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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:20:23 -0700 |
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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Römische Geschichte Book 5 + +Author: Theodor Mommsen + +Release Date: February, 2002 [Etext #3064] +[Most recently updated: January 15, 2020] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + + + + + + + + + + + +</pre> + + +<h1>Römische Geschichte </h1> + +<h4>Fünftes Buch<br/> +Die Begründung der Militärmonarchie +</h4> + +<h2>von Theodor Mommsen</h2> + +<hr /> + +<p> +The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some +(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a +modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek +words, nor is there any differentiation between the different accents of +ancient Greek and the subscript iotas are missing as well. +</p> + +<h2>Contents</h2> + +<table summary="" style="margin-left: auto; margin-right: auto"> + +<tr> +<td> <a href="#part05"><b>Fünftes Buch—Die Begründung der Militärmonarchie</b></a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap01">KAPITEL I. Marcus Lepidus und Quintus Sertorius</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap02">KAPITEL II. Die Sullanische Restaurationsherrschaft</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap03">KAPITEL III. Der Sturz der Oligarchie und die Herrschaft des Pompeius</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap04">KAPITEL IV. Pompeius und der Oste</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap05">KAPITEL V. Der Parteienkampf während Pompeius’ Abwesenheit</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap06">KAPITEL VI. Pompeius’ Rücktritt und die Koalition der Prätendenten</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap07">KAPITEL VII. Die Unterwerfung des Westens</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap08">KAPITEL VIII. Pompeius’ und Caesars Gesamtherrschaft</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap09">KAPITEL IX. Crassus’ Tod. Der Bruch der Gesamtherrscher.</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap10">KAPITEL X. Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap11">KAPITEL XI. Die alte Republik und die neue Monarchie</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap12">KAPITEL XII. Religion, Bildung, Literatur und Kunst</a></td> +</tr> + +</table> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="part05"></a>Fünftes Buch<br/> +Die Begründung der Militärmonarchie +</h2> + +<p class="letter"> +Wie er sich sieht so um und um,<br/> +Kehrt es ihm fast den Kopf herum,<br/> +Wie er wollt’ Worte zu allem finden?<br/> +Wie er möcht’ so viel Schwall verbinden<br/> +Wie er möcht’ immer mutig bleiben<br/> +So fort und weiter fort zu schreiben? +</p> + +<p class="right"> +Goethe +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap01"></a>KAPITEL I.<br/> +Marcus Lepidus und Quintus Sertorius</h2> + +<p> +Als Sulla im Jahre 676 (78) starb, beherrschte die von ihm restaurierte +Oligarchie unbeschränkt den römischen Staat; allein wie sie durch Gewalt +gegründet war, bedurfte sie auch ferner der Gewalt, um sich gegen ihre +zahlreichen heimlichen und offenen Gegner zu behaupten. Was ihr entgegenstand, +war nicht etwa eine einfache Partei mit klar ausgesprochenen Zwecken und unter +bestimmt anerkannten Führern, sondern eine Masse der mannigfaltigsten Elemente, +die wohl im allgemeinen unter dem Namen der Popularpartei sich zusammenfaßten, +aber doch in der Tat aus den verschiedenartigsten Gründen und in der +verschiedenartigsten Absicht gegen die Sullanische Ordnung des Gemeinwesens +Opposition machten. Da waren die Männer des positiven Rechts, die Politik weder +machten noch verstanden, denen aber Sullas willkürliches Schalten mit dem Leben +und Eigentum der Bürger ein Greuel war. Noch bei Lebzeiten Sullas, während jede +andere Opposition schwieg, lehnten die strengen Juristen gegen den Regenten +sich auf: es wurden zum Beispiel die Cornelischen Gesetze, welche verschiedenen +italischen Bürgerschaften das römische Bürgerrecht aberkannten, in +gerichtlichen Entscheidungen als nichtig behandelt, ebenso das Bürgerrecht von +den Gerichten erachtet als nicht aufgehoben durch die Kriegsgefangenschaft und +den Verkauf in die Sklaverei während der Revolution. Da waren ferner die +Überreste der alten liberalen Senatsminorität, welche in früheren Zeiten auf +eine Transaktion mit der Reformpartei und mit den Italikern hingearbeitet hatte +und jetzt in ähnlicher Weise geneigt war, die starr oligarchische Verfassung +Sullas durch Zugeständnisse an die Popularen zu mildern. Da waren ferner die +eigentlichen Popularen, die ehrlich gläubigen bornierten Radikalen, die für die +Schlagwörter des Parteiprogramms Vermögen und Leben einsetzten, um nach dem +Siege mit schmerzlichem Erstaunen zu erkennen, daß sie nicht für eine Sache, +sondern für eine Phrase gefochten hatten. Ihnen galt es vornehmlich um die +Wiederherstellung der von Sulla zwar nicht aufgehobenen, aber doch ihrer +wesentlichsten Befugnisse entkleideten tribunizischen Gewalt, welche nur mit um +so geheimnisvollerem Zauber auf die Menge wirkte, weil das Institut ohne +handgreiflichen praktischen Nutzen und in der Tat ein leeres Gespenst war - hat +doch der Name des Volkstribuns noch über ein