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+The Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Römische Geschichte Book 8
+
+Author: Theodor Mommsen
+
+Release Date: February, 2002 [Etext #3065]
+[Most recently updated: January 15, 2020]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
+
+
+
+
+Römische Geschichte
+
+Achtes Buch
+Länder und Leute von Caesar bis Diocletian
+
+von Theodor Mommsen
+
+The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some
+(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a
+modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek
+words, nor is there any differentiation between the different accents of
+ancient Greek and the subscript iotas are missing as well.
+
+Contents
+
+ Vorrede
+
+ Achtes Buch—Länder und Leute von Caesar bis Diocletian
+ Einleitung
+ KAPITEL I. Die Nordgrenze Italiens
+ KAPITEL II. Spanien
+ KAPITEL III. Die gallischen Provinzen
+ KAPITEL IV. Das römische Germanien und die freien Germanen
+ KAPITEL V. Britannien
+ KAPITEL VI. Die Donauländer und die Kriege an der Donau
+ KAPITEL VII. Das griechische Europa
+ KAPITEL VIII. Kleinasien
+ KAPITEL IX. Die Euphratgrenze und die Parther
+ KAPITEL X. Syrien und das Nabatäerland
+ KAPITEL XI. Judäa und die Juden
+ KAPITEL XII. Ägypten
+
+
+
+
+Vorrede
+
+
+Der Wunsch, daß die ‘Römische Geschichte’ fortgesetzt werden möge, ist
+mir öfter geäußert worden, und er trifft mit meinem eigenen zusammen,
+so schwer es auch ist, nach dreißig Jahren den Faden da wieder
+aufzunehmen, wo ich ihn fallen lassen mußte. Wenn er nicht unmittelbar
+anknüpft, so ist daran wenig gelegen; ein Fragment würde der vierte
+Band ohne den fünften ebenso sein, wie es der fünfte jetzt ist ohne den
+vierten. Überdies meine ich, daß die beiden zwischen diesem und den
+früheren fehlenden Bücher für das gebildete Publikum, dessen
+Verständnis des römischen Altertums zu fördern diese Geschichte
+bestimmt ist, eher durch andere Werke vertreten werden können als das
+vorliegende. Der Kampf der Republikaner gegen die durch Caesar
+errichtete Monarchie und deren definitive Feststellung, welche in dem
+Sechsten Buch erzählt werden sollen, sind so gut aus dem Altertum
+überliefert, daß jede Darstellung wesentlich auf eine Nacherzählung
+hinausläuft. Das monarchische Regiment in seiner Eigenart und die
+Fluktuationen der Monarchie sowie die durch die Persönlichkeit der
+einzelnen Herrscher bedingten allgemeinen Regierungsverhältnisse, denen
+das Siebente Buch bestimmt ist, sind wenigstens oftmals zum Gegenstand
+der Darstellung gemacht worden. Was hier gegeben wird, die Geschichte
+der einzelnen Landesteile von Caesar bis auf Diocletian, liegt, wenn
+ich nicht irre, dem Publikum, an das dieses Werk sich wendet, in
+zugänglicher Zusammenfassung nirgends vor, und daß dies nicht der Fall
+ist, scheint mir die Ursache zu sein, weshalb dasselbe die römische
+Kaiserzeit häufig unrichtig und unbillig beurteilt. Freilich kann diese
+meines Erachtens für das richtige Verständnis der Geschichte der
+römischen Kaiserzeit vorbedingende Trennung dieser Spezialgeschichten
+von der allgemeinen des Reiches für manche Abschnitte, insbesondere für
+die Epoche von Gallienus bis auf Diocletian, wieder nicht vollständig
+durchgeführt werden und hat hier die noch ausstehende allgemeine
+Darstellung ergänzend einzutreten.
+
+Wenn überhaupt ein Geschichtswerk in den meisten Fällen nur mit und
+durch die Landkarte anschaulich wird, so gilt dies von dieser
+Darstellung des Reiches der drei Erdteile nach seinen Provinzen in
+besonderem Grade, während hierfür genügende Karten nur in den Händen
+weniger Leser sein können. Dieselben werden also mit mir meinem Freunde
+Kiepert es danken, daß er, in der Weise und in der Begrenzung, wie der
+Inhalt dieses Bandes es an die Hand gab, demselben zunächst ein
+allgemeines Übersichtsblatt, das außerdem mehrfach für die
+Spezialkarten ergänzend eintritt, und weiter Spezialkarten der
+einzelnen Reichsteile hinzugefügt hat …
+
+Berlin, im Februar 1885
+
+Einige Versehen, auf die ich aufmerksam gemacht worden bin und die in
+den Platten sich beseitigen ließen, sind bei dem dritten Abzuge
+verbessert worden, der vierte ist ein unveränderter Abdruck des
+vorigen.
+
+Februar 1886; September 1894
+
+
+
+
+Achtes Buch
+Länder und Leute von Caesar bis Diocletian
+
+
+Gehe durch die Welt und sprich mit jedem.
+
+Firdusí
+
+
+
+
+Einleitung
+
+
+Die Geschichte der römischen Kaiserzeit stellt ähnliche Probleme wie
+diejenige der früheren Republik.
+
+Was aus der literarischen Überlieferung unmittelbar entnommen werden
+kann, ist nicht bloß ohne Farbe und Gestalt, sondern in der Tat
+meistens ohne Inhalt. Das Verzeichnis der römischen Monarchen ist
+ungefähr ebenso glaubwürdig wie das der Konsuln der Republik und
+ungefähr ebenso instruktiv. Die den ganzen Staat erschütternden großen
+Krisen sind in ihren Umrissen erkennbar; viel besser aber als über die
+Samnitenkriege sind wir auch nicht unterrichtet über die germanischen
+unter den Kaisern Augustus und Marcus. Der republikanische
+Anekdotenschatz ist sehr viel ehrbarer als der gleiche der Kaiserzeit;
+aber die Erzählungen von Fabricius und die vom Kaiser Gaius sind
+ziemlich gleich flach und gleich verlogen. Die innerliche Entwicklung
+des Gemeinwesens liegt vielleicht für die frühere Republik in der
+Überlieferung vollständiger vor als für die Kaiserzeit; dort bewahrt
+sie eine, wenn auch getrübte und verfälschte Schilderung der
+schließlich wenigstens auf dem Markte Roms endigenden Wandlungen der
+staatlichen Ordnung; hier vollzieht sich diese im kaiserlichen Kabinett
+und gelangt in der Regel nur mit ihren Gleichgültigkeiten in die
+Öffentlichkeit. Dazu kommt die ungeheure Ausdehnung des Kreises und die
+Verschiebung der lebendigen Entwicklung vom Zentrum in die Peripherie.
+Die Geschichte der Stadt Rom hat sich zu der des Landes Italien, diese
+zu der der Welt des Mittelmeers erweitert, und worauf es am meisten
+ankommt, davon erfahren wir am wenigsten. Der römische Staat dieser
+Epoche gleicht einem gewaltigen Baum, um dessen im Absterben
+begriffenen Hauptstamm mächtige Nebentriebe rings emporstreben. Der
+römische Senat und die römischen Herrscher entstammen bald jedem
+anderen Reichsland ebensosehr wie Italien; die Quiriten dieser Epoche,
+welche die nominellen Erben der weltbezwingenden Legionäre geworden
+sind, haben zu den großen Erinnerungen der Vorzeit ungefähr dasselbe
+Verhältnis wie unsere Johanniter zu Rhodos und Malta und betrachten
+ihre Erbschaft als ein nutzbares Recht, als stiftungsmäßige Versorgung
+arbeitsscheuer Armer. Wer an die sogenannten Quellen dieser Epoche,
+auch die besseren, geht, bemeistert schwer den Unwillen über das Sagen
+dessen, was verschwiegen zu werden verdiente, und das Verschweigen
+dessen, was notwendig war zu sagen. Denn groß Gedachtes und weithin
+Wirkendes ist auch in dieser Epoche geschaffen worden; die Führung des
+Weltregiments ist selten so lange in geordneter Folge verblieben, und
+die festen Verwaltungsnormen, wie sie Caesar und Augustus ihren
+Nachfolgern vorzeichneten, haben sich im ganzen mit merkwürdiger
+Festigkeit behauptet, trotz allem Wechsel der Dynastien und der
+Dynasten, welcher in der nur darauf blickenden und bald zu
+Kaiserbiographien zusammenschwindenden Überlieferung mehr als billig im
+Vordergrunde steht. Die scharfen Abschnitte, welche in der
+landläufigen, durch jene Oberflächlichkeit der Grundlage geirrten
+Auffassung die Regierungswechsel machen, gehören weit mehr dem
+Hoftreiben an als der Reichsgeschichte. Das eben ist das Großartige
+dieser Jahrhunderte, daß das einmal angelegte Werk, die Durchführung
+der lateinisch-griechischen Zivilisierung in der Form der Ausbildung
+der städtischen Gemeindeverfassung, die allmähliche Einziehung der
+barbarischen oder doch fremdartigen Elemente in diesen Kreis, eine
+Arbeit, welche ihrem Wesen nach Jahrhunderte stetiger Tätigkeit und
+ruhiger Selbstentwicklung erforderte, diese lange Frist und diesen
+Frieden zu Lande und zur See gefunden hat. Das Greisenalter vermag
+nicht neue Gedanken und schöpferische Tätigkeit zu entwickeln, und das
+hat auch das römische Kaiserregiment nicht getan; aber es hat in seinem
+Kreise, den die, welche ihm angehörten, nicht mit Unrecht als die Welt
+empfanden, den Frieden und das Gedeihen der vielen vereinigten Nationen
+länger und vollständiger gehegt, als es irgendeiner anderen Vormacht je
+gelungen ist. In den Ackerstädten Afrikas, in den Winzerheimstätten an
+der Mosel, in den blühenden Ortschaften der lykischen Gebirge und des
+syrischen Wüstenrandes ist die Arbeit der Kaiserzeit zu suchen und auch
+zu finden. Noch heute gibt es manche Landschaft des Orients wie des
+Okzidents, für welche die Kaiserzeit den an sich sehr bescheidenen,
+aber doch vorher wie nachher nie erreichten Höhepunkt des guten
+Regiments bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz
+aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet
+damals oder heute mit größerem Verstande und mit größerer Humanität
+regiert worden ist, ob Gesittung und Völkerglück im allgemeinen seitdem
+vorwärts- oder zurückgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, ob der
+Spruch zu Gunsten der Gegenwart ausfallen würde. Aber wenn wir finden,
+daß dieses also war, so fragen wir die Bücher, die uns geblieben sind,
+meistens umsonst, wie dieses also geworden ist. Sie geben darauf
+sowenig eine Antwort, wie die Überlieferung der früheren Republik die
+gewaltige Erscheinung des Rom erklärt, welches in Alexanders Spuren die
+Welt unterwarf und zivilisierte.
+
+Ausfüllen läßt sich die eine Lücke sowenig wie die andere. Aber es
+schien des Versuches wert, einmal abzusehen sowohl von den
+Regentenschilderungen mit ihren bald grellen, bald blassen und nur zu
+oft gefälschten Farben wie auch von dem scheinhaft chronologischen
+Aneinanderreihen nicht zusammenpassender Fragmente, und dafür zu
+sammeln und zu ordnen, was für die Darstellung des römischen
+Provinzialregiments die Überlieferung und die Denkmäler bieten, der
+Mühe wert, durch diese oder durch jene zufällig erhaltene Nachrichten,
+in dem Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine
+Institutionen in ihrer Beziehung auf die einzelnen Landesteile, mit den
+für jeder. derselben, durch die Natur des Bodens und der Bewohner
+gegebenen Bedingungen, durch die Phantasie, welche wie aller Poesie so
+auch aller Historie Mutter ist, nicht zu einem Ganzen, aber zu dem
+Surrogat eines solchen zusammenzufassen. Aber die Epoche Diocletians
+habe ich dabei nicht hinausgehen wollen, weil das neue Regiment,
+welches damals geschaffen wurde, höchstens im zusammenfassenden
+Ausblick den Schlußstein dieser Erzählung bilden kann; seine volle
+Würdigung verlangt eine besondere Erzählung und einen anderen
+Weltrahmen, ein bei schärferem Verständnis des Einzelnen in dem großen
+Sinn und mit dem weiten Blick Gibbons durchgeführtes selbständiges
+Geschichtswerk. Italien und seine Inseln sind ausgeschlossen worden, da
+diese Darstellung von der des allgemeinen Reichsregiments nicht
+getrennt werden kann. Die sogenannte äußere Geschichte der Kaiserzeit
+ist aufgenommen als integrierender Teil der Provinzialverwaltung; was
+wir Reichskriege nennen würden, sind gegen das Ausland unter der
+Kaiserzeit nicht geführt worden, wenngleich die durch die Arrondierung
+oder Verteidigung der Grenzen hervorgerufenen Kämpfe einige Male
+Verhältnisse annahmen, daß sie als Kriege zwischen zwei gleichartigen
+Mächten erscheinen, und der Zusammensturz der römischen Herrschaft in
+der Mitte des dritten Jahrhunderts, welcher einige Dezennien hindurch
+ihr definitives Ende werden zu sollen schien, aus der an mehreren
+Stellen gleichzeitig unglücklich geführten Grenzverteidigung sich
+entwickelte. Die große Vorschiebung und Regulierung der Nordgrenze, wie
+sie unter Augustus teilweise ausgeführt ward, teilweise mißlang, leitet
+die Erzählung ein. Auch sonst sind die Ereignisse auf einem jeden der
+drei hauptsächlichsten Schauplätze der Grenzverteidigung, des Rheins,
+der Donau, des Euphrat, zusammengefaßt worden. Im übrigen ist die
+Darstellung nach den Landschaften geordnet. Im einzelnen fesselndes
+Detail, Stimmungsschilderungen und Charakterköpfe hat sie nicht zu
+bieten; es ist dem Künstler, aber nicht dem Geschichtschreiber erlaubt,
+das Antlitz des Arminius zu erfinden. Mit Entsagung ist dies Buch
+geschrieben und mit Entsagung möchte es gelesen sein.
+
+
+
+
+KAPITEL I.
+Die Nordgrenze Italiens
+
+
+Die römische Republik hat ihr Gebiet hauptsächlich auf den Seewegen
+gegen Westen, Süden und Osten erweitert; nach derjenigen Richtung hin,
+in welcher Italien und die von ihm abhängigen beiden Halbinseln im
+Westen und im Osten mit dem großen Kontinent Europas zusammenhängen,
+war dies wenig geschehen. Das Hinterland Makedoniens gehorchte den
+Römern nicht und nicht einmal der nördliche Abhang der Alpen; nur das
+Hinterland der gallischen Südküste war durch Caesar zum Reiche
+gekommen. Bei der Stellung, die das Reich im allgemeinen einnahm,
+durfte dies so nicht bleiben; die Beseitigung des trägen und unsicheren
+Regiments der Aristokratie mußte vor allem an dieser Stelle sich
+geltend machen. Nicht so geradezu wie die Eroberung Britanniens hatte
+Caesar die Ausdehnung des römischen Gebiets am Nordabhang der Alpen und
+am rechten Ufer des Rheins den Erben seiner Machtstellung aufgetragen;
+aber der Sache nach war die letztere Grenzerweiterung bei weitem näher
+gelegt und notwendiger als die Unterwerfung der überseeischen Kelten,
+und man versteht es, daß Augustus diese unterließ und jene aufnahm.
+Dieselbe zerfiel in drei große Abschnitte: die Operationen an der
+Nordgrenze der griechisch-makedonischen Halbinsel im Gebiet der
+mittleren und unteren Donau, in Illyricum; die an der Nordgrenze
+Italiens selbst, im oberen Donaugebiet, in Rätien und Noricum; endlich
+die am rechten Rheinufer, in Germanien. Meistens selbständig geführt,
+hängen die militärisch-politischen Vornahmen in diesen Gebieten doch
+innerlich zusammen, und wie sie sämtlich aus der freien Initiative der
+römischen Regierung hervorgegangen sind, können sie auch in ihrem
+Gelingen wie in ihrem teilweisen Mißlingen nur in ihrer Gesamtheit
+militärisch und politisch verstanden werden. Sie werden darum auch mehr
+im örtlichen als wie zeitlichen Zusammenhang dargelegt werden; das
+Gebäude, von dem sie doch nur Teile sind, wird besser in seiner inneren
+Geschlossenheit als in der Zeitfolge der Bauten betrachtet.
+
+Das Vorspiel zu dieser großen Gesamtaktion machen die Einrichtungen,
+welche Caesar der Sohn, so wie er in Italien und Sizilien freie Hand
+gewonnen hatte, an den oberen Küsten des Adriatischen Meeres und im
+angrenzenden Binnenland vornahm. In den hundertundfünfzig Jahren, die
+seit der Gründung Aquileias verflossen waren, hatte wohl der römische
+Kaufmann von dort aus sich des Verkehrs mehr und mehr bemächtigt, aber
+der Staat unmittelbar nur geringe Fortschritte gemacht. An den
+Haupthäfen der dalmatinischen Küste, ebenso auf der von Aquileia in das
+Savetal führenden Straße bei Nauportus (Ober-Laibach) hatten sich
+ansehnliche Handelsniederlassungen gebildet; Dalmatien, Bosnien,
+Istrien und die Krain galten als römisches Gebiet und wenigstens das
+Küstenland war in der Tat botmäßig; aber die rechtliche Städtegründung
+stand noch ebenso aus wie die Bändigung des unwirtlichen Binnenlandes.
+Hier aber kam noch ein anderes Moment hinzu. In dem Kriege zwischen
+Caesar und Pompeius hatten die einheimischen Dalmater ebenso
+entschieden für den letzteren Partei ergriffen wie die dort ansässigen
+Römer für Caesar; auch nach der Niederlage des Pompeius bei Pharsalos
+und nach der Verdrängung der Pompeianischen Flotte aus den illyrischen
+Gewässern setzten die Eingeborenen den Widerstand energisch und
+erfolgreich fort. Der tapfere und fähige Publius Vatinius, der früher
+in diese Kämpfe mit großem Erfolg eingegriffen hatte, wurde mit einem
+starken Heere nach Illyricum gesandt, wie es scheint in dem Jahre vor
+Caesars Tode und nur als Vorhut des Hauptheeres, mit welchem der
+Diktator selbst nachfolgend die eben damals mächtig emporstrebenden
+Daker niederzuwerfen und die Verhältnisse im ganzen Donaugebiet zu
+ordnen beabsichtigte. Diesen Plan schnitten die Dolche der Mörder ab;
+man mußte sich glücklich schätzen, daß die Daker nicht ihrerseits in
+Makedonien eindrangen, und Vatinius selbst focht gegen die Dalmater
+unglücklich und mit starken Verlusten. Als dann die Republikaner im
+Osten rüsteten, ging das illyrische Heer in das des Brutus über und die
+Dalmatiner blieben längere Zeit unangefochten. Nach der Niederwerfung
+der Republikaner ließ Antonius, dem bei der Teilung des Reiches
+Makedonien zugefallen war, im Jahre 715 (39) die unbotmäßigen Dardaner
+im Nordwesten und die Parthiner an der Küste (östlich von Durazzo) zu
+Paaren treiben, wobei der berühmte Redner Gaius Asinius Pollio die
+Ehren des Triumphes gewann. In Illyricum, welches unter Caesar stand,
+konnte nichts geschehen, solange dieser seine ganze Macht auf den
+sizilischen Krieg gegen Sextus Pompeius wenden mußte; aber nach dessen
+glücklicher Beendigung warf Caesar selbst sich mit aller Kraft auf
+diese Aufgabe. Die kleinen Völkerschaften von Doclea (Cernagora) bis zu
+den Japuden (bei Fiume) wurden in dem ersten Feldzug (719 35) zur
+Botmäßigkeit zurückgebracht oder jetzt zuerst gebändigt. Es war kein
+großer Krieg mit namhaften Feldschlachten, aber die Gebirgskämpfe gegen
+die tapferen und verzweifelnden Stämme und das Brechen der festen, zum
+Teil mit römischen Maschinen ausgerüsteten Burgen waren keine leichte
+Aufgabe; in keinem seiner Kriege hat Caesar in gleichem Grade eigene
+Energie und persönliche Tapferkeit entwickelt. Nach der mühsamen
+Unterwerfung des Japudengebiets marschierte er noch in demselben Jahre
+im Tal der Kulpa aufwärts zu deren Mündung in die Save; die dort
+gelegene feste Ortschaft Siscia (Sziszek), der Hauptwaffenplatz der
+Pannonier, gegen den bisher die Römer noch nie mit Erfolg vorgegangen
+waren, ward jetzt besetzt und zum Stützpunkt bestimmt für den Krieg
+gegen die Daker, den Caesar demnächst aufzunehmen gedachte. In den
+beiden folgenden Jahren (720, 721 34, 33) wurden die Dalmater, die seit
+einer Reihe von Jahren gegen die Römer in Waffen standen, nach dem Fall
+ihrer Feste Promona (Promina bei Dernis, oberhalb Sebenico) zur
+Unterwerfung gezwungen. Wichtiger aber als diese Kriegserfolge war das
+Friedenswerk, das zugleich sich vollzog und zu dessen Sicherung sie
+dienen sollten. Ohne Zweifel in diesen Jahren erhielten die Hafenplätze
+an der istrischen und dalmatinischen Küste, soweit sie in dem
+Machtbereich Caesars lagen, Tergeste (Triest), Pola, Iader (Zara),
+Salome (bei Spalato), Narona (an der Narentamündung), nicht minder
+jenseits der Alpen, auf der Straße von Aquileia über die Julische Alpe
+zur Save, Emona (Laibach), durch den zweiten Julier zum Teil städtische
+Mauern, sämtlich städtisches Recht. Die Plätze selbst bestanden wohl
+alle schon längst als römische Flecken; aber es war immer von
+wesentlicher Bedeutung, daß sie jetzt unter die italischen Gemeinden
+gleichberechtigt eingereiht wurden.
+
+Der Dakerkrieg sollte folgen; aber der Bürgerkrieg ging zum zweitenmal
+ihm vor. Statt nach Illyricum rief er den Herrscher in den Osten; und
+der große Entscheidungskampf zwischen Caesar und Antonius warf seine
+Wellen bis in das ferne Donaugebiet. Das durch den König Burebista
+geeinigte und gereinigte Volk der Daker, jetzt unter dem König Cotiso,
+sah sich von beiden Gegnern umworben - Caesar wurde sogar beschuldigt,
+des Königs Tochter zur Ehe begehrt und ihm dagegen die Hand seiner
+fünfjährigen Tochter Julia angetragen zu haben. Daß der Daker im
+Hinblick auf die von dem Vater geplante, von dem Sohn durch die
+Befestigung Siscias eingeleitete Invasion sich auf Antonius’ Seite
+schlug, ist begreiflich; und hätte er ausgeführt, was man in Rom
+besorgte, wäre er, während Caesar im Osten focht, vom Norden her in das
+wehrlose Italien eingedrungen, oder hätte Antonius nach dem Vorschlag
+der Daker die Entscheidung statt in Epirus vielmehr in Makedonien
+gesucht und dort die dakischen Scharen an sich gezogen, so wären die
+Würfel des Kriegsglücks vielleicht anders gefallen. Aber weder das eine
+noch das andere geschah; zudem brach eben damals der durch Burebistas
+kräftige Hand geschaffene Dakerstaat wieder auseinander; die inneren
+Unruhen, vielleicht auch von Norden her die Angriffe der germanischen
+Bastarner und der späterhin Dakien nach allen Richtungen umklammernden
+sarmatischen Stämme, verhinderten die Daker, in den auch über ihre
+Zukunft entscheidenden römischen Bürgerkrieg einzugreifen.
+
+Unmittelbar nachdem die Entscheidung in diesem gefallen war, wandte
+sich Caesar zu der Regulierung der Verhältnisse an der unteren Donau.
+Indes da teils die Daker selbst nicht mehr so wie früher zu fürchten
+waren, teils Caesar jetzt nicht mehr bloß über Illyricum, sondern über
+die ganze griechisch-makedonische Halbinsel gebot, wurde zunächst diese
+die Basis der römischen Operationen. Vergegenwärtigen wir uns die
+Völker und die Herrschaftsverhältnisse; die Augustus dort vorfand.
+
+Makedonien war seit Jahrhunderten römische Provinz. Als solche reichte
+es nicht hinaus nördlich über Stobi und östlich über das
+Rhodopegebirge; aber der Machtbereich Roms erstreckte sich weit über
+die eigentliche Landesgrenze, obwohl in schwankendem Umfang und ohne
+feste Form. Ungefähr scheinen die Römer damals bis zum Haemus (Balkan)
+die Vormacht gehabt zu haben, während das Gebiet jenseits des Balkan
+bis zur Donau wohl einmal von römischen Truppen betreten, aber
+keineswegs von Rom abhängig war ^1. Jenseits des Rhodopegebirges waren
+die Makedonien benachbarten thrakischen Dynasten, namentlich die der
+Odrysen, denen der größte Teil der Südküste und ein Teil der Küste des
+Schwarzen Meeres botmäßig war, durch die Expedition des Lucullus unter
+römische Schutzherrschaft gekommen, während die Bewohner der mehr
+binnenländischen Gebiete, namentlich die Besser an der oberen Mariza
+Untertanen wohl hießen, aber nicht waren und ihre Einfälle in das
+befriedete Gebiet sowie die Vergeltungszüge in das ihrige stetig
+fortgingen. So hatte um das Jahr 694 (60) der leibliche Vater des
+Augustus, Gaius Octavius, und im Jahre 711 (43) während der
+Vorbereitungen zu dem Kriege gegen die Triumvirn Marcus Brutus gegen
+sie gestritten. Eine andere thrakische Völkerschaft, die Dentheleten
+(in der Gegend von Sofia), hatten noch in Ciceros Zeit bei einem
+Einfall in Makedonien Miene gemacht, dessen Hauptstadt Thessalonike zu
+belagern. Mit den Dardanern, den westlichen Nachbarn der Thraker, einem
+Zweig der illyrischen Völkerfamilie, welche das südliche Serbien und
+den Distrikt Prisrend bewohnten, hatte der Amtsvorgänger des Lucullus,
+Curio, mit Erfolg und ein Dezennium später Ciceros Kollege im Konsulat,
+Gaius Antonius, im Jahre 692 (62) unglücklich gefochten. Unterhalb des
+dardanischen Gebiets, unmittelbar an der Donau, saßen wieder thrakische
+Stämme, die einstmals mächtigen, jetzt herabgekommenen Triballer im Tal
+des Oescus (in der Gegend von Plewna), weiterhin an beiden Ufern der
+Donau bis zur Mündung Daker, oder wie sie am rechten Donauufer mit dem
+alten, auch den asiatischen Stammgenossen gebliebenen Volksnamen
+gewöhnlich genannt wurden, Myser oder Möser, wahrscheinlich zu
+Burebistas Zeit ein Teil seines Reiches, jetzt wieder in verschiedene
+Fürstentümer zersplittert. Die mächtigste Völkerschaft aber zwischen
+Balkan und Donau waren damals die Bastarner. Wir sind diesem tapferen
+und zahlreichen Stamm, dem östlichsten Zweig der großen germanischen
+Sippe, schon mehrfach begegnet. Eigentlich ansässig hinter den
+transdanuvianischen Dakern jenseits der Gebirge, die Siebenbürgen von
+der Moldau scheiden, an den Donaumündungen und in dem weiten Gebiet von
+da zum Dnjestr, befanden sie sich selber außerhalb des römischen
+Bereichs; aber vorzugsweise aus ihnen hatte sowohl König Philipp von
+Makedonien wie König Mithradates von Pontus seine Heere gebildet und in
+dieser Weise hatten die Römer schon früher oft mit ihnen gestritten.
+Jetzt hatten sie in großen Massen die Donau überschritten und sich
+nördlich vom Haemus festgesetzt; insofern der dakische Krieg, wie ihn
+Caesar der Vater und dann der Sohn geplant hatten, ohne Zweifel der
+Gewinnung des rechten Ufers der unteren Donau galt, war er nicht minder
+gegen sie gerichtet wie gegen die rechtsufrigen dakischen Möser. Die
+griechischen Küstenstädte in dem Barbarenland Odessos (bei Varna),
+Tomis, Istropolis, schwer bedrängt durch dies Völkergewoge, waren hier
+wie überall die geborenen Klienten der Römer.
+
+——————————————————————————-
+
+^1 Dies sagt ausdrücklich Dio (51, 23) zum Jahre 725 (29): τέος μέν ούν
+ταύτ εποίουν (d. h. solange die Bastarner nur die Triballer - bei
+Oescus in Niedermösien - und die Dardaner in Obermösien angriffen),
+ουδέν σφίσι πράγμα πρός τούς Ρωμαίους ήν. Επεί δέ τόν τε Αίμον
+υπερέβεσαν καί τήν Θράκην τήν Δενθελήτων ένσπονδον αυτοίς ούσαν
+κατέδραμον κ. τ. λ. Die Bundesgenossen in Mösien, von denen Dio 38, 10
+spricht, sind die Küstenstädte.
+
+——————————————————————————-
+
+Zur Zeit der Diktatur Caesars, als Burebista auf der Höhe seiner Macht
+stand, hatten die Daker an der Küste bis hinab nach Apollonia jenen
+fürchterlichen Verheerungszug ausgeführt, dessen Spuren noch nach
+anderthalb Jahrhunderten nicht verwischt waren. Es mag wohl zunächst
+dieser Einfall gewesen sein, welcher Caesar den Vater bestimmte, den
+Dakerkrieg zu unternehmen; und nachdem der Sohn jetzt auch über
+Makedonien gebot, mußte er allerdings sich verpflichtet fühlen, eben
+hier sofort und energisch einzugreifen. Die Niederlage, die Ciceros
+Kollege Antonius bei Istropolis durch die Bastarner erlitten hatte,
+darf als ein Beweis dafür genommen werden, daß diese Griechen wieder
+einmal der Hilfe der Römer bedurften.
+
+In der Tat wurde bald nach der Schlacht bei Actium (725 29) Marcus
+Licinius Crassus, der Enkel des bei Karrhä gefallenen, von Caesar als
+Statthalter nach Makedonien gesandt und beauftragt, den zweimal
+verhinderten Feldzug nun auszuführen. Die Bastarner, welche eben damals
+in Thrakien eingefallen waren, fügten sich ohne Widerstand, als Crassus
+sie auffordern ließ, das römische Gebiet zu verlassen; aber ihr Rückzug
+genügte dem Römer nicht. Er überschritt seinerseits den Haemus ^2,
+schlug am Einfluß des Cibrus (Tzibritza) in die Donau die Feinde, deren
+König Deldo auf der Wahlstatt blieb, und nahm, was aus der Schlacht in
+eine nahe Festung entkommen war, mit Hilfe eines zu den Römern
+haltenden Dakerfürsten gefangen. Ohne weiteren Widerstand zu leisten,
+unterwarf sich dem Überwinder der Bastarner das gesamte mösische
+Gebiet. Diese kamen im nächsten Jahr wieder, um die erlittene
+Niederlage wettzumachen; aber sie unterlagen abermals und mit ihnen,
+was von den mösischen Stämmen wieder zu den Waffen gegriffen hatte.
+Damit waren diese Feinde von dem rechten Donauufer ein für allemal
+ausgewiesen und dieses vollständig der römischen Herrschaft
+unterworfen. Zugleich wurden die noch nicht botmäßigen Thraker
+gebändigt, den Bessern das nationale Heiligtum des Dionysos genommen
+und die Verwaltung desselben den Fürsten der Odrysen übertragen, welche
+überhaupt seitdem unter dem Schutz der römischen Obergewalt die
+Oberherrlichkeit über die thrakischen Völkerschaften südlich vom Haemus
+führten oder doch führen sollten. Unter seinen Schutz wurden ferner die
+griechischen Küstenstädte am Schwarzen Meere gestellt und auch das
+übrige eroberte Gebiet verschiedenen Lehnsfürsten zugeteilt, auf die
+somit zunächst der Schutz der Reichsgrenze überging ^3; eigene Legionen
+hatte Rom für diese fernen Landschaften nicht übrig. Makedonien wurde
+dadurch zur Binnenprovinz, die der militärischen Verwaltung nicht
+ferner bedurfte. Das Ziel, das bei jenen dakischen Kriegsplänen ins
+Auge gefaßt worden war, war erreicht.
+
+————————————————————————————
+
+^2 Wenn Dio sagt (51, 23): τήν Σεγετικήν κακουμένην προσεποιήσατο καί
+ες τήν Μυσίδα ενέβαλε, so kann jene Stadt wohl nur Serdica sein, das
+heutige Sofia, am oberen Oescus, der Schlüssel für das mösische Land.
+
+^3 Nach dem Feldzug des Crassus ist das eroberte Land wahrscheinlich in
+der Weise organisiert worden, daß die Küste zum Thrakischen Reich kam,
+wie dies G. Zippel (Die römische Herrschaft in Illyricum bis auf
+Augustus. Leipzig 1877, S. 243) dargetan hat, der westliche Teil aber,
+ähnlich wie Thrakien den einheimischen Fürsten zu Lehen gegeben ward,
+an deren eines Stelle der noch unter Tiberius fungierende praefectus
+civitatium Moesiae et Triballiae (CIL V, 1838) getreten sein muß. Die
+übliche Annahme, daß Mösien anfänglich mit Illyricum verbunden gewesen
+sei, ruht nur darauf, daß dasselbe bei der Aufzählung der im Jahre 727
+(27) zwischen Kaiser und Senat geteilten Provinzen bei Dio 53, 12 nicht
+genannt werde und also in “Dalmatien” enthalten sei. Aber auf die
+Lehnsstaaten und die prokuratorischen Provinzen erstreckt sich diese
+Aufzählung überhaupt nicht und insofern ist bei jener Annahme alles in
+Ordnung. Dagegen sprechen gegen die gewöhnliche Auffassung
+schwerwiegende Argumente. Wäre Mösien ursprünglich ein Teil der Provinz
+Illyricum gewesen, so hätte es diesen Namen behalten; denn bei Teilung
+der Provinz pflegt der Name zu bleiben und nur ein Determinativ
+hinzuzutreten. Die Benennung Illyricum aber, die Dio ohne Zweifel a. a.
+O. wiedergibt, hat sich in dieser Verbindung immer beschränkt auf das
+obere (Dalmatien) und das untere (Pannonien). Ferner bleibt, wenn
+Mösien ein Teil von Illyricum war, für jenen Präfekten von Mösien und
+Triballien, resp. seinen königlichen Vorgänger kein Raum. Endlich ist
+es wenig wahrscheinlich, daß im Jahre 727 (27) einem einzigen
+senatorischen Statthalter ein Kommando von dieser Ausdehnung und
+Wichtigkeit anvertraut worden ist. Dagegen erklärt sich alles einfach,
+wenn nach dem Kriege des Crassus in Mösien kleine Klientelstaaten
+entstanden; diese standen als solche von Haus aus unter dem Kaiser, und
+da bei deren sukzessiver Einziehung und Umwandlung in eine
+Statthalterschaft der Senat nicht mitwirkte, konnte sie leicht in den
+Annalen ausfallen. Vollzogen hat sie sich in oder vor dem Jahre 743
+(11), da der damals den Krieg gegen die Thraker führende Statthalter L.
+Calpurnius Piso, dem Dio 54, 34 irrig die Provinz Pamphylien beilegt,
+als Provinz nur Pannonien oder Mösien gehabt haben kann und da in
+Pannonien damals Tiberius als Legat fungierte, für ihn nur Mösien übrig
+bleibt. Im Jahre 6 n. Chr. erscheint sicher ein kaiserlicher
+Statthalter von Mösien.
+
+————————————————————————————
+
+Allerdings war dieses Ziel nur ein vorläufiges. Aber bevor Augustus die
+definitive Regulierung der Nordgrenze in die Hand nahm, wandte er sich
+zu der Reorganisation der schon zum Reiche gehörigen Landschaften; über
+ein Dezennium verging mit der Ordnung der Dinge in Spanien, Gallien,
+Asien, Syrien. Wie er dann, als dort das Nötige geschehen war, das
+umfassende Werk angriff, soll nun erzählt werden.
+
+Italien, das über drei Weltteile gebot, war, wie gesagt, noch
+keineswegs unbedingt Herr im eigenen Hause. Die Alpen, die es gegen
+Norden beschirmen, waren in ihrer ganzen Ausdehnung von einem Meer zum
+andern angefüllt mit kleinen, wenig zivilisierten Völkerschaften
+illyrischer, rätischer, keltischer Nationalität, deren Gebiete zum Teil
+hart angrenzten an die der großen Städte der Transpadana - so das der
+Trumpiliner (Val Trompia) an die Stadt Brixia, das der Camunner (Val
+Camonica, oberhalb des Lago d’Iseo) an die Stadt Bergomum, das der
+Salasser (Val d’Aosta) an Eporedia (Ivrea), und die keineswegs
+friedliche Nachbarschaft pflogen. Oft genug überwunden und als besiegt
+auf dem Kapitol proklamiert, plünderten diese Stämme, allen Lorbeeren
+der vornehmen Triumphatoren zum Trotz, fortwährend die Bauern und die
+Kaufleute Oberitaliens. Ernstlich zu steuern war dem Unwesen nicht,
+solange die Regierung sich nicht entschloß, die Alpenhöhen zu
+überschreiten und auch den nördlichen Abhang in ihre Gewalt zu bringen;
+denn ohne Zweifel strömten beständig zahlreiche dieser Raubgesellen
+über die Berge herüber, um das reiche Nachbarland zu brandschatzen.
+Auch nach Gallien hin war noch in gleicher Weise zu tun; die
+Völkerschaften im oberen Rhonethal (Wallis und Waadt) waren zwar von
+Caesar unterworfen worden, aber sind auch unter denen genannt, die den
+Feldherren seines Sohnes zu schaffen machten. Andererseits klagten die
+friedlichen gallischen Grenzdistrikte über die stetigen Einfälle der
+Räter. Eine Geschichtserzählung leiden und fordern die zahlreichen
+Expeditionen nicht, welche Augustus dieser Mißstände halber
+veranstaltet hat; in den Triumphalfasten sind sie nicht verzeichnet und
+gehören auch nicht hinein, aber sie gaben Italien zum ersten Mal
+Befriedung des Nordens. Erwähnt mögen werden die Niederwerfung der oben
+erwähnten Camunner im Jahre 738 (16) durch den Statthalter von
+Illyricum und die gewisser ligurischer Völkerschaften in der Gegend von
+Nizza im Jahre 740 (14), weil sie zeigen, wie noch um die Mitte der
+augustischen Zeit diese unbotmäßigen Stämme unmittelbar auf Italien
+drückten. Wenn der Kaiser späterhin in dem Gesamtbericht über seine
+Reichsverwaltung erklärte, daß gegen keine dieser kleinen
+Völkerschaften von ihm zu Unrecht Gewalt gebraucht worden sei, so wird
+dies dahin zu verstehen sein, daß ihnen Gebietsabtretungen und
+Sitzwechsel angesonnen wurden und sie sich dagegen zur Wehr setzten;
+nur der unter König Cottius von Segusio (Susa) vereinigte kleine
+Gauverband fügte sich ohne Kampf in die neue Ordnung.
+
+Der Schauplatz dieser Kämpfe waren die südlichen Abhänge und die Täler
+der Alpen. Es folgte die Festsetzung auf dem Nordabhang der Gebirge und
+in dem nördlichen Vorlande im Jahre 739 (15). Die beiden dem
+kaiserlichen Hause zugezählten Stiefsöhne Augusts, Tiberius, der
+spätere Kaiser, und sein Bruder Drusus, wurden damit in die ihnen
+bestimmte Feldherrnlaufbahn eingeführt - es waren sehr sichere und sehr
+dankbare Lorbeeren, die ihnen in Aussicht gestellt wurden. Von Italien
+aus das Tal der Etsch hinauf drang Drusus in die rätischen Berge ein
+und erfocht hier einen ersten Sieg; für das weitere Vordringen reichte
+ihm der Bruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetischen Gebiet
+aus die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die römischen Trieren
+die Boote der Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 739 (15),
+wurde in der Umgegend der Donauquellen die letzte Schlacht geschlagen,
+durch die Rätien und das Vindelikerland, das heißt Tirol, die
+Ostschweiz und Bayern, fortan Bestandteile des Römischen Reiches
+wurden. Kaiser Augustus selbst war nach Gallien gegangen, um den Krieg
+und die Einrichtung der neuen Provinz zu überwachen. Da wo die Alpen am
+Golf von Genua endigen, auf der Höhe oberhalb Monaco, wurde einige
+Jahre darauf von dem dankbaren Italien dem Kaiser Augustus ein weit in
+das Tyrrhenische Meer hinausschauendes, noch heute nicht ganz
+verschwundenes Denkmal dafür errichtet, daß unter seinem Regiment die
+Alpenvölker alle vom oberen zum unteren Meer - ihrer sechsundvierzig
+zählt die Inschrift auf - in die Gewalt des römischen Volkes gebracht
+worden waren. Es war nicht mehr als die einfache Wahrheit, und dieser
+Krieg das, was der Krieg sein soll, der Schirmer und der Bürge des
+Friedens.
+
+Schwieriger wohl als die eigentliche Kriegsarbeit war die Organisation
+des neuen Gebietes; insbesondere auch deshalb, weil die inneren
+politischen Verhältnisse hier zum Teil recht störend eingriffen. Da
+nach der Lage der Dinge das militärische Schwergewicht nicht in Italien
+liegen durfte, so mußte die Regierung darauf bedacht sein, die großen
+Militärkommandos aus der unmittelbaren Nähe Italiens möglichst zu
+entfernen; ja es hat wohl bei der Besetzung Rätiens selbst das
+Bestreben mitgewirkt, das Kommando, welches wahrscheinlich bis dahin in
+Oberitalien selbst nicht hatte entbehrt werden können, definitiv von
+dort wegzulegen, wie es dann auch zur Ausführung kam. Was man zunächst
+erwarten sollte, daß für die in dem neugewonnenen Gebiet
+unentbehrlichen militärischen Aufstellungen ein großer Mittelpunkt am
+Nordabhang der Alpen geschaffen worden wäre, davon geschah das gerade
+Gegenteil. Es wurde zwischen Italien einer- und den großen Rhein- und
+Donaukommandos andererseits ein Gürtel kleinerer Statthalterschaften
+gezogen, die nicht bloß alle vom Kaiser, sondern auch durchaus mit dem
+Senat nicht angehörigen Männern besetzt wurden. Italien und die
+südgallische Provinz wurden geschieden durch die drei kleinen
+Militärdistrikte der Seealpen (Departement der Seealpen und Provinz
+Cuneo), der Kottischen mit der Hauptstadt Segusio (Susa) und
+wahrscheinlich der Graischen (Ostsavoyen), unter denen der zweite, von
+dem schon genannten Gaufürsten Cottius und seinen Nachkommen eine
+Zeitlang in den Formen der Klientel verwaltete ^4 am meisten bedeutete,
+die aber alle eine gewisse Militärgewalt besaßen und deren nächste
+Bestimmung war, in dem betreffenden Gebiet und vor allem auf den
+wichtigen, dasselbe durchschneidenden Reichsstraßen die öffentliche
+Sicherheit zu erhalten. Das obere Rhonetal dagegen, also das Wallis,
+und das neu eroberte Rätien wurden einem nicht im Rang, aber wohl an
+Macht höher stehenden Befehlhaber untergeben; ein relativ ansehnliches
+Korps war hier nun einmal unumgänglich erforderlich. Indes wurde, um
+dasselbe möglichst verringern zu können, Rätien durch Entfernung seiner
+Bewohner im großen Maßstab entvölkert. Den Ring schloß die ähnlich
+organisierte Provinz Noricum, den größten Teil des heutigen deutschen
+Osterreich umfassend. Diese weite und fruchtbare Landschaft hatte sich
+ohne wesentlichen Widerstand der römischen Herrschaft unterworfen,
+wahrscheinlich in der Form, daß hier zunächst ein abhängiges Fürstenrum
+entstand, bald aber der König dem kaiserlichen Prokurator wich, von dem
+er ohnehin sich nicht wesentlich unterschied. Von den Rhein- und
+Donaulegionen erhielten allerdings einige ihre Standlager in der
+unmittelbaren Nähe, einerseits der rätischen Grenze bei Vindonissa,
+andererseits der norischen bei Poetovio, offenbar, um auf die
+Nachbarprovinz zu drücken; aber Armeen ersten Ranges mit Legionen unter
+senatorischen Generalen gab es in jenem Zwischenbereich so wenig wie
+senatorische Statthalter. Das Mißtrauen gegen das neben dem Kaiser den
+Staat regierende Kollegium findet in dieser Einrichtung einen sehr
+drastischen Ausdruck.
+
+—————————————————————-
+
+^4 Der offizielle Titel des Cottius war nicht König, wie der seines
+Vaters Donnus, sondern “Gauverbandsvorstand” (praefectus civitatium),
+wie er auf dem noch stehenden, im Jahre 745/46 (9/8) von ihm zu Ehren
+des Augustus errichteten Bogen von Susa genannt wird. Aber die Stellung
+war ohne Zweifel lebenslänglich und, unter Vorbehalt der Bestätigung
+des Lehnsherrn, auch erblich, also insofern der Verband allerdings ein
+Fürstentum, wie er auch gewöhnlich heißt.
+
+—————————————————————-
+
+Nächst der Befriedung Italiens war der Hauptzweck dieser Organisation
+die Sicherung seiner Kommunikationen mit dem Norden, die für den
+Handelsverkehr von nicht minder einschneidender Bedeutung war wie in
+militärischer Beziehung. Mit besonderer Energie griff Augustus diese
+Aufgabe an und es ist wohl verdient, daß in den Namen Aosta und
+Augsburg, vielleicht auch in dem der Julischen Alpen der seinige noch
+heute fortlebt. Die alte Küstenstraße, die Augustus von der ligurischen
+Küste durch Gallien und Spanien bis an den Atlantischen Ozean teils
+erneuerte, teils herstellte, hat nur Handelszwecken dienen können. Auch
+die Straße über die Kottische Alpe, schon durch Pompeius eröffnet, ist
+unter Augustus durch den schon erwähnten Fürsten von Susa ausgebaut und
+nach ihm benannt worden; ebenfalls eine Handelsstraße, verknüpft sie
+Italien über Turin und Susa mit der Handelshauptstadt Südgalliens
+Arelate. Aber die eigentliche Militärlinie, die unmittelbare Verbindung
+zwischen Italien und den Rheinlagern führt durch das Tal der Dora
+Baltea aus Italien teils nach der Hauptstadt Galliens, Lyon, teils nach
+dem Rhein. Hatte die Republik sich darauf beschränkt, den Eingang jenes
+Tals durch die Anlegung von Eporedia (Ivrea) in ihre Gewalt zu bringen,
+so nahm Augustus dasselbe ganz in Besitz in der Weise, daß er dessen
+Bewohner, die immer noch unruhigen und schon während des dalmatinischen
+Krieges von ihm bekämpften Salasser, nicht bloß unterwarf, sondern
+geradezu austilgte - ihrer 36000, darunter 8000 streitbare Männer,
+wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in die Sklaverei
+verkauft und den Käufern auferlegt, binnen zwanzig Jahre keinem
+derselben die Freiheit zu gewähren. Das Feldlager selbst, von dem aus
+sein Feldherr Varro Murena im Jahre 729 (25) sie schließlich aufs Haupt
+geschlagen hatte, wurde die Festung, welche, besetzt mit 3000 der
+Kaisergarde entnommenen Ansiedlern, die Verbindungen sichern sollte,
+die Stadt Augusta Praetoria, das heutige Aosta, deren damals errichtete
+Mauern und Tore noch heute stehen. Sie beherrschte später zwei
+Alpenstraßen, sowohl die über die Grafische Alpe oder den Kleinen St.
+Bernhard an der oberen Isère und der Rhone nach Lyon führende wie die,
+welche über die Pöninische Alpe, den Großen St. Bernhard, zum Rhonetal
+und zum Genfer See und von da in die Täler der Aare und des Rheins
+lief. Aber für die erste dieser Straßen ist die Stadt angelegt worden,
+da sie ursprünglich nur nach Osten und Westen führende Tore gehabt hat,
+und es konnte dies auch nicht anders sein, da die Festung ein Dezennium
+vor der Besetzung Rätiens gebaut ward, auch in jenen Jahren die spätere
+Organisation der Rheinlager noch nicht bestand und die direkte
+Verbindung der Hauptstädte Italiens und Galliens durchaus in erster
+Reihe stand. In der Richtung auf die Donau zu ist der Anlage von Emona
+an der oberen Save auf der alten Handelsstraße von Aquileia über die
+Julische Alpe in das pannonische Gebiet schon gedacht worden; diese
+Straße war zugleich die Hauptader der militärischen Verbindung von
+Italien mit dem Donaugebiet. Mit der Eroberung Rätiens endlich verband
+sich die Eröffnung der Straße, welche von der letzten italischen Stadt
+Tridentum (Trient) das Etschtal hinauf zu der im Lande der Vindeliker
+neu angelegten Augusta, dem heutigen Augsburg, und weiter zur oberen
+Donau führte. Als dann der Sohn des Feldherrn, der dieses Gebiet zuerst
+aufgeschlossen hatte, zur Regierung gelangte, ist dieser Straße der
+Name der Claudischen beigelegt worden ^5. Sie stellte zwischen Rätien
+und Italien die militärisch unentbehrliche Verbindung her; indes hat
+sie in Folge der relativ geringen Bedeutung der rätischen Armee und
+wohl auch in Folge der schwierigeren Kommunikation niemals die
+Bedeutung gehabt wie die Straße von Aosta.
+
+———————————————————————————-
+
+^5 Wir kennen diese Straße nur in der Gestalt, die der Sohn des
+Erbauers, Kaiser Claudius, ihr gab; ursprünglich kann sie natürlich
+nicht via Claudia Augusta geheißen haben, sondern nur via Augusta, und
+schwerlich als ihr Endpunkt in Italien Altinum, ungefähr das heutige
+Venedig, betrachtet worden sein, da unter Augustus noch alle
+Reichsstraßen nach Rom führten. Daß die Straße auch durch das obere
+Etschtal lief, ist erwiesen durch den bei Meran gefundenen Meilenstein
+(CIL V 8003); daß sie an die Donau führte, ist bezeugt, die Verbindung
+dieses Straßenbaus mit der Anlage von Augusta Vindelicum, wenn dies
+auch zunächst nur Marktflecken (forum) war, mehr als wahrscheinlich
+(CIL III, p. 711); auf welchem Wege von Meran aus Augsburg und die
+Donau erreicht wurden, wissen wir nicht. Späterhin ist die Straße dahin
+korrigiert worden, daß sie bei Bozen die Etsch verläßt und das
+Eisacktal hinauf über den Brenner nach Augsburg führt.
+
+———————————————————————————-
+
+Die Alpenpässe und der Nordabhang der Alpen waren somit in gesichertem
+römischen Besitz. Jenseits der Alpen erstreckte sich östlich vom Rhein
+das germanische Land, südwärts der Donau das der Pannonier und der
+Möser. Auch hier wurde kurz nach der Besetzung Rätiens, und ziemlich
+gleichzeitig nach beiden Seiten hin, die Offensive ergriffen.
+Betrachten wir zunächst die Vorgänge an der Donau.
+
+Das Donaugebiet, allem Anschein nach bis zum Jahre 727 (27) mit
+Oberitalien zusammen verwaltet, wurde damals bei der Reorganisation des
+Reiches ein selbständiger Verwaltungsbezirk Illyricum unter eigenem
+Statthalter. Er bestand aus Dalmatien mit seinem Hinterland bis zum
+Drin, während die Küste weiter südwärts seit langem zur
+Statthalterschaft Makedonien gehörte, und den römischen Besitzungen im
+Lande der Pannonier an der Save. Das Gebiet zwischen dem Haemus und der
+Donau bis zum Schwarzen Meer, welches kurz zuvor Crassus in
+Reichsabhängigkeit gebracht hatte, sowie nicht minder Noricum und
+Rätien standen im Klientelverhältnis zu Rom, gehörten also zwar nicht
+zu diesem Sprengel, aber hingen doch zunächst von dem Statthalter
+Illyricums ab. Auch das noch keineswegs beruhigte Thrakien südlich vom
+Haemus fiel militärisch in denselben Bereich. Es ist eine bis in späte
+Zeit bestehende Fortwirkung dieser ursprünglichen Organisation gewesen,
+daß das ganze Donaugebiet von Rätien bis Mösien als ein Zollbezirk
+unter dem Namen Illyricum im weiteren Sinne zusammengefaßt worden ist.
+Legionen standen nur in dem eigentlichen Illyricum, in den übrigen
+Distrikten wahrscheinlich gar keine Reichstruppen, höchstens kleinere
+Detachements; das Oberkommando führte der aus dem Senat hervorgehende
+Prokonsul der neuen Provinz, während die Soldaten und die Offiziere
+selbstverständlich kaiserlich waren. Es zeugt von dem ernsten Charakter
+der nach der Eroberung Rätiens beginnenden Offensive, daß zunächst der
+Nebenherrscher Agrippa das Kommando im Donaugebiet übernahm, dem der
+Prokonsul von Illyricum von Rechts wegen sich unterzuordnen hatte, und
+dann, als Agrippas plötzlicher Tod im Frühjahr 742 (12) diese
+Kombination scheitern machte, im Jahre darauf Illyricum in kaiserliche
+Verwaltung überging, also die kaiserlichen Feldherren hier das
+Oberkommando erhielten. Bald bildeten sich hier drei militärische
+Mittelpunkte, welche dann auch die administrative Dreiteilung des
+Donaugebiets herbeiführten. Die kleinen Fürstentümer in dem von Crassus
+eroberten Gebiet machten der Provinz Mösien Platz, deren Statthalter
+fortan in dem heutigen Serbien und Bulgarien die Grenzwacht hielt gegen
+Daker und Bastarner. In der bisherigen Provinz Illyricum wurde ein Teil
+der Legionen an der Kerka und der Cettina postiert, um die immer noch
+schwierigen Dalmater im Zaum zu halten. Die Hauptmacht stand in
+Pannonien an der damaligen Reichsgrenze, der Save. Chronologisch genau
+läßt sich diese Dislokation der Legionen und Organisation der Provinzen
+nicht fixieren; wahrscheinlich haben die gleichzeitig geführten
+ernsthaften Kriege gegen die Pannonier und die Thraker, von denen wir
+gleich zu berichten haben werden, zunächst dazu geführt, die
+Statthalterschaft von Mösien einzurichten, und haben erst einige Zeit
+nachher die dalmatischen Legionen und die an der Save eigene
+Oberbefehlshaber erhalten.
+
+Wie die Expeditionen gegen die Pannonier und die Germanen gleichsam
+eine Wiederholung des rätischen Feldzugs in erweitertem Maßstab sind,
+so waren auch die Führer, welche mit dem Titel kaiserlicher Legaten an
+die Spitze gestellt wurden, dieselben; wieder die beiden Prinzen des
+kaiserlichen Hauses, Tiberius, der an Agrippas Stelle das Kommando in
+Illyricum übernahm, und Drusus, der an den Rhein ging, beide jetzt
+nicht mehr unerprobte Jünglinge, sondern Männer in der Blüte ihrer
+Jahre und schwerer Arbeit wohl gewachsen.
+
+An nächsten Anlässen für die Kriegführung fehlte es in der Donaugegend
+nicht. Raubgesindel aus Pannonien und selbst aus dem friedlichen
+Noricum plünderte im Jahre 738 (16) bis nach Istrien hinein. Zwei Jahre
+darauf ergriffen die illyrischen Provinzialen gegen ihre Herren die
+Waffen und obwohl sie dann, als Agrippa im Herbst des Jahres 741 (13)
+das Kommando übernahm, ohne Widerstand zu leisten zum Gehorsam
+zurückkehrten, sollen doch unmittelbar nach seinem Tode die Unruhen
+aufs neue begonnen haben. Wir vermögen nicht zu sagen, wieweit diese
+römischen Erzählungen der Wahrheit entsprechen; der eigentliche Grund
+und Zweck dieses Krieges war gewiß die durch die allgemeine politische
+Lage geforderte Vorschiebung der römischen Grenze. Über die drei
+Kampagnen des Tiberius in Pannonien 742 bis 744 (12-10) sind wir sehr
+unvollkommen unterrichtet. Als Ergebnis derselben wurde von der
+Regierung die Feststellung der Donaugrenze für die Provinz Illyricum
+angegeben. Daß diese seitdem in ihrem ganzen Laufe als die Grenze des
+römischen Gebiets angesehen wurde, ist ohne Zweifel richtig, aber eine
+eigentliche Unterwerfung oder gar eine Besetzung dieses ganzen weiten
+Gebiets ist damals keineswegs erfolgt. Hauptsächlichen Widerstand gegen
+Tiberius leisteten die schon früher für römisch erklärten
+Völkerschaften, insbesondere die Dalmater; unter den damals zuerst
+effektiv unterworfenen ist die namhafteste die der pannonischen Breuker
+an der unteren Save. Schwerlich haben die römischen Heere während
+dieser Feldzüge die Drau auch nur überschritten, auf keinen Fall ihre
+Standlager an die Donau verlegt. Das Gebiet zwischen Save und Drau
+wurde allerdings besetzt und das Hauptquartier der illyrischen
+Nordarmee von Siscia an der Save nach Poetovio (Pettau) an der
+mittleren Drau verlegt, während in dem vor kurzem besetzten norischen
+Gebiet die römischen Besatzungen bis an die Donau bei Carnuntum
+reichten (Petronell bei Wien), damals die letzte norische Stadt gegen
+Osten. Das weite und große Gebiet zwischen der Drau und der Donau, das
+heutige westliche Ungarn, ist allem Anschein nach damals nicht einmal
+militärisch besetzt worden. Es entsprach dies dem Gesamtplan der
+begonnenen Offensive; man suchte die Fühlung mit dem gallischen Heer,
+und für die neue Reichsgrenze im Nordosten war der natürliche
+Stützpunkt nicht Ofen, sondern Wien.
+
+Gewissermaßen eine Ergänzung zu dieser pannonischen Expedition des
+Tiberius bildet diejenige, welche gleichzeitig gegen die Thraker von
+Lucius Piso unternommen ward, vielleicht dem ersten eigenen
+Statthalter, den Mösien gehabt hat. Die beiden großen benachbarten
+Nationen, die Illyriker und die Thraker, von denen in einem späteren
+Abschnitt eingehender gehandelt werden wird, standen damals gleichmäßig
+zur Unterwerfung. Die Völkerschaften des inneren Thrakiens erwiesen
+sich noch störriger als die Illyriker und den von Rom ihnen gesetzten
+Königen wenig botmäßig; im Jahre 738 (16) mußte ein römisches Heer dort
+einrücken und den Fürsten gegen die Besser zu Hilfe kommen. Wenn wir
+genauere Berichte über die dort wie hier in den Jahren 741 bis 743
+(13-11) geführten Kämpfe hätten, würde das gleichzeitige Handeln der
+Thraker und der Illyriker vielleicht als gemeinschaftliches erscheinen.
+Gewiß ist es, daß die Masse der Thrakerstämme südlich vom Haemus und
+vermutlich auch die in Mösien sitzenden sich an diesem Nationalkrieg
+beteiligten, und daß die Gegenwehr der Thraker nicht minder hartnäckig
+war als die der Illyriker. Es war für sie zugleich ein Religionskrieg;
+das den Bessern genommene und den römisch gesinnten Odrysenfürsten
+überwiesene Dionysosheiligtum ^6 war nicht vergessen; ein Priester
+dieses Dionysos stand an der Spitze der Insurrektion und sie richtete
+sich zunächst eben gegen jene Odrysenfürsten. Der eine derselben wurde
+gefangen und getötet, der andere verjagt; die zum Teil nach römischem
+Muster bewaffneten und disziplinierten Insurgenten siegten indem ersten
+Treffen über Piso und drangen vor bis nach Makedonien und in den
+Thrakischen Chersones; man fürchtete für Asien. Indes die römische
+Zucht behielt doch schließlich das Übergewicht auch über diese tapferen
+Gegner; in mehreren Feldzügen wurde Piso des Widerstandes Herr, und das
+entweder schon bei dieser Gelegenheit oder bald nachher auf dem
+“thrakischen Ufer” eingerichtete Kommando von Mösien brach den
+Zusammenhang der dakisch-thrakischen Völkerschaften, indem es die
+Stämme am linken Ufer der Donau und die verwandten südlich vom Haemus
+voneinander schied, und sicherte dauernd die römische Herrschaft im
+Gebiet der unteren Donau.
+
+—————————————————————————-
+
+^6 Die Örtlichkeit, “in welcher die Besser den Gott Dionysos verehren”
+und die Crassus ihnen nahm und den Odrysen gab (Dio 51, 25), ist gewiß
+derselbe Liberi patris lucus, in welchem Alexander opferte und der
+Vater des Augustus, cum per secreta Thraciae exercitum duceret, das
+Orakel wegen seines Sohnes befragte (Suet. Aug. 94) und das schon
+Herodot (2, 111; vgl. Eur. Hek. 1267) als unter Obhut der Besser
+stehendes Orakelheiligtum erwähnt. Gewiß ist es nordwärts der Rhodope
+zu suchen; wiedergefunden ist es noch nicht.
+
+—————————————————————————-
+
+Näher noch als von den Pannoniern und den Thrakern ward es den Römern
+von den Germanen gelegt, daß der damalige Zustand der Dinge auf die
+Dauer nicht bleiben könne. Die Reichsgrenze war seit Caesar der Rhein,
+vom Bodensee bis zu seiner Mündung. Eine Völkerscheide war er nicht, da
+schon von alters her im Nordosten Galliens die Kelten sich vielfach mit
+Deutschen gemischt hatten, die Treuerer und die Nervier Germanen
+wenigstens gern gewesen wären, am mittleren Rhein Caesar selbst die
+Reste der Scharen des Ariovistus, Triboker (im Elsaß), Nemeter (um
+Speyer), Vangionen (um Worms) seßhaft gemacht hatte. Freilich hielten
+diese linksrheinischen Deutschen fester zu der römischen Herrschaft als
+die keltischen Gaue und nicht sie haben den Landsleuten auf dem rechten
+Ufer die Pforten Galliens geöffnet. Aber diese, seit langem der
+Plunderzüge über den Fluß gewohnt und der mehrfach halb geglückten
+Versuche, dort sich festzusetzen, keineswegs vergessen, kamen auch
+ungerufen. Die einzige germanische Völkerschaft jenseits des Rheines,
+die schon in Caesars Zeit sich von ihren Landsleuten getrennt und unter
+römischen Schutz gestellt hatte, die Ubier, hatten vor dem Haß ihrer
+erbitterten Stammgenossen weichen und auf dem römischen Ufer Schutz und
+neue Wohnsitze suchen müssen (716 38); Agrippa, obwohl persönlich in
+Gallien anwesend, hatte unter dem Druck des damals bevorstehenden
+sizilischen Krieges nicht vermocht, ihnen in anderer Weise zu helfen,
+und den Rhein nur überschritten, um die Überführung zu bewirken. Aus
+dieser ihrer Siedlung ist später unser Köln erwachsen. Nicht bloß die
+auf dem rechten Rheinufer Handel treibenden Römer wurden vielfältig von
+den Germanen geschädigt, so daß sogar im Jahre 729 (25) deswegen ein
+Vorstoß über den Rhein ausgeführt ward und Agrippa im Jahre 734 (20)
+vom Rhein herübergekommene germanische Schwärme aus Gallien
+hinauszuschlagen hatte; es geriet im Jahre 738 (16) das jenseitige Ufer
+in eine allgemeinere, auf einen Einbruch in großem Maßstab
+hinauslaufende Bewegung. Die Sugambrer an der Ruhr gingen voran, mit
+ihnen ihre Nachbarn, nördlich im Lippetal die Usiper, südlich die
+Tencterer; sie griffen die bei ihnen verweilenden römischen Händler auf
+und schlugen sie ans Kreuz, überschritten dann den Rhein, plünderten
+weit und breit die gallischen Gaue, und als ihnen der Statthalter von
+Germanien den Legaten Marcus Lollius mit der fünften Legion
+entgegenschickte, fingen sie erst deren Reiterei ab und schlugen dann
+die Legion selbst in schimpfliche Flucht, wobei ihnen sogar deren Adler
+in die Hände fiel. Nach allem diesem kehrten sie unangefochten zurück
+in ihre Heimat. Dieser Mißerfolg der römischen Waffen, wenn auch an
+sich nicht von Gewicht, war doch der germanischen Bewegung und selbst
+der schwierigen Stimmung in Gallien gegenüber nichts weniger als
+unbedenklich; Augustus selbst ging nach der angegriffenen Provinz, und
+es mag dieser Vorgang wohl die nächste Veranlassung gewesen sein zur
+Aufnahme jener großen Offensive, die, mit dem Rätischen Krieg 739 (15)
+beginnend, weiter zu den Feldzügen des Tiberius in Illyricum und des
+Drusus in Germanien führte.
+
+Nero Claudius Drusus, geboren im Jahre 716 (38) von Livia im Hause
+ihres neuen Gemahls, des späteren Augustus, und von diesem gleich einem
+Sohn - die bösen Zungen sagten, als sein Sohn - geliebt und gehalten,
+ein Bild männlicher Schönheit und von gewinnender Anmut im Verkehr, ein
+tapferer Soldat und ein tüchtiger Feldherr, dazu ein erklärter
+Lobredner der alten republikanischen Ordnung und in jeder Hinsicht der
+populärste Prinz des kaiserlichen Hauses, übernahm bei Augustus’
+Rückkehr nach Italien (741 13) die Verwaltung von Gallien und den
+Oberbefehl gegen die Germanen, deren Unterwerfung jetzt ernstlich in
+das Auge gefaßt ward. Wir vermögen weder die Stärke der damals am Rhein
+stehenden Armee noch die bei den Germanen obwaltenden Zustände genügend
+zu erkennen; nur das tritt deutlich hervor, daß die letzteren nicht
+imstande waren, dem geschlossenen Angriff in entsprechender Weise zu
+begegnen. Das Neckargebiet, ehemals von den Helvetiern besessen, dann
+lange Zeit streitiges Grenzland zwischen ihnen und den Germanen, lag
+verödet und beherrscht einerseits durch die jüngst unterworfene
+Landschaft der Vindeliker, andererseits durch die römisch gesinnten
+Germanen um Straßburg, Speyer und Worms. Weiter nordwärts, in der
+oberen Maingegend, saßen die Markomannen, vielleicht der mächtigste der
+suebischen Stämme, aber mit den Germanen des Mittelrheins seit alters
+her verfeindet. Nordwärts des Mains folgten zunächst im Taunus die
+Chatten, weiter rheinabwärts die schon genannten Tencterer, Sugambrer
+und Usiper; hinter ihnen die mächtigen Cherusker an der Weser, außerdem
+eine Anzahl Völkerschaften zweiten Ranges. Wie diese mittelrheinischen
+Stämme, voran die Sugambrer, jenen Angriff auf das römische Gallien
+ausgeführt hatten, so richtete sich auch der Vergeltungszug des Drusus
+hauptsächlich gegen sie, und sie auch verbanden sich gegen Drusus zur
+gemeinschaftlichen Abwehr und zur Aufstellung eines aus dem Zuzug aller
+dieser Gaue zu bildenden Volksheers. Aber die friesischen Stämme an der
+Nordseeküste schlossen sich nicht an, sondern verharrten in der ihnen
+eigenen Isolierung.
+
+Es waren die Germanen, die die Offensive ergriffen. Die Sugambrer und
+ihre Verbündeten griffen wieder alle Römer auf, deren sie auf ihrem
+Ufer habhaft werden konnten, und schlugen die Centurionen darunter,
+ihrer zwanzig an der Zahl, ans Kreuz. Die verbündeten Stämme
+beschlossen, abermals in Gallien einzufallen, und teilten auch die
+Beute im voraus - die Sugambrer sollten die Leute, die Cherusker die
+Pferde, die suebischen Stämme das Gold und Silber erhalten. So
+versuchten sie im Anfang des Jahres 742 (12) wieder den Rhein zu
+überschreiten und hofften auf die Unterstützung der linksrheinischen
+Germanen und selbst auf eine Insurrektion der eben damals durch das
+ungewohnte Schätzungsgeschäft erregten gallischen Gaue. Aber der junge
+Feldherr traf seine Maßregeln gut: er erstickte die Bewegung im
+römischen Gebiet, noch ehe sie recht in Gang kam, warf die
+Eindringenden bei dem Flußübergang selbst zurück und ging dann
+seinerseits über den Strom, um das Gebiet der Usiper und Sugambrer zu
+brandschatzen. Dies war eine vorläufige Abwehr; der eigentliche
+Kriegsplan, in größerem Stil angelegt, ging aus von der Gewinnung der
+Nordseeküste und der Mündungen der Eins und der Elbe. Der zahlreiche
+und tapfere Stamm der Bataver im Rheindelta ist, allem Anschein nach
+damals und durch gütliche Vereinbarung, dem Römischen Reiche
+einverleibt worden; mit ihrer Hilfe wurde vom Rheine zur Zuidersee und
+aus dieser in die Nordsee eine Wasserverbindung hergestellt, welche der
+Rheinflotte einen sichereren und kürzeren Weg zur Ems- und Elbemündung
+eröffnete. Die Friesen an der Nordküste folgten dem Beispiel der
+Bataver und fügten sich gleichfalls der Fremdherrschaft. Es war wohl
+mehr noch die maßhaltende Politik als die militärische Übergewalt, die
+hier den Römern den Weg bahnte: diese Völkerschaften blieben fast ganz
+steuerfrei und wurden zum Kriegsdienst in einer Weise herangezogen, die
+nicht schreckte, sondern lockte. Von da ging die Expedition an der
+Nordseeküste hinauf; im offenen Meer wurde die Insel Burchanis
+(vielleicht Borkum vor Ostfriesland) mit stürmender Hand genommen, auf
+der Ems die Bootflotte der Bructerer von der römischen Flotte besiegt;
+bis an die Mündung der Weser zu den Chaukern ist Drusus gelangt.
+Freilich geriet die Flotte heimkehrend auf die gefährlichen und
+unbekannten Watten, und wenn die Friesen nicht der schiffbrüchigen
+Armee sicheres Geleit gewährt hätten, wäre sie in sehr kritische Lage
+geraten. Nichtsdestoweniger war durch diesen ersten Feldzug die Küste
+von der Rhein- zur Wesermündung römisch geworden.
+
+Nachdem also die Küste umfaßt war, begann im nächsten Jahr (743 11) die
+Unterwerfung des Binnenlandes. Sie wurde wesentlich erleichtert durch
+den Zwist unter den mittelrheinischen Germanen. Zu dem im Jahre vorher
+versuchten Angriff auf Gallien hatten die Chatten den versprochenen
+Zuzug nicht gestellt; in begreiflichem, aber noch vielmehr
+unpolitischem Zorn hatten die Sugambrer mit gesamter Hand das
+Chattenland überfallen, und so wurde ihr eigenes Gebiet sowie das ihrer
+nächsten Nachbarn am Rhein ohne Schwierigkeit von den Römern besetzt.
+Die Chatten unterwarfen sich dann den Feinden ihrer Feinde ohne
+Gegenwehr; nichtsdestoweniger wurden sie angewiesen, das Rheinufer zu
+räumen und dafür dasjenige Gebiet zu besetzen, das bis dahin die
+Sugambrer innegehabt hatten. Nicht minder unterlagen weiter
+landeinwärts die mächtigen Cherusker an der mittleren Weser. Die an der
+unteren sitzenden Chauker wurden, wie ein Jahr zuvor von der Seeseite,
+so jetzt zu Lande angegriffen und damit das gesamte Gebiet zwischen
+Rhein und Weser wenigstens an den militärisch entscheidenden Stellen in
+Besitz genommen. Der Rückweg wäre allerdings, eben wie im vorigen
+Jahre, fast verhängnisvoll geworden; bei Arbalo (unbekannter Lage)
+sahen sich die Römer in einem Engpaß von allen Seiten von den Germanen
+umzingelt und ihrer Verbindungen verlustig; aber die feste Zucht der
+Legionäre und daneben die übermütige Siegesgewißheit der Deutschen
+verwandelten die drohende Niederlage in einen glänzenden Sieg ^7. Im
+nächsten Jahr (744 10) standen die Chatten auf, erbittert über den
+Verlust ihrer alten schönen Heimstatt; aber jetzt blieben sie
+ihrerseits allein und wurden nach hartnäckiger Gegenwehr und nicht ohne
+empfindlichen Verlust von den Römern überwältigt (745 9). Die
+Markomannen am oberen Main, die nach der Einnahme des Chattengebiets
+zunächst dem Angriff ausgesetzt waren, wichen ihm aus und zogen sich
+rückwärts in das Land der Boier, das heutige Böhmen, ohne von hier aus,
+wo sie dem unmittelbaren Machtkreise Roms entrückt waren, in die Kämpfe
+am Rhein einzugreifen. In dem ganzen Gebiet zwischen Rhein und Weser
+war der Krieg zu Ende. Drusus konnte im Jahre 745 (9) im Cheruskergau
+das rechte Weserufer betreten und von da vorgehen bis an die Elbe, die
+er nicht überschritt, vermutlich angewiesen war, nicht zu
+überschreiten. Manches harte Gefecht wurde geliefert, erfolgreicher
+Widerstand nirgends geleistet. Aber auf dem Rückweg, der, wie es
+scheint, die Saale hinauf und von da zur Weser genommen ward, traf die
+Römer ein schwerer Schlag, nicht durch den Feind, aber durch einen
+unberechenbaren Unglücksfall. Der Feldherr stürzte mit dem Pferd und
+brach den Schenkel; nach dreißigtägigen Leiden verschied er in dem
+fernen Lande zwischen Saale und Weser ^8, das nie vor ihm eine römische
+Armee betreten hatte, in den Armen des aus Rom herbeigeeilten Bruders,
+im dreißigsten Jahre seines Alters, im Vollgefühl seiner Kraft und
+seiner Erfolge, von den Seinigen und dem ganzen Volke tief und lange
+betrauert, vielleicht glücklich zu preisen, weil die Götter ihm gaben,
+jung aus dem Leben zu scheiden und den Enttäuschungen und Bitterkeiten
+zu entgehen, welche die Höchstgestellten am schmerzlichsten treffen,
+während in der Erinnerung der Welt noch heute seine glänzende
+Heldengestalt fortlebt.
+
+——————————————————————————-
+
+^7 Daß die Schlacht bei Arbalo (Plin. nat. 11, 17, 55) in dieses Jahr
+gehört, zeigt Obsequens 72 und also geht auf sie die Erzählung bei Dio
+54, 33.
+
+^8 Daß der Sturz des Drusus in der Saalegegend erfolgte, wird aus
+Strabon 7,1, 3 p. 291 gefolgert werden dürfen, obwohl er nur sagt, daß
+er auf dem Heerzuge zwischen Salas und Rhein umkam und die
+Identifikation des Salas mit der Saale allein auf der Namensähnlichkeit
+beruht. Von der Unglücksstätte wurde er dann bis in das Sommerlager
+transportiert (Sen. dial. ad Marciam 3: ipsis illum hostibus aegrum cum
+veneratione et pace mutua prosequentibus nec optare quod expediebat
+audentibus) und in diesem ist er gestorben (Suet. Claud. 1). Dies lag
+tief im Barbarenland (Val. Max. 5, 5, 3) und nicht allzuweit von dem
+Schlachtfelde des Varus (Tac. ann. 2, 7, wo die vetus ara Druso sita
+gewiß auf den Sterbeplatz zu beziehen ist); man wird dasselbe im
+Wesergebiet suchen dürfen. Die Leiche wurde dann in das Winterlager
+geschafft (Dio 55, 2) und dort verbrannt; diese Stätte galt nach
+römischem Gebrauch auch als Grabstätte, obwohl die Beisetzung der Asche
+in Rom stattfand, und darauf ist der honorarius tumulus mit der
+jährlichen Leichenfeier zu beziehen (Suet. a. a. O.). Wahrscheinlich
+hat man dessen Stätte in Vetera zu suchen. Wenn ein späterer
+Schriftsteller (Eutr. 7, 13) von dem monumentum des Drusus bei Mainz
+spricht, so ist dies nicht wohl das Grabmal, sondern das anderweitig
+erwähnte Tropaeum (Flor. epit. 2, 30: Marcomanorum spoliis et
+insignibus quendam editum tumulum in tropaei modum excoluit).
+
+——————————————————————————-
+
+In dem großen Gang der Dinge änderte, wie billig, der Tod des tüchtigen
+Feldherrn nichts. Sein Bruder Tiberius kam früh genug, nicht bloß um
+ihm die Augen zuzudrücken, sondern auch um mit seiner sicheren Hand das
+Heer zurück und die Eroberung Germaniens weiter zu führen. Er
+kommandierte dort während der beiden folgenden Jahre (746, 747 8, 7);
+zu größeren Kämpfen ist es während derselben nicht gekommen, aber weit
+und breit zwischen Rhein und Elbe zeigten sich die römischen Truppen,
+und als Tiberius die Forderung stellte, daß sämtliche Gaue die römische
+Herrschaft förmlich anzuerkennen hätten, und zugleich erklärte, die
+Anerkennung nur von sämtlichen Gauen zugleich entgegennehmen zu können,
+fügten sie sich ohne Ausnahme, zuletzt von allen die Sugambrer, für die
+es freilich einen wirklichen Frieden nicht gab. Wie weit man
+militärisch gelangt war, beweist die wenig später fallende Expedition
+des Lucius Domitius Ahenobarbus. Dieser konnte als Statthalter von
+Illyricum, wahrscheinlich von Vindelizien aus, einem unsteten
+Hermundurenschwarm im Markomannenlande selbst Sitze anweisen und
+gelangte bei dieser Expedition bis an und über die obere Elbe, ohne auf
+Widerstand zu treffen ^9. Die Markomannen in Böhmen waren völlig
+isoliert, und das übrige Germanien zwischen Rhein und Elbe eine, wenn
+auch noch keineswegs befriedete, römische Provinz.
+
+————————————————————————-
+
+^9 Die Mitteilung Dios (55, IOa), zum Teil bestätigt durch Tacitus
+(arm. 4, 44) kann nicht anders aufgefaßt werden. Diesem Statthalter muß
+ausnahmsweise auch Noricum und Rätien unterstellt gewesen sein oder der
+Lauf der Operationen veranlaßte ihn, die Grenze seiner
+Statthalterschaft zu überschreiten. Daß er Böhmen selbst durchschritten
+habe, was in noch größere Schwierigkeiten verwickeln würde, fordert der
+Bericht nicht.
+
+————————————————————————-
+
+Die militärisch-politische Organisation Germaniens, wie sie damals
+angelegt ward, vermögen wir nur unvollkommen zu erkennen, da uns einmal
+über die in früherer Zeit zum Schutz der gallischen Ostgrenze
+getroffenen Einrichtungen jede genaue Kunde fehlt, andererseits
+diejenigen der beiden Brüder durch die spätere Entwicklung der Dinge
+großenteils zerstört worden sind. Eine Verlegung der römischen Grenzhut
+vom Rhein weg hat keineswegs stattgefunden; so weit wollte man
+vielleicht kommen, aber war man nicht. Ähnlich wie in Illyricum damals
+die Donau, war die Elbe wohl die politische Reichsgrenze, aber der
+Rhein die Linie der Grenzverteidigung, und von den Rheinlagern liefen
+die rückwärtigen Verbindungen nach den großen Städten Galliens und nach
+dessen Häfen ^10. Das große Hauptquartier während dieser Feldzüge ist
+das spätere sogenannte “alte Lager”, Castra vetera (Birten bei Xanten),
+die erste bedeutende Höhe abwärts Bonn am linken Rheinufer, militärisch
+etwa dem heutigen Wesel am rechten entsprechend. Dieser Platz, besetzt
+vielleicht seit den Anfängen der Römerherrschaft am Rhein, ist von
+Augustus eingerichtet worden als Zwingburg für Germanien; und wenn die
+Festung zu allen Zeiten der Stützpunkt für die römische Defensive am
+linken Rheinufer gewesen ist, so war sie für die Invasion des rechten
+nicht weniger wohl gewählt, gelegen gegenüber der Mündung der weit
+hinauf schiffbaren Lippe und mit dem rechten Ufer durch eine feste
+Brücke verbunden. Den Gegensatz zu diesem “alten Lager” an der Mündung
+der Lippe, bildete wahrscheinlich das an der Mündung des Main,
+Mogontiacum, das heutige Mainz, allem Anschein nach eine Schöpfung des
+Drusus; wenigstens zeigen die schon erwähnten, den Chatten auferlegten
+Gebietsabtretungen, sowie die weiterhin zu erwähnenden Anlagen im
+Taunus, daß Drusus die militärische Wichtigkeit der Mainlinie und also
+auch die ihres Schlüssels auf dem linken Rheinufer deutlich erkannt
+hat. Wenn das Legionslager an der Aare, wie es scheint, eingerichtet
+worden ist, um die Räter und Vindeliker im Gehorsam zu erhalten, so
+fällt dessen Anlage vermutlich schon in diese Zeit, aber es ist dann
+auch mit den gallisch-germanischen Militäreinrichtungen nur äußerlich
+verknüpft gewesen. Das Straßburger Legionslager reicht schwerlich bis
+in so frühe Zeit hinauf. Die Basis der römischen Heerstellung bildet
+die Linie von Mainz bis Wesel. Daß Drusus und Tiberius, abgesehen von
+der damals nicht mehr kaiserlichen narbonensischen Provinz, sowohl die
+Statthalterschaft von ganz Gallien wie auch das Kommando der sämtlichen
+rheinischen Legionen gehabt haben, ist ausgemacht; von diesen Prinzen
+abgesehen, mag damals wohl die Zivilverwaltung Galliens von dem
+Kommando der Rheintruppen getrennt gewesen sein, aber schwerlich war
+das letztere damals schon in zwei koordinierte Kommandos geteilt ^11.
+
+————————————————————————-
+
+^10 Auf eine rückwärtige Verbindung der Rheinlager mit dem Hafen von
+Boulogne dürfte die viel bestrittene Notiz des Florus (epit. 2, 30) zu
+beziehen sein: Bonnam (oder Bormam) et Gessoriacum pontibus iunxit
+classibusque firmavit, womit zu vergleichen sind die von demselben
+Schriftsteller erwähnten Kastelle an der Maas. Bonn kann damals füglich
+die Station der Rheinflotte gewesen sein; Boulogne ist auch in späterer
+Zeit noch Flottenstation gewesen. Drusus konnte wohl Veranlassung haben
+den kürzesten und sichersten Landweg zwischen den beiden Flottenlagern
+für Transporte brauchbar zu machen, wenn auch der Schreiber
+wahrscheinlich, um das Auffallende bemüht, durch zugespitzte
+Ausdrucksweise Vorstellungen erweckt, die so nicht richtig sein können.
+
+^11 Über die administrative Teilung Galliens fehlt es, abgesehen von
+der Abtrennung der Narbonensis, an allen Nachrichten, da sie nur auf
+kaiserlichen Verfügungen beruhte und darüber nichts in die
+Senatsprotokolle kam. Aber von der Existenz eines gesonderten ober- und
+untergermanischen Kommandos geben die erste Kunde die Feldzüge des
+Germanicus, und die Varusschlacht ist unter jener Voraussetzung kaum zu
+verstehen; hier erscheinen wohl die hiberna inferiora, die von Vetera
+(Vell. 2, 120), und den Gegensatz dazu, die superiora können nur die
+von Mainz gemacht haben, aber auch diese stehen nicht unter einem
+Kollegen, sondern unter dem Neffen, also einem Unterbefehlshaber des
+Varus. Wahrscheinlich hat die Teilung erst in Folge der Niederlage in
+den letzten Jahren des Augustus stattgefunden.
+
+————————————————————————-
+
+Über den Bestand der damaligen Rheinarmee können wir nur etwa sagen,
+daß die Armee des Drusus schwerlich stärker, vielleicht geringer war
+als die, welche zwanzig Jahre später in Germanien stand, von fünf bis
+sechs Legionen, etwa 50000 bis 60000 Mann.
+
+Diesen militärischen Einrichtungen am linken Rheinufer sind die am
+rechten getroffenen korrelat. Zunächst nahmen die Römer dieses selbst
+in Besitz. Es traf dies vor allem die Sugambrer, wobei allerdings die
+Vergeltung für den erbeuteten Adler und die ans Kreuz geschlagenen
+Centurionen mitgewirkt hat. Die zur Erklärung der Unterwerfung
+abgesandten Boten, die Vornehmsten der Nation, wurden gegen das
+Völkerrecht als Kriegsgefangene behandelt und kamen in den italischen
+Festungen elend um. Von der Masse des Volkes wurden 40000 Köpfe aus
+ihrer Heimat entfernt und auf dem gallischen Ufer angesiedelt, wo sie
+später vielleicht unter dem Namen der Cugerner begegnen. Nur ein
+geringer und ungefährlicher Überrest des mächtigen Stammes durfte in
+den alten Wohnsitzen bleiben. Auch suebische Haufen sind nach Gallien
+übergeführt, andere Völkerschaften weiter landeinwärts gedrängt worden,
+wie die Marser und ohne Zweifel auch die Chatten; am Mittelrhein wurde
+überall die eingeborene Bevölkerung des rechten Ufers verdrängt oder
+doch geschwächt. Längs dieses Rheinufers wurden ferner befestigte
+Posten, fünfzig an der Zahl, eingerichtet. Vorwärts Mogontiacum wurde
+das den Chatten abgenommene Gebiet, seitdem der Gau der Mattfiaker bei
+dem heutigen Wiesbaden, in die römischen Linien gezogen und die Höhe
+des Taunus stark befestigt ^12. Vor allem aber wurde von Vetera aus die
+Lippelinie in Besitz genommen; von der doppelten, von Tagemarsch zu
+Tagemarsch mit Kastellen besetzten Militärstraße an den beiden Ufern
+des Flusses ist wenigstens die rechtsuferige sicher ebenso das Werk des
+Drusus wie dies bezeugt ist von der Festung Aliso im Quellgebiet der
+Lippe, wahrscheinlich dem heutigen Dorfe Elsen unweit Paderborn ^13.
+
+———————————————————————-
+
+^12 Das von Drusus in monte Tauno angelegte praesidium (Tac. ann. 1,
+56) und das mit Aliso zusammengestellte (φρούριον εν Χα`αττοις παρ'
+αυτώ τώ Ρήνω (Dio 54, 33) sind wahrscheinlich identisch, und die
+besondere Stellung des Mattiakergaus hängt augenscheinlich mit der
+Anlage von Mogontiacum zusammen.
+
+^13 Daß das “Kastell am Zusammenfluß des Lupias und des Helison” bei
+Dio 54, 33 identisch ist mit dem öfter genannten Aliso und dies an der
+oberen Lippe gesucht werden muß, ist keinem Zweifel unterworfen, und
+daß das römische Winterlager an den Lippequellen (ad caput Lupiae,
+Vell. 2, 105), unseres Wissens das einzige derartige auf germanischem
+Boden, eben dort zu suchen ist, wenigstens sehr wahrscheinlich. Daß die
+beiden an der Lippe hin laufenden Römerstraßen und deren befestigte
+Marschlager wenigstens bis in die Gegend von Lippstadt führten, haben
+namentlich Hölzermanns Untersuchungen dargetan. Die obere Lippe hat nur
+einen namhaften Zufluß, die Alme, und da unweit der Mündung dieser in
+die Lippe das Dorf Elsen liegt, so darf hier der Namensähnlichkeit
+einiges Gewicht beigelegt werden.
+
+Der Ansetzung von Aliso an der Mündung der Glenne (und Liese) in die
+Lippe, welche unter andern Schmidt vertritt, steht vornehmlich
+entgegen, daß das Lager ad caput Lupiae dann von Aliso verschieden
+gewesen sein muß, überhaupt dieser Punkt von der Weserlinie zu weit
+abliegt, während von Elsen aus der Weg geradezu durch die Dörenschlucht
+in das Werretal führt. überhaupt bemerkt Schmidt (Westfälische
+Zeitschrift für Gesch. und Alterthumskunde 20, 1862, S. 259), kein
+Anhänger der Identifikation von Aliso und Elsen, daß die Höhen von
+Wever (unweit Elsen) und überhaupt der linke Talrand der Alme der
+Mittelpunkt eines Halbkreises sind, welchen die vorliegenden Gebirge
+bilden, und diese hochgelegene, trockene, bis zu dem Gebirge eine
+genaue Übersicht gestattende Gegend, welche das ganze lippische Land
+deckt und selbst in der Front durch die Alme gedeckt ist, sich gut
+eignet zum Ausgangspunkt eines Zuges gegen die Weser.
+
+———————————————————————-
+
+Dazu kam der schon erwähnte Kanal von der Rheinmündung zur Zuidersee
+und ein von Lucius Domitius Ahenobarbus durch eine längere Sumpfstrecke
+zwischen der Eins und dem Unterrhein gezogener Damm, die sogenannten
+“langen Brücken”. Außerdem standen durch das ganze Gebiet zerstreut
+einzelne römische Posten; dergleichen werden späterhin erwähnt bei den
+Friesen und den Chaukern, und in diesem Sinne mag es richtig sein, daß
+die römischen Besatzungen bis zur Weser und bis zur Elbe reichten.
+Endlich lagerte das Heer wohl im Winter am Rhein, im Sommer aber, auch
+wenn nicht eigentlich Expeditionen unternommen wurden, durchgängig im
+eroberten Lande, in der Regel bei Aliso.
+
+Aber nicht bloß militärisch richteten die Römer in dem neugewonnenen
+Gebiet sich ein. Die Germanen wurden angehalten, wie andere
+Provinzialen, von dem römischen Statthalter Recht zu nehmen und die
+Sommerexpeditionen des Feldherrn entwickelten sich allmählich zu den
+üblichen Gerichtsreisen des Statthalters. Anklage und Verteidigung der
+Angeschuldigten fand in lateinischer Zunge statt; die römischen
+Sachwalter und Rechtsbeistände begannen wie diesseits so jenseits des
+Rheines ihre überall schwer empfundene, hier die solcher Dinge
+ungewohnten Barbaren tief erbitternde Wirksamkeit. Es fehlte viel zur
+völligen Durchführung der provinzialen Einrichtung; an förmliche Umlage
+der Schatzung, an regulierte Aushebung für das römische Heer ward noch
+nicht gedacht. Aber wie der neue Gauverband eben jetzt in Gallien im
+Anschluß an die daselbst eingeführte göttliche Verehrung des Monarchen
+eingerichtet ward, so wurde eine ähnliche Einrichtung auch in dem neuen
+Germanien getroffen; als Drusus für Gallien den Augustusaltar in Lyon
+weihte, wurden die zuletzt auf dem linken Rheinufer angesiedelten
+Germanen, die Ubier, nicht in diese Vereinigung aufgenommen, sondern in
+ihrem Hauptort, der der Lage nach für Germanien ungefähr war, was Lyon
+für die drei Gallien, ein gleichartiger Altar für die germanischen Gaue
+errichtet, dessen Priestertum im Jahre 9 der junge Cheruskerfürst
+Segimundus, des Segestes Sohn, verwaltete.
+
+Den vollen militärischen Erfolg brach oder unterbrach doch die
+kaiserliche Familienpolitik. Das Zerwürfnis zwischen Tiberius und
+seinem Stiefvater führte dazu, daß jener im Anfang des Jahres 748 (6)
+das Kommando niederlegte. Das dynastische Interesse gestattete es
+nicht, umfassende militärische Operationen anderen Generalen als
+Prinzen des kaiserlichen Hauses anzuvertrauen; und nach Agrippas und
+Drusus’ Tod und Tiberius’ Rücktritt gab es fähige Feldherrn in
+demselben nicht. Allerdings werden in den zehn Jahren, wo Statthalter
+mit gewöhnlicher Befugnis in Illyricum und in Germanien schalteten, die
+militärischen Operationen daselbst wohl nicht so vollständig
+unterbrochen worden sein, wie es uns erscheint, da die höfisch gefärbte
+Überlieferung über die mit und die ohne Prinzen geführten Kampagnen
+nicht in gleicher Weise berichtet; aber das Stocken ist unverkennbar,
+und dieses selbst war ein Rückschritt. Ahenobarbus, der infolge seiner
+Verschwägerung mit dem kaiserlichen Hause - seine Gattin war die
+Schwestertochter Augusts - freiere Hand hatte als andere Beamte und der
+in seiner illyrischen Statthalterschaft die Elbe überschritten hatte,
+ohne Widerstand zu finden, erntete später als Statthalter Germaniens
+dort keine Lorbeeren. Nicht bloß die Erbitterung, auch der Mut der
+Germanen waren wieder im Steigen und im Jahre 2 erscheint das Land
+wieder im Aufstand, die Cherusker und die Chauker unter den Waffen.
+Inzwischen hatte am Kaiserhofe der Tod sich ins Mittel geschlagen und
+der Wegfall der jungen Söhne des Augustus diesen und Tiberius
+ausgesöhnt. Kaum war diese Versöhnung durch die Annahme an Kindesstatt
+besiegelt und proklamiert (4), so nahm Tiberius das Werk da wieder auf,
+wo es unterbrochen worden war, und führte abermals in diesem und den
+beiden folgenden Sommern (5-6) die Heere über den Rhein. Es war eine
+Wiederholung und Steigerung der früheren Feldzüge. Die Cherusker wurden
+im ersten Feldzug, die Chauker im zweiten zum Gehorsam zurückgebracht;
+die den Batavern benachbarten und an Tapferkeit nicht nachstehenden
+Cannenefaten, die im Quellgebiet der Lippe und an der Ems sitzenden
+Bructerer und andere Gaue mehr unterwarfen sich, ebenso die hier zuerst
+erwähnten mächtigen Langobarden, damals hausend zwischen der Weser und
+Elbe. Der erste Feldzug führte über die Weser hinein in das Innere; in
+dem zweiten standen an der Elbe selbst die römischen Legionen dem
+germanischen Landsturm am anderen Ufer gegenüber. Vom Jahre 4 auf 5
+nahm, es scheint zum ersten Mal, das römische Heer das Winterlager auf
+germanischem Boden bei Aliso. Alles dies wurde erreicht ohne erhebliche
+Kämpfe; die umsichtige Kriegführung brach nicht die Gegenwehr, sondern
+machte sie unmöglich. Diesem Feldherrn war es nicht um unfruchtbare
+Lorbeeren zu tun, sondern um dauernden Erfolg. Nicht minder wurde die
+Seefahrt wiederholt; wie die erste Kampagne des Drusus, so ist die
+letzte des Tiberius ausgezeichnet durch die Beschiffung der Nordsee.
+Aber die römische Flotte gelangte diesmal weiter: die ganze Küste der
+Nordsee bis zum Vorgebirge der Kimbrer, das heißt zur jütischen Spitze,
+ward von ihr erkundet und sie vereinigte sich dann, die Elbe
+hinauffahrend, mit dem an dieser aufgestellten Landheer. Diese zu
+überschreiten, hatte der Kaiser ausdrücklich untersagt; aber die Völker
+jenseits der Elbe, die eben genannten Kimbrer im heutigen Jütland, die
+Charuden südlich von ihnen, die mächtigen Semnonen zwischen Elbe und
+Oder traten wenigstens in Beziehung zu den neuen Nachbarn.
+
+Man konnte meinen, am Ziel zu sein. Aber eines fehlte doch noch zur
+Herstellung des eisernen Ringes, der Großdeutschland umklammern sollte:
+es war die Herstellung der Verbindung zwischen der mittleren Donau und
+der oberen Elbe, die Besitznahme des alten Boierheims, das in seinem
+Bergkranz gleich einer gewaltigen Festung zwischen Noricum und
+Germanien sich einschob. Der König Maroboduus, aus edlem
+Markomannengeschlecht, aber in jungen Jahren durch längeren Aufenthalt
+in Rom eingeführt in dessen straffere Heer- und Staatsordnung, hatte
+nach der Heimkehr, vielleicht während der ersten Feldzüge des Drusus
+und der dadurch herbeigeführten Übersiedlung der Markomannen vom Main
+an die obere Elbe, sich nicht bloß zum Fürsten seines Volkes erhoben,
+sondern auch diese seine Herrschaft nicht in der lockeren Weise des
+germanischen Königtums, sondern, man möchte sagen, nach dem Muster der
+augustischen gestaltet. Außer seinem eigenen Volk gebot er über den
+mächtigen Stamm der Lugier (im heutigen Schlesien) und seine Klientel
+muß sich über das ganze Gebiet der Elbe erstreckt haben, da die
+Langobarden und die Semnonen als ihm untertänig bezeichnet werden.
+Bisher hatte er den Römern wie den übrigen Germanen gegenüber völlige
+Neutralität beobachtet; er gewährte wohl den flüchtigen Römerfeinden in
+seinem Lande eine Freistatt, aber tätig mischte er sich in den Kampf
+nicht, nicht einmal, als die Hermunduren von dem römischen Statthalter
+auf markomannischem Gebiet Wohnsitze angewiesen erhielten und als das
+linke Elbufer den Römern botmäßig ward. Er unterwarf sich ihnen nicht,
+aber er nahm alle jene Vorgänge hin, ohne darum die freundlichen
+Beziehungen zu den Römern zu unterbrechen. Durch diese gewiß nicht
+großartige und schwerlich auch nur kluge Politik hatte er erreicht, als
+der letzte angegriffen zu werden; nach den vollkommen gelungenen
+germanischen Feldzügen der Jahre 4 und 5 kam die Reihe an ihn. Von zwei
+Seiten her, von Germanien und Noricum aus, rückten die römischen Heere
+vor gegen den böhmischen Bergring; den Main hinauf, die dichten Wälder
+vom Spessart zum Fichtelgebirge mit Axt und Feuer lichtend, ging Gaius
+Sentius Saturninus, von Carnuntum aus, wo die illyrischen Legionen
+durch den Winter 5 auf 6 gelagert hatten, Tiberius selbst gegen die
+Markomannen vor; die beiden Heere, zusammen zwölf Legionen, waren den
+Gegnern, deren Streitmacht auf 70000 Mann zu Fuß und 4000 Reiter
+geschätzt wurde, schon der Zahl nach fast um das Doppelte überlegen.
+Die umsichtige Strategik des Feldherrn schien den Erfolg auch diesmal
+völlig sichergestellt zu haben, als ein plötzlicher Zwischenfall den
+weiteren Vormarsch der Römer unterbrach.
+
+Die dalmatinischen Völkerschaften und die pannonischen wenigstens des
+Savegebietes gehorchten seit kurzem den römischen Statthaltern; aber
+sie ertrugen das neue Regiment mit immer steigendem Groll, vor allem
+wegen der ungewohnten und schonungslos gehandhabten Steuern. Als
+Tiberius später einen der Führer nach den Gründen des Abfalls fragte,
+antwortete ihm dieser, es sei geschehen, weil die Römer ihren Herden zu
+Hütern nicht Hunde noch Hirten, sondern Wölfe setzten. Jetzt waren die
+Legionen aus Dalmatien an die Donau geführt und die wehrhaften Leute
+aufgeboten worden, um eben dahin zur Verstärkung der Armeen gesendet zu
+werden. Diese Mannschaften machten den Anfang und ergriffen die Waffen
+nicht für, sondern gegen Rom; ihr Führer war ein Daesitiate (um
+Serajevo), Bato. Dem Beispiel folgten die Pannonier unter Führung
+zweier Breuker, eines anderen Bato und des Pinnes. Mit unerhörter
+Schnelligkeit und Einträchtigkeit erhob sich ganz Illyricum; auf 200000
+zu Fuß und 9000 zu Pferde wurde die Zahl der insurgierten Mannschaften
+geschätzt. Die Aushebung für die Auxiliartruppen, welche namentlich bei
+den Pannoniern in bedeutendem Maße stattfand, hatte die Kunde des
+römischen Kriegswesens, zugleich mit der römischen Sprache und selbst
+der römischen Bildung in weiterem Umfang verbreitet; diese gedienten
+römischen Soldaten bildeten jetzt den Kern der Insurrektion ^14. Die in
+den insurgierten Gebieten in großer Zahl angesessenen oder verweilenden
+römischen Bürger, die Kaufleute und vor allem die Soldaten, wurden
+überall aufgegriffen und erschlagen. Wie die provinzialen
+Völkerschaften kamen auch die unabhängigen in Bewegung. Die den Römern
+ganz ergebenen Fürsten der Thraker führten allerdings ihre ansehnlichen
+und tapferen Scharen den römischen Feldherrn zu; aber vom anderen Ufer
+der Donau brachen die Daker, mit ihnen die Sarmaten, in Mösien ein. Das
+ganze weite Donaugebiet schien sich verschworen zu haben, um der
+Fremdherrschaft ein jähes Ende zu bereiten.
+
+————————————————————
+
+^14 Das und nicht mehr sagt Velleius (2, 110): in omnibus Pannoniis non
+disciplinae (= Kriegszucht) tantummodo, sed linguae quoque notitia
+Romanae, plerisque etiam litterarum Usus et familiaris animorum erat
+exercitatio. Es sind das dieselben Erscheinungen, wie sie bei den
+Cheruskerfürsten begegnen, nur in gesteigertem Maße; und sie sind
+vollkommen begreiflich, wenn man sich der von Augustus aufgestellten
+pannonischen und breukischen Alen und Kohorten erinnert.
+
+————————————————————
+
+Die Insurgenten waren nicht gemeint, den Angriff abzuwarten, sondern
+sie planten einen Überfall Makedoniens und sogar Italiens. Die Gefahr
+war ernst; über die Julischen Alpen hinüber konnten die Aufständischen
+in wenigen Tagen wiederum vor Aquileia und Tergeste stehen - sie hatten
+den Weg dahin noch nicht verlernt - und in zehn Tagen vor Rom, wie der
+Kaiser selbst im Senat es aussprach, allerdings um sich der Zustimmung
+desselben zu den umfassenden und drückenden militärischen
+Veranstaltungen zu versichern. In schleunigster Eile wurden neue
+Mannschaften auf die Beine gebracht und die zunächst bedrohten Städte
+mit Besatzung versehen; ebenso, was irgendwo von Truppen entbehrlich
+war, nach den bedrohten Punkten geschickt. Der erste zur Stelle war der
+Statthalter von Mösien, Aulus Caecina Severus, und mit ihm der
+thrakische König Rhoemetalkes; bald folgten andere Truppen aus den
+überseeischen Provinzen nach. Vor allen Dingen aber mußte Tiberius,
+statt in Böhmen einzudringen, zurückkehren nach Illyricum. Hätten die
+Insurgenten abgewartet, bis die Römer mit Maroboduus im Kampfe lagen,
+oder dieser mit ihnen gemeinschaftliche Sache gemacht, so konnte die
+Lage für die Römer eine sehr kritische werden. Aber jene schlugen zu
+früh los, und dieser, getreu seinem System der Neutralität, ließ sich
+dazu herbei, eben jetzt auf der Basis des Status quo mit den Römern
+Frieden zu schließen. So mußte Tiberius zwar die Rheinlegionen
+zurücksenden, da Germanien unmöglich von Truppen entblößt werden
+konnte, aber sein illyrisches Heer konnte er mit den aus Mösien,
+Italien und Syrien anlangenden Truppen vereinigen und gegen die
+Insurgenten verwenden. In der Tat war der Schrecken größer als die
+Gefahr. Die Dalmater brachen zwar zu wiederholten Malen in Makedonien
+ein und plünderten die Küste bis nach Apollonia hinab; aber zu dem
+Einfall in Italien kam es nicht, und bald war der Brand auf seinen
+ursprünglichen Herd beschränkt.
+
+Dennoch war die Kriegsarbeit nicht leicht: auch hier wie überall war
+die abermalige Niederwerfung der Unterworfenen mühsamer als die
+Unterwerfung selbst. Niemals ist in augustischer Zeit eine gleiche
+Truppenmasse unter demselben Kommando vereinigt gewesen; schon im
+ersten Kriegsjahre bestand das Heer des Tiberius aus zehn Legionen
+nebst den entsprechenden Hilfsmannschaften, dazu zahlreichen freiwillig
+wieder eingetretenen Veteranen und anderen Freiwilligen, zusammen etwa
+120000 Mann; späterhin hatte er fünfzehn Legionen unter seinen Fahnen
+vereinigt ^15. Im ersten Feldzug (6) wurde mit sehr abwechselndem Glück
+gestritten; es gelang wohl, die großen Ortschaften, wie Siscia und
+Sirmium, gegen die Insurgenten zu schützen, aber der Dalmatiner Bato
+focht ebenso hartnäckig und zum Teil glücklich gegen den Statthalter
+von Pannonien, Marcus Valerius Messalla, des Redners Sohn, wie sein
+pannonischer Namensgenosse gegen den von Mösien, Aulus Caecina. Vor
+allem der kleine Krieg machte den römischen Truppen viel zu schaffen.
+Auch das folgende Jahr (7), in welchem neben Tiberius sein Neffe, der
+junge Germanicus, auf den Kriegsschauplatz trat, brachte kein Ende der
+ewigen Kämpfe. Erst im dritten Feldzug (8) gelang es, zunächst die
+Pannonier zu unterwerfen, hauptsächlich, wie es scheint, dadurch, daß
+ihr Führer Bato, von den Römern gewonnen, seine Truppen bewog, am Fluß
+Bathinus samt und sonders die Waffen zu strecken und den Kollegen im
+Oberbefehl, Pinnes, den Römern auslieferte, wofür er von diesen als
+Fürst der Breuker anerkannt ward. Zwar traf den Verräter bald die
+Strafe: sein dalmatinischer Namensgenosse fing ihn und ließ ihn
+hinrichten, und noch einmal flackerte bei den Breukern der Aufstand
+auf; aber er ward rasch wieder erstickt und der Dalmater beschränkt auf
+die Verteidigung der eigenen Heimat. Hier hatte Germanicus und andere
+Korpsführer in diesem wie noch im folgenden Jahr (9) in den einzelnen
+Gauen heftige Kämpfe zu bestehen; in dem letzteren wurden die Pirusten
+(an der epirotischen Grenze) und der Gau, dem der Führer selbst
+angehörte, die Daesitiaten bezwungen, ein tapfer verteidigtes Kastell
+nach dem andern gebrochen. Noch einmal im Laufe des Sommers erschien
+Tiberius selbst wieder im Felde und setzte die gesamten Streitkräfte
+gegen die Reste der Insurrektion in Bewegung. Auch Bato, in dem festen
+Andetrium (Muck, oberhalb Salome), seiner letzten Zufluchtstau, von dem
+römischen Heere eingeschlossen, gab die Sache verloren. Er verließ die
+Stadt, da er nicht vermochte, die Verzweifelten zur Unterwerfung zu
+bestimmen, und unterwarf sich dem Sieger, bei dem er ehrenvolle
+Behandlung fand; er ist, als politischer Gefangener interniert, in
+Ravenna gestorben. Ohne den Führer setzte die Mannschaft den
+vergeblichen Kampf noch eine Zeitlang fort, bis die Römer das Kastell
+mit stürmender Hand einnahmen - wahrscheinlich diesen Tag, den 3.
+August, verzeichnen die römischen Kalender als den Jahrestag des von
+Tiberius in Illyricum erfochtenen Sieges.
+
+———————————————————————-
+
+^15 Nimmt man an, daß von den zwölf Legionen, die gegen Maroboduus im
+Marsch waren (Tac. ann. 2, 46), so viele, als wir bald nachher in
+Germanien finden, also fünf, auf dieses Heer kommen, so zählte das
+illyrische Heer des Tiberius sieben, und die Zahl von zehn (Vell. 2,
+113) kann füglich bezogen werden auf den Zuzug aus Mösien und Italien,
+die fünfzehn auf den Zuzug aus Ägypten oder Syrien und auf die weiteren
+Aushebungen in Italien, von wo die neu ausgehobenen Legionen zwar nach
+Germanien, aber die dadurch abgelösten zu Tiberius’ Heer kamen. Ungenau
+spricht Velleius (2, 112) gleich im Beginn des Krieges von fünf durch
+A. Caecina und Plautius Silvanus ex transmarinis provinciis
+herangeführten Legionen; einmal konnten die überseeischen Truppen nicht
+sofort zur Stelle sein, und zweitens sind die Legionen des Caecina
+natürlich die mösischen. Vgl. meinen Kommentar zum Monumentum Ancyranum
+(Res gestae divi Augusti), 2. Aufl. 1883, S. 71.
+
+———————————————————————-
+
+Auch die Daker jenseits der Donau traf die Vergeltung. Wahrscheinlich
+in dieser Zeit, nachdem der illyrische Krieg sich zu Gunsten Roms
+entschieden hatte, führte Gnaeus Lentulus ein starkes römisches Heer
+über die Donau, gelangte bis an den Marisus (Marosch) und schlug sie
+nachdrücklich in ihrem eigenen Lande, das damals zuerst eine römische
+Armee betrat. Fünfzigtausend gefangene Daker wurden in Thrakien
+ansässig gemacht.
+
+Die Späteren haben den “Batonischen Krieg” der Jahre 6 bis 9 den
+schwersten genannt, den Rom seit dem Hannibalischen gegen einen
+auswärtigen Feind zu bestehen gehabt hat. Dem illyrischen Land hat er
+arge Wunden geschlagen; in Italien war die Siegesfreude grenzenlos, als
+der junge Germanicus die Botschaft des entscheidenden Erfolges nach der
+Hauptstadt überbrachte. Lange hat der Jubel nicht gewährt; fast
+gleichzeitig mit der Kunde von diesem Erfolg kam die Nachricht von
+einer Niederlage nach Rom, wie sie Augustes in seiner fünfzigjährigen
+Regierung nur einmal erlebt hat und die in ihren Folgen noch viel
+bedeutsamer war als in sich selbst.
+
+Die Zustände in der Provinz Germanien sind früher dargelegt worden. Der
+Gegenschlag, der auf jede Fremdherrschaft mit der Unvermeidlichkeit
+eines Naturereignisses folgt und der soeben in dem illyrischen Lande
+eingetreten war, bereitete auch dort, in den mittelrheinischen Gauen,
+sich vor. Die Reste der unmittelbar am Rhein sitzenden Stämme waren
+freilich völlig entmutigt, aber die weiter zurück wohnenden,
+vornehmlich die Cherusker, Chatten, Bructerer, Marser, kaum minder
+geschädigt und keineswegs ohnmächtig. Wie immer in solchen Lagen,
+bildete sich in jedem Gau eine Partei der fügsamen Römerfreunde und
+eine nationale, die Wiedererhebung im Verborgenen vorbereitende. Die
+Seele von dieser war ein junger, sechsundzwanzigjähriger Mann aus dem
+Fürstengeschlecht der Cherusker, Arminius, des Sigimer Sohn; er und
+sein Bruder Flavus waren vom Kaiser Augustes mit dem römischen
+Bürgerrecht und mit Ritterrang beschenkt worden ^16 und beide hatten
+als Offiziere in den letzten römischen Feldzügen unter Tiberius mit
+Auszeichnung gefochten; der Bruder diente noch im römischen Heer und
+hatte sich in Italien eine Heimstatt begründet. Begreiflicherweise galt
+auch Arminius den Römern als ein Mann besonderen Vertrauens; die
+Anschuldigungen, die sein besser unterrichteter Landsmann Segestes
+gegen ihn vorbrachte, vermochten dies Zutrauen bei der wohlbekannten,
+zwischen beiden bestehenden Verfeindung nicht zu erschüttern. Von den
+weiteren Vorbereitungen haben wir keine Kunde; daß der Adel und vor
+allem die adlige Jugend auf der Seite der Patrioten stand, versteht
+sich von selbst und findet darin deutlichen Ausdruck, daß Segestes’
+eigene Tochter Thusnelda wider das Verbot ihres Vaters sich dem
+Arminius vermählte, auch ihr Bruder Segimundus und Segestes’ Bruder
+Segimer sowie sein Neffe Sesithacus bei der Insurrektion eine
+hervorragende Rolle spielten. Weiten Umfang hat sie nicht gehabt, bei
+weitem nicht den der illyrischen Erhebung; kaum darf sie, streng
+genommen, eine germanische genannt werden. Die Bataver, die Friesen,
+die Chauker an der Küste waren nicht daran beteiligt, ebensowenig was
+von suebischen Stämmen unter römischer Herrschaft stand, noch weniger
+König Marobod; es erhoben sich in der Tat nur diejenigen Germanen, die
+einige Jahre zuvor sich gegen Rom konföderiert hatten und gegen die
+Drusus’ Offensive zunächst gerichtet gewesen war. Der illyrische
+Aufstand hat die Gärung in Germanien ohne Zweifel gefördert, aber von
+verbindenden Fäden zwischen den beiden gleichartigen und fast
+gleichzeitigen Insurrektionen fehlt jede Spur; auch würden, hätten sie
+bestanden, die Germanen schwerlich mit dem Losschlagen gewartet haben,
+bis der pannonische Aufstand überwältigt war und in Dalmatien eben die
+letzten Burgen kapitulierten. Arminius war der tapfere und verschlagene
+und vor allen Dingen glückliche Führer in dem Verzweiflungskampf um die
+verlorene nationale Unabhängigkeit; nicht weniger, aber auch nicht
+mehr.
+
+————————————————————————
+
+^16 Das sagt Velleius (2, 118): adsiduus militiae nostrae prioris
+comes, iure etiam civitatis Romanae eius equestres consequens gradus;
+was mit dem ductor popularium des Tacitus (ann. 2, 10) zusammenfällt.
+In dieser Zeit müssen dergleichen Offiziere nicht selten vorgekommen
+sein; so fochten in dem dritten Feldzug des Drusus inter primores
+Chumstinctus et Avectius tribuni ex civitate Nerviorum (Liv. ep. 141)
+und unter Germanicus Chariovalda dux Batavorum (Tac. ann. 2, 11).
+
+————————————————————————
+
+Es war mehr die Schuld der Römer als das Verdienst der Insurgenten,
+wenn deren Plan gelang. Insofern hat der illyrische Krieg hier
+allerdings eingegriffen. Die tüchtigen Führer und allem Anschein nach
+auch die erprobten Truppen waren vom Rhein an die Donau gezogen worden.
+Vermindert war das germanische Heer, wie es scheint, nicht, aber der
+größte Teil desselben bestand aus neuen, während des Krieges gebildeten
+Legionen. Schlimmer noch war es um die Führerschaft bestellt. Der
+Statthalter Publius Quinctilius Varus ^17 war wohl der Gemahl einer
+Nichte des Kaisers und ein Mann von übel erworbenem, aber fürstlichem
+Reichtum und von fürstlicher Hoffart, aber von trägem Körper und
+stumpfem Geist und ohne jede militärische Begabung und Erfahrung, einer
+jener vielen hochgestellten Römer, welche infolge des Festhaltens an
+der alten Zusammenwerfung der Administrativ- und der
+Oberoffiziersstellungen die Feldherrnschärpe nach dem Muster Ciceros
+trugen. Er wußte die neuen Untertanen weder zu schonen noch zu
+durchschauen; Bedrückung und Erpressung wurden geübt, wie er es von
+seiner früheren Statthalterschaft über das geduldige Syrien her gewohnt
+war; das Hauptquartier wimmelte von Advokaten und Klienten, und in
+dankbarer Demut nahmen insbesondere die Verschworenen bei ihm Urteil
+und Recht, während sich das Netz um den hoffärtigen Prätor dichter und
+dichter zusammenzog.
+
+—————————————————————
+
+^17 Das Bildnis des Varus zeigt eine Kupfermünze der afrikanischen
+Stadt Achulla, geschlagen unter seinem Prokonsulat von Afrika im Jahre
+747/48 (7/6) (L. Müller, Numismatique de l’ancienne Afrique. Kopenhagen
+18674, Bd. 2, S. 44, vgl. S. 52). Die Basis, welche einst die ihm von
+der Stadt Pergamon gesetzte Bildsäule trug, haben die Ausgrabungen
+daselbst wieder ans Licht gebracht; die Unterschrift lautet: ο δήμος
+[ετίμησεν] Πόπλιον Κοινκτίλιον Σέξτου υιόν Ουάρ[ον] πάσης αρετή[ς
+ένεκα].
+
+—————————————————————
+
+Die Lage der Armee war die damals normale. Es standen mindestens fünf
+Legionen in der Provinz, von denen zwei ihr Winterlager in Mogontiacum,
+drei in Vetera oder auch in Aliso hatten. Das Sommerlager hatten die
+letzteren im Jahre 9 an der Weser genommen. Die natürliche
+Verbindungsstraße von der oberen Lippe zur Weser führt über den
+niederen Höhenzug des Osning und des Lippischen Waldes, welcher das Tal
+der Ems von dem der Weser scheidet, durch die Dörenschlucht in das Tal
+der Werre, die bei Rehme unweit Minden in die Weser fällt. Hier also
+ungefähr lagerten damals die Legionen des Varus. Selbstverständlich war
+dieses Sommerlager mit Aliso, dem Stützpunkt der römischen Stellungen
+am rechten Rheinufer, durch eine Etappenstraße verbunden. Die gute
+Jahreszeit ging zu Ende und man schickte sich zum Rückmarsch an. Da kam
+die Meldung, daß ein benachbarter Gau im Aufstand sei, und Varus
+entschloß sich, statt auf jener Etappenstraße das Heer zurückzuführen,
+einen Umweg zu nehmen und unterwegs die Abgefallenen zum Gehorsam
+zurückzubringen ^18. So brach man auf; das Heer bestand nach
+zahlreichen Detachierungen aus drei Legionen und neun Abteilungen der
+Truppen zweiter Klasse, zusammen etwa 20000 Mann ^19. Als nun die Armee
+sich von ihrer Kommunikationslinie hinreichend entfernt hatte und tief
+genug in das unwegsame Land eingedrungen war, standen in den
+benachbarten Gauen die Konföderierten auf, machten die bei ihnen
+stationierten kleinen Truppenabteilungen nieder und brachen von allen
+Seiten aus den Schluchten und Wäldern gegen das marschierende Heer des
+Statthalters vor. Arminius und die namhaftesten Führer der Patrioten
+waren bis zum letzten Augenblick im römischen Hauptquartier geblieben,
+um Varus sicher zu machen; noch am Abend vor dem Tage, an dem die
+Insurrektion losbrach, hatten sie im Feldherrnzelt bei Varus gespeist
+und Segestes, indem er den bevorstehenden Ausbruch des Aufstandes
+ankündigte, den Feldherrn beschworen, ihn selbst sowie die
+Angeschuldigten sofort verhaften zu lassen und die Rechtfertigung
+seiner Anklage von den Tatsachen zu erwarten. Varus’ Vertrauen war
+nicht zu erschüttern. Von der Tafel weg ritt Arminius zu den
+Insurgenten und stand den anderen Tag vor den Wällen des römischen
+Lagers. Die militärische Situation war weder besser noch schlimmer als
+die der Armee des Drusus vor der Schlacht bei Arbalo und als sie unter
+ähnlichen Verhältnissen oftmals für römische Armeen eingetreten ist;
+die Kommunikationen waren für den Augenblick verloren, die mit schwerem
+Troß beschwerte Armee in dem pfadlosen Lande und in schlimmer,
+regnerischer Herbstzeit durch mehrere Tagemärsche von Aliso getrennt,
+die Angreifer der Zahl nach ohne Zweifel den Römern weit überlegen. In
+solchen Lagen entscheidet die Tüchtigkeit der Truppe; und wenn die
+Entscheidung hier einmal zu Ungunsten der Römer fiel, so wird die
+Unerfahrenheit der jungen Soldaten und vor allen Dingen die Kopf- und
+Mutlosigkeit des Feldherrn dabei wohl das meiste getan haben. Nach
+erfolgtem Angriff setzte das römische Heer seinen Marsch, jetzt ohne
+Zweifel in der Richtung auf Aliso, noch drei Tage fort, unter stetig
+steigender Bedrängnis und steigender Demoralisation. Auch die höheren
+Offiziere taten teilweise ihre Schuldigkeit nicht; einer von ihnen ritt
+mit der gesamten Reiterei vom Schlachtfeld weg und ließ das Fußvolk
+allein den Kampf bestehen. Der erste, der völlig verzagte, war der
+Feldherr selbst; verwundet im Kampfe, gab er sich den Tod, ehe die
+letzte Entscheidung gefallen war, so früh, daß die Seinigen noch den
+Versuch machten, die Leiche zu verbrennen und der Verunehrung durch den
+Feind zu entziehen. Seinem Beispiel folgte eine Anzahl der
+Oberoffiziere. Als dann alles verloren war, kapitulierte der
+übriggebliebene Führer und gab auch das aus der Hand, was diesen
+letzten noch blieb, den ehrlichen Soldatentod. So ging in einem der
+Täler der das Münsterland begrenzenden Höhenzüge im Herbst des Jahres 9
+n. Chr. das germanische Heer Zugrunde ^20. Die Adler fielen alle drei
+in Feindeshand. Keine Abteilung schlug sich durch, auch jene Reiter
+nicht, die ihre Kameraden im Stich gelassen hatten; nur wenige
+Vereinzelte und Versprengte vermochten sich zu retten. Die Gefangenen,
+vor allem die Offiziere und die Advokaten, wurden ans Kreuz geschlagen
+oder lebendig begraben oder bluteten unter dem Opfermesser der
+germanischen Priester. Die abgeschnittenen Köpfe wurden als
+Siegeszeichen an die Bäume der heiligen Haine genagelt. Weit und breit
+stand das Land auf gegen die Fremdherrschaft; man hoffte auf den
+Anschluß Marobods; die römischen Posten und Straßen fielen auf dem
+ganzen rechten Rheinufer ohne weiteres in die Gewalt der Sieger. Nur in
+Aliso leistete der tapfere Kommandant Lucius Caedicius, kein Offizier,
+aber ein altgedienter Soldat, entschlossenen Widerstand und seine
+Schützen wußten den Germanen, die Fernwaffen nicht besaßen, das Lagern
+vor den Wällen so zu verleiden, daß sie die Belagerung in eine Blockade
+umwandelten. Als die letzten Vorräte der Belagerten erschöpft waren und
+immer noch kein Entsatz kam, brach Caedicius in einer finsteren Nacht
+auf, und dieser Rest des Heeres erreichte in der Tat, wenn auch
+beschwert mit zahlreichen Frauen und Kindern und durch die Angriffe der
+Germanen starke Verluste erleidend, schließlich das Lager von Vetera.
+Dorthin waren auch die beiden in Mainz stehenden Legionen unter Lucius
+Nonius Asprenas auf die Nachricht von der Katastrophe gegangen. Die
+entschlossene Verteidigung von Aliso und Asprenas rasches Eingreifen
+verhinderten die Germanen, ihren Sieg auf dem linken Rheinufer zu
+verfolgen, vielleicht die Gallier, sich gegen Rom zu erheben.
+
+————————————————————————-
+
+^18 Der Dionische Bericht, der einzige, der diese Katastrophe in
+einigem Zusammenhang überliefert, erklärt den Verlauf derselben in
+genügender Weise, wenn man nur, was Dio allerdings nicht hervorhebt,
+das allgemeine Verhältnis des Sommer- und des Winterlagers hinzunimmt
+und die von Ranke (Weltgeschichte. Leipzig 1881-88. Bd. 3, 2, S. 275)
+mit Recht gestellte Frage, wie gegen eine lokale Insurrektion das ganze
+Heer hat marschieren können, damit beantwortet. Der Bericht des Florus
+beruht keineswegs auf ursprünglich anderen Quellen, wie derselbe
+Gelehrte annimmt, sondern lediglich auf dem dramatischen Zusammenrücken
+der Motive, wie es allen Historikern dieses Schlages eigen ist. Die
+friedliche Rechtspflege des Varus und die Erstürmung des Lagers kennt
+die bessere Überlieferung beide auch und in ihrem ursächlichen
+Zusammenhang; die lächerliche Schilderung, daß, während Varus auf dem
+Gerichtsstuhl sitzt und der Herold die Parteien vorladet, die Germanen
+zu allen Toren in das Lager einbrechen, ist nicht Überlieferung,
+sondern aus dieser verfertigtes Tableau. Daß dieses außer mit der
+gesunden Vernunft auch mit Tacitus’ Schilderung der drei Marschlager in
+unlösbarem Widerspruch steht, leuchtet ein.
+
+^19 Die normale Stärke der drei Alen und der sechs Kohorten ist
+insofern nicht genau zu berechnen, als darunter einzelne
+Doppelabteilungen (miliariae) gewesen sein können; aber viel über 20000
+Mann kann das Heer nicht gezählt haben. Andererseits liegt keine
+Ursache vor, eine wesentliche Differenz der effektiven Stärke von der
+normalen anzunehmen. Die zahlreichen Detachierungen, deren Erwähnung
+geschieht (Dio 56, 19), finden ihren Ausdruck in der verhältnismäßig
+geringen Zahl der Auxilien, die immer dafür vorzugsweise verwendet
+wurden.
+
+^20 Da Germanicus, von der Ems kommend, das Gebiet zwischen Ems und
+Lippe, das heißt das Münsterland, verheert, und nicht weit davon der
+Teutoburgiensis saltus liegt, wo Varus’ Heer zugrunde ging (Tat. ann.
+1, 61), so liegt es am nächsten, diese Bezeichnung, welche auf das
+flache Münsterland nicht paßt, von dem das Münsterland nordöstlich
+begrenzenden Höhenzug, dem Osning zu verstehen; aber auch an das etwas
+weiter nördlich parallel mit dem Osning von Minden zur Huntequelle
+streichende Wiehengebirge kann gedacht werden. Den Punkt an der Weser,
+an dem das Sommerlager stand, kennen wir nicht; indes ist nach der Lage
+von Aliso bei Paderborn und nach den zwischen diesem und der Weser
+bestehenden Verbindungen wahrscheinlich dasselbe etwa bei Minden
+gewesen. Die Richtung des Rückmarsches kann jede andere, nur nicht die
+nächste nach Aliso gewesen sein, und die Katastrophe erfolgte also
+nicht auf der militärischen Verbindungslinie zwischen Minden und
+Paderborn selbst, sondern in größerer oder geringerer Entfernung von
+dieser. Varus mag von Minden etwa in der Richtung auf Osnabrück
+marschiert sein, dann nach dem Angriff von dort aus nach Paderborn zu
+gelangen versucht und auf diesem Marsch in einem jener beiden Höhenzüge
+sein Ende gefunden haben. Seit Jahrhunderten ist in der Gegend von
+Venne an der Huntequelle eine auffallend große Anzahl von römischen
+Gold-, Silber- und Kupfermünzen gefunden worden, wie sie in
+augustischer Zeit umliefen, während spätere Münzen daselbst so gut wie
+gar nicht vorkommen (vgl. die Nachweisungen bei Paul Höfen Der Feldzug
+des Germanicus im Jahre 16. Gotha 1884, S. 82 f.). Einem Münzschatz
+können diese Funde nicht angehören, wegen des zerstreuten Vorkommens
+und der Verschiedenheit der Metalle; einer Handelsstätte auch nicht,
+wegen der zeitlichen Geschlossenheit; sie sehen ganz aus wie der
+Nachlaß einer großen aufgeriebenen Armee, und die vorliegenden Berichte
+über die Varusschlacht lassen sich mit dieser Lokalität vereinigen.
+
+Über das Jahr der Katastrophe hätte nie gestritten werden sollen; die
+Verschiebung in das Jahr 10 ist ein bloßes Versehen. Die Jahreszeit
+wird einigermaßen dadurch bestimmt, daß zwischen der Anordnung der
+illyrischen Siegesfeier und dem Eintreffen der Unglücksbotschaft in Rom
+nur fünf Tage liegen und jene wahrscheinlich den Sieg vom 3. August zur
+Voraussetzung hat wenn sie auch nicht unmittelbar auf diesen gefolgt
+ist. Danach wird die Niederlage etwa im September oder Oktober
+stattgefunden haben, was auch dazu stimmt, daß der letzte Marsch des
+Varus offenbar der Rückmarsch aus dem Sommer- in das Winterlager
+gewesen ist.
+
+————————————————————————-
+
+Die Niederlage war insofern bald wieder ausgeglichen, als die
+Rheinarmee sofort nicht bloß ergänzt, sondern ansehnlich verstärkt
+ward. Tiberius übernahm abermals das Kommando derselben und wenn aus
+dem auf die Varusschlacht folgenden Jahr (10) die Kriegsgeschichte
+Gefechte nicht zu verzeichnen hatte, so ist wahrscheinlich damals die
+Besetzung der Rheingrenze mit acht Legionen und wohl gleichzeitig die
+Teilung dieses Kommandos in das der oberen Armee mit dem Hauptquartier
+Mainz und das der unteren mit dem Hauptquartier Vetera, überhaupt also
+diejenige Einrichtung daselbst getroffen worden, die dann durch
+Jahrhunderte maßgebend geblieben ist. Man mußte erwarten, daß auf diese
+Vermehrung der Rheinarmee die energische Wiederaufnahme der Operationen
+auf dem rechten Rheinufer gefolgt wäre. Der römisch-germanische Kampf
+war nicht ein Kampf zwischen zwei in politischem Gleichgewicht
+stehenden Mächten, in welchem die Niederlage der einen einen
+ungünstigen Friedensschluß rechtfertigen kann; es war der Kampf eines
+zivilisierten und organisierten Großstaates gegen eine tapfere, aber
+politisch und militärisch barbarische Nation, in welchem das
+schließliche Ergebnis von vornherein feststeht und ein vereinzelter
+Mißerfolg in dem vorgezeichneten Plan so wenig etwas ändern darf, wie
+das Schiff darum seine Fahrt aufgibt, weil ein Windstoß es aus der Bahn
+wirft. Aber es kam anders. Wohl ging Tiberius im folgenden Jahr (11)
+über den Rhein; aber diese Expedition glich den früheren nicht. Er
+blieb den Sommer drüben und feierte dort des Kaisers Geburtstag, aber
+die Armee hielt sich in der unmittelbaren Nähe des Rheins und von Zügen
+an die Weser und an die Elbe war keine Rede - es sollte offenbar den
+Germanen nur gezeigt werden, daß die Römer den Weg in ihr Land noch zu
+finden wußten, vielleicht auch diejenigen Einrichtungen am rechten
+Rheinufer getroffen werden, welche die veränderte Politik erforderte.
+
+Das große, beide Heere umfassende Kommando blieb und es blieb also auch
+im kaiserlichen Hause. Germanicus hatte es schon im Jahre 11 neben
+Tiberius geführt; im folgenden (12), wo ihn die Verwaltung des
+Konsulats in Rom festhielt, kommandierte Tiberius allein am Rhein; mit
+dem Anfang des Jahres 13 übernahm Germanicus den alleinigen Oberbefehl.
+Man betrachtete sich als im Kriegsstand gegen die Germanen; aber es
+waren tatenlose Jahre ^21. Ungern ertrug der feurige und ehrgeizige
+Erbprinz den ihm auferlegten Zwang, und man begreift es von dem
+Offizier, daß er die drei Adler in Feindeshand nicht vergaß, von dem
+leiblichen Sohn des Drusus, daß er dessen zerstörten Bau wieder
+aufzurichten wünschte. Bald bot sich ihm dazu die Gelegenheit oder er
+nahm sie. Am 19. August des Jahres 14 starb Kaiser Augustus. Der erste
+Thronwechsel in der neuen Monarchie verlief nicht ohne Krise und
+Germanicus hatte Gelegenheit, durch Taten seinem Vater zu beweisen, daß
+er gesonnen war, ihm die Treue zu wahren. Darin aber fand er zugleich
+die Rechtfertigung, die lange gewünschte Invasion Germaniens auch
+ungeheißen wieder aufzunehmen; er erklärte, die nicht unbedenkliche,
+durch den Thronwechsel bei den Legionen hervorgerufene Gärung durch
+diesen frischen Kriegszug ersticken zu müssen. Ob dies ein Grund oder
+ein Vorwand war, wissen wir nicht und wußte vielleicht er selber nicht.
+Dem Kommandanten der Rheinarmee konnte das Überschreiten der Grenze
+überall nicht gewehrt werden, und es hing immer bis zu einem gewissen
+Grade von ihm ab, wie weit gegen die Germanen vorgegangen werden
+sollte. Vielleicht auch glaubte er, im Sinne des neuen Herrschers zu
+handeln, der ja wenigstens ebensoviel Anspruch wie sein Bruder auf den
+Namen des Besiegers von Germanien hatte und dessen angekündigtes
+Erscheinen im Rheinlager wohl so aufgefaßt werden konnte, als komme er,
+um die auf Augustus’ Geheiß abgebrochene Eroberung Germaniens wieder
+aufzunehmen. Wie dem auch sei, die Offensive jenseits des Rheins begann
+aufs neue. Noch im Herbst des Jahres 14 führte Germanicus selbst
+Detachements aller Legionen bei Vetera über den Rhein und drang an der
+Lippe hinauf ziemlich tief in das Binnenland vor, weit und breit das
+Land verheerend, die Eingeborenen niedermachend, die Tempel - so den
+hochgeehrten der Tanfana - zerstörend. Die Betroffenen, es waren
+vornehmlich Bructerer, Tubanten und Usiper, suchten dem Kronprinzen auf
+der Heimkehr das Schicksal des Varus zu bereiten; aber an der
+energischen Haltung der Legionen prallte der Angriff ab. Da dieser
+Vorstoß keinen Tadel fand, vielmehr dem Feldherrn dafür Danksagungen
+und Ehrenbezeugungen dekretiert wurden, ging er weiter. Im Frühling des
+Jahres 15 versammelte er seine Hauptmacht zunächst am Mittelrhein und
+ging selbst von Mainz vor gegen die Chatten bis an die oberen Zuflüsse
+der Weser, während das untere Heer weiter nordwärts die Cherusker und
+die Marser angriff. Eine gewisse Rechtfertigung für dies Vorgehen lag
+darin, daß die römisch gesinnten Cherusker, welche unter dem
+unmittelbaren Eindruck der Katastrophe des Varus sich den Patrioten
+hatten anschließen müssen, jetzt wieder mit der viel stärkeren
+Nationalpartei in offenem Kampfe lagen und die Intervention des
+Germanicus anriefen. In der Tat gelang es, den von seinen Landsleuten
+hart bedrängten Römerfreund Segestes zu befreien und dabei dessen
+Tochter, die Gattin des Arminius, in die Gewalt zu bekommen; auch des
+Segestes Bruder Segimerus, einst neben Arminius der Führer der
+Patrioten, unterwarf sich; die inneren Zerwürfnisse der Germanen
+ebneten einmal mehr der Fremdherrschaft die Wege. Noch im selben Jahre
+unternahm Germanicus den Hauptzug nach dem Emsgebiet; Caecina rückte
+von Vetera aus an die obere Ems, er selbst ging mit der Flotte von der
+Rheinmündung aus eben dorthin; die Reiterei zog die Küste entlang durch
+das Gebiet der treuen Friesen. Wieder vereinigt, verwüsteten die Römer
+das Land der Bructerer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe und
+machten von da aus einen Zug nach der Unglücksstätte, wo sechs Jahre
+zuvor das Heer des Varus geendigt hatte, um den gefallenen Kameraden
+das Grabmal zu errichten. Bei dem weiteren Vormarsch wurde die römische
+Reiterei von Arminius und den erbitterten Patriotenscharen in einen
+Hinterhalt gelockt und wäre aufgerieben worden, wenn nicht die
+anrückende Infanterie größeres Unheil verhindert hätte. Schwerere
+Gefahren brachte die Heimkehr von der Ems, welche auf denselben Wegen
+angetreten ward wie der Hinmarsch. Die Reiterei gelangte unbeschädigt
+in das Winterlager. Dafür das Fußvolk der vier Legionen die Flotte bei
+der schwierigen Fahrt - es war um die Zeit der Herbstnachtgleiche -
+nicht genügte, so schiffte Germanicus zwei derselben wieder aus und
+ließ sie am Strande zurückgehen; aber mit dem Verhältnis von Ebbe und
+Flut in dieser Jahreszeit ungenügend bekannt, verloren sie ihr Gepäck
+und gerieten in Gefahr, massenweise zu ertrinken. Der Rückmarsch der
+vier Legionen des Caecina von der Ems zum Rhein glich genau dem des
+Varus, ja das schwere sumpfige Land bot wohl noch größere
+Schwierigkeiten als die Schluchten der Waldgebirge. Die ganze Masse der
+Eingeborenen, an ihrer Spitze die beiden Cheruskerfürsten, Arminius und
+dessen hochangesehener Oheim Inguiomerus, warf sich auf die abziehenden
+Truppen in der sicheren Hoffnung, ihnen das gleiche Schicksal zu
+bereiten, und füllte ringsum die Sümpfe und Wälder. Der alte Feldherr
+aber, in vierzigjährigem Kriegsdienst erprobt, blieb kaltblütig auch in
+der äußersten Gefahr und hielt seine verzagenden und hungernden
+Mannschaften fest in der Hand. Dennoch hätte auch er vielleicht das
+Unheil nicht abwenden können, wenn nicht nach einem glücklichen Angriff
+während des Marsches, bei dem die Römer einen großen Teil ihrer
+Reiterei und fast das ganze Gepäck einbüßten, die siegesgewissen und
+beutelustigen Deutschen gegen Arminius Rat dem anderen Führer gefolgt
+wären und statt der weiteren Umstellung des Feindes geradezu den Sturm
+auf das Lager versucht hätten. Caecina ließ die Germanen bis an die
+Wälle herankommen, brach aber dann aus allen Toren und Pforten mit
+solcher Gewalt auf die Stürmenden ein, daß sie eine schwere Niederlage
+erlitten und infolgedessen der weitere Rückzug ohne wesentliche
+Hinderung stattfand. Am Rhein hatte man die Armee schon verloren
+gegeben und war im Begriff gewesen, die Brücke bei Vetera abzuwerfen,
+um wenigstens das Eindringen der Germanen in Gallien zu verhindern; nur
+die entschlossene Einrede einer Frau, der Gattin des Germanicus, der
+Tochter Agrippas, hatte den verzagten und schimpflichen Entschluß
+vereitelt.
+
+————————————————————-
+
+^21 Den fortdauernden Kriegsstand bezeugen Tacitus (ann. 1, 9) und Dio
+(56, 26); aber berichtet wird gar nichts aus den nominellen Feldzügen
+der Sommer 12, 13 und 14, und die Expedition vom Herbst des Jahres 14
+erscheint als die erste von Germanicus unternommene. Allerdings ist
+Germanicus wahrscheinlich noch bei Augustus’ Lebzeiten als Imperator
+ausgerufen worden (Monumentum Ancyranum, S. 17); aber es steht nichts
+im Wege, dies auf den Feldzug des Jahres 11 zu beziehen, in dem
+Germanicus mit prokonsularischer Gewalt neben Tiberius kommandierte
+(Dio 56, 25). Im Jahre 12 war er in Rom zur Verwaltung des Konsulats,
+welche er das ganze Jahr hindurch behielt und mit welcher es damals
+noch ernsthaft genommen wurde; dies erklärt, weshalb Tiberius, wie dies
+jetzt erwiesen ist (Hermann Schulz, Quaestiones Ovidianae. Greifswald
+1883, S. 15 f.), noch im Jahre 12 nach Germanien ging und sein
+Rheinkommando erst im Anfang des Jahres 13 mit der pannonischen
+Siegesfeier niederlegte.
+
+————————————————————-
+
+Die Wiederaufnahme der Unterwerfung Germaniens begann also nicht gerade
+mit Glück. Das Gebiet zwischen Rhein und Weser war wohl wieder betreten
+und durchschritten worden, aber entscheidende Erfolge hatten die Römer
+nicht aufzuzeigen, und der ungeheure Verlust an Material, namentlich an
+Pferden, wurde schwer empfunden, so daß, wie in Scipios Zeiten, die
+Städte Italiens und der westlichen Provinzen bei dem Ersatz des
+Verlorenen mit patriotischen Beisteuern sich beteiligten.
+
+Germanicus änderte für den nächsten Feldzug (16) seinen Kriegsplan: er
+versuchte, die Unterwerfung Germaniens auf die Nordsee und die Flotte
+zu stützen, teils weil die Völkerschaften an der Küste, die Bataver,
+Friesen, Chauker mehr oder minder zu den Römern hielten, teils um die
+zeitraubenden und verlustvollen Märsche vom Rhein zur Weser und zur
+Elbe und wieder zurück abzukürzen. Nachdem er dieses Frühjahr wie das
+vorige zu raschen Vorstößen am Main und an der Lippe verwendet hatte,
+schiffte er im Anfang des Sommers auf der inzwischen fertiggestellten
+gewaltigen Transportflotte von 1000 Segeln sein gesamtes Heer an der
+Rheinmündung ein und gelangte in der Tat ohne Verlust bis an die der
+Ems, wo die Flotte blieb, und weiter, vermutlich die Ems hinauf bis an
+die Haasemündung und dann an dieser hinauf in das Werretal, durch
+dieses an die Weser. Damit war die Durchführung der bis 80000 Mann
+starken Armee durch den Teutoburger Wald, welche namentlich für die
+Verpflegung mit großen Schwierigkeiten verbunden war, vermieden, in dem
+Flottenlager für die Zufuhr ein sicherer Rückhalt gegeben, und die
+Cherusker auf dem rechten Ufer der Weser statt von vorn in der Flanke
+angegriffen. Auf diesem trat den Römern das Gesamtaufgebot der Germanen
+entgegen, wiederum geführt von den beiden Häuptern der Patriotenpartei,
+Arminius und Inguiomerus; über welche Streitkräfte dieselben geboten,
+beweist, daß sie im Cheruskerland zunächst an der Weser selbst, dann
+etwas weiter landeinwärts ^22, zweimal kurz nacheinander gegen das
+gesamte römische Heer in offener Feldschlacht schlugen und in beiden
+den Sieg hart bestritten. Allerdings fiel dieser den Römern zu und von
+den germanischen Patrioten blieb ein beträchtlicher Teil auf den
+Schlachtfeldern - Gefangene wurden nicht gemacht und von beiden Seiten
+mit äußerster Erbitterung gefochten; das zweite Tropaeum des Germanicus
+sprach von der Niederwerfung aller germanischen Völker zwischen Rhein
+und Elbe; der Sohn stellte diese seine Kampagne neben die glänzenden
+des Vaters und berichtete nach Rom, daß er im nächsten Feldzug die
+Unterwerfung Germaniens vollendet haben werde. Aber Arminius entkam,
+obwohl verwundet, und blieb auch ferner an der Spitze der Patrioten,
+und ein unvorhergesehenes Unheil verdarb den Waffenerfolg. Auf der
+Heimkehr, die von dem größten Teil der Legionen zu Schiff gemacht
+wurde, geriet die Transportflotte in die Herbststürme der Nordsee; die
+Schiffe wurden nach allen Seiten über die Inseln der Nordsee und bis an
+die britische Küste hin geschleudert, ein großer Teil ging zugrunde und
+die sich retteten, hatten größtenteils Pferde und Gepäck über Bord
+werfen und froh sein müssen, das nackte Leben zu bergen. Der
+Fahrtverlust kam, wie in den Zeiten der Punischen Kriege, einer
+Niederlage gleich; Germanicus selbst, mit dem Admiralschiff einzeln
+verschlagen an den öden Strand der Chauker, war in Verzweiflung über
+diesen Mißerfolg drauf und dran, seinen Tod in demselben Ozean zu
+suchen, dessen Beistand er im Beginn dieses Feldzuges so ernstlich und
+so vergeblich angerufen hatte. Wohl erwies sich späterhin der
+Menschenverlust nicht ganz so groß, wie es anfänglich geschienen hatte,
+und einige erfolgreiche Schläge, die der Feldherr nach der Rückkehr an
+den Rhein den nächstwohnenden Barbaren versetzte, hoben den gesunkenen
+Mut der Truppen. Aber im ganzen genommen endigte der Feldzug des Jahres
+16, verglichen mit dem des vorigen, wohl mit glänzenderen Siegen, aber
+auch mit viel empfindlicherer Einbuße.
+
+———————————————————————-
+
+^22 Die Annahme Schmidts (Westfälische Zeitschrift 20, 1862, S. 301),
+daß die erste Schlacht auf dem Idistavisischen Feld, etwa bei
+Bückeburg, geschlagen sei, die zweite, wegen der dabei erwähnten
+Sümpfe, vielleicht am Steinhuder See, bei dem südlich von diesem
+liegenden Dorf Bergkirchen, wird von der Wahrheit sich nicht weit
+entfernen und kann wenigstens als Veranschaulichung gelten. Auf ein
+gesichertes Ergebnis muß bei diesem wie bei den meisten Taciteischen
+Schlachtberichten verzichtet werden.
+
+———————————————————————-
+
+Germanicus Abberufung war zugleich die Aufhebung des Oberkommandos der
+rheinischen Armee. Die bloße Teilung des Kommandos setzte der
+bisherigen Kriegführung ein Ziel; daß Germanicus nicht bloß abberufen
+ward, sondern keinen Nachfolger erhielt, kam hinaus auf die Anordnung
+der Defensive am Rhein. So ist denn auch der Feldzug des Jahres 16 der
+letzte gewesen, den die Römer geführt haben, um Germanien zu
+unterwerfen und die Reichsgrenze vom Rhein an die Elbe zu verlegen. Daß
+die Feldzüge des Germanicus dieses Ziel hatten, lehrt ihr Verlauf
+selbst und das die Elbgrenze feiernde Tropaeum. Auch die
+Wiederherstellung der rechtsrheinischen militärischen Anlagen, der
+Taunuskastelle sowohl wie der Festung Aliso und der diese mit Vetera
+verbindenden Linie, gehört nur zum Teil zu derjenigen Besetzung des
+rechten Rheinufers, wie sie auch mit dem beschränkten Operationsplan
+nach der Varusschlacht sich vertrug, zum Teil griff sie weit über
+denselben hinaus. Aber was der Feldherr wollte, wollte der Kaiser nicht
+oder nicht ganz. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Tiberius die
+Unternehmungen des Germanicus am Rhein von Haus aus mehr hat geschehen
+lassen, und gewiß, daß er durch dessen Abberufung im Winter 16/17
+denselben ein Ziel hat setzen wollen. Ohne Zweifel ist zugleich ein
+guter Teil des Erreichten aufgegeben, namentlich aus Aliso die
+Besatzung zurückgezogen worden. Wie Germanicus von dem im Teutoburger
+Walde errichteten Siegesdenkmal schon das Jahr darauf keinen Stein mehr
+fand, so sind auch die Ergebnisse seiner Siege wie ein Schlag ins
+Wasser verschwunden, und keiner seiner Nachfolger hat auf diesem Grunde
+weiter gebaut.
+
+Wenn Augustus das eroberte Germanien nach der Varusschlacht verloren
+gegeben hatte, wenn Tiberius jetzt, nachdem die Eroberung abermals in
+Angriff genommen worden war, sie abzubrechen befahl, so ist die Frage
+wohl berechtigt, welche Motive die beiden bedeutenden Regenten hierbei
+geleitet haben und was diese wichtigen Vorgänge für die allgemeine
+Reichspolitik bedeuten.
+
+Die Varusschlacht ist ein Rätsel, nicht militärisch, aber politisch,
+nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen. Augustus hatte nicht
+unrecht, wenn er seine verlorenen Legionen nicht von dem Feind oder dem
+Schicksal, sondern von dem Feldherrn zurückforderte; es war ein
+Unglücksfall, wie ungeschickte Korpsführer sie von Zeit zu Zeit für
+jeden Staat herbeiführen; schwer begreift man, daß die Aufreibung einer
+Armee von 20000 Mann ohne weitere unmittelbare militärische
+Konsequenzen der großen Politik eines einsichtig regierten Weltstaates
+eine entscheidende Wendung gegeben hat. Und doch haben die beiden
+Herrscher jene Niederlage mit einer beispiellosen und für die Stellung
+der Regierung, der Armee wie den Nachbarn gegenüber bedenklichen und
+gefährlichen Geduld ertragen; doch haben sie den Friedensschluß mit
+Marobod, der ohne Zweifel eigentlich nur eine Waffenruhe sein sollte,
+zu einem definitiven werden lassen und nicht weiter versucht, das obere
+Elbtal in die Hand zu bekommen. Es muß Tiberius nicht leicht angekommen
+sein, den großen, mit dem Bruder gemeinschaftlich begonnenen, dann nach
+dessen Tode von ihm fast vollendeten Bau zusammenstürzen zu sehen; der
+gewaltige Eifer, womit er, sowie er in das Regiment wieder eingetreten
+war, den vor zehn Jahren begonnenen germanischen Krieg aufgenommen
+hatte, läßt ermessen, was diese Entsagung ihn gekostet haben muß. Wenn
+dennoch nicht bloß Augustus bei derselben beharrte, sondern auch nach
+dessen Tode er selbst, so ist dafür ein anderer Grund nicht zu finden,
+als daß sie die durch zwanzig Jahre hindurch verfolgten Pläne zur
+Veränderung der Nordgrenze als unausführbar erkannten und die
+Unterwerfung und Behauptung des Gebietes zwischen dem Rhein und der
+Elbe ihnen die Kräfte des Reiches zu übersteigen schien.
+
+Wenn die bisherige Reichsgrenze von der mittleren Donau bis an deren
+Quelle und den oberen Rhein und dann rheinabwärts lief, so wurde sie
+allerdings durch die Verlegung an die in ihrem Quellgebiet der
+mittleren Donau sich nähernde Elbe und an deren ganzen Lauf wesentlich
+verkürzt und verbessert; wobei wahrscheinlich außer dem evidenten
+militärischen Gewinn auch noch das politische Moment in Betracht kam,
+daß die möglichst weite Entfernung der großen Kommandos von Rom und
+Italien eine der leitenden Maximen der Augusteischen Politik war und
+ein Elbheer in der weiteren Entwicklung Roms schwerlich dieselbe Rolle
+gespielt haben würde, wie sie die Rheinheere nur zu bald übernahmen.
+Die Vorbedingungen dazu, die Niederwerfung der germanischen
+Patriotenpartei und des Suebenkönigs in Böhmen, waren keine leichten
+Aufgaben; indes man hatte dem Gelingen derselben schon einmal ganz nahe
+gestanden und bei richtiger Führung konnten diese Erfolge nicht
+verfehlt werden. Aber eine andere Frage war es, ob nach der Einrichtung
+der Elbgrenze die Truppen aus dem zwischenliegenden Gebiet weggezogen
+werden konnten; diese Frage hatte der dalmatisch-pannonische Krieg in
+sehr ernster Weise der römischen Regierung gestellt. Wenn schon das
+bevorstehende Einrücken der römischen Donauarmee in Böhmen einen mit
+Anstrengung aller militärischen Hilfsmittel erst nach vierjährigem
+Kampf niedergeworfenen Volksaufstand in Illyricum hervorgerufen hatte,
+so durfte weder zur Zeit noch auf lange Jahre hinaus dies weite Gebiet
+sich selbst überlassen werden. Ähnlich stand es ohne Zweifel am Rhein.
+Das römische Publikum pflegte wohl sich zu rühmen, daß der Staat ganz
+Gallien in Unterwürfigkeit halte durch die 1200 Mann starke Besatzung
+von Lyon; aber die Regierung konnte nicht vergessen, daß die beiden
+großen Armeen am Rhein nicht bloß die Germanen abwehrten, sondern auch
+für die keineswegs durch Fügsamkeit sich auszeichnenden gallischen Gaue
+gar sehr in Betracht kamen. An der Weser oder gar an der Elbe
+aufgestellt, hätten sie diesen Dienst nicht in gleichem Maße geleistet;
+und sowohl den Rhein wie die Elbe besetzt zu halten, vermochte man
+nicht. So mochte Augustus wohl zu dem Schluß kommen, daß mit dem
+damaligen, allerdings seit kurzem erheblich verstärkten, aber immer
+noch tief unter dem Maß des wirklich Erforderlichen stehenden
+Heerbestand jene große Grenzregulierung nicht auszuführen sei; die
+Frage ward damit aus einer militärischen zu einer Frage der inneren
+Politik und insonderheit zu einer Finanzfrage. Die Kosten der Armee
+noch weiter zu steigern, hat weder Augustus noch Tiberius sich getraut.
+Man kann dies tadeln. Der lähmende Doppelschlag der illyrischen und der
+germanischen Insurrektion mit ihren schweren Katastrophen, das hohe
+Alter und die erlahmende Kraft des Herrschers, die zunehmende Abneigung
+des Tiberius gegen frisches Handeln und große Initiative und vor allem
+gegen jede Abweichung von der Politik des Augustus, haben dabei ohne
+Zweifel bestimmend mit- und vielleicht zum Nachteil des Staates
+gewirkt. Man fühlt es in dem nicht zu billigenden, aber wohl
+erklärlichen Auftreten des Germanicus, wie das Militär und die Jugend
+das Aufgeben der neuen Provinz Germanien empfanden. Man erkennt in dem
+dürftigen Versuch, mit Hilfe der paar linksrheinischen deutschen Gaue
+wenigstens dem Namen nach das verlorene Germanien festzuhalten, in den
+zweideutigen und unsicheren Worten, mit denen Augustus selbst in seinem
+Rechenschaftsbericht Germanien als römisch in Anspruch nimmt oder auch
+nicht, wie verlegen die Regierung in dieser Sache der öffentlichen
+Meinung gegenüber stand. Der Griff nach der Elbgrenze war ein
+gewaltiger, vielleicht überkühner gewesen; vielleicht von Augustus,
+dessen Flug im allgemeinen so hoch nicht ging, erst nach jahrelangem
+Zaudern und wohl nicht ohne den bestimmenden Einfluß des ihm vor allen
+nahestehenden jüngeren Stiefsohns unternommen. Aber einen allzu kühnen
+Schritt zurückzutun ist in der Regel nicht eine Verbesserung des
+Fehlers, sondern ein zweiter. Die Monarchie brauchte die unbefleckte
+kriegerische Ehre und den unbedingten kriegerischen Erfolg in ganz
+anderer Weise als das ehemalige Bürgermeisterregiment; das Fehlen der
+seit der Varusschlacht niemals ausgefüllten Nummern 17, 18 und 19 in
+der Reihe der Regimenter paßte wenig zu dem militärischen Prestige, und
+den Frieden mit Marobod aufgrund des Status quo konnte die loyalste
+Rhetorik nicht in einen Erfolg umreden. Anzunehmen, daß Germanicus
+einem eigentlichen Befehl seiner Regierung zuwider jene weit
+aussehenden Unternehmungen begonnen hat, verbietet seine ganze
+politische Stellung; aber den Vorwurf, daß er seine doppelte Stellung
+als Höchstkommandierender der ersten Armee des Reiches und als
+künftiger Thronfolger dazu benutzt hat, um seine
+politisch-militärischen Pläne auf eigene Faust durchzuführen, wird man
+ihm so wenig ersparen können wie dem Kaiser den nicht minder schweren,
+zurückgescheut zu sein vielleicht vor dem Fassen, vielleicht auch nur
+vor dem klaren Aussprechen und dem scharfen Durchführen der eigenen
+Entschlüsse. Wenn Tiberius die Wiederaufnahme der Offensive wenigstens
+geschehen ließ, so muß er empfunden haben, wieviel für eine kräftigere
+Politik sprach; wie es überbedächtige Leute wohl tun, mag er wohl
+sozusagen dem Schicksal die Entscheidung überlassen haben, bis dann der
+wiederholte und schwere Mißerfolg des Kronprinzen die Politik der
+Verzagtheit abermals rechtfertigte. Leicht war es für die Regierung
+nicht, einer Armee Halt zu gebieten, die von den verlorenen drei Adlern
+zwei zurückgebracht hatte; aber es geschah. Was immer die sachlichen
+und die persönlichen Motive gewesen sein mögen, wir stehen hier an
+einem Wendepunkt der Völkergeschicke. Auch die Geschichte hat ihre Flut
+und ihre Ebbe; hier tritt nach der Hochflut des römischen Weltregiments
+die Ebbe ein. Nordwärts von Italien hatte wenige Jahre hindurch die
+römische Herrschaft bis an die Elbe gereicht; seit der Varusschlacht
+sind ihre Grenzen der Rhein und die Donau. Ein Märchen, aber ein altes,
+berichtet, daß dem ersten Eroberer Germaniens, dem Drusus, auf seinem
+letzten Feldzug an der Elbe eine gewaltige Frauengestalt germanischer
+Art erschienen sei und ihm in seiner Sprache das Wort zugerufen habe
+“Zurück!” Es ist nicht gesprochen worden, aber es hat sich erfüllt.
+
+Indes die Niederlage der Augusteischen Politik, wie der Friede mit
+Maroboduus und die Hinnahme der Teutoburger Katastrophe wohl bezeichnet
+werden darf, war kaum ein Sieg der Germanen. Nach der Varusschlacht muß
+wohl durch die Gemüter der Besten die Hoffnung gegangen sein, daß der
+Nation aus dem herrlichen Sieg der Cherusker und ihrer Verbündeten und
+aus dem Zurückweichen des Feindes im Westen wie im Süden eine gewisse
+Einigung erwachsen werde. Den sonst sich fremd gegenüberstehenden
+Sachsen und Sueben mag vielleicht eben in diesen Krisen das Gefühl der
+Einheit aufgegangen sein. Daß die Sachsen vom Schlachtfelde weg den
+Kopf des Varus an den Suebenkönig schickten, kann nichts sein als der
+wilde Ausdruck des Gedankens, daß für alle Germanen die Stunde gekommen
+sei, in gemeinschaftlichem Ansturm sich auf das Römische Reich zu
+stürzen und des Landes Grenze und des Landes Freiheit so zu sichern,
+wie sie allein gesichert werden können, durch Niederschlagen des
+Erbfeindes in seinem eigenen Heim. Aber der gebildete Mann und
+staatskluge König nahm die Gabe der Insurgenten nur an, um den Kopf dem
+Kaiser Augustus zur Beisetzung zu senden; er tat nichts für, aber auch
+nichts gegen die Römer und beharrte unerschütterlich in seiner
+Neutralität. Unmittelbar nach dem Tode des Augustus hatte man in Rom
+den Einbruch der Markomannen in Rätien gefürchtet, aber, wie es
+scheint, ohne Ursache, und als dann Germanicus die Offensive gegen die
+Germanen vom Rhein aus wieder aufnahm, hatte der mächtige
+Markomannenkönig untätig zugesehen. Diese Politik der Feinheit oder der
+Feigheit in der wild bewegten, von patriotischen Erfolgen und
+Hoffnungen trunkenen germanischen Welt grub sich ihr eigenes Grab. Die
+entfernteren, nur lose mit dem Reich verknüpften Suebenstämme, die
+Semnonen, Langobarden und Gothonen, sagten dem König ab und machten
+gemeinschaftliche Sache mit den sächsischen Patrioten; es ist nicht
+unwahrscheinlich, daß die ansehnlichen Streitkräfte, über welche
+Arminius und Inguiomerus in den Kämpfen gegen Germanicus offenbar
+geboten, ihnen großenteils von daher zugeströmt sind. Als bald darauf
+der römische Angriff plötzlich abgebrochen ward, wendeten sich die
+Patrioten (17) zum Angriff gegen Maroboduus, vielleicht zum Angriff auf
+das Königtum überhaupt, wenigstens wie dieser es nach römischem Muster
+verwaltete ^23. Aber auch unter ihnen selbst waren Spaltungen
+eingetreten; die beiden nah verwandten cheruskischen Fürsten, die in
+den letzten Kämpfen die Patrioten wenn nicht siegreich, doch tapfer und
+ehrenvoll geführt und bisher stets Schulter an Schulter gefochten
+hatten, standen in diesem Krieg nicht mehr zusammen. Der Oheim
+Inguiomerus ertrug es nicht noch länger, neben dem Neffen der zweite zu
+sein, und trat bei dem Ausbruch des Krieges auf Maroboduus’ Seite. So
+kam es zur Entscheidungsschlacht zwischen Germanen und Germanen, ja
+zwischen denselben Stämmen; denn in beiden Armeen fochten sowohl Sueben
+wie Cherusker. Lange schwankte der Kampf; beide Heere hatten von der
+römischen Taktik gelernt, und auf beiden Seiten war die Leidenschaft
+und die Erbitterung gleich. Einen eigentlichen Sieg erfocht Arminius
+nicht, aber der Gegner überließ ihm das Schlachtfeld, und da Maroboduus
+den kürzeren gezogen zu haben schien, verließen ihn die bisher noch zu
+ihm gehalten hatten und fand er sich auf sein eigenes Reich beschränkt.
+Als er römische Hilfe gegen die übermächtigen Landsleute erbat,
+erinnerte ihn Tiberius an sein Verhalten nach der Varusschlacht und
+erwiderte, daß jetzt die Römer ebenfalls neutral bleiben würden. Es
+ging nun schleunig mit ihm zu Ende. Schon im folgenden Jahr (18) wurde
+er von einem Gothonenfürsten Catualda, den er früher persönlich
+beleidigt hatte und der dann mit den übrigen außerböhmischen Sueben von
+ihm abgefallen war, in seinem Königssitz selbst überfallen und rettete,
+von den Seinigen verlassen, mit Not sich zu den Römern, die ihm die
+erbetene Freistatt gewährten - als römischer Pensionär ist er viele
+Jahre später in Ravenna gestorben.
+
+—————————————————————
+
+^23 Die Angabe des Tacitus (ann. 2, 45), daß dies eigentlich ein Krieg
+der Republikaner gegen die Monarchisten gewesen sei, ist wohl nicht
+frei von Übertragung hellenisch-römischer Anschauungen auf die sehr
+verschiedene germanische Welt. Soweit der Krieg eine ethisch-politische
+Tendenz gehabt hat, wird ihn nicht das nomen regis, wie Tacitus sagt,
+sondern das certum imperium visque regia des Velleius (2, 108)
+hervorgerufen haben.
+
+—————————————————————
+
+Also waren Arminius’ Gegner wie seine Nebenbuhler flüchtig geworden,
+und die germanische Nation sah auf keinen andern als auf ihn. Aber
+diese Größe war seine Gefahr und sein Verderben. Seine eigenen
+Landsleute, vor allem sein eigenes Geschlecht schuldigte ihn an, den
+Weg Marobods zu gehen und nicht bloß der Erste, sondern auch der Herr
+und der König der Germanen sein zu wollen - ob mit Grund oder nicht und
+ob, wenn er dies wollte, er damit nicht vielleicht das Rechte wollte,
+wer vermag es zu sagen? Es kam zum Bürgerkrieg zwischen ihm und diesen
+Vertretern der Volksfreiheit; zwei Jahre nach Maroboduus’ Verbannung
+fiel auch er, gleich Caesar, durch den Mordstahl ihm nahestehender,
+republikanisch gesinnter Adliger. Seine Gattin Thusnelda und sein in
+der Gefangenschaft geborener Sohn Thumelicus, den er nie mit Augen
+gesehen hat, zogen bei dem Triumph des Germanicus (26. Mai 17) unter
+den anderen vornehmen Germanen gefesselt mit auf das Kapitol; der alte
+Segestes ward für seine Treue gegen die Römer mit einem Ehrenplatz
+bedacht, von wo aus er dem Einzug seiner Tochter und seines Enkels
+zuschauen durfte. Sie alle sind im Römerreich gestorben; mit Maroboduus
+fanden auch Gattin und Sohn seines Gegners im Exil von Ravenna sich
+zusammen. Wenn Tiberius bei Abberufung des Germanicus bemerkte, daß es
+gegen die Deutschen der Kriegführung nicht bedürfe und daß sie das für
+Rom Erforderliche schon weiter selber besorgen würden, so kannte er
+seine Gegner; darin allerdings hat die Geschichte ihm recht gegeben.
+Aber dem hochsinnigen Mann, der sechsundzwanzigjährig seine sächsische
+Heimat von der italischen Fremdherrschaft erlöst hatte, der dann in
+siebenjährigem Kampfe für die wiedergewonnene Freiheit Feldherr wie
+Soldat gewesen war, der nicht bloß Leib und Leben, sondern auch Weib
+und Kind für seine Nation eingesetzt hatte, um dann
+siebenunddreißigjährig von Mörderhand zu fallen, diesem Mann gab sein
+Volk, was es zu geben vermochte, ein ewiges Gedächtnis im Heldenlied.
+
+
+
+
+KAPITEL II.
+Spanien
+
+
+Die Zufälligkeiten der äußeren Politik bewirkten es, daß die Römer
+früher als in irgendeinem anderen Teil des überseeischen Kontinents
+sich auf der Pyrenäischen Halbinsel festsetzten und hier ein zwiefaches
+ständiges Kommando einrichteten. Auch hatte die Republik hier nicht,
+wie in Gallien und in Illyricum, sich darauf beschränkt, die Küsten des
+italischen Meeres zu unterwerfen, vielmehr gleich von Anfang an, nach
+dem Vorgang der Barkiden, die Eroberung der ganzen Halbinsel in das
+Auge gefaßt. Mit den Lusitanern (in Portugal und Estremadura) hatten
+die Römer gestritten, seit sie sich Herren von Spanien nannten; die
+“entferntere Provinz” war recht eigentlich gegen diese und zugleich mit
+der näheren eingerichtet worden; die Callaeker (Galicia) wurden ein
+Jahrhundert vor der Actischen Schlacht den Römern botmäßig; kurz vor
+derselben hatte in seinem ersten Feldzug der spätere Diktator Caesar
+die römischen Waffen bis nach Brigantium (Coruňa) getragen und die
+Zugehörigkeit dieser Landschaft zu der entfernteren Provinz aufs neue
+befestigt. Es haben dann in den Jahren zwischen Caesars Tod bis auf
+Augustus Einherrschaft die Waffen in Nordspanien niemals geruht: nicht
+weniger als sechs Statthalter haben in dieser kurzen Zeit dort den
+Triumph gewonnen, und vielleicht erfolgte die Unterwerfung des
+südlichen Abhangs der Pyrenäen vorzugsweise in diese Epoche ^1. Die
+Kriege mit den stammverwandten Aquitanern an der Nordseite des
+Gebirges, die in die gleiche Epoche fallen und von denen der letzte im
+Jahre 727 (27) siegreich zu Ende ging, werden damit in Zusammenhang
+stehen. Bei der Reorganisation der Verwaltung im Jahre 727 (27) kam die
+Halbinsel an Augustus, weil dort ausgedehnte militärische Operationen
+in Aussicht genommen waren und sie einer dauernden Besatzung bedurfte.
+Obgleich das südliche Drittel der entfernteren Provinz, seitdem benannt
+vom Baetisfluß (Guadalquivir), dem Regiment des Senats bald
+zurückgegeben wurde ^2, blieb doch der bei weitem größere Teil der
+Halbinsel stets in kaiserlicher Verwaltung, sowohl der größere Teil der
+entfernteren Provinz, Lusitanien und Callaekien ^3, wie die ganze große
+nähere. Unmittelbar nach Einrichtung der neuen Oberleitung begab sich
+Augustus persönlich nach Spanien, um in zweijährigem Aufenthalt (728,
+729 26, 25) die neue Verwaltung zu ordnen und die Okkupation der noch
+nicht botmäßigen Landesteile zu leiten. Er tat dies von Tarraco aus,
+und es wurde damals überhaupt der Sitz der Regierung der näheren
+Provinz von Neukarthago nach Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese
+Provinz auch seitdem gewöhnlich genannt wird. Wenn es einerseits
+notwendig erschien, den Sitz der Verwaltung nicht von der Küste zu
+entfernen, so beherrschte andererseits die neue Hauptstadt das
+Ebrogebiet und die Kommunikationen mit dem Nordwesten und den Pyrenäen.
+Gegen die Asturer (in den Provinzen Asturien und Leon) und vor allem
+die Kantabrer (im Vaskenland und der Provinz Santander), welche sich
+hartnäckig in ihren Bergen behaupteten und die benachbarten Gaue
+überliefen, zog sich mit Unterbrechungen, die die Römer Siege nannten,
+der schwere und verlustvolle Krieg acht Jahre hin, bis es endlich
+Agrippa gelang, durch Zerstörung der Bergstädte und Verpflanzung der
+Bewohner in die Täler den offenen Widerstand zu brechen.
+
+—————————————————————
+
+^1 Es triumphierten über Spanien, abgesehen von dem wohl politischen
+Triumph des Lepidus, im Jahre 718 (36) Cn. Domitius Calvinus (Konsul
+714 40), im Jahre 720 (34) C. Norbanus Flaccus (Konsul 716 38),
+zwischen 720 (34) und 725 (29) L. Marcius Philippus (Konsul 716 38) und
+Appius Claudius Pulcher (Konsul 716 38), im Jahre 726 (28) C. Calvisius
+Sabinus (Konsul 715 39), im Jahre 728 (26) Sex. Appuleius (Konsul 725
+29). Die Schriftsteller erwähnen nur den Sieg, den Calvinus über die
+Cerretaner (bei Puycerda in den östlichen Pyrenäen) erfocht (Dio 48,
+42; vgl. Vell. 2, 78 und die Münze des Sabinus mit Osca, Eckhel, Bd. 5,
+S. 203).
+
+^2 Da Augusta Emerita in Lusitanien erst im Jahre 729 (25) Kolonie ward
+(Dio 53, 26) und diese bei dem Verzeichnis der Provinzen, in denen
+Augustus Kolonien gegründet hat (Monumentum Ancyranum, S. 119, vgl. S.
+222), nicht füglich unberücksichtigt geblieben sein kann, so wird die
+Trennung von Lusitania und Hispania ulterior erst nach dem
+kantabrischen Kriege stattgefunden haben.
+
+^3 Callaekien ist nicht bloß von der Ulterior aus eingenommen worden,
+sondern muß noch in der früheren Zeit des Augustus zu Lusitanien gehört
+haben, ebenso Asturien anfänglich zu dieser Provinz geschlagen worden
+sein. Sonst ist die Erzählung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T.
+Carisius, der Erbauer Emeritas, ist offenbar der Statthalter von
+Lusitanien, C. Furnius der der Tarraconensis. Damit stimmt auch die
+parallele Darstellung bei Florus (epit. 2, 33), denn die Drigaecini der
+Handschriften sind sicher die Βριγαικινοί, die Ptolemaeos (2, 6, 29)
+unter den Asturern aufführt. Darum faßt auch Agrippa in seinen
+Messungen Lusitania mit Asturia und Callaecia zusammen (Plin. nat. 4,
+22, 118), und bezeichnet Strabon (3, 4, 20, p. 166) die Callaeker als
+früher Lusitaner genannt. Schwankungen in der Abgrenzung der spanischen
+Provinzen erwähnt Strabon (3, 4, 19, p. 166).
+
+—————————————————————
+
+Wenn, wie Kaiser Augustus sagt, seit seiner Zeit die Küste des Ozeans
+von Cadiz bis zur Elbmündung den Römern gehorchte, so war in diesem
+Winkel derselben der Gehorsam recht unfreiwillig und von geringem
+Verlaß. Zu einer eigentlichen Befriedung scheint es im nordwestlichen
+Spanien noch lange nicht gekommen zu sein. Noch in Neros Zeit ist von
+Kriegszügen gegen die Asturer die Rede. Deutlicher noch spricht die
+Besetzung des Landes, wie Augustus sie angeordnet hat. Callaekien wurde
+von Lusitanien getrennt und mit der tarraconensischen Provinz
+vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer Hand zu
+konzentrieren. Diese Provinz ist nicht bloß damals die einzige gewesen,
+welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares Militärkommando
+erhalten hat, sondern es wurden von Augustus nicht weniger als drei
+Legionen ^4 dorthin gelegt, zwei nach Asturien, eine nach Kantabrien,
+und trotz der militärischen Bedrängnis in Germanien und in Illyricum
+ward diese Besatzung nicht vermindert. Das Hauptquartier ward zwischen
+der alten Metropole Asturiens, Lancia, und der neuen, Asturica Augusta
+(Astorga), eingerichtet, in dem noch heute von ihm den Namen führenden
+Leon. Mit dieser starken Besetzung des Nordwestens hängen
+wahrscheinlich die daselbst in der früheren Kaiserzeit in bedeutendem
+Umfange vorgenommenen Straßenanlagen zusammen, obwohl wir, da die
+Dislokation dieser Truppen in der augustischen Zeit uns unbekannt ist,
+den Zusammenhang im einzelnen nicht nachzuweisen vermögen. So ist von
+Augustus und Tiberius für die Hauptstadt Callaekiens Bracara (Braga)
+eine Verbindung mit Asturica, das heißt mit dem großen Hauptquartier,
+nicht minder mit den nördlich, nordöstlich und südlich benachbarten
+Städten hergestellt worden. Ähnliche Anlagen machte Tiberius im Gebiet
+der Vasconen und in Kantabrien ^5. Allmählich konnte die Besatzung
+verringert, unter Claudius eine Legion, unter Nero eine zweite anderswo
+verwendet werden. Doch wurden diese nur als abkommandiert angesehen,
+und noch zu Anfang der Regierung Vespasians hatte die spanische
+Besatzung wieder ihre frühere Stärke; eigentlich reduziert haben sie
+erst die Flavier, Vespasian auf zwei, Domitian auf eine Legion. Von da
+an bis in die diocletianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7.
+gemina und eine gewisse Zahl von Hilfskontingenten in Leon
+garnisoniert.
+
+—————————————————————
+
+^4 Es sind dies die 4. makedonische, die 6. victrix und die 10. gemina.
+Die erste von diesen kam in Folge der durch Claudius’ britannische
+Expedition veranlaßten Verschiebung der Truppenlager an den Rhein. Die
+beiden anderen, obwohl inzwischen mehrfach anderswo verwendet, standen
+noch im Anfang der Regierung Vespasians in ihrer alten Garnison und mit
+ihnen anstatt der 4. die von Galba neu errichtete 1. adiutrix (Tac.
+hist. 1, 44). Alle drei wurden in Veranlassung des Bataverkrieges an
+den Rhein geschickt, und es kam davon nur eine zurück. Denn noch im
+Jahre 88 lagen in Spanien mehrere Legionen (Plin. paneg. 14; vgl.
+Hermes 3, 1868, S. 118), von welchen eine sicher die schon vor dem
+Jahre 79 in Spanien garnisonierende 7. gemina (CIL II, 2477) ist; die
+zweite muß eine von jenen dreien sein und ist wahrscheinlich die 1.
+adiutrix, da diese bald nach dem Jahre 88 an den Donaukriegen Domitians
+sich beteiligt und unter Traian in Obergermanien steht, was die
+Vermutung nahelegt, daß sie eine der mehreren im Jahre 88 von Spanien
+nach Obergermanien geführten Legionen gewesen und bei dieser
+Veranlassung aus Spanien weggekommen ist. In Lusitanien haben keine
+Legionen gestanden.
+
+^5 Bei dem Ort Pisoraca (Herrera am Pisuerga, zwischen Palencia und
+Santander), der allein auf Inschriften des Tiberius und des Nero, und
+zwar als Ausgangspunkt einer Kaiserstraße genannt wird (CIL II, 4883,
+4884), dürfte das Lager der kantabrischen Legion gewesen sein, wie bei
+Leon das asturische. Auch Augustobriga (westlich von Saragossa) und
+Complutum (Alcalá de Henares, nordwärts von Madrid) werden nicht ihrer
+städtischen Bedeutung wegen, sondern als Truppenlager
+Reichsstraßenzentren gewesen sein.
+
+—————————————————————
+
+Keine Provinz ist unter dem Prinzipat weniger von den äußeren wie von
+den inneren Kriegen berührt worden als dieses Land des fernen Westens.
+Wenn in dieser Epoche die Truppenkommandos gleichsam die Stelle der
+rivalisierenden Parteien übernahmen, so hat das spanische Heer auch
+dabei durchaus eine Nebenrolle gespielt; nur als Helfer seines Kollegen
+trat Galba in den Bürgerkrieg ein und der bloße Zufall trug ihn an die
+erste Stelle. Die vergleichungsweise auch nach der Reduktion noch
+auffallend starke Besatzung des Nordwestens der Halbinsel läßt darauf
+schließen, daß diese Gegend noch im zweiten und dritten Jahrhundert
+nicht vollständig botmäßig gewesen ist; indes vermögen wir über die
+Verwendung der spanischen Legion innerhalb der Provinz, die sie besetzt
+hielt, nichts Bestimmtes anzugeben. Der Krieg gegen die Kantabrer ist
+mit Hilfe von Kriegsschiffen geführt worden; nachher haben die Römer
+keine Veranlassung gehabt, hier eine dauernde Flottenstation
+einzurichten. Erst in der nachdiocletianischen Zeit finden wir die
+Pyrenäische Halbinsel, wie die italische und die
+griechisch-makedonische, ohne ständige Besatzung.
+
+Daß die Provinz Baetica, wenigstens seit dem Anfang des 2.
+Jahrhunderts, von der gegenüberliegenden Küste aus durch die Mauren -
+die Piraten des Rif - vielfach heimgesucht wurde, wird in der
+Darstellung der afrikanischen Verhältnisse näher auszuführen sei.
+Vermutlich ist es daraus zu erklären, daß, obwohl sonst in den
+Provinzen des Senats kaiserliche Truppen nicht zu stehen pflegen,
+ausnahmsweise Italica (bei Sevilla) mit einer Abteilung der Legion von
+Leon belegt war ^6. Hauptsächlich aber lag es dem in der Provinz von
+Tingis (Tanger) stationierten Kommando ob, das reiche südliche Spanien
+vor diesen Einfällen zu schützen. Dennoch ist es vorgekommen, daß
+Städte wie Italica und Singili (unweit Antequera) von den Piraten
+belagert wurden.
+
+————————————————————————-
+
+^6 Damit kann in Verbindung gebracht werden, daß dieselbe Legion auch,
+wenngleich nur zeitweise und mit einem Detachement, in Numidien aktiv
+gewesen ist.
+
+————————————————————————-
+
+Wenn dem weltgeschichtlichen Werke der Kaiserzeit, der Romanisierung
+des Okzidents, von der Republik irgendwo vorgearbeitet war, so war dies
+in Spanien geschehen. Was das Schwert begonnen, führte der friedliche
+Verkehr weiter: das römische Silbergeld hat in Spanien geherrscht,
+lange bevor es sonst außerhalb Italien gangbar ward, und die Bergwerke,
+der Wein- und Ölbau, die Handelsbeziehungen bewirkten an der Küste,
+namentlich im Südwesten, ein stetiges Einströmen italischer Elemente.
+Neukarthago, die Schöpfung der Barkiden und von seiner Entstehung an
+bis in die augustische Zeit die Hauptstadt der Diesseitigen Provinz und
+der erste Handelsplatz Spaniens, umschloß schon im siebenten
+Jahrhundert eine zahlreiche römische Bevölkerung; Carteia, gegenüber
+dem heutigen Gibraltar, ein Menschenalter vor der Gracchenzeit
+gegründet, ist die erste überseeische Stadtgemeinde mit einer
+Bevölkerung römischen Ursprungs; die altberühmte Schwesterstadt
+Karthagos, Gades, das heutige Cadiz, die erste fremdländische Stadt
+außerhalb Italien, welche römisches Recht und römische Sprache annahm.
+Hatte also an dem größten Teil der Küste des Mittelländischen Meeres
+die alteinheimische wie die phönikische Zivilisation bereits unter der
+Republik in die Art und Weise des herrschenden Volkes eingelenkt, so
+wurde in der Kaiserzeit in keiner Provinz die Romanisierung so
+energisch von oben herab gefördert wie in Spanien. Vor allem die
+südliche Hälfte der Baetica zwischen dem Baetis und dem Mittelmeer hat,
+zum Teil schon unter der Republik oder durch Caesar, zum Teil in den
+Jahren 739 (15) und 740 (14) durch Augustur, eine stattliche Reihe von
+römischen Vollbürgergemeinden erhalten, die hier nicht etwa
+vorzugsweise die Küste, sondern vor allem das Binnenland füllen, voran
+Hispalis (Sevilla) und Corduba (Cordoba) mit Kolonialrecht, mit
+Munizipalrecht Italica (bei Sevilla) und Gades (Cadiz). Auch im
+südlichen Lusitanien begegnet eine Reihe gleichberechtigter Städte,
+namentlich Olisipo (Lissabon), Pax Iulia (Beja) und die von Augustur
+während seines Aufenthalts in Spanien gegründete und zur Hauptstadt
+dieser Provinz gemachte Veteranenkolonie Emerita (Merida). In der
+Tarraconensis finden sich die Bürgerstädte überwiegend an der Küste,
+Karthago nova, Ilici (Elche), Valentia, Dertosa (Tortosa), Tarraco,
+Barcino (Barcelona); im Binnenland tritt nur hervor die Kolonie im
+Ebrotal Caesaraugusta (Saragossa). Vollbürgergemeinden zählte man in
+ganz Spanien unter Augustus fünfzig; gegen fünfzig andere hatten bis
+dahin latinisches Recht empfangen und standen hinsichtlich der inneren
+Ordnung den Bürgergemeinden gleich. Bei den übrigen hat dann Kaiser
+Vespasianus bei Gelegenheit der von ihm im Jahre 74 veranstalteten
+allgemeinen Reichsschätzung die latinische Gemeindeordnung ebenfalls
+eingeführt. Die Verleihung des Bürgerrechts ist weder damals noch
+überhaupt in der besseren Kaiserzeit viel weiter ausgedehnt worden, als
+sie in augustischer Zeit gediehen war ^7, wobei wahrscheinlich
+hauptsächlich die Rücksicht auf das den Reichsbürgern gegenüber
+beschränkte Aushebungsrecht maßgebend gewesen ist.
+
+———————————————————————————-
+
+^7 Daß “die Iberer Römer genannt werden”, wie Josephus (c. Ap. 2, 4)
+sich ausdrückt, kann nur auf die Erteilung des latinischen Rechts durch
+Vespasian bezogen werden und ist eine inkorrekte Angabe des Fremden.
+
+———————————————————————————-
+
+Die einheimische Bevölkerung Spaniens, welche also teils mit italischen
+Ansiedlern vermischt, teils zu italischer Sitte und Sprache hingeleitet
+ward, tritt in der Geschichte der Kaiserzeit nirgends deutlich
+erkennbar hervor. Wahrscheinlich hat derjenige Stamm, dessen Reste und
+dessen Sprache sich bis auf den heutigen Tag in den Bergen Vizcayas,
+Guipuzcoas und Navarras behaupten, einstmals die ganze Halbinsel in
+ähnlicher Weise erfüllt wie die Berber das nordafrikanische Land. Ihr
+Idiom, von den indogermanischen grundverschieden und flexionslos wie
+das der Finnen und Mongolen, beweist ihre ursprüngliche
+Selbständigkeit, und ihre wichtigsten Denkmäler, die Münzen, umfassen
+in dem ersten Jahrhundert der Herrschaft der Römer in Spanien die
+Halbinsel mit Ausnahme der Südküste von Cadiz bis Granada, wo damals
+die phönikische Sprache herrschte, und des Gebietes nördlich von der
+Mündung des Tajo und westlich von den Ebroquellen, welches damals
+wahrscheinlich großenteils faktisch unabhängig und gewiß durchaus
+unzivilisiert war; in diesem iberischen Gebiet unterscheidet sich wohl
+die südspanische Schrift deutlich von der der Nordprovinz, aber nicht
+minder deutlich sind beide Äste eines Stammes. Die phönikische
+Einwanderung hat sich hier auf noch engere Grenzen beschränkt als in
+Afrika und die keltische Mischung die allgemeine Gleichförmigkeit der
+nationalen Entwicklung nicht in einer für uns erkennbaren Weise
+modifiziert. Aber die Konflikte der Römermit den Iberern gehören
+überwiegend der republikanischen Epoche an und sind früher dargestellt
+worden. Nach den bereits erwähnten letzten Waffengängen unter der
+ersten Dynastie verschwinden die Iberer völlig aus unseren Augen. Auch
+auf die Frage, wieweit sie in der Kaiserzeit sich romanisiert haben,
+gibt die uns gebliebene Kunde keine befriedigende Antwort. Daß sie im
+Verkehr mit den fremden Herren von jeher veranlaßt sein werden, sich
+der römischen Sprache zu bedienen, bedarf des Beweises nicht; aber auch
+aus dem öffentlichen Gebrauch innerhalb der Gemeinden schwindet unter
+dem Einfluß Roms die nationale Sprache und die nationale Schrift. Schon
+im letzten Jahrhundert der Republik ist die anfänglich in weitem
+Umfange gestattete einheimische Prägung in der Hauptsache beseitigt
+worden; aus der Kaiserzeit gibt es keine spanische Stadtmünze mit
+anderer als lateinischer Aufschrift ^8. Wie die römische Tracht war die
+römische Sprache auch bei denjenigen Spaniern, die des italischen
+Bürgerrechts entbehrten, in großem Umfang verbreitet, und die Regierung
+begünstigte die faktische Romanisierung des Landes ^9. Als Augustus
+starb, überwog römische Sprache und Sitte in Andalusien, Granada,
+Murcia, Valencia, Katalonien, Arragonien, und ein guter Teil davon
+kommt auf Rechnung nicht der Kolonisierung, sondern der Romanisierung.
+Durch die vorher erwähnte Anordnung Vespasians ward die einheimische
+Sprache von Rechts wegen auf den Privatverkehr beschränkt. Daß sie in
+diesem sich behauptet hat, beweist ihr heutiges Dasein; was jetzt auf
+die Berge sich beschränkt, welche weder die Goten noch die Araber je
+besetzt haben, wird in der römischen Zeit sicher über einen großen Teil
+Spaniens, besonders den Nordwesten, sich erstreckt haben. Dennoch ist
+die Romanisierung in Spanien sicher sehr viel früher und stärker
+eingetreten als in Afrika; Denkmäler mit einheimischer Schrift aus der
+Kaiserzeit sind in Afrika in ziemlicher Anzahl, in Spanien kaum
+nachzuweisen, und die Berbersprache beherrscht heute noch halb
+Nordafrika, die iberische nur die engen Täler der Basken. Es konnte das
+nicht anders kommen, teils weil in Spanien die römische Zivilisation
+viel früher und viel kräftiger auftrat als in Afrika, teils weil die
+Eingeborenen dort nicht wie hier den Rückhalt an den freien Stämmen
+hatten.
+
+—————————————————————————-
+
+^8 Das wohl jüngste sicher datierbare Denkmal der einheimischen Sprache
+ist eine Münze von Osicerda, welche den während des Gallischen Krieges
+von Caesar geschlagenen Denaren mit dem Elefanten nachgeprägt ist, mit
+lateinischer und iberischer Aufschrift (Zobel, Estudio histórico de la
+moneda antigua española. Bd. 2, S. 11). Unter den ganz oder teilweise
+epichorischen Inschriften Spaniens mögen sich manche jüngere befinden;
+öffentliche Setzung ist bei keiner derselben auch nur wahrscheinlich.
+
+^9 Es hat eine Zeit gegeben, wo die Peregrinengemeinden das Recht, die
+lateinische zur Geschäftssprache zu machen, vom Senat erbitten mußten;
+aber für die Kaiserzeit gilt das nicht mehr. Vielmehr ist hier
+wahrscheinlich häufig das Umgekehrte eingetreten, zum Beispiel das
+Münzrecht in der Weise gestattet worden, daß die Aufschrift lateinisch
+sein mußte. Ebenso sind öffentliche Gebäude, die Nichtbürger
+errichteten, lateinisch bezeichnet; so lautet eine Inschrift von Ilipa
+in Andalusien (CIL II, 1087): Urchail Atitta f(ilius) Chilasurgun
+portas fornac(es) aedificand(a) curavit de s(ua) p(ecunia). Daß das
+Tragen der Toga auch Nichtrömern gestattet und ein Zeichen von loyaler
+Gesinnung war, zeigt sowohl Strabons Äußerung über die Tarraconensis
+togata wie Agricolas Verhalten in Britannien (Tac. Agr. 21).
+
+—————————————————————————-
+
+Die einheimische Gemeindeverfassung der Iberer war von der gallischen
+nicht in einer für uns erkennbaren Weise verschieden. Von Haus aus
+zerfiel Spanien, wie das Keltenland dies- und jenseits der Alpen, in
+Gaubezirke; die Vaccäer und die Kantabrer unterschieden sich schwerlich
+wesentlich von den Cenomanen der Transpadana und den Remern der
+Belgica. Daß auf den in der früheren Epoche der Römerherrschaft
+geschlagenen spanischen Münzen vorwiegend nicht die Städte genannt
+werden, sondern die Gaue, nicht Tarraco, sondern die Cessetaner, nicht
+Saguntum, sondern die Arsenser, zeigt deutlicher noch als die
+Geschichte der damaligen Kriege, daß auch in Spanien einst größere
+Gauverbände bestanden. Aber die siegenden Römer behandelten diese
+Verbände nicht überall in gleicher Weise. Die transalpinischen Gaue
+blieben auch unter römischer Herrschaft politische Gemeinwesen; wie die
+cisalpinischen sind die spanischen nur geographische Begriffe. Wie der
+Distrikt der Cenomanen nichts ist als ein Gesamtausdruck für die
+Territorien von Brixia, Bergomum und so weiter, so bestehen die Asturer
+aus zweiundzwanzig politisch selbständigen Gemeinden, die allem
+Anschein nach rechtlich sich nicht mehr angehen als die Städte Brixia
+und Bergomum ^10. Dieser Gemeinden zählte die tarraconensische Provinz
+in augustischer Zeit 293, in der Mitte des zweiten Jahrhunderts 275. Es
+sind also hier die alten Gauverbände aufgelöst worden. Dabei ist
+schwerlich bestimmend gewesen, daß die Geschlossenheit der Vettonen und
+der Kantabrer bedenklicher für die Reichseinheit erschien als diejenige
+der Sequaner und der Treuerer; hauptsächlich beruht der Unterschied
+wohl in der Verschiedenheit der Zeit und der Form der Eroberung. Die
+Landschaft am Guadalquivir ist anderthalb Jahrhunderte früher römisch
+geworden als die Ufer der Loire und der Seine; die Zeit, wo das
+Fundament der spanischen Ordnung gelegt wurde, liegt derjenigen Epoche
+nicht so gar fern, wo die samnitische Konföderation aufgelöst ward.
+Hier waltet der Geist der alten Republik, in Gallien die freiere und
+mildere Anschauung Caesars. Die kleineren und machtlosen Distrikte,
+welche nach Auflösung der Verbände die Träger der politischen Einheit
+wurden, die Kleingaue oder Geschlechter, wandelten sich im Laufe der
+Zeit hier wie überall in Städte um. Die Anfänge der städtischen
+Entwicklung, auch außerhalb der zu italischem Recht gelangten
+Gemeinden, gehen weit in die republikanische, vielleicht in die
+vorrömische Zeit zurück; später mußte die allgemeine Verleihung des
+latinischen Rechts durch Vespasian diese Umwandlung allgemein oder so
+gut wie allgemein machen ^11. Wirklich gab es unter den 293
+augustischen Gemeinden der Provinz von Tarraco 114, unter den 275 des
+zweiten Jahrhunderts nur 27 nicht städtische Gemeinden.
+
+——————————————————————-
+
+^10 Diese merkwürdigen Ordnungen erhellen namentlich aus den spanischen
+Ortsverzeichnissen bei Plinius, und sind von Detlefsen (Philologus 32,
+1878, S. 606f.) gut dargelegt worden. Die Terminologie freilich ist
+schwankend. Da die Bezeichnungen civitas, populus, gens der
+selbständigen Gemeinde eigen sind, kommen sie von Rechts wegen diesen
+Teilen zu; also wird zum Beispiel gesprochen von den X civitates der
+Autrigonen, den XXII populi der Asturer, der gens Zoelarum (CIL II,
+2633), welche eben eine dieser 22 Völkerschaften ist. Das merkwürdige
+Dokument, das wir von diesen Zoelae besitzen (CIL II, 2633) lehrt, daß
+diese gens wieder in gentilitates zerfiel, welche letzteren auch selbst
+gentes hießen, wie eben dieses selbst und andere Zeugnisse (Eph. epigr.
+II, p. 243) beweisen. Es findet sich auch civis in Beziehung auf einen
+der kantabrischen populi (Eph. epigr. II p. 243). Aber auch für den
+größeren Gau, der ja einstmals die politische Einheit war, gibt es
+andere Bezeichnungen nicht als diese eigentlich retrospektive und
+inkorrekte; namentlich gens wird dafür selbst im technischen Stil
+verwendet (z. B. CIL II, 4233: Intercat(iensis) ex gente Vaccaeorum).
+Daß das Gemeinwesen in Spanien auf jenen kleinen Distrikten ruht, nicht
+auf den Gauen, erhellt sowohl aus der Terminologie selbst wie auch
+daraus, daß Plinius (3, 3, 18) jenen 293 Ortschaften die civitates
+contributae aliis gegenüberstellt; ferner zeigt es der Beamte at census
+accipiendos civitatium XXIII Vasconum et Vardulorum (CIL VI, 1463)
+verglichen mit dem censor civitates Remorum foederatae (CIL XI, 1855
+vgl. 2607).
+
+^11 Da die latinische Gemeindeverfassung für eine nicht städtisch
+organisierte Gemeinde nicht paßt, so müssen diejenigen spanischen,
+welche noch nach Vespasian der städtischen Organisation entbehrten,
+entweder von der Verleihung des latinischen Rechts ausgeschlossen oder
+für sie besondere Modifikationen eingetreten sein. Das letztere dürfte
+mehr Wahrscheinlichkeit haben. Latinische Namensform zeigen
+nachvespasianische Inschriften auch der gentes, wie CIL II, 2633 und
+Eph. epigr. II, 322; und wenn einzelne aus dieser Zeit sich finden
+sollten mit nichtrömischen Namen, so wird immer noch zu fragen sein, ob
+hier nicht bloß faktische Vernachlässigung zugrunde liegt. Indizien
+nichtrömischer Gemeindeordnung, in den sparsamen sicher
+vorvespasianischen Inschriften verhältnismäßig häufig (CIL II, 172,
+1953, 2633, 5048), sind mir in sicher nachvespasianischen nicht
+vorgekommen.
+
+——————————————————————-
+
+Über die Stellung Spaniens in der Reichsverwaltung ist wenig zu sagen.
+Bei der Aushebung haben die spanischen Provinzen eine hervorragende
+Rolle gespielt. Die daselbst garnisonierenden Legionen sind
+wahrscheinlich seit dem Anfang des Prinzipats vorzugsweise im Lande
+selbst ausgehoben worden; als späterhin einerseits die Besatzung
+vermindert ward, andererseits die Aushebung mehr und mehr auf den
+eigentlichen Garnisonsbezirk sich beschränkte, hat die Baetica, auch
+hierin das Los Italiens teilend, das zweifelhafte Glück genossen,
+gänzlich vom Wehrdienst ausgeschlossen zu werden. Die auxiliare
+Aushebung, welcher namentlich die in der städtischen Entwicklung
+zurückgebliebenen Landschaften unterlagen, ist in Lusitanien,
+Callaekien, Asturien, nicht minder im ganzen nördlichen und inneren
+Spanien in großem Maßstab durchgeführt worden; Augustus, dessen Vater
+sogar seine Leibwache aus Spaniern gebildet hatte, hat abgesehen von
+der Belgica in keinem der ihm unterstellten Gebiete so umfassend
+rekrutiert wie in Spanien.
+
+Für die Finanzen des Staates ist dies reiche Land ohne Zweifel eine der
+sichersten und ergiebigsten Quellen gewesen; Näheres ist darüber nicht
+überliefert.
+
+Auf die Bedeutung des Verkehrs dieser Provinzen gestattet die Fürsorge
+der Regierung für das spanische Straßenwesen einigermaßen einen Schluß.
+Zwischen den Pyrenäen und Tarraco haben sich römische Meilensteine
+schon aus der letzten republikanischen Zeit gefunden, wie sie keine
+andere Provinz des Okzidents aufweist. Daß Augustus und Tiberius den
+Straßenbau in Spanien hauptsächlich aus militärischen Rücksichten
+förderten, ist schon bemerkt worden; aber die bei Karthago nova von
+Augustur gebaute Straße kann nur des Verkehrs wegen angelegt sein, und
+hauptsächlich dem Verkehr diente auch die von ihm benannte und
+teilweise regulierte, teilweise neu angelegte durchgehende Reichsstraße
+^12, welche, die italisch-gallische Küstenstraße fortführend und die
+Pyrenäen bei dem Paß von Puycerda überschreitend, von da nach Tarraco
+ging, dann über Valentia hinaus bis zur Mündung des Jucar ungefähr der
+Küste folgte, von da aber quer durch das Binnenland das Tal des Baetis
+aufsuchte, sodann von dem Augustusbogen an, der die Grenze der beiden
+Provinzen bezeichnete und mit dem eine neue Milienzählung anhob, durch
+die Provinz Baetica bis an die Mündung des Flusses lief und also Rom
+mit dem Ozean verband. Dies ist allerdings die einzige Reichsstraße in
+Spanien. Später hat die Regierung für die Straßen Spaniens nicht viel
+getan; die Kommunen, welchen dieselben bald wesentlich überlassen
+wurden, scheinen, soviel wir sehen, abgesehen von dem inneren
+Hochplateau, überall die Kommunikationen in dem Umfang hergestellt zu
+haben, wie der Kulturstand der Provinz sie verlangte. Denn gebirgig wie
+Spanien ist, und nicht ohne Steppen und Ödland, gehört es doch zu den
+ertragreichsten Ländern der Erde, sowohl durch die Fülle der
+Bodenfrucht wie durch den Reichtum an Wein und Öl und an Metallen.
+Hinzu trat früh die Industrie, vorzugsweise in Eisenwaren und in
+wollenen und leinenen Geweben. Bei den Schätzungen unter Augustus hatte
+keine römische Bürgergemeinde, Patavium ausgenommen, eine solche Anzahl
+von reichen Leuten aufzuweisen wie das spanische Gades mit seinen durch
+die ganze Welt verbreiteten Großhändlern; und dem entsprach die
+raffinierte Üppigkeit der Sitten, die dort heimischen
+Kastagnettenschlägerinnen und die den eleganten Römern gleich dem
+alexandrinischen geläufigen gaditanischen Lieder. Die Nähe Italiens und
+der bequeme und billige Seeverkehr gaben für diese Epoche besonders der
+spanischen Süd- und Ostküste die Gelegenheit, ihre reichen Produkte auf
+den ersten Markt der Welt zu bringen, und wahrscheinlich hat Rom mit
+keinem Lande der Welt einen so umfassenden und stetigen Großhandel
+betrieben wie mit Spanien.
+
+—————————————————————————-
+
+^12 Die Richtung der via Augusta gibt Strabon (3, 4, 9 p. 160) an; ihr
+gehören alle Meilensteine an, die jenen Namen haben, sowohl die aus der
+Gegend von Lerida (CIL II, 4920-4928) wie die zwischen Tarragona und
+Valencia gefundenen (das. 4949-4954), wie endlich die zahlreichen ab
+Iano Augusto, qui est ad Baetem oder ab arcu, unde incipit Baetica, ad
+oceanum.
+
+—————————————————————————-
+
+Daß die römische Zivilisation Spanien früher und stärker durchdrungen
+hat als irgendeine andere Provinz, bestätigt sich nach verschiedenen
+Seiten, insbesondere in dem Religionswesen und in der Literatur.
+
+Zwar in dem noch später iberischen, von Einwanderung ziemlich
+freigebliebenen Gebiet, in Lusitanien, Callaekien, Asturien, haben die
+einheimischen Götter mit ihren seltsamen, meist auf -icus und -ecus
+ausgehenden Namen, der Endovellicus, der Eaecus, Vagodonnaegus und wie
+sie weiter heißen, auch unter dem Prinzipat noch sich in den alten
+Stätten behauptet. Aber in der ganzen Baetica ist nicht ein einziger
+Votivstein gefunden worden, der nicht ebensogut auch in Italien hätte
+gesetzt sein können; und von der eigentlichen Tarraconensis gilt
+dasselbe, nur daß von dem keltischen Götterwesen am oberen Duero
+vereinzelte Spuren begegnen ^13. Eine gleich energische sakrale
+Romanisierung weist keine andere Provinz auf.
+
+————————————————————————————
+
+^13 In Clunia ist eine Dedikation an die Mütter gefunden (CIL II, 2776)
+- die einzige spanische dieses bei den westlichen Kelten so weit
+verbreiteten und so lange anhaltenden Kults -, in Uxama eine den
+Lugoves gesetzte (das. 2818), welche Gottheit bei den Kelten von
+Aventicum wiederkehrt.
+
+————————————————————————————
+
+Die lateinischen Poeten in Corduba nennt Cicero nur, um sie zu tadeln;
+und das augustische Zeitalter der Literatur ist auch noch wesentlich
+das Werk der Italiener, wenngleich einzelne Provinzialen daran
+mithalfen und unter anderen der gelehrte Bibliothekar des Kaisers, der
+Philolog Hyginus, als Unfreier in Spanien geboren war. Aber von da an
+übernahmen die Spanier darin fast die Rolle wenn nicht des Führers, so
+doch des Schulmeisters. Die Cordubenser Marcus Porcius Latro, der
+Lehrer und das Muster Ovids, und sein Landsmann und Jugendfreund
+Annaeus Seneca, beide nur etwa ein Dezennium jünger als Horaz, aber
+längere Zeit in ihrer Vaterstadt als Lehrer der Beredsamkeit tätig,
+bevor sie ihre Lehrtätigkeit nach Rom verlegten, sind recht eigentlich
+die Vertreter der die republikanische Redefreiheit und Redefrechheit
+ablösenden Schulrhetorik. Als der erstere einmal in einem wirklichen
+Prozeß aufzutreten nicht umhin konnte, blieb er mit seinem Vortrag
+stecken und kam erst wieder in Fluß, als das Gericht dem berühmten Mann
+zu Gefallen vom Tribunal weg in den Schulsaal verlegt ward. Auch
+Senecas Sohn, der Minister Neros und der Modephilosoph der Epoche, und
+sein Enkel, der Poet der Gesinnungsopposition gegen den Prinzipat,
+Lucanus, haben eine literarisch ebenso zweifelhafte wie geschichtlich
+unbestreitbare Bedeutung, die doch auch in gewissem Sinn Spanien
+zugerechnet werden darf. Ebenfalls in der frühen Kaiserzeit haben zwei
+andere Provinzialen aus der Baetica, Mela unter Claudius, Columella
+unter Nero, jener durch seine kurze Erdbeschreibung, dieser durch eine
+eingehende, zum Teil auch poetische Darstellung des Ackerbaus einen
+Platz unter den anerkannten stilisierenden Lehrschriftstellern
+gewonnen. Wenn in der domitianischen Zeit der Poet Canius Rufus aus
+Gades, der Philosoph Decianus aus Emerita und der Redner Valerius
+Licinianus aus Bilbilis (Calatayud, unweit Saragossa) als literarische
+Größen neben Vergil und Catull und neben den drei cordubensischen
+Sternen gefeiert werden, so geschieht dies allerdings ebenfalls von
+einem Bilbilitaner, Valerius Martialis ^14, welcher selbst an Feinheit
+und Mache, freilich aber auch an Feilheit und Leere unter den Dichtern
+dieser Epoche keinem weicht, und man wird mit Recht dabei die
+Landsmannschaft in Anrechnung bringen; doch zeigt schon die bloße
+Möglichkeit, einen solchen Dichterstrauß zu binden, die Bedeutung des
+spanischen Elements in der damaligen Literatur. Aber die Perle der
+spanisch-lateinischen Schriftstellerei ist Marcus Fabius Quintilianus
+(35 bis 95) aus Calagurris am Ebro. Schon sein Vater hatte als Lehrer
+der Beredsamkeit im Rom gewirkt; er selbst wurde durch Galba nach Rom
+gezogen und nahm, namentlich unter Domitian, als Erzieher der
+kaiserlichen Neffen eine angesehene Stellung ein. Sein Lehrbuch der
+Rhetorik und bis zu einem Grade der römischen Literaturgeschichte ist
+eine der vorzüglichsten Schriften, die wir aus dem römischen Altertum
+besitzen, von feinem Geschmack und sicherem Urteil getragen, einfach in
+der Empfindung wie in der Darstellung, lehrhaft ohne Langweiligkeit,
+anmutig ohne Bemühung, in scharfem und bewußtem Gegensatz zu der
+phrasenreichen und gedankenleeren Modeliteratur. Nicht am wenigsten ist
+es sein Werk, daß die Richtung sich, wenn nicht besserte, so doch
+änderte. Späterhin tritt in der allgemeinen Nichtigkeit der Einfluß der
+Spanier nicht weiter hervor. Was bei ihrer lateinischen
+Schriftstellerei geschichtlich besonders ins Gewicht fällt, ist das
+vollständige Anschmiegen dieser Provinzialen an die literarische
+Entwicklung des Mutterlandes. Cicero freilich spottet über das
+Ungeschick und die Provinzialismen der spanischen Dichtungsbeflissenen;
+und noch Latros Latein fand nicht den Beifall des römisch geborenen,
+ebenso vornehmen wie korrekten Messalla Corvinus. Aber nach der
+augustischen Zeit wird nichts Ähnliches wieder vernommen. Die
+gallischen Rhetoren, die großen afrikanischen Kirchenschriftsteller
+sind auch als lateinische Schriftsteller einigermaßen Ausländer
+geblieben; die Seneca und Martialis würde an ihrem Wesen und Schreiben
+niemand als solche erkennen; an inniger Liebe zu der eigenen Literatur
+und an feinem Verständnis derselben hat nie ein Italiener es dem
+calagurritanischen Sprachlehrer zuvorgetan.
+
+————————————————————————————
+
+^14 Die Hinkejamben (1, 61) lauten:
+
+Hoch schätzt des feinen Dichters Lieder Verona;
+
+Des Ivlaro freut sich Mantua.
+
+Pataviums großer Livius macht der Stadt Ruhm aus
+
+Und Stella wie ihr Flaccus auch.
+
+Apollodoren rauscht Beifall des Nils Woge;
+
+Von Nasos Ruhm ist Sulmo voll.
+
+Die beiden Seneca und den einzigen Lucanus
+
+Rühmt das beredte Corduba.
+
+Das lustige Gades wird den Canius sein nennen,
+
+Emerita meinen Decian.
+
+Also wird unser Bilbilis auf dich stolz sein,
+
+Licinian, und auch auf mich.
+
+
+
+
+KAPITEL III.
+Die gallischen Provinzen
+
+
+Wie Spanien war auch das südliche Gallien bereits in republikanischer
+Zeit ein Teil des Römischen Reiches geworden, jedoch weder so früh noch
+so vollständig wie jenes. Die beiden spanischen Provinzen sind in der
+hannibalischen, die Provinz Narbo in der gracchischen Zeit eingerichtet
+worden; und wenn dort Rom die ganze Halbinsel an sich nahm, so begnügte
+es sich hier nicht bloß bis in die letzte Zeit der Republik mit dem
+Besitz der Küste, sondern es nahm auch von dieser unmittelbar nur die
+kleinere und die entferntere Hälfte. Nicht mit Unrecht bezeichnete die
+Republik diesen ihren Besitz als das Stadtgebiet Narbo (Narbonne); der
+größere Teil der Küste, etwa von Montpellier bis Nizza, gehörte der
+Stadt Massalia. Diese Griechengemeinde war mehr ein Staat als eine
+Stadt, und das von alters her bestehende gleiche Bündnis mit Rom
+erhielt durch ihre Machtstellung eine reale Bedeutung, wie sie bei
+keiner zweiten Bundesstadt je vorgekommen ist. Freilich waren
+nichtsdestoweniger die Römer für diese benachbarten Griechen, mehr noch
+als für die entfernteren des Ostens, der Schild wie das Schwert. Die
+Massalioten hatten wohl das untere Rhonegebiet bis nach Avignon hinauf
+in ihrem Besitz; aber die ligurischen und die keltischen Gaue des
+Binnenlandes waren ihnen keineswegs botmäßig, und das römische
+Standlager bei Aquae Sextiae (Aix), einen Tagemarsch nordwärts von
+Massalia, ist recht eigentlich zum dauernden Schutz der reichen
+griechischen Kaufstadt eingerichtet worden. Es war eine der
+schwerwiegendsten Konsequenzen des römischen Bürgerkrieges, daß mit der
+legitimen Republik zugleich ihre treueste Verbündete, die Stadt
+Massalia, politisch vernichtet, aus einem mitherrschenden Staat
+umgewandelt ward in eine auch ferner reichsfreie und griechische, aber
+ihre Selbständigkeit und ihren Hellenismus in den bescheidenen
+Verhältnissen einer provinzialen Mittelstadt bewahrende Gemeinde. In
+politischer Hinsicht ist nach der Einnahme im Bürgerkrieg nicht weiter
+von Massalia die Rede; die Stadt ist fortan nur für Gallien, was
+Neapolis für Italien, das Zentrum griechischer Bildung und griechischer
+Lehre. Insofern als der größere Teil der späteren Provinz Narbo erst
+damals unter unmittelbare römische Verwaltung trat, gehört auch deren
+Einrichtung gewissermaßen erst dieser Epoche an.
+
+Wie das übrige Gallien in römische Gewalt kam, ist auch bereits erzählt
+worden. Vor Caesars Gallischem Krieg erstreckte die Römerherrschaft
+sich ungefähr bis nach Toulouse, Vienne und Genf, nach demselben bis an
+den Rhein in seinem ganzen Lauf und an die Küsten des Atlantischen
+Meeres im Norden wie im Westen. Allerdings war diese Unterwerfung
+wahrscheinlich nicht vollständig, im Nordwesten vielleicht nicht viel
+weniger oberflächlich gewesen als diejenige Britanniens. Indes erfahren
+wir von Ergänzungskriegen hauptsächlich nur hinsichtlich der Distrikte
+iberischer Nationalität. Den Iberern gehörte nicht bloß der südliche,
+sondern auch der nördliche Abhang der Pyrenäen mit deren Vorland,
+Bearn, die Gascogne, das westliche Languedoc ^1; und es ist schon
+erwähnt worden, daß, als das nordwestliche Spanien mit den Römern die
+letzten Kämpfe bestand, auch auf der nördlichen Seite der Pyrenäen und
+ohne Zweifel in Zusammenhang damit, ernsthaft gestritten wurde, zuerst
+von Agrippa im Jahre 716 (38), dann von Marcus Valerius Messalla, dem
+bekannten Patron der römischen Poeten, welcher im Jahre 726 (28) oder
+727 (27), also ungefähr gleichzeitig mit dem Kantabrischen Krieg, in
+dem altrömischen Gebiet unweit Narbonne die Aquitaner in offener
+Feldschlacht überwand. In Betreff der Kelten wird nichts weiter
+gemeldet, als daß kurz vor der Actischen Schlacht die Moriner in der
+Picardie niedergeworfen wurden; und wenn auch während des
+zwanzigjährigen, fast ununterbrochenen Bürgerkrieges unsere
+Berichterstatter die verhältnismäßig unbedeutenden gallischen
+Angelegenheiten aus den Augen verloren haben mögen, so beweist doch das
+Schweigen des hier vollständigen Verzeichnisses der Triumphe, daß keine
+weiteren militärischen Unternehmungen von Bedeutung im Keltenland
+während dieser Zeit stattgefunden haben. Auch nachher, während der
+langen Regierung des Augustus und bei allen, zum Teil recht
+bedenklichen Krisen der germanischen Kriege, sind die gallischen
+Landschaften botmäßig geblieben. Freilich hat die römische Regierung
+sowohl wie die germanische Patriotenpartei, wie wir gesehen haben,
+beständig in Rechnung gezogen, daß ein entscheidender Erfolg der
+Deutschen und deren Einrücken in Gallien eine Erhebung der Gallier
+gegen Rom im Gefolge haben werde; sicher also kann die Fremdherrschaft
+damals noch keineswegs gestanden haben. Zu einer wirklichen
+Insurrektion kam es im Jahre 21 unter Tiberius. Es bildete sich unter
+dem keltischen Adel eine weit verzweigte Verschwörung zum Sturz des
+römischen Regiments. Sie kam vorzeitig zum Ausbruch in den wenig
+bedeutenden Gauen der Turoner und der Andecaven an der unteren Loire,
+und es wurde sogleich nicht bloß die kleine Lyoner Besatzung, sondern
+auch ein Teil der Rheinarmee gegen die Aufständischen in Marsch
+gesetzt. Dennoch schlossen die angesehensten Distrikte sich an; die
+Treuerer unter Führung des Iulius Florus warfen sich haufenweise in die
+Ardennen; in der unmittelbaren Nachbarschaft von Lyon erhoben sich
+unter Führung des Iulius Sacrovir die Häduer und die Sequaner. Freilich
+wurden die geschlossenen Legionen ohne große Mühe der Rebellen Herr;
+allein der Aufstand, an dem die Germanen sich in keiner Weise
+beteiligten, zeigt doch den im Lande und namentlich bei dem Adel damals
+noch herrschenden Haß gegen die fremden Gebieter, welcher durch den
+Steuerdruck und die Finanznot, die als die Ursachen der Insurrektion
+bezeichnet werden, gewiß verstärkt, aber nicht erst erzeugt war. Eine
+größere Leistung der römischen Staatskunst, als daß sie Galliens Herr
+zu werden vermocht hat, ist es, daß sie verstanden hat, es zu bleiben,
+und daß Vercingetorix keinen Nachfolger gefunden hat, obwohl es, wie
+man sieht, nicht ganz an Männern fehlte, die gern den gleichen Weg
+gewandelt wären. Erreicht ward dies durch kluge Verbindung des
+Schreckens und des Gewinnens, man kann hinzusetzen des Teilens. Die
+Stärke und die Nähe der Rheinarmee ist ohne Frage das erste und das
+wirksamste Mittel gewesen, um die Gallier in der Furcht des Herrn zu
+erhalten. Wenn dieselbe durch das ganze Jahrhundert hindurch auf der
+gleichen Höhe geblieben ist, wie dies in dem folgenden Abschnitt
+dargelegt werden wird, so ist dies wahrscheinlich ebenso sehr der
+eigenen Untertanen wegen geschehen, als wegen der späterhin keineswegs
+besonders furchtbaren Nachbarn. Daß schon die zeitweilige Entfernung
+dieser Truppen die Fortdauer der römischen Herrschaft in Frage stellte,
+nicht weil die Germanen dann den Rhein überschreiten, sondern weil die
+Gallier den Römern die Treue aufsagen konnten, lehrt die Erhebung nach
+Neros Tod trotz ihrer Haltlosigkeit: nachdem die Truppen nach Italien
+abgezogen waren, um ihren Feldherrn zum Kaiser zu machen, wurde in
+Trier das selbständige Gallische Reich proklamiert und die
+übriggebliebenen römischen Soldaten auf dieses in Eid und Pflicht
+genommen. Aber wenn auch diese Fremdherrschaft, wie jede, auf der
+übermächtigen Gewalt, der Überlegenheit der geschlossenen und
+geschulten Truppe über die Menge zunächst und hauptsächlich beruhte, so
+beruhte sie doch darauf keineswegs ausschließlich. Die Kunst des
+Teilens ist auch hier erfolgreich angewandt worden. Gallien gehörte
+nicht den Kelten allein; nicht bloß die Iberer waren im Süden stark
+vertreten, sondern auch germanische Stämme am Rhein in beträchtlicher
+Zahl angesiedelt und durch ihre hervorragende kriegerische Tüchtigkeit
+mehr noch als durch ihre Zahl von Bedeutung. In geschickter Weise wußte
+die Regierung den Gegensatz zwischen den Kelten und den
+linksrheinischen Germanen zu nähren und auszunutzen. Aber mächtiger
+wirkte die Politik der Verschmelzung und der Versöhnung. Welche
+Maßregeln zu diesem Zwecke ergriffen wurden, wird weiterhin
+auseinandergesetzt werden; indem die Gauverfassung geschont und selbst
+eine Art nationaler Vertretung bewilligt, gegen das nationale
+Priestertum auch, aber allmählich vorgegangen ward, dagegen die
+lateinische Sprache von Anfang an obligatorisch und mit jener
+nationalen Vertretung die neue Kaiserreligion verschmolzen wurde,
+überhaupt indem die Romanisierung nicht in schroffer Weise angefaßt,
+aber vorsichtig und geduldig gefördert ward, hörte die römische
+Fremdherrschaft in dem Keltenland auf, dies zu sein, da die Kelten
+selber Römer wurden und sein wollten. Wie weit die Arbeit bereits nach
+Ablauf des ersten Jahrhunderts der Römerherrschaft in Gallien gediehen
+war, zeigen die eben erwähnten Vorgänge nach Neros Tod, die in ihrem
+Gesamtverlauf teils der Geschichte des römischen Gemeinwesens, teils
+den Beziehungen desselben zu den Germanen angehören, aber auch in
+diesem Zusammenhang wenigstens andeutungsweise erwähnt werden müssen.
+Der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie ging von einem keltischen
+Adligen aus und begann mit einer keltischen Insurrektion; aber es war
+dies keine Auflehnung gegen die Fremdherrschaft wie die des
+Vercingetorix oder noch des Sacrovir, ihr Ziel nicht die Beseitigung,
+sondern die Umgestaltung des römischen Regiments; daß ihr Führer seine
+Abstammung von einem Bastard Caesars zu den Adelsbriefen seines
+Geschlechts zählte, drückt den halb nationalen, halb römischen
+Charakter dieser Bewegung deutlich aus. Einige Monate später
+proklamierten allerdings, nachdem die abgefallenen römischen Truppen
+germanischer Herkunft und die freien Germanen für den Augenblick die
+römische Rheinarmee überwältigt hatten, einige keltische Stämme die
+Unabhängigkeit ihrer Nation, aber dieser Versuch scheiterte kläglich,
+nicht erst durch das Einschreiten der Regierung, sondern schon an dem
+Widerspruch der großen Majorität der Keltengaue selbst, die den Abfall
+von Rom nicht wollen konnten und nicht wollten. Die römischen Namen der
+führenden Adligen, die lateinische Aufschrift der Insurrektionsmünzen,
+die durchgehende Travestie der römischen Ordnungen zeigen auf das
+deutlichste, daß die Befreiung der keltischen Nation von dem Joch der
+Fremden im Jahre 70 n. Chr. deshalb nicht mehr möglich war, weil es
+eine solche Nation nicht mehr gab und die römische Herrschaft nach
+Umständen als ein Joch, aber nicht mehr als Fremdherrschaft empfunden
+ward. Wäre eine solche Gelegenheit zur Zeit der Schlacht bei Philippi
+oder noch unter Tiberius den Kelten geboten worden, so wäre der
+Aufstand wohl auch nicht anders, aber in Strömen Bluts verlaufen; jetzt
+verlief er im Sande. Wenn einige Dezennien nach diesen schweren Krisen
+die Rheinarmee beträchtlich reduziert ward, so hatten eben sie den
+Beweis geliefert, daß die Gallier in ihrer großen Mehrzahl nicht mehr
+daran dachten, sich von den Italienern zu scheiden, und die vier
+Generationen, die seit der Eroberung sich gefolgt waren, ihr Werk getan
+hatten. Was später dort vorgeht, sind Krisen innerhalb der römischen
+Welt. Als diese auseinanderzubrechen drohte, sonderte sich für einige
+Zeit wie der Osten so auch der Westen von dem Zentrum des Reiches ab;
+aber der Sonderstaat des Postumus war das Werk der Not, nicht der Wahl,
+und auch die Sonderung nur eine faktische; die Imperatoren, die über
+Gallien, Britannien und Spanien geboten, haben gerade ebenso auf die
+Beherrschung des ganzen Reiches Anspruch gemacht wie ihre italischen
+Gegenkaiser. Gewiß blieben genug Spuren des alten keltischen Wesens und
+auch der alten keltischen Unbändigkeit. Wie der Bischof Hilarius von
+Poitiers, selbst ein Gallier, über das trotzige Wesen seiner Landsleute
+klagt, so heißen die Gallier auch in den späteren Kaiserbiographien
+störrig und unregierlich und geneigt zur Widersetzlichkeit, so daß
+ihnen gegenüber Konsequenz und Strenge des Regiments besonders
+erforderlich erscheint. Aber an eine Trennung vom Römischen Reich oder
+gar an eine Lossagung von der römischen Nationalität, soweit es
+überhaupt eine solche damals gab, ist in diesen späteren Jahrhunderten
+nirgends weniger gedacht worden als in Gallien; vielmehr füllt die
+Entwicklung der römisch-gallischen Kultur, zu welcher Caesar und
+Augustus den Grund gelegt haben, die spätere römische Epoche ebenso aus
+wie das Mittelalter und die Neuzeit.
+
+—————————————————————-
+
+^1 Das iberische Münzgebiet reicht entschieden über die Pyrenäen
+hinüber, wenn auch die einzelnen Münzaufschriften, welche unter anderm
+auf Perpignan und Narbonne bezogen werden, nicht sicherer Deutung sind.
+Da alle diese Prägungen unter römischer Autorisation stattgefunden
+haben, so legt dies die Frage nahe, ob nicht früher, namentlich vor der
+Gründung von Narbo (636 118), dieser Teil der späteren Narbonensis
+unter dem Statthalter des Diesseitigen Spaniens gestanden hat.
+Aquitanische Münzen mit iberischer Aufschrift gibt es nicht, so wenig
+wie aus dem nordwestlichen Spanien, wahrscheinlich, weil die römische
+Oberherrschaft, unter deren Tutel diese Prägung erwachsen ist, solange
+dieselbe dauerte, das heißt vielleicht bis zum Numantinischen Krieg,
+jene Gebiete nicht umfaßte.
+
+—————————————————————-
+
+Die Regulierung Galliens ist das Werk des Augustus. Bei derjenigen der
+Reichsverwaltung nach dem Schluß der Bürgerkriege kam das gesamte
+Gallien, so wie es Caesar übertragen oder von ihm hinzugewonnen worden
+war, nur mit Ausschluß des inzwischen mit Italien vereinigten Gebiets
+diesseits der Alpen, unter kaiserliche Verwaltung. Unmittelbar nachher
+begab Augustus sich nach Gallien und vollzog im Jahre 727 (27) in der
+Hauptstadt Lugudunum die Schatzung der gallischen Provinz, wodurch die
+durch Caesar zum Reiche gekommenen Landesteile zuerst einen geordneten
+Kataster erhielten und für sie die Steuerzahlung reguliert ward. Er
+verweilte damals nicht lange, da die spanischen Angelegenheiten seine
+Gegenwart erheischten. Aber die Durchführung der neuen Ordnung stieß
+auf große Schwierigkeiten und vielfach auf Widerstand; es sind nicht
+bloß militärische Angelegenheiten gewesen, welche Agrippas Aufenthalt
+in Gallien im Jahre 735 (19) und den des Kaisers selbst während der
+Jahre 738-741 (16-13) veranlaßten; und die dem kaiserlichen Hause
+angehörigen Statthalter oder Kommandoführer am Rhein, Augustus’
+Stiefsohn Tiberius 738 (16), dessen Bruder Drusus 742-745 (12-9),
+wieder Tiberius 745-747 (9-7), 757-759 (3-5 n. Chr.), 763-765 (9-11 n.
+Chr.), dessen Sohn Germanicus 766-769 (12-15 n. Chr.), hatten alle auch
+die Aufgabe, die Organisation Galliens weiterzuführen. Das Friedenswerk
+war sicher nicht minder schwierig und nicht minder wichtig als die
+Waffengänge am Rhein; man erkennt dies darin, daß der Kaiser die
+Fundamentierung selbst in die Hand nahm und die Durchführung den
+nächst- und höchstgestellten Männern des Reiches anvertraute. Die von
+Caesar im Drange der Bürgerkriege getroffenen Festsetzungen haben erst
+in diesen Jahren diejenige Gestalt bekommen, welche sie dann im
+wesentlichen behielten. Sie erstreckten sich über die alte wie über die
+neue Provinz; indes gab Augustus das altrömische Gebiet nebst dem von
+Massalia vom Mittelmeer bis an die Cevennen schon im Jahre 732 (22) an
+die senatorische Regierung ab und behielt nur Neugallien in eigener
+Verwaltung. Dieses immer noch sehr ausgedehnte Gebiet wurde dann in
+drei Verwaltungsbezirke aufgelöst, deren jedem ein selbständiger
+kaiserlicher Statthalter vorgesetzt wurde. Diese Einteilung knüpfte an
+an die schon von dem Diktator Caesar vorgefundene und auf den
+nationalen Gegensätzen beruhende Dreiteilung des Keltenlandes in das
+von Iberern bewohnte Aquitanien, das rein keltische Gallien und das
+keltisch-germanische Gebiet der Bellten; auch ist wohl beabsichtigt
+worden, diese den Ausbau der römischen Herrschaft fördernden Gegensätze
+einigermaßen in der administrativen Teilung zum Ausdruck zu bringen.
+Indes ist dies nur annähernd durchgeführt worden und konnte auch
+praktisch nicht anders realisiert werden. Das rein keltische Gebiet
+zwischen Garonne und Loire ward zu dem allzu kleinen iberischen
+Aquitanien hinzugelegt, das gesamte linksrheinische Ufer vom Lemansee
+bis zur Mosel mit der Belgica vereinigt, obwohl die meisten dieser Gaue
+keltisch waren; überhaupt überwog der Keltenstamm in dem Grade, daß die
+vereinigten Provinzen die “drei Gallien” heißen konnten. Von der
+Bildung der beiden sogenannten Germanien, nominell dem Ersatz für die
+verlorene oder nicht zustande gekommene wirklich germanische Provinz,
+der Sache nach der gallischen Militärgrenze, wird in dem folgenden
+Abschnitt die Rede sein.
+
+Die rechtlichen Verhältnisse wurden in durchaus verschiedener Weise für
+die alte Provinz Gallien und für die drei neuen geordnet: jene wurde
+sofort und vollständig latinisiert, in dieser zunächst nur das
+bestehende nationale Verhältnis reguliert. Dieser Gegensatz der
+Verwaltung, welcher weit tiefer eingreift als die formale
+Verschiedenheit der senatorischen und der kaiserlichen Administration,
+hat wohl die noch heute nachwirkende Verschiedenheit der Länder der
+Langue d’oc und der Provence zu denen der Langue d’oui zunächst und
+hauptsächlich herbeigeführt.
+
+Soweit wie die Romanisierung Südspaniens war die des gallischen Südens
+in republikanischer Zeit nicht vorgeschritten. Die zwischen den beiden
+Eroberungen liegenden achtzig Jahre waren nicht rasch einzuholen; die
+Truppenlager in Spanien waren bei weitem stärker und stetiger als die
+gallischen, die Städte latinischer Art dort zahlreicher als hier. Wohl
+war auch hier in der Zeit der Gracchen und unter ihrem Einfluß Narbo
+gegründet worden, die erste eigentliche Bürgerkolonie jenseits des
+Meeres; aber sie blieb vereinzelt und im Handelsverkehr zwar Rivalin
+von Massalia, aber allem Anscheine nach an Bedeutung ihr keineswegs
+gleich. Aber als Caesar anfing, die Geschicke Roms zu leiten, wurde vor
+allem hier, in diesem Lande seiner Wahl und seines Sterns, das
+Versäumte nachgeholt. Die Kolonie Narbo wurde verstärkt und war unter
+Tiberius die volkreichste Stadt im gesamten Gallien. Dann wurden,
+hauptsächlich auf dem von Massalia abgetretenen Gebiet, vier neue
+Bürgergemeinden angelegt, darunter die bedeutendsten militärisch Forum
+Iulii (Fréjus), Hauptstation der neuen Reichsflotte, für den Verkehr
+Arelate (Arles) an der Rhonemündung, das bald, als Lyon sich hob und
+der Verkehr sich wieder mehr nach der Rhone zog, Narbo überflügelnd,
+die rechte Erbin Massalias und das große Emporium des
+gallisch-italischen Handels ward. Was er selbst noch und was sein Sohn
+in diesem Sinne geschaffen hat, ist nicht bestimmt zu unterscheiden,
+und geschichtlich kommt darauf auch wenig an; wenn irgendwo, war hier
+Augustus nichts als der Testamentsvollstrecker Caesars. Überall weicht
+die keltische Gauverfassung der italischen Gemeinde. Der Gau der Volker
+im Küstengebiet, früher den Massalioten untertänig, empfing durch
+Caesar latinische Gemeindeverfassung in der Weise, daß die “Prätoren”
+der Volker dem ganzen, 24 Ortschaften umfassenden Bezirk vorstanden ^2,
+bis dann bald darauf die alte Ordnung auch dem Namen nach verschwand
+und an die Stelle des Gaus der Volker die latinische Stadt Nemausus
+(Nîmes) trat. Ähnlich erhielt der ansehnlichste aller Gaue dieser
+Provinz, der der Allobrogen, welche das Land nördlich der Isère und
+östlich der mittleren Rhone, von Valence und Lyon bis in die
+savoyischen Berge und an den Lemansee in Besitz hatten, wahrscheinlich
+bereits durch Caesar eine gleiche städtische Organisation und
+italisches Recht, bis dann Kaiser Gaius der Stadt Vienna das römische
+Bürgerrecht gewährte. Ebenso wurden in der gesamten Provinz die
+größeren Zentren durch Caesar oder in der ersten Kaiserzeit nach
+latinischem Recht organisiert, so Ruscino (Roussillon), Avennio
+(Avignon), Aquae Sextiae (Aix), Apta (Apt). Schon am Schluß der
+augustischen Zeit war die Landschaft an beiden Ufern der unteren Rhone
+in Sprache und Sitte vollständig romanisiert, die Gauverfassung
+wahrscheinlich in der gesamten Provinz bis auf geringe Überreste
+beseitigt. Die Bürger der Gemeinden, denen das Reichsbürgerrecht
+verliehen war, und nicht minder die Bürger derjenigen latinischen
+Rechts, welche durch den Eintritt in das Reichsheer oder durch
+Bekleidung von Ämtern in ihrer Heimatstadt für sich und ihre Nachkommen
+das Reichsbürgerrecht erworben hatten, standen rechtlich den Italienern
+vollständig gleich und gelangten gleich ihnen im Reichsdienst zu Ämtern
+und Ehren.
+
+——————————————————————————-
+
+^2 Das zeigt die merkwürdige Inschrift von Avignon (Herzog, Galliae
+Narbonensis historia, descriptio, institutorum compositio. Leipzig 1864
+n. 403): T. Carisius T. f. pr(aetor) Volcar(um) dar, das älteste
+Zeugnis für die römische Ordnung des Gemeinwesens in diesen Gegenden.
+
+——————————————————————————-
+
+Dagegen in den drei Gallien gab es Städte römischen und latinischen
+Rechts nicht, oder vielmehr es gab dort nur eine solche ^3, die eben
+darum auch zu keiner der drei Provinzen oder zu allen gehörte, die
+Stadt Lugudunum (Lyon). Am äußersten Südrand des kaiserlichen Gallien,
+unmittelbar an der Grenze der städtisch geordneten Provinz, am
+Zusammenfluß der Rhone und der Saône, an einer militärisch wie
+kommerziell gleich wohlgewählten Stelle war während der Bürgerkriege,
+zunächst infolge der Vertreibung einer Anzahl in Vienna ansässiger
+Italiener ^4, im Jahre 711 (43) diese Ansiedlung entstanden, nicht
+hervorgegangen aus einem Keltengau ^5 und daher auch immer mit eng
+beschränktem Gebiet, sondern von Haus aus von Italienern gebildet und
+im Besitz des vollen römischen Bürgerrechts, einzig in ihrer Art
+dastehend unter den Gemeinden der drei Gallien, den Rechtsverhältnissen
+nach einigermaßen wie Washington in dem nordamerikanischen Bundesstaat.
+Diese einzige Stadt der drei Gallien wurde zugleich die gallische
+Hauptstadt. Eine gemeinschaftliche Oberbehörde hatten die drei
+Provinzen nicht und von hohen Reichsbeamten hatte dort nur der
+Statthalter der mittleren oder der lugudunensischen Provinz seinen
+Sitz; aber wenn Kaiser oder Prinzen in Gallien verweilten, residierten
+sie regelmäßig in Lyon. Lyon war neben Karthago die einzige Stadt der
+lateinischen Reichshälfte, welche nach dem Muster der hauptstädtischen
+Garnison eine ständige Besatzung erhielt ^6. Die einzige Münzstätte für
+Reichsgeld, die wir im Westen für die frühere Kaiserzeit mit Sicherheit
+nachweisen können, ist die von Lyon. Hier war die Zentralstelle des
+ganz Gallien umfassenden Grenzzolles, hier der Knotenpunkt des
+gallischen Straßennetzes. Aber nicht bloß alle Regierungsanstalten,
+welche Gallien gemeinschaftlich waren, hatten ihren geborenen Sitz in
+Lyon, sondern diese Römerstadt wurde auch, wie wir weiterhin sehen
+werden, der Sitz des keltischen Landtags der drei Provinzen und aller
+daran sich knüpfenden politischen und religiösen Institutionen, seiner
+Tempel und seiner Jahresfeste. Also blühte Lugudunum rasch empor,
+gefördert durch die mit der Metropolenstellung verbundene reiche
+Dotation und die für den Handel ungemein günstige Lage. Ein
+Schriftsteller aus Tiberius’ Zeit bezeichnet sie als die zweite in
+Gallien nach Narbo; späterhin nimmt sie daselbst den Platz neben oder
+vor ihrer Rhoneschwester Arelate. Bei der Feuersbrunst, die im Jahre 64
+einen großen Teil Roms in Asche legte, sandten die Lugudunenser den
+Abgebrannten eine Beihilfe von 4 Millionen Sesterzen (870000 Mark), und
+als ihre eigene Stadt im nächsten Jahr dasselbe Schicksal in noch
+härterer Weise traf, steuerte auch ihnen das ganze Reich seinen Beitrag
+und sandte der Kaiser die gleiche Summe aus seiner Schatulle.
+Glänzender als zuvor erstand die Stadt aus ihren Ruinen, und sie ist
+fast durch zwei Jahrtausende unter allen Zeitläuften eine Großstadt
+geblieben bis auf den heutigen Tag. In der späteren Kaiserzeit freilich
+tritt sie zurück hinter Trier. Die Stadt der Treverer, Augusta genannt
+wahrscheinlich von dem ersten Kaiser, gewann bald in der Belgica den
+ersten Platz; wenn noch in Tiberius’ Zeit Durocortorum der Remer
+(Reims) die volkreichste Ortschaft der Provinz und der Sitz der
+Statthalter genannt wird, so teilt bereits ein Schriftsteller aus der
+Zeit des Claudius den Primat daselbst dem Hauptort der Treverer zu.
+Aber die Hauptstadt Galliens ^7, man darf vielleicht sagen des
+Okzidents, ist Trier erst geworden durch die Umgestaltung der
+Reichsverwaltung unter Diocletian. Seit Gallien, Britannien und Spanien
+unter einer Oberverwaltung stehen, hat diese ihren Sitz in Trier, und
+seitdem ist Trier auch, wenn die Kaiser in Gallien verweilen, deren
+regelmäßige Residenz und, wie ein Grieche des 5. Jahrhunderts sagt, die
+größte Stadt jenseits der Alpen. Indes die Epoche, wo dieses Rom des
+Nordens seine Mauern und seine Thermen empfing, die wohl genannt werden
+dürfen neben den Stadtmauern der römischen Könige und den Bädern der
+kaiserlichen Reichshauptstadt, liegt jenseits unserer Darstellung.
+Durch die ersten drei Jahrhunderte der Kaiserzeit ist Lyon das römische
+Zentrum des Keltenlandes geblieben, und nicht bloß, weil es an
+Volkszahl und Reichtum den ersten Platz einnahm, sondern weil es, wie
+keine andere des gallischen Nordens und nur wenige des Südens, eine von
+Italien aus gegründete und nicht nur dem Recht, sondern dem Ursprung
+und dem Wesen nach römische Stadt war.
+
+———————————————————————
+
+^3 Nur etwa Noviodunum (Nyon am Genfer See) kann in den drei Gallien
+der Anlage nach mit Lugudunum zusammengestellt werden; aber da diese
+Gemeinde später als civitas Equestrium auftritt (Inscr. Helv. 115), so
+scheint sie unter die Gaue eingereiht zu sein, was von Lugudunum nicht
+gilt.
+
+^4 Die aus Vienna von den Allobrogen früher Vertriebenen (οι εκ
+Ουιέννης τής Ναρβονησίας υπό τών Αλλοβρίγων ποτέ εκπεσόντες) bei Dio
+46, 50 können nicht wohl andere gewesen sein als römische Bürger, da
+die Gründung einer Bürgerkolonie zu ihren Gunsten nur unter dieser
+Voraussetzung sich begreift. Die “frühere” Vertreibung stand wohl in
+Zusammenhang mit dem Allobrogenaufstand unter Catugνatus im Jahre 693
+(61). Die Erklärung, warum die Vertriebenen nicht zurückgeführt,
+sondern anderweitig angesiedelt wurden, fehlt, aber es lassen sich
+dafür mancherlei Veranlassungen denken, und die Tatsache selbst wird
+dadurch nicht in Zweifel gestellt. Die der Stadt zufließenden Renten
+(Tac. hist. 1, 65) mögen ihr wohl auf Kosten von Vienna verliehen
+worden sein.
+
+^5 Der Boden gehörte früher den Segusiavern (Plin. nat. 4, 18, 107;
+Strab. p. 186, 192), einem der kleinen Klientelgaue der Häduer (Caes.
+Gall. 7, 75); aber in der Gaueinteilung zählt sie nicht zu diesen,
+sondern steht für sich als μητρόπολις (Ptol. geogr. 2, 8, 11 u. 12).
+
+^6 Dies sind die 1200 Soldaten, mit welchen, wie der Judenkönig Agrippa
+bei Josephus (bel. Iud. 2, 16, 4) sagt, die Römer das gesamte Gallien
+in Botmäßigkeit halten.
+
+^7 Nichts ist so bezeichnend für die Stellung Triers in dieser Zeit als
+die Verordnung des Kaisers Gratianus vom Jahre 376 (Cod. Theod. 13, 3,
+11), daß den Professoren der Rhetorik und der Grammatik beider Sprachen
+in sämtlichen Hauptstädten der damaligen siebzehn gallischen Provinzen
+zu ihrem städtischen Gehalt die gleiche Zulage aus der Staatskasse
+gegeben, für Trier aber diese höher bemessen werden solle.
+
+———————————————————————
+
+Wie für die Organisation der Südprovinz die italische Stadt die
+Grundlage war, so für die nördliche der Gau, und zwar überwiegend
+derjenige der keltischen ehemaligen Staats-, jetzigen Gemeindeordnung.
+Die Bedeutung des Gegensatzes von Stadt und Gau ist nicht zunächst
+abhängig von seinem Inhalt; selbst wenn er ein bloß rechtlich formaler
+gewesen wäre, hätte er die Nationalitäten geschieden, auf der einen
+Seite das Gefühl der Zugehörigkeit zu Rom, auf der andern Seite das der
+Fremdartigkeit geweckt und geschärft. Hoch darf für diese Zeit die
+praktische Verschiedenheit der beiden Ordnungen nicht angeschlagen
+werden, da die Elemente der Gemeindeordnung, die Beamten, der Rat, die
+Bürgerversammlung, dort wie hier dieselben waren und etwa früher
+vorhandene, tiefer gehende Gegensätze von der römischen Oberherrschaft
+schwerlich lange geduldet wurden. Daher hat auch der Übergang von der
+Gauordnung zu der städtischen sich häufig und ohne Anstoß, man kann
+vielleicht sagen im Laufe der Entwicklung mit einer gewissen
+Notwendigkeit von selber vollzogen. Infolgedessen treten die
+qualitativen Unterschiede der beiden Rechtsformen in unserer
+Überlieferung wenig hervor. Dennoch war der Gegensatz sicher nicht ein
+bloß nomineller, sondern es bestanden in den Befugnissen der
+verschiedenen Gewalten, in Rechtspflege, Besteuerung, Aushebung,
+Verschiedenheiten, die für die Administration, teils an sich, teils
+infolge der Gewöhnung, von Bedeutung waren oder doch bedeutend
+schienen. Bestimmt erkennbar ist der quantitative Gegensatz. Die Gaue,
+wenigstens wie sie bei den Kelten und den Germanen auftreten, sind
+durchgängig mehr Völkerschaften als Ortschaften; dieses sehr
+wesentliche Moment ist allen keltischen Gebieten eigentümlich und
+selbst durch die später eintretende Romanisierung oft mehr verdeckt als
+verwischt. Mediolanum und Brixia haben ihre weiten Grenzen und ihre
+dauernde Potenz wesentlich dem zu danken, daß sie eigentlich nichts
+sind als die Gaue der Insubrer und der Cenomanen. Daß das Territorium
+der Stadt Vienna die Dauphiné und Westsavoyen umfaßt und die ebenso
+alten und fast ebenso ansehnlichen Ortschaften Cularo (Grenoble) und
+Genava (Genf) bis in die späte Kaiserzeit dem Rechte nach Dörfer der
+Kolonie Vienna sind, erklärt sich ebenfalls daraus, daß dieses der
+spätere Name der Völkerschaft der Allobrogen ist. In den meisten
+keltischen Gauen überwiegt eine Ortschaft so durchaus, daß es einerlei
+ist, ob man die Remer oder Durocortorum, die Bituriger oder Burdigala
+nennt; aber es kommt auch das Gegenteil vor, wie zum Beispiel bei den
+Vocontiern Vasio (Vaison) und Lucus, bei den Carnuten Autricum
+(Chartres) und Cenabum (Orleans) sich die Waage halten; und ob die
+Vorrechte, die nach italischer und griechischer Ordnung sich
+selbstverständlich der Flur gegenüber an den Mauerring knüpfen, bei den
+Kelten rechtlich oder auch nur tatsächlich in ähnlicher Weise geordnet
+waren, ist mehr als fraglich. Das Gegenbild für diesen Gau im
+griechisch-italischen Westen ist viel weniger die Stadt als die
+Völkerschaft; die Carnuten hat man mit den Böotern zu gleichen,
+Autricum und Cenabum mit Tanagra und Thespiae. Die Besonderheit der
+Stellung der Kelten unter der römischen Herrschaft gegenüber anderen
+Nationen, den Iberern zum Beispiel und den Hellenen, beruht darauf, daß
+diese größeren Verbände dort als Gemeinden fortbestanden, hier
+diejenigen Bestandteile, aus denen sie sich zusammensetzten, die
+Gemeinden bildeten. Dabei mögen ältere, der vorrömischen Zeit
+angehörige Verschiedenheiten der nationalen Entwicklung mitgewirkt
+haben; es mag wohl leichter ausführbar gewesen sein, den Böotern den
+gemeinschaftlichen Städtetag zu nehmen, als die Helvetier in ihre vier
+Distrikte aufzulösen; politische Verbände behaupten sich auch nach der
+Unterwerfung unter eine Zentralgewalt da, wo ihre Auflösung die
+Desorganisation herbeiführen würde. Dennoch ist, was in Gallien durch
+Augustus oder, wenn man will durch Caesar geschah, nicht durch den
+Zwang der Verhältnisse herbeigeführt worden, sondern hauptsächlich
+durch den freien Entschluß der Regierung, wie er auch allein zu der
+übrigens gegen die Kelten geübten Schonung paßt. Denn es gab in der Tat
+in der vorrömischen Zeit und noch zur Zeit der Caesarischen Eroberung
+eine bei weitem größere Anzahl von Gauen, als wir sie später finden;
+namentlich ist es bemerkenswert, daß die zahlreichen, durch Klientel
+einem größeren Gau angeschlossenen kleineren in der Kaiserzeit nicht
+selbständig geworden, sondern verschwunden sind ^8. Wenn späterhin das
+Keltenland geteilt erscheint in eine mäßige Anzahl bedeutender, zum
+Teil sogar sehr großer Gaudistrikte, innerhalb deren abhängige Gaue
+nirgends zum Vorschein kommen, so ist diese Ordnung freilich durch das
+vorrömische Klientelwesen angebahnt, aber erst durch die römische
+Reorganisation vollständig durchgeführt worden. Dieser Fortbestand und
+diese Steigerung der Gauverfassung wird für die weitere politische
+Entwicklung Galliens vor allem bestimmend gewesen sein. Wenn die
+tarraconensische Provinz in 293 selbständige Gemeinden zerfiel, so
+zählten die drei Gallien zusammen, wie wir sehen werden, deren nicht
+mehr als 64. Die Einheit und ihre Erinnerungen blieben ungebrochen; die
+eifrige Verehrung, die die ganze Kaiserzeit hindurch dem Quellgott
+Nemausus bei den Volkern gezollt wurde, zeigt, wie selbst hier, im
+Süden des Landes und in einem zur Stadt umgewandelten Gau die
+traditionelle Zusammengehörigkeit noch immer lebendig empfunden ward.
+In dieser Art innerlich fest zusammenhaltende Gemeinden mit weiten
+Grenzen waren eine Macht. Wie Caesar die gallischen Gemeinden vorfand,
+mit einer in völliger politischer wie ökonomischer Abhängigkeit
+gehaltenen Volksmasse und einem übermächtigen Adel, so sind sie im
+wesentlichen auch unter römischer Herrschaft geblieben; genau wie in
+vorrömischer Zeit die großen Adligen mit ihrem nach Tausenden zählenden
+Gesinde von Hörigen und Schuldknechten ein jeder in seiner Heimat die
+Herren spielten, so schildert uns Tacitus in Tiberius’ Zeit die
+Zustände bei den Treverern. Das römische Regiment gab der Gemeinde
+weitgehende Rechte, sogar eine gewisse Militärgewalt, so daß sie unter
+Umständen Festungen einzurichten und besetzt zu halten befugt war, wie
+dies bei den Helvetiern vorkommt, die Beamten die Bürgerwehr aufbieten
+konnten und in diesem Falle Offiziersrecht und Offiziersrang hatten.
+Diese Befugnis war nicht dieselbe in den Händen des Vorstehers einer
+kleinen Stadt Andalusiens und desjenigen eines Bezirkes an der Loire
+oder der Mosel vom Umfang einer kleinen Provinz. Die weitherzige
+Politik Caesars des Vaters, auf den die Grundzüge dieses Systems
+notwendig zurückgeführt werden müssen, zeigt sich hier in ihrer ganzen
+großartigen Ausdehnung.
+
+—————————————————————-
+
+^8 Bei Caesar erscheinen wohl, im großen und ganzen genommen, dieselben
+Gaue, wie sie dann in der augustischen Ordnung vertreten sind, aber
+zugleich vielfache Spuren kleinerer Klientelverbände (vgl. 3, 249); so
+werden als “Klienten” der Häduer genannt die Segusiaver, die
+Ambivareten, die Aulerker Brannoviker und die Brannovier (Caes. Gall.
+7, 75), als Klienten der Treuerer die Condruser (Caes. Gall. 4; 6), als
+solche der Helvetier die Tulinger und Latobrigen. Mit Ausnahme der
+Segusiaver fehlen diese alle auf dem Lyoner Landtage. Dergleichen
+kleinere, nicht völlig in die Vororte aufgegangene Gaue mag es in
+Gallien zur Zeit der Unterwerfung in großer Zahl gegeben haben. Wenn
+nach Josephus (bel. Iud. 2, 16, 4) den Römern 305 gallische Gaue und
+1200 Städte gehorchten, so mögen dies die Ziffern sein, die für Caesars
+Waffenerfolge herausgerechnet worden sind; wenn die kleinen iberischen
+Völker in Aquitanien und die Klientelgaue im Keltenland mitgezählt
+wurden, konnten dergleichen Zahlen wohl herauskommen.
