von der Regierung +behandelt ward. Von den sechzig, später vierundsechzig auf dem Landtag +vertretenen Gauen kommen nur vier auf die iberischen Bewohner +Aquitaniens, obwohl dieses Gebiet zwischen der Garonne und den Pyrenäen +unter eine sehr viel größere Zahl durchgängig kleiner Stämme geteilt +war, sei es, daß die übrigen von der Vertretung überhaupt +ausgeschlossen waren, sei es, daß jene vier vertretenen Gaue die +Vororte von Gauverbänden sind ^12. Späterhin, wahrscheinlich in +traianischer Zeit, ist der iberische Bezirk von dem Lyoner Landtag +abgetrennt und ihm eine selbständige Vertretung gegeben worden ^13. +Dagegen sind die keltischen Gaue in derjenigen Organisation, die wir +früher kennengelernt haben, im wesentlichen alle auf dem Landtag +vertreten und ebenso die halb oder ganz germanischen ^14, soweit sie +zur Zeit der Stiftung des Altars zum Reiche gehörten; daß für die +Hauptstadt Galliens in dieser Gauvertretung kein Platz war, versteht +sich von selbst. Außerdem erscheinen die Ubier nicht auf dem Landtag +von Lyon, sondern opfern an ihrem eigenen Augustus-Altar - es ist dies, +wie wir sahen, ein stehengebliebener Überrest der beabsichtigten +Provinz Germanien. + +————————————————————— + +^11 Als Gesamtzahl der auf dem Lyoner Altar verzeichneten Gemeinden +gibt Strabo (4, 3, 2, p. 192) sechzig an, als die Zahl der +aquitanischen in dem keltischen Teil, nördlich von der Garonne, +vierzehn (4,1, 1, p. 177). Tacitus (ann. 3, 44) nennt als Gesamtzahl +der gallischen Gaue vierundsechzig, ebenso, wenn auch in unrichtiger +Verbindung, der Scholiast zur Aeneis (1, 286). Auf die gleiche +Gesamtzahl führt das Verzeichnis bei Ptolemaeos aus dem zweiten +Jahrhundert, welches für Aquitanien siebzehn, für die Lugudunensis 25, +für Belgica 22 Gaue aufführt. Von seinen aquitanischen Gauen fallen +dreizehn auf das Gebiet zwischen Loire und Garonne, vier auf das +zwischen Garonne und Pyrenäen. In dem späteren aus dem 5. Jahrhundert, +das unter dem Namen der Notitia Galliarum bekannt ist, fallen auf +Aquitanien 26, auf die Lugudunensis (ausschließlich Lyons) 24, auf +Belgica 27. Alle diese Zahlen sind vermutlich eine jede für ihre Zeit +richtig; zwischen der Errichtung des Altars im Jahre 742 (12) und der +Zeit des Tacitus (denn auf diese ist seine Angabe wohl zu beziehen) +können ebenso vier Gaue hinzugetreten sein, wie sich die Verschiebung +der Zahlen vom 2, bis zum 5. Jahrhundert auf einzelne, zum guten Teil +speziell noch nachweisliche Änderungen zurückführen läßt. + +Bei der Wichtigkeit dieser Ordnungen wird es nicht überflüssig sein, +sie wenigstens für die beiden westlichen Provinzen im speziellen +darzulegen. In der rein keltischen Mittelprovinz stimmen die drei +Verzeichnisse bei Plinius (1. Jahrhundert), Ptolemaeos (2. Jahrhundert) +und der Notitia (5. Jahrhundert) in 21 Namen überein: Abrincates - +Andecavi - Aulerci Cenomani - Aulerci Diablintes - Aulerci Eburovici - +Baiocasses (Bodiocasses Plin., Vadicasii Ptol.) - Carnutes - +Coriosolites (ohne Zweifel die Samnitae des Ptolemaeos) - Haedui - +Lexovii - Meldae - Namnetes - Osismii - Parisii - Redones - Senones - +Tricassini - Turones - Veliocasses (Rotomagenses) - Veneti - Unelli +(Constantia); in drei weiteren: Caletae - Segusiavi - Viducasses +stimmen Plinius und Ptolemaeos, während sie in der Notitia fehlen, weil +inzwischen die Caletae mit den Veliocasses oder den Rotomagenses, die +Viducasses mit den Baiocasses zusammengelegt und die Segusiavi in Lyon +aufgegangen waren. Dagegen erscheinen hier statt der drei +verschwundenen zwei neue durch Teilung entstandene: Aureliani +(Orleans), abgezweigt aus den Carnutes (Chartres), und Autessiodurum +(Auxerre), abgezweigt aus den Senones (Sens). Übrig bleiben bei Plinius +zwei Namen: Boi - Atesui; bei Ptolemaeos einer: Arvii; in der Notitia +einer: Saii. + +Für das keltische Aquitanien stimmen die drei Listen in elf Namen +überein: + +Arverni - Bituriges Cubi - Bituriges Vivisci (Burdigalenses) - Cadurci +- Gabales - Lemovici - Nitiobriges (Aginnenses) - Petrucorii - Pictones +- Ruteni -Sautones; die zweite und dritte in dem zwölften der Vellauni, +der bei Plinius ausgefallen sein wird; Plinius allein hat (abgesehen +von den problematischen Aquitani) zwei Namen mehr: Ambilatri und +Anagnutes, Ptolomaeos einen sonst unbekannten: Datii; vielleicht ist +mit zweien von diesen die Strabonische Zahl der vierzehn voll zu +machen. Die Notitia hat außer jenen elf noch zwei auf Spaltung +beruhende, die Albigenses (Albi am Tarn) und die Ecolismenses +(Angoulême). + +In ähnlicher Weise verhalten sich die Listen der östlichen Gaue. Obwohl +untergeordnete Differenzen sich ergeben, die hier nicht erörtert werden +können, liegt das Wesen und die Beständigkeit der gallischen Gauteilung +deutlich vor. + +^12 Die vier vertretenen Völkerschaften sind die Tarbeller, Vasaten, +Auscier und Convener. Außer diesen zählt Plinius im südlichen +Aquitanien nicht weniger als 25 größtenteils sonst unbekannte +Völkerschaften auf als rechtlich jenen vier gleichstehend. + +^13 Plinius und, vermutlich auch hier älteren Quellen folgend, +Ptolemaeos wissen von dieser Teilung nichts; aber wir besitzen noch die +ungefügen Verse des Gascogner Bauern (B. Borghesi, (Oeuvres complètes. +Paris 1862-79. Bd. 8, S. 544), der dies in Rom auswirkte, ohne Zweifel +in Gemeinschaft mit einer Anzahl seiner Landsleute, obwohl er es +vorgezogen hat, dies nicht hinzuzusetzen: + +Flamen, item dumvir, quaestor pagiq(ue) magister + +Verus ad Augustum legato (so) munere functus + +pro novem optinuit populis seiungere Gallos: + +urbe redux Genio pagi hanc dedicat aram. + +Flamen, auch Zweimann, Schatzmeister und Schulze des Dorfes + +Ging den Kaiser ich an, Verus, nach erhaltenem Auftrag; + +Wirkte dem Neungau aus von ihm zu scheiden die Galler + +Und zurück von Rom weih den Altar ich dem Dorfgeist. + +Die älteste Spur der administrativen Trennung des iberischen +Aquitaniens von dem gallischen ist die Nennung des “Bezirks von +Lactora” (Lectoure) neben Aquitanien in einer Inschrift aus +traianischer Zeit (CIL V 875: procurator provinciarum Luguduniensis et +Aquitanicae, item Lactorae). Diese Inschrift beweist allerdings an sich +mehr die Verschiedenheit der beiden Gebiete als die formelle +Absonderung des einen von dem andern; aber es läßt sich anderweitig +zeigen, daß bald nach Traian die letztere durchgeführt war. Denn daß +der abgetrennte Bezirk ursprünglich in neun Gaue zerfiel, wie jene +Verse es sagen, bestätigt der seitdem gebliebene Name Novempopulana; +unter Pius aber zählt der Bezirk bereits elf Gemeinden (denn der +dilectator er Apquitanicae XI populos, Boissieu, Lyon, S. 246, gehört +gewiß hierher), im fünften Jahrhundert zwölf; denn so viele zählt die +Notitia unter der Novempopulana auf. Diese Vermehrung erklärt sich +ebenso wie die in Anm. 11 erörterte. Auf die Statthalterschaft bezieht +die Teilung sich nicht; vielmehr blieben das keltische und das +iberische Aquitanien beide unter demselben Legaten. Aber die +Novempopulana erhielt unter Traian ihren eigenen Landtag, während die +keltischen Distrikte Aquitaniens nach wie vor den Landtag von Lyon +beschickten. + +^14 Es fehlen einige kleinere germanische Völkerschaften, wie die +Baetasier und die Sunuker, vielleicht aus ähnlichen Gründen wie die +kleineren iberischen; ferner die Cannenefaten und die Friesen, +wahrscheinlich weil diese erst später reichsuntertänig geworden sind. +Die Bataver sind vertreten. + +———————————————————————— + +Wurde die keltische Nation also in dem kaiserlichen Gallien in sich +selbst konsolidiert, so wurde sie auch dem römischen Wesen gegenüber +gewissermaßen garantiert durch das hinsichtlich der Erteilung des +Reichsbürgerrechts für dieses Gebiet eingehaltene Verfahren. Die +Hauptstadt Galliens freilich war und blieb eine römische Bürgerkolonie, +und es gehört dies wesentlich mit zu der eigenartigen Stellung, die sie +dem übrigen Gallien gegenüber einnahm und einnehmen sollte. Aber +während die Südprovinz mit Kolonien bedeckt und durchaus nach +italischem Gemeinde recht geordnet ward, hat Augustus in den “drei +Gallien” nicht eine einzige Bürgerkolonie eingerichtet, und +wahrscheinlich ist auch dasjenige Gemeinderecht, welches unter dem +Namen des latinischen eine Zwischenstufe zwischen Bürgern und +Nichtbürgern bildet und seinen angeseheneren Inhabern von Rechts wegen +das Bürgerrecht für ihre Person und ihre Nachkommen gewährt, längere +Zeit von Gallien ferngehalten worden. Die persönliche Verleihung des +Bürgerrechts, teils nach allgemeinen Bestimmungen an den Soldaten bald +bei dem Eintritt, bald bei dem Abschied, teils aus besonderer Gunst an +einzelne Personen, konnte allerdings auch dem Gallier zuteil werden; so +weit, wie die Republik gegangen war, dem Helvetier zum Beispiel den +Gewinn des römischen Bürgerrechts ein für allemal zu untersagen, ging +Augustus nicht und konnte es auch nicht, nachdem Caesar das Bürgerrecht +an geborene Gallier vielfach auf diese Weise vergeben hatte. Aber er +nahm wenigstens den aus den “drei Gallien” stammenden Bürgern - mit +Ausnahme immer der Lugudunenser - das Recht der Ämterbewerbung und +schloß sie damit zugleich aus dem Reichssenat aus. Ob diese Bestimmung +zunächst im Interesse Roms oder zunächst in dem der Gallier getroffen +war, können wir nicht wissen; gewiß hat Augustus beides gewollt, einmal +dem Eindringen des fremdartigen Elements in das Römertum wehren und +damit dasselbe reinigen und heben, andererseits den Fortbestand der +gallischen Eigenartigkeit in einer Weise verbürgen, die eben durch +verständiges Zurückhalten die schließliche Verschmelzung mit dem +römischen Wesen sicherer förderte, als die schroffe Aufzwingung +fremdländischer Institutionen getan haben würde. + +Kaiser Claudius, selbst in Lyon geboren und, wie die Spötter von ihm +sagten, ein richtiger Gallier, hat diese Schranken zum guten Teil +beseitigt. Die erste Stadt in Gallien, welche sicher italisches Recht +empfangen hat, ist die der Ubier, wo der Altar des römischen Germaniens +angelegt war; dort im Feldlager ihres Vaters, des Germanicus, wurde die +nachmalige Gemahlin des Claudius Agrippina geboren, und sie hat im +Jahre 50 ihrem Geburtsort das wahrscheinlich latinische Kolonialrecht +erwirkt, dem heutigen Köln. Vielleicht gleichzeitig, vielleicht schon +früher ist dasselbe für die Stadt der Treverer, Augusta, geschehen, das +heutige Trier. Auch noch einige andere gallische Gaue sind in dieser +Weise dem Römertum näher gerückt worden, so der der Helvetier durch +Vespasian, ferner der der Sequaner (Besançon); große Ausdehnung aber +scheint das latinische Recht in diesen Gegenden nicht gefunden zu +haben. Noch weniger ist in der früheren Kaiserzeit in dem kaiserlichen +Gallien ganzen Gemeinden das volle Bürgerrecht beigelegt worden. Wohl +aber hat Claudius mit der Aufhebung der Rechtsbeschränkung den Anfang +gemacht, welche die zum persönlichen Reichsbürgerrecht gelangten +Gallier von der Reichsbeamtenlaufbahn ausschloß; es wurde zunächst für +die ältesten Verbündeten Roms, die Häduer, bald wohl allgemein diese +Schranke beseitigt. Damit war wesentlich die Gleichstellung erreicht. +Denn nach den Verhältnissen dieser Epoche hatte das Reichsbürgerrecht +für die durch ihre Lebensstellung von der Ämterlaufbahn +ausgeschlossenen Kreise kaum einen besonderen praktischen Wert und war +für vermögende Peregrinen guter Herkunft, die diese Laufbahn zu +betreten wünschten und deshalb seiner bedurften, leicht zu erlangen; +wohl aber war es eine empfindliche Zurücksetzung, wenn dem römischen +Bürger aus Gallien und seinen Nachkommen von Rechts wegen die +Ämterlaufbahn verschlossen blieb. + +Wenn in der Organisation der Verwaltung das nationale Wesen der Kelten +so weit geschont ward, als dies mit der Reichseinheit sich irgend +vertrug, so ist dies hinsichtlich der Sprache nicht geschehen. Auch +wenn es praktisch ausführbar gewesen wäre, den Gemeinden die Führung +ihrer Verwaltung in einer Sprache zu gestatten, deren die +kontrollierenden Reichsbeamten nur ausnahmsweise mächtig sein konnten, +lag es unzweifelhaft nicht in den Absichten der römischen Regierung, +diese Schranke zwischen den Herrschenden und Beherrschten aufzurichten. +Dementsprechend ist unter den in Gallien unter römischer Herrschaft +geschlagenen Münzen und von Gemeinde wegen gesetzten Denkmälern keine +erweislich keltische Aufschrift gefunden worden. Der Gebrauch der +Landessprache wurde übrigens nicht gehindert; wir finden sowohl in der +Südprovinz wie in den nördlichen Denkmäler mit keltischer Aufschrift, +dort immer mit griechischem ^15, hier immer mit lateinischem Alphabet +geschrieben ^16, und wahrscheinlich gehören wenigstens manche von +jenen, sicher diese sämtlich der Epoche der Römerherrschaft an. Daß in +Gallien außerhalb der Städte italischen Rechts und der römischen Lager +inschriftliche Denkmäler überhaupt nur in geringer Zahl auftreten, wird +wahrscheinlich hauptsächlich dadurch herbeigeführt sein, daß die als +Dialekt behandelte Landessprache ebenso für solche Verwendung +ungeeignet erschien wie die ungeläufige Reichssprache und daher das +Denksteinsetzen hier überhaupt nicht so wie in den latinisierten +Gegenden in Aufnahme kam; das Lateinische mag in dem größten Teil +Galliens damals ungefähr die Stellung gehabt haben wie nachher im +früheren Mittelalter gegenüber der damaligen Volkssprache. Das +energische Fortleben der nationalen Sprache zeigt am bestimmtesten die +Wiedergabe der gallischen Eigennamen im Latein nicht selten unter +Beibehaltung unlateinischer Lautformen. Daß Schreibungen wie Lousonna +und Boudicca mit dem unlateinischen Diphthong ou selbst in die +lateinische Literatur eingedrungen sind und für den aspirierten Dental, +das englische th, sogar in römischer Schrift ein eigenes Zeichen (Đ) +verwendet wird, ferner Epaciatextorigus neben Epasnactus geschrieben +wird, Đirona neben Sirona, machen es fast zur Gewißheit, daß die +keltische Sprache, sei es im römischen Gebiet, sei es außerhalb +desselben, in oder vor dieser Epoche einer gewissen schriftmäßigen +Regulierung unterlegen hatte und schon damals so geschrieben werden +konnte, wie sie noch heute geschrieben wird. Auch an Zeugnissen für +ihren fortdauernden Gebrauch in Gallien fehlt es nicht. Als die +Stadtnamen Augustodunum (Autun), Augustonemētum (Clermont), Augustobona +(Troyes) und manche ähnliche aufkamen, sprach man notwendig auch im +mittleren Gallien noch keltisch. Arrian unter Hadrian gibt in seiner +Abhandlung über die Kavallerie für einzelne den Kelten entlehnte +Manöver den keltischen Ausdruck an. Ein geborener Grieche, Eirenaeos, +der gegen das Ende des 2. Jahrhunderts als Geistlicher in Lyon +fungierte, entschuldigt die Mängel seines Stils damit, daß er im Lande +der Kelten lebe und genötigt sei, stets in barbarischer Sprache zu +reden. In einer juristischen Schrift aus dem Anfang des 3. Jahrhunderts +wird, im Gegensatz zu der Rechtsregel, daß die letztwilligen +Verfügungen im allgemeinen lateinisch oder griechisch abzufassen sind, +für Fideikommisse auch jede andere Sprache, zum Beispiel die punische +und die gallische zugelassen. Dem Kaiser Alexander wurde sein Ende von +einer gallischen Wahrsagerin in gallischer Sprache angekündigt. Noch +der Kirchenvater Hieronymus, der selber in Ancyra wie in Trier gewesen +ist, versichert, daß die kleinasiatischen Galater und die Treverer +seiner Zeit ungefähr die gleiche Sprache redeten, und vergleicht das +verdorbene Gallisch der Asiaten mit dem verdorbenen Punisch der +Afrikaner. Wenn die keltische Sprache sich in der Bretagne, ähnlich wie +in Wales, bis auf den heutigen Tag behauptet hat, so hat die Landschaft +zwar ihren heutigen Namen von den im fünften Jahrhundert dorthin vor +den Sachsen flüchtenden Inselbriten erhalten, aber die Sprache ist +schwerlich erst mit diesen eingewandert, sondern allem Anschein nach +hier seit Jahrtausenden von einem Geschlecht dem andern überliefert. In +dem übrigen Gallien hat natürlich im Laufe der Kaiserzeit das römische +Wesen schrittweise Boden gewonnen; ein Ende gemacht hat aber dem +keltischen Idiom hier wohl nicht so sehr die germanische Einwanderung +als die Christianisierung, welche in Gallien nicht, wie in Syrien und +Ägypten, die von der Regierung beiseite geschobene Landessprache +aufnahm und zu ihrem Träger machte, sondern das Evangelium lateinisch +verkündigte. + +——————————————————————————- + +^15 So hat sich in Nemausus eine in keltischer Sprache geschriebene +Weihinschrift gefunden, gesetzt Ματρεβο Ναμαυσικαβο (CIL XI, p. 383), +das heißt, den örtlichen Müttern. + +^16 Beispielsweise liest man auf einem in Néris-les-Bains (Allier) +gefundenen Altarstein (E. Desjardins, Geographie historique et +administrative de la Gaule Romaine. 4 Bde. Paris 1876-93. Bd. 2, S. +476): Bratronos Nantonicn Epadatextorici Leucullo Suio rebelocitoi. Auf +einem andern, den die Pariser Schiffergilde unter Tiberius dem höchsten +besten Jupiter setzte (Mowat im Bulletin épigraphique de la Gaule 1, S. +25f.), ist die Hauptinschrift lateinisch, aber über den Reliefs der +Seitenflächen, die eine Prozession von neun bewaffneten Priestern +darzustellen scheinen, stehen erklärende Beischriften: Senani Useiloni +. . . und Eurises, die nicht lateinisch sind. Solches Gemenge begegnet +auch sonst, zum Beispiel in einer Inschrift von Arrenes (Creuse im +Bulletin épigraphique de la Gaule 1, S. 38): Sacer Peroco ieuru +(wahrscheinlich = fecit) Duorico v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito). + +——————————————————————————- + +In dem Vorschreiten der Romanisierung, welche in Gallien, abgesehen von +der Südprovinz, wesentlich der inneren Entwicklung überlassen blieb, +zeigt sich eine bemerkenswerte Verschiedenheit zwischen dem östlichen +Gallien und dem Westen und Norden, die wohl mit, aber nicht allein auf +dem Gegensatz der Germanen und der Gallier beruht. In den Vorgängen bei +und nach Neros Sturz tritt diese Verschiedenheit selbst politisch +bestimmend hervor. Die nahe Berührung der östlichen Gaue mit den +Rheinlagern und die hier vorzugsweise stattfindende Rekrutierung der +Rheinlegionen hat dem römischen Wesen hier früher und vollständiger +Eingang verschafft als im Gebiet der Loire und der Seine. Bei jenen +Zerwürfnissen gingen die rheinischen Gaue, die keltischen Lingonen und +Treverer sowohl wie die germanischen Ubier oder vielmehr die +Agrippinenser mit der Römerstadt Lugudunum und hielten fest zu der +legitimen römischen Regierung, während die, wie bemerkt ward, +wenigstens in gewissem Sinn nationale Insurrektion von den Sequanern, +Häduern und Arvernern ausgeht. In einer späteren Phase desselben +Kampfes finden wir unter veränderten Parteiverhältnissen dieselbe +Spaltung, jene östlichen Gaue mit den Germanen im Bunde, während der +Landtag von Reims den Anschluß an diese verweigert. + +Wurde somit das gallische Land in Betreff der Sprache im wesentlichen +ebenso behandelt wie die übrigen Provinzen, so begegnet wiederum die +Schonung seiner alten Institutionen bei den Bestimmungen über Maß und +Gewicht. Allerdings haben neben der allgemeinen Reichsordnung, welche +in dieser Hinsicht von Augustus erlassen ward, entsprechend dem +toleranten oder vielmehr indifferenten Verhalten der Regierung in +dergleichen Dingen, die örtlichen Bestimmungen vielerorts +fortbestanden, aber nur in Gallien hat die örtliche Ordnung späterhin +die des Reiches verdrängt. Die Straßen sind im ganzen Römischen Reich +gemessen und bezeichnet nach der Einheit der römischen Meile (1,48 +Kilometer), und bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts trifft dies auch +für diese Provinzen zu. Aber von Severus an tritt in den “drei Gallien” +und den beiden Germanien an deren Stelle eine zwar der römischen +angefügte, aber doch verschiedene und gallisch benannte Meile, die +Leuga (2,22 Kilometer), gleich anderthalb römischen Meilen. Unmöglich +kann Severus damit den Kelten eine nationale Konzession haben machen +wollen; es paßt dies weder für die Epoche, noch insbesondere für diesen +Kaiser, der eben diesen Provinzen in ausgesprochener Feindseligkeit +gegenüberstand; ihn müssen Zweckmäßigkeitsrücksichten bestimmt haben. +Diese können nur darauf beruhen, daß das nationale Wegemaß, die Leuga +oder auch die Doppelleuga, die germanische Rasta, welche letztere der +französischen Lieue entspricht, in diesen Provinzen nach der Einführung +des einheitlichen Wegemaßes in ausgedehnterem Umfang fortbestanden +haben, als dies in den übrigen Reichsländern der Fall war. Augustus +wird die römische Meile formell auf Gallien erstreckt und die +Postbücher und die Reichsstraßen darauf gestellt, aber der Sache nach +dem Lande das alte Wegemaß gelassen haben; und so mag es gekommen sein, +daß die spätere Verwaltung es weniger unbequem fand, die zwiefache +Einheit im Postverkehr sich gefallen zu lassen ^17, als noch länger +sich eines praktisch im Lande unbekannten Wegemaßes zu bedienen. + +——————————————————————————— + +^17 Die Postbücher und Straßentafeln verfehlen nicht bei Lyon und +Toulouse anzumerken, daß hier die Leugen beginnen. + +——————————————————————————— + +Von weit größerer Bedeutung ist das Verhalten der römischen Regierung +zu der Landesreligion; ohne Zweifel hat das gallische Volkstum seinen +festesten Rückhalt an dieser gefunden. Selbst in der Südprovinz muß die +Verehrung der nichtrömischen Gottheiten lange, viel länger als zum +Beispiel in Andalusien sich behauptet haben. Die große Handelsstadt +Arelate freilich hat keine anderen Weihungen aufzuweisen als an die +auch in Italien verehrten Götter; aber in Fréjus, Aix, Nîmes und +überhaupt der ganzen Küstenlandschaft sind die alten keltischen +Gottheiten in der Kaiserepoche nicht viel weniger verehrt worden als im +inneren Gallien. Auch in dem iberischen Teil Aquitaniens begegnen +zahlreiche Spuren des einheimischen, von dem keltischen durchaus +verschiedenen Kultus. Indes tragen alle im Süden Galliens zum Vorschein +gekommenen Götterbilder einen minder von dem gewöhnlichen abweichenden +Stempel als die Denkmäler des Nordens, und vor allem war es leichter, +mit den nationalen Göttern auszukommen als mit dem nationalen +Priestertum, das uns nur im kaiserlichen Gallien und auf den +britannischen Inseln begegnet, den Druiden. Es würde vergebliche Mühe +sein, von dem inneren Wesen der aus Spekulation und Imagination +wunderbar zusammengestellten Druidenlehre eine Vorstellung geben zu +wollen; nur die Fremdartigkeit und die Fruchtbarkeit derselben sollen +einige Beispiele erläutern. Die Macht der Rede wurde symbolisch +dargestellt in einem kahlköpfigen, runzligen, von der Sonne verbrannten +Greis, der Keule und Bogen führt und von dessen durchbohrter Zunge zu +den Ohren des ihm folgenden Menschen feine goldene Ketten laufen - das +heißt, es fliegen die Pfeile und schmettern die Schläge des +redegewaltigen Alten und willig folgen ihm die Herzen der Menge. Das +ist der Ogmius der Kelten; den Griechen erschien er wie ein als +Herakles staffierter Charon. Ein in Paris gefundener Altar zeigt uns +drei Götterbilder mit Beischrift, in der Mitte den Jovis, zu seiner +Linken den Vulcan, ihm zur Rechten den Esus, “den Entsetzlichen mit +seinen grausen Altären”, wie ihn ein römischer Dichter nennt, aber +dennoch ein Gott des Handelsverkehrs und des friedlichen Schaffens ^18; +er ist zur Arbeit geschürzt wie Vulcan, und wie dieser Hammer und Zange +führt, so behaut er mit dem Beil einen Weidenbaum. Eine öfter +wiederkehrende Gottheit, wahrscheinlich Cernunnos genannt, wird +kauernd, mit untergeschlagenen Beinen, dargestellt; auf dem Kopf trägt +sie ein Hirschgeweih, an dem eine Halskette hängt, und hält auf dem +Schoß den Geldsack; vor ihr stehen zuweilen Rinder und Hirsche - es +scheint, als solle damit der Erdboden als die Quelle des Reichtums +ausgedrückt werden. Die ungeheure Verschiedenheit dieses aller Reinheit +und Schönheit baren, im barocken und phantastischen Mengen sehr +irdischer Dinge sich gefallenden keltischen Olymp von den einfach +menschlichen Formen der griechischen und den einfach menschlichen +Begriffen der römischen Religion gibt eine Ahnung der Schranke, die +zwischen diesen Besiegten und ihren Siegern stand. Daran hingen weiter +sehr bedenkliche praktische Konsequenzen: ein umfassender Geheimmittel- +und Zauberkram, bei dem die Priester zugleich die Ärzte spielten und wo +neben dem Besprechen und Besegnen auch Menschenopfer und Krankenheilung +durch das Fleisch der also Geschlachteten vorkam. Daß direkte +Opposition gegen die Fremdherrschaft in dem Druidentum dieser Zeit +gewaltet hat, läßt sich wenigstens nicht erweisen; aber auch, wenn dies +nicht der Fall war, ist es wohl begreiflich, daß die römische +Regierung, welche sonst alle örtlichen Besonderheiten der +Gottesverehrung mit gleichgültiger Duldung gewähren ließ, diesem +Druidenwesen nicht bloß in seinen Ausschreitungen, sondern überhaupt +mit Apprehension gegenüberstand. Die Einrichtung des gallischen +Jahrfestes in der rein römischen Landeshauptstadt und unter Ausschluß +aller Anknüpfung an den nationalen Kultus ist offenbar ein Gegenzug der +Regierung gegen die alte Landesreligion mit ihrem jährlichen +Priesterkonzil in Chartres, dem Mittelpunkt des gallischen Landes. +Unmittelbar aber ging Augustus gegen das Druidentum nicht weiter vor, +als daß er jedem römischen Bürger die Beteiligung an dem gallischen +Nationalkult untersagte. Tiberius in seiner energischeren Weise griff +durch und verbot dieses Priestertum mit seinem Anhang von Lehrern und +Heilkünstlern überhaupt; aber es spricht nicht gerade für den +praktischen Erfolg dieser Verfügung, daß dasselbe Verbot abermals unter +Claudius erging - von diesem wird erzählt, daß er einen vornehmen +Gallier lediglich deshalb köpfen ließ, weil er überwiesen ward, für +guten Erfolg bei Verhandlungen vor dem Kaiser das landübliche +Zaubermittel in Anwendung gebracht zu haben. Daß die Besetzung +Britanniens, welches von alters her der Hauptsitz dieses +Priestertreibens gewesen war, zum guten Teil beschlossen ward, um damit +dieses an der Wurzel zu fassen, wird weiterhin ausgeführt werden. Trotz +alledem hat noch in dem Abfall, den die Gallier nach dem Sturz der +claudischen Dynastie versuchten, dies Priestertum eine bedeutende Rolle +gespielt; der Brand des Kapitols, so predigten die Druiden, verkünde +den Umschwung der Dinge und den Beginn der Herrschaft des Nordens über +den Süden. Indes wenn auch dies Orakel späterhin in Erfüllung ging, +durch diese Nation und zugunsten ihrer Priester ist es nicht geschehen. +Die Besonderheiten der gallischen Gottesverehrung haben wohl auch +später noch ihre Wirkung geübt; als im dritten Jahrhundert für einige +Zeit ein gallisch-römisches Sonderreich ins Leben trat, spielt auf +dessen Münzen die erste Rolle der Herkules, teils in seiner +griechisch-römischen Gestalt, teils auch als gallischer Deusoniensis +oder Magusanus. Von den Druiden aber ist nur noch etwa insofern die +Rede, als die klugen Frauen in Gallien bis in die diocletianische Zeit +unter dem Namen der Druidinnen gehen und orakeln, und daß die alten +adligen Häuser noch lange nachher in ihrer Ahnenreihe sich druidischer +Altvordern berühmen. Wohl rascher noch als die Landessprache ging die +Landesreligion zurück und das eindringende Christentum hat kaum noch an +dieser ernstlichen Widerstand gefunden. + +————————————————————————- + +^18 Die zweite Berner Glosse zu Lucan 1, 445, die den Teutates richtig +zum Mars macht und auch sonst glaubwürdig scheint, sagt von ihm: Hesum +Mercurium credunt, si quidem a mercatoribus colitur. + +————————————————————————- + +Das südliche Gallien, mehr als irgendeine andere Provinz durch seine +Lage jedem feindlichen Angriff entzogen und gleich Italien und +Andalusien ein Land der Olive und der Feige, gedieh unter dem +Kaiserregiment zu hohem Wohlstand und reicher städtischer Entwicklung. +Das Amphitheater und das Sarkophagfeld von Arles, der “Mutter ganz +Galliens”, das Theater von Orange, die in und bei Nîmes noch heute +aufrecht stehenden Tempel und Brücken sind davon bis in die Gegenwart +lebendige Zeugen. Auch in den nördlichen Provinzen stieg der alte +Wohlstand des Landes weiter durch den dauernden Frieden, der, +allerdings mit dem dauernden Steuerdruck, durch die Fremdherrschaft in +das Land kam. “In Gallien”, sagt ein Schriftsteller der vespasianischen +Zeit, “sind die Quellen des Reichtums heimisch und ihre Fülle strömt +über die ganze Erde ^19.” Vielleicht nirgends sind gleich zahlreiche +und gleich prächtige Landhäuser zum Vorschein gekommen, vor allen +Dingen im Osten Galliens, am Rhein und seinen Zuflüssen; man erkennt +deutlich den reichen gallischen Adel. Berühmt ist das Testament des +vornehmen Lingonen, welcher anordnet, ihm das Grabdenkmal und die +Bildsäule aus italischem Marmor oder bester Bronze zu errichten und +unter anderem sein sämtliches Gerät für Jagd und Vogelfang mit ihm zu +verbrennen - es erinnert dies an die anderweitig erwähnten, +meilenlangen eingefriedigten Jagdparks im Keltenland und an die +hervorragende Rolle, welche die keltischen Jagdhunde und keltische +Waidmannsart bei dem Xenophon der hadrianischen Zeit spielen, welcher +nicht verfehlt hinzuzufügen, daß dem Xenophon, des Gryllos Sohn, das +Jagdwesen der Kelten nicht habe bekannt sein können. Nicht minder +gehört in diesen Zusammenhang die merkwürdige Tatsache, daß in dem +römischen Heerwesen der Kaiserzeit die Kavallerie eigentlich keltisch +ist, nicht bloß insofern diese vorzugsweise aus Gallien sich +rekrutiert, sondern auch, indem die Manöver und selbst die technischen +Ausdrücke zum guten Teil den Kelten entlehnt sind; man erkennt hier, +wie nach dem Hinschwinden der alten Bürgerreiterei unter der Republik +die Kavallerie durch Caesar und Augustus mit gallischen Mannschaften +und in gallischer Weise reorganisiert worden ist. Die Grundlage dieses +vornehmen Wohlstandes war der Ackerbau, auf dessen Hebung auch Augustus +selbst energisch hinwirkte und der in ganz Gallien, etwa abgesehen von +der Steppengegend an der aquitanischen Küste, reichen Ertrag gab. +Einträglich war auch die Viehzucht, besonders im Norden, namentlich die +Zucht von Schweinen und Schafen, welche bald für die Industrie und die +Ausfuhr von Bedeutung wurden - die menapischen Schinken (aus Flandern) +und die atrebatischen und nervischen Tuchmäntel (bei Arras und Tournay) +gingen in späterer Zeit in das gesamte Reich. Von besonderem Interesse +ist die Entwicklung des Weinbaus. Weder das Klima noch die Regierung +waren demselben günstig. Der “gallische Winter” blieb lange Zeit bei +den Südländern sprichwörtlich; wie denn in der Tat das Römische Reich +nach dieser Seite hin am weitesten gegen Norden sich ausdehnt. Aber +engere Schranken zog der gallischen Weinkultur die italische +Handelskonkurrenz. Allerdings hat der Gott Dionysos seine Welteroberung +überhaupt langsam vollbracht und nur Schritt vor Schritt ist der aus +der Halmfrucht bereitete Trank dem Saft der Rebe gewichen; aber es +beruht auf dem Prohibitivsystem, daß in Gallien das Bier sich +wenigstens im Norden als das gewöhnliche geistige Getränk die ganze +Kaiserzeit hindurch behauptete und noch Kaiser Julianus bei seinem +Aufenthalt in Gallien mit diesem falschen Bacchus in Konflikt kam ^20. +So weit freilich, wie die Republik, welche den Wein- und Ölbau an der +gallischen Südküste polizeilich untersagte, ging das Kaiserregiment +nicht; aber die Italiener dieser Zeit waren doch die rechten Söhne +ihrer Väter. Die Blüte der beiden großen Rhoneemporien Arles und Lyon +beruhte zu einem nicht geringen Teil auf dem Vertrieb des italienischen +Weins nach Gallien; daran mag man ermessen, welche Bedeutung der +Weinbau damals für Italien selbst gehabt haben muß. Wenn einer der +sorgfältigsten Verwalter, die das Kaiseramt gehabt hat, Domitianus, den +Befehl erließ, in sämtlichen Provinzen mindestens die Hälfte der +Rebstöcke zu vertilgen ^21, was freilich so nicht zur Ausführung kam, +so darf daraus geschlossen werden, daß die Ausbreitung des Weinbaus +allerdings von Regierungs wegen ernstlich eingeschränkt ward. Noch in +augustischer Zeit war er in dem nördlichen Teil der narbonensischen +Provinz unbekannt, und wenn er auch hier bald in Aufnahme kam, scheint +er doch durch Jahrhunderte auf die Narbonensis und das südliche +Aquitanien beschränkt geblieben zu sein; von gallischen Weinen kennt +die bessere Zeit nur den allobrogischen und den biturigischen, nach +unserer Redeweise den Burgunder und den Bordeaux ^22. Erst als die +Zügel des Reiches den Händen der Italiener entfielen, im Laufe des +dritten Jahrhunderts, änderte sich dies, und Kaiser Probus (276-282) +gab endlich den Provinzialen den Weinbau frei. Wahrscheinlich erst +infolgedessen hat die Rebe festen Fuß gefaßt an der Seine wie an der +Mosel. “Ich habe”, schreibt Kaiser Julianus, “einen Winter” (es war der +von 357 auf 358) “in dem lieben Lutetia verlebt, denn so nennen die +Gallier das Städtchen der Pariser, eine kleine Insel im Flusse gelegen +und rings ummauert; das Wasser ist dort trefflich und rein zu schauen +und zu trinken. Die Einwohner haben einen ziemlich milden Winter, und +es wächst bei ihnen guter Wein; ja einige ziehen sogar auch Feigen, +indem sie sie im Winter mit Weizenstroh wie mit einem Rocke zudecken.” +Und nicht viel später schildert dann der Dichter von Bordeaux in der +anmutigen Beschreibung der Mosel, wie die Weinberge diesen Fluß an +beiden Ufern einfassen, “gleich wie die eigenen Reben mir kränzen die +gelbe Garonne”. + +————————————————————- + +^19 Ios. bel. Iud. 2, 16, 4. Ebenda sagt König Agrippa zu seinen Juden, +ob sie sich etwa einbildeten, reicher zu sein als die Gallier, tapferer +als die Germanen, klüger als die Hellenen. Damit stimmen alle anderen +Zeugnisse überein. Nero vernimmt den Aufstand nicht ungern occasione +nata spoliandarum iure belli opulentissimarum provinciarum (Suet. Nero +40; Plut. Galba 5); die dem Insurgentenheer des Vindex abgenommene +Beute ist unermeßlich (Tac. hist. 1, 51). Tacitus (hist. 3, 46) nennt +die Häduer pecunia dites et voluptatibus opulentos. Nicht mit Unrecht +sagt der Feldherr Vespasians zu den abgefallenen Galliern bei Tacitus +(bist. 4, 74); regna bellaque per Gallias semper fuere, donec in +nostrum ius concederetis; nos quamquam totiens lacessiti iure victoriae +id solum vobis addidimus quo pacem tueremur, nam neque quies gentium +sine armis neque arma sine stipendiis neque stipendia sine tributis +haberi queunt. Die Steuern drückten wohl schwer, aber nicht so schwer +wie der alte Fehde- und Faustrechtzustand. + +^20 Sein Epigramm ‘Auf den Gerstenwein’ ist erhalten (AP 9, 368): + +Τίς πόθεν είς, Διόνυσε? Μά γάρ τόν αληθέα Βάκχον + +σύσ' επιγιγνώσκω. τόν Διός οίδα μόνον + +κείνος νέκταρ οδώδε. σύ δέ τράγου. ή ρά σε Κελτοί + +τή πενιή βοτρύων τεύξαν απ' ασταχύων. + +τώ σε χρή καλέειν Δημήτριον, ου Διόνυσον + +πυρσγένη μάλλον καί βρόμον, ου Βρόμιον. + +Du, Dionysos, von wo kommst du? Bei dem richtigen Bacchus! + +Ich erkenne dich nicht; Zeus Sohn kenn’ ich allein. + +Jener duftet nach Nektar; du riechst nach dem Bocke. Die Kelten, + +Denen die Rebe versagt, braueten dich aus dem Halm, + +Scheuer-, nicht Feuersohn, Erdkind, nicht Kind dich des Himmels, + +Nur für das Futtern gemacht, nicht für den lieblichen Trunk. + +Auf einem in Paris gefundenen irdenen Ring (Mowat im Bulletin +épigraphique de la Gaule 2, S. 110; 3, S. 133), der hohl und zum Füllen +der Becher eingerichtet ist, sagt der Trinkende zu dem Wirt: copo, +conditu(m) [cnoditu ist Schreibfehler] abes; est reple(n)da - Wirt, du +hast mehr im Keller; die Flasche ist leer, und zu der Kellnerin: +ospita, reple, lagona(m) cervesa - Mädchen, fülle die Flasche mit Bier. + +^21 Suet. Dom. 7. Wenn als Grund angegeben ward, daß die hohen +Kornpreise durch das Umwandeln des Ackerlandes in Weinberge veranlaßt +seien, so war das natürlich ein auf den Unverstand des Publikums +berechneter Vorwand. + +^22 Wenn noch V. Hehn (Kulturpflanzen und Haustiere. Berlin 1870, S. +76) für den Weinbau der Arverner und der Sequaner außerhalb der +Narbonensis sich auf Plinius (nat. 14, 1, 18) beruft, so folgt er +beseitigten Textinterpolationen. Es ist möglich, daß das straffere +kaiserliche Regiment in den “drei Gallien” den Weinbau mehr zurückhielt +als das schlaffe senatorische in der Narbonensis. + +————————————————————- + +Der innere Verkehr so wie der mit den Nachbarländern, besonders mit +Italien, muß ein sehr reger gewesen sein und das Straßennetz entwickelt +und gepflegt. Die große Reichsstraße von Rom nach der Mündung des +Baetis, deren bei Spanien gedacht ward, war die Hauptader für den +Landhandel der Südprovinz; die ganze Strecke, in republikanischer Zeit +von den Alpen bis zur Rhone durch die Massalioten, von da bis zu den +Pyrenäen durch die Römer instand gehalten, wurde von Augustus neu +chaussiert. Im Norden führten die Reichsstraßen hauptsächlich teils +nach der gallischen Hauptstadt, teils nach den großen Rheinlagern; doch +scheint auch außerdem für die übrige Kommunikation in ausreichender +Weise gesorgt gewesen zu sein. + +Wenn die Südprovinz in der älteren Zeit auf dem geistigen Gebiet zu dem +hellenischen Kreise gehörte, so hat der Rückgang von Massalia und das +gewaltige Vordringen des Römertums im südlichen Gallien darin freilich +eine Änderung herbeigeführt; dennoch aber ist dieser Teil Galliens +immer, wie Kampanien, ein Sitz hellenischen Wesens geblieben. Daß +Nemausus, eine der Teilerben von Massalia, auf seinen Münzen aus +augustischer Zeit alexandrinische Jahreszahlen und das Wappen Ägyptens +zeigt, ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit darauf bezogen worden, daß +durch Augustus selbst in dieser, dem Griechentum nicht fremd +gegenüberstehenden Stadt Veteranen aus Alexandreia angesiedelt worden +sind. Es darf wohl auch mit dem Einfluß Massalias in Verbindung +gebracht werden, daß dieser Provinz, wenigstens der Abstammung nach, +derjenige Historiker angehörte, welcher, es scheint im bewußten +Gegensatz zu der nationalrömischen Geschichtschreibung und gelegentlich +mit scharfen Ausfällen gegen deren namhafteste Vertreter, Sallustius +und Livius, die hellenische vertrat, der Vocontier Pompeius Trogus, +Verfasser einer von Alexander und den Diadochenreichen ausgehenden +Weltgeschichte, in welcher die römischen Dinge nur innerhalb dieses +Rahmens oder anhangsweise dargestellt werden. Ohne Zweifel gab er damit +nur wieder, was eigentlich der literarischen Opposition des Hellenismus +angehörte; immer bleibt es bemerkenswert, daß diese Tendenz ihren +lateinischen Vertreter, und einen geschickten und sprachgewandten +Vertreter, hier in augustischer Zeit fand. Aus späterer ist +erwähnenswert Favorinus, aus einem angesehenen Bürgerhaus von Arles, +einer der Hauptträger der Polymathie der hadrianischen Zeit; Philosoph +mit aristotelischer und skeptischer Tendenz, daneben Philolog und +Kunstredner, Schüler des Dion von Prusa, Freund des Plutarchos und des +Herodes Atticus, polemisch auf dem wissenschaftlichen Gebiet +angegriffen von Galenus, feuilletonistisch von Lucian, überhaupt in +lebhaften Beziehungen mit den namhaften Gelehrten des zweiten +Jahrhunderts und nicht minder mit Kaiser Hadrian. Seine mannigfaltigen +Forschungen, unter anderm über die Namen der Genossen des Odysseus, die +die Scylla verschlang, und über den des ersten Menschen, der zugleich +ein Gelehrter war, lassen ihn als den rechten Vertreter des damals +beliebten gelehrten Kleinkrams erscheinen, und seine Vorträge für ein +gebildetes Publikum über Thersites und das Wechselfieber sowie seine +zum Teil uns aufgezeichneten Unterhaltungen über alles und noch etwas +mehr gewähren kein erfreuliches, aber ein charakteristisches Bild des +damaligen Literatentreibens. Hier ist hervorzuheben, was er selbst +unter die Merkwürdigkeiten seines Lebenslaufes rechnete, daß er +geborener Gallier und zugleich griechischer Schriftsteller war. Obwohl +die Literaten des Okzidents häufig nebenbei auch griechisch +speziminierten, so haben doch nur wenige sich dieser als ihrer +eigentlichen Schriftstellersprache bedient; hier wird dies mit durch +die Heimat des Gelehrten bedingt sein. Im übrigen war Südgallien an der +augustischen Literaturblüte insofern beteiligt, als einige der +namhaftesten Gerichtsredner der späteren augustischen Zeit, Votienus +Montanus († 27 n. Chr.) aus Narbo - der Ovid der Redner genannt - und +Gnaeus Domitius Afer (Konsul 39 n. Chr.) aus Nemausus, dieser Provinz +angehörten. überhaupt erstreckt die römische Literatur ihre Kreise +natürlich auch über diese Landschaft; die Dichter der domitianischen +Zeit sandten ihre Freiexemplare den Freunden in Tolosa und Vienna. +Plinius unter Traian ist erfreut, daß seine kleinen Schriften auch in +Lugudunum nicht bloß günstige Leser, sondern auch Buchhändler finden, +die sie vertreiben. Einen besonderen Einfluß aber, wie ihn die Baetica +in der früheren, das nördliche Gallien in der späteren Kaiserzeit auf +die geistige und literarische Entwicklung Roms ausgeübt hat, vermögen +wir für den Süden nicht nachzuweisen. Wein und Früchte gediehen in dem +schönen Land; aber weder Soldaten noch Denker sind dem Reiche von +dorther gekommen. + +Das eigentliche Gallien ist im Gebiet der Wissenschaft das gelobte Land +des Lehrens und des Lernens; vermutlich geht dies zurück auf die +eigentümliche Entwicklung und den mächtigen Einfluß des nationalen +Priestertums. Das Druidentum war keineswegs ein naiver Volksglaube, +sondern eine hoch entwickelte und anspruchsvolle Theologie, die nach +guter Kirchensitte alle Gebiete des menschlichen Denkens und Tuns, +Physik und Metaphysik, Rechts- und Heilkunde bestrebt war zu erleuchten +oder doch zu beherrschen, die von ihren Schülern unermüdliches, man +sagt zwanzigjähriges Studium forderte und diese ihre Schüler vor allem +in den adligen Kreisen suchte und fand. Die Unterdrückung der Druiden +durch Tiberius und seine Nachfolger muß in erster Reihe diese +Priesterschulen betroffen und deren wenigstens öffentliche Beseitigung +herbeigeführt haben; aber wirksam konnte dies nur dann geschehen, wenn +der nationalen Jugendbildung die römisch-griechische ebenso +gegenübergestellt ward, wie dem carnutischen Druidenkonzil der +Roma-Tempel in Lyon. Wie früh dies, ohne Frage unter dem bestimmenden +Einfluß der Regierung, in Gallien eingetreten ist, zeigt die +merkwürdige Tatsache, daß bei dem früher erwähnten Aufstand unter +Tiberius die Insurgenten vor allen Dingen versuchten, sich der Stadt +Augustodunum (Autun) zu bemächtigen, um die dort studierende vornehme +Jugend in ihre Gewalt zu bekommen und dadurch die großen Familien zu +gewinnen oder zu schrecken. Zunächst mögen wohl diese gallischen Lyzeen +trotz ihres keineswegs nationalen Bildungskursus dennoch ein Ferment +des spezifisch gallischen Volkstums gewesen sein; schwerlich zufällig +hat das damals bedeutendste derselben nicht in dem römischen Lyon +seinen Sitz, sondern in der Hauptstadt der Häduer, des vornehmsten +unter den gallischen Gauen. Aber die römisch-hellenische Bildung, wenn +auch vielleicht der Nation aufgenötigt und zunächst mit Opposition +aufgenommen, drang, wie allmählich der Gegensatz sich verschliff, in +das keltische Wesen so sehr ein, daß mit der Zeit die Schüler sich ihr +eifriger zuwandten als die Lehrmeister. Die Gentlemanbildung, etwa in +der Art, wie sie heute in England besteht, ruhend auf dem Studium des +Lateinischen und in zweiter Reihe des Griechischen und in der +Entwicklung der Schulrede mit ihren Schnitzelpointen und Glanzphrasen +lebhaft an neuere, demselben Boden entstammende literarische +Erscheinungen erinnernd, ward allmählich im Okzident eine Art +Privilegium der Galloromanen. Besser bezahlt als in Italien wurden dort +die Lehrer wohl von jeher, und vor allen Dingen auch besser behandelt. +Schon Quintilianus nennt mit Achtung unter den hervorragenden +Gerichtsrednern mehrere Gallier; und nicht ohne Absicht macht Tacitus +in dem feinen Dialog über die Redekunst den gallischen Advokaten Marcus +Aper zum Verteidiger der modernen Beredsamkeit gegen die Verehrer +Ciceros und Caesars. Den ersten Platz unter den gallischen +Universitäten nahm späterhin Burdigala ein, wie denn überall Aquitanien +hinsichtlich der Bildung dem mittleren und nördlichen Gallien weit +voran war - in einem dort geschriebenen Dialog aus dem Anfang des 5. +Jahrhunderts wagt einer der Mitsprechenden, ein Geistlicher aus +Chalon-sur-Saône, kaum den Mund aufzutun vor dem gebildeten +aquitanischen Kreise. Hier wirkte der früher erwähnte, von Kaiser +Valentinianus zum Lehrer seines Sohnes Grabanus (geb. 359) berufene +Professor Ausonius, der in seinen vermischten Gedichten einer großen +Anzahl seiner Kollegen ein Denkmal gestiftet hat; und als sein +Zeitgenosse Symmachus, der berühmteste Redner dieser Epoche, für seinen +Sohn einen Hofmeister suchte, ließ er in Erinnerung an seinen alten, an +der Garonne heimischen Lehrer sich einen aus Gallien kommen. Daneben +ist Augustodunum immer einer der großen Mittelpunkte der gallischen +Studien geblieben; wir haben noch die Reden, welche wegen der +Wiederherstellung dieser Lehranstalt bittend und dankend vor dem Kaiser +Konstantin gehalten worden sind. + +Die literarische Vertretung dieser eifrigen Schultätigkeit ist +untergeordneter Art und geringen Wertes: Prunkreden, die namentlich +durch die spätere Umwandlung von Trier in eine kaiserliche Residenz und +das häufige Verweilen des Hofes im gallischen Land gefördert worden +sind, und Gelegenheitsgedichte mannigfaltiger Art. Wie die Redeleistung +war das Versemachen ein notwendiges Attribut des Lehramts und der +öffentliche Lehrer der Literatur zugleich nicht gerade geborener, aber +doch bestallter Dichter. Wenigstens die Geringschätzung der Poesie, +welche der übrigens gleichartigen hellenischen Literatur der gleichen +Epoche eigen ist, hat sich auf diese Okzidentalen nicht übertragen. In +den Versen herrscht die Schulreminiszenz und das Pedantenkunststück vor +^23 und nur selten begegnen, wie in der Moselfahrt des Ausonius, +lebendige und empfundene Schilderungen. Die Reden, die wir freilich nur +nach einigen späten, am kaiserlichen Hoflager gehaltenen Vorträgen zu +beurteilen in der Lage sind, sind Musterstücke in der Kunst, mit vielen +Worten wenig zu sagen und die unbedingte Loyalität in gleich +unbedingter Gedankenlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Wenn eine +vermögende Mutter ihren Sohn, nachdem er die Fülle und den Schmuck der +gallischen Rede sich angeeignet hat, weiter nach Italien schickt, um +auch die römische Würde ^24 zu gewinnen, so war diesen gallischen +Rhetoren allerdings diese schwieriger abzulernen als der Wortpomp. Für +das frühe Mittelalter sind diese Leistungen bestimmend gewesen; durch +sie ist in der ersten christlichen Zeit Gallien die eigentliche Stätte +der frommen Verse und doch auch der letzte Zufluchtsort der +Schulliteratur geworden, während die große geistige Bewegung innerhalb +des Christentums ihre Hauptvertreter nicht hier gefunden hat. + +———————————————————- + +^23 Eines der Professorengedichte des Ausonius ist vier griechischen +Grammatikern gewidmet: “Alle fleißig walteten sie des Lehramts; Schmal +nur war der Sold ja und dünn der Vortrag; Aber da sie lehrten zu meinen +Zeiten, Will ich sie nennen.” Dies ist um so verdienstlicher, da er +nichts Rechtes bei ihnen gelernt hat: “Wohl, weil mich gehindert die +allzu schwache Fassungskraft des Geistes und mich von Hellas Bildung +fernhielt leider damals des Knaben trauriger Irrtum.” Diese Gedanken +sind öfter, aber selten in sapphischem Maße vorgetragen worden. + +^24 Romana gravitas: Hier. epist. 125 p. 929 Vall. + +———————————————————- + +In dem Kreise der bauenden und der bildenden Künste rief schon das +Klima manche Erscheinung hervor, welche der eigentliche Süden nicht +oder nur in den Anfängen kennt; so ist die in Italien nur bei Bädern +gebräuchliche Luftheizung und der dort ebenfalls wenig verbreitete +Gebrauch der Glasfenster in der gallischen Baukunst in umfassender +Weise zur Anwendung gekommen. Aber auch von einer diesem Gebiet eigenen +Kunstentwicklung darf vielleicht insofern gesprochen werden, als die +Bildnisse und in weiterer Entwicklung die Darstellung der Szenen des +täglichen Lebens in dem keltischen Gebiet relativ häufiger auftreten +als in Italien und die abgenutzten mythologischen Darstellungen durch +erfreulichere ersetzen. Wir können diese Richtung auf das Reale und das +Genre allerdings fast nur an den Grabmonumenten erkennen, aber sie hat +wohl in der Kunstübung überhaupt vorgeherrscht. Der Bogen von Arausio +(Orange) aus der frühen Kaiserzeit mit seinen gallischen Waffen und +Feldzeichen, die bei Vetera gefundene Bronzestatue des Berliner +Museums, wie es scheint, den Ortsgott mit Gerstenähren im Haar +darstellend, das wahrscheinlich zum Teil aus gallischen Werkstätten +hervorgegangene Hildesheimer Silbergerät beweisen eine gewisse Freiheit +in der Aufnahme und Umbildung der italischen Motive. Das Juliergrabmal +von St. Remy bei Avignon, ein Werk augustischer Zeit, ist ein +merkwürdiges Zeugnis für die lebendige und geistreiche Rezeption der +hellenischen Kunst im südlichen Gallien, sowohl in seinem kühnen +architektonischen Aufbau zweier quadratischer Stockwerke, welche ein +Säulenkreis mit konischer Kuppel krönt, wie auch in seinen Reliefs, +welche, im Stil den pergamenischen nächst verwandt, figurenreiche +Kampf- und Jagdszenen, wie es scheint, dem Leben der Geehrten +entnommen, in malerisch bewegter Ausführung darstellen. +Merkwürdigerweise liegt der Höhepunkt dieser Entwicklung neben der +Südprovinz in der Gegend der Mosel und der Maas; diese Landschaft, +nicht so völlig unter römischem Einfluß stehend wie Lyon und die +rheinischen Lagerstädte und wohlhabender und zivilisierter als die +Gegenden an der Loire und der Seine, scheint diese Kunstübung +einigermaßen aus sich selbst erzeugt zu haben. Das unter dem Namen der +Igeler Säule bekannte Grabdenkmal eines vornehmen Trierers gibt ein +deutliches Bild der hier einheimischen turmartigen, mit spitzem Dach +gekrönten, auf allen Seiten mit Darstellungen aus dem Leben des +Verstorbenen bedeckten Denkmäler. Häufig sehen wir auf denselben den +Gutsherrn, dem seine Kolonen Schafe, Fische, Geflügel, Eier darbringen. +Ein Grabstein aus Arlon bei Luxemburg zeigt außer den Porträts der +beiden Gatten auf der einen Seite einen Karren und eine Frau mit einem +Fruchtkorb, auf der andern über zwei auf dem Boden hockenden Männern +einen Äpfelverkauf. Ein anderer Grabstein aus Neumagen bei Trier hat +die Form eines Schiffes: in diesem sitzen sechs Schiffer, die Ruder +führend; die Ladung besteht aus großen Fässern, neben denen der lustig +blickende Steuermann, man möchte meinen, sich des darin geborgenen +Weines zu freuen scheint. Wir dürfen sie wohl in Verbindung bringen mit +dem heiteren Bilde, das der Poet von Bordeaux uns vom Moseltal bewahrt +hat mit den prächtigen Schlössern, den lustigen Rebgeländen und dem +regen Fischer- und Schiffertreiben, und den Beweis darin finden, daß in +diesem schönen Lande bereits vor anderthalb Jahrtausenden friedliche +Tätigkeit, heiterer Genuß und warmes Leben pulsiert hat. + + + + +KAPITEL IV. +Das römische Germanien und die freien Germanen + + +Die beiden römischen Provinzen Ober- und Untergermanien sind das +Ergebnis derjenigen Niederlage der römischen Waffen und der römischen +Staatskunst unter der Regierung des Augustus, welche früher geschildert +worden ist. Die ursprüngliche Provinz Germanien, die das Land vom Rhein +bis zur Elbe umfaßte, hat nur zwanzig Jahre, vom ersten Feldzug des +Drusus (742 12 v. Chr.) bis zur Varusschlacht und dem Falle Alisos (762 +9 n. Chr.) bestanden; da sie aber einerseits die Militärlager auf dem +linken Rheinufer, Vindonissa, Mogontiacum, Vetera in sich schloß, +andererseits auch nach jener Katastrophe mehr oder minder beträchtliche +Teile des rechten Ufers römisch blieben, so wurden durch jene +Katastrophe die Statthalterschaft und das Kommando nicht eigentlich +aufgehoben, obwohl sie sozusagen in der Luft standen. Die innere +Ordnung der drei Gallien ist früher dargelegt worden; sie umfaßten das +gesamte Gebiet bis an den Rhein, ohne Unterschied der Abstammung -nur +etwa die erst während der letzten Krisen nach Gallien übergesiedelten +Ubier gehörten nicht zu den 64 Gauen, wohl aber die Helvetier, die +Triboker und überhaupt die sonst von den rheinischen Truppen besetzt +gehaltenen Distrikte. Es war die Absicht gewesen, die germanischen Gaue +zwischen Rhein und Elbe zu einer ähnlichen Gemeinschaft unter römischer +Hoheit zusammenzufassen, wie dies mit den gallischen geschehen war, und +denselben in dem Augustusaltar der Ubierstadt, dem Keim des heutigen +Köln, einen ähnlichen exzentrischen Mittelpunkt zu verleihen, wie der +Augustusaltar von Lyon ihn für Gallien bildete; für die fernere Zukunft +war wohl auch die Verlegung der Hauptlager auf das rechte Rheinufer und +die Rückgabe des linken, wenigstens im wesentlichen, an den Statthalter +der Belgica in Aussicht genommen. Allein diese Entwürfe gingen mit den +Legionen des Varus zugrunde; der germanische Augustusaltar am Rhein +ward oder blieb der Altar der Ubier; die Legionen behielten dauernd +ihre Standquartiere in dem Gebiet, welches eigentlich zur Belgica +gehörte, aber, da eine Trennung der Militär- und Zivilverwaltung nach +der römischen Ordnung ausgeschlossen war, so lange, als die Truppen +hier standen, auch administrativ unter den Kommandanten der beiden +Heere gelegt war. Denn, wie schon früher angegeben worden ist, Varus +ist wahrscheinlich der letzte Kommandant der vereinigten Rheinarmee +gewesen ^1; bei der Vermehrung der Armee auf acht Legionen, welche +diese Katastrophe im Gefolge gehabt hat, ist allem Anschein nach auch +deren Teilung eingetreten. Es sind also in diesem Abschnitt nicht +eigentlich die Zustände einer römischen Landschaft zu schildern, +sondern die Geschicke einer römischen Armee, und, was damit aufs engste +zusammenhängt, die der Nachbarvölker und der Gegner, soweit sie in die +Geschichte Roms verflochten sind. + +———————————————————————————- + +^1 Diese Teilung einer Provinz unter drei Statthalter ist in der +römischen Verwaltung sonst ohne Beispiel; das Verhältnis von Afrika und +Numidien bietet wohl eine äußere Analogie, ist aber politisch bedingt +durch die Stellung des senatorischen Statthalters zu dem kaiserlichen +Militärkommandanten, während die drei Statthalter der Belgica +gleichmäßig kaiserlich sind und gar nicht abzusehen ist, warum den +beiden germanischen Sprengel innerhalb der Belgica statt eigener +angewiesen werden. Nur das Zurücknehmen der Grenze unter Beibehaltung +des bisherigen Namens - ähnlich wie das transdanuvianische Dakien +späterhin als cisdanuvianisches dem Namen nach fortbestand - erklärt +diese Seltsamkeit. + +———————————————————————————- + +Die beiden Hauptquartiere der Rheinarmee waren von jeher Vetera bei +Wesel und Mogontiacum, das heutige Mainz, beide wohl älter als die +Teilung des Kommandos und eine der Ursachen, daß dieselbe eintrat. Die +beiden Armeen zählten jede im ersten Jahrhundert n. Chr. vier Legionen, +also ungefähr 30000 Mann ^2; in oder zwischen jenen beiden Punkten lag +die Hauptmasse der römischen Truppen, außerdem eine Legion bei +Noviomagus (Nimwegen), eine andere in Argentoratum (Straßburg), eine +dritte bei Vindonissa (Windisch, unweit Zürich), nicht weit von der +rätischen Grenze. Zu dem unteren Heere gehörte die nicht +unbeträchtliche Rheinflotte. Die Grenze zwischen der oberen und der +unteren Armee liegt zwischen Andernach und Remagen bei Brohl ^3, so daß +Koblenz und Bingen in das obere, Bonn und Köln in das untere +Militärgebiet fielen. Auf dem linken Ufer gehörten zu dem +obergermanischen Verwaltungsbezirk die Distrikte der Helvetier +(Schweiz), der Sequaner (Besançon), der Lingonen (Langres), der +Rauriker (Basel), der Triboker (Elsaß), der Nemeter (Speyer) und der +Vangionen (Worms); zu dem beschränkteren untergermanischen der Distrikt +der Ubier oder vielmehr die Kolonie Agrippina (Köln), der Tungrer +(Tongern), der Menapier (Brabant) und der Bataver, während die weiter +westlich gelegenen Gaue mit Einschluß von Metz und Trier unter den +verschiedenen Statthaltern der drei Gallien standen. Wenn diese +Scheidung nur administrative Bedeutung hat, so fällt dagegen die +wechselnde Ausdehnung der beiden Sprengel auf dem rechten Ufer mit den +wechselnden Beziehungen zu den Nachbarn und der dadurch bedingten Vor- +und Zurückschiebung der Grenzen der römischen Herrschaft zusammen. +Diesen Nachbarn gegenüber sind die unterrheinischen und die +oberrheinischen Verhältnisse in so verschiedener Weise geordnet worden +und die Ereignisse in so durchaus anderer Richtung verlaufen, daß hier +die provinziale Trennung geschichtlich von der eingreifendsten +Bedeutung wurde. Betrachten wir zunächst die Entwicklung der Dinge am +Unterrhein. + +———————————————————————- + +^2 Die Stärke der Auxilien der oberen Armee läßt sich für die +domitianisch-traianische Epoche mit ziemlicher Sicherheit auf etwa +10000 Mann bestimmen. Eine Urkunde vom Jahre 90 zählt vier Alen und +vierzehn Kohorten dieser Armee auf; zu diesen kommt wenigstens eine +Kohorte (I Germanorum), die nachweislich, sowohl im Jahre 82 wie im +Jahre 116, daselbst garnisonierte; ob zwei Alen, die im Jahre 82, und +mindestens drei Kohorten, die im Jahre 116 daselbst sich befanden und +die in der Liste vom Jahre 90 fehlen, im Jahr 90 dort garnisonierten +oder nicht, ist zweifelhaft, die meisten derselben aber sind wohl vor +90 aus der Provinz weg oder erst nach 90 in dieselbe gekommen. Von +jenen neunzehn Auxilien ist eine sicher (coh. I Damascenorum), eine +andere (ala I Flavia gemina) vielleicht eine Doppelabteilung. Im +Minimum also ergibt sich als Normaletat der Auxilien dieses Heeres die +oben bezeichnete Ziffer, und bedeutend kann sie nicht überschritten +sein. Wohl aber mögen die Auxilien von Untergermanien, dessen +Garnisonen weniger ausgedehnt waren, an Zahl geringer gewesen sein. + +^3 An der Grenzbrücke über den Abrinca-, jetzt Vinxtbach, der alten +Grenze der Erzdiözesen Köln und Trier, standen zwei Altäre, der auf der +Seite von Remagen den Grenzen, dem Ortsgeist und dem Jupiter (Finibus +et Genio loci et Iovi optimo maximo) gewidmet von Soldaten der 30. +niedergermanischen Legion, der auf der Seite von Andernach dem Jupiter, +dem Ortsgott und der Juno geweiht von einem Soldaten der 8. +obergermanischen (Brambach 649, 650). + +———————————————————————- + +Es ist früher dargestellt worden, wieweit die Römer zu beiden Seiten +des Unterrheins die Germanen sich unterworfen hatten. Die germanischen +Bataver sind nicht durch Caesar, aber nicht lange nachher, vielleicht +durch Drusus, auf friedlichem Wege mit dem Reiche vereinigt worden. Sie +saßen im Rheindelta, das heißt auf dem linken Rheinufer und auf den +durch die Rheinarmee gebildeten Inseln aufwärts bis wenigstens an den +Alten Rhein, also etwa von Antwerpen bis Utrecht und Leiden in Seeland +und dem südlichen Holland, auf ursprünglich keltischem Gebiet - +wenigstens sind die Ortsnamen überwiegend keltisch; ihren Namen führt +noch die Betuwe, die Niederung zwischen Waal und Leck mit der +Hauptstadt Noviomagus, jetzt Nimwegen. Sie waren, insbesondere +verglichen mit den unruhigen und störrigen Kelten, gehorsame und +nützliche Untertanen und nahmen daher im römischen Reichsverband und +namentlich im Heerwesen eine Sonderstellung ein. Sie blieben gänzlich +steuerfrei, wurden aber dagegen so stark wie kein anderer Gau bei der +Rekrutierung angezogen; der eine Gau stellte zu dem Reichsheer 1000 +Reiter und 9000 Fußsoldaten; außerdem wurden die kaiserlichen +Leibwächter vorzugsweise aus ihnen genommen. Das Kommando dieser +batavischen Abteilungen wurde ausschließlich an geborene Bataver +vergeben. Die Bataver galten unbestritten nicht bloß als die besten +Reiter und Schwimmer der Armee, sondern auch als das Muster treuer +Soldaten, wobei allerdings der gute Sold der batavischen Leibwächter +sowohl wie der bevorzugte Offiziersdienst der Adligen die Loyalität +erheblich befestigte. Diese Germanen waren denn auch bei der +Varuskatastrophe weder vorbereitend noch nachfolgend beteiligt; und +wenn Augustus unter dem ersten Eindruck der Schreckensnachricht seine +batavischen Leibwächter verabschiedete, so überzeugte er sich bald +selbst von der Grundlosigkeit seines Argwohns, und die Truppe wurde +kurze Zeit darauf wieder hergestellt. + +Am anderen Ufer des Rheins wohnten den Batavern zunächst, im heutigen +Kennemerland (Nordholland über Amsterdam), die ihnen eng verwandten, +aber weniger zahlreichen Cannenefaten; sie werden nicht bloß unter den +durch Tiberius unterworfenen Völkerschaften genannt, sondern sind auch +in der Stellung von Mannschaften wie die Bataver behandelt worden. + +Die weiterhin sich anschließenden Friesen in dem noch heute nach ihnen +benannten Küstenland bis zu der unteren Ems unterwarfen sich dem Drusus +und erhielten eine ähnliche Stellung wie die Bataver; es wurde ihnen, +anstatt der Steuer, nur die Ablieferung einer Anzahl von Rindshäuten +für die Bedürfnisse des Heeres auferlegt; dagegen hatten auch sie +verhältnismäßig zahlreiche Mannschaften für den römischen Dienst zu +stellen. Sie waren seine so wie später des Germanicus treueste +Bundesgenossen, ihm nützlich sowohl bei dem Kanalbau wie besonders nach +den unglücklichen Nordseefahrten. + +Auf sie folgen östlich die Chauker, ein weitausgedehntes Schiffer- und +Fischervolk an der Nordseeküste zu beiden Seiten der Weser, vielleicht +von der Ems bis zur Elbe; sie wurden durch Drusus zugleich mit den +Friesen, aber nicht wie diese ohne Gegenwehr, den Römern botmäßig. + +Alle diese germanischen Küstenvölker fügten sich entweder durch Vertrag +oder doch ohne schweren Kampf der neuen Herrschaft, und wie sie an dem +Cheruskeraufstand keinen Teil gehabt haben, blieben sie nach der +Varusschlacht gleichfalls in den früheren Verhältnissen zum Römischen +Reich; selbst aus den entfernter liegenden Gauen der Friesen und der +Chauker sind die Besatzungen damals nicht herausgezogen worden, und +noch zu den Feldzügen des Germanicus haben die letzteren Zuzug +gestellt. Bei der abermaligen Räumung Germaniens im Jahre 17 scheint +allerdings das arme und ferne, schwer zu schützende Chaukerland +aufgegeben worden zu sein; wenigstens gibt es für die Fortdauer der +römischen Herrschaft daselbst keine späteren Belege, und einige +Dezennien nachher finden wir sie unabhängig. Aber alles Land westwärts +der unteren Ems blieb bei dem Reiche, dessen Grenze also die heutigen +Niederlande einschloß. Die Verteidigung dieses Teils der Reichsgrenze +gegen die nicht zum Reich gehörigen Germanen blieb in der Hauptsache +den botmäßigen Seegauen selber überlassen. + +Weiter stromaufwärts wurde anders verfahren; hier ward eine Grenzstraße +abgesteckt und das Zwischenland entvölkert. An die in größerer oder +geringerer Entfernung vom Rhein gezogene Grenzstraße, den Limes ^4, +knüpfte sich die Kontrolle des Grenzverkehrs, indem die Überschreitung +dieser Straße zur Nachtzeit überhaupt, am Tage den Bewaffneten +untersagt und den übrigen in der Regel nur unter besonderen +Sicherheitsmaßregeln und unter Erlegung der vorgeschriebenen Grenzzölle +gestattet war. Eine solche Straße hat gegenüber dem unterrheinischen +Hauptquartier im heutigen Münsterland Tiberius nach der Varusschlacht +gezogen, in einiger Entfernung vom Rhein, dazwischen ihr und dem Fluß +der seiner Lage nach nicht näher bekannte “Caesische Wald” sich +erstreckte. Ähnliche Anstalten müssen gleichzeitig in den Tälern der +Ruhr und der Sieg bis zu dem der Wied hin, wo die unterrheinische +Provinz endigte, getroffen worden sein. Militärisch besetzt und zur +Verteidigung eingerichtet brauchte diese Straße nicht notwendig zu +sein, obwohl natürlich die Grenzverteidigung und die Grenzbefestigung +immer darauf hinausgingen, die Grenzstraße möglichst sicher zu stellen. +Ein hauptsächliches Mittel für den Grenzschutz war die Entvölkerung des +Landstrichs zwischen dem Fluß und der Straße. “Vom rechten Rheinufer”, +sagt ein kundiger Schriftsteller der tiberischen Zeit, “haben teils die +Römer die Völkerschaften auf das linke übergeführt, teils diese selbst +sich in das Innere zurückgezogen.” Dies traf im heutigen Münsterland +die daselbst früher ansässigen germanischen Stämme der Usiper, +Tencterer, Tubanten. In den Zügen des Germanicus erscheinen dieselben +vom Rhein abgedrängt, aber noch in der Gegend der Lippe, später, +wahrscheinlich eben infolge jener Expeditionen, weiter südwärts, Mainz +gegenüber. Ihr altes Heim lag seitdem öde und bildete das ausgedehnte, +für die Herden der niedergermanischen Armee reservierte Triftland, auf +welchem im Jahre 58 erst die Friesen und dann die heimatlos irrenden +Amsivarier sich niederzulassen gedachten, ohne dazu die Erlaubnis der +römischen Behörden auswirken zu können. Weiter südwärts blieb von den +Sugambrern, die ebenfalls zum großen Teil derselben Behandlung +unterlagen, wenigstens ein Teil am rechten Ufer ansässig ^5, während +andere kleinere Völkerschaften ganz verdrängt wurden. Die spärliche +innerhalb des Limes geduldete Bevölkerung war selbstverständlich +reichsuntertänig, wie dies die bei den Sugambrern stattfindende +römische Aushebung bestätigt. + +———————————————————————————- + +^4 Limes (von limus quer) ist ein unseren Rechtsverhältnissen fremder +und daher auch in unserer Sprache nicht wiederzugebender technischer +Ausdruck, davon hergenommen, daß die römische Ackerteilung, die alle +Naturgrenzen ausschließt, die Quadrate, in welche der im Privateigentum +stehende Boden geteilt wird, durch Zwischenwege von einer bestimmten +Breite trennt; diese Zwischenwege sind die limites, und insofern +bezeichnet das Wort immer zugleich sowohl die von Menschenhand gezogene +Grenze wie die von Menschenhand gebaute Straße. Diese Doppelbedeutung +behält das Wort auch in der Anwendung auf den Staat (unrichtig +Rudorff); limes ist nicht jede Reichsgrenze, sondern nur die von +Menschenhand abgesteckte und zugleich zum Begehen und Postenstellen für +die Grenzverteidigung eingerichtete (vita Hadriani 12: locis in quibus +barbari non fluminibus, sed limitibus dividuntur), wie wir sie in +Germanien und in Afrika finden. Darum werden auch auf die Anlage dieses +Limes die für den Straßenbau dienenden Bezeichnungen angewandt aperire +(Vell. 2, 121, was nicht, wie Müllenhoff in der Zeitschrift für +deutsches Altertum, N. F. 2, S. 32 will, so zu verstehen ist wie unser +öffnen des Schlagbaums), munire, agere (Frontin. straf. 1, 3, 10: +limitibus per CXX m. p. actis). Darum ist der Limes nicht bloß eine +Längenlinie, sondern auch von einer gewissen Breite (Tac. ann. 1, 50: +castra in limite locat). Daher verbindet sich die Anlage des limes oft +mit derjenigen des agger, das heißt des Straßendammes (Tac. ann. 2, 7: +cuncta novis limitibus aggeribusque permunita) und die Verschiebung +desselben mit der Verlegung der Grenzposten (Tac. Germ. 29: limite acto +promotisque praesidiis). Der Limes ist also die Reichsgrenzstraße, +bestimmt zur Regulierung des Grenzverkehrs dadurch, daß ihre +Überschreitung nur an gewissen, den Brücken der Flußgrenze +entsprechenden Punkten gestattet, sonst untersagt wird. Zunächst ist +dies ohne Zweifel herbeigeführt worden durch Abpatrouillierung der +Linie, und solange dies geschah blieb der Limes ein Grenzweg. Er blieb +dies auch, wenn er an beiden Seiten befestigt ward, wie dies in +Britannien und an der Donaumündung geschah; auch der britannische Wall +heißt limes. Es konnten aber auch an den gestatteten +Überschreitungspunkten Posten aufgestellt und die Zwischenstrecken der +Grenzwege in irgendeiner Weise unwegsam gemacht werden, In diesem Sinne +sagt der Biograph in der oben angeführten Steile von Hadrian, daß an +den limites er stipitibus magnis in modum muralis saepis funditus +iactis atque conexis barbaros separavit. Damit verwandelt sich die +Grenzstraße in eine mit gewissen Durchgängen versehene Grenzbarrikade, +und das ist der Limes Obergermaniens in der entwickelten, weiterhin +darzulegenden Gestalt. Übrigens wird das Wort in diesem Werte in +republikanischer Zeit nicht gebraucht und ist ohne Zweifel dieser +Begriff des limes erst entstanden mit der Einrichtung der den Staat, wo +Naturgrenzen fehlen, umschließenden Postenkette, welcher +Reichsgrenzschutz der Republik fremd, aber das Fundament des +Augusteischen Militär- und vor allem des Augusteischen Zollsystems ist. + +^5 Die auf das linke Ufer übergesiedelten Sugambrer werden unter diesem +Namen nachher nicht erwähnt und sind wahrscheinlich die unterhalb Köln +am Rhein wohnenden Cugerner. Aber daß die Sugambrer auf dem rechten +Ufer, welche Strabo erwähnt, wenigstens noch zu Claudius’ Zeit +bestanden, zeigt die nach diesem Kaiser benannte, also sicher unter ihm +und zwar aus Sugambrern errichtete Kohorte (CIL III p. 877); und sie, +sowie die vier anderen, wahrscheinlich augustischen Kohorten dieses +Namens bestätigen, was eigentlich auch Strabon sagt, daß diese +Sugambrer zum Römischen Reich gehörten. Sie sind wohl, wie die +Mattiaker, erst in den Stürmen der Völkerwanderung verschwunden. + +———————————————————————————- + +In dieser Weise wurden nach dem Aufgeben der weiter greifenden Entwürfe +die Verhältnisse am Unterrhein geordnet, immer also noch ein nicht +unbeträchtliches Gebiet am rechten Ufer von den Römern gehalten. Aber +es knüpften sich daran mancherlei unbequeme Verwicklungen. Gegen das +Ende der Regierung des Tiberius (28) fielen die Friesen infolge der +unerträglichen Bedrückung bei der Erhebung der an sich geringen Abgabe +vom Reiche ab, erschlugen die bei der Erhebung beschäftigten Leute und +belagerten den hier fungierenden römischen Kommandanten mit dem Reste +der im Gebiet verweilenden römischen Soldaten und Zivilpersonen in dem +Kastell Flevum, da, wo vor der im Mittelalter erfolgten Ausdehnung der +Zuidersee die östlichste Rheinmündung war, bei der heutigen Insel +Vlieland neben dem Texel. Der Aufstand nahm solche Verhältnisse an, daß +beide Rheinheere gemeinschaftlich gegen die Friesen marschierten; aber +der Statthalter Lucius Apronius richtete dennoch nichts aus. Die +Belagerung des Kastells gaben die Friesen auf, als die römische Flotte +die Legionen herantrug; aber ihnen selbst war in dem durchschnittenen +Lande schwer beizukommen; mehrere römische Heerhaufen wurden vereinzelt +aufgerieben und die römische Vorhut so gründlich geschlagen, daß selbst +die Leichen der Gefallenen in der Gewalt des Feindes blieben. Zu einer +entscheidenden Aktion kam es nicht, aber auch nicht zu rechter +Unterwerfung; größeren Unternehmungen, die dem kommandierenden +Feldherrn eine Machtstellung gaben, war Tiberius, je älter er wurde, +immer weniger geneigt. Damit steht in Zusammenhang, daß in den nächsten +Jahren die Nachbarn der Friesen, die Chauker, den Römern sehr unbequem +wurden, im Jahre 41 der Statthalter Publius Gabinius Secundus gegen sie +eine Expedition unternehmen mußte und sechs Jahre später (47) sie sogar +unter Führung des römischen Überläufers Gannascus, eines geborenen +Cannenefaten, mit ihren leichten Piratenschiffen die gallische Küste +weithin brandschatzten. Gnaeus Domitius Corbulo, von Claudius zum +Statthalter Niedergermaniens ernannt, legte mit der Rheinflotte diesen +Vorgängern der Sachsen und Normannen das Handwerk und brachte dann die +Friesen energisch zum Gehorsam zurück, indem er ihr Gemeinwesen neu +ordnete und römische Besatzung dorthin legte. Er hatte die Absicht, +weiter die Chauker zu züchtigen; auf sein Anstiften wurde Gannascus aus +dem Wege geräumt - gegen den Überläufer hielt er sich auch dazu +berechtigt -, und er war im Begriff, die Ems überschreitend in das +Chaukerland einzurücken, als er nicht bloß Gegenbefehl von Rom erhielt, +sondern die römische Regierung überhaupt ihre Stellung am Unterrhein +vollständig änderte. Kaiser Claudius wies den Statthalter an, alle +römischen Besatzungen vom rechten Ufer wegzunehmen. Es ist begreiflich, +daß der kaiserliche General die freien Feldherren des ehemaligen Rom +mit bitteren Worten glücklich pries; es wurde allerdings damit die nach +der Varusschlacht nur halb gezogene Konsequenz der Niederlage +vervollständigt. Wahrscheinlich ist diese durch keine unmittelbare +Nötigung veranlaßte Einschränkung der römischen Okkupation Germaniens +hervorgerufen worden durch den eben damals gefaßten Entschluß, +Britannien zu besetzen, und findet darin ihre Rechtfertigung, daß die +Truppen beidem zugleich nicht genügten. Daß der Befehl ausgeführt ward +und es auch später dabei blieb, beweist das Fehlen der römischen +Militärinschriften am ganzen rechten Unterrhein ^6. Nur einzelne +Übergangspunkte und Ausfallstore, wie insbesondere Deutz gegenüber +Köln, machen Ausnahmen von dieser allgemeinen Regel. Auch die +Militärstraße hält sich hier auf dem linken Ufer und streng an den +Rheinlauf, während der hinter derselben herlaufende Verkehrsweg, die +Krümmungen abschneidend, die gerade Verbindung verfolgt. Auf dem +rechten Rheinufer sind hier nirgends, weder durch aufgefundene +Meilensteine noch anderweitig, römische Militärstraßen bezeugt. + +——————————————————————- + +^6 Das Kastell von Niederbiber, unweit der Mündung der Wied in den +Rhein, sowie das von Arzbach bei Montabaur im Lahngebiet gehören schon +zu Obergermanien. Die besondere Bedeutung jener Festung, des größten +Kastells in Obergermanien, beruht darauf, daß sie die römischen Linien +auf dem rechten Rheinufer militärisch abschloß. + +——————————————————————- + +Einen eigentlichen Verzicht auf den Besitz des rechten Ufers in dieser +Provinz schließt die Zurückziehung der Besatzungen nicht ein. Dasselbe +galt den Römern seitdem etwa wie dem Festungskommandanten das unter +seinen Kanonen liegende Terrain. Die Cannenefaten und wenigstens ein +Teil der Friesen ^7 sind nach wie vor reichsuntertänig gewesen. Daß +auch später noch im Münsterland die Herden der Legionen weideten und +den Germanen nicht gestattet wurde, sich dort niederzulassen, ist schon +bemerkt worden. Aber die Regierung hat seitdem für den Schutz des +Grenzgebietes auf dem rechten Ufer, das es in dieser Provinz auch +ferner gab, im Norden sich auf die Cannenefaten und die Friesen +verlassen, weiter stromaufwärts im wesentlichen der Ödgrenze vertraut +und auch die römische Ansiedelung hier, wenn nicht geradezu untersagt, +doch nicht aufkommen lassen. Der in Altenberg (Kreis Mülheim) am +Dhünfluß gefundene Altarstein eines Privaten ist fast das einzige +Zeugnis römischer Einwohnerschaft in diesen Gegenden. Es ist dies um so +bemerkenswerter, als das Aufblühen von Köln, wenn hier nicht besondere +Hindernisse im Wege gestanden hätten, die römische Zivilisation von +selber weithin auf das andere Ufer getragen haben würde. Oft genug +werden römische Truppen diese ausgedehnten Gebiete betreten, vielleicht +selbst die gerade hier in augustischer Zeit zahlreich angelegten +Straßen einigermaßen gangbar gehalten, auch wohl neue angelegt haben; +spärliche Ansiedler, teils Überreste der alten germanischen +Bevölkerung, teils Kolonisten aus dem Reich, werden hier gesessen +haben, ähnlich wie wir sie bald in der früheren Kaiserzeit am rechten +Ufer des Oberrheins finden werden; aber den Wegen wie den Besitzungen +fehlte der Stempel der Dauerhaftigkeit. Man wollte hier nicht eine +Arbeit von gleicher Ausdehnung und gleicher Schwierigkeit unternehmen, +wie wir sie weiterhin in der oberen Provinz kennenlernen werden, nicht +hier, wie es dort geschah, die Reichsgrenze militärisch schützen und +befestigen. Darum hat den Unterrhein wohl die römische Herrschaft, aber +nicht, wie den Oberrhein, auch die römische Kultur überschritten. + +————————————————————— + +^7 Dies fordern die Aushebungen (Eph. epigr. V, p. 274), während die +Friesen, wie sie im Jahre 58 (Tac. ann. 13, 54) auftreten, eher +unabhängig erscheinen; auch der ältere Plinius (nat. 25, 3, 22) unter +Vespasian nennt sie im Rückblick auf die Zeit des Germanicus gens tum +fida. Wahrscheinlich hängt dies zusammen mit der Unterscheidung der +Frisii und Frisiavones bei Plinius (nat. 4, 15, 101) und der Frisii +maiores und minores bei Tacitus (Germ. 34). Die römisch gebliebenen +Friesen werden die westlichen sein, die freien die östlichen; wenn die +Friesen überhaupt bis zur Ems reichen (Ptol. geogr. 3, 11, 7), so mögen +die später römischen etwa westwärts der Yssel gesessen haben. Anderswo +als an der noch heute ihren Namen tragenden Küste darf man sie nicht +ansetzen; die Nennung bei Plinius (nat. 4, 17, 106) steht vereinzelt +und ist ohne Zweifel fehlerhaft. + +————————————————————— + +Ihrer doppelten Aufgabe, das benachbarte Gallien in Gehorsam und die +Germanen des rechten Rheinufers von Gallien abzuhalten, hatte die Armee +am Unterrhein auch nach dem Verzicht auf Besetzung des +rechtsrheinischen Gebietes ausreichend genügt; und es wäre die Ruhe +nach außen und innen voraussichtlich nicht unterbrochen worden, wenn +nicht der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie und der dadurch +hervorgerufene Bürger- oder vielmehr Korpskrieg in diese Verhältnisse +in verhängnisvoller Weise eingegriffen hätte. Die Insurrektion des +Keltenlandes unter Führung des Vindex wurde zwar von den beiden +germanischen Armeen niedergeschlagen; aber Neros Sturz erfolgte +dennoch, und als sowohl das spanische Heer wie die Kaisergarde in Rom +ihm einen Nachfolger bestellten, taten auch die Rheinarmeen das +gleiche, und im Anfang des Jahres 69 überschritt der größte Teil dieser +Truppen die Alpen, um auf den Schlachtfeldern Italiens auszumachen, ob +dessen Herrscher Marcus oder Aulus heißen werde. Im Mai desselben +Jahres folgte der neue Kaiser Vitellius, nachdem die Waffen für ihn +entschieden hatten, begleitet von dem Rest der guten kriegsgewohnten +Mannschaften. Durch eilig in Gallien ausgehobene Rekruten waren +allerdings die Lücken in den Rheinbesatzungen notdürftig ausgefüllt +worden; aber daß es nicht die alten Legionen waren, wußte das ganze +Land, und bald zeigte es sich auch, daß jene nicht zurückkamen. Hätte +der neue Herrscher die Armee, die ihn auf den Thron gesetzt hatte, in +seiner Gewalt gehabt, so hätte gleich nach der Niederwerfung Othos im +April wenigstens ein Teil derselben an den Rhein zurückkehren müssen; +aber mehr noch die Unbotmäßigkeit der Soldaten als die bald eintretende +neue Verwicklung mit dem im Osten zum Kaiser ausgerufenen Vespasian +hielt die germanischen Legionen in Italien zurück. + +Gallien war in der furchtbarsten Aufregung. Die Insurrektion des Vindex +war, wie früher bemerkt ward, an sich nicht gegen die Herrschaft Roms, +sondern gegen den dermaligen Herrscher gerichtet; aber darum war sie +nicht weniger eine Kriegführung gewesen zwischen den Rheinarmeen und +dem Landsturm der großen Mehrzahl der keltischen Gaue, und diese nicht +weniger gleich Besiegten geplündert und mißhandelt worden. Die +Stimmung, die zwischen den Provinzialen und den Soldaten bestand, zeigt +zum Beispiel die Behandlung, welche der Gau der Helvetier bei dem +Durchmarsch der nach Italien bestimmten Truppen erfuhr: weil hier ein +von den Vitellianern nach Pannonien abgesandter Kurier aufgegriffen +worden war, rückten die Marschkolonnen von der einen Seite, von der +anderen die in Rätien in Garnison stehenden Römer in den Gau ein, +plünderten weit und breit die Ortschaften, namentlich das heutige Baden +bei Zürich, jagten die in die Berge Flüchtenden aus ihrem Versteck auf +und machten sie zu Tausenden nieder oder verkauften die Gefangenen nach +Kriegsrecht. Obwohl die Hauptstadt Aventicum (Avenches bei Murten) sich +ohne Gegenwehr unterwarf, forderten die Agitatoren der Armee ihre +Schleifung und alles, was der Feldherr gewährte, war die Verweisung der +Frage nicht etwa an den Kaiser, sondern an die Soldaten des großen +Hauptquartiers; diese saßen über das Schicksal der Stadt zu Gericht und +nur der Umschlag ihrer Laune rettete den Ort vor der Zerstörung. +Dergleichen Mißhandlungen brachten die Provinzialen aufs äußerste; noch +bevor Vitellius Gallien verließ, trat ein gewisser Mariccus aus dem von +den Häduern abhängigen Gau der Boier auf, ein Gott auf Erden, wie er +sagte, und bestimmt, die Freiheit der Kelten wieder herzustellen; und +scharenweise strömten die Leute unter seine Fahnen. Indes kam auf die +Erbitterung im Keltenland nicht allzu viel an. Eben der Aufstand des +Vindex hatte auf das deutlichste gezeigt, wie völlig unfähig die +Gallier waren, sich der römischen Umklammerung zu entwinden. Aber die +Stimmung der zu Gallien gerechneten germanischen Distrikte in den +heutigen Niederlanden, der Bataver, der Cannenefaten, der Friesen, +deren Sonderstellung schon hervorgehoben ward, hatte etwas mehr zu +bedeuten; und es traf sich, daß eben diese einerseits aufs äußerste +erbittert worden waren, andererseits ihre Kontingente zufällig sich in +Gallien befanden. Die Masse der batavischen Truppen, 8000 Mann, der 14. +Legion beigegeben, hatte längere Zeit mit dieser bei dem oberen +Rheinheere gestanden und war dann unter Claudius bei der Besetzung +Britanniens nach dieser Insel gekommen, wo dieses Korps kurz zuvor die +entscheidende Schlacht unter Paullinus durch seine unvergleichliche +Tapferkeit für die Römer gewonnen hatte; von diesem Tag an nahm +dasselbe unter allen römischen Heeresabteilungen unbestritten den +ersten Platz ein. Eben dieser Auszeichnung wegen von Nero abberufen, um +mit ihm zum Kriege in den Orient abzugehen, hatte die in Gallien +ausbrechende Revolution ein Zerwürfnis zwischen der Legion und ihren +Hilfsmannschaften herbeigeführt: jene, dem Nero treu ergeben, eilte +nach Italien, die Bataver dagegen weigerten sich zu folgen. Vielleicht +hing dies damit zusammen, daß zwei ihrer angesehensten Offiziere, die +Brüder Paulus und Civilis, ohne jeden Grund und ohne Rücksicht auf +vieljährige treue Dienste und ehrenvolle Wunden, kurz vorher als des +Hochverrats verdächtig in Untersuchung gezogen, der erstere +hingerichtet, der zweite gefangengesetzt worden war. Nach Neros Sturz, +zu welchem der Abfall der batavischen Kohorten wesentlich beigetragen +hatte, gab Galba den Civilis frei und sandte die Bataver in ihr altes +Standquartier nach Britannien zurück. Während sie auf dem Marsch dahin +bei den Lingonen (Langres) lagerten, fielen die Rheinlegionen von Galba +ab und riefen den Vitellius zum Kaiser aus. Die Bataver schlossen nach +längerem Schwanken schließlich sich an; dieses Schwanken vergab ihnen +Vitellius nicht, doch wagte er nicht, den Führer des mächtigen Korps +geradezu zur Verantwortung zu ziehen. So waren die Bataver mit den +Legionen von Untergermanien nach Italien marschiert und hatten mit +gewohnter Tapferkeit in der Schlacht von Betriacum für Vitellius +gefochten, während ihre alten Legionskameraden ihnen in dem Heere Othos +gegenüberstanden. Aber der Übermut dieser Germanen erbitterte ihre +römischen Siegesgenossen, wie sehr sie ihre Tapferkeit im Kampf +anerkannten; auch die kommandierenden Generale trauten ihnen nicht und +machten sogar einen Versuch, durch Detachierung sie zu teilen, was +freilich in diesem Krieg, in dem die Soldaten kommandierten und die +Generale gehorchten, nicht durchzuführen war und fast dem General das +Leben gekostet hätte. Nach dem Siege wurden sie beauftragt, ihre +feindlichen Kameraden von der 14. Legion nach Britannien zu +eskortieren; aber da es zwischen beiden in Turin zum Handgemenge +gekommen war, gingen diese allein dorthin und sie selbst nach +Germanien. Inzwischen war im Orient Vespasianus zum Kaiser ausgerufen +worden, und während infolgedessen Vitellius sowohl den batavischen +Kohorten Marschbefehl nach Italien gab wie auch bei den Batavern neue +umfassende Aushebungen anordnete, knüpften Vespasians Beauftragte mit +den batavischen Offizieren an, um diesen Abmarsch zu verhindern und in +Germanien selbst einen Aufstand hervorzurufen, der die Truppen dort +festhielte. Civilis ging darauf ein. Er begab sich in seine Heimat und +gewann leicht die Zustimmung der Seinigen, sowie der benachbarten +Cannenefaten und Friesen. Bei jenen brach der Aufstand aus; die beiden +Kohortenlager in der Nähe wurden überfallen und die römischen Posten +aufgehoben; die römischen Rekruten schlugen sich schlecht; bald warf +Civilis mit seiner Kohorte, die er hatte nachkommen lassen, um sie +angeblich gegen die Insurgenten zu gebrauchen, sich selbst offen in die +Bewegung, sagte mit den drei germanischen Gauen dem Vitellius auf und +forderte die übrigen, eben damals von Mainz zum Abmarsch nach Italien +aufbrechenden Bataver und Cannenefaten auf, sich ihm anzuschließen. + +Das alles war mehr ein Soldatenaufstand als eine Insurrektion der +Provinz oder gar ein germanischer Krieg. Wenn damals die Rheinlegionen +mit denen von der Donau und weiter mit diesen und der Euphratarmee +schlugen, so war es nur folgerichtig, daß auch die Soldaten zweiter +Klasse, und vor allem die angesehenste Truppe derselben, die +batavische, selbständig in diesen Korpskrieg eintrat. Wer diese +Bewegung bei den Kohorten der Bataver und den linksrheinischen Germanen +mit der Insurrektion der rechtsrheinischen unter Augustus +zusammenstellt, der darf nicht übersehen, daß in jener die Alen und +Kohorten die Rolle des Landsturms der Cherusker übernahmen; und wenn +der treulose Offizier des Varus seine Nation aus der Römerherrschaft +erlöste, so handelte der batavische Führer im Auftrag Vespasians, ja +vielleicht auf geheime Anweisung des im stillen Vespasian geneigten +Statthalters seiner Provinz, und richtete sich der Aufstand zunächst +lediglich gegen Vitellius. Freilich war die Lage der Dinge von der Art, +daß dieser Soldatenaufstand jeden Augenblick in einen Germanenkrieg +gefährlichster Art sich verwandeln konnte. Dieselben römischen Truppen, +die den Rhein gegen die Germanen des rechten Ufers deckten, standen +infolge der Korpskriege den linksrheinischen Germanen feindlich +gegenüber; die Rollen waren solcher Art, daß es fast leichter schien, +sie zu wechseln als sie durchzuführen. Civilis selbst mag es wohl auf +den Erfolg haben ankommen lassen, ob die Bewegung auf einen +Kaiserwechsel oder auf die Vertreibung der Römer aus Gallien durch die +Germanen hinauslaufen werde. + +Das Kommando über die beiden Rheinarmeen führte damals, nachdem der +Statthalter von Untergermanien Kaiser geworden war, sein bisheriger +Kollege in Obergermanien Hordeonius Flaccus, ein hochbejahrter +podagrischer Mann, ohne Energie und ohne Autorität, dazu entweder in +der Tat im geheimen zu Vespasian haltend oder doch bei den eifrig dem +Kaiser ihrer Mache anhängenden Legionen solcher Treulosigkeit sehr +verdächtig. Es zeichnet ihn und seine Stellung, daß er, um sich von dem +Verdacht des Verrats zu reinigen, Befehl gab, die einlaufenden +Regierungsdepeschen uneröffnet den Adlerträgern der Legionen +zuzustellen und diese sie zunächst den Soldaten vorlasen, bevor sie +dieselben an ihre Adresse beförderten. Von den vier Legionen des +unteren Heeres, das zunächst mit den Aufständischen zu tun hatte, +standen zwei, die 5. und die 15., unter dem Legaten Munius Lupercus im +Hauptquartier zu Vetera, die 16. unter Numisius Rufus in Novaesium +(Neuß), die 1. unter Herennius Gallus in Bonna (Bonn). Von dem oberen +Heer, das damals nur drei Legionen zählte ^8, blieb die eine, die 21., +in ihrem Standquartier Vindonissa diesen Vorgängen fern, wenn sie nicht +vielmehr ganz nach Italien gezogen worden war; die beiden anderen, die +4. makedonische und die 22., standen im Hauptquartier Mainz, wo auch +Flaccus sich befand und faktisch der tüchtige Legat des letzteren, +Dillius Vocula, den Oberbefehl führte. Die Legionen hatten durchgängig +nur die Hälfte der vollen Zahl, und die meisten Soldaten waren +Halbinvalide oder Rekruten. + +————————————————————————- + +^8 Die 4. obergermanische Legion war im Jahre 58 nach Kleinasien +geschickt, wegen des Armenisch-Parthischen Krieges (Tac. ann. 13, 35). + +————————————————————————- + +Civilis, an der Spitze einer kleinen Zahl regulärer Truppen, aber des +Gesamtaufgebots der Bataver, Cannenefaten und Friesen, ging aus der +Heimat zum Angriff vor. Zunächst am Rhein stieß er auf Reste der aus +den nördlichen Gauen vertriebenen römischen Besatzungen und eine +Abteilung der römischen Rheinflotte; als er angriff, lief nicht bloß +die großenteils aus Batavern bestehende Schiffsmannschaft zu ihm über, +sondern auch eine Kohorte der Tungrer - es war der erste Abfall einer +gallischen Abteilung; was von italischen Mannschaften dabei war, wurde +erschlagen oder gefangen. Dieser Erfolg brachte endlich die +rechtsrheinischen Germanen in Bewegung. Was sie seit langem vergeblich +gehofft hatten, die Erhebung der römischen Untertanen auf dem anderen +Ufer, ging nun in Erfüllung und sowohl die Chauker und die Friesen an +der Küste wie vor allem die Bructerer zu beiden Seiten der oberen Ems +bis hinab zur Lippe, und am Mittelrhein, Köln gegenüber, die Tencterer, +in minderem Maße die südlich an diese sich anschließenden +Völkerschaften, Usiper, Mattiaker, Chatten, warfen sich in den Kampf. +Als auf Befehl des Flaccus die beiden schwachen Legionen von Vetera +gegen die Insurgenten ausrückten, konnten ihnen diese schon mit +zahlreichem überrheinischem Zuzug entgegentreten; und die Schlacht +endigte wie das Gefecht am Rhein mit einer Niederlage der Römer durch +den Abfall der batavischen Reiterei, welche zu der Garnison von Vetera +gehörte, und durch die schlechte Haltung der Reiter der Ubier wie der +Treverer. Die insurgierten wie die zuströmenden Germanen schritten +dazu, das Hauptquartier des unteren Heeres zu umstellen und zu +belagern. Während dieser Belagerung erreichte die Kunde der Vorgänge am +Unterrhein die übrigen batavischen Kohorten in der Nähe von Mainz; sie +machten sofort kehrt gegen Norden. Statt sie zusammenhauen zu lassen, +ließ der schwachmütige Oberfeldherr sie ziehen, und als der +Legionskommandant in Bonn sich ihnen entgegenwarf, unterstützte Flaccus +diesen nicht, wie er es gekonnt und sogar anfänglich zugesagt hatte. So +sprengten die tapferen Germanen die Bonner Legion auseinander und +gelangten glücklich zu Civilis, fortan der geschlossene Kern seines +Heeres, in welchem jetzt die römischen Kohortenfahnen neben den +Tierstandarten aus den heiligen Hainen der Germanen standen. Noch immer +aber hielt der Bataver, wenigstens angeblich, an Vespasian; er schwur +die römischen Truppen auf dessen Namen ein und forderte die Besatzung +von Vetera auf, sich mit ihm für diesen zu erklären. Indes diese +Mannschaften sahen darin, vermutlich mit Recht, nur einen Versuch der +Überlistung und wiesen diesen ebenso entschlossen ab wie die +anstürmenden Scharen der Feinde, die bald durch die überlegene römische +Taktik sich gezwungen sahen, die Belagerung in eine Blockade zu +verwandeln. Aber da die römische Heerleitung durch diese Vorgänge +überrascht worden war, waren die Vorräte knapp und baldiger Entsatz +dringend geboten. Um diesen zu bringen, brachen Flaccus und Vocula mit +ihrer gesamten Mannschaft von Mainz auf, zogen unterwegs die beiden +Legionen aus Bonna und Novaesium sowie die auf den erhaltenen Befehl +zahlreich sich einstellenden Hilfstruppen der gallischen Gaue an sich +und näherten sich Vetera. Aber statt sofort die gesamte Macht von innen +und außen auf die Belagerer zu werfen, mochte deren Überzahl noch so +gewaltig sein, schlug Vocula sein Lager bei Gelduba (Gellep am Rhein, +unweit Krefeld), einen starken Tagemarsch entfernt von Vetera, während +Flaccus weiter zurückstand. Die Nichtigkeit des sogenannten Feldherrn +und die immer steigende Demoralisation der Truppen, vor allem das oft +bis zu Mißhandlungen und Mordanschlägen sich steigernde Mißtrauen gegen +die Offiziere kann allein dies Einhalten wenigstens erklären. Also zog +sich das Unheil immer dichter von allen Seiten zusammen. Ganz Germanien +schien sich an dem Krieg beteiligen zu wollen; während die belagernde +Armee beständig neuen Zuzug von dort erhielt, gingen andere Schwärme +über den in diesem trocknen Sommer ungewöhnlich niedrigen Rhein teils +in den Rücken der Römer in die Gaue der Ubier und der Treverer, das +Moseltal zu brandschatzen, teils unterhalb Vetera in das Gebiet der +Maas und der Schelde; weitere Haufen erschienen vor Mainz und machten +Miene, dies zu belagern. Da kam die Nachricht von der Katastrophe in +Italien. Auf die Kunde von der zweiten Schlacht bei Betriacum im Herbst +des Jahres 69 gaben die germanischen Legionen die Sache des Vitellius +verloren und schwuren, wenn auch widerwillig, dem Vespasian; vielleicht +in der Hoffnung, daß Civilis, der ja auch den Namen Vespasians auf +seine Fahnen geschrieben hatte, dann seinen Frieden machen werde. Aber +die germanischen Schwärme, die inzwischen über ganz Nordgallien sich +ergossen hatten, waren nicht gekommen, um die Flavische Dynastie +einzusetzen; selbst wenn Civilis dies einmal gewollt hatte, jetzt hätte +er es nicht mehr gekonnt. Er warf die Maske weg und sprach es offen +aus, was freilich längst feststand, daß die Germanen Nordgalliens sich +mit Hilfe der freien Landsleute der römischen Herrschaft zu entwinden +gedachten. + +Aber das Kriegsglück schlug um. Civilis versuchte das Lager von Gelduba +zu überrumpeln; der Überfall begann glücklich und der Abfall der +Kohorten der Nervier brachte Voculas kleine Schar in eine kritische +Lage. Da fielen plötzlich zwei spanische Kohorten den Germanen in den +Rücken; die drohende Niederlage verwandelte sich in einen glänzenden +Sieg; der Kern der angreifenden Armee blieb auf dem Schlachtfeld. +Vocula rückte zwar nicht sofort gegen Vetera vor, was er wohl gekonnt +hätte, aber drang einige Tage später, nach einem abermaligen heftigen +Gefecht mit den Feinden, in die belagerte Stadt. Freilich Lebensmittel +brachte er nicht; und da der Fluß in der Gewalt des Feindes war, mußten +diese auf dem Landweg von Novaesium herbeigeschafft werden, wo Flaccus +lagerte. Der erste Transport kam durch; aber die inzwischen wieder +gesammelten Feinde griffen die zweite Proviantkolonne unterwegs an und +nötigten sie, sich nach Gelduba zu werfen. Zu ihrer Unterstützung ging +Vocula mit seinen Truppen und einem Teil der alten Besatzung von Vetera +dorthin ab. In Gelduba angelangt, weigerten sich die Mannschaften, nach +Vetera zurückzukehren und die Leiden der abermals in Aussicht stehenden +Belagerung weiter auf sich zu nehmen; statt dessen marschierten sie +nach Novaesium, und Vocula, welcher den Rest der alten Garnison von +Vetera einigermaßen verproviantiert wußte, mußte wohl oder übel folgen. +In Novaesium war inzwischen die Meuterei zum Ausbruch gelangt. Die +Soldaten hatten in Erfahrung gebracht, daß ein von Vitellius für sie +bestimmtes Donativ an den Feldherrn gelangt sei und erzwangen dessen +Verteilung auf den Namen Vespasians. Kaum hatten sie es, so brach in +den wüsten Gelagen, welche die Spende im Gefolge hatte, der alte +Soldatengroll wieder hervor; sie plünderten das Haus des Feldherrn, der +die Rheinarmee an den General der syrischen Legionen verraten hatte, +erschlugen ihn und hätten auch dem Vocula das gleiche Schicksal +bereitet, wenn dieser nicht in Vermummung entkommen wäre. Darauf riefen +sie abermals den Vitellius zum Kaiser aus, nicht wissend, daß dieser +schon tot war. Als diese Kunde ins Lager kam, kam der bessere Teil der +Soldaten, namentlich die beiden obergermanischen Legionen, einigermaßen +zur Besinnung; sie vertauschten an ihren Standarten das Bildnis des +Vitellius wieder mit dem Vespasians und stellten sich unter Voculas +Befehle; dieser führte sie nach Mainz, wo er den Rest des Winters 69/70 +verblieb. Civilis besetzte Gelduba und schnitt damit Vetera ab, das +aufs neue eng blockiert ward; die Lager von Novaesium und Bonna wurden +noch gehalten. + +Bisher hatte das gallische Land, abgesehen von den wenigen insurgierten +germanischen Gauen im Norden, fest an Rom gehalten. Allerdings ging die +Parteiung durch die einzelnen Gaue; unter den Tungrern zum Beispiel +hatten die Bataver starken Anhang, und die schlechte Haltung der +gallischen Hilfsmannschaften während des ganzen Feldzugs wird wohl zum +Teil durch dergleichen römerfeindliche Stimmungen hervorgerufen sein. +Aber auch unter den Insurgierten gab es eine ansehnliche römisch +gesinnte Partei; ein vornehmer Bataver, Claudius Labeo, führte gegen +seine Landsleute in seiner Heimat und der Nachbarschaft einen +Parteigängerkrieg nicht ohne Erfolg und Civilis’ Schwestersohn Iulius +Briganticus fiel in einem dieser Gefechte an der Spitze einer römischen +Reiterschar. Dem Befehl, Zuzug zu senden, hatten alle gallischen Gaue +ohne weiteres Folge geleistet; die Ubier, obwohl germanischer Herkunft, +waren auch in diesem Kriege lediglich ihres Römerrums eingedenk und +sie, wie die Treverer, hatten den in ihr Gebiet einbrechenden Germanen +tapferen und erfolgreichen Widerstand geleistet. Es war das +begreiflich. Die Dinge lagen in Gallien noch so wie in den Zeiten +Caesars und Ariovists; eine Befreiung der gallischen Heimat von der +römischen Herrschaft durch diejenigen Schwärme, welche, um dem Civilis +landsmannschaftlichen Beistand zu leisten, eben damals das Mosel-, +Maas- und Scheldetal ausraubten, war ebensosehr eine Auslieferung des +Landes an die germanischen Nachbarn; in diesem Krieg, der aus einer +Fehde zwischen zwei römischen Truppenkorps zu einem +römisch-germanischen sich entwickelt hatte, waren die Gallier +eigentlich nichts als der Einsatz und die Beute. Daß die Stimmung der +Gallier, trotz aller wohlbegründeten allgemeinen und besonderen +Beschwerden über das römische Regiment, überwiegend antigermanisch war +und für jene aufflammende und rücksichtslose nationale Erhebung, wie +sie vor Zeiten wohl durch das Volk gegangen war, in diesem inzwischen +halb romanisierten Gallien der Zündstoff fehlte, hatten die bisherigen +Vorgänge auf das deutlichste gezeigt. Aber unter den beständigen +Mißerfolgen der römischen Armee wuchs allmählich den römerfeindlichen +Galliern der Mut, und ihr Abfall vollendete die Katastrophe. Zwei +vornehme Treverer, Iulius Classicus, der Befehlshaber der treverischen +Reiterei, und Iulius Tutor, der Kommandant der Uferbesatzungen am +Mittelrhein, der Lingone Iulius Sabinus, Nachkomme, wie er wenigstens +sich berühmte, eines Bastards Caesars, und einige andere gleichgesinnte +Männer aus verschiedenen Gauen glaubten in der fahrigen keltischen +Weise zu erkennen, daß der Untergang Roms in den Sternen geschrieben +und durch den Brand des Kapitols (Dezember 69) der Welt verkündigt sei. +So beschlossen sie, die Römerherrschaft zu beseitigen und ein +Gallisches Reich zu errichten. Dazu gingen sie den Weg des Arminius. +Vocula ließ sich wirklich durch gefälschte Rapporte dieser römischen +Offiziere bestimmen, mit den unter ihrem Kommando stehenden +Kontingenten und einem Teil der Mainzer Besatzung im Frühjahr 70 nach +dem Unterrhein aufzubrechen, um mit diesen Truppen und den Legionen von +Bonna und Novaesium das hart bedrängte Vetera zu entsetzen. Auf dem +Marsch von Novaesium nach Vetera verließen Classicus und die mit ihm +einverstandenen Offiziere das römische Heer und proklamierten das neue +Gallische Reich. Vocula führte die Legionen zurück nach Novaesium; +unmittelbar davor schlug Classicus sein Lager auf. Vetera konnte sich +nicht mehr lange halten; die Römer mußten erwarten, nach dessen Fall +die gesamte Macht des Feindes sich gegenüber zu finden. Dies vor Augen, +versagten die römischen Truppen und kapitulierten mit den abgefallenen +Offizieren. Vergeblich versuchte Vocula noch einmal die Bande der Zucht +und der Ehre anzuziehen; die Legionen Roms ließen es geschehen, daß ein +römischer Überläufer von der ersten Legion auf Befehl des Classicus den +tapferen Feldherrn niederstieß und lieferten selbst die übrigen +Oberoffiziere gefesselt an den Vertreter des Reiches Gallien aus, der +dann die Soldaten auf dieses Reich in Eid und Pflicht nahm. Denselben +Schwur leistete in die Hände der eidbrüchigen Offiziere die Besatzung +von Vetera, die, durch Hunger bezwungen, sofort sich ergab, und ebenso +die Besatzung von Mainz, wo nur wenige einzelne der Schande sich durch +Flucht oder Tod entzogen. Das ganze stolze Rheinheer, die erste Armee +des Reiches, hatte vor seinen eigenen Auxilien, Rom vor Gallien +kapituliert. + +Es war ein Trauerspiel und zugleich eine Posse. Das Gallische Reich +verlief, wie es mußte. Civilis und seine Germanen ließen es zunächst +sich wohl gefallen, daß der Zwist im römischen Lager ihnen die eine wie +die andere Hälfte der Feinde in die Hände lieferte, aber er dachte +nicht daran, jenes Reich anzuerkennen, und noch weniger seine +rechtsrheinischen Genossen. + +Ebenso wenig wollten die Gallier selbst davon etwas wissen, wobei +allerdings der schon bei dem Aufstand des Vindex hervorgetretene Riß +zwischen den östlichen Distrikten und dem übrigen Lande mit ins Gewicht +fiel. Die Treverer und die Lingonen, deren leitende Männer jene +Lagerverschwörung angezettelt hatten, standen zu ihren Führern, aber +sie blieben so gut wie allein, nur die Vangionen und Triboker schlossen +sich an. Die Sequaner, in deren Gebiet die benachbarten Lingonen +einrückten, um sie zum Beitritt zu bestimmen, schlugen dieselben +kurzweg zum Lande hinaus. Die angesehenen Remer, der führende Gau in +der Belgica, riefen den Landtag der drei Gallien ein, und obwohl es an +politischen Freiheitsrednern auf demselben nicht mangelte, so beschloß +derselbe lediglich, die Treverer von der Auflehnung abzumahnen. + +Wie die Verfassung des neuen Reiches ausgefallen sein würde, wenn es +zustande gekommen wäre, ist schwer zu sagen; wir erfahren nur, daß +jener Sabinus, der Urenkel der Kebse Caesars, sich auch Caesar nannte +und in dieser Eigenschaft sich von den Sequanern schlagen ließ, +Classicus dagegen, dem solche Aszendenz nicht zu Gebote stand, die +Abzeichen der römischen Magistratur anlegte, also wohl den +republikanischen Prokonsul spielte. Dazu paßt eine Münze, die von +Classicus oder seinen Anhängern geschlagen sein muß, welche den Kopf +der Gallia zeigt, wie die Münzen der römischen Republik den der Roma, +und daneben das Legionssymbol mit der recht verwegenen Umschrift der +“Treue” (fides). + +Zunächst am Rhein freilich hatten die Reichsmänner in Gemeinschaft mit +den insurgierten Germanen freie Hand. Die Reste der beiden Legionen, +die in Vetera kapituliert hatten, wurden gegen die Kapitulation und +gegen Civilis’ Willen niedergemacht, die beiden von Novaesium und Bonna +nach Trier geschickt, die sämtlichen römischen Rheinlager, große und +kleine, mit Ausnahme von Mogontiacum niedergebrannt. In der schlimmsten +Lage fanden sich die Agrippinenser. Die Reichsmänner hatten sich +allerdings darauf beschränkt, von ihnen den Treueid zu fordern; aber +ihnen vergaßen es die Germanen nicht, daß sie eigentlich die Ubier +waren. Eine Botschaft der Tencterer vom rechten Rheinufer - es war dies +einer der Stämme, deren alte Heimat die Römer ödegelegt hatten und als +Viehtrift benutzten, und die infolgedessen sich andere Wohnsitze hatten +suchen müssen - forderte die Schleifung dieses Hauptsitzes der +germanischen Apostaten und die Hinrichtung aller ihrer Bürger römischer +Herkunft. Dies wäre auch wohl beschlossen worden, wenn nicht sowohl +Civilis, der ihnen persönlich verpflichtet war, wie auch die +germanische Prophetin, Veleda im Bructerergau, welche diesen Sieg +vorhergesagt hatte und deren Autorität das ganze Insurgentenheer +anerkannte, ihr Fürwort eingelegt hätten. + +Lange Zeit blieb den Siegern nicht, über die Beute zu streiten. Die +Reichsmänner versicherten allerdings, daß der Bürgerkrieg in Italien +ausgebrochen, alle Provinzen vom Feinde überzogen und Vespasianus +wahrscheinlich tot sei; aber der schwere Arm Roms wurde bald genug +empfunden. Das neu befestigte Regiment konnte die besten Feldherren und +zahlreiche Legionen an den Rhein entsenden, und es bedurfte allerdings +hier einer imposanten Machtentwicklung. Annius Gallus übernahm das +Kommando in der oberen, Petillius Cerialis in der unteren Provinz, der +letztere, ein ungestümer und oft unvorsichtiger, aber tapferer und +fähiger Offizier, die eigentliche Aktion. Außer der 21. Legion von +Vindonissa kamen fünf aus Italien, drei aus Spanien, eine nebst der +Flotte aus Britannien, dazu ein weiteres Korps von der rätischen +Besatzung. Dieses und die 21. Legion trafen zuerst ein. Die +Reichsmänner hatten wohl davon geredet, die Alpenpässe zu sperren; aber +geschehen war nichts und das ganze oberrheinische Land bis nach Mainz +lag offen da. Die beiden Mainzer Legionen hatten zwar dem gallischen +Reich geschworen und leisteten anfänglich Widerstand; aber sowie sie +erkannten, daß eine größere römische Armee ihnen gegenüberstand, +kehrten sie zum Gehorsam zurück und ihrem Beispiel folgten sofort die +Vangionen und die Triboker. Sogar die Lingonen unterwarfen sich ohne +Schwertstreich, bloß gegen Zusage milder Behandlung, ihrer 70000 +waffenfähigen Männer ^9. Fast hätten die Treverer selbst das gleiche +getan; doch wurden sie daran durch den Adel verhindert. Die beiden von +der niederrheinischen Armee übriggebliebenen Legionen, die hier +standen, hatten auf die erste Kunde von dem Annahen der Römer die +gallischen Insignien von ihren Feldzeichen gerissen und rückten ab zu +den treugebliebenen Mediomatrikern (Metz), wo sie sich der Gnade des +neuen Feldherrn unterwarfen. Als Cerialis bei dem Heer eintraf, fand er +schon ein gutes Stück der Arbeit getan. Die Insurgentenführer freilich +boten das Äußerste auf - damals sind auf ihr Geheiß die bei Novaesium +ausgelieferten Legionslegaten umgebracht worden -, aber militärisch +waren sie ohnmächtig und ihr letzter politischer Schachzug, dem +römischen Feldherrn selber die Herrschaft des Gallischen Reiches +anzutragen, des Anfangs würdig. Nach kurzem Gefecht besetzte Cerialis +die Hauptstadt der Treverer, nachdem die Führer und der ganze Rat zu +den Germanen geflüchtet waren; das war das Ende des Gallischen Reiches. + +—————————————————————————— + +^9 Frontin strat. 4, 3, 14. In ihrem Gebiet müssen die einrückenden +Truppen eine Reservestellung und ein Depot angelegt haben; nach +kürzlich bei Mirabeau-sur-Bèze, 22 Kilometer nordöstlich von Dijon, +gefundenen Ziegeln haben Mannschaften von wenigstens fünf der +einrückenden Legionen hier Bauten ausgeführt (Heymes 19, 1884, S. 437). + +—————————————————————————— + +Ernster war der Kampf mit den Germanen. Civilis überfiel mit seiner +gesamten Streitmacht, den Batavern, dem Zuzug der Germanen und den +landflüchtigen Scharen der gallischen Insurgenten die viel schwächere +römische Armee in Trier selbst; schon war das römische Lager in seiner +Gewalt und die Moselbrücke von ihm besetzt, als seine Leute, statt den +gewonnenen Sieg zu verfolgen, vorzeitig zu plündern begannen und +Cerialis, seine Unvorsichtigkeit durch glänzende Tapferkeit +wiedergutmachend, den Kampf wiederherstellte und schließlich die +Germanen aus dem Lager und der Stadt hinausschlug. Es gelang nichts +mehr von Bedeutung. Die Agrippinenser schlugen sich sofort wieder zu +den Römern und brachten die bei ihnen weilenden Germanen in den Häusern +um; eine ganze dort lagernde germanische Kohorte wurde eingesperrt und +in ihrem Quartier verbrannt. Was in der Belgica noch zu den Germanen +hielt, brachte die aus Britannien eintreffende Legion zum Gehorsam +zurück; ein Sieg der Cannenefaten über die römischen Schiffe, die die +Legion gelandet hatten, andere einzelne Erfolg der tapferen +germanischen Haufen und vor allem der zahlreicheren und besser +geführten germanischen Schiffe änderten die allgemeine Kriegslage +nicht. Auf den Ruinen von Vetera bot Civilis dem Feind die Stirn; aber +dem inzwischen verdoppelten römischen Heere mußte er weichen, dann +endlich auch die eigene Heimat nach verzweifelter Gegenwehr dem Feind +überlassen. Wie immer stellte im Gefolge des Unglücks die Zwietracht +sich ein; Civilis war seiner eigenen Leute nicht mehr sicher und suchte +und fand Schutz vor ihnen bei den Feinden. Im Spätherbst des Jahres 70 +war der ungleiche Kampf entschieden; die Auxilien kapitulierten nun +ihrerseits vor den Bürgerlegionen und die Priesterin Veleda kam als +Gefangene nach Rom. + +Blicken wir zurück auf diesen Krieg, einen der seltsamsten und einen +der entsetzlichsten aller Zeiten, so ist kaum je einer Armee eine +gleich schwere Aufgabe gestellt worden wie den beiden römischen +Rheinheeren in den Jahren 69 und 70: im Laufe weniger Monate Soldaten +Neros, dann des Senats, dann Galbas, dann des Vitellius, dann +Vespasians; die einzige Stütze der Herrschaft Italiens über die zwei +mächtigen Nationen der Gallier und der Germanen, und die Soldaten der +Auxilien fast ganz, die der Legionen großenteils aus eben diesen +Nationen genommen; ihrer besten Mannschaften beraubt, meist ohne +Löhnung und oft hungernd und über alle Maßen elend geführt, ist ihnen +allerdings innerlich wie äußerlich Übermenschliches zugemutet worden. +Sie haben die schwere Probe übel bestanden. Es ist dieser Krieg weniger +einer gewesen zwischen zwei Armeekorps, wie die anderen Bürgerkriege +dieser entsetzlichen Zeit, als ein Krieg der Soldaten und vor allem der +Offiziere zweiter Klasse gegen die der ersten, verbunden mit einer +gefährlichen Insurrektion und Invasion der Germanen und einer +beiläufigen und unbedeutenden Auflehnung einiger keltischer Distrikte. +In der römischen Militärgeschichte sind Cannae und Karrhä und der +Teutoburger Wald Ruhmesblätter, verglichen mit der Doppelschmach von +Novaesium; nur wenige einzelne Männer, keine einzige Truppe hat in der +allgemeinen Verunehrung sich reinen Schild bewahrt. Die grauenhafte +Zerrüttung des Staats- und vor allem des Heerwesens, welche bei dem +Untergang der Julisch-Claudischen Dynastie uns entgegentritt, erscheint +deutlicher noch als in der führerlosen Schlacht von Betriacum in diesen +Vorgängen am Rhein, derengleichen die Geschichte Roms nie vorher und +nie nachher aufweist. + +Bei dem Umfang und der Allgemeinheit dieser Frevel war ein +entsprechendes Strafgericht unmöglich. Es verdient Anerkennung, daß der +neue Herrscher, der glücklicherweise persönlich all diesen Vorgängen +fern geblieben war, in echt staatsmännischer Weise das Vergangene +vergangen sein ließ und nur bemüht war, der Wiederholung ähnlicher +Auftritte vorzubeugen. Daß die hervorragenden Schuldigen, sowohl aus +den Reihen der Truppen wie aus den Insurgenten, für ihre Verbrechen zur +Rechenschaft gezogen wurden, versteht sich von selbst; man mag das +Strafgericht daran messen, daß, als fünf Jahre später einer der +gallischen Insurgentenführer in einem Versteck aufgefunden wurde, in +dem seine Gattin ihn bis dahin verborgen gehalten hatte, Vespasian ihn +wie sie dem Henker übergab. Aber man gestattete den abtrünnigen +Legionen, mit gegen die Deutschen zu kämpfen und in den heißen +Schlachten bei Trier und bei Vetera ihre Schuld einigermaßen zu sühnen. +Allerdings wurden nichtsdestoweniger die vier Legionen des +unterrheinischen Heeres alle, und von den beiden beteiligten +oberrheinischen die eine kassiert - gern möchte man glauben, daß die +22. verschont ward in ehrender Erinnerung an ihren tapferen Legaten. +Auch von den batavischen Kohorten ist wahrscheinlich eine beträchtliche +Anzahl von dem gleichen Schicksal betroffen worden, nicht minder, wie +es scheint, das Reiterregiment der Treverer und vielleicht noch manche +andere besonders hervorgetretene Truppe. Noch viel weniger als gegen +die abtrünnigen Soldaten konnte gegen die insurgierten keltischen und +germanischen Gaue mit der vollen Schärfe des Gesetzes eingeschritten +werden; daß die römischen Legionen die Schleifung der treverischen +Augustuskolonie forderten, diesmal nicht der Beute, sondern der Rache +wegen, ist wenigstens ebenso begreiflich wie die von den Germanen +begehrte Zerstörung der Ubierstadt; aber wie Civilis diese, so schützte +jene Vespasian. Selbst den linksrheinischen Germanen wurde ihre +bisherige Stellung im ganzen gelassen. Wahrscheinlich aber trat - wir +sind hier ohne sichere Überlieferung - in der Aushebung und der +Verwendung der Auxilien eine wesentliche Änderung ein, welche die in +dem Auxilienwesen liegende Gefahr minderte. Den Batavern blieb die +Steuerfreiheit und ein immer noch bevorzugtes Dienstverhältnis; hatte +doch ein nicht ganz geringer Teil derselben die Sache der Römer mit den +Waffen verfochten. Aber die batavischen Truppen wurden beträchtlich +verringert, und wenn ihnen bisher, wie es scheint von Rechts wegen, die +Offiziere aus dem eigenen Adel gesetzt worden waren, und auch gegenüber +den sonstigen germanischen und keltischen das gleiche wenigstens häufig +geschehen war, so werden die Offiziere der Alen und Kohorten späterhin +überwiegend aus dem Stande genommen, dem Vespasian selber entstammte, +aus dem guten städtischen Mittelstand Italiens und der italisch +geordneten Provinzialstädte. Offiziere von der Stellung des Cheruskers +Arminius, des Batavers Civilis, des Treverers Classicus begegnen +seitdem nicht wieder. Die bisherige Geschlossenheit der aus dem +gleichen Gau ausgehobenen Truppen findet sich später ebensowenig, +sondern die Leute dienen ohne Unterschied ihrer Herkunft in den +verschiedensten Abteilungen; es ist das wahrscheinlich eine Lehre, +welche die römische Militärverwaltung sich aus diesem Kriege gezogen +hat. Eine andere durch diesen Krieg gewiesene Änderung wird es sein, +daß, wenn bis dahin die in Germanien verwendeten Auxilien der Mehrzahl +nach aus den germanischen und den benachbarten Gauen genommen waren, +seitdem eben, wie die dalmatischen und pannonischen infolge des +Batonischen Krieges, fortan auch die germanischen Auxiliartruppen +überwiegend außerhalb ihrer Heimat Verwendung fanden. Vespasian war ein +einsichtiger und erfahrener Militär; es ist wahrscheinlich zum guten +Teil sein Verdienst, wenn von Auflehnung der Auxilien gegen ihre +Legionen kein späteres Beispiel begegnet. + +Daß die eben berichtete Insurrektion der linksrheinischen Germanen, +obwohl sie, infolge der zufälligen Vollständigkeit der darüber +erhaltenen Berichte, allein uns einen deutlichen Einblick in die +politischen und militärischen Verhältnisse am Unterrhein und Galliens +überhaupt gewährt und darum auch eine ausführliche Erzählung verdiente, +dennoch mehr durch äußere und zufällige Ursachen als durch die innere +Notwendigkeit der Dinge hervorgerufen wurden, beweist die nun folgende, +anscheinend vollständige Ruhe daselbst und der, soviel wir sehen, +ununterbrochene Status quo eben in dieser Gegend. Die römischen +Germanen sind in dem Reiche nicht minder vollständig aufgegangen als +die römischen Gallier; von Insurrektionsversuchen jener ist nie wieder +die Rede. Am Ausgang des dritten Jahrhunderts wird von den über den +Unterrhein in Gallien einbrechenden Franken auch das batavische Gebiet +mit erfaßt; doch haben sich die Bataver in ihren alten, wenn auch +geschmälerten Sitzen und ebenso die Friesen selbst während der Wirren +der Völkerwanderung behauptet und, soviel wir wissen, auch dem +baufälligen Reichsganzen die Treue bewahrt. + +Wenden wir uns von den römischen zu den freien Germanen östlich vom +Rhein, so ist für diese mit ihrer Beteiligung an jener batavischen +Insurrektion das offensive Vorgehen nicht minder vorbei, wie mit den +Expeditionen des Germanicus die Versuche der Römer zu Ende sind, eine +Grenzveränderung im großen Stil in diesen Gebieten herbeizuführen. + +Unter den freien Germanen sind die dem römischen Gebiet nächstwohnenden +die Bructerer an beiden Ufern der mittleren Ems und in dem Quellgebiet +der Ems und der Lippe, weshalb sie auch vor allen übrigen Germanen sich +an der batavischen Insurrektion beteiligten. Aus ihrem Gau war das +Mädchen Veleda, die ihre Landsleute in den Krieg gegen Rom entsandte +und ihnen den Sieg verhieß, deren Ausspruch über das Schicksal der +Ubierstadt entschied, zu deren hohem Turm die gefangenen Senatoren und +das erbeutete Admiralschiff der Rheinflotte gesendet wurden. Die +Niederwerfung der Bataver traf auch sie, vielleicht noch ein besonderer +Gegenschlag der Römer, da jene Jungfrau späterhin gefangen nach Rom +geführt ward. Diese Katastrophe sowie Fehden mit den benachbarten +Völkern brachen ihre Macht; unter Nerva ist ihnen ein König, den sie +nicht wollten, von ihren Nachbarn unter passiver Assistenz des +römischen Legaten mit den Waffen aufgezwungen worden. + +Die Cherusker im oberen Wesergebiet, zu Augustus’ und Tiberius’ Zeit +der führende Gau in Mitteldeutschland, werden seit Armins Tode selten +genannt, immer aber als in guten Beziehungen zu den Römern stehend. Als +der Bürgerkrieg, der bei ihnen auch nach Arminius’ Fall weiter gewütet +haben muß, ihr ganzes Fürstengeschlecht hingerafft, erbaten sie sich +den letzten des Hauses, den in Italien lebenden Brudersohn Armins, +Italicus, von der römischen Regierung zum Herrscher; freilich +entzündete die Heimkehr des tapferen, aber mehr seinem Namen als seiner +Herkunft entsprechenden Mannes die Fehde abermals und, von den Seinen +vertrieben, setzten ihn noch einmal die Langobarden auf den wankenden +Herrschersitz. Einer seiner Nachfolger, der König Chariomerus, ergriff +in dem Chattenkrieg Domitians so ernstlich für die Römer Partei, daß er +nach dessen Beendigung, von den Chatten vertrieben, zu den Römern +flüchtete und deren Intervention, freilich vergebens, anrief. Durch +diese ewigen inneren und äußeren Fehden ward das Cheruskervolk so +geschwächt, daß es seitdem aus der aktiven Politik verschwindet. Der +Name der Marser wird seit den Zügen des Germanicus überhaupt nicht mehr +gefunden. Daß die weiter östlich an der Elbe wohnenden Völkerschaften, +wie alle entfernteren Germanen, an den Kämpfen der Bataver und ihrer +Genossen in den Jahren 69 und 70 sich so wenig beteiligt haben wie +diese an den germanischen Kriegen unter Augustus und Tiberius, darf bei +der Ausführlichkeit des Berichtes als sicher bezeichnet werden. Wo sie +späterhin einmal begegnen, erscheinen sie nie in feindlicher Haltung +gegen die Römer. Daß die Langobarden den römischen Cheruskerkönig +wieder einsetzten, wurde schon erwähnt. Der König der Semnonen, Masuus, +und merkwürdigerweise mit ihm die Prophetin Ganna, welche bei diesem, +wegen besonderer Gläubigkeit berühmten Stamme in hohem Ansehen stand, +besuchten den Kaiser Domitianus in Rom und wurden an dessen Hofe +freundlich aufgenommen. Es mag in den Gegenden von der Weser bis zur +Elbe in diesen Jahrhunderten manche Fehde getobt, manche Machtstellung +sich verschoben, mancher Gau den Namen gewechselt oder sich anderer +Verbindung eingefügt haben; den Römern gegenüber trat, nachdem der +feste Verzicht derselben auf Unterwerfung dieser Landschaft allgemein +empfunden ward, ein dauernder Grenzfriede ein. Auch Invasionen aus dem +fernen Osten können denselben in dieser Epoche nicht wesentlich gestört +haben; denn der Rückschlag davon auf die römische Grenzwacht hätte +nicht ausbleiben können und von ernsteren Krisen auf diesem Gebiet +würde die Kunde nicht fehlen. Zu allem diesem gibt das Siegel die +Reduktion der niederrheinischen Armee auf die Hälfte des früheren +Bestandes, welche, wir wissen nicht genau wann, aber in dieser Epoche +eingetreten ist. Das niederrheinische Heer, mit welchem Vespasian zu +kämpfen hatte, zählte vier Legionen, das der traianischen Zeit +vermutlich die gleiche Zahl, mindestens drei ^10; wahrscheinlich schon +unter Hadrian, gewiß unter Marcus, standen daselbst nicht mehr als +zwei, die 1. minervische und die 30. Traians. + +———————————————————————- + +^10 Unter dem Legaten Q. Acutius Nerva, welcher wahrscheinlich der +Konsul des Jahres 100 ist, also nach diesem Jahre Untergermanien +verwaltete, standen nach Inschriften von Brohl (Brambach 660, 662, 679, +680) in dieser Provinz vier Legionen, die 1. Minervia, 6. victrix, 10. +gemina, 22. primigenia. Da jede dieser Inschriften nur zwei oder drei +nennt, so kann die Besatzung damals nur aus drei Legionen bestanden +haben, wenn während Acutius’ Statthalterschaft die 1. Minervia für die +anderswohin abgegebene 22. primigenia eintrat. Aber bei weitem +wahrscheinlicher ist es, da bei den Detachierungen in die Steinbrüche +bei Brohl nicht immer alle Legionen beteiligt waren, daß jene vier +Legionen gleichzeitig in Untergermanien garnisonierten. Diese vier +Legionen sind wahrscheinlich eben die, welche bei der Reorganisation +der germanischen Heere durch Vespasian nach Untergermanien kamen, nur +daß die 1. Minervia von Domitian an die Stelle der wahrscheinlich von +ihm aufgelösten 21. gesetzt ist. + +———————————————————————- + +In anderer Weise entwickelten sich die germanischen Verhältnisse in der +oberen Provinz. Von den linksrheinischen Germanen, die dieser +angehörten, den Tribokern, Nemetern, Vangionen, ist geschichtlich +nichts hervorzuheben als daß sie, seit langem unter den Kelten +ansässig, die Schicksale Galliens teilten. Die hauptsächliche +Verteidigungslinie der Römer ist auch hier der Rhein immer geblieben. +Alle Standlager der Legionen finden sich zu aller Zeit auf dem linken +Rheinufer; nicht einmal das von Argentoratum ist auf das rechte verlegt +worden, als das ganze Neckargebiet römisch war. Aber wenn in der +unteren Provinz die römische Herrschaft auf dem rechten Rheinufer im +Laufe der Zeit beschränkt wird, so wird sie umgekehrt hier erweitert. +Die von Augustus beabsichtigte Verknüpfung der Rheinlager mit denen an +der Donau durch Vorschiebung der Reichsgrenze in östlicher Richtung, +welche, wenn sie zur Ausführung gekommen wäre, mehr Ober- als +Untergermanien erweitert haben würde, ist in diesem Kommando wohl +niemals völlig aufgegeben und späterhin, wenn auch in bescheidenerem +Maßstabe, wieder aufgenommen worden. Die Überlieferung gestattet uns +nicht, die in diesem Sinne durch Jahrhunderte fortgeführten +Operationen, die dazu gehörigen Straßen- und Wallbauten, die deshalb +geführten Kriege in ihrem Zusammenhang darzulegen; und auch der noch +vorhandene große Militärbau, dessen gleichfalls Jahrhunderte umfassende +Entstehung einen guten Teil jener Geschichte in sich schließen muß, ist +bisher nicht so, wie es wohl geschehen könnte, von militärisch +geschärften Augen in seiner Gesamtheit untersucht worden - die +Hoffnung, daß das geeinigte Deutschland sich auch zu der Erforschung +dieses seines ältesten geschichtlichen Gesamtdenkmals vereinigen werde, +ist fehlgeschlagen. Was zur Zeit aus den Trümmern der römischen Annalen +oder der römischen Kastelle darüber ans Licht gekommen ist, soll hier +versucht werden zusammenzufassen. + +Auf dem rechten Ufer legt sich, nicht weit von dem nördlichen Ende der +Provinz, dem ebenen oder hügeligen niederrheinischen Land in +westöstlicher Richtung die Taunuskette vor, die gegenüber Bingen auf +den Rhein stößt. Diesem Bergzug parallel, auf der anderen Seite +abgeschlossen durch die Ausläufer des Odenwaldes, erstreckt sich die +Ebene des unteren Maintales, der rechte Zugang zum inneren Deutschland, +beherrscht von der Schlüsselstellung an der Mündung des Mains in den +Rhein, Mogontiacum oder Mainz, seit Drusus’ Zeit bis zum Ausgang Roms +der Ausfallsburg der Römer aus Gallien gegen Germanien ^11 wie +heutzutage dem rechten Riegel Deutschlands gegen Frankreich. Hier +behielten die Römer, auch nachdem sie auf die Herrschaft im +überrheinischen Land im allgemeinen verzichtet hatten, nicht bloß den +Brückenkopf am anderen Ufer, das castellum Mogontiacense (Kastel), +sondern jene Mainebene selbst in ihrem Besitz; und in diesem Gebiet +durfte auch die römische Zivilisation sich festsetzen. Es war dies +ursprünglich chattisches Land und ein chattischer Stamm, die Mattiaker, +sind auch unter römischer Herrschaft hier ansässig geblieben; aber +nachdem die Chatten diesen Distrikt an Drusus hatten abtreten müssen, +ist derselbe ein Teil des Reiches geblieben. Die warmen Quellen in der +nächsten Nähe von Mainz (aquae Mattiacae, Wiesbaden) wurden erweislich +in Vespasians Zeit, und sicher schon lange vorher, von den Römern +benutzt; unter Claudius wurde hier auf Silber gebaut; die Mattiaker +haben schon früh wie andere Untertanendistrikte Truppen zur Armee +gestellt. An der allgemeinen Auflehnung der Germanen unter Civilis +nahmen sie Anteil; aber nach der Besiegung stellten die früheren +Verhältnisse sich wieder her. Seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts +finden wir die Gemeinde der taunensischen Mattiaker unter römisch +geordneten Behörden ^12. + +——————————————————————— + +^11 Nach Zangemeisters (Korrespondenzblatt der Westdeutschen +Zeitschrift 3, 1884, S. 307ff.) schönen Entzifferungen steht es fest, +daß eine Militärstraße am linken Rheinufer von Mainz bis an die Grenze +der obergermanischen Provinz schon unter Claudius angelegt ward. + +^12 Der volle Name c(ivitas) M(attiacorum) Ta(unensium) erscheint auf +der Inschrift von Kastel (Brambach 1330); als civitas Mattiacorum oder +civitas Taunensium kommt sie öfter vor, mit Duovirn Ädilen, Decurionen, +Sacerdotalen Sevirn; eigentümlich und für die Grenzstadt bezeichnend +sind die wahrscheinlich als Munizipalmiliz zu fassenden hastiferi +civitatis Mattiacorum (Brambach 1336). Das älteste datierte Dokument +dieser Gemeinde ist vom Jahre 198 (Brambach 956). + +——————————————————————— + +Die Chatten, obwohl also vom Rhein abgedrängt, erscheinen in der +folgenden Zeit als der mächtigste Stamm unter denen des germanischen +Binnenlandes, die mit den Römern in Beziehung kamen; die Führung, die +unter Augustur und Tiberius die Cherusker an der mittleren Weser gehabt +hatten, ging in der stetigen Fehde mit diesen, ihren stammverwandten +südlichen Nachbarn auf die letzteren über. Alle Kriege zwischen Römern +und Germanen, von denen wir aus der Zeit nach Arminius’ Tod bis auf die +beginnende Völkerverschiebung am Ende des 3. Jahrhunderts Kunde haben, +sind gegen die Chatten geführt worden; so im Jahre 41 unter Claudius +durch den späteren Kaiser Galba, im Jahre 50 unter demselben Kaiser +durch den als Dichter gefeierten Publius Pomponius Secundus. Dies waren +die üblichen Grenzeinfälle, und an dem großen Batavischen Kriege waren +die Chatten zwar auch, aber nur nebenbei beteiligt. Aber in dem +Feldzug, den der Kaiser Domitianus im Jahre 83 unternahm, waren die +Römer die Angreifenden, und dieser Krieg führte zwar nicht zu +glänzenden Siegen, aber wohl zu einer bedeutenden und folgenreichen +Vorschiebung der römischen Grenze ^13. Damals wird die Grenzlinie so, +wie wir sie seitdem gezogen finden, geordnet und in dieselbe, welche in +ihrem nördlichsten Stück sich nicht weit vom Rhein entfernte, hier ein +großer Teil des Taunus und das Maingebiet bis oberhalb Friedberg +hineingezogen worden sein. Die Usiper, die nach ihrer schon berichteten +Vertreibung aus dem Lippegebiet um die Zeit Vespasians in der Nähe von +Mainz auftreten und östlich von den Mattiakern an der Kinzig oder im +Fuldischen neue Sitze gefunden haben mögen, sind damals zum Reiche +gezogen worden, und zugleich mit ihnen eine Anzahl kleinerer, von den +Chatten abgesprengter Völkerschaften. Als dann im Jahre 88 unter dem +Statthalter Lucius Antonius Saturninus das obergermanische Heer gegen +Domitian sich erhob, hätte fast der Krieg sich erneuert; die +abgefallenen Truppen machten gemeinschaftliche Sache mit den Chatten +^14 und nur die Unterbrechung der Kommunikationen, indem das Eis auf +dem Rhein aufging, machte den treu gebliebenen Regimentern möglich, mit +den abgefallenen fertigzuwerden, bevor der gefährliche Zuzug eintraf. +Es wird berichtet, daß die römische Herrschaft von Mainz landeinwärts +80 Leugen weit, also noch über Fulda hinaus, sich erstreckt hat ^15; +und diese Nachricht erscheint glaubwürdig, wenn dabei in Betracht +gezogen wird, daß die militärische Grenzlinie, die allerdings nicht +weit über Friedberg hinausgegangen zu sein scheint, sich wohl auch hier +innerhalb der Gebietsgrenze hielt. + +^13 Die Berichte über diesen Krieg sind verloren gegangen; Zeit und Ort +lassen sich bestimmen. Da die Münzen dem Domitian den Titel Germanicus +seit dem Anfang des Jahres 84 geben (Eckhel, Bd. 6, S. 378, 397), so +fällt der Feldzug in das Jahr 83. Dazu stimmt die in eben dieses Jahr +fallende Aushebung der Usiper und ihr verzweifelter Fluchtversuch (Tac. +Agr. 28; vgl. Matt. 6, 60). Es war ein Angriffskrieg (Suet. Dom. 6: +expeditio sponte suscepta; Zon. 11, 19: λε πλτήας τινά τών πέραν Ρήνου +τών εσπόνδων}). Die Verlegung der Postenlinie bezeugt Frontmus, der den +Krieg mitgemacht hat (strat. 2, 11, 7): cum in finibus Cubiorum (Name +unbekannt und wohl verdorben) castella poneret und (strat. 1, 3, 10): +limitibus per CXX m. p. actis, was hier mit den militärischen +Operationen in unmittelbare Verbindung gebracht wird, daher auch von +dem Chattenkrieg selbst nicht getrennt und nicht auf die längst in +römischer Gewalt stehenden agri decumates bezogen werden darf. Auch ist +das Maß von 177 Kilometern wohl denkbar für die Militärlinie, die +Domitian am Taunus angelegt hat (nach v. Cohausens Ansetzungen - Der +römische Grenzwall in Deutschland. Wiesbaden 1884, S. 8 - stellt sich +der spätere Limes vom Rhein um den Taunus herum bis zum Main auf 237½ +Kilometer), aber viel zu klein, um auf die Verbindungslinie von da bis +Regensburg bezogen werden zu können. + +——————————————————————— + +^14 Die Germanen (Suet. Dom. 6) können nur die Chatten und deren +frühere Verbündete sein, vielleicht zunächst eben die Usiper und ihre +Schicksalsgenossen. Ausgebrochen ist der Aufstand in Mainz, das allein +ein Doppellager zweier Legionen war. Saturninus wurde von Rätien aus +angegriffen durch die Truppen des L. Appius Maximus Korbanus. Denn +anders kann das Epigramm Martials 9, 84 um so weniger gefaßt werden, +als sein Besiegen senatorischen Standes wie er war, ein reguläres +Kommando in Rätien und Vindelicien nicht verwalten und nur durch einen +Kriegsfall in diese Landschaft geführt werden konnte, wie denn auch die +sacrilegi furores deutlich auf den Aufstand weisen. Die Ziegel +desselben Appius, die in den Provinzen Obergermanien und Aquitanien +sich gefunden haben, berechtigen nicht, ihn zum Legaten der Lugdunensis +zu machen, wie Asbach (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift +3, 1884, S. 9) vorschlägt, sondern müssen auf die Epoche nach der +Überwindung des Antonius bezogen werden (Heymes 19, 1884, S. 438). Wo +die Schlacht geliefert ward, bleibt zweifelhaft; am nächsten liegt die +Gegend von Vindonissa, bis wohin Saturninus dem Norbanus entgegen +gegangen sein kann. Wäre Norbanus erst bei Mainz auf die Aufständischen +gestoßen, was an sich auch denkbar erscheint, so hatten diese den +Rheinübergang in der Gewalt und konnte der Zuzug der Germanen durch das +Aufgehen des Rheines nicht verhindert werden. + +^15 Die abgerissene Notiz findet sich hinter dem Veroneser +Provinzialverzeichnis (Notitia dignitatum, ed. Seeck, p. 253): nomina +civitatum trans Renum fluvium quae sunt: Usiphorum (schr. Usiporum) - +Tuvanium (schr. Tubantum) - Nictrensium - Novarii - Casuariorum: istae +omnes civitates trans Renum in formulam Belgicae primae redactae trans +castellum .Montiacese: nam LXXX leugas trans Renum Romani possederunt. +Istae civitates sub Gallieno imperatore a barbaris occupatae sunt. Daß +die Usiper später in dieser Gegend gewohnt haben, bestätigt Tacitus +(hist. 4, 37; Germ. 32); daß sie im Jahre 83 zum Reich gehört haben, +vielleicht aber erst kurz vorher unterworfen waren, geht aus der +Erzählung Agr. 28 hervor. Die Tubanten und Chasuarier stellt Ptolemaeos +(geogr. 2, 11, 11) in die Nähe der Chatten; daß sie das Schicksal der +Usiper teilten, ist demnach wahrscheinlich. Eine sichere Identifikation +der anderen beiden verdorbenen Namen ist bisher nicht gefunden; +vielleicht standen die Tencterer hier oder einige der kleinen, nur bei +Ptolemaeos (geogr. 2, 11, 6) mit diesen genannten Stämme. Die Notiz +nannte in ihrer ursprünglichen Form die Belgica schlechthin, da die +Provinz erst durch Diocletian geteilt worden ist, und diese insofern +mit Recht, als die beiden Germanien geographisch zu Belgica gehörten. + +Das angegebene Maß führt, wenn man das Kinzigtal nach Nordosten +verfolgt, über Fulda hinaus nahezu bis Hersfeld. Auch Inschriftenfunde +reichen hier östlich weit über den Rhein hinaus, bis in die Wetterau; +Friedberg und Butzbach waren stark belegte Militärpositionen; in +Altenstadt zwischen Friedberg und Büdingen ist eine auf Grenzschutz +deutende (collegium iuventutis) Inschrift vom Jahre 242 (CIRh 1410) +gefunden worden. + +———————————————————- + +Aber nicht bloß das untere Maintal vorwärts Mainz ist in die +militärische Grenzlinie hineingezogen worden; auch im südwestlichen +Deutschland wurde die Grenze noch in größerem Maßstab vorgeschoben. Das +Neckargebiet, einst von den keltischen Helvetiern eingenommen, dann +lange Zeit streitiges Grenzland zwischen diesen und den vordringenden +Germanen und darum das helvetische Ödland genannt, späterhin vielleicht +teilweise von den Markomannen besetzt, bevor diese nach Böhmen +zurückwichen, kam bei der Regulierung der germanischen Grenzen nach der +Varusschlacht in die gleiche Verfassung wie der größte Teil des rechten +unterrheinischen Ufers. Es wird auch hier schon damals eine Grenzlinie +bezeichnet worden sein, innerhalb deren germanische Ansiedlungen nicht +geduldet wurden. Wie auf nicht eingedeichter Marsch ließen dann +einzelne, meist gallische Einwanderer, die nicht viel zu verlieren +hatten, in diesen fruchtbaren, aber wenig geschützten Strichen, dem +damals sogenannten Dekumatenland sich nieder ^16. Dieser vermutlich von +der Regierung nur geduldeten privaten Okkupation folgte die förmliche +Besetzung wahrscheinlich unter Vespasian. Da schon um das Jahr 74 von +Straßburg aus eine Chaussee auf das rechte Rheinufer wenigstens bis +nach Offenburg geführt worden ist ^17, so wird um diese Zeit in diesem +Gebiet ein ernstlicherer Grenzschutz eingerichtet worden sein, als ihn +das bloße Verbot germanischer Siedelung gewährte. Was der Vater +begonnen hatte, führten die Söhne durch. Vielleicht ist sogar, sei es +von Vespasian, sei es von Titus oder Domitian, durch die Anlegung der +“Flavischen Altäre” ^18 an der Neckarquelle bei dem heutigen Rottweil, +von welcher Ansiedlung wir freilich nichts als den Namen kennen, für +das rechtsrheinische neue Obergermanien ein ähnlicher Mittelpunkt +geschaffen worden, wie es früher der ubische Altar für Großgermanien +hatte werden sollen und bald nachher für das neu eroberte Dakien der +Altar von Sarmizegetusa wurde. Die erste Einrichtung der weiterhin zu +schildernden Grenzwehr, durch welche das Neckartal in die römische +Linie hineingezogen wurde, ist also das Werk der Flavier, hauptsächlich +wohl Domitians ^19, welcher damit die Anlage am Taunus weiterführte. +Die rechtsrheinische Militärstraße von Mogontiacum über Heidelberg und +Baden in der Richtung auf Offenburg, die notwendige Konsequenz dieser +Einziehung des Neckargebiets, ist, wie wir jetzt wissen ^20, im Jahre +100 von Traian angelegt und ein Teil der von demselben Kaiser +hergestellten direkteren Verbindung Galliens mit der Donaulinie. Die +Soldaten sind bei diesen Werken tätig gewesen, aber schwerlich die +Waffen; germanische Völkerschaften wohnten im Neckargebiet nicht, und +noch weniger kann der schmale Streifen am linken Ufer der Donau, +welcher dadurch mit in die Grenzlinie gezogen ward, ernstliche Kämpfe +gekostet haben. Das nächste namhafte germanische Volk daselbst, die +Hermunduren, waren den Römern freundlich gesinnt wie kein anderes und +führten in der Vindelikerstadt Augusta mit ihnen lebhaften +Handelsverkehr; daß bei ihnen diese Vorschiebung keinen Widerstand +gefunden hat, davon werden wir weiterhin die Spuren finden. Unter den +folgenden Regierungen, des Hadrian, des Pius, des Marcus, ist dann an +diesen militärischen Einrichtungen weitergebaut worden. + +———————————————————— + +^16 Was die nur bei Tacitus (Germ. 29) vorkommende Benennung agri +decumates denn mit agri wird das letztere Wort doch zu verbinden sein) +bedeutet, ist ungewiß; möglich ist es, daß das in der früheren +Kaiserzeit gewiß als Eigentum des Staats oder vielmehr des Kaisers +betrachtete Gebiet, wie der alte ager occupatorius der Republik, von +dem zuerst Besitz Ergreifenden gegen Abgabe des Zehnten benutzt werden +konnte; aber weder ist es sprachlich erwiesen, daß decumas +“zehntpflichtig” heißen kann, noch kennen wir derartige Einrichtungen +der Kaiserzeit. Übrigens sollte man nicht übersehen, daß die +Schilderung des Tacitus sich auf die Zeit vor der Einrichtung der +Neckarlinie bezieht; auf die spätere paßt sie so wenig wie die zwar +nicht klare, aber doch sicher mit dem früheren Rechtsverhältnis +zusammenhängende Benennung. + +^17 Dies hat Zangemeister (a. a.O., S. 246) erwiesen. + +^18 Daß hier mehrere Altäre dediziert wurden, während sonst bei diesen +Zentralheiligtümern nur einer genannt wird, erklärt sich vielleicht +durch das Zurücktreten des Romakults neben dem der Kaiser. Wenn gleich +zu Anfang mehrere Altäre errichtet wurden, was wahrscheinlich ist, so +hat einer der Söhne sowohl dem oder den verstorbenen flavischen Kaisern +wie auch seinem eigenen Genius Altäre setzen lassen. + +^19 Daß die Verlegung stattfand, kurz bevor Tacitus im Jahre 98 die +‘Germania’ schrieb, sagt er, und daß Domitian der Urheber ist, folgt +auch daraus, daß er den Urheber nicht nennt. + +^20 Auch dies hat Karl Zangemeister (a.a.O., S. 237f.) urkundlich +festgestellt. + +———————————————————— + +Den Grenzschutz zwischen Rhein und Donau, wie er zum großen Teil in +seinen Fundamenten noch heute besteht, vermögen wir nicht in seiner +Entstehungsgeschichte zu verfolgen, wohl aber zu erkennen nicht bloß, +wie er lief, sondern auch, wozu er diente. Die Anlage ist nach Art und +Zweck eine andere in Obergermanien und eine andere in Rätien. Der +obergermanische Grenzschutz, in der Gesamtlänge von etwa 250 römischen +Milien (368 Kilometer) ^21, beginnt unmittelbar an der Nordgrenze der +Provinz, umfaßt, wie schon gesagt ward, den Taunus und die Mainebene +bis in die Gegend von Friedberg und wendet sich von da südwärts dem +Main zu, auf welchen er bei Großkrotzenburg, oberhalb Hanau, trifft. +Dem Main von da bis Wörth folgend, schlägt er hier die Richtung nach +dem Neckar ein, den er etwas unterhalb Wimpfen erreicht und nicht +wieder verläßt. Später ist der südlichen Hälfte dieser Grenzlinie eine +zweite vorgelegt worden, die dem Main über Wörth hinaus bis nach +Miltenberg folgt und von da, zum größeren Teil in schnurgerader +Richtung, auf Lorch, zwischen Stuttgart und Aalen, geführt ist. Hier +schließt an den obergermanischen der rätische Grenzschutz an von nur +120 Milien (174 Kilometer) Länge; er verläßt die Donau bei Kelheim, +oberhalb Regensburg, und läuft von da, zweimal die Altmühl +überschreitend, im Bogen nach Westen zu, ebenfalls bis Lorch. + +——————————————————————— + +^21 Dies Maß gilt für die Kastellinie von Rheinbrohl bis Lorch (v. +Cohausen, Der römische Grenzwall, S. 7f.). Für den Erdwall kommt die +Mainstrecke von Miltenberg bis Großkrotzenburg von etwa 30 römischen +Milien in Abzug. Bei der älteren Neckarlinie ist der Erdwall +beträchtlich kürzer, da statt desjenigen von Miltenberg bis Lorch hier +der viel kürzere des Odenwaldes von Wörth bis Wimpfen ein tritt. + +——————————————————————— + +Der obergermanische Limes besteht aus einer Reihe von Kastellen, die +höchstens einen halben Tagemarsch (15 Kilometer) voneinander entfernt +sind. Wo die Verbindungslinien zwischen den Kastellen nicht durch den +Main oder den Neckar, wie angegeben, gesperrt sind, ist eine künstliche +Sperrung angebracht, anfangs vielleicht bloß durch Verhaue ^22, +späterhin durch einen fortlaufenden Wall von mäßiger Höhe mit außen +vorgelegtem Graben und in kurzen Entfernungen auf der inneren Seite +eingebauten Wachttürmen. ^23 Die Kastelle sind in den Wall nicht +eingezogen, aber unmittelbar hinter ihm angelegt, nicht leicht über +einen halben Kilometer von ihm entfernt. + +—————————————————————- + +^22 Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Angabe, daß Hadrian die +Reichsgrenzstraßen durch Verhaue gegen die Barbaren sperrte, mit und +vielleicht zunächst auf die obergermanische sich bezieht, so ist der +Wall, dessen Reste vorhanden sind, sein Werk nicht; mag dieser +Pallisaden getragen haben oder nicht, kein Bericht würde diese erwähnen +und den Wallbau übergehen. Daß Hadrian die Grenzverteidigung im ganzen +Reiche revidierte, sagt Dio 69, 9. + +Die Benennung des Pfahls oder Pfahlgrabens kann nicht römisch sein; +römisch heißen die Pfähle, welche, in den Lagerwall eingerammt, auf +demselben eine Pallisadenkette bilden, nicht pali, sondern valli oder +sudes, ebenso der Wall selbst nie anders als vallum. Wenn die, wie es +scheint, auf der ganzen Linie bei den Germanen dafür von jeher übliche +Bezeichnung wirklich von den Pallisaden entlehnt ist, so muß sie +germanischen Ursprungs sein und kann nur aus der Zeit herstammen, wo +dieser Wall ihnen in seiner Integrität und seiner Bedeutung vor Augen +stand. Ob die “Gegend” Palas, die Ammian (18, 2, 15) erwähnt, damit +zusammenhängt, ist zweifelhaft. + +^23 In einem solchen, kürzlich zwischen den Kastellen von Schlossau und +Hesselbach, 1700 Meter von dem ersteren, vier bis fünf Kilometer von +dem letzteren, aufgedeckten hat sich eine Weihinschrift +(Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift, 1. Juli 1884) +gefunden, welche die Truppe, die ihn erbaut hat, ein Detachement der 1. +Kohorte der Sequaner und Rauriker unter Kommando eines Centurionen der +22. Legion, gesetzt hat als Danksagung ob burgum explic(itum). Diese +Türme also waren burgi. + +—————————————————————- + +Der rätische Grenzschutz ist eine bloße, durch Aufschüttung von +Bruchsteinen bewirkte Sperrung; Graben und Wachttürme fehlen und die +hinter dem Limes ohne regelrechte Folge und in ungleichen Abständen +(keines näher als 4 bis 5 Kilometer) angelegten Kastelle stehen mit der +Sperrlinie in keiner unmittelbaren Verbindung. Über die zeitliche Folge +der Anlagen fehlen bestimmte Zeugnisse; erwiesen ist, daß die +obergermanische Neckarlinie unter Pius ^24, die ihr vorgelegte von +Miltenberg nach Lorch unter Marcus ^25 bestand. Gemeinschaftlich ist +beiden sonst so verschiedenen Anlagen die Grenzsperrung; daß in dem +einen Fall die Erdaufschüttung vorgezogen ist, durch welche der Graben +sich meistens von selber ergab, in dem andern die Steinschichtung, +beruht wahrscheinlich nur auf der Verschiedenartigkeit des Bodens und +des Baumaterials. Gemeinschaftlich ist ihnen ferner, daß weder die eine +noch die andere angelegt ist zur Gesamtverteidigung der Grenze. Nicht +bloß ist das Hindernis, welches die Erd- oder Steinschüttung dem +Angreifer entgegenstellt, an sich geringfügig, sondern es begegnen auf +der Linie überall überhöhende Stellungen, hinterliegende Sümpfe, +Verzicht auf den Ausblick in das Vorland und ähnliche deutliche Spuren +davon, daß bei deren Trassierung an Kriegszwecke überhaupt nicht +gedacht ist. Die Kastelle sind natürlich jedes für sich zur +Verteidigung eingerichtet, aber sie sind nicht durch chaussierte +Querstraßen verbunden; also stützte die einzelne Besatzung sich nicht +auf die der benachbarten Kastelle, sondern auf den Rückhalt, zu welchem +die Straße führte, welche eine jede besetzt hielt. Es waren ferner +diese Besatzungen nicht eingefügt in ein militärisches System der +Grenzverteidigung, mehr befestigte Stellungen für den Notfall als +strategisch gewählte für die Okkupation des Gebiets, wie denn auch +schon die Ausdehnung der Linie selbst, verglichen mit der disponiblen +Truppenzahl, die Möglichkeit einer Gesamtverteidigung ausschließt. ^26 +Also haben diese ausgedehnten militärischen Anlagen nicht den Zweck +gehabt, wie der Britannische Wall, dem Feinde den Einbruch zu wehren. +Es sollten vielmehr, wie an den Flußgrenzen die Brücken, so an den +Landgrenzen die Straßen durch die Kastelle beherrscht werden, im +übrigen aber, wie an den Wassergrenzen der Fluß, so an den Landgrenzen +der Wall die nicht kontrollierte Überschreitung der Grenzen hindern. +Anderweitige Benutzung mochte sich damit verbinden; die oft +hervortretende Bevorzugung der geradlinigen Richtung deutet auf +Verwendung für Signale, und gelegentlich mag die Anlage auch geradezu +für Kriegszwecke benutzt worden sein. Aber der eigentliche und nächste +Zweck der Anlage war die Verhinderung der Grenzüberschreitung. Daß +dabei nicht an der rätischen, wohl aber an der obergermanischen Grenze +Wachtposten und Forts eingerichtet worden sind, erklärt sich aus dem +verschiedenen Verhältnis zu den Nachbarn, dort den Hermunduren, hier +den Chatten. Die Römer standen in Obergermanien ihren Nachbarn nicht so +gegenüber wie den britannischen Hochländern, gegen die die Provinz sich +stets im Belagerungsstand befand; aber die Abwehr räuberischer +Einbrecher sowie die Erhebung der Grenzzölle forderten doch bereite und +nahe militärische Hilfe. Man konnte die obergermanische Armee und +dementsprechend die Besatzungen am Limes allmählich reduzieren, aber +entbehrlich ward das römische Pilum im Neckarlande nie. Wohl aber war +es entbehrlich gegenüber den Hermunduren, welchen in traianischer Zeit +allein von allen Germanen das überschreiten der Reichsgrenze ohne +besondere Kontrolle und der freie Verkehr im römischen Gebiet, +namentlich in Augsburg, freistand, und mit denen, soviel wir wissen, +niemals Grenzkollisionen stattgefunden haben. Es war also für diese +Zeit zu einer ähnlichen Anlage an der rätischen Grenze keine +Veranlassung; die Kastelle nordwärts der Donau, welche erweislich +bereits in traianischer Zeit bestandenem ^27, genügten hier für den +Schutz der Grenze und die Kontrolle des Grenzverkehrs. Dem kommt die +Wahrnehmung entgegen, daß der rätische Limes, wie er uns vor Augen +steht, allein mit der jüngeren, vielleicht erst unter Marcus angelegten +obergermanischen Sperrlinie korrespondiert. Damals fehlte dazu die +Veranlassung nicht. Die Chattenkriege ergriffen, wie wir sehen werden, +in dieser Zeit auch Rätien; auch die Verstärkung der Besatzung der +Provinz kann füglich mit der Einrichtung dieses Limes in Verbindung +stehen, welcher, wie wenig er für militärische Zwecke eingerichtet ist, +doch wohl ebenfalls einer wenn auch milderen Grenzsperre wegen angelegt +wurde ^28. + +———————————————————————————— + +^24 Das älteste datierte Zeugnis für diese sind zwei Inschriften der +Besatzung von Böckingen, gegenüber Heilbronn am linken Ufer des Neckar, +vom Jahre 148 (Brambach CIRh, 1583, 1590). + +^25 Das älteste datierte Zeugnis für die Existenz dieser Linie ist die +Inschrift von vicus Aurelii (Öhringen) vom Jahre 169 (Brambach CIRh, +1558), zwar nur privat, aber gewiß nicht gesetzt vor der Anlage dieses +zu der Linie Miltenberg-Lorch gehörenden Kastells; wenig jünger die von +dem ebenfalls dazu gehörigen Jagsthausen vom Jahre 179 (CIRh, 1618). +Danach dürfte vicus Aurelii seinen Namen von Marcus führen, nicht von +Caracalla, wenn auch von diesem bezeugt ist, daß er manche Kastelle in +diesen Gegenden anlegte und nach sich benannte (Dio 77, 13). + +^26 Über die Dislokation der obergermanischen Truppen fehlt es zwar an +genügender Kunde, doch nicht ganz an Anhaltspunkten. Von den beiden +Hauptquartieren in Obergermanien ist das von Straßburg nach der +Einrichtung der Neckarlinie erweislich nur schwach belegt und +wahrscheinlich mehr administratives als militärisches Zentrum gewesen +(Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift, 3,1884, S. 132). +Dagegen hat die Besatzung von Mainz immer einen beträchtlichen Teil der +Gesamtstärke in Anspruch genommen, um so mehr, als dieselbe +wahrscheinlich der einzige größere, geschlossene Truppenkörper in ganz +Obergermanien war. Die übrigen Truppen verteilen sich teils auf den +Limes, dessen Kastelle nach v. Cohausens (Der römische Grenzwall, S. +335) Schätzung durchschnittlich acht Kilometer voneinander entfernt, +also insgesamt gegen 50 waren, teils auf die inneren Kastelle, +insbesondere an der Odenwaldlinie von Gundelsheim bis Wörth; daß die +letzteren wenigstens zum Teil auch nach Anlegung des äußeren Limes +besetzt blieben, ist mindestens wahrscheinlich. Bei der ungleichen +Größe der noch meßbaren Kastelle ist es schwer zu sagen, welche +Truppenzahl erforderlich war, um sie verteidigungsfähig zu machen. +Cohausen (S. 340) rechnet auf ein mittelgroßes Kastell einschließlich +der Reserve 720 Mann. Da die gewöhnliche Kohorte der Legion wie der +Auxilien 500 Mann zählt und die Kastenbauten notwendig auf diese Zahl +haben Rücksicht nehmen müssen, wird die Besatzung des Kastells für den +Fall der Belagerung durchschnittlich mindestens auf diese Zahl +angesetzt werden müssen. Unmöglich hat nach der Reduktion die +obergermanische Armee die Kastelle auch nur des Limes gleichzeitig in +dieser Stärke besetzen können. Noch weit weniger konnte sie, selbst vor +der Reduktion, mit ihren 30000 Mann die zwischen den Kastellen +befindlichen Linien auch nur besetzt halten; wenn aber dies nicht +möglich war, so hatte die gleichzeitige Besetzung auch der sämtlichen +Kastelle in der Tat keinen Zweck. Allem Anschein nach ist wohl jedes +Kastell in der Weise angelegt worden, daß es, gehörig besetzt, gehalten +werden konnte, aber der Regel nach - und an dieser Grenze war der +Friedensstand Regel - war das einzelne Kastell nicht nach Kriegsfuß, +sondern nur insoweit mit Truppen belegt, daß die Posten in den +Wachttürmen ausgesetzt und die Straßen sowie die Schleichwege unter +Aufsicht gehalten werden konnten. Die ständigen Besatzungen der +Kastelle sind vermutlich sehr viel schwächer gewesen, als gewöhnlich +angenommen wird. Wir besitzen aus dem Altertum ein einziges Verzeichnis +einer derartigen Besatzung; es ist vom Jahre 155 und betrifft das +Kastell von Kutlowitza, nördlich von Sofia (Eph. epigr. IV, p. 524), +wofür die Armee von Untermösien, und zwar die 11. Legion, die Besatzung +stellte. Diese Truppe zählte damals außer dem kommandierenden +Centurionen nur 76 Mann. + +Die rätische Armee war, wenigstens vor Marcus, noch viel weniger +imstande, ausgedehnte Linien zu besetzen: sie zählte damals höchstens +10000 Mann und hatte außer dem rätischen Limes noch die Donaulinie von +Regensburg bis Passau zu belegen. + +^27 Dies beweist die bei Weißenburg gefundene Urkunde Traians vom Jahre +107. + +^28 Die bisherigen Untersuchungen über den rätischen Limes haben die +Bestimmung dieser Anlage noch wenig aufgeklärt; ausgemacht ist nur, daß +sie weniger als die analoge obergermanische auf militärische Besetzung +eingerichtet war. Eine derartige schwächere Grenzsperrung kann füglich +schon vor dem Markomannenkrieg den Hermunduren gegenüber beliebt worden +sein; auch schließt, was Tacitus über deren Verkehr in Augusta +Vindelicum berichtet, die damalige Existenz eines rätischen Limes +keineswegs aus. Nur müßte man dann erwarten, daß er nicht in Lorch +endigte, sondern sich an die Neckarlinie anschloß; einigermaßen tut er +dies auch, insofern bei Lorch an die Stelle des Limes die Rems tritt, +welche bei Cannstatt in den Neckar einmündet. + +———————————————————————————— + +Militärisch wie politisch ist die verlegte Grenze oder vielmehr der +verstärkte Grenzschutz eingreifend und nützlich gewesen. Wenn früher +die römische Postenkette in Obergermanien und Rätien wahrscheinlich +rheinaufwärts über Straßburg nach Basel und an Vindonissa vorbei an den +Bodensee, dann von da zu der oberen Donau gegangen war, so wurden jetzt +das obergermanische Hauptquartier in Mainz und das rätische in +Regensburg und überhaupt die beiden Hauptarmeen des Reiches einander +beträchtlich genähert. Das Legionslager von Vindonissa (Windfisch bei +Zürich) wurde dadurch überflüssig. Das oberrheinische Heer konnte, wie +das benachbarte, nach einiger Zeit auf die Hälfte seines früheren +Bestandes herabgesetzt werden. Die anfängliche Zahl von vier Legionen, +welche während des batavischen Krieges nur zufällig auf drei vermindert +war, bestand allerdings wahrscheinlich noch unter Traian ^29; unter +Marcus aber war die Provinz nur mit zwei Legionen besetzt, der achten +und der zweiundzwanzigsten, von denen die erste in Straßburg stand, die +zweite in dem Hauptquartier Mainz, während die meisten Truppen, in +kleinere Posten aufgelöst, an dem Grenzwall lagerten. Innerhalb der +neuen Linie blühte das städtische Leben auf fast wie links vom +Rheinland: Sumelocenna (Rottenburg am Neckar), Aquae (civitas Aurelia +Aquensis, Baden), Lopodunum (Ladenburg) hatten, wenn man von Köln und +Trier absieht, in römisch-städtischer Entwicklung den Vergleich mit +keiner Stadt der Belgica zu scheuen. Das Emporkommen dieser +Ansiedlungen ist hauptsächlich das Werk Traians, welcher sein Regiment +mit dieser Friedenstat eröffnete ^30; “den auf beiden Ufern römischen +Rhein” fleht ein römischer Dichter an, den noch nicht gesehenen +Herrscher ihnen bald zuzusenden. Die große und fruchtbare Landschaft, +die auf diese Weise unter den Schutz der Legionen gestellt ward, war +dieses Schutzes bedürftig, aber auch wert gewesen. Wohl bezeichnet die +Varusschlacht die beginnende Ebbe der römischen Macht, aber nur +insofern, als das Vorschreiten damit ein Ende hat und die Römer seitdem +sich im allgemeinen begnügten, das damals Festgehaltene stärker und +dauernder zu schirmen. + +————————————————————————- + +^29 Von den sieben Legionen, die bei Neros Tode in den beiden Germanien +standen, löste Vespasian fünf auf; es blieben die 21. und die 22., wozu +dann die zur Niederwerfung des Aufstandes eingerückten sieben oder acht +Legionen, die 1. adiutrix, 2. adiutrix, 6. victrix, 8., 10. gemina, +11., 13. (?) und 14. hinzutraten. Von diesen ist nach Beendigung des +Krieges die 1. adiutrix wahrscheinlich nach Spanien, die 2. adiutrix +wahrscheinlich nach Britannien, die 13. gemina (wenn diese überhaupt +nach Germanien kam) nach Pannonien gesandt worden; die anderen sieben +blieben, und zwar in der unteren Provinz die 6., 10., 21. und 22., in +der oberen die 8., 11, und 14. Zu den letzteren trat wahrscheinlich im +Jahre 88 die aus Spanien abermals nach Obergermanien gesandte 1. +adiutrix hinzu. Daß unter Traian die 1. adiutrix und die 11. in +Obergermanien standen beweist die Inschrift von Baden-Baden, Brambach +1666. Die 8. und die 14. sind erwiesenermaßen beide mit Cerialis nach +Germanien gekommen und haben beide längere Zeit daselbst garnisoniert. + +^30 Traianus ward von Nerva im Jahre 96 oder 97 als Legat nach +Germanien gesandt, wahrscheinlich dem oberen, da dem unteren damals +Vestricius Spurinna vorgestanden zu haben scheint. Hier im Oktober des +Jahres 97 zum Mitregenten ernannt, erhielt er die Nachricht von Nervas +Tode und seiner Ernennung zum Augustus im Februar 98 in Köln. Den +Winter und den folgenden Sommer mag er dort geblieben sein; im Winter +98/99 war er an der Donau. Die Worte des Eutropius (8, 2): urbes trans +Rhenum in Germania reparavit (woraus die oft gemißbrauchte Notiz bei +Orosius, hist. 7, 12, 2, abgeschrieben ist), welche nur auf die obere +Provinz bezogen werden können, aber natürlich nicht dem Legaten, +sondern dem Caesar oder dem Augustur gelten, erhalten eine Bestätigung +durch die civitas Ulpia s(altus?) N(icerini?) Lopodunum der +Inschriften. Die “Wiederherstellung” dürfte im Gegensatz stehen nicht +zu den Einrichtungen Domitians, sondern zu den ungeordneten Anfängen +städtischer Anlagen im Decumatenland vor der Verlegung der +Militärgrenze. Auf kriegerische Vorgänge unter Traian führt keine Spur; +daß er ein castellum in Alamannorum solo, nach dem Zusammenhang am Main +unweit Mainz, anlegte und nach seinem Namen nannte (Amm. 17, 1, 11), +beweist dafür ebenso wenig, wie daß ein später Dichter (Sidon. carm. 7, +115), Altes und Neues vermengend, Agrippina unter ihm den Schrecken der +Sugambrer, das heißt in seinem Sinn der Franken nennt. + +————————————————————————- + +Bis in den Anfang des 3. Jahrhunderts zeigt die römische Macht am Rhein +keine Spuren des Schwankens. Während des Markomannenkrieges unter +Marcus blieb in der unteren Provinz alles ruhig. Wenn ein Legat der +Belgica damals den Landsturm gegen die Chauker aufbieten mußte, so ist +dies vermutlich ein Piratenzug gewesen, wie sie die Nordküste oftmals, +in dieser Zeit ebenso wie früher und später, heimgesucht haben. An die +Donauquellen und selbst bis in das Rheingebiet reichte der Wellenschlag +der großen Völkerbewegung; aber die Fundamente erschütterte er hier +nicht. Die Chatten, das einzige bedeutende germanische Volk an der +obergermanisch-rätischen Grenzwacht, brachen in beiden Richtungen vor +und sind wahrscheinlich damals selbst unter den in Italien einfallenden +Germanen gewesen, wie dies weiterhin bei der Darstellung dieses Krieges +gezeigt werden soll. Auf jeden Fall kann die von Marcus damals verfügte +Verstärkung der rätischen Armee und ihre Umwandlung in ein Kommando +erster Klasse mit Legion und Legaten nur erfolgt sein, um den Angriffen +der Chatten zu steuern, und beweist, daß man sie auch für die Zukunft +nicht leicht nahm. Die schon erwähnte Verstärkung der Grenzverteidigung +wird damit ebenfalls in Verbindung stehen. Für das nächste +Menschenalter müssen diese Maßregeln ausgereicht haben. + +Unter Antoninus, dem Sohn des Severus, brach (213) abermals in Rätien +ein neuer und schwererer Krieg aus. Auch dieser ist gegen die Chatten +geführt worden; aber neben ihnen wird ein zweites Volk genannt, das +hier zum erstenmal begegnet, das der Alamannen. Woher sie kamen, wissen +wir nicht. Einem wenig später schreibenden Römer zufolge war es +zusammengelaufenes Mischvolk; auf einen Gemeindebund scheint auch die +Benennung hinzuweisen sowie, daß später noch die verschiedenen, unter +diesem Namen zusammengefaßten Stämme mehr als bei den sonstigen großen +germanischen Völkern in ihrer Besonderheit hervortreten, und die +Juthungen, die Lentienser und andere Alamannenvölker nicht selten +selbständig handeln. Aber daß es nicht die Germanen dieser Gegend sind, +welche unter dem neuen Namen verbündet und durch den Bund verstärkt +hier auftreten, zeigt sowohl die Nennung der Alamannen neben den +Chatten wie die Meldung von der ungewohnten Geschicklichkeit der +Alamannen im Reitergefecht. Vielmehr sind es der Hauptsache nach sicher +aus dem Osten nachrückende Scharen gewesen, die dem fast erloschenen +Widerstand der Germanen am Rhein neue Kraft verliehen haben; es ist +nicht unwahrscheinlich, daß die in früherer Zeit an der mittleren Elbe +hausenden mächtigen Semnonen, deren seit dem Ende des 2. Jahrhunderts +nicht wieder gedacht wird, zu den Alamannen ein starkes Kontingent +gestellt haben. Das stetig sich steigernde Mißregiment im Römischen +Reich hat natürlich auch, wenngleich nur in zweiter Reihe, zu der +Machtverschiebung seinen Teil beigetragen. Der Kaiser zog persönlich +gegen die neuen Feinde ins Feld; im August des Jahres 213 überschritt +er die römische Grenze und ein Sieg über sie am Main wurde erfochten +oder wenigstens gefeiert; es wurden noch Kastelle angelegt; die +Völkerschaften von der Elbe und der Nordsee beschickten den römischen +Herrscher und verwunderten sich, wenn er sie in ihrer eigenen Tracht +empfing, in silberbeschlagener Jacke und Haar und Bart nach deutscher +Art gefärbt und geordnet. Aber von da an hören die Kriege am Rhein +nicht auf, und die Angreifer sind die Germanen; die sonst so fügsamen +Nachbarn waren wie ausgetauscht. Zwanzig Jahre später wurden an der +Donau wie am Rhein die Einfälle der Barbaren so stetig und so +ernsthaft, daß Kaiser Alexander deswegen den weniger unmittelbar +gefährlichen Persischen Krieg abbrechen und sich persönlich in das +Lager von Mainz begeben maßte, nicht so sehr, um das Gebiet zu +verteidigen, als um von den Deutschen den Frieden durch hohe Geldsummen +zu erkaufen. Die Erbitterung der Soldaten darüber führte zu seiner +Ermordung (235) und damit zu dem Untergang der Severischen Dynastie, +der letzten, die es bis auf die Regeneration des Staats überhaupt +gegeben hat. Sein Nachfolger Maximinus, ein roher, aber tapferer, vom +gemeinen Soldaten aufgedienter Thraker, machte das feige Verhalten +seines Vorgängers wieder gut durch einen nachdrücklichen Feldzug tief +in Germanien hinein. Noch wagten die Barbaren nicht, einem starken und +wohlgeführten Römerheere die Spitze zu bieten; sie wichen in ihre +Wälder und Sümpfe, und auch dahin ihnen folgend, focht im Handgemenge +der tapfere Kaiser allen voran. Von diesen Kämpfen, die ohne Zweifel +von Mainz aus zunächst gegen die Alamannen sich richteten, durfte er +mit Recht sich Germanicus nennen; und auch für die Zukunft hat die +Expedition vom Jahre 236, auf lange hinaus der letzte große Sieg, den +die Römer am Rhein gewannen, wohl einiges gefruchtet. Obwohl die +stetigen und blutigen Thronwechsel und die schweren Katastrophen im +Osten und an der Donau die Römer nicht zu Atem kommen ließen, ist doch +durch die nächsten zwanzig Jahre am Rhein wenn nicht eigentlich die +Ruhe erhalten worden, doch eine größere Katastrophe nicht eingetreten. +Es scheint sogar damals eine der obergermanischen Legionen nach Afrika +geschickt worden zu sein, ohne daß dafür Ersatz kam, also Obergermanien +als wohl gesichert gegolten zu haben. Aber als im Jahre 253 wieder +einmal die verschiedenen Feldherren Roms um die Kaiserwürde +untereinander schlugen und die Rheinlegionen nach Italien marschierten, +um ihren Kaiser Valerianus gegen den Aemilianus der Donauarmee +durchzufechten, scheint dies das Signal gewesen zu sein ^31 für das +Vorbrechen der Germanen namentlich auch gegen den Unterrhein ^32. Diese +Germanen sind die hier zuerst auftretenden Franken, allerdings +vielleicht nur dem Namen nach neue Gegner; denn obwohl die schon im +späteren Altertum begegnende Identifikation derselben mit früher am +Unterrhein genannten Völkerschaften, teils den neben den Bructerern +sitzenden Chamavern, teils den früher genannten, den Römern +untertänigen Sugambrern, unsicher und mindestens unzulänglich ist, so +hat es hier größere Wahrscheinlichkeit als bei den Alamannen, daß die +bisher von Rom abhängigen Germanen am rechten Rheinufer und die früher +vom Rhein abgedrängten germanischen Stämme damals unter dem Gesamtnamen +der “Freien” gemeinschaftlich die Offensive gegen die Römer ergriffen +haben. Solange Gallienus selbst am Rhein blieb, hielt er, trotz der +geringen, ihm zur Verfügung stehenden Streitkräfte, die Gegner +einigermaßen im Zaum, verhinderte sie am Überschreiten des Flusses oder +schlug die Eingedrungenen wieder hinaus, räumte auch wohl einem der +germanischen Führer einen Teil des begehrten Ufergebietes ein unter der +Bedingung, die römische Herrschaft anzuerkennen und seinen Besitz gegen +seine Landsleute zu verteidigen, was freilich schon fast auf eine +Kapitulation hinauskam. Aber als der Kaiser, abgerufen durch die noch +gefährlichere Lage der Dinge an der Donau, sich dorthin begab und in +Gallien als Repräsentanten seinen noch im Knabenalter stehenden älteren +Sohn zurückließ, ließ einer der Offiziere, denen er die Verteidigung +der Grenze und die Hut seines Sohnes anvertraut hatte, Marcus +Cassianius Latinius Postumus ^33, sich von seinen Leuten zum Kaiser +ausrufen und belagerte in Köln den Hüter des Kaisersohnes Silvanus. Es +gelang ihm, die Stadt einzunehmen und seinen früheren Kollegen sowie +den kaiserlichen Knaben in seine Gewalt zu bekommen, worauf er beide +hinrichten ließ. Aber während dieser Wirren brachen die Franken über +den Rhein und überschwemmten nicht bloß ganz Gallien, sondern drangen +auch in Spanien ein, ja plünderten selbst die afrikanische Küste. Bald +nachher, nachdem Valerians Gefangennahme durch die Perser das Maß des +Unheils voll gemacht hatte, ging in der oberrheinischen Provinz alles +römische Land auf dem linken Rheinufer verloren, ohne Zweifel an die +Alamannen, deren Einbruch in Italien in den letzten Jahren des +Gallienus diesen Verlust notwendig voraussetzt. Dieser ist der letzte +Kaiser, dessen Name auf rechtsrheinischen Denkmälern gefunden wird. +Seine Münzen feiern ihn wegen fünf großer Siege über die Germanen, und +nicht minder sind die seines Nachfolgers in der gallischen Herrschaft, +des Postumus, voll des Preises der deutschen Siege des Retters von +Gallien. Gallienus hatte in seinen früheren Jahren nicht ohne Energie +den Kampf am Rhein aufgenommen, und Postumus war sogar ein vorzüglicher +Offizier und wäre gern auch ein guter Regent gewesen. Aber bei der +Meisterlosigkeit, welche damals in dem römischen Staat oder vielmehr in +der römischen Armee waltete, nützte Talent und Tüchtigkeit des +Einzelnen weder ihm noch dem Gemeinwesen. Eine Reihe blühender +römischer Städte wurde damals von den einfallenden Barbaren ödegelegt, +und das rechte Rheinufer ging den Römern auf immer verloren. + +——————————————————————— + +^31 Nicht bloß der ursächliche Zusammenhang, sondern selbst die +zeitliche Folge dieser wichtigen Vorgänge liegen im unklaren. Der +relativ beste Bericht bei Zosimus (hist. 1, 29) bezeichnet den +germanischen Krieg als die Ursache, weshalb Valerianus gleich bei +seiner Thronbesteigung 253 seinen Sohn zum Mitherrscher gleichen Rechts +gemacht habe; und den Titel Germanicus maximus führt Valerian schon im +Jahre 256 (CIL VIII, 2380; ebenso 259 CIL XI, 826), vielleicht sogar, +wenn der Münze Cohen n. 54 zu trauen ist, den Titel Germanicus maximus +ter. + +^32 Daß die Germanen, gegen die Gallienus zu streiten hatte, wenigstens +hauptsächlich am Unterrhein zu suchen sind, zeigt die Residenz seines +Sohnes in Agrippina, wo er doch nur als nomineller Repräsentant des +Vaters zurückgeblieben sein kann. Auch der Biograph (c. 8) nennt die +Franken. + +^33 Von dem Grade der Geschichtsfälschung, welche in einem Teil der +Kaiserbiographien herrscht, macht man sich schwer eine Vorstellung; es +wird nicht unnütz sein, hier an dem Bericht über Postumus dies +beispielsweise zu zeigen. Er heißt hier (freilich in einer Einlage) +Iulius Postumus (tyr. 6), auf den Münzen und Inschriften al. Cassianius +Latinius Postumus, im epitomierten Victor 32 Cassius Labienus Postemus. + +Er regiert sieben Jahre (Gall. 4; tyr. 3 und 5); Münzen nennen seine +tr. p. X, und zehn Jahre gibt ihm Eutropius (9, 10). + +Sein Gegner heißt Lollianus, nach den Münzen Ulpius Cornelias +Laelianus, Laelianus bei Eutropius (9, 9; nach der einen +Handschriftenklasse, während die andere der Interpolation der +Biographen folgt) und bei Victor (c. 33), Aelianus in der +Victorianischen Epitome. + +Postumus und Victorinus herrschen nach dem Biographen gemeinschaftlich; +aber es gibt keine beiden gemeinschaftliche Münzen, und somit +bestätigen diese den Bericht bei Victor und Eutropius, daß Victorinus +der Nachfolger des Postumus gewesen ist. + +Es ist eine Besonderheit dieser Kategorie von Fälschungen, daß sie in +den eingelegten Urkunden gipfeln. Das Kölner Epitaphium der beiden +Victorinus (tyr. 7): hic duo Victorini tyranni(!) siti sunt kritisiert +sich selbst. Das angebliche Patent Valerians (tyr. 3), womit dieser den +Galliern die Ernennung des Postumus mitteilt, rühmt nicht bloß +prophetisch des Postumus Herrschergaben, sondern nennt auch +verschiedene unmögliche Ämter: einen Transrhenani limitis dux et +Galliae praeses hat es zu keiner Zeit gegeben und kann Postumus αρχήν +εν Κέλτοίς στρατιωτών εμπεπιστευμένος ;Zos. hist. 1, 38) nur praeses +einer der beiden Germanien oder, wenn sein Kommando ein +außerordentliches war, dux per Germanias gewesen sein. Ebenso unmöglich +ist in derselben Quasi-Urkunde der tribunatus Vocontiorum des Sohnes, +eine offenbare Nachbildung der Tribunate, wie sie in der Notitia +dignitatum aus der Zeit des Honorius auftreten. + +Gegen Postumus und Victorinus, unter denen die Gallier und die Franken +fechten, zieht Gallienus mit Aureolus, später seinem Gegner, und dem +späteren Kaiser Claudius; er selbst wird durch einen Pfeilschuß +verwundet, siegt aber, ohne daß durch den Sieg sich etwas ändert. Von +diesem Kriege wissen die anderen Berichte nichts. Postumus fällt in dem +von dem sogenannten Lollianus angezettelten Militäraufstand, während +nach dem Bericht bei Victor und Eutropius Postumus dieser Mainzer +Insurrektion Herr wird, aber dann die Soldaten ihn erschlagen, weil er +ihnen Mainz nicht zur Plünderung überliefern will. Über die Erhebung +des Postumus steht neben der im wesentlichen mit der gewöhnlichen +übereinstimmenden Erzählung, daß Postumus den seiner Hut anvertrauten +Sohn des Gallienus treulos beseitigt habe, eine andere, offenbar als +Rettung erfundene, wonach das Volk in Gallien dies tat und dann dem +Postumus die Krone antrug. Die enkomiastische Tendenz für den, der +Gallien das Schicksal der Donauländer und Asiens erspart und es vor den +Germanen gerettet habe, tritt hier und überall (am offenbarsten tyr. 5) +zutage; womit denn zusammenhängt, daß dieser Bericht den Verlust des +rechten Rheinufers und die Züge der Franken nach Gallien, Spanien und +Afrika nicht kennt. Bezeichnend ist noch, daß der angebliche Stammvater +des konstantinischen Hauses auch hier mit einer ehrenvollen Nebenrolle +bedacht wird. Diese nicht zerrüttete, sondern durchgefälschte Erzählung +wird völlig beseitigt werden müssen; die Berichte einerseits bei +Zosimus, andererseits der aus einer gemeinschaftlichen Quelle +schöpfenden Lateiner Victor und Eutropius, kurz und zerrüttet wie sie +sind, können allein in Betracht kommen. + +——————————————————————— + +Die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung in Gallien hing zunächst ab +von dem Zusammenhalten des Reichs überhaupt; solange die italischen +Kaiser ihre Truppen in der Narbonensis aufstellten, um den gallischen +Rivalen zu beseitigen und dieser wieder Miene machte, die Alpen zu +überschreiten, war eine wirksame Operation gegen die Germanen von +selber ausgeschlossen. Erst nachdem um das Jahr 272 ^34 der damalige +Herrscher Galliens, Tetricus, seiner undankbaren Rolle müde, selbst +dazu getan hatte, daß seine Truppen sich dem vom römischen Senat +anerkannten Kaiser Aurelianus unterwarfen, konnte wieder daran gedacht +werden, den Germanen zu wehren. Den Zügen der Alamannen, die fast ein +Jahrzehnt hindurch das obere Italien bis nach Ravenna hinab heimgesucht +hatten, setzte derselbe tüchtige Herrscher, der Gallien wieder zum +Reich gebracht hatte, für lange Zeit ein Ziel und schlug an der oberen +Donau nachdrücklich einen ihrer Stämme, die Juthungen. Hätte sein +Regiment Dauer gehabt, so würde er wohl auch in Gallien den Grenzschutz +erneuert haben; nach seinem baldigen und jähen Ende (275) überschritten +die Germanen abermals den Rhein und verheerten weit und breit das Land. +Sein Nachfolger Probus (seit 276), auch ein tüchtiger Soldat, warf sie +nicht bloß wieder hinaus - siebzig Städte soll er ihnen abgenommen +haben -, sondern ging auch wieder angreifend vor, überschritt den Rhein +und trieb die Deutschen über den Neckar zurück; aber die Linien der +früheren Zeit erneuerte er nicht ^35, sondern begnügte sich, an den +wichtigeren Rheinpositionen Brückenköpfe auf dem anderen Ufer +einzurichten und zu besetzen - das heißt, er kam etwa auf die +Einrichtungen zurück, wie sie hier vor Vespasian bestanden hatten. +Gleichzeitig wurden durch seine Feldherren in der nördlichen Provinz +die Franken niedergeschlagen. Große Massen der überwundenen Germanen +wurden als gezwungene Ansiedler nach Gallien und vor allem nach +Britannien gesandt. In dieser Weise wurde die Rheingrenze wieder +gewonnen und auf das spätere Kaiserreich übertragen. Freilich war wie +die Herrschaft am rechten Rheinufer so auch der Friede am linken +unwiderbringlich dahin. Drohend standen die Alamannen gegenüber Basel +und Straßburg, die Franken gegenüber Köln. Daneben melden sich andere +Stämme. Daß auch die Burgundionen, einst jenseits der Elbe seßhaft, +westwärts vorrückend bis an den oberen Main, Gallien bedrohen, davon +ist zuerst unter Kaiser Probus die Rede; wenige Jahre später beginnen +die Sachsen in Gemeinschaft mit den Franken ihre Angriffe zur See auf +die gallische Nordküste wie auf das römische Britannien. Aber unter den +größtenteils tüchtigen und fähigen Kaisern des +Diocletianisch-Konstantinischen Hauses und noch unter den nächsten +Nachfolgern hielt der Römer die drohende Völkerflut in gemessenen +Schranken. + +—————————————————— + +^34 Postumus Herrschaft dauerte zehn Jahre. Daß im Jahre 259 der ältere +Sohn des Gallienus bereits tot war, lehrt die Inschrift von Modena CIL +XI, 826; also fällt Postumus Abfall sicher in oder vor dieses Jahr. Da +die Gefangennahme des Tetricus nicht wohl später als 272, unmittelbar +nach der zweiten Expedition gegen Zenobia, angesetzt werden kann und +die drei gallischen Herrscher Postumus zehn, Victorinus zwei (Eutr. 9, +9), Tetricus zwei (Aur. Vict. Caes. 35) Jahre regiert haben, so bringt +dies Postumus Abfall etwa auf 259; doch sind dergleichen Zahlen häufig +etwas verschoben. Wenn die Dauer der Germanenzüge in Spanien unter +Gallienus auf zwölf Jahre bestimmt wird (Oros. hist. 7, 41, 2), so +scheint dies nach der Hieronymischen Chronik oberflächlich berechnet zu +sein. Die üblichen genauen Zahlen sind unbeglaubigt und täuschend. + +^35 Nach dem Biographen (c. 14, 15) hat Probus die Germanen des rechten +Rheinufers in Abhängigkeit gebracht, so daß sie den Römern +tributpflichtig sind und die Grenze für sie verteidigen (omnes iam +barbari vobis arant, vobis iam serviunt et contra interiores gentes +militant); das Recht der Waffenführung wird ihnen vorläufig gelassen, +aber daran gedacht, bei weiteren Erfolgen die Grenze vorzuschieben und +eine Provinz Germanien einzurichten. Auch als freie Phantasien eines +Römers des vierten Jahrhunderts - mehr ist es nicht - haben diese +Äußerungen ein gewisses Interesse. + +—————————————————— + +Die Germanen in ihrer nationalen Entwicklung darzustellen, ist nicht +die Aufgabe des Geschichtschreibers der Römer; für ihn erscheinen sie +nur hemmend oder auch zerstörend. Eine Durchdringung der beiden +Nationalitäten und eine daraus hervorgehende Mischkultur, wie das +romanisierte Keltenland, hat das römische Germanien nicht aufzuweisen +oder sie fällt für unsere Auffassung mit der römisch-gallischen um so +mehr zusammen, als die längere Zeit in römischem Besitz gebliebenen +germanischen Gebiete auf dem linken Rheinufer durchaus mit keltischen +Elementen durchsetzt waren und auch die auf dem rechten, ihrer +ursprünglichen Bevölkerung größtenteils beraubt, die Mehrzahl der neuen +Ansiedler aus Gallien erhielten. Dem germanischen Element fehlten die +kommunalen Zentren, wie sie das Keltentum zahlreich besaß. Teils +deswegen, teils infolge äußerer Umstände konnte, wie schon +hervorgehoben worden ist, in dem germanischen Osten das römische +Element sich eher und voller entwickeln als in den keltischen Gegenden. +Von wesentlichstem Einfluß darauf sind die Heerlager der Rheinarmee +geworden, die alle auf das römische Germanien fallen. Die größeren +derselben erhielten teils durch die Handelsleute, die dem Heere sich +anschlossen, teils und vor allem durch die Veteranen, die in ihren +gewohnten Quartieren auch nach der Entlassung verblieben, einen +städtischen Anhang, eine von den eigentlichen Militärquartieren +gesonderte Budenstadt (canabae); überall und namentlich in Germanien +sind aus diesen bei den Legionslagern und besonders den Hauptquartieren +mit der Zeit eigentliche Städte erwachsen. An der Spitze steht die +römische Ubierstadt, ursprünglich das zweitgrößte Lager der +niederrheinischen Armee, dann seit dem Jahre 50 römische Kolonie und +von bedeutendster Wirksamkeit für die Hebung der römischen Zivilisation +im Rheinland. Hier wich die Lagerstadt der römischen Pflanzstadt; +späterhin erhielten, ohne Verlegung der Truppen, Stadtrecht die zu den +beiden großen unterrheinischen Lagern gehörenden Ansiedlungen Ulpia +Noviomagus im Bataverland und Ulpia Traiana bei Vetera durch Traianus, +im dritten Jahrhundert die Militärhauptstadt Obergermaniens +Mogontiacum. Freilich haben diese Zivilstädte neben den davon +unabhängigen militärischen Verwaltungszentren immer eine untergeordnete +Stellung behalten. + +Blicken wir über die Grenze hinüber, wo diese Erzählung abschließt, so +begegnet uns allerdings anstatt der Romanisierung der Germanen +gewissermaßen eine Germanisierung der Romanen. Die letzte Phase des +römischen Staats ist bezeichnet durch dessen Barbarisierung und +speziell dessen Germanisierung; und die Anfänge reichen weiter zurück. +Sie beginnt mit der Bauernschaft in dem Kolonat, geht weiter zu der +Truppe, wie Kaiser Severus sie gestaltete, erfaßt dann die Offiziere +und Beamte und endigt mit den römisch-germanischen Mischstaaten der +Westgoten in Spanien und Gallien, der Vandalen in Afrika, vor allem dem +Italien Theoderichs. Für das Verständnis dieser letzten Phase bedarf es +allerdings der Einsicht in die staatliche Entwicklung der einen wie der +anderen Nation. Freilich steht in dieser Beziehung die germanische +Forschung sehr im Nachteil. Die staatlichen Einrichtungen, in welche +diese Germanen dienend oder mitherrschend eintraten, sind wohlbekannt, +weit besser als die pragmatische Geschichte der gleichen Epoche; aber +über den germanischen Anfängen liegt ein Dunkel, mit dem verglichen die +Anfänge von Rom und von Hellas lichte Klarheit sind. Während die +nationale Gottesverehrung der antiken Welt relativ erkennbar ist, ist +die Kunde des deutschen Heidentums, vom fernen Norden abgesehen, vor +der historischen Zeit untergegangen. Die Anfänge der staatlichen +Entwicklung der Germanen schildert uns teils die schillernde und in der +Gedankenschablone des sinkenden Altertums befangene, die eigentlich +entscheidenden Momente nur zu oft auslassende Darstellung des Tacitus, +teils müssen wir sie den auf ehemals römischem Boden entstandenen, +überall mit römischen Elementen durchsetzten Zwitterstaaten entnehmen. +Wie die germanischen Worte hier überall fehlen und wir fast +ausschließlich auf lateinische, notwendig inadäquate Bezeichnungen +angewiesen sind, so versagen auch durchgängig die scharfen +Grundanschauungen, derer unsere Kunde des klassischen Altertums nicht +entbehrt. Es gehört zur Signatur unserer Nation, daß es ihr versagt +geblieben ist, sich aus sich selbst zu entwickeln; und dazu gehört es +mit, daß deutsche Wissenschaft vielleicht weniger vergeblich bemüht +gewesen ist, die Anfänge und die Eigenart anderer Nationen zu erkennen +als die der eigenen. + + + + +KAPITEL V. +Britannien + + +Siebenundneunzig Jahre waren vergangen, seitdem römische Truppen das +große Inselland im nordwestlichen Ozean betreten und unterworfen und +wiederum verlassen hatten, bevor die römische Regierung sich entschloß, +die Fahrt zu wiederholen und Britannien bleibend zu besetzen. +Allerdings war Caesars britannische Expedition nicht bloß, wie seine +Züge gegen die Germanen, ein defensiver Vorstoß gewesen. So weit sein +Arm reichte, hatte er die einzelnen Völkerschaften reichsuntertänig +gemacht und ihre Jahresabgabe an das Reich hier wie in Gallien +geordnet. Auch die führende Völkerschaft, welche durch ihre bevorzugte +Stellung fest an Rom geknüpft und somit der Stützpunkt der römischen +Herrschaft werden sollte, war gefunden: die Trinovanten (Essex) sollten +auf der keltischen Insel dieselbe, mehr vorteilhafte als ehrenvolle +Rolle übernehmen wie auf dem gallischen Kontinent die Häduer und die +Reiner. Die blutige Fehde zwischen dem Fürsten Cassivellaunus und dem +Fürstenhaus von Camalodunum (Colchester) hatte unmittelbar die römische +Invasion herbeigeführt; dieses wieder einzusetzen, war Caesar gelandet, +und der Zweck ward für den Augenblick erreicht. Ohne Zweifel hat Caesar +sich nie darüber getäuscht, daß jene Tribute ebenso wie diese +Schutzherrschaft zunächst nur Worte waren; aber diese Worte waren ein +Programm, das die bleibende Besetzung der Insel durch römische Truppen +herbeiführen maßte und herbeiführen sollte. + +Caesar selbst kam nicht dazu, die Verhältnisse der unterworfenen Insel +bleibend zu ordnen; und für seine Nachfolger war Britannien eine +Verlegenheit. Die reichsuntertänig gewordenen Briten entrichteten den +schuldigen Tribut gewiß nicht lange, vielleicht überhaupt niemals; das +Protektorat über die Dynastie von Camalodunum wird noch weniger +respektiert worden sein und hatte lediglich zur Folge, daß Fürsten und +Prinzen dieses Hauses wieder und wieder in Rom erschienen und die +Intervention der römischen Regierung gegen Nachbarn und Rivalen +anriefen - so kam König Dubnovellaunus, wahrscheinlich der Nachfolger +des von Caesar bestätigten Trinovantenfürsten, als Flüchtling nach Rom +zu Kaiser Augustas, so später einer der Prinzen desselben Hauses zu +Kaiser Gaius ^1. + +————————————————————————————— + +^1 Allem Anschein nach sind die politischen Relationen zwischen Rom und +Britannien in der Zeit vor der Eroberung wesentlich auf das von Caesar +wiederhergestellte und garantierte (Gall. 5, 22) Fürstentum der +Trinovanten zu beziehen. Daß König Dubnovellaunus, der nebst einem +anderen ganz unbekannten Britannerfürsten bei Augustas Schutz suchte, +hauptsächlich in Essex herrschte, zeigen seine Münzen (mein Monumentum +Ancyranum. 2. Aufl. 1883, S. 138f.). Die britannischen Fürsten, die den +Augustus beschickten und seine Oberherrschaft anerkannten (denn so +scheint Strab. 