Jahrtausend später Rom +revolutioniert. Da waren vor allem die zahlreichen und wichtigen Klassen, die +die Sullanische Restauration unbefriedigt gelassen oder geradezu in ihren +politischen oder Privatinteressen verletzt hatte. Aus solchen Ursachen gehörte +der Opposition an die dichte und wohlhabende Bevölkerung der Landschaft +zwischen dem Po und den Alpen, die natürlich die Gewährung des launischen +Rechts im Jahre 665 (89) nur als eine Abschlagszahlung auf das volle römische +Bürgerrecht betrachtete und der Agitation einen willfährigen Boden gewährte. +Desgleichen die ebenfalls durch Anzahl und Reichtum einflußreichen und durch +ihre Zusammendrängung in der Hauptstadt noch besonders gefährlichen +Freigelassenen, die es nicht verschmerzen konnten, durch die Restauration +wieder auf ihr früheres, praktisch nichtiges Stimmrecht zurückgeführt worden zu +sein. Desgleichen ferner die hohe Finanz, die zwar vorsichtig sich still +verhielt, aber ihren zähen Groll und ihre nicht minder zähe Macht nach wie vor +sich bewahrte. Ebenso mißvergnügt war die hauptstädtische Menge, die die wahre +Freiheit im freien Brotkorn erkannte. Noch tiefere Erbitterung gärte in den von +den Sullanischen Konfiskationen betroffenen Bürgerschaften, mochten sie nun, +wie zum Beispiel die Pompeianer, in ihrem durch die Sullanischen Kolonisten +geschmälerten Eigentum innerhalb desselben Stadtgebiets mit diesen zusammen und +mit ihnen in ewigem Hader leben oder, wie die Arretiner und Volaterraner, zwar +noch im tatsächlichen Besitz ihrer Mark, aber unter dem Damoklesschwert der vom +römischen Volke über sie verhängten Konfiskation sich befinden oder endlich, +wie dies besonders in Etrurien der Fall war, als Bettler in ihren ehemaligen +Wohnsitzen oder als Räuber in den Wäldern verkommen. Es war endlich in Gärung +der ganze Familien- und Freigelassenenanhang derjenigen demokratischen Häupter, +die infolge der Restauration das Leben verloren hatten oder in allem Elend des +Emigrantenrums teils an den mauretanischen Küsten umherirrten, teils am Hofe +und im Heere Mithradats verweilten; denn nach der von strenger +Familiengeschlossenheit beherrschten politischen Gesinnung dieser Zeit galt es +den Zurückgebliebenen als Ehrensache ^1, für die flüchtigen Angehörigen die +Rückkehr in die Heimat, für die toten wenigstens Aufhebung der auf ihrem +Andenken und auf ihren Kindern haftenden Makel und Rückgabe des väterlichen +Vermögens auszuwirken. Vor allem die eigenen Kinder der Geächteten, die der +Regent von Rechts wegen zu politischen Parias herabgesetzt hatte, hatten damit +gleichsam von dem Gesetze selbst die Aufforderung empfangen, gegen die +bestehende Ordnung sich zu empören. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Ein bezeichnender Zug ist es, daß ein angesehener Literaturlehrer, der +Freigelassene Staberius Eros, die Kinder der Geächteten unentgeltlich an seinem +Kursus teilnehmen ließ. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +Zu allen diesen oppositionellen Fraktionen kam weiter hinzu die ganze Masse der +ruinierten Leute. All das vornehme und geringe Gesindel, dem im eleganten oder +im banausischen Schlemmen Habe und Haltung darauf gegangen war; die adligen +Herren, an denen nichts mehr vornehm war als ihre Schulden; die Sullanischen +Lanzknechte, die der Machtspruch des Regenten wohl in Gutsbesitzer, aber nicht +in Ackerbauer hatte umschaffen können, und die nach der verpraßten ersten +Erbschaft der Geächteten sich sehnten, eine zweite ähnliche zu tun - sie alle +warteten nur auf die Entfaltung der Fahne, die zum Kampfe gegen die bestehenden +Verhältnisse einlud, mochte sonst was immer darauf geschrieben sein. Mit +gleicher Notwendigkeit schlossen alle aufstrebenden und der Popularität +bedürftigen Talente der Opposition sich an, sowohl diejenigen, denen der streng +geschlossene Optimatenkreis die Aufnahme oder doch das rasche Emporkommen +verwehrte und die deshalb in die Phalanx gewaltsam sich einzudrängen und die +Gesetze der oligarchischen Exklusivität und Anciennität durch die Volksgunst zu +brechen versuchten, als auch die gefährlicheren Männer, deren Ehrgeiz nach +einem höheren Ziel strebte, als die Geschicke der Welt innerhalb der +kollegialischen Umtriebe bestimmen zu helfen. Namentlich auf der +Advokatentribüne, dem einzigen von Sulla offengelassenen Boden gesetzlicher +Opposition, ward schon bei Lebzeiten des Regenten von solchen Aspiranten mit +den Waffen der formalen Jurisprudenz und der schlagfertigen Rede lebhaft gegen +die Restauration gestritten; zum Beispiel der gewandte Sprecher Marcus Tullius +Cicero (geboren 3. Januar 648 106), eines Gutsbesitzers von Arpinum Sohn, +machte durch seine halb vorsichtige, halb dreiste Opposition gegen den +Machthaber sich rasch einen Namen. Dergleichen Bestrebungen hatten nicht viel +zu bedeuten, wenn der Opponent nichts weiter begehrte, als den kurulischen +Stuhl damit sich einzuhandeln und sodann als Befriedigter den Rest seiner Jahre +auf demselben zu versitzen. Wenn freilich einem populären Mann dieser Stuhl +nicht genügen und Gaius Gracchus einen Nachfolger finden sollte, so war ein +Kampf auf Tod und Leben unvermeidlich; indes für jetzt wenigstens war noch kein +Name zu nennen, dessen Träger ein so hohes Ziel sich vorgesteckt hätte. +</p> + +<p> +Derart war die Opposition, mit der das von Sulla eingesetzte oligarchische +Regiment