+
+—————————————————————-
+
+Aber die Regierung beschränkte sich nicht darauf, die Gauordnung den
+Kelten zu lassen; sie ließ oder gab ihnen vielmehr auch eine nationale
+Verfassung, soweit eine solche mit der römischen Oberherrschaft sich
+vereinbaren ließ. Wie der hellenischen Nation, so verlieh Augustus der
+gallischen eine organisierte Gesamtvertretung, welche dort wie hier in
+der Epoche der Freiheit und der Zerfahrenheit wohl erstrebt, aber nie
+erreicht worden war. Unter dem Hügel, den die Hauptstadt Galliens
+krönte, da wo die Saône ihr Wasser mit dem der Rhone mischt, weihte am
+1. August des Jahres 742 (12) der kaiserliche Prinz Drusus als
+Vertreter der Regierung in Gallien der Roma und dem Genius des
+Herrschers den Altar, an welchem fortan jedes Jahr an diesem Tage
+diesen Göttern von der Gemeinschaft der Gallier die Festfeier
+abgehalten werden sollte. Die Vertreter der sämtlichen Gaue wählten aus
+ihrer Mitte Jahr für Jahr den “Priester der drei Gallien”, und dieser
+brachte am Kaisertag das Kaiseropfer dar und leitete die dazu gehörigen
+Festspiele. Diese Landesvertretung hatte nicht bloß eine eigene
+Vermögensverwaltung mit Beamten, welche den vornehmen Kreisen des
+provinzialen Adels angehörten, sondern auch einen gewissen Anteil an
+den allgemeinen Landesangelegenheiten. Von unmittelbarem Eingreifen
+derselben in die Politik findet sich allerdings keine andere Spur, als
+daß bei der ernsten Krise des Jahres 70 der Landtag der “drei Gallien”
+die Treverer von der Auflehnung gegen Rom abmahnte; aber er hatte und
+gebrauchte das Recht der Beschwerdeführung über die in Gallien
+fungierenden Reichs- und Hausbeamten und wirkte ferner mit wenn nicht
+bei der Auflegung, so doch bei der Repartition der Steuern ^9, zumal da
+diese nicht nach den einzelnen Provinzen, sondern für Gallien insgemein
+angelegt wurden. Ähnliche Einrichtungen hat allerdings die
+Kaiserregierung in allen Provinzen ins Leben gerufen, in einer jeden
+nicht bloß die sakrale Zentralisierung eingeführt, sondern auch, was
+die Republik nicht getan hatte, einer jeden ein Organ verliehen, um
+Bitten und Klagen vor die Regierung zu bringen. Dennoch hat Gallien in
+dieser Hinsicht vor allen übrigen Reichsteilen wenigstens ein
+tatsächliches Privilegium, wie sich denn diese Institution auch allein
+hier voll entwickelt findet ^10. Einmal steht der vereinigte Landtag
+der drei Provinzen den Legaten und Prokuratoren einer jeden notwendig
+unabhängiger gegenüber als zum Beispiel der Landtag von Thessalonike
+dem Statthalter von Makedonien. Sodann aber kommt es bei Institutionen
+dieser Art weit weniger auf das Maß der verliehenen Rechte an, als auf
+das Gewicht der darin vertretenen Körperschaften; und die Stärke der
+einzelnen gallischen Gemeinden übertrug sich ebenso auf den Landtag von
+Lyon wie die Schwäche der einzelnen hellenischen auf den von Argos. In
+der Entwicklung Galliens unter den Kaisern hat der Landtag von Lyon
+allem Anschein nach diejenige allgemein gallische Homogenität, welche
+daselbst mit der Latinisierung Hand in Hand geht, wesentlich gefördert.
+
+———————————————————————————-
+
+^9 Darauf führt außer der Inschrift bei Boissieu, Lyon, S. 609, wo die
+Worte tot[i]us cens[us Galliarum] mit dem Namen eines der Altarpriester
+in Verbindung gebracht werden, die Ehreninschrift, welche die drei
+Gallien einem kaiserlichen Beamten a censibus accipiendis setzen
+(Heuzen 6944); derselbe scheint die Katasterrevision für das ganze Land
+geleitet zu haben, eben wie früher Drusus, während die Schätzung selbst
+durch Kommissarien für die einzelnen Landschaften erfolgte. Auch ein
+sacerdos Romae et Augusti der Tarraconensis wird belobt ob curam
+tabulari censualis fideliter administratam (CIL II, 4248); es waren
+also mit der Steuerrepartierung wohl die Landtage aller Provinzen
+befaßt. Die kaiserliche Finanzverwaltung der drei Gallien war
+wenigstens der Regel nach so geteilt, daß die beiden westlichen
+Provinzen (Aquitanien und Lugudunensis) unter einem Prokurator standen,
+Belgica und die beiden Germanien unter einem andern; doch hat es
+rechtlich feste Kompetenzen dafür wohl nicht gegeben. Auf eine
+regelmäßige Beteiligung bei der Aushebung darf aus der von Hadrian,
+offenbar außerordentlicher Weise, mit Vertretern aller spanischen
+Distrikte gepflogenen Verhandlung (vita 12) nicht geschlossen werden.
+
+^10 Für die arca Galliarum, den Freigelassenen der drei Gallien (Heuzen
+6393), den adlector arcae Galliarum, inquisitor Galliarum, iudex arcae
+Galliarum gibt meines Wissens keine andere Provinz Analogien; und von
+diesen Einrichtungen hätten, wenn sie allgemein gewesen wären, die
+Inschriften sicher auch sonst Spuren bewahrt. Diese Einrichtungen
+scheinen auf eine sich selbst verwaltende und besteuernde Körperschaft
+zu führen (der in seiner Bedeutung unklare adlector kommt als Beamter
+in Kollegien vor CIL VI, 355; Orelli 2406); wahrscheinlich bestritt
+diese Kasse die wohl nicht unbeträchtlichen Ausgaben für die
+Tempelgebäude und für das Jahrfest. Eine Staatskasse ist die arca
+Galliarum nicht gewesen.
+
+———————————————————————————-
+
+Die Zusammensetzung des Landtags, welche uns ziemlich genau bekannt ist
+^11, zeigt, in welcher Weise die Nationalitätenfrage von der Regierung
+behandelt ward. Von den sechzig, später vierundsechzig auf dem Landtag
+vertretenen Gauen kommen nur vier auf die iberischen Bewohner
+Aquitaniens, obwohl dieses Gebiet zwischen der Garonne und den Pyrenäen
+unter eine sehr viel größere Zahl durchgängig kleiner Stämme geteilt
+war, sei es, daß die übrigen von der Vertretung überhaupt
+ausgeschlossen waren, sei es, daß jene vier vertretenen Gaue die
+Vororte von Gauverbänden sind ^12. Späterhin, wahrscheinlich in
+traianischer Zeit, ist der iberische Bezirk von dem Lyoner Landtag
+abgetrennt und ihm eine selbständige Vertretung gegeben worden ^13.
+Dagegen sind die keltischen Gaue in derjenigen Organisation, die wir
+früher kennengelernt haben, im wesentlichen alle auf dem Landtag
+vertreten und ebenso die halb oder ganz germanischen ^14, soweit sie
+zur Zeit der Stiftung des Altars zum Reiche gehörten; daß für die
+Hauptstadt Galliens in dieser Gauvertretung kein Platz war, versteht
+sich von selbst. Außerdem erscheinen die Ubier nicht auf dem Landtag
+von Lyon, sondern opfern an ihrem eigenen Augustus-Altar - es ist dies,
+wie wir sahen, ein stehengebliebener Überrest der beabsichtigten
+Provinz Germanien.
+
+—————————————————————
+
+^11 Als Gesamtzahl der auf dem Lyoner Altar verzeichneten Gemeinden
+gibt Strabo (4, 3, 2, p. 192) sechzig an, als die Zahl der
+aquitanischen in dem keltischen Teil, nördlich von der Garonne,
+vierzehn (4,1, 1, p. 177). Tacitus (ann. 3, 44) nennt als Gesamtzahl
+der gallischen Gaue vierundsechzig, ebenso, wenn auch in unrichtiger
+Verbindung, der Scholiast zur Aeneis (1, 286). Auf die gleiche
+Gesamtzahl führt das Verzeichnis bei Ptolemaeos aus dem zweiten
+Jahrhundert, welches für Aquitanien siebzehn, für die Lugudunensis 25,
+für Belgica 22 Gaue aufführt. Von seinen aquitanischen Gauen fallen
+dreizehn auf das Gebiet zwischen Loire und Garonne, vier auf das
+zwischen Garonne und Pyrenäen. In dem späteren aus dem 5. Jahrhundert,
+das unter dem Namen der Notitia Galliarum bekannt ist, fallen auf
+Aquitanien 26, auf die Lugudunensis (ausschließlich Lyons) 24, auf
+Belgica 27. Alle diese Zahlen sind vermutlich eine jede für ihre Zeit
+richtig; zwischen der Errichtung des Altars im Jahre 742 (12) und der
+Zeit des Tacitus (denn auf diese ist seine Angabe wohl zu beziehen)
+können ebenso vier Gaue hinzugetreten sein, wie sich die Verschiebung
+der Zahlen vom 2, bis zum 5. Jahrhundert auf einzelne, zum guten Teil
+speziell noch nachweisliche Änderungen zurückführen läßt.
+
+Bei der Wichtigkeit dieser Ordnungen wird es nicht überflüssig sein,
+sie wenigstens für die beiden westlichen Provinzen im speziellen
+darzulegen. In der rein keltischen Mittelprovinz stimmen die drei
+Verzeichnisse bei Plinius (1. Jahrhundert), Ptolemaeos (2. Jahrhundert)
+und der Notitia (5. Jahrhundert) in 21 Namen überein: Abrincates -
+Andecavi - Aulerci Cenomani - Aulerci Diablintes - Aulerci Eburovici -
+Baiocasses (Bodiocasses Plin., Vadicasii Ptol.) - Carnutes -
+Coriosolites (ohne Zweifel die Samnitae des Ptolemaeos) - Haedui -
+Lexovii - Meldae - Namnetes - Osismii - Parisii - Redones - Senones -
+Tricassini - Turones - Veliocasses (Rotomagenses) - Veneti - Unelli
+(Constantia); in drei weiteren: Caletae - Segusiavi - Viducasses
+stimmen Plinius und Ptolemaeos, während sie in der Notitia fehlen, weil
+inzwischen die Caletae mit den Veliocasses oder den Rotomagenses, die
+Viducasses mit den Baiocasses zusammengelegt und die Segusiavi in Lyon
+aufgegangen waren. Dagegen erscheinen hier statt der drei
+verschwundenen zwei neue durch Teilung entstandene: Aureliani
+(Orleans), abgezweigt aus den Carnutes (Chartres), und Autessiodurum
+(Auxerre), abgezweigt aus den Senones (Sens). Übrig bleiben bei Plinius
+zwei Namen: Boi - Atesui; bei Ptolemaeos einer: Arvii; in der Notitia
+einer: Saii.
+
+Für das keltische Aquitanien stimmen die drei Listen in elf Namen
+überein:
+
+Arverni - Bituriges Cubi - Bituriges Vivisci (Burdigalenses) - Cadurci
+- Gabales - Lemovici - Nitiobriges (Aginnenses) - Petrucorii - Pictones
+- Ruteni -Sautones; die zweite und dritte in dem zwölften der Vellauni,
+der bei Plinius ausgefallen sein wird; Plinius allein hat (abgesehen
+von den problematischen Aquitani) zwei Namen mehr: Ambilatri und
+Anagnutes, Ptolomaeos einen sonst unbekannten: Datii; vielleicht ist
+mit zweien von diesen die Strabonische Zahl der vierzehn voll zu
+machen. Die Notitia hat außer jenen elf noch zwei auf Spaltung
+beruhende, die Albigenses (Albi am Tarn) und die Ecolismenses
+(Angoulême).
+
+In ähnlicher Weise verhalten sich die Listen der östlichen Gaue. Obwohl
+untergeordnete Differenzen sich ergeben, die hier nicht erörtert werden
+können, liegt das Wesen und die Beständigkeit der gallischen Gauteilung
+deutlich vor.
+
+^12 Die vier vertretenen Völkerschaften sind die Tarbeller, Vasaten,
+Auscier und Convener. Außer diesen zählt Plinius im südlichen
+Aquitanien nicht weniger als 25 größtenteils sonst unbekannte
+Völkerschaften auf als rechtlich jenen vier gleichstehend.
+
+^13 Plinius und, vermutlich auch hier älteren Quellen folgend,
+Ptolemaeos wissen von dieser Teilung nichts; aber wir besitzen noch die
+ungefügen Verse des Gascogner Bauern (B. Borghesi, (Oeuvres complètes.
+Paris 1862-79. Bd. 8, S. 544), der dies in Rom auswirkte, ohne Zweifel
+in Gemeinschaft mit einer Anzahl seiner Landsleute, obwohl er es
+vorgezogen hat, dies nicht hinzuzusetzen:
+
+Flamen, item dumvir, quaestor pagiq(ue) magister
+
+Verus ad Augustum legato (so) munere functus
+
+pro novem optinuit populis seiungere Gallos:
+
+urbe redux Genio pagi hanc dedicat aram.
+
+Flamen, auch Zweimann, Schatzmeister und Schulze des Dorfes
+
+Ging den Kaiser ich an, Verus, nach erhaltenem Auftrag;
+
+Wirkte dem Neungau aus von ihm zu scheiden die Galler
+
+Und zurück von Rom weih den Altar ich dem Dorfgeist.
+
+Die älteste Spur der administrativen Trennung des iberischen
+Aquitaniens von dem gallischen ist die Nennung des “Bezirks von
+Lactora” (Lectoure) neben Aquitanien in einer Inschrift aus
+traianischer Zeit (CIL V 875: procurator provinciarum Luguduniensis et
+Aquitanicae, item Lactorae). Diese Inschrift beweist allerdings an sich
+mehr die Verschiedenheit der beiden Gebiete als die formelle
+Absonderung des einen von dem andern; aber es läßt sich anderweitig
+zeigen, daß bald nach Traian die letztere durchgeführt war. Denn daß
+der abgetrennte Bezirk ursprünglich in neun Gaue zerfiel, wie jene
+Verse es sagen, bestätigt der seitdem gebliebene Name Novempopulana;
+unter Pius aber zählt der Bezirk bereits elf Gemeinden (denn der
+dilectator er Apquitanicae XI populos, Boissieu, Lyon, S. 246, gehört
+gewiß hierher), im fünften Jahrhundert zwölf; denn so viele zählt die
+Notitia unter der Novempopulana auf. Diese Vermehrung erklärt sich
+ebenso wie die in Anm. 11 erörterte. Auf die Statthalterschaft bezieht
+die Teilung sich nicht; vielmehr blieben das keltische und das
+iberische Aquitanien beide unter demselben Legaten. Aber die
+Novempopulana erhielt unter Traian ihren eigenen Landtag, während die
+keltischen Distrikte Aquitaniens nach wie vor den Landtag von Lyon
+beschickten.
+
+^14 Es fehlen einige kleinere germanische Völkerschaften, wie die
+Baetasier und die Sunuker, vielleicht aus ähnlichen Gründen wie die
+kleineren iberischen; ferner die Cannenefaten und die Friesen,
+wahrscheinlich weil diese erst später reichsuntertänig geworden sind.
+Die Bataver sind vertreten.
+
+————————————————————————
+
+Wurde die keltische Nation also in dem kaiserlichen Gallien in sich
+selbst konsolidiert, so wurde sie auch dem römischen Wesen gegenüber
+gewissermaßen garantiert durch das hinsichtlich der Erteilung des
+Reichsbürgerrechts für dieses Gebiet eingehaltene Verfahren. Die
+Hauptstadt Galliens freilich war und blieb eine römische Bürgerkolonie,
+und es gehört dies wesentlich mit zu der eigenartigen Stellung, die sie
+dem übrigen Gallien gegenüber einnahm und einnehmen sollte. Aber
+während die Südprovinz mit Kolonien bedeckt und durchaus nach
+italischem Gemeinde recht geordnet ward, hat Augustus in den “drei
+Gallien” nicht eine einzige Bürgerkolonie eingerichtet, und
+wahrscheinlich ist auch dasjenige Gemeinderecht, welches unter dem
+Namen des latinischen eine Zwischenstufe zwischen Bürgern und
+Nichtbürgern bildet und seinen angeseheneren Inhabern von Rechts wegen
+das Bürgerrecht für ihre Person und ihre Nachkommen gewährt, längere
+Zeit von Gallien ferngehalten worden. Die persönliche Verleihung des
+Bürgerrechts, teils nach allgemeinen Bestimmungen an den Soldaten bald
+bei dem Eintritt, bald bei dem Abschied, teils aus besonderer Gunst an
+einzelne Personen, konnte allerdings auch dem Gallier zuteil werden; so
+weit, wie die Republik gegangen war, dem Helvetier zum Beispiel den
+Gewinn des römischen Bürgerrechts ein für allemal zu untersagen, ging
+Augustus nicht und konnte es auch nicht, nachdem Caesar das Bürgerrecht
+an geborene Gallier vielfach auf diese Weise vergeben hatte. Aber er
+nahm wenigstens den aus den “drei Gallien” stammenden Bürgern - mit
+Ausnahme immer der Lugudunenser - das Recht der Ämterbewerbung und
+schloß sie damit zugleich aus dem Reichssenat aus. Ob diese Bestimmung
+zunächst im Interesse Roms oder zunächst in dem der Gallier getroffen
+war, können wir nicht wissen; gewiß hat Augustus beides gewollt, einmal
+dem Eindringen des fremdartigen Elements in das Römertum wehren und
+damit dasselbe reinigen und heben, andererseits den Fortbestand der
+gallischen Eigenartigkeit in einer Weise verbürgen, die eben durch
+verständiges Zurückhalten die schließliche Verschmelzung mit dem
+römischen Wesen sicherer förderte, als die schroffe Aufzwingung
+fremdländischer Institutionen getan haben würde.
+
+Kaiser Claudius, selbst in Lyon geboren und, wie die Spötter von ihm
+sagten, ein richtiger Gallier, hat diese Schranken zum guten Teil
+beseitigt. Die erste Stadt in Gallien, welche sicher italisches Recht
+empfangen hat, ist die der Ubier, wo der Altar des römischen Germaniens
+angelegt war; dort im Feldlager ihres Vaters, des Germanicus, wurde die
+nachmalige Gemahlin des Claudius Agrippina geboren, und sie hat im
+Jahre 50 ihrem Geburtsort das wahrscheinlich latinische Kolonialrecht
+erwirkt, dem heutigen Köln. Vielleicht gleichzeitig, vielleicht schon
+früher ist dasselbe für die Stadt der Treverer, Augusta, geschehen, das
+heutige Trier. Auch noch einige andere gallische Gaue sind in dieser
+Weise dem Römertum näher gerückt worden, so der der Helvetier durch
+Vespasian, ferner der der Sequaner (Besançon); große Ausdehnung aber
+scheint das latinische Recht in diesen Gegenden nicht gefunden zu
+haben. Noch weniger ist in der früheren Kaiserzeit in dem kaiserlichen
+Gallien ganzen Gemeinden das volle Bürgerrecht beigelegt worden. Wohl
+aber hat Claudius mit der Aufhebung der Rechtsbeschränkung den Anfang
+gemacht, welche die zum persönlichen Reichsbürgerrecht gelangten
+Gallier von der Reichsbeamtenlaufbahn ausschloß; es wurde zunächst für
+die ältesten Verbündeten Roms, die Häduer, bald wohl allgemein diese
+Schranke beseitigt. Damit war wesentlich die Gleichstellung erreicht.
+Denn nach den Verhältnissen dieser Epoche hatte das Reichsbürgerrecht
+für die durch ihre Lebensstellung von der Ämterlaufbahn
+ausgeschlossenen Kreise kaum einen besonderen praktischen Wert und war
+für vermögende Peregrinen guter Herkunft, die diese Laufbahn zu
+betreten wünschten und deshalb seiner bedurften, leicht zu erlangen;
+wohl aber war es eine empfindliche Zurücksetzung, wenn dem römischen
+Bürger aus Gallien und seinen Nachkommen von Rechts wegen die
+Ämterlaufbahn verschlossen blieb.
+
+Wenn in der Organisation der Verwaltung das nationale Wesen der Kelten
+so weit geschont ward, als dies mit der Reichseinheit sich irgend
+vertrug, so ist dies hinsichtlich der Sprache nicht geschehen. Auch
+wenn es praktisch ausführbar gewesen wäre, den Gemeinden die Führung
+ihrer Verwaltung in einer Sprache zu gestatten, deren die
+kontrollierenden Reichsbeamten nur ausnahmsweise mächtig sein konnten,
+lag es unzweifelhaft nicht in den Absichten der römischen Regierung,
+diese Schranke zwischen den Herrschenden und Beherrschten aufzurichten.
+Dementsprechend ist unter den in Gallien unter römischer Herrschaft
+geschlagenen Münzen und von Gemeinde wegen gesetzten Denkmälern keine
+erweislich keltische Aufschrift gefunden worden. Der Gebrauch der
+Landessprache wurde übrigens nicht gehindert; wir finden sowohl in der
+Südprovinz wie in den nördlichen Denkmäler mit keltischer Aufschrift,
+dort immer mit griechischem ^15, hier immer mit lateinischem Alphabet
+geschrieben ^16, und wahrscheinlich gehören wenigstens manche von
+jenen, sicher diese sämtlich der Epoche der Römerherrschaft an. Daß in
+Gallien außerhalb der Städte italischen Rechts und der römischen Lager
+inschriftliche Denkmäler überhaupt nur in geringer Zahl auftreten, wird
+wahrscheinlich hauptsächlich dadurch herbeigeführt sein, daß die als
+Dialekt behandelte Landessprache ebenso für solche Verwendung
+ungeeignet erschien wie die ungeläufige Reichssprache und daher das
+Denksteinsetzen hier überhaupt nicht so wie in den latinisierten
+Gegenden in Aufnahme kam; das Lateinische mag in dem größten Teil
+Galliens damals ungefähr die Stellung gehabt haben wie nachher im
+früheren Mittelalter gegenüber der damaligen Volkssprache. Das
+energische Fortleben der nationalen Sprache zeigt am bestimmtesten die
+Wiedergabe der gallischen Eigennamen im Latein nicht selten unter
+Beibehaltung unlateinischer Lautformen. Daß Schreibungen wie Lousonna
+und Boudicca mit dem unlateinischen Diphthong ou selbst in die
+lateinische Literatur eingedrungen sind und für den aspirierten Dental,
+das englische th, sogar in römischer Schrift ein eigenes Zeichen (Đ)
+verwendet wird, ferner Epaciatextorigus neben Epasnactus geschrieben
+wird, Đirona neben Sirona, machen es fast zur Gewißheit, daß die
+keltische Sprache, sei es im römischen Gebiet, sei es außerhalb
+desselben, in oder vor dieser Epoche einer gewissen schriftmäßigen
+Regulierung unterlegen hatte und schon damals so geschrieben werden
+konnte, wie sie noch heute geschrieben wird. Auch an Zeugnissen für
+ihren fortdauernden Gebrauch in Gallien fehlt es nicht. Als die
+Stadtnamen Augustodunum (Autun), Augustonemētum (Clermont), Augustobona
+(Troyes) und manche ähnliche aufkamen, sprach man notwendig auch im
+mittleren Gallien noch keltisch. Arrian unter Hadrian gibt in seiner
+Abhandlung über die Kavallerie für einzelne den Kelten entlehnte
+Manöver den keltischen Ausdruck an. Ein geborener Grieche, Eirenaeos,
+der gegen das Ende des 2. Jahrhunderts als Geistlicher in Lyon
+fungierte, entschuldigt die Mängel seines Stils damit, daß er im Lande
+der Kelten lebe und genötigt sei, stets in barbarischer Sprache zu
+reden. In einer juristischen Schrift aus dem Anfang des 3. Jahrhunderts
+wird, im Gegensatz zu der Rechtsregel, daß die letztwilligen
+Verfügungen im allgemeinen lateinisch oder griechisch abzufassen sind,
+für Fideikommisse auch jede andere Sprache, zum Beispiel die punische
+und die gallische zugelassen. Dem Kaiser Alexander wurde sein Ende von
+einer gallischen Wahrsagerin in gallischer Sprache angekündigt. Noch
+der Kirchenvater Hieronymus, der selber in Ancyra wie in Trier gewesen
+ist, versichert, daß die kleinasiatischen Galater und die Treverer
+seiner Zeit ungefähr die gleiche Sprache redeten, und vergleicht das
+verdorbene Gallisch der Asiaten mit dem verdorbenen Punisch der
+Afrikaner. Wenn die keltische Sprache sich in der Bretagne, ähnlich wie
+in Wales, bis auf den heutigen Tag behauptet hat, so hat die Landschaft
+zwar ihren heutigen Namen von den im fünften Jahrhundert dorthin vor
+den Sachsen flüchtenden Inselbriten erhalten, aber die Sprache ist
+schwerlich erst mit diesen eingewandert, sondern allem Anschein nach
+hier seit Jahrtausenden von einem Geschlecht dem andern überliefert. In
+dem übrigen Gallien hat natürlich im Laufe der Kaiserzeit das römische
+Wesen schrittweise Boden gewonnen; ein Ende gemacht hat aber dem
+keltischen Idiom hier wohl nicht so sehr die germanische Einwanderung
+als die Christianisierung, welche in Gallien nicht, wie in Syrien und
+Ägypten, die von der Regierung beiseite geschobene Landessprache
+aufnahm und zu ihrem Träger machte, sondern das Evangelium lateinisch
+verkündigte.
+
+——————————————————————————-
+
+^15 So hat sich in Nemausus eine in keltischer Sprache geschriebene
+Weihinschrift gefunden, gesetzt Ματρεβο Ναμαυσικαβο (CIL XI, p. 383),
+das heißt, den örtlichen Müttern.
+
+^16 Beispielsweise liest man auf einem in Néris-les-Bains (Allier)
+gefundenen Altarstein (E. Desjardins, Geographie historique et
+administrative de la Gaule Romaine. 4 Bde. Paris 1876-93. Bd. 2, S.
+476): Bratronos Nantonicn Epadatextorici Leucullo Suio rebelocitoi. Auf
+einem andern, den die Pariser Schiffergilde unter Tiberius dem höchsten
+besten Jupiter setzte (Mowat im Bulletin épigraphique de la Gaule 1, S.
+25f.), ist die Hauptinschrift lateinisch, aber über den Reliefs der
+Seitenflächen, die eine Prozession von neun bewaffneten Priestern
+darzustellen scheinen, stehen erklärende Beischriften: Senani Useiloni
+. . . und Eurises, die nicht lateinisch sind. Solches Gemenge begegnet
+auch sonst, zum Beispiel in einer Inschrift von Arrenes (Creuse im
+Bulletin épigraphique de la Gaule 1, S. 38): Sacer Peroco ieuru
+(wahrscheinlich = fecit) Duorico v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito).
+
+——————————————————————————-
+
+In dem Vorschreiten der Romanisierung, welche in Gallien, abgesehen von
+der Südprovinz, wesentlich der inneren Entwicklung überlassen blieb,
+zeigt sich eine bemerkenswerte Verschiedenheit zwischen dem östlichen
+Gallien und dem Westen und Norden, die wohl mit, aber nicht allein auf
+dem Gegensatz der Germanen und der Gallier beruht. In den Vorgängen bei
+und nach Neros Sturz tritt diese Verschiedenheit selbst politisch
+bestimmend hervor. Die nahe Berührung der östlichen Gaue mit den
+Rheinlagern und die hier vorzugsweise stattfindende Rekrutierung der
+Rheinlegionen hat dem römischen Wesen hier früher und vollständiger
+Eingang verschafft als im Gebiet der Loire und der Seine. Bei jenen
+Zerwürfnissen gingen die rheinischen Gaue, die keltischen Lingonen und
+Treverer sowohl wie die germanischen Ubier oder vielmehr die
+Agrippinenser mit der Römerstadt Lugudunum und hielten fest zu der
+legitimen römischen Regierung, während die, wie bemerkt ward,
+wenigstens in gewissem Sinn nationale Insurrektion von den Sequanern,
+Häduern und Arvernern ausgeht. In einer späteren Phase desselben
+Kampfes finden wir unter veränderten Parteiverhältnissen dieselbe
+Spaltung, jene östlichen Gaue mit den Germanen im Bunde, während der
+Landtag von Reims den Anschluß an diese verweigert.
+
+Wurde somit das gallische Land in Betreff der Sprache im wesentlichen
+ebenso behandelt wie die übrigen Provinzen, so begegnet wiederum die
+Schonung seiner alten Institutionen bei den Bestimmungen über Maß und
+Gewicht. Allerdings haben neben der allgemeinen Reichsordnung, welche
+in dieser Hinsicht von Augustus erlassen ward, entsprechend dem
+toleranten oder vielmehr indifferenten Verhalten der Regierung in
+dergleichen Dingen, die örtlichen Bestimmungen vielerorts
+fortbestanden, aber nur in Gallien hat die örtliche Ordnung späterhin
+die des Reiches verdrängt. Die Straßen sind im ganzen Römischen Reich
+gemessen und bezeichnet nach der Einheit der römischen Meile (1,48
+Kilometer), und bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts trifft dies auch
+für diese Provinzen zu. Aber von Severus an tritt in den “drei Gallien”
+und den beiden Germanien an deren Stelle eine zwar der römischen
+angefügte, aber doch verschiedene und gallisch benannte Meile, die
+Leuga (2,22 Kilometer), gleich anderthalb römischen Meilen. Unmöglich
+kann Severus damit den Kelten eine nationale Konzession haben machen
+wollen; es paßt dies weder für die Epoche, noch insbesondere für diesen
+Kaiser, der eben diesen Provinzen in ausgesprochener Feindseligkeit
+gegenüberstand; ihn müssen Zweckmäßigkeitsrücksichten bestimmt haben.
+Diese können nur darauf beruhen, daß das nationale Wegemaß, die Leuga
+oder auch die Doppelleuga, die germanische Rasta, welche letztere der
+französischen Lieue entspricht, in diesen Provinzen nach der Einführung
+des einheitlichen Wegemaßes in ausgedehnterem Umfang fortbestanden
+haben, als dies in den übrigen Reichsländern der Fall war. Augustus
+wird die römische Meile formell auf Gallien erstreckt und die
+Postbücher und die Reichsstraßen darauf gestellt, aber der Sache nach
+dem Lande das alte Wegemaß gelassen haben; und so mag es gekommen sein,
+daß die spätere Verwaltung es weniger unbequem fand, die zwiefache
+Einheit im Postverkehr sich gefallen zu lassen ^17, als noch länger
+sich eines praktisch im Lande unbekannten Wegemaßes zu bedienen.
+
+———————————————————————————
+
+^17 Die Postbücher und Straßentafeln verfehlen nicht bei Lyon und
+Toulouse anzumerken, daß hier die Leugen beginnen.
+
+———————————————————————————
+
+Von weit größerer Bedeutung ist das Verhalten der römischen Regierung
+zu der Landesreligion; ohne Zweifel hat das gallische Volkstum seinen
+festesten Rückhalt an dieser gefunden. Selbst in der Südprovinz muß die
+Verehrung der nichtrömischen Gottheiten lange, viel länger als zum
+Beispiel in Andalusien sich behauptet haben. Die große Handelsstadt
+Arelate freilich hat keine anderen Weihungen aufzuweisen als an die
+auch in Italien verehrten Götter; aber in Fréjus, Aix, Nîmes und
+überhaupt der ganzen Küstenlandschaft sind die alten keltischen
+Gottheiten in der Kaiserepoche nicht viel weniger verehrt worden als im
+inneren Gallien. Auch in dem iberischen Teil Aquitaniens begegnen
+zahlreiche Spuren des einheimischen, von dem keltischen durchaus
+verschiedenen Kultus. Indes tragen alle im Süden Galliens zum Vorschein
+gekommenen Götterbilder einen minder von dem gewöhnlichen abweichenden
+Stempel als die Denkmäler des Nordens, und vor allem war es leichter,
+mit den nationalen Göttern auszukommen als mit dem nationalen
+Priestertum, das uns nur im kaiserlichen Gallien und auf den
+britannischen Inseln begegnet, den Druiden. Es würde vergebliche Mühe
+sein, von dem inneren Wesen der aus Spekulation und Imagination
+wunderbar zusammengestellten Druidenlehre eine Vorstellung geben zu
+wollen; nur die Fremdartigkeit und die Fruchtbarkeit derselben sollen
+einige Beispiele erläutern. Die Macht der Rede wurde symbolisch
+dargestellt in einem kahlköpfigen, runzligen, von der Sonne verbrannten
+Greis, der Keule und Bogen führt und von dessen durchbohrter Zunge zu
+den Ohren des ihm folgenden Menschen feine goldene Ketten laufen - das
+heißt, es fliegen die Pfeile und schmettern die Schläge des
+redegewaltigen Alten und willig folgen ihm die Herzen der Menge. Das
+ist der Ogmius der Kelten; den Griechen erschien er wie ein als
+Herakles staffierter Charon. Ein in Paris gefundener Altar zeigt uns
+drei Götterbilder mit Beischrift, in der Mitte den Jovis, zu seiner
+Linken den Vulcan, ihm zur Rechten den Esus, “den Entsetzlichen mit
+seinen grausen Altären”, wie ihn ein römischer Dichter nennt, aber
+dennoch ein Gott des Handelsverkehrs und des friedlichen Schaffens ^18;
+er ist zur Arbeit geschürzt wie Vulcan, und wie dieser Hammer und Zange
+führt, so behaut er mit dem Beil einen Weidenbaum. Eine öfter
+wiederkehrende Gottheit, wahrscheinlich Cernunnos genannt, wird
+kauernd, mit untergeschlagenen Beinen, dargestellt; auf dem Kopf trägt
+sie ein Hirschgeweih, an dem eine Halskette hängt, und hält auf dem
+Schoß den Geldsack; vor ihr stehen zuweilen Rinder und Hirsche - es
+scheint, als solle damit der Erdboden als die Quelle des Reichtums
+ausgedrückt werden. Die ungeheure Verschiedenheit dieses aller Reinheit
+und Schönheit baren, im barocken und phantastischen Mengen sehr
+irdischer Dinge sich gefallenden keltischen Olymp von den einfach
+menschlichen Formen der griechischen und den einfach menschlichen
+Begriffen der römischen Religion gibt eine Ahnung der Schranke, die
+zwischen diesen Besiegten und ihren Siegern stand. Daran hingen weiter
+sehr bedenkliche praktische Konsequenzen: ein umfassender Geheimmittel-
+und Zauberkram, bei dem die Priester zugleich die Ärzte spielten und wo
+neben dem Besprechen und Besegnen auch Menschenopfer und Krankenheilung
+durch das Fleisch der also Geschlachteten vorkam. Daß direkte
+Opposition gegen die Fremdherrschaft in dem Druidentum dieser Zeit
+gewaltet hat, läßt sich wenigstens nicht erweisen; aber auch, wenn dies
+nicht der Fall war, ist es wohl begreiflich, daß die römische
+Regierung, welche sonst alle örtlichen Besonderheiten der
+Gottesverehrung mit gleichgültiger Duldung gewähren ließ, diesem
+Druidenwesen nicht bloß in seinen Ausschreitungen, sondern überhaupt
+mit Apprehension gegenüberstand. Die Einrichtung des gallischen
+Jahrfestes in der rein römischen Landeshauptstadt und unter Ausschluß
+aller Anknüpfung an den nationalen Kultus ist offenbar ein Gegenzug der
+Regierung gegen die alte Landesreligion mit ihrem jährlichen
+Priesterkonzil in Chartres, dem Mittelpunkt des gallischen Landes.
+Unmittelbar aber ging Augustus gegen das Druidentum nicht weiter vor,
+als daß er jedem römischen Bürger die Beteiligung an dem gallischen
+Nationalkult untersagte. Tiberius in seiner energischeren Weise griff
+durch und verbot dieses Priestertum mit seinem Anhang von Lehrern und
+Heilkünstlern überhaupt; aber es spricht nicht gerade für den
+praktischen Erfolg dieser Verfügung, daß dasselbe Verbot abermals unter
+Claudius erging - von diesem wird erzählt, daß er einen vornehmen
+Gallier lediglich deshalb köpfen ließ, weil er überwiesen ward, für
+guten Erfolg bei Verhandlungen vor dem Kaiser das landübliche
+Zaubermittel in Anwendung gebracht zu haben. Daß die Besetzung
+Britanniens, welches von alters her der Hauptsitz dieses
+Priestertreibens gewesen war, zum guten Teil beschlossen ward, um damit
+dieses an der Wurzel zu fassen, wird weiterhin ausgeführt werden. Trotz
+alledem hat noch in dem Abfall, den die Gallier nach dem Sturz der
+claudischen Dynastie versuchten, dies Priestertum eine bedeutende Rolle
+gespielt; der Brand des Kapitols, so predigten die Druiden, verkünde
+den Umschwung der Dinge und den Beginn der Herrschaft des Nordens über
+den Süden. Indes wenn auch dies Orakel späterhin in Erfüllung ging,
+durch diese Nation und zugunsten ihrer Priester ist es nicht geschehen.
+Die Besonderheiten der gallischen Gottesverehrung haben wohl auch
+später noch ihre Wirkung geübt; als im dritten Jahrhundert für einige
+Zeit ein gallisch-römisches Sonderreich ins Leben trat, spielt auf
+dessen Münzen die erste Rolle der Herkules, teils in seiner
+griechisch-römischen Gestalt, teils auch als gallischer Deusoniensis
+oder Magusanus. Von den Druiden aber ist nur noch etwa insofern die
+Rede, als die klugen Frauen in Gallien bis in die diocletianische Zeit
+unter dem Namen der Druidinnen gehen und orakeln, und daß die alten
+adligen Häuser noch lange nachher in ihrer Ahnenreihe sich druidischer
+Altvordern berühmen. Wohl rascher noch als die Landessprache ging die
+Landesreligion zurück und das eindringende Christentum hat kaum noch an
+dieser ernstlichen Widerstand gefunden.
+
+————————————————————————-
+
+^18 Die zweite Berner Glosse zu Lucan 1, 445, die den Teutates richtig
+zum Mars macht und auch sonst glaubwürdig scheint, sagt von ihm: Hesum
+Mercurium credunt, si quidem a mercatoribus colitur.
+
+————————————————————————-
+
+Das südliche Gallien, mehr als irgendeine andere Provinz durch seine
+Lage jedem feindlichen Angriff entzogen und gleich Italien und
+Andalusien ein Land der Olive und der Feige, gedieh unter dem
+Kaiserregiment zu hohem Wohlstand und reicher städtischer Entwicklung.
+Das Amphitheater und das Sarkophagfeld von Arles, der “Mutter ganz
+Galliens”, das Theater von Orange, die in und bei Nîmes noch heute
+aufrecht stehenden Tempel und Brücken sind davon bis in die Gegenwart
+lebendige Zeugen. Auch in den nördlichen Provinzen stieg der alte
+Wohlstand des Landes weiter durch den dauernden Frieden, der,
+allerdings mit dem dauernden Steuerdruck, durch die Fremdherrschaft in
+das Land kam. “In Gallien”, sagt ein Schriftsteller der vespasianischen
+Zeit, “sind die Quellen des Reichtums heimisch und ihre Fülle strömt
+über die ganze Erde ^19.” Vielleicht nirgends sind gleich zahlreiche
+und gleich prächtige Landhäuser zum Vorschein gekommen, vor allen
+Dingen im Osten Galliens, am Rhein und seinen Zuflüssen; man erkennt
+deutlich den reichen gallischen Adel. Berühmt ist das Testament des
+vornehmen Lingonen, welcher anordnet, ihm das Grabdenkmal und die
+Bildsäule aus italischem Marmor oder bester Bronze zu errichten und
+unter anderem sein sämtliches Gerät für Jagd und Vogelfang mit ihm zu
+verbrennen - es erinnert dies an die anderweitig erwähnten,
+meilenlangen eingefriedigten Jagdparks im Keltenland und an die
+hervorragende Rolle, welche die keltischen Jagdhunde und keltische
+Waidmannsart bei dem Xenophon der hadrianischen Zeit spielen, welcher
+nicht verfehlt hinzuzufügen, daß dem Xenophon, des Gryllos Sohn, das
+Jagdwesen der Kelten nicht habe bekannt sein können. Nicht minder
+gehört in diesen Zusammenhang die merkwürdige Tatsache, daß in dem
+römischen Heerwesen der Kaiserzeit die Kavallerie eigentlich keltisch
+ist, nicht bloß insofern diese vorzugsweise aus Gallien sich
+rekrutiert, sondern auch, indem die Manöver und selbst die technischen
+Ausdrücke zum guten Teil den Kelten entlehnt sind; man erkennt hier,
+wie nach dem Hinschwinden der alten Bürgerreiterei unter der Republik
+die Kavallerie durch Caesar und Augustus mit gallischen Mannschaften
+und in gallischer Weise reorganisiert worden ist. Die Grundlage dieses
+vornehmen Wohlstandes war der Ackerbau, auf dessen Hebung auch Augustus
+selbst energisch hinwirkte und der in ganz Gallien, etwa abgesehen von
+der Steppengegend an der aquitanischen Küste, reichen Ertrag gab.
+Einträglich war auch die Viehzucht, besonders im Norden, namentlich die
+Zucht von Schweinen und Schafen, welche bald für die Industrie und die
+Ausfuhr von Bedeutung wurden - die menapischen Schinken (aus Flandern)
+und die atrebatischen und nervischen Tuchmäntel (bei Arras und Tournay)
+gingen in späterer Zeit in das gesamte Reich. Von besonderem Interesse
+ist die Entwicklung des Weinbaus. Weder das Klima noch die Regierung
+waren demselben günstig. Der “gallische Winter” blieb lange Zeit bei
+den Südländern sprichwörtlich; wie denn in der Tat das Römische Reich
+nach dieser Seite hin am weitesten gegen Norden sich ausdehnt. Aber
+engere Schranken zog der gallischen Weinkultur die italische
+Handelskonkurrenz. Allerdings hat der Gott Dionysos seine Welteroberung
+überhaupt langsam vollbracht und nur Schritt vor Schritt ist der aus
+der Halmfrucht bereitete Trank dem Saft der Rebe gewichen; aber es
+beruht auf dem Prohibitivsystem, daß in Gallien das Bier sich
+wenigstens im Norden als das gewöhnliche geistige Getränk die ganze
+Kaiserzeit hindurch behauptete und noch Kaiser Julianus bei seinem
+Aufenthalt in Gallien mit diesem falschen Bacchus in Konflikt kam ^20.
+So weit freilich, wie die Republik, welche den Wein- und Ölbau an der
+gallischen Südküste polizeilich untersagte, ging das Kaiserregiment
+nicht; aber die Italiener dieser Zeit waren doch die rechten Söhne
+ihrer Väter. Die Blüte der beiden großen Rhoneemporien Arles und Lyon
+beruhte zu einem nicht geringen Teil auf dem Vertrieb des italienischen
+Weins nach Gallien; daran mag man ermessen, welche Bedeutung der
+Weinbau damals für Italien selbst gehabt haben muß. Wenn einer der
+sorgfältigsten Verwalter, die das Kaiseramt gehabt hat, Domitianus, den
+Befehl erließ, in sämtlichen Provinzen mindestens die Hälfte der
+Rebstöcke zu vertilgen ^21, was freilich so nicht zur Ausführung kam,
+so darf daraus geschlossen werden, daß die Ausbreitung des Weinbaus
+allerdings von Regierungs wegen ernstlich eingeschränkt ward. Noch in
+augustischer Zeit war er in dem nördlichen Teil der narbonensischen
+Provinz unbekannt, und wenn er auch hier bald in Aufnahme kam, scheint
+er doch durch Jahrhunderte auf die Narbonensis und das südliche
+Aquitanien beschränkt geblieben zu sein; von gallischen Weinen kennt
+die bessere Zeit nur den allobrogischen und den biturigischen, nach
+unserer Redeweise den Burgunder und den Bordeaux ^22. Erst als die
+Zügel des Reiches den Händen der Italiener entfielen, im Laufe des
+dritten Jahrhunderts, änderte sich dies, und Kaiser Probus (276-282)
+gab endlich den Provinzialen den Weinbau frei. Wahrscheinlich erst
+infolgedessen hat die Rebe festen Fuß gefaßt an der Seine wie an der
+Mosel. “Ich habe”, schreibt Kaiser Julianus, “einen Winter” (es war der
+von 357 auf 358) “in dem lieben Lutetia verlebt, denn so nennen die
+Gallier das Städtchen der Pariser, eine kleine Insel im Flusse gelegen
+und rings ummauert; das Wasser ist dort trefflich und rein zu schauen
+und zu trinken. Die Einwohner haben einen ziemlich milden Winter, und
+es wächst bei ihnen guter Wein; ja einige ziehen sogar auch Feigen,
+indem sie sie im Winter mit Weizenstroh wie mit einem Rocke zudecken.”
+Und nicht viel später schildert dann der Dichter von Bordeaux in der
+anmutigen Beschreibung der Mosel, wie die Weinberge diesen Fluß an
+beiden Ufern einfassen, “gleich wie die eigenen Reben mir kränzen die
+gelbe Garonne”.
+
+————————————————————-
+
+^19 Ios. bel. Iud. 2, 16, 4. Ebenda sagt König Agrippa zu seinen Juden,
+ob sie sich etwa einbildeten, reicher zu sein als die Gallier, tapferer
+als die Germanen, klüger als die Hellenen. Damit stimmen alle anderen
+Zeugnisse überein. Nero vernimmt den Aufstand nicht ungern occasione
+nata spoliandarum iure belli opulentissimarum provinciarum (Suet. Nero
+40; Plut. Galba 5); die dem Insurgentenheer des Vindex abgenommene
+Beute ist unermeßlich (Tac. hist. 1, 51). Tacitus (hist. 3, 46) nennt
+die Häduer pecunia dites et voluptatibus opulentos. Nicht mit Unrecht
+sagt der Feldherr Vespasians zu den abgefallenen Galliern bei Tacitus
+(bist. 4, 74); regna bellaque per Gallias semper fuere, donec in
+nostrum ius concederetis; nos quamquam totiens lacessiti iure victoriae
+id solum vobis addidimus quo pacem tueremur, nam neque quies gentium
+sine armis neque arma sine stipendiis neque stipendia sine tributis
+haberi queunt. Die Steuern drückten wohl schwer, aber nicht so schwer
+wie der alte Fehde- und Faustrechtzustand.
+
+^20 Sein Epigramm ‘Auf den Gerstenwein’ ist erhalten (AP 9, 368):
+
+Τίς πόθεν είς, Διόνυσε? Μά γάρ τόν αληθέα Βάκχον
+
+σύσ' επιγιγνώσκω. τόν Διός οίδα μόνον
+
+κείνος νέκταρ οδώδε. σύ δέ τράγου. ή ρά σε Κελτοί
+
+τή πενιή βοτρύων τεύξαν απ' ασταχύων.
+
+τώ σε χρή καλέειν Δημήτριον, ου Διόνυσον
+
+πυρσγένη μάλλον καί βρόμον, ου Βρόμιον.
+
+Du, Dionysos, von wo kommst du? Bei dem richtigen Bacchus!
+
+Ich erkenne dich nicht; Zeus Sohn kenn’ ich allein.
+
+Jener duftet nach Nektar; du riechst nach dem Bocke. Die Kelten,
+
+Denen die Rebe versagt, braueten dich aus dem Halm,
+
+Scheuer-, nicht Feuersohn, Erdkind, nicht Kind dich des Himmels,
+
+Nur für das Futtern gemacht, nicht für den lieblichen Trunk.
+
+Auf einem in Paris gefundenen irdenen Ring (Mowat im Bulletin
+épigraphique de la Gaule 2, S. 110; 3, S. 133), der hohl und zum Füllen
+der Becher eingerichtet ist, sagt der Trinkende zu dem Wirt: copo,
+conditu(m) [cnoditu ist Schreibfehler] abes; est reple(n)da - Wirt, du
+hast mehr im Keller; die Flasche ist leer, und zu der Kellnerin:
+ospita, reple, lagona(m) cervesa - Mädchen, fülle die Flasche mit Bier.
+
+^21 Suet. Dom. 7. Wenn als Grund angegeben ward, daß die hohen
+Kornpreise durch das Umwandeln des Ackerlandes in Weinberge veranlaßt
+seien, so war das natürlich ein auf den Unverstand des Publikums
+berechneter Vorwand.
+
+^22 Wenn noch V. Hehn (Kulturpflanzen und Haustiere. Berlin 1870, S.
+76) für den Weinbau der Arverner und der Sequaner außerhalb der
+Narbonensis sich auf Plinius (nat. 14, 1, 18) beruft, so folgt er
+beseitigten Textinterpolationen. Es ist möglich, daß das straffere
+kaiserliche Regiment in den “drei Gallien” den Weinbau mehr zurückhielt
+als das schlaffe senatorische in der Narbonensis.
+
+————————————————————-
+
+Der innere Verkehr so wie der mit den Nachbarländern, besonders mit
+Italien, muß ein sehr reger gewesen sein und das Straßennetz entwickelt
+und gepflegt. Die große Reichsstraße von Rom nach der Mündung des
+Baetis, deren bei Spanien gedacht ward, war die Hauptader für den
+Landhandel der Südprovinz; die ganze Strecke, in republikanischer Zeit
+von den Alpen bis zur Rhone durch die Massalioten, von da bis zu den
+Pyrenäen durch die Römer instand gehalten, wurde von Augustus neu
+chaussiert. Im Norden führten die Reichsstraßen hauptsächlich teils
+nach der gallischen Hauptstadt, teils nach den großen Rheinlagern; doch
+scheint auch außerdem für die übrige Kommunikation in ausreichender
+Weise gesorgt gewesen zu sein.
+
+Wenn die Südprovinz in der älteren Zeit auf dem geistigen Gebiet zu dem
+hellenischen Kreise gehörte, so hat der Rückgang von Massalia und das
+gewaltige Vordringen des Römertums im südlichen Gallien darin freilich
+eine Änderung herbeigeführt; dennoch aber ist dieser Teil Galliens
+immer, wie Kampanien, ein Sitz hellenischen Wesens geblieben. Daß
+Nemausus, eine der Teilerben von Massalia, auf seinen Münzen aus
+augustischer Zeit alexandrinische Jahreszahlen und das Wappen Ägyptens
+zeigt, ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit darauf bezogen worden, daß
+durch Augustus selbst in dieser, dem Griechentum nicht fremd
+gegenüberstehenden Stadt Veteranen aus Alexandreia angesiedelt worden
+sind. Es darf wohl auch mit dem Einfluß Massalias in Verbindung
+gebracht werden, daß dieser Provinz, wenigstens der Abstammung nach,
+derjenige Historiker angehörte, welcher, es scheint im bewußten
+Gegensatz zu der nationalrömischen Geschichtschreibung und gelegentlich
+mit scharfen Ausfällen gegen deren namhafteste Vertreter, Sallustius
+und Livius, die hellenische vertrat, der Vocontier Pompeius Trogus,
+Verfasser einer von Alexander und den Diadochenreichen ausgehenden
+Weltgeschichte, in welcher die römischen Dinge nur innerhalb dieses
+Rahmens oder anhangsweise dargestellt werden. Ohne Zweifel gab er damit
+nur wieder, was eigentlich der literarischen Opposition des Hellenismus
+angehörte; immer bleibt es bemerkenswert, daß diese Tendenz ihren
+lateinischen Vertreter, und einen geschickten und sprachgewandten
+Vertreter, hier in augustischer Zeit fand. Aus späterer ist
+erwähnenswert Favorinus, aus einem angesehenen Bürgerhaus von Arles,
+einer der Hauptträger der Polymathie der hadrianischen Zeit; Philosoph
+mit aristotelischer und skeptischer Tendenz, daneben Philolog und
+Kunstredner, Schüler des Dion von Prusa, Freund des Plutarchos und des
+Herodes Atticus, polemisch auf dem wissenschaftlichen Gebiet
+angegriffen von Galenus, feuilletonistisch von Lucian, überhaupt in
+lebhaften Beziehungen mit den namhaften Gelehrten des zweiten
+Jahrhunderts und nicht minder mit Kaiser Hadrian. Seine mannigfaltigen
+Forschungen, unter anderm über die Namen der Genossen des Odysseus, die
+die Scylla verschlang, und über den des ersten Menschen, der zugleich
+ein Gelehrter war, lassen ihn als den rechten Vertreter des damals
+beliebten gelehrten Kleinkrams erscheinen, und seine Vorträge für ein
+gebildetes Publikum über Thersites und das Wechselfieber sowie seine
+zum Teil uns aufgezeichneten Unterhaltungen über alles und noch etwas
+mehr gewähren kein erfreuliches, aber ein charakteristisches Bild des
+damaligen Literatentreibens. Hier ist hervorzuheben, was er selbst
+unter die Merkwürdigkeiten seines Lebenslaufes rechnete, daß er
+geborener Gallier und zugleich griechischer Schriftsteller war. Obwohl
+die Literaten des Okzidents häufig nebenbei auch griechisch
+speziminierten, so haben doch nur wenige sich dieser als ihrer
+eigentlichen Schriftstellersprache bedient; hier wird dies mit durch
+die Heimat des Gelehrten bedingt sein. Im übrigen war Südgallien an der
+augustischen Literaturblüte insofern beteiligt, als einige der
+namhaftesten Gerichtsredner der späteren augustischen Zeit, Votienus
+Montanus († 27 n. Chr.) aus Narbo - der Ovid der Redner genannt - und
+Gnaeus Domitius Afer (Konsul 39 n. Chr.) aus Nemausus, dieser Provinz
+angehörten. überhaupt erstreckt die römische Literatur ihre Kreise
+natürlich auch über diese Landschaft; die Dichter der domitianischen
+Zeit sandten ihre Freiexemplare den Freunden in Tolosa und Vienna.
+Plinius unter Traian ist erfreut, daß seine kleinen Schriften auch in
+Lugudunum nicht bloß günstige Leser, sondern auch Buchhändler finden,
+die sie vertreiben. Einen besonderen Einfluß aber, wie ihn die Baetica
+in der früheren, das nördliche Gallien in der späteren Kaiserzeit auf
+die geistige und literarische Entwicklung Roms ausgeübt hat, vermögen
+wir für den Süden nicht nachzuweisen. Wein und Früchte gediehen in dem
+schönen Land; aber weder Soldaten noch Denker sind dem Reiche von
+dorther gekommen.
+
+Das eigentliche Gallien ist im Gebiet der Wissenschaft das gelobte Land
+des Lehrens und des Lernens; vermutlich geht dies zurück auf die
+eigentümliche Entwicklung und den mächtigen Einfluß des nationalen
+Priestertums. Das Druidentum war keineswegs ein naiver Volksglaube,
+sondern eine hoch entwickelte und anspruchsvolle Theologie, die nach
+guter Kirchensitte alle Gebiete des menschlichen Denkens und Tuns,
+Physik und Metaphysik, Rechts- und Heilkunde bestrebt war zu erleuchten
+oder doch zu beherrschen, die von ihren Schülern unermüdliches, man
+sagt zwanzigjähriges Studium forderte und diese ihre Schüler vor allem
+in den adligen Kreisen suchte und fand. Die Unterdrückung der Druiden
+durch Tiberius und seine Nachfolger muß in erster Reihe diese
+Priesterschulen betroffen und deren wenigstens öffentliche Beseitigung
+herbeigeführt haben; aber wirksam konnte dies nur dann geschehen, wenn
+der nationalen Jugendbildung die römisch-griechische ebenso
+gegenübergestellt ward, wie dem carnutischen Druidenkonzil der
+Roma-Tempel in Lyon. Wie früh dies, ohne Frage unter dem bestimmenden
+Einfluß der Regierung, in Gallien eingetreten ist, zeigt die
+merkwürdige Tatsache, daß bei dem früher erwähnten Aufstand unter
+Tiberius die Insurgenten vor allen Dingen versuchten, sich der Stadt
+Augustodunum (Autun) zu bemächtigen, um die dort studierende vornehme
+Jugend in ihre Gewalt zu bekommen und dadurch die großen Familien zu
+gewinnen oder zu schrecken. Zunächst mögen wohl diese gallischen Lyzeen
+trotz ihres keineswegs nationalen Bildungskursus dennoch ein Ferment
+des spezifisch gallischen Volkstums gewesen sein; schwerlich zufällig
+hat das damals bedeutendste derselben nicht in dem römischen Lyon
+seinen Sitz, sondern in der Hauptstadt der Häduer, des vornehmsten
+unter den gallischen Gauen. Aber die römisch-hellenische Bildung, wenn
+auch vielleicht der Nation aufgenötigt und zunächst mit Opposition
+aufgenommen, drang, wie allmählich der Gegensatz sich verschliff, in
+das keltische Wesen so sehr ein, daß mit der Zeit die Schüler sich ihr
+eifriger zuwandten als die Lehrmeister. Die Gentlemanbildung, etwa in
+der Art, wie sie heute in England besteht, ruhend auf dem Studium des
+Lateinischen und in zweiter Reihe des Griechischen und in der
+Entwicklung der Schulrede mit ihren Schnitzelpointen und Glanzphrasen
+lebhaft an neuere, demselben Boden entstammende literarische
+Erscheinungen erinnernd, ward allmählich im Okzident eine Art
+Privilegium der Galloromanen. Besser bezahlt als in Italien wurden dort
+die Lehrer wohl von jeher, und vor allen Dingen auch besser behandelt.
+Schon Quintilianus nennt mit Achtung unter den hervorragenden
+Gerichtsrednern mehrere Gallier; und nicht ohne Absicht macht Tacitus
+in dem feinen Dialog über die Redekunst den gallischen Advokaten Marcus
+Aper zum Verteidiger der modernen Beredsamkeit gegen die Verehrer
+Ciceros und Caesars. Den ersten Platz unter den gallischen
+Universitäten nahm späterhin Burdigala ein, wie denn überall Aquitanien
+hinsichtlich der Bildung dem mittleren und nördlichen Gallien weit
+voran war - in einem dort geschriebenen Dialog aus dem Anfang des 5.
+Jahrhunderts wagt einer der Mitsprechenden, ein Geistlicher aus
+Chalon-sur-Saône, kaum den Mund aufzutun vor dem gebildeten
+aquitanischen Kreise. Hier wirkte der früher erwähnte, von Kaiser
+Valentinianus zum Lehrer seines Sohnes Grabanus (geb. 359) berufene
+Professor Ausonius, der in seinen vermischten Gedichten einer großen
+Anzahl seiner Kollegen ein Denkmal gestiftet hat; und als sein
+Zeitgenosse Symmachus, der berühmteste Redner dieser Epoche, für seinen
+Sohn einen Hofmeister suchte, ließ er in Erinnerung an seinen alten, an
+der Garonne heimischen Lehrer sich einen aus Gallien kommen. Daneben
+ist Augustodunum immer einer der großen Mittelpunkte der gallischen
+Studien geblieben; wir haben noch die Reden, welche wegen der
+Wiederherstellung dieser Lehranstalt bittend und dankend vor dem Kaiser
+Konstantin gehalten worden sind.
+
+Die literarische Vertretung dieser eifrigen Schultätigkeit ist
+untergeordneter Art und geringen Wertes: Prunkreden, die namentlich
+durch die spätere Umwandlung von Trier in eine kaiserliche Residenz und
+das häufige Verweilen des Hofes im gallischen Land gefördert worden
+sind, und Gelegenheitsgedichte mannigfaltiger Art. Wie die Redeleistung
+war das Versemachen ein notwendiges Attribut des Lehramts und der
+öffentliche Lehrer der Literatur zugleich nicht gerade geborener, aber
+doch bestallter Dichter. Wenigstens die Geringschätzung der Poesie,
+welche der übrigens gleichartigen hellenischen Literatur der gleichen
+Epoche eigen ist, hat sich auf diese Okzidentalen nicht übertragen. In
+den Versen herrscht die Schulreminiszenz und das Pedantenkunststück vor
+^23 und nur selten begegnen, wie in der Moselfahrt des Ausonius,
+lebendige und empfundene Schilderungen. Die Reden, die wir freilich nur
+nach einigen späten, am kaiserlichen Hoflager gehaltenen Vorträgen zu
+beurteilen in der Lage sind, sind Musterstücke in der Kunst, mit vielen
+Worten wenig zu sagen und die unbedingte Loyalität in gleich
+unbedingter Gedankenlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Wenn eine
+vermögende Mutter ihren Sohn, nachdem er die Fülle und den Schmuck der
+gallischen Rede sich angeeignet hat, weiter nach Italien schickt, um
+auch die römische Würde ^24 zu gewinnen, so war diesen gallischen
+Rhetoren allerdings diese schwieriger abzulernen als der Wortpomp. Für
+das frühe Mittelalter sind diese Leistungen bestimmend gewesen; durch
+sie ist in der ersten christlichen Zeit Gallien die eigentliche Stätte
+der frommen Verse und doch auch der letzte Zufluchtsort der
+Schulliteratur geworden, während die große geistige Bewegung innerhalb
+des Christentums ihre Hauptvertreter nicht hier gefunden hat.
+
+———————————————————-
+
+^23 Eines der Professorengedichte des Ausonius ist vier griechischen
+Grammatikern gewidmet: “Alle fleißig walteten sie des Lehramts; Schmal
+nur war der Sold ja und dünn der Vortrag; Aber da sie lehrten zu meinen
+Zeiten, Will ich sie nennen.” Dies ist um so verdienstlicher, da er
+nichts Rechtes bei ihnen gelernt hat: “Wohl, weil mich gehindert die
+allzu schwache Fassungskraft des Geistes und mich von Hellas Bildung
+fernhielt leider damals des Knaben trauriger Irrtum.” Diese Gedanken
+sind öfter, aber selten in sapphischem Maße vorgetragen worden.
+
+^24 Romana gravitas: Hier. epist. 125 p. 929 Vall.
+
+———————————————————-
+
+In dem Kreise der bauenden und der bildenden Künste rief schon das
+Klima manche Erscheinung hervor, welche der eigentliche Süden nicht
+oder nur in den Anfängen kennt; so ist die in Italien nur bei Bädern
+gebräuchliche Luftheizung und der dort ebenfalls wenig verbreitete
+Gebrauch der Glasfenster in der gallischen Baukunst in umfassender
+Weise zur Anwendung gekommen. Aber auch von einer diesem Gebiet eigenen
+Kunstentwicklung darf vielleicht insofern gesprochen werden, als die
+Bildnisse und in weiterer Entwicklung die Darstellung der Szenen des
+täglichen Lebens in dem keltischen Gebiet relativ häufiger auftreten
+als in Italien und die abgenutzten mythologischen Darstellungen durch
+erfreulichere ersetzen. Wir können diese Richtung auf das Reale und das
+Genre allerdings fast nur an den Grabmonumenten erkennen, aber sie hat
+wohl in der Kunstübung überhaupt vorgeherrscht. Der Bogen von Arausio
+(Orange) aus der frühen Kaiserzeit mit seinen gallischen Waffen und
+Feldzeichen, die bei Vetera gefundene Bronzestatue des Berliner
+Museums, wie es scheint, den Ortsgott mit Gerstenähren im Haar
+darstellend, das wahrscheinlich zum Teil aus gallischen Werkstätten
+hervorgegangene Hildesheimer Silbergerät beweisen eine gewisse Freiheit
+in der Aufnahme und Umbildung der italischen Motive. Das Juliergrabmal
+von St. Remy bei Avignon, ein Werk augustischer Zeit, ist ein
+merkwürdiges Zeugnis für die lebendige und geistreiche Rezeption der
+hellenischen Kunst im südlichen Gallien, sowohl in seinem kühnen
+architektonischen Aufbau zweier quadratischer Stockwerke, welche ein
+Säulenkreis mit konischer Kuppel krönt, wie auch in seinen Reliefs,
+welche, im Stil den pergamenischen nächst verwandt, figurenreiche
+Kampf- und Jagdszenen, wie es scheint, dem Leben der Geehrten
+entnommen, in malerisch bewegter Ausführung darstellen.
+Merkwürdigerweise liegt der Höhepunkt dieser Entwicklung neben der
+Südprovinz in der Gegend der Mosel und der Maas; diese Landschaft,
+nicht so völlig unter römischem Einfluß stehend wie Lyon und die
+rheinischen Lagerstädte und wohlhabender und zivilisierter als die
+Gegenden an der Loire und der Seine, scheint diese Kunstübung
+einigermaßen aus sich selbst erzeugt zu haben. Das unter dem Namen der
+Igeler Säule bekannte Grabdenkmal eines vornehmen Trierers gibt ein
+deutliches Bild der hier einheimischen turmartigen, mit spitzem Dach
+gekrönten, auf allen Seiten mit Darstellungen aus dem Leben des
+Verstorbenen bedeckten Denkmäler. Häufig sehen wir auf denselben den
+Gutsherrn, dem seine Kolonen Schafe, Fische, Geflügel, Eier darbringen.
+Ein Grabstein aus Arlon bei Luxemburg zeigt außer den Porträts der
+beiden Gatten auf der einen Seite einen Karren und eine Frau mit einem
+Fruchtkorb, auf der andern über zwei auf dem Boden hockenden Männern
+einen Äpfelverkauf. Ein anderer Grabstein aus Neumagen bei Trier hat
+die Form eines Schiffes: in diesem sitzen sechs Schiffer, die Ruder
+führend; die Ladung besteht aus großen Fässern, neben denen der lustig
+blickende Steuermann, man möchte meinen, sich des darin geborgenen
+Weines zu freuen scheint. Wir dürfen sie wohl in Verbindung bringen mit
+dem heiteren Bilde, das der Poet von Bordeaux uns vom Moseltal bewahrt
+hat mit den prächtigen Schlössern, den lustigen Rebgeländen und dem
+regen Fischer- und Schiffertreiben, und den Beweis darin finden, daß in
+diesem schönen Lande bereits vor anderthalb Jahrtausenden friedliche
+Tätigkeit, heiterer Genuß und warmes Leben pulsiert hat.
+
+
+
+
+KAPITEL IV.
+Das römische Germanien und die freien Germanen
+
+
+Die beiden römischen Provinzen Ober- und Untergermanien sind das
+Ergebnis derjenigen Niederlage der römischen Waffen und der römischen
+Staatskunst unter der Regierung des Augustus, welche früher geschildert
+worden ist. Die ursprüngliche Provinz Germanien, die das Land vom Rhein
+bis zur Elbe umfaßte, hat nur zwanzig Jahre, vom ersten Feldzug des
+Drusus (742 12 v. Chr.) bis zur Varusschlacht und dem Falle Alisos (762
+9 n. Chr.) bestanden; da sie aber einerseits die Militärlager auf dem
+linken Rheinufer, Vindonissa, Mogontiacum, Vetera in sich schloß,
+andererseits auch nach jener Katastrophe mehr oder minder beträchtliche
+Teile des rechten Ufers römisch blieben, so wurden durch jene
+Katastrophe die Statthalterschaft und das Kommando nicht eigentlich
+aufgehoben, obwohl sie sozusagen in der Luft standen. Die innere
+Ordnung der drei Gallien ist früher dargelegt worden; sie umfaßten das
+gesamte Gebiet bis an den Rhein, ohne Unterschied der Abstammung -nur
+etwa die erst während der letzten Krisen nach Gallien übergesiedelten
+Ubier gehörten nicht zu den 64 Gauen, wohl aber die Helvetier, die
+Triboker und überhaupt die sonst von den rheinischen Truppen besetzt
+gehaltenen Distrikte. Es war die Absicht gewesen, die germanischen Gaue
+zwischen Rhein und Elbe zu einer ähnlichen Gemeinschaft unter römischer
+Hoheit zusammenzufassen, wie dies mit den gallischen geschehen war, und
+denselben in dem Augustusaltar der Ubierstadt, dem Keim des heutigen
+Köln, einen ähnlichen exzentrischen Mittelpunkt zu verleihen, wie der
+Augustusaltar von Lyon ihn für Gallien bildete; für die fernere Zukunft
+war wohl auch die Verlegung der Hauptlager auf das rechte Rheinufer und
+die Rückgabe des linken, wenigstens im wesentlichen, an den Statthalter
+der Belgica in Aussicht genommen. Allein diese Entwürfe gingen mit den
+Legionen des Varus zugrunde; der germanische Augustusaltar am Rhein
+ward oder blieb der Altar der Ubier; die Legionen behielten dauernd
+ihre Standquartiere in dem Gebiet, welches eigentlich zur Belgica
+gehörte, aber, da eine Trennung der Militär- und Zivilverwaltung nach
+der römischen Ordnung ausgeschlossen war, so lange, als die Truppen
+hier standen, auch administrativ unter den Kommandanten der beiden
+Heere gelegt war. Denn, wie schon früher angegeben worden ist, Varus
+ist wahrscheinlich der letzte Kommandant der vereinigten Rheinarmee
+gewesen ^1; bei der Vermehrung der Armee auf acht Legionen, welche
+diese Katastrophe im Gefolge gehabt hat, ist allem Anschein nach auch
+deren Teilung eingetreten. Es sind also in diesem Abschnitt nicht
+eigentlich die Zustände einer römischen Landschaft zu schildern,
+sondern die Geschicke einer römischen Armee, und, was damit aufs engste
+zusammenhängt, die der Nachbarvölker und der Gegner, soweit sie in die
+Geschichte Roms verflochten sind.
+
+———————————————————————————-
+
+^1 Diese Teilung einer Provinz unter drei Statthalter ist in der
+römischen Verwaltung sonst ohne Beispiel; das Verhältnis von Afrika und
+Numidien bietet wohl eine äußere Analogie, ist aber politisch bedingt
+durch die Stellung des senatorischen Statthalters zu dem kaiserlichen
+Militärkommandanten, während die drei Statthalter der Belgica
+gleichmäßig kaiserlich sind und gar nicht abzusehen ist, warum den
+beiden germanischen Sprengel innerhalb der Belgica statt eigener
+angewiesen werden. Nur das Zurücknehmen der Grenze unter Beibehaltung
+des bisherigen Namens - ähnlich wie das transdanuvianische Dakien
+späterhin als cisdanuvianisches dem Namen nach fortbestand - erklärt
+diese Seltsamkeit.
+
+———————————————————————————-
+
+Die beiden Hauptquartiere der Rheinarmee waren von jeher Vetera bei
+Wesel und Mogontiacum, das heutige Mainz, beide wohl älter als die
+Teilung des Kommandos und eine der Ursachen, daß dieselbe eintrat. Die
+beiden Armeen zählten jede im ersten Jahrhundert n. Chr. vier Legionen,
+also ungefähr 30000 Mann ^2; in oder zwischen jenen beiden Punkten lag
+die Hauptmasse der römischen Truppen, außerdem eine Legion bei
+Noviomagus (Nimwegen), eine andere in Argentoratum (Straßburg), eine
+dritte bei Vindonissa (Windisch, unweit Zürich), nicht weit von der
+rätischen Grenze. Zu dem unteren Heere gehörte die nicht
+unbeträchtliche Rheinflotte. Die Grenze zwischen der oberen und der
+unteren Armee liegt zwischen Andernach und Remagen bei Brohl ^3, so daß
+Koblenz und Bingen in das obere, Bonn und Köln in das untere
+Militärgebiet fielen. Auf dem linken Ufer gehörten zu dem
+obergermanischen Verwaltungsbezirk die Distrikte der Helvetier
+(Schweiz), der Sequaner (Besançon), der Lingonen (Langres), der
+Rauriker (Basel), der Triboker (Elsaß), der Nemeter (Speyer) und der
+Vangionen (Worms); zu dem beschränkteren untergermanischen der Distrikt
+der Ubier oder vielmehr die Kolonie Agrippina (Köln), der Tungrer
+(Tongern), der Menapier (Brabant) und der Bataver, während die weiter
+westlich gelegenen Gaue mit Einschluß von Metz und Trier unter den
+verschiedenen Statthaltern der drei Gallien standen. Wenn diese
+Scheidung nur administrative Bedeutung hat, so fällt dagegen die
+wechselnde Ausdehnung der beiden Sprengel auf dem rechten Ufer mit den
+wechselnden Beziehungen zu den Nachbarn und der dadurch bedingten Vor-
+und Zurückschiebung der Grenzen der römischen Herrschaft zusammen.
+Diesen Nachbarn gegenüber sind die unterrheinischen und die
+oberrheinischen Verhältnisse in so verschiedener Weise geordnet worden
+und die Ereignisse in so durchaus anderer Richtung verlaufen, daß hier
+die provinziale Trennung geschichtlich von der eingreifendsten
+Bedeutung wurde. Betrachten wir zunächst die Entwicklung der Dinge am
+Unterrhein.
+
+———————————————————————-
+
+^2 Die Stärke der Auxilien der oberen Armee läßt sich für die
+domitianisch-traianische Epoche mit ziemlicher Sicherheit auf etwa
+10000 Mann bestimmen. Eine Urkunde vom Jahre 90 zählt vier Alen und
+vierzehn Kohorten dieser Armee auf; zu diesen kommt wenigstens eine
+Kohorte (I Germanorum), die nachweislich, sowohl im Jahre 82 wie im
+Jahre 116, daselbst garnisonierte; ob zwei Alen, die im Jahre 82, und
+mindestens drei Kohorten, die im Jahre 116 daselbst sich befanden und
+die in der Liste vom Jahre 90 fehlen, im Jahr 90 dort garnisonierten
+oder nicht, ist zweifelhaft, die meisten derselben aber sind wohl vor
+90 aus der Provinz weg oder erst nach 90 in dieselbe gekommen. Von
+jenen neunzehn Auxilien ist eine sicher (coh. I Damascenorum), eine
+andere (ala I Flavia gemina) vielleicht eine Doppelabteilung. Im
+Minimum also ergibt sich als Normaletat der Auxilien dieses Heeres die
+oben bezeichnete Ziffer, und bedeutend kann sie nicht überschritten
+sein. Wohl aber mögen die Auxilien von Untergermanien, dessen
+Garnisonen weniger ausgedehnt waren, an Zahl geringer gewesen sein.
+
+^3 An der Grenzbrücke über den Abrinca-, jetzt Vinxtbach, der alten
+Grenze der Erzdiözesen Köln und Trier, standen zwei Altäre, der auf der
+Seite von Remagen den Grenzen, dem Ortsgeist und dem Jupiter (Finibus
+et Genio loci et Iovi optimo maximo) gewidmet von Soldaten der 30.
+niedergermanischen Legion, der auf der Seite von Andernach dem Jupiter,
+dem Ortsgott und der Juno geweiht von einem Soldaten der 8.
+obergermanischen (Brambach 649, 650).
+
+———————————————————————-
+
+Es ist früher dargestellt worden, wieweit die Römer zu beiden Seiten
+des Unterrheins die Germanen sich unterworfen hatten. Die germanischen
+Bataver sind nicht durch Caesar, aber nicht lange nachher, vielleicht
+durch Drusus, auf friedlichem Wege mit dem Reiche vereinigt worden. Sie
+saßen im Rheindelta, das heißt auf dem linken Rheinufer und auf den
+durch die Rheinarmee gebildeten Inseln aufwärts bis wenigstens an den
+Alten Rhein, also etwa von Antwerpen bis Utrecht und Leiden in Seeland
+und dem südlichen Holland, auf ursprünglich keltischem Gebiet -
+wenigstens sind die Ortsnamen überwiegend keltisch; ihren Namen führt
+noch die Betuwe, die Niederung zwischen Waal und Leck mit der
+Hauptstadt Noviomagus, jetzt Nimwegen. Sie waren, insbesondere
+verglichen mit den unruhigen und störrigen Kelten, gehorsame und
+nützliche Untertanen und nahmen daher im römischen Reichsverband und
+namentlich im Heerwesen eine Sonderstellung ein. Sie blieben gänzlich
+steuerfrei, wurden aber dagegen so stark wie kein anderer Gau bei der
+Rekrutierung angezogen; der eine Gau stellte zu dem Reichsheer 1000
+Reiter und 9000 Fußsoldaten; außerdem wurden die kaiserlichen
+Leibwächter vorzugsweise aus ihnen genommen. Das Kommando dieser
+batavischen Abteilungen wurde ausschließlich an geborene Bataver
+vergeben. Die Bataver galten unbestritten nicht bloß als die besten
+Reiter und Schwimmer der Armee, sondern auch als das Muster treuer
+Soldaten, wobei allerdings der gute Sold der batavischen Leibwächter
+sowohl wie der bevorzugte Offiziersdienst der Adligen die Loyalität
+erheblich befestigte. Diese Germanen waren denn auch bei der
+Varuskatastrophe weder vorbereitend noch nachfolgend beteiligt; und
+wenn Augustus unter dem ersten Eindruck der Schreckensnachricht seine
+batavischen Leibwächter verabschiedete, so überzeugte er sich bald
+selbst von der Grundlosigkeit seines Argwohns, und die Truppe wurde
+kurze Zeit darauf wieder hergestellt.
+
+Am anderen Ufer des Rheins wohnten den Batavern zunächst, im heutigen
+Kennemerland (Nordholland über Amsterdam), die ihnen eng verwandten,
+aber weniger zahlreichen Cannenefaten; sie werden nicht bloß unter den
+durch Tiberius unterworfenen Völkerschaften genannt, sondern sind auch
+in der Stellung von Mannschaften wie die Bataver behandelt worden.
+
+Die weiterhin sich anschließenden Friesen in dem noch heute nach ihnen
+benannten Küstenland bis zu der unteren Ems unterwarfen sich dem Drusus
+und erhielten eine ähnliche Stellung wie die Bataver; es wurde ihnen,
+anstatt der Steuer, nur die Ablieferung einer Anzahl von Rindshäuten
+für die Bedürfnisse des Heeres auferlegt; dagegen hatten auch sie
+verhältnismäßig zahlreiche Mannschaften für den römischen Dienst zu
+stellen. Sie waren seine so wie später des Germanicus treueste
+Bundesgenossen, ihm nützlich sowohl bei dem Kanalbau wie besonders nach
+den unglücklichen Nordseefahrten.
+
+Auf sie folgen östlich die Chauker, ein weitausgedehntes Schiffer- und
+Fischervolk an der Nordseeküste zu beiden Seiten der Weser, vielleicht
+von der Ems bis zur Elbe; sie wurden durch Drusus zugleich mit den
+Friesen, aber nicht wie diese ohne Gegenwehr, den Römern botmäßig.
+
+Alle diese germanischen Küstenvölker fügten sich entweder durch Vertrag
+oder doch ohne schweren Kampf der neuen Herrschaft, und wie sie an dem
+Cheruskeraufstand keinen Teil gehabt haben, blieben sie nach der
+Varusschlacht gleichfalls in den früheren Verhältnissen zum Römischen
+Reich; selbst aus den entfernter liegenden Gauen der Friesen und der
+Chauker sind die Besatzungen damals nicht herausgezogen worden, und
+noch zu den Feldzügen des Germanicus haben die letzteren Zuzug
+gestellt. Bei der abermaligen Räumung Germaniens im Jahre 17 scheint
+allerdings das arme und ferne, schwer zu schützende Chaukerland
+aufgegeben worden zu sein; wenigstens gibt es für die Fortdauer der
+römischen Herrschaft daselbst keine späteren Belege, und einige
+Dezennien nachher finden wir sie unabhängig. Aber alles Land westwärts
+der unteren Ems blieb bei dem Reiche, dessen Grenze also die heutigen
+Niederlande einschloß. Die Verteidigung dieses Teils der Reichsgrenze
+gegen die nicht zum Reich gehörigen Germanen blieb in der Hauptsache
+den botmäßigen Seegauen selber überlassen.
+
+Weiter stromaufwärts wurde anders verfahren; hier ward eine Grenzstraße
+abgesteckt und das Zwischenland entvölkert. An die in größerer oder
+geringerer Entfernung vom Rhein gezogene Grenzstraße, den Limes ^4,
+knüpfte sich die Kontrolle des Grenzverkehrs, indem die Überschreitung
+dieser Straße zur Nachtzeit überhaupt, am Tage den Bewaffneten
+untersagt und den übrigen in der Regel nur unter besonderen
+Sicherheitsmaßregeln und unter Erlegung der vorgeschriebenen Grenzzölle
+gestattet war. Eine solche Straße hat gegenüber dem unterrheinischen
+Hauptquartier im heutigen Münsterland Tiberius nach der Varusschlacht
+gezogen, in einiger Entfernung vom Rhein, dazwischen ihr und dem Fluß
+der seiner Lage nach nicht näher bekannte “Caesische Wald” sich
+erstreckte. Ähnliche Anstalten müssen gleichzeitig in den Tälern der
+Ruhr und der Sieg bis zu dem der Wied hin, wo die unterrheinische
+Provinz endigte, getroffen worden sein. Militärisch besetzt und zur
+Verteidigung eingerichtet brauchte diese Straße nicht notwendig zu
+sein, obwohl natürlich die Grenzverteidigung und die Grenzbefestigung
+immer darauf hinausgingen, die Grenzstraße möglichst sicher zu stellen.
+Ein hauptsächliches Mittel für den Grenzschutz war die Entvölkerung des
+Landstrichs zwischen dem Fluß und der Straße. “Vom rechten Rheinufer”,
+sagt ein kundiger Schriftsteller der tiberischen Zeit, “haben teils die
+Römer die Völkerschaften auf das linke übergeführt, teils diese selbst
+sich in das Innere zurückgezogen.” Dies traf im heutigen Münsterland
+die daselbst früher ansässigen germanischen Stämme der Usiper,
+Tencterer, Tubanten. In den Zügen des Germanicus erscheinen dieselben
+vom Rhein abgedrängt, aber noch in der Gegend der Lippe, später,
+wahrscheinlich eben infolge jener Expeditionen, weiter südwärts, Mainz
+gegenüber. Ihr altes Heim lag seitdem öde und bildete das ausgedehnte,
+für die Herden der niedergermanischen Armee reservierte Triftland, auf
+welchem im Jahre 58 erst die Friesen und dann die heimatlos irrenden
+Amsivarier sich niederzulassen gedachten, ohne dazu die Erlaubnis der
+römischen Behörden auswirken zu können. Weiter südwärts blieb von den
+Sugambrern, die ebenfalls zum großen Teil derselben Behandlung
+unterlagen, wenigstens ein Teil am rechten Ufer ansässig ^5, während
+andere kleinere Völkerschaften ganz verdrängt wurden. Die spärliche
+innerhalb des Limes geduldete Bevölkerung war selbstverständlich
+reichsuntertänig, wie dies die bei den Sugambrern stattfindende
+römische Aushebung bestätigt.
+
+———————————————————————————-
+
+^4 Limes (von limus quer) ist ein unseren Rechtsverhältnissen fremder
+und daher auch in unserer Sprache nicht wiederzugebender technischer
+Ausdruck, davon hergenommen, daß die römische Ackerteilung, die alle
+Naturgrenzen ausschließt, die Quadrate, in welche der im Privateigentum
+stehende Boden geteilt wird, durch Zwischenwege von einer bestimmten
+Breite trennt; diese Zwischenwege sind die limites, und insofern
+bezeichnet das Wort immer zugleich sowohl die von Menschenhand gezogene
+Grenze wie die von Menschenhand gebaute Straße. Diese Doppelbedeutung
+behält das Wort auch in der Anwendung auf den Staat (unrichtig
+Rudorff); limes ist nicht jede Reichsgrenze, sondern nur die von
+Menschenhand abgesteckte und zugleich zum Begehen und Postenstellen für
+die Grenzverteidigung eingerichtete (vita Hadriani 12: locis in quibus
+barbari non fluminibus, sed limitibus dividuntur), wie wir sie in
+Germanien und in Afrika finden. Darum werden auch auf die Anlage dieses
+Limes die für den Straßenbau dienenden Bezeichnungen angewandt aperire
+(Vell. 2, 121, was nicht, wie Müllenhoff in der Zeitschrift für
+deutsches Altertum, N. F. 2, S. 32 will, so zu verstehen ist wie unser
+öffnen des Schlagbaums), munire, agere (Frontin. straf. 1, 3, 10:
+limitibus per CXX m. p. actis). Darum ist der Limes nicht bloß eine
+Längenlinie, sondern auch von einer gewissen Breite (Tac. ann. 1, 50:
+castra in limite locat). Daher verbindet sich die Anlage des limes oft
+mit derjenigen des agger, das heißt des Straßendammes (Tac. ann. 2, 7:
+cuncta novis limitibus aggeribusque permunita) und die Verschiebung
+desselben mit der Verlegung der Grenzposten (Tac. Germ. 29: limite acto
+promotisque praesidiis). Der Limes ist also die Reichsgrenzstraße,
+bestimmt zur Regulierung des Grenzverkehrs dadurch, daß ihre
+Überschreitung nur an gewissen, den Brücken der Flußgrenze
+entsprechenden Punkten gestattet, sonst untersagt wird. Zunächst ist
+dies ohne Zweifel herbeigeführt worden durch Abpatrouillierung der
+Linie, und solange dies geschah blieb der Limes ein Grenzweg. Er blieb
+dies auch, wenn er an beiden Seiten befestigt ward, wie dies in
+Britannien und an der Donaumündung geschah; auch der britannische Wall
+heißt limes. Es konnten aber auch an den gestatteten
+Überschreitungspunkten Posten aufgestellt und die Zwischenstrecken der
+Grenzwege in irgendeiner Weise unwegsam gemacht werden, In diesem Sinne
+sagt der Biograph in der oben angeführten Steile von Hadrian, daß an
+den limites er stipitibus magnis in modum muralis saepis funditus
+iactis atque conexis barbaros separavit. Damit verwandelt sich die
+Grenzstraße in eine mit gewissen Durchgängen versehene Grenzbarrikade,
+und das ist der Limes Obergermaniens in der entwickelten, weiterhin
+darzulegenden Gestalt. Übrigens wird das Wort in diesem Werte in
+republikanischer Zeit nicht gebraucht und ist ohne Zweifel dieser
+Begriff des limes erst entstanden mit der Einrichtung der den Staat, wo
+Naturgrenzen fehlen, umschließenden Postenkette, welcher
+Reichsgrenzschutz der Republik fremd, aber das Fundament des
+Augusteischen Militär- und vor allem des Augusteischen Zollsystems ist.
+
+^5 Die auf das linke Ufer übergesiedelten Sugambrer werden unter diesem
+Namen nachher nicht erwähnt und sind wahrscheinlich die unterhalb Köln
+am Rhein wohnenden Cugerner. Aber daß die Sugambrer auf dem rechten
+Ufer, welche Strabo erwähnt, wenigstens noch zu Claudius’ Zeit
+bestanden, zeigt die nach diesem Kaiser benannte, also sicher unter ihm
+und zwar aus Sugambrern errichtete Kohorte (CIL III p. 877); und sie,
+sowie die vier anderen, wahrscheinlich augustischen Kohorten dieses
+Namens bestätigen, was eigentlich auch Strabon sagt, daß diese
+Sugambrer zum Römischen Reich gehörten. Sie sind wohl, wie die
+Mattiaker, erst in den Stürmen der Völkerwanderung verschwunden.
+
+———————————————————————————-
+
+In dieser Weise wurden nach dem Aufgeben der weiter greifenden Entwürfe
+die Verhältnisse am Unterrhein geordnet, immer also noch ein nicht
+unbeträchtliches Gebiet am rechten Ufer von den Römern gehalten. Aber
+es knüpften sich daran mancherlei unbequeme Verwicklungen. Gegen das
+Ende der Regierung des Tiberius (28) fielen die Friesen infolge der
+unerträglichen Bedrückung bei der Erhebung der an sich geringen Abgabe
+vom Reiche ab, erschlugen die bei der Erhebung beschäftigten Leute und
+belagerten den hier fungierenden römischen Kommandanten mit dem Reste
+der im Gebiet verweilenden römischen Soldaten und Zivilpersonen in dem
+Kastell Flevum, da, wo vor der im Mittelalter erfolgten Ausdehnung der
+Zuidersee die östlichste Rheinmündung war, bei der heutigen Insel
+Vlieland neben dem Texel. Der Aufstand nahm solche Verhältnisse an, daß
+beide Rheinheere gemeinschaftlich gegen die Friesen marschierten; aber
+der Statthalter Lucius Apronius richtete dennoch nichts aus. Die
+Belagerung des Kastells gaben die Friesen auf, als die römische Flotte
+die Legionen herantrug; aber ihnen selbst war in dem durchschnittenen
+Lande schwer beizukommen; mehrere römische Heerhaufen wurden vereinzelt
+aufgerieben und die römische Vorhut so gründlich geschlagen, daß selbst
+die Leichen der Gefallenen in der Gewalt des Feindes blieben. Zu einer
+entscheidenden Aktion kam es nicht, aber auch nicht zu rechter
+Unterwerfung; größeren Unternehmungen, die dem kommandierenden
+Feldherrn eine Machtstellung gaben, war Tiberius, je älter er wurde,
+immer weniger geneigt. Damit steht in Zusammenhang, daß in den nächsten
+Jahren die Nachbarn der Friesen, die Chauker, den Römern sehr unbequem
+wurden, im Jahre 41 der Statthalter Publius Gabinius Secundus gegen sie
+eine Expedition unternehmen mußte und sechs Jahre später (47) sie sogar
+unter Führung des römischen Überläufers Gannascus, eines geborenen
+Cannenefaten, mit ihren leichten Piratenschiffen die gallische Küste
+weithin brandschatzten. Gnaeus Domitius Corbulo, von Claudius zum
+Statthalter Niedergermaniens ernannt, legte mit der Rheinflotte diesen
+Vorgängern der Sachsen und Normannen das Handwerk und brachte dann die
+Friesen energisch zum Gehorsam zurück, indem er ihr Gemeinwesen neu
+ordnete und römische Besatzung dorthin legte. Er hatte die Absicht,
+weiter die Chauker zu züchtigen; auf sein Anstiften wurde Gannascus aus
+dem Wege geräumt - gegen den Überläufer hielt er sich auch dazu
+berechtigt -, und er war im Begriff, die Ems überschreitend in das
+Chaukerland einzurücken, als er nicht bloß Gegenbefehl von Rom erhielt,
+sondern die römische Regierung überhaupt ihre Stellung am Unterrhein
+vollständig änderte. Kaiser Claudius wies den Statthalter an, alle
+römischen Besatzungen vom rechten Ufer wegzunehmen. Es ist begreiflich,
+daß der kaiserliche General die freien Feldherren des ehemaligen Rom
+mit bitteren Worten glücklich pries; es wurde allerdings damit die nach
+der Varusschlacht nur halb gezogene Konsequenz der Niederlage
+vervollständigt. Wahrscheinlich ist diese durch keine unmittelbare
+Nötigung veranlaßte Einschränkung der römischen Okkupation Germaniens
+hervorgerufen worden durch den eben damals gefaßten Entschluß,
+Britannien zu besetzen, und findet darin ihre Rechtfertigung, daß die
+Truppen beidem zugleich nicht genügten. Daß der Befehl ausgeführt ward
+und es auch später dabei blieb, beweist das Fehlen der römischen
+Militärinschriften am ganzen rechten Unterrhein ^6. Nur einzelne
+Übergangspunkte und Ausfallstore, wie insbesondere Deutz gegenüber
+Köln, machen Ausnahmen von dieser allgemeinen Regel. Auch die
+Militärstraße hält sich hier auf dem linken Ufer und streng an den
+Rheinlauf, während der hinter derselben herlaufende Verkehrsweg, die
+Krümmungen abschneidend, die gerade Verbindung verfolgt. Auf dem
+rechten Rheinufer sind hier nirgends, weder durch aufgefundene
+Meilensteine noch anderweitig, römische Militärstraßen bezeugt.
+
+——————————————————————-
+
+^6 Das Kastell von Niederbiber, unweit der Mündung der Wied in den
+Rhein, sowie das von Arzbach bei Montabaur im Lahngebiet gehören schon
+zu Obergermanien. Die besondere Bedeutung jener Festung, des größten
+Kastells in Obergermanien, beruht darauf, daß sie die römischen Linien
+auf dem rechten Rheinufer militärisch abschloß.
+
+——————————————————————-
+
+Einen eigentlichen Verzicht auf den Besitz des rechten Ufers in dieser
+Provinz schließt die Zurückziehung der Besatzungen nicht ein. Dasselbe
+galt den Römern seitdem etwa wie dem Festungskommandanten das unter
+seinen Kanonen liegende Terrain. Die Cannenefaten und wenigstens ein
+Teil der Friesen ^7 sind nach wie vor reichsuntertänig gewesen. Daß
+auch später noch im Münsterland die Herden der Legionen weideten und
+den Germanen nicht gestattet wurde, sich dort niederzulassen, ist schon
+bemerkt worden. Aber die Regierung hat seitdem für den Schutz des
+Grenzgebietes auf dem rechten Ufer, das es in dieser Provinz auch
+ferner gab, im Norden sich auf die Cannenefaten und die Friesen
+verlassen, weiter stromaufwärts im wesentlichen der Ödgrenze vertraut
+und auch die römische Ansiedelung hier, wenn nicht geradezu untersagt,
+doch nicht aufkommen lassen. Der in Altenberg (Kreis Mülheim) am
+Dhünfluß gefundene Altarstein eines Privaten ist fast das einzige
+Zeugnis römischer Einwohnerschaft in diesen Gegenden. Es ist dies um so
+bemerkenswerter, als das Aufblühen von Köln, wenn hier nicht besondere
+Hindernisse im Wege gestanden hätten, die römische Zivilisation von
+selber weithin auf das andere Ufer getragen haben würde. Oft genug
+werden römische Truppen diese ausgedehnten Gebiete betreten, vielleicht
+selbst die gerade hier in augustischer Zeit zahlreich angelegten
+Straßen einigermaßen gangbar gehalten, auch wohl neue angelegt haben;
+spärliche Ansiedler, teils Überreste der alten germanischen
+Bevölkerung, teils Kolonisten aus dem Reich, werden hier gesessen
+haben, ähnlich wie wir sie bald in der früheren Kaiserzeit am rechten
+Ufer des Oberrheins finden werden; aber den Wegen wie den Besitzungen
+fehlte der Stempel der Dauerhaftigkeit. Man wollte hier nicht eine
+Arbeit von gleicher Ausdehnung und gleicher Schwierigkeit unternehmen,
+wie wir sie weiterhin in der oberen Provinz kennenlernen werden, nicht
+hier, wie es dort geschah, die Reichsgrenze militärisch schützen und
+befestigen. Darum hat den Unterrhein wohl die römische Herrschaft, aber
+nicht, wie den Oberrhein, auch die römische Kultur überschritten.
+
+—————————————————————
+
+^7 Dies fordern die Aushebungen (Eph. epigr. V, p. 274), während die
+Friesen, wie sie im Jahre 58 (Tac. ann. 13, 54) auftreten, eher
+unabhängig erscheinen; auch der ältere Plinius (nat. 25, 3, 22) unter
+Vespasian nennt sie im Rückblick auf die Zeit des Germanicus gens tum
+fida. Wahrscheinlich hängt dies zusammen mit der Unterscheidung der
+Frisii und Frisiavones bei Plinius (nat. 4, 15, 101) und der Frisii
+maiores und minores bei Tacitus (Germ. 34). Die römisch gebliebenen
+Friesen werden die westlichen sein, die freien die östlichen; wenn die
+Friesen überhaupt bis zur Ems reichen (Ptol. geogr. 3, 11, 7), so mögen
+die später römischen etwa westwärts der Yssel gesessen haben. Anderswo
+als an der noch heute ihren Namen tragenden Küste darf man sie nicht
+ansetzen; die Nennung bei Plinius (nat. 4, 17, 106) steht vereinzelt
+und ist ohne Zweifel fehlerhaft.
+
+—————————————————————
+
+Ihrer doppelten Aufgabe, das benachbarte Gallien in Gehorsam und die
+Germanen des rechten Rheinufers von Gallien abzuhalten, hatte die Armee
+am Unterrhein auch nach dem Verzicht auf Besetzung des
+rechtsrheinischen Gebietes ausreichend genügt; und es wäre die Ruhe
+nach außen und innen voraussichtlich nicht unterbrochen worden, wenn
+nicht der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie und der dadurch
+hervorgerufene Bürger- oder vielmehr Korpskrieg in diese Verhältnisse
+in verhängnisvoller Weise eingegriffen hätte. Die Insurrektion des
+Keltenlandes unter Führung des Vindex wurde zwar von den beiden
+germanischen Armeen niedergeschlagen; aber Neros Sturz erfolgte
+dennoch, und als sowohl das spanische Heer wie die Kaisergarde in Rom
+ihm einen Nachfolger bestellten, taten auch die Rheinarmeen das
+gleiche, und im Anfang des Jahres 69 überschritt der größte Teil dieser
+Truppen die Alpen, um auf den Schlachtfeldern Italiens auszumachen, ob
+dessen Herrscher Marcus oder Aulus heißen werde. Im Mai desselben
+Jahres folgte der neue Kaiser Vitellius, nachdem die Waffen für ihn
+entschieden hatten, begleitet von dem Rest der guten kriegsgewohnten
+Mannschaften. Durch eilig in Gallien ausgehobene Rekruten waren
+allerdings die Lücken in den Rheinbesatzungen notdürftig ausgefüllt
+worden; aber daß es nicht die alten Legionen waren, wußte das ganze
+Land, und bald zeigte es sich auch, daß jene nicht zurückkamen. Hätte
+der neue Herrscher die Armee, die ihn auf den Thron gesetzt hatte, in
+seiner Gewalt gehabt, so hätte gleich nach der Niederwerfung Othos im
+April wenigstens ein Teil derselben an den Rhein zurückkehren müssen;
+aber mehr noch die Unbotmäßigkeit der Soldaten als die bald eintretende
+neue Verwicklung mit dem im Osten zum Kaiser ausgerufenen Vespasian
+hielt die germanischen Legionen in Italien zurück.
+
+Gallien war in der furchtbarsten Aufregung. Die Insurrektion des Vindex
+war, wie früher bemerkt ward, an sich nicht gegen die Herrschaft Roms,
+sondern gegen den dermaligen Herrscher gerichtet; aber darum war sie
+nicht weniger eine Kriegführung gewesen zwischen den Rheinarmeen und
+dem Landsturm der großen Mehrzahl der keltischen Gaue, und diese nicht
+weniger gleich Besiegten geplündert und mißhandelt worden. Die
+Stimmung, die zwischen den Provinzialen und den Soldaten bestand, zeigt
+zum Beispiel die Behandlung, welche der Gau der Helvetier bei dem
+Durchmarsch der nach Italien bestimmten Truppen erfuhr: weil hier ein
+von den Vitellianern nach Pannonien abgesandter Kurier aufgegriffen
+worden war, rückten die Marschkolonnen von der einen Seite, von der
+anderen die in Rätien in Garnison stehenden Römer in den Gau ein,
+plünderten weit und breit die Ortschaften, namentlich das heutige Baden
+bei Zürich, jagten die in die Berge Flüchtenden aus ihrem Versteck auf
+und machten sie zu Tausenden nieder oder verkauften die Gefangenen nach
+Kriegsrecht. Obwohl die Hauptstadt Aventicum (Avenches bei Murten) sich
+ohne Gegenwehr unterwarf, forderten die Agitatoren der Armee ihre
+Schleifung und alles, was der Feldherr gewährte, war die Verweisung der
+Frage nicht etwa an den Kaiser, sondern an die Soldaten des großen
+Hauptquartiers; diese saßen über das Schicksal der Stadt zu Gericht und
+nur der Umschlag ihrer Laune rettete den Ort vor der Zerstörung.
+Dergleichen Mißhandlungen brachten die Provinzialen aufs äußerste; noch
+bevor Vitellius Gallien verließ, trat ein gewisser Mariccus aus dem von
+den Häduern abhängigen Gau der Boier auf, ein Gott auf Erden, wie er
+sagte, und bestimmt, die Freiheit der Kelten wieder herzustellen; und
+scharenweise strömten die Leute unter seine Fahnen. Indes kam auf die
+Erbitterung im Keltenland nicht allzu viel an. Eben der Aufstand des
+Vindex hatte auf das deutlichste gezeigt, wie völlig unfähig die
+Gallier waren, sich der römischen Umklammerung zu entwinden. Aber die
+Stimmung der zu Gallien gerechneten germanischen Distrikte in den
+heutigen Niederlanden, der Bataver, der Cannenefaten, der Friesen,
+deren Sonderstellung schon hervorgehoben ward, hatte etwas mehr zu
+bedeuten; und es traf sich, daß eben diese einerseits aufs äußerste
+erbittert worden waren, andererseits ihre Kontingente zufällig sich in
+Gallien befanden. Die Masse der batavischen Truppen, 8000 Mann, der 14.
+Legion beigegeben, hatte längere Zeit mit dieser bei dem oberen
+Rheinheere gestanden und war dann unter Claudius bei der Besetzung
+Britanniens nach dieser Insel gekommen, wo dieses Korps kurz zuvor die
+entscheidende Schlacht unter Paullinus durch seine unvergleichliche
+Tapferkeit für die Römer gewonnen hatte; von diesem Tag an nahm
+dasselbe unter allen römischen Heeresabteilungen unbestritten den
+ersten Platz ein. Eben dieser Auszeichnung wegen von Nero abberufen, um
+mit ihm zum Kriege in den Orient abzugehen, hatte die in Gallien
+ausbrechende Revolution ein Zerwürfnis zwischen der Legion und ihren
+Hilfsmannschaften herbeigeführt: jene, dem Nero treu ergeben, eilte
+nach Italien, die Bataver dagegen weigerten sich zu folgen. Vielleicht
+hing dies damit zusammen, daß zwei ihrer angesehensten Offiziere, die
+Brüder Paulus und Civilis, ohne jeden Grund und ohne Rücksicht auf
+vieljährige treue Dienste und ehrenvolle Wunden, kurz vorher als des
+Hochverrats verdächtig in Untersuchung gezogen, der erstere
+hingerichtet, der zweite gefangengesetzt worden war. Nach Neros Sturz,
+zu welchem der Abfall der batavischen Kohorten wesentlich beigetragen
+hatte, gab Galba den Civilis frei und sandte die Bataver in ihr altes
+Standquartier nach Britannien zurück. Während sie auf dem Marsch dahin
+bei den Lingonen (Langres) lagerten, fielen die Rheinlegionen von Galba
+ab und riefen den Vitellius zum Kaiser aus. Die Bataver schlossen nach
+längerem Schwanken schließlich sich an; dieses Schwanken vergab ihnen
+Vitellius nicht, doch wagte er nicht, den Führer des mächtigen Korps
+geradezu zur Verantwortung zu ziehen. So waren die Bataver mit den
+Legionen von Untergermanien nach Italien marschiert und hatten mit
+gewohnter Tapferkeit in der Schlacht von Betriacum für Vitellius
+gefochten, während ihre alten Legionskameraden ihnen in dem Heere Othos
+gegenüberstanden. Aber der Übermut dieser Germanen erbitterte ihre
+römischen Siegesgenossen, wie sehr sie ihre Tapferkeit im Kampf
+anerkannten; auch die kommandierenden Generale trauten ihnen nicht und
+machten sogar einen Versuch, durch Detachierung sie zu teilen, was
+freilich in diesem Krieg, in dem die Soldaten kommandierten und die
+Generale gehorchten, nicht durchzuführen war und fast dem General das
+Leben gekostet hätte. Nach dem Siege wurden sie beauftragt, ihre
+feindlichen Kameraden von der 14. Legion nach Britannien zu
+eskortieren; aber da es zwischen beiden in Turin zum Handgemenge
+gekommen war, gingen diese allein dorthin und sie selbst nach
+Germanien. Inzwischen war im Orient Vespasianus zum Kaiser ausgerufen
+worden, und während infolgedessen Vitellius sowohl den batavischen
+Kohorten Marschbefehl nach Italien gab wie auch bei den Batavern neue
+umfassende Aushebungen anordnete, knüpften Vespasians Beauftragte mit
+den batavischen Offizieren an, um diesen Abmarsch zu verhindern und in
+Germanien selbst einen Aufstand hervorzurufen, der die Truppen dort
+festhielte. Civilis ging darauf ein. Er begab sich in seine Heimat und
+gewann leicht die Zustimmung der Seinigen, sowie der benachbarten
+Cannenefaten und Friesen. Bei jenen brach der Aufstand aus; die beiden
+Kohortenlager in der Nähe wurden überfallen und die römischen Posten
+aufgehoben; die römischen Rekruten schlugen sich schlecht; bald warf
+Civilis mit seiner Kohorte, die er hatte nachkommen lassen, um sie
+angeblich gegen die Insurgenten zu gebrauchen, sich selbst offen in die
+Bewegung, sagte mit den drei germanischen Gauen dem Vitellius auf und
+forderte die übrigen, eben damals von Mainz zum Abmarsch nach Italien
+aufbrechenden Bataver und Cannenefaten auf, sich ihm anzuschließen.
+
+Das alles war mehr ein Soldatenaufstand als eine Insurrektion der
+Provinz oder gar ein germanischer Krieg. Wenn damals die Rheinlegionen
+mit denen von der Donau und weiter mit diesen und der Euphratarmee
+schlugen, so war es nur folgerichtig, daß auch die Soldaten zweiter
+Klasse, und vor allem die angesehenste Truppe derselben, die
+batavische, selbständig in diesen Korpskrieg eintrat. Wer diese
+Bewegung bei den Kohorten der Bataver und den linksrheinischen Germanen
+mit der Insurrektion der rechtsrheinischen unter Augustus
+zusammenstellt, der darf nicht übersehen, daß in jener die Alen und
+Kohorten die Rolle des Landsturms der Cherusker übernahmen; und wenn
+der treulose Offizier des Varus seine Nation aus der Römerherrschaft
+erlöste, so handelte der batavische Führer im Auftrag Vespasians, ja
+vielleicht auf geheime Anweisung des im stillen Vespasian geneigten
+Statthalters seiner Provinz, und richtete sich der Aufstand zunächst
+lediglich gegen Vitellius. Freilich war die Lage der Dinge von der Art,
+daß dieser Soldatenaufstand jeden Augenblick in einen Germanenkrieg
+gefährlichster Art sich verwandeln konnte. Dieselben römischen Truppen,
+die den Rhein gegen die Germanen des rechten Ufers deckten, standen
+infolge der Korpskriege den linksrheinischen Germanen feindlich
+gegenüber; die Rollen waren solcher Art, daß es fast leichter schien,
+sie zu wechseln als sie durchzuführen. Civilis selbst mag es wohl auf
+den Erfolg haben ankommen lassen, ob die Bewegung auf einen
+Kaiserwechsel oder auf die Vertreibung der Römer aus Gallien durch die
+Germanen hinauslaufen werde.
+
+Das Kommando über die beiden Rheinarmeen führte damals, nachdem der
+Statthalter von Untergermanien Kaiser geworden war, sein bisheriger
+Kollege in Obergermanien Hordeonius Flaccus, ein hochbejahrter
+podagrischer Mann, ohne Energie und ohne Autorität, dazu entweder in
+der Tat im geheimen zu Vespasian haltend oder doch bei den eifrig dem
+Kaiser ihrer Mache anhängenden Legionen solcher Treulosigkeit sehr
+verdächtig. Es zeichnet ihn und seine Stellung, daß er, um sich von dem
+Verdacht des Verrats zu reinigen, Befehl gab, die einlaufenden
+Regierungsdepeschen uneröffnet den Adlerträgern der Legionen
+zuzustellen und diese sie zunächst den Soldaten vorlasen, bevor sie
+dieselben an ihre Adresse beförderten. Von den vier Legionen des
+unteren Heeres, das zunächst mit den Aufständischen zu tun hatte,
+standen zwei, die 5. und die 15., unter dem Legaten Munius Lupercus im
+Hauptquartier zu Vetera, die 16. unter Numisius Rufus in Novaesium
+(Neuß), die 1. unter Herennius Gallus in Bonna (Bonn). Von dem oberen
+Heer, das damals nur drei Legionen zählte ^8, blieb die eine, die 21.,
+in ihrem Standquartier Vindonissa diesen Vorgängen fern, wenn sie nicht
+vielmehr ganz nach Italien gezogen worden war; die beiden anderen, die
+4. makedonische und die 22., standen im Hauptquartier Mainz, wo auch
+Flaccus sich befand und faktisch der tüchtige Legat des letzteren,
+Dillius Vocula, den Oberbefehl führte. Die Legionen hatten durchgängig
+nur die Hälfte der vollen Zahl, und die meisten Soldaten waren
+Halbinvalide oder Rekruten.
+
+————————————————————————-
+
+^8 Die 4. obergermanische Legion war im Jahre 58 nach Kleinasien
+geschickt, wegen des Armenisch-Parthischen Krieges (Tac. ann. 13, 35).
+
+————————————————————————-
+
+Civilis, an der Spitze einer kleinen Zahl regulärer Truppen, aber des
+Gesamtaufgebots der Bataver, Cannenefaten und Friesen, ging aus der
+Heimat zum Angriff vor. Zunächst am Rhein stieß er auf Reste der aus
+den nördlichen Gauen vertriebenen römischen Besatzungen und eine
+Abteilung der römischen Rheinflotte; als er angriff, lief nicht bloß
+die großenteils aus Batavern bestehende Schiffsmannschaft zu ihm über,
+sondern auch eine Kohorte der Tungrer - es war der erste Abfall einer
+gallischen Abteilung; was von italischen Mannschaften dabei war, wurde
+erschlagen oder gefangen. Dieser Erfolg brachte endlich die
+rechtsrheinischen Germanen in Bewegung. Was sie seit langem vergeblich
+gehofft hatten, die Erhebung der römischen Untertanen auf dem anderen
+Ufer, ging nun in Erfüllung und sowohl die Chauker und die Friesen an
+der Küste wie vor allem die Bructerer zu beiden Seiten der oberen Ems
+bis hinab zur Lippe, und am Mittelrhein, Köln gegenüber, die Tencterer,
+in minderem Maße die südlich an diese sich anschließenden
+Völkerschaften, Usiper, Mattiaker, Chatten, warfen sich in den Kampf.
+Als auf Befehl des Flaccus die beiden schwachen Legionen von Vetera
+gegen die Insurgenten ausrückten, konnten ihnen diese schon mit
+zahlreichem überrheinischem Zuzug entgegentreten; und die Schlacht
+endigte wie das Gefecht am Rhein mit einer Niederlage der Römer durch
+den Abfall der batavischen Reiterei, welche zu der Garnison von Vetera
+gehörte, und durch die schlechte Haltung der Reiter der Ubier wie der
+Treverer. Die insurgierten wie die zuströmenden Germanen schritten
+dazu, das Hauptquartier des unteren Heeres zu umstellen und zu
+belagern. Während dieser Belagerung erreichte die Kunde der Vorgänge am
+Unterrhein die übrigen batavischen Kohorten in der Nähe von Mainz; sie
+machten sofort kehrt gegen Norden. Statt sie zusammenhauen zu lassen,
+ließ der schwachmütige Oberfeldherr sie ziehen, und als der
+Legionskommandant in Bonn sich ihnen entgegenwarf, unterstützte Flaccus
+diesen nicht, wie er es gekonnt und sogar anfänglich zugesagt hatte. So
+sprengten die tapferen Germanen die Bonner Legion auseinander und
+gelangten glücklich zu Civilis, fortan der geschlossene Kern seines
+Heeres, in welchem jetzt die römischen Kohortenfahnen neben den
+Tierstandarten aus den heiligen Hainen der Germanen standen. Noch immer
+aber hielt der Bataver, wenigstens angeblich, an Vespasian; er schwur
+die römischen Truppen auf dessen Namen ein und forderte die Besatzung
+von Vetera auf, sich mit ihm für diesen zu erklären. Indes diese
+Mannschaften sahen darin, vermutlich mit Recht, nur einen Versuch der
+Überlistung und wiesen diesen ebenso entschlossen ab wie die
+anstürmenden Scharen der Feinde, die bald durch die überlegene römische
+Taktik sich gezwungen sahen, die Belagerung in eine Blockade zu
+verwandeln. Aber da die römische Heerleitung durch diese Vorgänge
+überrascht worden war, waren die Vorräte knapp und baldiger Entsatz
+dringend geboten. Um diesen zu bringen, brachen Flaccus und Vocula mit
+ihrer gesamten Mannschaft von Mainz auf, zogen unterwegs die beiden
+Legionen aus Bonna und Novaesium sowie die auf den erhaltenen Befehl
+zahlreich sich einstellenden Hilfstruppen der gallischen Gaue an sich
+und näherten sich Vetera. Aber statt sofort die gesamte Macht von innen
+und außen auf die Belagerer zu werfen, mochte deren Überzahl noch so
+gewaltig sein, schlug Vocula sein Lager bei Gelduba (Gellep am Rhein,
+unweit Krefeld), einen starken Tagemarsch entfernt von Vetera, während
+Flaccus weiter zurückstand. Die Nichtigkeit des sogenannten Feldherrn
+und die immer steigende Demoralisation der Truppen, vor allem das oft
+bis zu Mißhandlungen und Mordanschlägen sich steigernde Mißtrauen gegen
+die Offiziere kann allein dies Einhalten wenigstens erklären. Also zog
+sich das Unheil immer dichter von allen Seiten zusammen. Ganz Germanien
+schien sich an dem Krieg beteiligen zu wollen; während die belagernde
+Armee beständig neuen Zuzug von dort erhielt, gingen andere Schwärme
+über den in diesem trocknen Sommer ungewöhnlich niedrigen Rhein teils
+in den Rücken der Römer in die Gaue der Ubier und der Treverer, das
+Moseltal zu brandschatzen, teils unterhalb Vetera in das Gebiet der
+Maas und der Schelde; weitere Haufen erschienen vor Mainz und machten
+Miene, dies zu belagern. Da kam die Nachricht von der Katastrophe in
+Italien. Auf die Kunde von der zweiten Schlacht bei Betriacum im Herbst
+des Jahres 69 gaben die germanischen Legionen die Sache des Vitellius
+verloren und schwuren, wenn auch widerwillig, dem Vespasian; vielleicht
+in der Hoffnung, daß Civilis, der ja auch den Namen Vespasians auf
+seine Fahnen geschrieben hatte, dann seinen Frieden machen werde. Aber
+die germanischen Schwärme, die inzwischen über ganz Nordgallien sich
+ergossen hatten, waren nicht gekommen, um die Flavische Dynastie
+einzusetzen; selbst wenn Civilis dies einmal gewollt hatte, jetzt hätte
+er es nicht mehr gekonnt. Er warf die Maske weg und sprach es offen
+aus, was freilich längst feststand, daß die Germanen Nordgalliens sich
+mit Hilfe der freien Landsleute der römischen Herrschaft zu entwinden
+gedachten.
+
+Aber das Kriegsglück schlug um. Civilis versuchte das Lager von Gelduba
+zu überrumpeln; der Überfall begann glücklich und der Abfall der
+Kohorten der Nervier brachte Voculas kleine Schar in eine kritische
+Lage. Da fielen plötzlich zwei spanische Kohorten den Germanen in den
+Rücken; die drohende Niederlage verwandelte sich in einen glänzenden
+Sieg; der Kern der angreifenden Armee blieb auf dem Schlachtfeld.
+Vocula rückte zwar nicht sofort gegen Vetera vor, was er wohl gekonnt
+hätte, aber drang einige Tage später, nach einem abermaligen heftigen
+Gefecht mit den Feinden, in die belagerte Stadt. Freilich Lebensmittel
+brachte er nicht; und da der Fluß in der Gewalt des Feindes war, mußten
+diese auf dem Landweg von Novaesium herbeigeschafft werden, wo Flaccus
+lagerte. Der erste Transport kam durch; aber die inzwischen wieder
+gesammelten Feinde griffen die zweite Proviantkolonne unterwegs an und
+nötigten sie, sich nach Gelduba zu werfen. Zu ihrer Unterstützung ging
+Vocula mit seinen Truppen und einem Teil der alten Besatzung von Vetera
+dorthin ab. In Gelduba angelangt, weigerten sich die Mannschaften, nach
+Vetera zurückzukehren und die Leiden der abermals in Aussicht stehenden
+Belagerung weiter auf sich zu nehmen; statt dessen marschierten sie
+nach Novaesium, und Vocula, welcher den Rest der alten Garnison von
+Vetera einigermaßen verproviantiert wußte, mußte wohl oder übel folgen.
+In Novaesium war inzwischen die Meuterei zum Ausbruch gelangt. Die
+Soldaten hatten in Erfahrung gebracht, daß ein von Vitellius für sie
+bestimmtes Donativ an den Feldherrn gelangt sei und erzwangen dessen
+Verteilung auf den Namen Vespasians. Kaum hatten sie es, so brach in
+den wüsten Gelagen, welche die Spende im Gefolge hatte, der alte
+Soldatengroll wieder hervor; sie plünderten das Haus des Feldherrn, der
+die Rheinarmee an den General der syrischen Legionen verraten hatte,
+erschlugen ihn und hätten auch dem Vocula das gleiche Schicksal
+bereitet, wenn dieser nicht in Vermummung entkommen wäre. Darauf riefen
+sie abermals den Vitellius zum Kaiser aus, nicht wissend, daß dieser
+schon tot war. Als diese Kunde ins Lager kam, kam der bessere Teil der
+Soldaten, namentlich die beiden obergermanischen Legionen, einigermaßen
+zur Besinnung; sie vertauschten an ihren Standarten das Bildnis des
+Vitellius wieder mit dem Vespasians und stellten sich unter Voculas
+Befehle; dieser führte sie nach Mainz, wo er den Rest des Winters 69/70
+verblieb. Civilis besetzte Gelduba und schnitt damit Vetera ab, das
+aufs neue eng blockiert ward; die Lager von Novaesium und Bonna wurden
+noch gehalten.
+
+Bisher hatte das gallische Land, abgesehen von den wenigen insurgierten
+germanischen Gauen im Norden, fest an Rom gehalten. Allerdings ging die
+Parteiung durch die einzelnen Gaue; unter den Tungrern zum Beispiel
+hatten die Bataver starken Anhang, und die schlechte Haltung der
+gallischen Hilfsmannschaften während des ganzen Feldzugs wird wohl zum
+Teil durch dergleichen römerfeindliche Stimmungen hervorgerufen sein.
+Aber auch unter den Insurgierten gab es eine ansehnliche römisch
+gesinnte Partei; ein vornehmer Bataver, Claudius Labeo, führte gegen
+seine Landsleute in seiner Heimat und der Nachbarschaft einen
+Parteigängerkrieg nicht ohne Erfolg und Civilis’ Schwestersohn Iulius
+Briganticus fiel in einem dieser Gefechte an der Spitze einer römischen
+Reiterschar. Dem Befehl, Zuzug zu senden, hatten alle gallischen Gaue
+ohne weiteres Folge geleistet; die Ubier, obwohl germanischer Herkunft,
+waren auch in diesem Kriege lediglich ihres Römerrums eingedenk und
+sie, wie die Treverer, hatten den in ihr Gebiet einbrechenden Germanen
+tapferen und erfolgreichen Widerstand geleistet. Es war das
+begreiflich. Die Dinge lagen in Gallien noch so wie in den Zeiten
+Caesars und Ariovists; eine Befreiung der gallischen Heimat von der
+römischen Herrschaft durch diejenigen Schwärme, welche, um dem Civilis
+landsmannschaftlichen Beistand zu leisten, eben damals das Mosel-,
+Maas- und Scheldetal ausraubten, war ebensosehr eine Auslieferung des
+Landes an die germanischen Nachbarn; in diesem Krieg, der aus einer
+Fehde zwischen zwei römischen Truppenkorps zu einem
+römisch-germanischen sich entwickelt hatte, waren die Gallier
+eigentlich nichts als der Einsatz und die Beute. Daß die Stimmung der
+Gallier, trotz aller wohlbegründeten allgemeinen und besonderen
+Beschwerden über das römische Regiment, überwiegend antigermanisch war
+und für jene aufflammende und rücksichtslose nationale Erhebung, wie
+sie vor Zeiten wohl durch das Volk gegangen war, in diesem inzwischen
+halb romanisierten Gallien der Zündstoff fehlte, hatten die bisherigen
+Vorgänge auf das deutlichste gezeigt. Aber unter den beständigen
+Mißerfolgen der römischen Armee wuchs allmählich den römerfeindlichen
+Galliern der Mut, und ihr Abfall vollendete die Katastrophe. Zwei
+vornehme Treverer, Iulius Classicus, der Befehlshaber der treverischen
+Reiterei, und Iulius Tutor, der Kommandant der Uferbesatzungen am
+Mittelrhein, der Lingone Iulius Sabinus, Nachkomme, wie er wenigstens
+sich berühmte, eines Bastards Caesars, und einige andere gleichgesinnte
+Männer aus verschiedenen Gauen glaubten in der fahrigen keltischen
+Weise zu erkennen, daß der Untergang Roms in den Sternen geschrieben
+und durch den Brand des Kapitols (Dezember 69) der Welt verkündigt sei.
+So beschlossen sie, die Römerherrschaft zu beseitigen und ein
+Gallisches Reich zu errichten. Dazu gingen sie den Weg des Arminius.
+Vocula ließ sich wirklich durch gefälschte Rapporte dieser römischen
+Offiziere bestimmen, mit den unter ihrem Kommando stehenden
+Kontingenten und einem Teil der Mainzer Besatzung im Frühjahr 70 nach
+dem Unterrhein aufzubrechen, um mit diesen Truppen und den Legionen von
+Bonna und Novaesium das hart bedrängte Vetera zu entsetzen. Auf dem
+Marsch von Novaesium nach Vetera verließen Classicus und die mit ihm
+einverstandenen Offiziere das römische Heer und proklamierten das neue
+Gallische Reich. Vocula führte die Legionen zurück nach Novaesium;
+unmittelbar davor schlug Classicus sein Lager auf. Vetera konnte sich
+nicht mehr lange halten; die Römer mußten erwarten, nach dessen Fall
+die gesamte Macht des Feindes sich gegenüber zu finden. Dies vor Augen,
+versagten die römischen Truppen und kapitulierten mit den abgefallenen
+Offizieren. Vergeblich versuchte Vocula noch einmal die Bande der Zucht
+und der Ehre anzuziehen; die Legionen Roms ließen es geschehen, daß ein
+römischer Überläufer von der ersten Legion auf Befehl des Classicus den
+tapferen Feldherrn niederstieß und lieferten selbst die übrigen
+Oberoffiziere gefesselt an den Vertreter des Reiches Gallien aus, der
+dann die Soldaten auf dieses Reich in Eid und Pflicht nahm. Denselben
+Schwur leistete in die Hände der eidbrüchigen Offiziere die Besatzung
+von Vetera, die, durch Hunger bezwungen, sofort sich ergab, und ebenso
+die Besatzung von Mainz, wo nur wenige einzelne der Schande sich durch
+Flucht oder Tod entzogen. Das ganze stolze Rheinheer, die erste Armee
+des Reiches, hatte vor seinen eigenen Auxilien, Rom vor Gallien
+kapituliert.
+
+Es war ein Trauerspiel und zugleich eine Posse. Das Gallische Reich
+verlief, wie es mußte. Civilis und seine Germanen ließen es zunächst
+sich wohl gefallen, daß der Zwist im römischen Lager ihnen die eine wie
+die andere Hälfte der Feinde in die Hände lieferte, aber er dachte
+nicht daran, jenes Reich anzuerkennen, und noch weniger seine
+rechtsrheinischen Genossen.
+
+Ebenso wenig wollten die Gallier selbst davon etwas wissen, wobei
+allerdings der schon bei dem Aufstand des Vindex hervorgetretene Riß
+zwischen den östlichen Distrikten und dem übrigen Lande mit ins Gewicht
+fiel. Die Treverer und die Lingonen, deren leitende Männer jene
+Lagerverschwörung angezettelt hatten, standen zu ihren Führern, aber
+sie blieben so gut wie allein, nur die Vangionen und Triboker schlossen
+sich an. Die Sequaner, in deren Gebiet die benachbarten Lingonen
+einrückten, um sie zum Beitritt zu bestimmen, schlugen dieselben
+kurzweg zum Lande hinaus. Die angesehenen Remer, der führende Gau in
+der Belgica, riefen den Landtag der drei Gallien ein, und obwohl es an
+politischen Freiheitsrednern auf demselben nicht mangelte, so beschloß
+derselbe lediglich, die Treverer von der Auflehnung abzumahnen.
+
+Wie die Verfassung des neuen Reiches ausgefallen sein würde, wenn es
+zustande gekommen wäre, ist schwer zu sagen; wir erfahren nur, daß
+jener Sabinus, der Urenkel der Kebse Caesars, sich auch Caesar nannte
+und in dieser Eigenschaft sich von den Sequanern schlagen ließ,
+Classicus dagegen, dem solche Aszendenz nicht zu Gebote stand, die
+Abzeichen der römischen Magistratur anlegte, also wohl den
+republikanischen Prokonsul spielte. Dazu paßt eine Münze, die von
+Classicus oder seinen Anhängern geschlagen sein muß, welche den Kopf
+der Gallia zeigt, wie die Münzen der römischen Republik den der Roma,
+und daneben das Legionssymbol mit der recht verwegenen Umschrift der
+“Treue” (fides).
+
+Zunächst am Rhein freilich hatten die Reichsmänner in Gemeinschaft mit
+den insurgierten Germanen freie Hand. Die Reste der beiden Legionen,
+die in Vetera kapituliert hatten, wurden gegen die Kapitulation und
+gegen Civilis’ Willen niedergemacht, die beiden von Novaesium und Bonna
+nach Trier geschickt, die sämtlichen römischen Rheinlager, große und
+kleine, mit Ausnahme von Mogontiacum niedergebrannt. In der schlimmsten
+Lage fanden sich die Agrippinenser. Die Reichsmänner hatten sich
+allerdings darauf beschränkt, von ihnen den Treueid zu fordern; aber
+ihnen vergaßen es die Germanen nicht, daß sie eigentlich die Ubier
+waren. Eine Botschaft der Tencterer vom rechten Rheinufer - es war dies
+einer der Stämme, deren alte Heimat die Römer ödegelegt hatten und als
+Viehtrift benutzten, und die infolgedessen sich andere Wohnsitze hatten
+suchen müssen - forderte die Schleifung dieses Hauptsitzes der
+germanischen Apostaten und die Hinrichtung aller ihrer Bürger römischer
+Herkunft. Dies wäre auch wohl beschlossen worden, wenn nicht sowohl
+Civilis, der ihnen persönlich verpflichtet war, wie auch die
+germanische Prophetin, Veleda im Bructerergau, welche diesen Sieg
+vorhergesagt hatte und deren Autorität das ganze Insurgentenheer
+anerkannte, ihr Fürwort eingelegt hätten.
+
+Lange Zeit blieb den Siegern nicht, über die Beute zu streiten. Die
+Reichsmänner versicherten allerdings, daß der Bürgerkrieg in Italien
+ausgebrochen, alle Provinzen vom Feinde überzogen und Vespasianus
+wahrscheinlich tot sei; aber der schwere Arm Roms wurde bald genug
+empfunden. Das neu befestigte Regiment konnte die besten Feldherren und
+zahlreiche Legionen an den Rhein entsenden, und es bedurfte allerdings
+hier einer imposanten Machtentwicklung. Annius Gallus übernahm das
+Kommando in der oberen, Petillius Cerialis in der unteren Provinz, der
+letztere, ein ungestümer und oft unvorsichtiger, aber tapferer und
+fähiger Offizier, die eigentliche Aktion. Außer der 21. Legion von
+Vindonissa kamen fünf aus Italien, drei aus Spanien, eine nebst der
+Flotte aus Britannien, dazu ein weiteres Korps von der rätischen
+Besatzung. Dieses und die 21. Legion trafen zuerst ein. Die
+Reichsmänner hatten wohl davon geredet, die Alpenpässe zu sperren; aber
+geschehen war nichts und das ganze oberrheinische Land bis nach Mainz
+lag offen da. Die beiden Mainzer Legionen hatten zwar dem gallischen
+Reich geschworen und leisteten anfänglich Widerstand; aber sowie sie
+erkannten, daß eine größere römische Armee ihnen gegenüberstand,
+kehrten sie zum Gehorsam zurück und ihrem Beispiel folgten sofort die
+Vangionen und die Triboker. Sogar die Lingonen unterwarfen sich ohne
+Schwertstreich, bloß gegen Zusage milder Behandlung, ihrer 70000
+waffenfähigen Männer ^9. Fast hätten die Treverer selbst das gleiche
+getan; doch wurden sie daran durch den Adel verhindert. Die beiden von
+der niederrheinischen Armee übriggebliebenen Legionen, die hier
+standen, hatten auf die erste Kunde von dem Annahen der Römer die
+gallischen Insignien von ihren Feldzeichen gerissen und rückten ab zu
+den treugebliebenen Mediomatrikern (Metz), wo sie sich der Gnade des
+neuen Feldherrn unterwarfen. Als Cerialis bei dem Heer eintraf, fand er
+schon ein gutes Stück der Arbeit getan. Die Insurgentenführer freilich
+boten das Äußerste auf - damals sind auf ihr Geheiß die bei Novaesium
+ausgelieferten Legionslegaten umgebracht worden -, aber militärisch
+waren sie ohnmächtig und ihr letzter politischer Schachzug, dem
+römischen Feldherrn selber die Herrschaft des Gallischen Reiches
+anzutragen, des Anfangs würdig. Nach kurzem Gefecht besetzte Cerialis
+die Hauptstadt der Treverer, nachdem die Führer und der ganze Rat zu
+den Germanen geflüchtet waren; das war das Ende des Gallischen Reiches.
+
+——————————————————————————
+
+^9 Frontin strat. 4, 3, 14. In ihrem Gebiet müssen die einrückenden
+Truppen eine Reservestellung und ein Depot angelegt haben; nach
+kürzlich bei Mirabeau-sur-Bèze, 22 Kilometer nordöstlich von Dijon,
+gefundenen Ziegeln haben Mannschaften von wenigstens fünf der
+einrückenden Legionen hier Bauten ausgeführt (Heymes 19, 1884, S. 437).
+
+——————————————————————————
+
+Ernster war der Kampf mit den Germanen. Civilis überfiel mit seiner
+gesamten Streitmacht, den Batavern, dem Zuzug der Germanen und den
+landflüchtigen Scharen der gallischen Insurgenten die viel schwächere
+römische Armee in Trier selbst; schon war das römische Lager in seiner
+Gewalt und die Moselbrücke von ihm besetzt, als seine Leute, statt den
+gewonnenen Sieg zu verfolgen, vorzeitig zu plündern begannen und
+Cerialis, seine Unvorsichtigkeit durch glänzende Tapferkeit
+wiedergutmachend, den Kampf wiederherstellte und schließlich die
+Germanen aus dem Lager und der Stadt hinausschlug. Es gelang nichts
+mehr von Bedeutung. Die Agrippinenser schlugen sich sofort wieder zu
+den Römern und brachten die bei ihnen weilenden Germanen in den Häusern
+um; eine ganze dort lagernde germanische Kohorte wurde eingesperrt und
+in ihrem Quartier verbrannt. Was in der Belgica noch zu den Germanen
+hielt, brachte die aus Britannien eintreffende Legion zum Gehorsam
+zurück; ein Sieg der Cannenefaten über die römischen Schiffe, die die
+Legion gelandet hatten, andere einzelne Erfolg der tapferen
+germanischen Haufen und vor allem der zahlreicheren und besser
+geführten germanischen Schiffe änderten die allgemeine Kriegslage
+nicht. Auf den Ruinen von Vetera bot Civilis dem Feind die Stirn; aber
+dem inzwischen verdoppelten römischen Heere mußte er weichen, dann
+endlich auch die eigene Heimat nach verzweifelter Gegenwehr dem Feind
+überlassen. Wie immer stellte im Gefolge des Unglücks die Zwietracht
+sich ein; Civilis war seiner eigenen Leute nicht mehr sicher und suchte
+und fand Schutz vor ihnen bei den Feinden. Im Spätherbst des Jahres 70
+war der ungleiche Kampf entschieden; die Auxilien kapitulierten nun
+ihrerseits vor den Bürgerlegionen und die Priesterin Veleda kam als
+Gefangene nach Rom.
+
+Blicken wir zurück auf diesen Krieg, einen der seltsamsten und einen
+der entsetzlichsten aller Zeiten, so ist kaum je einer Armee eine
+gleich schwere Aufgabe gestellt worden wie den beiden römischen
+Rheinheeren in den Jahren 69 und 70: im Laufe weniger Monate Soldaten
+Neros, dann des Senats, dann Galbas, dann des Vitellius, dann
+Vespasians; die einzige Stütze der Herrschaft Italiens über die zwei
+mächtigen Nationen der Gallier und der Germanen, und die Soldaten der
+Auxilien fast ganz, die der Legionen großenteils aus eben diesen
+Nationen genommen; ihrer besten Mannschaften beraubt, meist ohne
+Löhnung und oft hungernd und über alle Maßen elend geführt, ist ihnen
+allerdings innerlich wie äußerlich Übermenschliches zugemutet worden.
+Sie haben die schwere Probe übel bestanden. Es ist dieser Krieg weniger
+einer gewesen zwischen zwei Armeekorps, wie die anderen Bürgerkriege
+dieser entsetzlichen Zeit, als ein Krieg der Soldaten und vor allem der
+Offiziere zweiter Klasse gegen die der ersten, verbunden mit einer
+gefährlichen Insurrektion und Invasion der Germanen und einer
+beiläufigen und unbedeutenden Auflehnung einiger keltischer Distrikte.
+In der römischen Militärgeschichte sind Cannae und Karrhä und der
+Teutoburger Wald Ruhmesblätter, verglichen mit der Doppelschmach von
+Novaesium; nur wenige einzelne Männer, keine einzige Truppe hat in der
+allgemeinen Verunehrung sich reinen Schild bewahrt. Die grauenhafte
+Zerrüttung des Staats- und vor allem des Heerwesens, welche bei dem
+Untergang der Julisch-Claudischen Dynastie uns entgegentritt, erscheint
+deutlicher noch als in der führerlosen Schlacht von Betriacum in diesen
+Vorgängen am Rhein, derengleichen die Geschichte Roms nie vorher und
+nie nachher aufweist.
+
+Bei dem Umfang und der Allgemeinheit dieser Frevel war ein
+entsprechendes Strafgericht unmöglich. Es verdient Anerkennung, daß der
+neue Herrscher, der glücklicherweise persönlich all diesen Vorgängen
+fern geblieben war, in echt staatsmännischer Weise das Vergangene
+vergangen sein ließ und nur bemüht war, der Wiederholung ähnlicher
+Auftritte vorzubeugen. Daß die hervorragenden Schuldigen, sowohl aus
+den Reihen der Truppen wie aus den Insurgenten, für ihre Verbrechen zur
+Rechenschaft gezogen wurden, versteht sich von selbst; man mag das
+Strafgericht daran messen, daß, als fünf Jahre später einer der
+gallischen Insurgentenführer in einem Versteck aufgefunden wurde, in
+dem seine Gattin ihn bis dahin verborgen gehalten hatte, Vespasian ihn
+wie sie dem Henker übergab. Aber man gestattete den abtrünnigen
+Legionen, mit gegen die Deutschen zu kämpfen und in den heißen
+Schlachten bei Trier und bei Vetera ihre Schuld einigermaßen zu sühnen.
+Allerdings wurden nichtsdestoweniger die vier Legionen des
+unterrheinischen Heeres alle, und von den beiden beteiligten
+oberrheinischen die eine kassiert - gern möchte man glauben, daß die
+22. verschont ward in ehrender Erinnerung an ihren tapferen Legaten.
+Auch von den batavischen Kohorten ist wahrscheinlich eine beträchtliche
+Anzahl von dem gleichen Schicksal betroffen worden, nicht minder, wie
+es scheint, das Reiterregiment der Treverer und vielleicht noch manche
+andere besonders hervorgetretene Truppe. Noch viel weniger als gegen
+die abtrünnigen Soldaten konnte gegen die insurgierten keltischen und
+germanischen Gaue mit der vollen Schärfe des Gesetzes eingeschritten
+werden; daß die römischen Legionen die Schleifung der treverischen
+Augustuskolonie forderten, diesmal nicht der Beute, sondern der Rache
+wegen, ist wenigstens ebenso begreiflich wie die von den Germanen
+begehrte Zerstörung der Ubierstadt; aber wie Civilis diese, so schützte
+jene Vespasian. Selbst den linksrheinischen Germanen wurde ihre
+bisherige Stellung im ganzen gelassen. Wahrscheinlich aber trat - wir
+sind hier ohne sichere Überlieferung - in der Aushebung und der
+Verwendung der Auxilien eine wesentliche Änderung ein, welche die in
+dem Auxilienwesen liegende Gefahr minderte. Den Batavern blieb die
+Steuerfreiheit und ein immer noch bevorzugtes Dienstverhältnis; hatte
+doch ein nicht ganz geringer Teil derselben die Sache der Römer mit den
+Waffen verfochten. Aber die batavischen Truppen wurden beträchtlich
+verringert, und wenn ihnen bisher, wie es scheint von Rechts wegen, die
+Offiziere aus dem eigenen Adel gesetzt worden waren, und auch gegenüber
+den sonstigen germanischen und keltischen das gleiche wenigstens häufig
+geschehen war, so werden die Offiziere der Alen und Kohorten späterhin
+überwiegend aus dem Stande genommen, dem Vespasian selber entstammte,
+aus dem guten städtischen Mittelstand Italiens und der italisch
+geordneten Provinzialstädte. Offiziere von der Stellung des Cheruskers
+Arminius, des Batavers Civilis, des Treverers Classicus begegnen
+seitdem nicht wieder. Die bisherige Geschlossenheit der aus dem
+gleichen Gau ausgehobenen Truppen findet sich später ebensowenig,
+sondern die Leute dienen ohne Unterschied ihrer Herkunft in den
+verschiedensten Abteilungen; es ist das wahrscheinlich eine Lehre,
+welche die römische Militärverwaltung sich aus diesem Kriege gezogen
+hat. Eine andere durch diesen Krieg gewiesene Änderung wird es sein,
+daß, wenn bis dahin die in Germanien verwendeten Auxilien der Mehrzahl
+nach aus den germanischen und den benachbarten Gauen genommen waren,
+seitdem eben, wie die dalmatischen und pannonischen infolge des
+Batonischen Krieges, fortan auch die germanischen Auxiliartruppen
+überwiegend außerhalb ihrer Heimat Verwendung fanden. Vespasian war ein
+einsichtiger und erfahrener Militär; es ist wahrscheinlich zum guten
+Teil sein Verdienst, wenn von Auflehnung der Auxilien gegen ihre
+Legionen kein späteres Beispiel begegnet.
+
+Daß die eben berichtete Insurrektion der linksrheinischen Germanen,
+obwohl sie, infolge der zufälligen Vollständigkeit der darüber
+erhaltenen Berichte, allein uns einen deutlichen Einblick in die
+politischen und militärischen Verhältnisse am Unterrhein und Galliens
+überhaupt gewährt und darum auch eine ausführliche Erzählung verdiente,
+dennoch mehr durch äußere und zufällige Ursachen als durch die innere
+Notwendigkeit der Dinge hervorgerufen wurden, beweist die nun folgende,
+anscheinend vollständige Ruhe daselbst und der, soviel wir sehen,
+ununterbrochene Status quo eben in dieser Gegend. Die römischen
+Germanen sind in dem Reiche nicht minder vollständig aufgegangen als
+die römischen Gallier; von Insurrektionsversuchen jener ist nie wieder
+die Rede. Am Ausgang des dritten Jahrhunderts wird von den über den
+Unterrhein in Gallien einbrechenden Franken auch das batavische Gebiet
+mit erfaßt; doch haben sich die Bataver in ihren alten, wenn auch
+geschmälerten Sitzen und ebenso die Friesen selbst während der Wirren
+der Völkerwanderung behauptet und, soviel wir wissen, auch dem
+baufälligen Reichsganzen die Treue bewahrt.
+
+Wenden wir uns von den römischen zu den freien Germanen östlich vom
+Rhein, so ist für diese mit ihrer Beteiligung an jener batavischen
+Insurrektion das offensive Vorgehen nicht minder vorbei, wie mit den
+Expeditionen des Germanicus die Versuche der Römer zu Ende sind, eine
+Grenzveränderung im großen Stil in diesen Gebieten herbeizuführen.
+
+Unter den freien Germanen sind die dem römischen Gebiet nächstwohnenden
+die Bructerer an beiden Ufern der mittleren Ems und in dem Quellgebiet
+der Ems und der Lippe, weshalb sie auch vor allen übrigen Germanen sich
+an der batavischen Insurrektion beteiligten. Aus ihrem Gau war das
+Mädchen Veleda, die ihre Landsleute in den Krieg gegen Rom entsandte
+und ihnen den Sieg verhieß, deren Ausspruch über das Schicksal der
+Ubierstadt entschied, zu deren hohem Turm die gefangenen Senatoren und
+das erbeutete Admiralschiff der Rheinflotte gesendet wurden. Die
+Niederwerfung der Bataver traf auch sie, vielleicht noch ein besonderer
+Gegenschlag der Römer, da jene Jungfrau späterhin gefangen nach Rom
+geführt ward. Diese Katastrophe sowie Fehden mit den benachbarten
+Völkern brachen ihre Macht; unter Nerva ist ihnen ein König, den sie
+nicht wollten, von ihren Nachbarn unter passiver Assistenz des
+römischen Legaten mit den Waffen aufgezwungen worden.
+
+Die Cherusker im oberen Wesergebiet, zu Augustus’ und Tiberius’ Zeit
+der führende Gau in Mitteldeutschland, werden seit Armins Tode selten
+genannt, immer aber als in guten Beziehungen zu den Römern stehend. Als
+der Bürgerkrieg, der bei ihnen auch nach Arminius’ Fall weiter gewütet
+haben muß, ihr ganzes Fürstengeschlecht hingerafft, erbaten sie sich
+den letzten des Hauses, den in Italien lebenden Brudersohn Armins,
+Italicus, von der römischen Regierung zum Herrscher; freilich
+entzündete die Heimkehr des tapferen, aber mehr seinem Namen als seiner
+Herkunft entsprechenden Mannes die Fehde abermals und, von den Seinen
+vertrieben, setzten ihn noch einmal die Langobarden auf den wankenden
+Herrschersitz. Einer seiner Nachfolger, der König Chariomerus, ergriff
+in dem Chattenkrieg Domitians so ernstlich für die Römer Partei, daß er
+nach dessen Beendigung, von den Chatten vertrieben, zu den Römern
+flüchtete und deren Intervention, freilich vergebens, anrief. Durch
+diese ewigen inneren und äußeren Fehden ward das Cheruskervolk so
+geschwächt, daß es seitdem aus der aktiven Politik verschwindet. Der
+Name der Marser wird seit den Zügen des Germanicus überhaupt nicht mehr
+gefunden. Daß die weiter östlich an der Elbe wohnenden Völkerschaften,
+wie alle entfernteren Germanen, an den Kämpfen der Bataver und ihrer
+Genossen in den Jahren 69 und 70 sich so wenig beteiligt haben wie
+diese an den germanischen Kriegen unter Augustus und Tiberius, darf bei
+der Ausführlichkeit des Berichtes als sicher bezeichnet werden. Wo sie
+späterhin einmal begegnen, erscheinen sie nie in feindlicher Haltung
+gegen die Römer. Daß die Langobarden den römischen Cheruskerkönig
+wieder einsetzten, wurde schon erwähnt. Der König der Semnonen, Masuus,
+und merkwürdigerweise mit ihm die Prophetin Ganna, welche bei diesem,
+wegen besonderer Gläubigkeit berühmten Stamme in hohem Ansehen stand,
+besuchten den Kaiser Domitianus in Rom und wurden an dessen Hofe
+freundlich aufgenommen. Es mag in den Gegenden von der Weser bis zur
+Elbe in diesen Jahrhunderten manche Fehde getobt, manche Machtstellung
+sich verschoben, mancher Gau den Namen gewechselt oder sich anderer
+Verbindung eingefügt haben; den Römern gegenüber trat, nachdem der
+feste Verzicht derselben auf Unterwerfung dieser Landschaft allgemein
+empfunden ward, ein dauernder Grenzfriede ein. Auch Invasionen aus dem
+fernen Osten können denselben in dieser Epoche nicht wesentlich gestört
+haben; denn der Rückschlag davon auf die römische Grenzwacht hätte
+nicht ausbleiben können und von ernsteren Krisen auf diesem Gebiet
+würde die Kunde nicht fehlen. Zu allem diesem gibt das Siegel die
+Reduktion der niederrheinischen Armee auf die Hälfte des früheren
+Bestandes, welche, wir wissen nicht genau wann, aber in dieser Epoche
+eingetreten ist. Das niederrheinische Heer, mit welchem Vespasian zu
+kämpfen hatte, zählte vier Legionen, das der traianischen Zeit
+vermutlich die gleiche Zahl, mindestens drei ^10; wahrscheinlich schon
+unter Hadrian, gewiß unter Marcus, standen daselbst nicht mehr als
+zwei, die 1. minervische und die 30. Traians.
+
+———————————————————————-
+
+^10 Unter dem Legaten Q. Acutius Nerva, welcher wahrscheinlich der
+Konsul des Jahres 100 ist, also nach diesem Jahre Untergermanien
+verwaltete, standen nach Inschriften von Brohl (Brambach 660, 662, 679,
+680) in dieser Provinz vier Legionen, die 1. Minervia, 6. victrix, 10.
+gemina, 22. primigenia. Da jede dieser Inschriften nur zwei oder drei
+nennt, so kann die Besatzung damals nur aus drei Legionen bestanden
+haben, wenn während Acutius’ Statthalterschaft die 1. Minervia für die
+anderswohin abgegebene 22. primigenia eintrat. Aber bei weitem
+wahrscheinlicher ist es, da bei den Detachierungen in die Steinbrüche
+bei Brohl nicht immer alle Legionen beteiligt waren, daß jene vier
+Legionen gleichzeitig in Untergermanien garnisonierten. Diese vier
+Legionen sind wahrscheinlich eben die, welche bei der Reorganisation
+der germanischen Heere durch Vespasian nach Untergermanien kamen, nur
+daß die 1. Minervia von Domitian an die Stelle der wahrscheinlich von
+ihm aufgelösten 21. gesetzt ist.
+
+———————————————————————-
+
+In anderer Weise entwickelten sich die germanischen Verhältnisse in der
+oberen Provinz. Von den linksrheinischen Germanen, die dieser
+angehörten, den Tribokern, Nemetern, Vangionen, ist geschichtlich
+nichts hervorzuheben als daß sie, seit langem unter den Kelten
+ansässig, die Schicksale Galliens teilten. Die hauptsächliche
+Verteidigungslinie der Römer ist auch hier der Rhein immer geblieben.
+Alle Standlager der Legionen finden sich zu aller Zeit auf dem linken
+Rheinufer; nicht einmal das von Argentoratum ist auf das rechte verlegt
+worden, als das ganze Neckargebiet römisch war. Aber wenn in der
+unteren Provinz die römische Herrschaft auf dem rechten Rheinufer im
+Laufe der Zeit beschränkt wird, so wird sie umgekehrt hier erweitert.
+Die von Augustus beabsichtigte Verknüpfung der Rheinlager mit denen an
+der Donau durch Vorschiebung der Reichsgrenze in östlicher Richtung,
+welche, wenn sie zur Ausführung gekommen wäre, mehr Ober- als
+Untergermanien erweitert haben würde, ist in diesem Kommando wohl
+niemals völlig aufgegeben und späterhin, wenn auch in bescheidenerem
+Maßstabe, wieder aufgenommen worden. Die Überlieferung gestattet uns
+nicht, die in diesem Sinne durch Jahrhunderte fortgeführten
+Operationen, die dazu gehörigen Straßen- und Wallbauten, die deshalb
+geführten Kriege in ihrem Zusammenhang darzulegen; und auch der noch
+vorhandene große Militärbau, dessen gleichfalls Jahrhunderte umfassende
+Entstehung einen guten Teil jener Geschichte in sich schließen muß, ist
+bisher nicht so, wie es wohl geschehen könnte, von militärisch
+geschärften Augen in seiner Gesamtheit untersucht worden - die
+Hoffnung, daß das geeinigte Deutschland sich auch zu der Erforschung
+dieses seines ältesten geschichtlichen Gesamtdenkmals vereinigen werde,
+ist fehlgeschlagen. Was zur Zeit aus den Trümmern der römischen Annalen
+oder der römischen Kastelle darüber ans Licht gekommen ist, soll hier
+versucht werden zusammenzufassen.
+
+Auf dem rechten Ufer legt sich, nicht weit von dem nördlichen Ende der
+Provinz, dem ebenen oder hügeligen niederrheinischen Land in
+westöstlicher Richtung die Taunuskette vor, die gegenüber Bingen auf
+den Rhein stößt. Diesem Bergzug parallel, auf der anderen Seite
+abgeschlossen durch die Ausläufer des Odenwaldes, erstreckt sich die
+Ebene des unteren Maintales, der rechte Zugang zum inneren Deutschland,
+beherrscht von der Schlüsselstellung an der Mündung des Mains in den
+Rhein, Mogontiacum oder Mainz, seit Drusus’ Zeit bis zum Ausgang Roms
+der Ausfallsburg der Römer aus Gallien gegen Germanien ^11 wie
+heutzutage dem rechten Riegel Deutschlands gegen Frankreich. Hier
+behielten die Römer, auch nachdem sie auf die Herrschaft im
+überrheinischen Land im allgemeinen verzichtet hatten, nicht bloß den
+Brückenkopf am anderen Ufer, das castellum Mogontiacense (Kastel),
+sondern jene Mainebene selbst in ihrem Besitz; und in diesem Gebiet
+durfte auch die römische Zivilisation sich festsetzen. Es war dies
+ursprünglich chattisches Land und ein chattischer Stamm, die Mattiaker,
+sind auch unter römischer Herrschaft hier ansässig geblieben; aber
+nachdem die Chatten diesen Distrikt an Drusus hatten abtreten müssen,
+ist derselbe ein Teil des Reiches geblieben. Die warmen Quellen in der
+nächsten Nähe von Mainz (aquae Mattiacae, Wiesbaden) wurden erweislich
+in Vespasians Zeit, und sicher schon lange vorher, von den Römern
+benutzt; unter Claudius wurde hier auf Silber gebaut; die Mattiaker
+haben schon früh wie andere Untertanendistrikte Truppen zur Armee
+gestellt. An der allgemeinen Auflehnung der Germanen unter Civilis
+nahmen sie Anteil; aber nach der Besiegung stellten die früheren
+Verhältnisse sich wieder her. Seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts
+finden wir die Gemeinde der taunensischen Mattiaker unter römisch
+geordneten Behörden ^12.
+
+———————————————————————
+
+^11 Nach Zangemeisters (Korrespondenzblatt der Westdeutschen
+Zeitschrift 3, 1884, S. 307ff.) schönen Entzifferungen steht es fest,
+daß eine Militärstraße am linken Rheinufer von Mainz bis an die Grenze
+der obergermanischen Provinz schon unter Claudius angelegt ward.
+
+^12 Der volle Name c(ivitas) M(attiacorum) Ta(unensium) erscheint auf
+der Inschrift von Kastel (Brambach 1330); als civitas Mattiacorum oder
+civitas Taunensium kommt sie öfter vor, mit Duovirn Ädilen, Decurionen,
+Sacerdotalen Sevirn; eigentümlich und für die Grenzstadt bezeichnend
+sind die wahrscheinlich als Munizipalmiliz zu fassenden hastiferi
+civitatis Mattiacorum (Brambach 1336). Das älteste datierte Dokument
+dieser Gemeinde ist vom Jahre 198 (Brambach 956).
+
+———————————————————————
+
+Die Chatten, obwohl also vom Rhein abgedrängt, erscheinen in der
+folgenden Zeit als der mächtigste Stamm unter denen des germanischen
+Binnenlandes, die mit den Römern in Beziehung kamen; die Führung, die
+unter Augustur und Tiberius die Cherusker an der mittleren Weser gehabt
+hatten, ging in der stetigen Fehde mit diesen, ihren stammverwandten
+südlichen Nachbarn auf die letzteren über. Alle Kriege zwischen Römern
+und Germanen, von denen wir aus der Zeit nach Arminius’ Tod bis auf die
+beginnende Völkerverschiebung am Ende des 3. Jahrhunderts Kunde haben,
+sind gegen die Chatten geführt worden; so im Jahre 41 unter Claudius
+durch den späteren Kaiser Galba, im Jahre 50 unter demselben Kaiser
+durch den als Dichter gefeierten Publius Pomponius Secundus. Dies waren
+die üblichen Grenzeinfälle, und an dem großen Batavischen Kriege waren
+die Chatten zwar auch, aber nur nebenbei beteiligt. Aber in dem
+Feldzug, den der Kaiser Domitianus im Jahre 83 unternahm, waren die
+Römer die Angreifenden, und dieser Krieg führte zwar nicht zu
+glänzenden Siegen, aber wohl zu einer bedeutenden und folgenreichen
+Vorschiebung der römischen Grenze ^13. Damals wird die Grenzlinie so,
+wie wir sie seitdem gezogen finden, geordnet und in dieselbe, welche in
+ihrem nördlichsten Stück sich nicht weit vom Rhein entfernte, hier ein
+großer Teil des Taunus und das Maingebiet bis oberhalb Friedberg
+hineingezogen worden sein. Die Usiper, die nach ihrer schon berichteten
+Vertreibung aus dem Lippegebiet um die Zeit Vespasians in der Nähe von
+Mainz auftreten und östlich von den Mattiakern an der Kinzig oder im
+Fuldischen neue Sitze gefunden haben mögen, sind damals zum Reiche
+gezogen worden, und zugleich mit ihnen eine Anzahl kleinerer, von den
+Chatten abgesprengter Völkerschaften. Als dann im Jahre 88 unter dem
+Statthalter Lucius Antonius Saturninus das obergermanische Heer gegen
+Domitian sich erhob, hätte fast der Krieg sich erneuert; die
+abgefallenen Truppen machten gemeinschaftliche Sache mit den Chatten
+^14 und nur die Unterbrechung der Kommunikationen, indem das Eis auf
+dem Rhein aufging, machte den treu gebliebenen Regimentern möglich, mit
+den abgefallenen fertigzuwerden, bevor der gefährliche Zuzug eintraf.
+Es wird berichtet, daß die römische Herrschaft von Mainz landeinwärts
+80 Leugen weit, also noch über Fulda hinaus, sich erstreckt hat ^15;
+und diese Nachricht erscheint glaubwürdig, wenn dabei in Betracht
+gezogen wird, daß die militärische Grenzlinie, die allerdings nicht
+weit über Friedberg hinausgegangen zu sein scheint, sich wohl auch hier
+innerhalb der Gebietsgrenze hielt.
+
+^13 Die Berichte über diesen Krieg sind verloren gegangen; Zeit und Ort
+lassen sich bestimmen. Da die Münzen dem Domitian den Titel Germanicus
+seit dem Anfang des Jahres 84 geben (Eckhel, Bd. 6, S. 378, 397), so
+fällt der Feldzug in das Jahr 83. Dazu stimmt die in eben dieses Jahr
+fallende Aushebung der Usiper und ihr verzweifelter Fluchtversuch (Tac.
+Agr. 28; vgl. Matt. 6, 60). Es war ein Angriffskrieg (Suet. Dom. 6:
+expeditio sponte suscepta; Zon. 11, 19: λε πλτήας τινά τών πέραν Ρήνου
+τών εσπόνδων}). Die Verlegung der Postenlinie bezeugt Frontmus, der den
+Krieg mitgemacht hat (strat. 2, 11, 7): cum in finibus Cubiorum (Name
+unbekannt und wohl verdorben) castella poneret und (strat. 1, 3, 10):
+limitibus per CXX m. p. actis, was hier mit den militärischen
+Operationen in unmittelbare Verbindung gebracht wird, daher auch von
+dem Chattenkrieg selbst nicht getrennt und nicht auf die längst in
+römischer Gewalt stehenden agri decumates bezogen werden darf. Auch ist
+das Maß von 177 Kilometern wohl denkbar für die Militärlinie, die
+Domitian am Taunus angelegt hat (nach v. Cohausens Ansetzungen - Der
+römische Grenzwall in Deutschland. Wiesbaden 1884, S. 8 - stellt sich
+der spätere Limes vom Rhein um den Taunus herum bis zum Main auf 237½
+Kilometer), aber viel zu klein, um auf die Verbindungslinie von da bis
+Regensburg bezogen werden zu können.
+
+———————————————————————
+
+^14 Die Germanen (Suet. Dom. 6) können nur die Chatten und deren
+frühere Verbündete sein, vielleicht zunächst eben die Usiper und ihre
+Schicksalsgenossen. Ausgebrochen ist der Aufstand in Mainz, das allein
+ein Doppellager zweier Legionen war. Saturninus wurde von Rätien aus
+angegriffen durch die Truppen des L. Appius Maximus Korbanus. Denn
+anders kann das Epigramm Martials 9, 84 um so weniger gefaßt werden,
+als sein Besiegen senatorischen Standes wie er war, ein reguläres
+Kommando in Rätien und Vindelicien nicht verwalten und nur durch einen
+Kriegsfall in diese Landschaft geführt werden konnte, wie denn auch die
+sacrilegi furores deutlich auf den Aufstand weisen. Die Ziegel
+desselben Appius, die in den Provinzen Obergermanien und Aquitanien
+sich gefunden haben, berechtigen nicht, ihn zum Legaten der Lugdunensis
+zu machen, wie Asbach (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift
+3, 1884, S. 9) vorschlägt, sondern müssen auf die Epoche nach der
+Überwindung des Antonius bezogen werden (Heymes 19, 1884, S. 438). Wo
+die Schlacht geliefert ward, bleibt zweifelhaft; am nächsten liegt die
+Gegend von Vindonissa, bis wohin Saturninus dem Norbanus entgegen
+gegangen sein kann. Wäre Norbanus erst bei Mainz auf die Aufständischen
+gestoßen, was an sich auch denkbar erscheint, so hatten diese den
+Rheinübergang in der Gewalt und konnte der Zuzug der Germanen durch das
+Aufgehen des Rheines nicht verhindert werden.
+
+^15 Die abgerissene Notiz findet sich hinter dem Veroneser
+Provinzialverzeichnis (Notitia dignitatum, ed. Seeck, p. 253): nomina
+civitatum trans Renum fluvium quae sunt: Usiphorum (schr. Usiporum) -
+Tuvanium (schr. Tubantum) - Nictrensium - Novarii - Casuariorum: istae
+omnes civitates trans Renum in formulam Belgicae primae redactae trans
+castellum .Montiacese: nam LXXX leugas trans Renum Romani possederunt.
+Istae civitates sub Gallieno imperatore a barbaris occupatae sunt. Daß
+die Usiper später in dieser Gegend gewohnt haben, bestätigt Tacitus
+(hist. 4, 37; Germ. 32); daß sie im Jahre 83 zum Reich gehört haben,
+vielleicht aber erst kurz vorher unterworfen waren, geht aus der
+Erzählung Agr. 28 hervor. Die Tubanten und Chasuarier stellt Ptolemaeos
+(geogr. 2, 11, 11) in die Nähe der Chatten; daß sie das Schicksal der
+Usiper teilten, ist demnach wahrscheinlich. Eine sichere Identifikation
+der anderen beiden verdorbenen Namen ist bisher nicht gefunden;
+vielleicht standen die Tencterer hier oder einige der kleinen, nur bei
+Ptolemaeos (geogr. 2, 11, 6) mit diesen genannten Stämme. Die Notiz
+nannte in ihrer ursprünglichen Form die Belgica schlechthin, da die
+Provinz erst durch Diocletian geteilt worden ist, und diese insofern
+mit Recht, als die beiden Germanien geographisch zu Belgica gehörten.
+
+Das angegebene Maß führt, wenn man das Kinzigtal nach Nordosten
+verfolgt, über Fulda hinaus nahezu bis Hersfeld. Auch Inschriftenfunde
+reichen hier östlich weit über den Rhein hinaus, bis in die Wetterau;
+Friedberg und Butzbach waren stark belegte Militärpositionen; in
+Altenstadt zwischen Friedberg und Büdingen ist eine auf Grenzschutz
+deutende (collegium iuventutis) Inschrift vom Jahre 242 (CIRh 1410)
+gefunden worden.
+
+———————————————————-
+
+Aber nicht bloß das untere Maintal vorwärts Mainz ist in die
+militärische Grenzlinie hineingezogen worden; auch im südwestlichen
+Deutschland wurde die Grenze noch in größerem Maßstab vorgeschoben. Das
+Neckargebiet, einst von den keltischen Helvetiern eingenommen, dann
+lange Zeit streitiges Grenzland zwischen diesen und den vordringenden
+Germanen und darum das helvetische Ödland genannt, späterhin vielleicht
+teilweise von den Markomannen besetzt, bevor diese nach Böhmen
+zurückwichen, kam bei der Regulierung der germanischen Grenzen nach der
+Varusschlacht in die gleiche Verfassung wie der größte Teil des rechten
+unterrheinischen Ufers. Es wird auch hier schon damals eine Grenzlinie
+bezeichnet worden sein, innerhalb deren germanische Ansiedlungen nicht
+geduldet wurden. Wie auf nicht eingedeichter Marsch ließen dann
+einzelne, meist gallische Einwanderer, die nicht viel zu verlieren
+hatten, in diesen fruchtbaren, aber wenig geschützten Strichen, dem
+damals sogenannten Dekumatenland sich nieder ^16. Dieser vermutlich von
+der Regierung nur geduldeten privaten Okkupation folgte die förmliche
+Besetzung wahrscheinlich unter Vespasian. Da schon um das Jahr 74 von
+Straßburg aus eine Chaussee auf das rechte Rheinufer wenigstens bis
+nach Offenburg geführt worden ist ^17, so wird um diese Zeit in diesem
+Gebiet ein ernstlicherer Grenzschutz eingerichtet worden sein, als ihn
+das bloße Verbot germanischer Siedelung gewährte. Was der Vater
+begonnen hatte, führten die Söhne durch. Vielleicht ist sogar, sei es
+von Vespasian, sei es von Titus oder Domitian, durch die Anlegung der
+“Flavischen Altäre” ^18 an der Neckarquelle bei dem heutigen Rottweil,
+von welcher Ansiedlung wir freilich nichts als den Namen kennen, für
+das rechtsrheinische neue Obergermanien ein ähnlicher Mittelpunkt
+geschaffen worden, wie es früher der ubische Altar für Großgermanien
+hatte werden sollen und bald nachher für das neu eroberte Dakien der
+Altar von Sarmizegetusa wurde. Die erste Einrichtung der weiterhin zu
+schildernden Grenzwehr, durch welche das Neckartal in die römische
+Linie hineingezogen wurde, ist also das Werk der Flavier, hauptsächlich
+wohl Domitians ^19, welcher damit die Anlage am Taunus weiterführte.
+Die rechtsrheinische Militärstraße von Mogontiacum über Heidelberg und
+Baden in der Richtung auf Offenburg, die notwendige Konsequenz dieser
+Einziehung des Neckargebiets, ist, wie wir jetzt wissen ^20, im Jahre
+100 von Traian angelegt und ein Teil der von demselben Kaiser
+hergestellten direkteren Verbindung Galliens mit der Donaulinie. Die
+Soldaten sind bei diesen Werken tätig gewesen, aber schwerlich die
+Waffen; germanische Völkerschaften wohnten im Neckargebiet nicht, und
+noch weniger kann der schmale Streifen am linken Ufer der Donau,
+welcher dadurch mit in die Grenzlinie gezogen ward, ernstliche Kämpfe
+gekostet haben. Das nächste namhafte germanische Volk daselbst, die
+Hermunduren, waren den Römern freundlich gesinnt wie kein anderes und
+führten in der Vindelikerstadt Augusta mit ihnen lebhaften
+Handelsverkehr; daß bei ihnen diese Vorschiebung keinen Widerstand
+gefunden hat, davon werden wir weiterhin die Spuren finden. Unter den
+folgenden Regierungen, des Hadrian, des Pius, des Marcus, ist dann an
+diesen militärischen Einrichtungen weitergebaut worden.
+
+————————————————————
+
+^16 Was die nur bei Tacitus (Germ. 29) vorkommende Benennung agri
+decumates denn mit agri wird das letztere Wort doch zu verbinden sein)
+bedeutet, ist ungewiß; möglich ist es, daß das in der früheren
+Kaiserzeit gewiß als Eigentum des Staats oder vielmehr des Kaisers
+betrachtete Gebiet, wie der alte ager occupatorius der Republik, von
+dem zuerst Besitz Ergreifenden gegen Abgabe des Zehnten benutzt werden
+konnte; aber weder ist es sprachlich erwiesen, daß decumas
+“zehntpflichtig” heißen kann, noch kennen wir derartige Einrichtungen
+der Kaiserzeit. Übrigens sollte man nicht übersehen, daß die
+Schilderung des Tacitus sich auf die Zeit vor der Einrichtung der
+Neckarlinie bezieht; auf die spätere paßt sie so wenig wie die zwar
+nicht klare, aber doch sicher mit dem früheren Rechtsverhältnis
+zusammenhängende Benennung.
+
+^17 Dies hat Zangemeister (a. a.O., S. 246) erwiesen.
+
+^18 Daß hier mehrere Altäre dediziert wurden, während sonst bei diesen
+Zentralheiligtümern nur einer genannt wird, erklärt sich vielleicht
+durch das Zurücktreten des Romakults neben dem der Kaiser. Wenn gleich
+zu Anfang mehrere Altäre errichtet wurden, was wahrscheinlich ist, so
+hat einer der Söhne sowohl dem oder den verstorbenen flavischen Kaisern
+wie auch seinem eigenen Genius Altäre setzen lassen.
+
+^19 Daß die Verlegung stattfand, kurz bevor Tacitus im Jahre 98 die
+‘Germania’ schrieb, sagt er, und daß Domitian der Urheber ist, folgt
+auch daraus, daß er den Urheber nicht nennt.
+
+^20 Auch dies hat Karl Zangemeister (a.a.O., S. 237f.) urkundlich
+festgestellt.
+
+————————————————————
+
+Den Grenzschutz zwischen Rhein und Donau, wie er zum großen Teil in
+seinen Fundamenten noch heute besteht, vermögen wir nicht in seiner
+Entstehungsgeschichte zu verfolgen, wohl aber zu erkennen nicht bloß,
+wie er lief, sondern auch, wozu er diente. Die Anlage ist nach Art und
+Zweck eine andere in Obergermanien und eine andere in Rätien. Der
+obergermanische Grenzschutz, in der Gesamtlänge von etwa 250 römischen
+Milien (368 Kilometer) ^21, beginnt unmittelbar an der Nordgrenze der
+Provinz, umfaßt, wie schon gesagt ward, den Taunus und die Mainebene
+bis in die Gegend von Friedberg und wendet sich von da südwärts dem
+Main zu, auf welchen er bei Großkrotzenburg, oberhalb Hanau, trifft.
+Dem Main von da bis Wörth folgend, schlägt er hier die Richtung nach
+dem Neckar ein, den er etwas unterhalb Wimpfen erreicht und nicht
+wieder verläßt. Später ist der südlichen Hälfte dieser Grenzlinie eine
+zweite vorgelegt worden, die dem Main über Wörth hinaus bis nach
+Miltenberg folgt und von da, zum größeren Teil in schnurgerader
+Richtung, auf Lorch, zwischen Stuttgart und Aalen, geführt ist. Hier
+schließt an den obergermanischen der rätische Grenzschutz an von nur
+120 Milien (174 Kilometer) Länge; er verläßt die Donau bei Kelheim,
+oberhalb Regensburg, und läuft von da, zweimal die Altmühl
+überschreitend, im Bogen nach Westen zu, ebenfalls bis Lorch.
+
+———————————————————————
+
+^21 Dies Maß gilt für die Kastellinie von Rheinbrohl bis Lorch (v.
+Cohausen, Der römische Grenzwall, S. 7f.). Für den Erdwall kommt die
+Mainstrecke von Miltenberg bis Großkrotzenburg von etwa 30 römischen
+Milien in Abzug. Bei der älteren Neckarlinie ist der Erdwall
+beträchtlich kürzer, da statt desjenigen von Miltenberg bis Lorch hier
+der viel kürzere des Odenwaldes von Wörth bis Wimpfen ein tritt.
+
+———————————————————————
+
+Der obergermanische Limes besteht aus einer Reihe von Kastellen, die
+höchstens einen halben Tagemarsch (15 Kilometer) voneinander entfernt
+sind. Wo die Verbindungslinien zwischen den Kastellen nicht durch den
+Main oder den Neckar, wie angegeben, gesperrt sind, ist eine künstliche
+Sperrung angebracht, anfangs vielleicht bloß durch Verhaue ^22,
+späterhin durch einen fortlaufenden Wall von mäßiger Höhe mit außen
+vorgelegtem Graben und in kurzen Entfernungen auf der inneren Seite
+eingebauten Wachttürmen. ^23 Die Kastelle sind in den Wall nicht
+eingezogen, aber unmittelbar hinter ihm angelegt, nicht leicht über
+einen halben Kilometer von ihm entfernt.
+
+—————————————————————-
+
+^22 Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Angabe, daß Hadrian die
+Reichsgrenzstraßen durch Verhaue gegen die Barbaren sperrte, mit und
+vielleicht zunächst auf die obergermanische sich bezieht, so ist der
+Wall, dessen Reste vorhanden sind, sein Werk nicht; mag dieser
+Pallisaden getragen haben oder nicht, kein Bericht würde diese erwähnen
+und den Wallbau übergehen. Daß Hadrian die Grenzverteidigung im ganzen
+Reiche revidierte, sagt Dio 69, 9.
+
+Die Benennung des Pfahls oder Pfahlgrabens kann nicht römisch sein;
+römisch heißen die Pfähle, welche, in den Lagerwall eingerammt, auf
+demselben eine Pallisadenkette bilden, nicht pali, sondern valli oder
+sudes, ebenso der Wall selbst nie anders als vallum. Wenn die, wie es
+scheint, auf der ganzen Linie bei den Germanen dafür von jeher übliche
+Bezeichnung wirklich von den Pallisaden entlehnt ist, so muß sie
+germanischen Ursprungs sein und kann nur aus der Zeit herstammen, wo
+dieser Wall ihnen in seiner Integrität und seiner Bedeutung vor Augen
+stand. Ob die “Gegend” Palas, die Ammian (18, 2, 15) erwähnt, damit
+zusammenhängt, ist zweifelhaft.
+
+^23 In einem solchen, kürzlich zwischen den Kastellen von Schlossau und
+Hesselbach, 1700 Meter von dem ersteren, vier bis fünf Kilometer von
+dem letzteren, aufgedeckten hat sich eine Weihinschrift
+(Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift, 1. Juli 1884)
+gefunden, welche die Truppe, die ihn erbaut hat, ein Detachement der 1.
+Kohorte der Sequaner und Rauriker unter Kommando eines Centurionen der
+22. Legion, gesetzt hat als Danksagung ob burgum explic(itum). Diese
+Türme also waren burgi.
+
+—————————————————————-
+
+Der rätische Grenzschutz ist eine bloße, durch Aufschüttung von
+Bruchsteinen bewirkte Sperrung; Graben und Wachttürme fehlen und die
+hinter dem Limes ohne regelrechte Folge und in ungleichen Abständen
+(keines näher als 4 bis 5 Kilometer) angelegten Kastelle stehen mit der
+Sperrlinie in keiner unmittelbaren Verbindung. Über die zeitliche Folge
+der Anlagen fehlen bestimmte Zeugnisse; erwiesen ist, daß die
+obergermanische Neckarlinie unter Pius ^24, die ihr vorgelegte von
+Miltenberg nach Lorch unter Marcus ^25 bestand. Gemeinschaftlich ist
+beiden sonst so verschiedenen Anlagen die Grenzsperrung; daß in dem
+einen Fall die Erdaufschüttung vorgezogen ist, durch welche der Graben
+sich meistens von selber ergab, in dem andern die Steinschichtung,
+beruht wahrscheinlich nur auf der Verschiedenartigkeit des Bodens und
+des Baumaterials. Gemeinschaftlich ist ihnen ferner, daß weder die eine
+noch die andere angelegt ist zur Gesamtverteidigung der Grenze. Nicht
+bloß ist das Hindernis, welches die Erd- oder Steinschüttung dem
+Angreifer entgegenstellt, an sich geringfügig, sondern es begegnen auf
+der Linie überall überhöhende Stellungen, hinterliegende Sümpfe,
+Verzicht auf den Ausblick in das Vorland und ähnliche deutliche Spuren
+davon, daß bei deren Trassierung an Kriegszwecke überhaupt nicht
+gedacht ist. Die Kastelle sind natürlich jedes für sich zur
+Verteidigung eingerichtet, aber sie sind nicht durch chaussierte
+Querstraßen verbunden; also stützte die einzelne Besatzung sich nicht
+auf die der benachbarten Kastelle, sondern auf den Rückhalt, zu welchem
+die Straße führte, welche eine jede besetzt hielt. Es waren ferner
+diese Besatzungen nicht eingefügt in ein militärisches System der
+Grenzverteidigung, mehr befestigte Stellungen für den Notfall als
+strategisch gewählte für die Okkupation des Gebiets, wie denn auch
+schon die Ausdehnung der Linie selbst, verglichen mit der disponiblen
+Truppenzahl, die Möglichkeit einer Gesamtverteidigung ausschließt. ^26
+Also haben diese ausgedehnten militärischen Anlagen nicht den Zweck
+gehabt, wie der Britannische Wall, dem Feinde den Einbruch zu wehren.
+Es sollten vielmehr, wie an den Flußgrenzen die Brücken, so an den
+Landgrenzen die Straßen durch die Kastelle beherrscht werden, im
+übrigen aber, wie an den Wassergrenzen der Fluß, so an den Landgrenzen
+der Wall die nicht kontrollierte Überschreitung der Grenzen hindern.
+Anderweitige Benutzung mochte sich damit verbinden; die oft
+hervortretende Bevorzugung der geradlinigen Richtung deutet auf
+Verwendung für Signale, und gelegentlich mag die Anlage auch geradezu
+für Kriegszwecke benutzt worden sein. Aber der eigentliche und nächste
+Zweck der Anlage war die Verhinderung der Grenzüberschreitung. Daß
+dabei nicht an der rätischen, wohl aber an der obergermanischen Grenze
+Wachtposten und Forts eingerichtet worden sind, erklärt sich aus dem
+verschiedenen Verhältnis zu den Nachbarn, dort den Hermunduren, hier
+den Chatten. Die Römer standen in Obergermanien ihren Nachbarn nicht so
+gegenüber wie den britannischen Hochländern, gegen die die Provinz sich
+stets im Belagerungsstand befand; aber die Abwehr räuberischer
+Einbrecher sowie die Erhebung der Grenzzölle forderten doch bereite und
+nahe militärische Hilfe. Man konnte die obergermanische Armee und
+dementsprechend die Besatzungen am Limes allmählich reduzieren, aber
+entbehrlich ward das römische Pilum im Neckarlande nie. Wohl aber war
+es entbehrlich gegenüber den Hermunduren, welchen in traianischer Zeit
+allein von allen Germanen das überschreiten der Reichsgrenze ohne
+besondere Kontrolle und der freie Verkehr im römischen Gebiet,
+namentlich in Augsburg, freistand, und mit denen, soviel wir wissen,
+niemals Grenzkollisionen stattgefunden haben. Es war also für diese
+Zeit zu einer ähnlichen Anlage an der rätischen Grenze keine
+Veranlassung; die Kastelle nordwärts der Donau, welche erweislich
+bereits in traianischer Zeit bestandenem ^27, genügten hier für den
+Schutz der Grenze und die Kontrolle des Grenzverkehrs. Dem kommt die
+Wahrnehmung entgegen, daß der rätische Limes, wie er uns vor Augen
+steht, allein mit der jüngeren, vielleicht erst unter Marcus angelegten
+obergermanischen Sperrlinie korrespondiert. Damals fehlte dazu die
+Veranlassung nicht. Die Chattenkriege ergriffen, wie wir sehen werden,
+in dieser Zeit auch Rätien; auch die Verstärkung der Besatzung der
+Provinz kann füglich mit der Einrichtung dieses Limes in Verbindung
+stehen, welcher, wie wenig er für militärische Zwecke eingerichtet ist,
+doch wohl ebenfalls einer wenn auch milderen Grenzsperre wegen angelegt
+wurde ^28.
+
+————————————————————————————
+
+^24 Das älteste datierte Zeugnis für diese sind zwei Inschriften der
+Besatzung von Böckingen, gegenüber Heilbronn am linken Ufer des Neckar,
+vom Jahre 148 (Brambach CIRh, 1583, 1590).
+
+^25 Das älteste datierte Zeugnis für die Existenz dieser Linie ist die
+Inschrift von vicus Aurelii (Öhringen) vom Jahre 169 (Brambach CIRh,
+1558), zwar nur privat, aber gewiß nicht gesetzt vor der Anlage dieses
+zu der Linie Miltenberg-Lorch gehörenden Kastells; wenig jünger die von
+dem ebenfalls dazu gehörigen Jagsthausen vom Jahre 179 (CIRh, 1618).
+Danach dürfte vicus Aurelii seinen Namen von Marcus führen, nicht von
+Caracalla, wenn auch von diesem bezeugt ist, daß er manche Kastelle in
+diesen Gegenden anlegte und nach sich benannte (Dio 77, 13).
+
+^26 Über die Dislokation der obergermanischen Truppen fehlt es zwar an
+genügender Kunde, doch nicht ganz an Anhaltspunkten. Von den beiden
+Hauptquartieren in Obergermanien ist das von Straßburg nach der
+Einrichtung der Neckarlinie erweislich nur schwach belegt und
+wahrscheinlich mehr administratives als militärisches Zentrum gewesen
+(Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift, 3,1884, S. 132).
+Dagegen hat die Besatzung von Mainz immer einen beträchtlichen Teil der
+Gesamtstärke in Anspruch genommen, um so mehr, als dieselbe
+wahrscheinlich der einzige größere, geschlossene Truppenkörper in ganz
+Obergermanien war. Die übrigen Truppen verteilen sich teils auf den
+Limes, dessen Kastelle nach v. Cohausens (Der römische Grenzwall, S.
+335) Schätzung durchschnittlich acht Kilometer voneinander entfernt,
+also insgesamt gegen 50 waren, teils auf die inneren Kastelle,
+insbesondere an der Odenwaldlinie von Gundelsheim bis Wörth; daß die
+letzteren wenigstens zum Teil auch nach Anlegung des äußeren Limes
+besetzt blieben, ist mindestens wahrscheinlich. Bei der ungleichen
+Größe der noch meßbaren Kastelle ist es schwer zu sagen, welche
+Truppenzahl erforderlich war, um sie verteidigungsfähig zu machen.
+Cohausen (S. 340) rechnet auf ein mittelgroßes Kastell einschließlich
+der Reserve 720 Mann. Da die gewöhnliche Kohorte der Legion wie der
+Auxilien 500 Mann zählt und die Kastenbauten notwendig auf diese Zahl
+haben Rücksicht nehmen müssen, wird die Besatzung des Kastells für den
+Fall der Belagerung durchschnittlich mindestens auf diese Zahl
+angesetzt werden müssen. Unmöglich hat nach der Reduktion die
+obergermanische Armee die Kastelle auch nur des Limes gleichzeitig in
+dieser Stärke besetzen können. Noch weit weniger konnte sie, selbst vor
+der Reduktion, mit ihren 30000 Mann die zwischen den Kastellen
+befindlichen Linien auch nur besetzt halten; wenn aber dies nicht
+möglich war, so hatte die gleichzeitige Besetzung auch der sämtlichen
+Kastelle in der Tat keinen Zweck. Allem Anschein nach ist wohl jedes
+Kastell in der Weise angelegt worden, daß es, gehörig besetzt, gehalten
+werden konnte, aber der Regel nach - und an dieser Grenze war der
+Friedensstand Regel - war das einzelne Kastell nicht nach Kriegsfuß,
+sondern nur insoweit mit Truppen belegt, daß die Posten in den
+Wachttürmen ausgesetzt und die Straßen sowie die Schleichwege unter
+Aufsicht gehalten werden konnten. Die ständigen Besatzungen der
+Kastelle sind vermutlich sehr viel schwächer gewesen, als gewöhnlich
+angenommen wird. Wir besitzen aus dem Altertum ein einziges Verzeichnis
+einer derartigen Besatzung; es ist vom Jahre 155 und betrifft das
+Kastell von Kutlowitza, nördlich von Sofia (Eph. epigr. IV, p. 524),
+wofür die Armee von Untermösien, und zwar die 11. Legion, die Besatzung
+stellte. Diese Truppe zählte damals außer dem kommandierenden
+Centurionen nur 76 Mann.
+
+Die rätische Armee war, wenigstens vor Marcus, noch viel weniger
+imstande, ausgedehnte Linien zu besetzen: sie zählte damals höchstens
+10000 Mann und hatte außer dem rätischen Limes noch die Donaulinie von
+Regensburg bis Passau zu belegen.
+
+^27 Dies beweist die bei Weißenburg gefundene Urkunde Traians vom Jahre
+107.
+
+^28 Die bisherigen Untersuchungen über den rätischen Limes haben die
+Bestimmung dieser Anlage noch wenig aufgeklärt; ausgemacht ist nur, daß
+sie weniger als die analoge obergermanische auf militärische Besetzung
+eingerichtet war. Eine derartige schwächere Grenzsperrung kann füglich
+schon vor dem Markomannenkrieg den Hermunduren gegenüber beliebt worden
+sein; auch schließt, was Tacitus über deren Verkehr in Augusta
+Vindelicum berichtet, die damalige Existenz eines rätischen Limes
+keineswegs aus. Nur müßte man dann erwarten, daß er nicht in Lorch
+endigte, sondern sich an die Neckarlinie anschloß; einigermaßen tut er
+dies auch, insofern bei Lorch an die Stelle des Limes die Rems tritt,
+welche bei Cannstatt in den Neckar einmündet.
+
+————————————————————————————
+
+Militärisch wie politisch ist die verlegte Grenze oder vielmehr der
+verstärkte Grenzschutz eingreifend und nützlich gewesen. Wenn früher
+die römische Postenkette in Obergermanien und Rätien wahrscheinlich
+rheinaufwärts über Straßburg nach Basel und an Vindonissa vorbei an den
+Bodensee, dann von da zu der oberen Donau gegangen war, so wurden jetzt
+das obergermanische Hauptquartier in Mainz und das rätische in
+Regensburg und überhaupt die beiden Hauptarmeen des Reiches einander
+beträchtlich genähert. Das Legionslager von Vindonissa (Windfisch bei
+Zürich) wurde dadurch überflüssig. Das oberrheinische Heer konnte, wie
+das benachbarte, nach einiger Zeit auf die Hälfte seines früheren
+Bestandes herabgesetzt werden. Die anfängliche Zahl von vier Legionen,
+welche während des batavischen Krieges nur zufällig auf drei vermindert
+war, bestand allerdings wahrscheinlich noch unter Traian ^29; unter
+Marcus aber war die Provinz nur mit zwei Legionen besetzt, der achten
+und der zweiundzwanzigsten, von denen die erste in Straßburg stand, die
+zweite in dem Hauptquartier Mainz, während die meisten Truppen, in
+kleinere Posten aufgelöst, an dem Grenzwall lagerten. Innerhalb der
+neuen Linie blühte das städtische Leben auf fast wie links vom
+Rheinland: Sumelocenna (Rottenburg am Neckar), Aquae (civitas Aurelia
+Aquensis, Baden), Lopodunum (Ladenburg) hatten, wenn man von Köln und
+Trier absieht, in römisch-städtischer Entwicklung den Vergleich mit
+keiner Stadt der Belgica zu scheuen. Das Emporkommen dieser
+Ansiedlungen ist hauptsächlich das Werk Traians, welcher sein Regiment
+mit dieser Friedenstat eröffnete ^30; “den auf beiden Ufern römischen
+Rhein” fleht ein römischer Dichter an, den noch nicht gesehenen
+Herrscher ihnen bald zuzusenden. Die große und fruchtbare Landschaft,
+die auf diese Weise unter den Schutz der Legionen gestellt ward, war
+dieses Schutzes bedürftig, aber auch wert gewesen. Wohl bezeichnet die
+Varusschlacht die beginnende Ebbe der römischen Macht, aber nur
+insofern, als das Vorschreiten damit ein Ende hat und die Römer seitdem
+sich im allgemeinen begnügten, das damals Festgehaltene stärker und
+dauernder zu schirmen.
+
+————————————————————————-
+
+^29 Von den sieben Legionen, die bei Neros Tode in den beiden Germanien
+standen, löste Vespasian fünf auf; es blieben die 21. und die 22., wozu
+dann die zur Niederwerfung des Aufstandes eingerückten sieben oder acht
+Legionen, die 1. adiutrix, 2. adiutrix, 6. victrix, 8., 10. gemina,
+11., 13. (?) und 14. hinzutraten. Von diesen ist nach Beendigung des
+Krieges die 1. adiutrix wahrscheinlich nach Spanien, die 2. adiutrix
+wahrscheinlich nach Britannien, die 13. gemina (wenn diese überhaupt
+nach Germanien kam) nach Pannonien gesandt worden; die anderen sieben
+blieben, und zwar in der unteren Provinz die 6., 10., 21. und 22., in
+der oberen die 8., 11, und 14. Zu den letzteren trat wahrscheinlich im
+Jahre 88 die aus Spanien abermals nach Obergermanien gesandte 1.
+adiutrix hinzu. Daß unter Traian die 1. adiutrix und die 11. in
+Obergermanien standen beweist die Inschrift von Baden-Baden, Brambach
+1666. Die 8. und die 14. sind erwiesenermaßen beide mit Cerialis nach
+Germanien gekommen und haben beide längere Zeit daselbst garnisoniert.
+
+^30 Traianus ward von Nerva im Jahre 96 oder 97 als Legat nach
+Germanien gesandt, wahrscheinlich dem oberen, da dem unteren damals
+Vestricius Spurinna vorgestanden zu haben scheint. Hier im Oktober des
+Jahres 97 zum Mitregenten ernannt, erhielt er die Nachricht von Nervas
+Tode und seiner Ernennung zum Augustus im Februar 98 in Köln. Den
+Winter und den folgenden Sommer mag er dort geblieben sein; im Winter
+98/99 war er an der Donau. Die Worte des Eutropius (8, 2): urbes trans
+Rhenum in Germania reparavit (woraus die oft gemißbrauchte Notiz bei
+Orosius, hist. 7, 12, 2, abgeschrieben ist), welche nur auf die obere
+Provinz bezogen werden können, aber natürlich nicht dem Legaten,
+sondern dem Caesar oder dem Augustur gelten, erhalten eine Bestätigung
+durch die civitas Ulpia s(altus?) N(icerini?) Lopodunum der
+Inschriften. Die “Wiederherstellung” dürfte im Gegensatz stehen nicht
+zu den Einrichtungen Domitians, sondern zu den ungeordneten Anfängen
+städtischer Anlagen im Decumatenland vor der Verlegung der
+Militärgrenze. Auf kriegerische Vorgänge unter Traian führt keine Spur;
+daß er ein castellum in Alamannorum solo, nach dem Zusammenhang am Main
+unweit Mainz, anlegte und nach seinem Namen nannte (Amm. 17, 1, 11),
+beweist dafür ebenso wenig, wie daß ein später Dichter (Sidon. carm. 7,
+115), Altes und Neues vermengend, Agrippina unter ihm den Schrecken der
+Sugambrer, das heißt in seinem Sinn der Franken nennt.
+
+————————————————————————-
+
+Bis in den Anfang des 3. Jahrhunderts zeigt die römische Macht am Rhein
+keine Spuren des Schwankens. Während des Markomannenkrieges unter
+Marcus blieb in der unteren Provinz alles ruhig. Wenn ein Legat der
+Belgica damals den Landsturm gegen die Chauker aufbieten mußte, so ist
+dies vermutlich ein Piratenzug gewesen, wie sie die Nordküste oftmals,
+in dieser Zeit ebenso wie früher und später, heimgesucht haben. An die
+Donauquellen und selbst bis in das Rheingebiet reichte der Wellenschlag
+der großen Völkerbewegung; aber die Fundamente erschütterte er hier
+nicht. Die Chatten, das einzige bedeutende germanische Volk an der
+obergermanisch-rätischen Grenzwacht, brachen in beiden Richtungen vor
+und sind wahrscheinlich damals selbst unter den in Italien einfallenden
+Germanen gewesen, wie dies weiterhin bei der Darstellung dieses Krieges
+gezeigt werden soll. Auf jeden Fall kann die von Marcus damals verfügte
+Verstärkung der rätischen Armee und ihre Umwandlung in ein Kommando
+erster Klasse mit Legion und Legaten nur erfolgt sein, um den Angriffen
+der Chatten zu steuern, und beweist, daß man sie auch für die Zukunft
+nicht leicht nahm. Die schon erwähnte Verstärkung der Grenzverteidigung
+wird damit ebenfalls in Verbindung stehen. Für das nächste
+Menschenalter müssen diese Maßregeln ausgereicht haben.
+
+Unter Antoninus, dem Sohn des Severus, brach (213) abermals in Rätien
+ein neuer und schwererer Krieg aus. Auch dieser ist gegen die Chatten
+geführt worden; aber neben ihnen wird ein zweites Volk genannt, das
+hier zum erstenmal begegnet, das der Alamannen. Woher sie kamen, wissen
+wir nicht. Einem wenig später schreibenden Römer zufolge war es
+zusammengelaufenes Mischvolk; auf einen Gemeindebund scheint auch die
+Benennung hinzuweisen sowie, daß später noch die verschiedenen, unter
+diesem Namen zusammengefaßten Stämme mehr als bei den sonstigen großen
+germanischen Völkern in ihrer Besonderheit hervortreten, und die
+Juthungen, die Lentienser und andere Alamannenvölker nicht selten
+selbständig handeln. Aber daß es nicht die Germanen dieser Gegend sind,
+welche unter dem neuen Namen verbündet und durch den Bund verstärkt
+hier auftreten, zeigt sowohl die Nennung der Alamannen neben den
+Chatten wie die Meldung von der ungewohnten Geschicklichkeit der
+Alamannen im Reitergefecht. Vielmehr sind es der Hauptsache nach sicher
+aus dem Osten nachrückende Scharen gewesen, die dem fast erloschenen
+Widerstand der Germanen am Rhein neue Kraft verliehen haben; es ist
+nicht unwahrscheinlich, daß die in früherer Zeit an der mittleren Elbe
+hausenden mächtigen Semnonen, deren seit dem Ende des 2. Jahrhunderts
+nicht wieder gedacht wird, zu den Alamannen ein starkes Kontingent
+gestellt haben. Das stetig sich steigernde Mißregiment im Römischen
+Reich hat natürlich auch, wenngleich nur in zweiter Reihe, zu der
+Machtverschiebung seinen Teil beigetragen. Der Kaiser zog persönlich
+gegen die neuen Feinde ins Feld; im August des Jahres 213 überschritt
+er die römische Grenze und ein Sieg über sie am Main wurde erfochten
+oder wenigstens gefeiert; es wurden noch Kastelle angelegt; die
+Völkerschaften von der Elbe und der Nordsee beschickten den römischen
+Herrscher und verwunderten sich, wenn er sie in ihrer eigenen Tracht
+empfing, in silberbeschlagener Jacke und Haar und Bart nach deutscher
+Art gefärbt und geordnet. Aber von da an hören die Kriege am Rhein
+nicht auf, und die Angreifer sind die Germanen; die sonst so fügsamen
+Nachbarn waren wie ausgetauscht. Zwanzig Jahre später wurden an der
+Donau wie am Rhein die Einfälle der Barbaren so stetig und so
+ernsthaft, daß Kaiser Alexander deswegen den weniger unmittelbar
+gefährlichen Persischen Krieg abbrechen und sich persönlich in das
+Lager von Mainz begeben maßte, nicht so sehr, um das Gebiet zu
+verteidigen, als um von den Deutschen den Frieden durch hohe Geldsummen
+zu erkaufen. Die Erbitterung der Soldaten darüber führte zu seiner
+Ermordung (235) und damit zu dem Untergang der Severischen Dynastie,
+der letzten, die es bis auf die Regeneration des Staats überhaupt
+gegeben hat. Sein Nachfolger Maximinus, ein roher, aber tapferer, vom
+gemeinen Soldaten aufgedienter Thraker, machte das feige Verhalten
+seines Vorgängers wieder gut durch einen nachdrücklichen Feldzug tief
+in Germanien hinein. Noch wagten die Barbaren nicht, einem starken und
+wohlgeführten Römerheere die Spitze zu bieten; sie wichen in ihre
+Wälder und Sümpfe, und auch dahin ihnen folgend, focht im Handgemenge
+der tapfere Kaiser allen voran. Von diesen Kämpfen, die ohne Zweifel
+von Mainz aus zunächst gegen die Alamannen sich richteten, durfte er
+mit Recht sich Germanicus nennen; und auch für die Zukunft hat die
+Expedition vom Jahre 236, auf lange hinaus der letzte große Sieg, den
+die Römer am Rhein gewannen, wohl einiges gefruchtet. Obwohl die
+stetigen und blutigen Thronwechsel und die schweren Katastrophen im
+Osten und an der Donau die Römer nicht zu Atem kommen ließen, ist doch
+durch die nächsten zwanzig Jahre am Rhein wenn nicht eigentlich die
+Ruhe erhalten worden, doch eine größere Katastrophe nicht eingetreten.
+Es scheint sogar damals eine der obergermanischen Legionen nach Afrika
+geschickt worden zu sein, ohne daß dafür Ersatz kam, also Obergermanien
+als wohl gesichert gegolten zu haben. Aber als im Jahre 253 wieder
+einmal die verschiedenen Feldherren Roms um die Kaiserwürde
+untereinander schlugen und die Rheinlegionen nach Italien marschierten,
+um ihren Kaiser Valerianus gegen den Aemilianus der Donauarmee
+durchzufechten, scheint dies das Signal gewesen zu sein ^31 für das
+Vorbrechen der Germanen namentlich auch gegen den Unterrhein ^32. Diese
+Germanen sind die hier zuerst auftretenden Franken, allerdings
+vielleicht nur dem Namen nach neue Gegner; denn obwohl die schon im
+späteren Altertum begegnende Identifikation derselben mit früher am
+Unterrhein genannten Völkerschaften, teils den neben den Bructerern
+sitzenden Chamavern, teils den früher genannten, den Römern
+untertänigen Sugambrern, unsicher und mindestens unzulänglich ist, so
+hat es hier größere Wahrscheinlichkeit als bei den Alamannen, daß die
+bisher von Rom abhängigen Germanen am rechten Rheinufer und die früher
+vom Rhein abgedrängten germanischen Stämme damals unter dem Gesamtnamen
+der “Freien” gemeinschaftlich die Offensive gegen die Römer ergriffen
+haben. Solange Gallienus selbst am Rhein blieb, hielt er, trotz der
+geringen, ihm zur Verfügung stehenden Streitkräfte, die Gegner
+einigermaßen im Zaum, verhinderte sie am Überschreiten des Flusses oder
+schlug die Eingedrungenen wieder hinaus, räumte auch wohl einem der
+germanischen Führer einen Teil des begehrten Ufergebietes ein unter der
+Bedingung, die römische Herrschaft anzuerkennen und seinen Besitz gegen
+seine Landsleute zu verteidigen, was freilich schon fast auf eine
+Kapitulation hinauskam. Aber als der Kaiser, abgerufen durch die noch
+gefährlichere Lage der Dinge an der Donau, sich dorthin begab und in
+Gallien als Repräsentanten seinen noch im Knabenalter stehenden älteren
+Sohn zurückließ, ließ einer der Offiziere, denen er die Verteidigung
+der Grenze und die Hut seines Sohnes anvertraut hatte, Marcus
+Cassianius Latinius Postumus ^33, sich von seinen Leuten zum Kaiser
+ausrufen und belagerte in Köln den Hüter des Kaisersohnes Silvanus. Es
+gelang ihm, die Stadt einzunehmen und seinen früheren Kollegen sowie
+den kaiserlichen Knaben in seine Gewalt zu bekommen, worauf er beide
+hinrichten ließ. Aber während dieser Wirren brachen die Franken über
+den Rhein und überschwemmten nicht bloß ganz Gallien, sondern drangen
+auch in Spanien ein, ja plünderten selbst die afrikanische Küste. Bald
+nachher, nachdem Valerians Gefangennahme durch die Perser das Maß des
+Unheils voll gemacht hatte, ging in der oberrheinischen Provinz alles
+römische Land auf dem linken Rheinufer verloren, ohne Zweifel an die
+Alamannen, deren Einbruch in Italien in den letzten Jahren des
+Gallienus diesen Verlust notwendig voraussetzt. Dieser ist der letzte
+Kaiser, dessen Name auf rechtsrheinischen Denkmälern gefunden wird.
+Seine Münzen feiern ihn wegen fünf großer Siege über die Germanen, und
+nicht minder sind die seines Nachfolgers in der gallischen Herrschaft,
+des Postumus, voll des Preises der deutschen Siege des Retters von
+Gallien. Gallienus hatte in seinen früheren Jahren nicht ohne Energie
+den Kampf am Rhein aufgenommen, und Postumus war sogar ein vorzüglicher
+Offizier und wäre gern auch ein guter Regent gewesen. Aber bei der
+Meisterlosigkeit, welche damals in dem römischen Staat oder vielmehr in
+der römischen Armee waltete, nützte Talent und Tüchtigkeit des
+Einzelnen weder ihm noch dem Gemeinwesen. Eine Reihe blühender
+römischer Städte wurde damals von den einfallenden Barbaren ödegelegt,
+und das rechte Rheinufer ging den Römern auf immer verloren.
+
+———————————————————————
+
+^31 Nicht bloß der ursächliche Zusammenhang, sondern selbst die
+zeitliche Folge dieser wichtigen Vorgänge liegen im unklaren. Der
+relativ beste Bericht bei Zosimus (hist. 1, 29) bezeichnet den
+germanischen Krieg als die Ursache, weshalb Valerianus gleich bei
+seiner Thronbesteigung 253 seinen Sohn zum Mitherrscher gleichen Rechts
+gemacht habe; und den Titel Germanicus maximus führt Valerian schon im
+Jahre 256 (CIL VIII, 2380; ebenso 259 CIL XI, 826), vielleicht sogar,
+wenn der Münze Cohen n. 54 zu trauen ist, den Titel Germanicus maximus
+ter.
+
+^32 Daß die Germanen, gegen die Gallienus zu streiten hatte, wenigstens
+hauptsächlich am Unterrhein zu suchen sind, zeigt die Residenz seines
+Sohnes in Agrippina, wo er doch nur als nomineller Repräsentant des
+Vaters zurückgeblieben sein kann. Auch der Biograph (c. 8) nennt die
+Franken.
+
+^33 Von dem Grade der Geschichtsfälschung, welche in einem Teil der
+Kaiserbiographien herrscht, macht man sich schwer eine Vorstellung; es
+wird nicht unnütz sein, hier an dem Bericht über Postumus dies
+beispielsweise zu zeigen. Er heißt hier (freilich in einer Einlage)
+Iulius Postumus (tyr. 6), auf den Münzen und Inschriften al. Cassianius
+Latinius Postumus, im epitomierten Victor 32 Cassius Labienus Postemus.
+
+Er regiert sieben Jahre (Gall. 4; tyr. 3 und 5); Münzen nennen seine
+tr. p. X, und zehn Jahre gibt ihm Eutropius (9, 10).
+
+Sein Gegner heißt Lollianus, nach den Münzen Ulpius Cornelias
+Laelianus, Laelianus bei Eutropius (9, 9; nach der einen
+Handschriftenklasse, während die andere der Interpolation der
+Biographen folgt) und bei Victor (c. 33), Aelianus in der
+Victorianischen Epitome.
+
+Postumus und Victorinus herrschen nach dem Biographen gemeinschaftlich;
+aber es gibt keine beiden gemeinschaftliche Münzen, und somit
+bestätigen diese den Bericht bei Victor und Eutropius, daß Victorinus
+der Nachfolger des Postumus gewesen ist.
+
+Es ist eine Besonderheit dieser Kategorie von Fälschungen, daß sie in
+den eingelegten Urkunden gipfeln. Das Kölner Epitaphium der beiden
+Victorinus (tyr. 7): hic duo Victorini tyranni(!) siti sunt kritisiert
+sich selbst. Das angebliche Patent Valerians (tyr. 3), womit dieser den
+Galliern die Ernennung des Postumus mitteilt, rühmt nicht bloß
+prophetisch des Postumus Herrschergaben, sondern nennt auch
+verschiedene unmögliche Ämter: einen Transrhenani limitis dux et
+Galliae praeses hat es zu keiner Zeit gegeben und kann Postumus αρχήν
+εν Κέλτοίς στρατιωτών εμπεπιστευμένος ;Zos. hist. 1, 38) nur praeses
+einer der beiden Germanien oder, wenn sein Kommando ein
+außerordentliches war, dux per Germanias gewesen sein. Ebenso unmöglich
+ist in derselben Quasi-Urkunde der tribunatus Vocontiorum des Sohnes,
+eine offenbare Nachbildung der Tribunate, wie sie in der Notitia
+dignitatum aus der Zeit des Honorius auftreten.
+
+Gegen Postumus und Victorinus, unter denen die Gallier und die Franken
+fechten, zieht Gallienus mit Aureolus, später seinem Gegner, und dem
+späteren Kaiser Claudius; er selbst wird durch einen Pfeilschuß
+verwundet, siegt aber, ohne daß durch den Sieg sich etwas ändert. Von
+diesem Kriege wissen die anderen Berichte nichts. Postumus fällt in dem
+von dem sogenannten Lollianus angezettelten Militäraufstand, während
+nach dem Bericht bei Victor und Eutropius Postumus dieser Mainzer
+Insurrektion Herr wird, aber dann die Soldaten ihn erschlagen, weil er
+ihnen Mainz nicht zur Plünderung überliefern will. Über die Erhebung
+des Postumus steht neben der im wesentlichen mit der gewöhnlichen
+übereinstimmenden Erzählung, daß Postumus den seiner Hut anvertrauten
+Sohn des Gallienus treulos beseitigt habe, eine andere, offenbar als
+Rettung erfundene, wonach das Volk in Gallien dies tat und dann dem
+Postumus die Krone antrug. Die enkomiastische Tendenz für den, der
+Gallien das Schicksal der Donauländer und Asiens erspart und es vor den
+Germanen gerettet habe, tritt hier und überall (am offenbarsten tyr. 5)
+zutage; womit denn zusammenhängt, daß dieser Bericht den Verlust des
+rechten Rheinufers und die Züge der Franken nach Gallien, Spanien und
+Afrika nicht kennt. Bezeichnend ist noch, daß der angebliche Stammvater
+des konstantinischen Hauses auch hier mit einer ehrenvollen Nebenrolle
+bedacht wird. Diese nicht zerrüttete, sondern durchgefälschte Erzählung
+wird völlig beseitigt werden müssen; die Berichte einerseits bei
+Zosimus, andererseits der aus einer gemeinschaftlichen Quelle
+schöpfenden Lateiner Victor und Eutropius, kurz und zerrüttet wie sie
+sind, können allein in Betracht kommen.
+
+———————————————————————
+
+Die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung in Gallien hing zunächst ab
+von dem Zusammenhalten des Reichs überhaupt; solange die italischen
+Kaiser ihre Truppen in der Narbonensis aufstellten, um den gallischen
+Rivalen zu beseitigen und dieser wieder Miene machte, die Alpen zu
+überschreiten, war eine wirksame Operation gegen die Germanen von
+selber ausgeschlossen. Erst nachdem um das Jahr 272 ^34 der damalige
+Herrscher Galliens, Tetricus, seiner undankbaren Rolle müde, selbst
+dazu getan hatte, daß seine Truppen sich dem vom römischen Senat
+anerkannten Kaiser Aurelianus unterwarfen, konnte wieder daran gedacht
+werden, den Germanen zu wehren. Den Zügen der Alamannen, die fast ein
+Jahrzehnt hindurch das obere Italien bis nach Ravenna hinab heimgesucht
+hatten, setzte derselbe tüchtige Herrscher, der Gallien wieder zum
+Reich gebracht hatte, für lange Zeit ein Ziel und schlug an der oberen
+Donau nachdrücklich einen ihrer Stämme, die Juthungen. Hätte sein
+Regiment Dauer gehabt, so würde er wohl auch in Gallien den Grenzschutz
+erneuert haben; nach seinem baldigen und jähen Ende (275) überschritten
+die Germanen abermals den Rhein und verheerten weit und breit das Land.
+Sein Nachfolger Probus (seit 276), auch ein tüchtiger Soldat, warf sie
+nicht bloß wieder hinaus - siebzig Städte soll er ihnen abgenommen
+haben -, sondern ging auch wieder angreifend vor, überschritt den Rhein
+und trieb die Deutschen über den Neckar zurück; aber die Linien der
+früheren Zeit erneuerte er nicht ^35, sondern begnügte sich, an den
+wichtigeren Rheinpositionen Brückenköpfe auf dem anderen Ufer
+einzurichten und zu besetzen - das heißt, er kam etwa auf die
+Einrichtungen zurück, wie sie hier vor Vespasian bestanden hatten.
+Gleichzeitig wurden durch seine Feldherren in der nördlichen Provinz
+die Franken niedergeschlagen. Große Massen der überwundenen Germanen
+wurden als gezwungene Ansiedler nach Gallien und vor allem nach
+Britannien gesandt. In dieser Weise wurde die Rheingrenze wieder
+gewonnen und auf das spätere Kaiserreich übertragen. Freilich war wie
+die Herrschaft am rechten Rheinufer so auch der Friede am linken
+unwiderbringlich dahin. Drohend standen die Alamannen gegenüber Basel
+und Straßburg, die Franken gegenüber Köln. Daneben melden sich andere
+Stämme. Daß auch die Burgundionen, einst jenseits der Elbe seßhaft,
+westwärts vorrückend bis an den oberen Main, Gallien bedrohen, davon
+ist zuerst unter Kaiser Probus die Rede; wenige Jahre später beginnen
+die Sachsen in Gemeinschaft mit den Franken ihre Angriffe zur See auf
+die gallische Nordküste wie auf das römische Britannien. Aber unter den
+größtenteils tüchtigen und fähigen Kaisern des
+Diocletianisch-Konstantinischen Hauses und noch unter den nächsten
+Nachfolgern hielt der Römer die drohende Völkerflut in gemessenen
+Schranken.
+
+——————————————————
+
+^34 Postumus Herrschaft dauerte zehn Jahre. Daß im Jahre 259 der ältere
+Sohn des Gallienus bereits tot war, lehrt die Inschrift von Modena CIL
+XI, 826; also fällt Postumus Abfall sicher in oder vor dieses Jahr. Da
+die Gefangennahme des Tetricus nicht wohl später als 272, unmittelbar
+nach der zweiten Expedition gegen Zenobia, angesetzt werden kann und
+die drei gallischen Herrscher Postumus zehn, Victorinus zwei (Eutr. 9,
+9), Tetricus zwei (Aur. Vict. Caes. 35) Jahre regiert haben, so bringt
+dies Postumus Abfall etwa auf 259; doch sind dergleichen Zahlen häufig
+etwas verschoben. Wenn die Dauer der Germanenzüge in Spanien unter
+Gallienus auf zwölf Jahre bestimmt wird (Oros. hist. 7, 41, 2), so
+scheint dies nach der Hieronymischen Chronik oberflächlich berechnet zu
+sein. Die üblichen genauen Zahlen sind unbeglaubigt und täuschend.
+
+^35 Nach dem Biographen (c. 14, 15) hat Probus die Germanen des rechten
+Rheinufers in Abhängigkeit gebracht, so daß sie den Römern
+tributpflichtig sind und die Grenze für sie verteidigen (omnes iam
+barbari vobis arant, vobis iam serviunt et contra interiores gentes
+militant); das Recht der Waffenführung wird ihnen vorläufig gelassen,
+aber daran gedacht, bei weiteren Erfolgen die Grenze vorzuschieben und
+eine Provinz Germanien einzurichten. Auch als freie Phantasien eines
+Römers des vierten Jahrhunderts - mehr ist es nicht - haben diese
+Äußerungen ein gewisses Interesse.
+
+——————————————————
+
+Die Germanen in ihrer nationalen Entwicklung darzustellen, ist nicht
+die Aufgabe des Geschichtschreibers der Römer; für ihn erscheinen sie
+nur hemmend oder auch zerstörend. Eine Durchdringung der beiden
+Nationalitäten und eine daraus hervorgehende Mischkultur, wie das
+romanisierte Keltenland, hat das römische Germanien nicht aufzuweisen
+oder sie fällt für unsere Auffassung mit der römisch-gallischen um so
+mehr zusammen, als die längere Zeit in römischem Besitz gebliebenen
+germanischen Gebiete auf dem linken Rheinufer durchaus mit keltischen
+Elementen durchsetzt waren und auch die auf dem rechten, ihrer
+ursprünglichen Bevölkerung größtenteils beraubt, die Mehrzahl der neuen
+Ansiedler aus Gallien erhielten. Dem germanischen Element fehlten die
+kommunalen Zentren, wie sie das Keltentum zahlreich besaß. Teils
+deswegen, teils infolge äußerer Umstände konnte, wie schon
+hervorgehoben worden ist, in dem germanischen Osten das römische
+Element sich eher und voller entwickeln als in den keltischen Gegenden.
+Von wesentlichstem Einfluß darauf sind die Heerlager der Rheinarmee
+geworden, die alle auf das römische Germanien fallen. Die größeren
+derselben erhielten teils durch die Handelsleute, die dem Heere sich
+anschlossen, teils und vor allem durch die Veteranen, die in ihren
+gewohnten Quartieren auch nach der Entlassung verblieben, einen
+städtischen Anhang, eine von den eigentlichen Militärquartieren
+gesonderte Budenstadt (canabae); überall und namentlich in Germanien
+sind aus diesen bei den Legionslagern und besonders den Hauptquartieren
+mit der Zeit eigentliche Städte erwachsen. An der Spitze steht die
+römische Ubierstadt, ursprünglich das zweitgrößte Lager der
+niederrheinischen Armee, dann seit dem Jahre 50 römische Kolonie und
+von bedeutendster Wirksamkeit für die Hebung der römischen Zivilisation
+im Rheinland. Hier wich die Lagerstadt der römischen Pflanzstadt;
+späterhin erhielten, ohne Verlegung der Truppen, Stadtrecht die zu den
+beiden großen unterrheinischen Lagern gehörenden Ansiedlungen Ulpia
+Noviomagus im Bataverland und Ulpia Traiana bei Vetera durch Traianus,
+im dritten Jahrhundert die Militärhauptstadt Obergermaniens
+Mogontiacum. Freilich haben diese Zivilstädte neben den davon
+unabhängigen militärischen Verwaltungszentren immer eine untergeordnete
+Stellung behalten.
+
+Blicken wir über die Grenze hinüber, wo diese Erzählung abschließt, so
+begegnet uns allerdings anstatt der Romanisierung der Germanen
+gewissermaßen eine Germanisierung der Romanen. Die letzte Phase des
+römischen Staats ist bezeichnet durch dessen Barbarisierung und
+speziell dessen Germanisierung; und die Anfänge reichen weiter zurück.
+Sie beginnt mit der Bauernschaft in dem Kolonat, geht weiter zu der
+Truppe, wie Kaiser Severus sie gestaltete, erfaßt dann die Offiziere
+und Beamte und endigt mit den römisch-germanischen Mischstaaten der
+Westgoten in Spanien und Gallien, der Vandalen in Afrika, vor allem dem
+Italien Theoderichs. Für das Verständnis dieser letzten Phase bedarf es
+allerdings der Einsicht in die staatliche Entwicklung der einen wie der
+anderen Nation. Freilich steht in dieser Beziehung die germanische
+Forschung sehr im Nachteil. Die staatlichen Einrichtungen, in welche
+diese Germanen dienend oder mitherrschend eintraten, sind wohlbekannt,
+weit besser als die pragmatische Geschichte der gleichen Epoche; aber
+über den germanischen Anfängen liegt ein Dunkel, mit dem verglichen die
+Anfänge von Rom und von Hellas lichte Klarheit sind. Während die
+nationale Gottesverehrung der antiken Welt relativ erkennbar ist, ist
+die Kunde des deutschen Heidentums, vom fernen Norden abgesehen, vor
+der historischen Zeit untergegangen. Die Anfänge der staatlichen
+Entwicklung der Germanen schildert uns teils die schillernde und in der
+Gedankenschablone des sinkenden Altertums befangene, die eigentlich
+entscheidenden Momente nur zu oft auslassende Darstellung des Tacitus,
+teils müssen wir sie den auf ehemals römischem Boden entstandenen,
+überall mit römischen Elementen durchsetzten Zwitterstaaten entnehmen.
+Wie die germanischen Worte hier überall fehlen und wir fast
+ausschließlich auf lateinische, notwendig inadäquate Bezeichnungen
+angewiesen sind, so versagen auch durchgängig die scharfen
+Grundanschauungen, derer unsere Kunde des klassischen Altertums nicht
+entbehrt. Es gehört zur Signatur unserer Nation, daß es ihr versagt
+geblieben ist, sich aus sich selbst zu entwickeln; und dazu gehört es
+mit, daß deutsche Wissenschaft vielleicht weniger vergeblich bemüht
+gewesen ist, die Anfänge und die Eigenart anderer Nationen zu erkennen
+als die der eigenen.
+
+
+
+
+KAPITEL V.
+Britannien
+
+
+Siebenundneunzig Jahre waren vergangen, seitdem römische Truppen das
+große Inselland im nordwestlichen Ozean betreten und unterworfen und
+wiederum verlassen hatten, bevor die römische Regierung sich entschloß,
+die Fahrt zu wiederholen und Britannien bleibend zu besetzen.
+Allerdings war Caesars britannische Expedition nicht bloß, wie seine
+Züge gegen die Germanen, ein defensiver Vorstoß gewesen. So weit sein
+Arm reichte, hatte er die einzelnen Völkerschaften reichsuntertänig
+gemacht und ihre Jahresabgabe an das Reich hier wie in Gallien
+geordnet. Auch die führende Völkerschaft, welche durch ihre bevorzugte
+Stellung fest an Rom geknüpft und somit der Stützpunkt der römischen
+Herrschaft werden sollte, war gefunden: die Trinovanten (Essex) sollten
+auf der keltischen Insel dieselbe, mehr vorteilhafte als ehrenvolle
+Rolle übernehmen wie auf dem gallischen Kontinent die Häduer und die
+Reiner. Die blutige Fehde zwischen dem Fürsten Cassivellaunus und dem
+Fürstenhaus von Camalodunum (Colchester) hatte unmittelbar die römische
+Invasion herbeigeführt; dieses wieder einzusetzen, war Caesar gelandet,
+und der Zweck ward für den Augenblick erreicht. Ohne Zweifel hat Caesar
+sich nie darüber getäuscht, daß jene Tribute ebenso wie diese
+Schutzherrschaft zunächst nur Worte waren; aber diese Worte waren ein
+Programm, das die bleibende Besetzung der Insel durch römische Truppen
+herbeiführen maßte und herbeiführen sollte.
+
+Caesar selbst kam nicht dazu, die Verhältnisse der unterworfenen Insel
+bleibend zu ordnen; und für seine Nachfolger war Britannien eine
+Verlegenheit. Die reichsuntertänig gewordenen Briten entrichteten den
+schuldigen Tribut gewiß nicht lange, vielleicht überhaupt niemals; das
+Protektorat über die Dynastie von Camalodunum wird noch weniger
+respektiert worden sein und hatte lediglich zur Folge, daß Fürsten und
+Prinzen dieses Hauses wieder und wieder in Rom erschienen und die
+Intervention der römischen Regierung gegen Nachbarn und Rivalen
+anriefen - so kam König Dubnovellaunus, wahrscheinlich der Nachfolger
+des von Caesar bestätigten Trinovantenfürsten, als Flüchtling nach Rom
+zu Kaiser Augustas, so später einer der Prinzen desselben Hauses zu
+Kaiser Gaius ^1.
+
+—————————————————————————————
+
+^1 Allem Anschein nach sind die politischen Relationen zwischen Rom und
+Britannien in der Zeit vor der Eroberung wesentlich auf das von Caesar
+wiederhergestellte und garantierte (Gall. 5, 22) Fürstentum der
+Trinovanten zu beziehen. Daß König Dubnovellaunus, der nebst einem
+anderen ganz unbekannten Britannerfürsten bei Augustas Schutz suchte,
+hauptsächlich in Essex herrschte, zeigen seine Münzen (mein Monumentum
+Ancyranum. 2. Aufl. 1883, S. 138f.). Die britannischen Fürsten, die den
+Augustus beschickten und seine Oberherrschaft anerkannten (denn so
+scheint Strab. 4, 5, 3, p. 200 gefaßt werden zu müssen; vgl. Tac. ann.
+2, 24), haben wir auch zunächst dort zu suchen. Cunobelinus, nach den
+Münzen der Sohn des Königs Tasciovanus, von dem die Geschichte
+schweigt, gestorben, wie es scheint, bejahrt, zwischen 40 und 43, im
+Regiment also wahrscheinlich dem späteren des Augustus und denen des
+Tiberius und Gaius parallel gehend, residierte in Camalodunum (Dio 60,
+21); um ihn und um seine Söhne dreht sich die Vorgeschichte der
+Invasion. Wohin Bericus, der zum Claudias kam (Dio 60, 19), gehört,
+wissen wir nicht, und es mögen auch andere brittische Dynasten dem
+Beispiel derer von Colchester gefolgt sein; aber an der Spitze stehen
+diese.
+
+—————————————————————————————
+
+In der Tat war die Expedition nach Britannien ein notwendiger Teil der
+Caesarischen Erbschaft; es hatte auch schon während der Zweiherrschaft
+Caesar der Sohn zu einer solchen einen Anlauf genommen und nur davon
+abgesehen wegen der dringenderen Notwendigkeit, in Illyricum Ruhe zu
+schaffen, oder auch wegen des gespannten Verhältnisses zu Antonius, das
+zunächst den Parthern sowohl wie den Britannern zustatten kam. Die
+höfischen Poeten aus Augustus’ früheren Jahren haben die britannische
+Eroberung vielfach antizipierend gefeiert; das Programm Caesars also
+nahm der Nachfolger an und auf. Als dann die Monarchie feststand,
+erwartete ganz Rom, daß der Beendigung des Bürgerkrieges die
+britannische Expedition auf dem Fuße folgen werde; die Klagen der
+Poeten über den schrecklichen Hader, ohne welchen längst die Britanner
+im Siegeszug zum Kapitol geführt worden wären, verwandelten sich in die
+stolze Hoffnung auf die neu zum Reich hinzutretende Provinz Britannien.
+Die Expedition wurde auch zu wiederholten Malen angekündigt (727, 728
+27, 26); dennoch stand Augustus, ohne das Unternehmen förmlich
+fallenzulassen, bald von der Durchführung ab, und Tiberius hielt,
+seiner Maxime getreu, auch in dieser Frage an dem System des Vaters
+fest ^2. Die nichtigen Gedanken des letzten Julischen Kaisers
+schweiften wohl auch über den Ozean hinüber; aber ernste Dinge
+vermochte er nicht einmal zu planen. Erst die Regierung des Claudius
+nahm den Plan des Diktators wieder auf und führte ihn durch.
+
+———————————————————
+
+^2 Tac. Agr. 13: consilium id divus Augustas vocabat, Tiberius
+praeceptum.
+
+———————————————————
+
+Welche Motive nach der einen wie nach der andern Seite hin bestimmend
+waren, läßt sich teilweise wenigstens erkennen. Augustus selbst hat
+geltend gemacht, daß die Besetzung der Insel militärisch nicht nötig
+sei, da ihre Bewohner nicht imstande seien, die Römer auf dem Kontinent
+zu belästigen, und für die Finanzen nicht vorteilhaft; was aus
+Britannien zu ziehen sei, fließe in Form des Einfuhr- und Ausfuhrzolles
+der gallischen Häfen in die Kasse des Reiches; als Besatzung werde
+wenigstens eine Legion und etwas Reiterei erforderlich sein und nach
+Abzug der Kosten derselben von den Tributen der Insel nicht viel übrig
+bleiben ^3. Dies alles war unbestreitbar richtig, ja noch keineswegs
+genug; die Erfahrung erwies später, daß eine Legion bei weitem nicht
+ausreichte, um die Insel zu halten. Hinzuzunehmen ist, was die
+Regierung zu sagen allerdings keine Veranlassung hatte, daß bei der
+Schwäche des römischen Heeres, wie sie durch die innere Politik Augusts
+einmal herbeigeführt war, es sehr bedenklich erscheinen mußte, einen
+erheblichen Bruchteil desselben ein für allemal auf eine ferne Insel
+des Nordmeers zu bannen. Man hatte vermutlich nur die Wahl, von
+Britannien abzusehen oder deswegen das Heer zu vermehren; und bei
+Augustus hat die Rücksicht auf die innere Politik stets die auf die
+äußere überwogen.
+
+————————————————————————-
+
+^3 Die Auseinandersetzung bei Strabon (2, 5, 8, p. 115; 4, 5, 3, p.
+200) gibt offenbar die gouvernementale Version. Daß nach Einziehung der
+Insel der freie Verkehr und damit der Ertrag der Zölle sinken werde,
+muß wohl als Eingeständnis des Satzes genommen werden, daß die römische
+Herrschaft und die römischen Tribute den Wohlstand der Untertanen
+herabdrückten.
+
+————————————————————————-
+
+Aber dennoch muß die Überzeugung von der Notwendigkeit der Unterwerfung
+Britanniens bei den römischen Staatsmännern vorgewogen haben. Caesars
+Verhalten würde unbegreiflich sein, wenn man sie nicht bei ihm
+voraussetzt. Augustus hat das von Caesar gesteckte Ziel trotz seiner
+Unbequemlichkeit zuerst förmlich anerkannt und niemals förmlich
+verleugnet. Gerade die weitsichtigsten und folgerichtigsten
+Regierungen, die des Claudius, des Nero, des Domitian, haben zu der
+Eroberung Britanniens den Grund gelegt oder sie erweitert; und sie ist,
+nachdem sie erfolgt war, nie betrachtet worden wie etwa die Traianische
+von Dakien und Mesopotamien. Wenn die sonst so gut wie unverbrüchlich
+festgehaltene Regierungsmaxime, daß das Römische Reich seine Grenzen
+nur zu erfüllen, nicht aber auszudehnen habe, allein in betreff
+Britanniens dauernd beiseite gesetzt worden ist, so liegt die Ursache
+darin, daß die Kelten so, wie Roms Interesse es erheischte, auf dem
+Kontinent allein nicht unterworfen werden konnten. Diese Nation war
+allem Anschein nach durch den schmalen Meeresarm, der England und
+Frankreich trennt, mehr verbunden als geschieden; dieselben Völkernamen
+begegnen hüben und drüben; die Grenzen der einzelnen Staaten griffen
+öfter über den Kanal hinüber; der Hauptsitz des hier mehr wie irgendwo
+sonst das ganze Volkstum durchdringenden Priestertums waren von jeher
+die Inseln der Nordsee. Den römischen Legionen das Festland Galliens zu
+entreißen, vermochten diese Insulaner freilich nicht; aber wenn der
+Eroberer Galliens selbst, und weiter die römische Regierung in Gallien
+andere Zwecke verfolgte als in Syrien und Ägypten, wenn die Kelten der
+italischen Nation angegliedert werden sollten, so war diese Aufgabe
+wohl unausführbar, solange das unterworfene und das freie Keltengebiet
+über das Meer hin sich berührten und der Römerfeind wie der römische
+Deserteur in Britannien eine Freistatt fand ^4. Zunächst genügte dafür
+schon die Unterwerfung der Südküste, obwohl die Wirkung natürlich sich
+steigerte, je weiter das freie Keltengebiet zurückgeschoben ward.
+Claudius’ besondere Rücksicht auf seine gallische Heimat und seine
+Kenntnis gallischer Verhältnisse mag auch hierbei mit im Spiel gewesen
+sein ^5. Den Anlaß zum Kriege gab, daß eben dasjenige Fürstentum,
+welches von Rom in einer gewissen Abhängigkeit stand, unter der Führung
+seines Königs Cunobelinus - es ist dies Shakespeares Cymbeline - seine
+Herrschaft weit ausbreitete ^6 und sich von der römischen
+Schutzherrschaft emanzipierte. Einer der Söhne desselben, Adminius, der
+gegen den Vater sich aufgelehnt hatte, kam schutzbegehrend zum Kaiser
+Gaius, und darüber, daß dessen Nachfolger sich weigerte, dem britischen
+Herrscher diese seine Untertanen auszuliefern, entspann sich der Krieg
+zunächst gegen den Vater und die Brüder dieses Adminius. Der
+eigentliche Grund desselben freilich war der unerläßliche Abschluß der
+Unterwerfung einer bisher nur halb besiegten, eng zusammenhaltenden
+Nation.
+
+————————————————————————-
+
+^4 Als Ursache des Krieges gibt Sueton (Claud. 17) an: Britanniam tunc
+tumultuantem ob non redditos transfugas; was O. Hirschfeld mit Recht in
+Verbindung bringt mit Gai. 44: Adminio Cunobellini Britannorum regis
+filio, qui pulsus a patre cum exigua mani transfugerat, in deditionem
+recepto. Mit dem tumultuari werden wohl wenigstens beabsichtigte
+Plünderfahrten nach der gallischen Küste gemeint sein. Um den Bericus
+(Dio 60, 19) ist der Krieg gewiß nicht geführt worden.
+
+^5 Ebenso war Mona nachher receptaculum perfugarum (Tac. ann. 14, 29).
+
+^6 Tac. ann. 12, 37: pluribus gentibus imperitantem.
+
+————————————————————————-
+
+Daß die Besetzung Britanniens nicht erfolgen könne ohne gleichzeitige
+Vermehrung des stehenden Heeres, war auch die Ansicht derjenigen
+Staatsmänner, die sie veranlaßten; es wurden drei der Rhein-, eine der
+Donaulegionen dazu bestimmt ^7, gleichzeitig aber zwei neu errichtete
+Legionen den germanischen Heeren zugeteilt. Zum Führer dieser
+Expedition und zugleich zum ersten Statthalter der Provinz wurde ein
+tüchtiger Soldat, Aulus Plautius, ausersehen; sie ging im Jahre 43 nach
+der Insel ab. Die Soldaten zeigten sich schwierig, wohl mehr wegen der
+Verbannung auf die ferne Insel als aus Furcht vor dem Feinde. Einer der
+leitenden Männer, vielleicht die Seele des Unternehmens, der
+kaiserliche Kabinettssekretär Narcissus, wollte ihnen Mut einsprechen -
+sie ließen den Sklaven vor höhnendem Zuruf nicht zu Worte kommen, aber
+taten, wie er wollte, und schifften sich ein.
+
+————————————————————————-
+
+^7 Die drei Legionen vom Rhein sind die 2. Augusta, die 14. und die
+20.; aus Pannonien kam die 9. spanische. Dieselben vier Legionen
+standen dort noch zu Anfang der Regierung Vespasians; dieser rief die
+14. ab zum Kriege gegen Civilis, und diese kam nicht zurück, dafür aber
+wahrscheinlich die 2. adiutrix. Diese ist vermutlich unter Domitian
+nach Pannonien verlegt, unter Hadrian die 9. aufgelöst und durch die 6.
+victrix ersetzt worden. Die beiden anderen Legionen, 2. Augusta und
+20., haben vom Anfang bis zum Ende der Römerherrschaft in England
+gestanden.
+
+————————————————————————-
+
+Besondere Schwierigkeit hatte die Besetzung der Insel nicht. Die
+Eingeborenen standen politisch wie militärisch auf derselben niedrigen
+Entwicklungsstufe, welche Caesar auf der Insel vorgefunden hatte.
+Könige oder Königinnen regierten in den einzelnen Gauen, die kein
+äußeres Band zusammenschloß und die in ewiger Fehde miteinander lagen.
+Die Mannschaften waren wohl von ausdauernder Körperkraft und von
+todesverachtender Tapferkeit und namentlich tüchtige Reiter. Aber der
+homerische Streitwagen, der hier noch eine Wirklichkeit war und auf dem
+die Fürsten des Landes selber die Zügel führten, hielt den
+geschlossenen römischen Reiterschwadronen ebensowenig stand, wie der
+Infanterist ohne Panzer und Helm, nur durch den kleinen Schild
+verteidigt, mit seinem kurzen Wurfspieß und seinem breiten Schwert im
+Nahkampf dem kurzen römischen Messer gewachsen war oder gar dem
+schweren Pilum des Legionärs und dem Schleuderblei und dem Pfeil der
+leichten römischen Truppen. Der Heermasse von etwa 40000 wohlgeschulten
+Soldaten hatten die Eingeborenen überall keine entsprechende Abwehr
+entgegenzustellen. Die Ausschiffung traf nicht einmal auf Widerstand;
+die Briten hatten Kunde von der schwierigen Stimmung der Truppen und
+die Landung nicht mehr erwartet. König Cunobelinus war kurz vorher
+gestorben; die Gegenwehr führten seine beiden Söhne, Caratacus und
+Togodumnus. Der Marsch des Invasionsheeres ward sofort auf Camalodunum
+gerichtet ^8 und in raschem Siegeslauf gelangte es bis an die Themse;
+hier wurde Halt gemacht, vielleicht hauptsächlich, um dem Kaiser die
+Gelegenheit zu geben, den leichten Lorbeer persönlich zu pflücken.
+Sobald er eintraf, ward der Fluß überschritten, das britische Aufgebot
+geschlagen, wobei Togodumnus den Tod fand, Camalodunum selber genommen.
+Wohl setzte der Bruder Caratacus den Widerstand hartnäckig fort und
+gewann sich, siegend oder geschlagen, einen stolzen Namen bei Freund
+und Feind; aber das Vorschreiten der Römer war dennoch unaufhaltsam.
+Ein Fürst nach dem andern ward geschlagen und abgesetzt - elf britische
+Könige nennt der Ehrenbogen des Claudius als von ihm besiegt; und was
+den römischen Waffen nicht erlag, das ergab sich den römischen Spenden.
+Zahlreiche vornehme Männer nahmen die Besitzungen an, die auf Kosten
+ihrer Landsleute der Kaiser ihnen verlieh; auch manche Könige fügten
+sich in die bescheidene Lehnsstellung, wie denn der der Regner
+(Chichester), Cogidumnus, und der der Icener (Norfolk), Prasutagus,
+eine Reihe von Jahren als Lehnsfürsten die Herrschaft geführt haben.
+Aber in den meisten Distrikten der bis dahin durchgängig monarchisch
+regierten Insel führten die Eroberer ihre Gemeindeverfassung ein und
+gaben, was noch zu verwalten blieb, den örtlichen Vornehmen in die
+Hand; was denn freilich schlimme Parteiungen und innere Zerwürfnisse im
+Gefolge hatte. Noch unter dem ersten Statthalter scheint das gesamte
+Flachland bis etwa zum Humber hinauf in römische Gewalt gekommen zu
+sein; die Icener zum Beispiel haben bereits ihm sich ergeben. Aber
+nicht bloß mit dem Schwert bahnten die Römer sich den Weg. Unmittelbar
+nach der Einnahme wurden nach Camalodunum Veteranen geführt und die
+erste Stadt römischer Ordnung und römischen Bürgerrechts, die
+“Claudische Siegeskolonie”, in Britannien gegründet, bestimmt zur
+Landeshauptstadt. Unmittelbar nachher begann auch die Ausbeutung der
+britannischen Bergwerke, namentlich der ergiebigen Bleigruben; es gibt
+britannische Bleibarren aus dem sechsten Jahre nach der Invasion.
+Offenbar hat in gleicher Schleunigkeit der Strom römischer Kaufleute
+und Industrieller sich über das neu geschlossene Gebiet ergossen; wenn
+Camalodunum römische Kolonisten empfing, so bildeten anderswo im Süden
+der Insel, namentlich an den warmen Quellen der Sulis (Bath), in
+Verulamium (St. Albans, nordwestlich von London) und vor allem in dem
+natürlichen Emporium des Großverkehrs, in Londinium an der
+Themsemündung, bloß infolge des freien Verkehrs und der Einwanderung
+sich römische Ortschaften, die bald auch formell städtische
+Organisation erhielten. Die vordringende Fremdherrschaft machte nicht
+bloß in den neuen Abgaben und Aushebungen, sondern vielleicht mehr noch
+in Handel und Gewerbe überall sich geltend. Als Plautius nach
+vierjähriger Verwaltung abberufen ward, zog er, der letzte Private, der
+zu solcher Ehre gelangt ist, triumphierend in Rom ein, und Ehren und
+Orden strömten herab auf die Offiziere und Soldaten der siegreichen
+Legionen; dem Kaiser wurden in Rom und danach in anderen Städten
+Triumphbogen errichtet wegen des “ohne irgendwelche Verluste”
+errungenen Sieges; der kurz vor der Invasion geborene Kronprinz erhielt
+anstatt des großväterlichen den Namen Britannicus. Man wird hierin die
+unmilitärische, der Siege mit Verlust entwöhnte Zeit und die der
+politischen Altersschwäche angemessene Überschwenglichkeit erkennen
+dürfen; aber wenn die Invasion Britanniens vom militärischen Standpunkt
+aus nicht viel bedeuten will, so muß doch den leitenden Männern das
+Zeugnis gegeben werden, daß sie das Werk in energischer und
+folgerichtiger Weise angriffen und die peinliche und gefahrvolle Zeit
+des Übergangs von der Unabhängigkeit zur Fremdherrschaft in Britannien
+eine ungewöhnlich kurze war.
+
+—————————————————————————-
+
+^8 Die nur auf bedenkliche Emendationen gestützte Identifikation der
+Boduner und Catuellaner bei Dio 60, 20 mit Völkerschaften ähnlichen
+Namens bei Ptolemaeos kann nicht richtig sein; diese ersten Kämpfe
+müssen zwischen der Küste und der Themse stattgefunden haben.
+
+—————————————————————————-
+
+Nach dem ersten raschen Erfolg freilich entwickelten auch hier sich die
+Schwierigkeiten und selbst die Gefahren, welche die Besetzung der Insel
+nicht bloß den Eroberten brachte, sondern auch den Eroberern.
+
+Des Flachlandes war man Herr, aber nicht der Berge noch des Meeres. Vor
+allem der Westen machte den Römern zu schaffen. Zwar im äußersten
+Südwest, im heutigen Cornwall, hielt sich das alte Volkstum wohl mehr,
+weil die Eroberer sich um diese entlegene Ecke wenig kümmerten, als
+weil es geradezu sich gegen sie auflehnte. Aber die Siluren im Süden
+des heutigen Wales und ihre nördlichen Nachbarn, die Ordoviker,
+trotzten beharrlich den römischen Waffen; die den letzteren anliegende
+Insel Mona (Anglesey) war der rechte Herd der nationalen und religiösen
+Gegenwehr. Nicht die Bodenverhältnisse allein hemmten das Vordringen
+der Römer; was Britannien für Gallien gewesen, das war jetzt für
+Britannien, und insbesondere für diese Westküste, die große Insel
+Ivernia; die Freiheit drüben ließ die Fremdherrschaft hüben nicht feste
+Wurzel fassen. Deutlich erkennt man an der Anlegung der Legionslager,
+daß die Invasion hier zum Stehen kam. Unter Plautius’ Nachfolger wurde
+das Lager für die vierzehnte Legion am Einfluß des Tern in den Severn
+bei Viroconium (Wroxeter, unweit Shrewsbury ^9) angelegt, vermutlich um
+dieselbe Zeit südlich davon das von Isca (Caerleon = castra legionis)
+für die zweite, nördlich das von Deva (Chester = castra) für die
+zwanzigste; diese drei Lager schlossen das walisische Gebiet ab gegen
+Süden, Norden und Westen und schützten also das befriedete Land gegen
+das frei gebliebene Gebirge. Dorthin warf sich, nachdem seine Heimat
+römisch geworden war, der letzte Fürst von Camalodunum, Caratacus. Er
+wurde von dem Nachfolger des Plautius, Publius Ostorius Scapula, im
+Ordovikergebiet geschlagen und bald darauf von den geschreckten
+Briganten, zu denen er geflüchtet war, den Römern ausgeliefert (51) und
+mit all den Seinen nach Italien geführt. Verwundert fragte er, als er
+die stolze Stadt sah, wie es die Herren solcher Paläste nach den armen
+Hütten seiner Heimat verlangen könne. Aber damit war der Westen
+keineswegs bezwungen; die Siluren vor allem verharrten in hartnäckiger
+Gegenwehr, und daß der römische Feldherr ankündigte, sie bis auf den
+letzten Mann ausrotten zu wollen, trug auch nicht dazu bei, sie
+fügsamer zu machen. Der unternehmende Statthalter Gaius Suetonius
+Paullinus versuchte einige Jahre später (61), den Hauptsitz des
+Widerstandes, die Insel Mona, in römische Gewalt zu bringen, und trotz
+der wütenden Gegenwehr, welche ihn hier empfing und in der die Priester
+und die Weiber vorangingen, fielen die heiligen Bäume, unter denen
+mancher römische Gefangene geblutet hatte, unter den Äxten der
+Legionäre. Aber aus der Besetzung dieses letzten Asyls der keltischen
+Priesterschaft entwickelte sich eine gefährliche Krise in dem
+unterworfenen Gebiete selbst, und die Eroberung Monas zu vollenden, war
+dem Statthalter nicht beschieden.
+
+——————————————————————————
+
+^9 Tac. ann. 12, 31: (P. Ostorius) cuncta castris ad . . . ntonam
+(überliefert ist castris antonam) et Sabrinam fluvios cohibere parat.
+So ist hier herzustellen, nur daß der sonst nicht überlieferte Name des
+Flusses Tern nicht ergänzt werden kann. Die einzigen in England
+gefundenen Inschriften von Soldaten der 14. Legion, die unter Nero
+England verließ, sind in Wroxeter, dem sogenannten “englischen Pompeii”
+zum Vorschein gekommen. Da dort sich auch die Grabschrift eines
+Soldaten der 20. gefunden hat, war das von Tacitus bezeichnete Lager
+vielleicht anfänglich beiden Legionen gemeinsam und ist die 20. erst
+später nach Deva gekommen. Daß das Lager bei Isca gleich nach der
+Invasion angelegt ward, geht aus Tac. ann. 12, 32 u. 38 hervor.
+
+——————————————————————————
+
+Auch in Britannien hatte die Fremdherrschaft die Probe der nationalen
+Insurrektion zu bestehen. Was Mithradates in Kleinasien, Vercingetorix
+bei den Kelten des Kontinents, Civilis bei den unterworfenen Germanen
+unternahmen, das versuchte bei den Inselkelten eine Frau, die Gattin
+eines jener von Rom bestätigten Vasallenfürsten, die Königin der
+Icener, Boudicca. Ihr verstorbener Gatte hatte, um seiner Frau und
+seiner Töchter Zukunft zu sichern, seine Herrschaft dem Kaiser Nero
+vermacht, sein Vermögen zwischen ihm und den Seinigen geteilt. Der
+Kaiser nahm die Erbschaft an, aber was ihm nicht zufallen sollte, dazu;
+die fürstlichen Vettern wurden in Ketten gelegt, die Witwe geschlagen,
+die Töchter in schändlicherer Weise mißhandelt. Dazu kam andere Unbill
+des späteren Neronischen Regiments. Die in Camalodunum angesiedelten
+Veteranen jagten die früheren Besitzer von Haus und Hof, wie es ihnen
+beliebte, ohne daß die Behörden dagegen einschritten. Die vom Kaiser
+Claudius verliehenen Geschenke wurden als widerrufliche Gaben
+eingezogen. Römische Minister, die zugleich Geldgeschäfte machten,
+trieben auf diesem Wege die britannischen Gemeinden eine nach der
+anderen zum Bankrott. Der Moment war günstig. Der mehr tapfere als
+vorsichtige Statthalter Paullinus befand sich, wie gesagt wurde, mit
+dem Kern der römischen Armee auf der entlegenen Insel Mona, und dieser
+Angriff auf den heiligsten Sitz der nationalen Religion erbitterte
+ebenso die Gemüter, wie er dem Aufstande den Weg ebnete. Der alte
+gewaltige Keltenglaube, der den Römern so viel zu schaffen gemacht,
+loderte noch einmal, zum letzten Mal, in mächtiger Flamme empor. Die
+geschwächten und weitgetrennten Legionslager im Westen und im Norden
+gewährten dem ganzen Südosten der Insel mit seinen aufblühenden
+römischen Städten keinen Schutz. Vor allem die Hauptstadt Camalodunum
+war völlig wehrlos, eine Besatzung nicht vorhanden, die Mauern nicht
+vollendet, wohl aber der Tempel ihres kaiserlichen Stifters, des neuen
+Gottes Claudius. Der Westen der Insel, wahrscheinlich niedergehalten
+durch die dort stehenden Legionen, scheint sich bei der Schilderhebung
+nicht beteiligt zu haben und ebensowenig der nicht botmäßige Norden;
+aber, wie das bei keltischen Aufständen öfter vorgekommen ist, es erhob
+sich im Jahre 61 auf die vereinbarte Losung das ganze übrige
+unterworfene Gebiet auf einen Schlag gegen die Fremden, voran die aus
+ihrer Hauptstadt vertriebenen Trinovanten. Der zweite Befehlshaber, der
+zur Zeit den Statthalter vertrat, der Prokurator Decianus Catus, hatte
+im letzten Augenblick, was er von Soldaten hatte, dieser zum Schutz
+gesandt: es waren 200 Mann. Sie wehrten sich mit den Veteranen und den
+sonstigen waffenfähigen Römern zwei Tage im Tempel; dann wurden sie
+überwältigt und was in der Stadt römisch war, umgebracht bis auf den
+letzten. Das gleiche Schicksal erfuhr das Hauptemporium des römischen
+Handels, Londinium, und eine dritte aufblühende römische Stadt,
+Verulamium (St. Albans, nordwestlich von London), nicht minder die auf
+der Insel zerstreuten Ausländer - es war eine nationale Vesper, gleich
+jener Mithradatischen und die Zahl der Opfer - angeblich 70000 - nicht
+geringer. Der Prokurator gab die Sache Roms verloren und flüchtete nach
+dem Kontinent. Auch die römische Armee ward in die Katastrophe
+verwickelt. Eine Anzahl zerstreuter Detachements und Besatzungen erlag
+den Angriffen der Insurgenten. Quintus Petillius Cerialis, der im Lager
+von Lindum den Befehl führte, marschierte auf Camalodunum mit der
+neunten Legion; zur Rettung kam er zu spät und verlor, von ungeheurer
+Übermacht angegriffen, in der Feldschlacht sein gesamtes Fußvolk; das
+Lager erstürmten die Briganten. Es fehlte nicht viel, daß den obersten
+Feldherrn das gleiche Schicksal erreichte. Eilig zurückkehrend von der
+Insel Mona, rief er die bei Isca stehende zweite Legion heran; aber sie
+gehorchte dem Befehle nicht und mit nur etwa 10000 Mann mußte Paullinus
+den ungleichen Kampf gegen das zahllose und siegreiche Insurgentenheer
+aufnehmen. Wenn je der Soldat die Fehler der Führung gutgemacht hat, so
+war es an dem Tage, wo dieser kleine Haufen, hauptsächlich die seitdem
+gefeierte vierzehnte Legion, wohl zu seiner eigenen Überraschung den
+vollen Sieg erfocht und die römische Herrschaft in Britannien abermals
+festigte; viel fehlte nicht, daß Paullinus Name neben dem des Varus
+genannt worden wäre. Aber der Erfolg entscheidet, und hier blieb er den
+Römern ^10. Der schuldige Kommandant der ausgebliebenen Legion kam dem
+Kriegsgericht zuvor und stürzte sich in sein Schwert. Die Königin
+Boudicca trank den Giftbecher. Der übrigens tapfere Feldherr wurde zwar
+nicht in Untersuchung gezogen, wie anfangs die Absicht der Regierung zu
+sein schien, aber bald unter einem schicklichen Vorwand abgerufen.
+
+——————————————————————————
+
+^10 Eine schlechtere Relation als die des Tacitus über diesen Krieg
+(14, 31-39) ist selbst bei diesem unmilitärischsten aller
+Schriftsteller kaum aufzufinden. Wo die Truppen standen und wo die
+Schlachten geliefert wurden, hören wir nicht dafür aber von Zeichen und
+Wundern genug und leere Worte nur zu viel. Die wichtigen Tatsachen, die
+im Leben des Agricola (31) erwähnt werden, fehlen im Hauptbericht
+insonderheit die Erstürmung des Lagers. Daß Paullinus, von Mona
+kommend, nicht bedacht ist, die Römer im Südosten zu retten, sondern
+seine Truppen Zu vereinigen, begreift sich, aber nicht, warum er, wenn
+er Londinium aufopfern wollte, deswegen dahin marschiert. Ist er
+wirklich dorthin gekommen, so kann er nur mit einer persönlichen
+Bedeckung, ohne das Korps, das er auf Mona bei sich gehabt, dort
+erschienen sein; was freilich auch keinen Sinn hat. Das Gros der
+römischen Truppen, sowohl der von Mona zurückgeführten wie der sonst
+noch vorhandenen, kann nach Rufreibung der 9. Legion nur auf der Linie
+Deva - Viroconium - Isca gestanden haben; Paullinus schlug die Schlacht
+mit den beiden in den beiden ersten dieser Lager stehenden Legionen der
+14. und der (unvollständigen) 20. Daß Paullinus schlug, weil er
+schlagen maßte, sagt Dio (62, 1-12), und wenngleich dessen Erzählung
+sonst auch nicht gebraucht werden kann, um die des Tacitus zu bessern,
+so scheint dies durch die Sachlage selbst gefordert.
+
+——————————————————————————
+
+Die Unterwerfung der westlichen Teile der Insel wurde von Paullinus
+Nachfolgern nicht sogleich fortgesetzt. Erst der tüchtige Feldherr
+Sextus Iulius Frontinus unter Vespasian zwang die Siluren zur
+Anerkennung der römischen Herrschaft; sein Nachfolger Gnaeus Iulius
+Agricola führte nach harten Kämpfen mit den Ordovikern das aus, was
+Paullinus nicht erreicht hatte, und besetzte im Jahre 78 die Insel
+Mona. Nachher ist von aktivem Widerstand in diesen Gegenden nicht die
+Rede; das Lager von Viroconium konnte, wahrscheinlich um diese Zeit,
+aufgehoben, die dadurch frei gewordene Legion im nördlichen Britannien
+verwendet werden. Aber die anderen beiden Legionslager von Isca und von
+Deva sind noch bis in die diocletianische Zeit an Ort und Stelle
+geblieben und erst in dem späteren Besatzungsstand verschwunden. Wenn
+dabei auch politische Rücksichten mitgewirkt haben mögen, so ist doch
+der Widerstand des Westens wahrscheinlich, vielleicht gestützt auf
+Verbindungen mit Ivernia, auch später noch fortgeführt worden. Dafür
+spricht ferner das völlige Fehlen römischer Spuren in dem inneren Wales
+und das daselbst bis auf den heutigen Tag sich behauptende keltische
+Volkstum.
+
+Im Norden bildete den Mittelpunkt der römischen Stellung, östlich von
+Viroconium das Lager der neunten spanischen Legion in Lindum (Lincoln).
+Zunächst mit diesem berührte sich in Nordengland das mächtigste
+Fürstentum der Insel, das der Briganten (Yorkshire); es hatte sich
+nicht eigentlich unterworfen, aber die Königin Cartimandus suchte doch
+mit den Eroberern Frieden zu halten und erwies sich ihnen gefügig. Die
+Partei der Römerfeinde hatte hier im Jahre 50 loszuschlagen versucht,
+aber der Versuch war rasch unterdrückt worden. Caratacus, im Westen
+geschlagen, hatte gehofft, seinen Widerstand im Norden fortführen zu
+können, aber die Königin lieferte ihn, wie schon gesagt ward, den
+Römern aus. Diese inneren Zwistigkeiten und häuslichen Händel müssen
+dann in dem Aufstand gegen Paullinus, bei dem wir die Briganten in
+einer führenden Stellung fanden und der eben die Legion des Nordens mit
+seiner ganzen Schwere traf, mit im Spiel gewesen sein. Indes war die
+römische Partei der Briganten einflußreich genug, um nach Niederwerfung
+des Aufstandes die Wiederherstellung des Regiments der Cartimandus zu
+erlangen. Aber einige Jahre nachher bewirkte die Patriotenpartei
+daselbst, getragen durch die Losung des Abfalles von Rom, welche
+während des Bürgerkrieges nach Neros Katastrophe den ganzen Westen
+erfüllte, eine neue Schilderhebung der Briganten gegen die
+Fremdherrschaft, an deren Spitze Cartimandus’ früherer, von ihr
+beseitigter und beleidigter Gemahl, der kriegserfahrene Venutius stand;
+erst nach längeren Kämpfen bezwang Petillius Cerialis das mächtige
+Volk, derselbe, der unter Paullinus nicht glücklich gegen eben diese
+Briten gefochten hatte, jetzt einer der namhaftesten Feldherren
+Vespasians und der erste von ihm ernannte Statthalter der Insel. Der
+allmählich nachlassende Widerstand des Westens machte es möglich, die
+eine der drei bisher dort stationierten Legionen mit der in Lindum
+stehenden zu vereinigen und das Lager selbst von Lindum nach dem
+Hauptort der Briganten, Eburacum (York), vorzuschieben. Indes so lange
+der Westen ernstliche Gegenwehr leistete, geschah im Norden nichts
+weiter für die Ausdehnung der römischen Grenze; am Kaledonischen Walde,
+sagt ein Schriftsteller vespasianischer Zeit stocken seit dreißig
+Jahren die römischen Waffen. Erst Agricola griff, nachdem er im Westen
+fertig war, die Unterwerfung auch des Nordens energisch an. Er schuf
+vor allem sich eine Flotte, ohne welche die Verpflegung der Truppen in
+diesen, wenige Hilfsmittel darbietenden Gebirgen unmöglich gewesen sein
+würde. Gestützt auf diese gelangte er unter Titus (80) bis an die
+Tava-Bucht (Firth of Tay) in die Gegend von Perth und Dundee und wandte
+die drei folgenden Feldzüge daran, die weiten Landstriche zwischen
+dieser Bucht und der bisherigen römischen Grenze an beiden Meeren genau
+zu erkunden, den örtlichen Widerstand überall zu brechen und an den
+geeigneten Stellen Verschanzungen anzulegen, wobei namentlich die
+natürliche Verteidigungslinie, welche durch die beiden tief
+einschneidenden Buchten Clota (Firth of Clyde) bei Glasgow und Bodotria
+(Firth of Forth) bei Edinburgh gebildet wird, zum Rückhalt ausersehen
+ward. Dieser Vorstoß rief das gesamte Hochland unter die Waffen; aber
+die gewaltige Schlacht, welche die vereinigten kaledonischen Stämme den
+Legionen zwischen den beiden Buchten Forth und Tay an den Graupischen
+Bergen lieferten, endigte mit dem Siege Agricolas. Nach seiner Ansicht
+mußte die Unterwerfung der Insel, einmal begonnen, auch vollendet, ja
+auch auf Ivernia ausgedehnt werden; und es ließ sich dafür mit
+Rücksicht auf das römische Britannien geltend machen, was mit Rücksicht
+auf Gallien die Besetzung der Insel herbeigeführt hatte; hinzu kam, daß
+bei energischer Durchführung der Besetzung des gesamten Inselkomplexes
+der Aufwand an Menschen und Geld für die Zukunft wahrscheinlich sich
+verringert haben würde.