4, 5, 3, p. 200 gefaßt werden zu müssen; vgl. Tac. ann. +2, 24), haben wir auch zunächst dort zu suchen. Cunobelinus, nach den +Münzen der Sohn des Königs Tasciovanus, von dem die Geschichte +schweigt, gestorben, wie es scheint, bejahrt, zwischen 40 und 43, im +Regiment also wahrscheinlich dem späteren des Augustus und denen des +Tiberius und Gaius parallel gehend, residierte in Camalodunum (Dio 60, +21); um ihn und um seine Söhne dreht sich die Vorgeschichte der +Invasion. Wohin Bericus, der zum Claudias kam (Dio 60, 19), gehört, +wissen wir nicht, und es mögen auch andere brittische Dynasten dem +Beispiel derer von Colchester gefolgt sein; aber an der Spitze stehen +diese. + +————————————————————————————— + +In der Tat war die Expedition nach Britannien ein notwendiger Teil der +Caesarischen Erbschaft; es hatte auch schon während der Zweiherrschaft +Caesar der Sohn zu einer solchen einen Anlauf genommen und nur davon +abgesehen wegen der dringenderen Notwendigkeit, in Illyricum Ruhe zu +schaffen, oder auch wegen des gespannten Verhältnisses zu Antonius, das +zunächst den Parthern sowohl wie den Britannern zustatten kam. Die +höfischen Poeten aus Augustus’ früheren Jahren haben die britannische +Eroberung vielfach antizipierend gefeiert; das Programm Caesars also +nahm der Nachfolger an und auf. Als dann die Monarchie feststand, +erwartete ganz Rom, daß der Beendigung des Bürgerkrieges die +britannische Expedition auf dem Fuße folgen werde; die Klagen der +Poeten über den schrecklichen Hader, ohne welchen längst die Britanner +im Siegeszug zum Kapitol geführt worden wären, verwandelten sich in die +stolze Hoffnung auf die neu zum Reich hinzutretende Provinz Britannien. +Die Expedition wurde auch zu wiederholten Malen angekündigt (727, 728 +27, 26); dennoch stand Augustus, ohne das Unternehmen förmlich +fallenzulassen, bald von der Durchführung ab, und Tiberius hielt, +seiner Maxime getreu, auch in dieser Frage an dem System des Vaters +fest ^2. Die nichtigen Gedanken des letzten Julischen Kaisers +schweiften wohl auch über den Ozean hinüber; aber ernste Dinge +vermochte er nicht einmal zu planen. Erst die Regierung des Claudius +nahm den Plan des Diktators wieder auf und führte ihn durch. + +——————————————————— + +^2 Tac. Agr. 13: consilium id divus Augustas vocabat, Tiberius +praeceptum. + +——————————————————— + +Welche Motive nach der einen wie nach der andern Seite hin bestimmend +waren, läßt sich teilweise wenigstens erkennen. Augustus selbst hat +geltend gemacht, daß die Besetzung der Insel militärisch nicht nötig +sei, da ihre Bewohner nicht imstande seien, die Römer auf dem Kontinent +zu belästigen, und für die Finanzen nicht vorteilhaft; was aus +Britannien zu ziehen sei, fließe in Form des Einfuhr- und Ausfuhrzolles +der gallischen Häfen in die Kasse des Reiches; als Besatzung werde +wenigstens eine Legion und etwas Reiterei erforderlich sein und nach +Abzug der Kosten derselben von den Tributen der Insel nicht viel übrig +bleiben ^3. Dies alles war unbestreitbar richtig, ja noch keineswegs +genug; die Erfahrung erwies später, daß eine Legion bei weitem nicht +ausreichte, um die Insel zu halten. Hinzuzunehmen ist, was die +Regierung zu sagen allerdings keine Veranlassung hatte, daß bei der +Schwäche des römischen Heeres, wie sie durch die innere Politik Augusts +einmal herbeigeführt war, es sehr bedenklich erscheinen mußte, einen +erheblichen Bruchteil desselben ein für allemal auf eine ferne Insel +des Nordmeers zu bannen. Man hatte vermutlich nur die Wahl, von +Britannien abzusehen oder deswegen das Heer zu vermehren; und bei +Augustus hat die Rücksicht auf die innere Politik stets die auf die +äußere überwogen. + +————————————————————————- + +^3 Die Auseinandersetzung bei Strabon (2, 5, 8, p. 115; 4, 5, 3, p. +200) gibt offenbar die gouvernementale Version. Daß nach Einziehung der +Insel der freie Verkehr und damit der Ertrag der Zölle sinken werde, +muß wohl als Eingeständnis des Satzes genommen werden, daß die römische +Herrschaft und die römischen Tribute den Wohlstand der Untertanen +herabdrückten. + +————————————————————————- + +Aber dennoch muß die Überzeugung von der Notwendigkeit der Unterwerfung +Britanniens bei den römischen Staatsmännern vorgewogen haben. Caesars +Verhalten würde unbegreiflich sein, wenn man sie nicht bei ihm +voraussetzt. Augustus hat das von Caesar gesteckte Ziel trotz seiner +Unbequemlichkeit zuerst förmlich anerkannt und niemals förmlich +verleugnet. Gerade die weitsichtigsten und folgerichtigsten +Regierungen, die des Claudius, des Nero, des Domitian, haben zu der +Eroberung Britanniens den Grund gelegt oder sie erweitert; und sie ist, +nachdem sie erfolgt war, nie betrachtet worden wie etwa die Traianische +von Dakien und Mesopotamien. Wenn die sonst so gut wie unverbrüchlich +festgehaltene Regierungsmaxime, daß das Römische Reich seine Grenzen +nur zu erfüllen, nicht aber auszudehnen habe, allein in betreff +Britanniens dauernd beiseite gesetzt worden ist, so liegt die Ursache +darin, daß die Kelten so, wie Roms Interesse es erheischte, auf dem +Kontinent allein nicht unterworfen werden konnten. Diese Nation war +allem Anschein nach durch den schmalen Meeresarm, der England und +Frankreich trennt, mehr verbunden als geschieden; dieselben Völkernamen +begegnen hüben und drüben; die Grenzen der einzelnen Staaten griffen +öfter über den Kanal hinüber; der Hauptsitz des hier mehr wie irgendwo +sonst das ganze Volkstum durchdringenden Priestertums waren von jeher +die Inseln der Nordsee. Den römischen Legionen das Festland Galliens zu +entreißen, vermochten diese Insulaner freilich nicht; aber wenn der +Eroberer Galliens selbst, und weiter die römische Regierung in Gallien +andere Zwecke verfolgte als in Syrien und Ägypten, wenn die Kelten der +italischen Nation angegliedert werden sollten, so war diese Aufgabe +wohl unausführbar, solange das unterworfene und das freie Keltengebiet +über das Meer hin sich berührten und der Römerfeind wie der römische +Deserteur in Britannien eine Freistatt fand ^4. Zunächst genügte dafür +schon die Unterwerfung der Südküste, obwohl die Wirkung natürlich sich +steigerte, je weiter das freie Keltengebiet zurückgeschoben ward. +Claudius’ besondere Rücksicht auf seine gallische Heimat und seine +Kenntnis gallischer Verhältnisse mag auch hierbei mit im Spiel gewesen +sein ^5. Den Anlaß zum Kriege gab, daß eben dasjenige Fürstentum, +welches von Rom in einer gewissen Abhängigkeit stand, unter der Führung +seines Königs Cunobelinus - es ist dies Shakespeares Cymbeline - seine +Herrschaft weit ausbreitete ^6 und sich von der römischen +Schutzherrschaft emanzipierte. Einer der Söhne desselben, Adminius, der +gegen den Vater sich aufgelehnt hatte, kam schutzbegehrend zum Kaiser +Gaius, und darüber, daß dessen Nachfolger sich weigerte, dem britischen +Herrscher diese seine Untertanen auszuliefern, entspann sich der Krieg +zunächst gegen den Vater und die Brüder dieses Adminius. Der +eigentliche Grund desselben freilich war der unerläßliche Abschluß der +Unterwerfung einer bisher nur halb besiegten, eng zusammenhaltenden +Nation. + +————————————————————————- + +^4 Als Ursache des Krieges gibt Sueton (Claud. 17) an: Britanniam tunc +tumultuantem ob non redditos transfugas; was O. Hirschfeld mit Recht in +Verbindung bringt mit Gai. 44: Adminio Cunobellini Britannorum regis +filio, qui pulsus a patre cum exigua mani transfugerat, in deditionem +recepto. Mit dem tumultuari werden wohl wenigstens beabsichtigte +Plünderfahrten nach der gallischen Küste gemeint sein. Um den Bericus +(Dio 60, 19) ist der Krieg gewiß nicht geführt worden. + +^5 Ebenso war Mona nachher receptaculum perfugarum (Tac. ann. 14, 29). + +^6 Tac. ann. 12, 37: pluribus gentibus imperitantem. + +————————————————————————- + +Daß die Besetzung Britanniens nicht erfolgen könne ohne gleichzeitige +Vermehrung des stehenden Heeres, war auch die Ansicht derjenigen +Staatsmänner, die sie veranlaßten; es wurden drei der Rhein-, eine der +Donaulegionen dazu bestimmt ^7, gleichzeitig aber zwei neu errichtete +Legionen den germanischen Heeren zugeteilt. Zum Führer dieser +Expedition und zugleich zum ersten Statthalter der Provinz wurde ein +tüchtiger Soldat, Aulus Plautius, ausersehen; sie ging im Jahre 43 nach +der Insel ab. Die Soldaten zeigten sich schwierig, wohl mehr wegen der +Verbannung auf die ferne Insel als aus Furcht vor dem Feinde. Einer der +leitenden Männer, vielleicht die Seele des Unternehmens, der +kaiserliche Kabinettssekretär Narcissus, wollte ihnen Mut einsprechen - +sie ließen den Sklaven vor höhnendem Zuruf nicht zu Worte kommen, aber +taten, wie er wollte, und schifften sich ein. + +————————————————————————- + +^7 Die drei Legionen vom Rhein sind die 2. Augusta, die 14. und die +20.; aus Pannonien kam die 9. spanische. Dieselben vier Legionen +standen dort noch zu Anfang der Regierung Vespasians; dieser rief die +14. ab zum Kriege gegen Civilis, und diese kam nicht zurück, dafür aber +wahrscheinlich die 2. adiutrix. Diese ist vermutlich unter Domitian +nach Pannonien verlegt, unter Hadrian die 9. aufgelöst und durch die 6. +victrix ersetzt worden. Die beiden anderen Legionen, 2. Augusta und +20., haben vom Anfang bis zum Ende der Römerherrschaft in England +gestanden. + +————————————————————————- + +Besondere Schwierigkeit hatte die Besetzung der Insel nicht. Die +Eingeborenen standen politisch wie militärisch auf derselben niedrigen +Entwicklungsstufe, welche Caesar auf der Insel vorgefunden hatte. +Könige oder Königinnen regierten in den einzelnen Gauen, die kein +äußeres Band zusammenschloß und die in ewiger Fehde miteinander lagen. +Die Mannschaften waren wohl von ausdauernder Körperkraft und von +todesverachtender Tapferkeit und namentlich tüchtige Reiter. Aber der +homerische Streitwagen, der hier noch eine Wirklichkeit war und auf dem +die Fürsten des Landes selber die Zügel führten, hielt den +geschlossenen römischen Reiterschwadronen ebensowenig stand, wie der +Infanterist ohne Panzer und Helm, nur durch den kleinen Schild +verteidigt, mit seinem kurzen Wurfspieß und seinem breiten Schwert im +Nahkampf dem kurzen römischen Messer gewachsen war oder gar dem +schweren Pilum des Legionärs und dem Schleuderblei und dem Pfeil der +leichten römischen Truppen. Der Heermasse von etwa 40000 wohlgeschulten +Soldaten hatten die Eingeborenen überall keine entsprechende Abwehr +entgegenzustellen. Die Ausschiffung traf nicht einmal auf Widerstand; +die Briten hatten Kunde von der schwierigen Stimmung der Truppen und +die Landung nicht mehr erwartet. König Cunobelinus war kurz vorher +gestorben; die Gegenwehr führten seine beiden Söhne, Caratacus und +Togodumnus. Der Marsch des Invasionsheeres ward sofort auf Camalodunum +gerichtet ^8 und in raschem Siegeslauf gelangte es bis an die Themse; +hier wurde Halt gemacht, vielleicht hauptsächlich, um dem Kaiser die +Gelegenheit zu geben, den leichten Lorbeer persönlich zu pflücken. +Sobald er eintraf, ward der Fluß überschritten, das britische Aufgebot +geschlagen, wobei Togodumnus den Tod fand, Camalodunum selber genommen. +Wohl setzte der Bruder Caratacus den Widerstand hartnäckig fort und +gewann sich, siegend oder geschlagen, einen stolzen Namen bei Freund +und Feind; aber das Vorschreiten der Römer war dennoch unaufhaltsam. +Ein Fürst nach dem andern ward geschlagen und abgesetzt - elf britische +Könige nennt der Ehrenbogen des Claudius als von ihm besiegt; und was +den römischen Waffen nicht erlag, das ergab sich den römischen Spenden. +Zahlreiche vornehme Männer nahmen die Besitzungen an, die auf Kosten +ihrer Landsleute der Kaiser ihnen verlieh; auch manche Könige fügten +sich in die bescheidene Lehnsstellung, wie denn der der Regner +(Chichester), Cogidumnus, und der der Icener (Norfolk), Prasutagus, +eine Reihe von Jahren als Lehnsfürsten die Herrschaft geführt haben. +Aber in den meisten Distrikten der bis dahin durchgängig monarchisch +regierten Insel führten die Eroberer ihre Gemeindeverfassung ein und +gaben, was noch zu verwalten blieb, den örtlichen Vornehmen in die +Hand; was denn freilich schlimme Parteiungen und innere Zerwürfnisse im +Gefolge hatte. Noch unter dem ersten Statthalter scheint das gesamte +Flachland bis etwa zum Humber hinauf in römische Gewalt gekommen zu +sein; die Icener zum Beispiel haben bereits ihm sich ergeben. Aber +nicht bloß mit dem Schwert bahnten die Römer sich den Weg. Unmittelbar +nach der Einnahme wurden nach Camalodunum Veteranen geführt und die +erste Stadt römischer Ordnung und römischen Bürgerrechts, die +“Claudische Siegeskolonie”, in Britannien gegründet, bestimmt zur +Landeshauptstadt. Unmittelbar nachher begann auch die Ausbeutung der +britannischen Bergwerke, namentlich der ergiebigen Bleigruben; es gibt +britannische Bleibarren aus dem sechsten Jahre nach der Invasion. +Offenbar hat in gleicher Schleunigkeit der Strom römischer Kaufleute +und Industrieller sich über das neu geschlossene Gebiet ergossen; wenn +Camalodunum römische Kolonisten empfing, so bildeten anderswo im Süden +der Insel, namentlich an den warmen Quellen der Sulis (Bath), in +Verulamium (St. Albans, nordwestlich von London) und vor allem in dem +natürlichen Emporium des Großverkehrs, in Londinium an der +Themsemündung, bloß infolge des freien Verkehrs und der Einwanderung +sich römische Ortschaften, die bald auch formell städtische +Organisation erhielten. Die vordringende Fremdherrschaft machte nicht +bloß in den neuen Abgaben und Aushebungen, sondern vielleicht mehr noch +in Handel und Gewerbe überall sich geltend. Als Plautius nach +vierjähriger Verwaltung abberufen ward, zog er, der letzte Private, der +zu solcher Ehre gelangt ist, triumphierend in Rom ein, und Ehren und +Orden strömten herab auf die Offiziere und Soldaten der siegreichen +Legionen; dem Kaiser wurden in Rom und danach in anderen Städten +Triumphbogen errichtet wegen des “ohne irgendwelche Verluste” +errungenen Sieges; der kurz vor der Invasion geborene Kronprinz erhielt +anstatt des großväterlichen den Namen Britannicus. Man wird hierin die +unmilitärische, der Siege mit Verlust entwöhnte Zeit und die der +politischen Altersschwäche angemessene Überschwenglichkeit erkennen +dürfen; aber wenn die Invasion Britanniens vom militärischen Standpunkt +aus nicht viel bedeuten will, so muß doch den leitenden Männern das +Zeugnis gegeben werden, daß sie das Werk in energischer und +folgerichtiger Weise angriffen und die peinliche und gefahrvolle Zeit +des Übergangs von der Unabhängigkeit zur Fremdherrschaft in Britannien +eine ungewöhnlich kurze war. + +—————————————————————————- + +^8 Die nur auf bedenkliche Emendationen gestützte Identifikation der +Boduner und Catuellaner bei Dio 60, 20 mit Völkerschaften ähnlichen +Namens bei Ptolemaeos kann nicht richtig sein; diese ersten Kämpfe +müssen zwischen der Küste und der Themse stattgefunden haben. + +—————————————————————————- + +Nach dem ersten raschen Erfolg freilich entwickelten auch hier sich die +Schwierigkeiten und selbst die Gefahren, welche die Besetzung der Insel +nicht bloß den Eroberten brachte, sondern auch den Eroberern. + +Des Flachlandes war man Herr, aber nicht der Berge noch des Meeres. Vor +allem der Westen machte den Römern zu schaffen. Zwar im äußersten +Südwest, im heutigen Cornwall, hielt sich das alte Volkstum wohl mehr, +weil die Eroberer sich um diese entlegene Ecke wenig kümmerten, als +weil es geradezu sich gegen sie auflehnte. Aber die Siluren im Süden +des heutigen Wales und ihre nördlichen Nachbarn, die Ordoviker, +trotzten beharrlich den römischen Waffen; die den letzteren anliegende +Insel Mona (Anglesey) war der rechte Herd der nationalen und religiösen +Gegenwehr. Nicht die Bodenverhältnisse allein hemmten das Vordringen +der Römer; was Britannien für Gallien gewesen, das war jetzt für +Britannien, und insbesondere für diese Westküste, die große Insel +Ivernia; die Freiheit drüben ließ die Fremdherrschaft hüben nicht feste +Wurzel fassen. Deutlich erkennt man an der Anlegung der Legionslager, +daß die Invasion hier zum Stehen kam. Unter Plautius’ Nachfolger wurde +das Lager für die vierzehnte Legion am Einfluß des Tern in den Severn +bei Viroconium (Wroxeter, unweit Shrewsbury ^9) angelegt, vermutlich um +dieselbe Zeit südlich davon das von Isca (Caerleon = castra legionis) +für die zweite, nördlich das von Deva (Chester = castra) für die +zwanzigste; diese drei Lager schlossen das walisische Gebiet ab gegen +Süden, Norden und Westen und schützten also das befriedete Land gegen +das frei gebliebene Gebirge. Dorthin warf sich, nachdem seine Heimat +römisch geworden war, der letzte Fürst von Camalodunum, Caratacus. Er +wurde von dem Nachfolger des Plautius, Publius Ostorius Scapula, im +Ordovikergebiet geschlagen und bald darauf von den geschreckten +Briganten, zu denen er geflüchtet war, den Römern ausgeliefert (51) und +mit all den Seinen nach Italien geführt. Verwundert fragte er, als er +die stolze Stadt sah, wie es die Herren solcher Paläste nach den armen +Hütten seiner Heimat verlangen könne. Aber damit war der Westen +keineswegs bezwungen; die Siluren vor allem verharrten in hartnäckiger +Gegenwehr, und daß der römische Feldherr ankündigte, sie bis auf den +letzten Mann ausrotten zu wollen, trug auch nicht dazu bei, sie +fügsamer zu machen. Der unternehmende Statthalter Gaius Suetonius +Paullinus versuchte einige Jahre später (61), den Hauptsitz des +Widerstandes, die Insel Mona, in römische Gewalt zu bringen, und trotz +der wütenden Gegenwehr, welche ihn hier empfing und in der die Priester +und die Weiber vorangingen, fielen die heiligen Bäume, unter denen +mancher römische Gefangene geblutet hatte, unter den Äxten der +Legionäre. Aber aus der Besetzung dieses letzten Asyls der keltischen +Priesterschaft entwickelte sich eine gefährliche Krise in dem +unterworfenen Gebiete selbst, und die Eroberung Monas zu vollenden, war +dem Statthalter nicht beschieden. + +—————————————————————————— + +^9 Tac. ann. 12, 31: (P. Ostorius) cuncta castris ad . . . ntonam +(überliefert ist castris antonam) et Sabrinam fluvios cohibere parat. +So ist hier herzustellen, nur daß der sonst nicht überlieferte Name des +Flusses Tern nicht ergänzt werden kann. Die einzigen in England +gefundenen Inschriften von Soldaten der 14. Legion, die unter Nero +England verließ, sind in Wroxeter, dem sogenannten “englischen Pompeii” +zum Vorschein gekommen. Da dort sich auch die Grabschrift eines +Soldaten der 20. gefunden hat, war das von Tacitus bezeichnete Lager +vielleicht anfänglich beiden Legionen gemeinsam und ist die 20. erst +später nach Deva gekommen. Daß das Lager bei Isca gleich nach der +Invasion angelegt ward, geht aus Tac. ann. 12, 32 u. 38 hervor. + +—————————————————————————— + +Auch in Britannien hatte die Fremdherrschaft die Probe der nationalen +Insurrektion zu bestehen. Was Mithradates in Kleinasien, Vercingetorix +bei den Kelten des Kontinents, Civilis bei den unterworfenen Germanen +unternahmen, das versuchte bei den Inselkelten eine Frau, die Gattin +eines jener von Rom bestätigten Vasallenfürsten, die Königin der +Icener, Boudicca. Ihr verstorbener Gatte hatte, um seiner Frau und +seiner Töchter Zukunft zu sichern, seine Herrschaft dem Kaiser Nero +vermacht, sein Vermögen zwischen ihm und den Seinigen geteilt. Der +Kaiser nahm die Erbschaft an, aber was ihm nicht zufallen sollte, dazu; +die fürstlichen Vettern wurden in Ketten gelegt, die Witwe geschlagen, +die Töchter in schändlicherer Weise mißhandelt. Dazu kam andere Unbill +des späteren Neronischen Regiments. Die in Camalodunum angesiedelten +Veteranen jagten die früheren Besitzer von Haus und Hof, wie es ihnen +beliebte, ohne daß die Behörden dagegen einschritten. Die vom Kaiser +Claudius verliehenen Geschenke wurden als widerrufliche Gaben +eingezogen. Römische Minister, die zugleich Geldgeschäfte machten, +trieben auf diesem Wege die britannischen Gemeinden eine nach der +anderen zum Bankrott. Der Moment war günstig. Der mehr tapfere als +vorsichtige Statthalter Paullinus befand sich, wie gesagt wurde, mit +dem Kern der römischen Armee auf der entlegenen Insel Mona, und dieser +Angriff auf den heiligsten Sitz der nationalen Religion erbitterte +ebenso die Gemüter, wie er dem Aufstande den Weg ebnete. Der alte +gewaltige Keltenglaube, der den Römern so viel zu schaffen gemacht, +loderte noch einmal, zum letzten Mal, in mächtiger Flamme empor. Die +geschwächten und weitgetrennten Legionslager im Westen und im Norden +gewährten dem ganzen Südosten der Insel mit seinen aufblühenden +römischen Städten keinen Schutz. Vor allem die Hauptstadt Camalodunum +war völlig wehrlos, eine Besatzung nicht vorhanden, die Mauern nicht +vollendet, wohl aber der Tempel ihres kaiserlichen Stifters, des neuen +Gottes Claudius. Der Westen der Insel, wahrscheinlich niedergehalten +durch die dort stehenden Legionen, scheint sich bei der Schilderhebung +nicht beteiligt zu haben und ebensowenig der nicht botmäßige Norden; +aber, wie das bei keltischen Aufständen öfter vorgekommen ist, es erhob +sich im Jahre 61 auf die vereinbarte Losung das ganze übrige +unterworfene Gebiet auf einen Schlag gegen die Fremden, voran die aus +ihrer Hauptstadt vertriebenen Trinovanten. Der zweite Befehlshaber, der +zur Zeit den Statthalter vertrat, der Prokurator Decianus Catus, hatte +im letzten Augenblick, was er von Soldaten hatte, dieser zum Schutz +gesandt: es waren 200 Mann. Sie wehrten sich mit den Veteranen und den +sonstigen waffenfähigen Römern zwei Tage im Tempel; dann wurden sie +überwältigt und was in der Stadt römisch war, umgebracht bis auf den +letzten. Das gleiche Schicksal erfuhr das Hauptemporium des römischen +Handels, Londinium, und eine dritte aufblühende römische Stadt, +Verulamium (St. Albans, nordwestlich von London), nicht minder die auf +der Insel zerstreuten Ausländer - es war eine nationale Vesper, gleich +jener Mithradatischen und die Zahl der Opfer - angeblich 70000 - nicht +geringer. Der Prokurator gab die Sache Roms verloren und flüchtete nach +dem Kontinent. Auch die römische Armee ward in die Katastrophe +verwickelt. Eine Anzahl zerstreuter Detachements und Besatzungen erlag +den Angriffen der Insurgenten. Quintus Petillius Cerialis, der im Lager +von Lindum den Befehl führte, marschierte auf Camalodunum mit der +neunten Legion; zur Rettung kam er zu spät und verlor, von ungeheurer +Übermacht angegriffen, in der Feldschlacht sein gesamtes Fußvolk; das +Lager erstürmten die Briganten. Es fehlte nicht viel, daß den obersten +Feldherrn das gleiche Schicksal erreichte. Eilig zurückkehrend von der +Insel Mona, rief er die bei Isca stehende zweite Legion heran; aber sie +gehorchte dem Befehle nicht und mit nur etwa 10000 Mann mußte Paullinus +den ungleichen Kampf gegen das zahllose und siegreiche Insurgentenheer +aufnehmen. Wenn je der Soldat die Fehler der Führung gutgemacht hat, so +war es an dem Tage, wo dieser kleine Haufen, hauptsächlich die seitdem +gefeierte vierzehnte Legion, wohl zu seiner eigenen Überraschung den +vollen Sieg erfocht und die römische Herrschaft in Britannien abermals +festigte; viel fehlte nicht, daß Paullinus Name neben dem des Varus +genannt worden wäre. Aber der Erfolg entscheidet, und hier blieb er den +Römern ^10. Der schuldige Kommandant der ausgebliebenen Legion kam dem +Kriegsgericht zuvor und stürzte sich in sein Schwert. Die Königin +Boudicca trank den Giftbecher. Der übrigens tapfere Feldherr wurde zwar +nicht in Untersuchung gezogen, wie anfangs die Absicht der Regierung zu +sein schien, aber bald unter einem schicklichen Vorwand abgerufen. + +—————————————————————————— + +^10 Eine schlechtere Relation als die des Tacitus über diesen Krieg +(14, 31-39) ist selbst bei diesem unmilitärischsten aller +Schriftsteller kaum aufzufinden. Wo die Truppen standen und wo die +Schlachten geliefert wurden, hören wir nicht dafür aber von Zeichen und +Wundern genug und leere Worte nur zu viel. Die wichtigen Tatsachen, die +im Leben des Agricola (31) erwähnt werden, fehlen im Hauptbericht +insonderheit die Erstürmung des Lagers. Daß Paullinus, von Mona +kommend, nicht bedacht ist, die Römer im Südosten zu retten, sondern +seine Truppen Zu vereinigen, begreift sich, aber nicht, warum er, wenn +er Londinium aufopfern wollte, deswegen dahin marschiert. Ist er +wirklich dorthin gekommen, so kann er nur mit einer persönlichen +Bedeckung, ohne das Korps, das er auf Mona bei sich gehabt, dort +erschienen sein; was freilich auch keinen Sinn hat. Das Gros der +römischen Truppen, sowohl der von Mona zurückgeführten wie der sonst +noch vorhandenen, kann nach Rufreibung der 9. Legion nur auf der Linie +Deva - Viroconium - Isca gestanden haben; Paullinus schlug die Schlacht +mit den beiden in den beiden ersten dieser Lager stehenden Legionen der +14. und der (unvollständigen) 20. Daß Paullinus schlug, weil er +schlagen maßte, sagt Dio (62, 1-12), und wenngleich dessen Erzählung +sonst auch nicht gebraucht werden kann, um die des Tacitus zu bessern, +so scheint dies durch die Sachlage selbst gefordert. + +—————————————————————————— + +Die Unterwerfung der westlichen Teile der Insel wurde von Paullinus +Nachfolgern nicht sogleich fortgesetzt. Erst der tüchtige Feldherr +Sextus Iulius Frontinus unter Vespasian zwang die Siluren zur +Anerkennung der römischen Herrschaft; sein Nachfolger Gnaeus Iulius +Agricola führte nach harten Kämpfen mit den Ordovikern das aus, was +Paullinus nicht erreicht hatte, und besetzte im Jahre 78 die Insel +Mona. Nachher ist von aktivem Widerstand in diesen Gegenden nicht die +Rede; das Lager von Viroconium konnte, wahrscheinlich um diese Zeit, +aufgehoben, die dadurch frei gewordene Legion im nördlichen Britannien +verwendet werden. Aber die anderen beiden Legionslager von Isca und von +Deva sind noch bis in die diocletianische Zeit an Ort und Stelle +geblieben und erst in dem späteren Besatzungsstand verschwunden. Wenn +dabei auch politische Rücksichten mitgewirkt haben mögen, so ist doch +der Widerstand des Westens wahrscheinlich, vielleicht gestützt auf +Verbindungen mit Ivernia, auch später noch fortgeführt worden. Dafür +spricht ferner das völlige Fehlen römischer Spuren in dem inneren Wales +und das daselbst bis auf den heutigen Tag sich behauptende keltische +Volkstum. + +Im Norden bildete den Mittelpunkt der römischen Stellung, östlich von +Viroconium das Lager der neunten spanischen Legion in Lindum (Lincoln). +Zunächst mit diesem berührte sich in Nordengland das mächtigste +Fürstentum der Insel, das der Briganten (Yorkshire); es hatte sich +nicht eigentlich unterworfen, aber die Königin Cartimandus suchte doch +mit den Eroberern Frieden zu halten und erwies sich ihnen gefügig. Die +Partei der Römerfeinde hatte hier im Jahre 50 loszuschlagen versucht, +aber der Versuch war rasch unterdrückt worden. Caratacus, im Westen +geschlagen, hatte gehofft, seinen Widerstand im Norden fortführen zu +können, aber die Königin lieferte ihn, wie schon gesagt ward, den +Römern aus. Diese inneren Zwistigkeiten und häuslichen Händel müssen +dann in dem Aufstand gegen Paullinus, bei dem wir die Briganten in +einer führenden Stellung fanden und der eben die Legion des Nordens mit +seiner ganzen Schwere traf, mit im Spiel gewesen sein. Indes war die +römische Partei der Briganten einflußreich genug, um nach Niederwerfung +des Aufstandes die Wiederherstellung des Regiments der Cartimandus zu +erlangen. Aber einige Jahre nachher bewirkte die Patriotenpartei +daselbst, getragen durch die Losung des Abfalles von Rom, welche +während des Bürgerkrieges nach Neros Katastrophe den ganzen Westen +erfüllte, eine neue Schilderhebung der Briganten gegen die +Fremdherrschaft, an deren Spitze Cartimandus’ früherer, von ihr +beseitigter und beleidigter Gemahl, der kriegserfahrene Venutius stand; +erst nach längeren Kämpfen bezwang Petillius Cerialis das mächtige +Volk, derselbe, der unter Paullinus nicht glücklich gegen eben diese +Briten gefochten hatte, jetzt einer der namhaftesten Feldherren +Vespasians und der erste von ihm ernannte Statthalter der Insel. Der +allmählich nachlassende Widerstand des Westens machte es möglich, die +eine der drei bisher dort stationierten Legionen mit der in Lindum +stehenden zu vereinigen und das Lager selbst von Lindum nach dem +Hauptort der Briganten, Eburacum (York), vorzuschieben. Indes so lange +der Westen ernstliche Gegenwehr leistete, geschah im Norden nichts +weiter für die Ausdehnung der römischen Grenze; am Kaledonischen Walde, +sagt ein Schriftsteller vespasianischer Zeit stocken seit dreißig +Jahren die römischen Waffen. Erst Agricola griff, nachdem er im Westen +fertig war, die Unterwerfung auch des Nordens energisch an. Er schuf +vor allem sich eine Flotte, ohne welche die Verpflegung der Truppen in +diesen, wenige Hilfsmittel darbietenden Gebirgen unmöglich gewesen sein +würde. Gestützt auf diese gelangte er unter Titus (80) bis an die +Tava-Bucht (Firth of Tay) in die Gegend von Perth und Dundee und wandte +die drei folgenden Feldzüge daran, die weiten Landstriche zwischen +dieser Bucht und der bisherigen römischen Grenze an beiden Meeren genau +zu erkunden, den örtlichen Widerstand überall zu brechen und an den +geeigneten Stellen Verschanzungen anzulegen, wobei namentlich die +natürliche Verteidigungslinie, welche durch die beiden tief +einschneidenden Buchten Clota (Firth of Clyde) bei Glasgow und Bodotria +(Firth of Forth) bei Edinburgh gebildet wird, zum Rückhalt ausersehen +ward. Dieser Vorstoß rief das gesamte Hochland unter die Waffen; aber +die gewaltige Schlacht, welche die vereinigten kaledonischen Stämme den +Legionen zwischen den beiden Buchten Forth und Tay an den Graupischen +Bergen lieferten, endigte mit dem Siege Agricolas. Nach seiner Ansicht +mußte die Unterwerfung der Insel, einmal begonnen, auch vollendet, ja +auch auf Ivernia ausgedehnt werden; und es ließ sich dafür mit +Rücksicht auf das römische Britannien geltend machen, was mit Rücksicht +auf Gallien die Besetzung der Insel herbeigeführt hatte; hinzu kam, daß +bei energischer Durchführung der Besetzung des gesamten Inselkomplexes +der Aufwand an Menschen und Geld für die Zukunft wahrscheinlich sich +verringert haben würde. + +Die römische Regierung folgte diesen Ratschlägen nicht. Wieweit bei der +Rückberufung des siegreichen Feldherrn im Jahre 85, der übrigens +länger, als sonst der Fall zu sein pflegte, im Amte geblieben war, +persönliche und gehässige Motive mitgewirkt haben, muß dahingestellt +bleiben; das Zusammentreffen der letzten Siege des Generals in +Schottland und der ersten Niederlagen des Kaisers im Donauland war +allerdings in hohem Grade peinlich. Aber für das Einstellen der +Operationen in Britannien ^11 und für die, wie es scheint, damals +erfolgte Abberufung einer der vier Legionen, mit denen Agricola seine +Feldzüge ausgeführt hatte, nach Pannonien, gibt die damalige +militärische Lage des Staats, die Ausdehnung der römischen Herrschaft +auf dem rechten Rheinufer in Obergermanien und der Ausbruch der +gefährlichen Kriege in Pannonien, eine völlig hinreichende Erklärung. +Das freilich ist damit nicht erklärt, warum hiermit dem Vordringen +gegen Norden überhaupt ein Ziel gesetzt und Nordschottland sowohl wie +Irland sich selber überlassen wurden. Daß seitdem die Regierung, nicht +wegen Zufälligkeiten der augenblicklichen Lage, sondern ein für allemal +von der Vorschiebung der Reichsgrenze absah und daran bei allem Wechsel +der Persönlichkeiten festhielt, lehrt die gesamte spätere Geschichte +der Insel und lehren insbesondere die gleich zu erwähnenden mühsamen +und kostspieligen Wallbauten. Ob sie im rechten Interesse des Staates +auf die Vollendung der Eroberung verzichtet hat, ist eine andere Frage. +Daß die Reichsfinanzen bei dieser Erweiterung der Grenzen nur einbüßen +würden, wurde auch jetzt ebenso geltend gemacht ^12, wie früher gegen +die Besetzung der Insel selbst, konnte aber freilich nicht entscheiden. +Militärisch durchführbar war die Besetzung so, wie Agricola sie gedacht +hatte, ohne Zweifel ohne wesentliche Schwierigkeit. Aber ins Gewicht +mochte die Erwägung fallen, daß die Romanisierung der noch freien +Gebiete große Schwierigkeit bereitet haben würde wegen der +Stammesverschiedenheit. Die Kelten im eigentlichen England gehörten +durchaus zu denen des Festlands; Volksname, Glaube, Sprache waren +beiden gemeinsam. Wenn die keltische Nationalität des Kontinents einen +Rückhalt an der Insel gefunden hatte, so griff umgekehrt die +Romanisierung Galliens notwendig auch nach England hinüber, und diesem +vornehmlich verdankte es Rom, daß in so überraschender Schnelligkeit +Britannien sich gleichfalls romanisierte. Aber die Bewohner Irlands und +Schottlands gehörten einem anderen Stamme an und redeten eine andere +Sprache; ihr Gadhelisch verstand der Brite wahrscheinlich so wenig wie +der Germane die Sprache der Skandinaven. Als Barbaren wildester Art +werden die Kaledonier - mit den Ivernern haben die Römer sich kaum +berührt - durchaus geschildert. Andererseits waltete der Eichenpriester +(Derwydd, Druida) seines Amtes an der Rhone wie in Anglesey, aber nicht +auf der Insel des Westens noch in den Bergen des Nordens. Wenn die +Römer den Krieg hauptsächlich geführt hatten, um das Druidengebiet ganz +in ihre Gewalt zu bringen, so war dieses Ziel einigermaßen erreicht. +Ohne Frage hätten in anderer Zeit alle diese Erwägungen die Römer nicht +vermocht, auf die so nahe gerückte Seegrenze im Norden zu verzichten +und wenigstens Kaledonien wäre besetzt worden. Aber weitere +Landschaften mit römischem Wesen zu durchdringen, vermochte das +damalige Rom nicht mehr; die zeugende Kraft und der vorschreitende +Volksgeist waren aus ihm entwichen. Wenigstens diejenige Eroberung, die +nicht durch Verordnungen und Märsche erzwungen werden kann, wäre, wenn +man sie versucht hätte, schwerlich gelungen. + +————————————————————————————————- + +^11 Tac. hist. I, 2 faßt das Resultat zusammen in die Worte perdomita +Britannia et statim missa. + +^12 Der kaiserliche Finanzbeamte unter Pius, Appian (prooem. 5), +bemerkt, daß die Römer den besten Teil (τό κράτιστον) der britischen +Insel besetzt hätten οιδέν τής άλλης δεόμενοι. ου' γάρ εύφορος αυτοίς +εστίν ουδ' ήν έχουσιν. Das ist die Antwort der Gouvernementalen an +Agricola und seine Meinungsgenossen. + +————————————————————————————————- + +Es kam also darauf an, die Nordgrenze für die Verteidigung in +geeigneter Weise einzurichten; und darum dreht sich fortan hier die +militärische Arbeit. Der militärische Mittelpunkt blieb Eburacum. Das +weite, von Agricola besetzte Gebiet wurde festgehalten und mit +Kastellen belegt, die als vorgeschobene Posten für das zurückliegende +Hauptquartier dienten; wahrscheinlich ist der größte Teil der nicht +legionären Truppen zu diesem Zweck verwendet worden. Später folgte die +Anlage zusammenhängender Befestigungslinien. Die erste der Art rührt +von Hadrian her und ist auch insofern merkwürdig, als sie in gewissem +Sinn bis auf den heutigen Tag noch besteht und vollständiger bekannt +ist als irgendeine andere der großen militärischen Bauten der Römer. Es +ist genau genommen eine von Meer zu Meer in der Länge von etwa 16 +deutschen Meilen westlich an den Solway Firth, östlich an die Mündung +der Tyne führende, nach beiden Seiten hin festungsmäßig geschützte +Heerstraße. Die Verteidigung bildet nördlich eine gewaltige +ursprünglich mindestens 16 Fuß hohe und 8 Fuß dicke, an beiden +Außenseiten aus Quadersteinen erbaute, dazwischen mit Bruchsteinen und +Mörtel ausgefüllte Mauer, vor welcher ein nicht minder imponierender, 9 +Fuß tiefer, oben bis 34 Fuß und mehr breiter Graben sich hinzieht. +Gegen Süden ist die Straße geschützt durch zwei parallele, noch jetzt 6 +bis 7 Fuß hohe Erddämme, zwischen denen ein 7 Fuß tiefer Graben mit +einem nach Süden aufgehöhten Rande sich hinzieht, so daß die Anlage von +Damm zu Damm eine Gesamtbreite von 24 Fuß hat. Zwischen der Steinmauer +und den Erddämmen, auf der Straße selbst, liegen die Lagerplätze und +Wachthäuser, nämlich in der Entfernung einer kleinen Meile voneinander +die Kohortenlager, angelegt als selbständig wehrfähige Kastelle mit +Toröffnungen nach allen vier Seiten; zwischen je zweien derselben eine +kleinere Anlage ähnlicher Art mit Ausfallstoren nach Norden und Süden; +zwischen je zweien von diesen vier kleinere Wachthäuser in Rufweite +voneinander. Diese Anlage von großartiger Solidität, welche als +Besatzung 10000 bis 12000 Mann erfordert haben muß, bildete seitdem das +Fundament der militärischen Operationen im nördlichen England. +Eigentlicher Grenzwall war sie nicht; vielmehr haben nicht bloß die +schon seit Agricolas Zeit weit darüber hinaus vorgeschobenen Posten +daneben fortbestanden, sondern es ist späterhin, zuerst unter Pius, +dann in umfassenderer Weise unter Severus gleichsam als Vorposten für +den Hadrianswall ^13 die schon von Agricola mit einer Postenreihe +besetzte, um die Hälfte kürzere Linie vom Firth of Clyde zum Firth of +Forth in ähnlicher, aber schwächerer Weise befestigt worden. Der Anlage +nach war diese Linie von der Hadrianischen nur insofern verschieden, +als sie sich auf einen ansehnlichen Erdwall, mit Graben davor und +Straße dahinter, beschränkte, nach Süden also nicht zur Verteidigung +eingerichtet war; im übrigen schloß auch sie eine Anzahl kleinerer +Lager in sich. An dieser Linie endigten die römischen Reichsstraßen +^14, und obwohl auch jenseits dieser noch römische Posten standen - der +nördlichste Punkt, auf dem der Grabstein eines römischen Soldaten sich +gefunden hat, ist Ardoch zwischen Stirling und Perth -, kann die Grenze +der Züge Agricolas, der Firth of Tay, auch später noch als die Grenze +des Römischen Reiches angesehen werden. + +———————————————————————— + +^13 Die Meinung, daß der nördliche Wall an die Stelle des südlichen +getreten sei, ist ebenso verbreitet wie unhaltbar; die Kohortenlager am +Hadrianswall, wie sie uns die Inschriften des 2. Jahrhunderts zeigen, +bestanden im wesentlichen unverändert noch am Ende des 3. (denn dieser +Epoche gehört der betreffende Abschnitt der Notitia an). Beide Anlagen +haben nebeneinander bestanden, seit die jüngere hinzugetreten war; auch +zeigt die Masse der Denkmäler am Severuswall mit Evidenz, daß er bis +zum Ende der römischen Herrschaft in Britannien besetzt geblieben ist. + +Der Bau des Severus kann nur auf die nördliche Anlage bezogen werden. +Einmal war die Anlage des Hadrian von der Art, daß eine etwaige +Wiederherstellung unmöglich, wie dies von der Severischen gesagt wird, +als Neubau aufgefaßt werden konnte; aber die Anlage des Pius war ein +bloßer Erddamm (murus cespiticius, vita c. 5) und unterliegt hier die +gleiche Annahme minderem Bedenken. Zweitens paßt die Länge des +Severuswalles von 32 Milien (Aur. Vict. epit. 20; die unmögliche Zahl +132 ist ein Schreibfehler unserer Handschriften des Eutropius 8, 19 - +wo Paulus das Richtige bewahrt hat -, der dann von Hier. chron. a. Abr. +2221, Oros. hist. 7, 17, 7 und Cassiod. chron. zum Jahre 207 übernommen +worden ist) nicht auf den Hadrianswall von 80 Milien; aber die Anlage +des Pius, die nach den inschriftlichen Erhebungen etwa 40 Milien lang +war, kann wohl gemeint sein, da die Endpunkte der Severischen Anlage an +den beiden Meeren recht wohl andere und näher gelegene gewesen sein +können. Wenn endlich nach Dio 76,12 von der Mauer, welche die Insel in +zwei Teile teilt, nördlich die Kaledonien südlich die Maeaten wohnen, +so sind zwar die Wohnsitze der letzteren sonst nicht bekannt (vgl. Dio +75, 5), können aber unmöglich auch nach der Schilderung, die Dio von +ihrer Gegend macht, südlich vom Hadrianswall angesetzt und die der +Kaledonier bis an diesen erstreckt werden. Also ist hier die Linie +Glasgow-Edinburgh gemeint. + +^14 A limite id est a vallo heißt es im Itinerarium, p. 464. + +———————————————————————— + +Weniger als von diesen imponierenden Verteidigungsanlagen wissen wir +von der Anwendung, die sie gefunden haben und überhaupt den späteren +Ereignissen auf diesem fernen Kriegsschauplatz. Unter Hadrian ist eine +schwere Katastrophe hier eingetreten, allem Anschein nach ein Überfall +des Lagers von Eburacum und die Vernichtung der dort stehenden Legion +^15, derselben neunten, die im Boudiccakrieg so unglücklich gefochten +hatte. Wahrscheinlich ist diese nicht durch feindlichen Einfall +herbeigeführt, sondern durch den Abfall der nördlichen als +reichsuntertänig geltenden Völkerschaften, insbesondere der Briganten. +Damit wird in Verbindung zu bringen sein, daß der Hadrianswall ebenso +gegen Süden wie gegen Norden Front macht; offenbar war er auch dazu +bestimmt, das nur oberflächlich unterworfene Nordengland +niederzuhalten. Auch unter Hadrians Nachfolger Pius haben hier Kämpfe +stattgefunden, an denen die Briganten wieder beteiligt waren; doch läßt +sich Genaueres nicht erkennen ^16. Der erste ernstliche Angriff auf +diese Reichsgrenze und die erste nachweisliche Überschreitung der Mauer +- ohne Zweifel derjenigen des Pius - erfolgte unter Marcus und weiter +unter Commodus; wie denn auch Commodus der erste Kaiser ist, der den +Siegesbeinamen des Britannikers angenommen hat, nachdem der tüchtige +General Ulpius Marcellus die Barbaren zu Paaren getrieben hatte. Aber +das Sinken der römischen Macht tritt seitdem hier ebenso hervor wie an +der Donau und am Euphrat. In den unruhigen Anfangsjahren des Severus +hatten die Kaledonier ihre Zusage, sich nicht mit den römischen +Untertanen einzulassen, gebrochen, und, auf sie gestützt, ihre +südlichen Nachbarn, die Maeaten, den römischen Statthalter Lupus +genötigt, gefangene Römer mit großen Summen zu lösen. Dafür traf sie +Severus’ schwerer Arm nicht lange vor seinem Tode; er drang in ihr +eigenes Gebiet ein und zwang sie zur Abtretung beträchtlicher Strecken +^17, aus welchen freilich, nachdem der alte Kaiser im Jahre 211 im +Lager von Eburacum gestorben war, seine Söhne die Besatzungen sofort +freiwillig zurückzogen, um der lästigen Verteidigung überhoben zu sein. + +———————————————————————- + +^15 Der Hauptbeweis dafür liegt in dem unzweifelhaft bald nach dem +Jahre 108 (CIL VII, 241) eintretenden Verschwinden dieser Legion und +ihrer Ersetzung durch die 6. victrix. Die beiden Notizen, welche auf +dies Ereignis hindeuten (Fronto p. 217 Naher: Hadriano imperium +obtinente quantum militum a Britannis caesum? Vita 5: Britanni teneri +sub Romana dicione non poterant) sowie die Anspielung bei Iuvenal (14, +196: castella Brigantum) führen auf einen Aufstand, nicht auf einen +Einfall. + +^16 Wenn Pius nach Pausanias (8, 43, 4) απετέμετο τών εν Βριταννία +Βριγάντων τήν πολλήν ότι επεσβαίνειν καί ούτοι σύν όπλοις ήρξαν εις τήν +Γενουνίαν μοίραν (unbekannt, vielleicht, wie O. Hirschfeld vorschlägt, +die Brigantenstadt Vinovia) υπκόους Ρωμαίων, so folgt daraus nicht, daß +es auch Briganten in Kaledonien gab, sondern daß die Briganten in +Nordengland damals das befriedete Brittenland heimsuchten und darum ein +Teil ihres Gebiets konfisziert ward. + +^17 Daß er die Absicht gehabt hat, den ganzen Norden in römische Gewalt +zu bringen (Dio 76, 13), verträgt sich weder recht mit der Abtretung +(a. a. O.) noch mit dem Mauerbau und ist wohl ebenso fabelhaft wie der +römische Verlust von 50000 Mann, ohne daß es auch nur zum Kampfe kam. + +———————————————————————- + +Aus dem dritten Jahrhundert wird von den Schicksalen der Insel kaum +etwas gemeldet. Da keiner der Kaiser, bis auf Diocletian und seine +Kollegen, den Siegernamen von der Insel geführt hat, mögen ernstere +Kämpfe hier nicht stattgefunden haben, und wenn auch in dem Landstrich +zwischen den Wällen des Pius und des Hadrianus das römische Wesen wohl +nie festen Fuß gefaßt hat, scheint doch wenigstens der Hadrianswall was +er sollte, auch damals geleistet und hinter ihm die fremdländische +Zivilisation gesichert sich entwickelt zu haben. In der Zeit +Diocletians finden wir den Bezirk zwischen beiden Wällen geräumt, aber +den Hadrianswall nach wie vor besetzt und das übrige römische Heer +zwischen ihm und dem Hauptquartier Eburacum kantonierend zur Abwehr der +seitdem oft erwähnten Raubzüge der Kaledonier, oder wie sie jetzt +gewöhnlich heißen, der Tätowierten (picti) und der von Ivernia her +einströmenden Skoten. + +Eine ständige Flotte haben die Römer in Britannien gehabt; aber wie das +Seewesen immer die schwache Seite der römischen Wehrordnung geblieben +ist, war auch die britische Flotte nur unter Agricola vorübergehend von +Bedeutung. + +Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Regierung darauf gerechnet +hatte, nach erfolgter Besetzung der Insel den größten Teil der dorthin +gesandten Truppen zurücknehmen zu können, so erfüllte diese Hoffnung +sich nicht: nur eine der entsendeten vier Legionen ist, wie wir sahen, +unter Domitian abberufen worden; die drei anderen müssen unentbehrlich +gewesen sein, denn es ist nie der Versuch gemacht worden, sie zu +verlegen. Dazu kamen die Auxilien, die zu dem wenig einladenden Dienst +auf der abgelegenen Nordseeinsel dem Anschein nach im Verhältnis +stärker als die Bürgertruppen herangezogen wurden. In der Schlacht am +Graupischen Berge im Jahre 84 fochten außer den vier Legionen 8000 zu +Fuß und 3000 zu Pferde von den Hilfssoldaten. Für die Zeit von Traian +und Hadrian, wo von diesen in Britannien sechs Alen und 21 Kohorten, +zusammen etwa 15000 Mann standen, wird man das gesamte britannische +Heer auf etwa 30000 Mann anzuschlagen haben. Britannien war von Haus +aus ein Kommandobezirk ersten Ranges, den beiden rheinischen und dem +syrischen vielleicht im Rang, aber nicht an Bedeutung nachstehend, +gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts wahrscheinlich die angesehenste +aller Statthalterschaften. Es lag nur an der weiten Entfernung, daß die +britannischen Legionen in der Korpsparteiung der früheren Kaiserzeit in +zweiter Reihe erscheinen; bei dem Korpskrieg nach dem Erlöschen des +Antoninischen Hauses fochten sie in der ersten. Darum aber war es auch +eine der Konsequenzen des Sieges des Severus, daß die Statthalterschaft +geteilt ward. Seitdem standen die beiden Legionen von Isca und Deva +unter dem Legaten der oberen, die eine von Eburacum und die Truppen an +den Wällen, also die Hauptmasse der Auxilien, unter dem der unteren +Provinz ^18. Wahrscheinlich ist die Verlegung der ganzen Besatzung nach +dem Norden, die, wie oben bemerkt ward, nach bloß militärischen +Rücksichten wohl zweckmäßig gewesen sein würde, mit deswegen +unterblieben, weil sie einem Statthalter drei Legionen in die Hand +gegeben hätte. + +————————————————————— + +^18 Die Teilung ergibt sich aus Dio 55, 23. + +————————————————————— + +Daß finanziell die Provinz mehr kostete, als sie eintrug, kann hiernach +nicht verwundern. Für die Wehrkraft des Reiches dagegen kam Britannien +erheblich in Betracht; das Kompensationsverhältnis von Besteuerung und +Aushebung wird auch für die Insel in Anwendung gekommen sein und die +britischen Truppen galten neben den illyrischen für die besten der +Armee. Gleich anfänglich sind dort sieben Kohorten aus den Eingeborenen +aufgestellt und diese weiter bis auf Hadrian stetig vermehrt worden; +nachdem dieser das System aufgebracht hatte, die Truppen möglichst aus +ihren Garnisonsbezirken zu rekrutieren, scheint Britannien dies für +seine starke Besatzung wenigstens zum großen Teil geleistet zu haben. +Es war ein ernster und tapferer Sinn in den Leuten; sie trugen die +Steuern und die Aushebung willig, nicht aber Hoffart und Brutalität der +Beamten. + +Für die innere Ordnung Britanniens bot als Grundlage sich die dort zur +Zeit der Eroberung bestehende Gauverfassung, welche, wie schon bemerkt +ward, von derjenigen der Kelten des Kontinents sich nur darin +wesentlich entfernte, daß die einzelnen Völkerschaften der Insel, es +scheint sämtlich, unter Fürsten standen. Aber diese Ordnung scheint +nicht beibehalten und der Gau (civitas) in Britannien, wie in Spanien, +ein geographischer Begriff geworden zu sein; wenigstens ist es kaum +anders zu erklären, daß die britannischen Völkerschaften genau genommen +verschwinden, sowie sie unter römische Herrschaft geraten, und von den +einzelnen Gauen nach ihrer Unterwerfung so gut wie gar nicht die Rede +ist. Wahrscheinlich sind die einzelnen Fürstentümer, wie sie +unterworfen und eingezogen wurden, in kleinere Gemeinden zerschlagen +worden; es ward dies dadurch erleichtert, daß auf der Insel sich nicht, +wie auf dem Kontinent, eine ohne monarchische Spitze geordnete +Gauverfassung vorfand. Damit hängt auch wohl zusammen, daß, während die +gallischen Gaue eine gemeinsame Hauptstadt und in dieser eine +politische und religiöse Gesamtvertretung besessen haben, von +Britannien nichts ähnliches gemeldet wird. Gefehlt hat der Provinz ein +Concilium und ein gemeinsamer Kaiserkultus nicht; aber wäre der Altar +des Claudius in Camalodunum ^19 auch nur annähernd gewesen, was der des +Augustus in Lugudunum, so würde davon wohl etwas verlauten. Die freie +und große politische Gestaltung, welche dem gallischen Lande von Caesar +gewährt und von seinem Sohne bestätigt worden war, paßt in den Rahmen +der späteren Kaiserpolitik nicht mehr. + +———————————————————————————- + +^19 Auf ihn geht wohl das Epigramm des Seneca (vol. 4, p. 69 Bährens): +oceanus que tuas ultra se respicit aras. Auch der Tempel, der nach der +Spottschrift desselben Seneca (8, 3) dem Claudius bei Lebzeiten in +Britannien errichtet ward, und der damit sicher identische Tempel des +Gottes Claudius in Camalodunum (Tac. ann. 14, 31) ist wohl nicht als +städtisches Heiligtum zu fassen, sondern nach Analogie der +Augustusheiligtümer von Lugudunum und Tarraco. Die delecti sacerdotes, +welche specie religionis omnes fortunas effundebant, sind die bekannten +Provinzialpriester und Spielgeber. + +———————————————————————————- + +Von der mit der Invasion ziemlich gleichzeitigen Gründung der Kolonie +Camalodunum war schon die Rede, wie es auch bereits hervorgehoben +wurde, daß die italische Stadtverfassung früh in einer Reihe +britannischer Ortschaften eingeführt worden ist. Auch hierin ist +Britannien mehr nach dem Muster Spaniens als nach dem des keltischen +Kontinents behandelt worden. + +Die inneren Zustände Britanniens müssen, trotz der allgemeinen +Gebrechen des Reichsregiments, wenigstens im Vergleich mit anderen +Gebieten, nicht ungünstige gewesen sein. Kannte man im Norden nur Jagd +und Weide und waren hier die Einwohner wie die Anwohner zu Fehde und +Raub jederzeit bei der Hand, so entwickelte sich der Süden in dem +ungestörten Friedensstand vor allem durch Ackerbau, daneben durch +Viehzucht und Bergwerksbetrieb zu mäßiger Wohlfahrt: die gallischen +Redner der diocletianischen Zeit preisen den Reichtum der fruchtbaren +Insel, und oft genug haben die Rheinlegionen ihr Getreide aus +Britannien empfangen. + +Das Straßennetz der Insel, das ungemein entwickelt ist und für das +namentlich Hadrian in Verbindung mit seinem Wallbau viel getan hat, hat +natürlich zunächst militärischen Zwecken gedient; aber neben, ja vor +den Legionslagern nimmt Londinium darin einen Platz ein, welcher seine +leitende Stellung im Verkehr deutlich vor Augen bringt. Nur in Wales +gab es Reichsstraßen allein in der nächsten Nähe der römischen Lager, +von Isca nach Nidum (Neath) und von Deva zur Überfahrt nach Mona. + +Zu der Romanisierung verhielt sich das römische Britannien ähnlich wie +das nördliche und mittlere Gallien. Die nationalen Gottheiten, der Mars +Belatucadrus oder Cocidius, die der Minerva gleichgesetzte Göttin +Sulis, nach welcher die heutige Stadt Bath hieß, sind auch in +lateinischer Sprache noch vielfach auf der Insel verehrt worden. Ein +exotisches Gewächs ist die aus Italien eindringende Sprache und Sitte +auf der Insel noch mehr gewesen als auf dem Kontinent; noch gegen das +Ende des ersten Jahrhunderts lehnten die angesehenen Familien dort +sowohl die lateinische Sprache ab wie die römische Tracht. Die großen +städtischen Zentren, die eigentlichen Herde der neuen Kultur, sind in +Britannien schwächer entwickelt; wir wissen nicht bestimmt, welche +englische Stadt für das Concilium der Provinz und die gemeinschaftliche +Kaiserverehrung als Sitz gedient und in welchem der drei Legionslager +der Statthalter der Provinz residiert hat; wenn, wie es scheint, die +Zivilhauptstadt Britanniens Camalodunum gewesen ist, die +Militärhauptstadt Eburacum ^20, so kann dieses sich so wenig mit Mainz +messen wie jenes mit Lyon. Die Trümmerstätten auch der namhaften +Ortschaften, der Claudischen Veteranenstadt Camalodunum und der +volkreichen Kaufstadt Londinium, nicht minder die vielhundertjährigen +Legionslager von Deva, Isca, Eburacum haben Inschriftsteine nur in +geringfügiger Zahl, namhafte Städte römischen Rechts wie die Kolonie +Glevum (Gloucester), das Municipium Verulamium bis jetzt nicht einen +einzigen ergeben; die Sitte des Denksteinsetzens, auf deren Ergebnisse +wir für solche Fragen großenteils angewiesen sind, hat in Britannien +nie recht durchgeschlagen. Im inneren Wales und in anderen weniger +zugänglichen Strichen sind römische Denkmäler überhaupt nicht zum +Vorschein gekommen. Daneben aber stehen deutliche Zeugen des von +Tacitus hervorgehobenen regen Handels und Verkehrs, so die zahllosen +Trinkschalen, die aus den Ruinen Londons hervorgegangen sind, und das +Londoner Straßennetz. Wenn Agricola bemüht war, den munizipalen +Wetteifer in der Ausschmückung der eigenen Stadt durch Bauten und +Denkmäler, wie er von Italien sich auf Afrika und Spanien übertragen +hatte, auch nach Britannien zu verpflanzen, und die vornehmen Insulaner +zu bestimmen, in ihrer Heimat die Märkte zu schmücken und Tempel und +Paläste zu errichten, wie dies anderswo üblich war, so ist ihm das für +die Gemeindebauten nur in geringem Umfang gelungen. Aber in der +Privatwirtschaft ist es anders; die stattlichen, römisch angelegten und +geschmückten Landhäuser, von denen jetzt nur noch die Mosaikfußböden +übrig geblieben sind, finden sich im südlichen Britannien bis in die +Gegend von York hinauf ^21 ebenso häufig wie im Rheinland. Die höhere +schulmäßige Jugendbildung drang von Gallien aus allmählich in +Britannien ein. Unter Agricolas administrativen Erfolgen wird +angeführt, daß der römische Hofmeister in die vornehmen Häuser der +Insel anfange, seinen Weg zu finden. In hadrianischer Zeit wird +Britannien als ein von den gallischen Schulmeistern erobertes Gebiet +bezeichnet, und “schon spricht Thule davon, sich einen Professor zu +mieten”. Diese Schulmeister waren zunächst Lateiner, aber es kamen auch +Griechen; Plutarchos erzählt von einer Unterhaltung, die er in Delphi +pflog mit einem aus Britannien heimkehrenden griechischen Sprachlehrer +aus Tarsos. Wenn im heutigen England, abgesehen von Wales, und bis vor +kurzem von Cornwall, die alte Landessprache verschwunden ist, so ist +sie nicht den Angeln oder den Sachsen, sondern dem römischen Idiom +gewichen; und wie es in Grenzländern zu geschehen pflegt, in der +späteren Kaiserzeit stand keiner treuer zu Rom als der britannische +Mann. Nicht Britannien hat Rom aufgegeben, sondern Rom Britannien - das +letzte, was wir von der Insel erfahren, sind die flehentlichen Bitten +der Bevölkerung bei Kaiser Honorius um Schutz gegen die Sachsen, und +dessen Antwort, daß sie sich selber helfen möchten, wie sie könnten. + +———————————————————————— + +^20 Das hier stationierte Kommando war wenigstens in späterer Zeit ohne +Frage das wichtigste unter den britannischen; und es wird auch dort +(denn an Eburacum ist hier ohne Zweifel gedacht) ein Palatium erwähnt +(vita Severi 22). Das praeto rium, unterhalb Eburacum wohl an der Küste +gelegen (Irin. Anton. Aug., p. 466), mag der Sommersitz des +Statthalters gewesen sein. + +^21 Nördlich von Aldborough und Easingwold (beide etwas nördlich von +York) haben sich keine gefunden (J. C. Bruce, Description of the Roman +wall. 3. Aufl. 1867, S. 61). + + + + +KAPITEL VI. +Die Donauländer und die Kriege an der Donau + + +Wie die Rheingrenze Caesars, so ist die Donaugrenze das Werk des +Augustus. Als er an das Ruder kam, waren die Römer auf der italischen +Halbinsel kaum Herren der Alpen, auf der griechischen kaum des Haemus +(Balkan) und der Küstenstreifen am Adriatischen und am Schwarzen Meer; +nirgends reichte ihr Gebiet an den mächtigen Strom, der das südliche +Europa vom nördlichen scheidet; sowohl das nördliche Italien wie auch +die illyrischen und pontischen Handelsstädte und mehr noch die +zivilisierten Landschaften Makedoniens und Thrakiens waren den +Raubzügen der rohen und unruhigen Nachbarstämme stetig ausgesetzt. Als +Augustus starb, waren an die Stelle der einen, kaum zu selbständiger +Verwaltung gelangten Provinz Illyricum fünf große römische +Verwaltungsbezirke getreten, Rätien, Noricum, Unterillyrien oder +Pannonien, Oberillyrien oder Dalmatien und Mösien, und die Donau in +ihrem ganzen Lauf, wenn nicht überall die militärische, doch die +politische Reichsgrenze geworden. Die verhältnismäßig leichte +Unterwerfung dieser weiten Gebiete sowie die schwere Insurrektion der +Jahre 6 bis 9 und das dadurch veranlaßte Aufgeben der früher +beabsichtigten Verlegung der Grenzlinie von der oberen Donau nach +Böhmen und an die Elbe sind früher dargestellt worden. Es bleibt übrig, +die Entwicklung dieser Landschaften in der Zeit nach Augustus und die +Beziehungen der Römer zu den jenseits der Donau wohnhaften Stämmen +darzustellen. + +Die Schicksale Rätiens sind mit denen der Obergermanischen Provinz so +eng verflochten, daß dafür auf die frühere Darstellung verwiesen werden +kann. Die römische Zivilisation hat hier, im ganzen genommen, sich +wenig entwickelt. Das Hochland der Alpen mit den Tälern des oberen Inn +und des oberen Rhein umschloß eine schwache und eigenartige +Bevölkerung, wahrscheinlich diejenige, die einstmals die östliche +Hälfte der norditalischen Ebene besessen hatte, vielleicht den +Etruskern verwandt. Von dort zurückgedrängt durch die Kelten und +vielleicht auch die Illyriker, behauptete sie sich in den nördlichen +Gebirgen. Während die nach Süden sich öffnenden Täler, wie das der +Etsch, zu Italien gezogen wurden, boten jene den Südländern wenig Platz +und noch weniger Reiz zur Ansiedelung und Städtegründung. Weiter +nördlich, auf der Hochebene zwischen dem Bodensee und dem Inn, welche +von den keltischen Stämmen der Vindeliker eingenommen war, wäre wohl +für römische Kultur Raum und Stätte gewesen; aber es scheint in diesem +Gebiet, das nicht so wie das norische unmittelbare Fortsetzung Italiens +werden konnte und das, gleich dem angrenzenden sogenannten +Decumatenland, wohl zunächst nur als Scheide gegen die Germanen für die +Römer von Wert war, die Politik der früheren Kaiserzeit die Kultur +vielmehr zurückgehalten zu haben. Es ist schon darauf hingewiesen +worden, daß gleich nach der Eroberung man bedacht war, die Landschaft +zu entvölkern. Diesem geht zur Seite, daß in der früheren Kaiserzeit +keine römisch organisierte Gemeinde hier entstanden ist. Zwar von der +Anlage der großen Straße, die gleich mit der Eroberung selbst von dem +älteren Drusus durch die Hochalpen an die Donau geführt ward, war die +Gründung der Augusta der Vindeliker, des heutigen Augsburg, ein +notwendiger Teil; aber es war und blieb dieser rasch aufblühende Ort +über ein Jahrhundert ein Marktflecken, bis endlich Hadrian auch in +dieser Hinsicht die von Augustus vorgezeichnete Bahn verließ und die +Landschaft der Vindeliker in die Romanisierung des Nordens hineinzog. +Die Verleihung des römischen Stadtrechts an den Vorort der Vindeliker +durch Hadrian wird damit zusammengestellt werden dürfen, daß ungefähr +um dieselbe Zeit die Militärgrenze am Oberrhein vorgeschoben ward und +römische Städte im ehemaligen Decumatenland entstanden; indes ist in +Rätien auch später Augusta der einzige größere Mittelpunkt römischer +Zivilisation geblieben. Auch die militärischen Einrichtungen haben auf +das Zurückhalten derselben eingewirkt. Die Provinz stand von Anfang an +unter kaiserlicher Verwaltung und konnte nicht ohne Besatzung gelassen +werden; aber besondere Rücksichten nötigten, wie dies früher gezeigt +ward, die Regierung, nach Rätien lediglich Truppen zweiter Klasse zu +legen, und wenn diese auch der Zahl nach nicht unbeträchtlich waren, so +haben doch die kleineren Standlager der Alen und Kohorten nicht die +zivilisierende und städtebildende Wirkung ausüben können wie die +Legionslager. Unter Marcus ist allerdings infolge des Markomannischen +Krieges das rätische Hauptquartier, die castra Regina, das heutige +Regensburg, mit einer Legion belegt worden; aber selbst dieser Ort +scheint in römischer Zeit bloß Militärniederlassung geblieben zu sein +und kaum mit den Lagern zweiten Ranges am Rhein, wie zum Beispiel +Bonna, in der städtischen Entwicklung auf einer Linie gestanden zu +haben. + +Daß die Grenze Rätiens schon zu Traianus’ Zeit von Regensburg westlich +eine Strecke über die Donau hinaus vorgeschoben war, ist früher bemerkt +und daselbst auch ausgeführt worden, daß dieses Gebiet wahrscheinlich +ohne Anwendung von Waffengewalt, ähnlich wie das Decumatenland, zum +Reiche gezogen worden ist. Es wurde ebenfalls schon erwähnt, daß die +Befestigung dieses Gebiets vielleicht mit den unter Marcus bis hierher +sich erstreckenden Einfällen der Chatten zusammenhängt, sowie daß diese +und später die Alamannen im dritten Jahrhundert sowohl dies Vorland wie +Rätien selbst heimsuchten und schließlich unter Gallienus den Römern +entrissen. + +Die Nachbarprovinz Noricum ist wohl in der provinzialen Einrichtung +ähnlich wie Rätien behandelt worden, aber hat sich sonst anders +entwickelt. Nach keiner Richtung hin ist Italien für den Landverkehr so +wie gegen Nordosten aufgeschlossen; die Handelsbeziehungen Aquileias +sowohl durch das Friaul nach der oberen Donau und zu den Eisenwerken +von Noreia wie über die Julische Alpe zum Savetal haben hier der +augustischen Grenzerweiterung vorgearbeitet wie nirgends sonst im +Donaugebiet. Nauportus (Oberlaibach), jenseits des Passes, war ein +römischer Handelsflecken schon in republikanischer Zeit, Emona +(Laibach) eine später förmlich Italien einverleibte, der Sache nach +seit ihrer Gründung durch Augustus zu Italien gehörige römische +Bürgerkolonie. Daher genügte, wie früher schon hervorgehoben ward, für +die Umwandlung dieses “Königreichs” in eine römische Provinz +wahrscheinlich die bloße Ankündigung. Die ursprünglich wohl illyrische, +später zum guten Teil keltische Bevölkerung zeigt keine Spur von +demjenigen Festhalten an der nationalen Weise und Sprache, welche wir +bei den Kelten des Westens wahrnehmen. Römische Sprache und römische +Sitte muß hier früh Eingang gefunden haben, und von Kaiser Claudius +wurde dann das gesamte Gebiet, selbst der nördliche, durch die +Tauernkette vom Drautal getrennte Teil, nach italischer +Gemeindeverfassung organisiert. Während in den Nachbarländern Rätien +und Pannonien die Denkmäler römischer Sprache entweder fehlen oder doch +nur in den größeren Zentren erscheinen, sind die Täler der Drau, der +Mut und der Salzach und ihrer Nebenflüsse bis in das hohe Gebirge +hinauf erfüllt mit Zeugnissen der hier tief eingedrungenen +Romanisierung. Noricum ward ein Vorland und gewissermaßen ein Teil +Italiens; bei der Aushebung für die Legion und für die Garde ist, so +lange hier die Italiker überhaupt bevorzugt wurden, diese Bevorzugung +auf keine andere Provinz so völlig erstreckt worden wie auf diese. + +Hinsichtlich der militärischen Belegung gilt von Noricum dasselbe wie +von Rätien. Aus den schon entwickelten Gründen gab es auch in Noricum +während der ersten zwei Jahrhunderte der Kaiserzeit nur Alen- und +Kohortenlager; Carnuntum (Petronell bei Wien), das in der augustischen +Zeit zu Noricum gehörte, ist, als die illyrischen Legionen dorthin +gelegt wurden, eben darum zu Pannonien gezogen worden. Die kleineren +norischen Standlager an der Donau und selbst das von Marcus, der auch +in diese Provinz eine Legion legte, für diese eingerichtete Lager von +Lauriacum (bei Enns) sind für die städtische Entwicklung von keiner +Bedeutung gewesen; die großen Ortschaften Noricums, wie Celeia (Cilli) +im Sanntal, Aguontum (Lienz), Teurnia (unweit Spittal), Virunum +(Zollfeld bei Klagenfurt), im Norden Iuvavum (Salzburg) sind rein aus +bürgerlichen Elementen hervorgegangen. + +Illyricum, das heißt das römische Gebiet zwischen Italien und +Makedonien, wurde in republikanischer Zeit zum kleineren Teil mit der +griechisch-makedonischen Statthalterschaft vereinigt, zum größeren als +Nebenland von Italien und, nach der Einrichtung der Statthalterschaft +des Cisalpinischen Galliens, als ein Teil von dieser verwaltet. Das +Gebiet deckt sich bis zu einem gewissen Grade mit dem weitverbreiteten +Stamm, von dem es die Römer benannt haben: es ist derjenige, dessen +dürftiger Rest an dem südlichen Ende seines ehemals weitgedehnten +Besitzes unter dem Namen der Skipetaren, welchen sie sich selbst +beilegen, oder, wie ihre Nachbarn sie heißen, der Arnauten oder +Albanesen noch heute seine alte Nationalität und seine eigene Sprache +bewahrt hat. Es ist derselbe ein Glied der indogermanischen Familie und +innerhalb derselben wohl am nächsten dem griechischen Kreise verwandt, +wie dies auch den örtlichen Verhältnissen angemessen ist; aber er steht +neben diesem wenigstens ebenso selbständig wie der lateinische und der +keltische. In ihrer ursprünglichen Ausdehnung erfüllte diese Nation die +Küste des Adriatischen Meeres von der Mündung des Po durch Istrien, +Dalmatien und Epirus bis gegen Akarnanien und Ätolien, ferner im +Binnenlande das obere Makedonien sowie das heutige Serbien und Bosnien +und das ungarische Gebiet auf dem rechten Ufer der Donau; sie grenzt +also östlich an die thrakischen Völkerschaften, westlich an die +keltischen, von welchen letzteren Tacitus sie ausdrücklich +unterscheidet. Es ist ein kräftiger Schlag südländischer Art, mit +schwarzem Haar und dunklen Augen, sehr verschieden von den Kelten und +mehr noch von den Germanen, nüchterne, mäßige, unerschrockene, stolze +Leute, vortreffliche Soldaten, aber bürgerlicher Entwicklung wenig +zugänglich, mehr Hirten als Ackerbauer. Zu einer größeren politischen +Entwicklung ist er nicht gelangt. An der italischen Küste traten ihnen +wahrscheinlich zunächst die Kelten entgegen; die wahrscheinlich +illyrischen Völkerschaften daselbst, insbesondere die Veneter, wurden +durch die Rivalität mit den Kelten früh zu fügsamen Untertanen der +Römer. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt engte die Gründung von +Aquileia und die Unterwerfung der Halbinsel Istrien weiter ihre Grenzen +ein. An der Ostküste des Adriatischen Meeres waren die wichtigeren +Inseln und die Südhäfen des Kontinents seit langem von den kühnen +hellenischen Schiffern okkupiert. Als dann in Skodra (Scutari), +gewissermaßen in alter Zeit wie heutzutage dem Zentralpunkt des +illyrischen Landes, die Herrscher anfingen, sich zu eigener Macht zu +entwickeln und besonders auf dem Meere die Griechen zu befehden, schlug +Rom schon vor dem Hannibalischen Kriege sie mit gewaltiger Hand nieder +und nahm die ganze Küste unter seine Schutzherrschaft, welche bald, +nachdem der Herr von Skodra mit dem König Perseus von Makedonien den +Krieg und die Niederlage geteilt hatte, die völlige Auflösung dieses +Fürstentums herbeiführte. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt und in +der ersten Hälfte des siebenten wurde in langjährigen Kämpfen auch die +Küste zwischen Istrien und Skodra von den Römern besetzt. Im Binnenland +wurden die Illyrier in republikanischer Zeit von den Römern wenig +berührt; dafür aber müssen, von Westen her vordringend, die Kelten +einen guten Teil ursprünglich illyrischen Gebiets in ihre Gewalt +gebracht haben, so das späterhin überwiegend keltische Noricum. Kelten +sind auch die Latobiker im heutigen Krain; und in dem gesamten Gebiet +zwischen Save und Drau, ebenso im Raabtal saßen die beiden großen +Stämme im Gemenge, als Caesar Augustus die südlichen Distrikte +Pannoniens der römischen Herrschaft unterwarf. Wahrscheinlich hat diese +starke Mischung mit keltischen Elementen neben der ebenen +Bodenbeschaffenheit zu dem frühen Untergang der illyrischen Nation in +den pannonischen Landschaften ihren Teil beigetragen. In die südliche +Hälfte der von Illyriern bewohnten Landschaften dagegen sind von den +Kelten nur die Skordisker vorgedrungen, deren Festsetzung an der +unteren Save bis zur Morawa und deren Streifereien bis in die Nähe von +Thessalonike früher erwähnt worden sind. Die Griechen aber haben hier +ihnen gewissermaßen den Platz geräumt; das Sinken der makedonischen +Macht und die Verödung von Epirus und Ätolien müssen die Ausbreitung +der illyrischen Nachbarn gefördert haben. Bosnien, Serbien, vor allem +Albanien sind in der Kaiserzeit illyrisch gewesen, und Albanien ist es +noch heute. + +Es ist früher erzählt worden, daß Illyricum schon nach der Absicht des +Diktators Caesar als eigene Statthalterschaft konstituiert werden +sollte und diese Absicht bei der Teilung der Provinzen zwischen +Augustus und dem Senat zur Ausführung kam; daß diese anfangs dem Senat +überwiesene Statthalterschaft wegen der daselbst notwendigen +Kriegführung auf den Kaiser überging; daß Augustus diese +Statthalterschaft teilte und die bis dahin im ganzen nur nominelle +Herrschaft über das Binnenland sowohl in Dalmatien wie im Savegebiet +effektiv machte; daß er endlich die gewaltige nationale Insurrektion, +die bei den dalmatischen wie bei den pannonischen Illyriern im Jahre 6 +n. Chr. ausbrach, nach schwerem vierjährigem Kampf überwältigte. Es +bleibt übrig, die ferneren Schicksale zunächst der südlichen Provinz zu +berichten. + +Nach den bei der Insurrektion gemachten Erfahrungen schien es +erforderlich, nicht bloß die in Illyricum ausgehobenen Mannschaften +statt wie bisher in ihrer Heimat, vielmehr auswärts zu verwenden, +sondern auch die Dalmater wie die Pannonier durch ein Kommando ersten +Ranges in Botmäßigkeit zu halten. Dasselbe hat seinen Zweck rasch +erfüllt. Der Widerstand, den die Illyriker unter Augustus der +ungewohnten Fremdherrschaft entgegensetzten, hat sich ausgetobt mit dem +einen gewaltigen Sturm; späterhin verzeichnen unsere Berichte keine +ähnliche auch nur partielle Bewegung. Für das südliche oder, nach dem +römischen Ausdruck, das obere Illyricum, die Provinz Dalmatien, wie sie +seit der Zeit der Flavier gewöhnlich heißt, begann mit dem +Kaiserregiment eine neue Epoche. Die griechischen Kaufleute hatten wohl +auf der ihnen nächst liegenden Küste die beiden großen Emporien +Apollonia (bei Valona) und Dyrrachium (Durazzo) gegründet; eben darum +war dieser Teil schon unter der Republik der griechischen Verwaltung +überwiesen worden. Aber weiter nordwärts hatten die Hellenen nur auf +den vorliegenden Inseln Issa (Lissa), Pharos (Lesina), Schwarz-Kerkyra +(Curzola) sich angesiedelt und von da aus den Verkehr mit den +Eingeborenen, namentlich an der Küste von Narona und in den Salonae +vorliegenden Ortschaften, unterhalten. Unter der römischen Republik +hatten die italischen Händler, welche hier die Erbschaft der +griechischen antraten, in den Haupthäfen Epitaurum (Ragusa vecchia), +Narona, Salonae, Iader (Zara) sich in solcher Zahl niedergelassen, daß +sie in dem Kriege zwischen Caesar und Pompeius eine nicht unwesentliche +Rolle spielen konnten. Aber Verstärkung durch dort angesiedelte +Veteranen und, was die Hauptsache war, städtisches Recht empfingen +diese Ortschaften erst durch Augustus, und zugleich kam teils die +energische Unterdrückung der auf den Inseln noch bestehenden +Piratenschlupfwinkel, teils die Unterwerfung des Binnenlandes und die +Vorschiebung der römischen Grenze gegen die Donau insbesondere diesen +auf der Ostküste des Adriatischen Meeres angesiedelten Italikern +zugute. Vor allem die Hauptstadt des Landes, der Sitz des Statthalters +und der gesamten Verwaltung, Salonae, blühte rasch auf und überflügelte +weit die älteren griechischen Ansiedlungen Apollonia und Dyrrachium, +obwohl in die letztere Stadt, ebenfalls unter Augustus, italische +Kolonisten, freilich nicht Veteranen, sondern expropriierte Italiker, +gesendet und die Stadt als römische Bürgergemeinde eingerichtet wurde. +Vermutlich hat bei dem Aufblühen Dalmatiens und dem Verkümmern der +illyrisch-makedonischen Küste der Gegensatz des kaiserlichen und des +Senatsregimentes eine wesentliche Rolle gespielt, die bessere +Verwaltung sowohl wie die Bevorzugung bei dem eigentlichen Machthaber. +Damit wird weiter zusammenhängen, daß die illyrische Nationalität sich +in dem Bereich der makedonischen Statthalterschaft besser behauptet hat +als in dem der dalmatischen: in jenem lebt sie heute noch fort und es +muß in der Kaiserzeit, abgesehen von dem griechischen Apollonia und der +italischen Kolonie Dyrrachium, neben den beiden Reichssprachen im +Binnenland, die des Volkes, die illyrische, geblieben sein. In +Dalmatien dagegen wurden die Küste und die Inseln, soweit sie irgend +sich eigneten - die unwirtliche Strecke nordwärts von Iader blieb in +der Entwicklung notwendig zurück -, nach italischer Ordnung +kommunalisiert, und bald sprach die ganze Küste lateinisch, etwa wie +heutzutage venezianisch. Dem Vordringen der Zivilisation in das +Binnenland traten örtliche Schwierigkeiten entgegen. Dalmatiens +bedeutende Ströme bilden mehr Wasserfälle als Wasserstraßen; und auch +die Herstellung der Landstraßen stößt bei der Beschaffenheit seines +Bergnetzes auf ungewöhnliche Schwierigkeiten. Die römische Regierung +hat ernstliche Anstrengungen gemacht, das Land aufzuschließen. Unter +dem Schutz des Legionslagers von Burnum entwickelte im Kerkatal, in dem +der Cettina unter dem des Lagers von Delminium, welche Lager auch hier +die Träger der Zivilisierung und der Latinisierung gewesen sein werden, +sich die Bodenbestellung nach italischer Art, auch die Pflanzung der +Rebe und der Olive und überhaupt italische Ordnung und Gesittung. +Dagegen jenseits der Wasserscheide, zwischen dem Adriatischen Meer und +der Donau, sind die auch für den Ackerbau wenig günstigen Täler von der +Kulpa bis zum Drin in römischer Zeit in ähnlichen primitiven +Verhältnissen verblieben, wie sie das heutige Bosnien aufweist. Kaiser +Tiberius allerdings hat durch die Soldaten der dalmatinischen Lager von +Salonae bis in die Täler Bosniens verschiedene Chausseen geführt; aber +die späteren Regierungen ließen, wie es scheint, die schwierige Aufgabe +fallen. An der Küste und in den der Küste nähergelegenen Strichen +bedurfte Dalmatien bald keiner weiteren militärischen Hut; die Legionen +des Kerka- und des Cettinatales konnte schon Vespasian von dort +wegziehen und anderweitig verwenden. Unter dem allgemeinen Verfall des +Reiches im dritten Jahrhundert hat Dalmatien verhältnismäßig wenig +gelitten, ja Salonae wohl erst damals seine höchste Blüte erreicht. +Freilich ist dies zum Teil dadurch veranlaßt, daß der Regenerator des +römischen Staates, Kaiser Diocletianus, ein geborener Dalmatiner war +und sein auf die Dekapitalisierung Roms gerichtetes Streben der +Hauptstadt seines Heimatlandes vorzugsweise zugute kommen ließ: er +baute neben derselben den gewaltigen Palast, von dem die heutige +Hauptstadt der Provinz den Namen Spalato trägt, innerhalb dessen sie +zum größten Teil Platz gefunden hat und dessen Tempel ihr heute als Dom +und als Baptisterium ^1 dienen. Aber zur Großstadt hat nicht erst +Diocletian Salonae gemacht, sondern, weil sie es war, sie für seine +Privatresidenz gewählt; Handel und Schiffahrt und Gewerbe müssen damals +in diesen Gewässern vorzugsweise in Aquileia und in Salonae sich +konzentriert haben und die Stadt eine der volkreichsten und +wohlhabendsten des Okzidents gewesen sein. Die reichen Eisengruben +Bosniens waren, wenigstens in der späteren Kaiserzeit, in starkem +Betrieb; ebenso lieferten die Wälder der Provinz massenhaftes und +vorzügliches Bauholz; auch von der blühenden Textilindustrie des Landes +bewahrt die priesterliche Dalmatica noch heute eine Erinnerung. +Überhaupt ist die Zivilisierung und die Romanisierung Dalmatiens eine +der eigensten und eine der bedeutendsten Erscheinungen der Kaiserzeit. +Die Grenze Dalmatiens und Makedoniens ist zugleich die politische und +die sprachliche Scheide des Okzidents und des Orients. Bei Skodra +berühren sich, wie die Herrschaftsgebiete Caesars und Marc Antons, so +auch nach der Reichsteilung des vierten Jahrhunderts die von Rom und +Byzanz. Hier grenzt die lateinische Provinz Dalmatien mit der +griechischen Provinz Makedonien; und kräftig emporstrebend und +überlegen, mit gewaltig treibender Propaganda, steht hier die jüngere +neben der älteren Schwester. + +————————————————————————— + +^1 Das Baptisterium ist vielleicht das Grabmal des Kaisers. + +————————————————————————— + +Wenn die südliche illyrische Provinz und ihr Friedensregiment bald in +geschichtlicher Beziehung nicht ferner hervortritt, so bildet das +nördliche Illyricum oder, wie es gewöhnlich heißt, Pannonien in der +Kaiserzeit eines der großen militärischen und somit auch politischen +Zentren. In dem Donauheer haben die pannonischen Lager die führende +Stellung wie im Westen die rheinischen, und die dalmatischen und die +mösischen schließen ihnen in ähnlicher Weise sich an und ordnen ihnen +sich unter wie den rheinischen die Legionen Spaniens und Britanniens. +Die römische Zivilisation steht und bleibt hier unter dem Einfluß der +Lager, die in Pannonien nicht, wie in Dalmatien, nur einige +Generationen hindurch, sondern dauernd verblieben. Nach der +Überwältigung des Batonischen Aufstandes belief die regelmäßige +Besatzung der Provinz sich zuerst auf drei, später, wie es scheint, nur +auf zwei Legionen, und durch deren Standlager und ihre Vorschiebung ist +die weitere Entwicklung bedingt. Wenn Augustus nach dem ersten Kriege +gegen die Dalmater Siscia an der Mündung der Kulpa in die Save zum +Hauptwaffenplatz ausersehen hatte, so waren, nachdem Tiberius Pannonien +mindestens bis an die Drau unterworfen hatte, die Lager an diese +vorgeschoben worden, und wenigstens eines der pannonischen +Hauptquartiere befand sich seitdem in Poetovio (Pettau) an der +norischen Grenze. Die Ursache, weshalb die pannonische Armee ganz oder +zum Teil im Drautal verblieb, kann nur die gleiche gewesen sein, welche +zu der Anlage der dalmatinischen Legionslager geführt hat: man brauchte +hier die Truppen, um die Untertanen sowohl in dem nahen Noricum wie vor +allem im Draugebiet selbst in Gehorsam zu halten. Auf der Donau hielt +die römische Flotte Wacht, die schon im Jahre 50 erwähnt wird und +vermutlich mit der Einrichtung der Provinz entstanden war. Legionslager +gab es am Flusse selbst unter der Julisch-Claudischen Dynastie +vielleicht noch nicht ^2, wobei in Betracht kommt, daß der zunächst der +Provinz vorliegende Suebenstaat von Rom damals vollständig abhängig war +und für die Grenzdeckung einigermaßen genügte. Wie die dalmatinischen, +hat dann, wie es scheint, Vespasian auch die Lager an der Drau +aufgehoben und sie an die Donau selbst verlegt; seitdem ist das große +Hauptquartier der pannonischen Armee das früher norische Carnuntum +(Petronell östlich von Wien) und daneben Vindobona (Wien). + +———————————————————————————— + +^2 Daß im Jahre 50 noch keine Legionen an der Donau selbst standen, +folgt aus Tac. ann. 12, 29; sonst wäre es nicht nötig gewesen, zur +Aufnahme der übertretenden Sueben eine Legion dorthin zu schicken. Auch +die Anlage des claudischen Savaria paßt besser, wenn die Stadt damals +norisch war, als wenn sie schon zu Pannonien gehörte; und da die +Zuteilung dieser Stadt zu Pannonien mit der gleichen Abtrennung von +Carnuntum und mit der Verlegung der Legion dahin sicher der Zeit nach +zusammengehört, so dürfte dies alles erst in nachclaudischer Zeit +stattgefunden haben. Auch die geringe Zahl der in den Donaulagern +gefundenen Inschriften von Italikern (Eph. epigr. 5, p. 225) deutet auf +spätere Entstehung. Allerdings haben sich in Carnuntum einige +Grabschriften von Soldaten der 15. Legion gefunden, die nach der +äußeren Form und nach dem Fehlen des Cognomen älter zu sein scheinen +(O. Hirschfeld in Ärchäologisch-epigraphische Mittheilungen 5, 1881, S. +217). Derartige Zeitbestimmungen können, wo es sich um ein Dezennium +handelt, volle Sicherheit nicht in Anspruch nehmen; indes muß +eingeräumt werden, daß auch jene Argumente keinen vollen Beweis machen +und die Translokation früher, etwa unter Nero, begonnen haben kann. Für +die Anlegung oder Erweiterung dieses Lagers durch Vespasian spricht die +einen derartigen Bau bezeugende Inschrift von Carnuntum aus dem Jahre +73 (Hirschfeld a. a. O.). + +———————————————————————————— + +Die bürgerliche Entwicklung, wie wir sie in Noricum und an der Küste +Dalmatiens fanden, zeigt in Pannonien in gleicher Weise sich nur in +einigen, an der norischen Grenze gelegenen und zum Teil ursprünglich zu +Noricum gehörigen Distrikten; Emona und das obere Savetal stehen mit +Noricum gleich, und wenn Savaria (Steinamanger) zugleich mit den +norischen Städten italische Stadtverfassung empfangen hat, so wird, +solange Carnuntum eine norische Stadt war, wohl auch jener Ort zu +Noricum gehört haben. Erst seitdem die Truppen an der Donau standen, +ging die Regierung daran, das Hinterland städtisch zu organisieren. In +dem westlichen, ursprünglich norischen Gebiet erhielt Scarbantia +(Ödenburg am Neusiedler See) unter den Flaviern Stadtrecht, während +Vindobona und Carnuntum von selbst zu Lagerstädten wurden. Zwischen +Save und Drau empfingen Siscia und Sirmium unter den Flaviern, an der +Drau Poetovio (Pettau) unter Traianus Stadtrecht, Mursa (Eszeg) unter +Hadrian Kolonialrecht, um hier nur der Hauptorte zu gedenken. Daß die +überwiegend illyrische, aber zum guten Teil auch keltische Bevölkerung +der Romanisierung keinen energischen Widerstand entgegensetzte, ist +schon ausgesprochen worden; die alte Sprache und die alte Sitte +schwanden, wo die Römer hinkamen, und hielten sich nur in den +entfernteren Bezirken. Die weiten, aber wenig zur Ansiedelung +einladenden Striche östlich vom Raabfluß und nördlich der Drau bis zur +Donau sind wohl schon seit Augustus zum Reiche gerechnet worden, aber +vielleicht in nicht viel anderer Weise als Germanien vor der +Varusschlacht; hier hat die städtische Entwicklung weder damals noch +später rechten Boden gefunden, und auch militärisch ist dieses Gebiet +lange Zeit wenig oder gar nicht belegt worden. Dies hat sich erst +infolge der Einverleibung Dakiens unter Traian einigermaßen geändert; +die dadurch herbeigeführte Vorschiebung der pannonischen Lager gegen +die Ostgrenze der Provinz und die weitere innere Entwicklung Pannoniens +wird besser im Zusammenhang mit den Traianischen Kriegen geschildert. + +Das letzte Stück des rechten Donauufers, das Bergland zu beiden Seiten +des Margus (Morawa) und das zwischen dem Haemus und der Donau lang sich +hinstreckende Flachland, war bewohnt von thrakischen Völkerschaften; +und es erscheint zunächst erforderlich, auf diesen großen Stamm als +solchen einen Blick zu werfen. Er geht dem illyrischen in gewissem +Sinne parallel. Wie die Illyrier einst die Landschaften vom +Adriatischen Meer bis zur mittleren Donau erfüllten, so saßen ehemals +die Thraker östlich von ihnen, vom Ägäischen Meer bis zur Donaumündung +und nicht minder einerseits auf dem linken Donauufer namentlich in dem +heutigen Siebenbürgen, andererseits jenseits des Bosporus wenigstens in +Bithynien und bis nach Phrygien; nicht mit Unrecht nennt Herodot die +Thraker das größte der ihm bekannten Völker nach den Indern. Wie der +illyrische ist auch der thrakische Stamm zu keiner vollen Entwicklung +gelangt und erscheint mehr gedrängt und verdrängt als in eigener, +geschichtliche Erinnerung hinterlassender Entwicklung. Aber während +Sprache und Sitte der Illyrier sich in einer wenngleich im Laufe der +Jahrhunderte verschlissenen Form bis auf den heutigen Tag erhalten +haben und wir mit einigem Recht das Bild der Palikaren aus der neueren +Geschichte in die der römischen Kaiserzeit übertragen, so gilt das +gleiche von den thrakischen Stämmen nicht. Vielfach und sicher ist es +bezeugt, daß die Völkerschaften des Gebiets, welchem infolge der +römischen Provinzialteilung schließlich der Name Thrakien geblieben +ist, sowie die mösischen zwischen dem Balkan und der Donau, und nicht +minder die Geten oder Daker am anderen Donauufer alle eine und dieselbe +Sprache redeten. Es hatte diese Sprache in dem römischen Kaiserreich +eine ähnliche Stellung wie die der Kelten und der Syrer. Der Historiker +und Geograph der augustischen Zeit, Strabo, erwähnt die Gleichheit der +Sprache der genannten Völker; in botanischen Schriften der Kaiserzeit +werden von einer Anzahl Pflanzen die dakischen Benennungen angegeben +^3. Als seinem Zeitgenossen, dem Poeten Ovidius Gelegenheit gegeben +wurde, über seinen allzu flotten Lebenswandel fern in der Dobrudscha +nachzudenken, benutzte er seine Muße, um getisch zu lernen, und wurde +fast ein Getenpoet: + +Und ich schrieb, o weh! ein Gedicht in getischer Sprache, + +Gratulierst du mir nicht, daß ich den Geten gefiel? + +—————————————————————- + +^3 Thrakischer, getischer, dakischer Orts- und Personennamen kennen wir +ganze Reihen; sprachlich bemerkenswert ist eine mit -centhus +zusammengesetzte Gruppe von Personennamen: Bithicenthus, Zipacenthus, +Disacenthus, Tracicenthus, Linicenthus (BCH 6, 1882, S. 179), von denen +die ersten beiden in ihrer anderen Hälfte (Bithus, Zipa) auch isoliert +häufig begegnen. Eine ähnliche Gruppe bilden die Composita mit -poris, +wie Mucaporis (Thraker BCH, a. a. O., Daker zahlreich), Cetriporis, +Rhaskyporis, Bithoporis, Dirdiporis. + +—————————————————————- + +Aber wenn die irischen Barden, die syrischen Missionare, die Bergtäler +Albaniens anderen Idiomen der Kaiserzeit eine gewisse Fortdauer gewahrt +haben, so ist das thrakische unter dem Völkergewoge des Donaugebiets +und dem übermächtigen Einfluß Konstantinopels verschollen, und wir +vermögen nicht einmal die Stelle zu bestimmen, welche ihm in dem +Völkerstammbaum zukommt. Die Schilderungen von Sitten und Gebräuchen +einzelner dazugehöriger Völkerschaften, über welche mancherlei Notizen +sich erhalten haben, ergeben keine für den ganzen Stamm gültigen +individuellen Züge und heben meistens nur Einzelheiten hervor, wie sie +bei allen Völkern auf niederer Kulturstufe sich zeigen. Aber ein +Soldatenvolk sind sie gewesen und geblieben, als Reiter nicht minder +brauchbar wie für die leichte Infanterie, von den Zeiten des +Peloponnesischen Krieges und Alexanders bis hinab in die der römischen +Caesaren, mochten sie gegen diese sich stemmen oder später für sie +fechten. Auch die wilde, aber großartige Weise der Götterverehrung darf +vielleicht als ein diesem Stamm eigentümlicher Grundzug aufgefaßt +werden, der gewaltige Ausbruch der Frühlings- und der Jugendlust, die +nächtlichen Bergfeste fackelschwingender Mädchen, die rauschende, +sinnverwirrende Musik, der strömende Wein und das strömende Blut, der +in Aufregung aller sinnlichen Leidenschaften zugleich rasende Taumel +der Feste. Dionysos, der herrliche und der schreckliche, ist ein +thrakischer Gott, und was der Art in dem hellenischen und dem römischen +Kult besonders hervortritt, knüpft an thrakische oder phrygische Sitte +an. + +Während die illyrischen Völkerschaften in Dalmatien und Pannonien nach +der Niederwerfung der großen Insurrektion in den letzten Jahren des +Augustus die Entscheidung der Waffen nicht wieder gegen die Römer +angerufen haben, gilt von den thrakischen Stämmen nicht das gleiche; +der oft bewiesene Unabhängigkeitssinn und die wilde Tapferkeit dieser +Nation verleugnete auch in ihrem Untergang sich nicht. In dem Thrakien +südlich vom Haemus blieb das alte Fürstenrum unter römischer +Oberhoheit. Das einheimische Herrscherhaus der Odrysen, mit der +Residenz Bizye (Wiza) zwischen Adrianopel und der Küste des Schwarzen +Meeres, tritt schon in der früheren Zeit unter den thrakischen +Fürstengeschlechtern am meisten hervor; nach der Triumviralzeit ist von +anderen thrakischen Königen als denen dieses Hauses nicht ferner die +Rede, so daß die übrigen Fürsten durch Augustus zu Vasallen gemacht +oder beseitigt zu sein scheinen und mit dem thrakischen Königtum fortan +nur Glieder dieses Geschlechts belehnt worden sind. Es geschah dies +wahrscheinlich deshalb, weil während des ersten Jahrhunderts, wie +weiterhin zu zeigen sein wird, an der unteren Donau keine römischen +Legionen standen; den Grenzschutz an der Donaumündung erwartete +Augustus von dem thrakischen Vasallen. Rhoemetalkes, welcher in der +zweiten Hälfte der Regierung des Augustus als römischer Lehnskönig das +gesamte Thrakien beherrschte ^4, und seine Kinder und Enkel spielten +denn auch in diesem Lande ungefähr dieselbe Rolle wie Herodes und seine +Nachkommen in Palästina: unbedingte Ergebenheit gegen den Oberherrn, +entschiedene Hinneigung zu römischem Wesen, Verfeindung mit den +eigenen, die nationale Unabhängigkeit festhaltenden Landsleuten +bezeichnen die Stellung des thrakischen Herrscherhauses. Die große, +früher erzählte thrakische Insurrektion der Jahre 741-743 (13-11) +richtete sich zunächst gegen diesen Rhoemetalkes und seinen Bruder und +Mitherrscher Kotys, der dabei umkam, und wie er damals den Römern die +Wiedereinsetzung in seine Herrschaft verdankte, so trug er ihnen einige +Jahre später seinen Dank ab, indem er bei dem Aufstand der Dalmater und +der Pannonier, dem seine dakischen Stammesgenossen sich anschlossen, +treu zu den Römern hielt und an der Niederwerfung desselben +wesentlichen Anteil hatte. Sein Sohn Kotys war mehr Römer oder vielmehr +Grieche als Thraker; er führte seinen Stammbaum zurück auf Eumolpos und +Erichthonios und gewann die Hand einer Verwandten des kaiserlichen +Hauses, der Urenkelin des Triumvirn Antonius; nicht bloß die +griechischen und die lateinischen Poeten seiner Zeit sangen ihn an, +sondern er selbst war ebenfalls und nicht getischer Dichter ^5. Der +letzte der thrakischen Könige, des früh gestorbenen Kotys Sohn +Rhoemetalkes, war in Rom aufgewachsen und gleich dem Herodeer Agrippa +des Kaisers Gaius Jugendgespiele. Die thrakische Nation aber teilte +keineswegs die römischen Neigungen des regierenden Hauses, und die +Regierung überzeugte sich allmählich in Thrakien wie in Palästina, daß +der schwankende, nur durch beständiges Eingreifen der Schutzmacht +aufrecht erhaltene Vasallenthron weder für sie noch für das Land von +Nutzen und die Einführung der unmittelbaren Verwaltung in jeder +Hinsicht vorzuziehen sei. Kaiser Tiberius benutzte die in dem +thrakischen Königshause entstandenen Zerwürfnisse, um in der Form der +Vormundschaftsführung über die unmündigen Prinzen im Jahre 19 einen +römischen Statthalter, Titus Trebellenus Rufus, nach Thrakien zu +schicken. Doch vollzog sich diese Okkupation nicht ohne freilich +erfolglosen, aber ernstlichen Widerstand des Volkes, das namentlich in +den Bergtälern sich um die von Rom gesetzten Herrscher wenig kümmerte, +und dessen Mannschaften, von ihren Stammhäuptern geführt, sich kaum als +königliche, noch weniger als römische Soldaten fühlten. Die Sendung des +Trebellenus rief im Jahre 21 einen Aufstand hervor, an dem nicht bloß +die angesehensten thrakischen Völkerschaften sich beteiligten, sondern +der größere Verhältnisse anzunehmen drohte; Boten der Insurgenten +gingen über den Haemus, um in Mösien und vielleicht noch weiter hin den +Nationalkrieg zu entfachen. Indes die mösischen Legionen erschienen +rechtzeitig, um Philippopolis, das die Aufständischen belagerten, zu +entsetzen und die Bewegung zu unterdrücken. Aber als einige Jahre +später (25) die römische Regierung in Thrakien Aushebungen anordnete, +weigerten sich die Mannschaften, außerhalb des eigenen Landes zu +dienen. Da keine Rücksicht darauf genommen wurde, stand das ganze +Gebirge auf und es folgte ein Verzweiflungskampf, in welchem die +Insurgenten, endlich durch Durst und Hunger bezwungen, zum großen Teil +teils in die Schwerter der Feinde, teils in die eigenen sich stürzten +und lieber dem Leben entsagten als der altgewohnten Freiheit. Das +unmittelbare Regiment dauerte in der Form der Vormundschaftsführung in +Thrakien bis zum Tode des Tiberius; und wenn Kaiser Gaius bei dem +Antritt der Regierung dem thrakischen Jugendfreund ebenso wie dem +jüdischen die Herrschaft zurückgab, so machte wenige Jahre darauf, im +Jahre 46, die Regierung des Claudius ihr definitiv ein Ende. Auch diese +schließliche Einziehung des Königreichs und Umwandlung in einen +römischen Bezirk traf noch auf eine gleich hoffnungslose und gleich +hartnäckige Gegenwehr. Aber mit der Einführung der unmittelbaren +Verwaltung ist der Widerstand gebrochen. Eine Legion hat der +Statthalter, anfangs von Ritter-, seit Traian von Senatorenrang, +niemals gehabt; die in das Land gelegte Besatzung, wenn sie auch nicht +stärker war als 2000 Mann nebst einem kleinen bei Perinthos +stationierten Geschwader, genügte in Verbindung mit den sonst von der +Regierung getroffenen Vorsichtsmaßregeln, um die Thraker +niederzuhalten. Mit der Anlegung der Militärstraßen wurde gleich nach +der Einziehung begonnen; wir finden, daß die bei dem Zustand des Landes +erforderlichen Stationsgebäude für die Unterkunft der Reisenden bereits +im Jahre 61 von der Regierung eingerichtet und dem Verkehr übergeben +wurden. Thrakien ist seitdem eine gehorsame und wichtige Reichsprovinz; +kaum hat irgendeine andere für alle Teile der Kriegsmacht, insbesondere +auch für die Reiterei und die Flotte, so zahlreiche Mannschaften +gestellt wie dieses alte Heimatland der Fechter und der Lohnsoldaten. + +———————————————————————- + +^4 Das sagt Tac. ann. 2, 64 ausdrücklich. Freie Thraker, vom römischen +Standpunkt aus betrachtet, gab es damals nicht; wohl aber behauptete +das thrakische Gebirge, namentlich die Rhodope der Besser, auch im +Friedensstand den von Rom eingesetzten Fürsten gegenüber eine kaum als +Untertänigkeit zu bezeichnende Stellung; sie erkannten wohl den König +an, gehorchten ihm aber, wie Tacitus (a. a. O. und 4, 46 u. 51) sagt, +nur, wenn es ihnen paßte. + +^5 Wir haben noch ein Kotys gewidmetes griechisches Epigramm des +Antipater von Thessalonike (Anthol. Planud. 4, 75), desselben Dichters, +der auch den Thrakersieger Piso feierte, und eine an Kotys gerichtete +lateinische Epistel in Versen des Ovidius (Pont. 2, 9). + +———————————————————————- + +Die ernsten Kämpfe, welche die Römer auf dem sogenannten thrakischen +Ufer, in der Landschaft zwischen dem Balkan und der Donau mit derselben +Nation zu bestehen hatten und welche zu der Einrichtung des mösischen +Kommandos führten, bilden einen wesentlichen Bestandteil der +Regulierung der Nordgrenze in augustischer Zeit und sind in ihrem +Zusammenhang bereits geschildert worden. Von ähnlichem Widerstand, wie +die Thraker ihn den Römern entgegensetzten, wird aus Mösien nichts +berichtet; die Stimmung daselbst mag nicht anders gewesen sein, aber in +dem ebenen Lande und unter dem Druck der bei Viminacium lagernden +Legionen trat der Widerstand nicht offen hervor. + +Die Zivilisation kam den thrakischen Völkerschaften, wie den +illyrischen, von zwei Seiten: von der Küste her und von der +makedonischen Grenze die der Hellenen, von der dalmatischen und +pannonischen die lateinische. Über jene wird zweckmäßiger zu handeln +sein, wo wir versuchen, die Stellung der europäischen Griechen unter +der Kaiserherrschaft zu bezeichnen; hier genügt es im allgemeinen +hervorzuheben, daß dieselbe auch hier nicht bloß das Griechentum, wo +sie es fand, geschützt hat und die gesamte Küste, auch die dem +Statthalter von Mösien untergebene, stets griechisch geblieben ist, +sondern daß die Provinz Thrakien, deren Zivilisation ernstlich erst von +Traian begonnen und durchaus ein Werk der Kaiserzeit ist, nicht in die +römische Bahn gelenkt, sondern hellenisiert ward. Selbst die nördlichen +Abhänge des Haemus, obwohl administrativ zu Mösien gehörig, sind in +diese Hellenisierung hineingezogen, Nikopolis an der Jantra und +Markianopolis unweit Varna, beides Gründungen Traians, nach +griechischem Schema organisiert worden. + +Von der lateinischen Zivilisation Mösiens gilt das gleiche wie von der +des angrenzenden dalmatischen und pannonischen Binnenlandes; nur tritt +dieselbe, wie natürlich, um so viel später, schwächer und unreiner auf, +je weiter sie von ihrem Ausgangspunkt sich entfernt. Überwiegend ist +sie hier den Legionslagern gefolgt und mit diesen nach Osten hin +vorgedrungen, ausgehend von den wahrscheinlich ältesten Mösiens bei +Singidunum (Belgrad) und Viminacium (Kostolatz) ^6. Freilich hat sie, +der Beschaffenheit ihrer bewaffneten Apostel entsprechend, auch in +Obermösien sich auf sehr niedriger Stufe gehalten und den primitiven +Zuständen noch Spielraum genug gelassen. Viminacium hat durch Hadrian +italisches Stadtrecht erhalten. Niedermösien zwischen dem Balkan und +der Donau ist in der früheren Kaiserzeit wohl durchaus in der +Verfassung geblieben, welche die Römer vorfanden; erst als die +Legionslager an der unteren Donau bei Novae, Durostorum und Troesmis +gegründet wurden, was, wie weiter unten dargelegt werden wird, wohl +erst im Anfang des 2. Jahrhunderts geschah, ist auch dieser Teil des +rechten Donauufers eine Stätte derjenigen italischen Zivilisation +geworden, welche mit der Lagerordnung sich vertrug. Seitdem sind hier +auch bürgerliche Ansiedlungen entstanden, namentlich an der Donau +selbst zwischen den großen Standlagern die nach italischem Muster +eingerichteten Städte Ratiaria unweit Widin und Oescus am Einfluß der +Iskra in die Donau, und allmählich näherte sich die Landschaft dem +Niveau der damals noch bestehenden, freilich in sich verfallenden +römischen Kultur. Für den Wegebau in Untermösien sind seit Hadrian, von +dem die ältesten bisher daselbst gefundenen Meilensteine herrühren, die +Regenten vielfach tätig gewesen. + +——————————————————————————- + +^6 Es ist eine der empfindlichsten Lücken der römischen +Kaisergeschichte, daß die Standlager der beiden Legionen, welche unter +den Julisch-Claudischen Kaisern die Besatzung von Mösien bildeten, der +4. Scythica und der 5. Macedonica (wenigstens standen diese dort im +Jahre 33: CIL III, 1698) sich bis jetzt nicht mit Sicherheit nachweisen +lassen. Wahrscheinlich waren es Viminacium und Singidunum in dem +späteren Obermösien. Unter den Legionslagern Niedermösiens, von denen +namentlich das von Troesmis zahlreiche Monumente aufzuweisen hat, +scheint keines älter zu sein als Hadrian; die Überreste der +obermösischen sind bis jetzt so sparsam, daß sie wenigstens nicht +hindern, deren Entstehung ein Jahrhundert weiter zurück zu legen. Wenn +der König von Thrakien im Jahre 18 gegen Bastarner und Skythen rüstet +(Tac. ann. 2, 65), so hätte dies auch als Vorwand nicht geltend gemacht +werden können, wenn niedermösische Legionslager schon damals bestanden +hätten. Eben diese Erzählung zeigt, daß die Kriegsmacht dieses +Lehnsfürsten nicht unbedeutend war, und die Beseitigung eines +unfügsamen Königs von Thrakien Vorsicht erheischte. + +——————————————————————————- + +Wenden wir uns von der Übersicht der römischen Herrschaft, wie sie seit +Augustus in den Ländern am rechten Ufer der Donau sich gestaltet hatte, +zu den Verhältnissen und den Anwohnern des linken, so ist, was über die +westliche Landschaft zu bemerken wäre, im wesentlichen schon bei der +Schilderung Obergermaniens zur Sprache gekommen und namentlich +hervorgehoben worden, daß die zunächst an Rätien angrenzenden Germanen, +die Hermunduren, unter den sämtlichen Nachbarn der Römer die +friedfertigsten gewesen und, soviel uns bekannt, niemals mit denselben +in Konflikt geraten sind. + +Daß das Volk der Markomannen oder, wie die Römer sie in früherer Zeit +gewöhnlich nennen, der Sueben, nachdem es in augustischer Zeit in dem +alten Boierland, dem heutigen Böhmen, neue Sitze gefunden und durch den +König Maroboduus eine festere staatliche Organisation sich gegeben +hatte, während der römisch-germanischen Kriege zwar Zuschauer blieb, +aber doch durch die Dazwischenkunft der rheinischen Germanen vor der +drohenden römischen Invasion bewahrt ward, ist bereits erzählt worden; +nicht minder, daß der Rückschlag des abermaligen Abbruchs der römischen +Offensive am Rhein diesen allzu neutralen Staat über den Haufen warf. +Die Vormachtstellung, welche die Markomannen unter Maroboduus über die +entfernteren Völker im Elbegebiet gewonnen hatten, ging damit verloren, +und der König selbst ist als vertriebener Mann auf römischer Erde +gestorben. Die Markomannen und ihre stammverwandten östlichen Nachbarn, +die Quaden in Mähren, gerieten insofern in römische Klientel, als hier, +ungefähr wie in Armenien, die um die Herrschaft streitenden +Prätendenten sich teilweise auf die Römer stützten und diese das +Belehnungsrecht in Anspruch nahmen und je nach Umständen auch ausübten. +Der Gotonenfürst Catualda, der zunächst den Maroboduus gestürzt hatte, +konnte als dessen Nachfolger sich nicht lange behaupten, zumal da der +König der benachbarten Hermunduren, Vibilius, gegen ihn eintrat; auch +er mußte auf römisches Gebiet übertreten und, gleich Maroboduus, die +kaiserliche Gnade anrufen. Tiberius bewirkte dann, daß ein vornehmer +Quade, Vannius, an seine Stelle kam; dem zahlreichen Gefolge der beiden +verbannten Könige, das auf dem rechten Donauufer nicht bleiben durfte, +verschaffte Tiberius Sitze auf dem linken im Marchtal ^7 und dem +Vannius die Anerkennung von Seiten der mit Rom befreundeten +Hermunduren. Nach dreißigjähriger Herrschaft wurde dieser im Jahre 50 +gestürzt durch seine beiden Schwestersöhne Vangio und Sido, die sich +gegen ihn auflehnten und die Nachbarvölker, die Hermunduren im +Fränkischen, die Lugier in Schlesien, für sich gewannen. Die römische +Regierung, die Vannius um Unterstützung anging, blieb der Politik des +Tiberius getreu: sie gewährte dem gestürzten König das Asylrecht, +intervenierte aber nicht, da zumal die Nachfolger, die das Gebiet unter +sich teilten, bereitwillig die römische Oberherrschaft anerkannten. Der +neue Suebenfürst Sido und sein Mitherrscher Italicus, vielleicht der +Nachfolger Vangios, fochten in der Schlacht, die zwischen Vitellius und +Vespasian entschied, mit der römischen Donauarmee auf der Seite der +Flavianer. In den großen Krisen der römischen Herrschaft an der Donau +unter Domitian und Marcus werden wir ihren Nachfolgern wieder begegnen. +Zum Römischen Reich haben die Donausueben nicht gehört; die +wahrscheinlich von denselben geschlagenen Münzen zeigen wohl +lateinische Aufschriften, aber nicht römischen Fuß, geschweige denn das +Bildnis des Kaisers; eigentliche Abgaben und Aushebungen für Rom haben +hier nicht stattgefunden. Aber in dem Machtbereich Roms ist, namentlich +im ersten Jahrhundert, der Suebenstaat in Böhmen und Mähren +einbegriffen gewesen und, wie schon bemerkt ward, ist dies auch auf die +Aufstellung der römischen Grenzwacht nicht ohne Einfluß geblieben. + +——————————————————————————— + +^7 Daß das regnum Vannianum (Plin. nat. 4, 12, 81), der Suebenstaat +(Tac. ann. 12, 29; hist. 3, 5 u. 21) nicht bloß, wie es nach Tacitus +ann. 2, 63 scheinen könnte, auf die Wohnsitze der mit Maroboduus und +Catualda übergetretenen Leute, sondern auf das ganze Gebiet der +Markomannen und Quaden bezogen werden muß, zeigt deutlich der zweite +Bericht ann. 12, 29 u. 30, da hier als Gegner des Vannius neben seinen +eigenen insurgierten Untertanen die westlich und nördlich an Böhmen +angrenzenden Völker, die Hermunduren und Lugier, erscheinen. Als Grenze +gegen Osten bezeichnet Plinius (a. a. O.) die Gegend von Carnuntum +(Germanorum ibi confinium), genauer den Fluß Marus oder Duria, der die +Sueben und das regnum Vannianum von ihren östlichen Nachbarn scheidet, +mag man nun das dirimens eos mit Müllenhoff (SB Berlin 1883, S. 871) +auf die Jazygen oder, was näher liegt, auf die Bastarner beziehen. +Sachlich grenzten wohl beide, die Jazygen südlich, die Bastarner +nördlich, mit den Quaden des Marchtals. Demnach ist der Marus die March +und die Scheide machen die zwischen dem March- und dem Waagtal sich +erstreckenden kleinen Karpaten. Wenn also jene Gefolgschaften inter +flumen Marum et Cusum angesiedelt werden, so ist der sonst nicht +genannte Cusus, falls die Angabe genau ist, nicht die Waag oder gar, +wie Müllenhoff meinte, die, unterhalb Gran in die Donau fallende Eipel, +sondern ein Zufluß der Donau westlich der March, etwa der Gusen bei +Linz. Auch fordert die Erzählung bei Tacitus (ann. 12, 29 u. 30), daß +das Gebiet des Vannius westlich noch über die March hinausgereicht hat. +Die Subskription unter dem ersten Buch der Betrachtungen des Kaisers +Marcus εν Κουάδοις πρός τώ Γρανοία beweist wohl, daß damals der +Quadenstaat sich bis zum Granfluß erstreckte; aber dieser Staat deckt +sich nicht mit dem regnum Vannianum. + +——————————————————————————— + +In der Ebene zwischen Donau und Theiß, ostwärts von dem römischen +Pannonien, hat zwischen dieses und die thrakischen Daker sich ein +Splitter geschoben des wahrscheinlich zum medisch-persischen Stamm +gehörigen Volkes der Sarmaten, das, nomadisch lebend als Hirten- und +Reitervolk, die weite osteuropäische Ebene zum großen Teil füllte; es +sind dies die Jazygen, die “ausgewanderten” (μετανάσται) genannt zum +Unterschied von dem am Schwarzen Meer zurückgebliebenen Hauptstamm. Die +Benennung zeigt, daß sie erst verhältnismäßig spät in diese Gegenden +vorgedrungen sind; vielleicht gehört ihre Einwanderung mit zu den +Stößen, unter denen um die Zeit der Actischen Schlacht das Dakerreich +des Burebista zusammenbrach. Uns begegnen sie hier zuerst unter Kaiser +Claudius; dem Suebenkönig Vannius stellten die Jazygen für seine Kriege +die Reiterei. Die römische Regierung war auf der Hut vor den flinken +und räuberischen Reiterscharen, stand aber übrigens zu ihnen nicht in +feindlichen Beziehungen. Als die Donaulegionen im Jahre 70 nach Italien +marschierten, um Vespasian auf den Thron zu setzen, lehnten sie den von +den Jazygen angebotenen Reiterzuzug ab und führten nur in schicklicher +Form eine Anzahl der Vornehmsten mit sich, damit diese inzwischen für +die Ruhe an der entblößten Grenze bürgten. + +Ernstlicher und dauernder Wacht bedurfte es weiter abwärts an der +unteren Donau. Jenseits des mächtigen Stromes, der jetzt des Reiches +Grenze war, saßen hier in den Ebenen der Walachei und dem heutigen +Siebenbürgen die Daker, in dem östlichen Flachland, in der Moldau, +Bessarabien und weiter hin zunächst die germanischen Bastarner, alsdann +sarmatische Stämme, wie die Roxolaner, ein Reitervolk gleich den +Jazygen, anfänglich zwischen Dnjepr und Don, dann am Meerufer entlang +vorrückend. In den ersten Jahren des Tiberius verstärkte der Lehnsfürst +von Thrakien seine Truppen, um die Bastarner und Skythen abzuwehren; in +Tiberius’ späteren Jahren wurde unter anderen Beweisen seines mehr und +mehr alles gehen lassenden Regiments geltend gemacht, daß er die +Einfälle der Daker und der Sarmaten ungestraft hinnehme. Wie es in den +letzten Jahren Neros diesseits und jenseits der Donaumündung zuging, +zeigt ungefähr der zufällig erhaltene Bericht des damaligen +Statthalters von Mösien, Tiberius Plautius Silvanus Aelianus. Dieser +“führte über 100000 jenseits der Donau wohnhafte Männer mit ihren +Weibern und Kindern und ihren Fürsten oder Königen über den Fluß, so +daß sie der Steuerentrichtung unterlagen. Eine Bewegung der Sarmaten +unterdrückte er, bevor sie zum Ausbruch kam, obwohl er einen großen +Teil seiner Truppen zur Kriegführung in Armenien (an Corbulo) abgegeben +hatte. Eine Anzahl bis dahin unbekannter oder mit den Römern in Fehde +stehender Könige führte er über auf das römische Ufer und nötigte sie, +vor den römischen Feldzeichen den Fußfall zu tun. Den Königen der +Bastarner und der Roxolaner sandte er die gefangenen oder den Feinden +wieder abgenommenen Söhne, denen der Daker die gefangenen Brüder zurück +^8 und nahm von mehreren derselben Geiseln. Dadurch wurde der +Friedensstand der Provinz sowohl befestigt wie weiter erstreckt. Auch +den König der Skythen bestimmte er, abzustehen von der Belagerung der +Stadt Chersonesos (Sevastopol) jenseits des Borysthenes. Es war der +erste, der durch große Getreidesendungen aus dieser Provinz das Brot in +Rom wohlfeiler machte”. Man erkennt hier deutlich sowohl den unter der +Julisch-Claudischen Dynastie am linken Donauufer gärenden +Völkerstrudel, wie auch den starken Arm der Reichsgewalt, der selbst +über den Strom hinüber die Griechenstädte am Dnjepr und in der Krim +noch zu schützen suchte und einigermaßen auch zu schützen vermochte, +wie dies bei der Darstellung der griechischen Verhältnisse weiter +dargelegt werden wird. + +———————————————————- + +^8 Regibus Bastarnarum et Roxolanorum filios, Dacorum fratrum captos +aut hostibus ereptos remisit (Orelli 750) ist verschrieben; es muß +Fratres heißen oder allenfalls fratrum filios. Ebenso ist nachher per +quaezu lesen für per quem und rege statt regem. + +———————————————————- + +Indes die Streitkräfte, über welche Rom hier verfügte, waren mehr als +unzulänglich. Die geringfügige Besatzung Kleinasiens und die ebenfalls +geringe Flotte auf dem Schwarzen Meer kamen höchstens für die +griechischen Anwohner der nördlichen und der westlichen Küste desselben +in Betracht. Dem Statthalter von Mösien, der mit seinen beiden Legionen +das Donauufer von Belgrad bis zur Mündung zu schirmen hatte, war eine +sehr schwierige Aufgabe gestellt; und die Beihilfe der wenig botmäßigen +Thraker war unter Umständen eine Gefahr mehr. Insbesondere nach der +Mündung der Donau zu mangelte ein genügendes Bollwerk gegen die hier +mit steigender Wucht andrängenden Barbaren. Der zweimalige Abzug der +Donaulegionen nach Italien in den Wirren nach Neros Tod rief mehr noch +an der Donaumündung als am Unterrhein Einfälle der Nachbarvölker +hervor, zuerst der Roxolaner, dann der Daker, dann der Sarmaten, das +heißt wohl der Jazygen. Es waren schwere Kämpfe; in einem dieser +Gefechte, wie es scheint gegen die Jazygen, blieb der tapfere +Statthalter von Mösien, Gaius Fonteius Agrippa. Dennoch schritt +Vespasian nicht zu einer Vermehrung der Donauarmee ^9; die +Notwendigkeit, die asiatischen Garnisonen zu verstärken, muß noch +dringender erschienen sein und die damals besonders gebotene +Sparsamkeit verbot jede Erhöhung der Gesamtarmee. Er begnügte sich, wie +es die Befriedung des Binnenlandes erlaubte und die an der Grenze +bestehenden Verhältnisse sowie die durch die Einziehung Thrakiens +herbeigeführte Auflösung der thrakischen Truppen gebieterisch +verlangten, die großen Lager der Donauarmee an die Reichsgrenze +vorzuschieben. So kamen die pannonischen von der Drau weg dem +Suebenreich gegenüber nach Carnuntum und Vindobona und die dalmatischen +von der Kerka und der Cettina an die mösischen Donauufer ^10, so daß +der Statthalter von Mösien seitdem über die doppelte Zahl von Legionen +verfügte. + +————————————————————— + +^9 In Pannonien standen um das Jahr 70 zwei Legionen, die 13. gemina +und die 15. Apollinaris, für welche letztere während ihrer Beteiligung +am Armenischen Krieg einige Zeit die 7. gemina eintrat (CIL III, p. +482). Von den beiden später hinzugetretenen Legionen, 1. adiutrix und +2. adiutrix, lag die erste noch im Anfang der Regierung Traians in +Obergermanien und kann erst unter diesem nach Pannonien gekommen sein; +die zweite unter Vespasian in Britannien stationierte ist +wahrscheinlich erst unter Domitian nach Pannonien gekommen. Auch das +mösische Heer zählte nach der Vereinigung mit dem dalmatischen unter +Vespasian wahrscheinlich nur vier Legionen, also soviel wie bisher +beide Heere zusammen, die späteren obermösischen 4. Flavia und 7. +Claudia und die späteren untermösischen 1. Italica und 5. Macedonica. +Die durch die Hin- und Hermärsche des Vierkaiserjahres verschobenen +Stellungen (Marquardt, Römische Staatsverwaltung, Bd. 2, S. 435), +welche zeitweilig drei Legionen nach Mösien brachten, dürfen nicht +täuschen. Die spätere dritte untermösische Legion, die 11., stand noch +unter Traian in Obergermanien. + +^10 Ios. bel. Iud. 7, 4, 3: πλείοσι καί μείζοσι φυλακαίς τόν τόπον +διέλαβεν, ως είναι τοίς βαρβάροιςτήν διάβασιν τελέως αδύνατον. Damit +scheint die Verlegung der beiden dalmatischen Legionen nach Mφsien +gemeint. Wohin sie gelegt wurden, wissen wir nicht. Nach der sonstigen +römischen Weise ist es wahrscheinlicher, daß sie in dem Umkreis des +bisherigen Hauptquartiers Viminacium stationiert worden sind als in der +entfernten Gegend der Donaumündungen. Die Entstehung der dortigen Lager +ist wohl erst erfolgt bei der Teilung des mösischen Kommandos und bei +Einrichtung der selbständigen Provinz Untermösien unter Domitian. + +———————————————————— + +Eine Verschiebung der Machtverhältnisse zu Ungunsten Roms trat unter +Domitian ein ^11, oder es wurden vielmehr damals die Konsequenzen der +ungenügenden Grenzverteidigung gezogen. Nach dem wenigen, was wir +darüber wissen, knüpfte die Wandlung der Dinge, ganz wie die gleiche in +Caesars Zeit, an einen einzelnen dakischen Mann an; was König Burebista +geplant hatte, schien König Decebalus ausführen zu sollen. Wie sehr in +seiner Persönlichkeit die eigentliche Triebfeder lag, beweist die +Erzählung, daß der Dakerkönig Duras, um den rechten Mann an die rechte +Stelle zu bringen, zu Gunsten des Decebalus von seinem Amt zurücktrat. +Daß Decebalus, um zu schlagen, vor allem organisierte, beweisen die +Berichte über seine Einführung der römischen Disziplin bei der +dakischen Armee und die Anwerbung tüchtiger Leute unter den Römern +selbst, und selbst die nach dem Siege von ihm den Römern gestellte +Bedingung, ihm zur Unterweisung der Seinigen in den Handwerken des +Friedens wie des Krieges die nötigen Arbeiter zu liefern. In welchem +großen Stil er sein Werk ergriff, beweisen die Verbindungen, die er +nach Westen und Osten anknüpfte, mit den Sueben und den Jazygen und +sogar mit den Parthern. Die Angreifenden waren die Daker. Der +Statthalter der Provinz Mösien, der ihnen zuerst entgegentrat, Oppius +Sabinus, ließ sein Leben auf dem Schlachtfelde. Eine Reihe kleinerer +Lager wurde erobert, die großen bedroht, der Besitz der Provinz selbst +stand in Frage. Domitianus selbst begab sich zu der Armee und sein +Stellvertreter - er selbst war kein Feldherr und blieb zurück -, der +Gardekommandant Cornelias Fuscus, führte das Heer über die Donau; aber +er büßte das unbedachte Vorgehen mit einer schweren Niederlage, und +auch er, der zweite Höchstkommandierende, blieb vor dem Feind. Sein +Nachfolger Iulianus, ein tüchtiger Offizier, schlug die Daker in ihrem +eigenen Gebiet in einer großen Schlacht bei Tapae und war auf dem Wege, +dauernde Erfolge zu erreichen. Aber während der Kampf gegen die Daker +schwebte, hatte Domitianus die Sueben und die Jazygen mit Krieg +überzogen, weil sie es unterlassen hatten, ihm Zuzug gegen jene zu +senden; die Boten, die dies zu entschuldigen kamen, ließ er hinrichten +^12. Auch hier verfolgte das Mißgeschick die römischen Waffen. Die +Markomannen erfochten einen Sieg über den Kaiser selbst; eine ganze +Legion ward von den Jazygen umzingelt und niedergehauen. Durch diese +Niederlage erschüttert, schloß Domitian trotz der von Iulianus über die +Daker gewonnenen Vorteile mit diesen voreilig einen Frieden, der ihn +zwar nicht hinderte, dem Vertreter des Decebalus in Rom, Diegis, gleich +als wäre dieser Lehnsträger der Römer, die Krone zu verleihen und als +Sieger auf das Kapitol zu ziehen, der aber in Wirklichkeit einer +Kapitulation gleich kam. Wozu Decebalus bei dem Einrücken des römischen +Heeres in Dakien sich höhnisch erboten hatte, jeden Mann, für den ihm +eine jährliche Zahlung von 2 Assen zugesichert werde, ungeschädigt nach +Hause zu entlassen, das wurde beinahe wahr; in dem Frieden wurden mit +einer jährlich zu entrichtenden Abstandssumme die Einfälle in Mösien +abgekauft. + +———————————————————— + +^11 Die Chronologie des dakischen Krieges liegt sehr im Ungewissen. Daß +er bereits vor dem Chattenkrieg (83) begonnen hat, lehrt die +karthagische Inschrift CIL VIII, 1082 eines dreimal von Domitian, im +dakischen, im germanischen und wieder im dakischen Kriege dekorierten +Soldaten. Eusebius setzt den Ausbruch des Krieges oder vielmehr den +ersten großen Kampf in das Jahr Abrahams 2101 oder 2102 = n. Chr. 85 +(genauer 1. Oktober 84-30. September 85) oder 86, den Triumph in das +Jahr 2106 = 90; auf völlige Zuverlässigkeit haben diese Zahlen freilich +keinen Anspruch. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird der Triumph in das +Jahr 89 gesetzt (W. Henzen, Acta fratrum Arvalium. Berlin 1874, S. +116). + +^12 Das Fragment Dio 67, 7, 1 Dind. steht in der Folge der Ursinischen +Exzerpte vor 67, 5, 1 bis 3 und gehört auch nach der Folge der +Ereignisse vor die Verhandlung mit den Lugiern. Vgl. Hermes 3, 1868, S. +115. + +———————————————————— + +Hier mußte Wandel geschafft werden. Auf Domitian, der wohl ein guter +Reichsverwalter, aber stumpf für die Forderungen der militärischen Ehre +war, folgte nach dem kurzen Regiment Nervas Kaiser Traianus, der, +zuerst und vor allem Soldat, nicht bloß jenen Vertrag zerriß, sondern +auch die Maßregeln danach traf, daß ähnliche Dinge sich nicht +wiederholten. Der Krieg gegen die Sueben und Sarmaten, der bei +Domitians Tod (96) noch dauerte, ward, wie es scheint, unter Nerva im +Jahre 97 glücklich beendigt. Der neue Kaiser ging, noch bevor er in die +Hauptstadt des Reiches seinen Einzug hielt, vom Rhein an die Donau, wo +er im Winter 98/99 verweilte, aber nicht, um sofort die Daker +anzugreifen, sondern um den Krieg vorzubereiten; in diese Zeit gehört +die an die Straßenbauten in Obergermanien anschließende Anlage der am +rechten Donauufer, in der Gegend von Orsowa, im Jahre 100 vollendeten +Straße. Zum Kriege gegen die Daker, in dem er wie in allen seinen +Feldzügen selbst kommandierte, ging er erst im Frühjahr 101 ab. Er +überschritt die Donau unterhalb Viminacium und rückte gegen die nicht +weit davon entfernte Hauptstadt des Königs Sarmizegetusa vor. Decebalus +mit seinen Verbündeten - die Barer und andere nordwärts wohnende Stämme +beteiligten sich an diesem Kampf - leistete entschlossenen Widerstand, +und nur mit heftigen und blutigen Gefechten bahnten die Römer sich den +Weg; die Zahl der Verwundeten war so groß, daß der Kaiser seine eigene +Garderobe den Ärzten zur Verfügung stellte. Aber der Sieg schwankte +nicht. Eine feste Burg nach der anderen fiel; die Schwester des Königs, +die Gefangenen aus dem vorigen Krieg, die den Heeren Domitians +abgenommenen Feldzeichen fielen den Römern in die Hände; durch Traianus +selbst und durch den tapferen Lusius Quietus in die Mitte genommen, +blieb dem König nichts übrig als vollständige Ergebung (102). Auch +verlangte Traianus nichts geringeres als den Verzicht auf die souveräne +Gewalt und den Eintritt des Dakischen Reiches in die römische Klientel. +Die Überläufer, die Waffen, die Kriegsmaschinen, die einst für diese +von Rom gestellten Arbeiter maßten abgeliefert werden und der König +persönlich vor dem Sieger den Fußfall tun; er begab sich des Rechts auf +Krieg und Frieden und versprach die Heerfolge; die Festungen wurden +entweder geschleift oder den Römern ausgeliefert und in diesen, vor +allem in der Hauptstadt, blieb römische Besatzung. Die mächtige +steinerne Brücke, die Traian bei Drobetae (gegenüber Turnu Severinului) +über die Donau schlagen ließ, stellte die Verbindung auch in der +schlimmen Jahreszeit sicher und gab den dakischen Besatzungen an den +nahen Legionen Obermösiens einen Rückhalt. Aber die dakische Nation und +vor allem der König selbst wußten sich in die Abhängigkeit nicht so zu +fügen, wie es die Könige von Kappadokien und Mauretanien verstanden +hatten, oder hatten vielmehr das Joch nur auf sich genommen in der +Hoffnung, bei erster Gelegenheit sich desselben wieder zu entledigen. +Die Anzeichen dafür traten bald hervor. Ein Teil der auszuliefernden +Waffen wurde zurückgehalten, die Kastelle nicht, wie es bedungen war, +übergeben, römischen Überläufern auch ferner noch eine Freistatt +gewährt, den mit den Dakern verfeindeten Jazygen Gebietsstücke +entrissen oder vielleicht auch nur deren Grenzverletzungen nicht +hingenommen, mit den entfernteren, noch freien Nationen ein lebhafter +und bedenklicher Verkehr unterhalten. Traianus mußte sich überzeugen, +daß er halbe Arbeit gemacht, und kurz entschlossen, wie er war, +erklärte er, ohne auf weitere Verhandlungen sich einzulassen, drei +Jahre nach dem Friedensschluß (105) dem König abermals den Krieg. Gern +hätte dieser ihn abgewandt; aber die Forderung, sich gefangen zu geben, +sprach allzu deutlich. Es blieb nichts als der Kampf der Verzweiflung, +und dazu waren nicht alle bereit; ein großer Teil der Daker unterwarf +sich ohne Gegenwehr. Der Aufruf an die Nachbarvölker, in die Abwehr für +die auch ihrer Freiheit und ihrem Volkstum drohende Gefahr mit +einzutreten, verhallte ohne Wirkung; Decebalus und die ihm +treugebliebenen Daker standen in diesem Krieg allein. Die Versuche, den +kaiserlichen Feldherrn durch Überläufer aus dem Wege zu schaffen, oder +mit der Losgebung eines gefangengenommenen hohen Offiziers erträgliche +Bedingungen zu erkaufen, scheiterten ebenfalls. Der Kaiser zog abermals +als Sieger in die feindliche Hauptstadt ein und Decebalus, der bis zum +letzten Augenblick mit dem Verhängnis gerungen hatte, gab, als alles +verloren war, sich selber den Tod (107). Diesmal machte Traianus ein +Ende; der Krieg galt nicht mehr der Freiheit des Volkes, sondern seiner +Existenz. Aus dem besten Teile des Landes wurde die eingeborene +Bevölkerung ausgetrieben und diese Striche mit einer, für die Bergwerke +aus den Gebirgen Dalmatiens, sonst überwiegend, wie es scheint, aus +Kleinasien herangezogenen nationslosen Bevölkerung wiederbesetzt. In +manchen Gegenden freilich blieb dennoch die alte Bevölkerung und +behauptete sich sogar die Landessprache ^13; diese Daker sowohl wie die +außerhalb der Grenzen hausenden Splitter haben auch nachher noch, zum +Beispiel unter Commodus und Maximinus, den Römern zu schaffen gemacht; +aber sie standen vereinzelt und verkamen. Die Gefahr, mit der der +kräftige Thrakerstamm mehrmals die römische Herrschaft bedroht hatte, +durfte nicht wiederkehren, und dies Ziel hat Traianus erreicht. Das +traianische Rom war nicht mehr das der hannibalischen Zeit; aber es war +immer noch gefährlich, die Römer besiegt zu haben. + +—————————————————————————- + +^13 Arr. takt. 44 erwähnt unter den Änderungen, die Hadrian bei der +Kavallerie einführte, daß er den einzelnen Abteilungen ihre nationalen +Schlachtrufe gestattet habe, Κελτικούς μέν τοίς Κελτοίς ιππεύσιν, +Γετικούς δέ τοίς Γέταις, Ραίτικους δέ όσοι εκ Ραίτων. + +—————————————————————————- + +Die stattliche Säule, welche sechs Jahre darauf dem Kaiser von dem +Reichssenat auf dem neuen Traiansmarkt der Hauptstadt errichtet ward +und die ihn heute noch schmückt, ist ein Zeugnis der verwüsteten +Geschichtsüberlieferung der römischen Kaiserzeit, wie wir kein zweites +besitzen. In ihrer ganzen Höhe von genau 100 römischen Fuß ist sie +bedeckt mit einzelnen Darstellungen - man zählt deren 124; ein +gemeißeltes Bilderbuch der dakischen Kriege, zu welchem uns fast +überall der Text fehlt. Wir sehen die Wachttürme der Römer mit ihrem +spitzen Dach, ihrem pallisadierten Hof, ihrem oberen Umgang, ihren +Feuersignalen. Die Stadt am Ufer des Donaustroms, dessen Flußgott den +römischen Kriegern zuschaut, wie sie unter ihren Feldzeichen auf der +Schiffbrücke entlangziehen. Den Kaiser selbst im Kriegsrat, dann vor +den Wällen des Lagers am Altar opfernd. Es wird erzählt, daß die den +Dakern verbündeten Burer den Traian vom Kriege abmahnten in einem +lateinischen, auf einen gewaltigen Pilz geschriebenen Spruch: man +meint, diesen Pilz zu erkennen, auf ein Saumtier geladen, von dem +gestürzt ein Barbar mit der Keule, auf dem Boden liegend, dem +heranschreitenden Kaiser mit dem Finger den Pilz weist. Wir sehen das +Lager schlagen, die Bäume fällen, Wasser holen, die Brücke legen. Die +ersten gefangenen Daker, leicht kenntlich an ihren langärmligen Kitteln +und ihren weiten Hosen, werden, die Hände auf den Rücken gebunden und +an ihrem langen Haarbusch von den Soldaten gefaßt, vor den Kaiser +geführt. Wir sehen die Gefechte, die Speer- und Steinschleuderer, die +Sichelträger, die Bogenschützen zu Fuß, die auch den Bogen führenden +schweren Panzerreiter, die Drachenfahne der Daker, die feindlichen +Offiziere, geschmückt mit dem Zeichen ihres Ranges, der runden Mütze, +den Fichtenwald, in den die Daker ihre Verwundeten tragen, die +abgehauenen Köpfe der Barbaren, vor dem Kaiser niedergelegt. Wir sehen +das dakische Pfahldorf mitten im See, in dessen runde Hütten mit +spitzem Dach die Brandfackeln fliegen. Frauen und Kinder flehen den +Kaiser um Gnade an. Die Verwundeten werden gepflegt und verbunden, +Ehrenzeichen an Offiziere und Soldaten ausgeteilt. Dann geht es weiter +im Kampf: die feindlichen Verschanzungen, teils von Holz, teils +Steinmauern, werden angegriffen, das Belagerungsgeschütz fährt auf, die +Leitern werden herangetragen, unter dem Schilderdach greift die +Sturmkolonne an. Endlich liegt der König mit seinem Gefolge zu den +Füßen Traians; die Drachenfahnen sind in Römerhand; die Truppen +begrüßen jubelnd den Imperator; vor den aufgetürmten Waffen der Feinde +steht die Victoria und beschreibt die Tafel des Sieges.. Es folgen die +Bilder des zweiten Krieges, im ganzen der ersten Reihe gleichartig; +bemerkenswert ist eine große Darstellung, welche, nachdem die +Königsburg in Flammen aufgegangen ist, die Fürsten der Daker zu zeigen +scheint, sitzend um einen Kessel und einer nach dem andern den +Giftbecher leerend; eine andere, wo des tapferen Dakerkönigs Haupt auf +einer Schüssel dem Kaiser gebracht wird; endlich das Schlußbild, die +lange Reihe der Besiegten mit Frauen, Kindern und Herden aus der Heimat +abziehend. Die Geschichte dieses Krieges hat der Kaiser selbst +geschrieben, wie Friedrich der Große die des Siebenjährigen, und nach +ihm viele andere; uns ist alles dies verloren, und wie niemand es wagen +würde, nach Menzels Bildern die Geschichte des Siebenjährigen Krieges +zu erfinden, so bleibt auch uns nur mit dem Einblick in halb +verständliche Einzelheiten die schmerzliche Empfindung einer bewegten +und großen, auf ewig verblaßten und selbst für die Erinnerung +vergangenen geschichtlichen Katastrophe. + +Die Grenzverteidigung im Donaugebiet wurde infolge der Verwandlung +Dakiens in eine römische Provinz nicht in dem Grade verschoben, wie man +wohl erwarten sollte; eine eigentliche Veränderung der +Verteidigungslinie trat nicht ein, sondern es wurde die neue Provinz im +ganzen als eine exzentrische Position behandelt, die nur nach Süden +hin, an der Donau selbst, unmittelbar mit dem römischen Gebiet +zusammenhing, nach den anderen drei Seiten in das barbarische Land +hineinragte. Die zwischen Pannonien und Dakien sich erstreckende +Theißebene blieb auch ferner den Jazygen; es haben sich wohl Reste +alter Wälle gefunden, die von der Donau über die Theiß weg bis an das +dakische Gebirge führen und das Jazygengebiet nördlich begrenzen, aber +über die Zeit und die Urheber dieser Verschanzungen ist nichts Sicheres +ermittelt. Auch Bessarabien wird von einer doppelten Sperrlinie +durchschnitten, welche, vom Prut zum Dnjestr laufend, bei Tyra endigt, +und nach den darüber bis jetzt vorliegenden, ungenügenden Berichten von +den Römern herzurühren scheint ^14. Ist dies der Fall, so sind die +Moldau und die südliche Hälfte von Bessarabien sowie die gesamte +Walachei dem Römischen Reich einverleibt gewesen. Aber mag dies auch +nominell geschehen sein, effektiv hat die Römerherrschaft sich +schwerlich auf diese Länder erstreckt; wenigstens fehlt es an sicheren +Beweisen römischer Ansiedlung bis jetzt sowohl in der östlichen +Walachei wie in der Moldau und in Bessarabien völlig. Auf alle Fälle +blieb hier viel mehr noch als in Germanien der Rhein die Donau die +Grenze der römischen Zivilisation und der eigentliche Stützpunkt der +Grenzverteidigung. Die Positionen an dieser wurden erheblich verstärkt. +Es war ein Glücksfall für Rom, daß, während die Völkerbrandung an der +Donau stieg, sie am Rhein sank und die dort entbehrlich gewordenen +Truppen anderweitig verfügbar wurden. Wenn noch unter Vespasian +wahrscheinlich nicht mehr als sechs Legionen an der Donau standen, so +ist deren Zahl durch Domitianus und Traianus später auf zehn +gesteigert, womit zusammenhängt, daß die bisherigen beiden +Oberkommandanturen von Mösien und Pannonien, die erstere unter +Domitian, die zweite unter Traian, geteilt wurden und, indem weiter die +dakische hinzutrat, die Gesamtzahl der Kommandanturen an der unteren +Donau sich auf fünf stellte. Anfänglich scheint man freilich die Ecke, +welche dieser Strom unterhalb Durostorum (Silistria) macht, die heutige +Dobrudscha, abgeschnitten und von dem heutigen Ort Rassowa an, wo der +Fluß bis auf sieben deutsche Meilen sich dem Meere nähert, um dann fast +im rechten Winkel nach Norden abzubiegen, die Flußlinie durch eine +befestigte Straße nach Art der britannischen ersetzt zu haben, welche +bei Tomis die Küste erreichte ^15. Indes diese Ecke ist wenigstens seit +Hadrian in die römische Grenzbefestigung eingezogen worden; denn von da +an finden wir Untermösien, das vor Traian wahrscheinlich gar keine +größeren ständigen Besatzungen gehabt hatte, belegt mit den drei +Legionslagern von Novae (bei Svischtova), Durostorum (Silistria) und +Troesmis (Iglitza bei Galatz), von welchen das letzte eben jener +Donauecke vorliegt. Gegen die Jazygen wurde die Stellung dadurch +verstärkt, daß zu den obermösischen Lagern bei Singidunuum und +Viminacium das unterpannonische an der Mündung der Theiß in die Donau +bei Acumincum hinzutrat. Dakien selbst ist damals nur schwach besetzt +worden. Die Hauptstadt, jetzt traianische Kolonie Sarmizegetusa, lag +nicht weit von den Hauptübergängen über die Donau in Obermösien; hier +und an dem mittleren Marisus sowie jenseits desselben, in dem Bezirk +der Goldgruben, haben die Römer vorzugsweise sich ansässig gemacht; +auch die eine seit Traian in Dakien garnisonierende Legion hat ihr +Hauptquartier wenigstens bald nachher in dieser Gegend bei Apulum +(Karlsburg) erhalten. Weiter nördlich sind Potaissa (Thorda) und Napoca +(Klausenburg) wohl auch sofort von den Römern in Besitz genommen +worden, aber erst allmählich schoben die großen pannonisch-dakischen +Militärzentren sich weiter gegen Norden vor. Die Verlegung der +unterpannonischen Legion von Acumincum nach Aquincum, dem heutigen +Ofen, und die Okkupierung dieser militärisch beherrschenden Position +fällt nicht später als Hadrian und wahrscheinlich unter ihn; wohl +gleichzeitig ist die eine der oberpannonischen Legionen nach Brigetio +(gegenüber Komorn) gekommen. Unter Commodus wurde an der Nordgrenze +Dakiens in der Breite von einer deutschen Meile jede Ansiedelung +untersagt, was mit den später zu erwähnenden Grenzordnungen nach dem +Markomannenkrieg zusammenhängen wird. Damals mögen auch die befestigten +Linien entstanden sein, welche diese Grenze, ähnlich wie die +obergermanische, sperrten. Unter Severus kam eine der bisher +niedermösischen Legionen an die dakische Nordgrenze nach Potaissa +(Thorda). Aber auch nach diesen Verlegungen bleibt Dakien eine von +Bergen und Schanzen gedeckte, vorgeschobene Stellung am linken Ufer, +bei der es wohl zweifelhaft sein mochte, ob sie die allgemeine +Defensivstellung der Römer mehr förderte oder mehr beschwerte. +Hadrianus hat in der Tat daran gedacht, dies Gebiet aufzugeben, also +dessen Einverleibung als einen Fehler betrachtet; nachdem sie einmal +geschehen war, überwog allerdings die Rücksicht, wenn nicht auf die +einträglichen Goldgruben des Landes, so doch auf die rasch sich +entwickelnde römische Zivilisation im Marisusgebiet. Aber wenigstens +den Oberbau der steinernen Donaubrücke ließ er entfernen, da ihm die +Besorgnis vor der Benutzung derselben durch die Feinde schwerer wog als +die Rücksicht auf die dakische Besatzung. Die spätere Zeit hat von +dieser Ängstlichkeit sich freigemacht; aber die exzentrische Stellung +Dakiens zu der übrigen Grenzverteidigung ist geblieben. + +———————————————————————— + +^14 Die Wälle, welche 3 Meter hoch, 2 Meter dick, mit breitem +Außengraben und vielen Resten von Kastellen in zwei fast parallelen +Linien, teils in der Länge vor. 150 Kilometern vom linken Ufer des +Pruth über Tabak und Tatarbunar zum Dnjestr-Liman zwischen Akerman und +dem Schwarzen Meer, teils in der Länge von 100 Kilometern von Leowa am +Pruth zum Dnjestr unterhalb Bendery ziehen (Petermanns Geographische +Mittheilungen 1857, S. 129), mögen wohl auch römisch sein; aber es +fehlt bis jetzt an jeder genaueren Feststellung. + +^15 Nach v. Vinckes Aufnahme (Monatsberichte über die Verhandlungen der +Gesellschaft für Erdkunde in Berlin 1, 1839/40, S. 179 f.; vgl. in v. +Moltkes Briefen über Zustände in der Türkei den vom 2. November 1837) +sowie nach den mir mitgeteilten Aufzeichnungen und Plänen des Herrn Dr. +C. Schuchhardt sind hier drei Sperrungen angelegt. Die südlichste, +wahrscheinlich älteste, ist ein einfacher Erdwall mit (auffallender +Weise) gegen Süden vorliegendem Graben; ob römischen Ursprungs, kann +zweifelhaft sein. Die beiden anderen Linien sind ein jetzt noch +vielfach bis 3 Meter hoher Erd- und ein niederigerer einst mit Steinen +gefütterter Wall, die oft dicht nebeneinander her, anderswo wieder +stundenweit voneinander entfernt laufen. Man möchte sie für die beiden +Verteidigungslinien einer befestigten Straße halten, wenn auch in der +östlichen Hälfte der Erdwall, in der südlicheren der Steinwall der +nördlichere ist und sie in der Mitte sich kreuzen. An einer Stelle +bildet der (hier südlichere) Erdwall die Hinterseite eines hinter dem +Steinwall angelegten Kastells. Der Erdwall ist auf der Nordseite von +einem tiefen, auf der Südseite von einem flachen Graben gedeckt; jeden +Graben schließt ein Aufwurf ab. Dem Steinwall liegt auch nördlich ein +Graben vor. Hinter dem Erdwall, und meist an ihn angelehnt, finden sich +je 750 Meter voneinander entfernt Kastelle; andere in unregelmäßigen +Entfernungen desgleichen hinter dem Steinwall. Alle Linien halten sich +hinter den Karasu-Seen als der natürlichen Verteidigungsstütze; von da, +wo diese aufhört, bis zum Meer sind sie mit geringer Rücksicht auf die +Terrainverhältnisse geführt. Die Stadt Tomis liegt außerhalb des Walls +und nördlich davon; es sind aber ihre Festungsmauern durch einen +besonderen Wall mit der Sperrbefestigung in Verbindung gesetzt. + +————————————————————————- + +Die sechzig Jahre nach den Dakerkriegen Traians sind für die +Donauländer eine Zeit des Friedens und der friedlichen Entwicklung +gewesen. Ganz zur Ruhe kam es freilich, namentlich an den +Donaumündungen, nie, und auch das bedenkliche Hilfsmittel von den +angrenzenden, unruhigen Nachbarn, ähnlich wie es mit Decebalus +geschehen war, durch Aussetzung jährlicher Gratiale die Grenzsicherheit +zu erkaufen, ist ferner angewandt worden ^16; dennoch zeigen die Reste +des Altertums eben in dieser Zeit überall das Aufblühen städtischen +Lebens, und nicht wenige Gemeinden namentlich Pannoniens nennen als +ihren Stifter Hadrian oder Pius. Aber auf diese Stille folgte ein +Sturm, wie das Kaisertum noch keinen bestanden hatte, und der, obwohl +eigentlich auch nur ein Grenzkrieg, durch seine Ausdehnung über eine +Reihe von Provinzen und durch seine dreizehnjährige Dauer das Reich +selbst erschütterte. + +———————————————————— + +^16 Vita Hadriani 6: cum rege Roxolanorum qui de imminutis stipendiis +querebatur cognito negotio pacem composuit. + +———————————————————— + +Den nach den Markomannen benannten Krieg hat nicht eine einzelne +Persönlichkeit vom Schlage des Hannibal und des Decebalus angefacht. +Ebensowenig haben Übergriffe römischerseits diesen Krieg +heraufbeschworen; Kaiser Pius verletzte keinen Nachbarn, weder den +mächtigen, noch den geringen, und hielt den Frieden fast mehr als +billig hoch. Das Reich des Maroboduus und des Vannius hatte sich +seitdem, vielleicht infolge der Teilung unter Vangio und Sido, in das +Königtum der Markomannen im heutigen Böhmen und das der Quaden in +Mähren und Oberungarn geschieden. Konflikte mit den Römern scheinen +hier nicht stattgefunden zu haben; das Lehnsverhältnis der +Quadenfürsten wurde sogar unter Pius’ Regierung durch die erbetene +Bestätigung in förmlicher Weise anerkannt. Völkerverschiebungen, die +jenseits des römischen Horizonts liegen, sind die nächste Ursache des +großen Krieges gewesen. Bald nach Pius’ Tode (161) erschienen Haufen +von Germanen, namentlich Langobarden von der Elbe her, aber auch +Markomannen und andere Mannschaften in Pannonien, es scheint, um neue +Wohnsitze am rechten Ufer zu gewinnen. Gedrängt von den römischen +Truppen, die ihnen entgegengeschickt wurden, entsandten sie den +Markomannenfürsten Ballomarius und mit ihm je einen Vertreter der zehn +beteiligten Stämme, um ihre Bitte um Landanweisung zu erneuern. Aber +der Statthalter ließ es bei dem Bescheid und zwang sie, über die Donau +zurückzugehen. Dies ist der Anfang des großen Donaukrieges ^17. Auch +der Statthalter von Obergermanien, Gaius Aufidius Victorinus, der +Schwiegersohn des literarisch bekannten Fronto, hatte bereits um das +Jahr 162 einen Ansturm der Chatten abzuschlagen, welcher ebenfalls +durch nachdrängende Völkerschaften von der Elbe her veranlaßt sein mag. +Wäre gleich energisch eingeschritten worden, so hätte größerem Unheil +vorgebeugt werden können. Aber eben damals hatte der Armenische Krieg +begonnen, in den bald die Parther eintraten; wenn auch die Truppen +nicht gerade von der bedrohten Grenze weg nach dem Osten geschickt +wurden, wofür wenigstens keine Beweise vorliegen ^18, so fehlte es doch +an Mannschaft, um den zweiten Krieg sofort energisch aufzunehmen. Dies +Temporisieren hat sich schwer gerächt. Eben als in Rom über die Könige +des Ostens triumphiert ward, brachen an der Donau die Chatten, die +Markomannen, die Quaden, die Jazygen wie mit einem Schlag ein in das +römische Gebiet. Rätien, Noricum, beide Pannonien, Dakien waren im +selben Augenblick überschwemmt; im dakischen Grubendistrikt können noch +wir die Spuren dieses Einbruchs verfolgen. Welche Verheerungen sie in +diesen Landschaften, die seit langem keinen Feind gesehen hatten, +damals anrichteten, zeigt die Tatsache, daß mehrere Jahre später die +Quaden erst 13000, dann noch 50000, die Jazygen gar 100000 römische +Gefangene zurückgaben. Es blieb nicht einmal bei der Schädigung der +Provinzen. Es geschah, was seit drei Jahrhunderten nicht geschehen war +und anfing als unmöglich zu gelten: die Barbaren durchbrachen den +Alpenwall und fielen in Italien selbst ein; von Rätien aus zerstörten +sie Opitergium (Oderzo), die Scharen von der Julischen Alpe berannten +Aquileia ^19. Niederlagen einzelner römischer Armeekorps müssen +mehrfach stattgefunden haben; wir erfahren nur, daß einer der +Gardekommandanten, Victorinus, vor dem Feind blieb und die Reihen der +römischen Heere sich in arger Weise lichteten. + +———————————————————————- + +^17 Vita Marci 14: gentibus quae pulsae a superioribus barbaris +fugerant nisi reciperentur bellum ireferentibus. Dio bei Petrus +Patricius fr. 6: Λαγγιβάρδων καί Οβίων (sonst unbekannt) εξακισχιλίων +Ίστρων περαιωθέντων τών περί Βίνδικα (vielleicht schon damals praef. +praetorio, in welchem Fall die Garde wegen dieses Vorganges +ausmarschiert wäre) ιππέων εξελασάντων καί τών αμφί Κάνδιδον πεζών +επιφθασάντων εις παντελή φυγήν οι βάρβαροι ετράποντο. εφ'οίσ ούτω +πραχθήσιν εν δέει καταστάντες εκ πρώτησ επιχειρήςεως οι βάρβαροι +πρέσβεις παρά Αίλιον Βάσσον τήν Παιονίαν διέποντα στέλλουσι Βαλλομάριόν +τε τον βασιλέα Μαρκομάνων καί ετέρους δέκα, κατ' έθνος επιλεξάμενοι +ένα. καί όρκοις τήν ειρήνην οι πρέσβεις πιστωσάμενοι οίκαδε χωρούσιν. +Daß dieser Vorfall vor den Ausbruch des Krieges fällt, zeigt seine +Stellung; fr. 7 des Patricius ist Exzerpt aus Dio 71, 11, 2. + +^18 Das mösische Heer gab Soldaten zum Armenischen Krieg ab (O. +Hirschfeld, Archäologisch-epigraphische Mittheilungen 6, S. 41); aber +hier war die Grenze nicht gefährdet. + +^19 Die Beteiligung der rechtsrheinischen Germanen bezeugt Dio 71, 3, +und nur dadurch erklären sich die Maßregeln, die Marcus für Raetia und +Noricum traf. Auch die Lage von Oderzo spricht dafür, daß diese +Angreifer über den Brenner kamen. + +———————————————————————- + +Der schwere Angriff traf den Staat zur unglücklichsten Stunde. Zwar der +orientalische Krieg war beendigt; aber in seinem Gefolge hatte eine +Seuche sich in Italien und dem ganzen Westen verbreitet, die dauernder +als der Krieg und in entsetzlicherem Maße die Menschen hinraffte. Wenn +die Truppen, wie es notwendig war, zusammengezogen wurden, so fielen +der Pest die Opfer nur um so zahlreicher. Wie zu der Pestilenz immer +die teure Zeit gehört, so erschien auch hier mit ihr Mißwachs und +Hungersnot und schwere Finanzkalamität - die Steuern gingen nicht ein, +und im Laufe des Krieges sah sich der Kaiser veranlaßt, die Kleinodien +seines Palastes in öffentlicher Auktion zu veräußern. Es fehlte an +einem geeigneten Leiter. Eine so ausgedehnte und so verwickelte +militärisch-politische Aufgabe konnte, wie die Dinge in Rom lagen, kein +beauftragter Feldherr, sondern allein der Herrscher selbst auf sich +nehmen. Marcus hatte, in richtiger und bescheidener Erkenntnis dessen, +was ihm abging, bei der Thronbesteigung sich seinen jüngeren +Adoptivbruder Lucius Verus gleichberechtigt zur Seite gestellt, in der +wohlwollenden Voraussetzung, daß der flotte junge Mann, wie er ein +tüchtiger Fechter und Jäger war, so auch zum fähigen Feldherrn sich +entwickeln werde. Aber den scharfen Blick des Menschenkenners besaß der +ehrliche Kaiser nicht; die Wahl war so unglücklich wie möglich +ausgefallen; der eben beendigte Parthische Krieg hatte den nominellen +Feldherrn als eine wüste Persönlichkeit und einen unfähigen Offizier +gezeigt. Verus’ Mitregentschaft war nichts als eine Kalamität mehr, die +freilich durch seinen, nicht lange nach dem Ausbruch des +Markomannischen Krieges erfolgten Tod (169) in Wegfall kam. Marcus, +seinen Neigungen nach mehr reflektiv als dem praktischen Leben +zugewandt und ganz und gar kein Soldat, überhaupt keine hervorragende +Persönlichkeit, übernahm die ausschließliche und persönliche Leitung +der erforderlichen Operationen. Er mag dabei im einzelnen Fehler genug +gemacht haben, und vielleicht geht die lange Dauer der Kämpfe darauf +mit zurück; aber die Einheit des Oberbefehls, die klare Einsicht in den +Zweck der Kriegführung, die Folgerichtigkeit des staatsmännischen +Handelns, vor allem die Rechtschaffenheit und Festigkeit des seines +schweren Amtes mit selbstvergessener Treue waltenden Mannes haben +schließlich den gefährlichen Ansturm gebrochen. Es ist dies ein um so +höheres Verdienst, als der Erfolg mehr dem Charakter als dem Talent +verdankt wird. + +Worauf man sich gefaßt machte, zeigt die Tatsache, daß die Regierung, +trotz des Mangels an Menschen und an Geld, in dem ersten Jahre dieses +Krieges mit ihren Soldaten und auf ihre Kosten die Mauern der +Hauptstadt Dalmatiens, Salonae, und der Hauptstadt Thrakiens, +Philippopolis, herstellen ließ; sicher sind dies nicht vereinzelte +Anordnungen gewesen. Man mußte sich darauf vorbereiten, die Nordländer +überall die großen Städte des Reiches berennen zu sehen; die Schrecken +der Gotenzüge pochten schon an die Pforten und wurden vielleicht für +diesmal nur dadurch abgewandt, daß die Regierung sie kommen sah. Die +unmittelbare Oberleitung der militärischen Operationen und die durch +die Sachlage geforderte Regulierung der Beziehungen zu den Grenzvölkern +und Reformierung der bestehenden Ordnungen an Ort und Stelle durfte +weder fehlen noch dem charakterlosen Bruder oder Einzelführern +überlassen werden. In der Tat änderte sich die Lage der Dinge, sowie +die beiden Kaiser in Aquileia eintrafen, um von dort mit dem Heer nach +dem Kriegsschauplatz abzugehen. Die Germanen und Sarmaten, wenig in +sich geeinigt und ohne gemeinschaftliche Leitung, fühlten sich solchem +Gegenschlag nicht gewachsen. Die eingedrungenen Haufen zogen überall +sich zurück; die Quaden sandten den kaiserlichen Statthaltern ihre +Unterwerfung ein, und vielfach büßten die Führer der gegen die Römer +gerichteten Bewegung diesen Rückschlag mit dem Leben. Lucius meinte, +daß der Krieg Opfer genug gefordert habe und riet zur Rückkehr nach +Rom. Aber die Markomannen verharrten in trotzigem Widerstand, und die +Kalamität, die über Rom gekommen war, die Hunderttausende der +weggeschleppten Gefangenen, die von den Barbaren errungenen Erfolge +forderten gebieterisch eine kräftigere Politik und die offensive +Fortsetzung des Krieges. Marcus’ Schwiegersohn Tiberius Claudius +Pompeianus übernahm außerordentlicherweise das Kommando in Rätien und +Noricum; sein tüchtiger Unterbefehlshaber, der spätere Kaiser Publius +Helvius Pertinax, säuberte ohne Schwierigkeit mit der aus Pannonien +herbeigerufenen ersten Hilfslegion das römische Gebiet. Trotz der +Finanznot wurden namentlich aus illyrischen Mannschaften, bei deren +Aushebung freilich mancher bisherige Straßenräuber zum +Landesverteidiger gemacht ward, zwei neue Legionen gebildet und, wie +schon früher angegeben ward, die bisher geringfügige Grenzwacht dieser +beiden Provinzen durch die neuen Legionslager von Regensburg und Enns +verstärkt. In die oberpannonischen Lager begaben sich die Kaiser +selbst. Vor allen Dingen kam es darauf an, den Herd des Kriegsfeuers +einzuschränken. Die von Norden kommenden Barbaren, die ihre Hilfe +anboten, wurden nicht zurückgewiesen und fochten in römischem Sold, +soweit sie nicht, was auch vorkam, ihr Wort brachen und mit dem Feind +gemeinschaftliche Sache machten. Den Quaden, welche um Frieden und um +die Bestätigung des neuen Königs Furtius baten, wurde diese +bereitwillig zugestanden und nichts gefordert als Rückgabe der +Überläufer und der Gefangenen. Es gelang einigermaßen, den Krieg auf +die beiden Hauptgegner, die Markomannen und die von alters her ihnen +verbündeten Jazygen, zu beschränken. Gegen diese beiden Völker wurde in +den folgenden Jahren in schweren Kämpfen und nicht ohne Niederlage +gestritten. Wir wissen davon nur Einzelheiten, die sich nicht in festen +Zusammenhang bringen lassen. Marcus Claudius Fronto, dem die +außerordentlicherweise vereinigten Kommandos von Obermösien und Dakien +anvertraut waren, fiel um das Jahr 171 im Kampfe gegen Germanen und +Jazygen. Ebenso fiel vor dem Feind der Gardekommandant Marcus Macrinius +Vindex. Sie und andere hochgestellte Offiziere erhielten in diesen +Jahren Ehrendenkmäler in Rom an der Säule Traians, weil sie in +Verteidigung des Vaterlandes den Tod gefunden hatten. Die barbarischen +Stämme, die sich für Rom erklärt hatten, fielen zum Teil wieder ab, so +die Cotiner und vor allem die Quaden, welche den flüchtigen Markomannen +eine Freistatt gewährten und ihren Vasallenkönig Furtius vertrieben, +worauf Kaiser Marcus auf den Kopf seines Nachfolgers Ariogaesus einen +Preis von 1000 Goldstücken setzte. Erst im sechsten Kriegsjahr (172) +scheint die völlige Überwindung der Markomannen erreicht worden zu sein +und danach Marcus den wohlverdienten Siegestitel Germanicus angenommen +zu haben. Es folgte dann die Niederwerfung der Quaden, endlich im Jahre +175 die der Jazygen, infolge deren der Kaiser den weiteren Beinamen des +Sarmatensiegers empfing. Die Bedingungen, welche den überwundenen +Völkerschaften gestellt wurden, zeigen, daß Marcus nicht zu strafen +beabsichtigte, sondern zu unterwerfen. Den Markomannen und den Jazygen, +wahrscheinlich auch den Quaden, wurde auferlegt, einen Grenzstreifen am +Flusse in der Breite von zwei, nach späterer Milderung von einer +deutschen Meile zu räumen. In die festen Plätze am rechten Donauufer +wurden römische Besatzungen gelegt, die allein bei den Markomannen und +Quaden zusammen sich auf nicht weniger als 20000 Mann beliefen. Alle +Unterworfenen hatten Zuzug zum römischen Heer zu stellen, die Jazygen +zum Beispiel 8000 Reiter. Wäre der Kaiser nicht durch die Insurrektion +Syriens abgerufen worden, so hätte er die letzteren ganz aus ihrer +Heimat getrieben, wie Traianus die Daker. Daß Marcus die abgefallenen +Transdanuvianer nach diesem Muster zu behandeln gedachte, bestätigt der +weitere Verlauf. Kaum war jenes Hindernis beseitigt, so ging der Kaiser +wieder an die Donau und begann, eben wie Traianus, im Jahre 178 den +zweiten, abschließenden Krieg. Die Motivierung dieser Kriegserklärung +ist nicht bekannt; der Zweck wird ohne Zweifel richtig dahin angegeben, +daß er zwei neue Provinzen, Marcomania und Sarmatia, einzurichten +gedachte. Den Jazygen, die sich den Absichten des Kaisers fügsam +gezeigt haben werden, wurden die lästigen Auflagen größtenteils +erlassen, ja ihnen für den Verkehr mit ihren östlich von Dakien +hausenden Stammverwandten, den Roxolanern, der Durchgang durch Dakien +unter angemessener Aufsicht gewährt - wahrscheinlich auch nur, weil sie +schon als römische Untertanen betrachtet wurden. Die Markomannen wurden +durch Schwert und Hunger fast aufgerieben. Die verzweifelnden Quaden +wollten nach Norden auswandern und bei den Semnonen sich Sitze suchen; +aber auch dies wurde ihnen nicht gestattet, da sie die Äcker zu +bestellen hatten, um die römischen Besatzungen zu versorgen. Nach +vierzehnjähriger, fast ununterbrochener Waffenarbeit stand der +Kriegsfürst wider Willen am Ziel und die Römer zum zweiten Mal vor der +Gewinnung der oberen Elbe; jetzt fehlte in der Tat nur die Ankündigung, +das Gewonnene festhalten zu wollen. Da starb er, noch nicht sechzig +Jahre alt, im Lager von Vindobona am 17. März 180. + +Man wird nicht bloß die Entschlossenheit und die Konsequenz des +Herrschers anerkennen, sondern auch einräumen müssen, daß er tat, was +die richtige Politik gebot. Die Eroberung Dakiens durch Traian war ein +zweifelhafter Gewinn, obwohl eben in dem Markomannischen Krieg der +Besitz Dakiens nicht bloß ein gefährliches Element aus den Reihen der +Gegner Roms entfernt, sondern wahrscheinlich auch bewirkt hat, daß der +Völkerschwarm an der unteren Donau, die Bastarner, die Roxolaner und +andere mehr in den Markomannenkrieg nicht eingegriffen haben. Aber +nachdem der gewaltige Ansturm der Transdanuvianer westlich von Dakien +die Niederwerfung derselben zur Notwendigkeit gemacht hatte, konnte +diese nur in abschließender Weise ausgeführt werden, indem Böhmen, +Mähren und die Theißebene in die römische Verteidigungslinie eingezogen +wurden, wenn auch diesen Gebieten wohl nur, wie Dakien, eine +Vorpostenstellung zugedacht war und die strategische Grenzlinie sicher +die Donau bleiben sollte. + +Des Marcus Nachfolger, Kaiser Commodus, war im Lager anwesend, als der +Vater starb und trat, da er die Krone schon seit mehreren Jahren dem +Namen nach mit dem Vater teilte, mit dessen Tode sofort in den Besitz +der unumschränkten Gewalt. Nur kurze Zeit ließ der neunzehnjährige +Nachfolger die Vertrauensmänner des Vaters, seinen Schwager Pompeianus +und andere, die mit Marcus die schwere Last des Krieges getragen +hatten, im Sinne desselben schalten. Commodus war in jeder Hinsicht das +Gegenteil seines Vaters; kein Gelehrter, sondern ein Fechtmeister, so +feig und charakterschwach, wie dieser entschlossen und konsequent, so +träge und pflichtvergessen wie dieser tätig und gewissenhaft. Er gab +nicht bloß die Einverleibung des gewonnenen Gebiets auf, sondern +gewährte auch den Markomannen freiwillig Bedingungen, wie sie sie nicht +hatten hoffen dürfen. Die Regulierung des Grenzverkehrs unter römischer +Kontrolle und die Verpflichtung, ihre den Römern befreundeten Nachbarn +nicht zu schädigen, verstanden sich von selbst; aber die Besatzungen +wurden aus ihrem Lande zurückgezogen und nur das Gebot, den +Grenzstreifen nicht zu besiedeln, festgehalten. Die Leistung von +Abgaben und die Stellung von Rekruten wurde wohl ausbedungen, aber jene +bald erlassen und diese sicher nie gestellt. Ähnlich ward mit den +Quaden abgeschlossen und wird mit den übrigen Transdanuvianern +abgeschlossen worden sein. Damit waren die gemachten Eroberungen +aufgegeben, und die vieljährige Kriegsarbeit war umsonst; wenn man +nicht mehr wollte, so war eine ähnliche Ordnung der Dinge schon viel +früher zu erreichen. Dennoch hat der Markomannische Krieg die +Suprematie Roms in diesen Landschaften für die Folgezeit +sichergestellt, trotzdem Rom den Siegespreis aus der Hand gab. Nicht +von den Stämmen, welche dabei beteiligt waren, ist der Stoß geführt +worden, dem die römische Weltmacht erlag. + +Eine andere bleibende Folge dieses Krieges hängt zusammen mit den durch +denselben veranlaßten Oberführungen der Transdanuvianer in das Römische +Reich. An sich waren derartige Umsiedlungen zu aller Zeit vorgekommen; +die unter Augustus nach Gallien verpflanzten Sugambrer, die nach +Thrakien gesandten Daker waren nichts als neue, zu den früher +vorhandenen hinzutretende Untertanen oder Untertanengemeinden, und +etwas anderes sind wohl auch die 3000 Naristen nicht gewesen, denen +Marcus gestattete, ihre Sitze westlich von Böhmen mit solchen im Reich +zu vertauschen, während den sonst unbekannten Astingern an der +dakischen Nordgrenze die gleiche Bitte abgeschlagen ward. Aber die +nicht bloß im Donauland, sondern in Italien selbst, bei Ravenna, von +ihm angesiedelten Germanen waren weder freie Untertanen noch eigentlich +unfreie Leute; es sind dies die Anfänge der römischen Leibeigenschaft, +des Kolonats, dessen Eingreifen in die Bodenwirtschaft des gesamten +Staats in anderem Zusammenhang darzulegen ist. Jene ravennatische +Ansiedlung hat indes keinen Bestand gehabt; die Leute lehnten sich auf +und mußten wieder weggeschafft werden, so daß der neue Kolonat zunächst +auf die Provinzen, namentlich die Donaulandschaften, beschränkt blieb. + +Wiederum folgte auf den großen Krieg an der mittleren Donau eine fast +sechzigjährige Friedenszeit, deren Segen durch das während derselben +stetig steigende innere Mißregiment nicht vollständig aufgehoben werden +konnte. Wohl zeigt manche vereinzelte Nachricht, daß die Grenze, +namentlich die am meisten exponierte dakische, nicht ohne Anfechtung +blieb; aber vor allem das straffe Militärregiment des Severus tat hier +seine Schuldigkeit, und wenigstens Markomannen und Quaden erscheinen +auch unter dessen nächsten Nachfolgern in unbedingter Abhängigkeit, so +daß der Sohn des Severus einen Quadenfürsten vor sich zitieren und ihm +den Kopf vor die Füße legen konnte. Auch die in dieser Epoche an der +unteren Donau gelieferten Kämpfe sind von untergeordnetem Belang. Aber +wahrscheinlich hat in dieser Zeit eine umfassende Völkerverschiebung +von Nordosten her gegen das Schwarze Meer stattgefunden und die +römische Grenzwacht an der unteren Donau neuen und gefährlicheren +Gegnern gegenübergestellt. Bis auf diese Zeit hatten den Römern dort +vorzugsweise sarmatische Völkerschaften gegenüber gestanden, unter +denen sich die Roxolaner mit den Römern am nächsten berührten; von +Germanen saßen damals hier nur die seit langem in dieser Gegend +heimischen Bastarner. Jetzt verschwinden die Roxolaner, vielleicht +unter den dem Anschein nach, ihnen stammverwandten Carpern, welche +fortan an der unteren Donau, etwa in den Tälern des Sereth und Pruth, +die nächsten Nachbarn der Römer sind. Neben die Carper, ebenfalls als +unmittelbare Nachbarn der Römer an der Donaumündung, tritt das Volk der +Goten. Dieser germanische Stamm ist nach der einheimischen Erzählung, +die uns erhalten ist, von Skandinavien über die Ostsee nach der +Weichselgegend und aus dieser zum Schwarzen Meer gewandert; damit +übereinstimmend kennen die römischen Geographen des 2. Jahrhunderts sie +an der Weichset und die römische Geschichte seit dem ersten Drittel des +dritten an der nordwestlichen Küste des Schwarzen Meeres. Von da an +erscheinen sie hier in stetigem Anschwellen; die Reste der Bastarner +sind unter Kaiser Probus, die Reste der Carper unter Kaiser Diocletian +vor ihnen auf das rechte Donauufer gewichen, während ohne Zweifel ein +großer Teil dieser wie jener sich unter die Goten mischten und ihnen +sich anschlossen. überall darf diese Katastrophe nur in dem Sinne als +die des Gotenkrieges bezeichnet werden, wie die unter Marcus +eingetretene von den Markomannen heißt; die ganze Masse der durch den +Wanderstrom vom Nordosten zum Schwarzen Meer in Bewegung gesetzten +Völkerschaften ist daran beteiligt, und um so mehr beteiligt, als diese +Angriffe ebenso zu Lande über die untere Donau, wie zu Wasser von der +Nordküste des Schwarzen Meeres aus in einer unentwirrbaren +Verschlingung der Land- und der Seepiraterie erfolgten. Nicht unpassend +nennt darum der gelehrte Athener, der in ihm gefochten und ihn erzählt +hat, diesen Krieg vielmehr den Skythischen, indem er unter diesem, +gleich dem pelasgischen die Verzweiflung der Historiker machenden Namen +alle germanischen und nichtgermanischen Reichsfeinde zusammenfaßt. Was +über diese Züge zu berichten ist, soll, soweit die der Verwirrung +dieser schrecklichen Zeiten nur zu sehr entsprechende Verwirrung der +Überlieferung es gestattet, hier zusammengefaßt werden. + +Das Jahr 238, auch ein Vierkaiserjahr des Bürgerkriegs, wird bezeichnet +als dasjenige, in dem der Krieg gegen die hier zuerst genannten Goten +begann ^20. Da die Münzen von Tyra und Olbia mit Alexander († 235) +aufhören, so sind diese außerhalb der Reichsgrenze gelegenen römischen +Besitzungen wohl schon einige Jahre früher eine Beute der neuen Feinde +geworden. In jenem Jahr überschritten sie zuerst die Donau, und die +nördlichste der mösischen Küstenstädte, Istros, war das erste Opfer. +Gordian, der aus den Wirren dieser Zeit als Herrscher hervorging, wird +als Besieger der Goten bezeichnet; gewisser ist es, daß die römische +Regierung, wenn nicht schon früher, so doch unter ihm, sich dazu +verstand, die gotischen Einfälle abzukaufen ^21. Begreiflicherweise +forderten die Carper das gleiche, was der Kaiser den schlechteren Goten +bewilligt habe; als die Forderung nicht gewährt ward, fielen sie im +Jahre 245 in das römische Gebiet ein. Kaiser Philippus - Gordianus war +damals schon tot - schlug sie zurück, und eine energische Aktion mit +der vereinigten Kraft des großen Reiches würde den Barbaren wohl hier +Halt geboten haben. Aber in diesen Jahren fand der Kaisermörder so +sicher den Thron wie wiederum seinen Mörder und Nachfolger; eben in den +gefährdeten Donaulandschaften rief die Armee gegen Kaiser Philippus +erst den Marinus Pacatianus und nach dessen Beseitigung den Traianus +Decius aus, welcher letztere in der Tat in Italien seinen Gegner +überwand und als Herrscher anerkannt ward. Er war ein tüchtiger und +tapferer Mann, nicht unwert der beiden Namen, die er trug, und trat, +sowie er konnte, entschlossen in die Kämpfe an der Donau ein; aber was +der inzwischen geführte Bürgerkrieg verdorben hatte, ließ sich nicht +mehr einbringen. Während die Römer miteinander schlugen, hatten die +Goten und die Carper sich geeinigt und waren unter dem Gotenfürsten +Cniva in das von Truppen entblößte Mösien eingefallen. Der Statthalter +der Provinz, Trebonianus Gallus, warf sich mit seiner Mannschaft nach +Nikopolis am Haemus und wurde hier von den Goten belagert; diese +raubten zugleich Thrakien aus und belagerten dessen Hauptstadt, das +große und feste Philippopolis; ja sie gelangten bis nach Makedonien und +berannten Thessalonike, wo der Statthalter Priscus eben diesen Moment +geeignet fand, um sich zum Kaiser ausrufen zu lassen. Als Decius +anlangte, um zugleich den Nebenbuhler und den Landesfeind zu bekämpfen, +wurde wohl jener ohne Mühe beseitigt und gelang auch der Entsatz von +Nikopolis, wo 30000 Goten gefallen sein sollen. Aber die nach Thrakien +zurückweichenden Goten siegten ihrerseits bei Beroe (Alt-Zagora), +warfen die Römer nach Mösien zurück und bezwangen sowohl Nikopolis +daselbst wie in Thrakien Anchialos und sogar Philippopolis, wo 100000 +Menschen in ihre Gewalt gekommen sein sollen. Darauf zogen sie +nordwärts, um die ungeheure Beute in Sicherheit zu bringen. Decius +entwarf den Plan, dem Feind bei dem Übergang über die Donau einen +Schlag zu versetzen. Er stellte eine Abteilung unter Gallus am Ufer auf +und hoffte, diese auf die Goten werfen und ihnen den Rückzug +abschneiden zu können. Aber bei dem mösischen Grenzort Abrittus +entschied das Kriegsglück oder auch der Verrat des Gallus gegen ihn; +Decius kam mit seinem Sohn um, und Gallus, der als sein Nachfolger +ausgerufen ward, begann sein Regiment damit, den Goten die jährlichen +Geldzahlungen abermals zuzusichern (251) ^22. Diese völlige Niederlage +der römischen Waffen wie der römischen Politik, der Fall des Kaisers, +des ersten, der im Kampf gegen die Barbaren das Leben verlor, eine +Kunde, welche selbst in dieser, in der Gewohnheit des Unheils +erschlaffenden Zeit tief die Gemüter erregte, die darauf folgende +schimpfliche Kapitulation, stellte in der Tat die Integrität des +Reiches in Frage. Ernste Krisen an der mittleren Donau, wahrscheinlich +der drohende Verlust Dakiens müssen die nächste Folge gewesen sein. +Noch einmal ward dieser abgewandt: der Statthalter von Pannonien, +Marcus Aemilius Aemilianus, ein guter Soldat, errang einen bedeutenden +Waffenerfolg und trieb die Feinde über die Grenze. Aber die Nemesis +waltete. Die Konsequenz dieses auf Gallus’ Namen erfochtenen Sieges +war, daß die Armee dem Verräter des Decius den Gehorsam aufkündigte und +ihren Feldherrn zu seinem Nachfolger erkor. Abermals ging also der +Bürgerkrieg der Grenzverteidigung vor, und während Aemilianus in +Italien zwar den Gallus überwand, aber bald darauf dem Feldherrn +desselben, Valerianus, unterlag (254), ging Dakien, wie und an wen, +wissen wir nicht ^23, dem Reiche verloren. Die letzte von dieser +Provinz geschlagene Münze und die jüngste dort gefundene Inschrift sind +vom Jahre 255, die letzte Münze des benachbarten Viminacium in +Obermösien vom folgenden Jahre; in den ersten Jahren Valerians und +Galliens also besetzten die Barbaren das römische Gebiet am linken Ufer +der Donau und drangen sicher auch hinüber auf das rechte. + +——————————————————————- + +^20 Die angebliche erste Erwähnung der Goten in der Biographie +Caracallas c. 10 beruht auf Mißverständnis. Wenn wirklich ein Senator +sich den boshaften Scherz gestattet hat, dem Mörder Getas den Namen +Geticus beizulegen, weil er auf seinem Zug von der Donau nach dem +Orient einige Getenschwärme (tumultuariis proeliis) besiegt habe, so +meinte er Daker, nicht die damals schwerlich dort wohnenden und dem +römischen Publikum kaum bekannten Goten, deren Gleichung mit den Geten +auch gewiß erst später erfunden ward. + +Übrigens führt noch weiter zurück die Angabe, daß Kaiser Maximinus +(235-238) der Sohn eines in das benachbarte Thrakien übergesiedelten +Goten gewesen sei; doch wird auch darauf nicht viel zu geben sein. + +^21 Petrus Patricius fr. 8. Die Verwaltung des hier genannten Legaten +von Untermösien, Tullius Menophilus, ist durch Münzen sicher auf die +Zeit Gordians und mit Wahrscheinlichkeit auf 238-240 bestimmt (B. +Borghesi, Oeuvres complètes. Bd. 2, S. 227). Da der Anfang des +Gotenkrieges und die Zerstörung von Istros durch Dexippos (vita Max. et +Balb. 16) auf 238 festgestellt ist, so liegt es nahe, die Übernahme des +Tributs damit in Zusammenhang zu bringen; auf jeden Fall ist er damals +erneuert worden. Die vergeblichen Belagerungen von Markianopolis und +Philippopolis durch die Goten (Dexippus fr. 18, 19) mögen auf die +Einnahme von Istros gefolgt sein. Iordanes (Get. 16, 92) setzt die +erstere unter Philippus, ist aber in chronologischen Fragen kein +gültiger Zeuge. + +^22 Die Berichte über diese Vorgänge bei Zosimus (bist. 1, 21-24), +Zonaras (12, 20), Ammian (31, 5, 16 u. 17) (welche Nachrichten bis zu +der Philippopolis betreffenden dadurch, daß diese bei Zosimus +wiederkehrt, als hierher gehörig fixiert werden), obwohl alle +fragmentarisch oder zerrüttet, dürften aus dem Bericht des Dexippus, +wovon fr. 16 u. 19 erhalten sind, geflossen sein und lassen sich +einigermaßen vereinigen. Dieselbe Quelle liegt auch den +Kaiserbiographien und Iordanes zu Grunde; beide aber haben sie in dem +Grade entstellt und verfälscht, daß von ihren Angaben nur mit großer +Vorsicht Gebrauch gemacht werden kann. Unabhängig ist Aur. Vict. Caes. +29. + +^23 Vielleicht bezieht sich darauf der Einbruch der Markomannen bei +Zos. hist. 1, 29. + +——————————————————————- + +Bevor wir die Entwicklung der Dinge an der unteren Donau weiter +verfolgen, erscheint es notwendig, einen Blick zu werfen auf die +Piraterie, wie sie in der östlichen Hälfte des Mittelmeeres damals im +Gange war, und die daraus hervorgegangenen Seezüge der Goten und ihrer +Genossen. + +Daß auf dem Schwarzen Meer die römische Flotte zu keiner Zeit +entbehrlich, die Piraterie daselbst wahrscheinlich nie ausgerottet +worden ist, liegt im Wesen der Römerherrschaft, wie sie an seinen +Küsten sich gestaltet hatte. In festem Besitz waren sie nur etwa von +der Donaumündung abwärts bis Trapezunt. Römisch waren freilich auch +einerseits Tyra, an der Mündung des Dnjestr, und Olbia, an der Bucht +der Dnjeprmündung, andererseits die kaukasischen Hafenorte in der +Gegend des heutigen Suchum-Kaleh, Dioskurias und Pityus. Auch das +dazwischenliegende Bosporanische Königreich auf der Krim stand in +römischem Schutz und hatte römische, dem Statthalter von Mösien +unterstehende Besatzung. Aber es waren an diesen größtenteils wenig +einladenden Gestaden nur jene Hafenplätze entweder als alte griechische +Ansiedlungen oder als römische Festungen in festem Besitz, die Küste +selbst öde oder in den Händen der das Binnenland erfüllenden +Eingeborenen, die unter dem allgemeinen Namen der Skythen +zusammengefaßt, meistens sarmatischer Abkunft, den Römern niemals +botmäßig wurden noch werden sollten; man war zufrieden, wenn sie sich +nicht geradezu an den Römern oder deren Schutzbefohlenen vergriffen. +Danach ist es nicht zu verwundern, daß schon in Tiberius’ Zeit die +Piraten der Ostküste nicht bloß das Schwarze Meer unsicher machten, +sondern auch landeten und die Dörfer und die Städte der Küste +brandschatzten. Wenn unter Pius oder Marcus eine Schar der an dem +nordwestlichen Ufer hausenden Kostoboker die im Herzen von Phokis +gelegene Binnenstadt Elateia überfiel und unter deren Mauern mit den +Bürgern sich herumschlug, so zeigt dieser gewiß nur zufällig für uns +einzeln dastehende Vorgang, daß dieselben Erscheinungen, welche dem +Sturz des Senatsregiments voraufgingen, jetzt sich erneuerten und noch +bei äußerlich unerschüttert aufrecht stehender Reichsgewalt nicht bloß +einzelne Piratenschiffe, sondern Piratengeschwader im Schwarzen und +selbst im Mittelmeere kreuzten. Das nach dem Tode des Severus und vor +allem nach dem Ausgang der letzten Dynastie deutlich erkennbare Sinken +des Regiments offenbarte sich dann, wie billig, vor allem in dem +weiteren Verfall der Seepolizei. Die im einzelnen wenig zuverlässigen +Berichte melden bereits in der Zeit vor Decius das Erscheinen einer +großen Piratenflotte im Ägäischen Meer; dann unter Decius die +Plünderung der pamphylischen Küste und der griechisch-asiatischen +Inseln, unter Gallus Piratenstreifereien in Kleinasien bis nach +Pessinus und Ephesos ^24. Dies waren Räuberzüge. Diese Gesellen +plünderten die Küsten weit und breit, und machten auch, wie man sieht, +dreiste Züge in das Binnenland; aber von zerstörten Städten wird nichts +gemeldet, und die Piraten vermieden es, mit den römischen Truppen +zusammenzustoßen; vorzugsweise richtete sich der Angriff gegen solche +Landschaften, in denen keine Truppen standen. + +——————————————————————— + +^24 Amm. Marc. 31, 5, 15: duobus navium milibus perrupto Bosporo et +litoribus Propontidis Scythicarum gentium catervae transgressae +ediderunt quidem acerbas terra marique strages: sed amissa suorum parte +maxima reverterunt, worauf die Katastrophe der Decier erzählt und in +diese die weitere Notiz eingeflochten wird: obsessae Pamphyliae +civitates (dahin wird die Belagerung von Side gehören, bei Dexippus +selbst fr. 23), insulae populatae complures, ebenso die Belagerung von +Kyzikos. Wenn in diesem Rückblick nicht alles verwirrt ist, was bei +Ammian doch nicht wohl angenommen werden kann, so fällt dies vor +diejenigen Seefahrten, die mit der Belagerung von Pityus beginnen und +mehr ein Teil der Völkerwanderung sind als Piratenzüge. Die Zahl der +Schiffe freilich dürfte durch Gedächtnisfehler von dem Zug des Jahres +269 hierher übertragen sein. In denselben Zusammenhang gehört die Notiz +bei Zosimus (hist. 1, 28) über die Skythenzüge in Asien und Kappadokien +bis Ephesos und Pessinus. Die Nachricht über Ephesos in der Biographie +Gallienus’ c. 6 ist dieselbe, aber der Zeit nach verschoben. + +——————————————————————— + +Unter Valerianus nehmen diese Expeditionen einen anderen Charakter an. +Die Art der Züge weicht von den früheren so sehr ab, daß der an sich +nicht besonders wichtige Zug der Boraner gegen Pityus unter Valerianus +von kundigen Berichterstattern geradezu als der Anfang dieser Bewegung +bezeichnet werden konnte ^25 und daß die Piraten eine Zeitlang in +Kleinasien mit dem Namen dieser uns sonst nicht bekannten Völkerschaft +genannt wurden. Nicht mehr von den alten einheimischen Anwohnern des +Schwarzen Meeres gehen diese Züge aus, sondern von den nachdrängenden +Schwärmen. Was bis dahin Seeraub gewesen war, fängt an, ein Stück +derjenigen Völkerverschiebung zu werden, welcher das Vordringen der +Goten an die untere Donau angehört. Die beteiligten Völker sind sehr +mannigfach und zum Teil wenig bekannt; bei den späteren Zügen scheinen +die germanischen Heruler, damals Anwohner der Maeotis, eine führende +Rolle gespielt zu haben. Beteiligt sind auch die Goten, indes soweit es +sich um eigentliche Seefahrten handelt und über diese leidlich genaue +Berichte vorliegen, nicht in hervorragender Weise; recht eigentlich +diese Züge heißen richtiger skythische als gotische. Der maritime +Mittelpunkt dieser Angriffe ist die Dnjestrmündung, der Hafen von Tyra +^26. Die griechischen Städte des Bosporus, durch den Bankrott der +Reichsgewalt schutzlos den andrängenden Haufen preisgegeben und der +Belagerung durch dieselben gewärtig, ließen halb gezwungen, halb +freiwillig sich dazu herbei, die unbequemen neuen Nachbarn auf ihren +Schiffen und durch ihre Seeleute nach den nächstgelegenen römischen +Besitzungen an der Nordküste des Pontus überzuführen, wofür diesen +selbst die nötigen Mittel und das nötige Geschick mangelte. So kam jene +Expedition gegen Pityus zustande. Die Boraner wurden gelandet und +sandten, auf den Erfolg vertrauend, die Schiffe zurück. Aber der +entschlossene Befehlshaber von Pityus, Successianus, wies den Angriff +ab und die Angreifer, den Anmarsch der übrigen römischen Besatzungen +befürchtend, zogen eilig ab, wozu sie mühsam die nötigen Fahrzeuge +beschafften. Aufgegeben aber war der Plan nicht; im nächsten Jahr kamen +sie wieder, und da der Kommandant inzwischen gewechselt war, ergab sich +die Festung. Die Boraner, welche diesmal die bosporanischen Schiffe +festgehalten hatten und aus gepreßten Schiffsleuten und gefangenen +Römern deren Bemannung beschafften, bemächtigten sich weithin der Küste +und gelangten bis nach Trapezunt. In diese gut befestigte und stark +besetzte Stadt hatte alles sich geflüchtet und zu einer wirklichen +Belagerung waren die Barbaren nicht imstande. Aber die Führung der +Römer war schlecht und die Kriegszucht so verfallen, daß nicht einmal +die Mauer besetzt wurde; so erstiegen die Barbaren dieselbe bei +Nachtzeit, ohne auch nur Gegenwehr zu finden, und in der großen und +reichen Stadt fiel ungeheure Beute, darunter auch eine Anzahl von +Schiffen, in ihre Hände. Glücklich kehrten sie aus dem fernen Lande +zurück an die Maeotis. + +—————————————————————————- + +^25 Bei Zosimus selbst wird man völliges Verständnis dafür nicht +erwarten; aber sein Gewährsmann Dexippus, der Zeitgenosse und +Beteiligte, wußte wohl, warum er die bithynische Expedition die δευτέρα +έφοδος nannte (Zos. hist. 1, 35); und auch bei Zosimus noch erkennt man +deutlich den von Dexippus beabsichtigten Gegensatz der Expedition der +Boraner gegen Pityus und Trapezunt zu den hergebrachten Piratenfahrten. +In der Biographie des Gallienus wird die c. 11 unter dem Jahre 264 +erzählte skythische Expedition nach Kappadokien die trapezuntische sein +sowie die damit verknüpfte bithynische die, welche Zosimus die zweite +nennt; verwirrt ist hier freilich alles. + +^26 Dies sagt Zosimus (hist. 1, 42) und folgt auch aus dem Verhältnis +der Bosporaner zu dem ersten (1, 32) und dem des ersten zu dem zweiten +Zug (1, 34). + +—————————————————————————- + +Ein zweiter, durch diesen Erfolg angeregter Zug anderer, aber +benachbarter skythischer Haufen im folgenden Winter richtete sich gegen +Bithynien; es ist bezeichnend für die zerrütteten Verhältnisse, daß der +Anstifter dieses Zuges ein Grieche aus Nikomedeia, Chrysogonos, war, +und daß er für den glücklichen Erfolg von den Barbaren hochgeehrt ward. +Diese Expedition wurde, da die nötige Zahl von Schiffen nicht zu +beschaffen war, teils zu Lande, teils zu Wasser unternommen; erst in +der Nähe von Byzanz gelang es den Piraten, sich einer beträchtlichen +Zahl von Fischerbooten zu bemächtigen, und so gelangten sie an die +asiatische Küste nach Kalchedon, dessen starke Besatzung auf diese +Kunde davonlief. Nicht bloß diese Stadt geriet in ihre Hand, sondern +auch an der Küste Nikomedeia, Kios, Apameia, im Binnenland Nikaea und +Prusa; Nikomedeia und Nikaea brannten sie nieder und gelangten bis zum +Rhyndakos. Von da aus fuhren sie heim, beladen mit den Schätzen des +reichen Landes und seiner ansehnlichen Städte. + +Schon der Zug gegen Bithymen war zum Teil auf dem Landweg unternommen +worden; um so mehr setzten die Angriffe, die gegen das europäische +Griechenland gerichtet wurden, sich aus Land- und Seeraubfahrten +zusammen. Wenn Mösien und Thrakien auch nicht dauernd von den Goten +besetzt wurden, so kamen und gingen sie doch hier, gleich als wären sie +zu Hause, und streiften von da aus weit nach Makedonien hinein. Selbst +Achaia erwartete unter Valerianus von dieser Seite her den Einbruch; +die Thermopylen und der Isthmos wurden verrammelt und die Athener +gingen daran, ihre seit Sullas Belagerung in Trümmern liegenden Mauern +wiederherzustellen. Damals und auf diesem Wege kamen die Barbaren +nicht. Aber unter Gallienus erschien eine Flotte von 500 Segeln, +diesmal vornehmlich Heruler, vor dem Hafen von Byzanz, das indes seine +Wehrhaftigkeit noch nicht eingebüßt hatte; die Schiffe der Byzantier +schlugen glücklich die Räuber ab. Diese fuhren weiter, zeigten sich an +der asiatischen Küste vor dem früher nicht angegriffenen Kyzikos und +gelangten von da über Lemnos und Imbros nach dem eigentlichen +Griechenland. Athen, Korinth, Argos, Sparta wurden geplündert und +zerstört. Es war immer etwas, daß, wie in den Zeiten der Perserkriege, +die Bürger des zerstörten Athen, 2000 an der Zahl, den abziehenden +Barbaren einen Hinterhalt legten und unter Führung ihres ebenso +gelehrten wie tapferen Vormanns Publius Herennius Dexippus aus dem +altadligen Geschlecht der Keryken, mit Unterstützung der römischen +Flotte, den Piraten einen namhaften Verlust beibrachten. Auf der +Heimkehr, die zum Teil auf dem Landweg erfolgte, griff Kaiser Gallienus +sie in Thrakien am Fluß Nestos an und tötete ihnen eine beträchtliche +Anzahl Leute ^27. + +————————————————————— + +^27 Dexippus’ Bericht über diesen Zug geben im Auszug Synkellos (p. +717) (wo ανελόντος für ανελόντες gelesen werden muß), Zosimus (hist. 1, +39) und der Biograph des Gallienus (c. 13). Ein Bruchstück seiner +eigenen Erzählung ist fr. 22. Bei dem Fortsetzer des Dio, von dem +Zonaras abhängt, ist der Vorgang unter Claudius gesetzt, durch Irrtum +oder durch Fälschung, die dem Gallienus diesen Sieg nicht gönnte. Die +Biographie des Gallienus erzählt den Vorgang, wie es scheint, zweimal, +zuerst kurz c. 6 unter dem Jahre 262, dann besser unter oder nach 265 +(c. 13). + +————————————————————— + +Um das Maß des Unheils vollständig zu übersehen, muß man hinzunehmen, +daß in diesem in Scherben gehenden Reiche und vor allem in den vom +Feind überschwemmten Provinzen ein Offizier nach dem andern nach der +Krone griff, die es kaum noch gab. Es lohnt der Mühe nicht, die Namen +dieser ephemeren Purpurträger zu verzeichnen; die Lage zeichnet, daß +nach der Verwüstung Bithyniens durch die Piraten Kaiser Valerian es +unterließ, einen außerordentlichen Kommandanten dorthin zu schicken, +weil ihm jeder General, nicht ohne Grund, als Rivale galt. Dies hat +mitgewirkt bei dem fast durchaus passiven Verhalten der Regierung +gegenüber dieser schweren Not. Doch ist andererseits unzweifelhaft ein +guter Teil dieser unverantwortlichen Passivität auf die Persönlichkeit +der Herrscher zurückzuführen; Valerianus war schwach und bejahrt, +Gallienus fahrig und wüst, und der Lenkung des Staatsschiffs im Sturme +weder jener noch dieser gewachsen. Marcianus, dem Gallienus nach dem +Einfall in Achaia das Kommando in diesen Gegenden übertragen hatte, +operierte nicht ohne Erfolg; aber zu einer wirklichen Wendung zum +Besseren kam es nicht, solange Gallienus den Thron einnahm. + +Nach Gallienus’ Ermordung (268), vielleicht auf die Kunde von dieser, +unternahmen die Barbaren, wieder unter Führung der Heruler, aber +diesmal mit vereinigten Kräften, einen Ansturm gegen die Reichsgrenzen, +wie er also noch nicht dagewesen war, mit einer mächtigen Flotte und +wahrscheinlich gleichzeitig zu Lande, von der Donau aus ^28. Die Flotte +hatte in der Propontis viel von Stürmen zu leiden; dann teilte sie sich +und es gingen die Goten teils gegen Thessalien und Griechenland vor, +teils gegen Kreta und Rhodos; die Hauptmasse begab sich nach Makedonien +und drang von da in das Binnenland ein, ohne Zweifel in Verbindung mit +den in Thrakien eingerückten Haufen. Aber den oft belagerten, jetzt bis +aufs äußerste gebrachten Thessalonikern brachte Kaiser Claudius, der +persönlich mit starker Macht heranrückte, endlich Entsatz; er trieb die +Goten vor sich her das Tal des Axios (Vardar) hinauf und weiter über +die Berge hinüber nach Obermösien; nach mancherlei Kämpfen mit +wechselndem Kriegsglück erfocht er hier im Moravatal bei Naissus einen +glänzenden Sieg, in welchem 50000 Feinde gefallen sein sollen. Die +Goten wichen in Auflösung zurück, in der Richtung erst auf Makedonien, +dann durch Thrakien zum Haemus, um die Donau zwischen sich und den +Feind zu bringen. Fast hätte ihnen ein Zwist im römischen Lager, +diesmal zwischen Infanterie und Reiterei, noch einmal Luft gemacht; +aber als es zum Schlagen kam, ertrugen die Reiter es doch nicht, ihre +Kameraden im Stich zu lassen und so siegte die vereinigte Armee +abermals. Eine schwere Seuche, welche in all den Jahren der Not, aber +besonders damals in diesen Gegenden und vor allem in den Heeren wütete, +tat zwar auch den Römern großen Schaden - Kaiser Claudius selbst erlag +ihr -, aber das große Heer der Nordländer wurde völlig aufgerieben und +die zahlreichen Gefangenen in die römischen Heere eingereiht oder zu +Leibeigenen gemacht. Auch die Hydra der Militärrevolutionen wurde +einigermaßen gebändigt; Claudius und nach ihm Aurelianus waren in +anderer Weise Herren im Reich, als dies von Gallienus gesagt werden +kann. Die Erneuerung der Flotte, wozu unter Gallienus ein Anfang +gemacht worden war, wird nicht gefehlt haben. Das traianische Dakien +war und blieb verloren; Aurelianus zog die dort sich noch haltenden +Posten heraus und gab den vertriebenen oder zur Auswanderung geneigten +Besitzern neue Wohnstätten auf dem mösischen Ufer. Aber Thrakien und +Mösien, die eine Zeitlang mehr den Goten als den Römern gehört hatten, +kehrten unter römische Herrschaft zurück, und wenigstens die +Donaugrenze ward wieder befestigt. + +———————————————————————- + +^28 In unserer Überlieferung erscheint dieser Zug als eine reine +Seefahrt, unternommen mit (wahrscheinlich) 2000 Schiffen (so die +Biographie des Claudius; die Zahlen 6000 und 900, zwischen denen die +Überlieferung bei Zos. hist. 1, 42, schwankt, sind wohl beide +verdorben) und 320000 Menschen. Indes ist es wenig glaublich daß +Dexippus, auf den diese Angaben zurückgehen müssen die letztere Ziffer +in dieser Weise hat setzen können. Andererseits ist bei der Richtung +des Zuges zunächst gegen Tomis und Markianopolis es mehr als +wahrscheinlich, daß dabei das von Zos. hist. 1, 34 beschriebene +Verfahren befolgt ward und ein Teil zu Lande marschierte, und unter +dieser Voraussetzung mochte auch ein Zeitgenosse die Zahl der Angreifer +wohl auf jene Ziffer schätzen. Auch zeigt der Verlauf des Feldzugs, +namentlich der Ort der Entscheidungsschlacht, daß man es keineswegs +bloß mit einer Flotte zu tun hatte. + +———————————————————————- + +Man wird diesen Goten- und Skythenzügen zu Lande und zur See, welche +die zwanzig Jahre 250 bis 269 ausfüllen, nicht die Bedeutung beilegen +dürfen, daß die ausschwärmenden Haufen darauf bedacht gewesen wären, +die Landschaften, die sie betraten, in bleibenden Besitz zu nehmen. Ein +solcher Plan ist nicht einmal für Mösien und Thrakien nachweisbar, +geschweige denn für die entfernteren Küsten; schwerlich waren auch die +Angreifer zahlreich genug, um eigentliche Invasionen zu unternehmen. +Wie das schlechte Regiment der letzten Herrscher und vor allem die +Unzuverlässigkeit der Truppen viel mehr als die Übermacht der Barbaren +die Überflutung des Gebietes durch Land- und Seeräuber hervorriefen, so +zog die Wiederherstellung der inneren Ordnung und das energische +Auftreten der Regierung von selbst die Befreiung desselben nach sich. +Noch konnte der römische Staat nicht gebrochen werden, wenn er nicht +sich selber brach. Immer aber war es ein großes Werk, das Regiment so +wieder zusammenzunehmen, wie Claudius es getan hat. Wir wissen noch +etwas weniger von ihm, als von den meisten Regenten dieser Zeit, da die +wahrscheinlich fiktive Zurückführung des konstantinischen Stammbaumes +auf ihn sein Bild nach der platten Vollkommenheitsschablone übermalt +hat; aber diese Anknüpfung selbst, sowie die zahllosen nach seinem Tode +ihm zu Ehren geschlagenen Münzen beweisen, daß er der nächsten +Generation als der Retter des Staates galt, und sie wird darin nicht +geirrt haben. Ein Vorspiel der späteren Völkerwanderung sind diese +Skythenzüge allerdings; und die Städtezerstörung, welche sie vor den +gewöhnlichen Piratenfahrten auszeichnet, hat damals in einem Umfang +stattgefunden, daß der Wohlstand wie die Bildung Griechenlands und +Kleinasiens sich niemals davon erholt haben. + +An der wiederhergestellten Donaugrenze befestigte Aurelianus den +erfochtenen Sieg, indem er die Defensive wiederum offensiv führte und +die Donau an ihrer Mündung überschreitend, jenseits derselben sowohl +die Carper schlug, die seitdem zu den Römern im Schutzverhältnis +standen, wie auch die Goten unter ihrem König Canabaudes. Sein +Nachfolger Probus nahm, wie schon angegeben ward, die Überreste der von +den Goten bedrängten Bastarner herüber auf das römische Ufer, ebenso im +Jahre 295 Diocletian die Reste der Carper. Dies deutet darauf hin, daß +jenseits des Flusses das Reich der Goten sich konsolidierte; aber +weiter kamen sie auch nicht. Die Grenzbefestigungen wurden verstärkt; +Gegen-Aquincum (contra Aquincum, Pest) ist im Jahre 294 angelegt +worden. Die Piratenfahrten verschwanden nicht völlig. Unter Tacitus +zeigten sich Schwärme von der Maeotis in Kilikien. Die Franken, die +Probus am Schwarzen Meer angesiedelt hatte, verschafften sich Fahrzeuge +und fuhren heim nach ihrer Nordsee, nachdem sie unterwegs an der +sizilischen und der afrikanischen Küste geplündert hatten. Auch zu +Lande ruhten die Waffen nicht, wie denn die zahlreichen Sarmatensiege +Diocletians alle, und ein Teil seiner germanischen, auf die +Donaugegenden fallen werden; aber erst unter Konstantin kam es wieder +zu einem ernsthaften Kriege mit den Goten, der glücklich verlief. Das +Übergewicht Roms stand seit Claudius’ gotischem Siege wieder so fest +wie vorher. + +Die eben entwickelte Kriegsgeschichte blieb auf die innere Ordnung des +römischen Staats- und Heerwesens nicht ohne allgemeine und bleibende +militärisch-politische Rückwirkung. Es ist bereits darauf hingewiesen +worden, daß die Rheinheere, in der frühen Kaiserzeit die führenden in +der Armee, ihren Primat schon unter Traian an die Donaulegionen +abgaben. Wenn unter Augustus sechs Legionen im Donau- und acht im +Rheinland standen, so zählten nach den dakischen Kriegen Domitians und +Traians im 2. Jahrhundert die Rheinlager nur vier, die Donaulager zehn, +nach dem Markomannischen sogar zwölf Legionen. Nachdem seit Hadrian aus +der Armee, abgesehen von den Offizieren, das italische Element +verschwunden war und im ganzen genommen jedes Regiment sich in der +Gegend, in welcher es lagerte, auch rekrutierte, waren die meisten +Soldaten der Donauarmee und nicht weniger die aus dem Gliede +hervorgegangenen Centurionen in Pannonien, Dakien, Mösien, Thrakien zu +Hause. Auch die neuen, unter Marcus gebildeten Legionen gingen aus +Illyricum hervor, und die außerordentlichen Ergänzungen, deren die +Truppen damals bedurften, wurden wahrscheinlich ebenfalls vorzugsweise +aus den Gegenden genommen, in denen die Heere standen. Also war der +Primat der Donauarmeen, den der Dreikaiserkrieg der severischen Zeit +feststellte und steigerte, zugleich ein Primat der illyrischen +Soldaten; und es kam dies bei der Reform der Garde unter Severus zu +sehr energischem Ausdruck. In die höheren Kreise des Regiments griff +dieser Primat nicht eigentlich ein, solange die Offizierstellung noch +mit der Reichsbeamtenstellung zusammenfiel, obwohl die ritterliche +Laufbahn dem gemeinen Soldaten durch das Zwischenglied des Centurionats +zu allen Zeiten zugänglich war und also die Illyriker auch in jene +schon früh eindrangen, wie denn bereits im Jahre 235 ein geborener +Thraker, Gaius Iulius Verus Maximinus, im Jahre 248 ein geborener +Pannonier, Traianus Decius, auf diesem Wege sogar zum Purpur gelangt +sind. Aber als dann Gallienus in allerdings nur zu gerechtfertigtem +Mißtrauen die Rangklasse der Senatoren von dem Offizierdienst +ausschloß, erstreckte sich notwendigerweise, was bisher von den +Soldaten galt, auch auf die Offiziere. Es ist also nur in der Ordnung, +daß die der Donauarmee angehörigen, meistens aus den illyrischen +Gegenden herstammenden Soldaten seitdem auch im Regiment die erste +Rolle spielen und, soweit die Armee die Kaiser machte, diese ebenfalls +der Mehrzahl nach Illyriker sind. Also folgen auf Gallienus der +Dardaner Claudius, Aurelianus aus Mösien, Probus aus Pannonien, +Diocletianus aus Dalmatien, Maximianus aus Pannonien, Constantius aus +Dardanien, Galerius aus Serdica; von den letztgenannten hebt ein unter +der konstantinischen Dynastie schreibender Schriftsteller die Herkunft +aus Illyricum hervor und fügt hinzu, daß sie mit wenig Bildung, aber +guter Vorschulung durch Feldarbeit und Kriegsdienst treffliche +Herrscher gewesen seien. Was die Albanesen lange Zeit dem Türkischen +Reich gewesen sind, das haben ihre Vorfahren dem römischen Kaiserstaat, +als dieser bei ähnlicher Zerrüttung und ähnlicher Barbarei angelangt +war, in gleicher Weise geleistet. Nur darf die illyrische Regeneration +des römischen Kaisertums nicht etwa als eine nationale Reorganisation +aufgefaßt werden; es war lediglich die soldatische Stützung eines durch +das Mißregiment vornehm geborener Herrscher völlig herabgekommenen +Reiches. Die Demilitarisierung Italiens war vollständig geworden, und +Herrscherrecht ohne kriegerische Kraft erkennt die Geschichte nicht an. + + + + +KAPITEL VII. +Das griechische Europa + + +Mit der allgemeinen geistigen Entwicklung der Hellenen hatte die +politische ihrer Republiken sich nicht im Gleichgewicht gehalten, oder +vielmehr die Überschwenglichkeit jener hatte, wie die allzu volle Blüte +den Kelch sprengt, keinem einzelnen Gemeinwesen verstattet, diejenige +Ausdehnung und Stetigkeit zu gewinnen, welche für die staatliche +Ausgestaltung vorbedingend ist. Die Kleinstaaterei der einzelnen Städte +oder Städtebünde mußte in sich verkümmern oder den Barbaren verfallen; +nur der Panhellenismus verbürgte, wie den Fortbestand der Nation, so +ihre Weiterentwicklung gegenüber den stammfremden Umwohnern. Er ward +verwirklicht durch den Vertrag, den König Philipp von Makedonien, der +Vater Alexanders, in Korinth mit den Staaten von Hellas abschloß. Es +war dies dem Namen nach ein Bundesvertrag, in der Tat die Unterwerfung +der Republiken unter die Monarchie, aber eine Unterwerfung, welche nur +dem Ausland gegenüber sich vollzog, indem die unumschränkte +Feldherrnschaft gegen den Nationalfeind von fast allen Städten des +griechischen Festlandes dem makedonischen Feldherrn übertragen, sonst +ihnen die Freiheit und die Autonomie gelassen ward, und es war, wie die +Verhältnisse lagen, dies die einzig mögliche Realisierung des +Panhellenismus und die im wesentlichen für die Zukunft Griechenlands +maßgebende Form. Philipp und Alexander gegenüber hat sie Bestand +gehabt, wenn auch die hellenischen Idealisten wie immer das realisierte +Ideal als solches anzuerkennen sich sträubten. Als dann Alexanders +Reich zerfiel, war es wie mit dem Panhellenismus selbst, so auch mit +der Einigung der griechischen Städte unter der monarchischen Vormacht +vorbei und rieben diese in Jahrhunderten ziellosen Ringens ihre letzte +geistige und materielle Macht auf, hin- und hergezogen zwischen der +wechselnden Herrschaft der übermächtigen Monarchien und vergeblichen +Versuchen, unter dem Schutz des Haders derselben den alten +Partikularismus zu restaurieren. + +Als dann die mächtige Republik des Westens in den bisher einigermaßen +gleichgewogenen Kampf der Monarchien des Ostens eintrat und bald sich +mächtiger als jeder der dort miteinander ringenden griechischen Staaten +erwies, erneuerte sich mit der festen Vormachtstellung auch die +panhellenische Politik. Hellenen im vollen Sinn des Worts waren weder +die Makedonier noch die Römer; es ist nun einmal der tragische Zug der +griechischen Entwicklung, daß das attische Seereich mehr eine Hoffnung +als eine Wirklichkeit war und das Einigungswerk nicht aus dem eigenen +Schoß der Nation hat hervorgehen dürfen. Wenn in nationaler Hinsicht +die Makedonier den Griechen näher standen als die Römer, so war das +Gemeinwasen Roms den hellenischen politisch bei weitem mehr +wahlverwandt als das makedonische Erbkönigtum. Was aber die Hauptsache +ist, die Anziehungskraft des griechischen Wesens ward von den römischen +Bürgern wahrscheinlich nachhaltiger und tiefer empfunden als von den +Staatsmännern Makedoniens, eben weil jene ihm ferner standen als diese. +Das Begehren, sich wenigstens innerlich zu hellenisieren, der Sitte und +der Bildung, der Kunst und der Wissenschaft von Hellas teilhaftig zu +werden, auf den Spuren des großen Makedoniers Schild und Schwert der +Griechen des Ostens sein und diesen Osten nicht italisch, sondern +hellenistisch weiter zivilisieren zu dürfen, dieses Verlangen +durchdringt die späteren Jahrhunderte der römischen Republik und die +bessere Kaiserzeit mit einer Macht und einer Idealität, welche fast +nicht minder tragisch ist als jenes nicht zum Ziel gelangende +politische Mühen der Hellenen. Denn auf beiden Seiten wird Unmögliches +erstrebt: dem hellenischen Panhellenismus ist die Dauer versagt und dem +römischen Hellenismus der Vollgehalt. Indes hat er darum nicht weniger +die Politik der römischen Republik wie die der Kaiser wesentlich +bestimmt. Wie sehr auch die Griechen, namentlich im letzten Jahrhundert +der Republik, den Römern es bewiesen, daß ihre Liebesmühe eine +verlorene war, es hat dies weder an der Mühe noch an der Liebe etwas +geändert. + +Die Griechen Europas waren von der römischen Republik zu einer +einzigen, nach dem Hauptlande Makedonien benannten Statthalterschaft +zusammengefaßt worden. Wenn diese mit dem Beginn der Kaiserzeit +administrativ aufgelöst ward, so wurde damals gleichzeitig dem gesamten +griechischen Harnen eine religiöse Gemeinschaft verliehen, die sich +anschloß an die alte, des Gottesfriedens wegen eingeführte und dann zu +politischen Zwecken mißbrauchte Delphische Amphiktyonie. Unter der +römischen Republik war dieselbe im wesentlichen auf die ursprünglichen +Grundlagen zurückgeführt worden: Makedonien sowohl wie Ätolien, die +sich beide usurpatorisch eingedrängt hatten, wurden wieder +ausgeschieden und die Amphiktyonie umfaßte abermals nicht alle, aber +die meisten Völkerschaften Thessaliens und des eigentlichen +Griechenlands. Augustus veranlaßte die Erstreckung des Bundes auf +Epirus und Makedonien und machte ihn dadurch im wesentlichen zum +Vertreter des hellenischen Landes in dem weiteren, dieser Epoche allein +angemessenen Sinne. Eine bevorzugte Stellung nahmen in diesem Verein +neben dem altheiligen Delphi die beiden Städte Athen und Nikopolis ein, +jene die Kapitale des alten, diese nach Augustus’ Absicht die des neuen +kaiserlichen Hellenentums ^1. Diese neue Amphiktyonie hat eine gewisse +Ähnlichkeit mit der Landesversammlung der drei Gallien; in ähnlicher +Weise wie für diese der Kaiseraltar bei Lyon war der Tempel des +pythischen Apollon der religiöse Mittelpunkt der griechischen +Provinzen. Indes während jenem daneben eine geradezu politische +Wirksamkeit zugestanden hat, so besorgten die Amphiktyonen dieser +Epoche außer der eigentlich religiösen Feier lediglich die Verwaltung +des delphischen Heiligtums und seiner immer noch beträchtlichen +Einkünfte ^2. Wenn ihr Vorsteher sich in späterer Zeit die +“Helladarchie” zuschreibt, so ist diese Herrschaft über Griechenland +lediglich ein idealer Begriff. ^3 Immer aber bleibt die offizielle +Konservierung der griechischen Nationalität ein Kennzeichen der +Haltung, welche das neue Kaisertum gegen dieselbe einnimmt, und seines +den republikanischen weit überbietenden Philhellenismus. + +————————————————————— + +^1 Die Ordnung der Delphischen Amphiktyonie unter der römischen +Republik erhellt namentlich aus der delphischen Inschrift CIL III, p. +987 (vgl. BCH 7,1883, S. 427f.). Den Verein bildeten damals siebzehn +Völkerschaften mit zusammen 24 Stimmen, sämtlich dem eigentlichen +Griechenland oder Thessalien angehörig; Ätolien, Epirus, Makedonien +fehlen. Nach der Umgestaltung durch Augustus (Paus. 10, 8) blieb diese +Organisation im übrigen bestehen, nur daß durch Beschränkung der +unverhältnismäßig zahlreichen thessalischen die Stimmen der bisher +vertretenen Völkerschaften auf achtzehn herabgemindert wurden; dazu +traten neu Nikopolis in Epirus mit sechs und Makedonien ebenfalls mit +sechs Stimmen. Ferner sollten die sechs Stimmen von Nikopolis ein für +allemal geführt werden, ebenso wie dies blieb für die zwei von Delphi +und die eine von Athen, die übrigen Stimmen dagegen von den Verbänden, +so daß zum Beispiel die eine Stimme der peloponnesischen Dorier +wechselte zwischen Argos, Sikyon, Korinth und Megara. Eine +Gesamtvertretung der europäischen Hellenen waren die Amphiktyonen +insofern auch jetzt nicht, als die früher ausgeschlossenen +Völkerschaften im eigentlichen Griechenland, ein Teil der Peloponnesier +und die nicht zu Nikopolis gezogenen Ätoler, darin nicht repräsentiert +waren. + +^2 Die stehenden Zusammenkünfte in Delphi und an den Thermopylen +währten fort (Paus. 7, 24, 3; Vita Apoll. 