zu kämpfen hatte, nachdem dasselbe, früher als Sulla selbst gedacht +haben mochte, durch seinen Tod auf sich selber angewiesen worden war. Die +Aufgabe war an sich nicht leicht und ward noch erschwert durch die sonstigen +sozialen und politischen Übelstände dieser Zeit, vor allem durch die ungemeine +Schwierigkeit, teils die Militärchefs in den Provinzen in Unterwürfigkeit gegen +die höchste bürgerliche Obrigkeit zu erhalten, teils in der Hauptstadt mit den +Massen des daselbst sich anhäufenden italischen und außeritalischen Gesindels +und der in Rom großenteils in faktischer Freiheit lebenden Sklaven fertig zu +werden, ohne doch Truppen zur Verfügung zu haben. Der Senat stand wie in einer +von allen Seiten ausgesetzten und bedrohten Festung, und ernstliche Kämpfe +konnten nicht ausbleiben. Aber auch die von Sulla geordneten Widerstandsmittel +waren ansehnlich und nachhaltig; und wenngleich die Majorität der Nation der +Regierung, wie Sulla sie eingesetzt hatte, offenbar abgeneigt, ja ihr +feindselig gesinnt war, so konnte nichtsdestoweniger gegen die irre und wirre +Masse einer Opposition, welche weder im Ziel noch im Weg zusammen und hauptlos +in hundert Fraktionen auseinanderging, die Regierung sehr wohl noch auf lange +hinaus in ihrer festen Burg sich behaupten. Nur freilich mußte sie auch sich +behaupten wollen und wenigstens einen Funken jener Energie, die ihre Festung +gebaut hatte, zu deren Verteidigung heranbringen; für eine Besatzung, die sich +nicht wehren will, zieht der größte Schanzkünstler vergebens seine Mauern und +Gräben. +</p> + +<p> +Je mehr schließlich alles ankam auf die Persönlichkeit der leitenden Männer auf +beiden Seiten, desto übler war es, daß es genau genommen auf beiden Seiten an +Führern fehlte. Die Politik dieser Zeit ward durchaus beherrscht von dem +Koteriewesen in seiner schlimmsten Gestalt. Wohl war dasselbe nichts Neues; die +Familien- und Klubgeschlossenheit ist untrennbar von der aristokratischen +Ordnung des Staats und war seit Jahrhunderten in Rom übermächtig. Aber +allmächtig wurde dieselbe doch erst in dieser Epoche, wie denn ihr Einfluß auch +erst jetzt (zuerst 690 64) durch gesetzliche Repressivmaßregeln weniger gehemmt +als konstatiert ward. Alle Vornehmen, die popular Gesinnten nicht minder als +die eigentliche Oligarchie, taten sich in Hetärien zusammen; die Masse der +Bürgerschaft, soweit sie überhaupt an den politischen Vorgängen regelmäßig sich +beteiligte, bildete nach den Stimmbezirken gleichfalls geschlossene und fast +militärisch organisierte Vereine, die an den Vorstehern der Bezirke, den +“Bezirksverteilern” (divisores tribuum), ihre natürlichen +Hauptleute und Mittelsmänner fanden. Feil war diesen politischen Klubs alles: +die Stimme des Wählers vor allem, aber auch die des Ratsmanns und des Richters, +auch die Fäuste, die den Straßenkrawall machten, und die Rottenführer, die ihn +lenkten - nur im Tarif unterschieden sich die Assoziationen der Vornehmen und +der Geringen. Die Hetärie entschied die Wahlen, die Hetärie beschloß die +Anklagen, die Hetärie leitete die Verteidigung; sie gewann den angesehenen +Advokaten, sie akkordierte im Notfall wegen der Freisprechung mit einem der +Spekulanten, die den einträglichen Handel mit Richterstimmen im großen +betrieben. Die Hetärie beherrschte durch ihre geschlossenen Banden die Straßen +der Hauptstadt und damit nur zu oft den Staat. All diese Dinge geschahen nach +einer gewissen Regel und sozusagen öffentlich; das Hetärienwesen war besser +geordnet und besorgt als irgendein Zweig der Staatsverwaltung; wenn auch, wie +es unter zivilisierten Gaunern üblich ist, von dem verbrecherischen Treiben +nach stillschweigendem Einverständnis nicht geradezu gesprochen ward, so hatte +doch niemand dessen ein Hehl, und angesehene Sachwalter scheuten sich nicht, +ihr Verhältnis zu den Hetärien ihrer Klienten öffentlich und verständlich +anzudeuten. Fand sich hier und da ein einzelner Mann, der diesem Treiben und +nicht zugleich dem öffentlichen Leben sich entzog, so war er sicher, wie Marcus +Cato, ein politischer Don Quichotte. An die Stelle der Parteien und des +Parteienkampfes traten die Klubs und deren Konkurrenz, an die Stelle des +Regiments die Intrige. Ein mehr als zweideutiger Charakter, Publius Cethegus, +einst einer der eifrigsten Marianer, später als Überläufer zu Sulla zu Gnaden +aufgenommen, spielte in dem politischen Treiben dieser Zeit eine der +einflußreichsten Rollen, einzig als schlauer Zwischenträger und Vermittler +zwischen den senatorischen Fraktionen und als staatsmännischer Kenner aller +Kabalengeheimnisse; zu Zeiten entschied über die Besetzung der wichtigsten +Befehlshaberstellen das Wort seiner Mätresse Praecia. Eine solche Misere war +eben nur möglich, wo keiner der politisch tätigen Männer sich über die Linie +des Gewöhnlichen erhob; jedes außerordentliche Talent hätte diese +Faktionenwirtschaft wie Spinnweben weggefegt; aber eben an politischen und +militärischen Kapazitäten war der bitterste Mangel. Von dem älteren Geschlecht +hatten die Bürgerkriege keinen einzigen angesehenen Mann übriggelassen als den +alten, klugen, redegewandten Lucius Philippus (Konsul 663 91),. der, früher +popular gesinnt, darauf Führer der Kapitalistenpartei gegen den Senat und mit +den Marianern eng verknüpft, endlich zeitig genug, um Dank und Lohn zu ernten, +übergetreten zu der siegenden