+
+Die römische Regierung folgte diesen Ratschlägen nicht. Wieweit bei der
+Rückberufung des siegreichen Feldherrn im Jahre 85, der übrigens
+länger, als sonst der Fall zu sein pflegte, im Amte geblieben war,
+persönliche und gehässige Motive mitgewirkt haben, muß dahingestellt
+bleiben; das Zusammentreffen der letzten Siege des Generals in
+Schottland und der ersten Niederlagen des Kaisers im Donauland war
+allerdings in hohem Grade peinlich. Aber für das Einstellen der
+Operationen in Britannien ^11 und für die, wie es scheint, damals
+erfolgte Abberufung einer der vier Legionen, mit denen Agricola seine
+Feldzüge ausgeführt hatte, nach Pannonien, gibt die damalige
+militärische Lage des Staats, die Ausdehnung der römischen Herrschaft
+auf dem rechten Rheinufer in Obergermanien und der Ausbruch der
+gefährlichen Kriege in Pannonien, eine völlig hinreichende Erklärung.
+Das freilich ist damit nicht erklärt, warum hiermit dem Vordringen
+gegen Norden überhaupt ein Ziel gesetzt und Nordschottland sowohl wie
+Irland sich selber überlassen wurden. Daß seitdem die Regierung, nicht
+wegen Zufälligkeiten der augenblicklichen Lage, sondern ein für allemal
+von der Vorschiebung der Reichsgrenze absah und daran bei allem Wechsel
+der Persönlichkeiten festhielt, lehrt die gesamte spätere Geschichte
+der Insel und lehren insbesondere die gleich zu erwähnenden mühsamen
+und kostspieligen Wallbauten. Ob sie im rechten Interesse des Staates
+auf die Vollendung der Eroberung verzichtet hat, ist eine andere Frage.
+Daß die Reichsfinanzen bei dieser Erweiterung der Grenzen nur einbüßen
+würden, wurde auch jetzt ebenso geltend gemacht ^12, wie früher gegen
+die Besetzung der Insel selbst, konnte aber freilich nicht entscheiden.
+Militärisch durchführbar war die Besetzung so, wie Agricola sie gedacht
+hatte, ohne Zweifel ohne wesentliche Schwierigkeit. Aber ins Gewicht
+mochte die Erwägung fallen, daß die Romanisierung der noch freien
+Gebiete große Schwierigkeit bereitet haben würde wegen der
+Stammesverschiedenheit. Die Kelten im eigentlichen England gehörten
+durchaus zu denen des Festlands; Volksname, Glaube, Sprache waren
+beiden gemeinsam. Wenn die keltische Nationalität des Kontinents einen
+Rückhalt an der Insel gefunden hatte, so griff umgekehrt die
+Romanisierung Galliens notwendig auch nach England hinüber, und diesem
+vornehmlich verdankte es Rom, daß in so überraschender Schnelligkeit
+Britannien sich gleichfalls romanisierte. Aber die Bewohner Irlands und
+Schottlands gehörten einem anderen Stamme an und redeten eine andere
+Sprache; ihr Gadhelisch verstand der Brite wahrscheinlich so wenig wie
+der Germane die Sprache der Skandinaven. Als Barbaren wildester Art
+werden die Kaledonier - mit den Ivernern haben die Römer sich kaum
+berührt - durchaus geschildert. Andererseits waltete der Eichenpriester
+(Derwydd, Druida) seines Amtes an der Rhone wie in Anglesey, aber nicht
+auf der Insel des Westens noch in den Bergen des Nordens. Wenn die
+Römer den Krieg hauptsächlich geführt hatten, um das Druidengebiet ganz
+in ihre Gewalt zu bringen, so war dieses Ziel einigermaßen erreicht.
+Ohne Frage hätten in anderer Zeit alle diese Erwägungen die Römer nicht
+vermocht, auf die so nahe gerückte Seegrenze im Norden zu verzichten
+und wenigstens Kaledonien wäre besetzt worden. Aber weitere
+Landschaften mit römischem Wesen zu durchdringen, vermochte das
+damalige Rom nicht mehr; die zeugende Kraft und der vorschreitende
+Volksgeist waren aus ihm entwichen. Wenigstens diejenige Eroberung, die
+nicht durch Verordnungen und Märsche erzwungen werden kann, wäre, wenn
+man sie versucht hätte, schwerlich gelungen.
+
+————————————————————————————————-
+
+^11 Tac. hist. I, 2 faßt das Resultat zusammen in die Worte perdomita
+Britannia et statim missa.
+
+^12 Der kaiserliche Finanzbeamte unter Pius, Appian (prooem. 5),
+bemerkt, daß die Römer den besten Teil (τό κράτιστον) der britischen
+Insel besetzt hätten οιδέν τής άλλης δεόμενοι. ου' γάρ εύφορος αυτοίς
+εστίν ουδ' ήν έχουσιν. Das ist die Antwort der Gouvernementalen an
+Agricola und seine Meinungsgenossen.
+
+————————————————————————————————-
+
+Es kam also darauf an, die Nordgrenze für die Verteidigung in
+geeigneter Weise einzurichten; und darum dreht sich fortan hier die
+militärische Arbeit. Der militärische Mittelpunkt blieb Eburacum. Das
+weite, von Agricola besetzte Gebiet wurde festgehalten und mit
+Kastellen belegt, die als vorgeschobene Posten für das zurückliegende
+Hauptquartier dienten; wahrscheinlich ist der größte Teil der nicht
+legionären Truppen zu diesem Zweck verwendet worden. Später folgte die
+Anlage zusammenhängender Befestigungslinien. Die erste der Art rührt
+von Hadrian her und ist auch insofern merkwürdig, als sie in gewissem
+Sinn bis auf den heutigen Tag noch besteht und vollständiger bekannt
+ist als irgendeine andere der großen militärischen Bauten der Römer. Es
+ist genau genommen eine von Meer zu Meer in der Länge von etwa 16
+deutschen Meilen westlich an den Solway Firth, östlich an die Mündung
+der Tyne führende, nach beiden Seiten hin festungsmäßig geschützte
+Heerstraße. Die Verteidigung bildet nördlich eine gewaltige
+ursprünglich mindestens 16 Fuß hohe und 8 Fuß dicke, an beiden
+Außenseiten aus Quadersteinen erbaute, dazwischen mit Bruchsteinen und
+Mörtel ausgefüllte Mauer, vor welcher ein nicht minder imponierender, 9
+Fuß tiefer, oben bis 34 Fuß und mehr breiter Graben sich hinzieht.
+Gegen Süden ist die Straße geschützt durch zwei parallele, noch jetzt 6
+bis 7 Fuß hohe Erddämme, zwischen denen ein 7 Fuß tiefer Graben mit
+einem nach Süden aufgehöhten Rande sich hinzieht, so daß die Anlage von
+Damm zu Damm eine Gesamtbreite von 24 Fuß hat. Zwischen der Steinmauer
+und den Erddämmen, auf der Straße selbst, liegen die Lagerplätze und
+Wachthäuser, nämlich in der Entfernung einer kleinen Meile voneinander
+die Kohortenlager, angelegt als selbständig wehrfähige Kastelle mit
+Toröffnungen nach allen vier Seiten; zwischen je zweien derselben eine
+kleinere Anlage ähnlicher Art mit Ausfallstoren nach Norden und Süden;
+zwischen je zweien von diesen vier kleinere Wachthäuser in Rufweite
+voneinander. Diese Anlage von großartiger Solidität, welche als
+Besatzung 10000 bis 12000 Mann erfordert haben muß, bildete seitdem das
+Fundament der militärischen Operationen im nördlichen England.
+Eigentlicher Grenzwall war sie nicht; vielmehr haben nicht bloß die
+schon seit Agricolas Zeit weit darüber hinaus vorgeschobenen Posten
+daneben fortbestanden, sondern es ist späterhin, zuerst unter Pius,
+dann in umfassenderer Weise unter Severus gleichsam als Vorposten für
+den Hadrianswall ^13 die schon von Agricola mit einer Postenreihe
+besetzte, um die Hälfte kürzere Linie vom Firth of Clyde zum Firth of
+Forth in ähnlicher, aber schwächerer Weise befestigt worden. Der Anlage
+nach war diese Linie von der Hadrianischen nur insofern verschieden,
+als sie sich auf einen ansehnlichen Erdwall, mit Graben davor und
+Straße dahinter, beschränkte, nach Süden also nicht zur Verteidigung
+eingerichtet war; im übrigen schloß auch sie eine Anzahl kleinerer
+Lager in sich. An dieser Linie endigten die römischen Reichsstraßen
+^14, und obwohl auch jenseits dieser noch römische Posten standen - der
+nördlichste Punkt, auf dem der Grabstein eines römischen Soldaten sich
+gefunden hat, ist Ardoch zwischen Stirling und Perth -, kann die Grenze
+der Züge Agricolas, der Firth of Tay, auch später noch als die Grenze
+des Römischen Reiches angesehen werden.
+
+————————————————————————
+
+^13 Die Meinung, daß der nördliche Wall an die Stelle des südlichen
+getreten sei, ist ebenso verbreitet wie unhaltbar; die Kohortenlager am
+Hadrianswall, wie sie uns die Inschriften des 2. Jahrhunderts zeigen,
+bestanden im wesentlichen unverändert noch am Ende des 3. (denn dieser
+Epoche gehört der betreffende Abschnitt der Notitia an). Beide Anlagen
+haben nebeneinander bestanden, seit die jüngere hinzugetreten war; auch
+zeigt die Masse der Denkmäler am Severuswall mit Evidenz, daß er bis
+zum Ende der römischen Herrschaft in Britannien besetzt geblieben ist.
+
+Der Bau des Severus kann nur auf die nördliche Anlage bezogen werden.
+Einmal war die Anlage des Hadrian von der Art, daß eine etwaige
+Wiederherstellung unmöglich, wie dies von der Severischen gesagt wird,
+als Neubau aufgefaßt werden konnte; aber die Anlage des Pius war ein
+bloßer Erddamm (murus cespiticius, vita c. 5) und unterliegt hier die
+gleiche Annahme minderem Bedenken. Zweitens paßt die Länge des
+Severuswalles von 32 Milien (Aur. Vict. epit. 20; die unmögliche Zahl
+132 ist ein Schreibfehler unserer Handschriften des Eutropius 8, 19 -
+wo Paulus das Richtige bewahrt hat -, der dann von Hier. chron. a. Abr.
+2221, Oros. hist. 7, 17, 7 und Cassiod. chron. zum Jahre 207 übernommen
+worden ist) nicht auf den Hadrianswall von 80 Milien; aber die Anlage
+des Pius, die nach den inschriftlichen Erhebungen etwa 40 Milien lang
+war, kann wohl gemeint sein, da die Endpunkte der Severischen Anlage an
+den beiden Meeren recht wohl andere und näher gelegene gewesen sein
+können. Wenn endlich nach Dio 76,12 von der Mauer, welche die Insel in
+zwei Teile teilt, nördlich die Kaledonien südlich die Maeaten wohnen,
+so sind zwar die Wohnsitze der letzteren sonst nicht bekannt (vgl. Dio
+75, 5), können aber unmöglich auch nach der Schilderung, die Dio von
+ihrer Gegend macht, südlich vom Hadrianswall angesetzt und die der
+Kaledonier bis an diesen erstreckt werden. Also ist hier die Linie
+Glasgow-Edinburgh gemeint.
+
+^14 A limite id est a vallo heißt es im Itinerarium, p. 464.
+
+————————————————————————
+
+Weniger als von diesen imponierenden Verteidigungsanlagen wissen wir
+von der Anwendung, die sie gefunden haben und überhaupt den späteren
+Ereignissen auf diesem fernen Kriegsschauplatz. Unter Hadrian ist eine
+schwere Katastrophe hier eingetreten, allem Anschein nach ein Überfall
+des Lagers von Eburacum und die Vernichtung der dort stehenden Legion
+^15, derselben neunten, die im Boudiccakrieg so unglücklich gefochten
+hatte. Wahrscheinlich ist diese nicht durch feindlichen Einfall
+herbeigeführt, sondern durch den Abfall der nördlichen als
+reichsuntertänig geltenden Völkerschaften, insbesondere der Briganten.
+Damit wird in Verbindung zu bringen sein, daß der Hadrianswall ebenso
+gegen Süden wie gegen Norden Front macht; offenbar war er auch dazu
+bestimmt, das nur oberflächlich unterworfene Nordengland
+niederzuhalten. Auch unter Hadrians Nachfolger Pius haben hier Kämpfe
+stattgefunden, an denen die Briganten wieder beteiligt waren; doch läßt
+sich Genaueres nicht erkennen ^16. Der erste ernstliche Angriff auf
+diese Reichsgrenze und die erste nachweisliche Überschreitung der Mauer
+- ohne Zweifel derjenigen des Pius - erfolgte unter Marcus und weiter
+unter Commodus; wie denn auch Commodus der erste Kaiser ist, der den
+Siegesbeinamen des Britannikers angenommen hat, nachdem der tüchtige
+General Ulpius Marcellus die Barbaren zu Paaren getrieben hatte. Aber
+das Sinken der römischen Macht tritt seitdem hier ebenso hervor wie an
+der Donau und am Euphrat. In den unruhigen Anfangsjahren des Severus
+hatten die Kaledonier ihre Zusage, sich nicht mit den römischen
+Untertanen einzulassen, gebrochen, und, auf sie gestützt, ihre
+südlichen Nachbarn, die Maeaten, den römischen Statthalter Lupus
+genötigt, gefangene Römer mit großen Summen zu lösen. Dafür traf sie
+Severus’ schwerer Arm nicht lange vor seinem Tode; er drang in ihr
+eigenes Gebiet ein und zwang sie zur Abtretung beträchtlicher Strecken
+^17, aus welchen freilich, nachdem der alte Kaiser im Jahre 211 im
+Lager von Eburacum gestorben war, seine Söhne die Besatzungen sofort
+freiwillig zurückzogen, um der lästigen Verteidigung überhoben zu sein.
+
+———————————————————————-
+
+^15 Der Hauptbeweis dafür liegt in dem unzweifelhaft bald nach dem
+Jahre 108 (CIL VII, 241) eintretenden Verschwinden dieser Legion und
+ihrer Ersetzung durch die 6. victrix. Die beiden Notizen, welche auf
+dies Ereignis hindeuten (Fronto p. 217 Naher: Hadriano imperium
+obtinente quantum militum a Britannis caesum? Vita 5: Britanni teneri
+sub Romana dicione non poterant) sowie die Anspielung bei Iuvenal (14,
+196: castella Brigantum) führen auf einen Aufstand, nicht auf einen
+Einfall.
+
+^16 Wenn Pius nach Pausanias (8, 43, 4) απετέμετο τών εν Βριταννία
+Βριγάντων τήν πολλήν ότι επεσβαίνειν καί ούτοι σύν όπλοις ήρξαν εις τήν
+Γενουνίαν μοίραν (unbekannt, vielleicht, wie O. Hirschfeld vorschlägt,
+die Brigantenstadt Vinovia) υπκόους Ρωμαίων, so folgt daraus nicht, daß
+es auch Briganten in Kaledonien gab, sondern daß die Briganten in
+Nordengland damals das befriedete Brittenland heimsuchten und darum ein
+Teil ihres Gebiets konfisziert ward.
+
+^17 Daß er die Absicht gehabt hat, den ganzen Norden in römische Gewalt
+zu bringen (Dio 76, 13), verträgt sich weder recht mit der Abtretung
+(a. a. O.) noch mit dem Mauerbau und ist wohl ebenso fabelhaft wie der
+römische Verlust von 50000 Mann, ohne daß es auch nur zum Kampfe kam.
+
+———————————————————————-
+
+Aus dem dritten Jahrhundert wird von den Schicksalen der Insel kaum
+etwas gemeldet. Da keiner der Kaiser, bis auf Diocletian und seine
+Kollegen, den Siegernamen von der Insel geführt hat, mögen ernstere
+Kämpfe hier nicht stattgefunden haben, und wenn auch in dem Landstrich
+zwischen den Wällen des Pius und des Hadrianus das römische Wesen wohl
+nie festen Fuß gefaßt hat, scheint doch wenigstens der Hadrianswall was
+er sollte, auch damals geleistet und hinter ihm die fremdländische
+Zivilisation gesichert sich entwickelt zu haben. In der Zeit
+Diocletians finden wir den Bezirk zwischen beiden Wällen geräumt, aber
+den Hadrianswall nach wie vor besetzt und das übrige römische Heer
+zwischen ihm und dem Hauptquartier Eburacum kantonierend zur Abwehr der
+seitdem oft erwähnten Raubzüge der Kaledonier, oder wie sie jetzt
+gewöhnlich heißen, der Tätowierten (picti) und der von Ivernia her
+einströmenden Skoten.
+
+Eine ständige Flotte haben die Römer in Britannien gehabt; aber wie das
+Seewesen immer die schwache Seite der römischen Wehrordnung geblieben
+ist, war auch die britische Flotte nur unter Agricola vorübergehend von
+Bedeutung.
+
+Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Regierung darauf gerechnet
+hatte, nach erfolgter Besetzung der Insel den größten Teil der dorthin
+gesandten Truppen zurücknehmen zu können, so erfüllte diese Hoffnung
+sich nicht: nur eine der entsendeten vier Legionen ist, wie wir sahen,
+unter Domitian abberufen worden; die drei anderen müssen unentbehrlich
+gewesen sein, denn es ist nie der Versuch gemacht worden, sie zu
+verlegen. Dazu kamen die Auxilien, die zu dem wenig einladenden Dienst
+auf der abgelegenen Nordseeinsel dem Anschein nach im Verhältnis
+stärker als die Bürgertruppen herangezogen wurden. In der Schlacht am
+Graupischen Berge im Jahre 84 fochten außer den vier Legionen 8000 zu
+Fuß und 3000 zu Pferde von den Hilfssoldaten. Für die Zeit von Traian
+und Hadrian, wo von diesen in Britannien sechs Alen und 21 Kohorten,
+zusammen etwa 15000 Mann standen, wird man das gesamte britannische
+Heer auf etwa 30000 Mann anzuschlagen haben. Britannien war von Haus
+aus ein Kommandobezirk ersten Ranges, den beiden rheinischen und dem
+syrischen vielleicht im Rang, aber nicht an Bedeutung nachstehend,
+gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts wahrscheinlich die angesehenste
+aller Statthalterschaften. Es lag nur an der weiten Entfernung, daß die
+britannischen Legionen in der Korpsparteiung der früheren Kaiserzeit in
+zweiter Reihe erscheinen; bei dem Korpskrieg nach dem Erlöschen des
+Antoninischen Hauses fochten sie in der ersten. Darum aber war es auch
+eine der Konsequenzen des Sieges des Severus, daß die Statthalterschaft
+geteilt ward. Seitdem standen die beiden Legionen von Isca und Deva
+unter dem Legaten der oberen, die eine von Eburacum und die Truppen an
+den Wällen, also die Hauptmasse der Auxilien, unter dem der unteren
+Provinz ^18. Wahrscheinlich ist die Verlegung der ganzen Besatzung nach
+dem Norden, die, wie oben bemerkt ward, nach bloß militärischen
+Rücksichten wohl zweckmäßig gewesen sein würde, mit deswegen
+unterblieben, weil sie einem Statthalter drei Legionen in die Hand
+gegeben hätte.
+
+—————————————————————
+
+^18 Die Teilung ergibt sich aus Dio 55, 23.
+
+—————————————————————
+
+Daß finanziell die Provinz mehr kostete, als sie eintrug, kann hiernach
+nicht verwundern. Für die Wehrkraft des Reiches dagegen kam Britannien
+erheblich in Betracht; das Kompensationsverhältnis von Besteuerung und
+Aushebung wird auch für die Insel in Anwendung gekommen sein und die
+britischen Truppen galten neben den illyrischen für die besten der
+Armee. Gleich anfänglich sind dort sieben Kohorten aus den Eingeborenen
+aufgestellt und diese weiter bis auf Hadrian stetig vermehrt worden;
+nachdem dieser das System aufgebracht hatte, die Truppen möglichst aus
+ihren Garnisonsbezirken zu rekrutieren, scheint Britannien dies für
+seine starke Besatzung wenigstens zum großen Teil geleistet zu haben.
+Es war ein ernster und tapferer Sinn in den Leuten; sie trugen die
+Steuern und die Aushebung willig, nicht aber Hoffart und Brutalität der
+Beamten.
+
+Für die innere Ordnung Britanniens bot als Grundlage sich die dort zur
+Zeit der Eroberung bestehende Gauverfassung, welche, wie schon bemerkt
+ward, von derjenigen der Kelten des Kontinents sich nur darin
+wesentlich entfernte, daß die einzelnen Völkerschaften der Insel, es
+scheint sämtlich, unter Fürsten standen. Aber diese Ordnung scheint
+nicht beibehalten und der Gau (civitas) in Britannien, wie in Spanien,
+ein geographischer Begriff geworden zu sein; wenigstens ist es kaum
+anders zu erklären, daß die britannischen Völkerschaften genau genommen
+verschwinden, sowie sie unter römische Herrschaft geraten, und von den
+einzelnen Gauen nach ihrer Unterwerfung so gut wie gar nicht die Rede
+ist. Wahrscheinlich sind die einzelnen Fürstentümer, wie sie
+unterworfen und eingezogen wurden, in kleinere Gemeinden zerschlagen
+worden; es ward dies dadurch erleichtert, daß auf der Insel sich nicht,
+wie auf dem Kontinent, eine ohne monarchische Spitze geordnete
+Gauverfassung vorfand. Damit hängt auch wohl zusammen, daß, während die
+gallischen Gaue eine gemeinsame Hauptstadt und in dieser eine
+politische und religiöse Gesamtvertretung besessen haben, von
+Britannien nichts ähnliches gemeldet wird. Gefehlt hat der Provinz ein
+Concilium und ein gemeinsamer Kaiserkultus nicht; aber wäre der Altar
+des Claudius in Camalodunum ^19 auch nur annähernd gewesen, was der des
+Augustus in Lugudunum, so würde davon wohl etwas verlauten. Die freie
+und große politische Gestaltung, welche dem gallischen Lande von Caesar
+gewährt und von seinem Sohne bestätigt worden war, paßt in den Rahmen
+der späteren Kaiserpolitik nicht mehr.
+
+———————————————————————————-
+
+^19 Auf ihn geht wohl das Epigramm des Seneca (vol. 4, p. 69 Bährens):
+oceanus que tuas ultra se respicit aras. Auch der Tempel, der nach der
+Spottschrift desselben Seneca (8, 3) dem Claudius bei Lebzeiten in
+Britannien errichtet ward, und der damit sicher identische Tempel des
+Gottes Claudius in Camalodunum (Tac. ann. 14, 31) ist wohl nicht als
+städtisches Heiligtum zu fassen, sondern nach Analogie der
+Augustusheiligtümer von Lugudunum und Tarraco. Die delecti sacerdotes,
+welche specie religionis omnes fortunas effundebant, sind die bekannten
+Provinzialpriester und Spielgeber.
+
+———————————————————————————-
+
+Von der mit der Invasion ziemlich gleichzeitigen Gründung der Kolonie
+Camalodunum war schon die Rede, wie es auch bereits hervorgehoben
+wurde, daß die italische Stadtverfassung früh in einer Reihe
+britannischer Ortschaften eingeführt worden ist. Auch hierin ist
+Britannien mehr nach dem Muster Spaniens als nach dem des keltischen
+Kontinents behandelt worden.
+
+Die inneren Zustände Britanniens müssen, trotz der allgemeinen
+Gebrechen des Reichsregiments, wenigstens im Vergleich mit anderen
+Gebieten, nicht ungünstige gewesen sein. Kannte man im Norden nur Jagd
+und Weide und waren hier die Einwohner wie die Anwohner zu Fehde und
+Raub jederzeit bei der Hand, so entwickelte sich der Süden in dem
+ungestörten Friedensstand vor allem durch Ackerbau, daneben durch
+Viehzucht und Bergwerksbetrieb zu mäßiger Wohlfahrt: die gallischen
+Redner der diocletianischen Zeit preisen den Reichtum der fruchtbaren
+Insel, und oft genug haben die Rheinlegionen ihr Getreide aus
+Britannien empfangen.
+
+Das Straßennetz der Insel, das ungemein entwickelt ist und für das
+namentlich Hadrian in Verbindung mit seinem Wallbau viel getan hat, hat
+natürlich zunächst militärischen Zwecken gedient; aber neben, ja vor
+den Legionslagern nimmt Londinium darin einen Platz ein, welcher seine
+leitende Stellung im Verkehr deutlich vor Augen bringt. Nur in Wales
+gab es Reichsstraßen allein in der nächsten Nähe der römischen Lager,
+von Isca nach Nidum (Neath) und von Deva zur Überfahrt nach Mona.
+
+Zu der Romanisierung verhielt sich das römische Britannien ähnlich wie
+das nördliche und mittlere Gallien. Die nationalen Gottheiten, der Mars
+Belatucadrus oder Cocidius, die der Minerva gleichgesetzte Göttin
+Sulis, nach welcher die heutige Stadt Bath hieß, sind auch in
+lateinischer Sprache noch vielfach auf der Insel verehrt worden. Ein
+exotisches Gewächs ist die aus Italien eindringende Sprache und Sitte
+auf der Insel noch mehr gewesen als auf dem Kontinent; noch gegen das
+Ende des ersten Jahrhunderts lehnten die angesehenen Familien dort
+sowohl die lateinische Sprache ab wie die römische Tracht. Die großen
+städtischen Zentren, die eigentlichen Herde der neuen Kultur, sind in
+Britannien schwächer entwickelt; wir wissen nicht bestimmt, welche
+englische Stadt für das Concilium der Provinz und die gemeinschaftliche
+Kaiserverehrung als Sitz gedient und in welchem der drei Legionslager
+der Statthalter der Provinz residiert hat; wenn, wie es scheint, die
+Zivilhauptstadt Britanniens Camalodunum gewesen ist, die
+Militärhauptstadt Eburacum ^20, so kann dieses sich so wenig mit Mainz
+messen wie jenes mit Lyon. Die Trümmerstätten auch der namhaften
+Ortschaften, der Claudischen Veteranenstadt Camalodunum und der
+volkreichen Kaufstadt Londinium, nicht minder die vielhundertjährigen
+Legionslager von Deva, Isca, Eburacum haben Inschriftsteine nur in
+geringfügiger Zahl, namhafte Städte römischen Rechts wie die Kolonie
+Glevum (Gloucester), das Municipium Verulamium bis jetzt nicht einen
+einzigen ergeben; die Sitte des Denksteinsetzens, auf deren Ergebnisse
+wir für solche Fragen großenteils angewiesen sind, hat in Britannien
+nie recht durchgeschlagen. Im inneren Wales und in anderen weniger
+zugänglichen Strichen sind römische Denkmäler überhaupt nicht zum
+Vorschein gekommen. Daneben aber stehen deutliche Zeugen des von
+Tacitus hervorgehobenen regen Handels und Verkehrs, so die zahllosen
+Trinkschalen, die aus den Ruinen Londons hervorgegangen sind, und das
+Londoner Straßennetz. Wenn Agricola bemüht war, den munizipalen
+Wetteifer in der Ausschmückung der eigenen Stadt durch Bauten und
+Denkmäler, wie er von Italien sich auf Afrika und Spanien übertragen
+hatte, auch nach Britannien zu verpflanzen, und die vornehmen Insulaner
+zu bestimmen, in ihrer Heimat die Märkte zu schmücken und Tempel und
+Paläste zu errichten, wie dies anderswo üblich war, so ist ihm das für
+die Gemeindebauten nur in geringem Umfang gelungen. Aber in der
+Privatwirtschaft ist es anders; die stattlichen, römisch angelegten und
+geschmückten Landhäuser, von denen jetzt nur noch die Mosaikfußböden
+übrig geblieben sind, finden sich im südlichen Britannien bis in die
+Gegend von York hinauf ^21 ebenso häufig wie im Rheinland. Die höhere
+schulmäßige Jugendbildung drang von Gallien aus allmählich in
+Britannien ein. Unter Agricolas administrativen Erfolgen wird
+angeführt, daß der römische Hofmeister in die vornehmen Häuser der
+Insel anfange, seinen Weg zu finden. In hadrianischer Zeit wird
+Britannien als ein von den gallischen Schulmeistern erobertes Gebiet
+bezeichnet, und “schon spricht Thule davon, sich einen Professor zu
+mieten”. Diese Schulmeister waren zunächst Lateiner, aber es kamen auch
+Griechen; Plutarchos erzählt von einer Unterhaltung, die er in Delphi
+pflog mit einem aus Britannien heimkehrenden griechischen Sprachlehrer
+aus Tarsos. Wenn im heutigen England, abgesehen von Wales, und bis vor
+kurzem von Cornwall, die alte Landessprache verschwunden ist, so ist
+sie nicht den Angeln oder den Sachsen, sondern dem römischen Idiom
+gewichen; und wie es in Grenzländern zu geschehen pflegt, in der
+späteren Kaiserzeit stand keiner treuer zu Rom als der britannische
+Mann. Nicht Britannien hat Rom aufgegeben, sondern Rom Britannien - das
+letzte, was wir von der Insel erfahren, sind die flehentlichen Bitten
+der Bevölkerung bei Kaiser Honorius um Schutz gegen die Sachsen, und
+dessen Antwort, daß sie sich selber helfen möchten, wie sie könnten.
+
+————————————————————————
+
+^20 Das hier stationierte Kommando war wenigstens in späterer Zeit ohne
+Frage das wichtigste unter den britannischen; und es wird auch dort
+(denn an Eburacum ist hier ohne Zweifel gedacht) ein Palatium erwähnt
+(vita Severi 22). Das praeto rium, unterhalb Eburacum wohl an der Küste
+gelegen (Irin. Anton. Aug., p. 466), mag der Sommersitz des
+Statthalters gewesen sein.
+
+^21 Nördlich von Aldborough und Easingwold (beide etwas nördlich von
+York) haben sich keine gefunden (J. C. Bruce, Description of the Roman
+wall. 3. Aufl. 1867, S. 61).
+
+
+
+
+KAPITEL VI.
+Die Donauländer und die Kriege an der Donau
+
+
+Wie die Rheingrenze Caesars, so ist die Donaugrenze das Werk des
+Augustus. Als er an das Ruder kam, waren die Römer auf der italischen
+Halbinsel kaum Herren der Alpen, auf der griechischen kaum des Haemus
+(Balkan) und der Küstenstreifen am Adriatischen und am Schwarzen Meer;
+nirgends reichte ihr Gebiet an den mächtigen Strom, der das südliche
+Europa vom nördlichen scheidet; sowohl das nördliche Italien wie auch
+die illyrischen und pontischen Handelsstädte und mehr noch die
+zivilisierten Landschaften Makedoniens und Thrakiens waren den
+Raubzügen der rohen und unruhigen Nachbarstämme stetig ausgesetzt. Als
+Augustus starb, waren an die Stelle der einen, kaum zu selbständiger
+Verwaltung gelangten Provinz Illyricum fünf große römische
+Verwaltungsbezirke getreten, Rätien, Noricum, Unterillyrien oder
+Pannonien, Oberillyrien oder Dalmatien und Mösien, und die Donau in
+ihrem ganzen Lauf, wenn nicht überall die militärische, doch die
+politische Reichsgrenze geworden. Die verhältnismäßig leichte
+Unterwerfung dieser weiten Gebiete sowie die schwere Insurrektion der
+Jahre 6 bis 9 und das dadurch veranlaßte Aufgeben der früher
+beabsichtigten Verlegung der Grenzlinie von der oberen Donau nach
+Böhmen und an die Elbe sind früher dargestellt worden. Es bleibt übrig,
+die Entwicklung dieser Landschaften in der Zeit nach Augustus und die
+Beziehungen der Römer zu den jenseits der Donau wohnhaften Stämmen
+darzustellen.
+
+Die Schicksale Rätiens sind mit denen der Obergermanischen Provinz so
+eng verflochten, daß dafür auf die frühere Darstellung verwiesen werden
+kann. Die römische Zivilisation hat hier, im ganzen genommen, sich
+wenig entwickelt. Das Hochland der Alpen mit den Tälern des oberen Inn
+und des oberen Rhein umschloß eine schwache und eigenartige
+Bevölkerung, wahrscheinlich diejenige, die einstmals die östliche
+Hälfte der norditalischen Ebene besessen hatte, vielleicht den
+Etruskern verwandt. Von dort zurückgedrängt durch die Kelten und
+vielleicht auch die Illyriker, behauptete sie sich in den nördlichen
+Gebirgen. Während die nach Süden sich öffnenden Täler, wie das der
+Etsch, zu Italien gezogen wurden, boten jene den Südländern wenig Platz
+und noch weniger Reiz zur Ansiedelung und Städtegründung. Weiter
+nördlich, auf der Hochebene zwischen dem Bodensee und dem Inn, welche
+von den keltischen Stämmen der Vindeliker eingenommen war, wäre wohl
+für römische Kultur Raum und Stätte gewesen; aber es scheint in diesem
+Gebiet, das nicht so wie das norische unmittelbare Fortsetzung Italiens
+werden konnte und das, gleich dem angrenzenden sogenannten
+Decumatenland, wohl zunächst nur als Scheide gegen die Germanen für die
+Römer von Wert war, die Politik der früheren Kaiserzeit die Kultur
+vielmehr zurückgehalten zu haben. Es ist schon darauf hingewiesen
+worden, daß gleich nach der Eroberung man bedacht war, die Landschaft
+zu entvölkern. Diesem geht zur Seite, daß in der früheren Kaiserzeit
+keine römisch organisierte Gemeinde hier entstanden ist. Zwar von der
+Anlage der großen Straße, die gleich mit der Eroberung selbst von dem
+älteren Drusus durch die Hochalpen an die Donau geführt ward, war die
+Gründung der Augusta der Vindeliker, des heutigen Augsburg, ein
+notwendiger Teil; aber es war und blieb dieser rasch aufblühende Ort
+über ein Jahrhundert ein Marktflecken, bis endlich Hadrian auch in
+dieser Hinsicht die von Augustus vorgezeichnete Bahn verließ und die
+Landschaft der Vindeliker in die Romanisierung des Nordens hineinzog.
+Die Verleihung des römischen Stadtrechts an den Vorort der Vindeliker
+durch Hadrian wird damit zusammengestellt werden dürfen, daß ungefähr
+um dieselbe Zeit die Militärgrenze am Oberrhein vorgeschoben ward und
+römische Städte im ehemaligen Decumatenland entstanden; indes ist in
+Rätien auch später Augusta der einzige größere Mittelpunkt römischer
+Zivilisation geblieben. Auch die militärischen Einrichtungen haben auf
+das Zurückhalten derselben eingewirkt. Die Provinz stand von Anfang an
+unter kaiserlicher Verwaltung und konnte nicht ohne Besatzung gelassen
+werden; aber besondere Rücksichten nötigten, wie dies früher gezeigt
+ward, die Regierung, nach Rätien lediglich Truppen zweiter Klasse zu
+legen, und wenn diese auch der Zahl nach nicht unbeträchtlich waren, so
+haben doch die kleineren Standlager der Alen und Kohorten nicht die
+zivilisierende und städtebildende Wirkung ausüben können wie die
+Legionslager. Unter Marcus ist allerdings infolge des Markomannischen
+Krieges das rätische Hauptquartier, die castra Regina, das heutige
+Regensburg, mit einer Legion belegt worden; aber selbst dieser Ort
+scheint in römischer Zeit bloß Militärniederlassung geblieben zu sein
+und kaum mit den Lagern zweiten Ranges am Rhein, wie zum Beispiel
+Bonna, in der städtischen Entwicklung auf einer Linie gestanden zu
+haben.
+
+Daß die Grenze Rätiens schon zu Traianus’ Zeit von Regensburg westlich
+eine Strecke über die Donau hinaus vorgeschoben war, ist früher bemerkt
+und daselbst auch ausgeführt worden, daß dieses Gebiet wahrscheinlich
+ohne Anwendung von Waffengewalt, ähnlich wie das Decumatenland, zum
+Reiche gezogen worden ist. Es wurde ebenfalls schon erwähnt, daß die
+Befestigung dieses Gebiets vielleicht mit den unter Marcus bis hierher
+sich erstreckenden Einfällen der Chatten zusammenhängt, sowie daß diese
+und später die Alamannen im dritten Jahrhundert sowohl dies Vorland wie
+Rätien selbst heimsuchten und schließlich unter Gallienus den Römern
+entrissen.
+
+Die Nachbarprovinz Noricum ist wohl in der provinzialen Einrichtung
+ähnlich wie Rätien behandelt worden, aber hat sich sonst anders
+entwickelt. Nach keiner Richtung hin ist Italien für den Landverkehr so
+wie gegen Nordosten aufgeschlossen; die Handelsbeziehungen Aquileias
+sowohl durch das Friaul nach der oberen Donau und zu den Eisenwerken
+von Noreia wie über die Julische Alpe zum Savetal haben hier der
+augustischen Grenzerweiterung vorgearbeitet wie nirgends sonst im
+Donaugebiet. Nauportus (Oberlaibach), jenseits des Passes, war ein
+römischer Handelsflecken schon in republikanischer Zeit, Emona
+(Laibach) eine später förmlich Italien einverleibte, der Sache nach
+seit ihrer Gründung durch Augustus zu Italien gehörige römische
+Bürgerkolonie. Daher genügte, wie früher schon hervorgehoben ward, für
+die Umwandlung dieses “Königreichs” in eine römische Provinz
+wahrscheinlich die bloße Ankündigung. Die ursprünglich wohl illyrische,
+später zum guten Teil keltische Bevölkerung zeigt keine Spur von
+demjenigen Festhalten an der nationalen Weise und Sprache, welche wir
+bei den Kelten des Westens wahrnehmen. Römische Sprache und römische
+Sitte muß hier früh Eingang gefunden haben, und von Kaiser Claudius
+wurde dann das gesamte Gebiet, selbst der nördliche, durch die
+Tauernkette vom Drautal getrennte Teil, nach italischer
+Gemeindeverfassung organisiert. Während in den Nachbarländern Rätien
+und Pannonien die Denkmäler römischer Sprache entweder fehlen oder doch
+nur in den größeren Zentren erscheinen, sind die Täler der Drau, der
+Mut und der Salzach und ihrer Nebenflüsse bis in das hohe Gebirge
+hinauf erfüllt mit Zeugnissen der hier tief eingedrungenen
+Romanisierung. Noricum ward ein Vorland und gewissermaßen ein Teil
+Italiens; bei der Aushebung für die Legion und für die Garde ist, so
+lange hier die Italiker überhaupt bevorzugt wurden, diese Bevorzugung
+auf keine andere Provinz so völlig erstreckt worden wie auf diese.
+
+Hinsichtlich der militärischen Belegung gilt von Noricum dasselbe wie
+von Rätien. Aus den schon entwickelten Gründen gab es auch in Noricum
+während der ersten zwei Jahrhunderte der Kaiserzeit nur Alen- und
+Kohortenlager; Carnuntum (Petronell bei Wien), das in der augustischen
+Zeit zu Noricum gehörte, ist, als die illyrischen Legionen dorthin
+gelegt wurden, eben darum zu Pannonien gezogen worden. Die kleineren
+norischen Standlager an der Donau und selbst das von Marcus, der auch
+in diese Provinz eine Legion legte, für diese eingerichtete Lager von
+Lauriacum (bei Enns) sind für die städtische Entwicklung von keiner
+Bedeutung gewesen; die großen Ortschaften Noricums, wie Celeia (Cilli)
+im Sanntal, Aguontum (Lienz), Teurnia (unweit Spittal), Virunum
+(Zollfeld bei Klagenfurt), im Norden Iuvavum (Salzburg) sind rein aus
+bürgerlichen Elementen hervorgegangen.
+
+Illyricum, das heißt das römische Gebiet zwischen Italien und
+Makedonien, wurde in republikanischer Zeit zum kleineren Teil mit der
+griechisch-makedonischen Statthalterschaft vereinigt, zum größeren als
+Nebenland von Italien und, nach der Einrichtung der Statthalterschaft
+des Cisalpinischen Galliens, als ein Teil von dieser verwaltet. Das
+Gebiet deckt sich bis zu einem gewissen Grade mit dem weitverbreiteten
+Stamm, von dem es die Römer benannt haben: es ist derjenige, dessen
+dürftiger Rest an dem südlichen Ende seines ehemals weitgedehnten
+Besitzes unter dem Namen der Skipetaren, welchen sie sich selbst
+beilegen, oder, wie ihre Nachbarn sie heißen, der Arnauten oder
+Albanesen noch heute seine alte Nationalität und seine eigene Sprache
+bewahrt hat. Es ist derselbe ein Glied der indogermanischen Familie und
+innerhalb derselben wohl am nächsten dem griechischen Kreise verwandt,
+wie dies auch den örtlichen Verhältnissen angemessen ist; aber er steht
+neben diesem wenigstens ebenso selbständig wie der lateinische und der
+keltische. In ihrer ursprünglichen Ausdehnung erfüllte diese Nation die
+Küste des Adriatischen Meeres von der Mündung des Po durch Istrien,
+Dalmatien und Epirus bis gegen Akarnanien und Ätolien, ferner im
+Binnenlande das obere Makedonien sowie das heutige Serbien und Bosnien
+und das ungarische Gebiet auf dem rechten Ufer der Donau; sie grenzt
+also östlich an die thrakischen Völkerschaften, westlich an die
+keltischen, von welchen letzteren Tacitus sie ausdrücklich
+unterscheidet. Es ist ein kräftiger Schlag südländischer Art, mit
+schwarzem Haar und dunklen Augen, sehr verschieden von den Kelten und
+mehr noch von den Germanen, nüchterne, mäßige, unerschrockene, stolze
+Leute, vortreffliche Soldaten, aber bürgerlicher Entwicklung wenig
+zugänglich, mehr Hirten als Ackerbauer. Zu einer größeren politischen
+Entwicklung ist er nicht gelangt. An der italischen Küste traten ihnen
+wahrscheinlich zunächst die Kelten entgegen; die wahrscheinlich
+illyrischen Völkerschaften daselbst, insbesondere die Veneter, wurden
+durch die Rivalität mit den Kelten früh zu fügsamen Untertanen der
+Römer. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt engte die Gründung von
+Aquileia und die Unterwerfung der Halbinsel Istrien weiter ihre Grenzen
+ein. An der Ostküste des Adriatischen Meeres waren die wichtigeren
+Inseln und die Südhäfen des Kontinents seit langem von den kühnen
+hellenischen Schiffern okkupiert. Als dann in Skodra (Scutari),
+gewissermaßen in alter Zeit wie heutzutage dem Zentralpunkt des
+illyrischen Landes, die Herrscher anfingen, sich zu eigener Macht zu
+entwickeln und besonders auf dem Meere die Griechen zu befehden, schlug
+Rom schon vor dem Hannibalischen Kriege sie mit gewaltiger Hand nieder
+und nahm die ganze Küste unter seine Schutzherrschaft, welche bald,
+nachdem der Herr von Skodra mit dem König Perseus von Makedonien den
+Krieg und die Niederlage geteilt hatte, die völlige Auflösung dieses
+Fürstentums herbeiführte. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt und in
+der ersten Hälfte des siebenten wurde in langjährigen Kämpfen auch die
+Küste zwischen Istrien und Skodra von den Römern besetzt. Im Binnenland
+wurden die Illyrier in republikanischer Zeit von den Römern wenig
+berührt; dafür aber müssen, von Westen her vordringend, die Kelten
+einen guten Teil ursprünglich illyrischen Gebiets in ihre Gewalt
+gebracht haben, so das späterhin überwiegend keltische Noricum. Kelten
+sind auch die Latobiker im heutigen Krain; und in dem gesamten Gebiet
+zwischen Save und Drau, ebenso im Raabtal saßen die beiden großen
+Stämme im Gemenge, als Caesar Augustus die südlichen Distrikte
+Pannoniens der römischen Herrschaft unterwarf. Wahrscheinlich hat diese
+starke Mischung mit keltischen Elementen neben der ebenen
+Bodenbeschaffenheit zu dem frühen Untergang der illyrischen Nation in
+den pannonischen Landschaften ihren Teil beigetragen. In die südliche
+Hälfte der von Illyriern bewohnten Landschaften dagegen sind von den
+Kelten nur die Skordisker vorgedrungen, deren Festsetzung an der
+unteren Save bis zur Morawa und deren Streifereien bis in die Nähe von
+Thessalonike früher erwähnt worden sind. Die Griechen aber haben hier
+ihnen gewissermaßen den Platz geräumt; das Sinken der makedonischen
+Macht und die Verödung von Epirus und Ätolien müssen die Ausbreitung
+der illyrischen Nachbarn gefördert haben. Bosnien, Serbien, vor allem
+Albanien sind in der Kaiserzeit illyrisch gewesen, und Albanien ist es
+noch heute.
+
+Es ist früher erzählt worden, daß Illyricum schon nach der Absicht des
+Diktators Caesar als eigene Statthalterschaft konstituiert werden
+sollte und diese Absicht bei der Teilung der Provinzen zwischen
+Augustus und dem Senat zur Ausführung kam; daß diese anfangs dem Senat
+überwiesene Statthalterschaft wegen der daselbst notwendigen
+Kriegführung auf den Kaiser überging; daß Augustus diese
+Statthalterschaft teilte und die bis dahin im ganzen nur nominelle
+Herrschaft über das Binnenland sowohl in Dalmatien wie im Savegebiet
+effektiv machte; daß er endlich die gewaltige nationale Insurrektion,
+die bei den dalmatischen wie bei den pannonischen Illyriern im Jahre 6
+n. Chr. ausbrach, nach schwerem vierjährigem Kampf überwältigte. Es
+bleibt übrig, die ferneren Schicksale zunächst der südlichen Provinz zu
+berichten.
+
+Nach den bei der Insurrektion gemachten Erfahrungen schien es
+erforderlich, nicht bloß die in Illyricum ausgehobenen Mannschaften
+statt wie bisher in ihrer Heimat, vielmehr auswärts zu verwenden,
+sondern auch die Dalmater wie die Pannonier durch ein Kommando ersten
+Ranges in Botmäßigkeit zu halten. Dasselbe hat seinen Zweck rasch
+erfüllt. Der Widerstand, den die Illyriker unter Augustus der
+ungewohnten Fremdherrschaft entgegensetzten, hat sich ausgetobt mit dem
+einen gewaltigen Sturm; späterhin verzeichnen unsere Berichte keine
+ähnliche auch nur partielle Bewegung. Für das südliche oder, nach dem
+römischen Ausdruck, das obere Illyricum, die Provinz Dalmatien, wie sie
+seit der Zeit der Flavier gewöhnlich heißt, begann mit dem
+Kaiserregiment eine neue Epoche. Die griechischen Kaufleute hatten wohl
+auf der ihnen nächst liegenden Küste die beiden großen Emporien
+Apollonia (bei Valona) und Dyrrachium (Durazzo) gegründet; eben darum
+war dieser Teil schon unter der Republik der griechischen Verwaltung
+überwiesen worden. Aber weiter nordwärts hatten die Hellenen nur auf
+den vorliegenden Inseln Issa (Lissa), Pharos (Lesina), Schwarz-Kerkyra
+(Curzola) sich angesiedelt und von da aus den Verkehr mit den
+Eingeborenen, namentlich an der Küste von Narona und in den Salonae
+vorliegenden Ortschaften, unterhalten. Unter der römischen Republik
+hatten die italischen Händler, welche hier die Erbschaft der
+griechischen antraten, in den Haupthäfen Epitaurum (Ragusa vecchia),
+Narona, Salonae, Iader (Zara) sich in solcher Zahl niedergelassen, daß
+sie in dem Kriege zwischen Caesar und Pompeius eine nicht unwesentliche
+Rolle spielen konnten. Aber Verstärkung durch dort angesiedelte
+Veteranen und, was die Hauptsache war, städtisches Recht empfingen
+diese Ortschaften erst durch Augustus, und zugleich kam teils die
+energische Unterdrückung der auf den Inseln noch bestehenden
+Piratenschlupfwinkel, teils die Unterwerfung des Binnenlandes und die
+Vorschiebung der römischen Grenze gegen die Donau insbesondere diesen
+auf der Ostküste des Adriatischen Meeres angesiedelten Italikern
+zugute. Vor allem die Hauptstadt des Landes, der Sitz des Statthalters
+und der gesamten Verwaltung, Salonae, blühte rasch auf und überflügelte
+weit die älteren griechischen Ansiedlungen Apollonia und Dyrrachium,
+obwohl in die letztere Stadt, ebenfalls unter Augustus, italische
+Kolonisten, freilich nicht Veteranen, sondern expropriierte Italiker,
+gesendet und die Stadt als römische Bürgergemeinde eingerichtet wurde.
+Vermutlich hat bei dem Aufblühen Dalmatiens und dem Verkümmern der
+illyrisch-makedonischen Küste der Gegensatz des kaiserlichen und des
+Senatsregimentes eine wesentliche Rolle gespielt, die bessere
+Verwaltung sowohl wie die Bevorzugung bei dem eigentlichen Machthaber.
+Damit wird weiter zusammenhängen, daß die illyrische Nationalität sich
+in dem Bereich der makedonischen Statthalterschaft besser behauptet hat
+als in dem der dalmatischen: in jenem lebt sie heute noch fort und es
+muß in der Kaiserzeit, abgesehen von dem griechischen Apollonia und der
+italischen Kolonie Dyrrachium, neben den beiden Reichssprachen im
+Binnenland, die des Volkes, die illyrische, geblieben sein. In
+Dalmatien dagegen wurden die Küste und die Inseln, soweit sie irgend
+sich eigneten - die unwirtliche Strecke nordwärts von Iader blieb in
+der Entwicklung notwendig zurück -, nach italischer Ordnung
+kommunalisiert, und bald sprach die ganze Küste lateinisch, etwa wie
+heutzutage venezianisch. Dem Vordringen der Zivilisation in das
+Binnenland traten örtliche Schwierigkeiten entgegen. Dalmatiens
+bedeutende Ströme bilden mehr Wasserfälle als Wasserstraßen; und auch
+die Herstellung der Landstraßen stößt bei der Beschaffenheit seines
+Bergnetzes auf ungewöhnliche Schwierigkeiten. Die römische Regierung
+hat ernstliche Anstrengungen gemacht, das Land aufzuschließen. Unter
+dem Schutz des Legionslagers von Burnum entwickelte im Kerkatal, in dem
+der Cettina unter dem des Lagers von Delminium, welche Lager auch hier
+die Träger der Zivilisierung und der Latinisierung gewesen sein werden,
+sich die Bodenbestellung nach italischer Art, auch die Pflanzung der
+Rebe und der Olive und überhaupt italische Ordnung und Gesittung.
+Dagegen jenseits der Wasserscheide, zwischen dem Adriatischen Meer und
+der Donau, sind die auch für den Ackerbau wenig günstigen Täler von der
+Kulpa bis zum Drin in römischer Zeit in ähnlichen primitiven
+Verhältnissen verblieben, wie sie das heutige Bosnien aufweist. Kaiser
+Tiberius allerdings hat durch die Soldaten der dalmatinischen Lager von
+Salonae bis in die Täler Bosniens verschiedene Chausseen geführt; aber
+die späteren Regierungen ließen, wie es scheint, die schwierige Aufgabe
+fallen. An der Küste und in den der Küste nähergelegenen Strichen
+bedurfte Dalmatien bald keiner weiteren militärischen Hut; die Legionen
+des Kerka- und des Cettinatales konnte schon Vespasian von dort
+wegziehen und anderweitig verwenden. Unter dem allgemeinen Verfall des
+Reiches im dritten Jahrhundert hat Dalmatien verhältnismäßig wenig
+gelitten, ja Salonae wohl erst damals seine höchste Blüte erreicht.
+Freilich ist dies zum Teil dadurch veranlaßt, daß der Regenerator des
+römischen Staates, Kaiser Diocletianus, ein geborener Dalmatiner war
+und sein auf die Dekapitalisierung Roms gerichtetes Streben der
+Hauptstadt seines Heimatlandes vorzugsweise zugute kommen ließ: er
+baute neben derselben den gewaltigen Palast, von dem die heutige
+Hauptstadt der Provinz den Namen Spalato trägt, innerhalb dessen sie
+zum größten Teil Platz gefunden hat und dessen Tempel ihr heute als Dom
+und als Baptisterium ^1 dienen. Aber zur Großstadt hat nicht erst
+Diocletian Salonae gemacht, sondern, weil sie es war, sie für seine
+Privatresidenz gewählt; Handel und Schiffahrt und Gewerbe müssen damals
+in diesen Gewässern vorzugsweise in Aquileia und in Salonae sich
+konzentriert haben und die Stadt eine der volkreichsten und
+wohlhabendsten des Okzidents gewesen sein. Die reichen Eisengruben
+Bosniens waren, wenigstens in der späteren Kaiserzeit, in starkem
+Betrieb; ebenso lieferten die Wälder der Provinz massenhaftes und
+vorzügliches Bauholz; auch von der blühenden Textilindustrie des Landes
+bewahrt die priesterliche Dalmatica noch heute eine Erinnerung.
+Überhaupt ist die Zivilisierung und die Romanisierung Dalmatiens eine
+der eigensten und eine der bedeutendsten Erscheinungen der Kaiserzeit.
+Die Grenze Dalmatiens und Makedoniens ist zugleich die politische und
+die sprachliche Scheide des Okzidents und des Orients. Bei Skodra
+berühren sich, wie die Herrschaftsgebiete Caesars und Marc Antons, so
+auch nach der Reichsteilung des vierten Jahrhunderts die von Rom und
+Byzanz. Hier grenzt die lateinische Provinz Dalmatien mit der
+griechischen Provinz Makedonien; und kräftig emporstrebend und
+überlegen, mit gewaltig treibender Propaganda, steht hier die jüngere
+neben der älteren Schwester.
+
+—————————————————————————
+
+^1 Das Baptisterium ist vielleicht das Grabmal des Kaisers.
+
+—————————————————————————
+
+Wenn die südliche illyrische Provinz und ihr Friedensregiment bald in
+geschichtlicher Beziehung nicht ferner hervortritt, so bildet das
+nördliche Illyricum oder, wie es gewöhnlich heißt, Pannonien in der
+Kaiserzeit eines der großen militärischen und somit auch politischen
+Zentren. In dem Donauheer haben die pannonischen Lager die führende
+Stellung wie im Westen die rheinischen, und die dalmatischen und die
+mösischen schließen ihnen in ähnlicher Weise sich an und ordnen ihnen
+sich unter wie den rheinischen die Legionen Spaniens und Britanniens.
+Die römische Zivilisation steht und bleibt hier unter dem Einfluß der
+Lager, die in Pannonien nicht, wie in Dalmatien, nur einige
+Generationen hindurch, sondern dauernd verblieben. Nach der
+Überwältigung des Batonischen Aufstandes belief die regelmäßige
+Besatzung der Provinz sich zuerst auf drei, später, wie es scheint, nur
+auf zwei Legionen, und durch deren Standlager und ihre Vorschiebung ist
+die weitere Entwicklung bedingt. Wenn Augustus nach dem ersten Kriege
+gegen die Dalmater Siscia an der Mündung der Kulpa in die Save zum
+Hauptwaffenplatz ausersehen hatte, so waren, nachdem Tiberius Pannonien
+mindestens bis an die Drau unterworfen hatte, die Lager an diese
+vorgeschoben worden, und wenigstens eines der pannonischen
+Hauptquartiere befand sich seitdem in Poetovio (Pettau) an der
+norischen Grenze. Die Ursache, weshalb die pannonische Armee ganz oder
+zum Teil im Drautal verblieb, kann nur die gleiche gewesen sein, welche
+zu der Anlage der dalmatinischen Legionslager geführt hat: man brauchte
+hier die Truppen, um die Untertanen sowohl in dem nahen Noricum wie vor
+allem im Draugebiet selbst in Gehorsam zu halten. Auf der Donau hielt
+die römische Flotte Wacht, die schon im Jahre 50 erwähnt wird und
+vermutlich mit der Einrichtung der Provinz entstanden war. Legionslager
+gab es am Flusse selbst unter der Julisch-Claudischen Dynastie
+vielleicht noch nicht ^2, wobei in Betracht kommt, daß der zunächst der
+Provinz vorliegende Suebenstaat von Rom damals vollständig abhängig war
+und für die Grenzdeckung einigermaßen genügte. Wie die dalmatinischen,
+hat dann, wie es scheint, Vespasian auch die Lager an der Drau
+aufgehoben und sie an die Donau selbst verlegt; seitdem ist das große
+Hauptquartier der pannonischen Armee das früher norische Carnuntum
+(Petronell östlich von Wien) und daneben Vindobona (Wien).
+
+————————————————————————————
+
+^2 Daß im Jahre 50 noch keine Legionen an der Donau selbst standen,
+folgt aus Tac. ann. 12, 29; sonst wäre es nicht nötig gewesen, zur
+Aufnahme der übertretenden Sueben eine Legion dorthin zu schicken. Auch
+die Anlage des claudischen Savaria paßt besser, wenn die Stadt damals
+norisch war, als wenn sie schon zu Pannonien gehörte; und da die
+Zuteilung dieser Stadt zu Pannonien mit der gleichen Abtrennung von
+Carnuntum und mit der Verlegung der Legion dahin sicher der Zeit nach
+zusammengehört, so dürfte dies alles erst in nachclaudischer Zeit
+stattgefunden haben. Auch die geringe Zahl der in den Donaulagern
+gefundenen Inschriften von Italikern (Eph. epigr. 5, p. 225) deutet auf
+spätere Entstehung. Allerdings haben sich in Carnuntum einige
+Grabschriften von Soldaten der 15. Legion gefunden, die nach der
+äußeren Form und nach dem Fehlen des Cognomen älter zu sein scheinen
+(O. Hirschfeld in Ärchäologisch-epigraphische Mittheilungen 5, 1881, S.
+217). Derartige Zeitbestimmungen können, wo es sich um ein Dezennium
+handelt, volle Sicherheit nicht in Anspruch nehmen; indes muß
+eingeräumt werden, daß auch jene Argumente keinen vollen Beweis machen
+und die Translokation früher, etwa unter Nero, begonnen haben kann. Für
+die Anlegung oder Erweiterung dieses Lagers durch Vespasian spricht die
+einen derartigen Bau bezeugende Inschrift von Carnuntum aus dem Jahre
+73 (Hirschfeld a. a. O.).
+
+————————————————————————————
+
+Die bürgerliche Entwicklung, wie wir sie in Noricum und an der Küste
+Dalmatiens fanden, zeigt in Pannonien in gleicher Weise sich nur in
+einigen, an der norischen Grenze gelegenen und zum Teil ursprünglich zu
+Noricum gehörigen Distrikten; Emona und das obere Savetal stehen mit
+Noricum gleich, und wenn Savaria (Steinamanger) zugleich mit den
+norischen Städten italische Stadtverfassung empfangen hat, so wird,
+solange Carnuntum eine norische Stadt war, wohl auch jener Ort zu
+Noricum gehört haben. Erst seitdem die Truppen an der Donau standen,
+ging die Regierung daran, das Hinterland städtisch zu organisieren. In
+dem westlichen, ursprünglich norischen Gebiet erhielt Scarbantia
+(Ödenburg am Neusiedler See) unter den Flaviern Stadtrecht, während
+Vindobona und Carnuntum von selbst zu Lagerstädten wurden. Zwischen
+Save und Drau empfingen Siscia und Sirmium unter den Flaviern, an der
+Drau Poetovio (Pettau) unter Traianus Stadtrecht, Mursa (Eszeg) unter
+Hadrian Kolonialrecht, um hier nur der Hauptorte zu gedenken. Daß die
+überwiegend illyrische, aber zum guten Teil auch keltische Bevölkerung
+der Romanisierung keinen energischen Widerstand entgegensetzte, ist
+schon ausgesprochen worden; die alte Sprache und die alte Sitte
+schwanden, wo die Römer hinkamen, und hielten sich nur in den
+entfernteren Bezirken. Die weiten, aber wenig zur Ansiedelung
+einladenden Striche östlich vom Raabfluß und nördlich der Drau bis zur
+Donau sind wohl schon seit Augustus zum Reiche gerechnet worden, aber
+vielleicht in nicht viel anderer Weise als Germanien vor der
+Varusschlacht; hier hat die städtische Entwicklung weder damals noch
+später rechten Boden gefunden, und auch militärisch ist dieses Gebiet
+lange Zeit wenig oder gar nicht belegt worden. Dies hat sich erst
+infolge der Einverleibung Dakiens unter Traian einigermaßen geändert;
+die dadurch herbeigeführte Vorschiebung der pannonischen Lager gegen
+die Ostgrenze der Provinz und die weitere innere Entwicklung Pannoniens
+wird besser im Zusammenhang mit den Traianischen Kriegen geschildert.
+
+Das letzte Stück des rechten Donauufers, das Bergland zu beiden Seiten
+des Margus (Morawa) und das zwischen dem Haemus und der Donau lang sich
+hinstreckende Flachland, war bewohnt von thrakischen Völkerschaften;
+und es erscheint zunächst erforderlich, auf diesen großen Stamm als
+solchen einen Blick zu werfen. Er geht dem illyrischen in gewissem
+Sinne parallel. Wie die Illyrier einst die Landschaften vom
+Adriatischen Meer bis zur mittleren Donau erfüllten, so saßen ehemals
+die Thraker östlich von ihnen, vom Ägäischen Meer bis zur Donaumündung
+und nicht minder einerseits auf dem linken Donauufer namentlich in dem
+heutigen Siebenbürgen, andererseits jenseits des Bosporus wenigstens in
+Bithynien und bis nach Phrygien; nicht mit Unrecht nennt Herodot die
+Thraker das größte der ihm bekannten Völker nach den Indern. Wie der
+illyrische ist auch der thrakische Stamm zu keiner vollen Entwicklung
+gelangt und erscheint mehr gedrängt und verdrängt als in eigener,
+geschichtliche Erinnerung hinterlassender Entwicklung. Aber während
+Sprache und Sitte der Illyrier sich in einer wenngleich im Laufe der
+Jahrhunderte verschlissenen Form bis auf den heutigen Tag erhalten
+haben und wir mit einigem Recht das Bild der Palikaren aus der neueren
+Geschichte in die der römischen Kaiserzeit übertragen, so gilt das
+gleiche von den thrakischen Stämmen nicht. Vielfach und sicher ist es
+bezeugt, daß die Völkerschaften des Gebiets, welchem infolge der
+römischen Provinzialteilung schließlich der Name Thrakien geblieben
+ist, sowie die mösischen zwischen dem Balkan und der Donau, und nicht
+minder die Geten oder Daker am anderen Donauufer alle eine und dieselbe
+Sprache redeten. Es hatte diese Sprache in dem römischen Kaiserreich
+eine ähnliche Stellung wie die der Kelten und der Syrer. Der Historiker
+und Geograph der augustischen Zeit, Strabo, erwähnt die Gleichheit der
+Sprache der genannten Völker; in botanischen Schriften der Kaiserzeit
+werden von einer Anzahl Pflanzen die dakischen Benennungen angegeben
+^3. Als seinem Zeitgenossen, dem Poeten Ovidius Gelegenheit gegeben
+wurde, über seinen allzu flotten Lebenswandel fern in der Dobrudscha
+nachzudenken, benutzte er seine Muße, um getisch zu lernen, und wurde
+fast ein Getenpoet:
+
+Und ich schrieb, o weh! ein Gedicht in getischer Sprache,
+
+Gratulierst du mir nicht, daß ich den Geten gefiel?
+
+—————————————————————-
+
+^3 Thrakischer, getischer, dakischer Orts- und Personennamen kennen wir
+ganze Reihen; sprachlich bemerkenswert ist eine mit -centhus
+zusammengesetzte Gruppe von Personennamen: Bithicenthus, Zipacenthus,
+Disacenthus, Tracicenthus, Linicenthus (BCH 6, 1882, S. 179), von denen
+die ersten beiden in ihrer anderen Hälfte (Bithus, Zipa) auch isoliert
+häufig begegnen. Eine ähnliche Gruppe bilden die Composita mit -poris,
+wie Mucaporis (Thraker BCH, a. a. O., Daker zahlreich), Cetriporis,
+Rhaskyporis, Bithoporis, Dirdiporis.
+
+—————————————————————-
+
+Aber wenn die irischen Barden, die syrischen Missionare, die Bergtäler
+Albaniens anderen Idiomen der Kaiserzeit eine gewisse Fortdauer gewahrt
+haben, so ist das thrakische unter dem Völkergewoge des Donaugebiets
+und dem übermächtigen Einfluß Konstantinopels verschollen, und wir
+vermögen nicht einmal die Stelle zu bestimmen, welche ihm in dem
+Völkerstammbaum zukommt. Die Schilderungen von Sitten und Gebräuchen
+einzelner dazugehöriger Völkerschaften, über welche mancherlei Notizen
+sich erhalten haben, ergeben keine für den ganzen Stamm gültigen
+individuellen Züge und heben meistens nur Einzelheiten hervor, wie sie
+bei allen Völkern auf niederer Kulturstufe sich zeigen. Aber ein
+Soldatenvolk sind sie gewesen und geblieben, als Reiter nicht minder
+brauchbar wie für die leichte Infanterie, von den Zeiten des
+Peloponnesischen Krieges und Alexanders bis hinab in die der römischen
+Caesaren, mochten sie gegen diese sich stemmen oder später für sie
+fechten. Auch die wilde, aber großartige Weise der Götterverehrung darf
+vielleicht als ein diesem Stamm eigentümlicher Grundzug aufgefaßt
+werden, der gewaltige Ausbruch der Frühlings- und der Jugendlust, die
+nächtlichen Bergfeste fackelschwingender Mädchen, die rauschende,
+sinnverwirrende Musik, der strömende Wein und das strömende Blut, der
+in Aufregung aller sinnlichen Leidenschaften zugleich rasende Taumel
+der Feste. Dionysos, der herrliche und der schreckliche, ist ein
+thrakischer Gott, und was der Art in dem hellenischen und dem römischen
+Kult besonders hervortritt, knüpft an thrakische oder phrygische Sitte
+an.
+
+Während die illyrischen Völkerschaften in Dalmatien und Pannonien nach
+der Niederwerfung der großen Insurrektion in den letzten Jahren des
+Augustus die Entscheidung der Waffen nicht wieder gegen die Römer
+angerufen haben, gilt von den thrakischen Stämmen nicht das gleiche;
+der oft bewiesene Unabhängigkeitssinn und die wilde Tapferkeit dieser
+Nation verleugnete auch in ihrem Untergang sich nicht. In dem Thrakien
+südlich vom Haemus blieb das alte Fürstenrum unter römischer
+Oberhoheit. Das einheimische Herrscherhaus der Odrysen, mit der
+Residenz Bizye (Wiza) zwischen Adrianopel und der Küste des Schwarzen
+Meeres, tritt schon in der früheren Zeit unter den thrakischen
+Fürstengeschlechtern am meisten hervor; nach der Triumviralzeit ist von
+anderen thrakischen Königen als denen dieses Hauses nicht ferner die
+Rede, so daß die übrigen Fürsten durch Augustus zu Vasallen gemacht
+oder beseitigt zu sein scheinen und mit dem thrakischen Königtum fortan
+nur Glieder dieses Geschlechts belehnt worden sind. Es geschah dies
+wahrscheinlich deshalb, weil während des ersten Jahrhunderts, wie
+weiterhin zu zeigen sein wird, an der unteren Donau keine römischen
+Legionen standen; den Grenzschutz an der Donaumündung erwartete
+Augustus von dem thrakischen Vasallen. Rhoemetalkes, welcher in der
+zweiten Hälfte der Regierung des Augustus als römischer Lehnskönig das
+gesamte Thrakien beherrschte ^4, und seine Kinder und Enkel spielten
+denn auch in diesem Lande ungefähr dieselbe Rolle wie Herodes und seine
+Nachkommen in Palästina: unbedingte Ergebenheit gegen den Oberherrn,
+entschiedene Hinneigung zu römischem Wesen, Verfeindung mit den
+eigenen, die nationale Unabhängigkeit festhaltenden Landsleuten
+bezeichnen die Stellung des thrakischen Herrscherhauses. Die große,
+früher erzählte thrakische Insurrektion der Jahre 741-743 (13-11)
+richtete sich zunächst gegen diesen Rhoemetalkes und seinen Bruder und
+Mitherrscher Kotys, der dabei umkam, und wie er damals den Römern die
+Wiedereinsetzung in seine Herrschaft verdankte, so trug er ihnen einige
+Jahre später seinen Dank ab, indem er bei dem Aufstand der Dalmater und
+der Pannonier, dem seine dakischen Stammesgenossen sich anschlossen,
+treu zu den Römern hielt und an der Niederwerfung desselben
+wesentlichen Anteil hatte. Sein Sohn Kotys war mehr Römer oder vielmehr
+Grieche als Thraker; er führte seinen Stammbaum zurück auf Eumolpos und
+Erichthonios und gewann die Hand einer Verwandten des kaiserlichen
+Hauses, der Urenkelin des Triumvirn Antonius; nicht bloß die
+griechischen und die lateinischen Poeten seiner Zeit sangen ihn an,
+sondern er selbst war ebenfalls und nicht getischer Dichter ^5. Der
+letzte der thrakischen Könige, des früh gestorbenen Kotys Sohn
+Rhoemetalkes, war in Rom aufgewachsen und gleich dem Herodeer Agrippa
+des Kaisers Gaius Jugendgespiele. Die thrakische Nation aber teilte
+keineswegs die römischen Neigungen des regierenden Hauses, und die
+Regierung überzeugte sich allmählich in Thrakien wie in Palästina, daß
+der schwankende, nur durch beständiges Eingreifen der Schutzmacht
+aufrecht erhaltene Vasallenthron weder für sie noch für das Land von
+Nutzen und die Einführung der unmittelbaren Verwaltung in jeder
+Hinsicht vorzuziehen sei. Kaiser Tiberius benutzte die in dem
+thrakischen Königshause entstandenen Zerwürfnisse, um in der Form der
+Vormundschaftsführung über die unmündigen Prinzen im Jahre 19 einen
+römischen Statthalter, Titus Trebellenus Rufus, nach Thrakien zu
+schicken. Doch vollzog sich diese Okkupation nicht ohne freilich
+erfolglosen, aber ernstlichen Widerstand des Volkes, das namentlich in
+den Bergtälern sich um die von Rom gesetzten Herrscher wenig kümmerte,
+und dessen Mannschaften, von ihren Stammhäuptern geführt, sich kaum als
+königliche, noch weniger als römische Soldaten fühlten. Die Sendung des
+Trebellenus rief im Jahre 21 einen Aufstand hervor, an dem nicht bloß
+die angesehensten thrakischen Völkerschaften sich beteiligten, sondern
+der größere Verhältnisse anzunehmen drohte; Boten der Insurgenten
+gingen über den Haemus, um in Mösien und vielleicht noch weiter hin den
+Nationalkrieg zu entfachen. Indes die mösischen Legionen erschienen
+rechtzeitig, um Philippopolis, das die Aufständischen belagerten, zu
+entsetzen und die Bewegung zu unterdrücken. Aber als einige Jahre
+später (25) die römische Regierung in Thrakien Aushebungen anordnete,
+weigerten sich die Mannschaften, außerhalb des eigenen Landes zu
+dienen. Da keine Rücksicht darauf genommen wurde, stand das ganze
+Gebirge auf und es folgte ein Verzweiflungskampf, in welchem die
+Insurgenten, endlich durch Durst und Hunger bezwungen, zum großen Teil
+teils in die Schwerter der Feinde, teils in die eigenen sich stürzten
+und lieber dem Leben entsagten als der altgewohnten Freiheit. Das
+unmittelbare Regiment dauerte in der Form der Vormundschaftsführung in
+Thrakien bis zum Tode des Tiberius; und wenn Kaiser Gaius bei dem
+Antritt der Regierung dem thrakischen Jugendfreund ebenso wie dem
+jüdischen die Herrschaft zurückgab, so machte wenige Jahre darauf, im
+Jahre 46, die Regierung des Claudius ihr definitiv ein Ende. Auch diese
+schließliche Einziehung des Königreichs und Umwandlung in einen
+römischen Bezirk traf noch auf eine gleich hoffnungslose und gleich
+hartnäckige Gegenwehr. Aber mit der Einführung der unmittelbaren
+Verwaltung ist der Widerstand gebrochen. Eine Legion hat der
+Statthalter, anfangs von Ritter-, seit Traian von Senatorenrang,
+niemals gehabt; die in das Land gelegte Besatzung, wenn sie auch nicht
+stärker war als 2000 Mann nebst einem kleinen bei Perinthos
+stationierten Geschwader, genügte in Verbindung mit den sonst von der
+Regierung getroffenen Vorsichtsmaßregeln, um die Thraker
+niederzuhalten. Mit der Anlegung der Militärstraßen wurde gleich nach
+der Einziehung begonnen; wir finden, daß die bei dem Zustand des Landes
+erforderlichen Stationsgebäude für die Unterkunft der Reisenden bereits
+im Jahre 61 von der Regierung eingerichtet und dem Verkehr übergeben
+wurden. Thrakien ist seitdem eine gehorsame und wichtige Reichsprovinz;
+kaum hat irgendeine andere für alle Teile der Kriegsmacht, insbesondere
+auch für die Reiterei und die Flotte, so zahlreiche Mannschaften
+gestellt wie dieses alte Heimatland der Fechter und der Lohnsoldaten.
+
+———————————————————————-
+
+^4 Das sagt Tac. ann. 2, 64 ausdrücklich. Freie Thraker, vom römischen
+Standpunkt aus betrachtet, gab es damals nicht; wohl aber behauptete
+das thrakische Gebirge, namentlich die Rhodope der Besser, auch im
+Friedensstand den von Rom eingesetzten Fürsten gegenüber eine kaum als
+Untertänigkeit zu bezeichnende Stellung; sie erkannten wohl den König
+an, gehorchten ihm aber, wie Tacitus (a. a. O. und 4, 46 u. 51) sagt,
+nur, wenn es ihnen paßte.
+
+^5 Wir haben noch ein Kotys gewidmetes griechisches Epigramm des
+Antipater von Thessalonike (Anthol. Planud. 4, 75), desselben Dichters,
+der auch den Thrakersieger Piso feierte, und eine an Kotys gerichtete
+lateinische Epistel in Versen des Ovidius (Pont. 2, 9).
+
+———————————————————————-
+
+Die ernsten Kämpfe, welche die Römer auf dem sogenannten thrakischen
+Ufer, in der Landschaft zwischen dem Balkan und der Donau mit derselben
+Nation zu bestehen hatten und welche zu der Einrichtung des mösischen
+Kommandos führten, bilden einen wesentlichen Bestandteil der
+Regulierung der Nordgrenze in augustischer Zeit und sind in ihrem
+Zusammenhang bereits geschildert worden. Von ähnlichem Widerstand, wie
+die Thraker ihn den Römern entgegensetzten, wird aus Mösien nichts
+berichtet; die Stimmung daselbst mag nicht anders gewesen sein, aber in
+dem ebenen Lande und unter dem Druck der bei Viminacium lagernden
+Legionen trat der Widerstand nicht offen hervor.
+
+Die Zivilisation kam den thrakischen Völkerschaften, wie den
+illyrischen, von zwei Seiten: von der Küste her und von der
+makedonischen Grenze die der Hellenen, von der dalmatischen und
+pannonischen die lateinische. Über jene wird zweckmäßiger zu handeln
+sein, wo wir versuchen, die Stellung der europäischen Griechen unter
+der Kaiserherrschaft zu bezeichnen; hier genügt es im allgemeinen
+hervorzuheben, daß dieselbe auch hier nicht bloß das Griechentum, wo
+sie es fand, geschützt hat und die gesamte Küste, auch die dem
+Statthalter von Mösien untergebene, stets griechisch geblieben ist,
+sondern daß die Provinz Thrakien, deren Zivilisation ernstlich erst von
+Traian begonnen und durchaus ein Werk der Kaiserzeit ist, nicht in die
+römische Bahn gelenkt, sondern hellenisiert ward. Selbst die nördlichen
+Abhänge des Haemus, obwohl administrativ zu Mösien gehörig, sind in
+diese Hellenisierung hineingezogen, Nikopolis an der Jantra und
+Markianopolis unweit Varna, beides Gründungen Traians, nach
+griechischem Schema organisiert worden.
+
+Von der lateinischen Zivilisation Mösiens gilt das gleiche wie von der
+des angrenzenden dalmatischen und pannonischen Binnenlandes; nur tritt
+dieselbe, wie natürlich, um so viel später, schwächer und unreiner auf,
+je weiter sie von ihrem Ausgangspunkt sich entfernt. Überwiegend ist
+sie hier den Legionslagern gefolgt und mit diesen nach Osten hin
+vorgedrungen, ausgehend von den wahrscheinlich ältesten Mösiens bei
+Singidunum (Belgrad) und Viminacium (Kostolatz) ^6. Freilich hat sie,
+der Beschaffenheit ihrer bewaffneten Apostel entsprechend, auch in
+Obermösien sich auf sehr niedriger Stufe gehalten und den primitiven
+Zuständen noch Spielraum genug gelassen. Viminacium hat durch Hadrian
+italisches Stadtrecht erhalten. Niedermösien zwischen dem Balkan und
+der Donau ist in der früheren Kaiserzeit wohl durchaus in der
+Verfassung geblieben, welche die Römer vorfanden; erst als die
+Legionslager an der unteren Donau bei Novae, Durostorum und Troesmis
+gegründet wurden, was, wie weiter unten dargelegt werden wird, wohl
+erst im Anfang des 2. Jahrhunderts geschah, ist auch dieser Teil des
+rechten Donauufers eine Stätte derjenigen italischen Zivilisation
+geworden, welche mit der Lagerordnung sich vertrug. Seitdem sind hier
+auch bürgerliche Ansiedlungen entstanden, namentlich an der Donau
+selbst zwischen den großen Standlagern die nach italischem Muster
+eingerichteten Städte Ratiaria unweit Widin und Oescus am Einfluß der
+Iskra in die Donau, und allmählich näherte sich die Landschaft dem
+Niveau der damals noch bestehenden, freilich in sich verfallenden
+römischen Kultur. Für den Wegebau in Untermösien sind seit Hadrian, von
+dem die ältesten bisher daselbst gefundenen Meilensteine herrühren, die
+Regenten vielfach tätig gewesen.
+
+——————————————————————————-
+
+^6 Es ist eine der empfindlichsten Lücken der römischen
+Kaisergeschichte, daß die Standlager der beiden Legionen, welche unter
+den Julisch-Claudischen Kaisern die Besatzung von Mösien bildeten, der
+4. Scythica und der 5. Macedonica (wenigstens standen diese dort im
+Jahre 33: CIL III, 1698) sich bis jetzt nicht mit Sicherheit nachweisen
+lassen. Wahrscheinlich waren es Viminacium und Singidunum in dem
+späteren Obermösien. Unter den Legionslagern Niedermösiens, von denen
+namentlich das von Troesmis zahlreiche Monumente aufzuweisen hat,
+scheint keines älter zu sein als Hadrian; die Überreste der
+obermösischen sind bis jetzt so sparsam, daß sie wenigstens nicht
+hindern, deren Entstehung ein Jahrhundert weiter zurück zu legen. Wenn
+der König von Thrakien im Jahre 18 gegen Bastarner und Skythen rüstet
+(Tac. ann. 2, 65), so hätte dies auch als Vorwand nicht geltend gemacht
+werden können, wenn niedermösische Legionslager schon damals bestanden
+hätten. Eben diese Erzählung zeigt, daß die Kriegsmacht dieses
+Lehnsfürsten nicht unbedeutend war, und die Beseitigung eines
+unfügsamen Königs von Thrakien Vorsicht erheischte.
+
+——————————————————————————-
+
+Wenden wir uns von der Übersicht der römischen Herrschaft, wie sie seit
+Augustus in den Ländern am rechten Ufer der Donau sich gestaltet hatte,
+zu den Verhältnissen und den Anwohnern des linken, so ist, was über die
+westliche Landschaft zu bemerken wäre, im wesentlichen schon bei der
+Schilderung Obergermaniens zur Sprache gekommen und namentlich
+hervorgehoben worden, daß die zunächst an Rätien angrenzenden Germanen,
+die Hermunduren, unter den sämtlichen Nachbarn der Römer die
+friedfertigsten gewesen und, soviel uns bekannt, niemals mit denselben
+in Konflikt geraten sind.
+
+Daß das Volk der Markomannen oder, wie die Römer sie in früherer Zeit
+gewöhnlich nennen, der Sueben, nachdem es in augustischer Zeit in dem
+alten Boierland, dem heutigen Böhmen, neue Sitze gefunden und durch den
+König Maroboduus eine festere staatliche Organisation sich gegeben
+hatte, während der römisch-germanischen Kriege zwar Zuschauer blieb,
+aber doch durch die Dazwischenkunft der rheinischen Germanen vor der
+drohenden römischen Invasion bewahrt ward, ist bereits erzählt worden;
+nicht minder, daß der Rückschlag des abermaligen Abbruchs der römischen
+Offensive am Rhein diesen allzu neutralen Staat über den Haufen warf.
+Die Vormachtstellung, welche die Markomannen unter Maroboduus über die
+entfernteren Völker im Elbegebiet gewonnen hatten, ging damit verloren,
+und der König selbst ist als vertriebener Mann auf römischer Erde
+gestorben. Die Markomannen und ihre stammverwandten östlichen Nachbarn,
+die Quaden in Mähren, gerieten insofern in römische Klientel, als hier,
+ungefähr wie in Armenien, die um die Herrschaft streitenden
+Prätendenten sich teilweise auf die Römer stützten und diese das
+Belehnungsrecht in Anspruch nahmen und je nach Umständen auch ausübten.
+Der Gotonenfürst Catualda, der zunächst den Maroboduus gestürzt hatte,
+konnte als dessen Nachfolger sich nicht lange behaupten, zumal da der
+König der benachbarten Hermunduren, Vibilius, gegen ihn eintrat; auch
+er mußte auf römisches Gebiet übertreten und, gleich Maroboduus, die
+kaiserliche Gnade anrufen. Tiberius bewirkte dann, daß ein vornehmer
+Quade, Vannius, an seine Stelle kam; dem zahlreichen Gefolge der beiden
+verbannten Könige, das auf dem rechten Donauufer nicht bleiben durfte,
+verschaffte Tiberius Sitze auf dem linken im Marchtal ^7 und dem
+Vannius die Anerkennung von Seiten der mit Rom befreundeten
+Hermunduren. Nach dreißigjähriger Herrschaft wurde dieser im Jahre 50
+gestürzt durch seine beiden Schwestersöhne Vangio und Sido, die sich
+gegen ihn auflehnten und die Nachbarvölker, die Hermunduren im
+Fränkischen, die Lugier in Schlesien, für sich gewannen. Die römische
+Regierung, die Vannius um Unterstützung anging, blieb der Politik des
+Tiberius getreu: sie gewährte dem gestürzten König das Asylrecht,
+intervenierte aber nicht, da zumal die Nachfolger, die das Gebiet unter
+sich teilten, bereitwillig die römische Oberherrschaft anerkannten. Der
+neue Suebenfürst Sido und sein Mitherrscher Italicus, vielleicht der
+Nachfolger Vangios, fochten in der Schlacht, die zwischen Vitellius und
+Vespasian entschied, mit der römischen Donauarmee auf der Seite der
+Flavianer. In den großen Krisen der römischen Herrschaft an der Donau
+unter Domitian und Marcus werden wir ihren Nachfolgern wieder begegnen.
+Zum Römischen Reich haben die Donausueben nicht gehört; die
+wahrscheinlich von denselben geschlagenen Münzen zeigen wohl
+lateinische Aufschriften, aber nicht römischen Fuß, geschweige denn das
+Bildnis des Kaisers; eigentliche Abgaben und Aushebungen für Rom haben
+hier nicht stattgefunden. Aber in dem Machtbereich Roms ist, namentlich
+im ersten Jahrhundert, der Suebenstaat in Böhmen und Mähren
+einbegriffen gewesen und, wie schon bemerkt ward, ist dies auch auf die
+Aufstellung der römischen Grenzwacht nicht ohne Einfluß geblieben.
+
+———————————————————————————
+
+^7 Daß das regnum Vannianum (Plin. nat. 4, 12, 81), der Suebenstaat
+(Tac. ann. 12, 29; hist. 3, 5 u. 21) nicht bloß, wie es nach Tacitus
+ann. 2, 63 scheinen könnte, auf die Wohnsitze der mit Maroboduus und
+Catualda übergetretenen Leute, sondern auf das ganze Gebiet der
+Markomannen und Quaden bezogen werden muß, zeigt deutlich der zweite
+Bericht ann. 12, 29 u. 30, da hier als Gegner des Vannius neben seinen
+eigenen insurgierten Untertanen die westlich und nördlich an Böhmen
+angrenzenden Völker, die Hermunduren und Lugier, erscheinen. Als Grenze
+gegen Osten bezeichnet Plinius (a. a. O.) die Gegend von Carnuntum
+(Germanorum ibi confinium), genauer den Fluß Marus oder Duria, der die
+Sueben und das regnum Vannianum von ihren östlichen Nachbarn scheidet,
+mag man nun das dirimens eos mit Müllenhoff (SB Berlin 1883, S. 871)
+auf die Jazygen oder, was näher liegt, auf die Bastarner beziehen.
+Sachlich grenzten wohl beide, die Jazygen südlich, die Bastarner
+nördlich, mit den Quaden des Marchtals. Demnach ist der Marus die March
+und die Scheide machen die zwischen dem March- und dem Waagtal sich
+erstreckenden kleinen Karpaten. Wenn also jene Gefolgschaften inter
+flumen Marum et Cusum angesiedelt werden, so ist der sonst nicht
+genannte Cusus, falls die Angabe genau ist, nicht die Waag oder gar,
+wie Müllenhoff meinte, die, unterhalb Gran in die Donau fallende Eipel,
+sondern ein Zufluß der Donau westlich der March, etwa der Gusen bei
+Linz. Auch fordert die Erzählung bei Tacitus (ann. 12, 29 u. 30), daß
+das Gebiet des Vannius westlich noch über die March hinausgereicht hat.
+Die Subskription unter dem ersten Buch der Betrachtungen des Kaisers
+Marcus εν Κουάδοις πρός τώ Γρανοία beweist wohl, daß damals der
+Quadenstaat sich bis zum Granfluß erstreckte; aber dieser Staat deckt
+sich nicht mit dem regnum Vannianum.
+
+———————————————————————————
+
+In der Ebene zwischen Donau und Theiß, ostwärts von dem römischen
+Pannonien, hat zwischen dieses und die thrakischen Daker sich ein
+Splitter geschoben des wahrscheinlich zum medisch-persischen Stamm
+gehörigen Volkes der Sarmaten, das, nomadisch lebend als Hirten- und
+Reitervolk, die weite osteuropäische Ebene zum großen Teil füllte; es
+sind dies die Jazygen, die “ausgewanderten” (μετανάσται) genannt zum
+Unterschied von dem am Schwarzen Meer zurückgebliebenen Hauptstamm. Die
+Benennung zeigt, daß sie erst verhältnismäßig spät in diese Gegenden
+vorgedrungen sind; vielleicht gehört ihre Einwanderung mit zu den
+Stößen, unter denen um die Zeit der Actischen Schlacht das Dakerreich
+des Burebista zusammenbrach. Uns begegnen sie hier zuerst unter Kaiser
+Claudius; dem Suebenkönig Vannius stellten die Jazygen für seine Kriege
+die Reiterei. Die römische Regierung war auf der Hut vor den flinken
+und räuberischen Reiterscharen, stand aber übrigens zu ihnen nicht in
+feindlichen Beziehungen. Als die Donaulegionen im Jahre 70 nach Italien
+marschierten, um Vespasian auf den Thron zu setzen, lehnten sie den von
+den Jazygen angebotenen Reiterzuzug ab und führten nur in schicklicher
+Form eine Anzahl der Vornehmsten mit sich, damit diese inzwischen für
+die Ruhe an der entblößten Grenze bürgten.
+
+Ernstlicher und dauernder Wacht bedurfte es weiter abwärts an der
+unteren Donau. Jenseits des mächtigen Stromes, der jetzt des Reiches
+Grenze war, saßen hier in den Ebenen der Walachei und dem heutigen
+Siebenbürgen die Daker, in dem östlichen Flachland, in der Moldau,
+Bessarabien und weiter hin zunächst die germanischen Bastarner, alsdann
+sarmatische Stämme, wie die Roxolaner, ein Reitervolk gleich den
+Jazygen, anfänglich zwischen Dnjepr und Don, dann am Meerufer entlang
+vorrückend. In den ersten Jahren des Tiberius verstärkte der Lehnsfürst
+von Thrakien seine Truppen, um die Bastarner und Skythen abzuwehren; in
+Tiberius’ späteren Jahren wurde unter anderen Beweisen seines mehr und
+mehr alles gehen lassenden Regiments geltend gemacht, daß er die
+Einfälle der Daker und der Sarmaten ungestraft hinnehme. Wie es in den
+letzten Jahren Neros diesseits und jenseits der Donaumündung zuging,
+zeigt ungefähr der zufällig erhaltene Bericht des damaligen
+Statthalters von Mösien, Tiberius Plautius Silvanus Aelianus. Dieser
+“führte über 100000 jenseits der Donau wohnhafte Männer mit ihren
+Weibern und Kindern und ihren Fürsten oder Königen über den Fluß, so
+daß sie der Steuerentrichtung unterlagen. Eine Bewegung der Sarmaten
+unterdrückte er, bevor sie zum Ausbruch kam, obwohl er einen großen
+Teil seiner Truppen zur Kriegführung in Armenien (an Corbulo) abgegeben
+hatte. Eine Anzahl bis dahin unbekannter oder mit den Römern in Fehde
+stehender Könige führte er über auf das römische Ufer und nötigte sie,
+vor den römischen Feldzeichen den Fußfall zu tun. Den Königen der
+Bastarner und der Roxolaner sandte er die gefangenen oder den Feinden
+wieder abgenommenen Söhne, denen der Daker die gefangenen Brüder zurück
+^8 und nahm von mehreren derselben Geiseln. Dadurch wurde der
+Friedensstand der Provinz sowohl befestigt wie weiter erstreckt. Auch
+den König der Skythen bestimmte er, abzustehen von der Belagerung der
+Stadt Chersonesos (Sevastopol) jenseits des Borysthenes. Es war der
+erste, der durch große Getreidesendungen aus dieser Provinz das Brot in
+Rom wohlfeiler machte”. Man erkennt hier deutlich sowohl den unter der
+Julisch-Claudischen Dynastie am linken Donauufer gärenden
+Völkerstrudel, wie auch den starken Arm der Reichsgewalt, der selbst
+über den Strom hinüber die Griechenstädte am Dnjepr und in der Krim
+noch zu schützen suchte und einigermaßen auch zu schützen vermochte,
+wie dies bei der Darstellung der griechischen Verhältnisse weiter
+dargelegt werden wird.
+
+———————————————————-
+
+^8 Regibus Bastarnarum et Roxolanorum filios, Dacorum fratrum captos
+aut hostibus ereptos remisit (Orelli 750) ist verschrieben; es muß
+Fratres heißen oder allenfalls fratrum filios. Ebenso ist nachher per
+quaezu lesen für per quem und rege statt regem.
+
+———————————————————-
+
+Indes die Streitkräfte, über welche Rom hier verfügte, waren mehr als
+unzulänglich. Die geringfügige Besatzung Kleinasiens und die ebenfalls
+geringe Flotte auf dem Schwarzen Meer kamen höchstens für die
+griechischen Anwohner der nördlichen und der westlichen Küste desselben
+in Betracht. Dem Statthalter von Mösien, der mit seinen beiden Legionen
+das Donauufer von Belgrad bis zur Mündung zu schirmen hatte, war eine
+sehr schwierige Aufgabe gestellt; und die Beihilfe der wenig botmäßigen
+Thraker war unter Umständen eine Gefahr mehr. Insbesondere nach der
+Mündung der Donau zu mangelte ein genügendes Bollwerk gegen die hier
+mit steigender Wucht andrängenden Barbaren. Der zweimalige Abzug der
+Donaulegionen nach Italien in den Wirren nach Neros Tod rief mehr noch
+an der Donaumündung als am Unterrhein Einfälle der Nachbarvölker
+hervor, zuerst der Roxolaner, dann der Daker, dann der Sarmaten, das
+heißt wohl der Jazygen. Es waren schwere Kämpfe; in einem dieser
+Gefechte, wie es scheint gegen die Jazygen, blieb der tapfere
+Statthalter von Mösien, Gaius Fonteius Agrippa. Dennoch schritt
+Vespasian nicht zu einer Vermehrung der Donauarmee ^9; die
+Notwendigkeit, die asiatischen Garnisonen zu verstärken, muß noch
+dringender erschienen sein und die damals besonders gebotene
+Sparsamkeit verbot jede Erhöhung der Gesamtarmee. Er begnügte sich, wie
+es die Befriedung des Binnenlandes erlaubte und die an der Grenze
+bestehenden Verhältnisse sowie die durch die Einziehung Thrakiens
+herbeigeführte Auflösung der thrakischen Truppen gebieterisch
+verlangten, die großen Lager der Donauarmee an die Reichsgrenze
+vorzuschieben. So kamen die pannonischen von der Drau weg dem
+Suebenreich gegenüber nach Carnuntum und Vindobona und die dalmatischen
+von der Kerka und der Cettina an die mösischen Donauufer ^10, so daß
+der Statthalter von Mösien seitdem über die doppelte Zahl von Legionen
+verfügte.
+
+—————————————————————
+
+^9 In Pannonien standen um das Jahr 70 zwei Legionen, die 13. gemina
+und die 15. Apollinaris, für welche letztere während ihrer Beteiligung
+am Armenischen Krieg einige Zeit die 7. gemina eintrat (CIL III, p.
+482). Von den beiden später hinzugetretenen Legionen, 1. adiutrix und
+2. adiutrix, lag die erste noch im Anfang der Regierung Traians in
+Obergermanien und kann erst unter diesem nach Pannonien gekommen sein;
+die zweite unter Vespasian in Britannien stationierte ist
+wahrscheinlich erst unter Domitian nach Pannonien gekommen. Auch das
+mösische Heer zählte nach der Vereinigung mit dem dalmatischen unter
+Vespasian wahrscheinlich nur vier Legionen, also soviel wie bisher
+beide Heere zusammen, die späteren obermösischen 4. Flavia und 7.
+Claudia und die späteren untermösischen 1. Italica und 5. Macedonica.
+Die durch die Hin- und Hermärsche des Vierkaiserjahres verschobenen
+Stellungen (Marquardt, Römische Staatsverwaltung, Bd. 2, S. 435),
+welche zeitweilig drei Legionen nach Mösien brachten, dürfen nicht
+täuschen. Die spätere dritte untermösische Legion, die 11., stand noch
+unter Traian in Obergermanien.
+
+^10 Ios. bel. Iud. 7, 4, 3: πλείοσι καί μείζοσι φυλακαίς τόν τόπον
+διέλαβεν, ως είναι τοίς βαρβάροιςτήν διάβασιν τελέως αδύνατον. Damit
+scheint die Verlegung der beiden dalmatischen Legionen nach Mφsien
+gemeint. Wohin sie gelegt wurden, wissen wir nicht. Nach der sonstigen
+römischen Weise ist es wahrscheinlicher, daß sie in dem Umkreis des
+bisherigen Hauptquartiers Viminacium stationiert worden sind als in der
+entfernten Gegend der Donaumündungen. Die Entstehung der dortigen Lager
+ist wohl erst erfolgt bei der Teilung des mösischen Kommandos und bei
+Einrichtung der selbständigen Provinz Untermösien unter Domitian.
+
+————————————————————
+
+Eine Verschiebung der Machtverhältnisse zu Ungunsten Roms trat unter
+Domitian ein ^11, oder es wurden vielmehr damals die Konsequenzen der
+ungenügenden Grenzverteidigung gezogen. Nach dem wenigen, was wir
+darüber wissen, knüpfte die Wandlung der Dinge, ganz wie die gleiche in
+Caesars Zeit, an einen einzelnen dakischen Mann an; was König Burebista
+geplant hatte, schien König Decebalus ausführen zu sollen. Wie sehr in
+seiner Persönlichkeit die eigentliche Triebfeder lag, beweist die
+Erzählung, daß der Dakerkönig Duras, um den rechten Mann an die rechte
+Stelle zu bringen, zu Gunsten des Decebalus von seinem Amt zurücktrat.
+Daß Decebalus, um zu schlagen, vor allem organisierte, beweisen die
+Berichte über seine Einführung der römischen Disziplin bei der
+dakischen Armee und die Anwerbung tüchtiger Leute unter den Römern
+selbst, und selbst die nach dem Siege von ihm den Römern gestellte
+Bedingung, ihm zur Unterweisung der Seinigen in den Handwerken des
+Friedens wie des Krieges die nötigen Arbeiter zu liefern. In welchem
+großen Stil er sein Werk ergriff, beweisen die Verbindungen, die er
+nach Westen und Osten anknüpfte, mit den Sueben und den Jazygen und
+sogar mit den Parthern. Die Angreifenden waren die Daker. Der
+Statthalter der Provinz Mösien, der ihnen zuerst entgegentrat, Oppius
+Sabinus, ließ sein Leben auf dem Schlachtfelde. Eine Reihe kleinerer
+Lager wurde erobert, die großen bedroht, der Besitz der Provinz selbst
+stand in Frage. Domitianus selbst begab sich zu der Armee und sein
+Stellvertreter - er selbst war kein Feldherr und blieb zurück -, der
+Gardekommandant Cornelias Fuscus, führte das Heer über die Donau; aber
+er büßte das unbedachte Vorgehen mit einer schweren Niederlage, und
+auch er, der zweite Höchstkommandierende, blieb vor dem Feind. Sein
+Nachfolger Iulianus, ein tüchtiger Offizier, schlug die Daker in ihrem
+eigenen Gebiet in einer großen Schlacht bei Tapae und war auf dem Wege,
+dauernde Erfolge zu erreichen. Aber während der Kampf gegen die Daker
+schwebte, hatte Domitianus die Sueben und die Jazygen mit Krieg
+überzogen, weil sie es unterlassen hatten, ihm Zuzug gegen jene zu
+senden; die Boten, die dies zu entschuldigen kamen, ließ er hinrichten
+^12. Auch hier verfolgte das Mißgeschick die römischen Waffen. Die
+Markomannen erfochten einen Sieg über den Kaiser selbst; eine ganze
+Legion ward von den Jazygen umzingelt und niedergehauen. Durch diese
+Niederlage erschüttert, schloß Domitian trotz der von Iulianus über die
+Daker gewonnenen Vorteile mit diesen voreilig einen Frieden, der ihn
+zwar nicht hinderte, dem Vertreter des Decebalus in Rom, Diegis, gleich
+als wäre dieser Lehnsträger der Römer, die Krone zu verleihen und als
+Sieger auf das Kapitol zu ziehen, der aber in Wirklichkeit einer
+Kapitulation gleich kam. Wozu Decebalus bei dem Einrücken des römischen
+Heeres in Dakien sich höhnisch erboten hatte, jeden Mann, für den ihm
+eine jährliche Zahlung von 2 Assen zugesichert werde, ungeschädigt nach
+Hause zu entlassen, das wurde beinahe wahr; in dem Frieden wurden mit
+einer jährlich zu entrichtenden Abstandssumme die Einfälle in Mösien
+abgekauft.
+
+————————————————————
+
+^11 Die Chronologie des dakischen Krieges liegt sehr im Ungewissen. Daß
+er bereits vor dem Chattenkrieg (83) begonnen hat, lehrt die
+karthagische Inschrift CIL VIII, 1082 eines dreimal von Domitian, im
+dakischen, im germanischen und wieder im dakischen Kriege dekorierten
+Soldaten. Eusebius setzt den Ausbruch des Krieges oder vielmehr den
+ersten großen Kampf in das Jahr Abrahams 2101 oder 2102 = n. Chr. 85
+(genauer 1. Oktober 84-30. September 85) oder 86, den Triumph in das
+Jahr 2106 = 90; auf völlige Zuverlässigkeit haben diese Zahlen freilich
+keinen Anspruch. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird der Triumph in das
+Jahr 89 gesetzt (W. Henzen, Acta fratrum Arvalium. Berlin 1874, S.
+116).
+
+^12 Das Fragment Dio 67, 7, 1 Dind. steht in der Folge der Ursinischen
+Exzerpte vor 67, 5, 1 bis 3 und gehört auch nach der Folge der
+Ereignisse vor die Verhandlung mit den Lugiern. Vgl. Hermes 3, 1868, S.
+115.
+
+————————————————————
+
+Hier mußte Wandel geschafft werden. Auf Domitian, der wohl ein guter
+Reichsverwalter, aber stumpf für die Forderungen der militärischen Ehre
+war, folgte nach dem kurzen Regiment Nervas Kaiser Traianus, der,
+zuerst und vor allem Soldat, nicht bloß jenen Vertrag zerriß, sondern
+auch die Maßregeln danach traf, daß ähnliche Dinge sich nicht
+wiederholten. Der Krieg gegen die Sueben und Sarmaten, der bei
+Domitians Tod (96) noch dauerte, ward, wie es scheint, unter Nerva im
+Jahre 97 glücklich beendigt. Der neue Kaiser ging, noch bevor er in die
+Hauptstadt des Reiches seinen Einzug hielt, vom Rhein an die Donau, wo
+er im Winter 98/99 verweilte, aber nicht, um sofort die Daker
+anzugreifen, sondern um den Krieg vorzubereiten; in diese Zeit gehört
+die an die Straßenbauten in Obergermanien anschließende Anlage der am
+rechten Donauufer, in der Gegend von Orsowa, im Jahre 100 vollendeten
+Straße. Zum Kriege gegen die Daker, in dem er wie in allen seinen
+Feldzügen selbst kommandierte, ging er erst im Frühjahr 101 ab. Er
+überschritt die Donau unterhalb Viminacium und rückte gegen die nicht
+weit davon entfernte Hauptstadt des Königs Sarmizegetusa vor. Decebalus
+mit seinen Verbündeten - die Barer und andere nordwärts wohnende Stämme
+beteiligten sich an diesem Kampf - leistete entschlossenen Widerstand,
+und nur mit heftigen und blutigen Gefechten bahnten die Römer sich den
+Weg; die Zahl der Verwundeten war so groß, daß der Kaiser seine eigene
+Garderobe den Ärzten zur Verfügung stellte. Aber der Sieg schwankte
+nicht. Eine feste Burg nach der anderen fiel; die Schwester des Königs,
+die Gefangenen aus dem vorigen Krieg, die den Heeren Domitians
+abgenommenen Feldzeichen fielen den Römern in die Hände; durch Traianus
+selbst und durch den tapferen Lusius Quietus in die Mitte genommen,
+blieb dem König nichts übrig als vollständige Ergebung (102). Auch
+verlangte Traianus nichts geringeres als den Verzicht auf die souveräne
+Gewalt und den Eintritt des Dakischen Reiches in die römische Klientel.
+Die Überläufer, die Waffen, die Kriegsmaschinen, die einst für diese
+von Rom gestellten Arbeiter maßten abgeliefert werden und der König
+persönlich vor dem Sieger den Fußfall tun; er begab sich des Rechts auf
+Krieg und Frieden und versprach die Heerfolge; die Festungen wurden
+entweder geschleift oder den Römern ausgeliefert und in diesen, vor
+allem in der Hauptstadt, blieb römische Besatzung. Die mächtige
+steinerne Brücke, die Traian bei Drobetae (gegenüber Turnu Severinului)
+über die Donau schlagen ließ, stellte die Verbindung auch in der
+schlimmen Jahreszeit sicher und gab den dakischen Besatzungen an den
+nahen Legionen Obermösiens einen Rückhalt. Aber die dakische Nation und
+vor allem der König selbst wußten sich in die Abhängigkeit nicht so zu
+fügen, wie es die Könige von Kappadokien und Mauretanien verstanden
+hatten, oder hatten vielmehr das Joch nur auf sich genommen in der
+Hoffnung, bei erster Gelegenheit sich desselben wieder zu entledigen.
+Die Anzeichen dafür traten bald hervor. Ein Teil der auszuliefernden
+Waffen wurde zurückgehalten, die Kastelle nicht, wie es bedungen war,
+übergeben, römischen Überläufern auch ferner noch eine Freistatt
+gewährt, den mit den Dakern verfeindeten Jazygen Gebietsstücke
+entrissen oder vielleicht auch nur deren Grenzverletzungen nicht
+hingenommen, mit den entfernteren, noch freien Nationen ein lebhafter
+und bedenklicher Verkehr unterhalten. Traianus mußte sich überzeugen,
+daß er halbe Arbeit gemacht, und kurz entschlossen, wie er war,
+erklärte er, ohne auf weitere Verhandlungen sich einzulassen, drei
+Jahre nach dem Friedensschluß (105) dem König abermals den Krieg. Gern
+hätte dieser ihn abgewandt; aber die Forderung, sich gefangen zu geben,
+sprach allzu deutlich. Es blieb nichts als der Kampf der Verzweiflung,
+und dazu waren nicht alle bereit; ein großer Teil der Daker unterwarf
+sich ohne Gegenwehr. Der Aufruf an die Nachbarvölker, in die Abwehr für
+die auch ihrer Freiheit und ihrem Volkstum drohende Gefahr mit
+einzutreten, verhallte ohne Wirkung; Decebalus und die ihm
+treugebliebenen Daker standen in diesem Krieg allein. Die Versuche, den
+kaiserlichen Feldherrn durch Überläufer aus dem Wege zu schaffen, oder
+mit der Losgebung eines gefangengenommenen hohen Offiziers erträgliche
+Bedingungen zu erkaufen, scheiterten ebenfalls. Der Kaiser zog abermals
+als Sieger in die feindliche Hauptstadt ein und Decebalus, der bis zum
+letzten Augenblick mit dem Verhängnis gerungen hatte, gab, als alles
+verloren war, sich selber den Tod (107). Diesmal machte Traianus ein
+Ende; der Krieg galt nicht mehr der Freiheit des Volkes, sondern seiner
+Existenz. Aus dem besten Teile des Landes wurde die eingeborene
+Bevölkerung ausgetrieben und diese Striche mit einer, für die Bergwerke
+aus den Gebirgen Dalmatiens, sonst überwiegend, wie es scheint, aus
+Kleinasien herangezogenen nationslosen Bevölkerung wiederbesetzt. In
+manchen Gegenden freilich blieb dennoch die alte Bevölkerung und
+behauptete sich sogar die Landessprache ^13; diese Daker sowohl wie die
+außerhalb der Grenzen hausenden Splitter haben auch nachher noch, zum
+Beispiel unter Commodus und Maximinus, den Römern zu schaffen gemacht;
+aber sie standen vereinzelt und verkamen. Die Gefahr, mit der der
+kräftige Thrakerstamm mehrmals die römische Herrschaft bedroht hatte,
+durfte nicht wiederkehren, und dies Ziel hat Traianus erreicht. Das
+traianische Rom war nicht mehr das der hannibalischen Zeit; aber es war
+immer noch gefährlich, die Römer besiegt zu haben.
+
+—————————————————————————-
+
+^13 Arr. takt. 44 erwähnt unter den Änderungen, die Hadrian bei der
+Kavallerie einführte, daß er den einzelnen Abteilungen ihre nationalen
+Schlachtrufe gestattet habe, Κελτικούς μέν τοίς Κελτοίς ιππεύσιν,
+Γετικούς δέ τοίς Γέταις, Ραίτικους δέ όσοι εκ Ραίτων.
+
+—————————————————————————-
+
+Die stattliche Säule, welche sechs Jahre darauf dem Kaiser von dem
+Reichssenat auf dem neuen Traiansmarkt der Hauptstadt errichtet ward
+und die ihn heute noch schmückt, ist ein Zeugnis der verwüsteten
+Geschichtsüberlieferung der römischen Kaiserzeit, wie wir kein zweites
+besitzen. In ihrer ganzen Höhe von genau 100 römischen Fuß ist sie
+bedeckt mit einzelnen Darstellungen - man zählt deren 124; ein
+gemeißeltes Bilderbuch der dakischen Kriege, zu welchem uns fast
+überall der Text fehlt. Wir sehen die Wachttürme der Römer mit ihrem
+spitzen Dach, ihrem pallisadierten Hof, ihrem oberen Umgang, ihren
+Feuersignalen. Die Stadt am Ufer des Donaustroms, dessen Flußgott den
+römischen Kriegern zuschaut, wie sie unter ihren Feldzeichen auf der
+Schiffbrücke entlangziehen. Den Kaiser selbst im Kriegsrat, dann vor
+den Wällen des Lagers am Altar opfernd. Es wird erzählt, daß die den
+Dakern verbündeten Burer den Traian vom Kriege abmahnten in einem
+lateinischen, auf einen gewaltigen Pilz geschriebenen Spruch: man
+meint, diesen Pilz zu erkennen, auf ein Saumtier geladen, von dem
+gestürzt ein Barbar mit der Keule, auf dem Boden liegend, dem
+heranschreitenden Kaiser mit dem Finger den Pilz weist. Wir sehen das
+Lager schlagen, die Bäume fällen, Wasser holen, die Brücke legen. Die
+ersten gefangenen Daker, leicht kenntlich an ihren langärmligen Kitteln
+und ihren weiten Hosen, werden, die Hände auf den Rücken gebunden und
+an ihrem langen Haarbusch von den Soldaten gefaßt, vor den Kaiser
+geführt. Wir sehen die Gefechte, die Speer- und Steinschleuderer, die
+Sichelträger, die Bogenschützen zu Fuß, die auch den Bogen führenden
+schweren Panzerreiter, die Drachenfahne der Daker, die feindlichen
+Offiziere, geschmückt mit dem Zeichen ihres Ranges, der runden Mütze,
+den Fichtenwald, in den die Daker ihre Verwundeten tragen, die
+abgehauenen Köpfe der Barbaren, vor dem Kaiser niedergelegt. Wir sehen
+das dakische Pfahldorf mitten im See, in dessen runde Hütten mit
+spitzem Dach die Brandfackeln fliegen. Frauen und Kinder flehen den
+Kaiser um Gnade an. Die Verwundeten werden gepflegt und verbunden,
+Ehrenzeichen an Offiziere und Soldaten ausgeteilt. Dann geht es weiter
+im Kampf: die feindlichen Verschanzungen, teils von Holz, teils
+Steinmauern, werden angegriffen, das Belagerungsgeschütz fährt auf, die
+Leitern werden herangetragen, unter dem Schilderdach greift die
+Sturmkolonne an. Endlich liegt der König mit seinem Gefolge zu den
+Füßen Traians; die Drachenfahnen sind in Römerhand; die Truppen
+begrüßen jubelnd den Imperator; vor den aufgetürmten Waffen der Feinde
+steht die Victoria und beschreibt die Tafel des Sieges.. Es folgen die
+Bilder des zweiten Krieges, im ganzen der ersten Reihe gleichartig;
+bemerkenswert ist eine große Darstellung, welche, nachdem die
+Königsburg in Flammen aufgegangen ist, die Fürsten der Daker zu zeigen
+scheint, sitzend um einen Kessel und einer nach dem andern den
+Giftbecher leerend; eine andere, wo des tapferen Dakerkönigs Haupt auf
+einer Schüssel dem Kaiser gebracht wird; endlich das Schlußbild, die
+lange Reihe der Besiegten mit Frauen, Kindern und Herden aus der Heimat
+abziehend. Die Geschichte dieses Krieges hat der Kaiser selbst
+geschrieben, wie Friedrich der Große die des Siebenjährigen, und nach
+ihm viele andere; uns ist alles dies verloren, und wie niemand es wagen
+würde, nach Menzels Bildern die Geschichte des Siebenjährigen Krieges
+zu erfinden, so bleibt auch uns nur mit dem Einblick in halb
+verständliche Einzelheiten die schmerzliche Empfindung einer bewegten
+und großen, auf ewig verblaßten und selbst für die Erinnerung
+vergangenen geschichtlichen Katastrophe.
+
+Die Grenzverteidigung im Donaugebiet wurde infolge der Verwandlung
+Dakiens in eine römische Provinz nicht in dem Grade verschoben, wie man
+wohl erwarten sollte; eine eigentliche Veränderung der
+Verteidigungslinie trat nicht ein, sondern es wurde die neue Provinz im
+ganzen als eine exzentrische Position behandelt, die nur nach Süden
+hin, an der Donau selbst, unmittelbar mit dem römischen Gebiet
+zusammenhing, nach den anderen drei Seiten in das barbarische Land
+hineinragte. Die zwischen Pannonien und Dakien sich erstreckende
+Theißebene blieb auch ferner den Jazygen; es haben sich wohl Reste
+alter Wälle gefunden, die von der Donau über die Theiß weg bis an das
+dakische Gebirge führen und das Jazygengebiet nördlich begrenzen, aber
+über die Zeit und die Urheber dieser Verschanzungen ist nichts Sicheres
+ermittelt. Auch Bessarabien wird von einer doppelten Sperrlinie
+durchschnitten, welche, vom Prut zum Dnjestr laufend, bei Tyra endigt,
+und nach den darüber bis jetzt vorliegenden, ungenügenden Berichten von
+den Römern herzurühren scheint ^14. Ist dies der Fall, so sind die
+Moldau und die südliche Hälfte von Bessarabien sowie die gesamte
+Walachei dem Römischen Reich einverleibt gewesen. Aber mag dies auch
+nominell geschehen sein, effektiv hat die Römerherrschaft sich
+schwerlich auf diese Länder erstreckt; wenigstens fehlt es an sicheren
+Beweisen römischer Ansiedlung bis jetzt sowohl in der östlichen
+Walachei wie in der Moldau und in Bessarabien völlig. Auf alle Fälle
+blieb hier viel mehr noch als in Germanien der Rhein die Donau die
+Grenze der römischen Zivilisation und der eigentliche Stützpunkt der
+Grenzverteidigung. Die Positionen an dieser wurden erheblich verstärkt.
+Es war ein Glücksfall für Rom, daß, während die Völkerbrandung an der
+Donau stieg, sie am Rhein sank und die dort entbehrlich gewordenen
+Truppen anderweitig verfügbar wurden. Wenn noch unter Vespasian
+wahrscheinlich nicht mehr als sechs Legionen an der Donau standen, so
+ist deren Zahl durch Domitianus und Traianus später auf zehn
+gesteigert, womit zusammenhängt, daß die bisherigen beiden
+Oberkommandanturen von Mösien und Pannonien, die erstere unter
+Domitian, die zweite unter Traian, geteilt wurden und, indem weiter die
+dakische hinzutrat, die Gesamtzahl der Kommandanturen an der unteren
+Donau sich auf fünf stellte. Anfänglich scheint man freilich die Ecke,
+welche dieser Strom unterhalb Durostorum (Silistria) macht, die heutige
+Dobrudscha, abgeschnitten und von dem heutigen Ort Rassowa an, wo der
+Fluß bis auf sieben deutsche Meilen sich dem Meere nähert, um dann fast
+im rechten Winkel nach Norden abzubiegen, die Flußlinie durch eine
+befestigte Straße nach Art der britannischen ersetzt zu haben, welche
+bei Tomis die Küste erreichte ^15. Indes diese Ecke ist wenigstens seit
+Hadrian in die römische Grenzbefestigung eingezogen worden; denn von da
+an finden wir Untermösien, das vor Traian wahrscheinlich gar keine
+größeren ständigen Besatzungen gehabt hatte, belegt mit den drei
+Legionslagern von Novae (bei Svischtova), Durostorum (Silistria) und
+Troesmis (Iglitza bei Galatz), von welchen das letzte eben jener
+Donauecke vorliegt. Gegen die Jazygen wurde die Stellung dadurch
+verstärkt, daß zu den obermösischen Lagern bei Singidunuum und
+Viminacium das unterpannonische an der Mündung der Theiß in die Donau
+bei Acumincum hinzutrat. Dakien selbst ist damals nur schwach besetzt
+worden. Die Hauptstadt, jetzt traianische Kolonie Sarmizegetusa, lag
+nicht weit von den Hauptübergängen über die Donau in Obermösien; hier
+und an dem mittleren Marisus sowie jenseits desselben, in dem Bezirk
+der Goldgruben, haben die Römer vorzugsweise sich ansässig gemacht;
+auch die eine seit Traian in Dakien garnisonierende Legion hat ihr
+Hauptquartier wenigstens bald nachher in dieser Gegend bei Apulum
+(Karlsburg) erhalten. Weiter nördlich sind Potaissa (Thorda) und Napoca
+(Klausenburg) wohl auch sofort von den Römern in Besitz genommen
+worden, aber erst allmählich schoben die großen pannonisch-dakischen
+Militärzentren sich weiter gegen Norden vor. Die Verlegung der
+unterpannonischen Legion von Acumincum nach Aquincum, dem heutigen
+Ofen, und die Okkupierung dieser militärisch beherrschenden Position
+fällt nicht später als Hadrian und wahrscheinlich unter ihn; wohl
+gleichzeitig ist die eine der oberpannonischen Legionen nach Brigetio
+(gegenüber Komorn) gekommen. Unter Commodus wurde an der Nordgrenze
+Dakiens in der Breite von einer deutschen Meile jede Ansiedelung
+untersagt, was mit den später zu erwähnenden Grenzordnungen nach dem
+Markomannenkrieg zusammenhängen wird. Damals mögen auch die befestigten
+Linien entstanden sein, welche diese Grenze, ähnlich wie die
+obergermanische, sperrten. Unter Severus kam eine der bisher
+niedermösischen Legionen an die dakische Nordgrenze nach Potaissa
+(Thorda). Aber auch nach diesen Verlegungen bleibt Dakien eine von
+Bergen und Schanzen gedeckte, vorgeschobene Stellung am linken Ufer,
+bei der es wohl zweifelhaft sein mochte, ob sie die allgemeine
+Defensivstellung der Römer mehr förderte oder mehr beschwerte.
+Hadrianus hat in der Tat daran gedacht, dies Gebiet aufzugeben, also
+dessen Einverleibung als einen Fehler betrachtet; nachdem sie einmal
+geschehen war, überwog allerdings die Rücksicht, wenn nicht auf die
+einträglichen Goldgruben des Landes, so doch auf die rasch sich
+entwickelnde römische Zivilisation im Marisusgebiet. Aber wenigstens
+den Oberbau der steinernen Donaubrücke ließ er entfernen, da ihm die
+Besorgnis vor der Benutzung derselben durch die Feinde schwerer wog als
+die Rücksicht auf die dakische Besatzung. Die spätere Zeit hat von
+dieser Ängstlichkeit sich freigemacht; aber die exzentrische Stellung
+Dakiens zu der übrigen Grenzverteidigung ist geblieben.
+
+————————————————————————
+
+^14 Die Wälle, welche 3 Meter hoch, 2 Meter dick, mit breitem
+Außengraben und vielen Resten von Kastellen in zwei fast parallelen
+Linien, teils in der Länge vor. 150 Kilometern vom linken Ufer des
+Pruth über Tabak und Tatarbunar zum Dnjestr-Liman zwischen Akerman und
+dem Schwarzen Meer, teils in der Länge von 100 Kilometern von Leowa am
+Pruth zum Dnjestr unterhalb Bendery ziehen (Petermanns Geographische
+Mittheilungen 1857, S. 129), mögen wohl auch römisch sein; aber es
+fehlt bis jetzt an jeder genaueren Feststellung.
+
+^15 Nach v. Vinckes Aufnahme (Monatsberichte über die Verhandlungen der
+Gesellschaft für Erdkunde in Berlin 1, 1839/40, S. 179 f.; vgl. in v.
+Moltkes Briefen über Zustände in der Türkei den vom 2. November 1837)
+sowie nach den mir mitgeteilten Aufzeichnungen und Plänen des Herrn Dr.
+C. Schuchhardt sind hier drei Sperrungen angelegt. Die südlichste,
+wahrscheinlich älteste, ist ein einfacher Erdwall mit (auffallender
+Weise) gegen Süden vorliegendem Graben; ob römischen Ursprungs, kann
+zweifelhaft sein. Die beiden anderen Linien sind ein jetzt noch
+vielfach bis 3 Meter hoher Erd- und ein niederigerer einst mit Steinen
+gefütterter Wall, die oft dicht nebeneinander her, anderswo wieder
+stundenweit voneinander entfernt laufen. Man möchte sie für die beiden
+Verteidigungslinien einer befestigten Straße halten, wenn auch in der
+östlichen Hälfte der Erdwall, in der südlicheren der Steinwall der
+nördlichere ist und sie in der Mitte sich kreuzen. An einer Stelle
+bildet der (hier südlichere) Erdwall die Hinterseite eines hinter dem
+Steinwall angelegten Kastells. Der Erdwall ist auf der Nordseite von
+einem tiefen, auf der Südseite von einem flachen Graben gedeckt; jeden
+Graben schließt ein Aufwurf ab. Dem Steinwall liegt auch nördlich ein
+Graben vor. Hinter dem Erdwall, und meist an ihn angelehnt, finden sich
+je 750 Meter voneinander entfernt Kastelle; andere in unregelmäßigen
+Entfernungen desgleichen hinter dem Steinwall. Alle Linien halten sich
+hinter den Karasu-Seen als der natürlichen Verteidigungsstütze; von da,
+wo diese aufhört, bis zum Meer sind sie mit geringer Rücksicht auf die
+Terrainverhältnisse geführt. Die Stadt Tomis liegt außerhalb des Walls
+und nördlich davon; es sind aber ihre Festungsmauern durch einen
+besonderen Wall mit der Sperrbefestigung in Verbindung gesetzt.
+
+————————————————————————-
+
+Die sechzig Jahre nach den Dakerkriegen Traians sind für die
+Donauländer eine Zeit des Friedens und der friedlichen Entwicklung
+gewesen. Ganz zur Ruhe kam es freilich, namentlich an den
+Donaumündungen, nie, und auch das bedenkliche Hilfsmittel von den
+angrenzenden, unruhigen Nachbarn, ähnlich wie es mit Decebalus
+geschehen war, durch Aussetzung jährlicher Gratiale die Grenzsicherheit
+zu erkaufen, ist ferner angewandt worden ^16; dennoch zeigen die Reste
+des Altertums eben in dieser Zeit überall das Aufblühen städtischen
+Lebens, und nicht wenige Gemeinden namentlich Pannoniens nennen als
+ihren Stifter Hadrian oder Pius. Aber auf diese Stille folgte ein
+Sturm, wie das Kaisertum noch keinen bestanden hatte, und der, obwohl
+eigentlich auch nur ein Grenzkrieg, durch seine Ausdehnung über eine
+Reihe von Provinzen und durch seine dreizehnjährige Dauer das Reich
+selbst erschütterte.
+
+————————————————————
+
+^16 Vita Hadriani 6: cum rege Roxolanorum qui de imminutis stipendiis
+querebatur cognito negotio pacem composuit.
+
+————————————————————
+
+Den nach den Markomannen benannten Krieg hat nicht eine einzelne
+Persönlichkeit vom Schlage des Hannibal und des Decebalus angefacht.
+Ebensowenig haben Übergriffe römischerseits diesen Krieg
+heraufbeschworen; Kaiser Pius verletzte keinen Nachbarn, weder den
+mächtigen, noch den geringen, und hielt den Frieden fast mehr als
+billig hoch. Das Reich des Maroboduus und des Vannius hatte sich
+seitdem, vielleicht infolge der Teilung unter Vangio und Sido, in das
+Königtum der Markomannen im heutigen Böhmen und das der Quaden in
+Mähren und Oberungarn geschieden. Konflikte mit den Römern scheinen
+hier nicht stattgefunden zu haben; das Lehnsverhältnis der
+Quadenfürsten wurde sogar unter Pius’ Regierung durch die erbetene
+Bestätigung in förmlicher Weise anerkannt. Völkerverschiebungen, die
+jenseits des römischen Horizonts liegen, sind die nächste Ursache des
+großen Krieges gewesen. Bald nach Pius’ Tode (161) erschienen Haufen
+von Germanen, namentlich Langobarden von der Elbe her, aber auch
+Markomannen und andere Mannschaften in Pannonien, es scheint, um neue
+Wohnsitze am rechten Ufer zu gewinnen. Gedrängt von den römischen
+Truppen, die ihnen entgegengeschickt wurden, entsandten sie den
+Markomannenfürsten Ballomarius und mit ihm je einen Vertreter der zehn
+beteiligten Stämme, um ihre Bitte um Landanweisung zu erneuern. Aber
+der Statthalter ließ es bei dem Bescheid und zwang sie, über die Donau
+zurückzugehen. Dies ist der Anfang des großen Donaukrieges ^17. Auch
+der Statthalter von Obergermanien, Gaius Aufidius Victorinus, der
+Schwiegersohn des literarisch bekannten Fronto, hatte bereits um das
+Jahr 162 einen Ansturm der Chatten abzuschlagen, welcher ebenfalls
+durch nachdrängende Völkerschaften von der Elbe her veranlaßt sein mag.
+Wäre gleich energisch eingeschritten worden, so hätte größerem Unheil
+vorgebeugt werden können. Aber eben damals hatte der Armenische Krieg
+begonnen, in den bald die Parther eintraten; wenn auch die Truppen
+nicht gerade von der bedrohten Grenze weg nach dem Osten geschickt
+wurden, wofür wenigstens keine Beweise vorliegen ^18, so fehlte es doch
+an Mannschaft, um den zweiten Krieg sofort energisch aufzunehmen. Dies
+Temporisieren hat sich schwer gerächt. Eben als in Rom über die Könige
+des Ostens triumphiert ward, brachen an der Donau die Chatten, die
+Markomannen, die Quaden, die Jazygen wie mit einem Schlag ein in das
+römische Gebiet. Rätien, Noricum, beide Pannonien, Dakien waren im
+selben Augenblick überschwemmt; im dakischen Grubendistrikt können noch
+wir die Spuren dieses Einbruchs verfolgen. Welche Verheerungen sie in
+diesen Landschaften, die seit langem keinen Feind gesehen hatten,
+damals anrichteten, zeigt die Tatsache, daß mehrere Jahre später die
+Quaden erst 13000, dann noch 50000, die Jazygen gar 100000 römische
+Gefangene zurückgaben. Es blieb nicht einmal bei der Schädigung der
+Provinzen. Es geschah, was seit drei Jahrhunderten nicht geschehen war
+und anfing als unmöglich zu gelten: die Barbaren durchbrachen den
+Alpenwall und fielen in Italien selbst ein; von Rätien aus zerstörten
+sie Opitergium (Oderzo), die Scharen von der Julischen Alpe berannten
+Aquileia ^19. Niederlagen einzelner römischer Armeekorps müssen
+mehrfach stattgefunden haben; wir erfahren nur, daß einer der
+Gardekommandanten, Victorinus, vor dem Feind blieb und die Reihen der
+römischen Heere sich in arger Weise lichteten.
+
+———————————————————————-
+
+^17 Vita Marci 14: gentibus quae pulsae a superioribus barbaris
+fugerant nisi reciperentur bellum ireferentibus. Dio bei Petrus
+Patricius fr. 6: Λαγγιβάρδων καί Οβίων (sonst unbekannt) εξακισχιλίων
+Ίστρων περαιωθέντων τών περί Βίνδικα (vielleicht schon damals praef.
+praetorio, in welchem Fall die Garde wegen dieses Vorganges
+ausmarschiert wäre) ιππέων εξελασάντων καί τών αμφί Κάνδιδον πεζών
+επιφθασάντων εις παντελή φυγήν οι βάρβαροι ετράποντο. εφ'οίσ ούτω
+πραχθήσιν εν δέει καταστάντες εκ πρώτησ επιχειρήςεως οι βάρβαροι
+πρέσβεις παρά Αίλιον Βάσσον τήν Παιονίαν διέποντα στέλλουσι Βαλλομάριόν
+τε τον βασιλέα Μαρκομάνων καί ετέρους δέκα, κατ' έθνος επιλεξάμενοι
+ένα. καί όρκοις τήν ειρήνην οι πρέσβεις πιστωσάμενοι οίκαδε χωρούσιν.
+Daß dieser Vorfall vor den Ausbruch des Krieges fällt, zeigt seine
+Stellung; fr. 7 des Patricius ist Exzerpt aus Dio 71, 11, 2.
+
+^18 Das mösische Heer gab Soldaten zum Armenischen Krieg ab (O.
+Hirschfeld, Archäologisch-epigraphische Mittheilungen 6, S. 41); aber
+hier war die Grenze nicht gefährdet.
+
+^19 Die Beteiligung der rechtsrheinischen Germanen bezeugt Dio 71, 3,
+und nur dadurch erklären sich die Maßregeln, die Marcus für Raetia und
+Noricum traf. Auch die Lage von Oderzo spricht dafür, daß diese
+Angreifer über den Brenner kamen.
+
+———————————————————————-
+
+Der schwere Angriff traf den Staat zur unglücklichsten Stunde. Zwar der
+orientalische Krieg war beendigt; aber in seinem Gefolge hatte eine
+Seuche sich in Italien und dem ganzen Westen verbreitet, die dauernder
+als der Krieg und in entsetzlicherem Maße die Menschen hinraffte. Wenn
+die Truppen, wie es notwendig war, zusammengezogen wurden, so fielen
+der Pest die Opfer nur um so zahlreicher. Wie zu der Pestilenz immer
+die teure Zeit gehört, so erschien auch hier mit ihr Mißwachs und
+Hungersnot und schwere Finanzkalamität - die Steuern gingen nicht ein,
+und im Laufe des Krieges sah sich der Kaiser veranlaßt, die Kleinodien
+seines Palastes in öffentlicher Auktion zu veräußern. Es fehlte an
+einem geeigneten Leiter. Eine so ausgedehnte und so verwickelte
+militärisch-politische Aufgabe konnte, wie die Dinge in Rom lagen, kein
+beauftragter Feldherr, sondern allein der Herrscher selbst auf sich
+nehmen. Marcus hatte, in richtiger und bescheidener Erkenntnis dessen,
+was ihm abging, bei der Thronbesteigung sich seinen jüngeren
+Adoptivbruder Lucius Verus gleichberechtigt zur Seite gestellt, in der
+wohlwollenden Voraussetzung, daß der flotte junge Mann, wie er ein
+tüchtiger Fechter und Jäger war, so auch zum fähigen Feldherrn sich
+entwickeln werde. Aber den scharfen Blick des Menschenkenners besaß der
+ehrliche Kaiser nicht; die Wahl war so unglücklich wie möglich
+ausgefallen; der eben beendigte Parthische Krieg hatte den nominellen
+Feldherrn als eine wüste Persönlichkeit und einen unfähigen Offizier
+gezeigt. Verus’ Mitregentschaft war nichts als eine Kalamität mehr, die
+freilich durch seinen, nicht lange nach dem Ausbruch des
+Markomannischen Krieges erfolgten Tod (169) in Wegfall kam. Marcus,
+seinen Neigungen nach mehr reflektiv als dem praktischen Leben
+zugewandt und ganz und gar kein Soldat, überhaupt keine hervorragende
+Persönlichkeit, übernahm die ausschließliche und persönliche Leitung
+der erforderlichen Operationen. Er mag dabei im einzelnen Fehler genug
+gemacht haben, und vielleicht geht die lange Dauer der Kämpfe darauf
+mit zurück; aber die Einheit des Oberbefehls, die klare Einsicht in den
+Zweck der Kriegführung, die Folgerichtigkeit des staatsmännischen
+Handelns, vor allem die Rechtschaffenheit und Festigkeit des seines
+schweren Amtes mit selbstvergessener Treue waltenden Mannes haben
+schließlich den gefährlichen Ansturm gebrochen. Es ist dies ein um so
+höheres Verdienst, als der Erfolg mehr dem Charakter als dem Talent
+verdankt wird.
+
+Worauf man sich gefaßt machte, zeigt die Tatsache, daß die Regierung,
+trotz des Mangels an Menschen und an Geld, in dem ersten Jahre dieses
+Krieges mit ihren Soldaten und auf ihre Kosten die Mauern der
+Hauptstadt Dalmatiens, Salonae, und der Hauptstadt Thrakiens,
+Philippopolis, herstellen ließ; sicher sind dies nicht vereinzelte
+Anordnungen gewesen. Man mußte sich darauf vorbereiten, die Nordländer
+überall die großen Städte des Reiches berennen zu sehen; die Schrecken
+der Gotenzüge pochten schon an die Pforten und wurden vielleicht für
+diesmal nur dadurch abgewandt, daß die Regierung sie kommen sah. Die
+unmittelbare Oberleitung der militärischen Operationen und die durch
+die Sachlage geforderte Regulierung der Beziehungen zu den Grenzvölkern
+und Reformierung der bestehenden Ordnungen an Ort und Stelle durfte
+weder fehlen noch dem charakterlosen Bruder oder Einzelführern
+überlassen werden. In der Tat änderte sich die Lage der Dinge, sowie
+die beiden Kaiser in Aquileia eintrafen, um von dort mit dem Heer nach
+dem Kriegsschauplatz abzugehen. Die Germanen und Sarmaten, wenig in
+sich geeinigt und ohne gemeinschaftliche Leitung, fühlten sich solchem
+Gegenschlag nicht gewachsen. Die eingedrungenen Haufen zogen überall
+sich zurück; die Quaden sandten den kaiserlichen Statthaltern ihre
+Unterwerfung ein, und vielfach büßten die Führer der gegen die Römer
+gerichteten Bewegung diesen Rückschlag mit dem Leben. Lucius meinte,
+daß der Krieg Opfer genug gefordert habe und riet zur Rückkehr nach
+Rom. Aber die Markomannen verharrten in trotzigem Widerstand, und die
+Kalamität, die über Rom gekommen war, die Hunderttausende der
+weggeschleppten Gefangenen, die von den Barbaren errungenen Erfolge
+forderten gebieterisch eine kräftigere Politik und die offensive
+Fortsetzung des Krieges. Marcus’ Schwiegersohn Tiberius Claudius
+Pompeianus übernahm außerordentlicherweise das Kommando in Rätien und
+Noricum; sein tüchtiger Unterbefehlshaber, der spätere Kaiser Publius
+Helvius Pertinax, säuberte ohne Schwierigkeit mit der aus Pannonien
+herbeigerufenen ersten Hilfslegion das römische Gebiet. Trotz der
+Finanznot wurden namentlich aus illyrischen Mannschaften, bei deren
+Aushebung freilich mancher bisherige Straßenräuber zum
+Landesverteidiger gemacht ward, zwei neue Legionen gebildet und, wie
+schon früher angegeben ward, die bisher geringfügige Grenzwacht dieser
+beiden Provinzen durch die neuen Legionslager von Regensburg und Enns
+verstärkt. In die oberpannonischen Lager begaben sich die Kaiser
+selbst. Vor allen Dingen kam es darauf an, den Herd des Kriegsfeuers
+einzuschränken. Die von Norden kommenden Barbaren, die ihre Hilfe
+anboten, wurden nicht zurückgewiesen und fochten in römischem Sold,
+soweit sie nicht, was auch vorkam, ihr Wort brachen und mit dem Feind
+gemeinschaftliche Sache machten. Den Quaden, welche um Frieden und um
+die Bestätigung des neuen Königs Furtius baten, wurde diese
+bereitwillig zugestanden und nichts gefordert als Rückgabe der
+Überläufer und der Gefangenen. Es gelang einigermaßen, den Krieg auf
+die beiden Hauptgegner, die Markomannen und die von alters her ihnen
+verbündeten Jazygen, zu beschränken. Gegen diese beiden Völker wurde in
+den folgenden Jahren in schweren Kämpfen und nicht ohne Niederlage
+gestritten. Wir wissen davon nur Einzelheiten, die sich nicht in festen
+Zusammenhang bringen lassen. Marcus Claudius Fronto, dem die
+außerordentlicherweise vereinigten Kommandos von Obermösien und Dakien
+anvertraut waren, fiel um das Jahr 171 im Kampfe gegen Germanen und
+Jazygen. Ebenso fiel vor dem Feind der Gardekommandant Marcus Macrinius
+Vindex. Sie und andere hochgestellte Offiziere erhielten in diesen
+Jahren Ehrendenkmäler in Rom an der Säule Traians, weil sie in
+Verteidigung des Vaterlandes den Tod gefunden hatten. Die barbarischen
+Stämme, die sich für Rom erklärt hatten, fielen zum Teil wieder ab, so
+die Cotiner und vor allem die Quaden, welche den flüchtigen Markomannen
+eine Freistatt gewährten und ihren Vasallenkönig Furtius vertrieben,
+worauf Kaiser Marcus auf den Kopf seines Nachfolgers Ariogaesus einen
+Preis von 1000 Goldstücken setzte. Erst im sechsten Kriegsjahr (172)
+scheint die völlige Überwindung der Markomannen erreicht worden zu sein
+und danach Marcus den wohlverdienten Siegestitel Germanicus angenommen
+zu haben. Es folgte dann die Niederwerfung der Quaden, endlich im Jahre
+175 die der Jazygen, infolge deren der Kaiser den weiteren Beinamen des
+Sarmatensiegers empfing. Die Bedingungen, welche den überwundenen
+Völkerschaften gestellt wurden, zeigen, daß Marcus nicht zu strafen
+beabsichtigte, sondern zu unterwerfen. Den Markomannen und den Jazygen,
+wahrscheinlich auch den Quaden, wurde auferlegt, einen Grenzstreifen am
+Flusse in der Breite von zwei, nach späterer Milderung von einer
+deutschen Meile zu räumen. In die festen Plätze am rechten Donauufer
+wurden römische Besatzungen gelegt, die allein bei den Markomannen und
+Quaden zusammen sich auf nicht weniger als 20000 Mann beliefen. Alle
+Unterworfenen hatten Zuzug zum römischen Heer zu stellen, die Jazygen
+zum Beispiel 8000 Reiter. Wäre der Kaiser nicht durch die Insurrektion
+Syriens abgerufen worden, so hätte er die letzteren ganz aus ihrer
+Heimat getrieben, wie Traianus die Daker. Daß Marcus die abgefallenen
+Transdanuvianer nach diesem Muster zu behandeln gedachte, bestätigt der
+weitere Verlauf. Kaum war jenes Hindernis beseitigt, so ging der Kaiser
+wieder an die Donau und begann, eben wie Traianus, im Jahre 178 den
+zweiten, abschließenden Krieg. Die Motivierung dieser Kriegserklärung
+ist nicht bekannt; der Zweck wird ohne Zweifel richtig dahin angegeben,
+daß er zwei neue Provinzen, Marcomania und Sarmatia, einzurichten
+gedachte. Den Jazygen, die sich den Absichten des Kaisers fügsam
+gezeigt haben werden, wurden die lästigen Auflagen größtenteils
+erlassen, ja ihnen für den Verkehr mit ihren östlich von Dakien
+hausenden Stammverwandten, den Roxolanern, der Durchgang durch Dakien
+unter angemessener Aufsicht gewährt - wahrscheinlich auch nur, weil sie
+schon als römische Untertanen betrachtet wurden. Die Markomannen wurden
+durch Schwert und Hunger fast aufgerieben. Die verzweifelnden Quaden
+wollten nach Norden auswandern und bei den Semnonen sich Sitze suchen;
+aber auch dies wurde ihnen nicht gestattet, da sie die Äcker zu
+bestellen hatten, um die römischen Besatzungen zu versorgen. Nach
+vierzehnjähriger, fast ununterbrochener Waffenarbeit stand der
+Kriegsfürst wider Willen am Ziel und die Römer zum zweiten Mal vor der
+Gewinnung der oberen Elbe; jetzt fehlte in der Tat nur die Ankündigung,
+das Gewonnene festhalten zu wollen. Da starb er, noch nicht sechzig
+Jahre alt, im Lager von Vindobona am 17. März 180.
+
+Man wird nicht bloß die Entschlossenheit und die Konsequenz des
+Herrschers anerkennen, sondern auch einräumen müssen, daß er tat, was
+die richtige Politik gebot. Die Eroberung Dakiens durch Traian war ein
+zweifelhafter Gewinn, obwohl eben in dem Markomannischen Krieg der
+Besitz Dakiens nicht bloß ein gefährliches Element aus den Reihen der
+Gegner Roms entfernt, sondern wahrscheinlich auch bewirkt hat, daß der
+Völkerschwarm an der unteren Donau, die Bastarner, die Roxolaner und
+andere mehr in den Markomannenkrieg nicht eingegriffen haben. Aber
+nachdem der gewaltige Ansturm der Transdanuvianer westlich von Dakien
+die Niederwerfung derselben zur Notwendigkeit gemacht hatte, konnte
+diese nur in abschließender Weise ausgeführt werden, indem Böhmen,
+Mähren und die Theißebene in die römische Verteidigungslinie eingezogen
+wurden, wenn auch diesen Gebieten wohl nur, wie Dakien, eine
+Vorpostenstellung zugedacht war und die strategische Grenzlinie sicher
+die Donau bleiben sollte.
+
+Des Marcus Nachfolger, Kaiser Commodus, war im Lager anwesend, als der
+Vater starb und trat, da er die Krone schon seit mehreren Jahren dem
+Namen nach mit dem Vater teilte, mit dessen Tode sofort in den Besitz
+der unumschränkten Gewalt. Nur kurze Zeit ließ der neunzehnjährige
+Nachfolger die Vertrauensmänner des Vaters, seinen Schwager Pompeianus
+und andere, die mit Marcus die schwere Last des Krieges getragen
+hatten, im Sinne desselben schalten. Commodus war in jeder Hinsicht das
+Gegenteil seines Vaters; kein Gelehrter, sondern ein Fechtmeister, so
+feig und charakterschwach, wie dieser entschlossen und konsequent, so
+träge und pflichtvergessen wie dieser tätig und gewissenhaft. Er gab
+nicht bloß die Einverleibung des gewonnenen Gebiets auf, sondern
+gewährte auch den Markomannen freiwillig Bedingungen, wie sie sie nicht
+hatten hoffen dürfen. Die Regulierung des Grenzverkehrs unter römischer
+Kontrolle und die Verpflichtung, ihre den Römern befreundeten Nachbarn
+nicht zu schädigen, verstanden sich von selbst; aber die Besatzungen
+wurden aus ihrem Lande zurückgezogen und nur das Gebot, den
+Grenzstreifen nicht zu besiedeln, festgehalten. Die Leistung von
+Abgaben und die Stellung von Rekruten wurde wohl ausbedungen, aber jene
+bald erlassen und diese sicher nie gestellt. Ähnlich ward mit den
+Quaden abgeschlossen und wird mit den übrigen Transdanuvianern
+abgeschlossen worden sein. Damit waren die gemachten Eroberungen
+aufgegeben, und die vieljährige Kriegsarbeit war umsonst; wenn man
+nicht mehr wollte, so war eine ähnliche Ordnung der Dinge schon viel
+früher zu erreichen. Dennoch hat der Markomannische Krieg die
+Suprematie Roms in diesen Landschaften für die Folgezeit
+sichergestellt, trotzdem Rom den Siegespreis aus der Hand gab. Nicht
+von den Stämmen, welche dabei beteiligt waren, ist der Stoß geführt
+worden, dem die römische Weltmacht erlag.
+
+Eine andere bleibende Folge dieses Krieges hängt zusammen mit den durch
+denselben veranlaßten Oberführungen der Transdanuvianer in das Römische
+Reich. An sich waren derartige Umsiedlungen zu aller Zeit vorgekommen;
+die unter Augustus nach Gallien verpflanzten Sugambrer, die nach
+Thrakien gesandten Daker waren nichts als neue, zu den früher
+vorhandenen hinzutretende Untertanen oder Untertanengemeinden, und
+etwas anderes sind wohl auch die 3000 Naristen nicht gewesen, denen
+Marcus gestattete, ihre Sitze westlich von Böhmen mit solchen im Reich
+zu vertauschen, während den sonst unbekannten Astingern an der
+dakischen Nordgrenze die gleiche Bitte abgeschlagen ward. Aber die
+nicht bloß im Donauland, sondern in Italien selbst, bei Ravenna, von
+ihm angesiedelten Germanen waren weder freie Untertanen noch eigentlich
+unfreie Leute; es sind dies die Anfänge der römischen Leibeigenschaft,
+des Kolonats, dessen Eingreifen in die Bodenwirtschaft des gesamten
+Staats in anderem Zusammenhang darzulegen ist. Jene ravennatische
+Ansiedlung hat indes keinen Bestand gehabt; die Leute lehnten sich auf
+und mußten wieder weggeschafft werden, so daß der neue Kolonat zunächst
+auf die Provinzen, namentlich die Donaulandschaften, beschränkt blieb.
+
+Wiederum folgte auf den großen Krieg an der mittleren Donau eine fast
+sechzigjährige Friedenszeit, deren Segen durch das während derselben
+stetig steigende innere Mißregiment nicht vollständig aufgehoben werden
+konnte. Wohl zeigt manche vereinzelte Nachricht, daß die Grenze,
+namentlich die am meisten exponierte dakische, nicht ohne Anfechtung
+blieb; aber vor allem das straffe Militärregiment des Severus tat hier
+seine Schuldigkeit, und wenigstens Markomannen und Quaden erscheinen
+auch unter dessen nächsten Nachfolgern in unbedingter Abhängigkeit, so
+daß der Sohn des Severus einen Quadenfürsten vor sich zitieren und ihm
+den Kopf vor die Füße legen konnte. Auch die in dieser Epoche an der
+unteren Donau gelieferten Kämpfe sind von untergeordnetem Belang. Aber
+wahrscheinlich hat in dieser Zeit eine umfassende Völkerverschiebung
+von Nordosten her gegen das Schwarze Meer stattgefunden und die
+römische Grenzwacht an der unteren Donau neuen und gefährlicheren
+Gegnern gegenübergestellt. Bis auf diese Zeit hatten den Römern dort
+vorzugsweise sarmatische Völkerschaften gegenüber gestanden, unter
+denen sich die Roxolaner mit den Römern am nächsten berührten; von
+Germanen saßen damals hier nur die seit langem in dieser Gegend
+heimischen Bastarner. Jetzt verschwinden die Roxolaner, vielleicht
+unter den dem Anschein nach, ihnen stammverwandten Carpern, welche
+fortan an der unteren Donau, etwa in den Tälern des Sereth und Pruth,
+die nächsten Nachbarn der Römer sind. Neben die Carper, ebenfalls als
+unmittelbare Nachbarn der Römer an der Donaumündung, tritt das Volk der
+Goten. Dieser germanische Stamm ist nach der einheimischen Erzählung,
+die uns erhalten ist, von Skandinavien über die Ostsee nach der
+Weichselgegend und aus dieser zum Schwarzen Meer gewandert; damit
+übereinstimmend kennen die römischen Geographen des 2. Jahrhunderts sie
+an der Weichset und die römische Geschichte seit dem ersten Drittel des
+dritten an der nordwestlichen Küste des Schwarzen Meeres. Von da an
+erscheinen sie hier in stetigem Anschwellen; die Reste der Bastarner
+sind unter Kaiser Probus, die Reste der Carper unter Kaiser Diocletian
+vor ihnen auf das rechte Donauufer gewichen, während ohne Zweifel ein
+großer Teil dieser wie jener sich unter die Goten mischten und ihnen
+sich anschlossen. überall darf diese Katastrophe nur in dem Sinne als
+die des Gotenkrieges bezeichnet werden, wie die unter Marcus
+eingetretene von den Markomannen heißt; die ganze Masse der durch den
+Wanderstrom vom Nordosten zum Schwarzen Meer in Bewegung gesetzten
+Völkerschaften ist daran beteiligt, und um so mehr beteiligt, als diese
+Angriffe ebenso zu Lande über die untere Donau, wie zu Wasser von der
+Nordküste des Schwarzen Meeres aus in einer unentwirrbaren
+Verschlingung der Land- und der Seepiraterie erfolgten. Nicht unpassend
+nennt darum der gelehrte Athener, der in ihm gefochten und ihn erzählt
+hat, diesen Krieg vielmehr den Skythischen, indem er unter diesem,
+gleich dem pelasgischen die Verzweiflung der Historiker machenden Namen
+alle germanischen und nichtgermanischen Reichsfeinde zusammenfaßt. Was
+über diese Züge zu berichten ist, soll, soweit die der Verwirrung
+dieser schrecklichen Zeiten nur zu sehr entsprechende Verwirrung der
+Überlieferung es gestattet, hier zusammengefaßt werden.
+
+Das Jahr 238, auch ein Vierkaiserjahr des Bürgerkriegs, wird bezeichnet
+als dasjenige, in dem der Krieg gegen die hier zuerst genannten Goten
+begann ^20. Da die Münzen von Tyra und Olbia mit Alexander († 235)
+aufhören, so sind diese außerhalb der Reichsgrenze gelegenen römischen
+Besitzungen wohl schon einige Jahre früher eine Beute der neuen Feinde
+geworden. In jenem Jahr überschritten sie zuerst die Donau, und die
+nördlichste der mösischen Küstenstädte, Istros, war das erste Opfer.
+Gordian, der aus den Wirren dieser Zeit als Herrscher hervorging, wird
+als Besieger der Goten bezeichnet; gewisser ist es, daß die römische
+Regierung, wenn nicht schon früher, so doch unter ihm, sich dazu
+verstand, die gotischen Einfälle abzukaufen ^21. Begreiflicherweise
+forderten die Carper das gleiche, was der Kaiser den schlechteren Goten
+bewilligt habe; als die Forderung nicht gewährt ward, fielen sie im
+Jahre 245 in das römische Gebiet ein. Kaiser Philippus - Gordianus war
+damals schon tot - schlug sie zurück, und eine energische Aktion mit
+der vereinigten Kraft des großen Reiches würde den Barbaren wohl hier
+Halt geboten haben. Aber in diesen Jahren fand der Kaisermörder so
+sicher den Thron wie wiederum seinen Mörder und Nachfolger; eben in den
+gefährdeten Donaulandschaften rief die Armee gegen Kaiser Philippus
+erst den Marinus Pacatianus und nach dessen Beseitigung den Traianus
+Decius aus, welcher letztere in der Tat in Italien seinen Gegner
+überwand und als Herrscher anerkannt ward. Er war ein tüchtiger und
+tapferer Mann, nicht unwert der beiden Namen, die er trug, und trat,
+sowie er konnte, entschlossen in die Kämpfe an der Donau ein; aber was
+der inzwischen geführte Bürgerkrieg verdorben hatte, ließ sich nicht
+mehr einbringen. Während die Römer miteinander schlugen, hatten die
+Goten und die Carper sich geeinigt und waren unter dem Gotenfürsten
+Cniva in das von Truppen entblößte Mösien eingefallen. Der Statthalter
+der Provinz, Trebonianus Gallus, warf sich mit seiner Mannschaft nach
+Nikopolis am Haemus und wurde hier von den Goten belagert; diese
+raubten zugleich Thrakien aus und belagerten dessen Hauptstadt, das
+große und feste Philippopolis; ja sie gelangten bis nach Makedonien und
+berannten Thessalonike, wo der Statthalter Priscus eben diesen Moment
+geeignet fand, um sich zum Kaiser ausrufen zu lassen. Als Decius
+anlangte, um zugleich den Nebenbuhler und den Landesfeind zu bekämpfen,
+wurde wohl jener ohne Mühe beseitigt und gelang auch der Entsatz von
+Nikopolis, wo 30000 Goten gefallen sein sollen. Aber die nach Thrakien
+zurückweichenden Goten siegten ihrerseits bei Beroe (Alt-Zagora),
+warfen die Römer nach Mösien zurück und bezwangen sowohl Nikopolis
+daselbst wie in Thrakien Anchialos und sogar Philippopolis, wo 100000
+Menschen in ihre Gewalt gekommen sein sollen. Darauf zogen sie
+nordwärts, um die ungeheure Beute in Sicherheit zu bringen. Decius
+entwarf den Plan, dem Feind bei dem Übergang über die Donau einen
+Schlag zu versetzen. Er stellte eine Abteilung unter Gallus am Ufer auf
+und hoffte, diese auf die Goten werfen und ihnen den Rückzug
+abschneiden zu können. Aber bei dem mösischen Grenzort Abrittus
+entschied das Kriegsglück oder auch der Verrat des Gallus gegen ihn;
+Decius kam mit seinem Sohn um, und Gallus, der als sein Nachfolger
+ausgerufen ward, begann sein Regiment damit, den Goten die jährlichen
+Geldzahlungen abermals zuzusichern (251) ^22. Diese völlige Niederlage
+der römischen Waffen wie der römischen Politik, der Fall des Kaisers,
+des ersten, der im Kampf gegen die Barbaren das Leben verlor, eine
+Kunde, welche selbst in dieser, in der Gewohnheit des Unheils
+erschlaffenden Zeit tief die Gemüter erregte, die darauf folgende
+schimpfliche Kapitulation, stellte in der Tat die Integrität des
+Reiches in Frage. Ernste Krisen an der mittleren Donau, wahrscheinlich
+der drohende Verlust Dakiens müssen die nächste Folge gewesen sein.
+Noch einmal ward dieser abgewandt: der Statthalter von Pannonien,
+Marcus Aemilius Aemilianus, ein guter Soldat, errang einen bedeutenden
+Waffenerfolg und trieb die Feinde über die Grenze. Aber die Nemesis
+waltete. Die Konsequenz dieses auf Gallus’ Namen erfochtenen Sieges
+war, daß die Armee dem Verräter des Decius den Gehorsam aufkündigte und
+ihren Feldherrn zu seinem Nachfolger erkor. Abermals ging also der
+Bürgerkrieg der Grenzverteidigung vor, und während Aemilianus in
+Italien zwar den Gallus überwand, aber bald darauf dem Feldherrn
+desselben, Valerianus, unterlag (254), ging Dakien, wie und an wen,
+wissen wir nicht ^23, dem Reiche verloren. Die letzte von dieser
+Provinz geschlagene Münze und die jüngste dort gefundene Inschrift sind
+vom Jahre 255, die letzte Münze des benachbarten Viminacium in
+Obermösien vom folgenden Jahre; in den ersten Jahren Valerians und
+Galliens also besetzten die Barbaren das römische Gebiet am linken Ufer
+der Donau und drangen sicher auch hinüber auf das rechte.
+
+——————————————————————-
+
+^20 Die angebliche erste Erwähnung der Goten in der Biographie
+Caracallas c. 10 beruht auf Mißverständnis. Wenn wirklich ein Senator
+sich den boshaften Scherz gestattet hat, dem Mörder Getas den Namen
+Geticus beizulegen, weil er auf seinem Zug von der Donau nach dem
+Orient einige Getenschwärme (tumultuariis proeliis) besiegt habe, so
+meinte er Daker, nicht die damals schwerlich dort wohnenden und dem
+römischen Publikum kaum bekannten Goten, deren Gleichung mit den Geten
+auch gewiß erst später erfunden ward.
+
+Übrigens führt noch weiter zurück die Angabe, daß Kaiser Maximinus
+(235-238) der Sohn eines in das benachbarte Thrakien übergesiedelten
+Goten gewesen sei; doch wird auch darauf nicht viel zu geben sein.
+
+^21 Petrus Patricius fr. 8. Die Verwaltung des hier genannten Legaten
+von Untermösien, Tullius Menophilus, ist durch Münzen sicher auf die
+Zeit Gordians und mit Wahrscheinlichkeit auf 238-240 bestimmt (B.
+Borghesi, Oeuvres complètes. Bd. 2, S. 227). Da der Anfang des
+Gotenkrieges und die Zerstörung von Istros durch Dexippos (vita Max. et
+Balb. 16) auf 238 festgestellt ist, so liegt es nahe, die Übernahme des
+Tributs damit in Zusammenhang zu bringen; auf jeden Fall ist er damals
+erneuert worden. Die vergeblichen Belagerungen von Markianopolis und
+Philippopolis durch die Goten (Dexippus fr. 18, 19) mögen auf die
+Einnahme von Istros gefolgt sein. Iordanes (Get. 16, 92) setzt die
+erstere unter Philippus, ist aber in chronologischen Fragen kein
+gültiger Zeuge.
+
+^22 Die Berichte über diese Vorgänge bei Zosimus (bist. 1, 21-24),
+Zonaras (12, 20), Ammian (31, 5, 16 u. 17) (welche Nachrichten bis zu
+der Philippopolis betreffenden dadurch, daß diese bei Zosimus
+wiederkehrt, als hierher gehörig fixiert werden), obwohl alle
+fragmentarisch oder zerrüttet, dürften aus dem Bericht des Dexippus,
+wovon fr. 16 u. 19 erhalten sind, geflossen sein und lassen sich
+einigermaßen vereinigen. Dieselbe Quelle liegt auch den
+Kaiserbiographien und Iordanes zu Grunde; beide aber haben sie in dem
+Grade entstellt und verfälscht, daß von ihren Angaben nur mit großer
+Vorsicht Gebrauch gemacht werden kann. Unabhängig ist Aur. Vict. Caes.
+29.
+
+^23 Vielleicht bezieht sich darauf der Einbruch der Markomannen bei
+Zos. hist. 1, 29.
+
+——————————————————————-
+
+Bevor wir die Entwicklung der Dinge an der unteren Donau weiter
+verfolgen, erscheint es notwendig, einen Blick zu werfen auf die
+Piraterie, wie sie in der östlichen Hälfte des Mittelmeeres damals im
+Gange war, und die daraus hervorgegangenen Seezüge der Goten und ihrer
+Genossen.
+
+Daß auf dem Schwarzen Meer die römische Flotte zu keiner Zeit
+entbehrlich, die Piraterie daselbst wahrscheinlich nie ausgerottet
+worden ist, liegt im Wesen der Römerherrschaft, wie sie an seinen
+Küsten sich gestaltet hatte. In festem Besitz waren sie nur etwa von
+der Donaumündung abwärts bis Trapezunt. Römisch waren freilich auch
+einerseits Tyra, an der Mündung des Dnjestr, und Olbia, an der Bucht
+der Dnjeprmündung, andererseits die kaukasischen Hafenorte in der
+Gegend des heutigen Suchum-Kaleh, Dioskurias und Pityus. Auch das
+dazwischenliegende Bosporanische Königreich auf der Krim stand in
+römischem Schutz und hatte römische, dem Statthalter von Mösien
+unterstehende Besatzung. Aber es waren an diesen größtenteils wenig
+einladenden Gestaden nur jene Hafenplätze entweder als alte griechische
+Ansiedlungen oder als römische Festungen in festem Besitz, die Küste
+selbst öde oder in den Händen der das Binnenland erfüllenden
+Eingeborenen, die unter dem allgemeinen Namen der Skythen
+zusammengefaßt, meistens sarmatischer Abkunft, den Römern niemals
+botmäßig wurden noch werden sollten; man war zufrieden, wenn sie sich
+nicht geradezu an den Römern oder deren Schutzbefohlenen vergriffen.
+Danach ist es nicht zu verwundern, daß schon in Tiberius’ Zeit die
+Piraten der Ostküste nicht bloß das Schwarze Meer unsicher machten,
+sondern auch landeten und die Dörfer und die Städte der Küste
+brandschatzten. Wenn unter Pius oder Marcus eine Schar der an dem
+nordwestlichen Ufer hausenden Kostoboker die im Herzen von Phokis
+gelegene Binnenstadt Elateia überfiel und unter deren Mauern mit den
+Bürgern sich herumschlug, so zeigt dieser gewiß nur zufällig für uns
+einzeln dastehende Vorgang, daß dieselben Erscheinungen, welche dem
+Sturz des Senatsregiments voraufgingen, jetzt sich erneuerten und noch
+bei äußerlich unerschüttert aufrecht stehender Reichsgewalt nicht bloß
+einzelne Piratenschiffe, sondern Piratengeschwader im Schwarzen und
+selbst im Mittelmeere kreuzten. Das nach dem Tode des Severus und vor
+allem nach dem Ausgang der letzten Dynastie deutlich erkennbare Sinken
+des Regiments offenbarte sich dann, wie billig, vor allem in dem
+weiteren Verfall der Seepolizei. Die im einzelnen wenig zuverlässigen
+Berichte melden bereits in der Zeit vor Decius das Erscheinen einer
+großen Piratenflotte im Ägäischen Meer; dann unter Decius die
+Plünderung der pamphylischen Küste und der griechisch-asiatischen
+Inseln, unter Gallus Piratenstreifereien in Kleinasien bis nach
+Pessinus und Ephesos ^24. Dies waren Räuberzüge. Diese Gesellen
+plünderten die Küsten weit und breit, und machten auch, wie man sieht,
+dreiste Züge in das Binnenland; aber von zerstörten Städten wird nichts
+gemeldet, und die Piraten vermieden es, mit den römischen Truppen
+zusammenzustoßen; vorzugsweise richtete sich der Angriff gegen solche
+Landschaften, in denen keine Truppen standen.
+
+———————————————————————
+
+^24 Amm. Marc. 31, 5, 15: duobus navium milibus perrupto Bosporo et
+litoribus Propontidis Scythicarum gentium catervae transgressae
+ediderunt quidem acerbas terra marique strages: sed amissa suorum parte
+maxima reverterunt, worauf die Katastrophe der Decier erzählt und in
+diese die weitere Notiz eingeflochten wird: obsessae Pamphyliae
+civitates (dahin wird die Belagerung von Side gehören, bei Dexippus
+selbst fr. 23), insulae populatae complures, ebenso die Belagerung von
+Kyzikos. Wenn in diesem Rückblick nicht alles verwirrt ist, was bei
+Ammian doch nicht wohl angenommen werden kann, so fällt dies vor
+diejenigen Seefahrten, die mit der Belagerung von Pityus beginnen und
+mehr ein Teil der Völkerwanderung sind als Piratenzüge. Die Zahl der
+Schiffe freilich dürfte durch Gedächtnisfehler von dem Zug des Jahres
+269 hierher übertragen sein. In denselben Zusammenhang gehört die Notiz
+bei Zosimus (hist. 1, 28) über die Skythenzüge in Asien und Kappadokien
+bis Ephesos und Pessinus. Die Nachricht über Ephesos in der Biographie
+Gallienus’ c. 6 ist dieselbe, aber der Zeit nach verschoben.
+
+———————————————————————
+
+Unter Valerianus nehmen diese Expeditionen einen anderen Charakter an.
+Die Art der Züge weicht von den früheren so sehr ab, daß der an sich
+nicht besonders wichtige Zug der Boraner gegen Pityus unter Valerianus
+von kundigen Berichterstattern geradezu als der Anfang dieser Bewegung
+bezeichnet werden konnte ^25 und daß die Piraten eine Zeitlang in
+Kleinasien mit dem Namen dieser uns sonst nicht bekannten Völkerschaft
+genannt wurden. Nicht mehr von den alten einheimischen Anwohnern des
+Schwarzen Meeres gehen diese Züge aus, sondern von den nachdrängenden
+Schwärmen. Was bis dahin Seeraub gewesen war, fängt an, ein Stück
+derjenigen Völkerverschiebung zu werden, welcher das Vordringen der
+Goten an die untere Donau angehört. Die beteiligten Völker sind sehr
+mannigfach und zum Teil wenig bekannt; bei den späteren Zügen scheinen
+die germanischen Heruler, damals Anwohner der Maeotis, eine führende
+Rolle gespielt zu haben. Beteiligt sind auch die Goten, indes soweit es
+sich um eigentliche Seefahrten handelt und über diese leidlich genaue
+Berichte vorliegen, nicht in hervorragender Weise; recht eigentlich
+diese Züge heißen richtiger skythische als gotische. Der maritime
+Mittelpunkt dieser Angriffe ist die Dnjestrmündung, der Hafen von Tyra
+^26. Die griechischen Städte des Bosporus, durch den Bankrott der
+Reichsgewalt schutzlos den andrängenden Haufen preisgegeben und der
+Belagerung durch dieselben gewärtig, ließen halb gezwungen, halb
+freiwillig sich dazu herbei, die unbequemen neuen Nachbarn auf ihren
+Schiffen und durch ihre Seeleute nach den nächstgelegenen römischen
+Besitzungen an der Nordküste des Pontus überzuführen, wofür diesen
+selbst die nötigen Mittel und das nötige Geschick mangelte. So kam jene
+Expedition gegen Pityus zustande. Die Boraner wurden gelandet und
+sandten, auf den Erfolg vertrauend, die Schiffe zurück. Aber der
+entschlossene Befehlshaber von Pityus, Successianus, wies den Angriff
+ab und die Angreifer, den Anmarsch der übrigen römischen Besatzungen
+befürchtend, zogen eilig ab, wozu sie mühsam die nötigen Fahrzeuge
+beschafften. Aufgegeben aber war der Plan nicht; im nächsten Jahr kamen
+sie wieder, und da der Kommandant inzwischen gewechselt war, ergab sich
+die Festung. Die Boraner, welche diesmal die bosporanischen Schiffe
+festgehalten hatten und aus gepreßten Schiffsleuten und gefangenen
+Römern deren Bemannung beschafften, bemächtigten sich weithin der Küste
+und gelangten bis nach Trapezunt. In diese gut befestigte und stark
+besetzte Stadt hatte alles sich geflüchtet und zu einer wirklichen
+Belagerung waren die Barbaren nicht imstande. Aber die Führung der
+Römer war schlecht und die Kriegszucht so verfallen, daß nicht einmal
+die Mauer besetzt wurde; so erstiegen die Barbaren dieselbe bei
+Nachtzeit, ohne auch nur Gegenwehr zu finden, und in der großen und
+reichen Stadt fiel ungeheure Beute, darunter auch eine Anzahl von
+Schiffen, in ihre Hände. Glücklich kehrten sie aus dem fernen Lande
+zurück an die Maeotis.
+
+—————————————————————————-
+
+^25 Bei Zosimus selbst wird man völliges Verständnis dafür nicht
+erwarten; aber sein Gewährsmann Dexippus, der Zeitgenosse und
+Beteiligte, wußte wohl, warum er die bithynische Expedition die δευτέρα
+έφοδος nannte (Zos. hist. 1, 35); und auch bei Zosimus noch erkennt man
+deutlich den von Dexippus beabsichtigten Gegensatz der Expedition der
+Boraner gegen Pityus und Trapezunt zu den hergebrachten Piratenfahrten.
+In der Biographie des Gallienus wird die c. 11 unter dem Jahre 264
+erzählte skythische Expedition nach Kappadokien die trapezuntische sein
+sowie die damit verknüpfte bithynische die, welche Zosimus die zweite
+nennt; verwirrt ist hier freilich alles.
+
+^26 Dies sagt Zosimus (hist. 1, 42) und folgt auch aus dem Verhältnis
+der Bosporaner zu dem ersten (1, 32) und dem des ersten zu dem zweiten
+Zug (1, 34).
+
+—————————————————————————-
+
+Ein zweiter, durch diesen Erfolg angeregter Zug anderer, aber
+benachbarter skythischer Haufen im folgenden Winter richtete sich gegen
+Bithynien; es ist bezeichnend für die zerrütteten Verhältnisse, daß der
+Anstifter dieses Zuges ein Grieche aus Nikomedeia, Chrysogonos, war,
+und daß er für den glücklichen Erfolg von den Barbaren hochgeehrt ward.
+Diese Expedition wurde, da die nötige Zahl von Schiffen nicht zu
+beschaffen war, teils zu Lande, teils zu Wasser unternommen; erst in
+der Nähe von Byzanz gelang es den Piraten, sich einer beträchtlichen
+Zahl von Fischerbooten zu bemächtigen, und so gelangten sie an die
+asiatische Küste nach Kalchedon, dessen starke Besatzung auf diese
+Kunde davonlief. Nicht bloß diese Stadt geriet in ihre Hand, sondern
+auch an der Küste Nikomedeia, Kios, Apameia, im Binnenland Nikaea und
+Prusa; Nikomedeia und Nikaea brannten sie nieder und gelangten bis zum
+Rhyndakos. Von da aus fuhren sie heim, beladen mit den Schätzen des
+reichen Landes und seiner ansehnlichen Städte.
+
+Schon der Zug gegen Bithymen war zum Teil auf dem Landweg unternommen
+worden; um so mehr setzten die Angriffe, die gegen das europäische
+Griechenland gerichtet wurden, sich aus Land- und Seeraubfahrten
+zusammen. Wenn Mösien und Thrakien auch nicht dauernd von den Goten
+besetzt wurden, so kamen und gingen sie doch hier, gleich als wären sie
+zu Hause, und streiften von da aus weit nach Makedonien hinein. Selbst
+Achaia erwartete unter Valerianus von dieser Seite her den Einbruch;
+die Thermopylen und der Isthmos wurden verrammelt und die Athener
+gingen daran, ihre seit Sullas Belagerung in Trümmern liegenden Mauern
+wiederherzustellen. Damals und auf diesem Wege kamen die Barbaren
+nicht. Aber unter Gallienus erschien eine Flotte von 500 Segeln,
+diesmal vornehmlich Heruler, vor dem Hafen von Byzanz, das indes seine
+Wehrhaftigkeit noch nicht eingebüßt hatte; die Schiffe der Byzantier
+schlugen glücklich die Räuber ab. Diese fuhren weiter, zeigten sich an
+der asiatischen Küste vor dem früher nicht angegriffenen Kyzikos und
+gelangten von da über Lemnos und Imbros nach dem eigentlichen
+Griechenland. Athen, Korinth, Argos, Sparta wurden geplündert und
+zerstört. Es war immer etwas, daß, wie in den Zeiten der Perserkriege,
+die Bürger des zerstörten Athen, 2000 an der Zahl, den abziehenden
+Barbaren einen Hinterhalt legten und unter Führung ihres ebenso
+gelehrten wie tapferen Vormanns Publius Herennius Dexippus aus dem
+altadligen Geschlecht der Keryken, mit Unterstützung der römischen
+Flotte, den Piraten einen namhaften Verlust beibrachten. Auf der
+Heimkehr, die zum Teil auf dem Landweg erfolgte, griff Kaiser Gallienus
+sie in Thrakien am Fluß Nestos an und tötete ihnen eine beträchtliche
+Anzahl Leute ^27.
+
+—————————————————————
+
+^27 Dexippus’ Bericht über diesen Zug geben im Auszug Synkellos (p.
+717) (wo ανελόντος für ανελόντες gelesen werden muß), Zosimus (hist. 1,
+39) und der Biograph des Gallienus (c. 13). Ein Bruchstück seiner
+eigenen Erzählung ist fr. 22. Bei dem Fortsetzer des Dio, von dem
+Zonaras abhängt, ist der Vorgang unter Claudius gesetzt, durch Irrtum
+oder durch Fälschung, die dem Gallienus diesen Sieg nicht gönnte. Die
+Biographie des Gallienus erzählt den Vorgang, wie es scheint, zweimal,
+zuerst kurz c. 6 unter dem Jahre 262, dann besser unter oder nach 265
+(c. 13).
+
+—————————————————————
+
+Um das Maß des Unheils vollständig zu übersehen, muß man hinzunehmen,
+daß in diesem in Scherben gehenden Reiche und vor allem in den vom
+Feind überschwemmten Provinzen ein Offizier nach dem andern nach der
+Krone griff, die es kaum noch gab. Es lohnt der Mühe nicht, die Namen
+dieser ephemeren Purpurträger zu verzeichnen; die Lage zeichnet, daß
+nach der Verwüstung Bithyniens durch die Piraten Kaiser Valerian es
+unterließ, einen außerordentlichen Kommandanten dorthin zu schicken,
+weil ihm jeder General, nicht ohne Grund, als Rivale galt. Dies hat
+mitgewirkt bei dem fast durchaus passiven Verhalten der Regierung
+gegenüber dieser schweren Not. Doch ist andererseits unzweifelhaft ein
+guter Teil dieser unverantwortlichen Passivität auf die Persönlichkeit
+der Herrscher zurückzuführen; Valerianus war schwach und bejahrt,
+Gallienus fahrig und wüst, und der Lenkung des Staatsschiffs im Sturme
+weder jener noch dieser gewachsen. Marcianus, dem Gallienus nach dem
+Einfall in Achaia das Kommando in diesen Gegenden übertragen hatte,
+operierte nicht ohne Erfolg; aber zu einer wirklichen Wendung zum
+Besseren kam es nicht, solange Gallienus den Thron einnahm.
+
+Nach Gallienus’ Ermordung (268), vielleicht auf die Kunde von dieser,
+unternahmen die Barbaren, wieder unter Führung der Heruler, aber
+diesmal mit vereinigten Kräften, einen Ansturm gegen die Reichsgrenzen,
+wie er also noch nicht dagewesen war, mit einer mächtigen Flotte und
+wahrscheinlich gleichzeitig zu Lande, von der Donau aus ^28. Die Flotte
+hatte in der Propontis viel von Stürmen zu leiden; dann teilte sie sich
+und es gingen die Goten teils gegen Thessalien und Griechenland vor,
+teils gegen Kreta und Rhodos; die Hauptmasse begab sich nach Makedonien
+und drang von da in das Binnenland ein, ohne Zweifel in Verbindung mit
+den in Thrakien eingerückten Haufen. Aber den oft belagerten, jetzt bis
+aufs äußerste gebrachten Thessalonikern brachte Kaiser Claudius, der
+persönlich mit starker Macht heranrückte, endlich Entsatz; er trieb die
+Goten vor sich her das Tal des Axios (Vardar) hinauf und weiter über
+die Berge hinüber nach Obermösien; nach mancherlei Kämpfen mit
+wechselndem Kriegsglück erfocht er hier im Moravatal bei Naissus einen
+glänzenden Sieg, in welchem 50000 Feinde gefallen sein sollen. Die
+Goten wichen in Auflösung zurück, in der Richtung erst auf Makedonien,
+dann durch Thrakien zum Haemus, um die Donau zwischen sich und den
+Feind zu bringen. Fast hätte ihnen ein Zwist im römischen Lager,
+diesmal zwischen Infanterie und Reiterei, noch einmal Luft gemacht;
+aber als es zum Schlagen kam, ertrugen die Reiter es doch nicht, ihre
+Kameraden im Stich zu lassen und so siegte die vereinigte Armee
+abermals. Eine schwere Seuche, welche in all den Jahren der Not, aber
+besonders damals in diesen Gegenden und vor allem in den Heeren wütete,
+tat zwar auch den Römern großen Schaden - Kaiser Claudius selbst erlag
+ihr -, aber das große Heer der Nordländer wurde völlig aufgerieben und
+die zahlreichen Gefangenen in die römischen Heere eingereiht oder zu
+Leibeigenen gemacht. Auch die Hydra der Militärrevolutionen wurde
+einigermaßen gebändigt; Claudius und nach ihm Aurelianus waren in
+anderer Weise Herren im Reich, als dies von Gallienus gesagt werden
+kann. Die Erneuerung der Flotte, wozu unter Gallienus ein Anfang
+gemacht worden war, wird nicht gefehlt haben. Das traianische Dakien
+war und blieb verloren; Aurelianus zog die dort sich noch haltenden
+Posten heraus und gab den vertriebenen oder zur Auswanderung geneigten
+Besitzern neue Wohnstätten auf dem mösischen Ufer. Aber Thrakien und
+Mösien, die eine Zeitlang mehr den Goten als den Römern gehört hatten,
+kehrten unter römische Herrschaft zurück, und wenigstens die
+Donaugrenze ward wieder befestigt.
+
+———————————————————————-
+
+^28 In unserer Überlieferung erscheint dieser Zug als eine reine
+Seefahrt, unternommen mit (wahrscheinlich) 2000 Schiffen (so die
+Biographie des Claudius; die Zahlen 6000 und 900, zwischen denen die
+Überlieferung bei Zos. hist. 1, 42, schwankt, sind wohl beide
+verdorben) und 320000 Menschen. Indes ist es wenig glaublich daß
+Dexippus, auf den diese Angaben zurückgehen müssen die letztere Ziffer
+in dieser Weise hat setzen können. Andererseits ist bei der Richtung
+des Zuges zunächst gegen Tomis und Markianopolis es mehr als
+wahrscheinlich, daß dabei das von Zos. hist. 1, 34 beschriebene
+Verfahren befolgt ward und ein Teil zu Lande marschierte, und unter
+dieser Voraussetzung mochte auch ein Zeitgenosse die Zahl der Angreifer
+wohl auf jene Ziffer schätzen. Auch zeigt der Verlauf des Feldzugs,
+namentlich der Ort der Entscheidungsschlacht, daß man es keineswegs
+bloß mit einer Flotte zu tun hatte.
+
+———————————————————————-
+
+Man wird diesen Goten- und Skythenzügen zu Lande und zur See, welche
+die zwanzig Jahre 250 bis 269 ausfüllen, nicht die Bedeutung beilegen
+dürfen, daß die ausschwärmenden Haufen darauf bedacht gewesen wären,
+die Landschaften, die sie betraten, in bleibenden Besitz zu nehmen. Ein
+solcher Plan ist nicht einmal für Mösien und Thrakien nachweisbar,
+geschweige denn für die entfernteren Küsten; schwerlich waren auch die
+Angreifer zahlreich genug, um eigentliche Invasionen zu unternehmen.
+Wie das schlechte Regiment der letzten Herrscher und vor allem die
+Unzuverlässigkeit der Truppen viel mehr als die Übermacht der Barbaren
+die Überflutung des Gebietes durch Land- und Seeräuber hervorriefen, so
+zog die Wiederherstellung der inneren Ordnung und das energische
+Auftreten der Regierung von selbst die Befreiung desselben nach sich.
+Noch konnte der römische Staat nicht gebrochen werden, wenn er nicht
+sich selber brach. Immer aber war es ein großes Werk, das Regiment so
+wieder zusammenzunehmen, wie Claudius es getan hat. Wir wissen noch
+etwas weniger von ihm, als von den meisten Regenten dieser Zeit, da die
+wahrscheinlich fiktive Zurückführung des konstantinischen Stammbaumes
+auf ihn sein Bild nach der platten Vollkommenheitsschablone übermalt
+hat; aber diese Anknüpfung selbst, sowie die zahllosen nach seinem Tode
+ihm zu Ehren geschlagenen Münzen beweisen, daß er der nächsten
+Generation als der Retter des Staates galt, und sie wird darin nicht
+geirrt haben. Ein Vorspiel der späteren Völkerwanderung sind diese
+Skythenzüge allerdings; und die Städtezerstörung, welche sie vor den
+gewöhnlichen Piratenfahrten auszeichnet, hat damals in einem Umfang
+stattgefunden, daß der Wohlstand wie die Bildung Griechenlands und
+Kleinasiens sich niemals davon erholt haben.
+
+An der wiederhergestellten Donaugrenze befestigte Aurelianus den
+erfochtenen Sieg, indem er die Defensive wiederum offensiv führte und
+die Donau an ihrer Mündung überschreitend, jenseits derselben sowohl
+die Carper schlug, die seitdem zu den Römern im Schutzverhältnis
+standen, wie auch die Goten unter ihrem König Canabaudes. Sein
+Nachfolger Probus nahm, wie schon angegeben ward, die Überreste der von
+den Goten bedrängten Bastarner herüber auf das römische Ufer, ebenso im
+Jahre 295 Diocletian die Reste der Carper. Dies deutet darauf hin, daß
+jenseits des Flusses das Reich der Goten sich konsolidierte; aber
+weiter kamen sie auch nicht. Die Grenzbefestigungen wurden verstärkt;
+Gegen-Aquincum (contra Aquincum, Pest) ist im Jahre 294 angelegt
+worden. Die Piratenfahrten verschwanden nicht völlig. Unter Tacitus
+zeigten sich Schwärme von der Maeotis in Kilikien. Die Franken, die
+Probus am Schwarzen Meer angesiedelt hatte, verschafften sich Fahrzeuge
+und fuhren heim nach ihrer Nordsee, nachdem sie unterwegs an der
+sizilischen und der afrikanischen Küste geplündert hatten. Auch zu
+Lande ruhten die Waffen nicht, wie denn die zahlreichen Sarmatensiege
+Diocletians alle, und ein Teil seiner germanischen, auf die
+Donaugegenden fallen werden; aber erst unter Konstantin kam es wieder
+zu einem ernsthaften Kriege mit den Goten, der glücklich verlief. Das
+Übergewicht Roms stand seit Claudius’ gotischem Siege wieder so fest
+wie vorher.
+
+Die eben entwickelte Kriegsgeschichte blieb auf die innere Ordnung des
+römischen Staats- und Heerwesens nicht ohne allgemeine und bleibende
+militärisch-politische Rückwirkung. Es ist bereits darauf hingewiesen
+worden, daß die Rheinheere, in der frühen Kaiserzeit die führenden in
+der Armee, ihren Primat schon unter Traian an die Donaulegionen
+abgaben. Wenn unter Augustus sechs Legionen im Donau- und acht im
+Rheinland standen, so zählten nach den dakischen Kriegen Domitians und
+Traians im 2. Jahrhundert die Rheinlager nur vier, die Donaulager zehn,
+nach dem Markomannischen sogar zwölf Legionen. Nachdem seit Hadrian aus
+der Armee, abgesehen von den Offizieren, das italische Element
+verschwunden war und im ganzen genommen jedes Regiment sich in der
+Gegend, in welcher es lagerte, auch rekrutierte, waren die meisten
+Soldaten der Donauarmee und nicht weniger die aus dem Gliede
+hervorgegangenen Centurionen in Pannonien, Dakien, Mösien, Thrakien zu
+Hause. Auch die neuen, unter Marcus gebildeten Legionen gingen aus
+Illyricum hervor, und die außerordentlichen Ergänzungen, deren die
+Truppen damals bedurften, wurden wahrscheinlich ebenfalls vorzugsweise
+aus den Gegenden genommen, in denen die Heere standen. Also war der
+Primat der Donauarmeen, den der Dreikaiserkrieg der severischen Zeit
+feststellte und steigerte, zugleich ein Primat der illyrischen
+Soldaten; und es kam dies bei der Reform der Garde unter Severus zu
+sehr energischem Ausdruck. In die höheren Kreise des Regiments griff
+dieser Primat nicht eigentlich ein, solange die Offizierstellung noch
+mit der Reichsbeamtenstellung zusammenfiel, obwohl die ritterliche
+Laufbahn dem gemeinen Soldaten durch das Zwischenglied des Centurionats
+zu allen Zeiten zugänglich war und also die Illyriker auch in jene
+schon früh eindrangen, wie denn bereits im Jahre 235 ein geborener
+Thraker, Gaius Iulius Verus Maximinus, im Jahre 248 ein geborener
+Pannonier, Traianus Decius, auf diesem Wege sogar zum Purpur gelangt
+sind. Aber als dann Gallienus in allerdings nur zu gerechtfertigtem
+Mißtrauen die Rangklasse der Senatoren von dem Offizierdienst
+ausschloß, erstreckte sich notwendigerweise, was bisher von den
+Soldaten galt, auch auf die Offiziere. Es ist also nur in der Ordnung,
+daß die der Donauarmee angehörigen, meistens aus den illyrischen
+Gegenden herstammenden Soldaten seitdem auch im Regiment die erste
+Rolle spielen und, soweit die Armee die Kaiser machte, diese ebenfalls
+der Mehrzahl nach Illyriker sind. Also folgen auf Gallienus der
+Dardaner Claudius, Aurelianus aus Mösien, Probus aus Pannonien,
+Diocletianus aus Dalmatien, Maximianus aus Pannonien, Constantius aus
+Dardanien, Galerius aus Serdica; von den letztgenannten hebt ein unter
+der konstantinischen Dynastie schreibender Schriftsteller die Herkunft
+aus Illyricum hervor und fügt hinzu, daß sie mit wenig Bildung, aber
+guter Vorschulung durch Feldarbeit und Kriegsdienst treffliche
+Herrscher gewesen seien. Was die Albanesen lange Zeit dem Türkischen
+Reich gewesen sind, das haben ihre Vorfahren dem römischen Kaiserstaat,
+als dieser bei ähnlicher Zerrüttung und ähnlicher Barbarei angelangt
+war, in gleicher Weise geleistet. Nur darf die illyrische Regeneration
+des römischen Kaisertums nicht etwa als eine nationale Reorganisation
+aufgefaßt werden; es war lediglich die soldatische Stützung eines durch
+das Mißregiment vornehm geborener Herrscher völlig herabgekommenen
+Reiches. Die Demilitarisierung Italiens war vollständig geworden, und
+Herrscherrecht ohne kriegerische Kraft erkennt die Geschichte nicht an.
+
+
+
+
+KAPITEL VII.
+Das griechische Europa
+
+
+Mit der allgemeinen geistigen Entwicklung der Hellenen hatte die
+politische ihrer Republiken sich nicht im Gleichgewicht gehalten, oder
+vielmehr die Überschwenglichkeit jener hatte, wie die allzu volle Blüte
+den Kelch sprengt, keinem einzelnen Gemeinwesen verstattet, diejenige
+Ausdehnung und Stetigkeit zu gewinnen, welche für die staatliche
+Ausgestaltung vorbedingend ist. Die Kleinstaaterei der einzelnen Städte
+oder Städtebünde mußte in sich verkümmern oder den Barbaren verfallen;
+nur der Panhellenismus verbürgte, wie den Fortbestand der Nation, so
+ihre Weiterentwicklung gegenüber den stammfremden Umwohnern. Er ward
+verwirklicht durch den Vertrag, den König Philipp von Makedonien, der
+Vater Alexanders, in Korinth mit den Staaten von Hellas abschloß. Es
+war dies dem Namen nach ein Bundesvertrag, in der Tat die Unterwerfung
+der Republiken unter die Monarchie, aber eine Unterwerfung, welche nur
+dem Ausland gegenüber sich vollzog, indem die unumschränkte
+Feldherrnschaft gegen den Nationalfeind von fast allen Städten des
+griechischen Festlandes dem makedonischen Feldherrn übertragen, sonst
+ihnen die Freiheit und die Autonomie gelassen ward, und es war, wie die
+Verhältnisse lagen, dies die einzig mögliche Realisierung des
+Panhellenismus und die im wesentlichen für die Zukunft Griechenlands
+maßgebende Form. Philipp und Alexander gegenüber hat sie Bestand
+gehabt, wenn auch die hellenischen Idealisten wie immer das realisierte
+Ideal als solches anzuerkennen sich sträubten. Als dann Alexanders
+Reich zerfiel, war es wie mit dem Panhellenismus selbst, so auch mit
+der Einigung der griechischen Städte unter der monarchischen Vormacht
+vorbei und rieben diese in Jahrhunderten ziellosen Ringens ihre letzte
+geistige und materielle Macht auf, hin- und hergezogen zwischen der
+wechselnden Herrschaft der übermächtigen Monarchien und vergeblichen
+Versuchen, unter dem Schutz des Haders derselben den alten
+Partikularismus zu restaurieren.
+
+Als dann die mächtige Republik des Westens in den bisher einigermaßen
+gleichgewogenen Kampf der Monarchien des Ostens eintrat und bald sich
+mächtiger als jeder der dort miteinander ringenden griechischen Staaten
+erwies, erneuerte sich mit der festen Vormachtstellung auch die
+panhellenische Politik. Hellenen im vollen Sinn des Worts waren weder
+die Makedonier noch die Römer; es ist nun einmal der tragische Zug der
+griechischen Entwicklung, daß das attische Seereich mehr eine Hoffnung
+als eine Wirklichkeit war und das Einigungswerk nicht aus dem eigenen
+Schoß der Nation hat hervorgehen dürfen. Wenn in nationaler Hinsicht
+die Makedonier den Griechen näher standen als die Römer, so war das
+Gemeinwasen Roms den hellenischen politisch bei weitem mehr
+wahlverwandt als das makedonische Erbkönigtum. Was aber die Hauptsache
+ist, die Anziehungskraft des griechischen Wesens ward von den römischen
+Bürgern wahrscheinlich nachhaltiger und tiefer empfunden als von den
+Staatsmännern Makedoniens, eben weil jene ihm ferner standen als diese.
+Das Begehren, sich wenigstens innerlich zu hellenisieren, der Sitte und
+der Bildung, der Kunst und der Wissenschaft von Hellas teilhaftig zu
+werden, auf den Spuren des großen Makedoniers Schild und Schwert der
+Griechen des Ostens sein und diesen Osten nicht italisch, sondern
+hellenistisch weiter zivilisieren zu dürfen, dieses Verlangen
+durchdringt die späteren Jahrhunderte der römischen Republik und die
+bessere Kaiserzeit mit einer Macht und einer Idealität, welche fast
+nicht minder tragisch ist als jenes nicht zum Ziel gelangende
+politische Mühen der Hellenen. Denn auf beiden Seiten wird Unmögliches
+erstrebt: dem hellenischen Panhellenismus ist die Dauer versagt und dem
+römischen Hellenismus der Vollgehalt. Indes hat er darum nicht weniger
+die Politik der römischen Republik wie die der Kaiser wesentlich
+bestimmt. Wie sehr auch die Griechen, namentlich im letzten Jahrhundert
+der Republik, den Römern es bewiesen, daß ihre Liebesmühe eine
+verlorene war, es hat dies weder an der Mühe noch an der Liebe etwas
+geändert.
+
+Die Griechen Europas waren von der römischen Republik zu einer
+einzigen, nach dem Hauptlande Makedonien benannten Statthalterschaft
+zusammengefaßt worden. Wenn diese mit dem Beginn der Kaiserzeit
+administrativ aufgelöst ward, so wurde damals gleichzeitig dem gesamten
+griechischen Harnen eine religiöse Gemeinschaft verliehen, die sich
+anschloß an die alte, des Gottesfriedens wegen eingeführte und dann zu
+politischen Zwecken mißbrauchte Delphische Amphiktyonie. Unter der
+römischen Republik war dieselbe im wesentlichen auf die ursprünglichen
+Grundlagen zurückgeführt worden: Makedonien sowohl wie Ätolien, die
+sich beide usurpatorisch eingedrängt hatten, wurden wieder
+ausgeschieden und die Amphiktyonie umfaßte abermals nicht alle, aber
+die meisten Völkerschaften Thessaliens und des eigentlichen
+Griechenlands. Augustus veranlaßte die Erstreckung des Bundes auf
+Epirus und Makedonien und machte ihn dadurch im wesentlichen zum
+Vertreter des hellenischen Landes in dem weiteren, dieser Epoche allein
+angemessenen Sinne. Eine bevorzugte Stellung nahmen in diesem Verein
+neben dem altheiligen Delphi die beiden Städte Athen und Nikopolis ein,
+jene die Kapitale des alten, diese nach Augustus’ Absicht die des neuen
+kaiserlichen Hellenentums ^1. Diese neue Amphiktyonie hat eine gewisse
+Ähnlichkeit mit der Landesversammlung der drei Gallien; in ähnlicher
+Weise wie für diese der Kaiseraltar bei Lyon war der Tempel des
+pythischen Apollon der religiöse Mittelpunkt der griechischen
+Provinzen. Indes während jenem daneben eine geradezu politische
+Wirksamkeit zugestanden hat, so besorgten die Amphiktyonen dieser
+Epoche außer der eigentlich religiösen Feier lediglich die Verwaltung
+des delphischen Heiligtums und seiner immer noch beträchtlichen
+Einkünfte ^2. Wenn ihr Vorsteher sich in späterer Zeit die
+“Helladarchie” zuschreibt, so ist diese Herrschaft über Griechenland
+lediglich ein idealer Begriff. ^3 Immer aber bleibt die offizielle
+Konservierung der griechischen Nationalität ein Kennzeichen der
+Haltung, welche das neue Kaisertum gegen dieselbe einnimmt, und seines
+den republikanischen weit überbietenden Philhellenismus.
+
+—————————————————————
+
+^1 Die Ordnung der Delphischen Amphiktyonie unter der römischen
+Republik erhellt namentlich aus der delphischen Inschrift CIL III, p.
+987 (vgl. BCH 7,1883, S. 427f.). Den Verein bildeten damals siebzehn
+Völkerschaften mit zusammen 24 Stimmen, sämtlich dem eigentlichen
+Griechenland oder Thessalien angehörig; Ätolien, Epirus, Makedonien
+fehlen. Nach der Umgestaltung durch Augustus (Paus. 10, 8) blieb diese
+Organisation im übrigen bestehen, nur daß durch Beschränkung der
+unverhältnismäßig zahlreichen thessalischen die Stimmen der bisher
+vertretenen Völkerschaften auf achtzehn herabgemindert wurden; dazu
+traten neu Nikopolis in Epirus mit sechs und Makedonien ebenfalls mit
+sechs Stimmen. Ferner sollten die sechs Stimmen von Nikopolis ein für
+allemal geführt werden, ebenso wie dies blieb für die zwei von Delphi
+und die eine von Athen, die übrigen Stimmen dagegen von den Verbänden,
+so daß zum Beispiel die eine Stimme der peloponnesischen Dorier
+wechselte zwischen Argos, Sikyon, Korinth und Megara. Eine
+Gesamtvertretung der europäischen Hellenen waren die Amphiktyonen
+insofern auch jetzt nicht, als die früher ausgeschlossenen
+Völkerschaften im eigentlichen Griechenland, ein Teil der Peloponnesier
+und die nicht zu Nikopolis gezogenen Ätoler, darin nicht repräsentiert
+waren.
+
+^2 Die stehenden Zusammenkünfte in Delphi und an den Thermopylen
+währten fort (Paus. 7, 24, 3; Vita Apoll. 4, 23) und natürlich auch die
+Ausrichtung der Pythischen Spiele nebst der Erteilung der Preise durch
+das Kollegium der Amphiktyonen (vit. soph. 2, 27); dasselbe hat die
+Verwaltung der “Zinsen und Einkünfte” des Tempels (Inschrift von
+Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111) und legt aus
+denselben, zum Beispiel in Delphi, eine Bibliothek an (Lebas-Foucart
+II, S. 845) oder setzt daselbst Bildsäulen.
+
+^3 Die Mitglieder des Kollegiums der Αμψικτίονεσ oder, wie sie in
+dieser Epoche heißen, Αμψικτύονεσ, werden von den einzelnen Städten in
+der früher bezeichneten Weise bald von Fall zu Fall (Iteration: CIG
+1085), bald auf Lebenszeit (Plut. an seni 20) bestellt; was wohl davon
+abhängt, ob die Stimme ständig war oder alternierend (Wilamowitz). Ihr
+Vorsteher heißt in früherer Zeit επιμελητής τού κοινού τών Αμψικτυόνων
+(Inschriften von Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111; CIG
+1713), später Ελλαδάρχης τών Αμψικτυόνων (CIG 1124).
+
+—————————————————————
+
+Hand in Hand mit der sakralen Einigung der europäischen Griechen ging
+die administrative Auflösung der griechisch-makedonischen
+Statthalterschaft der Republik. An der Teilung der Reichsverwaltung
+unter Kaiser und Senat hing sie nicht, da dieses gesamte Gebiet und
+nicht minder die vorliegenden Donaulandschaften bei der ursprünglichen
+Teilung dem Senat zugewiesen wurden; ebensowenig haben militärische
+Rücksichten hier eingegriffen, da die ganze Halbinsel bis hinauf zur
+thrakischen Grenze, als gedeckt teils durch diese Landschaft, teils
+durch die Besatzungen an der Donau, immer dem befriedeten Binnenlande
+zugerechnet worden ist. Wenn der Peloponnes und das attisch-böotische
+Festland damals seinen eigenen Prokonsul erhielt und von Makedonien
+getrennt ward, was wohl schon Caesar beabsichtigt haben mag, so war
+dabei, neben der allgemeinen Tendenz, die senatorischen
+Statthalterschaften nicht zu groß zu nehmen, vermutlich die Rücksicht
+maßgebend, das rein hellenische Gebiet von dem halb hellenischen zu
+scheiden. Die Grenze der Provinz Achaia war anfänglich der Oeta, und
+auch nachdem die Ätoler später dazu gelegt worden ^4, ist sie nicht
+hinausgegangen über den Acheloos und die Thermopylen.
+
+———————————————————————————————
+
+^4 Die ursprünglichen Grenzen der Provinz bezeichnet Strabon (17, 3, 25
+p. 840) in der Aufzählung der senatorischen Provinzen: Αχαία μέχρι
+Θετταλίας καί Αιτωλών καί Ακαρνάνων καί τινων Ηπειρωτικών εθνών όσα τή
+Μακεδονία προσώριστο, wobei der übrige Teil von Epirus der (von Strabon
+hier, für seine Zeit irrig, den senatorischen zugezählten) Provinz
+Illyricum zugeteilt zu werden scheint. Μέχρι einschließend zu nehmen
+geht, von sachlichen Erwägungen abgesehen, schon deswegen nicht an,
+weil nach den Schlußworten die vorher genannten Gebiete “Makedonien
+zugeteilt sind”. Späterhin finden wir die Ätoler zu Achaia gelegt
+(Ptol. geogr. 3, 14). Daß Epirus eine Zeitlang auch dazu gehört hat,
+ist möglich, nicht so sehr wegen der Angabe bei Dio 53, 12, die weder
+für Augustus’ Zeit noch für diejenige Dios verteidigt werden kann,
+sondern weil Tacitus zum Jahre 17 (ann. 2, 53) Nikopolis zu Achaia
+rechnet. Aber wenigstens seit Traian bildet Epirus mit Akarnanien eine
+eigene prokuratorische Provinz (Ptol. geogr. 3, 13; CIL III, 536;
+Marquardt, Römische Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 331). Thessalien und
+alles Land nördlich vom Oeta ist stets bei Makedonien geblieben.
+
+———————————————————————————————
+
+Diese Ordnungen betrafen die Landschaft im ganzen. Wir wenden uns zu
+der Stellung, welche den einzelnen Stadtgemeinden unter der römischen
+Herrschaft gegeben ward.
+
+Die ursprüngliche Absicht der Römer, die Gesamtheit der griechischer.
+Stadtgemeinden in ähnlicher Weise an das eigene Gemeinwesen
+anzuschließen, wie dies mit den italischen geschehen war, hatte infolge
+des Widerstandes, auf den diese Einrichtungen trafen, insbesondere
+infolge der Auflehnung des Achäischen Bundes im Jahre 608 (146) und des
+Abfalls der meisten Griechenstädte zu König Mithradates im Jahre 666
+(88) wesentliche Einschränkungen erfahren. Die Städtebünde, das
+Fundament aller Machtentwicklung in Hellas wie in Italien, und von den
+Römern anfänglich akzeptiert, waren sämtlich, namentlich der wichtigste
+der Peloponnesier oder, wie er sich nannte, der Achäer, aufgelöst und
+die einzelnen Städte angehalten worden, ihr Gemeinwesen für sich zu
+ordnen. Es wurden ferner für die einzelnen Gemeindeverfassungen von der
+Vormacht gewisse allgemeine Normen aufgestellt und nach diesem Schema
+dieselben in antidemokratischer Tendenz reorganisiert. Nur innerhalb
+dieser Schranken blieb der einzelnen Gemeinde die Autonomie und die
+eigene Magistratur. Es blieben ihr auch die eigenen Gerichte; aber
+daneben stand der Grieche von Rechts wegen unter den Ruten und Beilen
+des Prätors, und wenigstens konnte wegen eines jeden Vergehens, das als
+Auflehnung gegen die Vormacht sich betrachten ließ, von den römischen
+Beamten auf Geldbuße oder Ausweisung oder auch Lebensstrafe erkannt
+werden ^5. Die Gemeinden besteuern sich selbst; aber sie hatten
+durchgängig eine bestimmte, im ganzen, wie es scheint, nicht hoch
+gegriffene Summe nach Rom zu entrichten. Besatzungen wurden nicht so,
+wie einst in makedonischer Zeit, in die Städte gelegt, da die in
+Makedonien stehenden Truppen nötigenfalls in der Lage waren, auch in
+Griechenland einzuschreiten. Aber schwerer als die Zerstörung Thebens
+auf dem Andenken Alexanders, lastet auf der römischen Aristokratie die
+Schleifung Korinths. Die übrigen Maßregeln, wie gehässig und erbitternd
+sie auch teilweise waren, namentlich als von der Fremdherrschaft
+oktroyiert, mochten im ganzen genommen unvermeidlich sein und vielfach
+heilsam wirken; sie waren die unvermeidliche Palinodie der
+ursprünglichen, zum Teil recht unpolitischen römischen Politik des
+Verzeihens und Verziehens gegenüber den Hellenen. Aber in der
+Behandlung Korinths hatte sich der kaufmännische Egoismus in
+unheimlicher Weise mächtiger erwiesen als alles Philhellenentum.
+
+———————————————————————-
+
+^5 Nichts gibt von der Lage der Griechen des letzten Jahrhunderts der
+römischen Republik ein deutlicheres Bild als das Schreiben eines dieser
+Statthalter an die achäische Gemeinde Dyme (CIG 1543). Weil diese
+Gemeinde sich Gesetze gegeben hat, welche der im allgemeinen den
+Griechen geschenkten Freiheit (η αποδεδομένη κατά κοινόν τοίς 'Ελλησιν
+ελευθερία) und der von den Römern den Achäern gegebenen Ordnung (η
+αποδευθείσα τοίς Αχαιοίς υπό Ρωμαίων πολιτεια; wahrscheinlich unter
+Mitwirkung des Polybios Paus. 8, 30, 9) zuwiderliefen, worüber es
+allerdings auch zu Aufläufen gekommen war, zeigt der Statthalter der
+Gemeinde an, daß er die beiden Rädelsführer habe hinrichten, lassen und
+ein minder schuldiger Dritter nach Rom exiliert sei.
+
+———————————————————————-
+
+Bei allem dem war der Grundgedanke der römischen Politik, die
+griechischen Städte dem italischen Städtebund anzugliedern, nie
+vergessen worden; gleich wie Alexander niemals Griechenland hat
+beherrschen wollen wie Illyrien und Ägypten, so haben auch seine
+römischen Nachfolger das Untertanenverhältnis nie vollständig auf
+Griechenland angewandt und schon in republikanischer Zeit von dem
+strengen Recht des den Römern aufgezwungenen Krieges wesentlich
+nachgelassen. Insbesondere geschah dies gegenüber Athen. Keine
+griechische Stadt hat vom Standpunkt der römischen Politik aus so
+schwer gegen Rom gefehlt wie diese; ihr Verhalten im Mithradatischen
+Kriege hätte bei jedem anderen Gemeinwesen unvermeidlich die Schleifung
+herbeigeführt. Aber vom philhellenischen Standpunkt aus freilich war
+Athen das Meisterstück der Weit, und es knüpften sich an dasselbe für
+die vornehme Welt des Auslandes ähnliche Neigungen und Erinnerungen wie
+für unsere gebildeten Kreise an Pforta und an Bonn; dies überwog damals
+wie früher. Athen hat nie unter den Beilen des römischen Statthalters
+gestanden und niemals nach Rom gesteuert, hat immer mit Rom
+beschworenes Bündnis gehabt und nur außerordentlicher und, wenigstens
+der Form nach, freiwilliger Weise den Römern Beihilfe gewährt. Die
+Kapitulation nach der Sullanischen Belagerung führte wohl eine Änderung
+der Gemeindeverfassung herbei, aber das Bündnis ward erneuert, ja sogar
+alle auswärtigen Besitzungen zurückgegeben; selbst die Insel Delos,
+welche, als Athen zu Mithradates übertrat, sich losgemacht und als
+selbständiges Gemeinwesen konstituiert hatte und zur Strafe für ihre
+Treue gegen Rom von der pontischen Flotte ausgeraubt und zerstört
+worden war ^6.
+
+——————————————————————————————
+
+^6 Die delischen Ausgrabungen der letzten Jahre haben die Beweise
+geliefert, daß die Insel, nachdem die Römer sie einmal an Athen gegeben
+hatten, beständig athenisch geblieben ist und sich zwar infolge des
+Abfalls der Athener von Rom als Gemeinde der “Delier” konstituierte
+(Eph, epigr. V, p. 604), aber schon sechs Jahre nach der Kapitulation
+Athens wieder athenisch war (Ep h. epigr. V, n. 184; Homolle im BCH 8,
+1884, S. 142).
+
+——————————————————————————————
+
+Mit ähnlicher Rücksicht, und wohl auch zum guten Teil seines großen
+Namens wegen, ist Sparta behandelt worden. Auch einige andere Städte
+der später zu nennenden befreiten Gemeinden hatten diese Stellung
+bereits unter der Republik. Wohl kamen dergleichen Ausnahmen in jeder
+römischen Provinz vor; aber dem griechischen Gebiet ist dies von Haus
+aus eigen, daß eben die beiden namhaftesten Städte desselben außerhalb
+des Untertanenverhältnisses standen und dieses demnach nur die
+geringeren Gemeinwesen traf.
+
+Auch für die untertänigen Griechenstädte traten schon unter der
+Republik Milderungen ein. Die anfänglich untersagten Städtebünde lebten
+allmählich wieder auf, insbesondere die kleineren und machtlosen, wie
+der böotische, sehr bald ^7; mit der Gewöhnung an die Fremdherrschaft
+schwanden die oppositionellen Tendenzen, welche ihre Aufhebung
+herbeigeführt hatten, und ihre enge Verknüpfung mit dem sorgfältig
+geschonten, althergebrachten Kultus wird ihnen weiter zugute gekommen
+sein, wie denn schon bemerkt worden ist, daß die römische Republik die
+Amphiktyonie in ihren ursprünglichen nicht politischen Funktionen
+wiederherstellte und schützte. Gegen das Ende der republikanischen Zeit
+scheint die Regierung den Böotern sogar gestattet zu haben, mit den
+kleinen nördlich angrenzenden Landschaften und der Insel Euböa eine
+Gesamtverbindung einzugehen ^8.
+
+————————————————————————————
+
+^7 Ob das κοινόν τών Αχαιών, das in der eigentlich republikanischen
+Zeit natürlicherweise nicht vorkommt, schon am Ende derselben oder erst
+nach Einführung der kaiserlichen Provinzialordnung rekonstruiert worden
+ist, ist zweifelhaft. Inschriften wie die olympische des Proquästors Q.
+Ancharius Q. f. (Archäologische Zeitung 36, 1878, S. 38, n. 114)
+sprechen mehr für die erstere Annahme; doch kann sie nicht mit
+Gewißheit als voraugustisch bezeichnet werden. Das älteste sichere
+Zeugnis für die Existenz dieser Vereinigung ist die von ihr dem
+Augustus in Olympia gesetzte Inschrift (Archäologische Zeitung 35,
+1877, S. 36, n. 33). Vielleicht sind dies Ordnungen des Diktators
+Caesar und im Zusammenhang mit dem unter ihm begegnenden Statthalter
+“Griechenlands”, wahrscheinlich des Achaia der Kaiserzeit (Cic. ad fam.
+6, 6, 10).
+
+Übrigens haben sicher auch unter der Republik, nach Ermessen des
+jedesmaligen Statthalters, mehrere Gemeinden für einen bestimmten
+Gegenstand durch Deputierte zusammentreten und Beschlüsse fassen
+können; wie das κοινόν der Sikelioten also dem Verres eine Statue
+dekretierte (Cic. Verr. 1, 2, 46, 114), wird ähnliches auch in
+Griechenland unter der Republik vorgekommen sein. Aber die regelmäßigen
+provinzialen Landtage mit ihren festen Beamten und Priestern sind eine
+Einrichtung der Kaiserzeit.
+
+^8 Dies ist das κοινόν Βοιωτών Ευβοέων Λοκρών Φωκέων Δωριέων
+merkwürdigen, wahrscheinlich kurz vor der Attischen Schlacht gesetzten
+Inschrift CIA III, 568. Unmöglich kann mit Dittenberger (Archäologische
+Zeitung 34, 1876, S. 220) auf diesen Bund die Meldung des Pausanias (7,
+16, 10) bezogen werden, daß die Römer “nicht viele Jahre” nach der
+Zerstörung Korinths sich der Hellenen erbarmt und ihnen die
+landschaftlichen Vereinigungen (συνέδρια κατά εθνος εκάστοις) wieder
+gestattet hätten; dies geht auf die kleineren Einzelbünde.
+
+————————————————————————————
+
+Den Schlußstein der republikanischen Epoche macht die Sühnung der
+Schleifung Korinths durch den größten aller Römer und aller
+Philhellenen, den Diktatar Caesar, und die Erneuerung des Sternes von
+Hellas in der Form einer selbständigen Gemeinde römischer Bürger, der
+neuen “julischen Ehre”.
+
+Diese Verhältnisse fand das eintretende Kaiserregiment in Griechenland
+vor, und diese Wege ist es weiter gegangen. Die von dem unmittelbaren
+Eingreifen der Provinzialregierung und von der Steuerzahlung an das
+Reich befreiten Gemeinden, denen die Kolonien der römischen Bürger in
+vieler Hinsicht gleichstehen, begreifen weitaus den größten und besten
+Teil der Provinz Achaia: im Peloponnes Sparta, mit seinem zwar
+geschmälerten, aber doch jetzt wieder die nördliche Hälfte Lakoniens
+umfassenden Gebiet ^9, immer noch das Gegenbild Athens, sowohl in den
+versteinerten altfränkischen Institutionen wie in der wenigstens
+äußerlich bewahrten Ordnung und Haltung; ferner die achtzehn Gemeinden
+der freien Lakonen, die südliche Hälfte der lakonischen Landschaft,
+einst spartanische Untertanen, nach dem Kriege gegen Nabis von den
+Römern als selbständiger Städtebund organisiert und von Augustus gleich
+Sparta mit der Freiheit beliehen ^10; endlich in der Landschaft der
+Achäer außer Dyme, das schon von Pompeius mit Piratenkolonisten belegt
+worden war und dann durch Caesar neue römische Ansiedler empfangen
+hatte ^11, vor allem Patrae, aus einem herabgekommenen Flecken von
+Augustus, seiner für den Handel günstigen Lage wegen, teils durch
+Zusammenziehung der umliegenden kleinen Ortschaften, teils durch
+Ansiedelung zahlreicher italischer Veteranen zu der volkreichsten und
+blühendsten Stadt der Halbinsel umgeschaffen und als römische
+Bürgerkolonie konstituiert, unter die auch auf der gegenüberliegenden
+lokrischen Küste Naupaktos (italienisch Lepanto) gelegt ward. Auf dem
+Isthmos war Korinth, wie es einst das Opfer der Gunst seiner Lage
+geworden war, so jetzt nach seiner Wiederherstellung, ähnlich wie
+Karthago, rasch emporgekommen und die gewerb- und volkreichste Stadt
+Griechenlands, überdies der regelmäßige Sitz der Regierung. Wie die
+Korinther die ersten Griechen gewesen waren, welche die Römer als
+Landsleute anerkannt hatten durch Zulassung zu den Isthmischen Spielen,
+so leitete dieselbe Stadt jetzt, obgleich römische Bürgergemeinde,
+dieses hohe griechische Nationalfest. Auf dem Festlande gehörten zu den
+befreiten Distrikten nicht bloß Athen mit seinem ganz Attika und
+zahlreiche Inseln des Ägäischen Meeres umfassenden Gebiet, sondern auch
+Tanagra und Thespiae, damals die beiden ansehnlichsten Städte der
+böotischen Landschaft, ferner Plataeae ^12; in Phokis Delphi, Abae,
+Elateia, sowie die ansehnlichste der lokrischen Städte, Amphissa. Was
+die Republik begonnen hatte, das vollendete Augustus in der eben
+dargelegten, wenigstens in den Hauptzügen von ihm festgestellten und
+auch später im wesentlichen festgehaltenen Ordnung. Wenngleich die dem
+Prokonsul unterworfenen Gemeinden der Provinz der Zahl nach gewiß und
+vielleicht auch nach der Gesamtbevölkerung überwogen, so sind in echt
+philhellenischem Geiste die durch materielle Bedeutung oder durch große
+Erinnerungen ausgezeichnetsten Städte Griechenlands befreite ^13.
+
+——————————————————-
+
+^9 Dazu gehörte nicht bloß das nahe Amyklae, sondern auch Kardmyle
+(durch Schenkung Augusts, Paus. 3, 26, 7), Pherae (Paus. 4, 30, 2),
+Thuria (das. 4, 31, 1) und eine Zeitlang auch Korone (CIG 1258; vgl.
+Lebas-Foucart II, S. 305) am Messenischen Busen, ferner die Insel
+Kythera (Dio 54, 7).
+
+^10 In republikanischer Zeit erscheint dieser Distrikt als τό κοινόν
+τών Λακεδαιμονίων (Lebas-Foucart II, S. 110); Pausanias (3, 21, 6) irrt
+also, wenn er ihn erst durch Augustus von Sparta lösen läßt. Aber
+Ελευθερολάκονες nennen sie sich erst seit Augustus, und die Erteilung
+der Freiheit wird also mit Recht auf diesen zurückgeführt.
+
+^11 Es gibt Münzen dieser Stadt mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia)
+D(ume)und dem Kopf Caesars, andere mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia)
+A(ugusta) Du m(e) und dem Kopf Augusts neben dem des Tiberius (F.
+Imhoof-Blumer, Monnaies Grècques. Leipzig 1883, S. 165). Daß Augustus
+Dyme der Kolonie Patrae zugeteilt hat, ist wohl ein Irrtum des
+Pausanias (7,17, 5); möglich bleibt es freilich, daß Augustus in seinen
+späteren Jahren diese Vereinigung verfügt hat.
+
+^12 Dies zeigt, wenigstens für die Zeit des Pius, die afrikanische
+Inschrift CIL VIII, 7059 (vgl. Plut. Arist. 21). Die
+Schriftstellernachrichten über die befreiten Gemeinden geben überhaupt
+keine Gewähr für die Vollständigkeit der Liste. Wahrscheinlich gehört
+zu denselben auch Elis, das von der Katastrophe der Achäer nicht
+betroffen ward und auch später noch nach Olympiaden, nicht nach der Ära
+der Provinz datierte; überdies ist es unglaublich, daß die Stadt der
+olympischen Feier nicht bestes Recht gehabt hat.
+
+^13 Scharf drückt dies Aristeides aus in der Lobrede auf Rom (or. p.
+224 Jebb): διατελείτε τών μέν Ελλήνων ώσπερ τροφέων επιμελόμενοι … τούς
+μέν αρίστους καί πάλαι ηγεμόνας (Athen und Sparta) ελευθέρους καί
+αυτονόμους αφεικότεσ αυτών, τών δ'άλλων μετρίως … εξηγούμενοι, τούς δέ
+βαρβάρους πρός τήν εκάστοις αυτών ούσαν φύσιν παιδύοντες.
+
+——————————————————-
+
+Weiter, als in dieser Richtung Augustus gegangen war, ging der letzte
+Kaiser des Claudischen Hauses, einer vom Schlage der verdorbenen Poeten
+und insofern allerdings ein geborener Philhellene. Zum Dank für die
+Anerkennung, die seine künstlerischen Leistungen in dem Heimatlande der
+Musen gefunden hatten, sprach Nero, wie einst Titus Flamininus und
+wieder in Korinth bei den Isthmischen Spielen, die sämtlichen Griechen
+des römischen Regiments ledig, frei von Tributen und gleich den
+Italikern keinem Statthalter untertan. Sofort entstanden in ganz
+Griechenland Bewegungen, welche Bürgerkriege gewesen sein würden, wenn
+diese Leute mehr hätten fertig bringen können als Schlägereien; und
+nach wenigen Monaten stellte Vespasian mit der trockenen Bemerkung, daß
+die Griechen verlernt hätten, frei zu sein, die Provinzialverfassung
+wieder her ^14, so weit sie reichte.
+
+————————————————————————-
+
+^14 Aber dankbar blieben die hellenischen Literaten ihrem Kollegen und
+Patron. In dem Apolloniusroman schlägt der große Weise aus Kappadokien
+Vespasian die Ehre seiner Begleitung ab, weil er die Hellenen zu
+Sklaven gemacht habe, wie sie eben im Begriff waren, wieder ionisch und
+dorisch zu reden, und schreibt ihm verschiedene Billets von
+ergötzlicher Grobheit. Ein Mann aus Soloi, der den Hals brach und dann
+wieder auflebte und bei dieser Gelegenheit alles sah, was Dante
+schaute, berichtete, daß er Neros Seele getroffen habe, in welche die
+Arbeiter des Weltgerichts Flammennägel getrieben hatten und beschäftigt
+waren sie in eine Natter umzugestalten; allein eine himmlische Stimme
+habe Einspruch getan und geboten, den Mann wegen seines irdischen
+Philhellenismus in eine minder abscheuliche Bestie zu verwandeln (Plut.
+de Sera num. vind. a. E.).
+
+————————————————————————-
+
+Die Rechtsstellung der befreiten Gemeinden blieb im wesentlichen
+dieselbe wie unter der Republik. Soweit nicht römische Bürger in Frage
+kamen, behielten sie die volle Justizhoheit; nur scheinen die
+allgemeinen Bestimmungen über die Appellationen an den Kaiser einer-
+und die Senatsbehörden andererseits auch die freien Städte
+eingeschlossen zu haben ^15. Vor allem behielten sie die volle
+Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Athen zum Beispiel hat in der
+Kaiserzeit das Prägerecht geübt, ohne je einen Kaiserkopf auf seine
+Münzen zu setzen, und auch auf spartanischen Münzen der ersten
+Kaiserzeit fehlt derselbe häufig. In Athen blieb auch die alte Rechnung
+nach Drachmen und Obolen, nur daß freilich die örtliche attische
+Drachme dieser Zeit nichts als lokale Scheidemünze war und dem Wert
+nach als Obol der attischen Reichsdrachme oder des römischen Denars
+kursierte. Selbst die formale Ausübung des Rechts über Krieg und
+Frieden war in einzelnen Verträgen dergleichen Staaten gewahrt ^16.
+Zahlreiche der italischen Gemeindeordnung völlig widerstreitende
+Institutionen blieben bestehen, wie der jährliche Wechsel der
+Ratsmitglieder und die Tagegelder dieser und der Geschworenen, welche,
+wenigstens in Rhodos, noch in der Kaiserzeit gezahlt worden sind.
+Selbstverständlich übte die römische Regierung nichtsdestoweniger auf
+die Konstituierung auch der befreiten Gemeinden fortwährend einen
+maßgebenden Einfluß. So ist zum Beispiel die athenische Verfassung, sei
+es am Ausgang der Republik, sei es durch Caesar oder Augustus, in der
+Weise modifiziert worden, daß nicht mehr jedem Bürger, sondern, wie
+nach römischer Ordnung, nur bestimmten Beamten das Recht zustand, einen
+Antrag an die Bürgerschaft zu bringen; und unter der großen Zahl der
+bloß figurierenden Beamten wurde einem einzigen, dem Strategen, die
+Geschäftsleitung in die Hand gelegt. Sicher sind auf diesem Wege noch
+mancherlei weitere Reformen durchgeführt worden, deren Eintreten in dem
+abhängigen wie unabhängigen Griechenland wir überall erkennen, ohne daß
+Zeit und Anlaß der Reform sich bestimmen läßt. So ist das Recht oder
+vielmehr das Unrecht der Asyle, welche als Überreste einer rechtlosen
+Zeit jetzt fromme Schlupfwinkel für schlechte Schuldner und Verbrecher
+geworden waren, gewiß auch in dieser Provinz wenn nicht beseitigt, so
+doch eingeschränkt worden. Das Institut der Proxenie, ursprünglich eine
+unseren ausländischen Konsulaten vergleichbare zweckmäßige Einrichtung,
+aber durch die Verleihung voller bürgerlicher Rechte und oft auch noch
+des Privilegiums der Steuerfreiheit an den befreundeten Ausländer,
+besonders bei der Ausdehnung, in der es gewährt ward, politisch
+bedenklich, ist durch die römische Regierung, wie es scheint erst im
+Anfang der Kaiserzeit, beseitigt worden; wofür dann nach italischer
+Weise das mit dem Steuerwesen sich nicht berührende inhaltlose
+Stadtpatronat an die Stelle trat. Endlich hat die römische Regierung,
+als Inhaberin der obersten Souveränität über diese abhängigen
+Republiken ebenso wie über die Klientelfürsten, immer es als ihr Recht
+betrachtet und geübt, die freie Verfassung im Fall des Mißbrauchs
+aufzuheben und die Stadt in eigene Verwaltung zu nehmen. Indes teils
+der beschworene Vertrag, teils die Machtlosigkeit dieser nominell
+verbündeten Staaten hat diesen Verträgen eine größere Stabilität
+gegeben, als sie in dem Verhältnis zu den Klientelfürsten wahrgenommen
+wird.
+
+————————————————————————-
+
+^15 Wenigstens wird in der Verordnung Hadrians über die den athenischen
+Grundbesitzern obliegenden Öllieferungen an die Gemeinde (CIA III, 18)
+die Entscheidung zwar der Bule und der Ekklesia gegeben, aber
+Appellation an den Kaiser oder den Prokonsul gestattet.
+
+^16 Was Strabon (14, 3, 3, p. 665) von dem zu seiner Zeit autonomen
+Lykischen Städtebund berichtet, daß ihm das Kriegs- und Friedens- und
+das Bündnisrecht fehle, außer wenn die Römer dasselbe gestatten oder es
+zu ihrem Nutzen geschieht, wird ohne weiteres auch auf Athen bezogen
+werden dürfen.
+
+————————————————————————-
+
+Wenn den befreiten Gemeinden Achaias ihre bisherige Rechtsstellung
+unter dem Kaisertum blieb, so hat Augustus denen der Provinz, welchen
+die Freiheit nicht gewährt war oder ward, eine neue und bessere
+Rechtsstellung verliehen. Wie er in der reorganisierten Delphischen
+Amphiktyonie den Griechen Europas einen gemeinsamen Mittelpunkt gegeben
+hatte, gestattete er auch den sämtlichen Städten der Provinz Achaia,
+soweit sie unter römischer Verwaltung standen, sich als Gesamtverband
+zu konstituieren und jährlich in Argos, der bedeutendsten Stadt des
+unfreien Griechenlands, zur Landesversammlung zusammenzutreten ^17.
+Damit wurde der nach dem achäischen Kriege aufgelöste Achäische Bund
+nicht bloß rekonstituiert, sondern ihm auch die früher erwähnte,
+erweiterte böotische Vereinigung eingefügt. Wahrscheinlich ist eben
+durch die Zusammenlegung dieser beiden Gebiete die Abgrenzung der
+Provinz Achaia herbeigeführt worden. Der neue Verband der Achäer,
+Böoter, Lokrer, Phokier, Dorer und Euböer ^18 oder, wie er gewöhnlich
+gleich wie die Provinz bezeichnet wird, der Verband der Achäer hat
+vermutlich weder mehr noch weniger Rechte gehabt, als die sonstigen
+Provinziallandtage des Kaiserreichs. Eine gewisse Kontrolle der
+römischen Beamten wird dabei beabsichtigt gewesen und werden darum auch
+die dem Prokonsul nicht unterstellten Städte, wie Athen und Sparta, von
+demselben ausgeschlossen worden sein. Daneben wird diese Tagsatzung,
+wie alle ähnlichen, hauptsächlich in dem gemeinschaftlichen, das ganze
+Land umfassenden Kultus den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit gefunden haben.
+Aber wenn in den übrigen Provinzen dieser Landeskult überwiegend an Rom
+anknüpfte, so wurde der Landtag von Achaia vielmehr ein Brennpunkt des
+Hellenismus und sollte es vielleicht werden. Schon unter den julischen
+Kaisern betrachtete er sich als den rechten Vertreter der griechischen
+Nation und legte seinem Vorstand den Namen des Helladarchen bei, sich
+selbst sogar den der Panhellenen ^19. Die Versammlung entfernte sich
+also von ihrer provinzialen Grundlage, und ihre bescheidenen
+administrativen Befugnisse traten in den Hintergrund.
+
+————————————————————————
+
+^17 Allerdings sind die bis jetzt bekannten Vorsteher des κοινόν τών
+Αχαιών, deren Heimat feststeht, aus Argos, Messene, Korone in Messenien
+(Lebas-Foucart II, S. 305) und haben sich darunter bisher nicht bloß
+keine Bürger der befreiten Gemeinden, wie Athen und Sparta, sondern
+auch keine der zu der Konföderation der Böoter und Genossen gehörigen
+(Anm. 8) gefunden. Vielleicht beschränkte sich dies κοινόν rechtlich
+auf das Gebiet, das die Römer die Republik Achaia nannten, das heißt
+das des Achäischen Bundes bei seinem Untergang, und sind die Böoter und
+Genossen mit dem eigentlichen κοινόν der Achäer zu demjenigen weiteren
+Bunde vereinigt, dessen Vorhandensein und Tagen in Argos die
+Inschriften von Akraephia (Anm. 18) dokumentieren. Übrigens bestand
+neben diesem κοινόν der Achäer noch ein engeres der Landschaft Achaia
+im eigentlichen Sinn, dessen Vertreter in Aegion zusammentraten (Paus.
+7, 24, 4), eben wie das κοινόν τών Αρκάδων (Archäologische Zeitung 37,
+1879, S. 139, n. 274) und zahlreiche andere. Wenn nach Paus. 5, 12, 6
+in Olympia dem Traian οι πάντες Έλληνες, dem Hadrian αι εσ τό Αχαικόν
+τελούσαι Bildsäulen gesetzt hatten und hier kein Mißverständnis
+untergelaufen ist, so wird die letztere Dedikation auf dem Landtag von
+Aegion stattgefunden haben.
+
+^18 So (nur daß die Dorer fehlen; vgl. Anm. 8) heißt der Verein auf der
+Inschrift von Akraephia (Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n.
+31). Eben diese Urkunde aber nebst der gleichzeitigen CIG 1625 liefert
+den Beweis, daß der Verein unter Kaiser Gaius statt dieser wohl
+eigentlich offiziellen Benennung sich auch einerseits als Verein der
+Achäer bezeichnet, andererseits als τό κοινόν τών Πανελλήνων oder η
+σύνοδος τών Ελλήνων, auch τό τών Αχαιών καί Πανελλήνων συνέδριον. Diese
+Ruhmredigkeit tritt anderswo nicht so grell hervor wie in jenem
+böotischen Landstädtchen; aber auch in Olympia, wo der Verein seine
+Denkmäler vorzugsweise aufstellte nennt er sich zwar meistens τό κοινόν
+τών Αχαιών, aber zeigt oft genug dieselbe Tendenz, zum Beispiel wenn τό
+κοινόν τών Αχαιών Π. Αίλιο Αρίστονα … συνπάντες οι Έλληνες ανέστεσαν
+(Archäologische Zeitung 38, 1880, S. 86, n. 344). Ebenso setzen in
+Sparta dem Caesar Marcus οι Έλληνες eine Bildsäule από τού κοινού τών
+Αχαιών (CIG 1318).
+
+^19 Auch in Asia, Bithynien, Niedermösien heißt der Vorsteher der der
+betreffenden Provinz angehörigen Griechenstädte Ελλαδάρχης, ohne daß
+damit mehr aus gedrückt würde als der Gegensatz gegen die
+Nichtgriechen. Aber wie der Hellenenname in Griechenland verwendet
+wird, in einem gewissen Gegensatz zu dem eigentlich korrekten der
+Achäer, ist dies sicher von derselben Tendenz eingegeben die in den
+Panhellenea von Argos am deutlichsten sich zeichnete. So findet sich
+στρατηγός τού κοινού τών Αχαιών καί προστάτης διά βίου τών Ελλήνων
+(Archäologische Zeitung 35, 1877, S. 192, n. 98) oder auf einem anderen
+Dokument desselben προστάτης διά βίου τών Ελλήνων τού κοινού τών Αχαιών
+Mannes προστάτης διά βίου τού κοινού τών Αχαιών (Lebas-Foucart, n.
+305); ein (Archäologische Zeitung 35, 1877, S. 195, n. 106), στρατηγός
+ασυνκρίτως άρξας της Ελλάδος (das. S. 40, n. 42), στρατηγός καί
+Ελλαδάρχης (das. 34, 1876, S. 8, S. 226), alle ebenfalls auf
+Inschriften des κοινόν τών Αχαιών. Daß in diesem, mag es auch
+vielleicht bloß auf den Peloponnes bezogen werden (Anm. 17), die
+panhellenische Tendenz darum nicht weniger sich geltend machte, ist
+begreiflich.
+
+————————————————————————
+
+Diese Panhellenen nannten sich mißbräuchlich also und wurden von der
+Regierung nur toleriert. Aber Hadrian schuf wie ein neues Athen, so
+auch ein neues Hellas. Unter ihm durften die Vertreter der sämtlichen
+autonomen oder nicht autonomen Städte der Provinz Achaia in Athen sich
+als das vereinigte Griechenland, als die Panhellenen ^20 konstituieren.
+Die in besseren Zeiten oft geträumte und nie erreichte nationale
+Einigung war damit geschaffen, und was die Jugend gewünscht, das besaß
+das Alter in kaiserlicher Fülle. Freilich, politische Befugnisse
+erhielt das neue Panhellenion nicht; aber was Kaisergunst und
+Kaisergold gewähren konnte, daran war kein Mangel. Es erhob sich in
+Athen der Tempel des neuen Zeus Panhellenios, und glänzende Volksfeste
+und Spiele wurden mit dieser Stiftung verbunden, deren Ausrichtung dem
+Kollegium der Panhellenen zustand, und zwar zunächst dem Priester des
+Hadrian als des stiftenden lebendigen Gottes. Einen der Akte, welche
+dieselben alljährlich begingen, war das dem Zeus-Befreier dargebrachte
+Opfer in Plataeae zum Gedächtnis der hier im Kampf gegen die Perser
+gefallenen Hellenen am Jahrestag der Schlacht, dem 4. Boedromion; dies
+zeichnet seine Tendenz ^21. Noch deutlicher zeigt dieselbe sich darin,
+daß Griechenstädten außerhalb Hellas’, welche der nationalen
+Gemeinschaft würdig erschienen, von der Versammlung in Athen ideale
+Bürgerbriefe des Hellenismus ausgestellt wurden ^22.
+
+———————————————————-
+
+^20 Die hadrianischen Panhellenen nennen sich τό κοινόν συνέδριον τών
+Ελλήνων τών εις Πλατηάς συνιόντων (Theben: Keil, Sylloge lnscriptionum
+Boeoticarum, n. 31, vgl. Plut. Arist. 19 u. 21), κοινόν της Ελλάδος
+(CIG 5852), τό ων (ebenda). Ihr Vorsteher heißt ο αρχών τών Πανελλήνων
+(CIA III, 681, 682; CIG 3832, vgl. CIA III, 10: α[ντ[άρχων τού
+ιερωτάτου α[γώνος τού Π]αν[ελ]ληνίου), der einzelne Deputierte Πανέλλην
+(z. B. CIA III, 534; CIG 1124). Daneben treten auch in
+nachhadrianischer Zeit noch das κοινόν τών Αχαιών und dessen στρατηγός
+oder Ελλαδάρχης auf, welche wohl von jenen zu scheiden sein werden,
+obwohl letzterer seine Ehrendekrete jetzt nicht bloß in Olympia
+aufstellt, sondern auch in Athen (CIA 18; zweites Exemplar in Olympia,
+Archäologische Zeitung 37, 1879, S. 52).
+
+^21 Daß die Bemerkung Dions von Prusa (or. 38, p. 148 R.) über den
+Streit der Athener und der Lakedämonier υπέρ τής προπομπείας sich auf
+das Fest in Plataeae bezieht, ergibt sich aus (Lucian) Έρωτες 18: ως
+περί προπομπείας αγωνιούμενοι Πλαταιάσιν. Auch der Sophist Irenäos
+schrieb (Suidas u. d. W.) und Hermogenes (id. II p. 373 Walz) gibt als
+Redestoff Αυηναίοι καί Λακεδαιμόνιοι περί τής προπομπείας κατά τά
+Μηδικά (Mitteilung von Wilamowitz).
+
+^22 Es haben sich zwei derselben erhalten, für Kibyra in Phrygien (CIG
+5882), ausgestellt vom κοινόν τής Ελλάδος durch ein δόγμα τού
+Πανελληνίου und für Magnesia am Mäandros (CIA III, 16). In beiden wird
+die gut hellenische Abstammung der betreffenden Körperschaften nebst
+den sonstigen Verdiensten um die Hellenen hervorgehoben.
+Charakteristisch sind auch die Empfehlungsbriefe, welche diese
+Panhellenen einem um ihr Gemeinwesen wohlverdienten Mann an seine
+Heimatgemeinde Aezani in Phrygien, an den Kaiser Pius und an die
+Hellenen in Asia insgemein mitgeben (CIG 3832, 3833, 3834).
+
+———————————————————-
+
+Wenn die Kaiserherrschaft in dem ganzen weiten Reich die Verwüstungen
+eines zwanzigjährigen Bürgerkrieges vorfand und vielerorts die Folgen
+desselben niemals völlig verwunden wurden, so ist wohl kein Gebiet
+davon so schwer betroffen worden wie die griechische Halbinsel. Das
+Schicksal hatte es so gefügt, daß die drei großen
+Entscheidungsschlachten dieser Epoche, Pharsalos, Philippi, Aktion auf
+ihrem Boden oder an ihrer Küste geschlagen wurden; und die
+militärischen Operationen, welche bei beiden Parteien dieselben
+einleiteten, hatten ihre Opfer von Menschenleben und Menschenglück hier
+vor allem gefordert. Noch dem Plutarch erzählte sein Ältervater, wie
+die Offiziere des Antonius die Bürger von Chaeroneia gezwungen hätten,
+da sie Sklaven und Lasttiere nicht mehr besaßen, ihr letztes Getreide
+auf den eigenen Schultern nach dem nächsten Hafenort zu schleppen zur
+Verschiffung für das Heer; und wie dann, als eben der zweite Transport
+abgehen sollte, die Nachricht von der Actischen Schlacht wie eine
+erlösende Freudenbotschaft eingetroffen sei. Das erste, was nach diesem
+Siege Caesar tat, war die Verteilung der in seine Gewalt geratenen
+feindlichen Getreidevorräte unter die hungernde Bevölkerung
+Griechenlands. Dieses schwerste Maß des Leidens traf auf vorzugsweise
+schwache Widerstandskraft. Schon mehr als ein Jahrhundert vor der
+Actischen Schlacht hatte Polybios ausgesprochen, daß über ganz
+Griechenland in seiner Zeit Unfruchtbarkeit der Ehen und Einschwinden
+der Bevölkerung gekommen sei, ohne daß Seuchen oder schwere Kriege das
+Land betroffen hätten. Nun hatten diese Geißeln in furchtbarer Weise
+sich eingestellt; und Griechenland blieb verödet für alle Folgezeit. Im
+ganzen Römerreich, meint Plutarch, sei infolge der verwüstenden Kriege
+die Bevölkerung zurückgegangen, am meisten aber in Griechenland, das
+jetzt nicht imstande sei, aus den besseren Kreisen der Bürgerschaften
+die 3000 Hopliten zu stellen, mit denen einst die kleinste der
+griechischen Landschaften, Megara, bei Plataeae gestritten hatte ^23.
+Caesar und Augustus haben versucht, dieser auch für die Regierung
+erschreckenden Entvölkerung durch Entsendung italischer Kolonisten
+aufzuhelfen, und in der Tat sind die beiden blühendsten Städte
+Griechenlands eben diese Kolonien; die späteren Regierungen haben
+solche Entsendungen nicht wiederholt. Zu der anmutigen euböischen
+Bauernidylle des Dion von Prusa bildet den Hintergrund eine entvölkerte
+Stadt, in der zahlreiche Häuser leer stehen, die Herden am Rathaus und
+am Stadtarchiv weiden, zwei Drittel des Gebiets aus Mangel an Händen
+unbestellt liegen; und wenn dies der Erzähler als Selbsterlebtes
+berichtet, so schildert er damit sicher zutreffend die Zustände
+zahlreicher kleiner griechischer Landstädte in der Zeit Traians.
+“Theben in Böotien”, sagt Strabon in der augustischen Zeit, “ist jetzt
+kaum noch ein stattliches Dorf zu nennen, und mit Ausnahme von Tanagra
+und Thespiae gilt dasselbe von sämtlichen böotischen Städten.” Aber
+nicht bloß der Zahl nach schwanden die Menschen zusammen, auch der
+Schlag verkam. Schöne Frauen gibt es wohl noch, sagt einer der feinsten
+Beobachter um das Ende des ersten Jahrhunderts, aber schöne Männer
+sieht man nicht mehr; die olympischen Sieger der neueren Zeit
+erscheinen, verglichen mit den älteren, niedrig und gemein, zum Teil
+freilich durch die Schuld der Künstler, aber hauptsächlich, weil sie
+eben sind, wie sie sind. Die körperliche Ausbildung der Jugend ist in
+diesem gelobten Lande der Epheben und Athleten in einer Ausdehnung
+gefördert worden, als ob es der Zweck der Gemeindeverfassung sei, die
+Knaben zu Turnern und die Männer zu Boxern zu erziehen; aber wenn keine
+Provinz so viele Ringkünstler besaß, so stellte auch keine so wenig
+Soldaten zur Reichsarmee. Selbst aus dem athenischen Jugendunterricht,
+der in älterer Zeit das Speerwerfen, das Bogenschießen, die
+Geschützbedienung, das Ausmarschieren und das Lagerschlagen einschloß,
+verschwindet jetzt dieses Soldatenspiel der Knaben. Die griechischen
+Städte des Reiches werden überhaupt bei der Aushebung so gut wie gar
+nicht berücksichtigt, sei es, weil diese Rekruten physisch untauglich
+erschienen, sei es, weil dieses Element im Heere bedenklich erschien;
+es war ein kaiserlicher Launscherz, daß der karikierte Alexander,
+Severus Antoninus, die römische Armee für den Kampf gegen die Perser
+durch einige Lochen Spartiaten verstärkte ^24. Was für die innere
+Ordnung und Sicherheit überhaupt geschah, muß von den einzelnen
+Gemeinden ausgegangen sein, da römische Truppen in der Provinz nicht
+standen; Athen zum Beispiel unterhielt Besatzung auf der Insel Delos,
+und wahrscheinlich lag eine Milizabteilung auch auf der Burg ^25. In
+den Krisen des dritten Jahrhunderts haben der Landsturm von Elateia und
+derjenige von Athen die Kostoboker und die Goten tapfer
+zurückgeschlagen und in würdigerer Weise, als die Enkel der Kämpfer von
+Thermopylae in Caracallas Perserkrieg, haben in dem gotischen die Enkel
+der Marathonsieger ihren Namen zum letzten Mal in die Annalen der alten
+Geschichte eingezeichnet. Aber wenn auch dergleichen Vorgänge davon
+abhalten müssen, die Griechen dieser Epoche schlechtweg zu dem
+verkommenen Gesindel zu werfen, so hat das Sinken der Bevölkerung an
+Zahl wie an Kraft auch in der besseren Kaiserzeit stetig angehalten,
+bis dann seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts die diese Landschaften
+ebenfalls schwer heimsuchenden Seuchen, die namentlich die Ostküste
+treffenden Einfälle der Land- und Seepiraten, endlich das
+Zusammenbrechen der Reichsgewalt in der gallienischen Zeit das
+chronische Leiden zur akuten Katastrophe steigerten.
+
+————————————————————
+
+^23 Ohne Zweifel will Plutarch mit diesen Worten (de defectu orac. 8)
+nicht sagen, daß Griechenland überhaupt nicht 3000 Waffenfähige zu
+stellen vermöge, sondern daß, wenn Bürgerheere nach alter Art gebildet
+würden, man nicht imstande sein würde, 3000 “Hopliten” aufzustellen. In
+diesem Sinn mag die Äußerung wohl soweit richtig sein, als dies bei
+dergleichen allgemeinen Klagen überhaupt erwartet werden kann. Die Zahl
+der Gemeinden der Provinz beläuft sich ungefähr auf hundert.
+
+^24 Davon erzählt Herodian (4, 8, 3; c. 9, 4) und wir haben die
+Inschriften zweier dieser Spartiaten, des Nikokles στρατευμένός δίς
+κατά Περσών (CIG 1253) und des Dioskoras απελθών εις τήν ευτυχεστάτην
+συμμαχίαν (= expeditio) τήν κατά Περσών (CIG 1495).
+
+^25 Das φρούριον (CIA III, 826) kann nicht wohl anders verstanden
+werden.
+
+————————————————————
+
+In ergreifender Weise tritt das Sinken von Hellas und treten die
+Stimmungen, die dasselbe bei den Besten hervorrief, uns entgegen in der
+Ansprache, die einer von diesen, der Bithyner Dion, um die Zeit
+Vespasians an die Rhodier richtete. Diese galten, nicht mit Unrecht,
+als die trefflichsten unter den Hellenen. In keiner Stadt war besser
+für die niedere Bevölkerung gesorgt und trug diese Fürsorge mehr den
+Stempel nicht des Almosens, sondern des Arbeitgebens. Als nach dem
+großen Bürgerkriege Augustus im Orient alle Privatschulden klaglos
+machte, wiesen allein die Rhodier die bedenkliche Vergünstigung zurück.
+War auch die große Epoche des rhodischen Handels vorüber, so gab es
+dort immer noch zahlreiche blühende Geschäfte und vermögende Häuser
+^26. Aber viele Mißstände waren auch hier eingerissen, und deren
+Abstellung fordert der Philosoph, nicht so sehr, wie er sagt, um der
+Rhodier willen, als um der Hellenen insgemein. “Einst ruhte die Ehre
+von Hellas auf vielen und viele mehrten seinen Ruhm, ihr, die Athener,
+die Lakedämonier, Theben, eine Zeitlang Korinth, in ferner Zeit Argos.
+Nun aber ist es mit den anderen nichts; denn einige sind gänzlich
+heruntergekommen und zerstört, andere führen sich, wie ihr wißt, und
+sind entehrt und ihres alten Ruhmes Zerstörer. Ihr seid übrig; ihr
+allein seid noch etwas und werdet nicht völlig verachtet; denn wie es
+jene treiben, wären längst alle Hellehen tiefer gesunken als die
+Phryger und die Thraker. Wie wenn ein großes und reiches Geschlecht auf
+zwei Augen steht und was dieser letzte des Hauses sündigt, alle
+Vorfahren mit entehrt, so stehet ihr in Hellas. Glaubt nicht die ersten
+der Hellehen zu sein; ihr seid die einzigen. Sieht man auf jene
+erbärmlichen Schandbuben, so werden selbst die großen Geschicke der
+Vergangenheit unbegreiflich: die Steine und die Städtetrümmer zeigen
+deutlicher den Stolz und die Größe von Hellas als diese nicht einmal
+mysischer Ahnen würdigen Nachfahren; und besser als den von diesen
+bewohnten ist es den Städten ergangen, welche in Trümmern liegen, denn
+deren Andenken bleibt in Ehren und ihr wohlerworbener Ruhm unbefleckt -
+besser die Leiche verbrennen, als sie faulend liegen lassen.”
+
+———————————————————————-
+
+^26 “An Mitteln”, sagt Diodor. 31, p. 566), “fehlt es euch nicht, und
+Tausende und aber Tausende gibt es hier, denen es nützlich wäre, minder
+reich zu sein”; und weiterhin (p. 620): “ihr seid reich, wie sonst
+niemand in Hellas. Mehr als ihr besaßen eure Vorfahren auch nicht. Die
+Insel ist nicht schlechter geworden; ihr zieht die Nutzung von Karien
+und einem Teil Lykiens; eine Anzahl Städte sind euch steuerpflichtig;
+stets empfängt die Stadt reiche Gaben von zahlreichen Bürgern.” Er
+führt weiter aus, daß neue Ausgaben nicht hinzugetreten, wohl aber die
+früheren für Heer und Flaue fast weggefallen seien; nur ein oder zwei
+kleine Schiffe hätten sie jährlich nach Korinth (zur römischen Flotte
+also) zu stellen.
+
+———————————————————————-
+
+Man wird diesem hohen Sinn eines Gelehrten, welcher die kleine
+Gegenwart an der großen Vergangenheit maß und, wie dies nicht
+ausbleiben kann, jene mit widerwilligen Augen, diese in der Verklärung
+des Dagewesenseins anschaute, nicht zu nahe treten mit dem Hinweis
+darauf, daß die alte gute hellenische Sitte damals und noch lange
+nachher denn doch nicht bloß in Rhodos zu finden, vielmehr in vieler
+Hinsicht noch allerorts Lebendig war. Die innerliche Selbständigkeit,
+das wohlberechtigte Selbstgefühl der immer noch an der Spitze der
+Zivilisation stehenden Nation ist bei aller Schmiegsamkeit des
+Untertanen- und aller Demut des Parasitenrums den Hellenen auch dieser
+Zeit nicht abhanden gekommen. Die Römer entlehnen die Götter von den
+alten Hellenen und die Verwaltungsform von den Alexandrinern; sie
+suchen sich der griechischen Sprache zu bemächtigen und die eigene in
+Maß und Stil zu hellenisieren. Die Hellenen auch der Kaiserzeit tun
+nicht das gleiche; die nationalen Gottheiten Italiens, wie Silvanus und
+die Laren, werden in Griechenland nicht verehrt und keiner griechischen
+Stadtgemeinde ist es je in den Sinn gekommen, die von ihrem Polybios
+als die beste gefeierte politische Ordnung bei sich einzuführen.
+Insofern die Kenntnis des Lateinischen für die höhere wie die niedere
+Ämterlaufbahn bedingend war, haben die Griechen, die diese betraten,
+sich dieselbe angeeignet; denn wenn es auch praktisch nur dem Kaiser
+Claudius einfiel, den Griechen, die kein Lateinisch verstanden, das
+römische Bürgerrecht zu entziehen, so war allerdings die wirkliche
+Ausübung der mit diesem verknüpften Rechte und Pflichten nur dem
+möglich, der der Reichssprache mächtig war. Aber von dem öffentlichen
+Leben abgesehen, ist nie in Griechen land so lateinisch gelernt worden
+wie in Rom griechisch; Plutarchos, der schriftstellerisch die beiden
+Reichshälften gleichsam vermählte und dessen Parallelbiographien
+römischer und griechischer berühmter Männer, vor allem durch diese
+Nebeneinanderstellung, sich empfahlen und wirkten, verstand nicht sehr
+viel mehr lateinisch als Diderot russisch, und beherrschte wenigstens,
+wie er selbst sagt, die Sprache nicht; die des Lateinischen wirklich
+mächtigen griechischen Literaten waren entweder Beamte, wie Appianus
+und Cassius Dion, oder Neutrale, wie König Juba. In der Tat war
+Griechenland in sich selbst weit weniger verändert als in seiner
+äußeren Stellung. Das Regiment von Athen war recht schlecht, aber auch
+in der Zeit von Athens Größe war es gar nicht musterhaft gewesen. “Es
+ist”, sagt Plutarchos, “derselbe Volksschlag, dieselben Unruhen, der
+Ernst und der Scherz, die Anmut und die Bosheit wie bei den Vorfahren.”
+Auch diese Epoche weist in dem Leben des griechischen Volkes noch
+einzelne Züge auf, die seines zivilisatorischen Prinzipats würdig sind.