4, 23) und natürlich auch die +Ausrichtung der Pythischen Spiele nebst der Erteilung der Preise durch +das Kollegium der Amphiktyonen (vit. soph. 2, 27); dasselbe hat die +Verwaltung der “Zinsen und Einkünfte” des Tempels (Inschrift von +Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111) und legt aus +denselben, zum Beispiel in Delphi, eine Bibliothek an (Lebas-Foucart +II, S. 845) oder setzt daselbst Bildsäulen. + +^3 Die Mitglieder des Kollegiums der Αμψικτίονεσ oder, wie sie in +dieser Epoche heißen, Αμψικτύονεσ, werden von den einzelnen Städten in +der früher bezeichneten Weise bald von Fall zu Fall (Iteration: CIG +1085), bald auf Lebenszeit (Plut. an seni 20) bestellt; was wohl davon +abhängt, ob die Stimme ständig war oder alternierend (Wilamowitz). Ihr +Vorsteher heißt in früherer Zeit επιμελητής τού κοινού τών Αμψικτυόνων +(Inschriften von Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111; CIG +1713), später Ελλαδάρχης τών Αμψικτυόνων (CIG 1124). + +————————————————————— + +Hand in Hand mit der sakralen Einigung der europäischen Griechen ging +die administrative Auflösung der griechisch-makedonischen +Statthalterschaft der Republik. An der Teilung der Reichsverwaltung +unter Kaiser und Senat hing sie nicht, da dieses gesamte Gebiet und +nicht minder die vorliegenden Donaulandschaften bei der ursprünglichen +Teilung dem Senat zugewiesen wurden; ebensowenig haben militärische +Rücksichten hier eingegriffen, da die ganze Halbinsel bis hinauf zur +thrakischen Grenze, als gedeckt teils durch diese Landschaft, teils +durch die Besatzungen an der Donau, immer dem befriedeten Binnenlande +zugerechnet worden ist. Wenn der Peloponnes und das attisch-böotische +Festland damals seinen eigenen Prokonsul erhielt und von Makedonien +getrennt ward, was wohl schon Caesar beabsichtigt haben mag, so war +dabei, neben der allgemeinen Tendenz, die senatorischen +Statthalterschaften nicht zu groß zu nehmen, vermutlich die Rücksicht +maßgebend, das rein hellenische Gebiet von dem halb hellenischen zu +scheiden. Die Grenze der Provinz Achaia war anfänglich der Oeta, und +auch nachdem die Ätoler später dazu gelegt worden ^4, ist sie nicht +hinausgegangen über den Acheloos und die Thermopylen. + +——————————————————————————————— + +^4 Die ursprünglichen Grenzen der Provinz bezeichnet Strabon (17, 3, 25 +p. 840) in der Aufzählung der senatorischen Provinzen: Αχαία μέχρι +Θετταλίας καί Αιτωλών καί Ακαρνάνων καί τινων Ηπειρωτικών εθνών όσα τή +Μακεδονία προσώριστο, wobei der übrige Teil von Epirus der (von Strabon +hier, für seine Zeit irrig, den senatorischen zugezählten) Provinz +Illyricum zugeteilt zu werden scheint. Μέχρι einschließend zu nehmen +geht, von sachlichen Erwägungen abgesehen, schon deswegen nicht an, +weil nach den Schlußworten die vorher genannten Gebiete “Makedonien +zugeteilt sind”. Späterhin finden wir die Ätoler zu Achaia gelegt +(Ptol. geogr. 3, 14). Daß Epirus eine Zeitlang auch dazu gehört hat, +ist möglich, nicht so sehr wegen der Angabe bei Dio 53, 12, die weder +für Augustus’ Zeit noch für diejenige Dios verteidigt werden kann, +sondern weil Tacitus zum Jahre 17 (ann. 2, 53) Nikopolis zu Achaia +rechnet. Aber wenigstens seit Traian bildet Epirus mit Akarnanien eine +eigene prokuratorische Provinz (Ptol. geogr. 3, 13; CIL III, 536; +Marquardt, Römische Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 331). Thessalien und +alles Land nördlich vom Oeta ist stets bei Makedonien geblieben. + +——————————————————————————————— + +Diese Ordnungen betrafen die Landschaft im ganzen. Wir wenden uns zu +der Stellung, welche den einzelnen Stadtgemeinden unter der römischen +Herrschaft gegeben ward. + +Die ursprüngliche Absicht der Römer, die Gesamtheit der griechischer. +Stadtgemeinden in ähnlicher Weise an das eigene Gemeinwesen +anzuschließen, wie dies mit den italischen geschehen war, hatte infolge +des Widerstandes, auf den diese Einrichtungen trafen, insbesondere +infolge der Auflehnung des Achäischen Bundes im Jahre 608 (146) und des +Abfalls der meisten Griechenstädte zu König Mithradates im Jahre 666 +(88) wesentliche Einschränkungen erfahren. Die Städtebünde, das +Fundament aller Machtentwicklung in Hellas wie in Italien, und von den +Römern anfänglich akzeptiert, waren sämtlich, namentlich der wichtigste +der Peloponnesier oder, wie er sich nannte, der Achäer, aufgelöst und +die einzelnen Städte angehalten worden, ihr Gemeinwesen für sich zu +ordnen. Es wurden ferner für die einzelnen Gemeindeverfassungen von der +Vormacht gewisse allgemeine Normen aufgestellt und nach diesem Schema +dieselben in antidemokratischer Tendenz reorganisiert. Nur innerhalb +dieser Schranken blieb der einzelnen Gemeinde die Autonomie und die +eigene Magistratur. Es blieben ihr auch die eigenen Gerichte; aber +daneben stand der Grieche von Rechts wegen unter den Ruten und Beilen +des Prätors, und wenigstens konnte wegen eines jeden Vergehens, das als +Auflehnung gegen die Vormacht sich betrachten ließ, von den römischen +Beamten auf Geldbuße oder Ausweisung oder auch Lebensstrafe erkannt +werden ^5. Die Gemeinden besteuern sich selbst; aber sie hatten +durchgängig eine bestimmte, im ganzen, wie es scheint, nicht hoch +gegriffene Summe nach Rom zu entrichten. Besatzungen wurden nicht so, +wie einst in makedonischer Zeit, in die Städte gelegt, da die in +Makedonien stehenden Truppen nötigenfalls in der Lage waren, auch in +Griechenland einzuschreiten. Aber schwerer als die Zerstörung Thebens +auf dem Andenken Alexanders, lastet auf der römischen Aristokratie die +Schleifung Korinths. Die übrigen Maßregeln, wie gehässig und erbitternd +sie auch teilweise waren, namentlich als von der Fremdherrschaft +oktroyiert, mochten im ganzen genommen unvermeidlich sein und vielfach +heilsam wirken; sie waren die unvermeidliche Palinodie der +ursprünglichen, zum Teil recht unpolitischen römischen Politik des +Verzeihens und Verziehens gegenüber den Hellenen. Aber in der +Behandlung Korinths hatte sich der kaufmännische Egoismus in +unheimlicher Weise mächtiger erwiesen als alles Philhellenentum. + +———————————————————————- + +^5 Nichts gibt von der Lage der Griechen des letzten Jahrhunderts der +römischen Republik ein deutlicheres Bild als das Schreiben eines dieser +Statthalter an die achäische Gemeinde Dyme (CIG 1543). Weil diese +Gemeinde sich Gesetze gegeben hat, welche der im allgemeinen den +Griechen geschenkten Freiheit (η αποδεδομένη κατά κοινόν τοίς 'Ελλησιν +ελευθερία) und der von den Römern den Achäern gegebenen Ordnung (η +αποδευθείσα τοίς Αχαιοίς υπό Ρωμαίων πολιτεια; wahrscheinlich unter +Mitwirkung des Polybios Paus. 8, 30, 9) zuwiderliefen, worüber es +allerdings auch zu Aufläufen gekommen war, zeigt der Statthalter der +Gemeinde an, daß er die beiden Rädelsführer habe hinrichten, lassen und +ein minder schuldiger Dritter nach Rom exiliert sei. + +———————————————————————- + +Bei allem dem war der Grundgedanke der römischen Politik, die +griechischen Städte dem italischen Städtebund anzugliedern, nie +vergessen worden; gleich wie Alexander niemals Griechenland hat +beherrschen wollen wie Illyrien und Ägypten, so haben auch seine +römischen Nachfolger das Untertanenverhältnis nie vollständig auf +Griechenland angewandt und schon in republikanischer Zeit von dem +strengen Recht des den Römern aufgezwungenen Krieges wesentlich +nachgelassen. Insbesondere geschah dies gegenüber Athen. Keine +griechische Stadt hat vom Standpunkt der römischen Politik aus so +schwer gegen Rom gefehlt wie diese; ihr Verhalten im Mithradatischen +Kriege hätte bei jedem anderen Gemeinwesen unvermeidlich die Schleifung +herbeigeführt. Aber vom philhellenischen Standpunkt aus freilich war +Athen das Meisterstück der Weit, und es knüpften sich an dasselbe für +die vornehme Welt des Auslandes ähnliche Neigungen und Erinnerungen wie +für unsere gebildeten Kreise an Pforta und an Bonn; dies überwog damals +wie früher. Athen hat nie unter den Beilen des römischen Statthalters +gestanden und niemals nach Rom gesteuert, hat immer mit Rom +beschworenes Bündnis gehabt und nur außerordentlicher und, wenigstens +der Form nach, freiwilliger Weise den Römern Beihilfe gewährt. Die +Kapitulation nach der Sullanischen Belagerung führte wohl eine Änderung +der Gemeindeverfassung herbei, aber das Bündnis ward erneuert, ja sogar +alle auswärtigen Besitzungen zurückgegeben; selbst die Insel Delos, +welche, als Athen zu Mithradates übertrat, sich losgemacht und als +selbständiges Gemeinwesen konstituiert hatte und zur Strafe für ihre +Treue gegen Rom von der pontischen Flotte ausgeraubt und zerstört +worden war ^6. + +—————————————————————————————— + +^6 Die delischen Ausgrabungen der letzten Jahre haben die Beweise +geliefert, daß die Insel, nachdem die Römer sie einmal an Athen gegeben +hatten, beständig athenisch geblieben ist und sich zwar infolge des +Abfalls der Athener von Rom als Gemeinde der “Delier” konstituierte +(Eph, epigr. V, p. 604), aber schon sechs Jahre nach der Kapitulation +Athens wieder athenisch war (Ep h. epigr. V, n. 184; Homolle im BCH 8, +1884, S. 142). + +—————————————————————————————— + +Mit ähnlicher Rücksicht, und wohl auch zum guten Teil seines großen +Namens wegen, ist Sparta behandelt worden. Auch einige andere Städte +der später zu nennenden befreiten Gemeinden hatten diese Stellung +bereits unter der Republik. Wohl kamen dergleichen Ausnahmen in jeder +römischen Provinz vor; aber dem griechischen Gebiet ist dies von Haus +aus eigen, daß eben die beiden namhaftesten Städte desselben außerhalb +des Untertanenverhältnisses standen und dieses demnach nur die +geringeren Gemeinwesen traf. + +Auch für die untertänigen Griechenstädte traten schon unter der +Republik Milderungen ein. Die anfänglich untersagten Städtebünde lebten +allmählich wieder auf, insbesondere die kleineren und machtlosen, wie +der böotische, sehr bald ^7; mit der Gewöhnung an die Fremdherrschaft +schwanden die oppositionellen Tendenzen, welche ihre Aufhebung +herbeigeführt hatten, und ihre enge Verknüpfung mit dem sorgfältig +geschonten, althergebrachten Kultus wird ihnen weiter zugute gekommen +sein, wie denn schon bemerkt worden ist, daß die römische Republik die +Amphiktyonie in ihren ursprünglichen nicht politischen Funktionen +wiederherstellte und schützte. Gegen das Ende der republikanischen Zeit +scheint die Regierung den Böotern sogar gestattet zu haben, mit den +kleinen nördlich angrenzenden Landschaften und der Insel Euböa eine +Gesamtverbindung einzugehen ^8. + +———————————————————————————— + +^7 Ob das κοινόν τών Αχαιών, das in der eigentlich republikanischen +Zeit natürlicherweise nicht vorkommt, schon am Ende derselben oder erst +nach Einführung der kaiserlichen Provinzialordnung rekonstruiert worden +ist, ist zweifelhaft. Inschriften wie die olympische des Proquästors Q. +Ancharius Q. f. (Archäologische Zeitung 36, 1878, S. 38, n. 114) +sprechen mehr für die erstere Annahme; doch kann sie nicht mit +Gewißheit als voraugustisch bezeichnet werden. Das älteste sichere +Zeugnis für die Existenz dieser Vereinigung ist die von ihr dem +Augustus in Olympia gesetzte Inschrift (Archäologische Zeitung 35, +1877, S. 36, n. 33). Vielleicht sind dies Ordnungen des Diktators +Caesar und im Zusammenhang mit dem unter ihm begegnenden Statthalter +“Griechenlands”, wahrscheinlich des Achaia der Kaiserzeit (Cic. ad fam. +6, 6, 10). + +Übrigens haben sicher auch unter der Republik, nach Ermessen des +jedesmaligen Statthalters, mehrere Gemeinden für einen bestimmten +Gegenstand durch Deputierte zusammentreten und Beschlüsse fassen +können; wie das κοινόν der Sikelioten also dem Verres eine Statue +dekretierte (Cic. Verr. 1, 2, 46, 114), wird ähnliches auch in +Griechenland unter der Republik vorgekommen sein. Aber die regelmäßigen +provinzialen Landtage mit ihren festen Beamten und Priestern sind eine +Einrichtung der Kaiserzeit. + +^8 Dies ist das κοινόν Βοιωτών Ευβοέων Λοκρών Φωκέων Δωριέων +merkwürdigen, wahrscheinlich kurz vor der Attischen Schlacht gesetzten +Inschrift CIA III, 568. Unmöglich kann mit Dittenberger (Archäologische +Zeitung 34, 1876, S. 220) auf diesen Bund die Meldung des Pausanias (7, +16, 10) bezogen werden, daß die Römer “nicht viele Jahre” nach der +Zerstörung Korinths sich der Hellenen erbarmt und ihnen die +landschaftlichen Vereinigungen (συνέδρια κατά εθνος εκάστοις) wieder +gestattet hätten; dies geht auf die kleineren Einzelbünde. + +———————————————————————————— + +Den Schlußstein der republikanischen Epoche macht die Sühnung der +Schleifung Korinths durch den größten aller Römer und aller +Philhellenen, den Diktatar Caesar, und die Erneuerung des Sternes von +Hellas in der Form einer selbständigen Gemeinde römischer Bürger, der +neuen “julischen Ehre”. + +Diese Verhältnisse fand das eintretende Kaiserregiment in Griechenland +vor, und diese Wege ist es weiter gegangen. Die von dem unmittelbaren +Eingreifen der Provinzialregierung und von der Steuerzahlung an das +Reich befreiten Gemeinden, denen die Kolonien der römischen Bürger in +vieler Hinsicht gleichstehen, begreifen weitaus den größten und besten +Teil der Provinz Achaia: im Peloponnes Sparta, mit seinem zwar +geschmälerten, aber doch jetzt wieder die nördliche Hälfte Lakoniens +umfassenden Gebiet ^9, immer noch das Gegenbild Athens, sowohl in den +versteinerten altfränkischen Institutionen wie in der wenigstens +äußerlich bewahrten Ordnung und Haltung; ferner die achtzehn Gemeinden +der freien Lakonen, die südliche Hälfte der lakonischen Landschaft, +einst spartanische Untertanen, nach dem Kriege gegen Nabis von den +Römern als selbständiger Städtebund organisiert und von Augustus gleich +Sparta mit der Freiheit beliehen ^10; endlich in der Landschaft der +Achäer außer Dyme, das schon von Pompeius mit Piratenkolonisten belegt +worden war und dann durch Caesar neue römische Ansiedler empfangen +hatte ^11, vor allem Patrae, aus einem herabgekommenen Flecken von +Augustus, seiner für den Handel günstigen Lage wegen, teils durch +Zusammenziehung der umliegenden kleinen Ortschaften, teils durch +Ansiedelung zahlreicher italischer Veteranen zu der volkreichsten und +blühendsten Stadt der Halbinsel umgeschaffen und als römische +Bürgerkolonie konstituiert, unter die auch auf der gegenüberliegenden +lokrischen Küste Naupaktos (italienisch Lepanto) gelegt ward. Auf dem +Isthmos war Korinth, wie es einst das Opfer der Gunst seiner Lage +geworden war, so jetzt nach seiner Wiederherstellung, ähnlich wie +Karthago, rasch emporgekommen und die gewerb- und volkreichste Stadt +Griechenlands, überdies der regelmäßige Sitz der Regierung. Wie die +Korinther die ersten Griechen gewesen waren, welche die Römer als +Landsleute anerkannt hatten durch Zulassung zu den Isthmischen Spielen, +so leitete dieselbe Stadt jetzt, obgleich römische Bürgergemeinde, +dieses hohe griechische Nationalfest. Auf dem Festlande gehörten zu den +befreiten Distrikten nicht bloß Athen mit seinem ganz Attika und +zahlreiche Inseln des Ägäischen Meeres umfassenden Gebiet, sondern auch +Tanagra und Thespiae, damals die beiden ansehnlichsten Städte der +böotischen Landschaft, ferner Plataeae ^12; in Phokis Delphi, Abae, +Elateia, sowie die ansehnlichste der lokrischen Städte, Amphissa. Was +die Republik begonnen hatte, das vollendete Augustus in der eben +dargelegten, wenigstens in den Hauptzügen von ihm festgestellten und +auch später im wesentlichen festgehaltenen Ordnung. Wenngleich die dem +Prokonsul unterworfenen Gemeinden der Provinz der Zahl nach gewiß und +vielleicht auch nach der Gesamtbevölkerung überwogen, so sind in echt +philhellenischem Geiste die durch materielle Bedeutung oder durch große +Erinnerungen ausgezeichnetsten Städte Griechenlands befreite ^13. + +——————————————————- + +^9 Dazu gehörte nicht bloß das nahe Amyklae, sondern auch Kardmyle +(durch Schenkung Augusts, Paus. 3, 26, 7), Pherae (Paus. 4, 30, 2), +Thuria (das. 4, 31, 1) und eine Zeitlang auch Korone (CIG 1258; vgl. +Lebas-Foucart II, S. 305) am Messenischen Busen, ferner die Insel +Kythera (Dio 54, 7). + +^10 In republikanischer Zeit erscheint dieser Distrikt als τό κοινόν +τών Λακεδαιμονίων (Lebas-Foucart II, S. 110); Pausanias (3, 21, 6) irrt +also, wenn er ihn erst durch Augustus von Sparta lösen läßt. Aber +Ελευθερολάκονες nennen sie sich erst seit Augustus, und die Erteilung +der Freiheit wird also mit Recht auf diesen zurückgeführt. + +^11 Es gibt Münzen dieser Stadt mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia) +D(ume)und dem Kopf Caesars, andere mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia) +A(ugusta) Du m(e) und dem Kopf Augusts neben dem des Tiberius (F. +Imhoof-Blumer, Monnaies Grècques. Leipzig 1883, S. 165). Daß Augustus +Dyme der Kolonie Patrae zugeteilt hat, ist wohl ein Irrtum des +Pausanias (7,17, 5); möglich bleibt es freilich, daß Augustus in seinen +späteren Jahren diese Vereinigung verfügt hat. + +^12 Dies zeigt, wenigstens für die Zeit des Pius, die afrikanische +Inschrift CIL VIII, 7059 (vgl. Plut. Arist. 21). Die +Schriftstellernachrichten über die befreiten Gemeinden geben überhaupt +keine Gewähr für die Vollständigkeit der Liste. Wahrscheinlich gehört +zu denselben auch Elis, das von der Katastrophe der Achäer nicht +betroffen ward und auch später noch nach Olympiaden, nicht nach der Ära +der Provinz datierte; überdies ist es unglaublich, daß die Stadt der +olympischen Feier nicht bestes Recht gehabt hat. + +^13 Scharf drückt dies Aristeides aus in der Lobrede auf Rom (or. p. +224 Jebb): διατελείτε τών μέν Ελλήνων ώσπερ τροφέων επιμελόμενοι … τούς +μέν αρίστους καί πάλαι ηγεμόνας (Athen und Sparta) ελευθέρους καί +αυτονόμους αφεικότεσ αυτών, τών δ'άλλων μετρίως … εξηγούμενοι, τούς δέ +βαρβάρους πρός τήν εκάστοις αυτών ούσαν φύσιν παιδύοντες. + +——————————————————- + +Weiter, als in dieser Richtung Augustus gegangen war, ging der letzte +Kaiser des Claudischen Hauses, einer vom Schlage der verdorbenen Poeten +und insofern allerdings ein geborener Philhellene. Zum Dank für die +Anerkennung, die seine künstlerischen Leistungen in dem Heimatlande der +Musen gefunden hatten, sprach Nero, wie einst Titus Flamininus und +wieder in Korinth bei den Isthmischen Spielen, die sämtlichen Griechen +des römischen Regiments ledig, frei von Tributen und gleich den +Italikern keinem Statthalter untertan. Sofort entstanden in ganz +Griechenland Bewegungen, welche Bürgerkriege gewesen sein würden, wenn +diese Leute mehr hätten fertig bringen können als Schlägereien; und +nach wenigen Monaten stellte Vespasian mit der trockenen Bemerkung, daß +die Griechen verlernt hätten, frei zu sein, die Provinzialverfassung +wieder her ^14, so weit sie reichte. + +————————————————————————- + +^14 Aber dankbar blieben die hellenischen Literaten ihrem Kollegen und +Patron. In dem Apolloniusroman schlägt der große Weise aus Kappadokien +Vespasian die Ehre seiner Begleitung ab, weil er die Hellenen zu +Sklaven gemacht habe, wie sie eben im Begriff waren, wieder ionisch und +dorisch zu reden, und schreibt ihm verschiedene Billets von +ergötzlicher Grobheit. Ein Mann aus Soloi, der den Hals brach und dann +wieder auflebte und bei dieser Gelegenheit alles sah, was Dante +schaute, berichtete, daß er Neros Seele getroffen habe, in welche die +Arbeiter des Weltgerichts Flammennägel getrieben hatten und beschäftigt +waren sie in eine Natter umzugestalten; allein eine himmlische Stimme +habe Einspruch getan und geboten, den Mann wegen seines irdischen +Philhellenismus in eine minder abscheuliche Bestie zu verwandeln (Plut. +de Sera num. vind. a. E.). + +————————————————————————- + +Die Rechtsstellung der befreiten Gemeinden blieb im wesentlichen +dieselbe wie unter der Republik. Soweit nicht römische Bürger in Frage +kamen, behielten sie die volle Justizhoheit; nur scheinen die +allgemeinen Bestimmungen über die Appellationen an den Kaiser einer- +und die Senatsbehörden andererseits auch die freien Städte +eingeschlossen zu haben ^15. Vor allem behielten sie die volle +Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Athen zum Beispiel hat in der +Kaiserzeit das Prägerecht geübt, ohne je einen Kaiserkopf auf seine +Münzen zu setzen, und auch auf spartanischen Münzen der ersten +Kaiserzeit fehlt derselbe häufig. In Athen blieb auch die alte Rechnung +nach Drachmen und Obolen, nur daß freilich die örtliche attische +Drachme dieser Zeit nichts als lokale Scheidemünze war und dem Wert +nach als Obol der attischen Reichsdrachme oder des römischen Denars +kursierte. Selbst die formale Ausübung des Rechts über Krieg und +Frieden war in einzelnen Verträgen dergleichen Staaten gewahrt ^16. +Zahlreiche der italischen Gemeindeordnung völlig widerstreitende +Institutionen blieben bestehen, wie der jährliche Wechsel der +Ratsmitglieder und die Tagegelder dieser und der Geschworenen, welche, +wenigstens in Rhodos, noch in der Kaiserzeit gezahlt worden sind. +Selbstverständlich übte die römische Regierung nichtsdestoweniger auf +die Konstituierung auch der befreiten Gemeinden fortwährend einen +maßgebenden Einfluß. So ist zum Beispiel die athenische Verfassung, sei +es am Ausgang der Republik, sei es durch Caesar oder Augustus, in der +Weise modifiziert worden, daß nicht mehr jedem Bürger, sondern, wie +nach römischer Ordnung, nur bestimmten Beamten das Recht zustand, einen +Antrag an die Bürgerschaft zu bringen; und unter der großen Zahl der +bloß figurierenden Beamten wurde einem einzigen, dem Strategen, die +Geschäftsleitung in die Hand gelegt. Sicher sind auf diesem Wege noch +mancherlei weitere Reformen durchgeführt worden, deren Eintreten in dem +abhängigen wie unabhängigen Griechenland wir überall erkennen, ohne daß +Zeit und Anlaß der Reform sich bestimmen läßt. So ist das Recht oder +vielmehr das Unrecht der Asyle, welche als Überreste einer rechtlosen +Zeit jetzt fromme Schlupfwinkel für schlechte Schuldner und Verbrecher +geworden waren, gewiß auch in dieser Provinz wenn nicht beseitigt, so +doch eingeschränkt worden. Das Institut der Proxenie, ursprünglich eine +unseren ausländischen Konsulaten vergleichbare zweckmäßige Einrichtung, +aber durch die Verleihung voller bürgerlicher Rechte und oft auch noch +des Privilegiums der Steuerfreiheit an den befreundeten Ausländer, +besonders bei der Ausdehnung, in der es gewährt ward, politisch +bedenklich, ist durch die römische Regierung, wie es scheint erst im +Anfang der Kaiserzeit, beseitigt worden; wofür dann nach italischer +Weise das mit dem Steuerwesen sich nicht berührende inhaltlose +Stadtpatronat an die Stelle trat. Endlich hat die römische Regierung, +als Inhaberin der obersten Souveränität über diese abhängigen +Republiken ebenso wie über die Klientelfürsten, immer es als ihr Recht +betrachtet und geübt, die freie Verfassung im Fall des Mißbrauchs +aufzuheben und die Stadt in eigene Verwaltung zu nehmen. Indes teils +der beschworene Vertrag, teils die Machtlosigkeit dieser nominell +verbündeten Staaten hat diesen Verträgen eine größere Stabilität +gegeben, als sie in dem Verhältnis zu den Klientelfürsten wahrgenommen +wird. + +————————————————————————- + +^15 Wenigstens wird in der Verordnung Hadrians über die den athenischen +Grundbesitzern obliegenden Öllieferungen an die Gemeinde (CIA III, 18) +die Entscheidung zwar der Bule und der Ekklesia gegeben, aber +Appellation an den Kaiser oder den Prokonsul gestattet. + +^16 Was Strabon (14, 3, 3, p. 665) von dem zu seiner Zeit autonomen +Lykischen Städtebund berichtet, daß ihm das Kriegs- und Friedens- und +das Bündnisrecht fehle, außer wenn die Römer dasselbe gestatten oder es +zu ihrem Nutzen geschieht, wird ohne weiteres auch auf Athen bezogen +werden dürfen. + +————————————————————————- + +Wenn den befreiten Gemeinden Achaias ihre bisherige Rechtsstellung +unter dem Kaisertum blieb, so hat Augustus denen der Provinz, welchen +die Freiheit nicht gewährt war oder ward, eine neue und bessere +Rechtsstellung verliehen. Wie er in der reorganisierten Delphischen +Amphiktyonie den Griechen Europas einen gemeinsamen Mittelpunkt gegeben +hatte, gestattete er auch den sämtlichen Städten der Provinz Achaia, +soweit sie unter römischer Verwaltung standen, sich als Gesamtverband +zu konstituieren und jährlich in Argos, der bedeutendsten Stadt des +unfreien Griechenlands, zur Landesversammlung zusammenzutreten ^17. +Damit wurde der nach dem achäischen Kriege aufgelöste Achäische Bund +nicht bloß rekonstituiert, sondern ihm auch die früher erwähnte, +erweiterte böotische Vereinigung eingefügt. Wahrscheinlich ist eben +durch die Zusammenlegung dieser beiden Gebiete die Abgrenzung der +Provinz Achaia herbeigeführt worden. Der neue Verband der Achäer, +Böoter, Lokrer, Phokier, Dorer und Euböer ^18 oder, wie er gewöhnlich +gleich wie die Provinz bezeichnet wird, der Verband der Achäer hat +vermutlich weder mehr noch weniger Rechte gehabt, als die sonstigen +Provinziallandtage des Kaiserreichs. Eine gewisse Kontrolle der +römischen Beamten wird dabei beabsichtigt gewesen und werden darum auch +die dem Prokonsul nicht unterstellten Städte, wie Athen und Sparta, von +demselben ausgeschlossen worden sein. Daneben wird diese Tagsatzung, +wie alle ähnlichen, hauptsächlich in dem gemeinschaftlichen, das ganze +Land umfassenden Kultus den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit gefunden haben. +Aber wenn in den übrigen Provinzen dieser Landeskult überwiegend an Rom +anknüpfte, so wurde der Landtag von Achaia vielmehr ein Brennpunkt des +Hellenismus und sollte es vielleicht werden. Schon unter den julischen +Kaisern betrachtete er sich als den rechten Vertreter der griechischen +Nation und legte seinem Vorstand den Namen des Helladarchen bei, sich +selbst sogar den der Panhellenen ^19. Die Versammlung entfernte sich +also von ihrer provinzialen Grundlage, und ihre bescheidenen +administrativen Befugnisse traten in den Hintergrund. + +———————————————————————— + +^17 Allerdings sind die bis jetzt bekannten Vorsteher des κοινόν τών +Αχαιών, deren Heimat feststeht, aus Argos, Messene, Korone in Messenien +(Lebas-Foucart II, S. 305) und haben sich darunter bisher nicht bloß +keine Bürger der befreiten Gemeinden, wie Athen und Sparta, sondern +auch keine der zu der Konföderation der Böoter und Genossen gehörigen +(Anm. 8) gefunden. Vielleicht beschränkte sich dies κοινόν rechtlich +auf das Gebiet, das die Römer die Republik Achaia nannten, das heißt +das des Achäischen Bundes bei seinem Untergang, und sind die Böoter und +Genossen mit dem eigentlichen κοινόν der Achäer zu demjenigen weiteren +Bunde vereinigt, dessen Vorhandensein und Tagen in Argos die +Inschriften von Akraephia (Anm. 18) dokumentieren. Übrigens bestand +neben diesem κοινόν der Achäer noch ein engeres der Landschaft Achaia +im eigentlichen Sinn, dessen Vertreter in Aegion zusammentraten (Paus. +7, 24, 4), eben wie das κοινόν τών Αρκάδων (Archäologische Zeitung 37, +1879, S. 139, n. 274) und zahlreiche andere. Wenn nach Paus. 5, 12, 6 +in Olympia dem Traian οι πάντες Έλληνες, dem Hadrian αι εσ τό Αχαικόν +τελούσαι Bildsäulen gesetzt hatten und hier kein Mißverständnis +untergelaufen ist, so wird die letztere Dedikation auf dem Landtag von +Aegion stattgefunden haben. + +^18 So (nur daß die Dorer fehlen; vgl. Anm. 8) heißt der Verein auf der +Inschrift von Akraephia (Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. +31). Eben diese Urkunde aber nebst der gleichzeitigen CIG 1625 liefert +den Beweis, daß der Verein unter Kaiser Gaius statt dieser wohl +eigentlich offiziellen Benennung sich auch einerseits als Verein der +Achäer bezeichnet, andererseits als τό κοινόν τών Πανελλήνων oder η +σύνοδος τών Ελλήνων, auch τό τών Αχαιών καί Πανελλήνων συνέδριον. Diese +Ruhmredigkeit tritt anderswo nicht so grell hervor wie in jenem +böotischen Landstädtchen; aber auch in Olympia, wo der Verein seine +Denkmäler vorzugsweise aufstellte nennt er sich zwar meistens τό κοινόν +τών Αχαιών, aber zeigt oft genug dieselbe Tendenz, zum Beispiel wenn τό +κοινόν τών Αχαιών Π. Αίλιο Αρίστονα … συνπάντες οι Έλληνες ανέστεσαν +(Archäologische Zeitung 38, 1880, S. 86, n. 344). Ebenso setzen in +Sparta dem Caesar Marcus οι Έλληνες eine Bildsäule από τού κοινού τών +Αχαιών (CIG 1318). + +^19 Auch in Asia, Bithynien, Niedermösien heißt der Vorsteher der der +betreffenden Provinz angehörigen Griechenstädte Ελλαδάρχης, ohne daß +damit mehr aus gedrückt würde als der Gegensatz gegen die +Nichtgriechen. Aber wie der Hellenenname in Griechenland verwendet +wird, in einem gewissen Gegensatz zu dem eigentlich korrekten der +Achäer, ist dies sicher von derselben Tendenz eingegeben die in den +Panhellenea von Argos am deutlichsten sich zeichnete. So findet sich +στρατηγός τού κοινού τών Αχαιών καί προστάτης διά βίου τών Ελλήνων +(Archäologische Zeitung 35, 1877, S. 192, n. 98) oder auf einem anderen +Dokument desselben προστάτης διά βίου τών Ελλήνων τού κοινού τών Αχαιών +Mannes προστάτης διά βίου τού κοινού τών Αχαιών (Lebas-Foucart, n. +305); ein (Archäologische Zeitung 35, 1877, S. 195, n. 106), στρατηγός +ασυνκρίτως άρξας της Ελλάδος (das. S. 40, n. 42), στρατηγός καί +Ελλαδάρχης (das. 34, 1876, S. 8, S. 226), alle ebenfalls auf +Inschriften des κοινόν τών Αχαιών. Daß in diesem, mag es auch +vielleicht bloß auf den Peloponnes bezogen werden (Anm. 17), die +panhellenische Tendenz darum nicht weniger sich geltend machte, ist +begreiflich. + +———————————————————————— + +Diese Panhellenen nannten sich mißbräuchlich also und wurden von der +Regierung nur toleriert. Aber Hadrian schuf wie ein neues Athen, so +auch ein neues Hellas. Unter ihm durften die Vertreter der sämtlichen +autonomen oder nicht autonomen Städte der Provinz Achaia in Athen sich +als das vereinigte Griechenland, als die Panhellenen ^20 konstituieren. +Die in besseren Zeiten oft geträumte und nie erreichte nationale +Einigung war damit geschaffen, und was die Jugend gewünscht, das besaß +das Alter in kaiserlicher Fülle. Freilich, politische Befugnisse +erhielt das neue Panhellenion nicht; aber was Kaisergunst und +Kaisergold gewähren konnte, daran war kein Mangel. Es erhob sich in +Athen der Tempel des neuen Zeus Panhellenios, und glänzende Volksfeste +und Spiele wurden mit dieser Stiftung verbunden, deren Ausrichtung dem +Kollegium der Panhellenen zustand, und zwar zunächst dem Priester des +Hadrian als des stiftenden lebendigen Gottes. Einen der Akte, welche +dieselben alljährlich begingen, war das dem Zeus-Befreier dargebrachte +Opfer in Plataeae zum Gedächtnis der hier im Kampf gegen die Perser +gefallenen Hellenen am Jahrestag der Schlacht, dem 4. Boedromion; dies +zeichnet seine Tendenz ^21. Noch deutlicher zeigt dieselbe sich darin, +daß Griechenstädten außerhalb Hellas’, welche der nationalen +Gemeinschaft würdig erschienen, von der Versammlung in Athen ideale +Bürgerbriefe des Hellenismus ausgestellt wurden ^22. + +———————————————————- + +^20 Die hadrianischen Panhellenen nennen sich τό κοινόν συνέδριον τών +Ελλήνων τών εις Πλατηάς συνιόντων (Theben: Keil, Sylloge lnscriptionum +Boeoticarum, n. 31, vgl. Plut. Arist. 19 u. 21), κοινόν της Ελλάδος +(CIG 5852), τό ων (ebenda). Ihr Vorsteher heißt ο αρχών τών Πανελλήνων +(CIA III, 681, 682; CIG 3832, vgl. CIA III, 10: α[ντ[άρχων τού +ιερωτάτου α[γώνος τού Π]αν[ελ]ληνίου), der einzelne Deputierte Πανέλλην +(z. B. CIA III, 534; CIG 1124). Daneben treten auch in +nachhadrianischer Zeit noch das κοινόν τών Αχαιών und dessen στρατηγός +oder Ελλαδάρχης auf, welche wohl von jenen zu scheiden sein werden, +obwohl letzterer seine Ehrendekrete jetzt nicht bloß in Olympia +aufstellt, sondern auch in Athen (CIA 18; zweites Exemplar in Olympia, +Archäologische Zeitung 37, 1879, S. 52). + +^21 Daß die Bemerkung Dions von Prusa (or. 38, p. 148 R.) über den +Streit der Athener und der Lakedämonier υπέρ τής προπομπείας sich auf +das Fest in Plataeae bezieht, ergibt sich aus (Lucian) Έρωτες 18: ως +περί προπομπείας αγωνιούμενοι Πλαταιάσιν. Auch der Sophist Irenäos +schrieb (Suidas u. d. W.) und Hermogenes (id. II p. 373 Walz) gibt als +Redestoff Αυηναίοι καί Λακεδαιμόνιοι περί τής προπομπείας κατά τά +Μηδικά (Mitteilung von Wilamowitz). + +^22 Es haben sich zwei derselben erhalten, für Kibyra in Phrygien (CIG +5882), ausgestellt vom κοινόν τής Ελλάδος durch ein δόγμα τού +Πανελληνίου und für Magnesia am Mäandros (CIA III, 16). In beiden wird +die gut hellenische Abstammung der betreffenden Körperschaften nebst +den sonstigen Verdiensten um die Hellenen hervorgehoben. +Charakteristisch sind auch die Empfehlungsbriefe, welche diese +Panhellenen einem um ihr Gemeinwesen wohlverdienten Mann an seine +Heimatgemeinde Aezani in Phrygien, an den Kaiser Pius und an die +Hellenen in Asia insgemein mitgeben (CIG 3832, 3833, 3834). + +———————————————————- + +Wenn die Kaiserherrschaft in dem ganzen weiten Reich die Verwüstungen +eines zwanzigjährigen Bürgerkrieges vorfand und vielerorts die Folgen +desselben niemals völlig verwunden wurden, so ist wohl kein Gebiet +davon so schwer betroffen worden wie die griechische Halbinsel. Das +Schicksal hatte es so gefügt, daß die drei großen +Entscheidungsschlachten dieser Epoche, Pharsalos, Philippi, Aktion auf +ihrem Boden oder an ihrer Küste geschlagen wurden; und die +militärischen Operationen, welche bei beiden Parteien dieselben +einleiteten, hatten ihre Opfer von Menschenleben und Menschenglück hier +vor allem gefordert. Noch dem Plutarch erzählte sein Ältervater, wie +die Offiziere des Antonius die Bürger von Chaeroneia gezwungen hätten, +da sie Sklaven und Lasttiere nicht mehr besaßen, ihr letztes Getreide +auf den eigenen Schultern nach dem nächsten Hafenort zu schleppen zur +Verschiffung für das Heer; und wie dann, als eben der zweite Transport +abgehen sollte, die Nachricht von der Actischen Schlacht wie eine +erlösende Freudenbotschaft eingetroffen sei. Das erste, was nach diesem +Siege Caesar tat, war die Verteilung der in seine Gewalt geratenen +feindlichen Getreidevorräte unter die hungernde Bevölkerung +Griechenlands. Dieses schwerste Maß des Leidens traf auf vorzugsweise +schwache Widerstandskraft. Schon mehr als ein Jahrhundert vor der +Actischen Schlacht hatte Polybios ausgesprochen, daß über ganz +Griechenland in seiner Zeit Unfruchtbarkeit der Ehen und Einschwinden +der Bevölkerung gekommen sei, ohne daß Seuchen oder schwere Kriege das +Land betroffen hätten. Nun hatten diese Geißeln in furchtbarer Weise +sich eingestellt; und Griechenland blieb verödet für alle Folgezeit. Im +ganzen Römerreich, meint Plutarch, sei infolge der verwüstenden Kriege +die Bevölkerung zurückgegangen, am meisten aber in Griechenland, das +jetzt nicht imstande sei, aus den besseren Kreisen der Bürgerschaften +die 3000 Hopliten zu stellen, mit denen einst die kleinste der +griechischen Landschaften, Megara, bei Plataeae gestritten hatte ^23. +Caesar und Augustus haben versucht, dieser auch für die Regierung +erschreckenden Entvölkerung durch Entsendung italischer Kolonisten +aufzuhelfen, und in der Tat sind die beiden blühendsten Städte +Griechenlands eben diese Kolonien; die späteren Regierungen haben +solche Entsendungen nicht wiederholt. Zu der anmutigen euböischen +Bauernidylle des Dion von Prusa bildet den Hintergrund eine entvölkerte +Stadt, in der zahlreiche Häuser leer stehen, die Herden am Rathaus und +am Stadtarchiv weiden, zwei Drittel des Gebiets aus Mangel an Händen +unbestellt liegen; und wenn dies der Erzähler als Selbsterlebtes +berichtet, so schildert er damit sicher zutreffend die Zustände +zahlreicher kleiner griechischer Landstädte in der Zeit Traians. +“Theben in Böotien”, sagt Strabon in der augustischen Zeit, “ist jetzt +kaum noch ein stattliches Dorf zu nennen, und mit Ausnahme von Tanagra +und Thespiae gilt dasselbe von sämtlichen böotischen Städten.” Aber +nicht bloß der Zahl nach schwanden die Menschen zusammen, auch der +Schlag verkam. Schöne Frauen gibt es wohl noch, sagt einer der feinsten +Beobachter um das Ende des ersten Jahrhunderts, aber schöne Männer +sieht man nicht mehr; die olympischen Sieger der neueren Zeit +erscheinen, verglichen mit den älteren, niedrig und gemein, zum Teil +freilich durch die Schuld der Künstler, aber hauptsächlich, weil sie +eben sind, wie sie sind. Die körperliche Ausbildung der Jugend ist in +diesem gelobten Lande der Epheben und Athleten in einer Ausdehnung +gefördert worden, als ob es der Zweck der Gemeindeverfassung sei, die +Knaben zu Turnern und die Männer zu Boxern zu erziehen; aber wenn keine +Provinz so viele Ringkünstler besaß, so stellte auch keine so wenig +Soldaten zur Reichsarmee. Selbst aus dem athenischen Jugendunterricht, +der in älterer Zeit das Speerwerfen, das Bogenschießen, die +Geschützbedienung, das Ausmarschieren und das Lagerschlagen einschloß, +verschwindet jetzt dieses Soldatenspiel der Knaben. Die griechischen +Städte des Reiches werden überhaupt bei der Aushebung so gut wie gar +nicht berücksichtigt, sei es, weil diese Rekruten physisch untauglich +erschienen, sei es, weil dieses Element im Heere bedenklich erschien; +es war ein kaiserlicher Launscherz, daß der karikierte Alexander, +Severus Antoninus, die römische Armee für den Kampf gegen die Perser +durch einige Lochen Spartiaten verstärkte ^24. Was für die innere +Ordnung und Sicherheit überhaupt geschah, muß von den einzelnen +Gemeinden ausgegangen sein, da römische Truppen in der Provinz nicht +standen; Athen zum Beispiel unterhielt Besatzung auf der Insel Delos, +und wahrscheinlich lag eine Milizabteilung auch auf der Burg ^25. In +den Krisen des dritten Jahrhunderts haben der Landsturm von Elateia und +derjenige von Athen die Kostoboker und die Goten tapfer +zurückgeschlagen und in würdigerer Weise, als die Enkel der Kämpfer von +Thermopylae in Caracallas Perserkrieg, haben in dem gotischen die Enkel +der Marathonsieger ihren Namen zum letzten Mal in die Annalen der alten +Geschichte eingezeichnet. Aber wenn auch dergleichen Vorgänge davon +abhalten müssen, die Griechen dieser Epoche schlechtweg zu dem +verkommenen Gesindel zu werfen, so hat das Sinken der Bevölkerung an +Zahl wie an Kraft auch in der besseren Kaiserzeit stetig angehalten, +bis dann seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts die diese Landschaften +ebenfalls schwer heimsuchenden Seuchen, die namentlich die Ostküste +treffenden Einfälle der Land- und Seepiraten, endlich das +Zusammenbrechen der Reichsgewalt in der gallienischen Zeit das +chronische Leiden zur akuten Katastrophe steigerten. + +———————————————————— + +^23 Ohne Zweifel will Plutarch mit diesen Worten (de defectu orac. 8) +nicht sagen, daß Griechenland überhaupt nicht 3000 Waffenfähige zu +stellen vermöge, sondern daß, wenn Bürgerheere nach alter Art gebildet +würden, man nicht imstande sein würde, 3000 “Hopliten” aufzustellen. In +diesem Sinn mag die Äußerung wohl soweit richtig sein, als dies bei +dergleichen allgemeinen Klagen überhaupt erwartet werden kann. Die Zahl +der Gemeinden der Provinz beläuft sich ungefähr auf hundert. + +^24 Davon erzählt Herodian (4, 8, 3; c. 9, 4) und wir haben die +Inschriften zweier dieser Spartiaten, des Nikokles στρατευμένός δίς +κατά Περσών (CIG 1253) und des Dioskoras απελθών εις τήν ευτυχεστάτην +συμμαχίαν (= expeditio) τήν κατά Περσών (CIG 1495). + +^25 Das φρούριον (CIA III, 826) kann nicht wohl anders verstanden +werden. + +———————————————————— + +In ergreifender Weise tritt das Sinken von Hellas und treten die +Stimmungen, die dasselbe bei den Besten hervorrief, uns entgegen in der +Ansprache, die einer von diesen, der Bithyner Dion, um die Zeit +Vespasians an die Rhodier richtete. Diese galten, nicht mit Unrecht, +als die trefflichsten unter den Hellenen. In keiner Stadt war besser +für die niedere Bevölkerung gesorgt und trug diese Fürsorge mehr den +Stempel nicht des Almosens, sondern des Arbeitgebens. Als nach dem +großen Bürgerkriege Augustus im Orient alle Privatschulden klaglos +machte, wiesen allein die Rhodier die bedenkliche Vergünstigung zurück. +War auch die große Epoche des rhodischen Handels vorüber, so gab es +dort immer noch zahlreiche blühende Geschäfte und vermögende Häuser +^26. Aber viele Mißstände waren auch hier eingerissen, und deren +Abstellung fordert der Philosoph, nicht so sehr, wie er sagt, um der +Rhodier willen, als um der Hellenen insgemein. “Einst ruhte die Ehre +von Hellas auf vielen und viele mehrten seinen Ruhm, ihr, die Athener, +die Lakedämonier, Theben, eine Zeitlang Korinth, in ferner Zeit Argos. +Nun aber ist es mit den anderen nichts; denn einige sind gänzlich +heruntergekommen und zerstört, andere führen sich, wie ihr wißt, und +sind entehrt und ihres alten Ruhmes Zerstörer. Ihr seid übrig; ihr +allein seid noch etwas und werdet nicht völlig verachtet; denn wie es +jene treiben, wären längst alle Hellehen tiefer gesunken als die +Phryger und die Thraker. Wie wenn ein großes und reiches Geschlecht auf +zwei Augen steht und was dieser letzte des Hauses sündigt, alle +Vorfahren mit entehrt, so stehet ihr in Hellas. Glaubt nicht die ersten +der Hellehen zu sein; ihr seid die einzigen. Sieht man auf jene +erbärmlichen Schandbuben, so werden selbst die großen Geschicke der +Vergangenheit unbegreiflich: die Steine und die Städtetrümmer zeigen +deutlicher den Stolz und die Größe von Hellas als diese nicht einmal +mysischer Ahnen würdigen Nachfahren; und besser als den von diesen +bewohnten ist es den Städten ergangen, welche in Trümmern liegen, denn +deren Andenken bleibt in Ehren und ihr wohlerworbener Ruhm unbefleckt - +besser die Leiche verbrennen, als sie faulend liegen lassen.” + +———————————————————————- + +^26 “An Mitteln”, sagt Diodor. 31, p. 566), “fehlt es euch nicht, und +Tausende und aber Tausende gibt es hier, denen es nützlich wäre, minder +reich zu sein”; und weiterhin (p. 620): “ihr seid reich, wie sonst +niemand in Hellas. Mehr als ihr besaßen eure Vorfahren auch nicht. Die +Insel ist nicht schlechter geworden; ihr zieht die Nutzung von Karien +und einem Teil Lykiens; eine Anzahl Städte sind euch steuerpflichtig; +stets empfängt die Stadt reiche Gaben von zahlreichen Bürgern.” Er +führt weiter aus, daß neue Ausgaben nicht hinzugetreten, wohl aber die +früheren für Heer und Flaue fast weggefallen seien; nur ein oder zwei +kleine Schiffe hätten sie jährlich nach Korinth (zur römischen Flotte +also) zu stellen. + +———————————————————————- + +Man wird diesem hohen Sinn eines Gelehrten, welcher die kleine +Gegenwart an der großen Vergangenheit maß und, wie dies nicht +ausbleiben kann, jene mit widerwilligen Augen, diese in der Verklärung +des Dagewesenseins anschaute, nicht zu nahe treten mit dem Hinweis +darauf, daß die alte gute hellenische Sitte damals und noch lange +nachher denn doch nicht bloß in Rhodos zu finden, vielmehr in vieler +Hinsicht noch allerorts Lebendig war. Die innerliche Selbständigkeit, +das wohlberechtigte Selbstgefühl der immer noch an der Spitze der +Zivilisation stehenden Nation ist bei aller Schmiegsamkeit des +Untertanen- und aller Demut des Parasitenrums den Hellenen auch dieser +Zeit nicht abhanden gekommen. Die Römer entlehnen die Götter von den +alten Hellenen und die Verwaltungsform von den Alexandrinern; sie +suchen sich der griechischen Sprache zu bemächtigen und die eigene in +Maß und Stil zu hellenisieren. Die Hellenen auch der Kaiserzeit tun +nicht das gleiche; die nationalen Gottheiten Italiens, wie Silvanus und +die Laren, werden in Griechenland nicht verehrt und keiner griechischen +Stadtgemeinde ist es je in den Sinn gekommen, die von ihrem Polybios +als die beste gefeierte politische Ordnung bei sich einzuführen. +Insofern die Kenntnis des Lateinischen für die höhere wie die niedere +Ämterlaufbahn bedingend war, haben die Griechen, die diese betraten, +sich dieselbe angeeignet; denn wenn es auch praktisch nur dem Kaiser +Claudius einfiel, den Griechen, die kein Lateinisch verstanden, das +römische Bürgerrecht zu entziehen, so war allerdings die wirkliche +Ausübung der mit diesem verknüpften Rechte und Pflichten nur dem +möglich, der der Reichssprache mächtig war. Aber von dem öffentlichen +Leben abgesehen, ist nie in Griechen land so lateinisch gelernt worden +wie in Rom griechisch; Plutarchos, der schriftstellerisch die beiden +Reichshälften gleichsam vermählte und dessen Parallelbiographien +römischer und griechischer berühmter Männer, vor allem durch diese +Nebeneinanderstellung, sich empfahlen und wirkten, verstand nicht sehr +viel mehr lateinisch als Diderot russisch, und beherrschte wenigstens, +wie er selbst sagt, die Sprache nicht; die des Lateinischen wirklich +mächtigen griechischen Literaten waren entweder Beamte, wie Appianus +und Cassius Dion, oder Neutrale, wie König Juba. In der Tat war +Griechenland in sich selbst weit weniger verändert als in seiner +äußeren Stellung. Das Regiment von Athen war recht schlecht, aber auch +in der Zeit von Athens Größe war es gar nicht musterhaft gewesen. “Es +ist”, sagt Plutarchos, “derselbe Volksschlag, dieselben Unruhen, der +Ernst und der Scherz, die Anmut und die Bosheit wie bei den Vorfahren.” +Auch diese Epoche weist in dem Leben des griechischen Volkes noch +einzelne Züge auf, die seines zivilisatorischen Prinzipats würdig sind. +Die Fechterspiele, die von Italien aus sich überall hin, namentlich +auch nach Kleinasien und Syrien verbreiteten, haben am spätesten von +allen Landschaften in Griechenland Eingang gefunden; längere Zeit +beschränkten sie sich auf das halb italische Korinth, und als die +Athener, um hinter diesen nicht zurückzustehen, sie auch bei sich +einführten, ohne auf die Stimme eines ihrer Besten zu hören, der sie +fragte, ob sie nicht zuvor dem Gotte des Erbarmens einen Altar setzen +möchten, da wandten manche der Edelsten unwillig sich weg von der sich +selber entehrenden Vaterstadt. In keinem Lande der antiken Welt sind +die Sklaven mit solcher Humanität behandelt worden wie in Hellas; nicht +das Recht, aber die Sitte verbot dem Griechen, seine Sklaven an einen +nicht griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit aus dieser +Landschaft den eigentlichen Sklavenhandel. Nur hier finden wir in der +Kaiserzeit bei den Bürgerschmäusen und den Ölspenden an die +Bürgerschaft auch die unfreien Leute mit bedachte ^27. Nur hier konnte +ein unfreier Mann, wie Epiktetos unter Traian, in seiner mehr als +bescheidenen äußeren Existenz in dem epirotischen Nikopolis mit +angesehenen Männern senatorischen Standes in der Weise verkehren wie +Sokrates mit Kritias und Alkibiades, so daß sie seiner mündlichen +Belehrung wie Schüler dem Meister lauschten und die Gespräche +aufzeichneten und veröffentlichten. Die Milderungen der Sklaverei durch +das Kaiserrecht gehen wesentlich zurück auf den Einfluß der +griechischen Anschauungen, zum Beispiel bei Kaiser Marcus, der zu jenem +nikopolitanischen Sklaven wie zu seinem Meister und Muster emporsah. +Unübertrefflich schildert der Verfasser eines unter den lukianischen +erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischen Stadtbürgers in +seinen engen Verhältnissen gegenüber dem vornehmen und reichen, +reisenden Publikum zweifelhafter Bildung oder auch unzweifelhafter +Rohen: wie man es dem reichen Ausländer abgewöhnt, im öffentlichen Bade +mit einem Heer von Bedienten aufzuziehen, als ob er seines Lebens in +Athen nicht ohnehin sicher und nicht Frieden im Lande sei, wie man es +ihm abgewöhnt, auf der Straße mit dem Purpurgewand sich zu zeigen, +indem die Leute sich freundlich erkundigen, ob es nicht das seiner Mama +sei. Er zieht die Parallele zwischen römischer und athenischer +Existenz: dort die beschwerlichen Gastereien und die noch +beschwerlicheren Bordelle, die unbequeme Bequemlichkeit der +Bedientenschwärme und des häuslichen Luxus, die Lästigkeiten der +Liederlichkeit, die Qualen des Ehrgeizes, all das Übermaß, die +Vielfältigkeit, die Unruhe des hauptstädtischen Treibens; hier die +Anmut der Armut, die freie Rede im Freundeskreis, die Muse für +geistigen Genuß, die Möglichkeit des Lebensfriedens und der +Lebensfreude - “wie konntest du”, fragt ein Grieche in Rom den andern, +“das Licht der Sonne, Hellas und sein Glück und seine Freiheit, um +dieses Gedränges willen verlassen?” In diesem Grundakkord begegnen sich +alle feiner und reiner organisierten Naturen dieser Epoche; eben die +besten Hellenen mochten nicht mit den Römern tauschen. Kaum gibt es +etwas gleich Erfreuliches in der Literatur der Kaiserzeit wie Dions +schon erwähnte euböische Idylle: sie schildert die Existenz zweier +Jägerfamilien im einsamen Walde, deren Vermögen acht Ziegen sind, eine +Kuh ohne Horn und ein schönes Kalb, vier Sicheln und drei Jagdspeere, +welche weder von Geld noch von Steuern etwas wissen, und die dann, vor +die tobende Bürgerversammlung der Stadt gestellt, von dieser +schließlich unbehelligt entlassen werden zum Freuen und zum Freien. Die +reale Durchführung dieser poetisch verklärten Lebensauffassung ist +Plutarchos von Chaeroneia, einer der anmutigsten und belesensten und +nicht minder einer der wirksamsten Schriftsteller des Altertums. Einer +vermögenden Familie jener kleinen böotischen Landstadt entsprossen und +erst daheim, dann in Athen und in Alexandreia in die volle hellenische +Bildung eingeführt, auch durch seine Studien und vielfältige +persönliche Beziehungen sowie durch Reisen in Italien mit römischen +Verhältnissen wohlvertraut, verschmähte er es, nach der üblichen Weise +der begabten Griechen in den Staatsdienst zu treten oder die +Professorenlaufbahn einzuschlagen; er blieb seiner Heimat treu, mit der +trefflichen Frau und den Kindern und mit den Freunden und Freundinnen +des häuslichen Lebens im schönsten Sinne des Wortes genießend, sich +bescheidend mit den Ämtern und Ehren, die sein Böotien ihm zu bieten +vermochte, und mit dem mäßigen angeerbten Vermögen. In diesem +Chaeroneer drückt der Gegensatz der Hellenen und der Hellenisierten +sich aus; ein solches Griechentum war weder in Smyrna möglich noch in +Antiocheia; es gehörte zum Boden wie der Honig vom Hymettos. Es gibt +genug mächtigere Talente und tiefere Naturen, aber schwerlich einen +zweiten Schriftsteller, der mit so glücklichem Maß sich in das +Notwendige mit Heiterkeit zu finden und so wie er den Stempel seines +Seelenfriedens und seines Lebensglückes seinen Schriften aufzuprägen +gewußt hat. + +———————————————————— + +^27 Bei den Volksfesten, die in Tiberius’ Zeit ein reicher Mann in +Akraephia in Böotien ausrichtete, lud er die erwachsenen Sklaven, seine +Gattin die Sklavinnen mit den Freien zu Gaste (CIG 1625). In einer +Stiftung zur Verteilung von Öl in der Turnanstalt (γυμνάσιον) von +Gytheion in Lakonien wird festgesetzt, daß an sechs Tagen im Jahr auch +die Sklaven daran Anteil haben sollen (Lebas-Foucart, n. 243 a). +Ähnliche Spenden begegnen in Argos (CIG 1122, 1123). + +———————————————————— + +Die Selbstbeherrschung des Hellenismus kann auf dem Boden des +öffentlichen Lebens sich nicht in der Reinheit und Schönheit offenbaren +wie in der stillen Heimstatt, nach der die Geschichte und sie nach der +Geschichte glücklicherweise nicht fragt. Wenden wir uns den +öffentlichen Verhältnissen zu, so ist mehr vom Mißregiment als vom +Regiment zu berichten, sowohl der römischen Regierung wie der +griechischen Autonomie. An gutem Willen fehlte es dort insofern nicht, +als der römische Philhellenismus die Kaiserzeit noch viel entschiedener +beherrscht als die republikanische. Er äußert sich überall im Großen +wie im Kleinen, in der Fortführung der Hellenisierung der östlichen +Provinzen und der Anerkennung der doppelten offiziellen Reichssprache +wie in den höflichen Formen, in welchen die Regierung auch mit der +kleinsten griechischen Gemeinde verkehrt und ihre Beamten zu verkehren +anhält ^28. Auch haben es die Kaiser an Gaben und Bauten zu Gunsten +dieser Provinz nicht fehlen lassen; und wenn auch das meiste der Art +nach Athen kam, so baute doch Hadrian eine große Wasserleitung zum +Besten von Korinth, Plus die Heilanstalt von Epidauros. Aber die +rücksichtsvolle Behandlung der Griechen insgemein und die besondere +Huld, welche dem eigentlichen Hellas von der kaiserlichen Regierung +zuteil wurde, weil es in gewissem Sinn gleich wie Italien als +Mutterland galt, sind weder dem Regiment noch der Landschaft recht zum +Vorteil ausgeschlagen. Der jährliche Wechsel der Oberbeamten und die +schlaffe Kontrolle der Zentralstelle ließen alle senatorischen +Provinzen, soweit das Statthalterregiment reichte, mehr den Druck als +den Segen einheitlicher Verwaltung empfinden, und diese doppelt bei +ihrer Kleinheit und ihrer Armut. Noch unter Augustus selbst machten +diese Mißstände sich in dem Grade geltend, daß es eine der ersten +Regierungshandlungen seines Nachfolgers war, sowohl Griechenland wie +Makedonien in eigene Verwaltung zu nehmen ^29, wie es hieß vorläufig, +in der Tat auf die ganze Dauer seiner Regierung. Es war sehr +konstitutionell, aber vielleicht nicht ebenso weise, daß Kaiser +Claudius, als er zur Gewalt gelangte, die alte Ordnung +wiederherstellte. Seitdem hat es dann bei dieser sein Bewenden gehabt +und ist Achaia nicht von ernannten, sondern von erlosten Beamten +verwaltet worden, bis diese Verwaltungsform überhaupt abkam. + +————————————————————— + +^28 Auf eine der unzähligen Beschwerden, mit welchen die +kleinasiatischen Städte wegen ihrer Titel- und Rangstreitigkeiten die +Regierung belästigten, antwortete Pius den Ephesiern (W. H. Waddington, +Aristide, S. 51), erhöre gern, daß die Pergamener ihnen die neue +Titulatur gegeben hätten; die Smyrnäer hätten es wohl nur zufällig +unterlassen und würden sicher in Zukunft gutwillig das Richtige tun, +wenn auch sie, die Ephesier, ihnen ihre rechten Titel beilegen würden. +Einer kleinen lykischen Stadt, welche um Bestätigung eines von ihr +gefaßten Beschlusses bei dem Prokonsul einkommt, erwidert dieser (O. +Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884, Bd. 1, S. 71), +treffliche Anordnungen verlangten nur Lob, keine Bestätigung; diese +liege in der Sache. Die Rhetorenschulen dieser Epoche liefern auch die +Konzipienten für die kaiserliche Kanzlei; aber dies tut es nicht +allein. Es gehört zum Wesen des Prinzipals, das Untertanverhältnis +nicht äußerlich zu akzentuieren, und namentlich nicht gegen Griechen. + +^29 Eine formale Änderung der Steuerordnung folgt an sich aus diesem +Wechsel nicht und ist auch bei Tacitus (ann. 1, 76) nicht angedeutet; +wenn die Einrichtung getroffen wird, weil die Provinzialen über +Steuerdruck klagen (onera deprecantes), so konnten bessere Statthalter +durch zweckmäßige Repartierung, eventuell durch Erwirkung von +Remission, den Provinzen aufhelfen. Daß die Beförderung der Reichspost +besonders in dieser Provinz als drückende Last empfunden ward, zeigt +das Edikt des Claudius aus Tegea (Eph. epigr. V, p. 69). + +————————————————————— + +Aber bei weitem übler noch stand es um die von dem Statthalterregiment +eximierten Gemeinden Griechenlands. Die Absicht, diese Gemeinwesen zu +begünstigen, durch die Befreiung von Tribut und Aushebung wie nicht +minder durch die möglichst geringe Beschränkung der Rechte des +souveränen Staates, hat, wenigstens in vielen Fällen, zu dem Gegenteil +geführt. Die innere Unwahrheit der Institutionen rächte sich. Zwar bei +den weniger bevorrechteten oder besser verwalteten Gemeinden mag die +kommunale Autonomie ihren Zweck erfüllt haben; wenigstens vernehmen wir +nicht, daß es mit Sparta, Korinth, Patrae besonders übel bestellt +gewesen sei. Aber Athen war nicht geschaffen, sich selbst zu verwalten, +und bietet das abschreckende Bild eines von der Obergewalt +verhätschelten und finanziell wie sittlich verkommenen Gemeinwesens. +Von Rechts wegen hätte dasselbe in blühendem Zustande sich befinden +müssen. Wenn es den Athenern mißlang, die Nation unter ihrer Hegemonie +zu vereinigen, so ist diese Stadt doch die einzige Griechenlands wie +Italiens gewesen, welche die landschaftliche Einigung vollständig +durchgeführt hat; ein eigenes Gebiet, wie es die Attike ist, von etwa +40 Quadratmeilen, der doppelten Größe der Insel Rügen, hat keine Stadt +des Altertums sonst besessen. Aber auch außerhalb Attikas blieb ihnen, +was sie besaßen, sowohl nach dem Mithradatischen Kriege durch Sullas +Gnade wie nach der Pharsalischen Schlacht, in der sie auf Seiten des +Pompeius gestanden hatten, durch die Gnade Caesars - er fragte sie nur, +wie oft sie noch sich selber zugrunde richten und dann durch den Ruhm +ihrer Vorfahren retten lassen wollten. Der Stadt gehörte immer noch +nicht bloß das ehemals haliartische Gebiet in Böotien, sondern auch an +ihrer eigenen Küste Salamis, der alte Ausgangspunkt ihrer +Seeherrschaft, im Thrakischen Meer die einträglichen Inseln Skyros, +Lemnos und Imbros sowie im Ägäischen Delos; freilich war diese Insel +seit dem Ende der Republik nicht mehr das zentrale Emporium des Handels +mit dem Osten, nachdem der Verkehr sich von da weg nach den Häfen der +italischen Westküste gezogen hatte, und es war dies für die Athener ein +unersetzlicher Verlust. Von den weiteren Verleihungen, die sie Antonius +abzuschmeicheln gewußt hatten, nahm ihnen Augustas, gegen den sie +Partei ergriffen hatten, allerdings Aegina und Eretria auf Euböa, aber +die kleineren Inseln des Thrakischen Meeres, Ikos, Peparethos, +Skiathos, ferner Keos vor der Sunischen Landspitze durften sie +behalten; und Hadrian gab ihnen weiter den besten Teil der großen Insel +Kephallenia im Ionischen Meer. Erst durch den Kaiser Severus, der ihnen +nicht wohlwollte, wurde ihnen ein Teil dieser auswärtigen Besitzungen +entzogen. Hadrian gewährte ferner den Athenern die Lieferung eines +gewissen Quantums von Getreide auf Kosten des Reiches und erkannte +durch die Erstreckung dieses, bisher der Reichshauptstadt vorbehaltenen +Privilegiums Athen gleichsam an als eine der Reichsmetropolen. Nicht +minder wurde das segensreiche Institut der Alimentarstiftungen, dessen +Italien sich seit Traian erfreute, von Hadrian auf Athen ausgedehnt und +das dazu erforderliche Kapital sicher aus seiner Schatulle den Athenern +geschenkt. Eine Wasserleitung, die er ebenfalls seinem Athen widmete, +wurde erst nach seinem Tode von Pius vollendet. Dazu kam der +Zusammenfluß der Reisenden und der Studierenden und die in immer +steigender Zahl von den römischen Großen und den auswärtigen Fürsten +der Stadt verliehenen Stiftungen. Dennoch war die Gemeinde in stetiger +Bedrängnis. Mit dem Bürgerrecht wurde nicht bloß das überall übliche +Geschäft auf Nehmen und Geben, sondern förmlich und offenkundig +Schacher getrieben, so daß Augustas mit einem Verbot dagegen +einschritt. Einmal über das andere beschloß der Rat von Athen, diese +oder jene seiner Inseln zu verkaufen, und nicht immer fand sich ein +opferwilliger Reicher gleich dem Iulius Nikanor, der unter Augustas den +bankrotten Athenern die Insel Salamis zurückkaufte und dafür von dem +Rat derselben den Ehrentitel des “neuen Themistokles” sowie, da er auch +Verse machte, nebenbei den des “neuen Homer” und mit den edlen +Ratsherren zusammen von dem Publikum den wohlverdienten Hohn erntete. +Die prachtvollen Bauten, mit denen Athen fortfuhr sich zu schmücken, +erhielt es ohne Ausnahme von den Fremden, unter anderen von den reichen +Königen Antiochos von Kommagene und Herodes von Judäa, vor allen aber +von dem Kaiser Hadrian, der eine völlige “Neustadt” (novae Athenae) am +Ilisos anlegte und außer zahllosen anderen Gebäuden, darunter dem schon +erwähnten Panhellenion, das Wunder der Welt, den von Peisistratos +begonnenen Riesenbau des Olympieion mit seinen 120, zum Teil noch +stehenden Säulen, den größten von allen, die heute aufrecht sind, +sieben Jahrhunderte nach seinem Beginn in würdiger Weise abschloß. +Selbst hatte diese Stadt kein Geld, nicht bloß für ihre Hafenmauern, +die jetzt allerdings entbehrlich waren, sondern nicht einmal für den +Hafen. Zu Augusts Zeit war der Peiräeus ein geringes Dorf von wenigen +Häusern, nur besucht wegen der Meisterwerke der Malerei in den +Tempelhallen. Handel und Industrie gab es in Athen fast nicht mehr, +oder für die Bürgerschaft insgemein wie für den einzelnen Bürger nur +ein einziges blühendes Gewerbe, den Bettel. Auch blieb es nicht bei der +Finanzbedrängnis. Die Welt hatte wohl Frieden, aber nicht die Straßen +und Plätze von Athen. Noch unter Augustas hat ein Aufstand in Athen +solche Verhältnisse angenommen, daß die römische Regierung gegen die +Freistadt einschreiten mußte ^30; und wenn auch dieser Vorgang +vereinzelt steht, so gehörten Aufläufe auf der Gasse wegen der +Brotpreise und aus anderen geringfügigen Anlässen in Athen zur +Tagesordnung. Viel besser wird es in zahlreichen anderen Freistädten +nicht ausgesehen haben, von denen weniger die Rede ist. Einer solchen +Bürgerschaft die Kriminaljustiz unbeschränkt in die Hand zu geben, war +kaum zu verantworten; und doch stand dieselbe den zu internationaler +Föderation zugelassenen Gemeinden, wie Athen und Rhodos, von Rechts +wegen zu. Wenn der athenische Areopag in augustischer Zeit sich +weigerte, einen wegen Fälschung verurteilten Griechen auf die +Verwendung eines vornehmen Römers hin von der Strafe zu entbinden, so +wird er in seinem Recht gewesen sein; aber daß die Kyzikener unter +Tiberius römische Bürger einsperrten, unter Claudius gar die Rhodier +einen römischen Bürger ans Kreuz schlugen, waren auch formale +Rechtsverletzungen, und ein ähnlicher Vorgang hat unter Augustus den +Thessalern ihre Autonomie gekostet. Übermut und Übergriff wird durch +die Machtlosigkeit nicht ausgeschlossen, nicht selten von den schwachen +Schutzbefohlenen eben daraufhin gewagt. Bei aller Achtung für große +Erinnerungen und beschworene Verträge mußten doch jeder gewissenhaften +Regierung diese Freistaaten nicht viel minder als ein Bruch in die +allgemeine Rechtsordnung erscheinen, wie das noch viel altheiligere +Asylrecht der Tempel. + +——————————————————————————- + +^30 Der athenische Aufstand unter Augustus ist sicher beglaubigt durch +die aus Africanus geflossene Notiz bei Eusebius zum Jahre Abrahams 2025 +(daraus Oros. hist. 6, 22, 2). Die Aufläufe gegen den Strategen werden +oft erwähnt: Plut. q. sympos. 8, 3 z. A.; (Lucian) Demonax 11, 64; vit. +soph. 1, 23. 2, 1, 11. + +——————————————————————————- + +Schließlich griff die Regierung durch und stellte die freien Städte +hinsichtlich ihrer Wirtschaft unter die Oberaufsicht von Beamten +kaiserlicher Ernennung, die allerdings zunächst als außerordentliche +Kommissarien “zur Korrektur der bei den Freistädten eingerissenen +Übelstände” charakterisiert werden und davon späterhin die Bezeichnung +Korrektoren als titulare führen. Die Anfänge derselben lassen sich bis +in die traianische Zeit verfolgen; als stehende Beamte finden wir sie +in Achaia im dritten Jahrhundert. Diese, neben den Prokonsuln +fungierenden, vom Kaiser bestellten Beamten finden in keinem Teil des +Römischen Reichs so früh sich ein und sind in keinem so früh ständig +geworden sie in dem halb aus Freistädten bestehenden Achaia. + +Das an sich wohlberechtigte und durch die Haltung der römischen +Regierung wie vielleicht noch mehr durch die des römischen Publikums +genährte Selbstgefühl der Hellenen, das Bewußtsein des geistigen +Primats rief daselbst einen Kultus der Vergangenheit ins Leben, der +sich zusammensetzt aus dem treuen Festhalten an den Erinnerungen +größerer und glücklicherer Zeiten und dem barocken Zurückdrehen der +gereiften Zivilisation auf ihre zum Teil sehr primitiven Anfänge. Zu +den ausländischen Kulten, wenn man absieht von dem schon früher durch +die Handelsverbindungen eingebürgerten Dienst der ägyptischen +Gottheiten, namentlich der Isis, haben die Griechen im eigentlichen +Hellas sich durchgehend ablehnend verhalten; wenn dies von Korinth am +wenigsten gilt, so ist dies auch die am wenigsten griechische Stadt von +Hellas. Die alte Landesreligion schützt nicht der innige Glaube, von +dem diese Zeit sich längst gelöst hatte ^31; aber die heimische Weise +und das Gedächtnis der Vergangenheit haften vorzugsweise an ihr und +darum wird sie nicht bloß mit Zähigkeit festgehalten, sondern sie wird +auch, zum guten Teil durch gelehrte Repristination, im Laufe der Zeit +immer starrer und altertümlicher, immer mehr ein Sonderbesitz der +Studierten. + +—————————————————————————- + +^31 Dem Beamten, auch dem gebildeten, das heißt dem Freidenker, wird +angeraten, die Spenden, die er mache, an die religiösen Feste +anzuknüpfen; denn die Menge werde in ihrem Glauben bestärkt, wenn sie +sehe, daß auch die Vornehmen der Stadt auf die Götterverehrung etwas +geben und sogar dafür etwas aufwenden (Plut. praec. ger. reip. 30). + +—————————————————————————- + +Ähnlich verhält es sich mit dem Kultus der Stammbäume, in welchem die +Hellenen dieser Zeit ungemeines geleistet und die adelsstolzesten Römer +weit hinter sich gelassen haben. In Athen spielt das Geschlecht der +Eumolpiden eine hervorragende Rolle bei der Reorganisierung des +Eleusinischen Festes unter Marcus. Dessen Sohn Commodus verlieh dem +Haupt des Geschlechtes der Keryken das römische Bürgerrecht, und aus +demselben stammt der tapfere und gelehrte Athener, der, .fast wie +Thukydides, mit den Goten schlug und dann den Gotenkrieg beschrieb. Des +Marcus Zeitgenosse, der Professor und Konsular Herodes Atticus, gehörte +ebendiesem Geschlechte an, und sein Hofpoet singt von ihm, daß dem +hochgeborenen Athener, dem Nachkommen des Hermes und der Kekropstochter +Herse, der rote Schuh des römischen Patriziats wohl angestanden habe, +während einer seiner Lobredner in Prosa ihn als Aeakiden feiert und +zugleich als Abkömmling von Miltiades und Kimon. Aber auch Athen wurde +hierin noch weit überboten von Sparta; mehrfach begegnen Spartiaten, +die sich der Herkunft von den Dioskuren, dem Herakles, dem Poseidon und +des seit vierzig und mehr Generationen in ihrem Hause erblichen +Priestertums dieser Altvordern berühmen. Es ist charakteristisch für +dieses Adelsrum, daß es sich hauptsächlich erst mit dem Ende des +zweiten Jahrhunderts einstellt; die Heraldiker, welche diese +Geschlechtstafeln entwarfen, werden für die Beweisstücke weder in Athen +noch in Sparta die Goldwaage angewandt haben. + +Dieselbe Tendenz zeigt sich in der Behandlung der Sprache oder vielmehr +der Dialekte. Während in dieser Zeit in den sonstigen griechisch +redenden Ländern und auch in Hellas im gewöhnlichen Verkehr das +sogenannte gemeine, im wesentlichen aus der attischen Mundart heraus +verschliffene Griechisch vorherrscht, strebt die Schriftsprache dieser +Epoche nicht bloß nach der Beseitigung der eingerissenen Sprachfehler +und Neuerungen, sondern vielfach werden dialektische Besonderheiten, +dem Sprachgebrauch entgegen, wieder aufgenommen und hier, wo er am +wenigsten berechtigt war, der alte Partikularismus in scheinhafter +Weise zurückgeführt. Den Standbildern, welche die Thespier den Musen im +Hain des Helikon setzten, wurden auf gut böotisch die Namen Orania und +Thalea beigeschrieben, während die dazu gehörigen Epigramme, verfaßt +von einem Poeten römischen Namens, sie auf gut ionisch Uranie und +Thaleie nannten, und die nicht gelehrten Böoter, wenn sie sie kannten, +sie nannten, wie alle anderen Griechen, Urania und Thaleia. Von den +Spartanern vor allem ist darin Unglaubliches geleistet und nicht selten +mehr für den Schatten des Lykurgos als für die zur Zeit lebenden Aelier +und Aurelier geschrieben worden ^32. Daneben kommt der korrekte +Gebrauch der Sprache in dieser Zeit auch in Hellas allmählich ins +Schwanken; Archaismen und Barbarismen gehen in den Dokumenten der +Kaiserzeit häufig friedlich nebeneinander her. Athens sehr mit Fremden +gemischte Bevölkerung hat in dieser Hinsicht sich zu keiner Zeit +besonders ausgezeichnet ^33, und obwohl die städtischen Urkunden sich +verhältnismäßig rein halten, macht doch seit Augustus die allgemein +einreißende Sprachverderbnis auch hier sich fühlbar. Die strengen +Grammatiker der Zeit haben ganze Bücher gefüllt mit den +Sprachschnitzern, die der eben erwähnte, viel gefeierte Rhetor Herodes +Atticus und die übrigen berühmten Schulredner des zweiten Jahrhunderts +sich zuschulden kommen ließen ^34, ganz abgesehen von der verzwickten +Künstelei und der manierierten Pointierung ihrer Rede. Die eigentliche +Verwilderung aber in Sprache und Schrift reißt in Athen und ganz +Griechenland, eben wie in Rom, ein mit Septimius Severus ^35. + +——————————————————————- + +^32 Ein Musterstück ist die Inschrift (Lebas-Foucart II, S. 142, n. +162) des Μ(άρκωρ) Αυρ(ήλιορ) Ζεύξιππου ο καί Κλεάνδρορ Φιλομοίσω, eines +Zeitgenossen also des Pius und Marcus, welcher war ιερεύς Λεθκιππίδων +καί Τινδαριδάν, der Dioskuren und ihrer Gattinnen, der Töchter des +Leukippos, aber, damit zu dem Alten das Neue nicht fehle, auch +αρχιερέος τώ Σεβαστώ καί τώον θείων προγόνων ωτώ. Er war in seiner +Jugend ferner gewesen βουαγόρ μικκιχιδδομένων, wörtlich Stierführer der +Kleinen, nämlich Anführer der dreijährigen Knaben - die lykurgischen +Knabenherden gingen mit dem siebenten Jahr an, aber seine Nachfahren +hatten das Fehlende nachgeholt und von den Einjährigen an alle +eingeherdet und mit “Führern” versehen. Dieser selbe Mann siegte +(νεικάαρ = νικήσας) κασσηρατοριν, μωαν καί λωαν; was das heißt, weiß +vielleicht Lykurgos. + +^33 “Das innere Attika”, sagt ein Bewohner desselben bei Philostratos +(vit. soph. 2, 7), “ist eine gute Schule für den, der sprechen lernen +will; die Stadtbewohner dagegen von Athen, welche den aus Thrakien und +dem Pontus und andern barbarischen Landschaften herbeiströmenden jungen +Leuten Wohnungen vermieten, lassen mehr durch sie ihre Sprache sich +verderben als daß sie ihnen das gute Sprechen beibringen. Aber im +Binnenland, dessen Bewohner nicht mit Barbaren vermischt sind, ist die +Aussprache und die Rede gut”. + +^34 Karl Keil (RE 1, z. Aufl., S. 2100) weist hin auf τινός für ής +τινός und τά χωρία γέγοναν der Inschrift der Gattin des Herodes (CIL +VI, 1342). + +^35 Dittenberger in Hermes 1, 1866, S. 414. Dahin gehört auch, was der +plumpe Vertreter des Apollonios seinen Helden an die alexandrinischen +Professoren schreiben läßt (ep. 34), daß er Argos, Sikyon, Megara, +Phokis, Lokris verlassen habe, um nicht, wenn er länger in Hellas +verweile, völlig zum Barbaren zu werden. + +——————————————————————- + +Die Schadhaftigkeit der hellenischen Existenz lag in der Beschränktheit +ihres Kreises: es mangelte dem hohen Ehrgeiz an dem entsprechenden Ziel +und darum überwucherte die niedere und erniedrigende Ambition. Auch in +Hellas fehlte es nicht an einheimischen Familien von großem Reichtum +und bedeutendem Einfluß ^36. Das Land war wohl im ganzen arm, aber es +gab doch Häuser von ausgedehntem Grundbesitz und altbefestigtem +Wohlstand. In Sparta zum Beispiel hat das des Lachares von Augustus bis +wenigstens in die hadrianische Zeit eine Stellung eingenommen, welche +tatsächlich von dem Fürstentum nicht allzuweit abstand. Den Lachares +hatte Antonius wegen Erpressung hinrichten lassen. Dafür war dessen +Sohn Eurykles einer der entschiedensten Parteigänger Augusts und einer +der tapfersten Kapitäne in der entscheidenden Seeschlacht, der fast den +besiegten Feldherrn persönlich zum Gefangenen gemacht hätte; er empfing +von dem Sieger unter anderen reichen Gaben als Privateigentum die Insel +Kythere (Cerigo). Später spielte er eine hervorragende und bedenkliche +Rolle, nicht bloß in seinem Heimatland, über welches er eine dauernde +Vorstandschaft ausgeübt haben muß, sondern auch an den Höfen von +Jerusalem und Caesarea, wobei das dem Spartiaten von den Orientalen +gezollte Ansehen nicht wenig mitwirkte. Deswegen von dem Kaisergericht +mehrfach zur Verantwortung gezogen, wurde er schließlich verurteilt und +ins Exil gesandt; aber der Tod entzog ihn rechtzeitig den Folgen des +Urteilsspruches und sein Sohn Lakon trat in das Vermögen und wesentlich +auch, wenngleich in vorsichtigerer Form, in die Machtstellung des +Vaters ein. Ähnlich stand in Athen das Geschlecht des oft genannten +Herodes; wir können dasselbe aufsteigend durch vier Generationen bis in +die Zeit Caesars zurückverfolgen, und über des Herodes Großvater ist, +ähnlich wie über den Spartaner Eurykles, wegen seiner übergreifenden +Machtstellung in Athen die Konfiskation verhängt worden. Die ungeheuren +Latifundien, welche der Enkel in seiner armen Heimat besaß, die zu +Grabzwecken seiner Lustknaben verwendeten weiten Flächen erregten den +Unwillen selbst der römischen Statthalter. Derartige mächtige Familien +gab es vermutlich in den meisten Landschaften von Hellas, und wenn sie +auf dem Landtag der Provinz in der Regel entschieden, so waren sie auch +in Rom nicht ohne Verbindungen und Einfluß. Aber obwohl diejenigen +rechtlichen Schranken, welche den Gallier und den Alexandriner noch +nach erlangtem Bürgerrecht vom Reichssenat ausschlossen, diesen +vornehmen Griechen schwerlich entgegenstanden, vielmehr unter den +Kaisern diejenige politische und militärische Laufbahn, welche dem +Italiker sich darbot, von Rechts wegen dem Hellenen gleichfalls +offenstand, so sind dieselben doch tatsächlich erst in später Zeit und +in beschränktem Umfang in den Staatsdienst eingetreten, zum Teil wohl, +weil die römische Regierung der früheren Kaiserzeit die Griechen als +Ausländer ungern zuließ, zum Teil, weil diese selbst die mit dem +Eintritt in diese Laufbahn verknüpfte Übersiedlung nach Rom scheuten +und es vorzogen, statt einer mehr unter den vielen Senatoren daheim die +ersten zu sein. Erst des Lachares Urenkel Herklanos ist in traianischer +Zeit, und in der Familie des Herodes wahrscheinlich zuerst dessen Vater +um dieselbe Zeit in den römischen Senat eingetreten ^37. + +—————————————————————————- + +^36 Tacitus (zum Jahre 62 ann. 15, 20) charakterisiert einen dieser +reichen und einflußreichen Provinzialen, den Claudius Timarchides aus +Kreta, der in seinem Kreis allmächtig ist (ut solent praevalidi +provincialium et opibus nimiis ad iniurias minorum elati) und über den +Landtag, also auch über das obligate, aber für den abgehenden Prokonsul +mit Rücksicht auf die möglichen Rechenschaftsklagen sehr wünschenswerte +Danksagungsdekret desselben verfügt (in sua potestate situm, an +proconsulibus, qui Cretam obtinuissent, grates agerentur). Die +Opposition beantragt die Untersagung dieser Dankdekrete, aber es +gelingt ihr nicht, den Antrag zur Abstimmung zu bringen. Von einer +andern Seite schildert Plutarch (praec. ger. reip. 19, 3) diese +vornehmen Griechen. + +^37 Herodes war εξ υπάτων (vit. soph. 1, 25, 5, p. 536), ετέλει εκ +πατέρων εσ τούς δισυπάτους (das. 2 z. A., p. 545). Sonst ist von +Konsulaten seiner Ahnen nichts bekannt; aber sicher ist der Großvater +Hipparchos nicht Senator gewesen. Möglicherweise handelt es sich sogar +nur um kognatische Aszendenten. Das römische Bürgerrecht hat die +Familie nicht unter den Juliern (vgl. CIA III, 489), sondern erst unter +den Claudiern empfangen. + +—————————————————————————- + +Die andere Laufbahn, welche erst in der Kaiserzeit sich auftat, der +persönliche Dienst des Kaisers, gab wohl im günstigen Fall Reichtum und +Einfluß und ist auch früher und häufiger von den Griechen betreten +worden; aber da die meisten und wichtigsten dieser Stellungen an den +Offizierdienst geknüpft waren, scheint auch für diese längere Zeit ein +faktischer Vorzug der Italiker bestanden zu haben und war der gerade +Weg auch hier den Griechen einigermaßen verlegt. In untergeordneten +Stellungen sind Griechen am kaiserlichen Hofe von jeher und in großer +Anzahl verwendet worden und auf Umwegen oftmals zu Vertrauen und +Einfluß gelangt; aber dergleichen Persönlichkeiten kamen mehr aus den +hellenisierten Landschaften als aus Hellas selbst und am wenigsten aus +den besseren hellenischen Häusern. Für die legitime Ambition des jungen +Mannes von Herkunft und Vermögen gab es, wenn er ein Grieche war, im +römischen Kaiserreich nur beschränkten Spielraum. + +Es blieb ihm die Heimat, und in dieser für das gemeine Wohl tätig zu +sein, war allerdings Pflicht und Ehre. Aber es waren sehr bescheidene +Pflichten und noch viel bescheidenere Ehren. “Eure Aufgabe”, sagt Dion +weiter seinen Rhodiern, “ist eine andere, als die der Vorfahren war. +Sie konnten ihre Tüchtigkeit nach vielen Seiten hin entwickeln, nach +dem Regiment streben, den Unterdrückten beistehen, Bundesgenossen +gewinnen, Städte gründen, kriegen und siegen; von allem dem vermögt ihr +nichts mehr zu tun. Es bleibt euch die Führung des Hauswesens, die +Verwaltung der Stadt, die Verleihung von Ehren und Auszeichnungen mit +Wahl und Maß, der Sitz im Rat und im Gericht, der Gottesdienst und die +Feier der Feste; in allem diesem könnt ihr euch vor andern Städten +auszeichnen. Auch das ist nichts Geringes, die anständige Haltung, die +Sorgfalt für Haar und Bart, der gesetzte Gang auf der Straße, so daß +bei euch selbst die anders gewöhnten Fremden sich es abgewöhnen zu +rennen, die schickliche Tracht, sogar, wenn es auch lächerlich +erscheinen mag, der schmale und knappe Purpursaum, die Ruhe im Theater, +das Maßhalten im Klatschen: das alles macht die Ehre eurer Stadt, und +mehr als in euren Häfen und Mauern und Docks zeigt sich hierin das gute +alte hellenische Wesen und erkennt hierin auch der Barbar, der den +Namen der Stadt nicht weiß, daß er in Griechenland ist und nicht in +Syrien oder Kilikien.” Das traf alles zu; aber wenn es jetzt nicht mehr +von dem Bürger verlangt ward, für die Vaterstadt zu sterben, so war +doch die Frage nicht ohne Berechtigung, ob es noch der Mühe wert sei, +für diese Vaterstadt zu leben. Es gibt von Plutarchos eine +Auseinandersetzung über die Stellung der griechischen Gemeindebeamten +zu seiner Zeit, worin er mit der ihm eigenen Billigkeit und Umsicht +diese Verhältnisse erörtert. Die alte Schwierigkeit, die gute +Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten zu führen mittels der +Majoritäten der unsicheren, launenhaften, oft mehr den eigenen Vorteil +als den des Gemeinwesens bedenkenden Bürgerschaft oder auch der sehr +zahlreichen Ratsversammlung - die athenische zählte in der Kaiserzeit +erst 600, dann 500, später 750 Stadträte -, bestand wie früher, so auch +jetzt; es ist die Pflicht des tüchtigen Beamten zu verhindern, daß das +“Volk” nicht dem einzelnen Bürger Unrecht tut, nicht das Privatvermögen +unerlaubterweise an sich zieht, nicht das Gemeindegut unter sich +verteilt - Aufgaben, die dadurch nicht leichter werden, daß der Beamte +kein Mittel dafür hat als die verständige Ermahnung und die Kunst des +Demagogen, daß ihm ferner geraten wird, in kleinen Dingen nicht allzu +spröde zu sein und wenn bei einem Stadtfest eine mäßige Spende an die +Bürgerschaft in Antrag kommt, es nicht solcher Kleinigkeit wegen mit +den Leuten zu verderben. Im übrigen aber hatten die Verhältnisse sich +völlig verändert, und es muß der Beamte in die gegenwärtigen sich +schicken lernen. Vor allem hat er die Machtlosigkeit der Hellenen sich +selbst wie den Mitbürgern jeden Augenblick gegenwärtig zu halten. Die +Freiheit der Gemeinde reicht soweit die Herrscher sie gestatten, und +ein Mehr würde auch wohl vom Übel sein. Wenn Perikles die Amtstracht +anlegte, so rief er sich zu, nicht zu vergessen, daß er über Freie und +Griechen herrsche; heute hat der Beamte sich zu sagen, daß er unter +einem Herrscher herrsche, über eine den Prokonsuln und den kaiserlichen +Prokuratoren untergebene Stadt, daß er nichts sein könne und dürfe als +das Organ der Regierung, daß ein Federstrich des Statthalters genüge, +um jedes seiner Dekrete zu vernichten. Darum ist es die erste Pflicht +eines guten Beamten, sich mit den Römern in gutes Einvernehmen zu +setzen und womöglich einflußreiche Verbindungen in Rom anzuknüpfen, +damit diese der Heimat zugute kommen. Freilich warnt der rechtschaffene +Mann eindringlich vor der Servilität; nötigenfalls soll der Beamte +mutig dem schlechten Statthalter entgegentreten, und als die höchste +Leistung erscheint die entschlossene Vertretung der Gemeinde in solchen +Konflikten in Rom vor dem Kaiser. In bezeichnender Weise tadelt er +scharf diejenigen Griechen, die - ganz wie in den Zeiten des Achäischen +Bundes - bei jedem örtlichen Hader die Intervention des römischen +Statthalters herbeiführen, und mahnt dringend, die +Gemeindeangelegenheiten lieber innerhalb der Gemeinde zu erledigen, als +durch Appellation sich nicht so sehr der Oberbehörde, als den bei ihr +tätigen Sachwaltern und Advokaten in die Hände zu liefern. Alles dieses +ist verständig und patriotisch, so verständig und so patriotisch wie +einstmals die Politik des Polybios, auf die auch ausdrücklich +hingewiesen wird. In dieser Epoche des völligen Weltfriedens, wo es +weder einen Griechen- noch einen Barbarenkrieg irgendwo gibt, wo die +städtischen Kommandos, die städtischen Friedensschlüsse und Bündnisse +lediglich der Geschichte angehören, war der Rat sehr am Platze, +Marathon und Plataeae den Schulmeistern zu überlassen und nicht die +Köpfe der Ekklesia mit dergleichen großen Worten zu erhitzen, vielmehr +in dem engen Kreise der noch gestatteten freien Bewegung sich zu +bescheiden. Aber die Welt gehört nicht dem Verstande, sondern der +Leidenschaft. Der hellenische Bürger konnte auch jetzt noch gegen das +Vaterland seine Pflicht tun; aber für den rechten politischen, nach +Großem ringenden Ehrgeiz, für die Perikleische und Alkibiadische +Leidenschaft war in diesem Hellas, vom Schreibtisch etwa abgesehen, +nirgends ein Raum, und in der Lücke wucherten die Giftkräuter, die da, +wo das hohe Streben erstickt ist, die Menschenbrust versehren und das +Menschenherz vergiften. + +Darum ist Hellas auch das Mutterland der heruntergekommenen, +inhaltlosen Ambition, unter den vielen schweren Schäden der sinkenden +antiken Zivilisation vielleicht des am meisten allgemeinen, und sicher +eines der verderblichsten. Dabei stehen in erster Reihe die Volksfeste +mit ihrer Preiskonkurrenz. Die olympischen Wettkämpfe stehen dem +jugendlichen Volk der Hellenen wohl an; das allgemeine Turnerfest der +griechischen Stämme und Städte und der nach dem Spruch der +“Hellasrichter” dem tüchtigsten Wettläufer aus den Zweigen des Ölbaums +geflochtene Kranz ist der unschuldige und einfache Ausdruck der +Zusammengehörigkeit der jungen Nation. Aber die politische Entwicklung +hatte bald über diese Morgenröte hinausgeführt. Schon in den Tagen des +Athenischen Seebundes und gar erst der Alexandermonarchie war jenes +Hellenenfest ein Anachronismus, ein im Mannesalter fortgeführtes +Kinderspiel; daß der Besitzer jenes Ölkranzes wenigstens sich und +seinen Mitbürgern als Inhaber des nationalen Primats galt, kam ungefähr +darauf hinaus, wie wenn man in England die Sieger der Studentenregatten +mit Pitt und Beaconsfield in eine Linie stellen wollte. Die Ausdehnung +der hellenischen Nation durch Kolonisierung und Hellenisierung fand in +ihrer idealen Einheit und realen Zerfahrenheit in diesem traumhaften +Reich des Olivenkranzes ihren rechten Ausdruck; und die griechische +Realpolitik der Diadochenzeit hat sich denn auch um dasselbe, wie +billig, wenig bekümmert. Aber als die Kaiserzeit in ihrer Weise den +panhellenischen Gedanken aufnahm und die Römer in die Rechte und die +Pflichten der Hellenen eintraten, da blieb oder ward für das römische +Allhellas Olympia das rechte Symbol; erscheint doch unter Augustus der +erste römische Olympionike, und zwar kein geringerer als Augustus’ +Stiefsohn, der spätere Kaiser Tiberius ^38. Das nicht reinliche +Ehebündnis, welches das Allhellenentum mit dem Dämon des Spiels +einging, machte aus diesen Festen eine ebenso mächtige und dauernde wie +im allgemeinen und besonders für Hellas schädliche Institution. Die +gesamte hellenische und hellenisierende Welt beteiligte sich daran, sie +beschickend und sie nachahmend; überall sprangen ähnliche, für die +ganze griechische Welt bestimmte Feste aus dem Boden und die eifrige +Anteilnahme der breiten Massen, das allgemeine Interesse für den +einzelnen Wettkämpfer, der Stolz des Siegers nicht bloß, sondern seines +Anhangs und seiner Heimat ließen fast vergessen, um welche Dinge +eigentlich gestritten ward. Die römische Regierung ließ diesem +Wetturnen und den sonstigen Wettkämpfen nicht bloß freien Lauf, sondern +beteiligte das Reich an denselben; das Recht der feierlichen Einholung +des Siegers in seine Heimatstadt hing in der Kaiserzeit nicht von dem +Belieben der betreffenden Bürgerschaft ab, sondern wurde den einzelnen +Spielinstituten durch kaiserliches Privilegium verliehen ^39 und in +diesem Fall auch die dem Sieger zustehende jährliche Pension (σίτησις) +auf die Reichskasse übernommen, die bedeutenderen Spielinstitute also +geradezu als Reichseinrichtungen behandelt. Dieses Spielwesen erfaßte +wie das Reich selbst so alle Provinzen; immer aber war das eigentliche +Griechenland der ideale Mittelpunkt solcher Kämpfe und Siege, hier ihre +Heimat am Alpheios, hier der Sitz der ältesten Nachbildungen, der noch +der großen Zeit des hellenischen Namens angehörigen und von ihren +klassischen Dichtern verherrlichten Pythien, Isthmien und Nemeen, nicht +minder einer Anzahl jüngerer, aber reich ausgestatteter, ähnlicher +Feste, der Eurykleen, die der oben erwähnte Herr von Sparta unter +Augustus gegründet, der athenischen Panathenaeen, der von Hadrian mit +kaiserlicher Munifizenz dotierten, ebenfalls in Athen gefeierten +Panhellenien. Man durfte sich verwundern, daß die ganze Welt des weiten +Reiches sich um diese Turnfeste zu drehen schien, aber nicht darüber, +daß an diesem seltsamen Zauberbecher vor allem die Hellenen sich +berauschten, und daß das politische Stilleben, das ihre besten Männer +ihnen anempfahlen, durch die Kränze und die Statuen und die Privilegien +der Festsieger in schädlichster Weise verwirrt ward. + +————————————————————————- + +^38 Der erste römische Olympionike, von dem wir wissen, ist Ti. +Claudius Ti. f. Nero, ohne Zweifel der spätere Kaiser, mit dem +Viergespann (Archäologische Zeitung 38, 1880, S. 53); es fällt dieser +Sieg wahrscheinlich Ol. 195 (n. Chr. 1), nicht Ol. 199 (n. Chr. 17), +wie die Liste des Africanus angibt (Eus. thron. 1, p. 214 Schöne). In +diesem Jahre siegte vielmehr sein Sohn Germanicus, ebenfalls mit dem +Viergespann (Archäologische Zeitung 37, 1879, S. 36). Unter den +eponymen Olympioniken, den Siegern im Stadium, findet sich kein Römer; +diese Verletzung des griechischen Nationalgefühls scheint vermieden +worden zu sein. + +^39 Ein also privilegiertes Spielinstitut heißt αγών ιερός, certamen +sacrum (das heißt mit Pensionierung: Dio Sl, 1) oder αγών εισελαστικός, +certamen iselasticum (vgl. unter anderen Plin. ep. ad Trai. 118, 119; +CIL X, 515). Auch die Xystarchie wird, wenigstens in gewissen Fällen, +vom Kaiser verliehen (Dittenberger in Heymes 12, 1877, S. 17f.). Nicht +mit Unrecht nennen diese Institute sich “Weltspiele” (αγών +οικουμενικός). + +————————————————————————- + +Einen ähnlichen Weg gingen die städtischen Institutionen, allerdings im +ganzen Reich, aber wiederum vorzugsweise in Hellas. Als es dort noch +große Ziele und einen Ehrgeiz gab, hatte in Hellas, eben wie in Rom, +die Bewerbung um die Gemeindeämter und die Gemeindeehren den +Mittelpunkt des politischen Wetteifers gebildet und neben vielem +Leeren, Lächerlichen, Bösartigen auch die tüchtigsten und edelsten +Leistungen hervorgerufen. Jetzt war der Kern verschwunden, die Schale +geblieben; in Panopeus im Phokischen standen zwar die Häuser ohne Dach +und wohnten die Bürger in Hütten, aber es war noch eine Stadt, ja ein +Staat, und bei dem Aufzug der phokischen Gemeinden fehlten die Panopeer +nicht. Diese Städte trieben mit ihren Ämtern und Priestertümern, mit +den Belobigungsdekreten durch Heroldsruf und den Ehrensitzen bei den +öffentlichen Versammlungen, mit dem Purpurgewand und dem Diadem, mit +den Statuen zu Fuß und zu Roß ein Eitelkeits- und Geldgeschäft +schlimmer als der kleinste Duodezfürst der neueren Zeit mit seinen +Orden und Titeln. Es wird ja auch in diesen Vorgängen das wirkliche +Verdienst und die ehrliche Dankbarkeit nicht gefehlt haben; aber +durchgängig war es ein Handel auf Geben und Nehmen oder, mit Plutarch +zu reden, ein Geschäft wie zwischen der Kurtisane und ihren Kunden. Wie +heutzutage die private Munifizenz im Positiv den Orden und im +Superlativ den Adel bewirkt, so verschaffte sie damals den +priesterlichen Purpur und die Bildsäule auf dem Markt; und nicht +ungestraft treibt der Staat mit seinen Ehren Falschmünzerei. In der +Massenhaftigkeit derartiger Prozeduren und der Roheit ihrer Formen +stehen die heutigen Leistungen hinter denen der alten Welt beträchtlich +zurück, wie natürlich, da die durch den Staatsbegriff nicht genügend +gebändigte scheinhafte Autonomie der Gemeinde auf diesem Gebiet +ungehindert schaltete und die dekretierenden Behörden durchgängig die +Bürgerschaften oder die Räte von Kleinstädten waren. Die Folgen waren +nach beiden Seiten verderblich: die Gemeindeämter wurden mehr nach der +Zahlungsfähigkeit als nach der Tüchtigkeit der Bewerber vergeben; die +Schmäuse und Spenden machten die Beschenkten nicht reicher und den +Schenker oftmals arm; an dem Zunehmen der Arbeitsscheu und dem +Vermögensverfall der guten Familien trägt diese Unsitte ihren +vollgemessenen Anteil. Auch die Wirtschaft der Gemeinden selbst litt +schwer unter dem Umsichgreifen der Adulation. Zwar waren die Ehren, mit +welchen die Gemeinde dem einzelnen Wohltäter dankte, großenteils nach +demselben verständigen Prinzip der Billigkeit bemessen, welches +heutzutage die ähnlichen dekorativen Vergünstigungen beherrscht; und wo +das nicht der Fall war, fand häufig der Wohltäter sich bereit, zum +Beispiel die ihm zu setzende Bildsäule selber zu bezahlen. Aber nicht +dasselbe gilt von den Ehrenbezeugungen, welche die Gemeinde vornehmen +Ausländern, vor allem den Statthaltern und den Kaisern wie den Gliedern +des kaiserlichen Hauses erwies. Die Richtung der Zeit auf Wertschätzung +auch der inhaltlosen und obligaten Huldigung beherrschte den +kaiserlichen Hof und die römischen Senatoren nicht so wie die Kreise +des kleinstädtischen Ehrgeizes, aber doch auch in sehr fühlbarer Weise; +und selbstverständlich wuchsen die Ehren und die Huldigungen einmal im +Laufe der Zeit durch die ihnen eigene Vernutzung, und ferner in +demselben Maß, wie die Geringhaltigkeit der regierenden oder an der +Regierung beteiligten Persönlichkeiten. Begreiflicherweise war in +dieser Hinsicht das Angebot immer stärker als die Nachfrage und +diejenigen, die solche Huldigungen richtig würdigten, um davon +verschont zu bleiben, genötigt, sie abzuwehren, was im einzelnen Fall +oft genug ^40, aber konsequenterweise selten geschehen zu sein scheint +- für Tiberius darf die geringe Anzahl der ihm errichteten Bildsäulen +vielleicht unter seinen Ruhmestiteln verzeichnet werden. Die Ausgaben +für Ehrendenkmäler, die oft weit über die einfache Statue hinausgingen, +und für Ehrengesandtschaften ^41 sind ein Krebsschaden gewesen und +immer mehr geworden an dem Gemeindehaushalt aller Provinzen. Aber keine +wohl hat im Verhältnis zu ihrer geringen Leistungsfähigkeit so große +Summen unnütz aufgewandt wie die Provinz von Hellas, das Mutterland wie +der Festsieger- so auch der Gemeindeehren und in einem Prinzipat in +dieser Zeit unübertroffen, in dem der Bedientendemut und untertänigen +Huldigung. + +————————————————————— + +^40 Kaiser Gaius zum Beispiel verbittet sich in seinem Schreiben an den +Landtag von Achaia die “große Zahl” der ihm zuerkannten Bildsäulen und +begnügt sich mit den vier von Olympia, Nemea, Delphi und dem Isthmos +(Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Derselbe Landtag +beschließt, dem Kaiser Hadrian in jeder seiner Städte eine Bildsäule zu +setzen, von welchen die Basis der in Abea in Messenien aufgestellten +sich erhalten hat (CIG 1307). Kaiserliche Autorisation ist für solche +Setzungen von jeher gefordert worden. + +^41 Bei der Revision der Stadtrechnungen von Byzantion fand Plinius, +daß jährlich 12000 Sesterzen (2500 Mark) für den dem Kaiser und 3000 +Sesterzen (650 Mark) für den dem Statthalter von Mösien durch eine +besondere Deputation zu überreichenden Neujahrsglückwunsch angesetzt +waren. Plinius weist die Behörden an, diese Glückwünsche fortan nur +schriftlich einzusenden, was Traian billigt (ep. ad Trai. 43, 44). + +————————————————————— + +Daß die wirtschaftlichen Zustände Griechenlands nicht günstig waren, +braucht kaum noch besonders ausgeführt zu werden. Das Land, im ganzen +genommen, ist nur von mäßiger Fruchtbarkeit, die Ackerfluren von +beschränkter Ausdehnung, der Weinbau auf dem Kontinent nicht von +hervorragender Bedeutung, mehr die Kultur der Olive. Da die Brüche des +berühmten Marmors, des glänzend weißen attischen wie des grünen +karystischen, wie die meisten übrigen zum Domanialbesitz gehörten, kam +deren Ausbeutung durch die kaiserlichen Sklaven der Bevölkerung wenig +zugute. + +Die gewerbfleißigste der griechischen Landschaften war die der Achäer, +wo die seit langem bestehende Fabrikation von Wollenstoffen sich +behauptete und in der wohlbevölkerten Stadt Patrae zahlreiche +Spinnereien den feinen elischen Flachs zu Kleidern und Kopfnetzen +verarbeiteten. Die Kunst und das Kunsthandwerk blieben auch jetzt noch +vorzugsweise den Griechen, und von den Massen besonders pentelischen +Marmors, welche die Kaiserzeit verbraucht hat, muß ein nicht geringer +Teil an Ort und Stelle verarbeitet worden sein. Überwiegend aber übten +die Griechen beide im Ausland; von dem früher so bedeutenden Export des +griechischen Kunstgewerbes ist in dieser Zeit wenig die Rede. Den +regsten Verkehr hatte die Stadt der beiden Meere, Korinth, die allen +Hellenen gemeinsame, stets von Fremden wimmelnde Metropole, wie ein +Redner sie bezeichnet. In den beiden römischen Kolonien Korinth und +Patrae, und außerdem in dem stets von schauenden und lernenden +Ausländern gefüllten Athen konzentrierte sich das größere +Bankiergeschäft der Provinz, welches in der Kaiserzeit wie in der +republikanischen zum großen Teil in den Händen dort ansässiger Italiker +lag. Auch in Plätzen zweiten Ranges, wie in Argos, Elis, Mantineia im +Peloponnes, bilden die ansässigen römischen Kaufleute eigene, neben der +Bürgerschaft stehende Genossenschaften. Im allgemeinen lag in Achaia +Handel und Verkehr darnieder, namentlich seit Rhodos und Delos +aufgehört hatten, Stapelplätze für den Zwischenverkehr zwischen Asien +und Europa zu sein und dieser sich nach Italien gezogen hatte. Die +Piraterie war gebändigt und auch die Landstraßen wohl leidlich sicher +^42; aber damit kehrte die alte glückliche Zeit noch nicht zurück. Der +Verödung des Peiräeus wurde schon gedacht; es war ein Ereignis, wenn +eines der großen ägyptischen Getreideschiffe sich einmal dorthin +verirrte. Nauplia, der Hafen von Argos, nach Patrae der bedeutendsten +Küstenstadt des Peloponnes, lag ebenso wüst ^43. + +———————————————————————— + +^42 Daß die Landstraßen in Griechenland besonders unsicher gewesen +seien, erfahren wir nicht; der Aufstand in Achaia unter Pius (vita 5, +4) ist seiner Art nach völlig dunkel. Wenn der Räuberhauptmann +überhaupt - nicht eben gerade der griechische - in der geringen +Literatur der Epoche eine hervorragende Rolle spielt, so ist dies +Vehikel den schlechten Romanschreibern aller Zeiten gemein. Das +euböische Ödland des feineren Dion ist nicht ein Räubernest, sondern es +sind die Trümmer einer großen Gutswirtschaft, deren Inhaber seines +Reichtums wegen vom Kaiser verurteilt worden ist und die seitdem wüst +liegt. Übrigens zeigt sich hier, was freilich wenigstens für +Nicht-Gelehrte keines Beweises bedarf, daß diese Geschichte gerade +ebenso wahr ist wie die meisten, welche damit anfangen, daß der +Erzähler sie selbst von dem Beteiligten habe; wäre die Konfiskation +historisch, so würde der Besitz an den Fiskus gekommen sein, nicht an +die Stadt, welche der Erzähler denn auch sich wohl hütet zu nennen. + +^43 Des ägyptischen Kaufmanns aus Constantius Zeit naive Schilderung +Achaias mag hier noch Platz finden: “Das Land Achaia, Griechenland und +Lakonien hat viel Gelehrsamkeit, aber für die übrigen Bedürfnisse ist +es unzulänglich: denn es ist eine kleine und gebirgige Provinz und kann +nicht viel Getreide liefern, erzeugt aber etwas Öl und den attischen +Honig, und kann mehr wegen der Schulen und der Beredsamkeit gepriesen +werden, nicht aber so in den meisten übrigen Beziehungen. Von Städten +hat es Korinth und Athen. Korinth hat viel Handel und ein schönes +Gebäude, das Amphitheater, Athen aber die alten Bilder (historias +antiquas) und ein erwähnenswertes Werk, die Burg, wo viele Bildsäulen +stehen und wunderbar die Kriegstaten der Vorfahren darstellen (ubi +multis statuis stantibus mirabile est videre dicendum antiquorum +bellum). Lakonien soll allein den Marmor von Krokeae aufzuweisen haben, +den man den lakedämonischen nennt.” Die Barbarei des Ausdrucks kommt +nicht auf Rechnung des Schreibers, sondern auf die des viel späteren +Übersetzers. + +———————————————————————— + +Dem entspricht es, daß für die Straßen dieser Provinz in der Kaiserzeit +so gut wie nichts geschehen ist; römische Meilensteine haben sich nur +in der nächsten Nähe von Patrae und von Athen gefunden und auch diese +gehören den Kaisern aus dem Ende des dritten und dem vierten +Jahrhundert; offenbar haben die früheren Regierungen darauf verzichtet, +hier Kommunikationen herzustellen. Nur Hadrian unternahm es, wenigstens +die so wichtige wie kurze Landverbindung zwischen Korinth und Megara +über den schlimmen skironischen Klippenpaß durch gewaltige, ins Meer +geworfene Dämme zu einer fahrbaren Straße zu machen. + +Der seit langem verhandelte Plan, die korinthische Landenge zu +durchstechen, den der Diktator Caesar aufgefaßt hatte, ist späterhin +erst von Kaiser Gaius, dann von Nero in Angriff genommen worden. +Letzterer hat sogar bei seinem Aufenthalt in Griechenland persönlich zu +dem Kanal den ersten Stich getan und eine Reihe von Monaten hindurch +6000 jüdische Kriegsgefangene an demselben arbeiten lassen. Bei den in +unseren Tagen wieder aufgenommenen Durchsticharbeiten sind bedeutende +Reste dieser Bauten zum Vorschein gekommen, welche zeigen, daß die +Arbeiten ziemlich weit vorgeschritten waren, als man sie abbrach, +wahrscheinlich nicht infolge der einige Zeit nachher im Westen +ausbrechenden Revolution, sondern weil man hier, eben wie bei dem +ähnlichen ägyptischen Kanal, infolge des irrigerweise vorausgesetzten +verschiedenen Höhestandes der beiden Meere bei Vollendung des Kanals +den Untergang der Insel Aegina und weiteres Unheil befürchtete. +Freilich würde dieser Kanal, wenn er vollendet worden wäre, wohl den +Verkehr zwischen Asien und Italien abgekürzt haben, aber Griechenland +selbst nicht vorwiegend zugute gekommen sein. + +Daß die Landschaften nördlich von Hellas, Thessalien und Makedonien +und, wenigstens seit Traian, auch Epirus, in der Kaiserzeit +administrativ von Griechenland getrennt wurden, ist schon bemerkt +worden. Von diesen hat die kleine epirotische Provinz, die von einem +kaiserlichen Statthalter zweiten Ranges verwaltet wurde, sich niemals +von der Verwüstung erholt, welche im Verlauf des Dritten makedonischen +Krieges über sie ergangen war. Das bergige und arme Binnenland besaß +keine namhafte Stadt und eine dünn gesäte Bevölkerung. Die nicht minder +verödete Küste war Augustus zu heben bemüht durch eine doppelte +Städteanlage, durch die Vollendung der schon von Caesar beschlossenen +Kolonie römischer Bürger in Buthrotum, Kerkyra gegenüber, die indes zu +keiner rechten Blüte gelangte, und durch die Gründung der griechischen +Stadt Nikopolis an eben der Stelle, wo vor der Aktischen +Entscheidungsschlacht das Hauptquartier gestanden hatte, an dem +südlichsten Punkte von Epirus, anderthalb Stunden nördlich von Prevesa, +nach Augustus’ Absicht zugleich ein dauerndes Denkmal des großen +Seesiegs und der Mittelpunkt neu aufblühenden hellenischen Lebens. +Diese Gründung ist in ihrer Art als römische neu. + +An Ambrakias Statt und des amphilochischen Argos, + +an Thyreions und an Anaktorions Statt, + +auch an Leukas Statt und was von Städten noch ringsum + +rasend des Ares Speer weiter zu Boden gestreckt, + +gründet die Siegsstadt Caesar, die heilige, also dem König + +Phoebos Apollon mit ihr dankend den aktischen Sieg. + +Diese Worte eines gleichzeitigen griechischen Dichters sprechen einfach +aus, was Augustus hier getan hat: das ganze umliegende Gebiet, das +südliche Epirus, die gegenüberliegende Landschaft Akarnanien mit der +Insel Leukas, selbst einen Teil von Ätolien vereinigte er zu einem +Stadtgebiet und siedelte die in den dort vorhandenen, verkümmernden +Ortschaften noch übrigen Bewohner über nach der neuen Stadt Nikopolis, +der gegenüber auf dem akarnanischen Ufer der alte Tempel des aktischen +Apollon in prachtvoller Weise erneuert und erweitert ward. Eine +römische Stadt ist nie in dieser Weise gegründet worden; dies ist der +Synoekismos der Alexandriden. Ganz in derselben Weise haben König +Kassandros die makedonischen Städte Thessalonike und Kassandreia, +Demetrios der Städtebezwinger die thessalische Stadt Demetrias, +Lysimachos die Stadt Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersones aus +einer Anzahl umliegender, ihrer Selbständigkeit entkleideter +Ortschaften zusammengelegt. Dem griechischen Charakter der Gründung +entsprechend sollte Nikopolis nach der Absicht seines Stifters eine +griechische Großstadt werden ^44. Sie erhielt Freiheit und Autonomie +wie Athen und Sparta und sollte, wie bereits angegeben ward, in der das +gesamte Hellas vertretenden Amphiktyonie den fünften Teil der Stimmen +führen und zwar, wie Athen, ohne mit anderen Städten zu wechseln. Das +neue aktische Apolloheiligtum war völlig nach dem Muster von Olympia +eingerichtet, mit einem Vierjahrfest, das selbst den Namen des +olympischen neben dem eigenen führte, gleichen Rang und gleiche +Privilegien, auch seine Aktfaden wie jenes seine Olympiaden hatte ^45; +die Stadt Nikopolis verhielt sich dazu wie die Stadt Elis zu dem +olympischen Tempel ^46. Sorgfältig ward bei der städtischen Einrichtung +sowohl wie bei den religiösen Ordnungen alles eigentlich Italische +vermieden, so nahe es lag, die mit der Reichsbegründung so innig +verknüpfte Siegesstadt in römischer Weise zu gestalten. Wer die +Augustischen Ordnungen in Hellas im Zusammenhang erwägt und namentlich +diesen merkwürdigen Schlußstein, wird sich der Überzeugung nicht +verschließen können, daß Augustus eine Reorganisation von Hellas unter +dem Schutz des römischen Prinzipats ausführbar geglaubt hat und hat +ausführen wollen. Die Örtlichkeit wenigstens war dafür wohl gewählt, da +es damals, vor der Gründung von Patrae, an der ganzen griechischen +Westküste keine größere Stadt gab. Aber was Augustus im Anfang seiner +Alleinherrschaft hoffen mochte, hat er nicht erreicht, vielleicht +selbst schon späterhin aufgegeben, als er Patrae die Form der römischen +Kolonie gab. Nikopolis blieb, wie die ausgedehnten Ruinen und die +zahlreichen Münzen beweisen, verhältnismäßig bevölkert und blühend ^47, +aber seine Bürger scheinen weder im Handel und Gewerbe noch anderweitig +hervorragend eingegriffen zu haben. Das nördliche Epirus, welches, +ähnlich wie das angrenzende, zu Makedonien gelegte Illyricum, zum +größeren Teil von albanesischen Völkerschaften bewohnt war und nicht +unter Nikopolis gelegt ward, ist in der Kaiserzeit in seinen +einigermaßen noch heute fortbestehenden primitiven Verhältnissen +verblieben. “Epirus und Illyricum”, sagt Strabon, “ist zum großen Teil +eine Einöde; wo sich Menschen finden, wohnen sie in Dörfern und in +Trümmern früherer Städte; auch das” - im Mithradatischen Kriege von den +Thrakern verwüstete - “Orakel von Dodona ist erloschen wie das übrige +alles.” ^48 + +—————————————————————————- + +^44 Wenn Tacitus (arm. 5, 10) Nikopolis eine colonia Romana nennt, so +ist das zwar mißverständlich, aber nicht gerade unrichtig, irrig aber +des Plinius (nat. 4, 1, 5) colonia Augusti Actium cum .. . civitate +libera Nicopolitana, da Aktion Stadt so wenig gewesen ist wie Olympia. + +^45 Ο αγών Ολύμπιος τά Άκτια: Strab. 7, 7, 6, p. 325; Ακτιάς: Ios. bel. +Iud. 1, 20, 4; Ακτιονίκης öfter. Wie die vier großen griechischen +Landesfeste bekanntlich η περίοδος heißen, der in allen vier gekrönte +Sieger, περιοδονίκης, so wird CIG 4472 auch den Spielen von Nikopolis +beigefügt τής περιόδου und jene Periodos als die alte (αρχαία) +bezeichnet. Wie die Wettspiele öfter ισολύμπια heißen, so findet sich +auch αγών ισάκτιος (CIG 4472) oder certamen ad exemplar Actiacae +religionis (Tac. ann. 15, 23). + +^46 So nennt sich ein Nikopolit άρχων τής ιεράς Ακτιακής βουλής +(Delphi; Rheinisches Museum N. F. 2, 1843, S. 111), wie in Elis es +heißt η πόλις Ηλείων καί η Ολυμπική βουλή (Archäologische Zeitung 34, +1876, S. 57; ähnlich daselbst 35, 1877, S. 40 und 41 und sonst). +übrigens erhielten die Spartaner, als die einzigen an dem Aktischen +Siege mitbeteiligten Hellenen, die Leitung (επιμέλεια) der Aktischen +Spiele (Strab. 7, 7, 6, p. 325); ihr Verhältnis zu der βουλή Ακτιακή +von Nikopolis kennen wir nicht. + +^47 Die Schilderung seines Verfalls in der Zeit des Constantius (Paneg. +11, 9) beweist für die frühere Kaiserzeit vielmehr das Gegenteil. + +^48 Die Ausgrabungen in Dodona haben dies bestätigt; alle Fundstücke +gehören der vorrömischen Epoche an, mit Ausnahme einiger Münzen. +Allerdings hat ein Restaurationsbau stattgefunden, dessen Zeit sich +nicht bestimmen läßt; vielleicht ist er ganz spät. Wenn Hadrian, der +Ζεύς Δωδωναίος genannt wird (CIG 1822), Dodona besucht hat (Dürr, +Reisen Hadrians, S. 56), so tat er es als Archäologe. Eine Befragung +des Orakels in der Kaiserzeit wird nur, und auch nicht in +glaubwürdigster Weise, berichtet von Kaiser Julian (Theodoretus hist. +eccl. 3, 21). + +—————————————————————————- + +Thessalien, an sich eine rein hellenische Landschaft so gut wie Ätolien +und Akarnanien, war in der Kaiserzeit administrativ von der Provinz +Achaia getrennt und stand unter dem Statthalter von Makedonien. Was von +Nordgriechenland gilt, trifft auch auf Thessalien zu. Die Freiheit und +Autonomie, welche Caesar den Thessalern allgemein zugestanden oder +vielmehr nicht entzogen hatte, scheint ihnen wegen Mißbrauchs von +Augustus genommen worden zu sein, so daß späterhin nur Pharsalos diese +Rechtsstellung behalten hat ^49; römische Kolonisten sind in der +Landschaft nicht angesiedelt worden. Ihren besonderen Landtag in Larisa +behielt sie, und auch die städtische Selbstverwaltung ist, wie den +abhängigen Griechen in Achaia, so den Thessalern geblieben. Thessalien +ist weitaus die fruchtbarste Landschaft der ganzen Halbinsel und führte +noch im vierten Jahrhundert Getreide aus; nichtsdestoweniger sagt Dion +von Prusa, daß auch der Peneios durch wüstes Land fließe, und es ist in +der Kaiserzeit in dieser Landschaft nur in sehr geringem Umfang gemünzt +worden. Um die Herstellung von Landstraßen haben Hadrian und Diocletian +sich bemüht, aber auch, soviel wir sehen, von den römischen Kaisern sie +allein. + +—————————————————————————- + +^49 Die Verfügung Caesars bezeugen Appian (civ. 2, 88) und Plutarch +(Caes. 48), und sie stimmt zu seinem eigenen Bericht (civ. 3, 80) recht +gut; dagegen nennt Plinius (nat. 4, 8, 29) nur Pharsalos als freie +Stadt. Zu Augustus’ Zeit wurde ein vornehmer Thessaler Petraeos +(wahrscheinlich der Caesarianer, civ. 3, 35) lebendig verbrannt (Plut. +praec. ger. reip. 19), ohne Zweifel nicht durch ein Privatverbrechen, +sondern nach Beschluß des Landtags, und es wurden die Thessaler vor das +Kaisergericht gestellt (Suet. Tib. 8). Vermutlich gehören beide +Vorgänge und ebenso der Verlust der Freiheit zusammen. + +—————————————————————————- + +Makedonien als römischer Verwaltungsbezirk der Kaiserzeit ist, +verglichen mit dem Makedonien der Republik, wesentlich verkleinert. +Allerdings reicht es wie dieses von Meer zu Meer, indem die Küste +sowohl des Ägäischen Meeres von der zu Makedonien gehörigen Landschaft +Thessalien an bis zur Mündung des Nestos (Mesta), wie auch die des +Adriatischen vom Aoos ^50 bis zum Drilon (Drin) diesem Distrikt +zugerechnet wurden; das letztere Gebiet, nicht eigentlich +makedonisches, sondern illyrisches Land, aber schon in republikanischer +Zeit dem Statthalter Makedoniens zugewiesen, ist auch in der Kaiserzeit +bei der Provinz geblieben. Aber daß Griechenland südlich vom Oeta davon +getrennt ward, wurde schon gesagt. Die Nordgrenze gegen Mösien und die +Ostgrenze gegen Thrakien blieben zwar insofern unverändert, als die +Provinz in der Kaiserzeit so weit reichte, wie auch das eigentliche +Makedonien der Republik gereicht hatte, das heißt nördlich etwa bis zum +Tal des Erigon, östlich bis zum Flusse Nestos; aber wenn in +republikanischer Zeit die Dardaner und die Thraker und sämtliche dem +makedonischen Gebiet benachbarte Völkerschaften des Nordens und des +Nordostens in ihren friedlichen wie in ihren kriegerischen Berührungen +mit diesem Statthalter zu tun hatten und insofern gesagt werden konnte, +daß die makedonische Grenze so weit reiche wie die römischen Lanzen, so +gebot der makedonische Statthalter der Kaiserzeit nur über den ihm +angewiesenen, nirgends mehr mit halb oder ganz unabhängigen Nachbarn +grenzenden Bezirk. Da der Grenzschutz zunächst auf das in römische +Botmäßigkeit gelangte Thrakerreich und bald auf den Statthalter der +neuen Provinz Mösien überging, so wurde der von Makedonien seines +Kommandos von vornherein enthoben. Es ist auch auf makedonischem Boden +in der Kaiserzeit kaum gefochten worden; nur die barbarischen Dardaner +am oberen Axios (Vardar) brandschatzten zuweilen noch die friedliche +Nachbarprovinz. Auch von örtlichen Auflehnungen wird aus dieser Provinz +nichts berichtet. + +————————————————————————————— + +^50 In der Zeit der Republik scheint Skodra zu Makedonien gehört zu +haben; in der Kaiserzeit sind dies und Lissus dalmatische Städte und +macht die Grenze an der Küste die Mündung des Drin. + +————————————————————————————— + +Von den südlicheren griechischen Landschaften entfernt sich diese +nördlichste sowohl in dem nationalen Fundament wie in der Stufe der +Zivilisation. Wenn die eigentlichen Makedonier an dem Unterlauf des +Haliakmon (Vistritza) und des Axios (Vardar) bis zum Strymon ein +ursprünglich griechischer Stamm sind, dessen Verschiedenheit von den +südlicheren Hellenen für die gegenwärtige Epoche keine Bedeutung mehr +hat, und wenn die hellenische Kolonisation beide Küsten in ihren Kreis +hineingezogen hat, im Westen mit Apollonia und Dyrrhachion, im Osten +namentlich mit den Ortschaften der Halbinsel Chalkidike, so ist dagegen +das Binnenland der Provinz von einem Gewimmel ungriechischer Völker +erfüllt, das von den heutigen Zuständen auf dem gleichen Gebiet mehr in +seinen Elementen als in seinem Ergebnis sich unterschieden haben wird. +Nachdem die bis in diese Gegend vorgedrungenen Kelten, die Skordisker, +von den Feldherren der römischen Republik zurückgedrängt worden waren, +teilten sich in das innere Makedonien insbesondere illyrische Stämme im +Westen und Norden, thrakische im Osten. Von beiden ist schon früher +gesprochen worden; hier kommen sie nur insofern in Betracht, als die +griechische Ordnung, wenigstens die städtische, bei diesen Stämmen wohl +wie in der früheren ^51 so auch in der Kaiserzeit nur in beschränktem +Maße eingeführt worden ist. Überall ist ein energischer Zug städtischer +Entwicklung nie durch das makedonische Binnenland gegangen, die +entlegeneren Landschaften sind wenigstens der Sache nach kaum über die +Dorfwirtschaft hinausgekommen. + +——————————————————————————— + +^51 Die städtischen Gründungen in diesen Gegenden außerhalb des +eigentlichen Makedoniens tragen ganz den Charakter eigentlicher +Kolonien: so die von Philippi im Thrakerland und besonders die von +Derriopos in Paeonien (Liv. 39 53), für welchen letzteren Ort auch die +spezifisch makedonischen Politarchen inschriftlich bezeugt sind. +Inschrift vom Jahre 197 n. Chr.: τών περί Αλεξάνδρον Φιλίππου εν +Δερριόπω πολιταρχών (Duchesne und Bayet, Mission au mont Athos, S. +103). + +——————————————————————————— + +Die griechische Politie selbst ist in diesem Königsland nicht so wie in +dem eigentlichen Hellas aus sich selber erwachsen, sondern durch die +Fürsten eingeführt worden, die mehr Hellenen waren als ihre Untertanen. +Welche Gestalt sie gehabt hat, ist wenig bekannt; doch läßt die in +Thessalonike, Edessa, Lete gleichmäßig wiederkehrende, anderswo nicht +begegnende Stadtvorstandschaft der Politarchen auf eine merkliche und +ja auch an sich wahrscheinliche Verschiedenheit der makedonischen +Stadtverfassung von der sonst in Hellas üblichen schließen. Die +griechischen Städte, welche die Römer vorfanden, haben ihre +Organisation und ihre Rechte behalten, die bedeutendste derselben, +Thessalonike, auch die Freiheit und die Autonomie. Es bestand ein Bund +und ein Landtag (κοινόν) der makedonischen Städte, ähnlich wie in +Achaia und Thessalien. Erwähnung verdient als ein Zeugnis für die +nachwirkende Erinnerung der alten großen Zeit, daß noch in der Mitte +des dritten Jahrhunderts nach Christus der Landtag von Makedonien und +einzelne makedonische Städte Münzen geprägt haben, auf denen der Kopf +und der Name des regierenden Kaisers durch den Alexanders des Großen +ersetzt sind. Die ziemlich zahlreichen Kolonien römischer Bürger, +welche Augustus in Makedonien eingerichtet hat, Byllis unweit +Apollonia, Dyrrachium am Adriatischen Meer, an der anderen Küste Dium, +Pella, Cassandrea, in dem eigentlich thrakischen Gebiet Philippi, sind +sämtlich ältere griechische Städte, welche nur eine Anzahl Neubürger +und eine andere Rechtsstellung erhielten, und zunächst ins Leben +gerufen durch das Bedürfnis, die ausgedienten italischen Soldaten, für +die in Italien selbst kein Platz mehr war, in einer zivilisierten und +nicht stark bevölkerten Provinz unterzubringen. Auch die Gewährung des +italischen Rechts erfolgte gewiß nur, um den Veteranen die Ansiedelung +im Ausland zu vergolden. Daß ein Hineinziehen Makedoniens in die +italische Kulturentwicklung niemals beabsichtigt ward, dafür zeugt, von +allem andern abgesehen, daß Thessalonike griechisch und die Hauptstadt +des Landes blieb. Daneben gedieh Philippi, eigentlich eine der nahen +Goldbergwerke wegen angelegte Grubenstadt, von den Kaisern begünstigt +als Stätte der die Monarchie definitiv begründenden Schlacht und wegen +der zahlreichen an derselben beteiligten und nachher dort angesiedelten +Veteranen. Römische, nicht koloniale Gemeindeverfassung hat bereits in +der ersten Kaiserzeit Stobi erhalten, die schon erwähnte nördlichste +Grenzstadt Makedoniens gegen Mösien am Einfluß des Erigon in den Axios, +kommerziell wie militärisch eine wichtige Position und vermutlich schon +in makedonischer Zeit zu griechischer Politie gelangt. + +In wirtschaftlicher Hinsicht ist für Makedonien auch unter den Kaisern +von Staats wegen wenig geschehen; wenigstens tritt eine besondere +Fürsorge derselben für diese nicht unter ihrer eigenen Verwaltung +stehende Provinz nirgends hervor. Um die schon unter der Republik +angelegte Militärstraße quer durch das Land von Dyrrachium nach +Thessalonike, eine der wichtigsten Verkehrsadern des ganzen Reiches, +haben sich, so viel wir wissen, erst die Kaiser des dritten +Jahrhunderts, zuerst Severus Antoninus, wieder bemüht; die ihr +anliegenden Städte Lychnidos am Ochrida-See und Herakleia Lynkestis +(Bitolia) haben nie viel bedeutet. Dennoch war Makedonien +wirtschaftlich besser bestellt als Griechenland. Es übertrifft dasselbe +weitaus an Fruchtbarkeit; wie noch heute die Provinz von Thessalonike +relativ gut bebaut und wohlbevölkert ist, so wird auch in der +Reichsbeschreibung aus Constantius’ Zeit, allerdings als Konstantinopel +schon bestand, Makedonien zu den besonders wohlhabenden Bezirken +gerechnet. Wenn für Achaia und Thessalien unsere die römische Aushebung +betreffenden Dokumente schlechthin versagen, so ist dagegen Makedonien +dabei, namentlich auch für die Kaisergarde, in bedeutendem Umfang, +stärker als die meisten griechischen Landschaften, in Anspruch genommen +worden, wobei freilich die Gewöhnung der Makedonier an den regelmäßigen +Kriegsdienst und ihre vorzügliche Qualifikation für denselben, wohl +auch die relativ geringe Entwicklung des städtischen Wesens in dieser +Provinz in Anschlag zu bringen sind. Thessalonike, die Metropole der +Provinz und deren volkreichste und gewerbreichste Stadt dieser Zeit, +gleichfalls in der Literatur mehrfach vertreten, hat auch in der +politischen Geschichte durch den tapferen Widerstand, den seine +Bürgerin den schrecklichen Zeiten der Goteneinfälle den Barbaren +entgegensetzten, sich einen Ehrenplatz gesichert. + +Wenn Makedonien ein halb griechisches, so war Thrakien ein nicht +griechisches Land. Von dem großen, aber für uns verschollenen +thrakischen Stamm ist früher gesprochen worden. In seinen Bereich ist +der Hellenismus lediglich von außen gelangt; und es wird nicht +überflüssig sein, zunächst rückblickend darzulegen, wie oft der +Hellenismus an die Pforten der südlichsten Landschaft, welche dieser +Stamm inne hatte und die wir noch nach ihm nennen, bis dahin gepocht +und wie wenig er bis dahin im Binnenland erreicht hatte, um deutlich zu +machen, was Rom hier nachzuholen blieb und was es nachgeholt hat. +Zuerst Philippos, der Vater Alexanders, unterwarf Thrakien und gründete +nicht bloß Kalybe in der Nähe von Byzantion, sondern im Herzen des +Landes die Stadt, die seitdem seinen Namen trägt. Alexander, auch hier +der Vorläufer der römischen Politik, gelangte an und über die Donau und +machte diesen Strom zur Nordgrenze seines Reiches; die Thraker in +seinem Heere haben bei der Unterwerfung Asiens nicht die letzte Rolle +gespielt. Nach seinem Tode schien der Hellespont einer der großen +Mittelpunkte der neuen Staatenbildung, das weite Gebiet von dort bis an +die Donau ^52 die nördliche Hälfte eines griechischen Reiches werden zu +sollen, der Residenz des ehemaligen Statthalters von Thrakien, +Lysimachos, der auf dem Thrakischen Chersones neugegründeten Stadt +Lysimacheia eine ähnliche Zukunft zu winken wie den Residenzen der +Marschälle von Syrien und Ägypten. Indes es kam dazu nicht; die +Selbständigkeit dieses Reiches überdauerte den Fall seines ersten +Herrschers (473 281) nicht. In dem Jahrhundert, welches von da bis auf +die Begründung der Vormachtstellung Roms im Orient verging, versuchten +bald die Seleukiden, bald die Ptolemäer, bald die Attaliden die +europäischen Besitzungen des Lysimachos in ihre Gewalt zu bringen, aber +sämtlich ohne dauernden Erfolg. Das Reich von Tylis im Haemus, welches +die Kelten nicht lange nach dem Tode Alexanders, ungefähr gleichzeitig +mit ihrer bleibenden Niederlassung in Kleinasien, im +mösisch-thrakischen Gebiet gegründet hatten, vernichtete die Saat +griechischer Zivilisation in seinem Bereich und erlag selber während +des Hannibalischen Krieges den Angriffen der Thraker, die diese +Eingedrungenen bis auf den letzten Mann ausrotteten. Seitdem gab es in +Thrakien eine führende Macht überhaupt nicht; die zwischen den +griechischen Küstenstädten und den Fürsten der einzelnen Stämme +bestehenden Verhältnisse, die ungefähr denen vor Alexander entsprechen +mochten, erläutert die Schilderung, die Polybios von der bedeutendsten +dieser Städte gibt: wo die Byzantier gesät haben, da ernten die +thrakischen Barbaren, und es hilft gegen diese weder das Schwert noch +das Geld; schlagen die Bürger einen der Fürsten, so fallen dafür drei +andere in ihr Gebiet, und kaufen sie einen ab, so verlangen fünf mehr +den gleichen Jahrzins. Dem Bestreben der späteren makedonischen +Herrscher, in Thrakien wieder festen Fuß zu fassen und namentlich die +griechischen Städte der Südküste in ihre Gewalt zu bringen, traten die +Römer entgegen, teils um Makedoniens Machtentwicklung überhaupt +niederzuhalten, teils um nicht die wichtige, nach dem Orient führende +“Königsstraße”, diejenige, auf der Xerxes nach Griechenland, die +Scipionen gegen Antiochos marschierten, in ihrer ganzen Ausdehnung in +makedonische Hand kommen zu lassen. Schon nach der Schlacht bei +Kynoskephalae wurde die Grenzlinie ungefähr so gezogen, wie sie seitdem +geblieben ist. öfter versuchten die beiden letzten makedonischen +Herrscher, sich dennoch in Thrakien sei es geradezu festzusetzen, sei +es dessen einzelne Fürsten durch Verträge an sich zu knüpfen; der +letzte Philippos hat sogar Philippopolis abermals gewonnen und +Besatzung hineingelegt, die die Odrysen freilich bald wieder +vertrieben. Zu dauernder Festsetzung gelangte weder er noch sein Sohn, +und die nach der Auflösung Makedoniens den Thrakern von Rom eingeräumte +Selbständigkeit zerstörte, was dort etwa von hellenischen Anfängen noch +übrig sein mochte. Thrakien selbst wurde zum Teil schon in +republikanischer, entschiedener in der Kaiserzeit römisches +Lehnsfürstentum, dann im Jahre 46 n. Chr. römische Provinz; aber die +Hellenisierung des Landes war nicht hinausgekommen über den Saum +griechischer Pflanzstädte, welcher in frühester Zeit sich auch um diese +Küste gelegt hatte, und im Lauf der Zeit eher gesunken als gestiegen. +So mächtig und bleibend die makedonische Kolonisation den Osten +ergriffen, so schwach und vergänglich hat sie Thrakien berührt; Philipp +und Alexander selbst scheinen die Ansiedelungen in diesem Lande +widerwillig vorgenommen und geringgeschätzt zu haben ^53. Bis weit in +die Kaiserzeit hinein ist das Land den Eingeborenen, sind die an der +Küste übriggebliebenen, fast alle heruntergekommenen Griechenstädte +ohne griechisches Hinterland geblieben. + +—————————————————————————— + +^52 Daß auch für Lysimachos die Donau Reichsgrenze war, geht hervor aus +Paus. 1,9,6. + +^53 Kalybe bei Byzantion entstand nach Strabon (7, 6, 2, p. 320) +Φιλίππου τού Αμύντου τούς πονηρατότους ενταύθα ιδρύσαντος. +Philippopolis soll sogar nach dem Bericht Theopomps (fr. 122 Müller) +als Πονηρόπολις gegründet sein und die entsprechenden Kolonisten +empfangen haben. Wie wenig Vertrauen diese Angaben auch verdienen, so +drücken sie doch in ihrem Zusammentreffen den Botany-Bay-Charakter +dieser Gründungen aus. + +—————————————————————————— + +Dieser von der makedonischen Grenze an bis zum Taurischen Chersonesos +sich erstreckende Kranz hellenischer Städte ist sehr ungleich +geflochten. Im Süden ist er dicht geschlossen von Abdera an bis nach +Byzantion an den Dardanellen; doch hat keine dieser Städte in späterer +Zeit eine hervorragende Bedeutung gehabt, mit Ausnahme von Byzantion, +das durch die Fruchtbarkeit seines Gebietes, die einträgliche +Thunfischerei, die ungemein günstige Handelslage, den Gewerbefleiß und +die durch die exponierte Lage nur gesteigerte und gestählte Tüchtigkeit +seiner Bürger auch den schwersten Zeiten der hellenischen Anarchie zu +trotzen gewußt hatte. Bei weitem dürftiger hatte die Ansiedlung sich an +der Westküste des Schwarzen Meeres entwickelt; an der später zur +römischen Provinz Thrakien gehörigen war nur Mesembria von einiger +Bedeutung, an der später mösischen Odessos (Varna) und Tomis +(Küstendsche). Jenseits der Donaumündung und der römischen Reichsgrenze +an dem Nordgestade des Pontus lagen mitten im Barbarenland Tyra ^54 und +Olbia; weiterhin machten die alten und großen griechischen Kaufstädte +auf der heutigen Krim, Herakleia oder Chersonesos und Pantikapäon, +einen stattlichen Schlußstein. Alle diese Ansiedlungen genossen des +römischen Schutzes, seit die Römer überhaupt die Vormacht auf dem +griechisch-asiatischen Kontinent geworden waren, und der starke Arm, +der das eigentliche hellenische Land oft schwer traf, verhinderte hier +wenigstens Katastrophen wie die Zerstörung von Lysimacheia. Die +Beschützung dieser Griechen gehörte in republikanischer Zeit zu den +Obliegenheiten teils des Statthalters von Makedonien, teils des von +Bithymen, seit auch dies römisch war; Byzantion ist später bei +Bithynien geblieben ^55. Im übrigen ging in der Kaiserzeit nach +Einrichtung der Statthalterschaft von Mösien und später derjenigen von +Thrakien die Schutzleistung auf diese über. + +——————————————————————— + +^54 Doch reicht die nördliche bessarabische Linie, die vielleicht +römisch ist, bis nach Tyra. + +^55 Daß Byzantion noch in traianischer Zeit unter dem Statthalter von +Bithynien stand, folgt aus Plin. ep. ad Trai. 43. Aus den Gratulationen +der Byzantier an die Legaten von Mösien kann die ihrer Lage nach kaum +mögliche Zugehörigkeit zu dieser Statthalterschaft nicht geschlossen +werden; die Beziehungen zu dem Statthalter von Mösien erklären sich aus +den Handelsverbindungen der Stadt mit den mösischen Hafenplätzen. Daß +Byzanz auch im Jahre 53 unter dem Senat stand, also nicht zu Thrakien +gehörte, geht aus Tacitus ann. 12, 62 hervor. Zugehörigkeit zu +Makedonien unter der Republik bezeugt Cicero (Pis. 35, 86; prov. 4, 6) +nicht, da die Stadt damals frei war. Diese Freiheit scheint, wie bei +Rhodos, oft gegeben und oft genommen zu sein. Cicero, a. a. O., spricht +sie ihr zu; im Jahre 53 ist sie tributpflichtig; Plinius (nat. 4, 11, +46) führt sie als freie Stadt auf; Vespasian entzieht ihr die Freiheit +(Suet. Vesp. 8). + +——————————————————————— + +Schutz und Gunst gewährte diesen Griechen Rom von jeher; aber um die +Ausdehnung des Hellenismus hat weder die Republik noch die frühere +Kaiserzeit sich bemüht ^56. Nachdem Thrakien römisch geworden war, ist +es in Landkreise eingeteilt worden ^57; und bis fast an das Ende des +ersten Jahrhunderts ist dort keine Stadtanlage zu verzeichnen, mit +Ausnahme zweier Pflanzstädte des Claudius und des Vespasianus, Apri im +Binnenland, nicht weit von Perinthos, und Deultus an der nördlichsten +Küste ^58. Domitian hat damit begonnen, griechische Stadtverfassung im +Binnenland einzuführen, zuerst für die Landeshauptstadt Philippopolis. +Unter Traianus erhielten eine Reihe anderer thrakischer Ortschaften das +gleiche Stadtrecht: Topeiros unweit Abdera, Nikopolis am Nestos, +Plotinopolis am Hebros, Pautalia bei Köstendil, Serdica jetzt Sofia, +Augusta Traiana bei Alt-Zagora, ein zweites Nikopolis am nördlichen +Abhang des Haemus ^59 außerdem an der Küste Traianopolis an der +Hebrosmündung; ferner unter Hadrian Adrianopolis, das heutige +Adrianopel. Alle diese Städte waren nicht Kolonien von Ausländern, +sondern nach dem von Augustus in dem epirotischen Nikopolis +aufgestellten Muster zusammengefaßte, griechisch organisierte Poliden; +es war eine Zivilisierung und Hellenisierung der Provinz von oben +herab. Ein thrakischer Landtag bestand seitdem in Philippopolis ebenso +wie in den eigentlich griechischen Landschaften. Dieser letzte Trieb +des Hellenismus ist nicht der schwächste. Das Land ist reich und +anmutig - eine Münze der Stadt Pautalia preist den vierfachen Segen der +Ähren, der Trauben, des Silbers und des Goldes; und Philippopolis sowie +das schöne Tal der Tundja sind die Heimat der Rosenzucht und des +Rosenöls - und die Kraft des thrakischen Schlages war nicht gebrochen. +Es entwickelte sich hier eine dichte und wohlhabende Bevölkerung; der +starken Aushebung in Thrakien wurde schon gedacht und in der Tätigkeit +der städtischen Münzstätten stehen für diese Epoche wenige Gebiete +Thrakien gleich. Als Philippopolis im Jahre 251 den Goten erlag, soll +es hunderttausend Einwohner gezählt haben. Auch die energische +Parteinahme der Byzantier für den Kaiser des griechischen Ostens, +Pescennius Niger, und der mehrjährige Widerstand, den die Stadt noch +nach dessen Untergang dem Sieger entgegenstellte, zeigen die Mittel und +den Mut dieser thrakischen Städter. Wenn die Byzantier auch hier +unterlagen und sogar eine Zeitlang ihr Stadtrecht einbüßten, so sollte +bald die durch den Aufschwung des thrakischen Landes sich vorbereitende +Zeit eintreten, wo Byzantion das neue hellenische Rom und die +Hauptresidenz des umgewandelten Reiches ward. + +—————————————————————————- + +^56 Dies verbürgt das Fehlen von Münzen der thrakischen Binnenstädte, +welche nach Metall und Stil in die ältere Zeit gesetzt werden könnten. +Daß eine Anzahl thrakischer, besonders odrysischer Fürsten zum Teil +schon in recht früher Zeit geprägt haben, beweist nur, daß sie über +Küstenplätze mit griechischer oder halbgriechischer Bevölkerung +geboten. Ebenso wird auch zu urteilen sein über die ganz vereinzelt +stehenden Tetradrachmen der “Thraker” (A. v. Sallet in Zeitschrift für +Numismatik 3, 1876, S. 241). + +Auch die im thrakischen Binnenland gefundenen Inschriften sind +durchgängig aus römischer Zeit. Das in Bessapara, jetzt Tatar +Bazardjik, westlich von Philippopolis, von Dumont (Inscriptions de la +Thrace, S. 7) gefundene Dekret einer nicht genannten Stadt wird +freilich in gute makedonische Zeit gesetzt, aber nur nach dem Charakter +der Schrift, welcher vielleicht trügt. + +^57 Die fünfzig Strategien Thrakiens (Plin. nat. 4,11, 40; Ptol. geogr. +3, 11, 6) sind nicht Militärbezirke, sondern, wie dies namentlich bei +Ptolemaeos deutlich hervortritt, Landkreise, die sich mit den Stämmen +decken (στρατηγίη Μαιδική, Βεσσική u.s.w.) und Gegensatz zu den Städten +bilden. Die Bezeichnung στρατηγός hat, ebenso wie praetor, ihren +ursprünglich militärischen Wert später eingebüßt. Hier liegt wohl +zunächst die Analogie von Ägypten zu Grunde, das ebenso in Stadtgebiete +unter städtischen Magistraten und in Landkreise unter Strategen +zerfiel. Ein στρατηγός περί Πέρινθον aus römischer Zeit: Eph. epigr. +II, p. 252. + +^58 In Deultus, der colonia Flavia Pacis Deultensium, wurden Veteranen +der 8. Legion versorgt (CIL VI, 3828). Flaviopolis auf dem Chersones, +das alte Coela, ist gewiß nicht Kolonie gewesen (Plin, nat. 4, 11, 47), +sondern gehört zu der eigenartigen Ansiedelung des Kaisergesindes auf +diesem Domanialbesitz (Eph. epigr. V, p. 82). + +^59 Diese Stadt Νικόπολις η περί Αίμων des Ptolemaeos (geogr. 3, 11, +7), Νικόπολις πρός Ίστρον der Münzen, das heutige Nikup an der Jantra, +gehört geographisch zu Untermösien und, wie die Statthalternamen der +Münzen zeigen, seit Severus auch administrativ; aber nicht bloß führt +Ptolemaeos es bei Thrakien auf, sondern die Fundorte der hadrianischen +Terminalsteine (CIL III, 736, vgl. p. 992) scheinen es ebenfalls zu +Thrakien zu stellen. Da diese griechische Binnenstadt weder zu den +lateinischen Stadtgemeinden Untermösiens noch zu dem κοινόν des +mösischen Pontus paßte, ist sie bei der ersten Ordnung der Verhältnisse +dem κοινόν der Thraker zugewiesen worden. Später muß sie freilich einem +oder dem andern jener mösischen Verbände angeschlossen worden sein. + +—————————————————————————- + +In der benachbarten Provinz Untermösien hat sich, freilich in +geringerem Maße, eine ähnliche Entwicklung vollzogen. Die griechischen +Küstenstädte, deren Metropole wenigstens in römischer Zeit Tomis war, +wurden, wahrscheinlich bei Konstituierung der römischen Provinz Mösien, +zusammengefaßt als “Fünfstädtebund des linken Ufers des Schwarzen +Meeres” oder, wie er auch sich nennt, “der Griechen”, das heißt der +Griechen dieser Provinz. Später ist als sechste Stadt die unweit der +Küste an der thrakischen Grenze von Traian angelegte und gleich den +thrakischen griechisch geordnete Stadt Markianopolis diesem Bund +angeschlossen worden ^60. Daß die Lagerstädte am Donauufer und +überhaupt die im Binnenland von Rom ins Leben gerufenen Ortschaften +nach italischem Muster eingerichtet wurden, ist früher bemerkt worden; +Untermösien ist die einzige durch die Sprachgrenze durchschnittene +römische Provinz, indem der tomitanische Städtebund dem griechischen, +die Donaustädte wie Durostorum und Oescus dem lateinischen Sprachgebiet +angehören. Im übrigen gilt von diesem mösischen Städtebund wesentlich +das gleiche, was über Thrakien bemerkt ward. Wir haben eine Schilderung +von Tomis aus den letzten Jahren des Augustus, freilich von einem dahin +zur Strafe Verbannten, aber sicher im wesentlichen getreu. Die +Bevölkerung besteht zum größeren Teil aus Geten und Sarmaten; sie +tragen, wie die Daker auf der Traianssäule, Pelze und Hosen, langes +flatterndes Haar und den Bart ungeschoren, erscheinen auf der Straße zu +Pferde und mit dem Bogen bewaffnet, den Köcher auf der Schulter, das +Messer im Gürtel. Die wenigen Griechen, die unter ihnen sich finden, +haben die barbarische Sitte angenommen mit Einschluß der Hosen und +wissen ebensogut oder besser getisch als griechisch sich auszudrücken; +der ist verloren, der sich nicht auf getisch verständlich machen kann, +und kein Mensch versteht ein Wort lateinisch. Vor den Toren hausen +räuberische Scharen der verschiedensten Völker und ihre Pfeile fliegen +nicht selten über die schützende Stadtmauer; wer seinen Acker zu +bestellen wagt, der tut es mit Lebensgefahr, und pflügt bewaffnet - war +doch um die Zeit von Caesars Diktatur bei dem Zuge des Burebista die +Stadt den Barbaren in die Hände gefallen und wenige Jahre, bevor jener +Verbannte nach Tomis kam, während der dalmatisch-pannonischen +Insurrektion über diese Gegend abermals die Kriegsfurie hingebraust. Zu +diesen Erzählungen passen die Münzen und die Inschriften derselben +Stadt insofern wohl, als die Metropole des linkspontischen Städtebundes +in der vorrömischen Zeit kein Silber geschlagen hat, was manche andere +dieser Städte taten, und daß überhaupt Münzen wie Inschriften aus der +Zeit vor Traian nur vereinzelt begegnen. Aber im 2. und 3. Jahrhundert +ist sie umgewandelt und kann ziemlich mit demselben Recht eine Gründung +Traians heißen wie das ebenfalls rasch zu bedeutender Entwicklung +gelangte Markianopolis. Die früher erwähnte Sperrung in der Dobrudscha +diente zugleich als Schutzmauer für die Stadt Tomis. Hinter dieser +bluten daselbst Handel und Schiffahrt auf. Es gab in der Stadt eine +Genossenschaft alexandrinischer Kaufleute mit ihrer eigenen +Serapiskapelle ^61; in munizipaler Freigebigkeit und munizipaler +Ambition steht die Stadt hinter keiner griechischen Mittelstadt zurück; +zweisprachig ist sie auch jetzt noch, aber in der Weise, daß neben der +auf den Münzen immer festgehaltenen griechischen Sprache hier an der +Grenze der beiden Reichssprachengebiete auch die lateinische vielfach +selbst auf öffentlichen Denkmälern angewendet wird. + +——————————————————————————- + +^60 Das κοινόν τής Πενταπόλεως findet sich auf einer Inschrift von +Odessos (CIG 2056 c) die füglich der früheren Kaiserzeit angehören +kann, die pontische Hexapolis auf zwei Inschriften von Tomis +wahrscheinlich des 2. Jahrhunderts n. Chr. (Marquardt, Römische +Staatsverwaltung, Bd. 1, z. Aufl., S. 305; Hirschfeld in +Archäologisch-epigraphische Mittheilungen 6, 1882, S. 22). Die +Hexapolis muß auf jeden Fall und danach wahrscheinlich auch die +Pentapolis, mit den römischen Provinzialgrenzen in Einklang gebracht +werden, das heißt die griechischen Städte Untermösiens in sich +schließen. Diese finden sich auch, wenn man den sichersten Führern, den +Münzen der Kaiserzeit, folgt. Münzstätten (von Nikopolis abgesehen, +Anm. 59) gibt es in Untermösien sechs: Istros, Tomis, Kallatis, +Dionysopolis, Odessos und Markianopolis, und da die letzte Stadt von +Traian gegründet ward, so erklärt sich damit zugleich die Pentapolis. +Tyra und Olbia haben schwerlich dazu gehört; wenigstens zeigen die +zahlreichen und redseligen Denkmäler der letzteren Stadt nirgends eine +Anknüpfung an diesen Städtebund. Κοινόν τών Ελλήνων heißt derselbe auf +einer Inschrift von Tomis, welche ich hier wiederhole, da sie nur in +der athenischen Pandora vom 1. Juni 1868 gedruckt ist: Αγαθή τύχη. Κατά +τά δόξαντα τή κρατήστη βουλή καί τώ λαμπροτάτω δήμω τής λαμπροτάτης +μετροπόλεως καί α τοί επονύμου Πόντου Τόμεως τόν Ποντάρχην Πρείσκιον +Αννιανόν άρξαντα τοί κοινού τών Ελλήνων καί τής μετροπόλεως τήν α' +αρχήν αγνώς, καί αρχιερασάμενον, τήν διόπλων κυνεγησίων ενδόξως +φιλοτειμίαν μή διαλιπόντα, αλλά καί βουλευτήν καί τών πρωτευόντων +Φλαβίας Νέας πόλεως, καί τήν αρχιέρειαν σύμβιον αυτού Ιουλίαν +Απολαίστην πάσης τειμής χάρειν. + +^61 Das zeigt die merkwürdige Inschrift bei Allard, La Bulgarie +Orientale. Paris 1863, S. 263: Θεώ μεγάλω Σαραπ{ίδι καί} τοίς συνναίοις +θεοίς καί τώ αυτοκράτορι Τ. Αιλίω Αδριανώ Αντωνείνω Σεβαστώ Ευσεβεί καί +Μ. Αυρηλίω Ουήρω Καίσαρι Καρπίων Ανουβίωνος τώ οικώ Αλεξανδρέων τόν +βωμόν εκ τών ιδίων ανέθηκεν έτους κγ' μηνός Φαρμουθί α' επί ιερέων +Κορνουτου τού καί Σαραπίωνος Πολύμνου τού καί Λονγείνου. Die +Schiffergilde von Tomis begegnet mehrfach in den Inschriften der Stadt. + +——————————————————————————- + +Jenseits der Reichsgrenze, zwischen der Donaumündung und der Krim, +hatte der griechische Kaufmann die Küste wenig besiedelt; es gab hier +nur zwei namhafte griechische Städte, beide von Miletos aus in ferner +Zeit gegründet, Tyra an der Mündung des gleichnamigen Flusses, des +heutigen Dnjestr, und Olbia an dem Busen, in welchen der Borysthenes +(Dnjepr) und der Hypanis (Bug) fallen. Die verlorene Stellung dieser +Hellenen unter den sie umdrängenden Barbaren in der Diadochenzeit +sowohl wie während der Vorherrschaft der römischen Republik ist früher +geschildert worden. Die Kaiser brachten Hilfe. Im Jahre 56, also in dem +musterhaften Anfang der Neronischen Regierung, ist Tyra zur Provinz +Mösien gezogen worden. Von dem entfernteren Olbia besitzen wir eine +Schilderung aus traianischer Zeit ^62: die Stadt blutete noch aus ihren +alten Wunden; die elenden Mauern umschlossen gleich elende Häuser und +das damals bewohnte Quartier füllte einen kleinen Teil des alten +ansehnlichen Stadtringes, von dem einzelne übriggebliebene Türme weit +hinaus auf dem wüsten Felde standen; in den Tempeln gab es kein +Götterbild, das nicht die Spuren der Barbarenfäuste trug; die Bewohner +hatten ihr Hellenentum nicht vergessen, aber sie trugen und schlugen +sich nach Art der Skythen, mit denen sie täglich im Gefecht lagen. +Ebenso oft wie mit griechischen nennen sie sich mit skythischen Namen, +das heißt mit denen der den Iraniern verwandten sarmatischen Stämme +^63; ja im Königshause selbst ward Sauromates ein gewöhnlicher Name. +Ihr Fortbestehen selbst hatten diese Städte wohl weniger der eigenen +Kraft zu danken als dem guten Willen oder vielmehr dem eigenen +Interesse der Eingeborenen. Die an dieser Küste sitzenden +Völkerschaften waren weder imstande, den auswärtigen Handel aus eigenen +Emporien zu führen, noch mochten sie ihn entbehren; in den hellenischen +Küstenstädten kauften sie Salz, Kleidungstücke, Wein, und die +zivilisierteren Fürsten schützten einigermaßen die Fremden gegen die +Angriffe der eigentlichen Wilden. Die früheren Regenten Roms müssen +Bedenken getragen haben, den schwierigen Schutz dieser entlegenen +Niederlassung zu übernehmen; dennoch sandte Pius, als die Skythen sie +wieder einmal belagerten, ihnen römische Hilfstruppen und zwang die +Barbaren, Frieden zu bieten und Geiseln zu stellen. Durch Severus, von +dem an Olbia Münzen mit dem Bildnis der römischen Herrscher schlug, muß +die Stadt dem Reiche geradezu einverleibt worden sein. +Selbstverständlich erstreckte sich diese Annektierung nur auf die +Stadtgebiete selbst und ist nie daran gedacht worden, die barbarischen +Umwohner Tyras und Olbias unter das römische Szepter zu bringen. Es ist +schon bemerkt worden, daß diese Städte die ersten waren, welche, +vermutlich unter Alexander ( † 235), dem beginnenden Gotensturm +erlagen. + +—————————————————————————— + +^62 Das stets bekriegte und oft zerstörte Olbia erlitt nach der Angabe +Dios (Borysth. p. 75 R.) etwa 150 Jahre vor seiner Zeit das heißt etwa +vor dem Jahre 100 n. Chr., also wahrscheinlich bei dem Zug des +Burebista, die letzte und schwerste Eroberung (τήν τελευταίαν καί +μεγίστην άλωσιν). Είλον δέ, fährt Dion fort, καί ταύτην Γέται καί τας +αλλας τάς εν τοίς αριστεροίς τού Πόντου πόλεις μέχρι Απολλωνίας +(Sozopolis oder Sizebolu, die letzte namhafte Griechenstadt an der +pontischen Westküste) όθεν δή καί σφόδρα ταπεινά τά πράγματα κατέστη +τών ταύτη Ελλήνων, τών μέν ουκέτι συοικισθείσων πόλεων, τών δέ φαύλως +καί τών πλείστων βαρβάρων εις αυτάς συρρυέντων. Der junge vornehme +Stadtbürger ausgeprägter ionischer Physiognomie, dem Dion dann +begegnet, welcher zahlreiche Sarmaten erschlagen oder gefangen hat, und +zwar den Phokylides nicht kennt, aber den Homer auswendig weiß, trägt +Mantel und Hosen nach Skythenart und das Messer im Gurt. Die +Stadtbürger alle tragen langes Haar und langen Bart und nur einer +beides geschoren, was ihm als Zeichen serviler Haltung gegen die Römer +verdacht wird. Also ein Jahrhundert später sah es dort ganz so aus, wie +Ovidius Tomis schildert. + +^63 Ganz gewöhnlich heißt der Vater skythisch, der Sohn griechisch, +oder auch umgekehrt; zum Beispiel verzeichnet eine unter oder nach +Traian gesetzte Inschrift von Olbia (CIG 2074) sechs Strategen: M. +Ulpius Pyrrhus Sohn des Arseuaches, Demetrios Sohn des Xessagaros, +Zoilos Sohn des Arsakes, Badakes Sohn des Radanpson, Epikrates Sohn des +Koxuros, Ariston Sohn des Vargadakes. + +—————————————————————————— + +Wenn auf dem Kontinent im Norden des Pontus die Griechen sich nur +spärlich angesiedelt hatten, so war die große, aus dieser Küste +vorspringende Halbinsel, der Taurische Chersonesos, die heutige Krim, +seit langem zum großen Teil in ihren Händen. Getrennt durch die +Gebirge, welche die Taurier innehatten, waren die beiden Mittelpunkte +der griechischen Niederlassung auf ihr am westlichen Ende die dorische +freie Stadt Herakleia oder Chersonesos (Sevastopol), am östlichen das +Fürstenrum von Pantikapäon oder Bosporus (Kertsch). König Mithradates +hatte auf der Höhe seiner Macht beide vereinigt und hier sich ein +zweites Nordreich gegründet, das dann nach dem Zusammenbruch seiner +Herrschaft als einziger Überrest derselben seinem Sohn und Mörder +Pharnakes verblieb. Als dieser während des Krieges zwischen Caesar und +Pompeius versuchte, die väterliche Herrschaft in Kleinasien wieder zu +gewinnen, hatte Caesar ihn besiegt und ihn auch des Bosporanischen +Reiches verlustig erklärt. In diesem hatte inzwischen der von Pharnakes +daselbst zurückgelassene Statthalter Asandros dem König den Gehorsam +aufgekündigt, in der Hoffnung, durch diesen Caesar erwiesenen Dienst +selbst das Königtum zu erlangen. Als Pharnakes nach der Niederlage in +sein Bosporanisches Reich zurückkam, bemächtigte er zwar zunächst sich +wieder seiner Hauptstadt, unterlag aber schließlich und fiel tapfer +fechtend in der letzten Schlacht, als Soldat wenigstens seinem Vater +nicht ungleich. Um die Nachfolge stritten Asandros, der tatsächlich +Herr des Landes war, und Mithradates von Pergamon, ein tüchtiger +Offizier Caesars, den dieser mit dem bosporanischen Fürstenrum belehnt +hatte; beide suchten zugleich Anlehnung an die bisher im Bosporus +herrschende Dynastie und den großen Mithradates, indem Asandros sich +mit der Tochter des Pharnakes, Dynamis, vermählte, Mithradates, einem +pergamenischen Bürgerhaus entsprossen, ein Bastardsohn des großen +Mithradates Eupator zu sein behauptete, sei es nun, daß dieses Gerede +die Auswahl bestimmte, sei es, daß es zur Rechtfertigung der Auswahl in +Umlauf gesetzt ward. Da Caesar selbst zunächst durch wichtigere +Aufgaben in Anspruch genommen war, so entschieden zwischen dem +legitimen und dem illegitimen Caesarianer die Waffen, und zwar wieder +zu Gunsten des letzteren; Mithradates fiel im Gefecht und Asandros +blieb Herr im Bosporus. Er vermied es anfänglich, ohne Zweifel, weil +ihm die Bestätigung des Lehnsherrn fehlte, sich den Königsnamen +beizulegen, und begnügte sich mit dem auch von den älteren Fürsten von +Pantikapäon geführten Archontentitel; aber bald, wahrscheinlich noch +von Caesar selbst, erwirkte er die Bestätigung seiner Herrschaft und +den königlichen Titel ^64. Bei seinem Tode (737/38 17/16) hinterließ er +sein Reich der Gemahlin Dynamis. So stark war immer noch die Macht der +Erbfolge und des Mithradatischen Namens, daß sowohl ein gewisser +Scribonianus, der zunächst Asandros’ Stelle einzunehmen versuchte, wie +nach ihm der König Polemon von Pontus, dem Augustus das Bosporanische +Reich zusprach, mit der Übernahme der Herrschaft ein Ehebündnis mit der +Dynamis verbanden; überdies behauptete jener, selber ein Enkel des +Mithradates zu sein, während König Polemon bald nach dem Tode der +Dynamis eine Enkelin des Antonius und somit eine Verwandte des +Kaiserhauses heiratete. Nach seinem frühen Tode - er fiel im Kampfe +gegen die Aspurgianer an der asiatischen Küste - folgten seine +unmündigen Kinder ihm nicht und auch seinem gleichnamigen Enkel, den +Kaiser Gaius trotz seines Knabenalters im Jahre 38 in die beiden +Fürstenrömer seines Vaters wieder einsetzte, blieb das bosporanische +nicht lange. An seiner Stelle berief Kaiser Claudius einen wirklichen +oder angeblichen Nachkommen des Mithradates Eupator, und diesem Hause +ist, wie es scheint, das Fürstenrum von da an verblieben ^65. + +——————————————————————— + +^64 Da Asandros sein Archontat wahrscheinlich schon von seinem Abfall +von Pharnakes, also vom Sommer des Jahres 707 (47) gezählt hat und +bereits im vierten Jahre seiner Regierung den Königstitel annimmt, so +kann dieses Jahr füglich auf Herbst 709/710 (45/44) gesetzt werden, die +Bestätigung also von Caesar erfolgt sein. Antonius kann sie nicht wohl +erteilt haben, da er erst Ende 712 (42) nach Asien kam; noch weniger +ist an Augustus zu denken, den Pseudo-Lukianos (macrob. 15) nennt, +Vater und Sohn verwechselnd. + +^65 Mithradates den Claudius im Jahre 41 zum König des Bosporus machte, +führte sein Geschlecht auf Eupator zurück (Dio 60, 8; Tac. ann. 12, 18) +und ihm folgte sein Bruder Kotys (Tac. a. a. O.). Ihr Vater heißt +Aspurgos (CIG II, p. 95), braucht aber darum kein Aspurgianer (Strab. +11, 2, 19, p. 415) gewesen zu sein. Von einem späteren Dynastiewechsel +wird nicht berichtet; König Eupator in Pius Zeit (Lukian. Alex. 57; +vita Pii 9) weist auf das gleiche Haus. Wahrscheinlich haben übrigens +diese späteren bosporanischen Könige so wie die uns nicht einmal dem +Namen nach bekannten nächsten Nachfolger Polemons auch zu den +Polemoniden in verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden, wie denn der +erste Polemon selbst eine Enkelin des Eupator zur Frau gehabt hatte. +Die thrakischen Königsnamen, wie Kotys und Rhaskuporis, die in dem +bosporanischen Königshaus gewöhnlich sind, knüpfen wohl an den +Schwiegersohn des Polemon, den thrakischen König Kotys, an. Die +Benennung Sauromates, welche seit dem Ende des 1. Jahrhunderts häufig +auftritt, ist ohne Zweifel durch Verschwägerung mit sarmatischen +Fürstenhäusern aufgekommen, beweist aber natürlich nicht, daß ihre +Träger selber Sarmaten waren. Wenn Zosimos (hist. 1, 31) den nach +Erlöschendes alten Königsgeschlechts zur Regierung gelangten geringen +und unwürdigen Fürsten die Schuld daran zuschreibt, daß die Goten unter +Valerian auf bosporanischen Schiffen ihre Piratenzüge ausführen +konnten, so mag das seine Richtigkeit haben und zunächst Phareanses +gemeint sein, von dem es Münzen aus den Jahren 254 und 255 gibt. Aber +auch diese sind mit dem Bildnis des römischen Kaisers bezeichnet, und +später finden sich wieder die alten Geschlechtsnamen (alle +bosporanischen Könige sind Tiberii Iulii) und die alten Beinamen wie +Sauromates und Rhaskuporis. Im ganzen genommen sind die alten +Traditionen wie die römische Schutzherrschaft auch damals hier noch +festgehalten worden. + +——————————————————————— + +Während im römischen Staat sonst das Klientelfürstentum nach dem +Ausgang der ersten Dynastie schwindet und seit Traianus das Prinzip des +unmittelbaren Regiments im ganzen Umfang des Römischen Reiches +durchgeführt ist, bestand das bosporanische Königtum unter römischer +Oberherrschaft bis in das vierte Jahrhundert hinein. Erst nachdem der +Schwerpunkt des Reiches nach Konstantinopel verlegt war, ging dieser +Staat in das Hauptreich auf ^66, um dann bald von diesem aufgegeben +und, wenigstens zum größeren Teil, die Beute der Hunnen zu werden ^67. +Indes ist der Bosporus der Sache nach mehr eine Stadt als ein +Königreich gewesen und geblieben und hat mehr Ähnlichkeit mit den +Stadtbezirken von Tyra und Olbia als mit den Königreichen Kappadokien +und Numidien. Auch hier haben die Römer nur die hellenische Stadt +Pantikapäon geschützt und Grenzerweiterung und Unterwerfung des +Binnenlandes so wenig erstrebt wie in Tyra und Olbia. Zu dem Gebiet des +Fürsten von Pantikapäon gehörten zwar die griechischen Ansiedlungen von +Theudosia auf der Halbinsel selbst und Phanagoria (Taman) auf der +gegenüberliegenden asiatischen Küste, aber Chersonesos nicht ^68 oder +nur etwa wie Athen zum Sprengel des Statthalters von Achaia. Die Stadt +hatte von den Römern die Autonomie erhalten und sah in dem Fürsten den +nächsten Beschützer, nicht den Landesherrn; sie hat auch in der +Kaiserzeit als freie Stadt niemals weder mit Königs- noch mit +Kaiserstempeln geprägt. Auf dem Kontinent stand nicht einmal die Stadt, +welche die Griechen Tanais nennen, ein lebhaftes Emporium an der +Mündung des Don, aber schwerlich eine griechische Gründung, dauernd +unter der Botmäßigkeit der römischen Lehnsfürsten ^69. Von den mehr +oder minder barbarischen Stämmen auf der Halbinsel selbst und an der +europäischen und asiatischen Küste südlich vom Tanais befanden sich +wohl nur die nächsten in festem Abhängigkeitsverhältnis ^70. + +——————————————————————— + +^66 Die letzte bosporanische Münze ist vom Jahre 631 der +Archämenidenära, 335 n. Chr.; sicher hängt dies zusammen mit der eben +in dieses Jahr fallenden Einsetzung des Neffen Konstantins L, +Hanniballianus, zum “König”, obwohl dies Königtum hauptsächlich das +östliche Kleinasien umfaßte und zur Residenz Caesa rea in Kappadokien +hatte. Nachdem in der blutigen Katastrophe nach Konstantins Tode dieser +König und sein Königtum zugrunde gegangen war, steht der Bosporus +unmittelbar unter Konstantinopel. + +^67 Noch im Jahre 366 war der Bosporus in römischem Besitz (Amm. 26, +10, 6); bald nachher müssen die Griechen am Nordufer des Schwarzen +Meeres sich selbst überlassen worden sein, bis dann Justinian die +Halbinsel wieder besetzte (Prok. Goth. 4, 5). In der Zwischenzeit ging +Pantikapäon in den Hunnenstürmen zugrunde. + +^68 Die Münzen der Stadt Chersonesos aus der Kaiserzeit haben die +Aufschrift Χερσονήσου ελευθέρας, einmal sogar βασιλευούσης, und weder +Königs- noch Kaisernamen oder Kopf (A. v. Sauet in Zeitschrift für +Numismatik 1, 1874, S. 27; 4, 1877, S. 273). Die Unabhängigkeit der +Stadt dokumentiert sich auch darin, daß sie nicht minder als die Könige +des Bosporus in Gold münzt. Da die Ära der Stadt richtig auf das Jahr +36 v. Chr. bestimmt scheint (CIG 8621), in welchem ihr, vermutlich von +Antonius, die Freiheit verliehen ward, so ist die vom Jahre 109 +datierte Goldmünze der “regierenden Stadt” im Jahre 75 n. Chr. +geschlagen. + +^69 Nach Strabons Darstellung (11, 2, 11, p. 495) stehen die Herren von +Tanais selbständig neben denen von Pantikapäon und hängen die Stämme +südlich vom Don bald von diesen, bald von jenen ab; wenn er hinzufügt, +daß manche der pantikapäischen Fürsten bis zum Tanais geboten, und +namentlich die letzten, Pharnakes, Asandros, Polemon, so scheint dies +mehr Ausnahme als Regel. In der Anm. 70 angeführten Inschrift stehen +die Tanaiten unter den untertänigen Stämmen und eine Reihe von +tanaitischen Inschriften bestätigen dies für die Zeit von Marcus bis +Gordian; aber die Ελληνες καί Ταναείται neben den άρχαντες Ταναειτών +und den öfter genannten Ελληνάρχαι bestätigen, daß die Stadt auch +damals eine nicht griechische blieb. + +^70 In der einzigen lebendigen Erzählung aus der bosporanischen +Geschichte, die wir besitzen, der des Tacitus (arm. 12, 15-21) von den +beiden rivalisierenden Brüdern Mithradates und Kotys, stehen die +benachbarten Stämme, die Dandariden Shaker, Aorser unter eigenen, von +dem römischen Fürsten von Pantikapäon nicht rechtlich abhängigen +Herren. + +In der Titulatur pflegen die älteren pantikapaeischen Fürsten sich +Archonten des Bosporus, das heißt von Pantikapäon, und von Theudosia +und Könige der Sinder und sämtlicher Maiter und anderer nicht +griechischer Völkerschaften zu nennen. Ebenso nennt die meines Wissens +unter den Königsinschriften der römischen Epoche älteste den Aspurgos, +Sohn des Asandrochos (Stephani, Comptes rendus de la commission pour +1866, S. 128) βασιλεύοντα παντός Βοσπόρου. Θεοδοσίης καί Σίνδων καί +Μαιτών καί Τορετών Ψήσων τε καί Ταναειτών. Θηοστάσαντα Σκύθας καί +Ταυρούς. Auf den Umfang des Gebietes wird aus der vereinfachten +Titulatur kein Schluß gezogen werden dürfen. + +In den Inschriften der späteren Zeit findet sich einmal unter Traian +die wohl adulatorische Titulatur βασιλεύς βασιλέων μέγας τού πάντος +Βοσπόρου(CIG 2123). Die Münzen kennen überhaupt von Asandros an keinen +Titel als βασιλεύς, während doch Pharnakes sich βασιλεύς βασιλέων μέγας +nennt. Ohne Zweifel ist dies Einwirkung der römischen Suzeränität, mit +der sich ein über andere Fürsten gesetzter Lehnsfürst nicht recht +vertrug. + +——————————————————————— + +Das Gebiet von Pantikapäon war zu ausgedehnt und besonders für den +kaufmännischen Verkehr zu wichtig, um, wie Olbia und Tyra, der +Verwaltung wechselnder Gemeindebeamten und eines weit entfernten +Statthalters überlassen zu werden; deshalb wurde es erblichen Fürsten +anvertraut, was weiter sich dadurch empfahl, daß es nicht geraten +scheinen mochte, die mit dieser Landschaft verknüpften Verhältnisse zu +den Umwohnern unmittelbar auf das Reich zu übertragen. Als +Griechenfürsten haben die des bosporanischen Hauses, trotz ihres +achämenidischen Stammbaumes und ihrer achämenidischen Jahreszählung, +sich durchaus empfunden und ihren Ursprung, nach gut hellenischer Art, +auf Herakles und die Eumolpiden zurückgeführt. Die Abhängigkeit dieser +Griechen von Rom, der königlichen in Pantikapäon wie der +republikanischen in Chersonesos, war durch die Natur der Dinge gegeben, +und nie haben sie daran gedacht, gegen den schützenden Arm des Reiches +sich aufzulehnen; wenn einmal unter Kaiser Claudius die römischen +Truppen gegen einen unbotmäßigen Fürsten des Bosporus marschieren +mußten ^71, so hat dagegen diese Landschaft selbst in der entsetzlichen +Verwirrung in der Mitte des 3. Jahrhunderts, welche vorzugsweise sie +traf, von dem Reich, auch von dem zerfallenden, niemals gelassen ^72. +Die wohlhabenden Kaufstädte, inmitten eines barbarischen Völkergewoges +militärischen Schutzes dauernd bedürftig, hielten an Rom wie die +Vorposten an dem Hauptheer. Die Besatzung ist wohl hauptsächlich in dem +Lande selbst aufgestellt worden, und sie zu schaffen und zu führen, war +ohne Zweifel die Hauptaufgabe des Königs des Bosporus. Die Münzen, +welche wegen der Investitur eines solchen geschlagen wurden, zeigen +wohl den kurulischen Sessel und die sonstigen bei solcher Belehnung +üblichen Ehrengeschenke, aber daneben auch Schild, Helm, Degen, +Streitaxt und das Schlachtroß; es war kein Friedensamt, das dieser +Fürst überkam. Auch blieb der erste derselben, den Augustus bestellte, +im Kampf mit den Barbaren, und von seinen Nachfolgern stritt zum +Beispiel König Sauromates, des Rhoemetalkes Sohn, in den ersten Jahren +des Severus mit den Sirakern und den Skythen - vielleicht nicht ganz +ohne Grund hat er seine Münzen mit den Taten des Herakles bezeichnet. +Auch zur See hatte er tätig zu sein, vor allem das auf dem Schwarzen +Meer nie aufhörende Piratenwesen niederzuhalten: jenem Sauromates wird +gleichfalls nachgerühmt, daß er die Taurier zur Ordnung gebracht und +die Piraterie gebändigt habe. Indes lagen auf der Halbinsel auch +römische Truppen, vielleicht eine Abteilung der pontischen Flotte, +sicher ein Detachement der mösischen Armee; bei geringer Zahl zeigte +doch ihre Anwesenheit den Barbaren, daß der gefürchtete Legionär auch +hinter diesen Griechen stand. Noch in anderer Weise schützte sie das +Reich; wenigstens in späterer Zeit sind den Fürsten des Bosporus +regelmäßig Geldsummen aus der Reichskasse gezahlt worden, deren sie +auch insofern bedurften, als das Abkaufen der feindlichen Einfälle +durch stehende Jahrgelder hier, in dem nicht unmittelbaren Reichslande, +wahrscheinlich noch früher stehend geworden ist als anderswo ^73. + +———————————————————————— + +^71 Es war dies der im Jahre 41 von Claudius eingesetzte König +Mithradates, welcher einige Jahre später abgesetzt und durch seinen +Bruder Kotys ersetzt ward; er lebte nachher in Rom und kam in den +Wirren des Vierkaiserjahres um (Plut. Galba 13 u. 15). Indes wird weder +aus den Andeutungen bei Tacitus (ann. 12, 15; vgl. Plin. nat. 6, 5, 17) +noch aus dem (durch Verwechslung der beiden Mithradates von Bosporus +und von Iberien verwirrten) Bericht bei Petrus Patricius (fr. 3) der +Sachverhalt deutlich. Die chersonesitischen Märchen bei dem späten +Constantinus Porphyrogenitus (de adm. imp. c. 53) kommen natürlich +nicht in Betracht. Der böse bosporanische König Sauromates Κρισκονόρου +(nicht Ρησκοπόρου) υιός der mit den Sarmaten gegen Kaiser Diocletianus +und Constantius sowie gegen das reichstreue Cherson Krieg führt, ist +offenbar hervorgegangen aus einer Verwirrung des bosporanischen Königs- +und des Volksnamens und geradeso historisch wie die Variation auf die +Geschichte von David und Goliath, die Erlegung des gewaltigen Königs +der Bosporaner Sauromates durch den kleinen Chersonesiten Pharnakos. +Die Königsnamen allein, zum Beispiel außer den genannten der nach dem +Erlöschen des Geschlechts der Sauromaten eintretende Asandros, genügen. +Die städtischen Privilegien und die Örtlichkeiten der Stadt, zu deren +Erklärung diese Mirabilien erfunden sind, verdienen allerdings +Beachtung. + +^72 Es gibt keine bosporanischen Gold- oder Pseudogoldmünzen ohne den +römischen Kaiserkopf, und es ist dies immer der des vom römischen Senat +anerkannten Herrschers. Daß in den Jahren 263 und 265, wo im Reiche +sonst nach Valerians Gefangennehmung Gallienus offiziell als +Alleinherrscher galt, hier zwei Köpfe auf den Münzen erscheinen, ist +vielleicht nur Unkunde; doch mag der Bosporus damals unter den vielen +Prätendenten eine andere Wahl getroffen haben. Die Namen werden in +dieser Zeit nicht beigesetzt und die Bildnisse sind nicht sicher zu +unterscheiden. + +^73 Dies wird man dem Skythen Toxaris in dem unter den lukianischen +stehenden Dialog (c. 44) glauben dürfen; im übrigen erzählt er nicht +bloß μύθοις όμοια, sondern eben einen Mythos, dessen Könige Leukanor +und Eubiotos die Münzen begreiflicherweise nicht kennen. + +———————————————————————— + +Daß die Zentralisierung des Regiments auch diesem Fürsten gegenüber zur +Anwendung kam und er nicht viel anders zu dem römischen Caesar stand +wie der Bürgermeister von Athen, tritt vielfach hervor; Erwähnung +verdient, daß König Asandros und die Königin Dynamis Goldmünzen mit +ihrem Namen und ihrem Bildnis schlugen, dagegen dem König Polemon und +seinen nächsten Nachfolgern wohl die Goldprägung blieb, da dieses +Gebiet sowie die anwohnenden Barbaren seit langem ausschließlich an +Goldcourant gewöhnt waren, aber sie veranlaßt wurden, ihre Goldstücke +mit dem Namen und dem Bilde des regierenden Kaisers zu versehen. +Ebenfalls seit Polemon ist der Fürst dieses Landes zugleich der +Oberpriester auf Lebenszeit des Kaisers und des kaiserlichen Hauses. Im +übrigen behielten die Verwaltung und das Hofwesen die unter Mithradates +eingeführten Formen nach dem Muster des persischen Großkönigtums, +obwohl der Geheimschreiber (αρχιγραμματεύς) und der Oberkammerdiener +(αρχικοιτωνείτης) des Hofes von Pantikapäon zu den vornehmen Hofbeamten +der Großkönige sich verhielten wie der Römerfeind Mithradates Eupator +zu seinem Nachkommen Tiberius Iulius Eupator, der wegen seines Anrechts +an die bosporanische Krone in Rom vor Kaiser Pius Recht nahm. + +Wertvoll blieb dieses nordische Griechenland für das Reich wegen der +Handelsbeziehungen. Wenn auch dieselben in dieser Epoche wohl weniger +bedeuteten als in älterer Zeit ^74, so ist doch der Kaufmannsverkehr +sehr rege geblieben. In der augustischen Zeit brachten die Stämme der +Steppe Sklaven ^75 und Felle, die Kaufleute der Zivilisation +Bekleidungsstücke, Wein und andere Luxusartikel nach Tanais; in noch +höherem Maße war Phanagoria die Niederlage für den Export der +Einheimischen, Pantikapäon für den Import der Griechen. Jene Wirren im +Bosporus in der claudischen Zeit waren für die Kaufleute von Byzanz ein +schwerer Schlag. Daß die Goten ihre Piratenfahrten im dritten +Jahrhundert damit begannen, die bosporanischen Reeder zu unfreiwilliger +Hilfeleistung zu pressen, wurde schon erwähnt. Wohl infolge dieses, den +barbarischen Nachbarn selbst unentbehrlichen Verkehrs haben die Bürger +von Chersonesos noch nach dem Wegziehen der römischen Besatzungen sich +behauptet und konnten späterhin, als in justinianischer Zeit die Macht +des Reiches sich auch nach dieser Richtung hin noch einmal geltend +machte, als Griechen in das griechische Reich zurücktreten. + +———————————————————————— + +^74 In Betreff der Getreideausfuhr verdient die Notiz in dem Bericht +des Plautius Beachtung. + +^75 Auch aus dem Erbieten, einer von den römischen Truppen bedrängten +Ortschaft der Siraker (am Asowschen Meer) 10000 Sklaven zu liefern +(Tac. ann. 12, 17), wird auf einen lebhaften Sklavenimport aus diesen +Gegenden geschlossen werden dürfen. + + + + +KAPITEL VIII. +Kleinasien + + +Die große Halbinsel, welche die drei Meere, das Schwarze, das Ägäische +und Mittelländische, an drei Seiten bespülen, und die gegen Osten mit +dem eigentlichen asiatischen Kontinent zusammenhängt, wird, insoweit +sie zum Grenzgebiet des Reiches gehört, in dem nächsten, das +Euphratgebiet und die römisch-parthischen Beziehungen behandelnden +Abschnitt betrachtet werden. Hier sollen die Friedensverhältnisse +namentlich der westlichen Landschaften unter dem Kaiserregiment +dargelegt werden. + +Die ursprüngliche oder doch vorgriechische Bevölkerung dieser weiten +Strecke hat sich vielerorts in bedeutendem Umfang bis in die Kaiserzeit +hinein behauptet. Dem früher erörterten thrakischen Stamme hat sicher +der größte Teil von Bithynien gehört; Phrygien, Lydien, Kilikien, +Kappadokien zeigen sehr mannigfaltige und schwer zu lösende Überreste +älterer Sprachepochen, die vielfach in die römische Zeit hinabreichen; +fremdartige Götter-, Menschen- und Ortsnamen begegnen überall. Aber so +weit unser Blick reicht, dem freilich das tiefere Eindringen hier +selten gewährt ist, erscheinen diese Elemente nur weichend und +schwindend, wesentlich als Negation der Zivilisation oder, was hier +damit uns wenigstens zusammenzufallen dünkt, der Hellenisierung. Es +wird am geeigneten Platz auf einzelne Gruppen dieser Kategorie +zurückzukommen sein; für die geschichtliche Entwicklung Kleinasiens in +der Kaiserzeit gibt es daselbst nur zwei aktive Nationalitäten, die +beiden zuletzt eingewanderten, in den Anfängen der geschichtlichen Zeit +die Hellenen und während der Wirren der Diadochenzeit die Kelten. + +Die Geschichte der kleinasiatischen Hellenen, soweit sie ein Teil der +römischen ist, ist früher dargelegt worden. In der fernen Zeit, wo die +Küsten des Mittelmeers zuerst befahren und besiedelt wurden und die +Welt anfing unter die vorgeschrittenen Nationen auf Kosten der +zurückgebliebenen aufgeteilt zu werden, hatte die Hochflut der +hellenischen Auswanderung sich zwar über alle Ufer des Mittelländischen +Meeres, aber doch nirgend hin, selbst nicht nach Italien und Sizilien +in so breitem Strom ergossen wie über das Inselreiche Ägäische Meer und +die nahe, hafenreiche, liebliche Küste Vorderasiens. Die +vorderasiatischen Griechen hatten dann selbst vor allen übrigen sich +tätig an der weiteren Welteroberung beteiligt, von Miletos aus die +Küsten des Schwarzen Meeres, von Phokäa und Knidos aus die der Westsee +besiedeln helfen. In Asien ergriff die hellenische Zivilisation wohl +die Bewohner des Binnenlandes, die Myser, Lydier, Karer, Lykier, und +selbst die persische Großmacht blieb von ihr nicht unberührt. Aber die +Hellenen selber besaßen nichts als den Küstensaum, höchstens mit +Einschluß des unteren Laufs der größeren Flüsse, und die Inseln. +Kontinentale Eroberung und eigene Landmacht vermochten sie hier +gegenüber den mächtigen einheimischen Fürsten nicht zu gewinnen; auch +lud das hochgelegene und großenteils wenig kulturfähige Binnenland +Kleinasiens nicht so wie die Küsten zur Ansiedelung ein, und die +Verbindungen dieser mit dem Innern sind schwierig. Wesentlich in Folge +dessen brachten es die asiatischen Hellenen noch weniger als die +europäischen zur inneren Einigung und zur eigenen Großmacht und lernten +früh die Fügsamkeit gegenüber den Herren des Kontinents. Der national +hellenische Gedanke kam ihnen erst von Athen; sie wurden dessen +Bundesgenossen nur nach dem Siege und blieben es nicht in der Stunde +der Gefahr. Was Athen diesen Schutzbefohlenen der Nation hatte leisten +wollen und nicht hatte leisten können, das vollbrachte Alexander; +Hellas mußte er besiegen, Kleinasien sah in dem Eroberer nur den +Befreier. Alexanders Sieg sicherte in der Tat nicht bloß das asiatische +Hellenentum, sondern öffnete ihm eine weite, fast ungemessene Zukunft; +die Besiedelung des Kontinents, welche im Gegensatz der bloß litoralen +dieses zweite Stadium der hellenischen Welteroberung bezeichnet, +ergriff auch Kleinasien in bedeutendem Umfang. Doch von den +Knotenpunkten der neuen Staatenbildung kam keiner nach den alten +Griechenstädten der Küste ^1. Die neue Zeit forderte wie überhaupt neue +Gestaltung, so vor allem auch neue Städte, zugleich griechische +Königsresidenzen und Mittelpunkte bisher ungriechischer und dem +Griechentum zuzuführender Bevölkerungen. Die große staatliche +Entwicklung bewegt sich um die Städte königlicher Gründung und +königlichen Namens, Thessalonike, Antiocheia, Alexandreia. Mit ihren +Herren hatten die Römer zu ringen; den Besitz Kleinasiens gewannen sie +fast durchaus, wie man von Verwandten oder Freunden ein Landgut +erwirbt, durch Vermächtnis im Testament; und wie schwer auf den also +gewonnenen Landschaften zeitweise das römische Regiment gelastet hat, +der Stachel der Fremdherrschaft trat hier nicht hinzu. Eine nationale +Opposition hat wohl der Achämenide Mithradates den Römern in Kleinasien +entgegengestellt und das römische Mißregiment die Hellenen in seine +Arme getrieben; aber diese selbst haben nie etwas Ähnliches +unternommen. Darum ist von diesem großen, reichen, wichtigen Besitz in +politischer Hinsicht wenig zu berichten; um so weniger, als in betreff +der nationalen Beziehungen der Hellenen überhaupt zu den Römern das in +dem vorhergehenden Abschnitt Bemerkte wesentlich auch für die +kleinasiatischen Geltung hat. + +——————————————————————— + +^1 Hätte der Staat des Lysimachos Bestand gehabt, so wäre es wohl +anders gekommen. Seine Gründungen Alexandreia in der Troas und +Lysimacheia, Ephesos-Arsinoe, verstärkt durch die Übersiedelung der +Bewohner von Kolophon und Lebedos, liegen in der bezeichneten Richtung. + +——————————————————————— + +Die römische Verwaltung Kleinasiens wurde nie in systematischer Weise +geordnet, sondern die einzelnen Gebiete so, wie sie zum Reich kamen, +ohne wesentliche Veränderung der Grenzen als römische +Verwaltungsbezirke eingerichtet. Die Staaten, welche König Attalos III. +von Pergamon den Römern vermacht hatte, bilden die Provinz Asia; die +ebenfalls durch Erbgang ihnen zugefallenen des Königs Nikomedes die +Provinz Bithynien; das dem Mithradates Eupator abgenommene Gebiet die +mit Bithynien vereinigte Provinz Pontus. Kreta wurde bei Gelegenheit +des großen Piratenkrieges von den Römern besetzt; Kyrene, das gleich +hier mit erwähnt werden mag, nach dem letzten Willen seines Herrschers +von ihnen übernommen. Derselbe Rechtstitel gab der Republik die Insel +Kypros; hinzu kam hier die notwendige Unterdrückung der Piraterie. +Diese hatte auch zu der Bildung der Statthalterschaft Kilikien den +Grund gelegt; vollständig kam das Land an Rom durch Pompeius mit Syrien +zugleich, und beide sind während des ersten Jahrhunderts +gemeinschaftlich verwaltet worden. All dieser Länderbesitz war bereits +von der Republik erworben. In der Kaiserzeit traten eine Anzahl Gebiete +hinzu, welche früher nur mittelbar zum Reich gehört hatten: im Jahre +729 (25) das Königreich Galatien, mit welchem ein Teil Phrygiens, +Lykaonien, Pisidien, Pamphylien vereinigt worden war; im Jahre 747 (7) +die Herrschaft des Königs Deiotarus, Kastors Sohn, welche Gangra in +Paphlagonien und wahrscheinlich auch Amaseia und andere benachbarte +Orte umfaßte; im Jahre 17 n. Chr. das Königreich Kappadokien; im Jahre +43 das Gebiet der Konföderation der lykischen Städte; im Jahre 63 das +nordöstliche Kleinasien vom Tal des Iris bis zur armenischen Grenze; +Klein-Armenien und einige kleinere Fürstentümer in Kilikien +wahrscheinlich durch Vespasian. Damit war die unmittelbare +Reichsverwaltung in ganz Kleinasien durchgeführt. Lehnsfürstentümer +blieben nur der taurische Bosporus, von. dem schon die Rede war, und +Groß-Armenien, von dem der nächste Abschnitt handeln wird. + +Als bei dem Eintreten des Kaiserregiments die administrative Scheidung +zwischen ihm und dem des Reichsrats getroffen ward, kam das gesamte +kleinasiatische Gebiet, so weit es damals unmittelbar unter dem Reiche +stand, an den letzteren; die Insel Kypros, die anfangs unter +kaiserliche Verwaltung gelangt war, ging ebenfalls wenige Jahre später +an den Senat über. So entstanden hier die vier senatorischen +Statthalterschaften Asia, Bithynia und Pontus, Kypros, Kreta und +Kyrene. Unter kaiserlicher Verwaltung stand anfangs nur Kilikien als +Teil der syrischen Provinz. Aber die später in unmittelbare +Reichsverwaltung gelangten Gebiete wurden hier wie im ganzen Reich +unter kaiserliche Statthalter gelegt; so ward noch unter Augustus aus +den binnenländischen Landschaften des Galatischen Reiches die Provinz +Galatien gebildet und die Küstenlandschaft Pamphylien einem anderen +Statthalter überwiesen, welchem letzteren unter Claudius weiter Lykien +unterstellt ward. Ferner ward Kappadokien kaiserliche Statthalterschaft +unter Tiberius. Auch blieb natürlich Kilikien, als es eigene +Statthalter erhielt, unter kaiserlicher Verwaltung. Abgesehen davon, +daß Hadrian die wichtige Provinz Bithynien und Pontus gegen die +unbedeutende lykisch-pamphylische eintauschte, blieb diese Ordnung in +Kraft, bis gegen das Ende des 3. Jahrhunderts die senatorische +Mitverwaltung überhaupt bis auf geringe Überreste beseitigt ward. Die +Grenze ward in der ersten Kaiserzeit durchaus durch die +Lehnsfürstentümer gebildet; nach deren Einziehung berührte die +Reichsgrenze, von Kyrene abgesehen, unter allen diesen +Verwaltungsbezirken nur der kappadokische, insofern diesem damals auch +die nordöstliche Grenzlandschaft bis hinauf nach Trapezunt zugeteilt +war ^2; und auch diese Statthalterschaft grenzte nicht mit dem +eigentlichen Ausland, sondern im Norden mit den abhängigen +Völkerschaften am Phasis, weiterhin mit dem von Rechts wegen und +einigermaßen auch tatsächlich zum Reiche gehörigen Lehnskönigtum +Armenien. + +—————————————————————————- + +^2 Nirgends haben die Grenzen der Lehnstaaten und selbst der Provinzen +mehr gewechselt als im nordöstlichen Kleinasien. Die unmittelbare +Reichsverwaltung trat hier für die Landschaften des Königs Polemon, +wozu Zela, Neocaesarea, Trapezus gehörten, im Jahre 63 ein, für +Klein-Armenien, wir wissen nicht genau wann, wahrscheinlich im Anfang +der Regierung Vespasians. Der letzte Lehnskönig von Klein-Armenien, +dessen gedacht wird, ist der Herodeer Aristobulos (Tac. ann. 13, 7; 14, +26; Ios. ant. Iud. 20, 8, 4), der es noch im Jahre 60 besaß; im Jahre +75 war die Landschaft römisch (CIL III, 306), und wahrscheinlich hat +die eine der seit Vespasian in Kappadokien garnisonierenden Legionen +von Anfang an in dem klein-armenischen Satala gestanden. Vespasian hat +die genannten Landschaften so wie Galatien und Kappadokien zu einer +großen Statthalterschaft vereinigt. Am Ende der Domitianischen +Regierung finden wir Galatien und Kappadokien getrennt und die +nordöstlichen Provinzen zu Galatien gelegt. Unter Traian ist zuerst +wiederum der ganze Bezirk in einer Hand, späterhin (Eph. epigr. V, n. +1345) in der Weise geteilt, daß die nordöstliche Küste zu Kappadokien +gehört. Dabei ist es wenigstens insoweit geblieben, daß Trapezunt, und +also auch Klein-Armenien, fortan beständig unter diesem Statthalter +gestanden hat. Also hatte, von einer kurzen Unterbrechung unter +Domitian abgesehen, der Legat von Galatien nichts mit der +Grenzverteidigung zu tun und ist diese, wie es auch in der Sache liegt, +stets mit dem Kommando Kappadokiens und seiner Legionen vereinigt +gewesen. + +—————————————————————————- + +Um von den Zuständen und der Entwicklung Kleinasiens in den drei ersten +Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine Vorstellung zu gewinnen, soweit +dies bei einem aus unserer unmittelbaren geschichtlichen Überlieferung +gänzlich ausfallenden Lande möglich ist, wird bei dem konservativen +Charakter des römischen Provinzialregiments an die älteren +Gebietsteilungen und die Vorgeschichte der einzelnen Landschaften +anzuknüpfen sein. + +Die Provinz Asia ist das alte Reich der Attaliden, Vorderasien bis +nördlich zur bithynischen, südlich zur lykischen Grenze; die anfangs +davon abgetrennten östlichen Striche, das große Phrygien, waren schon +in republikanischer Zeit wieder dazu geschlagen worden, und die Provinz +reichte seitdem bis an die Landschaft der Galater und die pisidischen +Gebirge. Auch Rhodus und die übrigen kleineren Inseln des Ägäischen +Meeres gehörten zu diesem Sprengel. Die ursprüngliche hellenische +Ansiedlung hatte außer den Inseln und der eigentlichen Küste auch die +unteren Täler der größeren Flüsse besetzt; Magnesia am Sipylos im +Hermostal, das andere Magnesia und Tralleis im Tal des Mäandros waren +schon vor Alexander als griechische Städte gegründet oder doch +griechische Städte geworden; die Karer, Lyder, Myser wurden früh +wenigstens zu Halbhellenen. Die eintretende Griechenherrschaft fand in +den Küstenlandschaften nicht viel zu tun; Smyrna, das vor Jahrhunderten +von den Barbaren des Binnenlandes zerstört worden war, erhob sich +damals aus seinen Trümmern, um rasch wieder einer der ersten Sterne des +glänzenden kleinasiatischen Städteringes zu werden; und wenn der +Wiederaufbau von Ilion an dem Grabhügel Hektors mehr ein Werk der +Pietät als der Politik war, so war die Anlage von Alexandreia an der +Küste der Troas von bleibender Bedeutung. Pergamon im Tal des Kaïkos +blühte auf als Residenz der Attaliden. + +In dem großen Werk der Hellenisierung des Binnenlandes dieser Provinz +wetteiferten, Alexanders Intentionen entsprechend, alle hellenischen +Regierungen, Lysimachos, die Seleukiden, die Attaliden. Die einzelnen +Gründungen sind aus unserer Überlieferung noch mehr verschwunden als +die Kriegsläufte der gleichen Epoche; wir sind hauptsächlich angewiesen +auf die Namen und die Beinamen der Städte; aber auch diese genügen, um +die allgemeinen Umrisse dieser Jahrhunderte hindurch sich fortsetzenden +und dennoch homogenen und zielbewußten Tätigkeit zu erkennen. Eine +Reihe binnenländischer Ortschaften, Stratonikeia in Karien, Peltae, +Blaundos, Dokimeion, Kadoi in Phrygien, die Mysomakedonier im Bezirk +von Ephesos, Thyateira, Hyrkania, Nakrasa im Hermosgebiet, die +Askylaken im Bezirk von Adramytion werden in Urkunden oder sonstigen +glaubwürdigen Zeugnissen als Makedonierstädte bezeichnet; und diese +Erwähnungen sind so zufälliger Art und die Ortschaften teilweise so +unbedeutend, daß die gleiche Bezeichnung sicher auf eine große Anzahl +anderer Niederlassungen in dieser Gegend sich erstreckt hat und wir +schließen dürfen auf eine ausgedehnte, wahrscheinlich mit dem Schutz +Vorderasiens gegen die Galater und Pisidier zusammenhängende Ansiedlung +griechischer Soldaten in den bezeichneten Gegenden. Wenn ferner die +Münzen der ansehnlichen phrygischen Stadt Synnada mit ihrem Stadtnamen +den der Ioner und der Dorer sowie den des gemeinen Zeus (Ζεύς πάνδημος) +verbinden, so muß einer der Alexandriden die Griechen insgemein +aufgefordert haben, hier sich niederzulassen; und auch dies beschränkte +sich gewiß nicht auf diese einzelne Stadt. Die zahlreichen Städte +hauptsächlich des Binnenlandes, deren Namen auf die Königshäuser der +Seleukiden oder der Attaliden zurückgehen oder die sonst griechisch +benannt sind, sollen hier nicht aufgeführt werden; es befinden sich +namentlich unter den sicher von den Seleukiden gegründeten oder +reorganisierten Städten mehrere der in späterer Zeit blühendsten und +gesittetsten des Binnenlandes, zum Beispiel im südlichen Phrygien +Laodikeia und vor allem Apameia, das alte Kelaenae an der großen +Heerstraße von der Westküste Kleinasiens zum mittleren Euphrat, schon +in persischer Zeit das Entrepôt für diesen Verkehr und unter Augustus +nach Ephesos die bedeutendste Stadt der Provinz Asia. Wenn auch nicht +jede Beilegung eines griechischen Namens mit Ansiedlung griechischer +Kolonisten verbunden gewesen sein wird, so werden wir doch einen +beträchtlichen Teil dieser Ortschaften den griechischen Pflanzstädten +beizählen dürfen. Aber auch die städtischen Ansiedlungen +nichtgriechischen Ursprungs, die die Alexandriden vorfanden, lenkten +von selber in die Bahnen der Hellenisierung ein, wie denn die Residenz +des persischen Statthalters, Sardes, noch von Alexander selbst als +griechisches Gemeinwesen geordnet ward. + +Diese städtische Entwicklung war vollzogen, als die Römer die +Herrschaft über Vorderasien antraten; sie selber haben sie nicht in +intensiver Weise gefördert. Daß eine große Anzahl der Stadtgemeinden in +der östlichen Hälfte der Provinz ihre Jahre von dem der Stadt 670 (84) +zählen, kommt daher, daß damals nach Beendigung des Mithradatischen +Krieges diese Bezirke durch Sulla unter unmittelbar römische Verwaltung +kamen; Stadtrecht haben diese Ortschaften nicht erst damals erhalten. +Augustus hat die Stadt Parium am Hellespont und die schon erwähnte +Alexandreia in Troas mit Veteranen seiner Armee besetzt und beiden die +Rechte der römischen Bürgergemeinden beigelegt; letztere ist seitdem in +dem griechischen Asien eine italische Insel gewesen wie Korinth in +Griechenland und Berylos in Syrien. Aber dies war nichts als +Soldatenversorgung; von eigentlicher Städtegründung in der römischen +Provinz Asien unter den Kaisern ist wenig die Rede. Unter den nicht +zahlreichen nach Kaisern benannten Städten daselbst ist vielleicht nur +von Sebaste und Tiberiopolis, beide in Phrygien, und von Hadrianoi an +der bithynischen Grenze kein älterer Stadtname nachzuweisen. Hier, in +der Berglandschaft zwischen dem Ida und dem Olymp, hauste Kleon in der +Triumviralzeit, ein gewisser Tilliboros unter Hadrian, beide halb +Räuberhauptleute, halb Volksfürsten, von denen jener selbst in der +Politik eine Rolle gespielt hat; in dieser Freistatt der Verbrecher war +die Gründung einer geordneten Stadtgemeinde durch Hadrian allerdings +eine Wohltat. Sonst blieb in dieser Provinz, mit ihren fünfhundert +Stadtgemeinden der städtereichsten des ganzen Staates, in dieser +Hinsicht wohl nicht mehr viel zu stiften übrig, höchstens etwa zu +teilen, das heißt die faktisch zu einer Stadtgemeinde sich +entwickelnden Flecken aus dem früheren Gemeindeverbande zu lösen und +selbständig zu machen, wie wir einen Fall der Art in Phrygien unter +Konstantin I. nachweisen können. Aber von der eigentlichen +Hellenisierung waren die abgelegenen Gebiete noch weit entfernt, als +das römische Regiment begann; insbesondere in Phrygien behauptete sich +die vielleicht der armenischen gleichartige Landessprache. Wenn aus dem +Fehlen griechischer Münzen und griechischer Inschriften nicht mit +Sicherheit auf das Fehlen der Hellenisierung geschlossen werden darf +^3, so weist doch die Tatsache, daß die phrygischen Münzen fast +durchaus der römischen Kaiserzeit, die phrygischen Inschriften der +großen Mehrzahl nach der späteren Kaiserzeit angehören, darauf hin, daß +in die entlegenen und der Zivilisation schwer zugänglichen Gegenden der +Provinz Asia die hellenische Gesittung soweit überhaupt, überwiegend +erst unter den Kaisern den Weg fand. Zu unmittelbarem Eingreifen der +Reichsverwaltung bot dieser im Stillen sich vollziehende Prozeß wenig +Gelegenheit und Spuren solchen Eingreifens vermögen wir nicht +nachzuweisen. Freilich war Asia eine senatorische Provinz, und daß dem +Senatsregiment jede Initiative abging, mag auch hier in Betracht +kommen. + +————————————————————————- + +^3 Die städtische Münzprägung und die Inschriftsetzung stehen unter so +vielfachen Bedingungen, daß das Fehlen oder auch die Fülle der einen +wie der andern nicht ohne weiteres zu Rückschlüssen auf die Abwesenheit +oder die Intensität einer bestimmten Zivilisationsphase berechtigen. +Für Kleinasien insbesondere ist zu beachten, daß es das gelobte Land +der munizipalen Eitelkeit ist und unsere Denkmäler, auch die Münzen, +zum weitaus größten Teil dadurch hervorgerufen sind, daß die Regierung +der römischen Kaiser dieser freien Lauf ließ. + +————————————————————————- + +Syrien und mehr noch Ägypten gehen auf in ihren Metropolen; die Provinz +Asien und Kleinasien überhaupt hat keine einzelne Stadt aufzuweisen +gleich Antiocheia und Alexandreia, sondern sein Gedeihen ruht auf den +zahlreichen Mittelstädten. Die Einteilung der Städte in drei Klassen, +welche sich unterscheiden im Stimmrecht auf dem Landtag, in der +Repartition der von der ganzen Provinz aufzubringenden Leistungen, +selbst in der Zahl der anzustellenden Stadtärzte und städtischen Lehrer +^4, ist vorzugsweise diesen Landschaften eigen. Auch die städtischen +Rivalitäten, die in Kleinasien so energisch und zum Teil so kindisch, +gelegentlich auch so gehässig hervortreten, wie zum Beispiel der Krieg +zwischen Severus und Niger in Bithynien eigentlich ein Krieg der beiden +rivalisierenden Kapitalen Nikomedeia und Nikäa war, gehören zum Wesen +zwar der hellenischen Politien überhaupt, insbesondere aber der +kleinasiatischen. Des Wetteifers um die Kaisertempel werden wir +weiterhin gedenken; in ähnlicher Weise war die Rangfolge der +städtischen Deputationen bei den gemeinschaftlichen Festen in +Kleinasien eine Lebensfrage - Magnesia am Mäander nennt sich auf den +Münzen die “siebente Stadt von Asia” - und vor allem der erste Platz +war ein so begehrter, daß die Regierung schließlich sich dazu verstand, +mehrere erste Städte zuzulassen. Ähnlich ging es mit der +Metropolenbezeichnung. Die eigentliche Metropole der Provinz war +Pergamon, die Residenz der Attaliden und der Sitz des Landtags. Aber +Ephesos, die faktische Hauptstadt der Provinz, wo der Statthalter +verpflichtet war, sein Amt anzutreten, und das auch dieses +“Landungsrechts” auf seinen Münzen sich berühmt, Smyrna, mit dem +ephesischen Nachbar in steter Rivalität und dem legitimen Erstenrecht +der Ephesier zum Trotz auf den Münzen sich nennend “die erste an Größe +und Schönheit”, das uralte Sardeis, Kyzikos und andere mehr strebten +nach dem gleichen Ehrenrechte. Mit diesen ihren Quengeleien, wegen +deren regelmäßig der Senat und der Kaiser angegangen wurden, den +“griechischen Dummheiten”, wie man in Rom zu sagen pflegte, waren die +Kleinasiaten der stehende Verdruß und das stehende Gespött der +vornehmen Römer ^5. + +————————————————————- + +^4 “Die Verordnung”, sagt der Jurist Modestinus, der sie referiert +(dig. 27, 1, 6, 3), “interessiert alle Provinzen, obwohl sie an die +Asiaten gerichtet ist.” Auch paßt sie in der Tat nur da, wo es +Städteklassen gibt, und der Jurist fügt eine Anweisung hinzu, wie sie +auf anders geordnete Provinzen anzuwenden sei. Was der Biograph des +Pius (c. 11) über die von Pius den Rhetoren gewährten Auszeichnungen +und Gehalte berichtet, hat mit dieser Verfügung nichts zu schaffen. + +^5 Vortrefflich setzt Dion von Prusa in seinen Ansprachen an die Bürger +von Nikomedeia und von Tarsos auseinander, daß kein gebildeter Mann für +sich solche leere Bezeichnungen haben möchte und die Titelsucht für die +Städte geradezu unbegreiflich sei; wie es das Zeichen der richtigen +Kleinstädterei sei, sich solche Rangbescheinigungen ausstellen zu +lassen; wie der schlechte Statthalter durch diesen Städtehader sich +immer decke, da Nikäa und Nikomedeia nie unter sich zusammenhielten. +“Die Römer gehen mit euch um wie mit Kindern, denen man geringes +Spielzeug schenkt; Mißhandlungen nehmt ihr hin, um Namen zu bekommen; +sie nennen eure Stadt die erste, um sie als die letzte zu behandeln. +Den Römern seid ihr damit zum Gelächter geworden und sie nennen das +‘griechische Dummheiten’ (Ελληνικά αμαρτήματα).” + +————————————————————- + +Nicht auf der gleichen Höhe wie das Attalidenreich befand sich +Bithynien. Die ältere griechische Kolonisierung hatte sich hier +lediglich auf die Küste beschränkt. In der hellenistischen Epoche +hatten anfangs die makedonischen Herrscher, später die völlig deren +Wege wandelnde einheimische Dynastie neben der im Ganzen wohl auf +Umnennung hinauslaufenden Einrichtung der Küstenorte einigermaßen auch +das Binnenland erschlossen, namentlich durch die beiden glücklich +gediehenen Anlagen von Nikäa (Isnik) und Prusa am Olymp (Brussa); von +der ersteren wird hervorgehoben, daß die ersten Ansiedler von guter +makedonischer und hellenischer Herkunft gewesen seien. Aber in der +Intensität der Hellenisierung stand das Reich des Nikomedes weit zurück +hinter dem des Bürgerfürsten von Pergamon; insonderheit das östliche +Binnenland kann vor Augustus nur wenig besiedelt gewesen sein. Dies +ward in der Kaiserzeit anders. In augustischer Zeit baute ein +glücklicher Räuberhauptmann, der sich zur Ordnung bekehrte, an der +galatischen Grenze die gänzlich herabgekommene Ortschaft Gordiu Kome +unter dem Namen Iuliopolis wieder auf; in derselben Gegend sind die +Städte Bithynion-Claudiopolis und Krateia-Flaviopolis wahrscheinlich im +Laufe des ersten Jahrhunderts zu griechischem Stadtrecht gelangt. +Überhaupt hat in Bithynien der Hellenismus unter der Kaiserzeit einen +mächtigen Aufschwung genommen, und der derbe thrakische Schlag der +Eingeborenen gab ihm eine gute Grundlage. Daß unter den in großer +Anzahl bekannten Schriftsteinen dieser Provinz nicht mehr als vier der +vorrömischen Zeit angehören, wird nicht allein daraus erklärt werden +können, daß die städtische Ambition erst unter den Kaisern großgezogen +worden ist. In der Literatur der Kaiserzeit gehören eine Anzahl der +besten und von der wuchernden Rhetorik am wenigsten erfaßten +Schriftsteller, wie der Philosoph Dion von Prusa, die Historiker Memnon +von Herakleia, Arrhianos aus Nikomedeia, Cassius Dion von Nikäa, nach +Bithynien. + +Die östliche Hälfte der Südküste des Schwarzen Meeres, die römische +Provinz Pontus, hat zur Grundlage denjenigen Teil des Reiches +Mithradats, den Pompeius sofort nach dem Siege in unmittelbaren Besitz +nahm. Die zahlreichen kleinen Fürstentümer, welche im paphlagonischen +Binnenland und östlich davon bis zur armenischen Grenze Pompeius +gleichzeitig vergab, wurden nach kürzerem oder längerem Bestand bei +ihrer Einziehung teils derselben Provinz zugelegt, teils zu Galatien +oder Kappadokien geschlagen. Das ehemalige Reich des Mithradates war +sowohl von dem älteren wie von dem jüngeren Hellenismus bei weitem +weniger als die westlichen Landschaften berührt worden. Als die Römer +dieses Gebiet mittelbar oder unmittelbar in Besitz nahmen, gab es +griechisch geordnete Städte dort strenggenommen nicht; Amaseia, die +alte Residenz der pontischen Achämeniden und immer ihre Grabstadt, war +dies nicht; die beiden alten griechischen Küstenstädte Amisos und das +einst über das Schwarze Meer gebietende Sinope waren königliche +Residenzen geworden, und auch den wenigen von Mithradates angelegten +Ortschaften, zum Beispiel Eupatoria, wird schwerlich griechische +Politie gegeben worden sein. Hier aber war, wie schon früher ausgeführt +ward, die römische Eroberung zugleich die Hellenisierung; Pompeius +organisierte die Provinz in der Weise, daß er die elf Hauptortschaften +derselben zu Städten machte und unter sie das Gebiet verteilte. +Allerdings ähnelten diese künstlich geschaffenen Städte mit ihren +ungeheuren Bezirken - der von Sinope hatte an der Küste eine Ausdehnung +von sechzehn deutschen Meilen und grenzte am Halys mit dem amisenischen +- mehr den keltischen Gauen als den eigentlich hellenischen und +italischen Stadtgemeinden. Aber es wurden doch damals Sinope und Amisos +in ihre alte Stellung wieder eingesetzt und andere Städte im +Binnenland, wie Pompeiopolis, Nikopolis, Megalopolis, das spätere +Sebasteia, ins Leben gerufen. Sinope erhielt durch den Diktator Caesar +das Recht der römischen Kolonie und ohne Zweifel auch italische +Ansiedler. Wichtiger für die römische Verwaltung ward Trapezus, eine +alte Kolonie von Sinope; die Stadt, die im Jahre 63 zur Provinz +Kappadokien geschlagen ward, war wie der Standort der römischen +Pontusflotte so auch gewissermaßen die Operationsbasis für das +Truppenkorps dieser Provinz, das einzige in ganz Kleinasien. + +Das binnenländische Kappadokien war seit der Einrichtung der Provinzen +Pontus und Syrien in römischer Gewalt; über die Einziehung desselben im +Anfang der Regierung des Tiberius, welche zunächst veranlaßt ward durch +den Versuch Armeniens, sich der römischen Lehnsherrschaft zu entwinden, +wird in dem folgenden Abschnitt zu berichten sein. Der Hof und was +unmittelbar damit zusammenhing, hatte sich hellenisiert, etwa so, wie +die deutschen Höfe des 18. Jahrhunderts sich dem französischen Wesen +zuwandten. Die Hauptstadt Caesarea, das alte Mazaka, gleich dem +phrygischen Apameia eine Zwischenstelle des großen Verkehrs zwischen +den Häfen der Westküste und den Euphratländern und in römischer Zeit +wie noch heute eine der blühendsten Handelsstädte Kleinasiens, war auf +Pompeius’ Veranlassung nach dem Mithradatischen Kriege nicht bloß +wieder aufgebaut, sondern wahrscheinlich damals auch mit Stadtrecht +nach griechischer Art ausgestattet worden. Kappadokien selbst war im +Anfang der Kaiserzeit schwerlich mehr griechisch als Brandenburg und +Pommern unter Friedrich dem Großen französisch. Als das Land römisch +ward, zerfiel es nach den Angaben des gleichzeitigen Strabon nicht in +Stadtbezirke, sondern in zehn Ämter, von denen nur zwei Städte hatten, +die schon genannte Hauptstadt und Tyana; und diese Ordnung ist hier im +Großen und Ganzen so wenig verändert worden wie in Ägypten, wenn auch +einzelne Ortschaften späterhin griechisches Stadtrecht empfingen, zum +Beispiel Kaiser Marcus aus dem kappadokischen Dorf, in dem seine +Gemahlin gestorben war, die Stadt Faustinopolis machte. Griechisch +freilich sprachen die Kappadokier jetzt; aber die Studierenden aus +Kappadokien hatten auswärts viel zu leiden wegen ihres groben Akzents +und ihrer Fehler in Aussprache und Betonung, und wenn sie attisch reden +lernten, fanden die Landsleute ihre Sprache affektiert ^6. Erst in der +christlichen Zeit gaben die Studiengenossen des Kaisers Julian, +Gregorios von Nazianzos und Basilios von Caesarea, dem kappadokischen +Namen einen besseren Klang. + +—————————————————————————— + +^6 Pausanias aus Caesarea rückt bei Philostratos (vit. soph. 2, 13) dem +Herodes Attikos seine Fehler vor: παχεία τή γλώττη κα'ι ως Καππαδόκαις +ξύνηθες, ξυγκρούων μέν τά σύμφωνα ιών στοιχείων, συστέλλων δέ τά +μηκυνόμενα καί μηκύνων τά βραχέα. Vita Apoll. 