Oligarchie, zwischen den Parteien durchgeschlüpft +war. Unter den Männern der folgenden Generation waren die namhaftesten Häupter +der reinen Aristokratie Quintus Metellus Pius (Konsul 674 80), Sullas Genosse +in Gefahren und Siegen; Quintus Lutatius Catulus, Konsul in Sullas Todesjahr +676 (78), der Sohn des Siegers von Vercellae; und zwei jüngere Offiziere, die +beiden Brüder Lucius und Marcus Lucullus, von denen jener in Asien, dieser in +Italien mit Auszeichnung unter Sulla gefochten hatten; um zu schweigen von +Optimaten wie Quintus Hortensius (640-704 114-50), der nur als Sachwalter etwas +bedeutete, oder gar wie Decimus Iunius Brutus (Konsul 677 77), Mamercus +Aemilius Lepidus Livianus (Konsul 677 77) und andern solchen Nullitäten, an +denen der vollklingende aristokratische Name das gute Beste war. Aber auch jene +vier Männer erhoben sich wenig über den Durchschnittswert der vornehmen Adligen +dieser Zeit. Catulus war gleich seinem Vater ein feingebildeter Mann und +ehrlicher Aristokrat, aber von mäßigen Talenten und namentlich kein Soldat. +Metellus war nicht bloß ein persönlich achtbarer Charakter, sondern auch ein +fähiger und erprobter Offizier: nicht so sehr wegen seiner engen +verwandtschaftlichen und kollegialischen Beziehungen zu dem Regenten, als +besonders wegen seiner anerkannten Tüchtigkeit war er im Jahre 675 (79) nach +Niederlegung des Konsulats nach Spanien gesandt worden, als dort die Lusitaner +und die römischen Emigranten unter Quintus Sertorius abermals sich regten. +Tüchtige Offiziere waren auch die beiden Lucullus, namentlich der ältere, der +ein sehr achtbares militärisches Talent mit gründlicher literarischer Bildung +und schriftstellerischen Neigungen vereinigte und auch als Mensch ehrenwert +erschien. Allein als Staatsmänner waren doch selbst diese besseren Aristokraten +nicht viel weniger schlaff und kurzsichtig als die Dutzendsenatoren der Zeit. +Dem äußeren Feind gegenüber bewährten die namhafteren darunter sich wohl als +brauchbar und brav; aber keiner von ihnen bezeigte Lust und Geschick, die +eigentlich politischen Aufgaben zu lösen und das Staatsschiff durch die bewegte +See der Intrigen und Parteiungen als rechter Steuermann zu lenken. Ihre +politische Weisheit beschränkte sich darauf, aufrichtig zu glauben an die +alleinseligmachende Oligarchie, dagegen die Demagogie ebenso wie jede sich +emanzipierende Einzelgewalt herzlich zu hassen und mutig zu verwünschen. Ihr +kleiner Ehrgeiz nahm mit wenigem vorlieb. Was von Metellus in Spanien erzählt +wird, daß er nicht bloß die wenig harmonische Leier der spanischen +Gelegenheitspoeten sich gefallen, sondern sogar, wo er hinkam, sich gleich +einem Gotte mit Weinspenden und Weihrauchduft empfangen und bei Tafel von +niederschwebenden Viktorien unter Theaterdonner das Haupt mit dem goldenen +Siegeslorbeer sich kränzen ließ, ist nicht besser beglaubigt als die meisten +geschichtlichen Anekdoten; aber auch in solchem Klatsch spiegelt sich der +heruntergekommene Ehrgeiz der Epigonengeschlechter. Selbst die Besseren waren +befriedigt, wenn nicht Macht und Einfluß, sondern das Konsulat und der Triumph +und im Rate ein Ehrenplatz errungen war, und traten da, wo sie bei rechtem +Ehrgeiz erst angefangen haben würden, ihrem Vaterland und ihrer Partei wahrhaft +nützlich zu sein, von der politischen Bühne zurück, um in fürstlichem Luxus +unterzugehen. Männer wie Metellus und Lucius Lucullus waren schon als +Feldherren nicht weniger als auf die Erweiterung des römischen Gebiets durch +neu unterworfene Könige und Völkerschaften bedacht auf die der endlosen +Wildbret-, Geflügel- und Dessertliste der römischen Gastronomie durch neue +afrikanische und kleinasiatische Delikatessen und haben den besten Teil ihres +Lebens in mehr oder minder geistreichem Müßiggang verdorben. Das traditionelle +Geschick und die individuelle Resignation, auf denen alles oligarchische +Regiment beruht, waren der verfallenen und künstlich wiederhergestellten +römischen Aristokratie dieser Zeit abhanden gekommen; ihr galt durchgängig der +Cliquengeist als Patriotismus, die Eitelkeit als Ehrgeiz, die Borniertheit als +Konsequenz. Wäre die Sullanische Verfassung unter die Obhut von Männern +gekommen, wie sie wohl im römischen Kardinalskollegium und im venezianischen +Rat der Zehn gesessen haben, so ist es nicht zu sagen, ob die Opposition +vermocht haben würde, sie so bald zu erschüttern; mit solchen Verteidigern war +allerdings jeder Angriff eine ernste Gefahr. +</p> + +<p> +Unter den Männern, die weder unbedingte Anhänger noch offene Gegner der +Sullanischen Verfassung waren, zog keiner mehr die Augen der Menge auf sich als +der junge, bei Sullas Tode achtundzwanzigjährige Gnaeus Pompeius (geb. 29. +September 648 106). Es war das ein Unglück für den Bewunderten wie für die +Bewunderer; aber es war natürlich. Gesund an Leib und Seele, ein tüchtiger +Turner, der noch als Oberoffizier mit seinen Soldaten um die Wette sprang, lief +und hob, ein kräftiger und gewandter Reiter und Fechter, ein kecker +Freischarenführer, war der Jüngling in einem Alter, das ihn von jedem Amt und +vom Senat ausschloß, Imperator und Triumphator geworden und hatte in der +öffentlichen Meinung den ersten Platz nächst Sulla, ja von dem läßlichen, halb +anerkennenden, halb ironischen Regenten selbst den Beinamen des Großen sich +erworben. Zum Unglück entsprach