+Die Fechterspiele, die von Italien aus sich überall hin, namentlich
+auch nach Kleinasien und Syrien verbreiteten, haben am spätesten von
+allen Landschaften in Griechenland Eingang gefunden; längere Zeit
+beschränkten sie sich auf das halb italische Korinth, und als die
+Athener, um hinter diesen nicht zurückzustehen, sie auch bei sich
+einführten, ohne auf die Stimme eines ihrer Besten zu hören, der sie
+fragte, ob sie nicht zuvor dem Gotte des Erbarmens einen Altar setzen
+möchten, da wandten manche der Edelsten unwillig sich weg von der sich
+selber entehrenden Vaterstadt. In keinem Lande der antiken Welt sind
+die Sklaven mit solcher Humanität behandelt worden wie in Hellas; nicht
+das Recht, aber die Sitte verbot dem Griechen, seine Sklaven an einen
+nicht griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit aus dieser
+Landschaft den eigentlichen Sklavenhandel. Nur hier finden wir in der
+Kaiserzeit bei den Bürgerschmäusen und den Ölspenden an die
+Bürgerschaft auch die unfreien Leute mit bedachte ^27. Nur hier konnte
+ein unfreier Mann, wie Epiktetos unter Traian, in seiner mehr als
+bescheidenen äußeren Existenz in dem epirotischen Nikopolis mit
+angesehenen Männern senatorischen Standes in der Weise verkehren wie
+Sokrates mit Kritias und Alkibiades, so daß sie seiner mündlichen
+Belehrung wie Schüler dem Meister lauschten und die Gespräche
+aufzeichneten und veröffentlichten. Die Milderungen der Sklaverei durch
+das Kaiserrecht gehen wesentlich zurück auf den Einfluß der
+griechischen Anschauungen, zum Beispiel bei Kaiser Marcus, der zu jenem
+nikopolitanischen Sklaven wie zu seinem Meister und Muster emporsah.
+Unübertrefflich schildert der Verfasser eines unter den lukianischen
+erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischen Stadtbürgers in
+seinen engen Verhältnissen gegenüber dem vornehmen und reichen,
+reisenden Publikum zweifelhafter Bildung oder auch unzweifelhafter
+Rohen: wie man es dem reichen Ausländer abgewöhnt, im öffentlichen Bade
+mit einem Heer von Bedienten aufzuziehen, als ob er seines Lebens in
+Athen nicht ohnehin sicher und nicht Frieden im Lande sei, wie man es
+ihm abgewöhnt, auf der Straße mit dem Purpurgewand sich zu zeigen,
+indem die Leute sich freundlich erkundigen, ob es nicht das seiner Mama
+sei. Er zieht die Parallele zwischen römischer und athenischer
+Existenz: dort die beschwerlichen Gastereien und die noch
+beschwerlicheren Bordelle, die unbequeme Bequemlichkeit der
+Bedientenschwärme und des häuslichen Luxus, die Lästigkeiten der
+Liederlichkeit, die Qualen des Ehrgeizes, all das Übermaß, die
+Vielfältigkeit, die Unruhe des hauptstädtischen Treibens; hier die
+Anmut der Armut, die freie Rede im Freundeskreis, die Muse für
+geistigen Genuß, die Möglichkeit des Lebensfriedens und der
+Lebensfreude - “wie konntest du”, fragt ein Grieche in Rom den andern,
+“das Licht der Sonne, Hellas und sein Glück und seine Freiheit, um
+dieses Gedränges willen verlassen?” In diesem Grundakkord begegnen sich
+alle feiner und reiner organisierten Naturen dieser Epoche; eben die
+besten Hellenen mochten nicht mit den Römern tauschen. Kaum gibt es
+etwas gleich Erfreuliches in der Literatur der Kaiserzeit wie Dions
+schon erwähnte euböische Idylle: sie schildert die Existenz zweier
+Jägerfamilien im einsamen Walde, deren Vermögen acht Ziegen sind, eine
+Kuh ohne Horn und ein schönes Kalb, vier Sicheln und drei Jagdspeere,
+welche weder von Geld noch von Steuern etwas wissen, und die dann, vor
+die tobende Bürgerversammlung der Stadt gestellt, von dieser
+schließlich unbehelligt entlassen werden zum Freuen und zum Freien. Die
+reale Durchführung dieser poetisch verklärten Lebensauffassung ist
+Plutarchos von Chaeroneia, einer der anmutigsten und belesensten und
+nicht minder einer der wirksamsten Schriftsteller des Altertums. Einer
+vermögenden Familie jener kleinen böotischen Landstadt entsprossen und
+erst daheim, dann in Athen und in Alexandreia in die volle hellenische
+Bildung eingeführt, auch durch seine Studien und vielfältige
+persönliche Beziehungen sowie durch Reisen in Italien mit römischen
+Verhältnissen wohlvertraut, verschmähte er es, nach der üblichen Weise
+der begabten Griechen in den Staatsdienst zu treten oder die
+Professorenlaufbahn einzuschlagen; er blieb seiner Heimat treu, mit der
+trefflichen Frau und den Kindern und mit den Freunden und Freundinnen
+des häuslichen Lebens im schönsten Sinne des Wortes genießend, sich
+bescheidend mit den Ämtern und Ehren, die sein Böotien ihm zu bieten
+vermochte, und mit dem mäßigen angeerbten Vermögen. In diesem
+Chaeroneer drückt der Gegensatz der Hellenen und der Hellenisierten
+sich aus; ein solches Griechentum war weder in Smyrna möglich noch in
+Antiocheia; es gehörte zum Boden wie der Honig vom Hymettos. Es gibt
+genug mächtigere Talente und tiefere Naturen, aber schwerlich einen
+zweiten Schriftsteller, der mit so glücklichem Maß sich in das
+Notwendige mit Heiterkeit zu finden und so wie er den Stempel seines
+Seelenfriedens und seines Lebensglückes seinen Schriften aufzuprägen
+gewußt hat.
+
+————————————————————
+
+^27 Bei den Volksfesten, die in Tiberius’ Zeit ein reicher Mann in
+Akraephia in Böotien ausrichtete, lud er die erwachsenen Sklaven, seine
+Gattin die Sklavinnen mit den Freien zu Gaste (CIG 1625). In einer
+Stiftung zur Verteilung von Öl in der Turnanstalt (γυμνάσιον) von
+Gytheion in Lakonien wird festgesetzt, daß an sechs Tagen im Jahr auch
+die Sklaven daran Anteil haben sollen (Lebas-Foucart, n. 243 a).
+Ähnliche Spenden begegnen in Argos (CIG 1122, 1123).
+
+————————————————————
+
+Die Selbstbeherrschung des Hellenismus kann auf dem Boden des
+öffentlichen Lebens sich nicht in der Reinheit und Schönheit offenbaren
+wie in der stillen Heimstatt, nach der die Geschichte und sie nach der
+Geschichte glücklicherweise nicht fragt. Wenden wir uns den
+öffentlichen Verhältnissen zu, so ist mehr vom Mißregiment als vom
+Regiment zu berichten, sowohl der römischen Regierung wie der
+griechischen Autonomie. An gutem Willen fehlte es dort insofern nicht,
+als der römische Philhellenismus die Kaiserzeit noch viel entschiedener
+beherrscht als die republikanische. Er äußert sich überall im Großen
+wie im Kleinen, in der Fortführung der Hellenisierung der östlichen
+Provinzen und der Anerkennung der doppelten offiziellen Reichssprache
+wie in den höflichen Formen, in welchen die Regierung auch mit der
+kleinsten griechischen Gemeinde verkehrt und ihre Beamten zu verkehren
+anhält ^28. Auch haben es die Kaiser an Gaben und Bauten zu Gunsten
+dieser Provinz nicht fehlen lassen; und wenn auch das meiste der Art
+nach Athen kam, so baute doch Hadrian eine große Wasserleitung zum
+Besten von Korinth, Plus die Heilanstalt von Epidauros. Aber die
+rücksichtsvolle Behandlung der Griechen insgemein und die besondere
+Huld, welche dem eigentlichen Hellas von der kaiserlichen Regierung
+zuteil wurde, weil es in gewissem Sinn gleich wie Italien als
+Mutterland galt, sind weder dem Regiment noch der Landschaft recht zum
+Vorteil ausgeschlagen. Der jährliche Wechsel der Oberbeamten und die
+schlaffe Kontrolle der Zentralstelle ließen alle senatorischen
+Provinzen, soweit das Statthalterregiment reichte, mehr den Druck als
+den Segen einheitlicher Verwaltung empfinden, und diese doppelt bei
+ihrer Kleinheit und ihrer Armut. Noch unter Augustus selbst machten
+diese Mißstände sich in dem Grade geltend, daß es eine der ersten
+Regierungshandlungen seines Nachfolgers war, sowohl Griechenland wie
+Makedonien in eigene Verwaltung zu nehmen ^29, wie es hieß vorläufig,
+in der Tat auf die ganze Dauer seiner Regierung. Es war sehr
+konstitutionell, aber vielleicht nicht ebenso weise, daß Kaiser
+Claudius, als er zur Gewalt gelangte, die alte Ordnung
+wiederherstellte. Seitdem hat es dann bei dieser sein Bewenden gehabt
+und ist Achaia nicht von ernannten, sondern von erlosten Beamten
+verwaltet worden, bis diese Verwaltungsform überhaupt abkam.
+
+—————————————————————
+
+^28 Auf eine der unzähligen Beschwerden, mit welchen die
+kleinasiatischen Städte wegen ihrer Titel- und Rangstreitigkeiten die
+Regierung belästigten, antwortete Pius den Ephesiern (W. H. Waddington,
+Aristide, S. 51), erhöre gern, daß die Pergamener ihnen die neue
+Titulatur gegeben hätten; die Smyrnäer hätten es wohl nur zufällig
+unterlassen und würden sicher in Zukunft gutwillig das Richtige tun,
+wenn auch sie, die Ephesier, ihnen ihre rechten Titel beilegen würden.
+Einer kleinen lykischen Stadt, welche um Bestätigung eines von ihr
+gefaßten Beschlusses bei dem Prokonsul einkommt, erwidert dieser (O.
+Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884, Bd. 1, S. 71),
+treffliche Anordnungen verlangten nur Lob, keine Bestätigung; diese
+liege in der Sache. Die Rhetorenschulen dieser Epoche liefern auch die
+Konzipienten für die kaiserliche Kanzlei; aber dies tut es nicht
+allein. Es gehört zum Wesen des Prinzipals, das Untertanverhältnis
+nicht äußerlich zu akzentuieren, und namentlich nicht gegen Griechen.
+
+^29 Eine formale Änderung der Steuerordnung folgt an sich aus diesem
+Wechsel nicht und ist auch bei Tacitus (ann. 1, 76) nicht angedeutet;
+wenn die Einrichtung getroffen wird, weil die Provinzialen über
+Steuerdruck klagen (onera deprecantes), so konnten bessere Statthalter
+durch zweckmäßige Repartierung, eventuell durch Erwirkung von
+Remission, den Provinzen aufhelfen. Daß die Beförderung der Reichspost
+besonders in dieser Provinz als drückende Last empfunden ward, zeigt
+das Edikt des Claudius aus Tegea (Eph. epigr. V, p. 69).
+
+—————————————————————
+
+Aber bei weitem übler noch stand es um die von dem Statthalterregiment
+eximierten Gemeinden Griechenlands. Die Absicht, diese Gemeinwesen zu
+begünstigen, durch die Befreiung von Tribut und Aushebung wie nicht
+minder durch die möglichst geringe Beschränkung der Rechte des
+souveränen Staates, hat, wenigstens in vielen Fällen, zu dem Gegenteil
+geführt. Die innere Unwahrheit der Institutionen rächte sich. Zwar bei
+den weniger bevorrechteten oder besser verwalteten Gemeinden mag die
+kommunale Autonomie ihren Zweck erfüllt haben; wenigstens vernehmen wir
+nicht, daß es mit Sparta, Korinth, Patrae besonders übel bestellt
+gewesen sei. Aber Athen war nicht geschaffen, sich selbst zu verwalten,
+und bietet das abschreckende Bild eines von der Obergewalt
+verhätschelten und finanziell wie sittlich verkommenen Gemeinwesens.
+Von Rechts wegen hätte dasselbe in blühendem Zustande sich befinden
+müssen. Wenn es den Athenern mißlang, die Nation unter ihrer Hegemonie
+zu vereinigen, so ist diese Stadt doch die einzige Griechenlands wie
+Italiens gewesen, welche die landschaftliche Einigung vollständig
+durchgeführt hat; ein eigenes Gebiet, wie es die Attike ist, von etwa
+40 Quadratmeilen, der doppelten Größe der Insel Rügen, hat keine Stadt
+des Altertums sonst besessen. Aber auch außerhalb Attikas blieb ihnen,
+was sie besaßen, sowohl nach dem Mithradatischen Kriege durch Sullas
+Gnade wie nach der Pharsalischen Schlacht, in der sie auf Seiten des
+Pompeius gestanden hatten, durch die Gnade Caesars - er fragte sie nur,
+wie oft sie noch sich selber zugrunde richten und dann durch den Ruhm
+ihrer Vorfahren retten lassen wollten. Der Stadt gehörte immer noch
+nicht bloß das ehemals haliartische Gebiet in Böotien, sondern auch an
+ihrer eigenen Küste Salamis, der alte Ausgangspunkt ihrer
+Seeherrschaft, im Thrakischen Meer die einträglichen Inseln Skyros,
+Lemnos und Imbros sowie im Ägäischen Delos; freilich war diese Insel
+seit dem Ende der Republik nicht mehr das zentrale Emporium des Handels
+mit dem Osten, nachdem der Verkehr sich von da weg nach den Häfen der
+italischen Westküste gezogen hatte, und es war dies für die Athener ein
+unersetzlicher Verlust. Von den weiteren Verleihungen, die sie Antonius
+abzuschmeicheln gewußt hatten, nahm ihnen Augustas, gegen den sie
+Partei ergriffen hatten, allerdings Aegina und Eretria auf Euböa, aber
+die kleineren Inseln des Thrakischen Meeres, Ikos, Peparethos,
+Skiathos, ferner Keos vor der Sunischen Landspitze durften sie
+behalten; und Hadrian gab ihnen weiter den besten Teil der großen Insel
+Kephallenia im Ionischen Meer. Erst durch den Kaiser Severus, der ihnen
+nicht wohlwollte, wurde ihnen ein Teil dieser auswärtigen Besitzungen
+entzogen. Hadrian gewährte ferner den Athenern die Lieferung eines
+gewissen Quantums von Getreide auf Kosten des Reiches und erkannte
+durch die Erstreckung dieses, bisher der Reichshauptstadt vorbehaltenen
+Privilegiums Athen gleichsam an als eine der Reichsmetropolen. Nicht
+minder wurde das segensreiche Institut der Alimentarstiftungen, dessen
+Italien sich seit Traian erfreute, von Hadrian auf Athen ausgedehnt und
+das dazu erforderliche Kapital sicher aus seiner Schatulle den Athenern
+geschenkt. Eine Wasserleitung, die er ebenfalls seinem Athen widmete,
+wurde erst nach seinem Tode von Pius vollendet. Dazu kam der
+Zusammenfluß der Reisenden und der Studierenden und die in immer
+steigender Zahl von den römischen Großen und den auswärtigen Fürsten
+der Stadt verliehenen Stiftungen. Dennoch war die Gemeinde in stetiger
+Bedrängnis. Mit dem Bürgerrecht wurde nicht bloß das überall übliche
+Geschäft auf Nehmen und Geben, sondern förmlich und offenkundig
+Schacher getrieben, so daß Augustas mit einem Verbot dagegen
+einschritt. Einmal über das andere beschloß der Rat von Athen, diese
+oder jene seiner Inseln zu verkaufen, und nicht immer fand sich ein
+opferwilliger Reicher gleich dem Iulius Nikanor, der unter Augustas den
+bankrotten Athenern die Insel Salamis zurückkaufte und dafür von dem
+Rat derselben den Ehrentitel des “neuen Themistokles” sowie, da er auch
+Verse machte, nebenbei den des “neuen Homer” und mit den edlen
+Ratsherren zusammen von dem Publikum den wohlverdienten Hohn erntete.
+Die prachtvollen Bauten, mit denen Athen fortfuhr sich zu schmücken,
+erhielt es ohne Ausnahme von den Fremden, unter anderen von den reichen
+Königen Antiochos von Kommagene und Herodes von Judäa, vor allen aber
+von dem Kaiser Hadrian, der eine völlige “Neustadt” (novae Athenae) am
+Ilisos anlegte und außer zahllosen anderen Gebäuden, darunter dem schon
+erwähnten Panhellenion, das Wunder der Welt, den von Peisistratos
+begonnenen Riesenbau des Olympieion mit seinen 120, zum Teil noch
+stehenden Säulen, den größten von allen, die heute aufrecht sind,
+sieben Jahrhunderte nach seinem Beginn in würdiger Weise abschloß.
+Selbst hatte diese Stadt kein Geld, nicht bloß für ihre Hafenmauern,
+die jetzt allerdings entbehrlich waren, sondern nicht einmal für den
+Hafen. Zu Augusts Zeit war der Peiräeus ein geringes Dorf von wenigen
+Häusern, nur besucht wegen der Meisterwerke der Malerei in den
+Tempelhallen. Handel und Industrie gab es in Athen fast nicht mehr,
+oder für die Bürgerschaft insgemein wie für den einzelnen Bürger nur
+ein einziges blühendes Gewerbe, den Bettel. Auch blieb es nicht bei der
+Finanzbedrängnis. Die Welt hatte wohl Frieden, aber nicht die Straßen
+und Plätze von Athen. Noch unter Augustas hat ein Aufstand in Athen
+solche Verhältnisse angenommen, daß die römische Regierung gegen die
+Freistadt einschreiten mußte ^30; und wenn auch dieser Vorgang
+vereinzelt steht, so gehörten Aufläufe auf der Gasse wegen der
+Brotpreise und aus anderen geringfügigen Anlässen in Athen zur
+Tagesordnung. Viel besser wird es in zahlreichen anderen Freistädten
+nicht ausgesehen haben, von denen weniger die Rede ist. Einer solchen
+Bürgerschaft die Kriminaljustiz unbeschränkt in die Hand zu geben, war
+kaum zu verantworten; und doch stand dieselbe den zu internationaler
+Föderation zugelassenen Gemeinden, wie Athen und Rhodos, von Rechts
+wegen zu. Wenn der athenische Areopag in augustischer Zeit sich
+weigerte, einen wegen Fälschung verurteilten Griechen auf die
+Verwendung eines vornehmen Römers hin von der Strafe zu entbinden, so
+wird er in seinem Recht gewesen sein; aber daß die Kyzikener unter
+Tiberius römische Bürger einsperrten, unter Claudius gar die Rhodier
+einen römischen Bürger ans Kreuz schlugen, waren auch formale
+Rechtsverletzungen, und ein ähnlicher Vorgang hat unter Augustus den
+Thessalern ihre Autonomie gekostet. Übermut und Übergriff wird durch
+die Machtlosigkeit nicht ausgeschlossen, nicht selten von den schwachen
+Schutzbefohlenen eben daraufhin gewagt. Bei aller Achtung für große
+Erinnerungen und beschworene Verträge mußten doch jeder gewissenhaften
+Regierung diese Freistaaten nicht viel minder als ein Bruch in die
+allgemeine Rechtsordnung erscheinen, wie das noch viel altheiligere
+Asylrecht der Tempel.
+
+——————————————————————————-
+
+^30 Der athenische Aufstand unter Augustus ist sicher beglaubigt durch
+die aus Africanus geflossene Notiz bei Eusebius zum Jahre Abrahams 2025
+(daraus Oros. hist. 6, 22, 2). Die Aufläufe gegen den Strategen werden
+oft erwähnt: Plut. q. sympos. 8, 3 z. A.; (Lucian) Demonax 11, 64; vit.
+soph. 1, 23. 2, 1, 11.
+
+——————————————————————————-
+
+Schließlich griff die Regierung durch und stellte die freien Städte
+hinsichtlich ihrer Wirtschaft unter die Oberaufsicht von Beamten
+kaiserlicher Ernennung, die allerdings zunächst als außerordentliche
+Kommissarien “zur Korrektur der bei den Freistädten eingerissenen
+Übelstände” charakterisiert werden und davon späterhin die Bezeichnung
+Korrektoren als titulare führen. Die Anfänge derselben lassen sich bis
+in die traianische Zeit verfolgen; als stehende Beamte finden wir sie
+in Achaia im dritten Jahrhundert. Diese, neben den Prokonsuln
+fungierenden, vom Kaiser bestellten Beamten finden in keinem Teil des
+Römischen Reichs so früh sich ein und sind in keinem so früh ständig
+geworden sie in dem halb aus Freistädten bestehenden Achaia.
+
+Das an sich wohlberechtigte und durch die Haltung der römischen
+Regierung wie vielleicht noch mehr durch die des römischen Publikums
+genährte Selbstgefühl der Hellenen, das Bewußtsein des geistigen
+Primats rief daselbst einen Kultus der Vergangenheit ins Leben, der
+sich zusammensetzt aus dem treuen Festhalten an den Erinnerungen
+größerer und glücklicherer Zeiten und dem barocken Zurückdrehen der
+gereiften Zivilisation auf ihre zum Teil sehr primitiven Anfänge. Zu
+den ausländischen Kulten, wenn man absieht von dem schon früher durch
+die Handelsverbindungen eingebürgerten Dienst der ägyptischen
+Gottheiten, namentlich der Isis, haben die Griechen im eigentlichen
+Hellas sich durchgehend ablehnend verhalten; wenn dies von Korinth am
+wenigsten gilt, so ist dies auch die am wenigsten griechische Stadt von
+Hellas. Die alte Landesreligion schützt nicht der innige Glaube, von
+dem diese Zeit sich längst gelöst hatte ^31; aber die heimische Weise
+und das Gedächtnis der Vergangenheit haften vorzugsweise an ihr und
+darum wird sie nicht bloß mit Zähigkeit festgehalten, sondern sie wird
+auch, zum guten Teil durch gelehrte Repristination, im Laufe der Zeit
+immer starrer und altertümlicher, immer mehr ein Sonderbesitz der
+Studierten.
+
+—————————————————————————-
+
+^31 Dem Beamten, auch dem gebildeten, das heißt dem Freidenker, wird
+angeraten, die Spenden, die er mache, an die religiösen Feste
+anzuknüpfen; denn die Menge werde in ihrem Glauben bestärkt, wenn sie
+sehe, daß auch die Vornehmen der Stadt auf die Götterverehrung etwas
+geben und sogar dafür etwas aufwenden (Plut. praec. ger. reip. 30).
+
+—————————————————————————-
+
+Ähnlich verhält es sich mit dem Kultus der Stammbäume, in welchem die
+Hellenen dieser Zeit ungemeines geleistet und die adelsstolzesten Römer
+weit hinter sich gelassen haben. In Athen spielt das Geschlecht der
+Eumolpiden eine hervorragende Rolle bei der Reorganisierung des
+Eleusinischen Festes unter Marcus. Dessen Sohn Commodus verlieh dem
+Haupt des Geschlechtes der Keryken das römische Bürgerrecht, und aus
+demselben stammt der tapfere und gelehrte Athener, der, .fast wie
+Thukydides, mit den Goten schlug und dann den Gotenkrieg beschrieb. Des
+Marcus Zeitgenosse, der Professor und Konsular Herodes Atticus, gehörte
+ebendiesem Geschlechte an, und sein Hofpoet singt von ihm, daß dem
+hochgeborenen Athener, dem Nachkommen des Hermes und der Kekropstochter
+Herse, der rote Schuh des römischen Patriziats wohl angestanden habe,
+während einer seiner Lobredner in Prosa ihn als Aeakiden feiert und
+zugleich als Abkömmling von Miltiades und Kimon. Aber auch Athen wurde
+hierin noch weit überboten von Sparta; mehrfach begegnen Spartiaten,
+die sich der Herkunft von den Dioskuren, dem Herakles, dem Poseidon und
+des seit vierzig und mehr Generationen in ihrem Hause erblichen
+Priestertums dieser Altvordern berühmen. Es ist charakteristisch für
+dieses Adelsrum, daß es sich hauptsächlich erst mit dem Ende des
+zweiten Jahrhunderts einstellt; die Heraldiker, welche diese
+Geschlechtstafeln entwarfen, werden für die Beweisstücke weder in Athen
+noch in Sparta die Goldwaage angewandt haben.
+
+Dieselbe Tendenz zeigt sich in der Behandlung der Sprache oder vielmehr
+der Dialekte. Während in dieser Zeit in den sonstigen griechisch
+redenden Ländern und auch in Hellas im gewöhnlichen Verkehr das
+sogenannte gemeine, im wesentlichen aus der attischen Mundart heraus
+verschliffene Griechisch vorherrscht, strebt die Schriftsprache dieser
+Epoche nicht bloß nach der Beseitigung der eingerissenen Sprachfehler
+und Neuerungen, sondern vielfach werden dialektische Besonderheiten,
+dem Sprachgebrauch entgegen, wieder aufgenommen und hier, wo er am
+wenigsten berechtigt war, der alte Partikularismus in scheinhafter
+Weise zurückgeführt. Den Standbildern, welche die Thespier den Musen im
+Hain des Helikon setzten, wurden auf gut böotisch die Namen Orania und
+Thalea beigeschrieben, während die dazu gehörigen Epigramme, verfaßt
+von einem Poeten römischen Namens, sie auf gut ionisch Uranie und
+Thaleie nannten, und die nicht gelehrten Böoter, wenn sie sie kannten,
+sie nannten, wie alle anderen Griechen, Urania und Thaleia. Von den
+Spartanern vor allem ist darin Unglaubliches geleistet und nicht selten
+mehr für den Schatten des Lykurgos als für die zur Zeit lebenden Aelier
+und Aurelier geschrieben worden ^32. Daneben kommt der korrekte
+Gebrauch der Sprache in dieser Zeit auch in Hellas allmählich ins
+Schwanken; Archaismen und Barbarismen gehen in den Dokumenten der
+Kaiserzeit häufig friedlich nebeneinander her. Athens sehr mit Fremden
+gemischte Bevölkerung hat in dieser Hinsicht sich zu keiner Zeit
+besonders ausgezeichnet ^33, und obwohl die städtischen Urkunden sich
+verhältnismäßig rein halten, macht doch seit Augustus die allgemein
+einreißende Sprachverderbnis auch hier sich fühlbar. Die strengen
+Grammatiker der Zeit haben ganze Bücher gefüllt mit den
+Sprachschnitzern, die der eben erwähnte, viel gefeierte Rhetor Herodes
+Atticus und die übrigen berühmten Schulredner des zweiten Jahrhunderts
+sich zuschulden kommen ließen ^34, ganz abgesehen von der verzwickten
+Künstelei und der manierierten Pointierung ihrer Rede. Die eigentliche
+Verwilderung aber in Sprache und Schrift reißt in Athen und ganz
+Griechenland, eben wie in Rom, ein mit Septimius Severus ^35.
+
+——————————————————————-
+
+^32 Ein Musterstück ist die Inschrift (Lebas-Foucart II, S. 142, n.
+162) des Μ(άρκωρ) Αυρ(ήλιορ) Ζεύξιππου ο καί Κλεάνδρορ Φιλομοίσω, eines
+Zeitgenossen also des Pius und Marcus, welcher war ιερεύς Λεθκιππίδων
+καί Τινδαριδάν, der Dioskuren und ihrer Gattinnen, der Töchter des
+Leukippos, aber, damit zu dem Alten das Neue nicht fehle, auch
+αρχιερέος τώ Σεβαστώ καί τώον θείων προγόνων ωτώ. Er war in seiner
+Jugend ferner gewesen βουαγόρ μικκιχιδδομένων, wörtlich Stierführer der
+Kleinen, nämlich Anführer der dreijährigen Knaben - die lykurgischen
+Knabenherden gingen mit dem siebenten Jahr an, aber seine Nachfahren
+hatten das Fehlende nachgeholt und von den Einjährigen an alle
+eingeherdet und mit “Führern” versehen. Dieser selbe Mann siegte
+(νεικάαρ = νικήσας) κασσηρατοριν, μωαν καί λωαν; was das heißt, weiß
+vielleicht Lykurgos.
+
+^33 “Das innere Attika”, sagt ein Bewohner desselben bei Philostratos
+(vit. soph. 2, 7), “ist eine gute Schule für den, der sprechen lernen
+will; die Stadtbewohner dagegen von Athen, welche den aus Thrakien und
+dem Pontus und andern barbarischen Landschaften herbeiströmenden jungen
+Leuten Wohnungen vermieten, lassen mehr durch sie ihre Sprache sich
+verderben als daß sie ihnen das gute Sprechen beibringen. Aber im
+Binnenland, dessen Bewohner nicht mit Barbaren vermischt sind, ist die
+Aussprache und die Rede gut”.
+
+^34 Karl Keil (RE 1, z. Aufl., S. 2100) weist hin auf τινός für ής
+τινός und τά χωρία γέγοναν der Inschrift der Gattin des Herodes (CIL
+VI, 1342).
+
+^35 Dittenberger in Hermes 1, 1866, S. 414. Dahin gehört auch, was der
+plumpe Vertreter des Apollonios seinen Helden an die alexandrinischen
+Professoren schreiben läßt (ep. 34), daß er Argos, Sikyon, Megara,
+Phokis, Lokris verlassen habe, um nicht, wenn er länger in Hellas
+verweile, völlig zum Barbaren zu werden.
+
+——————————————————————-
+
+Die Schadhaftigkeit der hellenischen Existenz lag in der Beschränktheit
+ihres Kreises: es mangelte dem hohen Ehrgeiz an dem entsprechenden Ziel
+und darum überwucherte die niedere und erniedrigende Ambition. Auch in
+Hellas fehlte es nicht an einheimischen Familien von großem Reichtum
+und bedeutendem Einfluß ^36. Das Land war wohl im ganzen arm, aber es
+gab doch Häuser von ausgedehntem Grundbesitz und altbefestigtem
+Wohlstand. In Sparta zum Beispiel hat das des Lachares von Augustus bis
+wenigstens in die hadrianische Zeit eine Stellung eingenommen, welche
+tatsächlich von dem Fürstentum nicht allzuweit abstand. Den Lachares
+hatte Antonius wegen Erpressung hinrichten lassen. Dafür war dessen
+Sohn Eurykles einer der entschiedensten Parteigänger Augusts und einer
+der tapfersten Kapitäne in der entscheidenden Seeschlacht, der fast den
+besiegten Feldherrn persönlich zum Gefangenen gemacht hätte; er empfing
+von dem Sieger unter anderen reichen Gaben als Privateigentum die Insel
+Kythere (Cerigo). Später spielte er eine hervorragende und bedenkliche
+Rolle, nicht bloß in seinem Heimatland, über welches er eine dauernde
+Vorstandschaft ausgeübt haben muß, sondern auch an den Höfen von
+Jerusalem und Caesarea, wobei das dem Spartiaten von den Orientalen
+gezollte Ansehen nicht wenig mitwirkte. Deswegen von dem Kaisergericht
+mehrfach zur Verantwortung gezogen, wurde er schließlich verurteilt und
+ins Exil gesandt; aber der Tod entzog ihn rechtzeitig den Folgen des
+Urteilsspruches und sein Sohn Lakon trat in das Vermögen und wesentlich
+auch, wenngleich in vorsichtigerer Form, in die Machtstellung des
+Vaters ein. Ähnlich stand in Athen das Geschlecht des oft genannten
+Herodes; wir können dasselbe aufsteigend durch vier Generationen bis in
+die Zeit Caesars zurückverfolgen, und über des Herodes Großvater ist,
+ähnlich wie über den Spartaner Eurykles, wegen seiner übergreifenden
+Machtstellung in Athen die Konfiskation verhängt worden. Die ungeheuren
+Latifundien, welche der Enkel in seiner armen Heimat besaß, die zu
+Grabzwecken seiner Lustknaben verwendeten weiten Flächen erregten den
+Unwillen selbst der römischen Statthalter. Derartige mächtige Familien
+gab es vermutlich in den meisten Landschaften von Hellas, und wenn sie
+auf dem Landtag der Provinz in der Regel entschieden, so waren sie auch
+in Rom nicht ohne Verbindungen und Einfluß. Aber obwohl diejenigen
+rechtlichen Schranken, welche den Gallier und den Alexandriner noch
+nach erlangtem Bürgerrecht vom Reichssenat ausschlossen, diesen
+vornehmen Griechen schwerlich entgegenstanden, vielmehr unter den
+Kaisern diejenige politische und militärische Laufbahn, welche dem
+Italiker sich darbot, von Rechts wegen dem Hellenen gleichfalls
+offenstand, so sind dieselben doch tatsächlich erst in später Zeit und
+in beschränktem Umfang in den Staatsdienst eingetreten, zum Teil wohl,
+weil die römische Regierung der früheren Kaiserzeit die Griechen als
+Ausländer ungern zuließ, zum Teil, weil diese selbst die mit dem
+Eintritt in diese Laufbahn verknüpfte Übersiedlung nach Rom scheuten
+und es vorzogen, statt einer mehr unter den vielen Senatoren daheim die
+ersten zu sein. Erst des Lachares Urenkel Herklanos ist in traianischer
+Zeit, und in der Familie des Herodes wahrscheinlich zuerst dessen Vater
+um dieselbe Zeit in den römischen Senat eingetreten ^37.
+
+—————————————————————————-
+
+^36 Tacitus (zum Jahre 62 ann. 15, 20) charakterisiert einen dieser
+reichen und einflußreichen Provinzialen, den Claudius Timarchides aus
+Kreta, der in seinem Kreis allmächtig ist (ut solent praevalidi
+provincialium et opibus nimiis ad iniurias minorum elati) und über den
+Landtag, also auch über das obligate, aber für den abgehenden Prokonsul
+mit Rücksicht auf die möglichen Rechenschaftsklagen sehr wünschenswerte
+Danksagungsdekret desselben verfügt (in sua potestate situm, an
+proconsulibus, qui Cretam obtinuissent, grates agerentur). Die
+Opposition beantragt die Untersagung dieser Dankdekrete, aber es
+gelingt ihr nicht, den Antrag zur Abstimmung zu bringen. Von einer
+andern Seite schildert Plutarch (praec. ger. reip. 19, 3) diese
+vornehmen Griechen.
+
+^37 Herodes war εξ υπάτων (vit. soph. 1, 25, 5, p. 536), ετέλει εκ
+πατέρων εσ τούς δισυπάτους (das. 2 z. A., p. 545). Sonst ist von
+Konsulaten seiner Ahnen nichts bekannt; aber sicher ist der Großvater
+Hipparchos nicht Senator gewesen. Möglicherweise handelt es sich sogar
+nur um kognatische Aszendenten. Das römische Bürgerrecht hat die
+Familie nicht unter den Juliern (vgl. CIA III, 489), sondern erst unter
+den Claudiern empfangen.
+
+—————————————————————————-
+
+Die andere Laufbahn, welche erst in der Kaiserzeit sich auftat, der
+persönliche Dienst des Kaisers, gab wohl im günstigen Fall Reichtum und
+Einfluß und ist auch früher und häufiger von den Griechen betreten
+worden; aber da die meisten und wichtigsten dieser Stellungen an den
+Offizierdienst geknüpft waren, scheint auch für diese längere Zeit ein
+faktischer Vorzug der Italiker bestanden zu haben und war der gerade
+Weg auch hier den Griechen einigermaßen verlegt. In untergeordneten
+Stellungen sind Griechen am kaiserlichen Hofe von jeher und in großer
+Anzahl verwendet worden und auf Umwegen oftmals zu Vertrauen und
+Einfluß gelangt; aber dergleichen Persönlichkeiten kamen mehr aus den
+hellenisierten Landschaften als aus Hellas selbst und am wenigsten aus
+den besseren hellenischen Häusern. Für die legitime Ambition des jungen
+Mannes von Herkunft und Vermögen gab es, wenn er ein Grieche war, im
+römischen Kaiserreich nur beschränkten Spielraum.
+
+Es blieb ihm die Heimat, und in dieser für das gemeine Wohl tätig zu
+sein, war allerdings Pflicht und Ehre. Aber es waren sehr bescheidene
+Pflichten und noch viel bescheidenere Ehren. “Eure Aufgabe”, sagt Dion
+weiter seinen Rhodiern, “ist eine andere, als die der Vorfahren war.
+Sie konnten ihre Tüchtigkeit nach vielen Seiten hin entwickeln, nach
+dem Regiment streben, den Unterdrückten beistehen, Bundesgenossen
+gewinnen, Städte gründen, kriegen und siegen; von allem dem vermögt ihr
+nichts mehr zu tun. Es bleibt euch die Führung des Hauswesens, die
+Verwaltung der Stadt, die Verleihung von Ehren und Auszeichnungen mit
+Wahl und Maß, der Sitz im Rat und im Gericht, der Gottesdienst und die
+Feier der Feste; in allem diesem könnt ihr euch vor andern Städten
+auszeichnen. Auch das ist nichts Geringes, die anständige Haltung, die
+Sorgfalt für Haar und Bart, der gesetzte Gang auf der Straße, so daß
+bei euch selbst die anders gewöhnten Fremden sich es abgewöhnen zu
+rennen, die schickliche Tracht, sogar, wenn es auch lächerlich
+erscheinen mag, der schmale und knappe Purpursaum, die Ruhe im Theater,
+das Maßhalten im Klatschen: das alles macht die Ehre eurer Stadt, und
+mehr als in euren Häfen und Mauern und Docks zeigt sich hierin das gute
+alte hellenische Wesen und erkennt hierin auch der Barbar, der den
+Namen der Stadt nicht weiß, daß er in Griechenland ist und nicht in
+Syrien oder Kilikien.” Das traf alles zu; aber wenn es jetzt nicht mehr
+von dem Bürger verlangt ward, für die Vaterstadt zu sterben, so war
+doch die Frage nicht ohne Berechtigung, ob es noch der Mühe wert sei,
+für diese Vaterstadt zu leben. Es gibt von Plutarchos eine
+Auseinandersetzung über die Stellung der griechischen Gemeindebeamten
+zu seiner Zeit, worin er mit der ihm eigenen Billigkeit und Umsicht
+diese Verhältnisse erörtert. Die alte Schwierigkeit, die gute
+Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten zu führen mittels der
+Majoritäten der unsicheren, launenhaften, oft mehr den eigenen Vorteil
+als den des Gemeinwesens bedenkenden Bürgerschaft oder auch der sehr
+zahlreichen Ratsversammlung - die athenische zählte in der Kaiserzeit
+erst 600, dann 500, später 750 Stadträte -, bestand wie früher, so auch
+jetzt; es ist die Pflicht des tüchtigen Beamten zu verhindern, daß das
+“Volk” nicht dem einzelnen Bürger Unrecht tut, nicht das Privatvermögen
+unerlaubterweise an sich zieht, nicht das Gemeindegut unter sich
+verteilt - Aufgaben, die dadurch nicht leichter werden, daß der Beamte
+kein Mittel dafür hat als die verständige Ermahnung und die Kunst des
+Demagogen, daß ihm ferner geraten wird, in kleinen Dingen nicht allzu
+spröde zu sein und wenn bei einem Stadtfest eine mäßige Spende an die
+Bürgerschaft in Antrag kommt, es nicht solcher Kleinigkeit wegen mit
+den Leuten zu verderben. Im übrigen aber hatten die Verhältnisse sich
+völlig verändert, und es muß der Beamte in die gegenwärtigen sich
+schicken lernen. Vor allem hat er die Machtlosigkeit der Hellenen sich
+selbst wie den Mitbürgern jeden Augenblick gegenwärtig zu halten. Die
+Freiheit der Gemeinde reicht soweit die Herrscher sie gestatten, und
+ein Mehr würde auch wohl vom Übel sein. Wenn Perikles die Amtstracht
+anlegte, so rief er sich zu, nicht zu vergessen, daß er über Freie und
+Griechen herrsche; heute hat der Beamte sich zu sagen, daß er unter
+einem Herrscher herrsche, über eine den Prokonsuln und den kaiserlichen
+Prokuratoren untergebene Stadt, daß er nichts sein könne und dürfe als
+das Organ der Regierung, daß ein Federstrich des Statthalters genüge,
+um jedes seiner Dekrete zu vernichten. Darum ist es die erste Pflicht
+eines guten Beamten, sich mit den Römern in gutes Einvernehmen zu
+setzen und womöglich einflußreiche Verbindungen in Rom anzuknüpfen,
+damit diese der Heimat zugute kommen. Freilich warnt der rechtschaffene
+Mann eindringlich vor der Servilität; nötigenfalls soll der Beamte
+mutig dem schlechten Statthalter entgegentreten, und als die höchste
+Leistung erscheint die entschlossene Vertretung der Gemeinde in solchen
+Konflikten in Rom vor dem Kaiser. In bezeichnender Weise tadelt er
+scharf diejenigen Griechen, die - ganz wie in den Zeiten des Achäischen
+Bundes - bei jedem örtlichen Hader die Intervention des römischen
+Statthalters herbeiführen, und mahnt dringend, die
+Gemeindeangelegenheiten lieber innerhalb der Gemeinde zu erledigen, als
+durch Appellation sich nicht so sehr der Oberbehörde, als den bei ihr
+tätigen Sachwaltern und Advokaten in die Hände zu liefern. Alles dieses
+ist verständig und patriotisch, so verständig und so patriotisch wie
+einstmals die Politik des Polybios, auf die auch ausdrücklich
+hingewiesen wird. In dieser Epoche des völligen Weltfriedens, wo es
+weder einen Griechen- noch einen Barbarenkrieg irgendwo gibt, wo die
+städtischen Kommandos, die städtischen Friedensschlüsse und Bündnisse
+lediglich der Geschichte angehören, war der Rat sehr am Platze,
+Marathon und Plataeae den Schulmeistern zu überlassen und nicht die
+Köpfe der Ekklesia mit dergleichen großen Worten zu erhitzen, vielmehr
+in dem engen Kreise der noch gestatteten freien Bewegung sich zu
+bescheiden. Aber die Welt gehört nicht dem Verstande, sondern der
+Leidenschaft. Der hellenische Bürger konnte auch jetzt noch gegen das
+Vaterland seine Pflicht tun; aber für den rechten politischen, nach
+Großem ringenden Ehrgeiz, für die Perikleische und Alkibiadische
+Leidenschaft war in diesem Hellas, vom Schreibtisch etwa abgesehen,
+nirgends ein Raum, und in der Lücke wucherten die Giftkräuter, die da,
+wo das hohe Streben erstickt ist, die Menschenbrust versehren und das
+Menschenherz vergiften.
+
+Darum ist Hellas auch das Mutterland der heruntergekommenen,
+inhaltlosen Ambition, unter den vielen schweren Schäden der sinkenden
+antiken Zivilisation vielleicht des am meisten allgemeinen, und sicher
+eines der verderblichsten. Dabei stehen in erster Reihe die Volksfeste
+mit ihrer Preiskonkurrenz. Die olympischen Wettkämpfe stehen dem
+jugendlichen Volk der Hellenen wohl an; das allgemeine Turnerfest der
+griechischen Stämme und Städte und der nach dem Spruch der
+“Hellasrichter” dem tüchtigsten Wettläufer aus den Zweigen des Ölbaums
+geflochtene Kranz ist der unschuldige und einfache Ausdruck der
+Zusammengehörigkeit der jungen Nation. Aber die politische Entwicklung
+hatte bald über diese Morgenröte hinausgeführt. Schon in den Tagen des
+Athenischen Seebundes und gar erst der Alexandermonarchie war jenes
+Hellenenfest ein Anachronismus, ein im Mannesalter fortgeführtes
+Kinderspiel; daß der Besitzer jenes Ölkranzes wenigstens sich und
+seinen Mitbürgern als Inhaber des nationalen Primats galt, kam ungefähr
+darauf hinaus, wie wenn man in England die Sieger der Studentenregatten
+mit Pitt und Beaconsfield in eine Linie stellen wollte. Die Ausdehnung
+der hellenischen Nation durch Kolonisierung und Hellenisierung fand in
+ihrer idealen Einheit und realen Zerfahrenheit in diesem traumhaften
+Reich des Olivenkranzes ihren rechten Ausdruck; und die griechische
+Realpolitik der Diadochenzeit hat sich denn auch um dasselbe, wie
+billig, wenig bekümmert. Aber als die Kaiserzeit in ihrer Weise den
+panhellenischen Gedanken aufnahm und die Römer in die Rechte und die
+Pflichten der Hellenen eintraten, da blieb oder ward für das römische
+Allhellas Olympia das rechte Symbol; erscheint doch unter Augustus der
+erste römische Olympionike, und zwar kein geringerer als Augustus’
+Stiefsohn, der spätere Kaiser Tiberius ^38. Das nicht reinliche
+Ehebündnis, welches das Allhellenentum mit dem Dämon des Spiels
+einging, machte aus diesen Festen eine ebenso mächtige und dauernde wie
+im allgemeinen und besonders für Hellas schädliche Institution. Die
+gesamte hellenische und hellenisierende Welt beteiligte sich daran, sie
+beschickend und sie nachahmend; überall sprangen ähnliche, für die
+ganze griechische Welt bestimmte Feste aus dem Boden und die eifrige
+Anteilnahme der breiten Massen, das allgemeine Interesse für den
+einzelnen Wettkämpfer, der Stolz des Siegers nicht bloß, sondern seines
+Anhangs und seiner Heimat ließen fast vergessen, um welche Dinge
+eigentlich gestritten ward. Die römische Regierung ließ diesem
+Wetturnen und den sonstigen Wettkämpfen nicht bloß freien Lauf, sondern
+beteiligte das Reich an denselben; das Recht der feierlichen Einholung
+des Siegers in seine Heimatstadt hing in der Kaiserzeit nicht von dem
+Belieben der betreffenden Bürgerschaft ab, sondern wurde den einzelnen
+Spielinstituten durch kaiserliches Privilegium verliehen ^39 und in
+diesem Fall auch die dem Sieger zustehende jährliche Pension (σίτησις)
+auf die Reichskasse übernommen, die bedeutenderen Spielinstitute also
+geradezu als Reichseinrichtungen behandelt. Dieses Spielwesen erfaßte
+wie das Reich selbst so alle Provinzen; immer aber war das eigentliche
+Griechenland der ideale Mittelpunkt solcher Kämpfe und Siege, hier ihre
+Heimat am Alpheios, hier der Sitz der ältesten Nachbildungen, der noch
+der großen Zeit des hellenischen Namens angehörigen und von ihren
+klassischen Dichtern verherrlichten Pythien, Isthmien und Nemeen, nicht
+minder einer Anzahl jüngerer, aber reich ausgestatteter, ähnlicher
+Feste, der Eurykleen, die der oben erwähnte Herr von Sparta unter
+Augustus gegründet, der athenischen Panathenaeen, der von Hadrian mit
+kaiserlicher Munifizenz dotierten, ebenfalls in Athen gefeierten
+Panhellenien. Man durfte sich verwundern, daß die ganze Welt des weiten
+Reiches sich um diese Turnfeste zu drehen schien, aber nicht darüber,
+daß an diesem seltsamen Zauberbecher vor allem die Hellenen sich
+berauschten, und daß das politische Stilleben, das ihre besten Männer
+ihnen anempfahlen, durch die Kränze und die Statuen und die Privilegien
+der Festsieger in schädlichster Weise verwirrt ward.
+
+————————————————————————-
+
+^38 Der erste römische Olympionike, von dem wir wissen, ist Ti.
+Claudius Ti. f. Nero, ohne Zweifel der spätere Kaiser, mit dem
+Viergespann (Archäologische Zeitung 38, 1880, S. 53); es fällt dieser
+Sieg wahrscheinlich Ol. 195 (n. Chr. 1), nicht Ol. 199 (n. Chr. 17),
+wie die Liste des Africanus angibt (Eus. thron. 1, p. 214 Schöne). In
+diesem Jahre siegte vielmehr sein Sohn Germanicus, ebenfalls mit dem
+Viergespann (Archäologische Zeitung 37, 1879, S. 36). Unter den
+eponymen Olympioniken, den Siegern im Stadium, findet sich kein Römer;
+diese Verletzung des griechischen Nationalgefühls scheint vermieden
+worden zu sein.
+
+^39 Ein also privilegiertes Spielinstitut heißt αγών ιερός, certamen
+sacrum (das heißt mit Pensionierung: Dio Sl, 1) oder αγών εισελαστικός,
+certamen iselasticum (vgl. unter anderen Plin. ep. ad Trai. 118, 119;
+CIL X, 515). Auch die Xystarchie wird, wenigstens in gewissen Fällen,
+vom Kaiser verliehen (Dittenberger in Heymes 12, 1877, S. 17f.). Nicht
+mit Unrecht nennen diese Institute sich “Weltspiele” (αγών
+οικουμενικός).
+
+————————————————————————-
+
+Einen ähnlichen Weg gingen die städtischen Institutionen, allerdings im
+ganzen Reich, aber wiederum vorzugsweise in Hellas. Als es dort noch
+große Ziele und einen Ehrgeiz gab, hatte in Hellas, eben wie in Rom,
+die Bewerbung um die Gemeindeämter und die Gemeindeehren den
+Mittelpunkt des politischen Wetteifers gebildet und neben vielem
+Leeren, Lächerlichen, Bösartigen auch die tüchtigsten und edelsten
+Leistungen hervorgerufen. Jetzt war der Kern verschwunden, die Schale
+geblieben; in Panopeus im Phokischen standen zwar die Häuser ohne Dach
+und wohnten die Bürger in Hütten, aber es war noch eine Stadt, ja ein
+Staat, und bei dem Aufzug der phokischen Gemeinden fehlten die Panopeer
+nicht. Diese Städte trieben mit ihren Ämtern und Priestertümern, mit
+den Belobigungsdekreten durch Heroldsruf und den Ehrensitzen bei den
+öffentlichen Versammlungen, mit dem Purpurgewand und dem Diadem, mit
+den Statuen zu Fuß und zu Roß ein Eitelkeits- und Geldgeschäft
+schlimmer als der kleinste Duodezfürst der neueren Zeit mit seinen
+Orden und Titeln. Es wird ja auch in diesen Vorgängen das wirkliche
+Verdienst und die ehrliche Dankbarkeit nicht gefehlt haben; aber
+durchgängig war es ein Handel auf Geben und Nehmen oder, mit Plutarch
+zu reden, ein Geschäft wie zwischen der Kurtisane und ihren Kunden. Wie
+heutzutage die private Munifizenz im Positiv den Orden und im
+Superlativ den Adel bewirkt, so verschaffte sie damals den
+priesterlichen Purpur und die Bildsäule auf dem Markt; und nicht
+ungestraft treibt der Staat mit seinen Ehren Falschmünzerei. In der
+Massenhaftigkeit derartiger Prozeduren und der Roheit ihrer Formen
+stehen die heutigen Leistungen hinter denen der alten Welt beträchtlich
+zurück, wie natürlich, da die durch den Staatsbegriff nicht genügend
+gebändigte scheinhafte Autonomie der Gemeinde auf diesem Gebiet
+ungehindert schaltete und die dekretierenden Behörden durchgängig die
+Bürgerschaften oder die Räte von Kleinstädten waren. Die Folgen waren
+nach beiden Seiten verderblich: die Gemeindeämter wurden mehr nach der
+Zahlungsfähigkeit als nach der Tüchtigkeit der Bewerber vergeben; die
+Schmäuse und Spenden machten die Beschenkten nicht reicher und den
+Schenker oftmals arm; an dem Zunehmen der Arbeitsscheu und dem
+Vermögensverfall der guten Familien trägt diese Unsitte ihren
+vollgemessenen Anteil. Auch die Wirtschaft der Gemeinden selbst litt
+schwer unter dem Umsichgreifen der Adulation. Zwar waren die Ehren, mit
+welchen die Gemeinde dem einzelnen Wohltäter dankte, großenteils nach
+demselben verständigen Prinzip der Billigkeit bemessen, welches
+heutzutage die ähnlichen dekorativen Vergünstigungen beherrscht; und wo
+das nicht der Fall war, fand häufig der Wohltäter sich bereit, zum
+Beispiel die ihm zu setzende Bildsäule selber zu bezahlen. Aber nicht
+dasselbe gilt von den Ehrenbezeugungen, welche die Gemeinde vornehmen
+Ausländern, vor allem den Statthaltern und den Kaisern wie den Gliedern
+des kaiserlichen Hauses erwies. Die Richtung der Zeit auf Wertschätzung
+auch der inhaltlosen und obligaten Huldigung beherrschte den
+kaiserlichen Hof und die römischen Senatoren nicht so wie die Kreise
+des kleinstädtischen Ehrgeizes, aber doch auch in sehr fühlbarer Weise;
+und selbstverständlich wuchsen die Ehren und die Huldigungen einmal im
+Laufe der Zeit durch die ihnen eigene Vernutzung, und ferner in
+demselben Maß, wie die Geringhaltigkeit der regierenden oder an der
+Regierung beteiligten Persönlichkeiten. Begreiflicherweise war in
+dieser Hinsicht das Angebot immer stärker als die Nachfrage und
+diejenigen, die solche Huldigungen richtig würdigten, um davon
+verschont zu bleiben, genötigt, sie abzuwehren, was im einzelnen Fall
+oft genug ^40, aber konsequenterweise selten geschehen zu sein scheint
+- für Tiberius darf die geringe Anzahl der ihm errichteten Bildsäulen
+vielleicht unter seinen Ruhmestiteln verzeichnet werden. Die Ausgaben
+für Ehrendenkmäler, die oft weit über die einfache Statue hinausgingen,
+und für Ehrengesandtschaften ^41 sind ein Krebsschaden gewesen und
+immer mehr geworden an dem Gemeindehaushalt aller Provinzen. Aber keine
+wohl hat im Verhältnis zu ihrer geringen Leistungsfähigkeit so große
+Summen unnütz aufgewandt wie die Provinz von Hellas, das Mutterland wie
+der Festsieger- so auch der Gemeindeehren und in einem Prinzipat in
+dieser Zeit unübertroffen, in dem der Bedientendemut und untertänigen
+Huldigung.
+
+—————————————————————
+
+^40 Kaiser Gaius zum Beispiel verbittet sich in seinem Schreiben an den
+Landtag von Achaia die “große Zahl” der ihm zuerkannten Bildsäulen und
+begnügt sich mit den vier von Olympia, Nemea, Delphi und dem Isthmos
+(Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Derselbe Landtag
+beschließt, dem Kaiser Hadrian in jeder seiner Städte eine Bildsäule zu
+setzen, von welchen die Basis der in Abea in Messenien aufgestellten
+sich erhalten hat (CIG 1307). Kaiserliche Autorisation ist für solche
+Setzungen von jeher gefordert worden.
+
+^41 Bei der Revision der Stadtrechnungen von Byzantion fand Plinius,
+daß jährlich 12000 Sesterzen (2500 Mark) für den dem Kaiser und 3000
+Sesterzen (650 Mark) für den dem Statthalter von Mösien durch eine
+besondere Deputation zu überreichenden Neujahrsglückwunsch angesetzt
+waren. Plinius weist die Behörden an, diese Glückwünsche fortan nur
+schriftlich einzusenden, was Traian billigt (ep. ad Trai. 43, 44).
+
+—————————————————————
+
+Daß die wirtschaftlichen Zustände Griechenlands nicht günstig waren,
+braucht kaum noch besonders ausgeführt zu werden. Das Land, im ganzen
+genommen, ist nur von mäßiger Fruchtbarkeit, die Ackerfluren von
+beschränkter Ausdehnung, der Weinbau auf dem Kontinent nicht von
+hervorragender Bedeutung, mehr die Kultur der Olive. Da die Brüche des
+berühmten Marmors, des glänzend weißen attischen wie des grünen
+karystischen, wie die meisten übrigen zum Domanialbesitz gehörten, kam
+deren Ausbeutung durch die kaiserlichen Sklaven der Bevölkerung wenig
+zugute.
+
+Die gewerbfleißigste der griechischen Landschaften war die der Achäer,
+wo die seit langem bestehende Fabrikation von Wollenstoffen sich
+behauptete und in der wohlbevölkerten Stadt Patrae zahlreiche
+Spinnereien den feinen elischen Flachs zu Kleidern und Kopfnetzen
+verarbeiteten. Die Kunst und das Kunsthandwerk blieben auch jetzt noch
+vorzugsweise den Griechen, und von den Massen besonders pentelischen
+Marmors, welche die Kaiserzeit verbraucht hat, muß ein nicht geringer
+Teil an Ort und Stelle verarbeitet worden sein. Überwiegend aber übten
+die Griechen beide im Ausland; von dem früher so bedeutenden Export des
+griechischen Kunstgewerbes ist in dieser Zeit wenig die Rede. Den
+regsten Verkehr hatte die Stadt der beiden Meere, Korinth, die allen
+Hellenen gemeinsame, stets von Fremden wimmelnde Metropole, wie ein
+Redner sie bezeichnet. In den beiden römischen Kolonien Korinth und
+Patrae, und außerdem in dem stets von schauenden und lernenden
+Ausländern gefüllten Athen konzentrierte sich das größere
+Bankiergeschäft der Provinz, welches in der Kaiserzeit wie in der
+republikanischen zum großen Teil in den Händen dort ansässiger Italiker
+lag. Auch in Plätzen zweiten Ranges, wie in Argos, Elis, Mantineia im
+Peloponnes, bilden die ansässigen römischen Kaufleute eigene, neben der
+Bürgerschaft stehende Genossenschaften. Im allgemeinen lag in Achaia
+Handel und Verkehr darnieder, namentlich seit Rhodos und Delos
+aufgehört hatten, Stapelplätze für den Zwischenverkehr zwischen Asien
+und Europa zu sein und dieser sich nach Italien gezogen hatte. Die
+Piraterie war gebändigt und auch die Landstraßen wohl leidlich sicher
+^42; aber damit kehrte die alte glückliche Zeit noch nicht zurück. Der
+Verödung des Peiräeus wurde schon gedacht; es war ein Ereignis, wenn
+eines der großen ägyptischen Getreideschiffe sich einmal dorthin
+verirrte. Nauplia, der Hafen von Argos, nach Patrae der bedeutendsten
+Küstenstadt des Peloponnes, lag ebenso wüst ^43.
+
+————————————————————————
+
+^42 Daß die Landstraßen in Griechenland besonders unsicher gewesen
+seien, erfahren wir nicht; der Aufstand in Achaia unter Pius (vita 5,
+4) ist seiner Art nach völlig dunkel. Wenn der Räuberhauptmann
+überhaupt - nicht eben gerade der griechische - in der geringen
+Literatur der Epoche eine hervorragende Rolle spielt, so ist dies
+Vehikel den schlechten Romanschreibern aller Zeiten gemein. Das
+euböische Ödland des feineren Dion ist nicht ein Räubernest, sondern es
+sind die Trümmer einer großen Gutswirtschaft, deren Inhaber seines
+Reichtums wegen vom Kaiser verurteilt worden ist und die seitdem wüst
+liegt. Übrigens zeigt sich hier, was freilich wenigstens für
+Nicht-Gelehrte keines Beweises bedarf, daß diese Geschichte gerade
+ebenso wahr ist wie die meisten, welche damit anfangen, daß der
+Erzähler sie selbst von dem Beteiligten habe; wäre die Konfiskation
+historisch, so würde der Besitz an den Fiskus gekommen sein, nicht an
+die Stadt, welche der Erzähler denn auch sich wohl hütet zu nennen.
+
+^43 Des ägyptischen Kaufmanns aus Constantius Zeit naive Schilderung
+Achaias mag hier noch Platz finden: “Das Land Achaia, Griechenland und
+Lakonien hat viel Gelehrsamkeit, aber für die übrigen Bedürfnisse ist
+es unzulänglich: denn es ist eine kleine und gebirgige Provinz und kann
+nicht viel Getreide liefern, erzeugt aber etwas Öl und den attischen
+Honig, und kann mehr wegen der Schulen und der Beredsamkeit gepriesen
+werden, nicht aber so in den meisten übrigen Beziehungen. Von Städten
+hat es Korinth und Athen. Korinth hat viel Handel und ein schönes
+Gebäude, das Amphitheater, Athen aber die alten Bilder (historias
+antiquas) und ein erwähnenswertes Werk, die Burg, wo viele Bildsäulen
+stehen und wunderbar die Kriegstaten der Vorfahren darstellen (ubi
+multis statuis stantibus mirabile est videre dicendum antiquorum
+bellum). Lakonien soll allein den Marmor von Krokeae aufzuweisen haben,
+den man den lakedämonischen nennt.” Die Barbarei des Ausdrucks kommt
+nicht auf Rechnung des Schreibers, sondern auf die des viel späteren
+Übersetzers.
+
+————————————————————————
+
+Dem entspricht es, daß für die Straßen dieser Provinz in der Kaiserzeit
+so gut wie nichts geschehen ist; römische Meilensteine haben sich nur
+in der nächsten Nähe von Patrae und von Athen gefunden und auch diese
+gehören den Kaisern aus dem Ende des dritten und dem vierten
+Jahrhundert; offenbar haben die früheren Regierungen darauf verzichtet,
+hier Kommunikationen herzustellen. Nur Hadrian unternahm es, wenigstens
+die so wichtige wie kurze Landverbindung zwischen Korinth und Megara
+über den schlimmen skironischen Klippenpaß durch gewaltige, ins Meer
+geworfene Dämme zu einer fahrbaren Straße zu machen.
+
+Der seit langem verhandelte Plan, die korinthische Landenge zu
+durchstechen, den der Diktator Caesar aufgefaßt hatte, ist späterhin
+erst von Kaiser Gaius, dann von Nero in Angriff genommen worden.
+Letzterer hat sogar bei seinem Aufenthalt in Griechenland persönlich zu
+dem Kanal den ersten Stich getan und eine Reihe von Monaten hindurch
+6000 jüdische Kriegsgefangene an demselben arbeiten lassen. Bei den in
+unseren Tagen wieder aufgenommenen Durchsticharbeiten sind bedeutende
+Reste dieser Bauten zum Vorschein gekommen, welche zeigen, daß die
+Arbeiten ziemlich weit vorgeschritten waren, als man sie abbrach,
+wahrscheinlich nicht infolge der einige Zeit nachher im Westen
+ausbrechenden Revolution, sondern weil man hier, eben wie bei dem
+ähnlichen ägyptischen Kanal, infolge des irrigerweise vorausgesetzten
+verschiedenen Höhestandes der beiden Meere bei Vollendung des Kanals
+den Untergang der Insel Aegina und weiteres Unheil befürchtete.
+Freilich würde dieser Kanal, wenn er vollendet worden wäre, wohl den
+Verkehr zwischen Asien und Italien abgekürzt haben, aber Griechenland
+selbst nicht vorwiegend zugute gekommen sein.
+
+Daß die Landschaften nördlich von Hellas, Thessalien und Makedonien
+und, wenigstens seit Traian, auch Epirus, in der Kaiserzeit
+administrativ von Griechenland getrennt wurden, ist schon bemerkt
+worden. Von diesen hat die kleine epirotische Provinz, die von einem
+kaiserlichen Statthalter zweiten Ranges verwaltet wurde, sich niemals
+von der Verwüstung erholt, welche im Verlauf des Dritten makedonischen
+Krieges über sie ergangen war. Das bergige und arme Binnenland besaß
+keine namhafte Stadt und eine dünn gesäte Bevölkerung. Die nicht minder
+verödete Küste war Augustus zu heben bemüht durch eine doppelte
+Städteanlage, durch die Vollendung der schon von Caesar beschlossenen
+Kolonie römischer Bürger in Buthrotum, Kerkyra gegenüber, die indes zu
+keiner rechten Blüte gelangte, und durch die Gründung der griechischen
+Stadt Nikopolis an eben der Stelle, wo vor der Aktischen
+Entscheidungsschlacht das Hauptquartier gestanden hatte, an dem
+südlichsten Punkte von Epirus, anderthalb Stunden nördlich von Prevesa,
+nach Augustus’ Absicht zugleich ein dauerndes Denkmal des großen
+Seesiegs und der Mittelpunkt neu aufblühenden hellenischen Lebens.
+Diese Gründung ist in ihrer Art als römische neu.
+
+An Ambrakias Statt und des amphilochischen Argos,
+
+an Thyreions und an Anaktorions Statt,
+
+auch an Leukas Statt und was von Städten noch ringsum
+
+rasend des Ares Speer weiter zu Boden gestreckt,
+
+gründet die Siegsstadt Caesar, die heilige, also dem König
+
+Phoebos Apollon mit ihr dankend den aktischen Sieg.
+
+Diese Worte eines gleichzeitigen griechischen Dichters sprechen einfach
+aus, was Augustus hier getan hat: das ganze umliegende Gebiet, das
+südliche Epirus, die gegenüberliegende Landschaft Akarnanien mit der
+Insel Leukas, selbst einen Teil von Ätolien vereinigte er zu einem
+Stadtgebiet und siedelte die in den dort vorhandenen, verkümmernden
+Ortschaften noch übrigen Bewohner über nach der neuen Stadt Nikopolis,
+der gegenüber auf dem akarnanischen Ufer der alte Tempel des aktischen
+Apollon in prachtvoller Weise erneuert und erweitert ward. Eine
+römische Stadt ist nie in dieser Weise gegründet worden; dies ist der
+Synoekismos der Alexandriden. Ganz in derselben Weise haben König
+Kassandros die makedonischen Städte Thessalonike und Kassandreia,
+Demetrios der Städtebezwinger die thessalische Stadt Demetrias,
+Lysimachos die Stadt Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersones aus
+einer Anzahl umliegender, ihrer Selbständigkeit entkleideter
+Ortschaften zusammengelegt. Dem griechischen Charakter der Gründung
+entsprechend sollte Nikopolis nach der Absicht seines Stifters eine
+griechische Großstadt werden ^44. Sie erhielt Freiheit und Autonomie
+wie Athen und Sparta und sollte, wie bereits angegeben ward, in der das
+gesamte Hellas vertretenden Amphiktyonie den fünften Teil der Stimmen
+führen und zwar, wie Athen, ohne mit anderen Städten zu wechseln. Das
+neue aktische Apolloheiligtum war völlig nach dem Muster von Olympia
+eingerichtet, mit einem Vierjahrfest, das selbst den Namen des
+olympischen neben dem eigenen führte, gleichen Rang und gleiche
+Privilegien, auch seine Aktfaden wie jenes seine Olympiaden hatte ^45;
+die Stadt Nikopolis verhielt sich dazu wie die Stadt Elis zu dem
+olympischen Tempel ^46. Sorgfältig ward bei der städtischen Einrichtung
+sowohl wie bei den religiösen Ordnungen alles eigentlich Italische
+vermieden, so nahe es lag, die mit der Reichsbegründung so innig
+verknüpfte Siegesstadt in römischer Weise zu gestalten. Wer die
+Augustischen Ordnungen in Hellas im Zusammenhang erwägt und namentlich
+diesen merkwürdigen Schlußstein, wird sich der Überzeugung nicht
+verschließen können, daß Augustus eine Reorganisation von Hellas unter
+dem Schutz des römischen Prinzipats ausführbar geglaubt hat und hat
+ausführen wollen. Die Örtlichkeit wenigstens war dafür wohl gewählt, da
+es damals, vor der Gründung von Patrae, an der ganzen griechischen
+Westküste keine größere Stadt gab. Aber was Augustus im Anfang seiner
+Alleinherrschaft hoffen mochte, hat er nicht erreicht, vielleicht
+selbst schon späterhin aufgegeben, als er Patrae die Form der römischen
+Kolonie gab. Nikopolis blieb, wie die ausgedehnten Ruinen und die
+zahlreichen Münzen beweisen, verhältnismäßig bevölkert und blühend ^47,
+aber seine Bürger scheinen weder im Handel und Gewerbe noch anderweitig
+hervorragend eingegriffen zu haben. Das nördliche Epirus, welches,
+ähnlich wie das angrenzende, zu Makedonien gelegte Illyricum, zum
+größeren Teil von albanesischen Völkerschaften bewohnt war und nicht
+unter Nikopolis gelegt ward, ist in der Kaiserzeit in seinen
+einigermaßen noch heute fortbestehenden primitiven Verhältnissen
+verblieben. “Epirus und Illyricum”, sagt Strabon, “ist zum großen Teil
+eine Einöde; wo sich Menschen finden, wohnen sie in Dörfern und in
+Trümmern früherer Städte; auch das” - im Mithradatischen Kriege von den
+Thrakern verwüstete - “Orakel von Dodona ist erloschen wie das übrige
+alles.” ^48
+
+—————————————————————————-
+
+^44 Wenn Tacitus (arm. 5, 10) Nikopolis eine colonia Romana nennt, so
+ist das zwar mißverständlich, aber nicht gerade unrichtig, irrig aber
+des Plinius (nat. 4, 1, 5) colonia Augusti Actium cum .. . civitate
+libera Nicopolitana, da Aktion Stadt so wenig gewesen ist wie Olympia.
+
+^45 Ο αγών Ολύμπιος τά Άκτια: Strab. 7, 7, 6, p. 325; Ακτιάς: Ios. bel.
+Iud. 1, 20, 4; Ακτιονίκης öfter. Wie die vier großen griechischen
+Landesfeste bekanntlich η περίοδος heißen, der in allen vier gekrönte
+Sieger, περιοδονίκης, so wird CIG 4472 auch den Spielen von Nikopolis
+beigefügt τής περιόδου und jene Periodos als die alte (αρχαία)
+bezeichnet. Wie die Wettspiele öfter ισολύμπια heißen, so findet sich
+auch αγών ισάκτιος (CIG 4472) oder certamen ad exemplar Actiacae
+religionis (Tac. ann. 15, 23).
+
+^46 So nennt sich ein Nikopolit άρχων τής ιεράς Ακτιακής βουλής
+(Delphi; Rheinisches Museum N. F. 2, 1843, S. 111), wie in Elis es
+heißt η πόλις Ηλείων καί η Ολυμπική βουλή (Archäologische Zeitung 34,
+1876, S. 57; ähnlich daselbst 35, 1877, S. 40 und 41 und sonst).
+übrigens erhielten die Spartaner, als die einzigen an dem Aktischen
+Siege mitbeteiligten Hellenen, die Leitung (επιμέλεια) der Aktischen
+Spiele (Strab. 7, 7, 6, p. 325); ihr Verhältnis zu der βουλή Ακτιακή
+von Nikopolis kennen wir nicht.
+
+^47 Die Schilderung seines Verfalls in der Zeit des Constantius (Paneg.
+11, 9) beweist für die frühere Kaiserzeit vielmehr das Gegenteil.
+
+^48 Die Ausgrabungen in Dodona haben dies bestätigt; alle Fundstücke
+gehören der vorrömischen Epoche an, mit Ausnahme einiger Münzen.
+Allerdings hat ein Restaurationsbau stattgefunden, dessen Zeit sich
+nicht bestimmen läßt; vielleicht ist er ganz spät. Wenn Hadrian, der
+Ζεύς Δωδωναίος genannt wird (CIG 1822), Dodona besucht hat (Dürr,
+Reisen Hadrians, S. 56), so tat er es als Archäologe. Eine Befragung
+des Orakels in der Kaiserzeit wird nur, und auch nicht in
+glaubwürdigster Weise, berichtet von Kaiser Julian (Theodoretus hist.
+eccl. 3, 21).
+
+—————————————————————————-
+
+Thessalien, an sich eine rein hellenische Landschaft so gut wie Ätolien
+und Akarnanien, war in der Kaiserzeit administrativ von der Provinz
+Achaia getrennt und stand unter dem Statthalter von Makedonien. Was von
+Nordgriechenland gilt, trifft auch auf Thessalien zu. Die Freiheit und
+Autonomie, welche Caesar den Thessalern allgemein zugestanden oder
+vielmehr nicht entzogen hatte, scheint ihnen wegen Mißbrauchs von
+Augustus genommen worden zu sein, so daß späterhin nur Pharsalos diese
+Rechtsstellung behalten hat ^49; römische Kolonisten sind in der
+Landschaft nicht angesiedelt worden. Ihren besonderen Landtag in Larisa
+behielt sie, und auch die städtische Selbstverwaltung ist, wie den
+abhängigen Griechen in Achaia, so den Thessalern geblieben. Thessalien
+ist weitaus die fruchtbarste Landschaft der ganzen Halbinsel und führte
+noch im vierten Jahrhundert Getreide aus; nichtsdestoweniger sagt Dion
+von Prusa, daß auch der Peneios durch wüstes Land fließe, und es ist in
+der Kaiserzeit in dieser Landschaft nur in sehr geringem Umfang gemünzt
+worden. Um die Herstellung von Landstraßen haben Hadrian und Diocletian
+sich bemüht, aber auch, soviel wir sehen, von den römischen Kaisern sie
+allein.
+
+—————————————————————————-
+
+^49 Die Verfügung Caesars bezeugen Appian (civ. 2, 88) und Plutarch
+(Caes. 48), und sie stimmt zu seinem eigenen Bericht (civ. 3, 80) recht
+gut; dagegen nennt Plinius (nat. 4, 8, 29) nur Pharsalos als freie
+Stadt. Zu Augustus’ Zeit wurde ein vornehmer Thessaler Petraeos
+(wahrscheinlich der Caesarianer, civ. 3, 35) lebendig verbrannt (Plut.
+praec. ger. reip. 19), ohne Zweifel nicht durch ein Privatverbrechen,
+sondern nach Beschluß des Landtags, und es wurden die Thessaler vor das
+Kaisergericht gestellt (Suet. Tib. 8). Vermutlich gehören beide
+Vorgänge und ebenso der Verlust der Freiheit zusammen.
+
+—————————————————————————-
+
+Makedonien als römischer Verwaltungsbezirk der Kaiserzeit ist,
+verglichen mit dem Makedonien der Republik, wesentlich verkleinert.
+Allerdings reicht es wie dieses von Meer zu Meer, indem die Küste
+sowohl des Ägäischen Meeres von der zu Makedonien gehörigen Landschaft
+Thessalien an bis zur Mündung des Nestos (Mesta), wie auch die des
+Adriatischen vom Aoos ^50 bis zum Drilon (Drin) diesem Distrikt
+zugerechnet wurden; das letztere Gebiet, nicht eigentlich
+makedonisches, sondern illyrisches Land, aber schon in republikanischer
+Zeit dem Statthalter Makedoniens zugewiesen, ist auch in der Kaiserzeit
+bei der Provinz geblieben. Aber daß Griechenland südlich vom Oeta davon
+getrennt ward, wurde schon gesagt. Die Nordgrenze gegen Mösien und die
+Ostgrenze gegen Thrakien blieben zwar insofern unverändert, als die
+Provinz in der Kaiserzeit so weit reichte, wie auch das eigentliche
+Makedonien der Republik gereicht hatte, das heißt nördlich etwa bis zum
+Tal des Erigon, östlich bis zum Flusse Nestos; aber wenn in
+republikanischer Zeit die Dardaner und die Thraker und sämtliche dem
+makedonischen Gebiet benachbarte Völkerschaften des Nordens und des
+Nordostens in ihren friedlichen wie in ihren kriegerischen Berührungen
+mit diesem Statthalter zu tun hatten und insofern gesagt werden konnte,
+daß die makedonische Grenze so weit reiche wie die römischen Lanzen, so
+gebot der makedonische Statthalter der Kaiserzeit nur über den ihm
+angewiesenen, nirgends mehr mit halb oder ganz unabhängigen Nachbarn
+grenzenden Bezirk. Da der Grenzschutz zunächst auf das in römische
+Botmäßigkeit gelangte Thrakerreich und bald auf den Statthalter der
+neuen Provinz Mösien überging, so wurde der von Makedonien seines
+Kommandos von vornherein enthoben. Es ist auch auf makedonischem Boden
+in der Kaiserzeit kaum gefochten worden; nur die barbarischen Dardaner
+am oberen Axios (Vardar) brandschatzten zuweilen noch die friedliche
+Nachbarprovinz. Auch von örtlichen Auflehnungen wird aus dieser Provinz
+nichts berichtet.
+
+—————————————————————————————
+
+^50 In der Zeit der Republik scheint Skodra zu Makedonien gehört zu
+haben; in der Kaiserzeit sind dies und Lissus dalmatische Städte und
+macht die Grenze an der Küste die Mündung des Drin.
+
+—————————————————————————————
+
+Von den südlicheren griechischen Landschaften entfernt sich diese
+nördlichste sowohl in dem nationalen Fundament wie in der Stufe der
+Zivilisation. Wenn die eigentlichen Makedonier an dem Unterlauf des
+Haliakmon (Vistritza) und des Axios (Vardar) bis zum Strymon ein
+ursprünglich griechischer Stamm sind, dessen Verschiedenheit von den
+südlicheren Hellenen für die gegenwärtige Epoche keine Bedeutung mehr
+hat, und wenn die hellenische Kolonisation beide Küsten in ihren Kreis
+hineingezogen hat, im Westen mit Apollonia und Dyrrhachion, im Osten
+namentlich mit den Ortschaften der Halbinsel Chalkidike, so ist dagegen
+das Binnenland der Provinz von einem Gewimmel ungriechischer Völker
+erfüllt, das von den heutigen Zuständen auf dem gleichen Gebiet mehr in
+seinen Elementen als in seinem Ergebnis sich unterschieden haben wird.
+Nachdem die bis in diese Gegend vorgedrungenen Kelten, die Skordisker,
+von den Feldherren der römischen Republik zurückgedrängt worden waren,
+teilten sich in das innere Makedonien insbesondere illyrische Stämme im
+Westen und Norden, thrakische im Osten. Von beiden ist schon früher
+gesprochen worden; hier kommen sie nur insofern in Betracht, als die
+griechische Ordnung, wenigstens die städtische, bei diesen Stämmen wohl
+wie in der früheren ^51 so auch in der Kaiserzeit nur in beschränktem
+Maße eingeführt worden ist. Überall ist ein energischer Zug städtischer
+Entwicklung nie durch das makedonische Binnenland gegangen, die
+entlegeneren Landschaften sind wenigstens der Sache nach kaum über die
+Dorfwirtschaft hinausgekommen.
+
+———————————————————————————
+
+^51 Die städtischen Gründungen in diesen Gegenden außerhalb des
+eigentlichen Makedoniens tragen ganz den Charakter eigentlicher
+Kolonien: so die von Philippi im Thrakerland und besonders die von
+Derriopos in Paeonien (Liv. 39 53), für welchen letzteren Ort auch die
+spezifisch makedonischen Politarchen inschriftlich bezeugt sind.
+Inschrift vom Jahre 197 n. Chr.: τών περί Αλεξάνδρον Φιλίππου εν
+Δερριόπω πολιταρχών (Duchesne und Bayet, Mission au mont Athos, S.
+103).
+
+———————————————————————————
+
+Die griechische Politie selbst ist in diesem Königsland nicht so wie in
+dem eigentlichen Hellas aus sich selber erwachsen, sondern durch die
+Fürsten eingeführt worden, die mehr Hellenen waren als ihre Untertanen.
+Welche Gestalt sie gehabt hat, ist wenig bekannt; doch läßt die in
+Thessalonike, Edessa, Lete gleichmäßig wiederkehrende, anderswo nicht
+begegnende Stadtvorstandschaft der Politarchen auf eine merkliche und
+ja auch an sich wahrscheinliche Verschiedenheit der makedonischen
+Stadtverfassung von der sonst in Hellas üblichen schließen. Die
+griechischen Städte, welche die Römer vorfanden, haben ihre
+Organisation und ihre Rechte behalten, die bedeutendste derselben,
+Thessalonike, auch die Freiheit und die Autonomie. Es bestand ein Bund
+und ein Landtag (κοινόν) der makedonischen Städte, ähnlich wie in
+Achaia und Thessalien. Erwähnung verdient als ein Zeugnis für die
+nachwirkende Erinnerung der alten großen Zeit, daß noch in der Mitte
+des dritten Jahrhunderts nach Christus der Landtag von Makedonien und
+einzelne makedonische Städte Münzen geprägt haben, auf denen der Kopf
+und der Name des regierenden Kaisers durch den Alexanders des Großen
+ersetzt sind. Die ziemlich zahlreichen Kolonien römischer Bürger,
+welche Augustus in Makedonien eingerichtet hat, Byllis unweit
+Apollonia, Dyrrachium am Adriatischen Meer, an der anderen Küste Dium,
+Pella, Cassandrea, in dem eigentlich thrakischen Gebiet Philippi, sind
+sämtlich ältere griechische Städte, welche nur eine Anzahl Neubürger
+und eine andere Rechtsstellung erhielten, und zunächst ins Leben
+gerufen durch das Bedürfnis, die ausgedienten italischen Soldaten, für
+die in Italien selbst kein Platz mehr war, in einer zivilisierten und
+nicht stark bevölkerten Provinz unterzubringen. Auch die Gewährung des
+italischen Rechts erfolgte gewiß nur, um den Veteranen die Ansiedelung
+im Ausland zu vergolden. Daß ein Hineinziehen Makedoniens in die
+italische Kulturentwicklung niemals beabsichtigt ward, dafür zeugt, von
+allem andern abgesehen, daß Thessalonike griechisch und die Hauptstadt
+des Landes blieb. Daneben gedieh Philippi, eigentlich eine der nahen
+Goldbergwerke wegen angelegte Grubenstadt, von den Kaisern begünstigt
+als Stätte der die Monarchie definitiv begründenden Schlacht und wegen
+der zahlreichen an derselben beteiligten und nachher dort angesiedelten
+Veteranen. Römische, nicht koloniale Gemeindeverfassung hat bereits in
+der ersten Kaiserzeit Stobi erhalten, die schon erwähnte nördlichste
+Grenzstadt Makedoniens gegen Mösien am Einfluß des Erigon in den Axios,
+kommerziell wie militärisch eine wichtige Position und vermutlich schon
+in makedonischer Zeit zu griechischer Politie gelangt.
+
+In wirtschaftlicher Hinsicht ist für Makedonien auch unter den Kaisern
+von Staats wegen wenig geschehen; wenigstens tritt eine besondere
+Fürsorge derselben für diese nicht unter ihrer eigenen Verwaltung
+stehende Provinz nirgends hervor. Um die schon unter der Republik
+angelegte Militärstraße quer durch das Land von Dyrrachium nach
+Thessalonike, eine der wichtigsten Verkehrsadern des ganzen Reiches,
+haben sich, so viel wir wissen, erst die Kaiser des dritten
+Jahrhunderts, zuerst Severus Antoninus, wieder bemüht; die ihr
+anliegenden Städte Lychnidos am Ochrida-See und Herakleia Lynkestis
+(Bitolia) haben nie viel bedeutet. Dennoch war Makedonien
+wirtschaftlich besser bestellt als Griechenland. Es übertrifft dasselbe
+weitaus an Fruchtbarkeit; wie noch heute die Provinz von Thessalonike
+relativ gut bebaut und wohlbevölkert ist, so wird auch in der
+Reichsbeschreibung aus Constantius’ Zeit, allerdings als Konstantinopel
+schon bestand, Makedonien zu den besonders wohlhabenden Bezirken
+gerechnet. Wenn für Achaia und Thessalien unsere die römische Aushebung
+betreffenden Dokumente schlechthin versagen, so ist dagegen Makedonien
+dabei, namentlich auch für die Kaisergarde, in bedeutendem Umfang,
+stärker als die meisten griechischen Landschaften, in Anspruch genommen
+worden, wobei freilich die Gewöhnung der Makedonier an den regelmäßigen
+Kriegsdienst und ihre vorzügliche Qualifikation für denselben, wohl
+auch die relativ geringe Entwicklung des städtischen Wesens in dieser
+Provinz in Anschlag zu bringen sind. Thessalonike, die Metropole der
+Provinz und deren volkreichste und gewerbreichste Stadt dieser Zeit,
+gleichfalls in der Literatur mehrfach vertreten, hat auch in der
+politischen Geschichte durch den tapferen Widerstand, den seine
+Bürgerin den schrecklichen Zeiten der Goteneinfälle den Barbaren
+entgegensetzten, sich einen Ehrenplatz gesichert.
+
+Wenn Makedonien ein halb griechisches, so war Thrakien ein nicht
+griechisches Land. Von dem großen, aber für uns verschollenen
+thrakischen Stamm ist früher gesprochen worden. In seinen Bereich ist
+der Hellenismus lediglich von außen gelangt; und es wird nicht
+überflüssig sein, zunächst rückblickend darzulegen, wie oft der
+Hellenismus an die Pforten der südlichsten Landschaft, welche dieser
+Stamm inne hatte und die wir noch nach ihm nennen, bis dahin gepocht
+und wie wenig er bis dahin im Binnenland erreicht hatte, um deutlich zu
+machen, was Rom hier nachzuholen blieb und was es nachgeholt hat.
+Zuerst Philippos, der Vater Alexanders, unterwarf Thrakien und gründete
+nicht bloß Kalybe in der Nähe von Byzantion, sondern im Herzen des
+Landes die Stadt, die seitdem seinen Namen trägt. Alexander, auch hier
+der Vorläufer der römischen Politik, gelangte an und über die Donau und
+machte diesen Strom zur Nordgrenze seines Reiches; die Thraker in
+seinem Heere haben bei der Unterwerfung Asiens nicht die letzte Rolle
+gespielt. Nach seinem Tode schien der Hellespont einer der großen
+Mittelpunkte der neuen Staatenbildung, das weite Gebiet von dort bis an
+die Donau ^52 die nördliche Hälfte eines griechischen Reiches werden zu
+sollen, der Residenz des ehemaligen Statthalters von Thrakien,
+Lysimachos, der auf dem Thrakischen Chersones neugegründeten Stadt
+Lysimacheia eine ähnliche Zukunft zu winken wie den Residenzen der
+Marschälle von Syrien und Ägypten. Indes es kam dazu nicht; die
+Selbständigkeit dieses Reiches überdauerte den Fall seines ersten
+Herrschers (473 281) nicht. In dem Jahrhundert, welches von da bis auf
+die Begründung der Vormachtstellung Roms im Orient verging, versuchten
+bald die Seleukiden, bald die Ptolemäer, bald die Attaliden die
+europäischen Besitzungen des Lysimachos in ihre Gewalt zu bringen, aber
+sämtlich ohne dauernden Erfolg. Das Reich von Tylis im Haemus, welches
+die Kelten nicht lange nach dem Tode Alexanders, ungefähr gleichzeitig
+mit ihrer bleibenden Niederlassung in Kleinasien, im
+mösisch-thrakischen Gebiet gegründet hatten, vernichtete die Saat
+griechischer Zivilisation in seinem Bereich und erlag selber während
+des Hannibalischen Krieges den Angriffen der Thraker, die diese
+Eingedrungenen bis auf den letzten Mann ausrotteten. Seitdem gab es in
+Thrakien eine führende Macht überhaupt nicht; die zwischen den
+griechischen Küstenstädten und den Fürsten der einzelnen Stämme
+bestehenden Verhältnisse, die ungefähr denen vor Alexander entsprechen
+mochten, erläutert die Schilderung, die Polybios von der bedeutendsten
+dieser Städte gibt: wo die Byzantier gesät haben, da ernten die
+thrakischen Barbaren, und es hilft gegen diese weder das Schwert noch
+das Geld; schlagen die Bürger einen der Fürsten, so fallen dafür drei
+andere in ihr Gebiet, und kaufen sie einen ab, so verlangen fünf mehr
+den gleichen Jahrzins. Dem Bestreben der späteren makedonischen
+Herrscher, in Thrakien wieder festen Fuß zu fassen und namentlich die
+griechischen Städte der Südküste in ihre Gewalt zu bringen, traten die
+Römer entgegen, teils um Makedoniens Machtentwicklung überhaupt
+niederzuhalten, teils um nicht die wichtige, nach dem Orient führende
+“Königsstraße”, diejenige, auf der Xerxes nach Griechenland, die
+Scipionen gegen Antiochos marschierten, in ihrer ganzen Ausdehnung in
+makedonische Hand kommen zu lassen. Schon nach der Schlacht bei
+Kynoskephalae wurde die Grenzlinie ungefähr so gezogen, wie sie seitdem
+geblieben ist. öfter versuchten die beiden letzten makedonischen
+Herrscher, sich dennoch in Thrakien sei es geradezu festzusetzen, sei
+es dessen einzelne Fürsten durch Verträge an sich zu knüpfen; der
+letzte Philippos hat sogar Philippopolis abermals gewonnen und
+Besatzung hineingelegt, die die Odrysen freilich bald wieder
+vertrieben. Zu dauernder Festsetzung gelangte weder er noch sein Sohn,
+und die nach der Auflösung Makedoniens den Thrakern von Rom eingeräumte
+Selbständigkeit zerstörte, was dort etwa von hellenischen Anfängen noch
+übrig sein mochte. Thrakien selbst wurde zum Teil schon in
+republikanischer, entschiedener in der Kaiserzeit römisches
+Lehnsfürstentum, dann im Jahre 46 n. Chr. römische Provinz; aber die
+Hellenisierung des Landes war nicht hinausgekommen über den Saum
+griechischer Pflanzstädte, welcher in frühester Zeit sich auch um diese
+Küste gelegt hatte, und im Lauf der Zeit eher gesunken als gestiegen.
+So mächtig und bleibend die makedonische Kolonisation den Osten
+ergriffen, so schwach und vergänglich hat sie Thrakien berührt; Philipp
+und Alexander selbst scheinen die Ansiedelungen in diesem Lande
+widerwillig vorgenommen und geringgeschätzt zu haben ^53. Bis weit in
+die Kaiserzeit hinein ist das Land den Eingeborenen, sind die an der
+Küste übriggebliebenen, fast alle heruntergekommenen Griechenstädte
+ohne griechisches Hinterland geblieben.
+
+——————————————————————————
+
+^52 Daß auch für Lysimachos die Donau Reichsgrenze war, geht hervor aus
+Paus. 1,9,6.
+
+^53 Kalybe bei Byzantion entstand nach Strabon (7, 6, 2, p. 320)
+Φιλίππου τού Αμύντου τούς πονηρατότους ενταύθα ιδρύσαντος.
+Philippopolis soll sogar nach dem Bericht Theopomps (fr. 122 Müller)
+als Πονηρόπολις gegründet sein und die entsprechenden Kolonisten
+empfangen haben. Wie wenig Vertrauen diese Angaben auch verdienen, so
+drücken sie doch in ihrem Zusammentreffen den Botany-Bay-Charakter
+dieser Gründungen aus.
+
+——————————————————————————
+
+Dieser von der makedonischen Grenze an bis zum Taurischen Chersonesos
+sich erstreckende Kranz hellenischer Städte ist sehr ungleich
+geflochten. Im Süden ist er dicht geschlossen von Abdera an bis nach
+Byzantion an den Dardanellen; doch hat keine dieser Städte in späterer
+Zeit eine hervorragende Bedeutung gehabt, mit Ausnahme von Byzantion,
+das durch die Fruchtbarkeit seines Gebietes, die einträgliche
+Thunfischerei, die ungemein günstige Handelslage, den Gewerbefleiß und
+die durch die exponierte Lage nur gesteigerte und gestählte Tüchtigkeit
+seiner Bürger auch den schwersten Zeiten der hellenischen Anarchie zu
+trotzen gewußt hatte. Bei weitem dürftiger hatte die Ansiedlung sich an
+der Westküste des Schwarzen Meeres entwickelt; an der später zur
+römischen Provinz Thrakien gehörigen war nur Mesembria von einiger
+Bedeutung, an der später mösischen Odessos (Varna) und Tomis
+(Küstendsche). Jenseits der Donaumündung und der römischen Reichsgrenze
+an dem Nordgestade des Pontus lagen mitten im Barbarenland Tyra ^54 und
+Olbia; weiterhin machten die alten und großen griechischen Kaufstädte
+auf der heutigen Krim, Herakleia oder Chersonesos und Pantikapäon,
+einen stattlichen Schlußstein. Alle diese Ansiedlungen genossen des
+römischen Schutzes, seit die Römer überhaupt die Vormacht auf dem
+griechisch-asiatischen Kontinent geworden waren, und der starke Arm,
+der das eigentliche hellenische Land oft schwer traf, verhinderte hier
+wenigstens Katastrophen wie die Zerstörung von Lysimacheia. Die
+Beschützung dieser Griechen gehörte in republikanischer Zeit zu den
+Obliegenheiten teils des Statthalters von Makedonien, teils des von
+Bithymen, seit auch dies römisch war; Byzantion ist später bei
+Bithynien geblieben ^55. Im übrigen ging in der Kaiserzeit nach
+Einrichtung der Statthalterschaft von Mösien und später derjenigen von
+Thrakien die Schutzleistung auf diese über.
+
+———————————————————————
+
+^54 Doch reicht die nördliche bessarabische Linie, die vielleicht
+römisch ist, bis nach Tyra.
+
+^55 Daß Byzantion noch in traianischer Zeit unter dem Statthalter von
+Bithynien stand, folgt aus Plin. ep. ad Trai. 43. Aus den Gratulationen
+der Byzantier an die Legaten von Mösien kann die ihrer Lage nach kaum
+mögliche Zugehörigkeit zu dieser Statthalterschaft nicht geschlossen
+werden; die Beziehungen zu dem Statthalter von Mösien erklären sich aus
+den Handelsverbindungen der Stadt mit den mösischen Hafenplätzen. Daß
+Byzanz auch im Jahre 53 unter dem Senat stand, also nicht zu Thrakien
+gehörte, geht aus Tacitus ann. 12, 62 hervor. Zugehörigkeit zu
+Makedonien unter der Republik bezeugt Cicero (Pis. 35, 86; prov. 4, 6)
+nicht, da die Stadt damals frei war. Diese Freiheit scheint, wie bei
+Rhodos, oft gegeben und oft genommen zu sein. Cicero, a. a. O., spricht
+sie ihr zu; im Jahre 53 ist sie tributpflichtig; Plinius (nat. 4, 11,
+46) führt sie als freie Stadt auf; Vespasian entzieht ihr die Freiheit
+(Suet. Vesp. 8).
+
+———————————————————————
+
+Schutz und Gunst gewährte diesen Griechen Rom von jeher; aber um die
+Ausdehnung des Hellenismus hat weder die Republik noch die frühere
+Kaiserzeit sich bemüht ^56. Nachdem Thrakien römisch geworden war, ist
+es in Landkreise eingeteilt worden ^57; und bis fast an das Ende des
+ersten Jahrhunderts ist dort keine Stadtanlage zu verzeichnen, mit
+Ausnahme zweier Pflanzstädte des Claudius und des Vespasianus, Apri im
+Binnenland, nicht weit von Perinthos, und Deultus an der nördlichsten
+Küste ^58. Domitian hat damit begonnen, griechische Stadtverfassung im
+Binnenland einzuführen, zuerst für die Landeshauptstadt Philippopolis.
+Unter Traianus erhielten eine Reihe anderer thrakischer Ortschaften das
+gleiche Stadtrecht: Topeiros unweit Abdera, Nikopolis am Nestos,
+Plotinopolis am Hebros, Pautalia bei Köstendil, Serdica jetzt Sofia,
+Augusta Traiana bei Alt-Zagora, ein zweites Nikopolis am nördlichen
+Abhang des Haemus ^59 außerdem an der Küste Traianopolis an der
+Hebrosmündung; ferner unter Hadrian Adrianopolis, das heutige
+Adrianopel. Alle diese Städte waren nicht Kolonien von Ausländern,
+sondern nach dem von Augustus in dem epirotischen Nikopolis
+aufgestellten Muster zusammengefaßte, griechisch organisierte Poliden;
+es war eine Zivilisierung und Hellenisierung der Provinz von oben
+herab. Ein thrakischer Landtag bestand seitdem in Philippopolis ebenso
+wie in den eigentlich griechischen Landschaften. Dieser letzte Trieb
+des Hellenismus ist nicht der schwächste. Das Land ist reich und
+anmutig - eine Münze der Stadt Pautalia preist den vierfachen Segen der
+Ähren, der Trauben, des Silbers und des Goldes; und Philippopolis sowie
+das schöne Tal der Tundja sind die Heimat der Rosenzucht und des
+Rosenöls - und die Kraft des thrakischen Schlages war nicht gebrochen.
+Es entwickelte sich hier eine dichte und wohlhabende Bevölkerung; der
+starken Aushebung in Thrakien wurde schon gedacht und in der Tätigkeit
+der städtischen Münzstätten stehen für diese Epoche wenige Gebiete
+Thrakien gleich. Als Philippopolis im Jahre 251 den Goten erlag, soll
+es hunderttausend Einwohner gezählt haben. Auch die energische
+Parteinahme der Byzantier für den Kaiser des griechischen Ostens,
+Pescennius Niger, und der mehrjährige Widerstand, den die Stadt noch
+nach dessen Untergang dem Sieger entgegenstellte, zeigen die Mittel und
+den Mut dieser thrakischen Städter. Wenn die Byzantier auch hier
+unterlagen und sogar eine Zeitlang ihr Stadtrecht einbüßten, so sollte
+bald die durch den Aufschwung des thrakischen Landes sich vorbereitende
+Zeit eintreten, wo Byzantion das neue hellenische Rom und die
+Hauptresidenz des umgewandelten Reiches ward.
+
+—————————————————————————-
+
+^56 Dies verbürgt das Fehlen von Münzen der thrakischen Binnenstädte,
+welche nach Metall und Stil in die ältere Zeit gesetzt werden könnten.
+Daß eine Anzahl thrakischer, besonders odrysischer Fürsten zum Teil
+schon in recht früher Zeit geprägt haben, beweist nur, daß sie über
+Küstenplätze mit griechischer oder halbgriechischer Bevölkerung
+geboten. Ebenso wird auch zu urteilen sein über die ganz vereinzelt
+stehenden Tetradrachmen der “Thraker” (A. v. Sallet in Zeitschrift für
+Numismatik 3, 1876, S. 241).
+
+Auch die im thrakischen Binnenland gefundenen Inschriften sind
+durchgängig aus römischer Zeit. Das in Bessapara, jetzt Tatar
+Bazardjik, westlich von Philippopolis, von Dumont (Inscriptions de la
+Thrace, S. 7) gefundene Dekret einer nicht genannten Stadt wird
+freilich in gute makedonische Zeit gesetzt, aber nur nach dem Charakter
+der Schrift, welcher vielleicht trügt.
+
+^57 Die fünfzig Strategien Thrakiens (Plin. nat. 4,11, 40; Ptol. geogr.
+3, 11, 6) sind nicht Militärbezirke, sondern, wie dies namentlich bei
+Ptolemaeos deutlich hervortritt, Landkreise, die sich mit den Stämmen
+decken (στρατηγίη Μαιδική, Βεσσική u.s.w.) und Gegensatz zu den Städten
+bilden. Die Bezeichnung στρατηγός hat, ebenso wie praetor, ihren
+ursprünglich militärischen Wert später eingebüßt. Hier liegt wohl
+zunächst die Analogie von Ägypten zu Grunde, das ebenso in Stadtgebiete
+unter städtischen Magistraten und in Landkreise unter Strategen
+zerfiel. Ein στρατηγός περί Πέρινθον aus römischer Zeit: Eph. epigr.
+II, p. 252.
+
+^58 In Deultus, der colonia Flavia Pacis Deultensium, wurden Veteranen
+der 8. Legion versorgt (CIL VI, 3828). Flaviopolis auf dem Chersones,
+das alte Coela, ist gewiß nicht Kolonie gewesen (Plin, nat. 4, 11, 47),
+sondern gehört zu der eigenartigen Ansiedelung des Kaisergesindes auf
+diesem Domanialbesitz (Eph. epigr. V, p. 82).
+
+^59 Diese Stadt Νικόπολις η περί Αίμων des Ptolemaeos (geogr. 3, 11,
+7), Νικόπολις πρός Ίστρον der Münzen, das heutige Nikup an der Jantra,
+gehört geographisch zu Untermösien und, wie die Statthalternamen der
+Münzen zeigen, seit Severus auch administrativ; aber nicht bloß führt
+Ptolemaeos es bei Thrakien auf, sondern die Fundorte der hadrianischen
+Terminalsteine (CIL III, 736, vgl. p. 992) scheinen es ebenfalls zu
+Thrakien zu stellen. Da diese griechische Binnenstadt weder zu den
+lateinischen Stadtgemeinden Untermösiens noch zu dem κοινόν des
+mösischen Pontus paßte, ist sie bei der ersten Ordnung der Verhältnisse
+dem κοινόν der Thraker zugewiesen worden. Später muß sie freilich einem
+oder dem andern jener mösischen Verbände angeschlossen worden sein.
+
+—————————————————————————-
+
+In der benachbarten Provinz Untermösien hat sich, freilich in
+geringerem Maße, eine ähnliche Entwicklung vollzogen. Die griechischen
+Küstenstädte, deren Metropole wenigstens in römischer Zeit Tomis war,
+wurden, wahrscheinlich bei Konstituierung der römischen Provinz Mösien,
+zusammengefaßt als “Fünfstädtebund des linken Ufers des Schwarzen
+Meeres” oder, wie er auch sich nennt, “der Griechen”, das heißt der
+Griechen dieser Provinz. Später ist als sechste Stadt die unweit der
+Küste an der thrakischen Grenze von Traian angelegte und gleich den
+thrakischen griechisch geordnete Stadt Markianopolis diesem Bund
+angeschlossen worden ^60. Daß die Lagerstädte am Donauufer und
+überhaupt die im Binnenland von Rom ins Leben gerufenen Ortschaften
+nach italischem Muster eingerichtet wurden, ist früher bemerkt worden;
+Untermösien ist die einzige durch die Sprachgrenze durchschnittene
+römische Provinz, indem der tomitanische Städtebund dem griechischen,
+die Donaustädte wie Durostorum und Oescus dem lateinischen Sprachgebiet
+angehören. Im übrigen gilt von diesem mösischen Städtebund wesentlich
+das gleiche, was über Thrakien bemerkt ward. Wir haben eine Schilderung
+von Tomis aus den letzten Jahren des Augustus, freilich von einem dahin
+zur Strafe Verbannten, aber sicher im wesentlichen getreu. Die
+Bevölkerung besteht zum größeren Teil aus Geten und Sarmaten; sie
+tragen, wie die Daker auf der Traianssäule, Pelze und Hosen, langes
+flatterndes Haar und den Bart ungeschoren, erscheinen auf der Straße zu
+Pferde und mit dem Bogen bewaffnet, den Köcher auf der Schulter, das
+Messer im Gürtel. Die wenigen Griechen, die unter ihnen sich finden,
+haben die barbarische Sitte angenommen mit Einschluß der Hosen und
+wissen ebensogut oder besser getisch als griechisch sich auszudrücken;
+der ist verloren, der sich nicht auf getisch verständlich machen kann,
+und kein Mensch versteht ein Wort lateinisch. Vor den Toren hausen
+räuberische Scharen der verschiedensten Völker und ihre Pfeile fliegen
+nicht selten über die schützende Stadtmauer; wer seinen Acker zu
+bestellen wagt, der tut es mit Lebensgefahr, und pflügt bewaffnet - war
+doch um die Zeit von Caesars Diktatur bei dem Zuge des Burebista die
+Stadt den Barbaren in die Hände gefallen und wenige Jahre, bevor jener
+Verbannte nach Tomis kam, während der dalmatisch-pannonischen
+Insurrektion über diese Gegend abermals die Kriegsfurie hingebraust. Zu
+diesen Erzählungen passen die Münzen und die Inschriften derselben
+Stadt insofern wohl, als die Metropole des linkspontischen Städtebundes
+in der vorrömischen Zeit kein Silber geschlagen hat, was manche andere
+dieser Städte taten, und daß überhaupt Münzen wie Inschriften aus der
+Zeit vor Traian nur vereinzelt begegnen. Aber im 2. und 3. Jahrhundert
+ist sie umgewandelt und kann ziemlich mit demselben Recht eine Gründung
+Traians heißen wie das ebenfalls rasch zu bedeutender Entwicklung
+gelangte Markianopolis. Die früher erwähnte Sperrung in der Dobrudscha
+diente zugleich als Schutzmauer für die Stadt Tomis. Hinter dieser
+bluten daselbst Handel und Schiffahrt auf. Es gab in der Stadt eine
+Genossenschaft alexandrinischer Kaufleute mit ihrer eigenen
+Serapiskapelle ^61; in munizipaler Freigebigkeit und munizipaler
+Ambition steht die Stadt hinter keiner griechischen Mittelstadt zurück;
+zweisprachig ist sie auch jetzt noch, aber in der Weise, daß neben der
+auf den Münzen immer festgehaltenen griechischen Sprache hier an der
+Grenze der beiden Reichssprachengebiete auch die lateinische vielfach
+selbst auf öffentlichen Denkmälern angewendet wird.
+
+——————————————————————————-
+
+^60 Das κοινόν τής Πενταπόλεως findet sich auf einer Inschrift von
+Odessos (CIG 2056 c) die füglich der früheren Kaiserzeit angehören
+kann, die pontische Hexapolis auf zwei Inschriften von Tomis
+wahrscheinlich des 2. Jahrhunderts n. Chr. (Marquardt, Römische
+Staatsverwaltung, Bd. 1, z. Aufl., S. 305; Hirschfeld in
+Archäologisch-epigraphische Mittheilungen 6, 1882, S. 22). Die
+Hexapolis muß auf jeden Fall und danach wahrscheinlich auch die
+Pentapolis, mit den römischen Provinzialgrenzen in Einklang gebracht
+werden, das heißt die griechischen Städte Untermösiens in sich
+schließen. Diese finden sich auch, wenn man den sichersten Führern, den
+Münzen der Kaiserzeit, folgt. Münzstätten (von Nikopolis abgesehen,
+Anm. 59) gibt es in Untermösien sechs: Istros, Tomis, Kallatis,
+Dionysopolis, Odessos und Markianopolis, und da die letzte Stadt von
+Traian gegründet ward, so erklärt sich damit zugleich die Pentapolis.
+Tyra und Olbia haben schwerlich dazu gehört; wenigstens zeigen die
+zahlreichen und redseligen Denkmäler der letzteren Stadt nirgends eine
+Anknüpfung an diesen Städtebund. Κοινόν τών Ελλήνων heißt derselbe auf
+einer Inschrift von Tomis, welche ich hier wiederhole, da sie nur in
+der athenischen Pandora vom 1. Juni 1868 gedruckt ist: Αγαθή τύχη. Κατά
+τά δόξαντα τή κρατήστη βουλή καί τώ λαμπροτάτω δήμω τής λαμπροτάτης
+μετροπόλεως καί α τοί επονύμου Πόντου Τόμεως τόν Ποντάρχην Πρείσκιον
+Αννιανόν άρξαντα τοί κοινού τών Ελλήνων καί τής μετροπόλεως τήν α'
+αρχήν αγνώς, καί αρχιερασάμενον, τήν διόπλων κυνεγησίων ενδόξως
+φιλοτειμίαν μή διαλιπόντα, αλλά καί βουλευτήν καί τών πρωτευόντων
+Φλαβίας Νέας πόλεως, καί τήν αρχιέρειαν σύμβιον αυτού Ιουλίαν
+Απολαίστην πάσης τειμής χάρειν.
+
+^61 Das zeigt die merkwürdige Inschrift bei Allard, La Bulgarie
+Orientale. Paris 1863, S. 263: Θεώ μεγάλω Σαραπ{ίδι καί} τοίς συνναίοις
+θεοίς καί τώ αυτοκράτορι Τ. Αιλίω Αδριανώ Αντωνείνω Σεβαστώ Ευσεβεί καί
+Μ. Αυρηλίω Ουήρω Καίσαρι Καρπίων Ανουβίωνος τώ οικώ Αλεξανδρέων τόν
+βωμόν εκ τών ιδίων ανέθηκεν έτους κγ' μηνός Φαρμουθί α' επί ιερέων
+Κορνουτου τού καί Σαραπίωνος Πολύμνου τού καί Λονγείνου. Die
+Schiffergilde von Tomis begegnet mehrfach in den Inschriften der Stadt.
+
+——————————————————————————-
+
+Jenseits der Reichsgrenze, zwischen der Donaumündung und der Krim,
+hatte der griechische Kaufmann die Küste wenig besiedelt; es gab hier
+nur zwei namhafte griechische Städte, beide von Miletos aus in ferner
+Zeit gegründet, Tyra an der Mündung des gleichnamigen Flusses, des
+heutigen Dnjestr, und Olbia an dem Busen, in welchen der Borysthenes
+(Dnjepr) und der Hypanis (Bug) fallen. Die verlorene Stellung dieser
+Hellenen unter den sie umdrängenden Barbaren in der Diadochenzeit
+sowohl wie während der Vorherrschaft der römischen Republik ist früher
+geschildert worden. Die Kaiser brachten Hilfe. Im Jahre 56, also in dem
+musterhaften Anfang der Neronischen Regierung, ist Tyra zur Provinz
+Mösien gezogen worden. Von dem entfernteren Olbia besitzen wir eine
+Schilderung aus traianischer Zeit ^62: die Stadt blutete noch aus ihren
+alten Wunden; die elenden Mauern umschlossen gleich elende Häuser und
+das damals bewohnte Quartier füllte einen kleinen Teil des alten
+ansehnlichen Stadtringes, von dem einzelne übriggebliebene Türme weit
+hinaus auf dem wüsten Felde standen; in den Tempeln gab es kein
+Götterbild, das nicht die Spuren der Barbarenfäuste trug; die Bewohner
+hatten ihr Hellenentum nicht vergessen, aber sie trugen und schlugen
+sich nach Art der Skythen, mit denen sie täglich im Gefecht lagen.
+Ebenso oft wie mit griechischen nennen sie sich mit skythischen Namen,
+das heißt mit denen der den Iraniern verwandten sarmatischen Stämme
+^63; ja im Königshause selbst ward Sauromates ein gewöhnlicher Name.
+Ihr Fortbestehen selbst hatten diese Städte wohl weniger der eigenen
+Kraft zu danken als dem guten Willen oder vielmehr dem eigenen
+Interesse der Eingeborenen. Die an dieser Küste sitzenden
+Völkerschaften waren weder imstande, den auswärtigen Handel aus eigenen
+Emporien zu führen, noch mochten sie ihn entbehren; in den hellenischen
+Küstenstädten kauften sie Salz, Kleidungstücke, Wein, und die
+zivilisierteren Fürsten schützten einigermaßen die Fremden gegen die
+Angriffe der eigentlichen Wilden. Die früheren Regenten Roms müssen
+Bedenken getragen haben, den schwierigen Schutz dieser entlegenen
+Niederlassung zu übernehmen; dennoch sandte Pius, als die Skythen sie
+wieder einmal belagerten, ihnen römische Hilfstruppen und zwang die
+Barbaren, Frieden zu bieten und Geiseln zu stellen. Durch Severus, von
+dem an Olbia Münzen mit dem Bildnis der römischen Herrscher schlug, muß
+die Stadt dem Reiche geradezu einverleibt worden sein.
+Selbstverständlich erstreckte sich diese Annektierung nur auf die
+Stadtgebiete selbst und ist nie daran gedacht worden, die barbarischen
+Umwohner Tyras und Olbias unter das römische Szepter zu bringen. Es ist
+schon bemerkt worden, daß diese Städte die ersten waren, welche,
+vermutlich unter Alexander ( † 235), dem beginnenden Gotensturm
+erlagen.
+
+——————————————————————————
+
+^62 Das stets bekriegte und oft zerstörte Olbia erlitt nach der Angabe
+Dios (Borysth. p. 75 R.) etwa 150 Jahre vor seiner Zeit das heißt etwa
+vor dem Jahre 100 n. Chr., also wahrscheinlich bei dem Zug des
+Burebista, die letzte und schwerste Eroberung (τήν τελευταίαν καί
+μεγίστην άλωσιν). Είλον δέ, fährt Dion fort, καί ταύτην Γέται καί τας
+αλλας τάς εν τοίς αριστεροίς τού Πόντου πόλεις μέχρι Απολλωνίας
+(Sozopolis oder Sizebolu, die letzte namhafte Griechenstadt an der
+pontischen Westküste) όθεν δή καί σφόδρα ταπεινά τά πράγματα κατέστη
+τών ταύτη Ελλήνων, τών μέν ουκέτι συοικισθείσων πόλεων, τών δέ φαύλως
+καί τών πλείστων βαρβάρων εις αυτάς συρρυέντων. Der junge vornehme
+Stadtbürger ausgeprägter ionischer Physiognomie, dem Dion dann
+begegnet, welcher zahlreiche Sarmaten erschlagen oder gefangen hat, und
+zwar den Phokylides nicht kennt, aber den Homer auswendig weiß, trägt
+Mantel und Hosen nach Skythenart und das Messer im Gurt. Die
+Stadtbürger alle tragen langes Haar und langen Bart und nur einer
+beides geschoren, was ihm als Zeichen serviler Haltung gegen die Römer
+verdacht wird. Also ein Jahrhundert später sah es dort ganz so aus, wie
+Ovidius Tomis schildert.
+
+^63 Ganz gewöhnlich heißt der Vater skythisch, der Sohn griechisch,
+oder auch umgekehrt; zum Beispiel verzeichnet eine unter oder nach
+Traian gesetzte Inschrift von Olbia (CIG 2074) sechs Strategen: M.
+Ulpius Pyrrhus Sohn des Arseuaches, Demetrios Sohn des Xessagaros,
+Zoilos Sohn des Arsakes, Badakes Sohn des Radanpson, Epikrates Sohn des
+Koxuros, Ariston Sohn des Vargadakes.
+
+——————————————————————————
+
+Wenn auf dem Kontinent im Norden des Pontus die Griechen sich nur
+spärlich angesiedelt hatten, so war die große, aus dieser Küste
+vorspringende Halbinsel, der Taurische Chersonesos, die heutige Krim,
+seit langem zum großen Teil in ihren Händen. Getrennt durch die
+Gebirge, welche die Taurier innehatten, waren die beiden Mittelpunkte
+der griechischen Niederlassung auf ihr am westlichen Ende die dorische
+freie Stadt Herakleia oder Chersonesos (Sevastopol), am östlichen das
+Fürstenrum von Pantikapäon oder Bosporus (Kertsch). König Mithradates
+hatte auf der Höhe seiner Macht beide vereinigt und hier sich ein
+zweites Nordreich gegründet, das dann nach dem Zusammenbruch seiner
+Herrschaft als einziger Überrest derselben seinem Sohn und Mörder
+Pharnakes verblieb. Als dieser während des Krieges zwischen Caesar und
+Pompeius versuchte, die väterliche Herrschaft in Kleinasien wieder zu
+gewinnen, hatte Caesar ihn besiegt und ihn auch des Bosporanischen
+Reiches verlustig erklärt. In diesem hatte inzwischen der von Pharnakes
+daselbst zurückgelassene Statthalter Asandros dem König den Gehorsam
+aufgekündigt, in der Hoffnung, durch diesen Caesar erwiesenen Dienst
+selbst das Königtum zu erlangen. Als Pharnakes nach der Niederlage in
+sein Bosporanisches Reich zurückkam, bemächtigte er zwar zunächst sich
+wieder seiner Hauptstadt, unterlag aber schließlich und fiel tapfer
+fechtend in der letzten Schlacht, als Soldat wenigstens seinem Vater
+nicht ungleich. Um die Nachfolge stritten Asandros, der tatsächlich
+Herr des Landes war, und Mithradates von Pergamon, ein tüchtiger
+Offizier Caesars, den dieser mit dem bosporanischen Fürstenrum belehnt
+hatte; beide suchten zugleich Anlehnung an die bisher im Bosporus
+herrschende Dynastie und den großen Mithradates, indem Asandros sich
+mit der Tochter des Pharnakes, Dynamis, vermählte, Mithradates, einem
+pergamenischen Bürgerhaus entsprossen, ein Bastardsohn des großen
+Mithradates Eupator zu sein behauptete, sei es nun, daß dieses Gerede
+die Auswahl bestimmte, sei es, daß es zur Rechtfertigung der Auswahl in
+Umlauf gesetzt ward. Da Caesar selbst zunächst durch wichtigere
+Aufgaben in Anspruch genommen war, so entschieden zwischen dem
+legitimen und dem illegitimen Caesarianer die Waffen, und zwar wieder
+zu Gunsten des letzteren; Mithradates fiel im Gefecht und Asandros
+blieb Herr im Bosporus. Er vermied es anfänglich, ohne Zweifel, weil
+ihm die Bestätigung des Lehnsherrn fehlte, sich den Königsnamen
+beizulegen, und begnügte sich mit dem auch von den älteren Fürsten von
+Pantikapäon geführten Archontentitel; aber bald, wahrscheinlich noch
+von Caesar selbst, erwirkte er die Bestätigung seiner Herrschaft und
+den königlichen Titel ^64. Bei seinem Tode (737/38 17/16) hinterließ er
+sein Reich der Gemahlin Dynamis. So stark war immer noch die Macht der
+Erbfolge und des Mithradatischen Namens, daß sowohl ein gewisser
+Scribonianus, der zunächst Asandros’ Stelle einzunehmen versuchte, wie
+nach ihm der König Polemon von Pontus, dem Augustus das Bosporanische
+Reich zusprach, mit der Übernahme der Herrschaft ein Ehebündnis mit der
+Dynamis verbanden; überdies behauptete jener, selber ein Enkel des
+Mithradates zu sein, während König Polemon bald nach dem Tode der
+Dynamis eine Enkelin des Antonius und somit eine Verwandte des
+Kaiserhauses heiratete. Nach seinem frühen Tode - er fiel im Kampfe
+gegen die Aspurgianer an der asiatischen Küste - folgten seine
+unmündigen Kinder ihm nicht und auch seinem gleichnamigen Enkel, den
+Kaiser Gaius trotz seines Knabenalters im Jahre 38 in die beiden
+Fürstenrömer seines Vaters wieder einsetzte, blieb das bosporanische
+nicht lange. An seiner Stelle berief Kaiser Claudius einen wirklichen
+oder angeblichen Nachkommen des Mithradates Eupator, und diesem Hause
+ist, wie es scheint, das Fürstenrum von da an verblieben ^65.
+
+———————————————————————
+
+^64 Da Asandros sein Archontat wahrscheinlich schon von seinem Abfall
+von Pharnakes, also vom Sommer des Jahres 707 (47) gezählt hat und
+bereits im vierten Jahre seiner Regierung den Königstitel annimmt, so
+kann dieses Jahr füglich auf Herbst 709/710 (45/44) gesetzt werden, die
+Bestätigung also von Caesar erfolgt sein. Antonius kann sie nicht wohl
+erteilt haben, da er erst Ende 712 (42) nach Asien kam; noch weniger
+ist an Augustus zu denken, den Pseudo-Lukianos (macrob. 15) nennt,
+Vater und Sohn verwechselnd.
+
+^65 Mithradates den Claudius im Jahre 41 zum König des Bosporus machte,
+führte sein Geschlecht auf Eupator zurück (Dio 60, 8; Tac. ann. 12, 18)
+und ihm folgte sein Bruder Kotys (Tac. a. a. O.). Ihr Vater heißt
+Aspurgos (CIG II, p. 95), braucht aber darum kein Aspurgianer (Strab.
+11, 2, 19, p. 415) gewesen zu sein. Von einem späteren Dynastiewechsel
+wird nicht berichtet; König Eupator in Pius Zeit (Lukian. Alex. 57;
+vita Pii 9) weist auf das gleiche Haus. Wahrscheinlich haben übrigens
+diese späteren bosporanischen Könige so wie die uns nicht einmal dem
+Namen nach bekannten nächsten Nachfolger Polemons auch zu den
+Polemoniden in verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden, wie denn der
+erste Polemon selbst eine Enkelin des Eupator zur Frau gehabt hatte.
+Die thrakischen Königsnamen, wie Kotys und Rhaskuporis, die in dem
+bosporanischen Königshaus gewöhnlich sind, knüpfen wohl an den
+Schwiegersohn des Polemon, den thrakischen König Kotys, an. Die
+Benennung Sauromates, welche seit dem Ende des 1. Jahrhunderts häufig
+auftritt, ist ohne Zweifel durch Verschwägerung mit sarmatischen
+Fürstenhäusern aufgekommen, beweist aber natürlich nicht, daß ihre
+Träger selber Sarmaten waren. Wenn Zosimos (hist. 1, 31) den nach
+Erlöschendes alten Königsgeschlechts zur Regierung gelangten geringen
+und unwürdigen Fürsten die Schuld daran zuschreibt, daß die Goten unter
+Valerian auf bosporanischen Schiffen ihre Piratenzüge ausführen
+konnten, so mag das seine Richtigkeit haben und zunächst Phareanses
+gemeint sein, von dem es Münzen aus den Jahren 254 und 255 gibt. Aber
+auch diese sind mit dem Bildnis des römischen Kaisers bezeichnet, und
+später finden sich wieder die alten Geschlechtsnamen (alle
+bosporanischen Könige sind Tiberii Iulii) und die alten Beinamen wie
+Sauromates und Rhaskuporis. Im ganzen genommen sind die alten
+Traditionen wie die römische Schutzherrschaft auch damals hier noch
+festgehalten worden.
+
+———————————————————————
+
+Während im römischen Staat sonst das Klientelfürstentum nach dem
+Ausgang der ersten Dynastie schwindet und seit Traianus das Prinzip des
+unmittelbaren Regiments im ganzen Umfang des Römischen Reiches
+durchgeführt ist, bestand das bosporanische Königtum unter römischer
+Oberherrschaft bis in das vierte Jahrhundert hinein. Erst nachdem der
+Schwerpunkt des Reiches nach Konstantinopel verlegt war, ging dieser
+Staat in das Hauptreich auf ^66, um dann bald von diesem aufgegeben
+und, wenigstens zum größeren Teil, die Beute der Hunnen zu werden ^67.
+Indes ist der Bosporus der Sache nach mehr eine Stadt als ein
+Königreich gewesen und geblieben und hat mehr Ähnlichkeit mit den
+Stadtbezirken von Tyra und Olbia als mit den Königreichen Kappadokien
+und Numidien. Auch hier haben die Römer nur die hellenische Stadt
+Pantikapäon geschützt und Grenzerweiterung und Unterwerfung des
+Binnenlandes so wenig erstrebt wie in Tyra und Olbia. Zu dem Gebiet des
+Fürsten von Pantikapäon gehörten zwar die griechischen Ansiedlungen von
+Theudosia auf der Halbinsel selbst und Phanagoria (Taman) auf der
+gegenüberliegenden asiatischen Küste, aber Chersonesos nicht ^68 oder
+nur etwa wie Athen zum Sprengel des Statthalters von Achaia. Die Stadt
+hatte von den Römern die Autonomie erhalten und sah in dem Fürsten den
+nächsten Beschützer, nicht den Landesherrn; sie hat auch in der
+Kaiserzeit als freie Stadt niemals weder mit Königs- noch mit
+Kaiserstempeln geprägt. Auf dem Kontinent stand nicht einmal die Stadt,
+welche die Griechen Tanais nennen, ein lebhaftes Emporium an der
+Mündung des Don, aber schwerlich eine griechische Gründung, dauernd
+unter der Botmäßigkeit der römischen Lehnsfürsten ^69. Von den mehr
+oder minder barbarischen Stämmen auf der Halbinsel selbst und an der
+europäischen und asiatischen Küste südlich vom Tanais befanden sich
+wohl nur die nächsten in festem Abhängigkeitsverhältnis ^70.
+
+———————————————————————
+
+^66 Die letzte bosporanische Münze ist vom Jahre 631 der
+Archämenidenära, 335 n. Chr.; sicher hängt dies zusammen mit der eben
+in dieses Jahr fallenden Einsetzung des Neffen Konstantins L,
+Hanniballianus, zum “König”, obwohl dies Königtum hauptsächlich das
+östliche Kleinasien umfaßte und zur Residenz Caesa rea in Kappadokien
+hatte. Nachdem in der blutigen Katastrophe nach Konstantins Tode dieser
+König und sein Königtum zugrunde gegangen war, steht der Bosporus
+unmittelbar unter Konstantinopel.
+
+^67 Noch im Jahre 366 war der Bosporus in römischem Besitz (Amm. 26,
+10, 6); bald nachher müssen die Griechen am Nordufer des Schwarzen
+Meeres sich selbst überlassen worden sein, bis dann Justinian die
+Halbinsel wieder besetzte (Prok. Goth. 4, 5). In der Zwischenzeit ging
+Pantikapäon in den Hunnenstürmen zugrunde.
+
+^68 Die Münzen der Stadt Chersonesos aus der Kaiserzeit haben die
+Aufschrift Χερσονήσου ελευθέρας, einmal sogar βασιλευούσης, und weder
+Königs- noch Kaisernamen oder Kopf (A. v. Sauet in Zeitschrift für
+Numismatik 1, 1874, S. 27; 4, 1877, S. 273). Die Unabhängigkeit der
+Stadt dokumentiert sich auch darin, daß sie nicht minder als die Könige
+des Bosporus in Gold münzt. Da die Ära der Stadt richtig auf das Jahr
+36 v. Chr. bestimmt scheint (CIG 8621), in welchem ihr, vermutlich von
+Antonius, die Freiheit verliehen ward, so ist die vom Jahre 109
+datierte Goldmünze der “regierenden Stadt” im Jahre 75 n. Chr.
+geschlagen.
+
+^69 Nach Strabons Darstellung (11, 2, 11, p. 495) stehen die Herren von
+Tanais selbständig neben denen von Pantikapäon und hängen die Stämme
+südlich vom Don bald von diesen, bald von jenen ab; wenn er hinzufügt,
+daß manche der pantikapäischen Fürsten bis zum Tanais geboten, und
+namentlich die letzten, Pharnakes, Asandros, Polemon, so scheint dies
+mehr Ausnahme als Regel. In der Anm. 70 angeführten Inschrift stehen
+die Tanaiten unter den untertänigen Stämmen und eine Reihe von
+tanaitischen Inschriften bestätigen dies für die Zeit von Marcus bis
+Gordian; aber die Ελληνες καί Ταναείται neben den άρχαντες Ταναειτών
+und den öfter genannten Ελληνάρχαι bestätigen, daß die Stadt auch
+damals eine nicht griechische blieb.
+
+^70 In der einzigen lebendigen Erzählung aus der bosporanischen
+Geschichte, die wir besitzen, der des Tacitus (arm. 12, 15-21) von den
+beiden rivalisierenden Brüdern Mithradates und Kotys, stehen die
+benachbarten Stämme, die Dandariden Shaker, Aorser unter eigenen, von
+dem römischen Fürsten von Pantikapäon nicht rechtlich abhängigen
+Herren.
+
+In der Titulatur pflegen die älteren pantikapaeischen Fürsten sich
+Archonten des Bosporus, das heißt von Pantikapäon, und von Theudosia
+und Könige der Sinder und sämtlicher Maiter und anderer nicht
+griechischer Völkerschaften zu nennen. Ebenso nennt die meines Wissens
+unter den Königsinschriften der römischen Epoche älteste den Aspurgos,
+Sohn des Asandrochos (Stephani, Comptes rendus de la commission pour
+1866, S. 128) βασιλεύοντα παντός Βοσπόρου. Θεοδοσίης καί Σίνδων καί
+Μαιτών καί Τορετών Ψήσων τε καί Ταναειτών. Θηοστάσαντα Σκύθας καί
+Ταυρούς. Auf den Umfang des Gebietes wird aus der vereinfachten
+Titulatur kein Schluß gezogen werden dürfen.
+
+In den Inschriften der späteren Zeit findet sich einmal unter Traian
+die wohl adulatorische Titulatur βασιλεύς βασιλέων μέγας τού πάντος
+Βοσπόρου(CIG 2123). Die Münzen kennen überhaupt von Asandros an keinen
+Titel als βασιλεύς, während doch Pharnakes sich βασιλεύς βασιλέων μέγας
+nennt. Ohne Zweifel ist dies Einwirkung der römischen Suzeränität, mit
+der sich ein über andere Fürsten gesetzter Lehnsfürst nicht recht
+vertrug.
+
+———————————————————————
+
+Das Gebiet von Pantikapäon war zu ausgedehnt und besonders für den
+kaufmännischen Verkehr zu wichtig, um, wie Olbia und Tyra, der
+Verwaltung wechselnder Gemeindebeamten und eines weit entfernten
+Statthalters überlassen zu werden; deshalb wurde es erblichen Fürsten
+anvertraut, was weiter sich dadurch empfahl, daß es nicht geraten
+scheinen mochte, die mit dieser Landschaft verknüpften Verhältnisse zu
+den Umwohnern unmittelbar auf das Reich zu übertragen. Als
+Griechenfürsten haben die des bosporanischen Hauses, trotz ihres
+achämenidischen Stammbaumes und ihrer achämenidischen Jahreszählung,
+sich durchaus empfunden und ihren Ursprung, nach gut hellenischer Art,
+auf Herakles und die Eumolpiden zurückgeführt. Die Abhängigkeit dieser
+Griechen von Rom, der königlichen in Pantikapäon wie der
+republikanischen in Chersonesos, war durch die Natur der Dinge gegeben,
+und nie haben sie daran gedacht, gegen den schützenden Arm des Reiches
+sich aufzulehnen; wenn einmal unter Kaiser Claudius die römischen
+Truppen gegen einen unbotmäßigen Fürsten des Bosporus marschieren
+mußten ^71, so hat dagegen diese Landschaft selbst in der entsetzlichen
+Verwirrung in der Mitte des 3. Jahrhunderts, welche vorzugsweise sie
+traf, von dem Reich, auch von dem zerfallenden, niemals gelassen ^72.
+Die wohlhabenden Kaufstädte, inmitten eines barbarischen Völkergewoges
+militärischen Schutzes dauernd bedürftig, hielten an Rom wie die
+Vorposten an dem Hauptheer. Die Besatzung ist wohl hauptsächlich in dem
+Lande selbst aufgestellt worden, und sie zu schaffen und zu führen, war
+ohne Zweifel die Hauptaufgabe des Königs des Bosporus. Die Münzen,
+welche wegen der Investitur eines solchen geschlagen wurden, zeigen
+wohl den kurulischen Sessel und die sonstigen bei solcher Belehnung
+üblichen Ehrengeschenke, aber daneben auch Schild, Helm, Degen,
+Streitaxt und das Schlachtroß; es war kein Friedensamt, das dieser
+Fürst überkam. Auch blieb der erste derselben, den Augustus bestellte,
+im Kampf mit den Barbaren, und von seinen Nachfolgern stritt zum
+Beispiel König Sauromates, des Rhoemetalkes Sohn, in den ersten Jahren
+des Severus mit den Sirakern und den Skythen - vielleicht nicht ganz
+ohne Grund hat er seine Münzen mit den Taten des Herakles bezeichnet.
+Auch zur See hatte er tätig zu sein, vor allem das auf dem Schwarzen
+Meer nie aufhörende Piratenwesen niederzuhalten: jenem Sauromates wird
+gleichfalls nachgerühmt, daß er die Taurier zur Ordnung gebracht und
+die Piraterie gebändigt habe. Indes lagen auf der Halbinsel auch
+römische Truppen, vielleicht eine Abteilung der pontischen Flotte,
+sicher ein Detachement der mösischen Armee; bei geringer Zahl zeigte
+doch ihre Anwesenheit den Barbaren, daß der gefürchtete Legionär auch
+hinter diesen Griechen stand. Noch in anderer Weise schützte sie das
+Reich; wenigstens in späterer Zeit sind den Fürsten des Bosporus
+regelmäßig Geldsummen aus der Reichskasse gezahlt worden, deren sie
+auch insofern bedurften, als das Abkaufen der feindlichen Einfälle
+durch stehende Jahrgelder hier, in dem nicht unmittelbaren Reichslande,
+wahrscheinlich noch früher stehend geworden ist als anderswo ^73.
+
+————————————————————————
+
+^71 Es war dies der im Jahre 41 von Claudius eingesetzte König
+Mithradates, welcher einige Jahre später abgesetzt und durch seinen
+Bruder Kotys ersetzt ward; er lebte nachher in Rom und kam in den
+Wirren des Vierkaiserjahres um (Plut. Galba 13 u. 15). Indes wird weder
+aus den Andeutungen bei Tacitus (ann. 12, 15; vgl. Plin. nat. 6, 5, 17)
+noch aus dem (durch Verwechslung der beiden Mithradates von Bosporus
+und von Iberien verwirrten) Bericht bei Petrus Patricius (fr. 3) der
+Sachverhalt deutlich. Die chersonesitischen Märchen bei dem späten
+Constantinus Porphyrogenitus (de adm. imp. c. 53) kommen natürlich
+nicht in Betracht. Der böse bosporanische König Sauromates Κρισκονόρου
+(nicht Ρησκοπόρου) υιός der mit den Sarmaten gegen Kaiser Diocletianus
+und Constantius sowie gegen das reichstreue Cherson Krieg führt, ist
+offenbar hervorgegangen aus einer Verwirrung des bosporanischen Königs-
+und des Volksnamens und geradeso historisch wie die Variation auf die
+Geschichte von David und Goliath, die Erlegung des gewaltigen Königs
+der Bosporaner Sauromates durch den kleinen Chersonesiten Pharnakos.
+Die Königsnamen allein, zum Beispiel außer den genannten der nach dem
+Erlöschen des Geschlechts der Sauromaten eintretende Asandros, genügen.
+Die städtischen Privilegien und die Örtlichkeiten der Stadt, zu deren
+Erklärung diese Mirabilien erfunden sind, verdienen allerdings
+Beachtung.
+
+^72 Es gibt keine bosporanischen Gold- oder Pseudogoldmünzen ohne den
+römischen Kaiserkopf, und es ist dies immer der des vom römischen Senat
+anerkannten Herrschers. Daß in den Jahren 263 und 265, wo im Reiche
+sonst nach Valerians Gefangennehmung Gallienus offiziell als
+Alleinherrscher galt, hier zwei Köpfe auf den Münzen erscheinen, ist
+vielleicht nur Unkunde; doch mag der Bosporus damals unter den vielen
+Prätendenten eine andere Wahl getroffen haben. Die Namen werden in
+dieser Zeit nicht beigesetzt und die Bildnisse sind nicht sicher zu
+unterscheiden.
+
+^73 Dies wird man dem Skythen Toxaris in dem unter den lukianischen
+stehenden Dialog (c. 44) glauben dürfen; im übrigen erzählt er nicht
+bloß μύθοις όμοια, sondern eben einen Mythos, dessen Könige Leukanor
+und Eubiotos die Münzen begreiflicherweise nicht kennen.
+
+————————————————————————
+
+Daß die Zentralisierung des Regiments auch diesem Fürsten gegenüber zur
+Anwendung kam und er nicht viel anders zu dem römischen Caesar stand
+wie der Bürgermeister von Athen, tritt vielfach hervor; Erwähnung
+verdient, daß König Asandros und die Königin Dynamis Goldmünzen mit
+ihrem Namen und ihrem Bildnis schlugen, dagegen dem König Polemon und
+seinen nächsten Nachfolgern wohl die Goldprägung blieb, da dieses
+Gebiet sowie die anwohnenden Barbaren seit langem ausschließlich an
+Goldcourant gewöhnt waren, aber sie veranlaßt wurden, ihre Goldstücke
+mit dem Namen und dem Bilde des regierenden Kaisers zu versehen.
+Ebenfalls seit Polemon ist der Fürst dieses Landes zugleich der
+Oberpriester auf Lebenszeit des Kaisers und des kaiserlichen Hauses. Im
+übrigen behielten die Verwaltung und das Hofwesen die unter Mithradates
+eingeführten Formen nach dem Muster des persischen Großkönigtums,
+obwohl der Geheimschreiber (αρχιγραμματεύς) und der Oberkammerdiener
+(αρχικοιτωνείτης) des Hofes von Pantikapäon zu den vornehmen Hofbeamten
+der Großkönige sich verhielten wie der Römerfeind Mithradates Eupator
+zu seinem Nachkommen Tiberius Iulius Eupator, der wegen seines Anrechts
+an die bosporanische Krone in Rom vor Kaiser Pius Recht nahm.
+
+Wertvoll blieb dieses nordische Griechenland für das Reich wegen der
+Handelsbeziehungen. Wenn auch dieselben in dieser Epoche wohl weniger
+bedeuteten als in älterer Zeit ^74, so ist doch der Kaufmannsverkehr
+sehr rege geblieben. In der augustischen Zeit brachten die Stämme der
+Steppe Sklaven ^75 und Felle, die Kaufleute der Zivilisation
+Bekleidungsstücke, Wein und andere Luxusartikel nach Tanais; in noch
+höherem Maße war Phanagoria die Niederlage für den Export der
+Einheimischen, Pantikapäon für den Import der Griechen. Jene Wirren im
+Bosporus in der claudischen Zeit waren für die Kaufleute von Byzanz ein
+schwerer Schlag. Daß die Goten ihre Piratenfahrten im dritten
+Jahrhundert damit begannen, die bosporanischen Reeder zu unfreiwilliger
+Hilfeleistung zu pressen, wurde schon erwähnt. Wohl infolge dieses, den
+barbarischen Nachbarn selbst unentbehrlichen Verkehrs haben die Bürger
+von Chersonesos noch nach dem Wegziehen der römischen Besatzungen sich
+behauptet und konnten späterhin, als in justinianischer Zeit die Macht
+des Reiches sich auch nach dieser Richtung hin noch einmal geltend
+machte, als Griechen in das griechische Reich zurücktreten.
+
+————————————————————————
+
+^74 In Betreff der Getreideausfuhr verdient die Notiz in dem Bericht
+des Plautius Beachtung.
+
+^75 Auch aus dem Erbieten, einer von den römischen Truppen bedrängten
+Ortschaft der Siraker (am Asowschen Meer) 10000 Sklaven zu liefern
+(Tac. ann. 12, 17), wird auf einen lebhaften Sklavenimport aus diesen
+Gegenden geschlossen werden dürfen.
+
+
+
+
+KAPITEL VIII.
+Kleinasien
+
+
+Die große Halbinsel, welche die drei Meere, das Schwarze, das Ägäische
+und Mittelländische, an drei Seiten bespülen, und die gegen Osten mit
+dem eigentlichen asiatischen Kontinent zusammenhängt, wird, insoweit
+sie zum Grenzgebiet des Reiches gehört, in dem nächsten, das
+Euphratgebiet und die römisch-parthischen Beziehungen behandelnden
+Abschnitt betrachtet werden. Hier sollen die Friedensverhältnisse
+namentlich der westlichen Landschaften unter dem Kaiserregiment
+dargelegt werden.
+
+Die ursprüngliche oder doch vorgriechische Bevölkerung dieser weiten
+Strecke hat sich vielerorts in bedeutendem Umfang bis in die Kaiserzeit
+hinein behauptet. Dem früher erörterten thrakischen Stamme hat sicher
+der größte Teil von Bithynien gehört; Phrygien, Lydien, Kilikien,
+Kappadokien zeigen sehr mannigfaltige und schwer zu lösende Überreste
+älterer Sprachepochen, die vielfach in die römische Zeit hinabreichen;
+fremdartige Götter-, Menschen- und Ortsnamen begegnen überall. Aber so
+weit unser Blick reicht, dem freilich das tiefere Eindringen hier
+selten gewährt ist, erscheinen diese Elemente nur weichend und
+schwindend, wesentlich als Negation der Zivilisation oder, was hier
+damit uns wenigstens zusammenzufallen dünkt, der Hellenisierung. Es
+wird am geeigneten Platz auf einzelne Gruppen dieser Kategorie
+zurückzukommen sein; für die geschichtliche Entwicklung Kleinasiens in
+der Kaiserzeit gibt es daselbst nur zwei aktive Nationalitäten, die
+beiden zuletzt eingewanderten, in den Anfängen der geschichtlichen Zeit
+die Hellenen und während der Wirren der Diadochenzeit die Kelten.
+
+Die Geschichte der kleinasiatischen Hellenen, soweit sie ein Teil der
+römischen ist, ist früher dargelegt worden. In der fernen Zeit, wo die
+Küsten des Mittelmeers zuerst befahren und besiedelt wurden und die
+Welt anfing unter die vorgeschrittenen Nationen auf Kosten der
+zurückgebliebenen aufgeteilt zu werden, hatte die Hochflut der
+hellenischen Auswanderung sich zwar über alle Ufer des Mittelländischen
+Meeres, aber doch nirgend hin, selbst nicht nach Italien und Sizilien
+in so breitem Strom ergossen wie über das Inselreiche Ägäische Meer und
+die nahe, hafenreiche, liebliche Küste Vorderasiens. Die
+vorderasiatischen Griechen hatten dann selbst vor allen übrigen sich
+tätig an der weiteren Welteroberung beteiligt, von Miletos aus die
+Küsten des Schwarzen Meeres, von Phokäa und Knidos aus die der Westsee
+besiedeln helfen. In Asien ergriff die hellenische Zivilisation wohl
+die Bewohner des Binnenlandes, die Myser, Lydier, Karer, Lykier, und
+selbst die persische Großmacht blieb von ihr nicht unberührt. Aber die
+Hellenen selber besaßen nichts als den Küstensaum, höchstens mit
+Einschluß des unteren Laufs der größeren Flüsse, und die Inseln.
+Kontinentale Eroberung und eigene Landmacht vermochten sie hier
+gegenüber den mächtigen einheimischen Fürsten nicht zu gewinnen; auch
+lud das hochgelegene und großenteils wenig kulturfähige Binnenland
+Kleinasiens nicht so wie die Küsten zur Ansiedelung ein, und die
+Verbindungen dieser mit dem Innern sind schwierig. Wesentlich in Folge
+dessen brachten es die asiatischen Hellenen noch weniger als die
+europäischen zur inneren Einigung und zur eigenen Großmacht und lernten
+früh die Fügsamkeit gegenüber den Herren des Kontinents. Der national
+hellenische Gedanke kam ihnen erst von Athen; sie wurden dessen
+Bundesgenossen nur nach dem Siege und blieben es nicht in der Stunde
+der Gefahr. Was Athen diesen Schutzbefohlenen der Nation hatte leisten
+wollen und nicht hatte leisten können, das vollbrachte Alexander;
+Hellas mußte er besiegen, Kleinasien sah in dem Eroberer nur den
+Befreier. Alexanders Sieg sicherte in der Tat nicht bloß das asiatische
+Hellenentum, sondern öffnete ihm eine weite, fast ungemessene Zukunft;
+die Besiedelung des Kontinents, welche im Gegensatz der bloß litoralen
+dieses zweite Stadium der hellenischen Welteroberung bezeichnet,
+ergriff auch Kleinasien in bedeutendem Umfang. Doch von den
+Knotenpunkten der neuen Staatenbildung kam keiner nach den alten
+Griechenstädten der Küste ^1. Die neue Zeit forderte wie überhaupt neue
+Gestaltung, so vor allem auch neue Städte, zugleich griechische
+Königsresidenzen und Mittelpunkte bisher ungriechischer und dem
+Griechentum zuzuführender Bevölkerungen. Die große staatliche
+Entwicklung bewegt sich um die Städte königlicher Gründung und
+königlichen Namens, Thessalonike, Antiocheia, Alexandreia. Mit ihren
+Herren hatten die Römer zu ringen; den Besitz Kleinasiens gewannen sie
+fast durchaus, wie man von Verwandten oder Freunden ein Landgut
+erwirbt, durch Vermächtnis im Testament; und wie schwer auf den also
+gewonnenen Landschaften zeitweise das römische Regiment gelastet hat,
+der Stachel der Fremdherrschaft trat hier nicht hinzu. Eine nationale
+Opposition hat wohl der Achämenide Mithradates den Römern in Kleinasien
+entgegengestellt und das römische Mißregiment die Hellenen in seine
+Arme getrieben; aber diese selbst haben nie etwas Ähnliches
+unternommen. Darum ist von diesem großen, reichen, wichtigen Besitz in
+politischer Hinsicht wenig zu berichten; um so weniger, als in betreff
+der nationalen Beziehungen der Hellenen überhaupt zu den Römern das in
+dem vorhergehenden Abschnitt Bemerkte wesentlich auch für die
+kleinasiatischen Geltung hat.
+
+———————————————————————
+
+^1 Hätte der Staat des Lysimachos Bestand gehabt, so wäre es wohl
+anders gekommen. Seine Gründungen Alexandreia in der Troas und
+Lysimacheia, Ephesos-Arsinoe, verstärkt durch die Übersiedelung der
+Bewohner von Kolophon und Lebedos, liegen in der bezeichneten Richtung.
+
+———————————————————————
+
+Die römische Verwaltung Kleinasiens wurde nie in systematischer Weise
+geordnet, sondern die einzelnen Gebiete so, wie sie zum Reich kamen,
+ohne wesentliche Veränderung der Grenzen als römische
+Verwaltungsbezirke eingerichtet. Die Staaten, welche König Attalos III.
+von Pergamon den Römern vermacht hatte, bilden die Provinz Asia; die
+ebenfalls durch Erbgang ihnen zugefallenen des Königs Nikomedes die
+Provinz Bithynien; das dem Mithradates Eupator abgenommene Gebiet die
+mit Bithynien vereinigte Provinz Pontus. Kreta wurde bei Gelegenheit
+des großen Piratenkrieges von den Römern besetzt; Kyrene, das gleich
+hier mit erwähnt werden mag, nach dem letzten Willen seines Herrschers
+von ihnen übernommen. Derselbe Rechtstitel gab der Republik die Insel
+Kypros; hinzu kam hier die notwendige Unterdrückung der Piraterie.
+Diese hatte auch zu der Bildung der Statthalterschaft Kilikien den
+Grund gelegt; vollständig kam das Land an Rom durch Pompeius mit Syrien
+zugleich, und beide sind während des ersten Jahrhunderts
+gemeinschaftlich verwaltet worden. All dieser Länderbesitz war bereits
+von der Republik erworben. In der Kaiserzeit traten eine Anzahl Gebiete
+hinzu, welche früher nur mittelbar zum Reich gehört hatten: im Jahre
+729 (25) das Königreich Galatien, mit welchem ein Teil Phrygiens,
+Lykaonien, Pisidien, Pamphylien vereinigt worden war; im Jahre 747 (7)
+die Herrschaft des Königs Deiotarus, Kastors Sohn, welche Gangra in
+Paphlagonien und wahrscheinlich auch Amaseia und andere benachbarte
+Orte umfaßte; im Jahre 17 n. Chr. das Königreich Kappadokien; im Jahre
+43 das Gebiet der Konföderation der lykischen Städte; im Jahre 63 das
+nordöstliche Kleinasien vom Tal des Iris bis zur armenischen Grenze;
+Klein-Armenien und einige kleinere Fürstentümer in Kilikien
+wahrscheinlich durch Vespasian. Damit war die unmittelbare
+Reichsverwaltung in ganz Kleinasien durchgeführt. Lehnsfürstentümer
+blieben nur der taurische Bosporus, von. dem schon die Rede war, und
+Groß-Armenien, von dem der nächste Abschnitt handeln wird.
+
+Als bei dem Eintreten des Kaiserregiments die administrative Scheidung
+zwischen ihm und dem des Reichsrats getroffen ward, kam das gesamte
+kleinasiatische Gebiet, so weit es damals unmittelbar unter dem Reiche
+stand, an den letzteren; die Insel Kypros, die anfangs unter
+kaiserliche Verwaltung gelangt war, ging ebenfalls wenige Jahre später
+an den Senat über. So entstanden hier die vier senatorischen
+Statthalterschaften Asia, Bithynia und Pontus, Kypros, Kreta und
+Kyrene. Unter kaiserlicher Verwaltung stand anfangs nur Kilikien als
+Teil der syrischen Provinz. Aber die später in unmittelbare
+Reichsverwaltung gelangten Gebiete wurden hier wie im ganzen Reich
+unter kaiserliche Statthalter gelegt; so ward noch unter Augustus aus
+den binnenländischen Landschaften des Galatischen Reiches die Provinz
+Galatien gebildet und die Küstenlandschaft Pamphylien einem anderen
+Statthalter überwiesen, welchem letzteren unter Claudius weiter Lykien
+unterstellt ward. Ferner ward Kappadokien kaiserliche Statthalterschaft
+unter Tiberius. Auch blieb natürlich Kilikien, als es eigene
+Statthalter erhielt, unter kaiserlicher Verwaltung. Abgesehen davon,
+daß Hadrian die wichtige Provinz Bithynien und Pontus gegen die
+unbedeutende lykisch-pamphylische eintauschte, blieb diese Ordnung in
+Kraft, bis gegen das Ende des 3. Jahrhunderts die senatorische
+Mitverwaltung überhaupt bis auf geringe Überreste beseitigt ward. Die
+Grenze ward in der ersten Kaiserzeit durchaus durch die
+Lehnsfürstentümer gebildet; nach deren Einziehung berührte die
+Reichsgrenze, von Kyrene abgesehen, unter allen diesen
+Verwaltungsbezirken nur der kappadokische, insofern diesem damals auch
+die nordöstliche Grenzlandschaft bis hinauf nach Trapezunt zugeteilt
+war ^2; und auch diese Statthalterschaft grenzte nicht mit dem
+eigentlichen Ausland, sondern im Norden mit den abhängigen
+Völkerschaften am Phasis, weiterhin mit dem von Rechts wegen und
+einigermaßen auch tatsächlich zum Reiche gehörigen Lehnskönigtum
+Armenien.
+
+—————————————————————————-
+
+^2 Nirgends haben die Grenzen der Lehnstaaten und selbst der Provinzen
+mehr gewechselt als im nordöstlichen Kleinasien. Die unmittelbare
+Reichsverwaltung trat hier für die Landschaften des Königs Polemon,
+wozu Zela, Neocaesarea, Trapezus gehörten, im Jahre 63 ein, für
+Klein-Armenien, wir wissen nicht genau wann, wahrscheinlich im Anfang
+der Regierung Vespasians. Der letzte Lehnskönig von Klein-Armenien,
+dessen gedacht wird, ist der Herodeer Aristobulos (Tac. ann. 13, 7; 14,
+26; Ios. ant. Iud. 20, 8, 4), der es noch im Jahre 60 besaß; im Jahre
+75 war die Landschaft römisch (CIL III, 306), und wahrscheinlich hat
+die eine der seit Vespasian in Kappadokien garnisonierenden Legionen
+von Anfang an in dem klein-armenischen Satala gestanden. Vespasian hat
+die genannten Landschaften so wie Galatien und Kappadokien zu einer
+großen Statthalterschaft vereinigt. Am Ende der Domitianischen
+Regierung finden wir Galatien und Kappadokien getrennt und die
+nordöstlichen Provinzen zu Galatien gelegt. Unter Traian ist zuerst
+wiederum der ganze Bezirk in einer Hand, späterhin (Eph. epigr. V, n.
+1345) in der Weise geteilt, daß die nordöstliche Küste zu Kappadokien
+gehört. Dabei ist es wenigstens insoweit geblieben, daß Trapezunt, und
+also auch Klein-Armenien, fortan beständig unter diesem Statthalter
+gestanden hat. Also hatte, von einer kurzen Unterbrechung unter
+Domitian abgesehen, der Legat von Galatien nichts mit der
+Grenzverteidigung zu tun und ist diese, wie es auch in der Sache liegt,
+stets mit dem Kommando Kappadokiens und seiner Legionen vereinigt
+gewesen.
+
+—————————————————————————-
+
+Um von den Zuständen und der Entwicklung Kleinasiens in den drei ersten
+Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine Vorstellung zu gewinnen, soweit
+dies bei einem aus unserer unmittelbaren geschichtlichen Überlieferung
+gänzlich ausfallenden Lande möglich ist, wird bei dem konservativen
+Charakter des römischen Provinzialregiments an die älteren
+Gebietsteilungen und die Vorgeschichte der einzelnen Landschaften
+anzuknüpfen sein.
+
+Die Provinz Asia ist das alte Reich der Attaliden, Vorderasien bis
+nördlich zur bithynischen, südlich zur lykischen Grenze; die anfangs
+davon abgetrennten östlichen Striche, das große Phrygien, waren schon
+in republikanischer Zeit wieder dazu geschlagen worden, und die Provinz
+reichte seitdem bis an die Landschaft der Galater und die pisidischen
+Gebirge. Auch Rhodus und die übrigen kleineren Inseln des Ägäischen
+Meeres gehörten zu diesem Sprengel. Die ursprüngliche hellenische
+Ansiedlung hatte außer den Inseln und der eigentlichen Küste auch die
+unteren Täler der größeren Flüsse besetzt; Magnesia am Sipylos im
+Hermostal, das andere Magnesia und Tralleis im Tal des Mäandros waren
+schon vor Alexander als griechische Städte gegründet oder doch
+griechische Städte geworden; die Karer, Lyder, Myser wurden früh
+wenigstens zu Halbhellenen. Die eintretende Griechenherrschaft fand in
+den Küstenlandschaften nicht viel zu tun; Smyrna, das vor Jahrhunderten
+von den Barbaren des Binnenlandes zerstört worden war, erhob sich
+damals aus seinen Trümmern, um rasch wieder einer der ersten Sterne des
+glänzenden kleinasiatischen Städteringes zu werden; und wenn der
+Wiederaufbau von Ilion an dem Grabhügel Hektors mehr ein Werk der
+Pietät als der Politik war, so war die Anlage von Alexandreia an der
+Küste der Troas von bleibender Bedeutung. Pergamon im Tal des Kaïkos
+blühte auf als Residenz der Attaliden.
+
+In dem großen Werk der Hellenisierung des Binnenlandes dieser Provinz
+wetteiferten, Alexanders Intentionen entsprechend, alle hellenischen
+Regierungen, Lysimachos, die Seleukiden, die Attaliden. Die einzelnen
+Gründungen sind aus unserer Überlieferung noch mehr verschwunden als
+die Kriegsläufte der gleichen Epoche; wir sind hauptsächlich angewiesen
+auf die Namen und die Beinamen der Städte; aber auch diese genügen, um
+die allgemeinen Umrisse dieser Jahrhunderte hindurch sich fortsetzenden
+und dennoch homogenen und zielbewußten Tätigkeit zu erkennen. Eine
+Reihe binnenländischer Ortschaften, Stratonikeia in Karien, Peltae,
+Blaundos, Dokimeion, Kadoi in Phrygien, die Mysomakedonier im Bezirk
+von Ephesos, Thyateira, Hyrkania, Nakrasa im Hermosgebiet, die
+Askylaken im Bezirk von Adramytion werden in Urkunden oder sonstigen
+glaubwürdigen Zeugnissen als Makedonierstädte bezeichnet; und diese
+Erwähnungen sind so zufälliger Art und die Ortschaften teilweise so
+unbedeutend, daß die gleiche Bezeichnung sicher auf eine große Anzahl
+anderer Niederlassungen in dieser Gegend sich erstreckt hat und wir
+schließen dürfen auf eine ausgedehnte, wahrscheinlich mit dem Schutz
+Vorderasiens gegen die Galater und Pisidier zusammenhängende Ansiedlung
+griechischer Soldaten in den bezeichneten Gegenden. Wenn ferner die
+Münzen der ansehnlichen phrygischen Stadt Synnada mit ihrem Stadtnamen
+den der Ioner und der Dorer sowie den des gemeinen Zeus (Ζεύς πάνδημος)
+verbinden, so muß einer der Alexandriden die Griechen insgemein
+aufgefordert haben, hier sich niederzulassen; und auch dies beschränkte
+sich gewiß nicht auf diese einzelne Stadt. Die zahlreichen Städte
+hauptsächlich des Binnenlandes, deren Namen auf die Königshäuser der
+Seleukiden oder der Attaliden zurückgehen oder die sonst griechisch
+benannt sind, sollen hier nicht aufgeführt werden; es befinden sich
+namentlich unter den sicher von den Seleukiden gegründeten oder
+reorganisierten Städten mehrere der in späterer Zeit blühendsten und
+gesittetsten des Binnenlandes, zum Beispiel im südlichen Phrygien
+Laodikeia und vor allem Apameia, das alte Kelaenae an der großen
+Heerstraße von der Westküste Kleinasiens zum mittleren Euphrat, schon
+in persischer Zeit das Entrepôt für diesen Verkehr und unter Augustus
+nach Ephesos die bedeutendste Stadt der Provinz Asia. Wenn auch nicht
+jede Beilegung eines griechischen Namens mit Ansiedlung griechischer
+Kolonisten verbunden gewesen sein wird, so werden wir doch einen
+beträchtlichen Teil dieser Ortschaften den griechischen Pflanzstädten
+beizählen dürfen. Aber auch die städtischen Ansiedlungen
+nichtgriechischen Ursprungs, die die Alexandriden vorfanden, lenkten
+von selber in die Bahnen der Hellenisierung ein, wie denn die Residenz
+des persischen Statthalters, Sardes, noch von Alexander selbst als
+griechisches Gemeinwesen geordnet ward.
+
+Diese städtische Entwicklung war vollzogen, als die Römer die
+Herrschaft über Vorderasien antraten; sie selber haben sie nicht in
+intensiver Weise gefördert. Daß eine große Anzahl der Stadtgemeinden in
+der östlichen Hälfte der Provinz ihre Jahre von dem der Stadt 670 (84)
+zählen, kommt daher, daß damals nach Beendigung des Mithradatischen
+Krieges diese Bezirke durch Sulla unter unmittelbar römische Verwaltung
+kamen; Stadtrecht haben diese Ortschaften nicht erst damals erhalten.
+Augustus hat die Stadt Parium am Hellespont und die schon erwähnte
+Alexandreia in Troas mit Veteranen seiner Armee besetzt und beiden die
+Rechte der römischen Bürgergemeinden beigelegt; letztere ist seitdem in
+dem griechischen Asien eine italische Insel gewesen wie Korinth in
+Griechenland und Berylos in Syrien. Aber dies war nichts als
+Soldatenversorgung; von eigentlicher Städtegründung in der römischen
+Provinz Asien unter den Kaisern ist wenig die Rede. Unter den nicht
+zahlreichen nach Kaisern benannten Städten daselbst ist vielleicht nur
+von Sebaste und Tiberiopolis, beide in Phrygien, und von Hadrianoi an
+der bithynischen Grenze kein älterer Stadtname nachzuweisen. Hier, in
+der Berglandschaft zwischen dem Ida und dem Olymp, hauste Kleon in der
+Triumviralzeit, ein gewisser Tilliboros unter Hadrian, beide halb
+Räuberhauptleute, halb Volksfürsten, von denen jener selbst in der
+Politik eine Rolle gespielt hat; in dieser Freistatt der Verbrecher war
+die Gründung einer geordneten Stadtgemeinde durch Hadrian allerdings
+eine Wohltat. Sonst blieb in dieser Provinz, mit ihren fünfhundert
+Stadtgemeinden der städtereichsten des ganzen Staates, in dieser
+Hinsicht wohl nicht mehr viel zu stiften übrig, höchstens etwa zu
+teilen, das heißt die faktisch zu einer Stadtgemeinde sich
+entwickelnden Flecken aus dem früheren Gemeindeverbande zu lösen und
+selbständig zu machen, wie wir einen Fall der Art in Phrygien unter
+Konstantin I. nachweisen können. Aber von der eigentlichen
+Hellenisierung waren die abgelegenen Gebiete noch weit entfernt, als
+das römische Regiment begann; insbesondere in Phrygien behauptete sich
+die vielleicht der armenischen gleichartige Landessprache. Wenn aus dem
+Fehlen griechischer Münzen und griechischer Inschriften nicht mit
+Sicherheit auf das Fehlen der Hellenisierung geschlossen werden darf
+^3, so weist doch die Tatsache, daß die phrygischen Münzen fast
+durchaus der römischen Kaiserzeit, die phrygischen Inschriften der
+großen Mehrzahl nach der späteren Kaiserzeit angehören, darauf hin, daß
+in die entlegenen und der Zivilisation schwer zugänglichen Gegenden der
+Provinz Asia die hellenische Gesittung soweit überhaupt, überwiegend
+erst unter den Kaisern den Weg fand. Zu unmittelbarem Eingreifen der
+Reichsverwaltung bot dieser im Stillen sich vollziehende Prozeß wenig
+Gelegenheit und Spuren solchen Eingreifens vermögen wir nicht
+nachzuweisen. Freilich war Asia eine senatorische Provinz, und daß dem
+Senatsregiment jede Initiative abging, mag auch hier in Betracht
+kommen.
+
+————————————————————————-
+
+^3 Die städtische Münzprägung und die Inschriftsetzung stehen unter so
+vielfachen Bedingungen, daß das Fehlen oder auch die Fülle der einen
+wie der andern nicht ohne weiteres zu Rückschlüssen auf die Abwesenheit
+oder die Intensität einer bestimmten Zivilisationsphase berechtigen.
+Für Kleinasien insbesondere ist zu beachten, daß es das gelobte Land
+der munizipalen Eitelkeit ist und unsere Denkmäler, auch die Münzen,
+zum weitaus größten Teil dadurch hervorgerufen sind, daß die Regierung
+der römischen Kaiser dieser freien Lauf ließ.
+
+————————————————————————-
+
+Syrien und mehr noch Ägypten gehen auf in ihren Metropolen; die Provinz
+Asien und Kleinasien überhaupt hat keine einzelne Stadt aufzuweisen
+gleich Antiocheia und Alexandreia, sondern sein Gedeihen ruht auf den
+zahlreichen Mittelstädten. Die Einteilung der Städte in drei Klassen,
+welche sich unterscheiden im Stimmrecht auf dem Landtag, in der
+Repartition der von der ganzen Provinz aufzubringenden Leistungen,
+selbst in der Zahl der anzustellenden Stadtärzte und städtischen Lehrer
+^4, ist vorzugsweise diesen Landschaften eigen. Auch die städtischen
+Rivalitäten, die in Kleinasien so energisch und zum Teil so kindisch,
+gelegentlich auch so gehässig hervortreten, wie zum Beispiel der Krieg
+zwischen Severus und Niger in Bithynien eigentlich ein Krieg der beiden
+rivalisierenden Kapitalen Nikomedeia und Nikäa war, gehören zum Wesen
+zwar der hellenischen Politien überhaupt, insbesondere aber der
+kleinasiatischen. Des Wetteifers um die Kaisertempel werden wir
+weiterhin gedenken; in ähnlicher Weise war die Rangfolge der
+städtischen Deputationen bei den gemeinschaftlichen Festen in
+Kleinasien eine Lebensfrage - Magnesia am Mäander nennt sich auf den
+Münzen die “siebente Stadt von Asia” - und vor allem der erste Platz
+war ein so begehrter, daß die Regierung schließlich sich dazu verstand,
+mehrere erste Städte zuzulassen. Ähnlich ging es mit der
+Metropolenbezeichnung. Die eigentliche Metropole der Provinz war
+Pergamon, die Residenz der Attaliden und der Sitz des Landtags. Aber
+Ephesos, die faktische Hauptstadt der Provinz, wo der Statthalter
+verpflichtet war, sein Amt anzutreten, und das auch dieses
+“Landungsrechts” auf seinen Münzen sich berühmt, Smyrna, mit dem
+ephesischen Nachbar in steter Rivalität und dem legitimen Erstenrecht
+der Ephesier zum Trotz auf den Münzen sich nennend “die erste an Größe
+und Schönheit”, das uralte Sardeis, Kyzikos und andere mehr strebten
+nach dem gleichen Ehrenrechte. Mit diesen ihren Quengeleien, wegen
+deren regelmäßig der Senat und der Kaiser angegangen wurden, den
+“griechischen Dummheiten”, wie man in Rom zu sagen pflegte, waren die
+Kleinasiaten der stehende Verdruß und das stehende Gespött der
+vornehmen Römer ^5.
+
+————————————————————-
+
+^4 “Die Verordnung”, sagt der Jurist Modestinus, der sie referiert
+(dig. 27, 1, 6, 3), “interessiert alle Provinzen, obwohl sie an die
+Asiaten gerichtet ist.” Auch paßt sie in der Tat nur da, wo es
+Städteklassen gibt, und der Jurist fügt eine Anweisung hinzu, wie sie
+auf anders geordnete Provinzen anzuwenden sei. Was der Biograph des
+Pius (c. 11) über die von Pius den Rhetoren gewährten Auszeichnungen
+und Gehalte berichtet, hat mit dieser Verfügung nichts zu schaffen.
+
+^5 Vortrefflich setzt Dion von Prusa in seinen Ansprachen an die Bürger
+von Nikomedeia und von Tarsos auseinander, daß kein gebildeter Mann für
+sich solche leere Bezeichnungen haben möchte und die Titelsucht für die
+Städte geradezu unbegreiflich sei; wie es das Zeichen der richtigen
+Kleinstädterei sei, sich solche Rangbescheinigungen ausstellen zu
+lassen; wie der schlechte Statthalter durch diesen Städtehader sich
+immer decke, da Nikäa und Nikomedeia nie unter sich zusammenhielten.
+“Die Römer gehen mit euch um wie mit Kindern, denen man geringes
+Spielzeug schenkt; Mißhandlungen nehmt ihr hin, um Namen zu bekommen;
+sie nennen eure Stadt die erste, um sie als die letzte zu behandeln.
+Den Römern seid ihr damit zum Gelächter geworden und sie nennen das
+‘griechische Dummheiten’ (Ελληνικά αμαρτήματα).”
+
+————————————————————-
+
+Nicht auf der gleichen Höhe wie das Attalidenreich befand sich
+Bithynien. Die ältere griechische Kolonisierung hatte sich hier
+lediglich auf die Küste beschränkt. In der hellenistischen Epoche
+hatten anfangs die makedonischen Herrscher, später die völlig deren
+Wege wandelnde einheimische Dynastie neben der im Ganzen wohl auf
+Umnennung hinauslaufenden Einrichtung der Küstenorte einigermaßen auch
+das Binnenland erschlossen, namentlich durch die beiden glücklich
+gediehenen Anlagen von Nikäa (Isnik) und Prusa am Olymp (Brussa); von
+der ersteren wird hervorgehoben, daß die ersten Ansiedler von guter
+makedonischer und hellenischer Herkunft gewesen seien. Aber in der
+Intensität der Hellenisierung stand das Reich des Nikomedes weit zurück
+hinter dem des Bürgerfürsten von Pergamon; insonderheit das östliche
+Binnenland kann vor Augustus nur wenig besiedelt gewesen sein. Dies
+ward in der Kaiserzeit anders. In augustischer Zeit baute ein
+glücklicher Räuberhauptmann, der sich zur Ordnung bekehrte, an der
+galatischen Grenze die gänzlich herabgekommene Ortschaft Gordiu Kome
+unter dem Namen Iuliopolis wieder auf; in derselben Gegend sind die
+Städte Bithynion-Claudiopolis und Krateia-Flaviopolis wahrscheinlich im
+Laufe des ersten Jahrhunderts zu griechischem Stadtrecht gelangt.
+Überhaupt hat in Bithynien der Hellenismus unter der Kaiserzeit einen
+mächtigen Aufschwung genommen, und der derbe thrakische Schlag der
+Eingeborenen gab ihm eine gute Grundlage. Daß unter den in großer
+Anzahl bekannten Schriftsteinen dieser Provinz nicht mehr als vier der
+vorrömischen Zeit angehören, wird nicht allein daraus erklärt werden
+können, daß die städtische Ambition erst unter den Kaisern großgezogen
+worden ist. In der Literatur der Kaiserzeit gehören eine Anzahl der
+besten und von der wuchernden Rhetorik am wenigsten erfaßten
+Schriftsteller, wie der Philosoph Dion von Prusa, die Historiker Memnon
+von Herakleia, Arrhianos aus Nikomedeia, Cassius Dion von Nikäa, nach
+Bithynien.
+
+Die östliche Hälfte der Südküste des Schwarzen Meeres, die römische
+Provinz Pontus, hat zur Grundlage denjenigen Teil des Reiches
+Mithradats, den Pompeius sofort nach dem Siege in unmittelbaren Besitz
+nahm. Die zahlreichen kleinen Fürstentümer, welche im paphlagonischen
+Binnenland und östlich davon bis zur armenischen Grenze Pompeius
+gleichzeitig vergab, wurden nach kürzerem oder längerem Bestand bei
+ihrer Einziehung teils derselben Provinz zugelegt, teils zu Galatien
+oder Kappadokien geschlagen. Das ehemalige Reich des Mithradates war
+sowohl von dem älteren wie von dem jüngeren Hellenismus bei weitem
+weniger als die westlichen Landschaften berührt worden. Als die Römer
+dieses Gebiet mittelbar oder unmittelbar in Besitz nahmen, gab es
+griechisch geordnete Städte dort strenggenommen nicht; Amaseia, die
+alte Residenz der pontischen Achämeniden und immer ihre Grabstadt, war
+dies nicht; die beiden alten griechischen Küstenstädte Amisos und das
+einst über das Schwarze Meer gebietende Sinope waren königliche
+Residenzen geworden, und auch den wenigen von Mithradates angelegten
+Ortschaften, zum Beispiel Eupatoria, wird schwerlich griechische
+Politie gegeben worden sein. Hier aber war, wie schon früher ausgeführt
+ward, die römische Eroberung zugleich die Hellenisierung; Pompeius
+organisierte die Provinz in der Weise, daß er die elf Hauptortschaften
+derselben zu Städten machte und unter sie das Gebiet verteilte.
+Allerdings ähnelten diese künstlich geschaffenen Städte mit ihren
+ungeheuren Bezirken - der von Sinope hatte an der Küste eine Ausdehnung
+von sechzehn deutschen Meilen und grenzte am Halys mit dem amisenischen
+- mehr den keltischen Gauen als den eigentlich hellenischen und
+italischen Stadtgemeinden. Aber es wurden doch damals Sinope und Amisos
+in ihre alte Stellung wieder eingesetzt und andere Städte im
+Binnenland, wie Pompeiopolis, Nikopolis, Megalopolis, das spätere
+Sebasteia, ins Leben gerufen. Sinope erhielt durch den Diktator Caesar
+das Recht der römischen Kolonie und ohne Zweifel auch italische
+Ansiedler. Wichtiger für die römische Verwaltung ward Trapezus, eine
+alte Kolonie von Sinope; die Stadt, die im Jahre 63 zur Provinz
+Kappadokien geschlagen ward, war wie der Standort der römischen
+Pontusflotte so auch gewissermaßen die Operationsbasis für das
+Truppenkorps dieser Provinz, das einzige in ganz Kleinasien.
+
+Das binnenländische Kappadokien war seit der Einrichtung der Provinzen
+Pontus und Syrien in römischer Gewalt; über die Einziehung desselben im
+Anfang der Regierung des Tiberius, welche zunächst veranlaßt ward durch
+den Versuch Armeniens, sich der römischen Lehnsherrschaft zu entwinden,
+wird in dem folgenden Abschnitt zu berichten sein. Der Hof und was
+unmittelbar damit zusammenhing, hatte sich hellenisiert, etwa so, wie
+die deutschen Höfe des 18. Jahrhunderts sich dem französischen Wesen
+zuwandten. Die Hauptstadt Caesarea, das alte Mazaka, gleich dem
+phrygischen Apameia eine Zwischenstelle des großen Verkehrs zwischen
+den Häfen der Westküste und den Euphratländern und in römischer Zeit
+wie noch heute eine der blühendsten Handelsstädte Kleinasiens, war auf
+Pompeius’ Veranlassung nach dem Mithradatischen Kriege nicht bloß
+wieder aufgebaut, sondern wahrscheinlich damals auch mit Stadtrecht
+nach griechischer Art ausgestattet worden. Kappadokien selbst war im
+Anfang der Kaiserzeit schwerlich mehr griechisch als Brandenburg und
+Pommern unter Friedrich dem Großen französisch. Als das Land römisch
+ward, zerfiel es nach den Angaben des gleichzeitigen Strabon nicht in
+Stadtbezirke, sondern in zehn Ämter, von denen nur zwei Städte hatten,
+die schon genannte Hauptstadt und Tyana; und diese Ordnung ist hier im
+Großen und Ganzen so wenig verändert worden wie in Ägypten, wenn auch
+einzelne Ortschaften späterhin griechisches Stadtrecht empfingen, zum
+Beispiel Kaiser Marcus aus dem kappadokischen Dorf, in dem seine
+Gemahlin gestorben war, die Stadt Faustinopolis machte. Griechisch
+freilich sprachen die Kappadokier jetzt; aber die Studierenden aus
+Kappadokien hatten auswärts viel zu leiden wegen ihres groben Akzents
+und ihrer Fehler in Aussprache und Betonung, und wenn sie attisch reden
+lernten, fanden die Landsleute ihre Sprache affektiert ^6. Erst in der
+christlichen Zeit gaben die Studiengenossen des Kaisers Julian,
+Gregorios von Nazianzos und Basilios von Caesarea, dem kappadokischen
+Namen einen besseren Klang.
+
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+
+^6 Pausanias aus Caesarea rückt bei Philostratos (vit. soph. 2, 13) dem
+Herodes Attikos seine Fehler vor: παχεία τή γλώττη κα'ι ως Καππαδόκαις
+ξύνηθες, ξυγκρούων μέν τά σύμφωνα ιών στοιχείων, συστέλλων δέ τά
+μηκυνόμενα καί μηκύνων τά βραχέα. Vita Apoll. 1, 7: η γλώττα Αττικώς
+είχεν, ουδ' απήχθη τήν φωνήν υπό τού έθνους.
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+Die lykischen Städte in ihrem abgeschlossenen Berglande öffneten ihre
+Küste der griechischen Ansiedlung nicht, aber schlossen sich darum doch
+nicht gegen den hellenischen Einfluß ab. Lykien ist die einzige
+kleinasiatische Landschaft, in welcher die frühe Zivilisierung die
+Landessprache nicht beseitigt hat, und welche, fast wie die Römer, in
+griechisches Wesen einging, ohne sich äußerlich zu hellenisieren. Es
+bezeichnet ihre Stellung, daß die lykische Konföderation als solche dem
+attischen Seebund sich angeschlossen und an die athenische Vormacht
+ihren Tribut entrichtet hat. Die Lykier haben nicht bloß ihre Kunst
+nach hellenischen Mustern geübt, sondern wohl auch ihre politische
+Ordnung früh in gleicher Weise geregelt. Die Umwandlung des einst
+Rhodos untertänigen, aber nach dem Dritten Makedonischen Krieg
+unabhängig gewordenen Städtebundes in eine römische Provinz, welche
+wegen des endlosen Haders unter den Verbündeten von Kaiser Claudius
+verfügt ward, wird das Vordringen des Hellenismus gefördert haben; im
+Verlauf der Kaiserzeit sind dann die Lykier vollständig zu Griechen
+geworden.
+
+Die pamphylischen Küstenstädte, wie Aspendos und Perge, griechische
+Gründungen der ältesten Zeit, später sich selbst überlassen und unter
+günstigen Verhältnissen gedeihlich entwickelt, hatten das älteste
+Hellenentum in einer Weise sei es konserviert, sei es aus sich heraus
+eigenartig gestaltet, daß die Pamphylier nicht viel weniger als die
+benachbarten Lykier in Sprache und Schrift als selbständige Nation
+gelten konnten. Als dann Asien den Hellenen gewonnen ward, fanden sie
+allmählich den Rückweg wie in die gemeine griechische Zivilisation so
+auch in die allgemeine politische Ordnung. Die Herren in dieser Gegend
+wie an der benachbarten kilikischen Küste waren in hellenistischer Zeit
+teils die Ägypter, deren Königshaus verschiedenen Ortschaften in
+Pamphylien und Kilikien den Namen gegeben hat, teils die Seleukiden,
+nach denen die bedeutendste Stadt Westkilikiens Seleukeia am Kalykadnos
+heißt, teils die Pergamener, von deren Herrschaft Attaleia (Adalia) in
+Pamphylien zeugt. Dagegen hatten die Völkerschaften in den Gebirgen
+Pisidiens, Isauriens und Westkilikiens bis auf den Beginn der
+Kaiserzeit ihre Unabhängigkeit der Sache nach behauptet. Hier ruhten
+die Fehden nie. Nicht bloß zu Lande hatten die zivilisierten
+Regierungen stets mit den Pisidiern und ihren Genossen zu schaffen,
+sondern es betrieben dieselben namentlich von dem westlichen Kilikien
+aus, wo die Gebirge unmittelbar an das Meer treten, noch eifriger als
+den Landraub das Gewerbe der Piraterie. Als bei dem Verfall der
+ägyptischen Seemacht die Südküste Kleinasiens völlig zur Freistatt der
+Seeräuber ward, traten die Römer ein und richteten die Provinz
+Kilikien, welche die pamphylische Küste mit umfaßte oder doch umfassen
+sollte, der Unterdrückung des Seeraubs wegen ein. Aber was sie taten,
+zeigte mehr, was hätte geschehen sollen, als daß wirklich etwas
+erreicht ward; die Intervention erfolgte zu spät und zu unstetig. Wenn
+auch einmal ein Schlag gegen die Korsaren geführt ward und römische
+Truppen selbst in die isaurischen Gebirge eindrangen und tief im
+Binnenland die Piratenburgen brachen, zu rechter dauernder Festsetzung
+in diesen von ihr widerwillig annektierten Distrikten kam die römische
+Republik nicht. Hier blieb dem Kaisertum noch alles zu tun übrig.
+Antonius, wie er den Orient übernahm, beauftragte einen tüchtigen
+galatischen Offizier, den Amyntas, mit der Unterwerfung der
+widerspenstigen pisidischen Landschaft ^7, und als dieser sich bewährte
+^8, machte er denselben zum König von Galatien, der militärisch
+bestgeordneten und schlagfertigsten Landschaft Kleinasiens, und
+erstreckte zugleich sein Regiment von da bis zur Südküste, also auf
+Lykaonien, Pisidien, Isaurien, Pamphylien und Westkilikien, während die
+zivilisierte Osthälfte Kilikiens bei Syrien blieb. Auch als Augustus
+nach der Aktischen Schlacht die Herrschaft im Orient antrat, ließ er
+den keltischen Fürsten in seiner Stellung. Derselbe machte auch
+wesentliche Fortschritte sowohl in der Unterdrückung der schlimmen, in
+den Schlupfwinkeln des westlichen Kilikiens hausenden Korsaren wie auch
+in der Ausrottung der Landräuber, tötete einen der schlimmsten dieser
+Raubherren, den Herrn von Derbe und Laranda im südlichen Lykaonien,
+Antipatros, baute in Isauria sich seine Residenz und schlug die
+Pisidier nicht bloß hinaus aus dem angrenzenden phrygischen Gebiet,
+sondern fiel in ihr eigenes Land ein und nahm im Herzen desselben
+Kremna. Aber nach einigen Jahren (729 25) verlor er das Leben auf einem
+Zug gegen einen der westkilikischen Stämme, die Homonadenser; nachdem
+er die meisten Ortschaften genommen hatte und ihr Fürst gefallen war,
+kam er um durch einen von dessen Gattin gegen ihn gerichteten Anschlag.
+Nach dieser Katastrophe übernahm Augustus selbst das schwere Geschäft
+der Pazifikation des inneren Kleinasiens. Wenn er dabei, wie schon
+bemerkt ward, das kleine pamphylische Küstenland einem eigenen
+Statthalter zuwies und es von Galatien trennte, so ist dies offenbar
+deswegen geschehen, weil das zwischen der Küste und der
+galatisch-lykaonischen Steppe liegende Gebirgsland so wenig botmäßig
+war, daß die Verwaltung des Küstengebiets nicht füglich von Galatien
+aus geführt werden konnte. Römische Truppen wurden nach Galatien nicht
+gelegt; doch wird das Aufgebot der kriegerischen Galater mehr zu
+bedeuten gehabt haben als bei den meisten Provinzialen. Auch hatten, da
+das westliche Kilikien damals unter Kappadokien gelegt ward, die
+Truppen dieses Lehnsfürsten sich an der Arbeit zu beteiligen. Die
+Züchtigung zunächst der Homonadenser führte die syrische Armee aus; der
+Statthalter Publius Sulpicius Quirinius rückte einige Jahre später in
+ihr Gebiet, schnitt ihnen die Zufuhr ab und zwang sie, sich in Masse zu
+unterwerfen, worauf sie in die umliegenden Ortschaften verteilt und ihr
+ehemaliges Gebiet wüst gelegt wurde. Ähnliche Züchtigungen erfuhren in
+den Jahren 36 und 52 die Kliten, ein anderer, in dem westlichen
+Kilikien näher an der Küste sitzender Stamm; da sie dem von Rom ihnen
+gesetzten Lehnsfürsten den Gehorsam verweigerten und das Land wie die
+See brandschatzten, und da die sogenannten Landesherren mit ihnen nicht
+fertig werden konnten, kamen beide Male die Reichstruppen aus Syrien
+herbei, um sie zu unterwerfen. Diese Nachrichten haben sich zufällig
+erhalten; sicher sind zahlreiche ähnliche Vorgänge verschollen.
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+^7 Amyntas wurde noch im Jahre 715, bevor Antonius nach Asien
+zurückging über die Pisidier gesetzt (App. civ. 5, 75), ohne Zweifel
+weil diese wieder einmal einen ihrer Raubzüge unternommen hatten.
+Daraus, daß er dort zuerst herrschte, erklärt es sich auch, daß er sich
+in Isaura seine Residenz baute (Strab. 12, 6, 3, p. 569). Galatien kam
+zunächst an die Erben des Deiotarus (Dio 48, 33). Erst im Jahre 718
+erhielt Amyntas Galatien, Lykaonien und Pamphylien (Dio 49, 32).
+
+^8 Daß dies die Ursache war, weshalb diese Gegenden nicht unter
+römische Statthalter gelegt wurden, sagt Strabon (14, 5, 5 p. 671), der
+nach Zeit und Ort diesen Verhältnissen nahestand, ausdrücklich: εδόκει
+πρός άπαν τό τοιούτο (für die Unterdrückung der Räuber und der Piraten)
+βασιλευέσθαι μάλλον τούς τόπους ή θπό τοίς Ρωμαίοις ηγεμόσιν είναι τοίς
+επί τάς κρίσεις πεμπομένοις, οι μήτ' αεί παρείναι έμελλον (wegen der
+Bereisung der conventus) μήτε μεθ' όπλον (die allerdings dem späteren
+Legaten von Galatien fehlten).
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+
+Aber auch im Wege der Besiedelung griff Augustus die Pazifikation
+dieser Landschaft an. Die hellenistischen Regierungen hatten dieselbe
+sozusagen isoliert, nicht bloß an der Küste überall Fuß behalten oder
+gefaßt, sondern auch im Nordwesten eine Reihe von Städten gegründet, an
+der phrygischen Grenze Apollonia angeblich von Alexander selbst
+angelegt, Seleukeia Siderus und Antiocheia, beide aus der
+Seleukidenzeit, ferner in Lykaonien Laodikeia Katakekaumene und die
+wohl auch in der gleichen Zeit entstandene Hauptstadt dieser Landschaft
+Ikonion. Aber in dem eigentlichen Bergland findet sich keine Spur
+hellenistischer Niederlassung; und noch weniger hat der römische Senat
+sich an diese schwierige Aufgabe gemacht. Augustus tat es; hier, und
+nur hier im ganzen griechischen Osten, begegnet eine Reihe von Kolonien
+römischer Veteranen, offenbar bestimmt, dieses Gebiet der friedlichen
+Ansiedlung zu erobern. Von den eben genannten älteren Ansiedlungen
+wurde Antiocheia mit Veteranen belegt und römisch reorganisiert, neu
+angelegt in Lykaonien Parlais und Lystra, in Pisidien selbst das schon
+genannte Kremna so wie weiter südlich Olbasa und Komama. Die späteren
+Regierungen setzten die begonnene Arbeit nicht mit gleicher Energie
+fort; doch wurde unter Claudius das eiserne Seleukeia Pisidiens zum
+claudischen gemacht, ferner im westkilikischen Binnenland Claudiopolis
+und nicht weit davon, vielleicht gleichzeitig, Germanicopolis ins Leben
+gerufen, auch Ikonion, in Augustus’ Zeit ein kleiner Ort, zu
+bedeutender Entwicklung gebracht. Die neu gegründeten Städte blieben
+freilich unbedeutend, schränkten aber doch den Spielraum der freien
+Gebirgsbewohner in namhafter Weise ein, und der Landfriede muß endlich
+auch hier seinen Einzug gehalten haben. Sowohl die Ebene und die
+Bergterrassen Pamphyliens wie die Bergstädte Pisidiens selbst, zum
+Beispiel Selge und Sagalassos, waren während der Kaiserzeit gut
+bevölkert und das Gebiet sorgfältig angebaut; die Reste mächtiger
+Wasserleitungen und auffallend großer Theater, sämtlich Anlagen aus der
+römischen Kaiserzeit, zeigen zwar nur handwerksmäßige Technik, aber
+Spuren eines reich entwickelten friedlichen Gedeihens. Ganz freilich
+ward die Regierung des Raubwesens in diesen Landschaften niemals Herr,
+und wenn in der früheren Kaiserzeit die Heimsuchungen sich in mäßigen
+Grenzen hielten, traten die Banden hier in den Wirren des dritten
+Jahrhunderts abermals als kriegführende Macht auf. Sie gehen jetzt
+unter dem Namen der Isaurer und haben ihren hauptsächlichen Sitz in den
+Gebirgen Kilikiens, von wo aus sie Land und Meer brandschatzen. Erwähnt
+werden sie zuerst unter Severus Alexander. Daß sie unter Gallienus
+ihren Räuberhauptmann zum Kaiser ausgerufen haben, wird eine Fabel
+sein; aber allerdings wurde unter Kaiser Probus ein solcher namens
+Lydios, der lange Zeit Lykien und Pamphylien geplündert hatte, in der
+römischen Kolonie Kremna, die er besetzt hatte, nach langer
+hartnäckiger Belagerung durch eine römische Armee bezwungen. In
+späterer Zeit finden wir um ihr Gebiet einen Militärkordon gezogen und
+einen eigenen kommandierenden General für die Isaurer bestellt. Ihre
+wilde Tapferkeit hat sogar denen von ihnen, welche bei dem
+byzantinischen Hof Dienste nehmen mochten, eine Zeitlang eine Stellung
+daselbst verschafft, wie die Makedonier sie am Hofe der Ptolemäer
+besessen hatten; ja einer aus ihrer Mitte, Zenon, ist als Kaiser von
+Byzanz gestorben ^9.
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+
+^9 In der großen unbenannten Ruinenstätte von Saradschik im oberen
+Limyrostal im östlichen Lykien (vgl. C. Ritter, Erdkunde. Bd. 19,
+Berlin 1859, S. 1172) steht ein bedeutender tempelförmiger Grabbau,
+sicher nicht älter als das 3. Jahrhundert n. Chr., an welchem in Relief
+zerstückelte Menschenteile, Köpfe, Arme, Beine als Embleme angebracht
+sind; man möchte meinen, als Wappen eines zivilisierten
+Räuberhauptmanns (Mitteilung von Benndorf).
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+
+Die Landschaft Galatien endlich, in ferner Zeit die Hauptstätte der
+orientalischen Herrschaft über Vorderasien und in den berühmten
+Felsskulpturen des heutigen Boghazköi, einst der Königstadt Pteria, die
+Erinnerungen einer fast verschollenen Herrlichkeit bewahrend, war im
+Lauf der Jahrhunderte in Sprache und Sitte eine keltische Insel
+inmitten der Fluten der Ostvölker geworden und ist dies in der inneren
+Organisation auch in der Kaiserzeit geblieben. Die drei keltischen
+Völkerschaften, welche bei der großen Wanderung der Nation um die Zeit
+des Krieges zwischen Pyrrhos und den Römern in das innere Kleinasien
+gelangt waren und hier, wie im Mittelalter die Franken im Orient, zu
+einem festgegliederten Soldatenstaat sich zusammengeschlossen und nach
+längerem Schweifen dies- und jenseits des Halys ihre definitiven Sitze
+genommen hatten, hatten längst die Zeiten hinter sich, wo sie von dort
+aus Kleinasien brandschatzten und mit den Königen von Asia und Pergamon
+im Kampfe lagen, falls sie nicht als Söldner ihnen dienten; auch sie
+waren an der Übermacht der Römer zerschellt und ihnen in Asien nicht
+minder botmäßig geworden wie ihre Landsleute im Potal und an der Rhone
+und Seine. Aber trotz ihres mehrhundertjährigen Verweilens in
+Kleinasien trennte immer noch eine tiefe Kluft diese Okzidentalen von
+den Asiaten. Es war nicht bloß, daß sie ihre Landessprache und ihre
+Volksart festhielten, daß immer noch die drei Gaue jeder von seinen
+vier Erbfürsten regiert wurden und die von allen gemeinschaftlich
+beschickte Bundesversammlung in dem heiligen Eichenhain als höchste
+Behörde dem galatischen Lande vorstand, auch nicht, daß die
+ungebändigte Roheit wie die kriegerische Tüchtigkeit sie von den
+Nachbarn zum Nachteil wie zum Vorteil unterschied; dergleichen
+Gegensätze zwischen Kultur und Barbarei gab es in Kleinasien auch
+sonst, und die oberflächliche und äußerliche Hellenisierung, wie die
+Nachbarschaft, die Handelsbeziehungen, der von den Einwanderern
+übernommene phrygische Kultus, das Söldnertum sie im Gefolge hatten,
+wird in Galatien nicht viel später eingetreten sein als zum Beispiel in
+dem benachbarten Kappadokien. Der Gegensatz ist anderer Art: die
+keltische und die hellenische Invasion haben in Kleinasien konkurriert,
+und zu dem nationalen Gegensatz ist der Stachel der rivalisierenden
+Eroberung hinzugetreten. Scharf trat dies zutage in der Mithradatischen
+Krise: dem Mordbefehl des Mithradates gegen die Italiker ging zur Seite
+die Niedermetzelung des gesamten galatischen Adels und dementsprechend
+haben in den Kriegen gegen den orientalischen Befreier der Hellenen die
+Römer keinen treueren Bundesgenossen gehabt als die Galater
+Kleinasiens. Darum war der Erfolg der Römer auch der ihrige und gab der
+Sieg ihnen in den Angelegenheiten Kleinasiens eine Zeitlang eine
+führende Stellung. Das alte Vierfürstentum wurde, es scheint durch
+Pompeius, abgeschafft. Einer der neuen Gaufürsten, der in den
+Mithradatischen Kriegen sich am meisten bewährt hatte, Deiotarus,
+brachte außer seinem eigenen Gebiete Klein-Armenien und andere Stücke
+des ehemaligen Mithradatischen Reiches an sich und ward auch den
+übrigen galatischen Fürsten ein unbequemer Nachbar und der mächtigste
+unter den kleinasiatischen Dynasten. Nach dem Siege Caesars, dem er
+feindlich gegenübergestanden hatte und den er auch durch die gegen
+Pharnakes geleistete Hilfe nicht für sich zu gewinnen vermochte, wurden
+ihm die mit oder ohne Einwilligung der römischen Regierung gewonnenen
+Besitzungen größtenteils wieder entzogen; der Caesarianer Mithradates
+von Pergamon, welcher von mütterlicher Seite dem galatischen Königshaus
+entsprossen war, erhielt das meiste von dem, was Deiotarus verlor und
+wurde ihm sogar in Galatien selbst an die Seite gestellt. Aber nachdem
+dieser kurz darauf im Taurischen Chersones sein Ende gefunden hatte und
+auch Caesar selbst nicht lange nachher ermordet worden war, setzte
+Deiotarus sich ungeheißen wieder in den Besitz des Verlorenen, und da
+er der jedesmal im Orient vorherrschenden römischen Partei sich ebenso
+zu fügen verstand, wie sie rechtzeitig zu wechseln, starb er
+hochbejahrt im Jahre 714 (40) als Herr von ganz Galatien. Seine
+Nachkommen wurden mit einer kleinen Herrschaft in Paphlagonien
+abgefunden; sein Reich, noch erweitert gegen Süden hin durch Lykaonien
+und alles Land bis zur pamphylischen Küste, kam, wie schon gesagt ward,
+im Jahre 718 (36) durch Antonius an Amyntas, welcher schon in
+Deiotarus’ letzten Jahren als dessen Sekretär und Feldherr das Regiment
+geführt zu haben scheint und als solcher vor der Schlacht von Philippi
+den Übergang von den republikanischen Feldherrn zu den Triumvirn
+bewirkt hatte. Seine weiteren Schicksale sind schon erzählt. An
+Klugheit und Tapferkeit seinem Vorgänger ebenbürtig, diente er erst dem
+Antonius, dann dem Augustus als hauptsächliches Werkzeug für die
+Pazifikation des noch nicht untertänigen kleinasiatischen Gebiets, bis
+er hier im Jahre 729 (25) seinen Tod fand. Mit ihm endigte das
+galatische Königtum und verwandelte sich dasselbe in die römische
+Provinz Galatien.
+
+Gallogräker heißen die Bewohner desselben bei den Römern schon in der
+letzten Zeit der Republik; sie sind, fügt Livius hinzu, ein Mischvolk,
+wie sie heißen, und aus der Art geschlagen. Auch mußte ein guter Teil
+derselben von den älteren phrygischen Bewohnern dieser Landschaften
+abstammen. Mehr noch fällt ins Gewicht, daß die eifrige Götterverehrung
+in Galatien und das dortige Priestertum mit den sakralen Institutionen
+der europäischen Kelten nichts gemein hat; nicht bloß die Große Mutter,
+deren heiliges Symbol die Römer der hannibalischen Zeit von den
+Tolistobogern erbaten und empfingen, ist phrygischer Art, sondern auch
+deren Priester gehörten zum Teil wenigstens dem galatischen Adel an.
+Dennoch war noch in der römischen Provinz in Galatien die innere
+Ordnung überwiegend die keltische. Daß noch unter Pius in Galatien die
+dem hellenischen Recht fremde strenge väterliche Gewalt bestand, ist
+ein Beweis dafür aus dem Kreise des Privatrechts. Auch in den
+öffentlichen Verhältnissen gab es in dieser Landschaft immer noch nur
+die drei alten Gemeinden der Tektosagen, der Tolistoboger, der Trokmer,
+die wohl ihren Namen die der drei Hauptörter Ankyra, Pessinus und
+Tauion beisetzen, aber wesentlich doch nichts sind als die
+wohlbekannten gallischen Gaue, die des Hauptorts ja auch nicht
+entbehren. Wenn bei den Kelten Asiens die Auffassung der Gemeinde als
+Stadt früher als bei den europäischen das Übergewicht gewinnt ^10 und
+der Name Ankyra rascher den der Tektosagen verdrängt als in Europa der
+Name Burdigala den der Bituriger, dort Ankyra sogar als Vorort der
+gesamten Landschaft sich die “Mutterstadt” (μητρόπολις) nennt, so zeigt
+dies allerdings, wie das ja auch nicht anders sein konnte, die
+Einwirkung der griechischen Nachbarschaft und den beginnenden
+Assimilationsprozeß, dessen einzelne Phasen zu verfolgen die uns
+gebliebene oberflächliche Kunde nicht gestattet. Die keltischen Namen
+halten sich bis in die Zeit des Tiberius, nachher erscheinen sie nur
+vereinzelt in den vornehmen Häusern. Daß die Römer seit Einrichtung der
+Provinz wie in Gallien nur die lateinische, so in Galatien neben dieser
+nur die griechische Sprache im Geschäftsverkehr zuließen, versteht sich
+von selbst. Wie es früher damit gehalten ward, wissen wir nicht, da
+vorrömische Schriftmäler in dieser Landschaft überhaupt nicht begegnen.
+Als Umgangssprache hat die keltische sich auch in Asien mit Zähigkeit
+behauptet ^11; doch gewann allmählich das Griechische die Oberhand. Im
+vierten Jahrhundert war Ankyra eines der Hauptzentren der griechischen
+Bildung; “die kleinen Städte in dem griechischen Galatien”, sagt der
+bei Vorträgen für das gebildete Publikum grau gewordene Literat
+Themistios, “können sich ja freilich mit Antiocheia nicht messen; aber
+die Leute eignen die Bildung sich eifriger an als die richtigen
+Hellenen, und wo sich der Philosophenmantel zeigt, hängen sie an ihm
+wie das Eisen am Magnet.” Dennoch mag bis in eben diese Zeit,
+namentlich jenseits des Halys bei den offenbar viel später
+hellenisierten Trokmern ^12, sich in den niederen Kreisen die
+Volkssprache gehalten haben. Es ist schon erwähnt worden, daß nach dem
+Zeugnis des vielgewanderten Kirchenvaters Hieronymus noch am Ende des
+4. Jahrhunderts der asiatische Galater die gleiche, wenn auch
+verdorbene Sprache redete, welche damals in Trier gesprochen ward. Daß
+als Soldaten die Galater, wenn sie auch mit den Okzidentalen keinen
+Vergleich aushielten, doch weit brauchbarer waren als die griechischen
+Asiaten, dafür zeugt sowohl die Legion, welche König Deiotarus aus
+seinen Untertanen nach römischem Muster aufgestellt hatte und die
+Augustus mit dem Reiche übernahm und in die römische Armee unter dem
+bisherigen Namen einreihte, wie auch daß bei der orientalischen
+Rekrutierung der Kaiserzeit die Galater ebenso vorzugsweise
+herangezogen wurden wie im Okzident die Bataver ^13.
+
+——————————————————————————
+
+^10 Das berühmte Verzeichnis der der Gemeinde Ankyra gemachten
+Leistungen aus Tiberius’ Zeit (CIG 4039) bezeichnet die galatischen
+Gemeinden gewöhnlich mit έθνος, zuweilen mit πόλις. Später verschwindet
+jene Benennung; aber in der vollen Titulatur, zum Beispiel der
+Inschrift CIG 4011 aus dem zweiten Jahrhundert, führt Ankyra immer noch
+den Volksnamen: η μητρόπολις τής Γαλατίας Σεβαστή Τεκτωσάγων Άγκυρα.
+
+^11 Nach Pausanias (10, 36, 1) heißt bei den Γαλάται υπέρ Φρυγίας φωνή
+τή επιχωρίω σπίσιν die Scharlachbeere ύς; und Lukian (Alex. 51)
+berichtet von den Verlegenheiten des wahrsagenden Paphlagoniers, wenn
+ihm Συριστί ή Κελτιστί Fragen vorgelegt wurden und nicht gleich dieser
+Sprache kundige Leute zur Hand waren.
+
+^12 Wenn in dem Anm. 10 erwähnten Verzeichnis aus Tiberius’ Zeit die
+Spenden nur selten drei Völkern, meist zwei Völkern oder zwei Städten
+gegeben werden, so sind, wie G. Perrot (Exploration archéologique de la
+Galane et de la Bithynie. Paris 1862, S. 83) richtig bemerkt, die
+letzteren Ankyra und Pessinus und steht bei den Spenden hinter ihnen
+Tauion der Trokmer zurück. Vielleicht gab es damals bei diesen noch
+keine Ortschaft, die als Stadt gelten konnte.
+
+^13 Auch Cicero (Att. 6, S, 3) schreibt von seiner Armee in Kilikien:
+exercitum infirmum habebam, auxilia sane bona, sed ea Galatarum,
+Pisidarum, Lyciorum: haec enim sunt nostra robora.
+
+——————————————————————————
+
+Den außereuropäischen Hellenen gehören ferner noch die beiden großen
+Eilande des östlichen Mittelmeers Kreta und Kypros an sowie die
+zahlreichen des Inselmeers zwischen Griechenland und Kleinasien; auch
+die kyrenäische Pentapolis an der gegenüberliegenden afrikanischen
+Küste ist durch die umliegende Wüste von dem Binnenlande so geschieden,
+daß sie jenen griechischen Inseln einigermaßen gleichgestellt werden
+kann. Indes der allgemeinen geschichtlichen Auffassung fügen diese
+Elemente der ungeheuren, unter dem Szepter der Kaiser vereinigten
+Ländermasse wesentlich neue Züge nicht hinzu. Die kleineren Inseln,
+früher und vollständiger hellenisiert als der Kontinent, gehören ihrem
+Wesen nach mehr zum europäischen Griechenland als zum kleinasiatischen
+Kolonialgebiet; wie denn des hellenischen Musterstaats Rhodos bei jenem
+schon mehrfach gedacht worden ist. In dieser Epoche werden die Inseln
+hauptsächlich genannt, insofern es in der Kaiserzeit üblich ward,
+Männer aus den besseren Ständen zur Strafe nach denselben zu verbannen.
+Man wählte, wo der Fall besonders schwer war, die Klippen wie Gyaros
+und Donussa; aber auch Andros, Kythnos, Amorgos, einst blühende Zentren
+griechischer Kultur, waren jetzt Strafplätze, während in Lesbos und
+Samos nicht selten vornehme Römer und selbst Glieder des kaiserlichen
+Hauses freiwillig längeren Aufenthalt nahmen. Kreta und Kypros, deren
+alter Hellenismus unter der persischen Herrschaft oder auch in völliger
+Isolierung die Fühlung mit der Heimat verloren hatte, ordneten sich,
+Kypros als Dependenz Ägyptens, die kretischen Städte autonom, in der
+hellenistischen und später in der römischen Epoche nach den allgemeinen
+Formen der griechischen Politie. In den kyrenäischen Städten überwog
+das System der Lagiden; wir finden in ihnen nicht bloß, wie in den
+eigentlich griechischen, die hellenischen Bürger und Metöken, sondern
+es stehen neben beiden, wie in Alexandreia die Ägypter, die “Bauern”,
+das heißt die eingeborenen Afrikaner, und unter den Metöken bilden, wie
+ebenfalls in Alexandreia, die Juden eine zahlreiche und privilegierte
+Klasse.
+
+Den Griechen insgemein hat auch das römische Kaiserregiment niemals
+eine Vertretung gewährt. Die augustische Amphiktyonie beschränkte sich,
+wie wir sahen, auf die Hellenen in Achaia, Epirus und Makedonien. Wenn
+die hadrianischen Panhellenen in Athen sich als die Vertretung der
+sämtlichen Hellenen gerierten, so haben sie doch in die übrigen
+griechischen Provinzen nur insofern übergegriffen, als sie einzelnen
+Städten in Asia sozusagen das Ehren-Hellenentum dekretierten; und daß
+sie dies taten, zeigt erst recht, daß die auswärtigen Griechengemeinden
+in jene Panhellenen keineswegs einbegriffen sind. Wenn in Kleinasien
+von Vertretung oder Vertretern der Hellenen die Rede ist, so ist damit
+in den vollständig hellenisch geordneten Provinzen Asia und Bithynia
+der Landtag und der Landtagsvorsteher dieser Provinzen gemeint,
+insofern diese aus den Deputierten der zu einer jeden derselben
+gehörigen Städte hervorgehen und diese sämtlich griechische Politien
+sind ^14; oder es werden in der nichtgriechischen Provinz Galatien die
+neben dem galatischen Landtag stehenden Vertreter der in Galatien
+verweilenden Griechen als Griechenvorsteher bezeichnet ^15.
+
+——————————————————————————
+
+^14 Beschlüsse der επί τής Ασίας Έλληνες CIA 3487, 3957; ein Lykier
+geehrt υπό τού κοινού τών επί τής Ασίας Ελλήνων καί υπό τών εν Παμφυλία
+πόλεων O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884. Bd. 1, S.
+122; Schreiben an die Hellenen in Asia CIG 3832, 3833; ώ άνδρες
+Έλληνες, in der Anrede an den Landtag von Pergamon (Aristeid. or. p.
+517). Ein άρξας τού κοινού τών εν Βιθυνία Ελλήνων Perrot, Exploration,
+S. 32; Schreiben des Kaisers Alexander an dasselbe (dig. 49, 1, 25).
+Dio 51, 20: τοίς ξένοις, Έλληνας σφάς επικαλέσας, εαυτώ τινα, τοίς μέν
+Ασιανοίς εν Περγάμω, τοίς δέ Βιθυνοίς εν Νικομεδεία τεμενίσαι επέτρεψε.
+
+^15 Außer den Galatarchen (Marquardt, Staatsverwaltung. Bd. 1, S. 515)
+begegnen uns in Galatien noch unter Hadrian Helladarchen (BCH 7, 1883,
+S. 18), welche hier nur gefaßt werden können wie die Hellenarchen in
+Tanais.
+
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+Der städtischen Konföderation hatte die römische Regierung in
+Kleinasien keine Veranlassung, besondere Hindernisse entgegenzustellen.
+In römischer wie in vorrömischer Zeit haben neun Städte der Troas
+gemeinschaftlich religiöse Verrichtungen vollzogen und
+gemeinschaftliche Feste gefeiert ^16. Die Landtage der verschiedenen
+kleinasiatischen Provinzen, welche hier wie in dem gesamten Reich als
+feste Einrichtung von Augustus ins Leben gerufen sein werden, sind von
+denen der übrigen Provinzen an sich nicht verschieden. Doch hat diese
+Institution sich hier in eigenartiger Weise entwickelt oder vielmehr
+denaturiert. Mit dem nächsten Zweck dieser Jahresversammlungen der
+städtischen Deputierten einer jeden Provinz ^17, die Wünsche derselben
+dem Statthalter oder der Regierung zur Kenntnis zu bringen und
+überhaupt als Organ dieser Provinz zu dienen, verband sich hier zuerst
+die jährliche Festfeier für den regierenden Kaiser und das Kaisertum
+überhaupt: Augustus gestattete im Jahre 725 (29) den Landtagen von Asia
+und Bithynien an ihren Versammlungsorten Pergamon und Nikomedeia, ihm
+Tempel zu errichten und göttliche Ehre zu erweisen. Diese neue
+Einrichtung dehnte sich bald auf das ganze Reich aus, und die
+Verschmelzung der sakralen Institution mit der administrativen wurde
+ein leitender Gedanke der provinzialen Organisation der Kaiserzeit.
+Aber in Priester- und Festpomp und städtischen Rivalitäten hat diese
+Einrichtung doch nirgends sich so entwickelt wie in der Provinz Asia
+und analog in den übrigen kleinasiatischen Provinzen und nirgends also
+neben und über die munizipale sich eine provinziale Ambition mehr noch
+der Städte als der Individuen gestellt, wie sie in Kleinasien das
+gesamte öffentliche Leben beherrscht. Der von Jahr zu Jahr in der
+Provinz bestellte Hohepriester (αρχιερεύς) des neuen Tempels ist nicht
+bloß der vornehmste Würdenträger der Provinz, sondern es wird auch in
+der ganzen Provinz das Jahr nach ihm bezeichnet ^18. Das Fest- und
+Spielwesen nach dem Muster der olympischen Feier, welches bei den
+Hellenen allen, wie wir sahen, mehr und mehr um sich griff, knüpfte in
+Kleinasien überwiegend an die Feste und Spiele des provinzialen
+Kaiserkultus an. Die Leitung derselben fiel dem Landtagspräsidenten, in
+Asia dem Asiarchen, in Bithynien dem Bithyniarchen und so weiter zu,
+und nicht minder trug er hauptsächlich die Kosten des Jahrfestes,
+obwohl ein Teil derselben, wie die übrigen dieses so glänzenden wie
+loyalen Gottesdienstes, durch freiwillige Gaben und Stiftungen gedeckt
+oder auch auf die einzelnen Städte repartiert wurden. Daher waren diese
+Präsidenturen nur reichen Leuten zugänglich; die Wohlhabenheit der
+Stadt Tralleis wird dadurch bezeichnet, daß an Asiarchen - der Titel
+blieb auch nach Ablauf des Amtsjahrs - es nie daselbst fehle, die
+Geltung des Apostels Paulus in Ephesos durch seine Verbindung mit
+verschiedenen dortigen Asiarchen. Trotz der Kosten war dies eine viel
+umworbene Ehrenstellung, nicht wegen der daran geknüpften Privilegien,
+zum Beispiel der Befreiung von der Vormundschaft, sondern wegen ihres
+äußeren Glanzes; der festliche Einzug in die Stadt, im Purpurgewand und
+den Kranz auf dem Haupt, unter Vortritt der das Rauchfaß schwingenden
+Prozessionsknaben, war im Horizont der Kleinasiaten, was bei den
+Hellenen der Ölzweig von Olympia. Mehrfach rühmt sich dieser oder jener
+vornehme Asiate, nicht bloß selber Asiarch gewesen zu sein, sondern
+auch von Asiarchen abzustammen. Wenn sich dieser Kultus anfänglich auf
+die Provinzialhauptstädte beschränkte, so sprengte die munizipale
+Ambition, die namentlich in der Provinz Asia unglaubliche Verhältnisse
+annahm, sehr bald diese Schranken. Hier wurde schon im Jahre 23 dem
+damals regierenden Kaiser Tiberius sowie seiner Mutter und dem Senat
+ein zweiter Tempel von der Provinz dekretiert und nach langem Hader der
+Städte durch Beschluß des Senats in Smyrna errichtet. Die anderen
+größeren Städte folgten bei späteren Gelegenheiten nach ^19. Hatte bis
+dahin die Provinz wie nur einen Tempel, so auch nur einen Vorsteher und
+einen Oberpriester gehabt, so mußten jetzt nicht bloß so viele
+Oberpriester bestellt werden, als es Provinzialtempel gab, sondern es
+wurden auch, da die Leitung des Tempelfestes und die Ausrichtung der
+Spiele nicht dem Oberpriester, sondern dem Landesvorsteher zustand und
+es den rivalisierenden Großstädten hauptsächlich um die Feste und
+Spiele zu tun war, sämtlichen Oberpriestern zugleich der Titel und das
+Recht der Vorsteherschaft gegeben, so daß wenigstens in Asia die
+Asiarchie und das Oberpriestertum der Provinzialtempel zusammenfielen
+^20. Damit traten der Landtag und die bürgerlichen Geschäfte, von
+welchen die Institution ihren Ausgang genommen hatte, in den
+Hintergrund; der Asiarch war bald nichts mehr als der Ausrichter eines
+an die göttliche Verehrung der gewesenen und des gegenwärtigen Kaisers
+angeknüpften Volksfestes, weshalb dann auch die Gemahlin desselben, die
+Asiarchin, sich an der Feier beteiligen durfte und eifrig beteiligte.
+
+——————————————————————————————
+
+^16 Das συνέδριον τών εννέα δήμων (H. Schliemann, Troja. Leipzig 1883,
+S. 256) nennt sich anderswo Ιλιείς καί πόλεις αι κοινονούσαι τής θυσίας
+καί τοί αγώνος καί τής πανεγύρεως (daselbst, S. 254). Ein anderes
+Dokument desselben Bundes aus der Zeit des Antigonos bei J. G. Droysen,
+Geschichte des Hellenismus. 2. Aufl. Gotha 1877. Bd. 2, S. 382ff.
+Ebenso werden andere κοινά zu fassen sein, die auf einen engeren Kreis
+als die Provinz sich beziehen, wie das alte der dreizehn ionischen
+Städte, das der Lesbier (Marquardt, Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 516),
+das der Phrygier auf den Münzen von Apameia. Ihre magistratischen
+Präsidenten haben auch diese gehabt, wie denn kürzlich sich ein
+Lesbiarch gefunden hat (Marquardt, a. a.Ο.) und ebenso die mösischen
+Hellenen unter einem Pontarchen standen. Doch ist es nicht
+unwahrscheinlich, daß, wo der Archontat genannt wird, der Bund mehr ist
+als eine bloße Festgenossenschaft; die Lesbier sowohl wie die mösischen
+Fünfstädte mögen einen besonderen Landtag gehabt haben, dem diese
+Beamten vorstanden. Dagegen ist das κοινόν τού Υργαλέου πεδίου (W. M.
+Ramsay, Cities and bishoprics of Phrygia. Oxford 1895, S. 10), das
+neben mehreren δήμοι steht, eine des Stadtrechts entbehrende
+Quasi-Gemeinde.
+
+^17 Am deutlichsten tritt die Zusammensetzung der kleinasiatischen
+Landtage hervor in Strabons (14, 3, 3 p. 664) Bericht über die
+Lykiarchie und bei Aristeides’ (or. 26 p. 344) Erzählung seiner Wahl zu
+einem der asiatischen Provinzialpriestertümer.
+
+^18 Beispiele für Asia: CIG 3487; für Lykien: Benndorf, Reisen, Bd. 1,
+S. 71. Die lykische Bundesversammlung aber bezeichnet die Jahre nicht
+nach dem Archiereus, sondern nach dem Lykiarchen.
+
+^19 Tac. ann. 4, 15 u. 55. Die Stadt, welche einen von dem Landtag der
+Provinz (dem κοινόν τής Ασίας usw.) gewidmeten Tempel besitzt, fahrt
+deswegen das Ehrenprädikat der den (Kaiser-) Tempel hütenden”
+(νεωκόρος); und wenn eine deren mehrere aufzuweisen hat, wird die Zahl
+beigesetzt. Man kann an diesem Institut deutlich erkennen, wie der
+Kaiserkultus seine volle Ausbildung in Kleinasien erhalten hat. Der
+Sache nach ist das Neokorat allgemein, auf jede Gottheit und jede Stadt
+anwendbar; titular, als Ehrenbeiname der Stadt, begegnet es mit
+verschwindenden Ausnahmen allein in dem kleinasiatischen Kaiserkultus -
+nur einige griechische Städte der Nachbarprovinzen, wie Tripolis in
+Syrien, Thessalonike in Makedonien haben darin mitgemacht.
+
+^20 So wenig die ursprüngliche Verschiedenheit der Landtagspräsidentur
+und des provinzialen Oberpriestertums für den Kaiserkultus in Zweifel
+gezogen werden kann, so tritt doch nicht bloß bei jener der in Hellas,
+von wo die Organisation der κοινά überhaupt ausgeht, noch deutlich
+erkennbare magistratische Charakter des Vorstehers in Kleinasien völlig
+zurück, sondern es scheint hier in der Tat da, wo das κοινόν mehrere
+sakrale Mittelpunkte hat, der Ασιάρχης und der αρχιερεύς τής Ασίας sich
+verschmolzen zu haben. Die das bürgerliche Amt scharf akzentuierende
+Titulatur στρατηγός führt der Präsident des κοινόν in Kleinasien nie,
+auch άρξας τού κοινού (Anm. 14) oder τού έθνους (CIG 4380 k4 p. 1168)
+ist selten; die Komposita Ασιάρχης, Λυκιάρχης, analog dem Ελλαδάρχης
+von Achaia, sind schon zu Strabons Zeit die gebräuchliche Bezeichnung.
+Daß in den kleineren Provinzen, wie Galatien und Lykien der Archon und
+der Archiereus der Provinz getrennt geblieben sind, ist gewiß. Aber in
+Asien ist das Vorhandensein von Asiarchen für Ephesos und Smyrna
+inschriftlich festgestellt (Marquardt, Staatsverwaltung, Bd. 1, S.
+514), während es doch nach dem Wesen der Institution nur einen
+Asiarchen für die ganze Provinz geben konnte. Auch ist hier die
+Agonothesie des Archiereus beglaubigt (Galenus zum Hippokrates, usu.
+part. 18, 2 p. 567 Kühn: παρ' ημίν εν Περγάμω τών αρχιερέων τάς
+καλουμένας μονομαχίας επιτελούντων), während eben sie das Wesen des
+Asiarchats ist. Allem Anschein nach haben die Rivalitäten der Städte
+hier dahin geführt, daß, nachdem es mehrere von der Provinz gewidmete
+Kaisertempel in verschiedenen Städten gab, die Agonothesie dem
+effektiven Landtagspräsidenten genommen und dafür dem Oberpriester
+jedes Tempels der titulare Asiarchat und die Agonothesie übertragen
+ward. Dann erklärt sich auf den Münzen der dreizehn ionischen Städte
+(Mionnet, Bd. 3, 61, 1) der Ασιάρχης καί αρχιερεύς ιγ' πόλεων und kann
+auf ephesischen Inschriften derselbe Ti. Iulius Reginus bald Ασιάρχης
+β' ναών τών εν Εφέσω (Wood, Inscriptions from the great theatre, n.
+18), bald αρχιερεύς β' ναών τών εν Εφέσω (daselbst, n. 8, 14, ähnlich
+9) genannt werden. Nur auf diese Weise sind auch die Institutionen des
+vierten Jahrhunderts zu begreifen. Hier erscheint in jeder Provinz ein
+Oberpriester, in Asia mit dem Titel des Asiarchen, in Syrien mit dem
+des Syriarchen und so weiter. Wenn die Verschmelzung des Archon und des
+Archiereus in der Provinz Asia schon früher begonnen hatte, so lag
+nichts näher, als sie jetzt bei der Verkleinerung der Provinzen äberall
+in dieser Weise zu kombinieren.
+
+——————————————————————————————
+
+Auch eine praktische und in Kleinasien durch das hohe Ansehen dieser
+Institution gesteigerte Bedeutung mag das provinziale Oberpriestertum
+für den Kaiserkultus gehabt haben durch die damit verknüpfte religiöse
+Oberaufsicht. Nachdem der Landtag den Kaiserkultus einmal beschlossen
+und die Regierung eingewilligt hatte, folgten selbstverständlich die
+städtischen Vertretungen nach; in Asia hatten bereits unter Augustus
+wenigstens alle Vororte der Gerichtssprengel ihr Caesareum und ihr
+Kaiserfest ^21. Recht und Pflicht des Oberpriesters war es, in seinem
+Sprengel die Ausführung dieser provinzialen und munizipalen Dekrete und
+die Übung des Kultus zu überwachen; was dies zu bedeuten hatte,
+erläutert die Tatsache, daß der freien Stadt Kyzikos in Asia unter
+Tiberius die Autonomie unter anderem auch darum aberkannt ward, weil
+sie den dekretierten Bau des Tempels des Gottes Augustus hatte
+liegenlassen -vielleicht eben, weil sie als freie Stadt nicht unter dem
+Landtag stand. Wahrscheinlich hat sogar diese Oberaufsicht, obwohl sie
+zunächst dem Kaiserkultus galt, sich auf die Religionsangelegenheiten
+überhaupt erstreckt ^22. Als dann der alte und der neue Glaube im
+Reiche um die Herrschaft zu ringen begannen, ist deren Gegensatz wohl
+zunächst durch das provinziale Oberpriestertum zum Konflikt geworden.
+Diese aus den vornehmen Provinzialen von dem Landtag der Provinz
+bestellten Priester waren durch ihre Traditionen wie durch ihre
+Amtspflichten weit mehr als die Reichsbeamten berufen und geneigt, auf
+Vernachlässigung des anerkannten Gottesdienstes zu achten und, wo
+Abmahnung nicht half, da sie selber eine Strafgewalt nicht hatten, die
+nach bürgerlichem Recht strafbare Handlung bei den Orts- oder den
+Reichsbehörden zur Anzeige zu bringen und den weltlichen Arm zu Hilfe
+zu rufen, vor allem den Christen gegenüber die Forderungen des
+Kaiserkultus geltend zu machen. In der späteren Zeit schreiben die
+altgläubigen Regenten diesen Oberpriestern sogar ausdrücklich vor,
+selbst und durch die ihnen unterstellten städtischen Priester die
+Kontraventionen gegen die bestehende Glaubensordnung zu ahnden und
+weisen denselben genau die Rolle zu, welche unter den Kaisern des neuen
+Glaubens der Metropolit und seine städtischen Bischöfe einnehmen ^23.
+Wahrscheinlich hat hier nicht die heidnische Ordnung die christlichen
+Institutionen kopiert, sondern umgekehrt die siegende christliche
+Kirche ihr hierarchisches Rüstzeug dem feindlichen Arsenal entnommen.
+Alles dies galt, wie bemerkt, für das ganze Reich; aber die sehr
+praktischen Konsequenzen der provinzialen Regulierung des Kaiserkultus,
+die religiöse Aufsichtführung und die Verfolgung der Andersgläubigen,
+sind vorzugsweise in Kleinasien gezogen worden.
+
+—————————————————————————————
+
+^21 CIG 3902b.
+
+^22 Dion von Prusa (or. 35 p. 66 R.) nennt die Asiarchen und die
+analogen Archonten (ihre Agonothesie bezeichnet er deutlich, und auf
+sie führen auch die verdorbenen Worte τούς επονύμους τών δύο ηπείρων
+τής εσπέρας όλης, wofür wohl zu schreiben ist τής ετέρας όλης) τούς
+απάντων άρχοντας τών ιερέων. Es fehlt bekanntlich bei der Bezeichnung
+der Provinzialpriester fast stehend die ausdrückliche Beziehung auf den
+Kaiserkult; wenn sie in ihren Sprengeln die Rolle spielen sollten wie
+der Pontifex maximus in Rom, so hatte das seinen guten Grund.
+
+^23 Maximinus stellte zu diesem Zweck dem Oberpriester der einzelnen
+Provinz militärische Hilfe zur Verfügung (Eus. hist. eccl. 8, 14, 9);
+und der berühmte Brief Julians (epist. 49; vgl. epist. 63) an den
+damaligen Galatarchen gibt ein deutliches Bild der Obliegenheiten
+desselben. Er soll das ganze Religionswesen der Provinz beaufsichtigen;
+dem Statthalter gegenüber seine Selbständigkeit wahren, nicht bei ihm
+antichambrieren, ihm nicht gestatten mit militärischer Eskorte im
+Tempel aufzutreten, ihn nicht vor, sondern in dem Tempel empfangen,
+innerhalb dessen er der Herr und der Statthalter Privatmann ist; von
+den Unterstützungen, die die Regierung für die Provinz ausgeworfen hat
+(30000 Scheffel Getreide und 60000 Sextarien Wein) den fünften Teil an
+die in die Klientel der heidnischen Priester tretenden Armen spenden,
+das Übrige sonst zu mildtätigen Zwecken verwenden; in jeder Stadt der
+Provinz womöglich mit Beihilfe der Privaten Verpflegungshäuser
+(ξενοδοχεία) nicht bloß für Heiden, sondern für jedermann ins Leben
+rufen und den Christen nicht ferner das Monopol der guten Werke
+gestatten; die sämtlichen Priester der Provinz durch Beispiel und
+Ermahnung überhaupt zum gottesfürchtigen Wandel und zur Vermeidung des
+Besuchs der Theater und der Schenken anhalten und insbesondere zum
+fleißigen Besuch der Tempel mit ihrer Familie und ihrem Gesinde oder,
+wenn sie nicht zu bessern sind, sie absetzen. Es ist ein Hirtenbrief in
+bester Form, nur mit veränderter Adresse und mit Zitaten aus Homer
+statt aus der Bibel. So deutlich diese Anordnungen den Stempel des
+bereits zusammenbrechenden Heidentums an sich tragen und so gewiß sie
+in dieser Ausdehnung der früheren Epoche fremd sind, so erscheint doch
+das Fundament, die allgemeine Oberaufsicht des Oberpriesters der
+Provinz über das Kultwesen, keineswegs als eine neue Einrichtung.
+
+—————————————————————————————
+
+Neben dem Kaiserkultus fand auch die eigentliche Gottesverehrung in
+Kleinasien in bevorzugter Weise ihre Statt und namentlich alle ihre
+Auswüchse eine Freistatt. Das Unwesen der Asyle und der Wunderkuren
+hatte ganz besonders hier seinen Sitz. Unter Tiberius wurde die
+Beschränkung der ersteren vom römischen Senat angeordnet; der Heilgott
+Asklepios tat nirgends mehr und größere Wunder als in seiner
+vielgeliebten Stadt Pergamon, die ihn geradezu als Zeus Asklepios
+verehrte und ihre Blüte in der Kaiserzeit zum guten Teil ihm verdankte.
+Die wirksamsten Wundertäter der Kaiserzeit, der später kanonisierte
+Kappadokier Apollonios von Tyana, sowie der paphlagonische Drachenmann
+Alexandros von Abonuteichos sind Kleinasiaten. Wenn das allgemeine
+Verbot der Assoziationen, wie wir sehen werden, in Kleinasien mit
+besonderer Strenge durchgeführt ward, so wird die Ursache wohl
+hauptsächlich in den religiösen Verhältnissen zu suchen sein, die den
+Mißbrauch solcher Vereinigungen dort besonders nahelegten.
+
+Die öffentliche Sicherheit ruhte im wesentlichen auf dem Lande selbst.
+In der früheren Kaiserzeit stand, abgesehen von dem das östliche
+Kilikien einschließenden syrischen Kommando, in ganz Kleinasien nur ein
+Detachement von 5000 Mann Auxiliartruppen, die in der Provinz Galatien
+garnisonierten ^24, nebst einer Flotte von 40 Schiffen; es war dies
+Kommando bestimmt, teils die unruhigen Pisidier niederzuhalten, teils
+die nordöstliche Reichsgrenze zu decken und die Küste des Schwarzen
+Meeres bis zur Krim unter Aufsicht zu halten. Vespasian brachte diese
+Truppe auf den Stand eines Armeekorps von zwei Legionen und legte deren
+Stäbe in die Provinz Kappadokien an den oberen Euphrat. Außer diesen
+für die Grenzhut bestimmten Mannschaften gab es damals namhafte
+Garnisonen in Vorderasien nicht; in der kaiserlichen Provinz Lykien und
+Pamphylien zum Beispiel stand eine einzige Kohorte von 500 Mann, in den
+senatorischen Provinzen höchstens einzelne aus der kaiserlichen Garde
+oder aus den benachbarten Kaiserprovinzen zu speziellen Zwecken
+abkommandierte Soldaten ^25. Wenn dies einerseits für den inneren
+Frieden dieser Provinzen auf das nachdrücklichste zeugt und den
+ungeheuren Abstand der kleinasiatischen Bürgerschaften von den ewig
+unruhigen Hauptstädten Syriens und Ägyptens deutlich vor Augen führt,
+so erklärt es andererseits die schon in anderer Verbindung
+hervorgehobene Stabilität des Räuberwesens in dem durchaus gebirgigen
+und im Innern zum Teil öden Lande, namentlich an der
+mysisch-bithynischen Grenze und in den Bergtälern Pisidiens und
+Isauriens. Eigentliche Bürgerwehren gab es in Kleinasien nicht. Trotz
+des Florierens der Turnanstalten für Knaben, Jünglinge und Männer
+blieben die Hellenen dieser Zeit in Asia so unkriegerisch wie in Europa
+^26. Man beschränkte sich darauf, für die Aufrechterhaltung der
+öffentlichen Sicherheit städtische Eirenarchen, Friedensmeister, zu
+kreieren und ihnen eine Anzahl zum Teil berittener städtischer
+Gendarmen zur Verfügung zu stellen, gedungene Mannschaften von geringem
+Ansehen, welche aber doch brauchbar gewesen sein müssen, da Kaiser
+Marcus es nicht verschmähte, bei dem bitteren Mangel an gedienten
+Leuten während des Markomannenkrieges diese kleinasiatischen
+Stadtsoldaten in die Reichstruppen einzureihen ^27.
+
+————————————————————————-
+
+^24 Diese Truppe kann nach der Stellung bei Josephus (bel. Iud. 2,16,
+4) zwischen den nicht mit Garnison belegten Provinzen Asia und
+Kappadokien nur auf Galatien bezogen werden. Natürlich gab sie auch die
+Detachements, welche in den abhängigen Gebieten am Kaukasus standen,
+damals -unter Nero- wie es scheint, auch die auf dem Bosporus selbst
+stehenden, wobei freilich auch das mösische Korps beteiligt war.
+
+^25 Prätorianer stationaribus Ephesi: Eph. epigr. IV, n. 70. Ein Soldat
+in statione Nicomedensi: Plin. ep. ad Trai. 74. Ein Legionarcenturio in
+Byzantium: daselbst 77, 78.
+
+^26 In dem kleinasiatischen Munizipalwesen kommt alles vor, nur nicht
+das Waffenwesen. Der smyrnäische στρατηγός επί τών όπλων ist natürlich
+eine Reminiszenz so gut wie der Kultus des Herakles οπλοφύλαξ (CIG
+3162).
+
+^27 Der Eirenarch von Smyrna sendet, um den Polykarpos zu verhaften,
+diese Gendarmen aus: εξήλθων διογμίται καί ιππείς μετά τών συνήθων
+αυτοίς όπλων, ως επί ληστήν τρέχοντες (Acta mart., S. 39). Daß sie
+nicht die eigentliche soldatische Rüstung hatten, wird auch sonst
+bemerkt (Amm. 27, 9, 6: adbibitis semiermibus quibusdam - gegen die
+Isaurer - quos diogmitas appellaut). Von ihrer Verwendung im
+Markomannenkrieg berichtet der Biograph des Marcus c. 26: armavit et
+diogmitas und die Inschrift von Aezani in Phrygien CIG 3031 a 8 =
+Lebas-Waddington 992: παρασχών τώ κυρω Καίσαρι σύμμαχον διωγμείτην παρ'
+εαυτού.
+
+————————————————————————-
+
+Die Justizpflege sowohl der städtischen Behörden wie der Statthalter
+ließ auch in dieser Epoche vieles zu wünschen übrig; doch bezeichnet
+das Eintreten der Kaiserherrschaft darin eine Wendung zum Besseren. Das
+Eingreifen der Reichsgewalt hatte unter der Republik sich auf die
+strafrechtliche Kontrolle der Reichsbeamten beschränkt und diese
+besonders in späterer Zeit schwächlich und parteiisch geübt oder
+vielmehr nicht geübt. Jetzt wurden nicht bloß in Rom die Zügel schärfer
+angezogen, indem die strenge Beaufsichtigung der eigenen Beamten von
+dem einheitlichen Militärregiment unzertrennlich war und auch der
+Reichssenat zu schärferer Überwachung der Amtspflege seiner Mandatare
+veranlaßt wurde, sondern es wurde jetzt möglich, die Mißgriffe der
+Provinzialgerichte im Wege der neu eingeführten Appellation zu
+beseitigen oder auch, wo unparteiisches Gericht in der Provinz nicht
+erwartet werden konnte, den Prozeß nach Rom vor das Kaisergericht zu
+ziehen ^28. Beides kam auch den senatorischen Provinzen zugute und ist
+allem Anschein nach überwiegend als Wohltat empfunden worden.
+
+—————————————————————————————-
+
+^28 In Knidos (BCH 7, 1883, S. 62) hatten im Jahre 741/42 (13/12)
+einige, wie es scheint, angesehene Bürger das Haus eines ihnen
+persönlich Verfeindeten drei Nächte hindurch gestürmt; bei der Abwehr
+hatte einer der Sklaven des belagerten Hauses durch ein aus dem Fenster
+geworfenes Gefäß den einen der Angreifer getötet. Die Besitzer des
+belagerten Hauses wurden darauf des Totschlags angeklagt,
+perhorreszierten aber, da sie die öffentliche Meinung gegen sich
+hatten, das städtische Gericht und verlangten die Entscheidung durch
+den Spruch des Kaisers Augustus. Dieser ließ die Sache durch einen
+Kommissar untersuchen und sprach die Angeklagten frei, wovon er die
+Behörde in Knidos in Kenntnis setzte mit der Bemerkung, daß sie die
+Angelegenheit nicht unparteiisch behandelt hätten, und sie anwies, sich
+nach seinem Spruche zu verhalten. Das ist allerdings, da Knidos eine
+freie Stadt war, ein Eingreifen in deren souveräne Rechte, wie auch in
+Athen Appellation an den Kaiser und sogar an den Prokonsul in
+hadrianischer Zeit statthaft war. Aber wer die Justizverhältnisse einer
+Griechenstadt dieser Epoche und dieser Stellung erwägt, wird nicht
+zweifeln, daß durch derartiges Eingreifen wohl mancher ungerechte
+Spruch veranlaßt, aber viel häufiger ein solcher verhindert ward.
+
+—————————————————————————————-
+
+Wie bei den Hellenen Europas, so ist in Kleinasien die römische Provinz
+wesentlich ein Komplex städtischer Gemeinden. Wie in Hellas werden auch
+hier die überkommenen Formen der demokratischen Politie im allgemeinen
+festgehalten, die Beamten zum Beispiel auch ferner von den
+Bürgerschaften gewählt, überall aber der bestimmende Einfluß in die
+Hände der Begüterten gelegt und dem Belieben der Menge so wie dem
+ernstlichen politischen Ehrgeiz kein Spielraum gestattet. Unter den
+Beschränkungen der munizipalen Autonomie ist den kleinasiatischen
+Städten eigentümlich, daß den schon erwähnten Eirenarchen, den
+städtischen Polizeimeister, späterhin der Statthalter aus einer von dem
+Rat der Stadt aufgestellten Liste von zehn Personen ernannte. Die
+Regierungskuratel der städtischen Finanzverwaltung, die kaiserliche
+Bestellung eines nicht der Stadt selbst angehörigen Vermögenspflegers
+(curator rei publicae, λογιστής), dessen Konsens die städtischen
+Behörden bei wichtigeren Vermögenshandlungen einzuholen haben, ist
+niemals allgemein, sondern nach Bedürfnis für diese oder jene Stadt
+angeordnet worden, in Kleinasien aber entsprechend der Bedeutung seiner
+städtischen Entwicklung besonders früh, das heißt seit dem Anfang des
+2. Jahrhunderts, und besonders umfassend eingetreten. Wenigstens im 3.
+Jahrhundert mußten auch hier wie anderswo sonstige wichtige Beschlüsse
+der Gemeindeverwaltung dem Statthalter zur Bestätigung unterbreitet
+werden. Uniformierung der Gemeindeverfassung hat die römische Regierung
+nirgends und am wenigsten in den hellenischen Landschaften
+durchgeführt; auch in Kleinasien herrschte darin große Mannigfaltigkeit
+und vermutlich vielfach das Belieben der einzelnen Bürgerschaften,
+obwohl für die derselben Provinz angehörigen Gemeinden das eine jede
+Provinz organisierende Gesetz allgemeine Normen vorschrieb. Was der Art
+von Institutionen als in Kleinasien verbreitet und vorherrschend diesem
+Landesteil eigentümlich angesehen werden kann, trägt keinen politischen
+Charakter, sondern ist nur etwa für die sozialen Verhältnisse
+bezeichnend, wie die über ganz Kleinasien verbreiteten Verbände teils
+der älteren, teils der jüngeren Bürger, die Gerusia und die Neoi,
+Ressourcen für die beiden Altersklassen mit entsprechenden Turnplätzen
+und Festen ^29. Autonome Gemeinden gab es in Kleinasien von Haus aus
+bei weitem weniger als in dem eigentlichen Hellas, und namentlich die
+bedeutendsten kleinasiatischen Städte haben diese zweifelhafte
+Auszeichnung niemals gehabt oder doch früh verloren, wie Kyzikos unter
+Tiberius, Samos durch Vespasian. Kleinasien war eben altes
+Untertanengebiet und unter den persischen wie unter den hellenischen
+Herrschern an monarchische Ordnung gewöhnt; weniger als in Hellas
+führte hier unnützes Erinnern und unklares Hoffen hinaus über den
+beschränkten munizipalen Horizont der Gegenwart, und nicht vieles der
+Art störte den friedlichen Genuß des unter den bestehenden
+Verhältnissen möglichen Lebensglückes.
+
+———————————————————————
+
+^29 Die in kleinasiatischen Inschriften oft erwähnte Gerusia hat mit
+der von Lysimachos in Ephesos getroffenen gleichnamigen politischen
+Einrichtung (Strab. 14, 1, 21 p. 640; Wood, Ephesus. Inscriptions from
+the temple of Diana, n. 19) nichts weiter gemein; den Charakter
+derselben in römischer Zeit bezeichnet teils Vitruvius (2, 8, 10):
+Croesi (damum) Sardiani civibus ad requiescendum aetatis otio seniorum
+collegio gerusiam dedicaverunt, teils die in der lykischen Stadt Sidyma
+kürzlich gefundene Inschrift (Benndorf, Reisen, Bd. 1, S. 71), wonach
+Rat und Volk beschließen, wie das Gesetz es fordert, eine Gerusia
+einzurichten und in diese 50 Buleuten und 50 andere Bürger einzuwählen,
+welche dann einen Gymnasiarchen der neuen Gerusia bestellen. Dieser
+auch sonst begegnende Gymnasiarch sowie der Hymnode der Gerusia
+(Menadier, Qua condicione Ephesii usi sint, p. 51) sind unter den uns
+bekannten Ämtern dieser Körperschaft die einzigen für ihre
+Beschaffenheit charakteristischen. Analog, aber weniger angesehen, sind
+die Kollegien der νέοι die auch ihre eigenen Gymnasiarchen haben. Zu
+den beiden Aufsehern der Turnplätze für die erwachsenen Bürger machen
+den Gegensatz die Gymnasiarchen der Epheben (Menadier, p. 91).
+Gemeinschaftliche Mahlzeiten und Feste (auf die der Hymnode sich
+bezieht) fehlten natürlich namentlich bei der Gerusia nicht. Sie ist
+keine Armenversorgung, aber auch kein der munizipalen Aristokratie
+reserviertes Kollegium charakteristisch für die Weise des bürgerlichen
+Verkehrs der Griechen, bei welchen der Turnplatz etwa ist, was in
+unseren kleinen Städten die Bürgercasinos.
+
+———————————————————————
+
+Solchen Lebensglückes gab es in Kleinasien unter dem römischen
+Kaiserregiment die Fülle. “Keine Provinz von allen”, sagt ein in Smyrna
+unter den Antoninen lebender Schriftsteller, “hat so viele Städte
+aufzuweisen wie die unsrige und keine solche wie unsere größten. Ihr
+kommen zugute die reizende Gegend, die Gunst des Klimas, die
+mannigfaltigen Produkte, die Lage im Mittelpunkt des Reiches, ein Kranz
+ringsum befriedeter Völker, die gute Ordnung, die Seltenheit der
+Verbrechen, die milde Behandlung der Sklaven, die Rücksicht und das
+Wohlwollen der Herrscher.” Asia hieß, wie schon gesagt ward, die
+Provinz der fünfhundert Städte, und wenn das wasserlose, zum Teil nur
+zur Weide geeignete Binnenland Phrygiens, Lykaoniens, Galatiens,
+Kappadokiens auch in jener Zeit nur dünn bevölkert war, stand die
+übrige Küste hinter Asia nicht weit zurück. Die dauernde Blüte der
+kulturfähigen Landschaften Kleinasiens erstreckt sich nicht bloß auf
+die Städte glänzenden Namens, wie Ephesos, Smyrna, Laodikeia, Apameia;
+wo immer ein von der Verwüstung der anderthalb Jahrtausende, die uns
+von jener Zeit trennen, vergessener Winkel des Landes sich der
+Forschung erschließt, da ist das erste und das mächtigste Gefühl das
+Entsetzen, fast möchte man sagen die Scham über den Kontrast der
+elenden und jammervollen Gegenwart mit dem Glück und dem Glanz der
+vergangenen Römerzeit. Auf einer abgelegenen Bergspitze unweit der
+lykischen Küste, da, wo nach der griechischen Fabel die Chimaera
+hauste, lag das alte Kragos, wahrscheinlich nur aus Balken und
+Lehmziegeln gebaut und darum spurlos verschwunden bis auf die
+zyklopische Festungsmauer am Fuß des Hügels. Unter der Kuppe breitet
+ein anmutiges fruchtbares Tal sich aus, mit frischer Alpenluft und
+südlicher Vegetation, umgeben von Wald- und wildreichen Bergen. Als
+unter Kaiser Claudius Lykien Provinz ward, verlegte die römische
+Regierung die Bergstadt, das “grüne Kragos” des Horaz, in diese Ebene;
+auf dem Marktplatz der neuen Stadt Sidyma stehen noch die Reste des
+viersäuligen, dem Kaiser damals gewidmeten Tempels und einer
+stattlichen Säulenhalle, welche ein von dort gebürtiger, als Arzt zu
+Vermögen gelangter Bürger in seiner Vaterstadt baute. Statuen der
+Kaiser und verdienter Mitbürger schmückten den Markt; es gab in der
+Stadt einen Tempel ihrer Schutzgötter, der Artetuis und des Apollon,
+Bäder, Turnanstalten (γυμνάσια) für die ältere wie für die jüngere
+Bürgerschaft; von den Toren zogen sich an der Hauptstraße, die steil am
+Gebirge hinab nach dem Hafen Kalabatia führte, zu beiden Seiten Reihen
+hin von steinernen Grabmonumenten, stattlicher und kostbarer als die
+Pompeiis und großenteils noch aufrecht, während die vermutlich wie die
+der Altstadt aus vergänglichem Material gebauten Häuser verschwunden
+sind. Auf den Stand und die Art der einstmaligen Bewohner gestattet
+einen Schluß ein kürzlich dort aufgefundener, wahrscheinlich unter
+Commodus gefaßter Gemeindebeschluß über die Konstituierung der
+Ressource für die älteren Bürger; dieselbe wurde zusammengesetzt aus
+hundert zur Hälfte dem Stadtrat, zur Hälfte der übrigen Bürgerschaft
+entnommenen Mitgliedern, darunter nicht mehr als drei Freigelassene und
+ein Bastardkind, alle übrigen in rechter Ehe erzeugt und zum Teil
+nachweislich alten und wohlhabenden Bürgerhäusern angehörig. Einzelne
+dieser Familien sind zum römischen Bürgerrecht gelangt, eine sogar in
+den Reichssenat. Aber auch im Ausland blieb dieses senatorische Haus
+sowohl wie verschiedene aus Sidyma gebürtige auswärts und selbst am
+kaiserlichen Hof beschäftigte Ärzte der Heimat eingedenk, und mehrere
+derselben haben ihr Leben daselbst beschlossen; einer dieser
+angesehenen Stadtbürger hat in einem nicht gerade vortrefflichen, aber
+sehr gelehrten und sehr patriotischen Elaborat die Legenden der Stadt
+und die sie betreffenden Weissagungen zusammengefaßt und diese
+Memorabilien öffentlich aufstellen lassen. Dies Kragos-Sidyma stimmte
+auf dem Landtag der kleinen lykischen Provinz nicht unter den Städten
+erster Klasse, war ohne Theater, ohne Ehrentitel und ohne jene
+allgemeinen Feste, die in der damaligen Welt die Großstadt bezeichnen,
+auch nach der Auffassung der Alten eine kleine Provinzialstadt und
+durchaus eine Schöpfung der römischen Kaiserzeit. Aber im ganzen
+Vilajet Aidin ist heute kein Binnenort, der für zivilisierte Existenz
+auch nur entfernt diesem Bergstädtchen, wie es war, an die Seite
+gestellt werden könnte. Was in diesem abgeschiedenen Fleck noch heute
+leben dig vor Augen steht, das ist in einer ungezählten Menge anderer
+Städte unter der verwüstenden Menschenhand bis auf geringe Reste oder
+auch spurlos verschwunden. Einen gewissen Überblick dieser Fülle
+gewährt die den Städten in Kupfer freigegebene Münzprägung der
+Kaiserzeit: keine Provinz kann in der Zahl der Münzstätten und der
+Mannigfaltigkeit der Darstellungen sich auch nur von weitem mit Asia
+messen.
+
+Freilich fehlt diesem Aufgehen aller Interessen in der heimatlichen
+Kleinstadt die Kehrseite so wenig in Kleinasien wie bei den
+europäischen Griechen. Was über deren Gemeindeverwaltung gesagt ist,
+gilt in der Hauptsache auch hier. Der städtischen Finanzwirtschaft, die
+sich ohne rechte Kontrolle weiß, fehlt Stetigkeit und Sparsamkeit und
+oft selbst die Ehrlichkeit; bei den Bauten werden bald die Kräfte der
+Stadt überschritten, bald auch das Nötigste unterlassen; die kleineren
+Bürger gewöhnen sich an die Spenden der Stadtkasse oder der vermögenden
+Leute, an das freie Öl in den Bädern, an Bürgerschmäuse und
+Volksbelustigungen aus fremder Tasche, die guten Häuser an die Klientel
+der Menge mit ihren demütigen Huldigungen, ihren Bettelintrigen, ihren
+Spaltungen; Rivalitäten bestehen wie zwischen Stadt und Stadt, so in
+jeder Stadt zwischen den einzelnen Kreisen und den einzelnen Häusern;
+die Bildung von Armenvereinen und von freiwilligen Feuerwehren, wie sie
+im Okzident überall bestanden, wagt die Regierung in Kleinasien nicht
+einzuführen, weil das Faktionswesen hier sich jeder Assoziation sofort
+bemächtigt. Der stille See wird leicht zum Sumpf, und das Fehlen des
+großen Wellenschlags der allgemeinen Interessen ist auch in Kleinasien
+deutlich zu spüren.
+
+Kleinasien, insbesondere Vorderasien, war eines der reichsten Gebiete
+des großen Römerstaats. Wohl hatte das Mißregiment der Republik, die
+dadurch hervorgerufenen Katastrophen der mithradatischen Zeit, dann das
+Piratenunwesen, endlich die vieljährigen Bürgerkriege, welche
+finanziell wenige Provinzen so schwer betroffen hatten wie diese, die
+Vermögensverhältnisse der Gemeinden und der Einzelnen daselbst so
+vollständig zerrüttet, daß Augustus zu dem äußersten Mittel der
+Niederschlagung aller Schuldforderungen griff; auch machten mit
+Ausnahme der Rhodier alle Asiaten von diesem gefährlichen Heilmittel
+Gebrauch. Aber das wiedereintretende Friedensregiment glich vieles aus.
+Nicht überall - die Inseln des Ägäischen Meers zum Beispiel haben sich
+nie seitdem wieder erholt -, aber in den meisten Orten waren, schon als
+Augustus starb, die Wunden wie die Heilmittel vergessen, und in diesem
+Zustand blieb das Land drei Jahrhunderte bis auf die Epoche der
+Gotenkriege. Die Summen, zu welchen die Städte Kleinasiens angesetzt
+waren und die sie selbst, allerdings unter Kontrolle des Statthalters,
+zu repartieren und aufzubringen hatten, bildeten eine der bedeutendsten
+Einnahmequellen der Reichskasse. Wie die Steuerlast sich zu der
+Leistungsfähigkeit der Besteuerten verhielt, vermögen wir nicht zu
+konstatieren; eigentliche dauernde Überbürdung aber verträgt sich nicht
+mit den Zuständen, in denen wir das Land bis gegen die Mitte des 3.
+Jahrhunderts finden. Mehr vielleicht noch die Schlaffheit des Regiments
+als absichtliche Schonung mag die fiskalische Beschränkung des Verkehrs
+und die nicht bloß für den Besteuerten unbequeme Anziehung der
+Steuerschraube in Schranken gehalten haben. Bei großen Kalamitäten,
+namentlich bei den Erdbeben, welche unter Tiberius zwölf blühende
+Städte Asias, vor allem Sardes, unter Pius eine Anzahl karischer und
+lykischer und die Inseln Kos und Rhodos entsetzlich heimsuchten, trat
+die Privat- und vor allem die Reichshilfe mit großartiger Freigebigkeit
+ein und spendete den Kleinasiaten den vollen Segen des Großstaats, die
+Samtverbürgung aller für alle. Der Wegebau, den die Römer bei der
+ersten Einrichtung der Provinz Asia durch Manius Aquillius in Angriff
+genommen hatten, ist in der Kaiserzeit in Kleinasien nur da ernstlich
+gefördert worden, wo größere Besatzungen standen, namentlich in
+Kappadokien und dem benachbarten Galatien, seit Vespasian am mittleren
+Euphrat Legionslager eingerichtet hatte ^30. In den übrigen Provinzen
+ist dafür nicht viel geschehen, zum Teil ohne Zweifel in Folge der
+Schlaffheit des senatorischen Regiments; wo immer hier Wege von
+Staatswegen gebaut wurden, geschah es auf kaiserliche Anordnung ^31.
+
+————————————————————————————
+
+^30 Die Meilensteine beginnen hier mit Vespasian (CIL III, 306) und
+sind seitdem zahlreich namentlich von Domitian bis auf Hadrian.
+
+^31 Am deutlichsten zeigen dies die in der Senatsprovinz Bithynien
+unter Nero und Vespasian durch den kaiserlichen Prokurator ausgeführten
+Wegebauten (CIL III, 346; Eph. epigr. V, n. 96). Aber auch bei den
+Wegebauten in den senatorischen Provinzen Asia und Kypros wird der
+Senat nie genannt, und es wird dafür dasselbe angenommen werden dürfen.
+Im dritten Jahrhundert ist hier wie überall der Bau auch der
+Reichsstraßen auf die Kommunen übergegangen (Smyrna: CIL III, 471;
+Thyateira: BCH 1, 1877, S. 101; Paphos: CIL III, 218).
+
+————————————————————————————
+
+Diese Blüte Kleinasiens ist nicht das Werk einer Regierung von
+überlegener Einsicht und energischer Tatkraft. Die politischen
+Einrichtungen, die gewerblichen und kommerziellen Anregungen, die
+literarische und künstlerische Initiative gehören in Kleinasien
+durchaus den alten Freistädten oder den Attaliden. Was die römische
+Regierung dem Lande gegeben hat, war wesentlich der dauernde
+Friedensstand und die Duldung des Wohlstandes im Innern, die
+Abwesenheit derjenigen Regierungsweisheit, die jedes gesunde Paar Arme
+und jedes ersparte Geldstück betrachtet als ihren unmittelbaren Zwecken
+von Rechts wegen verfallen - negative Tugenden keineswegs
+hervorragender Persönlichkeiten, aber oftmals dem gemeinen Gedeihen
+ersprießlicher als die Großtaten der selbstgesetzten Vormünder der
+Menschheit.