1, 7: η γλώττα Αττικώς +είχεν, ουδ' απήχθη τήν φωνήν υπό τού έθνους. + +—————————————————————————— + +Die lykischen Städte in ihrem abgeschlossenen Berglande öffneten ihre +Küste der griechischen Ansiedlung nicht, aber schlossen sich darum doch +nicht gegen den hellenischen Einfluß ab. Lykien ist die einzige +kleinasiatische Landschaft, in welcher die frühe Zivilisierung die +Landessprache nicht beseitigt hat, und welche, fast wie die Römer, in +griechisches Wesen einging, ohne sich äußerlich zu hellenisieren. Es +bezeichnet ihre Stellung, daß die lykische Konföderation als solche dem +attischen Seebund sich angeschlossen und an die athenische Vormacht +ihren Tribut entrichtet hat. Die Lykier haben nicht bloß ihre Kunst +nach hellenischen Mustern geübt, sondern wohl auch ihre politische +Ordnung früh in gleicher Weise geregelt. Die Umwandlung des einst +Rhodos untertänigen, aber nach dem Dritten Makedonischen Krieg +unabhängig gewordenen Städtebundes in eine römische Provinz, welche +wegen des endlosen Haders unter den Verbündeten von Kaiser Claudius +verfügt ward, wird das Vordringen des Hellenismus gefördert haben; im +Verlauf der Kaiserzeit sind dann die Lykier vollständig zu Griechen +geworden. + +Die pamphylischen Küstenstädte, wie Aspendos und Perge, griechische +Gründungen der ältesten Zeit, später sich selbst überlassen und unter +günstigen Verhältnissen gedeihlich entwickelt, hatten das älteste +Hellenentum in einer Weise sei es konserviert, sei es aus sich heraus +eigenartig gestaltet, daß die Pamphylier nicht viel weniger als die +benachbarten Lykier in Sprache und Schrift als selbständige Nation +gelten konnten. Als dann Asien den Hellenen gewonnen ward, fanden sie +allmählich den Rückweg wie in die gemeine griechische Zivilisation so +auch in die allgemeine politische Ordnung. Die Herren in dieser Gegend +wie an der benachbarten kilikischen Küste waren in hellenistischer Zeit +teils die Ägypter, deren Königshaus verschiedenen Ortschaften in +Pamphylien und Kilikien den Namen gegeben hat, teils die Seleukiden, +nach denen die bedeutendste Stadt Westkilikiens Seleukeia am Kalykadnos +heißt, teils die Pergamener, von deren Herrschaft Attaleia (Adalia) in +Pamphylien zeugt. Dagegen hatten die Völkerschaften in den Gebirgen +Pisidiens, Isauriens und Westkilikiens bis auf den Beginn der +Kaiserzeit ihre Unabhängigkeit der Sache nach behauptet. Hier ruhten +die Fehden nie. Nicht bloß zu Lande hatten die zivilisierten +Regierungen stets mit den Pisidiern und ihren Genossen zu schaffen, +sondern es betrieben dieselben namentlich von dem westlichen Kilikien +aus, wo die Gebirge unmittelbar an das Meer treten, noch eifriger als +den Landraub das Gewerbe der Piraterie. Als bei dem Verfall der +ägyptischen Seemacht die Südküste Kleinasiens völlig zur Freistatt der +Seeräuber ward, traten die Römer ein und richteten die Provinz +Kilikien, welche die pamphylische Küste mit umfaßte oder doch umfassen +sollte, der Unterdrückung des Seeraubs wegen ein. Aber was sie taten, +zeigte mehr, was hätte geschehen sollen, als daß wirklich etwas +erreicht ward; die Intervention erfolgte zu spät und zu unstetig. Wenn +auch einmal ein Schlag gegen die Korsaren geführt ward und römische +Truppen selbst in die isaurischen Gebirge eindrangen und tief im +Binnenland die Piratenburgen brachen, zu rechter dauernder Festsetzung +in diesen von ihr widerwillig annektierten Distrikten kam die römische +Republik nicht. Hier blieb dem Kaisertum noch alles zu tun übrig. +Antonius, wie er den Orient übernahm, beauftragte einen tüchtigen +galatischen Offizier, den Amyntas, mit der Unterwerfung der +widerspenstigen pisidischen Landschaft ^7, und als dieser sich bewährte +^8, machte er denselben zum König von Galatien, der militärisch +bestgeordneten und schlagfertigsten Landschaft Kleinasiens, und +erstreckte zugleich sein Regiment von da bis zur Südküste, also auf +Lykaonien, Pisidien, Isaurien, Pamphylien und Westkilikien, während die +zivilisierte Osthälfte Kilikiens bei Syrien blieb. Auch als Augustus +nach der Aktischen Schlacht die Herrschaft im Orient antrat, ließ er +den keltischen Fürsten in seiner Stellung. Derselbe machte auch +wesentliche Fortschritte sowohl in der Unterdrückung der schlimmen, in +den Schlupfwinkeln des westlichen Kilikiens hausenden Korsaren wie auch +in der Ausrottung der Landräuber, tötete einen der schlimmsten dieser +Raubherren, den Herrn von Derbe und Laranda im südlichen Lykaonien, +Antipatros, baute in Isauria sich seine Residenz und schlug die +Pisidier nicht bloß hinaus aus dem angrenzenden phrygischen Gebiet, +sondern fiel in ihr eigenes Land ein und nahm im Herzen desselben +Kremna. Aber nach einigen Jahren (729 25) verlor er das Leben auf einem +Zug gegen einen der westkilikischen Stämme, die Homonadenser; nachdem +er die meisten Ortschaften genommen hatte und ihr Fürst gefallen war, +kam er um durch einen von dessen Gattin gegen ihn gerichteten Anschlag. +Nach dieser Katastrophe übernahm Augustus selbst das schwere Geschäft +der Pazifikation des inneren Kleinasiens. Wenn er dabei, wie schon +bemerkt ward, das kleine pamphylische Küstenland einem eigenen +Statthalter zuwies und es von Galatien trennte, so ist dies offenbar +deswegen geschehen, weil das zwischen der Küste und der +galatisch-lykaonischen Steppe liegende Gebirgsland so wenig botmäßig +war, daß die Verwaltung des Küstengebiets nicht füglich von Galatien +aus geführt werden konnte. Römische Truppen wurden nach Galatien nicht +gelegt; doch wird das Aufgebot der kriegerischen Galater mehr zu +bedeuten gehabt haben als bei den meisten Provinzialen. Auch hatten, da +das westliche Kilikien damals unter Kappadokien gelegt ward, die +Truppen dieses Lehnsfürsten sich an der Arbeit zu beteiligen. Die +Züchtigung zunächst der Homonadenser führte die syrische Armee aus; der +Statthalter Publius Sulpicius Quirinius rückte einige Jahre später in +ihr Gebiet, schnitt ihnen die Zufuhr ab und zwang sie, sich in Masse zu +unterwerfen, worauf sie in die umliegenden Ortschaften verteilt und ihr +ehemaliges Gebiet wüst gelegt wurde. Ähnliche Züchtigungen erfuhren in +den Jahren 36 und 52 die Kliten, ein anderer, in dem westlichen +Kilikien näher an der Küste sitzender Stamm; da sie dem von Rom ihnen +gesetzten Lehnsfürsten den Gehorsam verweigerten und das Land wie die +See brandschatzten, und da die sogenannten Landesherren mit ihnen nicht +fertig werden konnten, kamen beide Male die Reichstruppen aus Syrien +herbei, um sie zu unterwerfen. Diese Nachrichten haben sich zufällig +erhalten; sicher sind zahlreiche ähnliche Vorgänge verschollen. + +————————————————————— + +^7 Amyntas wurde noch im Jahre 715, bevor Antonius nach Asien +zurückging über die Pisidier gesetzt (App. civ. 5, 75), ohne Zweifel +weil diese wieder einmal einen ihrer Raubzüge unternommen hatten. +Daraus, daß er dort zuerst herrschte, erklärt es sich auch, daß er sich +in Isaura seine Residenz baute (Strab. 12, 6, 3, p. 569). Galatien kam +zunächst an die Erben des Deiotarus (Dio 48, 33). Erst im Jahre 718 +erhielt Amyntas Galatien, Lykaonien und Pamphylien (Dio 49, 32). + +^8 Daß dies die Ursache war, weshalb diese Gegenden nicht unter +römische Statthalter gelegt wurden, sagt Strabon (14, 5, 5 p. 671), der +nach Zeit und Ort diesen Verhältnissen nahestand, ausdrücklich: εδόκει +πρός άπαν τό τοιούτο (für die Unterdrückung der Räuber und der Piraten) +βασιλευέσθαι μάλλον τούς τόπους ή θπό τοίς Ρωμαίοις ηγεμόσιν είναι τοίς +επί τάς κρίσεις πεμπομένοις, οι μήτ' αεί παρείναι έμελλον (wegen der +Bereisung der conventus) μήτε μεθ' όπλον (die allerdings dem späteren +Legaten von Galatien fehlten). + +————————————————————— + +Aber auch im Wege der Besiedelung griff Augustus die Pazifikation +dieser Landschaft an. Die hellenistischen Regierungen hatten dieselbe +sozusagen isoliert, nicht bloß an der Küste überall Fuß behalten oder +gefaßt, sondern auch im Nordwesten eine Reihe von Städten gegründet, an +der phrygischen Grenze Apollonia angeblich von Alexander selbst +angelegt, Seleukeia Siderus und Antiocheia, beide aus der +Seleukidenzeit, ferner in Lykaonien Laodikeia Katakekaumene und die +wohl auch in der gleichen Zeit entstandene Hauptstadt dieser Landschaft +Ikonion. Aber in dem eigentlichen Bergland findet sich keine Spur +hellenistischer Niederlassung; und noch weniger hat der römische Senat +sich an diese schwierige Aufgabe gemacht. Augustus tat es; hier, und +nur hier im ganzen griechischen Osten, begegnet eine Reihe von Kolonien +römischer Veteranen, offenbar bestimmt, dieses Gebiet der friedlichen +Ansiedlung zu erobern. Von den eben genannten älteren Ansiedlungen +wurde Antiocheia mit Veteranen belegt und römisch reorganisiert, neu +angelegt in Lykaonien Parlais und Lystra, in Pisidien selbst das schon +genannte Kremna so wie weiter südlich Olbasa und Komama. Die späteren +Regierungen setzten die begonnene Arbeit nicht mit gleicher Energie +fort; doch wurde unter Claudius das eiserne Seleukeia Pisidiens zum +claudischen gemacht, ferner im westkilikischen Binnenland Claudiopolis +und nicht weit davon, vielleicht gleichzeitig, Germanicopolis ins Leben +gerufen, auch Ikonion, in Augustus’ Zeit ein kleiner Ort, zu +bedeutender Entwicklung gebracht. Die neu gegründeten Städte blieben +freilich unbedeutend, schränkten aber doch den Spielraum der freien +Gebirgsbewohner in namhafter Weise ein, und der Landfriede muß endlich +auch hier seinen Einzug gehalten haben. Sowohl die Ebene und die +Bergterrassen Pamphyliens wie die Bergstädte Pisidiens selbst, zum +Beispiel Selge und Sagalassos, waren während der Kaiserzeit gut +bevölkert und das Gebiet sorgfältig angebaut; die Reste mächtiger +Wasserleitungen und auffallend großer Theater, sämtlich Anlagen aus der +römischen Kaiserzeit, zeigen zwar nur handwerksmäßige Technik, aber +Spuren eines reich entwickelten friedlichen Gedeihens. Ganz freilich +ward die Regierung des Raubwesens in diesen Landschaften niemals Herr, +und wenn in der früheren Kaiserzeit die Heimsuchungen sich in mäßigen +Grenzen hielten, traten die Banden hier in den Wirren des dritten +Jahrhunderts abermals als kriegführende Macht auf. Sie gehen jetzt +unter dem Namen der Isaurer und haben ihren hauptsächlichen Sitz in den +Gebirgen Kilikiens, von wo aus sie Land und Meer brandschatzen. Erwähnt +werden sie zuerst unter Severus Alexander. Daß sie unter Gallienus +ihren Räuberhauptmann zum Kaiser ausgerufen haben, wird eine Fabel +sein; aber allerdings wurde unter Kaiser Probus ein solcher namens +Lydios, der lange Zeit Lykien und Pamphylien geplündert hatte, in der +römischen Kolonie Kremna, die er besetzt hatte, nach langer +hartnäckiger Belagerung durch eine römische Armee bezwungen. In +späterer Zeit finden wir um ihr Gebiet einen Militärkordon gezogen und +einen eigenen kommandierenden General für die Isaurer bestellt. Ihre +wilde Tapferkeit hat sogar denen von ihnen, welche bei dem +byzantinischen Hof Dienste nehmen mochten, eine Zeitlang eine Stellung +daselbst verschafft, wie die Makedonier sie am Hofe der Ptolemäer +besessen hatten; ja einer aus ihrer Mitte, Zenon, ist als Kaiser von +Byzanz gestorben ^9. + +———————————————————————- + +^9 In der großen unbenannten Ruinenstätte von Saradschik im oberen +Limyrostal im östlichen Lykien (vgl. C. Ritter, Erdkunde. Bd. 19, +Berlin 1859, S. 1172) steht ein bedeutender tempelförmiger Grabbau, +sicher nicht älter als das 3. Jahrhundert n. Chr., an welchem in Relief +zerstückelte Menschenteile, Köpfe, Arme, Beine als Embleme angebracht +sind; man möchte meinen, als Wappen eines zivilisierten +Räuberhauptmanns (Mitteilung von Benndorf). + +———————————————————————- + +Die Landschaft Galatien endlich, in ferner Zeit die Hauptstätte der +orientalischen Herrschaft über Vorderasien und in den berühmten +Felsskulpturen des heutigen Boghazköi, einst der Königstadt Pteria, die +Erinnerungen einer fast verschollenen Herrlichkeit bewahrend, war im +Lauf der Jahrhunderte in Sprache und Sitte eine keltische Insel +inmitten der Fluten der Ostvölker geworden und ist dies in der inneren +Organisation auch in der Kaiserzeit geblieben. Die drei keltischen +Völkerschaften, welche bei der großen Wanderung der Nation um die Zeit +des Krieges zwischen Pyrrhos und den Römern in das innere Kleinasien +gelangt waren und hier, wie im Mittelalter die Franken im Orient, zu +einem festgegliederten Soldatenstaat sich zusammengeschlossen und nach +längerem Schweifen dies- und jenseits des Halys ihre definitiven Sitze +genommen hatten, hatten längst die Zeiten hinter sich, wo sie von dort +aus Kleinasien brandschatzten und mit den Königen von Asia und Pergamon +im Kampfe lagen, falls sie nicht als Söldner ihnen dienten; auch sie +waren an der Übermacht der Römer zerschellt und ihnen in Asien nicht +minder botmäßig geworden wie ihre Landsleute im Potal und an der Rhone +und Seine. Aber trotz ihres mehrhundertjährigen Verweilens in +Kleinasien trennte immer noch eine tiefe Kluft diese Okzidentalen von +den Asiaten. Es war nicht bloß, daß sie ihre Landessprache und ihre +Volksart festhielten, daß immer noch die drei Gaue jeder von seinen +vier Erbfürsten regiert wurden und die von allen gemeinschaftlich +beschickte Bundesversammlung in dem heiligen Eichenhain als höchste +Behörde dem galatischen Lande vorstand, auch nicht, daß die +ungebändigte Roheit wie die kriegerische Tüchtigkeit sie von den +Nachbarn zum Nachteil wie zum Vorteil unterschied; dergleichen +Gegensätze zwischen Kultur und Barbarei gab es in Kleinasien auch +sonst, und die oberflächliche und äußerliche Hellenisierung, wie die +Nachbarschaft, die Handelsbeziehungen, der von den Einwanderern +übernommene phrygische Kultus, das Söldnertum sie im Gefolge hatten, +wird in Galatien nicht viel später eingetreten sein als zum Beispiel in +dem benachbarten Kappadokien. Der Gegensatz ist anderer Art: die +keltische und die hellenische Invasion haben in Kleinasien konkurriert, +und zu dem nationalen Gegensatz ist der Stachel der rivalisierenden +Eroberung hinzugetreten. Scharf trat dies zutage in der Mithradatischen +Krise: dem Mordbefehl des Mithradates gegen die Italiker ging zur Seite +die Niedermetzelung des gesamten galatischen Adels und dementsprechend +haben in den Kriegen gegen den orientalischen Befreier der Hellenen die +Römer keinen treueren Bundesgenossen gehabt als die Galater +Kleinasiens. Darum war der Erfolg der Römer auch der ihrige und gab der +Sieg ihnen in den Angelegenheiten Kleinasiens eine Zeitlang eine +führende Stellung. Das alte Vierfürstentum wurde, es scheint durch +Pompeius, abgeschafft. Einer der neuen Gaufürsten, der in den +Mithradatischen Kriegen sich am meisten bewährt hatte, Deiotarus, +brachte außer seinem eigenen Gebiete Klein-Armenien und andere Stücke +des ehemaligen Mithradatischen Reiches an sich und ward auch den +übrigen galatischen Fürsten ein unbequemer Nachbar und der mächtigste +unter den kleinasiatischen Dynasten. Nach dem Siege Caesars, dem er +feindlich gegenübergestanden hatte und den er auch durch die gegen +Pharnakes geleistete Hilfe nicht für sich zu gewinnen vermochte, wurden +ihm die mit oder ohne Einwilligung der römischen Regierung gewonnenen +Besitzungen größtenteils wieder entzogen; der Caesarianer Mithradates +von Pergamon, welcher von mütterlicher Seite dem galatischen Königshaus +entsprossen war, erhielt das meiste von dem, was Deiotarus verlor und +wurde ihm sogar in Galatien selbst an die Seite gestellt. Aber nachdem +dieser kurz darauf im Taurischen Chersones sein Ende gefunden hatte und +auch Caesar selbst nicht lange nachher ermordet worden war, setzte +Deiotarus sich ungeheißen wieder in den Besitz des Verlorenen, und da +er der jedesmal im Orient vorherrschenden römischen Partei sich ebenso +zu fügen verstand, wie sie rechtzeitig zu wechseln, starb er +hochbejahrt im Jahre 714 (40) als Herr von ganz Galatien. Seine +Nachkommen wurden mit einer kleinen Herrschaft in Paphlagonien +abgefunden; sein Reich, noch erweitert gegen Süden hin durch Lykaonien +und alles Land bis zur pamphylischen Küste, kam, wie schon gesagt ward, +im Jahre 718 (36) durch Antonius an Amyntas, welcher schon in +Deiotarus’ letzten Jahren als dessen Sekretär und Feldherr das Regiment +geführt zu haben scheint und als solcher vor der Schlacht von Philippi +den Übergang von den republikanischen Feldherrn zu den Triumvirn +bewirkt hatte. Seine weiteren Schicksale sind schon erzählt. An +Klugheit und Tapferkeit seinem Vorgänger ebenbürtig, diente er erst dem +Antonius, dann dem Augustus als hauptsächliches Werkzeug für die +Pazifikation des noch nicht untertänigen kleinasiatischen Gebiets, bis +er hier im Jahre 729 (25) seinen Tod fand. Mit ihm endigte das +galatische Königtum und verwandelte sich dasselbe in die römische +Provinz Galatien. + +Gallogräker heißen die Bewohner desselben bei den Römern schon in der +letzten Zeit der Republik; sie sind, fügt Livius hinzu, ein Mischvolk, +wie sie heißen, und aus der Art geschlagen. Auch mußte ein guter Teil +derselben von den älteren phrygischen Bewohnern dieser Landschaften +abstammen. Mehr noch fällt ins Gewicht, daß die eifrige Götterverehrung +in Galatien und das dortige Priestertum mit den sakralen Institutionen +der europäischen Kelten nichts gemein hat; nicht bloß die Große Mutter, +deren heiliges Symbol die Römer der hannibalischen Zeit von den +Tolistobogern erbaten und empfingen, ist phrygischer Art, sondern auch +deren Priester gehörten zum Teil wenigstens dem galatischen Adel an. +Dennoch war noch in der römischen Provinz in Galatien die innere +Ordnung überwiegend die keltische. Daß noch unter Pius in Galatien die +dem hellenischen Recht fremde strenge väterliche Gewalt bestand, ist +ein Beweis dafür aus dem Kreise des Privatrechts. Auch in den +öffentlichen Verhältnissen gab es in dieser Landschaft immer noch nur +die drei alten Gemeinden der Tektosagen, der Tolistoboger, der Trokmer, +die wohl ihren Namen die der drei Hauptörter Ankyra, Pessinus und +Tauion beisetzen, aber wesentlich doch nichts sind als die +wohlbekannten gallischen Gaue, die des Hauptorts ja auch nicht +entbehren. Wenn bei den Kelten Asiens die Auffassung der Gemeinde als +Stadt früher als bei den europäischen das Übergewicht gewinnt ^10 und +der Name Ankyra rascher den der Tektosagen verdrängt als in Europa der +Name Burdigala den der Bituriger, dort Ankyra sogar als Vorort der +gesamten Landschaft sich die “Mutterstadt” (μητρόπολις) nennt, so zeigt +dies allerdings, wie das ja auch nicht anders sein konnte, die +Einwirkung der griechischen Nachbarschaft und den beginnenden +Assimilationsprozeß, dessen einzelne Phasen zu verfolgen die uns +gebliebene oberflächliche Kunde nicht gestattet. Die keltischen Namen +halten sich bis in die Zeit des Tiberius, nachher erscheinen sie nur +vereinzelt in den vornehmen Häusern. Daß die Römer seit Einrichtung der +Provinz wie in Gallien nur die lateinische, so in Galatien neben dieser +nur die griechische Sprache im Geschäftsverkehr zuließen, versteht sich +von selbst. Wie es früher damit gehalten ward, wissen wir nicht, da +vorrömische Schriftmäler in dieser Landschaft überhaupt nicht begegnen. +Als Umgangssprache hat die keltische sich auch in Asien mit Zähigkeit +behauptet ^11; doch gewann allmählich das Griechische die Oberhand. Im +vierten Jahrhundert war Ankyra eines der Hauptzentren der griechischen +Bildung; “die kleinen Städte in dem griechischen Galatien”, sagt der +bei Vorträgen für das gebildete Publikum grau gewordene Literat +Themistios, “können sich ja freilich mit Antiocheia nicht messen; aber +die Leute eignen die Bildung sich eifriger an als die richtigen +Hellenen, und wo sich der Philosophenmantel zeigt, hängen sie an ihm +wie das Eisen am Magnet.” Dennoch mag bis in eben diese Zeit, +namentlich jenseits des Halys bei den offenbar viel später +hellenisierten Trokmern ^12, sich in den niederen Kreisen die +Volkssprache gehalten haben. Es ist schon erwähnt worden, daß nach dem +Zeugnis des vielgewanderten Kirchenvaters Hieronymus noch am Ende des +4. Jahrhunderts der asiatische Galater die gleiche, wenn auch +verdorbene Sprache redete, welche damals in Trier gesprochen ward. Daß +als Soldaten die Galater, wenn sie auch mit den Okzidentalen keinen +Vergleich aushielten, doch weit brauchbarer waren als die griechischen +Asiaten, dafür zeugt sowohl die Legion, welche König Deiotarus aus +seinen Untertanen nach römischem Muster aufgestellt hatte und die +Augustus mit dem Reiche übernahm und in die römische Armee unter dem +bisherigen Namen einreihte, wie auch daß bei der orientalischen +Rekrutierung der Kaiserzeit die Galater ebenso vorzugsweise +herangezogen wurden wie im Okzident die Bataver ^13. + +—————————————————————————— + +^10 Das berühmte Verzeichnis der der Gemeinde Ankyra gemachten +Leistungen aus Tiberius’ Zeit (CIG 4039) bezeichnet die galatischen +Gemeinden gewöhnlich mit έθνος, zuweilen mit πόλις. Später verschwindet +jene Benennung; aber in der vollen Titulatur, zum Beispiel der +Inschrift CIG 4011 aus dem zweiten Jahrhundert, führt Ankyra immer noch +den Volksnamen: η μητρόπολις τής Γαλατίας Σεβαστή Τεκτωσάγων Άγκυρα. + +^11 Nach Pausanias (10, 36, 1) heißt bei den Γαλάται υπέρ Φρυγίας φωνή +τή επιχωρίω σπίσιν die Scharlachbeere ύς; und Lukian (Alex. 51) +berichtet von den Verlegenheiten des wahrsagenden Paphlagoniers, wenn +ihm Συριστί ή Κελτιστί Fragen vorgelegt wurden und nicht gleich dieser +Sprache kundige Leute zur Hand waren. + +^12 Wenn in dem Anm. 10 erwähnten Verzeichnis aus Tiberius’ Zeit die +Spenden nur selten drei Völkern, meist zwei Völkern oder zwei Städten +gegeben werden, so sind, wie G. Perrot (Exploration archéologique de la +Galane et de la Bithynie. Paris 1862, S. 83) richtig bemerkt, die +letzteren Ankyra und Pessinus und steht bei den Spenden hinter ihnen +Tauion der Trokmer zurück. Vielleicht gab es damals bei diesen noch +keine Ortschaft, die als Stadt gelten konnte. + +^13 Auch Cicero (Att. 6, S, 3) schreibt von seiner Armee in Kilikien: +exercitum infirmum habebam, auxilia sane bona, sed ea Galatarum, +Pisidarum, Lyciorum: haec enim sunt nostra robora. + +—————————————————————————— + +Den außereuropäischen Hellenen gehören ferner noch die beiden großen +Eilande des östlichen Mittelmeers Kreta und Kypros an sowie die +zahlreichen des Inselmeers zwischen Griechenland und Kleinasien; auch +die kyrenäische Pentapolis an der gegenüberliegenden afrikanischen +Küste ist durch die umliegende Wüste von dem Binnenlande so geschieden, +daß sie jenen griechischen Inseln einigermaßen gleichgestellt werden +kann. Indes der allgemeinen geschichtlichen Auffassung fügen diese +Elemente der ungeheuren, unter dem Szepter der Kaiser vereinigten +Ländermasse wesentlich neue Züge nicht hinzu. Die kleineren Inseln, +früher und vollständiger hellenisiert als der Kontinent, gehören ihrem +Wesen nach mehr zum europäischen Griechenland als zum kleinasiatischen +Kolonialgebiet; wie denn des hellenischen Musterstaats Rhodos bei jenem +schon mehrfach gedacht worden ist. In dieser Epoche werden die Inseln +hauptsächlich genannt, insofern es in der Kaiserzeit üblich ward, +Männer aus den besseren Ständen zur Strafe nach denselben zu verbannen. +Man wählte, wo der Fall besonders schwer war, die Klippen wie Gyaros +und Donussa; aber auch Andros, Kythnos, Amorgos, einst blühende Zentren +griechischer Kultur, waren jetzt Strafplätze, während in Lesbos und +Samos nicht selten vornehme Römer und selbst Glieder des kaiserlichen +Hauses freiwillig längeren Aufenthalt nahmen. Kreta und Kypros, deren +alter Hellenismus unter der persischen Herrschaft oder auch in völliger +Isolierung die Fühlung mit der Heimat verloren hatte, ordneten sich, +Kypros als Dependenz Ägyptens, die kretischen Städte autonom, in der +hellenistischen und später in der römischen Epoche nach den allgemeinen +Formen der griechischen Politie. In den kyrenäischen Städten überwog +das System der Lagiden; wir finden in ihnen nicht bloß, wie in den +eigentlich griechischen, die hellenischen Bürger und Metöken, sondern +es stehen neben beiden, wie in Alexandreia die Ägypter, die “Bauern”, +das heißt die eingeborenen Afrikaner, und unter den Metöken bilden, wie +ebenfalls in Alexandreia, die Juden eine zahlreiche und privilegierte +Klasse. + +Den Griechen insgemein hat auch das römische Kaiserregiment niemals +eine Vertretung gewährt. Die augustische Amphiktyonie beschränkte sich, +wie wir sahen, auf die Hellenen in Achaia, Epirus und Makedonien. Wenn +die hadrianischen Panhellenen in Athen sich als die Vertretung der +sämtlichen Hellenen gerierten, so haben sie doch in die übrigen +griechischen Provinzen nur insofern übergegriffen, als sie einzelnen +Städten in Asia sozusagen das Ehren-Hellenentum dekretierten; und daß +sie dies taten, zeigt erst recht, daß die auswärtigen Griechengemeinden +in jene Panhellenen keineswegs einbegriffen sind. Wenn in Kleinasien +von Vertretung oder Vertretern der Hellenen die Rede ist, so ist damit +in den vollständig hellenisch geordneten Provinzen Asia und Bithynia +der Landtag und der Landtagsvorsteher dieser Provinzen gemeint, +insofern diese aus den Deputierten der zu einer jeden derselben +gehörigen Städte hervorgehen und diese sämtlich griechische Politien +sind ^14; oder es werden in der nichtgriechischen Provinz Galatien die +neben dem galatischen Landtag stehenden Vertreter der in Galatien +verweilenden Griechen als Griechenvorsteher bezeichnet ^15. + +—————————————————————————— + +^14 Beschlüsse der επί τής Ασίας Έλληνες CIA 3487, 3957; ein Lykier +geehrt υπό τού κοινού τών επί τής Ασίας Ελλήνων καί υπό τών εν Παμφυλία +πόλεων O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884. Bd. 1, S. +122; Schreiben an die Hellenen in Asia CIG 3832, 3833; ώ άνδρες +Έλληνες, in der Anrede an den Landtag von Pergamon (Aristeid. or. p. +517). Ein άρξας τού κοινού τών εν Βιθυνία Ελλήνων Perrot, Exploration, +S. 32; Schreiben des Kaisers Alexander an dasselbe (dig. 49, 1, 25). +Dio 51, 20: τοίς ξένοις, Έλληνας σφάς επικαλέσας, εαυτώ τινα, τοίς μέν +Ασιανοίς εν Περγάμω, τοίς δέ Βιθυνοίς εν Νικομεδεία τεμενίσαι επέτρεψε. + +^15 Außer den Galatarchen (Marquardt, Staatsverwaltung. Bd. 1, S. 515) +begegnen uns in Galatien noch unter Hadrian Helladarchen (BCH 7, 1883, +S. 18), welche hier nur gefaßt werden können wie die Hellenarchen in +Tanais. + +—————————————————————————— + +Der städtischen Konföderation hatte die römische Regierung in +Kleinasien keine Veranlassung, besondere Hindernisse entgegenzustellen. +In römischer wie in vorrömischer Zeit haben neun Städte der Troas +gemeinschaftlich religiöse Verrichtungen vollzogen und +gemeinschaftliche Feste gefeiert ^16. Die Landtage der verschiedenen +kleinasiatischen Provinzen, welche hier wie in dem gesamten Reich als +feste Einrichtung von Augustus ins Leben gerufen sein werden, sind von +denen der übrigen Provinzen an sich nicht verschieden. Doch hat diese +Institution sich hier in eigenartiger Weise entwickelt oder vielmehr +denaturiert. Mit dem nächsten Zweck dieser Jahresversammlungen der +städtischen Deputierten einer jeden Provinz ^17, die Wünsche derselben +dem Statthalter oder der Regierung zur Kenntnis zu bringen und +überhaupt als Organ dieser Provinz zu dienen, verband sich hier zuerst +die jährliche Festfeier für den regierenden Kaiser und das Kaisertum +überhaupt: Augustus gestattete im Jahre 725 (29) den Landtagen von Asia +und Bithynien an ihren Versammlungsorten Pergamon und Nikomedeia, ihm +Tempel zu errichten und göttliche Ehre zu erweisen. Diese neue +Einrichtung dehnte sich bald auf das ganze Reich aus, und die +Verschmelzung der sakralen Institution mit der administrativen wurde +ein leitender Gedanke der provinzialen Organisation der Kaiserzeit. +Aber in Priester- und Festpomp und städtischen Rivalitäten hat diese +Einrichtung doch nirgends sich so entwickelt wie in der Provinz Asia +und analog in den übrigen kleinasiatischen Provinzen und nirgends also +neben und über die munizipale sich eine provinziale Ambition mehr noch +der Städte als der Individuen gestellt, wie sie in Kleinasien das +gesamte öffentliche Leben beherrscht. Der von Jahr zu Jahr in der +Provinz bestellte Hohepriester (αρχιερεύς) des neuen Tempels ist nicht +bloß der vornehmste Würdenträger der Provinz, sondern es wird auch in +der ganzen Provinz das Jahr nach ihm bezeichnet ^18. Das Fest- und +Spielwesen nach dem Muster der olympischen Feier, welches bei den +Hellenen allen, wie wir sahen, mehr und mehr um sich griff, knüpfte in +Kleinasien überwiegend an die Feste und Spiele des provinzialen +Kaiserkultus an. Die Leitung derselben fiel dem Landtagspräsidenten, in +Asia dem Asiarchen, in Bithynien dem Bithyniarchen und so weiter zu, +und nicht minder trug er hauptsächlich die Kosten des Jahrfestes, +obwohl ein Teil derselben, wie die übrigen dieses so glänzenden wie +loyalen Gottesdienstes, durch freiwillige Gaben und Stiftungen gedeckt +oder auch auf die einzelnen Städte repartiert wurden. Daher waren diese +Präsidenturen nur reichen Leuten zugänglich; die Wohlhabenheit der +Stadt Tralleis wird dadurch bezeichnet, daß an Asiarchen - der Titel +blieb auch nach Ablauf des Amtsjahrs - es nie daselbst fehle, die +Geltung des Apostels Paulus in Ephesos durch seine Verbindung mit +verschiedenen dortigen Asiarchen. Trotz der Kosten war dies eine viel +umworbene Ehrenstellung, nicht wegen der daran geknüpften Privilegien, +zum Beispiel der Befreiung von der Vormundschaft, sondern wegen ihres +äußeren Glanzes; der festliche Einzug in die Stadt, im Purpurgewand und +den Kranz auf dem Haupt, unter Vortritt der das Rauchfaß schwingenden +Prozessionsknaben, war im Horizont der Kleinasiaten, was bei den +Hellenen der Ölzweig von Olympia. Mehrfach rühmt sich dieser oder jener +vornehme Asiate, nicht bloß selber Asiarch gewesen zu sein, sondern +auch von Asiarchen abzustammen. Wenn sich dieser Kultus anfänglich auf +die Provinzialhauptstädte beschränkte, so sprengte die munizipale +Ambition, die namentlich in der Provinz Asia unglaubliche Verhältnisse +annahm, sehr bald diese Schranken. Hier wurde schon im Jahre 23 dem +damals regierenden Kaiser Tiberius sowie seiner Mutter und dem Senat +ein zweiter Tempel von der Provinz dekretiert und nach langem Hader der +Städte durch Beschluß des Senats in Smyrna errichtet. Die anderen +größeren Städte folgten bei späteren Gelegenheiten nach ^19. Hatte bis +dahin die Provinz wie nur einen Tempel, so auch nur einen Vorsteher und +einen Oberpriester gehabt, so mußten jetzt nicht bloß so viele +Oberpriester bestellt werden, als es Provinzialtempel gab, sondern es +wurden auch, da die Leitung des Tempelfestes und die Ausrichtung der +Spiele nicht dem Oberpriester, sondern dem Landesvorsteher zustand und +es den rivalisierenden Großstädten hauptsächlich um die Feste und +Spiele zu tun war, sämtlichen Oberpriestern zugleich der Titel und das +Recht der Vorsteherschaft gegeben, so daß wenigstens in Asia die +Asiarchie und das Oberpriestertum der Provinzialtempel zusammenfielen +^20. Damit traten der Landtag und die bürgerlichen Geschäfte, von +welchen die Institution ihren Ausgang genommen hatte, in den +Hintergrund; der Asiarch war bald nichts mehr als der Ausrichter eines +an die göttliche Verehrung der gewesenen und des gegenwärtigen Kaisers +angeknüpften Volksfestes, weshalb dann auch die Gemahlin desselben, die +Asiarchin, sich an der Feier beteiligen durfte und eifrig beteiligte. + +—————————————————————————————— + +^16 Das συνέδριον τών εννέα δήμων (H. Schliemann, Troja. Leipzig 1883, +S. 256) nennt sich anderswo Ιλιείς καί πόλεις αι κοινονούσαι τής θυσίας +καί τοί αγώνος καί τής πανεγύρεως (daselbst, S. 254). Ein anderes +Dokument desselben Bundes aus der Zeit des Antigonos bei J. G. Droysen, +Geschichte des Hellenismus. 2. Aufl. Gotha 1877. Bd. 2, S. 382ff. +Ebenso werden andere κοινά zu fassen sein, die auf einen engeren Kreis +als die Provinz sich beziehen, wie das alte der dreizehn ionischen +Städte, das der Lesbier (Marquardt, Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 516), +das der Phrygier auf den Münzen von Apameia. Ihre magistratischen +Präsidenten haben auch diese gehabt, wie denn kürzlich sich ein +Lesbiarch gefunden hat (Marquardt, a. a.Ο.) und ebenso die mösischen +Hellenen unter einem Pontarchen standen. Doch ist es nicht +unwahrscheinlich, daß, wo der Archontat genannt wird, der Bund mehr ist +als eine bloße Festgenossenschaft; die Lesbier sowohl wie die mösischen +Fünfstädte mögen einen besonderen Landtag gehabt haben, dem diese +Beamten vorstanden. Dagegen ist das κοινόν τού Υργαλέου πεδίου (W. M. +Ramsay, Cities and bishoprics of Phrygia. Oxford 1895, S. 10), das +neben mehreren δήμοι steht, eine des Stadtrechts entbehrende +Quasi-Gemeinde. + +^17 Am deutlichsten tritt die Zusammensetzung der kleinasiatischen +Landtage hervor in Strabons (14, 3, 3 p. 664) Bericht über die +Lykiarchie und bei Aristeides’ (or. 26 p. 344) Erzählung seiner Wahl zu +einem der asiatischen Provinzialpriestertümer. + +^18 Beispiele für Asia: CIG 3487; für Lykien: Benndorf, Reisen, Bd. 1, +S. 71. Die lykische Bundesversammlung aber bezeichnet die Jahre nicht +nach dem Archiereus, sondern nach dem Lykiarchen. + +^19 Tac. ann. 4, 15 u. 55. Die Stadt, welche einen von dem Landtag der +Provinz (dem κοινόν τής Ασίας usw.) gewidmeten Tempel besitzt, fahrt +deswegen das Ehrenprädikat der den (Kaiser-) Tempel hütenden” +(νεωκόρος); und wenn eine deren mehrere aufzuweisen hat, wird die Zahl +beigesetzt. Man kann an diesem Institut deutlich erkennen, wie der +Kaiserkultus seine volle Ausbildung in Kleinasien erhalten hat. Der +Sache nach ist das Neokorat allgemein, auf jede Gottheit und jede Stadt +anwendbar; titular, als Ehrenbeiname der Stadt, begegnet es mit +verschwindenden Ausnahmen allein in dem kleinasiatischen Kaiserkultus - +nur einige griechische Städte der Nachbarprovinzen, wie Tripolis in +Syrien, Thessalonike in Makedonien haben darin mitgemacht. + +^20 So wenig die ursprüngliche Verschiedenheit der Landtagspräsidentur +und des provinzialen Oberpriestertums für den Kaiserkultus in Zweifel +gezogen werden kann, so tritt doch nicht bloß bei jener der in Hellas, +von wo die Organisation der κοινά überhaupt ausgeht, noch deutlich +erkennbare magistratische Charakter des Vorstehers in Kleinasien völlig +zurück, sondern es scheint hier in der Tat da, wo das κοινόν mehrere +sakrale Mittelpunkte hat, der Ασιάρχης und der αρχιερεύς τής Ασίας sich +verschmolzen zu haben. Die das bürgerliche Amt scharf akzentuierende +Titulatur στρατηγός führt der Präsident des κοινόν in Kleinasien nie, +auch άρξας τού κοινού (Anm. 14) oder τού έθνους (CIG 4380 k4 p. 1168) +ist selten; die Komposita Ασιάρχης, Λυκιάρχης, analog dem Ελλαδάρχης +von Achaia, sind schon zu Strabons Zeit die gebräuchliche Bezeichnung. +Daß in den kleineren Provinzen, wie Galatien und Lykien der Archon und +der Archiereus der Provinz getrennt geblieben sind, ist gewiß. Aber in +Asien ist das Vorhandensein von Asiarchen für Ephesos und Smyrna +inschriftlich festgestellt (Marquardt, Staatsverwaltung, Bd. 1, S. +514), während es doch nach dem Wesen der Institution nur einen +Asiarchen für die ganze Provinz geben konnte. Auch ist hier die +Agonothesie des Archiereus beglaubigt (Galenus zum Hippokrates, usu. +part. 18, 2 p. 567 Kühn: παρ' ημίν εν Περγάμω τών αρχιερέων τάς +καλουμένας μονομαχίας επιτελούντων), während eben sie das Wesen des +Asiarchats ist. Allem Anschein nach haben die Rivalitäten der Städte +hier dahin geführt, daß, nachdem es mehrere von der Provinz gewidmete +Kaisertempel in verschiedenen Städten gab, die Agonothesie dem +effektiven Landtagspräsidenten genommen und dafür dem Oberpriester +jedes Tempels der titulare Asiarchat und die Agonothesie übertragen +ward. Dann erklärt sich auf den Münzen der dreizehn ionischen Städte +(Mionnet, Bd. 3, 61, 1) der Ασιάρχης καί αρχιερεύς ιγ' πόλεων und kann +auf ephesischen Inschriften derselbe Ti. Iulius Reginus bald Ασιάρχης +β' ναών τών εν Εφέσω (Wood, Inscriptions from the great theatre, n. +18), bald αρχιερεύς β' ναών τών εν Εφέσω (daselbst, n. 8, 14, ähnlich +9) genannt werden. Nur auf diese Weise sind auch die Institutionen des +vierten Jahrhunderts zu begreifen. Hier erscheint in jeder Provinz ein +Oberpriester, in Asia mit dem Titel des Asiarchen, in Syrien mit dem +des Syriarchen und so weiter. Wenn die Verschmelzung des Archon und des +Archiereus in der Provinz Asia schon früher begonnen hatte, so lag +nichts näher, als sie jetzt bei der Verkleinerung der Provinzen äberall +in dieser Weise zu kombinieren. + +—————————————————————————————— + +Auch eine praktische und in Kleinasien durch das hohe Ansehen dieser +Institution gesteigerte Bedeutung mag das provinziale Oberpriestertum +für den Kaiserkultus gehabt haben durch die damit verknüpfte religiöse +Oberaufsicht. Nachdem der Landtag den Kaiserkultus einmal beschlossen +und die Regierung eingewilligt hatte, folgten selbstverständlich die +städtischen Vertretungen nach; in Asia hatten bereits unter Augustus +wenigstens alle Vororte der Gerichtssprengel ihr Caesareum und ihr +Kaiserfest ^21. Recht und Pflicht des Oberpriesters war es, in seinem +Sprengel die Ausführung dieser provinzialen und munizipalen Dekrete und +die Übung des Kultus zu überwachen; was dies zu bedeuten hatte, +erläutert die Tatsache, daß der freien Stadt Kyzikos in Asia unter +Tiberius die Autonomie unter anderem auch darum aberkannt ward, weil +sie den dekretierten Bau des Tempels des Gottes Augustus hatte +liegenlassen -vielleicht eben, weil sie als freie Stadt nicht unter dem +Landtag stand. Wahrscheinlich hat sogar diese Oberaufsicht, obwohl sie +zunächst dem Kaiserkultus galt, sich auf die Religionsangelegenheiten +überhaupt erstreckt ^22. Als dann der alte und der neue Glaube im +Reiche um die Herrschaft zu ringen begannen, ist deren Gegensatz wohl +zunächst durch das provinziale Oberpriestertum zum Konflikt geworden. +Diese aus den vornehmen Provinzialen von dem Landtag der Provinz +bestellten Priester waren durch ihre Traditionen wie durch ihre +Amtspflichten weit mehr als die Reichsbeamten berufen und geneigt, auf +Vernachlässigung des anerkannten Gottesdienstes zu achten und, wo +Abmahnung nicht half, da sie selber eine Strafgewalt nicht hatten, die +nach bürgerlichem Recht strafbare Handlung bei den Orts- oder den +Reichsbehörden zur Anzeige zu bringen und den weltlichen Arm zu Hilfe +zu rufen, vor allem den Christen gegenüber die Forderungen des +Kaiserkultus geltend zu machen. In der späteren Zeit schreiben die +altgläubigen Regenten diesen Oberpriestern sogar ausdrücklich vor, +selbst und durch die ihnen unterstellten städtischen Priester die +Kontraventionen gegen die bestehende Glaubensordnung zu ahnden und +weisen denselben genau die Rolle zu, welche unter den Kaisern des neuen +Glaubens der Metropolit und seine städtischen Bischöfe einnehmen ^23. +Wahrscheinlich hat hier nicht die heidnische Ordnung die christlichen +Institutionen kopiert, sondern umgekehrt die siegende christliche +Kirche ihr hierarchisches Rüstzeug dem feindlichen Arsenal entnommen. +Alles dies galt, wie bemerkt, für das ganze Reich; aber die sehr +praktischen Konsequenzen der provinzialen Regulierung des Kaiserkultus, +die religiöse Aufsichtführung und die Verfolgung der Andersgläubigen, +sind vorzugsweise in Kleinasien gezogen worden. + +————————————————————————————— + +^21 CIG 3902b. + +^22 Dion von Prusa (or. 35 p. 66 R.) nennt die Asiarchen und die +analogen Archonten (ihre Agonothesie bezeichnet er deutlich, und auf +sie führen auch die verdorbenen Worte τούς επονύμους τών δύο ηπείρων +τής εσπέρας όλης, wofür wohl zu schreiben ist τής ετέρας όλης) τούς +απάντων άρχοντας τών ιερέων. Es fehlt bekanntlich bei der Bezeichnung +der Provinzialpriester fast stehend die ausdrückliche Beziehung auf den +Kaiserkult; wenn sie in ihren Sprengeln die Rolle spielen sollten wie +der Pontifex maximus in Rom, so hatte das seinen guten Grund. + +^23 Maximinus stellte zu diesem Zweck dem Oberpriester der einzelnen +Provinz militärische Hilfe zur Verfügung (Eus. hist. eccl. 8, 14, 9); +und der berühmte Brief Julians (epist. 49; vgl. epist. 63) an den +damaligen Galatarchen gibt ein deutliches Bild der Obliegenheiten +desselben. Er soll das ganze Religionswesen der Provinz beaufsichtigen; +dem Statthalter gegenüber seine Selbständigkeit wahren, nicht bei ihm +antichambrieren, ihm nicht gestatten mit militärischer Eskorte im +Tempel aufzutreten, ihn nicht vor, sondern in dem Tempel empfangen, +innerhalb dessen er der Herr und der Statthalter Privatmann ist; von +den Unterstützungen, die die Regierung für die Provinz ausgeworfen hat +(30000 Scheffel Getreide und 60000 Sextarien Wein) den fünften Teil an +die in die Klientel der heidnischen Priester tretenden Armen spenden, +das Übrige sonst zu mildtätigen Zwecken verwenden; in jeder Stadt der +Provinz womöglich mit Beihilfe der Privaten Verpflegungshäuser +(ξενοδοχεία) nicht bloß für Heiden, sondern für jedermann ins Leben +rufen und den Christen nicht ferner das Monopol der guten Werke +gestatten; die sämtlichen Priester der Provinz durch Beispiel und +Ermahnung überhaupt zum gottesfürchtigen Wandel und zur Vermeidung des +Besuchs der Theater und der Schenken anhalten und insbesondere zum +fleißigen Besuch der Tempel mit ihrer Familie und ihrem Gesinde oder, +wenn sie nicht zu bessern sind, sie absetzen. Es ist ein Hirtenbrief in +bester Form, nur mit veränderter Adresse und mit Zitaten aus Homer +statt aus der Bibel. So deutlich diese Anordnungen den Stempel des +bereits zusammenbrechenden Heidentums an sich tragen und so gewiß sie +in dieser Ausdehnung der früheren Epoche fremd sind, so erscheint doch +das Fundament, die allgemeine Oberaufsicht des Oberpriesters der +Provinz über das Kultwesen, keineswegs als eine neue Einrichtung. + +————————————————————————————— + +Neben dem Kaiserkultus fand auch die eigentliche Gottesverehrung in +Kleinasien in bevorzugter Weise ihre Statt und namentlich alle ihre +Auswüchse eine Freistatt. Das Unwesen der Asyle und der Wunderkuren +hatte ganz besonders hier seinen Sitz. Unter Tiberius wurde die +Beschränkung der ersteren vom römischen Senat angeordnet; der Heilgott +Asklepios tat nirgends mehr und größere Wunder als in seiner +vielgeliebten Stadt Pergamon, die ihn geradezu als Zeus Asklepios +verehrte und ihre Blüte in der Kaiserzeit zum guten Teil ihm verdankte. +Die wirksamsten Wundertäter der Kaiserzeit, der später kanonisierte +Kappadokier Apollonios von Tyana, sowie der paphlagonische Drachenmann +Alexandros von Abonuteichos sind Kleinasiaten. Wenn das allgemeine +Verbot der Assoziationen, wie wir sehen werden, in Kleinasien mit +besonderer Strenge durchgeführt ward, so wird die Ursache wohl +hauptsächlich in den religiösen Verhältnissen zu suchen sein, die den +Mißbrauch solcher Vereinigungen dort besonders nahelegten. + +Die öffentliche Sicherheit ruhte im wesentlichen auf dem Lande selbst. +In der früheren Kaiserzeit stand, abgesehen von dem das östliche +Kilikien einschließenden syrischen Kommando, in ganz Kleinasien nur ein +Detachement von 5000 Mann Auxiliartruppen, die in der Provinz Galatien +garnisonierten ^24, nebst einer Flotte von 40 Schiffen; es war dies +Kommando bestimmt, teils die unruhigen Pisidier niederzuhalten, teils +die nordöstliche Reichsgrenze zu decken und die Küste des Schwarzen +Meeres bis zur Krim unter Aufsicht zu halten. Vespasian brachte diese +Truppe auf den Stand eines Armeekorps von zwei Legionen und legte deren +Stäbe in die Provinz Kappadokien an den oberen Euphrat. Außer diesen +für die Grenzhut bestimmten Mannschaften gab es damals namhafte +Garnisonen in Vorderasien nicht; in der kaiserlichen Provinz Lykien und +Pamphylien zum Beispiel stand eine einzige Kohorte von 500 Mann, in den +senatorischen Provinzen höchstens einzelne aus der kaiserlichen Garde +oder aus den benachbarten Kaiserprovinzen zu speziellen Zwecken +abkommandierte Soldaten ^25. Wenn dies einerseits für den inneren +Frieden dieser Provinzen auf das nachdrücklichste zeugt und den +ungeheuren Abstand der kleinasiatischen Bürgerschaften von den ewig +unruhigen Hauptstädten Syriens und Ägyptens deutlich vor Augen führt, +so erklärt es andererseits die schon in anderer Verbindung +hervorgehobene Stabilität des Räuberwesens in dem durchaus gebirgigen +und im Innern zum Teil öden Lande, namentlich an der +mysisch-bithynischen Grenze und in den Bergtälern Pisidiens und +Isauriens. Eigentliche Bürgerwehren gab es in Kleinasien nicht. Trotz +des Florierens der Turnanstalten für Knaben, Jünglinge und Männer +blieben die Hellenen dieser Zeit in Asia so unkriegerisch wie in Europa +^26. Man beschränkte sich darauf, für die Aufrechterhaltung der +öffentlichen Sicherheit städtische Eirenarchen, Friedensmeister, zu +kreieren und ihnen eine Anzahl zum Teil berittener städtischer +Gendarmen zur Verfügung zu stellen, gedungene Mannschaften von geringem +Ansehen, welche aber doch brauchbar gewesen sein müssen, da Kaiser +Marcus es nicht verschmähte, bei dem bitteren Mangel an gedienten +Leuten während des Markomannenkrieges diese kleinasiatischen +Stadtsoldaten in die Reichstruppen einzureihen ^27. + +————————————————————————- + +^24 Diese Truppe kann nach der Stellung bei Josephus (bel. Iud. 2,16, +4) zwischen den nicht mit Garnison belegten Provinzen Asia und +Kappadokien nur auf Galatien bezogen werden. Natürlich gab sie auch die +Detachements, welche in den abhängigen Gebieten am Kaukasus standen, +damals -unter Nero- wie es scheint, auch die auf dem Bosporus selbst +stehenden, wobei freilich auch das mösische Korps beteiligt war. + +^25 Prätorianer stationaribus Ephesi: Eph. epigr. IV, n. 70. Ein Soldat +in statione Nicomedensi: Plin. ep. ad Trai. 74. Ein Legionarcenturio in +Byzantium: daselbst 77, 78. + +^26 In dem kleinasiatischen Munizipalwesen kommt alles vor, nur nicht +das Waffenwesen. Der smyrnäische στρατηγός επί τών όπλων ist natürlich +eine Reminiszenz so gut wie der Kultus des Herakles οπλοφύλαξ (CIG +3162). + +^27 Der Eirenarch von Smyrna sendet, um den Polykarpos zu verhaften, +diese Gendarmen aus: εξήλθων διογμίται καί ιππείς μετά τών συνήθων +αυτοίς όπλων, ως επί ληστήν τρέχοντες (Acta mart., S. 39). Daß sie +nicht die eigentliche soldatische Rüstung hatten, wird auch sonst +bemerkt (Amm. 27, 9, 6: adbibitis semiermibus quibusdam - gegen die +Isaurer - quos diogmitas appellaut). Von ihrer Verwendung im +Markomannenkrieg berichtet der Biograph des Marcus c. 26: armavit et +diogmitas und die Inschrift von Aezani in Phrygien CIG 3031 a 8 = +Lebas-Waddington 992: παρασχών τώ κυρω Καίσαρι σύμμαχον διωγμείτην παρ' +εαυτού. + +————————————————————————- + +Die Justizpflege sowohl der städtischen Behörden wie der Statthalter +ließ auch in dieser Epoche vieles zu wünschen übrig; doch bezeichnet +das Eintreten der Kaiserherrschaft darin eine Wendung zum Besseren. Das +Eingreifen der Reichsgewalt hatte unter der Republik sich auf die +strafrechtliche Kontrolle der Reichsbeamten beschränkt und diese +besonders in späterer Zeit schwächlich und parteiisch geübt oder +vielmehr nicht geübt. Jetzt wurden nicht bloß in Rom die Zügel schärfer +angezogen, indem die strenge Beaufsichtigung der eigenen Beamten von +dem einheitlichen Militärregiment unzertrennlich war und auch der +Reichssenat zu schärferer Überwachung der Amtspflege seiner Mandatare +veranlaßt wurde, sondern es wurde jetzt möglich, die Mißgriffe der +Provinzialgerichte im Wege der neu eingeführten Appellation zu +beseitigen oder auch, wo unparteiisches Gericht in der Provinz nicht +erwartet werden konnte, den Prozeß nach Rom vor das Kaisergericht zu +ziehen ^28. Beides kam auch den senatorischen Provinzen zugute und ist +allem Anschein nach überwiegend als Wohltat empfunden worden. + +—————————————————————————————- + +^28 In Knidos (BCH 7, 1883, S. 62) hatten im Jahre 741/42 (13/12) +einige, wie es scheint, angesehene Bürger das Haus eines ihnen +persönlich Verfeindeten drei Nächte hindurch gestürmt; bei der Abwehr +hatte einer der Sklaven des belagerten Hauses durch ein aus dem Fenster +geworfenes Gefäß den einen der Angreifer getötet. Die Besitzer des +belagerten Hauses wurden darauf des Totschlags angeklagt, +perhorreszierten aber, da sie die öffentliche Meinung gegen sich +hatten, das städtische Gericht und verlangten die Entscheidung durch +den Spruch des Kaisers Augustus. Dieser ließ die Sache durch einen +Kommissar untersuchen und sprach die Angeklagten frei, wovon er die +Behörde in Knidos in Kenntnis setzte mit der Bemerkung, daß sie die +Angelegenheit nicht unparteiisch behandelt hätten, und sie anwies, sich +nach seinem Spruche zu verhalten. Das ist allerdings, da Knidos eine +freie Stadt war, ein Eingreifen in deren souveräne Rechte, wie auch in +Athen Appellation an den Kaiser und sogar an den Prokonsul in +hadrianischer Zeit statthaft war. Aber wer die Justizverhältnisse einer +Griechenstadt dieser Epoche und dieser Stellung erwägt, wird nicht +zweifeln, daß durch derartiges Eingreifen wohl mancher ungerechte +Spruch veranlaßt, aber viel häufiger ein solcher verhindert ward. + +—————————————————————————————- + +Wie bei den Hellenen Europas, so ist in Kleinasien die römische Provinz +wesentlich ein Komplex städtischer Gemeinden. Wie in Hellas werden auch +hier die überkommenen Formen der demokratischen Politie im allgemeinen +festgehalten, die Beamten zum Beispiel auch ferner von den +Bürgerschaften gewählt, überall aber der bestimmende Einfluß in die +Hände der Begüterten gelegt und dem Belieben der Menge so wie dem +ernstlichen politischen Ehrgeiz kein Spielraum gestattet. Unter den +Beschränkungen der munizipalen Autonomie ist den kleinasiatischen +Städten eigentümlich, daß den schon erwähnten Eirenarchen, den +städtischen Polizeimeister, späterhin der Statthalter aus einer von dem +Rat der Stadt aufgestellten Liste von zehn Personen ernannte. Die +Regierungskuratel der städtischen Finanzverwaltung, die kaiserliche +Bestellung eines nicht der Stadt selbst angehörigen Vermögenspflegers +(curator rei publicae, λογιστής), dessen Konsens die städtischen +Behörden bei wichtigeren Vermögenshandlungen einzuholen haben, ist +niemals allgemein, sondern nach Bedürfnis für diese oder jene Stadt +angeordnet worden, in Kleinasien aber entsprechend der Bedeutung seiner +städtischen Entwicklung besonders früh, das heißt seit dem Anfang des +2. Jahrhunderts, und besonders umfassend eingetreten. Wenigstens im 3. +Jahrhundert mußten auch hier wie anderswo sonstige wichtige Beschlüsse +der Gemeindeverwaltung dem Statthalter zur Bestätigung unterbreitet +werden. Uniformierung der Gemeindeverfassung hat die römische Regierung +nirgends und am wenigsten in den hellenischen Landschaften +durchgeführt; auch in Kleinasien herrschte darin große Mannigfaltigkeit +und vermutlich vielfach das Belieben der einzelnen Bürgerschaften, +obwohl für die derselben Provinz angehörigen Gemeinden das eine jede +Provinz organisierende Gesetz allgemeine Normen vorschrieb. Was der Art +von Institutionen als in Kleinasien verbreitet und vorherrschend diesem +Landesteil eigentümlich angesehen werden kann, trägt keinen politischen +Charakter, sondern ist nur etwa für die sozialen Verhältnisse +bezeichnend, wie die über ganz Kleinasien verbreiteten Verbände teils +der älteren, teils der jüngeren Bürger, die Gerusia und die Neoi, +Ressourcen für die beiden Altersklassen mit entsprechenden Turnplätzen +und Festen ^29. Autonome Gemeinden gab es in Kleinasien von Haus aus +bei weitem weniger als in dem eigentlichen Hellas, und namentlich die +bedeutendsten kleinasiatischen Städte haben diese zweifelhafte +Auszeichnung niemals gehabt oder doch früh verloren, wie Kyzikos unter +Tiberius, Samos durch Vespasian. Kleinasien war eben altes +Untertanengebiet und unter den persischen wie unter den hellenischen +Herrschern an monarchische Ordnung gewöhnt; weniger als in Hellas +führte hier unnützes Erinnern und unklares Hoffen hinaus über den +beschränkten munizipalen Horizont der Gegenwart, und nicht vieles der +Art störte den friedlichen Genuß des unter den bestehenden +Verhältnissen möglichen Lebensglückes. + +——————————————————————— + +^29 Die in kleinasiatischen Inschriften oft erwähnte Gerusia hat mit +der von Lysimachos in Ephesos getroffenen gleichnamigen politischen +Einrichtung (Strab. 14, 1, 21 p. 640; Wood, Ephesus. Inscriptions from +the temple of Diana, n. 19) nichts weiter gemein; den Charakter +derselben in römischer Zeit bezeichnet teils Vitruvius (2, 8, 10): +Croesi (damum) Sardiani civibus ad requiescendum aetatis otio seniorum +collegio gerusiam dedicaverunt, teils die in der lykischen Stadt Sidyma +kürzlich gefundene Inschrift (Benndorf, Reisen, Bd. 1, S. 71), wonach +Rat und Volk beschließen, wie das Gesetz es fordert, eine Gerusia +einzurichten und in diese 50 Buleuten und 50 andere Bürger einzuwählen, +welche dann einen Gymnasiarchen der neuen Gerusia bestellen. Dieser +auch sonst begegnende Gymnasiarch sowie der Hymnode der Gerusia +(Menadier, Qua condicione Ephesii usi sint, p. 51) sind unter den uns +bekannten Ämtern dieser Körperschaft die einzigen für ihre +Beschaffenheit charakteristischen. Analog, aber weniger angesehen, sind +die Kollegien der νέοι die auch ihre eigenen Gymnasiarchen haben. Zu +den beiden Aufsehern der Turnplätze für die erwachsenen Bürger machen +den Gegensatz die Gymnasiarchen der Epheben (Menadier, p. 91). +Gemeinschaftliche Mahlzeiten und Feste (auf die der Hymnode sich +bezieht) fehlten natürlich namentlich bei der Gerusia nicht. Sie ist +keine Armenversorgung, aber auch kein der munizipalen Aristokratie +reserviertes Kollegium charakteristisch für die Weise des bürgerlichen +Verkehrs der Griechen, bei welchen der Turnplatz etwa ist, was in +unseren kleinen Städten die Bürgercasinos. + +——————————————————————— + +Solchen Lebensglückes gab es in Kleinasien unter dem römischen +Kaiserregiment die Fülle. “Keine Provinz von allen”, sagt ein in Smyrna +unter den Antoninen lebender Schriftsteller, “hat so viele Städte +aufzuweisen wie die unsrige und keine solche wie unsere größten. Ihr +kommen zugute die reizende Gegend, die Gunst des Klimas, die +mannigfaltigen Produkte, die Lage im Mittelpunkt des Reiches, ein Kranz +ringsum befriedeter Völker, die gute Ordnung, die Seltenheit der +Verbrechen, die milde Behandlung der Sklaven, die Rücksicht und das +Wohlwollen der Herrscher.” Asia hieß, wie schon gesagt ward, die +Provinz der fünfhundert Städte, und wenn das wasserlose, zum Teil nur +zur Weide geeignete Binnenland Phrygiens, Lykaoniens, Galatiens, +Kappadokiens auch in jener Zeit nur dünn bevölkert war, stand die +übrige Küste hinter Asia nicht weit zurück. Die dauernde Blüte der +kulturfähigen Landschaften Kleinasiens erstreckt sich nicht bloß auf +die Städte glänzenden Namens, wie Ephesos, Smyrna, Laodikeia, Apameia; +wo immer ein von der Verwüstung der anderthalb Jahrtausende, die uns +von jener Zeit trennen, vergessener Winkel des Landes sich der +Forschung erschließt, da ist das erste und das mächtigste Gefühl das +Entsetzen, fast möchte man sagen die Scham über den Kontrast der +elenden und jammervollen Gegenwart mit dem Glück und dem Glanz der +vergangenen Römerzeit. Auf einer abgelegenen Bergspitze unweit der +lykischen Küste, da, wo nach der griechischen Fabel die Chimaera +hauste, lag das alte Kragos, wahrscheinlich nur aus Balken und +Lehmziegeln gebaut und darum spurlos verschwunden bis auf die +zyklopische Festungsmauer am Fuß des Hügels. Unter der Kuppe breitet +ein anmutiges fruchtbares Tal sich aus, mit frischer Alpenluft und +südlicher Vegetation, umgeben von Wald- und wildreichen Bergen. Als +unter Kaiser Claudius Lykien Provinz ward, verlegte die römische +Regierung die Bergstadt, das “grüne Kragos” des Horaz, in diese Ebene; +auf dem Marktplatz der neuen Stadt Sidyma stehen noch die Reste des +viersäuligen, dem Kaiser damals gewidmeten Tempels und einer +stattlichen Säulenhalle, welche ein von dort gebürtiger, als Arzt zu +Vermögen gelangter Bürger in seiner Vaterstadt baute. Statuen der +Kaiser und verdienter Mitbürger schmückten den Markt; es gab in der +Stadt einen Tempel ihrer Schutzgötter, der Artetuis und des Apollon, +Bäder, Turnanstalten (γυμνάσια) für die ältere wie für die jüngere +Bürgerschaft; von den Toren zogen sich an der Hauptstraße, die steil am +Gebirge hinab nach dem Hafen Kalabatia führte, zu beiden Seiten Reihen +hin von steinernen Grabmonumenten, stattlicher und kostbarer als die +Pompeiis und großenteils noch aufrecht, während die vermutlich wie die +der Altstadt aus vergänglichem Material gebauten Häuser verschwunden +sind. Auf den Stand und die Art der einstmaligen Bewohner gestattet +einen Schluß ein kürzlich dort aufgefundener, wahrscheinlich unter +Commodus gefaßter Gemeindebeschluß über die Konstituierung der +Ressource für die älteren Bürger; dieselbe wurde zusammengesetzt aus +hundert zur Hälfte dem Stadtrat, zur Hälfte der übrigen Bürgerschaft +entnommenen Mitgliedern, darunter nicht mehr als drei Freigelassene und +ein Bastardkind, alle übrigen in rechter Ehe erzeugt und zum Teil +nachweislich alten und wohlhabenden Bürgerhäusern angehörig. Einzelne +dieser Familien sind zum römischen Bürgerrecht gelangt, eine sogar in +den Reichssenat. Aber auch im Ausland blieb dieses senatorische Haus +sowohl wie verschiedene aus Sidyma gebürtige auswärts und selbst am +kaiserlichen Hof beschäftigte Ärzte der Heimat eingedenk, und mehrere +derselben haben ihr Leben daselbst beschlossen; einer dieser +angesehenen Stadtbürger hat in einem nicht gerade vortrefflichen, aber +sehr gelehrten und sehr patriotischen Elaborat die Legenden der Stadt +und die sie betreffenden Weissagungen zusammengefaßt und diese +Memorabilien öffentlich aufstellen lassen. Dies Kragos-Sidyma stimmte +auf dem Landtag der kleinen lykischen Provinz nicht unter den Städten +erster Klasse, war ohne Theater, ohne Ehrentitel und ohne jene +allgemeinen Feste, die in der damaligen Welt die Großstadt bezeichnen, +auch nach der Auffassung der Alten eine kleine Provinzialstadt und +durchaus eine Schöpfung der römischen Kaiserzeit. Aber im ganzen +Vilajet Aidin ist heute kein Binnenort, der für zivilisierte Existenz +auch nur entfernt diesem Bergstädtchen, wie es war, an die Seite +gestellt werden könnte. Was in diesem abgeschiedenen Fleck noch heute +leben dig vor Augen steht, das ist in einer ungezählten Menge anderer +Städte unter der verwüstenden Menschenhand bis auf geringe Reste oder +auch spurlos verschwunden. Einen gewissen Überblick dieser Fülle +gewährt die den Städten in Kupfer freigegebene Münzprägung der +Kaiserzeit: keine Provinz kann in der Zahl der Münzstätten und der +Mannigfaltigkeit der Darstellungen sich auch nur von weitem mit Asia +messen. + +Freilich fehlt diesem Aufgehen aller Interessen in der heimatlichen +Kleinstadt die Kehrseite so wenig in Kleinasien wie bei den +europäischen Griechen. Was über deren Gemeindeverwaltung gesagt ist, +gilt in der Hauptsache auch hier. Der städtischen Finanzwirtschaft, die +sich ohne rechte Kontrolle weiß, fehlt Stetigkeit und Sparsamkeit und +oft selbst die Ehrlichkeit; bei den Bauten werden bald die Kräfte der +Stadt überschritten, bald auch das Nötigste unterlassen; die kleineren +Bürger gewöhnen sich an die Spenden der Stadtkasse oder der vermögenden +Leute, an das freie Öl in den Bädern, an Bürgerschmäuse und +Volksbelustigungen aus fremder Tasche, die guten Häuser an die Klientel +der Menge mit ihren demütigen Huldigungen, ihren Bettelintrigen, ihren +Spaltungen; Rivalitäten bestehen wie zwischen Stadt und Stadt, so in +jeder Stadt zwischen den einzelnen Kreisen und den einzelnen Häusern; +die Bildung von Armenvereinen und von freiwilligen Feuerwehren, wie sie +im Okzident überall bestanden, wagt die Regierung in Kleinasien nicht +einzuführen, weil das Faktionswesen hier sich jeder Assoziation sofort +bemächtigt. Der stille See wird leicht zum Sumpf, und das Fehlen des +großen Wellenschlags der allgemeinen Interessen ist auch in Kleinasien +deutlich zu spüren. + +Kleinasien, insbesondere Vorderasien, war eines der reichsten Gebiete +des großen Römerstaats. Wohl hatte das Mißregiment der Republik, die +dadurch hervorgerufenen Katastrophen der mithradatischen Zeit, dann das +Piratenunwesen, endlich die vieljährigen Bürgerkriege, welche +finanziell wenige Provinzen so schwer betroffen hatten wie diese, die +Vermögensverhältnisse der Gemeinden und der Einzelnen daselbst so +vollständig zerrüttet, daß Augustus zu dem äußersten Mittel der +Niederschlagung aller Schuldforderungen griff; auch machten mit +Ausnahme der Rhodier alle Asiaten von diesem gefährlichen Heilmittel +Gebrauch. Aber das wiedereintretende Friedensregiment glich vieles aus. +Nicht überall - die Inseln des Ägäischen Meers zum Beispiel haben sich +nie seitdem wieder erholt -, aber in den meisten Orten waren, schon als +Augustus starb, die Wunden wie die Heilmittel vergessen, und in diesem +Zustand blieb das Land drei Jahrhunderte bis auf die Epoche der +Gotenkriege. Die Summen, zu welchen die Städte Kleinasiens angesetzt +waren und die sie selbst, allerdings unter Kontrolle des Statthalters, +zu repartieren und aufzubringen hatten, bildeten eine der bedeutendsten +Einnahmequellen der Reichskasse. Wie die Steuerlast sich zu der +Leistungsfähigkeit der Besteuerten verhielt, vermögen wir nicht zu +konstatieren; eigentliche dauernde Überbürdung aber verträgt sich nicht +mit den Zuständen, in denen wir das Land bis gegen die Mitte des 3. +Jahrhunderts finden. Mehr vielleicht noch die Schlaffheit des Regiments +als absichtliche Schonung mag die fiskalische Beschränkung des Verkehrs +und die nicht bloß für den Besteuerten unbequeme Anziehung der +Steuerschraube in Schranken gehalten haben. Bei großen Kalamitäten, +namentlich bei den Erdbeben, welche unter Tiberius zwölf blühende +Städte Asias, vor allem Sardes, unter Pius eine Anzahl karischer und +lykischer und die Inseln Kos und Rhodos entsetzlich heimsuchten, trat +die Privat- und vor allem die Reichshilfe mit großartiger Freigebigkeit +ein und spendete den Kleinasiaten den vollen Segen des Großstaats, die +Samtverbürgung aller für alle. Der Wegebau, den die Römer bei der +ersten Einrichtung der Provinz Asia durch Manius Aquillius in Angriff +genommen hatten, ist in der Kaiserzeit in Kleinasien nur da ernstlich +gefördert worden, wo größere Besatzungen standen, namentlich in +Kappadokien und dem benachbarten Galatien, seit Vespasian am mittleren +Euphrat Legionslager eingerichtet hatte ^30. In den übrigen Provinzen +ist dafür nicht viel geschehen, zum Teil ohne Zweifel in Folge der +Schlaffheit des senatorischen Regiments; wo immer hier Wege von +Staatswegen gebaut wurden, geschah es auf kaiserliche Anordnung ^31. + +———————————————————————————— + +^30 Die Meilensteine beginnen hier mit Vespasian (CIL III, 306) und +sind seitdem zahlreich namentlich von Domitian bis auf Hadrian. + +^31 Am deutlichsten zeigen dies die in der Senatsprovinz Bithynien +unter Nero und Vespasian durch den kaiserlichen Prokurator ausgeführten +Wegebauten (CIL III, 346; Eph. epigr. V, n. 96). Aber auch bei den +Wegebauten in den senatorischen Provinzen Asia und Kypros wird der +Senat nie genannt, und es wird dafür dasselbe angenommen werden dürfen. +Im dritten Jahrhundert ist hier wie überall der Bau auch der +Reichsstraßen auf die Kommunen übergegangen (Smyrna: CIL III, 471; +Thyateira: BCH 1, 1877, S. 101; Paphos: CIL III, 218). + +———————————————————————————— + +Diese Blüte Kleinasiens ist nicht das Werk einer Regierung von +überlegener Einsicht und energischer Tatkraft. Die politischen +Einrichtungen, die gewerblichen und kommerziellen Anregungen, die +literarische und künstlerische Initiative gehören in Kleinasien +durchaus den alten Freistädten oder den Attaliden. Was die römische +Regierung dem Lande gegeben hat, war wesentlich der dauernde +Friedensstand und die Duldung des Wohlstandes im Innern, die +Abwesenheit derjenigen Regierungsweisheit, die jedes gesunde Paar Arme +und jedes ersparte Geldstück betrachtet als ihren unmittelbaren Zwecken +von Rechts wegen verfallen - negative Tugenden keineswegs +hervorragender Persönlichkeiten, aber oftmals dem gemeinen Gedeihen +ersprießlicher als die Großtaten der selbstgesetzten Vormünder der +Menschheit. + +Der Wohlstand Kleinasiens beruhte in schönem Gleichgewicht ebenso auf +der Bodenkultur wie auf der Industrie und dem Handel. Die Gunst der +Natur ist insbesondere den Küstenlandschaften in reichstem Maße zuteil +geworden, und vielfach zeigt es sich, mit wie emsigem Fleiß auch unter +schwierigeren Verhältnis sen, zum Beispiel in dem felsigen Tal des +Eurymedon in Pamphylien von den Bürgern von Selge, jedes irgend +brauchbare Bodenstück ausgenutzt ward. Die Erzeugnisse der +kleinasiatischen Industrie sind zu zahlreich und zu mannigfaltig, um +bei den einzelnen zu verweilen ^32; erwähnt mag werden, daß die +ungeheuren Triften des Binnenlandes mit ihren Schaf- und Ziegenherden +Kleinasien zum Hauptland der Wollindustrie und der Weberei überhaupt +gemacht haben - es genügt zu erinnern an die milesische und die +galatische, das ist die Angorawolle, die attalischen Goldstickereien, +die nach nervischer, das heißt flandrischer Art in den Fabriken des +phrygischen Laodikeia gefertigten Tuche. Daß in Ephesos fast ein +Aufstand ausgebrochen wäre, weil die Goldschmiede von dem neuen +Christenglauben Beschädigung ihres Absatzes von Heiligenbildern +befürchteten, ist bekannt. In Philadelpheia, einer bedeutenden Stadt +Lydiens, kennen wir von den sieben Quartieren die Namen zweier: es sind +die der Wollenweber und der Schuster. Wahrscheinlich tritt hier zu +Tage, was bei den übrigen Städten unter älteren und vornehmeren Namen +sich versteckt, daß die bedeutenderen Städte Asias durchgängig nicht +bloß eine Menge Handwerker, sondern auch eine zahlreiche +Fabrikbevölkerung in sich schlossen. Der Geld- und Handelsverkehr ruhte +in Kleinasien hauptsächlich auf der eigenen Produktion. Der große +ausländische Import und Export Syriens und Ägyptens war hier in der +Hauptsache ausgeschlossen, wenn auch aus den östlichen Ländern +mancherlei Artikel, zum Beispiel durch die galatischen Händler eine +beträchtliche Zahl von Sklaven nach Kleinasien eingeführt wurden ^33. +Aber wenn die römischen Kaufleute hier, wie es scheint, in jeder großen +und kleinen Stadt, selbst in Orten wie Ilion und Assos in Mysien, +Prymnessos und Traianopolis in Phrygien, in solcher Zahl zu finden +waren, daß ihre Vereine neben der Stadtbürgerschaft bei öffentlichen +Akten sich zu beteiligen pflegen; wenn in Hierapolis im phrygischen +Binnenland ein Fabrikant (εργαστής) auf sein Grab schreiben ließ, daß +er zweiundsiebzigmal in seinem Leben um Kap Malea nach Italien gefahren +sei, und ein römischer Dichter den Kaufmann der Hauptstadt schildert, +welcher nach dem Hafen eilt, um den Geschäftsfreund aus dem nicht weit +von Hierapolis entfernten Kibyra nicht in die Hände von Konkurrenten +fallen zu lassen, so öffnet sich damit ein Einblick in ein reges +gewerbliches und kaufmännisches Treiben nicht bloß in den Höfen. Von +dem stetigen Verkehr mit Italien zeugt auch die Sprache; unter den in +Kleinasien gangbar gewordenen lateinischen Wörtern rühren nicht wenige +aus solchem Verkehr her, wie denn in Ephesos sogar die Gilde der +Wollenweber sich lateinisch benennt ^34. Lehrer aller Art und Ärzte +kamen nach Italien und den übrigen Ländern lateinischer Zunge +vorzugsweise von hier und gewannen nicht bloß oftmals bedeutendes +Vermögen, sondern brachten dies auch in ihre Heimat zurück; unter +denen, welchen die Städte Kleinasiens Bauwerke oder Stiftungen +verdanken, nehmen die reich gewordenen Ärzte ^35 und Literaten einen +hervorragenden Platz ein. Endlich die Auswanderung der großen Familien +nach Italien hat Kleinasien weniger und später betroffen als den +Okzident; aus Vienna und Narbo siedelte man leichter nach der +Hauptstadt des Reiches über als aus den griechischen Städten, und auch +die Regierung war in früherer Zeit nicht eben geneigt, die vornehmen +Munizipalen Kleinasiens an den Hof zu ziehen und sie in die römische +Aristokratie einzuführen. + +—————————————————————————- + +^32 Die Christen des Küstenstädtchens Korykos im Rauhen Kilikien +pflegten, gegen den allgemeinen Gebrauch, ihren Grabschriften +regelmäßig den Stand beizusetzen. Auf den dort von Langlois und +neuerdings von Duchesne (BCH 7,1883, S. 230f.) aufgenommenen +Grabschriften finden sich ein Schreiber (νοτάριος), ein Weinhändler +(οινέμπορος) zwei Φlhändler (ελεοπώλης) ein Gemüsehändler +(λαχανοπώλης), ein Fruchthändler (οπωροπώλης), zwei Krämer (κάπηλος), +fünf Goldschmiede (αυράριος dreimal, χρυσόχοος zweimal), wovon einer +auch Presbyter ist, vier Kupferschmiede (χαλκότυπος einmal, χαλκεύς +dreimal), zwei Instrumentenmacher (αρμενοράφος), fünf Töpfer +(κεραμεύς), von denen einer als Arbeitgeber (εργοδότης) bezeichnet +wird, ein anderer zugleich Presbyter ist ein Kleiderhändler +(ιματιοπώλης) zwei Leinwandhändler (λινοπώλης)drei Weber (οθονιακός), +ein Wollarbeiter (ερεουργός), zwei Schuster (καλιγάριος, καλτάριος), +ein Kürschner (ινιοράφος, wohl für ηνιοράφος, pellio), ein Schiffer +(ναύκληρος), eine Hebamme (ιατρινή); ferner ein Gesamtgrab der +hochansehnlichen Geldwechsler (σύσστεμα τών ευγενεστάτων τραπεζιτών). +So sah es daselbst im 5. und 6. Jahrhundert aus. + +^33 Dieser für das 4. Jahrhundert bezeugte Verkehr (Amm. 22, 7 8; +Claudianus in Eutr. 1, 59) ist ohne Zweifel älter. Anderer Art ist es, +daß, wie Philostratos (Vita Apoll. 8, 7, 12) angibt, die nicht +griechischen Bewohner von Phrygien ihre Kinder an die Sklavenhändler +verkauften. + +^34 Συνεργασία τών λαναρίων (Wood, Ephesus. City, n. 4). Auch auf den +Inschriften von Korykos (Anm. 32) sind lateinische +Handwerkerbenennungen häufig. Die Stufe heißt γράδος den phrygischen +Inschriften CIG 3900, 39021. + +^35 Einer von diesen ist Xenophon, des Herakleitos Sohn, von Kos, +bekannt aus Tacitus (ann. 12, 61. 67) und Plinius (nat. 29,1, 7) und +einer Reihe von Denkmälern seiner Heimat (BCH 5, 1881, S. 468). Als +Leibarzt (αρχιατρός, welcher Titel hier zuerst begegnet) des Kaisers +Claudius gewann er solchen Einfluß, daß er mit seiner ärztlichen +Tätigkeit die einflußreiche Stellung des kaiserlichen Kabinettssekretär +für die griechische Korrespondenz verband (επί τών Ελληνικάν +αποκριμάτων vgl. Suidas unter Διονύσιος Αλεξάνδρευς) und nicht bloß für +seinen Bruder und Oheim das römische Bürgerrecht und Offiziersteilen +von Ritterrang und für sich außer dem Ritterpferd und dem Offiziersrang +noch die Dekoration des Goldkranzes und des Speers bei dem +britannischen Triumph erwirkte, sondern auch für seine Heimat die +Steuerfreiheit. Sein Grabmal steht auf der Insel, und seine dankbaren +Landsleute setzten ihm und den Seinigen Statuen und schlugen zu seinem +Gedächtnis Münzen mit seinem Bildnis. Er ist es, der den todkranken +Claudius durch weitere Vergiftung umgebracht haben soll und demgemäß, +als ihm wie seinem Nachfolger gleich wert, auf seinen Denkmälern nicht +bloß wie üblich “Kaiserfreund” (φιλοσεβαστός) heißt, sondern speziell +Freund des Claudius (φιλοκλαύδιος) und des Nero (φιλονέρων, dies nach +sicherer Restitution). Sein Bruder, dem er in dieser Stellung folgte, +bezog ein Gehalt von 500000 Sesterzen (100000 Mark), versicherte aber +dem Kaiser, daß er nur ihm zuliebe die Stellung angenommen hätte, da +seine Stadtpraxis ihm 100000 Sesterzen mehr eingetragen habe. Trotz der +enormen Summen, die die Brüder außer für Kos namentlich für Neapel +aufgewendet hatten, hinterließen sie ein Vermögen von 30 Mill. +Sesterzen (6½ Mill. Mark). + +—————————————————————————- + +Wenn wir absehen von der wunderbaren Frühblüte, in welcher das ionische +Epos und die äolische Lyrik, die Anfänge der Geschichtschreibung und +der Philosophie, der Plastik und der Malerei an diesen Gestaden +keimten, so war in der Wissenschaft wie in der Kunstübung die große +Zeit Kleinasiens die der Attaliden, welche die Erinnerung jener noch +größeren Epoche treulich pflegte. Wenn Smyrna seinem Bürger Homeros +göttliche Verehrung erwies, auch Münzen auf ihn schlug und nach ihm +nannte, so drückt sich darin die Empfindung aus, die ganz Ionien und +ganz Kleinasien beherrschte, daß die göttliche Kunst überhaupt in +Hellas und im Besonderen in Ionien auf die Erde niedergestiegen sei. +Wie früh und in welchem Umfang für den Elementarunterricht in diesen +Gegenden öffentlich gesorgt worden ist, veranschaulicht ein denselben +betreffender Beschluß der Stadt Teos ^36 in Lydien. Danach soll, +nachdem die Kapitalschenkung eines reichen Bürgers die Stadt dazu +instand gesetzt hat, in Zukunft neben dem Turninspektor (γυμνασιάρχης) +weiter das Ehrenamt eines Schulinspektors (παιδονόμος) eingerichtet +werden. Ferner sollen mit Besoldung angestellt werden drei +Schreiblehrer mit Gehalten, je nach den drei Klassen, von 600, 550 und +500 Drachmen, damit im Schreiben sämtliche freie Knaben und Mädchen +unterwiesen werden können; ebenfalls zwei Turnmeister mit je 500 +Drachmen Gehalt, ein Musiklehrer mit Gehalt von 700 Drachmen, welcher +die Knaben der beiden letzten Schuljahre und die aus der Schule +entlassenen Jünglinge im Lautenschlagen und Zitherspielen unterweist, +ein Fechtlehrer mit 300 und ein Lehrer für Bogenschießen und +Speerwerfen mit 250 Drachmen Besoldung. Die Schreib- und der +Musiklehrer sollen jährlich im Rathaus ein öffentliches Examen der +Schüler abhalten. Das ist das Kleinasien der Attalidenzeit; aber die +römische Republik hat deren Arbeit nicht fortgesetzt. Sie ließ ihre +Siege über die Galater nicht durch den Meißel verewigen, und die +pergamenische Bibliothek kam kurz vor der Aktfischen Schlacht nach +Alexandreia; viele der besten Keime sind in der Verwüstung der +Mithradatischen und der Bürgerkriege zugrunde gegangen. Erst in der +Kaiserzeit regenerierte sich mit dem Wohlstande Kleinasiens wenigstens +äußerlich die Pflege der Kunst und vor allem der Literatur. Einen +eigentlichen Primat, wie ihn als Universitätsstadt Athen besaß, im +Kreise der wissenschaftlichen Forschung Alexandreia, für Schauspiel und +Ballett die leichtfertige Hauptstadt Syriens, kann keine der +zahlreichen Städte Kleinasiens nach irgendeiner Richtung hin in +Anspruch nehmen; aber die allgemeine Bildung ist wahrscheinlich +nirgends weiter verbreitet und eingreifender gewesen. Den Lehrern und +den Ärzten Befreiung von den mit Kosten verbundenen städtischen Ämtern +und Aufträgen zu gewähren, muß in Asia früh üblich geworden sein; an +diese Provinz ist der Erlaß des Kaisers Pius gerichtet, welcher, um der +für die städtischen Finanzen offenbar sehr beschwerlichen Exemtion +Schranken zu setzen, Maximalzahlen dafür vorschreibt, zum Beispiel den +Städten erster Klasse gestattet, bis zu zehn Ärzten, fünf Lehrmeistern +der Rhetorik und fünf der Grammatik diese Immunität zu gewähren. Daß in +dem Literatentum der Kaiserzeit Kleinasien in erster Reihe steht, +beruht auf dem Rhetoren- oder, nach dem späterhin üblichen Ausdruck, +dem Sophistenwesen der Epoche, das wir Neueren uns nicht leicht +vergegenwärtigen. An die Stelle der Schriftstellerei, die ziemlich +aufgehört hat, etwas zu bedeuten, ist der öffentliche Vortrag getreten, +von der Art etwa unserer heutigen Universitäts- und akademischen Reden, +ewig sich neu erzeugend und nur ausnahmsweise gelagert, einmal gehört +und beklatscht und dann auf immer vergessen. Den Inhalt gibt häufig die +Gelegenheit, der Geburtstag des Kaisers, die Ankunft des Statthalters, +jedes öffentliche oder private analoge Ereignis; noch häufiger wird +ohne jede Veranlassung ins Blaue hinein über alles geredet, was nicht +praktisch und nicht lehrhaft ist. Politische Rede gibt es für diese +Zeit überhaupt nicht, nicht einmal im römischen Senat. Die Gerichtsrede +ist den Griechen nicht mehr der Zielpunkt der Redekunst, sondern steht +neben der Rede um der Rede willen als vernachlässigte und plebejische +Schwester, zu der sich ein Meister jener gelegentlich einmal herabläßt. +Der Poesie, der Philosophie, der Geschichte wird entnommen, was sich +gemeinplätzig behandeln läßt, während sie alle selbst überhaupt wenig +und am wenigsten in Kleinasien gepflegt und noch weniger geachtet neben +der reinen Wortkunst und von ihr durchseucht verkümmern. Die große +Vergangenheit der Nation betrachten diese Redner sozusagen als ihr +Sondergut; sie verehren und behandeln den Homer einigermaßen wie die +Rabbiner die Bücher Moses, und auch in der Religion befleißigen sie +sich eifrigster Orthodoxie. Getragen werden diese Vorträge durch alle +erlaubten und unerlaubten Hilfsmittel des Theaters, die Kunst der +Gestikulation und der Modulation der Stimme, die Pracht des +Rednerkostüms, die Kunstgriffe des Virtuosentums, das Faktionswesen, +die Konkurrenz, die Claque. Dem grenzenlosen Selbstgefühl dieser +Wortkünstler entspricht die lebhafte Teilnahme des Publikums, welche +derjenigen für die Rennpferde nur wenig nachsteht, und der völlig nach +Theaterart dieser Teilnahme gegebene Ausdruck; und die Stetigkeit, +womit dergleichen Exhibitionen in den größeren Orten den Gebildeten +vorgeführt werden, fügt sie, ebenfalls wie das Theater, überall in die +städtischen Lebensgewohnheiten ein. Wenn vielleicht an den Eindruck, +welchen in unseren bewegtesten Großstädten die obligaten Reden ihrer +gelehrten Körperschaften hervorrufen, sich dies untergegangene Phänomen +für unser Verständnis einigermaßen anknüpfen läßt, so fehlt doch in den +heutigen Verhältnissen ganz, was in der alten Welt weit die Hauptsache +war: das didaktische Moment und die Verknüpfung des zwecklosen +öffentlichen Vortrags mit dem höheren Jugendunterricht. Wenn dieser +heute, wie man sagt, den Knaben der gebildeten Klasse zum Professor der +Philologie erzieht, so erzog er ihn damals zum Professor der Eloquenz, +und zwar dieser Eloquenz. Denn die Schulung lief mehr und mehr darauf +hinaus, dem Knaben die Fertigkeit beizubringen, ebensolche Vorträge, +wie sie eben geschildert wurden, selber, womöglich in beiden Sprachen, +zu halten, und wer mit Nutzen den Kursus absolviert hatte, beklatschte +in den analogen Leistungen die Erinnerung an die eigene Schulzeit. +Diese Produktion umspannt zwar den Orient wie den Okzident; aber +Kleinasien steht voran und gibt den Ton an. Als in der augustischen +Zeit die Schulrhetorik in dem lateinischen Jugendunterricht der +Hauptstadt Fuß faßte, waren die Hauptträger neben Italienern und +Spaniern zwei Kleinasiaten, Arellius Fuscus und Cestius Pius. +Ebendaselbst, wo die ernsthafte Gerichtsrede sich in der besseren +Kaiserzeit neben diesem Parasiten behauptete, weist ein geistvoller +Advokat der flavischen Zeit auf die ungeheure Kluft hin, welche den +Niketes von Smyrna und die andern in Ephesos und Mytilene beklatschten +Redeschulmeister von Aeschines und Demosthenes trennt. Bei weitem die +meisten und namhaftesten der gefeierten Rhetoren dieser Art sind von +der Küste Vorderasiens. Wie sehr für die Finanzen der kleinasiatischen +Städte die Schulmeisterlieferung für das ganze Reich ins Gewicht fiel, +ist schon bemerkt worden. Im Laufe der Kaiserzeit steigt die Zahl und +die Geltung dieser Sophisten beständig, und mehr und mehr gewinnen sie +Boden auch im Okzident. Die Ursache davon liegt zum Teil wohl in der +veränderten Haltung der Regierung, die im zweiten Jahrhundert, +insbesondere seit der nicht so sehr hellenisierenden als übel +kosmopolitisierenden hadrianischen Epoche, sich weniger ablehnend gegen +das griechische und das orientalische Wesen verhielt als im ersten; +hauptsächlich aber in der immer zunehmenden Verallgemeinerung der +höheren Bildung und der rasch sich vermehrenden Zahl der Anstalten für +den höheren Jugendunterricht. Es gehört also die Sophistik allerdings +besonders nach Kleinasien und besonders in das Kleinasien des zweiten +und dritten Jahrhunderts; nur darf in diesem Literatenprimat keine +spezielle Eigentümlichkeit dieser Griechen und dieser Epoche oder gar +eine nationale Besonderheit gefunden werden. Die Sophistik sieht sich +überall gleich, in Smyrna und Athen wie in Rom und Karthago; die +Eloquenzmeister wurden verschickt wie die Lampenformen und das Fabrikat +überall in gleicher Weise, nach Verlangen griechisch oder lateinisch, +hergestellt, die Fabrikation dem Bedarf entsprechend gesteigert. Aber +freilich lieferten diejenigen griechischen Landschaften, die an +Wohlstand und Bildung voranstanden, diesen Exportartikel in bester +Qualität und in größter Quantität; von Kleinasien gilt dies für die +Zeiten Sullas und Ciceros nicht minder wie für die Hadrians und der +Antonine. + +————————————————————————— + +^36 Die Urkunde steht bei Dittenberger, SIG n. 349. Attalos II. machte +eine ähnliche Stiftung in Delphi (BCH 5, 1881, S. 157). + +————————————————————————— + +Indes ist auch hier nicht alles Schatten. Eben diese Landschaften +besitzen zwar nicht unter den professionellen Sophisten, aber doch +unter den Literaten anderer Richtung, die auch noch dort +verhältnismäßig zahlreich sich finden, die besten Vertreter des +Hellenismus, welche diese Epoche überhaupt aufweist, den Lehrer der +Philosophie, Dion von Prusa, in Bithynien unter Vespasian und Traian +und den Mediziner Galenos aus Pergamon, kaiserlicher Leibarzt am Hofe +des Marcus und des Severus. Bei Galenos erfreut namentlich die feine +Weise des Welt- und des Hofmanns in Verbindung mit einer allgemeinen +literarischen und philosophischen Bildung, wie sie bei den Ärzten +dieser Zeit überhaupt häufig hervortritt ^37. An Reinheit der Gesinnung +und Klarheit über die Lage der Dinge gibt der Bithyner Dion dem +Gelehrten von Chaeroneia nichts nach, an Gestaltungskraft, an Feinheit +und Schlagfertigkeit der Rede, an ernstem Sinn bei leichter Form, an +praktischer Energie ist er ihm überlegen. Die besten seiner Schriften, +die Phantasien von dem idealen Hellenen vor der Erfindung der Stadt und +des Geldes, die Ansprache an die Rhodier, die einzigen übriggebliebenen +Vertreter des echten Hellenismus, die Schilderung der Hellenen seiner +Zeit in der Verlassenheit von Olbia wie in der Üppigkeit von Nikomedeia +und von Tarsos, die Mahnungen an den Einzelnen zu ernster Lebensführung +und an alle zu einträchtigem Zusammenhalten sind das beste Zeugnis +dafür, daß auch von dem kleinasiatischen Hellenismus der Kaiserzeit das +Wort des Dichters gilt: untergehend sogar ist’s immer dieselbige Sonne. + +————————————————————— + +^37 Ein Arzt aus Smyrna, Hermogenes, des Charidemos Sohn (CIG 3311), +schrieb nicht bloß 77 Bände medizinischen Inhalts, sondern daneben, wie +sein Grabstein berichtet, historische Schriften: über Smyrna, über +Homers Vaterland, über Homers Weisheit, über die Städtegründungen in +Asia, in Europa, auf den Inseln, Itinerarien von Asien und von Europa, +über Kriegslisten, chronologische Tabellen über die Geschichte Roms und +Smyrnas. Ein kaiserlicher Leibarzt Menekrates (CIG 6607), dessen +Herkunft nicht angegeben wird, begründete, wie seine römischen Verehrer +ihm bescheinigen, die neue logische und zugleich empirische Medizin +(ιδίας λογικής εναργούς ιατρικής κτίστης) in seinen auf 156 Bände sich +belaufenden Schriften. + + + + +KAPITEL IX. +Die Euphratgrenze und die Parther + + +Der einzige Großstaat, mit welchem das Römische Reich grenzte, war das +Reich von Iran ^1, ruhend auf derjenigen Nationalität, die im Altertum +wie heutzutage am bekanntesten ist unter dem Namen der Perser, +staatlich zusammengefaßt durch das altpersische Königsgeschlecht der +Achämeniden und seinen ersten Großkönig Kyros, religiös geeinigt durch +den Glauben des Ahura Mazda und des Mithra. Keines der alten +Kulturvölker hat das Problem der nationalen Einigung gleich früh und +gleich vollständig gelöst. Südlich reichten die iranischen Stämme bis +an den Indischen Ozean, nördlich bis zum Kaspischen Meer; nordöstlich +war die innerasiatische Steppe der stete Kampfplatz der seßhaften +Perser und der nomadischen Stämme Turans. Östlich schieden mächtige +Grenzgebirge sie von den Indern. Im westlichen Asien trafen früh drei +große Nationen jede ihrerseits vordrängend auf einander: die von Europa +aus auf die kleinasiatische Küste übergreifenden Hellenen, die von +Arabien und Syrien aus in nördlicher und nordöstlicher Richtung +vorschreitenden und das Euphrattal wesentlich ausfüllenden aramäischen +Völkerschaften, endlich die nicht bloß bis zum Tigris wohnenden, +sondern selbst nach Armenien und Kappadokien vorgedrungenen Stämme von +Iran, während andersartige Urbewohner dieser weitgedehnten Landschaften +unter diesen Vormächten erlagen und verschwanden. Über dieses weite +Stammgebiet ging in der Epoche der Achämeniden, dem Höhepunkt der +Herrlichkeit Irans, die iranische Herrschaft nach allen Seiten, +insbesondere aber nach Westen weit hinaus. Abgesehen von den Zeiten, wo +Turan über Iran die Oberhand gewann und die Seldschuken und Mongolen +den Persern geboten, ist eigentliche Fremdherrschaft über den Kern der +iranischen Stämme nur zweimal gekommen, durch den großen Alexander und +seine nächsten Nachfolger und durch die arabischen Kalifen, und beide +Male nur auf verhältnismäßig kurze Zeit; die östlichen Landschaften, in +jenem Fall die Parther, in diesem die Bewohner des alten Baktrien +warfen nicht bloß bald das Joch des Ausländers wieder ab, sondern +verdrängten ihn auch aus dem stammverwandten Westen. + +————————————————————————- + +^1 Die Vorstellung, daß das Römer- und das Partherreich zwei +nebeneinander stehende Großstaaten sind und zwar die einzigen, die es +gibt, beherrscht den ganzen römischen Orient, namentlich die +Grenzprovinzen. Greifbar tritt sie uns in der Johanneischen Apokalypse +entgegen, in dem Nebeneinanderstellen wie des Reiters auf dem weißen +Roß mit dem Bogen und des auf dem roten mit dem Schwert (6 2 3), so der +Megistanen und der Chiliarchen (6, 15 vgl. 18, 23; 19, 18). Auch die +Schlußkatastrophe ist gedacht als Überwältigung der Römer durch die den +Kaiser Nero zurückführenden Parther (c. 9,14;16,12) und Armageddon, was +immer damit gemeint sein mag, als der Sammelplatz der Orientalen zu dem +Gesamtangriff auf den Okzident. Allerdings deutet der im Römischen +Reich schreibende Verfasser diese wenig patriotischen Hoffnungen mehr +an, als er sie ausspricht. + +————————————————————————- + +Das durch die Parther regenerierte Perserreich fanden die Römer vor, +als sie in der letzten Zeit der Republik in Folge der Besetzung Syriens +in unmittelbare Berührung mit Iran traten. Wir haben dieses Staats +schon mehrfach früherhin zu gedenken gehabt; hier ist der Ort, das +Wenige zusammenzufassen, was über die Eigentümlichkeit des auch für die +Geschicke des Nachbarstaats so vielfach ausschlaggebenden Reiches sich +erkennen läßt. Allerdings hat auf die meisten Fragen, die der +Geschichtsforscher hier zu stellen hat, die Überlieferung keine +Antwort. Die Okzidentalen geben über die inneren Verhältnisse ihrer +parthischen Nachbarn und Feinde nur gelegentliche, in der Vereinzelung +leicht irreführende Notizen; und wenn die Orientalen es überhaupt kaum +verstanden haben, die geschichtliche Überlieferung zu fixieren und zu +bewahren, so gilt dies doppelt von der Arsakidenzeit, da diese den +späteren Iranern mit der vorhergehenden Fremdherrschaft der Seleukiden +zusammen als unberechtigte Usurpation zwischen der alt- und der +neupersischen Herrschaftsperiode, den Achämeniden und den Sassaniden +gegolten hat; dies halbe Jahrtausend wird sozusagen aus der Geschichte +Irans herauskorrigiert ^2 und ist wie nicht vorhanden. + +——————————————————————— + +^2 Dies gilt sogar einigermaßen für die Chronologie. Die offizielle +Historiographie der Sassaniden reduziert den Zeitraum zwischen dem +letzten Dareios und dem ersten Sassaniden von 558 auf 266 Jahre +(Tabarî, Geschichte der Perser und Araber. Hrsg. v. Th. Nöldeke. Leiden +1879, S. 1). + +——————————————————————— + +Der Standpunkt, den die Hofhistoriographen der Sassanidendynastie damit +einnahmen, ist mehr der legitimistisch-dynastische des persischen Adels +als derjenige der iranischen Nationalität. Freilich bezeichnen die +Schriftsteller der ersten Kaiserzeit die Sprache der Parther, deren +Heimat etwa dem heutigen Chorasan entspricht, als mitten inne stehend +zwischen der medischen und der skythischen, das heißt als einen +unreinen iranischen Dialekt; dem entsprechend galten sie als +Einwanderer aus dem Land der Skythen und in diesem Sinne wird ihr Name +auf flüchtige Leute gedeutet und der Gründer der Dynastie Arsakes zwar +von einigen für einen Baktrer, von andern dagegen für einen Skythen von +der Maeotis erklärt. Daß ihre Fürsten nicht in Seleukeia am Tigris ihre +Residenz nahmen, sondern in der unmittelbaren Nähe bei Ktesiphon ihr +Winterlager aufschlugen, wird darauf zurückgeführt, daß sie die reiche +Kaufstadt nicht mit skythischen Truppen hätten belegen wollen. Vieles +in der Weise und den Ordnungen der Parther entfernt sich von der +iranischen Sitte und erinnert an nomadische Lebensgewohnheiten: zu +Pferde handeln und essen sie, und nie geht der freie Mann zu Fuß. Es +läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß die Parther, deren Namen allein +von allen Stämmen dieser Gegend die heiligen Bücher der Perser nicht +nennen, dem eigentlichen Iran fern stehen, in welchem die Achämeniden +und die Magier zu Hause sind. Der Gegensatz dieses Iran gegen das aus +einem unzivilisierten und halb fremdartigen Distrikt herstammende +Herrschergeschlecht und dessen nächstes Gefolge, dieser Gegensatz, den +die römischen Schriftsteller nicht ungern von den persischen Nachbarn +übernahmen, hat allerdings die ganze Arsakidenherrschaft hindurch +bestanden und gegärt, bis er schließlich ihren Sturz herbeiführte. +Darum aber darf die Herrschaft der Arsakiden noch nicht als +Fremdherrschaft gefaßt werden. Dem parthischen Stamm und der +parthischen Landschaft wurden keine Vorrechte eingeräumt. Als Residenz +der Arsakiden wird zwar auch die parthische Stadt Hekatompylos genannt; +aber hauptsächlich verweilten sie im Sommer in Ekbatana (Ramadan) oder +auch in Rhagae gleich den Achämeniden, im Winter, wie bemerkt, in der +Lagerstadt Ktesiphon oder auch in Babylon an der äußersten westlichen +Grenze des Reiches. Das Erbbegräbnis in der Partherstadt Nisaea blieb; +aber später diente dafür häufiger Arbela in Assyrien. Die arme und +ferne parthische Heimatlandschaft war für die üppige Hofhaltung und die +wichtigen Beziehungen zu dem Westen, besonders der späteren Arsakiden, +in keiner Weise geeignet. Das Hauptland blieb auch jetzt Medien, eben +wie unter den Achämeniden. Mochten immer die Arsakiden skythischer +Herkunft sein, mehr als auf das, was sie waren, kam darauf an, was sie +sein wollten; und sie selber betrachteten und gaben sich durchaus als +die Nachfolger des Kyros und des Dareios. Wie die sieben persischen +Stammfürsten den falschen Achämeniden beseitigt und durch die Erhebung +des Dareios die legitime Herrschaft wiederhergestellt hatten, so mußten +andere sieben die makedonische Fremdherrschaft gestürzt und den König +Arsakes auf den Thron gesetzt haben. Mit dieser patriotischen Fiktion +wird weiter zusammenhängen, daß dem ersten Arsakes statt der +skythischen die baktrische Heimat beigelegt ward. Die Tracht und die +Etikette am Hof der Arsakiden war die des persischen; nachdem König +Mithradates I. seine Herrschaft bis zum Indus und Tigris ausgedehnt +hatte, vertauschte die Dynastie den einfachen Königstitel mit dem des +Königs der Könige, wie ihn die Achämeniden geführt hatten, und die +spitze skythische Kappe mit der hohen perlengeschmückten Tiara; auf den +Münzen führt der König den Bogen wie Dareios. Auch die mit den +Arsakiden in das Land gekommene, ohne Zweifel vielfach mit der +alteinheimischen gemischte Aristokratie nahm persische Sitte und +Tracht, meistens auch persische Namen an; von dem Partherheer, das mit +Crassus stritt, heißt es, daß die Soldaten noch das struppige Haar nach +skythischer Weise trugen, der Feldherr aber nach medischer Art mit in +der Mitte gescheiteltem Haar und geschminktem Gesicht erschien. + +Die staatliche Ordnung, wie sie durch den ersten Mithradates +festgestellt wurde, ist dementsprechend wesentlich diejenige der +Achämeniden. Das Geschlecht des Begründers der Dynastie ist mit allem +Glanz und mit aller Weihe angestammter und göttlich verordneter +Herrschaft umkleidet: sein Name überträgt sich von Rechts wegen auf +jeden seiner Nachfolger, und es wird ihm göttliche Ehre erwiesen; seine +Nachfolger heißen darum auch Gottessöhne ^3 und außerdem “Brüder des +Sonnengottes und der Mondgöttin”, wie noch heute der Schah von Persien +die Sonne im Titel führt; das Blut eines Gliedes des Königsgeschlechts +auch nur durch Zufall zu vergießen, ist ein Sakrilegium - alles +Ordnungen, die mit wenigen Abminderungen bei den römischen Caesaren +wiederkehren und vielleicht zum Teil von diesen der älteren +Großherrschaft entlehnt sind. + +—————————————————————- + +^3 Die Unterkönige der Persis heißen in der Titulatur stehend “Zag +Alohin” (wenigstens sollen die aramäischen Zeichen diesen vermutlich in +der Aussprache persisch ausgedrückten Worten entsprechen), Gottes Sohn +(Mordtmann, Zeitschrift für Numismatik 4, 1877, S. 155 f.), und dem +entspricht auf den griechischen Münzen der Großkönige die Titulatur +θεοπάτωρ. Auch die Bezeichnung “Gott” findet sich, wie bei den +Seleukiden und den Sassaniden. Warum den Arsakiden ein Doppeldiadem +beigelegt wird (Herodian 6, 2, 1), ist nicht aufgeklärt. + +—————————————————————- + +Obwohl die königliche Würde also fest an das Geschlecht geknüpft ist, +besteht dennoch eine gewisse Königswahl. Da der neue Herrscher sowohl +dem Kollegium der “Verwandten des königlichen Hauses” wie dem +Priesterrat angehören muß, um den Thron besteigen zu können, so wird +ein Akt stattgefunden haben, wodurch vermutlich eben diese Kollegien +selbst den neuen Herrscher anerkannten ^4. Unter den “Verwandten” sind +wohl nicht bloß die Arsakiden selbst zu verstehen, sondern die “sieben +Häuser” der Achämenidenordnung, Fürstengeschlechter, welchen nach +dieser die Ebenbürtigkeit und der freie Eintritt bei dem Großkönig +zukommt und die auch unter den Arsakiden ähnliche Privilegien gehabt +haben werden ^5. Diese Geschlechter waren zugleich Inhaber von +erblichen Kronämtern ^6; die Surên zum Beispiel - der Name ist wie der +Name Arsakes zugleich Personen- und Amtbezeichnung -, das zweite +Geschlecht nach dem Königshaus, setzten als Kronmeister jedesmal dem +neuen Arsakes die Tiara aufs Haupt. Aber wie die Arsakiden selbst der +parthischen Provinz angehörten, so waren die Surên in Sakastane +(Sedjistân) zu Hause und vielleicht Saker, also Skythen; ebenso +stammten die Karên aus dem westlichen Medien, während die höchste +Aristokratie unter den Achämeniden rein persisch war. + +—————————————————————————————— + +^4 Τών Παρθυαίων συνέδριόν φησιν (Ποσειδώνιος) είναι, sagt Strabon (11, +9, 3 p. 515), διττόν, τό μέν συγγενών, τό δέ σόφων καί μάγων, εξ ών +αμφοίν τούς βασιλείς καθιστάσθαι (καθίστησιν die Handschrift). Iust. +42, 4,1: Mithridates rex Parthorum . . . propter crudelitatem a senatu +Parthico regno pellitur. + +^5 In Ägypten, dessen Hofzeremoniell, wie wohl das der sämtlichen +Staaten der Diadochen auf das von Alexander angeordnete und insofern +auf das des Persischen Reiches zurückgeht, scheint der gleiche Titel +auch persönlich verliehen worden zu sein (Franz, CIG III S. 270). Daß +bei den Arsakiden das gleiche vorkam ist möglich. Bei den griechisch +redenden Untertanen des Arsakidenstaats scheint die Benennung +μεγιστάνες, in dem ursprünglichen strengeren Gebrauch die Glieder der +sieben Häuser zu bezeichnen; es ist beachtenswert, daß megistanes und +satrapae zusammengestellt werden (Sen. epist. 21; Ios. ant. Iud. 11, 3, +2; 20, 2, 3). Daß bei Hoftrauer der Perserkönig die Megistanen nicht +zur Tafel zieht (Suet. Gai. 5), legt die Vermutung nahe, daß sie das +Vorrecht hatten, mit ihm zu speisen. Auch der Titel τών πρώτων φίλων +findet sich bei den Arsakiden ähnlich wie am ägyptischen und am +pontischen Hofe (BCH 7, 1883, S. 349). + +^6 Ein königlicher Mundschenk der zugleich Feldherr ist, wird genannt +bei Josephus (ant. Iud. 14, 13, 7 = bel. Iud. 1, 13, 1). Ähnliche +Hofämter kommen in den Diadochenstaaten häufig vor. + +—————————————————————————————— + +Die Verwaltung liegt in den Händen der Unterkönige oder der Satrapen; +nach den römischen Geographen der vespasianischen Zeit besteht der +Staat der Parther aus achtzehn “Königreichen”. Einige dieser Satrapien +sind Sekundogenituren des Herrscherhauses; insbesondere scheinen die +beiden nordwestlichen Provinzen, das atropatenische Medien +(Aserbeidschan) und, sofern es in der Gewalt der Parther stand, +Armenien, den dem zeitigen Herrscher nächststehenden Prinzen zur +Verwaltung übertragen worden zu sein ^7. Im übrigen ragen unter den +Satrapen hervor der König der Landschaft Elymais oder von Susa, dem +eine besondere Macht- und Ausnahmestellung eingeräumt war, demnächst +derjenige der Persis, des Stammlandes der Achämeniden. Die wenn nicht +ausschließliche, so doch überwiegende und den Titel bedingende +Verwaltungsform war im Partherreich, anders als in dem der Caesaren, +das Lehnskönigtum, so daß die Satrapen nach Erbrecht eintraten, aber +der großherrlichen Bestätigung unterlagen ^8. Allem Anschein nach hat +sich dies nach unten hin fortgesetzt, so daß kleinere Dynasten und +Stammhäupter zu dem Unterkönig in demselben Verhältnis standen, wie +dieser zu dem Großkönig ^9. Somit war das Großkönigtum der Parther +äußerst beschränkt zu Gunsten der hohen Aristokratie durch die ihm +anhaftende Gliederung der erblichen Landesverwaltung. Dazu paßt recht +wohl, daß die Masse der Bevölkerung aus halb oder ganz unfreien Leuten +bestand ^10 und Freilassung nicht statthaft war. In dem Heer, das gegen +Antonius focht, sollen unter 50000 nur 400 Freie gewesen sein. Der +vornehmste unter den Vasallen des Orodes, welcher als Feldherr +desselben den Crassus schlug, zog ins Feld mit einem Harem von 200 +Weibern und einer von 1000 Lastkamelen getragenen Bagage; er selber +stellte 10000 Reiter zum Heer aus seinen Klienten und Sklaven. Ein +stehendes Heer haben die Parther niemals gehabt, sondern zu allen +Zeiten blieb hier die Kriegführung angewiesen auf das Aufgebot der +Lehnsfürsten und der ihnen untergeordneten Lehnsträger sowie der großen +Masse der Unfreien, über welche diese geboten. + +————————————————————- + +^7 Tac. ann. 15, 2 u. 31. Wenn nach der Vorrede des Agathangelos (p. +109 Langlois) zur Zeit der Arsakiden der älteste und tüchtigste Prinz +die Landesherrschaft führte, die drei ihm nächststehenden aber Könige +der Armenier, der Inder und der Massageten waren, so liegt hier +vielleicht dieselbe Ordnung zu Grunde. Daß das parthisch-indische +Reich, wenn es mit dem Hauptland verbunden war, ebenfalls als +Sekundogenitur galt, ist sehr wahrscheinlich. + +^8 Diese meint wohl Justinus (41, 2, 2): proximus maiestati regum +praepositorum ordo est; ex hoc duces in bello, ex hoc in pace rectores +habent. Den einheimischen Namen bewahrt die Glosse bei Hesychios: +βίσταξ ο βασιλεύς παρά Πέρσαις. Wenn bei Amm. 23, 6,14 die Vorsteher +der persischen regiones vitaxae (schr. vistaxae), id est magistri +equitum et reges et satrapae heißen, so hat er ungeschickt Persisches +auf ganz Innerasien bezogen (vgl. Hermes 16, 1881, S. 613); übrigens +kann die Bezeichnung “Reiterführer” für diese Unterkönige darauf gehen, +daß sie, wie die römischen Statthalter, die höchste Zivil- und die +höchste Militärgewalt in sich vereinigten und die Armee der Parther +überwiegend aus Reiterei bestand. + +^9 Das lehrt die einem Gotarzes in der Inschrift von Kermanschahän in +Kurdistan (CIG 4674) beigelegte Titulatur σατράπης τών σατραπών. Dem +Arsakidenkönig dieses Namens kann sie als solchem nicht beigelegt +werden; wohl aber mag, wie Olshausen (Monatsbericht der Berliner +Akademie 1878, S. 179) vermutet, damit diejenige Stellung bezeichnet +werden, die ihm nach seinem Verzicht auf das Großkönigtum (Tac. ann. +11, 9) zukam. + +^10 Noch später heißt eine Reitertruppe im parthischen Heer die “der +Freien” Ios. ant. Iud. 14, 13, 5 = bel. Iud. 1, 13, 3). + +————————————————————- + +Allerdings fehlte das städtische Element in der politischen Ordnung des +Partherreichs nicht ganz. Zwar die aus der eigenen Entwicklung des +Ostens hervorgegangenen größeren Ortschaften sind keine städtischen +Gemeinwesen, wie denn selbst die parthische Residenz Ktesiphon im +Gegensatz zu der benachbarten griechischen Gründung Seleukeia ein +Flecken genannt wird; sie hatten keine eigenen Vorsteher und keinen +Gemeinderat, und die Verwaltung lag hier wie in den Landbezirken +ausschließlich bei den königlichen Beamten. Aber von den Gründungen der +griechischen Herrscher war ein freilich verhältnismäßig geringer Teil +unter parthische Herrschaft gekommen. In den ihrer Nationalität nach +aramäischen Provinzen Mesopotamien und Babylonien hatte das griechische +Städtewesen unter Alexander und seinen Nachfolgern festen Fuß gefaßt. +Mesopotamien war mit griechischen Gemeinwesen bedeckt, und in +Babylonien war die Nachfolgerin des alten Babylon, die Vorläuferin +Bagdads, eine Zeit lang die Residenz der griechischen Könige Asiens, +Seleukeia am Tigris, durch ihre günstige Handelslage und ihre Fabriken +emporgeblüht zu der ersten Kaufstadt außerhalb der römischen Grenzen, +angeblich von mehr als einer halben Million Einwohner. Ihre freie +hellenische Ordnung, auf der ohne Zweifel ihr Gedeihen vor allem +beruhte, wurde im eigenen Interesse auch von den parthischen Herrschern +nicht angetastet, und die Stadt bewahrte sich nicht bloß ihren Stadtrat +von 300 erwählten Mitgliedern, sondern auch griechische Sprache und +griechische Sitte mitten im ungriechischen Osten. Freilich bildeten in +diesen Städten die Hellenen nur das herrschende Element; neben ihnen +lebten zahlreiche Syrer, und als dritter Bestandteil gesellten sich +dazu die nicht viel weniger zahlreichen Juden, so daß die Bevölkerung +dieser Griechenstädte des Partherreichs, ähnlich wie die von +Alexandreia, sich aus drei gesondert nebeneinander stehenden +Nationalitäten zusammensetzte. Zwischen diesen kam es, eben wie in +Alexandreia, nicht selten zu Konflikten, wie zum Beispiel zur Zeit der +Regierung des Gaius unter den Augen der parthischen Regierung die drei +Nationen miteinander handgemein und schließlich die Juden aus den +größeren Städten ausgetrieben wurden. + +Insofern ist das Parthische Reich zu dem Römischen das rechte +Gegenstück. Wie in diesem das orientalische Unterkönigtum ausnahmsweise +vorkommt, so in jenem die griechische Stadt; dem allgemeinen +orientalisch-aristokratischen Charakter des Partherregiments tun die +griechischen Kaufstädte an der Westgrenze so wenig Eintrag wie die +Lehnskönigtümer Kappadokien und Armenien dem städtisch gegliederten +Römerstaat. Während in dem Staat der Caesaren das römisch-griechische +städtische Gemeinwesen weiter und weiter um sich greift und allmählich +zur allgemeinen Verwaltungsform wird, so reißt die Städtegründung, das +rechte Merkzeichen der hellenisch-römischen Zivilisation, welche die +griechischen Kaufstädte und die Militärkolonien Roms ebenso umspannt +wie die großartigen Ansiedlungen Alexanders und der Alexandriden, mit +dem Eintreten des Partherregiments im Osten plötzlich ab, und auch die +bestehenden Griechenstädte des Partherreichs verkümmern im weiteren +Lauf der Entwicklung. Dort wie hier drängt die Regel mehr und mehr die +Ausnahmen zurück. + +Irans Religion, mit ihrer dem Monotheismus sich nähernden Verehrung des +“höchsten der Götter, der Himmel und Erde und die Menschen und für +diese alles Gute geschaffen hat”, mit ihrer Bildlosigkeit und +Geistigkeit, mit ihrer strengen Sittlichkeit und Wahrhaftigkeit, ihrer +Hinwirkung auf praktische Tätigkeit und energische Lebensführung, hat +die Gemüter ihrer Bekenner in ganz anderer und tieferer Weise gepackt, +als die Religionen des Okzidents es je vermochten, und wenn vor der +entwickelten Zivilisation weder Zeus noch Jupiter standgehalten haben, +ist der Glaube bei den Parsen ewig jung geblieben, bis er einem anderen +Evangelium, dem der Bekenner des Mohammed erlag oder doch vor ihm nach +Indien entwich. Wie sich der alte Mazda-Glaube, zu dem die Achämeniden +sich bekannten und dessen Entstehung in die vorgeschichtliche Zeit +fällt, zu demjenigen verhielt, den als Lehre des weisen Zarathustra die +wahrscheinlich unter den späteren Achämeniden entstandenen heiligen +Bücher der Perser, das Awestâ, verkünden, ist nicht unsere Aufgabe +darzustellen; für die Epoche, wo der Okzident mit dem Orient in +Berührung steht, kommt nur die spätere Religionsform in Betracht, wie +sie, entstanden vielleicht im Osten Irans, in Baktrien, insbesondere +vom Westen her, von Medien aus dem Okzident gegenübertrat und in ihn +eindrang. Enger aber als selbst bei den Kelten sind in Iran die +nationale Religion und der nationale Staat miteinander verwachsen. Es +ist schon hervorgehoben worden, daß das legitime Königtum im Iran +zugleich eine religiöse Institution, der oberste Herrscher des Landes +als durch die oberste Landesgottheit besonders zum Regiment berufen und +selbst gewissermaßen göttlich gedacht wird. Auf den Münzen nationalen +Gepräges erscheint regelmäßig der große Feueraltar und über ihm +schwebend der geflügelte Gott Ahura Mazda, neben ihm in kleinerer +Gestalt und in betender Stellung der König und dem König gegenüber das +Reichsbanner. Dem entsprechend geht auch die Übermacht des Adels im +Partherreich Hand in Hand mit der privilegierten Stellung des Klerus. +Die Priester dieser Religion, die Magier, erscheinen schon in den +Urkunden der Achämeniden und in den Erzählungen Herodots und haben, +wahrscheinlich mit Recht, den Okzidentalen immer als national persische +Institution gegolten. Das Priestertum ist erblich und wenigstens in +Medien, vermutlich auch in anderen Landschaften, galt die Gesamtheit +der Priester, etwa wie die Leviten in dem späteren Israel, als ein +besonderer Volksteil. Auch unter der Herrschaft der Griechen haben die +alte Religion des Staates und das nationale Priestertum ihren Platz +behauptet. Als der erste Seleukos die neue Hauptstadt seines Reiches, +das schon erwähnte Seleukeia gründen wollte, ließ er die Magier Tag und +Stunde dafür bestimmen, und erst nachdem diese Perser, nicht gern, das +verlangte Horoskop gestellt hatten, vollzogen ihrer Anweisung gemäß der +König und sein Heer die feierliche Grundsteinlegung der neuen +Griechenstadt. Also auch ihm standen beratend die Priester des Ahura +Mazda zur Seite und sie, nicht die des hellenischen Olymp, wurden bei +den öffentlichen Angelegenheiten insoweit befragt, als diese göttliche +Dinge betrafen. Selbstverständlich gilt dies um so mehr von den +Arsakiden. Daß bei der Königswahl neben dem Adelsrat der der Priester +mitwirkte, wurde schon bemerkt. König Tiridates von Armenien, aus dem +Haus der Arsakiden, kam nach Rom unter Geleit eines Gefolges von +Magiern, und nach deren Vorschrift reiste und speiste er, auch in +Gemeinschaft mit dem Kaiser Nero, der gern sich von den fremden Weisen +ihre Lehre verkünden und die Geister beschwören ließ. Daraus folgt +allerdings noch nicht, daß der Priesterstand als solcher auf die +Führung des Staats wesentlich bestimmend eingewirkt hat; aber +keineswegs ist der Mazda-Glaube erst durch die Sassaniden +wiederhergestellt worden; vielmehr ist bei allem Wechsel der Dynastien +und bei aller eigenen Entwicklung die Landesreligion im Iran in ihren +Grundzügen die gleiche geblieben. + +Die Landessprache im Partherreich ist die einheimische Irans. Keine +Spur führt darauf, daß unter den Arsakiden jemals eine Fremdsprache in +öffentlichem Gebrauch gewesen ist. Vielmehr ist es der iranische +Landesdialekt Babyloniens und die diesem eigentümliche Schrift, wie +beide vor und in der Arsakidenzeit unter dem Einfluß von Sprache und +Schrift der aramäischen Nachbarn sich entwickelten, welche mit der +Benennung Pahlavi, das heißt Parthava, belegt und damit bezeichnet +werden als die des Reiches der Parther. Auch das Griechische ist in +demselben nicht Reichssprache geworden. Keiner der Herrscher führt auch +nur als zweiten Namen einen griechischen; und hätten die Arsakiden +diese Sprache zu der ihrigen gemacht, so würden uns griechische +Inschriften in ihrem Reiche nicht fehlen. Allerdings zeigen ihre Münzen +bis auf die Zeit des Claudius ausschließlich ^11 und auch später +überwiegend griechische Aufschrift, wie sie auch keine Spur der +Landesreligion aufweisen und im Fuß sich der örtlichen Prägung der +römischen Ostprovinzen anschließen, ebenso die Jahrteilung so wie die +Jahrzählung so beibehalten haben, wie sie unter den Seleukiden geregelt +worden waren. Aber es wird dies vielmehr dahin aufzufassen sein, daß +die Großkönige selber überhaupt nicht prägten ^12 und diese Münzen, die +ja wesentlich für den Verkehr mit den westlichen Nachbarn dienten, von +den griechischen Städten des Reiches auf den Namen des Landesherrn +geschlagen worden sind. Die Bezeichnung des Königs auf diesen Münzen +als “Griechenfreund” (φιλέλλην), die schon früh begegnet ^13 und seit +Mithradates I., das heißt seit der Ausdehnung des Staates bis an den +Tigris, stehend wird, hat einen Sinn nur, wenn auf diesen Münzen die +parthische Griechenstadt redet. Vermutlich war der griechischen Sprache +im Partherreich neben der persischen eine ähnliche sekundäre Stellung +im öffentlichen Gebrauch eingeräumt, wie sie sie im Römerstaat neben +der lateinischen besaß. Das allmähliche Schwinden des Griechentums +unter der parthischen Herrschaft läßt sich auf diesen städtischen +Münzen deutlich verfolgen, sowohl in dem Auftreten der einheimischen +Sprache neben und statt der griechischen wie auch in der mehr und mehr +hervortretenden Sprachzerrüttung ^14. + +————————————————————- + +^11 Die älteste bekannte Münze mit Pahlavischrift ist zu Claudius’ Zeit +unter Volagasos I. geschlagen; sie ist zweisprachig und gibt dem König +griechisch den vollen Titel, aber nur den Namen Arsakes, iranisch bloß +den einheimischen Individualnamen abgekürzt (Vol.). + +^12 Gewöhnlich beschränkt man dies auf die Großsilbermünze und +betrachtet das Kleinsilber und das meiste Kupfer als königliche +Prägung. Indes damit wird dem Großkönig eine seltsame sekundäre Rolle +in der Prägung zugeteilt. Richtiger wird wohl jene Prägung aufgefaßt +als überwiegend für das Ausland, diese als überwiegend für den inneren +Verkehr bestimmt; die zwischen beiden Gattungen bestehenden +Verschiedenheiten erklären sich auf diese Weise auch. + +^13 Der erste Herrscher, der sie führt, ist Phraapates um 188 v. Chr. +(P. Gardner, Parthian coinage, S. 27). + +^14 So steht auf den Münzen des Gotarzes (unter Claudius): Γωτέρζης +βασιλεύς βασιλέων υός κεκαλουμένος Αρταβάνου. Auf den späteren ist die +griechische Aufschrift oft ganz unverständlich. + +————————————————————- + +Dem Umfang nach stand das Reich der Arsakiden weit zurück nicht bloß +hinter dem Weltstaat der Achämeniden, sondern auch hinter dem ihrer +unmittelbaren Vorgänger, dem Seleukidenstaat. Von dessen ursprünglichem +Gebiet besaßen sie nur die größere östliche Hälfte; nach der Schlacht, +in welcher König Antiochos Sidetes, ein Zeitgenosse der Gracchen, gegen +die Parther fiel, haben die syrischen Könige nicht wieder ernstlich +versucht, ihre Herrschaft jenseits des Euphrat geltend zu machen; aber +das Land diesseits des Euphrat blieb den Okzidentalen. + +Von dem Persischen Meerbusen waren beide Küsten, auch die arabische, im +Besitz der Parther, die Schiffahrt auf demselben also vollständig in +ihrer Gewalt; die übrige arabische Halbinsel gehorchte weder den +Parthern noch den über Ägypten gebietenden Römern. + +Das Ringen der Nationen um den Besitz des Industals und der westlich +und östlich angrenzenden Landschaften zu schildern, soweit die gänzlich +zerrissene Überlieferung überhaupt eine Schilderung zuläßt, ist die +Aufgabe unserer Darstellung nicht; aber die Hauptzüge dieses Kampfes, +welcher dem um das Euphrattal geführten stetig zur Seite geht, dürfen +auch in diesem Zusammenhang um so weniger fehlen, als unsere +Überlieferung uns nicht gestattet, die Verhältnisse Irans nach Osten in +ihrem Eingreifen in die westlichen Beziehungen im einzelnen zu +verfolgen und es daher notwendig erscheint, wenigstens die Grundlinien +derselben uns zu vergegenwärtigen. Bald nach dem Tode des großen +Alexander wurde durch das Abkommen seines Marschalls und Teilerben +Seleukos mit dem Gründer des Inderreiches, Tschandragupta oder +griechisch Sandrakottos, die Grenze zwischen Iran und Indien gezogen. +Danach herrschte der letztere nicht bloß über das Gangestal in seiner +ganzen Ausdehnung und das gesamte nördliche Vorderindien, sondern im +Gebiet des Indus wenigstens über einen Teil des Hochtals des heutigen +Kabul, ferner über Arachosien oder Afghanistan, vermutlich auch über +das wüste und wasserarme Gedrosien, das heutige Belutschistan, sowie +über das Delta und die Mündungen des Indus; die in Stein gehauenen +Urkunden, durch welche Tschandraguptas Enkel, der gläubige +Buddhaverehrer Asoka, das allgemeine Sittengesetz seinen Untertanen +einschärfte, sind wie in diesem ganzen weit ausgedehnten Gebiet, so +namentlich noch in der Gegend von Peschawar gefunden worden ^15. Der +Hindukusch, der Parapanisos der Alten, und dessen Fortsetzung nach +Osten und Westen schieden also mit ihrer gewaltigen, nur von wenigen +Pässen durchsetzten Kette Iran und Indien. Aber langen Bestand hat dies +Abkommen nicht gehabt. + +———————————————————— + +^15 Während das Reich des Dareios, seinen Inschriften zufolge, die +Gādara (die Gandāra der Inder, Γανδάραι der Griechen, am Kabulfluß) und +die Hindu (die Indusanwohner) in sich schließt, werden die ersteren in +einer der Inschriften des Asoka unter seinen Untertanen aufgeführt, und +ein Exemplar seines großen Edikts hat sich in Kapurdi Giri oder +vielmehr in Schahbaz Garhi (Yusufzai-Distrikt) gefunden, nahezu sechs +deutsche Meilen nordwestlich von der Mündung des Kabulflusses in den +Indus bei Atak. Der Sitz der Regierung dieser nordwestlichen Provinzen +von Asokas Reich war (nach der Inschrift CI Indicar. I p. 91) +Takkhasi-lâ, Τάξιλα der Griechen, etwa neun deutsche Meilen OSO von +Atak, der Regierungssitz für die südwestlichen Landschaften Udjdjeni +(Οξήνη). Der östliche Teil des Kabultals gehörte also auf jeden Fall zu +Asokas Reich. Daß der Khaiberpaß die Grenze gebildet habe, ist nicht +geradezu unmöglich; wahrscheinlich aber gehörte das ganze Kabultal zu +Indien und machte die Grenze südlich von Kabul die scharfe Linie der +Sulaiman-Kette und weiter südwestlich der Bolanpaß. Von dem späteren +indoskythischen König Huvischka (Ooerke der Münzen), der an der Yamunâ +in Mathurâ residiert zu haben scheint, hat sich eine Inschrift bei +Wardak, nicht weit nördlich von Kabul, gefunden (nach Mitteilungen +Oldenbergs). + +———————————————————— + +In der früheren Diadochenzeit brachten die griechischen Herrscher des +Reiches von Baktra, das von dem Seleukidenstaat gelöst einen mächtigen +Aufschwung nahm, das Grenzgebirge überschreitend einen großen Teil des +Industals in ihre Gewalt und setzten vielleicht noch weiter hinein in +Vorderindien sich fest, so daß das Schwergewicht dieses Reiches sich +aus dem westlichen Iran nach dem östlichen Indien verschob und der +Hellenismus dem Indertum wich. Die Könige dieses Reiches heißen +indische und führen späterhin ungriechische Namen; auf den Münzen +erscheint neben und statt der griechischen die einheimisch indische +Sprache und Schrift, ähnlich wie in der parthisch-persischen Prägung +neben dem Griechischen das Pahlavi emporkommt. + +Es trat dann eine Nation mehr in den Kampf ein: die Skythen oder, wie +sie in Iran und in Indien heißen, die Saker brachen aus ihren +Stammsitzen am Jaxartes über das Gebirge nach Süden vor. Die baktrische +Landschaft kam wenigstens großenteils in ihre Gewalt, und etwa im +letzten Jahrhundert der römischen Republik müssen sie sich in dem +heutigen Afghanistan und Belutschistan festgesetzt haben. Darum heißt +in der frühen Kaiserzeit die Küste zu beiden Seiten der Indusmündung um +Minnagara Skythien und führt im Binnenlande die westlich von Kandahar +gelegene Landschaft der Dranger später den Namen “Sakerland”, +Sakastane, das heutige Sedjistan. Diese Einwanderung der Skythen in die +Landschaften des baktro-indischen Reiches hat dasselbe wohl +eingeschränkt und geschädigt, etwa wie die ersten Wanderungen der +Germanen das römische, aber es nicht zerstört; noch unter Vespasian hat +ein wahrscheinlich selbständiger baktrischer Staat bestanden ^16. + +——————————————————————————- + +^16 Der Anm. 18 genannte ägyptische Kaufmann gedenkt c. 47 “des +streitbaren Volks der Baktrianer, die ihren eigenen König haben”. +Damals also war Baktrien von dem unter parthischen Fürsten stehenden +Indusreich getrennt. Auch Strabon (11, 11, 1 p. 516) behandelt das +baktrisch-indische Reich als der Vergangenheit angehörig. + +——————————————————————————- + +Unter den Juliern und den Claudiern scheinen dann an der Indusmündung +die Parther die Vormacht gewesen zu sein. Ein zuverlässiger +Berichterstatter aus augustischer Zeit führt eben jenes Sakastane unter +den parthischen Provinzen auf und nennt den König der Saker-Skythen +einen Unterkönig der Arsakiden; als letzte parthische Provinz gegen +Osten bezeichnet er Arachosien mit der Hauptstadt Alexandropolis, +wahrscheinlich Kandahar. Ja, bald darauf, in vespasianischer Zeit, +herrschen in Minnagara parthische Fürsten. Indes war dies für das Reich +am Indusstrom mehr ein Wechsel der Dynastie als eine eigentliche +Annexion an den Staat von Ktesiphon. Der Partherfürst Gondopharos, den +die christliche Legende mit dem Apostel der Parther und der Inder, dem +heiligen Thomas, verknüpft ^17, hat allerdings von Minnagara aus bis +nach Peschawar und Kabul hinauf geherrscht; aber diese Herrscher +gebrauchen, wie ihre Vorherrscher im indischen Reich, neben der +griechischen die indische Sprache und nennen sich Großkönige wie +diejenigen von Ktesiphon; sie scheinen mit den Arsakiden darum nicht +weniger rivalisiert zu haben, weil sie demselben Fürstengeschlecht +angehörten ^18. + +——————————————————————————- + +^17 Wahrscheinlich ist er der Kaspar - in älterer Tradition Gathaspar +-, der unter den heiligen drei Königen aus dem Morgenland auftritt +(Gutschmid, Rheinisches Museum N. F. 19, 1861, S. 162). + +^18 Das bestimmteste Zeugnis der Partherherrschaft in diesen Gegenden +findet sich in der unter Vespasian von einem ägyptischen Kaufmann +aufgesetzten Küstenbeschreibung des Roten Meeres c. 38: “Hinter der +Indusmündung im Binnenland liegt die Hauptstadt von Skythien Minnagara; +beherrscht aber wird diese von den Parthern, die beständig einander +verjagen (υπό Πάρθων συνεχώς αλλήλους ενδιωκόντων). Dasselbe wird in +etwas verwirrter Weise c. 41 wiederholt; es kann hier scheinen, als +läge Minnagara in Indien selbst oberhalb Barygaza, und schon Ptolemaeos +ist dadurch irregeführt worden; aber gewißhat der Schreiber, der über +das Binnenland nur von Hörensagen spricht, nur sagen wollen, daß eine +große Stadt Minnagara im Binnenland nicht fern von Barygaza liege und +von da viel Baumwolle nach Barygaza geführt werde. Auch können die nach +demselben Gewährsmann in Minnagara zahlreich begegnenden Spuren +Alexanders nur am Indus, nicht in Gudjarat sich gefunden haben. Die +Lage Minnagaras am unteren Indus, unweit Haiderabad, und die Existenz +einer parthischen Herrschaft daselbst unter Vespasian erscheint +hierdurch gesichert. + +Damit werden verbunden werden dürfen die Münzen des Königs Gondopharos +oder Hyndopherres, welcher in einer sehr alten christlichen Legende von +dem Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen Thomas, zum +Christentum bekehrt wird und in der Tat der ersten römischen Kaiserzeit +anzugehören scheint (Sallet, Zeitschrift für Numismatik 6, 1879, S. +355; Gutschmid, Rheinisches Museum N. F. 19, 1861, S. 162); seines +Brudersohns Abdagases (Sauet, a. a. O., S. 365), welcher mit dem +parthischen Fürsten dieses Namens bei Tacitus (ann. 6, 36) identisch +sein kann, auf jeden Fall einen parthischen Namen trägt, endlich des +Königs Sanabaros, der kurz nach Hyndopherres regiert haben muß, +vielleicht sein Nachfolger gewesen ist. Dazu gehören noch eine Anzahl +anderer mit parthischen Namen, Arsakes, Pakoros, Vonones, bezeichneten +Münzen. Diese Prägung stellt sich entschieden zu der der Arsakiden +(Sallet, a. a. O., S. 277); die Silberstücke des Gondopharos und des +Sanabaros - von den übrigen gibt es fast nur Kupfer -entsprechen genau +den Arsakidendrachmen. Allem Anschein nach gehören diese den +Partherfürsten von Minnagara; daß neben der griechischen hier indische +Aufschrift erscheint, wie bei den späten Arsakiden Pahlavischrift, paßt +dazu. Aber es sind dies nicht Münzen von Satrapen, sondern, wie dies +auch der Ägypter andeutet, mit den ktesiphontischen rivalisierender +Großkönige; Hyndopherres nennt sich in sehr verdorbenem Griechisch +βασιλεύς βασιλέων μέγας αυτοκρ und in gutem Indisch “Maharadja Radjadi +Radja”. Wenn, wie dies nicht unwahrscheinlich ist, in dem Mambaros oder +Akabaros, den der Periplus c. 41. 52 als Herrscher der Küste von +Barygaza nennt, der Sanabaros der Münzen steckt, so gehört dieser in +die Zeit Neros oder Vespasians und herrschte nicht bloß an der +Indusmündung, sondern auch über Gudjarat. Wenn ferner eine unweit +Peschawar gefundene Inschrift mit Recht auf den König Gondopharos +bezogen wird, so muß dessen Herrschaft bis dort hinauf, wahrscheinlich +bis nach Kabul hin sich erstreckt haben. + +Daß Corbulo im Jahre 60 die Gesandtschaft der von den Parthern +abgefallenen Hyrkaner, damit sie von jenen nicht aufgegriffen würden, +an die Küste des Roten Meeres schickte, von wo sie, ohne parthisches +Gebiet zu betreten, die Heimat erreichen konnten (Tac. 15, 25), spricht +dafür, daß das Industal damals dem Herrscher von Ktesiphon nicht +botmäßig war. + +——————————————————————————- + +Auf diese parthische Dynastie folgt dann in dem indischen Reich nach +kurzer Zwischenzeit die in der indischen Überlieferung als die der +Saker oder die des Königs Kanerku oder Kanischka bezeichnete, welche +mit dem Jahre 78 n. Chr. beginnt und wenigstens bis in das dritte +Jahrhundert bestanden hat ^19. Sie gehören zu den Skythen, deren +Einwanderung früher erwähnt ward, und auf ihren Münzen tritt an die +Stelle der indischen die skythische Sprache ^20. So haben im +Indusgebiet nach den Indern und den Hellenen in den ersten drei +Jahrhunderten unserer Zeitrechnung Parther und Skythen das Regiment +geführt. Aber auch unter den ausländischen Dynastien hat dort dennoch +eine national-indische Staatenbildung sich vollzogen und behauptet und +der parthisch-persischen Machtentwicklung im Osten eine nicht minder +dauernde Schranke entgegengestellt wie der Römerstaat im Westen. + +——————————————————————————- + +^19 Daß das Großkönigtum der Arsakiden von Minnagara nicht viel über +die neronische Zeit hinaus bestanden hat, ist nach den Münzen +wahrscheinlich. Was für Herrscher auf sie gefolgt sind, ist fraglich. +Die baktrisch-indischen Herrscher griechischen Namens gehören +überwiegend, vielleicht sämtlich der voraugustischen Epoche an; auch +manche einheimischen Namens, zum Beispiel Maues und Azes, fallen nach +Sprache und Schrift (zum Beispiel der Form des m S2) vor diese Zeit. +Dagegen sind die Münzen der Könige Kozulokadphises und Ooemokadphises +und diejenigen der Sakerkönige, des Kanerku und seiner Nachfolger, +welche alle namentlich durch den bis dahin in der indischen Prägung +nicht begegnenden Goldstater vom Gewicht des römischen Aureus sich +deutlich als einheitliche Prägung charakterisieren, allem Anschein nach +später als Gondopharos und Sanabaros. Sie zeigen, wie der Staat des +Industals sich in immer steigendem Maß im Gegensatz gegen die Hellenen +wie gegen die Iranier national-indisch gestaltet hat. Die Regierung +dieser Kadphises wird also zwischen die indo-parthischen Herrscher und +die Dynastie der Saker fallen welche letztere mit dem Jahre 78 n. Chr. +beginnt (Oldenberg in Sallets Zeitschrift für Numismatik 8, 1881, S. +292). In dem Schatz von Peschawar gefundene Münzen dieser Sakerkönige +nennen merkwürdigerweise griechische Götter in verstümmelter Form +Ηρακιλο, Σαραπο, neben dem nationalen Βουδο. Die spätesten ihrer Münzen +zeigen den Einfluß der ältesten Sassanidenprägung und dürften der +zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts angehören (Sallet, Zeitschrift +für Numismatik 6, 1879, S. 225). + +^20 Die indo-griechischen und die indo-parthischen Herrscher, ebenso +die Kadphises bedienen sich auf ihren Münzen in großem Umfang neben der +griechischen der einheimischen indischen Sprache und Schrift; die +Sakerkönige dagegen haben niemals indische Sprache und indisches +Alphabet gebraucht, sondern verwenden ausschließlich die griechischen +Buchstaben, und die nicht griechischen Aufschriften ihrer Münzen sind +ohne Zweifel skythisch. So steht auf Kanerkus Goldstücken bald βασιλεύς +βασιλέων Κανήρκου, bald ραο νανοραο κανηρκι κορανο wo die ersten beiden +Wörter eine skythisierte Form des indischen Rβdjβdi Rβdjâ sein werden, +die beiden folgenden den Eigen- und den Stammnamen (Guschana) des +Königs enthalten (Oldenberg, a. a. O., S. 294). Also waren diese Saker +in anderem Sinne Fremdherrscher in Indien als die baktrischen Hellenen +und die Parther. Doch sind die unter ihnen in Indien gesetzten +Inschriften nicht skythisch, sondern indisch. + +——————————————————————————- + +Gegen Norden und Nordosten grenzte Iran mit Turan. Wie das westliche +und südliche Ufer des Kaspischen Meeres und die oberen Täler des Oxos +und Jaxartes der Zivilisation eine geeignete Stätte bieten, so gehört +die Steppe um den Aralsee und das dahinter sich ausbreitende weite +Flachland von Rechts wegen den schweifenden Leuten. Es sind unter +diesen Nomaden wohl einzelne den Iraniern verwandte Völkerschaften +gewesen; aber auch diese haben keinen Teil an der iranischen +Zivilisation, und es ist das bestimmende Moment für die geschichtliche +Stellung Irans, daß es die Vormauer der Kulturvölker bildet gegen +diejenigen Horden, die als Skythen, Saken, Hunnen, Mongolen, Türken +keine andere weltgeschichtliche Bestimmung zu haben scheinen als die +der Kulturvernichtung. Baktra, das große Bollwerk Irans gegen Turan, +hat in der nachalexandrischen Epoche unter seinen griechischen +Herrschern längere Zeit dieser Abwehr genügt; aber es ist schon erwähnt +worden, daß es späterhin zwar nicht unterging, aber das Vordringen der +Skythen nach Süden nicht länger zu hindern vermochte. Mit dem Rückgang +der baktrischen Macht ging die gleiche Aufgabe über auf die Arsakiden. +Wie weit dieselben ihr entsprochen haben, ist schwierig zu sagen. In +der ersten Kaiserzeit scheinen die Großkönige von Ktesiphon, wie +südlich vom Hindukusch so auch in den nördlichen Landschaften, die +Skythen zurückgedrängt oder sich botmäßig gemacht zu haben; einen Teil +des baktrischen Gebiets haben sie ihnen wieder entrissen. Aber welche +und ob überhaupt dauernde Grenzen hier sich feststellten, ist +zweifelhaft. Der Kriege der Parther und der Skythen wird oft gedacht. +Die letzteren, hier zunächst die Umwohner des Aralsees, die Vorfahren +der heutigen Turkmenen, sind regelmäßig die Angreifenden, indem sie +teils zu Wasser über das Kaspische Meer in die Täler des Kyros und des +Araxes einfallen, teils von ihrer Steppe aus die reichen Fluren +Hyrkaniens und die fruchtbare Oase der Margiana (Merw) ausrauben. Die +Grenzgebiete verstanden sich dazu, die willkürliche Brandschatzung mit +Tributen abzukaufen, welche regelmäßig in festen Terminen eingefordert +wurden, wie heute die Beduinen Syriens von den Bauern daselbst die +Kubba erheben. Das parthische Regiment also vermochte wenigstens in der +früheren Kaiserzeit so wenig wie das heutige türkische, hier dem +friedlichen Untertan die Früchte seiner Arbeit zu sichern und einen +dauernden Friedensstand an der Grenze herzustellen. Auch für die +Reichsgewalt selbst blieben diese Grenzwirren eine offene Wunde; +oftmals haben sie in die Sukzessionskriege der Arsakiden so wie in ihre +Streitigkeiten mit Rom eingegriffen. + +Wie das Verhältnis der Parther zu den Römern sich gestaltet und die +Grenzen der beiden Großmächte sich festgestellt hatten, ist seinerzeit +dargelegt worden. Während die Armenier mit den Parthern rivalisiert +hatten und das Königtum am Araxes sich anschickte, in Vorderasien die +Großkönigsrolle zu spielen, hatten die Parther im allgemeinen +freundliche Beziehungen zu den Römern unterhalten als den Feinden ihrer +Feinde. Aber nach der Niederwerfung des Mithradates und des Tigranes +hatten die Römer, namentlich durch die von Pompeius getroffenen +Organisationen, eine Stellung genommen, die mit ernstlichem und +dauerndem Frieden zwischen den beiden Staaten sich schwer vertrug. Im +Süden stand Syrien jetzt unter unmittelbarer römischer Herrschaft, und +die römischen Legionen hielten Wacht an dem Saume der großen Wüste, die +das Küstenland vom Euphrattal scheidet. Im Norden waren Kappadokien und +Armenien römische Lehnsfürstentümer. Die nordwärts an Armenien +grenzenden Völkerschaften, die Kolcher, Iberer, Albaner, waren damit +notwendig dem parthischen Einfluß entzogen und, wenigstens nach +römischer Auffassung, ebenfalls römische Lehnsstaaten. Das südöstlich +an Armenien angrenzende, durch den Araxes von ihm getrennte +Klein-Medien oder Atropatene (Aserbeidschan) hatte schon den Seleukiden +gegenüber unter seiner alteinheimischen Dynastie seine Nationalität +behauptet und sogar sich selbständig gemacht; unter den Arsakiden +erscheint der König dieser Landschaft je nach Umständen als Lehnsträger +der Parther oder als unabhängig von diesen durch Anlehnung an die +Römer. Somit reichte der bestimmende Einfluß Roms bis zum Kaukasus und +zum westlichen Ufer des Kaspischen Meeres. Es lag hierin ein +Übergreifen über die durch die nationalen Verhältnisse angezeigten +Grenzen. Das hellenische Volkstum hatte wohl an der Südküste des +Schwarzen Meeres und im Binnenland in Kappadokien und Kommagene so weit +Fuß gefaßt, daß hier die römische Vormacht an ihm einen Rückhalt fand; +aber Armenien ist auch unter der langjährigen römischen Herrschaft +immer ein ungriechisches Land geblieben, durch die Gemeinschaft der +Sprache und des Glaubens, die zahlreichen Zwischenheiraten der +Vornehmen, die gleiche Kleidung und gleiche Bewaffnung ^21 an den +Partherstaat mit unzerreißbaren Banden geknüpft. Die römische Aushebung +und die römische Besteuerung sind nie auf Armenien erstreckt worden; +höchstens bestritt das Land die Aufstellung und die Unterhaltung der +eigenen Truppen und die Verpflegung der daselbst liegenden römischen. +Die armenischen Kaufleute vermittelten den Warentausch über den +Kaukasus mit Skythien, über das Kaspische Meer mit Ostasien und China, +den Tigris hinab mit Babylonien und Indien, nach Westen hin mit +Kappadokien; nichts hätte näher gelegen, als das politisch abhängige +Land in das römische Steuer- und Zollgebiet einzuschließen; dennoch ist +nie dazu geschritten worden. Die Inkongruenz der nationalen und der +politischen Zugehörigkeit Armeniens bildet ein wesentliches Moment in +dem durch die ganze Kaiserzeit sich hinziehenden Konflikt mit dem +östlichen Nachbarn. Man erkannte es wohl auf römischer Seite, daß die +Annektierung jenseits des Euphrat ein Übergriff in das Stammgebiet der +orientalischen Nationalität und für Rom kein eigentlicher Machtzuwachs +war. Der Grund aber oder wenn man will die Entschuldigung dafür, daß +diese Übergriffe dennoch sich fortsetzten, liegt darin, daß das +Nebeneinanderstehen gleichberechtigter Großstaaten mit dem Wesen der +römischen, man darf vielleicht sagen mit der Politik des Altertums +überhaupt unvereinbar ist. Das römische Reich kennt als Grenze +genaugenommen nur das Meer oder das wehrlose Landgebiet. Dem +schwächeren, aber doch wehrhaften Staatswesen der Parther gönnten die +Römer die Machtstellung nicht und nahmen ihm, worauf diese wieder nicht +verzichten konnten; und darum ist das Verhältnis zwischen Rom und Iran +durch die ganze Kaiserzeit eine nur durch Waffenstillstände +unterbrochene ewige Fehde um das linke Ufer des Euphrat. + +————————————————————— + +^21 Arrian, der als Statthalter von Kappadokien selbst über die +Armenier das Kommando geführt hatte (Alan. 29), nennt in der Taktik +Armenier und Parther immer zusammen (4, 3; 44, 1 wegen der schweren +Reiterei, der gepanzerten κοντοφόροι und der leichten Reiterei, der +ακροβολισταί oder ιπποτοξόται; 35, 7 wegen der Pluderhosen), und wo er +von Hadrians Einführung der barbarischen Kavallerie in das römische +Heer spricht, führt er die berittenen Schützen zurück auf das Muster +“der Parther oder Armenier” (44, 1). + +————————————————————— + +In den von Lucullus und Pompeius mit den Parthern abgeschlossenen +Verträgen war die Euphratgrenze anerkannt, also Mesopotamien ihnen +zugestanden worden. Aber dies hinderte die Römer nicht, die Herrscher +von Edessa in ihre Klientel aufzunehmen und, wie es scheint durch +Erstreckung der Grenzen Armeniens gegen Süden, einen großen Teil des +nördlichen Mesopotamien wenigstens für ihre mittelbare Herrschaft in +Anspruch zu nehmen. Deswegen hatte nach einigem Zaudern die parthische +Regierung den Krieg gegen die Römer in der Form begonnen, daß sie ihn +den Armeniern erklärte. Die Antwort darauf war der Feldzug des Crassus +und nach der Niederlage bei Karrhä die Zurückführung Armeniens unter +parthische Gewalt; man kann hinzusetzen: die Wiederaufnahme der +Ansprüche auf die westliche Hälfte des Seleukidenstaats, deren +Durchführung freilich damals mißlang. Während des ganzen +zwanzigjährigen Bürgerkriegs, in dem die römische Republik zugrunde +ging und schließlich der Prinzipat sich feststellte, dauerte der +Kriegsstand zwischen Römern und Parthern, und nicht selten griffen +beide Kämpfe ineinander ein. Pompeius hatte vor der +Entscheidungsschlacht versucht, den König Orodes als Verbündeten zu +gewinnen; aber als dieser die Abtretung Syriens forderte, vermochte er +es nicht über sich, die durch ihn selbst römisch gewordene Provinz +auszuliefern. Nach der Katastrophe hatte er dennoch sich dazu +entschlossen; aber Zufälligkeiten lenkten seine Flucht statt nach +Syrien vielmehr nach Ägypten, wo er dann sein Ende fand. Die Parther +schienen im Begriff, abermals in Syrien einzubrechen; und die späteren +Führer der Republikaner verschmähten den Beistand der Landesfeinde +nicht. Noch bei Caesars Lebzeiten hatte Caecilius Bassus, als er die +Fahne des Aufstands in Syrien erhob, sofort die Parther herbeigerufen. +Sie waren diesem Ruf auch gefolgt; des Orodes Sohn Pakoros hatte den +Statthalter Caesars geschlagen und die von ihm in Apameia belagerte +Truppe des Bassus befreit (709 45). Sowohl aus diesem Grunde, wie um +für Karrhä Revanche zu nehmen, hatte Caesar beschlossen, im nächsten +Frühling persönlich nach Syrien und über den Euphrat zu gehen; aber die +Ausführung dieses Planes verhinderte sein Tod. Als dann Cassius in +Syrien rüstete, knüpfte er auch mit dem Partherkönig an, und in der +Entscheidungsschlacht bei Philippi (712 42) haben parthische berittene +Schützen mit für die Freiheit Roms gestritten. Da die Republikaner +unterlagen, verhielt der Großkönig zunächst sich ruhig, und auch +Antonius hatte wohl die Absicht, des Diktators Pläne auszuführen, aber +zunächst mit der Ordnung des Orients genug zu tun. Der Zusammenstoß +konnte nicht ausbleiben; der Angreifende war diesmal der Partherkönig. +Als im Jahre 713 (41) Caesar der Sohn in Italien mit den Feldherren und +der Gemahlin des Antonius schlug und dieser in Ägypten bei der Königin +Kleopatra untätig verweilte, entsprach Orodes dem Drängen eines bei ihm +im Exil lebenden Römers, des Quintus Labienus, und sandte diesen, einen +Sohn des erbitterten Gegners des Diktators Titus Labienus und +ehemaligen Offizier im Heere des Brutus, sowie (713 41) seinen Sohn +Pakoros mit einer starken Armee über die Grenze. Der Statthalter +Syriens, Decidius Saxa, unterlag dem unvermuteten Angriff; die +römischen Besatzungen, großenteils gebildet aus alten Soldaten der +republikanischen Armee, stellten sich unter den Befehl ihres früheren +Offiziers; Apameia und Antiocheia, überhaupt alle Städte Syriens mit +Ausnahme der ohne Flotte nicht zu bezwingenden Inselstadt Tyros, +unterwarfen sich; auf der Flucht nach Kilikien gab sich Saxa, um nicht +gefangen zu werden, selber den Tod. Nach der Einnahme Syriens wandte +sich Pakoros gegen Palästina, Labienus nach der Provinz Asia; auch hier +unterwarfen sich weithin die Städte oder wurden mit Gewalt bezwungen, +mit Ausnahme des karischen Stratonikeia. Antonius, durch die italischen +Verwicklungen in Anspruch genommen, sandte seinen Statthaltern keinen +Sukkurs, und fast zwei Jahre (Ende 713 bis Frühjahr 715 41-39) geboten +in Syrien und einem großen Teil Kleinasiens die parthischen Feldherren +und der republikanische Imperator Labienus -der Parthiker, wie er mit +schamloser Ironie sich nannte, nicht der Römer, der die Parther, +sondern der Römer, der mit den Parthern die Seinigen überwand. Erst +nachdem der drohende Bruch zwischen den beiden Machthabern abgewandt +war, sandte Antonius ein neues Heer unter Führung des Publius Ventidius +Bassus, dem er das Kommando in den Provinzen Asia und Syrien übergab. +Der tüchtige Feldherr traf in Asia den Labienus allein mit seinen +römischen Truppen und schlug ihn rasch aus der Provinz hinaus. An der +Scheide von Asia und Kilikien, in den Pässen des Taurus, wollte eine +Abteilung der Parther die fliehenden Verbündeten aufnehmen; aber auch +sie wurden geschlagen, bevor sie sich mit Labienus vereinigen konnten, +und darauf dieser auf der Flucht in Kilikien aufgegriffen und getötet. +Mit gleichem Glück erstritt Ventidius die Pässe des Amanos an der +Grenze von Kilikien und Syrien; hier fiel Pharnapates, der beste der +parthischen Generale (715 39). Damit war Syrien vom Feinde befreit. +Allerdings überschritt im Jahre darauf Pakoros noch einmal den Euphrat, +aber nur um in einem entscheidenden Treffen bei Gindaros nordöstlich +von Antiocheia (9. Juni 716 38) mit dem größten Teil seines Heeres den +Untergang zu finden. Es war ein Sieg, der den Tag bei Karrhä +einigermaßen aufwog und von dauernder Wirkung: auf lange hinaus haben +die Parther nicht wieder ihre Truppen am römischen Ufer des Euphrat +gezeigt. + +Wenn es im Interesse Roms lag, die Eroberungen gegen Osten auszudehnen +und die Erbschaft des großen Alexander hier in ihrem vollen Umfang +anzutreten, so lagen dafür die Verhältnisse nie günstiger als im Jahre +716 (38). Die Beziehungen der Zweiherrscher zueinander hatten zur +rechten Zeit dafür sich neu befestigt, und auch Caesar wünschte damals +wahrscheinlich aufrichtig eine ernstliche und glückliche Kriegführung +seines Herrschaftsgenossen und neuen Schwagers. Die Katastrophe von +Gindaros hatte bei den Parthern eine schwere dynastische Krise +hervorgerufen. König Orodes legte, tief erschüttert durch den Tod +seines ältesten und tüchtigsten Sohnes, das Regiment zu Gunsten seines +zweitgeborenen, Phraates, nieder. Dieser führte, um sich den Thron +besser zu sichern, ein Regiment des Schreckens, dem seine zahlreichen +Brüder und der alte Vater selbst so wie eine Anzahl der hohen Adligen +des Reiches zum Opfer fielen; andere derselben traten aus und suchten +Schutz bei den Römern, unter ihnen der mächtige und angesehene +Monaeses. Nie hat Rom im Orient ein Heer von gleicher Zahl und +Tüchtigkeit gehabt wie in dieser Zeit: Antonius vermochte nicht weniger +als sechzehn Legionen, gegen 70000 Mann römischer Infanterie, gegen +40000 der Hilfsvölker, 10000 spanische und gallische, 6000 armenische +Reiter über den Euphrat zu führen; wenigstens die Hälfte derselben +waren altgediente, aus dem Westen herangeführte Truppen, alle bereit, +ihrem geliebten und verehrten Führer, dem Sieger von Philippi, wo immer +hin zu folgen und die glänzenden Siege, die nicht durch, aber für ihn +über die Parther bereits erfochten waren, unter seiner eigenen Führung +mit noch größeren Erfolgen zu krönen. + +In der Tat faßte Antonius die Aufrichtung eines asiatischen +Großkönigtums nach dem Muster Alexanders ins Auge. Wie Crassus vor +seinem Einrücken verkündigt hatte, daß er die römische Herrschaft bis +nach Baktrien und Indien ausdehnen werde, so nannte Antonius den ersten +Sohn, den die ägyptische Königin ihm gebar, mit dem Namen Alexanders. +Er scheint geradezu beabsichtigt zu haben, einerseits mit Ausschluß der +vollständig hellenisierten Provinzen Bithynien und Asia das gesamte +Reichsgebiet im Osten, so weit es nicht schon unter abhängigen +Kleinfürsten stand, in diese Form zu bringen, andererseits alle +einstmals von den Okzidentalen besetzten Landschaften des Ostens in +Form von Satrapien sich untertänig zu machen. Von dem östlichen +Kleinasien wurde der größte Teil und der militärische Primat dem +streitbarsten der dortigen Fürsten, dem Galater Amyntas, zugewiesen. +Neben dem galatischen standen die Fürsten von Paphlagonien, die von +Galatien verdrängten Nachkommen des Delotarus; Polemon, der neue Fürst +im Pontos und der Gemahl der Enkelin des Antonius Pythodoris; ferner +wie bisher die Könige von Kappadokien und Kommagene. Einen großen Teil +Kilikiens und Syriens sowie Kypros und Kyrene vereinigte Antonius mit +dem ägyptischen Staat, dem er also fast die Grenzen wiedergab, wie sie +unter den Ptolemäern gewesen waren, und wie er die Buhle Caesars, die +Königin Kleopatra, zu der seinigen oder vielmehr zu seiner Gattin +gemacht hatte, so erhielt ihr Bastard von Caesar, Caesarion, schon +früher anerkannt als Mitherrscher in Ägypten ^22, die Anwartschaft auf +das alte Ptolemäerreich, die auf Syrien ihr Bastard von Antonius, +Ptolemaeos Philadelphos. Einem anderen Sohn, den sie dem Antonius +geboren hatte, dem schon erwähnten Alexander, ward für jetzt Armenien +zugeteilt als Abschlagzahlung auf die ihm weiter zugedachte Herrschaft +des Ostens. Mit diesem nach orientalischer Art geordneten Großkönigtum +^23 dachte er den Prinzipat über den Okzident zu vereinigen. Er selbst +hat nicht den Königsnamen angenommen, vielmehr seinen Landsleuten und +den Soldaten gegenüber nur diejenigen Titel geführt, die auch Caesar +zukamen. Aber auf Reichsmünzen mit lateinischer Aufschrift heißt +Kleopatra Königin der Könige, ihre Söhne von Antonius wenigstens +Könige; den Kopf seines ältesten Sohnes zeigen die Münzen neben dem des +Vaters, als verstände die Erblichkeit sich von selbst; die Ehe und die +Erbfolge der echten und der Bastardkinder wird von ihm behandelt, wie +es bei den Großkönigen des Ostens Gebrauch ist oder, wie er selbst +sagte, mit der göttlichen Freiheit seines Ahnherrn Herakles ^24; jenen +Alexander und dessen Zwillingsschwester Kleopatra nannte er den +ersteren Helios, die letztere Selene nach dem Muster eben dieser +Großkönige, und wie einst der Perserkönig dem flüchtigen Themistokles +eine Anzahl asiatischer Städte, so schenkte er dem zu ihm +übergetretenen Parther Monaeses drei Städte Syriens. Auch in Alexander +gingen der König der Makedonier und der König der Könige des Ostens +einigermaßen nebeneinander her, und auch ihm war für das Lagerzelt von +Gaugamela das Brautbett in Susa der Lohn; aber seine römische Kopie +zeigt in ihrer Genauigkeit ein starkes Element der Karikatur. + +———————————————————— + +^22 Als Mitherrscher Ägyptens ist der Bastard Caesars Πτολεμαίος ο καί +Καίσαρ θεός φιλοπάτωρ φιλομήτωρ, wie seine Königsbenennung lautet (CIG +4717), eingetreten in dem ägyptischen Jahr 29. Aug. 711/12, wie die +Jahresrechnung ausweist (Westher Bullettino dell’ Instituto 1866, S. +199; Krall, Wiener Studien 5, S. 313). Da er an den Platz des Gatten +und Bruders seiner Mutter Ptolemaeos des Jüngeren tritt, so wird dessen +Beseitigung durch Kleopatra, deren nähere Umstände nicht bekannt sind, +eben damals erfolgt sein und den Anlaß gegeben haben, ihn als König von +Ägypten zu proklamieren. Auch Dio (47, 31) setzt seine Ernennung in den +Sommer des Jahres 712 vor die Schlacht von Philippi. Dieselbe ist also +nicht Antonius’ Werk, sondern von den beiden Herrschern +gemeinschaftlich genehmigt zu einer Zeit, wo ihnen daran gelegen sein +mußte, der Königin von Ägypten, die allerdings von Anfang an auf ihrer +Seite gestanden hatte, entgegenzukommen. + +^23 Das meint Augustus, wenn er sagt, daß er die großenteils unter +Könige verteilten Provinzen des Orients wieder zum Reiche gebracht habe +(Mop. Ancyr. 