seine geistige Begabung diesen unerhörten +Erfolgen schlechterdings nicht. Er war kein böser und kein unfähiger, aber ein +durchaus gewöhnlicher Mensch, durch die Natur geschaffen, ein tüchtiger +Wachtmeister, durch die Umstände berufen, Feldherr und Staatsmann zu sein. Ein +einsichtiger, tapferer und erfahrener, durchaus vorzüglicher Soldat, war er +doch auch als Militär ohne eine Spur höherer Begabung; als Feldherr wie +überhaupt ist es ihm eigen, mit einer an Ängstlichkeit grenzenden Vorsicht zu +Werke zu gehen und womöglich den entscheidenden Schlag erst dann zu führen, +wenn die ungeheuerste Überlegenheit über den Gegner hergestellt ist. Seine +Bildung ist die Dutzendbildung der Zeit; obwohl durch und durch Soldat +versäumte er doch nicht, als er nach Rhodos kam, die dortigen Redekünstler +pflichtmäßig zu bewundern und zu beschenken. Seine Rechtschaffenheit war die +des reichen Mannes, der mit seinem beträchtlichen ererbten und erworbenen +Vermögen verständig Haus hält; er verschmähte es nicht, in der üblichen +senatorischen Weise Geld zu machen, aber er war zu kalt und zu reich, um +deswegen sich in besondere Gefahren zu begeben und hervorragende Schande sich +aufzuladen. Die unter seinen Zeitgenossen im Schwange gehende Lasterhaftigkeit +hat mehr als seine eigene Tugend ihm den - relativ allerdings wohl +gerechtfertigten - Ruhm der Tüchtigkeit und Uneigennützigkeit verschafft. Sein +“ehrliches Gesicht” ward fast sprichwörtlich, und noch nach seinem +Tode war er ein würdiger und sittlicher Mann; in der Tat war er ein guter +Nachbar, welcher die empörende Sitte der Großen jener Zeit, ihre Gebietsgrenzen +durch Zwangskäufe oder, noch Schlimmeres, auf Kosten der kleineren Nachbarn +auszudehnen, nicht mitmachte, und zeigte er im Familienleben Anhänglichkeit an +Frau und Kinder; es gereicht ihm ferner zur Ehre, daß er zuerst von der +barbarischen Sitte abging, die gefangenen feindlichen Könige und Feldherrn nach +ihrer Aufführung im Triumph hinrichten zu lassen. Aber das hielt ihn nicht ab, +wenn sein Herr und Meister Sulla befahl, sich von der geliebten Frau zu +scheiden, weil sie einem verfemten Geschlecht angehörte, und auf desselben +Gebieters Wink Männer, die ihm in schwerer Zeit hilfreich beigestanden hatten, +mit großer Seelenruhe vor seinen Augen hinrichten zu lassen; er war nicht +grausam, wie man ihm vorwarf, aber, was vielleicht schlimmer ist, kalt und im +Guten wie im Bösen ohne Leidenschaft. Im Schlachtgetümmel sah er dem Feinde das +Weiße im Auge; im bürgerlichen Leben war er ein schüchterner Mann, dem bei der +geringsten Veranlassung das Blut in die Wangen stieg und der nicht ohne +Verlegenheit öffentlich sprach, überhaupt eckig, steif und ungelenk im Verkehr. +Bei all seinem hoffärtigen Eigensinn war er, wie ja in der Regel diejenigen es +sind, die ihre Selbständigkeit zur Schau tragen, ein lenksames Werkzeug in der +Hand derjenigen, die ihn zu nehmen verstanden, namentlich seiner Freigelassenen +und Klienten, von denen er nicht fürchtete, beherrscht zu werden. Zu nichts war +er minder geschaffen als zum Staatsmann. Unklar über seine Ziele, ungewandt in +der Wahl seiner Mittel, im kleinen wie im großen kurzsichtig und ratlos, +pflegte er seine Unschlüssigkeit und Unsicherheit unter feierlichem Schweigen +zu verbergen und, wenn er fein zu spielen meinte, nur mit dem Glauben andere zu +täuschen, sich selber zu betrügen. Durch seine militärische Stellung und seine +landsmannschaftlichen Beziehungen fiel ihm fast ohne sein Zutun eine +ansehnliche, ihm persönlich ergebene Partei zu, mit der sich die größten Dinge +hätten durchführen lassen; allein Pompeius war in jeder Beziehung unfähig, eine +Partei zu leiten und zusammenzuhalten, und wenn sie dennoch zusammenhielt, so +geschah dies gleichfalls ohne sein Zutun durch das bloße Schwergewicht der +Verhältnisse. Hierin wie in andern Dingen erinnert er an Marius; aber Marius +ist mit seinem bauerhaft rohen, sinnlich leidenschaftlichen Wesen doch noch +minder unerträglich als dieser langweiligste und steifleinenste aller +nachgemachten großen Männer. Seine politische Stellung war durchaus schief. Er +war Sullanischer Offizier und für die restaurierte Verfassung einzustehen +verpflichtet, und doch auch wieder in Opposition gegen Sulla persönlich wie +gegen das ganze senatorische Regiment. Das Geschlecht der Pompeier, das erst +seit etwa sechzig Jahren in den Konsularverzeichnissen genannt ward, galt in +den Augen der Aristokratie noch keineswegs als voll; auch hatte der Vater +dieses Pompeius gegen den Senat eine sehr gehässige Zwitterstellung eingenommen +und er selbst einst in den Reihen der Cinnaner gestanden - Erinnerungen, die +wohl verschwiegen, aber nicht vergessen wurden. Die hervorragende Stellung, die +Pompeius unter Sulla sich erwarb, entzweite ihn innerlich ebensosehr mit der +Aristokratie, wie sie ihn äußerlich mit derselben verflocht. Schwachköpfig wie +er war, ward Pompeius auf der so bedenklich rasch und leicht erklommenen +Ruhmeshöhe vom Schwindel ergriffen. Gleich als wolle er seine dürr prosaische +Natur durch die Parallele mit der poetischsten aller Heldengestalten selber +verhöhnen, fing er an sich mit Alexander dem Großen zu vergleichen und sich für +einen einzigen Mann zu halten, dem es nicht gezieme, bloß einer von den +fünfhundert römischen Ratsherren zu sein. In der Tat war niemand mehr +geschaffen, in