+
+Der Wohlstand Kleinasiens beruhte in schönem Gleichgewicht ebenso auf
+der Bodenkultur wie auf der Industrie und dem Handel. Die Gunst der
+Natur ist insbesondere den Küstenlandschaften in reichstem Maße zuteil
+geworden, und vielfach zeigt es sich, mit wie emsigem Fleiß auch unter
+schwierigeren Verhältnis sen, zum Beispiel in dem felsigen Tal des
+Eurymedon in Pamphylien von den Bürgern von Selge, jedes irgend
+brauchbare Bodenstück ausgenutzt ward. Die Erzeugnisse der
+kleinasiatischen Industrie sind zu zahlreich und zu mannigfaltig, um
+bei den einzelnen zu verweilen ^32; erwähnt mag werden, daß die
+ungeheuren Triften des Binnenlandes mit ihren Schaf- und Ziegenherden
+Kleinasien zum Hauptland der Wollindustrie und der Weberei überhaupt
+gemacht haben - es genügt zu erinnern an die milesische und die
+galatische, das ist die Angorawolle, die attalischen Goldstickereien,
+die nach nervischer, das heißt flandrischer Art in den Fabriken des
+phrygischen Laodikeia gefertigten Tuche. Daß in Ephesos fast ein
+Aufstand ausgebrochen wäre, weil die Goldschmiede von dem neuen
+Christenglauben Beschädigung ihres Absatzes von Heiligenbildern
+befürchteten, ist bekannt. In Philadelpheia, einer bedeutenden Stadt
+Lydiens, kennen wir von den sieben Quartieren die Namen zweier: es sind
+die der Wollenweber und der Schuster. Wahrscheinlich tritt hier zu
+Tage, was bei den übrigen Städten unter älteren und vornehmeren Namen
+sich versteckt, daß die bedeutenderen Städte Asias durchgängig nicht
+bloß eine Menge Handwerker, sondern auch eine zahlreiche
+Fabrikbevölkerung in sich schlossen. Der Geld- und Handelsverkehr ruhte
+in Kleinasien hauptsächlich auf der eigenen Produktion. Der große
+ausländische Import und Export Syriens und Ägyptens war hier in der
+Hauptsache ausgeschlossen, wenn auch aus den östlichen Ländern
+mancherlei Artikel, zum Beispiel durch die galatischen Händler eine
+beträchtliche Zahl von Sklaven nach Kleinasien eingeführt wurden ^33.
+Aber wenn die römischen Kaufleute hier, wie es scheint, in jeder großen
+und kleinen Stadt, selbst in Orten wie Ilion und Assos in Mysien,
+Prymnessos und Traianopolis in Phrygien, in solcher Zahl zu finden
+waren, daß ihre Vereine neben der Stadtbürgerschaft bei öffentlichen
+Akten sich zu beteiligen pflegen; wenn in Hierapolis im phrygischen
+Binnenland ein Fabrikant (εργαστής) auf sein Grab schreiben ließ, daß
+er zweiundsiebzigmal in seinem Leben um Kap Malea nach Italien gefahren
+sei, und ein römischer Dichter den Kaufmann der Hauptstadt schildert,
+welcher nach dem Hafen eilt, um den Geschäftsfreund aus dem nicht weit
+von Hierapolis entfernten Kibyra nicht in die Hände von Konkurrenten
+fallen zu lassen, so öffnet sich damit ein Einblick in ein reges
+gewerbliches und kaufmännisches Treiben nicht bloß in den Höfen. Von
+dem stetigen Verkehr mit Italien zeugt auch die Sprache; unter den in
+Kleinasien gangbar gewordenen lateinischen Wörtern rühren nicht wenige
+aus solchem Verkehr her, wie denn in Ephesos sogar die Gilde der
+Wollenweber sich lateinisch benennt ^34. Lehrer aller Art und Ärzte
+kamen nach Italien und den übrigen Ländern lateinischer Zunge
+vorzugsweise von hier und gewannen nicht bloß oftmals bedeutendes
+Vermögen, sondern brachten dies auch in ihre Heimat zurück; unter
+denen, welchen die Städte Kleinasiens Bauwerke oder Stiftungen
+verdanken, nehmen die reich gewordenen Ärzte ^35 und Literaten einen
+hervorragenden Platz ein. Endlich die Auswanderung der großen Familien
+nach Italien hat Kleinasien weniger und später betroffen als den
+Okzident; aus Vienna und Narbo siedelte man leichter nach der
+Hauptstadt des Reiches über als aus den griechischen Städten, und auch
+die Regierung war in früherer Zeit nicht eben geneigt, die vornehmen
+Munizipalen Kleinasiens an den Hof zu ziehen und sie in die römische
+Aristokratie einzuführen.
+
+—————————————————————————-
+
+^32 Die Christen des Küstenstädtchens Korykos im Rauhen Kilikien
+pflegten, gegen den allgemeinen Gebrauch, ihren Grabschriften
+regelmäßig den Stand beizusetzen. Auf den dort von Langlois und
+neuerdings von Duchesne (BCH 7,1883, S. 230f.) aufgenommenen
+Grabschriften finden sich ein Schreiber (νοτάριος), ein Weinhändler
+(οινέμπορος) zwei Φlhändler (ελεοπώλης) ein Gemüsehändler
+(λαχανοπώλης), ein Fruchthändler (οπωροπώλης), zwei Krämer (κάπηλος),
+fünf Goldschmiede (αυράριος dreimal, χρυσόχοος zweimal), wovon einer
+auch Presbyter ist, vier Kupferschmiede (χαλκότυπος einmal, χαλκεύς
+dreimal), zwei Instrumentenmacher (αρμενοράφος), fünf Töpfer
+(κεραμεύς), von denen einer als Arbeitgeber (εργοδότης) bezeichnet
+wird, ein anderer zugleich Presbyter ist ein Kleiderhändler
+(ιματιοπώλης) zwei Leinwandhändler (λινοπώλης)drei Weber (οθονιακός),
+ein Wollarbeiter (ερεουργός), zwei Schuster (καλιγάριος, καλτάριος),
+ein Kürschner (ινιοράφος, wohl für ηνιοράφος, pellio), ein Schiffer
+(ναύκληρος), eine Hebamme (ιατρινή); ferner ein Gesamtgrab der
+hochansehnlichen Geldwechsler (σύσστεμα τών ευγενεστάτων τραπεζιτών).
+So sah es daselbst im 5. und 6. Jahrhundert aus.
+
+^33 Dieser für das 4. Jahrhundert bezeugte Verkehr (Amm. 22, 7 8;
+Claudianus in Eutr. 1, 59) ist ohne Zweifel älter. Anderer Art ist es,
+daß, wie Philostratos (Vita Apoll. 8, 7, 12) angibt, die nicht
+griechischen Bewohner von Phrygien ihre Kinder an die Sklavenhändler
+verkauften.
+
+^34 Συνεργασία τών λαναρίων (Wood, Ephesus. City, n. 4). Auch auf den
+Inschriften von Korykos (Anm. 32) sind lateinische
+Handwerkerbenennungen häufig. Die Stufe heißt γράδος den phrygischen
+Inschriften CIG 3900, 39021.
+
+^35 Einer von diesen ist Xenophon, des Herakleitos Sohn, von Kos,
+bekannt aus Tacitus (ann. 12, 61. 67) und Plinius (nat. 29,1, 7) und
+einer Reihe von Denkmälern seiner Heimat (BCH 5, 1881, S. 468). Als
+Leibarzt (αρχιατρός, welcher Titel hier zuerst begegnet) des Kaisers
+Claudius gewann er solchen Einfluß, daß er mit seiner ärztlichen
+Tätigkeit die einflußreiche Stellung des kaiserlichen Kabinettssekretär
+für die griechische Korrespondenz verband (επί τών Ελληνικάν
+αποκριμάτων vgl. Suidas unter Διονύσιος Αλεξάνδρευς) und nicht bloß für
+seinen Bruder und Oheim das römische Bürgerrecht und Offiziersteilen
+von Ritterrang und für sich außer dem Ritterpferd und dem Offiziersrang
+noch die Dekoration des Goldkranzes und des Speers bei dem
+britannischen Triumph erwirkte, sondern auch für seine Heimat die
+Steuerfreiheit. Sein Grabmal steht auf der Insel, und seine dankbaren
+Landsleute setzten ihm und den Seinigen Statuen und schlugen zu seinem
+Gedächtnis Münzen mit seinem Bildnis. Er ist es, der den todkranken
+Claudius durch weitere Vergiftung umgebracht haben soll und demgemäß,
+als ihm wie seinem Nachfolger gleich wert, auf seinen Denkmälern nicht
+bloß wie üblich “Kaiserfreund” (φιλοσεβαστός) heißt, sondern speziell
+Freund des Claudius (φιλοκλαύδιος) und des Nero (φιλονέρων, dies nach
+sicherer Restitution). Sein Bruder, dem er in dieser Stellung folgte,
+bezog ein Gehalt von 500000 Sesterzen (100000 Mark), versicherte aber
+dem Kaiser, daß er nur ihm zuliebe die Stellung angenommen hätte, da
+seine Stadtpraxis ihm 100000 Sesterzen mehr eingetragen habe. Trotz der
+enormen Summen, die die Brüder außer für Kos namentlich für Neapel
+aufgewendet hatten, hinterließen sie ein Vermögen von 30 Mill.
+Sesterzen (6½ Mill. Mark).
+
+—————————————————————————-
+
+Wenn wir absehen von der wunderbaren Frühblüte, in welcher das ionische
+Epos und die äolische Lyrik, die Anfänge der Geschichtschreibung und
+der Philosophie, der Plastik und der Malerei an diesen Gestaden
+keimten, so war in der Wissenschaft wie in der Kunstübung die große
+Zeit Kleinasiens die der Attaliden, welche die Erinnerung jener noch
+größeren Epoche treulich pflegte. Wenn Smyrna seinem Bürger Homeros
+göttliche Verehrung erwies, auch Münzen auf ihn schlug und nach ihm
+nannte, so drückt sich darin die Empfindung aus, die ganz Ionien und
+ganz Kleinasien beherrschte, daß die göttliche Kunst überhaupt in
+Hellas und im Besonderen in Ionien auf die Erde niedergestiegen sei.
+Wie früh und in welchem Umfang für den Elementarunterricht in diesen
+Gegenden öffentlich gesorgt worden ist, veranschaulicht ein denselben
+betreffender Beschluß der Stadt Teos ^36 in Lydien. Danach soll,
+nachdem die Kapitalschenkung eines reichen Bürgers die Stadt dazu
+instand gesetzt hat, in Zukunft neben dem Turninspektor (γυμνασιάρχης)
+weiter das Ehrenamt eines Schulinspektors (παιδονόμος) eingerichtet
+werden. Ferner sollen mit Besoldung angestellt werden drei
+Schreiblehrer mit Gehalten, je nach den drei Klassen, von 600, 550 und
+500 Drachmen, damit im Schreiben sämtliche freie Knaben und Mädchen
+unterwiesen werden können; ebenfalls zwei Turnmeister mit je 500
+Drachmen Gehalt, ein Musiklehrer mit Gehalt von 700 Drachmen, welcher
+die Knaben der beiden letzten Schuljahre und die aus der Schule
+entlassenen Jünglinge im Lautenschlagen und Zitherspielen unterweist,
+ein Fechtlehrer mit 300 und ein Lehrer für Bogenschießen und
+Speerwerfen mit 250 Drachmen Besoldung. Die Schreib- und der
+Musiklehrer sollen jährlich im Rathaus ein öffentliches Examen der
+Schüler abhalten. Das ist das Kleinasien der Attalidenzeit; aber die
+römische Republik hat deren Arbeit nicht fortgesetzt. Sie ließ ihre
+Siege über die Galater nicht durch den Meißel verewigen, und die
+pergamenische Bibliothek kam kurz vor der Aktfischen Schlacht nach
+Alexandreia; viele der besten Keime sind in der Verwüstung der
+Mithradatischen und der Bürgerkriege zugrunde gegangen. Erst in der
+Kaiserzeit regenerierte sich mit dem Wohlstande Kleinasiens wenigstens
+äußerlich die Pflege der Kunst und vor allem der Literatur. Einen
+eigentlichen Primat, wie ihn als Universitätsstadt Athen besaß, im
+Kreise der wissenschaftlichen Forschung Alexandreia, für Schauspiel und
+Ballett die leichtfertige Hauptstadt Syriens, kann keine der
+zahlreichen Städte Kleinasiens nach irgendeiner Richtung hin in
+Anspruch nehmen; aber die allgemeine Bildung ist wahrscheinlich
+nirgends weiter verbreitet und eingreifender gewesen. Den Lehrern und
+den Ärzten Befreiung von den mit Kosten verbundenen städtischen Ämtern
+und Aufträgen zu gewähren, muß in Asia früh üblich geworden sein; an
+diese Provinz ist der Erlaß des Kaisers Pius gerichtet, welcher, um der
+für die städtischen Finanzen offenbar sehr beschwerlichen Exemtion
+Schranken zu setzen, Maximalzahlen dafür vorschreibt, zum Beispiel den
+Städten erster Klasse gestattet, bis zu zehn Ärzten, fünf Lehrmeistern
+der Rhetorik und fünf der Grammatik diese Immunität zu gewähren. Daß in
+dem Literatentum der Kaiserzeit Kleinasien in erster Reihe steht,
+beruht auf dem Rhetoren- oder, nach dem späterhin üblichen Ausdruck,
+dem Sophistenwesen der Epoche, das wir Neueren uns nicht leicht
+vergegenwärtigen. An die Stelle der Schriftstellerei, die ziemlich
+aufgehört hat, etwas zu bedeuten, ist der öffentliche Vortrag getreten,
+von der Art etwa unserer heutigen Universitäts- und akademischen Reden,
+ewig sich neu erzeugend und nur ausnahmsweise gelagert, einmal gehört
+und beklatscht und dann auf immer vergessen. Den Inhalt gibt häufig die
+Gelegenheit, der Geburtstag des Kaisers, die Ankunft des Statthalters,
+jedes öffentliche oder private analoge Ereignis; noch häufiger wird
+ohne jede Veranlassung ins Blaue hinein über alles geredet, was nicht
+praktisch und nicht lehrhaft ist. Politische Rede gibt es für diese
+Zeit überhaupt nicht, nicht einmal im römischen Senat. Die Gerichtsrede
+ist den Griechen nicht mehr der Zielpunkt der Redekunst, sondern steht
+neben der Rede um der Rede willen als vernachlässigte und plebejische
+Schwester, zu der sich ein Meister jener gelegentlich einmal herabläßt.
+Der Poesie, der Philosophie, der Geschichte wird entnommen, was sich
+gemeinplätzig behandeln läßt, während sie alle selbst überhaupt wenig
+und am wenigsten in Kleinasien gepflegt und noch weniger geachtet neben
+der reinen Wortkunst und von ihr durchseucht verkümmern. Die große
+Vergangenheit der Nation betrachten diese Redner sozusagen als ihr
+Sondergut; sie verehren und behandeln den Homer einigermaßen wie die
+Rabbiner die Bücher Moses, und auch in der Religion befleißigen sie
+sich eifrigster Orthodoxie. Getragen werden diese Vorträge durch alle
+erlaubten und unerlaubten Hilfsmittel des Theaters, die Kunst der
+Gestikulation und der Modulation der Stimme, die Pracht des
+Rednerkostüms, die Kunstgriffe des Virtuosentums, das Faktionswesen,
+die Konkurrenz, die Claque. Dem grenzenlosen Selbstgefühl dieser
+Wortkünstler entspricht die lebhafte Teilnahme des Publikums, welche
+derjenigen für die Rennpferde nur wenig nachsteht, und der völlig nach
+Theaterart dieser Teilnahme gegebene Ausdruck; und die Stetigkeit,
+womit dergleichen Exhibitionen in den größeren Orten den Gebildeten
+vorgeführt werden, fügt sie, ebenfalls wie das Theater, überall in die
+städtischen Lebensgewohnheiten ein. Wenn vielleicht an den Eindruck,
+welchen in unseren bewegtesten Großstädten die obligaten Reden ihrer
+gelehrten Körperschaften hervorrufen, sich dies untergegangene Phänomen
+für unser Verständnis einigermaßen anknüpfen läßt, so fehlt doch in den
+heutigen Verhältnissen ganz, was in der alten Welt weit die Hauptsache
+war: das didaktische Moment und die Verknüpfung des zwecklosen
+öffentlichen Vortrags mit dem höheren Jugendunterricht. Wenn dieser
+heute, wie man sagt, den Knaben der gebildeten Klasse zum Professor der
+Philologie erzieht, so erzog er ihn damals zum Professor der Eloquenz,
+und zwar dieser Eloquenz. Denn die Schulung lief mehr und mehr darauf
+hinaus, dem Knaben die Fertigkeit beizubringen, ebensolche Vorträge,
+wie sie eben geschildert wurden, selber, womöglich in beiden Sprachen,
+zu halten, und wer mit Nutzen den Kursus absolviert hatte, beklatschte
+in den analogen Leistungen die Erinnerung an die eigene Schulzeit.
+Diese Produktion umspannt zwar den Orient wie den Okzident; aber
+Kleinasien steht voran und gibt den Ton an. Als in der augustischen
+Zeit die Schulrhetorik in dem lateinischen Jugendunterricht der
+Hauptstadt Fuß faßte, waren die Hauptträger neben Italienern und
+Spaniern zwei Kleinasiaten, Arellius Fuscus und Cestius Pius.
+Ebendaselbst, wo die ernsthafte Gerichtsrede sich in der besseren
+Kaiserzeit neben diesem Parasiten behauptete, weist ein geistvoller
+Advokat der flavischen Zeit auf die ungeheure Kluft hin, welche den
+Niketes von Smyrna und die andern in Ephesos und Mytilene beklatschten
+Redeschulmeister von Aeschines und Demosthenes trennt. Bei weitem die
+meisten und namhaftesten der gefeierten Rhetoren dieser Art sind von
+der Küste Vorderasiens. Wie sehr für die Finanzen der kleinasiatischen
+Städte die Schulmeisterlieferung für das ganze Reich ins Gewicht fiel,
+ist schon bemerkt worden. Im Laufe der Kaiserzeit steigt die Zahl und
+die Geltung dieser Sophisten beständig, und mehr und mehr gewinnen sie
+Boden auch im Okzident. Die Ursache davon liegt zum Teil wohl in der
+veränderten Haltung der Regierung, die im zweiten Jahrhundert,
+insbesondere seit der nicht so sehr hellenisierenden als übel
+kosmopolitisierenden hadrianischen Epoche, sich weniger ablehnend gegen
+das griechische und das orientalische Wesen verhielt als im ersten;
+hauptsächlich aber in der immer zunehmenden Verallgemeinerung der
+höheren Bildung und der rasch sich vermehrenden Zahl der Anstalten für
+den höheren Jugendunterricht. Es gehört also die Sophistik allerdings
+besonders nach Kleinasien und besonders in das Kleinasien des zweiten
+und dritten Jahrhunderts; nur darf in diesem Literatenprimat keine
+spezielle Eigentümlichkeit dieser Griechen und dieser Epoche oder gar
+eine nationale Besonderheit gefunden werden. Die Sophistik sieht sich
+überall gleich, in Smyrna und Athen wie in Rom und Karthago; die
+Eloquenzmeister wurden verschickt wie die Lampenformen und das Fabrikat
+überall in gleicher Weise, nach Verlangen griechisch oder lateinisch,
+hergestellt, die Fabrikation dem Bedarf entsprechend gesteigert. Aber
+freilich lieferten diejenigen griechischen Landschaften, die an
+Wohlstand und Bildung voranstanden, diesen Exportartikel in bester
+Qualität und in größter Quantität; von Kleinasien gilt dies für die
+Zeiten Sullas und Ciceros nicht minder wie für die Hadrians und der
+Antonine.
+
+—————————————————————————
+
+^36 Die Urkunde steht bei Dittenberger, SIG n. 349. Attalos II. machte
+eine ähnliche Stiftung in Delphi (BCH 5, 1881, S. 157).
+
+—————————————————————————
+
+Indes ist auch hier nicht alles Schatten. Eben diese Landschaften
+besitzen zwar nicht unter den professionellen Sophisten, aber doch
+unter den Literaten anderer Richtung, die auch noch dort
+verhältnismäßig zahlreich sich finden, die besten Vertreter des
+Hellenismus, welche diese Epoche überhaupt aufweist, den Lehrer der
+Philosophie, Dion von Prusa, in Bithynien unter Vespasian und Traian
+und den Mediziner Galenos aus Pergamon, kaiserlicher Leibarzt am Hofe
+des Marcus und des Severus. Bei Galenos erfreut namentlich die feine
+Weise des Welt- und des Hofmanns in Verbindung mit einer allgemeinen
+literarischen und philosophischen Bildung, wie sie bei den Ärzten
+dieser Zeit überhaupt häufig hervortritt ^37. An Reinheit der Gesinnung
+und Klarheit über die Lage der Dinge gibt der Bithyner Dion dem
+Gelehrten von Chaeroneia nichts nach, an Gestaltungskraft, an Feinheit
+und Schlagfertigkeit der Rede, an ernstem Sinn bei leichter Form, an
+praktischer Energie ist er ihm überlegen. Die besten seiner Schriften,
+die Phantasien von dem idealen Hellenen vor der Erfindung der Stadt und
+des Geldes, die Ansprache an die Rhodier, die einzigen übriggebliebenen
+Vertreter des echten Hellenismus, die Schilderung der Hellenen seiner
+Zeit in der Verlassenheit von Olbia wie in der Üppigkeit von Nikomedeia
+und von Tarsos, die Mahnungen an den Einzelnen zu ernster Lebensführung
+und an alle zu einträchtigem Zusammenhalten sind das beste Zeugnis
+dafür, daß auch von dem kleinasiatischen Hellenismus der Kaiserzeit das
+Wort des Dichters gilt: untergehend sogar ist’s immer dieselbige Sonne.
+
+—————————————————————
+
+^37 Ein Arzt aus Smyrna, Hermogenes, des Charidemos Sohn (CIG 3311),
+schrieb nicht bloß 77 Bände medizinischen Inhalts, sondern daneben, wie
+sein Grabstein berichtet, historische Schriften: über Smyrna, über
+Homers Vaterland, über Homers Weisheit, über die Städtegründungen in
+Asia, in Europa, auf den Inseln, Itinerarien von Asien und von Europa,
+über Kriegslisten, chronologische Tabellen über die Geschichte Roms und
+Smyrnas. Ein kaiserlicher Leibarzt Menekrates (CIG 6607), dessen
+Herkunft nicht angegeben wird, begründete, wie seine römischen Verehrer
+ihm bescheinigen, die neue logische und zugleich empirische Medizin
+(ιδίας λογικής εναργούς ιατρικής κτίστης) in seinen auf 156 Bände sich
+belaufenden Schriften.
+
+
+
+
+KAPITEL IX.
+Die Euphratgrenze und die Parther
+
+
+Der einzige Großstaat, mit welchem das Römische Reich grenzte, war das
+Reich von Iran ^1, ruhend auf derjenigen Nationalität, die im Altertum
+wie heutzutage am bekanntesten ist unter dem Namen der Perser,
+staatlich zusammengefaßt durch das altpersische Königsgeschlecht der
+Achämeniden und seinen ersten Großkönig Kyros, religiös geeinigt durch
+den Glauben des Ahura Mazda und des Mithra. Keines der alten
+Kulturvölker hat das Problem der nationalen Einigung gleich früh und
+gleich vollständig gelöst. Südlich reichten die iranischen Stämme bis
+an den Indischen Ozean, nördlich bis zum Kaspischen Meer; nordöstlich
+war die innerasiatische Steppe der stete Kampfplatz der seßhaften
+Perser und der nomadischen Stämme Turans. Östlich schieden mächtige
+Grenzgebirge sie von den Indern. Im westlichen Asien trafen früh drei
+große Nationen jede ihrerseits vordrängend auf einander: die von Europa
+aus auf die kleinasiatische Küste übergreifenden Hellenen, die von
+Arabien und Syrien aus in nördlicher und nordöstlicher Richtung
+vorschreitenden und das Euphrattal wesentlich ausfüllenden aramäischen
+Völkerschaften, endlich die nicht bloß bis zum Tigris wohnenden,
+sondern selbst nach Armenien und Kappadokien vorgedrungenen Stämme von
+Iran, während andersartige Urbewohner dieser weitgedehnten Landschaften
+unter diesen Vormächten erlagen und verschwanden. Über dieses weite
+Stammgebiet ging in der Epoche der Achämeniden, dem Höhepunkt der
+Herrlichkeit Irans, die iranische Herrschaft nach allen Seiten,
+insbesondere aber nach Westen weit hinaus. Abgesehen von den Zeiten, wo
+Turan über Iran die Oberhand gewann und die Seldschuken und Mongolen
+den Persern geboten, ist eigentliche Fremdherrschaft über den Kern der
+iranischen Stämme nur zweimal gekommen, durch den großen Alexander und
+seine nächsten Nachfolger und durch die arabischen Kalifen, und beide
+Male nur auf verhältnismäßig kurze Zeit; die östlichen Landschaften, in
+jenem Fall die Parther, in diesem die Bewohner des alten Baktrien
+warfen nicht bloß bald das Joch des Ausländers wieder ab, sondern
+verdrängten ihn auch aus dem stammverwandten Westen.
+
+————————————————————————-
+
+^1 Die Vorstellung, daß das Römer- und das Partherreich zwei
+nebeneinander stehende Großstaaten sind und zwar die einzigen, die es
+gibt, beherrscht den ganzen römischen Orient, namentlich die
+Grenzprovinzen. Greifbar tritt sie uns in der Johanneischen Apokalypse
+entgegen, in dem Nebeneinanderstellen wie des Reiters auf dem weißen
+Roß mit dem Bogen und des auf dem roten mit dem Schwert (6 2 3), so der
+Megistanen und der Chiliarchen (6, 15 vgl. 18, 23; 19, 18). Auch die
+Schlußkatastrophe ist gedacht als Überwältigung der Römer durch die den
+Kaiser Nero zurückführenden Parther (c. 9,14;16,12) und Armageddon, was
+immer damit gemeint sein mag, als der Sammelplatz der Orientalen zu dem
+Gesamtangriff auf den Okzident. Allerdings deutet der im Römischen
+Reich schreibende Verfasser diese wenig patriotischen Hoffnungen mehr
+an, als er sie ausspricht.
+
+————————————————————————-
+
+Das durch die Parther regenerierte Perserreich fanden die Römer vor,
+als sie in der letzten Zeit der Republik in Folge der Besetzung Syriens
+in unmittelbare Berührung mit Iran traten. Wir haben dieses Staats
+schon mehrfach früherhin zu gedenken gehabt; hier ist der Ort, das
+Wenige zusammenzufassen, was über die Eigentümlichkeit des auch für die
+Geschicke des Nachbarstaats so vielfach ausschlaggebenden Reiches sich
+erkennen läßt. Allerdings hat auf die meisten Fragen, die der
+Geschichtsforscher hier zu stellen hat, die Überlieferung keine
+Antwort. Die Okzidentalen geben über die inneren Verhältnisse ihrer
+parthischen Nachbarn und Feinde nur gelegentliche, in der Vereinzelung
+leicht irreführende Notizen; und wenn die Orientalen es überhaupt kaum
+verstanden haben, die geschichtliche Überlieferung zu fixieren und zu
+bewahren, so gilt dies doppelt von der Arsakidenzeit, da diese den
+späteren Iranern mit der vorhergehenden Fremdherrschaft der Seleukiden
+zusammen als unberechtigte Usurpation zwischen der alt- und der
+neupersischen Herrschaftsperiode, den Achämeniden und den Sassaniden
+gegolten hat; dies halbe Jahrtausend wird sozusagen aus der Geschichte
+Irans herauskorrigiert ^2 und ist wie nicht vorhanden.
+
+———————————————————————
+
+^2 Dies gilt sogar einigermaßen für die Chronologie. Die offizielle
+Historiographie der Sassaniden reduziert den Zeitraum zwischen dem
+letzten Dareios und dem ersten Sassaniden von 558 auf 266 Jahre
+(Tabarî, Geschichte der Perser und Araber. Hrsg. v. Th. Nöldeke. Leiden
+1879, S. 1).
+
+———————————————————————
+
+Der Standpunkt, den die Hofhistoriographen der Sassanidendynastie damit
+einnahmen, ist mehr der legitimistisch-dynastische des persischen Adels
+als derjenige der iranischen Nationalität. Freilich bezeichnen die
+Schriftsteller der ersten Kaiserzeit die Sprache der Parther, deren
+Heimat etwa dem heutigen Chorasan entspricht, als mitten inne stehend
+zwischen der medischen und der skythischen, das heißt als einen
+unreinen iranischen Dialekt; dem entsprechend galten sie als
+Einwanderer aus dem Land der Skythen und in diesem Sinne wird ihr Name
+auf flüchtige Leute gedeutet und der Gründer der Dynastie Arsakes zwar
+von einigen für einen Baktrer, von andern dagegen für einen Skythen von
+der Maeotis erklärt. Daß ihre Fürsten nicht in Seleukeia am Tigris ihre
+Residenz nahmen, sondern in der unmittelbaren Nähe bei Ktesiphon ihr
+Winterlager aufschlugen, wird darauf zurückgeführt, daß sie die reiche
+Kaufstadt nicht mit skythischen Truppen hätten belegen wollen. Vieles
+in der Weise und den Ordnungen der Parther entfernt sich von der
+iranischen Sitte und erinnert an nomadische Lebensgewohnheiten: zu
+Pferde handeln und essen sie, und nie geht der freie Mann zu Fuß. Es
+läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß die Parther, deren Namen allein
+von allen Stämmen dieser Gegend die heiligen Bücher der Perser nicht
+nennen, dem eigentlichen Iran fern stehen, in welchem die Achämeniden
+und die Magier zu Hause sind. Der Gegensatz dieses Iran gegen das aus
+einem unzivilisierten und halb fremdartigen Distrikt herstammende
+Herrschergeschlecht und dessen nächstes Gefolge, dieser Gegensatz, den
+die römischen Schriftsteller nicht ungern von den persischen Nachbarn
+übernahmen, hat allerdings die ganze Arsakidenherrschaft hindurch
+bestanden und gegärt, bis er schließlich ihren Sturz herbeiführte.
+Darum aber darf die Herrschaft der Arsakiden noch nicht als
+Fremdherrschaft gefaßt werden. Dem parthischen Stamm und der
+parthischen Landschaft wurden keine Vorrechte eingeräumt. Als Residenz
+der Arsakiden wird zwar auch die parthische Stadt Hekatompylos genannt;
+aber hauptsächlich verweilten sie im Sommer in Ekbatana (Ramadan) oder
+auch in Rhagae gleich den Achämeniden, im Winter, wie bemerkt, in der
+Lagerstadt Ktesiphon oder auch in Babylon an der äußersten westlichen
+Grenze des Reiches. Das Erbbegräbnis in der Partherstadt Nisaea blieb;
+aber später diente dafür häufiger Arbela in Assyrien. Die arme und
+ferne parthische Heimatlandschaft war für die üppige Hofhaltung und die
+wichtigen Beziehungen zu dem Westen, besonders der späteren Arsakiden,
+in keiner Weise geeignet. Das Hauptland blieb auch jetzt Medien, eben
+wie unter den Achämeniden. Mochten immer die Arsakiden skythischer
+Herkunft sein, mehr als auf das, was sie waren, kam darauf an, was sie
+sein wollten; und sie selber betrachteten und gaben sich durchaus als
+die Nachfolger des Kyros und des Dareios. Wie die sieben persischen
+Stammfürsten den falschen Achämeniden beseitigt und durch die Erhebung
+des Dareios die legitime Herrschaft wiederhergestellt hatten, so mußten
+andere sieben die makedonische Fremdherrschaft gestürzt und den König
+Arsakes auf den Thron gesetzt haben. Mit dieser patriotischen Fiktion
+wird weiter zusammenhängen, daß dem ersten Arsakes statt der
+skythischen die baktrische Heimat beigelegt ward. Die Tracht und die
+Etikette am Hof der Arsakiden war die des persischen; nachdem König
+Mithradates I. seine Herrschaft bis zum Indus und Tigris ausgedehnt
+hatte, vertauschte die Dynastie den einfachen Königstitel mit dem des
+Königs der Könige, wie ihn die Achämeniden geführt hatten, und die
+spitze skythische Kappe mit der hohen perlengeschmückten Tiara; auf den
+Münzen führt der König den Bogen wie Dareios. Auch die mit den
+Arsakiden in das Land gekommene, ohne Zweifel vielfach mit der
+alteinheimischen gemischte Aristokratie nahm persische Sitte und
+Tracht, meistens auch persische Namen an; von dem Partherheer, das mit
+Crassus stritt, heißt es, daß die Soldaten noch das struppige Haar nach
+skythischer Weise trugen, der Feldherr aber nach medischer Art mit in
+der Mitte gescheiteltem Haar und geschminktem Gesicht erschien.
+
+Die staatliche Ordnung, wie sie durch den ersten Mithradates
+festgestellt wurde, ist dementsprechend wesentlich diejenige der
+Achämeniden. Das Geschlecht des Begründers der Dynastie ist mit allem
+Glanz und mit aller Weihe angestammter und göttlich verordneter
+Herrschaft umkleidet: sein Name überträgt sich von Rechts wegen auf
+jeden seiner Nachfolger, und es wird ihm göttliche Ehre erwiesen; seine
+Nachfolger heißen darum auch Gottessöhne ^3 und außerdem “Brüder des
+Sonnengottes und der Mondgöttin”, wie noch heute der Schah von Persien
+die Sonne im Titel führt; das Blut eines Gliedes des Königsgeschlechts
+auch nur durch Zufall zu vergießen, ist ein Sakrilegium - alles
+Ordnungen, die mit wenigen Abminderungen bei den römischen Caesaren
+wiederkehren und vielleicht zum Teil von diesen der älteren
+Großherrschaft entlehnt sind.
+
+—————————————————————-
+
+^3 Die Unterkönige der Persis heißen in der Titulatur stehend “Zag
+Alohin” (wenigstens sollen die aramäischen Zeichen diesen vermutlich in
+der Aussprache persisch ausgedrückten Worten entsprechen), Gottes Sohn
+(Mordtmann, Zeitschrift für Numismatik 4, 1877, S. 155 f.), und dem
+entspricht auf den griechischen Münzen der Großkönige die Titulatur
+θεοπάτωρ. Auch die Bezeichnung “Gott” findet sich, wie bei den
+Seleukiden und den Sassaniden. Warum den Arsakiden ein Doppeldiadem
+beigelegt wird (Herodian 6, 2, 1), ist nicht aufgeklärt.
+
+—————————————————————-
+
+Obwohl die königliche Würde also fest an das Geschlecht geknüpft ist,
+besteht dennoch eine gewisse Königswahl. Da der neue Herrscher sowohl
+dem Kollegium der “Verwandten des königlichen Hauses” wie dem
+Priesterrat angehören muß, um den Thron besteigen zu können, so wird
+ein Akt stattgefunden haben, wodurch vermutlich eben diese Kollegien
+selbst den neuen Herrscher anerkannten ^4. Unter den “Verwandten” sind
+wohl nicht bloß die Arsakiden selbst zu verstehen, sondern die “sieben
+Häuser” der Achämenidenordnung, Fürstengeschlechter, welchen nach
+dieser die Ebenbürtigkeit und der freie Eintritt bei dem Großkönig
+zukommt und die auch unter den Arsakiden ähnliche Privilegien gehabt
+haben werden ^5. Diese Geschlechter waren zugleich Inhaber von
+erblichen Kronämtern ^6; die Surên zum Beispiel - der Name ist wie der
+Name Arsakes zugleich Personen- und Amtbezeichnung -, das zweite
+Geschlecht nach dem Königshaus, setzten als Kronmeister jedesmal dem
+neuen Arsakes die Tiara aufs Haupt. Aber wie die Arsakiden selbst der
+parthischen Provinz angehörten, so waren die Surên in Sakastane
+(Sedjistân) zu Hause und vielleicht Saker, also Skythen; ebenso
+stammten die Karên aus dem westlichen Medien, während die höchste
+Aristokratie unter den Achämeniden rein persisch war.
+
+——————————————————————————————
+
+^4 Τών Παρθυαίων συνέδριόν φησιν (Ποσειδώνιος) είναι, sagt Strabon (11,
+9, 3 p. 515), διττόν, τό μέν συγγενών, τό δέ σόφων καί μάγων, εξ ών
+αμφοίν τούς βασιλείς καθιστάσθαι (καθίστησιν die Handschrift). Iust.
+42, 4,1: Mithridates rex Parthorum . . . propter crudelitatem a senatu
+Parthico regno pellitur.
+
+^5 In Ägypten, dessen Hofzeremoniell, wie wohl das der sämtlichen
+Staaten der Diadochen auf das von Alexander angeordnete und insofern
+auf das des Persischen Reiches zurückgeht, scheint der gleiche Titel
+auch persönlich verliehen worden zu sein (Franz, CIG III S. 270). Daß
+bei den Arsakiden das gleiche vorkam ist möglich. Bei den griechisch
+redenden Untertanen des Arsakidenstaats scheint die Benennung
+μεγιστάνες, in dem ursprünglichen strengeren Gebrauch die Glieder der
+sieben Häuser zu bezeichnen; es ist beachtenswert, daß megistanes und
+satrapae zusammengestellt werden (Sen. epist. 21; Ios. ant. Iud. 11, 3,
+2; 20, 2, 3). Daß bei Hoftrauer der Perserkönig die Megistanen nicht
+zur Tafel zieht (Suet. Gai. 5), legt die Vermutung nahe, daß sie das
+Vorrecht hatten, mit ihm zu speisen. Auch der Titel τών πρώτων φίλων
+findet sich bei den Arsakiden ähnlich wie am ägyptischen und am
+pontischen Hofe (BCH 7, 1883, S. 349).
+
+^6 Ein königlicher Mundschenk der zugleich Feldherr ist, wird genannt
+bei Josephus (ant. Iud. 14, 13, 7 = bel. Iud. 1, 13, 1). Ähnliche
+Hofämter kommen in den Diadochenstaaten häufig vor.
+
+——————————————————————————————
+
+Die Verwaltung liegt in den Händen der Unterkönige oder der Satrapen;
+nach den römischen Geographen der vespasianischen Zeit besteht der
+Staat der Parther aus achtzehn “Königreichen”. Einige dieser Satrapien
+sind Sekundogenituren des Herrscherhauses; insbesondere scheinen die
+beiden nordwestlichen Provinzen, das atropatenische Medien
+(Aserbeidschan) und, sofern es in der Gewalt der Parther stand,
+Armenien, den dem zeitigen Herrscher nächststehenden Prinzen zur
+Verwaltung übertragen worden zu sein ^7. Im übrigen ragen unter den
+Satrapen hervor der König der Landschaft Elymais oder von Susa, dem
+eine besondere Macht- und Ausnahmestellung eingeräumt war, demnächst
+derjenige der Persis, des Stammlandes der Achämeniden. Die wenn nicht
+ausschließliche, so doch überwiegende und den Titel bedingende
+Verwaltungsform war im Partherreich, anders als in dem der Caesaren,
+das Lehnskönigtum, so daß die Satrapen nach Erbrecht eintraten, aber
+der großherrlichen Bestätigung unterlagen ^8. Allem Anschein nach hat
+sich dies nach unten hin fortgesetzt, so daß kleinere Dynasten und
+Stammhäupter zu dem Unterkönig in demselben Verhältnis standen, wie
+dieser zu dem Großkönig ^9. Somit war das Großkönigtum der Parther
+äußerst beschränkt zu Gunsten der hohen Aristokratie durch die ihm
+anhaftende Gliederung der erblichen Landesverwaltung. Dazu paßt recht
+wohl, daß die Masse der Bevölkerung aus halb oder ganz unfreien Leuten
+bestand ^10 und Freilassung nicht statthaft war. In dem Heer, das gegen
+Antonius focht, sollen unter 50000 nur 400 Freie gewesen sein. Der
+vornehmste unter den Vasallen des Orodes, welcher als Feldherr
+desselben den Crassus schlug, zog ins Feld mit einem Harem von 200
+Weibern und einer von 1000 Lastkamelen getragenen Bagage; er selber
+stellte 10000 Reiter zum Heer aus seinen Klienten und Sklaven. Ein
+stehendes Heer haben die Parther niemals gehabt, sondern zu allen
+Zeiten blieb hier die Kriegführung angewiesen auf das Aufgebot der
+Lehnsfürsten und der ihnen untergeordneten Lehnsträger sowie der großen
+Masse der Unfreien, über welche diese geboten.
+
+————————————————————-
+
+^7 Tac. ann. 15, 2 u. 31. Wenn nach der Vorrede des Agathangelos (p.
+109 Langlois) zur Zeit der Arsakiden der älteste und tüchtigste Prinz
+die Landesherrschaft führte, die drei ihm nächststehenden aber Könige
+der Armenier, der Inder und der Massageten waren, so liegt hier
+vielleicht dieselbe Ordnung zu Grunde. Daß das parthisch-indische
+Reich, wenn es mit dem Hauptland verbunden war, ebenfalls als
+Sekundogenitur galt, ist sehr wahrscheinlich.
+
+^8 Diese meint wohl Justinus (41, 2, 2): proximus maiestati regum
+praepositorum ordo est; ex hoc duces in bello, ex hoc in pace rectores
+habent. Den einheimischen Namen bewahrt die Glosse bei Hesychios:
+βίσταξ ο βασιλεύς παρά Πέρσαις. Wenn bei Amm. 23, 6,14 die Vorsteher
+der persischen regiones vitaxae (schr. vistaxae), id est magistri
+equitum et reges et satrapae heißen, so hat er ungeschickt Persisches
+auf ganz Innerasien bezogen (vgl. Hermes 16, 1881, S. 613); übrigens
+kann die Bezeichnung “Reiterführer” für diese Unterkönige darauf gehen,
+daß sie, wie die römischen Statthalter, die höchste Zivil- und die
+höchste Militärgewalt in sich vereinigten und die Armee der Parther
+überwiegend aus Reiterei bestand.
+
+^9 Das lehrt die einem Gotarzes in der Inschrift von Kermanschahän in
+Kurdistan (CIG 4674) beigelegte Titulatur σατράπης τών σατραπών. Dem
+Arsakidenkönig dieses Namens kann sie als solchem nicht beigelegt
+werden; wohl aber mag, wie Olshausen (Monatsbericht der Berliner
+Akademie 1878, S. 179) vermutet, damit diejenige Stellung bezeichnet
+werden, die ihm nach seinem Verzicht auf das Großkönigtum (Tac. ann.
+11, 9) zukam.
+
+^10 Noch später heißt eine Reitertruppe im parthischen Heer die “der
+Freien” Ios. ant. Iud. 14, 13, 5 = bel. Iud. 1, 13, 3).
+
+————————————————————-
+
+Allerdings fehlte das städtische Element in der politischen Ordnung des
+Partherreichs nicht ganz. Zwar die aus der eigenen Entwicklung des
+Ostens hervorgegangenen größeren Ortschaften sind keine städtischen
+Gemeinwesen, wie denn selbst die parthische Residenz Ktesiphon im
+Gegensatz zu der benachbarten griechischen Gründung Seleukeia ein
+Flecken genannt wird; sie hatten keine eigenen Vorsteher und keinen
+Gemeinderat, und die Verwaltung lag hier wie in den Landbezirken
+ausschließlich bei den königlichen Beamten. Aber von den Gründungen der
+griechischen Herrscher war ein freilich verhältnismäßig geringer Teil
+unter parthische Herrschaft gekommen. In den ihrer Nationalität nach
+aramäischen Provinzen Mesopotamien und Babylonien hatte das griechische
+Städtewesen unter Alexander und seinen Nachfolgern festen Fuß gefaßt.
+Mesopotamien war mit griechischen Gemeinwesen bedeckt, und in
+Babylonien war die Nachfolgerin des alten Babylon, die Vorläuferin
+Bagdads, eine Zeit lang die Residenz der griechischen Könige Asiens,
+Seleukeia am Tigris, durch ihre günstige Handelslage und ihre Fabriken
+emporgeblüht zu der ersten Kaufstadt außerhalb der römischen Grenzen,
+angeblich von mehr als einer halben Million Einwohner. Ihre freie
+hellenische Ordnung, auf der ohne Zweifel ihr Gedeihen vor allem
+beruhte, wurde im eigenen Interesse auch von den parthischen Herrschern
+nicht angetastet, und die Stadt bewahrte sich nicht bloß ihren Stadtrat
+von 300 erwählten Mitgliedern, sondern auch griechische Sprache und
+griechische Sitte mitten im ungriechischen Osten. Freilich bildeten in
+diesen Städten die Hellenen nur das herrschende Element; neben ihnen
+lebten zahlreiche Syrer, und als dritter Bestandteil gesellten sich
+dazu die nicht viel weniger zahlreichen Juden, so daß die Bevölkerung
+dieser Griechenstädte des Partherreichs, ähnlich wie die von
+Alexandreia, sich aus drei gesondert nebeneinander stehenden
+Nationalitäten zusammensetzte. Zwischen diesen kam es, eben wie in
+Alexandreia, nicht selten zu Konflikten, wie zum Beispiel zur Zeit der
+Regierung des Gaius unter den Augen der parthischen Regierung die drei
+Nationen miteinander handgemein und schließlich die Juden aus den
+größeren Städten ausgetrieben wurden.
+
+Insofern ist das Parthische Reich zu dem Römischen das rechte
+Gegenstück. Wie in diesem das orientalische Unterkönigtum ausnahmsweise
+vorkommt, so in jenem die griechische Stadt; dem allgemeinen
+orientalisch-aristokratischen Charakter des Partherregiments tun die
+griechischen Kaufstädte an der Westgrenze so wenig Eintrag wie die
+Lehnskönigtümer Kappadokien und Armenien dem städtisch gegliederten
+Römerstaat. Während in dem Staat der Caesaren das römisch-griechische
+städtische Gemeinwesen weiter und weiter um sich greift und allmählich
+zur allgemeinen Verwaltungsform wird, so reißt die Städtegründung, das
+rechte Merkzeichen der hellenisch-römischen Zivilisation, welche die
+griechischen Kaufstädte und die Militärkolonien Roms ebenso umspannt
+wie die großartigen Ansiedlungen Alexanders und der Alexandriden, mit
+dem Eintreten des Partherregiments im Osten plötzlich ab, und auch die
+bestehenden Griechenstädte des Partherreichs verkümmern im weiteren
+Lauf der Entwicklung. Dort wie hier drängt die Regel mehr und mehr die
+Ausnahmen zurück.
+
+Irans Religion, mit ihrer dem Monotheismus sich nähernden Verehrung des
+“höchsten der Götter, der Himmel und Erde und die Menschen und für
+diese alles Gute geschaffen hat”, mit ihrer Bildlosigkeit und
+Geistigkeit, mit ihrer strengen Sittlichkeit und Wahrhaftigkeit, ihrer
+Hinwirkung auf praktische Tätigkeit und energische Lebensführung, hat
+die Gemüter ihrer Bekenner in ganz anderer und tieferer Weise gepackt,
+als die Religionen des Okzidents es je vermochten, und wenn vor der
+entwickelten Zivilisation weder Zeus noch Jupiter standgehalten haben,
+ist der Glaube bei den Parsen ewig jung geblieben, bis er einem anderen
+Evangelium, dem der Bekenner des Mohammed erlag oder doch vor ihm nach
+Indien entwich. Wie sich der alte Mazda-Glaube, zu dem die Achämeniden
+sich bekannten und dessen Entstehung in die vorgeschichtliche Zeit
+fällt, zu demjenigen verhielt, den als Lehre des weisen Zarathustra die
+wahrscheinlich unter den späteren Achämeniden entstandenen heiligen
+Bücher der Perser, das Awestâ, verkünden, ist nicht unsere Aufgabe
+darzustellen; für die Epoche, wo der Okzident mit dem Orient in
+Berührung steht, kommt nur die spätere Religionsform in Betracht, wie
+sie, entstanden vielleicht im Osten Irans, in Baktrien, insbesondere
+vom Westen her, von Medien aus dem Okzident gegenübertrat und in ihn
+eindrang. Enger aber als selbst bei den Kelten sind in Iran die
+nationale Religion und der nationale Staat miteinander verwachsen. Es
+ist schon hervorgehoben worden, daß das legitime Königtum im Iran
+zugleich eine religiöse Institution, der oberste Herrscher des Landes
+als durch die oberste Landesgottheit besonders zum Regiment berufen und
+selbst gewissermaßen göttlich gedacht wird. Auf den Münzen nationalen
+Gepräges erscheint regelmäßig der große Feueraltar und über ihm
+schwebend der geflügelte Gott Ahura Mazda, neben ihm in kleinerer
+Gestalt und in betender Stellung der König und dem König gegenüber das
+Reichsbanner. Dem entsprechend geht auch die Übermacht des Adels im
+Partherreich Hand in Hand mit der privilegierten Stellung des Klerus.
+Die Priester dieser Religion, die Magier, erscheinen schon in den
+Urkunden der Achämeniden und in den Erzählungen Herodots und haben,
+wahrscheinlich mit Recht, den Okzidentalen immer als national persische
+Institution gegolten. Das Priestertum ist erblich und wenigstens in
+Medien, vermutlich auch in anderen Landschaften, galt die Gesamtheit
+der Priester, etwa wie die Leviten in dem späteren Israel, als ein
+besonderer Volksteil. Auch unter der Herrschaft der Griechen haben die
+alte Religion des Staates und das nationale Priestertum ihren Platz
+behauptet. Als der erste Seleukos die neue Hauptstadt seines Reiches,
+das schon erwähnte Seleukeia gründen wollte, ließ er die Magier Tag und
+Stunde dafür bestimmen, und erst nachdem diese Perser, nicht gern, das
+verlangte Horoskop gestellt hatten, vollzogen ihrer Anweisung gemäß der
+König und sein Heer die feierliche Grundsteinlegung der neuen
+Griechenstadt. Also auch ihm standen beratend die Priester des Ahura
+Mazda zur Seite und sie, nicht die des hellenischen Olymp, wurden bei
+den öffentlichen Angelegenheiten insoweit befragt, als diese göttliche
+Dinge betrafen. Selbstverständlich gilt dies um so mehr von den
+Arsakiden. Daß bei der Königswahl neben dem Adelsrat der der Priester
+mitwirkte, wurde schon bemerkt. König Tiridates von Armenien, aus dem
+Haus der Arsakiden, kam nach Rom unter Geleit eines Gefolges von
+Magiern, und nach deren Vorschrift reiste und speiste er, auch in
+Gemeinschaft mit dem Kaiser Nero, der gern sich von den fremden Weisen
+ihre Lehre verkünden und die Geister beschwören ließ. Daraus folgt
+allerdings noch nicht, daß der Priesterstand als solcher auf die
+Führung des Staats wesentlich bestimmend eingewirkt hat; aber
+keineswegs ist der Mazda-Glaube erst durch die Sassaniden
+wiederhergestellt worden; vielmehr ist bei allem Wechsel der Dynastien
+und bei aller eigenen Entwicklung die Landesreligion im Iran in ihren
+Grundzügen die gleiche geblieben.
+
+Die Landessprache im Partherreich ist die einheimische Irans. Keine
+Spur führt darauf, daß unter den Arsakiden jemals eine Fremdsprache in
+öffentlichem Gebrauch gewesen ist. Vielmehr ist es der iranische
+Landesdialekt Babyloniens und die diesem eigentümliche Schrift, wie
+beide vor und in der Arsakidenzeit unter dem Einfluß von Sprache und
+Schrift der aramäischen Nachbarn sich entwickelten, welche mit der
+Benennung Pahlavi, das heißt Parthava, belegt und damit bezeichnet
+werden als die des Reiches der Parther. Auch das Griechische ist in
+demselben nicht Reichssprache geworden. Keiner der Herrscher führt auch
+nur als zweiten Namen einen griechischen; und hätten die Arsakiden
+diese Sprache zu der ihrigen gemacht, so würden uns griechische
+Inschriften in ihrem Reiche nicht fehlen. Allerdings zeigen ihre Münzen
+bis auf die Zeit des Claudius ausschließlich ^11 und auch später
+überwiegend griechische Aufschrift, wie sie auch keine Spur der
+Landesreligion aufweisen und im Fuß sich der örtlichen Prägung der
+römischen Ostprovinzen anschließen, ebenso die Jahrteilung so wie die
+Jahrzählung so beibehalten haben, wie sie unter den Seleukiden geregelt
+worden waren. Aber es wird dies vielmehr dahin aufzufassen sein, daß
+die Großkönige selber überhaupt nicht prägten ^12 und diese Münzen, die
+ja wesentlich für den Verkehr mit den westlichen Nachbarn dienten, von
+den griechischen Städten des Reiches auf den Namen des Landesherrn
+geschlagen worden sind. Die Bezeichnung des Königs auf diesen Münzen
+als “Griechenfreund” (φιλέλλην), die schon früh begegnet ^13 und seit
+Mithradates I., das heißt seit der Ausdehnung des Staates bis an den
+Tigris, stehend wird, hat einen Sinn nur, wenn auf diesen Münzen die
+parthische Griechenstadt redet. Vermutlich war der griechischen Sprache
+im Partherreich neben der persischen eine ähnliche sekundäre Stellung
+im öffentlichen Gebrauch eingeräumt, wie sie sie im Römerstaat neben
+der lateinischen besaß. Das allmähliche Schwinden des Griechentums
+unter der parthischen Herrschaft läßt sich auf diesen städtischen
+Münzen deutlich verfolgen, sowohl in dem Auftreten der einheimischen
+Sprache neben und statt der griechischen wie auch in der mehr und mehr
+hervortretenden Sprachzerrüttung ^14.
+
+————————————————————-
+
+^11 Die älteste bekannte Münze mit Pahlavischrift ist zu Claudius’ Zeit
+unter Volagasos I. geschlagen; sie ist zweisprachig und gibt dem König
+griechisch den vollen Titel, aber nur den Namen Arsakes, iranisch bloß
+den einheimischen Individualnamen abgekürzt (Vol.).
+
+^12 Gewöhnlich beschränkt man dies auf die Großsilbermünze und
+betrachtet das Kleinsilber und das meiste Kupfer als königliche
+Prägung. Indes damit wird dem Großkönig eine seltsame sekundäre Rolle
+in der Prägung zugeteilt. Richtiger wird wohl jene Prägung aufgefaßt
+als überwiegend für das Ausland, diese als überwiegend für den inneren
+Verkehr bestimmt; die zwischen beiden Gattungen bestehenden
+Verschiedenheiten erklären sich auf diese Weise auch.
+
+^13 Der erste Herrscher, der sie führt, ist Phraapates um 188 v. Chr.
+(P. Gardner, Parthian coinage, S. 27).
+
+^14 So steht auf den Münzen des Gotarzes (unter Claudius): Γωτέρζης
+βασιλεύς βασιλέων υός κεκαλουμένος Αρταβάνου. Auf den späteren ist die
+griechische Aufschrift oft ganz unverständlich.
+
+————————————————————-
+
+Dem Umfang nach stand das Reich der Arsakiden weit zurück nicht bloß
+hinter dem Weltstaat der Achämeniden, sondern auch hinter dem ihrer
+unmittelbaren Vorgänger, dem Seleukidenstaat. Von dessen ursprünglichem
+Gebiet besaßen sie nur die größere östliche Hälfte; nach der Schlacht,
+in welcher König Antiochos Sidetes, ein Zeitgenosse der Gracchen, gegen
+die Parther fiel, haben die syrischen Könige nicht wieder ernstlich
+versucht, ihre Herrschaft jenseits des Euphrat geltend zu machen; aber
+das Land diesseits des Euphrat blieb den Okzidentalen.
+
+Von dem Persischen Meerbusen waren beide Küsten, auch die arabische, im
+Besitz der Parther, die Schiffahrt auf demselben also vollständig in
+ihrer Gewalt; die übrige arabische Halbinsel gehorchte weder den
+Parthern noch den über Ägypten gebietenden Römern.
+
+Das Ringen der Nationen um den Besitz des Industals und der westlich
+und östlich angrenzenden Landschaften zu schildern, soweit die gänzlich
+zerrissene Überlieferung überhaupt eine Schilderung zuläßt, ist die
+Aufgabe unserer Darstellung nicht; aber die Hauptzüge dieses Kampfes,
+welcher dem um das Euphrattal geführten stetig zur Seite geht, dürfen
+auch in diesem Zusammenhang um so weniger fehlen, als unsere
+Überlieferung uns nicht gestattet, die Verhältnisse Irans nach Osten in
+ihrem Eingreifen in die westlichen Beziehungen im einzelnen zu
+verfolgen und es daher notwendig erscheint, wenigstens die Grundlinien
+derselben uns zu vergegenwärtigen. Bald nach dem Tode des großen
+Alexander wurde durch das Abkommen seines Marschalls und Teilerben
+Seleukos mit dem Gründer des Inderreiches, Tschandragupta oder
+griechisch Sandrakottos, die Grenze zwischen Iran und Indien gezogen.
+Danach herrschte der letztere nicht bloß über das Gangestal in seiner
+ganzen Ausdehnung und das gesamte nördliche Vorderindien, sondern im
+Gebiet des Indus wenigstens über einen Teil des Hochtals des heutigen
+Kabul, ferner über Arachosien oder Afghanistan, vermutlich auch über
+das wüste und wasserarme Gedrosien, das heutige Belutschistan, sowie
+über das Delta und die Mündungen des Indus; die in Stein gehauenen
+Urkunden, durch welche Tschandraguptas Enkel, der gläubige
+Buddhaverehrer Asoka, das allgemeine Sittengesetz seinen Untertanen
+einschärfte, sind wie in diesem ganzen weit ausgedehnten Gebiet, so
+namentlich noch in der Gegend von Peschawar gefunden worden ^15. Der
+Hindukusch, der Parapanisos der Alten, und dessen Fortsetzung nach
+Osten und Westen schieden also mit ihrer gewaltigen, nur von wenigen
+Pässen durchsetzten Kette Iran und Indien. Aber langen Bestand hat dies
+Abkommen nicht gehabt.
+
+————————————————————
+
+^15 Während das Reich des Dareios, seinen Inschriften zufolge, die
+Gādara (die Gandāra der Inder, Γανδάραι der Griechen, am Kabulfluß) und
+die Hindu (die Indusanwohner) in sich schließt, werden die ersteren in
+einer der Inschriften des Asoka unter seinen Untertanen aufgeführt, und
+ein Exemplar seines großen Edikts hat sich in Kapurdi Giri oder
+vielmehr in Schahbaz Garhi (Yusufzai-Distrikt) gefunden, nahezu sechs
+deutsche Meilen nordwestlich von der Mündung des Kabulflusses in den
+Indus bei Atak. Der Sitz der Regierung dieser nordwestlichen Provinzen
+von Asokas Reich war (nach der Inschrift CI Indicar. I p. 91)
+Takkhasi-lâ, Τάξιλα der Griechen, etwa neun deutsche Meilen OSO von
+Atak, der Regierungssitz für die südwestlichen Landschaften Udjdjeni
+(Οξήνη). Der östliche Teil des Kabultals gehörte also auf jeden Fall zu
+Asokas Reich. Daß der Khaiberpaß die Grenze gebildet habe, ist nicht
+geradezu unmöglich; wahrscheinlich aber gehörte das ganze Kabultal zu
+Indien und machte die Grenze südlich von Kabul die scharfe Linie der
+Sulaiman-Kette und weiter südwestlich der Bolanpaß. Von dem späteren
+indoskythischen König Huvischka (Ooerke der Münzen), der an der Yamunâ
+in Mathurâ residiert zu haben scheint, hat sich eine Inschrift bei
+Wardak, nicht weit nördlich von Kabul, gefunden (nach Mitteilungen
+Oldenbergs).
+
+————————————————————
+
+In der früheren Diadochenzeit brachten die griechischen Herrscher des
+Reiches von Baktra, das von dem Seleukidenstaat gelöst einen mächtigen
+Aufschwung nahm, das Grenzgebirge überschreitend einen großen Teil des
+Industals in ihre Gewalt und setzten vielleicht noch weiter hinein in
+Vorderindien sich fest, so daß das Schwergewicht dieses Reiches sich
+aus dem westlichen Iran nach dem östlichen Indien verschob und der
+Hellenismus dem Indertum wich. Die Könige dieses Reiches heißen
+indische und führen späterhin ungriechische Namen; auf den Münzen
+erscheint neben und statt der griechischen die einheimisch indische
+Sprache und Schrift, ähnlich wie in der parthisch-persischen Prägung
+neben dem Griechischen das Pahlavi emporkommt.
+
+Es trat dann eine Nation mehr in den Kampf ein: die Skythen oder, wie
+sie in Iran und in Indien heißen, die Saker brachen aus ihren
+Stammsitzen am Jaxartes über das Gebirge nach Süden vor. Die baktrische
+Landschaft kam wenigstens großenteils in ihre Gewalt, und etwa im
+letzten Jahrhundert der römischen Republik müssen sie sich in dem
+heutigen Afghanistan und Belutschistan festgesetzt haben. Darum heißt
+in der frühen Kaiserzeit die Küste zu beiden Seiten der Indusmündung um
+Minnagara Skythien und führt im Binnenlande die westlich von Kandahar
+gelegene Landschaft der Dranger später den Namen “Sakerland”,
+Sakastane, das heutige Sedjistan. Diese Einwanderung der Skythen in die
+Landschaften des baktro-indischen Reiches hat dasselbe wohl
+eingeschränkt und geschädigt, etwa wie die ersten Wanderungen der
+Germanen das römische, aber es nicht zerstört; noch unter Vespasian hat
+ein wahrscheinlich selbständiger baktrischer Staat bestanden ^16.
+
+——————————————————————————-
+
+^16 Der Anm. 18 genannte ägyptische Kaufmann gedenkt c. 47 “des
+streitbaren Volks der Baktrianer, die ihren eigenen König haben”.
+Damals also war Baktrien von dem unter parthischen Fürsten stehenden
+Indusreich getrennt. Auch Strabon (11, 11, 1 p. 516) behandelt das
+baktrisch-indische Reich als der Vergangenheit angehörig.
+
+——————————————————————————-
+
+Unter den Juliern und den Claudiern scheinen dann an der Indusmündung
+die Parther die Vormacht gewesen zu sein. Ein zuverlässiger
+Berichterstatter aus augustischer Zeit führt eben jenes Sakastane unter
+den parthischen Provinzen auf und nennt den König der Saker-Skythen
+einen Unterkönig der Arsakiden; als letzte parthische Provinz gegen
+Osten bezeichnet er Arachosien mit der Hauptstadt Alexandropolis,
+wahrscheinlich Kandahar. Ja, bald darauf, in vespasianischer Zeit,
+herrschen in Minnagara parthische Fürsten. Indes war dies für das Reich
+am Indusstrom mehr ein Wechsel der Dynastie als eine eigentliche
+Annexion an den Staat von Ktesiphon. Der Partherfürst Gondopharos, den
+die christliche Legende mit dem Apostel der Parther und der Inder, dem
+heiligen Thomas, verknüpft ^17, hat allerdings von Minnagara aus bis
+nach Peschawar und Kabul hinauf geherrscht; aber diese Herrscher
+gebrauchen, wie ihre Vorherrscher im indischen Reich, neben der
+griechischen die indische Sprache und nennen sich Großkönige wie
+diejenigen von Ktesiphon; sie scheinen mit den Arsakiden darum nicht
+weniger rivalisiert zu haben, weil sie demselben Fürstengeschlecht
+angehörten ^18.
+
+——————————————————————————-
+
+^17 Wahrscheinlich ist er der Kaspar - in älterer Tradition Gathaspar
+-, der unter den heiligen drei Königen aus dem Morgenland auftritt
+(Gutschmid, Rheinisches Museum N. F. 19, 1861, S. 162).
+
+^18 Das bestimmteste Zeugnis der Partherherrschaft in diesen Gegenden
+findet sich in der unter Vespasian von einem ägyptischen Kaufmann
+aufgesetzten Küstenbeschreibung des Roten Meeres c. 38: “Hinter der
+Indusmündung im Binnenland liegt die Hauptstadt von Skythien Minnagara;
+beherrscht aber wird diese von den Parthern, die beständig einander
+verjagen (υπό Πάρθων συνεχώς αλλήλους ενδιωκόντων). Dasselbe wird in
+etwas verwirrter Weise c. 41 wiederholt; es kann hier scheinen, als
+läge Minnagara in Indien selbst oberhalb Barygaza, und schon Ptolemaeos
+ist dadurch irregeführt worden; aber gewißhat der Schreiber, der über
+das Binnenland nur von Hörensagen spricht, nur sagen wollen, daß eine
+große Stadt Minnagara im Binnenland nicht fern von Barygaza liege und
+von da viel Baumwolle nach Barygaza geführt werde. Auch können die nach
+demselben Gewährsmann in Minnagara zahlreich begegnenden Spuren
+Alexanders nur am Indus, nicht in Gudjarat sich gefunden haben. Die
+Lage Minnagaras am unteren Indus, unweit Haiderabad, und die Existenz
+einer parthischen Herrschaft daselbst unter Vespasian erscheint
+hierdurch gesichert.
+
+Damit werden verbunden werden dürfen die Münzen des Königs Gondopharos
+oder Hyndopherres, welcher in einer sehr alten christlichen Legende von
+dem Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen Thomas, zum
+Christentum bekehrt wird und in der Tat der ersten römischen Kaiserzeit
+anzugehören scheint (Sallet, Zeitschrift für Numismatik 6, 1879, S.
+355; Gutschmid, Rheinisches Museum N. F. 19, 1861, S. 162); seines
+Brudersohns Abdagases (Sauet, a. a. O., S. 365), welcher mit dem
+parthischen Fürsten dieses Namens bei Tacitus (ann. 6, 36) identisch
+sein kann, auf jeden Fall einen parthischen Namen trägt, endlich des
+Königs Sanabaros, der kurz nach Hyndopherres regiert haben muß,
+vielleicht sein Nachfolger gewesen ist. Dazu gehören noch eine Anzahl
+anderer mit parthischen Namen, Arsakes, Pakoros, Vonones, bezeichneten
+Münzen. Diese Prägung stellt sich entschieden zu der der Arsakiden
+(Sallet, a. a. O., S. 277); die Silberstücke des Gondopharos und des
+Sanabaros - von den übrigen gibt es fast nur Kupfer -entsprechen genau
+den Arsakidendrachmen. Allem Anschein nach gehören diese den
+Partherfürsten von Minnagara; daß neben der griechischen hier indische
+Aufschrift erscheint, wie bei den späten Arsakiden Pahlavischrift, paßt
+dazu. Aber es sind dies nicht Münzen von Satrapen, sondern, wie dies
+auch der Ägypter andeutet, mit den ktesiphontischen rivalisierender
+Großkönige; Hyndopherres nennt sich in sehr verdorbenem Griechisch
+βασιλεύς βασιλέων μέγας αυτοκρ und in gutem Indisch “Maharadja Radjadi
+Radja”. Wenn, wie dies nicht unwahrscheinlich ist, in dem Mambaros oder
+Akabaros, den der Periplus c. 41. 52 als Herrscher der Küste von
+Barygaza nennt, der Sanabaros der Münzen steckt, so gehört dieser in
+die Zeit Neros oder Vespasians und herrschte nicht bloß an der
+Indusmündung, sondern auch über Gudjarat. Wenn ferner eine unweit
+Peschawar gefundene Inschrift mit Recht auf den König Gondopharos
+bezogen wird, so muß dessen Herrschaft bis dort hinauf, wahrscheinlich
+bis nach Kabul hin sich erstreckt haben.
+
+Daß Corbulo im Jahre 60 die Gesandtschaft der von den Parthern
+abgefallenen Hyrkaner, damit sie von jenen nicht aufgegriffen würden,
+an die Küste des Roten Meeres schickte, von wo sie, ohne parthisches
+Gebiet zu betreten, die Heimat erreichen konnten (Tac. 15, 25), spricht
+dafür, daß das Industal damals dem Herrscher von Ktesiphon nicht
+botmäßig war.
+
+——————————————————————————-
+
+Auf diese parthische Dynastie folgt dann in dem indischen Reich nach
+kurzer Zwischenzeit die in der indischen Überlieferung als die der
+Saker oder die des Königs Kanerku oder Kanischka bezeichnete, welche
+mit dem Jahre 78 n. Chr. beginnt und wenigstens bis in das dritte
+Jahrhundert bestanden hat ^19. Sie gehören zu den Skythen, deren
+Einwanderung früher erwähnt ward, und auf ihren Münzen tritt an die
+Stelle der indischen die skythische Sprache ^20. So haben im
+Indusgebiet nach den Indern und den Hellenen in den ersten drei
+Jahrhunderten unserer Zeitrechnung Parther und Skythen das Regiment
+geführt. Aber auch unter den ausländischen Dynastien hat dort dennoch
+eine national-indische Staatenbildung sich vollzogen und behauptet und
+der parthisch-persischen Machtentwicklung im Osten eine nicht minder
+dauernde Schranke entgegengestellt wie der Römerstaat im Westen.
+
+——————————————————————————-
+
+^19 Daß das Großkönigtum der Arsakiden von Minnagara nicht viel über
+die neronische Zeit hinaus bestanden hat, ist nach den Münzen
+wahrscheinlich. Was für Herrscher auf sie gefolgt sind, ist fraglich.
+Die baktrisch-indischen Herrscher griechischen Namens gehören
+überwiegend, vielleicht sämtlich der voraugustischen Epoche an; auch
+manche einheimischen Namens, zum Beispiel Maues und Azes, fallen nach
+Sprache und Schrift (zum Beispiel der Form des m S2) vor diese Zeit.
+Dagegen sind die Münzen der Könige Kozulokadphises und Ooemokadphises
+und diejenigen der Sakerkönige, des Kanerku und seiner Nachfolger,
+welche alle namentlich durch den bis dahin in der indischen Prägung
+nicht begegnenden Goldstater vom Gewicht des römischen Aureus sich
+deutlich als einheitliche Prägung charakterisieren, allem Anschein nach
+später als Gondopharos und Sanabaros. Sie zeigen, wie der Staat des
+Industals sich in immer steigendem Maß im Gegensatz gegen die Hellenen
+wie gegen die Iranier national-indisch gestaltet hat. Die Regierung
+dieser Kadphises wird also zwischen die indo-parthischen Herrscher und
+die Dynastie der Saker fallen welche letztere mit dem Jahre 78 n. Chr.
+beginnt (Oldenberg in Sallets Zeitschrift für Numismatik 8, 1881, S.
+292). In dem Schatz von Peschawar gefundene Münzen dieser Sakerkönige
+nennen merkwürdigerweise griechische Götter in verstümmelter Form
+Ηρακιλο, Σαραπο, neben dem nationalen Βουδο. Die spätesten ihrer Münzen
+zeigen den Einfluß der ältesten Sassanidenprägung und dürften der
+zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts angehören (Sallet, Zeitschrift
+für Numismatik 6, 1879, S. 225).
+
+^20 Die indo-griechischen und die indo-parthischen Herrscher, ebenso
+die Kadphises bedienen sich auf ihren Münzen in großem Umfang neben der
+griechischen der einheimischen indischen Sprache und Schrift; die
+Sakerkönige dagegen haben niemals indische Sprache und indisches
+Alphabet gebraucht, sondern verwenden ausschließlich die griechischen
+Buchstaben, und die nicht griechischen Aufschriften ihrer Münzen sind
+ohne Zweifel skythisch. So steht auf Kanerkus Goldstücken bald βασιλεύς
+βασιλέων Κανήρκου, bald ραο νανοραο κανηρκι κορανο wo die ersten beiden
+Wörter eine skythisierte Form des indischen Rβdjβdi Rβdjâ sein werden,
+die beiden folgenden den Eigen- und den Stammnamen (Guschana) des
+Königs enthalten (Oldenberg, a. a. O., S. 294). Also waren diese Saker
+in anderem Sinne Fremdherrscher in Indien als die baktrischen Hellenen
+und die Parther. Doch sind die unter ihnen in Indien gesetzten
+Inschriften nicht skythisch, sondern indisch.
+
+——————————————————————————-
+
+Gegen Norden und Nordosten grenzte Iran mit Turan. Wie das westliche
+und südliche Ufer des Kaspischen Meeres und die oberen Täler des Oxos
+und Jaxartes der Zivilisation eine geeignete Stätte bieten, so gehört
+die Steppe um den Aralsee und das dahinter sich ausbreitende weite
+Flachland von Rechts wegen den schweifenden Leuten. Es sind unter
+diesen Nomaden wohl einzelne den Iraniern verwandte Völkerschaften
+gewesen; aber auch diese haben keinen Teil an der iranischen
+Zivilisation, und es ist das bestimmende Moment für die geschichtliche
+Stellung Irans, daß es die Vormauer der Kulturvölker bildet gegen
+diejenigen Horden, die als Skythen, Saken, Hunnen, Mongolen, Türken
+keine andere weltgeschichtliche Bestimmung zu haben scheinen als die
+der Kulturvernichtung. Baktra, das große Bollwerk Irans gegen Turan,
+hat in der nachalexandrischen Epoche unter seinen griechischen
+Herrschern längere Zeit dieser Abwehr genügt; aber es ist schon erwähnt
+worden, daß es späterhin zwar nicht unterging, aber das Vordringen der
+Skythen nach Süden nicht länger zu hindern vermochte. Mit dem Rückgang
+der baktrischen Macht ging die gleiche Aufgabe über auf die Arsakiden.
+Wie weit dieselben ihr entsprochen haben, ist schwierig zu sagen. In
+der ersten Kaiserzeit scheinen die Großkönige von Ktesiphon, wie
+südlich vom Hindukusch so auch in den nördlichen Landschaften, die
+Skythen zurückgedrängt oder sich botmäßig gemacht zu haben; einen Teil
+des baktrischen Gebiets haben sie ihnen wieder entrissen. Aber welche
+und ob überhaupt dauernde Grenzen hier sich feststellten, ist
+zweifelhaft. Der Kriege der Parther und der Skythen wird oft gedacht.
+Die letzteren, hier zunächst die Umwohner des Aralsees, die Vorfahren
+der heutigen Turkmenen, sind regelmäßig die Angreifenden, indem sie
+teils zu Wasser über das Kaspische Meer in die Täler des Kyros und des
+Araxes einfallen, teils von ihrer Steppe aus die reichen Fluren
+Hyrkaniens und die fruchtbare Oase der Margiana (Merw) ausrauben. Die
+Grenzgebiete verstanden sich dazu, die willkürliche Brandschatzung mit
+Tributen abzukaufen, welche regelmäßig in festen Terminen eingefordert
+wurden, wie heute die Beduinen Syriens von den Bauern daselbst die
+Kubba erheben. Das parthische Regiment also vermochte wenigstens in der
+früheren Kaiserzeit so wenig wie das heutige türkische, hier dem
+friedlichen Untertan die Früchte seiner Arbeit zu sichern und einen
+dauernden Friedensstand an der Grenze herzustellen. Auch für die
+Reichsgewalt selbst blieben diese Grenzwirren eine offene Wunde;
+oftmals haben sie in die Sukzessionskriege der Arsakiden so wie in ihre
+Streitigkeiten mit Rom eingegriffen.
+
+Wie das Verhältnis der Parther zu den Römern sich gestaltet und die
+Grenzen der beiden Großmächte sich festgestellt hatten, ist seinerzeit
+dargelegt worden. Während die Armenier mit den Parthern rivalisiert
+hatten und das Königtum am Araxes sich anschickte, in Vorderasien die
+Großkönigsrolle zu spielen, hatten die Parther im allgemeinen
+freundliche Beziehungen zu den Römern unterhalten als den Feinden ihrer
+Feinde. Aber nach der Niederwerfung des Mithradates und des Tigranes
+hatten die Römer, namentlich durch die von Pompeius getroffenen
+Organisationen, eine Stellung genommen, die mit ernstlichem und
+dauerndem Frieden zwischen den beiden Staaten sich schwer vertrug. Im
+Süden stand Syrien jetzt unter unmittelbarer römischer Herrschaft, und
+die römischen Legionen hielten Wacht an dem Saume der großen Wüste, die
+das Küstenland vom Euphrattal scheidet. Im Norden waren Kappadokien und
+Armenien römische Lehnsfürstentümer. Die nordwärts an Armenien
+grenzenden Völkerschaften, die Kolcher, Iberer, Albaner, waren damit
+notwendig dem parthischen Einfluß entzogen und, wenigstens nach
+römischer Auffassung, ebenfalls römische Lehnsstaaten. Das südöstlich
+an Armenien angrenzende, durch den Araxes von ihm getrennte
+Klein-Medien oder Atropatene (Aserbeidschan) hatte schon den Seleukiden
+gegenüber unter seiner alteinheimischen Dynastie seine Nationalität
+behauptet und sogar sich selbständig gemacht; unter den Arsakiden
+erscheint der König dieser Landschaft je nach Umständen als Lehnsträger
+der Parther oder als unabhängig von diesen durch Anlehnung an die
+Römer. Somit reichte der bestimmende Einfluß Roms bis zum Kaukasus und
+zum westlichen Ufer des Kaspischen Meeres. Es lag hierin ein
+Übergreifen über die durch die nationalen Verhältnisse angezeigten
+Grenzen. Das hellenische Volkstum hatte wohl an der Südküste des
+Schwarzen Meeres und im Binnenland in Kappadokien und Kommagene so weit
+Fuß gefaßt, daß hier die römische Vormacht an ihm einen Rückhalt fand;
+aber Armenien ist auch unter der langjährigen römischen Herrschaft
+immer ein ungriechisches Land geblieben, durch die Gemeinschaft der
+Sprache und des Glaubens, die zahlreichen Zwischenheiraten der
+Vornehmen, die gleiche Kleidung und gleiche Bewaffnung ^21 an den
+Partherstaat mit unzerreißbaren Banden geknüpft. Die römische Aushebung
+und die römische Besteuerung sind nie auf Armenien erstreckt worden;
+höchstens bestritt das Land die Aufstellung und die Unterhaltung der
+eigenen Truppen und die Verpflegung der daselbst liegenden römischen.
+Die armenischen Kaufleute vermittelten den Warentausch über den
+Kaukasus mit Skythien, über das Kaspische Meer mit Ostasien und China,
+den Tigris hinab mit Babylonien und Indien, nach Westen hin mit
+Kappadokien; nichts hätte näher gelegen, als das politisch abhängige
+Land in das römische Steuer- und Zollgebiet einzuschließen; dennoch ist
+nie dazu geschritten worden. Die Inkongruenz der nationalen und der
+politischen Zugehörigkeit Armeniens bildet ein wesentliches Moment in
+dem durch die ganze Kaiserzeit sich hinziehenden Konflikt mit dem
+östlichen Nachbarn. Man erkannte es wohl auf römischer Seite, daß die
+Annektierung jenseits des Euphrat ein Übergriff in das Stammgebiet der
+orientalischen Nationalität und für Rom kein eigentlicher Machtzuwachs
+war. Der Grund aber oder wenn man will die Entschuldigung dafür, daß
+diese Übergriffe dennoch sich fortsetzten, liegt darin, daß das
+Nebeneinanderstehen gleichberechtigter Großstaaten mit dem Wesen der
+römischen, man darf vielleicht sagen mit der Politik des Altertums
+überhaupt unvereinbar ist. Das römische Reich kennt als Grenze
+genaugenommen nur das Meer oder das wehrlose Landgebiet. Dem
+schwächeren, aber doch wehrhaften Staatswesen der Parther gönnten die
+Römer die Machtstellung nicht und nahmen ihm, worauf diese wieder nicht
+verzichten konnten; und darum ist das Verhältnis zwischen Rom und Iran
+durch die ganze Kaiserzeit eine nur durch Waffenstillstände
+unterbrochene ewige Fehde um das linke Ufer des Euphrat.
+
+—————————————————————
+
+^21 Arrian, der als Statthalter von Kappadokien selbst über die
+Armenier das Kommando geführt hatte (Alan. 29), nennt in der Taktik
+Armenier und Parther immer zusammen (4, 3; 44, 1 wegen der schweren
+Reiterei, der gepanzerten κοντοφόροι und der leichten Reiterei, der
+ακροβολισταί oder ιπποτοξόται; 35, 7 wegen der Pluderhosen), und wo er
+von Hadrians Einführung der barbarischen Kavallerie in das römische
+Heer spricht, führt er die berittenen Schützen zurück auf das Muster
+“der Parther oder Armenier” (44, 1).
+
+—————————————————————
+
+In den von Lucullus und Pompeius mit den Parthern abgeschlossenen
+Verträgen war die Euphratgrenze anerkannt, also Mesopotamien ihnen
+zugestanden worden. Aber dies hinderte die Römer nicht, die Herrscher
+von Edessa in ihre Klientel aufzunehmen und, wie es scheint durch
+Erstreckung der Grenzen Armeniens gegen Süden, einen großen Teil des
+nördlichen Mesopotamien wenigstens für ihre mittelbare Herrschaft in
+Anspruch zu nehmen. Deswegen hatte nach einigem Zaudern die parthische
+Regierung den Krieg gegen die Römer in der Form begonnen, daß sie ihn
+den Armeniern erklärte. Die Antwort darauf war der Feldzug des Crassus
+und nach der Niederlage bei Karrhä die Zurückführung Armeniens unter
+parthische Gewalt; man kann hinzusetzen: die Wiederaufnahme der
+Ansprüche auf die westliche Hälfte des Seleukidenstaats, deren
+Durchführung freilich damals mißlang. Während des ganzen
+zwanzigjährigen Bürgerkriegs, in dem die römische Republik zugrunde
+ging und schließlich der Prinzipat sich feststellte, dauerte der
+Kriegsstand zwischen Römern und Parthern, und nicht selten griffen
+beide Kämpfe ineinander ein. Pompeius hatte vor der
+Entscheidungsschlacht versucht, den König Orodes als Verbündeten zu
+gewinnen; aber als dieser die Abtretung Syriens forderte, vermochte er
+es nicht über sich, die durch ihn selbst römisch gewordene Provinz
+auszuliefern. Nach der Katastrophe hatte er dennoch sich dazu
+entschlossen; aber Zufälligkeiten lenkten seine Flucht statt nach
+Syrien vielmehr nach Ägypten, wo er dann sein Ende fand. Die Parther
+schienen im Begriff, abermals in Syrien einzubrechen; und die späteren
+Führer der Republikaner verschmähten den Beistand der Landesfeinde
+nicht. Noch bei Caesars Lebzeiten hatte Caecilius Bassus, als er die
+Fahne des Aufstands in Syrien erhob, sofort die Parther herbeigerufen.
+Sie waren diesem Ruf auch gefolgt; des Orodes Sohn Pakoros hatte den
+Statthalter Caesars geschlagen und die von ihm in Apameia belagerte
+Truppe des Bassus befreit (709 45). Sowohl aus diesem Grunde, wie um
+für Karrhä Revanche zu nehmen, hatte Caesar beschlossen, im nächsten
+Frühling persönlich nach Syrien und über den Euphrat zu gehen; aber die
+Ausführung dieses Planes verhinderte sein Tod. Als dann Cassius in
+Syrien rüstete, knüpfte er auch mit dem Partherkönig an, und in der
+Entscheidungsschlacht bei Philippi (712 42) haben parthische berittene
+Schützen mit für die Freiheit Roms gestritten. Da die Republikaner
+unterlagen, verhielt der Großkönig zunächst sich ruhig, und auch
+Antonius hatte wohl die Absicht, des Diktators Pläne auszuführen, aber
+zunächst mit der Ordnung des Orients genug zu tun. Der Zusammenstoß
+konnte nicht ausbleiben; der Angreifende war diesmal der Partherkönig.
+Als im Jahre 713 (41) Caesar der Sohn in Italien mit den Feldherren und
+der Gemahlin des Antonius schlug und dieser in Ägypten bei der Königin
+Kleopatra untätig verweilte, entsprach Orodes dem Drängen eines bei ihm
+im Exil lebenden Römers, des Quintus Labienus, und sandte diesen, einen
+Sohn des erbitterten Gegners des Diktators Titus Labienus und
+ehemaligen Offizier im Heere des Brutus, sowie (713 41) seinen Sohn
+Pakoros mit einer starken Armee über die Grenze. Der Statthalter
+Syriens, Decidius Saxa, unterlag dem unvermuteten Angriff; die
+römischen Besatzungen, großenteils gebildet aus alten Soldaten der
+republikanischen Armee, stellten sich unter den Befehl ihres früheren
+Offiziers; Apameia und Antiocheia, überhaupt alle Städte Syriens mit
+Ausnahme der ohne Flotte nicht zu bezwingenden Inselstadt Tyros,
+unterwarfen sich; auf der Flucht nach Kilikien gab sich Saxa, um nicht
+gefangen zu werden, selber den Tod. Nach der Einnahme Syriens wandte
+sich Pakoros gegen Palästina, Labienus nach der Provinz Asia; auch hier
+unterwarfen sich weithin die Städte oder wurden mit Gewalt bezwungen,
+mit Ausnahme des karischen Stratonikeia. Antonius, durch die italischen
+Verwicklungen in Anspruch genommen, sandte seinen Statthaltern keinen
+Sukkurs, und fast zwei Jahre (Ende 713 bis Frühjahr 715 41-39) geboten
+in Syrien und einem großen Teil Kleinasiens die parthischen Feldherren
+und der republikanische Imperator Labienus -der Parthiker, wie er mit
+schamloser Ironie sich nannte, nicht der Römer, der die Parther,
+sondern der Römer, der mit den Parthern die Seinigen überwand. Erst
+nachdem der drohende Bruch zwischen den beiden Machthabern abgewandt
+war, sandte Antonius ein neues Heer unter Führung des Publius Ventidius
+Bassus, dem er das Kommando in den Provinzen Asia und Syrien übergab.
+Der tüchtige Feldherr traf in Asia den Labienus allein mit seinen
+römischen Truppen und schlug ihn rasch aus der Provinz hinaus. An der
+Scheide von Asia und Kilikien, in den Pässen des Taurus, wollte eine
+Abteilung der Parther die fliehenden Verbündeten aufnehmen; aber auch
+sie wurden geschlagen, bevor sie sich mit Labienus vereinigen konnten,
+und darauf dieser auf der Flucht in Kilikien aufgegriffen und getötet.
+Mit gleichem Glück erstritt Ventidius die Pässe des Amanos an der
+Grenze von Kilikien und Syrien; hier fiel Pharnapates, der beste der
+parthischen Generale (715 39). Damit war Syrien vom Feinde befreit.
+Allerdings überschritt im Jahre darauf Pakoros noch einmal den Euphrat,
+aber nur um in einem entscheidenden Treffen bei Gindaros nordöstlich
+von Antiocheia (9. Juni 716 38) mit dem größten Teil seines Heeres den
+Untergang zu finden. Es war ein Sieg, der den Tag bei Karrhä
+einigermaßen aufwog und von dauernder Wirkung: auf lange hinaus haben
+die Parther nicht wieder ihre Truppen am römischen Ufer des Euphrat
+gezeigt.
+
+Wenn es im Interesse Roms lag, die Eroberungen gegen Osten auszudehnen
+und die Erbschaft des großen Alexander hier in ihrem vollen Umfang
+anzutreten, so lagen dafür die Verhältnisse nie günstiger als im Jahre
+716 (38). Die Beziehungen der Zweiherrscher zueinander hatten zur
+rechten Zeit dafür sich neu befestigt, und auch Caesar wünschte damals
+wahrscheinlich aufrichtig eine ernstliche und glückliche Kriegführung
+seines Herrschaftsgenossen und neuen Schwagers. Die Katastrophe von
+Gindaros hatte bei den Parthern eine schwere dynastische Krise
+hervorgerufen. König Orodes legte, tief erschüttert durch den Tod
+seines ältesten und tüchtigsten Sohnes, das Regiment zu Gunsten seines
+zweitgeborenen, Phraates, nieder. Dieser führte, um sich den Thron
+besser zu sichern, ein Regiment des Schreckens, dem seine zahlreichen
+Brüder und der alte Vater selbst so wie eine Anzahl der hohen Adligen
+des Reiches zum Opfer fielen; andere derselben traten aus und suchten
+Schutz bei den Römern, unter ihnen der mächtige und angesehene
+Monaeses. Nie hat Rom im Orient ein Heer von gleicher Zahl und
+Tüchtigkeit gehabt wie in dieser Zeit: Antonius vermochte nicht weniger
+als sechzehn Legionen, gegen 70000 Mann römischer Infanterie, gegen
+40000 der Hilfsvölker, 10000 spanische und gallische, 6000 armenische
+Reiter über den Euphrat zu führen; wenigstens die Hälfte derselben
+waren altgediente, aus dem Westen herangeführte Truppen, alle bereit,
+ihrem geliebten und verehrten Führer, dem Sieger von Philippi, wo immer
+hin zu folgen und die glänzenden Siege, die nicht durch, aber für ihn
+über die Parther bereits erfochten waren, unter seiner eigenen Führung
+mit noch größeren Erfolgen zu krönen.
+
+In der Tat faßte Antonius die Aufrichtung eines asiatischen
+Großkönigtums nach dem Muster Alexanders ins Auge. Wie Crassus vor
+seinem Einrücken verkündigt hatte, daß er die römische Herrschaft bis
+nach Baktrien und Indien ausdehnen werde, so nannte Antonius den ersten
+Sohn, den die ägyptische Königin ihm gebar, mit dem Namen Alexanders.
+Er scheint geradezu beabsichtigt zu haben, einerseits mit Ausschluß der
+vollständig hellenisierten Provinzen Bithynien und Asia das gesamte
+Reichsgebiet im Osten, so weit es nicht schon unter abhängigen
+Kleinfürsten stand, in diese Form zu bringen, andererseits alle
+einstmals von den Okzidentalen besetzten Landschaften des Ostens in
+Form von Satrapien sich untertänig zu machen. Von dem östlichen
+Kleinasien wurde der größte Teil und der militärische Primat dem
+streitbarsten der dortigen Fürsten, dem Galater Amyntas, zugewiesen.
+Neben dem galatischen standen die Fürsten von Paphlagonien, die von
+Galatien verdrängten Nachkommen des Delotarus; Polemon, der neue Fürst
+im Pontos und der Gemahl der Enkelin des Antonius Pythodoris; ferner
+wie bisher die Könige von Kappadokien und Kommagene. Einen großen Teil
+Kilikiens und Syriens sowie Kypros und Kyrene vereinigte Antonius mit
+dem ägyptischen Staat, dem er also fast die Grenzen wiedergab, wie sie
+unter den Ptolemäern gewesen waren, und wie er die Buhle Caesars, die
+Königin Kleopatra, zu der seinigen oder vielmehr zu seiner Gattin
+gemacht hatte, so erhielt ihr Bastard von Caesar, Caesarion, schon
+früher anerkannt als Mitherrscher in Ägypten ^22, die Anwartschaft auf
+das alte Ptolemäerreich, die auf Syrien ihr Bastard von Antonius,
+Ptolemaeos Philadelphos. Einem anderen Sohn, den sie dem Antonius
+geboren hatte, dem schon erwähnten Alexander, ward für jetzt Armenien
+zugeteilt als Abschlagzahlung auf die ihm weiter zugedachte Herrschaft
+des Ostens. Mit diesem nach orientalischer Art geordneten Großkönigtum
+^23 dachte er den Prinzipat über den Okzident zu vereinigen. Er selbst
+hat nicht den Königsnamen angenommen, vielmehr seinen Landsleuten und
+den Soldaten gegenüber nur diejenigen Titel geführt, die auch Caesar
+zukamen. Aber auf Reichsmünzen mit lateinischer Aufschrift heißt
+Kleopatra Königin der Könige, ihre Söhne von Antonius wenigstens
+Könige; den Kopf seines ältesten Sohnes zeigen die Münzen neben dem des
+Vaters, als verstände die Erblichkeit sich von selbst; die Ehe und die
+Erbfolge der echten und der Bastardkinder wird von ihm behandelt, wie
+es bei den Großkönigen des Ostens Gebrauch ist oder, wie er selbst
+sagte, mit der göttlichen Freiheit seines Ahnherrn Herakles ^24; jenen
+Alexander und dessen Zwillingsschwester Kleopatra nannte er den
+ersteren Helios, die letztere Selene nach dem Muster eben dieser
+Großkönige, und wie einst der Perserkönig dem flüchtigen Themistokles
+eine Anzahl asiatischer Städte, so schenkte er dem zu ihm
+übergetretenen Parther Monaeses drei Städte Syriens. Auch in Alexander
+gingen der König der Makedonier und der König der Könige des Ostens
+einigermaßen nebeneinander her, und auch ihm war für das Lagerzelt von
+Gaugamela das Brautbett in Susa der Lohn; aber seine römische Kopie
+zeigt in ihrer Genauigkeit ein starkes Element der Karikatur.
+
+————————————————————
+
+^22 Als Mitherrscher Ägyptens ist der Bastard Caesars Πτολεμαίος ο καί
+Καίσαρ θεός φιλοπάτωρ φιλομήτωρ, wie seine Königsbenennung lautet (CIG
+4717), eingetreten in dem ägyptischen Jahr 29. Aug. 711/12, wie die
+Jahresrechnung ausweist (Westher Bullettino dell’ Instituto 1866, S.
+199; Krall, Wiener Studien 5, S. 313). Da er an den Platz des Gatten
+und Bruders seiner Mutter Ptolemaeos des Jüngeren tritt, so wird dessen
+Beseitigung durch Kleopatra, deren nähere Umstände nicht bekannt sind,
+eben damals erfolgt sein und den Anlaß gegeben haben, ihn als König von
+Ägypten zu proklamieren. Auch Dio (47, 31) setzt seine Ernennung in den
+Sommer des Jahres 712 vor die Schlacht von Philippi. Dieselbe ist also
+nicht Antonius’ Werk, sondern von den beiden Herrschern
+gemeinschaftlich genehmigt zu einer Zeit, wo ihnen daran gelegen sein
+mußte, der Königin von Ägypten, die allerdings von Anfang an auf ihrer
+Seite gestanden hatte, entgegenzukommen.
+
+^23 Das meint Augustus, wenn er sagt, daß er die großenteils unter
+Könige verteilten Provinzen des Orients wieder zum Reiche gebracht habe
+(Mop. Ancyr. 5, 41: provincias omnis, quae trans Hadrianum mare vergunt
+ad orientem, Cyrenasque, iam ex parte magna regibus eas possidentibus .
+. . reciperavi).
+
+^24 Die Dezenz, die für Augustus ebenso charakteristisch ist wie für
+seinen Kollegen das Gegenteil, verleugnet sich auch hier nicht. Nicht
+bloß wurde in Betreff Caesarions die Vaterschaft, die der Diktator
+selbst so gut wie anerkannt hatte, späterhin offiziell verleugnet; auch
+die Kinder des Antonius von der Kleopatra, wo freilich nichts zu
+verleugnen war, sind wohl als Glieder des kaiserlichen Hauses
+betrachtet, aber nie förmlich als Kinder des Antonius anerkannt worden.
+Im Gegenteil heißt der Sohn der Tochter des Antonius von Kleopatra, der
+spätere König von Mauretanien Ptolemaeos in der athenischen Inschrift
+CIA III, 555 Enkel des Ptolemaeos; denn Πτολεμαίου έκγονος kann in
+diesem Zusammenhang nicht wohl anders gefaßt werden. Man erfand in Rom
+diesen mütterlichen Großvater, um den wirklichen offiziell verschweigen
+zu können. Wer es vorzieht, was O. Hirschfeld vorschlägt, έκγονος als
+Urenkel zu nehmen und auf den mütterlichen Urgroßvater zu beziehen,
+kommt zu demselben Resultat; denn dann ist der Großvater übergangen,
+weil die Mutter im Rechtssinne vaterlos war.
+
+Ob die Fiktion, die mir wahrscheinlicher ist, so weit ging, einen
+bestimmten Ptolemaeos zu bezeichnen, etwa dem im Jahre 712 gestorbenen
+letzten Lagiden das Leben zu verlängern, oder ob man sich begnügte, im
+allgemeinen den Vater zu fingieren, ist nicht zu entscheiden. Aber auch
+darin hielt man die Fiktion fest, daß der Sohn der Tochter des Antonius
+den Namen des fiktiven Großvaters erhielt. Daß dabei der Herkunft von
+den Lagiden vor derjenigen von Massinissa der Vorzug gegeben ward, mag
+wohl mehr durch die Rücksicht auf das kaiserliche Haus herbeigeführt
+sein, welches das Bastardkind als zugehörig behandelte, als durch die
+hellenischen Neigungen des Vaters.
+
+————————————————————
+
+Ob Antonius gleich bei der Übernahme des Regiments im Osten seine
+Stellung in dieser Weise aufgefaßt, ist nicht zu entscheiden;
+vermutlich ist die Schaffung eines neuen orientalischen Großkönigtums
+in Verbindung mit dem okzidentalischen Prinzipat allmählich in ihm
+gereift und der Gedanke erst völlig zu Ende gedacht worden, nachdem er
+im Jahre 717 (37) bei seiner Rückkehr aus Italien nach Asien abermals
+das Verhältnis mit der letzten Königin des Lagidenhauses angeknüpft
+hatte, um es nicht wieder zu zerreißen. Aber sein Naturell war solchem
+Unterfangen nicht gewachsen. Eine jener militärischen Kapazitäten, die
+dem Feind gegenüber und besonders in schwieriger Lage besonnen und kühn
+zu schlagen wissen, fehlte ihm der staatsmännische Wille, das sichere
+Erfassen und entschlossene Verfolgen des politischen Ziels. Hätte der
+Diktator Caesar ihm die Unterwerfung des Ostens zur Aufgabe gestellt,
+so würde er sie wohl gelöst haben; zum Herrscher taugte der Marschall
+nicht. Nach der Vertreibung der Parther aus Syrien verstrichen fast
+zwei Jahre (Sommer 716 bis Sommer 718 38-36), ohne daß irgendein
+Schritt zum Ziele getan ward. Antonius selbst, auch darin
+untergeordnet, daß er seinen Generalen bedeutende Erfolge ungern
+gönnte, hatte den Besieger des Labienus und des Pakoros, den tüchtigen
+Ventidius sofort nach diesem letzten Erfolg entfernt und selbst den
+Oberbefehl übernommen, um die armselige Ehre der Einnahme Samosatas,
+der Hauptstadt des kleinen syrischen Dependenzstaats Kommagene, zu
+verfolgen und zu verfehlen; ärgerlich darüber verließ er den Osten, um
+in Italien mit seinem Schwager über die künftige Ordnung zu verhandeln
+oder mit seiner jungen Gattin Octavia sich des Lebens zu freuen. Seine
+Statthalter im Osten waren nicht untätig. Publius Canidius Crassus ging
+von Armenien aus gegen den Kaukasus vor und unterwarf daselbst den
+König der Iberer, Pharnabazos, und den der Albaner, Zober. Gaius
+Sossius nahm in Syrien die letzte noch zu den Parthern haltende Stadt
+Arados; er stellte ferner in Judäa die Herrschaft des Herodes wieder
+her und ließ den von den Parthern eingesetzten Thronprätendenten, den
+Hasmonäer Antigonos, hinrichten. Die Konsequenzen des Sieges auf
+römischem Gebiet wurden also gezogen und bis zum Kaspischen Meer und
+der syrischen Wüste die römische Herrschaft zur Anerkennung gebracht.
+Aber die Kriegführung gegen die Parther zu beginnen, hatte sich
+Antonius selbst vorbehalten, und er kam nicht.
+
+Als er endlich im Jahre 718 (36) sich nicht Octavias, sondern
+Kleopatras Armen entwand und die Heersäulen in Marsch setzte, war
+bereits ein guter Teil der geeigneten Jahreszeit verstrichen. Noch viel
+auffallender als die Säumnis ist die Richtung, welche Antonius wählte.
+Früher und später haben alle Angriffskriege der Römer gegen die Parther
+den Weg auf Ktesiphon eingeschlagen, die Hauptstadt des Reiches und
+zugleich an dessen Westgrenze gelegen, also für die am Euphrat oder am
+Tigris hinabmarschierenden Heere das natürliche und nächste
+Operationsziel. Auch Antonius konnte, nachdem er durch das nördliche
+Mesopotamien ungefähr auf dem Wege, den Alexander beschritten hatte, an
+den Tigris gelangt war, am Fluß hinab auf Ktesiphon und Seleukeia
+vorrücken. Aber statt dessen ging er vielmehr in nördlicher Richtung
+zunächst nach Armenien und von da, wo er seine gesamten Streitkräfte
+vereinigte und namentlich durch die armenische Reiterei sich
+verstärkte, in die Hochebene von Media Atropatene (Aserbeidschan). Der
+verbündete König von Armenien mag diesen Feldzugsplan wohl empfohlen
+haben, da die armenischen Herrscher zu allen Zeiten nach dem Besitz
+dieses Nachbarlandes strebten und König Artavazdes von Armenien hoffen
+mochte, den gleichnamigen Satrapen von Atropatene jetzt zu bewältigen
+und dessen Gebiet zu dem seinigen zu fügen. Aber Antonius selbst ist
+durch solche Rücksichten unmöglich bestimmt worden. Eher mochte er
+meinen, von Atropatene aus in das Herz des feindlichen Landes
+vordringen zu können und die alten persischen Residenzen Ekbatana und
+Rhagae als Marschziel betrachten. Aber wenn er dies plante, handelte er
+ohne Kenntnis des schwierigen Terrains und unterschätzte durchaus die
+Widerstandskraft des Gegners, wobei die kurze für Operationen in diesem
+Gebirgsland verfügbare Zeit und der späte Beginn des Feldzugs schwer in
+die Waagschale fielen. Da ein geschickter und erfahrener Offizier, wie
+Antonius war, sich darüber schwerlich hat täuschen können, so haben
+wahrscheinlich besondere politische Erwägungen hier eingewirkt.
+Phraates’ Herrschaft wankte, wie gesagt ward; Monaeses, von dessen
+Treue Antonius sich versichert hielt und den er vielleicht an Phraates’
+Stelle zu setzen hoffte, war dem Wunsche des Partherkönigs gemäß in
+sein Vaterland zurückgekehrt ^25; Antonius scheint auf eine
+Schilderhebung desselben gegen Phraates gezählt und in Erwartung dieses
+Bürgerkrieges seine Armee in die inneren parthischen Provinzen geführt
+zu haben. Es wäre wohl möglich gewesen, in dem befreundeten Armenien
+den Erfolg dieses Anschlags abzuwarten, und wenn danach weitere
+Operationen erforderlich waren, im folgenden Jahre wenigstens über die
+volle Sommerzeit zu verfügen; aber dies Zuwarten mißfiel dem hastigen
+Feldherrn. In Atropatene traf er nicht bloß auf den hartnäckigen
+Widerstand des mächtigen und halb unabhängigen Unterkönigs, der in
+seiner Hauptstadt Praaspa oder Phraarta (südlich vom Urmia-See,
+vermutlich am oberen Lauf des Djaghatu) entschlossen die Belagerung
+aushielt, sondern der feindliche Angriff brachte auch den Parthern, wie
+es scheint, den inneren Frieden. Phraates führte ein stattliches Heer
+zum Entsatz der angegriffenen Stadt heran. Antonius hatte einen großen
+Belagerungspark mitgeführt, aber ungeduldig vorwärts eilend diesen in
+der Obhut von zwei Legionen unter dem Legaten Oppius Stauanus
+zurückgelassen. So kam er seinerseits mit der Belagerung nicht
+vorwärts; König Phraates aber sandte unter eben jenem Monaeses seine
+Reitermassen in den Rücken der Feinde gegen das mühsam nachrückende
+Korps des Stauanus. Die Parther hieben die Deckungsmannschaft nieder,
+darunter den Feldherrn selbst, nahmen den Rest gefangen und
+vernichteten den gesamten Park von 300 Wagen. Damit war der Feldzug
+verloren. Der Armenier, an dem Erfolge des Feldzugs verzweifelnd, nahm
+seine Leute zusammen und ging heim. Antonius gab nicht sofort die
+Belagerung auf und schlug sogar das königliche Heer in offener
+Feldschlacht, aber die flinken Reiter entrannen ohne wesentlichen
+Verlust und es war ein Sieg ohne Wirkung. Ein Versuch, von dem König
+wenigstens die Rückgabe der alten und der neu verlorenen Adler zu
+erlangen und also wenn nicht mit Vorteil, doch mit Ehren Frieden zu
+schließen, schlug fehl; so leichten Kaufs gab der Parther den sicheren
+Erfolg nicht aus der Hand. Er versicherte nur den Abgesandten des
+Antonius, daß, wenn die Römer die Belagerung aufheben würden, er sie
+auf der Heimkehr nicht belästigen werde. Diese weder ehrenvolle noch
+zuverlässige feindliche Zusage wird Antonius schwerlich zum Aufbruch
+bestimmt haben. Es lag nahe, in Feindesland Winterquartier zu nehmen,
+zumal da die parthischen Truppen dauernden Kriegsdienst nicht kannten
+und voraussichtlich beim Einbrechen des Winters die meisten
+Mannschaften heimgegangen sein würden. Aber es fehlte ein fester
+Stützpunkt, und die Zufuhr in dem ausgesogenen Land war nicht
+gesichert, vor allen Dingen Antonius selbst einer solchen zähen
+Kriegführung nicht fähig. Also gab er die Maschinen preis, die die
+Belagerten sofort verbrannten und trat den schweren Rückweg an,
+entweder zu früh oder zu spät. Fünfzehn Tagemärsche (300 römische
+Meilen) durch feindliches Land trennten das Heer von dem Araxes, dem
+Grenzfluß Armeniens, wohin trotz der zweideutigen Haltung des
+Herrschers allein der Rückzug gerichtet werden konnte. Ein feindliches
+Heer von 40000 Berittenen gab trotz der gegebenen Zusage den
+Abziehenden das Geleit, und mit dem Abmarsch der Armenier hatten die
+Römer den besten Teil ihrer Reiterei verloren. Die Lebensmittel und die
+Zugtiere waren knapp, die Jahreszeit weit vorgerückt. Aber Antonius
+fand in der gefährlichen Lage seine Kraft und seine Kriegskunst wieder,
+einigermaßen auch sein Kriegsglück; er hatte gewählt, und der Feldherr
+wie die Truppen lösten die Aufgabe in rühmlicher Weise. Hätten sie
+nicht einen ehemaligen Soldaten des Crassus bei sich gehabt, der, zum
+Parther geworden, Weg und Steg auf das genaueste kannte und sie statt
+durch die Ebene, auf der sie gekommen waren, auf Gebirgswegen
+zurückführte, die den Reiterangriffen weniger ausgesetzt waren - wie es
+scheint über die Berge um Tabriz -, so würde das Heer schwerlich an das
+Ziel gelangt sein; und hätte nicht Monaeses, in seiner Art dem Antonius
+die Dankesschuld abtragend, ihn rechtzeitig von den falschen
+Zusicherungen und den hinterlistigen Anschlägen seiner Landsleute in
+Kenntnis gesetzt, so wären die Römer wohl in einen der Hinterhalte
+gefallen, die ihnen mehrfach gelegt wurden. Antonius’ Soldatennatur
+trat in diesen schweren Tagen oftmals glänzend hervor, in seiner
+geschickten Benutzung jedes günstigen Moments, in seiner Strenge gegen
+die Feigen, in seiner Macht über die Soldatengemüter, in seiner treuen
+Fürsorge für die Verwundeten und die Kranken. Dennoch war die Rettung
+fast ein Wunder; schon hatte Antonius einen treuen Leibdiener
+angewiesen, im äußersten Fall ihn nicht lebend in die Hände der Feinde
+fallen zu lassen. Unter stetigen Angriffen des tückischen Feindes, in
+winterlich kalter Witterung, bald ohne genügende Nahrung und oft ohne
+Wasser erreichten sie in siebenundzwanzig Tagen die schützende Grenze,
+wo der Feind von ihnen abließ. Der Verlust war ungeheuer; man rechnete
+auf jene siebenundzwanzig Tage achtzehn größere Treffen, und in einem
+einzigen derselben zählten die Römer 3000 Tote und 5000 Verwundete. Es
+waren eben die Besten und Bravsten, die die stetigen Nachhuts- und
+Flankengefechte hinrafften. Das ganze Gepäck, ein Drittel des Trosses,
+ein Viertel der Armee, 20000 Fußsoldaten und 4000 Reiter waren auf
+diesem medischen Feldzug zugrunde gegangen, zum großen Teil nicht durch
+das Schwert, sondern durch Hunger und Seuchen. Auch am Araxes waren die
+Leiden der unglücklichen Truppen noch nicht zu Ende. Artavazdes nahm
+sie als Freund auf und hatte auch keine andere Wahl; es wäre wohl
+möglich gewesen, hier zu überwintern. Aber die Ungeduld des Antonius
+litt dies nicht; der Marsch ging weiter, und bei der immer rauher
+werdenden Jahreszeit und dem Gesundheitszustand der Soldaten kostete
+dieser letzte Abschnitt der Expedition vom Araxes bis nach Antiocheia,
+obwohl kein Feind ihn behinderte, noch weitere 8000 Mann. Wohl ist
+dieser Feldzug ein letztes Aufleuchten dessen, was in Antonius’
+Charakter brav und tüchtig war, aber politisch seine Katastrophe, um so
+mehr, als gleichzeitig Caesar durch die glückliche Beendigung des
+sizilischen Krieges die Herrschaft im Okzident und das Vertrauen
+Italiens für jetzt und alle Zukunft gewann.
+
+———————————————————————-
+
+^25 Es ist an sich glaublich daß Antonius dem Phraates so lange wie
+möglich die bevorstehende Invasion verbarg und darum bei Rücksendung
+des Monaeses sich bereit erklärte, auf Grund der Rückgabe der
+verlorenen Feldzeichen Frieden zu schließen (Plut. Ant. 37; Dio 49, 24;
+Florus 2, 20 [4, 101). Aber er wußte vermutlich, daß dies Anerbieten
+nicht würde angenommen werden, und ernst kann es ihm mit diesen
+Anträgen auf keinen Fall gewesen sein; ohne Zweifel wollte er den Krieg
+und den Sturz des Phraates.
+
+———————————————————————-
+
+Die Verantwortung für den Mißerfolg, den zu verleugnen er vergeblich
+versuchte, warf Antonius auf die abhängigen Könige von Kappadokien und
+Armenien, auf den letzteren insofern mit Recht, als dessen vorzeitiger
+Abmarsch von Praaspa die Gefahren und die Verluste des Rückzugs
+wesentlich gesteigert hatte. Aber für den Feldzugsplan trug nicht er
+die Verantwortung, sondern Antonius ^26; und das Fehlschlagen der auf
+Monaeses gesetzten Hoffnungen, die Katastrophe des Stauanus, das
+Scheitern der Belagerung von Praaspa sind nicht durch den Armenier
+herbeigeführt worden. Die Unterwerfung des Ostens gab Antonius nicht
+auf, sondern brach im nächsten Jahre (719 35) abermals aus Ägypten auf.
+Die Verhältnisse lagen auch jetzt noch verhältnismäßig günstig. Mit dem
+medischen König Artavazdes wurde ein Freundschaftsbündnis angeknüpft;
+derselbe war nicht bloß mit dem parthischen Oberherrn in Streit
+geraten, sondern grollte auch vor allem dem armenischen Nachbarn und
+durfte bei der wohlbekannten Erbitterung des Antonius gegen diesen
+darauf rechnen, an dem Feind seines Feindes eine Stütze zu finden.
+Alles kam an auf das feste Einvernehmen der beiden Machthaber, des
+sieggekrönten Herrn des Westens und des geschlagenen Herrschers im
+Osten; und auf die Kunde hin, daß Antonius die Fortführung des Krieges
+beabsichtige, begab sich seine rechtmäßige Gattin, die Schwester
+Caesars, von Italien nach dem Osten, um ihm neue Mannschaften
+zuzuführen und das Verhältnis zu ihr und zu dem Bruder neu zu
+befestigen. Wenn Octavia groß genug dachte, trotz des Verhältnisses mit
+der ägyptischen Königin dem Gatten die Hand zur Versöhnung zu bieten,
+so muß auch Caesar, wie dies weiter die eben jetzt erfolgende Eröffnung
+des Krieges an der italischen Nordostgrenze bestätigt, damals noch
+bereit gewesen sein, das bestehende Verhältnis aufrechtzuerhalten.
+Beide Geschwister ordneten ihre persönlichen Interessen denen des
+Gemeinwesens in hochherziger Weise unter. Aber wie laut das Interesse
+wie die Ehre dafür sprachen, die hingereichte Hand anzunehmen, Antonius
+konnte es nicht über sich gewinnen, das Verhältnis zu der Ägypterin zu
+lösen; er wies die Gattin zurück, und dies war zugleich der Bruch mit
+deren Bruder, und, wie man hinzusetzen kann, der Verzicht auf die
+Fortführung des Krieges gegen die Parther. Nun mußte, ehe daran gedacht
+werden konnte, die Herrschaftsfrage zwischen Antonius und Caesar
+erledigt werden. Antonius ging denn auch sofort aus Syrien nach Ägypten
+zurück und unternahm in den folgenden Jahren nichts weiteres zur
+Ausführung seiner orientalischen Eroberungspläne; nur strafte er die,
+denen er die Schuld des Mißerfolgs beimaß. Den König von Kappadokien,
+Ariarathes, ließ er hinrichten ^27 und gab das Königreich einem
+illegitimen Verwandten desselben, dem Archelaos. Das gleiche Schicksal
+war dem Armenier zugedacht. Wenn Antonius, wie er sagte, zur
+Fortführung des Krieges im Jahre 720 (34) in Armenien erschien, so
+hatte dies nur den Zweck, die Person des Königs, der sich geweigert
+hatte, nach Ägypten zu gehen, in die Gewalt zu bekommen: Dieser Akt der
+Rache wurde auf nichtswürdige Weise im Wege der Überlistung ausgeführt
+und in nicht minder nichtswürdiger Weise durch eine in Alexandreia
+aufgeführte Karikatur des kapitolinischen Triumphs gefeiert. Damals
+wurde der zum Herrn des Ostens bestimmte Sohn des Antonius, wie früher
+angegeben ward, als König von Armenien eingesetzt und mit der Tochter
+des neuen Bundesgenossen, des Königs von Medien, vermählt, während der
+älteste Sohn des gefangenen und einige Zeit später auf Geheiß der
+Kleopatra hingerichteten Königs von Armenien, Artaxes, den die Armenier
+anstatt des Vaters zum König ausgerufen hatten, landflüchtig zu den
+Parthern ging. Armenia und Media Atropatene waren hiermit in Antonius’
+Gewalt oder ihm verbündet; die Fortführung des parthischen Krieges
+wurde wohl angekündigt, blieb aber verschoben bis nach der Überwindung
+des westlichen Rivalen. Phraates seinerseits ging gegen Medien vor,
+anfangs ohne Erfolg, da die in Armenien stehenden römischen Truppen den
+Medern Beistand leisteten; aber als im Verlauf der Rüstungen gegen
+Caesar Antonius seine Mannschaften von dort abrief, gewannen die
+Parther die Oberhand, überwanden die Meder und setzten in Medien so wie
+auch in Armenien den König Artaxes ein, der, um die Hinrichtung des
+Vaters zu vergelten, sämtliche im Lande zerstreute Römer greifen und
+töten ließ. Daß Phraates die große Fehde zwischen Antonius und Caesar,
+während sie vorbereitet und ausgefochten ward, nicht voller ausnutzte,
+wurde wahrscheinlich wieder einmal durch die im eigenen Lande
+ausbrechenden Unruhen verhindert. Diese endigten damit, daß er
+ausgetrieben ward und zu den Skythen des Ostens ging; an seiner Stelle
+wurde Tiridates als Großkönig ausgerufen. Als die entscheidende
+Seeschlacht an der Küste von Epirus geschlagen ward und dann in Ägypten
+die Katastrophe des Antonius sich vollzog, saß in Ktesiphon dieser neue
+Großkönig auf dem schwankenden Thron und schickten an der
+entgegengesetzten Reichsgrenze die Scharen Turans sich an, den früheren
+Herrscher wieder an seine Stelle zu setzen, was ihnen bald darauf auch
+gelang.
+
+—————————————————————-
+
+^26 Was darüber Strabon (11, 13, 4 p. 524) offenbar nach der von
+Antonius’ Waffengefährten Dellius und vermutlich auf dessen Geheiß
+aufgesetzten Darstellung dieses Krieges (vgl. das. 11, 13 3; Dio 49,
+39) berichtet, ist ein recht kläglicher Rechtfertigungsversuch des
+geschlagenen Generals. Wenn Antonius nicht den nächsten Weg nach
+Ktesiphon einschlug, so kann dafür der König Artavasdes nicht als
+falscher Wegweiser in Anspruch genommen werden; es war eine
+militärische und wohl mehr noch eine politische Verrechnung des
+obersten Feldherrn.
+
+^27 Die Tatsache der Absetzung und der Hinrichtung und die Zeit
+bezeugen Dio (49, 32) und Valerius Maximus (9, 15 ext. 2); die Ursache
+oder der Vorwand wird mit dem Armenischen Krieg zusammenhängen.
+
+—————————————————————-
+
+Der kluge und klare Mann, dem die Liquidation der Unternehmungen des
+Antonius und die Feststellung des Verhältnisses der beiden Reichsteile
+zufiel, bedurfte ebensosehr der Mäßigung wie der Energie. Es würde der
+schwerste Fehler gewesen sein, in Antonius’ Gedanken eingehend den
+Orient oder auch nur im Orient weiter zu erobern. Augustus erkannte
+dies; seine militärischen Ordnungen zeigen deutlich, daß er zwar den
+Besitz der syrischen Küste wie den der ägyptischen als ein
+unentbehrliches Komplement für das Reich des Mittelmeers betrachtete,
+aber auf binnenländischen Besitz daselbst keinen Wert legte. Indes
+Armenien war nun einmal seit einem Menschenalter römisch und konnte,
+nach Lage der Verhältnisse, nur römisch oder parthisch sein; die
+Landschaft war durch ihre Lage militärisch für jede der Großmächte ein
+Ausfallstor in das Gebiet der anderen. Augustus dachte auch nicht
+daran, auf Armenien zu verzichten und es den Parthern zu überlassen;
+und wie die Dinge lagen, durfte er schwerlich daran denken. Wenn aber
+Armenien festgehalten ward, konnte man dabei nicht stehenbleiben; die
+örtlichen Verhältnisse nötigten die Römer, weiter das Stromgebiet des
+Kyros, die Landschaften der Iberer an seinem oberen, der Albaner an
+seinem unteren Lauf, das heißt, die als Reiter wie zu Fuß
+kampftüchtigen Bewohner des heutigen Georgien und Schirwân, unter ihren
+maßgebenden Einfluß zu bringen, das parthische Machtgebiet nicht
+nördlich vom Araxes über Atropatene hinaus sich erstrecken zu lassen.
+Schon die Expedition des Pompeius hatte gezeigt, daß die Festsetzung in
+Armenien die Römer notwendig einerseits bis an den Kaukasus,
+andrerseits bis an das Westufer des Kaspischen Meeres führte. Die
+Ansätze waren überall da. Antonius’ Legaten hatten mit den Iberern und
+den Albanern gefochten. Polemon, von Augustus in seiner Stellung
+bestätigt, herrschte nicht bloß über die Küste von Pharnakeia bis
+Trapezunt, sondern auch über das Gebiet der Kolcher an der
+Phasismündung. Zu dieser allgemeinen Sachlage kamen die besonderen
+Verhältnisse des Augenblicks, welche es dem neuen Alleinherrscher Roms
+in dringendster Weise nahelegten, das Schwert den Orientalen gegenüber
+nicht bloß zu zeigen, sondern auch zu ziehen. Daß König Artaxes, wie
+einst Mithradates, sämtliche Römer innerhalb seiner Grenzen umzubringen
+befohlen hatte, konnte nicht unvergolten bleiben. Auch der
+landflüchtige König von Medien hatte Hilfe jetzt bei Augustus gesucht,
+wie er sie sonst bei Antonius gesucht haben würde. Der Bürger- und
+Prätendentenkrieg im Parthischen Reiche erleichterte nicht bloß den
+Angriff, sondern der vertriebene Herrscher Tiridates suchte gleichfalls
+Schutz bei Augustus und erklärte sich bereit, als römischer Vasall das
+Reich von Augustus zu Lehen zu nehmen. Die Rückgabe der bei den
+Niederlagen des Crassus und der Antonianer in die Gewalt der Parther
+geratenen Römer und der verlorenen Adler mochte an sich dem Herrscher
+der Kriegführung nicht wert erscheinen; fallen lassen konnte der
+Wiederhersteller des römischen Staates diese militärische und
+politische Ehrenfrage nicht. Mit diesen Tatsachen mußte der römische
+Staatsmann rechnen; bei der Stellung, die Augustus im Orient nahm, war
+die Politik der Aktion überhaupt und durch die vorhergegangenen
+Mißerfolge doppelt geboten. Ohne Zweifel war es wünschenswert, die
+Ordnung der Dinge in Rom bald vorzunehmen; aber eine zwingende
+Nötigung, dies sofort zu tun, bestand für den unbestrittenen
+Alleinherrscher nicht. Er befand sich nach den entscheidenden Schlägen
+von Aktion und Alexandreia an Ort und Stelle und an der Spitze eines
+starken und siegreichen Heeres; was einmal geschehen mußte, geschah am
+besten gleich. Ein Herrscher vom Schlage Caesars wäre schwerlich nach
+Rom zurückgegangen, ohne in Armenien die Schutzherrschaft hergestellt,
+die römische Suprematie bis zum Kaukasus und zum Kaspischen Meere zur
+Anerkennung gebracht und mit dem Parther abgerechnet zu haben. Ein
+Herrscher von Umsicht und Tatkraft hätte die Grenzverteidigung im Osten
+gleich jetzt geordnet, wie die Verhältnisse es erforderten; es war von
+vornherein klar, daß die vier syrischen Legionen von zusammen 40000
+Mann nicht genügten, um die Interessen Roms zugleich am Euphrat, am
+Araxes und am Kyros zu wahren und daß die Milizen der abhängigen
+Königreiche den Mangel der Reichstruppen nur verdeckten, nicht deckten.
+Armenien hielt durch politische und nationale Sympathie mehr zu den
+Parthern als zu den Römern; die Könige von Kommagene, Kappadokien,
+Galatien, Pontus neigten wohl umgekehrt mehr nach der römischen Seite,
+aber sie waren unzuverlässig und schwach. Auch die maßhaltende Politik
+bedurfte zu ihrer Begründung eines energischen Schwertschlags, zu ihrer
+Aufrechthaltung des nahen Arms einer überlegenen römischen
+Militärmacht.
+
+Augustus hat weder geschlagen noch geschirmt; gewiß nicht, weil er über
+die Sachlage sich täuschte, sondern weil es in seiner Art lag, das als
+notwendig Erkannte zögernd und schwächlich durchzuführen und die
+Rücksichten der inneren Politik auf das Verhältnis zum Ausland mehr als
+billig einwirken zu lassen. Das Unzulängliche des Grenzschutzes durch
+die kleinasiatischen Klientelstaaten hat er wohl eingesehen; es gehört
+in diesen Zusammenhang, daß er schon im Jahre 729 (25), nach dem Tode
+des Königs Amyntas, des Herrn im ganzen innern Kleinasien, diesem
+keinen Nachfolger gab, sondern das Land einem kaiserlichen Legaten
+unterstellte. Vermutlich sollten auch die benachbarten bedeutenderen
+Klientelstaaten, namentlich Kappadokien, in gleicher Weise nach dem
+Ableben der derzeitigen Inhaber in kaiserliche Statthalterschaften
+verwandelt werden. Dies war ein Fortschritt, insofern die Milizen
+dieser Landschaften damit der Reichsarmee inkorporiert und unter
+römische Offiziere gestellt wurden; einen ernstlichen Druck auf die
+unsicheren Grenzlandschaften oder gar auf den benachbarten Großstaat
+konnten diese Truppen nicht ausüben, wenn sie auch jetzt zu denen des
+Reiches zählten. Aber alle diese Erwägungen wurden überwogen durch die
+Rücksicht auf die Herabdrückung der Ziffer des stehenden Heeres und der
+Ausgabe für das Heerwesen auf das möglichst niedrige Maß.
+
+Ebenso ungenügend waren den augenblicklichen Verhältnissen gegenüber
+die auf der Heimkehr von Alexandreia von Augustus getroffenen
+Maßregeln. Er gab dem vertriebenen König der Meder die Herrschaft von
+Klein-Armenien und dem parthischen Prätendenten Tiridates ein Asyl in
+Syrien, um durch jenen den in offener Feindseligkeit gegen Rom
+verharrenden König Artaxes in Schach zu halten, durch diesen auf den
+König Phraates zu drücken. Die mit diesem wegen der Rückgabe der
+parthischen Siegestrophäen angeknüpften Verhandlungen zogen sich
+ergebnislos hin, obwohl Phraates im Jahre 731 (23), um die Entlassung
+eines zufällig in die Gewalt der Römer geratenen Sohnes zu erlangen,
+die Rückgabe zugesichert hatte.
+
+Erst als Augustus im Jahre 734 (20) sich persönlich nach Syrien begab
+und Ernst zeigte, fügten sich die Orientalen. In Armenien, wo eine
+mächtige Partei sich gegen den König Artaxes erhoben hatte, warfen sich
+die Insurgenten den Römern in die Arme und erbaten für des Artaxes
+jüngeren, am kaiserlichen Hof erzogenen und in Rom lebenden Bruder
+Tigranes die kaiserliche Belehnung. Als des Kaisers Stiefsohn Tiberius
+Claudius Nero, damals ein 22jähriger Jüngling, mit Heeresmacht in
+Armenien einrückte, wurde König Artaxes von seinen eigenen Verwandten
+ermordet, und Tigranes empfing die königliche Tiara aus der Hand des
+kaiserlichen Vertreters, wie sie fünfzig Jahre früher sein
+gleichnamiger Großvater von Pompeius empfangen hatte. Atropatene wurde
+wieder von Armenien getrennt und kam unter die Herrschaft eines
+ebenfalls in Rom erzogenen Herrschers, des Ariobarzanes, Sohnes des
+früher erwähnten Artavazdes; doch scheint dieser das Land nicht als
+römisches, sondern als parthisches Lehnsreich erhalten zu haben. Über
+die Ordnung der Dinge in den Fürstentümern am Kaukasus erfahren wir
+nichts; aber da sie später unter die römischen Klientelstaaten
+gerechnet werden, so hat wahrscheinlich damals auch hier der römische
+Einfluß obgesiegt. Selbst König Phraates, jetzt vor die Wahl gestellt,
+sein Wort einzulösen oder zu schlagen, entschloß sich schweren Herzens
+zu der die nationalen Gefühle der Seinen empfindlich verletzenden
+Herausgabe der wenigen noch lebenden römischen Kriegsgefangenen und der
+gewonnenen Feldzeichen.
+
+Unendlicher Jubel begrüßte diesen, von dem Fürsten des Friedens
+errungenen unblutigen Sieg. Auch bestand nach demselben mit dem
+Partherkönig längere Zeit ein freundschaftliches Verhältnis, wie denn
+die unmittelbaren Interessen der beiden Großstaaten sich wenig stießen.
+In Armenien dagegen hatte die römische Lehnsherrschaft, die nur auf
+sich selbst ruhte, der nationalen Opposition gegenüber einen schweren
+Stand. Nach dem frühen Tode des Königs Tigranes schlugen dessen Kinder
+oder die unter ihrem Namen regierenden Staatsleiter sich selber zu
+dieser. Gegen sie wurde von den Römerfreunden ein anderer Herrscher,
+Artavazdes, aufgestellt; aber er vermochte nicht gegen die stärkere
+Gegenpartei durchzudringen. Diese armenischen Wirren störten auch das
+Verhältnis zu den Parthern; es lag in der Sache, daß die antirömisch
+gesinnten Armenier sich auf diese zu stützen suchten, und auch die
+Arsakiden konnten nicht vergessen, daß Armenien früher eine parthische
+Sekundogenitur gewesen war. Unblutige Siege sind oft schwächliche und
+gefährliche. Es kam so weit, daß die römische Regierung im Jahre 748
+(6) demselben Tiberius, der vierzehn Jahre zuvor den Tigranes als
+Lehnskönig von Armenien eingesetzt hatte, den Auftrag erteilte,
+abermals mit Heeresmacht dort einzurücken und die Verhältnisse
+nötigenfalls mit Waffengewalt zu ordnen. Aber das Zerwürfnis in der
+kaiserlichen Familie, welches die Unterwerfung der Germanen
+unterbrochen hatte, griff auch hier ein und hatte die gleiche üble
+Wirkung. Tiberius lehnte den Auftrag des Stiefvaters ab, und in
+Ermangelung eines geeigneten prinzlichen Feldherrn sah die römische
+Regierung einige Jahre hindurch wohl oder übel dem Schalten der
+antirömischen Partei in Armenien unter Parthisches Schutz untätig zu.
+Endlich im Jahre 753 (1) wurde dem älteren Adoptivsohn des Kaisers, dem
+zwanzigjährigen Gaius Caesar, nicht bloß derselbe Auftrag erteilt,
+sondern es sollte, wie der Vater hoffte, die Unterwerfung Armeniens der
+Anfang größerer Dinge sein, der Orientfeldzug des zwanzigjährigen
+Kronprinzen man möchte fast sagen die Alexanderfahrt fortsetzen. Vom
+Kaiser beauftragte oder dem Hofe nahestehende Literaten, der Geograph
+Isidoros, selber an der Euphratmündung zu Hause, und der Vertreter der
+griechischen Gelehrsamkeit unter den Fürstlichkeiten des Augustischen
+Kreises, König Juba von Mauretanien, widmeten, jener seine im Orient
+selbst eingezogenen Erkundigungen, dieser literarische Kollektaneen
+über Arabien, dem jungen Prinzen, der vor Begierde zu brennen schien,
+mit der Eroberung Arabiens, über welche Alexander weggestorben war,
+einen vor längerer Zeit dort eingetretenen Mißerfolg des Augustfischen
+Regiments glänzend zu begleichen. Zunächst für Armenien war diese
+Sendung ebenso von Erfolg wie die des Tiberius. Der römische Kronprinz
+und der parthische Großkönig Phraatakes trafen persönlich auf einer
+Insel des Euphrat zusammen; die Parther gaben wieder einmal Armenien
+auf und die nahegerückte Gefahr eines parthischen Krieges ward
+abgewandt, das gestörte Einvernehmen wenigstens äußerlich
+wiederhergestellt. Den Armeniern setzte Gaius den Ariobarzanes, einen
+Prinzen aus dem medischen Fürstenhause, zum König, und die
+Oberherrschaft Roms wurde abermals befestigt. Indes fügten die
+antirömisch gesinnten Armenier sich nicht ohne Widerstand; es kam nicht
+bloß zum Einrücken der Legionen, sondern auch zum Schlagen. Vor den
+Mauern des armenischen Kastells Artageira empfing der junge Kronprinz
+von einem parthischen Offizier durch tückische List die Wunde (2 n.
+Chr.), an der er nach monatelangem Siechen hinstarb. Die Verschlingung
+der Reichs- und der dynastischen Politik bestrafte sich aufs neue. Der
+Tod eines jungen Mannes änderte den Gang der großen Politik; die so
+zuversichtlich dem Publikum angekündigte arabische Expedition fiel weg,
+nachdem ihr Gelingen dem Sohn des Kaisers nicht mehr den Weg zur
+Nachfolge ebnen konnte. Auch an weitere Unternehmungen am Euphrat wurde
+nicht mehr gedacht; das Nächste, die Besetzung Armeniens und die
+Wiederherstellung der Beziehungen zu den Parthern war erreicht, wie
+trübe Schatten auch durch den Tod des Kronprinzen auf diesen Erfolg
+fielen.
+
+Bestand hatte derselbe so wenig wie der der glänzenderen Expedition des
+Jahres 734 (20). Die von Rom eingesetzten Herrscher Armeniens wurden
+bald von denen der Gegenpartei unter versteckter oder offener
+Beteiligung der Parther bedrängt oder verdrängt. Als der in Rom
+erzogene parthische Prinz Vonones auf den erledigten parthischen Thron
+berufen ward, hofften die Römer an ihm eine Stütze zu finden; allein
+eben deswegen mußte er bald ihn räumen, und an seine Stelle kam König
+Artabanos von Medien, ein mütterlicherseits den Arsakiden
+entsprossener, aber dem skythischen Volke der Daker angehöriger und in
+einheimischer Sitte aufgewachsener tatkräftiger Mann (um 10 n. Chr.).
+Vonones ward damals von den Armeniern als Herrscher aufgenommen und
+damit diese unter römischem Einfluß gehalten. Aber um so weniger konnte
+Artabanos seinen verdrängten Nebenbuhler als Nachbarfürsten dulden; die
+römische Regierung hätte, um den für seine Stellung in jeder Hinsicht
+ungeeigneten Mann zu halten, Waffengewalt gegen die Parther wie gegen
+seine eigenen Untertanen anwenden müssen. Tiberius, der inzwischen zur
+Regierung gekommen war, ließ nicht sofort einrücken, und für den
+Augenblick siegte in Armenien die antirömische Partei; aber es war
+nicht seine Absicht, auf das wichtige Grenzland zu verzichten. Im
+Gegenteil wurde die wahrscheinlich längst beschlossene Einziehung des
+Königreichs Kappadokien im Jahre 17 zur Ausführung gebracht: der alte
+Archelaos, der dort seit dem Jahre 718 (36) den Thron einnahm, ward
+nach Rom berufen und ihm hier angekündigt, daß er aufgehört habe zu
+regieren. Ebenso kam das kleine, aber wegen der Euphratübergänge
+wichtige Königreich Kommagene damals unter unmittelbare kaiserliche
+Verwaltung. Damit war die unmittelbare Reichsgrenze bis an den
+mittleren Euphrat vorgeschoben. Zugleich ging der Kronprinz Germanicus,
+der soeben am Rhein mit großer Auszeichnung kommandiert hatte, mit
+ausgedehnter Machtvollkommenheit nach dem Osten, um die neue Provinz
+Kappadokien zu ordnen und das gesunkene Ansehen der Reichsgewalt
+wiederherzustellen. Auch diese Sendung kam bald und leicht zum Ziel.
+Germanicus, obwohl von dem Statthalter Syriens, Gnaeus Piso, nicht mit
+derjenigen Truppenmacht unterstützt, die er fordern durfte und
+gefordert hatte, ging nichtsdestoweniger nach Armenien und brachte
+durch das bloße Gewicht seiner Persönlichkeit und seiner Stellung das
+Land zum Gehorsam zurück. Den unfähigen Vonones ließ er fallen und
+setzte den Armeniern, den Wünschen der römisch gesinnten Vornehmen
+entsprechend, zum Herrscher einen Sohn jenes Polemon, den Antonius zum
+König im Pontus gemacht hatte, den Zenon oder, wie er als König von
+Armenien heißt, Artaxias; dieser war einerseits dem kaiserlichen Hause
+verbunden durch seine Mutter, die Königin Pythodoris, eine Enkelin des
+Triumvirn Antonius, andererseits nach Landesart erzogen, ein tüchtiger
+Waidmann und bei dem Gelag ein tapferer Zecher. Auch der Großkönig
+Artabanos kam dem römischen Prinzen in freundschaftlicher Weise
+entgegen und bat nur um Entfernung seines Vorgängers Vonones aus
+Syrien, um den zwischen diesem und den unzufriedenen Parthern sich
+anspinnenden Zettelungen zu steuern. Da Germanicus dieser Bitte
+entsprach und den unbequemen Flüchtling nach Kilikien schickte, wo er
+bald darauf bei einem Fluchtversuch umkam, stellten zwischen den beiden
+Großstaaten die besten Beziehungen sich her. Artabanos wünschte sogar,
+mit Germanicus am Euphrat persönlich zusammenzukommen, wie dies auch
+Phraatakes und Gaius getan hatten; dies aber lehnte Germanicus ab, wohl
+mit Rücksicht auf Tiberius’ leicht erregten Argwohn. Freilich fiel auf
+diese orientalische Expedition derselbe trübe Schatten wie auf die
+letztvorhergehende; auch von dieser kam der Kronprinz des Römischen
+Reiches nicht lebend heim.
+
+Eine Zeitlang taten die getroffenen Einrichtungen ihren Dienst. So
+lange Tiberius mit sicherer Hand die Herrschaft führte und so lange
+König Artaxias von Armenien lebte, blieb im Orient Ruhe; aber in den
+letzten Jahren des alten Kaisers, als derselbe von seiner einsamen
+Insel aus die Dinge gehen ließ und vor jedem Eingreifen zurückscheute,
+und insbesondere nach dem Tode des Artaxias (um 34) begann das alte
+Spiel abermals. König Artabanos, gehoben durch sein langes und
+glückliches Regiment und durch vielfache, gegen die Grenzvölker Irans
+erstrittene Erfolge und überzeugt, daß der alte Kaiser keine Neigung
+haben werde, einen schweren Krieg im Orient zu beginnen, bewog die
+Armenier, seinen eigenen ältesten Sohn, den Arsakes, zum Herrscher
+auszurufen, das heißt die römische Oberherrlichkeit mit der parthischen
+zu vertauschen. Ja er schien es geradezu auf den Krieg mit Rom
+anzulegen; er forderte die Verlassenschaft seines in Kilikien
+umgekommenen Vorgängers und Rivalen Vonones von der römischen
+Regierung, und seine Schreiben an diese sprachen ebenso unverhüllt aus,
+daß der Orient den Orientalen gehöre, wie sie die Greuel am
+kaiserlichen Hofe, die man in Rom sich nur im vertrautesten Kreise
+zuzuflüstern wagte, bei ihrem rechten Namen nannten. Er soll sogar
+einen Versuch gemacht haben, sich in Besitz von Kappadokien zu setzen.
+Aber indem alten Löwen hatte er sich verrechnet. Tiberius war auch auf
+Capreae nicht bloß den Hofleuten furchtbar und nicht der Mann, sich und
+in sich Rom ungestraft verhöhnen zu lassen. Er sandte den Lucius
+Vitellius, den Vater des spätem Kaisers, einen entschlossenen Offizier
+und geschickten Diplomaten, nach dem Orient mit ähnlicher
+Machtvollkommenheit, wie sie früher Gaius Caesar und Germanicus gehabt
+hatten, und mit dem Auftrag, nötigenfalls die syrischen Legionen über
+den Euphrat zu führen. Zugleich wandte er das oft erprobte Mittel an,
+den Herrschern des Ostens durch Insurrektionen und Prätendenten in
+ihrem eigenen Lande zu schaffen zu machen. Dem Partherprinzen, den die
+armenischen Nationalen zum Herrscher ausgerufen hatten, stellte er
+einen Fürsten aus dem Königshaus der Iberer entgegen, den Mithradates,
+des Ibererkönigs Pharasmanes Bruder, und wies diesen sowie den Fürsten
+der Albaner an, den römischen Prätendenten für Armenien mit Heeresmacht
+zu unterstützen. Von den streitbaren und für jeden Werber leicht
+zugänglichen transkaukasischen Sarmaten wurden große Scharen mit
+römischem Golde für den Einfall in Armenien gedungen. Es gelang auch
+dem römischen Prätendenten, seinen Nebenbuhler durch bestochene
+Hofleute zu vergiften und sich des Landes und der Hauptstadt Artaxata
+zu bemächtigen. Artabanos sandte an des Ermordeten Stelle einen anderen
+Sohn, Orodes, nach Armenien und versuchte auch seinerseits
+transkaukasische Hilfstruppen zu beschaffen; aber nur wenige kamen nach
+Armenien durch, und die parthischen Reiterscharen waren der guten
+Infanterie der Kaukasusvölker und den gefürchteten sarmatischen
+berittenen Schützen nicht gewachsen. Orodes wurde in harter
+Feldschlacht überwunden und selbst im Zweikampf mit seinem Rivalen
+schwer verwundet. Da brach Artabanos selber nach Armenien auf. Nun aber
+setzte auch Vitellius die syrischen Legionen in Bewegung, um den
+Euphrat zu überschreiten und in Mesopotamien einzufallen; und dies
+brachte die lange gärende Insurrektion im Partherreiche zum Ausbruch.
+Das energische und mit den Erfolgen selbst immer schroffere Auftreten
+des skythischen Herrschers hatte viele Personen und Interessen
+verletzt, insbesondere die mesopotamischen Griechen und die mächtige
+Stadtgemeinde von Seleukeia, welcher er ihre nach griechischer Art
+demokratische Gemeindeverfassung genommen hatte, ihm abwendig gemacht.
+Das römische Gold nährte die sich vorbereitende Bewegung. Unzufriedene
+Adlige hatten schon früher sich mit der römischen Regierung in
+Verbindung gesetzt und einen echten Arsakiden von dieser erbeten.
+Tiberius hatte des Phraates einzigen überlebenden, dem Vater
+gleichnamigen Sohn und, nachdem der alte römisch gewöhnte Mann den
+Anstrengungen noch in Syrien erlegen war, an dessen Stelle einen
+ebenfalls in Rom lebenden Enkel des Phraates namens Tiridates
+geschickt. Der parthische Fürst Sinnakes, der Führer dieser
+Zettelungen, kündigte jetzt dem Skythen den Gehorsam und pflanzte das
+Banner der Arsakiden auf. Vitellius überschritt mit den Legionen den
+Euphrat und in seinem Gefolge der neue Großkönig von römischen Gnaden.
+Der parthische Statthalter von Mesopotamien, Ornospades, der einst als
+Verbannter unter Tiberius den pannonischen Krieg mitgemacht hatte,
+stellte sich und seine Truppen sofort dem neuen Herrn zur Verfügung des
+Sinnakes Vater Abdagaeses lieferte den Reichsschatz aus; in kürzester
+Zeit sah sich Artabanos von dem ganzen Lande verlassen und gezwungen,
+in seine skythische Heimat zu flüchten, wo er als unsteter Mann in den
+Wäldern herumirrte und mit seinem Bogen sich das Leben fristete,
+während dem Tiridates von den nach parthischer Staatsordnung zur
+Krönung des Herrschers berufenen Fürsten in Ktesiphon feierlich die
+Tiara aufs Haupt gesetzt ward. Indes die Herrschaft des von dem
+Reichsfeind geschickten neuen Großkönigs währte nicht lange. Das
+Regiment, welches weniger er führte, ein junger unerfahrener und
+untüchtiger Mann, als die ihn zum König gemacht hatten, vornehmlich
+Abdagaeses, rief bald Opposition hervor. Einige der vornehmsten
+Satrapen waren schon bei der Krönungsfeier ausgeblieben und zogen den
+vertriebenen Herrscher wieder aus der Verbannung hervor; mit ihrem
+Beistand und den von seinen skythischen Landsleuten gestellten
+Mannschaften kehrte Artabanos zurück, und schon im folgenden Jahre (36)
+war das ganze Reich mit Ausnahme von Seleukeia wieder in seiner Gewalt,
+Tiridates ein flüchtiger Mann und genötigt, bei seinen römischen
+Beschützern die Zuflucht zu heischen, die ihm nicht versagt werden
+konnte. Vitellius führte die Legionen abermals an den Euphrat; aber da
+der Großkönig persönlich erschien und sich zu allem Verlangten bereit
+erklärte, falls die römische Regierung von Tiridates abstehe, war der
+Friede bald geschlossen. Artabanos erkannte nicht bloß den Mithradates
+als König von Armenien an, sondern brachte auch dem Bildnis des
+römischen Kaisers die Huldigung dar, die von den Lehnsmannen gefordert
+zu werden pflegte, und stellte seinen Sohn Dareios den Römern als
+Geisel. Darüber war der alte Kaiser gestorben; aber diesen so
+unblutigen wie vollständigen Sieg seiner Politik über die Auflehnung
+des Orients hat er noch erlebt.
+
+Was die Klugheit des Greises erreicht hatte, verdarb sofort der
+Unverstand des Nachfolgers. Abgesehen davon, daß er verständige
+Einrichtungen des Tiberius rückgängig machte, zum Beispiel das
+eingezogene Königreich Kommagene wiederherstellte, gönnte sein
+törichter Neid dem toten Kaiser den erreichten Erfolg nicht; den
+tüchtigen Statthalter von Syrien wie den neuen König von Armenien lud
+er zur Verantwortung nach Rom vor, setzte den letzteren ab und schickte
+ihn, nachdem er ihn eine Zeitlang gefangen gehalten hatte, ins Exil.
+Selbstverständlich griff die parthische Regierung zu und nahm das
+herrenlose Armenien wiederum in Besitz ^28. Claudius hatte, als er im
+Jahre 41 zur Regierung kam, die getane Arbeit von neuem zu beginnen. Er
+verfuhr nach dem Beispiel des Tiberius. Mithradates, aus dem Exil
+zurückgerufen, wurde wieder eingesetzt und angewiesen, mit Hilfe seines
+Bruders sich Armeniens zu bemächtigen. Der damals zwischen den drei
+Söhnen des Königs Artabanos III. geführte Bruderkrieg im Partherreich
+ebnete den Römern den Weg. Nach der Ermordung des ältesten Sohnes
+stritten Jahre lang Gotarzes und Vardanes um den Thron; Seleukeia, das
+schon dem Vater den Gehorsam aufgekündigt hatte, trotzte sieben Jahre
+hindurch ihm und nachher den Söhnen; die Völker Turans griffen wie
+immer auch in diesen Hader der Fürsten Irans ein. Mithradates vermochte
+mit Hilfe der Truppen seines Bruders und der Garnisonen der
+benachbarten römischen Provinzen die parthisch Gesinnten in Armenien zu
+überwältigen und sich wieder zum Herrn daselbst zu machen ^29; das Land
+erhielt römische Besatzung. Nachdem Vardanes sich mit dem Bruder
+verglichen und endlich Seleukeia wieder eingenommen hatte, machte er
+Miene, in Armenien einzurücken; aber die drohende Haltung des römischen
+Legaten von Syrien hielt ihn ab und sehr bald brach der Bruder den
+Vergleich und begann der Bürgerkrieg aufs neue. Nicht einmal die
+Ermordung des tapferen und im Kampf mit den Völkern Turans siegreichen
+Vardanes setzte demselben ein Ziel; die Gegenpartei wendete sich nun
+nach Rom und erbat sich von der dortigen Regierung den dort lebenden
+Sohn des Vonones, den Prinzen Meherdates, welcher dann auch vom Kaiser
+Claudius vor dem versammelten Senat den Seinigen zur Verfügung gestellt
+und nach Syrien entlassen ward mit der Ermahnung, sein neues Reich gut
+und gerecht zu verwalten und der römischen Schutzfreundschaft eingedenk
+zu bleiben (Jahr 49). Er kam nicht in die Lage, von diesen Ermahnungen
+Anwendung zu machen. Die römischen Legionen, die ihm bis zum Euphrat
+das Geleit gaben, übergaben ihn dort denen, die ihn gerufen hatten, dem
+Haupt des mächtigen Fürstengeschlechts der Karên und den Königen
+Abgaros von Edessa und Izates von Adiabene. Der unerfahrene und
+unkriegerische Jüngling war der Aufgabe so wenig gewachsen wie alle
+anderen von den Römern aufgestellten parthischen Herrscher; eine Anzahl
+seiner namhaftesten Anhänger verließen ihn, so wie sie ihn
+kennenlernten und gingen zu Gotarzes; in der entscheidenden Schlacht
+gab der Fall des tapferen Karên den Ausschlag. Meherdates wurde
+gefangen und nicht einmal hingerichtet, sondern nur nach orientalischer
+Sitte durch Verstümmelung der Ohren regierungsunfähig gemacht.
+
+————————————————————
+
+^28 Der Bericht über die Besitzergreifung Armeniens fehlt, aber die
+Tatsache geht aus Tac. ann. 11, 9 deutlich hervor. Wahrscheinlich
+gehört hierher, was Josephus (bel. Iud. 20 3, 3) von der Absicht des
+Nachfolgers des Artabanos erzählt, gegen die Römer Krieg zu führen
+wovon der Satrap von Adiabene, Izates, ihn vergebens abmahnt. Josephus
+nennt diesen Nachfolger wohl irrig Bardanes. Artabanos’ III.
+unmittelbarer Nachfolger war nach Tac. ann. 11, 8 sein gleichnamiger
+Sohn, den nebst seinem Sohn dann Gotarzes aus dem Wege räumte; und
+dieser Artabanos IV. wird hier gemeint sein.
+
+^29 Die Meldung des Petrus Patricius (fr. 3 Müll.), daß der König
+Mithradates von Iberien den Abfall von Rom geplant, aber, um den Schein
+der Treue zu wahren, seinen Bruder Kotys an Claudius gesandt habe und
+dann, da dieser dem Kaiser von jenen Umtrieben Anzeige gemacht,
+abgesetzt und durch den Bruder ersetzt worden sei verträgt sich nicht
+mit der gesicherten Tatsache, daß in Iberien wenigstens vom Jahr 35
+(Tac. ann. 6, 32) bis zum Jahr 60 (Tac. ann. 14, 26) Pharasmanes, im
+Jahre 75 dessen Sohn Mithradates (CIL III, 6052) geherrscht hat. Ohne
+Zweifel hat Petrus den Mithradates von Iberien und den gleichnamigen
+König des Bosporus zusammengeworfen und liegt hier die Erzählung zu
+Grunde, welche Tacitus (ann. 12, 18) voraussetzt.
+
+————————————————————
+
+Trotz dieser Niederlage der römischen Politik im Partherreich blieb
+Armenien den Römern, solange der schwache Gotarzes über die Parther
+herrschte. Aber sowie eine kräftigere Hand die Zügel der Herrschaft
+faßte und die inneren Kämpfe ruhten, ward auch der Kampf um jenes Land
+wieder aufgenommen. König Vologasos, der nach dem Tode des Gotarzes und
+dem kurzen Regiment Vonones’ II, diesem seinem Vater im Jahre 51
+sukzedierte ^30, bestieg den Thron ausnahmsweise in vollem
+Einverständnis mit seinen beiden Brüdern Pakoros und Tiridates. Er war
+ein fähiger und umsichtiger Regent - auch als Städtegründer finden wir
+ihn und mit Erfolg bemüht, den Handel von Palmyra nach seiner Stadt
+Vologasias am unteren Euphrat zu lenken -, raschen und extremen
+Entschlüssen abgeneigt und bemüht, mit dem mächtigen Nachbarn womöglich
+Frieden zu halten. Aber die Rückgewinnung Armeniens war der leitende
+politische Gedanke der Dynastie und auch er bereit, jede Gelegenheit zu
+seiner Verwirklichung zu benutzen. Diese Gelegenheit schien jetzt sich
+zu bieten. Der armenische Hof war der Schauplatz einer der
+entsetzlichsten Familientragödien geworden, die die Geschichte
+verzeichnet. Der alte König der Iberer, Pharasmanes, unternahm es,
+seinen Bruder, den König von Armenien Mithradates, vom Thron zu stoßen
+und seinen eigenen Sohn Rhadamistos an dessen Stelle zu setzen. Unter
+dem Vorwande eines Zerwürfnisses mit dem Vater erschien Rhadamistos bei
+seinem Oheim und Schwiegervater und knüpfte mit angesehenen Armeniern
+Verhandlungen in jenem Sinne an. Nachdem er sich eines Anhangs
+versichert hatte, überzog Pharasmanes im Jahre 52 unter nichtigen
+Vorwänden den Bruder mit Krieg und brachte auch das Land in seine oder
+vielmehr seines Sohnes Gewalt. Mithradates stellte sich unter den
+Schutz der römischen Besatzung des Kastells Gorneae ^31. Diese
+anzugreifen wagte Rhadamistos nicht; aber der Kommandant Caelius Pollio
+war als nichtswürdig und feil bekannt. Der unter ihm den Befehl
+führende Centurio begab sich zu Pharasmanes, um ihn zur Zurückrufung
+seiner Truppen zu bestimmen, was dieser wohl versprach, aber nicht
+hielt. Während der Abwesenheit des Zweitkommandierenden nötigte Pollio
+den König, der wohl ahnte, was ihm bevorstand, durch die Drohung, ihn
+im Stiche zu lassen, sich dem Rhadamistos in die Hände zu liefern. Von
+diesem wurde er umgebracht, mit ihm seine Gattin, des Rhadamistos’
+Schwester und die Kinder derselben, weil sie im Anblick der Leichen
+ihrer Eltern in Jammergeschrei ausbrachen. Auf diese Weise gelangte
+Rhadamistos zur Herrschaft von Armenien. Die römische Regierung durfte
+weder solchen, von ihren Offizieren mitverschuldeten Greueln zusehen
+noch dulden, daß einer ihrer Lehnsträger den andern mit Krieg überzog.
+Nichtsdestoweniger erkannte der Statthalter von Kappadokien, Iulius
+Paelignus, den neuen König von Armenien an. Auch im Rat des
+Statthalters von Syrien, Ummidius Quadratus, überwog die Meinung, daß
+es den Römern gleichgültig sein könne, ob der Oheim oder der Neffe über
+Armenien herrsche; der nach Armenien mit einer Legion gesendete Legat
+erhielt nur den Auftrag, den Status quo bis auf weiteres aufrecht zu
+halten. Da hielt der Partherkönig, in der Voraussetzung, daß die
+römische Regierung sich nicht beeifern werde, für den König Rhadamistos
+einzutreten, den Moment für geeignet, seine alten Ansprüche auf
+Armenien wieder aufzunehmen. Er belehnte mit Armenien seinen Bruder
+Tiridates, und die einrückenden parthischen Truppen bemächtigten sich
+fast ohne Schwertstreich der beiden Hauptstädte Tigranokerta und
+Artaxata und des ganzen Landes. Als Rhadamistos einen Versuch machte,
+den Preis seiner Bluttaten festzuhalten, schlugen die Armenier selbst
+ihn zum Lande hinaus. Die römische Besatzung scheint nach der Übergabe
+von Gorneae Armenien verlassen zu haben; die aus Syrien in Marsch
+gesetzte Legion zog der Statthalter zurück, um nicht mit den Parthern
+in Konflikt zu geraten.
+
+——————————————————————————
+
+^30 Wenn die Münzen, die freilich meistens nur nach der
+Bildnisähnlichkeit sich scheiden lassen, richtig attributiert sind, so
+reichen die des Gotarzes bis Sel. 362 Daesius = n. Chr. 51, Juni und
+beginnen die des Volagasos (von Vonones II. kennen wir keine) mit Sel.
+362 Gorpiäus = n. Chr. 51, September (Gardner, Parthian coinage, S. 50,
+51), was mit Tacitus (ann. 12, 14, 44) übereinstimmt.
+
+^31 Gorneae, bei den Armeniern Garhni, wie die Ruine (nahe, östlich von
+Eriwan) noch jetzt genannt wird. Kiepert.
+
+——————————————————————————
+
+Als diese Kunde nach Rom kam (Ende 54), war Kaiser Claudius eben
+gestorben und regierten für den jungen siebzehnjährigen Nachfolger
+tatsächlich die Minister Burrus und Seneca. Das Vorgehen des Vologasos
+konnte nur mit der Kriegserklärung beantwortet werden. In der Tat
+sandte die römische Regierung nach Kappadokien, das sonst
+Statthalterschaft zweiten Ranges und nicht mit Legionen belegt war,
+ausnahmsweise den konsularischen Legaten Gnaeus Domitius Corbulo. Er
+war als Schwager des Kaisers Gaius rasch vorwärts gekommen, dann unter
+Claudius im Jahre 47 Legat von Untergermanien gewesen und galt seitdem
+als einer der damals nicht zahlreichen tüchtigen, die vielfach
+verfallene Disziplin energisch handhabenden Heerführer, selbst eine
+herkulische Gestalt, jeder Strapaze gewachsen und nicht bloß dem Feind,
+sondern auch seinen eigenen Soldaten gegenüber von rücksichtslosem Mut.
+Es schien ein Zeichen des Besserwerdens der Dinge, daß die Neronische
+Regierung das erste von ihr zu besetzende wichtige Kommando an ihn
+vergab. Der unfähige syrische Legat von Syrien, Quadratus, wurde nicht
+abgerufen, aber angewiesen, zwei von seinen vier Legionen dem
+Statthalter der Nachbarprovinz zur Verfügung zu stellen. Die Legionen
+alle wurden an den Euphrat herangezogen und die sofortige Schlagung der
+Brücken über den Fluß angeordnet. Die beiden westlich zunächst an
+Armenien grenzenden Landschaften Klein-Armenien und Sophene wurden zwei
+zuverlässigen syrischen Fürsten, dem Aristobulos aus einem Seitenzweig
+des herodischen Hauses und dem Sohaemos aus der Herrscherfamilie von
+Hemesa zugeteilt und beide unter Corbulos Befehle gestellt. Der König
+des damals noch übrigen Restes des Judenstaats Agrippa und der König
+von Kommagene Antiochos erhielten ebenfalls Marschbefehl. Indes
+zunächst kam es nicht zum Schlagen. Die Ursache lag zum Teil in dem
+Zustand der syrischen Legionen; es war ein schlimmes Armutszeugnis für
+die bisherige Verwaltung, daß Corbulo die ihm überwiesenen Truppen
+geradezu als unbrauchbar bezeichnen mußte. Die in den griechischen
+Provinzen ausgehobenen und garnisonierenden Legionen waren immer
+geringer gewesen als die okzidentalischen; jetzt hatte die entnervende
+Gewalt des Orients bei dem langen Friedensstand und der schlaffen
+Heereszucht dieselben völlig demoralisiert. Die Soldaten hielten mehr
+in den Städten sich auf als in den Lagern; nicht wenige derselben waren
+des Waffentragens entwöhnt und wußten nichts von Lagerschlagen und
+Wachdienst; die Regimenter waren lange nicht ergänzt und enthielten
+zahlreiche alte unbrauchbare Leute; Corbulo hatte zunächst eine große
+Anzahl von Soldaten zu entlassen und in noch viel größerer Zahl
+Rekruten auszuheben und auszubilden. Der Wechsel der bequemen
+Winterquartiere am Orontes mit denen in den rauben armenischen Bergen,
+die plötzliche Einführung unerbittlich strenger Lagerzucht führte
+vielfach Erkrankungen herbei und veranlaßte zahlreiche Desertionen.
+Trotz allem dem sah sich der Feldherr, als es Ernst ward, genötigt, um
+Zusendung einer der besseren Legionen des Okzidents zu bitten. Unter
+diesen Umständen beeilte er sich nicht, seine Soldaten an den Feind zu
+bringen; indes waren doch dabei überwiegend politische Rücksichten
+maßgebend.
+
+Wäre es die Absicht der römischen Regierung gewesen, den parthischen
+Herrscher sofort aus Armenien zu vertreiben, und zwar nicht den
+Rhadamistos, mit dessen Blutschuld die Römer keine Veranlassung hatten,
+sich zu beflecken, aber irgendeinen anderen Fürsten ihrer Wahl an
+dessen Stelle zu setzen, so hätten dazu die Streitkräfte Corbulos wohl
+sofort ausgereicht, da König Vologasos, wieder einmal durch innere
+Unruhen abgezogen, seine Truppen aus Armenien weggeführt hatte. Aber
+dies lag nicht im Plane der Römer; man wollte dort vielmehr das
+Regiment des Tiridates sich gefallen lassen und ihn nur zur Anerkennung
+der römischen Oberherrlichkeit bestimmen und nötigenfalls zwingen; nur
+zu diesem Zweck sollten äußersten Falls die Legionen marschieren. Es
+kam dies der Sache nach der Abtretung Armeniens an die Parther sehr
+nahe. Was für diese sprach und was sie verhinderte, ist früher
+entwickelt worden. Wurde jetzt Armenien als parthische Sekundogenitur
+geordnet, so war die Anerkennung des römischen Lehnsrechts wenig mehr
+als eine Formalität, genau genommen nichts als eine Deckung der
+militärischen und politischen Ehre. Also hat die Regierung der früheren
+neronischen Zeit, der notorisch an Einsicht und Energie wenige gleich
+kamen, beabsichtigt, sich Armeniens in schicklicher Weise zu
+entledigen; und es kann das nicht verwundern. Man schöpfte hier in der
+Tat in das Sieb. Der Besitz Armeniens war wohl im Jahre 20 v. Chr.
+durch Tiberius, dann durch Gaius im Jahre 2, durch Germanicus im Jahre
+18, durch Vitellius im Jahre 36 im Lande selbst wie bei den Parthern
+zur Geltung und Anerkennung gebracht worden. Aber eben diese regelmäßig
+sich wiederholenden und regelmäßig von Erfolg gekrönten und doch
+niemals zu dauernder Wirkung gelangenden außerordentlichen Expeditionen
+gaben den Parthern recht, wenn sie in den Verhandlungen unter Nero
+behaupteten, daß die römische Oberherrschaft über Armenien ein leerer
+Name, das Land nun einmal parthisch sei und sein wolle. Zur
+Geltendmachung der römischen Obergewalt bedurfte es immer wenn nicht
+der Kriegführung, doch der Kriegdrohung, und die dadurch bedingte
+stetige Reibung machte den dauernden Friedensstand zwischen den beiden
+benachbarten Großmächten unmöglich. Die Römer hatten, wenn sie
+folgerichtig verfuhren, nur die Wahl, Armenien und das linke
+Euphratufer überhaupt entweder durch Beseitigung der bloß mittelbaren
+Herrschaft effektiv in ihre Gewalt zu bringen oder es soweit den
+Parthern zu überlassen, als dies mit dem obersten Grundsatz des
+römischen Regiments, keine gleichberechtigte Grenzmacht anzuerkennen,
+sich vertrug. Augustus und die bisherigen Regenten hatten die erstere
+Alternative entschieden abgelehnt, und sie hätten also den zweiten Weg
+einschlagen sollen; aber auch diesen abzulehnen, hatten sie wenigstens
+versucht und das parthische Königshaus von der Herrschaft über Armenien
+ausschließen wollen, ohne es zu können. Dies müssen die leitenden
+Staatsmänner der früheren neronischen Zeit als einen Fehler betrachtet
+haben, da sie Armenien den Arsakiden überließen und sich auf das
+denkbar geringste Maß von Rechten daran beschränkten. Wenn die Gefahren
+und die Nachteile, welche das Festhalten dieser nur äußerlich dem Reich
+anhaftenden Landschaft dem Staate brachte, gegen diejenigen abgewogen
+wurden, welche die Partherherrschaft über Armenien für die Römer nach
+sich zog, so konnte, zumal bei der geringen Offensivkraft des
+Parthischen Reiches, die Entscheidung wohl in dem letzteren Sinne
+gefunden werden: Unter allen Umständen aber war diese Politik
+konsequent und suchte das auch von Augustus verfolgte Ziel in klarerer
+und verständigerer Weise zu erreichen.
+
+Von diesem Standpunkt aus versteht man, weshalb Corbulo und Quadratus,
+statt den Euphrat zu überschreiten, mit Vologasos Verhandlungen
+anknüpften und nicht minder, daß dieser, ohne Zweifel von den
+wirklichen Absichten der Römer unterrichtet, sich dazu verstand, in
+ähnlicher Weise wie sein Vorgänger den Römern sich zu beugen und ihnen
+als Friedenspfand eine Anzahl dem königlichen Hause nahestehender
+Geiseln zu überliefern. Die stillschweigend vereinbarte Gegenleistung
+dafür war die Duldung der Herrschaft des Tiridates über Armenien und
+die Nichtaufstellung eines römischen Prätendenten. So gingen einige
+Jahre in faktischem Friedensstand hin. Aber da Vologasos und Tiridates
+sich nicht dazu verstanden, um die Belehnung des letzteren mit Armenien
+bei der römischen Regierung einzukommen ^32, ergriff Corbulo im Jahre
+58 gegen Tiridates die Offensive. Eben die Politik des Zurückweichens
+und Nachgehens bedurfte, wenn sie bei Freund und Feind nicht als
+Schwäche erscheinen sollte, der Folie, also entweder der förmlichen und
+feierlichen Anerkennung der römischen Obergewalt oder besser noch des
+mit den Waffen gewonnenen Sieges.
+
+—————————————————————
+
+^32 Noch nach dem Angriff beschwerte Tiridates sich, cur datis nuper
+obsidibus redintegrataque amicitia . . . vetere Armeniae possessione
+depelleretur, und Corbulo stellte ihm, falls er sich bittweise an den
+Kaiser wende, ein regnum stabile in Aussicht (Tac. ann. 12 37). Auch
+anderswo wird als der eigentliche Kriegsgrund die Weigerung des
+Lehnseides bezeichnet (Tac. ann. 12, 34).
+
+—————————————————————
+
+Im Sommer des Jahres 58 führte Corbulo eine leidlich schlagfähige Armee
+von mindestens 30000 Mann über den Euphrat. Die Reorganisation und die
+Abhärtung der Truppen wurde durch die Kampagne selbst vollendet und das
+erste Winterquartier auf armenischem Boden genommen. Im Frühjahr 59 ^33
+begann er den Vormarsch in der Richtung auf Artaxata. Zugleich brachen
+in Armenien von Norden her die Iberer ein, deren König Pharasmanes, um
+seine eigenen Frevel zu bedecken, seinen Sohn Rhadamistos hatte
+hinrichten lassen und nun weiter bemüht war, durch gute Dienste seine
+Verschuldung in Vergessenheit zu bringen; nicht minder ihre
+nordwestlichen Nachbarn, die tapferen Moscher, von Süden König
+Antiochos von Kommagene. König Vologasos war durch den Aufstand der
+Hyrkaner an der entgegengesetzten Seite des Reiches festgehalten und
+konnte oder wollte in den Kampf nicht unmittelbar eingreifen. Tiridates
+leistete mutigen Widerstand; aber er vermochte nichts gegen die
+erdrückende Übermacht. Vergeblich versuchte er sich auf die
+Verbindungslinien der Römer zu werfen, die ihre Bedürfnisse über das
+Schwarze Meer und den Hafen von Trapezus bezogen. Die Burgen Armeniens
+fielen unter den Angriffen der stürmenden Römer, und die Besatzungen
+wurden bis auf den letzten Mann niedergemacht. In einer Feldschlacht
+unter den Mauern von Artaxata geschlagen, gab Tiridates den ungleichen
+Kampf auf und ging zu den Parthern. Artaxata ergab sich und hier, im
+Herzen von Armenien, überwinterte das römische Heer. Im Frühjahr 60
+brach Corbulo von dort auf, nachdem er die Stadt niedergebrannt hatte,
+und marschierte quer durch das Land auf dessen zweite Hauptstadt
+Tigranokerta oberhalb Nisibis im Tigrisgebiet. Der Schrecken über die
+Zerstörung Artaxatas ging ihm voraus; ernstlicher Widerstand wurde
+nirgends geleistet; auch Tigranokerta öffnete dem Sieger freiwillig die
+Tore, der hier in wohlberechneter Weise die Gnade walten ließ.
+Tiridates machte noch einen Versuch, zurückzukehren und den Kampf
+wieder aufzunehmen, wurde aber ohne besondere Anstrengung abgewiesen.
+Am Ausgang des Sommers 60 war ganz Armenien unterworfen und stand zur
+Verfügung der römischen Regierung.
+
+—————————————————————
+
+^33 Der Bericht bei Tacitus (ann. 13, 34-41) umfaßt ohne Zweifel die
+Kampagnen der Jahre 58 und 59, da Tacitus unter dem Jahr 59 von dem
+armenischen Feldzug schweigt, unter dem Jahr 60 aber (ann. 14, 23)
+unmittelbar an 13, 41 anknüpft und offenbar nur einen einzigen Feldzug
+schildert, überhaupt, wo er in dieser Weise zusammenfaßt, in der Regel
+antizipiert. Daß der Krieg nicht erst 59 angefangen haben kann,
+bestätigt weiter die Tatsache, daß Corbulo die Sonnenfinsternis vom 30.
+April 59 auf armenischem Boden beobachtete (Plin. nat. 2, 70, 180);
+wäre er erst 59 eingerückt, so konnte er so früh im Jahre kaum die
+feindliche Grenze überschritten haben. Einen Jahreinschnitt zeigt die
+Erzählung des Tacitus (ann. 13, 34-41) an sich nicht, wohl aber läßt
+sie bei seiner Art zu berichten die Möglichkeit zu daß das erste Jahr
+mit dem Überschreiten des Euphrat und der Festsetzung in Armenien
+verging, also der c. 35 erwähnte Winter der des Jahres 58/59 ist, zumal
+da bei der Beschaffenheit des Heeres eine derartige Kriegseinleitung
+wohl am Platze und bei dem kurzen armenischen Sommer es militärisch
+zweckmäßig war, den Einmarsch und die eigentliche Kriegführung also zu
+trennen.
+
+—————————————————————
+
+Es ist begreiflich, daß man in Rom jetzt von Tiridates absah. Der Prinz
+Tigranes, ein Urenkel von väterlicher Seite Herodes’ des Großen, von
+mütterlicher des Königs Archelaos von Kappadokien, auch dem alten
+armenischen Königshause von weiblicher Seite verwandt und ein Neffe
+eines der ephemeren Herrscher Armeniens aus den letzten Jahren des
+Augustus, in Rom erzogen und durchaus ein Werkzeug der römischen
+Regierung, wurde jetzt (60) von Nero mit dem Königreich Armenien
+belehnt und auf des Kaisers Befehl von Corbulo in die Herrschaft
+eingesetzt. Im Lande blieb römische Besatzung, 1000 Legionarier und
+drei- bis viertausend Reiter und Infanterie der Auxilien. Ein Teil der
+Grenzlandschaften ward von Armenien abgetrennt und verteilt unter die
+benachbarten Könige Polemon von Pontus und Trapezus, Aristobulos von
+Klein-Armenien, Pharasmanes von Iberien und Antiochos von Kommagene.
+Dagegen rückte der neue Herr von Armenien, natürlich mit Einwilligung
+der Römer, in die angrenzende parthische Provinz Adiabene ein, schlug
+den dortigen Statthalter Monobazos und schien auch diese Landschaft vom
+parthischen Staat abreißen zu wollen.
+
+Diese Wendung der Dinge nötigte die parthische Regierung, aus ihrer
+Passivität herauszutreten; es handelte sich nun nicht mehr um die
+Wiedergewinnung Armeniens, sondern um die Integrität des Parthischen
+Reiches. Die lange drohende Kollision zwischen den beiden Großstaaten
+schien unvermeidlich. Vologasos bestätigte in einer Versammlung der
+Großen des Reiches den Tiridates wiederholt als König von Armenien und
+sandte mit ihm den Feldherrn Monaeses gegen den römischen Usurpator des
+Landes, der in Tigranokerta, welches die römischen Truppen besetzt
+hielten, von den Parthern belagert ward. Vologasos selbst zog die
+parthische Hauptmacht in Mesopotamien zusammen und bedrohte (Anfang 61)
+Syrien. Corbulo, der nach Quadratus’ Tode zur Zeit in Kappadokien wie
+in Syrien das Kommando führte, aber von der Regierung die Ernennung
+eines anderen Statthalters für Kappadokien und Armenien erbeten hatte,
+sandte vorläufig zwei Legionen nach Armenien, um Tigranes Beistand zu
+leisten, während er selbst an den Euphrat rückte, um den Partherkönig
+zu empfangen. Indes es kam wieder nicht zum Schlagen, sondern zum
+Vertrag. Vologasos, wohl wissend, wie gefährlich das beginnende Spiel
+sei, erklärte sich jetzt bereit, auf die vor dem Ausbruch des
+armenischen Krieges von den Römern vergeblich angebotenen Bedingungen
+einzugehen und die Belehnung des Bruders durch den römischen Kaiser zu
+gestatten. Corbulo ging auf den Vorschlag ein. Er ließ den Tigranes
+fallen, zog die römischen Truppen aus Armenien zurück und ließ es
+geschehen, daß Tiridates daselbst sich festsetzte, während die
+parthischen Hilfstruppen ebenfalls abzogen; dagegen schickte Vologasos
+eine Gesandtschaft an die römische Regierung und erklärte die
+Bereitwilligkeit seines Bruders, das Land von Rom zu Lehen zu nehmen.
+
+Diese Maßnahmen Corbulos waren bedenklicher Art ^34 und führten zu
+einer üblen Verwicklung. Der römische Feldherr mag wohl mehr noch als
+die Staatsmänner in Rom von der Nutzlosigkeit des Festhaltens von
+Armenien durchdrungen gewesen sein; aber nachdem die römische Regierung
+den Tigranes als König von Armenien eingesetzt hatte, durfte er nicht
+von sich aus auf die früher gestellten Bedingungen zurückgreifen, am
+wenigsten seine eigenen Eroberungen preisgeben und die römischen
+Truppen aus Armenien zurückziehen. Er war dazu um so weniger
+berechtigt, als er Kappadokien und Armenien nur interimistisch
+verwaltete und selbst der Regierung erklärt hatte, daß er nicht
+imstande sei, zugleich dort und in Syrien das Kommando zu führen;
+woraufhin der Konsular Lucius Caesennius Paetus zum Statthalter von
+Kappadokien ernannt und auch dorthin bereits unterwegs war. Der
+Verdacht ist kaum abzuweisen, daß Corbulo diesem die Ehre der
+schließlichen Unterwerfung Armeniens nicht gönnte und durch den
+faktischen Friedensschluß mit den Parthern vor seinem Eintreffen ein
+Definitivum herzustellen wünschte. Die römische Regierung lehnte denn
+auch die Anträge des Vologasos ab und bestand auf der Festhaltung
+Armeniens, das, wie der neue, im Laufe des Sommers 61 in Kappadokien
+eingetroffene Statthalter erklärte, sogar in unmittelbare römische
+Verwaltung genommen werden sollte. Ob die römische Regierung in der Tat
+sich entschlossen hatte, so weit zu gehen, ist nicht auszumachen; aber
+es lag dies allerdings in der Konsequenz ihrer Politik. Die Einsetzung
+eines von Rom abhängigen Königs war nur die Verlängerung des bisherigen
+unhaltbaren Zustandes; wer die Abtretung Armeniens an die Parther nicht
+wollte, mußte die Umwandlung des Königreichs in eine römische Provinz
+ins Auge fassen. Der Krieg hatte also seinen Fortgang; es wurde darum
+auch eine der mösischen Legionen dem kappadokischen Heer zugesandt. Als
+Paetus eintraf, lagerten die beiden von Corbulo ihm zugewiesenen
+Legionen diesseits des Euphrat in Kappadokien; Armenien war geräumt und
+mußte wieder erobert werden. Paetus ging sofort an das Werk,
+überschritt bei Melitene (Malatia) den Euphrat, rückte in Armenien ein
+und bezwang die nächsten Burgen an der Grenze. Indes die vorgerückte
+Jahreszeit nötigte ihn bald, die Operationen einzustellen und auf die
+beabsichtigte Wiederbesetzung Tigranokertas für dies Jahr zu
+verzichten; doch nahm er, um im nächsten Frühjahr den Marsch sogleich
+wieder aufzunehmen, nach Corbulos Beispiel die Winterquartiere in
+Feindesland bei Rhandeia, an einem Nebenfluß des Euphrat, dem Arsanias,
+unweit des heutigen Charput, während der Troß und die Weiber und Kinder
+unweit davon in dem festen Kastell Arsamosata untergebracht wurden.
+Aber er hatte die Schwierigkeit des Unternehmens unterschätzt. Die eine
+und die beste seiner Legionen, die mösische, war noch auf dem Marsch
+und überwinterte diesseits des Euphrat im pontischen Gebiet; die beiden
+anderen waren nicht diejenigen, welche Corbulo kriegen und siegen
+gelehrt hatte, sondern die früheren syrischen des Quadratus,
+unvollzählig und ohne durchgreifende Reorganisation kaum brauchbar.
+Dabei stand er nicht wie Corbulo den Armeniern allein, sondern der
+Hauptmasse der Parther gegenüber; Vologasos hatte, als es mit dem
+Kriege Ernst ward, den Kern seiner Truppen aus Mesopotamien nach
+Armenien geführt und den strategischen Vorteil, daß er die inneren und
+kürzeren Linien beherrschte, verständig zur Geltung gebracht. Corbulo
+hätte, zumal da er den Euphrat überbrückt und am anderen Ufer
+Brückenköpfe angelegt hatte, diesen Abmarsch durch einen rechtzeitigen
+Einfall in Mesopotamien wenigstens erschweren oder doch wettmachen
+können; aber er rührte sich nicht aus seinen Stellungen und überließ es
+Paetus, sich der Gesamtmacht der Feinde zu erwehren, wie er konnte.
+Dieser war weder selber Militär noch bereit, militärischen Rat
+anzunehmen und zu befolgen, nicht einmal ein Mann von entschlossenem
+Charakter, übermütig und ruhmredig im Anlauf, verzagt und kleinmütig
+gegenüber dem Mißerfolg. Also kam, was kommen mußte. Im Frühling 62
+griff nicht Paetus an, sondern Vologasos; die vorgeschobenen Truppen,
+welche den Parthern den Weg verlegen sollten, wurden von der Übermacht
+erdrückt; der Angriff verwandelte sich rasch in eine Belagerung der
+römischen weit auseinandergezogenen Stellungen in dem Winterlager und
+dem Kastell. Die Legionen konnten weder vorwärts noch zurück; die
+Soldaten desertierten massenweise; die einzige Hoffnung ruhte auf
+Corbulos fern im nördlichen Syrien, ohne Zweifel bei Zeugma, untätig
+lagernden Legionen. In die Schuld der Katastrophe teilten sich beide
+Generale, Corbulo wegen des verspäteten Aufbruchs zur Hilfe ^35, obwohl
+er dann, als er den ganzen Umfang der Gefahr erkannte, den Marsch nach
+Möglichkeit beschleunigte, Paetus, weil er den kühnen Entschluß, lieber
+unterzugehen als zu kapitulieren, nicht zu fassen vermochte und damit
+die nahe Rettung verscherzte; noch drei Tage länger und die 5000 Mann,
+welche Corbulo heranführte, hätten die ersehnte Hilfe gebracht. Die
+Bedingungen der Kapitulation waren freier Abzug für die Römer und
+Räumung Armeniens unter Auslieferung aller von ihnen besetzten Kastelle
+und aller in ihren Händen befindlichen Vorräte, deren die Parther
+dringend benötigt waren. Dagegen erklärte Vologasos sich bereit, trotz
+dieses militärischen Erfolges Armenien als römisches Lehen für den
+Bruder von der kaiserlichen Regierung zu erbitten und deswegen Gesandte
+an Nero zu senden ^36. Die Mäßigung des Siegers kann darauf beruhen,
+daß er von Corbulos Annähern bessere Kunde hatte als die
+eingeschlossene Armee; aber wahrscheinlicher lag dem vorsichtigen Mann
+gar nichts daran, die Katastrophe des Crassus zu erneuern und wiederum
+römische Adler nach Ktesiphon zu bringen. Die Niederlage einer
+römischen Armee, das wußte er, war nicht die Überwältigung Roms und die
+reale Konzession, welche in der Anerkennung des Tiridates lag, ward
+durch die Nachgiebigkeit in der Form nicht allzu teuer erkauft.
+
+———————————————————-
+
+^34 Aus der Darstellung des Tacitus (ann. 15, 6) sieht die
+Parteilichkeit und die Verlegenheit deutlich heraus. Die Auslieferung
+Armeniens an Tiridates auszusprechen, wagt er nicht und läßt sie den
+Leser nur schließen.
+
+^35 Das sagt Tacitus selbst (arm. 15, 10): nec a Corbulone properatum,
+quo gliscentibus periculis etiam subsidii laus augeretur, in naiver
+Unbefangenheit über den schweren Tadel, den dieses Lob in sich trägt.
+Wie parteiisch der ganze, auf Corbulos Depeschen beruhende Bericht
+gehalten ist, beweist unter anderem, daß dem Paetus in einem Atem die
+ungenügende Verproviantierung des Lagers (15, 8) und die Übergabe
+desselben trotz reichlicher Vorräte (15 16) zum Vorwurf gemacht und die
+letztere Tatsache daraus geschlossen wird, daß die abziehenden Römer
+die nach der Kapitulation den Parthern auszuliefernden Vorräte lieber
+zerstörten. Wie die Erbitterung gegen Tiberius in der Schönfärberei des
+Germanicus, so hat die gegen Nero in der des Corbulo ihren Ausdruck
+gefunden.
+
+^36 Corbulos Angabe, daß Paetus in Gegenwart seiner Soldaten und der
+parthischen Abgesandten sich eidlich verpflichtet habe, bis zum
+Eintreffen der Antwort Neros keine Truppen nach Armenien zu schicken,
+erklärt Tacitus (ann. 15, 16) für unglaubwürdig; der Sachlage
+entspricht sie, und es ist auch nicht dagegen gehandelt worden.
+
+———————————————————-
+
+Die römische Regierung lehnte das Anerbieten des Partherkönigs abermals
+ab und befahl die Fortsetzung des Krieges. Sie konnte nicht wohl
+anders; war die Anerkennung des Tiridates vor dem Wiederbeginn des
+Krieges bedenklich und nach der parthischen Kriegserklärung kaum
+annehmbar, so erschien sie jetzt, als Konsequenz der Kapitulation von
+Rhandeia, geradezu als deren Ratifikation. Von Rom aus wurde die
+Wiederaufnahme des Kampfes gegen die Parther in energischer Weise
+betrieben. Paetus wurde abberufen; Corbulo, in dem die durch die
+schimpfliche Kapitulation erregte öffentliche Meinung nur den Besieger
+Armeniens sah und den auch die, welche die Sachlage genau kannten und
+scharf beurteilten, nicht umhin konnten, als den fähigsten und für
+diesen Krieg einzig geeigneten Feldherrn zu bezeichnen, übernahm wieder
+die Statthalterschaft von Kappadokien, aber zugleich das Kommando über
+sämtliche für diesen Feldzug verwendbare Truppen, welche noch weiter
+durch eine siebente, aus Pannonien herbeigerufene Legion verstärkt
+wurden; demnach wurde alle Statthalter und Fürsten des Orients
+angewiesen, in militärischen Angelegenheiten seinen Anordnungen Folge
+zu leisten, so daß seine Amtsgewalt derjenigen, welche den Kronprinzen
+Gaius und Germanicus für ihre Sendungen in den Orient beigelegt worden
+war, ziemlich gleichkam. Wenn diese Maßregeln eine ernste Reparation
+der römischen Waffenehre herbeiführen sollten, so verfehlten sie ihren
+Zweck. Wie Corbulo die Sachlage ansah, zeigte schon das Abkommen, das
+er nicht lange nach der Katastrophe von Rhandeia mit dem Partherkönig
+traf: dieser zog die parthischen Besatzungen aus Armenien zurück, die
+Römer räumten die auf mesopotamischem Gebiet zum Schutz der Brücken
+angelegten Kastelle. Für die römische Offensive waren die parthischen
+Besatzungen in Armenien ebenso gleichgültig wie die Euphratbrücken
+wichtig; sollte dagegen Tiridates als römischer Lehnskönig in Armenien
+anerkannt werden, so waren allerdings die letzteren überflüssig und
+parthische Besatzungen in Armenien unmöglich. Im nächsten Frühjahr 63
+schritt Corbulo allerdings zu der ihm anbefohlenen Offensive und führte
+die vier besten seiner Legionen bei Melitene über den Euphrat gegen die
+in der Gegend von Arsamosata stehende parthisch-armenische Hauptmacht.
+Aber aus dem Schlagen ward nicht viel; nur einige Schlösser
+armenischer, antirömisch gesinnter Adliger wurden zerstört. Dagegen
+führte auch diese Begegnung zum Vertragen. Corbulo nahm die früher von
+seiner Regierung zurückgewiesenen parthischen Anträge an und zwar, wie
+der weitere Verlauf der Dinge zeigte, in dem Sinne, daß Armenien ein
+für allemal eine parthische Sekundogenitur ward und die römische
+Regierung, wenigstens nach dem Geiste des Abkommens, darauf einging,
+diese Krone in Zukunft nur an einen Arsakiden zu verleihen. Hinzugefügt
+wurde nur, daß Tiridates sich verpflichten solle, in Rhandeia, eben da,
+wo die Kapitulation geschlossen worden war, öffentlich unter den Augen
+der beiden Armeen das königliche Diadem vom Haupte zu nehmen und es vor
+dem Bildnis des Kaisers niederzulegen, gelobend, es nicht wieder
+aufzusetzen, bevor er es aus seiner Hand und zwar in Rom selbst
+empfangen haben werde. So geschah es (63). Durch diese Demütigung wurde
+daran nichts geändert, daß der römische Feldherr, statt den ihm
+aufgetragenen Krieg zu führen, auf die von seiner Regierung verworfenen
+Bedingungen Frieden schloß ^37. Aber die früher leitenden Staatsmänner
+waren inzwischen gestorben oder zurückgetreten und das persönliche
+Regiment des Kaisers dafür installiert, und auf das Publikum und vor
+allem auf den Kaiser persönlich verfehlte der feierliche Akt in
+Rhandeia und das in Aussicht gestellte Schaugepränge der Belehnung des
+parthischen Fürsten mit der Krone von Armenien in der Reichshauptstadt
+seine Wirkung nicht. Der Friede wurde ratifiziert und erfüllt. Im Jahre
+66 erschien der parthische Fürst versprochenermaßen in Rom, geleitet
+von 3000 parthischen Reitern, als Geiseln die Kinder der drei Brüder so
+wie die des Monobazos von Adiabene heranführend. Er begrüßte kniefällig
+seinen auf dem Markte der Hauptstadt auf dem Kaiserstuhl sitzenden
+Lehnsherrn und hier knüpfte dieser ihm vor allem Volke die königliche
+Binde um die Stirn.
+
+—————————————————————
+
+^37 Da nach Tacitus (ann. 15, 25; vgl. Dio 62, 22) Nero die Gesandten
+des Vologasos wohlwollend entließ und die Möglichkeit einer
+Verständigung, wenn Tiridates persönlich erscheine, durchblicken ließ,
+so kann Corbulo in diesem Fall nach seinen Instruktionen gehandelt
+haben; aber eher möchte dies zu den im Interesse Corbulos
+hinzugesetzten Wendungen gehören. Daß bei dem Prozeß, der diesem einige
+Jahre nachher gemacht ward, diese Vorgänge zur Sprache gekommen sind,
+ist wahrscheinlich nach der Notiz, daß einer der Offiziere von der
+armenischen Kampagne sein Ankläger wurde. Die Identität des
+Kohortenpräfekten Arrius Varus bei Tacitus (ann. 13, 9) und des
+Primipilen (hist. 3, 6) ist mit Unrecht bestritten worden; vgl. zu CIL
+V, 867.
+
+—————————————————————
+
+Die von beiden Seiten zurückhaltende, man möchte sagen friedliche
+Führung des letzten, nominell zehnjährigen Krieges und der
+entsprechende Abschluß desselben durch den faktischen Übergang
+Armeniens an die Parther unter Schonung der Suszeptibilitäten des
+mächtigeren Westreiches trug gute Frucht. Armenien war unter der
+nationalen von den Römern anerkannten Dynastie mehr von ihnen abhängig
+als früher unter den dem Lande aufgedrungenen Herrschern. Wenigstens in
+der zunächst an den Euphrat grenzenden Landschaft Sophene blieb
+römische Besatzung ^38. Für die Wiederherstellung von Artaxata wurde
+die Erlaubnis des Kaisers erbeten und gewährt, und der Bau von Kaiser
+Nero mit Geld und Arbeitern gefördert. Zwischen den beiden mächtigen
+Staaten, die der Euphrat voneinander schied, hat zu keiner Zeit ein
+gleich gutes Verhältnis bestanden wie nach dem Abschluß des Vertrages
+von Rhandeia in den letzten Jahren Neros und weiter unter den drei
+Herrschern des Flavischen Hauses. Noch andere Umstände trugen dazu bei.
+Die transkaukasischen Völkermassen, vielleicht gelockt durch ihre
+Beteiligung an den letzten Kriegen, während welcher sie als Söldner
+teils der Iberer, teils der Parther den Weg nach Armenien gefunden
+hatten, fingen damals an, vor allem die westlichen parthischen
+Provinzen, aber zugleich die östlichen des Römischen Reiches zu
+bedrohen. Wahrscheinlich um ihnen zu wehren, wurde unmittelbar nach dem
+Armenischen Kriege im Jahre 63 die Einziehung des sogenannten
+Pontischen Königreichs verfügt, das heißt der Südostecke der Küste des
+Schwarzen Meeres mit der Stadt Trapezus und dem Phasisgebiet. Die große
+orientalische Expedition, welche Kaiser Nero eben anzutreten im Begriff
+war, als ihn die Katastrophe ereilte (68), und für welche er bereits
+die Kerntruppen des Westens teils nach Ägypten, teils an die Donau in
+Marsch gesetzt hatte, sollte freilich auch nach anderen Seiten hin die
+Reichsgrenze vorschieben ^39; aber der eigentliche Zielpunkt waren die
+Kaukasuspässe oberhalb Tiflis und die am Nordabhang ansässigen
+skythischen Stämme, zunächst die Alanen ^40. Eben diese berannten
+einerseits Armenien, andererseits Medien. Jene Neronische Expedition
+richtete sich so wenig gegen die Parther, daß sie vielmehr aufgefaßt
+werden konnte als diesen zur Hilfe unternommen; den wilden Horden des
+Nordens gegenüber war für die beiden Kulturstaaten des Westens und des
+Ostens gemeinsame Abwehr allerdings angezeigt. Vologasos lehnte
+freilich die freundschaftliche Aufforderung seines römischen Kollegen,
+ihn ebenso wie der Bruder in Rom zu besuchen, in gleicher
+Freundschaftlichkeit ab, da ihn keineswegs gelüstete, auch seinerseits
+als Lehnsträger des römischen Herrschers auf dem römischen Markt zu
+figurieren; aber er erklärte sich bereit, dem Kaiser sich vorzustellen,
+wenn dieser im Orient eintreffen werde, und nicht die Römer, aber wohl
+die Orientalen haben Nero aufrichtig betrauert. König Vologasos
+richtete an den Senat offiziell das Ersuchen, Neros Gedächtnis in Ehren
+zu halten, und als späterhin ein Pseudo-Nero auftrat, fand er vor allem
+im Partherstaat Sympathien.
+
+—————————————————————
+
+^38 In Ziata (Charput) haben sich zwei Inschriften eines Kastells
+gefunden, welches eine der von Corbulo über den Euphrat geführten
+Legionen, die 3. Gallica, dort auf Corbulos Geheiß im Jahre 64 anlegte
+(Eph. epigr. V, p. 25).
+
+^39 Nero beabsichtigte inter reliqua bella auch einen äthiopischen
+(Plin. nat. 6, 29, 182, vgl. 184). Darauf beziehen sich die
+Truppensendungen nach Alexandreia (Tac. hist. 1, 31, 70).
+
+^40 Als Zielpunkt der Expedition bezeichnen sowohl Tacitus (hist. 1, 6)
+wie Sueton (Nero 19) die kaspischen Tore, d. h. den Kaukasuspaß
+zwischen Tiflis und Wladi-Kawkas bei Darial, welchen nach der Sage
+Alexander mit eisernen Pforten schloß (Plin. nat. 6, 11, 30; Ios. bel.
+Iud. 7, 7, 4; Prok. Pers. 1, 10). Sowohl nach dieser Lokalität wie nach
+der ganzen Anlage der Expedition kann dieselbe unmöglich gegen die
+Albaner am westlichen Ufer des Kaspischen Meeres sich gerichtet haben;
+hier sowohl wie an einer anderen Stelle (arm. 2, 68: ad Armenios, inde
+Albanos Heniochosque) können nur die Alanen gemeint sein, die bei
+Josephus a. a. O. und sonst eben an dieser Stelle erscheinen und öfter
+mit den kaukasischen Albanern verwechselt worden sind. Verwirrt ist
+freilich auch der Bericht des Josephus. Wenn hier die Alanen mit
+Genehmigung des Königs der Hyrkaner durch die kaspischen Tore in Medien
+und dann in Armenien einfallen, so hat der Schreiber an das andere
+kaspische Tor östlich von Rhagae gedacht; aber dies wird sein Versehen
+sein, da der letztere im Herzen des Parthischen Reichs gelegene Paß
+unmöglich das Ziel der Neronischen Expedition gewesen sein kann und die
+Alanen nicht am östlichen Ufer des Kaspischen Meeres, sondern nordwärts
+vom Kaukasus saßen. Dieser Expedition wegen wurde die beste der
+römischen Legionen, die 14., aus Britannien abgerufen, die freilich nur
+bis Pannonien kam (Tac. hist. 2, 11, vgl. 27. 66), und eine neue
+Legion, die 1. italische, von Nero gebildet (Suet. Nero 19). Man sieht
+daraus, in welchem Rahmen sie entworfen war.
+
+—————————————————————
+
+Indes war es dem Parther nicht so sehr um die Freundschaft Neros zu tun
+als um die des römischen Staates. Nicht bloß enthielt er sich während
+der Krisen des Vierkaiserjahres jedes Übergriffes ^41, sondern er bot
+Vespasian, den wahrscheinlichen Ausgang des schwebenden
+Entscheidungskampfes richtig schätzend, noch in Alexandreia 40000
+berittene Schützen zum Kampfe gegen Vitellius an, was natürlich dankend
+abgelehnt ward. Vor allem aber fügte er sich ohne weiteres den
+Anordnungen, welche die neue Regierung für den Schutz der Ostgrenze
+traf. Vespasian hatte selbst als Statthalter von Judäa die
+Unzulänglichkeit der dort ständig verwendeten Streitkräfte
+kennengelernt; und als er diese Statthalterschaft mit der Kaisergewalt
+vertauschte, wurde nicht nur Kommagene wieder nach dem Vorgang des
+Tiberius aus einem Königreich eine Provinz, sondern es ward auch die
+Zahl der ständigen Legionen im römischen Asien von vier auf sieben
+erhöht, auf welche Zahl sie vorübergehend für den Parthischen und
+wieder für den Jüdischen Krieg gebracht worden waren. Während ferner es
+bis dahin in Asien nur ein einziges größeres Militärkommando, das des
+Statthalters von Syrien, gegeben hatte, wurden jetzt drei derartige
+Oberbefehlshaberstellen daselbst eingerichtet. Syrien, zu dem Kommagene
+hinzutrat, behielt wie bisher vier Legionen; die beiden bisher nur mit
+Truppen zweiter Ordnung besetzten Provinzen Palästina und Kappadokien
+wurden die erste mit einer, die zweite mit zwei Legionen belegt ^42,
+Armenien blieb römisches Lehnsfürstentum im Besitz der Arsakiden; aber
+unter Vespasian stand römische Besatzung jenseits der armenischen
+Grenze in dem iberischen Kastell Harmozika bei Tiflis ^43, und danach
+muß in dieser Zeit auch Armenien militärisch in römischer Gewalt
+gewesen sein. Alle diese Maßregeln, so wenig sie auch nur eine
+Kriegsdrohung enthielten, richteten die Spitze gegen den östlichen
+Nachbarn. Dennoch war Vologasos nach dem Fall Jerusalems der erste, der
+dem römischen Kronprinzen seinen Glückwunsch zu der Befestigung der
+römischen Herrschaft in Syrien darbrachte, und die Einrichtung der
+Legionslager in Kommagene, Kappadokien und Klein-Armenien nahm er ohne
+Widerrede hin. Ja er regte sogar bei Vespasian jene transkaukasische
+Expedition wieder an und erbat die Sendung einer römischen Armee gegen
+die Alanen unter Führung eines der kaiserlichen Prinzen; obwohl
+Vespasian auf diesen weitaussehenden Plan nicht einging, so kann doch
+jene römische Truppe in der Gegend von Tiflis kaum zu anderem Zweck
+hingeschickt worden sein als zur Sperrung des Kaukasuspasses und
+vertrat insofern dort auch die Interessen der Parther. Trotz der
+Verstärkung der militärischen Stellung Roms am Euphrat oder auch
+vielleicht infolge derselben - denn dem Nachbarn Respekt einzuflößen,
+ist auch ein Mittel, den Frieden zu erhalten - blieb der Friedensstand
+während der gesamten Herrschaft der Flavier wesentlich ungestört. Wenn,
+wie das zumal bei dem steten Wechsel der parthischen Dynasten nicht
+befremden kann, ab und zu Kollisionen eintraten und selbst Kriegswolken
+sich zeigten, so verschwanden sie wieder ebenso rasch ^44. Das
+Auftreten eines falschen Nero in den letzten Jahren Vespasians - es ist
+derjenige, der zu der Offenbarung Johannis den Anstoß gegeben hat -
+hätte fast zu einer solchen Kollision geführt. Der Prätendent, in
+Wirklichkeit ein gewisser Terentius Maximus aus Kleinasien, aber in
+Antlitz und Stimme und Künsten dem Sängerkaiser täuschend ähnlich, fand
+nicht bloß Zulauf in dem römischen Gebiet am Euphrat, sondern auch
+Unterstützung bei den Parthern. Bei diesen scheinen damals, wie so oft,
+mehrere Herrscher miteinander im Kampfe gelegen und der eine von ihnen,
+Artabanos, weil Kaiser Titus sich gegen ihn erklärte, die Sache des
+römischen Prätendenten aufgenommen zu haben. Indes es hatte dies keine
+Folgen; vielmehr lieferte bald darauf die parthische Regierung den
+Prätendenten an Kaiser Domitianus aus ^45. Der für beide Teile
+vorteilhafte Handelsverkehr von Syrien nach dem unteren Euphrat, wo
+eben damals König Vologasos nicht weit von Ktesiphon das neue Emporium
+Vologasias oder Vologasokerta ins Leben rief, wird das seinige dazu
+beigetragen haben, den Friedensstand zu fördern.
+
+————————————————————————
+
+^41 In welchem Zusammenhang er dem Vespasian den Kaisertitel
+verweigerte (Dio 66, 11), erhellt nicht; möglicherweise unmittelbar
+nach dessen Schilderhebung, bevor er erkannt hatte, daß die Flavianer
+die stärkeren seien. Seine Verwendung für die Fürsten von Kommagene
+(Ios. bel. Iud. 7, 7, 3) war von Erfolg, also rein persönlich,
+keineswegs ein Protest gegen die Umwandlung des Königreichs in eine
+Provinz.
+
+^42 Die vier syrischen Legionen sind die 3. Gallica, die 6. ferrata
+(beide bisher in Syrien), die 4. Scythica (bisher in Mösien, aber
+bereits am Parthischen wie am Jüdischen Kriege beteiligt) und die 16.
+Flavia (neu). Die eine Legion von Palästina ist die 10. fretensis
+(bisher in Syrien). Die zwei von Kappadokien sind die 12. fulminata
+(bisher in Syriern von Titus nach Melitene gelegt. Ios. bel. Iud. 7, 1,
+3) und die 15. Apollinaris (bisher in Pannonien, aber gleich der 4.
+Scythica am Parthischen wie am Jüdischen Kriege beteiligt). Die
+Garnisonen wurden also so wenig wie möglich gewechselt, nur zwei der
+schon früher nach Syrien gerufenen Legionen dort fest stationiert und
+eine neu eingerichtete dorthin gelegt.
+
+Nach dem jüdischen Kriege unter Hadrian wurde die 6. ferrata von Syrien
+nach Palästina geschickt.
+
+^43 In diese Zeit (vgl. CIL V, 6988) fällt auch wohl die kappadokische
+Statthalterschaft des C. Rutilius Gallicus, von der es heißt (Star.
+silv. 1, 4, 78): hunc . . . timuit . . . Armenia et patiens Latii iam
+pontis Araxes, vermutlich mit Beziehung auf einen von dieser römischen
+Besatzung ausgeführten Brückenbau. Daß Gallicus unter Corbulo gedient
+hat, ist bei dem Stillschweigen des Tacitus nicht wahrscheinlich.
+
+^44 Daß, während M. Ulpius Traianus, der Vater des Kaisers, Statthalter
+von Syrien war, unter Vespasian im Jahre 75 Krieg am Euphrat
+auszubrechen drohte, sagt Plinius in seiner Lobrede auf den Sohn c. 14,
+wahrscheinlich mit starker Übertreibung; die Ursache ist unbekannt.
+
+^45 Es gibt datierte und mit den Individualnamen der Könige versehene
+Münzen von (V)ologasos aus den Jahren 389 und 390 = 77-78; von Pakoros
+aus den Jahren 389-394 = 77-82 (und wieder 404-407 = 92-95); von
+Artabanos aus dem Jahr 392 = 80/81. Die entsprechenden geschichtlichen
+Daten sind, bis auf die Artabanos und Titus verknüpfende Notiz bei
+Zonaras (11, 18; vgl. Suet. Nero 57; Tac. hist. 1, 2), verschollen,
+aber die Münzen deuten auf eine Epoche rascher Thronwechsel und, wie es
+scheint, simultaner Prägung streitender Prätendenten.
+
+————————————————————————
+
+Zu einem Konflikt kam es unter Traianus. In den früheren Jahren seiner
+Regierung hatte er in den östlichen Verhältnissen nichts Wesentliches
+geändert, abgesehen von der Verwandlung der an der Grenze der syrischen
+Wüste bis dahin bestehenden beiden Klientelstaaten, des nabatäischen
+von Petra und des jüdischen von Caesarea Paneas, in unmittelbar
+römische Verwaltungsbezirke (106). Die Beziehungen zu dem damaligen
+Herrscher des Partherreiches, dem König Pakoros, waren nicht die
+freundlichsten ^46, aber erst unter dessen Bruder und Nachfolger
+Chosroes kam es zum Bruch, und zwar wiederum über Armenien. Die Schuld
+davon trugen die Parther. Indem Traianus den erledigten armenischen
+Königsthron dem Sohn des Pakaros, Axidares, verlieh, hielt er sich
+innerhalb der Grenzen seines Rechts; aber König Chosroes bezeichnete
+diese Persönlichkeit als unfähig zu regieren und setzte eigenmächtig
+einen anderen Sohn des Pakoros, den Parthomasiris, an dessen Stelle zum
+König ein ^47. Die Antwort darauf war die römische Kriegserklärung.
+Gegen Ausgang des Jahres 114 ^48 verließ Traianus die Hauptstadt, um
+sich an die Spitze der römischen Truppen des Ostens zu stellen, die
+allerdings wieder in dem tiefsten Verfall sich befanden, aber von dem
+Kaiser schleunigst reorganisiert und außerdem durch bessere, aus
+Pannonien herbeigezogene Legionen verstärkt wurden ^49. In Athen trafen
+ihn Gesandte des Partherkönigs; aber sie hatten nichts zu bieten als
+die Anzeige, daß Parthomasiris bereit sei, Armenien als römisches Lehen
+entgegenzunehmen, und wurden abgewiesen. Der Krieg begann. In den
+ersten Gefechten am Euphrat zogen die Römer den kürzeren ^50, aber als
+der alte schlagfertige und sieggewohnte Kaiser im Frühjahr des Jahres
+115 selbst sich an die Spitze der Truppen stellte, unterwarfen sich ihm
+die Orientalen fast ohne Gegenwehr. Es kam hinzu, daß bei den Parthern
+wieder einmal der Bürgerkrieg im Gange und gegen Chosroes ein
+Prätendent Manisaros aufgetreten war. Von Antiocheia aus marschierte
+der Kaiser an den Euphrat und weiter nordwärts bis zu dem nördlichsten
+Legionslager Satala in Klein-Armenien, von wo aus er in Armenien
+einrückte und die Richtung auf Artaxata nahm. Unterwegs in Elegeia
+erschien Parthomasiris und nahm das Diadem vom Haupte, in der Hoffnung,
+durch diese Demütigung, wie einst Tiridates, die Belehnung zu erwirken.
+Allein Traianus war entschlossen, auch diesen Lehnsstaat zur Provinz zu
+machen und überhaupt die östliche Reichsgrenze zu verlegen. Dies
+erklärte er dem Partherfürsten vor dem versammelten Heer und wies ihn
+an, mit seinem Gefolge sofort das Lager und das Reich zu räumen; es kam
+darüber zu einem Auflauf, bei welchem der Prätendent das Leben verlor.
+Armenien ergab sich in sein Schicksal und wurde römische
+Statthalterschaft. Auch die Fürsten der Kaukasusvölker, der Albaner,
+der Iberer, weiter gegen das Schwarze Meer der Apsiler, der Kolcher,
+der Heniocher, der Lazen und anderer mehr, selbst die der
+transkaukasischen Sarmaten wurden in dem Lehnsverhältnis bestätigt oder
+jetzt demselben unterworfen. Traianus rückte darauf in das Gebiet der
+Parther ein und besetzte Mesopotamien. Auch hier fügte sich alles ohne
+Schwertstreich; Batnae, Nisibis, Singara kamen in die Gewalt der Römer;
+in Edessa nahm der Kaiser nicht bloß die Unterwerfung des Landesherrn
+Abgaros entgegen, sondern auch die der übrigen Dynasten, und gleich
+Armenien wurde Mesopotamien römische Provinz. Die Winterquartiere nahm
+Traianus abermals in Antiocheia, wo ein gewaltiges Erdbeben mehr Opfer
+forderte als der Feldzug des Sommers. Im nächsten Frühjahr (116) ging
+Traian, “der Parthersieger”, wie der Senat ihn jetzt begrüßte, von
+Nisibis aus über den Tigris und besetzte, nicht ohne bei dem Übergang
+und nachher Widerstand zu finden, die Landschaft Adiabene; dies wurde
+die dritte neue römische Provinz, Assyria genannt. Weiter ging der
+Marsch den Tigris abwärts nach Babylonien; Seleukeia und Ktesiphon
+fielen in die Hände der Römer und mit ihnen der goldene Thronsitz des
+Königs und dessen Tochter; Traianus gelangte bis nach der persischen
+Satrapie Mesene und der großen Kaufstadt an der Tigrismündung Charax
+Spasinu. Auch dieses Gebiet scheint dem Reich in der Weise einverleibt
+worden zu sein, daß die neue Provinz Mesopotamien das gesamte von den
+beiden Flüssen umschlossene Gebiet umfaßte. Mit sehnsüchtigen Gedanken
+soll Traianus hier sich die Jugend Alexanders gewünscht haben, um von
+dem Ufersaum des Persischen Meeres aus seine Waffen in das indische
+Wunderland zu tragen. Indes, er erfuhr bald, daß er sie für nähere
+Gegner brauchte. Das große Partherreich hatte bisher dem Angriff kaum
+ernstlich die Stirn geboten und oftmals vergeblich um Frieden gebeten.
+Jetzt aber, auf dem Rückweg in Babylon, trafen den Kaiser die
+Botschaften von dem Abfall Babyloniens und Mesopotamiens; während er an
+der Tigrismündung verweilte, hatte gegen ihn die gesamte Bevölkerung
+dieser neuen Provinzen sich erhoben ^51; die Bürger von Seleukeia am
+Tigris, von Nisibis, ja von Edessa selbst machten die römischen
+Besatzungen nieder oder verjagten sie und schlossen ihre Tore. Der
+Kaiser sah sich genötigt, seine Truppen zu teilen und gegen die
+verschiedenen Herde des Aufstandes einzelne Korps zu schicken; eine
+dieser Legionen unter Maximus wurde mit ihrem Feldherrn in Mesopotamien
+umzingelt und niedergehauen. Doch ward der Kaiser der Insurgenten Herr,
+namentlich durch den schon im Dakischen Kriege erprobten Feldherrn
+Lusius Quietus, einen geborenen Maurenscheich. Seleukeia und Edessa
+wurden belagert und niedergebrannt. Traianus ging so weit, Parthien zum
+römischen Vasallenstaat zu erklären und belehnte damit in Ktesiphon
+einen Parteigänger Roms, den Parther Parthamaspates, obwohl die
+römischen Soldaten nicht mehr als den westlichen Saum des großen
+Reiches betreten hatten. Alsdann schlug er den Rückweg nach Syrien ein
+auf dem Wege, den er gekommen war, unterwegs aufgehalten durch einen
+vergeblichen Angriff auf die Araber in Hatra, der Residenz des Königs
+der tapferen Stämme der mesopotamischen Wüste, deren gewaltige
+Festungswerke und prachtvolle Bauten noch heute in ihren Ruinen
+imponieren. Er beabsichtigte, den Krieg im nächsten Jahre fortzusetzen,
+also die Unterwerfung der Parther zur Wahrheit zu machen. Aber das
+Gefecht in der Wüste von Hatra, in welchem der sechzigjährige Kaiser
+tapfer mit den arabischen Reitern sich herumgeschlagen hatte, sollte
+sein letztes sein. Er erkrankte und starb auf der Heimreise (8. August
+117), ohne seinen Sieg vollenden und die Siegesfeier in Rom abhalten zu
+können; es war in seinem Sinn, daß ihm noch nach dem Tode die Ehre des
+Triumphes zuteil ward und er daher der einzige der vergötterten
+römischen Kaiser ist, welcher auch als Gott noch den Siegestitel führt.
+
+——————————————————————-
+
+^46 Das beweist die abgerissene Notiz aus Arrian bei Suid. (u. d. W.
+επίκλημα): ο δέ Πάκορος ο Παρθυαίων βασιλεύς καί άλλα τινά επικλήματα
+π΄φερε Τραιανώ τώ βασιλεί und die Aufmerksamkeit, welche in Plinius um
+das Jahr 112 geschriebenem Bericht an den Kaiser (epist. ad Trai. 74)
+den Beziehungen zwischen Pakoros und dem Dakerkönig Decebalus gewidmet
+wird. Die Regierungszeit dieses parthischen Königs läßt sich nicht
+genügend fixieren. Parthische Münzen mit Königsnamen gibt es aus der
+ganzen Zeit Traians nicht; die Silberprägung scheint während derselben
+geruht zu haben.
+
+^47 Daß Axidares (oder Exedares) ein Sohn des Pakoros und vor
+Parthomasiris König von Armenien gewesen, aber durch Chosroes abgesetzt
+worden war, zeigen die Trümmer des Dionischen Berichts 68, 17; und
+darauf führen auch die beiden Arrianischen Fragmente (16 Müller), das
+erste, wahrscheinlich aus einer Ansprache eines Vertreters der
+Interessen des Axidares an Traian: Αξιδάρην δέ ότι άρχειν χρή Αρμενίας,
+ού μοι δοκει είναι σε αμφίλογον, worauf wohl die gegen Parthomasiris
+vorliegenden Beschwerden folgten, und die Antwort, offenbar des
+Kaisers, daß es nicht des Axidares Sache sei, sondern seine, über
+Parthomasiris zu richten, weil er wie es scheint Axidares - zuerst den
+Vertrag gebrochen und dafür gebüßt habe. Welche Verschuldung der Kaiser
+dem Axidares zur Last legt, erhellt nicht; aber auch bei Dio sagt
+Chosroes, daß er weder den Römern noch den Parthern genügt habe.
+
+^48 Die Trümmer des Dionischen Berichts bei Xiphilinus und Zonaras
+zeigen deutlich, daß der parthische Feldzug in zwei Kampagnen zerfällt,
+die erste (Dio 56, 17, 1 ; 18, 2; 23-25), welche durch das Konsulat des
+Pedo auf 115 fixiert wird (auch das Datum des Malalas p. 275 für das
+Erdbeben von Antiocheia 13. Dezember 164 der antiochenischen Ära = 115
+n. Chr. stimmt überein), und die zweite (Dio 26-32, 3), welche durch
+die zwischen April und August dieses Jahres erfolgte (s. meine Notiz
+bei J. G. Droysen, Geschichte des Hellenismus. Bd. 3, 2. Aufl., Gotha
+1877, S. 361) Erteilung des Titels Parthicus (28, 2) auf 116 fixiert
+wird. Daß c. 23 die Titel Optimus (erteilt im Laufe des Jahres 114) und
+Parthicus außer der Zeitfolge erwähnt werden, lehrt sowohl ihre
+Zusammenstellung wie die spätere Wiederkehr der zweiten Ehre. Von den
+Fragmenten gehören die meisten in den ersten Feldzug, c. 22, 3 und wohl
+auch 22, 1, 2 in den zweiten.
+
+Die imperatorischen Akklamationen stehen nicht im Wege. Traianus war
+erweislich im Jahre 113 imp. VI (CIL VI, 960); im Jahre 114 imp. VII
+(CIL IX, 1558 und sonst); im Jahre 115 imp. IX (CIL IX, 5894 und sonst)
+und imp. XI (Fabretti 398, 289 und sonst); im Jahre 116 imp. XII (CIL
+VIII, 621; X, 1634) und XIII (CIL III D; XXVII). Dio bezeugt eine
+Akklamation aus dem Jahre 115 (68, 19) und eine aus dem Jahre 116 (68,
+28); für beide ist reichlich Raum und kein Grund vorhanden, gerade imp.
+VII auf die Unterwerfung Armeniens zu beziehen, wie das versucht worden
+ist.
+
+^49 Die drastische Schilderung der syrischen Armee Traians bei Fronto
+(p. 206 f. Naber) stimmt fast wörtlich mit der der Armee des Corbulo
+bei Tac. ann. 13, 35. “Durch die lange Entwöhnung vom Kriegsdienst
+waren die römischen Truppen überhaupt arg heruntergekommen (ad ignaviam
+redactus); aber die elendesten unter den Soldaten waren die syrischen,
+unbotmäßig, störrig, beim Appell unpünktlich, nicht auf dem Posten zu
+finden, von Mittag an betrunken; selbst die Rüstung zu tragen ungewohnt
+und der Strapazen unfähig und des einen Waffenstückes nach dem andern
+sich entledigend, halb nackt wie die Leichten und Schützen. Außerdem
+waren sie durch die erlittenen Schlappen so demoralisiert, daß sie beim
+ersten Anblick der Parther den Rücken wandten und die Hörner ihnen
+gleichsam galten als das Signal gebend zum Davonlaufen.” In der
+gegensätzlichen Schilderung Traians heißt es unter anderm: “er ging
+nicht durch die Zelte, ohne sich um den Soldaten genau zu bekümmern,
+sondern zeigte seine Verachtung gegen den syrischen Luxus und sah sich
+die rohe Wirtschaft der Pannonier an (sed contemnere - so ist zu lesen
+- Syrorum munditias, introspicere Pannoniorum inscitias); so beurteilte
+er nach der Haltung (cultus) des Mannes seine Brauchbarkeit
+(ingenium).” Auch in dem orientalischen Heer des Severus werden die
+“europäischen” und die syrischen Soldaten unterschieden (Dio 75, 12).
+
+^50 Das zeigen die mala proelia in der angeführten Stelle Frontos und
+Dios Angabe (68, 19), daß Traianus Samosata ohne Kampf einnahm; also
+hatte die dort stationierte 16. Legion es verloren.
+
+^51 Es mag sein, daß gleichzeitig auch Armenien abgefallen ist. Aber
+wenn Gutschmid (bei Dierauer in M. Büdingers Untersuchungen zur
+römischen Kaisergeschichte. Bd. 1. Leipzig 1868, S. 179) den Meherdotes
+und Sanatrukios, welche Malalas als Könige Persiens in dem Traianischen
+Kriege aufführt, zu Königen des wieder abfallenden Armenien macht, so
+wird dies erreicht durch eine Kette verwegener Korrekturen, die die
+Personen- und die Völkernamen ebenso verschieben wie den pragmatischen
+Zusammenhang umgestalten. Es finden sich allerdings in dem verwirrten
+Legendenknäuel des Malalas wohl einige historische Tatsachen, zum
+Beispiel die Einsetzung des Parthamaspates (der hier Sohn des Königs
+Chosroes von Armenien ist) zum König von Parthien durch Traian; und so
+mögen auch die Daten von Traians Abfahrt aus Rom im Oktober (114),
+seiner Landung in Seleukeia im Dezember und seinem Einzug in Antiocheia
+am 7. Januar (115) korrekt sein. Aber wie dieser Bericht vorliegt, kann
+der Geschichtschreiber ihn nur ablehnen, nicht rektifizieren.
+
+——————————————————————-
+
+Traianus hatte den Krieg mit den Parthern nicht gesucht, sondern er war
+ihm aufgenötigt worden; nicht er, sondern Chosroes hatte das Abkommen
+über Armenien gebrochen, welches die letzten vierzig Jahre hindurch die
+Grundlage des Friedensstandes im Euphratgebiet gewesen war. Wenn es
+begreiflich ist, daß die Parther sich dabei nicht beruhigten, da die
+fortdauernde Lehnsherrschaft der Römer über Armenien den Stachel zur
+Auflehnung in sich trug, so muß man auch andererseits anerkennen, daß
+auf dem bisherigen Wege nicht weitergegangen werden konnte, als Corbulo
+gegangen war; der unbedingte Verzicht auf Armenien und, was davon die
+notwendige Folge war, die Anerkennung des Partherstaats in voller
+Gleichberechtigung liegen nun einmal außer dem Horizont der römischen
+Politik, so gut wie die Aufhebung der Sklaverei und ähnliche zu jener
+Zeit undenkbare Gedanken. Wenn aber mit dieser Alternative nicht zu
+dauerhaftem Frieden gelangt werden konnte, so blieb in dem großen
+Dilemma der römischen Orientpolitik nur die andere übrig, die
+Erstreckung der unmittelbaren römischen Herrschaft auf das linke Ufer
+des Euphrat. Darum ward Armenien jetzt römische Provinz und nicht
+minder Mesopotamien. Es war das nur sachgemäß. Die Verwandlung
+Armeniens aus einem römischen Lehnsstaat mit römischer Besatzung in
+eine römische Statthalterschaft änderte nach außen hin nicht viel; die
+Parther konnten aus Armenien wirksam nur ausgewiesen werden, indem sie
+den Besitz der benachbarten Landschaft verloren; und vor allem fand die
+römische Herrschaft wie die römische Provinzialverfassung in dem halb
+griechischen Mesopotamien einen weit günstigeren Boden als in dem
+durchaus orientalischen Armenien. Andere Erwägungen kamen hinzu. Die
+römische Zollgrenze in Syrien war übel beschaffen, und den
+internationalen Verkehr von den großen Handelsplätzen Syriens nach dem
+Euphrat und dem Tigris ganz in die Gewalt zu bekommen, für den
+römischen Staat ein wesentlicher Gewinn, wie denn auch Traianus sofort
+daran ging, die neuen Euphrat- und Tigriszölle einzurichten ^52. Auch
+militärisch war die Tigrisgrenze leichter zu verteidigen als die
+bisherige an der syrischen Wüste und weiter am Euphrat hinlaufende
+Grenzlinie. Die Umwandlung der Landschaft Adiabene jenseits des Tigris
+in eine römische Provinz, wodurch Armenien Binnenprovinz ward, und die
+Umgestaltung des Parthischen Reiches selbst in einen römischen
+Lehnsstaat sind Korollarien desselben Gedankens. Es soll in keiner
+Weise geleugnet werden, daß bei der Eroberungspolitik die Konsequenz
+ein bedenkliches Lob ist und daß Traianus nach seiner Art bei diesen
+Unternehmungen dem Streben nach äußerlichem Erfolg mehr als billig
+nachgegeben und über das verständige Ziel hinausgegriffen hat; aber es
+geschieht ihm Unrecht, wenn sein Auftreten im Osten auf blinde
+Eroberungslust zurückgeführt wird ^53. Er tat, was Caesar, wenn er
+gelebt hätte, auch getan haben würde. Seine Politik ist nur die andere
+Seite derjenigen der Staatsmänner Neros, und beide sind so
+entgegengesetzt wie gleich folgerichtig und gleich berechtigt. Die
+Folgezeit hat mehr der erobernden Politik recht gegeben als derjenigen
+der Nachgiebigkeit.
+
+——————————————————
+
+^52 Fronto p. 209 Naber: cum praesens Traianus Euphratis et Tigridis
+portoria equorum et camelorum trib[utaque ordinaret, Ma]cer (?) caesus
+est. Dies geht auf den Moment, wo, während Traian an der Tigrismündung
+verweilte, Babylonien und Mesopotamien abfielen.
+
+^53 Ungefähr mit gleichem Recht läßt Julian (Caes. p. 328) den Kaiser
+sagen daß er gegen die Parther die Waffen nicht ergriffen habe, bevor
+sie das Recht verletzt hätten, und wirft ihm Dio (68, 17) vor, den
+Krieg aus Ehrgeiz geführt zu haben.
+
+——————————————————
+
+Für den Augenblick freilich kam es anders. Die orientalischen
+Eroberungen Traians durchleuchten den trüben Abend des Römerreiches wie
+die Blitzstrahlen die dunkle Nacht, aber wie diese bringen sie keinen
+neuen Morgen. Der Nachfolger fand sich vor die Wahl gestellt, das
+unfertige Werk der Unterwerfung der Parther zu vollenden oder fallen zu
+lassen. Ohne bedeutende Steigerung der Armee wie des Budgets konnte die
+Grenzerweiterung überall nicht durchgeführt werden; und die damit
+unvermeidlich gegebene Verschiebung des Schwerpunktes nach Osten war
+eine bedenkliche Stärkung des Reiches. Hadrian und Pius lenkten also
+völlig wieder ein in die Bahnen der früheren Kaiserzeit. Den römischen
+Lehnskönig von Parthien, den Parthamaspates, ließ Hadrian fallen und
+fand ihn in anderer Weise ab. Er räumte Assyrien und Mesopotamien und
+gab diese Provinzen freiwillig dem früheren Herrn zurück. Nicht minder
+sandte er diesem die gefangene Tochter; das bleibende Zeichen des
+gewonnenen Sieges, den goldenen Thron von Ktesiphon, weigerte selbst
+der friedfertige Plus sich, den Parthern wieder auszuliefern. Hadrianus
+sowohl wie Pius waren ernstlich bemüht, mit dem Nachbarn in Frieden und
+Freundschaft zu leben, und zu keiner Zeit scheinen die
+Handelsbeziehungen zwischen den römischen Entrepôts an der syrischen
+Ostgrenze und den Kaufstädten am Euphrat reger gewesen zu sein als in
+dieser Epoche.
+
+Armenien hörte ebenfalls auf römische Provinz zu sein und trat in seine
+frühere Stellung zurück als römischer Lehnsstaat und parthische
+Sekundogenitur ^54. Abhängig blieben gleichfalls die Fürsten der
+Albaner und Iberer am Kaukasus und die zahlreichen kleinen Dynasten in
+dem südöstlichen Winkel des Schwarzen Meeres ^55. Römische Besatzungen
+standen nicht bloß an der Küste in Apsaros ^56 und am Phasis, sondern
+nachweislich unter Commodus in Armenien selbst unweit Artaxata;
+militärisch gehörten alle diese Staaten zum Sprengel des Kommandanten
+von Kappadokien ^57. Indes scheint diese ihrem Wesen nach sehr
+unbestimmte Oberhoheit überhaupt, und namentlich von Hadrian ^58, in
+einer Weise gehandhabt zu sein, daß sie mehr als ein Schutzrecht
+erschien denn als eigentliche Untertänigkeit, und wenigstens die
+mächtigeren unter diesen Fürsten taten und ließen im wesentlichen, was
+ihnen gefiel. Das schon früher hervorgehobene gemeinsame Interesse der
+Abwehr der wilden transkaukasischen Stämme trat in dieser Epoche noch
+bestimmter hervor und hat offenbar namentlich zwischen Römern und
+Parthern als ein Band gedient. Gegen das Ende der Regierung Hadrians
+fielen die Alanen, im Einverständnis, wie es scheint, mit dem damaligen
+König von Iberien, Pharasmanes II., dem es zunächst oblag, ihnen den
+Kaukasuspaß zu sperren, in die südlichen Landschaften ein und
+plünderten nicht bloß das Gebiet der Albaner und der Armenier, sondern
+auch die parthische Provinz Medien und die römische Provinz
+Kappadokien; wenn es auch nicht zu gemeinschaftlicher Kriegführung kam,
+sondern das Gold des damals in Parthien regierenden Herrschers
+Vologasos’ III. und die Mobilmachung der kappadokischen Armee von
+seiten der Römer ^59 die Barbaren zur Umkehr bestimmten, so gingen die
+Interessen doch zusammen und die Beschwerde, welche die Parther in Rom
+über Pharasmanes von Iberien führten, zeigt das Zusammenhalten der
+beiden Großmächte ^60.
+
+———————————————————————-
+
+^54 Unmöglich kann Hadrian Armenien aus dem römischen Lehnsverband
+entlassen haben. Die Notiz des Biographen (c. 21): Armeniis regem
+habere permisit, cum sub Traiano legatum habuissent führt vielmehr auf
+das Gegenteil, und wir finden am Ende der Hadrianischen Regierung im
+Heer des Statthalters von Kappadokien das Kontingent der Armenier (Arr.
+Alan. 29). Pius hat nicht bloß die Parther durch seine Vorstellungen
+bestimmt, von der beabsichtigten Invasion Armeniens abzustehen (Vita
+9), sondern auch Armenien in der Tat zu Lehen gegeben (Münzen aus den
+Jahren 140-144, Eckhel 7, S. 15). Auch daß Iberien sicher unter Pius im
+Lehnsverband gestanden hat, weil sonst die Parther über deren König
+nicht hätten in Rom Beschwerde führen können (Dio 69, 15), setzt das
+gleiche Lehnsverhältnis für Armenien voraus. Die Namen der armenischen
+Könige dieser Zeit sind nicht bekannt. Wenn die proximae gentes, mit
+deren Herrschaft Hadrian den von Traian zum parthischen König
+bestellten Partherfürsten entschädigte (vita c. 5), in der Tat die
+Armenier sind, was nicht unwahrscheinlich ist, so liegt darin eine
+Bestätigung sowohl der dauernden Abhängigkeit Armeniens von Rom wie der
+fortdauernden Herrschaft der Arsakiden daselbst. Auch der Αύρηλιος
+Πάκορος βασιλευς μεγάλης Αρμενίας der seinem in Rom verstorbenen Bruder
+Aurelius Merithates dort ein Grabmal errichtete (CIG 6559), gehört
+seinem Namen nach zu dem Haus der Arsakiden. Schwerlich aber ist er der
+von Vologasos IV. ein- und von den Römern abgesetzte König von
+Armenien; wäre dieser gefangen nach Rom gekommen, so würden wir es
+wissen, und es hätte auch dieser kaum in einer römischen Inschrift sich
+König von Groß-Armenien nennen dürfen.
+
+^55 Als belehnt von Traianus oder Hadrianus führt Arrian (peripl. m.
+Eux. c. 15) auf die Heniocher und Machelonen (vgl. Dio 68,18; 71, 14);
+die Lazen (vgl. Suidas u. d. W. Δομετιανός), denen auch Pius einen
+König setzte (vita 9); die Apsilen; die Absager; die Sanigen; diese
+alle innerhalb der bis Dioskurias = Sebastopolis reichenden
+Reichsgrenze; jenseits derselben im Bereich des bosporanischen
+Lehnstaats die Zicher oder Zincher (das. c. 27).
+
+^56 Außer Arrian (peripl. m. Eux. c. 7) bestätigt dies der Offizier aus
+hadrianischer Zeit praepositus numerorum tendentium in Ponto Absaro
+(CIL X, 1202).
+
+^57 Vgl. Anm. 63. Auch das im Jahre 185 in Valarschapat (Etschmiazin)
+unweit Artaxata garnisonierende Detachement wahrscheinlich von 1000
+Mann (weil unter einem Tribun) gehörte zu einer der kappadokischen
+Legionen (CIL III, 6052).
+
+^58 Hadrians Bemühung um die Freundschaft der orientalischen
+Lehnsfürsten wird oft hervorgehoben, nicht ohne Hindeutung darauf, daß
+er sich mehr als billig von ihnen habe gefallen lassen (vita c. 13, 17,
+21). Pharasmanes von Iberien kam auf seine Einladung nicht nach Rom,
+folgte aber derjenigen des Pius (vita Hadr. 13, 21; vita Pii 9; Dio 69,
+15, 2, welches Exzerpt unter Pius gehört).
+
+^59 Den merkwürdigen Bericht des Statthalters von Kappadokien unter
+Hadrian, Flavius Arrianus, über die Mobilmachung der kappadokischen
+Armee gegen die “Skythen” besitzen wir noch unter dessen kleinen
+Schriften; er war selbst am Kaukasus und besichtigte die dortigen Pässe
+(Lyd. mag. 3, 53).
+
+^60 Das lehren die Trümmer des Dionischen Berichts bei Xiphilin,
+Zonaras und in den Exzerpten; die richtige Lesung Αλανοί statt Αλβανοί
+hat Zonaras bewahrt; daß die Alanen auch das Albanergebiet plünderten,
+ergibt die Fassung der exc. urs. LXXII.
+
+———————————————————————-
+
+Die Störungen des Status quo kamen wieder von parthischer Seite. Die
+Oberherrlichkeit der Römer über Armenien hat in der Geschichte eine
+ähnliche Rolle gespielt wie die des deutschen Kaiserreiches über
+Italien; wesenlos wie sie war, wurde sie doch stets als Übergriff
+empfunden und trug die Kriegsgefahr im Schoße. Schon unter Hadrian
+drohte der Konflikt; es gelang dem Kaiser, in einer persönlichen
+Zusammenkunft mit dem Partherfürsten den Friedensstand zu wahren. Unter
+Pius schien abermals die parthische Invasion Armeniens bevorzustehen;
+seine ernste Abmahnung war zunächst von Erfolg. Aber selbst dieser
+friedfertigste aller Kaiser, dem es mehr am Herzen lag, das Leben eines
+Bürgers zu sparen als tausend Feinde zu töten, mußte in der letzten
+Zeit seiner Regierung sich auf den Angriff gefaßt machen und die Heere
+des Orients verstärken. Kaum hatte er die Augen geschlossen (161), als
+sich das lange drohende Gewitter entlud. Auf Befehl des Königs
+Vologasos IV. rückte der persische Feldherr Chosroes ^61 in Armenien
+ein und setzte den Arsakidenprinzen Pakoros auf den Thron. Der
+Statthalter von Kappadokien, Severianus, tat, was seine Pflicht war,
+und führte seinerseits die römischen Truppen über den Euphrat. Bei
+Elegeia, eben da, wo ein Menschenalter zuvor der ebenfalls von den
+Parthern auf den armenischen Thron gesetzte König Parthomasiris sich
+vor Traian vergeblich gedemütigt hatte, stießen die Heere aufeinander;
+das römische wurde nicht bloß geschlagen, sondern in dreitägigem Kampfe
+vernichtet; der unglückliche Feldherr gab, wie einst Varus, sich selber
+den Tod. Die siegreichen Orientalen begnügten sich nicht mit der
+Einnahme Armeniens, sondern überschritten den Euphrat und brachen in
+Syrien ein; auch das dort stehende Heer wurde geschlagen und man
+fürchtete für die Treue der Syrer. Die römische Regierung hatte keine
+Wahl. Da die Truppen des Orients auch bei dieser Gelegenheit ihre
+geringe Schlagfähigkeit bewiesen und überdies durch die erlittene
+Niederlage geschwächt und demoralisiert waren, wurden aus dem Westen,
+selbst vom Rhein her weitere Legionen nach dem Osten gesandt und in
+Italien selbst Aushebungen angeordnet. Der eine der beiden kurz vorher
+zur Regierung gelangten Kaiser, Lucius Verus, ging selbst nach dem
+Orient (162), um den Oberbefehl zu übernehmen; und wenn er, weder
+kriegerisch noch auch nur pflichttreu, sich der Aufgabe nicht gewachsen
+zeigte und von seinen Taten im Orient kaum etwas anderes zu berichten
+ist, als daß er mit seiner Nichte daselbst Hochzeit machte und wegen
+seines Theaterenthusiasmus selbst von den Antiochenern ausgelacht ward,
+so führten die Statthalter von Kappadokien und von Syrien, dort zuerst
+Statius Priscus, dann Martius Verus, hier Avidius Cassius ^62, die
+besten Generale dieser Epoche, die Sache Roms besser als der Träger der
+Krone. Noch einmal, bevor die Heere aneinander kamen, boten die Römer
+den Frieden; gern hätte Marcus den schweren Krieg vermieden. Aber
+Vologasos wies die billigen Vorschläge schroff zurück; und diesmal war
+der friedfertige Nachbar auch der stärkere. Armenien wurde sofort
+wieder gewonnen; schon im Jahre 163 nahm Priscus die Hauptstadt
+Artaxata ein und zerstörte sie. Nicht weit davon wurde die neue
+Landeshauptstadt, Kainepolis, armenisch Nor-Khalakh oder Valarschapat
+(Etschmiazin), von den Römern erbaut und mit starker Besatzung belegt
+^63. Im Jahre darauf wurde an Pakoros’ Stelle Sohaemos, der Abstammung
+nach auch ein Arsakide, aber römischer Untertan und römischer Senator,
+zum König von Groß-Armenien ernannt ^64. Rechtlich also änderte in
+Armenien sich nichts; doch wurden die Bande, die es an Rom knüpften,
+straffer angezogen.
+
+————————————————————————-
+
+^61 So heißt er bei Lukian hist. conscr. 21; wenn derselbe ihn Alex. 27
+Othryades nennt, so schöpft er hier aus einem Historiker von dem
+Schlage derer, welche er in jener Schrift verspottet und von denen ein
+anderer denselben Mann als Oxyroes hellenisierte (hist. conscr. 18).
+
+^62 Syrien verwaltete, als der Krieg ausbrach, L. Attidius Cornelianus
+(CIG 4661 vom Jahre 160; vita Marci 8; CIL III 129 vom Jahre 162), nach
+ihm Iulius Verus (CIL III, 199, wahrscheinlich vom Jahre 163), alsdann
+Avidius Cassius, vermutlich seit dem Jahre 164. Daß die übrigen
+Provinzen des Ostens an Cassius’ Befehle gewiesen wurden (vit. soph. 1,
+13; Dio 71, 3), ähnlich wie dies bei Corbulo als Legaten von
+Kappadokien geschehen war, kann sich nur auf die Zeit nach dem Abgang
+des Kaisers Verus beziehen; solange dieser den nominellen Oberbefehl
+führte, ist dafür kein Raum.
+
+^63 Ein wahrscheinlich Dionisches Fragment (bei Suidas unter Μάρτιος)
+erzählt, daß Priscus in Armenien die Κοινή πόλις anlegte und mit
+römischer Besatzung versah, sein Nachfolger Martius Verus die dort
+entstandene nationale Bewegung beschwichtigte und diese Stadt zur
+ersten Armeniens erklärte. Dies ist Valarschapat (Ουαλασαρπάτ oder
+Ουαλεροκτίστη bei Agathangelos), seitdem die Hauptstadt Armeniens.
+Κοινή πόλις ist, wie mich Kiepert belehrt, schon von Stilting erkannt
+als άbersetzung des armenischen Nτr-Khalakh, welche zweite Benennung
+Valarschapat bei den armenischen Autoren des fünften Jahrhunderts stets
+neben der gewöhnlichen führt. Moses von Khorene läßt nach Bardesanes
+die Stadt aus einer unter König Tigran VI., der nach ihm 150-188
+regiert, hierhin geführten Judenkolonie entstehen; ihre Ummauerung und
+Benennung führt er auf dessen Sohn Valarsch II. 188-208 zurück. Daß die
+Stadt im Jahre 185 starke römische Besatzung hatte, zeigt die Inschrift
+CIL III, 6052.
+
+^64 Daß Sohaemos Achämenide und Arsakide war (oder zu sein vorgab) und
+Königssohn und König so wie römischer Senator und Konsul, bevor er
+König von Groß-Armenien ward, sagt sein Zeitgenosse Iamblichos (c. 10
+des Auszugs bei Photios). Wahrscheinlich gehört er der Dynastenfamilie
+von Hemesa an (Ios. ant. Iud. 20, 8, 4 und sonst). Wenn Iamblichos der
+Babylonier “unter ihm” schrieb, so kann dies wohl nur so verstanden
+werden, daß er seinen Roman in Artaxata verfaßt hat. Daß Sohaemos vor
+Pakoros über Armenien geherrscht hat, wird nirgend gesagt und ist nicht
+wahrscheinlich, da weder Frontos Worte (p. 127 Naber) quod Sohaemo
+potius quam Vologaeso regnum Armeniae dedisset aut quod Pacorum regno
+privasset noch die des Fragments aus Dio (?) 71, 1: Μάρτιος Ουήρος τόν
+Θουκυδίδην εκπέμπει καταγαγείν Σόσιμον ες Αρμηνίαν auf Wiedereinsetzung
+führen, die Münzen aber mit rex Armeniis datus (Eckhel 7, S. 91; vgl.
+vita Veri 7, 8) diese in der Tat ausschließen. Den Vorgänger des
+Pakoros kennen wir nicht und wissen nicht einmal, ob der Thron, den er
+einnahm, erledigt oder besetzt war.
+
+————————————————————————-
+
+Ernster waren die Kämpfe in Syrien und Mesopotamien. Die Euphratlinie
+wurde von den Parthern hartnäckig verteidigt; nach einem lebhaften
+Gefecht am rechten Ufer bei Sura wurde die Festung Nikephorion (Rakka)
+auf dem linken von den Römern erstürmt. Noch heftiger wurde um den
+Übergang bei Zeugma gestritten; aber auch hier blieb in der
+entscheidenden Schlacht bei Europos (Djerabis, südlich von Biredjik)
+den Römern der Sieg. Sie rückten nun ihrerseits in Mesopotamien ein.
+Edessa wurde belagert, Dausara unweit davon erstürmt; die Römer
+erschienen vor Nisibis; der parthische Feldherr rettete sich schwimmend
+über den Tigris. Die Römer konnten von Mesopotamien aus den Marsch nach
+Babylon antreten. Die Satrapen verließen teilweise die Fahnen des
+geschlagenen Großkönigs; Seleukeia, die große Kapitale der Hellenen am
+Euphrat, öffnete den Römern freiwillig die Tore, wurde aber später,
+weil die Bürgerschaft mit Recht oder mit Unrecht des Einverständnisses
+mit dem Feinde beschuldigt ward, von den Römern niedergebrannt. Auch
+die parthische Hauptstadt Ktesiphon wurde genommen und zerstört; mit
+gutem Grund konnte zu Anfang des Jahres 165 der Senat die beiden
+Herrscher als die parthischen Großsieger begrüßen. In dem Feldzug
+dieses Jahres drang Cassius sogar in Medien ein; indes namentlich die
+in diesen Gegenden ausbrechende Pest dezimierte die Truppen und nötigte
+zur Umkehr, beschleunigte vielleicht auch den Friedensschluß. Das
+Ergebnis des Krieges war die Abtretung des westlichen Strichs von
+Mesopotamien: die Fürsten von Edessa oder von Osrhoene traten in den
+römischen Lehnsverband und die Stadt Karrhä, seit langem gut griechisch
+gesinnt, wurde Freistadt unter römischem Schutz ^65. Dem Umfang nach
+war, zumal dem vollständigen Kriegserfolg gegenüber, der Gebietszuwachs
+mäßig, dennoch aber von Bedeutung, insofern damit die Römer Fuß faßten
+am linken Ufer des Euphrat. Im übrigen wurden die besetzten Gebiete den
+Parthern zurückgegeben und der Status quo wiederhergestellt. Im ganzen
+also gab man die zurückhaltende, von Hadrian aufgenommene Politik jetzt
+wieder auf und lenkte ein in die Bahn des Traianus. Es ist dies um so
+bemerkenswerter, als der Regierung des Marcus gewiß nicht Ehrgeiz und
+Vergrößerungsstreben zum Vorwurf gemacht werden kann; was sie tat, tat
+sie notgedrungen und in bescheidenen Grenzen.
+
+——————————————————————————
+
+^65 Dies zeigen die mesopotamischen Königs- und Stadtmünzen. Berichte
+über die Friedensbedingungen fehlen in unserer Überlieferung.
+
+——————————————————————————
+
+Den gleichen Weg ging weiter und entschiedener Kaiser Severus. Das
+Dreikaiserjahr 193 hatte zum Kriege zwischen den Legionen des Westens
+und denen des Ostens geführt, und mit Pescennius Niger waren diese
+unterlegen. Die römischen Lehnsfürsten des Ostens und nicht minder der
+Beherrscher der Parther, Vologasos V., des Sanatrukios Sohn, hatten,
+wie begreiflich, den Niger anerkannt und ihm sogar ihre Truppen zur
+Verfügung gestellt; dieser hatte erst dankend abgelehnt, dann, als
+seine Sache eine üble Wendung nahm, ihre Hilfe angerufen. Die übrigen
+römischen Lehnsträger, vor allem der von Armenien, hielten sich
+vorsichtig zurück; nur der Fürst von Edessa, Abgaros, sandte den
+verlangten Zuzug. Die Parther versprachen Hilfe, und sie kam auch
+wenigstens aus den nächsten Distrikten, von dem Fürsten Barsemias von
+Hatra in der mesopotamischen Wüste und von jenseits des Tigris von dem
+Satrapen der Adiabener. Auch nach Nigers Tod (194) blieben diese
+Fremden nicht bloß in dem römischen Mesopotamien, sondern forderten
+sogar das Herausziehen der daselbst stehenden römischen Besatzungen und
+die Rückgabe dieses Gebiets ^66. Darauf rückte Severus in Mesopotamien
+ein und nahm die ganze ausgedehnte und wichtige Landschaft in Besitz.
+Von Nisibis aus wurde eine Expedition gegen den Araberfürsten von Hatra
+geführt, der es indes nicht gelang, die feste Stadt zu nehmen; auch
+jenseits des Tigris gegen den Satrapen von Adiabene richteten die
+Generale des Severus nichts Bedeutendes aus ^67. Aber Mesopotamien, das
+heißt das ganze Gebiet zwischen Euphrat und Tigris bis zum Chaboras,
+wurde römische Provinz und mit zwei dieser Gebietserweiterung wegen neu
+geschaffenen Legionen belegt. Das Fürstentum Edessa blieb als römische
+Lehnsherrschaft bestehen, war aber jetzt nicht mehr Grenzgebiet,
+sondern von unmittelbarem Reichsland umschlossen. Hauptstadt der neuen
+Provinz und Sitz des Statthalters wurde die ansehnliche und feste Stadt
+Nisibis, seitdem nach dem Namen des Kaisers genannt und als römische
+Kolonie geordnet. Nachdem also von dem Parthischen Reiche ein wichtiger
+Gebietsteil abgerissen und gegen zwei von ihm abhängige Satrapen
+Waffengewalt gebraucht worden war, machte sich der Großkönig mit den
+Truppen auf, um den Römern entgegenzutreten. Severus bot die Hand zum
+Frieden und trat für Mesopotamien einen Teil von Armenien ab. Indes war
+damit die Waffenentscheidung nur vertagt. So wie Severus nach dem
+Westen aufgebrochen war, wohin die Verwicklung mit seinem Mitherrscher
+in Gallien ihn abrief, brachen die Parther den Frieden ^68 und rückten
+in Mesopotamien ein; der Fürst von Osrhoene ward vertrieben, das Land
+besetzt und der Statthalter Laetus, einer der vorzüglichsten
+Kriegsmänner der Zeit, in Nisibis belagert. Er schwebte in großer
+Gefahr, als Severus, nachdem Albinus unterlegen war, im Jahre 198
+abermals im Orient eintraf. Damit wendete sich das Kriegsglück. Die
+Parther wichen zurück, und nun ergriff Severus die Offensive. Er rückte
+in Babylonien ein und gewann Seleukeia und Ktesiphon; der Partherkönig
+rettete sich mit wenigen Reitern durch die Flucht, der Kronschatz wurde
+die Beute der Sieger, die parthische Hauptstadt den römischen Soldaten
+zur Plünderung preisgegeben und über 100000 Gefangene auf den römischen
+Sklavenmarkt gebracht. Besser freilich als der Partherstaat selbst
+wehrten sich die Araber in Hatra; vergeblich versuchte Severus in
+zwiefacher schwerer Belagerung, die Wüstenburg zu bezwingen. Aber im
+wesentlichen war der Erfolg der beiden Feldzüge der Jahre 198 und 199
+ein vollständiger. Durch die Einrichtung der Provinz Mesopotamien und
+des großen Kommandos daselbst verlor Armenien die Zwischenstellung,
+welche es bisher gehabt hatte; es konnte in den bisherigen
+Verhältnissen verbleiben und von der förmlichen Einverleibung abgesehen
+werden. Das Land behielt also seine eigenen Truppen, und die
+Reichsregierung hat sogar für dieselben späterhin einen Zuschuß aus der
+Reichskasse gezahlt ^69.
+
+————————————————————————————
+
+^66 Der Anfang des ursinischen Exzerpts Dio 75, 1, 2 ist verwirrt. Οι
+Ορρσηνοί, heißt es, καί οι Αδιαβηνοί αποσταντες καί Νίσιβιν
+πολιορκούντες καί ηττηθέντες υπό Σεουήρου επρεσβεύσανο πρός αυτόν μετά
+τόν τού Νίγρου θάνατον. Osrhoene war damals römisch, Adiabene
+parthisch; von wem fallen die beiden Landschaften ab? und wessen Partei
+haben die Nisibener ergriffen? Daß deren Gegner vor Absendung der
+Gesandtschaft von Severus geschlagen worden, widerspricht dem Verlauf
+der Erzählung; denn weil ihre Gesandten dem Severus ungenügende
+Anerbietungen machen, überzieht sie dieser mit Krieg. Wahrscheinlich
+ist die Unterstützung Nigers durch Untertanen der Parther und deren
+Gemeinschaft mit Nigers römischem Parteigänger nun genau als Abfall von
+Severus aufgefaßt; daß die Leute nachher behaupten, sie hätten
+beabsichtigt, vielmehr Severus zu unterstützen, wird deutlich als
+Ausflucht bezeichnet. Die Nisibener mögen sich geweigert haben mitzutun
+und deshalb von den Anhängern Nigers angegriffen worden sein. So
+erklärt es sich, was auch aus dem Xiphilinischen Auszug Dio 75, 2
+erhellt, daß das linke Euphratufer für Severus Feindesland war, nicht
+aber Nisibis; römisch braucht die Stadt darum damals nicht gewesen zu
+sein, vielmehr ist sie nach allen Spuren dies erst durch Severus
+geworden.
+
+^67 Da die Kriege gegen die Araber und die Adiabener in der Tat gegen
+die Parther gerichtet waren, so war es in der Ordnung, daß dem Kaiser
+deswegen die Titel Parthicus Arabicus und Parthicus Adiabenicus erteilt
+wurden; sie finden sich auch, aber gewöhnlich bleibt Parthicus weg,
+offenbar weil, wie der Biograph des Severus sagt (c. 9), excusavit
+Parthicum nomen, ne Parthos lacesseret. Dazu stimmt die sicher in das
+Jahr 195 gehörende Notiz bei Dio 75, 9, 6 über das friedliche Abkommen
+mit den Parthern und die Abtretung eines Stückes von Armenien an sie.
+
+^68 Daß auch Armenien in ihre Gewalt geriet, deutet Herodian 5, 9, 2
+an; freilich ist seine Darstellung schief und fehlerhaft.
+
+^69 Als bei dem Frieden im Jahre 218 das alte Verhältnis zwischen Rom
+und Armenien erneuert wurde, machte der König von Armenien sich
+Aussicht auf Erneuerung der römischen Jahresgelder (Dio 78, 27: τού
+Τιριδάτου τό αργύριον ό κατ' έτος παρά τών Ρωμαίων ευρίσκετο ελπίσαντος
+λήψεσθαι). Eigentliche Tributzahlung der Römer an die Armenier ist für
+die severische und die vorseverische Zeit ausgeschlossen, stimmt auch
+keineswegs zu den Worten Dios; der Zusammenhang wird der bezeichnete
+sein. Im 4. und 5. Jahrhundert wurde das Kastell von Biriparach im
+Kaukasus, das den Darielpaß sperrte, von den Persern, die seit dem
+Frieden von 364 hier die Herren spielten, mit römischem Zuschuß
+unterhalten und dies ebenfalls als Tributzahlung aufgefaßt (Lyd. mag.
+3, 52, 53; Priscus fr. 31 Müller).