5, 41: provincias omnis, quae trans Hadrianum mare vergunt +ad orientem, Cyrenasque, iam ex parte magna regibus eas possidentibus . +. . reciperavi). + +^24 Die Dezenz, die für Augustus ebenso charakteristisch ist wie für +seinen Kollegen das Gegenteil, verleugnet sich auch hier nicht. Nicht +bloß wurde in Betreff Caesarions die Vaterschaft, die der Diktator +selbst so gut wie anerkannt hatte, späterhin offiziell verleugnet; auch +die Kinder des Antonius von der Kleopatra, wo freilich nichts zu +verleugnen war, sind wohl als Glieder des kaiserlichen Hauses +betrachtet, aber nie förmlich als Kinder des Antonius anerkannt worden. +Im Gegenteil heißt der Sohn der Tochter des Antonius von Kleopatra, der +spätere König von Mauretanien Ptolemaeos in der athenischen Inschrift +CIA III, 555 Enkel des Ptolemaeos; denn Πτολεμαίου έκγονος kann in +diesem Zusammenhang nicht wohl anders gefaßt werden. Man erfand in Rom +diesen mütterlichen Großvater, um den wirklichen offiziell verschweigen +zu können. Wer es vorzieht, was O. Hirschfeld vorschlägt, έκγονος als +Urenkel zu nehmen und auf den mütterlichen Urgroßvater zu beziehen, +kommt zu demselben Resultat; denn dann ist der Großvater übergangen, +weil die Mutter im Rechtssinne vaterlos war. + +Ob die Fiktion, die mir wahrscheinlicher ist, so weit ging, einen +bestimmten Ptolemaeos zu bezeichnen, etwa dem im Jahre 712 gestorbenen +letzten Lagiden das Leben zu verlängern, oder ob man sich begnügte, im +allgemeinen den Vater zu fingieren, ist nicht zu entscheiden. Aber auch +darin hielt man die Fiktion fest, daß der Sohn der Tochter des Antonius +den Namen des fiktiven Großvaters erhielt. Daß dabei der Herkunft von +den Lagiden vor derjenigen von Massinissa der Vorzug gegeben ward, mag +wohl mehr durch die Rücksicht auf das kaiserliche Haus herbeigeführt +sein, welches das Bastardkind als zugehörig behandelte, als durch die +hellenischen Neigungen des Vaters. + +———————————————————— + +Ob Antonius gleich bei der Übernahme des Regiments im Osten seine +Stellung in dieser Weise aufgefaßt, ist nicht zu entscheiden; +vermutlich ist die Schaffung eines neuen orientalischen Großkönigtums +in Verbindung mit dem okzidentalischen Prinzipat allmählich in ihm +gereift und der Gedanke erst völlig zu Ende gedacht worden, nachdem er +im Jahre 717 (37) bei seiner Rückkehr aus Italien nach Asien abermals +das Verhältnis mit der letzten Königin des Lagidenhauses angeknüpft +hatte, um es nicht wieder zu zerreißen. Aber sein Naturell war solchem +Unterfangen nicht gewachsen. Eine jener militärischen Kapazitäten, die +dem Feind gegenüber und besonders in schwieriger Lage besonnen und kühn +zu schlagen wissen, fehlte ihm der staatsmännische Wille, das sichere +Erfassen und entschlossene Verfolgen des politischen Ziels. Hätte der +Diktator Caesar ihm die Unterwerfung des Ostens zur Aufgabe gestellt, +so würde er sie wohl gelöst haben; zum Herrscher taugte der Marschall +nicht. Nach der Vertreibung der Parther aus Syrien verstrichen fast +zwei Jahre (Sommer 716 bis Sommer 718 38-36), ohne daß irgendein +Schritt zum Ziele getan ward. Antonius selbst, auch darin +untergeordnet, daß er seinen Generalen bedeutende Erfolge ungern +gönnte, hatte den Besieger des Labienus und des Pakoros, den tüchtigen +Ventidius sofort nach diesem letzten Erfolg entfernt und selbst den +Oberbefehl übernommen, um die armselige Ehre der Einnahme Samosatas, +der Hauptstadt des kleinen syrischen Dependenzstaats Kommagene, zu +verfolgen und zu verfehlen; ärgerlich darüber verließ er den Osten, um +in Italien mit seinem Schwager über die künftige Ordnung zu verhandeln +oder mit seiner jungen Gattin Octavia sich des Lebens zu freuen. Seine +Statthalter im Osten waren nicht untätig. Publius Canidius Crassus ging +von Armenien aus gegen den Kaukasus vor und unterwarf daselbst den +König der Iberer, Pharnabazos, und den der Albaner, Zober. Gaius +Sossius nahm in Syrien die letzte noch zu den Parthern haltende Stadt +Arados; er stellte ferner in Judäa die Herrschaft des Herodes wieder +her und ließ den von den Parthern eingesetzten Thronprätendenten, den +Hasmonäer Antigonos, hinrichten. Die Konsequenzen des Sieges auf +römischem Gebiet wurden also gezogen und bis zum Kaspischen Meer und +der syrischen Wüste die römische Herrschaft zur Anerkennung gebracht. +Aber die Kriegführung gegen die Parther zu beginnen, hatte sich +Antonius selbst vorbehalten, und er kam nicht. + +Als er endlich im Jahre 718 (36) sich nicht Octavias, sondern +Kleopatras Armen entwand und die Heersäulen in Marsch setzte, war +bereits ein guter Teil der geeigneten Jahreszeit verstrichen. Noch viel +auffallender als die Säumnis ist die Richtung, welche Antonius wählte. +Früher und später haben alle Angriffskriege der Römer gegen die Parther +den Weg auf Ktesiphon eingeschlagen, die Hauptstadt des Reiches und +zugleich an dessen Westgrenze gelegen, also für die am Euphrat oder am +Tigris hinabmarschierenden Heere das natürliche und nächste +Operationsziel. Auch Antonius konnte, nachdem er durch das nördliche +Mesopotamien ungefähr auf dem Wege, den Alexander beschritten hatte, an +den Tigris gelangt war, am Fluß hinab auf Ktesiphon und Seleukeia +vorrücken. Aber statt dessen ging er vielmehr in nördlicher Richtung +zunächst nach Armenien und von da, wo er seine gesamten Streitkräfte +vereinigte und namentlich durch die armenische Reiterei sich +verstärkte, in die Hochebene von Media Atropatene (Aserbeidschan). Der +verbündete König von Armenien mag diesen Feldzugsplan wohl empfohlen +haben, da die armenischen Herrscher zu allen Zeiten nach dem Besitz +dieses Nachbarlandes strebten und König Artavazdes von Armenien hoffen +mochte, den gleichnamigen Satrapen von Atropatene jetzt zu bewältigen +und dessen Gebiet zu dem seinigen zu fügen. Aber Antonius selbst ist +durch solche Rücksichten unmöglich bestimmt worden. Eher mochte er +meinen, von Atropatene aus in das Herz des feindlichen Landes +vordringen zu können und die alten persischen Residenzen Ekbatana und +Rhagae als Marschziel betrachten. Aber wenn er dies plante, handelte er +ohne Kenntnis des schwierigen Terrains und unterschätzte durchaus die +Widerstandskraft des Gegners, wobei die kurze für Operationen in diesem +Gebirgsland verfügbare Zeit und der späte Beginn des Feldzugs schwer in +die Waagschale fielen. Da ein geschickter und erfahrener Offizier, wie +Antonius war, sich darüber schwerlich hat täuschen können, so haben +wahrscheinlich besondere politische Erwägungen hier eingewirkt. +Phraates’ Herrschaft wankte, wie gesagt ward; Monaeses, von dessen +Treue Antonius sich versichert hielt und den er vielleicht an Phraates’ +Stelle zu setzen hoffte, war dem Wunsche des Partherkönigs gemäß in +sein Vaterland zurückgekehrt ^25; Antonius scheint auf eine +Schilderhebung desselben gegen Phraates gezählt und in Erwartung dieses +Bürgerkrieges seine Armee in die inneren parthischen Provinzen geführt +zu haben. Es wäre wohl möglich gewesen, in dem befreundeten Armenien +den Erfolg dieses Anschlags abzuwarten, und wenn danach weitere +Operationen erforderlich waren, im folgenden Jahre wenigstens über die +volle Sommerzeit zu verfügen; aber dies Zuwarten mißfiel dem hastigen +Feldherrn. In Atropatene traf er nicht bloß auf den hartnäckigen +Widerstand des mächtigen und halb unabhängigen Unterkönigs, der in +seiner Hauptstadt Praaspa oder Phraarta (südlich vom Urmia-See, +vermutlich am oberen Lauf des Djaghatu) entschlossen die Belagerung +aushielt, sondern der feindliche Angriff brachte auch den Parthern, wie +es scheint, den inneren Frieden. Phraates führte ein stattliches Heer +zum Entsatz der angegriffenen Stadt heran. Antonius hatte einen großen +Belagerungspark mitgeführt, aber ungeduldig vorwärts eilend diesen in +der Obhut von zwei Legionen unter dem Legaten Oppius Stauanus +zurückgelassen. So kam er seinerseits mit der Belagerung nicht +vorwärts; König Phraates aber sandte unter eben jenem Monaeses seine +Reitermassen in den Rücken der Feinde gegen das mühsam nachrückende +Korps des Stauanus. Die Parther hieben die Deckungsmannschaft nieder, +darunter den Feldherrn selbst, nahmen den Rest gefangen und +vernichteten den gesamten Park von 300 Wagen. Damit war der Feldzug +verloren. Der Armenier, an dem Erfolge des Feldzugs verzweifelnd, nahm +seine Leute zusammen und ging heim. Antonius gab nicht sofort die +Belagerung auf und schlug sogar das königliche Heer in offener +Feldschlacht, aber die flinken Reiter entrannen ohne wesentlichen +Verlust und es war ein Sieg ohne Wirkung. Ein Versuch, von dem König +wenigstens die Rückgabe der alten und der neu verlorenen Adler zu +erlangen und also wenn nicht mit Vorteil, doch mit Ehren Frieden zu +schließen, schlug fehl; so leichten Kaufs gab der Parther den sicheren +Erfolg nicht aus der Hand. Er versicherte nur den Abgesandten des +Antonius, daß, wenn die Römer die Belagerung aufheben würden, er sie +auf der Heimkehr nicht belästigen werde. Diese weder ehrenvolle noch +zuverlässige feindliche Zusage wird Antonius schwerlich zum Aufbruch +bestimmt haben. Es lag nahe, in Feindesland Winterquartier zu nehmen, +zumal da die parthischen Truppen dauernden Kriegsdienst nicht kannten +und voraussichtlich beim Einbrechen des Winters die meisten +Mannschaften heimgegangen sein würden. Aber es fehlte ein fester +Stützpunkt, und die Zufuhr in dem ausgesogenen Land war nicht +gesichert, vor allen Dingen Antonius selbst einer solchen zähen +Kriegführung nicht fähig. Also gab er die Maschinen preis, die die +Belagerten sofort verbrannten und trat den schweren Rückweg an, +entweder zu früh oder zu spät. Fünfzehn Tagemärsche (300 römische +Meilen) durch feindliches Land trennten das Heer von dem Araxes, dem +Grenzfluß Armeniens, wohin trotz der zweideutigen Haltung des +Herrschers allein der Rückzug gerichtet werden konnte. Ein feindliches +Heer von 40000 Berittenen gab trotz der gegebenen Zusage den +Abziehenden das Geleit, und mit dem Abmarsch der Armenier hatten die +Römer den besten Teil ihrer Reiterei verloren. Die Lebensmittel und die +Zugtiere waren knapp, die Jahreszeit weit vorgerückt. Aber Antonius +fand in der gefährlichen Lage seine Kraft und seine Kriegskunst wieder, +einigermaßen auch sein Kriegsglück; er hatte gewählt, und der Feldherr +wie die Truppen lösten die Aufgabe in rühmlicher Weise. Hätten sie +nicht einen ehemaligen Soldaten des Crassus bei sich gehabt, der, zum +Parther geworden, Weg und Steg auf das genaueste kannte und sie statt +durch die Ebene, auf der sie gekommen waren, auf Gebirgswegen +zurückführte, die den Reiterangriffen weniger ausgesetzt waren - wie es +scheint über die Berge um Tabriz -, so würde das Heer schwerlich an das +Ziel gelangt sein; und hätte nicht Monaeses, in seiner Art dem Antonius +die Dankesschuld abtragend, ihn rechtzeitig von den falschen +Zusicherungen und den hinterlistigen Anschlägen seiner Landsleute in +Kenntnis gesetzt, so wären die Römer wohl in einen der Hinterhalte +gefallen, die ihnen mehrfach gelegt wurden. Antonius’ Soldatennatur +trat in diesen schweren Tagen oftmals glänzend hervor, in seiner +geschickten Benutzung jedes günstigen Moments, in seiner Strenge gegen +die Feigen, in seiner Macht über die Soldatengemüter, in seiner treuen +Fürsorge für die Verwundeten und die Kranken. Dennoch war die Rettung +fast ein Wunder; schon hatte Antonius einen treuen Leibdiener +angewiesen, im äußersten Fall ihn nicht lebend in die Hände der Feinde +fallen zu lassen. Unter stetigen Angriffen des tückischen Feindes, in +winterlich kalter Witterung, bald ohne genügende Nahrung und oft ohne +Wasser erreichten sie in siebenundzwanzig Tagen die schützende Grenze, +wo der Feind von ihnen abließ. Der Verlust war ungeheuer; man rechnete +auf jene siebenundzwanzig Tage achtzehn größere Treffen, und in einem +einzigen derselben zählten die Römer 3000 Tote und 5000 Verwundete. Es +waren eben die Besten und Bravsten, die die stetigen Nachhuts- und +Flankengefechte hinrafften. Das ganze Gepäck, ein Drittel des Trosses, +ein Viertel der Armee, 20000 Fußsoldaten und 4000 Reiter waren auf +diesem medischen Feldzug zugrunde gegangen, zum großen Teil nicht durch +das Schwert, sondern durch Hunger und Seuchen. Auch am Araxes waren die +Leiden der unglücklichen Truppen noch nicht zu Ende. Artavazdes nahm +sie als Freund auf und hatte auch keine andere Wahl; es wäre wohl +möglich gewesen, hier zu überwintern. Aber die Ungeduld des Antonius +litt dies nicht; der Marsch ging weiter, und bei der immer rauher +werdenden Jahreszeit und dem Gesundheitszustand der Soldaten kostete +dieser letzte Abschnitt der Expedition vom Araxes bis nach Antiocheia, +obwohl kein Feind ihn behinderte, noch weitere 8000 Mann. Wohl ist +dieser Feldzug ein letztes Aufleuchten dessen, was in Antonius’ +Charakter brav und tüchtig war, aber politisch seine Katastrophe, um so +mehr, als gleichzeitig Caesar durch die glückliche Beendigung des +sizilischen Krieges die Herrschaft im Okzident und das Vertrauen +Italiens für jetzt und alle Zukunft gewann. + +———————————————————————- + +^25 Es ist an sich glaublich daß Antonius dem Phraates so lange wie +möglich die bevorstehende Invasion verbarg und darum bei Rücksendung +des Monaeses sich bereit erklärte, auf Grund der Rückgabe der +verlorenen Feldzeichen Frieden zu schließen (Plut. Ant. 37; Dio 49, 24; +Florus 2, 20 [4, 101). Aber er wußte vermutlich, daß dies Anerbieten +nicht würde angenommen werden, und ernst kann es ihm mit diesen +Anträgen auf keinen Fall gewesen sein; ohne Zweifel wollte er den Krieg +und den Sturz des Phraates. + +———————————————————————- + +Die Verantwortung für den Mißerfolg, den zu verleugnen er vergeblich +versuchte, warf Antonius auf die abhängigen Könige von Kappadokien und +Armenien, auf den letzteren insofern mit Recht, als dessen vorzeitiger +Abmarsch von Praaspa die Gefahren und die Verluste des Rückzugs +wesentlich gesteigert hatte. Aber für den Feldzugsplan trug nicht er +die Verantwortung, sondern Antonius ^26; und das Fehlschlagen der auf +Monaeses gesetzten Hoffnungen, die Katastrophe des Stauanus, das +Scheitern der Belagerung von Praaspa sind nicht durch den Armenier +herbeigeführt worden. Die Unterwerfung des Ostens gab Antonius nicht +auf, sondern brach im nächsten Jahre (719 35) abermals aus Ägypten auf. +Die Verhältnisse lagen auch jetzt noch verhältnismäßig günstig. Mit dem +medischen König Artavazdes wurde ein Freundschaftsbündnis angeknüpft; +derselbe war nicht bloß mit dem parthischen Oberherrn in Streit +geraten, sondern grollte auch vor allem dem armenischen Nachbarn und +durfte bei der wohlbekannten Erbitterung des Antonius gegen diesen +darauf rechnen, an dem Feind seines Feindes eine Stütze zu finden. +Alles kam an auf das feste Einvernehmen der beiden Machthaber, des +sieggekrönten Herrn des Westens und des geschlagenen Herrschers im +Osten; und auf die Kunde hin, daß Antonius die Fortführung des Krieges +beabsichtige, begab sich seine rechtmäßige Gattin, die Schwester +Caesars, von Italien nach dem Osten, um ihm neue Mannschaften +zuzuführen und das Verhältnis zu ihr und zu dem Bruder neu zu +befestigen. Wenn Octavia groß genug dachte, trotz des Verhältnisses mit +der ägyptischen Königin dem Gatten die Hand zur Versöhnung zu bieten, +so muß auch Caesar, wie dies weiter die eben jetzt erfolgende Eröffnung +des Krieges an der italischen Nordostgrenze bestätigt, damals noch +bereit gewesen sein, das bestehende Verhältnis aufrechtzuerhalten. +Beide Geschwister ordneten ihre persönlichen Interessen denen des +Gemeinwesens in hochherziger Weise unter. Aber wie laut das Interesse +wie die Ehre dafür sprachen, die hingereichte Hand anzunehmen, Antonius +konnte es nicht über sich gewinnen, das Verhältnis zu der Ägypterin zu +lösen; er wies die Gattin zurück, und dies war zugleich der Bruch mit +deren Bruder, und, wie man hinzusetzen kann, der Verzicht auf die +Fortführung des Krieges gegen die Parther. Nun mußte, ehe daran gedacht +werden konnte, die Herrschaftsfrage zwischen Antonius und Caesar +erledigt werden. Antonius ging denn auch sofort aus Syrien nach Ägypten +zurück und unternahm in den folgenden Jahren nichts weiteres zur +Ausführung seiner orientalischen Eroberungspläne; nur strafte er die, +denen er die Schuld des Mißerfolgs beimaß. Den König von Kappadokien, +Ariarathes, ließ er hinrichten ^27 und gab das Königreich einem +illegitimen Verwandten desselben, dem Archelaos. Das gleiche Schicksal +war dem Armenier zugedacht. Wenn Antonius, wie er sagte, zur +Fortführung des Krieges im Jahre 720 (34) in Armenien erschien, so +hatte dies nur den Zweck, die Person des Königs, der sich geweigert +hatte, nach Ägypten zu gehen, in die Gewalt zu bekommen: Dieser Akt der +Rache wurde auf nichtswürdige Weise im Wege der Überlistung ausgeführt +und in nicht minder nichtswürdiger Weise durch eine in Alexandreia +aufgeführte Karikatur des kapitolinischen Triumphs gefeiert. Damals +wurde der zum Herrn des Ostens bestimmte Sohn des Antonius, wie früher +angegeben ward, als König von Armenien eingesetzt und mit der Tochter +des neuen Bundesgenossen, des Königs von Medien, vermählt, während der +älteste Sohn des gefangenen und einige Zeit später auf Geheiß der +Kleopatra hingerichteten Königs von Armenien, Artaxes, den die Armenier +anstatt des Vaters zum König ausgerufen hatten, landflüchtig zu den +Parthern ging. Armenia und Media Atropatene waren hiermit in Antonius’ +Gewalt oder ihm verbündet; die Fortführung des parthischen Krieges +wurde wohl angekündigt, blieb aber verschoben bis nach der Überwindung +des westlichen Rivalen. Phraates seinerseits ging gegen Medien vor, +anfangs ohne Erfolg, da die in Armenien stehenden römischen Truppen den +Medern Beistand leisteten; aber als im Verlauf der Rüstungen gegen +Caesar Antonius seine Mannschaften von dort abrief, gewannen die +Parther die Oberhand, überwanden die Meder und setzten in Medien so wie +auch in Armenien den König Artaxes ein, der, um die Hinrichtung des +Vaters zu vergelten, sämtliche im Lande zerstreute Römer greifen und +töten ließ. Daß Phraates die große Fehde zwischen Antonius und Caesar, +während sie vorbereitet und ausgefochten ward, nicht voller ausnutzte, +wurde wahrscheinlich wieder einmal durch die im eigenen Lande +ausbrechenden Unruhen verhindert. Diese endigten damit, daß er +ausgetrieben ward und zu den Skythen des Ostens ging; an seiner Stelle +wurde Tiridates als Großkönig ausgerufen. Als die entscheidende +Seeschlacht an der Küste von Epirus geschlagen ward und dann in Ägypten +die Katastrophe des Antonius sich vollzog, saß in Ktesiphon dieser neue +Großkönig auf dem schwankenden Thron und schickten an der +entgegengesetzten Reichsgrenze die Scharen Turans sich an, den früheren +Herrscher wieder an seine Stelle zu setzen, was ihnen bald darauf auch +gelang. + +—————————————————————- + +^26 Was darüber Strabon (11, 13, 4 p. 524) offenbar nach der von +Antonius’ Waffengefährten Dellius und vermutlich auf dessen Geheiß +aufgesetzten Darstellung dieses Krieges (vgl. das. 11, 13 3; Dio 49, +39) berichtet, ist ein recht kläglicher Rechtfertigungsversuch des +geschlagenen Generals. Wenn Antonius nicht den nächsten Weg nach +Ktesiphon einschlug, so kann dafür der König Artavasdes nicht als +falscher Wegweiser in Anspruch genommen werden; es war eine +militärische und wohl mehr noch eine politische Verrechnung des +obersten Feldherrn. + +^27 Die Tatsache der Absetzung und der Hinrichtung und die Zeit +bezeugen Dio (49, 32) und Valerius Maximus (9, 15 ext. 2); die Ursache +oder der Vorwand wird mit dem Armenischen Krieg zusammenhängen. + +—————————————————————- + +Der kluge und klare Mann, dem die Liquidation der Unternehmungen des +Antonius und die Feststellung des Verhältnisses der beiden Reichsteile +zufiel, bedurfte ebensosehr der Mäßigung wie der Energie. Es würde der +schwerste Fehler gewesen sein, in Antonius’ Gedanken eingehend den +Orient oder auch nur im Orient weiter zu erobern. Augustus erkannte +dies; seine militärischen Ordnungen zeigen deutlich, daß er zwar den +Besitz der syrischen Küste wie den der ägyptischen als ein +unentbehrliches Komplement für das Reich des Mittelmeers betrachtete, +aber auf binnenländischen Besitz daselbst keinen Wert legte. Indes +Armenien war nun einmal seit einem Menschenalter römisch und konnte, +nach Lage der Verhältnisse, nur römisch oder parthisch sein; die +Landschaft war durch ihre Lage militärisch für jede der Großmächte ein +Ausfallstor in das Gebiet der anderen. Augustus dachte auch nicht +daran, auf Armenien zu verzichten und es den Parthern zu überlassen; +und wie die Dinge lagen, durfte er schwerlich daran denken. Wenn aber +Armenien festgehalten ward, konnte man dabei nicht stehenbleiben; die +örtlichen Verhältnisse nötigten die Römer, weiter das Stromgebiet des +Kyros, die Landschaften der Iberer an seinem oberen, der Albaner an +seinem unteren Lauf, das heißt, die als Reiter wie zu Fuß +kampftüchtigen Bewohner des heutigen Georgien und Schirwân, unter ihren +maßgebenden Einfluß zu bringen, das parthische Machtgebiet nicht +nördlich vom Araxes über Atropatene hinaus sich erstrecken zu lassen. +Schon die Expedition des Pompeius hatte gezeigt, daß die Festsetzung in +Armenien die Römer notwendig einerseits bis an den Kaukasus, +andrerseits bis an das Westufer des Kaspischen Meeres führte. Die +Ansätze waren überall da. Antonius’ Legaten hatten mit den Iberern und +den Albanern gefochten. Polemon, von Augustus in seiner Stellung +bestätigt, herrschte nicht bloß über die Küste von Pharnakeia bis +Trapezunt, sondern auch über das Gebiet der Kolcher an der +Phasismündung. Zu dieser allgemeinen Sachlage kamen die besonderen +Verhältnisse des Augenblicks, welche es dem neuen Alleinherrscher Roms +in dringendster Weise nahelegten, das Schwert den Orientalen gegenüber +nicht bloß zu zeigen, sondern auch zu ziehen. Daß König Artaxes, wie +einst Mithradates, sämtliche Römer innerhalb seiner Grenzen umzubringen +befohlen hatte, konnte nicht unvergolten bleiben. Auch der +landflüchtige König von Medien hatte Hilfe jetzt bei Augustus gesucht, +wie er sie sonst bei Antonius gesucht haben würde. Der Bürger- und +Prätendentenkrieg im Parthischen Reiche erleichterte nicht bloß den +Angriff, sondern der vertriebene Herrscher Tiridates suchte gleichfalls +Schutz bei Augustus und erklärte sich bereit, als römischer Vasall das +Reich von Augustus zu Lehen zu nehmen. Die Rückgabe der bei den +Niederlagen des Crassus und der Antonianer in die Gewalt der Parther +geratenen Römer und der verlorenen Adler mochte an sich dem Herrscher +der Kriegführung nicht wert erscheinen; fallen lassen konnte der +Wiederhersteller des römischen Staates diese militärische und +politische Ehrenfrage nicht. Mit diesen Tatsachen mußte der römische +Staatsmann rechnen; bei der Stellung, die Augustus im Orient nahm, war +die Politik der Aktion überhaupt und durch die vorhergegangenen +Mißerfolge doppelt geboten. Ohne Zweifel war es wünschenswert, die +Ordnung der Dinge in Rom bald vorzunehmen; aber eine zwingende +Nötigung, dies sofort zu tun, bestand für den unbestrittenen +Alleinherrscher nicht. Er befand sich nach den entscheidenden Schlägen +von Aktion und Alexandreia an Ort und Stelle und an der Spitze eines +starken und siegreichen Heeres; was einmal geschehen mußte, geschah am +besten gleich. Ein Herrscher vom Schlage Caesars wäre schwerlich nach +Rom zurückgegangen, ohne in Armenien die Schutzherrschaft hergestellt, +die römische Suprematie bis zum Kaukasus und zum Kaspischen Meere zur +Anerkennung gebracht und mit dem Parther abgerechnet zu haben. Ein +Herrscher von Umsicht und Tatkraft hätte die Grenzverteidigung im Osten +gleich jetzt geordnet, wie die Verhältnisse es erforderten; es war von +vornherein klar, daß die vier syrischen Legionen von zusammen 40000 +Mann nicht genügten, um die Interessen Roms zugleich am Euphrat, am +Araxes und am Kyros zu wahren und daß die Milizen der abhängigen +Königreiche den Mangel der Reichstruppen nur verdeckten, nicht deckten. +Armenien hielt durch politische und nationale Sympathie mehr zu den +Parthern als zu den Römern; die Könige von Kommagene, Kappadokien, +Galatien, Pontus neigten wohl umgekehrt mehr nach der römischen Seite, +aber sie waren unzuverlässig und schwach. Auch die maßhaltende Politik +bedurfte zu ihrer Begründung eines energischen Schwertschlags, zu ihrer +Aufrechthaltung des nahen Arms einer überlegenen römischen +Militärmacht. + +Augustus hat weder geschlagen noch geschirmt; gewiß nicht, weil er über +die Sachlage sich täuschte, sondern weil es in seiner Art lag, das als +notwendig Erkannte zögernd und schwächlich durchzuführen und die +Rücksichten der inneren Politik auf das Verhältnis zum Ausland mehr als +billig einwirken zu lassen. Das Unzulängliche des Grenzschutzes durch +die kleinasiatischen Klientelstaaten hat er wohl eingesehen; es gehört +in diesen Zusammenhang, daß er schon im Jahre 729 (25), nach dem Tode +des Königs Amyntas, des Herrn im ganzen innern Kleinasien, diesem +keinen Nachfolger gab, sondern das Land einem kaiserlichen Legaten +unterstellte. Vermutlich sollten auch die benachbarten bedeutenderen +Klientelstaaten, namentlich Kappadokien, in gleicher Weise nach dem +Ableben der derzeitigen Inhaber in kaiserliche Statthalterschaften +verwandelt werden. Dies war ein Fortschritt, insofern die Milizen +dieser Landschaften damit der Reichsarmee inkorporiert und unter +römische Offiziere gestellt wurden; einen ernstlichen Druck auf die +unsicheren Grenzlandschaften oder gar auf den benachbarten Großstaat +konnten diese Truppen nicht ausüben, wenn sie auch jetzt zu denen des +Reiches zählten. Aber alle diese Erwägungen wurden überwogen durch die +Rücksicht auf die Herabdrückung der Ziffer des stehenden Heeres und der +Ausgabe für das Heerwesen auf das möglichst niedrige Maß. + +Ebenso ungenügend waren den augenblicklichen Verhältnissen gegenüber +die auf der Heimkehr von Alexandreia von Augustus getroffenen +Maßregeln. Er gab dem vertriebenen König der Meder die Herrschaft von +Klein-Armenien und dem parthischen Prätendenten Tiridates ein Asyl in +Syrien, um durch jenen den in offener Feindseligkeit gegen Rom +verharrenden König Artaxes in Schach zu halten, durch diesen auf den +König Phraates zu drücken. Die mit diesem wegen der Rückgabe der +parthischen Siegestrophäen angeknüpften Verhandlungen zogen sich +ergebnislos hin, obwohl Phraates im Jahre 731 (23), um die Entlassung +eines zufällig in die Gewalt der Römer geratenen Sohnes zu erlangen, +die Rückgabe zugesichert hatte. + +Erst als Augustus im Jahre 734 (20) sich persönlich nach Syrien begab +und Ernst zeigte, fügten sich die Orientalen. In Armenien, wo eine +mächtige Partei sich gegen den König Artaxes erhoben hatte, warfen sich +die Insurgenten den Römern in die Arme und erbaten für des Artaxes +jüngeren, am kaiserlichen Hof erzogenen und in Rom lebenden Bruder +Tigranes die kaiserliche Belehnung. Als des Kaisers Stiefsohn Tiberius +Claudius Nero, damals ein 22jähriger Jüngling, mit Heeresmacht in +Armenien einrückte, wurde König Artaxes von seinen eigenen Verwandten +ermordet, und Tigranes empfing die königliche Tiara aus der Hand des +kaiserlichen Vertreters, wie sie fünfzig Jahre früher sein +gleichnamiger Großvater von Pompeius empfangen hatte. Atropatene wurde +wieder von Armenien getrennt und kam unter die Herrschaft eines +ebenfalls in Rom erzogenen Herrschers, des Ariobarzanes, Sohnes des +früher erwähnten Artavazdes; doch scheint dieser das Land nicht als +römisches, sondern als parthisches Lehnsreich erhalten zu haben. Über +die Ordnung der Dinge in den Fürstentümern am Kaukasus erfahren wir +nichts; aber da sie später unter die römischen Klientelstaaten +gerechnet werden, so hat wahrscheinlich damals auch hier der römische +Einfluß obgesiegt. Selbst König Phraates, jetzt vor die Wahl gestellt, +sein Wort einzulösen oder zu schlagen, entschloß sich schweren Herzens +zu der die nationalen Gefühle der Seinen empfindlich verletzenden +Herausgabe der wenigen noch lebenden römischen Kriegsgefangenen und der +gewonnenen Feldzeichen. + +Unendlicher Jubel begrüßte diesen, von dem Fürsten des Friedens +errungenen unblutigen Sieg. Auch bestand nach demselben mit dem +Partherkönig längere Zeit ein freundschaftliches Verhältnis, wie denn +die unmittelbaren Interessen der beiden Großstaaten sich wenig stießen. +In Armenien dagegen hatte die römische Lehnsherrschaft, die nur auf +sich selbst ruhte, der nationalen Opposition gegenüber einen schweren +Stand. Nach dem frühen Tode des Königs Tigranes schlugen dessen Kinder +oder die unter ihrem Namen regierenden Staatsleiter sich selber zu +dieser. Gegen sie wurde von den Römerfreunden ein anderer Herrscher, +Artavazdes, aufgestellt; aber er vermochte nicht gegen die stärkere +Gegenpartei durchzudringen. Diese armenischen Wirren störten auch das +Verhältnis zu den Parthern; es lag in der Sache, daß die antirömisch +gesinnten Armenier sich auf diese zu stützen suchten, und auch die +Arsakiden konnten nicht vergessen, daß Armenien früher eine parthische +Sekundogenitur gewesen war. Unblutige Siege sind oft schwächliche und +gefährliche. Es kam so weit, daß die römische Regierung im Jahre 748 +(6) demselben Tiberius, der vierzehn Jahre zuvor den Tigranes als +Lehnskönig von Armenien eingesetzt hatte, den Auftrag erteilte, +abermals mit Heeresmacht dort einzurücken und die Verhältnisse +nötigenfalls mit Waffengewalt zu ordnen. Aber das Zerwürfnis in der +kaiserlichen Familie, welches die Unterwerfung der Germanen +unterbrochen hatte, griff auch hier ein und hatte die gleiche üble +Wirkung. Tiberius lehnte den Auftrag des Stiefvaters ab, und in +Ermangelung eines geeigneten prinzlichen Feldherrn sah die römische +Regierung einige Jahre hindurch wohl oder übel dem Schalten der +antirömischen Partei in Armenien unter Parthisches Schutz untätig zu. +Endlich im Jahre 753 (1) wurde dem älteren Adoptivsohn des Kaisers, dem +zwanzigjährigen Gaius Caesar, nicht bloß derselbe Auftrag erteilt, +sondern es sollte, wie der Vater hoffte, die Unterwerfung Armeniens der +Anfang größerer Dinge sein, der Orientfeldzug des zwanzigjährigen +Kronprinzen man möchte fast sagen die Alexanderfahrt fortsetzen. Vom +Kaiser beauftragte oder dem Hofe nahestehende Literaten, der Geograph +Isidoros, selber an der Euphratmündung zu Hause, und der Vertreter der +griechischen Gelehrsamkeit unter den Fürstlichkeiten des Augustischen +Kreises, König Juba von Mauretanien, widmeten, jener seine im Orient +selbst eingezogenen Erkundigungen, dieser literarische Kollektaneen +über Arabien, dem jungen Prinzen, der vor Begierde zu brennen schien, +mit der Eroberung Arabiens, über welche Alexander weggestorben war, +einen vor längerer Zeit dort eingetretenen Mißerfolg des Augustfischen +Regiments glänzend zu begleichen. Zunächst für Armenien war diese +Sendung ebenso von Erfolg wie die des Tiberius. Der römische Kronprinz +und der parthische Großkönig Phraatakes trafen persönlich auf einer +Insel des Euphrat zusammen; die Parther gaben wieder einmal Armenien +auf und die nahegerückte Gefahr eines parthischen Krieges ward +abgewandt, das gestörte Einvernehmen wenigstens äußerlich +wiederhergestellt. Den Armeniern setzte Gaius den Ariobarzanes, einen +Prinzen aus dem medischen Fürstenhause, zum König, und die +Oberherrschaft Roms wurde abermals befestigt. Indes fügten die +antirömisch gesinnten Armenier sich nicht ohne Widerstand; es kam nicht +bloß zum Einrücken der Legionen, sondern auch zum Schlagen. Vor den +Mauern des armenischen Kastells Artageira empfing der junge Kronprinz +von einem parthischen Offizier durch tückische List die Wunde (2 n. +Chr.), an der er nach monatelangem Siechen hinstarb. Die Verschlingung +der Reichs- und der dynastischen Politik bestrafte sich aufs neue. Der +Tod eines jungen Mannes änderte den Gang der großen Politik; die so +zuversichtlich dem Publikum angekündigte arabische Expedition fiel weg, +nachdem ihr Gelingen dem Sohn des Kaisers nicht mehr den Weg zur +Nachfolge ebnen konnte. Auch an weitere Unternehmungen am Euphrat wurde +nicht mehr gedacht; das Nächste, die Besetzung Armeniens und die +Wiederherstellung der Beziehungen zu den Parthern war erreicht, wie +trübe Schatten auch durch den Tod des Kronprinzen auf diesen Erfolg +fielen. + +Bestand hatte derselbe so wenig wie der der glänzenderen Expedition des +Jahres 734 (20). Die von Rom eingesetzten Herrscher Armeniens wurden +bald von denen der Gegenpartei unter versteckter oder offener +Beteiligung der Parther bedrängt oder verdrängt. Als der in Rom +erzogene parthische Prinz Vonones auf den erledigten parthischen Thron +berufen ward, hofften die Römer an ihm eine Stütze zu finden; allein +eben deswegen mußte er bald ihn räumen, und an seine Stelle kam König +Artabanos von Medien, ein mütterlicherseits den Arsakiden +entsprossener, aber dem skythischen Volke der Daker angehöriger und in +einheimischer Sitte aufgewachsener tatkräftiger Mann (um 10 n. Chr.). +Vonones ward damals von den Armeniern als Herrscher aufgenommen und +damit diese unter römischem Einfluß gehalten. Aber um so weniger konnte +Artabanos seinen verdrängten Nebenbuhler als Nachbarfürsten dulden; die +römische Regierung hätte, um den für seine Stellung in jeder Hinsicht +ungeeigneten Mann zu halten, Waffengewalt gegen die Parther wie gegen +seine eigenen Untertanen anwenden müssen. Tiberius, der inzwischen zur +Regierung gekommen war, ließ nicht sofort einrücken, und für den +Augenblick siegte in Armenien die antirömische Partei; aber es war +nicht seine Absicht, auf das wichtige Grenzland zu verzichten. Im +Gegenteil wurde die wahrscheinlich längst beschlossene Einziehung des +Königreichs Kappadokien im Jahre 17 zur Ausführung gebracht: der alte +Archelaos, der dort seit dem Jahre 718 (36) den Thron einnahm, ward +nach Rom berufen und ihm hier angekündigt, daß er aufgehört habe zu +regieren. Ebenso kam das kleine, aber wegen der Euphratübergänge +wichtige Königreich Kommagene damals unter unmittelbare kaiserliche +Verwaltung. Damit war die unmittelbare Reichsgrenze bis an den +mittleren Euphrat vorgeschoben. Zugleich ging der Kronprinz Germanicus, +der soeben am Rhein mit großer Auszeichnung kommandiert hatte, mit +ausgedehnter Machtvollkommenheit nach dem Osten, um die neue Provinz +Kappadokien zu ordnen und das gesunkene Ansehen der Reichsgewalt +wiederherzustellen. Auch diese Sendung kam bald und leicht zum Ziel. +Germanicus, obwohl von dem Statthalter Syriens, Gnaeus Piso, nicht mit +derjenigen Truppenmacht unterstützt, die er fordern durfte und +gefordert hatte, ging nichtsdestoweniger nach Armenien und brachte +durch das bloße Gewicht seiner Persönlichkeit und seiner Stellung das +Land zum Gehorsam zurück. Den unfähigen Vonones ließ er fallen und +setzte den Armeniern, den Wünschen der römisch gesinnten Vornehmen +entsprechend, zum Herrscher einen Sohn jenes Polemon, den Antonius zum +König im Pontus gemacht hatte, den Zenon oder, wie er als König von +Armenien heißt, Artaxias; dieser war einerseits dem kaiserlichen Hause +verbunden durch seine Mutter, die Königin Pythodoris, eine Enkelin des +Triumvirn Antonius, andererseits nach Landesart erzogen, ein tüchtiger +Waidmann und bei dem Gelag ein tapferer Zecher. Auch der Großkönig +Artabanos kam dem römischen Prinzen in freundschaftlicher Weise +entgegen und bat nur um Entfernung seines Vorgängers Vonones aus +Syrien, um den zwischen diesem und den unzufriedenen Parthern sich +anspinnenden Zettelungen zu steuern. Da Germanicus dieser Bitte +entsprach und den unbequemen Flüchtling nach Kilikien schickte, wo er +bald darauf bei einem Fluchtversuch umkam, stellten zwischen den beiden +Großstaaten die besten Beziehungen sich her. Artabanos wünschte sogar, +mit Germanicus am Euphrat persönlich zusammenzukommen, wie dies auch +Phraatakes und Gaius getan hatten; dies aber lehnte Germanicus ab, wohl +mit Rücksicht auf Tiberius’ leicht erregten Argwohn. Freilich fiel auf +diese orientalische Expedition derselbe trübe Schatten wie auf die +letztvorhergehende; auch von dieser kam der Kronprinz des Römischen +Reiches nicht lebend heim. + +Eine Zeitlang taten die getroffenen Einrichtungen ihren Dienst. So +lange Tiberius mit sicherer Hand die Herrschaft führte und so lange +König Artaxias von Armenien lebte, blieb im Orient Ruhe; aber in den +letzten Jahren des alten Kaisers, als derselbe von seiner einsamen +Insel aus die Dinge gehen ließ und vor jedem Eingreifen zurückscheute, +und insbesondere nach dem Tode des Artaxias (um 34) begann das alte +Spiel abermals. König Artabanos, gehoben durch sein langes und +glückliches Regiment und durch vielfache, gegen die Grenzvölker Irans +erstrittene Erfolge und überzeugt, daß der alte Kaiser keine Neigung +haben werde, einen schweren Krieg im Orient zu beginnen, bewog die +Armenier, seinen eigenen ältesten Sohn, den Arsakes, zum Herrscher +auszurufen, das heißt die römische Oberherrlichkeit mit der parthischen +zu vertauschen. Ja er schien es geradezu auf den Krieg mit Rom +anzulegen; er forderte die Verlassenschaft seines in Kilikien +umgekommenen Vorgängers und Rivalen Vonones von der römischen +Regierung, und seine Schreiben an diese sprachen ebenso unverhüllt aus, +daß der Orient den Orientalen gehöre, wie sie die Greuel am +kaiserlichen Hofe, die man in Rom sich nur im vertrautesten Kreise +zuzuflüstern wagte, bei ihrem rechten Namen nannten. Er soll sogar +einen Versuch gemacht haben, sich in Besitz von Kappadokien zu setzen. +Aber indem alten Löwen hatte er sich verrechnet. Tiberius war auch auf +Capreae nicht bloß den Hofleuten furchtbar und nicht der Mann, sich und +in sich Rom ungestraft verhöhnen zu lassen. Er sandte den Lucius +Vitellius, den Vater des spätem Kaisers, einen entschlossenen Offizier +und geschickten Diplomaten, nach dem Orient mit ähnlicher +Machtvollkommenheit, wie sie früher Gaius Caesar und Germanicus gehabt +hatten, und mit dem Auftrag, nötigenfalls die syrischen Legionen über +den Euphrat zu führen. Zugleich wandte er das oft erprobte Mittel an, +den Herrschern des Ostens durch Insurrektionen und Prätendenten in +ihrem eigenen Lande zu schaffen zu machen. Dem Partherprinzen, den die +armenischen Nationalen zum Herrscher ausgerufen hatten, stellte er +einen Fürsten aus dem Königshaus der Iberer entgegen, den Mithradates, +des Ibererkönigs Pharasmanes Bruder, und wies diesen sowie den Fürsten +der Albaner an, den römischen Prätendenten für Armenien mit Heeresmacht +zu unterstützen. Von den streitbaren und für jeden Werber leicht +zugänglichen transkaukasischen Sarmaten wurden große Scharen mit +römischem Golde für den Einfall in Armenien gedungen. Es gelang auch +dem römischen Prätendenten, seinen Nebenbuhler durch bestochene +Hofleute zu vergiften und sich des Landes und der Hauptstadt Artaxata +zu bemächtigen. Artabanos sandte an des Ermordeten Stelle einen anderen +Sohn, Orodes, nach Armenien und versuchte auch seinerseits +transkaukasische Hilfstruppen zu beschaffen; aber nur wenige kamen nach +Armenien durch, und die parthischen Reiterscharen waren der guten +Infanterie der Kaukasusvölker und den gefürchteten sarmatischen +berittenen Schützen nicht gewachsen. Orodes wurde in harter +Feldschlacht überwunden und selbst im Zweikampf mit seinem Rivalen +schwer verwundet. Da brach Artabanos selber nach Armenien auf. Nun aber +setzte auch Vitellius die syrischen Legionen in Bewegung, um den +Euphrat zu überschreiten und in Mesopotamien einzufallen; und dies +brachte die lange gärende Insurrektion im Partherreiche zum Ausbruch. +Das energische und mit den Erfolgen selbst immer schroffere Auftreten +des skythischen Herrschers hatte viele Personen und Interessen +verletzt, insbesondere die mesopotamischen Griechen und die mächtige +Stadtgemeinde von Seleukeia, welcher er ihre nach griechischer Art +demokratische Gemeindeverfassung genommen hatte, ihm abwendig gemacht. +Das römische Gold nährte die sich vorbereitende Bewegung. Unzufriedene +Adlige hatten schon früher sich mit der römischen Regierung in +Verbindung gesetzt und einen echten Arsakiden von dieser erbeten. +Tiberius hatte des Phraates einzigen überlebenden, dem Vater +gleichnamigen Sohn und, nachdem der alte römisch gewöhnte Mann den +Anstrengungen noch in Syrien erlegen war, an dessen Stelle einen +ebenfalls in Rom lebenden Enkel des Phraates namens Tiridates +geschickt. Der parthische Fürst Sinnakes, der Führer dieser +Zettelungen, kündigte jetzt dem Skythen den Gehorsam und pflanzte das +Banner der Arsakiden auf. Vitellius überschritt mit den Legionen den +Euphrat und in seinem Gefolge der neue Großkönig von römischen Gnaden. +Der parthische Statthalter von Mesopotamien, Ornospades, der einst als +Verbannter unter Tiberius den pannonischen Krieg mitgemacht hatte, +stellte sich und seine Truppen sofort dem neuen Herrn zur Verfügung des +Sinnakes Vater Abdagaeses lieferte den Reichsschatz aus; in kürzester +Zeit sah sich Artabanos von dem ganzen Lande verlassen und gezwungen, +in seine skythische Heimat zu flüchten, wo er als unsteter Mann in den +Wäldern herumirrte und mit seinem Bogen sich das Leben fristete, +während dem Tiridates von den nach parthischer Staatsordnung zur +Krönung des Herrschers berufenen Fürsten in Ktesiphon feierlich die +Tiara aufs Haupt gesetzt ward. Indes die Herrschaft des von dem +Reichsfeind geschickten neuen Großkönigs währte nicht lange. Das +Regiment, welches weniger er führte, ein junger unerfahrener und +untüchtiger Mann, als die ihn zum König gemacht hatten, vornehmlich +Abdagaeses, rief bald Opposition hervor. Einige der vornehmsten +Satrapen waren schon bei der Krönungsfeier ausgeblieben und zogen den +vertriebenen Herrscher wieder aus der Verbannung hervor; mit ihrem +Beistand und den von seinen skythischen Landsleuten gestellten +Mannschaften kehrte Artabanos zurück, und schon im folgenden Jahre (36) +war das ganze Reich mit Ausnahme von Seleukeia wieder in seiner Gewalt, +Tiridates ein flüchtiger Mann und genötigt, bei seinen römischen +Beschützern die Zuflucht zu heischen, die ihm nicht versagt werden +konnte. Vitellius führte die Legionen abermals an den Euphrat; aber da +der Großkönig persönlich erschien und sich zu allem Verlangten bereit +erklärte, falls die römische Regierung von Tiridates abstehe, war der +Friede bald geschlossen. Artabanos erkannte nicht bloß den Mithradates +als König von Armenien an, sondern brachte auch dem Bildnis des +römischen Kaisers die Huldigung dar, die von den Lehnsmannen gefordert +zu werden pflegte, und stellte seinen Sohn Dareios den Römern als +Geisel. Darüber war der alte Kaiser gestorben; aber diesen so +unblutigen wie vollständigen Sieg seiner Politik über die Auflehnung +des Orients hat er noch erlebt. + +Was die Klugheit des Greises erreicht hatte, verdarb sofort der +Unverstand des Nachfolgers. Abgesehen davon, daß er verständige +Einrichtungen des Tiberius rückgängig machte, zum Beispiel das +eingezogene Königreich Kommagene wiederherstellte, gönnte sein +törichter Neid dem toten Kaiser den erreichten Erfolg nicht; den +tüchtigen Statthalter von Syrien wie den neuen König von Armenien lud +er zur Verantwortung nach Rom vor, setzte den letzteren ab und schickte +ihn, nachdem er ihn eine Zeitlang gefangen gehalten hatte, ins Exil. +Selbstverständlich griff die parthische Regierung zu und nahm das +herrenlose Armenien wiederum in Besitz ^28. Claudius hatte, als er im +Jahre 41 zur Regierung kam, die getane Arbeit von neuem zu beginnen. Er +verfuhr nach dem Beispiel des Tiberius. Mithradates, aus dem Exil +zurückgerufen, wurde wieder eingesetzt und angewiesen, mit Hilfe seines +Bruders sich Armeniens zu bemächtigen. Der damals zwischen den drei +Söhnen des Königs Artabanos III. geführte Bruderkrieg im Partherreich +ebnete den Römern den Weg. Nach der Ermordung des ältesten Sohnes +stritten Jahre lang Gotarzes und Vardanes um den Thron; Seleukeia, das +schon dem Vater den Gehorsam aufgekündigt hatte, trotzte sieben Jahre +hindurch ihm und nachher den Söhnen; die Völker Turans griffen wie +immer auch in diesen Hader der Fürsten Irans ein. Mithradates vermochte +mit Hilfe der Truppen seines Bruders und der Garnisonen der +benachbarten römischen Provinzen die parthisch Gesinnten in Armenien zu +überwältigen und sich wieder zum Herrn daselbst zu machen ^29; das Land +erhielt römische Besatzung. Nachdem Vardanes sich mit dem Bruder +verglichen und endlich Seleukeia wieder eingenommen hatte, machte er +Miene, in Armenien einzurücken; aber die drohende Haltung des römischen +Legaten von Syrien hielt ihn ab und sehr bald brach der Bruder den +Vergleich und begann der Bürgerkrieg aufs neue. Nicht einmal die +Ermordung des tapferen und im Kampf mit den Völkern Turans siegreichen +Vardanes setzte demselben ein Ziel; die Gegenpartei wendete sich nun +nach Rom und erbat sich von der dortigen Regierung den dort lebenden +Sohn des Vonones, den Prinzen Meherdates, welcher dann auch vom Kaiser +Claudius vor dem versammelten Senat den Seinigen zur Verfügung gestellt +und nach Syrien entlassen ward mit der Ermahnung, sein neues Reich gut +und gerecht zu verwalten und der römischen Schutzfreundschaft eingedenk +zu bleiben (Jahr 49). Er kam nicht in die Lage, von diesen Ermahnungen +Anwendung zu machen. Die römischen Legionen, die ihm bis zum Euphrat +das Geleit gaben, übergaben ihn dort denen, die ihn gerufen hatten, dem +Haupt des mächtigen Fürstengeschlechts der Karên und den Königen +Abgaros von Edessa und Izates von Adiabene. Der unerfahrene und +unkriegerische Jüngling war der Aufgabe so wenig gewachsen wie alle +anderen von den Römern aufgestellten parthischen Herrscher; eine Anzahl +seiner namhaftesten Anhänger verließen ihn, so wie sie ihn +kennenlernten und gingen zu Gotarzes; in der entscheidenden Schlacht +gab der Fall des tapferen Karên den Ausschlag. Meherdates wurde +gefangen und nicht einmal hingerichtet, sondern nur nach orientalischer +Sitte durch Verstümmelung der Ohren regierungsunfähig gemacht. + +———————————————————— + +^28 Der Bericht über die Besitzergreifung Armeniens fehlt, aber die +Tatsache geht aus Tac. ann. 11, 9 deutlich hervor. Wahrscheinlich +gehört hierher, was Josephus (bel. Iud. 20 3, 3) von der Absicht des +Nachfolgers des Artabanos erzählt, gegen die Römer Krieg zu führen +wovon der Satrap von Adiabene, Izates, ihn vergebens abmahnt. Josephus +nennt diesen Nachfolger wohl irrig Bardanes. Artabanos’ III. +unmittelbarer Nachfolger war nach Tac. ann. 11, 8 sein gleichnamiger +Sohn, den nebst seinem Sohn dann Gotarzes aus dem Wege räumte; und +dieser Artabanos IV. wird hier gemeint sein. + +^29 Die Meldung des Petrus Patricius (fr. 3 Müll.), daß der König +Mithradates von Iberien den Abfall von Rom geplant, aber, um den Schein +der Treue zu wahren, seinen Bruder Kotys an Claudius gesandt habe und +dann, da dieser dem Kaiser von jenen Umtrieben Anzeige gemacht, +abgesetzt und durch den Bruder ersetzt worden sei verträgt sich nicht +mit der gesicherten Tatsache, daß in Iberien wenigstens vom Jahr 35 +(Tac. ann. 6, 32) bis zum Jahr 60 (Tac. ann. 14, 26) Pharasmanes, im +Jahre 75 dessen Sohn Mithradates (CIL III, 6052) geherrscht hat. Ohne +Zweifel hat Petrus den Mithradates von Iberien und den gleichnamigen +König des Bosporus zusammengeworfen und liegt hier die Erzählung zu +Grunde, welche Tacitus (ann. 12, 18) voraussetzt. + +———————————————————— + +Trotz dieser Niederlage der römischen Politik im Partherreich blieb +Armenien den Römern, solange der schwache Gotarzes über die Parther +herrschte. Aber sowie eine kräftigere Hand die Zügel der Herrschaft +faßte und die inneren Kämpfe ruhten, ward auch der Kampf um jenes Land +wieder aufgenommen. König Vologasos, der nach dem Tode des Gotarzes und +dem kurzen Regiment Vonones’ II, diesem seinem Vater im Jahre 51 +sukzedierte ^30, bestieg den Thron ausnahmsweise in vollem +Einverständnis mit seinen beiden Brüdern Pakoros und Tiridates. Er war +ein fähiger und umsichtiger Regent - auch als Städtegründer finden wir +ihn und mit Erfolg bemüht, den Handel von Palmyra nach seiner Stadt +Vologasias am unteren Euphrat zu lenken -, raschen und extremen +Entschlüssen abgeneigt und bemüht, mit dem mächtigen Nachbarn womöglich +Frieden zu halten. Aber die Rückgewinnung Armeniens war der leitende +politische Gedanke der Dynastie und auch er bereit, jede Gelegenheit zu +seiner Verwirklichung zu benutzen. Diese Gelegenheit schien jetzt sich +zu bieten. Der armenische Hof war der Schauplatz einer der +entsetzlichsten Familientragödien geworden, die die Geschichte +verzeichnet. Der alte König der Iberer, Pharasmanes, unternahm es, +seinen Bruder, den König von Armenien Mithradates, vom Thron zu stoßen +und seinen eigenen Sohn Rhadamistos an dessen Stelle zu setzen. Unter +dem Vorwande eines Zerwürfnisses mit dem Vater erschien Rhadamistos bei +seinem Oheim und Schwiegervater und knüpfte mit angesehenen Armeniern +Verhandlungen in jenem Sinne an. Nachdem er sich eines Anhangs +versichert hatte, überzog Pharasmanes im Jahre 52 unter nichtigen +Vorwänden den Bruder mit Krieg und brachte auch das Land in seine oder +vielmehr seines Sohnes Gewalt. Mithradates stellte sich unter den +Schutz der römischen Besatzung des Kastells Gorneae ^31. Diese +anzugreifen wagte Rhadamistos nicht; aber der Kommandant Caelius Pollio +war als nichtswürdig und feil bekannt. Der unter ihm den Befehl +führende Centurio begab sich zu Pharasmanes, um ihn zur Zurückrufung +seiner Truppen zu bestimmen, was dieser wohl versprach, aber nicht +hielt. Während der Abwesenheit des Zweitkommandierenden nötigte Pollio +den König, der wohl ahnte, was ihm bevorstand, durch die Drohung, ihn +im Stiche zu lassen, sich dem Rhadamistos in die Hände zu liefern. Von +diesem wurde er umgebracht, mit ihm seine Gattin, des Rhadamistos’ +Schwester und die Kinder derselben, weil sie im Anblick der Leichen +ihrer Eltern in Jammergeschrei ausbrachen. Auf diese Weise gelangte +Rhadamistos zur Herrschaft von Armenien. Die römische Regierung durfte +weder solchen, von ihren Offizieren mitverschuldeten Greueln zusehen +noch dulden, daß einer ihrer Lehnsträger den andern mit Krieg überzog. +Nichtsdestoweniger erkannte der Statthalter von Kappadokien, Iulius +Paelignus, den neuen König von Armenien an. Auch im Rat des +Statthalters von Syrien, Ummidius Quadratus, überwog die Meinung, daß +es den Römern gleichgültig sein könne, ob der Oheim oder der Neffe über +Armenien herrsche; der nach Armenien mit einer Legion gesendete Legat +erhielt nur den Auftrag, den Status quo bis auf weiteres aufrecht zu +halten. Da hielt der Partherkönig, in der Voraussetzung, daß die +römische Regierung sich nicht beeifern werde, für den König Rhadamistos +einzutreten, den Moment für geeignet, seine alten Ansprüche auf +Armenien wieder aufzunehmen. Er belehnte mit Armenien seinen Bruder +Tiridates, und die einrückenden parthischen Truppen bemächtigten sich +fast ohne Schwertstreich der beiden Hauptstädte Tigranokerta und +Artaxata und des ganzen Landes. Als Rhadamistos einen Versuch machte, +den Preis seiner Bluttaten festzuhalten, schlugen die Armenier selbst +ihn zum Lande hinaus. Die römische Besatzung scheint nach der Übergabe +von Gorneae Armenien verlassen zu haben; die aus Syrien in Marsch +gesetzte Legion zog der Statthalter zurück, um nicht mit den Parthern +in Konflikt zu geraten. + +—————————————————————————— + +^30 Wenn die Münzen, die freilich meistens nur nach der +Bildnisähnlichkeit sich scheiden lassen, richtig attributiert sind, so +reichen die des Gotarzes bis Sel. 362 Daesius = n. Chr. 51, Juni und +beginnen die des Volagasos (von Vonones II. kennen wir keine) mit Sel. +362 Gorpiäus = n. Chr. 51, September (Gardner, Parthian coinage, S. 50, +51), was mit Tacitus (ann. 12, 14, 44) übereinstimmt. + +^31 Gorneae, bei den Armeniern Garhni, wie die Ruine (nahe, östlich von +Eriwan) noch jetzt genannt wird. Kiepert. + +—————————————————————————— + +Als diese Kunde nach Rom kam (Ende 54), war Kaiser Claudius eben +gestorben und regierten für den jungen siebzehnjährigen Nachfolger +tatsächlich die Minister Burrus und Seneca. Das Vorgehen des Vologasos +konnte nur mit der Kriegserklärung beantwortet werden. In der Tat +sandte die römische Regierung nach Kappadokien, das sonst +Statthalterschaft zweiten Ranges und nicht mit Legionen belegt war, +ausnahmsweise den konsularischen Legaten Gnaeus Domitius Corbulo. Er +war als Schwager des Kaisers Gaius rasch vorwärts gekommen, dann unter +Claudius im Jahre 47 Legat von Untergermanien gewesen und galt seitdem +als einer der damals nicht zahlreichen tüchtigen, die vielfach +verfallene Disziplin energisch handhabenden Heerführer, selbst eine +herkulische Gestalt, jeder Strapaze gewachsen und nicht bloß dem Feind, +sondern auch seinen eigenen Soldaten gegenüber von rücksichtslosem Mut. +Es schien ein Zeichen des Besserwerdens der Dinge, daß die Neronische +Regierung das erste von ihr zu besetzende wichtige Kommando an ihn +vergab. Der unfähige syrische Legat von Syrien, Quadratus, wurde nicht +abgerufen, aber angewiesen, zwei von seinen vier Legionen dem +Statthalter der Nachbarprovinz zur Verfügung zu stellen. Die Legionen +alle wurden an den Euphrat herangezogen und die sofortige Schlagung der +Brücken über den Fluß angeordnet. Die beiden westlich zunächst an +Armenien grenzenden Landschaften Klein-Armenien und Sophene wurden zwei +zuverlässigen syrischen Fürsten, dem Aristobulos aus einem Seitenzweig +des herodischen Hauses und dem Sohaemos aus der Herrscherfamilie von +Hemesa zugeteilt und beide unter Corbulos Befehle gestellt. Der König +des damals noch übrigen Restes des Judenstaats Agrippa und der König +von Kommagene Antiochos erhielten ebenfalls Marschbefehl. Indes +zunächst kam es nicht zum Schlagen. Die Ursache lag zum Teil in dem +Zustand der syrischen Legionen; es war ein schlimmes Armutszeugnis für +die bisherige Verwaltung, daß Corbulo die ihm überwiesenen Truppen +geradezu als unbrauchbar bezeichnen mußte. Die in den griechischen +Provinzen ausgehobenen und garnisonierenden Legionen waren immer +geringer gewesen als die okzidentalischen; jetzt hatte die entnervende +Gewalt des Orients bei dem langen Friedensstand und der schlaffen +Heereszucht dieselben völlig demoralisiert. Die Soldaten hielten mehr +in den Städten sich auf als in den Lagern; nicht wenige derselben waren +des Waffentragens entwöhnt und wußten nichts von Lagerschlagen und +Wachdienst; die Regimenter waren lange nicht ergänzt und enthielten +zahlreiche alte unbrauchbare Leute; Corbulo hatte zunächst eine große +Anzahl von Soldaten zu entlassen und in noch viel größerer Zahl +Rekruten auszuheben und auszubilden. Der Wechsel der bequemen +Winterquartiere am Orontes mit denen in den rauben armenischen Bergen, +die plötzliche Einführung unerbittlich strenger Lagerzucht führte +vielfach Erkrankungen herbei und veranlaßte zahlreiche Desertionen. +Trotz allem dem sah sich der Feldherr, als es Ernst ward, genötigt, um +Zusendung einer der besseren Legionen des Okzidents zu bitten. Unter +diesen Umständen beeilte er sich nicht, seine Soldaten an den Feind zu +bringen; indes waren doch dabei überwiegend politische Rücksichten +maßgebend. + +Wäre es die Absicht der römischen Regierung gewesen, den parthischen +Herrscher sofort aus Armenien zu vertreiben, und zwar nicht den +Rhadamistos, mit dessen Blutschuld die Römer keine Veranlassung hatten, +sich zu beflecken, aber irgendeinen anderen Fürsten ihrer Wahl an +dessen Stelle zu setzen, so hätten dazu die Streitkräfte Corbulos wohl +sofort ausgereicht, da König Vologasos, wieder einmal durch innere +Unruhen abgezogen, seine Truppen aus Armenien weggeführt hatte. Aber +dies lag nicht im Plane der Römer; man wollte dort vielmehr das +Regiment des Tiridates sich gefallen lassen und ihn nur zur Anerkennung +der römischen Oberherrlichkeit bestimmen und nötigenfalls zwingen; nur +zu diesem Zweck sollten äußersten Falls die Legionen marschieren. Es +kam dies der Sache nach der Abtretung Armeniens an die Parther sehr +nahe. Was für diese sprach und was sie verhinderte, ist früher +entwickelt worden. Wurde jetzt Armenien als parthische Sekundogenitur +geordnet, so war die Anerkennung des römischen Lehnsrechts wenig mehr +als eine Formalität, genau genommen nichts als eine Deckung der +militärischen und politischen Ehre. Also hat die Regierung der früheren +neronischen Zeit, der notorisch an Einsicht und Energie wenige gleich +kamen, beabsichtigt, sich Armeniens in schicklicher Weise zu +entledigen; und es kann das nicht verwundern. Man schöpfte hier in der +Tat in das Sieb. Der Besitz Armeniens war wohl im Jahre 20 v. Chr. +durch Tiberius, dann durch Gaius im Jahre 2, durch Germanicus im Jahre +18, durch Vitellius im Jahre 36 im Lande selbst wie bei den Parthern +zur Geltung und Anerkennung gebracht worden. Aber eben diese regelmäßig +sich wiederholenden und regelmäßig von Erfolg gekrönten und doch +niemals zu dauernder Wirkung gelangenden außerordentlichen Expeditionen +gaben den Parthern recht, wenn sie in den Verhandlungen unter Nero +behaupteten, daß die römische Oberherrschaft über Armenien ein leerer +Name, das Land nun einmal parthisch sei und sein wolle. Zur +Geltendmachung der römischen Obergewalt bedurfte es immer wenn nicht +der Kriegführung, doch der Kriegdrohung, und die dadurch bedingte +stetige Reibung machte den dauernden Friedensstand zwischen den beiden +benachbarten Großmächten unmöglich. Die Römer hatten, wenn sie +folgerichtig verfuhren, nur die Wahl, Armenien und das linke +Euphratufer überhaupt entweder durch Beseitigung der bloß mittelbaren +Herrschaft effektiv in ihre Gewalt zu bringen oder es soweit den +Parthern zu überlassen, als dies mit dem obersten Grundsatz des +römischen Regiments, keine gleichberechtigte Grenzmacht anzuerkennen, +sich vertrug. Augustus und die bisherigen Regenten hatten die erstere +Alternative entschieden abgelehnt, und sie hätten also den zweiten Weg +einschlagen sollen; aber auch diesen abzulehnen, hatten sie wenigstens +versucht und das parthische Königshaus von der Herrschaft über Armenien +ausschließen wollen, ohne es zu können. Dies müssen die leitenden +Staatsmänner der früheren neronischen Zeit als einen Fehler betrachtet +haben, da sie Armenien den Arsakiden überließen und sich auf das +denkbar geringste Maß von Rechten daran beschränkten. Wenn die Gefahren +und die Nachteile, welche das Festhalten dieser nur äußerlich dem Reich +anhaftenden Landschaft dem Staate brachte, gegen diejenigen abgewogen +wurden, welche die Partherherrschaft über Armenien für die Römer nach +sich zog, so konnte, zumal bei der geringen Offensivkraft des +Parthischen Reiches, die Entscheidung wohl in dem letzteren Sinne +gefunden werden: Unter allen Umständen aber war diese Politik +konsequent und suchte das auch von Augustus verfolgte Ziel in klarerer +und verständigerer Weise zu erreichen. + +Von diesem Standpunkt aus versteht man, weshalb Corbulo und Quadratus, +statt den Euphrat zu überschreiten, mit Vologasos Verhandlungen +anknüpften und nicht minder, daß dieser, ohne Zweifel von den +wirklichen Absichten der Römer unterrichtet, sich dazu verstand, in +ähnlicher Weise wie sein Vorgänger den Römern sich zu beugen und ihnen +als Friedenspfand eine Anzahl dem königlichen Hause nahestehender +Geiseln zu überliefern. Die stillschweigend vereinbarte Gegenleistung +dafür war die Duldung der Herrschaft des Tiridates über Armenien und +die Nichtaufstellung eines römischen Prätendenten. So gingen einige +Jahre in faktischem Friedensstand hin. Aber da Vologasos und Tiridates +sich nicht dazu verstanden, um die Belehnung des letzteren mit Armenien +bei der römischen Regierung einzukommen ^32, ergriff Corbulo im Jahre +58 gegen Tiridates die Offensive. Eben die Politik des Zurückweichens +und Nachgehens bedurfte, wenn sie bei Freund und Feind nicht als +Schwäche erscheinen sollte, der Folie, also entweder der förmlichen und +feierlichen Anerkennung der römischen Obergewalt oder besser noch des +mit den Waffen gewonnenen Sieges. + +————————————————————— + +^32 Noch nach dem Angriff beschwerte Tiridates sich, cur datis nuper +obsidibus redintegrataque amicitia . . . vetere Armeniae possessione +depelleretur, und Corbulo stellte ihm, falls er sich bittweise an den +Kaiser wende, ein regnum stabile in Aussicht (Tac. ann. 12 37). Auch +anderswo wird als der eigentliche Kriegsgrund die Weigerung des +Lehnseides bezeichnet (Tac. ann. 12, 34). + +————————————————————— + +Im Sommer des Jahres 58 führte Corbulo eine leidlich schlagfähige Armee +von mindestens 30000 Mann über den Euphrat. Die Reorganisation und die +Abhärtung der Truppen wurde durch die Kampagne selbst vollendet und das +erste Winterquartier auf armenischem Boden genommen. Im Frühjahr 59 ^33 +begann er den Vormarsch in der Richtung auf Artaxata. Zugleich brachen +in Armenien von Norden her die Iberer ein, deren König Pharasmanes, um +seine eigenen Frevel zu bedecken, seinen Sohn Rhadamistos hatte +hinrichten lassen und nun weiter bemüht war, durch gute Dienste seine +Verschuldung in Vergessenheit zu bringen; nicht minder ihre +nordwestlichen Nachbarn, die tapferen Moscher, von Süden König +Antiochos von Kommagene. König Vologasos war durch den Aufstand der +Hyrkaner an der entgegengesetzten Seite des Reiches festgehalten und +konnte oder wollte in den Kampf nicht unmittelbar eingreifen. Tiridates +leistete mutigen Widerstand; aber er vermochte nichts gegen die +erdrückende Übermacht. Vergeblich versuchte er sich auf die +Verbindungslinien der Römer zu werfen, die ihre Bedürfnisse über das +Schwarze Meer und den Hafen von Trapezus bezogen. Die Burgen Armeniens +fielen unter den Angriffen der stürmenden Römer, und die Besatzungen +wurden bis auf den letzten Mann niedergemacht. In einer Feldschlacht +unter den Mauern von Artaxata geschlagen, gab Tiridates den ungleichen +Kampf auf und ging zu den Parthern. Artaxata ergab sich und hier, im +Herzen von Armenien, überwinterte das römische Heer. Im Frühjahr 60 +brach Corbulo von dort auf, nachdem er die Stadt niedergebrannt hatte, +und marschierte quer durch das Land auf dessen zweite Hauptstadt +Tigranokerta oberhalb Nisibis im Tigrisgebiet. Der Schrecken über die +Zerstörung Artaxatas ging ihm voraus; ernstlicher Widerstand wurde +nirgends geleistet; auch Tigranokerta öffnete dem Sieger freiwillig die +Tore, der hier in wohlberechneter Weise die Gnade walten ließ. +Tiridates machte noch einen Versuch, zurückzukehren und den Kampf +wieder aufzunehmen, wurde aber ohne besondere Anstrengung abgewiesen. +Am Ausgang des Sommers 60 war ganz Armenien unterworfen und stand zur +Verfügung der römischen Regierung. + +————————————————————— + +^33 Der Bericht bei Tacitus (ann. 13, 34-41) umfaßt ohne Zweifel die +Kampagnen der Jahre 58 und 59, da Tacitus unter dem Jahr 59 von dem +armenischen Feldzug schweigt, unter dem Jahr 60 aber (ann. 14, 23) +unmittelbar an 13, 41 anknüpft und offenbar nur einen einzigen Feldzug +schildert, überhaupt, wo er in dieser Weise zusammenfaßt, in der Regel +antizipiert. Daß der Krieg nicht erst 59 angefangen haben kann, +bestätigt weiter die Tatsache, daß Corbulo die Sonnenfinsternis vom 30. +April 59 auf armenischem Boden beobachtete (Plin. nat. 2, 70, 180); +wäre er erst 59 eingerückt, so konnte er so früh im Jahre kaum die +feindliche Grenze überschritten haben. Einen Jahreinschnitt zeigt die +Erzählung des Tacitus (ann. 13, 34-41) an sich nicht, wohl aber läßt +sie bei seiner Art zu berichten die Möglichkeit zu daß das erste Jahr +mit dem Überschreiten des Euphrat und der Festsetzung in Armenien +verging, also der c. 35 erwähnte Winter der des Jahres 58/59 ist, zumal +da bei der Beschaffenheit des Heeres eine derartige Kriegseinleitung +wohl am Platze und bei dem kurzen armenischen Sommer es militärisch +zweckmäßig war, den Einmarsch und die eigentliche Kriegführung also zu +trennen. + +————————————————————— + +Es ist begreiflich, daß man in Rom jetzt von Tiridates absah. Der Prinz +Tigranes, ein Urenkel von väterlicher Seite Herodes’ des Großen, von +mütterlicher des Königs Archelaos von Kappadokien, auch dem alten +armenischen Königshause von weiblicher Seite verwandt und ein Neffe +eines der ephemeren Herrscher Armeniens aus den letzten Jahren des +Augustus, in Rom erzogen und durchaus ein Werkzeug der römischen +Regierung, wurde jetzt (60) von Nero mit dem Königreich Armenien +belehnt und auf des Kaisers Befehl von Corbulo in die Herrschaft +eingesetzt. Im Lande blieb römische Besatzung, 1000 Legionarier und +drei- bis viertausend Reiter und Infanterie der Auxilien. Ein Teil der +Grenzlandschaften ward von Armenien abgetrennt und verteilt unter die +benachbarten Könige Polemon von Pontus und Trapezus, Aristobulos von +Klein-Armenien, Pharasmanes von Iberien und Antiochos von Kommagene. +Dagegen rückte der neue Herr von Armenien, natürlich mit Einwilligung +der Römer, in die angrenzende parthische Provinz Adiabene ein, schlug +den dortigen Statthalter Monobazos und schien auch diese Landschaft vom +parthischen Staat abreißen zu wollen. + +Diese Wendung der Dinge nötigte die parthische Regierung, aus ihrer +Passivität herauszutreten; es handelte sich nun nicht mehr um die +Wiedergewinnung Armeniens, sondern um die Integrität des Parthischen +Reiches. Die lange drohende Kollision zwischen den beiden Großstaaten +schien unvermeidlich. Vologasos bestätigte in einer Versammlung der +Großen des Reiches den Tiridates wiederholt als König von Armenien und +sandte mit ihm den Feldherrn Monaeses gegen den römischen Usurpator des +Landes, der in Tigranokerta, welches die römischen Truppen besetzt +hielten, von den Parthern belagert ward. Vologasos selbst zog die +parthische Hauptmacht in Mesopotamien zusammen und bedrohte (Anfang 61) +Syrien. Corbulo, der nach Quadratus’ Tode zur Zeit in Kappadokien wie +in Syrien das Kommando führte, aber von der Regierung die Ernennung +eines anderen Statthalters für Kappadokien und Armenien erbeten hatte, +sandte vorläufig zwei Legionen nach Armenien, um Tigranes Beistand zu +leisten, während er selbst an den Euphrat rückte, um den Partherkönig +zu empfangen. Indes es kam wieder nicht zum Schlagen, sondern zum +Vertrag. Vologasos, wohl wissend, wie gefährlich das beginnende Spiel +sei, erklärte sich jetzt bereit, auf die vor dem Ausbruch des +armenischen Krieges von den Römern vergeblich angebotenen Bedingungen +einzugehen und die Belehnung des Bruders durch den römischen Kaiser zu +gestatten. Corbulo ging auf den Vorschlag ein. Er ließ den Tigranes +fallen, zog die römischen Truppen aus Armenien zurück und ließ es +geschehen, daß Tiridates daselbst sich festsetzte, während die +parthischen Hilfstruppen ebenfalls abzogen; dagegen schickte Vologasos +eine Gesandtschaft an die römische Regierung und erklärte die +Bereitwilligkeit seines Bruders, das Land von Rom zu Lehen zu nehmen. + +Diese Maßnahmen Corbulos waren bedenklicher Art ^34 und führten zu +einer üblen Verwicklung. Der römische Feldherr mag wohl mehr noch als +die Staatsmänner in Rom von der Nutzlosigkeit des Festhaltens von +Armenien durchdrungen gewesen sein; aber nachdem die römische Regierung +den Tigranes als König von Armenien eingesetzt hatte, durfte er nicht +von sich aus auf die früher gestellten Bedingungen zurückgreifen, am +wenigsten seine eigenen Eroberungen preisgeben und die römischen +Truppen aus Armenien zurückziehen. Er war dazu um so weniger +berechtigt, als er Kappadokien und Armenien nur interimistisch +verwaltete und selbst der Regierung erklärt hatte, daß er nicht +imstande sei, zugleich dort und in Syrien das Kommando zu führen; +woraufhin der Konsular Lucius Caesennius Paetus zum Statthalter von +Kappadokien ernannt und auch dorthin bereits unterwegs war. Der +Verdacht ist kaum abzuweisen, daß Corbulo diesem die Ehre der +schließlichen Unterwerfung Armeniens nicht gönnte und durch den +faktischen Friedensschluß mit den Parthern vor seinem Eintreffen ein +Definitivum herzustellen wünschte. Die römische Regierung lehnte denn +auch die Anträge des Vologasos ab und bestand auf der Festhaltung +Armeniens, das, wie der neue, im Laufe des Sommers 61 in Kappadokien +eingetroffene Statthalter erklärte, sogar in unmittelbare römische +Verwaltung genommen werden sollte. Ob die römische Regierung in der Tat +sich entschlossen hatte, so weit zu gehen, ist nicht auszumachen; aber +es lag dies allerdings in der Konsequenz ihrer Politik. Die Einsetzung +eines von Rom abhängigen Königs war nur die Verlängerung des bisherigen +unhaltbaren Zustandes; wer die Abtretung Armeniens an die Parther nicht +wollte, mußte die Umwandlung des Königreichs in eine römische Provinz +ins Auge fassen. Der Krieg hatte also seinen Fortgang; es wurde darum +auch eine der mösischen Legionen dem kappadokischen Heer zugesandt. Als +Paetus eintraf, lagerten die beiden von Corbulo ihm zugewiesenen +Legionen diesseits des Euphrat in Kappadokien; Armenien war geräumt und +mußte wieder erobert werden. Paetus ging sofort an das Werk, +überschritt bei Melitene (Malatia) den Euphrat, rückte in Armenien ein +und bezwang die nächsten Burgen an der Grenze. Indes die vorgerückte +Jahreszeit nötigte ihn bald, die Operationen einzustellen und auf die +beabsichtigte Wiederbesetzung Tigranokertas für dies Jahr zu +verzichten; doch nahm er, um im nächsten Frühjahr den Marsch sogleich +wieder aufzunehmen, nach Corbulos Beispiel die Winterquartiere in +Feindesland bei Rhandeia, an einem Nebenfluß des Euphrat, dem Arsanias, +unweit des heutigen Charput, während der Troß und die Weiber und Kinder +unweit davon in dem festen Kastell Arsamosata untergebracht wurden. +Aber er hatte die Schwierigkeit des Unternehmens unterschätzt. Die eine +und die beste seiner Legionen, die mösische, war noch auf dem Marsch +und überwinterte diesseits des Euphrat im pontischen Gebiet; die beiden +anderen waren nicht diejenigen, welche Corbulo kriegen und siegen +gelehrt hatte, sondern die früheren syrischen des Quadratus, +unvollzählig und ohne durchgreifende Reorganisation kaum brauchbar. +Dabei stand er nicht wie Corbulo den Armeniern allein, sondern der +Hauptmasse der Parther gegenüber; Vologasos hatte, als es mit dem +Kriege Ernst ward, den Kern seiner Truppen aus Mesopotamien nach +Armenien geführt und den strategischen Vorteil, daß er die inneren und +kürzeren Linien beherrschte, verständig zur Geltung gebracht. Corbulo +hätte, zumal da er den Euphrat überbrückt und am anderen Ufer +Brückenköpfe angelegt hatte, diesen Abmarsch durch einen rechtzeitigen +Einfall in Mesopotamien wenigstens erschweren oder doch wettmachen +können; aber er rührte sich nicht aus seinen Stellungen und überließ es +Paetus, sich der Gesamtmacht der Feinde zu erwehren, wie er konnte. +Dieser war weder selber Militär noch bereit, militärischen Rat +anzunehmen und zu befolgen, nicht einmal ein Mann von entschlossenem +Charakter, übermütig und ruhmredig im Anlauf, verzagt und kleinmütig +gegenüber dem Mißerfolg. Also kam, was kommen mußte. Im Frühling 62 +griff nicht Paetus an, sondern Vologasos; die vorgeschobenen Truppen, +welche den Parthern den Weg verlegen sollten, wurden von der Übermacht +erdrückt; der Angriff verwandelte sich rasch in eine Belagerung der +römischen weit auseinandergezogenen Stellungen in dem Winterlager und +dem Kastell. Die Legionen konnten weder vorwärts noch zurück; die +Soldaten desertierten massenweise; die einzige Hoffnung ruhte auf +Corbulos fern im nördlichen Syrien, ohne Zweifel bei Zeugma, untätig +lagernden Legionen. In die Schuld der Katastrophe teilten sich beide +Generale, Corbulo wegen des verspäteten Aufbruchs zur Hilfe ^35, obwohl +er dann, als er den ganzen Umfang der Gefahr erkannte, den Marsch nach +Möglichkeit beschleunigte, Paetus, weil er den kühnen Entschluß, lieber +unterzugehen als zu kapitulieren, nicht zu fassen vermochte und damit +die nahe Rettung verscherzte; noch drei Tage länger und die 5000 Mann, +welche Corbulo heranführte, hätten die ersehnte Hilfe gebracht. Die +Bedingungen der Kapitulation waren freier Abzug für die Römer und +Räumung Armeniens unter Auslieferung aller von ihnen besetzten Kastelle +und aller in ihren Händen befindlichen Vorräte, deren die Parther +dringend benötigt waren. Dagegen erklärte Vologasos sich bereit, trotz +dieses militärischen Erfolges Armenien als römisches Lehen für den +Bruder von der kaiserlichen Regierung zu erbitten und deswegen Gesandte +an Nero zu senden ^36. Die Mäßigung des Siegers kann darauf beruhen, +daß er von Corbulos Annähern bessere Kunde hatte als die +eingeschlossene Armee; aber wahrscheinlicher lag dem vorsichtigen Mann +gar nichts daran, die Katastrophe des Crassus zu erneuern und wiederum +römische Adler nach Ktesiphon zu bringen. Die Niederlage einer +römischen Armee, das wußte er, war nicht die Überwältigung Roms und die +reale Konzession, welche in der Anerkennung des Tiridates lag, ward +durch die Nachgiebigkeit in der Form nicht allzu teuer erkauft. + +———————————————————- + +^34 Aus der Darstellung des Tacitus (ann. 15, 6) sieht die +Parteilichkeit und die Verlegenheit deutlich heraus. Die Auslieferung +Armeniens an Tiridates auszusprechen, wagt er nicht und läßt sie den +Leser nur schließen. + +^35 Das sagt Tacitus selbst (arm. 15, 10): nec a Corbulone properatum, +quo gliscentibus periculis etiam subsidii laus augeretur, in naiver +Unbefangenheit über den schweren Tadel, den dieses Lob in sich trägt. +Wie parteiisch der ganze, auf Corbulos Depeschen beruhende Bericht +gehalten ist, beweist unter anderem, daß dem Paetus in einem Atem die +ungenügende Verproviantierung des Lagers (15, 8) und die Übergabe +desselben trotz reichlicher Vorräte (15 16) zum Vorwurf gemacht und die +letztere Tatsache daraus geschlossen wird, daß die abziehenden Römer +die nach der Kapitulation den Parthern auszuliefernden Vorräte lieber +zerstörten. Wie die Erbitterung gegen Tiberius in der Schönfärberei des +Germanicus, so hat die gegen Nero in der des Corbulo ihren Ausdruck +gefunden. + +^36 Corbulos Angabe, daß Paetus in Gegenwart seiner Soldaten und der +parthischen Abgesandten sich eidlich verpflichtet habe, bis zum +Eintreffen der Antwort Neros keine Truppen nach Armenien zu schicken, +erklärt Tacitus (ann. 15, 16) für unglaubwürdig; der Sachlage +entspricht sie, und es ist auch nicht dagegen gehandelt worden. + +———————————————————- + +Die römische Regierung lehnte das Anerbieten des Partherkönigs abermals +ab und befahl die Fortsetzung des Krieges. Sie konnte nicht wohl +anders; war die Anerkennung des Tiridates vor dem Wiederbeginn des +Krieges bedenklich und nach der parthischen Kriegserklärung kaum +annehmbar, so erschien sie jetzt, als Konsequenz der Kapitulation von +Rhandeia, geradezu als deren Ratifikation. Von Rom aus wurde die +Wiederaufnahme des Kampfes gegen die Parther in energischer Weise +betrieben. Paetus wurde abberufen; Corbulo, in dem die durch die +schimpfliche Kapitulation erregte öffentliche Meinung nur den Besieger +Armeniens sah und den auch die, welche die Sachlage genau kannten und +scharf beurteilten, nicht umhin konnten, als den fähigsten und für +diesen Krieg einzig geeigneten Feldherrn zu bezeichnen, übernahm wieder +die Statthalterschaft von Kappadokien, aber zugleich das Kommando über +sämtliche für diesen Feldzug verwendbare Truppen, welche noch weiter +durch eine siebente, aus Pannonien herbeigerufene Legion verstärkt +wurden; demnach wurde alle Statthalter und Fürsten des Orients +angewiesen, in militärischen Angelegenheiten seinen Anordnungen Folge +zu leisten, so daß seine Amtsgewalt derjenigen, welche den Kronprinzen +Gaius und Germanicus für ihre Sendungen in den Orient beigelegt worden +war, ziemlich gleichkam. Wenn diese Maßregeln eine ernste Reparation +der römischen Waffenehre herbeiführen sollten, so verfehlten sie ihren +Zweck. Wie Corbulo die Sachlage ansah, zeigte schon das Abkommen, das +er nicht lange nach der Katastrophe von Rhandeia mit dem Partherkönig +traf: dieser zog die parthischen Besatzungen aus Armenien zurück, die +Römer räumten die auf mesopotamischem Gebiet zum Schutz der Brücken +angelegten Kastelle. Für die römische Offensive waren die parthischen +Besatzungen in Armenien ebenso gleichgültig wie die Euphratbrücken +wichtig; sollte dagegen Tiridates als römischer Lehnskönig in Armenien +anerkannt werden, so waren allerdings die letzteren überflüssig und +parthische Besatzungen in Armenien unmöglich. Im nächsten Frühjahr 63 +schritt Corbulo allerdings zu der ihm anbefohlenen Offensive und führte +die vier besten seiner Legionen bei Melitene über den Euphrat gegen die +in der Gegend von Arsamosata stehende parthisch-armenische Hauptmacht. +Aber aus dem Schlagen ward nicht viel; nur einige Schlösser +armenischer, antirömisch gesinnter Adliger wurden zerstört. Dagegen +führte auch diese Begegnung zum Vertragen. Corbulo nahm die früher von +seiner Regierung zurückgewiesenen parthischen Anträge an und zwar, wie +der weitere Verlauf der Dinge zeigte, in dem Sinne, daß Armenien ein +für allemal eine parthische Sekundogenitur ward und die römische +Regierung, wenigstens nach dem Geiste des Abkommens, darauf einging, +diese Krone in Zukunft nur an einen Arsakiden zu verleihen. Hinzugefügt +wurde nur, daß Tiridates sich verpflichten solle, in Rhandeia, eben da, +wo die Kapitulation geschlossen worden war, öffentlich unter den Augen +der beiden Armeen das königliche Diadem vom Haupte zu nehmen und es vor +dem Bildnis des Kaisers niederzulegen, gelobend, es nicht wieder +aufzusetzen, bevor er es aus seiner Hand und zwar in Rom selbst +empfangen haben werde. So geschah es (63). Durch diese Demütigung wurde +daran nichts geändert, daß der römische Feldherr, statt den ihm +aufgetragenen Krieg zu führen, auf die von seiner Regierung verworfenen +Bedingungen Frieden schloß ^37. Aber die früher leitenden Staatsmänner +waren inzwischen gestorben oder zurückgetreten und das persönliche +Regiment des Kaisers dafür installiert, und auf das Publikum und vor +allem auf den Kaiser persönlich verfehlte der feierliche Akt in +Rhandeia und das in Aussicht gestellte Schaugepränge der Belehnung des +parthischen Fürsten mit der Krone von Armenien in der Reichshauptstadt +seine Wirkung nicht. Der Friede wurde ratifiziert und erfüllt. Im Jahre +66 erschien der parthische Fürst versprochenermaßen in Rom, geleitet +von 3000 parthischen Reitern, als Geiseln die Kinder der drei Brüder so +wie die des Monobazos von Adiabene heranführend. Er begrüßte kniefällig +seinen auf dem Markte der Hauptstadt auf dem Kaiserstuhl sitzenden +Lehnsherrn und hier knüpfte dieser ihm vor allem Volke die königliche +Binde um die Stirn. + +————————————————————— + +^37 Da nach Tacitus (ann. 15, 25; vgl. Dio 62, 22) Nero die Gesandten +des Vologasos wohlwollend entließ und die Möglichkeit einer +Verständigung, wenn Tiridates persönlich erscheine, durchblicken ließ, +so kann Corbulo in diesem Fall nach seinen Instruktionen gehandelt +haben; aber eher möchte dies zu den im Interesse Corbulos +hinzugesetzten Wendungen gehören. Daß bei dem Prozeß, der diesem einige +Jahre nachher gemacht ward, diese Vorgänge zur Sprache gekommen sind, +ist wahrscheinlich nach der Notiz, daß einer der Offiziere von der +armenischen Kampagne sein Ankläger wurde. Die Identität des +Kohortenpräfekten Arrius Varus bei Tacitus (ann. 13, 9) und des +Primipilen (hist. 3, 6) ist mit Unrecht bestritten worden; vgl. zu CIL +V, 867. + +————————————————————— + +Die von beiden Seiten zurückhaltende, man möchte sagen friedliche +Führung des letzten, nominell zehnjährigen Krieges und der +entsprechende Abschluß desselben durch den faktischen Übergang +Armeniens an die Parther unter Schonung der Suszeptibilitäten des +mächtigeren Westreiches trug gute Frucht. Armenien war unter der +nationalen von den Römern anerkannten Dynastie mehr von ihnen abhängig +als früher unter den dem Lande aufgedrungenen Herrschern. Wenigstens in +der zunächst an den Euphrat grenzenden Landschaft Sophene blieb +römische Besatzung ^38. Für die Wiederherstellung von Artaxata wurde +die Erlaubnis des Kaisers erbeten und gewährt, und der Bau von Kaiser +Nero mit Geld und Arbeitern gefördert. Zwischen den beiden mächtigen +Staaten, die der Euphrat voneinander schied, hat zu keiner Zeit ein +gleich gutes Verhältnis bestanden wie nach dem Abschluß des Vertrages +von Rhandeia in den letzten Jahren Neros und weiter unter den drei +Herrschern des Flavischen Hauses. Noch andere Umstände trugen dazu bei. +Die transkaukasischen Völkermassen, vielleicht gelockt durch ihre +Beteiligung an den letzten Kriegen, während welcher sie als Söldner +teils der Iberer, teils der Parther den Weg nach Armenien gefunden +hatten, fingen damals an, vor allem die westlichen parthischen +Provinzen, aber zugleich die östlichen des Römischen Reiches zu +bedrohen. Wahrscheinlich um ihnen zu wehren, wurde unmittelbar nach dem +Armenischen Kriege im Jahre 63 die Einziehung des sogenannten +Pontischen Königreichs verfügt, das heißt der Südostecke der Küste des +Schwarzen Meeres mit der Stadt Trapezus und dem Phasisgebiet. Die große +orientalische Expedition, welche Kaiser Nero eben anzutreten im Begriff +war, als ihn die Katastrophe ereilte (68), und für welche er bereits +die Kerntruppen des Westens teils nach Ägypten, teils an die Donau in +Marsch gesetzt hatte, sollte freilich auch nach anderen Seiten hin die +Reichsgrenze vorschieben ^39; aber der eigentliche Zielpunkt waren die +Kaukasuspässe oberhalb Tiflis und die am Nordabhang ansässigen +skythischen Stämme, zunächst die Alanen ^40. Eben diese berannten +einerseits Armenien, andererseits Medien. Jene Neronische Expedition +richtete sich so wenig gegen die Parther, daß sie vielmehr aufgefaßt +werden konnte als diesen zur Hilfe unternommen; den wilden Horden des +Nordens gegenüber war für die beiden Kulturstaaten des Westens und des +Ostens gemeinsame Abwehr allerdings angezeigt. Vologasos lehnte +freilich die freundschaftliche Aufforderung seines römischen Kollegen, +ihn ebenso wie der Bruder in Rom zu besuchen, in gleicher +Freundschaftlichkeit ab, da ihn keineswegs gelüstete, auch seinerseits +als Lehnsträger des römischen Herrschers auf dem römischen Markt zu +figurieren; aber er erklärte sich bereit, dem Kaiser sich vorzustellen, +wenn dieser im Orient eintreffen werde, und nicht die Römer, aber wohl +die Orientalen haben Nero aufrichtig betrauert. König Vologasos +richtete an den Senat offiziell das Ersuchen, Neros Gedächtnis in Ehren +zu halten, und als späterhin ein Pseudo-Nero auftrat, fand er vor allem +im Partherstaat Sympathien. + +————————————————————— + +^38 In Ziata (Charput) haben sich zwei Inschriften eines Kastells +gefunden, welches eine der von Corbulo über den Euphrat geführten +Legionen, die 3. Gallica, dort auf Corbulos Geheiß im Jahre 64 anlegte +(Eph. epigr. V, p. 25). + +^39 Nero beabsichtigte inter reliqua bella auch einen äthiopischen +(Plin. nat. 6, 29, 182, vgl. 184). Darauf beziehen sich die +Truppensendungen nach Alexandreia (Tac. hist. 1, 31, 70). + +^40 Als Zielpunkt der Expedition bezeichnen sowohl Tacitus (hist. 1, 6) +wie Sueton (Nero 19) die kaspischen Tore, d. h. den Kaukasuspaß +zwischen Tiflis und Wladi-Kawkas bei Darial, welchen nach der Sage +Alexander mit eisernen Pforten schloß (Plin. nat. 6, 11, 30; Ios. bel. +Iud. 7, 7, 4; Prok. Pers. 1, 10). Sowohl nach dieser Lokalität wie nach +der ganzen Anlage der Expedition kann dieselbe unmöglich gegen die +Albaner am westlichen Ufer des Kaspischen Meeres sich gerichtet haben; +hier sowohl wie an einer anderen Stelle (arm. 2, 68: ad Armenios, inde +Albanos Heniochosque) können nur die Alanen gemeint sein, die bei +Josephus a. a. O. und sonst eben an dieser Stelle erscheinen und öfter +mit den kaukasischen Albanern verwechselt worden sind. Verwirrt ist +freilich auch der Bericht des Josephus. Wenn hier die Alanen mit +Genehmigung des Königs der Hyrkaner durch die kaspischen Tore in Medien +und dann in Armenien einfallen, so hat der Schreiber an das andere +kaspische Tor östlich von Rhagae gedacht; aber dies wird sein Versehen +sein, da der letztere im Herzen des Parthischen Reichs gelegene Paß +unmöglich das Ziel der Neronischen Expedition gewesen sein kann und die +Alanen nicht am östlichen Ufer des Kaspischen Meeres, sondern nordwärts +vom Kaukasus saßen. Dieser Expedition wegen wurde die beste der +römischen Legionen, die 14., aus Britannien abgerufen, die freilich nur +bis Pannonien kam (Tac. hist. 2, 11, vgl. 27. 66), und eine neue +Legion, die 1. italische, von Nero gebildet (Suet. Nero 19). Man sieht +daraus, in welchem Rahmen sie entworfen war. + +————————————————————— + +Indes war es dem Parther nicht so sehr um die Freundschaft Neros zu tun +als um die des römischen Staates. Nicht bloß enthielt er sich während +der Krisen des Vierkaiserjahres jedes Übergriffes ^41, sondern er bot +Vespasian, den wahrscheinlichen Ausgang des schwebenden +Entscheidungskampfes richtig schätzend, noch in Alexandreia 40000 +berittene Schützen zum Kampfe gegen Vitellius an, was natürlich dankend +abgelehnt ward. Vor allem aber fügte er sich ohne weiteres den +Anordnungen, welche die neue Regierung für den Schutz der Ostgrenze +traf. Vespasian hatte selbst als Statthalter von Judäa die +Unzulänglichkeit der dort ständig verwendeten Streitkräfte +kennengelernt; und als er diese Statthalterschaft mit der Kaisergewalt +vertauschte, wurde nicht nur Kommagene wieder nach dem Vorgang des +Tiberius aus einem Königreich eine Provinz, sondern es ward auch die +Zahl der ständigen Legionen im römischen Asien von vier auf sieben +erhöht, auf welche Zahl sie vorübergehend für den Parthischen und +wieder für den Jüdischen Krieg gebracht worden waren. Während ferner es +bis dahin in Asien nur ein einziges größeres Militärkommando, das des +Statthalters von Syrien, gegeben hatte, wurden jetzt drei derartige +Oberbefehlshaberstellen daselbst eingerichtet. Syrien, zu dem Kommagene +hinzutrat, behielt wie bisher vier Legionen; die beiden bisher nur mit +Truppen zweiter Ordnung besetzten Provinzen Palästina und Kappadokien +wurden die erste mit einer, die zweite mit zwei Legionen belegt ^42, +Armenien blieb römisches Lehnsfürstentum im Besitz der Arsakiden; aber +unter Vespasian stand römische Besatzung jenseits der armenischen +Grenze in dem iberischen Kastell Harmozika bei Tiflis ^43, und danach +muß in dieser Zeit auch Armenien militärisch in römischer Gewalt +gewesen sein. Alle diese Maßregeln, so wenig sie auch nur eine +Kriegsdrohung enthielten, richteten die Spitze gegen den östlichen +Nachbarn. Dennoch war Vologasos nach dem Fall Jerusalems der erste, der +dem römischen Kronprinzen seinen Glückwunsch zu der Befestigung der +römischen Herrschaft in Syrien darbrachte, und die Einrichtung der +Legionslager in Kommagene, Kappadokien und Klein-Armenien nahm er ohne +Widerrede hin. Ja er regte sogar bei Vespasian jene transkaukasische +Expedition wieder an und erbat die Sendung einer römischen Armee gegen +die Alanen unter Führung eines der kaiserlichen Prinzen; obwohl +Vespasian auf diesen weitaussehenden Plan nicht einging, so kann doch +jene römische Truppe in der Gegend von Tiflis kaum zu anderem Zweck +hingeschickt worden sein als zur Sperrung des Kaukasuspasses und +vertrat insofern dort auch die Interessen der Parther. Trotz der +Verstärkung der militärischen Stellung Roms am Euphrat oder auch +vielleicht infolge derselben - denn dem Nachbarn Respekt einzuflößen, +ist auch ein Mittel, den Frieden zu erhalten - blieb der Friedensstand +während der gesamten Herrschaft der Flavier wesentlich ungestört. Wenn, +wie das zumal bei dem steten Wechsel der parthischen Dynasten nicht +befremden kann, ab und zu Kollisionen eintraten und selbst Kriegswolken +sich zeigten, so verschwanden sie wieder ebenso rasch ^44. Das +Auftreten eines falschen Nero in den letzten Jahren Vespasians - es ist +derjenige, der zu der Offenbarung Johannis den Anstoß gegeben hat - +hätte fast zu einer solchen Kollision geführt. Der Prätendent, in +Wirklichkeit ein gewisser Terentius Maximus aus Kleinasien, aber in +Antlitz und Stimme und Künsten dem Sängerkaiser täuschend ähnlich, fand +nicht bloß Zulauf in dem römischen Gebiet am Euphrat, sondern auch +Unterstützung bei den Parthern. Bei diesen scheinen damals, wie so oft, +mehrere Herrscher miteinander im Kampfe gelegen und der eine von ihnen, +Artabanos, weil Kaiser Titus sich gegen ihn erklärte, die Sache des +römischen Prätendenten aufgenommen zu haben. Indes es hatte dies keine +Folgen; vielmehr lieferte bald darauf die parthische Regierung den +Prätendenten an Kaiser Domitianus aus ^45. Der für beide Teile +vorteilhafte Handelsverkehr von Syrien nach dem unteren Euphrat, wo +eben damals König Vologasos nicht weit von Ktesiphon das neue Emporium +Vologasias oder Vologasokerta ins Leben rief, wird das seinige dazu +beigetragen haben, den Friedensstand zu fördern. + +———————————————————————— + +^41 In welchem Zusammenhang er dem Vespasian den Kaisertitel +verweigerte (Dio 66, 11), erhellt nicht; möglicherweise unmittelbar +nach dessen Schilderhebung, bevor er erkannt hatte, daß die Flavianer +die stärkeren seien. Seine Verwendung für die Fürsten von Kommagene +(Ios. bel. Iud. 7, 7, 3) war von Erfolg, also rein persönlich, +keineswegs ein Protest gegen die Umwandlung des Königreichs in eine +Provinz. + +^42 Die vier syrischen Legionen sind die 3. Gallica, die 6. ferrata +(beide bisher in Syrien), die 4. Scythica (bisher in Mösien, aber +bereits am Parthischen wie am Jüdischen Kriege beteiligt) und die 16. +Flavia (neu). Die eine Legion von Palästina ist die 10. fretensis +(bisher in Syrien). Die zwei von Kappadokien sind die 12. fulminata +(bisher in Syriern von Titus nach Melitene gelegt. Ios. bel. Iud. 7, 1, +3) und die 15. Apollinaris (bisher in Pannonien, aber gleich der 4. +Scythica am Parthischen wie am Jüdischen Kriege beteiligt). Die +Garnisonen wurden also so wenig wie möglich gewechselt, nur zwei der +schon früher nach Syrien gerufenen Legionen dort fest stationiert und +eine neu eingerichtete dorthin gelegt. + +Nach dem jüdischen Kriege unter Hadrian wurde die 6. ferrata von Syrien +nach Palästina geschickt. + +^43 In diese Zeit (vgl. CIL V, 6988) fällt auch wohl die kappadokische +Statthalterschaft des C. Rutilius Gallicus, von der es heißt (Star. +silv. 1, 4, 78): hunc . . . timuit . . . Armenia et patiens Latii iam +pontis Araxes, vermutlich mit Beziehung auf einen von dieser römischen +Besatzung ausgeführten Brückenbau. Daß Gallicus unter Corbulo gedient +hat, ist bei dem Stillschweigen des Tacitus nicht wahrscheinlich. + +^44 Daß, während M. Ulpius Traianus, der Vater des Kaisers, Statthalter +von Syrien war, unter Vespasian im Jahre 75 Krieg am Euphrat +auszubrechen drohte, sagt Plinius in seiner Lobrede auf den Sohn c. 14, +wahrscheinlich mit starker Übertreibung; die Ursache ist unbekannt. + +^45 Es gibt datierte und mit den Individualnamen der Könige versehene +Münzen von (V)ologasos aus den Jahren 389 und 390 = 77-78; von Pakoros +aus den Jahren 389-394 = 77-82 (und wieder 404-407 = 92-95); von +Artabanos aus dem Jahr 392 = 80/81. Die entsprechenden geschichtlichen +Daten sind, bis auf die Artabanos und Titus verknüpfende Notiz bei +Zonaras (11, 18; vgl. Suet. Nero 57; Tac. hist. 1, 2), verschollen, +aber die Münzen deuten auf eine Epoche rascher Thronwechsel und, wie es +scheint, simultaner Prägung streitender Prätendenten. + +———————————————————————— + +Zu einem Konflikt kam es unter Traianus. In den früheren Jahren seiner +Regierung hatte er in den östlichen Verhältnissen nichts Wesentliches +geändert, abgesehen von der Verwandlung der an der Grenze der syrischen +Wüste bis dahin bestehenden beiden Klientelstaaten, des nabatäischen +von Petra und des jüdischen von Caesarea Paneas, in unmittelbar +römische Verwaltungsbezirke (106). Die Beziehungen zu dem damaligen +Herrscher des Partherreiches, dem König Pakoros, waren nicht die +freundlichsten ^46, aber erst unter dessen Bruder und Nachfolger +Chosroes kam es zum Bruch, und zwar wiederum über Armenien. Die Schuld +davon trugen die Parther. Indem Traianus den erledigten armenischen +Königsthron dem Sohn des Pakaros, Axidares, verlieh, hielt er sich +innerhalb der Grenzen seines Rechts; aber König Chosroes bezeichnete +diese Persönlichkeit als unfähig zu regieren und setzte eigenmächtig +einen anderen Sohn des Pakoros, den Parthomasiris, an dessen Stelle zum +König ein ^47. Die Antwort darauf war die römische Kriegserklärung. +Gegen Ausgang des Jahres 114 ^48 verließ Traianus die Hauptstadt, um +sich an die Spitze der römischen Truppen des Ostens zu stellen, die +allerdings wieder in dem tiefsten Verfall sich befanden, aber von dem +Kaiser schleunigst reorganisiert und außerdem durch bessere, aus +Pannonien herbeigezogene Legionen verstärkt wurden ^49. In Athen trafen +ihn Gesandte des Partherkönigs; aber sie hatten nichts zu bieten als +die Anzeige, daß Parthomasiris bereit sei, Armenien als römisches Lehen +entgegenzunehmen, und wurden abgewiesen. Der Krieg begann. In den +ersten Gefechten am Euphrat zogen die Römer den kürzeren ^50, aber als +der alte schlagfertige und sieggewohnte Kaiser im Frühjahr des Jahres +115 selbst sich an die Spitze der Truppen stellte, unterwarfen sich ihm +die Orientalen fast ohne Gegenwehr. Es kam hinzu, daß bei den Parthern +wieder einmal der Bürgerkrieg im Gange und gegen Chosroes ein +Prätendent Manisaros aufgetreten war. Von Antiocheia aus marschierte +der Kaiser an den Euphrat und weiter nordwärts bis zu dem nördlichsten +Legionslager Satala in Klein-Armenien, von wo aus er in Armenien +einrückte und die Richtung auf Artaxata nahm. Unterwegs in Elegeia +erschien Parthomasiris und nahm das Diadem vom Haupte, in der Hoffnung, +durch diese Demütigung, wie einst Tiridates, die Belehnung zu erwirken. +Allein Traianus war entschlossen, auch diesen Lehnsstaat zur Provinz zu +machen und überhaupt die östliche Reichsgrenze zu verlegen. Dies +erklärte er dem Partherfürsten vor dem versammelten Heer und wies ihn +an, mit seinem Gefolge sofort das Lager und das Reich zu räumen; es kam +darüber zu einem Auflauf, bei welchem der Prätendent das Leben verlor. +Armenien ergab sich in sein Schicksal und wurde römische +Statthalterschaft. Auch die Fürsten der Kaukasusvölker, der Albaner, +der Iberer, weiter gegen das Schwarze Meer der Apsiler, der Kolcher, +der Heniocher, der Lazen und anderer mehr, selbst die der +transkaukasischen Sarmaten wurden in dem Lehnsverhältnis bestätigt oder +jetzt demselben unterworfen. Traianus rückte darauf in das Gebiet der +Parther ein und besetzte Mesopotamien. Auch hier fügte sich alles ohne +Schwertstreich; Batnae, Nisibis, Singara kamen in die Gewalt der Römer; +in Edessa nahm der Kaiser nicht bloß die Unterwerfung des Landesherrn +Abgaros entgegen, sondern auch die der übrigen Dynasten, und gleich +Armenien wurde Mesopotamien römische Provinz. Die Winterquartiere nahm +Traianus abermals in Antiocheia, wo ein gewaltiges Erdbeben mehr Opfer +forderte als der Feldzug des Sommers. Im nächsten Frühjahr (116) ging +Traian, “der Parthersieger”, wie der Senat ihn jetzt begrüßte, von +Nisibis aus über den Tigris und besetzte, nicht ohne bei dem Übergang +und nachher Widerstand zu finden, die Landschaft Adiabene; dies wurde +die dritte neue römische Provinz, Assyria genannt. Weiter ging der +Marsch den Tigris abwärts nach Babylonien; Seleukeia und Ktesiphon +fielen in die Hände der Römer und mit ihnen der goldene Thronsitz des +Königs und dessen Tochter; Traianus gelangte bis nach der persischen +Satrapie Mesene und der großen Kaufstadt an der Tigrismündung Charax +Spasinu. Auch dieses Gebiet scheint dem Reich in der Weise einverleibt +worden zu sein, daß die neue Provinz Mesopotamien das gesamte von den +beiden Flüssen umschlossene Gebiet umfaßte. Mit sehnsüchtigen Gedanken +soll Traianus hier sich die Jugend Alexanders gewünscht haben, um von +dem Ufersaum des Persischen Meeres aus seine Waffen in das indische +Wunderland zu tragen. Indes, er erfuhr bald, daß er sie für nähere +Gegner brauchte. Das große Partherreich hatte bisher dem Angriff kaum +ernstlich die Stirn geboten und oftmals vergeblich um Frieden gebeten. +Jetzt aber, auf dem Rückweg in Babylon, trafen den Kaiser die +Botschaften von dem Abfall Babyloniens und Mesopotamiens; während er an +der Tigrismündung verweilte, hatte gegen ihn die gesamte Bevölkerung +dieser neuen Provinzen sich erhoben ^51; die Bürger von Seleukeia am +Tigris, von Nisibis, ja von Edessa selbst machten die römischen +Besatzungen nieder oder verjagten sie und schlossen ihre Tore. Der +Kaiser sah sich genötigt, seine Truppen zu teilen und gegen die +verschiedenen Herde des Aufstandes einzelne Korps zu schicken; eine +dieser Legionen unter Maximus wurde mit ihrem Feldherrn in Mesopotamien +umzingelt und niedergehauen. Doch ward der Kaiser der Insurgenten Herr, +namentlich durch den schon im Dakischen Kriege erprobten Feldherrn +Lusius Quietus, einen geborenen Maurenscheich. Seleukeia und Edessa +wurden belagert und niedergebrannt. Traianus ging so weit, Parthien zum +römischen Vasallenstaat zu erklären und belehnte damit in Ktesiphon +einen Parteigänger Roms, den Parther Parthamaspates, obwohl die +römischen Soldaten nicht mehr als den westlichen Saum des großen +Reiches betreten hatten. Alsdann schlug er den Rückweg nach Syrien ein +auf dem Wege, den er gekommen war, unterwegs aufgehalten durch einen +vergeblichen Angriff auf die Araber in Hatra, der Residenz des Königs +der tapferen Stämme der mesopotamischen Wüste, deren gewaltige +Festungswerke und prachtvolle Bauten noch heute in ihren Ruinen +imponieren. Er beabsichtigte, den Krieg im nächsten Jahre fortzusetzen, +also die Unterwerfung der Parther zur Wahrheit zu machen. Aber das +Gefecht in der Wüste von Hatra, in welchem der sechzigjährige Kaiser +tapfer mit den arabischen Reitern sich herumgeschlagen hatte, sollte +sein letztes sein. Er erkrankte und starb auf der Heimreise (8. August +117), ohne seinen Sieg vollenden und die Siegesfeier in Rom abhalten zu +können; es war in seinem Sinn, daß ihm noch nach dem Tode die Ehre des +Triumphes zuteil ward und er daher der einzige der vergötterten +römischen Kaiser ist, welcher auch als Gott noch den Siegestitel führt. + +——————————————————————- + +^46 Das beweist die abgerissene Notiz aus Arrian bei Suid. (u. d. W. +επίκλημα): ο δέ Πάκορος ο Παρθυαίων βασιλεύς καί άλλα τινά επικλήματα +π΄φερε Τραιανώ τώ βασιλεί und die Aufmerksamkeit, welche in Plinius um +das Jahr 112 geschriebenem Bericht an den Kaiser (epist. ad Trai. 74) +den Beziehungen zwischen Pakoros und dem Dakerkönig Decebalus gewidmet +wird. Die Regierungszeit dieses parthischen Königs läßt sich nicht +genügend fixieren. Parthische Münzen mit Königsnamen gibt es aus der +ganzen Zeit Traians nicht; die Silberprägung scheint während derselben +geruht zu haben. + +^47 Daß Axidares (oder Exedares) ein Sohn des Pakoros und vor +Parthomasiris König von Armenien gewesen, aber durch Chosroes abgesetzt +worden war, zeigen die Trümmer des Dionischen Berichts 68, 17; und +darauf führen auch die beiden Arrianischen Fragmente (16 Müller), das +erste, wahrscheinlich aus einer Ansprache eines Vertreters der +Interessen des Axidares an Traian: Αξιδάρην δέ ότι άρχειν χρή Αρμενίας, +ού μοι δοκει είναι σε αμφίλογον, worauf wohl die gegen Parthomasiris +vorliegenden Beschwerden folgten, und die Antwort, offenbar des +Kaisers, daß es nicht des Axidares Sache sei, sondern seine, über +Parthomasiris zu richten, weil er wie es scheint Axidares - zuerst den +Vertrag gebrochen und dafür gebüßt habe. Welche Verschuldung der Kaiser +dem Axidares zur Last legt, erhellt nicht; aber auch bei Dio sagt +Chosroes, daß er weder den Römern noch den Parthern genügt habe. + +^48 Die Trümmer des Dionischen Berichts bei Xiphilinus und Zonaras +zeigen deutlich, daß der parthische Feldzug in zwei Kampagnen zerfällt, +die erste (Dio 56, 17, 1 ; 18, 2; 23-25), welche durch das Konsulat des +Pedo auf 115 fixiert wird (auch das Datum des Malalas p. 275 für das +Erdbeben von Antiocheia 13. Dezember 164 der antiochenischen Ära = 115 +n. Chr. stimmt überein), und die zweite (Dio 26-32, 3), welche durch +die zwischen April und August dieses Jahres erfolgte (s. meine Notiz +bei J. G. Droysen, Geschichte des Hellenismus. Bd. 3, 2. Aufl., Gotha +1877, S. 361) Erteilung des Titels Parthicus (28, 2) auf 116 fixiert +wird. Daß c. 23 die Titel Optimus (erteilt im Laufe des Jahres 114) und +Parthicus außer der Zeitfolge erwähnt werden, lehrt sowohl ihre +Zusammenstellung wie die spätere Wiederkehr der zweiten Ehre. Von den +Fragmenten gehören die meisten in den ersten Feldzug, c. 22, 3 und wohl +auch 22, 1, 2 in den zweiten. + +Die imperatorischen Akklamationen stehen nicht im Wege. Traianus war +erweislich im Jahre 113 imp. VI (CIL VI, 960); im Jahre 114 imp. VII +(CIL IX, 1558 und sonst); im Jahre 115 imp. IX (CIL IX, 5894 und sonst) +und imp. XI (Fabretti 398, 289 und sonst); im Jahre 116 imp. XII (CIL +VIII, 621; X, 1634) und XIII (CIL III D; XXVII). Dio bezeugt eine +Akklamation aus dem Jahre 115 (68, 19) und eine aus dem Jahre 116 (68, +28); für beide ist reichlich Raum und kein Grund vorhanden, gerade imp. +VII auf die Unterwerfung Armeniens zu beziehen, wie das versucht worden +ist. + +^49 Die drastische Schilderung der syrischen Armee Traians bei Fronto +(p. 206 f. Naber) stimmt fast wörtlich mit der der Armee des Corbulo +bei Tac. ann. 13, 35. “Durch die lange Entwöhnung vom Kriegsdienst +waren die römischen Truppen überhaupt arg heruntergekommen (ad ignaviam +redactus); aber die elendesten unter den Soldaten waren die syrischen, +unbotmäßig, störrig, beim Appell unpünktlich, nicht auf dem Posten zu +finden, von Mittag an betrunken; selbst die Rüstung zu tragen ungewohnt +und der Strapazen unfähig und des einen Waffenstückes nach dem andern +sich entledigend, halb nackt wie die Leichten und Schützen. Außerdem +waren sie durch die erlittenen Schlappen so demoralisiert, daß sie beim +ersten Anblick der Parther den Rücken wandten und die Hörner ihnen +gleichsam galten als das Signal gebend zum Davonlaufen.” In der +gegensätzlichen Schilderung Traians heißt es unter anderm: “er ging +nicht durch die Zelte, ohne sich um den Soldaten genau zu bekümmern, +sondern zeigte seine Verachtung gegen den syrischen Luxus und sah sich +die rohe Wirtschaft der Pannonier an (sed contemnere - so ist zu lesen +- Syrorum munditias, introspicere Pannoniorum inscitias); so beurteilte +er nach der Haltung (cultus) des Mannes seine Brauchbarkeit +(ingenium).” Auch in dem orientalischen Heer des Severus werden die +“europäischen” und die syrischen Soldaten unterschieden (Dio 75, 12). + +^50 Das zeigen die mala proelia in der angeführten Stelle Frontos und +Dios Angabe (68, 19), daß Traianus Samosata ohne Kampf einnahm; also +hatte die dort stationierte 16. Legion es verloren. + +^51 Es mag sein, daß gleichzeitig auch Armenien abgefallen ist. Aber +wenn Gutschmid (bei Dierauer in M. Büdingers Untersuchungen zur +römischen Kaisergeschichte. Bd. 1. Leipzig 1868, S. 179) den Meherdotes +und Sanatrukios, welche Malalas als Könige Persiens in dem Traianischen +Kriege aufführt, zu Königen des wieder abfallenden Armenien macht, so +wird dies erreicht durch eine Kette verwegener Korrekturen, die die +Personen- und die Völkernamen ebenso verschieben wie den pragmatischen +Zusammenhang umgestalten. Es finden sich allerdings in dem verwirrten +Legendenknäuel des Malalas wohl einige historische Tatsachen, zum +Beispiel die Einsetzung des Parthamaspates (der hier Sohn des Königs +Chosroes von Armenien ist) zum König von Parthien durch Traian; und so +mögen auch die Daten von Traians Abfahrt aus Rom im Oktober (114), +seiner Landung in Seleukeia im Dezember und seinem Einzug in Antiocheia +am 7. Januar (115) korrekt sein. Aber wie dieser Bericht vorliegt, kann +der Geschichtschreiber ihn nur ablehnen, nicht rektifizieren. + +——————————————————————- + +Traianus hatte den Krieg mit den Parthern nicht gesucht, sondern er war +ihm aufgenötigt worden; nicht er, sondern Chosroes hatte das Abkommen +über Armenien gebrochen, welches die letzten vierzig Jahre hindurch die +Grundlage des Friedensstandes im Euphratgebiet gewesen war. Wenn es +begreiflich ist, daß die Parther sich dabei nicht beruhigten, da die +fortdauernde Lehnsherrschaft der Römer über Armenien den Stachel zur +Auflehnung in sich trug, so muß man auch andererseits anerkennen, daß +auf dem bisherigen Wege nicht weitergegangen werden konnte, als Corbulo +gegangen war; der unbedingte Verzicht auf Armenien und, was davon die +notwendige Folge war, die Anerkennung des Partherstaats in voller +Gleichberechtigung liegen nun einmal außer dem Horizont der römischen +Politik, so gut wie die Aufhebung der Sklaverei und ähnliche zu jener +Zeit undenkbare Gedanken. Wenn aber mit dieser Alternative nicht zu +dauerhaftem Frieden gelangt werden konnte, so blieb in dem großen +Dilemma der römischen Orientpolitik nur die andere übrig, die +Erstreckung der unmittelbaren römischen Herrschaft auf das linke Ufer +des Euphrat. Darum ward Armenien jetzt römische Provinz und nicht +minder Mesopotamien. Es war das nur sachgemäß. Die Verwandlung +Armeniens aus einem römischen Lehnsstaat mit römischer Besatzung in +eine römische Statthalterschaft änderte nach außen hin nicht viel; die +Parther konnten aus Armenien wirksam nur ausgewiesen werden, indem sie +den Besitz der benachbarten Landschaft verloren; und vor allem fand die +römische Herrschaft wie die römische Provinzialverfassung in dem halb +griechischen Mesopotamien einen weit günstigeren Boden als in dem +durchaus orientalischen Armenien. Andere Erwägungen kamen hinzu. Die +römische Zollgrenze in Syrien war übel beschaffen, und den +internationalen Verkehr von den großen Handelsplätzen Syriens nach dem +Euphrat und dem Tigris ganz in die Gewalt zu bekommen, für den +römischen Staat ein wesentlicher Gewinn, wie denn auch Traianus sofort +daran ging, die neuen Euphrat- und Tigriszölle einzurichten ^52. Auch +militärisch war die Tigrisgrenze leichter zu verteidigen als die +bisherige an der syrischen Wüste und weiter am Euphrat hinlaufende +Grenzlinie. Die Umwandlung der Landschaft Adiabene jenseits des Tigris +in eine römische Provinz, wodurch Armenien Binnenprovinz ward, und die +Umgestaltung des Parthischen Reiches selbst in einen römischen +Lehnsstaat sind Korollarien desselben Gedankens. Es soll in keiner +Weise geleugnet werden, daß bei der Eroberungspolitik die Konsequenz +ein bedenkliches Lob ist und daß Traianus nach seiner Art bei diesen +Unternehmungen dem Streben nach äußerlichem Erfolg mehr als billig +nachgegeben und über das verständige Ziel hinausgegriffen hat; aber es +geschieht ihm Unrecht, wenn sein Auftreten im Osten auf blinde +Eroberungslust zurückgeführt wird ^53. Er tat, was Caesar, wenn er +gelebt hätte, auch getan haben würde. Seine Politik ist nur die andere +Seite derjenigen der Staatsmänner Neros, und beide sind so +entgegengesetzt wie gleich folgerichtig und gleich berechtigt. Die +Folgezeit hat mehr der erobernden Politik recht gegeben als derjenigen +der Nachgiebigkeit. + +—————————————————— + +^52 Fronto p. 209 Naber: cum praesens Traianus Euphratis et Tigridis +portoria equorum et camelorum trib[utaque ordinaret, Ma]cer (?) caesus +est. Dies geht auf den Moment, wo, während Traian an der Tigrismündung +verweilte, Babylonien und Mesopotamien abfielen. + +^53 Ungefähr mit gleichem Recht läßt Julian (Caes. p. 328) den Kaiser +sagen daß er gegen die Parther die Waffen nicht ergriffen habe, bevor +sie das Recht verletzt hätten, und wirft ihm Dio (68, 17) vor, den +Krieg aus Ehrgeiz geführt zu haben. + +—————————————————— + +Für den Augenblick freilich kam es anders. Die orientalischen +Eroberungen Traians durchleuchten den trüben Abend des Römerreiches wie +die Blitzstrahlen die dunkle Nacht, aber wie diese bringen sie keinen +neuen Morgen. Der Nachfolger fand sich vor die Wahl gestellt, das +unfertige Werk der Unterwerfung der Parther zu vollenden oder fallen zu +lassen. Ohne bedeutende Steigerung der Armee wie des Budgets konnte die +Grenzerweiterung überall nicht durchgeführt werden; und die damit +unvermeidlich gegebene Verschiebung des Schwerpunktes nach Osten war +eine bedenkliche Stärkung des Reiches. Hadrian und Pius lenkten also +völlig wieder ein in die Bahnen der früheren Kaiserzeit. Den römischen +Lehnskönig von Parthien, den Parthamaspates, ließ Hadrian fallen und +fand ihn in anderer Weise ab. Er räumte Assyrien und Mesopotamien und +gab diese Provinzen freiwillig dem früheren Herrn zurück. Nicht minder +sandte er diesem die gefangene Tochter; das bleibende Zeichen des +gewonnenen Sieges, den goldenen Thron von Ktesiphon, weigerte selbst +der friedfertige Plus sich, den Parthern wieder auszuliefern. Hadrianus +sowohl wie Pius waren ernstlich bemüht, mit dem Nachbarn in Frieden und +Freundschaft zu leben, und zu keiner Zeit scheinen die +Handelsbeziehungen zwischen den römischen Entrepôts an der syrischen +Ostgrenze und den Kaufstädten am Euphrat reger gewesen zu sein als in +dieser Epoche. + +Armenien hörte ebenfalls auf römische Provinz zu sein und trat in seine +frühere Stellung zurück als römischer Lehnsstaat und parthische +Sekundogenitur ^54. Abhängig blieben gleichfalls die Fürsten der +Albaner und Iberer am Kaukasus und die zahlreichen kleinen Dynasten in +dem südöstlichen Winkel des Schwarzen Meeres ^55. Römische Besatzungen +standen nicht bloß an der Küste in Apsaros ^56 und am Phasis, sondern +nachweislich unter Commodus in Armenien selbst unweit Artaxata; +militärisch gehörten alle diese Staaten zum Sprengel des Kommandanten +von Kappadokien ^57. Indes scheint diese ihrem Wesen nach sehr +unbestimmte Oberhoheit überhaupt, und namentlich von Hadrian ^58, in +einer Weise gehandhabt zu sein, daß sie mehr als ein Schutzrecht +erschien denn als eigentliche Untertänigkeit, und wenigstens die +mächtigeren unter diesen Fürsten taten und ließen im wesentlichen, was +ihnen gefiel. Das schon früher hervorgehobene gemeinsame Interesse der +Abwehr der wilden transkaukasischen Stämme trat in dieser Epoche noch +bestimmter hervor und hat offenbar namentlich zwischen Römern und +Parthern als ein Band gedient. Gegen das Ende der Regierung Hadrians +fielen die Alanen, im Einverständnis, wie es scheint, mit dem damaligen +König von Iberien, Pharasmanes II., dem es zunächst oblag, ihnen den +Kaukasuspaß zu sperren, in die südlichen Landschaften ein und +plünderten nicht bloß das Gebiet der Albaner und der Armenier, sondern +auch die parthische Provinz Medien und die römische Provinz +Kappadokien; wenn es auch nicht zu gemeinschaftlicher Kriegführung kam, +sondern das Gold des damals in Parthien regierenden Herrschers +Vologasos’ III. und die Mobilmachung der kappadokischen Armee von +seiten der Römer ^59 die Barbaren zur Umkehr bestimmten, so gingen die +Interessen doch zusammen und die Beschwerde, welche die Parther in Rom +über Pharasmanes von Iberien führten, zeigt das Zusammenhalten der +beiden Großmächte ^60. + +———————————————————————- + +^54 Unmöglich kann Hadrian Armenien aus dem römischen Lehnsverband +entlassen haben. Die Notiz des Biographen (c. 21): Armeniis regem +habere permisit, cum sub Traiano legatum habuissent führt vielmehr auf +das Gegenteil, und wir finden am Ende der Hadrianischen Regierung im +Heer des Statthalters von Kappadokien das Kontingent der Armenier (Arr. +Alan. 29). Pius hat nicht bloß die Parther durch seine Vorstellungen +bestimmt, von der beabsichtigten Invasion Armeniens abzustehen (Vita +9), sondern auch Armenien in der Tat zu Lehen gegeben (Münzen aus den +Jahren 140-144, Eckhel 7, S. 15). Auch daß Iberien sicher unter Pius im +Lehnsverband gestanden hat, weil sonst die Parther über deren König +nicht hätten in Rom Beschwerde führen können (Dio 69, 15), setzt das +gleiche Lehnsverhältnis für Armenien voraus. Die Namen der armenischen +Könige dieser Zeit sind nicht bekannt. Wenn die proximae gentes, mit +deren Herrschaft Hadrian den von Traian zum parthischen König +bestellten Partherfürsten entschädigte (vita c. 5), in der Tat die +Armenier sind, was nicht unwahrscheinlich ist, so liegt darin eine +Bestätigung sowohl der dauernden Abhängigkeit Armeniens von Rom wie der +fortdauernden Herrschaft der Arsakiden daselbst. Auch der Αύρηλιος +Πάκορος βασιλευς μεγάλης Αρμενίας der seinem in Rom verstorbenen Bruder +Aurelius Merithates dort ein Grabmal errichtete (CIG 6559), gehört +seinem Namen nach zu dem Haus der Arsakiden. Schwerlich aber ist er der +von Vologasos IV. ein- und von den Römern abgesetzte König von +Armenien; wäre dieser gefangen nach Rom gekommen, so würden wir es +wissen, und es hätte auch dieser kaum in einer römischen Inschrift sich +König von Groß-Armenien nennen dürfen. + +^55 Als belehnt von Traianus oder Hadrianus führt Arrian (peripl. m. +Eux. c. 15) auf die Heniocher und Machelonen (vgl. Dio 68,18; 71, 14); +die Lazen (vgl. Suidas u. d. W. Δομετιανός), denen auch Pius einen +König setzte (vita 9); die Apsilen; die Absager; die Sanigen; diese +alle innerhalb der bis Dioskurias = Sebastopolis reichenden +Reichsgrenze; jenseits derselben im Bereich des bosporanischen +Lehnstaats die Zicher oder Zincher (das. c. 27). + +^56 Außer Arrian (peripl. m. Eux. c. 7) bestätigt dies der Offizier aus +hadrianischer Zeit praepositus numerorum tendentium in Ponto Absaro +(CIL X, 1202). + +^57 Vgl. Anm. 63. Auch das im Jahre 185 in Valarschapat (Etschmiazin) +unweit Artaxata garnisonierende Detachement wahrscheinlich von 1000 +Mann (weil unter einem Tribun) gehörte zu einer der kappadokischen +Legionen (CIL III, 6052). + +^58 Hadrians Bemühung um die Freundschaft der orientalischen +Lehnsfürsten wird oft hervorgehoben, nicht ohne Hindeutung darauf, daß +er sich mehr als billig von ihnen habe gefallen lassen (vita c. 13, 17, +21). Pharasmanes von Iberien kam auf seine Einladung nicht nach Rom, +folgte aber derjenigen des Pius (vita Hadr. 13, 21; vita Pii 9; Dio 69, +15, 2, welches Exzerpt unter Pius gehört). + +^59 Den merkwürdigen Bericht des Statthalters von Kappadokien unter +Hadrian, Flavius Arrianus, über die Mobilmachung der kappadokischen +Armee gegen die “Skythen” besitzen wir noch unter dessen kleinen +Schriften; er war selbst am Kaukasus und besichtigte die dortigen Pässe +(Lyd. mag. 3, 53). + +^60 Das lehren die Trümmer des Dionischen Berichts bei Xiphilin, +Zonaras und in den Exzerpten; die richtige Lesung Αλανοί statt Αλβανοί +hat Zonaras bewahrt; daß die Alanen auch das Albanergebiet plünderten, +ergibt die Fassung der exc. urs. LXXII. + +———————————————————————- + +Die Störungen des Status quo kamen wieder von parthischer Seite. Die +Oberherrlichkeit der Römer über Armenien hat in der Geschichte eine +ähnliche Rolle gespielt wie die des deutschen Kaiserreiches über +Italien; wesenlos wie sie war, wurde sie doch stets als Übergriff +empfunden und trug die Kriegsgefahr im Schoße. Schon unter Hadrian +drohte der Konflikt; es gelang dem Kaiser, in einer persönlichen +Zusammenkunft mit dem Partherfürsten den Friedensstand zu wahren. Unter +Pius schien abermals die parthische Invasion Armeniens bevorzustehen; +seine ernste Abmahnung war zunächst von Erfolg. Aber selbst dieser +friedfertigste aller Kaiser, dem es mehr am Herzen lag, das Leben eines +Bürgers zu sparen als tausend Feinde zu töten, mußte in der letzten +Zeit seiner Regierung sich auf den Angriff gefaßt machen und die Heere +des Orients verstärken. Kaum hatte er die Augen geschlossen (161), als +sich das lange drohende Gewitter entlud. Auf Befehl des Königs +Vologasos IV. rückte der persische Feldherr Chosroes ^61 in Armenien +ein und setzte den Arsakidenprinzen Pakoros auf den Thron. Der +Statthalter von Kappadokien, Severianus, tat, was seine Pflicht war, +und führte seinerseits die römischen Truppen über den Euphrat. Bei +Elegeia, eben da, wo ein Menschenalter zuvor der ebenfalls von den +Parthern auf den armenischen Thron gesetzte König Parthomasiris sich +vor Traian vergeblich gedemütigt hatte, stießen die Heere aufeinander; +das römische wurde nicht bloß geschlagen, sondern in dreitägigem Kampfe +vernichtet; der unglückliche Feldherr gab, wie einst Varus, sich selber +den Tod. Die siegreichen Orientalen begnügten sich nicht mit der +Einnahme Armeniens, sondern überschritten den Euphrat und brachen in +Syrien ein; auch das dort stehende Heer wurde geschlagen und man +fürchtete für die Treue der Syrer. Die römische Regierung hatte keine +Wahl. Da die Truppen des Orients auch bei dieser Gelegenheit ihre +geringe Schlagfähigkeit bewiesen und überdies durch die erlittene +Niederlage geschwächt und demoralisiert waren, wurden aus dem Westen, +selbst vom Rhein her weitere Legionen nach dem Osten gesandt und in +Italien selbst Aushebungen angeordnet. Der eine der beiden kurz vorher +zur Regierung gelangten Kaiser, Lucius Verus, ging selbst nach dem +Orient (162), um den Oberbefehl zu übernehmen; und wenn er, weder +kriegerisch noch auch nur pflichttreu, sich der Aufgabe nicht gewachsen +zeigte und von seinen Taten im Orient kaum etwas anderes zu berichten +ist, als daß er mit seiner Nichte daselbst Hochzeit machte und wegen +seines Theaterenthusiasmus selbst von den Antiochenern ausgelacht ward, +so führten die Statthalter von Kappadokien und von Syrien, dort zuerst +Statius Priscus, dann Martius Verus, hier Avidius Cassius ^62, die +besten Generale dieser Epoche, die Sache Roms besser als der Träger der +Krone. Noch einmal, bevor die Heere aneinander kamen, boten die Römer +den Frieden; gern hätte Marcus den schweren Krieg vermieden. Aber +Vologasos wies die billigen Vorschläge schroff zurück; und diesmal war +der friedfertige Nachbar auch der stärkere. Armenien wurde sofort +wieder gewonnen; schon im Jahre 163 nahm Priscus die Hauptstadt +Artaxata ein und zerstörte sie. Nicht weit davon wurde die neue +Landeshauptstadt, Kainepolis, armenisch Nor-Khalakh oder Valarschapat +(Etschmiazin), von den Römern erbaut und mit starker Besatzung belegt +^63. Im Jahre darauf wurde an Pakoros’ Stelle Sohaemos, der Abstammung +nach auch ein Arsakide, aber römischer Untertan und römischer Senator, +zum König von Groß-Armenien ernannt ^64. Rechtlich also änderte in +Armenien sich nichts; doch wurden die Bande, die es an Rom knüpften, +straffer angezogen. + +————————————————————————- + +^61 So heißt er bei Lukian hist. conscr. 21; wenn derselbe ihn Alex. 27 +Othryades nennt, so schöpft er hier aus einem Historiker von dem +Schlage derer, welche er in jener Schrift verspottet und von denen ein +anderer denselben Mann als Oxyroes hellenisierte (hist. conscr. 18). + +^62 Syrien verwaltete, als der Krieg ausbrach, L. Attidius Cornelianus +(CIG 4661 vom Jahre 160; vita Marci 8; CIL III 129 vom Jahre 162), nach +ihm Iulius Verus (CIL III, 199, wahrscheinlich vom Jahre 163), alsdann +Avidius Cassius, vermutlich seit dem Jahre 164. Daß die übrigen +Provinzen des Ostens an Cassius’ Befehle gewiesen wurden (vit. soph. 1, +13; Dio 71, 3), ähnlich wie dies bei Corbulo als Legaten von +Kappadokien geschehen war, kann sich nur auf die Zeit nach dem Abgang +des Kaisers Verus beziehen; solange dieser den nominellen Oberbefehl +führte, ist dafür kein Raum. + +^63 Ein wahrscheinlich Dionisches Fragment (bei Suidas unter Μάρτιος) +erzählt, daß Priscus in Armenien die Κοινή πόλις anlegte und mit +römischer Besatzung versah, sein Nachfolger Martius Verus die dort +entstandene nationale Bewegung beschwichtigte und diese Stadt zur +ersten Armeniens erklärte. Dies ist Valarschapat (Ουαλασαρπάτ oder +Ουαλεροκτίστη bei Agathangelos), seitdem die Hauptstadt Armeniens. +Κοινή πόλις ist, wie mich Kiepert belehrt, schon von Stilting erkannt +als άbersetzung des armenischen Nτr-Khalakh, welche zweite Benennung +Valarschapat bei den armenischen Autoren des fünften Jahrhunderts stets +neben der gewöhnlichen führt. Moses von Khorene läßt nach Bardesanes +die Stadt aus einer unter König Tigran VI., der nach ihm 150-188 +regiert, hierhin geführten Judenkolonie entstehen; ihre Ummauerung und +Benennung führt er auf dessen Sohn Valarsch II. 188-208 zurück. Daß die +Stadt im Jahre 185 starke römische Besatzung hatte, zeigt die Inschrift +CIL III, 6052. + +^64 Daß Sohaemos Achämenide und Arsakide war (oder zu sein vorgab) und +Königssohn und König so wie römischer Senator und Konsul, bevor er +König von Groß-Armenien ward, sagt sein Zeitgenosse Iamblichos (c. 10 +des Auszugs bei Photios). Wahrscheinlich gehört er der Dynastenfamilie +von Hemesa an (Ios. ant. Iud. 20, 8, 4 und sonst). Wenn Iamblichos der +Babylonier “unter ihm” schrieb, so kann dies wohl nur so verstanden +werden, daß er seinen Roman in Artaxata verfaßt hat. Daß Sohaemos vor +Pakoros über Armenien geherrscht hat, wird nirgend gesagt und ist nicht +wahrscheinlich, da weder Frontos Worte (p. 127 Naber) quod Sohaemo +potius quam Vologaeso regnum Armeniae dedisset aut quod Pacorum regno +privasset noch die des Fragments aus Dio (?) 71, 1: Μάρτιος Ουήρος τόν +Θουκυδίδην εκπέμπει καταγαγείν Σόσιμον ες Αρμηνίαν auf Wiedereinsetzung +führen, die Münzen aber mit rex Armeniis datus (Eckhel 7, S. 91; vgl. +vita Veri 7, 8) diese in der Tat ausschließen. Den Vorgänger des +Pakoros kennen wir nicht und wissen nicht einmal, ob der Thron, den er +einnahm, erledigt oder besetzt war. + +————————————————————————- + +Ernster waren die Kämpfe in Syrien und Mesopotamien. Die Euphratlinie +wurde von den Parthern hartnäckig verteidigt; nach einem lebhaften +Gefecht am rechten Ufer bei Sura wurde die Festung Nikephorion (Rakka) +auf dem linken von den Römern erstürmt. Noch heftiger wurde um den +Übergang bei Zeugma gestritten; aber auch hier blieb in der +entscheidenden Schlacht bei Europos (Djerabis, südlich von Biredjik) +den Römern der Sieg. Sie rückten nun ihrerseits in Mesopotamien ein. +Edessa wurde belagert, Dausara unweit davon erstürmt; die Römer +erschienen vor Nisibis; der parthische Feldherr rettete sich schwimmend +über den Tigris. Die Römer konnten von Mesopotamien aus den Marsch nach +Babylon antreten. Die Satrapen verließen teilweise die Fahnen des +geschlagenen Großkönigs; Seleukeia, die große Kapitale der Hellenen am +Euphrat, öffnete den Römern freiwillig die Tore, wurde aber später, +weil die Bürgerschaft mit Recht oder mit Unrecht des Einverständnisses +mit dem Feinde beschuldigt ward, von den Römern niedergebrannt. Auch +die parthische Hauptstadt Ktesiphon wurde genommen und zerstört; mit +gutem Grund konnte zu Anfang des Jahres 165 der Senat die beiden +Herrscher als die parthischen Großsieger begrüßen. In dem Feldzug +dieses Jahres drang Cassius sogar in Medien ein; indes namentlich die +in diesen Gegenden ausbrechende Pest dezimierte die Truppen und nötigte +zur Umkehr, beschleunigte vielleicht auch den Friedensschluß. Das +Ergebnis des Krieges war die Abtretung des westlichen Strichs von +Mesopotamien: die Fürsten von Edessa oder von Osrhoene traten in den +römischen Lehnsverband und die Stadt Karrhä, seit langem gut griechisch +gesinnt, wurde Freistadt unter römischem Schutz ^65. Dem Umfang nach +war, zumal dem vollständigen Kriegserfolg gegenüber, der Gebietszuwachs +mäßig, dennoch aber von Bedeutung, insofern damit die Römer Fuß faßten +am linken Ufer des Euphrat. Im übrigen wurden die besetzten Gebiete den +Parthern zurückgegeben und der Status quo wiederhergestellt. Im ganzen +also gab man die zurückhaltende, von Hadrian aufgenommene Politik jetzt +wieder auf und lenkte ein in die Bahn des Traianus. Es ist dies um so +bemerkenswerter, als der Regierung des Marcus gewiß nicht Ehrgeiz und +Vergrößerungsstreben zum Vorwurf gemacht werden kann; was sie tat, tat +sie notgedrungen und in bescheidenen Grenzen. + +—————————————————————————— + +^65 Dies zeigen die mesopotamischen Königs- und Stadtmünzen. Berichte +über die Friedensbedingungen fehlen in unserer Überlieferung. + +—————————————————————————— + +Den gleichen Weg ging weiter und entschiedener Kaiser Severus. Das +Dreikaiserjahr 193 hatte zum Kriege zwischen den Legionen des Westens +und denen des Ostens geführt, und mit Pescennius Niger waren diese +unterlegen. Die römischen Lehnsfürsten des Ostens und nicht minder der +Beherrscher der Parther, Vologasos V., des Sanatrukios Sohn, hatten, +wie begreiflich, den Niger anerkannt und ihm sogar ihre Truppen zur +Verfügung gestellt; dieser hatte erst dankend abgelehnt, dann, als +seine Sache eine üble Wendung nahm, ihre Hilfe angerufen. Die übrigen +römischen Lehnsträger, vor allem der von Armenien, hielten sich +vorsichtig zurück; nur der Fürst von Edessa, Abgaros, sandte den +verlangten Zuzug. Die Parther versprachen Hilfe, und sie kam auch +wenigstens aus den nächsten Distrikten, von dem Fürsten Barsemias von +Hatra in der mesopotamischen Wüste und von jenseits des Tigris von dem +Satrapen der Adiabener. Auch nach Nigers Tod (194) blieben diese +Fremden nicht bloß in dem römischen Mesopotamien, sondern forderten +sogar das Herausziehen der daselbst stehenden römischen Besatzungen und +die Rückgabe dieses Gebiets ^66. Darauf rückte Severus in Mesopotamien +ein und nahm die ganze ausgedehnte und wichtige Landschaft in Besitz. +Von Nisibis aus wurde eine Expedition gegen den Araberfürsten von Hatra +geführt, der es indes nicht gelang, die feste Stadt zu nehmen; auch +jenseits des Tigris gegen den Satrapen von Adiabene richteten die +Generale des Severus nichts Bedeutendes aus ^67. Aber Mesopotamien, das +heißt das ganze Gebiet zwischen Euphrat und Tigris bis zum Chaboras, +wurde römische Provinz und mit zwei dieser Gebietserweiterung wegen neu +geschaffenen Legionen belegt. Das Fürstentum Edessa blieb als römische +Lehnsherrschaft bestehen, war aber jetzt nicht mehr Grenzgebiet, +sondern von unmittelbarem Reichsland umschlossen. Hauptstadt der neuen +Provinz und Sitz des Statthalters wurde die ansehnliche und feste Stadt +Nisibis, seitdem nach dem Namen des Kaisers genannt und als römische +Kolonie geordnet. Nachdem also von dem Parthischen Reiche ein wichtiger +Gebietsteil abgerissen und gegen zwei von ihm abhängige Satrapen +Waffengewalt gebraucht worden war, machte sich der Großkönig mit den +Truppen auf, um den Römern entgegenzutreten. Severus bot die Hand zum +Frieden und trat für Mesopotamien einen Teil von Armenien ab. Indes war +damit die Waffenentscheidung nur vertagt. So wie Severus nach dem +Westen aufgebrochen war, wohin die Verwicklung mit seinem Mitherrscher +in Gallien ihn abrief, brachen die Parther den Frieden ^68 und rückten +in Mesopotamien ein; der Fürst von Osrhoene ward vertrieben, das Land +besetzt und der Statthalter Laetus, einer der vorzüglichsten +Kriegsmänner der Zeit, in Nisibis belagert. Er schwebte in großer +Gefahr, als Severus, nachdem Albinus unterlegen war, im Jahre 198 +abermals im Orient eintraf. Damit wendete sich das Kriegsglück. Die +Parther wichen zurück, und nun ergriff Severus die Offensive. Er rückte +in Babylonien ein und gewann Seleukeia und Ktesiphon; der Partherkönig +rettete sich mit wenigen Reitern durch die Flucht, der Kronschatz wurde +die Beute der Sieger, die parthische Hauptstadt den römischen Soldaten +zur Plünderung preisgegeben und über 100000 Gefangene auf den römischen +Sklavenmarkt gebracht. Besser freilich als der Partherstaat selbst +wehrten sich die Araber in Hatra; vergeblich versuchte Severus in +zwiefacher schwerer Belagerung, die Wüstenburg zu bezwingen. Aber im +wesentlichen war der Erfolg der beiden Feldzüge der Jahre 198 und 199 +ein vollständiger. Durch die Einrichtung der Provinz Mesopotamien und +des großen Kommandos daselbst verlor Armenien die Zwischenstellung, +welche es bisher gehabt hatte; es konnte in den bisherigen +Verhältnissen verbleiben und von der förmlichen Einverleibung abgesehen +werden. Das Land behielt also seine eigenen Truppen, und die +Reichsregierung hat sogar für dieselben späterhin einen Zuschuß aus der +Reichskasse gezahlt ^69. + +———————————————————————————— + +^66 Der Anfang des ursinischen Exzerpts Dio 75, 1, 2 ist verwirrt. Οι +Ορρσηνοί, heißt es, καί οι Αδιαβηνοί αποσταντες καί Νίσιβιν +πολιορκούντες καί ηττηθέντες υπό Σεουήρου επρεσβεύσανο πρός αυτόν μετά +τόν τού Νίγρου θάνατον. Osrhoene war damals römisch, Adiabene +parthisch; von wem fallen die beiden Landschaften ab? und wessen Partei +haben die Nisibener ergriffen? Daß deren Gegner vor Absendung der +Gesandtschaft von Severus geschlagen worden, widerspricht dem Verlauf +der Erzählung; denn weil ihre Gesandten dem Severus ungenügende +Anerbietungen machen, überzieht sie dieser mit Krieg. Wahrscheinlich +ist die Unterstützung Nigers durch Untertanen der Parther und deren +Gemeinschaft mit Nigers römischem Parteigänger nun genau als Abfall von +Severus aufgefaßt; daß die Leute nachher behaupten, sie hätten +beabsichtigt, vielmehr Severus zu unterstützen, wird deutlich als +Ausflucht bezeichnet. Die Nisibener mögen sich geweigert haben mitzutun +und deshalb von den Anhängern Nigers angegriffen worden sein. So +erklärt es sich, was auch aus dem Xiphilinischen Auszug Dio 75, 2 +erhellt, daß das linke Euphratufer für Severus Feindesland war, nicht +aber Nisibis; römisch braucht die Stadt darum damals nicht gewesen zu +sein, vielmehr ist sie nach allen Spuren dies erst durch Severus +geworden. + +^67 Da die Kriege gegen die Araber und die Adiabener in der Tat gegen +die Parther gerichtet waren, so war es in der Ordnung, daß dem Kaiser +deswegen die Titel Parthicus Arabicus und Parthicus Adiabenicus erteilt +wurden; sie finden sich auch, aber gewöhnlich bleibt Parthicus weg, +offenbar weil, wie der Biograph des Severus sagt (c. 9), excusavit +Parthicum nomen, ne Parthos lacesseret. Dazu stimmt die sicher in das +Jahr 195 gehörende Notiz bei Dio 75, 9, 6 über das friedliche Abkommen +mit den Parthern und die Abtretung eines Stückes von Armenien an sie. + +^68 Daß auch Armenien in ihre Gewalt geriet, deutet Herodian 5, 9, 2 +an; freilich ist seine Darstellung schief und fehlerhaft. + +^69 Als bei dem Frieden im Jahre 218 das alte Verhältnis zwischen Rom +und Armenien erneuert wurde, machte der König von Armenien sich +Aussicht auf Erneuerung der römischen Jahresgelder (Dio 78, 27: τού +Τιριδάτου τό αργύριον ό κατ' έτος παρά τών Ρωμαίων ευρίσκετο ελπίσαντος +λήψεσθαι). Eigentliche Tributzahlung der Römer an die Armenier ist für +die severische und die vorseverische Zeit ausgeschlossen, stimmt auch +keineswegs zu den Worten Dios; der Zusammenhang wird der bezeichnete +sein. Im 4. und 5. Jahrhundert wurde das Kastell von Biriparach im +Kaukasus, das den Darielpaß sperrte, von den Persern, die seit dem +Frieden von 364 hier die Herren spielten, mit römischem Zuschuß +unterhalten und dies ebenfalls als Tributzahlung aufgefaßt (Lyd. mag. +3, 52, 53; Priscus fr. 31 Müller). + +———————————————————————————— + +Die weitere Entwicklung dieser Nachbarverhältnisse ist bedingt durch +die Verschiebung der inneren Ordnung in den beiden Reichen. Wenn unter +der Dynastie Nervas und nicht minder unter Severus dem oft von +Bürgerkrieg und Thronfehde zerrissenen Partherstaat die relativ stabile +römische Monarchie überlegen gegenübergestanden hatte, so brach diese +Ordnung nach Severus’ Tode zusammen, und fast ein Jahrhundert lang +folgten sich in dem Westreich meist elende und durchaus ephemere +Regenten, die dem Ausland gegenüber stetig schwankten zwischen Übermut +und Schwäche. Während also die Schale des Westens sank, stieg diejenige +des Ostens. Wenige Jahre nach dem Tode des Severus (211) traf in Iran +eine Umwälzung ein, welche nicht bloß, wie so viele frühere Krisen, den +herrschenden Regenten stürzte, nicht einmal bloß eine andere Dynastie +an die Stelle der verkommenen Arsakiden ans Regiment rief, sondern die +nationalen und religiösen Elemente zu gewaltigem Aufschwung entfesselnd +an die Stelle der vom Hellenismus durchdrungenen Bastardzivilisation +des Partherstaats die Staatsordnung, den Glauben, die Sitte und die +Fürsten derjenigen Landschaft setzte, welche das alte Perserreich +geschaffen hatte und seit dessen Übergang an die parthische Dynastie +wie die Gräber des Dareios und des Xerxes, so auch die Keime der +Wiedergeburt des Volkes in sich bewahrte. Es erfolgte die +Wiederherstellung des von Alexander niedergeworfenen Großkönigtums der +Perser durch das Eintreten der Dynastie der Sassaniden. Werfen wir auf +diese neue Gestaltung der Dinge einen Blick, bevor wir den Verlauf der +römisch-parthischen Beziehungen im Orient weiter verfolgen. + +Es ist schon ausgesprochen worden, daß die parthische Dynastie, obwohl +in der Tat sie Iran dem Hellenismus entrissen hatte, doch der Nation +sozusagen als illegitim galt. Artahschatr oder neupersisch Ardaschir, +so berichtet die offizielle Historiographie der Sassaniden, trat auf, +um das Blut des von Alexander ermordeten Dara zu rächen und um die +Herrschaft an die legitime Familie zurückzubringen und sie so wieder +herzustellen, wie sie zur Zeit seiner Vorfahren, vor den Teilkönigen +gewesen war. In dieser Legende steckt ein gutes Stück Wirklichkeit. Die +Dynastie, welche von dem Großvater Ardaschirs, Sasan, den Namen führt, +ist keine andere als die königliche der persischen Landschaft; +Ardaschirs Vater Papak oder Pabek ^70 und eine lange Reihe seiner Ahnen +hatten unter der Obergewalt der Arsakiden in diesem Stammlande der +iranischen Nation das Szepter geführt ^71, in Istachr, unweit des alten +Persepolis, residiert und ihre Münzen mit iranischer Sprache und +iranischer Schrift und mit den heiligen Emblemen des persischen +Landesglaubens bezeichnet, während die Großkönige in dem halb +griechischen Grenzland ihren Sitz hatten und ihre Münzen in +griechischer Sprache und griechischer Weise prägen ließen. Die +Grundordnung des iranischen Staatensystems, das den Teilkönigen +übergeordnete Großkönigtum, ist unter den beiden Dynastien ebensowenig +eine verschiedene gewesen, wie die des Reiches Deutscher Nation unter +den sächsischen und den schwäbischen Kaisern. Nur darum wird in jener +offiziellen Version die Arsakidenzeit als die der Teilkönige und +Ardaschir als das erste gemeinsame Haupt von ganz Iran nach dem letzten +Dareios bezeichnet, weil im alten Persischen Reich die persische +Landschaft wie zu den übrigen, so auch zu den Parthern sich verhält wie +im römischen Staat Italien zu den Provinzen, und der Perser dem Parther +die Legitimation für das von Rechts wegen mit seiner Landschaft +verbundene Großkönigtum bestritt ^72. + +———————————————————————- + +^70 Artaxares nennt seinen Vater Papakos in der Anm. 74 angeführten +Inschrift König; wie damit auszugleichen ist, daß nicht bloß die +einheimische Legende (bei Agathias 2, 27) den Pabek zum Schuster macht, +sondern auch der Zeitgenosse Dion (wenn in der Tat Zon. 12, 15 diese +Worte aus ihm entlehnt hat) den Artaxares nennt εξ αφανών καί αδόξων, +wissen wir nicht. Natürlich nehmen die römischen Schriftsteller für den +schwachen legitimen Arsakiden Partei gegen den gefährlichen Usurpator. + +^71 Strabon (unter Tiberius) 15, 3, 24: νύν δ'ήδη καθ' αυτούς +συνεστώτες οι Πέρσαι βασιλέας έχουσιν υπηκόους ετέροις βασιλεύσι, +πρότερον μέν Μακεδόσι, νύν δέ Παρθυαίοις. + +^72 Wenn Nöldeke sagt (Tabari, S. 449): “Daß die Hauptländer der +Monarchie direkt der Krone unterworfen waren, bildete den +Hauptunterschied des Sassanidenreichs vom arsakidischen, welches in den +verschiedensten Provinzen wirkliche Könige hatte”, so wird die Macht +des Großkönigtums ohne Zweifel durchaus durch die Persönlichkeit des +Inhabers bedingt und unter den ersten Sassaniden eine viel stärkere +gewesen sein als unter den letzten verkommenen Arsakiden. Aber ein +prinzipieller Gegensatz ist nicht erfindlich. Von Mithradates I. an, +dem eigentlichen Gründer der Dynastie, nennt sich der arsakidische +Herrscher “König der Könige”, eben wie später der sassanidische, +während Alexander der Große und die Seleukiden diesen Titel nie geführt +haben. Auch unter ihnen herrschten einzelne Lehnskönige, zum Beispiel +in der Persis (Anm. 71); aber die regelmäßige Form der Reichsverwaltung +war das Lehnskönigtum damals nicht und die griechischen Herrscher +nannten sich nicht danach, so wenig wie die Caesaren wegen Kappadokien +oder Numidien den Großkönigtitel annahmen. Die Satrapen des +Arsakidenstaats sind wesentlich die Marzbanen der Sassaniden. Eher +mögen die großen Reichsämter, welche in der sassanidischen +Staatsordnung den Oberverwaltungsstellen der +Diocletianisch-Konstantinischen Konstitution entsprechen und +wahrscheinlich für diese das Vorbild gewesen sind, dem Arsakidenstaat +gemangelt haben; dann würden allerdings beide sich ähnlich zueinander +verhalten wie die Reichsordnung Augusts zu der Konstantins. Aber wir +wissen zu wenig von der Arsakidenordnung, um dies mit Sicherheit zu +behaupten. + +———————————————————————- + +Wie dem Umfange nach das Sassanidenreich sich zu dem der Arsakiden +verhielt, ist eine Frage, auf die die Überlieferung keine genügende +Antwort gibt. Die Provinzen des Westens sind, seit die neue Dynastie +fest im Sattel saß, sämtlich derselben untertänig geblieben und die +Ansprüche, die die letztere gegen die Römer erhob, gingen, wie wir +sehen werden, weit hinaus über die Prätensionen der Arsakiden. Aber wie +weit die Herrschaft der Sassaniden gegen den Osten gereicht hat und +wann sie bis zum Oxos vorgedrungen ist, der später als die legitime +Grenze zwischen Iran und Turan gilt, entzieht sich unseren Blicken ^73. + +—————————————————————- + +^73 Nach den in der arabischen Chronik des Tabari erhaltenen persischen +Aufzeichnungen aus der letzten Sassanidenzeit erobert Ardaschir, +nachdem er Ardawan eigenhändig den Kopf abgehauen und den Titel +Schahan-Schah, König der Könige, angenommen hat, zuerst Hamadhan +(Ekbatana) in Großmedien, dann Aserbeidschan (Atropatene), Armenien, +Mosul (Adiabene); ferner Suristan oder Sawad (Babylonien). Von da geht +er nach Istachr in seine persische Heimat zurück und erobert dann, von +neuem ausziehend, Sagistan, Gurgan (Hyrkanien), Abraschahr (Nisapur im +Partherland), Marw (Margiane), Balch (Baktra) und Charizm (Chiwa) bis +zu den äußersten Grenzen von Chorasan. “Nachdem er viele Leute getötet +und ihre Köpfe nach dem Feuertempel der Anahedh (in Istachr) geschickt +hatte, kehrte er von Marw nach Pars zurück und ließ sich in Gor +(Feruzabad) nieder.” Wieviel hiervon Legende ist, wissen wir nicht +(vgl. Nöldeke, Tabari, S. 17, 116). + +—————————————————————- + +Das Staatssystem Irans hat infolge des Eintritts der neuen Dynastie +sich nicht gerade prinzipiell umgestaltet. Die offizielle Titulatur des +ersten Sassanidenherrschers, wie sie unter dem Felsrelief von +Nakschi-Rustam in drei Sprachen gleichmäßig angegeben ist: “der +Mazda-Diener Gott Artaxares, König der Könige der Arianer, göttlicher +Abstammung” ^74, ist im wesentlichen die der Arsakiden, nur daß die +iranische Nation, wie schon in der alteinheimischen Königstitulatur, +und der einheimische Gott jetzt ausdrücklich genannt werden. Daß eine +in der Persis heimische Dynastie an die Stelle einer ursprünglich +stammfremden und nur nationalisierten trat, war ein Werk und ein Sieg +nationaler Reaktion; aber den daraus sich ergebenden Konsequenzen +setzte die Macht der Verhältnisse vielfach unübersteigliche Schranken. +Persepolis oder, wie es jetzt heißt, Istachr wird wieder dem Namen nach +die Hauptstadt des Reiches, und neben den gleichartigen des Dareios +verkünden dort auf derselben Felsenwand die merkwürdigen Bildwerke und +noch merkwürdigeren, eben erwähnten Inschriften den Ruhm Ardaschirs und +Schapurs; aber die Verwaltung konnte von dieser entlegenen Örtlichkeit +aus nicht wohl geführt werden, und ihr Mittelpunkt blieb auch ferner +Ktesiphon. Den rechtlichen Vorzug der Perser, wie er unter den +Achämeniden bestanden hatte, nahm die neupersische Regierung nicht +wieder auf; wenn Dareios sich “einen Perser, Sohn eines Persers, einen +Arier aus arischem Stamm” nannte, so nannte Ardaschir sich, wie wir +sahen, lediglich den König der Arianer. Ob in die großen Geschlechter, +abgesehen von dem königlichen, persische Elemente neu eingeführt worden +sind, wissen wir nicht; auf jeden Fall sind mehrere von ihnen +geblieben, wie die Surên und die Karên; nur unter den Achämeniden, +nicht unter den Sassaniden sind dieselben ausschließlich persisch +gewesen. + +—————————————————————- + +^74 Griechisch (CIG 4675) lautet der Titel: Μάσδασνος; (Mazda-Diener, +als Eigenname behandelt) θεός Αρταξάρης βασιλεύς βασιλέων Αριανών εκ +γένους θεών; genau damit stimmt der Titel seines Sohnes Sapor 1. (das. +4676), nur daß nach Αριανών eingeschoben ist καί Αναριανών, also die +Erstreckung der Herrschaft auf das Ausland hervorgehoben wird. In der +Titulatur der Arsakiden, soweit sie aus den griechischen und persischen +Münzaufschriften erhellt, kehren θεός, βασιλεύς βασιλέων, θεοπάτωρ (=εκ +γένους θεών) wieder, dagegen fehlt die Hervorhebung der Arianer und +bezeichnenderweise der Mazda-Diener; daneben erscheinen zahlreiche +andere den syrischen Königen entlehnte Titel, wie επιφάνης, νικάτωρ, , +auch der römische αυτοκράτωρ. + +—————————————————————- + +Auch in religiöser Beziehung trat ein eigentlicher Wechsel nicht ein; +wohl aber gewann der Glaube und gewannen die Priester unter den +persischen Großkönigen einen Einfluß und eine Macht, wie sie sie unter +den parthischen niemals besessen hatten. Es mag wohl sein, daß die +zwiefache Propaganda fremder Kulte gegen Iran, des Buddhatums vom Osten +her und des jüdisch-christlichen Glaubens aus dem Westen, der alten +Mazda-Religion eben durch die Fehde eine Regeneration brachte. Der +Stifter der neuen Dynastie, Ardaschir, war, wie glaubhaft berichtet +wird, ein eifriger Feueranbeter und nahm selbst die Weihen des +Priestertums; darum, heißt es weiter, wurde von da an der Stand der +Magier einflußreich und anmaßend, während er bis dahin keineswegs +solche Ehre und solche Freiheit gehabt, sondern bei den Machthabern +nicht eben viel gegolten hatte. “Seitdem ehren und verehren die Perser +alle die Priester; die öffentlichen Angelegenheiten werden nach ihren +Ratschlägen und Orakeln geordnet; jeder Vertrag und jeder Rechtsstreit +unterliegt ihrer Aufsicht und ihrem Urteil und nichts erscheint den +Persern recht und gesetzlich, was nicht von einem Priester bestätigt +worden ist.” Dementsprechend begegnen wir einer Ordnung der geistlichen +Verwaltung, die an die Stellung des Papstes und der Bischöfe neben dem +Kaiser und den Fürsten erinnert. Jeder Kreis steht unter einem +Obermagier (Magupat, Magierherr, neupersisch Mobedh) und diese alle +wieder unter dem Obersten der Obermagier (Mobedhan-Mobedh), dem Abbild +des “Königs der Könige”, und er ist es jetzt, der den König krönt. Die +Folgen dieser Priesterherrschaft blieben nicht aus: das starre Ritual, +die beengenden Vorschriften über Schuld und Sühne, die in wüstes +Orakelwesen und Zauberkunst sich auflösende Wissenschaft haften zwar +dem Parsentum von jeher an, sind aber doch vermutlich erst in dieser +Epoche zu voller Entwicklung gelangt. + +Auch in dem Gebrauch der Landessprache und den Landesgebräuchen zeigen +sich die Spuren der nationalen Reaktion. Die größte Griechenstadt des +Partherreiches, die alte Seleukeia, blieb bestehen, aber sie heißt +seitdem nicht nach dem Namen des griechischen Marschalls, sondern nach +dem ihres neuen Herrn Beh, das heißt gut, Ardaschir. Die griechische +Sprache, bisher, wenn auch zerrüttet und nicht mehr alleinherrschend, +doch immer noch in Gebrauch, verschwindet mit dem Eintritt der neuen +Dynastie mit einem Schlag von den Münzen, und nur auf den Inschriften +der ersten Sassaniden begegnet sie noch eben und hinter der +eigentlichen Landessprache. Die “Partherschrift”, das Pahlavi, +behauptet sich, aber neben sie tritt eine zweite, wenig verschiedene +und zwar, wie die Münzen beweisen, als eigentlich offizielle, +wahrscheinlich die bis dahin in der persischen Provinz gebrauchte, so +daß die ältesten Denkmäler der Sassaniden, ähnlich wie die der +Achämeniden, dreisprachig sind, etwa wie im deutschen Mittelalter +Lateinisch, Sächsisch und Fränkisch nebeneinander Anwendung gefunden +haben. Nach König Sapor I. († 272) verschwindet die Zwiesprachigkeit +und behauptet die zweite Schreibweise allein den Platz, den Namen +Pahlavi erbend. Das Jahr der Seleukiden und die dazu gehörigen +Monatsnamen verschwinden mit dem Wechsel der Dynastie; dafür treten +nach altem persischen Herkommen die Regentenjahre ein und die +einheimischen persischen Monatsnamen ^75. Selbst die altpersische +Legende wird auf das neue Persien übertragen. Die noch vorhandene +‘Geschichte von Ardaschir, Papaks Sohn’, welche diesen Sohn eines +persischen Hirten an den medischen Hof geraten, dort Knechtsdienste tun +und dann den Befreier seines Volkes werden läßt, ist nichts als das +alte Märchen vom Kyros auf die neuen Namen umgeschrieben. Ein anderes +Fabelbuch der indischen Parsen weiß zu berichten, wie König Iskander +Rumi, das heißt “Alexander der Römer”, die heiligen Bücher Zarathustras +habe verbrennen lassen, dann aber sie hergestellt worden seien von dem +frommen Ardaviraf, als König Ardaschir den Thron bestiegen habe. Hier +steht der Römer-Hellene gegen den Perser; den arsakidischen Bastard hat +die Sage, wie billig, vergessen. + +———————————————————— + +^75 Frawardin, Ardhbehescht usw. (C. L. Ideler, Lehrbuch der +Chronologie. Berlin 1831, Bd. 2, S. 515). Merkwürdigerweise haben +wesentlich dieselben Monatsnamen sich in dem provinzialen Kalender der +römischen Provinz Kappadokien behauptet (Ideler, Bd. 1, S. 443); sie +müssen aus der Zeit herrühren, wo dieselbe persische Satrapie war. + +———————————————————— + +Im übrigen werden die Zustände wesentlich die alten geblieben sein. In +militärischer Beziehung namentlich sind die Heere auch der Sassaniden +sicher keine stehenden und geschulten Truppen gewesen, sondern das +Aufgebot der wehrfähigen Mannschaften, in das mit der nationalen +Bewegung wohl ein neuer Geist gefahren sein mag, aber das nach wie vor +im wesentlichen auf dem adligen Roßdienst ruhte. Auch die Verwaltung +blieb, wie sie war: der tüchtige Herrscher schritt mit unerbittlicher +Strenge ein gegen den Straßenräuber wie gegen den erpressenden Beamten +und, verglichen wenigstens mit der späteren arabischen und der +türkischen Herrschaft, befanden sich die Untertanen des +Sassanidenreiches im Wohlstand und der Staatsschatz in Fülle. + +Bedeutsam aber ist die Verschiebung der Stellung des neuen Reiches +gegenüber dem römischen. Die Arsakiden haben den Caesaren sich nie +völlig ebenbürtig gefühlt. Wie oft auch beide Staaten in Krieg und +Frieden als gleichgewogene Mächte sich einander entgegentraten, wie +entschieden die Anschauung der doppelten Großmacht auch den römischen +Orient beherrscht, es bleibt der römischen Macht ein ähnlicher Vorrang, +wie ihn das Heilige Römische Reich Deutscher Nation lange Jahrhunderte +sehr zu seinem Schaden besessen hat. Unterwerfungsakte, wie sie +gegenüber Tiberius und Nero die parthischen Großkönige auf sich nahmen, +ohne durch die äußerste Notwendigkeit dazu gezwungen zu sein, lassen +sich umgekehrt nicht einmal denken. Deutlicher noch spricht die +Unterlassung der Goldprägung. Es kann nicht Zufall sein, daß nie unter +dem Regiment der Arsakiden eine Goldmünze geschlagen worden ist und +gleich der erste Sassanidenherrscher die Goldprägung geübt hat; es ist +dieselbe das greifbarste Zeichen der durch keine Vasallenpflichten +beschränkten Souveränität. Dem Anspruch des Caesarenreiches, allein die +Weltmünze schlagen zu können, hatten die Arsakiden ohne Ausnahme sich +wenigstens insoweit gefügt, daß sie selber überhaupt sich der Prägung +enthielten und diese in Silber und Kupfer den Städten oder den Satrapen +überließen; die Sassaniden schlugen wieder Goldstücke, auch wie König +Dareios. Das Großkönigtum des Ostens fordert endlich sein volles Recht; +die Welt gehört nicht ferner den Römern allein. Mit der Unterwürfigkeit +der Orientalen und der Oberherrlichkeit der Okzidentalen ist es vorbei. +Dem entsprechend tritt an die Stelle der bis dahin immer wieder zum +Frieden zurückwendenden Beziehungen zwischen Römern und Parthern durch +Generationen die erbitterte Fehde. + +Nachdem die neue Staatsordnung dargestellt worden ist, mit der das +sinkende Rom bald zu ringen haben sollte, nehmen wir den Faden der +Erzählung wieder auf. Severus’ Sohn und Nachfolger Antoninus, kein +Krieger und Staatsmann wie sein Vater, aber von beidem eine wüste +Karikatur, muß die Absicht gehabt haben, soweit bei solchen +Persönlichkeiten überhaupt von Absicht geredet werden kann, den Osten +ganz in römische Gewalt zu bringen. Es hielt nicht schwer, die Fürsten +von Osrhoene und von Armenien, nachdem sie an den kaiserlichen Hof +entboten worden waren, gefangen zu setzen und diese Lehen für +eingezogen zu erklären. Aber schon auf die Kunde hin brach in Armenien +ein Aufstand aus. Der Arsakidenprinz Tiridates wurde zum König +ausgerufen und rief den Schutz der Parther an. Darauf stellte sich +Antoninus an die Spitze einer großen Truppenmacht und erschien im Jahre +216 im Osten, um die Armenier und nötigenfalls auch die Parther +niederzuwerfen. Tiridates selbst gab sogleich seine Sache verloren, +obwohl die nach Armenien gesandte Abteilung dort nachher noch auf +heftige Gegenwehr stieß, und flüchtete zu den Parthern. Die Römer +forderten die Auslieferung. Die Parther waren nicht geneigt, sich +seinetwegen auf einen Krieg einzulassen, um so weniger als eben damals +die beiden Söhne des Königs Vologasos V., Vologasos VI. und Artabanos, +in erbitterter Thronfehde lagen. Der erstere fügte sich, als die +römische Forderung gebieterisch wiederholt ward und lieferte den +Tiridates aus. Darauf begehrte der Kaiser von dem inzwischen zur +Anerkennung gelangten Artabanos die Hand seiner Tochter zu dem +ausgesprochenen Zwecke, damit das Reich zu erheiraten und Orient und +Okzident unter eine Herrschaft zu bringen. Die Zurückweisung dieses +wüsten Vorschlags ^76 war das Signal zum Krieg; die Römer erklärten ihn +und überschritten den Tigris. Die Parther waren unvorbereitet; ohne +Widerstand zu finden brannten die Römer die Städte und Dörfer in +Adiabene nieder und zerstörten mit ruchloser Hand sogar die alten +Königsgräber bei Arbela ^77. Aber für den nächsten Feldzug machte +Artabanos die äußersten Anstrengungen und stellte im Frühjahr 217 eine +gewaltige Heeresmacht in das Feld. Antoninus, der den Winter in Edessa +zugebracht hatte, wurde, eben als er zu dieser zweiten Kampagne +aufbrach, von seinen Offizieren ermordet. Sein Nachfolger Macrinus, +unbefestigt im Regiment und wenig angesehen, dazu an der Spitze einer +der Zucht und Haltung entbehrenden und durch den Kaisermord +erschütterten Armee, hätte gern des mutwillig angezettelten und sehr +ernsthafte Verhältnisse annehmenden Krieges sich entledigt. Er schickte +dem Partherkönig die Gefangenen zurück und warf die Schuld für die +begangenen Frevel auf den Vorgänger. Aber Artabanos war damit nicht +zufrieden; er forderte Ersatz für alle begangene Verwüstung und die +Räumung Mesopotamiens. So kam es bei Nisibis zur Schlacht, in der die +Römer den kürzeren zogen. Dennoch gewährten die Parther, zum Teil weil +ihr Aufgebot sich aufzulösen Miene machte, vielleicht auch unter dem +Einfluß des römischen Goldes, den Frieden (218) auf verhältnismäßig +günstige Bedingungen: Rom zahlte eine ansehnliche Kriegsentschädigung +(50 Mill. Denare), behielt aber Mesopotamien; Armenien blieb dem +Tiridates, aber dieser nahm es von den Römern zum Lehen. Auch in +Osrhoene wurde das alte Fürstenhaus wieder eingesetzt. + +——————————————————————— + +^76 So erzählt der zuverlässige Dio 78, 1; unbeglaubigt ist die Version +Herodians 4, 11, daß Artabanos die Tochter zusagte und bei der +Verlobungsfeier Antoninus auf die anwesenden Parther einhauen ließ. + +^77 Wenn an der Nennung der Kadusier in der Biographie c. 6 etwas +Wahres ist, so veranlaßten die Römer diesen wilden, der Regierung nicht +botmäßigen Stamm im Südwesten des Kaspischen Meeres, gleichzeitig über +die Parther herzufallen. + +——————————————————————— + +Es ist dies der letzte Friedensvertrag, den die Arsakidendynastie mit +Rom geschlossen hat. Fast unmittelbar nachher und vielleicht mit +infolge dieses Pakts, der allerdings, wie die Verhältnisse lagen, von +den Orientalen als eine Preisgebung der erfochtenen Siege durch die +eigene Regierung angesehen werden konnte, begann die Insurrektion, +welche den Staat der Parther in einen Staat der Perser umwandelte. Ihr +Führer, König Ardaschir oder Artaxares (224-241), stritt manches Jahr +mit den Anhängern der alten Dynastie, bevor er vollen Erfolg hatte ^78; +nach drei großen Schlachten, in deren letzter König Artabanos fiel, war +er im eigentlichen Partherreich Herr und konnte in die mesopotamische +Wüste einrücken, um die Araber von Hatra zu unterwerfen und von da aus +gegen das römische Mesopotamien vorzugehen. Aber die tapferen und +unabhängigen Araber wehrten sich, wie früher gegen die römische +Invasion, so jetzt gegen die Perser in ihren gewaltigen Mauern mit +gutem Erfolg, und Artaxares fand sich veranlaßt, zunächst gegen Medien +und Armenien zu operieren, wo die Arsakiden sich noch behaupteten und +auch die Söhne des Artabanos eine Zuflucht gefunden hatten. Erst um das +Jahr 230 wandte er sich gegen die Römer und erklärte ihnen nicht bloß +den Krieg, sondern forderte alle Provinzen zurück, die einst zum Reich +seiner Vorgänger, des Dareios und des Xerxes, gehört hatten, das heißt +die Abtretung von ganz Asien. Den drohenden Worten Nachdruck zu geben, +führte er ein gewaltiges Heer über den Euphrat; Mesopotamien wurde +besetzt und Nisibis belagert; die feindlichen Reiter zeigten sich in +Kappadokien und in Syrien. Den römischen Thron nahm damals Severus +Alexander ein, ein Herrscher, an dem nichts kriegerisch war als der +Name und für den in der Tat die Mutter Mamaea das Regiment führte. +Dringende, fast demütige Friedensvorschläge der römischen Regierung +blieben ohne Wirkung; es blieb nichts übrig als der Gebrauch der +Waffen. Die aus dem ganzen Reiche zusammengezogenen römischen +Heeresmassen wurden geteilt: der linke Flügel nahm die Richtung auf +Armenien und Medien, der rechte auf Mesene an der Euphrat- und +Tigrismündung, vielleicht in der Berechnung, dort wie hier auf den +Anhang der Arsakiden sich stützen zu können; die Hauptarmee ging gegen +Mesopotamien vor. Die Truppen waren zahlreich genug, aber ohne Zucht +und Haltung; ein hochgestellter römischer Offizier dieser Zeit bezeugt +es selbst, daß sie verwöhnt und unbotmäßig waren, sich weigerten zu +kämpfen, ihre Offiziere erschlugen und haufenweise desertierten. Die +Hauptmacht kam gar nicht über den Euphrat ^79, da die Mutter dem Kaiser +vorstellte, daß es nicht seine Sache sei, sich für seine Untertanen, +sondern dieser, sich für ihn zu schlagen. Der rechte Flügel, im +Flachland von der persischen Hauptmacht angegriffen und von dem Kaiser +im Stich gelassen, wurde aufgerieben. Als darauf der Kaiser dem nach +Medien vorgedrungenen Flügel Befehl erteilte, sich zurückzuziehen, litt +auch dieser stark bei dem winterlichen Rückmarsch durch Armenien. Wenn +es bei diesem üblen Rückzug der großen orientalischen Armee nach +Antiocheia blieb und zu keiner vollständigen Katastrophe kam, sogar +Mesopotamien in römischer Gewalt blieb, so scheint das nicht das +Verdienst der römischen Truppen oder ihrer Führer zu sein, sondern +darauf zu beruhen, daß das persische Aufgebot des Kampfes müde ward und +nach Hause ging ^80. Aber sie gingen nicht auf lange, um so mehr, als +bald darauf nach der Ermordung des letzten Sprossen der Severischen +Dynastie die einzelnen Heerführer und die Regierung in Rom um die +Besetzung des römischen Thrones zu schlagen begannen und somit darin +einig waren, die Geschäfte der auswärtigen Feinde zu besorgen. Unter +Maximinus (235-238) geriet das römische Mesopotamien in Ardaschirs +Gewalt und schickten die Perser abermals sich an, den Euphrat zu +überschreiten ^81. Nachdem die inneren Wirren einigermaßen sich +beruhigt hatten und Gordian III., fast noch ein Knabe, unter dem Schutz +des Kommandanten von Rom und bald seines Schwiegervaters Furius +Timesitheus unbestritten im ganzen Reiche gebot, wurde in feierlicher +Weise den Persern der Krieg erklärt, und im Jahre 242 rückte eine große +römische Armee unter persönlicher Führung des Kaisers oder vielmehr +seines Schwiegervaters in Mesopotamien ein. Sie hatte vollständigen +Erfolg; Karrhä wurde wieder gewonnen, bei Resaina zwischen Karrhä und +Nisibis das Heer des Perserkönigs Schapur oder Sapor (reg. 241-272), +welcher kurz vorher seinem Vater Ardaschir gefolgt war, auf das Haupt +geschlagen, infolge dieses Sieges auch Nisibis besetzt. Ganz +Mesopotamien war zurückerobert; es wurde beschlossen, zum Euphrat +zurück und von da stromabwärts gegen die feindliche Hauptstadt +Ktesiphon zu marschieren. Unglücklicherweise starb Timesitheus und sein +Nachfolger, Marcus Iulius Philippus, ein geborener Araber aus der +Trachonitis, benutzte die Gelegenheit, den jungen Herrscher zu +beseitigen. Als das Heer den schwierigen Marsch durch das Tal des +Chaboras nach dem Euphrat zurückgelegt hatte, fanden, angeblich infolge +der von Philippus getroffenen Anordnungen, die Soldaten in Kirkesion am +Einfluß des Chaboras in den Euphrat die erwarteten Lebensmittel und +Vorräte nicht vor und legten dies dem Kaiser zur Last. +Nichtsdestoweniger wurde der Marsch in der Richtung auf Ktesiphon +angetreten; aber schon auf der ersten Station bei Zaitha (etwas +unterhalb Mejadin) erschlugen eine Anzahl aufständischer Gardisten den +Kaiser (Frühling oder Sommer 244) und riefen ihren Kommandanten +Philippus an seiner Stelle zum Augustus aus. Der neue Herrscher tat, +was der Soldat oder wenigstens der Gardist begehrte, und gab nicht bloß +die beabsichtigte Expedition gegen Ktesiphon auf, sondern führte auch +die Truppen sogleich nach Italien zurück. Die Erlaubnis dazu erkaufte +er sich von dem überwundenen Feind durch die Abtretung von Mesopotamien +und Armenien, also der Euphratgrenze. Indes erregte dieser +Friedensschluß eine solche Erbitterung, daß der Kaiser es nicht wagte, +denselben zur Ausführung zu bringen und in den abgetretenen Provinzen +die Besatzungen stehen ließ ^82. Daß die Perser sich dies wenigstens +vorläufig gefallen ließen, gibt das Maß dessen, was sie damals +vermochten. Nicht die Orientalen, sondern die Goten, die fünfzehn Jahre +hindurch wütende Pest und die Zwietracht der miteinander um die Krone +hadernden Korpsführer brachen die letzte Kraft des Reiches. + +——————————————————————— + +^78 Die späterhin rezipierte Chronologie setzt den Beginn der +Sassanidendynastie auf das Seleukidenjahr 538 = 1. Oktober 226/27 n. +Chr. oder das vierte (volle) Jahr des seit Frühling 222 regierenden +Severus Alexander (Agathias 4, 24). Nach anderen Daten zählte König +Ardaschir das Jahr Herbst 223/24 n. Chr. als sein erstes, nahm also +wohl in diesem den Großkönigtitel an (Nöldeke, Tabari, S. 410). Die +letzte bis jetzt bekannte datierte Münze des älteren Systems ist vom +Jahre 539. Als Dion schrieb, zwischen 230 und 234, war Artabanos tot +und sein Anhang überwältigt, und wurde das Einrücken des Artaxares in +Mesopotamien und Syrien erwartet. + +^79 Der Kaiser blieb wahrscheinlich in Palmyra; wenigstens gedenkt eine +palmyrenische Inschrift CIG 4483 der επιδημία θεού Αλεξάνδρου. + +^80 Die unvergleichlich schlechten Berichte über diesen Krieg (der +relativ beste ist der aus gemeinschaftlicher Quelle bei Herodian, +Zonaras und Synkellos p. 674 vorliegende) entscheiden nicht einmal die +Frage, wer in diesen Kämpfen Sieger blieb. Während Herodian von einer +beispiellosen Niederlage der Römer spricht, feiern die lateinischen +Quellen, die Biographie sowohl wie Victor, Eutrop und Rufius Festus, +den Alexander als den Besieger des Artaxerxes oder Xerxes, und nach +diesen letzteren ist auch der weitere Verlauf der Dinge günstig. Die +Vermittlung gibt Herodian (6, 6, 5) an die Hand. Nach den armenischen +Berichten (Gutschmid, ZDMG 31, 1877, S. 47) haben die Arsakiden mit +Unterstützung der Kaukasusvölker sich in Armenien noch bis zum Jahre +237 gegen Ardaschir behauptet; diese Diversion mag richtig und auch den +Römern zugute gekommen sein. + +^81 Den besten Bericht geben, aus derselben Quelle schöpfend, Synkellos +(p. 683) und Zonaras (12, 18). Damit stimmen die Einzelangaben Ammians +(23, 5; 7, 17) und so ziemlich der gefälschte Brief Gordians an den +Senat in der Biographie c. 27, aus dem die Erzählung c. 26 unkundig +hergestellt ist; Antiocheia war in Gefahr, aber nicht in den Händen der +Perser. + +^82 So stellt Zon. 12, 19 den Hergang dar; damit stimmt Zos. hist. 3, +32, und auch der spätere Verlauf der Dinge zeigt Armenien nicht +geradezu im persischen Besitz. Wenn nach Euagr. 5, 7 damals bloß +Klein-Armenien römisch blieb, so mag das insofern nicht unrichtig sein, +als die Abhängigkeit des Lehnskönigs von Groß-Armenien nach dem Frieden +wohl nur eine nominelle war. + +——————————————————————— + +Es wird hier, wo der römische Orient im Ringen mit dem persischen auf +sich selber angewiesen ist, am Platz sein, eines merkwürdigen Staates +zu gedenken, der, durch und für den Wüstenhandel geschaffen, jetzt für +kurze Zeit in der politischen Geschichte eine führende Rolle übernimmt. +Die Oase Palmyra, in der einheimischen Sprache Thadmor, liegt auf +halbem Wege zwischen Damaskos und dem Euphrat. Von Bedeutung ist sie +lediglich als Zwischenstation zwischen dem Euphratgebiet und dem +Mittelmeer und hat auch diese Bedeutung erst spät gewonnen und früh +wieder verloren, so daß Palmyras Blütezeit ungefähr mit derjenigen +Periode zusammenfällt, die wir hier schildern. Über das Emporkommen der +Stadt fehlt es an jeder Überlieferung ^83. Erwähnt wird sie zuerst bei +Gelegenheit des Aufenthaltes des Antonius in Syrien im Jahre 713 (41), +wo dieser einen vergeblichen Versuch machte, sich ihrer Reichtümer zu +bemächtigen; auch die dort gefundenen Denkmäler - die älteste datierte +palmyrenische Inschrift ist vom Jahre 745 (9) - reichen schwerlich viel +weiter zurück. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß ihr Aufblühen mit der +Festsetzung der Römer im syrischen Küstenland zusammenhängt. So lange +die Nabatäer und die Städte der Osrhoene nicht unmittelbar römisch +waren, hatten die Römer ein Interesse daran, eine andere direkte +Verbindung mit dem Euphrat herzustellen, und diese führte dann +notwendig über Palmyra. Eine römische Gründung ist Palmyra nicht; als +Veranlassung für jenen Raubzug nahm Antonius die Neutralität der +zwischen den beiden Großstaaten den Verkehr vermittelnden Kaufleute, +und die römischen Reiter kehrten unverrichteter Sache um vor der +Schützenkette, die die Palmyrener dem Angriff entgegenstellten. Aber +schon in der ersten Kaiserzeit muß die Stadt zum Reiche gerechnet +worden sein, da die für Syrien ergangenen Steuerverordnungen des +Germanicus und des Corbulo auch für Palmyra zur Anwendung kamen; in +einer Inschrift vom Jahre 80 begegnet eine claudische Phyle daselbst; +seit Hadrian nennt sich die Stadt Hadriana Palmyra, und im dritten +Jahrhundert bezeichnet sie sich sogar als Kolonie. + +——————————————————————— + +^83 Der biblische Bericht (1. Kön. 9, 18) über die Erbauung der Stadt +Thamar in Idumäa durch König Salomo ist nur durch ein freilich altes +Mißverständnis auf Thadmor übertragen worden; immer enthält die irrige +Beziehung desselben auf diese Stadt bei den späteren Juden (Chron. 2, +8, 4 und die griechische Übersetzung von 1. Kön. 9, 4) das älteste +Zeugnis für deren Existenz (Hitzig, ZDMG 8, 1854, S. 222). + +——————————————————————— + +Indes war die Reichsuntertänigkeit der Palmyrener anderer Art als die +gewöhnliche und einigermaßen dem Klientelverhältnis der abhängigen +Königreiche ähnlich. Noch in Vespasians Zeit heißt Palmyra ein +Zwischengebiet zwischen den beiden Großmächten und wurde bei jedem +Zusammenstoß der Römer und der Parther gefragt, welche Politik die +Palmyrener einhalten würden. Den Schlüssel für die Sonderstellung +müssen wir in den Grenzverhältnissen und den für den Grenzschutz +getroffenen Ordnungen suchen. Die syrischen Truppen, soweit sie am +Euphrat selbst standen, haben ihre Hauptstellung bei Zeugma, Biredjik +gegenüber an der großen Euphratpassage, gehabt. Weiter stromabwärts +schiebt sich zwischen das unmittelbar römische und das parthische +Gebiet das von Palmyra, das bis zum Euphrat reicht und die nächste +bedeutende Übergangsstelle bei Sura gegenüber der mesopotamischen Stadt +Nikephorion (später Kallinikon, heute er-Rakka) einschließt. Es ist +mehr als wahrscheinlich, daß die Hut dieser wichtigen Grenzfestung +sowie die Sicherung der Wüstenstraße zwischen dem Euphrat und Palmyra, +auch wohl eines Teils der Straße von Palmyra nach Damaskos, der +Gemeinde Palmyra überlassen ward und daß sie also berechtigt und +verpflichtet war, die für diese nicht geringe Aufgabe erforderlichen +militärischen Einrichtungen zu treffen ^84. Späterhin sind wohl die +Reichstruppen näher an Palmyra herangezogen und ist eine der syrischen +Legionen nach Danava zwischen Palmyra und Damaskos, die arabische nach +Bostra gelegt worden; seit Severus Mesopotamien mit dem Reich vereinigt +hatte, waren sogar hier beide Ufer des Euphrat in römischer Gewalt und +endigte das römische Gebiet am Euphrat nicht mehr bei Sura, sondern bei +Kirkesion an der Mündung des Chaboras in den Euphrat oberhalb Mejâdîn. +Auch wurde damals Mesopotamien stark mit Reichstruppen belegt. Aber die +mesopotamischen Legionen standen an der großen Straße im Norden bei +Resaina und Nisibis, und auch die syrischen und die arabischen Truppen +machten die Mitwirkung der palmyrenischen nicht entbehrlich. Es mag +sogar die Hut von Kirkesion und dieses Teils des Euphratufers eben den +Palmyrenern anvertraut worden sein. Erst nach dem Untergang Palmyras +und vielleicht in Ersatz desselben ist Kirkesion ^85 von Diocletian zu +der starken Festung gemacht worden, die seitdem hier der Stützpunkt der +Grenzverteidigung gewesen ist. + +——————————————————————————- + +^84 Ausdrücklich berichtet wird dies nirgends; aber alle Umstände +sprechen dafür. Daß die römisch-parthische Grenze, bevor die Römer auf +dem linken Euphratufer sich festsetzten, am rechten wenig unterhalb +Sura war, sagt am bestimmtesten Plinius (nat. 5, 26, 89: a Sura proxime +est Philiscum - vgl. Anm. 85 - oppidum Parthorum ad Euphratem; ab eo +Seleuciam dierum decem navigatio), und hier ist sie bis zur Einrichtung +der Provinz Mesopotamien unter Severus geblieben. Die Palmyrene des +Ptolemaeos (5, 15, 24, 25) ist eine Landschaft Koilesyriens, die einen +guten Teil des Gebiets südlich von Palmyra zu umfassen scheint, sicher +aber bis an den Euphrat reicht und Sura einschließt; andere städtische +Zentren außer Palmyra scheinen nicht aufgeführt zu werden und nichts im +Wege zu stehen, diesen großen Distrikt als Stadtgebiet zu fassen. +Namentlich solange Mesopotamien parthisch war, aber auch nachher noch +hat mit Rücksicht auf die angrenzende Wüste ein dauernder Grenzschutz +hier nicht fehlen können; wie denn im 4. Jahrhundert nach Ausweis der +Notitia die Palmyrene stark besetzt war, die nördliche von den Truppen +des Dux von Syrien, Palmyra selbst und die südliche Hälfte von denen +des Dux von Phoenike. Daß in der früheren Kaiserzeit hier keine +römischen Truppen gestanden haben, ist durch das Schweigen der +Schriftsteller und das Fehlen der in Palmyra selbst zahlreichen +Inschriften verbürgt. Wenn in der Peutingerschen Tafel unter Sura +vermerkt ist: “fines exercitus Syriatici et commercium barbarorum”, d. +h. “hier endigen die römischen Besatzungen, und hier ist der +Zwischenort für den Barbarenverkehr”, so ist damit nur gesagt, was in +späterer Zeit Ammian (23, 3, 7: Callinicum mumimentum robustum et +commercandi opimitate gratissimum) und noch Kaiser Honorius (Cod. Iust. +4, 63, 4) wiederholen, daß Kallinikon zu den wenigen, dem +römisch-barbarischen Grenzhandel freigegebenen Entrepôts gehört; aber +nicht einmal für die Entstehungszeit der Tafel folgt daraus, daß damals +Reichstruppen dort standen, da ja die Palmyrener im allgemeinen auch +zur syrischen Armee gehörten und bei dem exercitus Syriaticus an sie +gedacht sein kann. Es muß die Stadt eine eigene Truppenmacht +aufgestellt haben, ähnlich wie die Fürsten von Numidien und von +Pantikapäon. Dadurch allein wird auch sowohl das Abweisen der Truppen +des Antonius wie das Verhalten der Palmyrener in den Wirren des 3. +Jahrhunderts verständlich, nicht minder das Auftreten der numeri +Palmyrenorum unter den militärischen Neuerungen derselben Epoche. + +^85 Amm. 23, 5, 2: Cercusium .. . Diocletiänus exiguum ante hoc et +suspectum muris turribusque circumdedit celsis, . . . ne vagarentur per +Syriam Persae ita ut paucis ante annis cum magnis provinciarum +contigerat damnis. Vgl. Prok. aed. 2, 6. Vielleicht ist dieser Ort +nicht verschieden von dem Φάλγα oder Φάλιγα des Isidorus von Charax +(mans. Parth. 1; Stephanus v. Byzanz, Ethnika, unter diesem Wort) und +dem Plinianischen Philiscum (Anm. 84). + +——————————————————————————- + +Die Spuren dieser Sonderstellung Palmyras sind auch in den +Institutionen nachweisbar. Das Fehlen des Kaisernamens auf den +palmyrenischen Münzen ist wohl nicht aus ihr zu erklären, sondern +daraus, daß die Gemeinde fast nur kleine Scheidemünze ausgegeben hat. +Deutlich aber spricht die Behandlung der Sprache. Von der sonst bei den +Römern fast ausnahmslos befolgten Regel, in dem unmittelbaren Gebiet +nur den Gebrauch der beiden Reichssprachen zu gestatten, ist Palmyra +ausgenommen. Hier hat diejenige Sprache, welche im übrigen Syrien und +nicht minder seit dem Exil in Judäa die gewöhnliche im privaten +Verkehr, aber auf diesen beschränkt war, sich im öffentlichen Gebrauch +behauptet, solange die Stadt überhaupt bestanden hat. Wesentliche +Verschiedenheiten des palmyrenischen Syrisch von dem der übrigen oben +genannten Gegenden lassen sich nicht nachweisen; die nicht selten +arabisch oder jüdisch, auch persisch geformten Eigennamen zeigen die +starke Völkermischung, und zahlreiche griechisch-römische Lehnwörter +die Einwirkung der Okzidentalen. Es wird späterhin Regel, dem syrischen +Text einen griechischen beizufügen, welcher in einem Beschluß des +palmyrenischen Gemeinderats vom Jahre 137 dem palmyrenischen nach-, +später gewöhnlich voransteht; aber bloß griechische Inschriften +eingeborener Palmyrener sind seltene Ausnahmen. Sogar in +Weihinschriften, welche Palmyrener ihren heimischen Gottheiten in Rom +gesetzt haben ^86, und in Grabschriften der in Afrika oder Britannien +verstorbenen palmyrenischen Soldaten ist die palmyrenische Fassung +zugefügt. Ebenso wurde in Palmyra zwar das römische Jahr wie im übrigen +Reiche der Datierung zugrunde gelegt, aber die Monatsnamen sind nicht +die im römischen Syrien offiziell rezipierten makedonischen, sondern +diejenigen, welche in demselben wenigstens bei den Juden im gemeinen +Verkehr galten und außerdem bei den unter assyrischer und später +persischer Herrschaft lebenden aramäischen Stämmen in Gebrauch waren +^87. + +———————————————————————- + +^86 Von den sieben bis jetzt außerhalb Palmyra gefundenen Dedikationen +an den palmyrenischen Malach Belos haben die drei in Rom zum Vorschein +gekommenen (CIL VI, 51, 710; CIG 6015) neben griechischem oder +lateinischem auch palmyrenischen Text, zwei afrikanische (CIL VIII, +2497, 8795 add.) und zwei dakische (Archäologisch-epigraphische +Mitteilungen aus Österreich 6, 1882, 109, 111) bloß lateinischen. Die +eine der letzteren ist von einem offenbar aus Palmyra gebürtigen +Duoviralen von Sarmizegetusa, P. Aelius Theimes, gesetzt diis patriis +Malagbel et Bebellahamon et Benefal et Manavat. + +^87 Woher diese Monatsnamen rühren, ist dunkel; sie treten zuerst in +der assyrischen Keilschrift auf, sind aber nicht assyrischen Ursprungs. +Infolge der assyrischen Herrschaft sind sie dann in dem Bereich der +syrischen Sprache in Gebrauch geblieben. Abweichungen finden sich; der +zweite Monat, der Dios der griechisch redenden Syrer, unser November, +heißt bei den Juden Markeschwan, bei den Palmyrenern Kanun (Waddington +25746). Übrigens sind diese Monatsnamen, soweit sie innerhalb des +Römischen Reiches zur Anwendung kommen, wie die makedonischen dem +Julianischen Kalender angepaßt, so daß nur die Monatsbenennung +differiert, der Jahranfang (1. Oktober) des syrisch-römischen Jahres +auf die griechischen wie auf die aramäischen Benennungen gleichmäßig +Anwendung findet. + +———————————————————————- + +Die munizipale Ordnung ist im wesentlichen nach dem Muster der +griechischen des Römerreichs gestaltet; die Beziehungen für Beamte und +Rat ^88 und selbst diejenige der Kolonie werden in den palmyrenischen +Texten meistenteils aus den Reichssprachen beibehalten. Aber auch in +der Verwaltung behielt der Distrikt eine größere Selbständigkeit, als +sie sonst den Stadtgemeinden zukommt. Neben den städtischen Beamten +finden wir wenigstens im dritten Jahrhundert die Stadt Palmyra mit +ihrem Gebiet unter einem besonderen “Hauptmann” senatorischen Ranges +und römischer Bestellung, aber gewählt aus dem angesehensten Geschlecht +des Ortes; Septimios Hairanes, des Odaenathos Sohn, ist der Sache nach +ein Fürst der Palmyrener ^89, der von dem Legaten von Syrien wohl nicht +anders abhängig war als die Klientelfürsten von den benachbarten +Reichstatthaltern überhaupt. Wenige Jahre später begegnen wir seinem +Sohn ^90 Septimios Odaenathos in der gleichen, ja im Rang noch +gesteigerten erbfürstlichen Stellung ^91. + +———————————————————————- + +^88 Zum Beispiel Archon, Grammateus, Proedros, Syndikos, Dekaprotoi. + +^89 Dies lehrt die Inschrift von Palmyra CIG 4491, 4492 = Waddington +2600 = Vogue 22, diesem Hairanes im Jahre 251 gesetzt von einem +Soldaten der in Arabien stehenden Legion. Sein Titel ist griechisch ο +λαμπρότατος συνκλητικός εξάρχος (= princeps) Παλμυρηνών, palmyrenisch +“erlauchter Senator, Haupt von Thadmor”. Die Grabschrift (CIG 4507 = +Waddington 2621 = Vogue 21) des Vaters des Hairanes, Septimios +Odaenathos, Sohnes des Hairanes, Enkels des Vaballathos, Urenkels des +Nassoros, gibt auch ihm schon senatorischen Rang. + +^90 Allerdings wird der Vater dieses Odaenathos nirgends genannt; aber +es ist so gut wie sicher, daß er der Sohn des eben genannten Hairanes +ist und den Namen von seinem Großvater führt. Auch Zosimus (hist. 1, +39) nennt ihn einen von den Vorfahren her von der Regierung +ausgezeichneten Palmyrener (άνδρα Παλμυρηνόν καί εκ προγόνων τής παρά +τών βασιλέων αξιωθέντα τίμης). + +^91 In der Inschrift Waddington 2603 = Vogue 23, die die Zunft der +Gold- und Silberarbeiter von Palmyra im Jahre 257 dem Odaenathos setzt, +heißt es ο λαμπρότατος υπατικός, also vir consularis, und griechisch +δεσπότης, syrisch mβran. Die erstere Bezeichnung ist kein Amtstitel, +sondern eine Angabe der Rangklasse; so steht vir consularis nicht +selten hinter dem Namen ganz wie vir clarissimus (CIL X., p. 1117 und +sonst) und findet sich ο λαμπρότατος υπατικός neben und vor +verschiedenartigen Amtstiteln, zum Beispiel dem des Prokonsuls von +Afrika (CIG 2979 wo λαμπρότατος fehlt), des kaiserlichen Legaten von +Pontus und Bithynien (CIG 3747 3748, 3771) und von Palästina (CIG +4151), des Statthalters von Lykien und Pamphylien (CIG 4272); erst in +nachkonstantinischer Zeit wird es mit dem Namen der Provinz verbunden +als Amtstitel verwendet (z. B. CIG 2596, 4266 e). Hieraus ist also für +die Rechtsstellung des Odaenathos nichts zu entnehmen. Ebenso darf in +der syrischen Bezeichnung des Herrn nicht gerade der Herrscher gefunden +werden; sie wird auch einem Prokurator gegeben (Waddington 2606 = Vogue +25). + +———————————————————————- + +Nicht minder bildete Palmyra einen abgeschlossenen Zollbezirk, in +welchem die Zölle nicht von Staats-, sondern von Gemeindewegen +verpachtet wurden ^92. + +———————————————————————- + +^92 Syrien bildete in der Kaiserzeit ein eigenes Reichszollgebiet und +es ward der Reichszoll nicht bloß an der Küste, sondern auch an der +Euphratgrenze, insonderheit bei Zeugma erhoben. Daraus folgt mit +Notwendigkeit, daß auch weiter südwärts, wo der Euphrat nicht mehr in +römischer Gewalt war, an der römischen Ostgrenze ähnliche Zölle +eingerichtet waren. Nun hat ein Beschluß des Rats von Palmyra vom Jahre +137 gelehrt, daß die Stadt und ihr Gebiet einen eigenen Zollbezirk +bildeten und von allen ein- oder ausgehenden Waren zu Gunsten der Stadt +der Zoll erhoben ward. Daß dies Gebiet außerhalb des Reichszolles +stand, ist wahrscheinlich, einmal weil, wenn eine das palmyrenische +Gebiet einschließende Reichszollinie bestanden hätte, deren Erwähnung +in jener ausführlichen Verfügung nicht wohl fehlen könnte: zweitens +weil eine von den Reichszollinien eingeschlossene Gemeinde des Reiches +schwerlich das Recht gehabt hat, an ihrer Gebietsgrenze in diesem +Umfang Zölle zu erheben. Man wird also in der Zollerhebung der Gemeinde +Palmyra dieselbe Sonderstellung zu erkennen haben, welche ihr in +militärischer Hinsicht beigelegt werden muß. Vielleicht ist ihr dagegen +zu Gunsten der Reichskasse eine Auflage gemacht worden, etwa die +Ablieferung einer Quote des Zollertrages oder auch ein erhöhter Tribut. +Ähnliche Einrichtungen wie für Palmyra mögen auch für Bostra und Petra +bestanden haben; denn zollfrei sind die Waren sicher auch hier nicht +eingegangen und nach Plin. nat. 12, 14, 65 scheint von dem arabischen, +über Gaza ausgehenden Weihrauch Reichszoll nur in Gaza an der Küste +erhoben zu sein. Die Trägheit der römischen Verwaltung ist stärker als +die Fiskalität; sie mag die unbequemen Landgrenzzölle öfter von sich +auf die Gemeinden abgewälzt haben. + +—————————————————————————- + +Die Bedeutung Palmyras ruht auf dem Karawanenverkehr. Die Häupter der +Karawanen (συνοδιάρχαι), welche von Palmyra nach den großen Entrepôts +am Euphrat gingen, nach Vologasias, der schon erwähnten parthischen +Gründung unweit der Stätte des alten Babylon, und nach Forath oder +Charax Spasinu, Zwillingsstädten an der Mündung nahe am Persischen +Meerbusen, erscheinen in den Inschriften als die angesehensten +Stadtbürger ^93 und bekleiden nicht bloß die Ämter ihrer Heimat, +sondern zum Teil Reichsämter; auch die Großhändler (αρχέμποροι) und die +Zunft der Gold- und Silberarbeiter zeugen von der Bedeutung der Stadt +für den Handel und die Fabrikation, nicht minder für ihren Wohlstand +die noch heute stehenden Tempel der Stadt und die langen Säulenreihen +der städtischen Hallen so wie die massenhaften reich verzierten +Grabmäler. Dem Feldbau ist das Klima wenig günstig - der Ort liegt nahe +an der Nordgrenze der Dattelpalme und führt nicht von dieser seinen +griechischen Namen; aber es finden sich in der Umgegend die Reste +großer unterirdischer Wasserleitungen und ungeheurer, künstlich aus +Quadern angelegter Wasserreservoirs, mit deren Hilfe der jetzt aller +Vegetation bare Boden einst eine reiche Kultur künstlich entwickelt +haben muß. Dieser Reichtum und diese auch in der Römerherrschaft nicht +ganz beseitigte nationale Eigenart und administrative Selbständigkeit +erklären einigermaßen Palmyras Rolle um die Mitte des dritten +Jahrhunderts in der großen Krise, zu deren Darlegung wir jetzt uns +zurückwenden. + +——————————————————————— + +^93 Diese Karawanen (συνοδίαι) erscheinen auf den palmyrenischen +Inschriften als feste Genossenschaften, die dieselben Fahrten ohne +Zweifel in bestimmten Intervallen unter ihrem Vormann (συνοδιάρχης, +Waddington 2589, 2590, 2596) unternehmen; so setzen einem solchen eine +Bildsäule “die mit ihm nach Vologesias hinab gegangenen Kaufleute” (οι +σύν αυτώ κατελθόντες εις Ολογεσιάδα ένποροι, Waddington 2599 vom Jahre +247) oder “herauf von Forath (vgl. Plin. nat. 6, 28, 145) und +Vologasias” (οι συναναβάντες μετ' αυτού έμποροι από Φοράθου κέ +Ολογασιάδος, Waddington 2589 vom Jahre 142) oder “herauf von Spasinu +Charax” (οι σύν αυτώ αναβάντες από Στασίνου Χάρακος, Waddington 2596 +vom Jahre 193; ähnlich 2590 vom Jahre 155). Alle diese Führer sind +vornehme, mit Ahnenreihen ausgestattete Männer; ihre Ehrendenkmäler +stehen in der großen Kolonnade neben denen der Königin Zenobia und +ihrer Familie. Besonders merkwürdig ist einer derselben, Septimius +Vorodes, von dem es eine Reihe von Ehrenbasen aus den Jahren 2b2-267 +gibt (Waddington 2606-2610); auch er war Karawanenhaupt (ανακομισάντα +τής συνοδίας εκ τών ιδίων καί μαρθυρηθέντα υπό τών αρχεμπόρων, +Waddington 2606 a; also bestritt er die Kosten der Rückreise für die +ganze Begleitung und wurde wegen dieser Freigebigkeit von den +Großhändlern öffentlich belobt). Aber er bekleidete auch nicht bloß die +städtischen Ämter des Strategen und Agoranomen, sondern war sogar +kaiserlicher Prokurator zweiter Klasse (ducenarius) und Argapetes (Anm. +102). + +——————————————————————— + +Nachdem Kaiser Decius im Jahre 251 gegen die Goten in Europa gefallen +war, überließ die Regierung des Reiches, wenn es überhaupt damals ein +Reich und eine Regierung noch gab, den Osten völlig seinem Schicksal. +Während die Piraten vom Schwarzen Meer her weit und breit die Küsten +und selbst das Binnenland verheerten, ging auch der Perserkönig Sapor +wieder angriffsweise vor. Wenn sein Vater sich damit begnügt hatte, +sich den Herrn von Iran zu nennen, so hat er zuerst wie nach ihm die +folgenden Herrscher sich bezeichnet als den Großkönig von Iran und +Nicht-Iran und damit gleichsam das Programm seiner Eroberungspolitik +hingestellt. Im Jahre 252 oder 253 besetzte er Armenien, oder es +unterwarf sich ihm freiwillig, ohne Zweifel mitergriffen von jenem +Aufflammen des alten Perserglaubens und Perserwesens; der rechtmäßige +König Tiridates suchte Zuflucht bei den Römern, die übrigen Glieder des +königlichen Hauses stellten sich unter die Fahnen des Persers ^94. +Nachdem also Armenien persisch geworden war, überschwemmten die Scharen +der Orientalen Mesopotamien, Syrien und Kappadokien; sie verwüsteten +weit und breit das platte Land, aber die Bewohner der größeren Städte +wiesen den Angriff der auf Belagerung wenig eingerichteten Feinde ab, +voran die tapferen Edessener. Im Okzident war inzwischen wenigstens +eine anerkannte Regierung hergestellt worden. Der Kaiser Publius +Licinius Valerianus, ein rechtschaffener und wohlgesinnter Herrscher, +aber kein entschlossener und schwierigen Verhältnissen gewachsener +Charakter, erschien endlich im Osten und begab sich nach Antiocheia. +Von da aus ging er nach Kappadokien, das die persischen Streif scharen +räumten. Aber die Pest dezimierte sein Heer, und er zögerte lange, den +entscheidenden Kampf in Mesopotamien aufzunehmen. Endlich entschloß er +sich, dem schwer bedrängten Edessa Hilfe zu bringen, und überschritt +mit seinen Scharen den Euphrat. Hier, unweit Edessa, trat die +Katastrophe ein, welche für den römischen Orient ungefähr das zu +bedeuten hat, was für den Okzident der Sieg der Goten an der +Donaumündung und der Fall des Decius: die Gefangennahme des Kaisers +Valerianus durch die Perser (Ende 259 oder Anfang 260) ^95. Über die +näheren Umstände gehen die Berichte auseinander. Nach der einen Version +wurde er, als er mit einer schwachen Schar versuchte, nach Edessa zu +gelangen, von den weit überlegenen Persern umzingelt und gefangen. Nach +einer andern gelangte er, wenn auch geschlagen, in die belagerte Stadt, +fürchtete aber, da er keine ausreichende Hilfe brachte und die +Lebensmittel nur um so rascher zu Ende gingen, den Ausbruch einer +Militärinsurrektion und lieferte sich darum freiwillig dem Feind in die +Hände. Nach einer dritten knüpfte er, aufs äußerste bedrängt, +Verhandlungen wegen der Übergabe Edessas mit Sapor an; da der +Perserkönig es ablehnte, mit Gesandten zu verhandeln, erschien er +persönlich im feindlichen Lager und ward wortbrüchigerweise zum +Gefangenen gemacht. + +——————————————————————- + +^94 Nach dem griechischen Bericht (Zon. 12, 21) flüchtet König +Tiridates zu den Römern, seine Söhne aber treten auf die Seite der +Perser; nach dem armenischen wird König Chosroes von seinen Brüdern +ermordet und des Chosroes Sohn Tiridates zu den Römern geflüchtet +(Gutschmid ZDMG 31, 1877, S. 48). Vielleicht ist der letztere +vorzuziehen. + +^95 Den einzigen festen chronologischen Anhalt geben die +alexandrinischen Münzen, nach welchen Valerianus zwischen 29. August +259 und 28. August 260 gefangen ward. Daß er nach seiner Gefangennahme +nicht mehr als Kaiser galt, erklärt sich, da die Perser ihn zwangen, +seinen ehemaligen Untertanen Befehle in ihrem Interesse zu erteilen +(Dio Forts. fr. 3). + +——————————————————————- + +Welche immer von diesen Erzählungen der Wahrheit am nächsten kommen +mag, der Kaiser ist in feindlicher Gefangenschaft gestorben ^96, und +die Folge dieser Katastrophe war der Verlust des Orients an die Perser. +Vor allem Antiocheia, die größte und reichste Stadt des Ostens, geriet +zum ersten Mal, seit sie römisch war, in die Gewalt des Landesfeindes, +und zum guten Teil durch die Schuld der eigenen Bürger. Ein vornehmer +Antiochener, Mareades, den wegen unterschlagener öffentlicher Gelder +der Rat ausgestoßen hatte, führte die persische Armee nach seiner +Vaterstadt; mag es auch Fabel sein, daß die Bürgerschaft im Theater +selbst von den anrückenden Feinden überrascht ward, daran ist kein +Zweifel, daß sie nicht bloß keinen Widerstand leistete, sondern ein +großer Teil der niederen Bevölkerung, teils mit Rücksicht auf Mareades, +teils in der Hoffnung auf Anarchie und Raub, das Eindringen der Perser +gern sah. So wurde die Stadt mit allen ihren Schätzen die Beute des +Feindes und entsetzlich in derselben gehaust, freilich auch Mareades, +wir wissen nicht warum, von König Sapor zum Feuertode verurteilt ^97. +Das gleiche Schicksal erlitten außer zahllosen kleineren Ortschaften +die Hauptstädte von Kilikien und Kappadokien, Tarsos und Caesarea, +letztere angeblich eine Stadt von 400000 Einwohnern. Die endlosen Züge +der Gefangenen, die wie das Vieh einmal am Tage zur Tränke geführt +wurden, bedeckten die Wüstenstraßen des Ostens. Auf der Heimkehr sollen +die Perser, um eine Schlucht rascher zu überschreiten, sie mit den +Leibern der mitgeführten Gefangenen ausgefüllt haben. Glaublicher ist +es, daß der große “Kaiserdamm” (Bend-i-Kaiser) bei Sostra (Schuschter) +in Susiana, durch welchen noch heute das Wasser des Pasitigris den +höher gelegenen Gegenden zugeführt wird, von diesen Gefangenen gebaut +ward; wie ja auch Kaiser Neros Architekten die Hauptstadt von Armenien +bauen geholfen und überhaupt auf diesem Gebiet die Okzidentalen stets +ihre Überlegenheit behauptet haben. Auf eine Gegenwehr des Reiches +stießen die Perser nirgends; aber Edessa hielt sich noch immer, und +auch Caesarea hatte sich tapfer verteidigt und war nur durch Verrat +gefallen. Die örtliche Gegenwehr ging allmählich hinaus über die Abwehr +hinter den städtischen Wällen, und die durch die weite Ausdehnung des +eroberten Gebiets herbeigeführte Auflösung der persischen Haufen war +dem kühnen Parteigänger günstig. Einem selbstbestellten römischen +Führer, Kallistos ^98, gelang ein glücklicher Handstreich: mit den +Schiffen, die er in den kilikischen Häfen zusammengebracht hatte, fuhr +er nach Pompeiopolis, das die Perser eben belagerten, während sie +gleichzeitig Lykaonien brandschatzten, erschlug mehrere Tausend Mann +und bemächtigte sich des königlichen Harems. Dies bestimmte den König, +unter dem Vorwand einer nicht aufzuschiebenden Festfeier, sofort nach +Hause zu gehen, in solcher Eile, daß er, um nicht aufgehalten zu +werden, von den Edessenern freien Durchzug durch ihr Gebiet gegen alles +von ihm erbeutete römische Goldgeld erkaufte. Den von Antiocheia +heimkehrenden Scharen brachte der Fürst von Palmyra, Odaenathos, bevor +sie den Euphrat überschritten, empfindliche Verluste bei. Aber kaum war +die dringendste Persergefahr beseitigt, als unter den sich selbst +überlassenen Heerführern des Ostens zwei der namhaftesten, der die +Kasse und das Depot der Armee in Samosata verwaltende Offizier Fulvius +Macrianus ^99 und der oben genannte Kallistos, dem Sohne und +Mitregenten und jetzt alleinigen Herrscher Gallienus, für den freilich +der Osten und die Perser nicht da waren, den Gehorsam aufkündigten und, +selbst die Annahme des Purpurs verweigernd, die beiden Söhne des +ersteren Fulvius Macrianus und Fulvius Quietus zu Kaisern ausriefen +(261). Dies Auftreten der beiden angesehenen Feldherrn bewirkte, daß in +Ägypten und im ganzen Osten, mit Ausnahme von Palmyra, dessen Fürst für +Gallienus eintrat, die beiden jungen Kaiser zur Anerkennung gelangten. +Der eine von ihnen, Macrianus, ging mit seinem Vater nach dem Westen +ab, um auch hier dies neue Regiment einzusetzen. Aber bald wandte sich +das Glück: in Illyricum verlor Macrianus, nicht gegen Gallienus, +sondern gegen einen anderen Prätendenten, Schlacht und Leben. Gegen den +in Syrien zurückgebliebenen Bruder wandte sich Odaenathos; bei Hemesa, +wo die Heere aufeinandertrafen, antworteten die Soldaten des Quietus +auf die Aufforderung, sich zu ergeben, daß sie alles eher über sich +ergehen lassen würden, als einem Barbaren sich in die Hände zu liefern. +Nichtsdestoweniger verriet der Feldherr des Quietus, Kallistos, seinen +Herrn an den Palmyrener ^100, und also endete auch dessen kurzes +Regiment. + +——————————————————————————- + +^96 Die besseren Berichte wissen nur davon, daß Valerianus in +persischer Gefangenschaft starb. Daß Sapor ihn beim Besteigen des +Pferdes als Schemel benutzte (Lact. mort. pers. 5; Oros. hist. 7, 22, +4; Aur. Vict. epit. 33) und schließlich ihn schinden ließ (Lact. +a.a.O.; Agathias 4, 23; Cedrenus p. 454), ist eine christliche +Erfindung, die Vergeltung für die von Valerian angeordnete +Christenverfolgung. + +^97 Die Tradition, wonach Mareades (so Amm. 23, 5, 3; Mariades Malalas +12 p. 295; Mariadnes Forts. des Dio fr. 1) oder, wie er hier heißt, +Cyriades sich zum Augustus ausrufen ließ (vit. trig. tyr. 1), ist +schwach beglaubigt; sonst könnte darin wohl die Veranlassung gefunden +werden, weshalb Sapor ihn hinrichten ließ. + +^98 Kallistos heißt er in der einen wohl auf Dexippus zurückgehenden +Überlieferung bei Synkellos p. 716 und Zon. 12, 23, dagegen Ballista in +den Kaiserbiographien und bei Zon. 12, 24. + +^99 Er war nach dem zuverlässigsten Bericht procurator summarum (επί +τών καθόλου λόγων βασιλέως: Dionysios bei Eus. 7, 10, 5), also +Finanzminister mit Ritterrang; der Fortsetzer des Dio (fr. 3 Müll.) +drückt dies in der Sprache der späteren Zeit aus mit κόμης τών θησαυρών +καί εφεστώς τή αγορά τού σίτου. + +^100 Wenigstens nach dem Bericht, der den Kaiserbiographien zu Grunde +liegt (vita Gallieni 3 und sonst). Nach Zon. 12, 24, dem einzigen +Schriftsteller, der außerdem das Ende des Kallistos erwähnt, ließ +Odaenathos denselben töten. + +——————————————————————————- + +Damit tritt Palmyra im Orient an den ersten Platz. Gallienus, durch die +Barbaren des Westens und die überall dort ausbrechenden +Militärinsurrektionen mehr als ausreichend beschäftigt, gab dem Fürsten +von Palmyra, der in der eben erzählten Krise allein ihm die Treue +bewahrt hatte, eine beispiellose, indes unter den obwaltenden Umständen +wohl erklärliche Ausnahmestellung: er wurde als Erbfürst oder, wie er +jetzt heißt, König von Palmyra zugleich zwar nicht Mitherrscher, aber +selbständiger Statthalter des Kaisers für den Osten ^101. Die örtliche +Verwaltung von Palmyra führte unter ihm ein anderer Palmyrener, +zugleich als kaiserlicher Prokurator und als sein Stellvertreter ^102. +Somit lag die gesamte Reichsgewalt, soweit sie überhaupt im Osten noch +bestand, in der Hand des “Barbaren”, und so rasch wie glänzend stellte +dieser mit seinen Palmyrenern, welche durch die Trümmer der römischen +Heerkörper und das Aufgebot des Landes verstärkt wurden, die Herrschaft +Roms wieder her. Asien und Syrien waren schon vom Feinde geräumt. +Odaenathos ging über den Euphrat, machte endlich den tapferen +Edessenern Luft und nahm den Persern die eroberten Städte Nisibis und +Karrhä wieder ab (264). Wahrscheinlich ist auch Armenien damals wieder +unter römische Botmäßigkeit zurückgebracht worden ^103. Sodann ergriff +er, zuerst wieder seit Gordianus, die Offensive gegen die Perser und +marschierte auf Ktesiphon. In zwei verschiedenen Feldzügen wurde die +Hauptstadt des Persischen Reiches von ihm umstellt und die Umgegend +verheert, mit den Persern unter den Mauern derselben glücklich +gefochten ^104. Selbst die Goten, deren Raubzüge bis in das Binnenland +sich erstreckten, wichen zurück, als er nach Kappadokien aufbrach. Eine +Machtentwicklung dieser Art war ein Segen für das bedrängte Reich und +zugleich eine ernste Gefahr. Odaenathos beobachtete freilich gegen den +römischen Oberherrn alle schuldigen Formen und sandte die gefangenen +feindlichen Offiziere und die Beutestücke nach Rom an den Kaiser, der +es nicht verschmähte, daraufhin zu triumphieren; aber in der Tat war +der Orient unter Odaenathos nicht viel weniger selbständig als der +Westen unter Postumus, und es begreift sich, daß die römisch gesinnten +Offiziere dem palmyrenischen Vizekaiser Opposition machten ^105 und +einerseits die Rede ist von Versuchen des Odaenathos, sich den Persern +anzuschließen, die nur an Sapors Übermut gescheitert sein sollen ^106, +andererseits Odaenathos’ Ermordung in Hemesa im Jahre 266/67 auf +Anstiften der römischen Regierung zurückgeführt ward ^107. Indes der +eigentliche Mörder war ein Brudersohn des Odaenathos und Beweise für +die Beteiligung der Regierung liegen nicht vor. Auf jeden Fall änderte +das Verbrechen in der Lage der Dinge nichts. Die Gattin des +Verstorbenen, die Königin Bat Zabbai oder griechisch Zenobia, eine +schöne und kluge Frau von männlicher Tatkraft ^108, nahm kraft des +erblichen Fürstenrechts für ihren und Odaenathos’ noch im Knabenalter +stehenden Sohn Vaballathos oder Athenodoros ^109 - der ältere, Herodes, +war mit dem Vater umgekommen - die Stellung des Verstorbenen in +Anspruch und drang in der Tat damit sowohl in Rom wie im Orient durch; +die Regierungsjahre des Sohnes werden gezählt vom Tode des Vaters. Für +den nicht regierungsfähigen Sohn trat die Mutter in Rat und Tat ein +^110, und sie beschränkte sich auch nicht darauf, den Besitzstand zu +wahren, sondern ihr Mut oder ihr Übermut strebten nach der Herrschaft +über das gesamte Reichsgebiet griechischer Zunge. In dem Kommando über +den Orient, welches dem Odaenathos übertragen und von ihm auf seinen +Sohn vererbt war, mag wohl dem Rechte nach die Obergewalt über +Kleinasien und Ägypten mitbegriffen gewesen sein; aber tatsächlich +hatte Odaenathos nur Syrien und Arabien und etwa noch Armenien, +Kilikien, Kappadokien in der Gewalt gehabt. Jetzt forderte ein +einflußreicher Ägypter, Timagenes, die Königin auf, Ägypten zu +besetzen; dem entsprechend entsandte sie ihren Oberfeldherrn Zabdas mit +einem Heer, angeblich 70000 Mann, an den Nil. Das Land widersetzte sich +energisch; aber die Palmyrener schlugen das ägyptische Aufgebot und +bemächtigten sich Ägyptens. Ein römischer Admiral, Probus, versuchte +sie wieder zu vertreiben und überwand sie auch, so daß sie nach Syrien +aufbrachen; aber als er ihnen bei dem ägyptischen Babylon unweit +Memphis den Weg zu verlegen suchte, wurde er durch die bessere +Ortskunde des palmyrenischen Feldherrn Timagenes geschlagen und gab +sich selber den Tod ^111. Als um die Mitte des Jahres 270 nach Kaiser +Claudius’ Tode Aurelianus an seine Stelle trat, geboten die Palmyrener +über Alexandreia. Auch in Kleinasien machten sie Anstalt, sich +festzusetzen; ihre Besatzungen waren bis nach Ankyra in Galatien +vorgeschoben und selbst in Kalchedon, Byzanz gegenüber; hatten sie +versucht, die Herrschaft ihrer Königin zur Geltung zu bringen. Alles +dies geschah, ohne daß die Palmyrener der römischen Regierung absagten, +ja wahrscheinlich in der Weise, daß das von der römischen Regierung dem +Fürsten von Palmyra übertragene Regiment des Ostens auf diese Weise +verwirklicht ward und man die römischen Offiziere, die sich der +Ausdehnung der palmyrenischen Herrschaft widersetzten, der Auflehnung +gegen die kaiserlichen Anordnungen zieh; die in Alexandreia +geschlagenen Münzen nennen Aurelianus und Vaballathos nebeneinander und +geben nur dem ersteren den Augustustitel. Der Sache nach löste freilich +hier der Osten sich vom Reiche ab, und in Ausführung einer dem elenden +Gallienus durch die Not abgezwungenen Anordnung wurde dasselbe +gehälftet. + +——————————————————————— + +^101 Daß Odaenathos so wie nach ihm sein Sohn Vaballathos (abgesehen +natürlich von der Zeit nach dem Bruche mit Aurelianus) keineswegs +Augusti waren (wie die vita Gallieni 12 fälschlich angibt), zeigt +sowohl das Fehlen des Augustusnamens auf den Münzen wie auch der nur +für einen Untertan mögliche Titel v(ir) c(onsularis) = υ(πατικός), den +wie der Vater (Anm. 91) so auch der Sohn noch führt. Die +Statthalterstellung wird auf den Münzen des Sohnes mit im(perator) +d(ux) R(omanorum) = αυτ(οκράτωρ) σ(τρατηγός) bezeichnet; +übereinstimmend damit sagen Zonaras (12, 23 und abermals 12, 24) und +Synkellos (p. 716), daß Gallienus den Odaenathos wegen eines Sieges +über die Perser und den Ballista zum στρατηγός τής εώασ oder πάσης +ανατολής; bestellte; der Biograph des Gallienus c. 10, daß er obtinuit +totius Orientis imperium. Damit werden alle asiatischen Provinzen und +Ägypten gemeint sein das hinzugefügte imperator = αυτοκράτωρ (vgl. vit. +trig. tyr. 15, 6; post reditum de Perside - Herodes des Odaenathos Sohn +- cum patre imperator est appellatus) soll ohne Zweifel die von der +gewöhnlichen statthalterlichen verschiedene, freiere Handhabung der +Gewalt ausdrücken. + +Dazu tritt weiter der jetzt förmlich angenommene Titel seines Königs +von Palmyra (trig. tyr.15, 2: adsumpto nomine regalι), welchen auch der +Sohn nicht auf den ägyptischen, aber wohl auf den syrischen Münzen +führt. Daß Odaenathos in einer im August 271, also nach seinem Tode und +während des Krieges der Seinigen mit Aurelian gesetzten Inschrift +wahrscheinlich melekh malke, “König der Könige” heißt (Vogue 28), +gehört zu den revolutionären Demonstrationen dieses Zeitraumes und +macht für die frühere Zeit keinen Beweis. + +^102 Die zahlreichen Inschriften des Septimius Vorodes, gesetzt in den +Jahren 262 bis 267 (Waddington 2606-2610), also bei Lebzeiten +Odaenaths, bezeichnen ihn sämtlich als kaiserlichen Prokurator zweiter +Klasse (ducenarius), daneben aber teils mit dem Titel αργαπέτης, +welches persische, aber auch bei den Juden gangbare Wort “Burgherr”, +“Vizekönig” bedeutet (Levy, ZDMG 18, 1864, S. 90; Nöldeke, das. 24, +1869, S. 107), teils als δικαιοδότης τής μητροπολωνίας, was ohne +Zweifel, wenn nicht sprachlich, so doch sachlich dasselbe Amt ist. +Vermutlich ist darunter dasjenige zu verstehen, weshalb Odaenaths Vater +das “Haupt von Thadmor” heißt (Anm. 89): der für das Kriegsrecht wie +für die Rechtspflege kompetente Einzelvorsteher von Palmyra; nur daß, +seit der erweiterten Stellung Odaenaths, dieser Posten als Unteramt von +einem Manne ritterlichen Ranges bekleidet wird. Der Vermutung Sachaus +(ZDMG 35, 1881, S. 738), daß dieser Vorodes der “Wurud” einer +Kupfermünze aus hiesigen Kabinetts und beide mit dem zugleich mit dem +Vater umgebrachten älteren Sohn des Odaenathos Herodes identisch seien, +stehen ernstliche Bedenken entgegen. Herodes und Orodes sind +verschiedene Namen (in der palmyrenischen Inschrift Waddington 2610 +stehen beide nebeneinander); der Sohn eines Senators kann nicht füglich +ein Ritteramt bekleiden; ein mit seinem Bildnis münzender Prokurator +ist selbst für diese exzeptionellen Verhältnisse nicht denkbar. +Wahrscheinlich ist die Münze überhaupt nicht palmyrenisch. “Sie ist”, +schreibt mir v. Sallet, “wahrscheinlich älter als Odaenathos und gehört +wohl einem Arsakiden des 2. Jahrhunderts n. Chr.; sie zeigt einen Kopf +mit einem dem sassanidischen ähnlichen Kopfputz; die Rückseite, S C im +Lorbeerkranz, scheint den Münzen von Antiocheia nachgeahmt.” Wenn +später, nach dem Bruch mit Rom im Jahre 271, in einer Inschrift von +Palmyra (Waddington 2611) zwei Feldherren der Palmyrener unterschieden +werden, ο μέγας στρατηλάτησ, der auch geschichtlich bekannte Zabdas, +und ο ενθάδε στρατηλάτησ Zabbaeos, so ist der letztere vermutlich eben +der Argapetes. + +^103 Dafür spricht die Sachlage; Zeugnisse fehlen. In den +Kaiserbiographien dieser Epoche pflegen die Armenier unter den von Rom +unabhängigen Grenzvölkern aufgeführt zu werden (Val. Max. 6; vit. trig. +tyr. 30, 7, 18; Aur. Vict. 11, 27, 28, 41); aber dies gehört zu ihren +völlig unzuverlässigen, dekorativen Bestandteilen. + +^104 Dieser bescheidenere Bericht (Eutr. 9, 10; vita Gall. 10; vit. +trig. tyr. 15, 4; Zos. hist. 1, 39, der allein die zweimalige +Expedition bezeugt) wird dem, der die Einnahme der Stadt meldet +(Synkellos p. 716), vorgehen müssen. + +^105 Dies zeigen die Erzählungen über den Carinus (Dios Forts. p. 8) +und über den Rufinus (Anm. 107). Daß nach Odaenathos’ Tode ein auf +Gallienus’ Geheiß gegen die Perser agierender Feldherr, Heraclianus von +Zenobia, angegriffen und überwunden ward (vita Gall. 13, 5), ist an +sich nicht unmöglich, da ja die Fürsten von Palmyra das Oberkommando im +ganzen Osten von Rechts wegen besaßen und eine solche Aktion, auch wenn +sie von Gallienus veranlaßt war, behandelt werden konnte als dagegen +verstoßend, und es würde dies das gespannte Verhältnis deutlich +bezeichnen; aber der Gewährsmann ist so schlecht, daß darauf wenig zu +geben ist. + +^106 Das lehrt die charakteristische Erzählung des Petrus fr. 10, +welches vor fr. 11 zu stellen ist. + +^107 Die Erzählung des Fortsetzers des Dio fr. 7, daß der alte +Odaenathos als des Hochverrats verdächtig von einem (sonst nicht +erwähnten) Rufinus getötet und der jüngere, als er diesen bei dem +Kaiser Gallienus verklagt habe, auf die Erklärung des Rufinus, daß der +Kläger das gleiche Schicksal verdiene, abgewiesen sei, kann so, wie sie +liegt, nicht richtig sein. Aber Waddingtons Vorschlag, dem Gallienus +den Gallus zu substituieren und in dem Kläger den Gatten Zenobias zu +erkennen, ist nicht statthaft, da der Vater dieses Odaenathos Hairanes +war, bei diesem für eine derartige Exekution gar kein Grund vorliegt +und das Exzerpt in seiner ganzen Beschaffenheit unzweifelhaft auf +Gallienus geht. Vielmehr wird der alte Odaenathos der Gemahl der +Zenobia sein und der Schriftsteller dem Vaballathos, auf dessen Namen +geklagt ward, irrig den Vaternamen beigelegt haben. + +^108 Alle Einzelheiten, die in unseren Erzählungen über die Zenobia +umlaufen, stammen aus den Kaiserbiographien; und wiederholen wird sie +nur, wer diese Quelle nicht kennt. + +^109 Den Namen Vaballathos geben, außer den Münzen und den Inschriften, +Pol. Silv. chron. p. 243 meiner Ausgabe und der Biograph des Aurelianus +c. 38, indem er die Angabe, daß Odaenathos zwei Söhne, Timolaus und +Herennianus, hinterlassen habe, als unrichtig bezeichnet. In der Tat +scheinen diese beiden, lediglich in den Kaiserbiographien auftretenden +Personen nebst allem, was daran hängt, von dem Skribenten erfunden, auf +den die Durchfälschung dieser Biographien zurückgeht. Auch Zosimus +(hist. 1, 59) weiß nur von einem mit der Mutter in Gefangenschaft +geratenen Sohn. + +^110 Ob Zenobia für sich die formelle Mitregierung in Anspruch genommen +hat, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden. In Palmyra nennt sie sich +selbst noch nach dem Bruch mit Rom bloß βασιλίσση (Waddington 2611, +2628). Im übrigen Reich mag sie den Titel Augusta, Σεβάστη in Anspruch +genommen haben; denn wenn auch Münzen der Zenobia aus der Zeit vor dem +Bruch mit Rom fehlen, so kann doch einerseits die alexandrinische +Inschrift mit βασιλίσσης καί βασιλέως προσταξάντων (Eph. epigr. IV, p. +25 n. 33) keinen Anspruch machen auf offizielle Redaktion und gibt +andrerseits die Inschrift von Byblos CIG 4503 b = Waddington zu 2611 in +der Tat der Zenobia den Titel Σεβάστη neben Claudius oder Aurelian, +während sie denselben dem Vaballathos versagt. Dies ist auch insofern +begreiflich, als Augusta eine Ehren-, Augustus eine Amtsbezeichnung +ist, also dem Weibe wohl eingeräumt werden konnte, was man dem Mann +versagte. + +^111 So erzählt Zosimus (hist. 1, 44) den Hergang, mit dem Zonaras (12, +27) und Synkellos (p. 721) im wesentlichen stimmen. Der Bericht im +Leben des Claudius c. 11 ist mehr verschoben als eigentlich +widersprechend; die erste Hälfte ist nur durch die Nennung des Saba +angedeutet; die Erzählung beginnt mit dem erfolgreichen Versuch des +Timagenes, den Angriff des Probus (hier Probatus) abzuwehren. Was ich +darüber bei A. v. Sallet (Die Fürsten von Palmyra, Berlin 1866, S. 44) +aufgestellt habe, ist nicht haltbar. + +——————————————————————— + +Der kräftige und umsichtige Kaiser, dem jetzt die Herrschaft zugefallen +war, brach sofort mit der palmyrenischen Nebenregierung, was dann zur +Folge haben mußte und hatte, daß Vaballathos von den Seinen selber zum +Kaiser ausgerufen ward. Ägypten wurde schon im Ausgang des Jahres 270 +durch den tapferen Feldherrn Probus, den späteren Nachfolger Aurelians, +nach harten Kämpfen wieder zum Reiche gebracht ^112. Freilich zahlte +diesen Sieg die zweite Stadt des Reiches Alexandreia fast mit ihrer +Existenz, wie dies in einem folgenden Abschnitt dargelegt werden soll. +Schwieriger war die Bezwingung der entlegenen syrischen Oase. Alle +anderen orientalischen Kriege der Kaiserzeit sind hauptsächlich von +dort heimischen Reichstruppen geführt worden; hier, wo der Okzident den +abgefallenen Osten abermals zu unterwerfen hatte, schlugen wieder +einmal, wie in der Zeit der freien Republik, Okzidentalen gegen +Orientalen ^113, die Soldaten vom Rhein und der Donau mit denen der +syrischen Wüste. Gegen den Ausgang des Jahres 271, wie es scheint, +begann die gewaltige Expedition. Ohne auf Gegenwehr zu treffen, +gelangte das römische Heer bis an die Grenze von Kappadokien; hier +leistete die Stadt Tyana, die die kilikischen Pässe sperrte, +ernstlichen Widerstand. Nachdem sie gefallen war und Aurelian durch +milde Behandlung der Bewohner sich den Weg zu weiteren Erfolgen geebnet +hatte, überschritt er den Taurus und gelangte durch Kilikien nach +Syrien. Wenn Zenobia, wie nicht zu bezweifeln ist, auf tätige +Unterstützung von seiten des Perserkönigs gerechnet hatte, so fand sie +sich getäuscht. Der hochbetagte König Schapur griff nicht in diesen +Krieg ein und die Herrscherin des römischen Ostens blieb auf ihre +eigenen Streitkräfte angewiesen, von denen vielleicht auch noch ein +Teil auf die Seite des legitimen Augustus trat. In Antiocheia vertrat +die palmyrenische Hauptmacht unter dem Feldherrn Zabdas dem Kaiser den +Weg; auch Zenobia selbst war anwesend. Ein glückliches Gefecht gegen +die überlegene palmyrenische Reiterei am Orontes lieferte Aurelian die +Stadt in die Hände, welche nicht minder wie Tyana volle Verzeihung +empfing - gerechterweise erkannte er an, daß die Reichsuntertanen kaum +eine Schuld traf, wenn sie dem von der römischen Regierung selbst zum +Oberkommandanten bestellten palmyrenischen Fürsten sich gefügt hatten. +Die Palmyrener zogen ab, nachdem sie bei der Vorstadt von Antiocheia, +Daphne, ein Rückzugsgefecht geliefert hatten, und schlugen die große +Straße ein, die von der Hauptstadt Syriens nach Hemesa und von da durch +die Wüste nach Palmyra führt. Aurelianus forderte die Königin auf, sich +zu unterwerfen, hinweisend auf die namhaften in den Kämpfen am Orontes +erlittenen Verluste. Es seien das ja nur Römer, antwortete die Königin; +noch gaben die Orientalen sich nicht überwunden. Bei Hemesa ^114 +stellte sie sich zu der entscheidenden Schlacht. Sie war lang und +blutig; die römische Reiterei unterlag und löste flüchtend sich auf; +aber die Legionen entschieden und der Sieg blieb den Römern. +Schwieriger als der Kampf war der Marsch. Die Entfernung von Hemesa +nach Palmyra beträgt in gerader Richtung 18 deutsche Meilen, und wenn +auch in jener Epoche der hochgesteigerten syrischen Zivilisation die +Gegend nicht in dem Grade wüst war wie heutzutage, so bleibt der Zug +Aurelians dennoch eine bedeutende Leistung, zumal da die leichten +Reiter des Feindes das römische Heer auf allen Seiten umschwärmten. +Indes Aurelian gelangte zum Ziel und begann die Belagerung der festen +und wohl verproviantierten Stadt; schwieriger als diese selbst war die +Herbeiführung der Lebensmittel für das belagernde Heer. Endlich sank +der Fürstin der Mut, und sie entwich aus der Stadt, um Hilfe bei den +Persern zu suchen. Doch das Glück stand dem Kaiser weiter bei. Die +nachsetzenden römischen Reiter nahmen sie mit ihrem Sohne gefangen, als +sie eben am Euphrat angelangt das rettende Boot besteigen wollte, und +die durch ihre Flucht entmutigte Stadt kapitulierte (272). Aurelianus +gewährte auch hier wie in diesem ganzen Feldzug den unterworfenen +Bürgerschaften volle Verzeihung. Aber über die Königin und ihre Beamten +und Offiziere erging ein strenges Strafgericht. Zenobia verschmähte es +nicht, nachdem sie mit männlicher Tatkraft jahrelang die Herrschaft +geführt hatte, jetzt die Frauenprivilegien anzurufen und die +Verantwortung auf ihre Berater zu werfen, von denen nicht wenige, unter +ihnen der gefeierte Gelehrte Cassius Longinus, unter dem Henkerbeil +endigten. Sie selbst durfte in dem Triumphzug des Kaisers nicht fehlen, +und sie ging nicht den Weg Kleopatras, sondern zog in goldenen Ketten +zur Schau der römischen Menge vor dem Wagen des Siegers auf das +römische Kapitol. Aber bevor Aurelianus seinen Sieg feiern konnte, +hatte er ihn zu wiederholen. Wenige Monate nach der Übergabe erhoben +sich die Palmyrener abermals, erschlugen die kleine dort +garnisonierende römische Besatzung und riefen einen gewissen Antiochos +^115 zum Herrscher aus, indem sie zugleich versuchten, den Statthalter +von Mesopotamien, Marcellinus, zur Auflehnung zu bestimmen. Die Kunde +erreichte den Kaiser, als er eben den Hellespont überschritten hatte. +Er kehrte sofort um und stand, früher als es Freund oder Feind geahnt +hatte, abermals vor den Mauern der insurgierten Stadt. Die Empörer +waren darauf nicht gefaßt gewesen; es gab diesmal keine Gegenwehr, aber +auch keine Gnade. Palmyra wurde zerstört, das Gemeinwesen aufgelöst, +die Mauern geschleift, die Prunkstücke des herrlichen Sonnentempels in +den Tempel übertragen, den in Erinnerung an diesen Sieg der Kaiser dem +Sonnengott des Ostens in Rom erbaute. Nur die verlassenen Hallen und +Mauern blieben, wie sie zum Teil noch heute stehen. Das geschah im +Jahre 273 ^116. Die Blüte Palmyras war eine künstliche, erzeugt durch +die dem Handel gewiesenen Straßen und die großen dadurch bedingten +öffentlichen Bauten. Jetzt zog die Regierung von der unglücklichen +Stadt ihre Hand ab. Der Handel suchte und fand andere Bahnen; da +Mesopotamien damals als römische Provinz betrachtet ward und bald auch +wieder zum Reich kam, ebenfalls das Nabatäergebiet bis zu dem Hafen von +Aelana in römischer Hand war, so konnte diese Zwischenstation entbehrt +werden und mag der Verkehr sich dafür nach Bostra oder Beroea (Aleppo) +gezogen haben. Dem kurzen meteorartigen Aufleuchten Palmyras und seiner +Fürsten folgte unmittelbar die Öde und Stille, die seither bis auf den +heutigen Tag über dem kümmerlichen Wüstendorf und seinen +Kolonnadenruinen lagert. + +—————————————————————- + +^112 Die Zeitbestimmung beruht darauf, daß die Usurpationsmünzen des +Vaballathos schon in seinem fünften ägyptischen Regierungsjahr, das +heißt 29. August 270/71 aufhören; daß sie sehr selten sind, spricht für +den Anfang des Jahres. Damit stimmt wesentlich überein, daß die +Erstürmung des Prucheion (das übrigens kein Stadtteil war, sondern eine +Lokalität dicht bei der Stadt nach der Seite der großen Oase: Hier. +vita Hilar. 