ein aristokratisches Regiment als Glied sich einzufügen, als er. +Pompeius’ würdevolles Äußere, seine feierliche Förmlichkeit, seine +persönliche Tapferkeit, sein ehrbares Privatleben, sein Mangel an aller +Initiative hätten ihm, wäre er zweihundert Jahre früher geboren worden, neben +Quintus Maximus und Publius Decius einen ehrenvollen Platz gewinnen mögen; zu +der Wahlverwandtschaft, die zwischen Pompeius und der Masse der Bürgerschaft +und des Senats zu allen Zeiten bestand, hat diese echt optimatische und echt +römische Mediokrität nicht am wenigsten beigetragen. Auch in seiner Zeit noch +hätte es eine klare und ansehnliche Stellung für ihn gegeben, wofern er damit +sich genügen ließ, der Feldherr des Rates zu sein, zu dem er von Haus aus +bestimmt war. Es genügte ihm nicht und so geriet er in die verhängnisvolle +Lage, etwas anderes sein zu wollen als er sein konnte. Beständig trachtete er +nach einer Sonderstellung im Staat und wenn sie sich darbot, konnte er sich +nicht entschließen, sie einzunehmen; mit tiefer Erbitterung nahm er es auf, +wenn Personen und Gesetze nicht unbedingt vor ihm sich beugten, und doch trat +er selbst mit nicht bloß affektierter Bescheidenheit überall auf als einer von +vielen Gleichberechtigten und zitterte vor dem bloßen Gedanken, etwas +Verfassungswidriges zu beginnen. Also beständig in gründlicher Spannung mit und +doch zugleich der gehorsame Diener der Oligarchie, beständig gepeinigt von +einem Ehrgeiz, der vor seinem eigenen Ziele erschrickt, verfloß ihm in ewigem +innerem Widerspruch freudelos sein vielbewegtes Leben. +</p> + +<p> +Ebensowenig als Pompeius kann Marcus Crassus zu den unbedingten Anhängern der +Oligarchie gezählt werden. Er ist eine für diese Epoche höchst +charakteristische Figur. Wie Pompeius, dem er im Alter um wenige Jahre +voranging, gehörte auch er zu dem Kreise der hohen römischen Aristokratie, +hatte die gewöhnliche standesmäßige Erziehung erhalten und gleich Pompeius +unter Sulla im Italischen Kriege mit Auszeichnung gefochten. An geistiger +Begabung, literarischer Bildung und militärischem Talent weit zurückstehend +hinter vielen seinesgleichen, überflügelte er sie durch seine grenzenlose +Rührigkeit und durch die Beharrlichkeit, mit der er rang, alles zu besitzen und +zu bedeuten. Vor allen Dingen warf er sich in die Spekulation. Güterkäufe +während der Revolution begründeten sein Vermögen; aber er verschmähte keinen +Erwerbszweig; er betrieb das Baugeschäft in der Hauptstadt ebenso großartig wie +vorsichtig; er ging mit seinen Freigelassenen bei den mannigfaltigsten +Unternehmungen in Kompagnie; er machte in und außer Rom, selbst oder durch +seine Leute den Bankier; er Schoß seinen Kollegen Im Senat Geld vor und +unternahm es, für ihre Rechnung wie es fiel Arbeiten auszuführen oder +Richterkollegien zu bestechen. Wählerisch im Profitmachen war er eben nicht. +Schon bei den Sullanischen Ächtungen war ihm eine Fälschung in den Listen +nachgewiesen worden, weshalb Sulla sich von da an in Staatsgeschäften seiner +nicht weiter bedient hatte; die Erbschaft nahm er darum nicht weniger, weil die +Testamentsurkunde, in der sein Name stand, notorisch gefälscht war; er hatte +nichts dagegen, wenn seine Meier die kleinen Anlieger ihres Herrn von ihren +Ländereien gewaltsam oder heimlich verdrängten. Übrigens vermied er offene +Kollisionen mit der Kriminaljustiz und lebte als echter Geldmann selbst +bürgerlich und einfach. Auf diesem Wege ward Crassus binnen wenig Jahren aus +einem Mann von gewöhnlichem senatorischen, der Herr eines Vermögens, das nicht +lange vor seinem Tode nach Bestreitung ungeheurer außerordentlicher Ausgaben +sich noch auf 170 Mill. Sesterzen (13 Mill. Taler) belief: er war der reichste +Römer geworden und damit zugleich eine politische Größe. Wenn nach seiner +Äußerung niemand sich reich nennen durfte, der nicht aus seinen Zinsen ein +Kriegsheer zu unterhalten vermochte, so war, wer dies vermochte, kaum noch ein +bloßer Bürger. In der Tat war Crassus’ Blick auf ein höheres Ziel +gerichtet als auf den Besitz der gefülltesten Geldkiste in Rom. Er ließ es sich +keine Mühe verdrießen, seine Verbindungen auszudehnen. Jeden Bürger der +Hauptstadt wußte er beim Namen zu grüßen. Keinem Bittenden versagte er seinen +Beistand vor Gericht. Zwar die Natur hatte nicht viel für ihn als Sprecher +getan: seine Rede war trocken, der Vortrag eintönig, er hörte schwer; aber sein +zäher Sinn, den keine Langeweile abschreckte wie kein Genuß abzog, überwand die +Hindernisse. Nie erschien er unvorbereitet, nie extemporierte er, und so ward +er ein allzeit gesuchter und allzeit fertiger Anwalt, dem es keinen Eintrag +tat, daß ihm nicht leicht eine Sache zu schlecht war und daß er nicht bloß +durch sein Wort, sondern auch durch seine Verbindungen und vorkommenden Falls +durch sein Gold auf die Richter einzuwirken verstand. Der halbe Rat war ihm +verschuldet; seine Gewohnheit, den Freunden Geld ohne Zinsen auf beliebige +Rückforderung vorzuschießen, machte eine Menge einflußreicher Männer von ihm +abhängig, um so mehr, da er als echter Geschäftsmann keinen Unterschied unter +den Parteien machte, überall Verbindungen unterhielt und bereitwillig jedem +borgte, der zahlungsfähig oder sonst brauchbar war. Die verwegensten +Parteiführer, die rücksichtslos nach allen Seiten hin ihre Angriffe richteten, +hüteten sich, mit Crassus