+
+————————————————————————————
+
+Die weitere Entwicklung dieser Nachbarverhältnisse ist bedingt durch
+die Verschiebung der inneren Ordnung in den beiden Reichen. Wenn unter
+der Dynastie Nervas und nicht minder unter Severus dem oft von
+Bürgerkrieg und Thronfehde zerrissenen Partherstaat die relativ stabile
+römische Monarchie überlegen gegenübergestanden hatte, so brach diese
+Ordnung nach Severus’ Tode zusammen, und fast ein Jahrhundert lang
+folgten sich in dem Westreich meist elende und durchaus ephemere
+Regenten, die dem Ausland gegenüber stetig schwankten zwischen Übermut
+und Schwäche. Während also die Schale des Westens sank, stieg diejenige
+des Ostens. Wenige Jahre nach dem Tode des Severus (211) traf in Iran
+eine Umwälzung ein, welche nicht bloß, wie so viele frühere Krisen, den
+herrschenden Regenten stürzte, nicht einmal bloß eine andere Dynastie
+an die Stelle der verkommenen Arsakiden ans Regiment rief, sondern die
+nationalen und religiösen Elemente zu gewaltigem Aufschwung entfesselnd
+an die Stelle der vom Hellenismus durchdrungenen Bastardzivilisation
+des Partherstaats die Staatsordnung, den Glauben, die Sitte und die
+Fürsten derjenigen Landschaft setzte, welche das alte Perserreich
+geschaffen hatte und seit dessen Übergang an die parthische Dynastie
+wie die Gräber des Dareios und des Xerxes, so auch die Keime der
+Wiedergeburt des Volkes in sich bewahrte. Es erfolgte die
+Wiederherstellung des von Alexander niedergeworfenen Großkönigtums der
+Perser durch das Eintreten der Dynastie der Sassaniden. Werfen wir auf
+diese neue Gestaltung der Dinge einen Blick, bevor wir den Verlauf der
+römisch-parthischen Beziehungen im Orient weiter verfolgen.
+
+Es ist schon ausgesprochen worden, daß die parthische Dynastie, obwohl
+in der Tat sie Iran dem Hellenismus entrissen hatte, doch der Nation
+sozusagen als illegitim galt. Artahschatr oder neupersisch Ardaschir,
+so berichtet die offizielle Historiographie der Sassaniden, trat auf,
+um das Blut des von Alexander ermordeten Dara zu rächen und um die
+Herrschaft an die legitime Familie zurückzubringen und sie so wieder
+herzustellen, wie sie zur Zeit seiner Vorfahren, vor den Teilkönigen
+gewesen war. In dieser Legende steckt ein gutes Stück Wirklichkeit. Die
+Dynastie, welche von dem Großvater Ardaschirs, Sasan, den Namen führt,
+ist keine andere als die königliche der persischen Landschaft;
+Ardaschirs Vater Papak oder Pabek ^70 und eine lange Reihe seiner Ahnen
+hatten unter der Obergewalt der Arsakiden in diesem Stammlande der
+iranischen Nation das Szepter geführt ^71, in Istachr, unweit des alten
+Persepolis, residiert und ihre Münzen mit iranischer Sprache und
+iranischer Schrift und mit den heiligen Emblemen des persischen
+Landesglaubens bezeichnet, während die Großkönige in dem halb
+griechischen Grenzland ihren Sitz hatten und ihre Münzen in
+griechischer Sprache und griechischer Weise prägen ließen. Die
+Grundordnung des iranischen Staatensystems, das den Teilkönigen
+übergeordnete Großkönigtum, ist unter den beiden Dynastien ebensowenig
+eine verschiedene gewesen, wie die des Reiches Deutscher Nation unter
+den sächsischen und den schwäbischen Kaisern. Nur darum wird in jener
+offiziellen Version die Arsakidenzeit als die der Teilkönige und
+Ardaschir als das erste gemeinsame Haupt von ganz Iran nach dem letzten
+Dareios bezeichnet, weil im alten Persischen Reich die persische
+Landschaft wie zu den übrigen, so auch zu den Parthern sich verhält wie
+im römischen Staat Italien zu den Provinzen, und der Perser dem Parther
+die Legitimation für das von Rechts wegen mit seiner Landschaft
+verbundene Großkönigtum bestritt ^72.
+
+———————————————————————-
+
+^70 Artaxares nennt seinen Vater Papakos in der Anm. 74 angeführten
+Inschrift König; wie damit auszugleichen ist, daß nicht bloß die
+einheimische Legende (bei Agathias 2, 27) den Pabek zum Schuster macht,
+sondern auch der Zeitgenosse Dion (wenn in der Tat Zon. 12, 15 diese
+Worte aus ihm entlehnt hat) den Artaxares nennt εξ αφανών καί αδόξων,
+wissen wir nicht. Natürlich nehmen die römischen Schriftsteller für den
+schwachen legitimen Arsakiden Partei gegen den gefährlichen Usurpator.
+
+^71 Strabon (unter Tiberius) 15, 3, 24: νύν δ'ήδη καθ' αυτούς
+συνεστώτες οι Πέρσαι βασιλέας έχουσιν υπηκόους ετέροις βασιλεύσι,
+πρότερον μέν Μακεδόσι, νύν δέ Παρθυαίοις.
+
+^72 Wenn Nöldeke sagt (Tabari, S. 449): “Daß die Hauptländer der
+Monarchie direkt der Krone unterworfen waren, bildete den
+Hauptunterschied des Sassanidenreichs vom arsakidischen, welches in den
+verschiedensten Provinzen wirkliche Könige hatte”, so wird die Macht
+des Großkönigtums ohne Zweifel durchaus durch die Persönlichkeit des
+Inhabers bedingt und unter den ersten Sassaniden eine viel stärkere
+gewesen sein als unter den letzten verkommenen Arsakiden. Aber ein
+prinzipieller Gegensatz ist nicht erfindlich. Von Mithradates I. an,
+dem eigentlichen Gründer der Dynastie, nennt sich der arsakidische
+Herrscher “König der Könige”, eben wie später der sassanidische,
+während Alexander der Große und die Seleukiden diesen Titel nie geführt
+haben. Auch unter ihnen herrschten einzelne Lehnskönige, zum Beispiel
+in der Persis (Anm. 71); aber die regelmäßige Form der Reichsverwaltung
+war das Lehnskönigtum damals nicht und die griechischen Herrscher
+nannten sich nicht danach, so wenig wie die Caesaren wegen Kappadokien
+oder Numidien den Großkönigtitel annahmen. Die Satrapen des
+Arsakidenstaats sind wesentlich die Marzbanen der Sassaniden. Eher
+mögen die großen Reichsämter, welche in der sassanidischen
+Staatsordnung den Oberverwaltungsstellen der
+Diocletianisch-Konstantinischen Konstitution entsprechen und
+wahrscheinlich für diese das Vorbild gewesen sind, dem Arsakidenstaat
+gemangelt haben; dann würden allerdings beide sich ähnlich zueinander
+verhalten wie die Reichsordnung Augusts zu der Konstantins. Aber wir
+wissen zu wenig von der Arsakidenordnung, um dies mit Sicherheit zu
+behaupten.
+
+———————————————————————-
+
+Wie dem Umfange nach das Sassanidenreich sich zu dem der Arsakiden
+verhielt, ist eine Frage, auf die die Überlieferung keine genügende
+Antwort gibt. Die Provinzen des Westens sind, seit die neue Dynastie
+fest im Sattel saß, sämtlich derselben untertänig geblieben und die
+Ansprüche, die die letztere gegen die Römer erhob, gingen, wie wir
+sehen werden, weit hinaus über die Prätensionen der Arsakiden. Aber wie
+weit die Herrschaft der Sassaniden gegen den Osten gereicht hat und
+wann sie bis zum Oxos vorgedrungen ist, der später als die legitime
+Grenze zwischen Iran und Turan gilt, entzieht sich unseren Blicken ^73.
+
+—————————————————————-
+
+^73 Nach den in der arabischen Chronik des Tabari erhaltenen persischen
+Aufzeichnungen aus der letzten Sassanidenzeit erobert Ardaschir,
+nachdem er Ardawan eigenhändig den Kopf abgehauen und den Titel
+Schahan-Schah, König der Könige, angenommen hat, zuerst Hamadhan
+(Ekbatana) in Großmedien, dann Aserbeidschan (Atropatene), Armenien,
+Mosul (Adiabene); ferner Suristan oder Sawad (Babylonien). Von da geht
+er nach Istachr in seine persische Heimat zurück und erobert dann, von
+neuem ausziehend, Sagistan, Gurgan (Hyrkanien), Abraschahr (Nisapur im
+Partherland), Marw (Margiane), Balch (Baktra) und Charizm (Chiwa) bis
+zu den äußersten Grenzen von Chorasan. “Nachdem er viele Leute getötet
+und ihre Köpfe nach dem Feuertempel der Anahedh (in Istachr) geschickt
+hatte, kehrte er von Marw nach Pars zurück und ließ sich in Gor
+(Feruzabad) nieder.” Wieviel hiervon Legende ist, wissen wir nicht
+(vgl. Nöldeke, Tabari, S. 17, 116).
+
+—————————————————————-
+
+Das Staatssystem Irans hat infolge des Eintritts der neuen Dynastie
+sich nicht gerade prinzipiell umgestaltet. Die offizielle Titulatur des
+ersten Sassanidenherrschers, wie sie unter dem Felsrelief von
+Nakschi-Rustam in drei Sprachen gleichmäßig angegeben ist: “der
+Mazda-Diener Gott Artaxares, König der Könige der Arianer, göttlicher
+Abstammung” ^74, ist im wesentlichen die der Arsakiden, nur daß die
+iranische Nation, wie schon in der alteinheimischen Königstitulatur,
+und der einheimische Gott jetzt ausdrücklich genannt werden. Daß eine
+in der Persis heimische Dynastie an die Stelle einer ursprünglich
+stammfremden und nur nationalisierten trat, war ein Werk und ein Sieg
+nationaler Reaktion; aber den daraus sich ergebenden Konsequenzen
+setzte die Macht der Verhältnisse vielfach unübersteigliche Schranken.
+Persepolis oder, wie es jetzt heißt, Istachr wird wieder dem Namen nach
+die Hauptstadt des Reiches, und neben den gleichartigen des Dareios
+verkünden dort auf derselben Felsenwand die merkwürdigen Bildwerke und
+noch merkwürdigeren, eben erwähnten Inschriften den Ruhm Ardaschirs und
+Schapurs; aber die Verwaltung konnte von dieser entlegenen Örtlichkeit
+aus nicht wohl geführt werden, und ihr Mittelpunkt blieb auch ferner
+Ktesiphon. Den rechtlichen Vorzug der Perser, wie er unter den
+Achämeniden bestanden hatte, nahm die neupersische Regierung nicht
+wieder auf; wenn Dareios sich “einen Perser, Sohn eines Persers, einen
+Arier aus arischem Stamm” nannte, so nannte Ardaschir sich, wie wir
+sahen, lediglich den König der Arianer. Ob in die großen Geschlechter,
+abgesehen von dem königlichen, persische Elemente neu eingeführt worden
+sind, wissen wir nicht; auf jeden Fall sind mehrere von ihnen
+geblieben, wie die Surên und die Karên; nur unter den Achämeniden,
+nicht unter den Sassaniden sind dieselben ausschließlich persisch
+gewesen.
+
+—————————————————————-
+
+^74 Griechisch (CIG 4675) lautet der Titel: Μάσδασνος; (Mazda-Diener,
+als Eigenname behandelt) θεός Αρταξάρης βασιλεύς βασιλέων Αριανών εκ
+γένους θεών; genau damit stimmt der Titel seines Sohnes Sapor 1. (das.
+4676), nur daß nach Αριανών eingeschoben ist καί Αναριανών, also die
+Erstreckung der Herrschaft auf das Ausland hervorgehoben wird. In der
+Titulatur der Arsakiden, soweit sie aus den griechischen und persischen
+Münzaufschriften erhellt, kehren θεός, βασιλεύς βασιλέων, θεοπάτωρ (=εκ
+γένους θεών) wieder, dagegen fehlt die Hervorhebung der Arianer und
+bezeichnenderweise der Mazda-Diener; daneben erscheinen zahlreiche
+andere den syrischen Königen entlehnte Titel, wie επιφάνης, νικάτωρ, ,
+auch der römische αυτοκράτωρ.
+
+—————————————————————-
+
+Auch in religiöser Beziehung trat ein eigentlicher Wechsel nicht ein;
+wohl aber gewann der Glaube und gewannen die Priester unter den
+persischen Großkönigen einen Einfluß und eine Macht, wie sie sie unter
+den parthischen niemals besessen hatten. Es mag wohl sein, daß die
+zwiefache Propaganda fremder Kulte gegen Iran, des Buddhatums vom Osten
+her und des jüdisch-christlichen Glaubens aus dem Westen, der alten
+Mazda-Religion eben durch die Fehde eine Regeneration brachte. Der
+Stifter der neuen Dynastie, Ardaschir, war, wie glaubhaft berichtet
+wird, ein eifriger Feueranbeter und nahm selbst die Weihen des
+Priestertums; darum, heißt es weiter, wurde von da an der Stand der
+Magier einflußreich und anmaßend, während er bis dahin keineswegs
+solche Ehre und solche Freiheit gehabt, sondern bei den Machthabern
+nicht eben viel gegolten hatte. “Seitdem ehren und verehren die Perser
+alle die Priester; die öffentlichen Angelegenheiten werden nach ihren
+Ratschlägen und Orakeln geordnet; jeder Vertrag und jeder Rechtsstreit
+unterliegt ihrer Aufsicht und ihrem Urteil und nichts erscheint den
+Persern recht und gesetzlich, was nicht von einem Priester bestätigt
+worden ist.” Dementsprechend begegnen wir einer Ordnung der geistlichen
+Verwaltung, die an die Stellung des Papstes und der Bischöfe neben dem
+Kaiser und den Fürsten erinnert. Jeder Kreis steht unter einem
+Obermagier (Magupat, Magierherr, neupersisch Mobedh) und diese alle
+wieder unter dem Obersten der Obermagier (Mobedhan-Mobedh), dem Abbild
+des “Königs der Könige”, und er ist es jetzt, der den König krönt. Die
+Folgen dieser Priesterherrschaft blieben nicht aus: das starre Ritual,
+die beengenden Vorschriften über Schuld und Sühne, die in wüstes
+Orakelwesen und Zauberkunst sich auflösende Wissenschaft haften zwar
+dem Parsentum von jeher an, sind aber doch vermutlich erst in dieser
+Epoche zu voller Entwicklung gelangt.
+
+Auch in dem Gebrauch der Landessprache und den Landesgebräuchen zeigen
+sich die Spuren der nationalen Reaktion. Die größte Griechenstadt des
+Partherreiches, die alte Seleukeia, blieb bestehen, aber sie heißt
+seitdem nicht nach dem Namen des griechischen Marschalls, sondern nach
+dem ihres neuen Herrn Beh, das heißt gut, Ardaschir. Die griechische
+Sprache, bisher, wenn auch zerrüttet und nicht mehr alleinherrschend,
+doch immer noch in Gebrauch, verschwindet mit dem Eintritt der neuen
+Dynastie mit einem Schlag von den Münzen, und nur auf den Inschriften
+der ersten Sassaniden begegnet sie noch eben und hinter der
+eigentlichen Landessprache. Die “Partherschrift”, das Pahlavi,
+behauptet sich, aber neben sie tritt eine zweite, wenig verschiedene
+und zwar, wie die Münzen beweisen, als eigentlich offizielle,
+wahrscheinlich die bis dahin in der persischen Provinz gebrauchte, so
+daß die ältesten Denkmäler der Sassaniden, ähnlich wie die der
+Achämeniden, dreisprachig sind, etwa wie im deutschen Mittelalter
+Lateinisch, Sächsisch und Fränkisch nebeneinander Anwendung gefunden
+haben. Nach König Sapor I. († 272) verschwindet die Zwiesprachigkeit
+und behauptet die zweite Schreibweise allein den Platz, den Namen
+Pahlavi erbend. Das Jahr der Seleukiden und die dazu gehörigen
+Monatsnamen verschwinden mit dem Wechsel der Dynastie; dafür treten
+nach altem persischen Herkommen die Regentenjahre ein und die
+einheimischen persischen Monatsnamen ^75. Selbst die altpersische
+Legende wird auf das neue Persien übertragen. Die noch vorhandene
+‘Geschichte von Ardaschir, Papaks Sohn’, welche diesen Sohn eines
+persischen Hirten an den medischen Hof geraten, dort Knechtsdienste tun
+und dann den Befreier seines Volkes werden läßt, ist nichts als das
+alte Märchen vom Kyros auf die neuen Namen umgeschrieben. Ein anderes
+Fabelbuch der indischen Parsen weiß zu berichten, wie König Iskander
+Rumi, das heißt “Alexander der Römer”, die heiligen Bücher Zarathustras
+habe verbrennen lassen, dann aber sie hergestellt worden seien von dem
+frommen Ardaviraf, als König Ardaschir den Thron bestiegen habe. Hier
+steht der Römer-Hellene gegen den Perser; den arsakidischen Bastard hat
+die Sage, wie billig, vergessen.
+
+————————————————————
+
+^75 Frawardin, Ardhbehescht usw. (C. L. Ideler, Lehrbuch der
+Chronologie. Berlin 1831, Bd. 2, S. 515). Merkwürdigerweise haben
+wesentlich dieselben Monatsnamen sich in dem provinzialen Kalender der
+römischen Provinz Kappadokien behauptet (Ideler, Bd. 1, S. 443); sie
+müssen aus der Zeit herrühren, wo dieselbe persische Satrapie war.
+
+————————————————————
+
+Im übrigen werden die Zustände wesentlich die alten geblieben sein. In
+militärischer Beziehung namentlich sind die Heere auch der Sassaniden
+sicher keine stehenden und geschulten Truppen gewesen, sondern das
+Aufgebot der wehrfähigen Mannschaften, in das mit der nationalen
+Bewegung wohl ein neuer Geist gefahren sein mag, aber das nach wie vor
+im wesentlichen auf dem adligen Roßdienst ruhte. Auch die Verwaltung
+blieb, wie sie war: der tüchtige Herrscher schritt mit unerbittlicher
+Strenge ein gegen den Straßenräuber wie gegen den erpressenden Beamten
+und, verglichen wenigstens mit der späteren arabischen und der
+türkischen Herrschaft, befanden sich die Untertanen des
+Sassanidenreiches im Wohlstand und der Staatsschatz in Fülle.
+
+Bedeutsam aber ist die Verschiebung der Stellung des neuen Reiches
+gegenüber dem römischen. Die Arsakiden haben den Caesaren sich nie
+völlig ebenbürtig gefühlt. Wie oft auch beide Staaten in Krieg und
+Frieden als gleichgewogene Mächte sich einander entgegentraten, wie
+entschieden die Anschauung der doppelten Großmacht auch den römischen
+Orient beherrscht, es bleibt der römischen Macht ein ähnlicher Vorrang,
+wie ihn das Heilige Römische Reich Deutscher Nation lange Jahrhunderte
+sehr zu seinem Schaden besessen hat. Unterwerfungsakte, wie sie
+gegenüber Tiberius und Nero die parthischen Großkönige auf sich nahmen,
+ohne durch die äußerste Notwendigkeit dazu gezwungen zu sein, lassen
+sich umgekehrt nicht einmal denken. Deutlicher noch spricht die
+Unterlassung der Goldprägung. Es kann nicht Zufall sein, daß nie unter
+dem Regiment der Arsakiden eine Goldmünze geschlagen worden ist und
+gleich der erste Sassanidenherrscher die Goldprägung geübt hat; es ist
+dieselbe das greifbarste Zeichen der durch keine Vasallenpflichten
+beschränkten Souveränität. Dem Anspruch des Caesarenreiches, allein die
+Weltmünze schlagen zu können, hatten die Arsakiden ohne Ausnahme sich
+wenigstens insoweit gefügt, daß sie selber überhaupt sich der Prägung
+enthielten und diese in Silber und Kupfer den Städten oder den Satrapen
+überließen; die Sassaniden schlugen wieder Goldstücke, auch wie König
+Dareios. Das Großkönigtum des Ostens fordert endlich sein volles Recht;
+die Welt gehört nicht ferner den Römern allein. Mit der Unterwürfigkeit
+der Orientalen und der Oberherrlichkeit der Okzidentalen ist es vorbei.
+Dem entsprechend tritt an die Stelle der bis dahin immer wieder zum
+Frieden zurückwendenden Beziehungen zwischen Römern und Parthern durch
+Generationen die erbitterte Fehde.
+
+Nachdem die neue Staatsordnung dargestellt worden ist, mit der das
+sinkende Rom bald zu ringen haben sollte, nehmen wir den Faden der
+Erzählung wieder auf. Severus’ Sohn und Nachfolger Antoninus, kein
+Krieger und Staatsmann wie sein Vater, aber von beidem eine wüste
+Karikatur, muß die Absicht gehabt haben, soweit bei solchen
+Persönlichkeiten überhaupt von Absicht geredet werden kann, den Osten
+ganz in römische Gewalt zu bringen. Es hielt nicht schwer, die Fürsten
+von Osrhoene und von Armenien, nachdem sie an den kaiserlichen Hof
+entboten worden waren, gefangen zu setzen und diese Lehen für
+eingezogen zu erklären. Aber schon auf die Kunde hin brach in Armenien
+ein Aufstand aus. Der Arsakidenprinz Tiridates wurde zum König
+ausgerufen und rief den Schutz der Parther an. Darauf stellte sich
+Antoninus an die Spitze einer großen Truppenmacht und erschien im Jahre
+216 im Osten, um die Armenier und nötigenfalls auch die Parther
+niederzuwerfen. Tiridates selbst gab sogleich seine Sache verloren,
+obwohl die nach Armenien gesandte Abteilung dort nachher noch auf
+heftige Gegenwehr stieß, und flüchtete zu den Parthern. Die Römer
+forderten die Auslieferung. Die Parther waren nicht geneigt, sich
+seinetwegen auf einen Krieg einzulassen, um so weniger als eben damals
+die beiden Söhne des Königs Vologasos V., Vologasos VI. und Artabanos,
+in erbitterter Thronfehde lagen. Der erstere fügte sich, als die
+römische Forderung gebieterisch wiederholt ward und lieferte den
+Tiridates aus. Darauf begehrte der Kaiser von dem inzwischen zur
+Anerkennung gelangten Artabanos die Hand seiner Tochter zu dem
+ausgesprochenen Zwecke, damit das Reich zu erheiraten und Orient und
+Okzident unter eine Herrschaft zu bringen. Die Zurückweisung dieses
+wüsten Vorschlags ^76 war das Signal zum Krieg; die Römer erklärten ihn
+und überschritten den Tigris. Die Parther waren unvorbereitet; ohne
+Widerstand zu finden brannten die Römer die Städte und Dörfer in
+Adiabene nieder und zerstörten mit ruchloser Hand sogar die alten
+Königsgräber bei Arbela ^77. Aber für den nächsten Feldzug machte
+Artabanos die äußersten Anstrengungen und stellte im Frühjahr 217 eine
+gewaltige Heeresmacht in das Feld. Antoninus, der den Winter in Edessa
+zugebracht hatte, wurde, eben als er zu dieser zweiten Kampagne
+aufbrach, von seinen Offizieren ermordet. Sein Nachfolger Macrinus,
+unbefestigt im Regiment und wenig angesehen, dazu an der Spitze einer
+der Zucht und Haltung entbehrenden und durch den Kaisermord
+erschütterten Armee, hätte gern des mutwillig angezettelten und sehr
+ernsthafte Verhältnisse annehmenden Krieges sich entledigt. Er schickte
+dem Partherkönig die Gefangenen zurück und warf die Schuld für die
+begangenen Frevel auf den Vorgänger. Aber Artabanos war damit nicht
+zufrieden; er forderte Ersatz für alle begangene Verwüstung und die
+Räumung Mesopotamiens. So kam es bei Nisibis zur Schlacht, in der die
+Römer den kürzeren zogen. Dennoch gewährten die Parther, zum Teil weil
+ihr Aufgebot sich aufzulösen Miene machte, vielleicht auch unter dem
+Einfluß des römischen Goldes, den Frieden (218) auf verhältnismäßig
+günstige Bedingungen: Rom zahlte eine ansehnliche Kriegsentschädigung
+(50 Mill. Denare), behielt aber Mesopotamien; Armenien blieb dem
+Tiridates, aber dieser nahm es von den Römern zum Lehen. Auch in
+Osrhoene wurde das alte Fürstenhaus wieder eingesetzt.
+
+———————————————————————
+
+^76 So erzählt der zuverlässige Dio 78, 1; unbeglaubigt ist die Version
+Herodians 4, 11, daß Artabanos die Tochter zusagte und bei der
+Verlobungsfeier Antoninus auf die anwesenden Parther einhauen ließ.
+
+^77 Wenn an der Nennung der Kadusier in der Biographie c. 6 etwas
+Wahres ist, so veranlaßten die Römer diesen wilden, der Regierung nicht
+botmäßigen Stamm im Südwesten des Kaspischen Meeres, gleichzeitig über
+die Parther herzufallen.
+
+———————————————————————
+
+Es ist dies der letzte Friedensvertrag, den die Arsakidendynastie mit
+Rom geschlossen hat. Fast unmittelbar nachher und vielleicht mit
+infolge dieses Pakts, der allerdings, wie die Verhältnisse lagen, von
+den Orientalen als eine Preisgebung der erfochtenen Siege durch die
+eigene Regierung angesehen werden konnte, begann die Insurrektion,
+welche den Staat der Parther in einen Staat der Perser umwandelte. Ihr
+Führer, König Ardaschir oder Artaxares (224-241), stritt manches Jahr
+mit den Anhängern der alten Dynastie, bevor er vollen Erfolg hatte ^78;
+nach drei großen Schlachten, in deren letzter König Artabanos fiel, war
+er im eigentlichen Partherreich Herr und konnte in die mesopotamische
+Wüste einrücken, um die Araber von Hatra zu unterwerfen und von da aus
+gegen das römische Mesopotamien vorzugehen. Aber die tapferen und
+unabhängigen Araber wehrten sich, wie früher gegen die römische
+Invasion, so jetzt gegen die Perser in ihren gewaltigen Mauern mit
+gutem Erfolg, und Artaxares fand sich veranlaßt, zunächst gegen Medien
+und Armenien zu operieren, wo die Arsakiden sich noch behaupteten und
+auch die Söhne des Artabanos eine Zuflucht gefunden hatten. Erst um das
+Jahr 230 wandte er sich gegen die Römer und erklärte ihnen nicht bloß
+den Krieg, sondern forderte alle Provinzen zurück, die einst zum Reich
+seiner Vorgänger, des Dareios und des Xerxes, gehört hatten, das heißt
+die Abtretung von ganz Asien. Den drohenden Worten Nachdruck zu geben,
+führte er ein gewaltiges Heer über den Euphrat; Mesopotamien wurde
+besetzt und Nisibis belagert; die feindlichen Reiter zeigten sich in
+Kappadokien und in Syrien. Den römischen Thron nahm damals Severus
+Alexander ein, ein Herrscher, an dem nichts kriegerisch war als der
+Name und für den in der Tat die Mutter Mamaea das Regiment führte.
+Dringende, fast demütige Friedensvorschläge der römischen Regierung
+blieben ohne Wirkung; es blieb nichts übrig als der Gebrauch der
+Waffen. Die aus dem ganzen Reiche zusammengezogenen römischen
+Heeresmassen wurden geteilt: der linke Flügel nahm die Richtung auf
+Armenien und Medien, der rechte auf Mesene an der Euphrat- und
+Tigrismündung, vielleicht in der Berechnung, dort wie hier auf den
+Anhang der Arsakiden sich stützen zu können; die Hauptarmee ging gegen
+Mesopotamien vor. Die Truppen waren zahlreich genug, aber ohne Zucht
+und Haltung; ein hochgestellter römischer Offizier dieser Zeit bezeugt
+es selbst, daß sie verwöhnt und unbotmäßig waren, sich weigerten zu
+kämpfen, ihre Offiziere erschlugen und haufenweise desertierten. Die
+Hauptmacht kam gar nicht über den Euphrat ^79, da die Mutter dem Kaiser
+vorstellte, daß es nicht seine Sache sei, sich für seine Untertanen,
+sondern dieser, sich für ihn zu schlagen. Der rechte Flügel, im
+Flachland von der persischen Hauptmacht angegriffen und von dem Kaiser
+im Stich gelassen, wurde aufgerieben. Als darauf der Kaiser dem nach
+Medien vorgedrungenen Flügel Befehl erteilte, sich zurückzuziehen, litt
+auch dieser stark bei dem winterlichen Rückmarsch durch Armenien. Wenn
+es bei diesem üblen Rückzug der großen orientalischen Armee nach
+Antiocheia blieb und zu keiner vollständigen Katastrophe kam, sogar
+Mesopotamien in römischer Gewalt blieb, so scheint das nicht das
+Verdienst der römischen Truppen oder ihrer Führer zu sein, sondern
+darauf zu beruhen, daß das persische Aufgebot des Kampfes müde ward und
+nach Hause ging ^80. Aber sie gingen nicht auf lange, um so mehr, als
+bald darauf nach der Ermordung des letzten Sprossen der Severischen
+Dynastie die einzelnen Heerführer und die Regierung in Rom um die
+Besetzung des römischen Thrones zu schlagen begannen und somit darin
+einig waren, die Geschäfte der auswärtigen Feinde zu besorgen. Unter
+Maximinus (235-238) geriet das römische Mesopotamien in Ardaschirs
+Gewalt und schickten die Perser abermals sich an, den Euphrat zu
+überschreiten ^81. Nachdem die inneren Wirren einigermaßen sich
+beruhigt hatten und Gordian III., fast noch ein Knabe, unter dem Schutz
+des Kommandanten von Rom und bald seines Schwiegervaters Furius
+Timesitheus unbestritten im ganzen Reiche gebot, wurde in feierlicher
+Weise den Persern der Krieg erklärt, und im Jahre 242 rückte eine große
+römische Armee unter persönlicher Führung des Kaisers oder vielmehr
+seines Schwiegervaters in Mesopotamien ein. Sie hatte vollständigen
+Erfolg; Karrhä wurde wieder gewonnen, bei Resaina zwischen Karrhä und
+Nisibis das Heer des Perserkönigs Schapur oder Sapor (reg. 241-272),
+welcher kurz vorher seinem Vater Ardaschir gefolgt war, auf das Haupt
+geschlagen, infolge dieses Sieges auch Nisibis besetzt. Ganz
+Mesopotamien war zurückerobert; es wurde beschlossen, zum Euphrat
+zurück und von da stromabwärts gegen die feindliche Hauptstadt
+Ktesiphon zu marschieren. Unglücklicherweise starb Timesitheus und sein
+Nachfolger, Marcus Iulius Philippus, ein geborener Araber aus der
+Trachonitis, benutzte die Gelegenheit, den jungen Herrscher zu
+beseitigen. Als das Heer den schwierigen Marsch durch das Tal des
+Chaboras nach dem Euphrat zurückgelegt hatte, fanden, angeblich infolge
+der von Philippus getroffenen Anordnungen, die Soldaten in Kirkesion am
+Einfluß des Chaboras in den Euphrat die erwarteten Lebensmittel und
+Vorräte nicht vor und legten dies dem Kaiser zur Last.
+Nichtsdestoweniger wurde der Marsch in der Richtung auf Ktesiphon
+angetreten; aber schon auf der ersten Station bei Zaitha (etwas
+unterhalb Mejadin) erschlugen eine Anzahl aufständischer Gardisten den
+Kaiser (Frühling oder Sommer 244) und riefen ihren Kommandanten
+Philippus an seiner Stelle zum Augustus aus. Der neue Herrscher tat,
+was der Soldat oder wenigstens der Gardist begehrte, und gab nicht bloß
+die beabsichtigte Expedition gegen Ktesiphon auf, sondern führte auch
+die Truppen sogleich nach Italien zurück. Die Erlaubnis dazu erkaufte
+er sich von dem überwundenen Feind durch die Abtretung von Mesopotamien
+und Armenien, also der Euphratgrenze. Indes erregte dieser
+Friedensschluß eine solche Erbitterung, daß der Kaiser es nicht wagte,
+denselben zur Ausführung zu bringen und in den abgetretenen Provinzen
+die Besatzungen stehen ließ ^82. Daß die Perser sich dies wenigstens
+vorläufig gefallen ließen, gibt das Maß dessen, was sie damals
+vermochten. Nicht die Orientalen, sondern die Goten, die fünfzehn Jahre
+hindurch wütende Pest und die Zwietracht der miteinander um die Krone
+hadernden Korpsführer brachen die letzte Kraft des Reiches.
+
+———————————————————————
+
+^78 Die späterhin rezipierte Chronologie setzt den Beginn der
+Sassanidendynastie auf das Seleukidenjahr 538 = 1. Oktober 226/27 n.
+Chr. oder das vierte (volle) Jahr des seit Frühling 222 regierenden
+Severus Alexander (Agathias 4, 24). Nach anderen Daten zählte König
+Ardaschir das Jahr Herbst 223/24 n. Chr. als sein erstes, nahm also
+wohl in diesem den Großkönigtitel an (Nöldeke, Tabari, S. 410). Die
+letzte bis jetzt bekannte datierte Münze des älteren Systems ist vom
+Jahre 539. Als Dion schrieb, zwischen 230 und 234, war Artabanos tot
+und sein Anhang überwältigt, und wurde das Einrücken des Artaxares in
+Mesopotamien und Syrien erwartet.
+
+^79 Der Kaiser blieb wahrscheinlich in Palmyra; wenigstens gedenkt eine
+palmyrenische Inschrift CIG 4483 der επιδημία θεού Αλεξάνδρου.
+
+^80 Die unvergleichlich schlechten Berichte über diesen Krieg (der
+relativ beste ist der aus gemeinschaftlicher Quelle bei Herodian,
+Zonaras und Synkellos p. 674 vorliegende) entscheiden nicht einmal die
+Frage, wer in diesen Kämpfen Sieger blieb. Während Herodian von einer
+beispiellosen Niederlage der Römer spricht, feiern die lateinischen
+Quellen, die Biographie sowohl wie Victor, Eutrop und Rufius Festus,
+den Alexander als den Besieger des Artaxerxes oder Xerxes, und nach
+diesen letzteren ist auch der weitere Verlauf der Dinge günstig. Die
+Vermittlung gibt Herodian (6, 6, 5) an die Hand. Nach den armenischen
+Berichten (Gutschmid, ZDMG 31, 1877, S. 47) haben die Arsakiden mit
+Unterstützung der Kaukasusvölker sich in Armenien noch bis zum Jahre
+237 gegen Ardaschir behauptet; diese Diversion mag richtig und auch den
+Römern zugute gekommen sein.
+
+^81 Den besten Bericht geben, aus derselben Quelle schöpfend, Synkellos
+(p. 683) und Zonaras (12, 18). Damit stimmen die Einzelangaben Ammians
+(23, 5; 7, 17) und so ziemlich der gefälschte Brief Gordians an den
+Senat in der Biographie c. 27, aus dem die Erzählung c. 26 unkundig
+hergestellt ist; Antiocheia war in Gefahr, aber nicht in den Händen der
+Perser.
+
+^82 So stellt Zon. 12, 19 den Hergang dar; damit stimmt Zos. hist. 3,
+32, und auch der spätere Verlauf der Dinge zeigt Armenien nicht
+geradezu im persischen Besitz. Wenn nach Euagr. 5, 7 damals bloß
+Klein-Armenien römisch blieb, so mag das insofern nicht unrichtig sein,
+als die Abhängigkeit des Lehnskönigs von Groß-Armenien nach dem Frieden
+wohl nur eine nominelle war.
+
+———————————————————————
+
+Es wird hier, wo der römische Orient im Ringen mit dem persischen auf
+sich selber angewiesen ist, am Platz sein, eines merkwürdigen Staates
+zu gedenken, der, durch und für den Wüstenhandel geschaffen, jetzt für
+kurze Zeit in der politischen Geschichte eine führende Rolle übernimmt.
+Die Oase Palmyra, in der einheimischen Sprache Thadmor, liegt auf
+halbem Wege zwischen Damaskos und dem Euphrat. Von Bedeutung ist sie
+lediglich als Zwischenstation zwischen dem Euphratgebiet und dem
+Mittelmeer und hat auch diese Bedeutung erst spät gewonnen und früh
+wieder verloren, so daß Palmyras Blütezeit ungefähr mit derjenigen
+Periode zusammenfällt, die wir hier schildern. Über das Emporkommen der
+Stadt fehlt es an jeder Überlieferung ^83. Erwähnt wird sie zuerst bei
+Gelegenheit des Aufenthaltes des Antonius in Syrien im Jahre 713 (41),
+wo dieser einen vergeblichen Versuch machte, sich ihrer Reichtümer zu
+bemächtigen; auch die dort gefundenen Denkmäler - die älteste datierte
+palmyrenische Inschrift ist vom Jahre 745 (9) - reichen schwerlich viel
+weiter zurück. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß ihr Aufblühen mit der
+Festsetzung der Römer im syrischen Küstenland zusammenhängt. So lange
+die Nabatäer und die Städte der Osrhoene nicht unmittelbar römisch
+waren, hatten die Römer ein Interesse daran, eine andere direkte
+Verbindung mit dem Euphrat herzustellen, und diese führte dann
+notwendig über Palmyra. Eine römische Gründung ist Palmyra nicht; als
+Veranlassung für jenen Raubzug nahm Antonius die Neutralität der
+zwischen den beiden Großstaaten den Verkehr vermittelnden Kaufleute,
+und die römischen Reiter kehrten unverrichteter Sache um vor der
+Schützenkette, die die Palmyrener dem Angriff entgegenstellten. Aber
+schon in der ersten Kaiserzeit muß die Stadt zum Reiche gerechnet
+worden sein, da die für Syrien ergangenen Steuerverordnungen des
+Germanicus und des Corbulo auch für Palmyra zur Anwendung kamen; in
+einer Inschrift vom Jahre 80 begegnet eine claudische Phyle daselbst;
+seit Hadrian nennt sich die Stadt Hadriana Palmyra, und im dritten
+Jahrhundert bezeichnet sie sich sogar als Kolonie.
+
+———————————————————————
+
+^83 Der biblische Bericht (1. Kön. 9, 18) über die Erbauung der Stadt
+Thamar in Idumäa durch König Salomo ist nur durch ein freilich altes
+Mißverständnis auf Thadmor übertragen worden; immer enthält die irrige
+Beziehung desselben auf diese Stadt bei den späteren Juden (Chron. 2,
+8, 4 und die griechische Übersetzung von 1. Kön. 9, 4) das älteste
+Zeugnis für deren Existenz (Hitzig, ZDMG 8, 1854, S. 222).
+
+———————————————————————
+
+Indes war die Reichsuntertänigkeit der Palmyrener anderer Art als die
+gewöhnliche und einigermaßen dem Klientelverhältnis der abhängigen
+Königreiche ähnlich. Noch in Vespasians Zeit heißt Palmyra ein
+Zwischengebiet zwischen den beiden Großmächten und wurde bei jedem
+Zusammenstoß der Römer und der Parther gefragt, welche Politik die
+Palmyrener einhalten würden. Den Schlüssel für die Sonderstellung
+müssen wir in den Grenzverhältnissen und den für den Grenzschutz
+getroffenen Ordnungen suchen. Die syrischen Truppen, soweit sie am
+Euphrat selbst standen, haben ihre Hauptstellung bei Zeugma, Biredjik
+gegenüber an der großen Euphratpassage, gehabt. Weiter stromabwärts
+schiebt sich zwischen das unmittelbar römische und das parthische
+Gebiet das von Palmyra, das bis zum Euphrat reicht und die nächste
+bedeutende Übergangsstelle bei Sura gegenüber der mesopotamischen Stadt
+Nikephorion (später Kallinikon, heute er-Rakka) einschließt. Es ist
+mehr als wahrscheinlich, daß die Hut dieser wichtigen Grenzfestung
+sowie die Sicherung der Wüstenstraße zwischen dem Euphrat und Palmyra,
+auch wohl eines Teils der Straße von Palmyra nach Damaskos, der
+Gemeinde Palmyra überlassen ward und daß sie also berechtigt und
+verpflichtet war, die für diese nicht geringe Aufgabe erforderlichen
+militärischen Einrichtungen zu treffen ^84. Späterhin sind wohl die
+Reichstruppen näher an Palmyra herangezogen und ist eine der syrischen
+Legionen nach Danava zwischen Palmyra und Damaskos, die arabische nach
+Bostra gelegt worden; seit Severus Mesopotamien mit dem Reich vereinigt
+hatte, waren sogar hier beide Ufer des Euphrat in römischer Gewalt und
+endigte das römische Gebiet am Euphrat nicht mehr bei Sura, sondern bei
+Kirkesion an der Mündung des Chaboras in den Euphrat oberhalb Mejâdîn.
+Auch wurde damals Mesopotamien stark mit Reichstruppen belegt. Aber die
+mesopotamischen Legionen standen an der großen Straße im Norden bei
+Resaina und Nisibis, und auch die syrischen und die arabischen Truppen
+machten die Mitwirkung der palmyrenischen nicht entbehrlich. Es mag
+sogar die Hut von Kirkesion und dieses Teils des Euphratufers eben den
+Palmyrenern anvertraut worden sein. Erst nach dem Untergang Palmyras
+und vielleicht in Ersatz desselben ist Kirkesion ^85 von Diocletian zu
+der starken Festung gemacht worden, die seitdem hier der Stützpunkt der
+Grenzverteidigung gewesen ist.
+
+——————————————————————————-
+
+^84 Ausdrücklich berichtet wird dies nirgends; aber alle Umstände
+sprechen dafür. Daß die römisch-parthische Grenze, bevor die Römer auf
+dem linken Euphratufer sich festsetzten, am rechten wenig unterhalb
+Sura war, sagt am bestimmtesten Plinius (nat. 5, 26, 89: a Sura proxime
+est Philiscum - vgl. Anm. 85 - oppidum Parthorum ad Euphratem; ab eo
+Seleuciam dierum decem navigatio), und hier ist sie bis zur Einrichtung
+der Provinz Mesopotamien unter Severus geblieben. Die Palmyrene des
+Ptolemaeos (5, 15, 24, 25) ist eine Landschaft Koilesyriens, die einen
+guten Teil des Gebiets südlich von Palmyra zu umfassen scheint, sicher
+aber bis an den Euphrat reicht und Sura einschließt; andere städtische
+Zentren außer Palmyra scheinen nicht aufgeführt zu werden und nichts im
+Wege zu stehen, diesen großen Distrikt als Stadtgebiet zu fassen.
+Namentlich solange Mesopotamien parthisch war, aber auch nachher noch
+hat mit Rücksicht auf die angrenzende Wüste ein dauernder Grenzschutz
+hier nicht fehlen können; wie denn im 4. Jahrhundert nach Ausweis der
+Notitia die Palmyrene stark besetzt war, die nördliche von den Truppen
+des Dux von Syrien, Palmyra selbst und die südliche Hälfte von denen
+des Dux von Phoenike. Daß in der früheren Kaiserzeit hier keine
+römischen Truppen gestanden haben, ist durch das Schweigen der
+Schriftsteller und das Fehlen der in Palmyra selbst zahlreichen
+Inschriften verbürgt. Wenn in der Peutingerschen Tafel unter Sura
+vermerkt ist: “fines exercitus Syriatici et commercium barbarorum”, d.
+h. “hier endigen die römischen Besatzungen, und hier ist der
+Zwischenort für den Barbarenverkehr”, so ist damit nur gesagt, was in
+späterer Zeit Ammian (23, 3, 7: Callinicum mumimentum robustum et
+commercandi opimitate gratissimum) und noch Kaiser Honorius (Cod. Iust.
+4, 63, 4) wiederholen, daß Kallinikon zu den wenigen, dem
+römisch-barbarischen Grenzhandel freigegebenen Entrepôts gehört; aber
+nicht einmal für die Entstehungszeit der Tafel folgt daraus, daß damals
+Reichstruppen dort standen, da ja die Palmyrener im allgemeinen auch
+zur syrischen Armee gehörten und bei dem exercitus Syriaticus an sie
+gedacht sein kann. Es muß die Stadt eine eigene Truppenmacht
+aufgestellt haben, ähnlich wie die Fürsten von Numidien und von
+Pantikapäon. Dadurch allein wird auch sowohl das Abweisen der Truppen
+des Antonius wie das Verhalten der Palmyrener in den Wirren des 3.
+Jahrhunderts verständlich, nicht minder das Auftreten der numeri
+Palmyrenorum unter den militärischen Neuerungen derselben Epoche.
+
+^85 Amm. 23, 5, 2: Cercusium .. . Diocletiänus exiguum ante hoc et
+suspectum muris turribusque circumdedit celsis, . . . ne vagarentur per
+Syriam Persae ita ut paucis ante annis cum magnis provinciarum
+contigerat damnis. Vgl. Prok. aed. 2, 6. Vielleicht ist dieser Ort
+nicht verschieden von dem Φάλγα oder Φάλιγα des Isidorus von Charax
+(mans. Parth. 1; Stephanus v. Byzanz, Ethnika, unter diesem Wort) und
+dem Plinianischen Philiscum (Anm. 84).
+
+——————————————————————————-
+
+Die Spuren dieser Sonderstellung Palmyras sind auch in den
+Institutionen nachweisbar. Das Fehlen des Kaisernamens auf den
+palmyrenischen Münzen ist wohl nicht aus ihr zu erklären, sondern
+daraus, daß die Gemeinde fast nur kleine Scheidemünze ausgegeben hat.
+Deutlich aber spricht die Behandlung der Sprache. Von der sonst bei den
+Römern fast ausnahmslos befolgten Regel, in dem unmittelbaren Gebiet
+nur den Gebrauch der beiden Reichssprachen zu gestatten, ist Palmyra
+ausgenommen. Hier hat diejenige Sprache, welche im übrigen Syrien und
+nicht minder seit dem Exil in Judäa die gewöhnliche im privaten
+Verkehr, aber auf diesen beschränkt war, sich im öffentlichen Gebrauch
+behauptet, solange die Stadt überhaupt bestanden hat. Wesentliche
+Verschiedenheiten des palmyrenischen Syrisch von dem der übrigen oben
+genannten Gegenden lassen sich nicht nachweisen; die nicht selten
+arabisch oder jüdisch, auch persisch geformten Eigennamen zeigen die
+starke Völkermischung, und zahlreiche griechisch-römische Lehnwörter
+die Einwirkung der Okzidentalen. Es wird späterhin Regel, dem syrischen
+Text einen griechischen beizufügen, welcher in einem Beschluß des
+palmyrenischen Gemeinderats vom Jahre 137 dem palmyrenischen nach-,
+später gewöhnlich voransteht; aber bloß griechische Inschriften
+eingeborener Palmyrener sind seltene Ausnahmen. Sogar in
+Weihinschriften, welche Palmyrener ihren heimischen Gottheiten in Rom
+gesetzt haben ^86, und in Grabschriften der in Afrika oder Britannien
+verstorbenen palmyrenischen Soldaten ist die palmyrenische Fassung
+zugefügt. Ebenso wurde in Palmyra zwar das römische Jahr wie im übrigen
+Reiche der Datierung zugrunde gelegt, aber die Monatsnamen sind nicht
+die im römischen Syrien offiziell rezipierten makedonischen, sondern
+diejenigen, welche in demselben wenigstens bei den Juden im gemeinen
+Verkehr galten und außerdem bei den unter assyrischer und später
+persischer Herrschaft lebenden aramäischen Stämmen in Gebrauch waren
+^87.
+
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+^86 Von den sieben bis jetzt außerhalb Palmyra gefundenen Dedikationen
+an den palmyrenischen Malach Belos haben die drei in Rom zum Vorschein
+gekommenen (CIL VI, 51, 710; CIG 6015) neben griechischem oder
+lateinischem auch palmyrenischen Text, zwei afrikanische (CIL VIII,
+2497, 8795 add.) und zwei dakische (Archäologisch-epigraphische
+Mitteilungen aus Österreich 6, 1882, 109, 111) bloß lateinischen. Die
+eine der letzteren ist von einem offenbar aus Palmyra gebürtigen
+Duoviralen von Sarmizegetusa, P. Aelius Theimes, gesetzt diis patriis
+Malagbel et Bebellahamon et Benefal et Manavat.
+
+^87 Woher diese Monatsnamen rühren, ist dunkel; sie treten zuerst in
+der assyrischen Keilschrift auf, sind aber nicht assyrischen Ursprungs.
+Infolge der assyrischen Herrschaft sind sie dann in dem Bereich der
+syrischen Sprache in Gebrauch geblieben. Abweichungen finden sich; der
+zweite Monat, der Dios der griechisch redenden Syrer, unser November,
+heißt bei den Juden Markeschwan, bei den Palmyrenern Kanun (Waddington
+25746). Übrigens sind diese Monatsnamen, soweit sie innerhalb des
+Römischen Reiches zur Anwendung kommen, wie die makedonischen dem
+Julianischen Kalender angepaßt, so daß nur die Monatsbenennung
+differiert, der Jahranfang (1. Oktober) des syrisch-römischen Jahres
+auf die griechischen wie auf die aramäischen Benennungen gleichmäßig
+Anwendung findet.
+
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+
+Die munizipale Ordnung ist im wesentlichen nach dem Muster der
+griechischen des Römerreichs gestaltet; die Beziehungen für Beamte und
+Rat ^88 und selbst diejenige der Kolonie werden in den palmyrenischen
+Texten meistenteils aus den Reichssprachen beibehalten. Aber auch in
+der Verwaltung behielt der Distrikt eine größere Selbständigkeit, als
+sie sonst den Stadtgemeinden zukommt. Neben den städtischen Beamten
+finden wir wenigstens im dritten Jahrhundert die Stadt Palmyra mit
+ihrem Gebiet unter einem besonderen “Hauptmann” senatorischen Ranges
+und römischer Bestellung, aber gewählt aus dem angesehensten Geschlecht
+des Ortes; Septimios Hairanes, des Odaenathos Sohn, ist der Sache nach
+ein Fürst der Palmyrener ^89, der von dem Legaten von Syrien wohl nicht
+anders abhängig war als die Klientelfürsten von den benachbarten
+Reichstatthaltern überhaupt. Wenige Jahre später begegnen wir seinem
+Sohn ^90 Septimios Odaenathos in der gleichen, ja im Rang noch
+gesteigerten erbfürstlichen Stellung ^91.
+
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+
+^88 Zum Beispiel Archon, Grammateus, Proedros, Syndikos, Dekaprotoi.
+
+^89 Dies lehrt die Inschrift von Palmyra CIG 4491, 4492 = Waddington
+2600 = Vogue 22, diesem Hairanes im Jahre 251 gesetzt von einem
+Soldaten der in Arabien stehenden Legion. Sein Titel ist griechisch ο
+λαμπρότατος συνκλητικός εξάρχος (= princeps) Παλμυρηνών, palmyrenisch
+“erlauchter Senator, Haupt von Thadmor”. Die Grabschrift (CIG 4507 =
+Waddington 2621 = Vogue 21) des Vaters des Hairanes, Septimios
+Odaenathos, Sohnes des Hairanes, Enkels des Vaballathos, Urenkels des
+Nassoros, gibt auch ihm schon senatorischen Rang.
+
+^90 Allerdings wird der Vater dieses Odaenathos nirgends genannt; aber
+es ist so gut wie sicher, daß er der Sohn des eben genannten Hairanes
+ist und den Namen von seinem Großvater führt. Auch Zosimus (hist. 1,
+39) nennt ihn einen von den Vorfahren her von der Regierung
+ausgezeichneten Palmyrener (άνδρα Παλμυρηνόν καί εκ προγόνων τής παρά
+τών βασιλέων αξιωθέντα τίμης).
+
+^91 In der Inschrift Waddington 2603 = Vogue 23, die die Zunft der
+Gold- und Silberarbeiter von Palmyra im Jahre 257 dem Odaenathos setzt,
+heißt es ο λαμπρότατος υπατικός, also vir consularis, und griechisch
+δεσπότης, syrisch mβran. Die erstere Bezeichnung ist kein Amtstitel,
+sondern eine Angabe der Rangklasse; so steht vir consularis nicht
+selten hinter dem Namen ganz wie vir clarissimus (CIL X., p. 1117 und
+sonst) und findet sich ο λαμπρότατος υπατικός neben und vor
+verschiedenartigen Amtstiteln, zum Beispiel dem des Prokonsuls von
+Afrika (CIG 2979 wo λαμπρότατος fehlt), des kaiserlichen Legaten von
+Pontus und Bithynien (CIG 3747 3748, 3771) und von Palästina (CIG
+4151), des Statthalters von Lykien und Pamphylien (CIG 4272); erst in
+nachkonstantinischer Zeit wird es mit dem Namen der Provinz verbunden
+als Amtstitel verwendet (z. B. CIG 2596, 4266 e). Hieraus ist also für
+die Rechtsstellung des Odaenathos nichts zu entnehmen. Ebenso darf in
+der syrischen Bezeichnung des Herrn nicht gerade der Herrscher gefunden
+werden; sie wird auch einem Prokurator gegeben (Waddington 2606 = Vogue
+25).
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+Nicht minder bildete Palmyra einen abgeschlossenen Zollbezirk, in
+welchem die Zölle nicht von Staats-, sondern von Gemeindewegen
+verpachtet wurden ^92.
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+^92 Syrien bildete in der Kaiserzeit ein eigenes Reichszollgebiet und
+es ward der Reichszoll nicht bloß an der Küste, sondern auch an der
+Euphratgrenze, insonderheit bei Zeugma erhoben. Daraus folgt mit
+Notwendigkeit, daß auch weiter südwärts, wo der Euphrat nicht mehr in
+römischer Gewalt war, an der römischen Ostgrenze ähnliche Zölle
+eingerichtet waren. Nun hat ein Beschluß des Rats von Palmyra vom Jahre
+137 gelehrt, daß die Stadt und ihr Gebiet einen eigenen Zollbezirk
+bildeten und von allen ein- oder ausgehenden Waren zu Gunsten der Stadt
+der Zoll erhoben ward. Daß dies Gebiet außerhalb des Reichszolles
+stand, ist wahrscheinlich, einmal weil, wenn eine das palmyrenische
+Gebiet einschließende Reichszollinie bestanden hätte, deren Erwähnung
+in jener ausführlichen Verfügung nicht wohl fehlen könnte: zweitens
+weil eine von den Reichszollinien eingeschlossene Gemeinde des Reiches
+schwerlich das Recht gehabt hat, an ihrer Gebietsgrenze in diesem
+Umfang Zölle zu erheben. Man wird also in der Zollerhebung der Gemeinde
+Palmyra dieselbe Sonderstellung zu erkennen haben, welche ihr in
+militärischer Hinsicht beigelegt werden muß. Vielleicht ist ihr dagegen
+zu Gunsten der Reichskasse eine Auflage gemacht worden, etwa die
+Ablieferung einer Quote des Zollertrages oder auch ein erhöhter Tribut.
+Ähnliche Einrichtungen wie für Palmyra mögen auch für Bostra und Petra
+bestanden haben; denn zollfrei sind die Waren sicher auch hier nicht
+eingegangen und nach Plin. nat. 12, 14, 65 scheint von dem arabischen,
+über Gaza ausgehenden Weihrauch Reichszoll nur in Gaza an der Küste
+erhoben zu sein. Die Trägheit der römischen Verwaltung ist stärker als
+die Fiskalität; sie mag die unbequemen Landgrenzzölle öfter von sich
+auf die Gemeinden abgewälzt haben.
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+Die Bedeutung Palmyras ruht auf dem Karawanenverkehr. Die Häupter der
+Karawanen (συνοδιάρχαι), welche von Palmyra nach den großen Entrepôts
+am Euphrat gingen, nach Vologasias, der schon erwähnten parthischen
+Gründung unweit der Stätte des alten Babylon, und nach Forath oder
+Charax Spasinu, Zwillingsstädten an der Mündung nahe am Persischen
+Meerbusen, erscheinen in den Inschriften als die angesehensten
+Stadtbürger ^93 und bekleiden nicht bloß die Ämter ihrer Heimat,
+sondern zum Teil Reichsämter; auch die Großhändler (αρχέμποροι) und die
+Zunft der Gold- und Silberarbeiter zeugen von der Bedeutung der Stadt
+für den Handel und die Fabrikation, nicht minder für ihren Wohlstand
+die noch heute stehenden Tempel der Stadt und die langen Säulenreihen
+der städtischen Hallen so wie die massenhaften reich verzierten
+Grabmäler. Dem Feldbau ist das Klima wenig günstig - der Ort liegt nahe
+an der Nordgrenze der Dattelpalme und führt nicht von dieser seinen
+griechischen Namen; aber es finden sich in der Umgegend die Reste
+großer unterirdischer Wasserleitungen und ungeheurer, künstlich aus
+Quadern angelegter Wasserreservoirs, mit deren Hilfe der jetzt aller
+Vegetation bare Boden einst eine reiche Kultur künstlich entwickelt
+haben muß. Dieser Reichtum und diese auch in der Römerherrschaft nicht
+ganz beseitigte nationale Eigenart und administrative Selbständigkeit
+erklären einigermaßen Palmyras Rolle um die Mitte des dritten
+Jahrhunderts in der großen Krise, zu deren Darlegung wir jetzt uns
+zurückwenden.
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+^93 Diese Karawanen (συνοδίαι) erscheinen auf den palmyrenischen
+Inschriften als feste Genossenschaften, die dieselben Fahrten ohne
+Zweifel in bestimmten Intervallen unter ihrem Vormann (συνοδιάρχης,
+Waddington 2589, 2590, 2596) unternehmen; so setzen einem solchen eine
+Bildsäule “die mit ihm nach Vologesias hinab gegangenen Kaufleute” (οι
+σύν αυτώ κατελθόντες εις Ολογεσιάδα ένποροι, Waddington 2599 vom Jahre
+247) oder “herauf von Forath (vgl. Plin. nat. 6, 28, 145) und
+Vologasias” (οι συναναβάντες μετ' αυτού έμποροι από Φοράθου κέ
+Ολογασιάδος, Waddington 2589 vom Jahre 142) oder “herauf von Spasinu
+Charax” (οι σύν αυτώ αναβάντες από Στασίνου Χάρακος, Waddington 2596
+vom Jahre 193; ähnlich 2590 vom Jahre 155). Alle diese Führer sind
+vornehme, mit Ahnenreihen ausgestattete Männer; ihre Ehrendenkmäler
+stehen in der großen Kolonnade neben denen der Königin Zenobia und
+ihrer Familie. Besonders merkwürdig ist einer derselben, Septimius
+Vorodes, von dem es eine Reihe von Ehrenbasen aus den Jahren 2b2-267
+gibt (Waddington 2606-2610); auch er war Karawanenhaupt (ανακομισάντα
+τής συνοδίας εκ τών ιδίων καί μαρθυρηθέντα υπό τών αρχεμπόρων,
+Waddington 2606 a; also bestritt er die Kosten der Rückreise für die
+ganze Begleitung und wurde wegen dieser Freigebigkeit von den
+Großhändlern öffentlich belobt). Aber er bekleidete auch nicht bloß die
+städtischen Ämter des Strategen und Agoranomen, sondern war sogar
+kaiserlicher Prokurator zweiter Klasse (ducenarius) und Argapetes (Anm.
+102).
+
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+
+Nachdem Kaiser Decius im Jahre 251 gegen die Goten in Europa gefallen
+war, überließ die Regierung des Reiches, wenn es überhaupt damals ein
+Reich und eine Regierung noch gab, den Osten völlig seinem Schicksal.
+Während die Piraten vom Schwarzen Meer her weit und breit die Küsten
+und selbst das Binnenland verheerten, ging auch der Perserkönig Sapor
+wieder angriffsweise vor. Wenn sein Vater sich damit begnügt hatte,
+sich den Herrn von Iran zu nennen, so hat er zuerst wie nach ihm die
+folgenden Herrscher sich bezeichnet als den Großkönig von Iran und
+Nicht-Iran und damit gleichsam das Programm seiner Eroberungspolitik
+hingestellt. Im Jahre 252 oder 253 besetzte er Armenien, oder es
+unterwarf sich ihm freiwillig, ohne Zweifel mitergriffen von jenem
+Aufflammen des alten Perserglaubens und Perserwesens; der rechtmäßige
+König Tiridates suchte Zuflucht bei den Römern, die übrigen Glieder des
+königlichen Hauses stellten sich unter die Fahnen des Persers ^94.
+Nachdem also Armenien persisch geworden war, überschwemmten die Scharen
+der Orientalen Mesopotamien, Syrien und Kappadokien; sie verwüsteten
+weit und breit das platte Land, aber die Bewohner der größeren Städte
+wiesen den Angriff der auf Belagerung wenig eingerichteten Feinde ab,
+voran die tapferen Edessener. Im Okzident war inzwischen wenigstens
+eine anerkannte Regierung hergestellt worden. Der Kaiser Publius
+Licinius Valerianus, ein rechtschaffener und wohlgesinnter Herrscher,
+aber kein entschlossener und schwierigen Verhältnissen gewachsener
+Charakter, erschien endlich im Osten und begab sich nach Antiocheia.
+Von da aus ging er nach Kappadokien, das die persischen Streif scharen
+räumten. Aber die Pest dezimierte sein Heer, und er zögerte lange, den
+entscheidenden Kampf in Mesopotamien aufzunehmen. Endlich entschloß er
+sich, dem schwer bedrängten Edessa Hilfe zu bringen, und überschritt
+mit seinen Scharen den Euphrat. Hier, unweit Edessa, trat die
+Katastrophe ein, welche für den römischen Orient ungefähr das zu
+bedeuten hat, was für den Okzident der Sieg der Goten an der
+Donaumündung und der Fall des Decius: die Gefangennahme des Kaisers
+Valerianus durch die Perser (Ende 259 oder Anfang 260) ^95. Über die
+näheren Umstände gehen die Berichte auseinander. Nach der einen Version
+wurde er, als er mit einer schwachen Schar versuchte, nach Edessa zu
+gelangen, von den weit überlegenen Persern umzingelt und gefangen. Nach
+einer andern gelangte er, wenn auch geschlagen, in die belagerte Stadt,
+fürchtete aber, da er keine ausreichende Hilfe brachte und die
+Lebensmittel nur um so rascher zu Ende gingen, den Ausbruch einer
+Militärinsurrektion und lieferte sich darum freiwillig dem Feind in die
+Hände. Nach einer dritten knüpfte er, aufs äußerste bedrängt,
+Verhandlungen wegen der Übergabe Edessas mit Sapor an; da der
+Perserkönig es ablehnte, mit Gesandten zu verhandeln, erschien er
+persönlich im feindlichen Lager und ward wortbrüchigerweise zum
+Gefangenen gemacht.
+
+——————————————————————-
+
+^94 Nach dem griechischen Bericht (Zon. 12, 21) flüchtet König
+Tiridates zu den Römern, seine Söhne aber treten auf die Seite der
+Perser; nach dem armenischen wird König Chosroes von seinen Brüdern
+ermordet und des Chosroes Sohn Tiridates zu den Römern geflüchtet
+(Gutschmid ZDMG 31, 1877, S. 48). Vielleicht ist der letztere
+vorzuziehen.
+
+^95 Den einzigen festen chronologischen Anhalt geben die
+alexandrinischen Münzen, nach welchen Valerianus zwischen 29. August
+259 und 28. August 260 gefangen ward. Daß er nach seiner Gefangennahme
+nicht mehr als Kaiser galt, erklärt sich, da die Perser ihn zwangen,
+seinen ehemaligen Untertanen Befehle in ihrem Interesse zu erteilen
+(Dio Forts. fr. 3).
+
+——————————————————————-
+
+Welche immer von diesen Erzählungen der Wahrheit am nächsten kommen
+mag, der Kaiser ist in feindlicher Gefangenschaft gestorben ^96, und
+die Folge dieser Katastrophe war der Verlust des Orients an die Perser.
+Vor allem Antiocheia, die größte und reichste Stadt des Ostens, geriet
+zum ersten Mal, seit sie römisch war, in die Gewalt des Landesfeindes,
+und zum guten Teil durch die Schuld der eigenen Bürger. Ein vornehmer
+Antiochener, Mareades, den wegen unterschlagener öffentlicher Gelder
+der Rat ausgestoßen hatte, führte die persische Armee nach seiner
+Vaterstadt; mag es auch Fabel sein, daß die Bürgerschaft im Theater
+selbst von den anrückenden Feinden überrascht ward, daran ist kein
+Zweifel, daß sie nicht bloß keinen Widerstand leistete, sondern ein
+großer Teil der niederen Bevölkerung, teils mit Rücksicht auf Mareades,
+teils in der Hoffnung auf Anarchie und Raub, das Eindringen der Perser
+gern sah. So wurde die Stadt mit allen ihren Schätzen die Beute des
+Feindes und entsetzlich in derselben gehaust, freilich auch Mareades,
+wir wissen nicht warum, von König Sapor zum Feuertode verurteilt ^97.
+Das gleiche Schicksal erlitten außer zahllosen kleineren Ortschaften
+die Hauptstädte von Kilikien und Kappadokien, Tarsos und Caesarea,
+letztere angeblich eine Stadt von 400000 Einwohnern. Die endlosen Züge
+der Gefangenen, die wie das Vieh einmal am Tage zur Tränke geführt
+wurden, bedeckten die Wüstenstraßen des Ostens. Auf der Heimkehr sollen
+die Perser, um eine Schlucht rascher zu überschreiten, sie mit den
+Leibern der mitgeführten Gefangenen ausgefüllt haben. Glaublicher ist
+es, daß der große “Kaiserdamm” (Bend-i-Kaiser) bei Sostra (Schuschter)
+in Susiana, durch welchen noch heute das Wasser des Pasitigris den
+höher gelegenen Gegenden zugeführt wird, von diesen Gefangenen gebaut
+ward; wie ja auch Kaiser Neros Architekten die Hauptstadt von Armenien
+bauen geholfen und überhaupt auf diesem Gebiet die Okzidentalen stets
+ihre Überlegenheit behauptet haben. Auf eine Gegenwehr des Reiches
+stießen die Perser nirgends; aber Edessa hielt sich noch immer, und
+auch Caesarea hatte sich tapfer verteidigt und war nur durch Verrat
+gefallen. Die örtliche Gegenwehr ging allmählich hinaus über die Abwehr
+hinter den städtischen Wällen, und die durch die weite Ausdehnung des
+eroberten Gebiets herbeigeführte Auflösung der persischen Haufen war
+dem kühnen Parteigänger günstig. Einem selbstbestellten römischen
+Führer, Kallistos ^98, gelang ein glücklicher Handstreich: mit den
+Schiffen, die er in den kilikischen Häfen zusammengebracht hatte, fuhr
+er nach Pompeiopolis, das die Perser eben belagerten, während sie
+gleichzeitig Lykaonien brandschatzten, erschlug mehrere Tausend Mann
+und bemächtigte sich des königlichen Harems. Dies bestimmte den König,
+unter dem Vorwand einer nicht aufzuschiebenden Festfeier, sofort nach
+Hause zu gehen, in solcher Eile, daß er, um nicht aufgehalten zu
+werden, von den Edessenern freien Durchzug durch ihr Gebiet gegen alles
+von ihm erbeutete römische Goldgeld erkaufte. Den von Antiocheia
+heimkehrenden Scharen brachte der Fürst von Palmyra, Odaenathos, bevor
+sie den Euphrat überschritten, empfindliche Verluste bei. Aber kaum war
+die dringendste Persergefahr beseitigt, als unter den sich selbst
+überlassenen Heerführern des Ostens zwei der namhaftesten, der die
+Kasse und das Depot der Armee in Samosata verwaltende Offizier Fulvius
+Macrianus ^99 und der oben genannte Kallistos, dem Sohne und
+Mitregenten und jetzt alleinigen Herrscher Gallienus, für den freilich
+der Osten und die Perser nicht da waren, den Gehorsam aufkündigten und,
+selbst die Annahme des Purpurs verweigernd, die beiden Söhne des
+ersteren Fulvius Macrianus und Fulvius Quietus zu Kaisern ausriefen
+(261). Dies Auftreten der beiden angesehenen Feldherrn bewirkte, daß in
+Ägypten und im ganzen Osten, mit Ausnahme von Palmyra, dessen Fürst für
+Gallienus eintrat, die beiden jungen Kaiser zur Anerkennung gelangten.
+Der eine von ihnen, Macrianus, ging mit seinem Vater nach dem Westen
+ab, um auch hier dies neue Regiment einzusetzen. Aber bald wandte sich
+das Glück: in Illyricum verlor Macrianus, nicht gegen Gallienus,
+sondern gegen einen anderen Prätendenten, Schlacht und Leben. Gegen den
+in Syrien zurückgebliebenen Bruder wandte sich Odaenathos; bei Hemesa,
+wo die Heere aufeinandertrafen, antworteten die Soldaten des Quietus
+auf die Aufforderung, sich zu ergeben, daß sie alles eher über sich
+ergehen lassen würden, als einem Barbaren sich in die Hände zu liefern.
+Nichtsdestoweniger verriet der Feldherr des Quietus, Kallistos, seinen
+Herrn an den Palmyrener ^100, und also endete auch dessen kurzes
+Regiment.
+
+——————————————————————————-
+
+^96 Die besseren Berichte wissen nur davon, daß Valerianus in
+persischer Gefangenschaft starb. Daß Sapor ihn beim Besteigen des
+Pferdes als Schemel benutzte (Lact. mort. pers. 5; Oros. hist. 7, 22,
+4; Aur. Vict. epit. 33) und schließlich ihn schinden ließ (Lact.
+a.a.O.; Agathias 4, 23; Cedrenus p. 454), ist eine christliche
+Erfindung, die Vergeltung für die von Valerian angeordnete
+Christenverfolgung.
+
+^97 Die Tradition, wonach Mareades (so Amm. 23, 5, 3; Mariades Malalas
+12 p. 295; Mariadnes Forts. des Dio fr. 1) oder, wie er hier heißt,
+Cyriades sich zum Augustus ausrufen ließ (vit. trig. tyr. 1), ist
+schwach beglaubigt; sonst könnte darin wohl die Veranlassung gefunden
+werden, weshalb Sapor ihn hinrichten ließ.
+
+^98 Kallistos heißt er in der einen wohl auf Dexippus zurückgehenden
+Überlieferung bei Synkellos p. 716 und Zon. 12, 23, dagegen Ballista in
+den Kaiserbiographien und bei Zon. 12, 24.
+
+^99 Er war nach dem zuverlässigsten Bericht procurator summarum (επί
+τών καθόλου λόγων βασιλέως: Dionysios bei Eus. 7, 10, 5), also
+Finanzminister mit Ritterrang; der Fortsetzer des Dio (fr. 3 Müll.)
+drückt dies in der Sprache der späteren Zeit aus mit κόμης τών θησαυρών
+καί εφεστώς τή αγορά τού σίτου.
+
+^100 Wenigstens nach dem Bericht, der den Kaiserbiographien zu Grunde
+liegt (vita Gallieni 3 und sonst). Nach Zon. 12, 24, dem einzigen
+Schriftsteller, der außerdem das Ende des Kallistos erwähnt, ließ
+Odaenathos denselben töten.
+
+——————————————————————————-
+
+Damit tritt Palmyra im Orient an den ersten Platz. Gallienus, durch die
+Barbaren des Westens und die überall dort ausbrechenden
+Militärinsurrektionen mehr als ausreichend beschäftigt, gab dem Fürsten
+von Palmyra, der in der eben erzählten Krise allein ihm die Treue
+bewahrt hatte, eine beispiellose, indes unter den obwaltenden Umständen
+wohl erklärliche Ausnahmestellung: er wurde als Erbfürst oder, wie er
+jetzt heißt, König von Palmyra zugleich zwar nicht Mitherrscher, aber
+selbständiger Statthalter des Kaisers für den Osten ^101. Die örtliche
+Verwaltung von Palmyra führte unter ihm ein anderer Palmyrener,
+zugleich als kaiserlicher Prokurator und als sein Stellvertreter ^102.
+Somit lag die gesamte Reichsgewalt, soweit sie überhaupt im Osten noch
+bestand, in der Hand des “Barbaren”, und so rasch wie glänzend stellte
+dieser mit seinen Palmyrenern, welche durch die Trümmer der römischen
+Heerkörper und das Aufgebot des Landes verstärkt wurden, die Herrschaft
+Roms wieder her. Asien und Syrien waren schon vom Feinde geräumt.
+Odaenathos ging über den Euphrat, machte endlich den tapferen
+Edessenern Luft und nahm den Persern die eroberten Städte Nisibis und
+Karrhä wieder ab (264). Wahrscheinlich ist auch Armenien damals wieder
+unter römische Botmäßigkeit zurückgebracht worden ^103. Sodann ergriff
+er, zuerst wieder seit Gordianus, die Offensive gegen die Perser und
+marschierte auf Ktesiphon. In zwei verschiedenen Feldzügen wurde die
+Hauptstadt des Persischen Reiches von ihm umstellt und die Umgegend
+verheert, mit den Persern unter den Mauern derselben glücklich
+gefochten ^104. Selbst die Goten, deren Raubzüge bis in das Binnenland
+sich erstreckten, wichen zurück, als er nach Kappadokien aufbrach. Eine
+Machtentwicklung dieser Art war ein Segen für das bedrängte Reich und
+zugleich eine ernste Gefahr. Odaenathos beobachtete freilich gegen den
+römischen Oberherrn alle schuldigen Formen und sandte die gefangenen
+feindlichen Offiziere und die Beutestücke nach Rom an den Kaiser, der
+es nicht verschmähte, daraufhin zu triumphieren; aber in der Tat war
+der Orient unter Odaenathos nicht viel weniger selbständig als der
+Westen unter Postumus, und es begreift sich, daß die römisch gesinnten
+Offiziere dem palmyrenischen Vizekaiser Opposition machten ^105 und
+einerseits die Rede ist von Versuchen des Odaenathos, sich den Persern
+anzuschließen, die nur an Sapors Übermut gescheitert sein sollen ^106,
+andererseits Odaenathos’ Ermordung in Hemesa im Jahre 266/67 auf
+Anstiften der römischen Regierung zurückgeführt ward ^107. Indes der
+eigentliche Mörder war ein Brudersohn des Odaenathos und Beweise für
+die Beteiligung der Regierung liegen nicht vor. Auf jeden Fall änderte
+das Verbrechen in der Lage der Dinge nichts. Die Gattin des
+Verstorbenen, die Königin Bat Zabbai oder griechisch Zenobia, eine
+schöne und kluge Frau von männlicher Tatkraft ^108, nahm kraft des
+erblichen Fürstenrechts für ihren und Odaenathos’ noch im Knabenalter
+stehenden Sohn Vaballathos oder Athenodoros ^109 - der ältere, Herodes,
+war mit dem Vater umgekommen - die Stellung des Verstorbenen in
+Anspruch und drang in der Tat damit sowohl in Rom wie im Orient durch;
+die Regierungsjahre des Sohnes werden gezählt vom Tode des Vaters. Für
+den nicht regierungsfähigen Sohn trat die Mutter in Rat und Tat ein
+^110, und sie beschränkte sich auch nicht darauf, den Besitzstand zu
+wahren, sondern ihr Mut oder ihr Übermut strebten nach der Herrschaft
+über das gesamte Reichsgebiet griechischer Zunge. In dem Kommando über
+den Orient, welches dem Odaenathos übertragen und von ihm auf seinen
+Sohn vererbt war, mag wohl dem Rechte nach die Obergewalt über
+Kleinasien und Ägypten mitbegriffen gewesen sein; aber tatsächlich
+hatte Odaenathos nur Syrien und Arabien und etwa noch Armenien,
+Kilikien, Kappadokien in der Gewalt gehabt. Jetzt forderte ein
+einflußreicher Ägypter, Timagenes, die Königin auf, Ägypten zu
+besetzen; dem entsprechend entsandte sie ihren Oberfeldherrn Zabdas mit
+einem Heer, angeblich 70000 Mann, an den Nil. Das Land widersetzte sich
+energisch; aber die Palmyrener schlugen das ägyptische Aufgebot und
+bemächtigten sich Ägyptens. Ein römischer Admiral, Probus, versuchte
+sie wieder zu vertreiben und überwand sie auch, so daß sie nach Syrien
+aufbrachen; aber als er ihnen bei dem ägyptischen Babylon unweit
+Memphis den Weg zu verlegen suchte, wurde er durch die bessere
+Ortskunde des palmyrenischen Feldherrn Timagenes geschlagen und gab
+sich selber den Tod ^111. Als um die Mitte des Jahres 270 nach Kaiser
+Claudius’ Tode Aurelianus an seine Stelle trat, geboten die Palmyrener
+über Alexandreia. Auch in Kleinasien machten sie Anstalt, sich
+festzusetzen; ihre Besatzungen waren bis nach Ankyra in Galatien
+vorgeschoben und selbst in Kalchedon, Byzanz gegenüber; hatten sie
+versucht, die Herrschaft ihrer Königin zur Geltung zu bringen. Alles
+dies geschah, ohne daß die Palmyrener der römischen Regierung absagten,
+ja wahrscheinlich in der Weise, daß das von der römischen Regierung dem
+Fürsten von Palmyra übertragene Regiment des Ostens auf diese Weise
+verwirklicht ward und man die römischen Offiziere, die sich der
+Ausdehnung der palmyrenischen Herrschaft widersetzten, der Auflehnung
+gegen die kaiserlichen Anordnungen zieh; die in Alexandreia
+geschlagenen Münzen nennen Aurelianus und Vaballathos nebeneinander und
+geben nur dem ersteren den Augustustitel. Der Sache nach löste freilich
+hier der Osten sich vom Reiche ab, und in Ausführung einer dem elenden
+Gallienus durch die Not abgezwungenen Anordnung wurde dasselbe
+gehälftet.
+
+———————————————————————
+
+^101 Daß Odaenathos so wie nach ihm sein Sohn Vaballathos (abgesehen
+natürlich von der Zeit nach dem Bruche mit Aurelianus) keineswegs
+Augusti waren (wie die vita Gallieni 12 fälschlich angibt), zeigt
+sowohl das Fehlen des Augustusnamens auf den Münzen wie auch der nur
+für einen Untertan mögliche Titel v(ir) c(onsularis) = υ(πατικός), den
+wie der Vater (Anm. 91) so auch der Sohn noch führt. Die
+Statthalterstellung wird auf den Münzen des Sohnes mit im(perator)
+d(ux) R(omanorum) = αυτ(οκράτωρ) σ(τρατηγός) bezeichnet;
+übereinstimmend damit sagen Zonaras (12, 23 und abermals 12, 24) und
+Synkellos (p. 716), daß Gallienus den Odaenathos wegen eines Sieges
+über die Perser und den Ballista zum στρατηγός τής εώασ oder πάσης
+ανατολής; bestellte; der Biograph des Gallienus c. 10, daß er obtinuit
+totius Orientis imperium. Damit werden alle asiatischen Provinzen und
+Ägypten gemeint sein das hinzugefügte imperator = αυτοκράτωρ (vgl. vit.
+trig. tyr. 15, 6; post reditum de Perside - Herodes des Odaenathos Sohn
+- cum patre imperator est appellatus) soll ohne Zweifel die von der
+gewöhnlichen statthalterlichen verschiedene, freiere Handhabung der
+Gewalt ausdrücken.
+
+Dazu tritt weiter der jetzt förmlich angenommene Titel seines Königs
+von Palmyra (trig. tyr.15, 2: adsumpto nomine regalι), welchen auch der
+Sohn nicht auf den ägyptischen, aber wohl auf den syrischen Münzen
+führt. Daß Odaenathos in einer im August 271, also nach seinem Tode und
+während des Krieges der Seinigen mit Aurelian gesetzten Inschrift
+wahrscheinlich melekh malke, “König der Könige” heißt (Vogue 28),
+gehört zu den revolutionären Demonstrationen dieses Zeitraumes und
+macht für die frühere Zeit keinen Beweis.
+
+^102 Die zahlreichen Inschriften des Septimius Vorodes, gesetzt in den
+Jahren 262 bis 267 (Waddington 2606-2610), also bei Lebzeiten
+Odaenaths, bezeichnen ihn sämtlich als kaiserlichen Prokurator zweiter
+Klasse (ducenarius), daneben aber teils mit dem Titel αργαπέτης,
+welches persische, aber auch bei den Juden gangbare Wort “Burgherr”,
+“Vizekönig” bedeutet (Levy, ZDMG 18, 1864, S. 90; Nöldeke, das. 24,
+1869, S. 107), teils als δικαιοδότης τής μητροπολωνίας, was ohne
+Zweifel, wenn nicht sprachlich, so doch sachlich dasselbe Amt ist.
+Vermutlich ist darunter dasjenige zu verstehen, weshalb Odaenaths Vater
+das “Haupt von Thadmor” heißt (Anm. 89): der für das Kriegsrecht wie
+für die Rechtspflege kompetente Einzelvorsteher von Palmyra; nur daß,
+seit der erweiterten Stellung Odaenaths, dieser Posten als Unteramt von
+einem Manne ritterlichen Ranges bekleidet wird. Der Vermutung Sachaus
+(ZDMG 35, 1881, S. 738), daß dieser Vorodes der “Wurud” einer
+Kupfermünze aus hiesigen Kabinetts und beide mit dem zugleich mit dem
+Vater umgebrachten älteren Sohn des Odaenathos Herodes identisch seien,
+stehen ernstliche Bedenken entgegen. Herodes und Orodes sind
+verschiedene Namen (in der palmyrenischen Inschrift Waddington 2610
+stehen beide nebeneinander); der Sohn eines Senators kann nicht füglich
+ein Ritteramt bekleiden; ein mit seinem Bildnis münzender Prokurator
+ist selbst für diese exzeptionellen Verhältnisse nicht denkbar.
+Wahrscheinlich ist die Münze überhaupt nicht palmyrenisch. “Sie ist”,
+schreibt mir v. Sallet, “wahrscheinlich älter als Odaenathos und gehört
+wohl einem Arsakiden des 2. Jahrhunderts n. Chr.; sie zeigt einen Kopf
+mit einem dem sassanidischen ähnlichen Kopfputz; die Rückseite, S C im
+Lorbeerkranz, scheint den Münzen von Antiocheia nachgeahmt.” Wenn
+später, nach dem Bruch mit Rom im Jahre 271, in einer Inschrift von
+Palmyra (Waddington 2611) zwei Feldherren der Palmyrener unterschieden
+werden, ο μέγας στρατηλάτησ, der auch geschichtlich bekannte Zabdas,
+und ο ενθάδε στρατηλάτησ Zabbaeos, so ist der letztere vermutlich eben
+der Argapetes.
+
+^103 Dafür spricht die Sachlage; Zeugnisse fehlen. In den
+Kaiserbiographien dieser Epoche pflegen die Armenier unter den von Rom
+unabhängigen Grenzvölkern aufgeführt zu werden (Val. Max. 6; vit. trig.
+tyr. 30, 7, 18; Aur. Vict. 11, 27, 28, 41); aber dies gehört zu ihren
+völlig unzuverlässigen, dekorativen Bestandteilen.
+
+^104 Dieser bescheidenere Bericht (Eutr. 9, 10; vita Gall. 10; vit.
+trig. tyr. 15, 4; Zos. hist. 1, 39, der allein die zweimalige
+Expedition bezeugt) wird dem, der die Einnahme der Stadt meldet
+(Synkellos p. 716), vorgehen müssen.
+
+^105 Dies zeigen die Erzählungen über den Carinus (Dios Forts. p. 8)
+und über den Rufinus (Anm. 107). Daß nach Odaenathos’ Tode ein auf
+Gallienus’ Geheiß gegen die Perser agierender Feldherr, Heraclianus von
+Zenobia, angegriffen und überwunden ward (vita Gall. 13, 5), ist an
+sich nicht unmöglich, da ja die Fürsten von Palmyra das Oberkommando im
+ganzen Osten von Rechts wegen besaßen und eine solche Aktion, auch wenn
+sie von Gallienus veranlaßt war, behandelt werden konnte als dagegen
+verstoßend, und es würde dies das gespannte Verhältnis deutlich
+bezeichnen; aber der Gewährsmann ist so schlecht, daß darauf wenig zu
+geben ist.
+
+^106 Das lehrt die charakteristische Erzählung des Petrus fr. 10,
+welches vor fr. 11 zu stellen ist.
+
+^107 Die Erzählung des Fortsetzers des Dio fr. 7, daß der alte
+Odaenathos als des Hochverrats verdächtig von einem (sonst nicht
+erwähnten) Rufinus getötet und der jüngere, als er diesen bei dem
+Kaiser Gallienus verklagt habe, auf die Erklärung des Rufinus, daß der
+Kläger das gleiche Schicksal verdiene, abgewiesen sei, kann so, wie sie
+liegt, nicht richtig sein. Aber Waddingtons Vorschlag, dem Gallienus
+den Gallus zu substituieren und in dem Kläger den Gatten Zenobias zu
+erkennen, ist nicht statthaft, da der Vater dieses Odaenathos Hairanes
+war, bei diesem für eine derartige Exekution gar kein Grund vorliegt
+und das Exzerpt in seiner ganzen Beschaffenheit unzweifelhaft auf
+Gallienus geht. Vielmehr wird der alte Odaenathos der Gemahl der
+Zenobia sein und der Schriftsteller dem Vaballathos, auf dessen Namen
+geklagt ward, irrig den Vaternamen beigelegt haben.
+
+^108 Alle Einzelheiten, die in unseren Erzählungen über die Zenobia
+umlaufen, stammen aus den Kaiserbiographien; und wiederholen wird sie
+nur, wer diese Quelle nicht kennt.
+
+^109 Den Namen Vaballathos geben, außer den Münzen und den Inschriften,
+Pol. Silv. chron. p. 243 meiner Ausgabe und der Biograph des Aurelianus
+c. 38, indem er die Angabe, daß Odaenathos zwei Söhne, Timolaus und
+Herennianus, hinterlassen habe, als unrichtig bezeichnet. In der Tat
+scheinen diese beiden, lediglich in den Kaiserbiographien auftretenden
+Personen nebst allem, was daran hängt, von dem Skribenten erfunden, auf
+den die Durchfälschung dieser Biographien zurückgeht. Auch Zosimus
+(hist. 1, 59) weiß nur von einem mit der Mutter in Gefangenschaft
+geratenen Sohn.
+
+^110 Ob Zenobia für sich die formelle Mitregierung in Anspruch genommen
+hat, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden. In Palmyra nennt sie sich
+selbst noch nach dem Bruch mit Rom bloß βασιλίσση (Waddington 2611,
+2628). Im übrigen Reich mag sie den Titel Augusta, Σεβάστη in Anspruch
+genommen haben; denn wenn auch Münzen der Zenobia aus der Zeit vor dem
+Bruch mit Rom fehlen, so kann doch einerseits die alexandrinische
+Inschrift mit βασιλίσσης καί βασιλέως προσταξάντων (Eph. epigr. IV, p.
+25 n. 33) keinen Anspruch machen auf offizielle Redaktion und gibt
+andrerseits die Inschrift von Byblos CIG 4503 b = Waddington zu 2611 in
+der Tat der Zenobia den Titel Σεβάστη neben Claudius oder Aurelian,
+während sie denselben dem Vaballathos versagt. Dies ist auch insofern
+begreiflich, als Augusta eine Ehren-, Augustus eine Amtsbezeichnung
+ist, also dem Weibe wohl eingeräumt werden konnte, was man dem Mann
+versagte.
+
+^111 So erzählt Zosimus (hist. 1, 44) den Hergang, mit dem Zonaras (12,
+27) und Synkellos (p. 721) im wesentlichen stimmen. Der Bericht im
+Leben des Claudius c. 11 ist mehr verschoben als eigentlich
+widersprechend; die erste Hälfte ist nur durch die Nennung des Saba
+angedeutet; die Erzählung beginnt mit dem erfolgreichen Versuch des
+Timagenes, den Angriff des Probus (hier Probatus) abzuwehren. Was ich
+darüber bei A. v. Sallet (Die Fürsten von Palmyra, Berlin 1866, S. 44)
+aufgestellt habe, ist nicht haltbar.
+
+———————————————————————
+
+Der kräftige und umsichtige Kaiser, dem jetzt die Herrschaft zugefallen
+war, brach sofort mit der palmyrenischen Nebenregierung, was dann zur
+Folge haben mußte und hatte, daß Vaballathos von den Seinen selber zum
+Kaiser ausgerufen ward. Ägypten wurde schon im Ausgang des Jahres 270
+durch den tapferen Feldherrn Probus, den späteren Nachfolger Aurelians,
+nach harten Kämpfen wieder zum Reiche gebracht ^112. Freilich zahlte
+diesen Sieg die zweite Stadt des Reiches Alexandreia fast mit ihrer
+Existenz, wie dies in einem folgenden Abschnitt dargelegt werden soll.
+Schwieriger war die Bezwingung der entlegenen syrischen Oase. Alle
+anderen orientalischen Kriege der Kaiserzeit sind hauptsächlich von
+dort heimischen Reichstruppen geführt worden; hier, wo der Okzident den
+abgefallenen Osten abermals zu unterwerfen hatte, schlugen wieder
+einmal, wie in der Zeit der freien Republik, Okzidentalen gegen
+Orientalen ^113, die Soldaten vom Rhein und der Donau mit denen der
+syrischen Wüste. Gegen den Ausgang des Jahres 271, wie es scheint,
+begann die gewaltige Expedition. Ohne auf Gegenwehr zu treffen,
+gelangte das römische Heer bis an die Grenze von Kappadokien; hier
+leistete die Stadt Tyana, die die kilikischen Pässe sperrte,
+ernstlichen Widerstand. Nachdem sie gefallen war und Aurelian durch
+milde Behandlung der Bewohner sich den Weg zu weiteren Erfolgen geebnet
+hatte, überschritt er den Taurus und gelangte durch Kilikien nach
+Syrien. Wenn Zenobia, wie nicht zu bezweifeln ist, auf tätige
+Unterstützung von seiten des Perserkönigs gerechnet hatte, so fand sie
+sich getäuscht. Der hochbetagte König Schapur griff nicht in diesen
+Krieg ein und die Herrscherin des römischen Ostens blieb auf ihre
+eigenen Streitkräfte angewiesen, von denen vielleicht auch noch ein
+Teil auf die Seite des legitimen Augustus trat. In Antiocheia vertrat
+die palmyrenische Hauptmacht unter dem Feldherrn Zabdas dem Kaiser den
+Weg; auch Zenobia selbst war anwesend. Ein glückliches Gefecht gegen
+die überlegene palmyrenische Reiterei am Orontes lieferte Aurelian die
+Stadt in die Hände, welche nicht minder wie Tyana volle Verzeihung
+empfing - gerechterweise erkannte er an, daß die Reichsuntertanen kaum
+eine Schuld traf, wenn sie dem von der römischen Regierung selbst zum
+Oberkommandanten bestellten palmyrenischen Fürsten sich gefügt hatten.
+Die Palmyrener zogen ab, nachdem sie bei der Vorstadt von Antiocheia,
+Daphne, ein Rückzugsgefecht geliefert hatten, und schlugen die große
+Straße ein, die von der Hauptstadt Syriens nach Hemesa und von da durch
+die Wüste nach Palmyra führt. Aurelianus forderte die Königin auf, sich
+zu unterwerfen, hinweisend auf die namhaften in den Kämpfen am Orontes
+erlittenen Verluste. Es seien das ja nur Römer, antwortete die Königin;
+noch gaben die Orientalen sich nicht überwunden. Bei Hemesa ^114
+stellte sie sich zu der entscheidenden Schlacht. Sie war lang und
+blutig; die römische Reiterei unterlag und löste flüchtend sich auf;
+aber die Legionen entschieden und der Sieg blieb den Römern.
+Schwieriger als der Kampf war der Marsch. Die Entfernung von Hemesa
+nach Palmyra beträgt in gerader Richtung 18 deutsche Meilen, und wenn
+auch in jener Epoche der hochgesteigerten syrischen Zivilisation die
+Gegend nicht in dem Grade wüst war wie heutzutage, so bleibt der Zug
+Aurelians dennoch eine bedeutende Leistung, zumal da die leichten
+Reiter des Feindes das römische Heer auf allen Seiten umschwärmten.
+Indes Aurelian gelangte zum Ziel und begann die Belagerung der festen
+und wohl verproviantierten Stadt; schwieriger als diese selbst war die
+Herbeiführung der Lebensmittel für das belagernde Heer. Endlich sank
+der Fürstin der Mut, und sie entwich aus der Stadt, um Hilfe bei den
+Persern zu suchen. Doch das Glück stand dem Kaiser weiter bei. Die
+nachsetzenden römischen Reiter nahmen sie mit ihrem Sohne gefangen, als
+sie eben am Euphrat angelangt das rettende Boot besteigen wollte, und
+die durch ihre Flucht entmutigte Stadt kapitulierte (272). Aurelianus
+gewährte auch hier wie in diesem ganzen Feldzug den unterworfenen
+Bürgerschaften volle Verzeihung. Aber über die Königin und ihre Beamten
+und Offiziere erging ein strenges Strafgericht. Zenobia verschmähte es
+nicht, nachdem sie mit männlicher Tatkraft jahrelang die Herrschaft
+geführt hatte, jetzt die Frauenprivilegien anzurufen und die
+Verantwortung auf ihre Berater zu werfen, von denen nicht wenige, unter
+ihnen der gefeierte Gelehrte Cassius Longinus, unter dem Henkerbeil
+endigten. Sie selbst durfte in dem Triumphzug des Kaisers nicht fehlen,
+und sie ging nicht den Weg Kleopatras, sondern zog in goldenen Ketten
+zur Schau der römischen Menge vor dem Wagen des Siegers auf das
+römische Kapitol. Aber bevor Aurelianus seinen Sieg feiern konnte,
+hatte er ihn zu wiederholen. Wenige Monate nach der Übergabe erhoben
+sich die Palmyrener abermals, erschlugen die kleine dort
+garnisonierende römische Besatzung und riefen einen gewissen Antiochos
+^115 zum Herrscher aus, indem sie zugleich versuchten, den Statthalter
+von Mesopotamien, Marcellinus, zur Auflehnung zu bestimmen. Die Kunde
+erreichte den Kaiser, als er eben den Hellespont überschritten hatte.
+Er kehrte sofort um und stand, früher als es Freund oder Feind geahnt
+hatte, abermals vor den Mauern der insurgierten Stadt. Die Empörer
+waren darauf nicht gefaßt gewesen; es gab diesmal keine Gegenwehr, aber
+auch keine Gnade. Palmyra wurde zerstört, das Gemeinwesen aufgelöst,
+die Mauern geschleift, die Prunkstücke des herrlichen Sonnentempels in
+den Tempel übertragen, den in Erinnerung an diesen Sieg der Kaiser dem
+Sonnengott des Ostens in Rom erbaute. Nur die verlassenen Hallen und
+Mauern blieben, wie sie zum Teil noch heute stehen. Das geschah im
+Jahre 273 ^116. Die Blüte Palmyras war eine künstliche, erzeugt durch
+die dem Handel gewiesenen Straßen und die großen dadurch bedingten
+öffentlichen Bauten. Jetzt zog die Regierung von der unglücklichen
+Stadt ihre Hand ab. Der Handel suchte und fand andere Bahnen; da
+Mesopotamien damals als römische Provinz betrachtet ward und bald auch
+wieder zum Reich kam, ebenfalls das Nabatäergebiet bis zu dem Hafen von
+Aelana in römischer Hand war, so konnte diese Zwischenstation entbehrt
+werden und mag der Verkehr sich dafür nach Bostra oder Beroea (Aleppo)
+gezogen haben. Dem kurzen meteorartigen Aufleuchten Palmyras und seiner
+Fürsten folgte unmittelbar die Öde und Stille, die seither bis auf den
+heutigen Tag über dem kümmerlichen Wüstendorf und seinen
+Kolonnadenruinen lagert.
+
+—————————————————————-
+
+^112 Die Zeitbestimmung beruht darauf, daß die Usurpationsmünzen des
+Vaballathos schon in seinem fünften ägyptischen Regierungsjahr, das
+heißt 29. August 270/71 aufhören; daß sie sehr selten sind, spricht für
+den Anfang des Jahres. Damit stimmt wesentlich überein, daß die
+Erstürmung des Prucheion (das übrigens kein Stadtteil war, sondern eine
+Lokalität dicht bei der Stadt nach der Seite der großen Oase: Hier.
+vita Hilar. 33, 34, vol. 2 p. 32 Vall.) von Eusebius in der Chronik in
+das 1. Jahr des Claudius, von Ammian (22, 16, 15) unter Aurelian
+gesetzt wird; der genaueste Bericht bei Eusebius (hist. eccl. 7, 32)
+ist nicht datiert. Die Rückeroberung Ägyptens durch Probus steht nur in
+der Biographie desselben (c. 9); sie kann so, wie sie erzählt wird,
+verlaufen sein, aber möglich ist es auch, daß in dieser durch und durch
+verfälschten Quelle die Timagenes-Geschichte mutatis mutandis auf den
+Kaiser übertragen ist.
+
+^113 Das hat wohl der von Zosimus (hist. 1, 52) ausgezogene Bericht
+über die Schlacht von Hemesa hervorheben wollen, indem er unter den
+Truppen Aurelians die Dalmatiner, Möser, Pannonier, Noriker, Räter,
+Mauretaner und die Garde aufzählt. Wenn er diesen die Truppen von Tyana
+und einige Abteilungen aus Mesopotamien, Syrien, Phoenike, Palästina
+zugesellt, so geht dies ohne Zweifel auf die kappadokischen
+Besatzungen, die nach der Einnahme von Tyana sich angeschlossen hatten,
+und auf einige bei dem Einrücken Aurelians in Syrien zu ihm
+übergegangene römisch gesinnte Abteilungen der Armeen des Ostens.
+
+^114 Aus Versehen setzt Eutropius (9, 13) die entscheidende Schlacht
+haud longe ab Antiochia; gesteigert ist dasselbe bei Rufius c. 24 (von
+dem Hier. chron. a. Abr. 2289 abhängt) und bei Synkellos p. 721 durch
+den Zusatz apud Immas, εν Ίμμαις, welcher 33 römische Meilen von
+Antiocheia auf der Straße nach Chalkis zu liegende Ort von Hemesa weit
+abliegt. Die beiden Hauptberichte bei Zosimus und dem Biographen
+Aurelians stimmen in allem wesentlichen überein.
+
+^115 Diesen Namen haben Zos. hist. 1, 60 und Pol. Silv. chron. p. 243;
+der Achilleus des Biographen Aurelians c. 31 scheint eine Verwechslung
+mit dem Usurpator der diocletianischen Zeit. Daß gleichzeitig auch in
+Ägypten ein Parteigänger der Zenobia und zugleich Räuberhauptmann
+namens Firmus sich gegen die Regierung erhoben hat, ist wohl möglich,
+beruht aber nur auf den Kaiserbiographien, und die hinzugefügten
+Details klingen sehr bedenklich.
+
+^116 Die Chronologie dieser Ereignisse steht nicht völlig fest. Die
+Seltenheit der syrischen Münzen Vaballaths als Augustus beweisen, daß
+dem Bruch mit Aurelian (Ende 270) die Überwältigung bald nachfolgte.
+Nach den datierten Inschriften des Odaenathos und der Zenobia vom
+August 271 (Waddington 2611) stand damals die Herrschaft der Königin
+noch aufrecht. Da eine Expedition dieser Art nach den klimatischen
+Verhältnissen nicht wohl anders als im Frühling stattfinden kann, so
+wird die erste Einnahme Palmyras im Frühjahr 272 erfolgt sein. Die
+jüngste (bloß palmyrenische) Inschrift, die wir von da kennen (Vogue
+116) ist vom August 272. In diese Zeit mag die Insurrektion fallen, die
+zweite Einnahme und die Zerstörung etwa in den Frühling 273 (wonach 6,
+154 A. zu berichtigen ist).
+
+—————————————————————-
+
+Das ephemere Reich von Palmyra ist in seinem Entstehen wie in seinem
+Fall eng mit den Beziehungen der Römer zu dem nicht römischen Osten
+verwachsen, aber nicht minder ein Stück der allgemeinen
+Reichsgeschichte. Denn wie das Westreich des Postumus, so ist das
+Ostreich der Zenobia eine jener Massen, in die damals das gewaltige
+Ganze sich schien auflösen zu sollen. Wenn während seines Bestehens
+seine Leiter dem Ansturm der Perser ernstlich Schranken zu setzen
+versuchten, ja ihre Machtentwicklung eben darauf beruhte, so hat es bei
+seinem Zusammenbrechen nicht bloß bei denselben Persern Rettung
+gesucht, sondern wahrscheinlich sind infolge des Abfalls der Zenobia
+Armenien und Mesopotamien den Römern verlorengegangen und hat auch nach
+der Unterwerfung Palmyras der Euphrat wieder eine Zeitlang die Grenze
+gemacht. An ihm angelangt, hoffte die Königin Aufnahme bei den Persern
+zu finden; und über ihn hinüber die Legionen zu führen, unterließ
+Aurelianus, da Gallien nebst Britannien und Spanien damals noch der
+Regierung die Anerkennung verweigerten. Er und sein Nachfolger Probus
+kamen nicht dazu, diesen Kampf aufzunehmen. Aber als im Jahre 282 nach
+dem vorzeitigen Ende des letzteren die Truppen den nächsthöchsten
+Befehlshaber Marcus Aurelius Carus zum Kaiser ausriefen, war es das
+erste Wort des neuen Herrschers, daß die Perser dieser Wahl gedenken
+sollten, und er hat es gehalten. Sogleich rückte er mit dem Heere in
+Armenien ein und stellte dort die frühere Ordnung wieder her. An der
+Landesgrenze kamen ihm persische Gesandte entgegen, die sich bereit
+erklärten, alles Billige zu gewähren ^117; aber sie wurden kaum
+angehört, und der Marsch ging unaufhaltsam weiter. Auch Mesopotamien
+wurde abermals römisch und die parthischen Residenzstädte Seleukeia und
+Ktesiphon einmal mehr von den Römern besetzt, ohne daß diese auf
+nachhaltigen Widerstand getroffen wären, wozu der damals im Persischen
+Reiche wütende Bruderkrieg das seinige beitrug ^118. Der Kaiser war
+eben über den Tigris gegangen und im Begriff, in das Herz des
+feindlichen Landes einzudringen, als er auf gewaltsame Weise,
+vermutlich durch Mörderhand, den Tod und damit auch der Feldzug sein
+Ende fand. Sein Nachfolger aber erlangte im Frieden die Abtretung von
+Armenien und Mesopotamien ^119; obwohl Carus wenig über ein Jahr den
+Purpur trug, wurde die Reichsgrenze des Severus durch ihn
+wiederhergestellt.
+
+———————————————————————-
+
+^117 Es lehrt nichts für die Stellung der Armenier, daß in übrigens
+durchaus apokryphen Schilderungen (vita Valer. 6; vita Aurel. 27, 28)
+die Armenier nach der Katastrophe Valerians zu den Persern halten und
+in der letzten Krise der Palmyrener als Bundesgenossen der Zenobia
+neben den Persern erscheinen; beides sind selbstverständliche
+Konsequenzen aus der allgemeinen Lage der Dinge. Daß Aurelian Armenien
+so wenig wie Mesopotamien unterwarf, dafür spricht in diesem Falle
+teils das Schweigen der Quellen, teils die Nachricht des Synesios
+(regn. 17), daß Kaiser Carinus (vielmehr Carus) in Armenien hart an der
+Grenze des persischen Gebiets eine persische Gesandtschaft kurzerhand
+abgefertigt und, durch deren Bericht erschreckt, der junge Perserkönig
+sich zu jeder Konzession bereit erklärt habe. Wie diese Erzählung auf
+Probus bezogen werden kann, wie v. Gutschmid meint (ZDMG 31, 1877, S.
+50), sehe ich nicht ein; zu Carus’ persischer Expedition dagegen paßt
+sie recht gut.
+
+^118 Die Wiedereroberung Mesopotamiens berichtet nur der Biograph c. 8;
+aber bei dem Ausbruch des Perserkrieges unter Diocletian ist dasselbe
+römisch. Der inneren Unruhen im Perserreich wird ebendaselbst gedacht;
+auch wird in einem im Jahre 289 gehaltenen Vortrag (Paneg. 3, 17) der
+Krieg erwähnt, den gegen den König von Persien - es war dies Bahram II.
+- der eigene Bruder Ormies oder vielmehr Hormizd führt adscitis Sacis
+et Ruffis (?) et Gellis (vgl. Nöldeke, Tabari, S. 479). Wir haben
+überhaupt über diesen wichtigen Feldzug nur einige abgerissene Notizen.
+
+^119 Das sagt deutlich Mamertinus (Paneg. 2, 7, vgl. 2, 10; 3, 6) in
+der im Jahre 289 gehaltenen Rede: Syriam velut amplexu suo tegebat
+Eupbrates antequam Diocletiano sponte (das heißt, ohne daß Diocletian
+zu den Waffen zu greifen brauchte, wie dann weiter ausgeführt wird) se
+dederent regna Persarum; ferner ein anderer Lobredner aus dem Jahre 296
+(Paneg. 5, 3): Partho ultra Tagrim reducto. Wendungen wie die bei Aur.
+Vict. Caes. 39, 33, daß Galerius relictis finibus nach Mesopotamien
+marschiert sei, oder daß Narseh nach Ruf. Fest. 25 im Frieden
+Mesopotamien abtrat, können dagegen nicht geltend gemacht werden;
+ebensowenig, daß orientalische Quellen die römische Besitznahme von
+Nisibis in 609 Sel. = 297/98 n. Chr. setzen (Nöldeke, Tabari, S. 50).
+Wäre dies richtig, so könnte der genaue Bericht über die
+Friedensverhandlungen von 297 bei Petrus Patricius fr. 14 unmöglich von
+der Abtretung Mesopotamiens schweigen und bloß der Regulierung des
+Grenzverkehrs Erwähnung tun.
+
+———————————————————————-
+
+Einige Jahre darauf (293) bestieg ein neuer Herrscher, Narseh, des
+Königs Schapur Sohn, den Thron von Ktesiphon, und erklärte im Jahre 296
+wegen des Besitzes von Mesopotamien und Armenien den Römern den Krieg
+^120. Diocletianus, der damals die oberste Leitung wie des Reiches
+überhaupt, so namentlich des Orients hatte, beauftragte mit der Führung
+desselben seinen Reichsgehilfen Galerius Maximianus, einen rohen, aber
+tapferen Feldherrn. Der Anfang war ungünstig. Die Perser fielen in
+Mesopotamien ein und gelangten bis nach Karrhä; gegen sie führte der
+Caesar die syrischen Legionen bei Nikephorion über den Euphrat;
+zwischen diesen beiden Positionen stießen die Armeen aufeinander, und
+die weit schwächere römische unterlag. Es war ein harter Schlag und der
+junge Feldherr mußte schwere Vorwürfe über sich ergehen lassen; aber er
+verzagte nicht. Für den nächsten Feldzug wurden aus dem ganzen Reich
+Verstärkungen herangezogen und beide Regenten rückten persönlich in das
+Feld; Diocletian nahm Stellung in Mesopotamien mit der Hauptmacht,
+während Galerius, verstärkt durch die inzwischen herangezogenen
+illyrischen Kerntruppen, mit einem Heer von 25000 Mann in Armenien dem
+Feind entgegentrat und ihm eine entscheidende Niederlage beibrachte.
+Das Lager und der Schatz, ja selbst der Harem des Großkönigs fielen den
+Kriegern in die Hände, und mit Not entging Narseh selbst der
+Gefangenschaft. Um nur die Frauen und die Kinder wieder zu erlangen,
+erklärte der König sich bereit, auf jede Bedingung Frieden zu
+schließen; sein Abgesandter Apharban beschwor den Römer, des Persers zu
+schonen: die beiden Reiche, das Römische und das Persische, seien
+gleichsam die beiden Augen der Welt und keines könne des anderen
+entbehren. Es hätte in der Macht der Römer gestanden, ihren
+orientalischen Provinzen eine mehr hinzuzufügen; der vorsichtige
+Herrscher begnügte sich mit der Regulierung der Besitzverhältnisse im
+Nordosten. Mesopotamien blieb selbstverständlich im römischen Besitz;
+der wichtige Handelsverkehr mit dem benachbarten Ausland wurde unter
+strenge staatliche Kontrolle gestellt und wesentlich nach der festen
+Stadt Nisibis gewiesen, dem Stützpunkt der römischen Grenzwacht im
+östlichen Mesopotamien. Als Grenze der unmittelbaren römischen
+Herrschaft wurde der Tigris anerkannt, jedoch in der Ausdehnung, daß
+das ganze südliche Armenien bis zum See Thospitis (Vansee) und zum
+Euphrat, also das gesamte obere Tigristal zum Römischen Reich gehören
+solle. Eigentliche Provinz ward dies Vorland von Mesopotamien nicht,
+sondern nach der bisherigen Weise als römische Satrapie Sophene
+verwaltet. Einige Dezennien später ward hier die starke Festung Amida
+(Diarbekr) angelegt, seitdem die Hauptburg der Römer im Gebiet des
+oberen Tigris. Zugleich ward die Grenze zwischen Armenien und Medien
+neu reguliert und die Lehnsherrlichkeit Roms über jenes Land wie über
+Iberien abermals bestätigt. Bedeutende Gebietsabtretungen legte der
+Friede den Besiegten nicht auf, aber er stellte eine den Römern
+günstige Grenze her, welche auf längere Zeit hinaus in diesen
+vielumstrittenen Gebieten die beiden Reiche schied ^121. Die Politik
+Traians erhielt damit ihre vollständige Durchführung; allerdings
+verschob sich auch eben damals der Schwerpunkt der römischen Herrschaft
+aus dem Westen nach dem Osten.
+
+———————————————————————-
+
+^120 Daß Narseh in das damals römische Armenien einbrach, sagt Amm. 23,
+5, 11; für Mesopotamien folgt dasselbe aus Eutr. 9, 24. Noch am 1. März
+296 bestand der Friede oder war doch die Kriegserklärung im Okzident
+nicht bekannt (Paneg. 5, 10).
+
+^121 Die Differenzen in den ausnahmsweise guten Berichten namentlich
+des Petrus Patricius fr. 14 und Ammians (25, 7, 9) sind wohl nur
+formaler Art. Daß der Tigris die eigentliche Reichsgrenze sein sollte,
+wie Priscus sagt, schließt nicht aus, zumal bei der eigentümlichen
+Beschaffenheit seines Oberlaufs, daß dieselbe dort teilweise darüber
+hinausgriff; vielmehr scheinen die fünf vorher bei Petrus genannten
+Distrikte eben als transtigritanische und von der folgenden allgemeinen
+Bestimmung auszunehmende aufgeführt zu werden. Die Distrikte, welche
+Priscus hier und, ausdrücklich als transtigritanische, Ammian aufführen
+- es sind dies bei beiden Arzanene, Karduene und Zabdicene, bei Priscus
+Sophene und Intilene (“:vielmehr Ingiline, armenisch Angel, jetzt
+Egil”: Kiepen), bei Ammian Moxoene und Rehimene (?) - können unmöglich
+alle vor dem Frieden, wo doch Armenien schon Romano iuri obnoxia war
+(Amm. 23, 5, 11), von den Römern als persische betrachtet worden sein;
+ohne Zweifel bildeten die westlicheren derselben schon damals einen
+Teil des römischen Armeniens und stehen hier nur insofern, als sie
+infolge des Friedens dem Reiche als Satrapie Sophene einverleibt
+wurden. Daß es sich hier nicht um die Grenze der Abtretung, sondern um
+die des unmittelbaren Reichsgebiets handelte, zeigt der Folgesatz, der
+die Grenze zwischen Armenien und Medien feststellt.
+
+
+
+
+KAPITEL X.
+Syrien und das Nabatäerland
+
+
+Sehr allmählich haben die Römer sich dazu entschlossen, nach der
+westlichen auch der östlichen Hälfte der Küsten des Mittelmeeres sich
+zu bemächtigen; nicht an dem Widerstand, auf den sie hier
+verhältnismäßig in geringem Maße trafen, sondern an der wohlbegründeten
+Scheu vor den denationalisierenden Konsequenzen dieser Eroberungen hat
+es gelegen, daß sie so lange wie möglich sich nur bemühten, in jenen
+Gegenden den entscheidenden politischen Einfluß zu bewahren, und daß
+die eigentliche Einverleibung wenigstens Syriens und Ägyptens erst
+stattfand, als der Staat schon fast eine Monarchie war. Wohl wurde
+dadurch das Römerreich geographisch geschlossen, das Mittelmeer, Roms
+eigentliche Basis, seit es eine Großmacht war, nach allen Seiten hin
+ein römischer Binnensee, Schiffahrt und Handel auf und an demselben zum
+Segen aller Anwohner staatlich geeinigt. Aber der geographischen
+Geschlossenheit zur Seite ging die nationale Zweiteilung. Durch
+Griechenland und Makedonien wäre der Römerstaat nie binational
+geworden, so wenig wie die Griechenstädte Neapolis und Massalia
+Kampanien und die Provence hellenisiert haben. Aber wenn in Europa und
+Afrika das griechische Gebiet gegenüber der geschlossenen Masse des
+lateinischen verschwindet, so gehört, was von dem dritten Erdteil mit
+dem von Rechts wegen dazu gehörigen Niltal in diesen Kulturkreis
+hineingezogen ward, ausschließlich den Griechen, und namentlich
+Antiocheia und Alexandreia sind die rechten Träger der in Alexander
+ihren Höhepunkt erreichenden hellenischen Entwicklung, Mittelpunkte
+hellenischen Lebens und hellenischer Bildung und Großstädte wie Rom
+auch. Nachdem in dem vorhergehenden Kapitel der die ganze Kaiserzeit
+ausfüllende Kampf des Ostens und des Westens in und um Armenien und
+Mesopotamien dargestellt worden ist, wenden wir uns dazu, die
+Verhältnisse der syrischen Landschaften zu schildern, wie sie
+gleichzeitig sich gestalteten. Gemeint ist das Gebiet, das der
+Bergstock Pisidiens, Isauriens und Westkilikiens von Kleinasien, die
+östliche Fortsetzung desselben Gebirges und der Euphrat von Armenien
+und Mesopotamien, die arabische Wüste von dem Parthischen Reiche und
+von Ägypten scheiden; nur schien es angemessen, die eigenartigen
+Schicksale Judäas in einem besonderen Abschnitt zu behandeln. Der
+Verschiedenheit der politischen Entwicklung unter dem Kaiserregiment
+entsprechend soll zunächst von dem eigentlichen Syriens dem nördlichen
+Teil dieses Gebiets und von der unter dem Libanos sich hinziehenden
+phönikischen Küste, weiter von dem Hinterlande Palästinas, dem Gebiet
+der Nabatäer gesprochen werden. Was über Palmyra zu sagen war, hat
+schon im vorigen Kapitel seinen Platz gefunden.
+
+Seit der Teilung der Provinzen zwischen dem Kaiser und dem Senat hat
+Syrien unter kaiserlicher Verwaltung gestanden und ist im Orient, wie
+Gallien im Westen, der Schwerpunkt der kaiserlichen zivilen und
+militärischen Verwaltung gewesen. Diese Statthalterschaft war von
+Anfang an von allen die angenehmste und wurde dies im Lauf der Zeit nur
+noch in höherem Grade. Ihr Inhaber führte, gleich den Statthaltern der
+beiden Germanien, das Kommando über vier Legionen, und während den
+Kommandanten der Rheinarmee die Verwaltung der inneren gallischen
+Landschaften abgenommen ward und schon in ihrem Nebeneinanderstehen
+eine gewisse Beschränkung lag, behielt der Statthalter von Syrien auch
+die Zivilverwaltung der ganzen großen Provinz ungeschmälert und führte
+lange Zeit in ganz Asien allein ein Kommando ersten Ranges. Unter
+Vespasian erhielt er zwar an den Statthaltern von Palästina und von
+Kappadokien zwei ebenfalls Legionen befehligende Kollegen; andererseits
+aber wuchsen durch die Einziehung des Königreichs Kommagene und bald
+darauf auch der Fürstentümer im Libanos deren Gebiete seiner Verwaltung
+zu. Erst im Laufe des zweiten Jahrhunderts trat eine Schmälerung seiner
+Befugnisse ein, indem Hadrian eine der vier Legionen dem Statthalter
+von Syrien nahm und sie dem von Palästina überwies. Den ersten Platz in
+der römischen Militärhierarchie hat erst Severus dem syrischen
+Statthalter entzogen. Nachdem dieser die Provinz, die wie einst ihren
+Statthalter Vespasian, so damals den Niger zum Kaiser hatte machen
+wollen, unter Widerstreben namentlich der Hauptstadt Antiocheia
+unterworfen hatte, verfügte er die Teilung derselben in eine nördliche
+und eine südliche Hälfte und gab dem Statthalter jener, der sogenannten
+Syria Koile, zwei, dem Statthalter dieser, der Provinz Syrophoenicia,
+eine Legion.
+
+Auch insofern darf Syrien mit Gallien zusammengestellt werden, als
+dieser kaiserliche Verwaltungsbezirk schärfer als die meisten sich in
+befriedete Landschaften und schutzbedürftige Grenzdistrikte schied.
+Wenn die ausgedehnte Küste Syriens und die westlichen Landschaften
+überhaupt feindlichen Angriffen nicht ausgesetzt waren und die Deckung
+an der Wüstengrenze gegen die schweifenden Beduinen den arabischen und
+jüdischen Fürsten und späterhin den Truppen der Provinz Arabien, auch
+den Palmyrenern, mehr oblag als den syrischen Legionen, so erforderte,
+namentlich bevor Mesopotamien römisch ward, die Euphratgrenze eine
+ähnliche Bewachung gegen die Parther wie der Rhein gegen die Germanen.
+Aber wenn die syrischen Legionen an der Grenze zur Verwendung kamen, so
+konnte man doch auch in dem westlichen Syrien ihrer nicht entraten ^1.
+Die Rheintruppen waren allerdings auch der Gallier wegen da; dennoch
+durften die Römer mit berechtigtem Stolz sagen, daß für die große
+Hauptstadt Galliens und die drei gallischen Provinzen eine unmittelbare
+Besatzung von 1200 Mann ausreiche. Aber für die syrische Bevölkerung
+und insbesondere für die Hauptstadt des römischen Asiens genügte es
+nicht, die Legionen am Euphrat aufzustellen. Nicht bloß am Saum der
+Wüste, sondern auch in den Schlupfwinkeln der Gebirge hausten in der
+Nachbarschaft der reichen Äcker und der großen Städte, nicht in dem
+Grade wie heutzutage, aber doch auch damals stetig, verwegene
+Räuberbanden und plünderten, oft als Kaufleute oder Soldaten
+verkleidet, die Landhäuser und die Dörfer. Aber auch die Städte selbst,
+vor allem Antiocheia, verlangten, wie Alexandreia, eigene Besatzung.
+Ohne Zweifel ist dies der Grund gewesen, weshalb eine Teilung in Zivil-
+und Militärbezirke, wie sie für Gallien schon Augustus verfügte, in
+Syrien niemals auch nur versucht worden ist und weshalb die großen, auf
+sich selbst stehenden Lageransiedlungen, aus denen zum Beispiel Mainz
+am Rhein, Leon in Spanien, Chester in England hervorgegangen sind, im
+römischen Orient gänzlich fehlen. Ohne Zweifel aber ist dies auch der
+Grund, weshalb die syrische Armee in Zucht und Geist so sehr
+zurückstand gegen die der Westprovinzen; weshalb die stramme Disziplin,
+wie sie in den militärischen Standlagern des Okzidents gehandhabt ward,
+in den städtischen Kantonnements des Ostens nie Fuß fassen konnte. Wo
+der stehenden Truppe neben ihrer nächsten Bestimmung noch die Aufgabe
+der Polizei zufällt, wirkt dies an sich demoralisierend, und nur zu oft
+wird, wo sie unruhige städtische Massen in Zucht halten soll, vielmehr
+ihre eigene Disziplin dadurch untergraben. Die früher geschilderten
+syrischen Kriege liefern dazu den unerfreulichen Kommentar; keiner
+derselben fand eine kriegsfähige Armee vor und regelmäßig bedurfte es
+erst herangezogener okzidentalischer Truppen, um dem Kampfe die Wendung
+zu geben.
+
+——————————————————————————
+
+^1 Die Standquartiere der syrischen Legionen genau zu bestimmen,
+vermögen wir nicht; doch ist, was hier gesagt ist, wesentlich
+gesichert. Unter Nero stand die 10. Legion in Raphaneae südwestlich von
+Hamath (Ios. bel. Iud. 7, 1, 3) und ebendaselbst oder doch ungefähr in
+dieser Gegend unter Tiberius die 6. (Tac. ann. 2, 79); wahrscheinlich
+in oder bei Antiocheia die 12. unter Nero (Ios. bel. Iud. 2, 18, 9).
+Wenigstens eine Legion stand am Euphrat; für die Zeit vor der
+Einziehung Kommagenes bezeugt dies Ios. bel. Iud. 7, 1, 3, und
+späterhin hatte eine der syrischen Legionen ihr Hauptquartier in
+Samosata (Ptol. geogr. 5; 15, 11; Inschrift aus Severus’ Zeit CIL VI,
+1409; Itin. Anton. Aug. p. 186). Wahrscheinlich hatten die Stäbe der
+meisten syrischen Legionen ihren Sitz in den westlichen Distrikten und
+geht die immer wiederkehrende Beschwerde, daß das Lagern in den Städten
+die syrische Armee zerrütte, hauptsächlich auf diese Einrichtung. Ob in
+der besseren Zeit an dem Wüstensaum eigentliche Legionshauptquartiere
+bestanden haben, ist zweifelhaft; bei den Grenzposten daselbst haben
+auch Detachements der Legionen Verwendung gefunden, und namentlich ist
+der besonders unruhige Distrikt zwischen Damaskos und Bostra stark mit
+Legionären belegt worden, die einerseits das Kommando von Syrien
+stellte, andererseits das arabische seit Einrichtung desselben durch
+Traian.
+
+——————————————————————————
+
+Syrien im engeren Sinne und seine Nebenländer, das ebene Kilikien und
+Phoenike haben unter den römischen Kaisern eine Geschichte im
+eigentlichen Sinne nicht gehabt. Die Bewohner dieser Landschaften
+gehören dem gleichen Stamme an wie die Bewohner Judäas und Arabiens,
+und die Stammväter der Syrer und der Phöniker haben in ferner Zeit an
+einem Orte gesessen mit denen der Juden und der Araber und eine Sprache
+geredet. Aber wenn die letzteren an ihrer Eigenart und an ihrer Sprache
+festgehalten haben, so haben die Syrer und die Phöniker sich
+hellenisiert, schon bevor sie unter römische Herrschaft gelangten. Es
+vollzog sich diese Hellenisierung durchgängig in der Bildung von
+hellenischen Politien. Den Grund dazu hatte freilich die einheimische
+Entwicklung gelegt, namentlich an der phönikischen Küste die alten und
+großen Kaufstädte. Aber vor allem hat die Staatenbildung Alexanders und
+der Alexandriden, eben wie die der römischen Republik, zu ihrem
+Fundament nicht den Stamm, sondern die Stadtgemeinde; nicht das
+altmakedonische Erbfürstentum, sondern die griechische Politie hat
+Alexander in den Osten getragen, und nicht aus Stämmen, sondern aus
+Städten gedachte er und gedachten die Römer ihr Reich zusammenzusetzen.
+Der Begriff der autonomen Bürgerschaft ist ein dehnbarer und die
+Autonomie Athens und Thebens eine andere als die der makedonischen und
+der syrischen Stadt, eben wie im römischen Kreis die Autonomie des
+freien Capua einen anderen Inhalt hatte als die der latinischen
+Pflanzstädte der Republik oder gar der Stadtgemeinden des Kaiserreichs;
+aber der Grundgedanke ist überall das sich selbst verwaltende, in
+seinem Mauerring souveräne Bürgertum. Nach dem Sturz des Perserreichs
+ist Syrien nebst dem benachbarten Mesopotamien als die militärische
+Verbindungsbrücke zwischen dem Westen und dem Osten wie kein anderes
+Land mit makedonischen Ansiedlungen bedeckt worden; die dort in
+weitester Ausdehnung übernommenen, sonst im ganzen Alexanderreich
+nirgends also sich wiederfindenden makedonischen Ortsnamen beweisen es,
+daß hier der Kern der hellenischen Eroberer des Ostens angesiedelt
+wurde und daß Syrien für diesen Staat das Neu-Makedonien werden sollte;
+wie denn auch, solange das Reich Alexanders eine Zentralregierung
+behielt, diese dort ihren Sitz gehabt hat. Den syrischen Reichsstädten
+hatten dann die Wirren der letzten Seleukidenzeit zu größerer
+Selbständigkeit verholfen. Diese Einrichtungen fanden die Römer vor.
+Unmittelbar vom Reich verwaltete, nicht städtische Distrikte gab es
+schon nach der von Pompeius vorgenommenen Organisation in Syrien
+wahrscheinlich gar nicht, und wenn die abhängigen Fürstentümer in der
+ersten Epoche der römischen Herrschaft einen großen Teil des südlichen
+Binnenlandes der Provinz umfaßten, so waren diese meist gebirgigen und
+schwach bewohnten Distrikte doch von untergeordneter Bedeutung. Im
+ganzen genommen blieb den Römern in Syrien für die Hebung der
+städtischen Entwicklung nicht viel zu tun übrig, weniger als in
+Kleinasien. Eigentliche Städtegründung ist daher aus der Kaiserzeit für
+Syrien kaum zu berichten. Die wenigen Kolonien, welche hier angelegt
+worden sind, wie unter Augustus Berytus und wahrscheinlich auch
+Heliopolis, haben keinen anderen Zweck gehabt als die nach Makedonien
+geführten, nämlich die Unterbringung der Veteranen.
+
+Wie sich die Griechen und die ältere Bevölkerung in Syrien zueinander
+stellten, läßt sich schon an den örtlichen Benennungen deutlich
+verfolgen. Landschaften und Städte tragen hier der Mehrzahl nach
+griechische Namen, großenteils, wie bemerkt, der makedonischen Heimat
+entlehnte wie Pieria, Anthemus, Arethusa, Beroea, Chalkis, Edessa,
+Europos, Kyrrhos, Larisa, Pella, andere benannt nach Alexander oder den
+Gliedern des seleukidischen Hauses, wie Alexandreia, Antiocheia,
+Seleukis und Seleukeia, Apameia, Laodikeia, Epiphaneia. Die alten
+einheimischen Namen behaupten sich wohl daneben, wie Beroea, zuvor
+aramäisch Chaleb, auch Chalybon, Edessa oder Hierapolis, zuvor Mabog,
+auch Bambyke, Epiphaneia, zuvor Hamat, auch Amathe genannt wird. Aber
+meistens traten die älteren Benennungen vor den fremden zurück und nur
+wenige Landschaften und größere Orte wie Kommagene, Samosata, Hemesa,
+Damaskos entbehren neugeschöpfter griechischer Namen. Das östliche
+Kilikien hat wenig makedonische Gründungen aufzuweisen; aber die
+Hauptstadt Tarsos hat sich früh und vollständig hellenisiert und ist
+lange vor der römischen Zeit eines der Zentren der hellenischen Bildung
+geworden. Etwas anderes ist es in Phoenike: die altberühmten Kaufstädte
+Arados, Byblos, Berytos, Sidon, Tyros haben die einheimischen Namen
+nicht eigentlich abgelegt; aber wie auch hier das Griechische die
+Oberhand gewann, zeigt die hellenisierende Umbildung eben dieser Namen,
+und noch deutlicher, daß Neu-Arados uns nur unter dem griechischen
+Namen Antarados bekannt ist, ebenso die von den Tyriern, den Sidoniern
+und den Aradiern gemeinschaftlich an dieser Küste gegründete neue Stadt
+nur unter dem Namen Tripolis, und beide ihre heutigen Benennungen
+Tartus und Tarabulus aus den griechischen entwickelt haben. Schon in
+der Seleukidenzeit tragen die Münzen im eigentlichen Syrien
+ausschließlich, die der phönikischen Städte weit überwiegend
+griechische Aufschrift; und von Anfang der Kaiserzeit an steht die
+Alleinherrschaft des Griechischen hier fest ^2.
+
+——————————————————————————
+
+^2 Von Byblos gibt es eine Münze aus Augustus’ Zeit mit griechischer
+und phönikischer Aufschrift (Imhoof-Blumer, Monnaies grecques, Leipzig
+1883, S. 443).
+
+——————————————————————————
+
+Nur die nicht bloß durch weite Wüstenstrecken geschiedene, sondern auch
+eine gewisse politische Selbständigkeit bewahrende Oase Palmyra macht,
+wie wir sahen, hierin eine Ausnahme. Aber in dem Verkehr blieben die
+einheimischen Idiome. In den Bergen des Libanos und des Antilibanos, wo
+auch in Hemesa (Roms), Chalkis, Abila (beide zwischen Berytus und
+Damaskos) kleine Fürstenhäuser einheimischen Ursprungs bis gegen das
+Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. schalteten, hat die einheimische
+Sprache in der Kaiserzeit wahrscheinlich die Alleinherrschaft gehabt,
+wie denn in den schwer zugänglichen Gebirgen der Drusen die Sprache
+Arams erst in neuerer Zeit dem Arabischen gewichen ist. Aber vor zwei
+Jahrtausenden war dieselbe in der Tat in ganz Syrien die Sprache des
+Volkes ^3. Daß bei den doppelnamigen Städten im gewöhnlichen Leben die
+syrische Benennung ebenso überwog wie in der Literatur die griechische,
+zeigt sich darin, daß heute Beroea-Chalybon Haleb (Aleppo),
+Epiphaneia-Amathe Hama, Hierapolis-Bambyke-Mabog Membidj, Tyros mit
+seinem phönikischen Namen Sur genannt wird; daß die uns aus den
+Urkunden und den Schriftstellern nur als Heliopolis bekannte syrische
+Stadt ihren uralten einheimischen Namen Baalbek noch heute führt,
+überhaupt allgemein die heutigen Ortsnamen nicht aus den griechischen,
+sondern aus den aramäischen hervorgegangen sind.
+
+——————————————————————————
+
+^3 Johannes Chrysostomos aus Antiocheia (t 407) weist mehrfach (De
+sanctis martyros. Opera. Paris 1718 ff. Vol. 2, p. 651; homil. 19, a.
+a. O., p. 188) hin auf die ετεροφονία, die βάρβαρος φονή des λαός im
+Gegensatz zu der Sprache der Gebildeten.
+
+——————————————————————————
+
+Ebenso zeigt der Kultus das Fortleben des syrischen Volkstums. Die
+Syrer von Beroea bringen ihre Weihgeschenke mit griechischer Aufschrift
+dem Zeus Malbachos, die von Apameia dem Zeus Belos, die von Berytus als
+römische Bürger dem Jupiter Balmarcodes, alles Gottheiten, an denen
+weder Zeus noch Jupiter wirklichen Teil hatten. Jener Zeus Belos ist
+kein anderer als der in Palmyra in syrischer Sprache verehrte Malach
+Belos. Wie lebendig die heimische Götterverehrung in Syrien gewesen und
+geblieben ist, dafür legt das deutlichste Zeugnis ab, daß die Dame von
+Hemesa, die durch ihre Verschwägerung mit dem Severischen Hause für
+ihren Tochtersohn im Anfang des 3. Jahrhunderts die Kaiserwürde
+erlangte, nicht damit zufrieden, daß der Knabe Oberpontifex des
+römischen Volkes hieß, ihn auch anhielt, sich den Oberpriester des
+heimischen Sonnengottes Elagabalus vor allen Römern zu titulieren. Die
+Römer mochten die Syrer besiegen; aber die römischen Götter haben in
+ihrer eigenen Heimat vor den syrischen das Feld geräumt.
+
+Nicht minder sind die zahlreichen auf uns gekommenen syrischen
+Eigennamen überwiegend ungriechisch und Doppelnamen nicht selten; der
+Messias heißt auch Christos, der Apostel Thomas auch Didymos, die von
+Petrus wiedererweckte Frau aus Joppe das “Reh”, Tabitha oder Dorkas.
+Aber für die Literatur und vermutlich auch für den Geschäftsverkehr und
+den Verkehr der Gebildeten war das syrische Idiom so wenig vorhanden
+wie im Westen das keltische; in diesen Kreisen herrschte ausschließlich
+das Griechische, abgesehen von dem auch im Osten für das Militär
+geforderten Latein. Ein Literat aus der zweiten Hälfte des zweiten
+Jahrhunderts, den der früher erwähnte König von Armenien Sohaemos an
+seinen Hof zog, hat einen Roman, der in Babylon spielt, einiges über
+seine eigene Lebensgeschichte eingelegt, das diese Verhältnisse
+erläutert. Er sei, sagt er, ein Syrer, aber nicht von den
+eingewanderten Griechen, sondern von Vater- und Mutterseite
+einheimischer Abkunft, Syrer nach Sprache und Sitte, auch babylonischer
+Sprache und persischer Magie kundig. Aber eben dieser, das hellenische
+Wesen in gewissem Sinne ablehnende Mann fügt hinzu, daß er hellenische
+Bildung sich angeeignet habe, und ist ein angesehener Jugendlehrer in
+Syrien und ein namhafter Romanschriftsteller der späteren griechischen
+Literatur geworden ^4.
+
+——————————————————————-
+
+^4 Der Auszug des Photios aus dem Roman des Iamblichos c. 11, welcher
+den Verfasser irrig zu einem Babylonier macht, wird durch das Scholion
+dazu wesentlich berichtigt und ergänzt. Der Geheimschreiber der
+Großkönigs, der unter den traianischen Gefangenen nach Syrien kommt,
+dort des Iamblichos Erzieher wird und ihn in der “barbarischen
+Weisheit” unterweist, ist natürlich eine Figur des in Babylon
+spielenden Romans, den Iamblichos von diesem seinem Lehrmeister
+vernommen haben will; aber charakteristisch für die Zeit ist der
+armenische Hofliterat und Prinzenerzieher (denn als “guten Rhetor” hat
+ihn doch wohl Sohaemos nach Valarschapat berufen) selbst, der kraft
+seiner magischen Kunst nicht bloß den Fliegenzauber und die
+Geisterbeschwörung versteht, sondern auch dem Verus den Sieg über
+Vologasos vorhersagt und zugleich Geschichten, wie sie auch in
+‘Tausendundeiner Nacht’ stehen könnten, den Griechen griechisch
+erzählt.
+
+——————————————————————-
+
+Wenn späterhin das syrische Idiom wieder zur Schriftsprache geworden
+ist und eine eigene Literatur entwickelt hat, so ist dies nicht auf
+eine Ermannung des Nationalgefühls zurückzuführen, sondern auf das
+unmittelbare Bedürfnis der christlichen Propaganda: jene syrische
+Literatur, ausgegangen von der Übersetzung der christlichen
+Bekenntnisschriften in das Syrische, blieb gebannt in den Kreis der
+spezifischen Bildung des christlichen Klerus und nahm daher von der
+allgemeinen hellenischen Bildung nur den kleinen Bruchteil auf, den die
+Theologen jener Zeit ihren Zwecken zuträglich oder doch damit
+verträglich fanden ^5; ein höheres Ziel als die Übertragung der
+griechischen Klosterbibliothek auf die Maronitenklöster hat diese
+Schriftstellerei nicht erreicht und wohl auch nicht erstrebt. Sie
+reicht auch schwerlich weiter zurück als in das zweite Jahrhundert
+unserer Zeitrechnung und hat ihren Mittelpunkt nicht in Syrien, sondern
+in Mesopotamien, namentlich in Edessa ^6, wo wahrscheinlich, anders als
+in dem älteren römischen Gebiet, sich die Anfänge einer vorchristlichen
+Literatur in der Landessprache entwickelt hatten.
+
+——————————————————————-
+
+^5 Die syrische Literatur besteht fast ausschließlich aus Übersetzungen
+griechischer Werke. Unter den Profanschriften stehen in erster Reihe
+Aristotelische und Plutarchische Traktate, dann praktische Schriften
+juristischen oder agronomischen Inhalts und populäre
+Unterhaltungsbücher wie der Alexanderroman, Aesops Fabeln, Menanders
+Sentenzen.
+
+^6 Die syrische Übersetzung des Neuen Testaments, der älteste uns
+bekannte syrische Sprachtext, ist wahrscheinlich in Edessa entstanden;
+die στρατιώται der Apostelgeschichte heißen hier “Römer”.
+
+——————————————————————-
+
+Unter den mannigfaltigen Bastardformen, welche der Hellenismus in
+seiner zugleich zivilisierenden und degenerierenden Propaganda
+angenommen hat, ist die syrohellenische wohl diejenige, in welcher die
+beiden Elemente am meisten im Gleichgewicht standen, vielleicht aber
+zugleich diejenige, die die Gesamtentwicklung des Reiches am
+entschiedensten beeinflußt hat. Die Syrer empfingen wohl die
+griechische Städteordnung und eigneten sich hellenische Sprache und
+Sitte an; dennoch hörten sie nie auf, sich als Orientalen zu fühlen
+oder vielmehr als Träger einer doppelten Zivilisation. Nirgends
+vielleicht ist dies schärfer ausgesprochen als in dem kolossalen
+Grabtempel, welchen im ersten Anfang der Kaiserzeit König Antiochos von
+Kommagene sich auf einem einsamen Berggipfel unweit des Euphrat
+errichtet hat. Er nennt in der ausführlichen Grabschrift sich einen
+Perser; im persischen Gewande, wie das Herkommen seines Geschlechts es
+erheischt, soll der Priester des Heiligtums ihm die Gedächtnisopfer
+darbringen; aber wie die Perser nennt er auch die Hellenen die
+gesegneten Wurzeln seines Geschlechts und fleht den Segen aller Götter
+der Persis wie der Maketis, das heißt des persischen wie des
+makedonischen Landes auf seine Nachkommen herab. Denn er ist der Sohn
+eines einheimischen Königs vom Geschlecht der Achämeniden und einer
+griechischen Fürstentochter aus dem Hause des Seleukos, und dem
+entsprechend schmückten das Grabmal in langer Doppelreihe die Abbilder
+einerseits seiner väterlichen Ahnen bis auf den ersten Dareios,
+andererseits seiner mütterlichen bis zu dem Marschall Alexanders. Die
+Götter aber, die er verehrt, sind zugleich persisch und griechisch,
+Zeus Oromasdes, Apollon Mithras Helios Hermes, Artagnes Herakles Ares,
+und dieses letzteren Bild zum Beispiel trägt die Keule des griechischen
+Heros und zugleich die persische Tiara. Dieser persische Fürst, der
+zugleich sich einen Freund der Hellenen und als loyaler Untertan des
+Kaisers einen Freund der Römer nennt, wie nicht minder jener von Marcus
+und Lucius auf den Thron von Armenien berufene Achämenide Sohaemos,
+sind echte Vertreter der einheimischen, die persischen Erinnerungen und
+die römisch-hellenische Gegenwart gleichmäßig im Sinne tragenden
+Aristokratie des kaiserlichen Syriens. Aus solchen Kreisen ist der
+persische Mithraskult in den Okzident gelangt. Aber die Bevölkerung,
+welche zugleich unter diesem persischen oder sich persisch nennenden
+Großadel und unter dem Regiment der makedonischen und später der
+italienischen Herren stand, war in Syrien wie in Mesopotamien und in
+Babylonien aramäisch; sie erinnert vielfach an die heutigen Rumänen
+gegenüber den vornehmen Sachsen und Magyaren. Sicher waren sie das
+verderbteste und das verderbendste Element in dem römisch-hellenischen
+Völkerkonglomerat. Von dem sogenannten Caracalla, der als Sohn eines
+afrikanischen Vaters und einer syrischen Mutter in Lyon geboren war,
+wird gesagt, daß er die Laster dreier Stämme in sich vereinigt habe,
+die gallische Leichtfertigkeit, die afrikanische Wildheit und die
+syrische Spitzbüberei.
+
+Diese Durchdringung des Orients und des Hellenismus, die nirgends so
+vollständig wie in Syrien sich vollzogen hat, tritt uns überwiegend in
+der Gestalt entgegen, daß in der Mischung das Gute und Edle zugrunde
+geht. Indes ist dies nicht überall der Fall; die spätere Entwicklung
+der Religion wie der Spekulation, das Christentum und der
+Neuplatonismus, sind aus der gleichen Paarung hervorgegangen; wenn mit
+jenem der Osten in den Westen dringt, so ist dieser die Umgestaltung
+der okzidentalischen Philosophie im Sinn und Geist des Ostens, eine
+Schöpfung zunächst des Ägypters Plotinos (204 bis 270) und seines
+bedeutendsten Schülers, des Tyriers Malchos oder Porphyrios (233 bis
+nach 300), und dann vorzugsweise in den Städten Syriens gepflegt. Beide
+welthistorischen Bildungen zu erörtern, ist hier nicht der Platz;
+vergessen aber dürfen sie auch bei der Würdigung der syrischen
+Verhältnisse nicht werden.
+
+Die syrische Art findet ihren eminenten Ausdruck in der Hauptstadt des
+Landes und vor Konstantinopels Gründung des römischen Ostens überhaupt,
+der Volkszahl nach in dieser Epoche nur hinter Rom und Alexandreia und
+etwa noch dem babylonischen Seleukeia zurückstehend, Antiocheia, bei
+welchem es erforderlich scheint, einen Augenblick zu verweilen. Die
+Stadt, eine der jüngsten Syriens und heutzutage von geringer Bedeutung,
+ist nicht durch die natürlichen Verkehrsverhältnisse Großstadt
+geworden, sondern eine Schöpfung monarchischer Politik. Die
+makedonischen Eroberer haben sie ins Leben gerufen zunächst aus
+militärischen Rücksichten, als geeignete Zentralstelle für eine
+Herrschaft, die zugleich Kleinasien, das Euphratgebiet und Ägypten
+umspannte und auch dem Mittelmeer nahe sein wollte ^7. Das gleiche Ziel
+und die verschiedenen Wege der Seleukiden und der Lagiden finden ihren
+treuen Ausdruck in der Gleichartigkeit und dem Gegensatz von Antiocheia
+und Alexandreia; wie dieses für die Seemacht und die maritime Politik
+der ägyptischen Herrscher, so ist Antiocheia der Mittelpunkt für die
+kontinentale Orientmonarchie der Herrscher Asiens. Zu verschiedenen
+Malen haben die späteren Seleukiden hier große Neugründungen
+vorgenommen, so daß die Stadt, als sie römisch wurde, aus vier
+selbständigen und ummauerten Bezirken bestand, die wieder alle eine
+gemeinsame Mauer einschloß. Auch an Einwanderern aus der Ferne fehlte
+es nicht. Als das eigentliche Griechenland unter die Herrschaft der
+Römer geriet und Antiochos der Große vergeblich versucht hatte, diese
+dort zu verdrängen, gewährte er wenigstens den auswandernden Euböern
+und Ätolern in seiner Residenz eine Freistatt. Wie in der Hauptstadt
+Ägyptens ist auch in derjenigen Syriens den Juden ein gewissermaßen
+selbständiges Gemeinwesen und eine privilegierte Stellung eingeräumt
+worden, und ihre Stellung als Zentren der jüdischen Diaspora ist nicht
+das schwächste Element in der Entwicklung beider Städte geworden.
+Einmal zur Residenz und zum Sitz der obersten Verwaltung eines großen
+Reiches gemacht, blieb Antiocheia auch in römischer Zeit die Hauptstadt
+der asiatischen Provinzen Roms. Hier residierten die Kaiser, wenn sie
+im Orient verweilten, und regelmäßig der Statthalter von Syrien; hier
+wurde die Reichsmünze für den Osten geschlagen und hier vornehmlich,
+daneben in Damaskos und in Edessa befanden sich die
+Reichswaffenfabriken. Freilich hatte die Stadt für das Römerreich ihre
+militärische Bedeutung verloren und unter den veränderten Verhältnissen
+wurde die schlechte Verbindung mit dem Meer als ein großer Übelstand
+empfunden, nicht so sehr wegen der Entfernung als weil der Hafen, die
+zugleich mit Antiocheia angelegte Stadt Seleukeia, für den großen
+Verkehr wenig geeignet war. Ungeheure Summen haben die römischen Kaiser
+von den Flaviern an bis auf Constantius aufgewandt, um in die diese
+Örtlichkeit umgebenden Felsenmassen die erforderlichen Docks mit den
+Zuzugs-Kanälen zu brechen und genügende Molen herzustellen; aber die
+Kunst der Ingenieure, welcher an der Mündung des Nil die höchsten Würfe
+glücklich gelangen, rang in Syrien vergeblich mit den unüberwindlichen
+Schwierigkeiten des Terrains. Selbstverständlich hat die größte Stadt
+Syriens an der Fabrikation und dem Handel dieser Provinz, wovon noch
+weiter die Rede sein wird, sich lebhaft beteiligt; dennoch war sie mehr
+ein Sitz der Verzehrenden als der Erwerbenden. Im ganzen Altertum gab
+es keine Stadt, in welcher das Genießen des Lebens so sehr die
+Hauptsache, und dessen Pflichten so beiläufig waren wie in “Antiocheia
+bei Daphne”, wie die Stadt bezeichnend genannt wird, etwa wie wenn wir
+sagen würden “Wien beim Prater”. Denn Daphne ^8 ist der Lustgarten,
+eine deutsche Meile von der Stadt, von zwei Meilen im Umkreis, berühmt
+durch seine Lorbeerbäume, wonach er heißt, durch seine alten Zypressen,
+die noch die christlichen Kaiser zu schonen befahlen, seine fließenden
+und springenden Wasser, seinen glänzenden Apollotempel und die
+prachtvolle vielbesuchte Festfeier des 10. August. Die ganze Umgegend
+der Stadt, die zwischen zwei bewaldeten Bergzügen in dem Tale des
+wasserreichen Orontes, drei deutsche Meilen aufwärts von der Mündung
+desselben liegt, ist noch heute trotz aller Vernachlässigung ein
+blühender Garten und einer der anmutigsten Flecke der Erde. Der Stadt
+selbst tat es an Pracht und Glanz der öffentlichen Anlagen im ganzen
+Reiche keine zuvor. Die Hauptstraße, welche in der Ausdehnung von 36
+Stadien, nahezu einer deutschen Meile, mit einer bedeckten Säulenhalle
+zu beiden Seiten und in der Mitte einem breiten Fahrweg, die Stadt in
+gerader Richtung längs des Flusses durchschnitt, ist in vielen antiken
+Städten nachgeahmt worden, aber hat ihresgleichen nicht einmal in dem
+kaiserlichen Rom. Wie in jedem guten Hause in Antiocheia das Wasser
+lief ^9, so wandelte man in jenen Hallen durch die ganze Stadt zu allen
+Jahrzeiten geschützt vor Regen wie vor Sonnenglut, auch des Abends in
+erleuchteten Straßen, was sonst von keiner Stadt des Altertums
+berichtet wird ^10.
+
+—————————————————————-
+
+^7 Dies sagt Diodor (20, 47) von der Vorläuferin Antiocheias, der nur
+etwa eine Meile weiter flußaufwärts angelegten Stadt Antigoneia.
+Antiocheia ist für das Syrien der alten Zeit ungefähr gewesen, was für
+das heutige Aleppo ist, der Knotenpunkt des inneren Verkehrs; nur daß
+bei jener Gründung, wie schon die gleichzeitige Anlage des Hafens von
+Seleukeia beweist, die unmittelbare Verbindung mit dem Mittelmeer
+beabsichtigt und daher die Anlage weiter nach Westen gelegt ward.
+
+^8 Der Raum zwischen Antiocheia und Daphne war mit Landhäusern und
+Vignen gefüllt (Lib. or. 2 p. 213 Reiske), und es gab hier auch eine
+Vorstadt Herakleia oder auch Daphne (K. O. Müller, Antiquitates
+Antiochiae, S. 44; vgl. vita Veri 7); aber wenn Tac. ann. 2, 83 diese
+Vorstadt Epidaphne nennt, so ist dies einer seiner seltsamsten
+Schnitzer. Plinius (nat. 5, 21, 79) sagt korrekt: Antiochia Epidaphnes
+cognominata.
+
+^9 “Womit wir vornehmlich alle schlagen”, sagt der Antiochener Libanios
+in der unter Constantius gehaltenen Lobrede auf seine Heimat (or. 1,
+354 R.), nachdem er die Quellen der Daphne und die von dort nach der
+Stadt geführten Leitungen geschildert hat, “das ist die Bewässerung
+unserer Stadt; wenn sonst auch jemand es mit uns aufnehmen mag, so
+geben sie alle nach, sowie die Rede kommt auf das Wasser, seine Fülle
+wie seine Trefflichkeit. In den öffentlichen Bädern hat jeder Strom das
+Maß eines Flusses, in den privaten manche das gleiche, die übrigen
+nicht viel weniger. Wer die Mittel hat, ein neues Bad anzulegen, tut
+dies unbesorgt um hinreichenden Zufluß und braucht nicht zu fürchten,
+daß, wenn fertig, es ihm trocken liegen werde. Deshalb ist jeder
+Stadtbezirk [es gab deren achtzehn] auf die besondere Eleganz seiner
+Badeanstalt bedacht; es sind diese Bezirksbadeanstalten um so viel
+schöner als die allgemeinen, als sie kleiner sind als diese, und die
+Bezirksgenossen wetteifern immer die einen, die anderen zu übertreffen.
+Man ermißt die Fülle der fließenden Wasser an der Menge der (guten)
+Wohnhäuser; denn soviel der Wohnhäuser, soviel sind auch der fließenden
+Wasser, ja sogar in den einzelnen Häusern oft mehrere; und auch die
+Mehrzahl der Werkstätten hat den gleichen Vorzug. Darum schlagen wir
+uns auch nicht an den öffentlichen Brunnen darum, wer zuerst zum
+Schöpfen kommt, an welchem Übelstand so viele ansehnliche Städte
+leiden, wo um die Brunnen ein heftiges Gedränge ist und Lärm um die
+zerbrochenen Krüge. Bei uns fließen die öffentlichen Brunnen zur
+Zierde, da jeder innerhalb der Türen sein Wasser hat. Und es ist dies
+Wasser so klar, daß der Eimer leer scheint, und so anmutend, daß es zum
+Trinken einladet.”
+
+^10 “Das Sonnenlicht”, sagt derselbe Redner p. 363, “lösen andere
+Lichter ab, Leuchten, die das ägyptische Illuminationsfest hinter sich
+lassen; und bei uns unterscheidet sich die Nacht vom Tage nur durch die
+Verschiedenheit der Beleuchtung; die fleißigen Hände finden keinen
+Unterschied und schmieden weiter und wer da will, singt und tanzt, so
+daß Hephaestos und Aphrodite hier in die Nacht sich teilen.” Bei dem
+Straßensport, den der Prinz Gallus sich gestattete, waren die
+antiochenischen Laternen ihm sehr unbequem (Amm. 14, 1, 9).
+
+—————————————————————-
+
+Aber in diesem üppigen Treiben fanden die Musen sich nicht zurecht; der
+Ernst der Wissenschaft und die nicht minder ernste Kunst haben in
+Syrien und namentlich in Antiocheia niemals rechte Pflege gefunden. Wie
+vollkommen analog Ägypten und Syrien sonst sich entwickelt hatten, so
+scharf war ihr Gegensatz in literarischer Hinsicht: diesen Teil der
+Erbschaft des großen Alexanders traten die Lagiden allein an. Pflegten
+sie die hellenische Literatur und förderten wissenschaftliche Forschung
+in aristotelischem Sinn und Geist, so haben die besseren Seleukiden
+wohl durch ihre politische Stellung den Griechen den Orient erschlossen
+- Seleukos’ I. Sendung des Megasthenes nach Indien an König
+Tschandragupta und die Erkundung des Kaspischen Meeres durch seinen
+Zeitgenossen, den Admiral Patrokles, haben in dieser Hinsicht Epoche
+gemacht; aber von unmittelbarem Eingreifen in die literarischen
+Interessen von seiten der Seleukiden weiß die Geschichte der
+griechischen Literatur nichts weiter zu melden, als daß Antiochos der
+sogenannte Große den Dichter Euphorion zu seinem Bibliothekar gemacht
+hat. Vielleicht darf die Geschichte der lateinischen Literatur für
+Berytus, die lateinische Insel im Meer des orientalischen Hellenismus,
+den Ernst wissenschaftlicher Arbeit in Anspruch nehmen. Es ist
+vielleicht kein Zufall, daß die Reaktion gegen die literarisch
+modernisierende Tendenz der julisch-claudischen Epoche und die
+Zurückführung der Sprache und der Schriften der republikanischen Zeit
+in die Schule wie in die Literatur ausgegangen ist von einem dem
+Mittelstand angehörigen Berytier, dem Marcus Valerius Probus, welcher
+in den zurückgebliebenen Schulen seiner entlegenen Heimat noch an den
+alten Klassikern sich gebildet hatte und dann in energischer, mehr
+kritisch schriftstellerischer als eigentlich lehrender Tätigkeit für
+den Klassizismus der späteren Kaiserzeit den Grund legte. Dasselbe
+Berytos ist später der Sitz des Studiums der für die Beamtenlaufbahn
+erforderlichen Rechtswissenschaft für den ganzen Osten geworden und die
+ganze Kaiserzeit hindurch geblieben. In der hellenischen Literatur sind
+freilich die Poesie des Epigramms und der Witz des Feuilletons in
+Syrien zu Hause; mehrere der namhaftesten griechischen Kleindichter,
+wie Meleagros und Philodemos von Gadara und Antipatros von Sidon, sind
+Syrer und in sinnlichem Reiz wie in raffinierter Verskunst
+unübertroffen; und der Vater der Feuilletonliteratur ist Menippos von
+Gadara. Aber diese Leistungen liegen meistens vor und zum Teil
+beträchtlich vor der Kaiserzeit. In der griechischen Literatur dieser
+Epoche ist keine Landschaft so geringfügig vertreten wie die syrische,
+und Zufall ist dies schwerlich, wenngleich bei der universalen Stellung
+des Hellenismus in der Kaiserzeit auf die Heimat der einzelnen
+Schriftsteller nicht allzu viel Gewicht gelegt werden darf. Dagegen
+hatte die in dieser Epoche um sich greifende untergeordnete
+Schriftstellerei, die gedanken- und formlosen Liebes-, Räuber-,
+Piraten-, Kuppler-, Wahrsager- und Traumgeschichten und die Fabelreisen
+wahrscheinlich eben hier ihren Hauptsitz. Unter den Kollegen des schon
+genannten Iamblichos, Verfassers der babylonischen Geschichte, werden
+die Landsleute desselben zahlreich gewesen sein; die Berührung dieser
+griechischen Literatur mit der gleichartigen orientalischen ist wohl
+ohne Zweifel durch die Syrer vermittelt worden. Das Lügen brauchten die
+Griechen freilich nicht von den Orientalen zu lernen; aber die nicht
+mehr plastische, sondern phantastische Fabulierung ihrer späteren Zeit
+ist aus Scheherazades Füllhorn, nicht aus dem Scherz der Chariten
+erwachsen. Vielleicht nicht zufällig macht die Satire dieser Zeit,
+indem sie den Homer als den Vater der Lügenreisen betrachtet, denselben
+zu einem Babylonier mit eigentlichem Namen Tigranes. Abgesehen von
+dieser Unterhaltungslektüre, deren auch die sich einigermaßen schämten,
+die damit schreibend oder lesend die Zeit verdarben, ist aus diesen
+Gegenden kaum ein anderer hervorragender Name zu nennen als der
+Zeitgenosse jenes Iamblichos, der Kommagener Lukianos. Auch er hat
+nichts geschrieben als in Nachahmung des Menippos Essays und
+Feuilletons, recht nach syrischer Art, witzig und lustig in der
+persönlichen Persiflage, aber wo diese zu Ende ist, unfähig, die ernste
+Wahrheit lachend zu sagen oder gar die Plastik der Komik zu handhaben.
+Diesem Volke galt nur der Tag. Keine griechische Landschaft hat so
+wenig Denksteine aufzuweisen wie Syrien; das große Antiocheia, die
+dritte Stadt des Reiches, hat, um von dem Lande der Hieroglyphen und
+der Obelisken nicht zu reden, weniger Inschriften hinterlassen als
+manches kleine afrikanische oder arabische Dorf. Mit Ausnahme des
+Rhetors Libanios aus der Zeit Julians, welcher auch mehr bekannt ist
+als bedeutend, hat diese Stadt der Literatur keinen einzigen
+Schriftstellernamen geliefert. Nicht mit Unrecht nannte der tyanitische
+Messias des Heidentums oder sein für ihn redender Apostel die
+Antiochener ein ungebildetes und halb barbarisches Volk und meinte, daß
+Apollon wohl tun werde, sie auch wie ihre Daphne zu verwandeln; denn in
+Antiocheia verständen wohl die Zypressen zu flüstern, aber nicht die
+Menschen zu reden. In dem künstlerischen Kreis hat Antiocheia eine
+führende Stellung nur gehabt in Betreff des Theaters und der Spiele
+überhaupt. Die Vorstellungen, welche das antiochenische Publikum
+fesselten, waren, nach der Sitte dieser Zeit, weniger eigentlich
+dramatische als rauschende Musikaufführungen, Ballette, Tierhetzen und
+Fechterspiele. Das Klatschen oder Zischen dieses Publikums entschied
+den Ruf des Tänzers im ganzen Reich. Die Jockeys und die sonstigen
+Circus- und Theaterhelden kamen vorzugsweise aus Syrien ^11. Die
+Ballettänzer und die Musiker sowie die Gaukler und Possenreißer, welche
+Lucius Verus von der - seinerseits in Antiocheia abgemachten -
+orientalischen Kampagne nach Rom zurückbrachte, haben in der Geschichte
+des italischen Schauspielwesens Epoche gemacht. Mit welcher
+Leidenschaft das Publikum in Antiocheia diesem Vergnügen sich hingab,
+dafür ist charakteristisch, daß der Überlieferung nach die schwerste
+Katastrophe, welche in dieser Periode über Antiocheia gekommen ist, die
+Einnahme durch die Perser im Jahre 260, die Bürger der Stadt im Theater
+überraschte und von der Höhe des Berges, an welchen dasselbe angelehnt
+war, die Pfeile in die Reihen der Zuschauer flogen. In Gaza, der
+südlichsten Stadt Syriens, wo das Heidentum an dem berühmten
+Marnas-Tempel eine feste Burg besaß, liefen am Ende des 4. Jahrhunderts
+bei den Rennspielen die Pferde eines eifrigen Heiden und eines eifrigen
+Christen, und als dabei “Christus den Marnas schlug”, da, erzählt der
+heilige Hieronymus, ließen zahlreiche Heiden sich taufen.
+
+———————————————————————
+
+^11 Die merkwürdige Reichsbeschreibung aus der Zeit des Constantius (C.
+Müller, Geographi Graeci Minores. Bd. 2, S. 513 f.), die einzige
+derartige Schrift, worin die gewerblichen Zustände eine gewisse
+Berücksichtigung finden, sagt von Syrien in dieser Hinsicht:
+“Antiocheia hat alles, was man begehrt, in Fülle, vor allem aber seine
+Rennspiele. Rennspiele haben auch Laodikeia, Berytos, Tyros, Kaesareia
+(in Palästina). Nach auswärts sendet Laodikeia Jockeys, Tyros und
+Berytos Schauspieler, Caesareia Tänzer (pantomimi), Heliopolis am
+Libanos Flötenbläser (choraulae), Gaza Musiker (auditores, womit
+ακροάματα inkorrekt wiedergegeben ist), Αskalon Ringkämpfer (athletae),
+Kastabala (eigentlich schon in Kilikien) Faustkämpfer.”
+
+———————————————————————
+
+In Zügellosigkeit der Sitte wetteiferten zwar die Großstädte des
+Römischen Reiches alle; aber der Preis gebührt hierin wahrscheinlich
+Antiocheia. Der ehrbare Römer, den der derbe Sittenmaler der
+traianischen Zeit schildert, wie er seiner Heimat den Rücken wendet,
+weil sie eine Griechenstadt geworden, setzt hinzu, daß von dem Unrat
+die Achäer der geringste Teil seien; längst habe der syrische Orontes
+sich in den Tiberfluß ergossen und seine Sprache und seine Art, seine
+Musikanten, Harfenistinnen, Triangelschlägerinnen und die Scharen
+seiner Freudenmädchen über Rom ergossen. Von der syrischen Flötistin,
+der Ambubaia ^12, sprachen die Römer Augusts wie wir von der Pariser
+Kokotte. In den syrischen Städten, sagt schon in der letzten Zeit der
+römischen Republik Poseidonios, ein bedeutender, selbst in dem
+syrischen Apameia heimischer Schriftsteller, haben die Bürger der
+harten Arbeit sich entwöhnt; man denkt dort nur an Schmausen und
+Zechen, und alle Reunionen und Kränzchen dienen diesem Zweck; an der
+königlichen Tafel wird jedem Gast ein Kranz aufgesetzt und dieser dann
+mit babylonischen Parfüms besprengt; Flötenspiel und Harfenschlagen
+schallt durch die Gassen; die Turnanstalten sind in Warmbäder
+verwandelt - mit letzterem ist die wahrscheinlich in Syrien zuerst
+aufgekommene und späterhin allgemein gewordene Einrichtung der
+sogenannten Thermen gemeint, die im wesentlichen eine Verbindung von
+Turn- und Warmbadanstalten waren. Vierhundert Jahre später ging es in
+Antiocheia nicht anders zu. Nicht so sehr um des Kaisers Bart entspann
+sich der Zank zwischen Julian und diesen Städtern, sondern weil er in
+dieser Stadt der Kneipen, die, wie er sich ausdrückt, nichts im Sinne
+habe als Tanzen und Trinken, den Wirten die Preise regulierte. Von
+dieser wüsten und sinnlichen Wirtschaft ist auch und vor allem das
+religiöse Wesen der syrischen Landschaft durchdrungen. Der Kultus der
+syrischen Götter war oft eine Sukkursale des syrischen Bordells ^13.
+
+——————————————————————————-
+
+^12 Von dem syrischen Wort abbuba Pfeife.
+
+^13 Das Schriftchen Lukians von der zu Hierapolis vom ganzen Orient
+verehrten syrischen Göttin gibt eine Probe der wilden und wollüstigen
+Fabulierung, welche dem syrischen Kultus eigen ist. In dieser Erzählung
+- der Quelle von Wielands ‘Kombabus’ - wird die Selbstverstümmelung
+ironisiert, wie sie den Frommen als ein Akt hoher Moralität und
+gottseligen Glaubens galt.
+
+——————————————————————————-
+
+Es würde ungerecht sein, die römische Regierung für diese syrischen
+Zustände verantwortlich zu machen; sie sind dieselben unter dem
+Diadochenregiment gewesen und auf die Römer nur vererbt. Aber in der
+Geschichte dieser Zeit ist das syrohellenische Element ein wesentlicher
+Faktor, und obwohl sein indirekter Einfluß bei weitem mehr ins Gewicht
+fällt, hat dasselbe doch auch mehrfach unmittelbar in der Politik sich
+bemerklich gemacht. Von eigentlicher politischer Parteiung kann bei den
+Antiochenern dieser und jeder Zeit noch weniger die Rede sein als bei
+den Bürgerschaften der übrigen Großstädte des Reiches; aber im Mokieren
+und Räsonnieren haben sie es allem Anschein nach allen übrigen, selbst
+den auch hierin mit ihnen wetteifernden Alexandrinern zuvorgetan.
+Revolution gemacht haben sie nie, aber jeden Prätendenten, den die
+syrische Armee aufstellte, bereitwillig und ernstlich unterstützt, den
+Vespasianus gegen Vitellius, den Cassius gegen Marcus, den Niger gegen
+Severus, immer bereit, wo sie Rückhalt zu haben meinten, der
+bestehenden Regierung den Gehorsam aufzukündigen. Das einzige Talent,
+das ihnen unwidersprochen zukommt, die Meisterschaft des Spottens,
+übten sie nicht bloß gegen die Schauspieler ihrer Bühne, sondern nicht
+minder gegen die in der Residenz des Orients verweilenden Herrscher,
+und der Spott war ganz der gleiche gegen den Akteur wie gegen den
+Kaiser: er galt der persönlichen Erscheinung und den individuellen
+Eigentümlichkeiten, gleich als ob ihr Landesherr auch nur da sei, um
+sie mit seiner Rolle zu amüsieren. So bestand zwischen dem Publikum von
+Antiocheia und den Herrschern, namentlich denjenigen, die längere Zeit
+daselbst verweilten, Hadrian, Verus, Marcus, Severus, Julian, sozusagen
+ein dauernder Hohnkrieg, aus welchem ein Aktenstück, die Replik des
+letztgenannten Kaisers gegen die antiochenischen “Bartspötter”, noch
+heute erhalten ist. Wenn dieser kaiserliche Literat den Spottreden mit
+Spottschriften begegnete, so haben zu anderen Zeiten die Antiochener
+ihre schlimmen Reden und ihre übrigen Sünden schwerer zu büßen gehabt.
+So entzog ihnen Hadrian das Recht der Silberprägung, Marcus das
+Versammlungsrecht und schloß auf einige Zeit das Theater. Severus nahm
+sogar der Stadt den Primat von Syrien und übertrug diesen auf das in
+stetem Nachbarkrieg mit der Hauptstadt stehende Laodikeia; und wenn
+diese beiden Anordnungen bald wieder zurückgenommen wurden, so ist die
+Teilung der Provinz, welche bereits Hadrian angedroht hatte, unter
+Severus, wie gesagt ward, zur Ausführung gekommen, und nicht zum
+wenigsten deswegen, weil die Regierung die unbotmäßige Großstadt
+demütigen wollte. Selbst den schließlichen Untergang hat diese Stadt
+sich herangespottet. Als im Jahre 540 der Perserkönig Chosroes
+Nuschirwan vor den Mauern Antiocheias erschien, wurde er von den Zinnen
+derselben nicht bloß mit Pfeilschüssen empfangen, sondern mit den
+üblichen unflätigen Spottrufen; und dadurch gereizt, erstürmte der
+König nicht bloß die Stadt, sondern führte auch ihre Einwohner hinweg
+in das von ihm unweit Ktesiphon angelegte Neu-Antiocheia.
+
+Die glänzende Seite der syrischen Zustände ist die ökonomische; in
+Fabrikation und Handel nimmt Syrien neben Ägypten unter den Provinzen
+des römischen Kaiserreichs den ersten Platz ein und behauptet in
+gewisser Beziehung auch vor Ägypten den Vorrang. Die Bodenkultur gedieh
+unter dem dauernden Friedensstand und unter der einsichtigen,
+namentlich auf Hebung der Bewässerung gerichteten Verwaltung in einem
+Umfang, der die heutige Zivilisation beschämt. Freilich sind manche
+Teile Syriens noch heute von üppigster Fülle; das Tal des unteren
+Orontes, den reichen Garten um Tripolis mit seinen Palmengruppen,
+Orangenhainen, Granat- und Jasmingebüschen, die fruchtbare Küstenebene
+nord- und südwärts von Gaza haben weder die Beduinen noch die Paschas
+bis jetzt vermocht zu veröden. Aber ihr Werk ist dennoch nicht gering
+anzuschlagen. Apameia im mittleren Tal des Orontes, jetzt eine
+Felsenwildnis ohne Fluren und Bäume, wo die dürftigen Herden auf den
+spärlichen Weideplätzen von den Räubern des Gebirges dezimiert werden,
+ist weit und breit mit Ruinen besät, und es ist urkundlich bezeugt, daß
+unter dem Statthalter Syriens Quirinius, demselben, den die Evangelien
+nennen, diese Stadt mit Einschluß des Gebiets 117000 freie Einwohner
+gezählt hat. Ohne Frage ist einst das ganze Tal des wasserreichen
+Orontes - schon bei Hemesa ist er 30 bis 40 Meter breit und 1½ bis 3
+Meter tief - eine große Kulturstätte gewesen. Aber auch von den
+Strichen, die jetzt völlige Wüste sind und wo dem heutigen Reisenden
+das Leben und Gedeihen des Menschen unmöglich scheint, war ein
+beträchtlicher Teil ehemals das Arbeitsfeld rühriger Arme. Östlich von
+Hemesa, wo jetzt kein grünes Blatt und kein Tropfen Wasser ist, haben
+sich massenweise die schweren Basaltplatten ehemaliger Ölpressen
+gefunden. Während heute nur in den quelligen Tälern des Libanos
+spärliche Oliven wachsen, müssen einst die Ölwälder weit über das
+Orontestal hinausgegangen sein. Wer jetzt von Hemesa nach Palmyra
+reist, führt das Wasser auf dem Rücken der Kamele mit sich, und diese
+ganze Wegstrecke ist bedeckt mit den Resten einstmaliger Villen und
+Dörfer ^14. Den Marsch Aurelians auf dieser Strecke vermöchte jetzt
+keine Armee zu unternehmen. Von dem, was heutzutage Wüste heißt, ist
+ein guter Teil vielmehr Verwüstung der gesegneten Arbeit besserer
+Zeiten. “Ganz Syrien”, sagt eine Erdbeschreibung aus der Mitte des 4.
+Jahrhunderts, “hat Überfluß an Getreide, Wein und Öl.” Aber ein
+eigentliches Exportland für die Bodenfrüchte, wie Ägypten und Afrika,
+ist Syrien auch im Altertum nicht gewesen, wenn auch die edlen Weine,
+zum Beispiel der von Damaskos nach Persien, die von Laodikeia, Askalon,
+Gaza nach Ägypten und von da aus bis nach Äthiopien und Indien versandt
+wurden, und auch die Römer den Wein von Byblos, von Tyros, von Gaza zu
+schätzen wußten.
+
+———————————————————————————
+
+^14 Der österreichische Ingenieur Joseph Tschernik (Ergänzungsheft 44
+zu Petermanns geographischen Mittheilungen, 1875, S. 3, 9) fand
+Basaltplatten von Ölpressen nicht bloß auf dem wüsten Plateau bei
+Kala’at el-Hossn zwischen Hemesa und dem Meer, sondern auch in der Zahl
+von über zwanzig östlich von Hemesa bei el-Ferklûs, wo der Basalt
+selbst nicht vorkommt, sowie ebendaselbst zahlreiche gemauerte
+Terrassen und Ruinenhügel; Terrassierungen auf der ganzen Strecke von
+16 Meilen zwischen Hemesa und Palmyra. K. E. Sachau (Reise in Syrien
+und Mesopotamien. Leipzig 1883, S. 23, 55) fand Reste von
+Wasserleitungen an verschiedenen Stellen der Straße von Damaskos nach
+Palmyra. Die in den Fels gehauenen Zisternen von Arados, deren schon
+Strabon (16, 2, 13 p. 753) gedenkt, tun noch heute ihren Dienst (J. E.
+Renan, Mission de Phénicie. Paris 1874, S. 40).
+
+———————————————————————————
+
+Weit mehr ins Gewicht fielen für die allgemeine Stellung der Provinz
+die syrischen Fabriken. Eine Reihe von Industrien, die eben für den
+Export in Betracht kommen, sind hier heimisch, insbesondere von Leinen,
+von Purpur, von Seide, von Glas. Die Flachsweberei, von alters her in
+Babylonien zu Hause, ist von da früh nach Syrien verpflanzt worden;
+“ihr Leinen”, sagt jene Erdbeschreibung, “versenden Skytopolis (in
+Palästina), Laodikeia, Byblos, Tyros, Berytos in die ganze Welt”, und
+in dem Tarifgesetz Diocletians werden dem entsprechend als feine
+Leinenwaren die der drei erstgenannten Städte neben denen des
+benachbarten Tarsos und ägyptischen aufgeführt, und die syrischen haben
+vor allen den Vorrang. Daß der Purpur von Tyros, so viele Konkurrenten
+ihm auch entstanden, stets den ersten Platz behauptet hat, ist bekannt;
+und neben der tyrischen gab es in Syrien zahlreiche ebenfalls berühmte
+Purpurfärbereien an der Küste ober- und unterhalb Tyros, in Sarepta,
+Dora, Caesarea, selbst im Binnenland, in dem palästinensischen Neapolis
+und in Lydda. Die Rohseide kam in dieser Epoche aus China und
+vorzugsweise über das Kaspische Meer, also nach Syrien; verarbeitet
+ward sie hauptsächlich in den Fabriken von Berytos und von Tyros, in
+welchem letzteren Orte besonders auch die viel gebrauchte und hoch
+bezahlte Purpurseide hergestellt ward. Die Glasfabriken von Sidon
+behaupteten in der Kaiserzeit ihren uralten Ruf, und zahlreiche
+Glasgefäße unserer Museen tragen den Stempel eines sidonischen
+Fabrikanten. Zu dem Vertrieb dieser Waren, die ihrer Natur nach dem
+Weltmarkt angehörten, kam weiter die ganze Warenmasse, welche aus dem
+Orient auf den Euphratstraßen in das Abendland gelangte. Freilich
+wendete der arabische und der indische Import in dieser Zeit sich von
+dieser Straße ab und nahm hauptsächlich den Weg über Ägypten; aber
+nicht bloß der mesopotamische Verkehr blieb notwendig den Syrern,
+sondern es standen auch die Emporien der Euphratmündung in regelmäßigem
+Karawanenverkehr mit Palmyra und bedienten sich also der syrischen
+Häfen. Wie bedeutend dieser Verkehr mit den östlichen Nachbarn war,
+zeigt nichts so deutlich wie die gleichartige Silberprägung im
+römischen Orient und im parthischen Babylonien; in den Provinzen Syrien
+und Kappadokien prägte die römische Regierung Silber, abweichend von
+der Reichswährung, auf die Sorten und auf den Fuß des Nachbarreiches.
+Die syrische Fabrikation selbst, zum Beispiel von Leinen und Seide, ist
+eben durch den Import der gleichartigen babylonischen Handelsartikel
+angeregt worden, und wie diese, so sind auch die Leder- und die
+Pelzwaren, die Salben, die Spezereien, die Sklaven des Orients während
+der Kaiserzeit zu einem sehr beträchtlichen Teil über Syrien nach
+Italien und überhaupt dem Westen gekommen. Das aber ist diesen Ursitzen
+des Handelsverkehrs immer geblieben, daß die sidonischen Männer und
+ihre Landesgenossen, hierhin sehr verschieden von den Ägyptern, ihre
+Waren nicht bloß den Ausländern verkauften, sondern sie ihnen selber
+brachten, und wie die Schiffskapitäne in Syrien einen hervorragenden
+und geachteten Stand bildeten ^15, so waren syrische Kaufleute und
+syrische Faktoreien in der Kaiserzeit ungefähr ebenso überall zu finden
+wie in den fernen Zeiten, von denen Homer erzählt. Die Tyrier hatten
+derzeit Faktoreien in den beiden großen Importhäfen Italiens, Ostia und
+Puteoli, und wie diese selbst in ihren Urkunden ihre Anstalten als die
+größten und stattlichsten dieser Art bezeichnen, so wird in der öfter
+angeführten Erdbeschreibung Tyros für Handel und Verkehr der erste
+Platz des Orients genannt ^16; ebenso hebt Strabon bei Tyros und bei
+Arados die ungewöhnlich hohen, aus vielen Stockwerken bestehenden
+Häuser als eine Besonderheit hervor. Ähnliche Faktoreien haben auch
+Berytos und Damaskos und gewiß noch viele andere syrische und
+phönikische Handelsstädte in den italienischen Häfen gehabt ^17. Dem
+entsprechend finden wir namentlich in der späteren Kaiserzeit syrische,
+vornehmlich apamenische Kaufleute nicht bloß in ganz Italien ansässig,
+sondern ebenso in allen größeren Emporien des Okzidents, in Salonae in
+Dalmatien, Apulum in Dakien, Malaca in Spanien, vor allem aber in
+Gallien und Germanien, zum Beispiel in Bordeaux, Lyon, Paris, Orleans,
+Trier, so daß wie die Juden so auch diese syrischen Christen nach ihren
+Gebräuchen leben und in ihren Konventen sich ihres Griechischen
+bedienen ^18. Nur auf dieser Grundlage werden die früher geschilderten
+Zustände der Antiochener und der syrischen Städte überhaupt
+verständlich. Die vornehme Welt daselbst besteht aus den reichen
+Fabrikanten und Kaufleuten, die Masse der Bevölkerung sind die Arbeiter
+und die Schiffer ^19, und wie später der im Orient erworbene Reichtum
+nach Genua und Venedig, so strömte damals der Handelsgewinn des
+Okzidents zurück nach Tyros und Apameia. Bei dem ausgedehnten
+Handelsgebiet, welches diesen Großhändlern offenstand, und bei den im
+ganzen mäßigen Grenz- und Binnenzöllen brachte schon der syrische,
+einen großen Teil der gewinnbringendsten und transportabelsten Artikel
+umfassende Export ungeheure Kapitalien in ihre Hände; und ihr Geschäft
+beschränkte sich nicht auf die heimatlichen Waren ^20. Welches
+Wohlleben einstmals hier geherrscht hat, das lehren nicht die dürftigen
+Überbleibsel der untergegangenen großen Städte, aber die mehr
+verlassene als verwüstete Landschaft am rechten Ufer des Orontes von
+Apameia an bis zu der Wendung des Flusses gegen das Meer. In diesem
+Strich von etwa 20 bis 25 deutschen Meilen Länge stehen heute noch die
+Ruinen von gegen hundert Ortschaften, ganze noch erkennbare Straßen,
+die Gebäude, mit Ausnahme der Dächer, ausgeführt in massivem Steinbau,
+die Wohnhäuser von Säulenhallen umgeben, mit Galerien und Balkonen
+geschmückt, Fenster und Portale reich und oft geschmackvoll dekoriert
+mit Steinarabesken, dazu Garten- und Badeanlagen, Wirtschaftsräume im
+Erdgeschoß, Ställe, in den Felsen gehauene Wein- und Ölpressen ^21,
+auch große, ebenfalls in den Felsen gehauene Grabkammern mit
+Sarkophagen gefüllt und mit säulengeschmückten Eingängen. Spuren
+öffentlichen Lebens begegnen nirgends; es sind die Landwohnungen der
+Kaufleute und der Industriellen von Apameia und Antiocheia, deren
+gesicherter Wohlstand und solider Lebensgenuß aus diesen Trümmern
+spricht. Es gehören diese Ansiedlungen völlig gleichförmigen Charakters
+durchaus der späten Kaiserzeit an, die ältesten dem Anfang des vierten
+Jahrhunderts, die spätesten der Mitte des sechsten, unmittelbar vor dem
+Ansturm des Islam, dem auch dieses blühende und gedeihliche Leben
+erlegen ist. Christliche Symbole und biblische Sprüche begegnen überall
+und ebenso stattliche Kirchen und kirchliche Anlagen. Indes hat diese
+Kulturentwicklung nicht erst unter Konstantin begonnen, sondern in
+jenen Jahrhunderten nur sich gesteigert und konsolidiert. Sicher sind
+jenen Steinbauten ähnliche, weniger dauerhafte Villen- und
+Gartenanlagen vorausgegangen. Die Regeneration des Reichsregiments nach
+den wüsten Wirren des dritten Jahrhunderts drückt in dem Aufschwung
+sich aus, den die syrische Kaufmannswelt damals nahm; aber bis zu einem
+gewissen Grade wird dies uns gebliebene Abbild derselben auch auf die
+frühere Kaiserzeit bezogen werden dürfen.
+
+———————————————————————————
+
+15 In Arados, einer zu Strabons Zeit (16, 2, 13 p. 753) sehr
+volkreichen Stadt, erscheint unter Augustus ein πρόβουλος τών
+ναυαρχησάνιων (CIG 4736 h, besser bei Renan, Mission de Phιnicie, S.
+31).
+
+16 Totius orbis descriptio c. 24: nulla forte civitas Orientis est eius
+spissior in negotio. Die Urkunden der statio (CIG 5853; CIL X, 1601)
+geben von diesen Faktoreien ein lebendiges Bild. Sie dienen zunächst
+religiösen Zwecken, das heißt für den Kult der tyrischen Götter am
+fremden Ort; zu diesem Zwecke wird in der größeren Station von Ostia
+von den tyrischen Schiffern und Kaufleuten eine Abgabe erhoben und aus
+deren Ertrag der kleineren ein jährlicher Zuschuß von 1000 Sesterzen
+gewährt, der für die Miete des Lokals verwendet wird; die übrigen
+Kosten werden von den Tyriern in Puteoli, ohne Zweifel durch
+freiwillige Beiträge, aufgebracht.
+
+17 Für Berytos beweist dies die Puteolaner Inschrift CIL X,1634; für
+Damaskos legt es die dem Jupiter optimus maximus Damascensus daselbst
+gesetzte X, 1576 wenigstens nahe.
+
+Übrigens zeigt sich auch hier, mit wie gutem Grund Puteoli Klein-Delos
+heißt. Auf Delos begegnen in der letzten Zeit seiner Blüte, das heißt
+etwa in dem Jahrhundert vor dem Mithradatischen Krieg, die syrischen
+Faktoreien und die syrischen Kulte in ganz gleicher Weise und in noch
+größerer Fülle: wir finden dort die Gilde der Herakleisten von Tyros
+(τό κοινόν τών Τυρίων Ηρακλειστών εμπόρων καί ναυκλήρων CIG 2271), der
+Poseidoniasten von Berytos (τό κοινόν Βηρυτίων Ποσειδωνιαστών εμπόρων
+καί ναυκλήρων καί εγδοχέων, BCH 7, 1883, S. 468), der Verehrer des Adad
+und der Atargatis von Hierapolis (BCH 6, 1882, S. 495f.), abgesehen von
+den zahlreichen Denksteinen syrischer Kaufleute. Vgl. Homolle, BCH 8,
+1884, S. 110f.
+
+18 Indem Salvianus (gegen 450) den gallischen Christen zu Gemüte führt,
+daß sie um nichts besser seien als die Heiden, weist er hin (gub. 4,
+14, 69) auf die nichtswürdigen negotiatorum et Syricorum omnium turbae,
+quae maiorem ferme civitatum universarum partem occupaverunt. Gregor
+von Tours erzählt, daß König Guntchram in Orleans von der gesamten
+Bürgerschaft eingeholt wird und gefeiert, wie in lateinischer Sprache
+so auch auf hebräisch und auf syrisch (8, 1: hinc lingua Syrorum, hinc
+Latinorum, hinc … Judaeorum in diversis laudibus varie concrepabat) und
+daß nach Erledigung des Bischofsitzes von Paris ein syrischer Kaufmann
+denselben sich zu verschaffen wußte und die dazu gehörigen Stellen an
+seine Landsleute vergab (10, 26: omnem scholam decessoris sui abiciens
+Syros de genere suo ecclesiasticae domui ministros esse statuit).
+Sidonius (um 450) schildert die verkehrte Welt von Ravenna (epist. 1,
+8) mit den Worten: fenerantur clerici, Syri psallunt ; negotiatores
+militant, monachi negotiantur. Usque hodie, sagt Hieronymus (in Ezech.
+27, vol. 5 p. 513 Vall.) permanet in Syris ingenitus negotiationis
+ardor, qui per totum mundum lucri cupiditate discurrunt et tantam
+mercandi habent vesaniam, ut occupato nunc orbe Romano (geschrieben
+gegen Ende des 4. Jahrhunderts) inter gladios et miserorum neces
+quaerant divitias et paupertatem periculis fugiant. Andere Belege gibt
+L. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. Bd. 2, 5.
+Aufl. S. 67. Ohne Bedenken wird man die zahlreichen Inschriften des
+Okzidents hinzufügen dürfen, welche von Syrern herrühren, auch wenn
+diese sich nicht ausdrücklich als Kaufleute bezeichnen. Belehrend ist
+dafür das Coemeterium der kleinen norditalischen Landstadt Concordia
+aus dem 5. Jahrhundert; die auf demselben bestatteten Ausländer sind
+alle Syrer, meist Apamener (CIL III, p. 1060); ebenso gehören alle in
+Trier gefundenen griechischen Inschriften Syrern (CIG 9891, 9892,
+9893). Diese Inschriften sind nicht bloß in syrischer Weise datiert,
+sondern zeigen auch Besonderheiten des dortigen dialektischen
+Griechisch (Hermes 19, 1884, S. 423).
+
+Daß diese syrisch-christliche, zu dem Gegensatz des orientalischen und
+okzidentalischen Klerus in Beziehung stehende Diaspora mit der
+jüdischen nicht zusammengeworfen werden darf, zeigt der Bericht bei
+Gregorius deutlich; sie hat offenbar viel höher gestanden und
+durchgängig den besseren Ständen angehört.
+
+19 Das ist zum Teil noch heute so. Die Zahl der Seidenarbeiter in Höms
+wird auf 3000 angeschlagen (Tschernik a. a. O.)
+
+^20 Eine der ältesten, das heißt nach Severus und vor Diocletian
+gesetzten Grabschriften dieser Art ist die lateinisch-griechische,
+unweit Lyon gefundene (Wilmanns 2498 vgl. Lebas-Waddington 2329) eines
+Θαίμος ο καί Ιουλιανός Σαάδου (lateinisch Thaemus Iulianus Sati fil.),
+gebürtig aus Atheila (de vico Athelani) unweit Kanatha in Syrien (noch
+jetzt ‘Atîl unweit Kanawât im Hauran) und Decurio in Kanatha, ansässig
+in Lyon (πάτραν λείπων ήκε τώδ' επί χώρω) und hier Großhändler für
+aquitanische Waren (ες πράσιν έχων ενπόριον αγορασμών μεστον εκ
+Ακουιτανίης ώδ' επί Λουγουδυνοίω - negotiatori Luguduni et prov.
+Aquitanica). Danach müssen diese syrischen Kaufleute nicht allein mit
+syrischen Waren gehandelt, sondern mit ihrem Kapital und ihrer
+Geschäftskenntnis den Großhandel überhaupt betrieben haben.
+
+^21 Charakteristisch ist das lateinische Epigramm an einem Kelterhause
+CIL III, 188 in dieser Heimat der “apamenischen Traube” (vita Elagabali
+c. 21).
+
+———————————————————————————
+
+Die Verhältnisse der Juden in der römischen Kaiserzeit sind so
+eigenartig und man möchte sagen so wenig abhängig von der Provinz, die
+in der früheren Kaiserzeit mit ihrem, in der späteren vielmehr mit dem
+wiedererweckten Namen der Philistäer oder Palästinenser benannt ward,
+daß es, wie schon gesagt ward, angemessen erschien, diese in einem
+besonderen Abschnitt zu behandeln. Das Wenige, was über das Land
+Palästina zu bemerken ist, insbesondere die nicht unbedeutende
+Beteiligung der Küsten- und zum Teil auch der binnenländischen Städte
+an der syrischen Industrie und dem syrischen Handel, ist in der darüber
+gegebenen Auseinandersetzung miterwähnt worden. Die jüdische Diaspora
+hatte schon vor der Zerstörung des Tempels sich in einer Weise
+erweitert, daß Jerusalem, auch als es noch stand, mehr ein Symbol als
+eine Heimat war, ungefähr wie die Stadt Rom für die sogenannten
+römischen Bürger der späteren Zeit. Die Juden von Antiocheia und
+Alexandreia und die zahlreichen ähnlichen Gemeinschaften minderen
+Rechts und geringeren Ansehens haben sich selbstverständlich an dem
+Handel und Verkehr ihrer Wohnsitze beteiligt. Ihr Judentum kommt dabei
+nur etwa insofern in Betracht, als die Gefühle gegenseitigen Hasses und
+gegenseitiger Verachtung, wie sie seit Zerstörung des Tempels und den
+mehrfach sich wiederholenden national-religiösen Kriegen zwischen Juden
+und Nichtjuden sich entwickelt oder vielmehr gesteigert hatten, auch in
+diesen Kreisen ihre Wirkung geübt haben werden. Da die im Ausland sich
+aufhaltenden syrischen Kaufleute sich zunächst für den Kultus ihrer
+heimatlichen Gottheiten zusammenfanden, so kann der syrische Jude in
+Puteoli den dortigen syrischen Kaufmannsgilden nicht wohl angehört
+haben; und wenn der Kult der syrischen Götter im Ausland mehr und mehr
+Anklang fand, so zog, was den übrigen Syrern zugute kam, zwischen den
+mosaisch-gläubigen Syrern und den Italikern eine Schranke mehr.
+Schlossen sich diejenigen Juden, die eine Heimat außer Palästina
+gefunden hatten, außerhalb derselben nicht ihren Wohnsitz-, sondern
+ihren Religionsgenossen an, wie das nicht hat anders sein können, so
+verzichteten sie damit auf die Geltung und die Duldung, welche den
+Alexandrinern und den Antiochenern und so weiter im Ausland
+entgegenkam, und wurden genommen, wie sie sich gaben, als Juden. Die
+palästinensischen Juden des Okzidents aber waren zum größten Teil nicht
+hervorgegangen aus der kaufmännischen Emigration, sondern
+kriegsgefangene Leute oder Nachkommen solcher und in jeder Hinsicht
+heimatlos; die Pariastellung, welche die Kinder Abrahams vor allem in
+der römischen Hauptstadt einnahmen, der Betteljude, dessen Hausrat in
+dem Heubündel und dem Schacherkorb besteht und dem kein Verdienst zu
+gering und zu gemein ist, knüpft an den Sklavenmarkt an. Unter diesen
+Umständen begreift es sich, weshalb im Okzident die Juden während der
+Kaiserzeit neben den Syrern eine untergeordnete Rolle gespielt haben.
+Die religiöse Gemeinschaft der kaufmännischen und der
+Proletariereinwanderung drückte auf die Gesamtheit der Juden noch neben
+der allgemeinen mit ihrer Stellung verbundenen Zurücksetzung. Mit
+Palästina aber hat jene wie diese Diaspora wenig zu schaffen.
+
+Es bleibt noch ein Grenzgebiet zu betrachten, von dem nicht häufig die
+Rede ist und das dennoch wohl Berücksichtigung verdient: es ist die
+römische Provinz Arabia. Sie führt ihren Namen mit Unrecht; der Kaiser,
+der sie eingerichtet hat, Traianus, war ein Mann großer Taten, aber
+noch größerer Worte. Die arabische Halbinsel, weiche das Euphratgebiet
+wie das Niltal voneinander scheidet, regenarm, ohne Flüsse, allerseits
+mit felsiger und hafenarmer Küste, ist für den Ackerbau wie für den
+Handel wenig geeignet und in alter Zeit zum weitaus größten Teil den
+nicht seßhaften Wüstenbewohnern zum unbestrittenen Erbteil verblieben.
+Insonderheit die Römer, welche überhaupt in Asien wie in Ägypten besser
+als irgendeine andere der wechselnden Vormächte es verstanden haben,
+ihren Besitz zu beschränken, haben niemals auch nur versucht, die
+arabische Halbinsel zu unterwerfen. Ihre wenigen Unternehmungen gegen
+den südöstlichen Teil derselben, den produktenreichsten und wegen der
+Beziehung zu Indien auch für den Handel wichtigsten, werden bei der
+Erörterung der ägyptischen Verkehrsverhältnisse ihre Darstellung
+finden. Das römische Arabien umfaßt schon als römischer Klientelstaat
+und vor allem als römische Provinz nur einen mäßigen Teil vom Norden
+der Halbinsel, außerdem aber das Land südlich und östlich von Palästina
+zwischen diesem und der großen Wüste bis über Bostra hinaus. Mit diesem
+betrachten wir die zu Syrien gehörige Landschaft zwischen Bostra und
+Damaskos, die jetzt nach dem Haurângebirge benannt zu werden pflegt,
+nach der alten Bezeichnung Trachonitis und Batanaea.
+
+Diese ausgedehnten Gebiete sind für die Zivilisation nur unter
+besonderen Verhältnissen zu gewinnen. Das eigentliche Steppenland
+(Hamâd) östlich von der Gegend, mit der wir uns hier beschäftigen, bis
+zum Euphrat ist nie von den Römern in Besitz genommen worden und aller
+Kultur unfähig; nur die schweifenden Wüstenstämme, wie heute zum
+Beispiel die Aneze, durchziehen dasselbe, um ihre Rosse und ihre Kamele
+im Winter am Euphrat, im Sommer in den Gebirgen südlich von Bostra zu
+weiden und oft mehrmals im Jahre die Trift zu wechseln. Schon auf einem
+höheren Grade der Kultur stehen westwärts der Steppe die seßhaften
+Hirtenstämme, die namentlich Schafzucht in großer Ausdehnung betreiben.
+Aber auch für den Ackerbau ist in diesen Strecken vielfach Raum. Die
+rote Erde des Haurân, zersetzte Lava, erzeugt im Urzustand viel wilden
+Roggen, wilde Gerste und wilden Hafer und bestellt den schönsten
+Weizen. Einzelne Tieftäler mitten zwischen den Steinwüsten, wie das
+“Saatfeld”, die Ruhbe, in der Trachonitis, sind die fruchtbarsten
+Strecken in ganz Syrien; ohne daß gepflügt, geschweige denn gedüngt
+wird, trägt der Weizen durchschnittlich achtzig-, die Gerste
+hundertfältig und 26 Halme von einem Weizenkorn sind keine Seltenheit.
+Dennoch bildet sich hier kein fester Wohnsitz, da in den Sommermonaten
+die große Hitze und der Mangel an Wasser und Weide die Bewohner zwingt,
+nach den Gebirgsweiden des Haurân zu wandern. Aber auch an Gelegenheit
+zu fester Ansiedelung fehlt es nicht. Das von dem Baradâfluß in
+vielfachen Armen durchströmte Gartenrevier um die Stadt Damaskos und
+die fruchtbaren, noch heute volkreichen Bezirke, die dasselbe nach
+Osten, Norden und Süden einschließen, waren in alter wie in neuer Zeit
+die Perle Syriens. Die Ebene um Bostra, namentlich westlich davon die
+sogenannte Nukra, ist heute für Syrien die Kornkammer, obgleich durch
+Regenmangel durchschnittlich jede vierte Ernte verlorengeht und die aus
+der nahen Wüste oftmals einbrechenden Heuschrecken eine unvertilgbare
+Landplage bleiben. Wo immer die Wasserläufe der Gebirge in die Ebene
+geführt werden, blüht unter ihnen das frische Leben auf. “Die
+Fruchtbarkeit dieser Landschaft”, sagt ein genauer Kenner, “ist
+unerschöpflich; und noch heutigentags, wo die Nomaden dort weder Baum
+noch Strauch übrig gelassen haben, gleicht das Land, so weit das Auge
+reicht, einem Garten.” Auch auf den Lavaplateaus der gebirgigen
+Strecken haben die Lavaströme nicht wenige Stellen (Kâ' im Aurân
+genannt) für den Anbau freigelassen.
+
+Diese Naturbeschaffenheit hat regelmäßig die Landschaft den Hirten und
+den Räubern überliefert. Die notwendige Unstetigkeit eines großen Teils
+der Bevölkerung führt zu ewigen Fehden namentlich um die Weideplätze
+und zu stetigen Überfällen derjenigen Gegenden, die sich für feste
+Ansiedlung eignen; mehr noch als anderswo bedarf es hier der Bildung
+solcher staatlicher Gewalten, die imstande sind, in weiterem Umfange
+Ruhe und Frieden zu schaffen, und für diese fehlt in der Bevölkerung
+die rechte Unterlage. Es gibt in der weiten Welt kaum eine Landschaft,
+wo gleich wie in dieser die Zivilisation nicht aus sich selbst
+erwachsen, sondern allein durch übermächtige Eroberung von außen her
+ins Leben gerufen werden kann. Wenn Militärstationen die schweifenden
+Stämme der Wüste eindämmen und diejenigen innerhalb der Kulturgrenze
+zum friedlichen Hirtenleben zwingen, wenn in die kulturfähigen Gegenden
+Kolonisten geführt und die Wasser der Berge von Menschenhand in die
+Ebene geleitet werden, so, aber auch nur so, gedeiht hier fröhliches
+und reichliches Leben.
+
+Die vorrömische Zeit hatte diesen Landschaften solchen Segen nicht
+gebracht. Die Bewohner des gesamten Gebiets gehören bis gegen Damaskos
+hin zu dem arabischen Zweig des großen semitischen Stammes; die
+Personennamen wenigstens sind durchgängig arabisch. Es begegneten sich
+in demselben, wie in dem nördlichen Syrien, orientalische und
+okzidentalische Zivilisation; doch hatten bis zu der Kaiserzeit beide
+nur geringe Fortschritte gemacht. Die Sprache und die Schrift, deren
+die Nabatäer sich bedienen, sind die Syriens und der Euphratländer und
+können nur von dort her den Eingeborenen zugekommen sein. Andererseits
+erstreckte die griechische Festsetzung in Syrien sich zum Teil
+wenigstens auch auf diese Landschaften. Die große Handelsstadt Damaskos
+war mit dem übrigen Syrien griechisch geworden. Auch in das
+transjordanische Gebiet, insbesondere in die nördliche Dekapolis hatten
+die Seleukiden die griechische Städtegründung getragen; weiter südlich
+war hier wenigstens das alte Rabbath Ammon durch die Lagiden die Stadt
+Philadelpheia geworden. Aber weiter abwärts und in den östlichen, an
+die Wüste grenzenden Strichen hatten die nabatäischen Könige nicht viel
+mehr als dem Namen nach den syrischen oder den ägyptischen Alexandriden
+gehorcht, und Münzen oder Inschriften und Bauwerke, welche dem
+vorrömischen Hellenismus beigelegt werden könnten, sind hier nirgends
+zum Vorschein gekommen.
+
+Als Syrien römisch ward, war Pompeius bemüht, das hellenische
+Städtewesen, das er vorfand, zu festigen; wie denn die Städte der
+Dekapolis späterhin von dem Jahre 690/1 (64/63), in dem Palästina zum
+Reich gekommen war, ihre Jahre zählten ^22. Hauptsächlich aber blieb in
+diesem Gebiet das Regiment wie die Zivilisierung den beiden
+Vasallenstaaten, dem jüdischen und dem arabischen, überlassen.
+
+——————————————————————————-
+
+^22 Daß die Dekapolis und die Reorganisation des Pompeius wenigstens
+bis nach Kanata (Kerak) nordwestlich von Bostra reichte, steht durch
+die Zeugnisse der Schriftsteller und durch die nach der pompeianischen
+Ära datierten Münzen fest (Waddington zu 2412 d). Wahrscheinlich
+gehören derselben Stadt die Münzen mit dem Namen Γαβείνια Κάναθα und
+Daten derselben Ära (Reichard, Zeitschrift für Numismatik 7,1880, S.
+53); es würde danach dieser Ort zu den zahlreichen von Gabinius
+restituierten gehören (Ios. ant. Iud. 14, 5, 3). Waddington freilich
+(zu 2329) gibt diese Münzen, so weit er sie kannte, dem zweiten Ort
+dieses Namens, dem heutigen Kanawât, der eigentlichen Hauptstadt des
+Haurân, nordwärts von Bostra; aber es ist wenig wahrscheinlich, daß
+Pompeius’ und Gabinius’ Organisation sich so weit ostwärts erstreckt
+hat. Vermutlich ist diese zweite Stadt jünger und benannt nach der
+ersten, der östlichsten der Dekapolis.
+
+——————————————————————————-
+
+Von dem König der Juden, Herodes und seinem Hause, wird anderweitig
+noch die Rede sein; hier haben wir seiner Tätigkeit zu gedenken für die
+Ausdehnung der Zivilisation gegen Osten. Sein Herrschaftsgebiet
+erstreckte sich über beide Ufer des Jordan in seiner ganzen Ausdehnung,
+nordwärts bis wenigstens nach Chelbon, nordwestlich von Damaskos,
+südlich bis an das Tote Meer, während die Landschaft weiter östlich
+zwischen seinem Reich und der Wüste dem Araberkönig überwiesen war. Er
+und seine Nachkommen, die hier noch nach der Einziehung der Herrschaft
+von Jerusalem bis auf Traian das Regiment führten und späterhin in
+Ceasarea Paneas im südlichen Libanos residierten, waren energisch
+bemüht, die Eingeborenen zu zähmen. Die ältesten Zeugnisse einer
+gewissen Kultur in diesen Gegenden sind wohl die Höhlenstädte, von
+denen im Buch der Richter die Rede ist, große unterirdische, durch
+Luftlöcher bewohnbar gemachte Samtverstecke mit Gassen und Brunnen,
+geeignet, Menschen und Herden zu bergen, schwer zu finden und auch
+gefunden schwer zu bezwingen. Ihr bloßes Dasein zeigt die
+Vergewaltigung der friedlichen Bewohner durch die unsteten Söhne der
+Steppe. “Diese Striche”, sagt Josephus, wo er die Zustände im Haurân
+unter Augustus schildert, “wurden bewohnt von wilden Stämmen ohne
+Städte und ohne feste Äcker, welche mit ihren Herden unter der Erde in
+Höhlen mit schmalem Eingang und weiten verschlungenen Gassen hausten,
+aber mit Wasser und Vorräten reichlich versehen, schwer zu bezwingen
+waren.” Einzelne dieser Höhlenstädte fassen bis 400 Köpfe. Ein
+merkwürdiges Edikt des ersten oder zweiten Agrippa, wovon sich
+Bruchstücke in Kanatha (Kanawât) gefunden haben, fordert die Einwohner
+auf, von ihren “Tierzuständen” zu lassen und das Höhlenleben mit
+zivilisierter Existenz zu vertauschen. Die nicht ansässigen Araber
+lebten hauptsächlich vom Ausplündern teils der benachbarten Bauern,
+teils der durchziehenden Karawanen; die Unsicherheit wurde dadurch
+gesteigert, daß der kleine Fürst Zenodoros von Abila nordwärts Damaskos
+im Antilibanos, dem Augustus die Aufsicht über den Trachon übertragen
+hatte, es vorzog, mit den Räubern gemeinschaftliche Sache zu machen,
+und sich an ihrem Gewinn im stillen beteiligte. Eben infolgedessen wies
+der Kaiser dies Gebiet dem Herodes zu, und dessen rücksichtsloser
+Energie gelang einigermaßen die Bändigung dieser Räuberwirtschaft. Der
+König scheint an der Ostgrenze eine Linie befestigter und königlichen
+Kommandanten (έπαρχοι) unterstellter Militärposten eingerichtet zu
+haben. Er hätte noch mehr erreicht, wenn das nabatäische Gebiet den
+Räubern nicht eine Freistatt geboten hätte; es war dies eine der
+Ursachen der Entzweiung zwischen ihm und seinem arabischen Kollegen
+^23. Die hellenisierende Tendenz tritt auf diesem Gebiete ebenso stark
+und minder unerfreulich hervor wie in seinem Regiment in der Heimat.
+Wie alle Münzen des Herodes und der Herodeer griechisch sind, so trägt
+im transjordanischen Land zwar das älteste Denkmal mit Inschrift, das
+wir kennen, der Tempel des Baalsamin bei Kanatha, eine aramäische
+Dedikation; aber die dort aufgestellten Ehrenbasen, darunter eine für
+Herodes den Großen ^24, sind zweisprachig oder bloß griechisch; unter
+seinen Nachfolgern herrscht das Griechische allein.
+
+————————————————————-
+
+^23 Die “flüchtigen Leute aus der Tetrarchie des Philippos”, welche im
+Heer des Tetrarchen von Galiläa Herodes Antipas dienen und in der
+Schlacht gegen den Araber Aretas zum Feinde übergehen (Ios. ant. Iud.
+18, 5, 1), sind ohne Zweifel auch aus der Trachonitis ausgetriebene
+Araber.
+
+^24 Waddington 2366 = Vogue, Inscriptions du Haouran, n. 3.
+Zweisprachig ist auch die älteste Grabschrift dieser Gegend aus Suweda,
+Waddington 2320 = Vogue n. 1, die einzige im Haurân, die das stumme
+Jota ausdrückt. Die Aufschriften sind auf beiden Denkmälern so
+angebracht, daß nicht zu bestimmen ist, welche Sprache voransteht.
+
+————————————————————-
+
+Neben dem jüdischen stand der schon früher erwähnte “König von Nabat”,
+wie er selber sich nennt. Die Residenz dieser Araberfürsten war die
+“Felsenstadt”, aramäisch Sela, griechisch Petra, eine mittwegs zwischen
+dem Toten Meere und der nordöstlichen Spitze des Arabischen Meerbusens
+gelegene Felsenburg, von jeher ein Stapelplatz für den Verkehr Indiens
+und Arabiens mit dem Mittelmeergebiet. Von der arabischen Halbinsel
+besaßen diese Herrscher die nördliche Hälfte; ihre Gewalt erstreckte
+sich am Arabischen Meerbusen bis nach Leuke Kome gegenüber der
+ägyptischen Stadt Berenike, im Binnenland wenigstens bis in die Gegend
+des alten Thaema ^25. Nördlich von der Halbinsel reichte ihr Gebiet bis
+nach Damaskos, das unter ihrem Schutze stand ^26, und selbst über
+Damaskos hinaus ^27 und umschloß wie mit einem Gürtel das gesamte
+palästinensische Syrien. Nach der Besitznahme Judäas stießen die Römer
+feindlich mit ihnen zusammen, und Marcus Scaurus führte eine Expedition
+gegen Petra. Damals ist es nicht zu ihrer Unterwerfung gekommen; aber
+bald nachher muß dieselbe erfolgt sein ^28. Unter Augustus ist ihr
+König Obodas ebenso reichsuntertänig ^29 wie der Judenkönig Herodes und
+leistet gleich diesem Heerfolge bei der römischen Expedition gegen das
+südliche Arabien. Seit jener Zeit muß der Schutz der Reichsgrenze im
+Süden wie im Osten von Syrien bis hinauf nach Damaskos zunächst in der
+Hand dieses Araberkönigs gelegen haben. Mit dem jüdischen Nachbarn lag
+er in beständiger Fehde. Augustus, erzürnt darüber, daß der Araber
+statt bei dem Lehnsherrn gegen Herodes Recht zu suchen, diesem mit den
+Waffen entgegengetreten war und daß des Obodas Sohn Harethath oder
+griechisch Aretas nach dem Tode des Vaters, statt die Belehnung
+abzuwarten, ohne weiteres die Herrschaft angetreten hatte, war im
+Begriff, diesen abzusetzen und sein Gebiet mit dem jüdischen zu
+vereinigen; aber das Mißregiment des Herodes in seinen späteren Jahren
+hielt ihn davon zurück, und so wurde (um 747 7) Aretas bestätigt.
+Einige Dezennien später begann derselbe wieder auf eigene Hand Krieg
+gegen seinen Schwiegersohn, den Fürsten von Galiläa, Herodes Antipas,
+wegen der Verstoßung seiner Tochter zu Gunsten der schönen Herodias. Er
+behielt die Oberhand, aber der erzürnte Lehnsherr Tiberius befahl dem
+Statthalter von Syrien die Exekution gegen ihn. Schon waren die Truppen
+auf dem Marsche, als Tiberius starb (37); und sein Nachfolger Gaius,
+der dem Antipas nicht wohl wollte, verzieh dem Araber. Des Aretas
+Nachfolger König Maliku oder Malchos focht unter Nero und Vespasian in
+dem Jüdischen Krieg als römischer Vasall und vererbte die Herrschaft
+auf seinen Sohn Rabel, den Zeitgenossen Traians, den letzten dieser
+Regenten. Namentlich nach der Einziehung des Staates von Jerusalem und
+der Reduzierung der ansehnlichen Herrschaft des Herodes auf das wenig
+schlagfertige Königreich von Caesarea Paneas war unter den syrischen
+Klientelstaaten der arabische der ansehnlichste, wie er denn auch zu
+dem Jerusalem belagernden Römerheere unter den königlichen das stärkste
+Kontingent stellte. Des Gebrauchs der griechischen Sprache hat dieser
+Staat sich auch unter römischer Oberhoheit enthalten; die unter der
+Herrschaft seiner Könige geschlagenen Münzen tragen, von Damaskos
+abgesehen, nur aramäische Aufschrift. Aber es zeigen sich die Anfänge
+geordneter Zustände und zivilisierten Regiments. Die Prägung selbst hat
+wahrscheinlich erst begonnen, nachdem der Staat unter römische Klientel
+gekommen war. Der arabisch-indische Verkehr mit dem Mittelmeergebiet
+bewegt sich zum großen Teil auf der von Leuke Kome über Petra nach Gaza
+laufenden, von den Römern überwachten Karawanenstraße ^30. Die Fürsten
+des Nabatäerreiches bedienen sich, ähnlich wie die Gemeinde Palmyra,
+für die Beamten griechischer Ämterbezeichnungen, wie zum Beispiel des
+Eparchen- und des Strategentitels. Wenn unter Tiberius die durch die
+Römer bewirkte gute Ordnung Syriens und die durch die militärische
+Besetzung herbeigeführte Sicherheit der Ernten rühmend hervorgehoben
+wird, so ist dies zunächst zu beziehen auf die in den Klientelstaaten
+von Jerusalem oder nachher von Caesarea Paneas und von Petra
+getroffenen Einrichtungen.
+
+————————————————————-
+
+^25 Bei Medain Sâlih oder Hidjr, südlich von Teimâ, dem alten Thaema,
+sind kürzlich von den Reisenden Doughty und Huber eine Reihe
+nabatäischer Inschriften aufgefunden worden, die, großenteils datiert,
+von der Zeit des Augustus bis zum Tode Vespasians reichen. Lateinische
+Inschriften fehlen, und die wenigen griechischen sind spätester Zeit;
+allem Anschein nach ist bei der Umwandlung des Nabatäischen Reiches in
+eine römische Provinz, was von dem inneren Arabien zu jenem gehörte,
+von den Römern aufgegeben worden.
+
+^26 Die Stadt Damaskos unterwarf sich freiwillig unter den letzten
+Seleukiden um die Zeit der Diktatur Sullas dem damaligen König der
+Nabatäer, vermutlich dem Aretas mit dem Scaurus schlug (Ios. ant. Iud.
+13, 15). Auch die Münzen mit der Aufschrift βασιλεύς Αρέτου φιλέλληνος;
+(Eckhel 3, 330; Luynes, Revue numismatique N. S. 3, 1858, S. 311) sind
+vielleicht in Damaskos geschlagen, als dies von den Nabatäern abhängig
+war; die Jahreszahl auf einer derselben ist zwar nicht mit Sicherheit
+bezogen, führt aber vermutlich in die letzte Zeit der römischen
+Republik. Wahrscheinlich hat diese Abhängigkeit der Stadt von den
+nabatäischen Königen fortbestanden, solange es überhaupt solche gab.
+Daraus, daß die Stadt Münzen mit den Köpfen der römischen Kaiser
+geprägt hat, folgt wohl die Abhängigkeit von Rom und daneben die
+Selbstverwaltung, aber nicht die Unabhängigkeit von dem römischen
+Lehnsfürsten; die derartigen Schutzverhältnisse sind so mannigfaltig
+gestaltet daß diese Ordnungen wohl sich miteinander vertragen konnten.
+Für die Fortdauer des Nabatäerregiments spricht teils, daß der Ethnarch
+des Königs Aretas in Damaskos den Apostel Paulus, wie dieser im 2.
+Brief an die Korinther (11, 32) schreibt, verhaften lassen wollte,
+teils die seit kurzem festgestellte Tatsache (Anm. 27), daß die
+Herrschaft der Nabatäer nordöstlich von Damaskos noch unter Traian
+fortdauerte.
+
+Indem man umgekehrt davon ausging, daß, wenn Aretas in Damaskos
+herrscht, die Stadt nicht römisch sein kann hat man auf verschiedenen
+Wegen versucht, jenen Vorgang im Leben des Paulus chronologisch zu
+fixieren. Man hat an die Verwicklung zwischen Aretas und der römischen
+Regierung in den letzten Jahren des Tiberius gedacht; aber wie diese
+verlief, ist es nicht wahrscheinlich, daß sie in dem Besitzstand des
+Aretas eine dauernde Veränderung herbeigeführt hat. Melchior de Vogue
+(Mélanges d’archéologie orientale. Paris 1869, S. 33) hat darauf
+hingewiesen daß zwischen Tiberius und Nero - genauer zwischen den
+Jahren 33 und 62 (F. C. Saulcy, Numismatique de la Terre-Sainte. Paris
+1874, S. 36) - Kaisermünzen von Damaskos fehlen und das Regiment der
+Nabatäer daselbst in diese Zwischenzeit gesetzt, indem er annahm, daß
+Kaiser Gaius wie so vielen anderen Lehnsfürsten, auch dem Araber seine
+Huld erwiesen und ihn mit Damaskos belehnt habe. Aber derartige
+Unterbrechungen der Prägung treten häufig auf und fordern keine so
+tiefgreifende Erklärung. Man wird wohl darauf verzichten müssen, an dem
+Schalten des Nabatäerkönigs in Damaskos für die Lebensgeschichte des
+Paulus einen chronologischen Haltpunkt zu finden und überhaupt Paulus
+Aufenthalt in dieser Stadt der Zeit nach zu definieren. Wenn der auf
+jeden Fall stark verschobenen Darstellung des Vorgangs in der
+Apostelgeschichte 9 insoweit zu trauen ist, ging Paulus nach Damaskos
+vor der Bekehrung, um die Christenverfolgung, in welcher Stephanos
+umgekommen war, dort fortzusetzen, und beschlossen dann, als er bekehrt
+in Damaskos vielmehr für die Christen eintrat die dortigen Juden ihn
+umzubringen, wobei also vorausgesetzt werden muß, daß der Beamte des
+Aretas, ähnlich wie Pilatus, der Ketzer-Verfolgung der Juden Raum gab.
+Aus den zuverlässigen Angaben des Galaterbriefes folgt ferner, daß die
+Bekehrung bei Damaskos stattfand (denn dies zeigt das υπέστρεψα) und
+Paulus von da nach Arabien ging; ferner daß er drei Jahre nach der
+Bekehrung zum ersten und siebzehn Jahre nach derselben zum zweiten Mal
+nach Jerusalem kam, wonach die apokryphen Berichte der
+Apostelgeschichte über seine Jerusalemreisen zu berichtigen sind (E.
+Zeller, Die Apostelgeschichte kritisch untersucht. Stuttgart 1854, S.
+216). Aber weder ist die Zeit des Todes des Stephanos genau bestimmbar,
+noch viel weniger der Zeitraum zwischen diesem und der Flucht des
+bekehrten Paulus aus Damaskos, noch die Zwischenzeit zwischen seiner
+zweiten Reise nach Jerusalem und der Abfassung des Galaterbriefes, noch
+das Jahr der Abfassung desselben selbst.
+
+^27 Die kürzlich bei Dmer, nordöstlich von Damaskos auf der Straße nach
+Palmyra, gefundene nabatäische Inschrift (Sachau, ZDMG 38, 1884 S.
+535), datiert aus dem Monat Ijjar des Jahres 405 nach römischer (d. h.
+seleukidischer) Zählung und dem 24. Jahr des Königs Rabel, des letzten
+nabatäischen, also aus dem Mai 94 n. Chr., hat gezeigt, daß dieser
+Distrikt bis auf die Einziehung dieses Reiches unter der Herrschaft der
+Nabatäer geblieben ist. Übrigens scheinen die Herrschaftsgebiete hier
+geographisch durcheinander gewürfelt gewesen zu sein; so stritten um
+das Gebiet von Gamala am See Genezareth der Tetrarch von Galiläa und
+der Nabatäerkönig (Ios. ant. Iud. 18, 5, 1).
+
+^28 Vielleicht durch Gabinius (App. Syr. 51).
+
+^29 Strab. 16, 4, 21 p. 779. Die Münzen dieser Könige zeigen indes den
+Kaiserkopf nicht. Aber daß im Nabatäischen Reiche nach römischen
+Kaiserjahren datiert werden konnte, beweist die nabatäische Inschrift
+von Hebrän (M. de Vogue, l’Architecture civile et religieuse dans la
+Syrie centrale. 2 Bde. Paris 1865-77. Inscr. n. 1), datiert vom 7. Jahr
+des Claudius, also vom Jahre 47. Hebrân, wenig nördlich von Bostra,
+scheint auch später zu Arabien gerechnet worden zu sein
+(Lebas-Waddington 2287), und nabatäische Inschriften öffentlichen
+Inhalts begegnen außerhalb des Nabatäerstaats nicht; die wenigen der
+Art aus der Trachonitis sind privater Natur.
+
+^30 “Leuke Kome im Lande der Nabatäer”, sagt Strabon unter Tiberius
+(16, 4, 23 p. 780), “ist ein großer Handelsplatz, wohin und von wo die
+Karawanenhändler (καμηλέμποροι) mit so zahlreichen Leuten und Kamelen
+sicher und bequem von und nach Petra gehen, daß sie in nichts von
+Heerlagern sich unterscheiden.” Auch der unter Vespasian schreibende
+ägyptische Kaufmann erwähnt in seiner Küstenbeschreibung des Roten
+Meeres c. 19 “den Hafen und die Festung (φρούριον) Leuke Kome von wo
+der Weg nach Petra führt zum König der Nabatäer Malichas. Er kann als
+Handelsplatz gelten für die auf nicht eben großen Schiffen dorthin aus
+Arabien verschifften Waren. Darum wird dorthin ein Einnehmer geschickt
+(αποστέλλεται) des Eingangszolls von einem Viertel des Wertes und der
+Sicherheit wegen ein Centurio (εκατοντάρχης) mit Mannschaft.” Da ein
+römischer Reichsangehöriger hier des Schickens von Beamten und Soldaten
+erwähnt, so können dies nur römische sein; auch paßt für das Heer des
+Nabatäerkönigs der Centurio nicht und ist die Steuerreform ganz die
+römische. Daß ein Klientelstaat in das Gebiet der Reichssteuer
+eingezogen wird, kommt auch sonst, zum Beispiel in den Alpengegenden
+vor. Die Straße von Petra nach Gaza erwähnt Plinius nat. 6, 28, 144.
+
+————————————————————-
+
+Unter Traianus trat an die Stelle dieser beiden Klientelstaaten die
+unmittelbare römische Herrschaft. Im Anfang seiner Regierung starb
+König Agrippa II., und es wurde sein Gebiet mit der Provinz Syrien
+vereinigt. Nicht lange darauf, im Jahre 106, löste der Statthalter
+Aulus Cornelius Palma das bisherige Reich der Könige von Nabat auf und
+machte aus dem größeren Teil desselben die römische Provinz Arabia,
+während Damaskos zu Syrien kam und was der Nabatäerkönig im Binnenland
+Arabiens besessen hatte, von den Römern aufgegeben ward. Die
+Einrichtung Arabiens wird als Unterwerfung bezeichnet, und auch die
+Münzen, welche die Besitzergreifung von Arabien feiern, sprechen dafür,
+daß die Nabatäer sich zur Wehr setzten, wie denn überhaupt die
+Beschaffenheit ihres Gebiets sowie ihr bisheriges Verhalten eine
+relative Selbständigkeit dieser Fürsten annehmen lassen. Aber nicht in
+dem Kriegserfolg darf die geschichtliche Bedeutung dieser Vorgänge
+gesucht werden; die beiden ohne Zweifel zusammengehörigen Einziehungen
+waren nicht mehr als vielleicht mit militärischer Gewalt durchgeführte
+Verwaltungsakte, und die Tendenz, diese Gebiete der Zivilisation und
+speziell dem Hellenismus zu gewinnen, wird dadurch nur gesteigert, daß
+die römische Regierung die Arbeit selbst auf sich nimmt. Der
+Hellenismus des Orients, wie ihn Alexander zusammengefaßt hat, war eine
+streitende Kirche, eine politisch, religiös, wirtschaftlich,
+literarisch vordringende, durchaus erobernde Macht. Hier an dem Saum
+der Wüste, unter dem Druck des antihellenischen Judentums und
+gehandhabt von dem geistlosen und unsteten Seleukidenregiment, hatte er
+bisher wenig ausgerichtet. Aber jetzt das Römertum durchdringend,
+entwickelt er eine treibende Kraft, welche sich zu der früheren verhält
+wie die Macht der jüdischen und der arabischen Lehnsfürsten zu
+derjenigen des Römischen Reiches. In diesem Lande, wo alles darauf
+ankam und ankommt, durch Aufstellung einer überlegenen und ständigen
+Militärmacht den Friedensstand zu schirmen, war die Einrichtung eines
+Legionslagers in Bostra unter einem Kommandanten senatorischen Ranges
+ein epochemachendes Ereignis. Von diesem Mittelpunkt aus wurden an den
+zweckmäßigen Stellen die erforderlichen Posten eingerichtet und mit
+Besatzung versehen. Beispielsweise verdient Erwähnung das Kastell -von
+Namara (Nemâra), einen starken Tagemarsch jenseits der Grenzen des
+eigentlich bewohnbaren Berglandes, inmitten der Steinwüste, aber
+gebietend über den einzigen, innerhalb derselben befindlichen Brunnen
+und die daran sich anschließenden bei der schon erwähnten Oase von
+Ruhbe und weiterhin am Djebel Ses; diese Besatzungen zusammen
+beherrschen das gesamte Vorland des Haurân. Eine andere Reihe von
+Kastellen, dem syrischen Kommando und zunächst dem der bei Danava
+postierten Legion unterstellt und in gleichmäßigen Distanzen von drei
+zu drei Stunden angelegt, sicherte die Straße von Damaskos nach
+Palmyra; das am besten bekannte davon, das zweite in der Reihe, ist das
+von Dmer, ein längeres Viereck von je 300 und 350 Schritt, auf jeder
+Seite mit sechs Türmen und einem fünfzehn Schritte breiten Portal
+versehen und umfaßt von einer einstmals außen mit schönen Quadern
+bekleideten Ringmauer von sechzehn Fuß Dicke.
+
+Niemals war eine solche Ägide über dieses Land gebreitet worden. Es
+wurde nicht eigentlich denationalisiert. Die arabischen Namen bleiben
+bis in die späteste Zeit hinab, wenngleich nicht selten, eben wie in
+Syrien, dem örtlichen ein römisch-hellenischer beigefügt wird: so nennt
+sich ein Scheich “Adrianos oder Soaidos, Sohn des Malechos” ^31. Auch
+der einheimische Kultus bleibt unangetastet: die Hauptgottheit der
+Nabatäer, der Dusaris, wird wohl mit dem Dionysos geglichen, aber
+regelmäßig unter seinem örtlichen Namen auch ferner verehrt, und bis in
+späte Zeit feiern die Bostrener zu seinen Ehren die Dusarien ^32. In
+gleicher Weise werden in der Provinz Arabia dem Aumu oder dem Helios,
+dem Vasaeathu, dem Theandritos, dem Ethaos auch ferner Tempel geweiht
+und Opfer dargebracht. Die Stämme und die Stammordnung bleiben nicht
+minder: die Inschriften nennen Reihen von “Phylen” einheimischen Namens
+und öfter Phylarchen oder Ethnarchen. Aber neben der hergebrachten
+Weise schreitet die Zivilisierung und die Hellenisierung vorwärts. Wenn
+aus vortraianischer Zeit im Bereich des Nabatäerstaats kein
+griechisches Denkmal nachgewiesen werden kann, so ist umgekehrt
+daselbst kein nachtraianisches in der Landessprache gefunden worden
+^33; allem Anschein nach hat die Reichsregierung den Schriftgebrauch
+des Aramäischen gleich bei der Einziehung unterdrückt, obwohl dasselbe
+sicher die eigentliche Landessprache blieb, wie dies außer den
+Eigennamen auch der “Dolmetsch der Steuereinnehmer” bezeugt.
+
+——————————————————————————————
+
+^31 Waddington 2196: Αδριανού τού καί Σοαίδου Μαλέχου εθνάρχου
+στρατηγού νομάδων τό μνημίον.
+
+^32 Epiphanius (haeres. 51 p. 483 Dind.) führt aus, daß der 25.
+Dezember, der Geburtstag Christi, schon in Rom in dem Saturnalienfest,
+in Alexandreia in dem (auch im Dekret von Kanopos erwähnten) Fest der
+Kikellia und in anderen heidnischen Kulturen in analoger Art festlich
+begangen worden sei. “Dies geschieht in Alexandreia in dem sogenannten
+Jungfrauenheiligtum (Κόριον) . .. und wenn man die Leute fragt, was
+dies Mysterium bedeute, so antworten und sagen sie, daß heute in dieser
+Stunde die Jungfrau den Ewigen (τόν αιώνα) geboren habe. Dies geschieht
+in gleicher Weise in Petra, der Hauptstadt von Arabia, in dem dortigen
+Tempel, und in arabischer Sprache besingen sie die Jungfrau, welche sie
+auf arabisch Chaamu nennen, das heißt das Mädchen, und den aus ihr
+Geborenen Dusares, das heißt den Eingeborenen des Herrn.” Der Name
+Chaamu ist vielleicht verwandt mit dem Aumu oder Aumos der griechischen
+Inschriften dieser Gegend, der mit Υεύς ανίκητος Ήλιος geglichen wird
+(Waddington 2392-2395, 2441, 2455, 2456).
+
+^33 Dabei ist abgesehen von der merkwürdigen, in Harrân unweit Zorava
+gefundenen arabisch-griechischen Inschrift (man beachte die Folge) vom
+Jahre 568 n. Chr., gesetzt von dem Phylarchen Asaraelos, Sohn des
+Talemos (Waddington 2464). Dieser Christ ist ein Vorläufer Mohammeds.
+
+——————————————————————————————
+
+Über die Hebung des Ackerbaues fehlen uns redende Zeugen; aber wenn auf
+der ganzen östlichen und südlichen Abdachung des Haurân von den Spitzen
+des Gebirges bis zur Wüste hin die Steine, mit denen diese vulkanische
+Ebene einst besät war, zu Haufen geworfen oder in langen Zeilen
+geschichtet und so die herrlichsten Äcker gewonnen sind, so darf man
+darin die Hand der einzigen Regierung erkennen, die dieses Land so
+regiert hat, wie es regiert werden kann und regiert werden sollte. In
+der Ledjâ, einem dreizehn Stunden langen und acht bis neun breiten
+Lavaplateau, das jetzt fast menschenleer ist, wuchsen einst Reben und
+Feigen zwischen den Lavaströmen; quer durch dasselbe führt die Bostra
+mit Damaskos verbindende Römerstraße; in der Ledjâ und um sie zählt man
+die Ruinen von 12 größeren und 39 kleineren Ortschaften. Erweislich ist
+auf Geheiß desselben Statthalters, der die Provinz Arabia eingerichtet
+hat, der mächtige Aquädukt angelegt worden, welcher das Wasser vom
+Gebirge des Haurân nach Kanatha (Kerak) in der Ebene führte, und nicht
+weit davon ein ähnlicher in Arrha (Rahâ), Bauten Traians, die neben dem
+Hafen von Ostia und dem Forum von Rom genannt werden dürfen. Für das
+Aufblühen des Handelsverkehrs spricht die Wahl selbst der Hauptstadt
+der neuen Provinz. Bostra bestand unter der nabatäischen Regierung und
+es hat sich dort eine Inschrift des Königs Malichu gefunden; aber seine
+militärische und kommerzielle Bedeutung beginnt mit dem Eintritt des
+unmittelbaren römischen Regiments. “Bostra”, sagt Wetzstein, “hat unter
+allen ostsyrischen Städten die günstigste Lage; selbst Damaskos,
+welches seine Größe der Menge seines Wassers und seiner durch den
+östlichen Trachon geschützten Lage verdankt, wird Bostra nur unter
+einer schwachen Regierung überstrahlen, während letzteres unter einem
+starken und weisen Regiment sich in wenigen Jahrzehnten zu einer
+märchenhaften Blüte emporschwingen muß. Es ist der große Markt für die
+syrische Wüste, das arabische Hochgebirge und die Peraea, und seine
+langen Reihen steinerner Buden legen noch jetzt in der Verödung Zeugnis
+ab von der Realität einer früheren und der Möglichkeit einer künftigen
+Größe.” Die Reste der von dort über Salchat und Ezrak zum Persischen
+Meerbusen führenden römischen Straße beweisen, daß Bostra neben Petra
+und Palmyra den Verkehr vom Osten zum Mittelmeer vermittelte. Diese
+Stadt hat wahrscheinlich schon Traian hellenisch konstituiert;
+wenigstens heißt sie seitdem “das neue traianische Bostra”, und die
+griechischen Münzen beginnen mit Plus, während später infolge der
+Erteilung des Kolonialrechts durch Alexander die Aufschrift lateinisch
+wird.
+
+Auch Petra hat schon unter Hadrian griechische Stadtverfassung gehabt
+und noch einzelne andere Ortschaften späterhin Stadtrecht empfangen;
+überwogen aber hat in diesem Arabergebiet bis in die späteste Zeit der
+Stamm und das Stammdorf.
+
+Aus der Mischung nationaler und griechischer Elemente entwickelte sich
+in diesen Landschaften in dem halben Jahrtausend zwischen Traian und
+Mohammed eine eigenartige Zivilisation. Es ist uns davon ein volleres
+Abbild erhalten als von anderen Gestaltungen der antiken Welt, indem
+die zum großen Teil aus dem Felsen herausgearbeiteten Anlagen von Petra
+und die bei dem Mangel des Holzes ganz aus Stein aufgeführten Bauwerke
+im Haurân, verhältnismäßig wenig beschädigt durch die mit dem Islam
+hier wieder in ihr altes Unrecht eingesetzte Beduinenherrschaft, zu
+einem beträchtlichen Teil noch heute vorhanden sind und auf die
+Kunstfertigkeit und Lebensweise jener Jahrhunderte helles Licht werfen.
+Der oben erwähnte Tempel des Baalsamin von Kanatha, sicher unter
+Herodes gebaut, zeigt in seinen ursprünglichen Teilen eine völlige
+Verschiedenheit von der griechischen Architektur und in der
+architektonischen Anlage merkwürdige Analogien mit dem Tempelbau
+desselben Königs in Jerusalem, während die bei diesem vermiedenen
+bildlichen Darstellungen hier keineswegs fehlen. Ähnliches ist auch bei
+den in Petra gefundenen Denkmälern beobachtet worden. Später ging man
+weiter. Wenn unter den jüdischen und den nabatäischen Herrschern die
+Kultur nur langsam sich von den Einflüssen des Orients löste, so
+scheint mit der Verlegung der Legion nach Bostra hier eine neue Zeit
+begonnen zu haben. “Das Bauen”, sagt ein vortrefflicher französischer
+Beobachter, Melchior de Vogue, “erhielt damit einen Anstoß, der nicht
+wieder zum Stillstand kam. Überall erhoben sich Häuser, Paläste, Bäder,
+Tempel, Theater, Aquädukte, Triumphbogen; Städte stiegen aus dem Boden
+binnen weniger Jahre mit der regelmäßigen Anlage, den symmetrisch
+geführten Säulenreihen, die die Städte ohne Vergangenheit bezeichnen
+und für diesen Teil Syriens während der Kaiserzeit gleichsam die
+unvermeidliche Uniform sind.” Die östliche und südliche Abdachung des
+Haurân weist ungefähr dreihundert derartige verödete Städte und Dörfer
+auf, während dort jetzt nur fünf neue Ortschaften vorhanden sind;
+einzelne von jenen, zum Beispiel Bûsân, zählen bis 800 ein- bis
+zweistöckige Häuser, durchaus aus Basalt gebaut, mit wohlgefügten, ohne
+Zement verbundenen Quadermauern, meist ornamentierten, oft auch mit
+Inschriften versehenen Türen, die flache Decke gebildet durch
+Steinbalken, welche von Steinbogen getragen und oben durch eine
+Zementlage regenfrei gestellt werden. Die Stadtmauer wird gewöhnlich
+nur durch die zusammengeschlossenen Rückseiten der Häuser gebildet und
+ist durch zahlreiche Türme geschützt. Die dürftigen
+Rekolonisierungsversuche der neuesten Zeiten finden die Häuser
+bewohnbar vor; es fehlt nur die fleißige Menschenhand oder vielmehr der
+starke Arm, der sie beschützt. Vor den Toren liegen die oft
+unterirdischen oder mit künstlichem Steindach versehenen Zisternen, von
+denen manche noch heute, wo diese Städtewüste zum Weideland geworden
+ist, von den Beduinen im Stande gehalten werden, um daraus im Sommer
+ihre Herden zu tränken. Die Bauweise und die Kunstübung haben wohl
+einzelne Überreste der älteren orientalischen Weise bewahrt, zum
+Beispiel die häufige Grabform des mit einer Pyramide gekrönten Würfels,
+vielleicht auch die oft dem Grabmal beigefügten, noch heute in ganz
+Syrien häufigen Taubentürme, ist aber, im ganzen genommen, die
+gewöhnliche griechische der Kaiserzeit. Nur hat das Fehlen des Holzes
+hier eine Entwicklung des Steinbogens und der Kuppel hervorgerufen, die
+technisch wie künstlerisch diesen Bauten einen originellen Charakter
+verleiht. Im Gegensatz zu der anderswo üblichen gewohnheitsmäßigen
+Wiederholung der überlieferten Formen herrscht hier eine den
+Bedürfnissen und den Bedingungen selbständig genügende, in der
+Ornamentik maßhaltende, durchaus gesunde und rationelle und auch der
+Eleganz nicht entbehrende Architektur. Die Grabstätten, welche in die
+östlich und westlich von Petra aufsteigenden Felswände und in deren
+Seitentäler eingebrochen sind, mit ihren oft in mehreren Reihen
+übereinandergestellten dorischen oder korinthischen Säulenfassaden und
+ihren an das ägyptische Theben erinnernden Pyramiden und Propyläen sind
+nicht künstlerisch erfreulich, aber imponierend durch Masse und
+Reichtum. Nur ein reges Leben und ein hoher Wohlstand hat also für
+seine Toten zu sorgen vermocht. Diesen architektonischen Denkmälern
+gegenüber befremdet es nicht, wenn die Inschriften eines Theaters in
+dem “Dorf” (κώμη) Sakkaea, eines “theaterförmigen Odeons” in Kanatha
+Erwähnung tun und ein Lokalpoet von Namara in der Batanaea sich selber
+feiert als den “Meister der herrlichen Kunst stolzen ausonischen Lieds”
+^34. Also ward an dieser Ostgrenze des Reiches der hellenischen
+Zivilisation ein Grenzgebiet gewonnen, das mit dem romanisierten
+Rheinland zusammengestellt werden darf; die Bogen- und Kuppelbauten
+Ostsyriens halten wohl den Vergleich aus mit den Schlössern und
+Grabmälern der Edlen und der Kaufherren der Belgica.
+
+——————————————————————————-
+
+^34 Αυσονίων μούσης υψινόου πρύτανις. G. Kaibel, Epigrammata Graeca.
+Berlin 1878, 440.
+
+——————————————————————————-
+
+Aber es kam das Ende. Von den aus dem Süden hierher einwandernden
+Araberstämmen schweigt die geschichtliche Überlieferung der Römer, und
+was die späten Aufzeichnungen der Araber über die der Ghassaniden und
+deren Vorläufer berichten, ist wenigstens chronologisch kaum zu
+fixieren ^35. Aber die Sabäer, nach denen der Ort Borechath (Brêka
+nördlich von Kanawat) genannt wird, scheinen in der Tat südarabische
+Auswanderer zu sein; und diese saßen hier bereits im 3. Jahrhundert.
+Sie und ihre Genossen mögen in Frieden gekommen und unter römischer
+Ägide seßhaft geworden sein, vielleicht sogar die hochentwickelte und
+üppige Kultur des südwestlichen Arabien nach Syrien getragen haben.
+Solange das Reich fest zusammenhielt und jeder dieser Stämme unter
+seinem Scheich stand, gehorchten alle dem römischen Oberherrn. Aber um
+den unter einem König geeinigten Arabern oder, wie sie jetzt heißen,
+Sarazenen des Perserreiches besser zu begegnen, unterwarf Justinian
+während des Persischen Krieges im Jahre 531 sämtliche Phylarchen der
+den Römern untertänigen Sarazenen dem Arethas, des Gabala Sohn, und
+verlieh diesem den Königstitel, was bis dahin, wie hinzugesetzt wird,
+niemals geschehen war. Dieser König der sämtlichen in Syrien ansässigen
+Araberstämme war noch des Reiches Lehnsträger; aber indem er seine
+Landsleute abwehrte, bereitete er zugleich ihnen die Stätte. Ein
+Jahrhundert später, im Jahre 637, unterlag Arabien und Syrien dem
+Islam.
+
+——————————————————————————-
+
+^35 Nach den arabischen Berichten wanderten die Benu Sâlih aus der
+Gegend von Mekka (um 190 n. Chr. nach den Ansetzungen von A. P. Caussin
+de Perceval, Essai sur l’histoire des Arabes avant l’Islamisme. Bd. 1.
+Paris 1847, S. 212) nach Syrien und siedelten sich hier an neben den
+Benu-Samaida, in denen Waddington die φυλή Σομαιθηνών einer Inschrift
+von Suweda (n. 2308) wiederfindet. Die Ghassaniden, die (nach Caussin
+um 205) von Batn-Marr ebenfalls nach Syrien in dieselbe Gegend
+einwanderten, wurden von den Salihîten auf Anweisung der Römer
+gezwungen, Tribut zu zahlen und entrichteten diesen eine Zeitlang, bis
+sie (nach demselben um das Jahr 292) die Salihîten überwanden und ihr
+Führer Thalaba, Sohn Amts, von den Römern als Phylarch anerkannt ward.
+Diese Erzählung mag richtige Elemente enthalten; aber maßgebend bleibt
+immer der im Text wiedergegebene Bericht Prokops (Pers. 1, 17). Die
+Phylarchen einzelner Provinzen, von Arabia (d. h. Provinz Bostra: nov.
+102 c. 1) und von Palästina (d. h. Provinz Petra: Prok. Pers. 1, 19)
+sind älter, aber wohl nicht um viel. Wäre ein Oberscheich dieser Art in
+vorjustinianischer Zeit von den Römern anerkannt worden, so würden die
+römischen Schriftsteller und die Inschriften davon wohl die Spuren
+aufweisen; aber aus vorjustinianischer Zeit fehlt es an solchen.
+
+
+
+
+KAPITEL XI.
+Judäa und die Juden
+
+
+Die Geschichte des jüdischen Landes ist so wenig die Geschichte des
+jüdischen Volkes wie die Geschichte des Kirchenstaates die der
+Katholiken; es ist ebenso erforderlich, beides zu sondern wie beides
+zusammen zu erwägen.
+
+Die Juden im Jordanland, mit welchen die Römer zu schaffen hatten,
+waren nicht dasjenige Volk, das unter seinen Richtern und Königen mit
+Moab und Edom schlug und den Reden des Amos und Hosea lauschte. Die
+durch die Fremdherrschaft ausgetriebene und durch den Wechsel der
+Fremdherrschaft wieder zurückgeführte kleine Gemeinde frommer
+Exulanten, welche ihre neue Einrichtung damit begann, die Reste der in
+den alten Sitzen zurückgebliebenen Stammgenossen schroff zurückzuweisen
+und zu der unversöhnlichen Fehde zwischen Juden und Samaritern den
+Grund zu legen, das Ideal nationaler Exklusivität und priesterlicher
+Geistesfesselung, hatte lange vor der römischen Zeit unter dem Regiment
+der Seleukiden die sogenannte mosaische Theokratie entwickelt, ein
+geistliches Kollegium mit dem Erzpriester an der Spitze, welches bei
+der Fremdherrschaft, sich beruhigend und auf staatliche Gestaltung
+verzichtend, die Besonderheit der Seinigen wahrte und unter der Ägide
+der Schutzmacht dieselben beherrschte. Dies den Staat ignorierende
+Festhalten der nationalen Eigenart in religiösen Formen ist die
+Signatur des späteren Judentums. Wohl ist jeder Gottesbegriff in seiner
+Bildung volkstümlich; aber kein anderer Gott ist so von Haus aus der
+Gott nur der Seinen gewesen wie Jahve, und keiner es so ohne
+Unterschied von Zeit und Ort geblieben. Jene in das Heilige Land
+Zurückwandernden, welche nach den Satzungen Mosis zu leben meinten, und
+in der Tat lebten nach den Satzungen Ezras und Nehemias, waren von den
+Großkönigen des Orients und später von den Seleukiden gerade ebenso
+abhängig geblieben, wie sie es an den Wassern Babylons gewesen waren.
+Ein politisches Element haftet dieser Organisation nicht mehr an als
+der armenischen oder der griechischen Kirche unter ihren Patriarchen im
+türkischen Reich; kein freier Luftzug staatlicher Entwicklung geht
+durch diese klerikale Restauration; keine der schweren und ernsten
+Verpflichtungen des auf sich selbst gestellten Gemeinwesens behinderte
+die Priester des Tempels von Jerusalem in der Herstellung des Reiches
+Jahves auf Erden.
+
+Der Gegenschlag blieb nicht aus. Jener Kirchenunstaat konnte nur
+dauern, solange eine weltliche Großmacht ihm als Schirmherr oder auch
+als Büttel diente. Als das Reich der Seleukiden verfiel, ward durch die
+Auflehnung gegen die Fremdherrschaft, die eben aus dem begeisterten
+Volksglauben ihre besten Kräfte zog, wieder ein jüdisches Gemeinwesen
+geschaffen. Der Erzpriester von Salem wurde vom Tempel auf das
+Schlachtfeld gerufen. Das Geschlecht der Hasmonäer stellte nicht bloß
+das Reich Sauls und Davids ungefähr in seinen alten Grenzen wieder her,
+sondern diese kriegerischen Hohenpriester erneuerten auch einigermaßen
+das ehemalige, wahrhaft staatliche, den Priestern gebietende Königtum.
+Aber dasselbe, von jener Priesterherrschaft zugleich das Erzeugnis und
+der Gegensatz, war nicht nach dem Herzen der Frommen. Die Pharisäer und
+die Sadduzäer schieden sich und begannen sich zu befehden. Weniger
+Glaubenssätze und rituelle Differenzen standen hier sich einander
+entgegen als einerseits das Verharren bei einem lediglich die
+religiösen Ordnungen und Interessen festhaltenden, im übrigen für die
+Unabhängigkeit und die Selbstbestimmung der Gemeinde gleichgültigen
+Priesterregiment, andererseits das Königtum, hinstrebend zu staatlicher
+Entwicklung und bemüht, in dem politischen Ringen, dessen Schauplatz
+damals das Syrische Reich war, dem jüdischen Volke durch Schlagen und
+Vertragen wieder seinen Platz zu verschaffen. Jene Richtung beherrschte
+die Menge, diese überwog in der Intelligenz und in den vornehmen
+Klassen; ihr bedeutendster Vertreter ist König Iannaeos Alexandros, der
+während seiner ganzen Regierung nicht minder mit den syrischen
+Herrschern in Fehde lag wie mit seinen Pharisäern. Obwohl sie
+eigentlich nur der andere und in der Tat der natürlichere und
+mächtigere Ausdruck des nationalen Aufschwungs ist, berührte sie sich
+doch in ihrem freieren Denken und Handeln mit dem hellenischen Wesen
+und galt insbesondere den frommen Gegnern als fremdländisch und
+ungläubig.
+
+Aber die Bewohner Palästinas waren nur ein Teil, und nicht der
+bedeutendste Teil der Juden; die babylonischen, syrischen,
+kleinasiatischen, ägyptischen Judengemeinden waren den
+palästinensischen auch nach der Regeneration durch die Makkabäer weit
+überlegen. Mehr als die letztere hat die jüdische Diaspora in der
+Kaiserzeit zu bedeuten gehabt; und sie ist eine durchaus eigenartige
+Erscheinung.
+
+Die Judenansiedlungen außerhalb Palästina sind nur in untergeordnetem
+Grade aus demselben Triebe entwickelt wie die der Phöniker und der
+Hellepen. Von Haus aus ein ackerbauendes und fern von der Küste
+wohnendes Volk, sind ihre Ansiedlungen im Ausland eine unfreie und
+verhältnismäßig späte Bildung, eine Schöpfung Alexanders oder seiner
+Marschälle ^1. An jenen immensen, durch Generationen fortgesetzten
+griechischen Städtegründungen, wie sie in gleichem Umfang nie vorher
+und nie nachher vorgekommen sind, haben die Juden einen hervorragenden
+Anteil gehabt, so seltsam es auch war, eben sie bei der Hellenisierung
+des Orients zur Beihilfe zu berufen. Vor allem gilt dies von Ägypten.
+Die bedeutendste unter allen von Alexander geschaffenen Städten,
+Alexandreia am Nil, ist seit den Zeiten des ersten Ptolemäers, der nach
+der Einnahme Palästinas eine Masse seiner Bewohner dorthin
+übersiedelte, fast ebenso sehr eine Stadt der Juden wie der Griechen,
+die dortige Judenschaft an Zahl, Reichtum, Intelligenz, Organisation
+der jerusalemitischen mindestens gleich zu achten. In der ersten
+Kaiserzeit rechnete man auf acht Millionen Ägypter eine Million Juden,
+und ihr Einfluß reichte vermutlich über dieses Zahlenverhältnis hinaus.
+Daß wetteifernd damit in der syrischen Reichshauptstadt die Judenschaft
+in ähnlicher Weise organisiert und entwickelt worden war, wurde schon
+bemerkt. Von der Ausdehnung und der Bedeutung der Juden Kleinasiens
+zeugt unter anderem der Versuch, den unter Augustus die ionischen
+Griechenstädte, es scheint nach gemeinschaftlicher Verabredung,
+machten, ihre jüdischen Gemeindegenossen entweder zum Rücktritt von
+ihrem Glauben oder zur vollen Übernahme der bürgerlichen Lasten zu
+nötigen. Ohne Zweifel gab es selbständig organisierte Judenschaften in
+sämtlichen neuhellenischen Gründungen ^2 und daneben in zahlreichen
+althellenischen Städten, selbst im eigentlichen Hellas, zum Beispiel in
+Korinth. Die Organisierung vollzog sich durchaus in der Weise, daß den
+Juden ihre Nationalität mit den von ihnen selbst daraus gezogenen
+weitreichenden Konsequenzen gewahrt, nur der Gebrauch der griechischen
+Sprache von ihnen gefordert ward. So wurden bei dieser damals von oben
+herab dem Orient aufgeschmeichelten oder aufgezwungenen Gräzisierung
+die Juden der Griechenstädte griechisch redende Orientalen.
+
+———————————————————————————-
+
+^1 Ob die Rechtsstellung der Juden in Alexandreia mit Recht von
+Josephus (c. Ap. 2, 4) auf Alexander zurückgeführt wird, ist insofern
+zweifelhaft, als, soweit wir wissen, nicht er, sondern der erste
+Ptolemäer massenweise Juden dort ansiedelte (Ios. ant. Iud. 12, 1; App.
+Syr. 50). Die merkwürdige Gleichartigkeit, mit der die Judenschaften in
+den verschiedenen Diadochenstaaten sich gestaltet haben, muß, wenn sie
+nicht auf Alexanders Anordnungen beruht, auf das Rivalisieren und
+Imitieren bei der Städtegründung zurückgeführt werden. Daß Palästina
+bald ägyptisch, bald syrisch war, hat bei diesen Ansiedlungen ohne
+Zweifel wesentlich mitgewirkt.
+
+^2 Der Judengemeinde in Smyrna gedenkt eine kürzlich daselbst gefundene
+Inschrift (Reinach, Revue des Etudes Juives, 1883, S. 161): Ρουφείνα
+Ιουδαία αρχισυναγωγός κατεσκεύασεν τό ενσόριον τοίς απελεθέροις καί
+θρέμμασιν μηδένος άλλου εχουσίαν έχοντος θάψαι τινά. ει δέ τις
+τολμήσει, δώσει τώ ιερωτάτω ταμείω δηναρίους αφ, καί τώ έθνει τών
+Ιουδαίων δηναρίους α. Ταύτης τής επιγράφης τό αντίγραφον αποκείται εις
+τό αρχείον. Einfache Kollegien werden in Strafandrohungen dieser Art
+nicht leicht mit dem Staat oder der Gemeinde auf eine Linie gestellt.
+
+———————————————————————————-
+
+Daß bei den Judengemeinden der makedonischen Städte die griechische
+Sprache nicht bloß im natürlichen Wege des Verkehrs zur Herrschaft
+gelangt, sondern eine ihnen auferlegte Zwangsbestimmung ist, scheint
+aus der Sachlage sich mit Notwendigkeit zu ergeben. In ähnlicher Weise
+hat späterhin Traian mit kleinasiatischen Kolonisten Dakien
+romanisiert. Ohne diesen Zwang hätte die äußerliche Gleichförmigkeit
+der Städtegründung nicht durchgeführt, dies Material für die
+Hellenisierung überhaupt nicht verwendet werden können. Daß die
+heiligen Schriften der Juden schon unter den ersten Ptolemäern in das
+Griechische übertragen wurden, mag wohl so wenig Veranstaltung der
+Regierung gewesen sein wie die Bibelübersetzung Luthers; aber im Sinne
+derselben lag allerdings die sprachliche Hellenisierung der ägyptischen
+Juden, und sie vollzog sich merkwürdig rasch. Wenigstens im Anfang der
+Kaiserzeit, wahrscheinlich lange vorher war die Kenntnis des
+Hebräischen unter den alexandrinischen Juden ziemlich so selten wie
+heutzutage in der christlichen Welt die der Ursprachen der heiligen
+Originale; es wurde mit den Übersetzungsfehlern der sogenannten siebzig
+Alexandriner ungefähr ebenso argumentiert wie von unseren Frommen mit
+den Übersetzungsfehlern Luthers. Die nationale Sprache der Juden war in
+dieser Epoche überall aus dem lebendigen Verkehr verschwunden und
+behauptete sich nur, etwa wie im katholischen Religionsgebiet die
+lateinische, im kirchlichen Gebrauch. In Judäa selbst war sie ersetzt
+worden durch die der hebräischen freilich verwandte aramäische
+Volkssprache Syriens; die Judenschaften außerhalb Judäas, mit denen wir
+uns beschäftigen, hatten das semitische Idiom vollständig abgelegt, und
+erst lange nach dieser Epoche ist jene Reaktion eingetreten, welche
+schulmäßig die Kenntnis und den Gebrauch derselben allgemeiner bei den
+Juden zurückgeführt hat. Die literarischen Arbeiten, die sie während
+dieser Epoche in großer Zahl geliefert haben, sind in der besseren
+Kaiserzeit alle griechisch. Wenn die Sprache allein die Nationalität
+bedingte, so wäre für diese Zeit von den Juden wenig zu berichten.