33, 34, vol. 2 p. 32 Vall.) von Eusebius in der Chronik in +das 1. Jahr des Claudius, von Ammian (22, 16, 15) unter Aurelian +gesetzt wird; der genaueste Bericht bei Eusebius (hist. eccl. 7, 32) +ist nicht datiert. Die Rückeroberung Ägyptens durch Probus steht nur in +der Biographie desselben (c. 9); sie kann so, wie sie erzählt wird, +verlaufen sein, aber möglich ist es auch, daß in dieser durch und durch +verfälschten Quelle die Timagenes-Geschichte mutatis mutandis auf den +Kaiser übertragen ist. + +^113 Das hat wohl der von Zosimus (hist. 1, 52) ausgezogene Bericht +über die Schlacht von Hemesa hervorheben wollen, indem er unter den +Truppen Aurelians die Dalmatiner, Möser, Pannonier, Noriker, Räter, +Mauretaner und die Garde aufzählt. Wenn er diesen die Truppen von Tyana +und einige Abteilungen aus Mesopotamien, Syrien, Phoenike, Palästina +zugesellt, so geht dies ohne Zweifel auf die kappadokischen +Besatzungen, die nach der Einnahme von Tyana sich angeschlossen hatten, +und auf einige bei dem Einrücken Aurelians in Syrien zu ihm +übergegangene römisch gesinnte Abteilungen der Armeen des Ostens. + +^114 Aus Versehen setzt Eutropius (9, 13) die entscheidende Schlacht +haud longe ab Antiochia; gesteigert ist dasselbe bei Rufius c. 24 (von +dem Hier. chron. a. Abr. 2289 abhängt) und bei Synkellos p. 721 durch +den Zusatz apud Immas, εν Ίμμαις, welcher 33 römische Meilen von +Antiocheia auf der Straße nach Chalkis zu liegende Ort von Hemesa weit +abliegt. Die beiden Hauptberichte bei Zosimus und dem Biographen +Aurelians stimmen in allem wesentlichen überein. + +^115 Diesen Namen haben Zos. hist. 1, 60 und Pol. Silv. chron. p. 243; +der Achilleus des Biographen Aurelians c. 31 scheint eine Verwechslung +mit dem Usurpator der diocletianischen Zeit. Daß gleichzeitig auch in +Ägypten ein Parteigänger der Zenobia und zugleich Räuberhauptmann +namens Firmus sich gegen die Regierung erhoben hat, ist wohl möglich, +beruht aber nur auf den Kaiserbiographien, und die hinzugefügten +Details klingen sehr bedenklich. + +^116 Die Chronologie dieser Ereignisse steht nicht völlig fest. Die +Seltenheit der syrischen Münzen Vaballaths als Augustus beweisen, daß +dem Bruch mit Aurelian (Ende 270) die Überwältigung bald nachfolgte. +Nach den datierten Inschriften des Odaenathos und der Zenobia vom +August 271 (Waddington 2611) stand damals die Herrschaft der Königin +noch aufrecht. Da eine Expedition dieser Art nach den klimatischen +Verhältnissen nicht wohl anders als im Frühling stattfinden kann, so +wird die erste Einnahme Palmyras im Frühjahr 272 erfolgt sein. Die +jüngste (bloß palmyrenische) Inschrift, die wir von da kennen (Vogue +116) ist vom August 272. In diese Zeit mag die Insurrektion fallen, die +zweite Einnahme und die Zerstörung etwa in den Frühling 273 (wonach 6, +154 A. zu berichtigen ist). + +—————————————————————- + +Das ephemere Reich von Palmyra ist in seinem Entstehen wie in seinem +Fall eng mit den Beziehungen der Römer zu dem nicht römischen Osten +verwachsen, aber nicht minder ein Stück der allgemeinen +Reichsgeschichte. Denn wie das Westreich des Postumus, so ist das +Ostreich der Zenobia eine jener Massen, in die damals das gewaltige +Ganze sich schien auflösen zu sollen. Wenn während seines Bestehens +seine Leiter dem Ansturm der Perser ernstlich Schranken zu setzen +versuchten, ja ihre Machtentwicklung eben darauf beruhte, so hat es bei +seinem Zusammenbrechen nicht bloß bei denselben Persern Rettung +gesucht, sondern wahrscheinlich sind infolge des Abfalls der Zenobia +Armenien und Mesopotamien den Römern verlorengegangen und hat auch nach +der Unterwerfung Palmyras der Euphrat wieder eine Zeitlang die Grenze +gemacht. An ihm angelangt, hoffte die Königin Aufnahme bei den Persern +zu finden; und über ihn hinüber die Legionen zu führen, unterließ +Aurelianus, da Gallien nebst Britannien und Spanien damals noch der +Regierung die Anerkennung verweigerten. Er und sein Nachfolger Probus +kamen nicht dazu, diesen Kampf aufzunehmen. Aber als im Jahre 282 nach +dem vorzeitigen Ende des letzteren die Truppen den nächsthöchsten +Befehlshaber Marcus Aurelius Carus zum Kaiser ausriefen, war es das +erste Wort des neuen Herrschers, daß die Perser dieser Wahl gedenken +sollten, und er hat es gehalten. Sogleich rückte er mit dem Heere in +Armenien ein und stellte dort die frühere Ordnung wieder her. An der +Landesgrenze kamen ihm persische Gesandte entgegen, die sich bereit +erklärten, alles Billige zu gewähren ^117; aber sie wurden kaum +angehört, und der Marsch ging unaufhaltsam weiter. Auch Mesopotamien +wurde abermals römisch und die parthischen Residenzstädte Seleukeia und +Ktesiphon einmal mehr von den Römern besetzt, ohne daß diese auf +nachhaltigen Widerstand getroffen wären, wozu der damals im Persischen +Reiche wütende Bruderkrieg das seinige beitrug ^118. Der Kaiser war +eben über den Tigris gegangen und im Begriff, in das Herz des +feindlichen Landes einzudringen, als er auf gewaltsame Weise, +vermutlich durch Mörderhand, den Tod und damit auch der Feldzug sein +Ende fand. Sein Nachfolger aber erlangte im Frieden die Abtretung von +Armenien und Mesopotamien ^119; obwohl Carus wenig über ein Jahr den +Purpur trug, wurde die Reichsgrenze des Severus durch ihn +wiederhergestellt. + +———————————————————————- + +^117 Es lehrt nichts für die Stellung der Armenier, daß in übrigens +durchaus apokryphen Schilderungen (vita Valer. 6; vita Aurel. 27, 28) +die Armenier nach der Katastrophe Valerians zu den Persern halten und +in der letzten Krise der Palmyrener als Bundesgenossen der Zenobia +neben den Persern erscheinen; beides sind selbstverständliche +Konsequenzen aus der allgemeinen Lage der Dinge. Daß Aurelian Armenien +so wenig wie Mesopotamien unterwarf, dafür spricht in diesem Falle +teils das Schweigen der Quellen, teils die Nachricht des Synesios +(regn. 17), daß Kaiser Carinus (vielmehr Carus) in Armenien hart an der +Grenze des persischen Gebiets eine persische Gesandtschaft kurzerhand +abgefertigt und, durch deren Bericht erschreckt, der junge Perserkönig +sich zu jeder Konzession bereit erklärt habe. Wie diese Erzählung auf +Probus bezogen werden kann, wie v. Gutschmid meint (ZDMG 31, 1877, S. +50), sehe ich nicht ein; zu Carus’ persischer Expedition dagegen paßt +sie recht gut. + +^118 Die Wiedereroberung Mesopotamiens berichtet nur der Biograph c. 8; +aber bei dem Ausbruch des Perserkrieges unter Diocletian ist dasselbe +römisch. Der inneren Unruhen im Perserreich wird ebendaselbst gedacht; +auch wird in einem im Jahre 289 gehaltenen Vortrag (Paneg. 3, 17) der +Krieg erwähnt, den gegen den König von Persien - es war dies Bahram II. +- der eigene Bruder Ormies oder vielmehr Hormizd führt adscitis Sacis +et Ruffis (?) et Gellis (vgl. Nöldeke, Tabari, S. 479). Wir haben +überhaupt über diesen wichtigen Feldzug nur einige abgerissene Notizen. + +^119 Das sagt deutlich Mamertinus (Paneg. 2, 7, vgl. 2, 10; 3, 6) in +der im Jahre 289 gehaltenen Rede: Syriam velut amplexu suo tegebat +Eupbrates antequam Diocletiano sponte (das heißt, ohne daß Diocletian +zu den Waffen zu greifen brauchte, wie dann weiter ausgeführt wird) se +dederent regna Persarum; ferner ein anderer Lobredner aus dem Jahre 296 +(Paneg. 5, 3): Partho ultra Tagrim reducto. Wendungen wie die bei Aur. +Vict. Caes. 39, 33, daß Galerius relictis finibus nach Mesopotamien +marschiert sei, oder daß Narseh nach Ruf. Fest. 25 im Frieden +Mesopotamien abtrat, können dagegen nicht geltend gemacht werden; +ebensowenig, daß orientalische Quellen die römische Besitznahme von +Nisibis in 609 Sel. = 297/98 n. Chr. setzen (Nöldeke, Tabari, S. 50). +Wäre dies richtig, so könnte der genaue Bericht über die +Friedensverhandlungen von 297 bei Petrus Patricius fr. 14 unmöglich von +der Abtretung Mesopotamiens schweigen und bloß der Regulierung des +Grenzverkehrs Erwähnung tun. + +———————————————————————- + +Einige Jahre darauf (293) bestieg ein neuer Herrscher, Narseh, des +Königs Schapur Sohn, den Thron von Ktesiphon, und erklärte im Jahre 296 +wegen des Besitzes von Mesopotamien und Armenien den Römern den Krieg +^120. Diocletianus, der damals die oberste Leitung wie des Reiches +überhaupt, so namentlich des Orients hatte, beauftragte mit der Führung +desselben seinen Reichsgehilfen Galerius Maximianus, einen rohen, aber +tapferen Feldherrn. Der Anfang war ungünstig. Die Perser fielen in +Mesopotamien ein und gelangten bis nach Karrhä; gegen sie führte der +Caesar die syrischen Legionen bei Nikephorion über den Euphrat; +zwischen diesen beiden Positionen stießen die Armeen aufeinander, und +die weit schwächere römische unterlag. Es war ein harter Schlag und der +junge Feldherr mußte schwere Vorwürfe über sich ergehen lassen; aber er +verzagte nicht. Für den nächsten Feldzug wurden aus dem ganzen Reich +Verstärkungen herangezogen und beide Regenten rückten persönlich in das +Feld; Diocletian nahm Stellung in Mesopotamien mit der Hauptmacht, +während Galerius, verstärkt durch die inzwischen herangezogenen +illyrischen Kerntruppen, mit einem Heer von 25000 Mann in Armenien dem +Feind entgegentrat und ihm eine entscheidende Niederlage beibrachte. +Das Lager und der Schatz, ja selbst der Harem des Großkönigs fielen den +Kriegern in die Hände, und mit Not entging Narseh selbst der +Gefangenschaft. Um nur die Frauen und die Kinder wieder zu erlangen, +erklärte der König sich bereit, auf jede Bedingung Frieden zu +schließen; sein Abgesandter Apharban beschwor den Römer, des Persers zu +schonen: die beiden Reiche, das Römische und das Persische, seien +gleichsam die beiden Augen der Welt und keines könne des anderen +entbehren. Es hätte in der Macht der Römer gestanden, ihren +orientalischen Provinzen eine mehr hinzuzufügen; der vorsichtige +Herrscher begnügte sich mit der Regulierung der Besitzverhältnisse im +Nordosten. Mesopotamien blieb selbstverständlich im römischen Besitz; +der wichtige Handelsverkehr mit dem benachbarten Ausland wurde unter +strenge staatliche Kontrolle gestellt und wesentlich nach der festen +Stadt Nisibis gewiesen, dem Stützpunkt der römischen Grenzwacht im +östlichen Mesopotamien. Als Grenze der unmittelbaren römischen +Herrschaft wurde der Tigris anerkannt, jedoch in der Ausdehnung, daß +das ganze südliche Armenien bis zum See Thospitis (Vansee) und zum +Euphrat, also das gesamte obere Tigristal zum Römischen Reich gehören +solle. Eigentliche Provinz ward dies Vorland von Mesopotamien nicht, +sondern nach der bisherigen Weise als römische Satrapie Sophene +verwaltet. Einige Dezennien später ward hier die starke Festung Amida +(Diarbekr) angelegt, seitdem die Hauptburg der Römer im Gebiet des +oberen Tigris. Zugleich ward die Grenze zwischen Armenien und Medien +neu reguliert und die Lehnsherrlichkeit Roms über jenes Land wie über +Iberien abermals bestätigt. Bedeutende Gebietsabtretungen legte der +Friede den Besiegten nicht auf, aber er stellte eine den Römern +günstige Grenze her, welche auf längere Zeit hinaus in diesen +vielumstrittenen Gebieten die beiden Reiche schied ^121. Die Politik +Traians erhielt damit ihre vollständige Durchführung; allerdings +verschob sich auch eben damals der Schwerpunkt der römischen Herrschaft +aus dem Westen nach dem Osten. + +———————————————————————- + +^120 Daß Narseh in das damals römische Armenien einbrach, sagt Amm. 23, +5, 11; für Mesopotamien folgt dasselbe aus Eutr. 9, 24. Noch am 1. März +296 bestand der Friede oder war doch die Kriegserklärung im Okzident +nicht bekannt (Paneg. 5, 10). + +^121 Die Differenzen in den ausnahmsweise guten Berichten namentlich +des Petrus Patricius fr. 14 und Ammians (25, 7, 9) sind wohl nur +formaler Art. Daß der Tigris die eigentliche Reichsgrenze sein sollte, +wie Priscus sagt, schließt nicht aus, zumal bei der eigentümlichen +Beschaffenheit seines Oberlaufs, daß dieselbe dort teilweise darüber +hinausgriff; vielmehr scheinen die fünf vorher bei Petrus genannten +Distrikte eben als transtigritanische und von der folgenden allgemeinen +Bestimmung auszunehmende aufgeführt zu werden. Die Distrikte, welche +Priscus hier und, ausdrücklich als transtigritanische, Ammian aufführen +- es sind dies bei beiden Arzanene, Karduene und Zabdicene, bei Priscus +Sophene und Intilene (“:vielmehr Ingiline, armenisch Angel, jetzt +Egil”: Kiepen), bei Ammian Moxoene und Rehimene (?) - können unmöglich +alle vor dem Frieden, wo doch Armenien schon Romano iuri obnoxia war +(Amm. 23, 5, 11), von den Römern als persische betrachtet worden sein; +ohne Zweifel bildeten die westlicheren derselben schon damals einen +Teil des römischen Armeniens und stehen hier nur insofern, als sie +infolge des Friedens dem Reiche als Satrapie Sophene einverleibt +wurden. Daß es sich hier nicht um die Grenze der Abtretung, sondern um +die des unmittelbaren Reichsgebiets handelte, zeigt der Folgesatz, der +die Grenze zwischen Armenien und Medien feststellt. + + + + +KAPITEL X. +Syrien und das Nabatäerland + + +Sehr allmählich haben die Römer sich dazu entschlossen, nach der +westlichen auch der östlichen Hälfte der Küsten des Mittelmeeres sich +zu bemächtigen; nicht an dem Widerstand, auf den sie hier +verhältnismäßig in geringem Maße trafen, sondern an der wohlbegründeten +Scheu vor den denationalisierenden Konsequenzen dieser Eroberungen hat +es gelegen, daß sie so lange wie möglich sich nur bemühten, in jenen +Gegenden den entscheidenden politischen Einfluß zu bewahren, und daß +die eigentliche Einverleibung wenigstens Syriens und Ägyptens erst +stattfand, als der Staat schon fast eine Monarchie war. Wohl wurde +dadurch das Römerreich geographisch geschlossen, das Mittelmeer, Roms +eigentliche Basis, seit es eine Großmacht war, nach allen Seiten hin +ein römischer Binnensee, Schiffahrt und Handel auf und an demselben zum +Segen aller Anwohner staatlich geeinigt. Aber der geographischen +Geschlossenheit zur Seite ging die nationale Zweiteilung. Durch +Griechenland und Makedonien wäre der Römerstaat nie binational +geworden, so wenig wie die Griechenstädte Neapolis und Massalia +Kampanien und die Provence hellenisiert haben. Aber wenn in Europa und +Afrika das griechische Gebiet gegenüber der geschlossenen Masse des +lateinischen verschwindet, so gehört, was von dem dritten Erdteil mit +dem von Rechts wegen dazu gehörigen Niltal in diesen Kulturkreis +hineingezogen ward, ausschließlich den Griechen, und namentlich +Antiocheia und Alexandreia sind die rechten Träger der in Alexander +ihren Höhepunkt erreichenden hellenischen Entwicklung, Mittelpunkte +hellenischen Lebens und hellenischer Bildung und Großstädte wie Rom +auch. Nachdem in dem vorhergehenden Kapitel der die ganze Kaiserzeit +ausfüllende Kampf des Ostens und des Westens in und um Armenien und +Mesopotamien dargestellt worden ist, wenden wir uns dazu, die +Verhältnisse der syrischen Landschaften zu schildern, wie sie +gleichzeitig sich gestalteten. Gemeint ist das Gebiet, das der +Bergstock Pisidiens, Isauriens und Westkilikiens von Kleinasien, die +östliche Fortsetzung desselben Gebirges und der Euphrat von Armenien +und Mesopotamien, die arabische Wüste von dem Parthischen Reiche und +von Ägypten scheiden; nur schien es angemessen, die eigenartigen +Schicksale Judäas in einem besonderen Abschnitt zu behandeln. Der +Verschiedenheit der politischen Entwicklung unter dem Kaiserregiment +entsprechend soll zunächst von dem eigentlichen Syriens dem nördlichen +Teil dieses Gebiets und von der unter dem Libanos sich hinziehenden +phönikischen Küste, weiter von dem Hinterlande Palästinas, dem Gebiet +der Nabatäer gesprochen werden. Was über Palmyra zu sagen war, hat +schon im vorigen Kapitel seinen Platz gefunden. + +Seit der Teilung der Provinzen zwischen dem Kaiser und dem Senat hat +Syrien unter kaiserlicher Verwaltung gestanden und ist im Orient, wie +Gallien im Westen, der Schwerpunkt der kaiserlichen zivilen und +militärischen Verwaltung gewesen. Diese Statthalterschaft war von +Anfang an von allen die angenehmste und wurde dies im Lauf der Zeit nur +noch in höherem Grade. Ihr Inhaber führte, gleich den Statthaltern der +beiden Germanien, das Kommando über vier Legionen, und während den +Kommandanten der Rheinarmee die Verwaltung der inneren gallischen +Landschaften abgenommen ward und schon in ihrem Nebeneinanderstehen +eine gewisse Beschränkung lag, behielt der Statthalter von Syrien auch +die Zivilverwaltung der ganzen großen Provinz ungeschmälert und führte +lange Zeit in ganz Asien allein ein Kommando ersten Ranges. Unter +Vespasian erhielt er zwar an den Statthaltern von Palästina und von +Kappadokien zwei ebenfalls Legionen befehligende Kollegen; andererseits +aber wuchsen durch die Einziehung des Königreichs Kommagene und bald +darauf auch der Fürstentümer im Libanos deren Gebiete seiner Verwaltung +zu. Erst im Laufe des zweiten Jahrhunderts trat eine Schmälerung seiner +Befugnisse ein, indem Hadrian eine der vier Legionen dem Statthalter +von Syrien nahm und sie dem von Palästina überwies. Den ersten Platz in +der römischen Militärhierarchie hat erst Severus dem syrischen +Statthalter entzogen. Nachdem dieser die Provinz, die wie einst ihren +Statthalter Vespasian, so damals den Niger zum Kaiser hatte machen +wollen, unter Widerstreben namentlich der Hauptstadt Antiocheia +unterworfen hatte, verfügte er die Teilung derselben in eine nördliche +und eine südliche Hälfte und gab dem Statthalter jener, der sogenannten +Syria Koile, zwei, dem Statthalter dieser, der Provinz Syrophoenicia, +eine Legion. + +Auch insofern darf Syrien mit Gallien zusammengestellt werden, als +dieser kaiserliche Verwaltungsbezirk schärfer als die meisten sich in +befriedete Landschaften und schutzbedürftige Grenzdistrikte schied. +Wenn die ausgedehnte Küste Syriens und die westlichen Landschaften +überhaupt feindlichen Angriffen nicht ausgesetzt waren und die Deckung +an der Wüstengrenze gegen die schweifenden Beduinen den arabischen und +jüdischen Fürsten und späterhin den Truppen der Provinz Arabien, auch +den Palmyrenern, mehr oblag als den syrischen Legionen, so erforderte, +namentlich bevor Mesopotamien römisch ward, die Euphratgrenze eine +ähnliche Bewachung gegen die Parther wie der Rhein gegen die Germanen. +Aber wenn die syrischen Legionen an der Grenze zur Verwendung kamen, so +konnte man doch auch in dem westlichen Syrien ihrer nicht entraten ^1. +Die Rheintruppen waren allerdings auch der Gallier wegen da; dennoch +durften die Römer mit berechtigtem Stolz sagen, daß für die große +Hauptstadt Galliens und die drei gallischen Provinzen eine unmittelbare +Besatzung von 1200 Mann ausreiche. Aber für die syrische Bevölkerung +und insbesondere für die Hauptstadt des römischen Asiens genügte es +nicht, die Legionen am Euphrat aufzustellen. Nicht bloß am Saum der +Wüste, sondern auch in den Schlupfwinkeln der Gebirge hausten in der +Nachbarschaft der reichen Äcker und der großen Städte, nicht in dem +Grade wie heutzutage, aber doch auch damals stetig, verwegene +Räuberbanden und plünderten, oft als Kaufleute oder Soldaten +verkleidet, die Landhäuser und die Dörfer. Aber auch die Städte selbst, +vor allem Antiocheia, verlangten, wie Alexandreia, eigene Besatzung. +Ohne Zweifel ist dies der Grund gewesen, weshalb eine Teilung in Zivil- +und Militärbezirke, wie sie für Gallien schon Augustus verfügte, in +Syrien niemals auch nur versucht worden ist und weshalb die großen, auf +sich selbst stehenden Lageransiedlungen, aus denen zum Beispiel Mainz +am Rhein, Leon in Spanien, Chester in England hervorgegangen sind, im +römischen Orient gänzlich fehlen. Ohne Zweifel aber ist dies auch der +Grund, weshalb die syrische Armee in Zucht und Geist so sehr +zurückstand gegen die der Westprovinzen; weshalb die stramme Disziplin, +wie sie in den militärischen Standlagern des Okzidents gehandhabt ward, +in den städtischen Kantonnements des Ostens nie Fuß fassen konnte. Wo +der stehenden Truppe neben ihrer nächsten Bestimmung noch die Aufgabe +der Polizei zufällt, wirkt dies an sich demoralisierend, und nur zu oft +wird, wo sie unruhige städtische Massen in Zucht halten soll, vielmehr +ihre eigene Disziplin dadurch untergraben. Die früher geschilderten +syrischen Kriege liefern dazu den unerfreulichen Kommentar; keiner +derselben fand eine kriegsfähige Armee vor und regelmäßig bedurfte es +erst herangezogener okzidentalischer Truppen, um dem Kampfe die Wendung +zu geben. + +—————————————————————————— + +^1 Die Standquartiere der syrischen Legionen genau zu bestimmen, +vermögen wir nicht; doch ist, was hier gesagt ist, wesentlich +gesichert. Unter Nero stand die 10. Legion in Raphaneae südwestlich von +Hamath (Ios. bel. Iud. 7, 1, 3) und ebendaselbst oder doch ungefähr in +dieser Gegend unter Tiberius die 6. (Tac. ann. 2, 79); wahrscheinlich +in oder bei Antiocheia die 12. unter Nero (Ios. bel. Iud. 2, 18, 9). +Wenigstens eine Legion stand am Euphrat; für die Zeit vor der +Einziehung Kommagenes bezeugt dies Ios. bel. Iud. 7, 1, 3, und +späterhin hatte eine der syrischen Legionen ihr Hauptquartier in +Samosata (Ptol. geogr. 5; 15, 11; Inschrift aus Severus’ Zeit CIL VI, +1409; Itin. Anton. Aug. p. 186). Wahrscheinlich hatten die Stäbe der +meisten syrischen Legionen ihren Sitz in den westlichen Distrikten und +geht die immer wiederkehrende Beschwerde, daß das Lagern in den Städten +die syrische Armee zerrütte, hauptsächlich auf diese Einrichtung. Ob in +der besseren Zeit an dem Wüstensaum eigentliche Legionshauptquartiere +bestanden haben, ist zweifelhaft; bei den Grenzposten daselbst haben +auch Detachements der Legionen Verwendung gefunden, und namentlich ist +der besonders unruhige Distrikt zwischen Damaskos und Bostra stark mit +Legionären belegt worden, die einerseits das Kommando von Syrien +stellte, andererseits das arabische seit Einrichtung desselben durch +Traian. + +—————————————————————————— + +Syrien im engeren Sinne und seine Nebenländer, das ebene Kilikien und +Phoenike haben unter den römischen Kaisern eine Geschichte im +eigentlichen Sinne nicht gehabt. Die Bewohner dieser Landschaften +gehören dem gleichen Stamme an wie die Bewohner Judäas und Arabiens, +und die Stammväter der Syrer und der Phöniker haben in ferner Zeit an +einem Orte gesessen mit denen der Juden und der Araber und eine Sprache +geredet. Aber wenn die letzteren an ihrer Eigenart und an ihrer Sprache +festgehalten haben, so haben die Syrer und die Phöniker sich +hellenisiert, schon bevor sie unter römische Herrschaft gelangten. Es +vollzog sich diese Hellenisierung durchgängig in der Bildung von +hellenischen Politien. Den Grund dazu hatte freilich die einheimische +Entwicklung gelegt, namentlich an der phönikischen Küste die alten und +großen Kaufstädte. Aber vor allem hat die Staatenbildung Alexanders und +der Alexandriden, eben wie die der römischen Republik, zu ihrem +Fundament nicht den Stamm, sondern die Stadtgemeinde; nicht das +altmakedonische Erbfürstentum, sondern die griechische Politie hat +Alexander in den Osten getragen, und nicht aus Stämmen, sondern aus +Städten gedachte er und gedachten die Römer ihr Reich zusammenzusetzen. +Der Begriff der autonomen Bürgerschaft ist ein dehnbarer und die +Autonomie Athens und Thebens eine andere als die der makedonischen und +der syrischen Stadt, eben wie im römischen Kreis die Autonomie des +freien Capua einen anderen Inhalt hatte als die der latinischen +Pflanzstädte der Republik oder gar der Stadtgemeinden des Kaiserreichs; +aber der Grundgedanke ist überall das sich selbst verwaltende, in +seinem Mauerring souveräne Bürgertum. Nach dem Sturz des Perserreichs +ist Syrien nebst dem benachbarten Mesopotamien als die militärische +Verbindungsbrücke zwischen dem Westen und dem Osten wie kein anderes +Land mit makedonischen Ansiedlungen bedeckt worden; die dort in +weitester Ausdehnung übernommenen, sonst im ganzen Alexanderreich +nirgends also sich wiederfindenden makedonischen Ortsnamen beweisen es, +daß hier der Kern der hellenischen Eroberer des Ostens angesiedelt +wurde und daß Syrien für diesen Staat das Neu-Makedonien werden sollte; +wie denn auch, solange das Reich Alexanders eine Zentralregierung +behielt, diese dort ihren Sitz gehabt hat. Den syrischen Reichsstädten +hatten dann die Wirren der letzten Seleukidenzeit zu größerer +Selbständigkeit verholfen. Diese Einrichtungen fanden die Römer vor. +Unmittelbar vom Reich verwaltete, nicht städtische Distrikte gab es +schon nach der von Pompeius vorgenommenen Organisation in Syrien +wahrscheinlich gar nicht, und wenn die abhängigen Fürstentümer in der +ersten Epoche der römischen Herrschaft einen großen Teil des südlichen +Binnenlandes der Provinz umfaßten, so waren diese meist gebirgigen und +schwach bewohnten Distrikte doch von untergeordneter Bedeutung. Im +ganzen genommen blieb den Römern in Syrien für die Hebung der +städtischen Entwicklung nicht viel zu tun übrig, weniger als in +Kleinasien. Eigentliche Städtegründung ist daher aus der Kaiserzeit für +Syrien kaum zu berichten. Die wenigen Kolonien, welche hier angelegt +worden sind, wie unter Augustus Berytus und wahrscheinlich auch +Heliopolis, haben keinen anderen Zweck gehabt als die nach Makedonien +geführten, nämlich die Unterbringung der Veteranen. + +Wie sich die Griechen und die ältere Bevölkerung in Syrien zueinander +stellten, läßt sich schon an den örtlichen Benennungen deutlich +verfolgen. Landschaften und Städte tragen hier der Mehrzahl nach +griechische Namen, großenteils, wie bemerkt, der makedonischen Heimat +entlehnte wie Pieria, Anthemus, Arethusa, Beroea, Chalkis, Edessa, +Europos, Kyrrhos, Larisa, Pella, andere benannt nach Alexander oder den +Gliedern des seleukidischen Hauses, wie Alexandreia, Antiocheia, +Seleukis und Seleukeia, Apameia, Laodikeia, Epiphaneia. Die alten +einheimischen Namen behaupten sich wohl daneben, wie Beroea, zuvor +aramäisch Chaleb, auch Chalybon, Edessa oder Hierapolis, zuvor Mabog, +auch Bambyke, Epiphaneia, zuvor Hamat, auch Amathe genannt wird. Aber +meistens traten die älteren Benennungen vor den fremden zurück und nur +wenige Landschaften und größere Orte wie Kommagene, Samosata, Hemesa, +Damaskos entbehren neugeschöpfter griechischer Namen. Das östliche +Kilikien hat wenig makedonische Gründungen aufzuweisen; aber die +Hauptstadt Tarsos hat sich früh und vollständig hellenisiert und ist +lange vor der römischen Zeit eines der Zentren der hellenischen Bildung +geworden. Etwas anderes ist es in Phoenike: die altberühmten Kaufstädte +Arados, Byblos, Berytos, Sidon, Tyros haben die einheimischen Namen +nicht eigentlich abgelegt; aber wie auch hier das Griechische die +Oberhand gewann, zeigt die hellenisierende Umbildung eben dieser Namen, +und noch deutlicher, daß Neu-Arados uns nur unter dem griechischen +Namen Antarados bekannt ist, ebenso die von den Tyriern, den Sidoniern +und den Aradiern gemeinschaftlich an dieser Küste gegründete neue Stadt +nur unter dem Namen Tripolis, und beide ihre heutigen Benennungen +Tartus und Tarabulus aus den griechischen entwickelt haben. Schon in +der Seleukidenzeit tragen die Münzen im eigentlichen Syrien +ausschließlich, die der phönikischen Städte weit überwiegend +griechische Aufschrift; und von Anfang der Kaiserzeit an steht die +Alleinherrschaft des Griechischen hier fest ^2. + +—————————————————————————— + +^2 Von Byblos gibt es eine Münze aus Augustus’ Zeit mit griechischer +und phönikischer Aufschrift (Imhoof-Blumer, Monnaies grecques, Leipzig +1883, S. 443). + +—————————————————————————— + +Nur die nicht bloß durch weite Wüstenstrecken geschiedene, sondern auch +eine gewisse politische Selbständigkeit bewahrende Oase Palmyra macht, +wie wir sahen, hierin eine Ausnahme. Aber in dem Verkehr blieben die +einheimischen Idiome. In den Bergen des Libanos und des Antilibanos, wo +auch in Hemesa (Roms), Chalkis, Abila (beide zwischen Berytus und +Damaskos) kleine Fürstenhäuser einheimischen Ursprungs bis gegen das +Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. schalteten, hat die einheimische +Sprache in der Kaiserzeit wahrscheinlich die Alleinherrschaft gehabt, +wie denn in den schwer zugänglichen Gebirgen der Drusen die Sprache +Arams erst in neuerer Zeit dem Arabischen gewichen ist. Aber vor zwei +Jahrtausenden war dieselbe in der Tat in ganz Syrien die Sprache des +Volkes ^3. Daß bei den doppelnamigen Städten im gewöhnlichen Leben die +syrische Benennung ebenso überwog wie in der Literatur die griechische, +zeigt sich darin, daß heute Beroea-Chalybon Haleb (Aleppo), +Epiphaneia-Amathe Hama, Hierapolis-Bambyke-Mabog Membidj, Tyros mit +seinem phönikischen Namen Sur genannt wird; daß die uns aus den +Urkunden und den Schriftstellern nur als Heliopolis bekannte syrische +Stadt ihren uralten einheimischen Namen Baalbek noch heute führt, +überhaupt allgemein die heutigen Ortsnamen nicht aus den griechischen, +sondern aus den aramäischen hervorgegangen sind. + +—————————————————————————— + +^3 Johannes Chrysostomos aus Antiocheia (t 407) weist mehrfach (De +sanctis martyros. Opera. Paris 1718 ff. Vol. 2, p. 651; homil. 19, a. +a. O., p. 188) hin auf die ετεροφονία, die βάρβαρος φονή des λαός im +Gegensatz zu der Sprache der Gebildeten. + +—————————————————————————— + +Ebenso zeigt der Kultus das Fortleben des syrischen Volkstums. Die +Syrer von Beroea bringen ihre Weihgeschenke mit griechischer Aufschrift +dem Zeus Malbachos, die von Apameia dem Zeus Belos, die von Berytus als +römische Bürger dem Jupiter Balmarcodes, alles Gottheiten, an denen +weder Zeus noch Jupiter wirklichen Teil hatten. Jener Zeus Belos ist +kein anderer als der in Palmyra in syrischer Sprache verehrte Malach +Belos. Wie lebendig die heimische Götterverehrung in Syrien gewesen und +geblieben ist, dafür legt das deutlichste Zeugnis ab, daß die Dame von +Hemesa, die durch ihre Verschwägerung mit dem Severischen Hause für +ihren Tochtersohn im Anfang des 3. Jahrhunderts die Kaiserwürde +erlangte, nicht damit zufrieden, daß der Knabe Oberpontifex des +römischen Volkes hieß, ihn auch anhielt, sich den Oberpriester des +heimischen Sonnengottes Elagabalus vor allen Römern zu titulieren. Die +Römer mochten die Syrer besiegen; aber die römischen Götter haben in +ihrer eigenen Heimat vor den syrischen das Feld geräumt. + +Nicht minder sind die zahlreichen auf uns gekommenen syrischen +Eigennamen überwiegend ungriechisch und Doppelnamen nicht selten; der +Messias heißt auch Christos, der Apostel Thomas auch Didymos, die von +Petrus wiedererweckte Frau aus Joppe das “Reh”, Tabitha oder Dorkas. +Aber für die Literatur und vermutlich auch für den Geschäftsverkehr und +den Verkehr der Gebildeten war das syrische Idiom so wenig vorhanden +wie im Westen das keltische; in diesen Kreisen herrschte ausschließlich +das Griechische, abgesehen von dem auch im Osten für das Militär +geforderten Latein. Ein Literat aus der zweiten Hälfte des zweiten +Jahrhunderts, den der früher erwähnte König von Armenien Sohaemos an +seinen Hof zog, hat einen Roman, der in Babylon spielt, einiges über +seine eigene Lebensgeschichte eingelegt, das diese Verhältnisse +erläutert. Er sei, sagt er, ein Syrer, aber nicht von den +eingewanderten Griechen, sondern von Vater- und Mutterseite +einheimischer Abkunft, Syrer nach Sprache und Sitte, auch babylonischer +Sprache und persischer Magie kundig. Aber eben dieser, das hellenische +Wesen in gewissem Sinne ablehnende Mann fügt hinzu, daß er hellenische +Bildung sich angeeignet habe, und ist ein angesehener Jugendlehrer in +Syrien und ein namhafter Romanschriftsteller der späteren griechischen +Literatur geworden ^4. + +——————————————————————- + +^4 Der Auszug des Photios aus dem Roman des Iamblichos c. 11, welcher +den Verfasser irrig zu einem Babylonier macht, wird durch das Scholion +dazu wesentlich berichtigt und ergänzt. Der Geheimschreiber der +Großkönigs, der unter den traianischen Gefangenen nach Syrien kommt, +dort des Iamblichos Erzieher wird und ihn in der “barbarischen +Weisheit” unterweist, ist natürlich eine Figur des in Babylon +spielenden Romans, den Iamblichos von diesem seinem Lehrmeister +vernommen haben will; aber charakteristisch für die Zeit ist der +armenische Hofliterat und Prinzenerzieher (denn als “guten Rhetor” hat +ihn doch wohl Sohaemos nach Valarschapat berufen) selbst, der kraft +seiner magischen Kunst nicht bloß den Fliegenzauber und die +Geisterbeschwörung versteht, sondern auch dem Verus den Sieg über +Vologasos vorhersagt und zugleich Geschichten, wie sie auch in +‘Tausendundeiner Nacht’ stehen könnten, den Griechen griechisch +erzählt. + +——————————————————————- + +Wenn späterhin das syrische Idiom wieder zur Schriftsprache geworden +ist und eine eigene Literatur entwickelt hat, so ist dies nicht auf +eine Ermannung des Nationalgefühls zurückzuführen, sondern auf das +unmittelbare Bedürfnis der christlichen Propaganda: jene syrische +Literatur, ausgegangen von der Übersetzung der christlichen +Bekenntnisschriften in das Syrische, blieb gebannt in den Kreis der +spezifischen Bildung des christlichen Klerus und nahm daher von der +allgemeinen hellenischen Bildung nur den kleinen Bruchteil auf, den die +Theologen jener Zeit ihren Zwecken zuträglich oder doch damit +verträglich fanden ^5; ein höheres Ziel als die Übertragung der +griechischen Klosterbibliothek auf die Maronitenklöster hat diese +Schriftstellerei nicht erreicht und wohl auch nicht erstrebt. Sie +reicht auch schwerlich weiter zurück als in das zweite Jahrhundert +unserer Zeitrechnung und hat ihren Mittelpunkt nicht in Syrien, sondern +in Mesopotamien, namentlich in Edessa ^6, wo wahrscheinlich, anders als +in dem älteren römischen Gebiet, sich die Anfänge einer vorchristlichen +Literatur in der Landessprache entwickelt hatten. + +——————————————————————- + +^5 Die syrische Literatur besteht fast ausschließlich aus Übersetzungen +griechischer Werke. Unter den Profanschriften stehen in erster Reihe +Aristotelische und Plutarchische Traktate, dann praktische Schriften +juristischen oder agronomischen Inhalts und populäre +Unterhaltungsbücher wie der Alexanderroman, Aesops Fabeln, Menanders +Sentenzen. + +^6 Die syrische Übersetzung des Neuen Testaments, der älteste uns +bekannte syrische Sprachtext, ist wahrscheinlich in Edessa entstanden; +die στρατιώται der Apostelgeschichte heißen hier “Römer”. + +——————————————————————- + +Unter den mannigfaltigen Bastardformen, welche der Hellenismus in +seiner zugleich zivilisierenden und degenerierenden Propaganda +angenommen hat, ist die syrohellenische wohl diejenige, in welcher die +beiden Elemente am meisten im Gleichgewicht standen, vielleicht aber +zugleich diejenige, die die Gesamtentwicklung des Reiches am +entschiedensten beeinflußt hat. Die Syrer empfingen wohl die +griechische Städteordnung und eigneten sich hellenische Sprache und +Sitte an; dennoch hörten sie nie auf, sich als Orientalen zu fühlen +oder vielmehr als Träger einer doppelten Zivilisation. Nirgends +vielleicht ist dies schärfer ausgesprochen als in dem kolossalen +Grabtempel, welchen im ersten Anfang der Kaiserzeit König Antiochos von +Kommagene sich auf einem einsamen Berggipfel unweit des Euphrat +errichtet hat. Er nennt in der ausführlichen Grabschrift sich einen +Perser; im persischen Gewande, wie das Herkommen seines Geschlechts es +erheischt, soll der Priester des Heiligtums ihm die Gedächtnisopfer +darbringen; aber wie die Perser nennt er auch die Hellenen die +gesegneten Wurzeln seines Geschlechts und fleht den Segen aller Götter +der Persis wie der Maketis, das heißt des persischen wie des +makedonischen Landes auf seine Nachkommen herab. Denn er ist der Sohn +eines einheimischen Königs vom Geschlecht der Achämeniden und einer +griechischen Fürstentochter aus dem Hause des Seleukos, und dem +entsprechend schmückten das Grabmal in langer Doppelreihe die Abbilder +einerseits seiner väterlichen Ahnen bis auf den ersten Dareios, +andererseits seiner mütterlichen bis zu dem Marschall Alexanders. Die +Götter aber, die er verehrt, sind zugleich persisch und griechisch, +Zeus Oromasdes, Apollon Mithras Helios Hermes, Artagnes Herakles Ares, +und dieses letzteren Bild zum Beispiel trägt die Keule des griechischen +Heros und zugleich die persische Tiara. Dieser persische Fürst, der +zugleich sich einen Freund der Hellenen und als loyaler Untertan des +Kaisers einen Freund der Römer nennt, wie nicht minder jener von Marcus +und Lucius auf den Thron von Armenien berufene Achämenide Sohaemos, +sind echte Vertreter der einheimischen, die persischen Erinnerungen und +die römisch-hellenische Gegenwart gleichmäßig im Sinne tragenden +Aristokratie des kaiserlichen Syriens. Aus solchen Kreisen ist der +persische Mithraskult in den Okzident gelangt. Aber die Bevölkerung, +welche zugleich unter diesem persischen oder sich persisch nennenden +Großadel und unter dem Regiment der makedonischen und später der +italienischen Herren stand, war in Syrien wie in Mesopotamien und in +Babylonien aramäisch; sie erinnert vielfach an die heutigen Rumänen +gegenüber den vornehmen Sachsen und Magyaren. Sicher waren sie das +verderbteste und das verderbendste Element in dem römisch-hellenischen +Völkerkonglomerat. Von dem sogenannten Caracalla, der als Sohn eines +afrikanischen Vaters und einer syrischen Mutter in Lyon geboren war, +wird gesagt, daß er die Laster dreier Stämme in sich vereinigt habe, +die gallische Leichtfertigkeit, die afrikanische Wildheit und die +syrische Spitzbüberei. + +Diese Durchdringung des Orients und des Hellenismus, die nirgends so +vollständig wie in Syrien sich vollzogen hat, tritt uns überwiegend in +der Gestalt entgegen, daß in der Mischung das Gute und Edle zugrunde +geht. Indes ist dies nicht überall der Fall; die spätere Entwicklung +der Religion wie der Spekulation, das Christentum und der +Neuplatonismus, sind aus der gleichen Paarung hervorgegangen; wenn mit +jenem der Osten in den Westen dringt, so ist dieser die Umgestaltung +der okzidentalischen Philosophie im Sinn und Geist des Ostens, eine +Schöpfung zunächst des Ägypters Plotinos (204 bis 270) und seines +bedeutendsten Schülers, des Tyriers Malchos oder Porphyrios (233 bis +nach 300), und dann vorzugsweise in den Städten Syriens gepflegt. Beide +welthistorischen Bildungen zu erörtern, ist hier nicht der Platz; +vergessen aber dürfen sie auch bei der Würdigung der syrischen +Verhältnisse nicht werden. + +Die syrische Art findet ihren eminenten Ausdruck in der Hauptstadt des +Landes und vor Konstantinopels Gründung des römischen Ostens überhaupt, +der Volkszahl nach in dieser Epoche nur hinter Rom und Alexandreia und +etwa noch dem babylonischen Seleukeia zurückstehend, Antiocheia, bei +welchem es erforderlich scheint, einen Augenblick zu verweilen. Die +Stadt, eine der jüngsten Syriens und heutzutage von geringer Bedeutung, +ist nicht durch die natürlichen Verkehrsverhältnisse Großstadt +geworden, sondern eine Schöpfung monarchischer Politik. Die +makedonischen Eroberer haben sie ins Leben gerufen zunächst aus +militärischen Rücksichten, als geeignete Zentralstelle für eine +Herrschaft, die zugleich Kleinasien, das Euphratgebiet und Ägypten +umspannte und auch dem Mittelmeer nahe sein wollte ^7. Das gleiche Ziel +und die verschiedenen Wege der Seleukiden und der Lagiden finden ihren +treuen Ausdruck in der Gleichartigkeit und dem Gegensatz von Antiocheia +und Alexandreia; wie dieses für die Seemacht und die maritime Politik +der ägyptischen Herrscher, so ist Antiocheia der Mittelpunkt für die +kontinentale Orientmonarchie der Herrscher Asiens. Zu verschiedenen +Malen haben die späteren Seleukiden hier große Neugründungen +vorgenommen, so daß die Stadt, als sie römisch wurde, aus vier +selbständigen und ummauerten Bezirken bestand, die wieder alle eine +gemeinsame Mauer einschloß. Auch an Einwanderern aus der Ferne fehlte +es nicht. Als das eigentliche Griechenland unter die Herrschaft der +Römer geriet und Antiochos der Große vergeblich versucht hatte, diese +dort zu verdrängen, gewährte er wenigstens den auswandernden Euböern +und Ätolern in seiner Residenz eine Freistatt. Wie in der Hauptstadt +Ägyptens ist auch in derjenigen Syriens den Juden ein gewissermaßen +selbständiges Gemeinwesen und eine privilegierte Stellung eingeräumt +worden, und ihre Stellung als Zentren der jüdischen Diaspora ist nicht +das schwächste Element in der Entwicklung beider Städte geworden. +Einmal zur Residenz und zum Sitz der obersten Verwaltung eines großen +Reiches gemacht, blieb Antiocheia auch in römischer Zeit die Hauptstadt +der asiatischen Provinzen Roms. Hier residierten die Kaiser, wenn sie +im Orient verweilten, und regelmäßig der Statthalter von Syrien; hier +wurde die Reichsmünze für den Osten geschlagen und hier vornehmlich, +daneben in Damaskos und in Edessa befanden sich die +Reichswaffenfabriken. Freilich hatte die Stadt für das Römerreich ihre +militärische Bedeutung verloren und unter den veränderten Verhältnissen +wurde die schlechte Verbindung mit dem Meer als ein großer Übelstand +empfunden, nicht so sehr wegen der Entfernung als weil der Hafen, die +zugleich mit Antiocheia angelegte Stadt Seleukeia, für den großen +Verkehr wenig geeignet war. Ungeheure Summen haben die römischen Kaiser +von den Flaviern an bis auf Constantius aufgewandt, um in die diese +Örtlichkeit umgebenden Felsenmassen die erforderlichen Docks mit den +Zuzugs-Kanälen zu brechen und genügende Molen herzustellen; aber die +Kunst der Ingenieure, welcher an der Mündung des Nil die höchsten Würfe +glücklich gelangen, rang in Syrien vergeblich mit den unüberwindlichen +Schwierigkeiten des Terrains. Selbstverständlich hat die größte Stadt +Syriens an der Fabrikation und dem Handel dieser Provinz, wovon noch +weiter die Rede sein wird, sich lebhaft beteiligt; dennoch war sie mehr +ein Sitz der Verzehrenden als der Erwerbenden. Im ganzen Altertum gab +es keine Stadt, in welcher das Genießen des Lebens so sehr die +Hauptsache, und dessen Pflichten so beiläufig waren wie in “Antiocheia +bei Daphne”, wie die Stadt bezeichnend genannt wird, etwa wie wenn wir +sagen würden “Wien beim Prater”. Denn Daphne ^8 ist der Lustgarten, +eine deutsche Meile von der Stadt, von zwei Meilen im Umkreis, berühmt +durch seine Lorbeerbäume, wonach er heißt, durch seine alten Zypressen, +die noch die christlichen Kaiser zu schonen befahlen, seine fließenden +und springenden Wasser, seinen glänzenden Apollotempel und die +prachtvolle vielbesuchte Festfeier des 10. August. Die ganze Umgegend +der Stadt, die zwischen zwei bewaldeten Bergzügen in dem Tale des +wasserreichen Orontes, drei deutsche Meilen aufwärts von der Mündung +desselben liegt, ist noch heute trotz aller Vernachlässigung ein +blühender Garten und einer der anmutigsten Flecke der Erde. Der Stadt +selbst tat es an Pracht und Glanz der öffentlichen Anlagen im ganzen +Reiche keine zuvor. Die Hauptstraße, welche in der Ausdehnung von 36 +Stadien, nahezu einer deutschen Meile, mit einer bedeckten Säulenhalle +zu beiden Seiten und in der Mitte einem breiten Fahrweg, die Stadt in +gerader Richtung längs des Flusses durchschnitt, ist in vielen antiken +Städten nachgeahmt worden, aber hat ihresgleichen nicht einmal in dem +kaiserlichen Rom. Wie in jedem guten Hause in Antiocheia das Wasser +lief ^9, so wandelte man in jenen Hallen durch die ganze Stadt zu allen +Jahrzeiten geschützt vor Regen wie vor Sonnenglut, auch des Abends in +erleuchteten Straßen, was sonst von keiner Stadt des Altertums +berichtet wird ^10. + +—————————————————————- + +^7 Dies sagt Diodor (20, 47) von der Vorläuferin Antiocheias, der nur +etwa eine Meile weiter flußaufwärts angelegten Stadt Antigoneia. +Antiocheia ist für das Syrien der alten Zeit ungefähr gewesen, was für +das heutige Aleppo ist, der Knotenpunkt des inneren Verkehrs; nur daß +bei jener Gründung, wie schon die gleichzeitige Anlage des Hafens von +Seleukeia beweist, die unmittelbare Verbindung mit dem Mittelmeer +beabsichtigt und daher die Anlage weiter nach Westen gelegt ward. + +^8 Der Raum zwischen Antiocheia und Daphne war mit Landhäusern und +Vignen gefüllt (Lib. or. 2 p. 213 Reiske), und es gab hier auch eine +Vorstadt Herakleia oder auch Daphne (K. O. Müller, Antiquitates +Antiochiae, S. 44; vgl. vita Veri 7); aber wenn Tac. ann. 2, 83 diese +Vorstadt Epidaphne nennt, so ist dies einer seiner seltsamsten +Schnitzer. Plinius (nat. 5, 21, 79) sagt korrekt: Antiochia Epidaphnes +cognominata. + +^9 “Womit wir vornehmlich alle schlagen”, sagt der Antiochener Libanios +in der unter Constantius gehaltenen Lobrede auf seine Heimat (or. 1, +354 R.), nachdem er die Quellen der Daphne und die von dort nach der +Stadt geführten Leitungen geschildert hat, “das ist die Bewässerung +unserer Stadt; wenn sonst auch jemand es mit uns aufnehmen mag, so +geben sie alle nach, sowie die Rede kommt auf das Wasser, seine Fülle +wie seine Trefflichkeit. In den öffentlichen Bädern hat jeder Strom das +Maß eines Flusses, in den privaten manche das gleiche, die übrigen +nicht viel weniger. Wer die Mittel hat, ein neues Bad anzulegen, tut +dies unbesorgt um hinreichenden Zufluß und braucht nicht zu fürchten, +daß, wenn fertig, es ihm trocken liegen werde. Deshalb ist jeder +Stadtbezirk [es gab deren achtzehn] auf die besondere Eleganz seiner +Badeanstalt bedacht; es sind diese Bezirksbadeanstalten um so viel +schöner als die allgemeinen, als sie kleiner sind als diese, und die +Bezirksgenossen wetteifern immer die einen, die anderen zu übertreffen. +Man ermißt die Fülle der fließenden Wasser an der Menge der (guten) +Wohnhäuser; denn soviel der Wohnhäuser, soviel sind auch der fließenden +Wasser, ja sogar in den einzelnen Häusern oft mehrere; und auch die +Mehrzahl der Werkstätten hat den gleichen Vorzug. Darum schlagen wir +uns auch nicht an den öffentlichen Brunnen darum, wer zuerst zum +Schöpfen kommt, an welchem Übelstand so viele ansehnliche Städte +leiden, wo um die Brunnen ein heftiges Gedränge ist und Lärm um die +zerbrochenen Krüge. Bei uns fließen die öffentlichen Brunnen zur +Zierde, da jeder innerhalb der Türen sein Wasser hat. Und es ist dies +Wasser so klar, daß der Eimer leer scheint, und so anmutend, daß es zum +Trinken einladet.” + +^10 “Das Sonnenlicht”, sagt derselbe Redner p. 363, “lösen andere +Lichter ab, Leuchten, die das ägyptische Illuminationsfest hinter sich +lassen; und bei uns unterscheidet sich die Nacht vom Tage nur durch die +Verschiedenheit der Beleuchtung; die fleißigen Hände finden keinen +Unterschied und schmieden weiter und wer da will, singt und tanzt, so +daß Hephaestos und Aphrodite hier in die Nacht sich teilen.” Bei dem +Straßensport, den der Prinz Gallus sich gestattete, waren die +antiochenischen Laternen ihm sehr unbequem (Amm. 14, 1, 9). + +—————————————————————- + +Aber in diesem üppigen Treiben fanden die Musen sich nicht zurecht; der +Ernst der Wissenschaft und die nicht minder ernste Kunst haben in +Syrien und namentlich in Antiocheia niemals rechte Pflege gefunden. Wie +vollkommen analog Ägypten und Syrien sonst sich entwickelt hatten, so +scharf war ihr Gegensatz in literarischer Hinsicht: diesen Teil der +Erbschaft des großen Alexanders traten die Lagiden allein an. Pflegten +sie die hellenische Literatur und förderten wissenschaftliche Forschung +in aristotelischem Sinn und Geist, so haben die besseren Seleukiden +wohl durch ihre politische Stellung den Griechen den Orient erschlossen +- Seleukos’ I. Sendung des Megasthenes nach Indien an König +Tschandragupta und die Erkundung des Kaspischen Meeres durch seinen +Zeitgenossen, den Admiral Patrokles, haben in dieser Hinsicht Epoche +gemacht; aber von unmittelbarem Eingreifen in die literarischen +Interessen von seiten der Seleukiden weiß die Geschichte der +griechischen Literatur nichts weiter zu melden, als daß Antiochos der +sogenannte Große den Dichter Euphorion zu seinem Bibliothekar gemacht +hat. Vielleicht darf die Geschichte der lateinischen Literatur für +Berytus, die lateinische Insel im Meer des orientalischen Hellenismus, +den Ernst wissenschaftlicher Arbeit in Anspruch nehmen. Es ist +vielleicht kein Zufall, daß die Reaktion gegen die literarisch +modernisierende Tendenz der julisch-claudischen Epoche und die +Zurückführung der Sprache und der Schriften der republikanischen Zeit +in die Schule wie in die Literatur ausgegangen ist von einem dem +Mittelstand angehörigen Berytier, dem Marcus Valerius Probus, welcher +in den zurückgebliebenen Schulen seiner entlegenen Heimat noch an den +alten Klassikern sich gebildet hatte und dann in energischer, mehr +kritisch schriftstellerischer als eigentlich lehrender Tätigkeit für +den Klassizismus der späteren Kaiserzeit den Grund legte. Dasselbe +Berytos ist später der Sitz des Studiums der für die Beamtenlaufbahn +erforderlichen Rechtswissenschaft für den ganzen Osten geworden und die +ganze Kaiserzeit hindurch geblieben. In der hellenischen Literatur sind +freilich die Poesie des Epigramms und der Witz des Feuilletons in +Syrien zu Hause; mehrere der namhaftesten griechischen Kleindichter, +wie Meleagros und Philodemos von Gadara und Antipatros von Sidon, sind +Syrer und in sinnlichem Reiz wie in raffinierter Verskunst +unübertroffen; und der Vater der Feuilletonliteratur ist Menippos von +Gadara. Aber diese Leistungen liegen meistens vor und zum Teil +beträchtlich vor der Kaiserzeit. In der griechischen Literatur dieser +Epoche ist keine Landschaft so geringfügig vertreten wie die syrische, +und Zufall ist dies schwerlich, wenngleich bei der universalen Stellung +des Hellenismus in der Kaiserzeit auf die Heimat der einzelnen +Schriftsteller nicht allzu viel Gewicht gelegt werden darf. Dagegen +hatte die in dieser Epoche um sich greifende untergeordnete +Schriftstellerei, die gedanken- und formlosen Liebes-, Räuber-, +Piraten-, Kuppler-, Wahrsager- und Traumgeschichten und die Fabelreisen +wahrscheinlich eben hier ihren Hauptsitz. Unter den Kollegen des schon +genannten Iamblichos, Verfassers der babylonischen Geschichte, werden +die Landsleute desselben zahlreich gewesen sein; die Berührung dieser +griechischen Literatur mit der gleichartigen orientalischen ist wohl +ohne Zweifel durch die Syrer vermittelt worden. Das Lügen brauchten die +Griechen freilich nicht von den Orientalen zu lernen; aber die nicht +mehr plastische, sondern phantastische Fabulierung ihrer späteren Zeit +ist aus Scheherazades Füllhorn, nicht aus dem Scherz der Chariten +erwachsen. Vielleicht nicht zufällig macht die Satire dieser Zeit, +indem sie den Homer als den Vater der Lügenreisen betrachtet, denselben +zu einem Babylonier mit eigentlichem Namen Tigranes. Abgesehen von +dieser Unterhaltungslektüre, deren auch die sich einigermaßen schämten, +die damit schreibend oder lesend die Zeit verdarben, ist aus diesen +Gegenden kaum ein anderer hervorragender Name zu nennen als der +Zeitgenosse jenes Iamblichos, der Kommagener Lukianos. Auch er hat +nichts geschrieben als in Nachahmung des Menippos Essays und +Feuilletons, recht nach syrischer Art, witzig und lustig in der +persönlichen Persiflage, aber wo diese zu Ende ist, unfähig, die ernste +Wahrheit lachend zu sagen oder gar die Plastik der Komik zu handhaben. +Diesem Volke galt nur der Tag. Keine griechische Landschaft hat so +wenig Denksteine aufzuweisen wie Syrien; das große Antiocheia, die +dritte Stadt des Reiches, hat, um von dem Lande der Hieroglyphen und +der Obelisken nicht zu reden, weniger Inschriften hinterlassen als +manches kleine afrikanische oder arabische Dorf. Mit Ausnahme des +Rhetors Libanios aus der Zeit Julians, welcher auch mehr bekannt ist +als bedeutend, hat diese Stadt der Literatur keinen einzigen +Schriftstellernamen geliefert. Nicht mit Unrecht nannte der tyanitische +Messias des Heidentums oder sein für ihn redender Apostel die +Antiochener ein ungebildetes und halb barbarisches Volk und meinte, daß +Apollon wohl tun werde, sie auch wie ihre Daphne zu verwandeln; denn in +Antiocheia verständen wohl die Zypressen zu flüstern, aber nicht die +Menschen zu reden. In dem künstlerischen Kreis hat Antiocheia eine +führende Stellung nur gehabt in Betreff des Theaters und der Spiele +überhaupt. Die Vorstellungen, welche das antiochenische Publikum +fesselten, waren, nach der Sitte dieser Zeit, weniger eigentlich +dramatische als rauschende Musikaufführungen, Ballette, Tierhetzen und +Fechterspiele. Das Klatschen oder Zischen dieses Publikums entschied +den Ruf des Tänzers im ganzen Reich. Die Jockeys und die sonstigen +Circus- und Theaterhelden kamen vorzugsweise aus Syrien ^11. Die +Ballettänzer und die Musiker sowie die Gaukler und Possenreißer, welche +Lucius Verus von der - seinerseits in Antiocheia abgemachten - +orientalischen Kampagne nach Rom zurückbrachte, haben in der Geschichte +des italischen Schauspielwesens Epoche gemacht. Mit welcher +Leidenschaft das Publikum in Antiocheia diesem Vergnügen sich hingab, +dafür ist charakteristisch, daß der Überlieferung nach die schwerste +Katastrophe, welche in dieser Periode über Antiocheia gekommen ist, die +Einnahme durch die Perser im Jahre 260, die Bürger der Stadt im Theater +überraschte und von der Höhe des Berges, an welchen dasselbe angelehnt +war, die Pfeile in die Reihen der Zuschauer flogen. In Gaza, der +südlichsten Stadt Syriens, wo das Heidentum an dem berühmten +Marnas-Tempel eine feste Burg besaß, liefen am Ende des 4. Jahrhunderts +bei den Rennspielen die Pferde eines eifrigen Heiden und eines eifrigen +Christen, und als dabei “Christus den Marnas schlug”, da, erzählt der +heilige Hieronymus, ließen zahlreiche Heiden sich taufen. + +——————————————————————— + +^11 Die merkwürdige Reichsbeschreibung aus der Zeit des Constantius (C. +Müller, Geographi Graeci Minores. Bd. 2, S. 513 f.), die einzige +derartige Schrift, worin die gewerblichen Zustände eine gewisse +Berücksichtigung finden, sagt von Syrien in dieser Hinsicht: +“Antiocheia hat alles, was man begehrt, in Fülle, vor allem aber seine +Rennspiele. Rennspiele haben auch Laodikeia, Berytos, Tyros, Kaesareia +(in Palästina). Nach auswärts sendet Laodikeia Jockeys, Tyros und +Berytos Schauspieler, Caesareia Tänzer (pantomimi), Heliopolis am +Libanos Flötenbläser (choraulae), Gaza Musiker (auditores, womit +ακροάματα inkorrekt wiedergegeben ist), Αskalon Ringkämpfer (athletae), +Kastabala (eigentlich schon in Kilikien) Faustkämpfer.” + +——————————————————————— + +In Zügellosigkeit der Sitte wetteiferten zwar die Großstädte des +Römischen Reiches alle; aber der Preis gebührt hierin wahrscheinlich +Antiocheia. Der ehrbare Römer, den der derbe Sittenmaler der +traianischen Zeit schildert, wie er seiner Heimat den Rücken wendet, +weil sie eine Griechenstadt geworden, setzt hinzu, daß von dem Unrat +die Achäer der geringste Teil seien; längst habe der syrische Orontes +sich in den Tiberfluß ergossen und seine Sprache und seine Art, seine +Musikanten, Harfenistinnen, Triangelschlägerinnen und die Scharen +seiner Freudenmädchen über Rom ergossen. Von der syrischen Flötistin, +der Ambubaia ^12, sprachen die Römer Augusts wie wir von der Pariser +Kokotte. In den syrischen Städten, sagt schon in der letzten Zeit der +römischen Republik Poseidonios, ein bedeutender, selbst in dem +syrischen Apameia heimischer Schriftsteller, haben die Bürger der +harten Arbeit sich entwöhnt; man denkt dort nur an Schmausen und +Zechen, und alle Reunionen und Kränzchen dienen diesem Zweck; an der +königlichen Tafel wird jedem Gast ein Kranz aufgesetzt und dieser dann +mit babylonischen Parfüms besprengt; Flötenspiel und Harfenschlagen +schallt durch die Gassen; die Turnanstalten sind in Warmbäder +verwandelt - mit letzterem ist die wahrscheinlich in Syrien zuerst +aufgekommene und späterhin allgemein gewordene Einrichtung der +sogenannten Thermen gemeint, die im wesentlichen eine Verbindung von +Turn- und Warmbadanstalten waren. Vierhundert Jahre später ging es in +Antiocheia nicht anders zu. Nicht so sehr um des Kaisers Bart entspann +sich der Zank zwischen Julian und diesen Städtern, sondern weil er in +dieser Stadt der Kneipen, die, wie er sich ausdrückt, nichts im Sinne +habe als Tanzen und Trinken, den Wirten die Preise regulierte. Von +dieser wüsten und sinnlichen Wirtschaft ist auch und vor allem das +religiöse Wesen der syrischen Landschaft durchdrungen. Der Kultus der +syrischen Götter war oft eine Sukkursale des syrischen Bordells ^13. + +——————————————————————————- + +^12 Von dem syrischen Wort abbuba Pfeife. + +^13 Das Schriftchen Lukians von der zu Hierapolis vom ganzen Orient +verehrten syrischen Göttin gibt eine Probe der wilden und wollüstigen +Fabulierung, welche dem syrischen Kultus eigen ist. In dieser Erzählung +- der Quelle von Wielands ‘Kombabus’ - wird die Selbstverstümmelung +ironisiert, wie sie den Frommen als ein Akt hoher Moralität und +gottseligen Glaubens galt. + +——————————————————————————- + +Es würde ungerecht sein, die römische Regierung für diese syrischen +Zustände verantwortlich zu machen; sie sind dieselben unter dem +Diadochenregiment gewesen und auf die Römer nur vererbt. Aber in der +Geschichte dieser Zeit ist das syrohellenische Element ein wesentlicher +Faktor, und obwohl sein indirekter Einfluß bei weitem mehr ins Gewicht +fällt, hat dasselbe doch auch mehrfach unmittelbar in der Politik sich +bemerklich gemacht. Von eigentlicher politischer Parteiung kann bei den +Antiochenern dieser und jeder Zeit noch weniger die Rede sein als bei +den Bürgerschaften der übrigen Großstädte des Reiches; aber im Mokieren +und Räsonnieren haben sie es allem Anschein nach allen übrigen, selbst +den auch hierin mit ihnen wetteifernden Alexandrinern zuvorgetan. +Revolution gemacht haben sie nie, aber jeden Prätendenten, den die +syrische Armee aufstellte, bereitwillig und ernstlich unterstützt, den +Vespasianus gegen Vitellius, den Cassius gegen Marcus, den Niger gegen +Severus, immer bereit, wo sie Rückhalt zu haben meinten, der +bestehenden Regierung den Gehorsam aufzukündigen. Das einzige Talent, +das ihnen unwidersprochen zukommt, die Meisterschaft des Spottens, +übten sie nicht bloß gegen die Schauspieler ihrer Bühne, sondern nicht +minder gegen die in der Residenz des Orients verweilenden Herrscher, +und der Spott war ganz der gleiche gegen den Akteur wie gegen den +Kaiser: er galt der persönlichen Erscheinung und den individuellen +Eigentümlichkeiten, gleich als ob ihr Landesherr auch nur da sei, um +sie mit seiner Rolle zu amüsieren. So bestand zwischen dem Publikum von +Antiocheia und den Herrschern, namentlich denjenigen, die längere Zeit +daselbst verweilten, Hadrian, Verus, Marcus, Severus, Julian, sozusagen +ein dauernder Hohnkrieg, aus welchem ein Aktenstück, die Replik des +letztgenannten Kaisers gegen die antiochenischen “Bartspötter”, noch +heute erhalten ist. Wenn dieser kaiserliche Literat den Spottreden mit +Spottschriften begegnete, so haben zu anderen Zeiten die Antiochener +ihre schlimmen Reden und ihre übrigen Sünden schwerer zu büßen gehabt. +So entzog ihnen Hadrian das Recht der Silberprägung, Marcus das +Versammlungsrecht und schloß auf einige Zeit das Theater. Severus nahm +sogar der Stadt den Primat von Syrien und übertrug diesen auf das in +stetem Nachbarkrieg mit der Hauptstadt stehende Laodikeia; und wenn +diese beiden Anordnungen bald wieder zurückgenommen wurden, so ist die +Teilung der Provinz, welche bereits Hadrian angedroht hatte, unter +Severus, wie gesagt ward, zur Ausführung gekommen, und nicht zum +wenigsten deswegen, weil die Regierung die unbotmäßige Großstadt +demütigen wollte. Selbst den schließlichen Untergang hat diese Stadt +sich herangespottet. Als im Jahre 540 der Perserkönig Chosroes +Nuschirwan vor den Mauern Antiocheias erschien, wurde er von den Zinnen +derselben nicht bloß mit Pfeilschüssen empfangen, sondern mit den +üblichen unflätigen Spottrufen; und dadurch gereizt, erstürmte der +König nicht bloß die Stadt, sondern führte auch ihre Einwohner hinweg +in das von ihm unweit Ktesiphon angelegte Neu-Antiocheia. + +Die glänzende Seite der syrischen Zustände ist die ökonomische; in +Fabrikation und Handel nimmt Syrien neben Ägypten unter den Provinzen +des römischen Kaiserreichs den ersten Platz ein und behauptet in +gewisser Beziehung auch vor Ägypten den Vorrang. Die Bodenkultur gedieh +unter dem dauernden Friedensstand und unter der einsichtigen, +namentlich auf Hebung der Bewässerung gerichteten Verwaltung in einem +Umfang, der die heutige Zivilisation beschämt. Freilich sind manche +Teile Syriens noch heute von üppigster Fülle; das Tal des unteren +Orontes, den reichen Garten um Tripolis mit seinen Palmengruppen, +Orangenhainen, Granat- und Jasmingebüschen, die fruchtbare Küstenebene +nord- und südwärts von Gaza haben weder die Beduinen noch die Paschas +bis jetzt vermocht zu veröden. Aber ihr Werk ist dennoch nicht gering +anzuschlagen. Apameia im mittleren Tal des Orontes, jetzt eine +Felsenwildnis ohne Fluren und Bäume, wo die dürftigen Herden auf den +spärlichen Weideplätzen von den Räubern des Gebirges dezimiert werden, +ist weit und breit mit Ruinen besät, und es ist urkundlich bezeugt, daß +unter dem Statthalter Syriens Quirinius, demselben, den die Evangelien +nennen, diese Stadt mit Einschluß des Gebiets 117000 freie Einwohner +gezählt hat. Ohne Frage ist einst das ganze Tal des wasserreichen +Orontes - schon bei Hemesa ist er 30 bis 40 Meter breit und 1½ bis 3 +Meter tief - eine große Kulturstätte gewesen. Aber auch von den +Strichen, die jetzt völlige Wüste sind und wo dem heutigen Reisenden +das Leben und Gedeihen des Menschen unmöglich scheint, war ein +beträchtlicher Teil ehemals das Arbeitsfeld rühriger Arme. Östlich von +Hemesa, wo jetzt kein grünes Blatt und kein Tropfen Wasser ist, haben +sich massenweise die schweren Basaltplatten ehemaliger Ölpressen +gefunden. Während heute nur in den quelligen Tälern des Libanos +spärliche Oliven wachsen, müssen einst die Ölwälder weit über das +Orontestal hinausgegangen sein. Wer jetzt von Hemesa nach Palmyra +reist, führt das Wasser auf dem Rücken der Kamele mit sich, und diese +ganze Wegstrecke ist bedeckt mit den Resten einstmaliger Villen und +Dörfer ^14. Den Marsch Aurelians auf dieser Strecke vermöchte jetzt +keine Armee zu unternehmen. Von dem, was heutzutage Wüste heißt, ist +ein guter Teil vielmehr Verwüstung der gesegneten Arbeit besserer +Zeiten. “Ganz Syrien”, sagt eine Erdbeschreibung aus der Mitte des 4. +Jahrhunderts, “hat Überfluß an Getreide, Wein und Öl.” Aber ein +eigentliches Exportland für die Bodenfrüchte, wie Ägypten und Afrika, +ist Syrien auch im Altertum nicht gewesen, wenn auch die edlen Weine, +zum Beispiel der von Damaskos nach Persien, die von Laodikeia, Askalon, +Gaza nach Ägypten und von da aus bis nach Äthiopien und Indien versandt +wurden, und auch die Römer den Wein von Byblos, von Tyros, von Gaza zu +schätzen wußten. + +——————————————————————————— + +^14 Der österreichische Ingenieur Joseph Tschernik (Ergänzungsheft 44 +zu Petermanns geographischen Mittheilungen, 1875, S. 3, 9) fand +Basaltplatten von Ölpressen nicht bloß auf dem wüsten Plateau bei +Kala’at el-Hossn zwischen Hemesa und dem Meer, sondern auch in der Zahl +von über zwanzig östlich von Hemesa bei el-Ferklûs, wo der Basalt +selbst nicht vorkommt, sowie ebendaselbst zahlreiche gemauerte +Terrassen und Ruinenhügel; Terrassierungen auf der ganzen Strecke von +16 Meilen zwischen Hemesa und Palmyra. K. E. Sachau (Reise in Syrien +und Mesopotamien. Leipzig 1883, S. 23, 55) fand Reste von +Wasserleitungen an verschiedenen Stellen der Straße von Damaskos nach +Palmyra. Die in den Fels gehauenen Zisternen von Arados, deren schon +Strabon (16, 2, 13 p. 753) gedenkt, tun noch heute ihren Dienst (J. E. +Renan, Mission de Phénicie. Paris 1874, S. 40). + +——————————————————————————— + +Weit mehr ins Gewicht fielen für die allgemeine Stellung der Provinz +die syrischen Fabriken. Eine Reihe von Industrien, die eben für den +Export in Betracht kommen, sind hier heimisch, insbesondere von Leinen, +von Purpur, von Seide, von Glas. Die Flachsweberei, von alters her in +Babylonien zu Hause, ist von da früh nach Syrien verpflanzt worden; +“ihr Leinen”, sagt jene Erdbeschreibung, “versenden Skytopolis (in +Palästina), Laodikeia, Byblos, Tyros, Berytos in die ganze Welt”, und +in dem Tarifgesetz Diocletians werden dem entsprechend als feine +Leinenwaren die der drei erstgenannten Städte neben denen des +benachbarten Tarsos und ägyptischen aufgeführt, und die syrischen haben +vor allen den Vorrang. Daß der Purpur von Tyros, so viele Konkurrenten +ihm auch entstanden, stets den ersten Platz behauptet hat, ist bekannt; +und neben der tyrischen gab es in Syrien zahlreiche ebenfalls berühmte +Purpurfärbereien an der Küste ober- und unterhalb Tyros, in Sarepta, +Dora, Caesarea, selbst im Binnenland, in dem palästinensischen Neapolis +und in Lydda. Die Rohseide kam in dieser Epoche aus China und +vorzugsweise über das Kaspische Meer, also nach Syrien; verarbeitet +ward sie hauptsächlich in den Fabriken von Berytos und von Tyros, in +welchem letzteren Orte besonders auch die viel gebrauchte und hoch +bezahlte Purpurseide hergestellt ward. Die Glasfabriken von Sidon +behaupteten in der Kaiserzeit ihren uralten Ruf, und zahlreiche +Glasgefäße unserer Museen tragen den Stempel eines sidonischen +Fabrikanten. Zu dem Vertrieb dieser Waren, die ihrer Natur nach dem +Weltmarkt angehörten, kam weiter die ganze Warenmasse, welche aus dem +Orient auf den Euphratstraßen in das Abendland gelangte. Freilich +wendete der arabische und der indische Import in dieser Zeit sich von +dieser Straße ab und nahm hauptsächlich den Weg über Ägypten; aber +nicht bloß der mesopotamische Verkehr blieb notwendig den Syrern, +sondern es standen auch die Emporien der Euphratmündung in regelmäßigem +Karawanenverkehr mit Palmyra und bedienten sich also der syrischen +Häfen. Wie bedeutend dieser Verkehr mit den östlichen Nachbarn war, +zeigt nichts so deutlich wie die gleichartige Silberprägung im +römischen Orient und im parthischen Babylonien; in den Provinzen Syrien +und Kappadokien prägte die römische Regierung Silber, abweichend von +der Reichswährung, auf die Sorten und auf den Fuß des Nachbarreiches. +Die syrische Fabrikation selbst, zum Beispiel von Leinen und Seide, ist +eben durch den Import der gleichartigen babylonischen Handelsartikel +angeregt worden, und wie diese, so sind auch die Leder- und die +Pelzwaren, die Salben, die Spezereien, die Sklaven des Orients während +der Kaiserzeit zu einem sehr beträchtlichen Teil über Syrien nach +Italien und überhaupt dem Westen gekommen. Das aber ist diesen Ursitzen +des Handelsverkehrs immer geblieben, daß die sidonischen Männer und +ihre Landesgenossen, hierhin sehr verschieden von den Ägyptern, ihre +Waren nicht bloß den Ausländern verkauften, sondern sie ihnen selber +brachten, und wie die Schiffskapitäne in Syrien einen hervorragenden +und geachteten Stand bildeten ^15, so waren syrische Kaufleute und +syrische Faktoreien in der Kaiserzeit ungefähr ebenso überall zu finden +wie in den fernen Zeiten, von denen Homer erzählt. Die Tyrier hatten +derzeit Faktoreien in den beiden großen Importhäfen Italiens, Ostia und +Puteoli, und wie diese selbst in ihren Urkunden ihre Anstalten als die +größten und stattlichsten dieser Art bezeichnen, so wird in der öfter +angeführten Erdbeschreibung Tyros für Handel und Verkehr der erste +Platz des Orients genannt ^16; ebenso hebt Strabon bei Tyros und bei +Arados die ungewöhnlich hohen, aus vielen Stockwerken bestehenden +Häuser als eine Besonderheit hervor. Ähnliche Faktoreien haben auch +Berytos und Damaskos und gewiß noch viele andere syrische und +phönikische Handelsstädte in den italienischen Häfen gehabt ^17. Dem +entsprechend finden wir namentlich in der späteren Kaiserzeit syrische, +vornehmlich apamenische Kaufleute nicht bloß in ganz Italien ansässig, +sondern ebenso in allen größeren Emporien des Okzidents, in Salonae in +Dalmatien, Apulum in Dakien, Malaca in Spanien, vor allem aber in +Gallien und Germanien, zum Beispiel in Bordeaux, Lyon, Paris, Orleans, +Trier, so daß wie die Juden so auch diese syrischen Christen nach ihren +Gebräuchen leben und in ihren Konventen sich ihres Griechischen +bedienen ^18. Nur auf dieser Grundlage werden die früher geschilderten +Zustände der Antiochener und der syrischen Städte überhaupt +verständlich. Die vornehme Welt daselbst besteht aus den reichen +Fabrikanten und Kaufleuten, die Masse der Bevölkerung sind die Arbeiter +und die Schiffer ^19, und wie später der im Orient erworbene Reichtum +nach Genua und Venedig, so strömte damals der Handelsgewinn des +Okzidents zurück nach Tyros und Apameia. Bei dem ausgedehnten +Handelsgebiet, welches diesen Großhändlern offenstand, und bei den im +ganzen mäßigen Grenz- und Binnenzöllen brachte schon der syrische, +einen großen Teil der gewinnbringendsten und transportabelsten Artikel +umfassende Export ungeheure Kapitalien in ihre Hände; und ihr Geschäft +beschränkte sich nicht auf die heimatlichen Waren ^20. Welches +Wohlleben einstmals hier geherrscht hat, das lehren nicht die dürftigen +Überbleibsel der untergegangenen großen Städte, aber die mehr +verlassene als verwüstete Landschaft am rechten Ufer des Orontes von +Apameia an bis zu der Wendung des Flusses gegen das Meer. In diesem +Strich von etwa 20 bis 25 deutschen Meilen Länge stehen heute noch die +Ruinen von gegen hundert Ortschaften, ganze noch erkennbare Straßen, +die Gebäude, mit Ausnahme der Dächer, ausgeführt in massivem Steinbau, +die Wohnhäuser von Säulenhallen umgeben, mit Galerien und Balkonen +geschmückt, Fenster und Portale reich und oft geschmackvoll dekoriert +mit Steinarabesken, dazu Garten- und Badeanlagen, Wirtschaftsräume im +Erdgeschoß, Ställe, in den Felsen gehauene Wein- und Ölpressen ^21, +auch große, ebenfalls in den Felsen gehauene Grabkammern mit +Sarkophagen gefüllt und mit säulengeschmückten Eingängen. Spuren +öffentlichen Lebens begegnen nirgends; es sind die Landwohnungen der +Kaufleute und der Industriellen von Apameia und Antiocheia, deren +gesicherter Wohlstand und solider Lebensgenuß aus diesen Trümmern +spricht. Es gehören diese Ansiedlungen völlig gleichförmigen Charakters +durchaus der späten Kaiserzeit an, die ältesten dem Anfang des vierten +Jahrhunderts, die spätesten der Mitte des sechsten, unmittelbar vor dem +Ansturm des Islam, dem auch dieses blühende und gedeihliche Leben +erlegen ist. Christliche Symbole und biblische Sprüche begegnen überall +und ebenso stattliche Kirchen und kirchliche Anlagen. Indes hat diese +Kulturentwicklung nicht erst unter Konstantin begonnen, sondern in +jenen Jahrhunderten nur sich gesteigert und konsolidiert. Sicher sind +jenen Steinbauten ähnliche, weniger dauerhafte Villen- und +Gartenanlagen vorausgegangen. Die Regeneration des Reichsregiments nach +den wüsten Wirren des dritten Jahrhunderts drückt in dem Aufschwung +sich aus, den die syrische Kaufmannswelt damals nahm; aber bis zu einem +gewissen Grade wird dies uns gebliebene Abbild derselben auch auf die +frühere Kaiserzeit bezogen werden dürfen. + +——————————————————————————— + +15 In Arados, einer zu Strabons Zeit (16, 2, 13 p. 753) sehr +volkreichen Stadt, erscheint unter Augustus ein πρόβουλος τών +ναυαρχησάνιων (CIG 4736 h, besser bei Renan, Mission de Phιnicie, S. +31). + +16 Totius orbis descriptio c. 24: nulla forte civitas Orientis est eius +spissior in negotio. Die Urkunden der statio (CIG 5853; CIL X, 1601) +geben von diesen Faktoreien ein lebendiges Bild. Sie dienen zunächst +religiösen Zwecken, das heißt für den Kult der tyrischen Götter am +fremden Ort; zu diesem Zwecke wird in der größeren Station von Ostia +von den tyrischen Schiffern und Kaufleuten eine Abgabe erhoben und aus +deren Ertrag der kleineren ein jährlicher Zuschuß von 1000 Sesterzen +gewährt, der für die Miete des Lokals verwendet wird; die übrigen +Kosten werden von den Tyriern in Puteoli, ohne Zweifel durch +freiwillige Beiträge, aufgebracht. + +17 Für Berytos beweist dies die Puteolaner Inschrift CIL X,1634; für +Damaskos legt es die dem Jupiter optimus maximus Damascensus daselbst +gesetzte X, 1576 wenigstens nahe. + +Übrigens zeigt sich auch hier, mit wie gutem Grund Puteoli Klein-Delos +heißt. Auf Delos begegnen in der letzten Zeit seiner Blüte, das heißt +etwa in dem Jahrhundert vor dem Mithradatischen Krieg, die syrischen +Faktoreien und die syrischen Kulte in ganz gleicher Weise und in noch +größerer Fülle: wir finden dort die Gilde der Herakleisten von Tyros +(τό κοινόν τών Τυρίων Ηρακλειστών εμπόρων καί ναυκλήρων CIG 2271), der +Poseidoniasten von Berytos (τό κοινόν Βηρυτίων Ποσειδωνιαστών εμπόρων +καί ναυκλήρων καί εγδοχέων, BCH 7, 1883, S. 468), der Verehrer des Adad +und der Atargatis von Hierapolis (BCH 6, 1882, S. 495f.), abgesehen von +den zahlreichen Denksteinen syrischer Kaufleute. Vgl. Homolle, BCH 8, +1884, S. 110f. + +18 Indem Salvianus (gegen 450) den gallischen Christen zu Gemüte führt, +daß sie um nichts besser seien als die Heiden, weist er hin (gub. 4, +14, 69) auf die nichtswürdigen negotiatorum et Syricorum omnium turbae, +quae maiorem ferme civitatum universarum partem occupaverunt. Gregor +von Tours erzählt, daß König Guntchram in Orleans von der gesamten +Bürgerschaft eingeholt wird und gefeiert, wie in lateinischer Sprache +so auch auf hebräisch und auf syrisch (8, 1: hinc lingua Syrorum, hinc +Latinorum, hinc … Judaeorum in diversis laudibus varie concrepabat) und +daß nach Erledigung des Bischofsitzes von Paris ein syrischer Kaufmann +denselben sich zu verschaffen wußte und die dazu gehörigen Stellen an +seine Landsleute vergab (10, 26: omnem scholam decessoris sui abiciens +Syros de genere suo ecclesiasticae domui ministros esse statuit). +Sidonius (um 450) schildert die verkehrte Welt von Ravenna (epist. 1, +8) mit den Worten: fenerantur clerici, Syri psallunt ; negotiatores +militant, monachi negotiantur. Usque hodie, sagt Hieronymus (in Ezech. +27, vol. 5 p. 513 Vall.) permanet in Syris ingenitus negotiationis +ardor, qui per totum mundum lucri cupiditate discurrunt et tantam +mercandi habent vesaniam, ut occupato nunc orbe Romano (geschrieben +gegen Ende des 4. Jahrhunderts) inter gladios et miserorum neces +quaerant divitias et paupertatem periculis fugiant. Andere Belege gibt +L. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. Bd. 2, 5. +Aufl. S. 67. Ohne Bedenken wird man die zahlreichen Inschriften des +Okzidents hinzufügen dürfen, welche von Syrern herrühren, auch wenn +diese sich nicht ausdrücklich als Kaufleute bezeichnen. Belehrend ist +dafür das Coemeterium der kleinen norditalischen Landstadt Concordia +aus dem 5. Jahrhundert; die auf demselben bestatteten Ausländer sind +alle Syrer, meist Apamener (CIL III, p. 1060); ebenso gehören alle in +Trier gefundenen griechischen Inschriften Syrern (CIG 9891, 9892, +9893). Diese Inschriften sind nicht bloß in syrischer Weise datiert, +sondern zeigen auch Besonderheiten des dortigen dialektischen +Griechisch (Hermes 19, 1884, S. 423). + +Daß diese syrisch-christliche, zu dem Gegensatz des orientalischen und +okzidentalischen Klerus in Beziehung stehende Diaspora mit der +jüdischen nicht zusammengeworfen werden darf, zeigt der Bericht bei +Gregorius deutlich; sie hat offenbar viel höher gestanden und +durchgängig den besseren Ständen angehört. + +19 Das ist zum Teil noch heute so. Die Zahl der Seidenarbeiter in Höms +wird auf 3000 angeschlagen (Tschernik a. a. O.) + +^20 Eine der ältesten, das heißt nach Severus und vor Diocletian +gesetzten Grabschriften dieser Art ist die lateinisch-griechische, +unweit Lyon gefundene (Wilmanns 2498 vgl. Lebas-Waddington 2329) eines +Θαίμος ο καί Ιουλιανός Σαάδου (lateinisch Thaemus Iulianus Sati fil.), +gebürtig aus Atheila (de vico Athelani) unweit Kanatha in Syrien (noch +jetzt ‘Atîl unweit Kanawât im Hauran) und Decurio in Kanatha, ansässig +in Lyon (πάτραν λείπων ήκε τώδ' επί χώρω) und hier Großhändler für +aquitanische Waren (ες πράσιν έχων ενπόριον αγορασμών μεστον εκ +Ακουιτανίης ώδ' επί Λουγουδυνοίω - negotiatori Luguduni et prov. +Aquitanica). Danach müssen diese syrischen Kaufleute nicht allein mit +syrischen Waren gehandelt, sondern mit ihrem Kapital und ihrer +Geschäftskenntnis den Großhandel überhaupt betrieben haben. + +^21 Charakteristisch ist das lateinische Epigramm an einem Kelterhause +CIL III, 188 in dieser Heimat der “apamenischen Traube” (vita Elagabali +c. 21). + +——————————————————————————— + +Die Verhältnisse der Juden in der römischen Kaiserzeit sind so +eigenartig und man möchte sagen so wenig abhängig von der Provinz, die +in der früheren Kaiserzeit mit ihrem, in der späteren vielmehr mit dem +wiedererweckten Namen der Philistäer oder Palästinenser benannt ward, +daß es, wie schon gesagt ward, angemessen erschien, diese in einem +besonderen Abschnitt zu behandeln. Das Wenige, was über das Land +Palästina zu bemerken ist, insbesondere die nicht unbedeutende +Beteiligung der Küsten- und zum Teil auch der binnenländischen Städte +an der syrischen Industrie und dem syrischen Handel, ist in der darüber +gegebenen Auseinandersetzung miterwähnt worden. Die jüdische Diaspora +hatte schon vor der Zerstörung des Tempels sich in einer Weise +erweitert, daß Jerusalem, auch als es noch stand, mehr ein Symbol als +eine Heimat war, ungefähr wie die Stadt Rom für die sogenannten +römischen Bürger der späteren Zeit. Die Juden von Antiocheia und +Alexandreia und die zahlreichen ähnlichen Gemeinschaften minderen +Rechts und geringeren Ansehens haben sich selbstverständlich an dem +Handel und Verkehr ihrer Wohnsitze beteiligt. Ihr Judentum kommt dabei +nur etwa insofern in Betracht, als die Gefühle gegenseitigen Hasses und +gegenseitiger Verachtung, wie sie seit Zerstörung des Tempels und den +mehrfach sich wiederholenden national-religiösen Kriegen zwischen Juden +und Nichtjuden sich entwickelt oder vielmehr gesteigert hatten, auch in +diesen Kreisen ihre Wirkung geübt haben werden. Da die im Ausland sich +aufhaltenden syrischen Kaufleute sich zunächst für den Kultus ihrer +heimatlichen Gottheiten zusammenfanden, so kann der syrische Jude in +Puteoli den dortigen syrischen Kaufmannsgilden nicht wohl angehört +haben; und wenn der Kult der syrischen Götter im Ausland mehr und mehr +Anklang fand, so zog, was den übrigen Syrern zugute kam, zwischen den +mosaisch-gläubigen Syrern und den Italikern eine Schranke mehr. +Schlossen sich diejenigen Juden, die eine Heimat außer Palästina +gefunden hatten, außerhalb derselben nicht ihren Wohnsitz-, sondern +ihren Religionsgenossen an, wie das nicht hat anders sein können, so +verzichteten sie damit auf die Geltung und die Duldung, welche den +Alexandrinern und den Antiochenern und so weiter im Ausland +entgegenkam, und wurden genommen, wie sie sich gaben, als Juden. Die +palästinensischen Juden des Okzidents aber waren zum größten Teil nicht +hervorgegangen aus der kaufmännischen Emigration, sondern +kriegsgefangene Leute oder Nachkommen solcher und in jeder Hinsicht +heimatlos; die Pariastellung, welche die Kinder Abrahams vor allem in +der römischen Hauptstadt einnahmen, der Betteljude, dessen Hausrat in +dem Heubündel und dem Schacherkorb besteht und dem kein Verdienst zu +gering und zu gemein ist, knüpft an den Sklavenmarkt an. Unter diesen +Umständen begreift es sich, weshalb im Okzident die Juden während der +Kaiserzeit neben den Syrern eine untergeordnete Rolle gespielt haben. +Die religiöse Gemeinschaft der kaufmännischen und der +Proletariereinwanderung drückte auf die Gesamtheit der Juden noch neben +der allgemeinen mit ihrer Stellung verbundenen Zurücksetzung. Mit +Palästina aber hat jene wie diese Diaspora wenig zu schaffen. + +Es bleibt noch ein Grenzgebiet zu betrachten, von dem nicht häufig die +Rede ist und das dennoch wohl Berücksichtigung verdient: es ist die +römische Provinz Arabia. Sie führt ihren Namen mit Unrecht; der Kaiser, +der sie eingerichtet hat, Traianus, war ein Mann großer Taten, aber +noch größerer Worte. Die arabische Halbinsel, weiche das Euphratgebiet +wie das Niltal voneinander scheidet, regenarm, ohne Flüsse, allerseits +mit felsiger und hafenarmer Küste, ist für den Ackerbau wie für den +Handel wenig geeignet und in alter Zeit zum weitaus größten Teil den +nicht seßhaften Wüstenbewohnern zum unbestrittenen Erbteil verblieben. +Insonderheit die Römer, welche überhaupt in Asien wie in Ägypten besser +als irgendeine andere der wechselnden Vormächte es verstanden haben, +ihren Besitz zu beschränken, haben niemals auch nur versucht, die +arabische Halbinsel zu unterwerfen. Ihre wenigen Unternehmungen gegen +den südöstlichen Teil derselben, den produktenreichsten und wegen der +Beziehung zu Indien auch für den Handel wichtigsten, werden bei der +Erörterung der ägyptischen Verkehrsverhältnisse ihre Darstellung +finden. Das römische Arabien umfaßt schon als römischer Klientelstaat +und vor allem als römische Provinz nur einen mäßigen Teil vom Norden +der Halbinsel, außerdem aber das Land südlich und östlich von Palästina +zwischen diesem und der großen Wüste bis über Bostra hinaus. Mit diesem +betrachten wir die zu Syrien gehörige Landschaft zwischen Bostra und +Damaskos, die jetzt nach dem Haurângebirge benannt zu werden pflegt, +nach der alten Bezeichnung Trachonitis und Batanaea. + +Diese ausgedehnten Gebiete sind für die Zivilisation nur unter +besonderen Verhältnissen zu gewinnen. Das eigentliche Steppenland +(Hamâd) östlich von der Gegend, mit der wir uns hier beschäftigen, bis +zum Euphrat ist nie von den Römern in Besitz genommen worden und aller +Kultur unfähig; nur die schweifenden Wüstenstämme, wie heute zum +Beispiel die Aneze, durchziehen dasselbe, um ihre Rosse und ihre Kamele +im Winter am Euphrat, im Sommer in den Gebirgen südlich von Bostra zu +weiden und oft mehrmals im Jahre die Trift zu wechseln. Schon auf einem +höheren Grade der Kultur stehen westwärts der Steppe die seßhaften +Hirtenstämme, die namentlich Schafzucht in großer Ausdehnung betreiben. +Aber auch für den Ackerbau ist in diesen Strecken vielfach Raum. Die +rote Erde des Haurân, zersetzte Lava, erzeugt im Urzustand viel wilden +Roggen, wilde Gerste und wilden Hafer und bestellt den schönsten +Weizen. Einzelne Tieftäler mitten zwischen den Steinwüsten, wie das +“Saatfeld”, die Ruhbe, in der Trachonitis, sind die fruchtbarsten +Strecken in ganz Syrien; ohne daß gepflügt, geschweige denn gedüngt +wird, trägt der Weizen durchschnittlich achtzig-, die Gerste +hundertfältig und 26 Halme von einem Weizenkorn sind keine Seltenheit. +Dennoch bildet sich hier kein fester Wohnsitz, da in den Sommermonaten +die große Hitze und der Mangel an Wasser und Weide die Bewohner zwingt, +nach den Gebirgsweiden des Haurân zu wandern. Aber auch an Gelegenheit +zu fester Ansiedelung fehlt es nicht. Das von dem Baradâfluß in +vielfachen Armen durchströmte Gartenrevier um die Stadt Damaskos und +die fruchtbaren, noch heute volkreichen Bezirke, die dasselbe nach +Osten, Norden und Süden einschließen, waren in alter wie in neuer Zeit +die Perle Syriens. Die Ebene um Bostra, namentlich westlich davon die +sogenannte Nukra, ist heute für Syrien die Kornkammer, obgleich durch +Regenmangel durchschnittlich jede vierte Ernte verlorengeht und die aus +der nahen Wüste oftmals einbrechenden Heuschrecken eine unvertilgbare +Landplage bleiben. Wo immer die Wasserläufe der Gebirge in die Ebene +geführt werden, blüht unter ihnen das frische Leben auf. “Die +Fruchtbarkeit dieser Landschaft”, sagt ein genauer Kenner, “ist +unerschöpflich; und noch heutigentags, wo die Nomaden dort weder Baum +noch Strauch übrig gelassen haben, gleicht das Land, so weit das Auge +reicht, einem Garten.” Auch auf den Lavaplateaus der gebirgigen +Strecken haben die Lavaströme nicht wenige Stellen (Kâ' im Aurân +genannt) für den Anbau freigelassen. + +Diese Naturbeschaffenheit hat regelmäßig die Landschaft den Hirten und +den Räubern überliefert. Die notwendige Unstetigkeit eines großen Teils +der Bevölkerung führt zu ewigen Fehden namentlich um die Weideplätze +und zu stetigen Überfällen derjenigen Gegenden, die sich für feste +Ansiedlung eignen; mehr noch als anderswo bedarf es hier der Bildung +solcher staatlicher Gewalten, die imstande sind, in weiterem Umfange +Ruhe und Frieden zu schaffen, und für diese fehlt in der Bevölkerung +die rechte Unterlage. Es gibt in der weiten Welt kaum eine Landschaft, +wo gleich wie in dieser die Zivilisation nicht aus sich selbst +erwachsen, sondern allein durch übermächtige Eroberung von außen her +ins Leben gerufen werden kann. Wenn Militärstationen die schweifenden +Stämme der Wüste eindämmen und diejenigen innerhalb der Kulturgrenze +zum friedlichen Hirtenleben zwingen, wenn in die kulturfähigen Gegenden +Kolonisten geführt und die Wasser der Berge von Menschenhand in die +Ebene geleitet werden, so, aber auch nur so, gedeiht hier fröhliches +und reichliches Leben. + +Die vorrömische Zeit hatte diesen Landschaften solchen Segen nicht +gebracht. Die Bewohner des gesamten Gebiets gehören bis gegen Damaskos +hin zu dem arabischen Zweig des großen semitischen Stammes; die +Personennamen wenigstens sind durchgängig arabisch. Es begegneten sich +in demselben, wie in dem nördlichen Syrien, orientalische und +okzidentalische Zivilisation; doch hatten bis zu der Kaiserzeit beide +nur geringe Fortschritte gemacht. Die Sprache und die Schrift, deren +die Nabatäer sich bedienen, sind die Syriens und der Euphratländer und +können nur von dort her den Eingeborenen zugekommen sein. Andererseits +erstreckte die griechische Festsetzung in Syrien sich zum Teil +wenigstens auch auf diese Landschaften. Die große Handelsstadt Damaskos +war mit dem übrigen Syrien griechisch geworden. Auch in das +transjordanische Gebiet, insbesondere in die nördliche Dekapolis hatten +die Seleukiden die griechische Städtegründung getragen; weiter südlich +war hier wenigstens das alte Rabbath Ammon durch die Lagiden die Stadt +Philadelpheia geworden. Aber weiter abwärts und in den östlichen, an +die Wüste grenzenden Strichen hatten die nabatäischen Könige nicht viel +mehr als dem Namen nach den syrischen oder den ägyptischen Alexandriden +gehorcht, und Münzen oder Inschriften und Bauwerke, welche dem +vorrömischen Hellenismus beigelegt werden könnten, sind hier nirgends +zum Vorschein gekommen. + +Als Syrien römisch ward, war Pompeius bemüht, das hellenische +Städtewesen, das er vorfand, zu festigen; wie denn die Städte der +Dekapolis späterhin von dem Jahre 690/1 (64/63), in dem Palästina zum +Reich gekommen war, ihre Jahre zählten ^22. Hauptsächlich aber blieb in +diesem Gebiet das Regiment wie die Zivilisierung den beiden +Vasallenstaaten, dem jüdischen und dem arabischen, überlassen. + +——————————————————————————- + +^22 Daß die Dekapolis und die Reorganisation des Pompeius wenigstens +bis nach Kanata (Kerak) nordwestlich von Bostra reichte, steht durch +die Zeugnisse der Schriftsteller und durch die nach der pompeianischen +Ära datierten Münzen fest (Waddington zu 2412 d). Wahrscheinlich +gehören derselben Stadt die Münzen mit dem Namen Γαβείνια Κάναθα und +Daten derselben Ära (Reichard, Zeitschrift für Numismatik 7,1880, S. +53); es würde danach dieser Ort zu den zahlreichen von Gabinius +restituierten gehören (Ios. ant. Iud. 14, 5, 3). Waddington freilich +(zu 2329) gibt diese Münzen, so weit er sie kannte, dem zweiten Ort +dieses Namens, dem heutigen Kanawât, der eigentlichen Hauptstadt des +Haurân, nordwärts von Bostra; aber es ist wenig wahrscheinlich, daß +Pompeius’ und Gabinius’ Organisation sich so weit ostwärts erstreckt +hat. Vermutlich ist diese zweite Stadt jünger und benannt nach der +ersten, der östlichsten der Dekapolis. + +——————————————————————————- + +Von dem König der Juden, Herodes und seinem Hause, wird anderweitig +noch die Rede sein; hier haben wir seiner Tätigkeit zu gedenken für die +Ausdehnung der Zivilisation gegen Osten. Sein Herrschaftsgebiet +erstreckte sich über beide Ufer des Jordan in seiner ganzen Ausdehnung, +nordwärts bis wenigstens nach Chelbon, nordwestlich von Damaskos, +südlich bis an das Tote Meer, während die Landschaft weiter östlich +zwischen seinem Reich und der Wüste dem Araberkönig überwiesen war. Er +und seine Nachkommen, die hier noch nach der Einziehung der Herrschaft +von Jerusalem bis auf Traian das Regiment führten und späterhin in +Ceasarea Paneas im südlichen Libanos residierten, waren energisch +bemüht, die Eingeborenen zu zähmen. Die ältesten Zeugnisse einer +gewissen Kultur in diesen Gegenden sind wohl die Höhlenstädte, von +denen im Buch der Richter die Rede ist, große unterirdische, durch +Luftlöcher bewohnbar gemachte Samtverstecke mit Gassen und Brunnen, +geeignet, Menschen und Herden zu bergen, schwer zu finden und auch +gefunden schwer zu bezwingen. Ihr bloßes Dasein zeigt die +Vergewaltigung der friedlichen Bewohner durch die unsteten Söhne der +Steppe. “Diese Striche”, sagt Josephus, wo er die Zustände im Haurân +unter Augustus schildert, “wurden bewohnt von wilden Stämmen ohne +Städte und ohne feste Äcker, welche mit ihren Herden unter der Erde in +Höhlen mit schmalem Eingang und weiten verschlungenen Gassen hausten, +aber mit Wasser und Vorräten reichlich versehen, schwer zu bezwingen +waren.” Einzelne dieser Höhlenstädte fassen bis 400 Köpfe. Ein +merkwürdiges Edikt des ersten oder zweiten Agrippa, wovon sich +Bruchstücke in Kanatha (Kanawât) gefunden haben, fordert die Einwohner +auf, von ihren “Tierzuständen” zu lassen und das Höhlenleben mit +zivilisierter Existenz zu vertauschen. Die nicht ansässigen Araber +lebten hauptsächlich vom Ausplündern teils der benachbarten Bauern, +teils der durchziehenden Karawanen; die Unsicherheit wurde dadurch +gesteigert, daß der kleine Fürst Zenodoros von Abila nordwärts Damaskos +im Antilibanos, dem Augustus die Aufsicht über den Trachon übertragen +hatte, es vorzog, mit den Räubern gemeinschaftliche Sache zu machen, +und sich an ihrem Gewinn im stillen beteiligte. Eben infolgedessen wies +der Kaiser dies Gebiet dem Herodes zu, und dessen rücksichtsloser +Energie gelang einigermaßen die Bändigung dieser Räuberwirtschaft. Der +König scheint an der Ostgrenze eine Linie befestigter und königlichen +Kommandanten (έπαρχοι) unterstellter Militärposten eingerichtet zu +haben. Er hätte noch mehr erreicht, wenn das nabatäische Gebiet den +Räubern nicht eine Freistatt geboten hätte; es war dies eine der +Ursachen der Entzweiung zwischen ihm und seinem arabischen Kollegen +^23. Die hellenisierende Tendenz tritt auf diesem Gebiete ebenso stark +und minder unerfreulich hervor wie in seinem Regiment in der Heimat. +Wie alle Münzen des Herodes und der Herodeer griechisch sind, so trägt +im transjordanischen Land zwar das älteste Denkmal mit Inschrift, das +wir kennen, der Tempel des Baalsamin bei Kanatha, eine aramäische +Dedikation; aber die dort aufgestellten Ehrenbasen, darunter eine für +Herodes den Großen ^24, sind zweisprachig oder bloß griechisch; unter +seinen Nachfolgern herrscht das Griechische allein. + +————————————————————- + +^23 Die “flüchtigen Leute aus der Tetrarchie des Philippos”, welche im +Heer des Tetrarchen von Galiläa Herodes Antipas dienen und in der +Schlacht gegen den Araber Aretas zum Feinde übergehen (Ios. ant. Iud. +18, 5, 1), sind ohne Zweifel auch aus der Trachonitis ausgetriebene +Araber. + +^24 Waddington 2366 = Vogue, Inscriptions du Haouran, n. 3. +Zweisprachig ist auch die älteste Grabschrift dieser Gegend aus Suweda, +Waddington 2320 = Vogue n. 1, die einzige im Haurân, die das stumme +Jota ausdrückt. Die Aufschriften sind auf beiden Denkmälern so +angebracht, daß nicht zu bestimmen ist, welche Sprache voransteht. + +————————————————————- + +Neben dem jüdischen stand der schon früher erwähnte “König von Nabat”, +wie er selber sich nennt. Die Residenz dieser Araberfürsten war die +“Felsenstadt”, aramäisch Sela, griechisch Petra, eine mittwegs zwischen +dem Toten Meere und der nordöstlichen Spitze des Arabischen Meerbusens +gelegene Felsenburg, von jeher ein Stapelplatz für den Verkehr Indiens +und Arabiens mit dem Mittelmeergebiet. Von der arabischen Halbinsel +besaßen diese Herrscher die nördliche Hälfte; ihre Gewalt erstreckte +sich am Arabischen Meerbusen bis nach Leuke Kome gegenüber der +ägyptischen Stadt Berenike, im Binnenland wenigstens bis in die Gegend +des alten Thaema ^25. Nördlich von der Halbinsel reichte ihr Gebiet bis +nach Damaskos, das unter ihrem Schutze stand ^26, und selbst über +Damaskos hinaus ^27 und umschloß wie mit einem Gürtel das gesamte +palästinensische Syrien. Nach der Besitznahme Judäas stießen die Römer +feindlich mit ihnen zusammen, und Marcus Scaurus führte eine Expedition +gegen Petra. Damals ist es nicht zu ihrer Unterwerfung gekommen; aber +bald nachher muß dieselbe erfolgt sein ^28. Unter Augustus ist ihr +König Obodas ebenso reichsuntertänig ^29 wie der Judenkönig Herodes und +leistet gleich diesem Heerfolge bei der römischen Expedition gegen das +südliche Arabien. Seit jener Zeit muß der Schutz der Reichsgrenze im +Süden wie im Osten von Syrien bis hinauf nach Damaskos zunächst in der +Hand dieses Araberkönigs gelegen haben. Mit dem jüdischen Nachbarn lag +er in beständiger Fehde. Augustus, erzürnt darüber, daß der Araber +statt bei dem Lehnsherrn gegen Herodes Recht zu suchen, diesem mit den +Waffen entgegengetreten war und daß des Obodas Sohn Harethath oder +griechisch Aretas nach dem Tode des Vaters, statt die Belehnung +abzuwarten, ohne weiteres die Herrschaft angetreten hatte, war im +Begriff, diesen abzusetzen und sein Gebiet mit dem jüdischen zu +vereinigen; aber das Mißregiment des Herodes in seinen späteren Jahren +hielt ihn davon zurück, und so wurde (um 747 7) Aretas bestätigt. +Einige Dezennien später begann derselbe wieder auf eigene Hand Krieg +gegen seinen Schwiegersohn, den Fürsten von Galiläa, Herodes Antipas, +wegen der Verstoßung seiner Tochter zu Gunsten der schönen Herodias. Er +behielt die Oberhand, aber der erzürnte Lehnsherr Tiberius befahl dem +Statthalter von Syrien die Exekution gegen ihn. Schon waren die Truppen +auf dem Marsche, als Tiberius starb (37); und sein Nachfolger Gaius, +der dem Antipas nicht wohl wollte, verzieh dem Araber. Des Aretas +Nachfolger König Maliku oder Malchos focht unter Nero und Vespasian in +dem Jüdischen Krieg als römischer Vasall und vererbte die Herrschaft +auf seinen Sohn Rabel, den Zeitgenossen Traians, den letzten dieser +Regenten. Namentlich nach der Einziehung des Staates von Jerusalem und +der Reduzierung der ansehnlichen Herrschaft des Herodes auf das wenig +schlagfertige Königreich von Caesarea Paneas war unter den syrischen +Klientelstaaten der arabische der ansehnlichste, wie er denn auch zu +dem Jerusalem belagernden Römerheere unter den königlichen das stärkste +Kontingent stellte. Des Gebrauchs der griechischen Sprache hat dieser +Staat sich auch unter römischer Oberhoheit enthalten; die unter der +Herrschaft seiner Könige geschlagenen Münzen tragen, von Damaskos +abgesehen, nur aramäische Aufschrift. Aber es zeigen sich die Anfänge +geordneter Zustände und zivilisierten Regiments. Die Prägung selbst hat +wahrscheinlich erst begonnen, nachdem der Staat unter römische Klientel +gekommen war. Der arabisch-indische Verkehr mit dem Mittelmeergebiet +bewegt sich zum großen Teil auf der von Leuke Kome über Petra nach Gaza +laufenden, von den Römern überwachten Karawanenstraße ^30. Die Fürsten +des Nabatäerreiches bedienen sich, ähnlich wie die Gemeinde Palmyra, +für die Beamten griechischer Ämterbezeichnungen, wie zum Beispiel des +Eparchen- und des Strategentitels. Wenn unter Tiberius die durch die +Römer bewirkte gute Ordnung Syriens und die durch die militärische +Besetzung herbeigeführte Sicherheit der Ernten rühmend hervorgehoben +wird, so ist dies zunächst zu beziehen auf die in den Klientelstaaten +von Jerusalem oder nachher von Caesarea Paneas und von Petra +getroffenen Einrichtungen. + +————————————————————- + +^25 Bei Medain Sâlih oder Hidjr, südlich von Teimâ, dem alten Thaema, +sind kürzlich von den Reisenden Doughty und Huber eine Reihe +nabatäischer Inschriften aufgefunden worden, die, großenteils datiert, +von der Zeit des Augustus bis zum Tode Vespasians reichen. Lateinische +Inschriften fehlen, und die wenigen griechischen sind spätester Zeit; +allem Anschein nach ist bei der Umwandlung des Nabatäischen Reiches in +eine römische Provinz, was von dem inneren Arabien zu jenem gehörte, +von den Römern aufgegeben worden. + +^26 Die Stadt Damaskos unterwarf sich freiwillig unter den letzten +Seleukiden um die Zeit der Diktatur Sullas dem damaligen König der +Nabatäer, vermutlich dem Aretas mit dem Scaurus schlug (Ios. ant. Iud. +13, 15). Auch die Münzen mit der Aufschrift βασιλεύς Αρέτου φιλέλληνος; +(Eckhel 3, 330; Luynes, Revue numismatique N. S. 3, 1858, S. 311) sind +vielleicht in Damaskos geschlagen, als dies von den Nabatäern abhängig +war; die Jahreszahl auf einer derselben ist zwar nicht mit Sicherheit +bezogen, führt aber vermutlich in die letzte Zeit der römischen +Republik. Wahrscheinlich hat diese Abhängigkeit der Stadt von den +nabatäischen Königen fortbestanden, solange es überhaupt solche gab. +Daraus, daß die Stadt Münzen mit den Köpfen der römischen Kaiser +geprägt hat, folgt wohl die Abhängigkeit von Rom und daneben die +Selbstverwaltung, aber nicht die Unabhängigkeit von dem römischen +Lehnsfürsten; die derartigen Schutzverhältnisse sind so mannigfaltig +gestaltet daß diese Ordnungen wohl sich miteinander vertragen konnten. +Für die Fortdauer des Nabatäerregiments spricht teils, daß der Ethnarch +des Königs Aretas in Damaskos den Apostel Paulus, wie dieser im 2. +Brief an die Korinther (11, 32) schreibt, verhaften lassen wollte, +teils die seit kurzem festgestellte Tatsache (Anm. 27), daß die +Herrschaft der Nabatäer nordöstlich von Damaskos noch unter Traian +fortdauerte. + +Indem man umgekehrt davon ausging, daß, wenn Aretas in Damaskos +herrscht, die Stadt nicht römisch sein kann hat man auf verschiedenen +Wegen versucht, jenen Vorgang im Leben des Paulus chronologisch zu +fixieren. Man hat an die Verwicklung zwischen Aretas und der römischen +Regierung in den letzten Jahren des Tiberius gedacht; aber wie diese +verlief, ist es nicht wahrscheinlich, daß sie in dem Besitzstand des +Aretas eine dauernde Veränderung herbeigeführt hat. Melchior de Vogue +(Mélanges d’archéologie orientale. Paris 1869, S. 33) hat darauf +hingewiesen daß zwischen Tiberius und Nero - genauer zwischen den +Jahren 33 und 62 (F. C. Saulcy, Numismatique de la Terre-Sainte. Paris +1874, S. 36) - Kaisermünzen von Damaskos fehlen und das Regiment der +Nabatäer daselbst in diese Zwischenzeit gesetzt, indem er annahm, daß +Kaiser Gaius wie so vielen anderen Lehnsfürsten, auch dem Araber seine +Huld erwiesen und ihn mit Damaskos belehnt habe. Aber derartige +Unterbrechungen der Prägung treten häufig auf und fordern keine so +tiefgreifende Erklärung. Man wird wohl darauf verzichten müssen, an dem +Schalten des Nabatäerkönigs in Damaskos für die Lebensgeschichte des +Paulus einen chronologischen Haltpunkt zu finden und überhaupt Paulus +Aufenthalt in dieser Stadt der Zeit nach zu definieren. Wenn der auf +jeden Fall stark verschobenen Darstellung des Vorgangs in der +Apostelgeschichte 9 insoweit zu trauen ist, ging Paulus nach Damaskos +vor der Bekehrung, um die Christenverfolgung, in welcher Stephanos +umgekommen war, dort fortzusetzen, und beschlossen dann, als er bekehrt +in Damaskos vielmehr für die Christen eintrat die dortigen Juden ihn +umzubringen, wobei also vorausgesetzt werden muß, daß der Beamte des +Aretas, ähnlich wie Pilatus, der Ketzer-Verfolgung der Juden Raum gab. +Aus den zuverlässigen Angaben des Galaterbriefes folgt ferner, daß die +Bekehrung bei Damaskos stattfand (denn dies zeigt das υπέστρεψα) und +Paulus von da nach Arabien ging; ferner daß er drei Jahre nach der +Bekehrung zum ersten und siebzehn Jahre nach derselben zum zweiten Mal +nach Jerusalem kam, wonach die apokryphen Berichte der +Apostelgeschichte über seine Jerusalemreisen zu berichtigen sind (E. +Zeller, Die Apostelgeschichte kritisch untersucht. Stuttgart 1854, S. +216). Aber weder ist die Zeit des Todes des Stephanos genau bestimmbar, +noch viel weniger der Zeitraum zwischen diesem und der Flucht des +bekehrten Paulus aus Damaskos, noch die Zwischenzeit zwischen seiner +zweiten Reise nach Jerusalem und der Abfassung des Galaterbriefes, noch +das Jahr der Abfassung desselben selbst. + +^27 Die kürzlich bei Dmer, nordöstlich von Damaskos auf der Straße nach +Palmyra, gefundene nabatäische Inschrift (Sachau, ZDMG 38, 1884 S. +535), datiert aus dem Monat Ijjar des Jahres 405 nach römischer (d. h. +seleukidischer) Zählung und dem 24. Jahr des Königs Rabel, des letzten +nabatäischen, also aus dem Mai 94 n. Chr., hat gezeigt, daß dieser +Distrikt bis auf die Einziehung dieses Reiches unter der Herrschaft der +Nabatäer geblieben ist. Übrigens scheinen die Herrschaftsgebiete hier +geographisch durcheinander gewürfelt gewesen zu sein; so stritten um +das Gebiet von Gamala am See Genezareth der Tetrarch von Galiläa und +der Nabatäerkönig (Ios. ant. Iud. 18, 5, 1). + +^28 Vielleicht durch Gabinius (App. Syr. 51). + +^29 Strab. 16, 4, 21 p. 779. Die Münzen dieser Könige zeigen indes den +Kaiserkopf nicht. Aber daß im Nabatäischen Reiche nach römischen +Kaiserjahren datiert werden konnte, beweist die nabatäische Inschrift +von Hebrän (M. de Vogue, l’Architecture civile et religieuse dans la +Syrie centrale. 2 Bde. Paris 1865-77. Inscr. n. 1), datiert vom 7. Jahr +des Claudius, also vom Jahre 47. Hebrân, wenig nördlich von Bostra, +scheint auch später zu Arabien gerechnet worden zu sein +(Lebas-Waddington 2287), und nabatäische Inschriften öffentlichen +Inhalts begegnen außerhalb des Nabatäerstaats nicht; die wenigen der +Art aus der Trachonitis sind privater Natur. + +^30 “Leuke Kome im Lande der Nabatäer”, sagt Strabon unter Tiberius +(16, 4, 23 p. 780), “ist ein großer Handelsplatz, wohin und von wo die +Karawanenhändler (καμηλέμποροι) mit so zahlreichen Leuten und Kamelen +sicher und bequem von und nach Petra gehen, daß sie in nichts von +Heerlagern sich unterscheiden.” Auch der unter Vespasian schreibende +ägyptische Kaufmann erwähnt in seiner Küstenbeschreibung des Roten +Meeres c. 19 “den Hafen und die Festung (φρούριον) Leuke Kome von wo +der Weg nach Petra führt zum König der Nabatäer Malichas. Er kann als +Handelsplatz gelten für die auf nicht eben großen Schiffen dorthin aus +Arabien verschifften Waren. Darum wird dorthin ein Einnehmer geschickt +(αποστέλλεται) des Eingangszolls von einem Viertel des Wertes und der +Sicherheit wegen ein Centurio (εκατοντάρχης) mit Mannschaft.” Da ein +römischer Reichsangehöriger hier des Schickens von Beamten und Soldaten +erwähnt, so können dies nur römische sein; auch paßt für das Heer des +Nabatäerkönigs der Centurio nicht und ist die Steuerreform ganz die +römische. Daß ein Klientelstaat in das Gebiet der Reichssteuer +eingezogen wird, kommt auch sonst, zum Beispiel in den Alpengegenden +vor. Die Straße von Petra nach Gaza erwähnt Plinius nat. 6, 28, 144. + +————————————————————- + +Unter Traianus trat an die Stelle dieser beiden Klientelstaaten die +unmittelbare römische Herrschaft. Im Anfang seiner Regierung starb +König Agrippa II., und es wurde sein Gebiet mit der Provinz Syrien +vereinigt. Nicht lange darauf, im Jahre 106, löste der Statthalter +Aulus Cornelius Palma das bisherige Reich der Könige von Nabat auf und +machte aus dem größeren Teil desselben die römische Provinz Arabia, +während Damaskos zu Syrien kam und was der Nabatäerkönig im Binnenland +Arabiens besessen hatte, von den Römern aufgegeben ward. Die +Einrichtung Arabiens wird als Unterwerfung bezeichnet, und auch die +Münzen, welche die Besitzergreifung von Arabien feiern, sprechen dafür, +daß die Nabatäer sich zur Wehr setzten, wie denn überhaupt die +Beschaffenheit ihres Gebiets sowie ihr bisheriges Verhalten eine +relative Selbständigkeit dieser Fürsten annehmen lassen. Aber nicht in +dem Kriegserfolg darf die geschichtliche Bedeutung dieser Vorgänge +gesucht werden; die beiden ohne Zweifel zusammengehörigen Einziehungen +waren nicht mehr als vielleicht mit militärischer Gewalt durchgeführte +Verwaltungsakte, und die Tendenz, diese Gebiete der Zivilisation und +speziell dem Hellenismus zu gewinnen, wird dadurch nur gesteigert, daß +die römische Regierung die Arbeit selbst auf sich nimmt. Der +Hellenismus des Orients, wie ihn Alexander zusammengefaßt hat, war eine +streitende Kirche, eine politisch, religiös, wirtschaftlich, +literarisch vordringende, durchaus erobernde Macht. Hier an dem Saum +der Wüste, unter dem Druck des antihellenischen Judentums und +gehandhabt von dem geistlosen und unsteten Seleukidenregiment, hatte er +bisher wenig ausgerichtet. Aber jetzt das Römertum durchdringend, +entwickelt er eine treibende Kraft, welche sich zu der früheren verhält +wie die Macht der jüdischen und der arabischen Lehnsfürsten zu +derjenigen des Römischen Reiches. In diesem Lande, wo alles darauf +ankam und ankommt, durch Aufstellung einer überlegenen und ständigen +Militärmacht den Friedensstand zu schirmen, war die Einrichtung eines +Legionslagers in Bostra unter einem Kommandanten senatorischen Ranges +ein epochemachendes Ereignis. Von diesem Mittelpunkt aus wurden an den +zweckmäßigen Stellen die erforderlichen Posten eingerichtet und mit +Besatzung versehen. Beispielsweise verdient Erwähnung das Kastell -von +Namara (Nemâra), einen starken Tagemarsch jenseits der Grenzen des +eigentlich bewohnbaren Berglandes, inmitten der Steinwüste, aber +gebietend über den einzigen, innerhalb derselben befindlichen Brunnen +und die daran sich anschließenden bei der schon erwähnten Oase von +Ruhbe und weiterhin am Djebel Ses; diese Besatzungen zusammen +beherrschen das gesamte Vorland des Haurân. Eine andere Reihe von +Kastellen, dem syrischen Kommando und zunächst dem der bei Danava +postierten Legion unterstellt und in gleichmäßigen Distanzen von drei +zu drei Stunden angelegt, sicherte die Straße von Damaskos nach +Palmyra; das am besten bekannte davon, das zweite in der Reihe, ist das +von Dmer, ein längeres Viereck von je 300 und 350 Schritt, auf jeder +Seite mit sechs Türmen und einem fünfzehn Schritte breiten Portal +versehen und umfaßt von einer einstmals außen mit schönen Quadern +bekleideten Ringmauer von sechzehn Fuß Dicke. + +Niemals war eine solche Ägide über dieses Land gebreitet worden. Es +wurde nicht eigentlich denationalisiert. Die arabischen Namen bleiben +bis in die späteste Zeit hinab, wenngleich nicht selten, eben wie in +Syrien, dem örtlichen ein römisch-hellenischer beigefügt wird: so nennt +sich ein Scheich “Adrianos oder Soaidos, Sohn des Malechos” ^31. Auch +der einheimische Kultus bleibt unangetastet: die Hauptgottheit der +Nabatäer, der Dusaris, wird wohl mit dem Dionysos geglichen, aber +regelmäßig unter seinem örtlichen Namen auch ferner verehrt, und bis in +späte Zeit feiern die Bostrener zu seinen Ehren die Dusarien ^32. In +gleicher Weise werden in der Provinz Arabia dem Aumu oder dem Helios, +dem Vasaeathu, dem Theandritos, dem Ethaos auch ferner Tempel geweiht +und Opfer dargebracht. Die Stämme und die Stammordnung bleiben nicht +minder: die Inschriften nennen Reihen von “Phylen” einheimischen Namens +und öfter Phylarchen oder Ethnarchen. Aber neben der hergebrachten +Weise schreitet die Zivilisierung und die Hellenisierung vorwärts. Wenn +aus vortraianischer Zeit im Bereich des Nabatäerstaats kein +griechisches Denkmal nachgewiesen werden kann, so ist umgekehrt +daselbst kein nachtraianisches in der Landessprache gefunden worden +^33; allem Anschein nach hat die Reichsregierung den Schriftgebrauch +des Aramäischen gleich bei der Einziehung unterdrückt, obwohl dasselbe +sicher die eigentliche Landessprache blieb, wie dies außer den +Eigennamen auch der “Dolmetsch der Steuereinnehmer” bezeugt. + +—————————————————————————————— + +^31 Waddington 2196: Αδριανού τού καί Σοαίδου Μαλέχου εθνάρχου +στρατηγού νομάδων τό μνημίον. + +^32 Epiphanius (haeres. 51 p. 483 Dind.) führt aus, daß der 25. +Dezember, der Geburtstag Christi, schon in Rom in dem Saturnalienfest, +in Alexandreia in dem (auch im Dekret von Kanopos erwähnten) Fest der +Kikellia und in anderen heidnischen Kulturen in analoger Art festlich +begangen worden sei. “Dies geschieht in Alexandreia in dem sogenannten +Jungfrauenheiligtum (Κόριον) . .. und wenn man die Leute fragt, was +dies Mysterium bedeute, so antworten und sagen sie, daß heute in dieser +Stunde die Jungfrau den Ewigen (τόν αιώνα) geboren habe. Dies geschieht +in gleicher Weise in Petra, der Hauptstadt von Arabia, in dem dortigen +Tempel, und in arabischer Sprache besingen sie die Jungfrau, welche sie +auf arabisch Chaamu nennen, das heißt das Mädchen, und den aus ihr +Geborenen Dusares, das heißt den Eingeborenen des Herrn.” Der Name +Chaamu ist vielleicht verwandt mit dem Aumu oder Aumos der griechischen +Inschriften dieser Gegend, der mit Υεύς ανίκητος Ήλιος geglichen wird +(Waddington 2392-2395, 2441, 2455, 2456). + +^33 Dabei ist abgesehen von der merkwürdigen, in Harrân unweit Zorava +gefundenen arabisch-griechischen Inschrift (man beachte die Folge) vom +Jahre 568 n. Chr., gesetzt von dem Phylarchen Asaraelos, Sohn des +Talemos (Waddington 2464). Dieser Christ ist ein Vorläufer Mohammeds. + +—————————————————————————————— + +Über die Hebung des Ackerbaues fehlen uns redende Zeugen; aber wenn auf +der ganzen östlichen und südlichen Abdachung des Haurân von den Spitzen +des Gebirges bis zur Wüste hin die Steine, mit denen diese vulkanische +Ebene einst besät war, zu Haufen geworfen oder in langen Zeilen +geschichtet und so die herrlichsten Äcker gewonnen sind, so darf man +darin die Hand der einzigen Regierung erkennen, die dieses Land so +regiert hat, wie es regiert werden kann und regiert werden sollte. In +der Ledjâ, einem dreizehn Stunden langen und acht bis neun breiten +Lavaplateau, das jetzt fast menschenleer ist, wuchsen einst Reben und +Feigen zwischen den Lavaströmen; quer durch dasselbe führt die Bostra +mit Damaskos verbindende Römerstraße; in der Ledjâ und um sie zählt man +die Ruinen von 12 größeren und 39 kleineren Ortschaften. Erweislich ist +auf Geheiß desselben Statthalters, der die Provinz Arabia eingerichtet +hat, der mächtige Aquädukt angelegt worden, welcher das Wasser vom +Gebirge des Haurân nach Kanatha (Kerak) in der Ebene führte, und nicht +weit davon ein ähnlicher in Arrha (Rahâ), Bauten Traians, die neben dem +Hafen von Ostia und dem Forum von Rom genannt werden dürfen. Für das +Aufblühen des Handelsverkehrs spricht die Wahl selbst der Hauptstadt +der neuen Provinz. Bostra bestand unter der nabatäischen Regierung und +es hat sich dort eine Inschrift des Königs Malichu gefunden; aber seine +militärische und kommerzielle Bedeutung beginnt mit dem Eintritt des +unmittelbaren römischen Regiments. “Bostra”, sagt Wetzstein, “hat unter +allen ostsyrischen Städten die günstigste Lage; selbst Damaskos, +welches seine Größe der Menge seines Wassers und seiner durch den +östlichen Trachon geschützten Lage verdankt, wird Bostra nur unter +einer schwachen Regierung überstrahlen, während letzteres unter einem +starken und weisen Regiment sich in wenigen Jahrzehnten zu einer +märchenhaften Blüte emporschwingen muß. Es ist der große Markt für die +syrische Wüste, das arabische Hochgebirge und die Peraea, und seine +langen Reihen steinerner Buden legen noch jetzt in der Verödung Zeugnis +ab von der Realität einer früheren und der Möglichkeit einer künftigen +Größe.” Die Reste der von dort über Salchat und Ezrak zum Persischen +Meerbusen führenden römischen Straße beweisen, daß Bostra neben Petra +und Palmyra den Verkehr vom Osten zum Mittelmeer vermittelte. Diese +Stadt hat wahrscheinlich schon Traian hellenisch konstituiert; +wenigstens heißt sie seitdem “das neue traianische Bostra”, und die +griechischen Münzen beginnen mit Plus, während später infolge der +Erteilung des Kolonialrechts durch Alexander die Aufschrift lateinisch +wird. + +Auch Petra hat schon unter Hadrian griechische Stadtverfassung gehabt +und noch einzelne andere Ortschaften späterhin Stadtrecht empfangen; +überwogen aber hat in diesem Arabergebiet bis in die späteste Zeit der +Stamm und das Stammdorf. + +Aus der Mischung nationaler und griechischer Elemente entwickelte sich +in diesen Landschaften in dem halben Jahrtausend zwischen Traian und +Mohammed eine eigenartige Zivilisation. Es ist uns davon ein volleres +Abbild erhalten als von anderen Gestaltungen der antiken Welt, indem +die zum großen Teil aus dem Felsen herausgearbeiteten Anlagen von Petra +und die bei dem Mangel des Holzes ganz aus Stein aufgeführten Bauwerke +im Haurân, verhältnismäßig wenig beschädigt durch die mit dem Islam +hier wieder in ihr altes Unrecht eingesetzte Beduinenherrschaft, zu +einem beträchtlichen Teil noch heute vorhanden sind und auf die +Kunstfertigkeit und Lebensweise jener Jahrhunderte helles Licht werfen. +Der oben erwähnte Tempel des Baalsamin von Kanatha, sicher unter +Herodes gebaut, zeigt in seinen ursprünglichen Teilen eine völlige +Verschiedenheit von der griechischen Architektur und in der +architektonischen Anlage merkwürdige Analogien mit dem Tempelbau +desselben Königs in Jerusalem, während die bei diesem vermiedenen +bildlichen Darstellungen hier keineswegs fehlen. Ähnliches ist auch bei +den in Petra gefundenen Denkmälern beobachtet worden. Später ging man +weiter. Wenn unter den jüdischen und den nabatäischen Herrschern die +Kultur nur langsam sich von den Einflüssen des Orients löste, so +scheint mit der Verlegung der Legion nach Bostra hier eine neue Zeit +begonnen zu haben. “Das Bauen”, sagt ein vortrefflicher französischer +Beobachter, Melchior de Vogue, “erhielt damit einen Anstoß, der nicht +wieder zum Stillstand kam. Überall erhoben sich Häuser, Paläste, Bäder, +Tempel, Theater, Aquädukte, Triumphbogen; Städte stiegen aus dem Boden +binnen weniger Jahre mit der regelmäßigen Anlage, den symmetrisch +geführten Säulenreihen, die die Städte ohne Vergangenheit bezeichnen +und für diesen Teil Syriens während der Kaiserzeit gleichsam die +unvermeidliche Uniform sind.” Die östliche und südliche Abdachung des +Haurân weist ungefähr dreihundert derartige verödete Städte und Dörfer +auf, während dort jetzt nur fünf neue Ortschaften vorhanden sind; +einzelne von jenen, zum Beispiel Bûsân, zählen bis 800 ein- bis +zweistöckige Häuser, durchaus aus Basalt gebaut, mit wohlgefügten, ohne +Zement verbundenen Quadermauern, meist ornamentierten, oft auch mit +Inschriften versehenen Türen, die flache Decke gebildet durch +Steinbalken, welche von Steinbogen getragen und oben durch eine +Zementlage regenfrei gestellt werden. Die Stadtmauer wird gewöhnlich +nur durch die zusammengeschlossenen Rückseiten der Häuser gebildet und +ist durch zahlreiche Türme geschützt. Die dürftigen +Rekolonisierungsversuche der neuesten Zeiten finden die Häuser +bewohnbar vor; es fehlt nur die fleißige Menschenhand oder vielmehr der +starke Arm, der sie beschützt. Vor den Toren liegen die oft +unterirdischen oder mit künstlichem Steindach versehenen Zisternen, von +denen manche noch heute, wo diese Städtewüste zum Weideland geworden +ist, von den Beduinen im Stande gehalten werden, um daraus im Sommer +ihre Herden zu tränken. Die Bauweise und die Kunstübung haben wohl +einzelne Überreste der älteren orientalischen Weise bewahrt, zum +Beispiel die häufige Grabform des mit einer Pyramide gekrönten Würfels, +vielleicht auch die oft dem Grabmal beigefügten, noch heute in ganz +Syrien häufigen Taubentürme, ist aber, im ganzen genommen, die +gewöhnliche griechische der Kaiserzeit. Nur hat das Fehlen des Holzes +hier eine Entwicklung des Steinbogens und der Kuppel hervorgerufen, die +technisch wie künstlerisch diesen Bauten einen originellen Charakter +verleiht. Im Gegensatz zu der anderswo üblichen gewohnheitsmäßigen +Wiederholung der überlieferten Formen herrscht hier eine den +Bedürfnissen und den Bedingungen selbständig genügende, in der +Ornamentik maßhaltende, durchaus gesunde und rationelle und auch der +Eleganz nicht entbehrende Architektur. Die Grabstätten, welche in die +östlich und westlich von Petra aufsteigenden Felswände und in deren +Seitentäler eingebrochen sind, mit ihren oft in mehreren Reihen +übereinandergestellten dorischen oder korinthischen Säulenfassaden und +ihren an das ägyptische Theben erinnernden Pyramiden und Propyläen sind +nicht künstlerisch erfreulich, aber imponierend durch Masse und +Reichtum. Nur ein reges Leben und ein hoher Wohlstand hat also für +seine Toten zu sorgen vermocht. Diesen architektonischen Denkmälern +gegenüber befremdet es nicht, wenn die Inschriften eines Theaters in +dem “Dorf” (κώμη) Sakkaea, eines “theaterförmigen Odeons” in Kanatha +Erwähnung tun und ein Lokalpoet von Namara in der Batanaea sich selber +feiert als den “Meister der herrlichen Kunst stolzen ausonischen Lieds” +^34. Also ward an dieser Ostgrenze des Reiches der hellenischen +Zivilisation ein Grenzgebiet gewonnen, das mit dem romanisierten +Rheinland zusammengestellt werden darf; die Bogen- und Kuppelbauten +Ostsyriens halten wohl den Vergleich aus mit den Schlössern und +Grabmälern der Edlen und der Kaufherren der Belgica. + +——————————————————————————- + +^34 Αυσονίων μούσης υψινόου πρύτανις. G. Kaibel, Epigrammata Graeca. +Berlin 1878, 440. + +——————————————————————————- + +Aber es kam das Ende. Von den aus dem Süden hierher einwandernden +Araberstämmen schweigt die geschichtliche Überlieferung der Römer, und +was die späten Aufzeichnungen der Araber über die der Ghassaniden und +deren Vorläufer berichten, ist wenigstens chronologisch kaum zu +fixieren ^35. Aber die Sabäer, nach denen der Ort Borechath (Brêka +nördlich von Kanawat) genannt wird, scheinen in der Tat südarabische +Auswanderer zu sein; und diese saßen hier bereits im 3. Jahrhundert. +Sie und ihre Genossen mögen in Frieden gekommen und unter römischer +Ägide seßhaft geworden sein, vielleicht sogar die hochentwickelte und +üppige Kultur des südwestlichen Arabien nach Syrien getragen haben. +Solange das Reich fest zusammenhielt und jeder dieser Stämme unter +seinem Scheich stand, gehorchten alle dem römischen Oberherrn. Aber um +den unter einem König geeinigten Arabern oder, wie sie jetzt heißen, +Sarazenen des Perserreiches besser zu begegnen, unterwarf Justinian +während des Persischen Krieges im Jahre 531 sämtliche Phylarchen der +den Römern untertänigen Sarazenen dem Arethas, des Gabala Sohn, und +verlieh diesem den Königstitel, was bis dahin, wie hinzugesetzt wird, +niemals geschehen war. Dieser König der sämtlichen in Syrien ansässigen +Araberstämme war noch des Reiches Lehnsträger; aber indem er seine +Landsleute abwehrte, bereitete er zugleich ihnen die Stätte. Ein +Jahrhundert später, im Jahre 637, unterlag Arabien und Syrien dem +Islam. + +——————————————————————————- + +^35 Nach den arabischen Berichten wanderten die Benu Sâlih aus der +Gegend von Mekka (um 190 n. Chr. nach den Ansetzungen von A. P. Caussin +de Perceval, Essai sur l’histoire des Arabes avant l’Islamisme. Bd. 1. +Paris 1847, S. 212) nach Syrien und siedelten sich hier an neben den +Benu-Samaida, in denen Waddington die φυλή Σομαιθηνών einer Inschrift +von Suweda (n. 2308) wiederfindet. Die Ghassaniden, die (nach Caussin +um 205) von Batn-Marr ebenfalls nach Syrien in dieselbe Gegend +einwanderten, wurden von den Salihîten auf Anweisung der Römer +gezwungen, Tribut zu zahlen und entrichteten diesen eine Zeitlang, bis +sie (nach demselben um das Jahr 292) die Salihîten überwanden und ihr +Führer Thalaba, Sohn Amts, von den Römern als Phylarch anerkannt ward. +Diese Erzählung mag richtige Elemente enthalten; aber maßgebend bleibt +immer der im Text wiedergegebene Bericht Prokops (Pers. 1, 17). Die +Phylarchen einzelner Provinzen, von Arabia (d. h. Provinz Bostra: nov. +102 c. 1) und von Palästina (d. h. Provinz Petra: Prok. Pers. 1, 19) +sind älter, aber wohl nicht um viel. Wäre ein Oberscheich dieser Art in +vorjustinianischer Zeit von den Römern anerkannt worden, so würden die +römischen Schriftsteller und die Inschriften davon wohl die Spuren +aufweisen; aber aus vorjustinianischer Zeit fehlt es an solchen. + + + + +KAPITEL XI. +Judäa und die Juden + + +Die Geschichte des jüdischen Landes ist so wenig die Geschichte des +jüdischen Volkes wie die Geschichte des Kirchenstaates die der +Katholiken; es ist ebenso erforderlich, beides zu sondern wie beides +zusammen zu erwägen. + +Die Juden im Jordanland, mit welchen die Römer zu schaffen hatten, +waren nicht dasjenige Volk, das unter seinen Richtern und Königen mit +Moab und Edom schlug und den Reden des Amos und Hosea lauschte. Die +durch die Fremdherrschaft ausgetriebene und durch den Wechsel der +Fremdherrschaft wieder zurückgeführte kleine Gemeinde frommer +Exulanten, welche ihre neue Einrichtung damit begann, die Reste der in +den alten Sitzen zurückgebliebenen Stammgenossen schroff zurückzuweisen +und zu der unversöhnlichen Fehde zwischen Juden und Samaritern den +Grund zu legen, das Ideal nationaler Exklusivität und priesterlicher +Geistesfesselung, hatte lange vor der römischen Zeit unter dem Regiment +der Seleukiden die sogenannte mosaische Theokratie entwickelt, ein +geistliches Kollegium mit dem Erzpriester an der Spitze, welches bei +der Fremdherrschaft, sich beruhigend und auf staatliche Gestaltung +verzichtend, die Besonderheit der Seinigen wahrte und unter der Ägide +der Schutzmacht dieselben beherrschte. Dies den Staat ignorierende +Festhalten der nationalen Eigenart in religiösen Formen ist die +Signatur des späteren Judentums. Wohl ist jeder Gottesbegriff in seiner +Bildung volkstümlich; aber kein anderer Gott ist so von Haus aus der +Gott nur der Seinen gewesen wie Jahve, und keiner es so ohne +Unterschied von Zeit und Ort geblieben. Jene in das Heilige Land +Zurückwandernden, welche nach den Satzungen Mosis zu leben meinten, und +in der Tat lebten nach den Satzungen Ezras und Nehemias, waren von den +Großkönigen des Orients und später von den Seleukiden gerade ebenso +abhängig geblieben, wie sie es an den Wassern Babylons gewesen waren. +Ein politisches Element haftet dieser Organisation nicht mehr an als +der armenischen oder der griechischen Kirche unter ihren Patriarchen im +türkischen Reich; kein freier Luftzug staatlicher Entwicklung geht +durch diese klerikale Restauration; keine der schweren und ernsten +Verpflichtungen des auf sich selbst gestellten Gemeinwesens behinderte +die Priester des Tempels von Jerusalem in der Herstellung des Reiches +Jahves auf Erden. + +Der Gegenschlag blieb nicht aus. Jener Kirchenunstaat konnte nur +dauern, solange eine weltliche Großmacht ihm als Schirmherr oder auch +als Büttel diente. Als das Reich der Seleukiden verfiel, ward durch die +Auflehnung gegen die Fremdherrschaft, die eben aus dem begeisterten +Volksglauben ihre besten Kräfte zog, wieder ein jüdisches Gemeinwesen +geschaffen. Der Erzpriester von Salem wurde vom Tempel auf das +Schlachtfeld gerufen. Das Geschlecht der Hasmonäer stellte nicht bloß +das Reich Sauls und Davids ungefähr in seinen alten Grenzen wieder her, +sondern diese kriegerischen Hohenpriester erneuerten auch einigermaßen +das ehemalige, wahrhaft staatliche, den Priestern gebietende Königtum. +Aber dasselbe, von jener Priesterherrschaft zugleich das Erzeugnis und +der Gegensatz, war nicht nach dem Herzen der Frommen. Die Pharisäer und +die Sadduzäer schieden sich und begannen sich zu befehden. Weniger +Glaubenssätze und rituelle Differenzen standen hier sich einander +entgegen als einerseits das Verharren bei einem lediglich die +religiösen Ordnungen und Interessen festhaltenden, im übrigen für die +Unabhängigkeit und die Selbstbestimmung der Gemeinde gleichgültigen +Priesterregiment, andererseits das Königtum, hinstrebend zu staatlicher +Entwicklung und bemüht, in dem politischen Ringen, dessen Schauplatz +damals das Syrische Reich war, dem jüdischen Volke durch Schlagen und +Vertragen wieder seinen Platz zu verschaffen. Jene Richtung beherrschte +die Menge, diese überwog in der Intelligenz und in den vornehmen +Klassen; ihr bedeutendster Vertreter ist König Iannaeos Alexandros, der +während seiner ganzen Regierung nicht minder mit den syrischen +Herrschern in Fehde lag wie mit seinen Pharisäern. Obwohl sie +eigentlich nur der andere und in der Tat der natürlichere und +mächtigere Ausdruck des nationalen Aufschwungs ist, berührte sie sich +doch in ihrem freieren Denken und Handeln mit dem hellenischen Wesen +und galt insbesondere den frommen Gegnern als fremdländisch und +ungläubig. + +Aber die Bewohner Palästinas waren nur ein Teil, und nicht der +bedeutendste Teil der Juden; die babylonischen, syrischen, +kleinasiatischen, ägyptischen Judengemeinden waren den +palästinensischen auch nach der Regeneration durch die Makkabäer weit +überlegen. Mehr als die letztere hat die jüdische Diaspora in der +Kaiserzeit zu bedeuten gehabt; und sie ist eine durchaus eigenartige +Erscheinung. + +Die Judenansiedlungen außerhalb Palästina sind nur in untergeordnetem +Grade aus demselben Triebe entwickelt wie die der Phöniker und der +Hellepen. Von Haus aus ein ackerbauendes und fern von der Küste +wohnendes Volk, sind ihre Ansiedlungen im Ausland eine unfreie und +verhältnismäßig späte Bildung, eine Schöpfung Alexanders oder seiner +Marschälle ^1. An jenen immensen, durch Generationen fortgesetzten +griechischen Städtegründungen, wie sie in gleichem Umfang nie vorher +und nie nachher vorgekommen sind, haben die Juden einen hervorragenden +Anteil gehabt, so seltsam es auch war, eben sie bei der Hellenisierung +des Orients zur Beihilfe zu berufen. Vor allem gilt dies von Ägypten. +Die bedeutendste unter allen von Alexander geschaffenen Städten, +Alexandreia am Nil, ist seit den Zeiten des ersten Ptolemäers, der nach +der Einnahme Palästinas eine Masse seiner Bewohner dorthin +übersiedelte, fast ebenso sehr eine Stadt der Juden wie der Griechen, +die dortige Judenschaft an Zahl, Reichtum, Intelligenz, Organisation +der jerusalemitischen mindestens gleich zu achten. In der ersten +Kaiserzeit rechnete man auf acht Millionen Ägypter eine Million Juden, +und ihr Einfluß reichte vermutlich über dieses Zahlenverhältnis hinaus. +Daß wetteifernd damit in der syrischen Reichshauptstadt die Judenschaft +in ähnlicher Weise organisiert und entwickelt worden war, wurde schon +bemerkt. Von der Ausdehnung und der Bedeutung der Juden Kleinasiens +zeugt unter anderem der Versuch, den unter Augustus die ionischen +Griechenstädte, es scheint nach gemeinschaftlicher Verabredung, +machten, ihre jüdischen Gemeindegenossen entweder zum Rücktritt von +ihrem Glauben oder zur vollen Übernahme der bürgerlichen Lasten zu +nötigen. Ohne Zweifel gab es selbständig organisierte Judenschaften in +sämtlichen neuhellenischen Gründungen ^2 und daneben in zahlreichen +althellenischen Städten, selbst im eigentlichen Hellas, zum Beispiel in +Korinth. Die Organisierung vollzog sich durchaus in der Weise, daß den +Juden ihre Nationalität mit den von ihnen selbst daraus gezogenen +weitreichenden Konsequenzen gewahrt, nur der Gebrauch der griechischen +Sprache von ihnen gefordert ward. So wurden bei dieser damals von oben +herab dem Orient aufgeschmeichelten oder aufgezwungenen Gräzisierung +die Juden der Griechenstädte griechisch redende Orientalen. + +———————————————————————————- + +^1 Ob die Rechtsstellung der Juden in Alexandreia mit Recht von +Josephus (c. Ap. 2, 4) auf Alexander zurückgeführt wird, ist insofern +zweifelhaft, als, soweit wir wissen, nicht er, sondern der erste +Ptolemäer massenweise Juden dort ansiedelte (Ios. ant. Iud. 12, 1; App. +Syr. 50). Die merkwürdige Gleichartigkeit, mit der die Judenschaften in +den verschiedenen Diadochenstaaten sich gestaltet haben, muß, wenn sie +nicht auf Alexanders Anordnungen beruht, auf das Rivalisieren und +Imitieren bei der Städtegründung zurückgeführt werden. Daß Palästina +bald ägyptisch, bald syrisch war, hat bei diesen Ansiedlungen ohne +Zweifel wesentlich mitgewirkt. + +^2 Der Judengemeinde in Smyrna gedenkt eine kürzlich daselbst gefundene +Inschrift (Reinach, Revue des Etudes Juives, 1883, S. 161): Ρουφείνα +Ιουδαία αρχισυναγωγός κατεσκεύασεν τό ενσόριον τοίς απελεθέροις καί +θρέμμασιν μηδένος άλλου εχουσίαν έχοντος θάψαι τινά. ει δέ τις +τολμήσει, δώσει τώ ιερωτάτω ταμείω δηναρίους αφ, καί τώ έθνει τών +Ιουδαίων δηναρίους α. Ταύτης τής επιγράφης τό αντίγραφον αποκείται εις +τό αρχείον. Einfache Kollegien werden in Strafandrohungen dieser Art +nicht leicht mit dem Staat oder der Gemeinde auf eine Linie gestellt. + +———————————————————————————- + +Daß bei den Judengemeinden der makedonischen Städte die griechische +Sprache nicht bloß im natürlichen Wege des Verkehrs zur Herrschaft +gelangt, sondern eine ihnen auferlegte Zwangsbestimmung ist, scheint +aus der Sachlage sich mit Notwendigkeit zu ergeben. In ähnlicher Weise +hat späterhin Traian mit kleinasiatischen Kolonisten Dakien +romanisiert. Ohne diesen Zwang hätte die äußerliche Gleichförmigkeit +der Städtegründung nicht durchgeführt, dies Material für die +Hellenisierung überhaupt nicht verwendet werden können. Daß die +heiligen Schriften der Juden schon unter den ersten Ptolemäern in das +Griechische übertragen wurden, mag wohl so wenig Veranstaltung der +Regierung gewesen sein wie die Bibelübersetzung Luthers; aber im Sinne +derselben lag allerdings die sprachliche Hellenisierung der ägyptischen +Juden, und sie vollzog sich merkwürdig rasch. Wenigstens im Anfang der +Kaiserzeit, wahrscheinlich lange vorher war die Kenntnis des +Hebräischen unter den alexandrinischen Juden ziemlich so selten wie +heutzutage in der christlichen Welt die der Ursprachen der heiligen +Originale; es wurde mit den Übersetzungsfehlern der sogenannten siebzig +Alexandriner ungefähr ebenso argumentiert wie von unseren Frommen mit +den Übersetzungsfehlern Luthers. Die nationale Sprache der Juden war in +dieser Epoche überall aus dem lebendigen Verkehr verschwunden und +behauptete sich nur, etwa wie im katholischen Religionsgebiet die +lateinische, im kirchlichen Gebrauch. In Judäa selbst war sie ersetzt +worden durch die der hebräischen freilich verwandte aramäische +Volkssprache Syriens; die Judenschaften außerhalb Judäas, mit denen wir +uns beschäftigen, hatten das semitische Idiom vollständig abgelegt, und +erst lange nach dieser Epoche ist jene Reaktion eingetreten, welche +schulmäßig die Kenntnis und den Gebrauch derselben allgemeiner bei den +Juden zurückgeführt hat. Die literarischen Arbeiten, die sie während +dieser Epoche in großer Zahl geliefert haben, sind in der besseren +Kaiserzeit alle griechisch. Wenn die Sprache allein die Nationalität +bedingte, so wäre für diese Zeit von den Juden wenig zu berichten. + +Aber mit diesem anfänglich vielleicht schwer empfundenen Sprachzwang +verbindet sich die Anerkennung der besonderen Nationalität mit allen +ihren Konsequenzen. Überall in den Städten der Alexandermonarchie +bildete sich die Stadtbewohnerschaft aus den Makedoniern, das heißt den +wirklich makedonischen oder den ihnen gleichgeachteten Hellenen. Neben +diesen stehen, außer den Fremden, die Eingeborenen, in Alexandreia die +Ägypter, in Kyrene die Libyer und überhaupt die Ansiedler aus dem +Orient, welche zwar auch keine andere Heimat haben als die neue Stadt, +aber nicht als Hellenen anerkannt werden. Zu dieser zweiten Kategorie +gehören die Juden; aber ihnen, und nur ihnen, wird es gestattet, +sozusagen eine Gemeinde in der Gemeinde zu bilden und, während die +übrigen Nichtbürger von den Behörden der Bürgerschaft regiert werden, +bis zu einem gewissen Grad sich selbst zu regieren ^3. “Die Juden”, +sagt Strabon, “haben in Alexandreia ein eigenes Volkshaupt (εθνάρχης), +welches dem Volke (έθνος) vorsteht und die Prozesse entscheidet und +über Verträge und Ordnungen verfügt, als beherrsche es eine +selbständige Gemeinde.” Es geschah dies, weil die Juden eine derartige +spezifische Jurisdiktion als durch ihre Nationalität oder, was auf +dasselbe hinauskommt, ihre Religion gefordert bezeichneten. Weiter +nahmen die allgemeinen staatlichen Ordnungen auf die +national-religiösen Bedenken der Juden in ausgedehntem Umfang Rücksicht +und halfen nach Möglichkeit durch Exemptionen aus. Das Zusammenwohnen +trat wenigstens häufig hinzu; in Alexandreia zum Beispiel waren von den +fünf Stadtquartieren zwei vorwiegend von Juden bewohnt. Es scheint dies +nicht das Ghettosystem gewesen zu sein, sondern eher ein durch die +anfängliche Ansiedlung begründetes und dann von beiden Seiten +festgehaltenes Herkommen, wodurch nachbarlichen Konflikten einigermaßen +vorgebeugt ward. + +——————————————————————- + +^3 Wenn die alexandrinischen Juden später behaupteten, den +alexandrinischen Makedoniern rechtlich gleichgestellt zu sein (Ios. c. +Ap. 2, 4; bel. Iud. 2, 18, 7), so war dies eine Entstellung des wahren +Sachverhältnisses. Sie waren Schutzgenossen zunächst der Phyle der +Makedonier, wahrscheinlich der vornehmsten von allen, und darum nach +Dionysos benannt (Theophilus ad Autolycum 2, 7), und weil das +Judenquartier ein Teil dieser Phyle war, macht Josephus in seiner Weise +sie selbst zu Makedoniern. Die Rechtsstellung der Bevölkerung der +Griechenstädte dieser Kategorie erhellt am deutlichsten aus der +Nachricht Strabons (bei Ios. ant. Iud. 14, 7, 2) über die vier +Kategorien derjenigen von Kyrene: Stadtbürger, Landleute (γεωργοί), +Fremde und Juden. Sieht man von den Metöken ab, die ihre rechtliche +Heimat auswärts haben, so bleiben als heimatberechtigte Kyrenäer die +vollberechtigten Bürger, also die Hellenen und was man als solche +gelten ließ, und die zwei Kategorien der vom aktiven Bürgerrecht +Ausgeschlossenen, die Juden, die eine eigene Gemeinde bilden, und die +Untertanen, die Libyer, welchen die Autonomie fehlt. Dies konnte leicht +so verschoben werden, daß die beiden privilegierten Kategorien auch als +gleichberechtigt erschienen. + +——————————————————————- + +So kamen die Juden dazu, bei der makedonischen Hellenisierung des +Orients eine hervorragende Rolle zu spielen; ihre Gefügigkeit und +Brauchbarkeit einerseits, ihre unnachgiebige Zähigkeit andererseits +müssen die sehr realistischen Staatsmänner, die diese Wege wiesen, +bestimmt haben, sich zu solchen Einrichtungen zu entschließen. +Nichtsdestoweniger bleibt die außerordentliche Ausdehnung und Bedeutung +der jüdischen Diaspora gegenüber der engen und geringen Heimat wie +einerseits eine Tatsache, so andererseits ein Problem. Man wird dabei +nicht übersehen dürfen, daß die palästinensischen Juden für die des +Auslandes nicht mehr als den Kern geliefert haben. Das Judentum der +älteren Zeit ist nichts weniger als exklusiv, vielmehr von missionarem +Eifer nicht minder durchgedrungen wie späterhin das Christentum und der +Islam. Das Evangelium weiß von den Rabbis, welche Meer und Land +durchziehen, um einen Proselyten zu machen; die Zulassung der halben +Proselyten, denen die Beschneidung nicht zugemutet, aber dennoch eine +religiöse Gemeinschaft gewährt wird, ist ein Zeugnis dieses +Bekehrungseifers wie zu gleicher Zeit eines seiner wirksamsten Mittel. +Motive sehr verschiedener Art kamen dieser Propaganda zustatten. Die +bürgerlichen Privilegien, welche die Lagiden und die Seleukiden den +Juden erteilten, müssen eine große Zahl nichtjüdischer Orientalen und +Halbhellenen veranlaßt haben, sich in den Neustädten der privilegierten +Kategorie der Nichtbürger anzuschließen. In späterer Zeit kam der +Verfall des traditionellen Landesglaubens der jüdischen Propaganda +entgegen. Zahlreiche Personen besonders der gebildeten Stände, deren +gläubige und sittliche Empfindung von dem, was die Griechen, und noch +mehr von dem, was die Ägypter Religion nannten, sich schaudernd oder +spottend abwandte, suchten Zuflucht in der einfacheren und reineren, +der Vielgötterei und dem Bilderdienst absagenden jüdischen Lehre, +welche den aus dem Niederschlag der philosophischen Entwicklung den +gebildeten und halbgebildeten Kreisen zugeführten religiösen +Anschauungen weit entgegenkam. Es gibt ein merkwürdiges griechisches +Moralgedicht, wahrscheinlich aus der späteren Epoche der römischen +Republik, welches aus den mosaischen Büchern in der Weise geschöpft +ist, daß es die monotheistische Lehre und das allgemeine Sittengesetz +aufnimmt, aber alles dem Nichtjuden Anstößige und alle unmittelbare +Opposition gegen die herrschende Religion vermeidet, offenbar bestimmt, +für dies denationalisierte Judentum weitere Kreise zu gewinnen. +Insbesondere die Frauen wandten sich mit Vorliebe dem jüdischen Glauben +zu. Als die Behörden von Damaskos im Jahre 66 die gefangenen Juden +umzubringen beschlossen, wurde verabredet, diesen Beschluß geheim zu +halten, damit die den Juden ergebene weibliche Bevölkerung nicht die +Ausführung verhindere. Sogar im Okzident, wo die gebildeten Kreise +sonst dem jüdischen Wesen abgeneigt waren, machten vornehme Damen schon +früh eine Ausnahme; die aus edlem Geschlecht entsprossene Gemahlin +Neros, Poppaea Sabina, war, wie durch andere minder ehrbare Dinge, so +auch stadtkundig durch ihren frommen Judenglauben und ihr eifriges +Judenprotektorat. Förmliche Übertritte zum Judentum kamen nicht selten +vor; das Königshaus von Adiabene zum Beispiel, König Izates und seine +Mutter Helena sowie sein Bruder und Nachfolger wurden in der Zeit des +Tiberius und des Claudius in aller Form Juden. Sicher gilt von allen +jenen Judenschaften, was von der antiochenischen ausdrücklich bemerkt +wird, daß sie zum großen Teil aus übergetretenen bestanden. + +Diese Verpflanzung des Judentums auf den hellenischen Boden unter +Aneignung einer fremden Sprache vollzog sich, wie sehr sie auch unter +Festhaltung der nationalen Individualität stattfand, nicht ohne in dem +Judentum selbst eine seinem Wesen zuwiderlaufende Tendenz zu entwickeln +und bis zu einem gewissen Grad dasselbe zu denationalisieren. Wie +mächtig die inmitten der Griechen lebenden Judenschaften von den Wellen +des griechischen Geisteslebens erfaßt wurden, davon trägt die Literatur +des letzten Jahrhunderts vor und des ersten nach Christi Geburt die +Spuren. Sie ist getränkt von jüdischen Elementen, und es sind mit die +hellsten Köpfe und die geistreichsten Denker, welche entweder als +Hellenen in das jüdische oder als Juden in das hellenische Wesen den +Eingang suchen. Nikolaos von Damaskos, selber ein Heide und ein +namhafter Vertreter der aristotelischen Philosophie, führte nicht bloß +als Literat und Diplomat des Königs Herodes bei Agrippa wie bei +Augustus die Sache seines jüdischen Patrons und der Juden, sondern es +zeigt auch seine historische Schriftstellerei einen sehr ernstlichen +und für jene Epoche bedeutenden Versuch, den Orient in den Kreis der +okzidentalischen Forschung hineinzuziehen, während die noch erhaltene +Schilderung der Jugendjahre des ihm auch persönlich nahegetretenen +Kaisers Augustus ein denkwürdiges Zeugnis der Liebe und der Verehrung +ist, welche der römische Herrscher in der griechischen Welt fand. Die +Abhandlung vom Erhabenen, geschrieben in der ersten Kaiserzeit von +einem unbekannten Verfasser, eine der feinsten uns aus dem Altertum +erhaltenen ästhetischen Arbeiten, rührt sicher wenn nicht von einem +Juden, so doch von einem Manne her, der Homeros und Moses gleichmäßig +verehrte ^4. Eine andere, ebenfalls anonyme Schrift über das Weltganze, +gleichfalls ein in seiner Art achtbarer Versuch, die Lehre des +Aristoteles mit der der Stoa zu verschmelzen, ist vielleicht auch von +einem Juden geschrieben, sicher dem angesehensten und höchstgestellten +Juden der neronischen Zeit, dem Generalstabschef des Corbulo und des +Titus, Tiberius Alexandros gewidmet. Am deutlichsten tritt uns die +Vermählung der beiden Geisteswelten entgegen in der +jüdisch-alexandrinischen Philosophie, dem schärfsten und greifbarsten +Ausdruck einer das Wesen des Judentums nicht bloß ergreifenden, sondern +auch angreifenden religiösen Bewegung. Die hellenische +Geistesentwicklung lag im Kampf mit den nationalen Religionen aller +Art, indem sie deren Anschauungen entweder negierte oder auch mit +anderem Inhalt erfüllte, die bisherigen Götter aus den Gemütern der +Menschen austrieb und auf die leeren Plätze entweder nichts setzte oder +die Gestirne und abstrakte Begriffe. Diese Angriffe trafen auch die +Religion der Juden. Es bildete sich ein Neujudentum hellenischer +Bildung, das mit Jehova nicht ganz so arg, aber doch nicht viel anders +verfuhr als die gebildeten Griechen und Römer mit Zeus und Jupiter. Das +Universalmittel der sogenannten allegorischen Deutung, wodurch +insbesondere die Philosophen der Stoa die heidnischen Landesreligionen +überall in höflicher Weise vor die Türe gesetzt hatten, paßte für die +Genesis ebenso gut und ebenso schlecht wie für die Götter der Ilias; +wenn Moses mit Abraham eigentlich den Verstand, mit Sarah die Tugend, +mit Noah die Gerechtigkeit gemeint hatte, wenn die vier Ströme des +Paradieses die vier Kardinaltugenden waren, so konnte der +aufgeklärteste Hellene an die Thora glauben. Aber eine Macht war dies +Pseudojudentum auch, und der geistige Primat der Judenschaft Ägyptens +tritt vor allem darin hervor, daß diese Richtung vorzugsweise ihre +Vertreter in Alexandreia gefunden hat. + +——————————————————————————- + +^4 Pseudo-Longinus περί ύψους: “Weit besser als der Götterkrieg ist bei +Homeros die Schilderung der Götter in ihrer Vollkommenheit und echten +Größe und Reinheit, wie die des Poseidon (Ilias 13,18 f.). Ebenso +schreibt der Gesetzgeber der Juden, kein geringer Mann (ουχ ο τυχών +ανήρ), nachdem er die göttliche Gewalt in würdiger Weise erfaßt und zum +Ausdruck gebracht hat, gleich zu Anfang der Gesetze (Gen. 1, 3): Es +sprach der Gott - was? es werde Licht! und es ward Licht; es werde die +Erde! und die Erde ward.” + +——————————————————————————- + +Trotz der innerlichen Scheidung, welche bei den palästinensischen Juden +sich vollzogen und nur zu oft geradezu zum Bürgerkrieg gesteigert +hatte, trotz der Versprengung eines großen Teils der Judenschaft in das +Ausland, trotz des Eindringens fremder Massen in dieselbe und sogar des +destruktiven hellenistischen Elements in ihren innersten Kern blieb die +Gesamtheit der Juden in einer Weise vereinigt, für welche in der +Gegenwart nur etwa der Vatikan und die Kaaba eine gewisse Analogie +bieten. Das heilige Salem blieb die Fahne, Zions Tempel das Palladium +der gesamten Judenschaft, mochten sie den Römern oder den Parthern +gehorchen, aramäisch oder griechisch reden, ja an den alten Jahve +glauben oder an den neuen, der keiner war. Daß der Schirmherr dem +geistlichen Oberhaupt der Juden eine gewisse weltliche Macht +zugestanden hatte, bedeutete für die Judenschaft ebensoviel, der +geringe Umfang dieser Macht ebensowenig wie seiner Zeit für die +Katholiken der sogenannte Kirchenstaat. Jedes Mitglied einer jüdischen +Gemeinde hatte jährlich nach Jerusalem ein Didrachmon als Tempelschoß +zu entrichten, welcher regelmäßiger einging als die Staatssteuern; +jedes war verpflichtet, wenigstens einmal in seinem Leben dem Jehovah +persönlich an dein Orte zu opfern, der ihm allein in der Welt +wohlgefällig war. Die theologische Wissenschaft blieb gemeinschaftlich; +die babylonischen und die alexandrinischen Rabbiner haben daran sich +nicht minder beteiligt wie die von Jerusalem. Das unvergleichlich zähe +Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit, wie es in der rückkehrenden +Exulantengemeinde sich festgesetzt und dann jene Sonderstellung der +Juden in der Griechenwelt mit durchgesetzt hatte, behauptete sich trotz +Zerstreuung und Spaltung. Am bemerkenswertesten ist das Fortleben des +Judentums selbst in den davon in der inneren Religion losgelösten +Kreisen. Der namhafteste, für uns der einzige deutlich greifbare +Vertreter dieser Richtung in der Literatur, Philon, einer der +vornehmsten und reichsten Juden aus der Zeit des Tiberius, steht in der +Tat zu seiner Landesreligion nicht viel anders als Cicero zu der +römischen; aber er selbst glaubte, nicht sie aufzulösen, sondern sie zu +erfüllen. Auch ihm ist, wie jedem anderen Juden, Moses die Quelle aller +Wahrheit, seine geschriebene Weisung bindendes Gesetz, seine Empfindung +Ehrfurcht und Gläubigkeit. Es ist dies sublimierte Judentum dem +sogenannten Götterglauben der Stoa doch nicht völlig identisch. Die +Körperlichkeit des Gottes verschwindet für Philon, aber die +Persönlichkeit nicht, und es mißlingt ihm vollständig, was das Wesen +der hellenischen Philosophie ist, die Göttlichkeit in die Menschenbrust +zu verlegen; es bleibt die Anschauung, daß der sündhafte Mensch abhänge +von einem vollkommenen, außer und über ihm stehenden Wesen. Ebenso fügt +das neue Judentum sich dem nationalen Ritualgesetz weit unbedingter als +das neue Heidentum. Der Kampf des alten und des neuen Glaubens ist in +dem jüdischen Kreise deswegen von anderer Art als in dem heidnischen, +weil der Einsatz ein größerer war; das reformierte Heidentum streitet +nur gegen den alten Glauben, das reformierte Judentum würde in seiner +letzten Konsequenz das Volkstum aufheben, welches in dem Überfluten des +Hellenismus mit der Verflüchtigung des Landesglaubens notwendig +verschwand, und scheut deshalb davor zurück, diese Konsequenz zu +ziehen. Daher ist auf griechischem Boden und in griechischer Sprache, +wenn nicht das Wesen, doch die Form des alten Glaubens mit +beispielloser Hartnäckigkeit festgehalten und verteidigt worden, +verteidigt auch von denen, die im Wesen vor dem Hellenismus +kapitulieren. Philon selbst hat, wie weiterhin erzählt werden soll, für +die Sache der Juden gestritten und gelitten. Darum aber hat auch die +hellenistische Richtung im Judentum auf dieses selbst nie übermächtig +eingewirkt, niemals vermocht, dem nationalen Judentum entgegenzutreten, +kaum dessen Fanatismus zu mildern und die Verkehrtheiten und Frevel +desselben zu hemmen. In allen wesentlichen Dingen, insbesondere dem +Druck und der Verfolgung gegenüber, verschwinden die Differenzen des +Judentums, und wie unbedeutend der Rabbinerstaat war, die religiöse +Gemeinschaft, der er vorstand, war eine ansehnliche, unter Umständen +eine furchtbare Macht. + +Diesen Verhältnissen fanden die Römer sich gegenüber, als sie im Orient +die Herrschaft antraten. Die Eroberung zwingt dem Eroberer nicht minder +die Hand als dem Eroberten. Das Werk der Jahrhunderte, die +makedonischen Stadteinrichtungen konnten weder die Arsakiden noch die +Caesaren ungeschehen machen; weder Seleukeia am Euphrat noch Antiocheia +und Alexandreia konnten von den nachfolgenden Regierungen angetreten +werden unter der Wohltat des Inventars. Wahrscheinlich hat der dortigen +jüdischen Diaspora gegenüber der Begründer des Kaiserregiments sich, +wie in so vielen anderen Dingen, die Politik der ersten Lagiden zur +Richtschnur genommen und das Judentum des Orients in seiner +Sonderstellung eher gefördert als gehindert; und dies Verfahren ist +dann für seine Nachfolger durchgängig maßgebend gewesen. Es ist schon +erzählt worden, daß die vorderasiatischen Gemeinden unter Augustus den +Versuch machten, ihre jüdischen Mitbürger bei der Aushebung gleichmäßig +heranzuziehen und ihnen die Einhaltung des Sabbaths nicht ferner zu +gestatten; Agrippa aber entschied gegen sie und hielt den Status quo zu +Gunsten der Juden aufrecht oder stellte vielmehr die bisher wohl nur +von einzelnen Statthaltern oder Gemeinden der griechischen Provinzen +nach Umständen zugelassene Befreiung der Juden vom Kriegsdienst und das +Sabbathprivilegium vielleicht jetzt erst rechtlich fest. Augustus wies +ferner die Statthalter von Asia an, die strengen Reichsgesetze über +Vereine und Versammlungen gegen die Juden nicht zur Anwendung zu +bringen. Aber die römische Regierung hat es nicht verkannt, daß die den +Juden im Orient eingeräumte exempte Stellung mit der unbedingten +Verpflichtung der Reichsangehörigen zur Erfüllung der vom Staat +geforderten Leistungen sich nicht vereinigen ließ, daß die garantierte +Sonderstellung der Judenschaft den Rassenhaß und unter Umständen den +Bürgerkrieg in die einzelnen Städte trug, daß das fromme Regiment der +Behörden von Jerusalem über alle Juden des Reiches eine bedenkliche +Tragweite hatte und daß in allem diesem für den Staat eine praktische +Schädigung und eine prinzipielle Gefahr lag. Der innerliche Dualismus +des Reiches drückt in nichts sich schärfer aus als in der verschiedenen +Behandlung der Juden in dem lateinischen und dem griechischen +Sprachgebiet. Im Okzident sind die autonomen Judenschaften niemals +zugelassen worden. Man tolerierte wohl daselbst die jüdischen +Religionsgebräuche wie die syrischen und die ägyptischen oder vielmehr +etwas weniger als diese; der Judenkolonie in der Vorstadt Roms jenseits +des Tiber zeigte Augustus sich günstig und ließ bei seinen Spenden den, +der des Sabbaths wegen sich versäumt hatte, nachträglich zu. Aber er +persönlich vermied jede Berührung wie mit dem ägyptischen so auch mit +dem jüdischen Kultus, und wie er selbst in Ägypten dem heiligen Ochsen +aus dem Wege gegangen war, so billigte er es durchaus, daß sein Sohn +Gaius, als er nach dem Orient ging, bei Jerusalem vorbeiging. Unter +Tiberius wurde sogar im Jahre 19 in Rom und ganz Italien der jüdische +Kultus zugleich mit dem ägyptischen untersagt und diejenigen, die sich +nicht dazu verstanden, ihn öffentlich zu verleugnen und die heiligen +Geräte ins Feuer zu werfen, aus Italien ausgewiesen, soweit sie nicht +als tauglich für den Kriegsdienst in Strafkompanien verwendet werden +konnten, wo dann nicht wenige ihrer religiösen Skrupel wegen dem +Kriegsgericht verfielen. Wenn, wie wir nachher sehen werden, eben +dieser Kaiser im Orient jedem Konflikt mit dem Rabbi fast ängstlich aus +dem Wege ging, so zeigt sich hier deutlich, daß er, der tüchtigste +Herrscher, den das Reich gehabt hat, die Gefahren der jüdischen +Immigration ebenso deutlich erkannte wie die Unbilligkeit und die +Unmöglichkeit, da, wo das Judentum bestand, es zu beseitigen ^5. Unter +den späteren Regenten ändert, wie wir im weiteren Verlauf finden +werden, in der Hauptsache die ablehnende Haltung gegen die Juden des +Okzidents sich nicht, obwohl sie im übrigen mehr dem Beispiel des +Augustus folgen als dem des Tiberius. Man hinderte die Juden nicht, die +Tempelsteuer in der Form freiwilliger Beiträge einzuziehen und nach +Jerusalem zu senden. Es wurde ihnen nicht gewehrt, wenn sie einen +Rechtshandel lieber vor einen jüdischen Schiedsrichter brachten als vor +ein römisches Gericht. Von zwangsweiser Aushebung zum Dienst, wie +Tiberius sie anordnete, ist auch im Okzident späterhin nicht weiter die +Rede. Aber eine öffentlich anerkannte Sonderstellung und öffentlich +anerkannte Sondergerichte haben die Juden im heidnischen Rom und +überhaupt im lateinischen Westen niemals erhalten. Vor allem aber haben +im Okzident, abgesehen von der Hauptstadt, die der Natur der Sache nach +auch den Orient mit repräsentierte und schon in der ciceronischen Zeit +eine zahlreiche Judenschaft in sich schloß, die Judengemeinden in der +früheren Kaiserzeit nirgends besondere Ausdehnung oder Bedeutung gehabt +^6. Nur im Orient gab die Regierung von vornherein nach oder vielmehr, +sie versuchte nicht, die bestehenden Verhältnisse zu ändern und den +daraus resultierenden Gefahren vorzubeugen; und so haben denn auch, wie +die heiligen Bücher der Juden der lateinischen Welt erst in +lateinischer Sprache durch die Christen bekannt geworden sind, die +großen Judenbewegungen der Kaiserzeit sich durchaus auf den +griechischen Osten beschränkt. Hier wurde kein Versuch gemacht, mit der +rechtlichen Sonderstellung des Juden die Quelle des Judenhasses +allmählich zu verstopfen, aber ebensowenig, von Laune und +Verkehrtheiten einzelner Regenten abgesehen, dem Judenhaß und den +Judenhetzen von Seiten der Regierung Vorschub getan. In der Tat ist die +Katastrophe des Judentums nicht aus der Behandlung der jüdischen +Diaspora im Orient hervorgegangen. Lediglich die in verhängnisvoller +Weise sich entwickelnden Beziehungen des Reichsregiments zu dem +jüdischen Rabbistaat haben nicht bloß die Zerstörung des Gemeinwesens +von Jerusalem herbeigeführt, sondern weiter die Stellung der Juden im +Reiche überhaupt erschüttert und verschoben. Wir wenden uns dazu, die +Vorgänge in Palästina unter der römischen Herrschaft zu schildern. + +—————————————————————————— + +^5 Der Jude Philon schreibt die Behandlung der Juden in Italien auf +Rechnung des Seianus (leg. 24; in Flacc. 1), die der Juden im Osten auf +die des Kaisers selbst. Aber Josephus führt vielmehr, was in Italien +geschah, zurück auf einen Skandal in der Hauptstadt, welchen drei +jüdische fromme Schwindler und eine zum Judentum bekehrte vornehme Dame +gegeben hatten, und Philon selbst gibt zu, daß Tiberius nach Seians +Sturz den Statthaltern nur gewisse Milderungen in dem Verfahren gegen +die Juden aufgegeben habe. Die Politik des Kaisers und die seiner +Minister den Juden gegenüber war im wesentlichen dieselbe. + +^6 Agrippa II., der die jüdischen Ansiedlungen im Ausland aufzählt (bei +Philon leg. ad Gaium 36), nennt keine Landschaft westlich von +Griechenland, und unter den in Jerusalem weilenden Fremden, die die +Apostelgeschichte 2, 5 f. verzeichnet, sind aus dem Westen nur Römer +genannt. + +—————————————————————————— + +Die Zustände im südlichen Syrien waren von den Feldherrn der Republik, +Pompeius und seinen nächsten Nachfolgern, in der Weise geordnet worden, +daß die größeren Gewalten, die dort anfingen sich zu bilden, wieder +herabgedrückt und das ganze Land in einzelne Stadtgebiete und +Kleinherrschaften aufgelöst wurde. Am schwersten waren davon die Juden +betroffen worden; nicht bloß hatten sie allen hinzugewonnenen Besitz, +namentlich die ganze Küste, herausgeben müssen, sondern Gabinius hatte +sogar den alten Bestand des Reiches in fünf selbständig sich +verwaltende Kreise aufgelöst und dem Hohenpriester Hyrkanos seine +weltlichen Befugnisse entzogen. Damit war also wie einerseits die +Schutzmacht, so andererseits die reine Theokratie wieder hergestellt. +Indes änderte dies sich bald. Hyrkanos oder vielmehr der für ihn +regierende Minister, der Idumäer Antipatros ^7, gelangte wohl schon +durch Gabinius selbst, dem er bei seinen parthischen und ägyptischen +Unternehmungen sich unentbehrlich zu machen verstand, wiederum zu der +führenden Stellung im südlichen Syrien. Nach der Plünderung des Tempels +von Jerusalem durch Crassus ward der dadurch veranlaßte Aufstand der +Juden hauptsächlich durch ihn gedämpft. Es war für ihn eine günstige +Fügung, daß die jüdische Regierung nicht genötigt ward, in die Krisis +zwischen Caesar und Pompeius, für welchen sie wie der ganze Osten sich +erklärt hatte, handelnd einzugreifen. Dennoch wäre wohl, nachdem der +Bruder und Rivale des Hyrkanos, Aristobulos, sowie dessen Sohn +Alexander, wegen ihres Eintretens für Caesar, durch die Pompeianer ihr +Leben verloren hatten, nach Caesars Sieg der zweite Sohn Antigonos von +diesem in Judäa als Herrscher eingesetzt worden. Aber als Caesar, nach +dem entscheidenden Sieg nach Ägypten gekommen, sich in Alexandreia in +einer gefährlichen Lage befand, war es vornehmlich Antipatros, der ihn +aus dieser befreite, und dies schlug durch; Antigonos mußte +zurückstehen hinter der neueren, aber wirksameren Treue. Nicht am +wenigsten hat Caesars persönliche Dankbarkeit die förmliche +Restauration des Judenstaates gefördert. Das Jüdische Reich erhielt die +beste Stellung, die dem Klientelstaat gewährt werden konnte, völlige +Freiheit von Abgaben an die Römer ^8 und von militärischer Besatzung +und Aushebung ^9, wogegen allerdings auch die Pflichten und die Kosten +der Grenzverteidigung von der einheimischen Regierung zu übernehmen +waren. Die Stadt Ioppe und damit die Verbindung mit dem Meer wurde +zurückgegeben, die Unabhängigkeit der inneren Verwaltung sowie die +freie Religionsübung garantiert, die bisher verweigerte +Wiederherstellung der von Pompeius geschleiften Festungswerke +Jerusalems gestattet (707 47). Also regierte unter dem Namen des +Hasmonäerfürsten ein Halbfremder - denn die Idumäer standen zu den +eigentlichen, von Babylon zurückgewanderten Juden ungefähr wie die +Samariter - den Judenstaat unter dem Schutz und nach dem Willen Roms. +Die nationalgesinnten Juden waren dem neuen Regiment nichts weniger als +geneigt. Die alten Geschlechter, die im Rat von Jerusalem führten, +hielten im Herzen zu Aristobulos und nach dessen Tode zu seinem Sohn +Antigonos. In den Bergen Galiläas fochten die Fanatiker ebenso gegen +die Römer wie gegen die eigene Regierung; als Antipatros’ Sohn Herodes +den Führer dieser wilden Schar, Ezekias, gefangengenommen und hatte +hinrichten lassen, zwang der Priesterrat von Jerusalem unter dem +Vorwand verletzter Religionsvorschriften den schwachen Hyrkanos, den +Herodes zu verbannen. Dieser trat darauf in das römische Heer ein und +leistete dem Caesarischen Statthalter von Syrien gegen die Insurrektion +der letzten Pompeianer gute Dienste. Aber als nach der Ermordung +Caesars die Republikaner im Osten die Oberhand gewannen, war Antipatros +wieder der erste, der dem Stärkeren nicht bloß sich fügte, sondern sich +die neuen Machthaber verpflichtete durch rasche Beitreibung der von +ihnen auferlegten Kontribution. So kam es, daß der Führer der +Republikaner, als er aus Syrien abzog, den Antipatros in seiner +Stellung beließ und dem Sohne desselben, Herodes, sogar ein Kommando in +Syrien anvertraute. Als dann Antipatros starb, wie man sagt, von einem +seiner Offiziere vergiftet, glaubte Antigonos, der bei seinem Schwager, +dem Fürsten Ptolemaeos von Chalkis, Aufnahme gefunden hatte, den +Augenblick gekommen, um den schwachen Oheim zu beseitigen. Aber die +Söhne des Antipatros, Phasael und Herodes, schlugen seine Schar aufs +Haupt, und Hyrkanos verstand sich dazu, ihnen die Stellung des Vaters +zu gewähren, ja sogar den Herodes, indem er ihm seine Enkelin Mariamme +verlobte, gewissermaßen in das regierende Haus aufzunehmen. Inzwischen +unterlagen die Führer der republikanischen Partei bei Philippi. Die +Opposition in Jerusalem hoffte nun den Sturz der verhaßten Antipatriden +bei den Siegern zu erwirken; aber Antonius, dem das Schiedsgericht +zufiel, wies deren Deputationen erst in Ephesos, dann in Antiocheia, +zuletzt in Tyros entschieden ab, ja ließ die letzten Gesandten +hinrichten, und bestätigte Phasael und Herodes förmlich als +“Vierfürsten” ^10 - der Juden (723 41). + +————————————————————— + +^7 Antipatros begann seine Laufbahn als Statthalter (στρατηγός) von +Idumäa (Ios. ant. Iud. 14, 1, 3), und heißt dann Verwalter des +Jüdischen Reiches (ο τών Ιουδαίων επιμελητής daselbst 14, 8, 1), das +heißt etwa erster Minister. Mehr liegt auch nicht in der gegen Rom wie +gegen Herodes adulatorisch gefärbten Erzählung des Josephus (ant. Iud. +14, 8, 5; bel. Iud. 1, 10, 3), daß Caesar dem Antipatros die Wahl +überlassen habe, seine Machtstellung (δυναστεία) selbst zu bestimmen +und, da dieser ihm die Entscheidung anheimstellt, ihn zum Verwalter +(επίτροπος) von Judäa bestellt habe. Dies ist nicht, wie Marquardt, +Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 408 will, die (damals noch gar nicht +bestehende) römische Prokuratur der Kaiserzeit, sondern ein formell von +dem jüdischen Ethnarchen verliehenes Amt, eine επιτροπή, wie die bei +Ios. bel. Iud. 2, 18, 6 erwähnte. In den Aktenstücken aus Caesars Zeit +vertritt die Juden allein der Erzpriester und Ethnarch Hyrkanos; Caesar +gab dem Antipatros, was dem Untertanen eines abhängigen Staats gewährt +werden konnte, das römische Bürgerrecht und die personale Immunität +(Ios. ant. Iud. 14, 8, 3; bel. Iud. 1, 9, 5), aber er machte ihn nicht +zum Beamten Roms. Daß Herodes, aus Judäa vertrieben, von dem Römern +eine römische Offizierstellung etwa in Samaria erhalten hat, ist +glaublich; aber die Bezeichnungen στρατηγός τής Κοιλής Συρίας; (Ios. +ant. Iud. 14 9, 5 c. 11, 4) oder στρατηγός Κοιλής Συρίας καί Σαμαρίας; +(bel. Iud. 1, 10, 8) sind mindestens irreführend, und ebenso inkorrekt +nennt derselbe Schriftsteller den Herodes später deswegen, weil er τοίς +επιτρπεύουσι τής Συρίας; als Ratgeber dienen soll (ant. Iud. 15, 10, +3), sogar Συρίας ολής επίτροπον (bel. Iud. 1, 20, 4, wo Marquardts +Änderung [Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 408 Κοιλής den Sinn zerstört). + +^8 In dem Dekret Caesars bei Josephus (ant. Iud. 14, 10, 5 u. 6) ist +die aus Epiphanius sich ergebende Lesung die einzig mögliche: danach +wird das Land von der (durch Pompeius auferlegten: Ios. ant. Iud. 14, +4, 4) Steuer, vom zweiten Jahr der laufenden Verpachtung an, befreit +und weiter verordnet, daß die Stadt Joppe, die damals aus römischem +Besitz in jüdischen überging, zwar auch ferner den vierten Teil der +Feldfrüchte in Sidon an die Römer abliefern, aber dafür dem Hyrkanos +ebenfalls in Sidon als Äquivalent jährlich 20675 Scheffel Getreide +gewährt werden sollen, woneben die Joppenser auch noch den Zehnten an +Hyrkanos entrichten. Auch zeigt die ganze sonstige Erzählung, daß der +jüdische Staat seitdem von Tributzahlung frei ist; daß Herodes von den +der Kleopatra zugewiesenen Distrikten, die er ihr abpachtet, φόρος +zahlt (ant. Iud. 15, 4, 2 u. 4. c. 5, 3), bestätigt nur die Regel. Wenn +App. civ. 5, 75 unter den von Antonius mit Tribut belegten Königen den +Herodes für Idumäa und Samaria aufführt, so fehlt Judäa auch hier nicht +ohne guten Grund; und auch für diese Nebenländer kann ihm der Tribut +von Augustus erlassen sein. Der detaillierte und zuverlässige Bericht +über die Schatzung, die Quirinius anordnet, zeigt mit völliger +Klarheit, daß das Land bis dahin von römischer Steuer frei war. + +^9 In demselben Dekret heißt es: καί όπως μηδείς μήτε αρχών μήτε +στρατηγός ή πρεσβευτης εν τοίς όροις τών Ιουδαίων ανιστά (‘vielleicht +συνιστά Wilamowitz) συμμαψίαν καί στρατιώτας εξιή (so Wilamowitz für +εξεί), ή τά χρήματα τούτων ανεπηρεάστους (vgl. 14, 10, 2: παραχειμασίαν +δέ καί χρήματα πράττεσθαι οθ δοκιμάζω). Dies entspricht im wesentlichen +der Formel des wenig älteren Freibriefs für Termessos (CIL I, 204): nei +quis magistratu prove magistratu legatus ne[ive] quis alius meilites in +oppidum Thermesum . . . agrumve . . . hiemandi caussa introducito . . . +nisei senatus nominatim utei Thermesum . . . in hibernacula meilites +deducantur decreverit. Der Durchmarsch ist demnach gestattet. In dem +Privilegium für Judäa scheint außerdem noch die Aushebung untersagt +gewesen zu sein. + +^10 Dieser Titel, der zunächst das kollegialische Vierfürstentum +bezeichnet, wie es bei den Galatern herkömmlich war, ist dann +allgemeiner für die Samt-, ja auch für die Einherrschaft, immer aber +als im Rang dem königlichen nachstehend verwendet worden. In dieser +Weise erscheint er außer in Galanen auch in Syrien vielleicht seit +Pompeius, sicher seit Augustus. Die Nebeneinanderstellung eines +Ethnarchen und zweier Tetrarchen, wie sie im Jahre 713 (41) für Judäa +nach Josephus (ant. Iud. 14, 13, 1; bel. Iud. 1, 12, 5) angeordnet +ward, begegnet sonst nicht wieder; analog ist Pheroras Tetrarch der +Peraea unter seinem Bruder Herodes (bel. Iud. 1, 24, 5). + +————————————————————— + +Bald rissen die Wendungen der großen Politik den jüdischen Staat noch +einmal in ihre Wogen. Der Herrschaft der Antipatriden machte im +folgenden Jahre (714 40) die Invasion der Parther zunächst ein Ende. +Der Prätendent Antigonos schlug sich zu ihnen und bemächtigte sich +Jerusalems und fast des ganzen Gebiets. Hyrkanos ging als Gefangener zu +den Parthern, Phasael, Antipatros’ ältester Sohn, gleichfalls gefangen, +gab sich im Kerker den Tod. Mit genauer Not barg Herodes die Seinigen +in einem Felsenschloß am Saume Judäas und ging selbst flüchtig und +Hilfe bittend zuerst nach Ägypten und, da er hier Antonius nicht mehr +fand, zu den beiden eben damals in neuer Eintracht schaltenden +Machthabern (724 40) nach Rom. Bereitwillig gestattete man ihm, was ja +nur im römischen Interesse lag, das Jüdische Reich für sich +zurückzugewinnen; er kam nach Syrien zurück, soweit es auf die Römer +ankam, als anerkannter Herrscher und sogar ausgestattet mit dem +königlichen Titel. Aber gleich wie ein Prätendent hatte er das Land +nicht so sehr den Parthern als den Patrioten zu entreißen. Vorzugsweise +mit Samaritern und Idumäern und gedungenen Soldaten schlug er seine +Schlachten und gelangte endlich durch die Unterstützung der römischen +Legionen auch in den Besitz der lange verteidigten Hauptstadt. Die +römischen Henker befreiten ihn gleichfalls von seinem langjährigen +Nebenbuhler Antigonos, seine eigenen räumten auf unter den vornehmen +Geschlechtern des Rats von Jerusalem. + +Aber die Tage der Bedrängnis waren mit seiner Installation noch +keineswegs vorüber. Antonius’ unglückliche Expedition gegen die Parther +blieb für Herodes ohne Folgen, da die Sieger es nicht wagten, in Syrien +einzurücken; aber schwer litt er unter den immer sich steigernden +Ansprüchen der ägyptischen Königin, die damals mehr als Antonius den +Osten beherrschte; ihre frauenhafte Politik, zunächst gerichtet auf die +Erweiterung ihrer Hausmacht und vor allem ihrer Einkünfte, erreichte +zwar bei Antonius bei weitem nicht alles, was sie begehrte, aber sie +entriß dem König der Juden doch einen Teil seiner wertvollsten +Besitzungen an der syrischen Küste und in dem ägyptisch-syrischen +Zwischengebiet, ja selbst die reichen Balsampflanzungen und Palmenhaine +von Jericho und legte ihm schwere finanzielle Lasten auf. Um den Rest +seiner Herrschaft zu behaupten, mußte er die neuen syrischen +Besitzungen der Königin entweder selber abpackten oder für andere +minder zahlungsfähige Pächter garantieren. Nach all diesen +Bedrängnissen und in Erwartung noch ärgerer und ebensowenig abweisbarer +Anforderungen war der Ausbruch des Krieges zwischen Antonius und Caesar +für ihn eine Hoffnung, und daß Kleopatra in ihrer egoistischen +Verkehrtheit ihm die tätige Teilnahme an dem Kriege erließ, weil er +seine Truppen brauche, um ihre syrischen Einkünfte beizutreiben, ein +weiterer Glücksfall, da dies ihm die Unterwerfung unter den Sieger +erleichterte. Das Glück kam ihm noch weiter bei dem Parteiwechsel +entgegen: er konnte eine Schar getreuer Gladiatoren des Antonius +abfangen, die aus Kleinasien durch Syrien nach Ägypten marschierten, um +ihrem Herrn Beistand zu leisten. Indem er, bevor er sich zu Caesar nach +Rhodos begab, um seine Begnadigung zu erwirken, den letzten männlichen +Sproß des Makkabäerhauses, den achtzigjährigen Hyrkanos, dem das Haus +des Antipatros seine Stellung verdankte, für alle Fälle hinrichten +ließ, übertrieb er in der Tat die notwendige Vorsicht. Caesar tat, was +die Politik ihn tun hieß, zumal da für die beabsichtigte ägyptische +Expedition die Unterstützung des Herodes von Wichtigkeit war; er +bestätigte den gern Besiegten in seiner Herrschaft und erweiterte sie +teils durch die Rückgabe der von Kleopatra ihm entrissenen Besitzungen, +teils durch weitere Gaben: die ganze Küste von Gaza bis zum +Stratonsturm, dem späteren Caesarea, die zwischen Judäa und Galiläa +sich einschiebende samaritanische Landschaft und eine Anzahl von +Städten östlich vom Jordan gehorchten seitdem dem Herodes. Mit der +Konsolidierung der römischen Monarchie war auch das jüdische Fürstentum +weiteren äußeren Krisen entzogen. + +Vom römischen Standpunkt aus erscheint das Verhalten der neuen Dynastie +in einer Weise korrekt, daß dem Betrachtenden dabei die Augen +übergehen. Sie tritt ein zuerst für Pompeius, dann für Caesar den +Vater, dann für Cassius und Brutus, dann für die Triumvirn, dann für +Antonius, endlich für Caesar den Sohn; die Treue wechselt wie die +Parole. Dennoch ist diesem Verhalten die Folgerichtigkeit und +Festigkeit nicht abzusprechen. Die Parteiungen, die die herrschende +Bürgerschaft zerrissen, ob Republik oder Monarchie, ob Caesar oder +Antonius, gingen die abhängigen Landschaften, vor allem die des +griechischen Ostens, in der Tat nichts an. Die Entsittlichung, die mit +allem revolutionären Regimentswechsel verbunden ist, die entweihende +Vermengung der inneren Treue und des äußeren Gehorsams, kam in diesem +Fall in grellster Weise zum Vorschein; aber der Pflichterfüllung, wie +sie das römische Gemeinwesen von seinen Untertanen beanspruchte, hatte +König Herodes in einer Ausdehnung genügt, welcher edlere und +großartigere Naturen allerdings nicht fähig gewesen sein würden. Den +Parthern gegenüber hat er stets, auch in bedenklichen Lagen, fest zu +den einmal erkorenen Schutzherren gehalten. + +Vom Standpunkt der inneren jüdischen Politik aus ist das Regiment des +Herodes die Beseitigung der Theokratie und insofern eine Fortsetzung, +ja eine Steigerung des Regiments der Makkabäer, als die Trennung des +staatlichen und des Kirchenregiments in schneidendster Schärfe +durchgeführt wird in dem Gegensatz zwischen dem allmächtigen, aber +fremdgeborenen König, und dem machtlosen, oft und willkürlich +gewechselten Erzpriester. Freilich wurde dem jüdischen Hochpriester die +königliche Stellung eher verziehen als dem fremden und priesterlicher +Weihe unfähigen Mann; und wenn die Hasmonäer die Unabhängigkeit des +Judentums nach außen hin vertraten, trug der Idumäer seine königliche +Macht über die Juden von dem Schirmherrn zu Lehen. Die Rückwirkung +dieses unlösbaren Konflikts auf eine tief leidenschaftliche Natur tritt +in dem ganzen Lebenslauf des Mannes uns entgegen, der viel Leid +bereitet, aber vielleicht nicht weniger empfunden hat. Immer sichern +die Energie, die Stetigkeit, die Fügsamkeit in das Unvermeidliche, die +militärische und politische Geschicklichkeit, wo dafür Raum war, dem +Judenkönig einen gewissen Platz in dem Gesamtbild einer merkwürdigen +Epoche. + +Das fast vierzigjährige Regiment des Herodes - er starb im Jahre 750 +(4) - im einzelnen zu schildern, wie es die dafür in großer +Ausführlichkeit erhaltenen Berichte gestatten, ist nicht die Aufgabe +des Geschichtschreibers von Rom. Es gibt wohl kein Königshaus +irgendeiner Zeit, in welchem die Blutfehde zwischen Eltern und Kindern, +zwischen Gatten und Geschwistern in gleicher Weise gewütet hat; Kaiser +Augustus und seine Statthalter in Syrien wandten schaudernd sich ab von +dem Anteil an dem Mordwerk, der ihnen angesonnen ward; nicht der +mindest entsetzliche Zug in diesem Greuelbild ist die völlige +Zwecklosigkeit der meisten, in der Regel auf grundlosen Verdacht +verfügten Exekutionen und die stetig nachfolgende verzweifelnde Reue +des Urhebers. Wie kräftig und verständig der König das Interesse seines +Landes, soweit er konnte und durfte, wahrnahm, wie energisch er nicht +bloß in Palästina, sondern im ganzen Reich mit seinen Schätzen und mit +seinem nicht geringen Einfluß für die Juden eintrat -die den Juden +günstige Entscheidung Agrippas in dem großen kleinasiatischen +Reichshandel hatten sie wesentlich ihm zu verdanken -, Liebe und Treue +fand er wohl in Idumäa und Samaria, aber nicht bei dem Volke Israel; +hier war und blieb er nicht so sehr der mit vielfacher Blutschuld +beladene, als vor allem der fremde Mann. Wie es eine der +Haupttriebfedern jenes Hauskrieges ist, daß er in seiner Gattin aus +hasmonäischem Geschlecht, der schönen Mariamne, und in deren Kindern +mehr die Juden als die Seinen sah und fürchtete, so hat er es selbst +ausgesprochen, daß er sich zu den Griechen ebenso hingezogen fühle, wie +von den Juden abgestoßen. Es ist bezeichnend, daß er die Söhne, denen +er zunächst die Nachfolge zudachte, in Rom erziehen ließ. Während er +aus seinen unerschöpflichen Reichtümern die Griechenstädte des +Auslandes mit Gaben überhäufte und mit Tempeln schmückte, baute er für +die Juden wohl auch, aber nicht im jüdischen Sinne. Die Circus- und +Theaterbauten in Jerusalem selbst wie die Tempel für den Kaiserkultus +in den jüdischen Städten galten dem frommen Israeliten als Aufforderung +zur Gotteslästerung. Daß er den Tempel in Jerusalem in einen Prachtbau +verwandelte, geschah halb gegen den Willen der Frommen; wie sehr sie +den Bau bewunderten, daß er an demselben einen goldenen Adler +anbrachte, wurde ihm mehr verübelt als alle von ihm verfügten +Todesurteile und führte zu einem Volksaufstand, dem der Adler zum Opfer +fiel und dann freilich auch die Frommen, die ihn abrissen. Herodes +kannte das Land genug, um es nicht auf das äußerste kommen zu lassen; +wenn es möglich gewesen wäre, dasselbe zu hellenisieren, der Wille dazu +hätte ihm nicht gefehlt. An Tatkraft stand der Idumäer hinter den +besten Hasmonäern nicht zurück. Der große Hafenbau beim Stratonsturm +oder, wie die von Herodes völlig umgebaute Stadt seitdem heißt, bei +Caesarea, gab der hafenarmen Küste zuerst das, was sie brauchte, und +die ganze Kaiserzeit hindurch ist die Stadt ein Hauptemporium des +südlichen Syriens geblieben. Was sonst die Regierung zu leisten vermag, +Entwicklung der natürlichen Hilfsquellen, Eintreten bei Hungersnot und +anderen Kalamitäten, vor allen Dingen Sicherheit des Landes nach innen +und außen, das hat Herodes geleistet. Der Räuberunfug wurde abgestellt +und die in diesen Gegenden so ungemein schwierige Verteidigung der +Grenze gegen die streifenden Stämme der Wüste mit Strenge und +Folgerichtigkeit durchgeführt. Dadurch wurde die römische Regierung +bewogen, ihm noch weitere Gebiete zu unterstellen, Ituräa, Trachonitis, +Auranitis, Batanaea. Seitdem erstreckte sich seine Herrschaft, wie dies +schon erwähnt ward, geschlossen über das transjordanische Land bis +gegen Damaskos und zum Hermongebirge; soviel wir erkennen können, hat +es nach jenen weiteren Zuweisungen in dem ganzen bezeichneten Gebiet +keine Freistadt und keine von Herodes unabhängige Herrschaft mehr +gegeben. Die Grenzverteidigung selbst traf mehr den arabischen König +als den der Juden; aber soweit sie ihm oblag, bewirkte die Reihe +wohlversehener Grenzkastelle auch hier einen Landfrieden, wie man ihn +bisher in diesen Gegenden nicht gekannt hatte. Man begreift es, daß +Agrippa, nachdem er die Hafen- und die Kriegsbauten des Herodes +besichtigt hatte, in ihm einen gleichstrebenden Gehilfen bei dem großen +Organisationswerk des Reiches erkannte und ihn in diesem Sinne +behandelte. + +Dauernden Bestand hatte sein Reich nicht. Herodes selbst teilte es in +seinem Testament unter drei seiner Söhne, und Augustus bestätigte die +Verfügung im wesentlichen, indem er nur den wichtigen Hafen Gaza und +die transjordanischen Griechenstädte unmittelbar unter den syrischen +Statthalter stellte. Die nördlichen Reichsteile wurden von dem +Hauptland abgetrennt; das zuletzt von Herodes erworbene Gebiet südlich +von Damaskos, die Batanaea mit den dazu gehörigen Distrikten erhielt +Philippos, Galiläa und die Peraea, das heißt das transjordanische +Gebiet, soweit es nicht griechisch war, Herodes Antipas, beide als +Tetrarchen; diese beiden Kleinfürstentümer haben anfangs getrennt, dann +unter Herodes des “Großen” Urenkel Agrippa II. vereinigt, mit geringen +Unterbrechungen bis unter Traianus fortbestanden. Wir haben ihres +Regiments bei der Schilderung des östlichen Syriens und Arabiens +bereits gedacht. Hier mag nur hinzugefügt werden, daß diese Herodeer, +wenn nicht mit der Energie, doch im Sinn und Geist des Stifters der +Dynastie weiterregierten. Die von ihnen eingerichteten Städte Caesarea, +das alte Paneas, im nördlichen Gebiet und Tiberias in Galiläa sind ganz +in der Art des Herodes hellenisch geordnet; charakteristisch ist die +Ächtung, welche die jüdischen Rabbis wegen eines bei der Anlage von +Tiberias gefundenen Grabes über die unreine Stadt verhängten. + +Das Hauptland, Judäa nebst Samaria nördlich und Idumäa südlich, bekam +nach dem Willen des Vaters Archelaos. Aber den Wünschen der Nation +entsprach diese Erbfolge nicht. Die Orthodoxen, das heißt die +Pharisäer, beherrschten so gut wie ausschließlich die Masse, und wenn +bisher die Furcht des Herrn einigermaßen niedergehalten war durch die +Furcht vor dem rücksichtslos energischen König, so stand doch der Sinn +der großen Majorität der Juden darauf, unter der Schirmherrschaft Roms +das reine gottselige Priesterregiment wieder herzustellen, wie es einst +die persischen Beamten eingerichtet hatten. Unmittelbar nach dem Tode +des alten Königs hatten die Massen in Jerusalem sich zusammengerottet, +um die Beseitigung des von Herodes ernannten Hohenpriesters und die +Ausweisung der Ungläubigen aus der heiligen Stadt zu verlangen, wo eben +das Passah gefeiert werden sollte; Archelaos hatte sein Regiment damit +beginnen müssen, auf diese Massen einhauen zu lassen; man zählte eine +Menge Tote, und die Festfeier unterblieb. Der römische Statthalter von +Syrien - derselbe Varus, dessen Unverstand bald darauf den Römern +Germanien kostete -, dem es zunächst oblag, während des Interregnums +die Ordnung im Lande aufrecht zu halten, hatte diesen in Jerusalem +meuternden Haufen gestattet, nach Rom, wo eben über die Besetzung des +jüdischen Thrones verhandelt ward, eine Deputation von fünfzig Personen +zu entsenden, um die Abschaffung des Königtums zu erbitten, und als +Augustus diese vorließ, gaben achttausend hauptstädtische Juden ihr das +Geleit zum Tempel des Apollo. Die fanatisierten Juden daheim fuhren +inzwischen fort, sich selber zu helfen; die römische Besatzung, die in +den Tempel gelegt war, wurde mit stürmender Hand angegriffen, und +fromme Räuberscharen erfüllten das Land; Varus mußte die Legionen +ausrücken lassen und mit dem Schwert die Ruhe wieder herstellen. Es war +eine Warnung für den Oberherrn, eine nachträgliche Rechtfertigung für +König Herodes’ gewalttätiges, aber wirksames Regiment. Aber mit der +ganzen Schwächlichkeit, welche er namentlich in späteren Jahren so oft +bewies, wies Augustus allerdings die Vertreter jener fanatischen Massen +mit ihrem Begehren ab, übergab aber, im wesentlichen das Testament des +Herodes ausführend, die Herrschaft in Jerusalem dem Archelaos, +gemindert um den königlichen Titel, den Augustus dem unerprobten jungen +Mann zur Zeit nicht zugestehen mochte, ferner gemindert um die +nördlichen Gebiete und mit der Abnahme der Grenzverteidigung auch in +der militärischen Stellung herabgedrückt. Daß auf Augustus’ +Veranlassung die unter Herodes hochgespannten Steuern herabgesetzt +wurden, konnte die Stellung des Vierfürsten wenig bessern. Archelaos’ +persönliche Unfähigkeit und Unwürdigkeit brauchten kaum noch +hinzuzutreten, um ihn unmöglich zu machen; wenige Jahre darauf (6 n. +Chr.) sah Augustus selbst sich genötigt, ihn abzusetzen. Nun tat er +nachträglich jenen Meuterern ihren Willen: das Königtum wurde +abgeschafft und das Land einerseits in unmittelbare römische Verwaltung +genommen, andererseits, soweit neben dieser ein inneres Regiment +zugelassen ward, dasselbe dem Senat von Jerusalem übergeben. Bei diesem +Verfahren mögen allerdings teils früher in Betreff der Erbfolge von +Augustus dem Herodes gegebene Zusicherungen mitbestimmend gewesen sein, +teils die mehr und mehr hervortretende und im allgemeinen wohl +gerechtfertigte Abneigung der Reichsregierung gegen größere, +einigermaßen selbständig sich bewegende Klientelstaaten. Was in +Galatien, in Kappadokien, in Mauretanien kurz vorher oder bald nachher +geschah, erklärt, warum auch in Palästina das Reich des Herodes ihn +selbst kaum überdauerte. Aber wie in Palästina das unmittelbare +Regiment geordnet ward, war es auch administrativ ein arger Rückschritt +gegen das Herodische; vor allem aber lagen hier die Verhältnisse so +eigenartig und so schwierig, daß die allerdings von der Priesterpartei +selbst hartnäckig erstrebte und schließlich erlangte unmittelbare +Berührung der regierenden Römer und der regierten Juden weder diesen +noch jenen zum Segen gereichte. + +Judäa wurde somit im Jahre 6 n. Chr. eine römische Provinz zweiten +Ranges ^11 und ist, abgesehen von der ephemeren Restauration des +jerusalemischen Königreichs unter Claudius in den Jahren 41-44, seitdem +römische Provinz geblieben. An die Stelle des bisherigen +lebenslänglichen und, unter Vorbehalt der Bestätigung durch die +römische Regierung, erblichen Landesfürsten trat ein vom Kaiser auf +Widerruf ernannter Beamter aus dem Ritterstand. Der Sitz der römischen +Verwaltung wurde, wahrscheinlich sofort, die von Herodes nach +hellenischem Muster umgebaute Hafenstadt Caesarea. Die Befreiung des +Landes von römischer Besatzung fiel selbstverständlich weg, aber, wie +durchgängig in den Provinzen zweiten Ranges, bestand die römische +Truppenmacht nur aus einer mäßigen Zahl von Reiter- und Fußabteilungen +der geringeren Kategorie; späterhin lagen dort eine Ala und fünf +Kohorten, etwa 3000 Mann. Diese Truppen wurden vielleicht von dem +früheren Regiment übernommen, wenigstens zum großen Teil im Lande +selbst, jedoch meist aus Samaritanern und syrischen Griechen gebildet +^12. Legionarbesatzung erhielt die Provinz nicht, und auch in den Judäa +benachbarten Gebieten stand höchstens eine von den vier syrischen +Legionen. Nach Jerusalem kam ein ständiger römischer Kommandant, der in +der Königsburg seinen Sitz nahm, mit einer schwachen ständigen +Besatzung; nur während der Passahzeit, wo das ganze Land und unzählige +Fremde nach dem Tempel strömten, lag eine stärkere Abteilung römischer +Soldaten in einer zum Tempel gehörigen Halle. Daß mit der Einrichtung +der Provinz die Steuerpflichtigkeit Rom gegenüber eintrat, folgt schon +daraus, daß die Kosten der Landesverteidigung damit auf die +Reichsregierung übergingen. Nachdem diese bei der Einsetzung des +Archelaos eine Herabsetzung der Abgaben veranlaßt hatte, ist es wenig +wahrscheinlich, daß sie bei der Einziehung des Landes eine sofortige +Erhöhung derselben in Aussicht nahm; wohl aber wurde, wie in jedem neu +erworbenen Gebiet, zu einer Revision der bisherigen Katastrierung +geschritten ^13. + +—————————————————————- + +^11 Die Angabe des Josephus, daß Judäa zur Provinz Syrien gezogen und +dessen Statthalter unterstellt worden sei (ant. Iud. 17 fin.: τού δέ +Αρχελάου χώρας υποτελούς προσνεμηθείσης τή Σύρων; 18, 1, 1 : εις τήν +Ιουδαίων προσθήκην τής Συρίας; 4, 6) scheint unrichtig zu sein; +vielmehr bildete Judäa wahrscheinlich seitdem eine eigene +prokuratorische Provinz. Genaue Unterscheidung zwischen dem rechtlichen +und dem faktischen Eingreifen des syrischen Statthalters darf man bei +Josephus nicht erwarten. Daß derselbe die neue Provinz ordnete und die +erste Schatzung leitete, entscheidet nicht über die Frage, welche +Einrichtung ihr gegeben ward. Wo die Juden sich über ihren Prokurator +bei dem Statthalter von Syrien beschweren und dieser gegen denselben +einschreitet, ist allerdings der Prokurator von dem Legaten abhängig; +aber wenn L. Vitellius dies tat (Ios. ant. Iud. 18, 4, 2), so griff +dessen Macht eben außerordentlicherweise hinaus über die Provinz (Tac. +ann. 6, 32; Römisches Staatsrecht, Bd. 2, S. 822), und in dem andern +Fall zeigen die Worte des Tacitus (12, 54): quia Claudius ius statuendi +etiam de procuratoribus dederat, daß der Statthalter von Syrien kraft +seiner allgemeinen Kompetenz ein solches Urteil nicht hätte fällen +können. Sowohl das ius gladii dieser Prokuratoren (Ios. bel. Iud. 2, 8, +1: μέχρι τού κτείνειν λαβών παρά τού Καίσαρος εξουσίαν, ant. Iud. 18, +1, 1; ηγησόμενος Ιουδαίων τή επί πάσιν εξουσία) wie ihr ganzes +Auftreten beweisen, daß sie nicht zu denen gehörten, die unter einem +kaiserlichen Legaten stehend nur finanzielle Geschäfte besorgten, +sondern vielmehr wie die Prokuratoren von Noricum und Raetia auch für +Rechtspflege und Heerbefehl die höchste Instanz bildeten. Also hatten +die Legaten von Syrien dort nur die Stellung wie die von Pannonien in +Noricum und der obergermanische in Rätien. Dies entspricht auch der +allgemeinen Entwicklung der Verhältnisse: alle größeren Königreiche +sind bei der Einziehung nicht den benachbarten großen +Statthalterschaften zugelegt worden, deren Machtfülle zu steigern nicht +in der Tendenz dieser Epoche liegt, sondern zu selbstständigen, meist +zuerst ritterlichen Statthalterschaften gemacht worden. + +^12 Nach Josephus (ant. Iud. 20, 8, 7, genauer als bel. Iud. 2, 13, 7) +bestand der größte Teil der römischen Truppen in Palästina aus +Caesareern und Sebastenern. Die ala Sebastenorum focht im Jüdischen +Kriege unter Vespasian (Ios. bel. Iud. 2, 12, 5). Vgl. Eph. epigr. V, +p. 194. Alae und cohortes Iudaeorum gibt es nicht. + +^13 Die Einkünfte des Herodes beliefen sich nach Josephus (ant. Iud. +17, 11, 4) auf etwa 1200 Talente, wovon auf Batanaea mit den +Nebenländern etwa 100, auf Galiläa und Peraea 200, das übrige auf den +Anteil des Archelaos entfallen; dabei ist wohl das ältere hebräische +Talent (zu etwa 7830 Mark) gemeint, nicht, wie F. Hultsch (Griechische +und römische Metrologie. z. Aufl. Berlin 1882, S. 605) annimmt, das +Denartalent (zu etwa 5220 Mark), da die Einkünfte desselben Gebiets +unter Claudius bei demselben Josephus (ant. Iud. 19, 8, 2) auf 12 Mill. +Denare (etwa 10 Mill. Mark) angesetzt werden. Den Hauptposten darin +bildete die Bodenabgabe, deren Höhe wir nicht kennen; in syrischer Zeit +betrug sie wenigstens zeitweilig den dritten Teil vom Getreide und die +Hälfte von Wein und Öl (1. Makk. 10, 30), zu Caesars Zeit für Joppe ein +Viertel der Frucht (Anm. 8), woneben dann noch der Tempelzehnte stand. +Dazu kamen eine Anzahl anderer Steuern und Zölle, Auktionsabgaben, +Salzsteuer, Wege- und Brückengelder u. dgl. m.; diese sind es, auf +welche die Zöllner der Evangelien sich beziehen. + +—————————————————————- + +Für die einheimischen Behörden wurden in Judäa, wie überall, soweit +möglich die Stadtgemeinden zum Fundament genommen. Samaria oder, wie +die Stadt jetzt heißt, Sebaste, das neu angelegte Caesarea und die +sonstigen in dem ehemaligen Reich des Archelaos enthaltenen städtischen +Gemeinden verwalteten unter Aufsicht der römischen Behörde sich selbst. +Auch das Regiment der Hauptstadt mit dem großen dazugehörigen Gebiet +wurde in ähnlicher Weise geordnet. Schon in vorrömischer Zeit unter den +Seleukiden hatte sich, wie wir sahen, in Jerusalem ein Rat der Ältesten +gebildet, das Synhedrion oder judaisiert der Sanhedrin. Den Vorsitz +darin führte der Hochpriester, welchen der jedesmalige Herr des Landes, +wenn er nicht etwa selber Hochpriester war, auf Zeit bestellte. Dem +Kollegium gehörten die gewesenen Hochpriester und angesehene +Gesetzkundige an. Diese Versammlung, in der das aristokratische Element +überwog, funktionierte als höchste geistliche Vertretung der gesamten +Judenschaft, und, soweit diese davon nicht zu trennen war, auch als die +weltliche Vertretung insbesondere der Gemeinde von Jerusalem. Zu einer +geistlichen Institution mosaischer Satzung hat das Synhedrion von +Jerusalem erst der spätere Rabbinismus durch fromme Fiktion +umgestempelt. Er entsprach wesentlich dem Rat der griechischen +Stadtverfassung, trug aber allerdings seiner Zusammensetzung wie seinem +Wirkungskreise nach einen mehr geistlichen Charakter, als er den +griechischen Gemeindevertretungen zukommt. Diesem Synhedrion und seinem +Hochpriester, den jetzt als Vertreter des kaiserlichen Landesherrn der +Prokurator ernannte, ließ oder übertrug die römische Regierung +diejenige Kompetenz, welche in den hellenischen Untertanengemeinden den +städtischen Behörden und den Gemeinderäten zukam. Sie ließ mit +gleichgültiger Kurzsichtigkeit dem transzendentalen Messianismus der +Pharisäer freien Lauf und dem bis zum Eintreffen des Messias +fungierenden, keineswegs transzendentalen Landeskonsistorium ziemlich +freies Schalten in Angelegenheiten des Glaubens, der Sitte und des +Rechts, wo die römischen Interessen dadurch nicht geradezu berührt +wurden. Insbesondere betraf dies die Rechtspflege. Zwar soweit es sich +dabei um römische Bürger handelte, wird die Justiz in Zivil- wie in +Kriminalsachen den römischen Gerichten sogar schon vor der Einziehung +des Landes vorbehalten gewesen sein. Aber die Ziviljustiz über die +Juden blieb auch nach derselben hauptsächlich der örtlichen Behörde. +Die Kriminaljustiz über dieselben übte diese wahrscheinlich im +allgemeinen konkurrierend mit dem römischen Prokurator; nur +Todesurteile konnte sie nicht anders vollstrecken lassen als nach +Bestätigung durch den kaiserlichen Beamten. + +Im wesentlichen waren diese Anordnungen die unabweisbaren Konsequenzen +der Abschaffung des Fürstentums, und indem die Juden diese erbaten, +erbaten sie in der Tat jene mit. Gewiß war es auch die Absicht der +Regierung, Härte und Schroffheit bei der Durchführung soweit möglich zu +vermeiden. Publius Sulpicius Quirinius, dem als Statthalter von Syrien +die Einrichtung der neuen Provinz übertragen ward, war ein angesehener +und mit den Verhältnissen des Orients genau vertrauter Beamter, und +alle Einzelberichte bestätigen redend oder schweigend, daß man die +Schwierigkeiten der Verhältnisse kannte und darauf Rücksicht nahm. Die +örtliche Prägung der Kleinmünze, wie sie früher die Könige geübt +hatten, ging jetzt auf den Namen des römischen Herrschers; aber der +jüdischen Bilderscheu wegen wurde nicht einmal der Kopf des Kaisers auf +die Münze gesetzt. Das Betreten des inneren Tempelraumes blieb jedem +Nichtjuden untersagt bei Todesstrafe ^14. Wie ablehnend Augustus sich +persönlich gegen die orientalischen Kulte verhielt, er verschmähte es +hier sowenig wie in Ägypten, sie in ihrer Heimat mit dem Kaiserregiment +zu verknüpfen; prachtvolle Geschenke des Augustus, der Livia und +anderer Glieder des kaiserlichen Hauses schmückten das Heiligtum der +Juden, und nach kaiserlicher Stiftung rauchte täglich dort dem +“höchsten Gott” das Opfer eines Stiers und zweier Lämmer. Die römischen +Soldaten wurden angewiesen, wenn sie in Jerusalem Dienst hatten, die +Feldzeichen mit den Kaiserbildern in Caesarea zu lassen, und als ein +Statthalter unter Tiberius davon abging, entsprach die Regierung +schließlich den flehenden Bitten der Frommen und ließ es bei dem alten. +Ja als auf einer Expedition gegen die Araber die römischen Truppen +durch Jerusalem marschieren sollten, erhielten sie infolge der Bedenken +der Priester gegen die Bilder an den Feldzeichen eine andere +Marschroute. Als ebenjener Statthalter dem Kaiser an der Königsburg in +Jerusalem Schilde ohne Bildwerke weihte und die Frommen auch daran +Ärgernis nahmen, befahl Tiberius dieselben abzunehmen und an dem +Augustustempel in Caesarea aufzuhängen. Das Festgewand des +Hohenpriesters, das sich auf der Burg in römischem Gewahrsam befand und +daher vor der Anlegung erst sieben Tage lang von solcher Entweihung +gereinigt werden mußte, wurde den Gläubigen auf ihre Beschwerde +ausgeliefert und der Kommandant der Burg angewiesen, sich nicht weiter +um dasselbe zu bekümmern. Allerdings konnte von der Menge nicht +verlangt werden, daß sie darum die Folgen der Einverleibung weniger +schwer empfand, weil sie selbst dieselbe herbeigeführt hatte. Auch soll +nicht behauptet werden, daß die Einziehung des Landes für die Bewohner +ohne Bedrückung abging und daß sie keinen Grund hatten, sich zu +beschweren; diese Einrichtungen sind nirgends ohne Schwierigkeiten und +Ruhestörungen durchgeführt worden. Ebenso wird die Anzahl der +Unrechtfertigkeiten und Gewalttätigkeiten, welche einzelne Statthalter +begingen, in Judäa nicht geringer gewesen sein als anderswo. Schon im +Anfang der Regierung des Tiberius klagten die Juden wie die Syrer über +Steuerdruck; insbesondere der langjährigen Verwaltung des Pontius +Pilatus werden von einem nicht unbilligen Beurteiler alle üblichen +Beamtenfrevel zur Last gelegt. Aber Tiberius hat, wie derselbe Jude +sagt, in den dreiundzwanzig Jahren seiner Regierung die +althergebrachten heiligen Gebräuche aufrecht gehalten und in keinem +Teil sie beseitigt oder verletzt. Es ist dies um so mehr anzuerkennen, +als derselbe Kaiser im Okzident so nachdrücklich wie kein anderer gegen +die Juden einschritt und also die in Judäa von ihm bewiesene Langmut +und Zurückhaltung nicht auf persönliche Begünstigung des Judentums +zurückgeführt werden kann. + +———————————————————————————————- + +^14 An der Marmorschranke (δρύφακτος), welche den inneren Tempelraum +abgrenzte, standen deswegen Warnungstafeln in lateinischer und +griechischer Sprache (Ios. bel. Iud. 5, 5, 2; 6, 2, 4; ant. Iud. 15, +11, 5). Eine der letzteren, die kürzlich wiedergefunden ist (Revue +archeologique 23, 1872, S. 220) und jetzt in dem öffentlichen Museum +von Konstantinopel sich befindet, lautet: μήθ΄ ένα αλλογενή +εισπορεύεσθαι εντός τού περί τό ιερόν τρυφάκτου καί περιβόλου. ός δ'άν +ληφδή, εαυτώ αίτιος έσται διά τό εξακολουθείν θάνατον. Das Iota im +Dativ ist vorhanden, die Schrift gut und passend für frühe Kaiserzeit. +Diese Tafeln sind schwerlich von den jüdischen Königen gesetzt, die +kaum einen lateinischen Text hinzugefügt haben würden und auch keine +Ursache hatten, mit dieser sonderbaren Anonymität den Tod in Aussicht +zu stellen. Wenn sie von der römischen Regierung aufgestellt wurden, +erklärt sich beides; auch sagt Titus bei Ios. bel. Iud. 6, 2, 4 in +einer Ansprache an die Juden: ουχ ημείς τούς υπερβάντας υμίν αναιρείν +επετρέψαμεν, κάν Ρωμαίός τις ή; - Trägt die Tafel wirklich Spuren von +Axthieben, so stammen diese von den Soldaten des Titus. + +———————————————————————————————- + +Trotz allem dem entwickelten sich gegen die römische Regierung die +prinzipielle Opposition wie die gewaltsame Selbsthilfe der Gläubigen +beide schon in dieser Zeit des Friedens. Die Steuerzahlung ward nicht +etwa bloß, weil sie drückte, sondern als gottlos angefochten. “Ist es +erlaubt”, fragt der Rabbi im Evangelium, “dem Caesar den Zensus zu +zahlen?” Die ironische Antwort, die er empfing, genügte doch nicht +allen; es gab Heilige, wenn auch wohl nicht in großer Zahl, welche sich +verunreinigt meinten, wenn sie eine Münze mit dem Kaiserbild anrührten. +Dies war etwas Neues, ein Fortschritt der Oppositionstheologie; die +Könige Seleukos und Antiochos waren doch auch nicht beschnitten gewesen +und hatten ebenfalls Tribut empfangen in Silberstücken ihres +Bildnisses. Also war die Theorie; die praktische Anwendung davon machte +allerdings nicht der hohe Rat von Jerusalem, in welchem unter dem +Einfluß der Reichsregierung die gefügigeren Vornehmen des Landes +stimmführend waren, aber Judas der Galiläer aus Gamala am See von +Genezareth, welcher, wie Gamaliel diesem hohen Rat später in Erinnerung +brachte, “in den Tagen der Schatzung aufstand, und hinter ihm erhob +sich das Volk zum Abfall”. Er sprach es aus, was alle dachten, daß die +sogenannte Schatzung die Knechtschaft und es eine Schande sei für den +Juden, einen anderen Herrn über sich zu erkennen als den Herrn Zebaoth; +dieser aber helfe nur denen, die sich selber hülfen. Wenn nicht viele +seinem Ruf zu den Waffen folgten, und er nach wenigen Monaten auf dem +Blutgerüst endigte, so war der heilige Tote den unheiligen Siegern +gefährlicher als der Lebende. Er und die Seinigen gelten den späteren +Juden neben den Sadduzäern, Pharisäern und Essäern als die vierte +“Schule”; damals hießen sie die Eiferer, später nennen sie sich die +Sicarier, die Messermänner. Ihre Lehre ist einfach: Gott allein ist +Herr, der Tod gleichgültig, die Freiheit eines und alles. Diese Lehre +blieb, und des Judas Kinder und Enkel wurden die Führer der späteren +Insurrektionen. + +Wenn die römische Regierung der Aufgabe, diese explosiven Elemente nach +Möglichkeit niederzuhalten, unter den ersten beiden Regenten im ganzen +genommen geschickt und geduldig genügt hatte, so führte der zweite +Thronwechsel hart an die Katastrophe. Derselbe ward wie im ganzen +Reich, so auch von den Juden in Jerusalem wie in Alexandreia mit Jubel +begrüßt und nach dem menschenscheuen und unbeliebten Greise der neue +jugendliche Herrscher Gaius dort wie hier in überschwenglicher Weise +gefeiert. Aber rasch entwickelte sich aus nichtswürdigen Anlässen ein +furchtbares Zerwürfnis. Ein Enkel des ersten Herodes und der schönen +Mariamne, nach dem Beschützer und Freunde seines Großvaters Herodes +Agrippa genannt, unter den zahlreichen in Rom lebenden orientalischen +Fürstensöhnen ungefähr der geringfügigste und heruntergekommenste, aber +dennoch oder eben darum der Günstling und der Jugendfreund des neuen +Kaisers, bis dahin lediglich bekannt durch seine Liederlichkeit und +seine Schulden, hatte von seinem Beschützer, dem er zuerst die +Nachricht von dem Tode des Tiberius hatte überbringen können, eines der +vakanten jüdischen Kleinfürstentümer zum Geschenk und dazu den +Königstitel erhalten. Dieser kam im Jahre 38 auf der Reise in sein +neues Reich nach der Stadt Alexandreia, wo er wenige Monate vorher als +ausgerissener Wechselschuldner versucht hatte, bei den jüdischen +Bankiers zu borgen. Als er im Königsgewand mit seinen prächtig +staffierten Trabanten sich dort öffentlich zeigte, regte dies +begreiflicherweise die nichtjüdische und den Juden nichts weniger als +wohlwollende Bewohnerschaft der großen spott- und skandallustigen Stadt +zu einer entsprechenden Parodie an, und bei dieser blieb es nicht. Es +kam zu einer grimmigen Judenhetze. Die zerstreut liegenden Judenhäuser +wurden ausgeraubt und verbrannt, die im Hafen liegenden jüdischen +Schiffe geplündert, die in den nicht jüdischen Quartieren betroffenen +Juden mißhandelt und erschlagen. Aber gegen die rein jüdischen +Quartiere vermochte man mit Gewalt nichts auszurichten. Da gerieten die +Führer auf den Einfall, die Synagogen, auf die es vor allem abgesehen +war, soweit sie noch standen, sämtlich zu Tempeln des neuen Herrschers +zu weihen und Bildsäulen desselben in allen, in der Hauptsynagoge eine +solche auf einem Viergespann, aufzustellen. Daß Kaiser Gaius so +ernsthaft, wie sein verwirrter Geist es vermochte, sich für einen +wirklichen und leibhaftigen Gott hielt, wußte alle Welt, und die Juden +und der Statthalter auch. Dieser, Avillius Flaccus, ein tüchtiger Mann +und unter Tiberius ein vortrefflicher Verwalter, aber jetzt gelähmt +durch die Ungnade, in welcher er bei dem neuen Kaiser stand und jeden +Augenblick der Abberufung und der Anklage gewärtig, verschmähte es +nicht, die Gelegenheit zu seiner Rehabilitierung zu benutzen ^15. Er +befahl nicht bloß durch Edikt, der Aufstellung der Statuen in den +Synagogen kein Hindernis in den Weg zu legen, sondern er ging geradezu +auf die Judenhetze ein. Er verordnete die Abschaffung des Sabbaths. Er +erklärte weiter in seinen Erlassen, daß diese geduldeten Fremden sich +unerlaubter Weise des besten Teils der Stadt bemächtigt hätten; sie +wurden auf ein einziges der fünf Quartiere beschränkt und alle übrigen +Judenhäuser dem Pöbel preisgegeben, während die ausgetriebenen Bewohner +massenweise obdachlos am Strande lagen. Kein Widerspruch wurde auch nur +angehört; achtunddreißig Mitglieder des Rats der Ältesten, welcher +damals anstatt des Ethnarchen der Judenschaft vorstand ^16, wurden im +offenen Circus vor allem Volke gestäupt. Vierhundert Häuser lagen in +Trümmern; Handel und Wandel stockte; die Fabriken standen still. Es +blieb keine Hilfe als bei dem Kaiser. Vor ihm erschienen die beiden +alexandrinischen Deputationen, die der Juden geführt von dem früher +erwähnten Philon, einem Gelehrten der neujüdischen Richtung und mehr +sanftmütigen als tapferen Herzens, der aber doch für die Seinen in +dieser Bedrängnis getreulich eintrat; die der Judenfeinde geführt von +Apion, auch einem alexandrinischen Gelehrten und Schriftsteller, der +“Weltschelle”, wie Kaiser Tiberius ihn nannte, voll großer Worte und +noch größerer Lügen, von dreistester Allwissenheit ^17 und unbedingtem +Glauben an sich selbst, wenn nicht der Menschen, doch ihrer +Nichtswürdigkeit kundig, ein gefeierter Meister der Rede wie der +Volksverführung, schlagfertig, witzig, unverschämt und unbedingt loyal. +Das Ergebnis der Verhandlung stand von vornherein fest; der Kaiser ließ +die Parteien vor, während er die Anlagen in seinen Gärten besichtigte, +aber statt den Flehenden Gehör zu geben, legte er ihnen spöttische +Fragen vor, die die Judenfeinde, aller Etikette zum Trotz, mit lautem +Gelächter begleiteten, und da er bei guter Laune war, beschränkte er +sich darauf, sein Bedauern auszusprechen, daß diese im übrigen guten +Leute so unglücklich organisiert seien, seine angeborene Gottesnatur +nicht begreifen zu können, womit es ihm ohne Zweifel ernst war. Apion +also bekam Recht, und überall, wo es den Judenfeinden beliebte, +wandelten die Synagogen sich um in Tempel des Gaius. + +——————————————————————————— + +^15 Der besondere Haß des Gaius gegen die Juden (Philo leg. 20) ist +nicht die Ursache, sondern die Folge der alexandrinischen Judenhetze +gewesen. Da also auch das Einverständnis der Führer der Judenhetze mit +dem Statthalter (Philo in Flacc. 