+
+Aber mit diesem anfänglich vielleicht schwer empfundenen Sprachzwang
+verbindet sich die Anerkennung der besonderen Nationalität mit allen
+ihren Konsequenzen. Überall in den Städten der Alexandermonarchie
+bildete sich die Stadtbewohnerschaft aus den Makedoniern, das heißt den
+wirklich makedonischen oder den ihnen gleichgeachteten Hellenen. Neben
+diesen stehen, außer den Fremden, die Eingeborenen, in Alexandreia die
+Ägypter, in Kyrene die Libyer und überhaupt die Ansiedler aus dem
+Orient, welche zwar auch keine andere Heimat haben als die neue Stadt,
+aber nicht als Hellenen anerkannt werden. Zu dieser zweiten Kategorie
+gehören die Juden; aber ihnen, und nur ihnen, wird es gestattet,
+sozusagen eine Gemeinde in der Gemeinde zu bilden und, während die
+übrigen Nichtbürger von den Behörden der Bürgerschaft regiert werden,
+bis zu einem gewissen Grad sich selbst zu regieren ^3. “Die Juden”,
+sagt Strabon, “haben in Alexandreia ein eigenes Volkshaupt (εθνάρχης),
+welches dem Volke (έθνος) vorsteht und die Prozesse entscheidet und
+über Verträge und Ordnungen verfügt, als beherrsche es eine
+selbständige Gemeinde.” Es geschah dies, weil die Juden eine derartige
+spezifische Jurisdiktion als durch ihre Nationalität oder, was auf
+dasselbe hinauskommt, ihre Religion gefordert bezeichneten. Weiter
+nahmen die allgemeinen staatlichen Ordnungen auf die
+national-religiösen Bedenken der Juden in ausgedehntem Umfang Rücksicht
+und halfen nach Möglichkeit durch Exemptionen aus. Das Zusammenwohnen
+trat wenigstens häufig hinzu; in Alexandreia zum Beispiel waren von den
+fünf Stadtquartieren zwei vorwiegend von Juden bewohnt. Es scheint dies
+nicht das Ghettosystem gewesen zu sein, sondern eher ein durch die
+anfängliche Ansiedlung begründetes und dann von beiden Seiten
+festgehaltenes Herkommen, wodurch nachbarlichen Konflikten einigermaßen
+vorgebeugt ward.
+
+——————————————————————-
+
+^3 Wenn die alexandrinischen Juden später behaupteten, den
+alexandrinischen Makedoniern rechtlich gleichgestellt zu sein (Ios. c.
+Ap. 2, 4; bel. Iud. 2, 18, 7), so war dies eine Entstellung des wahren
+Sachverhältnisses. Sie waren Schutzgenossen zunächst der Phyle der
+Makedonier, wahrscheinlich der vornehmsten von allen, und darum nach
+Dionysos benannt (Theophilus ad Autolycum 2, 7), und weil das
+Judenquartier ein Teil dieser Phyle war, macht Josephus in seiner Weise
+sie selbst zu Makedoniern. Die Rechtsstellung der Bevölkerung der
+Griechenstädte dieser Kategorie erhellt am deutlichsten aus der
+Nachricht Strabons (bei Ios. ant. Iud. 14, 7, 2) über die vier
+Kategorien derjenigen von Kyrene: Stadtbürger, Landleute (γεωργοί),
+Fremde und Juden. Sieht man von den Metöken ab, die ihre rechtliche
+Heimat auswärts haben, so bleiben als heimatberechtigte Kyrenäer die
+vollberechtigten Bürger, also die Hellenen und was man als solche
+gelten ließ, und die zwei Kategorien der vom aktiven Bürgerrecht
+Ausgeschlossenen, die Juden, die eine eigene Gemeinde bilden, und die
+Untertanen, die Libyer, welchen die Autonomie fehlt. Dies konnte leicht
+so verschoben werden, daß die beiden privilegierten Kategorien auch als
+gleichberechtigt erschienen.
+
+——————————————————————-
+
+So kamen die Juden dazu, bei der makedonischen Hellenisierung des
+Orients eine hervorragende Rolle zu spielen; ihre Gefügigkeit und
+Brauchbarkeit einerseits, ihre unnachgiebige Zähigkeit andererseits
+müssen die sehr realistischen Staatsmänner, die diese Wege wiesen,
+bestimmt haben, sich zu solchen Einrichtungen zu entschließen.
+Nichtsdestoweniger bleibt die außerordentliche Ausdehnung und Bedeutung
+der jüdischen Diaspora gegenüber der engen und geringen Heimat wie
+einerseits eine Tatsache, so andererseits ein Problem. Man wird dabei
+nicht übersehen dürfen, daß die palästinensischen Juden für die des
+Auslandes nicht mehr als den Kern geliefert haben. Das Judentum der
+älteren Zeit ist nichts weniger als exklusiv, vielmehr von missionarem
+Eifer nicht minder durchgedrungen wie späterhin das Christentum und der
+Islam. Das Evangelium weiß von den Rabbis, welche Meer und Land
+durchziehen, um einen Proselyten zu machen; die Zulassung der halben
+Proselyten, denen die Beschneidung nicht zugemutet, aber dennoch eine
+religiöse Gemeinschaft gewährt wird, ist ein Zeugnis dieses
+Bekehrungseifers wie zu gleicher Zeit eines seiner wirksamsten Mittel.
+Motive sehr verschiedener Art kamen dieser Propaganda zustatten. Die
+bürgerlichen Privilegien, welche die Lagiden und die Seleukiden den
+Juden erteilten, müssen eine große Zahl nichtjüdischer Orientalen und
+Halbhellenen veranlaßt haben, sich in den Neustädten der privilegierten
+Kategorie der Nichtbürger anzuschließen. In späterer Zeit kam der
+Verfall des traditionellen Landesglaubens der jüdischen Propaganda
+entgegen. Zahlreiche Personen besonders der gebildeten Stände, deren
+gläubige und sittliche Empfindung von dem, was die Griechen, und noch
+mehr von dem, was die Ägypter Religion nannten, sich schaudernd oder
+spottend abwandte, suchten Zuflucht in der einfacheren und reineren,
+der Vielgötterei und dem Bilderdienst absagenden jüdischen Lehre,
+welche den aus dem Niederschlag der philosophischen Entwicklung den
+gebildeten und halbgebildeten Kreisen zugeführten religiösen
+Anschauungen weit entgegenkam. Es gibt ein merkwürdiges griechisches
+Moralgedicht, wahrscheinlich aus der späteren Epoche der römischen
+Republik, welches aus den mosaischen Büchern in der Weise geschöpft
+ist, daß es die monotheistische Lehre und das allgemeine Sittengesetz
+aufnimmt, aber alles dem Nichtjuden Anstößige und alle unmittelbare
+Opposition gegen die herrschende Religion vermeidet, offenbar bestimmt,
+für dies denationalisierte Judentum weitere Kreise zu gewinnen.
+Insbesondere die Frauen wandten sich mit Vorliebe dem jüdischen Glauben
+zu. Als die Behörden von Damaskos im Jahre 66 die gefangenen Juden
+umzubringen beschlossen, wurde verabredet, diesen Beschluß geheim zu
+halten, damit die den Juden ergebene weibliche Bevölkerung nicht die
+Ausführung verhindere. Sogar im Okzident, wo die gebildeten Kreise
+sonst dem jüdischen Wesen abgeneigt waren, machten vornehme Damen schon
+früh eine Ausnahme; die aus edlem Geschlecht entsprossene Gemahlin
+Neros, Poppaea Sabina, war, wie durch andere minder ehrbare Dinge, so
+auch stadtkundig durch ihren frommen Judenglauben und ihr eifriges
+Judenprotektorat. Förmliche Übertritte zum Judentum kamen nicht selten
+vor; das Königshaus von Adiabene zum Beispiel, König Izates und seine
+Mutter Helena sowie sein Bruder und Nachfolger wurden in der Zeit des
+Tiberius und des Claudius in aller Form Juden. Sicher gilt von allen
+jenen Judenschaften, was von der antiochenischen ausdrücklich bemerkt
+wird, daß sie zum großen Teil aus übergetretenen bestanden.
+
+Diese Verpflanzung des Judentums auf den hellenischen Boden unter
+Aneignung einer fremden Sprache vollzog sich, wie sehr sie auch unter
+Festhaltung der nationalen Individualität stattfand, nicht ohne in dem
+Judentum selbst eine seinem Wesen zuwiderlaufende Tendenz zu entwickeln
+und bis zu einem gewissen Grad dasselbe zu denationalisieren. Wie
+mächtig die inmitten der Griechen lebenden Judenschaften von den Wellen
+des griechischen Geisteslebens erfaßt wurden, davon trägt die Literatur
+des letzten Jahrhunderts vor und des ersten nach Christi Geburt die
+Spuren. Sie ist getränkt von jüdischen Elementen, und es sind mit die
+hellsten Köpfe und die geistreichsten Denker, welche entweder als
+Hellenen in das jüdische oder als Juden in das hellenische Wesen den
+Eingang suchen. Nikolaos von Damaskos, selber ein Heide und ein
+namhafter Vertreter der aristotelischen Philosophie, führte nicht bloß
+als Literat und Diplomat des Königs Herodes bei Agrippa wie bei
+Augustus die Sache seines jüdischen Patrons und der Juden, sondern es
+zeigt auch seine historische Schriftstellerei einen sehr ernstlichen
+und für jene Epoche bedeutenden Versuch, den Orient in den Kreis der
+okzidentalischen Forschung hineinzuziehen, während die noch erhaltene
+Schilderung der Jugendjahre des ihm auch persönlich nahegetretenen
+Kaisers Augustus ein denkwürdiges Zeugnis der Liebe und der Verehrung
+ist, welche der römische Herrscher in der griechischen Welt fand. Die
+Abhandlung vom Erhabenen, geschrieben in der ersten Kaiserzeit von
+einem unbekannten Verfasser, eine der feinsten uns aus dem Altertum
+erhaltenen ästhetischen Arbeiten, rührt sicher wenn nicht von einem
+Juden, so doch von einem Manne her, der Homeros und Moses gleichmäßig
+verehrte ^4. Eine andere, ebenfalls anonyme Schrift über das Weltganze,
+gleichfalls ein in seiner Art achtbarer Versuch, die Lehre des
+Aristoteles mit der der Stoa zu verschmelzen, ist vielleicht auch von
+einem Juden geschrieben, sicher dem angesehensten und höchstgestellten
+Juden der neronischen Zeit, dem Generalstabschef des Corbulo und des
+Titus, Tiberius Alexandros gewidmet. Am deutlichsten tritt uns die
+Vermählung der beiden Geisteswelten entgegen in der
+jüdisch-alexandrinischen Philosophie, dem schärfsten und greifbarsten
+Ausdruck einer das Wesen des Judentums nicht bloß ergreifenden, sondern
+auch angreifenden religiösen Bewegung. Die hellenische
+Geistesentwicklung lag im Kampf mit den nationalen Religionen aller
+Art, indem sie deren Anschauungen entweder negierte oder auch mit
+anderem Inhalt erfüllte, die bisherigen Götter aus den Gemütern der
+Menschen austrieb und auf die leeren Plätze entweder nichts setzte oder
+die Gestirne und abstrakte Begriffe. Diese Angriffe trafen auch die
+Religion der Juden. Es bildete sich ein Neujudentum hellenischer
+Bildung, das mit Jehova nicht ganz so arg, aber doch nicht viel anders
+verfuhr als die gebildeten Griechen und Römer mit Zeus und Jupiter. Das
+Universalmittel der sogenannten allegorischen Deutung, wodurch
+insbesondere die Philosophen der Stoa die heidnischen Landesreligionen
+überall in höflicher Weise vor die Türe gesetzt hatten, paßte für die
+Genesis ebenso gut und ebenso schlecht wie für die Götter der Ilias;
+wenn Moses mit Abraham eigentlich den Verstand, mit Sarah die Tugend,
+mit Noah die Gerechtigkeit gemeint hatte, wenn die vier Ströme des
+Paradieses die vier Kardinaltugenden waren, so konnte der
+aufgeklärteste Hellene an die Thora glauben. Aber eine Macht war dies
+Pseudojudentum auch, und der geistige Primat der Judenschaft Ägyptens
+tritt vor allem darin hervor, daß diese Richtung vorzugsweise ihre
+Vertreter in Alexandreia gefunden hat.
+
+——————————————————————————-
+
+^4 Pseudo-Longinus περί ύψους: “Weit besser als der Götterkrieg ist bei
+Homeros die Schilderung der Götter in ihrer Vollkommenheit und echten
+Größe und Reinheit, wie die des Poseidon (Ilias 13,18 f.). Ebenso
+schreibt der Gesetzgeber der Juden, kein geringer Mann (ουχ ο τυχών
+ανήρ), nachdem er die göttliche Gewalt in würdiger Weise erfaßt und zum
+Ausdruck gebracht hat, gleich zu Anfang der Gesetze (Gen. 1, 3): Es
+sprach der Gott - was? es werde Licht! und es ward Licht; es werde die
+Erde! und die Erde ward.”
+
+——————————————————————————-
+
+Trotz der innerlichen Scheidung, welche bei den palästinensischen Juden
+sich vollzogen und nur zu oft geradezu zum Bürgerkrieg gesteigert
+hatte, trotz der Versprengung eines großen Teils der Judenschaft in das
+Ausland, trotz des Eindringens fremder Massen in dieselbe und sogar des
+destruktiven hellenistischen Elements in ihren innersten Kern blieb die
+Gesamtheit der Juden in einer Weise vereinigt, für welche in der
+Gegenwart nur etwa der Vatikan und die Kaaba eine gewisse Analogie
+bieten. Das heilige Salem blieb die Fahne, Zions Tempel das Palladium
+der gesamten Judenschaft, mochten sie den Römern oder den Parthern
+gehorchen, aramäisch oder griechisch reden, ja an den alten Jahve
+glauben oder an den neuen, der keiner war. Daß der Schirmherr dem
+geistlichen Oberhaupt der Juden eine gewisse weltliche Macht
+zugestanden hatte, bedeutete für die Judenschaft ebensoviel, der
+geringe Umfang dieser Macht ebensowenig wie seiner Zeit für die
+Katholiken der sogenannte Kirchenstaat. Jedes Mitglied einer jüdischen
+Gemeinde hatte jährlich nach Jerusalem ein Didrachmon als Tempelschoß
+zu entrichten, welcher regelmäßiger einging als die Staatssteuern;
+jedes war verpflichtet, wenigstens einmal in seinem Leben dem Jehovah
+persönlich an dein Orte zu opfern, der ihm allein in der Welt
+wohlgefällig war. Die theologische Wissenschaft blieb gemeinschaftlich;
+die babylonischen und die alexandrinischen Rabbiner haben daran sich
+nicht minder beteiligt wie die von Jerusalem. Das unvergleichlich zähe
+Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit, wie es in der rückkehrenden
+Exulantengemeinde sich festgesetzt und dann jene Sonderstellung der
+Juden in der Griechenwelt mit durchgesetzt hatte, behauptete sich trotz
+Zerstreuung und Spaltung. Am bemerkenswertesten ist das Fortleben des
+Judentums selbst in den davon in der inneren Religion losgelösten
+Kreisen. Der namhafteste, für uns der einzige deutlich greifbare
+Vertreter dieser Richtung in der Literatur, Philon, einer der
+vornehmsten und reichsten Juden aus der Zeit des Tiberius, steht in der
+Tat zu seiner Landesreligion nicht viel anders als Cicero zu der
+römischen; aber er selbst glaubte, nicht sie aufzulösen, sondern sie zu
+erfüllen. Auch ihm ist, wie jedem anderen Juden, Moses die Quelle aller
+Wahrheit, seine geschriebene Weisung bindendes Gesetz, seine Empfindung
+Ehrfurcht und Gläubigkeit. Es ist dies sublimierte Judentum dem
+sogenannten Götterglauben der Stoa doch nicht völlig identisch. Die
+Körperlichkeit des Gottes verschwindet für Philon, aber die
+Persönlichkeit nicht, und es mißlingt ihm vollständig, was das Wesen
+der hellenischen Philosophie ist, die Göttlichkeit in die Menschenbrust
+zu verlegen; es bleibt die Anschauung, daß der sündhafte Mensch abhänge
+von einem vollkommenen, außer und über ihm stehenden Wesen. Ebenso fügt
+das neue Judentum sich dem nationalen Ritualgesetz weit unbedingter als
+das neue Heidentum. Der Kampf des alten und des neuen Glaubens ist in
+dem jüdischen Kreise deswegen von anderer Art als in dem heidnischen,
+weil der Einsatz ein größerer war; das reformierte Heidentum streitet
+nur gegen den alten Glauben, das reformierte Judentum würde in seiner
+letzten Konsequenz das Volkstum aufheben, welches in dem Überfluten des
+Hellenismus mit der Verflüchtigung des Landesglaubens notwendig
+verschwand, und scheut deshalb davor zurück, diese Konsequenz zu
+ziehen. Daher ist auf griechischem Boden und in griechischer Sprache,
+wenn nicht das Wesen, doch die Form des alten Glaubens mit
+beispielloser Hartnäckigkeit festgehalten und verteidigt worden,
+verteidigt auch von denen, die im Wesen vor dem Hellenismus
+kapitulieren. Philon selbst hat, wie weiterhin erzählt werden soll, für
+die Sache der Juden gestritten und gelitten. Darum aber hat auch die
+hellenistische Richtung im Judentum auf dieses selbst nie übermächtig
+eingewirkt, niemals vermocht, dem nationalen Judentum entgegenzutreten,
+kaum dessen Fanatismus zu mildern und die Verkehrtheiten und Frevel
+desselben zu hemmen. In allen wesentlichen Dingen, insbesondere dem
+Druck und der Verfolgung gegenüber, verschwinden die Differenzen des
+Judentums, und wie unbedeutend der Rabbinerstaat war, die religiöse
+Gemeinschaft, der er vorstand, war eine ansehnliche, unter Umständen
+eine furchtbare Macht.
+
+Diesen Verhältnissen fanden die Römer sich gegenüber, als sie im Orient
+die Herrschaft antraten. Die Eroberung zwingt dem Eroberer nicht minder
+die Hand als dem Eroberten. Das Werk der Jahrhunderte, die
+makedonischen Stadteinrichtungen konnten weder die Arsakiden noch die
+Caesaren ungeschehen machen; weder Seleukeia am Euphrat noch Antiocheia
+und Alexandreia konnten von den nachfolgenden Regierungen angetreten
+werden unter der Wohltat des Inventars. Wahrscheinlich hat der dortigen
+jüdischen Diaspora gegenüber der Begründer des Kaiserregiments sich,
+wie in so vielen anderen Dingen, die Politik der ersten Lagiden zur
+Richtschnur genommen und das Judentum des Orients in seiner
+Sonderstellung eher gefördert als gehindert; und dies Verfahren ist
+dann für seine Nachfolger durchgängig maßgebend gewesen. Es ist schon
+erzählt worden, daß die vorderasiatischen Gemeinden unter Augustus den
+Versuch machten, ihre jüdischen Mitbürger bei der Aushebung gleichmäßig
+heranzuziehen und ihnen die Einhaltung des Sabbaths nicht ferner zu
+gestatten; Agrippa aber entschied gegen sie und hielt den Status quo zu
+Gunsten der Juden aufrecht oder stellte vielmehr die bisher wohl nur
+von einzelnen Statthaltern oder Gemeinden der griechischen Provinzen
+nach Umständen zugelassene Befreiung der Juden vom Kriegsdienst und das
+Sabbathprivilegium vielleicht jetzt erst rechtlich fest. Augustus wies
+ferner die Statthalter von Asia an, die strengen Reichsgesetze über
+Vereine und Versammlungen gegen die Juden nicht zur Anwendung zu
+bringen. Aber die römische Regierung hat es nicht verkannt, daß die den
+Juden im Orient eingeräumte exempte Stellung mit der unbedingten
+Verpflichtung der Reichsangehörigen zur Erfüllung der vom Staat
+geforderten Leistungen sich nicht vereinigen ließ, daß die garantierte
+Sonderstellung der Judenschaft den Rassenhaß und unter Umständen den
+Bürgerkrieg in die einzelnen Städte trug, daß das fromme Regiment der
+Behörden von Jerusalem über alle Juden des Reiches eine bedenkliche
+Tragweite hatte und daß in allem diesem für den Staat eine praktische
+Schädigung und eine prinzipielle Gefahr lag. Der innerliche Dualismus
+des Reiches drückt in nichts sich schärfer aus als in der verschiedenen
+Behandlung der Juden in dem lateinischen und dem griechischen
+Sprachgebiet. Im Okzident sind die autonomen Judenschaften niemals
+zugelassen worden. Man tolerierte wohl daselbst die jüdischen
+Religionsgebräuche wie die syrischen und die ägyptischen oder vielmehr
+etwas weniger als diese; der Judenkolonie in der Vorstadt Roms jenseits
+des Tiber zeigte Augustus sich günstig und ließ bei seinen Spenden den,
+der des Sabbaths wegen sich versäumt hatte, nachträglich zu. Aber er
+persönlich vermied jede Berührung wie mit dem ägyptischen so auch mit
+dem jüdischen Kultus, und wie er selbst in Ägypten dem heiligen Ochsen
+aus dem Wege gegangen war, so billigte er es durchaus, daß sein Sohn
+Gaius, als er nach dem Orient ging, bei Jerusalem vorbeiging. Unter
+Tiberius wurde sogar im Jahre 19 in Rom und ganz Italien der jüdische
+Kultus zugleich mit dem ägyptischen untersagt und diejenigen, die sich
+nicht dazu verstanden, ihn öffentlich zu verleugnen und die heiligen
+Geräte ins Feuer zu werfen, aus Italien ausgewiesen, soweit sie nicht
+als tauglich für den Kriegsdienst in Strafkompanien verwendet werden
+konnten, wo dann nicht wenige ihrer religiösen Skrupel wegen dem
+Kriegsgericht verfielen. Wenn, wie wir nachher sehen werden, eben
+dieser Kaiser im Orient jedem Konflikt mit dem Rabbi fast ängstlich aus
+dem Wege ging, so zeigt sich hier deutlich, daß er, der tüchtigste
+Herrscher, den das Reich gehabt hat, die Gefahren der jüdischen
+Immigration ebenso deutlich erkannte wie die Unbilligkeit und die
+Unmöglichkeit, da, wo das Judentum bestand, es zu beseitigen ^5. Unter
+den späteren Regenten ändert, wie wir im weiteren Verlauf finden
+werden, in der Hauptsache die ablehnende Haltung gegen die Juden des
+Okzidents sich nicht, obwohl sie im übrigen mehr dem Beispiel des
+Augustus folgen als dem des Tiberius. Man hinderte die Juden nicht, die
+Tempelsteuer in der Form freiwilliger Beiträge einzuziehen und nach
+Jerusalem zu senden. Es wurde ihnen nicht gewehrt, wenn sie einen
+Rechtshandel lieber vor einen jüdischen Schiedsrichter brachten als vor
+ein römisches Gericht. Von zwangsweiser Aushebung zum Dienst, wie
+Tiberius sie anordnete, ist auch im Okzident späterhin nicht weiter die
+Rede. Aber eine öffentlich anerkannte Sonderstellung und öffentlich
+anerkannte Sondergerichte haben die Juden im heidnischen Rom und
+überhaupt im lateinischen Westen niemals erhalten. Vor allem aber haben
+im Okzident, abgesehen von der Hauptstadt, die der Natur der Sache nach
+auch den Orient mit repräsentierte und schon in der ciceronischen Zeit
+eine zahlreiche Judenschaft in sich schloß, die Judengemeinden in der
+früheren Kaiserzeit nirgends besondere Ausdehnung oder Bedeutung gehabt
+^6. Nur im Orient gab die Regierung von vornherein nach oder vielmehr,
+sie versuchte nicht, die bestehenden Verhältnisse zu ändern und den
+daraus resultierenden Gefahren vorzubeugen; und so haben denn auch, wie
+die heiligen Bücher der Juden der lateinischen Welt erst in
+lateinischer Sprache durch die Christen bekannt geworden sind, die
+großen Judenbewegungen der Kaiserzeit sich durchaus auf den
+griechischen Osten beschränkt. Hier wurde kein Versuch gemacht, mit der
+rechtlichen Sonderstellung des Juden die Quelle des Judenhasses
+allmählich zu verstopfen, aber ebensowenig, von Laune und
+Verkehrtheiten einzelner Regenten abgesehen, dem Judenhaß und den
+Judenhetzen von Seiten der Regierung Vorschub getan. In der Tat ist die
+Katastrophe des Judentums nicht aus der Behandlung der jüdischen
+Diaspora im Orient hervorgegangen. Lediglich die in verhängnisvoller
+Weise sich entwickelnden Beziehungen des Reichsregiments zu dem
+jüdischen Rabbistaat haben nicht bloß die Zerstörung des Gemeinwesens
+von Jerusalem herbeigeführt, sondern weiter die Stellung der Juden im
+Reiche überhaupt erschüttert und verschoben. Wir wenden uns dazu, die
+Vorgänge in Palästina unter der römischen Herrschaft zu schildern.
+
+——————————————————————————
+
+^5 Der Jude Philon schreibt die Behandlung der Juden in Italien auf
+Rechnung des Seianus (leg. 24; in Flacc. 1), die der Juden im Osten auf
+die des Kaisers selbst. Aber Josephus führt vielmehr, was in Italien
+geschah, zurück auf einen Skandal in der Hauptstadt, welchen drei
+jüdische fromme Schwindler und eine zum Judentum bekehrte vornehme Dame
+gegeben hatten, und Philon selbst gibt zu, daß Tiberius nach Seians
+Sturz den Statthaltern nur gewisse Milderungen in dem Verfahren gegen
+die Juden aufgegeben habe. Die Politik des Kaisers und die seiner
+Minister den Juden gegenüber war im wesentlichen dieselbe.
+
+^6 Agrippa II., der die jüdischen Ansiedlungen im Ausland aufzählt (bei
+Philon leg. ad Gaium 36), nennt keine Landschaft westlich von
+Griechenland, und unter den in Jerusalem weilenden Fremden, die die
+Apostelgeschichte 2, 5 f. verzeichnet, sind aus dem Westen nur Römer
+genannt.
+
+——————————————————————————
+
+Die Zustände im südlichen Syrien waren von den Feldherrn der Republik,
+Pompeius und seinen nächsten Nachfolgern, in der Weise geordnet worden,
+daß die größeren Gewalten, die dort anfingen sich zu bilden, wieder
+herabgedrückt und das ganze Land in einzelne Stadtgebiete und
+Kleinherrschaften aufgelöst wurde. Am schwersten waren davon die Juden
+betroffen worden; nicht bloß hatten sie allen hinzugewonnenen Besitz,
+namentlich die ganze Küste, herausgeben müssen, sondern Gabinius hatte
+sogar den alten Bestand des Reiches in fünf selbständig sich
+verwaltende Kreise aufgelöst und dem Hohenpriester Hyrkanos seine
+weltlichen Befugnisse entzogen. Damit war also wie einerseits die
+Schutzmacht, so andererseits die reine Theokratie wieder hergestellt.
+Indes änderte dies sich bald. Hyrkanos oder vielmehr der für ihn
+regierende Minister, der Idumäer Antipatros ^7, gelangte wohl schon
+durch Gabinius selbst, dem er bei seinen parthischen und ägyptischen
+Unternehmungen sich unentbehrlich zu machen verstand, wiederum zu der
+führenden Stellung im südlichen Syrien. Nach der Plünderung des Tempels
+von Jerusalem durch Crassus ward der dadurch veranlaßte Aufstand der
+Juden hauptsächlich durch ihn gedämpft. Es war für ihn eine günstige
+Fügung, daß die jüdische Regierung nicht genötigt ward, in die Krisis
+zwischen Caesar und Pompeius, für welchen sie wie der ganze Osten sich
+erklärt hatte, handelnd einzugreifen. Dennoch wäre wohl, nachdem der
+Bruder und Rivale des Hyrkanos, Aristobulos, sowie dessen Sohn
+Alexander, wegen ihres Eintretens für Caesar, durch die Pompeianer ihr
+Leben verloren hatten, nach Caesars Sieg der zweite Sohn Antigonos von
+diesem in Judäa als Herrscher eingesetzt worden. Aber als Caesar, nach
+dem entscheidenden Sieg nach Ägypten gekommen, sich in Alexandreia in
+einer gefährlichen Lage befand, war es vornehmlich Antipatros, der ihn
+aus dieser befreite, und dies schlug durch; Antigonos mußte
+zurückstehen hinter der neueren, aber wirksameren Treue. Nicht am
+wenigsten hat Caesars persönliche Dankbarkeit die förmliche
+Restauration des Judenstaates gefördert. Das Jüdische Reich erhielt die
+beste Stellung, die dem Klientelstaat gewährt werden konnte, völlige
+Freiheit von Abgaben an die Römer ^8 und von militärischer Besatzung
+und Aushebung ^9, wogegen allerdings auch die Pflichten und die Kosten
+der Grenzverteidigung von der einheimischen Regierung zu übernehmen
+waren. Die Stadt Ioppe und damit die Verbindung mit dem Meer wurde
+zurückgegeben, die Unabhängigkeit der inneren Verwaltung sowie die
+freie Religionsübung garantiert, die bisher verweigerte
+Wiederherstellung der von Pompeius geschleiften Festungswerke
+Jerusalems gestattet (707 47). Also regierte unter dem Namen des
+Hasmonäerfürsten ein Halbfremder - denn die Idumäer standen zu den
+eigentlichen, von Babylon zurückgewanderten Juden ungefähr wie die
+Samariter - den Judenstaat unter dem Schutz und nach dem Willen Roms.
+Die nationalgesinnten Juden waren dem neuen Regiment nichts weniger als
+geneigt. Die alten Geschlechter, die im Rat von Jerusalem führten,
+hielten im Herzen zu Aristobulos und nach dessen Tode zu seinem Sohn
+Antigonos. In den Bergen Galiläas fochten die Fanatiker ebenso gegen
+die Römer wie gegen die eigene Regierung; als Antipatros’ Sohn Herodes
+den Führer dieser wilden Schar, Ezekias, gefangengenommen und hatte
+hinrichten lassen, zwang der Priesterrat von Jerusalem unter dem
+Vorwand verletzter Religionsvorschriften den schwachen Hyrkanos, den
+Herodes zu verbannen. Dieser trat darauf in das römische Heer ein und
+leistete dem Caesarischen Statthalter von Syrien gegen die Insurrektion
+der letzten Pompeianer gute Dienste. Aber als nach der Ermordung
+Caesars die Republikaner im Osten die Oberhand gewannen, war Antipatros
+wieder der erste, der dem Stärkeren nicht bloß sich fügte, sondern sich
+die neuen Machthaber verpflichtete durch rasche Beitreibung der von
+ihnen auferlegten Kontribution. So kam es, daß der Führer der
+Republikaner, als er aus Syrien abzog, den Antipatros in seiner
+Stellung beließ und dem Sohne desselben, Herodes, sogar ein Kommando in
+Syrien anvertraute. Als dann Antipatros starb, wie man sagt, von einem
+seiner Offiziere vergiftet, glaubte Antigonos, der bei seinem Schwager,
+dem Fürsten Ptolemaeos von Chalkis, Aufnahme gefunden hatte, den
+Augenblick gekommen, um den schwachen Oheim zu beseitigen. Aber die
+Söhne des Antipatros, Phasael und Herodes, schlugen seine Schar aufs
+Haupt, und Hyrkanos verstand sich dazu, ihnen die Stellung des Vaters
+zu gewähren, ja sogar den Herodes, indem er ihm seine Enkelin Mariamme
+verlobte, gewissermaßen in das regierende Haus aufzunehmen. Inzwischen
+unterlagen die Führer der republikanischen Partei bei Philippi. Die
+Opposition in Jerusalem hoffte nun den Sturz der verhaßten Antipatriden
+bei den Siegern zu erwirken; aber Antonius, dem das Schiedsgericht
+zufiel, wies deren Deputationen erst in Ephesos, dann in Antiocheia,
+zuletzt in Tyros entschieden ab, ja ließ die letzten Gesandten
+hinrichten, und bestätigte Phasael und Herodes förmlich als
+“Vierfürsten” ^10 - der Juden (723 41).
+
+—————————————————————
+
+^7 Antipatros begann seine Laufbahn als Statthalter (στρατηγός) von
+Idumäa (Ios. ant. Iud. 14, 1, 3), und heißt dann Verwalter des
+Jüdischen Reiches (ο τών Ιουδαίων επιμελητής daselbst 14, 8, 1), das
+heißt etwa erster Minister. Mehr liegt auch nicht in der gegen Rom wie
+gegen Herodes adulatorisch gefärbten Erzählung des Josephus (ant. Iud.
+14, 8, 5; bel. Iud. 1, 10, 3), daß Caesar dem Antipatros die Wahl
+überlassen habe, seine Machtstellung (δυναστεία) selbst zu bestimmen
+und, da dieser ihm die Entscheidung anheimstellt, ihn zum Verwalter
+(επίτροπος) von Judäa bestellt habe. Dies ist nicht, wie Marquardt,
+Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 408 will, die (damals noch gar nicht
+bestehende) römische Prokuratur der Kaiserzeit, sondern ein formell von
+dem jüdischen Ethnarchen verliehenes Amt, eine επιτροπή, wie die bei
+Ios. bel. Iud. 2, 18, 6 erwähnte. In den Aktenstücken aus Caesars Zeit
+vertritt die Juden allein der Erzpriester und Ethnarch Hyrkanos; Caesar
+gab dem Antipatros, was dem Untertanen eines abhängigen Staats gewährt
+werden konnte, das römische Bürgerrecht und die personale Immunität
+(Ios. ant. Iud. 14, 8, 3; bel. Iud. 1, 9, 5), aber er machte ihn nicht
+zum Beamten Roms. Daß Herodes, aus Judäa vertrieben, von dem Römern
+eine römische Offizierstellung etwa in Samaria erhalten hat, ist
+glaublich; aber die Bezeichnungen στρατηγός τής Κοιλής Συρίας; (Ios.
+ant. Iud. 14 9, 5 c. 11, 4) oder στρατηγός Κοιλής Συρίας καί Σαμαρίας;
+(bel. Iud. 1, 10, 8) sind mindestens irreführend, und ebenso inkorrekt
+nennt derselbe Schriftsteller den Herodes später deswegen, weil er τοίς
+επιτρπεύουσι τής Συρίας; als Ratgeber dienen soll (ant. Iud. 15, 10,
+3), sogar Συρίας ολής επίτροπον (bel. Iud. 1, 20, 4, wo Marquardts
+Änderung [Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 408 Κοιλής den Sinn zerstört).
+
+^8 In dem Dekret Caesars bei Josephus (ant. Iud. 14, 10, 5 u. 6) ist
+die aus Epiphanius sich ergebende Lesung die einzig mögliche: danach
+wird das Land von der (durch Pompeius auferlegten: Ios. ant. Iud. 14,
+4, 4) Steuer, vom zweiten Jahr der laufenden Verpachtung an, befreit
+und weiter verordnet, daß die Stadt Joppe, die damals aus römischem
+Besitz in jüdischen überging, zwar auch ferner den vierten Teil der
+Feldfrüchte in Sidon an die Römer abliefern, aber dafür dem Hyrkanos
+ebenfalls in Sidon als Äquivalent jährlich 20675 Scheffel Getreide
+gewährt werden sollen, woneben die Joppenser auch noch den Zehnten an
+Hyrkanos entrichten. Auch zeigt die ganze sonstige Erzählung, daß der
+jüdische Staat seitdem von Tributzahlung frei ist; daß Herodes von den
+der Kleopatra zugewiesenen Distrikten, die er ihr abpachtet, φόρος
+zahlt (ant. Iud. 15, 4, 2 u. 4. c. 5, 3), bestätigt nur die Regel. Wenn
+App. civ. 5, 75 unter den von Antonius mit Tribut belegten Königen den
+Herodes für Idumäa und Samaria aufführt, so fehlt Judäa auch hier nicht
+ohne guten Grund; und auch für diese Nebenländer kann ihm der Tribut
+von Augustus erlassen sein. Der detaillierte und zuverlässige Bericht
+über die Schatzung, die Quirinius anordnet, zeigt mit völliger
+Klarheit, daß das Land bis dahin von römischer Steuer frei war.
+
+^9 In demselben Dekret heißt es: καί όπως μηδείς μήτε αρχών μήτε
+στρατηγός ή πρεσβευτης εν τοίς όροις τών Ιουδαίων ανιστά (‘vielleicht
+συνιστά Wilamowitz) συμμαψίαν καί στρατιώτας εξιή (so Wilamowitz für
+εξεί), ή τά χρήματα τούτων ανεπηρεάστους (vgl. 14, 10, 2: παραχειμασίαν
+δέ καί χρήματα πράττεσθαι οθ δοκιμάζω). Dies entspricht im wesentlichen
+der Formel des wenig älteren Freibriefs für Termessos (CIL I, 204): nei
+quis magistratu prove magistratu legatus ne[ive] quis alius meilites in
+oppidum Thermesum . . . agrumve . . . hiemandi caussa introducito . . .
+nisei senatus nominatim utei Thermesum . . . in hibernacula meilites
+deducantur decreverit. Der Durchmarsch ist demnach gestattet. In dem
+Privilegium für Judäa scheint außerdem noch die Aushebung untersagt
+gewesen zu sein.
+
+^10 Dieser Titel, der zunächst das kollegialische Vierfürstentum
+bezeichnet, wie es bei den Galatern herkömmlich war, ist dann
+allgemeiner für die Samt-, ja auch für die Einherrschaft, immer aber
+als im Rang dem königlichen nachstehend verwendet worden. In dieser
+Weise erscheint er außer in Galanen auch in Syrien vielleicht seit
+Pompeius, sicher seit Augustus. Die Nebeneinanderstellung eines
+Ethnarchen und zweier Tetrarchen, wie sie im Jahre 713 (41) für Judäa
+nach Josephus (ant. Iud. 14, 13, 1; bel. Iud. 1, 12, 5) angeordnet
+ward, begegnet sonst nicht wieder; analog ist Pheroras Tetrarch der
+Peraea unter seinem Bruder Herodes (bel. Iud. 1, 24, 5).
+
+—————————————————————
+
+Bald rissen die Wendungen der großen Politik den jüdischen Staat noch
+einmal in ihre Wogen. Der Herrschaft der Antipatriden machte im
+folgenden Jahre (714 40) die Invasion der Parther zunächst ein Ende.
+Der Prätendent Antigonos schlug sich zu ihnen und bemächtigte sich
+Jerusalems und fast des ganzen Gebiets. Hyrkanos ging als Gefangener zu
+den Parthern, Phasael, Antipatros’ ältester Sohn, gleichfalls gefangen,
+gab sich im Kerker den Tod. Mit genauer Not barg Herodes die Seinigen
+in einem Felsenschloß am Saume Judäas und ging selbst flüchtig und
+Hilfe bittend zuerst nach Ägypten und, da er hier Antonius nicht mehr
+fand, zu den beiden eben damals in neuer Eintracht schaltenden
+Machthabern (724 40) nach Rom. Bereitwillig gestattete man ihm, was ja
+nur im römischen Interesse lag, das Jüdische Reich für sich
+zurückzugewinnen; er kam nach Syrien zurück, soweit es auf die Römer
+ankam, als anerkannter Herrscher und sogar ausgestattet mit dem
+königlichen Titel. Aber gleich wie ein Prätendent hatte er das Land
+nicht so sehr den Parthern als den Patrioten zu entreißen. Vorzugsweise
+mit Samaritern und Idumäern und gedungenen Soldaten schlug er seine
+Schlachten und gelangte endlich durch die Unterstützung der römischen
+Legionen auch in den Besitz der lange verteidigten Hauptstadt. Die
+römischen Henker befreiten ihn gleichfalls von seinem langjährigen
+Nebenbuhler Antigonos, seine eigenen räumten auf unter den vornehmen
+Geschlechtern des Rats von Jerusalem.
+
+Aber die Tage der Bedrängnis waren mit seiner Installation noch
+keineswegs vorüber. Antonius’ unglückliche Expedition gegen die Parther
+blieb für Herodes ohne Folgen, da die Sieger es nicht wagten, in Syrien
+einzurücken; aber schwer litt er unter den immer sich steigernden
+Ansprüchen der ägyptischen Königin, die damals mehr als Antonius den
+Osten beherrschte; ihre frauenhafte Politik, zunächst gerichtet auf die
+Erweiterung ihrer Hausmacht und vor allem ihrer Einkünfte, erreichte
+zwar bei Antonius bei weitem nicht alles, was sie begehrte, aber sie
+entriß dem König der Juden doch einen Teil seiner wertvollsten
+Besitzungen an der syrischen Küste und in dem ägyptisch-syrischen
+Zwischengebiet, ja selbst die reichen Balsampflanzungen und Palmenhaine
+von Jericho und legte ihm schwere finanzielle Lasten auf. Um den Rest
+seiner Herrschaft zu behaupten, mußte er die neuen syrischen
+Besitzungen der Königin entweder selber abpackten oder für andere
+minder zahlungsfähige Pächter garantieren. Nach all diesen
+Bedrängnissen und in Erwartung noch ärgerer und ebensowenig abweisbarer
+Anforderungen war der Ausbruch des Krieges zwischen Antonius und Caesar
+für ihn eine Hoffnung, und daß Kleopatra in ihrer egoistischen
+Verkehrtheit ihm die tätige Teilnahme an dem Kriege erließ, weil er
+seine Truppen brauche, um ihre syrischen Einkünfte beizutreiben, ein
+weiterer Glücksfall, da dies ihm die Unterwerfung unter den Sieger
+erleichterte. Das Glück kam ihm noch weiter bei dem Parteiwechsel
+entgegen: er konnte eine Schar getreuer Gladiatoren des Antonius
+abfangen, die aus Kleinasien durch Syrien nach Ägypten marschierten, um
+ihrem Herrn Beistand zu leisten. Indem er, bevor er sich zu Caesar nach
+Rhodos begab, um seine Begnadigung zu erwirken, den letzten männlichen
+Sproß des Makkabäerhauses, den achtzigjährigen Hyrkanos, dem das Haus
+des Antipatros seine Stellung verdankte, für alle Fälle hinrichten
+ließ, übertrieb er in der Tat die notwendige Vorsicht. Caesar tat, was
+die Politik ihn tun hieß, zumal da für die beabsichtigte ägyptische
+Expedition die Unterstützung des Herodes von Wichtigkeit war; er
+bestätigte den gern Besiegten in seiner Herrschaft und erweiterte sie
+teils durch die Rückgabe der von Kleopatra ihm entrissenen Besitzungen,
+teils durch weitere Gaben: die ganze Küste von Gaza bis zum
+Stratonsturm, dem späteren Caesarea, die zwischen Judäa und Galiläa
+sich einschiebende samaritanische Landschaft und eine Anzahl von
+Städten östlich vom Jordan gehorchten seitdem dem Herodes. Mit der
+Konsolidierung der römischen Monarchie war auch das jüdische Fürstentum
+weiteren äußeren Krisen entzogen.
+
+Vom römischen Standpunkt aus erscheint das Verhalten der neuen Dynastie
+in einer Weise korrekt, daß dem Betrachtenden dabei die Augen
+übergehen. Sie tritt ein zuerst für Pompeius, dann für Caesar den
+Vater, dann für Cassius und Brutus, dann für die Triumvirn, dann für
+Antonius, endlich für Caesar den Sohn; die Treue wechselt wie die
+Parole. Dennoch ist diesem Verhalten die Folgerichtigkeit und
+Festigkeit nicht abzusprechen. Die Parteiungen, die die herrschende
+Bürgerschaft zerrissen, ob Republik oder Monarchie, ob Caesar oder
+Antonius, gingen die abhängigen Landschaften, vor allem die des
+griechischen Ostens, in der Tat nichts an. Die Entsittlichung, die mit
+allem revolutionären Regimentswechsel verbunden ist, die entweihende
+Vermengung der inneren Treue und des äußeren Gehorsams, kam in diesem
+Fall in grellster Weise zum Vorschein; aber der Pflichterfüllung, wie
+sie das römische Gemeinwesen von seinen Untertanen beanspruchte, hatte
+König Herodes in einer Ausdehnung genügt, welcher edlere und
+großartigere Naturen allerdings nicht fähig gewesen sein würden. Den
+Parthern gegenüber hat er stets, auch in bedenklichen Lagen, fest zu
+den einmal erkorenen Schutzherren gehalten.
+
+Vom Standpunkt der inneren jüdischen Politik aus ist das Regiment des
+Herodes die Beseitigung der Theokratie und insofern eine Fortsetzung,
+ja eine Steigerung des Regiments der Makkabäer, als die Trennung des
+staatlichen und des Kirchenregiments in schneidendster Schärfe
+durchgeführt wird in dem Gegensatz zwischen dem allmächtigen, aber
+fremdgeborenen König, und dem machtlosen, oft und willkürlich
+gewechselten Erzpriester. Freilich wurde dem jüdischen Hochpriester die
+königliche Stellung eher verziehen als dem fremden und priesterlicher
+Weihe unfähigen Mann; und wenn die Hasmonäer die Unabhängigkeit des
+Judentums nach außen hin vertraten, trug der Idumäer seine königliche
+Macht über die Juden von dem Schirmherrn zu Lehen. Die Rückwirkung
+dieses unlösbaren Konflikts auf eine tief leidenschaftliche Natur tritt
+in dem ganzen Lebenslauf des Mannes uns entgegen, der viel Leid
+bereitet, aber vielleicht nicht weniger empfunden hat. Immer sichern
+die Energie, die Stetigkeit, die Fügsamkeit in das Unvermeidliche, die
+militärische und politische Geschicklichkeit, wo dafür Raum war, dem
+Judenkönig einen gewissen Platz in dem Gesamtbild einer merkwürdigen
+Epoche.
+
+Das fast vierzigjährige Regiment des Herodes - er starb im Jahre 750
+(4) - im einzelnen zu schildern, wie es die dafür in großer
+Ausführlichkeit erhaltenen Berichte gestatten, ist nicht die Aufgabe
+des Geschichtschreibers von Rom. Es gibt wohl kein Königshaus
+irgendeiner Zeit, in welchem die Blutfehde zwischen Eltern und Kindern,
+zwischen Gatten und Geschwistern in gleicher Weise gewütet hat; Kaiser
+Augustus und seine Statthalter in Syrien wandten schaudernd sich ab von
+dem Anteil an dem Mordwerk, der ihnen angesonnen ward; nicht der
+mindest entsetzliche Zug in diesem Greuelbild ist die völlige
+Zwecklosigkeit der meisten, in der Regel auf grundlosen Verdacht
+verfügten Exekutionen und die stetig nachfolgende verzweifelnde Reue
+des Urhebers. Wie kräftig und verständig der König das Interesse seines
+Landes, soweit er konnte und durfte, wahrnahm, wie energisch er nicht
+bloß in Palästina, sondern im ganzen Reich mit seinen Schätzen und mit
+seinem nicht geringen Einfluß für die Juden eintrat -die den Juden
+günstige Entscheidung Agrippas in dem großen kleinasiatischen
+Reichshandel hatten sie wesentlich ihm zu verdanken -, Liebe und Treue
+fand er wohl in Idumäa und Samaria, aber nicht bei dem Volke Israel;
+hier war und blieb er nicht so sehr der mit vielfacher Blutschuld
+beladene, als vor allem der fremde Mann. Wie es eine der
+Haupttriebfedern jenes Hauskrieges ist, daß er in seiner Gattin aus
+hasmonäischem Geschlecht, der schönen Mariamne, und in deren Kindern
+mehr die Juden als die Seinen sah und fürchtete, so hat er es selbst
+ausgesprochen, daß er sich zu den Griechen ebenso hingezogen fühle, wie
+von den Juden abgestoßen. Es ist bezeichnend, daß er die Söhne, denen
+er zunächst die Nachfolge zudachte, in Rom erziehen ließ. Während er
+aus seinen unerschöpflichen Reichtümern die Griechenstädte des
+Auslandes mit Gaben überhäufte und mit Tempeln schmückte, baute er für
+die Juden wohl auch, aber nicht im jüdischen Sinne. Die Circus- und
+Theaterbauten in Jerusalem selbst wie die Tempel für den Kaiserkultus
+in den jüdischen Städten galten dem frommen Israeliten als Aufforderung
+zur Gotteslästerung. Daß er den Tempel in Jerusalem in einen Prachtbau
+verwandelte, geschah halb gegen den Willen der Frommen; wie sehr sie
+den Bau bewunderten, daß er an demselben einen goldenen Adler
+anbrachte, wurde ihm mehr verübelt als alle von ihm verfügten
+Todesurteile und führte zu einem Volksaufstand, dem der Adler zum Opfer
+fiel und dann freilich auch die Frommen, die ihn abrissen. Herodes
+kannte das Land genug, um es nicht auf das äußerste kommen zu lassen;
+wenn es möglich gewesen wäre, dasselbe zu hellenisieren, der Wille dazu
+hätte ihm nicht gefehlt. An Tatkraft stand der Idumäer hinter den
+besten Hasmonäern nicht zurück. Der große Hafenbau beim Stratonsturm
+oder, wie die von Herodes völlig umgebaute Stadt seitdem heißt, bei
+Caesarea, gab der hafenarmen Küste zuerst das, was sie brauchte, und
+die ganze Kaiserzeit hindurch ist die Stadt ein Hauptemporium des
+südlichen Syriens geblieben. Was sonst die Regierung zu leisten vermag,
+Entwicklung der natürlichen Hilfsquellen, Eintreten bei Hungersnot und
+anderen Kalamitäten, vor allen Dingen Sicherheit des Landes nach innen
+und außen, das hat Herodes geleistet. Der Räuberunfug wurde abgestellt
+und die in diesen Gegenden so ungemein schwierige Verteidigung der
+Grenze gegen die streifenden Stämme der Wüste mit Strenge und
+Folgerichtigkeit durchgeführt. Dadurch wurde die römische Regierung
+bewogen, ihm noch weitere Gebiete zu unterstellen, Ituräa, Trachonitis,
+Auranitis, Batanaea. Seitdem erstreckte sich seine Herrschaft, wie dies
+schon erwähnt ward, geschlossen über das transjordanische Land bis
+gegen Damaskos und zum Hermongebirge; soviel wir erkennen können, hat
+es nach jenen weiteren Zuweisungen in dem ganzen bezeichneten Gebiet
+keine Freistadt und keine von Herodes unabhängige Herrschaft mehr
+gegeben. Die Grenzverteidigung selbst traf mehr den arabischen König
+als den der Juden; aber soweit sie ihm oblag, bewirkte die Reihe
+wohlversehener Grenzkastelle auch hier einen Landfrieden, wie man ihn
+bisher in diesen Gegenden nicht gekannt hatte. Man begreift es, daß
+Agrippa, nachdem er die Hafen- und die Kriegsbauten des Herodes
+besichtigt hatte, in ihm einen gleichstrebenden Gehilfen bei dem großen
+Organisationswerk des Reiches erkannte und ihn in diesem Sinne
+behandelte.
+
+Dauernden Bestand hatte sein Reich nicht. Herodes selbst teilte es in
+seinem Testament unter drei seiner Söhne, und Augustus bestätigte die
+Verfügung im wesentlichen, indem er nur den wichtigen Hafen Gaza und
+die transjordanischen Griechenstädte unmittelbar unter den syrischen
+Statthalter stellte. Die nördlichen Reichsteile wurden von dem
+Hauptland abgetrennt; das zuletzt von Herodes erworbene Gebiet südlich
+von Damaskos, die Batanaea mit den dazu gehörigen Distrikten erhielt
+Philippos, Galiläa und die Peraea, das heißt das transjordanische
+Gebiet, soweit es nicht griechisch war, Herodes Antipas, beide als
+Tetrarchen; diese beiden Kleinfürstentümer haben anfangs getrennt, dann
+unter Herodes des “Großen” Urenkel Agrippa II. vereinigt, mit geringen
+Unterbrechungen bis unter Traianus fortbestanden. Wir haben ihres
+Regiments bei der Schilderung des östlichen Syriens und Arabiens
+bereits gedacht. Hier mag nur hinzugefügt werden, daß diese Herodeer,
+wenn nicht mit der Energie, doch im Sinn und Geist des Stifters der
+Dynastie weiterregierten. Die von ihnen eingerichteten Städte Caesarea,
+das alte Paneas, im nördlichen Gebiet und Tiberias in Galiläa sind ganz
+in der Art des Herodes hellenisch geordnet; charakteristisch ist die
+Ächtung, welche die jüdischen Rabbis wegen eines bei der Anlage von
+Tiberias gefundenen Grabes über die unreine Stadt verhängten.
+
+Das Hauptland, Judäa nebst Samaria nördlich und Idumäa südlich, bekam
+nach dem Willen des Vaters Archelaos. Aber den Wünschen der Nation
+entsprach diese Erbfolge nicht. Die Orthodoxen, das heißt die
+Pharisäer, beherrschten so gut wie ausschließlich die Masse, und wenn
+bisher die Furcht des Herrn einigermaßen niedergehalten war durch die
+Furcht vor dem rücksichtslos energischen König, so stand doch der Sinn
+der großen Majorität der Juden darauf, unter der Schirmherrschaft Roms
+das reine gottselige Priesterregiment wieder herzustellen, wie es einst
+die persischen Beamten eingerichtet hatten. Unmittelbar nach dem Tode
+des alten Königs hatten die Massen in Jerusalem sich zusammengerottet,
+um die Beseitigung des von Herodes ernannten Hohenpriesters und die
+Ausweisung der Ungläubigen aus der heiligen Stadt zu verlangen, wo eben
+das Passah gefeiert werden sollte; Archelaos hatte sein Regiment damit
+beginnen müssen, auf diese Massen einhauen zu lassen; man zählte eine
+Menge Tote, und die Festfeier unterblieb. Der römische Statthalter von
+Syrien - derselbe Varus, dessen Unverstand bald darauf den Römern
+Germanien kostete -, dem es zunächst oblag, während des Interregnums
+die Ordnung im Lande aufrecht zu halten, hatte diesen in Jerusalem
+meuternden Haufen gestattet, nach Rom, wo eben über die Besetzung des
+jüdischen Thrones verhandelt ward, eine Deputation von fünfzig Personen
+zu entsenden, um die Abschaffung des Königtums zu erbitten, und als
+Augustus diese vorließ, gaben achttausend hauptstädtische Juden ihr das
+Geleit zum Tempel des Apollo. Die fanatisierten Juden daheim fuhren
+inzwischen fort, sich selber zu helfen; die römische Besatzung, die in
+den Tempel gelegt war, wurde mit stürmender Hand angegriffen, und
+fromme Räuberscharen erfüllten das Land; Varus mußte die Legionen
+ausrücken lassen und mit dem Schwert die Ruhe wieder herstellen. Es war
+eine Warnung für den Oberherrn, eine nachträgliche Rechtfertigung für
+König Herodes’ gewalttätiges, aber wirksames Regiment. Aber mit der
+ganzen Schwächlichkeit, welche er namentlich in späteren Jahren so oft
+bewies, wies Augustus allerdings die Vertreter jener fanatischen Massen
+mit ihrem Begehren ab, übergab aber, im wesentlichen das Testament des
+Herodes ausführend, die Herrschaft in Jerusalem dem Archelaos,
+gemindert um den königlichen Titel, den Augustus dem unerprobten jungen
+Mann zur Zeit nicht zugestehen mochte, ferner gemindert um die
+nördlichen Gebiete und mit der Abnahme der Grenzverteidigung auch in
+der militärischen Stellung herabgedrückt. Daß auf Augustus’
+Veranlassung die unter Herodes hochgespannten Steuern herabgesetzt
+wurden, konnte die Stellung des Vierfürsten wenig bessern. Archelaos’
+persönliche Unfähigkeit und Unwürdigkeit brauchten kaum noch
+hinzuzutreten, um ihn unmöglich zu machen; wenige Jahre darauf (6 n.
+Chr.) sah Augustus selbst sich genötigt, ihn abzusetzen. Nun tat er
+nachträglich jenen Meuterern ihren Willen: das Königtum wurde
+abgeschafft und das Land einerseits in unmittelbare römische Verwaltung
+genommen, andererseits, soweit neben dieser ein inneres Regiment
+zugelassen ward, dasselbe dem Senat von Jerusalem übergeben. Bei diesem
+Verfahren mögen allerdings teils früher in Betreff der Erbfolge von
+Augustus dem Herodes gegebene Zusicherungen mitbestimmend gewesen sein,
+teils die mehr und mehr hervortretende und im allgemeinen wohl
+gerechtfertigte Abneigung der Reichsregierung gegen größere,
+einigermaßen selbständig sich bewegende Klientelstaaten. Was in
+Galatien, in Kappadokien, in Mauretanien kurz vorher oder bald nachher
+geschah, erklärt, warum auch in Palästina das Reich des Herodes ihn
+selbst kaum überdauerte. Aber wie in Palästina das unmittelbare
+Regiment geordnet ward, war es auch administrativ ein arger Rückschritt
+gegen das Herodische; vor allem aber lagen hier die Verhältnisse so
+eigenartig und so schwierig, daß die allerdings von der Priesterpartei
+selbst hartnäckig erstrebte und schließlich erlangte unmittelbare
+Berührung der regierenden Römer und der regierten Juden weder diesen
+noch jenen zum Segen gereichte.
+
+Judäa wurde somit im Jahre 6 n. Chr. eine römische Provinz zweiten
+Ranges ^11 und ist, abgesehen von der ephemeren Restauration des
+jerusalemischen Königreichs unter Claudius in den Jahren 41-44, seitdem
+römische Provinz geblieben. An die Stelle des bisherigen
+lebenslänglichen und, unter Vorbehalt der Bestätigung durch die
+römische Regierung, erblichen Landesfürsten trat ein vom Kaiser auf
+Widerruf ernannter Beamter aus dem Ritterstand. Der Sitz der römischen
+Verwaltung wurde, wahrscheinlich sofort, die von Herodes nach
+hellenischem Muster umgebaute Hafenstadt Caesarea. Die Befreiung des
+Landes von römischer Besatzung fiel selbstverständlich weg, aber, wie
+durchgängig in den Provinzen zweiten Ranges, bestand die römische
+Truppenmacht nur aus einer mäßigen Zahl von Reiter- und Fußabteilungen
+der geringeren Kategorie; späterhin lagen dort eine Ala und fünf
+Kohorten, etwa 3000 Mann. Diese Truppen wurden vielleicht von dem
+früheren Regiment übernommen, wenigstens zum großen Teil im Lande
+selbst, jedoch meist aus Samaritanern und syrischen Griechen gebildet
+^12. Legionarbesatzung erhielt die Provinz nicht, und auch in den Judäa
+benachbarten Gebieten stand höchstens eine von den vier syrischen
+Legionen. Nach Jerusalem kam ein ständiger römischer Kommandant, der in
+der Königsburg seinen Sitz nahm, mit einer schwachen ständigen
+Besatzung; nur während der Passahzeit, wo das ganze Land und unzählige
+Fremde nach dem Tempel strömten, lag eine stärkere Abteilung römischer
+Soldaten in einer zum Tempel gehörigen Halle. Daß mit der Einrichtung
+der Provinz die Steuerpflichtigkeit Rom gegenüber eintrat, folgt schon
+daraus, daß die Kosten der Landesverteidigung damit auf die
+Reichsregierung übergingen. Nachdem diese bei der Einsetzung des
+Archelaos eine Herabsetzung der Abgaben veranlaßt hatte, ist es wenig
+wahrscheinlich, daß sie bei der Einziehung des Landes eine sofortige
+Erhöhung derselben in Aussicht nahm; wohl aber wurde, wie in jedem neu
+erworbenen Gebiet, zu einer Revision der bisherigen Katastrierung
+geschritten ^13.
+
+—————————————————————-
+
+^11 Die Angabe des Josephus, daß Judäa zur Provinz Syrien gezogen und
+dessen Statthalter unterstellt worden sei (ant. Iud. 17 fin.: τού δέ
+Αρχελάου χώρας υποτελούς προσνεμηθείσης τή Σύρων; 18, 1, 1 : εις τήν
+Ιουδαίων προσθήκην τής Συρίας; 4, 6) scheint unrichtig zu sein;
+vielmehr bildete Judäa wahrscheinlich seitdem eine eigene
+prokuratorische Provinz. Genaue Unterscheidung zwischen dem rechtlichen
+und dem faktischen Eingreifen des syrischen Statthalters darf man bei
+Josephus nicht erwarten. Daß derselbe die neue Provinz ordnete und die
+erste Schatzung leitete, entscheidet nicht über die Frage, welche
+Einrichtung ihr gegeben ward. Wo die Juden sich über ihren Prokurator
+bei dem Statthalter von Syrien beschweren und dieser gegen denselben
+einschreitet, ist allerdings der Prokurator von dem Legaten abhängig;
+aber wenn L. Vitellius dies tat (Ios. ant. Iud. 18, 4, 2), so griff
+dessen Macht eben außerordentlicherweise hinaus über die Provinz (Tac.
+ann. 6, 32; Römisches Staatsrecht, Bd. 2, S. 822), und in dem andern
+Fall zeigen die Worte des Tacitus (12, 54): quia Claudius ius statuendi
+etiam de procuratoribus dederat, daß der Statthalter von Syrien kraft
+seiner allgemeinen Kompetenz ein solches Urteil nicht hätte fällen
+können. Sowohl das ius gladii dieser Prokuratoren (Ios. bel. Iud. 2, 8,
+1: μέχρι τού κτείνειν λαβών παρά τού Καίσαρος εξουσίαν, ant. Iud. 18,
+1, 1; ηγησόμενος Ιουδαίων τή επί πάσιν εξουσία) wie ihr ganzes
+Auftreten beweisen, daß sie nicht zu denen gehörten, die unter einem
+kaiserlichen Legaten stehend nur finanzielle Geschäfte besorgten,
+sondern vielmehr wie die Prokuratoren von Noricum und Raetia auch für
+Rechtspflege und Heerbefehl die höchste Instanz bildeten. Also hatten
+die Legaten von Syrien dort nur die Stellung wie die von Pannonien in
+Noricum und der obergermanische in Rätien. Dies entspricht auch der
+allgemeinen Entwicklung der Verhältnisse: alle größeren Königreiche
+sind bei der Einziehung nicht den benachbarten großen
+Statthalterschaften zugelegt worden, deren Machtfülle zu steigern nicht
+in der Tendenz dieser Epoche liegt, sondern zu selbstständigen, meist
+zuerst ritterlichen Statthalterschaften gemacht worden.
+
+^12 Nach Josephus (ant. Iud. 20, 8, 7, genauer als bel. Iud. 2, 13, 7)
+bestand der größte Teil der römischen Truppen in Palästina aus
+Caesareern und Sebastenern. Die ala Sebastenorum focht im Jüdischen
+Kriege unter Vespasian (Ios. bel. Iud. 2, 12, 5). Vgl. Eph. epigr. V,
+p. 194. Alae und cohortes Iudaeorum gibt es nicht.
+
+^13 Die Einkünfte des Herodes beliefen sich nach Josephus (ant. Iud.
+17, 11, 4) auf etwa 1200 Talente, wovon auf Batanaea mit den
+Nebenländern etwa 100, auf Galiläa und Peraea 200, das übrige auf den
+Anteil des Archelaos entfallen; dabei ist wohl das ältere hebräische
+Talent (zu etwa 7830 Mark) gemeint, nicht, wie F. Hultsch (Griechische
+und römische Metrologie. z. Aufl. Berlin 1882, S. 605) annimmt, das
+Denartalent (zu etwa 5220 Mark), da die Einkünfte desselben Gebiets
+unter Claudius bei demselben Josephus (ant. Iud. 19, 8, 2) auf 12 Mill.
+Denare (etwa 10 Mill. Mark) angesetzt werden. Den Hauptposten darin
+bildete die Bodenabgabe, deren Höhe wir nicht kennen; in syrischer Zeit
+betrug sie wenigstens zeitweilig den dritten Teil vom Getreide und die
+Hälfte von Wein und Öl (1. Makk. 10, 30), zu Caesars Zeit für Joppe ein
+Viertel der Frucht (Anm. 8), woneben dann noch der Tempelzehnte stand.
+Dazu kamen eine Anzahl anderer Steuern und Zölle, Auktionsabgaben,
+Salzsteuer, Wege- und Brückengelder u. dgl. m.; diese sind es, auf
+welche die Zöllner der Evangelien sich beziehen.
+
+—————————————————————-
+
+Für die einheimischen Behörden wurden in Judäa, wie überall, soweit
+möglich die Stadtgemeinden zum Fundament genommen. Samaria oder, wie
+die Stadt jetzt heißt, Sebaste, das neu angelegte Caesarea und die
+sonstigen in dem ehemaligen Reich des Archelaos enthaltenen städtischen
+Gemeinden verwalteten unter Aufsicht der römischen Behörde sich selbst.
+Auch das Regiment der Hauptstadt mit dem großen dazugehörigen Gebiet
+wurde in ähnlicher Weise geordnet. Schon in vorrömischer Zeit unter den
+Seleukiden hatte sich, wie wir sahen, in Jerusalem ein Rat der Ältesten
+gebildet, das Synhedrion oder judaisiert der Sanhedrin. Den Vorsitz
+darin führte der Hochpriester, welchen der jedesmalige Herr des Landes,
+wenn er nicht etwa selber Hochpriester war, auf Zeit bestellte. Dem
+Kollegium gehörten die gewesenen Hochpriester und angesehene
+Gesetzkundige an. Diese Versammlung, in der das aristokratische Element
+überwog, funktionierte als höchste geistliche Vertretung der gesamten
+Judenschaft, und, soweit diese davon nicht zu trennen war, auch als die
+weltliche Vertretung insbesondere der Gemeinde von Jerusalem. Zu einer
+geistlichen Institution mosaischer Satzung hat das Synhedrion von
+Jerusalem erst der spätere Rabbinismus durch fromme Fiktion
+umgestempelt. Er entsprach wesentlich dem Rat der griechischen
+Stadtverfassung, trug aber allerdings seiner Zusammensetzung wie seinem
+Wirkungskreise nach einen mehr geistlichen Charakter, als er den
+griechischen Gemeindevertretungen zukommt. Diesem Synhedrion und seinem
+Hochpriester, den jetzt als Vertreter des kaiserlichen Landesherrn der
+Prokurator ernannte, ließ oder übertrug die römische Regierung
+diejenige Kompetenz, welche in den hellenischen Untertanengemeinden den
+städtischen Behörden und den Gemeinderäten zukam. Sie ließ mit
+gleichgültiger Kurzsichtigkeit dem transzendentalen Messianismus der
+Pharisäer freien Lauf und dem bis zum Eintreffen des Messias
+fungierenden, keineswegs transzendentalen Landeskonsistorium ziemlich
+freies Schalten in Angelegenheiten des Glaubens, der Sitte und des
+Rechts, wo die römischen Interessen dadurch nicht geradezu berührt
+wurden. Insbesondere betraf dies die Rechtspflege. Zwar soweit es sich
+dabei um römische Bürger handelte, wird die Justiz in Zivil- wie in
+Kriminalsachen den römischen Gerichten sogar schon vor der Einziehung
+des Landes vorbehalten gewesen sein. Aber die Ziviljustiz über die
+Juden blieb auch nach derselben hauptsächlich der örtlichen Behörde.
+Die Kriminaljustiz über dieselben übte diese wahrscheinlich im
+allgemeinen konkurrierend mit dem römischen Prokurator; nur
+Todesurteile konnte sie nicht anders vollstrecken lassen als nach
+Bestätigung durch den kaiserlichen Beamten.
+
+Im wesentlichen waren diese Anordnungen die unabweisbaren Konsequenzen
+der Abschaffung des Fürstentums, und indem die Juden diese erbaten,
+erbaten sie in der Tat jene mit. Gewiß war es auch die Absicht der
+Regierung, Härte und Schroffheit bei der Durchführung soweit möglich zu
+vermeiden. Publius Sulpicius Quirinius, dem als Statthalter von Syrien
+die Einrichtung der neuen Provinz übertragen ward, war ein angesehener
+und mit den Verhältnissen des Orients genau vertrauter Beamter, und
+alle Einzelberichte bestätigen redend oder schweigend, daß man die
+Schwierigkeiten der Verhältnisse kannte und darauf Rücksicht nahm. Die
+örtliche Prägung der Kleinmünze, wie sie früher die Könige geübt
+hatten, ging jetzt auf den Namen des römischen Herrschers; aber der
+jüdischen Bilderscheu wegen wurde nicht einmal der Kopf des Kaisers auf
+die Münze gesetzt. Das Betreten des inneren Tempelraumes blieb jedem
+Nichtjuden untersagt bei Todesstrafe ^14. Wie ablehnend Augustus sich
+persönlich gegen die orientalischen Kulte verhielt, er verschmähte es
+hier sowenig wie in Ägypten, sie in ihrer Heimat mit dem Kaiserregiment
+zu verknüpfen; prachtvolle Geschenke des Augustus, der Livia und
+anderer Glieder des kaiserlichen Hauses schmückten das Heiligtum der
+Juden, und nach kaiserlicher Stiftung rauchte täglich dort dem
+“höchsten Gott” das Opfer eines Stiers und zweier Lämmer. Die römischen
+Soldaten wurden angewiesen, wenn sie in Jerusalem Dienst hatten, die
+Feldzeichen mit den Kaiserbildern in Caesarea zu lassen, und als ein
+Statthalter unter Tiberius davon abging, entsprach die Regierung
+schließlich den flehenden Bitten der Frommen und ließ es bei dem alten.
+Ja als auf einer Expedition gegen die Araber die römischen Truppen
+durch Jerusalem marschieren sollten, erhielten sie infolge der Bedenken
+der Priester gegen die Bilder an den Feldzeichen eine andere
+Marschroute. Als ebenjener Statthalter dem Kaiser an der Königsburg in
+Jerusalem Schilde ohne Bildwerke weihte und die Frommen auch daran
+Ärgernis nahmen, befahl Tiberius dieselben abzunehmen und an dem
+Augustustempel in Caesarea aufzuhängen. Das Festgewand des
+Hohenpriesters, das sich auf der Burg in römischem Gewahrsam befand und
+daher vor der Anlegung erst sieben Tage lang von solcher Entweihung
+gereinigt werden mußte, wurde den Gläubigen auf ihre Beschwerde
+ausgeliefert und der Kommandant der Burg angewiesen, sich nicht weiter
+um dasselbe zu bekümmern. Allerdings konnte von der Menge nicht
+verlangt werden, daß sie darum die Folgen der Einverleibung weniger
+schwer empfand, weil sie selbst dieselbe herbeigeführt hatte. Auch soll
+nicht behauptet werden, daß die Einziehung des Landes für die Bewohner
+ohne Bedrückung abging und daß sie keinen Grund hatten, sich zu
+beschweren; diese Einrichtungen sind nirgends ohne Schwierigkeiten und
+Ruhestörungen durchgeführt worden. Ebenso wird die Anzahl der
+Unrechtfertigkeiten und Gewalttätigkeiten, welche einzelne Statthalter
+begingen, in Judäa nicht geringer gewesen sein als anderswo. Schon im
+Anfang der Regierung des Tiberius klagten die Juden wie die Syrer über
+Steuerdruck; insbesondere der langjährigen Verwaltung des Pontius
+Pilatus werden von einem nicht unbilligen Beurteiler alle üblichen
+Beamtenfrevel zur Last gelegt. Aber Tiberius hat, wie derselbe Jude
+sagt, in den dreiundzwanzig Jahren seiner Regierung die
+althergebrachten heiligen Gebräuche aufrecht gehalten und in keinem
+Teil sie beseitigt oder verletzt. Es ist dies um so mehr anzuerkennen,
+als derselbe Kaiser im Okzident so nachdrücklich wie kein anderer gegen
+die Juden einschritt und also die in Judäa von ihm bewiesene Langmut
+und Zurückhaltung nicht auf persönliche Begünstigung des Judentums
+zurückgeführt werden kann.
+
+———————————————————————————————-
+
+^14 An der Marmorschranke (δρύφακτος), welche den inneren Tempelraum
+abgrenzte, standen deswegen Warnungstafeln in lateinischer und
+griechischer Sprache (Ios. bel. Iud. 5, 5, 2; 6, 2, 4; ant. Iud. 15,
+11, 5). Eine der letzteren, die kürzlich wiedergefunden ist (Revue
+archeologique 23, 1872, S. 220) und jetzt in dem öffentlichen Museum
+von Konstantinopel sich befindet, lautet: μήθ΄ ένα αλλογενή
+εισπορεύεσθαι εντός τού περί τό ιερόν τρυφάκτου καί περιβόλου. ός δ'άν
+ληφδή, εαυτώ αίτιος έσται διά τό εξακολουθείν θάνατον. Das Iota im
+Dativ ist vorhanden, die Schrift gut und passend für frühe Kaiserzeit.
+Diese Tafeln sind schwerlich von den jüdischen Königen gesetzt, die
+kaum einen lateinischen Text hinzugefügt haben würden und auch keine
+Ursache hatten, mit dieser sonderbaren Anonymität den Tod in Aussicht
+zu stellen. Wenn sie von der römischen Regierung aufgestellt wurden,
+erklärt sich beides; auch sagt Titus bei Ios. bel. Iud. 6, 2, 4 in
+einer Ansprache an die Juden: ουχ ημείς τούς υπερβάντας υμίν αναιρείν
+επετρέψαμεν, κάν Ρωμαίός τις ή; - Trägt die Tafel wirklich Spuren von
+Axthieben, so stammen diese von den Soldaten des Titus.
+
+———————————————————————————————-
+
+Trotz allem dem entwickelten sich gegen die römische Regierung die
+prinzipielle Opposition wie die gewaltsame Selbsthilfe der Gläubigen
+beide schon in dieser Zeit des Friedens. Die Steuerzahlung ward nicht
+etwa bloß, weil sie drückte, sondern als gottlos angefochten. “Ist es
+erlaubt”, fragt der Rabbi im Evangelium, “dem Caesar den Zensus zu
+zahlen?” Die ironische Antwort, die er empfing, genügte doch nicht
+allen; es gab Heilige, wenn auch wohl nicht in großer Zahl, welche sich
+verunreinigt meinten, wenn sie eine Münze mit dem Kaiserbild anrührten.
+Dies war etwas Neues, ein Fortschritt der Oppositionstheologie; die
+Könige Seleukos und Antiochos waren doch auch nicht beschnitten gewesen
+und hatten ebenfalls Tribut empfangen in Silberstücken ihres
+Bildnisses. Also war die Theorie; die praktische Anwendung davon machte
+allerdings nicht der hohe Rat von Jerusalem, in welchem unter dem
+Einfluß der Reichsregierung die gefügigeren Vornehmen des Landes
+stimmführend waren, aber Judas der Galiläer aus Gamala am See von
+Genezareth, welcher, wie Gamaliel diesem hohen Rat später in Erinnerung
+brachte, “in den Tagen der Schatzung aufstand, und hinter ihm erhob
+sich das Volk zum Abfall”. Er sprach es aus, was alle dachten, daß die
+sogenannte Schatzung die Knechtschaft und es eine Schande sei für den
+Juden, einen anderen Herrn über sich zu erkennen als den Herrn Zebaoth;
+dieser aber helfe nur denen, die sich selber hülfen. Wenn nicht viele
+seinem Ruf zu den Waffen folgten, und er nach wenigen Monaten auf dem
+Blutgerüst endigte, so war der heilige Tote den unheiligen Siegern
+gefährlicher als der Lebende. Er und die Seinigen gelten den späteren
+Juden neben den Sadduzäern, Pharisäern und Essäern als die vierte
+“Schule”; damals hießen sie die Eiferer, später nennen sie sich die
+Sicarier, die Messermänner. Ihre Lehre ist einfach: Gott allein ist
+Herr, der Tod gleichgültig, die Freiheit eines und alles. Diese Lehre
+blieb, und des Judas Kinder und Enkel wurden die Führer der späteren
+Insurrektionen.
+
+Wenn die römische Regierung der Aufgabe, diese explosiven Elemente nach
+Möglichkeit niederzuhalten, unter den ersten beiden Regenten im ganzen
+genommen geschickt und geduldig genügt hatte, so führte der zweite
+Thronwechsel hart an die Katastrophe. Derselbe ward wie im ganzen
+Reich, so auch von den Juden in Jerusalem wie in Alexandreia mit Jubel
+begrüßt und nach dem menschenscheuen und unbeliebten Greise der neue
+jugendliche Herrscher Gaius dort wie hier in überschwenglicher Weise
+gefeiert. Aber rasch entwickelte sich aus nichtswürdigen Anlässen ein
+furchtbares Zerwürfnis. Ein Enkel des ersten Herodes und der schönen
+Mariamne, nach dem Beschützer und Freunde seines Großvaters Herodes
+Agrippa genannt, unter den zahlreichen in Rom lebenden orientalischen
+Fürstensöhnen ungefähr der geringfügigste und heruntergekommenste, aber
+dennoch oder eben darum der Günstling und der Jugendfreund des neuen
+Kaisers, bis dahin lediglich bekannt durch seine Liederlichkeit und
+seine Schulden, hatte von seinem Beschützer, dem er zuerst die
+Nachricht von dem Tode des Tiberius hatte überbringen können, eines der
+vakanten jüdischen Kleinfürstentümer zum Geschenk und dazu den
+Königstitel erhalten. Dieser kam im Jahre 38 auf der Reise in sein
+neues Reich nach der Stadt Alexandreia, wo er wenige Monate vorher als
+ausgerissener Wechselschuldner versucht hatte, bei den jüdischen
+Bankiers zu borgen. Als er im Königsgewand mit seinen prächtig
+staffierten Trabanten sich dort öffentlich zeigte, regte dies
+begreiflicherweise die nichtjüdische und den Juden nichts weniger als
+wohlwollende Bewohnerschaft der großen spott- und skandallustigen Stadt
+zu einer entsprechenden Parodie an, und bei dieser blieb es nicht. Es
+kam zu einer grimmigen Judenhetze. Die zerstreut liegenden Judenhäuser
+wurden ausgeraubt und verbrannt, die im Hafen liegenden jüdischen
+Schiffe geplündert, die in den nicht jüdischen Quartieren betroffenen
+Juden mißhandelt und erschlagen. Aber gegen die rein jüdischen
+Quartiere vermochte man mit Gewalt nichts auszurichten. Da gerieten die
+Führer auf den Einfall, die Synagogen, auf die es vor allem abgesehen
+war, soweit sie noch standen, sämtlich zu Tempeln des neuen Herrschers
+zu weihen und Bildsäulen desselben in allen, in der Hauptsynagoge eine
+solche auf einem Viergespann, aufzustellen. Daß Kaiser Gaius so
+ernsthaft, wie sein verwirrter Geist es vermochte, sich für einen
+wirklichen und leibhaftigen Gott hielt, wußte alle Welt, und die Juden
+und der Statthalter auch. Dieser, Avillius Flaccus, ein tüchtiger Mann
+und unter Tiberius ein vortrefflicher Verwalter, aber jetzt gelähmt
+durch die Ungnade, in welcher er bei dem neuen Kaiser stand und jeden
+Augenblick der Abberufung und der Anklage gewärtig, verschmähte es
+nicht, die Gelegenheit zu seiner Rehabilitierung zu benutzen ^15. Er
+befahl nicht bloß durch Edikt, der Aufstellung der Statuen in den
+Synagogen kein Hindernis in den Weg zu legen, sondern er ging geradezu
+auf die Judenhetze ein. Er verordnete die Abschaffung des Sabbaths. Er
+erklärte weiter in seinen Erlassen, daß diese geduldeten Fremden sich
+unerlaubter Weise des besten Teils der Stadt bemächtigt hätten; sie
+wurden auf ein einziges der fünf Quartiere beschränkt und alle übrigen
+Judenhäuser dem Pöbel preisgegeben, während die ausgetriebenen Bewohner
+massenweise obdachlos am Strande lagen. Kein Widerspruch wurde auch nur
+angehört; achtunddreißig Mitglieder des Rats der Ältesten, welcher
+damals anstatt des Ethnarchen der Judenschaft vorstand ^16, wurden im
+offenen Circus vor allem Volke gestäupt. Vierhundert Häuser lagen in
+Trümmern; Handel und Wandel stockte; die Fabriken standen still. Es
+blieb keine Hilfe als bei dem Kaiser. Vor ihm erschienen die beiden
+alexandrinischen Deputationen, die der Juden geführt von dem früher
+erwähnten Philon, einem Gelehrten der neujüdischen Richtung und mehr
+sanftmütigen als tapferen Herzens, der aber doch für die Seinen in
+dieser Bedrängnis getreulich eintrat; die der Judenfeinde geführt von
+Apion, auch einem alexandrinischen Gelehrten und Schriftsteller, der
+“Weltschelle”, wie Kaiser Tiberius ihn nannte, voll großer Worte und
+noch größerer Lügen, von dreistester Allwissenheit ^17 und unbedingtem
+Glauben an sich selbst, wenn nicht der Menschen, doch ihrer
+Nichtswürdigkeit kundig, ein gefeierter Meister der Rede wie der
+Volksverführung, schlagfertig, witzig, unverschämt und unbedingt loyal.
+Das Ergebnis der Verhandlung stand von vornherein fest; der Kaiser ließ
+die Parteien vor, während er die Anlagen in seinen Gärten besichtigte,
+aber statt den Flehenden Gehör zu geben, legte er ihnen spöttische
+Fragen vor, die die Judenfeinde, aller Etikette zum Trotz, mit lautem
+Gelächter begleiteten, und da er bei guter Laune war, beschränkte er
+sich darauf, sein Bedauern auszusprechen, daß diese im übrigen guten
+Leute so unglücklich organisiert seien, seine angeborene Gottesnatur
+nicht begreifen zu können, womit es ihm ohne Zweifel ernst war. Apion
+also bekam Recht, und überall, wo es den Judenfeinden beliebte,
+wandelten die Synagogen sich um in Tempel des Gaius.
+
+———————————————————————————
+
+^15 Der besondere Haß des Gaius gegen die Juden (Philo leg. 20) ist
+nicht die Ursache, sondern die Folge der alexandrinischen Judenhetze
+gewesen. Da also auch das Einverständnis der Führer der Judenhetze mit
+dem Statthalter (Philo in Flacc. 4) so, wie die Juden meinten, nicht
+bestanden haben kann, weil der Statthalter nicht füglich glauben
+konnte, durch Preisgebung der Juden sich dem neuen Kaiser zu empfehlen,
+so entsteht allerdings die Frage, warum die Führer der Judenfeinde eben
+diesen Moment für die Judenhetze wählten und vor allem, warum der
+Statthalter, dessen Trefflichkeit Philo so nachdrücklich anerkennt,
+dieselbe zuließ und wenigstens in ihrem weiteren Verlauf sich an ihr
+beteiligte. Wahrscheinlich sind die Dinge so hergegangen, wie sie oben
+erzählt sind: der Judenhaß und Judenneid gärten seit langem in
+Alexandreia (Ios. bel. Iud. 2, 18, 9; Philo leg. 18); der Wegfall des
+alten strengen Regiments und die augenscheinliche Ungnade, in welcher
+der Präfekt bei Gaius stand, gaben Raum für den Krawall; die Ankunft
+Agrippas gab den Anlaß; die geschickte Verwandlung der Synagogen in
+Tempel des Gaius stempelte die Juden zu Kaiserfeinden, und nachdem dies
+geschehen war, wird Flaccus allerdings die Verfolgung aufgegriffen
+haben, um sich dadurch bei dem Kaiser zu rehabilitieren.
+
+^16 Als Strabon in Ägypten war in der früheren augusteischen Zeit,
+standen die Juden in Alexandreia unter einem Ethnarchen (geogr. 17, 1,
+13 p. 798 und bei Ios. ant. Iud. 14, 7, 2). Als dann unter Augustus der
+Ethnarchos oder Genarchos, wie er auch heißt, starb, trat an seine
+Stelle ein Rat der Ältesten (Philo leg. 10); doch “untersagte
+Augustus”, wie Claudius angibt (Ios. ant. Iud. 19, S, 2), “den Juden
+nicht die Bestellung von Ethnarchen”, was wohl heißen soll, daß die
+Wahl eines Einzelvorstehers nur für diesmal unterlassen, nicht ein für
+allemal abgeschafft ward. Unter Gaius gab es offenbar nur Älteste der
+Judenschaft; und auch unter Vespasian begegnen diese (Ios. bel. Iud. 7,
+10, 1). Ein Archon der Juden in Antiocheia wird genannt bei Ios. bel.
+Iud. 7, 3, 3.
+
+^17 Apion redete und schrieb über alles und jedes, über die Metalle und
+die römischen Buchstaben, über die Magie und von den Hetären, über
+ägyptische Urgeschichte und Apicius’ Kochrezepte, vor allem aber machte
+er Glück mit seinen Vorträgen über Homer, die ihm das Ehrenbürgerrecht
+in zahlreichen griechischen Städten erwarben. Er hatte entdeckt, daß
+Homeros darum mit dem unpassenden Worte μήνις seine Ilias begonnen
+habe, weil die ersten beiden Buchstaben als Ziffern die Bücherzahl der
+beiden von ihm zu schreibenden Epen darstellen; er nannte den
+Gastfreund in Ithaka, bei dem er das Brettspiel der Freier erkundet
+habe; ja er hatte Homeros selbst aus der Unterwelt beschworen, um ihn
+um seine Heimat zu befragen, derselbe sei auch gekommen und habe sie
+ihm gesagt, aber ihn verpflichtet, sie anderen nicht zu verraten.
+
+———————————————————————————
+
+Aber es blieb nicht bei diesen durch die alexandrinische Straßenjugend
+eingeleiteten Dedikationen. Im Jahre 39 bekam der Statthalter von
+Syrien, Publius Petronius, vom Kaiser den Befehl, mit seinen Legionen
+in Jerusalem einzurücken und in dem Tempel die Bildsäule des Kaisers
+aufzurichten. Der Statthalter, ein ehrbarer Beamter aus der Schule des
+Tiberius, erschrak; die Juden aus dem ganzen Lande, Männer und Frauen,
+Greise und Kinder, strömten zu ihm, erst nach Ptolemais in Syrien, dann
+nach Tiberias in Galiläa, ihn um seine Vermittlung anzuflehen, daß das
+Entsetzliche unterbleiben möge; die Äcker im ganzen Lande wurden nicht
+bestellt, und die verzweifelten Massen erklärten, lieber den Tod durch
+das Schwert oder den Hunger dulden, als diesen Greuel mit Augen sehen
+zu wollen. In der Tat wagte der Statthalter die Ausführung zu verzögern
+und Gegenvorstellungen zu machen, obwohl er wußte, daß es dabei um
+seinen Kopf ging. Zugleich ging jener König Agrippa persönlich nach
+Rom, um von seinem Freunde die Rücknahme des Befehls zu erwirken. In
+der Tat stand der Kaiser von seinem Begehren ab, man sagt infolge einer
+von dem jüdischen Fürsten geschickt benutzten Weinlaune. Aber er
+beschränkte zugleich die Konzession auf den einzigen Tempel von
+Jerusalem und sandte nichtsdestoweniger dem Statthalter wegen seines
+Ungehorsams das Todesurteil zu, das allerdings, zufällig verspätet,
+nicht mehr zur Ausführung kam. Gaius war entschlossen, die Renitenz der
+Juden zu brechen; das angeordnete Einrücken der Legionen zeigt, daß er
+diesmal die Folgen seines Befehls im Voraus erwogen hatte. Seit jenen
+Vorgängen hatten die bereitwillig gottgläubigen Ägypter seine volle
+Liebe, so wie die störrigen und einfältigen Juden den entsprechenden
+Haß; hinterhältig wie er war und gewohnt zu begnadigen, um später zu
+widerrufen, mußte das Ärgste nur verschoben erscheinen. Er war im
+Begriff, nach Alexandreia abzugehen, um dort persönlich den Weihrauch
+seiner Altäre entgegenzunehmen, und an der Statue, die er in Jerusalem
+sich aufzustellen gedachte, wurde, so sagt man, in aller Stille
+gearbeitet, als im Januar 41 der Dolch des Chaerea unter anderem auch
+den Tempel des Jehova von dem Unhold befreite.
+
+Äußere Folgen hinterließ die kurze Leidenszeit nicht; mit dem Gott
+sanken seine Altäre. Aber dennoch sind die Spuren davon nach beiden
+Seiten hin geblieben. Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist die
+des steigenden Hasses zwischen Juden und Nichtjuden, und darin
+bezeichnet die dreijährige Judenverfolgung unter Gaius einen Abschnitt
+und einen Fortschritt. Der Judenhaß und die Judenhetzen sind so alt wie
+die Diaspora selbst; diese privilegierten und autonomen orientalischen
+Gemeinden innerhalb der hellenischen mußten sie so notwendig entwickeln
+wie der Sumpf die böse Luft. Aber eine Judenhetze wie die
+alexandrinische des Jahres 38, motiviert durch das mangelhafte
+Hellenentum und dirigiert zugleich von der höchsten Behörde und dem
+niedrigen Pöbel, hat die ältere griechische wie römische Geschichte
+nicht aufzuweisen. Der weite Weg vom bösen Wollen des Einzelnen zur
+bösen Tat der Gesamtheit war hiermit durchschritten, und es war
+gezeigt, was die also Gesinnten zu wollen und zu tun hatten und unter
+Umständen auch zu tun vermochten. Daß diese Offenbarung auch auf
+jüdischer Seite empfunden ward, ist nicht zu bezweifeln, obwohl wir
+dies mit Dokumenten nicht zu belegen vermögen ^18. Aber weit tiefer als
+die alexandrinische Judenhetze haftete in den Gemütern der Juden die
+Bildsäule des Gottes Gaius im Allerheiligsten. Es war das schon einmal
+dagewesen: auf das gleiche Unterfangen des Königs von Syrien, Antiochos
+Epiphanes, war die Makkabäererhebung gefolgt und die siegreiche
+Wiederherstellung des freien nationalen Staats. Jener Epiphanes, der
+Antimessias, welcher den Messias herbeiführt, wie der Prophet Daniel
+ihn, allerdings nachträglich, gezeichnet hatte, war seitdem jedem Juden
+das Urbild der Greuel; es war nicht gleichgültig, daß die gleiche
+Vorstellung mit gleichem Recht sich an einen römischen Kaiser knüpfte
+oder vielmehr an das Bild des römischen Herrschers überhaupt. Seit
+jenem verhängnisvollen Erlaß kam die Sorge nicht zur Ruhe, daß ein
+anderer Kaiser das Gleiche befehlen könne, und insofern allerdings mit
+Recht, als nach der Ordnung des römischen Staatswesens diese Verfügung
+lediglich von dem augenblicklichen Gutfinden des augenblicklich
+Regierenden abhing. Mit glühenden Farben zeichnet sich dieser jüdische
+Haß des Kaiserkultus und des Kaisertums selbst in der Apokalypse
+Johannis, für die hauptsächlich deswegen Rom das feile Weib von Babylon
+und der gemeine Feind der Menschheit ist ^19. Noch minder gleichgültig
+war die naheliegende Parallele der Konsequenzen. Mattathias von Modein
+war auch nicht mehr gewesen als Judas der Galiläer, die Erhebung der
+Patrioten gegen den Syrerkönig ungefähr ebenso hoffnungslos wie die
+Insurrektion gegen das Untier jenseits des Meeres. Historische
+Parallelen in praktischer Anwendung sind gefährliche Elemente der
+Opposition; nur zu rasch geriet der Bau langjähriger Regierungsweisheit
+ins Schwanken.
+
+—————————————————————————————-
+
+^18 Die Schriften Philons, welche diese ganze Katastrophe uns mit
+unvergleichlicher Aktualität vorführen, schlagen diesen Ton nirgends
+an; aber auch abgesehen davon, daß dieser reiche und bejahrte Mann mehr
+ein guter Mensch als ein guter Hasser war, versteht es sich von selbst,
+daß diese Konsequenzen der Vorgänge von jüdischer Seite nicht
+öffentlich dargelegt wurden. Was die Juden dachten und fühlten, wird
+man nicht nach dem beurteilen dürfen, was sie namentlich in ihren
+griechisch geschriebenen Schriften zu sagen zweckmäßig fanden. Wenn das
+Buch der Weisheit und das dritte Makkabäerbuch in der Tat gegen die
+alexandrinische Judenverfolgung gerichtet sind (Hausrath,
+Neutestamentliche Zeitgeschichte. Bd. 2, S. 259 f.), was übrigens
+nichts weniger als gewiß ist, so sind sie womöglich noch zahmer
+gehalten als die Schriften Philons.
+
+^19 Dies dürfte die richtige Auffassung der jüdischen Vorstellungen
+sein, in denen überhaupt die positiven Tatsachen regelmäßig ins
+Allgemeine verfließen. In den Erzählungen vom Antimessias und vom
+Antichrist finden sich keine positiven Momente, die auf Kaiser Gaius
+paßten; den Namen Armillus, den der Targum jenem beilegt, darauf
+zurückzuführen, daß Kaiser Gaius zuweilen Frauenarmbänder (armillae)
+trug (Suet. Gai. 52), kann ernsthaft nicht vertreten werden. In der
+Johanneischen Apokalypse, der klassischen Offenbarung jüdischen
+Selbstgefühls und Römerhasses, knüpft sich das Bild des Antimessias
+vielmehr an Nero, der sein Bild nicht ins Allerheiligste hat stellen
+lassen. Diese Schrift gehört bekanntlich einer Zeit und einer Richtung
+an, für die das Christentum noch wesentlich eine jüdische Sekte war;
+die Auserwählten und vom Engel Gezeichneten sind alle Juden, je 12000
+aus jedem der zwölf Stämme, und haben den Vortritt vor der “großen
+Menge der sonstigen Gerechten”, das heißt der Judengenossen (Offbg. 7;
+vgl. 12, 1). Geschrieben ist sie erwiesenermaßen nach Neros Sturz, und
+als dessen Rückkehr aus dem Orient erwartet wurde. Nun trat freilich
+ein falscher Nero unmittelbar nach dem Tode des wirklichen auf und
+wurde im Anfang des folgenden Jahres hingerichtet (Tac. hist. 2, 8. 9);
+aber an diesen denkt Johannes nicht, da der recht genaue Bericht nicht,
+wie Johannes, dabei der Parther erwähnt, und für Johannes zwischen dem
+Sturze Neros und seiner Rückkehr ein beträchtlicher Zeitraum, auch die
+letztere noch in der Zukunft liegt. Sein Nero ist derjenige, der unter
+Vespasian im Euphratgebiet Anhang fand, den König Artabanos unter Titus
+anerkannte und sich anschickte, mit Heeresmacht in Rom wieder
+einzusetzen, und den endlich die Parther um das Jahr 88 nach längeren
+Verhandlungen an Domitian auslieferten. Auf diese Vorgänge paßt die
+Apokalypse mit völliger Genauigkeit. Andererseits kann in einer Schrift
+dieses Schlages daraus, daß nach 11, 1, 2 nur der Vorhof, nicht aber
+das Allerheiligste des Tempels von Jerusalem in die Gewalt der Heiden
+gegeben ist, unmöglich auf den damaligen Stand der Belagerung
+geschlossen werden; hier ist im einzelnen alles Phantasmagorie und dies
+gewiß entweder beliebig gegriffen oder, wenn man das vorzieht,
+angesponnen etwa an eine den römischen Soldaten, die nach der
+Zerstörung in Jerusalem lagerten, gegebene Order, das ehemalige
+Allerheiligste nicht zu betreten. Die Grundlage der Apokalypse ist
+unbestritten die Zerstörung des irdischen Jerusalem und die dadurch
+erst gegebene Aussicht auf dessen dereinstige ideale Wiederherstellung;
+unmöglich läßt sich an die Stelle der erfolgten Schleifung der Stadt
+die bloße Erwartung der Einnahme setzen. Wenn also es von den sieben
+Köpfen des Drachen heißt: βασιλείς επτά εισιν. οι πέντε επεσαν, ο εισ
+έστιν, ο άλλος ούπω ήλθεν, καί όταν έλθη ολίγον δεί μείναι (17, 10), so
+sind vermutlich die fünf Augustus, Tiberius, Gaius, Claudius, Nero, der
+sechste Vespasian, der siebente unbestimmt; “das Tier, welches war und
+nicht ist, und selber der achte, aber aus den sieben ist”, ist
+natürlich Nero. Der unbestimmte Siebente ist ungeschickt, wie so vieles
+in dieser grandiosen, aber widerspruchsvollen und oft sich übel
+verwickelnden Phantasmagorie, ist aber hingesetzt, nicht, weil die
+Siebenzahl gebraucht ward, die ja leicht durch Caesar zu gewinnen war,
+sondern weil der Schreiber Bedenken trug, das kurze Regiment des
+letzten Herrschers und dessen Sturz durch den rückkehrenden Nero
+unmittelbar von dem regierenden Kaiser auszusagen. Unmöglich aber kann
+man, wie es nach anderen Renan tut, mit Einrechnung Caesars in dem
+sechsten Kaiser, “welcher ist”, Nero erkennen, der gleich nachher
+bezeichnet wird als der, welcher “war und nicht ist”, und in dem
+siebenten, welcher “noch nicht gekommen ist und nicht lange herrschen
+wird”, sogar den nach Renans Ansicht zur Zeit herrschenden
+hochbejahrten Galba. Daß dieser überhaupt so wenig, wie Otho und
+Vitellius, in eine solche Reihe gehört, leuchtet ein.
+
+Aber wichtiger ist es, der gangbaren Auffassung entgegenzutreten, als
+richte sich die Polemik gegen die Neronische Christenverfolgung und die
+Belagerung oder die Zerstörung Jerusalems, während sie doch durchaus
+ihre Spitze kehrt gegen das römische Provinzialregiment überhaupt und
+insbesondere den Kaiserkultus. Wenn von den sieben Kaisern Nero allein
+(mit seinem Zahlenausdruck) genannt wird, so geschieht dies nicht, weil
+er der schlimmste der sieben war, sondern weil die Nennung des
+regierenden Kaisers unter Prophezeihung eines baldigen Endes seiner
+Regierung in einer publizierten Schrift ihr Bedenkliches hatte und
+einige Rücksicht gegen den einen “der ist” sich auch für einen
+Propheten ziemt. Neros Name war preisgegeben, überdies die Legende
+seiner Heilung und seiner Wiederkehr in aller Munde; dadurch ist er für
+die Apokalypse der Repräsentant der römischen Kaiserherrschaft und der
+Antichrist geworden. Was das Untier des Meeres und sein Ebenbild und
+Werkzeug, das Untier des Landes, verschulden, ist nicht die
+Vergewaltigung der Stadt Jerusalem (11, 2), welche nicht als ihre
+Missetat erscheint, sondern vielmehr als ein Stück des Weltgerichts
+(wobei auch die Rücksicht auf den regierenden Kaiser im Spiel gewesen
+sein kann), sondern die göttliche Verehrung, welche die Heiden dem
+Untier des Meeres zollen (13, 8: προσκυνήσουσιν αυτόν πάντες οι
+κατοικούντες επί τής γής) und welche das Untier des Landes - das darum
+auch der Pseudoprophet heißt - für das des Meeres fordert und erzwingt
+(13, 12: :ποιεί τήν γήν καί τούς κατευκούντας εν αυτή ίνα
+προσκυνήσουσιν τό θήριον τό πρώτον, ού εθεραπεύθη η πληγή τής μαχαίρης
+επί τήσ γής); vor allem wird ihm vorgerückt das Begehren, jenem ein
+Bild zu machen (13, 14: λέγων τοίς κατοικούσιν επί τής γής ποιήσαι
+εκόναν τώ θηρίω ός έχει τήν πληγήν τής μαχαίρης καί έζησεν, vgl. 14, 9;
+16, 2; 19, 20). Das ist deutlich teils das Kaiserregiment jenseits des
+Meeres, teils die Statthalterschaft auf dem asiatischen Kontinent,
+nicht dieser oder jener Provinz oder gar dieser oder jener Person,
+sondern die Kaiservertretung überhaupt, wie die Provinzialen Asiens und
+Syriens sie kannten. Wenn Handel und Wandel geknüpft erscheint an den
+Gebrauch des χάραγμα des Untiers des Meeres (13, 16, 17), so liegt der
+Abscheu gegen Bild und Schrift des Kaisergeldes deutlich zugrunde,
+allerdings phantastisch umgestaltet, wie ja auch der Satanas das
+Kaiserbildnis reden macht. Eben diese Statthalter erschienen nachher
+(17) als die zehn Hörner, welche dem Untier an seinem Abbild beigelegt
+werden, und heißen hier ganz richtig die “zehn Könige, welche die
+Königswürde nicht haben, aber Macht wie die Könige”; mit der Zahl, die
+aus der Vision Daniels übernommen ist, darf man es freilich nicht genau
+nehmen. Bei den Blutgerichten, die über die Gerechten ergangen sind,
+denkt Johannes an die reguläre Justiz wegen verweigerter Anbetung des
+Kaiserbildes, wie die Briefe des Plinius sie schildern (13, 15: ποιήση
+ίνα όσοι εάν μή προσκυνήσωσιν τήν εικόνα τού θηρίου αποκτανθώσιν; vgl.
+6, 9; 20, 4). Wenn hervorgehoben wird, daß diese Blutgerichte besonders
+häufig in Rom vollzogen wurden (17, 6; 18, 24), so ist damit die
+Vollstreckung der Verurteilung zum Fecht- oder zum Tierkampf gemeint,
+welche am Gerichtsort oft nicht stattfinden konnte und bekanntlich
+vorzugsweise eben in Rom erfolgte (Mod. dig. 48, 19, 31); die
+Neronischen Hinrichtungen wegen angeblicher Brandstiftung gehören
+formell nicht einmal zu den Religionsprozessen, und nur
+Voreingenommenheit kann das in Rom vergossene Märtyrerblut, von dem
+Johannes spricht, auf diese Vorgänge ausschließlich oder vorzugsweise
+beziehen. Die gangbaren Vorstellungen von den sogenannten
+Christenverfolgungen leiden unter der mangelhaften Anschauung der im
+Römischen Reich bestehenden Rechtsnorm und Rechtspraxis; in der Tat war
+die Verfolgung der Christen stehend wie die der Räuber, und kamen nur
+diese Bestimmungen bald milder oder auch nachlässiger, bald schärfer
+zur Anwendung, wurden auch wohl einmal von oben herab besonders
+eingeschärft. Den “Krieg gegen die Heiligen” haben erst die Späteren,
+denen Johannes’ Worte nicht genügten, hineininterpoliert (13, 7). Die
+Apokalypse ist ein merkwürdiges Zeugnis des nationalen und religiösen
+Hasses der Juden gegen das okzidentalische Regiment; aber man
+verschiebt und verflacht die Tatsachen, wenn man, wie dies namentlich
+Renan tut, den Neronischen Schauerroman mit diesen Farben illustriert.
+Der jüdische Volkshaß wartete, um zu entstehen, nicht auf die Eroberung
+von Jerusalem und machte, wie billig, keinen Unterschied zwischen dem
+guten und dem schlechten Caesar; sein Antimessias heißt wohl Nero, aber
+nicht minder Vespasianus oder Marcus.
+
+—————————————————————————————-
+
+Die Regierung des Claudius lenkte nach beiden Seiten hin in die Bahnen
+des Tiberius ein. In Italien wiederholte sich zwar nicht gerade die
+Ausweisung der Juden, da man von der Undurchführbarkeit dieser Maßregel
+sich überzeugen mußte, aber doch das Verbot der gemeinschaftlichen
+Ausübung ihres Kultus ^20, was freilich ungefähr auf dasselbe hinaus
+und wohl ebensowenig zur Durchführung kam. Neben diesem Intoleranzedikt
+wurden im entgegengesetzten Sinn durch eine das ganze Reich umfassende
+Verfügung die Juden von denjenigen öffentlichen Verpflichtungen
+befreit, welche mit ihren religiösen Überzeugungen sich nicht
+vertrugen, womit namentlich hinsichtlich des Kriegsdienstes wohl nur
+nachgegeben ward, was auch bisher schon nicht hatte erzwungen werden
+können. Die in diesem Erlaß am Schluß ausgesprochene Mahnung an die
+Juden, nun auch ihrerseits größere Mäßigung zu beobachten und sich der
+Beschimpfung Andersgläubiger zu enthalten, zeigt, daß es auch von
+jüdischer Seite an Ausschreitungen nicht gefehlt hatte. In Ägypten wie
+in Palästina wurden die religiösen Ordnungen wenigstens im ganzen so,
+wie sie vor Gaius bestanden hatten, wiederum hergestellt, wenn auch in
+Alexandreia die Juden schwerlich alles, was sie besessen hatten, zurück
+erhielten ^21; die aufständischen Bewegungen, die dort wie hier
+ausgebrochen oder doch im Ausbrechen waren, verschwanden damit von
+selbst. In Palästina ging Claudius sogar über das System des Tiberius
+hinaus und überwies wieder das ganze ehemalige Gebiet des Herodes einem
+einheimischen Fürsten, eben jenem Agrippa, der zufällig auch mit
+Claudius befreundet und bei den Krisen seines Antritts ihm nützlich
+geworden war. Es war sicher Claudius’ Absicht, das zur Zeit des Herodes
+befolgte System wieder aufzunehmen und die Gefahren der unmittelbaren
+Berührung zwischen Römern und Juden zu beseitigen. Aber Agrippa,
+leichtlebig und auch als Fürst in steter Finanzbedrängnis, übrigens
+gutmütig und mehr darauf bedacht, es seinen Untertanen als dem fernen
+Schutzherrn recht zu machen, gab mehrfach bei der Regierung Anstoß, zum
+Beispiel durch die Verstärkung der Mauern von Jerusalem, deren
+Weiterführung ihm untersagt ward; und die mit den Römern haltenden
+Städte Caesarea und Sebaste sowie die römisch organisierten Truppen
+waren ihm abgeneigt. Als er früh und plötzlich im Jahre 44 starb,
+erschien es bedenklich, die politisch wie militärisch wichtige Stellung
+seinem einzigen, siebzehnjährigen Sohn zu übertragen, und die
+einträglichen Prokurationen aus der Hand zu geben, entschlossen die
+Mächtigen des Kabinetts sich auch nicht gern. Die Claudische Regierung
+hatte hier, wie anderswo, das Richtige gefunden, aber nicht die
+Energie, dasselbe von Nebenrücksichten absehend durchzuführen. Ein
+jüdischer Fürst mit jüdischen Soldaten konnte das Regiment in Judäa für
+die Römer handhaben; der römische Beamte und die römischen Soldaten
+verletzten wahrscheinlich noch öfter durch Unkunde der jüdischen
+Anschauungen als durch absichtliches Zuwiderhandeln, und was sie immer
+beginnen mochten, von ihnen war es den Gläubigen ein Ärgernis und der
+gleichgültigste Vorgang ein Religionsfrevel. Die Forderung, sich
+gegenseitig zu verstehen und zu vertragen, war nach beiden Seiten hin
+ebenso gerechtfertigt an sich wie die Ausführung unmöglich. Vor allen
+Dingen aber war ein Konflikt zwischen dem jüdischen Landesherrn und
+seinen Untertanen für das Reich ziemlich indifferent; jeder Konflikt
+zwischen den Römern und den Juden in Jerusalem erweiterte den Abgrund,
+der sich zwischen den Völkern des Okzidents und den mit ihnen
+zusammenlebenden Hebräern auftat; und nicht in den Händeln Palästinas,
+sondern in der Unverträglichkeit der vom Schicksal nun doch einmal
+zusammengekoppelten Reichsgenossen verschiedener Nationalität lag die
+Gefahr.
+
+——————————————————————————
+
+^20 Daß Suetonius (Claud. 25) als Anstifter der beständigen Unruhen in
+Rom, die diese Maßregel (nach ihm die Ausweisung aus Rom; im Gegensatz
+zu Dio 60, 6) zunächst hervorgerufen hätten, einen gewissen Chrestus
+nennt, ist aufgefaßt worden als Mißverständnis der durch Christus unter
+Juden und Judengenossen hervorgerufenen Bewegung, ohne zureichenden
+Grund. Die Apostelgeschichte (18, 2) spricht nur von Ausweisung der
+Juden. Allerdings ist es nicht zu bezweifeln daß bei der damaligen
+Stellung der Christen zum Judentum auch sie unter das Edikt fielen.
+
+^21 Wenigstens scheinen die Juden daselbst später nur das vierte der
+fünf Stadtquartiere in Besitz gehabt zu haben (Ios. bel. Iud. 2, 18,
+8). Auch würden wohl, wenn die geschleiften 400 Häuser ihnen in so
+eklatanter Weise wieder zurückgegeben worden wären, die alle den Juden
+erwiesenen kaiserlichen Begünstigungen betonenden jüdischen
+Schriftsteller Philon und Josephus darüber nicht schweigen.
+
+——————————————————————————
+
+So trieb das Schiff unaufhaltsam in den Strudel hinein. Bei dieser
+unseligen Fahrt halfen alle Beteiligten, die römische Regierung und
+ihre Verwalter, die jüdischen Behörden und das jüdische Volk. Die
+erstere bewies freilich fortwährend den Willen, allen billigen und
+unbilligen Ansprüchen der Juden so weit wie möglich entgegenzukommen.
+Als im Jahre 44 der Prokurator wieder in Jerusalem eintraf, wurde die
+Ernennung des Hohenpriesters und die Verwaltung des Tempelschatzes, die
+mit dem Königtum und insofern auch mit der Prokuratur verbunden waren,
+ihm abgenommen und einem Bruder des verstorbenen Königs Agrippa, dem
+König Herodes von Chalkis, sowie nach dessen Tode im Jahre 48 seinem
+Nachfolger, dem schon genannten jüngeren Agrippa, übertragen. Einen
+römischen Soldaten, der bei der befohlenen Plünderung eines jüdischen
+Dorfes eine Thorarolle zerrissen hatte, ließ der römische Oberbeamte
+auf die Klage der Juden hin hinrichten. Selbst die höheren Beamten traf
+nach Umständen die ganze Schwere der römischen Kaiserjustiz; als zwei
+nebeneinander fungierende Prokuratoren bei dem Hader der Samariter und
+der Galiläer sich für und wider beteiligt und ihre Soldaten
+gegeneinander gefochten hatten, wurde der kaiserliche Statthalter von
+Syrien, Ummidius Quadratus, mit außerordentlicher Vollmacht nach
+Palästina geschickt, um zu strafen und zu richten, und in der Tat der
+eine der Schuldigen in die Verbannung gesandt, ein römischer
+Kriegstribun namens Celer in Jerusalem selbst öffentlich enthauptet.
+Aber neben diesen Exempeln der Strenge stehen andere der mitschuldigen
+Schwäche; in eben diesem Prozeß entging der zweite mindestens ebenso
+schuldige Prokurator Antonius Felix der Bestrafung, weil er der Bruder
+des mächtigen Bedienten Pallas war und der Gemahl der Schwester des
+Königs Agrippa. Mehr noch als die Amtsmißbräuche einzelner Verwalter
+muß es der Regierung zur Last gelegt werden, daß sie die Beamtenmacht
+und die Truppenzahl in einer so beschaffenen Provinz nicht verstärkte
+und fortfuhr, die Besatzung fast ausschließlich aus der Provinz zu
+rekrutieren. Unbedeutend wie die Provinz war, war es eine arge
+Kopflosigkeit und eine übel angebrachte Sparsamkeit, sie nach der
+hergebrachten Schablone zu behandeln; rechtzeitige Entfaltung einer
+erdrückenden Übermacht und unnachsichtige Strenge, ein Statthalter
+höheren Ranges und ein Legionslager hätten der Provinz wie dem Reiche
+große Opfer an Geld und Blut und Ehre erspart.
+
+Aber mindestens nicht geringer ist die Schuld der Juden. Das
+Hohenpriesterregiment, so weit es reichte - und die Regierung war nur
+zu geneigt, in allen inneren Angelegenheiten ihm freie Hand zu lassen
+-, ist, auch nach den jüdischen Berichten, zu keiner Zeit so
+gewalttätig und nichtswürdig geführt worden wie in der von Agrippas Tod
+bis zum Ausbruch des Krieges. Der bekannteste und einflußreichste
+dieser Priesterherrscher ist Ananias, des Nebedaeus Sohn, die
+“übertünchte Wand”, wie Paulus ihn nannte, als dieser geistliche
+Richter seine Schergen ihn auf den Mund schlagen hieß, weil er sich vor
+dem Gericht zu verteidigen wagte. Es wird ihm zur Last gelegt, daß er
+den Statthalter bestach und daß er durch entsprechende Interpretation
+der Schrift den niedrigen Geistlichen die Zehntgarben entfremdete ^22.
+Als einer der Hauptanstifter des Krieges zwischen den Samaritern und
+den Galiläern hat er vor dem römischen Richter gestanden. Nicht weil
+die rücksichtslosen Fanatiker in den herrschenden Kreisen überwogen,
+sondern weil diesen Anzettlern der Volksaufläufe und Anordnern der
+Ketzergerichte die moralische und religiöse Autorität abging, wodurch
+die Gemäßigten in besseren Zeiten die Menge gelenkt hatten, und weil
+sie die Nachgiebigkeit der römischen Behörden in den inneren
+Angelegenheiten mißverstanden und mißbrauchten, vermochten sie es
+nicht, zwischen der Fremdherrschaft und der Nation in friedlichem Sinn
+zu vermitteln. Eben unter ihrem Schalten wurden die römischen Behörden
+mit den wildesten und unvernünftigsten Forderungen bestürmt und kam es
+zu Volksbewegungen von grausiger Lächerlichkeit. Der Art ist jene
+Sturmpetition, welche das Blut eines römischen Soldaten wegen einer
+zerrissenen Gesetzrolle verlangte und erhielt. Ein anderes Mal entstand
+ein Volksauflauf, der vielen Menschen das Leben kostete, weil ein
+römischer Soldat dem Tempel einen Körperteil in unschicklicher
+Entblößung gezeigt hatte. Auch der beste der Könige hätte dergleichen
+Wahnwitz nicht unbedingt abwenden können; aber selbst der geringste
+Fürst würde der fanatischen Menge nicht so völlig steuerlos
+gegenübergestanden haben, wie diese Priester.
+
+——————————————————————————
+
+^22 Es handelte sich, wie es scheint, darum, ob die Gabe der zehnten
+Garbe an Aaron den Priester (Num. 18, 28), dem Priester überhaupt oder
+dem Hohenpriester zukomme (H. Ewald; Geschichte des Volkes Israel. 3.
+Aufl. Göttingen 1864-68. Bd. 6, S. 635).
+
+——————————————————————————
+
+Das eigentliche Ergebnis war das stetige Anschwellen der neuen
+Makkabäer. Man hat sich gewöhnt, den Ausbruch des Krieges in das Jahr
+66 zu setzen; mit gleichem und vielleicht besserem Recht könnte man
+dafür das Jahr 44 nennen. Seit dem Tode Agrippas haben die Waffen in
+Judäa nicht geruht, und neben den örtlichen Fehden, die Juden und Juden
+miteinander ausfechten, geht beständig der Krieg her der römischen
+Truppen gegen die ausgetretenen Leute in den Gebirgen, die Eifrigen,
+wie die Juden sie nannten, nach römischer Bezeichnung die Räuber. Die
+Benennungen trafen beide zu; auch hier spielten neben den Fanatikern
+die verkommenen oder verkommenden Elemente der Gesellschaft ihre Rolle
+- war es doch nach dem Sieg einer der ersten Schritte der Zeloten, die
+im Tempel bewahrten Schuldbriefe zu verbrennen. Jeder der tüchtigeren
+Prokuratoren, von dem ersten Cuspius Fadus an, säubert von ihnen das
+Land, und immer ist die Hydra gewaltiger wieder da. Fadus’ Nachfolger
+Tiberius Julius Alexander, selbst einer jüdischen Familie entsprossen,
+ein Neffe des oben genannten alexandrinischen Gelehrten Philon, ließ
+zwei Söhne Judas’ des Galiläers, Jakob und Simon, an das Kreuz
+schlagen; das war der Same des neuen Mattathias. Auf den Gassen der
+Städte predigten die Patrioten laut den Krieg, und nicht wenige folgten
+in die Wüste; den Friedfertigen aber und Verständigen, die sich
+weigerten mitzutun, zündeten diese Banden die Häuser an. Griffen die
+Soldaten dergleichen Banditen auf, so führten sie wieder angesehene
+Leute als Geiseln in die Berge; und sehr oft verstand die Behörde sich
+dazu, jene zu entlassen, um diese zu befreien. Gleichzeitig begannen in
+der Hauptstadt die “Messermänner” ihr unheimliches Handwerk; sie
+mordeten wohl auch um Geld - als ihr erstes Opfer wird der Priester
+Jonathan genannt, als ihr Auftraggeber dabei der römische Prokurator
+Felix -, aber womöglich zugleich als Patrioten römische Soldaten oder
+römisch gesinnte Landsleute. Wie hätten bei diesen Stimmungen die
+Wunder und Zeichen ausbleiben sollen und diejenigen, die betrogen oder
+betrügend die Massen damit fanatisierten? Unter Cuspius Fadus führte
+der Wundermann Theudas seine Getreuen dem Jordan zu, versichernd, daß
+die Wasser vor ihnen sich spalten würden und die nachsetzenden
+römischen Reiter verschlingen, wie zu den Zeiten des Königs Pharao.
+Unter Felix verhieß ein anderer Wundertäter, nach seiner Heimat der
+Ägypter genannt, daß die Mauern Jerusalems einstürzen würden, wie auf
+Josuas Posaunenstoß die von Jericho; und daraufhin folgten ihm 4000
+Messermänner bis auf den Ölberg. Eben in der Unvernunft lag die Gefahr.
+Die große Masse der jüdischen Bevölkerung waren kleine Bauern, die im
+Schweiße ihres Angesichts ihre Felder pflügten und ihr Öl preßten, mehr
+Dorfleute als Städter, von geringer Bildung und gewaltigem Glauben, eng
+verwachsen mit den Freischaren in den Gebirgen und voll Ehrfurcht vor
+Jehova und seinen Priestern in Jerusalem wie voll Abscheu gegen die
+unreinen Fremden. Der Krieg war da, nicht ein Krieg zwischen Macht und
+Macht um die Übergewalt, nicht einmal eigentlich ein Krieg der
+Unterdrückten gegen die Unterdrücker um Wiedergewinnung der Freiheit;
+nicht verwegene Staatsmänner ^23, fanatische Bauern haben ihn begonnen
+und geführt und mit ihrem Blute bezahlt. Es ist eine weitere Etappe in
+der Geschichte des nationalen Hasses; auf beiden Seiten schien das
+fernere Zusammenleben unmöglich und begegnete man sich in dem Gedanken
+der gegenseitigen Ausrottung.
+
+——————————————————————————
+
+^23 Es ist nichts als eitel Schwindel, wenn der Staatsmann Josephus in
+der Vorrede zu seiner Geschichte des Krieges so tut, als hätten die
+Juden Palästinas einerseits auf die Erhebung der Euphratländer,
+andererseits auf die Unruhen in Gallien und die drohende Haltung der
+Germanen und auf die Krisen des Vierkaiserjahres gerechnet. Der
+Jüdische Krieg war längst in vollem Gange, als Vindex gegen Nero
+auftrat und die Druiden wirklich taten, was hier den Rabbis beigelegt
+wird; und wieviel auch die jüdische Diaspora in den Euphratländern
+bedeutete, eine jüdische Expedition von dort gegen die Römer des Ostens
+war ungefähr ebenso undenkbar wie aus Ägypten und Kleinasien. Es sind
+wohl einige Freischärler von da gekommen, wie zum Beispiel einige
+Fürstensöhne des eifrig jüdischen Königshauses von Adiabene (Ios. bel.
+Iud. 2, 19, 2; 6, 6, 4) und von den Insurgenten Bittgesandtschaften
+dorthin gegangen (das. 6, 6, 2); aber selbst Geld ist von daher den
+Juden schwerlich in bedeutendem Umfang zugeflossen. Dies
+charakterisiert den Verfasser mehr als den Krieg. Wenn es begreiflich
+ist, daß der jüdische Insurgentenführer und spätere Hofmann der Flavier
+sich gern den in Rom internierten Parthern gleichstellte so ist es
+weniger zu entschuldigen, daß die neuere Geschichtschreibung ähnliche
+Wege wandelt und, indem sie diese Vorgänge als Bestandteile der
+römischen Hof- und Stadtgeschichte oder auch der römisch-parthischen
+Händel aufzufassen bemüht ist, durch dieses stumpfe Hineinziehen der
+sogenannten großen Politik die furchtbare Notwendigkeit dieser
+tragischen Entwicklung verdunkelt.
+
+——————————————————————————
+
+Die Bewegung, durch welche die Aufläufe zum Krieg wurden, ging von
+Caesarea aus. In dieser ursprünglich griechischen, dann von Herodes
+nach dem Muster der Alexanderkolonien umgeschaffenen und zur ersten
+Hafenstadt Palästinas entwickelten Stadtgemeinde wohnten Griechen und
+Juden, ohne Unterschied der Nation und der Konfession bürgerlich
+gleichberechtigt, die letzteren an Zahl und Besitz überlegen. Aber die
+Hellenen daselbst, nach dem Muster der Alexandriner und ohne Zweifel
+unter dem unmittelbaren Eindruck der Vorgänge des Jahres 38, bestritten
+im Wege der Beschwerde bei der obersten Stelle den jüdischen
+Gemeindegenossen das Bürgerrecht. Der Minister Neros ^24, Burrus (†
+62), gab ihnen Recht. Es war arg, in einer auf jüdischem Boden und von
+einer jüdischen Regierung geschaffenen Stadt das Bürgerrecht zum
+Privilegium der Hellenen zu machen; aber es darf nicht vergessen
+werden, wie sich die Juden gegen die Römer eben damals verhielten, und
+wie nahe sie es den Römern legten, die römische Hauptstadt und das
+römische Hauptquartier der Provinz in eine rein hellenische
+Stadtgemeinde umzuwandeln. Die Entscheidung führte, wie begreiflich, zu
+heftigen Straßentumulten, wobei hellenischer Hohn und jüdischer Übermut
+namentlich in dem Kampf um den Zugang zur Synagoge sich ungefähr die
+Waage gehalten zu haben scheinen; die römischen Behörden griffen ein,
+selbstverständlich zu Ungunsten der Juden. Diese verließen die Stadt,
+wurden aber von dem Statthalter genötigt zurückzukehren und dann in
+einem Straßenauflauf sämtlich erschlagen (6. August 66). Dies hatte die
+Regierung allerdings nicht befohlen und sicher auch nicht gewollt; es
+waren Mächte entfesselt, denen sie selbst nicht mehr zu gebieten
+vermochte.
+
+——————————————————————————————
+
+^24 Josephus (ant. Iud. 20, 8, 9) macht ihn freilich zum Sekretär Neros
+für die griechische Korrespondenz, obwohl er ihn, wo er römischen
+Quellen folgt (20, 8, 2), richtig als Präfekten bezeichnet; aber sicher
+ist derselbe gemeint. Παιδαγωγός heißt er bei ihm wie bei Tac. ann. 13,
+2 rector imperatoriae iuventae.
+
+——————————————————————————————
+
+Wenn hier die Judenfeinde die Angreifenden waren, so waren dies in
+Jerusalem die Juden. Allerdings versichern deren Vertreter in der
+Erzählung dieser Vorgänge, daß der derzeitige Prokurator von Palästina,
+Gessius Florus, um der Anklage wegen seiner Mißverwaltung zu entgehen,
+durch das Übermaß der Peinigung eine Insurrektion habe hervorrufen
+wollen; und es ist kein Zweifel, daß die damaligen Statthalter in
+Nichtswürdigkeit und Bedrückung das übliche Maß beträchtlich
+überschritten. Aber wenn Florus einen solchen Plan in der Tat verfolgt
+hat, so mißlang er. Denn nach eben diesen Berichten beschwichtigten die
+Besonnenen und Besitzenden unter den Juden und mit ihnen der mit dem
+Tempelregiment betraute und eben damals in Jerusalem anwesende König
+Agrippa II. - er hatte inzwischen die Herrschaft von Chalkis mit
+derjenigen von Batanaea vertauscht -, die Massen insoweit, daß die
+Zusammenrottungen und das Einschreiten dagegen sich innerhalb des seit
+Jahren landesüblichen Maßes hielten. Aber gefährlicher als der
+Straßenunfug und die Räuberpatrioten der Gebirge waren die Fortschritte
+der jüdischen Theologie. Das frühere Judentum hatte in liberaler Weise
+den Fremden die Pforten seines Glaubens geöffnet; es wurden zwar in den
+inneren Tempel nur die eigentlichen Religionsgenossen, aber als
+Proselyten des Tores in die äußeren Hallen jeder ohne weiteres
+zugelassen und auch dem Nichtjuden gestattet, hier zum Herrn Jehova
+seinerseits zu beten und Opfer darzubringen. So wurde, wie schon
+erwähnt ward, auf Grund einer Stiftung des Augustus täglich daselbst
+für den römischen Kaiser geopfert. Diese Opfer von Nichtjuden
+untersagte der derzeitige Tempelmeister, des oben genannten
+Erzpriesters Ananias Sohn Eleazar, ein junger, vornehmer,
+leidenschaftlicher Mann, persönlich unbescholten und brav und insofern
+der volle Gegensatz seines Vaters, aber durch seine Tugenden
+gefährlicher als dieser durch seine Laster. Vergeblich wies man ihm
+nach, daß dies ebenso beleidigend für die Römer wie gefährlich für das
+Land und dem Herkommen schlechterdings zuwider sei; es blieb bei der
+verbesserten Frömmigkeit und der Ausschließung des Landesherrn vom
+Gottesdienst. Seit langem hatte das gläubige Judentum sich gespalten in
+diejenigen, die ihr Vertrauen auf den Herrn Zebaoth allein setzten und
+die Römerherrschaft ertrugen, bis es ihm gefallen werde, das
+Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, und in die praktischeren
+Männer, welche dieses Himmelreich mit eigener Hand zu begründen
+entschlossen waren und des Beistandes des Herrn der Heerscharen bei dem
+frommen Werke sich versichert hielten, oder, mit den Schlagwörtern, in
+die Pharisäer und die Zeloten. Die Zahl und das Ansehen der letzteren
+war in beständigem Steigen. Es wurde ein alter Spruch entdeckt, daß um
+diese Zeit ein Mann von Judäa ausgehen werde und die Weltherrschaft
+gewinnen; man glaubte das um so eher, weil es so sehr absurd war und
+das Orakel trug nicht wenig dazu bei, die Massen weiter zu
+fanatisieren.
+
+Die gemäßigte Partei erkannte die Gefahr und entschloß sich, die
+Fanatiker mit Gewalt niederzuschlagen; sie bat um Truppen bei den
+Römern in Caesarea und bei König Agrippa. Von dort kam keine
+Unterstützung; Agrippa sandte eine Anzahl Reiter. Dagegen strömten die
+Patrioten und die Messermänner in die Stadt, unter ihnen der wildeste,
+Manahem, auch einer der Söhne des oft genannten Judas von Galiläa. Sie
+waren die Stärkeren und bald Herren in der Stadt. Auch die Handvoll
+römischer Soldaten, welche die an den Tempel anstoßende Burg besetzt
+hielten, wurde rasch überwältigt und niedergemacht. Der benachbarte
+Königspalast, mit den dazugehörigen gewaltigen Türmen, wo der Anhang
+der Gemäßigten, eine Anzahl Römer unter dem Tribunen Metilius und die
+Soldaten des Agrippa lagen, hielt ebensowenig stand. Den letzteren
+wurde auf ihr Verlangen zu kapitulieren der freie Abzug bewilligt, den
+Römern aber verweigert; als sie sich endlich gegen Zusicherung des
+Lebens ergaben, wurden sie erst entwaffnet und dann niedergemacht mit
+einziger Ausnahme des Offiziers, der sich beschneiden zu lassen
+versprach und so als Jude begnadigt ward. Auch die Führer der
+Gemäßigten, unter ihnen der Vater und der Bruder Eleazars, wurden die
+Opfer der Volkswut, die den Römergenossen noch grimmiger grollte als
+den Römern. Eleazar selbst erschrak vor seinem Siege; zwischen den
+beiden Führern der Fanatiker, ihm und Manahem, kam es nach dem Sieg,
+vielleicht wegen der gebrochenen Kapitulation, zum blutigen
+Handgemenge; Manahem wurde gefangen und hingerichtet. Aber die heilige
+Stadt war frei und das in Jerusalem lagernde römische Detachement
+vernichtet; die neuen Makkabäer hatten gesiegt wie die alten.
+
+So hatten, angeblich am selben Tag, dem 6. August 66, die Nichtjuden in
+Caesarea die Juden, die Juden in Jerusalem die Nichtjuden
+niedergemetzelt; und damit war nach beiden Seiten hin das Signal
+gegeben, in diesem patriotischen und gottgefälligen Werke fortzufahren.
+In den benachbarten griechischen Städten entledigten sich die Hellenen
+der Judenschaften nach dem Muster von Caesarea. Beispielsweise wurden
+in Damaskos sämtliche Juden zunächst ins Gymnasium gesperrt und auf die
+Kunde von einem Mißerfolg der römischen Waffen vorsichtigerweise
+sämtlich umgebracht. Gleiches oder ähnliches geschah in Askalon, in
+Skytopolis, Hippos, Gadara, überall, wo die Hellenen die Stärkeren
+waren. In dem überwiegend von Syrern bewohnten Gebiet des Königs
+Agrippa rettete dessen energisches Dazwischentreten den Juden von
+Caesarea Paneas und sonst das Leben. In Syrien folgten Ptolemais, Tyros
+und mehr oder minder die übrigen griechischen Gemeinden; nur die beiden
+größten und zivilisiertesten Städte Antiocheia und Apameia sowie Sidon
+schlossen sich aus. Dem ist es wohl zu verdanken, daß diese Bewegung
+sich nicht nach Vorderasien fortpflanzte. In Ägypten kam es nicht bloß
+zu einem Volksauflauf, der zahlreiche Opfer forderte, sondern die
+alexandrinischen Legionen selbst mußten auf die Juden einhauen. Im
+notwendigen Rückschlag dieser Judenvesper ergriff die in Jerusalem
+siegreiche Insurrektion sofort ganz Judäa und organisierte sich überall
+unter ähnlicher Mißhandlung der Minoritäten, übrigens aber mit
+Raschheit und Energie.
+
+Es war notwendig, schleunigst einzuschreiten und die weitere
+Ausbreitung des Brandes zu verhindern; auf die erste Kunde marschierte
+der römische Statthalter von Syrien, Gaius Cestius Gallus, mit seinen
+Truppen gegen die Insurgenten. Er führte etwa 20000 Mann römischer
+Soldaten und 13000 der Klientelstaaten heran, ungerechnet die
+zahlreichen syrischen Milizen, nahm Joppe ein, dessen ganze
+Bürgerschaft niedergemacht ward, und stand schon im September vor, ja
+in Jerusalem selbst. Aber die gewaltigen Mauern des Königspalastes und
+des Tempels vermochte er nicht zu brechen und nutzte ebensowenig die
+mehrfach gebotene Gelegenheit, durch die gemäßigte Partei in den Besitz
+der Stadt zu gelangen. Ob nun die Aufgabe unlösbar oder er ihr nicht
+gewachsen war, er gab bald die Belagerung auf und erkaufte sogar den
+beschleunigten Rückzug mit der Aufopferung seines Gepäcks und seiner
+Nachhut. Zunächst blieb also oder kam Judäa mit Einschluß von Idumäa
+und Galiläa in die Hand der erbitterten Juden; auch die samaritanische
+Landschaft ward zum Anschluß genötigt. Die überwiegend hellenischen
+Küstenstädte Anthedon und Gaza wurden zerstört, Caesarea und die
+anderen Griechenstädte mit Mühe behauptet. Wenn der Aufstand nicht über
+die Grenzen Palästinas hinausging, so war daran nicht bloß die
+Regierung Schuld, sondern die nationale Abneigung der Syrohellenen
+gegen die Juden.
+
+Die Regierung in Rom nahm die Dinge ernst, wie sie es waren. Anstatt
+des Prokurators wurde ein kaiserlicher Legat nach Palästina gesandt,
+Titus Flavius Vespasianus, ein besonnener Mann und ein erprobter
+Soldat. Er erhielt für die Kriegführung zwei Legionen des Westens,
+welche infolge des Parthischen Krieges sich zufällig noch in Asien
+befanden, und diejenige syrische, die bei der unglücklichen Expedition
+des Cestius am wenigsten gelitten hatte, während die syrische Armee
+unter dem neuen Statthalter Gaius Licinius Mucianus - Gallus war
+rechtzeitig gestorben - durch Zuteilung einer anderen Legion auf dem
+Stande blieb, den sie vorher hatte ^25. Zu diesen Bürgertruppen und
+deren Auxilien kam die bisherige Besatzung von Palästina, endlich die
+Mannschaften der vier Klientelkönige der Kommagener, der Hemesener, der
+Juden und der Nabatäer, zusammen etwa 50000 Mann, darunter 15000
+Königssoldaten ^26. Im Frühling des Jahres 67 wurde dieses Heer bei
+Ptolemais zusammengezogen und rückte in Palästina ein. Nachdem die
+Insurgenten von der schwachen römischen Besatzung der Stadt Askalon
+nachdrücklich abgewiesen waren, hatten sie nicht weiter die Städte
+angegriffen, die es mit den Römern hielten; die Hoffnungslosigkeit,
+welche die ganze Bewegung durchdringt, drückt sich aus in dem
+sofortigen Verzicht auf jede Offensive. Als dann die Römer zum Angriff
+übergingen, traten sie ihnen gleichfalls nirgends im offenen Felde
+entgegen, ja sie machten nicht einmal Versuche, den einzelnen
+angegriffenen Plätzen Entsatz zu bringen. Allerdings teilte auch der
+vorsichtige Feldherr der Römer seine Truppen nicht, sondern hielt
+wenigstens die drei Legionen durchaus zusammen. Dennoch war, da in den
+meisten einzelnen Ortschaften die oft wohl nur kleine Zahl der
+Fanatiker die Bürgerschaften terrorisierte, der Widerstand hartnäckig
+und die römische Kriegführung weder glänzend noch rasch. Vespasian
+verwendete den ganzen ersten Feldzug (67) darauf, die Festungen der
+kleinen Landschaft Galiläa und die Küste bis nach Askalon in seine
+Gewalt zu bringen; allein vor dem Städtchen Jotapata lagerten die drei
+Legionen fünfundvierzig Tage. Den Winter 67/68 lag eine Legion in
+Skytopolis an der Südgrenze von Galiläa, die beiden anderen in
+Caesarea. Inzwischen waren in Jerusalem die verschiedenen Faktionen
+aneinandergeraten und lagen im heftigsten Kampf; die guten Patrioten,
+die zugleich für bürgerliche Ordnung waren, und die noch besseren,
+welche das Schreckensregiment teils in fanatischer Spannung, teils in
+Gesindellust herbeiführen und ausnutzen wollten, schlugen sich in den
+Gassen der Stadt und waren nur darin einig, daß jeder Versuch der
+Versöhnung mit den Römern ein todeswürdiges Verbrechen sei. Der
+römische Feldherr, vielfach aufgefordert, diese Zerrüttung zu benutzen,
+blieb dabei, nur schrittweise vorzugehen. Im zweiten Kriegsjahr ließ er
+zunächst das transjordanische Gebiet, namentlich die wichtigen Städte
+Gadara und Gerasa besetzen und setzte sich dann bei Emmaus und Jericho,
+von wo aus er im Süden Idumäa, im Norden Samaria okkupieren ließ, so
+daß Jerusalem im Sommer des Jahres 68 von allen Seiten umstellt war.
+Die Belagerung sollte eben beginnen, als die Nachricht von dem Tode
+Neros eintraf. Damit war von Rechts wegen das dem Legaten erteilte
+Mandat erloschen und Vespasian stellte in der Tat, politisch nicht
+minder vorsichtig wie militärisch, bis auf neue Verhaltungsbefehle die
+Operationen ein. Bevor diese von Galba eintrafen, war die gute
+Jahreszeit zu Ende. Als das Frühjahr 69 herankam, war Galba gestürzt
+und schwebte die Entscheidung zwischen dem Kaiser der römischen
+Leibgarde und dem der Rheinarmee. Erst nach Vitellius’ Sieg, im Juni
+69, nahm Vespasian die Operationen wieder auf und besetzte Hebron; aber
+sehr bald kündigten die sämtlichen Heere des Ostens jenem die Treue auf
+und riefen den bisherigen Legaten von Judäa zum Kaiser aus. Den Juden
+gegenüber wurden zwar die Stellungen bei Emmaus und Jericho behauptet,
+allein wie die germanischen Legionen den Rhein entblößt hatten, um
+ihren Feldherrn zum Kaiser zu machen, so ging auch der Kern der Armee
+von Palästina teils mit dem Legaten von Syrien, Mucianus, nach Italien
+ab, teils mit dem neuen Kaiser und dessen Sohn Titus nach Syrien und
+weiter nach Ägypten, und erst, nachdem Ende 69 der Sukzessionskrieg
+beendigt und Vespasians Herrschaft im ganzen Reiche anerkannt war,
+beauftragte dieser seinen Sohn mit der Beendigung des Jüdischen
+Krieges.
+
+——————————————————————————
+
+^25 Wie die Besatzungsverhältnisse in Syrien geordnet worden sind,
+nachdem im Jahre 63 der Parthische Krieg beendigt war, ist nicht völlig
+klar. Am Ende desselben standen sieben Legionen im Orient, die vier
+ursprünglich syrischen 3. Gallica, 6. Ferrata, 10. Fretensis, 12.
+Fulminata und drei aus dem Okzident herangeführte, die 4. Scythica aus
+Mösien, die 5. Macedonica wahrscheinlich ebendaher (wofür wohl eine
+obergermanische Legion nach Mösien ging, die 15. Apollinaris aus
+Pannonien. Da außer Syrien damals keine asiatische Provinz mit Legionen
+belegt war und der Statthalter von Syrien gewiß in Friedenszeiten nie
+mehr als vier Legionen gehabt hat, so ist das syrische Heer ohne
+Zweifel damals auch auf diesen Stand zurückgeführt worden oder hat doch
+darauf zurückgeführt werden sollen. Die vier Legionen, die danach in
+Syrien bleiben sollten, waren, wie dies ja auch am nächsten liegt, die
+vier alten syrischen; denn die 3. war im Jahre 70 eben von Syrien nach
+Mösien marschiert (Suet. Vesp. 6; Tac. hist. 2, 74) und daß die 6.,
+10., 12. zum Heere des Cestius gehörten, folgt aus Ios. bel. Iud. 2,
+18, 9; 19, 7; 7, 1, 3. Als dann der Jüdische Krieg ausbrach, wurden
+wieder sieben Legionen für Asien bestimmt und zwar vier für Syrien
+(Tac. hist. 1, 10), drei für Palästina; die drei hinzutretenden
+Legionen sind eben die für den Parthischen Krieg verwendeten, die 4.,
+5., 15., welche vielleicht damals noch auf dem Rückmarsch in ihre alten
+Quartiere begriffen waren. Die 4. ist wahrscheinlich damals definitiv
+nach Syrien gekommen wo sie fortan geblieben ist; dagegen gab das
+syrische Heer die 10. an Vespasian ab, vermutlich, weil diese bei dem
+Feldzuge des Cestius am wenigsten gelitten hatte. Dazu bekam er die 5.
+und die 15. Die 5. und die 10. Legion kamen von Alexandreia (Ios. bel.
+Iud. 3, 1, 3; 4, 2); aber daß sie aus Ägypten herangeführt seien, ist
+nicht gut denkbar, nicht bloß weil die 10. eine der syrischen war,
+sondern vor allem, weil der Landmarsch von Alexandreia am Nil nach
+Ptolemais mitten durch das insurgierte Gebiet am Anfang des Jüdischen
+Krieges so von Josephus nicht hätte erzählt werden können. Vielmehr
+ging Titus zu Schiff von Achaia nach Alexandreia am Issischen
+Meerbusen, dem heutigen Alexandrette, und führte die beiden Legionen
+von da nach Ptolemais. Die 15. mag der Marschbefehl irgendwo in
+Kleinasien getroffen haben, da Vespasian, doch wohl, um sie zu
+übernehmen, nach Syrien zu Lande ging (Ios. bel. Iud. 3, 1 u. 3). Zu
+diesen drei Legionen, mit denen Vespasian den Krieg begann, kam unter
+Titus noch eine weitere der syrischen, die 12. Von den vier Legionen,
+die Jerusalem einnahmen, blieben die beiden bisher syrischen im Orient,
+die 10. in Judäa, die 12. in Kappadokien, während die 5. nach Mösien,
+die 15. nach Pannonien zurückkehrte (Ios. bel. Iud. 7, 1, 3; 5, 3).
+
+^26 Zu den drei Legionen gehörten fünf Alen und achtzehn Kohorten und
+das aus einer Ala und fünf Kohorten bestehende Heer von Palästina.
+Diese Auxilien zählten demnach 3000 Alarier und (da unter den 23
+Kohorten zehn 1000 Mann stark waren, dreizehn 720 Mann oder wohl eher
+nur 480 Mann; denn statt des befremdenden εξακοσίους erwartet man
+vielmehr τριακοσίους εξακόντα) 16240 (oder, wenn 720 festgehalten wird,
+19360) Kohortalen. Dazu kamen je 1000 Reiter der vier Könige und 5000
+arabische, je 2000 Bogenschützen der übrigen drei Könige. Dies gibt
+zusammen, die Legion zu 6000 Mann gerechnet, 52240 Mann, also gegen
+60000, wie Josephus (bel. Iud. 3, 4, 2) sagt. Da die Abteilungen aber
+also alle nach der höchstmöglichen Normalstärke berechnet sind, wird
+die effektive Gesamtzahl kaum auf 50000 angesetzt werden dürfen. Diese
+Zahlen des Josephus erscheinen im wesentlichen zuverlässig ebenso wie
+die analogen für das Heer des Cestius (bel. Iud. 2, 18, 9); dagegen
+sind seine auf Schätzung beruhenden Ziffern durchgängig nach dem Stil
+bemessen, daß das kleinste Dorf in Galiläa 15000 Einwohner zählt (bel.
+Iud. 3, 3, 2) und geschichtlich so unbrauchbar wie die Ziffern
+Falstaffs. Nur selten, zum Beispiel bei der Belagerung Jotapatas,
+erkennt man Rapportzahlen.
+
+——————————————————————————
+
+So hatten die Insurgenten in Jerusalem vom Sommer 66 bis zum Frühling
+70 völlig freies Schalten. Was die Vereinigung von religiösem und
+nationalem Fanatismus, das edle Verlangen, den Sturz des Vaterlandes
+nicht zu überleben und das Bewußtsein begangener Verbrechen und
+unausbleiblicher Strafe, das wilde Durcheinanderwogen aller edelsten
+und aller gemeinsten Leidenschaften in diesen vier Jahren des
+Schreckens über die Nation gebracht hat, wird dadurch vor allem
+entsetzlich, daß die Fremden dabei nur die Zuschauer gewesen sind,
+unmittelbar alles Unheil durch Juden über Juden gekommen ist. Die
+gemäßigten Patrioten wurden von den Eiferern mit Hilfe des Aufgebotes
+der rohen und fanatischen Bewohner der idumäischen Dörfer bald (Ende
+68) überwältigt und ihre Führer erschlagen. Die Eiferer herrschten
+seitdem und es lösten sich alle Bande bürgerlicher, religiöser und
+sittlicher Ordnung. Den Sklaven wurde die Freiheit gewährt, die
+Hohenpriester durch das Los bestellt, die Ritualgesetze eben von diesen
+Fanatikern, deren Kastell der Tempel war, mit Füßen getreten und
+verhöhnt, die Gefangenen in den Kerkern niedergemacht und bei
+Todesstrafe untersagt, die Umgebrachten zu bestatten. Die verschiedenen
+Führer fochten mit ihren Sonderhaufen gegeneinander: Johannes von
+Giskala mit seiner aus Galiläa herangeführten Schar; Simon, des Gioras
+Sohn, aus Gerasa, der Führer einer in dem Süden gebildeten
+Patriotenschar und zugleich der gegen Johannes sich auflehnenden
+Idumäer; Eleazar, Simons Sohn, einer der Vorkämpfer gegen Cestius
+Gallus. Der erste behauptete sich in der Tempelhalle, der zweite in der
+Stadt, der dritte im Allerheiligsten des Tempels, und täglich ward in
+den Straßen der Stadt zwischen Juden und Juden gefochten. Die Eintracht
+kam einzig durch den gemeinsamen Feind; als der Angriff begann, stellte
+sich Eleazars kleine Schar unter die Befehle des Johannes, und obwohl
+Johannes im Tempel, Simon in der Stadt fortfuhren, die Herren zu
+spielen, stritten sie, unter sich hadernd, Schulter an Schulter gegen
+die Römer. Die Aufgabe auch für die Angreifer war nicht leicht. Zwar
+genügte das Heer, das anstatt der nach Italien entsendeten Detachements
+bedeutenden Zuzug aus den ägyptischen und den syrischen Truppen
+erhalten hatte, für die Einschließung vollauf; und trotz der langen
+Frist, welche den Juden gewährt worden war, um sich auf die Belagerung
+vorzubereiten, waren die Vorräte unzureichend, um so mehr, als ein Teil
+derselben in den Straßenkämpfen zugrunde gegangen war und, da die
+Belagerung um das Passahfest begann, zahlreiche deswegen nach Jerusalem
+gekommene Auswärtige mit eingeschlossen waren. Indes wenn auch die
+Masse der Bevölkerung bald Not litt, was die Wehrmannschaften
+brauchten, nahmen sie, wo sie es fanden, und wohl versehen, wie sie
+waren, führten sie den Kampf ohne Rücksicht auf die hungernden und bald
+verhungernden Massen. Zu bloßer Blockade konnte der junge Feldherr sich
+nicht entschließen; eine mit vier Legionen in dieser Weise zu Ende
+geführte Belagerung brachte ihm persönlich keinen Ruhm, und auch das
+neue Regiment brauchte eine glänzende Waffentat. Die Stadt, sonst
+überall durch unzugängliche Felsenhänge verteidigt, war allein an der
+Nordseite angreifbar; auch hier war es keine leichte Arbeit, die
+dreifache, aus den reichen Tempelschätzen ohne Rücksicht auf die Kosten
+hergestellte Wallmauer zu bezwingen und weiter innerhalb der Stadt die
+Burg, den Tempel und die gewaltigen drei Herodestürme einer starken,
+fanatisierten und verzweifelten Besatzung abzuringen. Johannes und
+Simon schlugen nicht bloß die Stürme entschlossen ab, sondern griffen
+oft die schanzenden Mannschaften mit gutem Erfolg an und zerstörten
+oder verbrannten die Belagerungsmaschinen. Aber die Überzahl und die
+Kriegskunst entschieden für die Römer. Die Mauern wurden erstürmt,
+darauf die Burg Antonia; sodann gingen nach langem Widerstand erst die
+Tempelhallen in Flammen auf und weiter am 10. Ab (August) der Tempel
+selbst mit allen darin seit sechs Jahrhunderten aufgehäuften Schätzen.
+Endlich wurde nach monatelangem Straßenkampf am 8. Elul (September)
+auch in der Stadt der letzte Widerstand gebrochen und das heilige Salem
+geschleift. Fünf Monate hatte die Blutarbeit gewährt. Das Schwert und
+der Pfeil und mehr noch der Hunger hatten zahllose Opfer gefordert; die
+Juden erschlugen jeden des Überlaufens auch nur Verdächtigen und
+zwangen Weiber und Kinder, in der Stadt zu verhungern; ebenso
+erbarmungslos ließen auch die Römer die Gefangenen über die Klinge
+springen oder kreuzigten sie. Die übriggebliebenen Kämpfer und
+namentlich die beiden Führer wurden einzeln aus den Kloaken, in die sie
+sich gerettet hatten, hervorgezogen. Am Toten Meer, eben da, wo
+einstmals König David und die Makkabäer in höchster Bedrängnis eine
+Zuflucht gefunden hatten, hielten sich die Reste der Insurgenten noch
+auf Jahre hinaus in den Felsenschlössern Machaerus und Massada, bis
+endlich als die letzten der freien Juden Judas, des Galiläers Enkel,
+Eleazar und die Seinigen erst ihren Frauen und Kindern und dann sich
+selbst den Tod gaben. Das Werk war getan. Daß Kaiser Vespasianus, ein
+tüchtiger Soldat, es nicht verschmäht hat, wegen eines solchen
+unvermeidlichen Erfolgs über ein kleines, längst untertäniges Volk als
+Sieger auf das Kapitol zu ziehen und daß der aus dem Allerheiligsten
+des Tempels heimgebrachte siebenarmige Kandelaber auf dem Ehrenbogen,
+den der Reichssenat dem Titus auf dem Markte der Kampfstadt errichtete,
+noch heute zu schauen ist ^27, gibt keine hohe Vorstellung von dem
+kriegerischen Sinn dieser Zeit. Freilich ersetzte der tiefe Widerwille,
+den die Okzidentalen gegen das Judenvolk hegten, einigermaßen, was der
+kriegerischen Glorie mangelte, und wenn den Kaisern der Judenname zu
+schlecht war, um ihn so sich beizulegen wie die der Germanen und der
+Parther, so hielten sie es nicht unter ihrer Würde, dem Pöbel der
+Hauptstadt die Siegesschadenfreude dieses Triumphes zu bereiten.
+
+——————————————————————-
+
+^27 Dieser Bogen ist dem Titus nach seinem Tode vom Reichssenat
+gesetzt. Ein anderer, ihm während seiner kurzen Regierung von demselben
+Senat im Circus gewidmeter (CIL VI, 944) gibt sogar mit ausdrücklichen
+Worten als Grund der Denkmalerrichtung an: “weil er nach Vorschrift und
+Anweisung und unter der Oberleitung des Vaters das Volk der Juden
+bezwang und die bis auf ihn von allen Feldherren, Königen und Völkern
+entweder vergeblich belagerte oder gar nicht angegriffene Stadt
+Hierusolyma zerstört hat.” Die historische Kunde dieses seltsamen
+Schriftstückes, welches nicht bloß Nebukadnezar und Antiochos
+Epiphanes, sondern den eigenen Pompeius ignoriert, steht auf gleicher
+Höhe mit der Überschwenglichkeit des Preises einer recht gewöhnlichen
+Waffentat.
+
+——————————————————————-
+
+Dem Werk des Schwertes folgte die politische Wendung. Die von den
+früheren hellenischen Staaten eingehaltene und von den Römern
+übernommene, in der Tat über die bloße Toleranz gegen fremde Art und
+fremden Glauben weit hinausgehende Politik, die Judenschaft insgemein
+als nationale und religiöse Samtgemeinschaft anzuerkennen, war
+unmöglich geworden. Zu deutlich waren in der jüdischen Insurrektion die
+Gefahren zu Tage getreten, welche diese national-religiöse, einerseits
+streng konzentrierte, andererseits über den ganzen Osten sich
+verbreitende und selbst in den Westen verzweigte Vergesellschaftung in
+sich trug. Der zentrale Kultus wurde demzufolge ein für allemal
+beseitigt. Dieser Entschluß der Regierung steht zweifellos fest und hat
+nichts gemein mit der nicht mit Sicherheit zu beantwortenden Frage, ob
+die Zerstörung des Tempels absichtlich oder zufällig erfolgt ist; wenn
+auf der einen Seite die Unterdrückung des Kultus nur die Schließung des
+Tempels erforderte und das prächtige Bauwerk verschont werden konnte,
+so hätte andererseits, wäre der Tempel zufällig zugrunde gegangen, der
+Kultus auch in einem wieder erbauten fortgeführt werden können.
+Freilich wird es immer wahrscheinlich bleiben, daß hier nicht der
+Zufall des Krieges gewaltet hat, sondern für die veränderte Politik der
+römischen Regierung gegenüber dem Judentum die Flammen des Tempels das
+Programm waren ^28. Deutlicher noch als in den Vorgängen in Jerusalem
+zeichnet sich dieselbe in der gleichzeitig auf Anordnung Vespasians
+erfolgten Schließung des Zentralheiligtums der ägyptischen Judenschaft,
+des Oniastempels unweit Memphis im heliopolitanischen Distrikt, welcher
+seit Jahrhunderten neben dem von Jerusalem stand etwa wie neben dem
+Alten Testament die Übersetzung durch die alexandrinischen Siebzig;
+auch er wurde seiner Weihgeschenke entkleidet und die Gottesverehrung
+in demselben untersagt.
+
+——————————————————————-
+
+^28 Die Erzählung des Josephus, daß Titus mit seinem Kriegsrat
+beschloß, den Tempel nicht zu zerstören, erregt durch ihre offenbare
+Absichtlichkeit Bedenken, und da die Benutzung des Tacitus in Sulpicius
+Severus’ Chronik von Bernays vollständig erwiesen ist, so kann
+allerdings wohl in Frage kommen, ob nicht dessen gerade
+entgegengesetzter Bericht (chron. 2, 30, 6), daß der Kriegsrat
+beschlossen habe, den Tempel zu zerstören, aus Tacitus herrührt und
+ihm, obwohl er Spuren christlicher Überarbeitung zeigt, der Vorzug zu
+geben ist. Dies empfiehlt sich weiter dadurch, daß die an Vespasian
+gerichtete Dedikation der Argonautica des Dichters Valerius Flaccus den
+Sieger von Solyma feiert, der die Brandfackeln schleudert.
+
+——————————————————————-
+
+In weiterer Ausführung der neuen Ordnung der Dinge verschwanden das
+Hohepriestertum und das Synhedrion von Jerusalem und verlor damit die
+Judenschaft des Reiches ihr äußerliches Oberhaupt und ihre bis dahin in
+religiösen Fragen allgemein kompetente Oberbehörde. Die bisher
+wenigstens tolerierte Jahressteuer eines jeden Juden ohne Unterschied
+des Wohnorts an den Tempel fiel allerdings nicht weg, wurde aber mit
+bitterer Parodie auf den kapitolinischen Jupiter und dessen Vertreter
+auf Erden, den römischen Kaiser, übertragen. Bei der Beschaffenheit der
+jüdischen Einrichtungen schloß die Unterdrückung des zentralen Kultus
+die Auflösung der Gemeinde Jerusalem in sich. Die Stadt ward nicht bloß
+zerstört und niedergebrannt, sondern blieb auch in Trümmern liegen, wie
+einst Karthago und Korinth; ihre Feldmark, Gemeinde- wie Privatland,
+wurde kaiserliche Domäne ^29. Was von der Bürgerschaft der volkreichen
+Stadt dem Hunger oder dem Schwert entgangen war, kam unter den Hammer
+des Sklavenmarktes. In den Trümmern der zerstörten Stadt schlug die
+Legion ihr Lager auf, welche mit ihren spanischen und thrakischen
+Auxilien fortan im jüdischen Lande garnisonieren sollte. Die bisherigen
+in Palästina selbst rekrutierten Provinzialtruppen wurden anderswohin
+verlegt. In Emmaus, in der nächsten Nähe von Jerusalem, wurde eine
+Anzahl römischer Veteranen angesiedelt, Stadtrecht aber auch dieser
+Ortschaft nicht verliehen. Dagegen wurde das alte Sichem, der religiöse
+Mittelpunkt der samaritanischen Gemeinde, vielleicht schon seit
+Alexander dem Großen eine griechische Stadt, jetzt in den Formen der
+hellenischen Politie unter dem Namen Flavia Neapolis reorganisiert. Die
+Landeshauptstadt Caesarea, bis dahin griechische Stadtgemeinde, erhielt
+als “erste Flavische Kolonie” römische Ordnung und lateinische
+Geschäftssprache. Es waren dies Ansätze zur okzidentalischen
+Munizipalisierung des jüdischen Landes. Nichtsdestoweniger blieb das
+eigentliche Judäa, wenn auch entvölkert und verarmt, nach wie vor
+jüdisch; wessen die Regierung sich zu dem Lande versah, zeigt schon die
+durchaus anomal dauernde militärische Belegung, die, da Judäa nicht an
+der Reichsgrenze lag, nur zur Niederhaltung der Einwohner bestimmt
+gewesen sein kann.
+
+———————————————————————————
+
+^29 Daß der Kaiser dies Land für sich nahm (ιδίαν αυτώ τήν χώραν
+φυλάττων) sagt Josephus (bel. Iud. 7, 6, 6); dazu stimmt nicht sein
+Befehl πάσαν γήν αποθόσθαι τών Ιουδαίων (a. a. O.), worin wohl ein
+Irrtum oder ein Schreibfehler steckt. Zu der Expropriierung paßt es,
+daß im Gnadenweg einzelnen jüdischen Grundbesitzern anderswo Land
+angewiesen ward (Ios. vit. 16). übrigens ist das Gebiet wohl als
+Ausstattung für die dort stationierende Legion verwendet worden (Eph.
+epigr. II, n. 696; Tac. ann. 13, 54).
+
+———————————————————————————
+
+Auch die Herodeer überdauerten nicht lange den Untergang Jerusalems.
+König Agrippa II., der Herr von Caesarea Paneas und von Tiberias, hatte
+den Römern in dem Krieg gegen seine Landsleute getreue Heerfolge
+geleistet und selbst aus demselben wenigstens militärisch ehrenvolle
+Narben aufzuweisen; überdies hielt seine Schwester Berenike, eine
+Kleopatra im Kleinen, mit dem Rest ihrer viel in Anspruch genommenen
+Reize das Herz des Bezwingers von Jerusalem gefangen. So blieb er
+persönlich im Besitz der Herrschaft; aber nach seinem Tode, etwa
+dreißig Jahre später, ging auch diese letzte Erinnerung an den
+jüdischen Staat in die römische Provinz Syrien auf.
+
+In der Ausübung ihrer Religionsgebräuche wurden den Juden weder in
+Palästina noch anderswo Hindernisse in den Weg gelegt. Selbst ihren
+religiösen Unterricht und die daran sich anknüpfenden Versammlungen
+ihrer Gesetzlehrer und Gesetzkundigen ließ man in Palästina wenigstens
+gewähren und hinderte nicht, daß diese Rabbinervereinigungen
+versuchten, sich einigermaßen an die Stelle des ehemaligen Synhedrion
+von Jerusalem zu setzen und in den Anfängen des Talmud ihre Lehre und
+ihre Gesetze zu fixieren. Obwohl einzelne nach Ägypten und Kyrene
+geflüchtete Teilnehmer an dem jüdischen Aufstand dort Unruhen
+hervorriefen, wurden die Judenschaften außerhalb Palästina, so viel wir
+sehen, in ihrer bisherigen Stellung belassen. Gegen die Judenhetze,
+welche eben um die Zeit der Zerstörung Jerusalems in Antiocheia dadurch
+hervorgerufen ward, daß die dortigen Juden von einem ihrer abgefallenen
+Glaubensgenossen öffentlich der Absicht geziehen worden waren, die
+Stadt anzuzünden, schritt der Vertreter des Statthalters von Syrien
+energisch ein und gestattete nicht, wie es im Werke war, daß man die
+Juden nötigte, den Landesgöttern zu opfern und den Sabbath nicht zu
+halten. Titus selbst, als er nach Antiocheia kam, wies die dortigen
+Führer der Bewegung mit ihrer Bitte, die Juden auszuweisen oder
+mindestens ihre Privilegien zu kassieren, auf das bestimmteste ab. Man
+scheute davor zurück, dem jüdischen Glauben als solchem den Krieg zu
+erklären und die weitverzweigte Diaspora auf das äußerste zu treiben;
+es war genug, daß das Judentum in seiner politischen Repräsentation aus
+dem Staatswesen getilgt war.
+
+Die Wendung in der seit Alexander gegen das Judentum eingehaltenen
+Politik lief im wesentlichen darauf hinaus, dieser religiösen
+Gemeinschaft die einheitliche Leitung und die äußerliche
+Geschlossenheit zu entziehen und ihren Leitern eine Macht aus der Hand
+zu winden, welche sich nicht bloß über das Heimatland der Juden,
+sondern über die Judenschaften insgemein innerhalb und außerhalb des
+Römischen Reiches erstreckte und allerdings im Orient dem einheitlichen
+Reichsregiment Eintrag tat. Die Lagiden wie die Seleukiden und nicht
+minder die römischen Kaiser der Julisch-Claudischen Dynastie hatten
+sich dies gefallen lassen; aber die unmittelbare Herrschaft der
+Okzidentalen über Judäa hatte den Gegensatz der Reichs- und dieser
+Priestergewalt in dem Grade verschärft, daß die Katastrophe mit
+unausbleiblicher Notwendigkeit eintrat und ihre Konsequenzen zog. Vom
+politischen Standpunkt aus kann wohl die Schonungslosigkeit der
+Kriegführung getadelt werden, welche übrigens diesem Krieg ziemlich mit
+allen ähnlichen der römischen Geschichte gemein ist, aber schwerlich
+die infolge desselben verfügte religiös-politische Auflösung der
+Nation. Wenn den Institutionen, welche zur Bildung einer Partei, wie
+die der Zeloten war, geführt hatten und mit einer gewissen
+Notwendigkeit führen mußten, die Axt an die Wurzel gelegt ward, so
+geschah nur, was richtig und notwendig war, wie schwer und individuell
+ungerecht auch der einzelne davon getroffen werden mochte. Vespasianus,
+der die Entscheidung gab, war ein verständiger und maßhaltender Regent.
+Es handelte sich nicht um eine Glaubens-, sondern um eine Machtfrage;
+der jüdische Kirchenstaat als Haupt der Diaspora vertrug sich nicht mit
+der Unbedingtheit des weltlichen Großstaates. Von der allgemeinen Norm
+der Toleranz hat die Regierung sich auch in diesem Fall nicht entfernt,
+nicht gegen das Judentum, sondern gegen den Hohenpriester und das
+Synhedrion den Krieg geführt.
+
+Ganz hat auch die Tempelzerstörung diesen ihren Zweck nicht verfehlt.
+Es gab nicht wenige Juden und noch mehr Judengenossen, namentlich in
+der Diaspora, welche mehr an dem jüdischen Sittengesetz und an dem
+jüdischen Monotheismus hielten als an der streng nationalen
+Glaubensform; die ganze ansehnliche Sekte der Christen hatte sich
+innerlich vom Judentum gelöst und stand zum Teil in offener Opposition
+zu dem jüdischen Ritus. Für diese war der Fall Jerusalems keineswegs
+das Ende der Dinge, und innerhalb dieser ausgedehnten und
+einflußreichen Kreise erreichte die Regierung einigermaßen, was sie mit
+der Auflösung der Zentralstelle der jüdischen Gottesverehrung
+beabsichtigte. Die Scheidung des den Nationen gemeinen Christenglaubens
+von dem national-jüdischen, der Sieg der Anhänger des Paulus über
+diejenigen des Petrus, wurde durch den Wegfall des jüdischen
+Zentralkults wesentlich gefördert.
+
+Aber bei den Juden von Palästina, da, wo man zwar nicht hebräisch, aber
+doch aramäisch sprach, und bei dem Teil der Diaspora, der fest an
+Jerusalem hing, wurde durch die Zerstörung des Tempels der Riß zwischen
+dem Judentum und der übrigen Welt vertieft. Die national-religiöse
+Geschlossenheit, die die Regierung beseitigen wollte, wurde in diesem
+verengten Kreis durch den gewaltsamen Versuch, sie zu zerschlagen,
+vielmehr neu gefestigt und zunächst zu weiteren verzweifelten Kämpfen
+getrieben.
+
+Nicht volle fünfzig Jahre nach der Zerstörung Jerusalems, im Jahre 116
+^30, erhob sich die Judenschaft am östlichen Mittelmeer gegen die
+Reichsregierung. Der Aufstand, obwohl von der Diaspora unternommen, war
+rein nationaler Art, in seinen Hauptsitzen Kyrene, Kypros, Ägypten,
+gerichtet auf die Austreibung der Römer wie der Hellenen und, wie es
+scheint, die Begründung eines jüdischen Sonderstaats. Er verzweigte
+sich bis in das asiatische Gebiet und ergriff Mesopotamien und
+Palästina selbst. Wo die Aufständischen siegreich waren, führten sie
+den Krieg mit derselben Erbitterung wie die Sicarier in Jerusalem; sie
+erschlugen, wen sie ergriffen - der Geschichtschreiber Appian, ein
+geborener Alexandriner, erzählt, wie er vor ihnen um sein Leben laufend
+mit genauer Not nach Pelusion entkam -, und oftmals töteten sie die
+Gefangenen unter qualvollen Martern oder zwangen sie, gleich wie einst
+Titus die in Jerusalem gefangenen Juden, als Fechter im Kampfspiel zur
+Augenweide der Sieger zu fallen. In Kyrene sollen also 220000, auf
+Kypros gar 240000 Menschen von ihnen umgebracht worden sein.
+Andererseits erschlugen in Alexandreia, das selbst nicht in die Hände
+der Juden gefallen zu sein scheint ^31, die belagerten Hellenen, was
+von Juden damals in der Stadt war. Die nächste Ursache der Erhebung ist
+nicht klar. Das Blut der Zeloten, die nach Alexandreia und Kyrene sich
+geflüchtet und dort ihre Glaubenstreue mit dem Tode unter dem römischen
+Henkersbeil besiegelt hatten, mag nicht umsonst geflossen sein; der
+Parthische Krieg, währenddessen der Aufstand begann, hat ihn insofern
+gefördert, als die in Ägypten stehenden Truppen wahrscheinlich auf den
+Kriegsschauplatz berufen wurden. Allem Anschein nach war es ein
+Ausbruch der seit der Tempelzerstörung gleich dem Vulkan im Verborgenen
+glühenden und in unberechenbarer Weise in Flammen aufschlagenden
+religiösen Erbitterung der Judenschaft, von der Art, wie der Orient sie
+zu allen Zeiten erzeugt hat und erzeugt; wenn wirklich die Insurgenten
+einen Juden zum König ausriefen, so hat diese Erhebung sicher, wie die
+in der Heimat, in der großen Masse der geringen Leute ihren Herd
+gehabt. Daß diese Judenerhebung zum Teil zusammenfiel mit dem früher
+erzählten Befreiungsversuch der kurz vorher von Kaiser Traianus
+unterworfenen Völkerschaften, während dieser im fernen Osten an der
+Euphratmündung stand, gab ihr sogar eine politische Bedeutung; wenn die
+Erfolge dieses Herrschers ihm am Schluß seiner Laufbahn unter den
+Händen zerrannen, so hat die jüdische Insurrektion namentlich in
+Palästina und Mesopotamien dazu das ihrige beigetragen. Um den Aufstand
+niederzuschlagen, mußten überall die Truppen marschieren; gegen den
+“König” der kyrenäischen Juden Andreas oder Lukuas und die Insurgenten
+in Ägypten sandte Traianus den Quintus Marcius Turbo mit Heer und
+Flotte, gegen die Aufständischen in Mesopotamien, wie schon gesagt
+ward, den Lusius Quietus, zwei seiner erprobtesten Feldherrn. Den
+geschlossenen Truppen Widerstand zu leisten, vermochten die
+Aufständischen nirgends, wenngleich der Kampf in Afrika wie in
+Palästina sich bis in die erste Zeit Hadrians fortspann, und es
+ergingen über diese Diaspora ähnliche Strafgerichte wie früher über die
+Juden Palästinas. Daß Traianus die Juden in Alexandreia vernichtet hat,
+wie Appian sagt, ist schwerlich ein unrichtiger, wenn auch vielleicht
+ein allzu schroffer Ausdruck dessen, was dort geschah; für Kypros ist
+es bezeugt, daß seitdem kein Jude die Insel auch nur betreten durfte
+und selbst den schiffbrüchigen Israeliten dort der Tod erwartete. Wäre
+über diese Katastrophe unsere Überlieferung so ausgiebig wie über die
+jerusalemische, so würde sie wohl als deren Fortsetzung und Vollendung
+erscheinen und gewissermaßen auch als ihre Erklärung; dieser Aufstand
+zeigt das Verhältnis der Diaspora zu dem Heimatland und den Staat im
+Staate, zu dem das Judentum sich entwickelt hatte.
+
+—————————————————————————————
+
+^30 Eusebius (hist. eccl. 4, 2) setzt den Ausbruch in das 18., also
+nach seiner Rechnung (in der Chronik) das vorletzte Jahr Traians, und
+damit stimmt auch Dio 68, 32.
+
+^31 Eusebius selbst (bei Synkellos) sagt nur: Αδριανός Ιουδαίουςκατά
+Αλεξανδρέων στασιάζοντας εκόλασεν. Die armenische und die lateinische
+Übersetzung scheinen daraus irrig eine Wiederherstellung des von den
+Juden zerstörten Alexandreia gemacht zu haben, von welcher auch
+Eusebius in der Kirchengeschichte 4, 2 und Dio 68. 32 nichts wissen.
+
+—————————————————————————————
+
+Zu Ende war auch mit dieser zweiten Niederwerfung die Auflehnung des
+Judentums gegen die Reichsgewalt nicht. Man kann nicht sagen, daß diese
+dasselbe weiter provoziert hat; gewöhnliche Verwaltungsakte, wie sie im
+ganzen Reiche unweigerlich hingenommen wurden, trafen die Hebräer da,
+wo die volle Widerstandskraft des nationalen Glaubens ihren Sitz hatte,
+und riefen dadurch, wahrscheinlich zur Überraschung der Regieren den
+selbst, eine Insurrektion hervor, die in der Tat ein Krieg war. Wenn
+Kaiser Hadrianus, als seine Rundreise durch das Reich ihn auch nach
+Palästina führte, im Jahre 130 die zerstörte heilige Stadt der Juden
+als römische Kolonie wieder aufzurichten beschloß, tat er sicher diesen
+nicht die Ehre an, sie zu fürchten, und dachte nicht an
+religiöse-politische Propaganda, sondern er verfügte für dies
+Legionslager, was kurz vorher oder bald nachher auch am Rhein, an der
+Donau, in Afrika geschah, die Verknüpfung desselben mit einer zunächst
+aus den Veteranen sich rekrutierenden Stadtgemeinde, welche ihren Namen
+Aelia Capitolina teils von ihrem Stifter, teils von dem Gott empfing,
+welchem damals statt des Jehova die Juden zinsten. Ähnlich verhält es
+sich mit dem Verbot der Beschneidung; es erging, wie später bemerkt
+werden wird, wahrscheinlich gar nicht in der Absicht, damit dem
+Judentum als solchem den Krieg zu machen. Begreiflicherweise fragten
+die Juden nicht nach den Motiven jener Stadtgründung und dieses
+Verbots, sondern empfanden beides als einen Angriff auf ihren Glauben
+und ihr Volktum, und antworteten darauf mit einem Aufstand, der,
+anfangs von den Römern vernachlässigt, dann durch Intensität und Dauer
+in der Geschichte der römischen Kaiserzeit seinesgleichen nicht hat.
+Die gesamte Judenschaft des In- und des Auslandes geriet in Bewegung
+und unter stützte mehr oder minder offen die Insurgenten am Jordan ^32,
+sogar Jerusalem fiel ihnen in die Hände ^33 und der Statthalter
+Syriens, ja Kaiser Hadrianus selbst erschienen auf dem Kampfplatz. Den
+Krieg leiteten, bezeichnend genug, der Priester Eleazar ^34 und der
+Räuberhauptmann Simon, zugenannt Bar-Kokheba, das ist der Sternensohn,
+als der Bringer himmlischer Hilfe, vielleicht als Messias. Von der
+finanziellen Macht und der Organisation der Insurgenten zeugen die
+durch mehrere Jahre auf den Namen dieser beiden geschlagenen Silber-
+und Kupfermünzen. Nachdem eine genügende Truppenzahl zusammengezogen
+war, gewann der erprobte Feldherr Sextus Iulius Severus die Oberhand,
+aber nur in allmählichem und langsamem Vorschreiten; ganz wie in dem
+Vespasianischen Krieg kam es zu keiner Feldschlacht, aber ein Platz
+nach dem andern kostete Zeit und Blut, bis endlich nach dreijähriger
+Kriegführung ^35 die letzte Burg der Insurgenten, das feste Bether
+unweit Jerusalem, von den Römern erstürmt ward. Die in guten Berichten
+überlieferten Zahlen von 50 genommenen Festungen, 985 besetzten
+Dörfern, 580000 Gefallenen sind nicht unglaublich, da der Krieg mit
+unerbittlicher Grausamkeit geführt und die männliche Bevölkerung wohl
+überall niedergemacht ward.
+
+—————————————————————————————
+
+^32 Dies zeigen die Ausdrücke Dios 69, 13: οι απαντάχου γής Ιουδαίοι
+und πάσης ως ειπείν κινουμένης επί τούτω τής οικουμένης.
+
+^33 Wenn nach dem Zeitgenossen Appian (Syr. 50) Hadrian abermals die
+Stadt zerstörte (κατέσκαψε), so beweist das sowohl die vorhergehende
+wenigstens einigermaßen vollendete Anlage der Kolonie wie auch deren
+Einnahme durch die Insurgenten. Nur dadurch auch erklärt sich der große
+Verlust, den die Römer erlitten (Fronto Parth. p. 218 Nab.: Hadriano
+Imperium obtinente quantum militum a Iudaeis . . . caesum; Dio 69, 14);
+und es paßt wenigstens gut dazu, daß der Statthalter von Syrien,
+Publicius Marcellus, seine Provinz verließ, um seinem Kollegen Tineius
+Rufus (Eus. hist. eccl. 4, 6; B. Borghesi, Oeuvres complètes. Bd. 3, S.
+64) in Palästina Hilfe zu bringen (CIG 4033, 4C34).
+
+^34 Daß die Münzen mit diesem Namen dem hadrianischen Aufstand
+angehören, ist jetzt erwiesen (v. Sallet, Zeitschrift für Numismatik 5,
+1878, S. 110); dies ist also der Rabbi Eleazar aus Modein der jüdischen
+Berichte (Ewald, Geschichte des Volkes Israel, Bd. 7, S. 418; E.
+Schürer, Lehrbuch der neutestamentlichen Zeitgeschichte. Jena 1874, S.
+357). Daß der Simon, den dieselben Münzen teils mit Eleazar zusammen,
+teils allein nennen, der Bar-Kokheba des Justinus Martyr und des
+Eusebius sei ist mindestens sehr wahrscheinlich.
+
+^35 Dio (69, 12) nennt den Krieg langwierig (ούτ' ολιγοχρόνιος);
+Eusebius setzt in der Chronik den Anfang auf das 16., das Ende auf das
+18. oder 19. Jahr Hadrians; die Insurgentenmünzen sind datiert vom
+ersten oder vom zweiten Jahr “der Befreiung Israels”. Zuverlässige
+Daten haben wir nicht; die rabbinische Tradition (Schärer, Lehrbuch, S.
+361) ist dafür nicht brauchbar.
+
+—————————————————————————————
+
+Infolge dieses Aufstandes ward selbst der Name des besiegten Volkes
+beseitigt: die Provinz hieß fortan nicht mehr wie früher Judaea,
+sondern mit dem alten Herodotischen Namen das Syrien der Philistäer
+oder Syria Palaestina. Das Land blieb verödet; die neue Hadriansstadt
+bestand, aber gedieh nicht. Den Juden wurde bei Todesstrafe untersagt,
+Jerusalem auch nur zu betreten, die Besatzung verdoppelt; das
+beschränkte Gebiet zwischen Ägypten und Syrien, zu dem von dem
+transjordanischen nur ein kleiner Streifen am Toten Meer gehörte und
+das nirgends die Reichsgrenze berührte, war seitdem mit zwei Legionen
+belegt. Trotz aller dieser Gewaltmaßregeln blieb die Landschaft
+unruhig, zunächst wohl infolge des mit der Nationalsache längst
+verflochtenen Räuberwesens; Pius ließ gegen die Juden marschieren und
+auch unter Severus ist die Rede von einem Krieg gegen Juden und
+Samariter. Aber zu größeren Bewegungen unter den Juden ist es nach dem
+Hadrianischen Krieg nicht wieder gekommen.
+
+Es muß anerkannt werden, daß diese wiederholten Ausbrüche des in den
+Gemütern der Juden gärenden Grolls gegen die gesamte nicht jüdische
+Mitbürgerschaft die allgemeine Politik der Regierung nicht änderten.
+Wie Vespasian so hielten auch die folgenden Kaiser den Juden gegenüber
+nicht bloß im wesentlichen den allgemeinen Standpunkt der politischen
+und religiösen Toleranz fest, sondern die für die Juden erlassenen
+Ausnahmegesetze waren und blieben hauptsächlich darauf gerichtet, sie
+von denjenigen allgemeinen Bürgerpflichten, welche mit ihrer Sitte und
+ihrem Glauben sich nicht vertrugen, zu entbinden und werden darum auch
+geradezu als Privilegien bezeichnet ^36.
+
+———————————————————-
+
+^36 Biographie Alexanders c. 22: Iudaeis privilegia reservavit,
+Christianos esse passus est. Deutlich tritt hier die bevorzugte
+Stellung der Juden vor den Christen zutage, welche allerdings wieder
+darauf beruht, daß jene eine Nation darstellen, diese nicht.
+
+———————————————————-
+
+Rechtlich scheint seit Claudius’ Zeit, dessen Unterdrückung des
+jüdischen Kultus in Italien wenigstens die letzte derartige Maßregel
+ist, von der wir wissen, den Juden der Aufenthalt und die freie
+Religionsübung in dem gesamten Reich zugestanden zu haben. Es wäre kein
+Wunder gewesen, wenn jene Aufstände in den afrikanischen und syrischen
+Landschaften zur Austreibung der dort ansässigen Juden überhaupt
+geführt hätten; aber dergleichen Beschränkungen sind, wie wir sahen,
+nur lokal, zum Beispiel für Kypros verfügt worden. Der Hauptsitz der
+Juden blieben immer die griechischen Provinzen; auch in der
+einigermaßen zweisprachigen Hauptstadt, deren zahlreiche Judenschaft
+eine Reihe von Synagogen umfaßte, bildete diese einen Teil der
+griechischen Bevölkerung Roms. Ihre Grabschriften in Rom sind
+ausschließlich griechisch; in der aus dieser Judenschaft entwickelten
+römischen Christengemeinde ist das Taufbekenntnis bis in späte Zeit
+hinab griechisch gesprochen worden und die ersten drei Jahrhunderte
+hindurch die Schriftstellerei ausschließlich griechisch gewesen. Aber
+restriktive Maßregeln gegen die Juden scheinen auch in den lateinischen
+Provinzen nicht getroffen worden zu sein; durch und mit dem Hellenismus
+ist das jüdische Wesen in den Okzident eingedrungen, und es fanden auch
+in diesem sich Judengemeinden, obwohl sie an Zahl und Bedeutung selbst
+jetzt noch, wo die gegen die Diaspora gerichteten Schläge die
+Judengemeinden des Ostens schwer beschädigt hatten, weit hinter diesen
+zurückstanden.
+
+Politische Privilegien folgten aus der Tolerierung des Kultus an sich
+nicht. An der Anlegung ihrer Synagogen und Proseuchen wurden die Juden
+nicht gehindert, ebensowenig an der Bestellung eines Vorstehers für
+dieselbe (αρχισυναγωγός) sowie eines Kollegiums der Ältesten (άρχοντες)
+mit einem Oberältesten (γερουσιάρχης) an der Spitze. Obrigkeitliche
+Befugnisse sollten mit diesen Stellungen nicht verknüpft sein; aber bei
+der Untrennbarkeit der jüdischen Kirchenordnung und der jüdischen
+Rechtspflege übten die Vorsteher, wie im Mittelalter die Bischöfe, wohl
+überall eine wenn auch nur faktische Jurisdiktion. Auch waren die
+Judenschaften der einzelnen Städte nicht allgemein als Körperschaften
+anerkannt, sicher zum Beispiel die römische nicht; doch bestanden an
+vielen Orten auf Grund lokaler Privilegien dergleichen korporative
+Verbände mit Ethnarchen oder, wie sie jetzt meistens heißen,
+Patriarchen an der Spitze. Ja in Palästina finden wir im Anfang des
+dritten Jahrhunderts wiederum einen Vorsteher der gesamten Judenschaft,
+der kraft erblichen Priesterrechts über seine Glaubensgenossen fast wie
+ein Herrscher schaltet und selbst über Leib und Leben Gewalt hat und
+welchen die Regierung wenigstens toleriert ^37. Ohne Frage war dieser
+Patriarch für die Juden der alte Hohepriester, und es hatte also unter
+den Augen und unter dem Druck der Fremdherrschaft das hartnäckige Volk
+Gottes sich abermals rekonstituiert und insoweit Vespasians Werk
+zuschanden gemacht.
+
+—————————————————————————————-
+
+^37 Um zu erklären, daß auch in der Knechtschaft die Juden eine gewisse
+Selbstverwaltung haben führen können, schreibt Origenes (um das Jahr
+226) an Africanus c. 14: “Wieviel vermag auch jetzt, wo die Römer
+herrschen und die Juden ihnen den Zins (τό δίδραχμον) zahlen, der
+Volksvorsteher (ο εθνάρχης) bei ihnen mit Zulassung des Kaisers
+(σθγχωρούντος Καίσαρος). Auch Gerichte finden heimlich statt nach dem
+Gesetze, und es wird sogar manchmal auf den Tod erkannt. Das habe ich,
+der ich lange im Lande dieses Volkes gelebt, selber erfahren und
+erkundet.” Der Patriarch von Judäa tritt schon in dem auf Hadrians
+Namen gefälschten Briefe in der Biographie des Tyrannen Saturninus auf
+(c. 8), in den Verordnungen zuerst im Jahre 392 (Cod. Theod. 16, 8, 8).
+Patriarchen als Vorsteher einzelner jüdischer Gemeinden, wofür das Wort
+seiner Bedeutung nach besser paßt, begegnen schon in den Verordnungen
+Konstantins des Ersten (Cod. Theod. 16, 8, 1 u. 2).
+
+—————————————————————————————-
+
+In Betreff der Heranziehung der Juden zu den öffentlichen Leistungen
+war die Befreiung vom Kriegsdienst als unvereinbar mit ihren religiösen
+Grundsätzen längst anerkannt und blieb es. Die besondere Kopfsteuer,
+welcher sie unterlagen, die alte Tempelabgabe, konnte als Kompensation
+für diese Befreiung angesehen werden, wenn sie auch nicht in diesem
+Sinn auferlegt worden war. Für andere Leistungen, wie zum Beispiel für
+Übernahme von Vormundschaften und Gemeindeämtern, werden sie wenigstens
+seit Severus’ Zeit im allgemeinen als fähig und pflichtig betrachtet,
+diejenigen aber, welche ihrem “Aberglauben” zuwiderlaufen, ihnen
+erlassen ^38, wobei in Betracht kommt, daß der Ausschluß von den
+Gemeindeämtern mehr und mehr aus einer Zurücksetzung zu einem
+Privilegium ward. Selbst bei Staatsämtern mag in späterer Zeit ähnlich
+verfahren worden sein.
+
+——————————————————————————
+
+^38 Diese Regel stellen mit Berufung auf einen Erlaß des Severus die
+Juristen des dritten Jahrhunderts auf (Dig. 27, 1, 15, 6; 50, 2, 3, 3).
+Nach der Verordnung vom Jahre 321 (Cod. Theod. 16, 8, 3) erscheint dies
+sogar als ein Recht, nicht als eine Pflicht der Juden, so daß es von
+ihnen abhing, das Amt zu übernehmen oder abzulehnen.
+
+——————————————————————————
+
+Der einzige ernstliche Eingriff der Staatsgewalt in die jüdischen
+Gebräuche betrifft die Zeremonie der Beschneidung; indes ist gegen
+diese wahrscheinlich nicht vom religiös-politischen Standpunkt aus
+eingeschritten worden, sondern es sind diese Maßnahmen mit dem Verbot
+der Kastrierung verknüpft gewesen und zum Teil wohl aus Mißverständnis
+der jüdischen Weise hervorgegangen. Die immer mehr um sich greifende
+Unsitte der Verstümmelung zog zuerst Domitian in den Kreis der
+strafbaren Verbrechen; als Hadrian die Vorschrift schärfend die
+Kastrierung unter das Mordgesetz stellte, scheint auch die Beschneidung
+als Kastrierung aufgefaßt worden zu sein ^39, was allerdings von den
+Juden als ein Angriff auf ihre Existenz empfunden werden mußte und
+empfunden ward, obwohl dies vielleicht nicht damit beabsichtigt war.
+Bald nachher, wahrscheinlich infolge des dadurch mitveranlaßten
+Aufstandes, gestattete Pius die Beschneidung für Kinder jüdischer
+Herkunft, während übrigens selbst die des unfreien Nichtjuden und des
+Proselyten nach wie vor für alle dabei Beteiligten die Strafe der
+Kastration nach sich ziehen sollte. Dies war insofern auch von
+politischer Wichtigkeit, als dadurch der förmliche Übertritt zum
+Judentum ein strafbares Verbrechen wurde; und wahrscheinlich ist das
+Verbot eben in diesem Sinne nicht erlassen, aber aufrecht erhalten
+worden ^40. Zu dem schroffen Abschließen der Judenschaft gegen die
+Nichtjuden wird dasselbe das seinige beigetragen haben.
+
+——————————————————————————
+
+^39 Die analoge Behandlung der Kastration in dem Hadrianischen Erlaß
+Dig. 48, 8, 4, 2 und der Beschneidung bei Paulus sent. 5, 22, 3; 4 und
+Mod. dig. 48, 8, 11 pr. legen diese Auffassung nahe. Auch daß Severus
+ludaeos fieri sub gravi poena vetuit (vita 17), wird wohl nichts sein
+als die Einschärfung dieses Verbots.
+
+^40 Die merkwürdige Nachricht bei Origenes (c. Cels. 2, 13; geschrieben
+um 250) zeigt, daß die Beschneidung des Nichtjuden von Rechts wegen die
+Todesstrafe nach sich zog, obwohl es nicht klar ist, inwiefern dies auf
+Samariter oder Sicarier Anwendung fand.
+
+——————————————————————————
+
+Blicken wir zurück auf die Geschichte des Judentums in der Epoche von
+Augustus bis auf Diocletian, so erkennen wir eine durchgreifende
+Umgestaltung seines Wesens wie seiner Stellung. Dasselbe tritt in diese
+Epoche ein als eine um das beschränkte Heimatland fest geschlossene
+nationale und religiöse Macht, welche selbst dem Reichsregiment in und
+außerhalb Judäa mit der Waffe in der Hand sich entgegenstellt und auf
+dem Gebiet des Glaubens eine gewaltige propagandistische Macht
+entwickelt. Man kann es verstehen, daß die römische Regierung die
+Verehrung des Jahve und den Glauben des Moses nicht anders dulden
+wollte, als wie auch der Kultus des Mithra und der Glaube des Zornaster
+Duldung fand. Die Reaktion gegen dies geschlossene und auf sich selbst
+stehende Judentum waren die von Vespasian und Hadrian gegen das
+jüdische Land, von Traianus gegen die Juden der Diaspora geführten
+zerschmetternden Schläge, deren Wirkung weit hinaus reicht über die
+unmittelbare Zerstörung der bestehenden Gemeinschaft und die
+Herabdrückung des Ansehens und der Macht der Judenschaft. In der Tat
+sind das spätere Christentum wie das spätere Judentum die Konsequenzen
+dieser Reaktion des Westens gegen den Osten. Die große
+propagandistische Bewegung, welche die tiefere religiöse Anschauung vom
+Osten in den Westen trug, ward auf diese Weise, wie schon gesagt ward,
+aus den engen Schranken der jüdischen Nationalität befreit; wenn sie
+die Anlehnung an Moses und die Propheten keineswegs aufgab, löste sie
+sich doch notwendig von dem in Scherben gegangenen Regiment der
+Pharisäer. Die christlichen Zukunftsideale wurden universell, seit es
+ein Jerusalem auf Erden nicht mehr gab. Aber wie der erweiterte und
+vertiefte neue Glaube, der mit seinem Wesen auch den Namen wechselte,
+aus diesen Katastrophen hervorging, so nicht minder die verengte und
+verstockte Altgläubigkeit, die sich, wenn nicht mehr in Jerusalem, so
+in dem Haß gegen diejenigen zusammenfand, die dasselbe zerstört hatten,
+und mehr noch in dem gegen die freiere und höhere aus dem Judentum das
+Christentum entwickelnde geistige Bewegung. Die äußere Macht der
+Judenschaft war gebrochen und Erhebungen, wie sie in der mittleren
+Kaiserzeit stattgefunden haben, begegnen späterhin nicht wieder; mit
+dem Staat im Staate waren die römischen Kaiser fertiggeworden, und
+indem das eigentlich gefährliche Moment, die propagandistische
+Ausbreitung, auf das Christentum überging, waren die Bekenner des alten
+Glaubens, die dem neuen Bunde sich verschlossen, für die weitere
+allgemeine Entwicklung beseitigt. Aber wenn die Legionen Jerusalem
+zerstören konnten, das Judentum selbst konnten sie nicht schleifen; und
+was nach der einen Seite Heilmittel war, übte nach der andern die
+Wirkung des Giftes. Das Judentum blieb nicht bloß, sondern es ward auch
+ein anderes. Es liegt eine tiefe Kluft zwischen dem Judentum der
+älteren Zeit, das für seinen Glauben Propaganda macht, dessen
+Tempelvorhof die Heiden erfüllen, dessen Priester täglich für Kaiser
+Augustus opfern, und dem starren Rabbinismus, der außer Abrahams Schoß
+und dem mosaischen Gesetz von der Welt nichts weiß noch wissen will.
+Fremde waren die Juden immer gewesen und hatten es sein wollen; aber
+das Gefühl der Entfremdung steigerte sich jetzt in ihnen selbst wie
+gegen sie in entsetzlicher Weise, und schroff zog man nach beiden
+Seiten hin dessen gehässige und schädliche Konsequenzen. Von dem
+geringschätzigen Spott des Horatius gegen den aufdringlichen Juden aus
+dem römischen Ghetto ist ein weiter Schritt zu dem feierlichen Groll,
+welchen Tacitus hegt gegen diesen Abschaum des Menschengeschlechts, dem
+alles Reine unrein und alles Unreine rein ist; dazwischen liegen jene
+Aufstände des verachteten Volkes und die Notwendigkeit dasselbe zu
+besiegen und für seine Niederhaltung fortwährend Geld und Menschen
+aufzuwenden. Die in den kaiserlichen Verordnungen stets wiederkehrenden
+Verbote der Mißhandlung des Juden zeigen, daß jene Worte der
+Gebildeten, wie billig, von den Niederen in Taten übersetzt wurden. Die
+Juden ihrerseits machten es nicht besser. Sie wendeten sich ab von der
+hellenischen Literatur, die jetzt als befleckend galt, und lehnten
+sogar sich auf gegen den Gebrauch der griechischen Bibelübersetzung;
+die immer steigende Glaubensreinigung wandte sich nicht bloß gegen die
+Griechen und die Römer, sondern ebensosehr gegen die “halben Juden” von
+Samaria und gegen die christlichen Ketzer; die Buchstabengläubigkeit
+gegenüber den heiligen Schriften stieg bis in die schwindelnde Höhe der
+Absurdität, und vor allem stellte ein womöglich noch heiligeres
+Herkommen sich fest, in dessen Fesseln alles Leben und Denken
+erstarrte. Die Kluft zwischen jener Schrift vom Erhabenen, die den Land
+und Meer erschütternden Poseidon Homers und den die leuchtende Sonne
+erschaffenden Jehova nebeneinander zu stellen wagt, und den Anfängen
+des Talmud, welche dieser Epoche angehören, bezeichnet den Gegensatz
+zwischen dem Judentum des ersten und dem des dritten Jahrhunderts. Das
+Zusammenleben der Juden und Nichtjuden erwies sich mehr und mehr als
+ebenso unvermeidlich wie unter den gegebenen Verhältnissen
+unerträglich; der Gegensatz in Glaube, Recht und Sitte verschärfte
+sich, und die gegenseitige Hoffart wie der gegenseitige Haß wirkten
+nach beiden Seiten hin sittlich zerrüttend. Die Ausgleichung wurde in
+diesen Jahrhunderten nicht bloß nicht gefördert, sondern ihre
+Verwirklichung immer weiter in die Ferne gerückt, je mehr ihre
+Notwendigkeit sich herausstellte. Diese Erbitterung, diese Hoffart,
+diese Verachtung, wie sie damals sich festsetzten, sind freilich nur
+das unvermeidliche Aufgehen einer vielleicht nicht minder
+unvermeidlichen Saat; aber die Erbschaft dieser Zeiten lastet auf der
+Menschheit noch heute.
+
+
+
+
+KAPITEL XII.
+Ägypten
+
+
+Die beiden Reiche von Ägypten und Syrien, die so lange in jeder
+Hinsicht miteinander gerungen und rivalisiert hatten, fielen ungefähr
+um die gleiche Zeit widerstandslos in die Gewalt der Römer. Wenn
+dieselben auch von dem angeblichen oder wirklichen Testament Alexanders
+II. († 673 81) keinen Gebrauch machten und das Land damals nicht
+einzogen, so standen doch die letzten Herrscher des Lagidenhauses
+anerkanntermaßen in römischer Klientel; bei Thronstreitigkeiten
+entschied der Senat, und seit der römische Statthalter von Syrien,
+Aulus Gabinius, den König Ptolemaeos Auletes mit seinen Truppen nach
+Ägypten zurückgeführt hatte (699 55; vgl. 4, 160), haben die römischen
+Legionen das Land nicht wieder verlassen. Wie die übrigen
+Klientelkönige nahmen auch die Herrscher Ägyptens an den Bürgerkriegen
+auf Mahnung der von ihnen anerkannten oder ihnen mehr imponierenden
+Regierung teil; und wenn es unentschieden bleiben muß, welche Rolle
+Antonius in dem phantastischen Ostreich seiner Träume dem Heimatland
+des allzu sehr von ihm geliebten Weibes zugedacht hat, so gehört doch
+Antonius’ Regiment in Alexandreia sowohl wie der letzte Kampf in dem
+letzten Bürgerkrieg vor den Toren dieser Stadt ebensowenig zu der
+Spezialgeschichte Ägyptens wie die Schlacht von Aktion zu der von
+Epirus. Wohl aber gab diese Katastrophe und der damit verknüpfte Tod
+der letzten Fürstin der Lagidendynastie den Anlaß dazu, daß Augustus
+den erledigten Thron nicht wieder besetzte, sondern das Königreich
+Ägypten in eigene Verwaltung nahm. Diese Einziehung des letzten Stückes
+der Küste des Mittelmeeres in die unmittelbare römische Administration
+und der zeitlich und pragmatisch damit zusammenfallende Abschluß der
+neuen Monarchie bezeichnen dieser für die Verfassung, jene für die
+Verwaltung des ungeheuren Reiches den Wendepunkt, das Ende der alten
+und den Anfang einer neuen Epoche.
+
+Die Einverleibung Ägyptens in das Römische Reich vollzog sich insofern
+in abweichender Weise, als das sonst den Staat beherrschende Prinzip
+der Dyarchie, das heißt des gemeinschaftlichen Regiments der beiden
+höchsten Reichsgewalten, des Prinzeps und des Senats, von einigen
+untergeordneten Bezirken abgesehen, allein auf Ägypten keine Anwendung
+fand, sondern in diesem Lande ^1 dem Senat als solchem sowie jedem
+einzelnen seiner Mitglieder jede Beteiligung bei dem Regiment
+abgeschnitten, ja sogar den Senatoren und den Personen senatorischen
+Ranges das Betreten dieser Provinz untersagt ward ^2. Man darf dies
+nicht etwa in der Art auffassen, als wäre Ägypten mit dem übrigen Reich
+nur durch eine Personalunion verknüpft; der Prinzeps ist nach dem Sinn
+und Geist der Augustischen Ordnung ein integrierendes und dauernd
+funktionierendes Element des römischen Staatswesens ebenso wie der
+Senat, und seine Herrschaft über Ägypten geradeso ein Teil der
+Reichsherrschaft wie die Herrschaft des Prokonsuls von Afrika ^3. Eher
+mag man sich das staatsrechtliche Verhältnis in der Weise
+verdeutlichen, daß das britische Reich in derselben Verfassung sich
+befinden würde, wenn Ministerium und Parlament nur für das Mutterland
+in Betracht kämen, die Kolonien dagegen dem absoluten Regiment der
+Kaiserin von Indien zu gehorchen hätten. Welche Motive den neuen
+Monarchen dazu bestimmten, gleich im Beginn seiner Alleinherrschaft
+diese tief einschneidende und zu keiner Zeit angefochtene Einrichtung
+zu treffen und wie dieselbe in die allgemeinen politischen Verhältnisse
+eingegriffen hat, gehört der allgemeinen Geschichte des Reiches an;
+hier haben wir darzulegen, wie unter der Kaiserherrschaft die inneren
+Verhältnisse Ägyptens sich gestalteten.
+
+————————————————————————————
+
+^1 Diesen Ausschluß des Mitregiments des Senats wie der Senatoren
+bezeichnet Tacitus (hist. 1, 11) mit den Worten, daß Augustus Ägypten
+ausschließlich durch seine persönlichen Diener verwalten lassen wollte
+(domi retinere; vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 2, S. 963). Prinzipiell
+gilt diese abweichende Gestaltung des Regiments für die sämtlichen
+nicht von Senatoren verwalteten Provinzen, deren Vorsteher auch
+anfänglich vorzugsweise praefecti hießen (CIL V, p. 809, 902). Aber bei
+der ersten Teilung der Provinzen zwischen Kaiser und Senat gab es deren
+wahrscheinlich keine andere als eben Ägypten; und auch nachher trat der
+Unterschied hier insofern schärfer hervor, als die sämtlichen übrigen
+Provinzen dieser Kategorie keine Legionen erhielten. Denn in dem
+Eintreten der ritterlichen Legionskommandanten statt der senatorischen,
+wie es in Ägypten Regel war, findet der Ausschluß des
+Senatorenregiments den greifbarsten Ausdruck.
+
+^2 Diese Bestimmung gilt nur für Ägypten, nicht für die übrigen von
+Nichtsenatoren verwalteten Gebiete. Wie wesentlich sie der Regierung
+erschien, erkennt man aus dem zu ihrer Sicherung aufgebotenen
+konstitutionellen und religiösen Apparat (vit. trig. tyr. c. 22).
+
+^3 Die gangbare Behauptung, daß provincia für die nicht von Senatoren
+verwalteten Distrikte nur abusiv gesetzt werde, ist nicht begründet.
+Privateigentum des Kaisers war Ägypten ebensosehr oder ebensowenig wie
+Gallien und Syrien - sagt doch Augustus selber (Mon. Ancyr. 5, 24):
+Aegyptum imperio populi Romani adieci und legte dem Statthalter, da er
+als Ritter nicht pro praetore sein konnte, durch besonderes Gesetz die
+gleiche prozessualische Kompetenz bei, wie sie die römischen Prätoren
+hatten (Tac. ann. 12, 60).
+
+————————————————————————————
+
+Was im allgemeinen von allen hellenischen oder hellenisierten Gebieten
+gilt, daß die Römer, indem sie sie zum Reiche zogen, die einmal
+bestehenden Einrichtungen konservierten und nur, wo es schlechterdings
+notwendig erschien, Modifikationen eintreten ließen, das findet in
+vollem Umfang Anwendung auf Ägypten.
+
+Wie Syrien so war Ägypten, als es römisch ward, ein Land zwiefacher
+Nationalität; auch hier stand neben und über dem Einheimischen der
+Grieche, jener der Knecht, dieser der Herr. Aber rechtlich und
+tatsächlich waren die Verhältnisse der beiden Nationen in Ägypten von
+denen Syriens völlig verschieden.
+
+Syrien stand wesentlich schon in der vorrömischen und durchaus in der
+römischen Epoche nur mittelbar unter der Landesregierung; es zerfiel
+teils in Fürstentümer, teils in autonome Stadtbezirke und wurde
+zunächst von den Landesherren oder Gemeindebehörden verwaltet. In
+Ägypten ^4 dagegen gibt es weder Landesfürsten noch Reichsstädte nach
+griechischer Art. Die beiden Verwaltungskreise, in welche Ägypten
+zerfällt, das “Land” (η χώρα) der Ägypter mit seinen ursprünglich
+sechsunddreißig Bezirken (νομοί) und die beiden griechischen Städte
+Alexandreia in Unter- und Ptolemais in Oberägypten ^5 sind streng
+gesondert und scharf sich entgegengesetzt und doch eigentlich kaum
+verschieden. Der Land- wie der Stadtbezirk ist nicht bloß territorial
+abgegrenzt, sondern jener wie dieser auch Heimatbezirk; die
+Zugehörigkeit zu einem jeden ist unabhängig vom Wohnort und erblich.
+Der Ägypter aus dem chemmitischen Nomos gehört demselben mit den
+Seinigen ebenso an, wenn er seinen Wohnsitz in Alexandreia hat, wie der
+in Chemmis wohnende Alexandriner der Bürgerschaft von Alexandreia. Der
+Landbezirk hat zu seinem Mittelpunkt immer eine städtische Ansiedlung,
+der chemmitische zum Beispiel die um den Tempel des Chemmis oder des
+Pan erwachsene Stadt Panopolis, oder, wie dies in griechischer
+Auffassung ausgedrückt wird, es hat jeder Nomos seine Metropolis;
+insofern kann jeder Landbezirk auch als Stadtbezirk gelten. Wie die
+Städte sind auch die Nomen in der christlichen Epoche die Grundlage der
+episkopalen Sprengel geworden. Die Landbezirke ruhen auf den in Ägypten
+alles beherrschenden Kultusordnungen; Mittelpunkt für einen jeden ist
+das Heiligtum einer bestimmten Gottheit und gewöhnlich führt er von
+dieser oder von dem heiligen Tier derselben den Namen; so heißt der
+chemmitische Bezirk nach dem Gott Chemmis oder nach griechischer
+Gleichung dem Pan, andere Bezirke nach dem Hund, dem Löwen, dem
+Krokodil. Aber auch umgekehrt fehlt den Stadtbezirken der religiöse
+Mittelpunkt nicht; Alexandreias Schutzgott ist Alexander, der
+Schutzgott von Ptolemais der erste Ptolemaeos, und die Priester, die
+dort wie hier für diesen Kult und den ihrer Nachfolger eingesetzt sind,
+sind für beide Städte die Eponymen. Dem Landbezirk fehlt völlig die
+Autonomie: die Verwaltung, die Besteuerung, die Rechtspflege liegen in
+der Hand der königlichen Beamten ^6 und die Kollegialität, das
+Palladium des griechischen wie des römischen Gemeinwesens, ist hier in
+allen Stufen schlechthin ausgeschlossen. Aber in den beiden
+griechischen Städten ist es auch nicht viel anders. Es gibt wohl eine
+in Phylen und Demen eingeteilte Bürgerschaft, aber keinen Gemeinderat
+^7; die Beamten sind wohl andere und anders benannte als die der Nomen,
+aber auch durchaus Beamte königlicher Ernennung und ebenfalls ohne
+kollegialische Einrichtung. Erst Hadrian hat einer ägyptischen
+Ortschaft, dem von ihm zum Andenken an seinen im Nil ertrunkenen
+Liebling angelegten Antinoopolis, Stadtrecht nach griechischer Art
+gegeben und späterhin Severus, vielleicht ebensosehr den Antiochenern
+zum Trutz als zu Nutz der Ägypter, der Hauptstadt Ägyptens und der
+Stadt Ptolemais und noch mehreren anderen ägyptischen Gemeinden zwar
+keine städtischen Magistrate, aber doch einen städtischen Rat
+bewilligt. Bis dahin nennt sich zwar im offiziellen Sprachgebrauch die
+ägyptische Stadt Nomos, die griechische Polis, aber eine Polis ohne
+Archonten und Buleuten ist ein inhaltloser Name. So ist es auch in der
+Prägung. Die ägyptischen Nomen haben das Prägerecht nicht gehabt; aber
+noch weniger hat Alexandreia jemals Münzen geschlagen. Ägypten ist
+unter allen Provinzen der griechischen Reichshälfte die einzige, welche
+keine andere Münze als Königsmünze kennt. Auch in römischer Zeit war
+dies nicht anders. Die Kaiser stellten die unter den letzten Lagiden
+eingerissenen Mißbräuche ab: Augustus beseitigte die unreelle
+Kupferprägung derselben, und als Tiberius die Silberprägung wieder
+aufnahm, gab er dem ägyptischen Silbergeld ebenso reellen Wert wie dem
+übrigen Provinzialcourant des Reiches ^8. Aber der Charakter der
+Prägung blieb im wesentlichen der gleiche ^9. Es ist ein Unterschied
+zwischen Nomos und Polis wie zwischen dem Gott Chemmis und dem Gott
+Alexander; in administrativer Hinsicht ist eine Verschiedenheit nicht
+da. Ägypten bestand aus einer Mehrzahl ägyptischer und einer Minderzahl
+griechischer Ortschaften, welche sämtlich der Autonomie entbehrten und
+sämtlich unter unmittelbarer und absoluter Verwaltung des Königs und
+der von diesem ernannten Beamten standen.
+
+——————————————————————————————-
+
+^4 Selbstverständlich ist hier das Land Ägypten gemeint, nicht die den
+Lagiden unterworfenen Besitzungen. Kyrene war ähnlich geordnet. Aber
+auf das südliche Syrien und die übrigen, längere oder kürzere Zeit in
+ägyptischer Gewalt stehenden Territorien ist das eigentlich ägyptische
+Regiment niemals angewandt worden.
+
+^5 Dazu kommt weiter Naukratis, die älteste schon vor den Ptolemäern in
+Ägypten gegründete Griechenstadt; ferner Paraetonion, das freilich
+gewissermaßen schon außerhalb der Grenzen Ägyptens liegt.
+
+^6 Eine gewisse gemeinschaftliche Aktion, ähnlich derjenigen; wie sie
+auch von den Regionen und den vici der sich selbst verwaltenden
+Stadtgemeinden geübt wird hat natürlich nicht gefehlt: dahin gehört,
+was von Agoranomie und Gymnasiarchie in den Nomen begegnet, ebenso die
+Setzung von Ehrendenkmälern und dergleichen mehr, was übrigens alles
+nur in geringem Umfang und meist erst spät sich zeigt. Nach dem Edikt
+des Alexander (CIG 4957, Z. 34) scheinen die Strategen von dem
+Statthalter nicht eigentlich ernannt, sondern nur nach angestellter
+Prüfung bestätigt worden zu sein; wer den Vorschlag gehabt hat, wissen
+wir nicht.
+
+^7 Deutlich treten die Verhältnisse hervor in der im Anfang der
+Regierung des Pius dem bekannten Redner Aristeides von den ägyptischen
+Griechen gesetzten Inschrift (CIG 4679); als Dedikanten werden genannt
+η πόλις τών Αλεξανδρέων καί Ερμούπολις η μεγάλη καί η βουλή η Αντινοέων
+νέων Έλληνων καί οι εν τώ Δέλτα τής Αιγύπτου καί οι τόν Θηβαικόν νομόν
+οικούντεσ Έλληνες.. Also nur Antinoopolis, die Stadt der “neuen
+Hellenen”, hat eine Bule; Alexandreia erscheint ohne diese, aber als
+griechische Stadt in der Gesamtheit. Außerdem beteiligten sich bei
+dieser Widmung die im Delta und die in Thebae lebenden Griechen, von
+den ägyptischen Städten einzig Groß-Hermopolis, wobei wahrscheinlich
+die unmittelbare Nachbarschaft von Antinoopolis eingewirkt hat.
+Ptolemais legt Strabon (17, 1, 42 p. 813) ein σύστημα πολιτικόν εν τώ
+Ελληνικώ τρόπω bei; aber schwerlich darf man dabei an mehr denken, als
+was der Hauptstadt nach ihrer uns genauer bekannten Verfassung zustand,
+also namentlich an die Teilung der Bürgerschaft in Phylen. Daß die
+vorptolemäische Griechenstadt Naukratis die Bule, die sie ohne Zweifel
+gehabt hat, in ptolemäischer Zeit behalten hat, ist möglich, kann aber
+für die Ptolemäischen Ordnungen nicht entscheiden.
+
+Dios Angabe (51, 17), daß Augustus die übrigen ägyptischen Städte bei
+ihrer Ordnung beließ, den Alexandrinern aber wegen ihrer
+Unzuverlässigkeit den Gemeinderat nahm, beruht wohl auf Mißverständnis,
+um so mehr, als danach Alexandreia zurückgesetzt erscheint gegen die
+sonstigen ägyptischen Gemeinden, was durchaus nicht zutrifft.
+
+^8 Die ägyptische Goldprägung hörte natürlich mit der Einziehung des
+Landes auf, da es im Römischen Reiche nur Reichsgold gibt. Auch mit dem
+Silber hat Augustus es ebenso gehalten und als Herr von Ägypten
+lediglich Kupfer und auch dies nur in mäßigen Quantitäten schlagen
+lassen. Zuerst Tiberius prägte seit 27/28 n. Chr. Silbermünze für die
+ägyptische Zirkulation, dem Anschein nach als Zeichengeld, da die
+Stücke ungefähr dem Gewicht nach 4, dem Silbergehalt nach 1 römischen
+Denar entsprechen (Feuardent, Numismatique de la Égypte ancienne. Bd.
+2, S. XI). Aber da im legalen Kurs die alexandrinische Drachme als
+Obolus (also als Sechstel, nicht als Viertel; vergleiche Römisches
+Münzwesen, S. 43, 723) des römischen Denars angesetzt wurde (Hermes 5,
+1870, S. 136) und das provinziale Silber gegenüber dem Reichssilber
+immer verlor, ist vielmehr das alexandrinische Tetradrachmon vom
+Silberwert eines Denars zum Kurswert von 2s Denar angesetzt worden.
+Demnach ist bis auf Commodus, von wo ab das alexandrinische
+Tetradrachmon wesentlich Kupfermünze ist, dasselbe gerade ebenso
+Wertmünze gewesen wie das syrische Tetradrachmon und die kappadokische
+Drachme; man hat nur jenem den alten Namen und das alte Gewicht
+gelassen.
+
+^9 Daß Kaiser Hadrianus unter anderen seiner ägyptisierenden Launen
+auch den Nomen so wie seiner neuen Antinoopolis für einmal das
+Prägerecht gab, was dann nachher noch ein paar Mal geschehen ist,
+ändert an der Regel nichts.
+
+——————————————————————————————-
+
+Es war hiervon eine Folge, daß Ägypten allein unter allen römischen
+Provinzen keine allgemeine Vertretung gehabt hat. Der Landtag ist die
+Gesamtrepräsentation der sich selber verwaltenden Gemeinden der
+Provinz. In Ägypten aber gab es solche nicht; die Nomen waren lediglich
+kaiserliche oder vielmehr königliche Verwaltungsbezirke, und
+Alexandreia stand nicht bloß so gut wie allein, sondern war ebenfalls
+ohne eigentliche munizipale Organisation. Der an der Spitze der
+Landeshauptstadt stehende Priester konnte wohl sich “Oberpriester von
+Alexandreia und ganz Ägypten” nennen und hat eine gewisse Ähnlichkeit
+mit dem Asiarchen und dem Bithyniarchen Kleinasiens; aber die tiefe
+Verschiedenheit der Organisationen wird dadurch doch nur verdeckt.
+
+Die Herrschaft trägt dementsprechend in Ägypten einen ganz anderen
+Charakter als in dem übrigen schließlich unter dem Kaiserregiment
+zusammengefaßten Gebiet der griechischen und der römischen
+Zivilisation. In diesem verwaltet durchgängig die Gemeinde; der
+Herrscher des Reiches ist genau genommen nur der gemeinsame Vorsteher
+der zahlreichen mehr oder minder autonomen Bürgerschaften, und neben
+den Vorzügen der Selbstverwaltung treten ihre Nachteile und Gefahren
+überall hervor. In Ägypten ist der Herrscher König, der Landesbewohner
+sein Untertan, die Verwaltung die der Domäne. Diese prinzipiell ebenso
+von oben herab absolut geführte wie auf das gleiche Wohlergehen aller
+Untertanen ohne Unterschied des Ranges und des Vermögens gerichtete
+Verwaltung ist die Eigenart des Lagidenregiments, entwickelt
+wahrscheinlich mehr aus der Hellenisierung der alten
+Pharaonenherrschaft als aus der städtisch geordneten Weltherrschaft,
+wie der große Makedonier sie gedacht hatte und wie sie am
+vollkommensten in dem syrischen Neu-Makedonien zur Durchführung
+gelangte. Das System forderte einen in eigener Person nicht bloß
+heerführenden, sondern in täglicher Arbeit verwaltenden König, eine
+entwickelte und streng disziplinierte Beamtenhierarchie, rücksichtslose
+Gerechtigkeit gegen Hohe und Niedere; und wie diese Herrscher, nicht
+durchaus ohne Grund, sich wohl den Namen des Wohltäters (ευεργέτης)
+beilegten, so darf die Monarchie der Lagiden zusammengestellt werden
+mit der friderizianischen, von der sie in den Grundzügen sich nicht
+entfernte. Allerdings hatte die Kehrseite, das unvermeidliche
+Zusammenbrechen des Systems in unfähiger Hand, auch Ägypten erfahren.
+Aber die Norm blieb; und der augustische Prinzipat neben der
+Senatsherrschaft ist nichts als die Vermählung des Lagidenregiments mit
+der alten städtischen und bündischen Entwicklung.
+
+Eine weitere Folge dieser Regierungsform ist die namentlich vom
+finanziellen Standpunkt aus unzweifelhafte Überlegenheit der
+ägyptischen Verwaltung über diejenige der übrigen Provinzen. Man kann
+die vorrömische Epoche bezeichnen als das Ringen der finanziell
+dominierenden Macht Ägyptens mit dem räumlich den übrigen Osten
+erfüllenden asiatischen Reich; in der römischen setzt sich dies in
+gewissem Sinn darin fort, daß die kaiserlichen Finanzen insbesondere
+durch den ausschließlichen Besitz Ägyptens denen des Senats überlegen
+gegenüberstehen. Wenn es der Zweck des Staates ist, den möglichst
+großen Betrag aus dem Gebiet herauszuwirtschaften, so sind in der alten
+Welt die Lagiden die Meister der Staatskunst schlechthin gewesen.
+Insonderheit waren sie auf diesem Gebiet die Lehrmeister und die
+Vorbilder der Caesaren. Wie viel die Römer aus Ägypten zogen, vermögen
+wir nicht mit Bestimmtheit zu sagen. In der persischen Zeit hatte
+Ägypten einen Jahrestribut von 700 babylonischen Talenten Silbers, etwa
+4 Mill. Mark entrichtet; die Jahreseinnahme der Ptolemäer aus Ägypten
+oder vielmehr aus ihren Besitzungen überhaupt betrug in ihrer
+glänzendsten Periode 12800 ägyptische Silbertalente oder 57 Mill. Mark
+und außerdem 1½ Mill. Artaben = 591000 Hektoliter Weizen; am Ende ihrer
+Herrschaft reichlich 6000 Talente oder 23 Mill. Mark. Die Römer bezogen
+aus Ägypten jährlich den dritten Teil des für den Konsum von Rom
+erforderlichen Korns, 20 Mill. römische Scheffel ^10 = 1740000
+Hektoliter; indes ist ein Teil davon sicher aus den eigentlichen
+Domänen geflossen, ein anderer vielleicht gegen Entschädigung geliefert
+worden, während andererseits die ägyptischen Steuern wenigstens zu
+einem großen Teil in Geld angesetzt waren, so daß wir nicht imstande
+sind, die ägyptische Einnahme der römischen Reichskasse auch nur
+annähernd zu bestimmen. Aber nicht bloß durch ihre Höhe ist sie für die
+römische Staatswirtschaft von entscheidender Bedeutung gewesen, sondern
+weil sie als Vorbild diente zunächst für den kaiserlichen
+Domanialbesitz in den übrigen Provinzen, überhaupt aber für die gesamte
+Reichsverwaltung, wie dies bei deren Darlegung auseinanderzusetzen ist.
+
+——————————————————————-
+
+^10 Diese Ziffer gibt die sogenannte Epitome Victors c. 1 für die Zeit
+Augusts. Nachdem diese Abgabe auf Konstantinopel übergegangen war,
+gingen dahin unter Justinian (ed. 13 c. 8) jährlich 8 Mill. Artaben
+(denn diese sind nach c. 6 zu verstehen) oder 26 2/3 Mill. römischer
+Scheffel (Hultsch, Metrologie, S. 628), wozu dann noch die von
+Diocletian eingeführte gleichartige Abgabe an die Stadt Alexandreia
+hinzutritt. Den Schiffern wurden für den Transport nach Konstantinopel
+jährlich 8000 Solidi = 100000 Mark aus der Staatskasse gezahlt.
+
+——————————————————————-
+
+Aber wenn die kommunale Selbstverwaltung in Ägypten keine Stätte hat
+und in dieser Hinsicht zwischen den beiden Nationen, aus welchen dieser
+Staat ebenso wie der syrische sich zusammensetzt, eine reale
+Verschiedenheit nicht besteht, so ist zwischen ihnen in anderer
+Beziehung eine Schranke aufgerichtet, wozu Syrien keine Parallele
+bietet. Nach der Ordnung der makedonischen Eroberer disqualifizierte
+die ägyptische Ortsangehörigkeit für sämtliche öffentliche Ämter und
+für den besseren Kriegsdienst. Wo der Staat seinen Bürgern Zuwendungen
+machte, beschränkten sich diese auf die der griechischen Gemeinden ^11;
+die Kopfsteuer dagegen zahlten lediglich die Ägypter, und auch von den
+Gemeindelasten, die die Eingesessenen des einzelnen ägyptischen
+Bezirkes treffen, sind die daselbst ansässigen Alexandriner befreit
+^12. Obwohl im Fall des Vergehens der Rücken des Ägypters wie des
+Alexandriners büßte, so durfte doch dieser sich rühmen, und tat es
+auch, daß ihn der Stock treffe und nicht wie jenen die Peitsche ^13.
+Sogar die Gewinnung des besseren Bürgerrechts war den Ägyptern
+untersagt ^14. Die Bürgerverzeichnisse der zwei großen von den beiden
+Reichsgründern geordneten und benannten Griechenstädte in Unter- und
+Oberägypten faßten die herrschende Bevölkerung in sich, und der Besitz
+des Bürgerrechts einer dieser Städte war in dem Ägypten der Ptolemäer
+dasselbe, was der Besitz des römischen Bürgerrechts im Römischen Reich.
+Was Aristoteles dem Alexander empfahl, den Hellenen ein Herrscher
+(ηγεμών), den Barbaren ein Herr zu sein, jene als Freunde und Genossen
+zu versorgen, diese wie die Tiere und die Pflanzen zu nutzen, das haben
+die Ptolemäer in vollem Umfang praktisch durchgeführt. Der König,
+größer und freier als sein Lehrmeister, trug den höheren Gedanken im
+Sinne der Umwandlung der Barbaren in Hellenen oder wenigstens der
+Ersetzung der barbarischen Ansiedlungen durch hellenische, und diesem
+gewährten die Nachfolger fast überall und namentlich in Syrien breiten
+Spielraum ^15. In Ägypten geschah das gleiche nicht. Wohl suchten
+dessen Herrscher mit den Eingeborenen namentlich auf dem religiösen
+Gebiet Fühlung zu halten und wollten nicht als Griechen über die
+Ägypter, viel eher als irdische Götter über die Untertanen insgemein
+herrschen; aber damit vertrug sich die ungleiche Berechtigung der
+Untertanen durchaus, eben wie die rechtliche und faktische Bevorzugung
+des Adels ein ebenso wesentlicher Teil des friderizianischen Regiments
+war wie die gleiche Gerechtigkeit gegen Vornehme und Geringe.
+
+—————————————————————
+
+^11 Wenigstens schloß Kleopatra bei einer Getreideverteilung in
+Alexandreia die Juden aus (Ios. c. Ap. 2, 5), um so viel mehr also die
+Ägypter.
+
+^12 Das Edikt des Alexander (CIG 4957) Z. 33 f. befreit die εν τή χώρα
+(nicht εν τή πόλει) ihrer Geschäfte wegen wohnhaften εγγενείς
+Αλεξανδρεις von den λειτουργίαι χωρικαί.
+
+^13 “Es bestehen”, sagt der alexandrinische Jude Philon (in Flacc. 10),
+“hinsichtlich der körperlichen Züchtigung (τών μαστίγων) Unterschiede
+in unserer Stadt nach dem Stande der zu Züchtigenden: die Ägypter
+werden mit anderer Geißel gezüchtigt und von anderen, die Alexandriner
+aber mit Stöcken (σπάθαις; σπάθη ist die Rispe des Palmblatts) und von
+den alexandrinischen Stockträgern” (σπαθηφόροι, etwa bacillarius). Er
+beklagt sich nachher bitter, daß die Ältesten seiner Gemeinde, wenn sie
+einmal gehauen werden sollten, nicht wenigstens mit den anständigen
+Bürgerprügeln (ταίς ελευθεριωτέραις καί πολιτικωτέραις μάστιξιν)
+bedacht worden seien.
+
+^14 Ios. c. Ap. 2, 4: μόνοις Αιγυπτίοις οι κύριοι νύν Ρωμαίοι τής
+οικουμένης μεταλαμβάνειν ηστινοσούν πολιτείας απειρήκασιν. 6: Aegyptiis
+neque regum quisquam videtur ius civitatis fuisse largitus neque nunc
+quilibet imperatorum (vgl. Eph. epigr. V, p. 13). Derselbe rückt seinem
+Widersacher vor (2, 3, 4), daß er, ein geborener Ägypter, seine Heimat
+verleugnet und sich für einen Alexandriner ausgegeben habe.
+Einzelausnahmen werden dadurch nicht ausgeschlossen.
+
+^15 Auch die alexandrinische Wissenschaft hat im Sinne des Königs gegen
+diesen Satz (Plut. de fort. Alex. 1, 6) protestiert; Eratosthenes
+bezeichnete die Zivilisation als nicht den Hellenen allein eigen und
+nicht allen Barbaren abzusprechen, zum Beispiel nicht den Indern, den
+Arianern, den Römern, den Karthagern; die Menschen seien vielmehr zu
+teilen in “gute” und “schlechte” (Strabon 1. fin. p. 66). Aber von
+dieser Theorie ist auf die ägyptische Rasse auch unter den Lagiden
+keine praktische Anwendung gemacht worden.
+
+—————————————————————
+
+Wie die Römer im Orient überhaupt das Werk der Griechen fortsetzten, so
+blieb auch die Ausschließung der einheimischen Ägypter von der
+Gewinnung des griechischen Bürgerrechts nicht bloß bestehen, sondern
+wurde auf das römische Bürgerrecht ausgedehnt. Der ägyptische Grieche
+dagegen konnte das letztere ebenso wie jeder andere Nichtbürger
+gewinnen. Der Eintritt freilich in den Senat wurde ihm so wenig
+gestattet wie dem römischen Bürger aus Gallien, und diese Beschränkung
+ist viel länger für Ägypten als für Gallien in Kraft geblieben ^16;
+erst im Anfang des dritten Jahrhunderts wurde in einzelnen Fällen davon
+abgesehen, und als Regel hat sie noch im fünften gegolten. In Ägypten
+selbst wurden die Stellungen der Oberbeamten, das heißt der für die
+ganze Provinz fungierenden, und ebenso die Offizierstellen den
+römischen Bürgern in der Form vorbehalten, daß als Qualifikation dafür
+das Ritterpferd verlangt ward; es war dies durch die allgemeine
+Reichsordnung gegeben, und ähnliche Privilegien hatten ja in Ägypten
+unter den früheren Lagiden die Makedonier gegenüber den sonstigen
+Griechen besessen. Die Ämter zweiten Ranges blieben unter römischer
+Herrschaft wie bisher den ägyptischen Ägyptern verschlossen und wurden
+mit Griechen besetzt, zunächst den Bürgern von Alexandreia und
+Ptolemais. Wenn im Reichskriegsdienst für die erste Klasse das römische
+Bürgerrecht gefordert wurde, so ließ man doch bei den in Ägypten selbst
+stationierten Legionen auch den ägyptischen Griechen nicht selten in
+der Weise zu, daß ihm bei der Aushebung das römische Bürgerrecht
+verliehen ward. Für die Kategorie der Auxiliartruppen unterlag die
+Zulassung der Griechen keiner Beschränkung; die Ägypter aber sind auch
+hierfür wenig oder gar nicht, dagegen für die unterste Klasse, die in
+der ersten Kaiserzeit noch aus Sklaven gebildete Flottenmannschaft,
+späterhin in beträchtlicher Zahl verwendet worden. Im Lauf der Zeit hat
+die Zurücksetzung der eingeborenen Ägypter wohl in ihrer Strenge
+nachgelassen und sind dieselben öfter zum griechischen und mittels
+dessen auch zum römischen Bürgerrecht gelangt; im ganzen aber ist das
+römische Regiment einfach die Fortsetzung wie der griechischen
+Herrschaft so auch der griechischen Exklusivität gewesen. Wie das
+makedonische Regiment sich mit Alexandreia und Ptolemais begnügt hatte,
+so hat auch das römische einzig in dieser Provinz nicht eine einzige
+Kolonie gegründet ^17.
+
+——————————————————————-
+
+^16 Auch die Zulassung zu den ritterlichen Stellungen war wenigstens
+erschwert: non est ex albo iudex patre Aegyptio (CIL IV, 1943; vgl.
+Römisches Staatsrecht, Bd. 2, S. 919, A. 2; Eph. epigr. V, p. 13 n. 2).
+Doch begegnen früh einzelne Alexandriner in ritterlichen Ämtern wie
+Tiberius Julius Alexander (Anm. 21).
+
+^17 Wenn die Worte des Plinius (nat. 5, 31, 128) genau sind, daß die
+Pharos-Insel vor dem Hafen von Alexandreia eine colonia Caesaris
+dictatoris sei (vgl. 5, 221), so hat der Diktator auch hier über
+Aristoteles hinaus wie Alexander gedacht. Darüber aber kann kein
+Zweifel sein, daß nach der Einziehung Ägyptens es dort nie eine
+römische Kolonie gegeben hat.
+
+——————————————————————-
+
+Auch die Sprachordnung ist in Ägypten wesentlich unter den Römern
+geblieben, wie die Ptolemäer sie festgestellt hatten. Abgesehen von dem
+Militär, bei dem das Lateinische allein herrschte, ist für den Verkehr
+der oberen Stellen die Geschäftssprache die griechische. Der
+einheimischen Sprache, die von den semitischen wie von den arischen
+Sprachen radikal verschieden, am nächsten vielleicht derjenigen der
+Berber in Nordafrika verwandt ist, und der einheimischen Schrift haben
+die römischen Herrscher und ihre Statthalter sich nie bedient, und wenn
+schon unter den Ptolemäern den ägyptisch geschriebenen Aktenstücken
+griechische Übersetzung beigefügt werden mußte, so gilt für diese ihre
+Nachfolger mindestens dasselbe. Allerdings blieb es den Ägyptern
+unverwehrt, soweit es ihnen nach dem Ritual erforderlich oder sonst
+zweckmäßig erschien, sich der Landessprache und ihrer altgeheiligten
+Schriftzeichen zu bedienen; es mußte auch in diesem alten Heim des
+Schriftgebrauchs im gewöhnlichen Verkehr nicht bloß bei
+Privatkontrakten, sondern selbst bei Steuerquittungen und ähnlichen
+Schriftstücken die dem großen Publikum allein geläufige Landessprache
+und die übliche Schrift zugelassen werden. Aber es war dies eine
+Konzession und der herrschende Hellenismus bemüht, sein Reich zu
+erweitern. Das Bestreben, den im Lande herrschenden Anschauungen und
+Überlieferungen auch im Griechischen einen allgemein gültigen Ausdruck
+zu schaffen, hat der Doppelnamigkeit in Ägypten eine Ausdehnung gegeben
+wie nirgend sonst. Alle ägyptischen Götter, deren Namen nicht selbst
+den Griechen geläufig wurden, wie der der Isis, wurden mit
+entsprechenden oder auch nicht entsprechenden griechischen geglichen;
+vielleicht die Hälfte der Ortschaften, eine Menge von Personen führen
+sowohl eine einheimische wie eine griechische Benennung. Allmählich
+drang hierin die Hellenisierung durch. Die alte heilige Schrift
+begegnet auf den erhaltenen Denkmälern zuletzt unter Kaiser Decius um
+die Mitte des 3., ihre geläufigere Abart zuletzt um die Mitte des 5.
+Jahrhunderts; aus dem gemeinen Gebrauch sind beide beträchtlich früher
+verschwunden. Die Vernachlässigung und der Verfall der einheimischen
+Elemente der Zivilisation drückt sich darin aus. Die Landessprache
+selbst behauptete sich noch lange nachher in den abgelegenen Orten und
+den niederen Schichten und ist erst im 17. Jahrhundert völlig
+erloschen, nachdem sie, die Sprache der Kopten, gleich wie die
+syrische, infolge der Einführung des Christentums und der auf die
+Hervorrufung einer volkstümlich-christlichen Literatur gerichteten
+Bemühungen, in der späteren Kaiserzeit eine beschränkte Regeneration
+erfahren hatte.
+
+In dem Regiment kommt vor allem in Betracht die Unterdrückung des Hofes
+und der Residenz, die notwendige Folge der Einziehung des Landes durch
+Augustus. Es blieb wohl, was bleiben konnte. Auf den in der
+Landessprache, also bloß für Ägypter geschriebenen Inschriften heißen
+die Kaiser wie die Ptolemäer Könige von Ober- und Unterägypten und die
+Auserwählten der ägyptischen Landesgötter, daneben freilich auch, was
+bei den Ptolemäern nicht geschehen war, Großkönige ^18. Die Zeiten
+zählte man in Ägypten wie bisher nach dem landüblichen Kalender und
+seinem auf die römischen Herrscher übergehenden Königsjahr; den
+goldenen Becher, den in jedem Juni der König in den schwellenden Nil
+warf, warf jetzt der römische Vizekönig. Aber damit reichte man nicht
+weit. Der römische Herrscher konnte die mit seiner Reichsstellung
+unvereinbare Rolle des ägyptischen Königs nicht durchführen. Mit der
+Vertretung durch einen Untergebenen machte der neue Landesherr gleich
+bei dem ersten nach Ägypten gesandten Statthalter unbequeme
+Erfahrungen; der tüchtige Offizier und talentvolle Poet, der es nicht
+hatte lassen können, auch seinen Namen den Pyramiden einzuschreiben,
+wurde deswegen abgesetzt und ging daran zugrunde. Es war unvermeidlich,
+hier Schranken zu setzen. Die Geschäfte, deren Erledigung nach dem
+Alexandersystem nicht minder dem Fürsten persönlich oblag ^19 wie nach
+der Ordnung des römischen Prinzipats, mochte der römische Statthalter
+führen wie der einheimische König; König durfte er weder sein noch
+scheinen ^20. Es ward das in der zweiten Stadt der Welt sicher tief und
+schwer empfunden. Der bloße Wechsel der Dynastie wäre nicht allzu sehr
+ins Gewicht gefallen. Aber ein Hof wie der der Ptolemäer, geordnet nach
+dem Zeremoniell der Pharaonen, König und Königin in ihrer Göttertracht,
+der Pomp der Festzüge, der Empfang der Priesterschaften und der
+Gesandten, die Hofbankette, die großen Zeremonien der Krönung, der
+Eidesleistung, der Vermählung, der Bestattung, die Hofämter der
+Leibwächter und des Oberleibwächters (αρχισωματοφύλαξ), des
+einführenden Kammerherrn (εισανγγελεύς), des Obertafelmeisters
+(αρχεδέατρος), des Oberjägermeisters (αρχικυνηγός), die Vettern und
+Freunde des Königs, die Dekorierten - das alles ging für die
+Alexandriner ein für alle Mal unter mit der Verlegung des
+Herrschersitzes vom Nil an den Tiber. Nur die beiden berühmten
+alexandrinischen Bibliotheken blieben dort mit allem ihrem Zubehör und
+Personal als Rest der alten königlichen Herrlichkeit. Ohne Frage büßte
+Ägypten bei der Depossedierung seiner Regenten sehr viel mehr ein als
+Syrien; freilich waren beide Völkerschaften in der machtlosen Lage, daß
+sie hinnehmen mußten, was ihnen angesonnen ward, und an eine Auflehnung
+für die verlorene Weltmachtstellung ist hier so wenig wie dort auch nur
+gedacht worden.
+
+—————————————————————
+
+^18 Augustus’ Titulatur lautet bei den ägyptischen Priestern
+folgendermaßen: “Der schöne Knabe, lieblich durch Liebenswürdigkeit,
+der Fürst der Fürsten, auserwählt von Ptah und Nun dem Vater der
+Götter, König von Oberägypten und König von Unterägypten, Herr der
+beiden Länder, Autokrator, Sohn der Sonne, Herr der Diademe, Kaisar,
+ewig lebend, geliebt von Ptah und Isis”; wobei die beiden Eigennamen
+Autokrator Kaisar aus dem Griechischen beibehalten sind. Der
+Augustustitel kommt zuerst bei Tiberius in ägyptischer Übersetzung
+(ntixu), mit beibehaltenem griechischem Σεβαστός zuerst unter Domitian
+vor. Die Titulatur des schönen lieblichen Knaben, welche in besserer
+Zeit nur den zu Mitregenten erklärten Kindern gegeben zu werden pflegt,
+ist späterhin stereotyp geworden und findet sich wie für Caesarion und
+Augustus, so auch für Tiberius, Claudius, Titus, Domitian verwendet.
+Wichtiger ist es, daß abweichend von der älteren Titulatur, wie sie zum
+Beispiel griechisch auf der Inschrift von Rosette sich findet (CIG
+4697), bei den Caesaren von Augustus an der Titel hinzutritt “Fürst der
+Fürsten”, womit ohne Zweifel deren, den früheren Königen fehlende
+Großkönigstellung ausgedrückt werden soll.
+
+^19 Wenn die Leute wüßten, pflegte König Seleukos zu sagen (Plus. an
+seni 11), was es für eine Last ist, so viele Briefe zu schreiben und zu
+lesen, so würden sie das Diadem, wenn es zu ihren Füßen läge, nicht
+aufheben.
+
+^20 Daß derselbe andere Abzeichen trug als die Offiziere überhaupt
+(Hirschfeld, Verwaltungsgeschichte, S. 271), wird aus vita Hadr. 4
+schwerlich gefolgert werden dürfen.
+
+—————————————————————
+
+Die Verwaltung des Landes liegt, wie schon gesagt ward, in den Händen
+des “Stellvertreters”, das heißt des Vizekönigs; denn obwohl der neue
+Landesherr, mit Rücksicht auf seine Stellung im Reiche, sowohl für sich
+wie für seine höher gestellten Vertreter der königlichen Benennungen
+auch in Ägypten sich enthielt, so hat er doch der Sache nach durchaus
+als Nachfolger der Ptolemäer die Herrschaft geführt, und die gesamte
+zivile wie militärische Obergewalt ist in seiner und seines Vertreters
+Hand vereinigt. Daß weder Nichtbürger noch Senatoren diese Stellung
+bekleiden durften, ist schon bemerkt worden; Alexandrinern, wenn sie
+zum Bürgerrecht und ausnahmsweise zum Ritterpferd gelangt waren, ist
+sie zuweilen übertragen worden ^21. Im übrigen stand dieses Amt unter
+den nicht senatorischen an Rang und Einfluß anfänglich allen übrigen
+voran und späterhin einzig der Kommandantur der kaiserlichen Garde
+nach. Außer den eigentlichen Offizieren, wobei nur der Ausschluß des
+Senators und die dadurch bedingte niedrigere Titulatur des
+Legionskommandanten (praefectus statt legatus) von der allgemeinen
+Ordnung sich entfernt, fungieren neben und unter dem Statthalter und
+gleichfalls für ganz Ägypten ein oberster Beamter für die Justiz und
+ein oberster Finanzverwalter, beide ebenfalls römische Bürger vom
+Ritterrang und, wie es scheint, nicht dem Verwaltungsschema der
+Ptolemäer entlehnt, sondern nach einem auch in anderen kaiserlichen
+Provinzen angewandten Verfahren dem Statthalter zu- und untergeordnet
+^22.
+
+————————————————————————-
+
+^21 So hat Tiberius Julius Alexander, ein alexandrinischer Jude, in den
+letzten Jahren Neros diese Statthalterschaft geführt; allerdings
+gehörte er einer sehr reichen und vornehmen, selbst mit dem
+kaiserlichen Hause verschwägerten Familie an und hatte im Partherkrieg
+sich als Generalstabschef Corbulos ausgezeichnet, welche Stellung er
+bald nachher in dem Jüdischen Krieg des Titus abermals übernahm. Er muß
+einer der tüchtigsten Offiziere dieser Epoche gewesen sein. Ihm ist die
+pseudo-aristotelische, offenbar von einem andern alexandrinischen Juden
+verfaßte Schrift περί κοσμού gewidmet (J. Bernays, Gesammelte
+Abhandlungen. Bd. 2, S. 278).
+
+^22 Unverkennbar sind der iuridicus Aegypti (CIL X, 6976; auch missus
+in Aegyptum ad iurisdictionem Bull. dell’ Inst. 1856, S. 142; iuridicus
+Alexandreae CIL VI, 1564; VIII, 8925, 8934; Dig. 1, 20, 2) und der
+idiologus ad Aegyptum (CIL X, 4862; procurator ducenarius Alexandriae
+idiulogu Eph. epigr. V, p. 30 und CIG 3751; ο γνώμων τού ιδίου λόγου
+CIG 4957 v. 44 vgl. v. 39) den neben den Legaten der kaiserlichen
+Provinzen stehenden Hilfsbeamten für die Rechtspflege (legati iuridici)
+und die Finanzen (procuratores provinciae) nachgebildet (Römisches
+Staatsrecht, Bd. 1, 2. Aufl., S. 223, A. 5). Daß sie für das ganze Land
+bestellt und dem praefectus Aegypti untergeordnet waren, sagt Strabon
+(17, 1, 12 p. 797) ausdrücklich und fordert auch die öftere Erwähnung
+Ägyptens in der Titulatur sowie die Wendung in dem Edikt CIG 4957 v.
+39. Ausschließlich aber war ihre Kompetenz nicht; “viele Prozesse”,
+sagt Strabon, “entscheidet der rechtsprechende Beamte” (daß es
+Vormünder gab, lehrt Dig. 1, 20, 2), und nach demselben liegt es dem
+Idiologos namentlich ob, die bona vacantia et caduca für den Fiskus
+einzuziehen.
+
+Dies schließt nicht aus, daß der römische iuridicus an die Stelle des
+älteren Dreißigergerichts mit dem αρχιδικαστής an der Spitze (Diodor 1,
+75) getreten ist, welcher ägyptisch ist und nicht mit dem
+alexandrinischen αρχιδικαστής verwechselt werden darf, übrigens
+vielleicht schon vor der römischen Zeit beseitigt worden ist, und daß
+der Idiologos hervorgegangen ist aus einem in Ägypten bestehenden
+Anrecht des Königs auf die Erbschaften, wie es im übrigen Reiche in
+gleicher Ausdehnung nicht vorkam; welches letztere Lumbroso
+(Recherchen, S. 285) sehr wahrscheinlich gemacht hat.
+
+————————————————————————-
+
+Alle übrigen Beamten fungieren nur für einzelne Bezirke und sind in der
+Hauptsache aus der ptolemäischen Ordnung übernommen. Daß die Vorsteher
+der drei Provinzen Unter-, Mittel- und Oberägypten, abgesehen vom
+Kommando mit dem gleichen Geschäftskreis, wie der Statthalter
+ausgestattet, in augustischer Zeit aus den ägyptischen Griechen,
+späterhin wie die eigentlichen Oberbeamten aus der römischen
+Ritterschaft genommen wurden, ist bemerkenswert als ein Symptom der im
+Verlauf der Kaiserzeit sich steigernden Zurückdrängung des
+einheimischen Elements in der Magistratur.
+
+Unter diesen oberen und mittleren Behörden stehen die Lokalbeamten, die
+Vorsteher der ägyptischen wie der griechischen Städte nebst den sehr
+zahlreichen, bei dem Hebungswesen und den mannigfaltigen, auf den
+Geschäftsverkehr gelegten Abgaben beschäftigten Subalternen und wieder
+in dem einzelnen Bezirk die Vorsteher der Unterbezirke und der Dörfer,
+welche Stellungen mehr als Lasten denn als Ehren angesehen und den
+Ortsangehörigen oder Ortsansässigen, jedoch mit Ausschluß der
+Alexandriner, durch den Oberbeamten auferlegt werden; die wichtigste
+darunter, die Vorstandschaft des Nomos, wird auf je drei Jahre von dem
+Statthalter besetzt. Die örtlichen Behörden der griechischen Städte
+waren der Anzahl wie der Titulatur nach andere; in Alexandreia
+namentlich fungierten vier Oberbeamten, der Priester Alexanders 23, der
+Stadtschreiber (θπομνηματογράφος) ^24, der Oberrichter (αρχιδικαστής)
+und der Nachtwächtermeister (νυκτερινός στρατηγός). Daß sie angesehener
+waren als die Strategen der Nomen, versteht sich von selbst und zeigt
+deutlich das dem ersten alexandrinischen Beamten zustehende
+Purpurgewand. übrigens rühren sie ebenfalls aus der Ptolemäerzeit her
+und werden wie die Nomenvorsteher aus den Eingesessenen von der
+römischen Regierung auf Zeit ernannt. Römische Beamte kaiserlicher
+Ernennung finden sich unter diesen städtischen Vorstehern nicht. Aber
+der Priester des Museion, der zugleich der Präsident der
+alexandrinischen Akademie der Wissenschaften ist und auch über die
+bedeutenden Geldmittel dieser Anstalt verfügt, wird vom Kaiser ernannt;
+ebenso werden die Aufsicht über das Alexandergrab und die damit
+verbundenen Baulichkeiten und einige andere wichtige Stellungen in der
+Hauptstadt Ägyptens von der Regierung in Rom mit Beamten von Ritterrang
+besetzt ^25.
+
+—————————————————————————-
+
+^23 Der εκηγητής, nach Strabon (17, 1, 12 p. 797) der erste städtische
+Beamte in Alexandreia unter den Ptolemäern wie unter den Römern und
+berechtigt, den Purpur zu tragen, ist sicher identisch mit dem
+Jahrpriester in dem Testament Alexanders des in solchen Dingen sehr
+wohl unterrichteten Alexanderromans (3, 33 p. 149 Müller). Wie der
+Exegetes neben seiner wohl im religiösen Sinn zu fassenden Titulatur
+die επιμέλεια τών τή πόλει χρησίμων hat, so ist jener Priester des
+Romans επιμελιστής τής πόλεως. So wenig wie den Purpur und den goldenen
+Kranz wird der Romanschreiber auch die Besoldung von einem Talent und
+die Erblichkeit erfunden haben; die letztere, bei welcher auch Lumbroso
+(L’Egitto al tempo dei Greci e Romani. 1882, S. 152) an den εξηγητής
+έναρχος der alexandrinischen Inschriften (CIG 4688, 4976 c) erinnert,
+ist vermutlich in der Weise zu denken, daß ein gewisser Kreis von
+Personen durch Erbrecht berufen war und der Statthalter aus diesen den
+Jahrpriester bestellte. Dieser Priester Alexanders (sowie der folgenden
+ägyptischen Könige, nach dem Stein von Kanopos und dem von Rosette CIG
+4697) war unter den früheren Lagiden für die alexandrinischen Akte
+eponym, während später wie unter den Römern dafür die Königsnamen
+eintreten. Nicht verschieden von ihm ist wohl auch der “Oberpriester
+von Alexandreia und ganz Ägypten” einer stadtrömischen Inschrift aus
+hadrianischer Zeit (CIG 5900: αρχιερεί Αλεξανδρείας καί Αιγύπτου πάσης
+Δευκίω Ιουλίω Ουηστίνω καί επιστάτει τού μουσείου καί επί τών εν Ρώμη
+βιβλιοσθηκών Ρωμαικών τε καί Ελληνικών καί επί τής παιδείας Αδριανού,
+επιστολεί τοί αυτού αυτοκράτορος); die eigentliche Titulatur εξηγητής
+wurde, da sie gewöhnlich den Küster bezeichnet, außerhalb Ägyptens
+vermieden. Sollte, was die Fassung der Inschrift nahe legt, das
+Oberpriestertum damals dauernd gewesen sein, so wiederholt sich
+bekanntlich der Übergang von der Jährigkeit zu der wenigstens
+titularen, nicht selten auch reellen Lebenslänglichkeit überhaupt bei
+den Sacerdotien der Provinzen, zu denen dieses alexandrinische zwar
+nicht gehört, aber deren Stelle es in Ägypten vertritt. Daß das
+Priestertum und die Vorstandschaft des Museums zwei verschiedene Ämter
+sind, zeigt die Inschrift selbst. Dasselbe lehrt die Inschrift eines
+königlichen Oberarztes aus guter Lagidenzeit, der daneben sowohl Exeget
+ist wie Vorsteher des Museums (Χρύσερμον Ηρακλείτου Αλεξανδρέα τόν
+σθγγενή βασιλέως Πτολεμαίου καί εξηγητήν καί επί τών ιατρών καί
+επιστάτην τού Μούσείου). Aber beide Denkmäler legen zugleich nahe, daß
+die Stellung des ersten Beamten von Alexandreia und die Vorstandschaft
+des Museums häufig demselben Manne übertragen worden sind, obwohl in
+römischer Zeit jene vom Präfekten, diese vom Kaiser vergeben ward.
+
+^24 Nicht zu verwechseln mit dem gleichartigen Amt, das Philon (in
+Flacc. 16) erwähnt und Lukianos (apolog. 12) bekleidete; dies ist kein
+städtisches, sondern eine Subalternstelle bei der Präfektur von
+Ägypten, lateinisch a commentariis oder ab actis.
+
+^25 Dies ist der procurator Neaspoleos et mausolei Alexandriae (CIL
+VIII, 8934; Henzen 6929). Beamte gleicher Art und gleichen Ranges,
+deren Kompetenz aber nicht klar erhellt, sind der procurator ad
+Mercurium Alexandreae (CIL X, 3847) und der procurator Alexandreae
+Pelusii (CIL VI, 1624). Auch der Pharus steht unter einem kaiserlichen
+Freigelassenen (CIL VI, 8582).
+
+—————————————————————————-
+
+Selbstverständlich sind Alexandriner und Ägypter in diejenigen
+Prätendentenbewegungen hineingezogen worden, die vom Orient ausgingen,
+und haben dabei regelmäßig mitgemacht; auf diese Weise sind hier
+Vespasian, Cassius, Niger, Macrianus, Vaballathus, der Sohn der
+Zenobia, Probus zu Herrschern ausgerufen worden. Die Initiative aber
+haben in allen diesen Fällen weder die Bürger von Alexandreia ergriffen
+noch die wenig angesehenen ägyptischen Truppen, und die meisten dieser
+Revolutionen, auch die mißlungenen, haben für Ägypten keine besonders
+empfindlichen Folgen gehabt. Aber die an den Namen der Zenobia sich
+knüpfende Bewegung ist für Alexandreia und für ganz Ägypten fast ebenso
+verhängnisvoll geworden wie für Palmyra. In Stadt und Land standen die
+palmyrenisch und römisch Gesinnten mit den Waffen und der Brandfackel
+in der Hand sich gegenüber. An der Südgrenze rückten die barbarischen
+Blemyer ein, wie es scheint im Einverständnis mit dem palmyrenisch
+gesinnten Teil der Bewohner Ägyptens, und bemächtigten sich eines
+großen Teils von Oberägypten ^26. In Alexandreia war der Verkehr
+zwischen den beiden feindlichen Quartieren aufgehoben, selbst Briefe zu
+befördern, war schwierig und gefährlich ^27. Die Gassen starrten von
+Blut und von unbegrabenen Leichen. Die dadurch erzeugten Seuchen
+wüteten noch ärger als das Schwert; und damit keines der vier Rosse des
+Verderbens mangele, versagte auch der Nil und gesellte sich die
+Hungersnot zu den übrigen Geißeln. Die Bevölkerung schmolz in der Weise
+zusammen, daß, wie ein Zeitgenosse sagt, es früher in Alexandreia mehr
+Greise gab als nachher Bürger. Als der von Claudius gesandte Feldherr
+Probus endlich die Oberhand gewann, warfen sich die palmyrenisch
+Gesinnten, darunter die Mehrzahl der Ratsmitglieder, in das feste
+Kastell Prucheion in der unmittelbaren Nähe der Stadt; und obwohl, als
+Probus den Austretenden Schonung des Lebens verhieß, die große Mehrzahl
+sich unterwarf, harrte doch ein beträchtlicher Teil der Bürgerschaft
+bis zum Äußersten aus in dem Kampf der Verzweiflung. Die Festung,
+endlich durch Hunger bezwungen (270), wurde geschleift und lag seitdem
+öde; die Stadt aber verlor ihre Mauern. In dem Lande haben die Blemyer
+sich noch jahrelang behauptet; erst Kaiser Probus hat Ptolemais und
+Koptos ihnen wieder entrissen und sie aus dem Lande hinausgeschlagen.
+Der Notstand, den diese durch eine Reihe von Jahren sich hinziehenden
+Unruhen hervorgerufen haben müssen, mag dann wohl die einzige
+nachweislich in Ägypten entstandene Revolution ^28 zum Ausbruch
+gebracht haben. Unter der Regierung Diocletians lehnten sich, wir
+wissen nicht warum und wozu, sowohl die eingeborenen Ägypter wie die
+Bürgerschaft von Alexandreia gegen die bestehende Regierung auf. Es
+wurden Gegenkaiser aufgestellt, Lucius Domitius Domitianus und
+Achilleus, falls nicht etwa beide Namen dieselbe Persönlichkeit
+bezeichnen; die Empörung währte drei bis vier Jahre; die Städte Busiris
+im Delta und Koptos unweit Theben wurden von den Truppen der Regierung
+zerstört und schließlich unter der eigenen Führung Diocletians im
+Frühjahr 297 die Hauptstadt nach achtmonatlicher Belagerung bezwungen.
+Von dem Herunterkommen des reichen, aber durchaus auf den inneren und
+äußeren Frieden angewiesenen Landes zeugt nichts so deutlich wie die im
+Jahre 302 erlassene Verfügung desselben Diocletian, daß ein Teil des
+bisher nach Rom gesandten ägyptischen Getreides in Zukunft der
+alexandrinischen Bürgerschaft zugute kommen solle ^29. Allerdings
+gehört dies zu den Maßregeln, welche die Dekapitalisierung Roms
+bezweckten; aber den Alexandrinern, die zu begünstigen dieser Kaiser
+wahrlich keine Ursache hatte, wäre die Lieferung nicht zugewandt
+worden, wenn sie sie nicht dringend gebraucht hätten.
+
+————————————————————————-
+
+^26 Auf die Allianz der Palmyrener und der Blemyer deutet die Notiz der
+vita Firmi c. 3 und daß nach Zosimus (hist. 1, 71) Ptolemais zu den
+Blemyern abfiel (vgl. Eus. hist. eccl. 7, 32). Aurelian hat mit diesen
+nur verhandelt (vita 34. 41); Probus erst warf sie wieder aus Ägypten
+(Zos. a. a. O.; vita 17).
+
+^27 Wir besitzen noch dergleichen Briefe, von dem damaligen Bischof der
+Stadt Dionysios († 265), an die in der feindlichen Stadthälfte
+abgesperrten Gemeindeglieder gerichtet (Eus. hist. eccl. 7, 21, 22 vgl.
+32). Wenn es darin heißt: “leichter kommt man vom Orient in den
+Okzident als von Alexandreia nach Alexandreia” und η μεσαιτάτη τής
+πόλεως οδός, also die von der Lochiasspitze quer durch die Stadt
+laufende, mit Säulenhallen besetzte Straße (vgl. Lumbroso, L’Egitto, S.
+137) mit der Wüste zwischen Ägypten und dem Gelobten Lande verglichen
+wird, so scheint es fast, als habe Severus Antoninus seine Drohung
+ausgeführt, eine Mauer quer durch die Stadt zu ziehen und militärisch
+zu besetzen (Dio 77, 23). Die Schleifung der Mauern nach der
+Niederwerfung des Aufstandes (Amm. 22,16,15) würde dann auf ebendiesen
+Bau zu beziehen sein.
+
+^28 Die angeblich ägyptischen Tyrannen Aemilianus, Firmus, Saturninus
+sind als solche wenigstens nicht beglaubigt. Die sogenannte
+Lebensbeschreibung des zweiten ist nichts als die arg entstellte
+Katastrophe des Prucheion.
+
+^29 Chr. Pasch. p. 514; Prok. hist. 26; Gothofred zu Cod. Theod. 14,
+26, 2. Ständige Kornverteilungen sind schon früher in Alexandreia
+eingerichtet worden, aber, wie es scheint, nur für altersschwache
+Personen, und vermutlich für Rechnung der Stadt, nicht des Staats (Eus.
+hist. eccl. 7, 21).
+
+————————————————————————-
+
+Wirtschaftlich ist Ägypten bekanntlich vor allem das Land des
+Ackerbaues. Zwar ist die “schwarze Erde” - das bezeichnet der
+einheimische Landesname Chemi - nur ein schmaler Doppelstreifen zu
+beiden Seiten des mächtigen, von der letzten Stromschnelle bei Syene,
+der Südgrenze des eigentlichen Ägyptens, auf 120 Meilen in breiter
+Fülle durch die rechts und links sich ausdehnende gelbe Wüste zum
+Mittelländischen Meer strömenden Nils; nur an seinem letzten Ende
+breitet die “Gabe des Flusses”, das Nildelta, zwischen den
+mannigfaltigen Armen seiner Mündung sich zu beiden Seiten weiter aus.
+Auch der Ertrag dieser Strecken hängt Jahr für Jahr ab von dem Nil und
+den sechzehn Ellen seiner Schwelle, den den Vater umspielenden sechzehn
+Kindern, wie die Kunst der Griechen den Flußgott darstellt; mit gutem
+Grund nennen die Araber die niedrigen Ellen mit den Namen der Engel des
+Todes, denn erreicht der Fluß die volle Höhe nicht, so trifft das ganze
+ägyptische Land Hunger und Verderben. Im allgemeinen aber vermag
+Ägypten, wo die Bestellungskosten verschwindend niedrig sind, der
+Weizen hundertfältig trägt und auch die Gemüsezucht, der Weinbau, die
+Baumkultur, namentlich die Dattelpalme, und die Viehzucht guten Ertrag
+bringen, nicht bloß eine dichte Bevölkerung zu ernähren, sondern auch
+reichlich Getreide in das Ausland zu senden. Dies führte dazu, daß nach
+der Einsetzung der Fremdherrschaft dem Lande selbst von seinem Reichtum
+nicht viel verblieb. Ungefähr wie in persischer Zeit und wie heutzutage
+schwoll damals der Nil und fronten die Ägypter hauptsächlich für das
+Ausland, und zunächst dadurch spielt Ägypten in der Geschichte des
+kaiserlichen Rom eine wichtige Rolle. Nachdem Italiens eigener
+Getreidebau gesunken und Rom die größte Stadt der Welt geworden war,
+bedurfte dasselbe der stetigen Zufuhr billigen überseeischen Getreides;
+und vor allem durch die Lösung der nicht leichten wirtschaftlichen
+Aufgabe, die hauptstädtische Zufuhr finanziell möglich zu machen und
+sicherzustellen hat der Prinzipat sich befestigt. Diese Lösung ruhte
+auf dem Besitz Ägyptens, und insofern hier der Kaiser ausschließlich
+gebot, hielt er durch Ägypten das Land Italien mit seinen Dependenzen
+in Schach. Als Vespasianus die Herrschaft ergriff, sandte er seine
+Truppen nach Italien, er selbst aber ging nach Ägypten und bemächtigte
+sich Roms durch die Kornflotte. Wo immer ein römischer Regent daran
+gedacht hat oder haben soll, den Sitz der Regierung nach dem Osten zu
+verlegen, wie uns von Caesar, Antonius, Nero, Geta erzählt wird, da
+richten sich die Gedanken wie von selber nicht nach Antiocheia, obwohl
+dies damals die regelmäßige Residenz des Ostens war, sondern nach der
+Geburtsstätte und der festen Burg des Prinzipats, nach Alexandreia.
+
+Deshalb war denn auch die römische Regierung auf die Hebung des
+Feldbaues in Ägypten eifriger bedacht als irgendwo sonst. Da derselbe
+von der Nilüberschwemmung abhängig ist, ward es möglich, durch
+systematisch durchgeführte Wasserbau ten, künstliche Kanäle, Dämme,
+Reservoirs die für den Feldbau geeignete Fläche bedeutend zu erweitern.
+In den guten Zeiten Ägyptens, des Heimatlandes der Meßschnur und des
+Kunstbaus, war dafür viel geschehen, aber diese segensreichen Anlagen
+unter den letzten elenden und finanziell bedrängten Regierungen in
+argen Verfall geraten. So führte die römische Besitznahme sich würdig
+damit ein, daß Augustus durch die in Ägypten stehenden Truppen die
+Nilkanäle einer durchgreifenden Reinigung und Erneuerung unterwarf.
+Wenn zur Zeit der römischen Besitzergreifung die volle Ernte einen
+Stand des Flusses von vierzehn Ellen erfordert hatte und bei acht Ellen
+Mißernte eintrat, so genügten später, nachdem die Kanäle in Stand
+gesetzt waren, schon zwölf Ellen für eine volle Ernte und gaben acht
+Ellen noch einen genügenden Ertrag. Jahrhunderte nachher hat Kaiser
+Probus Ägypten nicht bloß von den Äthiopen befreit, sondern auch die
+Wasserbauten am Nil wieder instand gesetzt. Es darf überhaupt
+angenommen werden, daß die besseren Nachfolger Augusts in ähnlichem
+Sinne administrierten und daß, zumal bei der durch Jahrhunderte kaum
+unterbrochenen inneren Ruhe und Sicherheit, der ägyptische Ackerbau
+unter dem römischen Prinzipat in dauerndem Flor gestanden hat. Welche
+Rückwirkung diese Verhältnisse auf die Ägypter selbst hatten, vermögen
+wir genauer nicht zu verfolgen. Zu einem großen Teil beruhten die
+Einkünfte aus Ägypten auf dem kaiserlichen Domanialbesitz, welcher in
+römischer wie in früherer Zeit einen beträchtlichen Teil des ganzen
+Areals ausmachte ^30; hier wird, zumal bei der wenig kostspieligen
+Bestellung, den Kleinpächtern, die dieselbe beschafften, nur eine
+mäßige Quote des Ertrags geblieben oder eine hohe Geldpacht auferlegt
+worden sein. Aber auch die zahlreichen und durchgängig kleineren
+Eigentümer werden eine hohe Grundsteuer in Getreide oder in Geld
+entrichtet haben. Die ackerbauende Bevölkerung, genügsam wie sie war,
+blieb in der Kaiserzeit wohl zahlreich; aber sicher lastete der
+Steuerdruck, sowohl an sich wie wegen der Verwendung des Ertrags im
+Ausland, schwerer auf Ägypten unter der römischen Fremdherrschaft als
+unter dem keineswegs schonenden Regiment der Ptolemäer.
+
+—————————————————————————-
+
+^30 In der Stadt Alexandreia scheint es kein eigentliches Grundeigentum
+gegeben zu haben, sondern nur eine Art Erbmiete (Amm. 22, 11, 6;
+Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 963, A. 1); im übrigen aber hat das
+Privateigentum am Boden in dem Sinn, wie das Provinzialrecht überhaupt
+ein solches kennt, auch in Ägypten gegolten. Von Domanialbesitz ist oft
+die Rede, zum Beispiel sagt Strabon (17, 1, 51 p. 828), daß die besten
+ägyptischen Datteln auf einer Insel wachsen, auf der Private kein Land
+besitzen dürften, sondern sie sei früher königlich, jetzt kaiserlich
+und bringe eine große Einnahme. Vespasian verkaufte einen Teil der
+ägyptischen Domänen und erbitterte dadurch die Alexandriner (Dio 66,
+8), ohne Zweifel die Großpächter, die dann das Land an die eigentlichen
+Bauern in Unterpacht gaben. Ob der Grundbesitz in toter Hand,
+insbesondere der Priesterkollegien, in der römischen Zeit noch so
+ausgedehnt war wie früher, kann in Zweifel gezogen werden; ebenso ob im
+übrigen der Großgrundbesitz oder das Kleineigentum überwog; die
+Kleinwirtschaft war sicher allgemein. Ziffern besitzen wir weder für
+die Domanial- noch für die Grundsteuerquote; daß die fünfte Garbe bei
+Orosius (hist. 1, 8, 9) mit Einschluß des usque ad nunc aus der Genesis
+abgeschrieben ist, hat Lumbroso, Recherches, S. 94, mit Recht bemerkt.
+Die Domanialrente kann nicht unter der Hälfte betragen haben; auch für
+die Grundsteuer möchte der Zehnte (Lumbroso a. a. O., S. 289, 293) kaum
+genügen.
+
+Anderweitige Ausfuhr des Getreides aus Ägypten bedurfte der Bewilligung
+des Statthalters (Hirschfeld, Annona, S. 23), ohne Zweifel weil sonst
+in dem dichtbevölkerten Lande leicht Mangel hätte eintreten können.
+Doch ist diese Einrichtung sicher mehr kontrollierend gewesen als
+prohibitiv; in dem Periplus des Ägypters wird mehrfach (c. 7, 17, 24,
+28 vgl. 56) Getreide unter den Exportartikeln aufgeführt. Auch die
+Bestellung der Äcker scheint ähnlich kontrolliert worden zu sein; “die
+Ägypter”, heißt es, “bauen lieber Rüben als Getreide, soweit sie
+dürfen, wegen des Rüböls” (Plin. nat. 19, 5, 79).
+
+—————————————————————————-
+
+Von der Wirtschaft Ägyptens bildete der Ackerbau nur einen Teil; wie
+dasselbe in dieser Hinsicht Syrien weit voranstand, so hatte es vor dem
+wesentlich agrikolen Afrika die hohe Blüte der Fabriken und des Handels
+voraus. Die Linnenfabrikation in Ägypten steht an Alter und Umfang und
+Ruhm der syrischen mindestens gleich und hat, wenn auch die feineren
+Sorten in dieser Epoche vorzugsweise in Syrien und Phönizien fabriziert
+wurden ^31, sich durch die ganze Kaiserzeit gehalten; als Aurelian die
+Lieferungen aus Ägypten an die Reichshauptstadt auf andere Gegenstände
+als Getreide erstreckte, fehlten unter diesen die Leinwand und der Werg
+nicht. In feinen Glaswaren behaupteten, sowohl in der Färbung wie in
+der Formung, die Alexandriner entschieden den ersten Platz, ja, wie sie
+meinten insofern das Monopol, als gewisse beste Sorten nur mit
+ägyptischem Material herzustellen seien. Unbestritten hatten sie ein
+solches in dem Papyrus. Diese Pflanze, die im Altertum massenweise auf
+den Flüssen und Seen Unterägyptens kultiviert ward und sonst nirgends
+gedieh, lieferte den Eingeborenen sowohl Nahrung wie das Material für
+Stricke, Körbe und Kähne, das Schreibmaterial aber damals für die ganze
+schreibende Welt. Welchen Ertrag sie gebracht haben muß, ermißt man aus
+den Maßregeln, die der römische Senat ergriff, als einmal auf dem
+römischen Platz der Papyrus knapp ward und zu fehlen drohte; und da die
+mühsame Zubereitung nur an Ort und Stelle erfolgen kann, müssen
+zahllose Menschen davon in Ägypten gelebt haben. Auf Glas und Papyrus
+^32 erstreckten sich neben dem Leinen die von Aurelian zu Gunsten der
+Reichshauptstadt eingeführten alexandrinischen Warenlieferungen.
+Vielfach muß der Verkehr mit dem Osten auf die ägyptische Fabrikation
+bietend und verlangend eingewirkt haben. Gewebe wurden daselbst für den
+Export nach dem Orient fabriziert und zwar in der durch den
+Landesgebrauch geforderten Weise: die gewöhnlichen Kleider der Bewohner
+von Habesch waren ägyptisches Fabrikat; nach Arabien und Indien gingen
+die Prachtstoffe besonders der in Alexandreia kunstvoll betriebenen
+Bunt- und Goldwirkerei. Ebenso spielten die in Ägypten angefertigten
+Glaskorallen in dem Handel der afrikanischen Küste dieselbe Rolle wie
+heutzutage. Indien bezog teils Glasbecher, teils unverarbeitetes Glas
+zur eigenen Fabrikation; selbst am chinesischen Hof sollen die
+Glasgefäße, mit welchen die römischen Fremden dem Kaiser huldigten,
+hohe Bewunderung erregt haben. Ägyptische Kaufleute brachten dem König
+der Axomiten (Habesch) als stehende Geschenke nach dortiger Landesart
+angefertigte Gold- und Silbergefäße, den zivilisierten Herrschern der
+südarabischen und der indischen Küste unter anderen Gaben auch Statuen,
+wohl von Bronze, und musikalische Instrumente. Dagegen sind die
+Materialien der Luxusfabrikation, die aus dem Orient kamen,
+insbesondere Elfenbein und Schildpatt, schwerlich vorzugsweise in
+Ägypten, hauptsächlich wohl in Rom verarbeitet worden. Endlich kam in
+einer Epoche, welche in öffentlichen Prachtbauten ihresgleichen niemals
+in der Welt gehabt hat, das kostbare Baumaterial, welches die
+ägyptischen Steinbrüche lieferten, in ungeheuren Massen auch außerhalb
+Ägyptens zur Verwendung: der schöne rote Granit von Syene, die Breccia
+verde aus der Gegend von Kosêr, der Basalt, der Alabaster, seit
+Claudius der graue Granit und besonders der Porphyr der Berge oberhalb
+Myos Hormos. Die Gewinnung derselben ward allerdings größtenteils für
+kaiserliche Rechnung durch Strafkolonisten bewirkt; aber wenigstens der
+Transport muß dem ganzen Lande und namentlich der Stadt Alexandreia
+zugute gekommen sein. Welchen Umfang der ägyptische Verkehr und die
+ägyptische Fabrikation gehabt hat, zeigt eine zufällig erhaltene Notiz
+über die Ladung eines durch seine Größe ausgezeichneten Lastschiffes
+(άκατος), das unter Augustus den jetzt an der Porta del Popolo
+stehenden Obelisken mit seiner Basis nach Rom brachte; es führte
+außerdem 200 Matrosen, 1200 Passagiere, 400000 röm. Scheffel (34000
+Hektoliter) Weizen und eine Ladung von Leinwand, Glas, Papier und
+Pfeffer. “Alexandreia”, sagt ein römischer Schriftsteller des 3.
+Jahrhunderts ^33, “ist eine Stadt der Fülle, des Reichtums und der
+Üppigkeit, in der niemand müßig geht; dieser ist Glasarbeiter, jener
+Papierfabrikant, der dritte Leinweber; der einzige Gott ist das Geld.”
+Es gilt dies verhältnismäßig von dem ganzen Lande.
+
+———————————————————————————
+
+^31 Im Diocletianischen Edikt sind unter den fünf feinen Linnensorten
+die vier ersten syrisch oder kilikisch (tarsisch), und das ägyptische
+Leinen erscheint nicht bloß an letzter Stelle, sondern wird auch
+bezeichnet als tarsisches alexandrinisches, das heißt nach tarsischem
+Muster in Alexandreia verfertigtes.
+
+^32 Einem reichen Mann in Ägypten wurde nachgesagt, daß er seinen
+Palast mit Glas statt mit Marmor getäfelt habe und Papyrus und Leim
+genug besitze, um ein Heer damit zu füttern (vita Firmi 3).
+
+^33 Daß der angebliche Brief Hadrians (vita Saturnini 8) ein spätes
+Machwerk ist, zeigt zum Beispiel, daß der Kaiser sich in diesem an
+seinen Schwager Servianus gerichteten, höchst freundschaftlichen Brief
+beklagt über die Injurien, mit denen die Alexandriner bei seiner ersten
+Abreise seinen Sohn Verus überhäuft hätten, während andererseits
+feststeht, daß dieser Servianus neunzigjährig im Jahre 136 hingerichtet
+ward, weil er die kurz zuvor erfolgte Adoption des Verus gemißbilligt
+hatte.
+
+———————————————————————————
+
+Von dem Handelsverkehr Ägyptens mit den südlich angrenzenden
+Landschaften sowie mit Arabien und Indien wird weiterhin eingehend die
+Rede sein. Derjenige mit den Ländern des Mittelmeers tritt in der
+Überlieferung weniger hervor, zum Teil wohl, weil er zu dem
+gewöhnlichen Gang der Dinge gehörte und nicht oft sich Veranlassung
+fand, seiner besonders zu gedenken. Das ägyptische Getreide wurde von
+alexandrinischen Schiffern nach Italien geführt und infolgedessen
+entstand in Portus bei Ostia ein dem alexandrinischen Sarapistempel
+nachgebildetes Heiligtum mit seiner Schiffergemeinde ^34; aber an dem
+Vertrieb der aus Ägypten nach dem Westen gehenden Waren werden diese
+Lastschiffe schwerlich in bedeutendem Umfang beteiligt gewesen sein.
+Dieser lag wahrscheinlich ebenso sehr und vielleicht mehr in der Hand
+der italischen Reeder und Kapitäne als der ägyptischen; wenigstens gab
+es schon unter den Lagiden eine ansehnliche italische Niederlassung in
+Alexandreia ^35 und haben im Okzident die ägyptischen Kaufleute nicht
+die gleiche Verbreitung gehabt wie die syrischen ^36. Die später zu
+erwähnenden Anordnungen Augusts, welche auf dem Arabischen und dem
+Indischen Meer den Handelsverkehr umgestalteten, fanden auf die
+Schiffahrt des Mittelländischen keine Anwendung; die Regierung hatte
+kein Interesse daran, hier die ägyptischen Kaufleute vor den übrigen zu
+begünstigen. Es blieb dort der Verkehr vermutlich wie er war.
+
+————————————————————————
+
+^34 Die ναύκληροι τού πορεύτικου Αλεξανδρινού στόλου, die den ohne
+Zweifel nach Portus gehörigen Stein CIG 5889 gesetzt haben, sind die
+Kapitäne dieser Getreideschiffe. Aus dem Serapeum von Ostia besitzen
+wir eine Reihe von Inschriften (CIL XIV, 47), wonach dasselbe in allen
+Stücken die Kopie des alexandrinischen war; der Vorsteher ist zugleich
+επιμελητής παντός τού Αλεξανδρείνου στόλου (CIG 5973). Wahrscheinlich
+waren diese Fahrzeuge wesentlich mit dem Korntransport beschäftigt und
+erfolgte dieser also sukzessiv, worauf auch die von Kaiser Gaius in der
+Meerenge von Reggio getroffenen Vorkehrungen (Ios. ant. Iud. 19, 2, 5)
+hinweisen. Damit ist wohl vereinbar, daß das erste Erscheinen der
+alexandrinischen Flotte im Frühjahr für Puteoli ein Fest war (Sen.
+epist. 77, 1).
+
+^35 Dies zeigen die merkwürdigen delischen Inschriften Eph. epigr. V,
+p. 600, 602.
+
+^36 Schon in den delischen Inschriften des letzten Jahrhunderts der
+Republik wiegen die Syrer vor. Die ägyptischen Gottheiten haben dort
+wohl ein viel verehrtes Heiligtum gehabt, aber unter den zahlreichen
+Priestern und Dedikanten begegnet nur ein einziger Alexandriner
+(Hauvette-Besnault, BCH 6, 1882, S. 316 f.). Gilden alexandrinischer
+Kaufleute kennen wir von Tomi und von Perinthos (CIG 2024).
+
+————————————————————————
+
+Ägypten war also nicht bloß in seinen anbaufähigen Teilen mit einer
+dichten ackerbauenden Bevölkerung besetzt, sondern auch, wie schon die
+zahlreichen und zum Teil sehr ansehnlichen Flecken und Städte dies
+erkennen lassen, ein Fabrikland und daher denn auch weitaus die am
+stärksten bevölkerte Provinz des Römischen Reiches. Das alte Ägypten
+soll eine Bevölkerung von 7 Millionen gehabt haben; unter Vespasian
+zählte man in den offiziellen Listen 7½ Millionen kopfsteuerpflichtiger
+Einwohner, wozu die von der Kopfsteuer befreiten Alexandriner und
+sonstigen Griechen, sowie die wahrscheinlich nicht sehr zahlreichen
+Sklaven hinzutreten, so daß die Bevölkerung mindestens auf 8 Millionen
+Köpfe anzusetzen ist. Da das anbaufähige Areal heutzutage auf 500
+deutsche Quadratmeilen, für die römische Zeit höchstens auf 700
+veranschlagt werden kann, so wohnten damals in Ägypten auf der
+Quadratmeile durchschnittlich etwa 11000 Menschen.
+
+Wenn wir den Blick auf die Bewohner Ägyptens richten, so sind die
+beiden das Land bewohnenden Nationen, die große Masse der Ägypter und
+die kleine Minderzahl der Alexandriner, durchaus verschiedene Kreise
+^37, wenngleich zwischen beiden die Ansteckungskraft des Lasters und
+die allem Laster eigene Gleichartigkeit eine schlimme Gemeinschaft des
+Bösen gestiftet hat.
+
+———————————————————————
+
+^37 Nachdem Juvenal die wüsten Zechgelage der eingeborenen Ägypter zu
+Ehren der Lokalgötter der einzelnen Nomen geschildert hat, fügt er
+hinzu, daß darin die Eingeborenen dem Kanopos, das heißt dem durch
+seine zügellose Ausgelassenheit berüchtigten alexandrinischen
+Sarapisfest (Strab. 17, 1, 17 p. 801) in keiner Hinsicht nachständen:
+horrida sane Aegyptus, sed luxuria, quantum ipse notavi, barbara famoso
+non cedit turba Canopo (sat. 15, 44).
+
+———————————————————————
+
+Die eingeborenen Ägypter werden von ihren heutigen Nachkommen weder in
+der Lage noch in der Art sich weit entfernt haben. Sie waren genügsam,
+nüchtern, arbeitsfähig und tätig, geschickte Handwerker und Schiffer
+und gewandte Kaufleute, festhaltend am alten Herkommen und am alten
+Glauben. Wenn die Römer versichern, daß die Ägypter stolz seien auf die
+Geißelmale wegen begangener Steuerdefrauden ^38, so sind dies
+Anschauungen vom Standpunkt aus des Steuerbeamten. Es fehlte in der
+nationalen Kultur nicht an guten Keimen; bei aller Überlegenheit der
+Griechen auch in dem geistigen Kampfe der beiden so völlig
+verschiedenen Rassen hatten die Ägypter wieder manche und wesentliche
+Dinge vor den Hellenen voraus, und sie empfanden dies auch. Es ist
+schließlich doch der Rückschlag ihrer eigenen Empfindung, wenn die
+ägyptischen Priester der griechischen Unterhaltungsliteratur die von
+den Hellenen sogenannte Geschichtsforschung und ihre Behandlung
+poetischer Märchen als wirklicher Überlieferung aus vergangenen
+Urzeiten verspotten; in Ägypten mache man keine Verse, aber ihre ganze
+alte Geschichte sei eingeschrieben auf den Tempeln und
+Gedächtnissteinen; freilich seien jetzt nur noch wenige derselben
+kundig, da viele Denkmale zerstört seien und die Überlieferung zugrunde
+gehe durch die Unwissenheit und die Gleichgültigkeit der Späteren. Aber
+diese berechtigte Klage trägt in sich selbst die Hoffnungslosigkeit;
+der ehrwürdige Baum der ägyptischen Zivilisation war längst zum
+Niederschlagen gezeichnet. Der Hellenismus drang zersetzend bis an die
+Priesterschaft selbst. Ein ägyptischer Tempelschreiber, Chaeremon, der
+als Lehrer der griechischen Philosophie an den Hof des Claudius für den
+Kronprinzen berufen ward, legte in seiner ‘Ägyptischen Geschichte’ den
+alten Landesgöttern die Elemente der stoischen Physik unter und die in
+der Landesschrift geschriebenen Urkunden in diesem Sinne aus. In dem
+praktischen Leben der Kaiserzeit kam das alte ägyptische Wesen fast nur
+noch in Betracht auf dem religiösen Gebiet. Religion war diesem Volke
+eins und alles. Die Fremdherrschaft an sich wurde willig ertragen, man
+möchte sagen kaum empfunden, solange sie die heiligen Gebräuche des
+Landes und was damit zusammenhing nicht antastete. Freilich hing damit
+in dem inneren Landesregiment so ziemlich alles zusammen, Schrift und
+Sprache, Priesterprivilegien und Priesterhoffart, Hofsitte und
+Landesart; die Fürsorge der Regierung für den derzeit lebenden heiligen
+Ochsen, die Leistungen für dessen Bestattung bei seinem Ableben und für
+die Auffindung des geeigneten Nachfolgers galten diesen Priestern und
+diesem Volke als das Kriterium der Tüchtigkeit des jedesmaligen
+Landesherrn und als der Maßstab für die ihm schuldige Achtung und
+Treue. Der erste Perserkönig führte sich damit in Ägypten ein, daß er
+das Heiligtum der Neith in Sais seiner Bestimmung, das heißt den
+Priestern zurückgab; der erste Ptolemaeos brachte, noch als
+makedonischer Statthalter, die nach Asien entführten ägyptischen
+Götterbilder an ihre alte Stätte zurück und restituierte den Göttern
+von Pe und Tep die ihnen entfremdeten Landschenkungen; für die bei dem
+großen Siegeszuge des Euergetes aus Persien heimgebrachten heiligen
+Tempelbilder statten die Landespriester in dem berühmten Kanopischen
+Dekret vom Jahre 238 v. Chr. dem König ihren Dank ab; die landübliche
+Einreihung der lebenden Herrscher und Herrscherinnen in den Kreis der
+Landesgötter haben diese Ausländer ebenso mit sich vornehmen lassen wie
+die ägyptischen Pharaonen. Die römischen Herrscher sind diesem Beispiel
+nur in beschränktem Maße gefolgt. In der Titulatur gingen sie wohl, wie
+wir sahen, einigermaßen auf den Landeskultus ein, vermieden aber doch,
+selbst in ägyptischer Fassung, die mit den okzidentalischen
+Anschauungen in allzu grellem Kontrast stehenden landüblichen
+Prädikate. Da diese Lieblinge des Ptah und der Isis in Italien gegen
+die ägyptische Götterverehrung ähnlich wie gegen die jüdische
+einschritten, ließen sie von solcher Liebe sich erklärlicherweise
+außerhalb der Hieroglyphen nichts merken und beteiligten sich auch in
+Ägypten in keiner Weise an dem Dienst der Landesgötter. Wie hartnäckig
+immer die Landesreligion noch unter der Fremdherrschaft bei den
+eigentlichen Ägyptern festgehalten ward, die Pariastellung, in welcher
+diese selbst neben den herrschenden Griechen und Römern sich befanden,
+drückte notwendig auf den Kultus und die Priester, und von der
+führenden Stellung, dem Einflusse, der Bildung des alten ägyptischen
+Priesterstandes sind unter dem römischen Regiment nur dürftige Reste
+wahrzunehmen. Dagegen diente die von Hause aus schöner Gestaltung und
+geistiger Verklärung abgewandte Landesreligion in und außer Ägypten als
+Ausgangs- und Mittelpunkt für allen erdenklichen frommen Zauber und
+heiligen Schwindel - es genügt dafür zu erinnern an den in Ägypten
+heimischen dreimal größten Hermes mit der an seinen Namen sich
+knüpfenden Literatur von Traktätchen und Wunderbüchern sowie der
+entsprechenden weitverbreiteten Praxis. In den Kreisen aber der
+Eingeborenen knüpften sich in dieser Epoche an den Kultus die ärgsten
+Mißbräuche - nicht bloß viele Tage hindurch fortgesetzte Zechgelage zu
+Ehren der einzelnen Ortsgottheiten mit der dazu gehörigen Unzucht,
+sondern auch dauernde Religionsfehden zwischen den einzelnen Sprengeln
+um den Vorrang des Ibis vor der Katze, des Krokodils vor dem Pavian. Im
+Jahre 127 n. Chr. wurden wegen eines solchen Anlasses die Ombiten im
+südlichen Ägypten von einer benachbarten Gemeinde ^39 bei einem
+Festgelage überfallen und es sollen die Sieger einen der Erschlagenen
+gefressen haben. Bald nachher verzehrte die Hundegemeinde der
+Hechtgemeinde zum Trotz einen Hecht und diese jener zum Trotze einen
+Hund, und es brach darüber zwischen diesen beiden Nomen ein Krieg aus,
+bis die Römer einschritten und beide Parteien abstraften. Dergleichen
+Vorgänge waren in Ägypten an der Tagesordnung. Auch sonst fehlte es an
+Unruhen im Lande nicht. Gleich der erste von Augustus bestellte
+Vizekönig von Ägypten mußte wegen vermehrter Steuern Truppen nach
+Oberägypten senden, nicht minder, vielleicht ebenfalls infolge des
+Steuerdrucks, nach Heroonpolis am oberen Ende des Arabischen
+Meerbusens. Einmal, unter Kaiser Marcus, nahm ein Aufstand der
+eingeborenen Ägypter sogar einen bedrohlichen Charakter an. Als in den
+schwer zugänglichen Küstensümpfen ostwärts von Alexandreia, der
+sogenannten “Rinderweide” (bucolia), welche den Verbrechern und den
+Räubern als Zufluchtsort diente und eine Art Kolonie derselben bildete,
+einige Leute von einer römischen Truppenabteilung aufgegriffen wurden,
+erhob sich zu deren Befreiung die ganze Räuberschaft, und die
+Landbevölkerung schloß sich an. Die römische Legion aus Alexandreia
+ging ihnen entgegen, aber sie wurde geschlagen und fast wäre
+Alexandreia selbst den Aufständischen in die Hände gefallen. Der
+Statthalter des Ostens, Avidius Cassius, rückte wohl mit seinen Truppen
+ein, wagte aber auch nicht gegen die Überzahl den Kampf, sondern zog es
+vor, in dem Bunde der Aufständischen Zwietracht hervorzurufen; nachdem
+die eine Bande gegen die andere stand, wurde die Regierung leicht ihrer
+aller Herr. Auch dieser sogenannte Rinderhirtenaufstand hat
+wahrscheinlich, wie dergleichen Bauernkriege meistens, einen religiösen
+Charakter getragen; der Führer Isidoros, der tapferste Mann Ägyptens,
+war seinem Stande nach ein Priester, und daß zur Bundesweihe nach
+Ableistung des Eides ein gefangener römischer Offizier geopfert und von
+den Schwörenden gegessen ward, paßt sowohl dazu wie zu dem
+Kannibalismus des Ombitenkrieges. Einen Nachklang dieser Vorgänge
+bewahren die ägyptischen Räubergeschichten der spätgriechischen
+untergeordneten Literatur. Wie sehr übrigens dieselben der römischen
+Verwaltung zu schaffen gemacht haben mögen, einen politischen Zweck
+haben sie nicht gehabt und auch die allgemeine Ruhe des Landes nur
+partiell und temporär unterbrochen.
+
+———————————————————————
+
+^38 Amm. 22, 16, 23: erubescit apud (Aegyptios), si qui non infitiando
+tributa plurimas in corpore vibices ostendat.
+
+^39 Dies ist nach Juvenal Tentyra, was ein Fehler sein muß, wenn das
+bekannte gemeint ist; aber auch die Liste des Ravennaten 3, 2 nennt
+beide Orte zusammen.
+
+———————————————————————
+
+Neben den Ägyptern stehen die Alexandriner, einigermaßen wie in
+Ostindien die Engländer neben den Landeseingeborenen. Allgemein gilt
+Alexandreia in der vorkonstantinischen Kaiserzeit als die zweite Stadt
+des Römischen Reiches und die erste Handelsstadt der Welt. Sie zählte
+am Ende der Lagidenherrschaft über 300000 freie Einwohner, in der
+Kaiserzeit ohne Zweifel noch mehr. Die Vergleichung der beiden großen,
+im Wetteifer miteinander erwachsenen Kapitalen am Nil und am Orontes
+ergibt ebenso viele Gleichartigkeiten wie Gegensätze. Beides sind
+verhältnismäßig neue Städte, monarchische Schöpfungen aus dem Nichts,
+von planmäßiger Anlage und regelmäßiger städtischer Einrichtung; das
+Wasser läuft in jedem Hause wie in Antiocheia so auch in Alexandreia.
+An Schönheit der Lage und Pracht der Gebäude war die Stadt im
+Orontestal der Rivalin ebenso überlegen wie diese ihr in der Gunst der
+Örtlichkeit für den Großhandel und an Volkszahl. Die großen
+öffentlichen Bauten der ägyptischen Hauptstadt, der königliche Palast,
+das der Akademie gewidmete Museion, vor allem der Tempel des Sarapis
+waren Wunderwerke einer früheren, architektonisch hoch entwickelten
+Epoche; aber der großen Zahl kaiserlicher Anlagen in der syrischen
+Residenz hat die von wenigen der Caesaren betretene ägyptische
+Hauptstadt nichts Entsprechendes entgegenzustellen.
+
+In der Unbotmäßigkeit und der Oppositionslust gegen das Regiment stehen
+Antiochener und Alexandriner einander gleich; man kann hinzusetzen,
+auch darin, daß beide Städte, und namentlich Alexandreia, eben unter
+der römischen Regierung und durch dieselbe blühten und viel mehr
+Ursache hatten zu danken als zu frondieren. Wie die Alexandriner sich
+zu ihren hellenischen Regenten verhielten, davon zeugt die lange Reihe
+zum Teil noch heute gebräuchlicher Spottnamen, welche die königlichen
+Ptolemäer ohne Ausnahme dem Publikum ihrer Hauptstadt verdankten. Auch
+Kaiser Vespasianus empfing von den Alexandrinern für die Einführung
+einer Steuer auf Salzfisch den Titel des Sardellensäcklers
+(Κυβιοσάκτης), der Syrer Severus Alexander den des Oberrabbiners; aber
+die Kaiser kamen selten nach Ägypten und die fernen und fremden
+Herrscher boten diesem Spott keine rechte Zielscheibe. In ihrer
+Abwesenheit widmete das Publikum wenigstens den Vizekönigen die gleiche
+Aufmerksamkeit mit beharrlichem Eifer; selbst die Aussicht auf
+unausbleibliche Züchtigung vermochte die oft witzige und immer freche
+Zunge dieser Städter nicht zum Schweigen zu bringen ^40. Vespasian
+begnügte sich in Vergeltung jener ihm bewiesenen Aufmerksamkeit, die
+Kopfsteuer um sechs Pfennige zu erhöhen, und bekam dafür den weiteren
+Namen des Sechspfennigmanns; aber ihre Reden über Severus Antoninus,
+den kleinen Affen des großen Alexander und den Geliebten der Mutter
+Iokaste, sollten ihnen teuer zu stehen kommen. Der tückische Herrscher
+erschien in aller Freundschaft und ließ sich vom Volke feiern, dann
+aber seine Soldaten auf die festliche Menge einhauen, so daß Tage lang
+die Plätze und Straßen der großen Stadt im Blute schwammen; ja er
+ordnete die Auflösung der Akademie an und die Verlegung der Legion in
+die Stadt selbst, was freilich beides nicht zur Ausführung kam. Aber
+wenn es in Antiocheia in der Regel bei den Spottreden blieb, so griff
+der alexandrinische Pöbel bei dem geringsten Anlaß zum Stein und zum
+Knittel. Im Krawallieren, sagt ein selbst alexandrinischer Gewährsmann,
+sind die Ägypter allen anderen voraus; der kleinste Funken genügt hier,
+um einen Tumult zu entfachen. Wegen versäumter Visiten, wegen
+Konfiskation verdorbener Lebensmittel, wegen Ausschließung aus einer
+Badeanstalt, wegen eines Streites zwischen dem Sklaven eines vornehmen
+Alexandriners und einem römischen Infanteristen über den Wert oder
+Unwert der beiderseitigen Pantoffel haben die Legionen auf die
+Bürgerschaft von Alexandreia einhauen müssen. Es kam hier zum
+Vorschein, daß die niedere Schicht der alexandrinischen Bevölkerung zum
+größeren Teil aus Eingeborenen bestand; bei diesen Aufläufen spielten
+die Griechen freilich die Anstifter, wie denn die Rhetoren, das heißt
+hier die Hetzredner, dabei ausdrücklich erwähnt werden ^41, aber im
+weiteren Verlauf tritt dann die Tücke und die Wildheit des eigentlichen
+Ägypters ins Gefecht. Die Syrer sind feige und als Soldaten sind es die
+Ägypter auch; aber im Straßentumult sind sie imstande, einen Mut zu
+entwickeln, der eines besseren Zieles würdig wäre ^42. An den
+Rennpferden ergötzten sich die Antiochener wie die Alexandriner; aber
+hier endigte kein Wagenrennen ohne Steinwürfe und Messerstiche. Von der
+Judenhetze unter Kaiser Gaius wurden beide Städte ergriffen; aber in
+Antiocheia genügte ein ernstes Wort der Behörde, um ihr ein Ende zu
+machen, während der alexandrinischen, von einigen Bengeln durch eine
+Puppenparade angezettelten Tausende von Menschenleben zum Opfer fielen.
+Die Alexandriner, heißt es, gaben, wenn ein Auflauf entstand, nicht
+Frieden, bevor sie Blut gesehen hatten. Die römischen Beamten und
+Offiziere hatten daselbst einen schweren Stand. “Alexandreia”, sagt ein
+Berichterstatter aus dem 4. Jahrhundert, “betreten die Statthalter mit
+Zittern und Zagen, denn sie fürchten die Volksjustiz; wo ein
+Statthalter ein Unrecht begeht, da folgt sofort das Anstecken des
+Palastes und die Steinigung.” Das naive Vertrauen auf die Gerechtigkeit
+dieser Prozedur bezeichnet den Standpunkt des Schreibers, der zu diesem
+“Volke” gehört hat. Die Fortsetzung dieses die Regierung wie die Nation
+gleich entehrenden Lynchsystems liefert die sogenannte
+Kirchengeschichte, die Ermordung des den Heiden und den Orthodoxen
+gleich mißliebigen Bischofs Georgios und seiner Genossen unter Julian
+und die der schönen Freidenkerin Hypatia durch die fromme Gemeinde des
+Bischofs Kyrillos unter Theodosius II. Tückischer, unberechenbarer,
+gewalttätiger waren diese alexandrinischen Aufläufe als die
+antiochenischen, aber ebenso wie diese weder für den Bestand des
+Reiches gefährlich noch auch nur für die einzelne Regierung.
+Leichtfertige und bösartige Buben sind recht unbequem, aber auch nur
+unbequem, im Hause wie im Gemeinwesen.
+
+————————————————————————————
+
+^40 Sen. dial. 19, 6: loquax et in contumelias praefectorum irgeniosa
+provincia . . . etiam periculosi sales placent.
+
+^41 Dion Chrysostomos sagt in seiner Ansprache an die Alexandriner (or.
+32 p. 663 Reiske): “Weil nun (die Verständigen) zurücktreten und
+schweigen, daher entstehen bei euch die ewigen Streitigkeiten und
+Händel und das wüste Geschrei und die schlimmen und zügellosen Reden,
+die Ankläger, die Verdächtigungen, die Prozesse, der Rednerpöbel.” In
+der alexandrinischen Judenhetze, die Philon so drastisch schildert,
+sieht man diese Volksredner an der Arbeit.
+
+^42 Dio Cass. 39, 58: “Die Alexandriner leisten in aller Hinsicht das
+Mögliche an Dreistigkeit und reden heraus, was ihnen in den Mund kommt.
+Im Krieg und seinen Schrecken benehmen sie sich feige; bei den
+Aufläufen aber, die bei ihnen sehr häufig und sehr ernst sind, greifen
+sie ohne weiteres zum Totschlagen und achten um des augenblicklichen
+Erfolgs willen das Leben für nichts, ja sie gehen in ihr Verderben, als
+handelte es sich um die höchsten Dinge.”
+
+————————————————————————————
+
+Auch in dem religiösen Wesen haben beide Städte eine analoge Stellung.
+Den Landeskultus, wie die einheimische Bevölkerung ihn in Syrien wie in
+Ägypten festhielt, haben in seiner ursprünglichen Gestalt wie die
+Antiochener so auch die Alexandriner abgelehnt. Aber wie die
+Seleukiden, so haben auch die Lagiden sich wohl gehütet, an den
+Grundlagen der alten Landesreligion zu rütteln, und nur, die älteren
+nationalen Anschauungen und Heiligtümer mit den schmiegsamen Gestalten
+des griechischen Olymp verquickend, sie äußerlich einigermaßen
+hellenisiert, zum Beispiel den griechischen Gott der Unterwelt, den
+Pluton, unter dem bis dahin wenig genannten ägyptischen Götternamen
+Sarapis in den Landeskultus eingeführt und auf diesen dann den alten
+Osiriskult allmählich übertragen ^43. So spielten die echt ägyptische
+Isis und der pseudo-ägyptische Sarapis in Alexandreia eine ähnliche
+Rolle wie in Syrien der Belos und der Elagabalos, und drangen auch in
+ähnlicher Weise wie diese, wenngleich weniger mächtig und heftiger
+angefochten, in der Kaiserzeit allmählich in den okzidentalischen
+Kultus ein. In der bei Gelegenheit dieser religiösen Gebräuche und
+Feste entwickelten Unsittlichkeit und der durch priesterlichen Segen
+approbierten und stimulierten Unzucht hatten beide Städte sich einander
+nichts vorzuwerfen.
+
+————————————————————————
+
+^43 Die “frommen Ägypter” wehrten sich dagegen, wie Macrobius (Sat. 1,
+7, 14) berichtet, aber tyrannide Ptolemaeorum pressi hos quoque deos
+(Sarapis und Saturnus) in cultum recipere Alexandrinorum more, apud
+quos potissimum colebantur, coacti sunt. Da sie also blutige Opfer
+darbringen mußten, was gegen ihr Ritual war, ließen sie diese Götter
+wenigstens in den Städten nicht zu: nullum Aegypti oppidum intra muros
+suos aut Saturni aut Sarapis fanum recepit.
+
+————————————————————————
+
+Bis in späte Zeit hinab hat der alte Kultus in dem frommen Lande
+Ägypten seine festeste Burg behauptet ^44. Die Restauration des alten
+Glaubens, sowohl wissenschaftlich in der an denselben sich anlehnenden
+Philosophie wie auch praktisch in der Abwehr der von den Christen gegen
+den Polytheismus gerichteten Angriffe, und in der Wiederbelebung des
+heidnischen Tempeldienstes und der heidnischen Mantik, hat ihren
+rechten Mittelpunkt in Alexandreia. Als dann der neue Glaube auch diese
+Burg eroberte, blieb die Landesart sich dennoch treu; die Wiege des
+Christentums ist Syrien, die des Mönchtums Ägypten. Von der Bedeutung
+und der Stellung der Judenschaft, in welcher ebenfalls beide Städte
+sich gleichen, ist schon in anderer Verbindung die Rede gewesen. Von
+der Regierung ins Land gerufene Einwanderer wie die Hellenen, standen
+sie wohl diesen nach und waren kopfsteuerpflichtig wie die Ägypter,
+aber hielten sich und galten mehr als diese. Ihre Zahl betrug unter
+Vespasian eine Million, etwa den achten Teil der Gesamtbevölkerung
+Ägyptens, und wie die Hellenen wohnten sie vorzugsweise in der
+Hauptstadt, von deren fünf Vierteln zwei jüdisch waren. An anerkannter
+Selbständigkeit, an Ansehen, Bildung und Reichtum war die
+alexandrinische Judenschaft schon vor dem Untergang Jerusalems die
+erste der Welt; und infolgedessen hat ein guter Teil der letzten Akte
+der jüdischen Tragödie, wie dies früher dargelegt worden ist, auf
+ägyptischem Boden sich abgespielt.
+
+———————————————————————-
+
+^44 Der oft angeführte anonyme Verfasser einer Reichsbeschreibung aus
+der Zeit des Constantius, ein guter Heide, preist Ägypten namentlich
+auch wegen seiner musterhaften Frömmigkeit: “Nirgends werden die
+Mysterien der Götter so gut gefeiert wie dort von alters her und noch
+heute.” Freilich, fügt er hinzu, meinten einige, daß die Chaldäer - er
+meint den syrischen Kult - die Götter besser verehrten; aber er halte
+sich an das, was er mit Augen gesehen. “Hier gibt es Heiligtümer aller
+Art und prächtig geschmückte Tempel, und in Menge finden sich Küster
+und Priester und Propheten und Gläubige und treffliche Theologen, und
+alles geht nach seiner Ordnung; du findest die Altäre immer von Flammen
+lodern und die Priester mit ihren Binden und die Weihrauchfässer mit
+herrlich duftenden Spezereien.” Aus derselben Zeit etwa (nicht vor
+Hadrian) und offenbar auch von kundiger Hand rührt eine andere
+boshaftere Schilderung her (vita Saturnini 8): “Wer in Ägypten den
+Sarapis verehrt, ist auch Christ, und die sich christliche Bischöfe
+nennen, verehren gleichfalls den Sarapis; jeder Großrabbi der Juden,
+jeder Samariter, jeder christliche Geistliche ist da zugleich ein
+Zauberer, ein Prophet, ein Quacksalber (aliptes). Selbst wenn der
+Patriarch nach Ägypten kommt, fordern die einen, daß er zum Sarapis,
+die andern, daß er zu Christus beten.” Diese Diatribe hängt sicher
+damit zusammen, daß die Christen den ägyptischen Gott für den Joseph
+der Bibel erklärten, den Urenkel der Sara und mit Recht den Scheffel
+tragend. In ernsterem Sinn faßt die Lage der ägyptischen Altgläubigen
+der vermutlich dem 3. Jahrhundert angehörige Verfasser des in
+lateinischer Übersetzung unter den dem Apuleius beigelegten Schriften
+erhaltenen Göttergesprächs, in welchem der dreimal größte Hermes dem
+Asklepios die zukünftigen Dinge verkündet: “Du weißt doch, Asklepios,
+daß Ägypten ein Abbild des Himmels oder, um richtiger zu reden, eine
+Übersiedelung und Niederfahrt der ganzen himmlischen Waltung und
+Tätigkeit ist; ja, um noch richtiger zu reden, unser Vaterland ist der
+Tempel des gesamten Weltalls. Und dennoch: eintreten wird eine Zeit, wo
+es den Anschein gewinnt, als hätte Ägypten vergeblich mit frommem Sinn
+in emsigem Dienst das Göttliche gehegt, wo alle heilige Verehrung der
+Götter erfolglos und verfehlt sein wird. Denn die Gottheit wird zurück
+in den Himmel sich begeben, Ägypten wird verlassen und das Land,
+welches der Sitz der Götterdienste war, wird der Anwesenheit göttlicher
+Macht beraubt und auf sich selbst angewiesen sein. Dann wird dieses
+geweihte Land, die Stätte der Heiligtümer und Tempel, dicht mit Gräbern
+und Leichen angefüllt sein. O Ägypten, Ägypten, von deinen
+Götterdiensten werden nur Gerüchte sich erhalten, und auch diese werden
+deinen kommenden Geschlechtern unglaublich dünken, nur Worte werden
+sich erhalten auf den Steinen, die von deinen frommen Taten erzählen,
+und bewohnen wird Ägypten der Skythe oder Inder oder sonst einer aus
+dem benachbarten Barbarenland. Neue Rechte werden eingeführt werden,
+neues Gesetz, nichts heiliges, nichts gottesfürchtiges, nichts des
+Himmels und der Himmlischen Würdiges wird gehört noch im Geiste
+geglaubt werden. Eine schmerzliche Trennung der Götter von den Menschen
+tritt ein; nur die bösen Engel bleiben da, die unter die Menschheit
+sich mengen.” (Nach J. Bernays’ Übersetzung, Gesammelte Abhandlungen,
+Bd. 1, S. 330).
+
+———————————————————————-
+
+Alexandreia wie Antiocheia sind vorzugsweise Sitze der wohlhabenden
+Handel- und Gewerbetreibenden; aber in Antiocheia fehlt der Seehafen
+und was daran hängt, und wie rege es dort auf den Gassen herging, sie
+hielten doch keinen Vergleich aus gegen das Leben und Treiben der
+alexandrinischen Fabrikarbeiter und Matrosen. Dagegen hatte für den
+Lebensgenuß, das Schauspiel, das Diner, die Liebesfreuden Antiocheia
+mehr zu bieten als die Stadt, in der “niemand müßig ging”. Auch das
+eigentliche, vorzugsweise an die rhetorischen Exhibitionen anknüpfende
+Literatentreiben, welches wir in der Schilderung Kleinasiens
+skizzierten, trat in Ägypten zurück ^45, wohl mehr im Drang der
+Geschäfte des Tages als durch den Einfluß der zahlreichen und gut
+bezahlten, in Alexandreia lebenden und großenteils auch dort heimischen
+Gelehrten. Für den Gesamtcharakter der Stadt kamen diese Männer des
+Museums, von denen noch weiter die Rede sein wird, vor allem, wenn sie
+in fleißiger Arbeit ihre Schuldigkeit taten, nicht in hervorragender
+Weise in Betracht. Die alexandrinischen Ärzte aber galten als die
+besten im ganzen Reich; freilich war Ägypten nicht minder die rechte
+Heimstätte der Quacksalber und der Geheimmittel und jener wunderlichen
+zivilisierten Form der Schäfermedizin, in welcher fromme Einfalt und
+spekulierender Betrug sich im Mantel der Wissenschaft drapieren. Des
+dreimal größten Hermes haben wir schon gedacht; auch der
+alexandrinische Sarapis hat im Altertum mehr Wunderkuren verrichtet als
+irgendeiner seiner Kollegen und selbst den praktischen Kaiser Vespasian
+angesteckt, daß auch er die Blinden und Lahmen heilte, jedoch nur in
+Alexandreia.
+
+———————————————————————————-
+
+^45 Als die Römer von dem berühmten Rhetor Proaeresios (Ende 3., Anfang
+4. Jahrhundert) einen seiner Schüler für einen Lehrstuhl erbitten,
+sendet er ihnen den Eusebios aus Alexandreia; “hinsichtlich der
+Rhetorik”, heißt es von diesem (Eun. proaer. p. 92 Boiss.), “genügt es
+zu sagen, daß er ein Ägypter war; denn dieses Volk treibt zwar mit
+Leidenschaft das Versemachen, aber die ernste Redekunst (ο σπουδαίος
+Έρμης) ist bei ihnen nicht zu Hause”. Die merkwürdige Wiederaufnahme
+der griechischen Poesie in Ägypten, der zum Beispiel das Epos des
+Nonnos angehört, liegt jenseits der Grenzen unserer Darstellung.
+
+———————————————————————————-
+
+Obgleich der Platz, welchen Alexandreia in der geistigen und
+literarischen Entwicklung des späteren Griechenlands und der
+okzidentalischen Kultur überhaupt einnimmt oder einzunehmen scheint,
+nicht in einer Schilderung der örtlichen Zustände Ägyptens, sondern nur
+in derjenigen dieser Entwicklung selbst entsprechend gewürdigt werden
+kann, ist das alexandrinische Gelehrtenwesen und dessen Fortdauer unter
+dem römischen Regiment eine allzu merkwürdige Erscheinung, um nicht
+auch in dieser Verbindung in seiner allgemeinen Stellung berührt zu
+werden. Daß die Verschmelzung der orientalischen und der hellenischen
+Geisteswelt neben Syrien vorzugsweise in Ägypten sich vollzog, wurde
+schon bemerkt; und wenn der neue Glaube, der den Okzident erobern
+sollte, von Syrien ausging, so kam die ihm homogene Wissenschaft,
+diejenige Philosophie, welche neben dem Menschengeist und außerhalb
+desselben den überweltlichen Gott und die göttliche Offenbarung
+anerkennt und verkündet, vorzugsweise aus Ägypten, wahrscheinlich schon
+der neue Pythagoreismus, sicher das philosophische Neujudentum, von dem
+früher die Rede war, sowie der neue Platonismus, dessen Begründer, der
+Ägypter Plotinos, ebenfalls schon erwähnt ward. Auf dieser vorzugsweise
+in Alexandreia sich vollziehenden Durchdringung der hellenischen und
+der orientalischen Elemente beruht es hauptsächlich, daß, wie dies in
+der Darstellung der italischen Verhältnisse näher darzulegen ist, der
+dortige Hellenismus in der früheren Kaiserzeit vorzugsweise ägyptische
+Form trägt. Wie die an Pythagoras, Moses, Platon anknüpfenden altneuen
+Weisheiten von Alexandreia aus in Italien eindrangen, so spielte die
+Isis und was dazu gehört die erste Rolle in der bequemen
+Modefrömmigkeit, welche die römischen Poeten der augustischen Zeit und
+die pompeianischen Tempel aus der des Claudius uns zeigen. Die
+ägyptische Kunstübung herrscht vor in den kampanischen Fresken
+derselben Epoche wie in der tiburtinischen Villa Hadrians. Dem
+entspricht die Stellung, welche das alexandrinische Gelehrtenwesen in
+dem geistigen Leben der Kaiserzeit einnimmt. Nach außen hin beruht
+dasselbe auf der staatlichen Pflege der geistigen Interessen und würde
+mit mehr Recht an den Namen Alexanders anknüpfen als an den
+Alexandreias; es ist die Realisierung des Gedankens, daß in einem
+gewissen Stadium der Zivilisation Kunst und Wissenschaft durch das
+Ansehen und die Machtmittel des Staats gestützt und gefördert werden
+müssen, die Konsequenz des genialen Moments der Weltgeschichte, welcher
+Alexander und Aristoteles nebeneinander stellte. Es soll hier nicht
+gefragt werden, wie in dieser mächtigen Konzeption Wahrheit und Irrtum,
+Beschädigung und Hebung des geistigen Lebens sich miteinander mischen,
+nicht die dürftige Nachblüte des göttlichen Singens und des hohen
+Denkens der freien Hellenen einmal mehr gestellt werden neben den
+üppigen und doch auch großartigen Ertrag des späteren Sammelns,
+Forschens und Ordnens. Konnten die Institutionen, welche diesem
+Gedanken entsprangen, der griechischen Nation unwiederbringlich
+Verlorenes nicht oder, was schlimmer ist, nur scheinhaft erneuern, so
+haben sie ihr auf dem noch freien Bauplatz der geistigen Welt den
+einzig möglichen und auch einen herrlichen Ersatz gewährt. Für unsere
+Erwägung kommen vor allem die örtlichen Verhältnisse in Betracht.
+Kunstgärten sind einigermaßen unabhängig vom Boden, und nicht anders
+ist es mit diesen wissenschaftlichen Institutionen, nur daß sie ihrem
+Wesen nach an die Höfe gewiesen sind. Die materielle Unterstützung kann
+ihnen auch anderswo zuteil werden; aber wichtiger als diese ist die
+Gunst der höchsten Kreise, die ihnen die Segel schwellt, und die
+Verbindungen, welche, in den großen Zentren zusammenlaufend, diese
+Kreise der Wissenschaft füllen und erweitern. In der besseren Zeit der
+Alexandermonarchien hatte es solcher Zentren so viele gegeben als es
+Staaten gab, und dasjenige des Lagidenhofs war nur das angesehenste
+unter ihnen gewesen. Die römische Republik hatte die übrigen eines nach
+dem andern in ihre Gewalt gebracht und mit den Höfen auch die
+dazugehörigen wissenschaftlichen Anstalten und Kreise beseitigt. Daß
+der künftige Augustus, als er den letzten dieser Höfe aufhob, die damit
+verknüpften gelehrten Institute bestehen ließ, ist die rechte und nicht
+die schlechteste Signatur der veränderten Zeit. Der energischere und
+höhere Philhellenismus des Caesarenregiments unterschied sich zu seinem
+Vorteil von dem republikanischen dadurch, daß er nicht bloß
+griechischen Literaten in Rom zu verdienen gab, sondern die große Tutel
+der griechischen Wissenschaft als einen Teil der Alexanderherrschaft
+betrachtete und behandelte. Freilich war, wie in dieser gesamten
+Regeneration des Reiches, der Bauplan großartiger als der Bau. Die
+königlich patentierten und pensionierten Musen, welche die Lagiden nach
+Alexandreia gerufen hatten, verschmähten es nicht, die gleichen Bezüge
+auch von den Römern anzunehmen; und die kaiserliche Munifizenz stand
+hinter der früheren königlichen nicht zurück. Der Bibliothekfonds von
+Alexandreia und der Fonds der Freistellen für Philosophen, Poeten,
+Ärzte und Ge lehrte aller Art ^46 sowie die diesen gewährten
+Immunitäten wurden von Augustus nicht vermindert, von Kaiser Claudius
+vermehrt, freilich mit der Auflage, daß die neuen Claudischen
+Akademiker die griechischen Geschichtswerke des wunderlichen Stifters
+Jahr für Jahr in ihren Sitzungen zum Vortrag zu bringen hatten. Mit der
+ersten Bibliothek der Welt behielt Alexandreia zugleich durch die ganze
+Kaiserzeit einen gewissen Primat der wissenschaftlichen Arbeit, bis das
+Museion zugrunde ging und der Islam die antike Zivilisation erschlug.
+Es war auch nicht bloß die damit gebotene Gelegenheit, sondern zugleich
+die alte Tradition und die Geistesrichtung dieser Hellenen, welche der
+Stadt jenen Vorrang bewahrte, wie denn unter den Gelehrten die
+geborenen Alexandriner an Zahl und Bedeutung hervorragen. Auch in
+dieser Epoche sind zahlreiche und achtbare gelehrte Arbeiten,
+namentlich philologische und physikalische, aus dem Kreise der
+Gelehrten “vom Museum”, wie sie gleich den Parisern “vom Institut” sich
+titulierten, hervorgegangen; aber die literarische Bedeutung, welche
+die alexandrinische und die pergamenische Hofwissenschaft und Hofkunst
+in der besseren Epoche des Hellenismus für die gesamte hellenische und
+hellenisierende Welt gehabt hat, knüpfte nie auch nur entfernt sich an
+die römisch-alexandrinische. Die Ursache liegt nicht in dem Mangel an
+Talenten oder anderen Zufälligkeiten, am wenigsten daran, daß der Platz
+im Museum vom Kaiser zuweilen nach Gaben und immer nach Gunst vergeben
+ward und die Regierung damit völlig schaltete wie mit dem Ritterpferd
+und den Hausbeamtenstellungen; das war auch an den älteren Höfen nicht
+anders gewesen. Hofphilosophen und Hofpoeten blieben in Alexandreia,
+aber nicht der Hof; es zeigte sich hier recht deutlich, daß es nicht
+auf die Pensionen und Gratifikationen ankam, sondern auf die für beide
+Teile belebende Berührung der großen politischen und der großen
+wissenschaftlichen Arbeit. Diese stellte wohl für die neue Monarchie
+sich ein und damit auch ihre Konsequenzen; aber die Stätte dafür war
+nicht Alexandreia: diese Blüte der politischen Entwicklung gehörte
+billig den Lateinern und der lateinischen Hauptstadt. Die augustische
+Poesie und die augustische Wissenschaft sind unter ähnlichen
+Verhältnissen zu ähnlicher bedeutender und erfreulicher Entwicklung
+gelangt wie die hellenistische an dem Hof der Pergamener und der
+früheren Ptolemäer. Sogar indem griechischen Kreise knüpfte, soweit die
+römische Regierung auf denselben im Sinne der Lagiden einwirkte, mehr
+als an Alexandreia sich dies an Rom an. Die griechischen Bibliotheken
+der Hauptstadt standen freilich der alexandrinischen nicht gleich und
+ein dem alexandrinischen Museum vergleichbares Institut gab es in Rom
+nicht. Aber die Stellung an den römischen Bibliotheken öffnete die
+Beziehungen zu dem Hofe. Auch die von Vespasian eingerichtete, von der
+Regierung besetzte und besoldete hauptstädtische Professur der
+griechischen Rhetorik gab ihrem Inhaber, wenn er gleich nicht in dem
+Sinne Hausbeamter war wie der kaiserliche Bibliothekar, eine ähnliche
+Stellung und galt, ohne Zweifel deswegen, als der vornehmste Lehrstuhl
+des Reiches ^47. Vor allem aber war das kaiserliche
+Kabinettssekretariat in seiner griechischen Abteilung die angesehenste
+und einflußreichste Stellung, zu der ein griechischer Literat überhaupt
+gelangen konnte. Versetzung von der alexandrinischen Akademie in ein
+derartiges hauptstädtisches Amt war nachweislich Beförderung ^48. Auch
+abgesehen von allem, was die griechischen Literaten sonst allein in Rom
+fanden, genügten die Hofstellungen und die Hofämter, um den
+angesehensten von ihnen den Zug vielmehr dahin zu geben als an den
+ägyptischen “Freitisch”. Das gelehrte Alexandreia dieser Zeit ward eine
+Art Witwensitz der griechischen Wissenschaft, achtungswert und
+nützlich, aber auf den großen Zug der Bildung wie der Verbildung der
+Kaiserzeit von keinem durchschlagenden Einfluß; die Plätze im Museum
+wurden, wie billig, nicht selten an namhafte Gelehrte von auswärts
+vergeben, und für das Institut selbst kamen die Bücher der Bibliothek
+mehr in Betracht als die Bürger der großen Handels- und Fabrikstadt.
+
+————————————————————————
+
+^46 Ein “homerischer Poet” εκ Μουσείου bringt es fertig, den Memnon in
+vier homerischen Versen anzusingen, ohne ein Wort von dem Seinen
+hinzuzutun (CIG 4748). Hadrian macht einen alexandrinischen Poeten zum
+Lohn für ein loyales Epigramm zum Mitglied (Athenaeos 15 p. 677 e).
+Beispiele von Rhetoren aus hadrianischer Zeit bei Philostratos vit.
+soph. 1, 22, 3. c. 25, 3. Ein φιλοσόφος από Μουσείου in Halikarnassos
+(BCH 4, 1880, S. 405). In späterer Zeit, wo der Circus alles ist,
+finden wir einen namhaften Ringkämpfer - vielleicht darf man sagen, als
+Ehrenmitglied der philosophischen Klasse (Inschrift aus Rom CIG 5914:
+νεωκόρος τού μεγάλου Σαράπιδος καί τών εν τώ Μουσείω σειτουμένων ατελών
+φιλοσόφων; vgl. das. 4724 und Firm. err. 13,3). Οι εν Εφέσω από τού
+Μουσείου ιατροί (Wood, Ephesus. Inscriptions from tombs, n. 7), eine
+Gesellschaft ephesischer Ärzte, beziehen sich wohl auch auf das Museum
+von Alexandreia, aber sind schwerlich Mitglieder desselben, sondern in
+demselben gebildet.
+
+^47 Ο άνω θρόνος bei Philostratos vit. soph. 2, 10, 5.
+
+^48 Beispiele sind Chaeremon, der Lehrer Neros, vorher angestellt in
+Alexandreia (Suidas Äιονύσιος Αλεξανδρεύς; vgl. Zeller, Hermes 11,
+1876, S. 430 und oben 7, 275); Dionysios, des Glaukos Sohn, zuerst in
+Alexandreia Nachfolger Chaeremons, dann von Nero bis auf Traian
+Bibliothekar in Rom und kaiserlicher Kabinettssekretär (Suidas. a. a.
+O.); L. Julius Vestinus unter Hadrian, der sogar nach der
+Vorstandschaft des Museums dieselben Stellungen wie Dionysios in Rom
+bekleidete, auch als philologischer Schriftsteller bekannt.
+
+————————————————————————
+
+Die militärischen Verhältnisse Ägyptens stellten, eben wie in Syrien,
+den Truppen daselbst eine zwiefache Aufgabe: den Schutz der Südgrenze
+und der Ostküste, der freilich mit dem für die Euphratlinie
+erforderlichen nicht entfernt verglichen werden kann, und die
+Aufrechterhaltung der inneren Ordnung im Lande wie in der Hauptstadt.
+Die römische Besatzung bestand, abgesehen von den bei Alexandreia und
+auf dem Nil stationierten Schiffen, die hauptsächlich für die
+Zollkontrolle gedient zu haben scheinen, unter Augustus aus drei
+Legionen nebst den dazugehörigen, nicht zahlreichen Hilfstruppen,
+zusammen etwa 20000 Mann. Es war dies etwa halb soviel, als er für die
+sämtlichen asiatischen Provinzen bestimmte, was der Wichtigkeit dieser
+Provinz für die neue Monarchie entsprach. Die Besatzung wurde aber
+wahrscheinlich noch unter Augustus selbst um ein Drittel und dann unter
+Domitian um ein weiteres Drittel vermindert. Anfänglich waren zwei
+Legionen außerhalb der Hauptstadt stationiert; das Hauptlager aber und
+bald das einzige lag vor den Toren derselben, da wo Caesar der Sohn den
+letzten Kampf mit Antonius ausgefochten hatte, in der danach benannten
+Vorstadt Nikopolis. Diese hatte ihr eigenes Amphitheater und ihr
+eigenes kaiserliches Volksfest und war völlig selbständig eingerichtet,
+so daß eine Zeitlang die öffentlichen Lustbarkeiten von Alexandreia
+durch die ihrigen in Schatten gestellt wurden. Die unmittelbare
+Bewachung der Grenze fiel den Auxilien zu. Dieselben Ursachen also,
+welche in Syrien die Disziplin lockerten, die zunächst polizeiliche
+Aufgabe und die unmittelbare Berührung mit der großen Hauptstadt, kamen
+auch für die ägyptischen Truppen ins Spiel; hier trat noch hinzu, daß
+die üble Gewohnheit, den Soldaten bei der Fahne das eheliche Leben oder
+doch ein Surrogat desselben zu gestatten und die Truppe aus diesen
+Lagerkindern zu ergänzen, bei den makedonischen Regimentern der
+Ptolemäer seit langem einheimisch war und rasch auch bei den Römern
+sich wenigstens bis zu einem gewissen Grade einbürgerte. Dem
+entsprechend scheint das ägyptische Korps, in welchem die Okzidentalen
+noch seltener dienten als in den übrigen Armeen des Ostens und das zum
+großen Teil aus der Bürgerschaft und dem Lager von Alexandreia sich
+rekrutierte, unter allen Armeekorps das am wenigstens angesehene
+gewesen zu sein, wie denn auch die Offiziere dieser Legion, wie schon
+bemerkt ward, im Rang denen der übrigen nachstanden.
+
+Die eigentlich militärische Aufgabe der ägyptischen Truppen hängt eng
+zusammen mit den Maßregeln für die Hebung des ägyptischen Handels. Es
+wird angemessen sein, beides zusammenzufassen und zunächst die
+Beziehungen zu den kontinentalen Nachbarn im Süden, sodann diejenigen
+zu Arabien und Indien im Zusammenhang darzulegen.
+
+Ägypten reicht nach Süden, wie schon bemerkt, bis zu der Schranke,
+welche der letzte Katarakt unweit Syene (Assuân) der Schiffahrt
+entgegenstellt. Jenseits Syene beginnt der Stamm der Kesch, wie die
+Ägypter sie nennen, oder, wie die Griechen übersetzen, der
+Dunkelfarbigen, der Äthiopen, wahrscheinlich den später zu erwähnenden
+Urbewohnern Abessiniens stammverwandt, und, wenn auch vielleicht aus
+der gleichen Wurzel wie die Ägypter entsprungen, doch in der
+geschichtlichen Entwicklung als fremdes Volk ihnen gegenüberstehend.
+Weiter südwärts folgen die Nahsiu der Ägypter, das heißt die Schwarzen,
+die Nubier der Griechen, die heutigen Neger. Die Könige Ägyptens hatten
+in besseren Zeiten ihre Herrschaft weit in das Binnenland hinein
+ausgedehnt oder es hatten wenigstens auswandernde Ägypter hier sich
+eigene Herrschaften gegründet; die schriftlichen Denkmäler des
+pharaonischen Regiments gehen bis oberhalb des dritten Katarakts nach
+Dongola hinein, wo Nabata (bei Nûri) der Mittelpunkt ihrer
+Niederlassungen gewesen zu sein scheint; und noch beträchtlich weiter
+stromaufwärts, etwa sechs Tagereisen nördlich von Khartum, bei Schendi
+im Sennaar, in der Nähe der früh verschollenen Äthiopenstadt Meroë
+finden sich Gruppen freilich schriftloser Tempel und Pyramiden. Als
+Ägypten römisch ward, war es mit dieser Machtentwicklung längst vorbei
+und herrschte jenseits Syene ein äthiopischer Stamm unter Königinnen,
+die stehend den Namen oder den Titel Kandake führten ^49 und in jenem
+einst ägyptischen Nabata in Dongola residierten; ein Volk auf niedriger
+Stufe der Zivilisation, überwiegend Hirten, imstande, ein Heer von
+30000 Mann aufzubringen, aber gerüstet mit Schilden von Rindshäuten,
+bewehrt meist nicht mit Schwertern, sondern mit Beilen oder Lanzen und
+eisenbeschlagenen Keulen; räuberische Nachbarn, im Gefecht den Römern
+nicht gewachsen. Diese fielen im Jahre 730 (24) oder 731 (23) in das
+römische Gebiet ein, wie sie behaupteten, weil die Vorsteher der
+nächsten Nomen sie geschädigt hätten, wie die Römer meinten, weil die
+ägyptischen Truppen damals großenteils in Arabien beschäftigt waren und
+sie hofften, ungestraft plündern zu können. In der Tat überwanden sie
+die drei Kohorten, die die Grenze deckten, und schleppten aus den
+nächsten ägyptischen Distrikten Philae, Elephantine, Syene die Bewohner
+als Sklaven fort und als Siegeszeichen die Statuen des Kaisers, die sie
+dort vorfanden. Aber der Statthalter, der eben damals die Verwaltung
+des Landes übernahm, Gaius Petronius, vergalt den Angriff rasch; mit
+10000 Mann zu Fuß und 800 Reitern trieb er sie nicht bloß zum Lande
+hinaus, sondern folgte ihnen den Nil entlang in ihr eigenes Land,
+schlug sie nachdrücklich bei Pselchis (Dakke) und erstürmte ihre feste
+Burg Premis (Ibrim) so wie die Hauptstadt selbst, die er zerstörte.
+Zwar erneuerte die Königin, ein tapferes Weib, im nächsten Jahre den
+Angriff und versuchte Premis, wo römische Besatzung geblieben war, zu
+erstürmen; aber Petronius brachte rechtzeitig Ersatz, und so entschloß
+sich die Äthiopin, Gesandte zu senden und um Frieden zu bitten. Der
+Kaiser gewährte ihn nicht bloß, sondern befahl, das unterworfene Gebiet
+zu räumen, und wies den Vorschlag seines Statthalters ab, die Besiegten
+tributpflichtig zu machen. Insofern ist dieser sonst nicht bedeutende
+Vorgang bemerkenswert, als gleich damals der bestimmte Entschluß der
+römischen Regierung sich zeigte, zwar das Niltal, soweit der Fluß
+schiffbar ist, unbedingt zu behaupten, aber von der Besitznahme der
+weiten Landschaften am oberen Nil ein für allemal abzusehen. Nur die
+Strecke von Syene, wo unter Augustus die Grenztruppen standen, bis nach
+Hiera Sykaminos (Maharraka), das sogenannte Zwölfmeilenland
+(Δωδεκάσχοινος) ist zwar niemals als Nomos eingerichtet und nie als ein
+Teil Ägyptens, aber doch als zum Reiche gehörig betrachtet worden; und
+spätestens unter Domitian wurden selbst die Posten bis nach Hiera
+Sykaminos vorgerückt ^^50. Dabei ist es im wesentlichen geblieben. Die
+von Nero geplante orientalische Expedition sollte allerdings auch
+Äthiopien umfassen; aber es blieb bei der vorläufigen Erkundung des
+Landes durch römische Offiziere bis über Meroë hinauf. Das nachbarliche
+Verhältnis muß an der ägyptischen Südgrenze bis in die Mitte des
+dritten Jahrhunderts im ganzen friedlicher Art gewesen sein, wenn es
+auch an kleineren Händeln mit jener Kandake und mit ihren
+Nachfolgerinnen, die längere Zeit sich behauptet zu haben scheinen,
+später vielleicht mit anderen, jenseits der Reichsgrenze zur Vormacht
+gelangenden Stämmen, nicht gefehlt haben wird. Erst als das Reich in
+der valerianisch-gallienischen Zeit aus den Fugen ging, brachen die
+Nachbarn auch über diese Grenze. Es ist schon erwähnt worden, daß die
+in den Gebirgen an der Südostgrenze ansässigen, früher den Äthiopen
+gehorchenden Blemyer, ein Barbarenvolk von entsetzlicher Roheit,
+welches noch Jahrhunderte später sich der Menschenopfer nicht entwöhnt
+hatte, in dieser Epoche selbständig gegen Ägypten vorging und im
+Einverständnis mit den Palmyrenern einen guten Teil Oberägyptens
+besetzte und eine Reihe von Jahren behauptete. Der tüchtige Kaiser
+Probus vertrieb sie; aber die einmal begonnenen Einfälle hörten nicht
+auf ^51, und Kaiser Diocletianus entschloß sich, die Grenze
+zurückzunehmen. Das schmale Zwölfmeilenland forderte starke Besatzung
+und trug dem Staate wenig ein. Die Nubier, welche in der libyschen
+Wüste hausten und besonders die große Oase stetig heimsuchten, gingen
+darauf ein, ihre alten Sitze aufzugeben und sich in dieser Landschaft
+anzusiedeln, die ihnen förmlich abgetreten ward; zugleich wurden ihnen
+sowohl wie ihren östlichen Nachbarn, den Blemyern, feste Jahrgelder
+ausgesetzt, dem Namen nach, um sie für die Grenzbewachung zu
+entschädigen, in der Tat ohne Zweifel als Abkaufsgelder für ihre
+Plünderzüge, die natürlich dennoch nicht aufhörten. Es war ein Schritt
+zurück, der erste, seit Ägypten römisch war.
+
+——————————————————————————————-
+
+^49 Der Eunuch der Kandake, der im Jesaias liest (Apostelgeschichte 8,
+27), ist bekannt; eine Kandake regiert auch zu Neros Zeit (Plin. nat.
+6, 29, 182) und spiele eine Rolle im Alexanderroman (3, 18 f.).
+
+^50 Daß die Reichsgrenze bis Hiera Sykaminos reichte, ergibt sich für
+das 2. Jahrhundert aus Ptol. geogr. 5, 5, 74, für die Zeit Diocletians
+aus den die Reichsstraßen bis dahin führenden Itinerarien. In der ein
+Jahrhundert jüngeren Notitia dignitatum reichen die Posten wieder nicht
+hinaus über Syene, Philae, Elephantine. In der Strecke von Philae nach
+Hiera Sykaminos, der Dodekaschoenos Herodots (2, 29), scheinen schon in
+früher Zeit für die Ägyptern und Äthiopen immer gemeinschaftliche Isis
+von Philae Tempelabgaben erhoben worden zu sein; aber griechische
+Inschriften aus der Lagidenzeit haben sich hier nicht gefunden, dagegen
+zahlreiche datierte aus römischer, die ältesten aus der des Augustus
+(Pselchis, 2 n. Chr.: CIG 5086) und des Tiberius (ebenda, J. 26: 5104;
+J. 33: 5101), die jüngste aus der des Philippus (Kardassi, J. 248:
+5010). Diese beweisen nicht unbedingt für die Reichsangehörigkeit des
+betreffenden Fundorts; aber die eines landvermessenden Soldaten vom
+Jahre 33 (5101) und die eines praesidium vom Jahre 84 (Talmis, 5042
+f.), sowie zahlreiche andere setzen dieselbe allerdings voraus.
+Jenseits der bezeichneten Grenze hat sich nie ein ähnlicher Stein
+gefunden; denn die merkwürdige Inschrift der regina (CIL III, 83), bei
+Messaurât, südlich von Schendi (16° 25' Breite, 5 Lieues nördlich von
+den Ruinen von Naga) gefunden, die südlichste aller bekannten
+lateinischen Inschriften, jetzt im Berliner Museum, hat nicht ein
+römischer Untertan gesetzt, sondern vermutlich ein aus Rom
+zurückkehrender Abgesandter einer afrikanischen Königin, der lateinisch
+redet, vielleicht nur, um zu zeigen, daß er in Rom gewesen sei.
+
+^51 Die tropaea Niliaca, sub quibus Aethiops et Indus intremuit, in
+einer wahrscheinlich im Jahre 296 gehaltenen Rede (Paneg. 5, 5) gehen
+auf ein derartiges Rencontre, nicht auf die ägyptische Insurrektion;
+von Angriffen der Blemyer spricht eine andere Rede vom Jahre 289
+(Paneg. 3, 17).
+
+Über die Abtretung des Zwölfmeilengebiets an die Nubier berichtet Prok.
+Pers. 1, 19. Als unter der Herrschaft nicht der Nubier, sondern der
+Blemyer stehend erwähnen dasselbe Olympiodorus (fr. 37 Müller) und die
+Inschrift des Silko CIG 5072. Das kürzlich zum Vorschein gekommene
+Fragment eines griechischen Heldengedichts auf den Blemyersieg eines
+spätrömischen Kaisers bezieht Bücheler (Rheinisches Museum N. F. 39,
+1880, S. 279 f.) auf den des Marcianus im Jahre 451 (vgl. Priscus fr.
+21).
+
+——————————————————————————————-
+
+Von dem kaufmännischen Verkehr an dieser Grenze ist aus dem Altertum
+wenig überliefert. Da die Katarakte des oberen Nils den unmittelbaren
+Wasserweg sperrten, hat sich der Verkehr zwischen dem inneren Afrika
+und den Ägyptern, namentlich der Elfenbeinhandel in römischer Zeit mehr
+über die abessinischen Häfen als am Nil hin bewegt; aber gefehlt hat er
+auch in dieser Richtung nicht ^52. Die auf der Insel Philae zahlreich
+neben den Ägyptern wohnenden Äthiopen sind offenbar meistens Kaufleute
+gewesen, und der hier vorwaltende Grenzfrieden wird das Seinige
+beigetragen haben zum Aufblühen der oberägyptischen Grenzstädte und des
+ägyptischen Handels überhaupt.
+
+——————————————————————————————
+
+^52 Juvenal erwähnt sat. 11, 124 die Elefantenzähne, quos mittit porta
+Syenes.
+
+——————————————————————————————
+
+Die Ostküste Ägyptens stellt der Entwicklung des Weltverkehrs eine
+schwer zu lösende Aufgabe. Der durchgängig öde und felsige Strand ist
+eigentlicher Kultur unfähig und in alter wie in neuer Zeit eine Wüste
+^52. Dagegen nähern die beiden für die Kulturentwicklung der alten Welt
+vorzugsweise wichtigen Meere, das Mittelländische und das Rote oder
+Indische sich einander am meisten an den beiden nördlichsten Spitzen
+des letzteren, dem Persischen und dem Arabischen Golf; jener nimmt den
+Euphrat in sich auf, der in seinem mittleren Lauf dem Mittelländischen
+Meere nahekommt; dieser ist nur wenige Tagemärsche entfernt von dem in
+dasselbe Meer fließenden Nil. Daher nimmt in alter Zeit der
+Handelsverkehr zwischen dem Osten und dem Westen überwiegend entweder
+die Richtung auf dem Euphrat zu der syrischen und der arabischen Küste
+oder er wendet sich von der Ostküste Ägyptens nach dem Nil. Die
+Verkehrswege vom Euphrat her sind älter als die über den Nil; aber die
+letzteren haben den Vorzug der besseren Schiffbarkeit des Stromes und
+des kürzeren Landtransports; Die Beseitigung des letzteren durch
+Herstellung einer künstlichen Wasserstraße ist bei dem Euphratweg
+ausgeschlossen, bei dem ägyptischen in alter wie in neuer Zeit wohl
+schwierig, aber nicht unmöglich befunden. Sonach ist dem Land Ägypten
+von der Natur selbst vorgeschrieben, die Ostküste mit dem Nillauf und
+der nördlichen Küste durch Land- oder Wasserstraßen zu verbinden; und
+es gehen auch die Anfänge derartiger Anlagen bis zurück in die Zeit
+derjenigen einheimischen Herrscher, welche zuerst Ägypten dem Ausland
+und dem großen Handelsverkehr erschlossen. Auf den Spuren, wie es
+scheint, älterer Anlagen der großen Regenten Ägyptens, Sethi I. und
+Rhamses II., begann der Sohn Psammetichs, König Necho (610-594 v.
+Chr.), den Bau eines Kanals, der in der Nähe von Kairo vom Nil
+abzweigend eine Wasserverbindung mit den Bitterseen bei Ismailia und
+durch diese mit dem Roten Meer herstellen sollte, ohne indes das Werk
+vollenden zu können. Daß er dabei nicht bloß die Beherrschung des
+Arabischen Golfs und den Handelsverkehr mit den Arabern in das Auge
+faßte, sondern das Persische und das Indische Meer und der entlegenere
+Osten bereits in den Horizont dieses Ägypterkönigs getreten waren, ist
+deswegen wahrscheinlich, weil derselbe Herrscher die einzige im
+Altertum ausgeführte Umschiffung Afrikas veranlaßt hat. Außer Zweifel
+ist dies für König Dareios I., den Herrn sowohl Persiens wie Ägyptens;
+er vollendete den Kanal, aber, wie seine an Ort und Stelle
+aufgefundenen Denksteine melden, ließ er ihn selbst wieder verschütten,
+wahrscheinlich weil seine Ingenieure befürchteten, daß das Meerwasser,
+eingelassen in den Kanal, die Gefilde Ägyptens überschwemmen werde.
+
+——————————————————————————-
+
+^52 Nach der Art, wie Ptolemaeos 4, 5, 14 u. 15 diese Küste behandelt,
+scheint sie, eben wie das Zwölfmeilenland, außerhalb der
+Nomeneinteilung gestanden zu haben.
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+Der Wettkampf der Lagiden und der Seleukiden, welcher die Politik der
+nachalexandrischen Zeit überhaupt beherrscht, war zugleich ein Kampf
+zwischen dem Euphrat und dem Nil. Jener war im Besitz, dieser der
+Prätendent; und in der besseren Zeit der Lagiden ist die friedliche
+Offensive mit großer Energie geführt worden. Nicht bloß wurde jener von
+Necho und Dareios unternommene Kanal, jetzt der “Fluß Ptolemaeos”
+genannt, durch den zweiten Ptolemäer Philadelphos († 247 v. Chr.) zum
+ersten Mal der Schiffahrt eröffnet, sondern es wurden auch an den für
+die Sicherheit der Schiffe und für die Verbindung mit dem Nil am besten
+geeigneten Punkten der schwierigen Ostküste umfassende Hafenbauten
+ausgeführt. Vor allem geschah dies an der Mündung des zum Nil führenden
+Kanals, bei den Ortschaften Arsinoe, Kleopatris, Klysma, alle drei in
+der Gegend des heutigen Suez. Weiter abwärts entstanden außer manchen
+kleineren Anlagen die beiden bedeutenden Emporien Myos Hormos, etwas
+oberhalb des heutigen Kosêr, und Berenike im Trogodytenland, ungefähr
+in gleicher Breite mit Syene am Nil sowie mit dem arabischen Hafen
+Leuke Kome, von der Stadt Koptos, bei der der Nil am weitesten östlich
+vorspringt, jenes sechs bis sieben, dieses elf Tagemärsche entfernt und
+durch quer durch die Wüste angelegte, mit großen Zisternen versehene
+Straßen mit diesem Hauptemporium am Nil verbunden. Der Warenverkehr der
+Ptolemäerzeit ist wahrscheinlich weniger durch den Kanal gegangen als
+über diese Landwege nach Koptos.
+
+Über jenes Berenike im Trogodytenland hinaus hat sich das eigentliche
+Ägypten der Lagiden nicht erstreckt. Die weiter gegen Süden liegenden
+Ansiedlungen Ptolemais “für die Jagd” unterhalb Suâkin und die
+südlichste Ortschaft des Lagidenreichs, das spätere Adulis, damals
+vielleicht “Berenike die goldene” oder “bei Saba” genannt, Zula unweit
+des heutigen Massaua, bei weitem der beste Hafen an dieser ganzen
+Küste, sind nicht mehr gewesen als Küstenforts und haben mit Ägypten
+nicht in Landverbindung gestanden. Auch sind diese entlegenen
+Ansiedlungen ohne Zweifel unter den späteren Lagiden entweder
+verlorengegangen oder freiwillig aufgegeben worden, und war in der
+Epoche, wo die römische Herrschaft eintritt, wie im Binnenland Syene,
+so an der Küste das trogodytische Berenike die Reichsgrenze.
+
+In diesem von den Ägyptern nie besetzten oder früh geräumten Gebiet
+bildete sich, sei es am Ausgang der Lagidenepoche, sei es in der ersten
+Kaiserzeit, ein unabhängiger Staat von Ausdehnung und Bedeutung,
+derjenige der Axomiten ^54, entsprechend dem heutigen Habesch. Er führt
+seinen Namen von der im Herzen dieses Alpenlandes, acht Tagereisen vom
+Meer in der heutigen Landschaft Tigre gelegenen Stadt Axomis, dem
+heutigen Aksum; als Hafen dient ihm das schon erwähnte beste Emporium
+an dieser Küste, Adulis in der Bucht von Massaua. Die ursprüngliche
+Bevölkerung dieser Landschaft mag wohl das Agau gesprochen haben, von
+welcher Sprache sich noch heute in einzelnen Strichen des Südens reine
+Überreste behaupten und die dem gleichen hamitischen Kreise mit den
+heutigen Bedscha, Dankali, Somali, Galla angehört; der ägyptischen
+Bevölkerung scheint dieser Sprachkreis in ähnlicher Weise verwandt wie
+die Griechen mit den Kelten und den Slaven, so daß hier wohl für die
+Forschung eine Verwandtschaft, für das geschichtliche Dasein aber
+vielmehr allein der Gegensatz besteht. Aber bevor unsere Kunde von
+diesem Lande auch nur beginnt, müssen überlegene Semitische, zu den
+himjaritischen Stämmen des südlichen Arabiens gehörige Einwanderer den
+schmalen Meerbusen überschritten und ihre Sprache wie ihre Schrift dort
+einheimisch gemacht haben. Die alte, erst lange nach römischer Zeit im
+Volksgebrauch erloschene Schriftsprache von Habesch, das Ge’ez oder,
+wie sie fälschlich meist genannt wird, die äthiopische ^55, ist rein
+semitisch ^56, und die jetzt noch lebenden Dialekte, namentlich das
+Tigrina, sind es im wesentlichen auch, nur durch die Einwirkung des
+älteren Agau getrübt.
+
+—————————————————————-
+
+^54 Das Beste, was wir über das Reich von Axomis wissen, lehrt der von
+einem ihrer Könige ohne Zweifel in der besseren Kaiserzeit in Adulis
+gesetzte Stein (CIG 5127b), eine Art von Denkschrift über die Taten
+dieses anscheinenden Reichsgründers im Stil der persepolitanischen des
+Dareios oder der ancyranischen des Augustus und angebracht an dem
+Königsthron, vor welchem bis in das 6. Jahrhundert hinein die
+Verbrecher hingerichtet wurden. Die sachkundige Erörterung Dillmanns
+(Abhandlungen der Berliner Akademie, 1877, S. 195 f.) erklärt, was
+davon erklärbar ist. Vom römischen Standpunkt aus ist hervorzuheben,
+daß der König zwar die Römer nicht nennt, aber deutlich auf ihre
+Reichsgrenzen Rücksicht nimmt, indem er die Tangaiten unterwirft μέχρι
+τών τής Αιγύπτου ορίων und eine Straße anlegt από τών τής εμής
+βασιλείας τόπων μέχρι Αιγύπτου, ferner als Nordgrenze seiner arabischen
+Expedition Leuke Kome nennt, die letzte römische Station an der
+arabischen Westküste. Daraus folgt weiter, daß diese Inschrift jünger
+ist als der unter Vespasian geschriebene Periplus des Roten Meeres;
+denn nach diesem (c. 5) herrscht der König von Axomis από τών
+Μοσχοφάγων μέχρι τής άλλης βαρβαρίας, und zwar ist dies ausschließlich
+zu verstehen, da er c. 2 die τύραννοι der Moschophagen nennt und ebenso
+c. 14 bemerkt, daß jenseits der Straße Bab el Mandeb kein “König” sei,
+sondern nur “Tyrannen”. Also reichte damals das Axomitanische Reich
+noch nicht bis zur römischen Grenze, sondern nur bis etwa nach
+Ptolemais “der Jagd”, ebenso nach der anderen Richtung nicht bis zum
+Kap Guardafui, sondern nur bis zur Straße Bab el Mandeb. Auch an der
+arabischen Küste spricht der Periplus von Besitzungen des Königs von
+Axomis nicht, obwohl er mehrfach der Dynasten daselbst gedenkt.
+
+^55 Der Name der Äthiopen haftet in besserer Zeit an dem Land am oberen
+Nil, insbesondere den Reichen von Meroë und Nabata, also an dem Gebiet,
+das wir jetzt Nubien nennen. Im späteren Altertum, zum Beispiel von
+Prokopios, wird die Benennung auf den Staat von Axomis bezogen, und
+daher bezeichnen die Abessinier seit langem ihr Reich mit diesem Namen.
+
+^56 Daher die Legende, daß die Axomiten von Alexander in Afrika
+angesiedelte Syrer seien und noch syrisch sprächen (Philostorgius hist.
+eccl. 3, 6).
+
+—————————————————————-
+
+Über die Anfänge dieses Gemeinwesens hat sich keine Überlieferung
+erhalten. Am Ausgang der neronischen Zeit und vielleicht schon lange
+vorher herrschte der König der Axomiten an der afrikanischen Küste etwa
+von Suâkin bis zur Straße Bab el Mandeb. Einige Zeit darauf - näher
+läßt sich die Epoche nicht bestimmen - finden wir ihn als Grenznachbarn
+der Römer an der Südgrenze Ägyptens, auch an der anderen Küste des
+Arabischen Meerbusens in dem Zwischengebiet zwischen dem römischen
+Besitz und dem der Sabäer in kriegerischer Tätigkeit, also nach Norden
+mit dem römischen Gebiet auch in Arabien sich unmittelbar berührend,
+überdies die afrikanische Küste außerhalb des Busens vielleicht bis zum
+Kap Guardafui beherrschend. Wie weit sich sein Gebiet von Axomis
+landeinwärts erstreckt hat, erhellt nicht; Äthiopien, das heißt Sennaar
+und Dongola, haben wenigstens in der früheren Kaiserzeit schwerlich
+dazu gehört; vielmehr mag zu der Zeit das Reich von Nabata neben dem
+axomitischen bestanden haben. Wo uns die Axomiten entgegentreten,
+finden wir sie auf einer verhältnismäßig vorgeschrittenen Stufe der
+Entwicklung. Unter Augustus hob sich der ägyptische Handelsverkehr
+nicht minder wie mit Indien so mit diesen afrikanischen Häfen. Der
+König gebot nicht bloß über ein Heer, sondern, wie dies schon seine
+Beziehungen zu Arabien voraussetzen, auch über eine Flotte. Den König
+Zoskales, der in Vespasians Zeit in Axomis regierte, nennt ein
+griechischer Kaufmann, der in Adulis gewesen war, einen rechtschaffenen
+und der griechischen Schrift kundigen Mann; einer seiner Nachfolger hat
+an Ort und Stelle eine in geläufigem Griechisch verfaßte Denkschrift
+aufgestellt, die seine Taten den Fremden erzählte; er selbst nennt sich
+in derselben einen Sohn des Ares, welchen Titel die Könige der Axomiten
+bis in das vierte Jahrhundert hinab beibehielten, und widmet den Thron,
+der jene Denkschrift trägt, dem Zeus, dem Ares und dem Poseidon. Schon
+zu Zoskales’ Zeit nennt jener Fremde Adulis einen wohlgeordneten
+Handelsplatz; seine Nachfolger nötigten die schweifenden Stämme der
+arabischen Küste, zu Lande wie zur See Frieden zu halten, und stellten
+eine Landverbindung her von ihrer Hauptstadt bis an die römische
+Grenze, was bei der Beschaffenheit dieser zunächst auf Seeverbindung
+angewiesenen Landschaft nicht gering anzuschlagen ist. Unter Vespasian
+dienten Messingstücke, die nach Bedürfnis geteilt wurden, den
+Eingeborenen statt des Geldes und zirkulierte die römische Münze nur
+bei den Adulis ansässigen Fremden; in der späteren Kaiserzeit haben die
+Könige selber geprägt. Daneben nennt der axomitische Herrscher sich
+König der Könige, und keine Spur deutet auf römische Klientel; er übt
+die Prägung in Gold, was die Römer nicht bloß in ihrem Gebiet, sondern
+auch in ihrem Machtbereich nicht zuließen. Es gibt in der Kaiserzeit
+außerhalb der römisch-hellenischen Grenzen kaum ein anderes Land,
+welches in gleicher Selbständigkeit dem hellenischen Wesen bei sich
+eine Stätte bereitet hätte wie der Staat von Habesch. Daß im Lauf der
+Zeit die einheimische oder vielmehr aus Arabien eingebürgerte
+Volkssprache die Alleinherrschaft zurückgewann und das Griechische
+verdrängte, ist wahrscheinlich teils auf arabischen Einfluß
+zurückzuführen, teils auf den des Christentums und die damit
+zusammenhängende Wiederbelebung der Volksdialekte, wie wir sie auch in
+Syrien und in Ägypten fanden, und schließt nicht aus, daß die
+griechische Sprache in Axomis und Adulis im 1. und 2. Jahrhundert
+unserer Zeitrechnung eine ähnliche Stellung gehabt hat wie in Syrien
+und in Ägypten, soweit es eben gestattet ist, Kleines mit Großem zu
+vergleichen.
+
+Von politischen Beziehungen der Römer zu dem Staat von Axomis wird aus
+den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, auf welche unsere
+Erzählung sich beschränkt, kaum etwas gemeldet. Mit dem übrigen Ägypten
+nahmen sie auch die Häfen der Ostküste in Besitz bis hinab zu dem
+abgelegenen und darum in römischer Zeit unter einen eigenen
+Kommandanten gestellten trogodytischen Berenike ^57. An
+Gebietserweiterung in die unwirtlichen und wertlosen Küstengebirge
+hinein ist hier nie gedacht worden; auch kann die dünne und auf der
+niedrigsten Stufe der Entwicklung stehende Bevölkerung des nächst
+angrenzenden Gebiets den Römern niemals ernsthaft zu schaffen gemacht
+haben. Ebensowenig haben die Caesaren so, wie es die früheren Lagiden
+getan hatten, sich der Emporien der axomitanischen Küste zu bemächtigen
+versucht. Ausdrücklich gemeldet wird nur, daß Gesandte des
+Axomitenkönigs mit Kaiser Aurelian verhandelten. Aber eben dieses
+Stillschweigen sowie die früher bezeichnete unabhängige Stellung des
+Herrschers ^58 führen darauf, daß hier die geltenden Grenzen
+beiderseits dauernd respektiert wurden und ein gutes nachbarliches
+Verhältnis bestand, welches den Interessen des Friedens und vornehmlich
+dem ägyptischen Handelsverkehr zugute kam. Daß dieser, insbesondere der
+wichtige Elfenbeinhandel, in welchem Adulis für das innere Afrika das
+hauptsächliche Entrepôt war, überwiegend von Ägypten aus und auf
+ägyptischen Schiffen geführt worden ist, kann bei der überlegenen
+Zivilisation Ägyptens schon für die Lagidenzeit keinem Zweifel
+unterliegen, und auch in römischer Zeit hat dieser Verkehr sich wohl
+nur gesteigert, nicht weiter geändert.
+
+—————————————————————————————-
+
+^57 Dies ist der praefectus praesidiorum et montis Beronices (CIL IX,
+3083), praefectus montis Berenicidis (Orelli 3881), praefectus
+Bernicidis (CIL X, 1129), ein Offizier von Ritterrang, analog den oben
+angeführten, in Alexandreia stationierten.
+
+^58 Auch das Schreiben, das Kaiser Constantius im Jahre 356 an den
+damaligen König von Axomis, Aeizanas, richtet, ist das eines Herrschers
+an einen anderen gleichgestellten: er ersucht ihn um
+freundnachbarlichen Beistand gegen die Ausbreitung der athanasischen
+Ketzerei und um Absetzung und Auslieferung eines derselben verdächtigen
+axomitischen Geistlichen. Die Kulturgemeinschaft tritt hier nur um so
+bestimmter hervor, als der Christ gegen den Christen den Arm des Heiden
+anruft.
+
+—————————————————————————————-
+
+Bei weitem wichtiger als der Verkehr mit dem afrikanischen Süden war
+für Ägypten und das Römische Reich überhaupt der Verkehr mit Arabien
+und den weiter östlich gelegenen Küsten. Die arabische Halbinsel ist
+dem hellenischen Kulturkreise ferngeblieben. Es wäre wohl anders
+gekommen, wenn König Alexander ein Jahr länger gelebt hätte; der Tod
+raffte ihn weg mitten in den Vorbereitungen, die bereits erkundete
+arabische Südküste vom Persischen Meerbusen aus zu umfahren und zu
+besetzen. Aber die Fahrt, die der große König nicht hatte antreten
+können, hat nach ihm nie ein Grieche unternommen. Seit fernster Zeit
+hat dagegen zwischen den beiden Küsten des Arabischen Meerbusens ein
+lebhafter Verkehr über das mäßig breite Wasser hinüber stattgefunden.
+In den ägyptischen Berichten aus der Pharaonenzeit spielen die
+Seefahrten nach dem Land Punt, die von dort heimgebrachte Beute an
+Weihrauch, Ebenholz, Smaragden, Leopardenfellen eine bedeutende Rolle.
+Daß späterhin der nördliche Teil der arabischen Westküste zu dem Gebiet
+der Nabatäer gehörte und mit diesem in die Gewalt der Römer kam, ist
+schon angegeben worden. Es war dies ein ödes Gestade ^59; nur das
+Emporium Leuke Kome, die letzte Stadt der Nabatäer und insofern auch
+des Römischen Reiches, stand nicht bloß mit dem gegenüberliegenden
+Berenike in Seeverkehr, sondern war auch der Ausgangspunkt der nach
+Petra und von da zu den Häfen des südlichen Syriens führenden
+Karawanenstraße und insofern einer der Knotenpunkte des
+orientalisch-okzidentalischen Handels. Die südlich angrenzenden
+Gebiete, nord- und südwärts von dem heutigen Mekka, entsprachen in
+ihrer Naturbeschaffenheit dem gegenüberliegenden Trogodytenland und
+sind gleich diesem im Altertum weder politisch noch kommerziell von
+Bedeutung, auch dem Anschein nach nicht unter einem Szepter geeinigt,
+sondern von schweifenden Stämmen besetzt gewesen. Aber am Südende des
+Busens ist der einzige arabische Stamm zu Hause, welcher in der
+vorislamischen Zeit zu größerer Bedeutung gelangt ist. Die Griechen und
+die Römer nennen diese Araber in älterer Zeit nach der damals am
+meisten hervortretenden Völkerschaft Sabäer, in späterer nach einer
+anderen gewöhnlich Homeriten, wir nach der neu-arabischen Form des
+letzteren Namens jetzt meistens Himjariten. Die Entwicklung dieses
+merkwürdigen Volkes hatte lange vor dem Beginn der römischen Herrschaft
+über Ägypten eine bedeutende Stufe erreicht ^60. Seine Heimstatt, das
+“glückliche Arabien” der Alten, die Gegend von Mocha und Aden, ist von
+einer schmalen, glühend heißen und öden Strandebene umsäumt, aber das
+gesunde und temperierte Innere von Jemen und Hadramaut erzeugt an den
+Gebirgshängen und in den Tälern eine üppige Vegetation, und die
+zahlreichen Bergwässer gestatten bei sorgfältiger Wirtschaft vielfach
+eine gartenartige Kultur. Von der reichen und eigenartigen Zivilisation
+dieser Landschaft geben noch heute ein redendes Zeugnis die Reste von
+Stadtmauern und Türmen, von Nutz-, namentlich Wasserbauten und mit
+Inschriften bedeckten Tempeln, welche die Schilderung der alten
+Schriftsteller von der Pracht und dem Luxus dieser Landschaft
+vollkommen bestätigen; über die Burgen und Schlösser der zahlreichen
+Kleinfürsten Jemens haben die arabischen Geographen Bücher geschrieben.
+Berühmt sind die Trümmer des mächtigen Dammes, welcher einst in dem Tal
+bei Mariaba den Danafluß staute und es möglich machte, die Fluren
+aufwärts zu bewässern ^61, und von dessen Durchbruch und der dadurch
+angeblich veranlaßten Auswanderung der Bewohner von Jemen nach Norden
+die Araber lange Zeit ihre Jahre gezählt haben. Vor allem aber ist
+dieser Bezirk einer der Ursitze des Großhandels zu Lande wie zur See,
+nicht bloß weil seine Produkte, der Weihrauch, die Edelsteine, das
+Gummi, die Kassia, Aloe, Senna, Myrrhe und zahlreiche andere Drogen den
+Export hervorrufen, sondern auch weil dieser semitische Stamm, ähnlich
+wie der der Phöniker, seiner ganzen Art nach für den Handel geschaffen
+ist; eben wie die neueren Reisenden sagt auch Strabon, daß die Araber
+alle Händler und Kaufleute sind. Die Silberprägung ist hier alt und
+eigenartig; die Münzen sind anfänglich athenischen Stempeln, später
+römischen des Augustus nachgeprägt, aber auf einen selbständigen,
+wahrscheinlich babylonischen Fuß ^62. Aus dem Land dieser Araber
+führten die uralten Weihrauchstraßen quer durch die Wüste nach den
+Stapelplätzen am Arabischen Meerbusen Aelana und dem schon genannten
+Leuke Kome und den Emporien Syriens, Petra und Gaza ^63; diese Wege des
+Landhandels, welche neben denen des Euphrat und des Nil den Verkehr
+zwischen Orient und Okzident seit ältester Zeit vermitteln, sind
+vermutlich die eigentliche Grundlage des Aufblühens von Jemen. Aber der
+Seeverkehr gesellte ebenfalls bald sich dazu; der große Stapelplatz
+dafür ward Adane, das heutige Aden. Von hier aus gingen die Waren zu
+Wasser, sicher überwiegend auf arabischen Schiffen, entweder nach eben
+jenen Stapelplätzen am Arabischen Meerbusen und also nach den syrischen
+Häfen oder nach Berenike und Myos Hormos und von da nach Koptos und
+Alexandreia. Daß dieselben Araber ebenfalls in sehr früher Zeit sich
+der gegenüberliegenden Küste bemächtigten und ihre Sprache und Schrift
+und ihre Zivilisation nach Habesch verpflanzten, wurde schon gesagt.
+Wenn Koptos, das Nil-Emporium für den östlichen Handel, ebenso viel
+Araber wie Ägypter zu Bewohnern hatte, wenn sogar die Smaragdgruben
+oberhalb Berenike (bei Djebel Zebâra) von den Arabern ausgebeutet
+wurden, so zeigt dies, daß sie im Lagidenstaat selbst den Handel bis zu
+einem gewissen Grad in der Hand hatten; und dessen passives Verhalten
+in Betreff des Verkehrs auf dem Arabischen Meer, wohin höchstens einmal
+ein Zug gegen die Piraten unternommen wurde ^64, wird eher begreiflich,
+wenn ein seemächtiger und geordneter Staat diese Gewässer beherrschte.
+Auch außerhalb ihres eigenen Meeres begegnen wir den Arabern des Jemen.
+Adane blieb bis in die römische Kaiserzeit hinein Stapelplatz des
+Verkehrs einerseits mit Indien, andererseits mit Ägypten und gedieh
+trotz seiner eigenen ungünstigen Lage an dem baumlosen Strand zu
+solcher Blüte, daß die Benennung des “glücklichen Arabien” zunächst auf
+diese Stadt sich bezieht. Die Herrschaft, die in unseren Tagen der Imam
+von Maskat im Südosten der Halbinsel über die Inseln Sokotra und
+Sansibar und die afrikanische Ostküste vom Kap Guardafui südlich
+ausgeübt hat, stand in vespasianischer Zeit “von alters her” den
+Fürsten Arabiens zu: die Dioskorides-Insel, eben jenes Sokotra,
+gehorchte damals dem König von Hadramaut, Azania, das heißt die Küste
+Somal und weiter südlich einem der Unterkönige seines westlichen
+Nachbarn, des Königs der Homeriten. Die südlichste Station an der
+ostafrikanischen Küste, von welcher die ägyptischen Kaufleute wußten,
+Rhapta in der Gegend von Sansibar, pachteten von diesem Scheich die
+Kaufleute von Muza, das ist ungefähr das heutige Mocha, “und senden
+dorthin ihre Handelsschiffe, meistens bemannt mit arabischen Kapitänen
+und Matrosen, welche mit den Eingeborenen zu verkehren gewohnt und oft
+durch Heirat verknüpft und der Örtlichkeiten und der Landessprachen
+kundig sind”. Die Bodenkultur und die Industrie reichten dem Handel die
+Hand: in den vornehmen Häusern Indiens trank man neben dem italischen
+Falerner und dem syrischen Laodikener auch arabischen Wein; und die
+Lanzen und die Schusterpfriemen, welche die Eingeborenen der Küste von
+Sansibar von den fremden Händlern kauften, waren Fabrikat von Muza. So
+ward diese Landschaft, die zudem viel verkaufte und wenig kaufte, eine
+der reichsten der Welt.
+
+——————————————————————————-
+
+^59 Landeinwärts liegt das uralte Teimâ, der Sohn Ismaels der Genesis,
+von dem assyrischen König Tiglatpilesar im achten Jahrhundert vor Chr.
+unter seinen Eroberungen aufgezählt, von dem Propheten Jeremias
+zusammen mit Sidon genannt, ein merkwürdiger Knotenpunkt assyrischer,
+ägyptischer, arabischer Beziehungen, dessen weitere Entfaltung, nachdem
+kühne Reisende ihn erschlossen haben, wir von der orientalischen
+Forschung erwarten dürfen. In Teimâ selbst fand kürzlich Euting
+aramäische Inschriften ältester Epoche (Nöldeke, SB Berlin 1884, S. 813
+f.) Aus dem nicht weit entfernten Orte Medâin-Sâlih (Hidjr) stammen
+gewisse, den attischen nachgeprägte Münzen, welche zum Teil die Eule
+der Pallas durch dasjenige Götterbild ersetzen, das die Ägypter
+bezeichnen als Besa, den Herrn von Punt, das heißt von Arabien (Erman,
+Zeitschrift für Numismatik 9, 1880, S. 296f.). Der ebendaselbst
+gefundenen nabatäischen Inschriften wurde schon gedacht Nicht weit von
+da bei ‘Ola (el-Ally) haben sich Inschriften gefunden, die in der
+Schrift und in den Götter- und Königsnamen denen der südarabischen
+Minäer entsprechen und zeigen, daß diese hier, sechzig Tagereisen von
+ihrer Heimat, aber auf der von Eratosthenes erwähnten Weihrauchstraße
+von Minaea nach Aelana, eine bedeutende Station gehabt haben; daneben
+andere eines verwandten, aber nicht identischen südarabischen Stammes
+(D. H. Müller in den Berichten der Wiener Akademie vom 17. Dezember
+1884). Die minäischen Inschriften gehören ohne Zweifel der vorrömischen
+Zeit an. Da bei der Einziehung des nabatäischen Königreichs durch
+Traian diese Landstriche aufgegeben wurden, so mag von da an ein
+anderer südarabischer Stamm dort geherrscht haben.
+
+^60 Die an den Weihrauchhandel anknüpfenden Nachrichten bei
+Theophrastos († 287 vor Chr.; hist. plant. 9, 4) und vollständiger bei
+Eratosthenes (t 194 vor Chr.; bei Strabon 16, 4, 2 p. 768) von den vier
+großen Völkerschaften der Minäer (Mamali Theophr.?) mit der Hauptstadt
+Karna; der Sabäer (Saba Theophr.) mit der Hauptstadt Mariaba; der
+Kattabanen (Kitibaena Theophr.) mit der Hauptstadt Tamna; der
+Chatramotiten (Hadramyta Theophr.) mit der Hauptstadt Sabata
+umschreiben eben den Kreis, aus dem das Homeritenreich sich entwickelt
+hat, und bezeichnen seine Anfänge. Die viel gesuchten Minäer sind jetzt
+mit Sicherheit nachgewiesen in Ma’in im Binnenland oberhalb Marib und
+Hadramaut, wo Hunderte von Inschriften sich gefunden und schon nicht
+weniger als 26 Königsnamen ergeben haben. Mariaba heißt heute noch
+Marib. Die Landschaft Chatramotitis oder Chatramitis ist Hadramaut.
+
+^61 Die merkwürdigen Reste dieses mit größter Präzision und
+Geschicklichkeit ausgeführten Bauwerks sind beschrieben von Arnaud
+(Journal Asiatique, 7. série, tome 3 a. 1874, S. 3 f. mit Plänen; vgl.
+Ritter, Erdkunde, Bd. 12, S. 861). Zu beiden Seiten des jetzt fast ganz
+verschwundenen Dammes stehen je zwei aus Quadern aufgeführte
+Steinbauten von konischer, fast zylindrischer Form, zwischen denen eine
+schmale Öffnung für das aus dem Bassin ausfließende Wasser sich
+befindet; wenigstens auf der einen Seite führt ein mit Kieseln
+ausgelegter Kanal dasselbe an diese Pforte. Dieselbe war einstmals mit
+übereinander gesetzten Bohlen geschlossen, welche einzeln entfernt
+werden konnten, um das Wasser nach Bedürfnis abzuführen. Der eine
+dieser Steinzylinder trägt die folgende Inschrift (nach der allerdings
+nicht in allen Einzelheiten gesicherten Übersetzung von D. H. Müller,
+SB Wien 97, 1880, S. 965): “Jata’amar der Herrliche, Sohn des Samah’ali
+des Erhabenen, Fürst von Saba, ließ den Balap[berg] durchstechen [und
+errichtete] den Schleusenbau, genannt Rahab, zur leichteren
+Bewässerung.” Für die chronologische Fixierung dieses und zahlreicher
+anderer Königsnamen der sabäischen Inschriften fehlt es an sicheren
+Anhaltspunkten. Der assyrische König Sargon sagt in der
+Khorsabad-Inschrift, nachdem er die Überwindung des Königs von Gaza,
+Hanno, im Jahre 716 vor Chr. erzählt hat: “ich empfing den Tribut des
+Pharao, des Königs von Ägypten, der Schamsijja, der Königin von
+Arabien, und des Ithamara, des Sabäers: Gold, Kräuter des Ostlandes,
+Sklaven, Pferde und Kamele” (Müller, a. a. O., S. 988; M. Duncker,
+Geschichte des Altertums. 5. Aufl. Berlin 1878-83. Bd. 2, S. 327.
+
+^62 Sallet in der Berliner Zeitschrift für Numismatik 8, 1881, S. 243.
+J. H. Mordtmann in der Wiener numismatischen Zeitschrift 12, S. 289.
+
+^63 Plinius (nat. 12, 14, 65) berechnet die Kosten einer Kamellast
+Weihrauch auf dem Landweg von der arabischen Küste bis nach Gaza auf
+688 Denare (= 600 Mark). “Auf der ganzen Strecke”, sagt er, “ist zu
+zahlen für Futter und Wasser und Unterkunft und für verschiedene Zölle;
+dann fordern die Priester gewisse Anteile und die Schreiber der Könige;
+außerdem erpressen die Wachen und die Trabanten und die Leibwächter und
+Diener; dazu kommen dann unsere Reichszölle.” Bei dem Wassertransport
+fielen diese Zwischenkosten weg.
+
+^64 Die Züchtigung der Piraten berichtet Agatharchides bei Diod. 3, 43
+und Strab. 16, 4, 18 p. 777. Ezion Geber aber in Palästina am
+aelanitischen Meerbusen, ή νύν Βερενίκη καλείται (Ios. ant. Iud. 8, 6,
+4), heißt sicher so nicht von einer Ägypterin (J. G. Droysen,
+Geschichte des Hellenismus, Bd. 3, 2, S. 349), sondern von der Jüdin
+des Tims.
+
+——————————————————————————-
+
+Wie weit die politische Entwicklung derselben mit der wirtschaftlichen
+Schritt gehalten hatte, läßt sich für die vorrömische und die frühere
+Kaiserzeit nicht bestimmen; nur so viel scheint sowohl aus den
+Berichten der Okzidentalen wie aus den einheimischen Inschriften sich
+zu ergeben, daß diese Südwestspitze Arabiens unter mehrere selbständige
+Herrscher mit Gebieten von mäßiger Größe geteilt war. Es standen dort
+neben den am meisten hervortretenden Sabäern und Homeriten die schon
+genannten Chatramotiten in Hadramaut und nördlich im Binnenland die
+Minäer, alle unter eigenen Fürsten.
+
+Den Arabern Jemens gegenüber haben die Römer die gerade
+entgegengesetzte Politik befolgt wie gegenüber den Axomiten. Augustus,
+für den die Nichterweiterung der Grenzen der Ausgangspunkt des
+Reichsregiments war, und der die Eroberungspläne seines Vaters und
+Meisters beinahe alle fallenließ, hat eine Ausnahme mit der arabischen
+Südwestküste gemacht und ist hier nach freiem Entschluß angreifend
+vorgegangen. Es geschah dies wegen der Stellung, welche diese
+Völkergruppe in dem indisch-ägyptischen Handelsverkehr damals einnahm.
+Um die politisch und finanziell wichtigste Landschaft seines
+Herrschaftsgebiets wirtschaftlich auf die Höhe zu bringen, welche seine
+Vorherrschen herzustellen versäumt hatten oder hatten verfallen lassen,
+bedurfte er vor allem der Gewinnung des Zwischenverkehrs zwischen
+Arabien und Indien einer- und Europa andererseits. Der Nilweg
+konkurrierte seit langem erfolgreich mit den arabischen und den
+Euphratstraßen; aber Ägypten spielte dabei, wie wir sahen, wenigstens
+unter den späteren Lagiden eine untergeordnete Rolle. Nicht mit den
+Axomiten, aber wohl mit den Arabern bestand Handelskonkurrenz; sollte
+der ägyptische Verkehr aus einem passiven ein aktiver, aus einem
+indirekten ein direkter werden, so mußten die Araber niedergeworfen
+werden; und dies ist es, was Augustus gewollt und das römische Regiment
+einigermaßen auch erreicht hat.
+
+Im sechsten Jahre seiner Regierung in Ägypten (Ende 729 25) entsandte
+Augustus eine eigens für diese Expedition hergestellte Flotte von 80
+Kriegs- und 130 Transportschiffen und die Hälfte der ägyptischen Armee,
+ein Korps von 10000 Mann, ungerechnet die Zuzüge der beiden nächsten
+Klientelkönige, des Nabatäers Obodas und des Juden Herodes, gegen die
+Staaten der Jemen, um dieselben entweder zu unterwerfen oder wenigstens
+zugrunde zu richten ^65, woneben die dort aufgehäuften Schätze sicher
+auch in Rechnung kamen. Aber das Unternehmen schlug vollständig fehl,
+und zwar durch die Unfähigkeit des Führers, des damaligen Statthalters
+von Ägypten, Gaius Aelius Gallus ^66. Da auf die Besetzung und den
+Besitz der öden Küste von Leuke Kome abwärts bis an die Grenze des
+feindlichen Gebiets gar nichts ankam, so mußte die Expedition
+unmittelbar gegen dieses gerichtet und aus dem südlichsten ägyptischen
+Hafen die Armee sofort in das glückliche Arabien geführt werden ^67.
+Stattdessen wurde die Flotte in dem nördlichsten, dem von Arsinoe
+(Suez) fertiggestellt und das Heer in Leuke Kome ans Land gesetzt,
+gleich als wäre es darauf angekommen, die Fahrt der Flotte und den
+Marsch der Truppen möglichst zu verlängern. Überdies waren die
+Kriegsschiffe überflüssig, da die Araber keine Kriegsflotte besaßen,
+die römischen Seeleute mit der Fahrt an der arabischen Küste unbekannt
+und die Fahrzeuge, obwohl besonders für diese Expedition gebaut, für
+ihre Bestimmung ungeeignet. Die Piloten fanden sich nicht zurecht
+zwischen den Untiefen und Klippen, und schon die Fahrt auf den
+römischen Gewässern von Arsinoe nach Leuke Kome kostete viele Schiffe
+und Leute. Hier wurde überwintert; im Frühjahr 730 (24) begann der Zug
+in Feindesland. Die Araber hinderten ihn nicht, aber wohl Arabien. Wo
+einmal die Doppeläxte und die Schleudern und Bogen mit dem Pilum und
+dem Schwert zusammenstießen, stoben die Eingeborenen auseinander wie
+die Spreu vor dem Winde; aber die Krankheiten, die im Lande endemisch
+sind, der Skorbut, der Aussatz, die Gliederlähmung dezimierten die
+Soldaten ärger als die blutigste Schlacht, und um so mehr, als der
+Feldherr es nicht verstand, die schwerfällige Heermasse rasch vorwärts
+zu bringen. Dennoch gelangte die römische Armee bis vor die Mauern der
+Hauptstadt der zunächst von dem Angriff betroffenen Sabäer, Mariaba.
+Aber da die Einwohner die Tore ihrer mächtigen, heute noch stehenden
+Mauern ^68 schlossen und energische Gegenwehr leisteten, verzweifelte
+der römische Feldherr an der Lösung der ihm gestellten Aufgabe und
+trat, nachdem er sechs Tage vor der Stadt gelegen hatte, den Rückzug
+an, den die Araber kaum ernstlich störten und der im Drang der Not,
+freilich unter schlimmer Einbuße an Mannschaften, verhältnismäßig
+schnell gelang.
+
+————————————————————————————————
+
+^65 Dies (προσοικειούσθαι τούτους - τούς Άραβας - ή καταστρέφεσθαι:
+Strab. 16, 4, 22 p. 780; ει μή ο Συλλαίος αυτόν - τόν Γάλλον -
+προυδίδου, κάν κατεστρέψατο τήν Ευδαίμονα πάσαν: ders. 17, 1, 53 p.
+819) war der eigentliche Zweck der Expedition, obwohl auch die Hoffnung
+auf die für das Aerarium eben damals sehr willkommene Beute
+ausdrücklich erwähnt wird.
+
+^66 Der Bericht Strabons (16, 4, 22 f. p. 780) über die arabische
+Expedition seines “Freundes” Gallus (φίλος αμίν καί εταίρος Strab. 2,
+5, 12 p. 118), in dessen Gefolge er Ägypten bereiste, ist zwar
+zuverlässig und ehrlich wie alle seine Meldungen, aber augenscheinlich
+von diesem Freunde ohne jede Kritik übernommen. Die Schlacht, in der
+10000 Feinde und zwei Römer fielen, und die Gesamtzahl der in diesem
+Feldzug Gefallenen, welche sieben ist, richten sich selbst; aber nicht
+besser ist der Versuch, den Mißerfolg auf den nabatäischen Wesir
+Syllaeos abzuwälzen durch einen “Verrat”, wie er geschlagenen Generalen
+geläufig ist. Allerdings eignete sich dieser insofern zum Sündenbock,
+als er einige Jahre nachher auf Betreiben des Herodes von Augustus in
+Untersuchung gezogen und verurteilt und hingerichtet ward (Ios. ant.
+Iud. 16, 10); aber obwohl wir den Bericht des Agenten besitzen, der
+diese Sache für Herodes in Rom geführt hat, ist darin von diesem Verrat
+kein Wort zu finden. Daß Syllaeos die Absicht gehabt haben soll, erst
+die Araber durch die Römer und dann diese selbst zugrunde zu richten,
+wie Strabo “meint”, ist bei der Stellung der Klientelstaaten Roms
+geradezu unvernünftig. Eher ließe sich denken, daß Syllaeos der
+Expedition deshalb abgeneigt war, weil der Handelsverkehr durch das
+Nabatäerland durch sie beeinträchtigt werden konnte. Aber den
+arabischen Minister deswegen des Verrats zu beschuldigen, weil die
+römischen Fahrzeuge für die arabische Küstenfahrt ungeeignet waren oder
+weil das römische Heer genötigt war, das Wasser auf Kamelen
+mitzuführen, Durra und Datteln statt Brot und Fleisch, Butter statt öl
+zu essen; als Entschuldigung dafür, daß auf die bei dem Rückmarsch in
+60 Tagen zurückgelegte Strecke für den Hinmarsch 180 verwendet wurden,
+die betrügerische Wegweisung vorzuführen; endlich die vollkommen
+richtige Bemerkung des Syllaeos, daß ein Landmarsch von Arsinoe nach
+Leuke Kome untunlich sei, damit zu kritisieren, daß von da nach Petra
+eine Karawanenstraße gehe, zeigt nur, was ein vornehmer Römer einem
+griechischen Literaten aufzubinden vermochte.
+
+^67 Die schärfste Kritik des Feldzugs gibt die Auseinandersetzung des
+ägyptischen Kaufmanns über die Zustände auf der arabischen Küste von
+Leuke Kome (el-Haura, nördlich von Janbô, der Hafenstadt von Medina)
+bis zur Katakekaumene-Insel (Djebel Tair bei Lohaia). “Verschiedene
+Völker bewohnen sie, die teils etwas, teils völlig verschiedene
+Sprachen reden. Die Bewohner der Küste leben in Hürden wie die
+‘Fischesser’ auf dem entgegengesetzten Ufer” (diese Hürden beschreibt
+er c. 2 als vereinzelt liegend und in die Felsspalten, eingebaut), “die
+des Binnenlandes in Dörfern und Weidegemeinschaften; es sind bösartige
+zwiesprachige Menschen, welche die aus der Fahrstraße verschlagenen
+Seefahrer plündern und die Schiffbrüchigen in die Sklaverei schleppen.
+Deshalb wird von den Unter- und den Oberkönigen Arabiens beständig auf
+sie Jagd gemacht; sie heißen Kanraiten (oder Kassaviten). überhaupt ist
+die Schiffahrt an dieser ganzen Küste gefährlich, der Strand hafenlos
+und unzugänglich, von böser Brandung, klippig und überhaupt sehr
+schlimm. Darum halten wir, wenn wir in diese Gewässer einfahren, uns in
+der Mitte und eilen, in das arabische Gebiet zu kommen zur Insel
+Katakekaumene; von da an sind die Bewohner gastlich und begegnen
+zahlreiche Herden von Schafen und Kamelen.” Dieselbe Gegend zwischen
+der römischen und der homeritischen Grenze und dieselben Zustände hat
+auch der axomitische König im Sinn, wenn er schreibt: πέραν δέ τής
+ερυθράς θαλάσσης οικούντας Αρραβίτας καί Κιναιδοκολπίτας (vgl. Ptol.
+geogr. 6, 7, 20), σράτευμα ναυτικόν καί πεζικόν διαπεμψάμενος καί
+υποτάξας αυτών τούς βασιλείας, φόρους τής γής τελείν εκέλυσα καί
+οδεύεσθαι μετ' ειρήνης καί πλέεσθαι, από τε Δευκής κώμης έως τών
+Σαβαίων χώρας επολέμησα.
+
+^68 Diese Mauern, von Bruchstein erbaut, bilden einen Kreis von einer
+Viertelstunde im Durchmesser. Sie sind beschrieben von Arnaud, a. a. O.
+(vgl. Anm. 61).
+
+————————————————————————————————
+
+Es war ein übler Mißerfolg; aber Augustus gab die Eroberung Arabiens
+nicht auf. Es ist schon erzählt worden, daß die Orientfahrt, die der
+Kronprinz Gaius im Jahre 753 antrat, in Arabien endigen sollte; es war
+diesmal im Plan, nach der Unterwerfung Armeniens im Einverständnis mit
+der parthischen Regierung, oder nötigenfalls nach Niederwerfung ihrer
+Armeen, an die Euphratmündung zu gelangen und von da aus den Seeweg,
+den einst der Admiral Nearchos für Alexander erkundet hatte, nach dem
+glücklichen Arabien zu nehmen ^69. In anderer, aber nicht minder
+unglücklicher Weise endigten diese Hoffnungen durch den parthischen
+Pfeil, der den Kronprinzen vor den Mauern von Artageira traf. Mit ihm
+ward der arabische Eroberungsplan für alle Zukunft begraben. Die große
+Halbinsel ist in der ganzen Kaiserzeit, abgesehen von dem nördlichen
+und nordwestlichen Küstenstriche, in derjenigen Freiheit verblieben,
+aus welcher seinerzeit der Henker des Hellenentums, der Islam
+hervorgehen sollte.
+
+—————————————————————-
+
+^69 Daß die orientalische Expedition des Gaius zum Endziel Arabien
+hatte, sagt Plinius (namentlich nat. 12, 14, 55, 56; vgl. 2, 67, 168;
+6, 27, 141; c. 28, 160; 32, 1, 10) ausdrücklich. Daß sie von der
+Euphratmündung ausgehen sollte, folgt daraus, daß die Expedition nach
+Armenien und Verhandlungen mit der parthischen Regierung ihr
+vorausgingen. Darum lagen auch den Kollektaneen Jubas über die
+bevorstehende Expedition die Berichte der Feldherren Alexanders über
+ihre Erkundung Arabiens zu Grunde.
+
+—————————————————————-
+
+Aber gebrochen ward der arabische Handel allerdings, teils durch die
+weiterhin zu erörternden Maßregeln der römischen Regierung zum Schutz
+der ägyptischen Schiffahrt, teils durch einen gegen den
+Hauptstapelplatz des indisch-arabischen Verkehrs von den Römern
+geführten Schlag. Sei es unter Augustus selbst, möglicherweise bei den
+Vorbereitungen zu der von Gaius auszuführenden Invasion, sei es unter
+einem seiner nächsten Nachfolger, es erschien eine römische Flotte vor
+Adane und zerstörte den Platz; in Vespasians Zeit war er ein Dorf und
+seine Blüte vorüber. Wir kennen nur die nackte Tatsache ^70, aber sie
+spricht für sich selber. Ein Seitenstück zu der Zerstörung Korinths und
+Karthagos durch die Republik, hat sie wie diese ihren Zweck erreicht
+und dem römisch-ägyptischen Handel die Suprematie im Arabischen
+Meerbusen und im Indischen Meere gesichert.
+
+—————————————————————-
+
+^70 Die einzige Kunde von dieser merkwürdigen Expedition hat der
+ägyptische Kapitän aufbewahrt der um das Jahr 75 die Fahrt an den
+Küsten des Roten Meeres beschrieben hat. Er kennt (c. 26) das Adane der
+Späteren, das heutige Aden, als ein Dorf an der Küste (κώμη
+παραθαλάσσιος), das zum Reiche des Königs der Homeriten Charibael
+gehört, aber früher eine blühende Stadt war und davon heißt (ευδαίμων
+δ' επεκλήθη πρότερον ούσα πόλις), weil vor der Einrichtung des
+unmittelbaren indisch-ägyptischen Verkehrs dieser Ort als Stapelplatz
+diente: νύν δέ ου πρό πολλού τών ημετέρων χρόνων Καίσαρ αυτήν
+κατεστρέψατο. Das letzte Wort kann hier nur “zerstören” heißen, nicht,
+wie häufiger, “unterwerfen”, weil die Umwandlung der Stadt in ein Dorf
+motiviert werden soll. Für Καίσαρ hat Schwanbeck (Rheinisches Museum N.
+F. 7, 1848, S. 353) Χαριβαήλ, C. Möller Ιλασάρ (wegen Strab. 16, 4, 21
+p. 782) vorgeschlagen; beides ist nicht möglich, dieses nicht, weil
+dieser arabische Dynast in einem weit entlegenen Distrikt herrschte,
+auch unmöglich als bekannt vorausgesetzt werden konnte, jenes nicht,
+weil Charibael Zeitgenosse des Schreibers war und hier ein vor der Zeit
+desselben vorgefallenes Ereignis berichtet wird. An der Überlieferung
+wird man nicht Anstoß nehmen, wenn man überlegt, welches Interesse die
+Römer daran haben mußten, den arabischen Stapelplatz zwischen Indien
+und Ägypten zu beseitigen und den direkten Verkehr herbeizuführen. Daß
+die römischen Berichte von diesem Vorgang schweigen, ist ihrem Wesen
+angemessen; die Expedition, welche ohne Zweifel durch eine ägyptische
+Flotte ausgeführt ward und lediglich in der Zerstörung eines vermutlich
+wehrlosen Küstenplatzes bestand, wird vermutlich von keinem Belang
+gewesen sein; um den großen Handelsverkehr haben die Annalisten sich
+nie gekümmert, und überhaupt sind die Vorgänge in Ägypten noch weniger
+als die in den andern kaiserlichen Provinzen zur Kenntnis des Senats
+und damit der Annalisten gekommen. Die nackte Bezeichnung Καίσαρ, wobei
+nach Lage der Sache der damals regierende ausgeschlossen ist, erklärt
+sich wohl daraus, daß der berichtende Kapitän wohl die Tatsache der
+Zerstörung durch die Römer, aber Zeit und Urheber nicht kannte.
+
+Möglich ist es, daß hierauf die Notiz bei Plinius (nat. 2, 67, 168) zu
+beziehen ist: maiorem (oceana) partem et orientis victoriae magni
+Alexandri lustravere usque in Arabicum sinum, in quo res gerente C.
+Caesare Aug. f. signa navium ex Hispaniensibus naufragiis feruntur
+agnita. Gaius kam nicht nach Arabien (Plin. nat. 6, 28, 160); aber
+recht wohl kann während der armenischen Expedition von Ägypten aus ein
+römisches Geschwader von einem seiner Unterbefehlshaber an diese Küste
+geführt worden sein, um die Hauptexpedition vorzubereiten. Daß darüber
+sonst Stillschweigen herrscht, kann auch nicht befremden. Die arabische
+Expedition des Gaius war so feierlich angekündigt und dann in so übler
+Weise aufgegeben worden, daß loyale Berichterstatter alle Ursache
+hatten, eine Tatsache zu verwischen, die nicht wohl erwähnt werden
+konnte, ohne auch das Scheitern des größeren Planes zu berichten.
+
+—————————————————————-
+
+Indes die Blüte des gesegneten Landes von Jemen war zu fest begründet,
+um diesem Schlag zu erliegen; politisch hat es sogar vielleicht erst in
+dieser Epoche sich straffer zusammengefaßt. Mariaba war, als die Waffen
+des Gallus an seinen Mauern scheiterten, vielleicht nicht mehr als die
+Hauptstadt der Sabäer; aber schon damals war die Völkerschaft der
+Homeriten, deren Hauptstadt Sapphar etwas südlich von Mariaba auch im
+Binnenland liegt, die stärkste des glücklichen Arabiens. Ein
+Jahrhundert später finden wir beide vereinigt unter einem in Sapphar
+regierenden König der Homeriten und der Sabäer, dessen Herrschaft bis
+Mocha und Aden und, wie schon gesagt ward, über die Insel Sokotra und
+die Küste von Somal und Sansibar sich erstreckt; und wenigstens von
+dieser Zeit an kann von einem Reich der Homeriten die Rede sein. Die
+Wüstenei nördlich von Mariaba bis zur römischen Grenze gehörte damals
+nicht dazu und stand überhaupt unter keiner geordneten Gewalt ^71; die
+Fürstentümer der Minäer und der Chatramotiten blieben auch ferner unter
+eigenen Landesherren. Die östliche Hälfte Arabiens hat beständig einen
+Teil des Persischen Reiches gebildet und niemals unter dem Szepter der
+Beherrscher des glücklichen Arabien gestanden. Auch jetzt also waren
+die Grenzen enge und sind es wohl geblieben; es ist wenig über die
+weitere Entwicklung der Verhältnisse bekannt ^72. In der Mitte des 4.
+Jahrhunderts war das Reich der Homeriten mit dem der Axomiten vereinigt
+und wurde von Axomis aus beherrscht ^73, welche Untertänigkeit indes
+späterhin sich wieder gelöst hat. Sowohl das Reich der Homeriten wie
+das vereinigte axomitisch-homeritische stand als unabhängiger Staat in
+der späteren Kaiserzeit mit Rom in Verkehr und Vertrag.
+
+————————————————————————————
+
+^71 Der ägyptische Kaufmann unterscheidet den ένθεσμος βασιλεύς der
+Homeriten (c. 23) scharf von den τύραννοι, den bald unter ihm
+stehenden, bald unabhängigen (c. 14) Stammhäuptern, und ebenso scharf
+diese geordneten Zustände von der Rechtlosigkeit der Wüstenbewohner (c.
+2). Wenn Strabon und Tacitus für diese Dinge so offene Augen gehabt
+hätten wie jener praktische Mann, so wüßten wir etwas mehr vom
+Altertum.
+
+^72 Der Krieg des Macrinus gegen die Arabes eudaemones (vita 12) und
+die an Aurelian geschickten Boten derselben (vita 33), die neben denen
+der Axomiten genannt werden, würden deren damals fortdauernde
+Selbständigkeit beweisen, wenn auf diese Angaben Verlaß wäre.
+
+^73 Der König nennt sich um das Jahr 356 (Anm. 58) in einer Urkunde
+(CIG 5128) βασιλεύς Αξωμιτών καί Ομηριτών καί τού Ραειδάν (Schloß in
+Sapphar, der Hauptstadt der Homeriten: Dillmann, Abhandlungen der
+Berliner Akademie, 1878, S. 207) . . . καί Σαβαειτών καί τού Σιλεή
+(Schloß in Mariaba, der Hauptstadt der Sabäer: Dillmann a. a. O.). Dazu
+stimmt die gleichzeitige Sendung von Gesandten ad gentem Axumitarum et
+Homerita[rum] (Cod. Theod. 12, 12, 2). Über die späteren Verhältnisse
+vgl. besonders Nonnosus (FEIG 4 p. 179 Müller) und Prok. Pers. 1, 20.
+
+————————————————————————————
+
+In dem Handel und der Schiffahrt haben die Araber des Südwestens der
+Halbinsel auch später noch, wenn nicht mehr den Platz der Vormacht,
+doch die ganze Kaiserzeit hindurch eine hervorragende Stelle
+eingenommen. Nach der Zerstörung von Adane ist Muza die
+Handelsmetropole dieser Landschaft geworden. Noch für die
+vespasianische Zeit trifft die früher gegebene Darstellung im
+wesentlichen zu. Der Ort wird uns in dieser Zeit geschildert als
+ausschließlich arabisch, bewohnt von Reedern und Seeleuten und voll
+rührigen kaufmännischen Treibens; mit ihren eigenen Schiffen befahren
+die Muzaiten die ganze afrikanische Ost- und die indische Westküste und
+verfrachten nicht bloß die Waren des eigenen Landes, sondern bringen
+auch die nach orientalischem Geschmack in den Fabriken des Okzidents
+gefertigten Purpurstoffe und Goldstickereien und die feinen Weine
+Syriens und Italiens den Orientalen, hinwiederum den Westländern die
+edlen Waren des Ostens. In dem Weihrauch und den sonstigen Aromen
+müssen Muza und das Emporium des benachbarten Reiches von Hadramaut,
+Kane, östlich von Aden, eine Art tatsächlichen Monopols immer behalten
+haben; erzeugt wurde diese im Altertum sehr viel mehr als heute
+gebrauchte Ware wie auf der südlichen arabischen, so auch auf der
+afrikanischen Küste von Adulis bis zum “Vorgebirge der Arome”, dem Kap
+Guardafui, aber von hier holten sie die Kaufleute von Muza, und sie
+brachten sie in den Welthandel. Auf der schon erwähnten
+Dioskorides-Insel war eine gemeinschaftliche Handelsniederlassung der
+drei großen seefahrenden Nationen dieser Meere, der Hellenen, das heißt
+der Ägypter, der Araber und der Inder. Von Beziehungen aber zum
+Hellenismus, wie wir sie auf der gegenüberliegenden Küste bei den
+Axomiten fanden, begegnet im Lande Jemen keine Spur; wenn die
+Münzprägung durch okzidentalische Stempel bestimmt ist, so waren diese
+eben im ganzen Orient gangbar. Sonst haben sich Schrift und Sprache und
+Kunstübung, soweit wir zu urteilen vermögen, hier ebenso selbständig
+entwickelt wie Handel und Schiffahrt, und sicher ist es dadurch mit
+bewirkt worden, daß die Axomiten, während sie politisch die Homeriten
+sich unterwarfen, später aus der hellenischen Bahn in die arabische
+zurücklenkten.
+
+In dem gleichen Sinn wie für die Beziehungen zu dem südlichen Afrika
+und zu den arabischen Staaten und in erfreulicherer Weise ist in
+Ägypten selbst für die Wege des Handelsverkehrs zunächst von Augustus
+und ohne Zweifel von allen verständigen Regenten gesorgt worden. Das
+von den früheren Ptolemäern auf den Spuren der Pharaonen eingerichtete
+Straßen- und Hafensystem war, wie die gesamte Verwaltung, in den Wirren
+der letzten Lagidenzeit arg heruntergekommen. Es wird nicht
+ausdrücklich gemeldet, daß Augustus die Land- und die Wasserwege und
+die Häfen Ägyptens wieder instand gesetzt hat; aber daß es geschehen,
+ist darum nicht minder gewiß. Koptos ist die ganze Kaiserzeit hindurch
+der Knotenpunkt dieses Verkehrs geblieben ^74. Aus einer kürzlich
+aufgefundenen Urkunde hat sich ergeben, daß in der ersten Kaiserzeit
+die beiden von danach den Häfen von Myos Hormos und von Berenike
+führenden Straßen durch die römischen Soldaten repariert und an den
+geeigneten Stellen mit den erforderlichen Zisternen versehen worden
+sind ^75. Der Kanal, der das Rote Meer mit dem Nil und also mit dem
+Mittelländischen Meer verband, ist auch in römischer Zeit nur in
+zweiter Reihe, hauptsächlich vielleicht für den Transport der Marmor-
+und Porphyrblöcke von der ägyptischen Ostküste an das Mittelmeer
+benutzt worden; aber fahrbar blieb er durch die ganze Kaiserzeit.
+Kaiser Traianus hat ihn erneuert und wohl auch erweitert - vielleicht
+ist er es gewesen, der ihn mit dem noch ungeteilten Nil bei Babylon
+(unweit Kairo) in Verbindung gesetzt und dadurch seine Wassermenge
+verstärkt hat - und ihm den Namen des Traianus- oder des Kaiserflusses
+(Augustus amnis) beigelegt, von welchem in späterer Zeit dieser Teil
+Ägyptens benannt wurde (Augustamnica).
+
+———————————————————————
+
+^74 Aristeides (or. 48 p. 485 Dind.) nennt Koptos den indischen und
+arabischen Stapelplatz. In dem Roman des Ephesiers Xenophon (4, 1)
+begeben sich die syrischen Räuber nach Koptos; “denn dort passieren
+eine Menge von Kaufleuten durch, die nach Äthiopien und Indien reisen.”
+
+^75 Später legte Hadrian die “neue Hadriansstraße” an, welche von
+seiner Antinoosstadt bei Hermopolis, wahrscheinlich durch die Wüste
+nach Myos Hormos und von Myos Hormos am Meer hin, nach Berenike führte,
+und versah sie mit Zisternen, Quartieren (σταθμοί) und Kastellen
+(Inschrift: Revue archιologique N. S. 21, 1870, S. 314). Indes ist von
+dieser Straße nachher nicht die Rede, und es fragt sich, ob sie Bestand
+gehabt hat.
+
+———————————————————————
+
+Auch für die Unterdrückung der Piraterie auf dem Roten und dem
+Indischen Meer ist Augustus ernstlich tätig gewesen; die Ägypter
+dankten es ihm noch lange nach seinem Tode, daß durch ihn die
+Piratensegel vom Meer verschwanden und den Handelsschiffen wichen.
+Freilich geschah dafür bei weitem nicht genug. Daß die Regierung in
+diesen Gewässern wohl von Zeit zu Zeit Schiffsgeschwader in Tätigkeit
+setzte, aber eine ständige Kriegsflotte nicht daselbst stationierte;
+daß die römischen Kauffahrer regelmäßig im Indischen Meer Schützen an
+Bord nahmen, um die Angriffe der Piraten abzuweisen, würde befremden,
+wenn nicht die relative Gleichgültigkeit gegen die Unsicherheit der
+Meere überall, hier so gut wie an der belgischen Küste und an denen des
+Schwarzen Meeres, wie eine Erbsünde dem römischen Kaiserregiment oder
+vielmehr dem römischen Regiment überhaupt anhaftete. Freilich waren die
+Regierungen von Axomis und von Sapphar durch ihre geographische Lage
+noch mehr als die Römer in Berenike und Leuke Kome dazu berufen, der
+Piraterie zu steuern, und es mag diesem Umstand mit zuzuschreiben sein,
+daß die Römer mit diesen teils schwächeren, teils unentbehrlichen
+Nachbarn im ganzen in gutem Einvernehmen geblieben sind.
+
+Daß der Seeverkehr Ägyptens, wenn nicht mit Adulis, so doch mit Arabien
+und Indien in derjenigen Epoche, welche der Römerherrschaft unmittelbar
+vorherging, in der Hauptsache nicht durch die Ägypter vermittelt ward,
+ist früher gezeigt worden. Den großen Seeverkehr nach Osten erhielt
+Ägypten erst durch die Römer. “Nicht zwanzig ägyptische Schiffe im
+Jahr”, sagt ein Zeitgenosse des Augustus, “wagten unter den Ptolemäern
+sich aus dem Arabischen Golf hinaus; jetzt fahren jährlich 120
+Kauffahrer allein aus dem Hafen von Myos Hormos nach Indien.” Der
+Handelsgewinn, den der römische Kaufmann bis dahin mit dem persischen
+oder arabischen Zwischenhändler hatte teilen müssen, floß seit der
+Eröffnung der direkten Verbindung mit dem ferneren Osten ihm in seinem
+ganzen Umfang zu. Dies ist wahrscheinlich zunächst dadurch erreicht
+worden, daß den arabischen und indischen Fahrzeugen die ägyptischen
+Häfen wenn nicht geradezu gesperrt, so doch durch Differenzialzölle
+tatsächlich geschlossen wurden ^76; nur durch die Voraussetzung einer
+solchen Navigationsakte zu Gunsten der eigenen Schiffahrt konnte diese
+plötzliche Umgestaltung der Handelsverhältnisse herbeigeführt werden.
+Aber der Verkehr wurde nicht bloß gewaltsam aus einem passiven in einen
+aktiven umgewandelt; er wurde auch absolut gesteigert, teils infolge
+der vermehrten Nachfrage im Okzident nach den Waren des Ostens, teils
+auf Kosten der übrigen Verkehrsstraßen durch Arabien und Syrien. Für
+den arabischen und den indischen Handel mit dem Okzident erwies sich
+der Weg über Ägypten mehr und mehr als der kürzeste und der billigste.
+Der Weihrauch, der in älterer Zeit großenteils auf dem Landweg durch
+das innere Arabien nach Gaza ging, kam späterhin meistens zu Wasser
+über Ägypten. Einen neuen Aufschwung nahm um die Zeit Neros der
+indische Verkehr, indem ein kundiger und mutiger ägyptischer Kapitän,
+Hippalos, es wagte, statt an der langgestreckten Küste hin vielmehr vom
+Ausgang des Arabischen Golfs durch das offene Meer geradewegs nach
+Indien zu steuern; er kannte den Monsun, den seitdem die Schiffer, die
+nach ihm diese Straße befuhren, den Hippalos nannten. Seitdem war die
+Fahrt nicht bloß wesentlich kürzer, sondern auch den Land- und den
+Seepiraten weniger ausgesetzt. In welchem Umfang der sichere
+Friedensstand und der zunehmende Luxus den Verbrauch orientalischer
+Waren im Okzident steigerte, lassen einigermaßen die Klagen erkennen,
+welche in der Zeit Vespasians laut wurden über die ungeheuren Summen,
+welche dafür aus dem Reiche hinausgingen. Den Gesamtbetrag der jährlich
+den Arabern und den Indern gezahlten Kaufgelder schlägt Plinius auf 100
+(= 22 Mill. Mark), für Arabien allein auf 55 Mill. Sesterzen (= 12
+Mill. Mark) an, wovon freilich ein Teil durch Warenexport gedeckt ward.
+Die Araber und die Inder kauften wohl die Metalle des Okzidents, Eisen,
+Kupfer, Blei, Zinn, Arsenik, die früher erwähnten ägyptischen Artikel,
+den Wein, den Purpur, das Gold- und Silbergerät, auch Edelsteine,
+Korallen, Krokusbalsam; aber sie hatten dem fremden Luxus immer weit
+mehr zu bieten, als für ihren eigenen zu empfangen. Daher ging nach den
+großen arabischen und indischen Emporien das römische Gold- und
+Silbergeld in ansehnlichen Quantitäten. In Indien hatte dasselbe schon
+unter Vespasian sich so eingebürgert, daß man es mit Vorteil dort
+ausgab. Von diesem orientalischen Verkehr kam der größte Teil auf
+Ägypten; und wenn die Steigerung des Verkehrs durch die vermehrten
+Zolleinnahmen der Regierungskasse zugute kam, so hob die Nötigung zu
+eigenem Schiffbau und eigener Kauffahrt den Wohlstand der Privaten.
+
+—————————————————————
+
+^76 Ausdrücklich gesagt wird dies nirgends, aber es geht deutlich aus
+dem Periplus des Ägypters hervor. Er spricht an zahlreichen Stellen von
+dem Verkehr des nicht römischen Afrika mit Arabien (c. 7. 8) und
+umgekehrt der Araber mit dem nicht römischen Afrika (c. 17. 21. 31;
+danach Ptol. geogr. 1, 17, 6) und mit Persien (c. 27. 33) und Indien
+(c. 21. 27. 49); ebenso von dem der Perser mit Indien (c. 36) so wie
+der indischen Kauffahrer mit dem nicht römischen Afrika (c. 14. 31. 32)
+und mit Persien (c. 36) und Arabien (c. 32). Aber mit keinem Worte
+deutet er an, daß diese fremden Kaufleute auch nach Berenike, Myos
+Hormos, Leuke Kome kämen; ja wenn er bei dem wichtigsten Handelsplatz
+dieses ganzen Kreises, bei Muza bemerkt, daß diese Kaufleute mit ihren
+eigenen Schiffen nach der afrikanischen Küste außerhalb der Straße Bab
+el Mandeb (denn das ist ihm τό πέραν) und nach Indien fahren, so kann
+Ägypten unmöglich zufällig fehlen.
+
+—————————————————————
+
+Während also die römische Regierung ihre Herrschaft in Ägypten auf den
+engen Raum beschränkte, den die Schiffbarkeit des Nils abgrenzt, und
+sei es nun in Kleinmut oder in Weisheit, auf jeden Fall mit
+folgerichtiger Energie weder Nubien noch Arabien jemals zu erobern
+versuchte, erstrebte sie mit gleicher Energie den Besitz des arabischen
+und des indischen Großverkehrs und erreichte wenigstens eine bedeutende
+Beschränkung der Konkurrenten. Die rücksichtslose Verfolgung der
+Handelsinteressen bezeichnet wie die Politik der Republik so nicht
+minder, und vor allem in Ägypten, die des Prinzipats.
+
+Wie weit überhaupt gegen Osten der direkte römische Seeverkehr gegangen
+ist, läßt sich nur annähernd bestimmen. Zunächst nahm er die Richtung
+auf Barygaza (Barôtsch am Meerbusen von Cambay, oberhalb Bombay),
+welcher große Handelsplatz durch die ganze Kaiserzeit der Mittelpunkt
+des ägyptisch-indischen Verkehrs geblieben sein wird; mehrere Orte auf
+der Halbinsel Gudjarat führen bei den Griechen griechische Benennungen,
+wie Naustathmos und Theophila. In der flavischen Zeit, in welcher die
+Monsunfahrten schon stehend geworden waren, ist die ganze Westküste
+Vorderindiens den römischen Kaufleuten erschlossen bis hinab zu der
+Küste von Malabar, der Heimat des hoch geschätzten und teuer bezahlten
+Pfeffers, dessen wegen sie die Häfen von Muziris (wahrscheinlich
+Mangaluru) und Nelkynda (indisch wohl Nîlakantha, von einem der
+Beinamen des Gottes Schiwa; wahrscheinlich das heutige Nîlêswara)
+besuchten; etwas weiter südlich bei Kananor haben sich zahlreiche
+römische Goldmünzen der julisch-claudischen Epoche gefunden, einst
+eingetauscht gegen die für die römischen Küchen bestimmten Gewürze. Auf
+der Insel Salike, der Taprobane der älteren griechischen Schiffer, dem
+heutigen Ceylon, hatte in Claudius’ Zeit ein römischer Angestellter,
+der von der arabischen Küste durch Stürme dorthin verschlagen worden
+war, freundliche Aufnahme bei dem Landesherrn gefunden, und es hatte
+dieser, verwundert, wie der Bericht sagt, über das gleichmäßige Gewicht
+der römischen Münzstücke trotz der Verschiedenheit der Kaiserköpfe, mit
+dem Schiffbrüchigen zugleich Gesandte an seinen römischen Kollegen
+geschickt. Dadurch erweiterte sich zunächst nur der Kreis der
+geographischen Kunde; erst später, wie es scheint, wurde die Schiffahrt
+bis nach jener großen und produktenreichen Insel ausgedehnt, auf der
+auch mehrfach römische Münzen zum Vorschein gekommen sind. Aber über
+das Kap Komorin und Ceylon gehen die Münzfunde nur ausnahmsweise hinaus
+^77, und schwerlich hat auch nur die Küste von Kornmandel und die
+Gangesmündung, geschweige denn die hinterindische Halbinsel und China
+ständigen Handelsverkehr mit den Okzidentalen unterhalten. Die
+chinesische Seide ist allerdings schon früh regelmäßig nach dem Westen
+vertrieben worden, aber, wie es scheint, ausschließlich auf dem Landweg
+und durch Vermittlung teils der Inder von Barygaza, teils und
+vornehmlich der Parther: die Seidenleute oder die Serer (von dem
+chinesischen Namen der Seide, Ser) der Okzidentalen sind die Bewohner
+des Tarim-Beckens, nordwestlich von Tibet, wohin die Chinesen ihre
+Seide brachten, und auch den Verkehr dorthin hüteten eifersüchtig die
+parthischen Zwischenhändler. Zur See sind allerdings einzelne Schiffer
+zufällig oder erkundend wenigstens an die hinterindische Ostküste und
+vielleicht noch weiter gelangt; der im Anfang des zweiten Jahrhunderts
+n. Chr. den Römern bekannte Hafenplatz Kattigara ist eine der
+chinesischen Küstenstädte, vielleicht Hang-tschau-fu an der Mündung des
+Yang-tse-kiang. Der Bericht der chinesischen Annalen, daß im Jahre 166
+n. Chr. eine Gesandtschaft des Kaisers An-tun von Ta- (das ist Groß)
+Tsin (Rom) in Ji-Nan (Tongking) gelandet und von da auf dem Landweg in
+die Hauptstadt Lo-yang (oder Ho-nan-fu am mittleren Hoang-ho) zum
+Kaiser Hwan-ti gelangt sei, mag mit Recht auf Rom und den Kaiser Marcus
+Antoninus bezogen werden. Indes dieser Vorfall und was die chinesischen
+Quellen von ähnlichem Auftreten der Römer in ihrem Lande im Lauf des 3.
+Jahrhunderts melden, wird kaum von öffentlichen Sendungen verstanden
+werden können, da hierüber römische Angaben schwerlich fehlen würden;
+wohl aber mögen einzelne Kapitäne dem chinesischen Hof als Boten ihrer
+Regierung gegolten haben. Bemerkbare Folgen haben diese Verbindungen
+nur insofern gehabt, als über die Gewinnung der Seide die früheren
+Märchen allmählich besserer Kunde wichen.
+
+———————————————————————
+
+^77 In Bâmanghati (Distrikt Singhbhum) westlich von Kalkutta soll ein
+großer Schatz Goldmünzen römischer Kaiser (genannt werden Gordian und
+Konstantin) zum Vorschein gekommen sein (Beglar bei A. Cunningham,
+Archaeological survey of India, Bd. 13, S. 72); aber ein solcher
+vereinzelter Fund beweist nicht, daß der ständige Verkehr sich so weit
+erstreckt hat. Im nördlichen China in der Provinz Schensi westlich von
+Peking sollen neuerlichst römische Münzen von Nero an bis hinab auf
+Aurelian zum Vorschein gekommen sein, sonst sind weder aus Hinterindien
+noch aus China dergleichen Funde bekannt.
+
+———————————————————————
+
+Boden- und Geldwirtschaft der römischen Kaiserzeit
+
+Die ökonomische Herrschaftsstellung Italiens, wie sie in den letzten
+Jahrhunderten der Republik sich festgestellt hatte, zeigt sich in
+dieser Epoche und über dieselbe hinaus im Stande des Beharrens und
+fester noch gegründet als die politische Prärogative. Wenn der reichste
+Mann der caesarischen Zeit, Marcus Crassus, auf 170 Millionen Sesterzen
+geschätzt worden war, so sahen die folgenden Generationen darauf zurück
+wie auf eine Zeit der Armut ^1. Mit dem Frieden, der auf die
+Bürgerkriege folgte, kam eine Epoche der Fülle und des Reichtums, wie
+die Republik sie nicht gekannt hatte. Als der Reichste unter Augustus
+wird genannt Gnaeus Lentulus der Augur (Konsul 740 14) mit einem
+Vermögen von 400 Mill. Sesterzen ^2. Das gleiche wird dem mächtigen
+Freigelassenen des Claudius, Narcissus, zugeschrieben ^3. Das Vermögen
+des Ministers Neros, Seneca, wird, allerdings von seinen Feinden, auf
+300 Mill. geschätzt ^4, ebenso hoch das des gefeierten Sachwalters
+unter Nero und Vespasian, Vibius Crispus, dessen Reichtum lange
+sprichwörtlich blieb ^5. Am Ende des 3. Jahrhunderts warf Kaiser
+Tacitus bei seiner Thronbesteigung sein fundiertes Privatvermögen von
+280 Mill. Sesterzen in den Staatsschatz ein ^6. Noch am Anfang des 5.
+Jahrhunderts bezogen die ersten senatorischen Häuser in der alten
+Reichshauptstadt eine Jahresrente, die einem Kapital von mindestens 400
+Mill. Sesterzen nach der älteren Rechnung gleichkam ^7. Wichtiger als
+diese Angaben über ausnahmsweise große Vermögen sind einige andere,
+welche die Mittelklasse der Aristokratie betreffen: ein Vermögen von 20
+Mill. Sesterzen gilt unter Marcus als mäßiger Reichtum ^8; Familien mit
+einem Vermögen von 100 Mill. Sesterzen werden im 5. Jahrhundert als
+reiche zweiten Ranges betrachtet. Der senatorische Zensus von einer
+Mill. Sesterzen ist also offenbar eine äußerste Grenze, welche bei der
+Mehrzahl sicher ansehnlich überschritten ward. In den Angaben über das
+im Jahre 746 (8) errichtete Testament eines begüterten Freigelassenen,
+welcher außer seinen Liegenschaften über 4116 Sklaven, 3600 Paar
+Ochsen, 257000 Schafe und 60 Mill. Sesterzen bar verfügt, treten die
+einzelnen Bestandteile eines solchen Großvermögens an Ackerland, Weide
+und Kapitaliengeschäft deutlich hervor ^9. Daß bei solchen
+Vermögensbeständen die Reichen der oberen Klassen eine Herrenstellung
+in den Ortschaften einnahmen, aus denen sie hervorgingen, und eine Art
+von Hof und Gefolge sich um jeden von ihnen sammelte, ist erklärlich.
+Sie stellen zum guten Teil durch ihre Freigebigkeit die öffentlichen
+Gebäude, namentlich die Luxusanlagen, wie Theater, Bäder, Hallen her;
+auf ihre Kosten schmausen die Bürgerschaften und leben die Klienten,
+und auch in die besseren Kreise hinein reichen dergleichen Spenden. Der
+jüngere Plinius unter Traianus, ein vermögender Senator, aber
+keineswegs in dieser Hinsicht hervorragend, hat seiner Vaterstadt Comum
+für die Gründung und Vermehrung einer öffentlichen Bibliothek, für die
+Anlage und die Ausstattung eines Warmbades, zur Alimentation von
+Kindern und zu öffentlichen Schmäusen teils bei Lebzeiten, teils im
+Testament Zuwendungen im Gesamtbetrag von mindestens 5 Mill. Sesterzen
+gemacht, außerdem in anderen Städten, zu denen er Beziehungen hatte,
+Tempel und Hallen auf seine. Kosten gebaut und seinen Freunden, dem
+einen zur Ausstattung der Tochter, dem andern zur Equipierung für den
+Unteroffiziersdienst, dem dritten, um ihm den Eintritt in den
+Ritterstand möglich zu machen, persönliche Geschenke bis zu 300000
+Sesterzen gemacht. Diese durch die Individualität des Charakters und
+der Beziehungen vielfach bedingte, aber im Wesen nicht persönliche,
+sondern standesmäßig geforderte Liberalität ist für alle Zeiten von dem
+vornehmen Römer und vor allem von dem Senator des Reiches geübt worden,
+aber keineswegs zu allen Zeiten in gleicher Weise. Mit Sehnsucht
+gedachten die Klienten der domitianischen Epoche der bessern Zeiten, wo
+unter den Spenden dieser Art der Ritterring nichts Seltenes war ^10;
+Gaius Piso, der Rivale Neros, dessen königliche Freigebigkeit
+seinesgleichen nicht hatte, war gewohnt, jährlich einer gewissen Zahl
+seiner Freunde den Ritterzensus zu schenken, so wie die Kaiser in
+gleicher Weise senatorische Vermögen zu schenken pflegten ^11. “Es war
+früher Sitte”, schreibt Plinius ^12 unter Traian, “daß wem ein Poet ein
+Carmen widmete, ihm dafür eine Verehrung machte; jetzt aber ist mit
+anderen stattlichen Dingen vor allem auch dies abgekommen, und es kommt
+uns albern vor, uns feiern zu lassen.” Dies ist nur eine einzelne
+Konsequenz einer tiefgreifenden sozialen Revolution ^13. Die Diarchie,
+die Augustus begründet, die Samtherrschaft des Kaisers und des Senats,
+offenbart sich auf diesem Gebiet noch energischer als in der
+eigentlichen Politik. Die Epoche von der Actischen Schlacht bis zum
+Vierkaiserjahr, das julisch-claudische Saeculum, bezeichnet Tacitus als
+die Glanzzeit der römischen Aristokratie. Die alten reichen oder
+erlauchten Häuser wetteiferten in großartigem Prunk; man warb noch um
+die Stimmen der Bürgerschaft, um die Ehrenbezeugungen der Provinzen und
+der abhängigen Könige, um eine stattliche Klientel. Das Rom der
+augustischen und der claudischen Zeit erinnert vielfach an das der
+Päpste und der Kardinäle des sechzehnten Jahrhunderts; das Kaiserhaus
+war in der Tat nur das erste unter vielen strahlenden Gestirnen. Aber
+dieser Wetteifer hatte vielfach den ökonomischen Ruin im Gefolge; die
+Dezimierung der Aristokratie unter den nächsten Nachfolgern des
+Augustus traf vorzugsweise die großen Vermögen und führte zu deren
+Zertrümmerung; die neuen durch Vespasian aus den Landstädten nach Rom
+verpflanzten Senatoren brachten die bürgerliche Sparsamkeit mit sich,
+und die alten glänzenden Traditionen der Lentuler und der Pisonen
+ersetzten sich nicht. Der Senat, dem Plinius und Tacitus angehörten,
+ist wohl nicht minder reich gewesen wie derjenige, in dem Piso und
+Seneca saßen; aber wie das Bewußtsein oder, wenn man will, die Illusion
+des Mitregiments allmählich schwand und die Monarchie in allen ihren
+Konsequenzen sich geltend machte, so kam auch die Vermögensverwaltung
+der vornehmen Welt von fürstlicher Freigebigkeit und fürstlicher
+Verschuldung zu dem gewöhnlichen bequemen und soliden Lebensgenuß des
+festbegründeten Reichtums.
+
+————————————————————————————
+
+^1 Plin. 13, 92.
+
+^2 Sen. benef. 2, 27.
+
+^3 Dio 60, 34.
+
+^4 Tac. ann. 13, 42; Dio 61, 10.
+
+^5 Mart. epigr. 4, 54, 7.
+
+^6 vita 10.
+
+^7 Die Angabe Olympiodors (p. 44 Müller), daß zahlreiche Häuser Roms je
+4000 Pfund Gold (ανά τεσσαράκοντα χρυσού κεντηνάρια), ungerechnet die
+etwa ein Drittel der Summe erreichenden Naturallieferungen, die Häuser
+zweiten Ranges 1500 bis 1000 Pfund Gold an Einkünften bezogen hätten,
+kann nur in der oben angegebenen Beschränkung richtig sein, da die
+Einkünfte doch nicht von 1500 auf 4000 gesprungen sein werden. 4000
+Pfund Gold Einkünfte geben nach alter Rechnung, das Goldpfund zu 4000
+Sesterzen gerechnet und mit 5 Prozent kapitalisiert, ein Vermögen von
+320 Mill. Sesterzen, wozu dann die Naturalabgaben kommen.
+
+^8 In der lustigen Geschichte, die der Arzt Galenus (13 p. 636 Kühn)
+“ohne Namen zu nennen” erzählt, von dem Römer, “der nicht mehr als 5
+Mill. Denare Vermögen hat”, wird dieser medizinische Amateur, der es
+unter seiner Würde hält, sich billiger Rezepte zu bedienen, keineswegs
+als ein armer Mann bezeichnet, sondern vielmehr immer “der Reiche”
+genannt, aber wohl entgegengesetzt den “noch viel Reicheren oder den
+Königen”, welche mit recht teuren Rezepten zu versehen hier Galenus
+seine Kollegen instandsetzt. Noch weniger dürfte aus der Anekdote bei
+Epiktetos (diss. 1, 26, 11) gefolgert werden, daß ein Vermögen von 1½
+Mill. Denaren jemals ernsthaft als Armut betrachtet worden ist. Ebenso
+wird, wenn der jüngere Plinius (epist. 2, 4) von seinen modicae
+facultates spricht, in Anschlag zu bringen sein, daß der gebildete
+Reiche sich nicht gern selbst so nennt.
+
+^9 Plin. epist. 33, 135. Ähnlich läßt Martialis (epigr. 4, 37) den
+reichen Mann, der seine Gäste mit der Aufzählung seiner Reichtümer
+langweilt, erst die an verschiedene Leute ausgeliehenen Summen,
+zusammen etwa 3 Mill., aufführen, dann die Renten aus Häusern und
+Grundstücken mit 3 Mill., dann die der Weiden von Parma mit 600000
+Sesterzen. In einem anderen Epigramm 5, 13 vergleicht er sein
+bescheidenes Dichterlos mit dem eines Reichen, dem die Kasten der
+Freigelassenen, das heißt der städtischen Geschäftsleute, der Boden
+Ägyptens und die Weiden von Parma zinsen.
+
+^10 Mart. 14, 122.
+
+^11 schol. Iuv. zu V, 109.
+
+^12 epist. 3, 21.
+
+^13 Tac. ann. 3, 55.
+
+————————————————————————————
+
+Wenngleich bei der Ausdehnung des römischen Staates unter den Kaisern
+und bei der Mannigfaltigkeit seiner Bestandteile die wirtschaftlichen
+Fragen im besonderen nur nach diesen Bestandteilen einigermaßen
+genügend gewürdigt werden können, so bleibt doch einmal auch noch in
+dieser Periode Italien so sehr das herrschende Gebiet, daß dessen
+wirtschaftliche Verhältnisse in gewissem Sinne immer noch die des
+Reiches sind; andererseits aber sind doch als Ursache wie als Ergebnis
+eine Reihe von Momenten hier zu verzeichnen, welche nur in einer
+allgemeinen, Italien vorzugsweise, aber daneben das Reich überhaupt
+berücksichtigenden Erörterung zu ihrem Rechte gelangen.
+
+In erster Reihe steht hier der Gegensatz des großen und des kleinen
+Bodeneigentums, wobei zunächst abzusehen ist von der wirtschaftlichen
+Form der Nutzung. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der griechischen
+wie der römischen Welt gehen vom Kleinbesitz aus und streben zum
+Großbesitz; außer den allgemeinen, noch heute in gleicher Richtung
+wirkenden Ursachen kommen hier noch besonders in Betracht die der
+Bildung des Großkapitals förderliche Sklaveninstitution und die die
+ganze alte Welt beherrschende Tendenz, die Rentenziehung durch
+Grundbesitz als die sicherste und anständigste, der freien Entwicklung
+des Mannes bürgerlich wie intellektuell günstigste zu betrachten. Diese
+Richtung auf Steigerung des Großbesitzes waltet wie in der Gemeinde der
+Stadt Rom so auch in der Reichsbürgerschaft der Kaiserzeit ohne
+Unterschied der Provinzen; die Latifundien, wie die Großbesitzungen in
+der Kaiserzeit genannt zu werden pflegen, bilden sich in Italien wie in
+Gallien, Afrika, Syrien mit einer Notwendigkeit, die von dem
+Naturgesetz sich kaum wesentlich unterscheidet. Daß die hierfür
+maßgebenden Ursachen in der Kaiserzeit stärker wirkten als früher, wird
+im allgemeinen nicht behauptet werden können.
+
+Der Konzentrierung der Kapitalien in wenigen Händen war die spätere
+Epoche der Republik und die augustische Zeit wahrscheinlich günstiger
+als die folgenden Epochen, und der schnelle Wechsel der großen Häuser,
+den im Gegensatz zu jener Periode die spätere Kaiserzeit aufweist, muß
+notwendig eine, man möchte sagen periodische Zerschlagung der großen
+Vermögen herbeigeführt und eine gewisse, allerdings in hohem Grade
+bedenkliche Schranke gegen die Akkumulation des Großvermögens und
+insbesondere des Großeigentums gebildet haben.
+
+Sehr verständig hielt die Regierung daran fest, der faktischen
+Konzentrierung des Grundbesitzes die rechtliche Geschlossenheit nicht
+zu gewähren; die Gesetzgebung hielt unentwegt durch alle Krisen und
+allen Verfall an dem Grundsatze fest, daß der Grundbesitz dem Verkehr
+nicht auf die Dauer entzogen werden kann, und gibt sich nicht dazu her,
+der Deszendenz den Grundbesitz des Aszendenten für die Zukunft zu
+sichern. Daß dieser bei weitem nicht in ihrem vollen Inhalt gewürdigten
+Aufrechthaltung der freien Veräußerung und der unbedingten Teilbarkeit
+des Grundbesitzes die mangelhafte Geschlossenheit und die fortdauernde
+Kleinbewirtschaftung auch des Großgrundbesitzes entgegenkommt, wird
+weiterhin ausgeführt werden.
+
+Nur in einer Richtung tritt mit der Einführung der Monarchie eine
+wesentliche Abweichung von dem früher befolgten System ein: es betrifft
+dies den Grundbesitz in toter Hand. Die Republik, insbesondere die
+spätere, hat denselben in engen Grenzen gehalten, praktisch eigentlich
+nur angewandt, um den Stadtgemeinden die ökonomische Existenz dauernd
+zu sichern. Diese allerdings sind für ihre Ausgaben in republikanischer
+wie in der Kaiserzeit in erster Reihe angewiesen auf die
+Liegenschaften, von denen sie entweder einen festen Zins beziehen oder
+die sie geradezu als Eigentümer im Wege der Verpachtung verwerten; und
+ein beträchtlicher Teil des Bodeneigentums im ganzen Reich steht also
+im Eigentum der städtischen Gemeinden oder auch der einzelnen, an diese
+sich anlehnenden Korporationen. Aber für den Staat selbst besteht diese
+Einrichtung nicht. Der Grundsatz der römischen Demokratie, daß das
+Bodeneigentum des Staats wesentlich bestimmt sei, zum Kleinbesitz
+aufgeteilt zu werden, wird in der Kaiserzeit in Italien vollständig
+durchgeführt und auch in den Provinzen mehr und mehr realisiert, so daß
+selbst das in denselben noch nicht aufgeteilte Land mehr als Bittbesitz
+der zeitigen Inhaber denn als eigentlich auf die Dauer rentierendes
+Staatsgut angesehen wird; wenigstens tatsächlich erscheinen die von dem
+Provinzialboden an den Staat fließenden Bezüge nicht mehr als
+Bodenrente, sondern als Steuer. Dagegen tritt mit der Monarchie
+sogleich auch die Domäne ein, das heißt, das dem Inhaber des Prinzipats
+zustehende und von ihm nach den Regeln des Privatrechts genutzte
+Bodeneigentum wird dem Verkehr entzogen und dem jedesmaligen Nachfolger
+zu gleichem Recht überwiesen. Den sehr verschlungenen Wegen, auf denen
+die Umwandlung des Privateigentums des Prinzeps in Krongut
+herbeigeführt worden ist, kann hier nicht nachgegangen werden;
+rechtlich und tatsächlich stellt sich dies Verhältnis schon unter
+Augustus fest und ist wahrscheinlich zunächst daraus hervorgegangen,
+daß er Ägypten rechtlich als Nachfolger der Ptolemäer übernahm und der
+hier uralte Begriff des für Rechnung des Landesherrn bewirtschafteten
+Bodeneigentums sich dann auf das gesamte Reich übertrug.
+
+Ziehen wir für die Großwirtschaft der Kaiserzeit im allgemeinen die
+Summe, so zeigt diese eine stetige Zunahme derselben, welcher aber das
+Korrektiv der freien Lösbarkeit nicht fehlt und als neues Moment das
+Eintreten des “Ersten der Bürger” als des ersten Großgrundbesitzers ein
+für allemal.
+
+In Italien kamen verschiedene Momente hinzu, die den Großgrundbesitz in
+besonderer Weise steigerten. Daß die vermögenden Leute von selbst
+vorzugsweise nach der Hauptstadt oder wenigstens nach Italien zogen,
+welches an den Annehmlichkeiten der hauptstädtischen Existenz bis zu
+einem gewissen Grade teilhatte, versteht sich von selbst. Die
+Bestimmung, daß die politische Laufbahn nur dem in Italien ansässigen
+Reichsbürger eröffnet ward ^14, mußte, soweit der Provinziale rechtlich
+zu derselben zugelassen war oder im Laufe der Zeit ward, geradezu als
+eine an die angesehensten Familien daselbst gerichtete Aufforderung
+erscheinen, ihren Wohnsitz nach Italien zu verlegen; und es ist davon
+in immer steigendem Umfang Gebrauch gemacht worden. Daß diese
+Übersiedelung mehr oder minder mit der Erwerbung italischen
+Großgrundbesitzes verbunden war, liegt in der Sache; förmlich
+vorgeschrieben ist es seit Traian, daß wenigstens der Senator den
+dritten, später den vierten Teil seines Vermögens in italischem
+Grundbesitz anzulegen hat ^15. Noch unmittelbarer griffen hier die
+Bestimmungen ein, welche zunächst gerichtet waren gegen den
+überschuldeten Grundbesitz und dafür den Weg gingen, das nicht
+fundierte Kapital zur Fundierung zu zwingen, indem die verzinsliche
+Anlage von Geldern in Rom und Italien nur bis zu einer gewissen Quote
+des von dem Gläubiger in italischem Grundbesitz angelegten Kapitals
+verstattet ward. Sie rühren her vom Diktator Caesar; unter Augustus,
+wie es scheint, außer Anwendung gelassen, sind sie unter Tiberius im
+Jahre 33 in großem Umfang durchgeführt worden, indem von dem Bankier
+damals der Nachweis des doppelten fundierten Kapitals gefordert ward
+und auf diese Weise ungeheure Summen zur Anlage in italischem
+Grundbesitz genötigt wurden ^16. Daß diese Vorschriften späterhin außer
+Kraft traten, berechtigt nichts anzunehmen; auf die Provinzialen sind
+sie gewiß nicht erstreckt worden, sondern gehören zu den ökonomischen
+Privilegien, in welche die alte Vormachtstellung Italiens in der
+Kaiserzeit sich auflöst.
+
+————————————————————-
+
+^14 Da nach republikanischer Ordnung der Senator verpflichtet war, in
+der Sitzung zu erscheinen, und für die Ladung bestimmte Vorschriften
+bestanden, so wird die für die Munizipien bestehende Ordnung, daß das
+Ratsmitglied in der Stadt oder doch innerhalb der Bannmeile wohnen muß
+(Eph. epigr. II, 134), vermutlich altes Recht sein. Aber direkter
+Gebrauch ist davon außer in besonders gefährlichen Zeiten (Liv. 36, 3;
+43, 11) nicht gemacht worden; und schwerlich trat bei Zuwiderhandeln
+eine andere Folge ein als die Löschung des Namens von der Liste. Ob
+diese Bestimmung in der Kaiserzeit wieder aufgenommen ward, ist nicht
+bekannt. Das Augustische Edikt, das dem Senator vorschrieb, Italien
+nicht anders als nach eingeholtem Urlaub zu verlassen, welches später
+zuerst für die aus Sizilien, dann im Jahre 49 auch für die aus der
+Narbonensis gebürtigen Senatoren außer Kraft gesetzt ward, aber sonst
+in Geltung blieb (Dio 52, 42; Tac. ann. 12, 23), hat wohl an jene
+Vorschriften angeknüpft, aber ist rechtlich und mehr noch faktisch auf
+jeden Fall eine Neuerung.
+
+Daß mit der Erteilung des Ritterpferdes eine ähnliche Verpflichtung
+verbunden war, ist sehr wahrscheinlich, nicht wegen der Notiz bei
+Tacitus (ann. 6, 14), sondern wegen der Verwendung derselben bei den
+Geschworenengerichten.
+
+^15 Plin. epist. 6, 19; vita Marci 11.
+
+^16 Suet. Tib. 48. Tac. ann. 6, 17, wo die Interpunktion zu ändern ist:
+hinc inopia rei nummariae commoto simul omnium aere alienor et quia tot
+damnatis (nicht infolge der von den Wechslern vorgenommenen
+Kreditbeschränkung, sondern infolge der Seianischen Prozesse) bonisque
+eorum divenditis signatum argentum fisco vel aerario attinebatur, ad
+hoc senatus praescripserat duas quisque fenoris partes in agris per
+Italiam collocaret (d. h. da das bare Geld augenblicklich knapp war,
+war das Maß der Possessionen hoch gegriffen, in der Voraussetzung, daß
+der einzelne verschuldete Besitzer für seine Schulden seine Grundstücke
+leisten werde), debitores totidem aeris alieni statim solverent (dieser
+Satz ist sachlich aus Sueton hinzuzunehmen, vielleicht sogar bei
+Tacitus bloß ausgefallen). Dies schlug aber fehl. Die Kreditoren
+forderten trotz dessen die vollen Beträge, und ihres Kredits wegen
+wagten die Schuldner sich nicht auf das Moratorium zu stützen; borgen
+aber konnten sie nicht, da die Bankiers ihr bares Kapital für die ihnen
+aufgezwungenen Käufe nötig hatten, und verkaufen nur unter dem Preis,
+teils da allzu viel Grundstücke zugleich auf den Markt kamen, teils wer
+verkaufen mußte, schlechte Preise bedang. Da trat der Kaiser ein, indem
+er den bedrängten Grundbesitzern bei gehöriger Sicherheitsstellung den
+Betrag von 100 Mill. Sesterzen (22 Mill. Mark) auf drei Jahre
+unverzinslich hingab.
+
+Übrigens kann die Bestimmung unmöglich allgemein gewesen sein; auf
+jeden Fall richtete sie sich nicht gegen den Geschäftsmann überhaupt,
+sondern gegen Senatoren und Ritter und war vielleicht förmlich auf
+diese beschränkt. Durchführbar war sie insofern, als dem Kläger, dem
+vor den Geschworenen der Nachweis gelang, daß jemand mehr Geld verborgt
+als fundiert habe, eine bedeutende Geldbelohnung ausgesetzt war.
+
+————————————————————-
+
+Wenn also in Italien der Großgrundbesitz früher als in den Provinzen
+und in stärkerem Verhältnis den Kleinbesitz überwog, so gilt von dem
+Domanialbesitz das Umgekehrte, sofern darunter das werbende Gut
+verstanden wird. Die kaiserlichen Luxusbesitzungen finden sich
+selbstverständlich vorzugsweise in Italien, vor allem natürlich in Rom
+selbst sowie in der Umgegend der Hauptstadt und in der Badegegend von
+Baiae, wo kein beliebter Villeggiaturort ohne kaiserliche Villen ist
+und manche derselben, wie die von Alba, Antium, Tibur, Baiae, an Umfang
+den Städten, an Pracht dem städtischen Kaiserpalast nicht nachstanden.
+Aber der eigentlich wirtschaftliche Domanialbesitz ist in Italien wohl
+auch in stetigem Zunehmen, aber doch verhältnismäßig untergeordnet
+gewesen und geblieben ^17. Es muß durch Erbschaft und Konfiskation und
+sonst eine Masse italischen Großgrundbesitzes vorübergehend
+kaiserliches Eigentum geworden sein, wie denn auch derartige
+Massenverwaltungen mehrfach begegnen ^18; aber allem Anschein nach hat
+der Fiskus den vermutlich gering rentierenden italischen
+Großgrundbesitz regelmäßig wiederveräußert. Nur die offenbar sehr
+einträglichen großen Ziegeleien in der Nähe Roms und an anderen
+geeigneten Orten Italiens sind allmählich in großem Umfang in
+kaiserlichen Besitz gekommen und im Domanialgut festgehalten worden.
+Die relative Geringfügigkeit des Domanialbesitzes in Italien und das
+Fehlen großer und außerhalb des Munizipalverbandes stehender
+Domanialverwaltungen darf auch zu den ökonomischen Privilegien gezählt
+werden, die Italien wenigstens bis auf Severus genoß. Die ungeheure
+Steigerung, welche die Domanialwirtschaft durch diesen Kaiser erfuhr,
+hat sich wahrscheinlich auch auf Italien erstreckt, unter dem überhaupt
+die privilegierte Stellung Italiens anfängt zu schwinden. Im vierten
+Jahrhundert steht in der Domanialverwaltung Italien auf einer Stufe mit
+den übrigen Reichsgebieten und zeigt sich auch auf diesem Gebiet dessen
+Einreihung unter die Provinzen.
+
+————————————————————————————
+
+^17 Wenn Tacitus (ann. 4, 7) für das frühere Regiment des Tiberius
+rühmend die rari per Italiam Caesaris agri hervorhebt, so ist der
+Gegensatz dazu wohl weniger der dauernde italische Domanialstand der
+späteren Zeit als die Epoche der Seianischen Konfiskationen. Es fehlt
+nicht an vorseverischen Zeugnissen für kaiserliche Domänen in Italien,
+auch abgesehen von dem Luxusbesitz und den Figlinen. Beide
+Alimentarurkunden, die von Benevent wie die von Veleia, nennen den
+Kaiser mehrfach unter den adfines. Die saltus Galliani der achten
+Region (Plin. nat. 3, 15, 118) sind kaiserlicher Großbesitz und werden
+von Plinius unter den Gemeinden aufgezählt; sie sind offenbar der Kern
+der res privata regionis Ariminensium oder Flaminiae, die später in
+Italien am meisten hervortritt (Hirschfeld, Verwaltungsgeschichte, S.
+45).
+
+Die Sommerweiden in Samnium sowie die darauf befindlichen großen
+Schafherden standen wenigstens unter Marcus im kaiserlichen Besitz (CIL
+IX, 2438). Von den dazugehörigen apulischen Winterweiden muß dasselbe
+gegolten haben, vielleicht bezieht sich darauf der procurator
+s(altuum?) A(pulorum?) CIL IX, 784 und der procurator regionis
+Calabricae CIL X, 1795 und ist der spätere procurator rei privatae per
+Apuliam et Calabriam sive saltus Carminianensis (Not. occ. 12, 18)
+daraus hervorgegangen; wenigstens gehört der saltus gewiß in ältere
+Zeit. Überdies war natürlich auch mit den nicht zunächst für den Ertrag
+eingerichteten Villen immer eine gewisse Wirtschaft verbunden.
+
+^18 Der procurator ad bona Plautiani (CIL III, 1464) und später der
+comes Gildoniaci patrimonii (Not. occ. 12, 5); andere Beispiele bei
+Hirschfeld, Verwaltungsgeschichte, S. 25 (2. Aufl., S. 126 ff., vgl.
+Beiträge zur alten Geschichte, Bd. 2, S. 287ff.). Diese Massen werden
+italischen Grundbesitz wenigstens mit umfaßt haben.
+
+————————————————————————————
+
+Langsamer als in Italien, aber nicht minder stetig steigert sich der
+Großgrundbesitz in den Provinzen. Was über die einzelnen zu bemerken
+ist, ist in den betreffenden Abschnitten dargelegt; hier mag nur, um
+den Umfang derselben, der auch und vor allem ein politischer Faktor
+ist, einigermaßen zu veranschaulichen, eine der Diatriben stehen,
+welche einer, der die Dinge kannte und der vor allem sich selber
+predigte, der Minister Neros, Seneca (epist. 89, 20), in dieser
+Hinsicht vorbringt: “Vernehmt, ihr reichen Männer, einmal ein ernstes
+Wort, und weil der einzelne davon nichts hören mag, so sei es
+öffentlich gesagt. Wo wollt ihr euren Besitzungen die Grenzen setzen?
+Der Bezirk, der einst eine Gemeinde faßte, dünkt jetzt dem einen
+Grundherrn eng. Wie weit wollt ihr eure Ackerfluren ausdehnen, wenn für
+die einzelne Wirtschaft der Raum einer Provinz euch zu klein scheint?
+Namhafte Flüsse nehmen ihren Lauf durch eine einzige Privatbesitzung
+und große völkerscheidende Ströme sind von der Quelle bis zur Mündung
+eines und desselben Eigentümers. Ihr seid nicht zufrieden, wenn euer
+Grundbesitz nicht Meere umschließt, wenn nicht jenseits des
+Adriatischen und des Ionischen und des Ägäischen Meeres euer Meier
+ebenfalls gebietet, wenn nicht die Inseln, die Heimaten der gefeierten
+Helden der Sage unter euren Besitzungen beiläufig figurieren und was
+einst ein Reich hieß, jetzt ein Grundstück ist.” Das ist wohl Rhetorik,
+aber auch Wahrheit. Im übrigen soll hier im allgemeinen nur darauf noch
+hingewiesen werden, daß der Großgrundbesitz nicht bloß das ganze Reich
+in immer steigendem Maße beherrschte, sondern auch sich zu einer
+gewissen Gleichartigkeit entwickelte und insofern ohne Zweifel einer
+der mächtigsten Träger der nivellierenden Zivilisation der Kaiserzeit
+gewesen ist. Indem teils das italische Großkapital auch in den
+Provinzen Grundeigentum erwirbt, teils die durch Reichtum
+hervorragenden provinzialen Familien mehr und mehr nach Rom gezogen
+werden, stellt sich für den Großgrundbesitz des ganzen Reiches in der
+Wirtschaft wie im Luxus eine gewisse Gleichförmigkeit ein, die mehr
+durch die örtliche Bedingtheit als durch die verschiedene
+Lebensgewohnheit der Besitzer eingeschränkt wird. Das afrikanische
+Herrenhaus hatte seine Palmen für sich wie das rheinische seine
+Heizeinrichtungen; aber die Darstellungen des vornehmen Landlebens, wie
+sie kürzlich im Tal des Rummel in Numidien ^19 in den Mosaiken des
+dazugehörigen Badegebäudes zum Vorschein gekommen sind, der prachtvolle
+getürmte Palast, der schattige Garten, in dem die Dame des Hauses
+sitzt, der Stall mit edlen Rennpferden, das Jagdgehege, die berittenen
+Jäger mit ihren Hunden und die zuschauenden Damen, die Fischteiche, die
+Literaturecke (filosofi locus) gehören nicht der afrikanischen, sondern
+der gesamten Reichsaristokratie gleichmäßig an, und die Gegenstücke
+dazu finden sich in allen Provinzen. Ebenso muß, je mehr die
+Großgrundbesitzer aufhörten, Provinzialen zu sein, auch die
+Wirtschaftsweise sich ins Gleiche gesetzt haben. Auch die agronomischen
+Schriften der Epoche zeigen dies; Columella unter Nero schreibt
+zunächst für das italische Landgut, aber die Abweichungen der
+Wirtschaft in Baetica, Gallien, Kilikien, Syrien, Ägypten, Numidien
+sind ihm völlig geläufig und werden öfters erwähnt. Es waren zumeist
+Fremde, überwiegend Italiener, welche im Auftrag der Eigentümer überall
+den Betrieb leiteten und mehr oder minder die örtliche Wirtschaftsweise
+durch die allgemeine, im ganzen wohl rationellere ersetzten. Die
+unbegreiflich rasche und intensive Romanisierung Afrikas in der
+Kaiserzeit hängt ohne Zweifel damit zusammen, daß der Großgrundbesitz
+wohl in keiner zweiten Provinz sich mit gleicher Energie entwickelt
+hat.
+
+——————————————————————————
+
+^19 CIL VIII, 10889-10891.
+
+——————————————————————————
+
+Wie der kaiserliche Großgrundbesitz provinzialen Ursprungs zu sein
+scheint, so hat er auch hauptsächlich in den Provinzen seinen Sitz
+gehabt, insbesondere in dem prokonsularischen Afrika, worüber in dem
+betreffenden Abschnitt gehandelt ist. Dabei spielten in den Provinzen
+die Bergwerke und die Marmorbrüche dieselbe Rolle wie in Italien die
+Ziegeleien: sie standen dem Rechte nach unter denselben Regeln wie
+jedes andre Bodeneigentum, aber die Kaiser strebten dahin, dieselben
+dem Domanialbesitz einzuverleiben, und es ist dies allmählich in allen
+Provinzen in weitem Umfang durchgeführt worden. Im allgemeinen ist auch
+hier hervorzuheben die ungeheure quantitative Ausdehnung des
+Domanialguts, welche unter Severus eingetreten ist, wozu allerdings die
+Massenkonfiskation wesentlich beigetragen hat, die der Kaiser der
+illyricanischen Soldaten gegen die beiden rivalisierenden und
+überwundenen Militärparteien verfügte, die aber doch in der Hauptsache
+als eine konstitutive Änderung der Finanzorganisation aufzufassen ist,
+gewissermaßen als Emanzipation der Regierung von den Steuererträgen
+durch Ersetzung derselben durch den Ertrag der neu geschaffenen
+Domänen. In welchem Umfang dies geschehen ist, davon gibt einigermaßen
+einen Begriff, daß für das neue Domanialgut (res privata principis) ein
+zweiter dem des bisher bestehenden (patrimonium principis) in der
+Rangordnung vorgehender Oberdirektor eingesetzt ward, dessen
+administrative Bedeutung in dem Gehalt von 300000 Sesterzen (65000
+Mark), dem höchsten mit einer kaiserlichen Prokuration verbundenen,
+ihren Ausdruck findet und aus dem in den Ordnungen des 4. Jahrhunderts
+der eine der beiden Reichsfinanzminister hervorgegangen ist.
+
+Je mehr der Rückgang des Kleinbesitzes im Lauf der natürlichen
+Entwicklung lag, desto entschiedener ist er zu allen Zeiten als
+nachteilig für das Gemeinwesen erkannt worden: man sah darin weit mehr
+den Verfall der guten alten Ordnung als die natürliche Entwicklung der
+Dinge; und es gilt dies von der Kaiserzeit nicht minder wie von
+derjenigen der Gracchen. Es ist ein wohlunterrichteter Schriftsteller,
+ein erfahrener Beamter aus der Zeit Vespasians, der die damaligen
+Verhältnisse in die Worte zusammenfaßt, daß der Großgrundbesitz Italien
+zugrunde gerichtet habe und jetzt im Zuge sei, die Provinzen ebenfalls
+zugrunde zu richten. Inwieweit in dieser Epoche versucht worden ist,
+das Einschwinden des Kleinbesitzes zu hemmen, ist nur. darzulegen.
+
+Eins der wichtigsten Momente in dieser Hinsicht ist bereits erwähnt
+worden: die Rückbildung des Großgrundbesitzes zum Kleinbesitz ist nicht
+bloß gesetzlich offengehalten worden, sondern hat auch auf natürlichem
+Wege sich in nicht unbedeutendem Maße vollzogen. Der römische
+Großgrundbesitz ist in weit höherem Grade fluktuierend gewesen als der
+heutige, nicht bloß weil er nie zu rechtlicher Geschlossenheit und nur
+annähernd zu örtlicher gelangt ist, sondern auch weil der durch
+Übertragungssteuern gar nicht und durch die Sitte wenig beschränkte
+Besitzwechsel und die fortdauernde Kleinwirtschaft in zahlreichen
+Fällen vom Groß- zum Kleinbesitz führte. Erbteilung und Konkurs,
+Einzelverkauf und Einzelschenkung müssen häufig die Auflösung
+bestehender Güterkomplexe oder die Ablösung einzelner Parzellen
+herbeigeführt haben. Die weit über die heutige Sitte hinausgehende
+Häufigkeit der Vermächtnisse, namentlich auch zu Gunsten abhängiger
+Leute, hat vermutlich oft den Kleinbesitz begründet; wenn auch
+meistenteils dieselben in Geld oder beweglichem Gut gegeben wurden, so
+wird doch mancher vermögende Mann diesem oder jenem Besitzlosen ein
+Gütchen hinterlassen haben ^20. Selbst das bäuerliche Emporarbeiten
+durch den Fleiß und das Geschick der Hände zu eigenem Besitz ist nicht
+ausgeschlossen. Ein solcher aus Afrika berichtet uns in ebenso
+ungeschickten wie ehrlichen Versen ^21, wie er erst als gemeiner
+Schnitter zwölf Jahre, dann elf weitere als Vormann der Schnitterschar
+unter der glühenden Sonne gearbeitet habe und so dazu gelangt sei, ein
+eigenes Stadt- und Landhaus in einer der kleinen dortigen Landstädte zu
+erwerben und sogar in den Rat derselben und zu Ämtern und Würden zu
+gelangen. Er ist sicher nicht der einzige seines Schlages gewesen. Wenn
+die römische Demokratie davon ausgegangen ist, die Steigerung des
+Kleinbesitzes auf mehr oder minder revolutionärem Wege herbeizuführen,
+so haben wenigstens die Anhänger des Prinzipats dessen demokratische
+Herkunft nicht verleugnet, ja dergleichen Maßregeln in Italien in einer
+Weise durchgeführt, vor denen Gaius Gracchus und Caesar selbst
+erschrocken sein würden.
+
+———————————————————————-
+
+^20 Auf der Alimentarurkunde von Veleia sind die meisten kleinen
+Grundeigentümer nicht im Besitz einheitlicher alter Erbgüter, sondern
+solcher, die aus Mengstücken zusammengesetzt und wahrscheinlich aus
+einem Großgrundbesitz ausgeschieden sind.
+
+^21 Eph. epigr. V, p. 277 [CIL VIII, S. n. 118241.
+
+———————————————————————-
+
+Die italischen Landanweisungen nach dem Sieg des Dreiherrn Antonius wie
+des Caesars bei Philippi und weiter nach dem Siege Caesars über
+Antonius bei Actium erfolgten auf Kosten des Privateigentums und gingen
+insofern einen sehr verschiedenen Weg; aber das Ergebnis, man darf
+vielleicht hinzusetzen das Ziel war das der Gracchischen Bewegung: es
+wurden nicht bloß die Besitzer gewechselt, sondern es trat vielfach an
+die Stelle des im Laufe der Zeit entwickelten Großgrundbesitzes
+wiederum der Kleinbesitz der Adsignation. Wenn Augustus in seinem
+Rechenschaftsbericht mit Stolz hinweist auf die 28 volkreichen und
+blühenden italischen Städte, die von ihm gegründet seien und zu denen
+noch zehn bis zwölf andere in der gleichen Zeit anderweitig gegründete
+hinzutreten, so darf dies allerdings, was auch sonst darüber geurteilt
+werden möge, als eine wirksame Steigerung des italischen Kleinbesitzes
+bezeichnet werden.
+
+Aber auf dem gleichen revolutionären Weg konnte Augustus selbst nach
+der Konstituierung des Prinzipats und konnten die späteren Herrscher
+nicht fortgehen. Je mehr der Prinzipat aus der Revolution
+hervorgegangen war, desto mehr war es Lebensbedingung für denselben,
+die Revolution zu schließen; das Privateigentum ist nie heiliger
+gehalten worden als in dem Italien des Prinzipats. Nicht einmal die
+Feldherren, welche mit den provinzialen Heeren sich die Herrschaft in
+Italien erstritten, Vespasian und Severus, haben daran gerührt. Damit
+waren umfassende Maßregeln zur Herstellung von Kleinbesitz für Italien
+ausgeschlossen. Wohl waren bei diesen Adsignationen mehr oder minder
+bedeutende Stücke nicht zur Verteilung gelangt, andere durch erblosen
+Abgang des Empfängers erledigt. Grundstücke dieser Art scheinen es
+gewesen zu sein, welche Nero in Antium und Tarent, Vespasian in
+Lavinium, Paestum, Reate zur Verteilung gebracht hat. Nachdem dann
+Vespasian den größten Teil dieser Reste entweder verkauft oder
+adsigniert und Domitianus endlich alle derartigen noch übrigen
+meistenteils steinigen Ländereien den Inhabern zu vollem Eigentum
+überlassen hatte, gab es Staatsländereien, die zur Verteilung hätten
+gebracht werden können, in Italien überall nicht mehr. Parzellierung
+der kaiserlichen Domänen oder angekauften Landes wäre möglich gewesen;
+aber soviel wir wissen, ist dazu nichts geschehen. Die Gründung neuen
+Kleinbesitzes in Italien durch die Regierung hat damit überhaupt ein
+Ende.
+
+In den Provinzen dagegen ist das Gracchische System von dem Prinzipat
+ein für allemal adoptiert und danach stetig neuer Kleinbesitz ins Leben
+gerufen worden. Unentwegt hielt man fest an der Theorie, daß alles
+nicht von den römischen Behörden adsignierte Land im Eigentum des
+Staats oder des Kaisers stehe, und wenn auch dessen Ausübung zunächst
+praktisch ruhte, die derzeitigen Okkupanten jederzeit ausgetrieben und
+das Land an Kolonisten adsigniert werden könne. In der praktischen
+Ausführung ist auf diesem Wege sowohl in der Form der Adsignation
+innerhalb einer bestehenden Stadtgemeinde, wie im Wege der
+Koloniegründung in den Provinzen Kleinbesitz in das Leben gerufen
+worden. Allerdings ist dabei wohl in manchen Fällen nur ein
+Besitzwechsel eingetreten, insofern der angesiedelte Mann römischen
+oder latinischen Rechts an die Stelle eines peregrinischen Vorbesitzers
+trat; aber der Großbesitz und das Ödland, vielleicht auch die Domäne
+werden doch vielfach für diese Adsignationen den Boden geliefert haben.
+Wir werden uns aber von der Vermehrung, die durch die provinziale
+Landanweisung dem Kleinbesitz des Reiches erwuchs, keine allzu
+übertriebene Vorstellung machen dürfen. Der Gedanke, den Augustus
+ursprünglich gefaßt zu haben scheint, die Veteranenversorgung
+namentlich des Legionärs dadurch zu bewirken, daß ihm eine Bauernstelle
+zugeteilt ward, ist schon von ihm selbst wieder aufgegeben und in eine
+Geldzahlung umgewandelt worden, die wohl nur in der Minderzahl der
+Fälle zur Erwerbung von Kleinbesitz geführt hat; es muß sich wohl als
+unausführbar erwiesen haben, aus dem Veteranen nach dem Ablauf der
+langen Dienstjahre durchgängig einen existenzfähigen Kleinbesitzer zu
+machen. Es wird daher die direkte Anweisung von provinzialem Landbesitz
+wohl nur da mit der Dienstentlassung verbunden gewesen sein, wo
+ausnahmsweise bessere Bedingungen gewährt werden konnten.
+
+In Ermangelung irgendwelcher anderen Zahlen, die das Verhältnis von
+Groß- und Kleinbesitz uns veranschaulichen könnten, mag erwähnt werden,
+daß unter Traian, nach Ausweis der Alimentarurkunden, im
+Beneventanischen das etwa in augustischer Zeit von 90 Kleinbesitzern
+bewirtschaftete Ackerland in 50 Händen war, von denen zwei ein
+Rittervermögen, neun zwischen 400000 und 100000 Sesterzen, die übrigen
+ein Vermögen unter 100000 Sesterzen besaßen, soweit dies Vermögen bei
+jenen Verpfändungen berücksichtigt worden ist. In der Aemilia dagegen
+stellen sich die Verhältnisse viel ungünstiger: unter 52 Grundbesitzern
+hat ein Fünftel Ritterzensus oder mehr, ungefähr ein Drittel zwischen
+400000 und 100000 Sesterzen, etwa die Hälfte unter 100000 Sesterzen;
+auch die Zahl der ursprünglichen Besitzungen, aus welchen jene 52
+Besitzkomplexe hervorgegangen waren, muß verhältnismäßig sehr viel
+größer gewesen sein, als sie in der beneventanischen Tafel sich
+darstellt. Es zeigt sich hier ein überhaupt sehr beträchtliches, in dem
+reicheren nördlichen Italien geradezu erdrückendes Übergewicht des
+Großbesitzes; untergegangen aber ist der Kleinbesitz doch nirgends und
+in den weniger der Spekulation unterworfenen abgelegenen Landschaften
+Italiens noch immer ein wesentliches Element der Bevölkerung.
+
+Die Bodennutzung richtet sich in erster Reihe auf den Ackerbau mit
+Einschluß des Wein- und des Ölbaus und der ähnlichen Nutzungen. Daß in
+dem mehrhundertjährigen sicheren Frieden, den die Monarchie brachte,
+der Feldbau, und insbesondere der italische, im großen und ganzen
+genommen in blühendem Zustande gewesen ist, unterliegt keinem Zweifel.
+Die Einmischung des Staats in den Verkehr durch die Übernahme der
+Versorgung der Hauptstadt war ohne Zweifel ein wirtschaftlicher Fehler;
+Augustus hat dies unumwunden anerkannt und ausdrücklich erklärt, daß
+nur politische Rücksichten ihn bestimmten, daran festzuhalten ^22. Ohne
+Zweifel wäre Ackerbau und Handel dadurch gefördert worden, wenn die
+Versorgung Roms mit Getreide dem freien Verkehr wiedergegeben worden
+wäre. Aber einmal, Rom war doch nicht das Reich, und nicht für den
+ganzen Staat spielt der Herrscher in dieser Weise die Vorsehung.
+Andererseits hatte die Einfuhr überseeischen Getreides namentlich nach
+Rom mit ihren Konsequenzen sich bereits früher festgestellt und war
+sogar durch die Lage und die Entwicklung der Hauptstadt wenigstens
+nachträglich bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt; das Korn, das
+die ackerbauend bleibenden Landschaften der Halbinsel liefern konnten,
+muß der Konsum des übrigen Italien mehr als absorbiert haben. Wein und
+Öl waren fortdauernd Quellen reichen Gewinns. Auch der Ackerbau der
+Provinzen, wo in den sonst fruchtbarsten Gegenden, in Ägypten und
+Numidien, Wein- und Ölbau zurücktraten, muß immer lohnend gewesen sein:
+es ist nicht selten von teuren Kornpreisen, nur ausnahmsweise von
+besonders niedrigen die Rede, so daß im ganzen wohl eher zu wenig als
+zu viel produziert ward. Die Wirtschaft ist entweder Guts- oder
+Bauernwirtschaft. Es wird notwendig sein, beide gesondert zu
+betrachten.
+
+————————————————————————
+
+^22 Die merkwürdige Nachricht bei Suet. Aug. 42 darf nicht auf den
+italischen Ackerbau allein bezogen werden, sondern nur auf den des
+ganzen Reiches. Wären die frumentationes publicae in Rom aufgehoben
+worden, so würde dies den Ackerbau nicht bloß in Italien, sondern
+ebenso und vielleicht mehr in Sizilien, Sardinien, Afrika belebt haben;
+die Vernachlässigung des Ackerbaus in Verlaß auf den Staat, welche
+Augustus beklagt, trifft also ebensosehr die Provinzen, und darum nimmt
+auch Augustus Rücksicht auf die Grundbesitzer und die Kaufleute
+(negotiantes). Die magna sterilitas, welche Augustus zu diesen
+Äußerungen veranlaßte, konnte immer wiederkehren, mochte auch der
+italische Ackerbau noch so sehr gedeihen.; aber wenn der Ackerbau
+allgemein zunahm und der Verkehr sich frei vollzog, war Hoffnung
+vorhanden auf Ausgleichung.
+
+————————————————————————
+
+Die von Columella und Varro geschilderte und gepriesene Gutswirtschaft,
+in unseren Beispielen gestellt auf einen Besitz von 200 Morgen und etwa
+zehn Feldarbeiter, ist insofern Selbstwirtschaft des Besitzers, als
+dieser zwar der Regel nach in der Stadt lebt, aber häufig auf das
+Landgut hinauskommt und den die Wirtschaft unmittelbar leitenden
+unfreien Meier (vilicus) stetig anweist und beaufsichtigt; die
+eigentliche Arbeit beschafft dieser mit den vom Eigentümer gestellten
+Sklaven. Auf größeren Grundbesitz ist diese Wirtschaftsform nicht
+anwendbar, da der Meier alsdann die Aufsicht nicht in genügender Weise
+führen kann; es wird in diesem Fall der Besitz in entsprechende Bezirke
+geteilt und jeder derselben gesondert verwaltet ^23. Diese Wirtschaft
+ist jetzt in vollem und unvermeidlichem Verfall; den Landwirten dieser
+Zeit, vor allem Columella, erscheint sie allerdings noch als
+Musterwirtschaft und wird von ihnen zugrunde gelegt, aber in der Tat
+als eine gewesene Institution oder als ein unerreichbares Ideal. In der
+Tat ist sie mit den realen Verhältnissen nicht mehr in Einklang zu
+bringen. Güterkomplexe von der Ausdehnung und Zerstreuung durch ganz
+Italien und oft genug noch durch manche Provinzen, wie sie in der
+Kaiserzeit sich gestalteten, ließen diese Art der Selbstbewirtschaftung
+nicht mehr zu; sie konnte nur fortgeführt werden, indem an die Stelle
+des Herrn dessen unfreier Geschäftsführer (actor) trat, und damit war
+ihr Wesen zerstört. “Wer ein entlegenes oder gar ein überseeisches
+Landgut kauft”, sagt Columella ^24, “der tritt in der Tat sein Hab und
+Gut seinen Sklaven ab, die durch die Abwesenheit des Herrn notwendig
+verdorben werden, und wenn sie also verdorben sind und gewechselt
+werden sollen, das Gut plündern und zugrunde richten.” Dazu kam das
+allgemeine Erschlaffen der Springfedern des menschlichen Daseins. Die
+vornehme Weit dieser Epoche war sehr viel reicher als die der späteren
+Republik, und unendlich viel gleichgültiger gegen die Mehrung des
+Besitzes; der dem gewaltigen Ringen der republikanischen Welt fern
+liegende Gedanke, daß der Mensch von allem genug haben könne, machte
+wie im Senatssaal so auch in der Vermögensverwaltung sich geltend; die
+Ehre und die Freude an der möglichst besten Ausnutzung auch der
+Glücksgüter, mächtigere Triebe vielleicht im gewerblichen Leben als das
+unmittelbare Bedürfnis, schwanden aus dieser müden Welt. Von der
+anerkannten Tatsache des allgemeinen Rückgangs des Bodenertrags in
+Italien geht Columella aus. Es ist bezeichnend für die unter dem
+Prinzipat herrschenden Stimmungen, daß bei den Landwirten, wenn sie
+ihre Bilanzen zogen, die Meinung Geltung gewann von der Erschöpfung des
+italischen Bodens durch den Erntesegen früherer besserer Zeiten; aber
+freilich macht Columella mit gutem Recht geltend, daß nicht die Natur
+Schuld trage, sondern die Menschen. Niemand, meint er ^25, bemüht sich
+noch um rationelle Kunde des Ackerbaus; man gibt sich nicht einmal die
+Mühe, einen tüchtigen Ackersmann zum Meier zu bestellen, sondern
+schickt die Leute aufs Land hinaus, die als Handwerker nicht mehr den
+Tagelohn abzuliefern vermögen, oder die unbrauchbaren Sänftenträger und
+Lakaien. Das war zu beklagen, aber nicht zu ändern. Die Gutswirtschaft
+der früheren Epoche, die übrigens auch in republikanischer Zeit in
+ihrer vollen Intensität sicher nicht allgemein durchgeführt worden war,
+stirbt wie die anderen republikanischen Institutionen in der Kaiserzeit
+ab; nicht einmal in der Form der Vertretung des Herrn durch den Actor
+scheint sie in großem Umfang sich behauptet zu haben. Die Gutsherren
+gaben die Selbstwirtschaft auf und beschränkten sich durchgängig auf
+die Kontrolle der fremden Händen überwiesenen wirtschaftlichen Leitung.
+
+————————————————————————-
+
+^23 Das Arbeiterpersonal, sagt Columella (1, 9, 7), des einzelnen
+Gutes, die classis oder die decuria, soll zehn Köpfe nicht übersteigen:
+itaque si latior est ager, in regiones diducendae sunt eae classes.
+Allerdings kam in diesem Fall es auch vor, daß die Sklaven in Ketten
+arbeiteten (Sen. benef. 7, 10, 5: vasta spatia terrarum colenda per
+vinctos), wo also diese Wirtschaft der Plantagenform sich nähert.
+
+^24 1, 1, 20.
+
+^25 praef. 12.
+
+————————————————————————-
+
+Die Kleinwirtschaft hat in der Kaiserzeit den Ackerbau allem Anschein
+nach bei weitem mehr beherrscht als unter der Republik. Daß der
+Kleinbesitz auch Kleinwirtschaft ist, versteht sich von selbst; aber
+auch der Großbesitz, der auf die Selbstwirtschaft verzichtet, hat im
+römischen Ackerbau, wie es scheint, so gut wie ausschließlich, die Form
+der Kleinwirtschaft angenommen; von Großpacht findet auf diesem Gebiet
+sich kaum eine Spur ^26. Die Kleinwirtschaft wird bald durch Freie,
+bald durch Sklaven beschafft: der Eigentümer kann die einzelne
+Parzelle, welche er zur Kleinwirtschaft bestimmt, entweder einem freien
+Zeitpächter (colonus) überweisen, der dann dem Grundherrn nur den
+bedungenen Pachtzins zu zahlen hat, oder einen unfreien Meier (vilicus)
+darauf setzen, der dann entweder nach den Regeln der sogenannten
+Pekuliargeschäfte gleich dem Pächter einen festen Zins zahlt oder auch
+mit dem Herrn Einnahme und Ausgabe verrechnet; indes scheint die
+letztere wenig bequeme Form nicht in bedeutendem Umfang vorgekommen ^27
+und über den Grundsatz verfahren zu sein, den Columella ^28 ausspricht,
+daß, wo der Eigentümer die Selbstwirtschaft in der früher bezeichneten
+Weise nicht ausüben kann oder will, es weniger nachteilig ist, mit
+freien Pächtern zu wirtschaften als mit unfreien Meiern. Dies
+Verpachtungssystem ist gewiß auch früher oft genug vorgekommen, aber
+doch nur nebenher und aushilfsweise ^29; jetzt wird es eigentlich
+regelmäßige Form der Bodenwirtschaft. Es zeigt sich dies vor allem in
+der Verschiebung des Sprachgebrauchs: colonus, das heißt der Ackerbauer
+im Gegensatz zum Hirten, wird noch von Cicero und Varro ohne weiteres
+von jedem Landwirt gebraucht, sei er Gutsbesitzer oder Bauer oder
+Pächter, technisch aber in republikanischer Zeit verwendet für den
+kleinen Grundbesitzer, woraus die politische Verwendung des Wortes sich
+entwickelt hat, in der Kaiserzeit dagegen für den selbst
+wirtschaftenden Kleinpächter. Dieser Wechsel in der Beziehung des
+Schlagwortes hat sich im Anfang der Kaiserzeit entschieden; den
+Schriftstellern der neronischen Zeit, dem jüngeren Seneca und dem
+Columella, ist der “Landwirt” bereits synonym mit dem Kleinpächter.
+
+———————————————————————-
+
+^26 Auf den großen afrikanischen Domänen erscheinen die conductores,
+die Pächter des Herrenhauses, und der, es scheint nach Analogie der
+Munizipalordnung, diesem Quasi-Gemeinwesen zustehenden Fronden, neben
+den coloni, den Pächtern der Parzellen. Das letztere Wort wird nie vom
+Großpächter gebraucht.
+
+^27 Belehrend ist ein von Scaevola referierter Rechtsfall (Dig. 20, 1,
+32). Ein Latifundienbesitz wird verkauft. Da ein Teil der Grundstücke
+ohne Pächter ist, so übergibt der Käufer diese seinem actor zur
+Bewirtschaftung, und es werden nun der Meier und die weiter
+erforderlichen Sklaven von diesem darauf gesetzt (Stichus vilicus et
+ceteri servi ad culturam missi et Stichi vicarii); daß letztere im
+Peculium des Meiers stehen, ist charakteristisch dafür, daß dieser den
+Colonus vertritt. Aber deutlich erscheint dies hier als ein
+exzeptionelles Verfahren und als Regel die Verpachtung.
+
+^28 1 7, 6.
+
+^29 Gewiß sind die großen Vermögen der republikanischen Zeit, soweit
+sie in Ackerland bestanden, auch schon vielfach in der Form der
+Kleinpacht genutzt worden. Aber normal war die Gutswirtschaft noch am
+Ende der Republik; aber nicht mehr, als Columella schrieb.
+
+———————————————————————-
+
+Aber auch freigeborene Lohnarbeiter haben nicht gefehlt; die
+arbeitsfähigen Kinder des Kolonen müssen oft in eine solche Stellung
+eingetreten und nicht selten auf diesem Wege dem Vater in der Pacht
+gefolgt sein, wie denn die römischen Landwirte den von Kindesbeinen auf
+dem Gut beschäftigten Kolonen als besonders geeignet bezeichnen. Die
+alte Sitte, namentlich für die Ernte freie Lohnarbeiter zuzuziehen,
+begegnet auch in dieser Epoche, und es ist nicht unmöglich, daß sie in
+den eigentlichen Hauptsitzen des Ackerbaus bedeutende Ausdehnung
+gewonnen und einen eigenen Stand von Tagelöhnern entwickelt hat ^30.
+Daß das neue Wirtschaftssystem an die Stelle der alten Selbstwirtschaft
+oder vielmehr der eigenen Direktion des Eigentümers getreten ist,
+erklärt auch die weitgehende, unter Umständen bis zur
+Wirtschaftsleitung sich steigernde Beteiligung des Grundherrn an der
+Wirtschaftsführung. Der Gutsherr liefert regelmäßig das Inventar, das
+freilich auf die Gefahr des Pächters steht und bei Auflösung der Pacht
+unbeschädigt zurückgegeben oder zum vollen Wert ersetzt werden muß ^31,
+empfängt nicht selten statt des Pachtzinses eine Fruchtquote und
+kontrolliert je nach den Pachtbedingungen im einzelnen Fall den
+Pächter. Die eigentliche Feldarbeit beschaffen regelmäßig die von dem
+Eigentümer dem Pächter gestellten Sklaven; verständige Grundherren
+wirken dahin, daß diese sorgfältig ausgewählt und gut behandelt werden,
+auch dazu gelangen, sich tatsächlich einen Hausstand zu begründen, so
+daß der Bauer sie ungefesselt kann arbeiten lassen und der
+Sklavenzwinger, der nirgends fehlt, nur als Strafe zur Anwendung kommt.
+Die kolossale Ausdehnung dieser Wirtschaftsweise entspricht derjenigen
+des Großgrundbesitzes; es sind sicher keine Redensarten, wenn Seneca,
+der Minister Neros, selbst einer der reichsten Männer seiner Zeit und
+einer der besten Wirte, von den in Italien und in allen Provinzen
+zugleich wirtschaftenden Besitzern spricht ^32 und von ihren nach
+Tausenden zählenden, für einen Mann grabenden und pflügenden Kolonen.
+Es zeigt sich dies weiter darin, daß auch diese Wirtschaft, soweit sie
+eigene Tätigkeit des Eigentümers erheischt, sich wieder selber aufhebt;
+bei entwickeltem Großbesitz übt der Herr auch die Kontrolle der Pächter
+nicht mehr unmittelbar, sondern distriktweise durch seine unfreien
+Geschäftsführer (actores), in noch weiterer Steigerung des Umfangs
+durch die diesen vorgesetzten freien Direktoren (procuratores), wovon
+dann die kaiserliche Domanialverwaltung die höchste Stufe darstellt.
+
+————————————————————————
+
+^30 Die merkwürdige Inschrift von Mactar (Eph. epigr. V, n. 279 = CIL
+VIII, S. n. 11824), welche 7, 345 angeführt ward, rührt von einem
+solchen Feldarbeiter her falcifera cum turma virum processerat arvis
+seu Cirtae Nomados seu Iovis arva petens, demessor cunctos anteibam
+primus in arvis pos tergus linquens densa meum gremia.
+
+^31 Dig. 19, 2, 54, 2.
+
+^32 epist. 87, 7; 89, 20; 114, 26.
+
+————————————————————————
+
+Diese Form der Kleinwirtschaft geht, wie der Großgrundbesitz, zu dem
+sie gehört, gleichförmig durch das ganze Reich und erstreckt sich auch
+auf die kaiserlichen Domänen ohne wesentliche rechtliche Abweichung,
+wenngleich tatsächlich das fiskalische Interesse die Lage der
+kaiserlichen Kolonen wohl gegenüber denen der Privaten günstiger
+gestaltet hat. Daß diese Kleinwirtschaft kein voller Ersatz ist für den
+großenteils durch sie verdrängten Kleinbesitz, bedarf der Ausführung
+nicht: dasselbe Grundstück, das als Kleinbesitz, sei es in Form des
+Sammelbesitzes, sei es mit Realteilung, eine Mehrzahl freier Familien
+ernähren konnte, nährte als Kleinpacht ein für allemal nur die Familie
+des Pächters; und das Selbstgefühl und die Unabhängigkeit, die auch den
+kleinen Grundbesitzer wenigstens adeln können, sind dem Zeitpächter
+notwendig verschlossen. Dennoch darf in der düsteren Geschichte des
+Prinzipats diese wirtschaftliche Gestaltung des Großbesitzes als eine
+der lichteren Seiten bezeichnet werden. Die wirtschaftliche Stellung
+des Kolonen, den die Kapitalkraft des Grundherrn stützte, war weniger
+unsicher als die des Kleinbesitzers, und wie das Verhältnis sich
+entwickelt hatte, führte es wenigstens mit wirtschaftlicher
+Notwendigkeit zur humanen Behandlung der Pächter durch den Grundherrn
+und der Ackersklaven durch den Pächter, ebenso zu einer gewissen
+Vereinigung der Betriebsvorzüge der Groß- und der Kleinwirtschaft. Man
+soll nicht vergessen, daß die alte Bauernwirtschaft erst zur
+Schuldknechtschaft geführt und dann in sich selbst Bankrott gemacht
+hat; nicht vergessen die unmenschliche Wirtschaftlichkeit des
+catonischen Musterguts, das den Sklavenhausstand und die freie Arbeit
+völlig ausschließt. In dieser Kleinpachtwirtschaft lag für die unfreien
+Leute eine erträglichere Existenz und eine gewisse Aussicht, durch
+Wohlverhalten zur Freiheit zu gelangen; es lag ferner in ihr einige
+Garantie für die Verwendung einer wenn auch beschränkten Zahl freier
+Familien in einer wirtschaftlich haltbaren Stellung. Die Armee der
+Kaiserzeit hat allem Anschein nach ganz überwiegend aus diesen
+Kleinpächterfamilien sich rekrutiert. Die mit der neuen Welt
+unzufriedene und die Zustände der republikanischen Zeit, eben weil sie
+unwiederbringlich dahin waren, mehr sehnsüchtig als nachdenklich
+idealisierende Anschauung der vornehmen Kreise Italiens hat auch für
+diese Entwicklung der Bodenwirtschaft nichts als Vorwurf und Klage;
+beide sind nicht unberechtigt, aber hier vor allem gilt das tröstende
+Evangelium der Geschichte, daß aller Verfall auch wieder Entwicklung
+ist.
+
+Neben dem Ackerbau bestand die sonstige Bodenwirtschaft wie früher,
+ohne daß in dieser Hinsicht erhebliche Änderungen zu verzeichnen wären.
+Daß die unproduktive Verwendung des Bodens zu bloßen Luxusanlagen bei
+dem Reichtum und der Hoffart der vornehmen Welt in Italien namentlich
+unter der ersten Dynastie in weitem Umfange stattgefunden hat, ist
+selbstverständlich; von den Villenanlagen, die den Raum ganzer Städte
+einnehmen, spricht Seneca ^33 so gut wie früher Sallustius, und jener
+hebt weiter hervor, daß der richtige Reiche nicht zufrieden ist, bis an
+jedem See, an jedem Strand Italiens, die die Mode konsekriert hat, er
+seine besondere Villeggiatur besitzt, wie dies an den kaiserlichen
+Villen sich im einzelnen verfolgen läßt. In diesen Anlagen ist manches
+große Vermögen verbaut worden; aber daß die Lusthaine und die Villen
+dem Ackerbau den Platz wegnahmen, ist eine Redensart wie andere auch
+^34. Daß der italische Ackerbau unter der Republik durch die Zerstörung
+zahlreicher Städte und die Ausdehnung der Weidewirtschaft eine sehr
+empfindliche Einschränkung erfahren hat, ist früher auseinandergesetzt
+worden; aber wie die bei dem Beginn der Monarchie vorhandenen
+Gemeinwesen mit verschwindenden Ausnahmen unter ihr fortbestanden, so
+hat auch die Bodenwirtschaft, im großen und ganzen genommen, in der
+Kaiserzeit wahrscheinlich sich in dieser rückgängigen Richtung nicht
+weiterbewegt, vielmehr eher den umgekehrten Weg eingeschlagen ^35, wenn
+auch großartige Maßregeln in diesem Sinn, wie die von Caesar in Betreff
+der Pontinischen Sümpfe geplante, nicht zur Ausführung gelangt sind. In
+den Provinzen sind die Deduktionen von Kolonisten gewiß vielfältig in
+der Weise erfolgt, daß dadurch Weide- oder Ödland unter den Pflug kam.
+Allem Anschein nach ist in der Kaiserzeit der Ackerbau nur da
+ausgefallen, wo entweder die Beschaffenheit des Bodens oder die
+Unsicherheit des Besitzes oder der Mangel an Arbeitskräften ihm im Wege
+stand. Daß die Weidewirtschaft regelmäßig Großwirtschaft ist und also
+diese Bodenstücke regelmäßig den Reichen gehören, liegt in der Sache
+und gilt also auch für diese Zeit.
+
+—————————————————————-
+
+^33 epist. 89, 21.
+
+^34 In diesem Sinn sagt Tiberius bei Tacitus (ann. 3, 54): nisi
+provinciarum copiae et dominis et servitiis et agris subvenerint,
+nostra nos scilicet nemora nostraeque villae tuebuntur. Das läßt sich
+vertreten, wenn man die Stadt und die Umgegend Roms ins Auge faßt: von
+Tibur und Tusculum mag es einigermaßen richtig sein, daß die Städte den
+Landhäusern Platz machten. Aber für das übrige Italien paßt dies um so
+weniger, als die Prachtanlagen der großen hauptstädtischen Familien auf
+Latium und einen Teil Kampaniens sich beschränken.
+
+^35 In der Alimentartafel von Veleia tritt bei den saltus auffallend
+oft hervor, daß sie mehr oder minder mit Ackerland gemischt sind, was
+wohl auf späteren partiellen Anbau zurückgehen mag.
+
+—————————————————————-
+
+Im Geldgeschäft ist die ältere indirekte Hebung der Staatseinnahmen
+durch Vermittlung der Kapitalistengesellschaften, eine der
+hauptsächlichen Burgen der republikanischen Plutokratie, in ihrer
+verderblichsten Form, der Festsetzung der Abgaben in einer Fruchtquote
+und der Überlassung dieser Zehnten an eine Gesellschaft gegen eine an
+die Staatskasse zu zahlende Geldsumme, schon von dem Diktator Caesar
+beseitigt worden. Bei der Einziehung der für Rom bestimmten
+Naturallieferungen und der in Geld angesetzten Steuern sind die alten
+Kompagnien noch eine Zeitlang tätig gewesen; aber teils die Hebung
+durch die steuerpflichtige Gemeinde, die zum Beispiel für Asia auch von
+dem Diktator Caesar angeordnet ward, teils die Einsetzung eigener
+kaiserlicher Finanzverwaltungen für jede Provinz müssen die Macht der
+Mittelsmänner weiter beschränkt haben, bis dann in den späteren Jahren
+des Tiberius auch das immer noch wichtige und gewinnbringende Geschäft
+der Überführung der also gezahlten Gelder und gelieferten Naturalien
+nach Rom oder an den sonstigen Bestimmungsort den großen Kompagnien
+genommen ward ^36 und diese aus der provinzialen Grund- und
+Vermögenssteuer überhaupt verschwinden. Bei anderen Steuern hat sich
+die indirekte Hebung länger behauptet, so bei der Freilassungs-, der
+Auktions- und der wichtigen Erbschaftssteuer; doch ist auch für die
+letztere, wie es scheint unter Hadrian, die direkte Erhebung eingeführt
+worden, und mehr und mehr werden die Kapitalistengesellschaften auch
+aus diesen Hebungen verbannt. Am längsten haben sie sich bei den Zöllen
+und den nutzbaren Bodenrechten des Staats behauptet; und hier ist die
+Verpachtung auch für Rechnung der kaiserlichen Kasse angewandt worden
+^37. Wenn unter Nero die Abschaffung der Zölle in Frage kam, so ist
+dabei ohne Zweifel mit maßgebend gewesen, daß die hier unentbehrlich
+erscheinende Hebung durch Private mit dem Geiste der neuen Monarchie
+nicht harmonierte. Indes kam es dazu nicht und begnügte die Regierung
+damals und später sich mit der Verschärfung der gegen die Zollpächter
+geübten Kontrolle. Doch scheint, während unter der Republik die
+Pachtung vom Staat der Regel nach bedeutenden Umfang hatte und einzelne
+Gesellschaften finanzielle Großmächte waren, unter dem Prinzipat der
+Umfang der einzelnen Pacht vielmehr beschränkt gewesen zu sein. Auch
+abgesehen von dem kaiserlichen Kolonat, von dem schon die Rede war,
+sind die fiskalischen und ärarischen Konduktoren dieser Zeit offenbar
+nicht entfernt zu vergleichen mit den Publikanen der Republik; und
+dasselbe gilt von den noch fortbestehenden Kompagnien, denen durchaus
+kaiserliche Beamte und kaiserliches Gesinde in einer Weise über- und
+eingeordnet wurden, daß der ganze Betrieb unter stetiger Mitwirkung der
+Regierungsorgane sich vollzogen haben muß. Auch tritt, ganz im
+Gegensatz zu dieser, namentlich im fiskalischen Gebiet hier sehr häufig
+an die Stelle der Verpachtung die eigene Bewirtschaftung unter Aufsicht
+spezieller Beamter oder Beauftragter: so zum Beispiel sind die
+kaiserlichen Ziegeleien und Marmorbrüche niemals und in der Regel auch
+die kaiserlichen Bergwerke nicht verpachtet worden. Dem Eingreifen des
+Großkapitals in dieses wenigstens halbstaatliche Gebiet ist demnach
+unter dem Prinzipat eine mächtige Schranke gesetzt worden. Der Anteil
+an der Herrschaft, den die Geldaristokratie eine Zeitlang faktisch
+behauptet hatte, war damit gebrochen.
+
+—————————————————————————-
+
+^36 Die Umgestaltung des Hebewesens liegt sehr im Dunkeln; sicher ist
+nur, daß die Hebung durch die Gemeinden selbst wenigstens in Asien
+schon durch den Diktator Caesar eingeführt ward (App. civ. 5, 4), und
+wahrscheinlich wird dieselbe gleichzeitig wenigstens für die übrigen in
+Geld steuernden Provinzen angeordnet sein (Marquardt, Staatsverwaltung,
+Bd. 2, S. 185). Wenn dennoch Tacitus (ann. 4, 6; vgl. Römisches
+Staatsrecht, 3. Aufl., Bd. 2, S. 1017) zum Jahr 23 sagt: frumenta et
+pecuniae vectigales, cetera publicorum fructuum societatibus equitum
+Romanorum agitabantur, so können die pecuniae vectigales eben nur diese
+in Geld normierten Abgaben der Provinzen sein und den Sozietäten nur
+noch das Geschäft obgelegen haben, diese von den Gemeinden einzuziehen
+und an den Bestimmungsort zu übermitteln, so daß sie also in dieser
+Hinsicht mehr das Bankier- als das Hebegeschäft für den Staat
+besorgten. Da Tacitus diese Einrichtung unter den in Tiberius’ späterer
+Zeit weggefallenen aufführt, so wird damals wohl auch die Vermittlung
+zwischen den zahlenden Gemeinden und der Staatskasse auf den Staat
+übergegangen sein. Von dem nach Rom zu liefernden Getreide ist der
+Transport immer durch Private beschafft worden (Marquardt,
+Privatalterthümer, S. 390).
+
+^37 Deutlich zeigen dieses Verhältnis die über das Vermögen des
+Isidorus und der Patrone Martials (Anm. 9) beigebrachten Angaben. Auch
+Plinius (epist. 3, 19) sagt: sum quidem prope totus in praediis,
+aliguid tamen fenero.
+
+—————————————————————————-
+
+Das gewerbsmäßige Geldverleihen ist jetzt ein regelmäßiger Bestandteil
+des Haushalts jedes vermögenden Römers geworden. Auch die Vornehmen
+pflegen den größten Teil ihres Vermögens in Grundbesitz anzulegen, aber
+daneben ein mehr oder minder beträchtliches Kapital bankiermäßig zu
+verwerten, indem sie dasselbe teils gegen eigentliche Sicherheiten
+ausleihen, teils in der Form der Anleihe an Handel und Industrie und
+Spekulationen aller Art sich beteiligen. Dem kam andrerseits die selbst
+gesetzlich festgestellte Ordnung entgegen, daß das Verleihen gegen
+Zinsen nur insoweit gestattet wurde, als der Betreffende den gleichen
+oder noch einen höheren Betrag in Grundbesitz angelegt hatte. Es ist
+dies das System, nach dem auch Crassus und Atticus ihr Vermögen
+verwalteten; mit dem Zurücktreten der Selbstwirtschaft ward in der
+Gutsverwaltung dasselbe mehr und mehr allgemein. Wenn bei richtiger
+Führung dabei auch die Bodenwirtschaft gewann, insofern bei
+eintretendem Bedürfnis sie nicht auf den Kredit, sondern auf das
+Kapital greifen konnte, so lag hierin andererseits eine Verknüpfung des
+Grundbesitzes mit der Spekulation, deren Bedenklichkeit durch jene
+äußerliche Fixierung des Verhältnisses zwischen fundiertem und nicht
+fundiertem Vermögen mehr anerkannt als abgewandt wurde. Die großen
+Vermögen dieser Epoche sind hauptsächlich auf diesem Wege gebildet; von
+Seneca zum Beispiel wird geradezu gesagt, daß er durch die Wucherzinsen
+ein reicher Mann geworden sei ^38, und seine Feinde wenigstens
+behaupteten, daß er die Eroberung Britanniens dazu benutzt habe, um 40
+Mill. Sesterzen den bedrängten Gemeinden dort vorzuschießen, deren
+Rückforderung dann den gefährlichen Aufstand des Jahres 60
+herbeigeführt haben soll ^39. Wo einer zum Krösus, da werden viele zu
+Bettlern. Die namentlich unter der ersten Dynastie stets sich
+wiederholenden Klagen über Überschuldung und Zusammenbrechen der
+vornehmen Häuser gehen vermutlich mehr noch auf diese
+Spekulantengeschäfte zurück als auf die eigentliche Verschwendung; und
+andererseits wird die mit Vespasian eintretende innerliche Revolution
+sich in erster Reihe darin gezeigt haben, daß das befestigte Vermögen
+im Wechselportefeuille Maß hielt und daß wenigstens dem Senator des
+Reiches die Sitte nicht gestattete, mit seinen Kapitalien zu wuchern.
+Wie der von Haus aus sehr begüterte spätere Kaiser Pius nie mehr als 4
+Prozent Zinsen nahm, so zeigt auch die spätere Gesetzgebung, daß man
+unterschied zwischen den Zinsen, die der gewöhnliche Geschäftsmann
+nehmen konnte, und denen, die dem vornehmen Mann zu nehmen geziemte.
+
+——————————————————————————————
+
+^38 Tac. ann. 13, 42.
+
+^39 Dio 60, 2.
+
+——————————————————————————————
+
+Daß Gewerbe und Handel unter der Friedensmacht, wie der römische Staat
+dieser Epoche sie entwickelte, emporgeblüht sein müssen, ist von
+vornherein gewiß; mancherlei Einzelheiten zeigen uns die steigende
+Spezialisierung des Handwerks, die weiten Absatzkreise einzelner
+Fabrikate, die Bedeutung des Imports wie des Exports über die
+Reichsgrenze; allgemeine Daten, die ein vergleichendes Urteil gegenüber
+früheren und späteren Perioden gestatteten, ergibt unsere Überlieferung
+nicht. Somit beschränkt diese Auseinandersetzung sich darauf, gewisse
+allgemeine und soziale Verhältnisse kurz zu berühren, die einigermaßen
+sich fassen lassen.
+
+Wenn einstmals der einzelne Haushalt sich selber genügte, so war mit
+der steigenden Kultur mehr und mehr die bezahlte Arbeit, die
+gewerbliche sowohl wie der Handel mit offenem Laden, in die erste Reihe
+getreten: aber gleich wie in der Epoche, wo Speisen und Kleider
+lediglich durch das Gesinde bereitet wurden, liegt diese Arbeit jetzt
+zwar in der Hand der Kapitalisten, wird aber ausgeführt durch ihr
+unfreies Gesinde. Die großen Vermögen auch der Aristokratie sind
+allerdings zum guten Teil aus der stillen Beteiligung der Vornehmen an
+spekulativen Geschäften dieser Art hervorgegangen; aber einen auf das
+Gewerbe gestützten Mittelstand kennt diese Epoche sowenig wie die
+frühere; wie der Senat der Hauptstadt aus den Großgrundbesitzern sich
+zusammensetzt, so bilden in jeder Landstadt die Gutsbesitzer den
+Gemeinderat und den höheren Stand. Wenn ein Flickschuster sich es
+gestattet hat, in dem gebildeten Bononia eine Volkslustbarkeit zu geben
+und in Mutina ein Walker, wo wird, fragt Martialis ^40, der Gastwirt
+dies tun? So erkauften die Trimalchionen für vieles Geld die
+Gelegenheit, sich auslachen zu lassen; von der Teilnahme an den
+Gemeindegeschäften blieben sie nach wie vor von Rechts wegen selbst in
+der kleinsten Stadt ausgeschlossen. Caesars Anordnung, daß in den
+Provinzen der Freigelassene in den Gemeinderat gelangen könne, nahm
+Augustus wieder zurück. Der einzelne Sklave sucht als Lohnknecht,
+Schuster, Arzt und so ferner seinen Verdienst oder wird auch von seinem
+Herrn in ein bestimmtes Geschäft hineingesetzt; was er auf diese Weise
+erwirbt, gehört zwar rechtlich dem Herrn, wird aber sehr häufig nur zum
+Teil an ihn abgeliefert. Der Sklave hat oft eigenen Haushalt und
+faktisch eigenen Besitz: die Freilassung erfolgt oft gegen eine aus
+diesem Besitz dem Herrn zu zahlende Summe, löst aber regelmäßig das
+Anrecht des Herrn auf einen Teil des Verdienstes des Freigelassenen
+nicht auf. So werden auch die bedeutenderen Geschäfte betrieben: zum
+Beispiel selbst die Ladeninhaber (negotiantes, mercatores), die
+Geldhändler (argentarii), die Händler mit Spezereien (thurarii),
+vermögende und in ihrer Art angesehene Persönlichkeiten, sind dennoch
+fast ohne Ausnahme unfrei oder aus der Unfreiheit entlassen.
+Wirtschaftlich hat dies System seine vorteilhafte Seite: das Fortkommen
+des einzelnen geschickten Arbeiters und brauchbaren Geschäftsmanns
+hängt weniger vom Zufall ab als bei völlig freier Konkurrenz, sondern
+es steht hier, wenn der Herr seinen Vorteil versteht, hinter jedem
+tüchtigen Mann die Macht des Kapitals. Es wird damit ferner zwischen
+der Sklavenschaft und der Bürgerschaft eine Brücke geschlagen, welche
+im allgemeinen wenigstens die besten Elemente aus jener in diese
+überführt und die, wie nachteilig sie auch vielfach sich erweist, doch
+im ganzen weniger schadet als die völlige Abschließung der Sklavenwelt
+gegen die der Freien. Die rechtliche Ausgleichung führt wenigstens in
+den späteren Generationen auch die nationale und soziale allmählich
+herbei, und das Zusammenschwinden des Bürgerstandes würde im Römischen
+Reich sehr viel früher und stärker aufgetreten sein, wenn nicht die
+außerordentliche, aber zugleich stehende Vermehrung durch die
+Freilassungen ihm zu Hilfe gekommen wäre. Sie sind auch bei der
+Bauernwirtschaft vorgekommen, aber überwiegend beruhen sie auf dem
+Gewerbe- und Handelsverkehr, in dem sie nicht selten sogar eine
+hervorragende Stellung gewinnen und sich oder doch ihre Nachkommen in
+die Geld- und weiter in die eigentliche Aristokratie einführen.
+
+——————————————————————————
+
+^40 Mart. epigr. 3, 59.
+
+——————————————————————————
+
+Ist in Beziehung auf Handel und Gewerbe nicht viel mehr zu
+konstatieren, als daß die Dinge auch unter dem Prinzipat beim alten
+blieben, so erweitert sich dagegen in bemerkenswerter Weise derjenige
+Kreis, in welchem die Sitte dem anständigen Manne gestattet, Geld zu
+erwerben. Die strenge Regel, daß der Dienst, der einem Mitbürger oder
+auch dem Staat geleistet wird, von dem Gentleman umsonst geleistet
+werden muß und durch Bezahlung wenn nicht unehrlich, so doch unvornehm
+wird, ist tatsächlich schon unter der Republik nach vielen Seiten hin
+durchbrochen worden. Aber erst in dieser Zeit bildet sich die
+öffentliche Laufbahn auch in ökonomischer Hinsicht aus, als hinführend
+zu einer finanziell und sozial angesehenen Stellung. Es gilt dies für
+Beamte, Soldaten, Sachwalter, Rechtsgelehrte, also überhaupt für alle
+mit dem öffentlichen Leben verknüpften Hilfsleistungen, während private
+Dienste, wie zum Beispiel des Arztes und des Jugendlehrers, sich wenig
+oder gar nicht über die eigentlichen Gewerbe erheben. Dies geht
+unmittelbar zurück auf den neuen Prinzipat. Die von diesem neben die
+alten Staatsbeamten gestellte Kategorie gleichfalls in öffentlichen
+Geschäften, sei es im Heer oder in der Verwaltung, verwandter
+persönlicher Diener des Kaisers wurde von Haus aus mit festem und hoch
+gegriffenen Gehalte ausgestattet und damit von dieser Remuneration der
+bisherige Makel entfernt. Es war dies um so leichter, als die außerhalb
+Roms tätigen Staatsbeamten längst eine Vergütung für die Ausrüstungs-
+und sonstigen Kosten empfangen hatten, die der Sache nach auf eine
+Besoldung hinauslief; dennoch war die Einführung der förmlichen und
+direkten Besoldung im Staatsdienst eine eingreifende Neuerung. Sie
+würde noch tiefer eingegriffen haben, wenn nicht die Kontinuität der
+amtlichen Stellung gefehlt hätte. Zwar die Unteroffizierstellung war
+eine dauernde und führte auch eine dauernde Versorgung sowie im
+günstigen Fall den Eintritt in die höhere Beamtenlaufbahn herbei; aber
+wenn auch im übrigen die kaiserlichen Diener weit längere Zeit als die
+Staatsdiener in ihren Stellungen blieben und die amtlichen Intervalle
+bei ihnen sicher seltener und kürzer eintraten, so ist doch das Amt im
+allgemeinen auch in der Kaiserzeit nicht eine Lebensstellung und die
+Gehalte der Regel nach nicht hoch genug, um schon in kürzerer Frist
+eine solche zu gewähren. Dafür aber traten ergänzend hinzu die
+Tätigkeiten des rechtskundigen Beirats und vor allem des redekundigen
+Sachwalters. Zwar unter Augustus ward die alte Vorschrift, daß kein
+Sachwalter von dem Klienten Geld annehmen dürfe, noch einmal
+eingeschärft ^41, und die hervorragenden Redner dieser Epoche, Asinius
+Pollio, Messalla Corvinus und andere mehr, hielten an der alten
+Ehrenhaftigkeit um so mehr fest, als sie durchaus reiche und vornehme
+Männer waren. Aber wenn der Kaiser seine Beamten bezahlte, so konnte
+der Advokat unmöglich unentgeltlich tätig sein; im allgemeinen kehrten
+weder Klienten noch Advokaten sich an das Gesetz, und unter Claudius
+mußten die “Schenkungen” bis zu 10000 Sesterzen gesetzlich freigegeben
+werden ^42. Dabei ist es insofern geblieben, als die Advokatenhonorare
+in gewissen Grenzen nicht bloß erlaubt, sondern bald auch klagbar
+geworden sind ^43. Zu diesem legitimen Verdienst tritt noch hinzu ein
+anderweitig darzustellendes, aber auch in der Ökonomie nicht zu
+übersehendes Moment, die Durchführung des Strafprozesses mittels der
+Privatanklage und der gesetzliche Anspruch des siegreichen
+Privatanklägers auf bedeutende Geldbelohnungen, zum Beispiel bei dem
+Hochverratsprozeß auf den vierten Teil des Vermögens des Verurteilten,
+welche Prämien besonders bei den Anklagen vor dem Senat oft noch
+arbiträr gesteigert wurden. Es lag in der Sache, daß dieser Gewinn
+größtenteils denjenigen Sachwaltern zufiel, die diesen Weg zu gehen
+nicht verschmähten: und die großen Vermögen der Advokaten besonders im
+ersten Jahrhundert sind vorzugsweise auf diesem Wege zusammengekommen.
+Späterhin ist mit der veränderten Prozeßform diese Mißbildung
+zurückgetreten, wogegen die Sachwalterstellung überhaupt in ihrer
+sozialen und ökonomischen Bedeutung sich behauptet. Auch den bei dem
+Prozeß den Sachwaltern assistierenden Rechtsbeiständen (pragmatici)
+konnte das gleiche nicht verweigert werden; doch waren diese
+untergeordneten Ranges ^44 und ihr Erwerb nicht beträchtlich. Dagegen
+wird ihre Beihilfe bei Vollziehung von Rechtsgeschäften, zum Beispiel
+bei Abfassung von Testamenten, ähnlich, wenn auch niedriger gestanden
+haben wie heute die der Notare, und nicht minder fanden sie Verwendung
+als salarierte Privatbegleiter des in die Provinzen zur Rechtsprechung
+gesandten, der Regel nach selbst rechtsunkundigen hohen Beamten. So
+bildete sich hier eine Laufbahn für Talente, im allgemeinen jedem
+zugänglich, der die für die Vorbildung erforderlichen, allerdings nicht
+ganz unbedeutenden Kosten aufzubringen vermochte und auch in ihrem
+weiteren Verlauf an Bedingungen geknüpft, die verhältnismäßig leicht zu
+erfüllen waren. Dem römischen Eupatriden gegenüber macht Juvenal es
+geltend, daß aus dem Volke der Jüngling kommt, der am Euphrat
+Waffendienst tut und bei den Adlern Wache hält, die den bezwungenen
+Bataver bändigen; daß der niedere Quirite den Redner stellt, welcher
+die Prozesse des ungebildeten Adligen führt; daß der römische Plebejer
+es ist, der die Knoten des Rechts und die Rätsel der Gesetzgebung löst.
+Freilich, wer bloß Geld erwerben will, der wird in der Wechselstube
+oder bei dem Auktionsgeschäft, als Arzt und Baumeister, als Musikus
+oder Jockey rascher zum Ziel kommen; aber wer ehrgeizig nach einer
+Stellung strebt, dem ist jetzt auch eine solche nicht mehr
+verschlossen: der sorgliche Vater besseren Schlages bei demselben
+Dichter ^45 fordert seinen Sohn auf, sich über seinen Lebensberuf zu
+entscheiden, entweder um den Rebstock des Unteroffiziers einzukommen
+oder in die Advokatenschule einzutreten oder auch die Gesetze zu
+studieren. Vielleicht auf keine Weise hat der Prinzipat der
+republikanischen Aristokratie entschiedener Abbruch getan als durch
+diese Restitution Gracchischen Geistes, anknüpfend an die Gracchischen
+Ritterprivilegien, aber doch wesentlich neu und durchaus beruhend
+einerseits auf der Organisation des stehenden Heeres und besonders der
+Unteroffizierskarriere, andrerseits auf der Einrichtung der salarierten
+kaiserlichen Beamten mit ihren weiteren Konsequenzen. Die Einrichtung
+öffnet die Pforten keineswegs dem Bürger schlechthin; die
+Freigelassenenwelt bleibt unbedingt ausgeschlossen, und wenn die
+militärische Laufbahn wenigstens rechtlich jedem Freigeborenen
+offensteht, so fordert die nicht militärische einen verhältnismäßig
+hohen und kostspieligen Bildungsgrad und, soweit sie eine amtliche ist,
+den Besitz des Rittervermögens. Die Einrichtung öffnet ferner ihre
+Pforten in der Hauptsache nur dem, der der Regierung genehm ist und
+genehm bleibt; die Aufnahme in das Heer und das Avancement hängt in
+jedem einzelnen Fall vom kaiserlichen Gutdünken ab, und ebenso verleiht
+die Regierung allein sowohl das Ritterpferd wie die daran geknüpften
+Ämter. Aber dennoch ist auf diesem Wege dem Mittelstand und
+einigermaßen selbst den niederen Schichten des Volkes die zu Reichtum
+und Ämtern führende Laufbahn eröffnet, während die spätere Republik
+dem, welcher den Reichtum nicht bereits besitzt, ihre Ämter schlechthin
+versagt. Auf dem sozialen Gebiet ist diese demokratisch-monarchische
+Institution der schärfste Ausdruck des Prinzipats und seine rechte
+treibende Kraft.
+
+——————————————————————————
+
+^41 Dio 54, 18.
+
+^42 Tac. ann. 11, 5; 13, 5; 42.
+
+^43 Plin. epist. 5, 9.
+
+^44 Juv. sat. 7, 123.
+
+^45 Juv. sat. 14, 191; vorher 8, 46.
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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+
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+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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+date contact information can be found at the Foundation's web site and
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