4) so, wie die Juden meinten, nicht +bestanden haben kann, weil der Statthalter nicht füglich glauben +konnte, durch Preisgebung der Juden sich dem neuen Kaiser zu empfehlen, +so entsteht allerdings die Frage, warum die Führer der Judenfeinde eben +diesen Moment für die Judenhetze wählten und vor allem, warum der +Statthalter, dessen Trefflichkeit Philo so nachdrücklich anerkennt, +dieselbe zuließ und wenigstens in ihrem weiteren Verlauf sich an ihr +beteiligte. Wahrscheinlich sind die Dinge so hergegangen, wie sie oben +erzählt sind: der Judenhaß und Judenneid gärten seit langem in +Alexandreia (Ios. bel. Iud. 2, 18, 9; Philo leg. 18); der Wegfall des +alten strengen Regiments und die augenscheinliche Ungnade, in welcher +der Präfekt bei Gaius stand, gaben Raum für den Krawall; die Ankunft +Agrippas gab den Anlaß; die geschickte Verwandlung der Synagogen in +Tempel des Gaius stempelte die Juden zu Kaiserfeinden, und nachdem dies +geschehen war, wird Flaccus allerdings die Verfolgung aufgegriffen +haben, um sich dadurch bei dem Kaiser zu rehabilitieren. + +^16 Als Strabon in Ägypten war in der früheren augusteischen Zeit, +standen die Juden in Alexandreia unter einem Ethnarchen (geogr. 17, 1, +13 p. 798 und bei Ios. ant. Iud. 14, 7, 2). Als dann unter Augustus der +Ethnarchos oder Genarchos, wie er auch heißt, starb, trat an seine +Stelle ein Rat der Ältesten (Philo leg. 10); doch “untersagte +Augustus”, wie Claudius angibt (Ios. ant. Iud. 19, S, 2), “den Juden +nicht die Bestellung von Ethnarchen”, was wohl heißen soll, daß die +Wahl eines Einzelvorstehers nur für diesmal unterlassen, nicht ein für +allemal abgeschafft ward. Unter Gaius gab es offenbar nur Älteste der +Judenschaft; und auch unter Vespasian begegnen diese (Ios. bel. Iud. 7, +10, 1). Ein Archon der Juden in Antiocheia wird genannt bei Ios. bel. +Iud. 7, 3, 3. + +^17 Apion redete und schrieb über alles und jedes, über die Metalle und +die römischen Buchstaben, über die Magie und von den Hetären, über +ägyptische Urgeschichte und Apicius’ Kochrezepte, vor allem aber machte +er Glück mit seinen Vorträgen über Homer, die ihm das Ehrenbürgerrecht +in zahlreichen griechischen Städten erwarben. Er hatte entdeckt, daß +Homeros darum mit dem unpassenden Worte μήνις seine Ilias begonnen +habe, weil die ersten beiden Buchstaben als Ziffern die Bücherzahl der +beiden von ihm zu schreibenden Epen darstellen; er nannte den +Gastfreund in Ithaka, bei dem er das Brettspiel der Freier erkundet +habe; ja er hatte Homeros selbst aus der Unterwelt beschworen, um ihn +um seine Heimat zu befragen, derselbe sei auch gekommen und habe sie +ihm gesagt, aber ihn verpflichtet, sie anderen nicht zu verraten. + +——————————————————————————— + +Aber es blieb nicht bei diesen durch die alexandrinische Straßenjugend +eingeleiteten Dedikationen. Im Jahre 39 bekam der Statthalter von +Syrien, Publius Petronius, vom Kaiser den Befehl, mit seinen Legionen +in Jerusalem einzurücken und in dem Tempel die Bildsäule des Kaisers +aufzurichten. Der Statthalter, ein ehrbarer Beamter aus der Schule des +Tiberius, erschrak; die Juden aus dem ganzen Lande, Männer und Frauen, +Greise und Kinder, strömten zu ihm, erst nach Ptolemais in Syrien, dann +nach Tiberias in Galiläa, ihn um seine Vermittlung anzuflehen, daß das +Entsetzliche unterbleiben möge; die Äcker im ganzen Lande wurden nicht +bestellt, und die verzweifelten Massen erklärten, lieber den Tod durch +das Schwert oder den Hunger dulden, als diesen Greuel mit Augen sehen +zu wollen. In der Tat wagte der Statthalter die Ausführung zu verzögern +und Gegenvorstellungen zu machen, obwohl er wußte, daß es dabei um +seinen Kopf ging. Zugleich ging jener König Agrippa persönlich nach +Rom, um von seinem Freunde die Rücknahme des Befehls zu erwirken. In +der Tat stand der Kaiser von seinem Begehren ab, man sagt infolge einer +von dem jüdischen Fürsten geschickt benutzten Weinlaune. Aber er +beschränkte zugleich die Konzession auf den einzigen Tempel von +Jerusalem und sandte nichtsdestoweniger dem Statthalter wegen seines +Ungehorsams das Todesurteil zu, das allerdings, zufällig verspätet, +nicht mehr zur Ausführung kam. Gaius war entschlossen, die Renitenz der +Juden zu brechen; das angeordnete Einrücken der Legionen zeigt, daß er +diesmal die Folgen seines Befehls im Voraus erwogen hatte. Seit jenen +Vorgängen hatten die bereitwillig gottgläubigen Ägypter seine volle +Liebe, so wie die störrigen und einfältigen Juden den entsprechenden +Haß; hinterhältig wie er war und gewohnt zu begnadigen, um später zu +widerrufen, mußte das Ärgste nur verschoben erscheinen. Er war im +Begriff, nach Alexandreia abzugehen, um dort persönlich den Weihrauch +seiner Altäre entgegenzunehmen, und an der Statue, die er in Jerusalem +sich aufzustellen gedachte, wurde, so sagt man, in aller Stille +gearbeitet, als im Januar 41 der Dolch des Chaerea unter anderem auch +den Tempel des Jehova von dem Unhold befreite. + +Äußere Folgen hinterließ die kurze Leidenszeit nicht; mit dem Gott +sanken seine Altäre. Aber dennoch sind die Spuren davon nach beiden +Seiten hin geblieben. Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist die +des steigenden Hasses zwischen Juden und Nichtjuden, und darin +bezeichnet die dreijährige Judenverfolgung unter Gaius einen Abschnitt +und einen Fortschritt. Der Judenhaß und die Judenhetzen sind so alt wie +die Diaspora selbst; diese privilegierten und autonomen orientalischen +Gemeinden innerhalb der hellenischen mußten sie so notwendig entwickeln +wie der Sumpf die böse Luft. Aber eine Judenhetze wie die +alexandrinische des Jahres 38, motiviert durch das mangelhafte +Hellenentum und dirigiert zugleich von der höchsten Behörde und dem +niedrigen Pöbel, hat die ältere griechische wie römische Geschichte +nicht aufzuweisen. Der weite Weg vom bösen Wollen des Einzelnen zur +bösen Tat der Gesamtheit war hiermit durchschritten, und es war +gezeigt, was die also Gesinnten zu wollen und zu tun hatten und unter +Umständen auch zu tun vermochten. Daß diese Offenbarung auch auf +jüdischer Seite empfunden ward, ist nicht zu bezweifeln, obwohl wir +dies mit Dokumenten nicht zu belegen vermögen ^18. Aber weit tiefer als +die alexandrinische Judenhetze haftete in den Gemütern der Juden die +Bildsäule des Gottes Gaius im Allerheiligsten. Es war das schon einmal +dagewesen: auf das gleiche Unterfangen des Königs von Syrien, Antiochos +Epiphanes, war die Makkabäererhebung gefolgt und die siegreiche +Wiederherstellung des freien nationalen Staats. Jener Epiphanes, der +Antimessias, welcher den Messias herbeiführt, wie der Prophet Daniel +ihn, allerdings nachträglich, gezeichnet hatte, war seitdem jedem Juden +das Urbild der Greuel; es war nicht gleichgültig, daß die gleiche +Vorstellung mit gleichem Recht sich an einen römischen Kaiser knüpfte +oder vielmehr an das Bild des römischen Herrschers überhaupt. Seit +jenem verhängnisvollen Erlaß kam die Sorge nicht zur Ruhe, daß ein +anderer Kaiser das Gleiche befehlen könne, und insofern allerdings mit +Recht, als nach der Ordnung des römischen Staatswesens diese Verfügung +lediglich von dem augenblicklichen Gutfinden des augenblicklich +Regierenden abhing. Mit glühenden Farben zeichnet sich dieser jüdische +Haß des Kaiserkultus und des Kaisertums selbst in der Apokalypse +Johannis, für die hauptsächlich deswegen Rom das feile Weib von Babylon +und der gemeine Feind der Menschheit ist ^19. Noch minder gleichgültig +war die naheliegende Parallele der Konsequenzen. Mattathias von Modein +war auch nicht mehr gewesen als Judas der Galiläer, die Erhebung der +Patrioten gegen den Syrerkönig ungefähr ebenso hoffnungslos wie die +Insurrektion gegen das Untier jenseits des Meeres. Historische +Parallelen in praktischer Anwendung sind gefährliche Elemente der +Opposition; nur zu rasch geriet der Bau langjähriger Regierungsweisheit +ins Schwanken. + +—————————————————————————————- + +^18 Die Schriften Philons, welche diese ganze Katastrophe uns mit +unvergleichlicher Aktualität vorführen, schlagen diesen Ton nirgends +an; aber auch abgesehen davon, daß dieser reiche und bejahrte Mann mehr +ein guter Mensch als ein guter Hasser war, versteht es sich von selbst, +daß diese Konsequenzen der Vorgänge von jüdischer Seite nicht +öffentlich dargelegt wurden. Was die Juden dachten und fühlten, wird +man nicht nach dem beurteilen dürfen, was sie namentlich in ihren +griechisch geschriebenen Schriften zu sagen zweckmäßig fanden. Wenn das +Buch der Weisheit und das dritte Makkabäerbuch in der Tat gegen die +alexandrinische Judenverfolgung gerichtet sind (Hausrath, +Neutestamentliche Zeitgeschichte. Bd. 2, S. 259 f.), was übrigens +nichts weniger als gewiß ist, so sind sie womöglich noch zahmer +gehalten als die Schriften Philons. + +^19 Dies dürfte die richtige Auffassung der jüdischen Vorstellungen +sein, in denen überhaupt die positiven Tatsachen regelmäßig ins +Allgemeine verfließen. In den Erzählungen vom Antimessias und vom +Antichrist finden sich keine positiven Momente, die auf Kaiser Gaius +paßten; den Namen Armillus, den der Targum jenem beilegt, darauf +zurückzuführen, daß Kaiser Gaius zuweilen Frauenarmbänder (armillae) +trug (Suet. Gai. 52), kann ernsthaft nicht vertreten werden. In der +Johanneischen Apokalypse, der klassischen Offenbarung jüdischen +Selbstgefühls und Römerhasses, knüpft sich das Bild des Antimessias +vielmehr an Nero, der sein Bild nicht ins Allerheiligste hat stellen +lassen. Diese Schrift gehört bekanntlich einer Zeit und einer Richtung +an, für die das Christentum noch wesentlich eine jüdische Sekte war; +die Auserwählten und vom Engel Gezeichneten sind alle Juden, je 12000 +aus jedem der zwölf Stämme, und haben den Vortritt vor der “großen +Menge der sonstigen Gerechten”, das heißt der Judengenossen (Offbg. 7; +vgl. 12, 1). Geschrieben ist sie erwiesenermaßen nach Neros Sturz, und +als dessen Rückkehr aus dem Orient erwartet wurde. Nun trat freilich +ein falscher Nero unmittelbar nach dem Tode des wirklichen auf und +wurde im Anfang des folgenden Jahres hingerichtet (Tac. hist. 2, 8. 9); +aber an diesen denkt Johannes nicht, da der recht genaue Bericht nicht, +wie Johannes, dabei der Parther erwähnt, und für Johannes zwischen dem +Sturze Neros und seiner Rückkehr ein beträchtlicher Zeitraum, auch die +letztere noch in der Zukunft liegt. Sein Nero ist derjenige, der unter +Vespasian im Euphratgebiet Anhang fand, den König Artabanos unter Titus +anerkannte und sich anschickte, mit Heeresmacht in Rom wieder +einzusetzen, und den endlich die Parther um das Jahr 88 nach längeren +Verhandlungen an Domitian auslieferten. Auf diese Vorgänge paßt die +Apokalypse mit völliger Genauigkeit. Andererseits kann in einer Schrift +dieses Schlages daraus, daß nach 11, 1, 2 nur der Vorhof, nicht aber +das Allerheiligste des Tempels von Jerusalem in die Gewalt der Heiden +gegeben ist, unmöglich auf den damaligen Stand der Belagerung +geschlossen werden; hier ist im einzelnen alles Phantasmagorie und dies +gewiß entweder beliebig gegriffen oder, wenn man das vorzieht, +angesponnen etwa an eine den römischen Soldaten, die nach der +Zerstörung in Jerusalem lagerten, gegebene Order, das ehemalige +Allerheiligste nicht zu betreten. Die Grundlage der Apokalypse ist +unbestritten die Zerstörung des irdischen Jerusalem und die dadurch +erst gegebene Aussicht auf dessen dereinstige ideale Wiederherstellung; +unmöglich läßt sich an die Stelle der erfolgten Schleifung der Stadt +die bloße Erwartung der Einnahme setzen. Wenn also es von den sieben +Köpfen des Drachen heißt: βασιλείς επτά εισιν. οι πέντε επεσαν, ο εισ +έστιν, ο άλλος ούπω ήλθεν, καί όταν έλθη ολίγον δεί μείναι (17, 10), so +sind vermutlich die fünf Augustus, Tiberius, Gaius, Claudius, Nero, der +sechste Vespasian, der siebente unbestimmt; “das Tier, welches war und +nicht ist, und selber der achte, aber aus den sieben ist”, ist +natürlich Nero. Der unbestimmte Siebente ist ungeschickt, wie so vieles +in dieser grandiosen, aber widerspruchsvollen und oft sich übel +verwickelnden Phantasmagorie, ist aber hingesetzt, nicht, weil die +Siebenzahl gebraucht ward, die ja leicht durch Caesar zu gewinnen war, +sondern weil der Schreiber Bedenken trug, das kurze Regiment des +letzten Herrschers und dessen Sturz durch den rückkehrenden Nero +unmittelbar von dem regierenden Kaiser auszusagen. Unmöglich aber kann +man, wie es nach anderen Renan tut, mit Einrechnung Caesars in dem +sechsten Kaiser, “welcher ist”, Nero erkennen, der gleich nachher +bezeichnet wird als der, welcher “war und nicht ist”, und in dem +siebenten, welcher “noch nicht gekommen ist und nicht lange herrschen +wird”, sogar den nach Renans Ansicht zur Zeit herrschenden +hochbejahrten Galba. Daß dieser überhaupt so wenig, wie Otho und +Vitellius, in eine solche Reihe gehört, leuchtet ein. + +Aber wichtiger ist es, der gangbaren Auffassung entgegenzutreten, als +richte sich die Polemik gegen die Neronische Christenverfolgung und die +Belagerung oder die Zerstörung Jerusalems, während sie doch durchaus +ihre Spitze kehrt gegen das römische Provinzialregiment überhaupt und +insbesondere den Kaiserkultus. Wenn von den sieben Kaisern Nero allein +(mit seinem Zahlenausdruck) genannt wird, so geschieht dies nicht, weil +er der schlimmste der sieben war, sondern weil die Nennung des +regierenden Kaisers unter Prophezeihung eines baldigen Endes seiner +Regierung in einer publizierten Schrift ihr Bedenkliches hatte und +einige Rücksicht gegen den einen “der ist” sich auch für einen +Propheten ziemt. Neros Name war preisgegeben, überdies die Legende +seiner Heilung und seiner Wiederkehr in aller Munde; dadurch ist er für +die Apokalypse der Repräsentant der römischen Kaiserherrschaft und der +Antichrist geworden. Was das Untier des Meeres und sein Ebenbild und +Werkzeug, das Untier des Landes, verschulden, ist nicht die +Vergewaltigung der Stadt Jerusalem (11, 2), welche nicht als ihre +Missetat erscheint, sondern vielmehr als ein Stück des Weltgerichts +(wobei auch die Rücksicht auf den regierenden Kaiser im Spiel gewesen +sein kann), sondern die göttliche Verehrung, welche die Heiden dem +Untier des Meeres zollen (13, 8: προσκυνήσουσιν αυτόν πάντες οι +κατοικούντες επί τής γής) und welche das Untier des Landes - das darum +auch der Pseudoprophet heißt - für das des Meeres fordert und erzwingt +(13, 12: :ποιεί τήν γήν καί τούς κατευκούντας εν αυτή ίνα +προσκυνήσουσιν τό θήριον τό πρώτον, ού εθεραπεύθη η πληγή τής μαχαίρης +επί τήσ γής); vor allem wird ihm vorgerückt das Begehren, jenem ein +Bild zu machen (13, 14: λέγων τοίς κατοικούσιν επί τής γής ποιήσαι +εκόναν τώ θηρίω ός έχει τήν πληγήν τής μαχαίρης καί έζησεν, vgl. 14, 9; +16, 2; 19, 20). Das ist deutlich teils das Kaiserregiment jenseits des +Meeres, teils die Statthalterschaft auf dem asiatischen Kontinent, +nicht dieser oder jener Provinz oder gar dieser oder jener Person, +sondern die Kaiservertretung überhaupt, wie die Provinzialen Asiens und +Syriens sie kannten. Wenn Handel und Wandel geknüpft erscheint an den +Gebrauch des χάραγμα des Untiers des Meeres (13, 16, 17), so liegt der +Abscheu gegen Bild und Schrift des Kaisergeldes deutlich zugrunde, +allerdings phantastisch umgestaltet, wie ja auch der Satanas das +Kaiserbildnis reden macht. Eben diese Statthalter erschienen nachher +(17) als die zehn Hörner, welche dem Untier an seinem Abbild beigelegt +werden, und heißen hier ganz richtig die “zehn Könige, welche die +Königswürde nicht haben, aber Macht wie die Könige”; mit der Zahl, die +aus der Vision Daniels übernommen ist, darf man es freilich nicht genau +nehmen. Bei den Blutgerichten, die über die Gerechten ergangen sind, +denkt Johannes an die reguläre Justiz wegen verweigerter Anbetung des +Kaiserbildes, wie die Briefe des Plinius sie schildern (13, 15: ποιήση +ίνα όσοι εάν μή προσκυνήσωσιν τήν εικόνα τού θηρίου αποκτανθώσιν; vgl. +6, 9; 20, 4). Wenn hervorgehoben wird, daß diese Blutgerichte besonders +häufig in Rom vollzogen wurden (17, 6; 18, 24), so ist damit die +Vollstreckung der Verurteilung zum Fecht- oder zum Tierkampf gemeint, +welche am Gerichtsort oft nicht stattfinden konnte und bekanntlich +vorzugsweise eben in Rom erfolgte (Mod. dig. 48, 19, 31); die +Neronischen Hinrichtungen wegen angeblicher Brandstiftung gehören +formell nicht einmal zu den Religionsprozessen, und nur +Voreingenommenheit kann das in Rom vergossene Märtyrerblut, von dem +Johannes spricht, auf diese Vorgänge ausschließlich oder vorzugsweise +beziehen. Die gangbaren Vorstellungen von den sogenannten +Christenverfolgungen leiden unter der mangelhaften Anschauung der im +Römischen Reich bestehenden Rechtsnorm und Rechtspraxis; in der Tat war +die Verfolgung der Christen stehend wie die der Räuber, und kamen nur +diese Bestimmungen bald milder oder auch nachlässiger, bald schärfer +zur Anwendung, wurden auch wohl einmal von oben herab besonders +eingeschärft. Den “Krieg gegen die Heiligen” haben erst die Späteren, +denen Johannes’ Worte nicht genügten, hineininterpoliert (13, 7). Die +Apokalypse ist ein merkwürdiges Zeugnis des nationalen und religiösen +Hasses der Juden gegen das okzidentalische Regiment; aber man +verschiebt und verflacht die Tatsachen, wenn man, wie dies namentlich +Renan tut, den Neronischen Schauerroman mit diesen Farben illustriert. +Der jüdische Volkshaß wartete, um zu entstehen, nicht auf die Eroberung +von Jerusalem und machte, wie billig, keinen Unterschied zwischen dem +guten und dem schlechten Caesar; sein Antimessias heißt wohl Nero, aber +nicht minder Vespasianus oder Marcus. + +—————————————————————————————- + +Die Regierung des Claudius lenkte nach beiden Seiten hin in die Bahnen +des Tiberius ein. In Italien wiederholte sich zwar nicht gerade die +Ausweisung der Juden, da man von der Undurchführbarkeit dieser Maßregel +sich überzeugen mußte, aber doch das Verbot der gemeinschaftlichen +Ausübung ihres Kultus ^20, was freilich ungefähr auf dasselbe hinaus +und wohl ebensowenig zur Durchführung kam. Neben diesem Intoleranzedikt +wurden im entgegengesetzten Sinn durch eine das ganze Reich umfassende +Verfügung die Juden von denjenigen öffentlichen Verpflichtungen +befreit, welche mit ihren religiösen Überzeugungen sich nicht +vertrugen, womit namentlich hinsichtlich des Kriegsdienstes wohl nur +nachgegeben ward, was auch bisher schon nicht hatte erzwungen werden +können. Die in diesem Erlaß am Schluß ausgesprochene Mahnung an die +Juden, nun auch ihrerseits größere Mäßigung zu beobachten und sich der +Beschimpfung Andersgläubiger zu enthalten, zeigt, daß es auch von +jüdischer Seite an Ausschreitungen nicht gefehlt hatte. In Ägypten wie +in Palästina wurden die religiösen Ordnungen wenigstens im ganzen so, +wie sie vor Gaius bestanden hatten, wiederum hergestellt, wenn auch in +Alexandreia die Juden schwerlich alles, was sie besessen hatten, zurück +erhielten ^21; die aufständischen Bewegungen, die dort wie hier +ausgebrochen oder doch im Ausbrechen waren, verschwanden damit von +selbst. In Palästina ging Claudius sogar über das System des Tiberius +hinaus und überwies wieder das ganze ehemalige Gebiet des Herodes einem +einheimischen Fürsten, eben jenem Agrippa, der zufällig auch mit +Claudius befreundet und bei den Krisen seines Antritts ihm nützlich +geworden war. Es war sicher Claudius’ Absicht, das zur Zeit des Herodes +befolgte System wieder aufzunehmen und die Gefahren der unmittelbaren +Berührung zwischen Römern und Juden zu beseitigen. Aber Agrippa, +leichtlebig und auch als Fürst in steter Finanzbedrängnis, übrigens +gutmütig und mehr darauf bedacht, es seinen Untertanen als dem fernen +Schutzherrn recht zu machen, gab mehrfach bei der Regierung Anstoß, zum +Beispiel durch die Verstärkung der Mauern von Jerusalem, deren +Weiterführung ihm untersagt ward; und die mit den Römern haltenden +Städte Caesarea und Sebaste sowie die römisch organisierten Truppen +waren ihm abgeneigt. Als er früh und plötzlich im Jahre 44 starb, +erschien es bedenklich, die politisch wie militärisch wichtige Stellung +seinem einzigen, siebzehnjährigen Sohn zu übertragen, und die +einträglichen Prokurationen aus der Hand zu geben, entschlossen die +Mächtigen des Kabinetts sich auch nicht gern. Die Claudische Regierung +hatte hier, wie anderswo, das Richtige gefunden, aber nicht die +Energie, dasselbe von Nebenrücksichten absehend durchzuführen. Ein +jüdischer Fürst mit jüdischen Soldaten konnte das Regiment in Judäa für +die Römer handhaben; der römische Beamte und die römischen Soldaten +verletzten wahrscheinlich noch öfter durch Unkunde der jüdischen +Anschauungen als durch absichtliches Zuwiderhandeln, und was sie immer +beginnen mochten, von ihnen war es den Gläubigen ein Ärgernis und der +gleichgültigste Vorgang ein Religionsfrevel. Die Forderung, sich +gegenseitig zu verstehen und zu vertragen, war nach beiden Seiten hin +ebenso gerechtfertigt an sich wie die Ausführung unmöglich. Vor allen +Dingen aber war ein Konflikt zwischen dem jüdischen Landesherrn und +seinen Untertanen für das Reich ziemlich indifferent; jeder Konflikt +zwischen den Römern und den Juden in Jerusalem erweiterte den Abgrund, +der sich zwischen den Völkern des Okzidents und den mit ihnen +zusammenlebenden Hebräern auftat; und nicht in den Händeln Palästinas, +sondern in der Unverträglichkeit der vom Schicksal nun doch einmal +zusammengekoppelten Reichsgenossen verschiedener Nationalität lag die +Gefahr. + +—————————————————————————— + +^20 Daß Suetonius (Claud. 25) als Anstifter der beständigen Unruhen in +Rom, die diese Maßregel (nach ihm die Ausweisung aus Rom; im Gegensatz +zu Dio 60, 6) zunächst hervorgerufen hätten, einen gewissen Chrestus +nennt, ist aufgefaßt worden als Mißverständnis der durch Christus unter +Juden und Judengenossen hervorgerufenen Bewegung, ohne zureichenden +Grund. Die Apostelgeschichte (18, 2) spricht nur von Ausweisung der +Juden. Allerdings ist es nicht zu bezweifeln daß bei der damaligen +Stellung der Christen zum Judentum auch sie unter das Edikt fielen. + +^21 Wenigstens scheinen die Juden daselbst später nur das vierte der +fünf Stadtquartiere in Besitz gehabt zu haben (Ios. bel. Iud. 2, 18, +8). Auch würden wohl, wenn die geschleiften 400 Häuser ihnen in so +eklatanter Weise wieder zurückgegeben worden wären, die alle den Juden +erwiesenen kaiserlichen Begünstigungen betonenden jüdischen +Schriftsteller Philon und Josephus darüber nicht schweigen. + +—————————————————————————— + +So trieb das Schiff unaufhaltsam in den Strudel hinein. Bei dieser +unseligen Fahrt halfen alle Beteiligten, die römische Regierung und +ihre Verwalter, die jüdischen Behörden und das jüdische Volk. Die +erstere bewies freilich fortwährend den Willen, allen billigen und +unbilligen Ansprüchen der Juden so weit wie möglich entgegenzukommen. +Als im Jahre 44 der Prokurator wieder in Jerusalem eintraf, wurde die +Ernennung des Hohenpriesters und die Verwaltung des Tempelschatzes, die +mit dem Königtum und insofern auch mit der Prokuratur verbunden waren, +ihm abgenommen und einem Bruder des verstorbenen Königs Agrippa, dem +König Herodes von Chalkis, sowie nach dessen Tode im Jahre 48 seinem +Nachfolger, dem schon genannten jüngeren Agrippa, übertragen. Einen +römischen Soldaten, der bei der befohlenen Plünderung eines jüdischen +Dorfes eine Thorarolle zerrissen hatte, ließ der römische Oberbeamte +auf die Klage der Juden hin hinrichten. Selbst die höheren Beamten traf +nach Umständen die ganze Schwere der römischen Kaiserjustiz; als zwei +nebeneinander fungierende Prokuratoren bei dem Hader der Samariter und +der Galiläer sich für und wider beteiligt und ihre Soldaten +gegeneinander gefochten hatten, wurde der kaiserliche Statthalter von +Syrien, Ummidius Quadratus, mit außerordentlicher Vollmacht nach +Palästina geschickt, um zu strafen und zu richten, und in der Tat der +eine der Schuldigen in die Verbannung gesandt, ein römischer +Kriegstribun namens Celer in Jerusalem selbst öffentlich enthauptet. +Aber neben diesen Exempeln der Strenge stehen andere der mitschuldigen +Schwäche; in eben diesem Prozeß entging der zweite mindestens ebenso +schuldige Prokurator Antonius Felix der Bestrafung, weil er der Bruder +des mächtigen Bedienten Pallas war und der Gemahl der Schwester des +Königs Agrippa. Mehr noch als die Amtsmißbräuche einzelner Verwalter +muß es der Regierung zur Last gelegt werden, daß sie die Beamtenmacht +und die Truppenzahl in einer so beschaffenen Provinz nicht verstärkte +und fortfuhr, die Besatzung fast ausschließlich aus der Provinz zu +rekrutieren. Unbedeutend wie die Provinz war, war es eine arge +Kopflosigkeit und eine übel angebrachte Sparsamkeit, sie nach der +hergebrachten Schablone zu behandeln; rechtzeitige Entfaltung einer +erdrückenden Übermacht und unnachsichtige Strenge, ein Statthalter +höheren Ranges und ein Legionslager hätten der Provinz wie dem Reiche +große Opfer an Geld und Blut und Ehre erspart. + +Aber mindestens nicht geringer ist die Schuld der Juden. Das +Hohenpriesterregiment, so weit es reichte - und die Regierung war nur +zu geneigt, in allen inneren Angelegenheiten ihm freie Hand zu lassen +-, ist, auch nach den jüdischen Berichten, zu keiner Zeit so +gewalttätig und nichtswürdig geführt worden wie in der von Agrippas Tod +bis zum Ausbruch des Krieges. Der bekannteste und einflußreichste +dieser Priesterherrscher ist Ananias, des Nebedaeus Sohn, die +“übertünchte Wand”, wie Paulus ihn nannte, als dieser geistliche +Richter seine Schergen ihn auf den Mund schlagen hieß, weil er sich vor +dem Gericht zu verteidigen wagte. Es wird ihm zur Last gelegt, daß er +den Statthalter bestach und daß er durch entsprechende Interpretation +der Schrift den niedrigen Geistlichen die Zehntgarben entfremdete ^22. +Als einer der Hauptanstifter des Krieges zwischen den Samaritern und +den Galiläern hat er vor dem römischen Richter gestanden. Nicht weil +die rücksichtslosen Fanatiker in den herrschenden Kreisen überwogen, +sondern weil diesen Anzettlern der Volksaufläufe und Anordnern der +Ketzergerichte die moralische und religiöse Autorität abging, wodurch +die Gemäßigten in besseren Zeiten die Menge gelenkt hatten, und weil +sie die Nachgiebigkeit der römischen Behörden in den inneren +Angelegenheiten mißverstanden und mißbrauchten, vermochten sie es +nicht, zwischen der Fremdherrschaft und der Nation in friedlichem Sinn +zu vermitteln. Eben unter ihrem Schalten wurden die römischen Behörden +mit den wildesten und unvernünftigsten Forderungen bestürmt und kam es +zu Volksbewegungen von grausiger Lächerlichkeit. Der Art ist jene +Sturmpetition, welche das Blut eines römischen Soldaten wegen einer +zerrissenen Gesetzrolle verlangte und erhielt. Ein anderes Mal entstand +ein Volksauflauf, der vielen Menschen das Leben kostete, weil ein +römischer Soldat dem Tempel einen Körperteil in unschicklicher +Entblößung gezeigt hatte. Auch der beste der Könige hätte dergleichen +Wahnwitz nicht unbedingt abwenden können; aber selbst der geringste +Fürst würde der fanatischen Menge nicht so völlig steuerlos +gegenübergestanden haben, wie diese Priester. + +—————————————————————————— + +^22 Es handelte sich, wie es scheint, darum, ob die Gabe der zehnten +Garbe an Aaron den Priester (Num. 18, 28), dem Priester überhaupt oder +dem Hohenpriester zukomme (H. Ewald; Geschichte des Volkes Israel. 3. +Aufl. Göttingen 1864-68. Bd. 6, S. 635). + +—————————————————————————— + +Das eigentliche Ergebnis war das stetige Anschwellen der neuen +Makkabäer. Man hat sich gewöhnt, den Ausbruch des Krieges in das Jahr +66 zu setzen; mit gleichem und vielleicht besserem Recht könnte man +dafür das Jahr 44 nennen. Seit dem Tode Agrippas haben die Waffen in +Judäa nicht geruht, und neben den örtlichen Fehden, die Juden und Juden +miteinander ausfechten, geht beständig der Krieg her der römischen +Truppen gegen die ausgetretenen Leute in den Gebirgen, die Eifrigen, +wie die Juden sie nannten, nach römischer Bezeichnung die Räuber. Die +Benennungen trafen beide zu; auch hier spielten neben den Fanatikern +die verkommenen oder verkommenden Elemente der Gesellschaft ihre Rolle +- war es doch nach dem Sieg einer der ersten Schritte der Zeloten, die +im Tempel bewahrten Schuldbriefe zu verbrennen. Jeder der tüchtigeren +Prokuratoren, von dem ersten Cuspius Fadus an, säubert von ihnen das +Land, und immer ist die Hydra gewaltiger wieder da. Fadus’ Nachfolger +Tiberius Julius Alexander, selbst einer jüdischen Familie entsprossen, +ein Neffe des oben genannten alexandrinischen Gelehrten Philon, ließ +zwei Söhne Judas’ des Galiläers, Jakob und Simon, an das Kreuz +schlagen; das war der Same des neuen Mattathias. Auf den Gassen der +Städte predigten die Patrioten laut den Krieg, und nicht wenige folgten +in die Wüste; den Friedfertigen aber und Verständigen, die sich +weigerten mitzutun, zündeten diese Banden die Häuser an. Griffen die +Soldaten dergleichen Banditen auf, so führten sie wieder angesehene +Leute als Geiseln in die Berge; und sehr oft verstand die Behörde sich +dazu, jene zu entlassen, um diese zu befreien. Gleichzeitig begannen in +der Hauptstadt die “Messermänner” ihr unheimliches Handwerk; sie +mordeten wohl auch um Geld - als ihr erstes Opfer wird der Priester +Jonathan genannt, als ihr Auftraggeber dabei der römische Prokurator +Felix -, aber womöglich zugleich als Patrioten römische Soldaten oder +römisch gesinnte Landsleute. Wie hätten bei diesen Stimmungen die +Wunder und Zeichen ausbleiben sollen und diejenigen, die betrogen oder +betrügend die Massen damit fanatisierten? Unter Cuspius Fadus führte +der Wundermann Theudas seine Getreuen dem Jordan zu, versichernd, daß +die Wasser vor ihnen sich spalten würden und die nachsetzenden +römischen Reiter verschlingen, wie zu den Zeiten des Königs Pharao. +Unter Felix verhieß ein anderer Wundertäter, nach seiner Heimat der +Ägypter genannt, daß die Mauern Jerusalems einstürzen würden, wie auf +Josuas Posaunenstoß die von Jericho; und daraufhin folgten ihm 4000 +Messermänner bis auf den Ölberg. Eben in der Unvernunft lag die Gefahr. +Die große Masse der jüdischen Bevölkerung waren kleine Bauern, die im +Schweiße ihres Angesichts ihre Felder pflügten und ihr Öl preßten, mehr +Dorfleute als Städter, von geringer Bildung und gewaltigem Glauben, eng +verwachsen mit den Freischaren in den Gebirgen und voll Ehrfurcht vor +Jehova und seinen Priestern in Jerusalem wie voll Abscheu gegen die +unreinen Fremden. Der Krieg war da, nicht ein Krieg zwischen Macht und +Macht um die Übergewalt, nicht einmal eigentlich ein Krieg der +Unterdrückten gegen die Unterdrücker um Wiedergewinnung der Freiheit; +nicht verwegene Staatsmänner ^23, fanatische Bauern haben ihn begonnen +und geführt und mit ihrem Blute bezahlt. Es ist eine weitere Etappe in +der Geschichte des nationalen Hasses; auf beiden Seiten schien das +fernere Zusammenleben unmöglich und begegnete man sich in dem Gedanken +der gegenseitigen Ausrottung. + +—————————————————————————— + +^23 Es ist nichts als eitel Schwindel, wenn der Staatsmann Josephus in +der Vorrede zu seiner Geschichte des Krieges so tut, als hätten die +Juden Palästinas einerseits auf die Erhebung der Euphratländer, +andererseits auf die Unruhen in Gallien und die drohende Haltung der +Germanen und auf die Krisen des Vierkaiserjahres gerechnet. Der +Jüdische Krieg war längst in vollem Gange, als Vindex gegen Nero +auftrat und die Druiden wirklich taten, was hier den Rabbis beigelegt +wird; und wieviel auch die jüdische Diaspora in den Euphratländern +bedeutete, eine jüdische Expedition von dort gegen die Römer des Ostens +war ungefähr ebenso undenkbar wie aus Ägypten und Kleinasien. Es sind +wohl einige Freischärler von da gekommen, wie zum Beispiel einige +Fürstensöhne des eifrig jüdischen Königshauses von Adiabene (Ios. bel. +Iud. 2, 19, 2; 6, 6, 4) und von den Insurgenten Bittgesandtschaften +dorthin gegangen (das. 6, 6, 2); aber selbst Geld ist von daher den +Juden schwerlich in bedeutendem Umfang zugeflossen. Dies +charakterisiert den Verfasser mehr als den Krieg. Wenn es begreiflich +ist, daß der jüdische Insurgentenführer und spätere Hofmann der Flavier +sich gern den in Rom internierten Parthern gleichstellte so ist es +weniger zu entschuldigen, daß die neuere Geschichtschreibung ähnliche +Wege wandelt und, indem sie diese Vorgänge als Bestandteile der +römischen Hof- und Stadtgeschichte oder auch der römisch-parthischen +Händel aufzufassen bemüht ist, durch dieses stumpfe Hineinziehen der +sogenannten großen Politik die furchtbare Notwendigkeit dieser +tragischen Entwicklung verdunkelt. + +—————————————————————————— + +Die Bewegung, durch welche die Aufläufe zum Krieg wurden, ging von +Caesarea aus. In dieser ursprünglich griechischen, dann von Herodes +nach dem Muster der Alexanderkolonien umgeschaffenen und zur ersten +Hafenstadt Palästinas entwickelten Stadtgemeinde wohnten Griechen und +Juden, ohne Unterschied der Nation und der Konfession bürgerlich +gleichberechtigt, die letzteren an Zahl und Besitz überlegen. Aber die +Hellenen daselbst, nach dem Muster der Alexandriner und ohne Zweifel +unter dem unmittelbaren Eindruck der Vorgänge des Jahres 38, bestritten +im Wege der Beschwerde bei der obersten Stelle den jüdischen +Gemeindegenossen das Bürgerrecht. Der Minister Neros ^24, Burrus († +62), gab ihnen Recht. Es war arg, in einer auf jüdischem Boden und von +einer jüdischen Regierung geschaffenen Stadt das Bürgerrecht zum +Privilegium der Hellenen zu machen; aber es darf nicht vergessen +werden, wie sich die Juden gegen die Römer eben damals verhielten, und +wie nahe sie es den Römern legten, die römische Hauptstadt und das +römische Hauptquartier der Provinz in eine rein hellenische +Stadtgemeinde umzuwandeln. Die Entscheidung führte, wie begreiflich, zu +heftigen Straßentumulten, wobei hellenischer Hohn und jüdischer Übermut +namentlich in dem Kampf um den Zugang zur Synagoge sich ungefähr die +Waage gehalten zu haben scheinen; die römischen Behörden griffen ein, +selbstverständlich zu Ungunsten der Juden. Diese verließen die Stadt, +wurden aber von dem Statthalter genötigt zurückzukehren und dann in +einem Straßenauflauf sämtlich erschlagen (6. August 66). Dies hatte die +Regierung allerdings nicht befohlen und sicher auch nicht gewollt; es +waren Mächte entfesselt, denen sie selbst nicht mehr zu gebieten +vermochte. + +—————————————————————————————— + +^24 Josephus (ant. Iud. 20, 8, 9) macht ihn freilich zum Sekretär Neros +für die griechische Korrespondenz, obwohl er ihn, wo er römischen +Quellen folgt (20, 8, 2), richtig als Präfekten bezeichnet; aber sicher +ist derselbe gemeint. Παιδαγωγός heißt er bei ihm wie bei Tac. ann. 13, +2 rector imperatoriae iuventae. + +—————————————————————————————— + +Wenn hier die Judenfeinde die Angreifenden waren, so waren dies in +Jerusalem die Juden. Allerdings versichern deren Vertreter in der +Erzählung dieser Vorgänge, daß der derzeitige Prokurator von Palästina, +Gessius Florus, um der Anklage wegen seiner Mißverwaltung zu entgehen, +durch das Übermaß der Peinigung eine Insurrektion habe hervorrufen +wollen; und es ist kein Zweifel, daß die damaligen Statthalter in +Nichtswürdigkeit und Bedrückung das übliche Maß beträchtlich +überschritten. Aber wenn Florus einen solchen Plan in der Tat verfolgt +hat, so mißlang er. Denn nach eben diesen Berichten beschwichtigten die +Besonnenen und Besitzenden unter den Juden und mit ihnen der mit dem +Tempelregiment betraute und eben damals in Jerusalem anwesende König +Agrippa II. - er hatte inzwischen die Herrschaft von Chalkis mit +derjenigen von Batanaea vertauscht -, die Massen insoweit, daß die +Zusammenrottungen und das Einschreiten dagegen sich innerhalb des seit +Jahren landesüblichen Maßes hielten. Aber gefährlicher als der +Straßenunfug und die Räuberpatrioten der Gebirge waren die Fortschritte +der jüdischen Theologie. Das frühere Judentum hatte in liberaler Weise +den Fremden die Pforten seines Glaubens geöffnet; es wurden zwar in den +inneren Tempel nur die eigentlichen Religionsgenossen, aber als +Proselyten des Tores in die äußeren Hallen jeder ohne weiteres +zugelassen und auch dem Nichtjuden gestattet, hier zum Herrn Jehova +seinerseits zu beten und Opfer darzubringen. So wurde, wie schon +erwähnt ward, auf Grund einer Stiftung des Augustus täglich daselbst +für den römischen Kaiser geopfert. Diese Opfer von Nichtjuden +untersagte der derzeitige Tempelmeister, des oben genannten +Erzpriesters Ananias Sohn Eleazar, ein junger, vornehmer, +leidenschaftlicher Mann, persönlich unbescholten und brav und insofern +der volle Gegensatz seines Vaters, aber durch seine Tugenden +gefährlicher als dieser durch seine Laster. Vergeblich wies man ihm +nach, daß dies ebenso beleidigend für die Römer wie gefährlich für das +Land und dem Herkommen schlechterdings zuwider sei; es blieb bei der +verbesserten Frömmigkeit und der Ausschließung des Landesherrn vom +Gottesdienst. Seit langem hatte das gläubige Judentum sich gespalten in +diejenigen, die ihr Vertrauen auf den Herrn Zebaoth allein setzten und +die Römerherrschaft ertrugen, bis es ihm gefallen werde, das +Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, und in die praktischeren +Männer, welche dieses Himmelreich mit eigener Hand zu begründen +entschlossen waren und des Beistandes des Herrn der Heerscharen bei dem +frommen Werke sich versichert hielten, oder, mit den Schlagwörtern, in +die Pharisäer und die Zeloten. Die Zahl und das Ansehen der letzteren +war in beständigem Steigen. Es wurde ein alter Spruch entdeckt, daß um +diese Zeit ein Mann von Judäa ausgehen werde und die Weltherrschaft +gewinnen; man glaubte das um so eher, weil es so sehr absurd war und +das Orakel trug nicht wenig dazu bei, die Massen weiter zu +fanatisieren. + +Die gemäßigte Partei erkannte die Gefahr und entschloß sich, die +Fanatiker mit Gewalt niederzuschlagen; sie bat um Truppen bei den +Römern in Caesarea und bei König Agrippa. Von dort kam keine +Unterstützung; Agrippa sandte eine Anzahl Reiter. Dagegen strömten die +Patrioten und die Messermänner in die Stadt, unter ihnen der wildeste, +Manahem, auch einer der Söhne des oft genannten Judas von Galiläa. Sie +waren die Stärkeren und bald Herren in der Stadt. Auch die Handvoll +römischer Soldaten, welche die an den Tempel anstoßende Burg besetzt +hielten, wurde rasch überwältigt und niedergemacht. Der benachbarte +Königspalast, mit den dazugehörigen gewaltigen Türmen, wo der Anhang +der Gemäßigten, eine Anzahl Römer unter dem Tribunen Metilius und die +Soldaten des Agrippa lagen, hielt ebensowenig stand. Den letzteren +wurde auf ihr Verlangen zu kapitulieren der freie Abzug bewilligt, den +Römern aber verweigert; als sie sich endlich gegen Zusicherung des +Lebens ergaben, wurden sie erst entwaffnet und dann niedergemacht mit +einziger Ausnahme des Offiziers, der sich beschneiden zu lassen +versprach und so als Jude begnadigt ward. Auch die Führer der +Gemäßigten, unter ihnen der Vater und der Bruder Eleazars, wurden die +Opfer der Volkswut, die den Römergenossen noch grimmiger grollte als +den Römern. Eleazar selbst erschrak vor seinem Siege; zwischen den +beiden Führern der Fanatiker, ihm und Manahem, kam es nach dem Sieg, +vielleicht wegen der gebrochenen Kapitulation, zum blutigen +Handgemenge; Manahem wurde gefangen und hingerichtet. Aber die heilige +Stadt war frei und das in Jerusalem lagernde römische Detachement +vernichtet; die neuen Makkabäer hatten gesiegt wie die alten. + +So hatten, angeblich am selben Tag, dem 6. August 66, die Nichtjuden in +Caesarea die Juden, die Juden in Jerusalem die Nichtjuden +niedergemetzelt; und damit war nach beiden Seiten hin das Signal +gegeben, in diesem patriotischen und gottgefälligen Werke fortzufahren. +In den benachbarten griechischen Städten entledigten sich die Hellenen +der Judenschaften nach dem Muster von Caesarea. Beispielsweise wurden +in Damaskos sämtliche Juden zunächst ins Gymnasium gesperrt und auf die +Kunde von einem Mißerfolg der römischen Waffen vorsichtigerweise +sämtlich umgebracht. Gleiches oder ähnliches geschah in Askalon, in +Skytopolis, Hippos, Gadara, überall, wo die Hellenen die Stärkeren +waren. In dem überwiegend von Syrern bewohnten Gebiet des Königs +Agrippa rettete dessen energisches Dazwischentreten den Juden von +Caesarea Paneas und sonst das Leben. In Syrien folgten Ptolemais, Tyros +und mehr oder minder die übrigen griechischen Gemeinden; nur die beiden +größten und zivilisiertesten Städte Antiocheia und Apameia sowie Sidon +schlossen sich aus. Dem ist es wohl zu verdanken, daß diese Bewegung +sich nicht nach Vorderasien fortpflanzte. In Ägypten kam es nicht bloß +zu einem Volksauflauf, der zahlreiche Opfer forderte, sondern die +alexandrinischen Legionen selbst mußten auf die Juden einhauen. Im +notwendigen Rückschlag dieser Judenvesper ergriff die in Jerusalem +siegreiche Insurrektion sofort ganz Judäa und organisierte sich überall +unter ähnlicher Mißhandlung der Minoritäten, übrigens aber mit +Raschheit und Energie. + +Es war notwendig, schleunigst einzuschreiten und die weitere +Ausbreitung des Brandes zu verhindern; auf die erste Kunde marschierte +der römische Statthalter von Syrien, Gaius Cestius Gallus, mit seinen +Truppen gegen die Insurgenten. Er führte etwa 20000 Mann römischer +Soldaten und 13000 der Klientelstaaten heran, ungerechnet die +zahlreichen syrischen Milizen, nahm Joppe ein, dessen ganze +Bürgerschaft niedergemacht ward, und stand schon im September vor, ja +in Jerusalem selbst. Aber die gewaltigen Mauern des Königspalastes und +des Tempels vermochte er nicht zu brechen und nutzte ebensowenig die +mehrfach gebotene Gelegenheit, durch die gemäßigte Partei in den Besitz +der Stadt zu gelangen. Ob nun die Aufgabe unlösbar oder er ihr nicht +gewachsen war, er gab bald die Belagerung auf und erkaufte sogar den +beschleunigten Rückzug mit der Aufopferung seines Gepäcks und seiner +Nachhut. Zunächst blieb also oder kam Judäa mit Einschluß von Idumäa +und Galiläa in die Hand der erbitterten Juden; auch die samaritanische +Landschaft ward zum Anschluß genötigt. Die überwiegend hellenischen +Küstenstädte Anthedon und Gaza wurden zerstört, Caesarea und die +anderen Griechenstädte mit Mühe behauptet. Wenn der Aufstand nicht über +die Grenzen Palästinas hinausging, so war daran nicht bloß die +Regierung Schuld, sondern die nationale Abneigung der Syrohellenen +gegen die Juden. + +Die Regierung in Rom nahm die Dinge ernst, wie sie es waren. Anstatt +des Prokurators wurde ein kaiserlicher Legat nach Palästina gesandt, +Titus Flavius Vespasianus, ein besonnener Mann und ein erprobter +Soldat. Er erhielt für die Kriegführung zwei Legionen des Westens, +welche infolge des Parthischen Krieges sich zufällig noch in Asien +befanden, und diejenige syrische, die bei der unglücklichen Expedition +des Cestius am wenigsten gelitten hatte, während die syrische Armee +unter dem neuen Statthalter Gaius Licinius Mucianus - Gallus war +rechtzeitig gestorben - durch Zuteilung einer anderen Legion auf dem +Stande blieb, den sie vorher hatte ^25. Zu diesen Bürgertruppen und +deren Auxilien kam die bisherige Besatzung von Palästina, endlich die +Mannschaften der vier Klientelkönige der Kommagener, der Hemesener, der +Juden und der Nabatäer, zusammen etwa 50000 Mann, darunter 15000 +Königssoldaten ^26. Im Frühling des Jahres 67 wurde dieses Heer bei +Ptolemais zusammengezogen und rückte in Palästina ein. Nachdem die +Insurgenten von der schwachen römischen Besatzung der Stadt Askalon +nachdrücklich abgewiesen waren, hatten sie nicht weiter die Städte +angegriffen, die es mit den Römern hielten; die Hoffnungslosigkeit, +welche die ganze Bewegung durchdringt, drückt sich aus in dem +sofortigen Verzicht auf jede Offensive. Als dann die Römer zum Angriff +übergingen, traten sie ihnen gleichfalls nirgends im offenen Felde +entgegen, ja sie machten nicht einmal Versuche, den einzelnen +angegriffenen Plätzen Entsatz zu bringen. Allerdings teilte auch der +vorsichtige Feldherr der Römer seine Truppen nicht, sondern hielt +wenigstens die drei Legionen durchaus zusammen. Dennoch war, da in den +meisten einzelnen Ortschaften die oft wohl nur kleine Zahl der +Fanatiker die Bürgerschaften terrorisierte, der Widerstand hartnäckig +und die römische Kriegführung weder glänzend noch rasch. Vespasian +verwendete den ganzen ersten Feldzug (67) darauf, die Festungen der +kleinen Landschaft Galiläa und die Küste bis nach Askalon in seine +Gewalt zu bringen; allein vor dem Städtchen Jotapata lagerten die drei +Legionen fünfundvierzig Tage. Den Winter 67/68 lag eine Legion in +Skytopolis an der Südgrenze von Galiläa, die beiden anderen in +Caesarea. Inzwischen waren in Jerusalem die verschiedenen Faktionen +aneinandergeraten und lagen im heftigsten Kampf; die guten Patrioten, +die zugleich für bürgerliche Ordnung waren, und die noch besseren, +welche das Schreckensregiment teils in fanatischer Spannung, teils in +Gesindellust herbeiführen und ausnutzen wollten, schlugen sich in den +Gassen der Stadt und waren nur darin einig, daß jeder Versuch der +Versöhnung mit den Römern ein todeswürdiges Verbrechen sei. Der +römische Feldherr, vielfach aufgefordert, diese Zerrüttung zu benutzen, +blieb dabei, nur schrittweise vorzugehen. Im zweiten Kriegsjahr ließ er +zunächst das transjordanische Gebiet, namentlich die wichtigen Städte +Gadara und Gerasa besetzen und setzte sich dann bei Emmaus und Jericho, +von wo aus er im Süden Idumäa, im Norden Samaria okkupieren ließ, so +daß Jerusalem im Sommer des Jahres 68 von allen Seiten umstellt war. +Die Belagerung sollte eben beginnen, als die Nachricht von dem Tode +Neros eintraf. Damit war von Rechts wegen das dem Legaten erteilte +Mandat erloschen und Vespasian stellte in der Tat, politisch nicht +minder vorsichtig wie militärisch, bis auf neue Verhaltungsbefehle die +Operationen ein. Bevor diese von Galba eintrafen, war die gute +Jahreszeit zu Ende. Als das Frühjahr 69 herankam, war Galba gestürzt +und schwebte die Entscheidung zwischen dem Kaiser der römischen +Leibgarde und dem der Rheinarmee. Erst nach Vitellius’ Sieg, im Juni +69, nahm Vespasian die Operationen wieder auf und besetzte Hebron; aber +sehr bald kündigten die sämtlichen Heere des Ostens jenem die Treue auf +und riefen den bisherigen Legaten von Judäa zum Kaiser aus. Den Juden +gegenüber wurden zwar die Stellungen bei Emmaus und Jericho behauptet, +allein wie die germanischen Legionen den Rhein entblößt hatten, um +ihren Feldherrn zum Kaiser zu machen, so ging auch der Kern der Armee +von Palästina teils mit dem Legaten von Syrien, Mucianus, nach Italien +ab, teils mit dem neuen Kaiser und dessen Sohn Titus nach Syrien und +weiter nach Ägypten, und erst, nachdem Ende 69 der Sukzessionskrieg +beendigt und Vespasians Herrschaft im ganzen Reiche anerkannt war, +beauftragte dieser seinen Sohn mit der Beendigung des Jüdischen +Krieges. + +—————————————————————————— + +^25 Wie die Besatzungsverhältnisse in Syrien geordnet worden sind, +nachdem im Jahre 63 der Parthische Krieg beendigt war, ist nicht völlig +klar. Am Ende desselben standen sieben Legionen im Orient, die vier +ursprünglich syrischen 3. Gallica, 6. Ferrata, 10. Fretensis, 12. +Fulminata und drei aus dem Okzident herangeführte, die 4. Scythica aus +Mösien, die 5. Macedonica wahrscheinlich ebendaher (wofür wohl eine +obergermanische Legion nach Mösien ging, die 15. Apollinaris aus +Pannonien. Da außer Syrien damals keine asiatische Provinz mit Legionen +belegt war und der Statthalter von Syrien gewiß in Friedenszeiten nie +mehr als vier Legionen gehabt hat, so ist das syrische Heer ohne +Zweifel damals auch auf diesen Stand zurückgeführt worden oder hat doch +darauf zurückgeführt werden sollen. Die vier Legionen, die danach in +Syrien bleiben sollten, waren, wie dies ja auch am nächsten liegt, die +vier alten syrischen; denn die 3. war im Jahre 70 eben von Syrien nach +Mösien marschiert (Suet. Vesp. 6; Tac. hist. 2, 74) und daß die 6., +10., 12. zum Heere des Cestius gehörten, folgt aus Ios. bel. Iud. 2, +18, 9; 19, 7; 7, 1, 3. Als dann der Jüdische Krieg ausbrach, wurden +wieder sieben Legionen für Asien bestimmt und zwar vier für Syrien +(Tac. hist. 1, 10), drei für Palästina; die drei hinzutretenden +Legionen sind eben die für den Parthischen Krieg verwendeten, die 4., +5., 15., welche vielleicht damals noch auf dem Rückmarsch in ihre alten +Quartiere begriffen waren. Die 4. ist wahrscheinlich damals definitiv +nach Syrien gekommen wo sie fortan geblieben ist; dagegen gab das +syrische Heer die 10. an Vespasian ab, vermutlich, weil diese bei dem +Feldzuge des Cestius am wenigsten gelitten hatte. Dazu bekam er die 5. +und die 15. Die 5. und die 10. Legion kamen von Alexandreia (Ios. bel. +Iud. 3, 1, 3; 4, 2); aber daß sie aus Ägypten herangeführt seien, ist +nicht gut denkbar, nicht bloß weil die 10. eine der syrischen war, +sondern vor allem, weil der Landmarsch von Alexandreia am Nil nach +Ptolemais mitten durch das insurgierte Gebiet am Anfang des Jüdischen +Krieges so von Josephus nicht hätte erzählt werden können. Vielmehr +ging Titus zu Schiff von Achaia nach Alexandreia am Issischen +Meerbusen, dem heutigen Alexandrette, und führte die beiden Legionen +von da nach Ptolemais. Die 15. mag der Marschbefehl irgendwo in +Kleinasien getroffen haben, da Vespasian, doch wohl, um sie zu +übernehmen, nach Syrien zu Lande ging (Ios. bel. Iud. 3, 1 u. 3). Zu +diesen drei Legionen, mit denen Vespasian den Krieg begann, kam unter +Titus noch eine weitere der syrischen, die 12. Von den vier Legionen, +die Jerusalem einnahmen, blieben die beiden bisher syrischen im Orient, +die 10. in Judäa, die 12. in Kappadokien, während die 5. nach Mösien, +die 15. nach Pannonien zurückkehrte (Ios. bel. Iud. 7, 1, 3; 5, 3). + +^26 Zu den drei Legionen gehörten fünf Alen und achtzehn Kohorten und +das aus einer Ala und fünf Kohorten bestehende Heer von Palästina. +Diese Auxilien zählten demnach 3000 Alarier und (da unter den 23 +Kohorten zehn 1000 Mann stark waren, dreizehn 720 Mann oder wohl eher +nur 480 Mann; denn statt des befremdenden εξακοσίους erwartet man +vielmehr τριακοσίους εξακόντα) 16240 (oder, wenn 720 festgehalten wird, +19360) Kohortalen. Dazu kamen je 1000 Reiter der vier Könige und 5000 +arabische, je 2000 Bogenschützen der übrigen drei Könige. Dies gibt +zusammen, die Legion zu 6000 Mann gerechnet, 52240 Mann, also gegen +60000, wie Josephus (bel. Iud. 3, 4, 2) sagt. Da die Abteilungen aber +also alle nach der höchstmöglichen Normalstärke berechnet sind, wird +die effektive Gesamtzahl kaum auf 50000 angesetzt werden dürfen. Diese +Zahlen des Josephus erscheinen im wesentlichen zuverlässig ebenso wie +die analogen für das Heer des Cestius (bel. Iud. 2, 18, 9); dagegen +sind seine auf Schätzung beruhenden Ziffern durchgängig nach dem Stil +bemessen, daß das kleinste Dorf in Galiläa 15000 Einwohner zählt (bel. +Iud. 3, 3, 2) und geschichtlich so unbrauchbar wie die Ziffern +Falstaffs. Nur selten, zum Beispiel bei der Belagerung Jotapatas, +erkennt man Rapportzahlen. + +—————————————————————————— + +So hatten die Insurgenten in Jerusalem vom Sommer 66 bis zum Frühling +70 völlig freies Schalten. Was die Vereinigung von religiösem und +nationalem Fanatismus, das edle Verlangen, den Sturz des Vaterlandes +nicht zu überleben und das Bewußtsein begangener Verbrechen und +unausbleiblicher Strafe, das wilde Durcheinanderwogen aller edelsten +und aller gemeinsten Leidenschaften in diesen vier Jahren des +Schreckens über die Nation gebracht hat, wird dadurch vor allem +entsetzlich, daß die Fremden dabei nur die Zuschauer gewesen sind, +unmittelbar alles Unheil durch Juden über Juden gekommen ist. Die +gemäßigten Patrioten wurden von den Eiferern mit Hilfe des Aufgebotes +der rohen und fanatischen Bewohner der idumäischen Dörfer bald (Ende +68) überwältigt und ihre Führer erschlagen. Die Eiferer herrschten +seitdem und es lösten sich alle Bande bürgerlicher, religiöser und +sittlicher Ordnung. Den Sklaven wurde die Freiheit gewährt, die +Hohenpriester durch das Los bestellt, die Ritualgesetze eben von diesen +Fanatikern, deren Kastell der Tempel war, mit Füßen getreten und +verhöhnt, die Gefangenen in den Kerkern niedergemacht und bei +Todesstrafe untersagt, die Umgebrachten zu bestatten. Die verschiedenen +Führer fochten mit ihren Sonderhaufen gegeneinander: Johannes von +Giskala mit seiner aus Galiläa herangeführten Schar; Simon, des Gioras +Sohn, aus Gerasa, der Führer einer in dem Süden gebildeten +Patriotenschar und zugleich der gegen Johannes sich auflehnenden +Idumäer; Eleazar, Simons Sohn, einer der Vorkämpfer gegen Cestius +Gallus. Der erste behauptete sich in der Tempelhalle, der zweite in der +Stadt, der dritte im Allerheiligsten des Tempels, und täglich ward in +den Straßen der Stadt zwischen Juden und Juden gefochten. Die Eintracht +kam einzig durch den gemeinsamen Feind; als der Angriff begann, stellte +sich Eleazars kleine Schar unter die Befehle des Johannes, und obwohl +Johannes im Tempel, Simon in der Stadt fortfuhren, die Herren zu +spielen, stritten sie, unter sich hadernd, Schulter an Schulter gegen +die Römer. Die Aufgabe auch für die Angreifer war nicht leicht. Zwar +genügte das Heer, das anstatt der nach Italien entsendeten Detachements +bedeutenden Zuzug aus den ägyptischen und den syrischen Truppen +erhalten hatte, für die Einschließung vollauf; und trotz der langen +Frist, welche den Juden gewährt worden war, um sich auf die Belagerung +vorzubereiten, waren die Vorräte unzureichend, um so mehr, als ein Teil +derselben in den Straßenkämpfen zugrunde gegangen war und, da die +Belagerung um das Passahfest begann, zahlreiche deswegen nach Jerusalem +gekommene Auswärtige mit eingeschlossen waren. Indes wenn auch die +Masse der Bevölkerung bald Not litt, was die Wehrmannschaften +brauchten, nahmen sie, wo sie es fanden, und wohl versehen, wie sie +waren, führten sie den Kampf ohne Rücksicht auf die hungernden und bald +verhungernden Massen. Zu bloßer Blockade konnte der junge Feldherr sich +nicht entschließen; eine mit vier Legionen in dieser Weise zu Ende +geführte Belagerung brachte ihm persönlich keinen Ruhm, und auch das +neue Regiment brauchte eine glänzende Waffentat. Die Stadt, sonst +überall durch unzugängliche Felsenhänge verteidigt, war allein an der +Nordseite angreifbar; auch hier war es keine leichte Arbeit, die +dreifache, aus den reichen Tempelschätzen ohne Rücksicht auf die Kosten +hergestellte Wallmauer zu bezwingen und weiter innerhalb der Stadt die +Burg, den Tempel und die gewaltigen drei Herodestürme einer starken, +fanatisierten und verzweifelten Besatzung abzuringen. Johannes und +Simon schlugen nicht bloß die Stürme entschlossen ab, sondern griffen +oft die schanzenden Mannschaften mit gutem Erfolg an und zerstörten +oder verbrannten die Belagerungsmaschinen. Aber die Überzahl und die +Kriegskunst entschieden für die Römer. Die Mauern wurden erstürmt, +darauf die Burg Antonia; sodann gingen nach langem Widerstand erst die +Tempelhallen in Flammen auf und weiter am 10. Ab (August) der Tempel +selbst mit allen darin seit sechs Jahrhunderten aufgehäuften Schätzen. +Endlich wurde nach monatelangem Straßenkampf am 8. Elul (September) +auch in der Stadt der letzte Widerstand gebrochen und das heilige Salem +geschleift. Fünf Monate hatte die Blutarbeit gewährt. Das Schwert und +der Pfeil und mehr noch der Hunger hatten zahllose Opfer gefordert; die +Juden erschlugen jeden des Überlaufens auch nur Verdächtigen und +zwangen Weiber und Kinder, in der Stadt zu verhungern; ebenso +erbarmungslos ließen auch die Römer die Gefangenen über die Klinge +springen oder kreuzigten sie. Die übriggebliebenen Kämpfer und +namentlich die beiden Führer wurden einzeln aus den Kloaken, in die sie +sich gerettet hatten, hervorgezogen. Am Toten Meer, eben da, wo +einstmals König David und die Makkabäer in höchster Bedrängnis eine +Zuflucht gefunden hatten, hielten sich die Reste der Insurgenten noch +auf Jahre hinaus in den Felsenschlössern Machaerus und Massada, bis +endlich als die letzten der freien Juden Judas, des Galiläers Enkel, +Eleazar und die Seinigen erst ihren Frauen und Kindern und dann sich +selbst den Tod gaben. Das Werk war getan. Daß Kaiser Vespasianus, ein +tüchtiger Soldat, es nicht verschmäht hat, wegen eines solchen +unvermeidlichen Erfolgs über ein kleines, längst untertäniges Volk als +Sieger auf das Kapitol zu ziehen und daß der aus dem Allerheiligsten +des Tempels heimgebrachte siebenarmige Kandelaber auf dem Ehrenbogen, +den der Reichssenat dem Titus auf dem Markte der Kampfstadt errichtete, +noch heute zu schauen ist ^27, gibt keine hohe Vorstellung von dem +kriegerischen Sinn dieser Zeit. Freilich ersetzte der tiefe Widerwille, +den die Okzidentalen gegen das Judenvolk hegten, einigermaßen, was der +kriegerischen Glorie mangelte, und wenn den Kaisern der Judenname zu +schlecht war, um ihn so sich beizulegen wie die der Germanen und der +Parther, so hielten sie es nicht unter ihrer Würde, dem Pöbel der +Hauptstadt die Siegesschadenfreude dieses Triumphes zu bereiten. + +——————————————————————- + +^27 Dieser Bogen ist dem Titus nach seinem Tode vom Reichssenat +gesetzt. Ein anderer, ihm während seiner kurzen Regierung von demselben +Senat im Circus gewidmeter (CIL VI, 944) gibt sogar mit ausdrücklichen +Worten als Grund der Denkmalerrichtung an: “weil er nach Vorschrift und +Anweisung und unter der Oberleitung des Vaters das Volk der Juden +bezwang und die bis auf ihn von allen Feldherren, Königen und Völkern +entweder vergeblich belagerte oder gar nicht angegriffene Stadt +Hierusolyma zerstört hat.” Die historische Kunde dieses seltsamen +Schriftstückes, welches nicht bloß Nebukadnezar und Antiochos +Epiphanes, sondern den eigenen Pompeius ignoriert, steht auf gleicher +Höhe mit der Überschwenglichkeit des Preises einer recht gewöhnlichen +Waffentat. + +——————————————————————- + +Dem Werk des Schwertes folgte die politische Wendung. Die von den +früheren hellenischen Staaten eingehaltene und von den Römern +übernommene, in der Tat über die bloße Toleranz gegen fremde Art und +fremden Glauben weit hinausgehende Politik, die Judenschaft insgemein +als nationale und religiöse Samtgemeinschaft anzuerkennen, war +unmöglich geworden. Zu deutlich waren in der jüdischen Insurrektion die +Gefahren zu Tage getreten, welche diese national-religiöse, einerseits +streng konzentrierte, andererseits über den ganzen Osten sich +verbreitende und selbst in den Westen verzweigte Vergesellschaftung in +sich trug. Der zentrale Kultus wurde demzufolge ein für allemal +beseitigt. Dieser Entschluß der Regierung steht zweifellos fest und hat +nichts gemein mit der nicht mit Sicherheit zu beantwortenden Frage, ob +die Zerstörung des Tempels absichtlich oder zufällig erfolgt ist; wenn +auf der einen Seite die Unterdrückung des Kultus nur die Schließung des +Tempels erforderte und das prächtige Bauwerk verschont werden konnte, +so hätte andererseits, wäre der Tempel zufällig zugrunde gegangen, der +Kultus auch in einem wieder erbauten fortgeführt werden können. +Freilich wird es immer wahrscheinlich bleiben, daß hier nicht der +Zufall des Krieges gewaltet hat, sondern für die veränderte Politik der +römischen Regierung gegenüber dem Judentum die Flammen des Tempels das +Programm waren ^28. Deutlicher noch als in den Vorgängen in Jerusalem +zeichnet sich dieselbe in der gleichzeitig auf Anordnung Vespasians +erfolgten Schließung des Zentralheiligtums der ägyptischen Judenschaft, +des Oniastempels unweit Memphis im heliopolitanischen Distrikt, welcher +seit Jahrhunderten neben dem von Jerusalem stand etwa wie neben dem +Alten Testament die Übersetzung durch die alexandrinischen Siebzig; +auch er wurde seiner Weihgeschenke entkleidet und die Gottesverehrung +in demselben untersagt. + +——————————————————————- + +^28 Die Erzählung des Josephus, daß Titus mit seinem Kriegsrat +beschloß, den Tempel nicht zu zerstören, erregt durch ihre offenbare +Absichtlichkeit Bedenken, und da die Benutzung des Tacitus in Sulpicius +Severus’ Chronik von Bernays vollständig erwiesen ist, so kann +allerdings wohl in Frage kommen, ob nicht dessen gerade +entgegengesetzter Bericht (chron. 2, 30, 6), daß der Kriegsrat +beschlossen habe, den Tempel zu zerstören, aus Tacitus herrührt und +ihm, obwohl er Spuren christlicher Überarbeitung zeigt, der Vorzug zu +geben ist. Dies empfiehlt sich weiter dadurch, daß die an Vespasian +gerichtete Dedikation der Argonautica des Dichters Valerius Flaccus den +Sieger von Solyma feiert, der die Brandfackeln schleudert. + +——————————————————————- + +In weiterer Ausführung der neuen Ordnung der Dinge verschwanden das +Hohepriestertum und das Synhedrion von Jerusalem und verlor damit die +Judenschaft des Reiches ihr äußerliches Oberhaupt und ihre bis dahin in +religiösen Fragen allgemein kompetente Oberbehörde. Die bisher +wenigstens tolerierte Jahressteuer eines jeden Juden ohne Unterschied +des Wohnorts an den Tempel fiel allerdings nicht weg, wurde aber mit +bitterer Parodie auf den kapitolinischen Jupiter und dessen Vertreter +auf Erden, den römischen Kaiser, übertragen. Bei der Beschaffenheit der +jüdischen Einrichtungen schloß die Unterdrückung des zentralen Kultus +die Auflösung der Gemeinde Jerusalem in sich. Die Stadt ward nicht bloß +zerstört und niedergebrannt, sondern blieb auch in Trümmern liegen, wie +einst Karthago und Korinth; ihre Feldmark, Gemeinde- wie Privatland, +wurde kaiserliche Domäne ^29. Was von der Bürgerschaft der volkreichen +Stadt dem Hunger oder dem Schwert entgangen war, kam unter den Hammer +des Sklavenmarktes. In den Trümmern der zerstörten Stadt schlug die +Legion ihr Lager auf, welche mit ihren spanischen und thrakischen +Auxilien fortan im jüdischen Lande garnisonieren sollte. Die bisherigen +in Palästina selbst rekrutierten Provinzialtruppen wurden anderswohin +verlegt. In Emmaus, in der nächsten Nähe von Jerusalem, wurde eine +Anzahl römischer Veteranen angesiedelt, Stadtrecht aber auch dieser +Ortschaft nicht verliehen. Dagegen wurde das alte Sichem, der religiöse +Mittelpunkt der samaritanischen Gemeinde, vielleicht schon seit +Alexander dem Großen eine griechische Stadt, jetzt in den Formen der +hellenischen Politie unter dem Namen Flavia Neapolis reorganisiert. Die +Landeshauptstadt Caesarea, bis dahin griechische Stadtgemeinde, erhielt +als “erste Flavische Kolonie” römische Ordnung und lateinische +Geschäftssprache. Es waren dies Ansätze zur okzidentalischen +Munizipalisierung des jüdischen Landes. Nichtsdestoweniger blieb das +eigentliche Judäa, wenn auch entvölkert und verarmt, nach wie vor +jüdisch; wessen die Regierung sich zu dem Lande versah, zeigt schon die +durchaus anomal dauernde militärische Belegung, die, da Judäa nicht an +der Reichsgrenze lag, nur zur Niederhaltung der Einwohner bestimmt +gewesen sein kann. + +——————————————————————————— + +^29 Daß der Kaiser dies Land für sich nahm (ιδίαν αυτώ τήν χώραν +φυλάττων) sagt Josephus (bel. Iud. 7, 6, 6); dazu stimmt nicht sein +Befehl πάσαν γήν αποθόσθαι τών Ιουδαίων (a. a. O.), worin wohl ein +Irrtum oder ein Schreibfehler steckt. Zu der Expropriierung paßt es, +daß im Gnadenweg einzelnen jüdischen Grundbesitzern anderswo Land +angewiesen ward (Ios. vit. 16). übrigens ist das Gebiet wohl als +Ausstattung für die dort stationierende Legion verwendet worden (Eph. +epigr. II, n. 696; Tac. ann. 13, 54). + +——————————————————————————— + +Auch die Herodeer überdauerten nicht lange den Untergang Jerusalems. +König Agrippa II., der Herr von Caesarea Paneas und von Tiberias, hatte +den Römern in dem Krieg gegen seine Landsleute getreue Heerfolge +geleistet und selbst aus demselben wenigstens militärisch ehrenvolle +Narben aufzuweisen; überdies hielt seine Schwester Berenike, eine +Kleopatra im Kleinen, mit dem Rest ihrer viel in Anspruch genommenen +Reize das Herz des Bezwingers von Jerusalem gefangen. So blieb er +persönlich im Besitz der Herrschaft; aber nach seinem Tode, etwa +dreißig Jahre später, ging auch diese letzte Erinnerung an den +jüdischen Staat in die römische Provinz Syrien auf. + +In der Ausübung ihrer Religionsgebräuche wurden den Juden weder in +Palästina noch anderswo Hindernisse in den Weg gelegt. Selbst ihren +religiösen Unterricht und die daran sich anknüpfenden Versammlungen +ihrer Gesetzlehrer und Gesetzkundigen ließ man in Palästina wenigstens +gewähren und hinderte nicht, daß diese Rabbinervereinigungen +versuchten, sich einigermaßen an die Stelle des ehemaligen Synhedrion +von Jerusalem zu setzen und in den Anfängen des Talmud ihre Lehre und +ihre Gesetze zu fixieren. Obwohl einzelne nach Ägypten und Kyrene +geflüchtete Teilnehmer an dem jüdischen Aufstand dort Unruhen +hervorriefen, wurden die Judenschaften außerhalb Palästina, so viel wir +sehen, in ihrer bisherigen Stellung belassen. Gegen die Judenhetze, +welche eben um die Zeit der Zerstörung Jerusalems in Antiocheia dadurch +hervorgerufen ward, daß die dortigen Juden von einem ihrer abgefallenen +Glaubensgenossen öffentlich der Absicht geziehen worden waren, die +Stadt anzuzünden, schritt der Vertreter des Statthalters von Syrien +energisch ein und gestattete nicht, wie es im Werke war, daß man die +Juden nötigte, den Landesgöttern zu opfern und den Sabbath nicht zu +halten. Titus selbst, als er nach Antiocheia kam, wies die dortigen +Führer der Bewegung mit ihrer Bitte, die Juden auszuweisen oder +mindestens ihre Privilegien zu kassieren, auf das bestimmteste ab. Man +scheute davor zurück, dem jüdischen Glauben als solchem den Krieg zu +erklären und die weitverzweigte Diaspora auf das äußerste zu treiben; +es war genug, daß das Judentum in seiner politischen Repräsentation aus +dem Staatswesen getilgt war. + +Die Wendung in der seit Alexander gegen das Judentum eingehaltenen +Politik lief im wesentlichen darauf hinaus, dieser religiösen +Gemeinschaft die einheitliche Leitung und die äußerliche +Geschlossenheit zu entziehen und ihren Leitern eine Macht aus der Hand +zu winden, welche sich nicht bloß über das Heimatland der Juden, +sondern über die Judenschaften insgemein innerhalb und außerhalb des +Römischen Reiches erstreckte und allerdings im Orient dem einheitlichen +Reichsregiment Eintrag tat. Die Lagiden wie die Seleukiden und nicht +minder die römischen Kaiser der Julisch-Claudischen Dynastie hatten +sich dies gefallen lassen; aber die unmittelbare Herrschaft der +Okzidentalen über Judäa hatte den Gegensatz der Reichs- und dieser +Priestergewalt in dem Grade verschärft, daß die Katastrophe mit +unausbleiblicher Notwendigkeit eintrat und ihre Konsequenzen zog. Vom +politischen Standpunkt aus kann wohl die Schonungslosigkeit der +Kriegführung getadelt werden, welche übrigens diesem Krieg ziemlich mit +allen ähnlichen der römischen Geschichte gemein ist, aber schwerlich +die infolge desselben verfügte religiös-politische Auflösung der +Nation. Wenn den Institutionen, welche zur Bildung einer Partei, wie +die der Zeloten war, geführt hatten und mit einer gewissen +Notwendigkeit führen mußten, die Axt an die Wurzel gelegt ward, so +geschah nur, was richtig und notwendig war, wie schwer und individuell +ungerecht auch der einzelne davon getroffen werden mochte. Vespasianus, +der die Entscheidung gab, war ein verständiger und maßhaltender Regent. +Es handelte sich nicht um eine Glaubens-, sondern um eine Machtfrage; +der jüdische Kirchenstaat als Haupt der Diaspora vertrug sich nicht mit +der Unbedingtheit des weltlichen Großstaates. Von der allgemeinen Norm +der Toleranz hat die Regierung sich auch in diesem Fall nicht entfernt, +nicht gegen das Judentum, sondern gegen den Hohenpriester und das +Synhedrion den Krieg geführt. + +Ganz hat auch die Tempelzerstörung diesen ihren Zweck nicht verfehlt. +Es gab nicht wenige Juden und noch mehr Judengenossen, namentlich in +der Diaspora, welche mehr an dem jüdischen Sittengesetz und an dem +jüdischen Monotheismus hielten als an der streng nationalen +Glaubensform; die ganze ansehnliche Sekte der Christen hatte sich +innerlich vom Judentum gelöst und stand zum Teil in offener Opposition +zu dem jüdischen Ritus. Für diese war der Fall Jerusalems keineswegs +das Ende der Dinge, und innerhalb dieser ausgedehnten und +einflußreichen Kreise erreichte die Regierung einigermaßen, was sie mit +der Auflösung der Zentralstelle der jüdischen Gottesverehrung +beabsichtigte. Die Scheidung des den Nationen gemeinen Christenglaubens +von dem national-jüdischen, der Sieg der Anhänger des Paulus über +diejenigen des Petrus, wurde durch den Wegfall des jüdischen +Zentralkults wesentlich gefördert. + +Aber bei den Juden von Palästina, da, wo man zwar nicht hebräisch, aber +doch aramäisch sprach, und bei dem Teil der Diaspora, der fest an +Jerusalem hing, wurde durch die Zerstörung des Tempels der Riß zwischen +dem Judentum und der übrigen Welt vertieft. Die national-religiöse +Geschlossenheit, die die Regierung beseitigen wollte, wurde in diesem +verengten Kreis durch den gewaltsamen Versuch, sie zu zerschlagen, +vielmehr neu gefestigt und zunächst zu weiteren verzweifelten Kämpfen +getrieben. + +Nicht volle fünfzig Jahre nach der Zerstörung Jerusalems, im Jahre 116 +^30, erhob sich die Judenschaft am östlichen Mittelmeer gegen die +Reichsregierung. Der Aufstand, obwohl von der Diaspora unternommen, war +rein nationaler Art, in seinen Hauptsitzen Kyrene, Kypros, Ägypten, +gerichtet auf die Austreibung der Römer wie der Hellenen und, wie es +scheint, die Begründung eines jüdischen Sonderstaats. Er verzweigte +sich bis in das asiatische Gebiet und ergriff Mesopotamien und +Palästina selbst. Wo die Aufständischen siegreich waren, führten sie +den Krieg mit derselben Erbitterung wie die Sicarier in Jerusalem; sie +erschlugen, wen sie ergriffen - der Geschichtschreiber Appian, ein +geborener Alexandriner, erzählt, wie er vor ihnen um sein Leben laufend +mit genauer Not nach Pelusion entkam -, und oftmals töteten sie die +Gefangenen unter qualvollen Martern oder zwangen sie, gleich wie einst +Titus die in Jerusalem gefangenen Juden, als Fechter im Kampfspiel zur +Augenweide der Sieger zu fallen. In Kyrene sollen also 220000, auf +Kypros gar 240000 Menschen von ihnen umgebracht worden sein. +Andererseits erschlugen in Alexandreia, das selbst nicht in die Hände +der Juden gefallen zu sein scheint ^31, die belagerten Hellenen, was +von Juden damals in der Stadt war. Die nächste Ursache der Erhebung ist +nicht klar. Das Blut der Zeloten, die nach Alexandreia und Kyrene sich +geflüchtet und dort ihre Glaubenstreue mit dem Tode unter dem römischen +Henkersbeil besiegelt hatten, mag nicht umsonst geflossen sein; der +Parthische Krieg, währenddessen der Aufstand begann, hat ihn insofern +gefördert, als die in Ägypten stehenden Truppen wahrscheinlich auf den +Kriegsschauplatz berufen wurden. Allem Anschein nach war es ein +Ausbruch der seit der Tempelzerstörung gleich dem Vulkan im Verborgenen +glühenden und in unberechenbarer Weise in Flammen aufschlagenden +religiösen Erbitterung der Judenschaft, von der Art, wie der Orient sie +zu allen Zeiten erzeugt hat und erzeugt; wenn wirklich die Insurgenten +einen Juden zum König ausriefen, so hat diese Erhebung sicher, wie die +in der Heimat, in der großen Masse der geringen Leute ihren Herd +gehabt. Daß diese Judenerhebung zum Teil zusammenfiel mit dem früher +erzählten Befreiungsversuch der kurz vorher von Kaiser Traianus +unterworfenen Völkerschaften, während dieser im fernen Osten an der +Euphratmündung stand, gab ihr sogar eine politische Bedeutung; wenn die +Erfolge dieses Herrschers ihm am Schluß seiner Laufbahn unter den +Händen zerrannen, so hat die jüdische Insurrektion namentlich in +Palästina und Mesopotamien dazu das ihrige beigetragen. Um den Aufstand +niederzuschlagen, mußten überall die Truppen marschieren; gegen den +“König” der kyrenäischen Juden Andreas oder Lukuas und die Insurgenten +in Ägypten sandte Traianus den Quintus Marcius Turbo mit Heer und +Flotte, gegen die Aufständischen in Mesopotamien, wie schon gesagt +ward, den Lusius Quietus, zwei seiner erprobtesten Feldherrn. Den +geschlossenen Truppen Widerstand zu leisten, vermochten die +Aufständischen nirgends, wenngleich der Kampf in Afrika wie in +Palästina sich bis in die erste Zeit Hadrians fortspann, und es +ergingen über diese Diaspora ähnliche Strafgerichte wie früher über die +Juden Palästinas. Daß Traianus die Juden in Alexandreia vernichtet hat, +wie Appian sagt, ist schwerlich ein unrichtiger, wenn auch vielleicht +ein allzu schroffer Ausdruck dessen, was dort geschah; für Kypros ist +es bezeugt, daß seitdem kein Jude die Insel auch nur betreten durfte +und selbst den schiffbrüchigen Israeliten dort der Tod erwartete. Wäre +über diese Katastrophe unsere Überlieferung so ausgiebig wie über die +jerusalemische, so würde sie wohl als deren Fortsetzung und Vollendung +erscheinen und gewissermaßen auch als ihre Erklärung; dieser Aufstand +zeigt das Verhältnis der Diaspora zu dem Heimatland und den Staat im +Staate, zu dem das Judentum sich entwickelt hatte. + +————————————————————————————— + +^30 Eusebius (hist. eccl. 4, 2) setzt den Ausbruch in das 18., also +nach seiner Rechnung (in der Chronik) das vorletzte Jahr Traians, und +damit stimmt auch Dio 68, 32. + +^31 Eusebius selbst (bei Synkellos) sagt nur: Αδριανός Ιουδαίουςκατά +Αλεξανδρέων στασιάζοντας εκόλασεν. Die armenische und die lateinische +Übersetzung scheinen daraus irrig eine Wiederherstellung des von den +Juden zerstörten Alexandreia gemacht zu haben, von welcher auch +Eusebius in der Kirchengeschichte 4, 2 und Dio 68. 32 nichts wissen. + +————————————————————————————— + +Zu Ende war auch mit dieser zweiten Niederwerfung die Auflehnung des +Judentums gegen die Reichsgewalt nicht. Man kann nicht sagen, daß diese +dasselbe weiter provoziert hat; gewöhnliche Verwaltungsakte, wie sie im +ganzen Reiche unweigerlich hingenommen wurden, trafen die Hebräer da, +wo die volle Widerstandskraft des nationalen Glaubens ihren Sitz hatte, +und riefen dadurch, wahrscheinlich zur Überraschung der Regieren den +selbst, eine Insurrektion hervor, die in der Tat ein Krieg war. Wenn +Kaiser Hadrianus, als seine Rundreise durch das Reich ihn auch nach +Palästina führte, im Jahre 130 die zerstörte heilige Stadt der Juden +als römische Kolonie wieder aufzurichten beschloß, tat er sicher diesen +nicht die Ehre an, sie zu fürchten, und dachte nicht an +religiöse-politische Propaganda, sondern er verfügte für dies +Legionslager, was kurz vorher oder bald nachher auch am Rhein, an der +Donau, in Afrika geschah, die Verknüpfung desselben mit einer zunächst +aus den Veteranen sich rekrutierenden Stadtgemeinde, welche ihren Namen +Aelia Capitolina teils von ihrem Stifter, teils von dem Gott empfing, +welchem damals statt des Jehova die Juden zinsten. Ähnlich verhält es +sich mit dem Verbot der Beschneidung; es erging, wie später bemerkt +werden wird, wahrscheinlich gar nicht in der Absicht, damit dem +Judentum als solchem den Krieg zu machen. Begreiflicherweise fragten +die Juden nicht nach den Motiven jener Stadtgründung und dieses +Verbots, sondern empfanden beides als einen Angriff auf ihren Glauben +und ihr Volktum, und antworteten darauf mit einem Aufstand, der, +anfangs von den Römern vernachlässigt, dann durch Intensität und Dauer +in der Geschichte der römischen Kaiserzeit seinesgleichen nicht hat. +Die gesamte Judenschaft des In- und des Auslandes geriet in Bewegung +und unter stützte mehr oder minder offen die Insurgenten am Jordan ^32, +sogar Jerusalem fiel ihnen in die Hände ^33 und der Statthalter +Syriens, ja Kaiser Hadrianus selbst erschienen auf dem Kampfplatz. Den +Krieg leiteten, bezeichnend genug, der Priester Eleazar ^34 und der +Räuberhauptmann Simon, zugenannt Bar-Kokheba, das ist der Sternensohn, +als der Bringer himmlischer Hilfe, vielleicht als Messias. Von der +finanziellen Macht und der Organisation der Insurgenten zeugen die +durch mehrere Jahre auf den Namen dieser beiden geschlagenen Silber- +und Kupfermünzen. Nachdem eine genügende Truppenzahl zusammengezogen +war, gewann der erprobte Feldherr Sextus Iulius Severus die Oberhand, +aber nur in allmählichem und langsamem Vorschreiten; ganz wie in dem +Vespasianischen Krieg kam es zu keiner Feldschlacht, aber ein Platz +nach dem andern kostete Zeit und Blut, bis endlich nach dreijähriger +Kriegführung ^35 die letzte Burg der Insurgenten, das feste Bether +unweit Jerusalem, von den Römern erstürmt ward. Die in guten Berichten +überlieferten Zahlen von 50 genommenen Festungen, 985 besetzten +Dörfern, 580000 Gefallenen sind nicht unglaublich, da der Krieg mit +unerbittlicher Grausamkeit geführt und die männliche Bevölkerung wohl +überall niedergemacht ward. + +————————————————————————————— + +^32 Dies zeigen die Ausdrücke Dios 69, 13: οι απαντάχου γής Ιουδαίοι +und πάσης ως ειπείν κινουμένης επί τούτω τής οικουμένης. + +^33 Wenn nach dem Zeitgenossen Appian (Syr. 50) Hadrian abermals die +Stadt zerstörte (κατέσκαψε), so beweist das sowohl die vorhergehende +wenigstens einigermaßen vollendete Anlage der Kolonie wie auch deren +Einnahme durch die Insurgenten. Nur dadurch auch erklärt sich der große +Verlust, den die Römer erlitten (Fronto Parth. p. 218 Nab.: Hadriano +Imperium obtinente quantum militum a Iudaeis . . . caesum; Dio 69, 14); +und es paßt wenigstens gut dazu, daß der Statthalter von Syrien, +Publicius Marcellus, seine Provinz verließ, um seinem Kollegen Tineius +Rufus (Eus. hist. eccl. 4, 6; B. Borghesi, Oeuvres complètes. Bd. 3, S. +64) in Palästina Hilfe zu bringen (CIG 4033, 4C34). + +^34 Daß die Münzen mit diesem Namen dem hadrianischen Aufstand +angehören, ist jetzt erwiesen (v. Sallet, Zeitschrift für Numismatik 5, +1878, S. 110); dies ist also der Rabbi Eleazar aus Modein der jüdischen +Berichte (Ewald, Geschichte des Volkes Israel, Bd. 7, S. 418; E. +Schürer, Lehrbuch der neutestamentlichen Zeitgeschichte. Jena 1874, S. +357). Daß der Simon, den dieselben Münzen teils mit Eleazar zusammen, +teils allein nennen, der Bar-Kokheba des Justinus Martyr und des +Eusebius sei ist mindestens sehr wahrscheinlich. + +^35 Dio (69, 12) nennt den Krieg langwierig (ούτ' ολιγοχρόνιος); +Eusebius setzt in der Chronik den Anfang auf das 16., das Ende auf das +18. oder 19. Jahr Hadrians; die Insurgentenmünzen sind datiert vom +ersten oder vom zweiten Jahr “der Befreiung Israels”. Zuverlässige +Daten haben wir nicht; die rabbinische Tradition (Schärer, Lehrbuch, S. +361) ist dafür nicht brauchbar. + +————————————————————————————— + +Infolge dieses Aufstandes ward selbst der Name des besiegten Volkes +beseitigt: die Provinz hieß fortan nicht mehr wie früher Judaea, +sondern mit dem alten Herodotischen Namen das Syrien der Philistäer +oder Syria Palaestina. Das Land blieb verödet; die neue Hadriansstadt +bestand, aber gedieh nicht. Den Juden wurde bei Todesstrafe untersagt, +Jerusalem auch nur zu betreten, die Besatzung verdoppelt; das +beschränkte Gebiet zwischen Ägypten und Syrien, zu dem von dem +transjordanischen nur ein kleiner Streifen am Toten Meer gehörte und +das nirgends die Reichsgrenze berührte, war seitdem mit zwei Legionen +belegt. Trotz aller dieser Gewaltmaßregeln blieb die Landschaft +unruhig, zunächst wohl infolge des mit der Nationalsache längst +verflochtenen Räuberwesens; Pius ließ gegen die Juden marschieren und +auch unter Severus ist die Rede von einem Krieg gegen Juden und +Samariter. Aber zu größeren Bewegungen unter den Juden ist es nach dem +Hadrianischen Krieg nicht wieder gekommen. + +Es muß anerkannt werden, daß diese wiederholten Ausbrüche des in den +Gemütern der Juden gärenden Grolls gegen die gesamte nicht jüdische +Mitbürgerschaft die allgemeine Politik der Regierung nicht änderten. +Wie Vespasian so hielten auch die folgenden Kaiser den Juden gegenüber +nicht bloß im wesentlichen den allgemeinen Standpunkt der politischen +und religiösen Toleranz fest, sondern die für die Juden erlassenen +Ausnahmegesetze waren und blieben hauptsächlich darauf gerichtet, sie +von denjenigen allgemeinen Bürgerpflichten, welche mit ihrer Sitte und +ihrem Glauben sich nicht vertrugen, zu entbinden und werden darum auch +geradezu als Privilegien bezeichnet ^36. + +———————————————————- + +^36 Biographie Alexanders c. 22: Iudaeis privilegia reservavit, +Christianos esse passus est. Deutlich tritt hier die bevorzugte +Stellung der Juden vor den Christen zutage, welche allerdings wieder +darauf beruht, daß jene eine Nation darstellen, diese nicht. + +———————————————————- + +Rechtlich scheint seit Claudius’ Zeit, dessen Unterdrückung des +jüdischen Kultus in Italien wenigstens die letzte derartige Maßregel +ist, von der wir wissen, den Juden der Aufenthalt und die freie +Religionsübung in dem gesamten Reich zugestanden zu haben. Es wäre kein +Wunder gewesen, wenn jene Aufstände in den afrikanischen und syrischen +Landschaften zur Austreibung der dort ansässigen Juden überhaupt +geführt hätten; aber dergleichen Beschränkungen sind, wie wir sahen, +nur lokal, zum Beispiel für Kypros verfügt worden. Der Hauptsitz der +Juden blieben immer die griechischen Provinzen; auch in der +einigermaßen zweisprachigen Hauptstadt, deren zahlreiche Judenschaft +eine Reihe von Synagogen umfaßte, bildete diese einen Teil der +griechischen Bevölkerung Roms. Ihre Grabschriften in Rom sind +ausschließlich griechisch; in der aus dieser Judenschaft entwickelten +römischen Christengemeinde ist das Taufbekenntnis bis in späte Zeit +hinab griechisch gesprochen worden und die ersten drei Jahrhunderte +hindurch die Schriftstellerei ausschließlich griechisch gewesen. Aber +restriktive Maßregeln gegen die Juden scheinen auch in den lateinischen +Provinzen nicht getroffen worden zu sein; durch und mit dem Hellenismus +ist das jüdische Wesen in den Okzident eingedrungen, und es fanden auch +in diesem sich Judengemeinden, obwohl sie an Zahl und Bedeutung selbst +jetzt noch, wo die gegen die Diaspora gerichteten Schläge die +Judengemeinden des Ostens schwer beschädigt hatten, weit hinter diesen +zurückstanden. + +Politische Privilegien folgten aus der Tolerierung des Kultus an sich +nicht. An der Anlegung ihrer Synagogen und Proseuchen wurden die Juden +nicht gehindert, ebensowenig an der Bestellung eines Vorstehers für +dieselbe (αρχισυναγωγός) sowie eines Kollegiums der Ältesten (άρχοντες) +mit einem Oberältesten (γερουσιάρχης) an der Spitze. Obrigkeitliche +Befugnisse sollten mit diesen Stellungen nicht verknüpft sein; aber bei +der Untrennbarkeit der jüdischen Kirchenordnung und der jüdischen +Rechtspflege übten die Vorsteher, wie im Mittelalter die Bischöfe, wohl +überall eine wenn auch nur faktische Jurisdiktion. Auch waren die +Judenschaften der einzelnen Städte nicht allgemein als Körperschaften +anerkannt, sicher zum Beispiel die römische nicht; doch bestanden an +vielen Orten auf Grund lokaler Privilegien dergleichen korporative +Verbände mit Ethnarchen oder, wie sie jetzt meistens heißen, +Patriarchen an der Spitze. Ja in Palästina finden wir im Anfang des +dritten Jahrhunderts wiederum einen Vorsteher der gesamten Judenschaft, +der kraft erblichen Priesterrechts über seine Glaubensgenossen fast wie +ein Herrscher schaltet und selbst über Leib und Leben Gewalt hat und +welchen die Regierung wenigstens toleriert ^37. Ohne Frage war dieser +Patriarch für die Juden der alte Hohepriester, und es hatte also unter +den Augen und unter dem Druck der Fremdherrschaft das hartnäckige Volk +Gottes sich abermals rekonstituiert und insoweit Vespasians Werk +zuschanden gemacht. + +—————————————————————————————- + +^37 Um zu erklären, daß auch in der Knechtschaft die Juden eine gewisse +Selbstverwaltung haben führen können, schreibt Origenes (um das Jahr +226) an Africanus c. 14: “Wieviel vermag auch jetzt, wo die Römer +herrschen und die Juden ihnen den Zins (τό δίδραχμον) zahlen, der +Volksvorsteher (ο εθνάρχης) bei ihnen mit Zulassung des Kaisers +(σθγχωρούντος Καίσαρος). Auch Gerichte finden heimlich statt nach dem +Gesetze, und es wird sogar manchmal auf den Tod erkannt. Das habe ich, +der ich lange im Lande dieses Volkes gelebt, selber erfahren und +erkundet.” Der Patriarch von Judäa tritt schon in dem auf Hadrians +Namen gefälschten Briefe in der Biographie des Tyrannen Saturninus auf +(c. 8), in den Verordnungen zuerst im Jahre 392 (Cod. Theod. 16, 8, 8). +Patriarchen als Vorsteher einzelner jüdischer Gemeinden, wofür das Wort +seiner Bedeutung nach besser paßt, begegnen schon in den Verordnungen +Konstantins des Ersten (Cod. Theod. 16, 8, 1 u. 2). + +—————————————————————————————- + +In Betreff der Heranziehung der Juden zu den öffentlichen Leistungen +war die Befreiung vom Kriegsdienst als unvereinbar mit ihren religiösen +Grundsätzen längst anerkannt und blieb es. Die besondere Kopfsteuer, +welcher sie unterlagen, die alte Tempelabgabe, konnte als Kompensation +für diese Befreiung angesehen werden, wenn sie auch nicht in diesem +Sinn auferlegt worden war. Für andere Leistungen, wie zum Beispiel für +Übernahme von Vormundschaften und Gemeindeämtern, werden sie wenigstens +seit Severus’ Zeit im allgemeinen als fähig und pflichtig betrachtet, +diejenigen aber, welche ihrem “Aberglauben” zuwiderlaufen, ihnen +erlassen ^38, wobei in Betracht kommt, daß der Ausschluß von den +Gemeindeämtern mehr und mehr aus einer Zurücksetzung zu einem +Privilegium ward. Selbst bei Staatsämtern mag in späterer Zeit ähnlich +verfahren worden sein. + +—————————————————————————— + +^38 Diese Regel stellen mit Berufung auf einen Erlaß des Severus die +Juristen des dritten Jahrhunderts auf (Dig. 27, 1, 15, 6; 50, 2, 3, 3). +Nach der Verordnung vom Jahre 321 (Cod. Theod. 16, 8, 3) erscheint dies +sogar als ein Recht, nicht als eine Pflicht der Juden, so daß es von +ihnen abhing, das Amt zu übernehmen oder abzulehnen. + +—————————————————————————— + +Der einzige ernstliche Eingriff der Staatsgewalt in die jüdischen +Gebräuche betrifft die Zeremonie der Beschneidung; indes ist gegen +diese wahrscheinlich nicht vom religiös-politischen Standpunkt aus +eingeschritten worden, sondern es sind diese Maßnahmen mit dem Verbot +der Kastrierung verknüpft gewesen und zum Teil wohl aus Mißverständnis +der jüdischen Weise hervorgegangen. Die immer mehr um sich greifende +Unsitte der Verstümmelung zog zuerst Domitian in den Kreis der +strafbaren Verbrechen; als Hadrian die Vorschrift schärfend die +Kastrierung unter das Mordgesetz stellte, scheint auch die Beschneidung +als Kastrierung aufgefaßt worden zu sein ^39, was allerdings von den +Juden als ein Angriff auf ihre Existenz empfunden werden mußte und +empfunden ward, obwohl dies vielleicht nicht damit beabsichtigt war. +Bald nachher, wahrscheinlich infolge des dadurch mitveranlaßten +Aufstandes, gestattete Pius die Beschneidung für Kinder jüdischer +Herkunft, während übrigens selbst die des unfreien Nichtjuden und des +Proselyten nach wie vor für alle dabei Beteiligten die Strafe der +Kastration nach sich ziehen sollte. Dies war insofern auch von +politischer Wichtigkeit, als dadurch der förmliche Übertritt zum +Judentum ein strafbares Verbrechen wurde; und wahrscheinlich ist das +Verbot eben in diesem Sinne nicht erlassen, aber aufrecht erhalten +worden ^40. Zu dem schroffen Abschließen der Judenschaft gegen die +Nichtjuden wird dasselbe das seinige beigetragen haben. + +—————————————————————————— + +^39 Die analoge Behandlung der Kastration in dem Hadrianischen Erlaß +Dig. 48, 8, 4, 2 und der Beschneidung bei Paulus sent. 5, 22, 3; 4 und +Mod. dig. 48, 8, 11 pr. legen diese Auffassung nahe. Auch daß Severus +ludaeos fieri sub gravi poena vetuit (vita 17), wird wohl nichts sein +als die Einschärfung dieses Verbots. + +^40 Die merkwürdige Nachricht bei Origenes (c. Cels. 2, 13; geschrieben +um 250) zeigt, daß die Beschneidung des Nichtjuden von Rechts wegen die +Todesstrafe nach sich zog, obwohl es nicht klar ist, inwiefern dies auf +Samariter oder Sicarier Anwendung fand. + +—————————————————————————— + +Blicken wir zurück auf die Geschichte des Judentums in der Epoche von +Augustus bis auf Diocletian, so erkennen wir eine durchgreifende +Umgestaltung seines Wesens wie seiner Stellung. Dasselbe tritt in diese +Epoche ein als eine um das beschränkte Heimatland fest geschlossene +nationale und religiöse Macht, welche selbst dem Reichsregiment in und +außerhalb Judäa mit der Waffe in der Hand sich entgegenstellt und auf +dem Gebiet des Glaubens eine gewaltige propagandistische Macht +entwickelt. Man kann es verstehen, daß die römische Regierung die +Verehrung des Jahve und den Glauben des Moses nicht anders dulden +wollte, als wie auch der Kultus des Mithra und der Glaube des Zornaster +Duldung fand. Die Reaktion gegen dies geschlossene und auf sich selbst +stehende Judentum waren die von Vespasian und Hadrian gegen das +jüdische Land, von Traianus gegen die Juden der Diaspora geführten +zerschmetternden Schläge, deren Wirkung weit hinaus reicht über die +unmittelbare Zerstörung der bestehenden Gemeinschaft und die +Herabdrückung des Ansehens und der Macht der Judenschaft. In der Tat +sind das spätere Christentum wie das spätere Judentum die Konsequenzen +dieser Reaktion des Westens gegen den Osten. Die große +propagandistische Bewegung, welche die tiefere religiöse Anschauung vom +Osten in den Westen trug, ward auf diese Weise, wie schon gesagt ward, +aus den engen Schranken der jüdischen Nationalität befreit; wenn sie +die Anlehnung an Moses und die Propheten keineswegs aufgab, löste sie +sich doch notwendig von dem in Scherben gegangenen Regiment der +Pharisäer. Die christlichen Zukunftsideale wurden universell, seit es +ein Jerusalem auf Erden nicht mehr gab. Aber wie der erweiterte und +vertiefte neue Glaube, der mit seinem Wesen auch den Namen wechselte, +aus diesen Katastrophen hervorging, so nicht minder die verengte und +verstockte Altgläubigkeit, die sich, wenn nicht mehr in Jerusalem, so +in dem Haß gegen diejenigen zusammenfand, die dasselbe zerstört hatten, +und mehr noch in dem gegen die freiere und höhere aus dem Judentum das +Christentum entwickelnde geistige Bewegung. Die äußere Macht der +Judenschaft war gebrochen und Erhebungen, wie sie in der mittleren +Kaiserzeit stattgefunden haben, begegnen späterhin nicht wieder; mit +dem Staat im Staate waren die römischen Kaiser fertiggeworden, und +indem das eigentlich gefährliche Moment, die propagandistische +Ausbreitung, auf das Christentum überging, waren die Bekenner des alten +Glaubens, die dem neuen Bunde sich verschlossen, für die weitere +allgemeine Entwicklung beseitigt. Aber wenn die Legionen Jerusalem +zerstören konnten, das Judentum selbst konnten sie nicht schleifen; und +was nach der einen Seite Heilmittel war, übte nach der andern die +Wirkung des Giftes. Das Judentum blieb nicht bloß, sondern es ward auch +ein anderes. Es liegt eine tiefe Kluft zwischen dem Judentum der +älteren Zeit, das für seinen Glauben Propaganda macht, dessen +Tempelvorhof die Heiden erfüllen, dessen Priester täglich für Kaiser +Augustus opfern, und dem starren Rabbinismus, der außer Abrahams Schoß +und dem mosaischen Gesetz von der Welt nichts weiß noch wissen will. +Fremde waren die Juden immer gewesen und hatten es sein wollen; aber +das Gefühl der Entfremdung steigerte sich jetzt in ihnen selbst wie +gegen sie in entsetzlicher Weise, und schroff zog man nach beiden +Seiten hin dessen gehässige und schädliche Konsequenzen. Von dem +geringschätzigen Spott des Horatius gegen den aufdringlichen Juden aus +dem römischen Ghetto ist ein weiter Schritt zu dem feierlichen Groll, +welchen Tacitus hegt gegen diesen Abschaum des Menschengeschlechts, dem +alles Reine unrein und alles Unreine rein ist; dazwischen liegen jene +Aufstände des verachteten Volkes und die Notwendigkeit dasselbe zu +besiegen und für seine Niederhaltung fortwährend Geld und Menschen +aufzuwenden. Die in den kaiserlichen Verordnungen stets wiederkehrenden +Verbote der Mißhandlung des Juden zeigen, daß jene Worte der +Gebildeten, wie billig, von den Niederen in Taten übersetzt wurden. Die +Juden ihrerseits machten es nicht besser. Sie wendeten sich ab von der +hellenischen Literatur, die jetzt als befleckend galt, und lehnten +sogar sich auf gegen den Gebrauch der griechischen Bibelübersetzung; +die immer steigende Glaubensreinigung wandte sich nicht bloß gegen die +Griechen und die Römer, sondern ebensosehr gegen die “halben Juden” von +Samaria und gegen die christlichen Ketzer; die Buchstabengläubigkeit +gegenüber den heiligen Schriften stieg bis in die schwindelnde Höhe der +Absurdität, und vor allem stellte ein womöglich noch heiligeres +Herkommen sich fest, in dessen Fesseln alles Leben und Denken +erstarrte. Die Kluft zwischen jener Schrift vom Erhabenen, die den Land +und Meer erschütternden Poseidon Homers und den die leuchtende Sonne +erschaffenden Jehova nebeneinander zu stellen wagt, und den Anfängen +des Talmud, welche dieser Epoche angehören, bezeichnet den Gegensatz +zwischen dem Judentum des ersten und dem des dritten Jahrhunderts. Das +Zusammenleben der Juden und Nichtjuden erwies sich mehr und mehr als +ebenso unvermeidlich wie unter den gegebenen Verhältnissen +unerträglich; der Gegensatz in Glaube, Recht und Sitte verschärfte +sich, und die gegenseitige Hoffart wie der gegenseitige Haß wirkten +nach beiden Seiten hin sittlich zerrüttend. Die Ausgleichung wurde in +diesen Jahrhunderten nicht bloß nicht gefördert, sondern ihre +Verwirklichung immer weiter in die Ferne gerückt, je mehr ihre +Notwendigkeit sich herausstellte. Diese Erbitterung, diese Hoffart, +diese Verachtung, wie sie damals sich festsetzten, sind freilich nur +das unvermeidliche Aufgehen einer vielleicht nicht minder +unvermeidlichen Saat; aber die Erbschaft dieser Zeiten lastet auf der +Menschheit noch heute. + + + + +KAPITEL XII. +Ägypten + + +Die beiden Reiche von Ägypten und Syrien, die so lange in jeder +Hinsicht miteinander gerungen und rivalisiert hatten, fielen ungefähr +um die gleiche Zeit widerstandslos in die Gewalt der Römer. Wenn +dieselben auch von dem angeblichen oder wirklichen Testament Alexanders +II. († 673 81) keinen Gebrauch machten und das Land damals nicht +einzogen, so standen doch die letzten Herrscher des Lagidenhauses +anerkanntermaßen in römischer Klientel; bei Thronstreitigkeiten +entschied der Senat, und seit der römische Statthalter von Syrien, +Aulus Gabinius, den König Ptolemaeos Auletes mit seinen Truppen nach +Ägypten zurückgeführt hatte (699 55; vgl. 4, 160), haben die römischen +Legionen das Land nicht wieder verlassen. Wie die übrigen +Klientelkönige nahmen auch die Herrscher Ägyptens an den Bürgerkriegen +auf Mahnung der von ihnen anerkannten oder ihnen mehr imponierenden +Regierung teil; und wenn es unentschieden bleiben muß, welche Rolle +Antonius in dem phantastischen Ostreich seiner Träume dem Heimatland +des allzu sehr von ihm geliebten Weibes zugedacht hat, so gehört doch +Antonius’ Regiment in Alexandreia sowohl wie der letzte Kampf in dem +letzten Bürgerkrieg vor den Toren dieser Stadt ebensowenig zu der +Spezialgeschichte Ägyptens wie die Schlacht von Aktion zu der von +Epirus. Wohl aber gab diese Katastrophe und der damit verknüpfte Tod +der letzten Fürstin der Lagidendynastie den Anlaß dazu, daß Augustus +den erledigten Thron nicht wieder besetzte, sondern das Königreich +Ägypten in eigene Verwaltung nahm. Diese Einziehung des letzten Stückes +der Küste des Mittelmeeres in die unmittelbare römische Administration +und der zeitlich und pragmatisch damit zusammenfallende Abschluß der +neuen Monarchie bezeichnen dieser für die Verfassung, jene für die +Verwaltung des ungeheuren Reiches den Wendepunkt, das Ende der alten +und den Anfang einer neuen Epoche. + +Die Einverleibung Ägyptens in das Römische Reich vollzog sich insofern +in abweichender Weise, als das sonst den Staat beherrschende Prinzip +der Dyarchie, das heißt des gemeinschaftlichen Regiments der beiden +höchsten Reichsgewalten, des Prinzeps und des Senats, von einigen +untergeordneten Bezirken abgesehen, allein auf Ägypten keine Anwendung +fand, sondern in diesem Lande ^1 dem Senat als solchem sowie jedem +einzelnen seiner Mitglieder jede Beteiligung bei dem Regiment +abgeschnitten, ja sogar den Senatoren und den Personen senatorischen +Ranges das Betreten dieser Provinz untersagt ward ^2. Man darf dies +nicht etwa in der Art auffassen, als wäre Ägypten mit dem übrigen Reich +nur durch eine Personalunion verknüpft; der Prinzeps ist nach dem Sinn +und Geist der Augustischen Ordnung ein integrierendes und dauernd +funktionierendes Element des römischen Staatswesens ebenso wie der +Senat, und seine Herrschaft über Ägypten geradeso ein Teil der +Reichsherrschaft wie die Herrschaft des Prokonsuls von Afrika ^3. Eher +mag man sich das staatsrechtliche Verhältnis in der Weise +verdeutlichen, daß das britische Reich in derselben Verfassung sich +befinden würde, wenn Ministerium und Parlament nur für das Mutterland +in Betracht kämen, die Kolonien dagegen dem absoluten Regiment der +Kaiserin von Indien zu gehorchen hätten. Welche Motive den neuen +Monarchen dazu bestimmten, gleich im Beginn seiner Alleinherrschaft +diese tief einschneidende und zu keiner Zeit angefochtene Einrichtung +zu treffen und wie dieselbe in die allgemeinen politischen Verhältnisse +eingegriffen hat, gehört der allgemeinen Geschichte des Reiches an; +hier haben wir darzulegen, wie unter der Kaiserherrschaft die inneren +Verhältnisse Ägyptens sich gestalteten. + +———————————————————————————— + +^1 Diesen Ausschluß des Mitregiments des Senats wie der Senatoren +bezeichnet Tacitus (hist. 1, 11) mit den Worten, daß Augustus Ägypten +ausschließlich durch seine persönlichen Diener verwalten lassen wollte +(domi retinere; vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 2, S. 963). Prinzipiell +gilt diese abweichende Gestaltung des Regiments für die sämtlichen +nicht von Senatoren verwalteten Provinzen, deren Vorsteher auch +anfänglich vorzugsweise praefecti hießen (CIL V, p. 809, 902). Aber bei +der ersten Teilung der Provinzen zwischen Kaiser und Senat gab es deren +wahrscheinlich keine andere als eben Ägypten; und auch nachher trat der +Unterschied hier insofern schärfer hervor, als die sämtlichen übrigen +Provinzen dieser Kategorie keine Legionen erhielten. Denn in dem +Eintreten der ritterlichen Legionskommandanten statt der senatorischen, +wie es in Ägypten Regel war, findet der Ausschluß des +Senatorenregiments den greifbarsten Ausdruck. + +^2 Diese Bestimmung gilt nur für Ägypten, nicht für die übrigen von +Nichtsenatoren verwalteten Gebiete. Wie wesentlich sie der Regierung +erschien, erkennt man aus dem zu ihrer Sicherung aufgebotenen +konstitutionellen und religiösen Apparat (vit. trig. tyr. c. 22). + +^3 Die gangbare Behauptung, daß provincia für die nicht von Senatoren +verwalteten Distrikte nur abusiv gesetzt werde, ist nicht begründet. +Privateigentum des Kaisers war Ägypten ebensosehr oder ebensowenig wie +Gallien und Syrien - sagt doch Augustus selber (Mon. Ancyr. 5, 24): +Aegyptum imperio populi Romani adieci und legte dem Statthalter, da er +als Ritter nicht pro praetore sein konnte, durch besonderes Gesetz die +gleiche prozessualische Kompetenz bei, wie sie die römischen Prätoren +hatten (Tac. ann. 12, 60). + +———————————————————————————— + +Was im allgemeinen von allen hellenischen oder hellenisierten Gebieten +gilt, daß die Römer, indem sie sie zum Reiche zogen, die einmal +bestehenden Einrichtungen konservierten und nur, wo es schlechterdings +notwendig erschien, Modifikationen eintreten ließen, das findet in +vollem Umfang Anwendung auf Ägypten. + +Wie Syrien so war Ägypten, als es römisch ward, ein Land zwiefacher +Nationalität; auch hier stand neben und über dem Einheimischen der +Grieche, jener der Knecht, dieser der Herr. Aber rechtlich und +tatsächlich waren die Verhältnisse der beiden Nationen in Ägypten von +denen Syriens völlig verschieden. + +Syrien stand wesentlich schon in der vorrömischen und durchaus in der +römischen Epoche nur mittelbar unter der Landesregierung; es zerfiel +teils in Fürstentümer, teils in autonome Stadtbezirke und wurde +zunächst von den Landesherren oder Gemeindebehörden verwaltet. In +Ägypten ^4 dagegen gibt es weder Landesfürsten noch Reichsstädte nach +griechischer Art. Die beiden Verwaltungskreise, in welche Ägypten +zerfällt, das “Land” (η χώρα) der Ägypter mit seinen ursprünglich +sechsunddreißig Bezirken (νομοί) und die beiden griechischen Städte +Alexandreia in Unter- und Ptolemais in Oberägypten ^5 sind streng +gesondert und scharf sich entgegengesetzt und doch eigentlich kaum +verschieden. Der Land- wie der Stadtbezirk ist nicht bloß territorial +abgegrenzt, sondern jener wie dieser auch Heimatbezirk; die +Zugehörigkeit zu einem jeden ist unabhängig vom Wohnort und erblich. +Der Ägypter aus dem chemmitischen Nomos gehört demselben mit den +Seinigen ebenso an, wenn er seinen Wohnsitz in Alexandreia hat, wie der +in Chemmis wohnende Alexandriner der Bürgerschaft von Alexandreia. Der +Landbezirk hat zu seinem Mittelpunkt immer eine städtische Ansiedlung, +der chemmitische zum Beispiel die um den Tempel des Chemmis oder des +Pan erwachsene Stadt Panopolis, oder, wie dies in griechischer +Auffassung ausgedrückt wird, es hat jeder Nomos seine Metropolis; +insofern kann jeder Landbezirk auch als Stadtbezirk gelten. Wie die +Städte sind auch die Nomen in der christlichen Epoche die Grundlage der +episkopalen Sprengel geworden. Die Landbezirke ruhen auf den in Ägypten +alles beherrschenden Kultusordnungen; Mittelpunkt für einen jeden ist +das Heiligtum einer bestimmten Gottheit und gewöhnlich führt er von +dieser oder von dem heiligen Tier derselben den Namen; so heißt der +chemmitische Bezirk nach dem Gott Chemmis oder nach griechischer +Gleichung dem Pan, andere Bezirke nach dem Hund, dem Löwen, dem +Krokodil. Aber auch umgekehrt fehlt den Stadtbezirken der religiöse +Mittelpunkt nicht; Alexandreias Schutzgott ist Alexander, der +Schutzgott von Ptolemais der erste Ptolemaeos, und die Priester, die +dort wie hier für diesen Kult und den ihrer Nachfolger eingesetzt sind, +sind für beide Städte die Eponymen. Dem Landbezirk fehlt völlig die +Autonomie: die Verwaltung, die Besteuerung, die Rechtspflege liegen in +der Hand der königlichen Beamten ^6 und die Kollegialität, das +Palladium des griechischen wie des römischen Gemeinwesens, ist hier in +allen Stufen schlechthin ausgeschlossen. Aber in den beiden +griechischen Städten ist es auch nicht viel anders. Es gibt wohl eine +in Phylen und Demen eingeteilte Bürgerschaft, aber keinen Gemeinderat +^7; die Beamten sind wohl andere und anders benannte als die der Nomen, +aber auch durchaus Beamte königlicher Ernennung und ebenfalls ohne +kollegialische Einrichtung. Erst Hadrian hat einer ägyptischen +Ortschaft, dem von ihm zum Andenken an seinen im Nil ertrunkenen +Liebling angelegten Antinoopolis, Stadtrecht nach griechischer Art +gegeben und späterhin Severus, vielleicht ebensosehr den Antiochenern +zum Trutz als zu Nutz der Ägypter, der Hauptstadt Ägyptens und der +Stadt Ptolemais und noch mehreren anderen ägyptischen Gemeinden zwar +keine städtischen Magistrate, aber doch einen städtischen Rat +bewilligt. Bis dahin nennt sich zwar im offiziellen Sprachgebrauch die +ägyptische Stadt Nomos, die griechische Polis, aber eine Polis ohne +Archonten und Buleuten ist ein inhaltloser Name. So ist es auch in der +Prägung. Die ägyptischen Nomen haben das Prägerecht nicht gehabt; aber +noch weniger hat Alexandreia jemals Münzen geschlagen. Ägypten ist +unter allen Provinzen der griechischen Reichshälfte die einzige, welche +keine andere Münze als Königsmünze kennt. Auch in römischer Zeit war +dies nicht anders. Die Kaiser stellten die unter den letzten Lagiden +eingerissenen Mißbräuche ab: Augustus beseitigte die unreelle +Kupferprägung derselben, und als Tiberius die Silberprägung wieder +aufnahm, gab er dem ägyptischen Silbergeld ebenso reellen Wert wie dem +übrigen Provinzialcourant des Reiches ^8. Aber der Charakter der +Prägung blieb im wesentlichen der gleiche ^9. Es ist ein Unterschied +zwischen Nomos und Polis wie zwischen dem Gott Chemmis und dem Gott +Alexander; in administrativer Hinsicht ist eine Verschiedenheit nicht +da. Ägypten bestand aus einer Mehrzahl ägyptischer und einer Minderzahl +griechischer Ortschaften, welche sämtlich der Autonomie entbehrten und +sämtlich unter unmittelbarer und absoluter Verwaltung des Königs und +der von diesem ernannten Beamten standen. + +——————————————————————————————- + +^4 Selbstverständlich ist hier das Land Ägypten gemeint, nicht die den +Lagiden unterworfenen Besitzungen. Kyrene war ähnlich geordnet. Aber +auf das südliche Syrien und die übrigen, längere oder kürzere Zeit in +ägyptischer Gewalt stehenden Territorien ist das eigentlich ägyptische +Regiment niemals angewandt worden. + +^5 Dazu kommt weiter Naukratis, die älteste schon vor den Ptolemäern in +Ägypten gegründete Griechenstadt; ferner Paraetonion, das freilich +gewissermaßen schon außerhalb der Grenzen Ägyptens liegt. + +^6 Eine gewisse gemeinschaftliche Aktion, ähnlich derjenigen; wie sie +auch von den Regionen und den vici der sich selbst verwaltenden +Stadtgemeinden geübt wird hat natürlich nicht gefehlt: dahin gehört, +was von Agoranomie und Gymnasiarchie in den Nomen begegnet, ebenso die +Setzung von Ehrendenkmälern und dergleichen mehr, was übrigens alles +nur in geringem Umfang und meist erst spät sich zeigt. Nach dem Edikt +des Alexander (CIG 4957, Z. 34) scheinen die Strategen von dem +Statthalter nicht eigentlich ernannt, sondern nur nach angestellter +Prüfung bestätigt worden zu sein; wer den Vorschlag gehabt hat, wissen +wir nicht. + +^7 Deutlich treten die Verhältnisse hervor in der im Anfang der +Regierung des Pius dem bekannten Redner Aristeides von den ägyptischen +Griechen gesetzten Inschrift (CIG 4679); als Dedikanten werden genannt +η πόλις τών Αλεξανδρέων καί Ερμούπολις η μεγάλη καί η βουλή η Αντινοέων +νέων Έλληνων καί οι εν τώ Δέλτα τής Αιγύπτου καί οι τόν Θηβαικόν νομόν +οικούντεσ Έλληνες.. Also nur Antinoopolis, die Stadt der “neuen +Hellenen”, hat eine Bule; Alexandreia erscheint ohne diese, aber als +griechische Stadt in der Gesamtheit. Außerdem beteiligten sich bei +dieser Widmung die im Delta und die in Thebae lebenden Griechen, von +den ägyptischen Städten einzig Groß-Hermopolis, wobei wahrscheinlich +die unmittelbare Nachbarschaft von Antinoopolis eingewirkt hat. +Ptolemais legt Strabon (17, 1, 42 p. 813) ein σύστημα πολιτικόν εν τώ +Ελληνικώ τρόπω bei; aber schwerlich darf man dabei an mehr denken, als +was der Hauptstadt nach ihrer uns genauer bekannten Verfassung zustand, +also namentlich an die Teilung der Bürgerschaft in Phylen. Daß die +vorptolemäische Griechenstadt Naukratis die Bule, die sie ohne Zweifel +gehabt hat, in ptolemäischer Zeit behalten hat, ist möglich, kann aber +für die Ptolemäischen Ordnungen nicht entscheiden. + +Dios Angabe (51, 17), daß Augustus die übrigen ägyptischen Städte bei +ihrer Ordnung beließ, den Alexandrinern aber wegen ihrer +Unzuverlässigkeit den Gemeinderat nahm, beruht wohl auf Mißverständnis, +um so mehr, als danach Alexandreia zurückgesetzt erscheint gegen die +sonstigen ägyptischen Gemeinden, was durchaus nicht zutrifft. + +^8 Die ägyptische Goldprägung hörte natürlich mit der Einziehung des +Landes auf, da es im Römischen Reiche nur Reichsgold gibt. Auch mit dem +Silber hat Augustus es ebenso gehalten und als Herr von Ägypten +lediglich Kupfer und auch dies nur in mäßigen Quantitäten schlagen +lassen. Zuerst Tiberius prägte seit 27/28 n. Chr. Silbermünze für die +ägyptische Zirkulation, dem Anschein nach als Zeichengeld, da die +Stücke ungefähr dem Gewicht nach 4, dem Silbergehalt nach 1 römischen +Denar entsprechen (Feuardent, Numismatique de la Égypte ancienne. Bd. +2, S. XI). Aber da im legalen Kurs die alexandrinische Drachme als +Obolus (also als Sechstel, nicht als Viertel; vergleiche Römisches +Münzwesen, S. 43, 723) des römischen Denars angesetzt wurde (Hermes 5, +1870, S. 136) und das provinziale Silber gegenüber dem Reichssilber +immer verlor, ist vielmehr das alexandrinische Tetradrachmon vom +Silberwert eines Denars zum Kurswert von 2s Denar angesetzt worden. +Demnach ist bis auf Commodus, von wo ab das alexandrinische +Tetradrachmon wesentlich Kupfermünze ist, dasselbe gerade ebenso +Wertmünze gewesen wie das syrische Tetradrachmon und die kappadokische +Drachme; man hat nur jenem den alten Namen und das alte Gewicht +gelassen. + +^9 Daß Kaiser Hadrianus unter anderen seiner ägyptisierenden Launen +auch den Nomen so wie seiner neuen Antinoopolis für einmal das +Prägerecht gab, was dann nachher noch ein paar Mal geschehen ist, +ändert an der Regel nichts. + +——————————————————————————————- + +Es war hiervon eine Folge, daß Ägypten allein unter allen römischen +Provinzen keine allgemeine Vertretung gehabt hat. Der Landtag ist die +Gesamtrepräsentation der sich selber verwaltenden Gemeinden der +Provinz. In Ägypten aber gab es solche nicht; die Nomen waren lediglich +kaiserliche oder vielmehr königliche Verwaltungsbezirke, und +Alexandreia stand nicht bloß so gut wie allein, sondern war ebenfalls +ohne eigentliche munizipale Organisation. Der an der Spitze der +Landeshauptstadt stehende Priester konnte wohl sich “Oberpriester von +Alexandreia und ganz Ägypten” nennen und hat eine gewisse Ähnlichkeit +mit dem Asiarchen und dem Bithyniarchen Kleinasiens; aber die tiefe +Verschiedenheit der Organisationen wird dadurch doch nur verdeckt. + +Die Herrschaft trägt dementsprechend in Ägypten einen ganz anderen +Charakter als in dem übrigen schließlich unter dem Kaiserregiment +zusammengefaßten Gebiet der griechischen und der römischen +Zivilisation. In diesem verwaltet durchgängig die Gemeinde; der +Herrscher des Reiches ist genau genommen nur der gemeinsame Vorsteher +der zahlreichen mehr oder minder autonomen Bürgerschaften, und neben +den Vorzügen der Selbstverwaltung treten ihre Nachteile und Gefahren +überall hervor. In Ägypten ist der Herrscher König, der Landesbewohner +sein Untertan, die Verwaltung die der Domäne. Diese prinzipiell ebenso +von oben herab absolut geführte wie auf das gleiche Wohlergehen aller +Untertanen ohne Unterschied des Ranges und des Vermögens gerichtete +Verwaltung ist die Eigenart des Lagidenregiments, entwickelt +wahrscheinlich mehr aus der Hellenisierung der alten +Pharaonenherrschaft als aus der städtisch geordneten Weltherrschaft, +wie der große Makedonier sie gedacht hatte und wie sie am +vollkommensten in dem syrischen Neu-Makedonien zur Durchführung +gelangte. Das System forderte einen in eigener Person nicht bloß +heerführenden, sondern in täglicher Arbeit verwaltenden König, eine +entwickelte und streng disziplinierte Beamtenhierarchie, rücksichtslose +Gerechtigkeit gegen Hohe und Niedere; und wie diese Herrscher, nicht +durchaus ohne Grund, sich wohl den Namen des Wohltäters (ευεργέτης) +beilegten, so darf die Monarchie der Lagiden zusammengestellt werden +mit der friderizianischen, von der sie in den Grundzügen sich nicht +entfernte. Allerdings hatte die Kehrseite, das unvermeidliche +Zusammenbrechen des Systems in unfähiger Hand, auch Ägypten erfahren. +Aber die Norm blieb; und der augustische Prinzipat neben der +Senatsherrschaft ist nichts als die Vermählung des Lagidenregiments mit +der alten städtischen und bündischen Entwicklung. + +Eine weitere Folge dieser Regierungsform ist die namentlich vom +finanziellen Standpunkt aus unzweifelhafte Überlegenheit der +ägyptischen Verwaltung über diejenige der übrigen Provinzen. Man kann +die vorrömische Epoche bezeichnen als das Ringen der finanziell +dominierenden Macht Ägyptens mit dem räumlich den übrigen Osten +erfüllenden asiatischen Reich; in der römischen setzt sich dies in +gewissem Sinn darin fort, daß die kaiserlichen Finanzen insbesondere +durch den ausschließlichen Besitz Ägyptens denen des Senats überlegen +gegenüberstehen. Wenn es der Zweck des Staates ist, den möglichst +großen Betrag aus dem Gebiet herauszuwirtschaften, so sind in der alten +Welt die Lagiden die Meister der Staatskunst schlechthin gewesen. +Insonderheit waren sie auf diesem Gebiet die Lehrmeister und die +Vorbilder der Caesaren. Wie viel die Römer aus Ägypten zogen, vermögen +wir nicht mit Bestimmtheit zu sagen. In der persischen Zeit hatte +Ägypten einen Jahrestribut von 700 babylonischen Talenten Silbers, etwa +4 Mill. Mark entrichtet; die Jahreseinnahme der Ptolemäer aus Ägypten +oder vielmehr aus ihren Besitzungen überhaupt betrug in ihrer +glänzendsten Periode 12800 ägyptische Silbertalente oder 57 Mill. Mark +und außerdem 1½ Mill. Artaben = 591000 Hektoliter Weizen; am Ende ihrer +Herrschaft reichlich 6000 Talente oder 23 Mill. Mark. Die Römer bezogen +aus Ägypten jährlich den dritten Teil des für den Konsum von Rom +erforderlichen Korns, 20 Mill. römische Scheffel ^10 = 1740000 +Hektoliter; indes ist ein Teil davon sicher aus den eigentlichen +Domänen geflossen, ein anderer vielleicht gegen Entschädigung geliefert +worden, während andererseits die ägyptischen Steuern wenigstens zu +einem großen Teil in Geld angesetzt waren, so daß wir nicht imstande +sind, die ägyptische Einnahme der römischen Reichskasse auch nur +annähernd zu bestimmen. Aber nicht bloß durch ihre Höhe ist sie für die +römische Staatswirtschaft von entscheidender Bedeutung gewesen, sondern +weil sie als Vorbild diente zunächst für den kaiserlichen +Domanialbesitz in den übrigen Provinzen, überhaupt aber für die gesamte +Reichsverwaltung, wie dies bei deren Darlegung auseinanderzusetzen ist. + +——————————————————————- + +^10 Diese Ziffer gibt die sogenannte Epitome Victors c. 1 für die Zeit +Augusts. Nachdem diese Abgabe auf Konstantinopel übergegangen war, +gingen dahin unter Justinian (ed. 13 c. 8) jährlich 8 Mill. Artaben +(denn diese sind nach c. 6 zu verstehen) oder 26 2/3 Mill. römischer +Scheffel (Hultsch, Metrologie, S. 628), wozu dann noch die von +Diocletian eingeführte gleichartige Abgabe an die Stadt Alexandreia +hinzutritt. Den Schiffern wurden für den Transport nach Konstantinopel +jährlich 8000 Solidi = 100000 Mark aus der Staatskasse gezahlt. + +——————————————————————- + +Aber wenn die kommunale Selbstverwaltung in Ägypten keine Stätte hat +und in dieser Hinsicht zwischen den beiden Nationen, aus welchen dieser +Staat ebenso wie der syrische sich zusammensetzt, eine reale +Verschiedenheit nicht besteht, so ist zwischen ihnen in anderer +Beziehung eine Schranke aufgerichtet, wozu Syrien keine Parallele +bietet. Nach der Ordnung der makedonischen Eroberer disqualifizierte +die ägyptische Ortsangehörigkeit für sämtliche öffentliche Ämter und +für den besseren Kriegsdienst. Wo der Staat seinen Bürgern Zuwendungen +machte, beschränkten sich diese auf die der griechischen Gemeinden ^11; +die Kopfsteuer dagegen zahlten lediglich die Ägypter, und auch von den +Gemeindelasten, die die Eingesessenen des einzelnen ägyptischen +Bezirkes treffen, sind die daselbst ansässigen Alexandriner befreit +^12. Obwohl im Fall des Vergehens der Rücken des Ägypters wie des +Alexandriners büßte, so durfte doch dieser sich rühmen, und tat es +auch, daß ihn der Stock treffe und nicht wie jenen die Peitsche ^13. +Sogar die Gewinnung des besseren Bürgerrechts war den Ägyptern +untersagt ^14. Die Bürgerverzeichnisse der zwei großen von den beiden +Reichsgründern geordneten und benannten Griechenstädte in Unter- und +Oberägypten faßten die herrschende Bevölkerung in sich, und der Besitz +des Bürgerrechts einer dieser Städte war in dem Ägypten der Ptolemäer +dasselbe, was der Besitz des römischen Bürgerrechts im Römischen Reich. +Was Aristoteles dem Alexander empfahl, den Hellenen ein Herrscher +(ηγεμών), den Barbaren ein Herr zu sein, jene als Freunde und Genossen +zu versorgen, diese wie die Tiere und die Pflanzen zu nutzen, das haben +die Ptolemäer in vollem Umfang praktisch durchgeführt. Der König, +größer und freier als sein Lehrmeister, trug den höheren Gedanken im +Sinne der Umwandlung der Barbaren in Hellenen oder wenigstens der +Ersetzung der barbarischen Ansiedlungen durch hellenische, und diesem +gewährten die Nachfolger fast überall und namentlich in Syrien breiten +Spielraum ^15. In Ägypten geschah das gleiche nicht. Wohl suchten +dessen Herrscher mit den Eingeborenen namentlich auf dem religiösen +Gebiet Fühlung zu halten und wollten nicht als Griechen über die +Ägypter, viel eher als irdische Götter über die Untertanen insgemein +herrschen; aber damit vertrug sich die ungleiche Berechtigung der +Untertanen durchaus, eben wie die rechtliche und faktische Bevorzugung +des Adels ein ebenso wesentlicher Teil des friderizianischen Regiments +war wie die gleiche Gerechtigkeit gegen Vornehme und Geringe. + +————————————————————— + +^11 Wenigstens schloß Kleopatra bei einer Getreideverteilung in +Alexandreia die Juden aus (Ios. c. Ap. 2, 5), um so viel mehr also die +Ägypter. + +^12 Das Edikt des Alexander (CIG 4957) Z. 33 f. befreit die εν τή χώρα +(nicht εν τή πόλει) ihrer Geschäfte wegen wohnhaften εγγενείς +Αλεξανδρεις von den λειτουργίαι χωρικαί. + +^13 “Es bestehen”, sagt der alexandrinische Jude Philon (in Flacc. 10), +“hinsichtlich der körperlichen Züchtigung (τών μαστίγων) Unterschiede +in unserer Stadt nach dem Stande der zu Züchtigenden: die Ägypter +werden mit anderer Geißel gezüchtigt und von anderen, die Alexandriner +aber mit Stöcken (σπάθαις; σπάθη ist die Rispe des Palmblatts) und von +den alexandrinischen Stockträgern” (σπαθηφόροι, etwa bacillarius). Er +beklagt sich nachher bitter, daß die Ältesten seiner Gemeinde, wenn sie +einmal gehauen werden sollten, nicht wenigstens mit den anständigen +Bürgerprügeln (ταίς ελευθεριωτέραις καί πολιτικωτέραις μάστιξιν) +bedacht worden seien. + +^14 Ios. c. Ap. 2, 4: μόνοις Αιγυπτίοις οι κύριοι νύν Ρωμαίοι τής +οικουμένης μεταλαμβάνειν ηστινοσούν πολιτείας απειρήκασιν. 6: Aegyptiis +neque regum quisquam videtur ius civitatis fuisse largitus neque nunc +quilibet imperatorum (vgl. Eph. epigr. V, p. 13). Derselbe rückt seinem +Widersacher vor (2, 3, 4), daß er, ein geborener Ägypter, seine Heimat +verleugnet und sich für einen Alexandriner ausgegeben habe. +Einzelausnahmen werden dadurch nicht ausgeschlossen. + +^15 Auch die alexandrinische Wissenschaft hat im Sinne des Königs gegen +diesen Satz (Plut. de fort. Alex. 1, 6) protestiert; Eratosthenes +bezeichnete die Zivilisation als nicht den Hellenen allein eigen und +nicht allen Barbaren abzusprechen, zum Beispiel nicht den Indern, den +Arianern, den Römern, den Karthagern; die Menschen seien vielmehr zu +teilen in “gute” und “schlechte” (Strabon 1. fin. p. 66). Aber von +dieser Theorie ist auf die ägyptische Rasse auch unter den Lagiden +keine praktische Anwendung gemacht worden. + +————————————————————— + +Wie die Römer im Orient überhaupt das Werk der Griechen fortsetzten, so +blieb auch die Ausschließung der einheimischen Ägypter von der +Gewinnung des griechischen Bürgerrechts nicht bloß bestehen, sondern +wurde auf das römische Bürgerrecht ausgedehnt. Der ägyptische Grieche +dagegen konnte das letztere ebenso wie jeder andere Nichtbürger +gewinnen. Der Eintritt freilich in den Senat wurde ihm so wenig +gestattet wie dem römischen Bürger aus Gallien, und diese Beschränkung +ist viel länger für Ägypten als für Gallien in Kraft geblieben ^16; +erst im Anfang des dritten Jahrhunderts wurde in einzelnen Fällen davon +abgesehen, und als Regel hat sie noch im fünften gegolten. In Ägypten +selbst wurden die Stellungen der Oberbeamten, das heißt der für die +ganze Provinz fungierenden, und ebenso die Offizierstellen den +römischen Bürgern in der Form vorbehalten, daß als Qualifikation dafür +das Ritterpferd verlangt ward; es war dies durch die allgemeine +Reichsordnung gegeben, und ähnliche Privilegien hatten ja in Ägypten +unter den früheren Lagiden die Makedonier gegenüber den sonstigen +Griechen besessen. Die Ämter zweiten Ranges blieben unter römischer +Herrschaft wie bisher den ägyptischen Ägyptern verschlossen und wurden +mit Griechen besetzt, zunächst den Bürgern von Alexandreia und +Ptolemais. Wenn im Reichskriegsdienst für die erste Klasse das römische +Bürgerrecht gefordert wurde, so ließ man doch bei den in Ägypten selbst +stationierten Legionen auch den ägyptischen Griechen nicht selten in +der Weise zu, daß ihm bei der Aushebung das römische Bürgerrecht +verliehen ward. Für die Kategorie der Auxiliartruppen unterlag die +Zulassung der Griechen keiner Beschränkung; die Ägypter aber sind auch +hierfür wenig oder gar nicht, dagegen für die unterste Klasse, die in +der ersten Kaiserzeit noch aus Sklaven gebildete Flottenmannschaft, +späterhin in beträchtlicher Zahl verwendet worden. Im Lauf der Zeit hat +die Zurücksetzung der eingeborenen Ägypter wohl in ihrer Strenge +nachgelassen und sind dieselben öfter zum griechischen und mittels +dessen auch zum römischen Bürgerrecht gelangt; im ganzen aber ist das +römische Regiment einfach die Fortsetzung wie der griechischen +Herrschaft so auch der griechischen Exklusivität gewesen. Wie das +makedonische Regiment sich mit Alexandreia und Ptolemais begnügt hatte, +so hat auch das römische einzig in dieser Provinz nicht eine einzige +Kolonie gegründet ^17. + +——————————————————————- + +^16 Auch die Zulassung zu den ritterlichen Stellungen war wenigstens +erschwert: non est ex albo iudex patre Aegyptio (CIL IV, 1943; vgl. +Römisches Staatsrecht, Bd. 2, S. 919, A. 2; Eph. epigr. V, p. 13 n. 2). +Doch begegnen früh einzelne Alexandriner in ritterlichen Ämtern wie +Tiberius Julius Alexander (Anm. 21). + +^17 Wenn die Worte des Plinius (nat. 5, 31, 128) genau sind, daß die +Pharos-Insel vor dem Hafen von Alexandreia eine colonia Caesaris +dictatoris sei (vgl. 5, 221), so hat der Diktator auch hier über +Aristoteles hinaus wie Alexander gedacht. Darüber aber kann kein +Zweifel sein, daß nach der Einziehung Ägyptens es dort nie eine +römische Kolonie gegeben hat. + +——————————————————————- + +Auch die Sprachordnung ist in Ägypten wesentlich unter den Römern +geblieben, wie die Ptolemäer sie festgestellt hatten. Abgesehen von dem +Militär, bei dem das Lateinische allein herrschte, ist für den Verkehr +der oberen Stellen die Geschäftssprache die griechische. Der +einheimischen Sprache, die von den semitischen wie von den arischen +Sprachen radikal verschieden, am nächsten vielleicht derjenigen der +Berber in Nordafrika verwandt ist, und der einheimischen Schrift haben +die römischen Herrscher und ihre Statthalter sich nie bedient, und wenn +schon unter den Ptolemäern den ägyptisch geschriebenen Aktenstücken +griechische Übersetzung beigefügt werden mußte, so gilt für diese ihre +Nachfolger mindestens dasselbe. Allerdings blieb es den Ägyptern +unverwehrt, soweit es ihnen nach dem Ritual erforderlich oder sonst +zweckmäßig erschien, sich der Landessprache und ihrer altgeheiligten +Schriftzeichen zu bedienen; es mußte auch in diesem alten Heim des +Schriftgebrauchs im gewöhnlichen Verkehr nicht bloß bei +Privatkontrakten, sondern selbst bei Steuerquittungen und ähnlichen +Schriftstücken die dem großen Publikum allein geläufige Landessprache +und die übliche Schrift zugelassen werden. Aber es war dies eine +Konzession und der herrschende Hellenismus bemüht, sein Reich zu +erweitern. Das Bestreben, den im Lande herrschenden Anschauungen und +Überlieferungen auch im Griechischen einen allgemein gültigen Ausdruck +zu schaffen, hat der Doppelnamigkeit in Ägypten eine Ausdehnung gegeben +wie nirgend sonst. Alle ägyptischen Götter, deren Namen nicht selbst +den Griechen geläufig wurden, wie der der Isis, wurden mit +entsprechenden oder auch nicht entsprechenden griechischen geglichen; +vielleicht die Hälfte der Ortschaften, eine Menge von Personen führen +sowohl eine einheimische wie eine griechische Benennung. Allmählich +drang hierin die Hellenisierung durch. Die alte heilige Schrift +begegnet auf den erhaltenen Denkmälern zuletzt unter Kaiser Decius um +die Mitte des 3., ihre geläufigere Abart zuletzt um die Mitte des 5. +Jahrhunderts; aus dem gemeinen Gebrauch sind beide beträchtlich früher +verschwunden. Die Vernachlässigung und der Verfall der einheimischen +Elemente der Zivilisation drückt sich darin aus. Die Landessprache +selbst behauptete sich noch lange nachher in den abgelegenen Orten und +den niederen Schichten und ist erst im 17. Jahrhundert völlig +erloschen, nachdem sie, die Sprache der Kopten, gleich wie die +syrische, infolge der Einführung des Christentums und der auf die +Hervorrufung einer volkstümlich-christlichen Literatur gerichteten +Bemühungen, in der späteren Kaiserzeit eine beschränkte Regeneration +erfahren hatte. + +In dem Regiment kommt vor allem in Betracht die Unterdrückung des Hofes +und der Residenz, die notwendige Folge der Einziehung des Landes durch +Augustus. Es blieb wohl, was bleiben konnte. Auf den in der +Landessprache, also bloß für Ägypter geschriebenen Inschriften heißen +die Kaiser wie die Ptolemäer Könige von Ober- und Unterägypten und die +Auserwählten der ägyptischen Landesgötter, daneben freilich auch, was +bei den Ptolemäern nicht geschehen war, Großkönige ^18. Die Zeiten +zählte man in Ägypten wie bisher nach dem landüblichen Kalender und +seinem auf die römischen Herrscher übergehenden Königsjahr; den +goldenen Becher, den in jedem Juni der König in den schwellenden Nil +warf, warf jetzt der römische Vizekönig. Aber damit reichte man nicht +weit. Der römische Herrscher konnte die mit seiner Reichsstellung +unvereinbare Rolle des ägyptischen Königs nicht durchführen. Mit der +Vertretung durch einen Untergebenen machte der neue Landesherr gleich +bei dem ersten nach Ägypten gesandten Statthalter unbequeme +Erfahrungen; der tüchtige Offizier und talentvolle Poet, der es nicht +hatte lassen können, auch seinen Namen den Pyramiden einzuschreiben, +wurde deswegen abgesetzt und ging daran zugrunde. Es war unvermeidlich, +hier Schranken zu setzen. Die Geschäfte, deren Erledigung nach dem +Alexandersystem nicht minder dem Fürsten persönlich oblag ^19 wie nach +der Ordnung des römischen Prinzipats, mochte der römische Statthalter +führen wie der einheimische König; König durfte er weder sein noch +scheinen ^20. Es ward das in der zweiten Stadt der Welt sicher tief und +schwer empfunden. Der bloße Wechsel der Dynastie wäre nicht allzu sehr +ins Gewicht gefallen. Aber ein Hof wie der der Ptolemäer, geordnet nach +dem Zeremoniell der Pharaonen, König und Königin in ihrer Göttertracht, +der Pomp der Festzüge, der Empfang der Priesterschaften und der +Gesandten, die Hofbankette, die großen Zeremonien der Krönung, der +Eidesleistung, der Vermählung, der Bestattung, die Hofämter der +Leibwächter und des Oberleibwächters (αρχισωματοφύλαξ), des +einführenden Kammerherrn (εισανγγελεύς), des Obertafelmeisters +(αρχεδέατρος), des Oberjägermeisters (αρχικυνηγός), die Vettern und +Freunde des Königs, die Dekorierten - das alles ging für die +Alexandriner ein für alle Mal unter mit der Verlegung des +Herrschersitzes vom Nil an den Tiber. Nur die beiden berühmten +alexandrinischen Bibliotheken blieben dort mit allem ihrem Zubehör und +Personal als Rest der alten königlichen Herrlichkeit. Ohne Frage büßte +Ägypten bei der Depossedierung seiner Regenten sehr viel mehr ein als +Syrien; freilich waren beide Völkerschaften in der machtlosen Lage, daß +sie hinnehmen mußten, was ihnen angesonnen ward, und an eine Auflehnung +für die verlorene Weltmachtstellung ist hier so wenig wie dort auch nur +gedacht worden. + +————————————————————— + +^18 Augustus’ Titulatur lautet bei den ägyptischen Priestern +folgendermaßen: “Der schöne Knabe, lieblich durch Liebenswürdigkeit, +der Fürst der Fürsten, auserwählt von Ptah und Nun dem Vater der +Götter, König von Oberägypten und König von Unterägypten, Herr der +beiden Länder, Autokrator, Sohn der Sonne, Herr der Diademe, Kaisar, +ewig lebend, geliebt von Ptah und Isis”; wobei die beiden Eigennamen +Autokrator Kaisar aus dem Griechischen beibehalten sind. Der +Augustustitel kommt zuerst bei Tiberius in ägyptischer Übersetzung +(ntixu), mit beibehaltenem griechischem Σεβαστός zuerst unter Domitian +vor. Die Titulatur des schönen lieblichen Knaben, welche in besserer +Zeit nur den zu Mitregenten erklärten Kindern gegeben zu werden pflegt, +ist späterhin stereotyp geworden und findet sich wie für Caesarion und +Augustus, so auch für Tiberius, Claudius, Titus, Domitian verwendet. +Wichtiger ist es, daß abweichend von der älteren Titulatur, wie sie zum +Beispiel griechisch auf der Inschrift von Rosette sich findet (CIG +4697), bei den Caesaren von Augustus an der Titel hinzutritt “Fürst der +Fürsten”, womit ohne Zweifel deren, den früheren Königen fehlende +Großkönigstellung ausgedrückt werden soll. + +^19 Wenn die Leute wüßten, pflegte König Seleukos zu sagen (Plus. an +seni 11), was es für eine Last ist, so viele Briefe zu schreiben und zu +lesen, so würden sie das Diadem, wenn es zu ihren Füßen läge, nicht +aufheben. + +^20 Daß derselbe andere Abzeichen trug als die Offiziere überhaupt +(Hirschfeld, Verwaltungsgeschichte, S. 271), wird aus vita Hadr. 4 +schwerlich gefolgert werden dürfen. + +————————————————————— + +Die Verwaltung des Landes liegt, wie schon gesagt ward, in den Händen +des “Stellvertreters”, das heißt des Vizekönigs; denn obwohl der neue +Landesherr, mit Rücksicht auf seine Stellung im Reiche, sowohl für sich +wie für seine höher gestellten Vertreter der königlichen Benennungen +auch in Ägypten sich enthielt, so hat er doch der Sache nach durchaus +als Nachfolger der Ptolemäer die Herrschaft geführt, und die gesamte +zivile wie militärische Obergewalt ist in seiner und seines Vertreters +Hand vereinigt. Daß weder Nichtbürger noch Senatoren diese Stellung +bekleiden durften, ist schon bemerkt worden; Alexandrinern, wenn sie +zum Bürgerrecht und ausnahmsweise zum Ritterpferd gelangt waren, ist +sie zuweilen übertragen worden ^21. Im übrigen stand dieses Amt unter +den nicht senatorischen an Rang und Einfluß anfänglich allen übrigen +voran und späterhin einzig der Kommandantur der kaiserlichen Garde +nach. Außer den eigentlichen Offizieren, wobei nur der Ausschluß des +Senators und die dadurch bedingte niedrigere Titulatur des +Legionskommandanten (praefectus statt legatus) von der allgemeinen +Ordnung sich entfernt, fungieren neben und unter dem Statthalter und +gleichfalls für ganz Ägypten ein oberster Beamter für die Justiz und +ein oberster Finanzverwalter, beide ebenfalls römische Bürger vom +Ritterrang und, wie es scheint, nicht dem Verwaltungsschema der +Ptolemäer entlehnt, sondern nach einem auch in anderen kaiserlichen +Provinzen angewandten Verfahren dem Statthalter zu- und untergeordnet +^22. + +————————————————————————- + +^21 So hat Tiberius Julius Alexander, ein alexandrinischer Jude, in den +letzten Jahren Neros diese Statthalterschaft geführt; allerdings +gehörte er einer sehr reichen und vornehmen, selbst mit dem +kaiserlichen Hause verschwägerten Familie an und hatte im Partherkrieg +sich als Generalstabschef Corbulos ausgezeichnet, welche Stellung er +bald nachher in dem Jüdischen Krieg des Titus abermals übernahm. Er muß +einer der tüchtigsten Offiziere dieser Epoche gewesen sein. Ihm ist die +pseudo-aristotelische, offenbar von einem andern alexandrinischen Juden +verfaßte Schrift περί κοσμού gewidmet (J. Bernays, Gesammelte +Abhandlungen. Bd. 2, S. 278). + +^22 Unverkennbar sind der iuridicus Aegypti (CIL X, 6976; auch missus +in Aegyptum ad iurisdictionem Bull. dell’ Inst. 1856, S. 142; iuridicus +Alexandreae CIL VI, 1564; VIII, 8925, 8934; Dig. 1, 20, 2) und der +idiologus ad Aegyptum (CIL X, 4862; procurator ducenarius Alexandriae +idiulogu Eph. epigr. V, p. 30 und CIG 3751; ο γνώμων τού ιδίου λόγου +CIG 4957 v. 44 vgl. v. 39) den neben den Legaten der kaiserlichen +Provinzen stehenden Hilfsbeamten für die Rechtspflege (legati iuridici) +und die Finanzen (procuratores provinciae) nachgebildet (Römisches +Staatsrecht, Bd. 1, 2. Aufl., S. 223, A. 5). Daß sie für das ganze Land +bestellt und dem praefectus Aegypti untergeordnet waren, sagt Strabon +(17, 1, 12 p. 797) ausdrücklich und fordert auch die öftere Erwähnung +Ägyptens in der Titulatur sowie die Wendung in dem Edikt CIG 4957 v. +39. Ausschließlich aber war ihre Kompetenz nicht; “viele Prozesse”, +sagt Strabon, “entscheidet der rechtsprechende Beamte” (daß es +Vormünder gab, lehrt Dig. 1, 20, 2), und nach demselben liegt es dem +Idiologos namentlich ob, die bona vacantia et caduca für den Fiskus +einzuziehen. + +Dies schließt nicht aus, daß der römische iuridicus an die Stelle des +älteren Dreißigergerichts mit dem αρχιδικαστής an der Spitze (Diodor 1, +75) getreten ist, welcher ägyptisch ist und nicht mit dem +alexandrinischen αρχιδικαστής verwechselt werden darf, übrigens +vielleicht schon vor der römischen Zeit beseitigt worden ist, und daß +der Idiologos hervorgegangen ist aus einem in Ägypten bestehenden +Anrecht des Königs auf die Erbschaften, wie es im übrigen Reiche in +gleicher Ausdehnung nicht vorkam; welches letztere Lumbroso +(Recherchen, S. 285) sehr wahrscheinlich gemacht hat. + +————————————————————————- + +Alle übrigen Beamten fungieren nur für einzelne Bezirke und sind in der +Hauptsache aus der ptolemäischen Ordnung übernommen. Daß die Vorsteher +der drei Provinzen Unter-, Mittel- und Oberägypten, abgesehen vom +Kommando mit dem gleichen Geschäftskreis, wie der Statthalter +ausgestattet, in augustischer Zeit aus den ägyptischen Griechen, +späterhin wie die eigentlichen Oberbeamten aus der römischen +Ritterschaft genommen wurden, ist bemerkenswert als ein Symptom der im +Verlauf der Kaiserzeit sich steigernden Zurückdrängung des +einheimischen Elements in der Magistratur. + +Unter diesen oberen und mittleren Behörden stehen die Lokalbeamten, die +Vorsteher der ägyptischen wie der griechischen Städte nebst den sehr +zahlreichen, bei dem Hebungswesen und den mannigfaltigen, auf den +Geschäftsverkehr gelegten Abgaben beschäftigten Subalternen und wieder +in dem einzelnen Bezirk die Vorsteher der Unterbezirke und der Dörfer, +welche Stellungen mehr als Lasten denn als Ehren angesehen und den +Ortsangehörigen oder Ortsansässigen, jedoch mit Ausschluß der +Alexandriner, durch den Oberbeamten auferlegt werden; die wichtigste +darunter, die Vorstandschaft des Nomos, wird auf je drei Jahre von dem +Statthalter besetzt. Die örtlichen Behörden der griechischen Städte +waren der Anzahl wie der Titulatur nach andere; in Alexandreia +namentlich fungierten vier Oberbeamten, der Priester Alexanders 23, der +Stadtschreiber (θπομνηματογράφος) ^24, der Oberrichter (αρχιδικαστής) +und der Nachtwächtermeister (νυκτερινός στρατηγός). Daß sie angesehener +waren als die Strategen der Nomen, versteht sich von selbst und zeigt +deutlich das dem ersten alexandrinischen Beamten zustehende +Purpurgewand. übrigens rühren sie ebenfalls aus der Ptolemäerzeit her +und werden wie die Nomenvorsteher aus den Eingesessenen von der +römischen Regierung auf Zeit ernannt. Römische Beamte kaiserlicher +Ernennung finden sich unter diesen städtischen Vorstehern nicht. Aber +der Priester des Museion, der zugleich der Präsident der +alexandrinischen Akademie der Wissenschaften ist und auch über die +bedeutenden Geldmittel dieser Anstalt verfügt, wird vom Kaiser ernannt; +ebenso werden die Aufsicht über das Alexandergrab und die damit +verbundenen Baulichkeiten und einige andere wichtige Stellungen in der +Hauptstadt Ägyptens von der Regierung in Rom mit Beamten von Ritterrang +besetzt ^25. + +—————————————————————————- + +^23 Der εκηγητής, nach Strabon (17, 1, 12 p. 797) der erste städtische +Beamte in Alexandreia unter den Ptolemäern wie unter den Römern und +berechtigt, den Purpur zu tragen, ist sicher identisch mit dem +Jahrpriester in dem Testament Alexanders des in solchen Dingen sehr +wohl unterrichteten Alexanderromans (3, 33 p. 149 Müller). Wie der +Exegetes neben seiner wohl im religiösen Sinn zu fassenden Titulatur +die επιμέλεια τών τή πόλει χρησίμων hat, so ist jener Priester des +Romans επιμελιστής τής πόλεως. So wenig wie den Purpur und den goldenen +Kranz wird der Romanschreiber auch die Besoldung von einem Talent und +die Erblichkeit erfunden haben; die letztere, bei welcher auch Lumbroso +(L’Egitto al tempo dei Greci e Romani. 1882, S. 152) an den εξηγητής +έναρχος der alexandrinischen Inschriften (CIG 4688, 4976 c) erinnert, +ist vermutlich in der Weise zu denken, daß ein gewisser Kreis von +Personen durch Erbrecht berufen war und der Statthalter aus diesen den +Jahrpriester bestellte. Dieser Priester Alexanders (sowie der folgenden +ägyptischen Könige, nach dem Stein von Kanopos und dem von Rosette CIG +4697) war unter den früheren Lagiden für die alexandrinischen Akte +eponym, während später wie unter den Römern dafür die Königsnamen +eintreten. Nicht verschieden von ihm ist wohl auch der “Oberpriester +von Alexandreia und ganz Ägypten” einer stadtrömischen Inschrift aus +hadrianischer Zeit (CIG 5900: αρχιερεί Αλεξανδρείας καί Αιγύπτου πάσης +Δευκίω Ιουλίω Ουηστίνω καί επιστάτει τού μουσείου καί επί τών εν Ρώμη +βιβλιοσθηκών Ρωμαικών τε καί Ελληνικών καί επί τής παιδείας Αδριανού, +επιστολεί τοί αυτού αυτοκράτορος); die eigentliche Titulatur εξηγητής +wurde, da sie gewöhnlich den Küster bezeichnet, außerhalb Ägyptens +vermieden. Sollte, was die Fassung der Inschrift nahe legt, das +Oberpriestertum damals dauernd gewesen sein, so wiederholt sich +bekanntlich der Übergang von der Jährigkeit zu der wenigstens +titularen, nicht selten auch reellen Lebenslänglichkeit überhaupt bei +den Sacerdotien der Provinzen, zu denen dieses alexandrinische zwar +nicht gehört, aber deren Stelle es in Ägypten vertritt. Daß das +Priestertum und die Vorstandschaft des Museums zwei verschiedene Ämter +sind, zeigt die Inschrift selbst. Dasselbe lehrt die Inschrift eines +königlichen Oberarztes aus guter Lagidenzeit, der daneben sowohl Exeget +ist wie Vorsteher des Museums (Χρύσερμον Ηρακλείτου Αλεξανδρέα τόν +σθγγενή βασιλέως Πτολεμαίου καί εξηγητήν καί επί τών ιατρών καί +επιστάτην τού Μούσείου). Aber beide Denkmäler legen zugleich nahe, daß +die Stellung des ersten Beamten von Alexandreia und die Vorstandschaft +des Museums häufig demselben Manne übertragen worden sind, obwohl in +römischer Zeit jene vom Präfekten, diese vom Kaiser vergeben ward. + +^24 Nicht zu verwechseln mit dem gleichartigen Amt, das Philon (in +Flacc. 16) erwähnt und Lukianos (apolog. 12) bekleidete; dies ist kein +städtisches, sondern eine Subalternstelle bei der Präfektur von +Ägypten, lateinisch a commentariis oder ab actis. + +^25 Dies ist der procurator Neaspoleos et mausolei Alexandriae (CIL +VIII, 8934; Henzen 6929). Beamte gleicher Art und gleichen Ranges, +deren Kompetenz aber nicht klar erhellt, sind der procurator ad +Mercurium Alexandreae (CIL X, 3847) und der procurator Alexandreae +Pelusii (CIL VI, 1624). Auch der Pharus steht unter einem kaiserlichen +Freigelassenen (CIL VI, 8582). + +—————————————————————————- + +Selbstverständlich sind Alexandriner und Ägypter in diejenigen +Prätendentenbewegungen hineingezogen worden, die vom Orient ausgingen, +und haben dabei regelmäßig mitgemacht; auf diese Weise sind hier +Vespasian, Cassius, Niger, Macrianus, Vaballathus, der Sohn der +Zenobia, Probus zu Herrschern ausgerufen worden. Die Initiative aber +haben in allen diesen Fällen weder die Bürger von Alexandreia ergriffen +noch die wenig angesehenen ägyptischen Truppen, und die meisten dieser +Revolutionen, auch die mißlungenen, haben für Ägypten keine besonders +empfindlichen Folgen gehabt. Aber die an den Namen der Zenobia sich +knüpfende Bewegung ist für Alexandreia und für ganz Ägypten fast ebenso +verhängnisvoll geworden wie für Palmyra. In Stadt und Land standen die +palmyrenisch und römisch Gesinnten mit den Waffen und der Brandfackel +in der Hand sich gegenüber. An der Südgrenze rückten die barbarischen +Blemyer ein, wie es scheint im Einverständnis mit dem palmyrenisch +gesinnten Teil der Bewohner Ägyptens, und bemächtigten sich eines +großen Teils von Oberägypten ^26. In Alexandreia war der Verkehr +zwischen den beiden feindlichen Quartieren aufgehoben, selbst Briefe zu +befördern, war schwierig und gefährlich ^27. Die Gassen starrten von +Blut und von unbegrabenen Leichen. Die dadurch erzeugten Seuchen +wüteten noch ärger als das Schwert; und damit keines der vier Rosse des +Verderbens mangele, versagte auch der Nil und gesellte sich die +Hungersnot zu den übrigen Geißeln. Die Bevölkerung schmolz in der Weise +zusammen, daß, wie ein Zeitgenosse sagt, es früher in Alexandreia mehr +Greise gab als nachher Bürger. Als der von Claudius gesandte Feldherr +Probus endlich die Oberhand gewann, warfen sich die palmyrenisch +Gesinnten, darunter die Mehrzahl der Ratsmitglieder, in das feste +Kastell Prucheion in der unmittelbaren Nähe der Stadt; und obwohl, als +Probus den Austretenden Schonung des Lebens verhieß, die große Mehrzahl +sich unterwarf, harrte doch ein beträchtlicher Teil der Bürgerschaft +bis zum Äußersten aus in dem Kampf der Verzweiflung. Die Festung, +endlich durch Hunger bezwungen (270), wurde geschleift und lag seitdem +öde; die Stadt aber verlor ihre Mauern. In dem Lande haben die Blemyer +sich noch jahrelang behauptet; erst Kaiser Probus hat Ptolemais und +Koptos ihnen wieder entrissen und sie aus dem Lande hinausgeschlagen. +Der Notstand, den diese durch eine Reihe von Jahren sich hinziehenden +Unruhen hervorgerufen haben müssen, mag dann wohl die einzige +nachweislich in Ägypten entstandene Revolution ^28 zum Ausbruch +gebracht haben. Unter der Regierung Diocletians lehnten sich, wir +wissen nicht warum und wozu, sowohl die eingeborenen Ägypter wie die +Bürgerschaft von Alexandreia gegen die bestehende Regierung auf. Es +wurden Gegenkaiser aufgestellt, Lucius Domitius Domitianus und +Achilleus, falls nicht etwa beide Namen dieselbe Persönlichkeit +bezeichnen; die Empörung währte drei bis vier Jahre; die Städte Busiris +im Delta und Koptos unweit Theben wurden von den Truppen der Regierung +zerstört und schließlich unter der eigenen Führung Diocletians im +Frühjahr 297 die Hauptstadt nach achtmonatlicher Belagerung bezwungen. +Von dem Herunterkommen des reichen, aber durchaus auf den inneren und +äußeren Frieden angewiesenen Landes zeugt nichts so deutlich wie die im +Jahre 302 erlassene Verfügung desselben Diocletian, daß ein Teil des +bisher nach Rom gesandten ägyptischen Getreides in Zukunft der +alexandrinischen Bürgerschaft zugute kommen solle ^29. Allerdings +gehört dies zu den Maßregeln, welche die Dekapitalisierung Roms +bezweckten; aber den Alexandrinern, die zu begünstigen dieser Kaiser +wahrlich keine Ursache hatte, wäre die Lieferung nicht zugewandt +worden, wenn sie sie nicht dringend gebraucht hätten. + +————————————————————————- + +^26 Auf die Allianz der Palmyrener und der Blemyer deutet die Notiz der +vita Firmi c. 3 und daß nach Zosimus (hist. 1, 71) Ptolemais zu den +Blemyern abfiel (vgl. Eus. hist. eccl. 7, 32). Aurelian hat mit diesen +nur verhandelt (vita 34. 41); Probus erst warf sie wieder aus Ägypten +(Zos. a. a. O.; vita 17). + +^27 Wir besitzen noch dergleichen Briefe, von dem damaligen Bischof der +Stadt Dionysios († 265), an die in der feindlichen Stadthälfte +abgesperrten Gemeindeglieder gerichtet (Eus. hist. eccl. 7, 21, 22 vgl. +32). Wenn es darin heißt: “leichter kommt man vom Orient in den +Okzident als von Alexandreia nach Alexandreia” und η μεσαιτάτη τής +πόλεως οδός, also die von der Lochiasspitze quer durch die Stadt +laufende, mit Säulenhallen besetzte Straße (vgl. Lumbroso, L’Egitto, S. +137) mit der Wüste zwischen Ägypten und dem Gelobten Lande verglichen +wird, so scheint es fast, als habe Severus Antoninus seine Drohung +ausgeführt, eine Mauer quer durch die Stadt zu ziehen und militärisch +zu besetzen (Dio 77, 23). Die Schleifung der Mauern nach der +Niederwerfung des Aufstandes (Amm. 22,16,15) würde dann auf ebendiesen +Bau zu beziehen sein. + +^28 Die angeblich ägyptischen Tyrannen Aemilianus, Firmus, Saturninus +sind als solche wenigstens nicht beglaubigt. Die sogenannte +Lebensbeschreibung des zweiten ist nichts als die arg entstellte +Katastrophe des Prucheion. + +^29 Chr. Pasch. p. 514; Prok. hist. 26; Gothofred zu Cod. Theod. 14, +26, 2. Ständige Kornverteilungen sind schon früher in Alexandreia +eingerichtet worden, aber, wie es scheint, nur für altersschwache +Personen, und vermutlich für Rechnung der Stadt, nicht des Staats (Eus. +hist. eccl. 7, 21). + +————————————————————————- + +Wirtschaftlich ist Ägypten bekanntlich vor allem das Land des +Ackerbaues. Zwar ist die “schwarze Erde” - das bezeichnet der +einheimische Landesname Chemi - nur ein schmaler Doppelstreifen zu +beiden Seiten des mächtigen, von der letzten Stromschnelle bei Syene, +der Südgrenze des eigentlichen Ägyptens, auf 120 Meilen in breiter +Fülle durch die rechts und links sich ausdehnende gelbe Wüste zum +Mittelländischen Meer strömenden Nils; nur an seinem letzten Ende +breitet die “Gabe des Flusses”, das Nildelta, zwischen den +mannigfaltigen Armen seiner Mündung sich zu beiden Seiten weiter aus. +Auch der Ertrag dieser Strecken hängt Jahr für Jahr ab von dem Nil und +den sechzehn Ellen seiner Schwelle, den den Vater umspielenden sechzehn +Kindern, wie die Kunst der Griechen den Flußgott darstellt; mit gutem +Grund nennen die Araber die niedrigen Ellen mit den Namen der Engel des +Todes, denn erreicht der Fluß die volle Höhe nicht, so trifft das ganze +ägyptische Land Hunger und Verderben. Im allgemeinen aber vermag +Ägypten, wo die Bestellungskosten verschwindend niedrig sind, der +Weizen hundertfältig trägt und auch die Gemüsezucht, der Weinbau, die +Baumkultur, namentlich die Dattelpalme, und die Viehzucht guten Ertrag +bringen, nicht bloß eine dichte Bevölkerung zu ernähren, sondern auch +reichlich Getreide in das Ausland zu senden. Dies führte dazu, daß nach +der Einsetzung der Fremdherrschaft dem Lande selbst von seinem Reichtum +nicht viel verblieb. Ungefähr wie in persischer Zeit und wie heutzutage +schwoll damals der Nil und fronten die Ägypter hauptsächlich für das +Ausland, und zunächst dadurch spielt Ägypten in der Geschichte des +kaiserlichen Rom eine wichtige Rolle. Nachdem Italiens eigener +Getreidebau gesunken und Rom die größte Stadt der Welt geworden war, +bedurfte dasselbe der stetigen Zufuhr billigen überseeischen Getreides; +und vor allem durch die Lösung der nicht leichten wirtschaftlichen +Aufgabe, die hauptstädtische Zufuhr finanziell möglich zu machen und +sicherzustellen hat der Prinzipat sich befestigt. Diese Lösung ruhte +auf dem Besitz Ägyptens, und insofern hier der Kaiser ausschließlich +gebot, hielt er durch Ägypten das Land Italien mit seinen Dependenzen +in Schach. Als Vespasianus die Herrschaft ergriff, sandte er seine +Truppen nach Italien, er selbst aber ging nach Ägypten und bemächtigte +sich Roms durch die Kornflotte. Wo immer ein römischer Regent daran +gedacht hat oder haben soll, den Sitz der Regierung nach dem Osten zu +verlegen, wie uns von Caesar, Antonius, Nero, Geta erzählt wird, da +richten sich die Gedanken wie von selber nicht nach Antiocheia, obwohl +dies damals die regelmäßige Residenz des Ostens war, sondern nach der +Geburtsstätte und der festen Burg des Prinzipats, nach Alexandreia. + +Deshalb war denn auch die römische Regierung auf die Hebung des +Feldbaues in Ägypten eifriger bedacht als irgendwo sonst. Da derselbe +von der Nilüberschwemmung abhängig ist, ward es möglich, durch +systematisch durchgeführte Wasserbau ten, künstliche Kanäle, Dämme, +Reservoirs die für den Feldbau geeignete Fläche bedeutend zu erweitern. +In den guten Zeiten Ägyptens, des Heimatlandes der Meßschnur und des +Kunstbaus, war dafür viel geschehen, aber diese segensreichen Anlagen +unter den letzten elenden und finanziell bedrängten Regierungen in +argen Verfall geraten. So führte die römische Besitznahme sich würdig +damit ein, daß Augustus durch die in Ägypten stehenden Truppen die +Nilkanäle einer durchgreifenden Reinigung und Erneuerung unterwarf. +Wenn zur Zeit der römischen Besitzergreifung die volle Ernte einen +Stand des Flusses von vierzehn Ellen erfordert hatte und bei acht Ellen +Mißernte eintrat, so genügten später, nachdem die Kanäle in Stand +gesetzt waren, schon zwölf Ellen für eine volle Ernte und gaben acht +Ellen noch einen genügenden Ertrag. Jahrhunderte nachher hat Kaiser +Probus Ägypten nicht bloß von den Äthiopen befreit, sondern auch die +Wasserbauten am Nil wieder instand gesetzt. Es darf überhaupt +angenommen werden, daß die besseren Nachfolger Augusts in ähnlichem +Sinne administrierten und daß, zumal bei der durch Jahrhunderte kaum +unterbrochenen inneren Ruhe und Sicherheit, der ägyptische Ackerbau +unter dem römischen Prinzipat in dauerndem Flor gestanden hat. Welche +Rückwirkung diese Verhältnisse auf die Ägypter selbst hatten, vermögen +wir genauer nicht zu verfolgen. Zu einem großen Teil beruhten die +Einkünfte aus Ägypten auf dem kaiserlichen Domanialbesitz, welcher in +römischer wie in früherer Zeit einen beträchtlichen Teil des ganzen +Areals ausmachte ^30; hier wird, zumal bei der wenig kostspieligen +Bestellung, den Kleinpächtern, die dieselbe beschafften, nur eine +mäßige Quote des Ertrags geblieben oder eine hohe Geldpacht auferlegt +worden sein. Aber auch die zahlreichen und durchgängig kleineren +Eigentümer werden eine hohe Grundsteuer in Getreide oder in Geld +entrichtet haben. Die ackerbauende Bevölkerung, genügsam wie sie war, +blieb in der Kaiserzeit wohl zahlreich; aber sicher lastete der +Steuerdruck, sowohl an sich wie wegen der Verwendung des Ertrags im +Ausland, schwerer auf Ägypten unter der römischen Fremdherrschaft als +unter dem keineswegs schonenden Regiment der Ptolemäer. + +—————————————————————————- + +^30 In der Stadt Alexandreia scheint es kein eigentliches Grundeigentum +gegeben zu haben, sondern nur eine Art Erbmiete (Amm. 22, 11, 6; +Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 963, A. 1); im übrigen aber hat das +Privateigentum am Boden in dem Sinn, wie das Provinzialrecht überhaupt +ein solches kennt, auch in Ägypten gegolten. Von Domanialbesitz ist oft +die Rede, zum Beispiel sagt Strabon (17, 1, 51 p. 828), daß die besten +ägyptischen Datteln auf einer Insel wachsen, auf der Private kein Land +besitzen dürften, sondern sie sei früher königlich, jetzt kaiserlich +und bringe eine große Einnahme. Vespasian verkaufte einen Teil der +ägyptischen Domänen und erbitterte dadurch die Alexandriner (Dio 66, +8), ohne Zweifel die Großpächter, die dann das Land an die eigentlichen +Bauern in Unterpacht gaben. Ob der Grundbesitz in toter Hand, +insbesondere der Priesterkollegien, in der römischen Zeit noch so +ausgedehnt war wie früher, kann in Zweifel gezogen werden; ebenso ob im +übrigen der Großgrundbesitz oder das Kleineigentum überwog; die +Kleinwirtschaft war sicher allgemein. Ziffern besitzen wir weder für +die Domanial- noch für die Grundsteuerquote; daß die fünfte Garbe bei +Orosius (hist. 1, 8, 9) mit Einschluß des usque ad nunc aus der Genesis +abgeschrieben ist, hat Lumbroso, Recherches, S. 94, mit Recht bemerkt. +Die Domanialrente kann nicht unter der Hälfte betragen haben; auch für +die Grundsteuer möchte der Zehnte (Lumbroso a. a. O., S. 289, 293) kaum +genügen. + +Anderweitige Ausfuhr des Getreides aus Ägypten bedurfte der Bewilligung +des Statthalters (Hirschfeld, Annona, S. 23), ohne Zweifel weil sonst +in dem dichtbevölkerten Lande leicht Mangel hätte eintreten können. +Doch ist diese Einrichtung sicher mehr kontrollierend gewesen als +prohibitiv; in dem Periplus des Ägypters wird mehrfach (c. 7, 17, 24, +28 vgl. 56) Getreide unter den Exportartikeln aufgeführt. Auch die +Bestellung der Äcker scheint ähnlich kontrolliert worden zu sein; “die +Ägypter”, heißt es, “bauen lieber Rüben als Getreide, soweit sie +dürfen, wegen des Rüböls” (Plin. nat. 19, 5, 79). + +—————————————————————————- + +Von der Wirtschaft Ägyptens bildete der Ackerbau nur einen Teil; wie +dasselbe in dieser Hinsicht Syrien weit voranstand, so hatte es vor dem +wesentlich agrikolen Afrika die hohe Blüte der Fabriken und des Handels +voraus. Die Linnenfabrikation in Ägypten steht an Alter und Umfang und +Ruhm der syrischen mindestens gleich und hat, wenn auch die feineren +Sorten in dieser Epoche vorzugsweise in Syrien und Phönizien fabriziert +wurden ^31, sich durch die ganze Kaiserzeit gehalten; als Aurelian die +Lieferungen aus Ägypten an die Reichshauptstadt auf andere Gegenstände +als Getreide erstreckte, fehlten unter diesen die Leinwand und der Werg +nicht. In feinen Glaswaren behaupteten, sowohl in der Färbung wie in +der Formung, die Alexandriner entschieden den ersten Platz, ja, wie sie +meinten insofern das Monopol, als gewisse beste Sorten nur mit +ägyptischem Material herzustellen seien. Unbestritten hatten sie ein +solches in dem Papyrus. Diese Pflanze, die im Altertum massenweise auf +den Flüssen und Seen Unterägyptens kultiviert ward und sonst nirgends +gedieh, lieferte den Eingeborenen sowohl Nahrung wie das Material für +Stricke, Körbe und Kähne, das Schreibmaterial aber damals für die ganze +schreibende Welt. Welchen Ertrag sie gebracht haben muß, ermißt man aus +den Maßregeln, die der römische Senat ergriff, als einmal auf dem +römischen Platz der Papyrus knapp ward und zu fehlen drohte; und da die +mühsame Zubereitung nur an Ort und Stelle erfolgen kann, müssen +zahllose Menschen davon in Ägypten gelebt haben. Auf Glas und Papyrus +^32 erstreckten sich neben dem Leinen die von Aurelian zu Gunsten der +Reichshauptstadt eingeführten alexandrinischen Warenlieferungen. +Vielfach muß der Verkehr mit dem Osten auf die ägyptische Fabrikation +bietend und verlangend eingewirkt haben. Gewebe wurden daselbst für den +Export nach dem Orient fabriziert und zwar in der durch den +Landesgebrauch geforderten Weise: die gewöhnlichen Kleider der Bewohner +von Habesch waren ägyptisches Fabrikat; nach Arabien und Indien gingen +die Prachtstoffe besonders der in Alexandreia kunstvoll betriebenen +Bunt- und Goldwirkerei. Ebenso spielten die in Ägypten angefertigten +Glaskorallen in dem Handel der afrikanischen Küste dieselbe Rolle wie +heutzutage. Indien bezog teils Glasbecher, teils unverarbeitetes Glas +zur eigenen Fabrikation; selbst am chinesischen Hof sollen die +Glasgefäße, mit welchen die römischen Fremden dem Kaiser huldigten, +hohe Bewunderung erregt haben. Ägyptische Kaufleute brachten dem König +der Axomiten (Habesch) als stehende Geschenke nach dortiger Landesart +angefertigte Gold- und Silbergefäße, den zivilisierten Herrschern der +südarabischen und der indischen Küste unter anderen Gaben auch Statuen, +wohl von Bronze, und musikalische Instrumente. Dagegen sind die +Materialien der Luxusfabrikation, die aus dem Orient kamen, +insbesondere Elfenbein und Schildpatt, schwerlich vorzugsweise in +Ägypten, hauptsächlich wohl in Rom verarbeitet worden. Endlich kam in +einer Epoche, welche in öffentlichen Prachtbauten ihresgleichen niemals +in der Welt gehabt hat, das kostbare Baumaterial, welches die +ägyptischen Steinbrüche lieferten, in ungeheuren Massen auch außerhalb +Ägyptens zur Verwendung: der schöne rote Granit von Syene, die Breccia +verde aus der Gegend von Kosêr, der Basalt, der Alabaster, seit +Claudius der graue Granit und besonders der Porphyr der Berge oberhalb +Myos Hormos. Die Gewinnung derselben ward allerdings größtenteils für +kaiserliche Rechnung durch Strafkolonisten bewirkt; aber wenigstens der +Transport muß dem ganzen Lande und namentlich der Stadt Alexandreia +zugute gekommen sein. Welchen Umfang der ägyptische Verkehr und die +ägyptische Fabrikation gehabt hat, zeigt eine zufällig erhaltene Notiz +über die Ladung eines durch seine Größe ausgezeichneten Lastschiffes +(άκατος), das unter Augustus den jetzt an der Porta del Popolo +stehenden Obelisken mit seiner Basis nach Rom brachte; es führte +außerdem 200 Matrosen, 1200 Passagiere, 400000 röm. Scheffel (34000 +Hektoliter) Weizen und eine Ladung von Leinwand, Glas, Papier und +Pfeffer. “Alexandreia”, sagt ein römischer Schriftsteller des 3. +Jahrhunderts ^33, “ist eine Stadt der Fülle, des Reichtums und der +Üppigkeit, in der niemand müßig geht; dieser ist Glasarbeiter, jener +Papierfabrikant, der dritte Leinweber; der einzige Gott ist das Geld.” +Es gilt dies verhältnismäßig von dem ganzen Lande. + +——————————————————————————— + +^31 Im Diocletianischen Edikt sind unter den fünf feinen Linnensorten +die vier ersten syrisch oder kilikisch (tarsisch), und das ägyptische +Leinen erscheint nicht bloß an letzter Stelle, sondern wird auch +bezeichnet als tarsisches alexandrinisches, das heißt nach tarsischem +Muster in Alexandreia verfertigtes. + +^32 Einem reichen Mann in Ägypten wurde nachgesagt, daß er seinen +Palast mit Glas statt mit Marmor getäfelt habe und Papyrus und Leim +genug besitze, um ein Heer damit zu füttern (vita Firmi 3). + +^33 Daß der angebliche Brief Hadrians (vita Saturnini 8) ein spätes +Machwerk ist, zeigt zum Beispiel, daß der Kaiser sich in diesem an +seinen Schwager Servianus gerichteten, höchst freundschaftlichen Brief +beklagt über die Injurien, mit denen die Alexandriner bei seiner ersten +Abreise seinen Sohn Verus überhäuft hätten, während andererseits +feststeht, daß dieser Servianus neunzigjährig im Jahre 136 hingerichtet +ward, weil er die kurz zuvor erfolgte Adoption des Verus gemißbilligt +hatte. + +——————————————————————————— + +Von dem Handelsverkehr Ägyptens mit den südlich angrenzenden +Landschaften sowie mit Arabien und Indien wird weiterhin eingehend die +Rede sein. Derjenige mit den Ländern des Mittelmeers tritt in der +Überlieferung weniger hervor, zum Teil wohl, weil er zu dem +gewöhnlichen Gang der Dinge gehörte und nicht oft sich Veranlassung +fand, seiner besonders zu gedenken. Das ägyptische Getreide wurde von +alexandrinischen Schiffern nach Italien geführt und infolgedessen +entstand in Portus bei Ostia ein dem alexandrinischen Sarapistempel +nachgebildetes Heiligtum mit seiner Schiffergemeinde ^34; aber an dem +Vertrieb der aus Ägypten nach dem Westen gehenden Waren werden diese +Lastschiffe schwerlich in bedeutendem Umfang beteiligt gewesen sein. +Dieser lag wahrscheinlich ebenso sehr und vielleicht mehr in der Hand +der italischen Reeder und Kapitäne als der ägyptischen; wenigstens gab +es schon unter den Lagiden eine ansehnliche italische Niederlassung in +Alexandreia ^35 und haben im Okzident die ägyptischen Kaufleute nicht +die gleiche Verbreitung gehabt wie die syrischen ^36. Die später zu +erwähnenden Anordnungen Augusts, welche auf dem Arabischen und dem +Indischen Meer den Handelsverkehr umgestalteten, fanden auf die +Schiffahrt des Mittelländischen keine Anwendung; die Regierung hatte +kein Interesse daran, hier die ägyptischen Kaufleute vor den übrigen zu +begünstigen. Es blieb dort der Verkehr vermutlich wie er war. + +———————————————————————— + +^34 Die ναύκληροι τού πορεύτικου Αλεξανδρινού στόλου, die den ohne +Zweifel nach Portus gehörigen Stein CIG 5889 gesetzt haben, sind die +Kapitäne dieser Getreideschiffe. Aus dem Serapeum von Ostia besitzen +wir eine Reihe von Inschriften (CIL XIV, 47), wonach dasselbe in allen +Stücken die Kopie des alexandrinischen war; der Vorsteher ist zugleich +επιμελητής παντός τού Αλεξανδρείνου στόλου (CIG 5973). Wahrscheinlich +waren diese Fahrzeuge wesentlich mit dem Korntransport beschäftigt und +erfolgte dieser also sukzessiv, worauf auch die von Kaiser Gaius in der +Meerenge von Reggio getroffenen Vorkehrungen (Ios. ant. Iud. 19, 2, 5) +hinweisen. Damit ist wohl vereinbar, daß das erste Erscheinen der +alexandrinischen Flotte im Frühjahr für Puteoli ein Fest war (Sen. +epist. 77, 1). + +^35 Dies zeigen die merkwürdigen delischen Inschriften Eph. epigr. V, +p. 600, 602. + +^36 Schon in den delischen Inschriften des letzten Jahrhunderts der +Republik wiegen die Syrer vor. Die ägyptischen Gottheiten haben dort +wohl ein viel verehrtes Heiligtum gehabt, aber unter den zahlreichen +Priestern und Dedikanten begegnet nur ein einziger Alexandriner +(Hauvette-Besnault, BCH 6, 1882, S. 316 f.). Gilden alexandrinischer +Kaufleute kennen wir von Tomi und von Perinthos (CIG 2024). + +———————————————————————— + +Ägypten war also nicht bloß in seinen anbaufähigen Teilen mit einer +dichten ackerbauenden Bevölkerung besetzt, sondern auch, wie schon die +zahlreichen und zum Teil sehr ansehnlichen Flecken und Städte dies +erkennen lassen, ein Fabrikland und daher denn auch weitaus die am +stärksten bevölkerte Provinz des Römischen Reiches. Das alte Ägypten +soll eine Bevölkerung von 7 Millionen gehabt haben; unter Vespasian +zählte man in den offiziellen Listen 7½ Millionen kopfsteuerpflichtiger +Einwohner, wozu die von der Kopfsteuer befreiten Alexandriner und +sonstigen Griechen, sowie die wahrscheinlich nicht sehr zahlreichen +Sklaven hinzutreten, so daß die Bevölkerung mindestens auf 8 Millionen +Köpfe anzusetzen ist. Da das anbaufähige Areal heutzutage auf 500 +deutsche Quadratmeilen, für die römische Zeit höchstens auf 700 +veranschlagt werden kann, so wohnten damals in Ägypten auf der +Quadratmeile durchschnittlich etwa 11000 Menschen. + +Wenn wir den Blick auf die Bewohner Ägyptens richten, so sind die +beiden das Land bewohnenden Nationen, die große Masse der Ägypter und +die kleine Minderzahl der Alexandriner, durchaus verschiedene Kreise +^37, wenngleich zwischen beiden die Ansteckungskraft des Lasters und +die allem Laster eigene Gleichartigkeit eine schlimme Gemeinschaft des +Bösen gestiftet hat. + +——————————————————————— + +^37 Nachdem Juvenal die wüsten Zechgelage der eingeborenen Ägypter zu +Ehren der Lokalgötter der einzelnen Nomen geschildert hat, fügt er +hinzu, daß darin die Eingeborenen dem Kanopos, das heißt dem durch +seine zügellose Ausgelassenheit berüchtigten alexandrinischen +Sarapisfest (Strab. 17, 1, 17 p. 801) in keiner Hinsicht nachständen: +horrida sane Aegyptus, sed luxuria, quantum ipse notavi, barbara famoso +non cedit turba Canopo (sat. 15, 44). + +——————————————————————— + +Die eingeborenen Ägypter werden von ihren heutigen Nachkommen weder in +der Lage noch in der Art sich weit entfernt haben. Sie waren genügsam, +nüchtern, arbeitsfähig und tätig, geschickte Handwerker und Schiffer +und gewandte Kaufleute, festhaltend am alten Herkommen und am alten +Glauben. Wenn die Römer versichern, daß die Ägypter stolz seien auf die +Geißelmale wegen begangener Steuerdefrauden ^38, so sind dies +Anschauungen vom Standpunkt aus des Steuerbeamten. Es fehlte in der +nationalen Kultur nicht an guten Keimen; bei aller Überlegenheit der +Griechen auch in dem geistigen Kampfe der beiden so völlig +verschiedenen Rassen hatten die Ägypter wieder manche und wesentliche +Dinge vor den Hellenen voraus, und sie empfanden dies auch. Es ist +schließlich doch der Rückschlag ihrer eigenen Empfindung, wenn die +ägyptischen Priester der griechischen Unterhaltungsliteratur die von +den Hellenen sogenannte Geschichtsforschung und ihre Behandlung +poetischer Märchen als wirklicher Überlieferung aus vergangenen +Urzeiten verspotten; in Ägypten mache man keine Verse, aber ihre ganze +alte Geschichte sei eingeschrieben auf den Tempeln und +Gedächtnissteinen; freilich seien jetzt nur noch wenige derselben +kundig, da viele Denkmale zerstört seien und die Überlieferung zugrunde +gehe durch die Unwissenheit und die Gleichgültigkeit der Späteren. Aber +diese berechtigte Klage trägt in sich selbst die Hoffnungslosigkeit; +der ehrwürdige Baum der ägyptischen Zivilisation war längst zum +Niederschlagen gezeichnet. Der Hellenismus drang zersetzend bis an die +Priesterschaft selbst. Ein ägyptischer Tempelschreiber, Chaeremon, der +als Lehrer der griechischen Philosophie an den Hof des Claudius für den +Kronprinzen berufen ward, legte in seiner ‘Ägyptischen Geschichte’ den +alten Landesgöttern die Elemente der stoischen Physik unter und die in +der Landesschrift geschriebenen Urkunden in diesem Sinne aus. In dem +praktischen Leben der Kaiserzeit kam das alte ägyptische Wesen fast nur +noch in Betracht auf dem religiösen Gebiet. Religion war diesem Volke +eins und alles. Die Fremdherrschaft an sich wurde willig ertragen, man +möchte sagen kaum empfunden, solange sie die heiligen Gebräuche des +Landes und was damit zusammenhing nicht antastete. Freilich hing damit +in dem inneren Landesregiment so ziemlich alles zusammen, Schrift und +Sprache, Priesterprivilegien und Priesterhoffart, Hofsitte und +Landesart; die Fürsorge der Regierung für den derzeit lebenden heiligen +Ochsen, die Leistungen für dessen Bestattung bei seinem Ableben und für +die Auffindung des geeigneten Nachfolgers galten diesen Priestern und +diesem Volke als das Kriterium der Tüchtigkeit des jedesmaligen +Landesherrn und als der Maßstab für die ihm schuldige Achtung und +Treue. Der erste Perserkönig führte sich damit in Ägypten ein, daß er +das Heiligtum der Neith in Sais seiner Bestimmung, das heißt den +Priestern zurückgab; der erste Ptolemaeos brachte, noch als +makedonischer Statthalter, die nach Asien entführten ägyptischen +Götterbilder an ihre alte Stätte zurück und restituierte den Göttern +von Pe und Tep die ihnen entfremdeten Landschenkungen; für die bei dem +großen Siegeszuge des Euergetes aus Persien heimgebrachten heiligen +Tempelbilder statten die Landespriester in dem berühmten Kanopischen +Dekret vom Jahre 238 v. Chr. dem König ihren Dank ab; die landübliche +Einreihung der lebenden Herrscher und Herrscherinnen in den Kreis der +Landesgötter haben diese Ausländer ebenso mit sich vornehmen lassen wie +die ägyptischen Pharaonen. Die römischen Herrscher sind diesem Beispiel +nur in beschränktem Maße gefolgt. In der Titulatur gingen sie wohl, wie +wir sahen, einigermaßen auf den Landeskultus ein, vermieden aber doch, +selbst in ägyptischer Fassung, die mit den okzidentalischen +Anschauungen in allzu grellem Kontrast stehenden landüblichen +Prädikate. Da diese Lieblinge des Ptah und der Isis in Italien gegen +die ägyptische Götterverehrung ähnlich wie gegen die jüdische +einschritten, ließen sie von solcher Liebe sich erklärlicherweise +außerhalb der Hieroglyphen nichts merken und beteiligten sich auch in +Ägypten in keiner Weise an dem Dienst der Landesgötter. Wie hartnäckig +immer die Landesreligion noch unter der Fremdherrschaft bei den +eigentlichen Ägyptern festgehalten ward, die Pariastellung, in welcher +diese selbst neben den herrschenden Griechen und Römern sich befanden, +drückte notwendig auf den Kultus und die Priester, und von der +führenden Stellung, dem Einflusse, der Bildung des alten ägyptischen +Priesterstandes sind unter dem römischen Regiment nur dürftige Reste +wahrzunehmen. Dagegen diente die von Hause aus schöner Gestaltung und +geistiger Verklärung abgewandte Landesreligion in und außer Ägypten als +Ausgangs- und Mittelpunkt für allen erdenklichen frommen Zauber und +heiligen Schwindel - es genügt dafür zu erinnern an den in Ägypten +heimischen dreimal größten Hermes mit der an seinen Namen sich +knüpfenden Literatur von Traktätchen und Wunderbüchern sowie der +entsprechenden weitverbreiteten Praxis. In den Kreisen aber der +Eingeborenen knüpften sich in dieser Epoche an den Kultus die ärgsten +Mißbräuche - nicht bloß viele Tage hindurch fortgesetzte Zechgelage zu +Ehren der einzelnen Ortsgottheiten mit der dazu gehörigen Unzucht, +sondern auch dauernde Religionsfehden zwischen den einzelnen Sprengeln +um den Vorrang des Ibis vor der Katze, des Krokodils vor dem Pavian. Im +Jahre 127 n. Chr. wurden wegen eines solchen Anlasses die Ombiten im +südlichen Ägypten von einer benachbarten Gemeinde ^39 bei einem +Festgelage überfallen und es sollen die Sieger einen der Erschlagenen +gefressen haben. Bald nachher verzehrte die Hundegemeinde der +Hechtgemeinde zum Trotz einen Hecht und diese jener zum Trotze einen +Hund, und es brach darüber zwischen diesen beiden Nomen ein Krieg aus, +bis die Römer einschritten und beide Parteien abstraften. Dergleichen +Vorgänge waren in Ägypten an der Tagesordnung. Auch sonst fehlte es an +Unruhen im Lande nicht. Gleich der erste von Augustus bestellte +Vizekönig von Ägypten mußte wegen vermehrter Steuern Truppen nach +Oberägypten senden, nicht minder, vielleicht ebenfalls infolge des +Steuerdrucks, nach Heroonpolis am oberen Ende des Arabischen +Meerbusens. Einmal, unter Kaiser Marcus, nahm ein Aufstand der +eingeborenen Ägypter sogar einen bedrohlichen Charakter an. Als in den +schwer zugänglichen Küstensümpfen ostwärts von Alexandreia, der +sogenannten “Rinderweide” (bucolia), welche den Verbrechern und den +Räubern als Zufluchtsort diente und eine Art Kolonie derselben bildete, +einige Leute von einer römischen Truppenabteilung aufgegriffen wurden, +erhob sich zu deren Befreiung die ganze Räuberschaft, und die +Landbevölkerung schloß sich an. Die römische Legion aus Alexandreia +ging ihnen entgegen, aber sie wurde geschlagen und fast wäre +Alexandreia selbst den Aufständischen in die Hände gefallen. Der +Statthalter des Ostens, Avidius Cassius, rückte wohl mit seinen Truppen +ein, wagte aber auch nicht gegen die Überzahl den Kampf, sondern zog es +vor, in dem Bunde der Aufständischen Zwietracht hervorzurufen; nachdem +die eine Bande gegen die andere stand, wurde die Regierung leicht ihrer +aller Herr. Auch dieser sogenannte Rinderhirtenaufstand hat +wahrscheinlich, wie dergleichen Bauernkriege meistens, einen religiösen +Charakter getragen; der Führer Isidoros, der tapferste Mann Ägyptens, +war seinem Stande nach ein Priester, und daß zur Bundesweihe nach +Ableistung des Eides ein gefangener römischer Offizier geopfert und von +den Schwörenden gegessen ward, paßt sowohl dazu wie zu dem +Kannibalismus des Ombitenkrieges. Einen Nachklang dieser Vorgänge +bewahren die ägyptischen Räubergeschichten der spätgriechischen +untergeordneten Literatur. Wie sehr übrigens dieselben der römischen +Verwaltung zu schaffen gemacht haben mögen, einen politischen Zweck +haben sie nicht gehabt und auch die allgemeine Ruhe des Landes nur +partiell und temporär unterbrochen. + +——————————————————————— + +^38 Amm. 22, 16, 23: erubescit apud (Aegyptios), si qui non infitiando +tributa plurimas in corpore vibices ostendat. + +^39 Dies ist nach Juvenal Tentyra, was ein Fehler sein muß, wenn das +bekannte gemeint ist; aber auch die Liste des Ravennaten 3, 2 nennt +beide Orte zusammen. + +——————————————————————— + +Neben den Ägyptern stehen die Alexandriner, einigermaßen wie in +Ostindien die Engländer neben den Landeseingeborenen. Allgemein gilt +Alexandreia in der vorkonstantinischen Kaiserzeit als die zweite Stadt +des Römischen Reiches und die erste Handelsstadt der Welt. Sie zählte +am Ende der Lagidenherrschaft über 300000 freie Einwohner, in der +Kaiserzeit ohne Zweifel noch mehr. Die Vergleichung der beiden großen, +im Wetteifer miteinander erwachsenen Kapitalen am Nil und am Orontes +ergibt ebenso viele Gleichartigkeiten wie Gegensätze. Beides sind +verhältnismäßig neue Städte, monarchische Schöpfungen aus dem Nichts, +von planmäßiger Anlage und regelmäßiger städtischer Einrichtung; das +Wasser läuft in jedem Hause wie in Antiocheia so auch in Alexandreia. +An Schönheit der Lage und Pracht der Gebäude war die Stadt im +Orontestal der Rivalin ebenso überlegen wie diese ihr in der Gunst der +Örtlichkeit für den Großhandel und an Volkszahl. Die großen +öffentlichen Bauten der ägyptischen Hauptstadt, der königliche Palast, +das der Akademie gewidmete Museion, vor allem der Tempel des Sarapis +waren Wunderwerke einer früheren, architektonisch hoch entwickelten +Epoche; aber der großen Zahl kaiserlicher Anlagen in der syrischen +Residenz hat die von wenigen der Caesaren betretene ägyptische +Hauptstadt nichts Entsprechendes entgegenzustellen. + +In der Unbotmäßigkeit und der Oppositionslust gegen das Regiment stehen +Antiochener und Alexandriner einander gleich; man kann hinzusetzen, +auch darin, daß beide Städte, und namentlich Alexandreia, eben unter +der römischen Regierung und durch dieselbe blühten und viel mehr +Ursache hatten zu danken als zu frondieren. Wie die Alexandriner sich +zu ihren hellenischen Regenten verhielten, davon zeugt die lange Reihe +zum Teil noch heute gebräuchlicher Spottnamen, welche die königlichen +Ptolemäer ohne Ausnahme dem Publikum ihrer Hauptstadt verdankten. Auch +Kaiser Vespasianus empfing von den Alexandrinern für die Einführung +einer Steuer auf Salzfisch den Titel des Sardellensäcklers +(Κυβιοσάκτης), der Syrer Severus Alexander den des Oberrabbiners; aber +die Kaiser kamen selten nach Ägypten und die fernen und fremden +Herrscher boten diesem Spott keine rechte Zielscheibe. In ihrer +Abwesenheit widmete das Publikum wenigstens den Vizekönigen die gleiche +Aufmerksamkeit mit beharrlichem Eifer; selbst die Aussicht auf +unausbleibliche Züchtigung vermochte die oft witzige und immer freche +Zunge dieser Städter nicht zum Schweigen zu bringen ^40. Vespasian +begnügte sich in Vergeltung jener ihm bewiesenen Aufmerksamkeit, die +Kopfsteuer um sechs Pfennige zu erhöhen, und bekam dafür den weiteren +Namen des Sechspfennigmanns; aber ihre Reden über Severus Antoninus, +den kleinen Affen des großen Alexander und den Geliebten der Mutter +Iokaste, sollten ihnen teuer zu stehen kommen. Der tückische Herrscher +erschien in aller Freundschaft und ließ sich vom Volke feiern, dann +aber seine Soldaten auf die festliche Menge einhauen, so daß Tage lang +die Plätze und Straßen der großen Stadt im Blute schwammen; ja er +ordnete die Auflösung der Akademie an und die Verlegung der Legion in +die Stadt selbst, was freilich beides nicht zur Ausführung kam. Aber +wenn es in Antiocheia in der Regel bei den Spottreden blieb, so griff +der alexandrinische Pöbel bei dem geringsten Anlaß zum Stein und zum +Knittel. Im Krawallieren, sagt ein selbst alexandrinischer Gewährsmann, +sind die Ägypter allen anderen voraus; der kleinste Funken genügt hier, +um einen Tumult zu entfachen. Wegen versäumter Visiten, wegen +Konfiskation verdorbener Lebensmittel, wegen Ausschließung aus einer +Badeanstalt, wegen eines Streites zwischen dem Sklaven eines vornehmen +Alexandriners und einem römischen Infanteristen über den Wert oder +Unwert der beiderseitigen Pantoffel haben die Legionen auf die +Bürgerschaft von Alexandreia einhauen müssen. Es kam hier zum +Vorschein, daß die niedere Schicht der alexandrinischen Bevölkerung zum +größeren Teil aus Eingeborenen bestand; bei diesen Aufläufen spielten +die Griechen freilich die Anstifter, wie denn die Rhetoren, das heißt +hier die Hetzredner, dabei ausdrücklich erwähnt werden ^41, aber im +weiteren Verlauf tritt dann die Tücke und die Wildheit des eigentlichen +Ägypters ins Gefecht. Die Syrer sind feige und als Soldaten sind es die +Ägypter auch; aber im Straßentumult sind sie imstande, einen Mut zu +entwickeln, der eines besseren Zieles würdig wäre ^42. An den +Rennpferden ergötzten sich die Antiochener wie die Alexandriner; aber +hier endigte kein Wagenrennen ohne Steinwürfe und Messerstiche. Von der +Judenhetze unter Kaiser Gaius wurden beide Städte ergriffen; aber in +Antiocheia genügte ein ernstes Wort der Behörde, um ihr ein Ende zu +machen, während der alexandrinischen, von einigen Bengeln durch eine +Puppenparade angezettelten Tausende von Menschenleben zum Opfer fielen. +Die Alexandriner, heißt es, gaben, wenn ein Auflauf entstand, nicht +Frieden, bevor sie Blut gesehen hatten. Die römischen Beamten und +Offiziere hatten daselbst einen schweren Stand. “Alexandreia”, sagt ein +Berichterstatter aus dem 4. Jahrhundert, “betreten die Statthalter mit +Zittern und Zagen, denn sie fürchten die Volksjustiz; wo ein +Statthalter ein Unrecht begeht, da folgt sofort das Anstecken des +Palastes und die Steinigung.” Das naive Vertrauen auf die Gerechtigkeit +dieser Prozedur bezeichnet den Standpunkt des Schreibers, der zu diesem +“Volke” gehört hat. Die Fortsetzung dieses die Regierung wie die Nation +gleich entehrenden Lynchsystems liefert die sogenannte +Kirchengeschichte, die Ermordung des den Heiden und den Orthodoxen +gleich mißliebigen Bischofs Georgios und seiner Genossen unter Julian +und die der schönen Freidenkerin Hypatia durch die fromme Gemeinde des +Bischofs Kyrillos unter Theodosius II. Tückischer, unberechenbarer, +gewalttätiger waren diese alexandrinischen Aufläufe als die +antiochenischen, aber ebenso wie diese weder für den Bestand des +Reiches gefährlich noch auch nur für die einzelne Regierung. +Leichtfertige und bösartige Buben sind recht unbequem, aber auch nur +unbequem, im Hause wie im Gemeinwesen. + +———————————————————————————— + +^40 Sen. dial. 19, 6: loquax et in contumelias praefectorum irgeniosa +provincia . . . etiam periculosi sales placent. + +^41 Dion Chrysostomos sagt in seiner Ansprache an die Alexandriner (or. +32 p. 663 Reiske): “Weil nun (die Verständigen) zurücktreten und +schweigen, daher entstehen bei euch die ewigen Streitigkeiten und +Händel und das wüste Geschrei und die schlimmen und zügellosen Reden, +die Ankläger, die Verdächtigungen, die Prozesse, der Rednerpöbel.” In +der alexandrinischen Judenhetze, die Philon so drastisch schildert, +sieht man diese Volksredner an der Arbeit. + +^42 Dio Cass. 39, 58: “Die Alexandriner leisten in aller Hinsicht das +Mögliche an Dreistigkeit und reden heraus, was ihnen in den Mund kommt. +Im Krieg und seinen Schrecken benehmen sie sich feige; bei den +Aufläufen aber, die bei ihnen sehr häufig und sehr ernst sind, greifen +sie ohne weiteres zum Totschlagen und achten um des augenblicklichen +Erfolgs willen das Leben für nichts, ja sie gehen in ihr Verderben, als +handelte es sich um die höchsten Dinge.” + +———————————————————————————— + +Auch in dem religiösen Wesen haben beide Städte eine analoge Stellung. +Den Landeskultus, wie die einheimische Bevölkerung ihn in Syrien wie in +Ägypten festhielt, haben in seiner ursprünglichen Gestalt wie die +Antiochener so auch die Alexandriner abgelehnt. Aber wie die +Seleukiden, so haben auch die Lagiden sich wohl gehütet, an den +Grundlagen der alten Landesreligion zu rütteln, und nur, die älteren +nationalen Anschauungen und Heiligtümer mit den schmiegsamen Gestalten +des griechischen Olymp verquickend, sie äußerlich einigermaßen +hellenisiert, zum Beispiel den griechischen Gott der Unterwelt, den +Pluton, unter dem bis dahin wenig genannten ägyptischen Götternamen +Sarapis in den Landeskultus eingeführt und auf diesen dann den alten +Osiriskult allmählich übertragen ^43. So spielten die echt ägyptische +Isis und der pseudo-ägyptische Sarapis in Alexandreia eine ähnliche +Rolle wie in Syrien der Belos und der Elagabalos, und drangen auch in +ähnlicher Weise wie diese, wenngleich weniger mächtig und heftiger +angefochten, in der Kaiserzeit allmählich in den okzidentalischen +Kultus ein. In der bei Gelegenheit dieser religiösen Gebräuche und +Feste entwickelten Unsittlichkeit und der durch priesterlichen Segen +approbierten und stimulierten Unzucht hatten beide Städte sich einander +nichts vorzuwerfen. + +———————————————————————— + +^43 Die “frommen Ägypter” wehrten sich dagegen, wie Macrobius (Sat. 1, +7, 14) berichtet, aber tyrannide Ptolemaeorum pressi hos quoque deos +(Sarapis und Saturnus) in cultum recipere Alexandrinorum more, apud +quos potissimum colebantur, coacti sunt. Da sie also blutige Opfer +darbringen mußten, was gegen ihr Ritual war, ließen sie diese Götter +wenigstens in den Städten nicht zu: nullum Aegypti oppidum intra muros +suos aut Saturni aut Sarapis fanum recepit. + +———————————————————————— + +Bis in späte Zeit hinab hat der alte Kultus in dem frommen Lande +Ägypten seine festeste Burg behauptet ^44. Die Restauration des alten +Glaubens, sowohl wissenschaftlich in der an denselben sich anlehnenden +Philosophie wie auch praktisch in der Abwehr der von den Christen gegen +den Polytheismus gerichteten Angriffe, und in der Wiederbelebung des +heidnischen Tempeldienstes und der heidnischen Mantik, hat ihren +rechten Mittelpunkt in Alexandreia. Als dann der neue Glaube auch diese +Burg eroberte, blieb die Landesart sich dennoch treu; die Wiege des +Christentums ist Syrien, die des Mönchtums Ägypten. Von der Bedeutung +und der Stellung der Judenschaft, in welcher ebenfalls beide Städte +sich gleichen, ist schon in anderer Verbindung die Rede gewesen. Von +der Regierung ins Land gerufene Einwanderer wie die Hellenen, standen +sie wohl diesen nach und waren kopfsteuerpflichtig wie die Ägypter, +aber hielten sich und galten mehr als diese. Ihre Zahl betrug unter +Vespasian eine Million, etwa den achten Teil der Gesamtbevölkerung +Ägyptens, und wie die Hellenen wohnten sie vorzugsweise in der +Hauptstadt, von deren fünf Vierteln zwei jüdisch waren. An anerkannter +Selbständigkeit, an Ansehen, Bildung und Reichtum war die +alexandrinische Judenschaft schon vor dem Untergang Jerusalems die +erste der Welt; und infolgedessen hat ein guter Teil der letzten Akte +der jüdischen Tragödie, wie dies früher dargelegt worden ist, auf +ägyptischem Boden sich abgespielt. + +———————————————————————- + +^44 Der oft angeführte anonyme Verfasser einer Reichsbeschreibung aus +der Zeit des Constantius, ein guter Heide, preist Ägypten namentlich +auch wegen seiner musterhaften Frömmigkeit: “Nirgends werden die +Mysterien der Götter so gut gefeiert wie dort von alters her und noch +heute.” Freilich, fügt er hinzu, meinten einige, daß die Chaldäer - er +meint den syrischen Kult - die Götter besser verehrten; aber er halte +sich an das, was er mit Augen gesehen. “Hier gibt es Heiligtümer aller +Art und prächtig geschmückte Tempel, und in Menge finden sich Küster +und Priester und Propheten und Gläubige und treffliche Theologen, und +alles geht nach seiner Ordnung; du findest die Altäre immer von Flammen +lodern und die Priester mit ihren Binden und die Weihrauchfässer mit +herrlich duftenden Spezereien.” Aus derselben Zeit etwa (nicht vor +Hadrian) und offenbar auch von kundiger Hand rührt eine andere +boshaftere Schilderung her (vita Saturnini 8): “Wer in Ägypten den +Sarapis verehrt, ist auch Christ, und die sich christliche Bischöfe +nennen, verehren gleichfalls den Sarapis; jeder Großrabbi der Juden, +jeder Samariter, jeder christliche Geistliche ist da zugleich ein +Zauberer, ein Prophet, ein Quacksalber (aliptes). Selbst wenn der +Patriarch nach Ägypten kommt, fordern die einen, daß er zum Sarapis, +die andern, daß er zu Christus beten.” Diese Diatribe hängt sicher +damit zusammen, daß die Christen den ägyptischen Gott für den Joseph +der Bibel erklärten, den Urenkel der Sara und mit Recht den Scheffel +tragend. In ernsterem Sinn faßt die Lage der ägyptischen Altgläubigen +der vermutlich dem 3. Jahrhundert angehörige Verfasser des in +lateinischer Übersetzung unter den dem Apuleius beigelegten Schriften +erhaltenen Göttergesprächs, in welchem der dreimal größte Hermes dem +Asklepios die zukünftigen Dinge verkündet: “Du weißt doch, Asklepios, +daß Ägypten ein Abbild des Himmels oder, um richtiger zu reden, eine +Übersiedelung und Niederfahrt der ganzen himmlischen Waltung und +Tätigkeit ist; ja, um noch richtiger zu reden, unser Vaterland ist der +Tempel des gesamten Weltalls. Und dennoch: eintreten wird eine Zeit, wo +es den Anschein gewinnt, als hätte Ägypten vergeblich mit frommem Sinn +in emsigem Dienst das Göttliche gehegt, wo alle heilige Verehrung der +Götter erfolglos und verfehlt sein wird. Denn die Gottheit wird zurück +in den Himmel sich begeben, Ägypten wird verlassen und das Land, +welches der Sitz der Götterdienste war, wird der Anwesenheit göttlicher +Macht beraubt und auf sich selbst angewiesen sein. Dann wird dieses +geweihte Land, die Stätte der Heiligtümer und Tempel, dicht mit Gräbern +und Leichen angefüllt sein. O Ägypten, Ägypten, von deinen +Götterdiensten werden nur Gerüchte sich erhalten, und auch diese werden +deinen kommenden Geschlechtern unglaublich dünken, nur Worte werden +sich erhalten auf den Steinen, die von deinen frommen Taten erzählen, +und bewohnen wird Ägypten der Skythe oder Inder oder sonst einer aus +dem benachbarten Barbarenland. Neue Rechte werden eingeführt werden, +neues Gesetz, nichts heiliges, nichts gottesfürchtiges, nichts des +Himmels und der Himmlischen Würdiges wird gehört noch im Geiste +geglaubt werden. Eine schmerzliche Trennung der Götter von den Menschen +tritt ein; nur die bösen Engel bleiben da, die unter die Menschheit +sich mengen.” (Nach J. Bernays’ Übersetzung, Gesammelte Abhandlungen, +Bd. 1, S. 330). + +———————————————————————- + +Alexandreia wie Antiocheia sind vorzugsweise Sitze der wohlhabenden +Handel- und Gewerbetreibenden; aber in Antiocheia fehlt der Seehafen +und was daran hängt, und wie rege es dort auf den Gassen herging, sie +hielten doch keinen Vergleich aus gegen das Leben und Treiben der +alexandrinischen Fabrikarbeiter und Matrosen. Dagegen hatte für den +Lebensgenuß, das Schauspiel, das Diner, die Liebesfreuden Antiocheia +mehr zu bieten als die Stadt, in der “niemand müßig ging”. Auch das +eigentliche, vorzugsweise an die rhetorischen Exhibitionen anknüpfende +Literatentreiben, welches wir in der Schilderung Kleinasiens +skizzierten, trat in Ägypten zurück ^45, wohl mehr im Drang der +Geschäfte des Tages als durch den Einfluß der zahlreichen und gut +bezahlten, in Alexandreia lebenden und großenteils auch dort heimischen +Gelehrten. Für den Gesamtcharakter der Stadt kamen diese Männer des +Museums, von denen noch weiter die Rede sein wird, vor allem, wenn sie +in fleißiger Arbeit ihre Schuldigkeit taten, nicht in hervorragender +Weise in Betracht. Die alexandrinischen Ärzte aber galten als die +besten im ganzen Reich; freilich war Ägypten nicht minder die rechte +Heimstätte der Quacksalber und der Geheimmittel und jener wunderlichen +zivilisierten Form der Schäfermedizin, in welcher fromme Einfalt und +spekulierender Betrug sich im Mantel der Wissenschaft drapieren. Des +dreimal größten Hermes haben wir schon gedacht; auch der +alexandrinische Sarapis hat im Altertum mehr Wunderkuren verrichtet als +irgendeiner seiner Kollegen und selbst den praktischen Kaiser Vespasian +angesteckt, daß auch er die Blinden und Lahmen heilte, jedoch nur in +Alexandreia. + +———————————————————————————- + +^45 Als die Römer von dem berühmten Rhetor Proaeresios (Ende 3., Anfang +4. Jahrhundert) einen seiner Schüler für einen Lehrstuhl erbitten, +sendet er ihnen den Eusebios aus Alexandreia; “hinsichtlich der +Rhetorik”, heißt es von diesem (Eun. proaer. p. 92 Boiss.), “genügt es +zu sagen, daß er ein Ägypter war; denn dieses Volk treibt zwar mit +Leidenschaft das Versemachen, aber die ernste Redekunst (ο σπουδαίος +Έρμης) ist bei ihnen nicht zu Hause”. Die merkwürdige Wiederaufnahme +der griechischen Poesie in Ägypten, der zum Beispiel das Epos des +Nonnos angehört, liegt jenseits der Grenzen unserer Darstellung. + +———————————————————————————- + +Obgleich der Platz, welchen Alexandreia in der geistigen und +literarischen Entwicklung des späteren Griechenlands und der +okzidentalischen Kultur überhaupt einnimmt oder einzunehmen scheint, +nicht in einer Schilderung der örtlichen Zustände Ägyptens, sondern nur +in derjenigen dieser Entwicklung selbst entsprechend gewürdigt werden +kann, ist das alexandrinische Gelehrtenwesen und dessen Fortdauer unter +dem römischen Regiment eine allzu merkwürdige Erscheinung, um nicht +auch in dieser Verbindung in seiner allgemeinen Stellung berührt zu +werden. Daß die Verschmelzung der orientalischen und der hellenischen +Geisteswelt neben Syrien vorzugsweise in Ägypten sich vollzog, wurde +schon bemerkt; und wenn der neue Glaube, der den Okzident erobern +sollte, von Syrien ausging, so kam die ihm homogene Wissenschaft, +diejenige Philosophie, welche neben dem Menschengeist und außerhalb +desselben den überweltlichen Gott und die göttliche Offenbarung +anerkennt und verkündet, vorzugsweise aus Ägypten, wahrscheinlich schon +der neue Pythagoreismus, sicher das philosophische Neujudentum, von dem +früher die Rede war, sowie der neue Platonismus, dessen Begründer, der +Ägypter Plotinos, ebenfalls schon erwähnt ward. Auf dieser vorzugsweise +in Alexandreia sich vollziehenden Durchdringung der hellenischen und +der orientalischen Elemente beruht es hauptsächlich, daß, wie dies in +der Darstellung der italischen Verhältnisse näher darzulegen ist, der +dortige Hellenismus in der früheren Kaiserzeit vorzugsweise ägyptische +Form trägt. Wie die an Pythagoras, Moses, Platon anknüpfenden altneuen +Weisheiten von Alexandreia aus in Italien eindrangen, so spielte die +Isis und was dazu gehört die erste Rolle in der bequemen +Modefrömmigkeit, welche die römischen Poeten der augustischen Zeit und +die pompeianischen Tempel aus der des Claudius uns zeigen. Die +ägyptische Kunstübung herrscht vor in den kampanischen Fresken +derselben Epoche wie in der tiburtinischen Villa Hadrians. Dem +entspricht die Stellung, welche das alexandrinische Gelehrtenwesen in +dem geistigen Leben der Kaiserzeit einnimmt. Nach außen hin beruht +dasselbe auf der staatlichen Pflege der geistigen Interessen und würde +mit mehr Recht an den Namen Alexanders anknüpfen als an den +Alexandreias; es ist die Realisierung des Gedankens, daß in einem +gewissen Stadium der Zivilisation Kunst und Wissenschaft durch das +Ansehen und die Machtmittel des Staats gestützt und gefördert werden +müssen, die Konsequenz des genialen Moments der Weltgeschichte, welcher +Alexander und Aristoteles nebeneinander stellte. Es soll hier nicht +gefragt werden, wie in dieser mächtigen Konzeption Wahrheit und Irrtum, +Beschädigung und Hebung des geistigen Lebens sich miteinander mischen, +nicht die dürftige Nachblüte des göttlichen Singens und des hohen +Denkens der freien Hellenen einmal mehr gestellt werden neben den +üppigen und doch auch großartigen Ertrag des späteren Sammelns, +Forschens und Ordnens. Konnten die Institutionen, welche diesem +Gedanken entsprangen, der griechischen Nation unwiederbringlich +Verlorenes nicht oder, was schlimmer ist, nur scheinhaft erneuern, so +haben sie ihr auf dem noch freien Bauplatz der geistigen Welt den +einzig möglichen und auch einen herrlichen Ersatz gewährt. Für unsere +Erwägung kommen vor allem die örtlichen Verhältnisse in Betracht. +Kunstgärten sind einigermaßen unabhängig vom Boden, und nicht anders +ist es mit diesen wissenschaftlichen Institutionen, nur daß sie ihrem +Wesen nach an die Höfe gewiesen sind. Die materielle Unterstützung kann +ihnen auch anderswo zuteil werden; aber wichtiger als diese ist die +Gunst der höchsten Kreise, die ihnen die Segel schwellt, und die +Verbindungen, welche, in den großen Zentren zusammenlaufend, diese +Kreise der Wissenschaft füllen und erweitern. In der besseren Zeit der +Alexandermonarchien hatte es solcher Zentren so viele gegeben als es +Staaten gab, und dasjenige des Lagidenhofs war nur das angesehenste +unter ihnen gewesen. Die römische Republik hatte die übrigen eines nach +dem andern in ihre Gewalt gebracht und mit den Höfen auch die +dazugehörigen wissenschaftlichen Anstalten und Kreise beseitigt. Daß +der künftige Augustus, als er den letzten dieser Höfe aufhob, die damit +verknüpften gelehrten Institute bestehen ließ, ist die rechte und nicht +die schlechteste Signatur der veränderten Zeit. Der energischere und +höhere Philhellenismus des Caesarenregiments unterschied sich zu seinem +Vorteil von dem republikanischen dadurch, daß er nicht bloß +griechischen Literaten in Rom zu verdienen gab, sondern die große Tutel +der griechischen Wissenschaft als einen Teil der Alexanderherrschaft +betrachtete und behandelte. Freilich war, wie in dieser gesamten +Regeneration des Reiches, der Bauplan großartiger als der Bau. Die +königlich patentierten und pensionierten Musen, welche die Lagiden nach +Alexandreia gerufen hatten, verschmähten es nicht, die gleichen Bezüge +auch von den Römern anzunehmen; und die kaiserliche Munifizenz stand +hinter der früheren königlichen nicht zurück. Der Bibliothekfonds von +Alexandreia und der Fonds der Freistellen für Philosophen, Poeten, +Ärzte und Ge lehrte aller Art ^46 sowie die diesen gewährten +Immunitäten wurden von Augustus nicht vermindert, von Kaiser Claudius +vermehrt, freilich mit der Auflage, daß die neuen Claudischen +Akademiker die griechischen Geschichtswerke des wunderlichen Stifters +Jahr für Jahr in ihren Sitzungen zum Vortrag zu bringen hatten. Mit der +ersten Bibliothek der Welt behielt Alexandreia zugleich durch die ganze +Kaiserzeit einen gewissen Primat der wissenschaftlichen Arbeit, bis das +Museion zugrunde ging und der Islam die antike Zivilisation erschlug. +Es war auch nicht bloß die damit gebotene Gelegenheit, sondern zugleich +die alte Tradition und die Geistesrichtung dieser Hellenen, welche der +Stadt jenen Vorrang bewahrte, wie denn unter den Gelehrten die +geborenen Alexandriner an Zahl und Bedeutung hervorragen. Auch in +dieser Epoche sind zahlreiche und achtbare gelehrte Arbeiten, +namentlich philologische und physikalische, aus dem Kreise der +Gelehrten “vom Museum”, wie sie gleich den Parisern “vom Institut” sich +titulierten, hervorgegangen; aber die literarische Bedeutung, welche +die alexandrinische und die pergamenische Hofwissenschaft und Hofkunst +in der besseren Epoche des Hellenismus für die gesamte hellenische und +hellenisierende Welt gehabt hat, knüpfte nie auch nur entfernt sich an +die römisch-alexandrinische. Die Ursache liegt nicht in dem Mangel an +Talenten oder anderen Zufälligkeiten, am wenigsten daran, daß der Platz +im Museum vom Kaiser zuweilen nach Gaben und immer nach Gunst vergeben +ward und die Regierung damit völlig schaltete wie mit dem Ritterpferd +und den Hausbeamtenstellungen; das war auch an den älteren Höfen nicht +anders gewesen. Hofphilosophen und Hofpoeten blieben in Alexandreia, +aber nicht der Hof; es zeigte sich hier recht deutlich, daß es nicht +auf die Pensionen und Gratifikationen ankam, sondern auf die für beide +Teile belebende Berührung der großen politischen und der großen +wissenschaftlichen Arbeit. Diese stellte wohl für die neue Monarchie +sich ein und damit auch ihre Konsequenzen; aber die Stätte dafür war +nicht Alexandreia: diese Blüte der politischen Entwicklung gehörte +billig den Lateinern und der lateinischen Hauptstadt. Die augustische +Poesie und die augustische Wissenschaft sind unter ähnlichen +Verhältnissen zu ähnlicher bedeutender und erfreulicher Entwicklung +gelangt wie die hellenistische an dem Hof der Pergamener und der +früheren Ptolemäer. Sogar indem griechischen Kreise knüpfte, soweit die +römische Regierung auf denselben im Sinne der Lagiden einwirkte, mehr +als an Alexandreia sich dies an Rom an. Die griechischen Bibliotheken +der Hauptstadt standen freilich der alexandrinischen nicht gleich und +ein dem alexandrinischen Museum vergleichbares Institut gab es in Rom +nicht. Aber die Stellung an den römischen Bibliotheken öffnete die +Beziehungen zu dem Hofe. Auch die von Vespasian eingerichtete, von der +Regierung besetzte und besoldete hauptstädtische Professur der +griechischen Rhetorik gab ihrem Inhaber, wenn er gleich nicht in dem +Sinne Hausbeamter war wie der kaiserliche Bibliothekar, eine ähnliche +Stellung und galt, ohne Zweifel deswegen, als der vornehmste Lehrstuhl +des Reiches ^47. Vor allem aber war das kaiserliche +Kabinettssekretariat in seiner griechischen Abteilung die angesehenste +und einflußreichste Stellung, zu der ein griechischer Literat überhaupt +gelangen konnte. Versetzung von der alexandrinischen Akademie in ein +derartiges hauptstädtisches Amt war nachweislich Beförderung ^48. Auch +abgesehen von allem, was die griechischen Literaten sonst allein in Rom +fanden, genügten die Hofstellungen und die Hofämter, um den +angesehensten von ihnen den Zug vielmehr dahin zu geben als an den +ägyptischen “Freitisch”. Das gelehrte Alexandreia dieser Zeit ward eine +Art Witwensitz der griechischen Wissenschaft, achtungswert und +nützlich, aber auf den großen Zug der Bildung wie der Verbildung der +Kaiserzeit von keinem durchschlagenden Einfluß; die Plätze im Museum +wurden, wie billig, nicht selten an namhafte Gelehrte von auswärts +vergeben, und für das Institut selbst kamen die Bücher der Bibliothek +mehr in Betracht als die Bürger der großen Handels- und Fabrikstadt. + +———————————————————————— + +^46 Ein “homerischer Poet” εκ Μουσείου bringt es fertig, den Memnon in +vier homerischen Versen anzusingen, ohne ein Wort von dem Seinen +hinzuzutun (CIG 4748). Hadrian macht einen alexandrinischen Poeten zum +Lohn für ein loyales Epigramm zum Mitglied (Athenaeos 15 p. 677 e). +Beispiele von Rhetoren aus hadrianischer Zeit bei Philostratos vit. +soph. 1, 22, 3. c. 25, 3. Ein φιλοσόφος από Μουσείου in Halikarnassos +(BCH 4, 1880, S. 405). In späterer Zeit, wo der Circus alles ist, +finden wir einen namhaften Ringkämpfer - vielleicht darf man sagen, als +Ehrenmitglied der philosophischen Klasse (Inschrift aus Rom CIG 5914: +νεωκόρος τού μεγάλου Σαράπιδος καί τών εν τώ Μουσείω σειτουμένων ατελών +φιλοσόφων; vgl. das. 4724 und Firm. err. 13,3). Οι εν Εφέσω από τού +Μουσείου ιατροί (Wood, Ephesus. Inscriptions from tombs, n. 7), eine +Gesellschaft ephesischer Ärzte, beziehen sich wohl auch auf das Museum +von Alexandreia, aber sind schwerlich Mitglieder desselben, sondern in +demselben gebildet. + +^47 Ο άνω θρόνος bei Philostratos vit. soph. 2, 10, 5. + +^48 Beispiele sind Chaeremon, der Lehrer Neros, vorher angestellt in +Alexandreia (Suidas Äιονύσιος Αλεξανδρεύς; vgl. Zeller, Hermes 11, +1876, S. 430 und oben 7, 275); Dionysios, des Glaukos Sohn, zuerst in +Alexandreia Nachfolger Chaeremons, dann von Nero bis auf Traian +Bibliothekar in Rom und kaiserlicher Kabinettssekretär (Suidas. a. a. +O.); L. Julius Vestinus unter Hadrian, der sogar nach der +Vorstandschaft des Museums dieselben Stellungen wie Dionysios in Rom +bekleidete, auch als philologischer Schriftsteller bekannt. + +———————————————————————— + +Die militärischen Verhältnisse Ägyptens stellten, eben wie in Syrien, +den Truppen daselbst eine zwiefache Aufgabe: den Schutz der Südgrenze +und der Ostküste, der freilich mit dem für die Euphratlinie +erforderlichen nicht entfernt verglichen werden kann, und die +Aufrechterhaltung der inneren Ordnung im Lande wie in der Hauptstadt. +Die römische Besatzung bestand, abgesehen von den bei Alexandreia und +auf dem Nil stationierten Schiffen, die hauptsächlich für die +Zollkontrolle gedient zu haben scheinen, unter Augustus aus drei +Legionen nebst den dazugehörigen, nicht zahlreichen Hilfstruppen, +zusammen etwa 20000 Mann. Es war dies etwa halb soviel, als er für die +sämtlichen asiatischen Provinzen bestimmte, was der Wichtigkeit dieser +Provinz für die neue Monarchie entsprach. Die Besatzung wurde aber +wahrscheinlich noch unter Augustus selbst um ein Drittel und dann unter +Domitian um ein weiteres Drittel vermindert. Anfänglich waren zwei +Legionen außerhalb der Hauptstadt stationiert; das Hauptlager aber und +bald das einzige lag vor den Toren derselben, da wo Caesar der Sohn den +letzten Kampf mit Antonius ausgefochten hatte, in der danach benannten +Vorstadt Nikopolis. Diese hatte ihr eigenes Amphitheater und ihr +eigenes kaiserliches Volksfest und war völlig selbständig eingerichtet, +so daß eine Zeitlang die öffentlichen Lustbarkeiten von Alexandreia +durch die ihrigen in Schatten gestellt wurden. Die unmittelbare +Bewachung der Grenze fiel den Auxilien zu. Dieselben Ursachen also, +welche in Syrien die Disziplin lockerten, die zunächst polizeiliche +Aufgabe und die unmittelbare Berührung mit der großen Hauptstadt, kamen +auch für die ägyptischen Truppen ins Spiel; hier trat noch hinzu, daß +die üble Gewohnheit, den Soldaten bei der Fahne das eheliche Leben oder +doch ein Surrogat desselben zu gestatten und die Truppe aus diesen +Lagerkindern zu ergänzen, bei den makedonischen Regimentern der +Ptolemäer seit langem einheimisch war und rasch auch bei den Römern +sich wenigstens bis zu einem gewissen Grade einbürgerte. Dem +entsprechend scheint das ägyptische Korps, in welchem die Okzidentalen +noch seltener dienten als in den übrigen Armeen des Ostens und das zum +großen Teil aus der Bürgerschaft und dem Lager von Alexandreia sich +rekrutierte, unter allen Armeekorps das am wenigstens angesehene +gewesen zu sein, wie denn auch die Offiziere dieser Legion, wie schon +bemerkt ward, im Rang denen der übrigen nachstanden. + +Die eigentlich militärische Aufgabe der ägyptischen Truppen hängt eng +zusammen mit den Maßregeln für die Hebung des ägyptischen Handels. Es +wird angemessen sein, beides zusammenzufassen und zunächst die +Beziehungen zu den kontinentalen Nachbarn im Süden, sodann diejenigen +zu Arabien und Indien im Zusammenhang darzulegen. + +Ägypten reicht nach Süden, wie schon bemerkt, bis zu der Schranke, +welche der letzte Katarakt unweit Syene (Assuân) der Schiffahrt +entgegenstellt. Jenseits Syene beginnt der Stamm der Kesch, wie die +Ägypter sie nennen, oder, wie die Griechen übersetzen, der +Dunkelfarbigen, der Äthiopen, wahrscheinlich den später zu erwähnenden +Urbewohnern Abessiniens stammverwandt, und, wenn auch vielleicht aus +der gleichen Wurzel wie die Ägypter entsprungen, doch in der +geschichtlichen Entwicklung als fremdes Volk ihnen gegenüberstehend. +Weiter südwärts folgen die Nahsiu der Ägypter, das heißt die Schwarzen, +die Nubier der Griechen, die heutigen Neger. Die Könige Ägyptens hatten +in besseren Zeiten ihre Herrschaft weit in das Binnenland hinein +ausgedehnt oder es hatten wenigstens auswandernde Ägypter hier sich +eigene Herrschaften gegründet; die schriftlichen Denkmäler des +pharaonischen Regiments gehen bis oberhalb des dritten Katarakts nach +Dongola hinein, wo Nabata (bei Nûri) der Mittelpunkt ihrer +Niederlassungen gewesen zu sein scheint; und noch beträchtlich weiter +stromaufwärts, etwa sechs Tagereisen nördlich von Khartum, bei Schendi +im Sennaar, in der Nähe der früh verschollenen Äthiopenstadt Meroë +finden sich Gruppen freilich schriftloser Tempel und Pyramiden. Als +Ägypten römisch ward, war es mit dieser Machtentwicklung längst vorbei +und herrschte jenseits Syene ein äthiopischer Stamm unter Königinnen, +die stehend den Namen oder den Titel Kandake führten ^49 und in jenem +einst ägyptischen Nabata in Dongola residierten; ein Volk auf niedriger +Stufe der Zivilisation, überwiegend Hirten, imstande, ein Heer von +30000 Mann aufzubringen, aber gerüstet mit Schilden von Rindshäuten, +bewehrt meist nicht mit Schwertern, sondern mit Beilen oder Lanzen und +eisenbeschlagenen Keulen; räuberische Nachbarn, im Gefecht den Römern +nicht gewachsen. Diese fielen im Jahre 730 (24) oder 731 (23) in das +römische Gebiet ein, wie sie behaupteten, weil die Vorsteher der +nächsten Nomen sie geschädigt hätten, wie die Römer meinten, weil die +ägyptischen Truppen damals großenteils in Arabien beschäftigt waren und +sie hofften, ungestraft plündern zu können. In der Tat überwanden sie +die drei Kohorten, die die Grenze deckten, und schleppten aus den +nächsten ägyptischen Distrikten Philae, Elephantine, Syene die Bewohner +als Sklaven fort und als Siegeszeichen die Statuen des Kaisers, die sie +dort vorfanden. Aber der Statthalter, der eben damals die Verwaltung +des Landes übernahm, Gaius Petronius, vergalt den Angriff rasch; mit +10000 Mann zu Fuß und 800 Reitern trieb er sie nicht bloß zum Lande +hinaus, sondern folgte ihnen den Nil entlang in ihr eigenes Land, +schlug sie nachdrücklich bei Pselchis (Dakke) und erstürmte ihre feste +Burg Premis (Ibrim) so wie die Hauptstadt selbst, die er zerstörte. +Zwar erneuerte die Königin, ein tapferes Weib, im nächsten Jahre den +Angriff und versuchte Premis, wo römische Besatzung geblieben war, zu +erstürmen; aber Petronius brachte rechtzeitig Ersatz, und so entschloß +sich die Äthiopin, Gesandte zu senden und um Frieden zu bitten. Der +Kaiser gewährte ihn nicht bloß, sondern befahl, das unterworfene Gebiet +zu räumen, und wies den Vorschlag seines Statthalters ab, die Besiegten +tributpflichtig zu machen. Insofern ist dieser sonst nicht bedeutende +Vorgang bemerkenswert, als gleich damals der bestimmte Entschluß der +römischen Regierung sich zeigte, zwar das Niltal, soweit der Fluß +schiffbar ist, unbedingt zu behaupten, aber von der Besitznahme der +weiten Landschaften am oberen Nil ein für allemal abzusehen. Nur die +Strecke von Syene, wo unter Augustus die Grenztruppen standen, bis nach +Hiera Sykaminos (Maharraka), das sogenannte Zwölfmeilenland +(Δωδεκάσχοινος) ist zwar niemals als Nomos eingerichtet und nie als ein +Teil Ägyptens, aber doch als zum Reiche gehörig betrachtet worden; und +spätestens unter Domitian wurden selbst die Posten bis nach Hiera +Sykaminos vorgerückt ^^50. Dabei ist es im wesentlichen geblieben. Die +von Nero geplante orientalische Expedition sollte allerdings auch +Äthiopien umfassen; aber es blieb bei der vorläufigen Erkundung des +Landes durch römische Offiziere bis über Meroë hinauf. Das nachbarliche +Verhältnis muß an der ägyptischen Südgrenze bis in die Mitte des +dritten Jahrhunderts im ganzen friedlicher Art gewesen sein, wenn es +auch an kleineren Händeln mit jener Kandake und mit ihren +Nachfolgerinnen, die längere Zeit sich behauptet zu haben scheinen, +später vielleicht mit anderen, jenseits der Reichsgrenze zur Vormacht +gelangenden Stämmen, nicht gefehlt haben wird. Erst als das Reich in +der valerianisch-gallienischen Zeit aus den Fugen ging, brachen die +Nachbarn auch über diese Grenze. Es ist schon erwähnt worden, daß die +in den Gebirgen an der Südostgrenze ansässigen, früher den Äthiopen +gehorchenden Blemyer, ein Barbarenvolk von entsetzlicher Roheit, +welches noch Jahrhunderte später sich der Menschenopfer nicht entwöhnt +hatte, in dieser Epoche selbständig gegen Ägypten vorging und im +Einverständnis mit den Palmyrenern einen guten Teil Oberägyptens +besetzte und eine Reihe von Jahren behauptete. Der tüchtige Kaiser +Probus vertrieb sie; aber die einmal begonnenen Einfälle hörten nicht +auf ^51, und Kaiser Diocletianus entschloß sich, die Grenze +zurückzunehmen. Das schmale Zwölfmeilenland forderte starke Besatzung +und trug dem Staate wenig ein. Die Nubier, welche in der libyschen +Wüste hausten und besonders die große Oase stetig heimsuchten, gingen +darauf ein, ihre alten Sitze aufzugeben und sich in dieser Landschaft +anzusiedeln, die ihnen förmlich abgetreten ward; zugleich wurden ihnen +sowohl wie ihren östlichen Nachbarn, den Blemyern, feste Jahrgelder +ausgesetzt, dem Namen nach, um sie für die Grenzbewachung zu +entschädigen, in der Tat ohne Zweifel als Abkaufsgelder für ihre +Plünderzüge, die natürlich dennoch nicht aufhörten. Es war ein Schritt +zurück, der erste, seit Ägypten römisch war. + +——————————————————————————————- + +^49 Der Eunuch der Kandake, der im Jesaias liest (Apostelgeschichte 8, +27), ist bekannt; eine Kandake regiert auch zu Neros Zeit (Plin. nat. +6, 29, 182) und spiele eine Rolle im Alexanderroman (3, 18 f.). + +^50 Daß die Reichsgrenze bis Hiera Sykaminos reichte, ergibt sich für +das 2. Jahrhundert aus Ptol. geogr. 5, 5, 74, für die Zeit Diocletians +aus den die Reichsstraßen bis dahin führenden Itinerarien. In der ein +Jahrhundert jüngeren Notitia dignitatum reichen die Posten wieder nicht +hinaus über Syene, Philae, Elephantine. In der Strecke von Philae nach +Hiera Sykaminos, der Dodekaschoenos Herodots (2, 29), scheinen schon in +früher Zeit für die Ägyptern und Äthiopen immer gemeinschaftliche Isis +von Philae Tempelabgaben erhoben worden zu sein; aber griechische +Inschriften aus der Lagidenzeit haben sich hier nicht gefunden, dagegen +zahlreiche datierte aus römischer, die ältesten aus der des Augustus +(Pselchis, 2 n. Chr.: CIG 5086) und des Tiberius (ebenda, J. 26: 5104; +J. 33: 5101), die jüngste aus der des Philippus (Kardassi, J. 248: +5010). Diese beweisen nicht unbedingt für die Reichsangehörigkeit des +betreffenden Fundorts; aber die eines landvermessenden Soldaten vom +Jahre 33 (5101) und die eines praesidium vom Jahre 84 (Talmis, 5042 +f.), sowie zahlreiche andere setzen dieselbe allerdings voraus. +Jenseits der bezeichneten Grenze hat sich nie ein ähnlicher Stein +gefunden; denn die merkwürdige Inschrift der regina (CIL III, 83), bei +Messaurât, südlich von Schendi (16° 25' Breite, 5 Lieues nördlich von +den Ruinen von Naga) gefunden, die südlichste aller bekannten +lateinischen Inschriften, jetzt im Berliner Museum, hat nicht ein +römischer Untertan gesetzt, sondern vermutlich ein aus Rom +zurückkehrender Abgesandter einer afrikanischen Königin, der lateinisch +redet, vielleicht nur, um zu zeigen, daß er in Rom gewesen sei. + +^51 Die tropaea Niliaca, sub quibus Aethiops et Indus intremuit, in +einer wahrscheinlich im Jahre 296 gehaltenen Rede (Paneg. 5, 5) gehen +auf ein derartiges Rencontre, nicht auf die ägyptische Insurrektion; +von Angriffen der Blemyer spricht eine andere Rede vom Jahre 289 +(Paneg. 3, 17). + +Über die Abtretung des Zwölfmeilengebiets an die Nubier berichtet Prok. +Pers. 1, 19. Als unter der Herrschaft nicht der Nubier, sondern der +Blemyer stehend erwähnen dasselbe Olympiodorus (fr. 37 Müller) und die +Inschrift des Silko CIG 5072. Das kürzlich zum Vorschein gekommene +Fragment eines griechischen Heldengedichts auf den Blemyersieg eines +spätrömischen Kaisers bezieht Bücheler (Rheinisches Museum N. F. 39, +1880, S. 279 f.) auf den des Marcianus im Jahre 451 (vgl. Priscus fr. +21). + +——————————————————————————————- + +Von dem kaufmännischen Verkehr an dieser Grenze ist aus dem Altertum +wenig überliefert. Da die Katarakte des oberen Nils den unmittelbaren +Wasserweg sperrten, hat sich der Verkehr zwischen dem inneren Afrika +und den Ägyptern, namentlich der Elfenbeinhandel in römischer Zeit mehr +über die abessinischen Häfen als am Nil hin bewegt; aber gefehlt hat er +auch in dieser Richtung nicht ^52. Die auf der Insel Philae zahlreich +neben den Ägyptern wohnenden Äthiopen sind offenbar meistens Kaufleute +gewesen, und der hier vorwaltende Grenzfrieden wird das Seinige +beigetragen haben zum Aufblühen der oberägyptischen Grenzstädte und des +ägyptischen Handels überhaupt. + +—————————————————————————————— + +^52 Juvenal erwähnt sat. 11, 124 die Elefantenzähne, quos mittit porta +Syenes. + +—————————————————————————————— + +Die Ostküste Ägyptens stellt der Entwicklung des Weltverkehrs eine +schwer zu lösende Aufgabe. Der durchgängig öde und felsige Strand ist +eigentlicher Kultur unfähig und in alter wie in neuer Zeit eine Wüste +^52. Dagegen nähern die beiden für die Kulturentwicklung der alten Welt +vorzugsweise wichtigen Meere, das Mittelländische und das Rote oder +Indische sich einander am meisten an den beiden nördlichsten Spitzen +des letzteren, dem Persischen und dem Arabischen Golf; jener nimmt den +Euphrat in sich auf, der in seinem mittleren Lauf dem Mittelländischen +Meere nahekommt; dieser ist nur wenige Tagemärsche entfernt von dem in +dasselbe Meer fließenden Nil. Daher nimmt in alter Zeit der +Handelsverkehr zwischen dem Osten und dem Westen überwiegend entweder +die Richtung auf dem Euphrat zu der syrischen und der arabischen Küste +oder er wendet sich von der Ostküste Ägyptens nach dem Nil. Die +Verkehrswege vom Euphrat her sind älter als die über den Nil; aber die +letzteren haben den Vorzug der besseren Schiffbarkeit des Stromes und +des kürzeren Landtransports; Die Beseitigung des letzteren durch +Herstellung einer künstlichen Wasserstraße ist bei dem Euphratweg +ausgeschlossen, bei dem ägyptischen in alter wie in neuer Zeit wohl +schwierig, aber nicht unmöglich befunden. Sonach ist dem Land Ägypten +von der Natur selbst vorgeschrieben, die Ostküste mit dem Nillauf und +der nördlichen Küste durch Land- oder Wasserstraßen zu verbinden; und +es gehen auch die Anfänge derartiger Anlagen bis zurück in die Zeit +derjenigen einheimischen Herrscher, welche zuerst Ägypten dem Ausland +und dem großen Handelsverkehr erschlossen. Auf den Spuren, wie es +scheint, älterer Anlagen der großen Regenten Ägyptens, Sethi I. und +Rhamses II., begann der Sohn Psammetichs, König Necho (610-594 v. +Chr.), den Bau eines Kanals, der in der Nähe von Kairo vom Nil +abzweigend eine Wasserverbindung mit den Bitterseen bei Ismailia und +durch diese mit dem Roten Meer herstellen sollte, ohne indes das Werk +vollenden zu können. Daß er dabei nicht bloß die Beherrschung des +Arabischen Golfs und den Handelsverkehr mit den Arabern in das Auge +faßte, sondern das Persische und das Indische Meer und der entlegenere +Osten bereits in den Horizont dieses Ägypterkönigs getreten waren, ist +deswegen wahrscheinlich, weil derselbe Herrscher die einzige im +Altertum ausgeführte Umschiffung Afrikas veranlaßt hat. Außer Zweifel +ist dies für König Dareios I., den Herrn sowohl Persiens wie Ägyptens; +er vollendete den Kanal, aber, wie seine an Ort und Stelle +aufgefundenen Denksteine melden, ließ er ihn selbst wieder verschütten, +wahrscheinlich weil seine Ingenieure befürchteten, daß das Meerwasser, +eingelassen in den Kanal, die Gefilde Ägyptens überschwemmen werde. + +——————————————————————————- + +^52 Nach der Art, wie Ptolemaeos 4, 5, 14 u. 15 diese Küste behandelt, +scheint sie, eben wie das Zwölfmeilenland, außerhalb der +Nomeneinteilung gestanden zu haben. + +——————————————————————————- + +Der Wettkampf der Lagiden und der Seleukiden, welcher die Politik der +nachalexandrischen Zeit überhaupt beherrscht, war zugleich ein Kampf +zwischen dem Euphrat und dem Nil. Jener war im Besitz, dieser der +Prätendent; und in der besseren Zeit der Lagiden ist die friedliche +Offensive mit großer Energie geführt worden. Nicht bloß wurde jener von +Necho und Dareios unternommene Kanal, jetzt der “Fluß Ptolemaeos” +genannt, durch den zweiten Ptolemäer Philadelphos († 247 v. Chr.) zum +ersten Mal der Schiffahrt eröffnet, sondern es wurden auch an den für +die Sicherheit der Schiffe und für die Verbindung mit dem Nil am besten +geeigneten Punkten der schwierigen Ostküste umfassende Hafenbauten +ausgeführt. Vor allem geschah dies an der Mündung des zum Nil führenden +Kanals, bei den Ortschaften Arsinoe, Kleopatris, Klysma, alle drei in +der Gegend des heutigen Suez. Weiter abwärts entstanden außer manchen +kleineren Anlagen die beiden bedeutenden Emporien Myos Hormos, etwas +oberhalb des heutigen Kosêr, und Berenike im Trogodytenland, ungefähr +in gleicher Breite mit Syene am Nil sowie mit dem arabischen Hafen +Leuke Kome, von der Stadt Koptos, bei der der Nil am weitesten östlich +vorspringt, jenes sechs bis sieben, dieses elf Tagemärsche entfernt und +durch quer durch die Wüste angelegte, mit großen Zisternen versehene +Straßen mit diesem Hauptemporium am Nil verbunden. Der Warenverkehr der +Ptolemäerzeit ist wahrscheinlich weniger durch den Kanal gegangen als +über diese Landwege nach Koptos. + +Über jenes Berenike im Trogodytenland hinaus hat sich das eigentliche +Ägypten der Lagiden nicht erstreckt. Die weiter gegen Süden liegenden +Ansiedlungen Ptolemais “für die Jagd” unterhalb Suâkin und die +südlichste Ortschaft des Lagidenreichs, das spätere Adulis, damals +vielleicht “Berenike die goldene” oder “bei Saba” genannt, Zula unweit +des heutigen Massaua, bei weitem der beste Hafen an dieser ganzen +Küste, sind nicht mehr gewesen als Küstenforts und haben mit Ägypten +nicht in Landverbindung gestanden. Auch sind diese entlegenen +Ansiedlungen ohne Zweifel unter den späteren Lagiden entweder +verlorengegangen oder freiwillig aufgegeben worden, und war in der +Epoche, wo die römische Herrschaft eintritt, wie im Binnenland Syene, +so an der Küste das trogodytische Berenike die Reichsgrenze. + +In diesem von den Ägyptern nie besetzten oder früh geräumten Gebiet +bildete sich, sei es am Ausgang der Lagidenepoche, sei es in der ersten +Kaiserzeit, ein unabhängiger Staat von Ausdehnung und Bedeutung, +derjenige der Axomiten ^54, entsprechend dem heutigen Habesch. Er führt +seinen Namen von der im Herzen dieses Alpenlandes, acht Tagereisen vom +Meer in der heutigen Landschaft Tigre gelegenen Stadt Axomis, dem +heutigen Aksum; als Hafen dient ihm das schon erwähnte beste Emporium +an dieser Küste, Adulis in der Bucht von Massaua. Die ursprüngliche +Bevölkerung dieser Landschaft mag wohl das Agau gesprochen haben, von +welcher Sprache sich noch heute in einzelnen Strichen des Südens reine +Überreste behaupten und die dem gleichen hamitischen Kreise mit den +heutigen Bedscha, Dankali, Somali, Galla angehört; der ägyptischen +Bevölkerung scheint dieser Sprachkreis in ähnlicher Weise verwandt wie +die Griechen mit den Kelten und den Slaven, so daß hier wohl für die +Forschung eine Verwandtschaft, für das geschichtliche Dasein aber +vielmehr allein der Gegensatz besteht. Aber bevor unsere Kunde von +diesem Lande auch nur beginnt, müssen überlegene Semitische, zu den +himjaritischen Stämmen des südlichen Arabiens gehörige Einwanderer den +schmalen Meerbusen überschritten und ihre Sprache wie ihre Schrift dort +einheimisch gemacht haben. Die alte, erst lange nach römischer Zeit im +Volksgebrauch erloschene Schriftsprache von Habesch, das Ge’ez oder, +wie sie fälschlich meist genannt wird, die äthiopische ^55, ist rein +semitisch ^56, und die jetzt noch lebenden Dialekte, namentlich das +Tigrina, sind es im wesentlichen auch, nur durch die Einwirkung des +älteren Agau getrübt. + +—————————————————————- + +^54 Das Beste, was wir über das Reich von Axomis wissen, lehrt der von +einem ihrer Könige ohne Zweifel in der besseren Kaiserzeit in Adulis +gesetzte Stein (CIG 5127b), eine Art von Denkschrift über die Taten +dieses anscheinenden Reichsgründers im Stil der persepolitanischen des +Dareios oder der ancyranischen des Augustus und angebracht an dem +Königsthron, vor welchem bis in das 6. Jahrhundert hinein die +Verbrecher hingerichtet wurden. Die sachkundige Erörterung Dillmanns +(Abhandlungen der Berliner Akademie, 1877, S. 195 f.) erklärt, was +davon erklärbar ist. Vom römischen Standpunkt aus ist hervorzuheben, +daß der König zwar die Römer nicht nennt, aber deutlich auf ihre +Reichsgrenzen Rücksicht nimmt, indem er die Tangaiten unterwirft μέχρι +τών τής Αιγύπτου ορίων und eine Straße anlegt από τών τής εμής +βασιλείας τόπων μέχρι Αιγύπτου, ferner als Nordgrenze seiner arabischen +Expedition Leuke Kome nennt, die letzte römische Station an der +arabischen Westküste. Daraus folgt weiter, daß diese Inschrift jünger +ist als der unter Vespasian geschriebene Periplus des Roten Meeres; +denn nach diesem (c. 5) herrscht der König von Axomis από τών +Μοσχοφάγων μέχρι τής άλλης βαρβαρίας, und zwar ist dies ausschließlich +zu verstehen, da er c. 2 die τύραννοι der Moschophagen nennt und ebenso +c. 14 bemerkt, daß jenseits der Straße Bab el Mandeb kein “König” sei, +sondern nur “Tyrannen”. Also reichte damals das Axomitanische Reich +noch nicht bis zur römischen Grenze, sondern nur bis etwa nach +Ptolemais “der Jagd”, ebenso nach der anderen Richtung nicht bis zum +Kap Guardafui, sondern nur bis zur Straße Bab el Mandeb. Auch an der +arabischen Küste spricht der Periplus von Besitzungen des Königs von +Axomis nicht, obwohl er mehrfach der Dynasten daselbst gedenkt. + +^55 Der Name der Äthiopen haftet in besserer Zeit an dem Land am oberen +Nil, insbesondere den Reichen von Meroë und Nabata, also an dem Gebiet, +das wir jetzt Nubien nennen. Im späteren Altertum, zum Beispiel von +Prokopios, wird die Benennung auf den Staat von Axomis bezogen, und +daher bezeichnen die Abessinier seit langem ihr Reich mit diesem Namen. + +^56 Daher die Legende, daß die Axomiten von Alexander in Afrika +angesiedelte Syrer seien und noch syrisch sprächen (Philostorgius hist. +eccl. 3, 6). + +—————————————————————- + +Über die Anfänge dieses Gemeinwesens hat sich keine Überlieferung +erhalten. Am Ausgang der neronischen Zeit und vielleicht schon lange +vorher herrschte der König der Axomiten an der afrikanischen Küste etwa +von Suâkin bis zur Straße Bab el Mandeb. Einige Zeit darauf - näher +läßt sich die Epoche nicht bestimmen - finden wir ihn als Grenznachbarn +der Römer an der Südgrenze Ägyptens, auch an der anderen Küste des +Arabischen Meerbusens in dem Zwischengebiet zwischen dem römischen +Besitz und dem der Sabäer in kriegerischer Tätigkeit, also nach Norden +mit dem römischen Gebiet auch in Arabien sich unmittelbar berührend, +überdies die afrikanische Küste außerhalb des Busens vielleicht bis zum +Kap Guardafui beherrschend. Wie weit sich sein Gebiet von Axomis +landeinwärts erstreckt hat, erhellt nicht; Äthiopien, das heißt Sennaar +und Dongola, haben wenigstens in der früheren Kaiserzeit schwerlich +dazu gehört; vielmehr mag zu der Zeit das Reich von Nabata neben dem +axomitischen bestanden haben. Wo uns die Axomiten entgegentreten, +finden wir sie auf einer verhältnismäßig vorgeschrittenen Stufe der +Entwicklung. Unter Augustus hob sich der ägyptische Handelsverkehr +nicht minder wie mit Indien so mit diesen afrikanischen Häfen. Der +König gebot nicht bloß über ein Heer, sondern, wie dies schon seine +Beziehungen zu Arabien voraussetzen, auch über eine Flotte. Den König +Zoskales, der in Vespasians Zeit in Axomis regierte, nennt ein +griechischer Kaufmann, der in Adulis gewesen war, einen rechtschaffenen +und der griechischen Schrift kundigen Mann; einer seiner Nachfolger hat +an Ort und Stelle eine in geläufigem Griechisch verfaßte Denkschrift +aufgestellt, die seine Taten den Fremden erzählte; er selbst nennt sich +in derselben einen Sohn des Ares, welchen Titel die Könige der Axomiten +bis in das vierte Jahrhundert hinab beibehielten, und widmet den Thron, +der jene Denkschrift trägt, dem Zeus, dem Ares und dem Poseidon. Schon +zu Zoskales’ Zeit nennt jener Fremde Adulis einen wohlgeordneten +Handelsplatz; seine Nachfolger nötigten die schweifenden Stämme der +arabischen Küste, zu Lande wie zur See Frieden zu halten, und stellten +eine Landverbindung her von ihrer Hauptstadt bis an die römische +Grenze, was bei der Beschaffenheit dieser zunächst auf Seeverbindung +angewiesenen Landschaft nicht gering anzuschlagen ist. Unter Vespasian +dienten Messingstücke, die nach Bedürfnis geteilt wurden, den +Eingeborenen statt des Geldes und zirkulierte die römische Münze nur +bei den Adulis ansässigen Fremden; in der späteren Kaiserzeit haben die +Könige selber geprägt. Daneben nennt der axomitische Herrscher sich +König der Könige, und keine Spur deutet auf römische Klientel; er übt +die Prägung in Gold, was die Römer nicht bloß in ihrem Gebiet, sondern +auch in ihrem Machtbereich nicht zuließen. Es gibt in der Kaiserzeit +außerhalb der römisch-hellenischen Grenzen kaum ein anderes Land, +welches in gleicher Selbständigkeit dem hellenischen Wesen bei sich +eine Stätte bereitet hätte wie der Staat von Habesch. Daß im Lauf der +Zeit die einheimische oder vielmehr aus Arabien eingebürgerte +Volkssprache die Alleinherrschaft zurückgewann und das Griechische +verdrängte, ist wahrscheinlich teils auf arabischen Einfluß +zurückzuführen, teils auf den des Christentums und die damit +zusammenhängende Wiederbelebung der Volksdialekte, wie wir sie auch in +Syrien und in Ägypten fanden, und schließt nicht aus, daß die +griechische Sprache in Axomis und Adulis im 1. und 2. Jahrhundert +unserer Zeitrechnung eine ähnliche Stellung gehabt hat wie in Syrien +und in Ägypten, soweit es eben gestattet ist, Kleines mit Großem zu +vergleichen. + +Von politischen Beziehungen der Römer zu dem Staat von Axomis wird aus +den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, auf welche unsere +Erzählung sich beschränkt, kaum etwas gemeldet. Mit dem übrigen Ägypten +nahmen sie auch die Häfen der Ostküste in Besitz bis hinab zu dem +abgelegenen und darum in römischer Zeit unter einen eigenen +Kommandanten gestellten trogodytischen Berenike ^57. An +Gebietserweiterung in die unwirtlichen und wertlosen Küstengebirge +hinein ist hier nie gedacht worden; auch kann die dünne und auf der +niedrigsten Stufe der Entwicklung stehende Bevölkerung des nächst +angrenzenden Gebiets den Römern niemals ernsthaft zu schaffen gemacht +haben. Ebensowenig haben die Caesaren so, wie es die früheren Lagiden +getan hatten, sich der Emporien der axomitanischen Küste zu bemächtigen +versucht. Ausdrücklich gemeldet wird nur, daß Gesandte des +Axomitenkönigs mit Kaiser Aurelian verhandelten. Aber eben dieses +Stillschweigen sowie die früher bezeichnete unabhängige Stellung des +Herrschers ^58 führen darauf, daß hier die geltenden Grenzen +beiderseits dauernd respektiert wurden und ein gutes nachbarliches +Verhältnis bestand, welches den Interessen des Friedens und vornehmlich +dem ägyptischen Handelsverkehr zugute kam. Daß dieser, insbesondere der +wichtige Elfenbeinhandel, in welchem Adulis für das innere Afrika das +hauptsächliche Entrepôt war, überwiegend von Ägypten aus und auf +ägyptischen Schiffen geführt worden ist, kann bei der überlegenen +Zivilisation Ägyptens schon für die Lagidenzeit keinem Zweifel +unterliegen, und auch in römischer Zeit hat dieser Verkehr sich wohl +nur gesteigert, nicht weiter geändert. + +—————————————————————————————- + +^57 Dies ist der praefectus praesidiorum et montis Beronices (CIL IX, +3083), praefectus montis Berenicidis (Orelli 3881), praefectus +Bernicidis (CIL X, 1129), ein Offizier von Ritterrang, analog den oben +angeführten, in Alexandreia stationierten. + +^58 Auch das Schreiben, das Kaiser Constantius im Jahre 356 an den +damaligen König von Axomis, Aeizanas, richtet, ist das eines Herrschers +an einen anderen gleichgestellten: er ersucht ihn um +freundnachbarlichen Beistand gegen die Ausbreitung der athanasischen +Ketzerei und um Absetzung und Auslieferung eines derselben verdächtigen +axomitischen Geistlichen. Die Kulturgemeinschaft tritt hier nur um so +bestimmter hervor, als der Christ gegen den Christen den Arm des Heiden +anruft. + +—————————————————————————————- + +Bei weitem wichtiger als der Verkehr mit dem afrikanischen Süden war +für Ägypten und das Römische Reich überhaupt der Verkehr mit Arabien +und den weiter östlich gelegenen Küsten. Die arabische Halbinsel ist +dem hellenischen Kulturkreise ferngeblieben. Es wäre wohl anders +gekommen, wenn König Alexander ein Jahr länger gelebt hätte; der Tod +raffte ihn weg mitten in den Vorbereitungen, die bereits erkundete +arabische Südküste vom Persischen Meerbusen aus zu umfahren und zu +besetzen. Aber die Fahrt, die der große König nicht hatte antreten +können, hat nach ihm nie ein Grieche unternommen. Seit fernster Zeit +hat dagegen zwischen den beiden Küsten des Arabischen Meerbusens ein +lebhafter Verkehr über das mäßig breite Wasser hinüber stattgefunden. +In den ägyptischen Berichten aus der Pharaonenzeit spielen die +Seefahrten nach dem Land Punt, die von dort heimgebrachte Beute an +Weihrauch, Ebenholz, Smaragden, Leopardenfellen eine bedeutende Rolle. +Daß späterhin der nördliche Teil der arabischen Westküste zu dem Gebiet +der Nabatäer gehörte und mit diesem in die Gewalt der Römer kam, ist +schon angegeben worden. Es war dies ein ödes Gestade ^59; nur das +Emporium Leuke Kome, die letzte Stadt der Nabatäer und insofern auch +des Römischen Reiches, stand nicht bloß mit dem gegenüberliegenden +Berenike in Seeverkehr, sondern war auch der Ausgangspunkt der nach +Petra und von da zu den Häfen des südlichen Syriens führenden +Karawanenstraße und insofern einer der Knotenpunkte des +orientalisch-okzidentalischen Handels. Die südlich angrenzenden +Gebiete, nord- und südwärts von dem heutigen Mekka, entsprachen in +ihrer Naturbeschaffenheit dem gegenüberliegenden Trogodytenland und +sind gleich diesem im Altertum weder politisch noch kommerziell von +Bedeutung, auch dem Anschein nach nicht unter einem Szepter geeinigt, +sondern von schweifenden Stämmen besetzt gewesen. Aber am Südende des +Busens ist der einzige arabische Stamm zu Hause, welcher in der +vorislamischen Zeit zu größerer Bedeutung gelangt ist. Die Griechen und +die Römer nennen diese Araber in älterer Zeit nach der damals am +meisten hervortretenden Völkerschaft Sabäer, in späterer nach einer +anderen gewöhnlich Homeriten, wir nach der neu-arabischen Form des +letzteren Namens jetzt meistens Himjariten. Die Entwicklung dieses +merkwürdigen Volkes hatte lange vor dem Beginn der römischen Herrschaft +über Ägypten eine bedeutende Stufe erreicht ^60. Seine Heimstatt, das +“glückliche Arabien” der Alten, die Gegend von Mocha und Aden, ist von +einer schmalen, glühend heißen und öden Strandebene umsäumt, aber das +gesunde und temperierte Innere von Jemen und Hadramaut erzeugt an den +Gebirgshängen und in den Tälern eine üppige Vegetation, und die +zahlreichen Bergwässer gestatten bei sorgfältiger Wirtschaft vielfach +eine gartenartige Kultur. Von der reichen und eigenartigen Zivilisation +dieser Landschaft geben noch heute ein redendes Zeugnis die Reste von +Stadtmauern und Türmen, von Nutz-, namentlich Wasserbauten und mit +Inschriften bedeckten Tempeln, welche die Schilderung der alten +Schriftsteller von der Pracht und dem Luxus dieser Landschaft +vollkommen bestätigen; über die Burgen und Schlösser der zahlreichen +Kleinfürsten Jemens haben die arabischen Geographen Bücher geschrieben. +Berühmt sind die Trümmer des mächtigen Dammes, welcher einst in dem Tal +bei Mariaba den Danafluß staute und es möglich machte, die Fluren +aufwärts zu bewässern ^61, und von dessen Durchbruch und der dadurch +angeblich veranlaßten Auswanderung der Bewohner von Jemen nach Norden +die Araber lange Zeit ihre Jahre gezählt haben. Vor allem aber ist +dieser Bezirk einer der Ursitze des Großhandels zu Lande wie zur See, +nicht bloß weil seine Produkte, der Weihrauch, die Edelsteine, das +Gummi, die Kassia, Aloe, Senna, Myrrhe und zahlreiche andere Drogen den +Export hervorrufen, sondern auch weil dieser semitische Stamm, ähnlich +wie der der Phöniker, seiner ganzen Art nach für den Handel geschaffen +ist; eben wie die neueren Reisenden sagt auch Strabon, daß die Araber +alle Händler und Kaufleute sind. Die Silberprägung ist hier alt und +eigenartig; die Münzen sind anfänglich athenischen Stempeln, später +römischen des Augustus nachgeprägt, aber auf einen selbständigen, +wahrscheinlich babylonischen Fuß ^62. Aus dem Land dieser Araber +führten die uralten Weihrauchstraßen quer durch die Wüste nach den +Stapelplätzen am Arabischen Meerbusen Aelana und dem schon genannten +Leuke Kome und den Emporien Syriens, Petra und Gaza ^63; diese Wege des +Landhandels, welche neben denen des Euphrat und des Nil den Verkehr +zwischen Orient und Okzident seit ältester Zeit vermitteln, sind +vermutlich die eigentliche Grundlage des Aufblühens von Jemen. Aber der +Seeverkehr gesellte ebenfalls bald sich dazu; der große Stapelplatz +dafür ward Adane, das heutige Aden. Von hier aus gingen die Waren zu +Wasser, sicher überwiegend auf arabischen Schiffen, entweder nach eben +jenen Stapelplätzen am Arabischen Meerbusen und also nach den syrischen +Häfen oder nach Berenike und Myos Hormos und von da nach Koptos und +Alexandreia. Daß dieselben Araber ebenfalls in sehr früher Zeit sich +der gegenüberliegenden Küste bemächtigten und ihre Sprache und Schrift +und ihre Zivilisation nach Habesch verpflanzten, wurde schon gesagt. +Wenn Koptos, das Nil-Emporium für den östlichen Handel, ebenso viel +Araber wie Ägypter zu Bewohnern hatte, wenn sogar die Smaragdgruben +oberhalb Berenike (bei Djebel Zebâra) von den Arabern ausgebeutet +wurden, so zeigt dies, daß sie im Lagidenstaat selbst den Handel bis zu +einem gewissen Grad in der Hand hatten; und dessen passives Verhalten +in Betreff des Verkehrs auf dem Arabischen Meer, wohin höchstens einmal +ein Zug gegen die Piraten unternommen wurde ^64, wird eher begreiflich, +wenn ein seemächtiger und geordneter Staat diese Gewässer beherrschte. +Auch außerhalb ihres eigenen Meeres begegnen wir den Arabern des Jemen. +Adane blieb bis in die römische Kaiserzeit hinein Stapelplatz des +Verkehrs einerseits mit Indien, andererseits mit Ägypten und gedieh +trotz seiner eigenen ungünstigen Lage an dem baumlosen Strand zu +solcher Blüte, daß die Benennung des “glücklichen Arabien” zunächst auf +diese Stadt sich bezieht. Die Herrschaft, die in unseren Tagen der Imam +von Maskat im Südosten der Halbinsel über die Inseln Sokotra und +Sansibar und die afrikanische Ostküste vom Kap Guardafui südlich +ausgeübt hat, stand in vespasianischer Zeit “von alters her” den +Fürsten Arabiens zu: die Dioskorides-Insel, eben jenes Sokotra, +gehorchte damals dem König von Hadramaut, Azania, das heißt die Küste +Somal und weiter südlich einem der Unterkönige seines westlichen +Nachbarn, des Königs der Homeriten. Die südlichste Station an der +ostafrikanischen Küste, von welcher die ägyptischen Kaufleute wußten, +Rhapta in der Gegend von Sansibar, pachteten von diesem Scheich die +Kaufleute von Muza, das ist ungefähr das heutige Mocha, “und senden +dorthin ihre Handelsschiffe, meistens bemannt mit arabischen Kapitänen +und Matrosen, welche mit den Eingeborenen zu verkehren gewohnt und oft +durch Heirat verknüpft und der Örtlichkeiten und der Landessprachen +kundig sind”. Die Bodenkultur und die Industrie reichten dem Handel die +Hand: in den vornehmen Häusern Indiens trank man neben dem italischen +Falerner und dem syrischen Laodikener auch arabischen Wein; und die +Lanzen und die Schusterpfriemen, welche die Eingeborenen der Küste von +Sansibar von den fremden Händlern kauften, waren Fabrikat von Muza. So +ward diese Landschaft, die zudem viel verkaufte und wenig kaufte, eine +der reichsten der Welt. + +——————————————————————————- + +^59 Landeinwärts liegt das uralte Teimâ, der Sohn Ismaels der Genesis, +von dem assyrischen König Tiglatpilesar im achten Jahrhundert vor Chr. +unter seinen Eroberungen aufgezählt, von dem Propheten Jeremias +zusammen mit Sidon genannt, ein merkwürdiger Knotenpunkt assyrischer, +ägyptischer, arabischer Beziehungen, dessen weitere Entfaltung, nachdem +kühne Reisende ihn erschlossen haben, wir von der orientalischen +Forschung erwarten dürfen. In Teimâ selbst fand kürzlich Euting +aramäische Inschriften ältester Epoche (Nöldeke, SB Berlin 1884, S. 813 +f.) Aus dem nicht weit entfernten Orte Medâin-Sâlih (Hidjr) stammen +gewisse, den attischen nachgeprägte Münzen, welche zum Teil die Eule +der Pallas durch dasjenige Götterbild ersetzen, das die Ägypter +bezeichnen als Besa, den Herrn von Punt, das heißt von Arabien (Erman, +Zeitschrift für Numismatik 9, 1880, S. 296f.). Der ebendaselbst +gefundenen nabatäischen Inschriften wurde schon gedacht Nicht weit von +da bei ‘Ola (el-Ally) haben sich Inschriften gefunden, die in der +Schrift und in den Götter- und Königsnamen denen der südarabischen +Minäer entsprechen und zeigen, daß diese hier, sechzig Tagereisen von +ihrer Heimat, aber auf der von Eratosthenes erwähnten Weihrauchstraße +von Minaea nach Aelana, eine bedeutende Station gehabt haben; daneben +andere eines verwandten, aber nicht identischen südarabischen Stammes +(D. H. Müller in den Berichten der Wiener Akademie vom 17. Dezember +1884). Die minäischen Inschriften gehören ohne Zweifel der vorrömischen +Zeit an. Da bei der Einziehung des nabatäischen Königreichs durch +Traian diese Landstriche aufgegeben wurden, so mag von da an ein +anderer südarabischer Stamm dort geherrscht haben. + +^60 Die an den Weihrauchhandel anknüpfenden Nachrichten bei +Theophrastos († 287 vor Chr.; hist. plant. 9, 4) und vollständiger bei +Eratosthenes (t 194 vor Chr.; bei Strabon 16, 4, 2 p. 768) von den vier +großen Völkerschaften der Minäer (Mamali Theophr.?) mit der Hauptstadt +Karna; der Sabäer (Saba Theophr.) mit der Hauptstadt Mariaba; der +Kattabanen (Kitibaena Theophr.) mit der Hauptstadt Tamna; der +Chatramotiten (Hadramyta Theophr.) mit der Hauptstadt Sabata +umschreiben eben den Kreis, aus dem das Homeritenreich sich entwickelt +hat, und bezeichnen seine Anfänge. Die viel gesuchten Minäer sind jetzt +mit Sicherheit nachgewiesen in Ma’in im Binnenland oberhalb Marib und +Hadramaut, wo Hunderte von Inschriften sich gefunden und schon nicht +weniger als 26 Königsnamen ergeben haben. Mariaba heißt heute noch +Marib. Die Landschaft Chatramotitis oder Chatramitis ist Hadramaut. + +^61 Die merkwürdigen Reste dieses mit größter Präzision und +Geschicklichkeit ausgeführten Bauwerks sind beschrieben von Arnaud +(Journal Asiatique, 7. série, tome 3 a. 1874, S. 3 f. mit Plänen; vgl. +Ritter, Erdkunde, Bd. 12, S. 861). Zu beiden Seiten des jetzt fast ganz +verschwundenen Dammes stehen je zwei aus Quadern aufgeführte +Steinbauten von konischer, fast zylindrischer Form, zwischen denen eine +schmale Öffnung für das aus dem Bassin ausfließende Wasser sich +befindet; wenigstens auf der einen Seite führt ein mit Kieseln +ausgelegter Kanal dasselbe an diese Pforte. Dieselbe war einstmals mit +übereinander gesetzten Bohlen geschlossen, welche einzeln entfernt +werden konnten, um das Wasser nach Bedürfnis abzuführen. Der eine +dieser Steinzylinder trägt die folgende Inschrift (nach der allerdings +nicht in allen Einzelheiten gesicherten Übersetzung von D. H. Müller, +SB Wien 97, 1880, S. 965): “Jata’amar der Herrliche, Sohn des Samah’ali +des Erhabenen, Fürst von Saba, ließ den Balap[berg] durchstechen [und +errichtete] den Schleusenbau, genannt Rahab, zur leichteren +Bewässerung.” Für die chronologische Fixierung dieses und zahlreicher +anderer Königsnamen der sabäischen Inschriften fehlt es an sicheren +Anhaltspunkten. Der assyrische König Sargon sagt in der +Khorsabad-Inschrift, nachdem er die Überwindung des Königs von Gaza, +Hanno, im Jahre 716 vor Chr. erzählt hat: “ich empfing den Tribut des +Pharao, des Königs von Ägypten, der Schamsijja, der Königin von +Arabien, und des Ithamara, des Sabäers: Gold, Kräuter des Ostlandes, +Sklaven, Pferde und Kamele” (Müller, a. a. O., S. 988; M. Duncker, +Geschichte des Altertums. 5. Aufl. Berlin 1878-83. Bd. 2, S. 327. + +^62 Sallet in der Berliner Zeitschrift für Numismatik 8, 1881, S. 243. +J. H. Mordtmann in der Wiener numismatischen Zeitschrift 12, S. 289. + +^63 Plinius (nat. 12, 14, 65) berechnet die Kosten einer Kamellast +Weihrauch auf dem Landweg von der arabischen Küste bis nach Gaza auf +688 Denare (= 600 Mark). “Auf der ganzen Strecke”, sagt er, “ist zu +zahlen für Futter und Wasser und Unterkunft und für verschiedene Zölle; +dann fordern die Priester gewisse Anteile und die Schreiber der Könige; +außerdem erpressen die Wachen und die Trabanten und die Leibwächter und +Diener; dazu kommen dann unsere Reichszölle.” Bei dem Wassertransport +fielen diese Zwischenkosten weg. + +^64 Die Züchtigung der Piraten berichtet Agatharchides bei Diod. 3, 43 +und Strab. 16, 4, 18 p. 777. Ezion Geber aber in Palästina am +aelanitischen Meerbusen, ή νύν Βερενίκη καλείται (Ios. ant. Iud. 8, 6, +4), heißt sicher so nicht von einer Ägypterin (J. G. Droysen, +Geschichte des Hellenismus, Bd. 3, 2, S. 349), sondern von der Jüdin +des Tims. + +——————————————————————————- + +Wie weit die politische Entwicklung derselben mit der wirtschaftlichen +Schritt gehalten hatte, läßt sich für die vorrömische und die frühere +Kaiserzeit nicht bestimmen; nur so viel scheint sowohl aus den +Berichten der Okzidentalen wie aus den einheimischen Inschriften sich +zu ergeben, daß diese Südwestspitze Arabiens unter mehrere selbständige +Herrscher mit Gebieten von mäßiger Größe geteilt war. Es standen dort +neben den am meisten hervortretenden Sabäern und Homeriten die schon +genannten Chatramotiten in Hadramaut und nördlich im Binnenland die +Minäer, alle unter eigenen Fürsten. + +Den Arabern Jemens gegenüber haben die Römer die gerade +entgegengesetzte Politik befolgt wie gegenüber den Axomiten. Augustus, +für den die Nichterweiterung der Grenzen der Ausgangspunkt des +Reichsregiments war, und der die Eroberungspläne seines Vaters und +Meisters beinahe alle fallenließ, hat eine Ausnahme mit der arabischen +Südwestküste gemacht und ist hier nach freiem Entschluß angreifend +vorgegangen. Es geschah dies wegen der Stellung, welche diese +Völkergruppe in dem indisch-ägyptischen Handelsverkehr damals einnahm. +Um die politisch und finanziell wichtigste Landschaft seines +Herrschaftsgebiets wirtschaftlich auf die Höhe zu bringen, welche seine +Vorherrschen herzustellen versäumt hatten oder hatten verfallen lassen, +bedurfte er vor allem der Gewinnung des Zwischenverkehrs zwischen +Arabien und Indien einer- und Europa andererseits. Der Nilweg +konkurrierte seit langem erfolgreich mit den arabischen und den +Euphratstraßen; aber Ägypten spielte dabei, wie wir sahen, wenigstens +unter den späteren Lagiden eine untergeordnete Rolle. Nicht mit den +Axomiten, aber wohl mit den Arabern bestand Handelskonkurrenz; sollte +der ägyptische Verkehr aus einem passiven ein aktiver, aus einem +indirekten ein direkter werden, so mußten die Araber niedergeworfen +werden; und dies ist es, was Augustus gewollt und das römische Regiment +einigermaßen auch erreicht hat. + +Im sechsten Jahre seiner Regierung in Ägypten (Ende 729 25) entsandte +Augustus eine eigens für diese Expedition hergestellte Flotte von 80 +Kriegs- und 130 Transportschiffen und die Hälfte der ägyptischen Armee, +ein Korps von 10000 Mann, ungerechnet die Zuzüge der beiden nächsten +Klientelkönige, des Nabatäers Obodas und des Juden Herodes, gegen die +Staaten der Jemen, um dieselben entweder zu unterwerfen oder wenigstens +zugrunde zu richten ^65, woneben die dort aufgehäuften Schätze sicher +auch in Rechnung kamen. Aber das Unternehmen schlug vollständig fehl, +und zwar durch die Unfähigkeit des Führers, des damaligen Statthalters +von Ägypten, Gaius Aelius Gallus ^66. Da auf die Besetzung und den +Besitz der öden Küste von Leuke Kome abwärts bis an die Grenze des +feindlichen Gebiets gar nichts ankam, so mußte die Expedition +unmittelbar gegen dieses gerichtet und aus dem südlichsten ägyptischen +Hafen die Armee sofort in das glückliche Arabien geführt werden ^67. +Stattdessen wurde die Flotte in dem nördlichsten, dem von Arsinoe +(Suez) fertiggestellt und das Heer in Leuke Kome ans Land gesetzt, +gleich als wäre es darauf angekommen, die Fahrt der Flotte und den +Marsch der Truppen möglichst zu verlängern. Überdies waren die +Kriegsschiffe überflüssig, da die Araber keine Kriegsflotte besaßen, +die römischen Seeleute mit der Fahrt an der arabischen Küste unbekannt +und die Fahrzeuge, obwohl besonders für diese Expedition gebaut, für +ihre Bestimmung ungeeignet. Die Piloten fanden sich nicht zurecht +zwischen den Untiefen und Klippen, und schon die Fahrt auf den +römischen Gewässern von Arsinoe nach Leuke Kome kostete viele Schiffe +und Leute. Hier wurde überwintert; im Frühjahr 730 (24) begann der Zug +in Feindesland. Die Araber hinderten ihn nicht, aber wohl Arabien. Wo +einmal die Doppeläxte und die Schleudern und Bogen mit dem Pilum und +dem Schwert zusammenstießen, stoben die Eingeborenen auseinander wie +die Spreu vor dem Winde; aber die Krankheiten, die im Lande endemisch +sind, der Skorbut, der Aussatz, die Gliederlähmung dezimierten die +Soldaten ärger als die blutigste Schlacht, und um so mehr, als der +Feldherr es nicht verstand, die schwerfällige Heermasse rasch vorwärts +zu bringen. Dennoch gelangte die römische Armee bis vor die Mauern der +Hauptstadt der zunächst von dem Angriff betroffenen Sabäer, Mariaba. +Aber da die Einwohner die Tore ihrer mächtigen, heute noch stehenden +Mauern ^68 schlossen und energische Gegenwehr leisteten, verzweifelte +der römische Feldherr an der Lösung der ihm gestellten Aufgabe und +trat, nachdem er sechs Tage vor der Stadt gelegen hatte, den Rückzug +an, den die Araber kaum ernstlich störten und der im Drang der Not, +freilich unter schlimmer Einbuße an Mannschaften, verhältnismäßig +schnell gelang. + +———————————————————————————————— + +^65 Dies (προσοικειούσθαι τούτους - τούς Άραβας - ή καταστρέφεσθαι: +Strab. 16, 4, 22 p. 780; ει μή ο Συλλαίος αυτόν - τόν Γάλλον - +προυδίδου, κάν κατεστρέψατο τήν Ευδαίμονα πάσαν: ders. 17, 1, 53 p. +819) war der eigentliche Zweck der Expedition, obwohl auch die Hoffnung +auf die für das Aerarium eben damals sehr willkommene Beute +ausdrücklich erwähnt wird. + +^66 Der Bericht Strabons (16, 4, 22 f. p. 780) über die arabische +Expedition seines “Freundes” Gallus (φίλος αμίν καί εταίρος Strab. 2, +5, 12 p. 118), in dessen Gefolge er Ägypten bereiste, ist zwar +zuverlässig und ehrlich wie alle seine Meldungen, aber augenscheinlich +von diesem Freunde ohne jede Kritik übernommen. Die Schlacht, in der +10000 Feinde und zwei Römer fielen, und die Gesamtzahl der in diesem +Feldzug Gefallenen, welche sieben ist, richten sich selbst; aber nicht +besser ist der Versuch, den Mißerfolg auf den nabatäischen Wesir +Syllaeos abzuwälzen durch einen “Verrat”, wie er geschlagenen Generalen +geläufig ist. Allerdings eignete sich dieser insofern zum Sündenbock, +als er einige Jahre nachher auf Betreiben des Herodes von Augustus in +Untersuchung gezogen und verurteilt und hingerichtet ward (Ios. ant. +Iud. 16, 10); aber obwohl wir den Bericht des Agenten besitzen, der +diese Sache für Herodes in Rom geführt hat, ist darin von diesem Verrat +kein Wort zu finden. Daß Syllaeos die Absicht gehabt haben soll, erst +die Araber durch die Römer und dann diese selbst zugrunde zu richten, +wie Strabo “meint”, ist bei der Stellung der Klientelstaaten Roms +geradezu unvernünftig. Eher ließe sich denken, daß Syllaeos der +Expedition deshalb abgeneigt war, weil der Handelsverkehr durch das +Nabatäerland durch sie beeinträchtigt werden konnte. Aber den +arabischen Minister deswegen des Verrats zu beschuldigen, weil die +römischen Fahrzeuge für die arabische Küstenfahrt ungeeignet waren oder +weil das römische Heer genötigt war, das Wasser auf Kamelen +mitzuführen, Durra und Datteln statt Brot und Fleisch, Butter statt öl +zu essen; als Entschuldigung dafür, daß auf die bei dem Rückmarsch in +60 Tagen zurückgelegte Strecke für den Hinmarsch 180 verwendet wurden, +die betrügerische Wegweisung vorzuführen; endlich die vollkommen +richtige Bemerkung des Syllaeos, daß ein Landmarsch von Arsinoe nach +Leuke Kome untunlich sei, damit zu kritisieren, daß von da nach Petra +eine Karawanenstraße gehe, zeigt nur, was ein vornehmer Römer einem +griechischen Literaten aufzubinden vermochte. + +^67 Die schärfste Kritik des Feldzugs gibt die Auseinandersetzung des +ägyptischen Kaufmanns über die Zustände auf der arabischen Küste von +Leuke Kome (el-Haura, nördlich von Janbô, der Hafenstadt von Medina) +bis zur Katakekaumene-Insel (Djebel Tair bei Lohaia). “Verschiedene +Völker bewohnen sie, die teils etwas, teils völlig verschiedene +Sprachen reden. Die Bewohner der Küste leben in Hürden wie die +‘Fischesser’ auf dem entgegengesetzten Ufer” (diese Hürden beschreibt +er c. 2 als vereinzelt liegend und in die Felsspalten, eingebaut), “die +des Binnenlandes in Dörfern und Weidegemeinschaften; es sind bösartige +zwiesprachige Menschen, welche die aus der Fahrstraße verschlagenen +Seefahrer plündern und die Schiffbrüchigen in die Sklaverei schleppen. +Deshalb wird von den Unter- und den Oberkönigen Arabiens beständig auf +sie Jagd gemacht; sie heißen Kanraiten (oder Kassaviten). überhaupt ist +die Schiffahrt an dieser ganzen Küste gefährlich, der Strand hafenlos +und unzugänglich, von böser Brandung, klippig und überhaupt sehr +schlimm. Darum halten wir, wenn wir in diese Gewässer einfahren, uns in +der Mitte und eilen, in das arabische Gebiet zu kommen zur Insel +Katakekaumene; von da an sind die Bewohner gastlich und begegnen +zahlreiche Herden von Schafen und Kamelen.” Dieselbe Gegend zwischen +der römischen und der homeritischen Grenze und dieselben Zustände hat +auch der axomitische König im Sinn, wenn er schreibt: πέραν δέ τής +ερυθράς θαλάσσης οικούντας Αρραβίτας καί Κιναιδοκολπίτας (vgl. Ptol. +geogr. 6, 7, 20), σράτευμα ναυτικόν καί πεζικόν διαπεμψάμενος καί +υποτάξας αυτών τούς βασιλείας, φόρους τής γής τελείν εκέλυσα καί +οδεύεσθαι μετ' ειρήνης καί πλέεσθαι, από τε Δευκής κώμης έως τών +Σαβαίων χώρας επολέμησα. + +^68 Diese Mauern, von Bruchstein erbaut, bilden einen Kreis von einer +Viertelstunde im Durchmesser. Sie sind beschrieben von Arnaud, a. a. O. +(vgl. Anm. 61). + +———————————————————————————————— + +Es war ein übler Mißerfolg; aber Augustus gab die Eroberung Arabiens +nicht auf. Es ist schon erzählt worden, daß die Orientfahrt, die der +Kronprinz Gaius im Jahre 753 antrat, in Arabien endigen sollte; es war +diesmal im Plan, nach der Unterwerfung Armeniens im Einverständnis mit +der parthischen Regierung, oder nötigenfalls nach Niederwerfung ihrer +Armeen, an die Euphratmündung zu gelangen und von da aus den Seeweg, +den einst der Admiral Nearchos für Alexander erkundet hatte, nach dem +glücklichen Arabien zu nehmen ^69. In anderer, aber nicht minder +unglücklicher Weise endigten diese Hoffnungen durch den parthischen +Pfeil, der den Kronprinzen vor den Mauern von Artageira traf. Mit ihm +ward der arabische Eroberungsplan für alle Zukunft begraben. Die große +Halbinsel ist in der ganzen Kaiserzeit, abgesehen von dem nördlichen +und nordwestlichen Küstenstriche, in derjenigen Freiheit verblieben, +aus welcher seinerzeit der Henker des Hellenentums, der Islam +hervorgehen sollte. + +—————————————————————- + +^69 Daß die orientalische Expedition des Gaius zum Endziel Arabien +hatte, sagt Plinius (namentlich nat. 12, 14, 55, 56; vgl. 2, 67, 168; +6, 27, 141; c. 28, 160; 32, 1, 10) ausdrücklich. Daß sie von der +Euphratmündung ausgehen sollte, folgt daraus, daß die Expedition nach +Armenien und Verhandlungen mit der parthischen Regierung ihr +vorausgingen. Darum lagen auch den Kollektaneen Jubas über die +bevorstehende Expedition die Berichte der Feldherren Alexanders über +ihre Erkundung Arabiens zu Grunde. + +—————————————————————- + +Aber gebrochen ward der arabische Handel allerdings, teils durch die +weiterhin zu erörternden Maßregeln der römischen Regierung zum Schutz +der ägyptischen Schiffahrt, teils durch einen gegen den +Hauptstapelplatz des indisch-arabischen Verkehrs von den Römern +geführten Schlag. Sei es unter Augustus selbst, möglicherweise bei den +Vorbereitungen zu der von Gaius auszuführenden Invasion, sei es unter +einem seiner nächsten Nachfolger, es erschien eine römische Flotte vor +Adane und zerstörte den Platz; in Vespasians Zeit war er ein Dorf und +seine Blüte vorüber. Wir kennen nur die nackte Tatsache ^70, aber sie +spricht für sich selber. Ein Seitenstück zu der Zerstörung Korinths und +Karthagos durch die Republik, hat sie wie diese ihren Zweck erreicht +und dem römisch-ägyptischen Handel die Suprematie im Arabischen +Meerbusen und im Indischen Meere gesichert. + +—————————————————————- + +^70 Die einzige Kunde von dieser merkwürdigen Expedition hat der +ägyptische Kapitän aufbewahrt der um das Jahr 75 die Fahrt an den +Küsten des Roten Meeres beschrieben hat. Er kennt (c. 26) das Adane der +Späteren, das heutige Aden, als ein Dorf an der Küste (κώμη +παραθαλάσσιος), das zum Reiche des Königs der Homeriten Charibael +gehört, aber früher eine blühende Stadt war und davon heißt (ευδαίμων +δ' επεκλήθη πρότερον ούσα πόλις), weil vor der Einrichtung des +unmittelbaren indisch-ägyptischen Verkehrs dieser Ort als Stapelplatz +diente: νύν δέ ου πρό πολλού τών ημετέρων χρόνων Καίσαρ αυτήν +κατεστρέψατο. Das letzte Wort kann hier nur “zerstören” heißen, nicht, +wie häufiger, “unterwerfen”, weil die Umwandlung der Stadt in ein Dorf +motiviert werden soll. Für Καίσαρ hat Schwanbeck (Rheinisches Museum N. +F. 7, 1848, S. 353) Χαριβαήλ, C. Möller Ιλασάρ (wegen Strab. 16, 4, 21 +p. 782) vorgeschlagen; beides ist nicht möglich, dieses nicht, weil +dieser arabische Dynast in einem weit entlegenen Distrikt herrschte, +auch unmöglich als bekannt vorausgesetzt werden konnte, jenes nicht, +weil Charibael Zeitgenosse des Schreibers war und hier ein vor der Zeit +desselben vorgefallenes Ereignis berichtet wird. An der Überlieferung +wird man nicht Anstoß nehmen, wenn man überlegt, welches Interesse die +Römer daran haben mußten, den arabischen Stapelplatz zwischen Indien +und Ägypten zu beseitigen und den direkten Verkehr herbeizuführen. Daß +die römischen Berichte von diesem Vorgang schweigen, ist ihrem Wesen +angemessen; die Expedition, welche ohne Zweifel durch eine ägyptische +Flotte ausgeführt ward und lediglich in der Zerstörung eines vermutlich +wehrlosen Küstenplatzes bestand, wird vermutlich von keinem Belang +gewesen sein; um den großen Handelsverkehr haben die Annalisten sich +nie gekümmert, und überhaupt sind die Vorgänge in Ägypten noch weniger +als die in den andern kaiserlichen Provinzen zur Kenntnis des Senats +und damit der Annalisten gekommen. Die nackte Bezeichnung Καίσαρ, wobei +nach Lage der Sache der damals regierende ausgeschlossen ist, erklärt +sich wohl daraus, daß der berichtende Kapitän wohl die Tatsache der +Zerstörung durch die Römer, aber Zeit und Urheber nicht kannte. + +Möglich ist es, daß hierauf die Notiz bei Plinius (nat. 2, 67, 168) zu +beziehen ist: maiorem (oceana) partem et orientis victoriae magni +Alexandri lustravere usque in Arabicum sinum, in quo res gerente C. +Caesare Aug. f. signa navium ex Hispaniensibus naufragiis feruntur +agnita. Gaius kam nicht nach Arabien (Plin. nat. 6, 28, 160); aber +recht wohl kann während der armenischen Expedition von Ägypten aus ein +römisches Geschwader von einem seiner Unterbefehlshaber an diese Küste +geführt worden sein, um die Hauptexpedition vorzubereiten. Daß darüber +sonst Stillschweigen herrscht, kann auch nicht befremden. Die arabische +Expedition des Gaius war so feierlich angekündigt und dann in so übler +Weise aufgegeben worden, daß loyale Berichterstatter alle Ursache +hatten, eine Tatsache zu verwischen, die nicht wohl erwähnt werden +konnte, ohne auch das Scheitern des größeren Planes zu berichten. + +—————————————————————- + +Indes die Blüte des gesegneten Landes von Jemen war zu fest begründet, +um diesem Schlag zu erliegen; politisch hat es sogar vielleicht erst in +dieser Epoche sich straffer zusammengefaßt. Mariaba war, als die Waffen +des Gallus an seinen Mauern scheiterten, vielleicht nicht mehr als die +Hauptstadt der Sabäer; aber schon damals war die Völkerschaft der +Homeriten, deren Hauptstadt Sapphar etwas südlich von Mariaba auch im +Binnenland liegt, die stärkste des glücklichen Arabiens. Ein +Jahrhundert später finden wir beide vereinigt unter einem in Sapphar +regierenden König der Homeriten und der Sabäer, dessen Herrschaft bis +Mocha und Aden und, wie schon gesagt ward, über die Insel Sokotra und +die Küste von Somal und Sansibar sich erstreckt; und wenigstens von +dieser Zeit an kann von einem Reich der Homeriten die Rede sein. Die +Wüstenei nördlich von Mariaba bis zur römischen Grenze gehörte damals +nicht dazu und stand überhaupt unter keiner geordneten Gewalt ^71; die +Fürstentümer der Minäer und der Chatramotiten blieben auch ferner unter +eigenen Landesherren. Die östliche Hälfte Arabiens hat beständig einen +Teil des Persischen Reiches gebildet und niemals unter dem Szepter der +Beherrscher des glücklichen Arabien gestanden. Auch jetzt also waren +die Grenzen enge und sind es wohl geblieben; es ist wenig über die +weitere Entwicklung der Verhältnisse bekannt ^72. In der Mitte des 4. +Jahrhunderts war das Reich der Homeriten mit dem der Axomiten vereinigt +und wurde von Axomis aus beherrscht ^73, welche Untertänigkeit indes +späterhin sich wieder gelöst hat. Sowohl das Reich der Homeriten wie +das vereinigte axomitisch-homeritische stand als unabhängiger Staat in +der späteren Kaiserzeit mit Rom in Verkehr und Vertrag. + +———————————————————————————— + +^71 Der ägyptische Kaufmann unterscheidet den ένθεσμος βασιλεύς der +Homeriten (c. 23) scharf von den τύραννοι, den bald unter ihm +stehenden, bald unabhängigen (c. 14) Stammhäuptern, und ebenso scharf +diese geordneten Zustände von der Rechtlosigkeit der Wüstenbewohner (c. +2). Wenn Strabon und Tacitus für diese Dinge so offene Augen gehabt +hätten wie jener praktische Mann, so wüßten wir etwas mehr vom +Altertum. + +^72 Der Krieg des Macrinus gegen die Arabes eudaemones (vita 12) und +die an Aurelian geschickten Boten derselben (vita 33), die neben denen +der Axomiten genannt werden, würden deren damals fortdauernde +Selbständigkeit beweisen, wenn auf diese Angaben Verlaß wäre. + +^73 Der König nennt sich um das Jahr 356 (Anm. 58) in einer Urkunde +(CIG 5128) βασιλεύς Αξωμιτών καί Ομηριτών καί τού Ραειδάν (Schloß in +Sapphar, der Hauptstadt der Homeriten: Dillmann, Abhandlungen der +Berliner Akademie, 1878, S. 207) . . . καί Σαβαειτών καί τού Σιλεή +(Schloß in Mariaba, der Hauptstadt der Sabäer: Dillmann a. a. O.). Dazu +stimmt die gleichzeitige Sendung von Gesandten ad gentem Axumitarum et +Homerita[rum] (Cod. Theod. 12, 12, 2). Über die späteren Verhältnisse +vgl. besonders Nonnosus (FEIG 4 p. 179 Müller) und Prok. Pers. 1, 20. + +———————————————————————————— + +In dem Handel und der Schiffahrt haben die Araber des Südwestens der +Halbinsel auch später noch, wenn nicht mehr den Platz der Vormacht, +doch die ganze Kaiserzeit hindurch eine hervorragende Stelle +eingenommen. Nach der Zerstörung von Adane ist Muza die +Handelsmetropole dieser Landschaft geworden. Noch für die +vespasianische Zeit trifft die früher gegebene Darstellung im +wesentlichen zu. Der Ort wird uns in dieser Zeit geschildert als +ausschließlich arabisch, bewohnt von Reedern und Seeleuten und voll +rührigen kaufmännischen Treibens; mit ihren eigenen Schiffen befahren +die Muzaiten die ganze afrikanische Ost- und die indische Westküste und +verfrachten nicht bloß die Waren des eigenen Landes, sondern bringen +auch die nach orientalischem Geschmack in den Fabriken des Okzidents +gefertigten Purpurstoffe und Goldstickereien und die feinen Weine +Syriens und Italiens den Orientalen, hinwiederum den Westländern die +edlen Waren des Ostens. In dem Weihrauch und den sonstigen Aromen +müssen Muza und das Emporium des benachbarten Reiches von Hadramaut, +Kane, östlich von Aden, eine Art tatsächlichen Monopols immer behalten +haben; erzeugt wurde diese im Altertum sehr viel mehr als heute +gebrauchte Ware wie auf der südlichen arabischen, so auch auf der +afrikanischen Küste von Adulis bis zum “Vorgebirge der Arome”, dem Kap +Guardafui, aber von hier holten sie die Kaufleute von Muza, und sie +brachten sie in den Welthandel. Auf der schon erwähnten +Dioskorides-Insel war eine gemeinschaftliche Handelsniederlassung der +drei großen seefahrenden Nationen dieser Meere, der Hellenen, das heißt +der Ägypter, der Araber und der Inder. Von Beziehungen aber zum +Hellenismus, wie wir sie auf der gegenüberliegenden Küste bei den +Axomiten fanden, begegnet im Lande Jemen keine Spur; wenn die +Münzprägung durch okzidentalische Stempel bestimmt ist, so waren diese +eben im ganzen Orient gangbar. Sonst haben sich Schrift und Sprache und +Kunstübung, soweit wir zu urteilen vermögen, hier ebenso selbständig +entwickelt wie Handel und Schiffahrt, und sicher ist es dadurch mit +bewirkt worden, daß die Axomiten, während sie politisch die Homeriten +sich unterwarfen, später aus der hellenischen Bahn in die arabische +zurücklenkten. + +In dem gleichen Sinn wie für die Beziehungen zu dem südlichen Afrika +und zu den arabischen Staaten und in erfreulicherer Weise ist in +Ägypten selbst für die Wege des Handelsverkehrs zunächst von Augustus +und ohne Zweifel von allen verständigen Regenten gesorgt worden. Das +von den früheren Ptolemäern auf den Spuren der Pharaonen eingerichtete +Straßen- und Hafensystem war, wie die gesamte Verwaltung, in den Wirren +der letzten Lagidenzeit arg heruntergekommen. Es wird nicht +ausdrücklich gemeldet, daß Augustus die Land- und die Wasserwege und +die Häfen Ägyptens wieder instand gesetzt hat; aber daß es geschehen, +ist darum nicht minder gewiß. Koptos ist die ganze Kaiserzeit hindurch +der Knotenpunkt dieses Verkehrs geblieben ^74. Aus einer kürzlich +aufgefundenen Urkunde hat sich ergeben, daß in der ersten Kaiserzeit +die beiden von danach den Häfen von Myos Hormos und von Berenike +führenden Straßen durch die römischen Soldaten repariert und an den +geeigneten Stellen mit den erforderlichen Zisternen versehen worden +sind ^75. Der Kanal, der das Rote Meer mit dem Nil und also mit dem +Mittelländischen Meer verband, ist auch in römischer Zeit nur in +zweiter Reihe, hauptsächlich vielleicht für den Transport der Marmor- +und Porphyrblöcke von der ägyptischen Ostküste an das Mittelmeer +benutzt worden; aber fahrbar blieb er durch die ganze Kaiserzeit. +Kaiser Traianus hat ihn erneuert und wohl auch erweitert - vielleicht +ist er es gewesen, der ihn mit dem noch ungeteilten Nil bei Babylon +(unweit Kairo) in Verbindung gesetzt und dadurch seine Wassermenge +verstärkt hat - und ihm den Namen des Traianus- oder des Kaiserflusses +(Augustus amnis) beigelegt, von welchem in späterer Zeit dieser Teil +Ägyptens benannt wurde (Augustamnica). + +——————————————————————— + +^74 Aristeides (or. 48 p. 485 Dind.) nennt Koptos den indischen und +arabischen Stapelplatz. In dem Roman des Ephesiers Xenophon (4, 1) +begeben sich die syrischen Räuber nach Koptos; “denn dort passieren +eine Menge von Kaufleuten durch, die nach Äthiopien und Indien reisen.” + +^75 Später legte Hadrian die “neue Hadriansstraße” an, welche von +seiner Antinoosstadt bei Hermopolis, wahrscheinlich durch die Wüste +nach Myos Hormos und von Myos Hormos am Meer hin, nach Berenike führte, +und versah sie mit Zisternen, Quartieren (σταθμοί) und Kastellen +(Inschrift: Revue archιologique N. S. 21, 1870, S. 314). Indes ist von +dieser Straße nachher nicht die Rede, und es fragt sich, ob sie Bestand +gehabt hat. + +——————————————————————— + +Auch für die Unterdrückung der Piraterie auf dem Roten und dem +Indischen Meer ist Augustus ernstlich tätig gewesen; die Ägypter +dankten es ihm noch lange nach seinem Tode, daß durch ihn die +Piratensegel vom Meer verschwanden und den Handelsschiffen wichen. +Freilich geschah dafür bei weitem nicht genug. Daß die Regierung in +diesen Gewässern wohl von Zeit zu Zeit Schiffsgeschwader in Tätigkeit +setzte, aber eine ständige Kriegsflotte nicht daselbst stationierte; +daß die römischen Kauffahrer regelmäßig im Indischen Meer Schützen an +Bord nahmen, um die Angriffe der Piraten abzuweisen, würde befremden, +wenn nicht die relative Gleichgültigkeit gegen die Unsicherheit der +Meere überall, hier so gut wie an der belgischen Küste und an denen des +Schwarzen Meeres, wie eine Erbsünde dem römischen Kaiserregiment oder +vielmehr dem römischen Regiment überhaupt anhaftete. Freilich waren die +Regierungen von Axomis und von Sapphar durch ihre geographische Lage +noch mehr als die Römer in Berenike und Leuke Kome dazu berufen, der +Piraterie zu steuern, und es mag diesem Umstand mit zuzuschreiben sein, +daß die Römer mit diesen teils schwächeren, teils unentbehrlichen +Nachbarn im ganzen in gutem Einvernehmen geblieben sind. + +Daß der Seeverkehr Ägyptens, wenn nicht mit Adulis, so doch mit Arabien +und Indien in derjenigen Epoche, welche der Römerherrschaft unmittelbar +vorherging, in der Hauptsache nicht durch die Ägypter vermittelt ward, +ist früher gezeigt worden. Den großen Seeverkehr nach Osten erhielt +Ägypten erst durch die Römer. “Nicht zwanzig ägyptische Schiffe im +Jahr”, sagt ein Zeitgenosse des Augustus, “wagten unter den Ptolemäern +sich aus dem Arabischen Golf hinaus; jetzt fahren jährlich 120 +Kauffahrer allein aus dem Hafen von Myos Hormos nach Indien.” Der +Handelsgewinn, den der römische Kaufmann bis dahin mit dem persischen +oder arabischen Zwischenhändler hatte teilen müssen, floß seit der +Eröffnung der direkten Verbindung mit dem ferneren Osten ihm in seinem +ganzen Umfang zu. Dies ist wahrscheinlich zunächst dadurch erreicht +worden, daß den arabischen und indischen Fahrzeugen die ägyptischen +Häfen wenn nicht geradezu gesperrt, so doch durch Differenzialzölle +tatsächlich geschlossen wurden ^76; nur durch die Voraussetzung einer +solchen Navigationsakte zu Gunsten der eigenen Schiffahrt konnte diese +plötzliche Umgestaltung der Handelsverhältnisse herbeigeführt werden. +Aber der Verkehr wurde nicht bloß gewaltsam aus einem passiven in einen +aktiven umgewandelt; er wurde auch absolut gesteigert, teils infolge +der vermehrten Nachfrage im Okzident nach den Waren des Ostens, teils +auf Kosten der übrigen Verkehrsstraßen durch Arabien und Syrien. Für +den arabischen und den indischen Handel mit dem Okzident erwies sich +der Weg über Ägypten mehr und mehr als der kürzeste und der billigste. +Der Weihrauch, der in älterer Zeit großenteils auf dem Landweg durch +das innere Arabien nach Gaza ging, kam späterhin meistens zu Wasser +über Ägypten. Einen neuen Aufschwung nahm um die Zeit Neros der +indische Verkehr, indem ein kundiger und mutiger ägyptischer Kapitän, +Hippalos, es wagte, statt an der langgestreckten Küste hin vielmehr vom +Ausgang des Arabischen Golfs durch das offene Meer geradewegs nach +Indien zu steuern; er kannte den Monsun, den seitdem die Schiffer, die +nach ihm diese Straße befuhren, den Hippalos nannten. Seitdem war die +Fahrt nicht bloß wesentlich kürzer, sondern auch den Land- und den +Seepiraten weniger ausgesetzt. In welchem Umfang der sichere +Friedensstand und der zunehmende Luxus den Verbrauch orientalischer +Waren im Okzident steigerte, lassen einigermaßen die Klagen erkennen, +welche in der Zeit Vespasians laut wurden über die ungeheuren Summen, +welche dafür aus dem Reiche hinausgingen. Den Gesamtbetrag der jährlich +den Arabern und den Indern gezahlten Kaufgelder schlägt Plinius auf 100 +(= 22 Mill. Mark), für Arabien allein auf 55 Mill. Sesterzen (= 12 +Mill. Mark) an, wovon freilich ein Teil durch Warenexport gedeckt ward. +Die Araber und die Inder kauften wohl die Metalle des Okzidents, Eisen, +Kupfer, Blei, Zinn, Arsenik, die früher erwähnten ägyptischen Artikel, +den Wein, den Purpur, das Gold- und Silbergerät, auch Edelsteine, +Korallen, Krokusbalsam; aber sie hatten dem fremden Luxus immer weit +mehr zu bieten, als für ihren eigenen zu empfangen. Daher ging nach den +großen arabischen und indischen Emporien das römische Gold- und +Silbergeld in ansehnlichen Quantitäten. In Indien hatte dasselbe schon +unter Vespasian sich so eingebürgert, daß man es mit Vorteil dort +ausgab. Von diesem orientalischen Verkehr kam der größte Teil auf +Ägypten; und wenn die Steigerung des Verkehrs durch die vermehrten +Zolleinnahmen der Regierungskasse zugute kam, so hob die Nötigung zu +eigenem Schiffbau und eigener Kauffahrt den Wohlstand der Privaten. + +————————————————————— + +^76 Ausdrücklich gesagt wird dies nirgends, aber es geht deutlich aus +dem Periplus des Ägypters hervor. Er spricht an zahlreichen Stellen von +dem Verkehr des nicht römischen Afrika mit Arabien (c. 7. 8) und +umgekehrt der Araber mit dem nicht römischen Afrika (c. 17. 21. 31; +danach Ptol. geogr. 1, 17, 6) und mit Persien (c. 27. 33) und Indien +(c. 21. 27. 49); ebenso von dem der Perser mit Indien (c. 36) so wie +der indischen Kauffahrer mit dem nicht römischen Afrika (c. 14. 31. 32) +und mit Persien (c. 36) und Arabien (c. 32). Aber mit keinem Worte +deutet er an, daß diese fremden Kaufleute auch nach Berenike, Myos +Hormos, Leuke Kome kämen; ja wenn er bei dem wichtigsten Handelsplatz +dieses ganzen Kreises, bei Muza bemerkt, daß diese Kaufleute mit ihren +eigenen Schiffen nach der afrikanischen Küste außerhalb der Straße Bab +el Mandeb (denn das ist ihm τό πέραν) und nach Indien fahren, so kann +Ägypten unmöglich zufällig fehlen. + +————————————————————— + +Während also die römische Regierung ihre Herrschaft in Ägypten auf den +engen Raum beschränkte, den die Schiffbarkeit des Nils abgrenzt, und +sei es nun in Kleinmut oder in Weisheit, auf jeden Fall mit +folgerichtiger Energie weder Nubien noch Arabien jemals zu erobern +versuchte, erstrebte sie mit gleicher Energie den Besitz des arabischen +und des indischen Großverkehrs und erreichte wenigstens eine bedeutende +Beschränkung der Konkurrenten. Die rücksichtslose Verfolgung der +Handelsinteressen bezeichnet wie die Politik der Republik so nicht +minder, und vor allem in Ägypten, die des Prinzipats. + +Wie weit überhaupt gegen Osten der direkte römische Seeverkehr gegangen +ist, läßt sich nur annähernd bestimmen. Zunächst nahm er die Richtung +auf Barygaza (Barôtsch am Meerbusen von Cambay, oberhalb Bombay), +welcher große Handelsplatz durch die ganze Kaiserzeit der Mittelpunkt +des ägyptisch-indischen Verkehrs geblieben sein wird; mehrere Orte auf +der Halbinsel Gudjarat führen bei den Griechen griechische Benennungen, +wie Naustathmos und Theophila. In der flavischen Zeit, in welcher die +Monsunfahrten schon stehend geworden waren, ist die ganze Westküste +Vorderindiens den römischen Kaufleuten erschlossen bis hinab zu der +Küste von Malabar, der Heimat des hoch geschätzten und teuer bezahlten +Pfeffers, dessen wegen sie die Häfen von Muziris (wahrscheinlich +Mangaluru) und Nelkynda (indisch wohl Nîlakantha, von einem der +Beinamen des Gottes Schiwa; wahrscheinlich das heutige Nîlêswara) +besuchten; etwas weiter südlich bei Kananor haben sich zahlreiche +römische Goldmünzen der julisch-claudischen Epoche gefunden, einst +eingetauscht gegen die für die römischen Küchen bestimmten Gewürze. Auf +der Insel Salike, der Taprobane der älteren griechischen Schiffer, dem +heutigen Ceylon, hatte in Claudius’ Zeit ein römischer Angestellter, +der von der arabischen Küste durch Stürme dorthin verschlagen worden +war, freundliche Aufnahme bei dem Landesherrn gefunden, und es hatte +dieser, verwundert, wie der Bericht sagt, über das gleichmäßige Gewicht +der römischen Münzstücke trotz der Verschiedenheit der Kaiserköpfe, mit +dem Schiffbrüchigen zugleich Gesandte an seinen römischen Kollegen +geschickt. Dadurch erweiterte sich zunächst nur der Kreis der +geographischen Kunde; erst später, wie es scheint, wurde die Schiffahrt +bis nach jener großen und produktenreichen Insel ausgedehnt, auf der +auch mehrfach römische Münzen zum Vorschein gekommen sind. Aber über +das Kap Komorin und Ceylon gehen die Münzfunde nur ausnahmsweise hinaus +^77, und schwerlich hat auch nur die Küste von Kornmandel und die +Gangesmündung, geschweige denn die hinterindische Halbinsel und China +ständigen Handelsverkehr mit den Okzidentalen unterhalten. Die +chinesische Seide ist allerdings schon früh regelmäßig nach dem Westen +vertrieben worden, aber, wie es scheint, ausschließlich auf dem Landweg +und durch Vermittlung teils der Inder von Barygaza, teils und +vornehmlich der Parther: die Seidenleute oder die Serer (von dem +chinesischen Namen der Seide, Ser) der Okzidentalen sind die Bewohner +des Tarim-Beckens, nordwestlich von Tibet, wohin die Chinesen ihre +Seide brachten, und auch den Verkehr dorthin hüteten eifersüchtig die +parthischen Zwischenhändler. Zur See sind allerdings einzelne Schiffer +zufällig oder erkundend wenigstens an die hinterindische Ostküste und +vielleicht noch weiter gelangt; der im Anfang des zweiten Jahrhunderts +n. Chr. den Römern bekannte Hafenplatz Kattigara ist eine der +chinesischen Küstenstädte, vielleicht Hang-tschau-fu an der Mündung des +Yang-tse-kiang. Der Bericht der chinesischen Annalen, daß im Jahre 166 +n. Chr. eine Gesandtschaft des Kaisers An-tun von Ta- (das ist Groß) +Tsin (Rom) in Ji-Nan (Tongking) gelandet und von da auf dem Landweg in +die Hauptstadt Lo-yang (oder Ho-nan-fu am mittleren Hoang-ho) zum +Kaiser Hwan-ti gelangt sei, mag mit Recht auf Rom und den Kaiser Marcus +Antoninus bezogen werden. Indes dieser Vorfall und was die chinesischen +Quellen von ähnlichem Auftreten der Römer in ihrem Lande im Lauf des 3. +Jahrhunderts melden, wird kaum von öffentlichen Sendungen verstanden +werden können, da hierüber römische Angaben schwerlich fehlen würden; +wohl aber mögen einzelne Kapitäne dem chinesischen Hof als Boten ihrer +Regierung gegolten haben. Bemerkbare Folgen haben diese Verbindungen +nur insofern gehabt, als über die Gewinnung der Seide die früheren +Märchen allmählich besserer Kunde wichen. + +——————————————————————— + +^77 In Bâmanghati (Distrikt Singhbhum) westlich von Kalkutta soll ein +großer Schatz Goldmünzen römischer Kaiser (genannt werden Gordian und +Konstantin) zum Vorschein gekommen sein (Beglar bei A. Cunningham, +Archaeological survey of India, Bd. 13, S. 72); aber ein solcher +vereinzelter Fund beweist nicht, daß der ständige Verkehr sich so weit +erstreckt hat. Im nördlichen China in der Provinz Schensi westlich von +Peking sollen neuerlichst römische Münzen von Nero an bis hinab auf +Aurelian zum Vorschein gekommen sein, sonst sind weder aus Hinterindien +noch aus China dergleichen Funde bekannt. + +——————————————————————— + +Boden- und Geldwirtschaft der römischen Kaiserzeit + +Die ökonomische Herrschaftsstellung Italiens, wie sie in den letzten +Jahrhunderten der Republik sich festgestellt hatte, zeigt sich in +dieser Epoche und über dieselbe hinaus im Stande des Beharrens und +fester noch gegründet als die politische Prärogative. Wenn der reichste +Mann der caesarischen Zeit, Marcus Crassus, auf 170 Millionen Sesterzen +geschätzt worden war, so sahen die folgenden Generationen darauf zurück +wie auf eine Zeit der Armut ^1. Mit dem Frieden, der auf die +Bürgerkriege folgte, kam eine Epoche der Fülle und des Reichtums, wie +die Republik sie nicht gekannt hatte. Als der Reichste unter Augustus +wird genannt Gnaeus Lentulus der Augur (Konsul 740 14) mit einem +Vermögen von 400 Mill. Sesterzen ^2. Das gleiche wird dem mächtigen +Freigelassenen des Claudius, Narcissus, zugeschrieben ^3. Das Vermögen +des Ministers Neros, Seneca, wird, allerdings von seinen Feinden, auf +300 Mill. geschätzt ^4, ebenso hoch das des gefeierten Sachwalters +unter Nero und Vespasian, Vibius Crispus, dessen Reichtum lange +sprichwörtlich blieb ^5. Am Ende des 3. Jahrhunderts warf Kaiser +Tacitus bei seiner Thronbesteigung sein fundiertes Privatvermögen von +280 Mill. Sesterzen in den Staatsschatz ein ^6. Noch am Anfang des 5. +Jahrhunderts bezogen die ersten senatorischen Häuser in der alten +Reichshauptstadt eine Jahresrente, die einem Kapital von mindestens 400 +Mill. Sesterzen nach der älteren Rechnung gleichkam ^7. Wichtiger als +diese Angaben über ausnahmsweise große Vermögen sind einige andere, +welche die Mittelklasse der Aristokratie betreffen: ein Vermögen von 20 +Mill. Sesterzen gilt unter Marcus als mäßiger Reichtum ^8; Familien mit +einem Vermögen von 100 Mill. Sesterzen werden im 5. Jahrhundert als +reiche zweiten Ranges betrachtet. Der senatorische Zensus von einer +Mill. Sesterzen ist also offenbar eine äußerste Grenze, welche bei der +Mehrzahl sicher ansehnlich überschritten ward. In den Angaben über das +im Jahre 746 (8) errichtete Testament eines begüterten Freigelassenen, +welcher außer seinen Liegenschaften über 4116 Sklaven, 3600 Paar +Ochsen, 257000 Schafe und 60 Mill. Sesterzen bar verfügt, treten die +einzelnen Bestandteile eines solchen Großvermögens an Ackerland, Weide +und Kapitaliengeschäft deutlich hervor ^9. Daß bei solchen +Vermögensbeständen die Reichen der oberen Klassen eine Herrenstellung +in den Ortschaften einnahmen, aus denen sie hervorgingen, und eine Art +von Hof und Gefolge sich um jeden von ihnen sammelte, ist erklärlich. +Sie stellen zum guten Teil durch ihre Freigebigkeit die öffentlichen +Gebäude, namentlich die Luxusanlagen, wie Theater, Bäder, Hallen her; +auf ihre Kosten schmausen die Bürgerschaften und leben die Klienten, +und auch in die besseren Kreise hinein reichen dergleichen Spenden. Der +jüngere Plinius unter Traianus, ein vermögender Senator, aber +keineswegs in dieser Hinsicht hervorragend, hat seiner Vaterstadt Comum +für die Gründung und Vermehrung einer öffentlichen Bibliothek, für die +Anlage und die Ausstattung eines Warmbades, zur Alimentation von +Kindern und zu öffentlichen Schmäusen teils bei Lebzeiten, teils im +Testament Zuwendungen im Gesamtbetrag von mindestens 5 Mill. Sesterzen +gemacht, außerdem in anderen Städten, zu denen er Beziehungen hatte, +Tempel und Hallen auf seine. Kosten gebaut und seinen Freunden, dem +einen zur Ausstattung der Tochter, dem andern zur Equipierung für den +Unteroffiziersdienst, dem dritten, um ihm den Eintritt in den +Ritterstand möglich zu machen, persönliche Geschenke bis zu 300000 +Sesterzen gemacht. Diese durch die Individualität des Charakters und +der Beziehungen vielfach bedingte, aber im Wesen nicht persönliche, +sondern standesmäßig geforderte Liberalität ist für alle Zeiten von dem +vornehmen Römer und vor allem von dem Senator des Reiches geübt worden, +aber keineswegs zu allen Zeiten in gleicher Weise. Mit Sehnsucht +gedachten die Klienten der domitianischen Epoche der bessern Zeiten, wo +unter den Spenden dieser Art der Ritterring nichts Seltenes war ^10; +Gaius Piso, der Rivale Neros, dessen königliche Freigebigkeit +seinesgleichen nicht hatte, war gewohnt, jährlich einer gewissen Zahl +seiner Freunde den Ritterzensus zu schenken, so wie die Kaiser in +gleicher Weise senatorische Vermögen zu schenken pflegten ^11. “Es war +früher Sitte”, schreibt Plinius ^12 unter Traian, “daß wem ein Poet ein +Carmen widmete, ihm dafür eine Verehrung machte; jetzt aber ist mit +anderen stattlichen Dingen vor allem auch dies abgekommen, und es kommt +uns albern vor, uns feiern zu lassen.” Dies ist nur eine einzelne +Konsequenz einer tiefgreifenden sozialen Revolution ^13. Die Diarchie, +die Augustus begründet, die Samtherrschaft des Kaisers und des Senats, +offenbart sich auf diesem Gebiet noch energischer als in der +eigentlichen Politik. Die Epoche von der Actischen Schlacht bis zum +Vierkaiserjahr, das julisch-claudische Saeculum, bezeichnet Tacitus als +die Glanzzeit der römischen Aristokratie. Die alten reichen oder +erlauchten Häuser wetteiferten in großartigem Prunk; man warb noch um +die Stimmen der Bürgerschaft, um die Ehrenbezeugungen der Provinzen und +der abhängigen Könige, um eine stattliche Klientel. Das Rom der +augustischen und der claudischen Zeit erinnert vielfach an das der +Päpste und der Kardinäle des sechzehnten Jahrhunderts; das Kaiserhaus +war in der Tat nur das erste unter vielen strahlenden Gestirnen. Aber +dieser Wetteifer hatte vielfach den ökonomischen Ruin im Gefolge; die +Dezimierung der Aristokratie unter den nächsten Nachfolgern des +Augustus traf vorzugsweise die großen Vermögen und führte zu deren +Zertrümmerung; die neuen durch Vespasian aus den Landstädten nach Rom +verpflanzten Senatoren brachten die bürgerliche Sparsamkeit mit sich, +und die alten glänzenden Traditionen der Lentuler und der Pisonen +ersetzten sich nicht. Der Senat, dem Plinius und Tacitus angehörten, +ist wohl nicht minder reich gewesen wie derjenige, in dem Piso und +Seneca saßen; aber wie das Bewußtsein oder, wenn man will, die Illusion +des Mitregiments allmählich schwand und die Monarchie in allen ihren +Konsequenzen sich geltend machte, so kam auch die Vermögensverwaltung +der vornehmen Welt von fürstlicher Freigebigkeit und fürstlicher +Verschuldung zu dem gewöhnlichen bequemen und soliden Lebensgenuß des +festbegründeten Reichtums. + +———————————————————————————— + +^1 Plin. 13, 92. + +^2 Sen. benef. 2, 27. + +^3 Dio 60, 34. + +^4 Tac. ann. 13, 42; Dio 61, 10. + +^5 Mart. epigr. 4, 54, 7. + +^6 vita 10. + +^7 Die Angabe Olympiodors (p. 44 Müller), daß zahlreiche Häuser Roms je +4000 Pfund Gold (ανά τεσσαράκοντα χρυσού κεντηνάρια), ungerechnet die +etwa ein Drittel der Summe erreichenden Naturallieferungen, die Häuser +zweiten Ranges 1500 bis 1000 Pfund Gold an Einkünften bezogen hätten, +kann nur in der oben angegebenen Beschränkung richtig sein, da die +Einkünfte doch nicht von 1500 auf 4000 gesprungen sein werden. 4000 +Pfund Gold Einkünfte geben nach alter Rechnung, das Goldpfund zu 4000 +Sesterzen gerechnet und mit 5 Prozent kapitalisiert, ein Vermögen von +320 Mill. Sesterzen, wozu dann die Naturalabgaben kommen. + +^8 In der lustigen Geschichte, die der Arzt Galenus (13 p. 636 Kühn) +“ohne Namen zu nennen” erzählt, von dem Römer, “der nicht mehr als 5 +Mill. Denare Vermögen hat”, wird dieser medizinische Amateur, der es +unter seiner Würde hält, sich billiger Rezepte zu bedienen, keineswegs +als ein armer Mann bezeichnet, sondern vielmehr immer “der Reiche” +genannt, aber wohl entgegengesetzt den “noch viel Reicheren oder den +Königen”, welche mit recht teuren Rezepten zu versehen hier Galenus +seine Kollegen instandsetzt. Noch weniger dürfte aus der Anekdote bei +Epiktetos (diss. 1, 26, 11) gefolgert werden, daß ein Vermögen von 1½ +Mill. Denaren jemals ernsthaft als Armut betrachtet worden ist. Ebenso +wird, wenn der jüngere Plinius (epist. 2, 4) von seinen modicae +facultates spricht, in Anschlag zu bringen sein, daß der gebildete +Reiche sich nicht gern selbst so nennt. + +^9 Plin. epist. 33, 135. Ähnlich läßt Martialis (epigr. 4, 37) den +reichen Mann, der seine Gäste mit der Aufzählung seiner Reichtümer +langweilt, erst die an verschiedene Leute ausgeliehenen Summen, +zusammen etwa 3 Mill., aufführen, dann die Renten aus Häusern und +Grundstücken mit 3 Mill., dann die der Weiden von Parma mit 600000 +Sesterzen. In einem anderen Epigramm 5, 13 vergleicht er sein +bescheidenes Dichterlos mit dem eines Reichen, dem die Kasten der +Freigelassenen, das heißt der städtischen Geschäftsleute, der Boden +Ägyptens und die Weiden von Parma zinsen. + +^10 Mart. 14, 122. + +^11 schol. Iuv. zu V, 109. + +^12 epist. 3, 21. + +^13 Tac. ann. 3, 55. + +———————————————————————————— + +Wenngleich bei der Ausdehnung des römischen Staates unter den Kaisern +und bei der Mannigfaltigkeit seiner Bestandteile die wirtschaftlichen +Fragen im besonderen nur nach diesen Bestandteilen einigermaßen +genügend gewürdigt werden können, so bleibt doch einmal auch noch in +dieser Periode Italien so sehr das herrschende Gebiet, daß dessen +wirtschaftliche Verhältnisse in gewissem Sinne immer noch die des +Reiches sind; andererseits aber sind doch als Ursache wie als Ergebnis +eine Reihe von Momenten hier zu verzeichnen, welche nur in einer +allgemeinen, Italien vorzugsweise, aber daneben das Reich überhaupt +berücksichtigenden Erörterung zu ihrem Rechte gelangen. + +In erster Reihe steht hier der Gegensatz des großen und des kleinen +Bodeneigentums, wobei zunächst abzusehen ist von der wirtschaftlichen +Form der Nutzung. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der griechischen +wie der römischen Welt gehen vom Kleinbesitz aus und streben zum +Großbesitz; außer den allgemeinen, noch heute in gleicher Richtung +wirkenden Ursachen kommen hier noch besonders in Betracht die der +Bildung des Großkapitals förderliche Sklaveninstitution und die die +ganze alte Welt beherrschende Tendenz, die Rentenziehung durch +Grundbesitz als die sicherste und anständigste, der freien Entwicklung +des Mannes bürgerlich wie intellektuell günstigste zu betrachten. Diese +Richtung auf Steigerung des Großbesitzes waltet wie in der Gemeinde der +Stadt Rom so auch in der Reichsbürgerschaft der Kaiserzeit ohne +Unterschied der Provinzen; die Latifundien, wie die Großbesitzungen in +der Kaiserzeit genannt zu werden pflegen, bilden sich in Italien wie in +Gallien, Afrika, Syrien mit einer Notwendigkeit, die von dem +Naturgesetz sich kaum wesentlich unterscheidet. Daß die hierfür +maßgebenden Ursachen in der Kaiserzeit stärker wirkten als früher, wird +im allgemeinen nicht behauptet werden können. + +Der Konzentrierung der Kapitalien in wenigen Händen war die spätere +Epoche der Republik und die augustische Zeit wahrscheinlich günstiger +als die folgenden Epochen, und der schnelle Wechsel der großen Häuser, +den im Gegensatz zu jener Periode die spätere Kaiserzeit aufweist, muß +notwendig eine, man möchte sagen periodische Zerschlagung der großen +Vermögen herbeigeführt und eine gewisse, allerdings in hohem Grade +bedenkliche Schranke gegen die Akkumulation des Großvermögens und +insbesondere des Großeigentums gebildet haben. + +Sehr verständig hielt die Regierung daran fest, der faktischen +Konzentrierung des Grundbesitzes die rechtliche Geschlossenheit nicht +zu gewähren; die Gesetzgebung hielt unentwegt durch alle Krisen und +allen Verfall an dem Grundsatze fest, daß der Grundbesitz dem Verkehr +nicht auf die Dauer entzogen werden kann, und gibt sich nicht dazu her, +der Deszendenz den Grundbesitz des Aszendenten für die Zukunft zu +sichern. Daß dieser bei weitem nicht in ihrem vollen Inhalt gewürdigten +Aufrechthaltung der freien Veräußerung und der unbedingten Teilbarkeit +des Grundbesitzes die mangelhafte Geschlossenheit und die fortdauernde +Kleinbewirtschaftung auch des Großgrundbesitzes entgegenkommt, wird +weiterhin ausgeführt werden. + +Nur in einer Richtung tritt mit der Einführung der Monarchie eine +wesentliche Abweichung von dem früher befolgten System ein: es betrifft +dies den Grundbesitz in toter Hand. Die Republik, insbesondere die +spätere, hat denselben in engen Grenzen gehalten, praktisch eigentlich +nur angewandt, um den Stadtgemeinden die ökonomische Existenz dauernd +zu sichern. Diese allerdings sind für ihre Ausgaben in republikanischer +wie in der Kaiserzeit in erster Reihe angewiesen auf die +Liegenschaften, von denen sie entweder einen festen Zins beziehen oder +die sie geradezu als Eigentümer im Wege der Verpachtung verwerten; und +ein beträchtlicher Teil des Bodeneigentums im ganzen Reich steht also +im Eigentum der städtischen Gemeinden oder auch der einzelnen, an diese +sich anlehnenden Korporationen. Aber für den Staat selbst besteht diese +Einrichtung nicht. Der Grundsatz der römischen Demokratie, daß das +Bodeneigentum des Staats wesentlich bestimmt sei, zum Kleinbesitz +aufgeteilt zu werden, wird in der Kaiserzeit in Italien vollständig +durchgeführt und auch in den Provinzen mehr und mehr realisiert, so daß +selbst das in denselben noch nicht aufgeteilte Land mehr als Bittbesitz +der zeitigen Inhaber denn als eigentlich auf die Dauer rentierendes +Staatsgut angesehen wird; wenigstens tatsächlich erscheinen die von dem +Provinzialboden an den Staat fließenden Bezüge nicht mehr als +Bodenrente, sondern als Steuer. Dagegen tritt mit der Monarchie +sogleich auch die Domäne ein, das heißt, das dem Inhaber des Prinzipats +zustehende und von ihm nach den Regeln des Privatrechts genutzte +Bodeneigentum wird dem Verkehr entzogen und dem jedesmaligen Nachfolger +zu gleichem Recht überwiesen. Den sehr verschlungenen Wegen, auf denen +die Umwandlung des Privateigentums des Prinzeps in Krongut +herbeigeführt worden ist, kann hier nicht nachgegangen werden; +rechtlich und tatsächlich stellt sich dies Verhältnis schon unter +Augustus fest und ist wahrscheinlich zunächst daraus hervorgegangen, +daß er Ägypten rechtlich als Nachfolger der Ptolemäer übernahm und der +hier uralte Begriff des für Rechnung des Landesherrn bewirtschafteten +Bodeneigentums sich dann auf das gesamte Reich übertrug. + +Ziehen wir für die Großwirtschaft der Kaiserzeit im allgemeinen die +Summe, so zeigt diese eine stetige Zunahme derselben, welcher aber das +Korrektiv der freien Lösbarkeit nicht fehlt und als neues Moment das +Eintreten des “Ersten der Bürger” als des ersten Großgrundbesitzers ein +für allemal. + +In Italien kamen verschiedene Momente hinzu, die den Großgrundbesitz in +besonderer Weise steigerten. Daß die vermögenden Leute von selbst +vorzugsweise nach der Hauptstadt oder wenigstens nach Italien zogen, +welches an den Annehmlichkeiten der hauptstädtischen Existenz bis zu +einem gewissen Grade teilhatte, versteht sich von selbst. Die +Bestimmung, daß die politische Laufbahn nur dem in Italien ansässigen +Reichsbürger eröffnet ward ^14, mußte, soweit der Provinziale rechtlich +zu derselben zugelassen war oder im Laufe der Zeit ward, geradezu als +eine an die angesehensten Familien daselbst gerichtete Aufforderung +erscheinen, ihren Wohnsitz nach Italien zu verlegen; und es ist davon +in immer steigendem Umfang Gebrauch gemacht worden. Daß diese +Übersiedelung mehr oder minder mit der Erwerbung italischen +Großgrundbesitzes verbunden war, liegt in der Sache; förmlich +vorgeschrieben ist es seit Traian, daß wenigstens der Senator den +dritten, später den vierten Teil seines Vermögens in italischem +Grundbesitz anzulegen hat ^15. Noch unmittelbarer griffen hier die +Bestimmungen ein, welche zunächst gerichtet waren gegen den +überschuldeten Grundbesitz und dafür den Weg gingen, das nicht +fundierte Kapital zur Fundierung zu zwingen, indem die verzinsliche +Anlage von Geldern in Rom und Italien nur bis zu einer gewissen Quote +des von dem Gläubiger in italischem Grundbesitz angelegten Kapitals +verstattet ward. Sie rühren her vom Diktator Caesar; unter Augustus, +wie es scheint, außer Anwendung gelassen, sind sie unter Tiberius im +Jahre 33 in großem Umfang durchgeführt worden, indem von dem Bankier +damals der Nachweis des doppelten fundierten Kapitals gefordert ward +und auf diese Weise ungeheure Summen zur Anlage in italischem +Grundbesitz genötigt wurden ^16. Daß diese Vorschriften späterhin außer +Kraft traten, berechtigt nichts anzunehmen; auf die Provinzialen sind +sie gewiß nicht erstreckt worden, sondern gehören zu den ökonomischen +Privilegien, in welche die alte Vormachtstellung Italiens in der +Kaiserzeit sich auflöst. + +————————————————————- + +^14 Da nach republikanischer Ordnung der Senator verpflichtet war, in +der Sitzung zu erscheinen, und für die Ladung bestimmte Vorschriften +bestanden, so wird die für die Munizipien bestehende Ordnung, daß das +Ratsmitglied in der Stadt oder doch innerhalb der Bannmeile wohnen muß +(Eph. epigr. II, 134), vermutlich altes Recht sein. Aber direkter +Gebrauch ist davon außer in besonders gefährlichen Zeiten (Liv. 36, 3; +43, 11) nicht gemacht worden; und schwerlich trat bei Zuwiderhandeln +eine andere Folge ein als die Löschung des Namens von der Liste. Ob +diese Bestimmung in der Kaiserzeit wieder aufgenommen ward, ist nicht +bekannt. Das Augustische Edikt, das dem Senator vorschrieb, Italien +nicht anders als nach eingeholtem Urlaub zu verlassen, welches später +zuerst für die aus Sizilien, dann im Jahre 49 auch für die aus der +Narbonensis gebürtigen Senatoren außer Kraft gesetzt ward, aber sonst +in Geltung blieb (Dio 52, 42; Tac. ann. 12, 23), hat wohl an jene +Vorschriften angeknüpft, aber ist rechtlich und mehr noch faktisch auf +jeden Fall eine Neuerung. + +Daß mit der Erteilung des Ritterpferdes eine ähnliche Verpflichtung +verbunden war, ist sehr wahrscheinlich, nicht wegen der Notiz bei +Tacitus (ann. 6, 14), sondern wegen der Verwendung derselben bei den +Geschworenengerichten. + +^15 Plin. epist. 6, 19; vita Marci 11. + +^16 Suet. Tib. 48. Tac. ann. 6, 17, wo die Interpunktion zu ändern ist: +hinc inopia rei nummariae commoto simul omnium aere alienor et quia tot +damnatis (nicht infolge der von den Wechslern vorgenommenen +Kreditbeschränkung, sondern infolge der Seianischen Prozesse) bonisque +eorum divenditis signatum argentum fisco vel aerario attinebatur, ad +hoc senatus praescripserat duas quisque fenoris partes in agris per +Italiam collocaret (d. h. da das bare Geld augenblicklich knapp war, +war das Maß der Possessionen hoch gegriffen, in der Voraussetzung, daß +der einzelne verschuldete Besitzer für seine Schulden seine Grundstücke +leisten werde), debitores totidem aeris alieni statim solverent (dieser +Satz ist sachlich aus Sueton hinzuzunehmen, vielleicht sogar bei +Tacitus bloß ausgefallen). Dies schlug aber fehl. Die Kreditoren +forderten trotz dessen die vollen Beträge, und ihres Kredits wegen +wagten die Schuldner sich nicht auf das Moratorium zu stützen; borgen +aber konnten sie nicht, da die Bankiers ihr bares Kapital für die ihnen +aufgezwungenen Käufe nötig hatten, und verkaufen nur unter dem Preis, +teils da allzu viel Grundstücke zugleich auf den Markt kamen, teils wer +verkaufen mußte, schlechte Preise bedang. Da trat der Kaiser ein, indem +er den bedrängten Grundbesitzern bei gehöriger Sicherheitsstellung den +Betrag von 100 Mill. Sesterzen (22 Mill. Mark) auf drei Jahre +unverzinslich hingab. + +Übrigens kann die Bestimmung unmöglich allgemein gewesen sein; auf +jeden Fall richtete sie sich nicht gegen den Geschäftsmann überhaupt, +sondern gegen Senatoren und Ritter und war vielleicht förmlich auf +diese beschränkt. Durchführbar war sie insofern, als dem Kläger, dem +vor den Geschworenen der Nachweis gelang, daß jemand mehr Geld verborgt +als fundiert habe, eine bedeutende Geldbelohnung ausgesetzt war. + +————————————————————- + +Wenn also in Italien der Großgrundbesitz früher als in den Provinzen +und in stärkerem Verhältnis den Kleinbesitz überwog, so gilt von dem +Domanialbesitz das Umgekehrte, sofern darunter das werbende Gut +verstanden wird. Die kaiserlichen Luxusbesitzungen finden sich +selbstverständlich vorzugsweise in Italien, vor allem natürlich in Rom +selbst sowie in der Umgegend der Hauptstadt und in der Badegegend von +Baiae, wo kein beliebter Villeggiaturort ohne kaiserliche Villen ist +und manche derselben, wie die von Alba, Antium, Tibur, Baiae, an Umfang +den Städten, an Pracht dem städtischen Kaiserpalast nicht nachstanden. +Aber der eigentlich wirtschaftliche Domanialbesitz ist in Italien wohl +auch in stetigem Zunehmen, aber doch verhältnismäßig untergeordnet +gewesen und geblieben ^17. Es muß durch Erbschaft und Konfiskation und +sonst eine Masse italischen Großgrundbesitzes vorübergehend +kaiserliches Eigentum geworden sein, wie denn auch derartige +Massenverwaltungen mehrfach begegnen ^18; aber allem Anschein nach hat +der Fiskus den vermutlich gering rentierenden italischen +Großgrundbesitz regelmäßig wiederveräußert. Nur die offenbar sehr +einträglichen großen Ziegeleien in der Nähe Roms und an anderen +geeigneten Orten Italiens sind allmählich in großem Umfang in +kaiserlichen Besitz gekommen und im Domanialgut festgehalten worden. +Die relative Geringfügigkeit des Domanialbesitzes in Italien und das +Fehlen großer und außerhalb des Munizipalverbandes stehender +Domanialverwaltungen darf auch zu den ökonomischen Privilegien gezählt +werden, die Italien wenigstens bis auf Severus genoß. Die ungeheure +Steigerung, welche die Domanialwirtschaft durch diesen Kaiser erfuhr, +hat sich wahrscheinlich auch auf Italien erstreckt, unter dem überhaupt +die privilegierte Stellung Italiens anfängt zu schwinden. Im vierten +Jahrhundert steht in der Domanialverwaltung Italien auf einer Stufe mit +den übrigen Reichsgebieten und zeigt sich auch auf diesem Gebiet dessen +Einreihung unter die Provinzen. + +———————————————————————————— + +^17 Wenn Tacitus (ann. 4, 7) für das frühere Regiment des Tiberius +rühmend die rari per Italiam Caesaris agri hervorhebt, so ist der +Gegensatz dazu wohl weniger der dauernde italische Domanialstand der +späteren Zeit als die Epoche der Seianischen Konfiskationen. Es fehlt +nicht an vorseverischen Zeugnissen für kaiserliche Domänen in Italien, +auch abgesehen von dem Luxusbesitz und den Figlinen. Beide +Alimentarurkunden, die von Benevent wie die von Veleia, nennen den +Kaiser mehrfach unter den adfines. Die saltus Galliani der achten +Region (Plin. nat. 3, 15, 118) sind kaiserlicher Großbesitz und werden +von Plinius unter den Gemeinden aufgezählt; sie sind offenbar der Kern +der res privata regionis Ariminensium oder Flaminiae, die später in +Italien am meisten hervortritt (Hirschfeld, Verwaltungsgeschichte, S. +45). + +Die Sommerweiden in Samnium sowie die darauf befindlichen großen +Schafherden standen wenigstens unter Marcus im kaiserlichen Besitz (CIL +IX, 2438). Von den dazugehörigen apulischen Winterweiden muß dasselbe +gegolten haben, vielleicht bezieht sich darauf der procurator +s(altuum?) A(pulorum?) CIL IX, 784 und der procurator regionis +Calabricae CIL X, 1795 und ist der spätere procurator rei privatae per +Apuliam et Calabriam sive saltus Carminianensis (Not. occ. 12, 18) +daraus hervorgegangen; wenigstens gehört der saltus gewiß in ältere +Zeit. Überdies war natürlich auch mit den nicht zunächst für den Ertrag +eingerichteten Villen immer eine gewisse Wirtschaft verbunden. + +^18 Der procurator ad bona Plautiani (CIL III, 1464) und später der +comes Gildoniaci patrimonii (Not. occ. 12, 5); andere Beispiele bei +Hirschfeld, Verwaltungsgeschichte, S. 25 (2. Aufl., S. 126 ff., vgl. +Beiträge zur alten Geschichte, Bd. 2, S. 287ff.). Diese Massen werden +italischen Grundbesitz wenigstens mit umfaßt haben. + +———————————————————————————— + +Langsamer als in Italien, aber nicht minder stetig steigert sich der +Großgrundbesitz in den Provinzen. Was über die einzelnen zu bemerken +ist, ist in den betreffenden Abschnitten dargelegt; hier mag nur, um +den Umfang derselben, der auch und vor allem ein politischer Faktor +ist, einigermaßen zu veranschaulichen, eine der Diatriben stehen, +welche einer, der die Dinge kannte und der vor allem sich selber +predigte, der Minister Neros, Seneca (epist. 89, 20), in dieser +Hinsicht vorbringt: “Vernehmt, ihr reichen Männer, einmal ein ernstes +Wort, und weil der einzelne davon nichts hören mag, so sei es +öffentlich gesagt. Wo wollt ihr euren Besitzungen die Grenzen setzen? +Der Bezirk, der einst eine Gemeinde faßte, dünkt jetzt dem einen +Grundherrn eng. Wie weit wollt ihr eure Ackerfluren ausdehnen, wenn für +die einzelne Wirtschaft der Raum einer Provinz euch zu klein scheint? +Namhafte Flüsse nehmen ihren Lauf durch eine einzige Privatbesitzung +und große völkerscheidende Ströme sind von der Quelle bis zur Mündung +eines und desselben Eigentümers. Ihr seid nicht zufrieden, wenn euer +Grundbesitz nicht Meere umschließt, wenn nicht jenseits des +Adriatischen und des Ionischen und des Ägäischen Meeres euer Meier +ebenfalls gebietet, wenn nicht die Inseln, die Heimaten der gefeierten +Helden der Sage unter euren Besitzungen beiläufig figurieren und was +einst ein Reich hieß, jetzt ein Grundstück ist.” Das ist wohl Rhetorik, +aber auch Wahrheit. Im übrigen soll hier im allgemeinen nur darauf noch +hingewiesen werden, daß der Großgrundbesitz nicht bloß das ganze Reich +in immer steigendem Maße beherrschte, sondern auch sich zu einer +gewissen Gleichartigkeit entwickelte und insofern ohne Zweifel einer +der mächtigsten Träger der nivellierenden Zivilisation der Kaiserzeit +gewesen ist. Indem teils das italische Großkapital auch in den +Provinzen Grundeigentum erwirbt, teils die durch Reichtum +hervorragenden provinzialen Familien mehr und mehr nach Rom gezogen +werden, stellt sich für den Großgrundbesitz des ganzen Reiches in der +Wirtschaft wie im Luxus eine gewisse Gleichförmigkeit ein, die mehr +durch die örtliche Bedingtheit als durch die verschiedene +Lebensgewohnheit der Besitzer eingeschränkt wird. Das afrikanische +Herrenhaus hatte seine Palmen für sich wie das rheinische seine +Heizeinrichtungen; aber die Darstellungen des vornehmen Landlebens, wie +sie kürzlich im Tal des Rummel in Numidien ^19 in den Mosaiken des +dazugehörigen Badegebäudes zum Vorschein gekommen sind, der prachtvolle +getürmte Palast, der schattige Garten, in dem die Dame des Hauses +sitzt, der Stall mit edlen Rennpferden, das Jagdgehege, die berittenen +Jäger mit ihren Hunden und die zuschauenden Damen, die Fischteiche, die +Literaturecke (filosofi locus) gehören nicht der afrikanischen, sondern +der gesamten Reichsaristokratie gleichmäßig an, und die Gegenstücke +dazu finden sich in allen Provinzen. Ebenso muß, je mehr die +Großgrundbesitzer aufhörten, Provinzialen zu sein, auch die +Wirtschaftsweise sich ins Gleiche gesetzt haben. Auch die agronomischen +Schriften der Epoche zeigen dies; Columella unter Nero schreibt +zunächst für das italische Landgut, aber die Abweichungen der +Wirtschaft in Baetica, Gallien, Kilikien, Syrien, Ägypten, Numidien +sind ihm völlig geläufig und werden öfters erwähnt. Es waren zumeist +Fremde, überwiegend Italiener, welche im Auftrag der Eigentümer überall +den Betrieb leiteten und mehr oder minder die örtliche Wirtschaftsweise +durch die allgemeine, im ganzen wohl rationellere ersetzten. Die +unbegreiflich rasche und intensive Romanisierung Afrikas in der +Kaiserzeit hängt ohne Zweifel damit zusammen, daß der Großgrundbesitz +wohl in keiner zweiten Provinz sich mit gleicher Energie entwickelt +hat. + +—————————————————————————— + +^19 CIL VIII, 10889-10891. + +—————————————————————————— + +Wie der kaiserliche Großgrundbesitz provinzialen Ursprungs zu sein +scheint, so hat er auch hauptsächlich in den Provinzen seinen Sitz +gehabt, insbesondere in dem prokonsularischen Afrika, worüber in dem +betreffenden Abschnitt gehandelt ist. Dabei spielten in den Provinzen +die Bergwerke und die Marmorbrüche dieselbe Rolle wie in Italien die +Ziegeleien: sie standen dem Rechte nach unter denselben Regeln wie +jedes andre Bodeneigentum, aber die Kaiser strebten dahin, dieselben +dem Domanialbesitz einzuverleiben, und es ist dies allmählich in allen +Provinzen in weitem Umfang durchgeführt worden. Im allgemeinen ist auch +hier hervorzuheben die ungeheure quantitative Ausdehnung des +Domanialguts, welche unter Severus eingetreten ist, wozu allerdings die +Massenkonfiskation wesentlich beigetragen hat, die der Kaiser der +illyricanischen Soldaten gegen die beiden rivalisierenden und +überwundenen Militärparteien verfügte, die aber doch in der Hauptsache +als eine konstitutive Änderung der Finanzorganisation aufzufassen ist, +gewissermaßen als Emanzipation der Regierung von den Steuererträgen +durch Ersetzung derselben durch den Ertrag der neu geschaffenen +Domänen. In welchem Umfang dies geschehen ist, davon gibt einigermaßen +einen Begriff, daß für das neue Domanialgut (res privata principis) ein +zweiter dem des bisher bestehenden (patrimonium principis) in der +Rangordnung vorgehender Oberdirektor eingesetzt ward, dessen +administrative Bedeutung in dem Gehalt von 300000 Sesterzen (65000 +Mark), dem höchsten mit einer kaiserlichen Prokuration verbundenen, +ihren Ausdruck findet und aus dem in den Ordnungen des 4. Jahrhunderts +der eine der beiden Reichsfinanzminister hervorgegangen ist. + +Je mehr der Rückgang des Kleinbesitzes im Lauf der natürlichen +Entwicklung lag, desto entschiedener ist er zu allen Zeiten als +nachteilig für das Gemeinwesen erkannt worden: man sah darin weit mehr +den Verfall der guten alten Ordnung als die natürliche Entwicklung der +Dinge; und es gilt dies von der Kaiserzeit nicht minder wie von +derjenigen der Gracchen. Es ist ein wohlunterrichteter Schriftsteller, +ein erfahrener Beamter aus der Zeit Vespasians, der die damaligen +Verhältnisse in die Worte zusammenfaßt, daß der Großgrundbesitz Italien +zugrunde gerichtet habe und jetzt im Zuge sei, die Provinzen ebenfalls +zugrunde zu richten. Inwieweit in dieser Epoche versucht worden ist, +das Einschwinden des Kleinbesitzes zu hemmen, ist nur. darzulegen. + +Eins der wichtigsten Momente in dieser Hinsicht ist bereits erwähnt +worden: die Rückbildung des Großgrundbesitzes zum Kleinbesitz ist nicht +bloß gesetzlich offengehalten worden, sondern hat auch auf natürlichem +Wege sich in nicht unbedeutendem Maße vollzogen. Der römische +Großgrundbesitz ist in weit höherem Grade fluktuierend gewesen als der +heutige, nicht bloß weil er nie zu rechtlicher Geschlossenheit und nur +annähernd zu örtlicher gelangt ist, sondern auch weil der durch +Übertragungssteuern gar nicht und durch die Sitte wenig beschränkte +Besitzwechsel und die fortdauernde Kleinwirtschaft in zahlreichen +Fällen vom Groß- zum Kleinbesitz führte. Erbteilung und Konkurs, +Einzelverkauf und Einzelschenkung müssen häufig die Auflösung +bestehender Güterkomplexe oder die Ablösung einzelner Parzellen +herbeigeführt haben. Die weit über die heutige Sitte hinausgehende +Häufigkeit der Vermächtnisse, namentlich auch zu Gunsten abhängiger +Leute, hat vermutlich oft den Kleinbesitz begründet; wenn auch +meistenteils dieselben in Geld oder beweglichem Gut gegeben wurden, so +wird doch mancher vermögende Mann diesem oder jenem Besitzlosen ein +Gütchen hinterlassen haben ^20. Selbst das bäuerliche Emporarbeiten +durch den Fleiß und das Geschick der Hände zu eigenem Besitz ist nicht +ausgeschlossen. Ein solcher aus Afrika berichtet uns in ebenso +ungeschickten wie ehrlichen Versen ^21, wie er erst als gemeiner +Schnitter zwölf Jahre, dann elf weitere als Vormann der Schnitterschar +unter der glühenden Sonne gearbeitet habe und so dazu gelangt sei, ein +eigenes Stadt- und Landhaus in einer der kleinen dortigen Landstädte zu +erwerben und sogar in den Rat derselben und zu Ämtern und Würden zu +gelangen. Er ist sicher nicht der einzige seines Schlages gewesen. Wenn +die römische Demokratie davon ausgegangen ist, die Steigerung des +Kleinbesitzes auf mehr oder minder revolutionärem Wege herbeizuführen, +so haben wenigstens die Anhänger des Prinzipats dessen demokratische +Herkunft nicht verleugnet, ja dergleichen Maßregeln in Italien in einer +Weise durchgeführt, vor denen Gaius Gracchus und Caesar selbst +erschrocken sein würden. + +———————————————————————- + +^20 Auf der Alimentarurkunde von Veleia sind die meisten kleinen +Grundeigentümer nicht im Besitz einheitlicher alter Erbgüter, sondern +solcher, die aus Mengstücken zusammengesetzt und wahrscheinlich aus +einem Großgrundbesitz ausgeschieden sind. + +^21 Eph. epigr. V, p. 277 [CIL VIII, S. n. 118241. + +———————————————————————- + +Die italischen Landanweisungen nach dem Sieg des Dreiherrn Antonius wie +des Caesars bei Philippi und weiter nach dem Siege Caesars über +Antonius bei Actium erfolgten auf Kosten des Privateigentums und gingen +insofern einen sehr verschiedenen Weg; aber das Ergebnis, man darf +vielleicht hinzusetzen das Ziel war das der Gracchischen Bewegung: es +wurden nicht bloß die Besitzer gewechselt, sondern es trat vielfach an +die Stelle des im Laufe der Zeit entwickelten Großgrundbesitzes +wiederum der Kleinbesitz der Adsignation. Wenn Augustus in seinem +Rechenschaftsbericht mit Stolz hinweist auf die 28 volkreichen und +blühenden italischen Städte, die von ihm gegründet seien und zu denen +noch zehn bis zwölf andere in der gleichen Zeit anderweitig gegründete +hinzutreten, so darf dies allerdings, was auch sonst darüber geurteilt +werden möge, als eine wirksame Steigerung des italischen Kleinbesitzes +bezeichnet werden. + +Aber auf dem gleichen revolutionären Weg konnte Augustus selbst nach +der Konstituierung des Prinzipats und konnten die späteren Herrscher +nicht fortgehen. Je mehr der Prinzipat aus der Revolution +hervorgegangen war, desto mehr war es Lebensbedingung für denselben, +die Revolution zu schließen; das Privateigentum ist nie heiliger +gehalten worden als in dem Italien des Prinzipats. Nicht einmal die +Feldherren, welche mit den provinzialen Heeren sich die Herrschaft in +Italien erstritten, Vespasian und Severus, haben daran gerührt. Damit +waren umfassende Maßregeln zur Herstellung von Kleinbesitz für Italien +ausgeschlossen. Wohl waren bei diesen Adsignationen mehr oder minder +bedeutende Stücke nicht zur Verteilung gelangt, andere durch erblosen +Abgang des Empfängers erledigt. Grundstücke dieser Art scheinen es +gewesen zu sein, welche Nero in Antium und Tarent, Vespasian in +Lavinium, Paestum, Reate zur Verteilung gebracht hat. Nachdem dann +Vespasian den größten Teil dieser Reste entweder verkauft oder +adsigniert und Domitianus endlich alle derartigen noch übrigen +meistenteils steinigen Ländereien den Inhabern zu vollem Eigentum +überlassen hatte, gab es Staatsländereien, die zur Verteilung hätten +gebracht werden können, in Italien überall nicht mehr. Parzellierung +der kaiserlichen Domänen oder angekauften Landes wäre möglich gewesen; +aber soviel wir wissen, ist dazu nichts geschehen. Die Gründung neuen +Kleinbesitzes in Italien durch die Regierung hat damit überhaupt ein +Ende. + +In den Provinzen dagegen ist das Gracchische System von dem Prinzipat +ein für allemal adoptiert und danach stetig neuer Kleinbesitz ins Leben +gerufen worden. Unentwegt hielt man fest an der Theorie, daß alles +nicht von den römischen Behörden adsignierte Land im Eigentum des +Staats oder des Kaisers stehe, und wenn auch dessen Ausübung zunächst +praktisch ruhte, die derzeitigen Okkupanten jederzeit ausgetrieben und +das Land an Kolonisten adsigniert werden könne. In der praktischen +Ausführung ist auf diesem Wege sowohl in der Form der Adsignation +innerhalb einer bestehenden Stadtgemeinde, wie im Wege der +Koloniegründung in den Provinzen Kleinbesitz in das Leben gerufen +worden. Allerdings ist dabei wohl in manchen Fällen nur ein +Besitzwechsel eingetreten, insofern der angesiedelte Mann römischen +oder latinischen Rechts an die Stelle eines peregrinischen Vorbesitzers +trat; aber der Großbesitz und das Ödland, vielleicht auch die Domäne +werden doch vielfach für diese Adsignationen den Boden geliefert haben. +Wir werden uns aber von der Vermehrung, die durch die provinziale +Landanweisung dem Kleinbesitz des Reiches erwuchs, keine allzu +übertriebene Vorstellung machen dürfen. Der Gedanke, den Augustus +ursprünglich gefaßt zu haben scheint, die Veteranenversorgung +namentlich des Legionärs dadurch zu bewirken, daß ihm eine Bauernstelle +zugeteilt ward, ist schon von ihm selbst wieder aufgegeben und in eine +Geldzahlung umgewandelt worden, die wohl nur in der Minderzahl der +Fälle zur Erwerbung von Kleinbesitz geführt hat; es muß sich wohl als +unausführbar erwiesen haben, aus dem Veteranen nach dem Ablauf der +langen Dienstjahre durchgängig einen existenzfähigen Kleinbesitzer zu +machen. Es wird daher die direkte Anweisung von provinzialem Landbesitz +wohl nur da mit der Dienstentlassung verbunden gewesen sein, wo +ausnahmsweise bessere Bedingungen gewährt werden konnten. + +In Ermangelung irgendwelcher anderen Zahlen, die das Verhältnis von +Groß- und Kleinbesitz uns veranschaulichen könnten, mag erwähnt werden, +daß unter Traian, nach Ausweis der Alimentarurkunden, im +Beneventanischen das etwa in augustischer Zeit von 90 Kleinbesitzern +bewirtschaftete Ackerland in 50 Händen war, von denen zwei ein +Rittervermögen, neun zwischen 400000 und 100000 Sesterzen, die übrigen +ein Vermögen unter 100000 Sesterzen besaßen, soweit dies Vermögen bei +jenen Verpfändungen berücksichtigt worden ist. In der Aemilia dagegen +stellen sich die Verhältnisse viel ungünstiger: unter 52 Grundbesitzern +hat ein Fünftel Ritterzensus oder mehr, ungefähr ein Drittel zwischen +400000 und 100000 Sesterzen, etwa die Hälfte unter 100000 Sesterzen; +auch die Zahl der ursprünglichen Besitzungen, aus welchen jene 52 +Besitzkomplexe hervorgegangen waren, muß verhältnismäßig sehr viel +größer gewesen sein, als sie in der beneventanischen Tafel sich +darstellt. Es zeigt sich hier ein überhaupt sehr beträchtliches, in dem +reicheren nördlichen Italien geradezu erdrückendes Übergewicht des +Großbesitzes; untergegangen aber ist der Kleinbesitz doch nirgends und +in den weniger der Spekulation unterworfenen abgelegenen Landschaften +Italiens noch immer ein wesentliches Element der Bevölkerung. + +Die Bodennutzung richtet sich in erster Reihe auf den Ackerbau mit +Einschluß des Wein- und des Ölbaus und der ähnlichen Nutzungen. Daß in +dem mehrhundertjährigen sicheren Frieden, den die Monarchie brachte, +der Feldbau, und insbesondere der italische, im großen und ganzen +genommen in blühendem Zustande gewesen ist, unterliegt keinem Zweifel. +Die Einmischung des Staats in den Verkehr durch die Übernahme der +Versorgung der Hauptstadt war ohne Zweifel ein wirtschaftlicher Fehler; +Augustus hat dies unumwunden anerkannt und ausdrücklich erklärt, daß +nur politische Rücksichten ihn bestimmten, daran festzuhalten ^22. Ohne +Zweifel wäre Ackerbau und Handel dadurch gefördert worden, wenn die +Versorgung Roms mit Getreide dem freien Verkehr wiedergegeben worden +wäre. Aber einmal, Rom war doch nicht das Reich, und nicht für den +ganzen Staat spielt der Herrscher in dieser Weise die Vorsehung. +Andererseits hatte die Einfuhr überseeischen Getreides namentlich nach +Rom mit ihren Konsequenzen sich bereits früher festgestellt und war +sogar durch die Lage und die Entwicklung der Hauptstadt wenigstens +nachträglich bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt; das Korn, das +die ackerbauend bleibenden Landschaften der Halbinsel liefern konnten, +muß der Konsum des übrigen Italien mehr als absorbiert haben. Wein und +Öl waren fortdauernd Quellen reichen Gewinns. Auch der Ackerbau der +Provinzen, wo in den sonst fruchtbarsten Gegenden, in Ägypten und +Numidien, Wein- und Ölbau zurücktraten, muß immer lohnend gewesen sein: +es ist nicht selten von teuren Kornpreisen, nur ausnahmsweise von +besonders niedrigen die Rede, so daß im ganzen wohl eher zu wenig als +zu viel produziert ward. Die Wirtschaft ist entweder Guts- oder +Bauernwirtschaft. Es wird notwendig sein, beide gesondert zu +betrachten. + +———————————————————————— + +^22 Die merkwürdige Nachricht bei Suet. Aug. 42 darf nicht auf den +italischen Ackerbau allein bezogen werden, sondern nur auf den des +ganzen Reiches. Wären die frumentationes publicae in Rom aufgehoben +worden, so würde dies den Ackerbau nicht bloß in Italien, sondern +ebenso und vielleicht mehr in Sizilien, Sardinien, Afrika belebt haben; +die Vernachlässigung des Ackerbaus in Verlaß auf den Staat, welche +Augustus beklagt, trifft also ebensosehr die Provinzen, und darum nimmt +auch Augustus Rücksicht auf die Grundbesitzer und die Kaufleute +(negotiantes). Die magna sterilitas, welche Augustus zu diesen +Äußerungen veranlaßte, konnte immer wiederkehren, mochte auch der +italische Ackerbau noch so sehr gedeihen.; aber wenn der Ackerbau +allgemein zunahm und der Verkehr sich frei vollzog, war Hoffnung +vorhanden auf Ausgleichung. + +———————————————————————— + +Die von Columella und Varro geschilderte und gepriesene Gutswirtschaft, +in unseren Beispielen gestellt auf einen Besitz von 200 Morgen und etwa +zehn Feldarbeiter, ist insofern Selbstwirtschaft des Besitzers, als +dieser zwar der Regel nach in der Stadt lebt, aber häufig auf das +Landgut hinauskommt und den die Wirtschaft unmittelbar leitenden +unfreien Meier (vilicus) stetig anweist und beaufsichtigt; die +eigentliche Arbeit beschafft dieser mit den vom Eigentümer gestellten +Sklaven. Auf größeren Grundbesitz ist diese Wirtschaftsform nicht +anwendbar, da der Meier alsdann die Aufsicht nicht in genügender Weise +führen kann; es wird in diesem Fall der Besitz in entsprechende Bezirke +geteilt und jeder derselben gesondert verwaltet ^23. Diese Wirtschaft +ist jetzt in vollem und unvermeidlichem Verfall; den Landwirten dieser +Zeit, vor allem Columella, erscheint sie allerdings noch als +Musterwirtschaft und wird von ihnen zugrunde gelegt, aber in der Tat +als eine gewesene Institution oder als ein unerreichbares Ideal. In der +Tat ist sie mit den realen Verhältnissen nicht mehr in Einklang zu +bringen. Güterkomplexe von der Ausdehnung und Zerstreuung durch ganz +Italien und oft genug noch durch manche Provinzen, wie sie in der +Kaiserzeit sich gestalteten, ließen diese Art der Selbstbewirtschaftung +nicht mehr zu; sie konnte nur fortgeführt werden, indem an die Stelle +des Herrn dessen unfreier Geschäftsführer (actor) trat, und damit war +ihr Wesen zerstört. “Wer ein entlegenes oder gar ein überseeisches +Landgut kauft”, sagt Columella ^24, “der tritt in der Tat sein Hab und +Gut seinen Sklaven ab, die durch die Abwesenheit des Herrn notwendig +verdorben werden, und wenn sie also verdorben sind und gewechselt +werden sollen, das Gut plündern und zugrunde richten.” Dazu kam das +allgemeine Erschlaffen der Springfedern des menschlichen Daseins. Die +vornehme Weit dieser Epoche war sehr viel reicher als die der späteren +Republik, und unendlich viel gleichgültiger gegen die Mehrung des +Besitzes; der dem gewaltigen Ringen der republikanischen Welt fern +liegende Gedanke, daß der Mensch von allem genug haben könne, machte +wie im Senatssaal so auch in der Vermögensverwaltung sich geltend; die +Ehre und die Freude an der möglichst besten Ausnutzung auch der +Glücksgüter, mächtigere Triebe vielleicht im gewerblichen Leben als das +unmittelbare Bedürfnis, schwanden aus dieser müden Welt. Von der +anerkannten Tatsache des allgemeinen Rückgangs des Bodenertrags in +Italien geht Columella aus. Es ist bezeichnend für die unter dem +Prinzipat herrschenden Stimmungen, daß bei den Landwirten, wenn sie +ihre Bilanzen zogen, die Meinung Geltung gewann von der Erschöpfung des +italischen Bodens durch den Erntesegen früherer besserer Zeiten; aber +freilich macht Columella mit gutem Recht geltend, daß nicht die Natur +Schuld trage, sondern die Menschen. Niemand, meint er ^25, bemüht sich +noch um rationelle Kunde des Ackerbaus; man gibt sich nicht einmal die +Mühe, einen tüchtigen Ackersmann zum Meier zu bestellen, sondern +schickt die Leute aufs Land hinaus, die als Handwerker nicht mehr den +Tagelohn abzuliefern vermögen, oder die unbrauchbaren Sänftenträger und +Lakaien. Das war zu beklagen, aber nicht zu ändern. Die Gutswirtschaft +der früheren Epoche, die übrigens auch in republikanischer Zeit in +ihrer vollen Intensität sicher nicht allgemein durchgeführt worden war, +stirbt wie die anderen republikanischen Institutionen in der Kaiserzeit +ab; nicht einmal in der Form der Vertretung des Herrn durch den Actor +scheint sie in großem Umfang sich behauptet zu haben. Die Gutsherren +gaben die Selbstwirtschaft auf und beschränkten sich durchgängig auf +die Kontrolle der fremden Händen überwiesenen wirtschaftlichen Leitung. + +————————————————————————- + +^23 Das Arbeiterpersonal, sagt Columella (1, 9, 7), des einzelnen +Gutes, die classis oder die decuria, soll zehn Köpfe nicht übersteigen: +itaque si latior est ager, in regiones diducendae sunt eae classes. +Allerdings kam in diesem Fall es auch vor, daß die Sklaven in Ketten +arbeiteten (Sen. benef. 7, 10, 5: vasta spatia terrarum colenda per +vinctos), wo also diese Wirtschaft der Plantagenform sich nähert. + +^24 1, 1, 20. + +^25 praef. 12. + +————————————————————————- + +Die Kleinwirtschaft hat in der Kaiserzeit den Ackerbau allem Anschein +nach bei weitem mehr beherrscht als unter der Republik. Daß der +Kleinbesitz auch Kleinwirtschaft ist, versteht sich von selbst; aber +auch der Großbesitz, der auf die Selbstwirtschaft verzichtet, hat im +römischen Ackerbau, wie es scheint, so gut wie ausschließlich, die Form +der Kleinwirtschaft angenommen; von Großpacht findet auf diesem Gebiet +sich kaum eine Spur ^26. Die Kleinwirtschaft wird bald durch Freie, +bald durch Sklaven beschafft: der Eigentümer kann die einzelne +Parzelle, welche er zur Kleinwirtschaft bestimmt, entweder einem freien +Zeitpächter (colonus) überweisen, der dann dem Grundherrn nur den +bedungenen Pachtzins zu zahlen hat, oder einen unfreien Meier (vilicus) +darauf setzen, der dann entweder nach den Regeln der sogenannten +Pekuliargeschäfte gleich dem Pächter einen festen Zins zahlt oder auch +mit dem Herrn Einnahme und Ausgabe verrechnet; indes scheint die +letztere wenig bequeme Form nicht in bedeutendem Umfang vorgekommen ^27 +und über den Grundsatz verfahren zu sein, den Columella ^28 ausspricht, +daß, wo der Eigentümer die Selbstwirtschaft in der früher bezeichneten +Weise nicht ausüben kann oder will, es weniger nachteilig ist, mit +freien Pächtern zu wirtschaften als mit unfreien Meiern. Dies +Verpachtungssystem ist gewiß auch früher oft genug vorgekommen, aber +doch nur nebenher und aushilfsweise ^29; jetzt wird es eigentlich +regelmäßige Form der Bodenwirtschaft. Es zeigt sich dies vor allem in +der Verschiebung des Sprachgebrauchs: colonus, das heißt der Ackerbauer +im Gegensatz zum Hirten, wird noch von Cicero und Varro ohne weiteres +von jedem Landwirt gebraucht, sei er Gutsbesitzer oder Bauer oder +Pächter, technisch aber in republikanischer Zeit verwendet für den +kleinen Grundbesitzer, woraus die politische Verwendung des Wortes sich +entwickelt hat, in der Kaiserzeit dagegen für den selbst +wirtschaftenden Kleinpächter. Dieser Wechsel in der Beziehung des +Schlagwortes hat sich im Anfang der Kaiserzeit entschieden; den +Schriftstellern der neronischen Zeit, dem jüngeren Seneca und dem +Columella, ist der “Landwirt” bereits synonym mit dem Kleinpächter. + +———————————————————————- + +^26 Auf den großen afrikanischen Domänen erscheinen die conductores, +die Pächter des Herrenhauses, und der, es scheint nach Analogie der +Munizipalordnung, diesem Quasi-Gemeinwesen zustehenden Fronden, neben +den coloni, den Pächtern der Parzellen. Das letztere Wort wird nie vom +Großpächter gebraucht. + +^27 Belehrend ist ein von Scaevola referierter Rechtsfall (Dig. 20, 1, +32). Ein Latifundienbesitz wird verkauft. Da ein Teil der Grundstücke +ohne Pächter ist, so übergibt der Käufer diese seinem actor zur +Bewirtschaftung, und es werden nun der Meier und die weiter +erforderlichen Sklaven von diesem darauf gesetzt (Stichus vilicus et +ceteri servi ad culturam missi et Stichi vicarii); daß letztere im +Peculium des Meiers stehen, ist charakteristisch dafür, daß dieser den +Colonus vertritt. Aber deutlich erscheint dies hier als ein +exzeptionelles Verfahren und als Regel die Verpachtung. + +^28 1 7, 6. + +^29 Gewiß sind die großen Vermögen der republikanischen Zeit, soweit +sie in Ackerland bestanden, auch schon vielfach in der Form der +Kleinpacht genutzt worden. Aber normal war die Gutswirtschaft noch am +Ende der Republik; aber nicht mehr, als Columella schrieb. + +———————————————————————- + +Aber auch freigeborene Lohnarbeiter haben nicht gefehlt; die +arbeitsfähigen Kinder des Kolonen müssen oft in eine solche Stellung +eingetreten und nicht selten auf diesem Wege dem Vater in der Pacht +gefolgt sein, wie denn die römischen Landwirte den von Kindesbeinen auf +dem Gut beschäftigten Kolonen als besonders geeignet bezeichnen. Die +alte Sitte, namentlich für die Ernte freie Lohnarbeiter zuzuziehen, +begegnet auch in dieser Epoche, und es ist nicht unmöglich, daß sie in +den eigentlichen Hauptsitzen des Ackerbaus bedeutende Ausdehnung +gewonnen und einen eigenen Stand von Tagelöhnern entwickelt hat ^30. +Daß das neue Wirtschaftssystem an die Stelle der alten Selbstwirtschaft +oder vielmehr der eigenen Direktion des Eigentümers getreten ist, +erklärt auch die weitgehende, unter Umständen bis zur +Wirtschaftsleitung sich steigernde Beteiligung des Grundherrn an der +Wirtschaftsführung. Der Gutsherr liefert regelmäßig das Inventar, das +freilich auf die Gefahr des Pächters steht und bei Auflösung der Pacht +unbeschädigt zurückgegeben oder zum vollen Wert ersetzt werden muß ^31, +empfängt nicht selten statt des Pachtzinses eine Fruchtquote und +kontrolliert je nach den Pachtbedingungen im einzelnen Fall den +Pächter. Die eigentliche Feldarbeit beschaffen regelmäßig die von dem +Eigentümer dem Pächter gestellten Sklaven; verständige Grundherren +wirken dahin, daß diese sorgfältig ausgewählt und gut behandelt werden, +auch dazu gelangen, sich tatsächlich einen Hausstand zu begründen, so +daß der Bauer sie ungefesselt kann arbeiten lassen und der +Sklavenzwinger, der nirgends fehlt, nur als Strafe zur Anwendung kommt. +Die kolossale Ausdehnung dieser Wirtschaftsweise entspricht derjenigen +des Großgrundbesitzes; es sind sicher keine Redensarten, wenn Seneca, +der Minister Neros, selbst einer der reichsten Männer seiner Zeit und +einer der besten Wirte, von den in Italien und in allen Provinzen +zugleich wirtschaftenden Besitzern spricht ^32 und von ihren nach +Tausenden zählenden, für einen Mann grabenden und pflügenden Kolonen. +Es zeigt sich dies weiter darin, daß auch diese Wirtschaft, soweit sie +eigene Tätigkeit des Eigentümers erheischt, sich wieder selber aufhebt; +bei entwickeltem Großbesitz übt der Herr auch die Kontrolle der Pächter +nicht mehr unmittelbar, sondern distriktweise durch seine unfreien +Geschäftsführer (actores), in noch weiterer Steigerung des Umfangs +durch die diesen vorgesetzten freien Direktoren (procuratores), wovon +dann die kaiserliche Domanialverwaltung die höchste Stufe darstellt. + +———————————————————————— + +^30 Die merkwürdige Inschrift von Mactar (Eph. epigr. V, n. 279 = CIL +VIII, S. n. 11824), welche 7, 345 angeführt ward, rührt von einem +solchen Feldarbeiter her falcifera cum turma virum processerat arvis +seu Cirtae Nomados seu Iovis arva petens, demessor cunctos anteibam +primus in arvis pos tergus linquens densa meum gremia. + +^31 Dig. 19, 2, 54, 2. + +^32 epist. 87, 7; 89, 20; 114, 26. + +———————————————————————— + +Diese Form der Kleinwirtschaft geht, wie der Großgrundbesitz, zu dem +sie gehört, gleichförmig durch das ganze Reich und erstreckt sich auch +auf die kaiserlichen Domänen ohne wesentliche rechtliche Abweichung, +wenngleich tatsächlich das fiskalische Interesse die Lage der +kaiserlichen Kolonen wohl gegenüber denen der Privaten günstiger +gestaltet hat. Daß diese Kleinwirtschaft kein voller Ersatz ist für den +großenteils durch sie verdrängten Kleinbesitz, bedarf der Ausführung +nicht: dasselbe Grundstück, das als Kleinbesitz, sei es in Form des +Sammelbesitzes, sei es mit Realteilung, eine Mehrzahl freier Familien +ernähren konnte, nährte als Kleinpacht ein für allemal nur die Familie +des Pächters; und das Selbstgefühl und die Unabhängigkeit, die auch den +kleinen Grundbesitzer wenigstens adeln können, sind dem Zeitpächter +notwendig verschlossen. Dennoch darf in der düsteren Geschichte des +Prinzipats diese wirtschaftliche Gestaltung des Großbesitzes als eine +der lichteren Seiten bezeichnet werden. Die wirtschaftliche Stellung +des Kolonen, den die Kapitalkraft des Grundherrn stützte, war weniger +unsicher als die des Kleinbesitzers, und wie das Verhältnis sich +entwickelt hatte, führte es wenigstens mit wirtschaftlicher +Notwendigkeit zur humanen Behandlung der Pächter durch den Grundherrn +und der Ackersklaven durch den Pächter, ebenso zu einer gewissen +Vereinigung der Betriebsvorzüge der Groß- und der Kleinwirtschaft. Man +soll nicht vergessen, daß die alte Bauernwirtschaft erst zur +Schuldknechtschaft geführt und dann in sich selbst Bankrott gemacht +hat; nicht vergessen die unmenschliche Wirtschaftlichkeit des +catonischen Musterguts, das den Sklavenhausstand und die freie Arbeit +völlig ausschließt. In dieser Kleinpachtwirtschaft lag für die unfreien +Leute eine erträglichere Existenz und eine gewisse Aussicht, durch +Wohlverhalten zur Freiheit zu gelangen; es lag ferner in ihr einige +Garantie für die Verwendung einer wenn auch beschränkten Zahl freier +Familien in einer wirtschaftlich haltbaren Stellung. Die Armee der +Kaiserzeit hat allem Anschein nach ganz überwiegend aus diesen +Kleinpächterfamilien sich rekrutiert. Die mit der neuen Welt +unzufriedene und die Zustände der republikanischen Zeit, eben weil sie +unwiederbringlich dahin waren, mehr sehnsüchtig als nachdenklich +idealisierende Anschauung der vornehmen Kreise Italiens hat auch für +diese Entwicklung der Bodenwirtschaft nichts als Vorwurf und Klage; +beide sind nicht unberechtigt, aber hier vor allem gilt das tröstende +Evangelium der Geschichte, daß aller Verfall auch wieder Entwicklung +ist. + +Neben dem Ackerbau bestand die sonstige Bodenwirtschaft wie früher, +ohne daß in dieser Hinsicht erhebliche Änderungen zu verzeichnen wären. +Daß die unproduktive Verwendung des Bodens zu bloßen Luxusanlagen bei +dem Reichtum und der Hoffart der vornehmen Welt in Italien namentlich +unter der ersten Dynastie in weitem Umfange stattgefunden hat, ist +selbstverständlich; von den Villenanlagen, die den Raum ganzer Städte +einnehmen, spricht Seneca ^33 so gut wie früher Sallustius, und jener +hebt weiter hervor, daß der richtige Reiche nicht zufrieden ist, bis an +jedem See, an jedem Strand Italiens, die die Mode konsekriert hat, er +seine besondere Villeggiatur besitzt, wie dies an den kaiserlichen +Villen sich im einzelnen verfolgen läßt. In diesen Anlagen ist manches +große Vermögen verbaut worden; aber daß die Lusthaine und die Villen +dem Ackerbau den Platz wegnahmen, ist eine Redensart wie andere auch +^34. Daß der italische Ackerbau unter der Republik durch die Zerstörung +zahlreicher Städte und die Ausdehnung der Weidewirtschaft eine sehr +empfindliche Einschränkung erfahren hat, ist früher auseinandergesetzt +worden; aber wie die bei dem Beginn der Monarchie vorhandenen +Gemeinwesen mit verschwindenden Ausnahmen unter ihr fortbestanden, so +hat auch die Bodenwirtschaft, im großen und ganzen genommen, in der +Kaiserzeit wahrscheinlich sich in dieser rückgängigen Richtung nicht +weiterbewegt, vielmehr eher den umgekehrten Weg eingeschlagen ^35, wenn +auch großartige Maßregeln in diesem Sinn, wie die von Caesar in Betreff +der Pontinischen Sümpfe geplante, nicht zur Ausführung gelangt sind. In +den Provinzen sind die Deduktionen von Kolonisten gewiß vielfältig in +der Weise erfolgt, daß dadurch Weide- oder Ödland unter den Pflug kam. +Allem Anschein nach ist in der Kaiserzeit der Ackerbau nur da +ausgefallen, wo entweder die Beschaffenheit des Bodens oder die +Unsicherheit des Besitzes oder der Mangel an Arbeitskräften ihm im Wege +stand. Daß die Weidewirtschaft regelmäßig Großwirtschaft ist und also +diese Bodenstücke regelmäßig den Reichen gehören, liegt in der Sache +und gilt also auch für diese Zeit. + +—————————————————————- + +^33 epist. 89, 21. + +^34 In diesem Sinn sagt Tiberius bei Tacitus (ann. 3, 54): nisi +provinciarum copiae et dominis et servitiis et agris subvenerint, +nostra nos scilicet nemora nostraeque villae tuebuntur. Das läßt sich +vertreten, wenn man die Stadt und die Umgegend Roms ins Auge faßt: von +Tibur und Tusculum mag es einigermaßen richtig sein, daß die Städte den +Landhäusern Platz machten. Aber für das übrige Italien paßt dies um so +weniger, als die Prachtanlagen der großen hauptstädtischen Familien auf +Latium und einen Teil Kampaniens sich beschränken. + +^35 In der Alimentartafel von Veleia tritt bei den saltus auffallend +oft hervor, daß sie mehr oder minder mit Ackerland gemischt sind, was +wohl auf späteren partiellen Anbau zurückgehen mag. + +—————————————————————- + +Im Geldgeschäft ist die ältere indirekte Hebung der Staatseinnahmen +durch Vermittlung der Kapitalistengesellschaften, eine der +hauptsächlichen Burgen der republikanischen Plutokratie, in ihrer +verderblichsten Form, der Festsetzung der Abgaben in einer Fruchtquote +und der Überlassung dieser Zehnten an eine Gesellschaft gegen eine an +die Staatskasse zu zahlende Geldsumme, schon von dem Diktator Caesar +beseitigt worden. Bei der Einziehung der für Rom bestimmten +Naturallieferungen und der in Geld angesetzten Steuern sind die alten +Kompagnien noch eine Zeitlang tätig gewesen; aber teils die Hebung +durch die steuerpflichtige Gemeinde, die zum Beispiel für Asia auch von +dem Diktator Caesar angeordnet ward, teils die Einsetzung eigener +kaiserlicher Finanzverwaltungen für jede Provinz müssen die Macht der +Mittelsmänner weiter beschränkt haben, bis dann in den späteren Jahren +des Tiberius auch das immer noch wichtige und gewinnbringende Geschäft +der Überführung der also gezahlten Gelder und gelieferten Naturalien +nach Rom oder an den sonstigen Bestimmungsort den großen Kompagnien +genommen ward ^36 und diese aus der provinzialen Grund- und +Vermögenssteuer überhaupt verschwinden. Bei anderen Steuern hat sich +die indirekte Hebung länger behauptet, so bei der Freilassungs-, der +Auktions- und der wichtigen Erbschaftssteuer; doch ist auch für die +letztere, wie es scheint unter Hadrian, die direkte Erhebung eingeführt +worden, und mehr und mehr werden die Kapitalistengesellschaften auch +aus diesen Hebungen verbannt. Am längsten haben sie sich bei den Zöllen +und den nutzbaren Bodenrechten des Staats behauptet; und hier ist die +Verpachtung auch für Rechnung der kaiserlichen Kasse angewandt worden +^37. Wenn unter Nero die Abschaffung der Zölle in Frage kam, so ist +dabei ohne Zweifel mit maßgebend gewesen, daß die hier unentbehrlich +erscheinende Hebung durch Private mit dem Geiste der neuen Monarchie +nicht harmonierte. Indes kam es dazu nicht und begnügte die Regierung +damals und später sich mit der Verschärfung der gegen die Zollpächter +geübten Kontrolle. Doch scheint, während unter der Republik die +Pachtung vom Staat der Regel nach bedeutenden Umfang hatte und einzelne +Gesellschaften finanzielle Großmächte waren, unter dem Prinzipat der +Umfang der einzelnen Pacht vielmehr beschränkt gewesen zu sein. Auch +abgesehen von dem kaiserlichen Kolonat, von dem schon die Rede war, +sind die fiskalischen und ärarischen Konduktoren dieser Zeit offenbar +nicht entfernt zu vergleichen mit den Publikanen der Republik; und +dasselbe gilt von den noch fortbestehenden Kompagnien, denen durchaus +kaiserliche Beamte und kaiserliches Gesinde in einer Weise über- und +eingeordnet wurden, daß der ganze Betrieb unter stetiger Mitwirkung der +Regierungsorgane sich vollzogen haben muß. Auch tritt, ganz im +Gegensatz zu dieser, namentlich im fiskalischen Gebiet hier sehr häufig +an die Stelle der Verpachtung die eigene Bewirtschaftung unter Aufsicht +spezieller Beamter oder Beauftragter: so zum Beispiel sind die +kaiserlichen Ziegeleien und Marmorbrüche niemals und in der Regel auch +die kaiserlichen Bergwerke nicht verpachtet worden. Dem Eingreifen des +Großkapitals in dieses wenigstens halbstaatliche Gebiet ist demnach +unter dem Prinzipat eine mächtige Schranke gesetzt worden. Der Anteil +an der Herrschaft, den die Geldaristokratie eine Zeitlang faktisch +behauptet hatte, war damit gebrochen. + +—————————————————————————- + +^36 Die Umgestaltung des Hebewesens liegt sehr im Dunkeln; sicher ist +nur, daß die Hebung durch die Gemeinden selbst wenigstens in Asien +schon durch den Diktator Caesar eingeführt ward (App. civ. 5, 4), und +wahrscheinlich wird dieselbe gleichzeitig wenigstens für die übrigen in +Geld steuernden Provinzen angeordnet sein (Marquardt, Staatsverwaltung, +Bd. 2, S. 185). Wenn dennoch Tacitus (ann. 4, 6; vgl. Römisches +Staatsrecht, 3. Aufl., Bd. 2, S. 1017) zum Jahr 23 sagt: frumenta et +pecuniae vectigales, cetera publicorum fructuum societatibus equitum +Romanorum agitabantur, so können die pecuniae vectigales eben nur diese +in Geld normierten Abgaben der Provinzen sein und den Sozietäten nur +noch das Geschäft obgelegen haben, diese von den Gemeinden einzuziehen +und an den Bestimmungsort zu übermitteln, so daß sie also in dieser +Hinsicht mehr das Bankier- als das Hebegeschäft für den Staat +besorgten. Da Tacitus diese Einrichtung unter den in Tiberius’ späterer +Zeit weggefallenen aufführt, so wird damals wohl auch die Vermittlung +zwischen den zahlenden Gemeinden und der Staatskasse auf den Staat +übergegangen sein. Von dem nach Rom zu liefernden Getreide ist der +Transport immer durch Private beschafft worden (Marquardt, +Privatalterthümer, S. 390). + +^37 Deutlich zeigen dieses Verhältnis die über das Vermögen des +Isidorus und der Patrone Martials (Anm. 9) beigebrachten Angaben. Auch +Plinius (epist. 3, 19) sagt: sum quidem prope totus in praediis, +aliguid tamen fenero. + +—————————————————————————- + +Das gewerbsmäßige Geldverleihen ist jetzt ein regelmäßiger Bestandteil +des Haushalts jedes vermögenden Römers geworden. Auch die Vornehmen +pflegen den größten Teil ihres Vermögens in Grundbesitz anzulegen, aber +daneben ein mehr oder minder beträchtliches Kapital bankiermäßig zu +verwerten, indem sie dasselbe teils gegen eigentliche Sicherheiten +ausleihen, teils in der Form der Anleihe an Handel und Industrie und +Spekulationen aller Art sich beteiligen. Dem kam andrerseits die selbst +gesetzlich festgestellte Ordnung entgegen, daß das Verleihen gegen +Zinsen nur insoweit gestattet wurde, als der Betreffende den gleichen +oder noch einen höheren Betrag in Grundbesitz angelegt hatte. Es ist +dies das System, nach dem auch Crassus und Atticus ihr Vermögen +verwalteten; mit dem Zurücktreten der Selbstwirtschaft ward in der +Gutsverwaltung dasselbe mehr und mehr allgemein. Wenn bei richtiger +Führung dabei auch die Bodenwirtschaft gewann, insofern bei +eintretendem Bedürfnis sie nicht auf den Kredit, sondern auf das +Kapital greifen konnte, so lag hierin andererseits eine Verknüpfung des +Grundbesitzes mit der Spekulation, deren Bedenklichkeit durch jene +äußerliche Fixierung des Verhältnisses zwischen fundiertem und nicht +fundiertem Vermögen mehr anerkannt als abgewandt wurde. Die großen +Vermögen dieser Epoche sind hauptsächlich auf diesem Wege gebildet; von +Seneca zum Beispiel wird geradezu gesagt, daß er durch die Wucherzinsen +ein reicher Mann geworden sei ^38, und seine Feinde wenigstens +behaupteten, daß er die Eroberung Britanniens dazu benutzt habe, um 40 +Mill. Sesterzen den bedrängten Gemeinden dort vorzuschießen, deren +Rückforderung dann den gefährlichen Aufstand des Jahres 60 +herbeigeführt haben soll ^39. Wo einer zum Krösus, da werden viele zu +Bettlern. Die namentlich unter der ersten Dynastie stets sich +wiederholenden Klagen über Überschuldung und Zusammenbrechen der +vornehmen Häuser gehen vermutlich mehr noch auf diese +Spekulantengeschäfte zurück als auf die eigentliche Verschwendung; und +andererseits wird die mit Vespasian eintretende innerliche Revolution +sich in erster Reihe darin gezeigt haben, daß das befestigte Vermögen +im Wechselportefeuille Maß hielt und daß wenigstens dem Senator des +Reiches die Sitte nicht gestattete, mit seinen Kapitalien zu wuchern. +Wie der von Haus aus sehr begüterte spätere Kaiser Pius nie mehr als 4 +Prozent Zinsen nahm, so zeigt auch die spätere Gesetzgebung, daß man +unterschied zwischen den Zinsen, die der gewöhnliche Geschäftsmann +nehmen konnte, und denen, die dem vornehmen Mann zu nehmen geziemte. + +—————————————————————————————— + +^38 Tac. ann. 13, 42. + +^39 Dio 60, 2. + +—————————————————————————————— + +Daß Gewerbe und Handel unter der Friedensmacht, wie der römische Staat +dieser Epoche sie entwickelte, emporgeblüht sein müssen, ist von +vornherein gewiß; mancherlei Einzelheiten zeigen uns die steigende +Spezialisierung des Handwerks, die weiten Absatzkreise einzelner +Fabrikate, die Bedeutung des Imports wie des Exports über die +Reichsgrenze; allgemeine Daten, die ein vergleichendes Urteil gegenüber +früheren und späteren Perioden gestatteten, ergibt unsere Überlieferung +nicht. Somit beschränkt diese Auseinandersetzung sich darauf, gewisse +allgemeine und soziale Verhältnisse kurz zu berühren, die einigermaßen +sich fassen lassen. + +Wenn einstmals der einzelne Haushalt sich selber genügte, so war mit +der steigenden Kultur mehr und mehr die bezahlte Arbeit, die +gewerbliche sowohl wie der Handel mit offenem Laden, in die erste Reihe +getreten: aber gleich wie in der Epoche, wo Speisen und Kleider +lediglich durch das Gesinde bereitet wurden, liegt diese Arbeit jetzt +zwar in der Hand der Kapitalisten, wird aber ausgeführt durch ihr +unfreies Gesinde. Die großen Vermögen auch der Aristokratie sind +allerdings zum guten Teil aus der stillen Beteiligung der Vornehmen an +spekulativen Geschäften dieser Art hervorgegangen; aber einen auf das +Gewerbe gestützten Mittelstand kennt diese Epoche sowenig wie die +frühere; wie der Senat der Hauptstadt aus den Großgrundbesitzern sich +zusammensetzt, so bilden in jeder Landstadt die Gutsbesitzer den +Gemeinderat und den höheren Stand. Wenn ein Flickschuster sich es +gestattet hat, in dem gebildeten Bononia eine Volkslustbarkeit zu geben +und in Mutina ein Walker, wo wird, fragt Martialis ^40, der Gastwirt +dies tun? So erkauften die Trimalchionen für vieles Geld die +Gelegenheit, sich auslachen zu lassen; von der Teilnahme an den +Gemeindegeschäften blieben sie nach wie vor von Rechts wegen selbst in +der kleinsten Stadt ausgeschlossen. Caesars Anordnung, daß in den +Provinzen der Freigelassene in den Gemeinderat gelangen könne, nahm +Augustus wieder zurück. Der einzelne Sklave sucht als Lohnknecht, +Schuster, Arzt und so ferner seinen Verdienst oder wird auch von seinem +Herrn in ein bestimmtes Geschäft hineingesetzt; was er auf diese Weise +erwirbt, gehört zwar rechtlich dem Herrn, wird aber sehr häufig nur zum +Teil an ihn abgeliefert. Der Sklave hat oft eigenen Haushalt und +faktisch eigenen Besitz: die Freilassung erfolgt oft gegen eine aus +diesem Besitz dem Herrn zu zahlende Summe, löst aber regelmäßig das +Anrecht des Herrn auf einen Teil des Verdienstes des Freigelassenen +nicht auf. So werden auch die bedeutenderen Geschäfte betrieben: zum +Beispiel selbst die Ladeninhaber (negotiantes, mercatores), die +Geldhändler (argentarii), die Händler mit Spezereien (thurarii), +vermögende und in ihrer Art angesehene Persönlichkeiten, sind dennoch +fast ohne Ausnahme unfrei oder aus der Unfreiheit entlassen. +Wirtschaftlich hat dies System seine vorteilhafte Seite: das Fortkommen +des einzelnen geschickten Arbeiters und brauchbaren Geschäftsmanns +hängt weniger vom Zufall ab als bei völlig freier Konkurrenz, sondern +es steht hier, wenn der Herr seinen Vorteil versteht, hinter jedem +tüchtigen Mann die Macht des Kapitals. Es wird damit ferner zwischen +der Sklavenschaft und der Bürgerschaft eine Brücke geschlagen, welche +im allgemeinen wenigstens die besten Elemente aus jener in diese +überführt und die, wie nachteilig sie auch vielfach sich erweist, doch +im ganzen weniger schadet als die völlige Abschließung der Sklavenwelt +gegen die der Freien. Die rechtliche Ausgleichung führt wenigstens in +den späteren Generationen auch die nationale und soziale allmählich +herbei, und das Zusammenschwinden des Bürgerstandes würde im Römischen +Reich sehr viel früher und stärker aufgetreten sein, wenn nicht die +außerordentliche, aber zugleich stehende Vermehrung durch die +Freilassungen ihm zu Hilfe gekommen wäre. Sie sind auch bei der +Bauernwirtschaft vorgekommen, aber überwiegend beruhen sie auf dem +Gewerbe- und Handelsverkehr, in dem sie nicht selten sogar eine +hervorragende Stellung gewinnen und sich oder doch ihre Nachkommen in +die Geld- und weiter in die eigentliche Aristokratie einführen. + +—————————————————————————— + +^40 Mart. epigr. 3, 59. + +—————————————————————————— + +Ist in Beziehung auf Handel und Gewerbe nicht viel mehr zu +konstatieren, als daß die Dinge auch unter dem Prinzipat beim alten +blieben, so erweitert sich dagegen in bemerkenswerter Weise derjenige +Kreis, in welchem die Sitte dem anständigen Manne gestattet, Geld zu +erwerben. Die strenge Regel, daß der Dienst, der einem Mitbürger oder +auch dem Staat geleistet wird, von dem Gentleman umsonst geleistet +werden muß und durch Bezahlung wenn nicht unehrlich, so doch unvornehm +wird, ist tatsächlich schon unter der Republik nach vielen Seiten hin +durchbrochen worden. Aber erst in dieser Zeit bildet sich die +öffentliche Laufbahn auch in ökonomischer Hinsicht aus, als hinführend +zu einer finanziell und sozial angesehenen Stellung. Es gilt dies für +Beamte, Soldaten, Sachwalter, Rechtsgelehrte, also überhaupt für alle +mit dem öffentlichen Leben verknüpften Hilfsleistungen, während private +Dienste, wie zum Beispiel des Arztes und des Jugendlehrers, sich wenig +oder gar nicht über die eigentlichen Gewerbe erheben. Dies geht +unmittelbar zurück auf den neuen Prinzipat. Die von diesem neben die +alten Staatsbeamten gestellte Kategorie gleichfalls in öffentlichen +Geschäften, sei es im Heer oder in der Verwaltung, verwandter +persönlicher Diener des Kaisers wurde von Haus aus mit festem und hoch +gegriffenen Gehalte ausgestattet und damit von dieser Remuneration der +bisherige Makel entfernt. Es war dies um so leichter, als die außerhalb +Roms tätigen Staatsbeamten längst eine Vergütung für die Ausrüstungs- +und sonstigen Kosten empfangen hatten, die der Sache nach auf eine +Besoldung hinauslief; dennoch war die Einführung der förmlichen und +direkten Besoldung im Staatsdienst eine eingreifende Neuerung. Sie +würde noch tiefer eingegriffen haben, wenn nicht die Kontinuität der +amtlichen Stellung gefehlt hätte. Zwar die Unteroffizierstellung war +eine dauernde und führte auch eine dauernde Versorgung sowie im +günstigen Fall den Eintritt in die höhere Beamtenlaufbahn herbei; aber +wenn auch im übrigen die kaiserlichen Diener weit längere Zeit als die +Staatsdiener in ihren Stellungen blieben und die amtlichen Intervalle +bei ihnen sicher seltener und kürzer eintraten, so ist doch das Amt im +allgemeinen auch in der Kaiserzeit nicht eine Lebensstellung und die +Gehalte der Regel nach nicht hoch genug, um schon in kürzerer Frist +eine solche zu gewähren. Dafür aber traten ergänzend hinzu die +Tätigkeiten des rechtskundigen Beirats und vor allem des redekundigen +Sachwalters. Zwar unter Augustus ward die alte Vorschrift, daß kein +Sachwalter von dem Klienten Geld annehmen dürfe, noch einmal +eingeschärft ^41, und die hervorragenden Redner dieser Epoche, Asinius +Pollio, Messalla Corvinus und andere mehr, hielten an der alten +Ehrenhaftigkeit um so mehr fest, als sie durchaus reiche und vornehme +Männer waren. Aber wenn der Kaiser seine Beamten bezahlte, so konnte +der Advokat unmöglich unentgeltlich tätig sein; im allgemeinen kehrten +weder Klienten noch Advokaten sich an das Gesetz, und unter Claudius +mußten die “Schenkungen” bis zu 10000 Sesterzen gesetzlich freigegeben +werden ^42. Dabei ist es insofern geblieben, als die Advokatenhonorare +in gewissen Grenzen nicht bloß erlaubt, sondern bald auch klagbar +geworden sind ^43. Zu diesem legitimen Verdienst tritt noch hinzu ein +anderweitig darzustellendes, aber auch in der Ökonomie nicht zu +übersehendes Moment, die Durchführung des Strafprozesses mittels der +Privatanklage und der gesetzliche Anspruch des siegreichen +Privatanklägers auf bedeutende Geldbelohnungen, zum Beispiel bei dem +Hochverratsprozeß auf den vierten Teil des Vermögens des Verurteilten, +welche Prämien besonders bei den Anklagen vor dem Senat oft noch +arbiträr gesteigert wurden. Es lag in der Sache, daß dieser Gewinn +größtenteils denjenigen Sachwaltern zufiel, die diesen Weg zu gehen +nicht verschmähten: und die großen Vermögen der Advokaten besonders im +ersten Jahrhundert sind vorzugsweise auf diesem Wege zusammengekommen. +Späterhin ist mit der veränderten Prozeßform diese Mißbildung +zurückgetreten, wogegen die Sachwalterstellung überhaupt in ihrer +sozialen und ökonomischen Bedeutung sich behauptet. Auch den bei dem +Prozeß den Sachwaltern assistierenden Rechtsbeiständen (pragmatici) +konnte das gleiche nicht verweigert werden; doch waren diese +untergeordneten Ranges ^44 und ihr Erwerb nicht beträchtlich. Dagegen +wird ihre Beihilfe bei Vollziehung von Rechtsgeschäften, zum Beispiel +bei Abfassung von Testamenten, ähnlich, wenn auch niedriger gestanden +haben wie heute die der Notare, und nicht minder fanden sie Verwendung +als salarierte Privatbegleiter des in die Provinzen zur Rechtsprechung +gesandten, der Regel nach selbst rechtsunkundigen hohen Beamten. So +bildete sich hier eine Laufbahn für Talente, im allgemeinen jedem +zugänglich, der die für die Vorbildung erforderlichen, allerdings nicht +ganz unbedeutenden Kosten aufzubringen vermochte und auch in ihrem +weiteren Verlauf an Bedingungen geknüpft, die verhältnismäßig leicht zu +erfüllen waren. Dem römischen Eupatriden gegenüber macht Juvenal es +geltend, daß aus dem Volke der Jüngling kommt, der am Euphrat +Waffendienst tut und bei den Adlern Wache hält, die den bezwungenen +Bataver bändigen; daß der niedere Quirite den Redner stellt, welcher +die Prozesse des ungebildeten Adligen führt; daß der römische Plebejer +es ist, der die Knoten des Rechts und die Rätsel der Gesetzgebung löst. +Freilich, wer bloß Geld erwerben will, der wird in der Wechselstube +oder bei dem Auktionsgeschäft, als Arzt und Baumeister, als Musikus +oder Jockey rascher zum Ziel kommen; aber wer ehrgeizig nach einer +Stellung strebt, dem ist jetzt auch eine solche nicht mehr +verschlossen: der sorgliche Vater besseren Schlages bei demselben +Dichter ^45 fordert seinen Sohn auf, sich über seinen Lebensberuf zu +entscheiden, entweder um den Rebstock des Unteroffiziers einzukommen +oder in die Advokatenschule einzutreten oder auch die Gesetze zu +studieren. Vielleicht auf keine Weise hat der Prinzipat der +republikanischen Aristokratie entschiedener Abbruch getan als durch +diese Restitution Gracchischen Geistes, anknüpfend an die Gracchischen +Ritterprivilegien, aber doch wesentlich neu und durchaus beruhend +einerseits auf der Organisation des stehenden Heeres und besonders der +Unteroffizierskarriere, andrerseits auf der Einrichtung der salarierten +kaiserlichen Beamten mit ihren weiteren Konsequenzen. Die Einrichtung +öffnet die Pforten keineswegs dem Bürger schlechthin; die +Freigelassenenwelt bleibt unbedingt ausgeschlossen, und wenn die +militärische Laufbahn wenigstens rechtlich jedem Freigeborenen +offensteht, so fordert die nicht militärische einen verhältnismäßig +hohen und kostspieligen Bildungsgrad und, soweit sie eine amtliche ist, +den Besitz des Rittervermögens. Die Einrichtung öffnet ferner ihre +Pforten in der Hauptsache nur dem, der der Regierung genehm ist und +genehm bleibt; die Aufnahme in das Heer und das Avancement hängt in +jedem einzelnen Fall vom kaiserlichen Gutdünken ab, und ebenso verleiht +die Regierung allein sowohl das Ritterpferd wie die daran geknüpften +Ämter. Aber dennoch ist auf diesem Wege dem Mittelstand und +einigermaßen selbst den niederen Schichten des Volkes die zu Reichtum +und Ämtern führende Laufbahn eröffnet, während die spätere Republik +dem, welcher den Reichtum nicht bereits besitzt, ihre Ämter schlechthin +versagt. Auf dem sozialen Gebiet ist diese demokratisch-monarchische +Institution der schärfste Ausdruck des Prinzipats und seine rechte +treibende Kraft. + +—————————————————————————— + +^41 Dio 54, 18. + +^42 Tac. ann. 11, 5; 13, 5; 42. + +^43 Plin. epist. 5, 9. + +^44 Juv. sat. 7, 123. + +^45 Juv. sat. 14, 191; vorher 8, 46. + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + +***** This file should be named 3065-0.txt or 3065-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/0/6/3065/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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