anzubinden; man verglich ihn dem Stier der Herde, den +zu reizen für keinen rätlich war. Daß ein so gearteter und so gestellter Mann +nicht nach niedrigen Zielen streben konnte, leuchtet ein; und, anders als +Pompeius, wußte Crassus genau wie ein Bankier, worauf und womit er politisch +spekulierte. Seit Rom stand, war daselbst das Kapital eine politische Macht; +die Zeit war von der Art, daß dem Golde wie dem Eisen alles zugänglich schien. +Wenn in der Revolutionszeit eine Kapitalistenaristokratie daran hatte denken +mögen, die Oligarchie der Geschlechter zu stürzen, so durfte auch ein Mann wie +Crassus die Blicke höher erheben als zu den Rutenbündeln und dem gestickten +Mantel der Triumphatoren. Augenblicklich war er Sullaner und Anhänger des +Senats; allein er war viel zu sehr Finanzmann, um einer bestimmten politischen +Partei sich zu eigen zu geben und etwas anderes zu verfolgen als seinen +persönlichen Vorteil. Warum sollte Crassus, der reichste und der intriganteste +Mann in Rom und kein scharrender Geizhals, sondern ein Spekulant im größten +Maßstab, nicht spekulieren auch auf die Krone? Vielleicht vermochte er allein +es nicht, dies Ziel zu erreichen; aber er hatte ja schon manches großartige +Gesellschaftsgeschäft gemacht: es war nicht unmöglich, daß auch hierfür ein +passender Teilnehmer sich darbot. Es gehörte zur Signatur der Zeit, daß ein +mittelmäßiger Redner und Offizier, ein Politiker, der seine Rührigkeit für +Energie, seine Begehrlichkeit für Ehrgeiz hielt, der im Grunde nichts hatte als +ein kolossales Vermögen und das kaufmännische Talent, Verbindungen anzuknüpfen +- daß ein solcher Mann, gestützt auf die Allmacht der Koterien und Intrigen, +den ersten Feldherren und Staatsmännern der Zeit sich ebenbürtig achten und mit +ihnen um den höchsten Preis ringen durfte, der dem politischen Ehrgeiz winkt. +</p> + +<p> +In der eigentlichen Opposition, sowohl unter den liberalen Konservativen als +unter den Popuhren, hatten die Stürme der Revolution mit erschreckender +Gründlichkeit aufgeräumt. Unter jenen war der einzig übriggebliebene namhafte +Mann Gaius Cotta (630 bis ca. 681 124 -73), der Freund und Bundesgenosse des +Drusus und deswegen im Jahre 663 (91) verbannt, sodann durch Sullas Krieg +zurückgeführt in die Heimat; er war ein kluger Mann und ein tüchtiger Anwalt, +aber weder durch das Gewicht seiner Partei noch durch das seiner Persönlichkeit +zu mehr berufen als zu einer achtbaren Nebenrolle. In der demokratischen Partei +zog unter dem jungen Nachwuchs der vierundzwanzigjährige Gaius Iulius Caesar +(geb. 12. Juli 652? 102) ^2 die Blicke von Freund und Feind auf sich. Seine +Verschwägerung mit Marius und Cinna - seines Vaters Schwester war Marius’ +Gemahlin gewesen, er selbst mit Cinnas Tochter vermählt -; die mutige Weigerung +des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings, nach dem Befehl des Diktators +seiner jungen Gemahlin Cornelia den Scheidebrief zuzusenden, wie es doch im +gleichen Falle Pompeius getan; ein keckes Beharren auf dem ihm von Marius +zugeteilten, von Sulla aber wieder aberkannten Priesteramt; seine Irrfahrten +während der ihm drohenden und mühsam durch Fürbitte seiner Verwandten +abgewandten Ächtung; seiner Tapferkeit in den Gefechten vor Mytilene und in +Kilikien, die dem zärtlich erzogenen und fast weiblich stutzerhaften Knaben +niemand zugetraut hatte; selbst die Warnungen Sullas vor dem “Knaben im +Unterrock”, in dem mehr als ein Marius stecke - alles dies waren ebenso +viele Empfehlungen in den Augen der demokratischen Partei. Indes an Caesar +konnten doch nur Hoffnungen für die Zukunft sich knüpfen; und die Männer, die +durch ihr Alter und ihre Stellung im Staat schon jetzt berufen gewesen sein +würden, der Zügel der Partei und des Staates sich zu bemächtigen, waren +sämtliche tot oder geächtet. So war die Führerschaft der Demokratie in +Ermangelung eines wahrhaft Berufenen für jeden zu haben, dem es belieben +mochte, sich zum Vertreter der unterdrückten Volksfreiheit aufzuwerfen; und in +dieser Weise kam sie an Marcus Aemilius Lepidus, einen Sullaner, der aus mehr +als zweideutigen Beweggründen überging in das Lager der Demokratie. Einst ein +eifriger Optimat und stark beteiligt bei den über die Güter der Geächteten +abgehaltenen Auktionen, hatte er als Statthalter von Sizilien die Provinz so +arg geplündert, daß ihm eine Anklage drohte, und, um dieser zu entgehen, sich +in die Opposition geworfen. Es war ein Gewinn von zweifelhaftem Werte. Zwar ein +bekannter Name, ein vornehmer Mann, ein hitziger Redner auf dem Markt war damit +der Opposition erworben; aber Lepidus war ein unbedeutender und unbesonnener +Kopf, der weder im Rate noch im Felde verdiente, an der Spitze zu stehen. +Nichtsdestoweniger hieß die Opposition ihn willkommen, und dem neuen +Demokratenführer gelang es nicht bloß, seine Ankläger von der Fortsetzung des +gegen ihn begonnenen Angriffs abzuschrecken, sondern auch, seine Wahl zum +Konsul für 676 (78) durchzusetzen, wobei ihm übrigens außer den in Sizilien +erpreßten Schätzen auch Pompeius’ albernes Bestreben förderlich war, bei +dieser Gelegenheit Sulla und den reinen Sullanern zu zeigen, was er vermöge. Da +also, als Sulla starb, die Opposition an Lepidus wieder ein Haupt gefunden +hatte und da dieser ihr Führer der höchste Beamte des Staats geworden war, so +ließ sich der nahe Ausbruch einer neuen Revolution in der Hauptstadt mit +Sicherheit vorhersehen. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +^2 Als Caesars Geburtsjahr pflegt man das Jahr 654 (100) anzusetzen, weil er +nach Sueton (Caes. 88), Plutarch (Caes. 69) und Appian (civ. 2 149) bei seinem +Tode (15. März 710 44) im 56. Jahre stand; womit auch die Angabe, daß er zur +Zeit der Sullanischen Proskription (672 82) achtzehn Jahre alt gewesen (Vell. +2, 41), ungefähr übereinstimmt. Aber in unauflöslichem Widerspruch damit steht +es, daß Caesar im Jahre 689 (65) die Ädilität, 692 (62) die Prätur, 695 (59) +das Konsulat bekleidet hat und jene Ämter nach den Annalgesetzen frühestens +resp. im 37/38., 40/41. und 43/44. Lebensjahr bekleidet werden durften. Es ist +nicht abzusehen, wie Caesar sämtliche kurulischen Ämter zwei Jahre vor der +gesetzlichen Zeit bekleidet haben, noch weniger, daß hiervon nirgends Erwähnung +geschehen sein sollte. Vielmehr legen diese Tatsachen die Vermutung nahe, daß +er, da sein Geburtstag unbezweifelt auf den 12. Juli fiel, nicht 654 (100), +sondern 652 (102) geboren ist, also im Jahre 672 (82) im 20/21. Lebensjahre +stand und nicht im 56., sondern 57 Jahre 8 Monate alt starb. Für diesen +letzteren Ansatz läßt sich ferner geltend machen, was man auffallenderweise +dagegen angeführt hat, daß Caesar “paene puer” von Marius und Cinna +zum Flamen des Jupiter bestellt wurde (Vell. 2, 43); denn Marius starb im +Januar 668 (86), wo Caesar nach dem gewöhnlichen Ansatz dreizehn Jahre und +sechs Monate alt, also nicht “beinahe”, wie Velleius sagt, sondern +wirklich noch Knabe und aus diesem Grunde eines solchen Priestertums kaum fähig +war. War er dagegen im Juli 652 (102) geboren, so stand er bei dem Tode des +Marius im sechzehnten Lebensjahr; und dazu stimmt die Bezeichnung bei Velleius +wie die allgemeine Regel, daß bürgerliche Stellungen nicht vor Ablauf des +Knabenalters übernommen werden. Zu diesem letzteren Ansatz paßt es ferner +allein, daß die um den Ausbruch des Bürgerkrieges von Caesar geschlagenen +Denare mit der Zahl LII, wahrscheinlich dem Lebensjahr, bezeichnet sind; denn +als er begann, war Caesar hiernach etwas über 52 Jahre alt. Auch ist es nicht +so verwegen, wie es uns an regelmäßige und amtliche Geburtslisten Gewöhnten +erscheint, in dieser Hinsicht unsere Gewährsmänner eines Irrtum zu zeihen. Jene +vier Angaben können sehr wohl alle auf eine gemeinschaftliche Quelle +zurückgehen und dürfen überhaupt, da für die ältere Zeit vor dem Beginn der +acta diurna die Angaben über die Geburtsjahre auch der bekanntesten und +höchstgestellten Römer, zum Beispiel über das des Pompeius, in der +auffallendsten Weise schwanken, auf keine sehr hohe Glaubwürdigkeit Anspruch +machen. Vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 1, S. 570. +</p> + +<p> +In dem ‘Leben Caesars’ von Napoleon III. (Bd. 2, Kap. 1) ist +hiergegen eingewandt worden, teils daß das Annalgesetz für Caesars Geburtsjahr +nicht auf 652 (102), sondern 651 (103) führen würde, teils besonders, daß auch +sonst Fälle bekannt sind, wo dasselbe nicht befolgt worden ist. Allein die +erste Behauptung beruht auf einem Versehen; denn wie Ciceros Beispiel zeigt, +forderte das Annalgesetz nur, daß bei Antritt des Amtes das 43. Lebensjahr +begonnen, nicht daß es zurückgelegt sei. Die behaupteten Ausnahmen aber von der +Regel treffen sämtlich nicht zu. Wenn Tacitus (ann. 11, 22) sagt, daß man +ehemals bei der Vergebung der Ämter gar keine Rücksicht auf das Alter genommen +und Konsulat und Diktatur an ganz junge Leute übertragen habe, so hat er +natürlich, wie auch alle Erklärer anerkennen, dabei die ältere Zeit im Sinne, +vor Erlaß der Annalgesetze, das Konsulat des dreiundzwanzigjährigen M. Valerius +Corvus und ähnliche Fälle. Daß Lucullus das höchste Amt vor dem gesetzlichen +Alter empfing, ist falsch; es wird nur berichtet (Cic. ac. 2. 1, 1), daß auf +Grund einer uns nicht näher bekannten Ausnahmeklausel zur Belohnung für +irgendwelche von ihm verrichtete Tat er von dem gesetzlichen zweijährigen +Intervall zwischen Ädilität und Prätur dispensiert war - in der Tat war er 675 +Ädil, wahrscheinlich 677 Prätor, 680 Konsul. Daß der Fall des Pompeius ein +gänzlich verschiedener ist, liegt auf der Hand; aber auch von Pompeius wird +mehrfach ausdrücklich gemeldet (Cic. imp. Cn. Pomp. 21, 62; App. civ. 3, 88), +daß der Senat ihn von den Altersgesetzen entband. Daß dies für Pompeius +geschah, der als sieggekrönter Oberfeldherr und Triumphator, an der Spitze +eines Heeres und seit seiner Koalition mit Crassus auch einer mächtigen Partei, +sich um das Konsulat bewarb, ist ebenso begreiflich, als es im höchsten Grade +auffallend sein würde, wenn dasselbe für Caesar bei seiner Bewerbung um die +minderen Ämter geschehen sein sollte, wo er wenig mehr bedeutete als andere +politische Anfänger; und noch viel auffallender ist es, daß wohl von jener +selbstverständlichen Ausnahme, aber nicht von dieser mehr als seltsamen sich +Erwähnung findet, so nahe solche Erwähnungen, namentlich im Hinblick auf den +21jährigen Konsul Caesar den Sohn auch gelegen haben würden (vgl. z. B. App. +civ. 3, 88). Wenn aus diesen unzutreffenden Beispielen dann die Folgerung +gezogen wird, daß “man in Rom das Gesetz wenig beachtet habe, wenn es +sich um ausgezeichnete Männer handelte”, so ist über Rom und die Römer +wohl nie etwas Irrigeres gesagt worden als dieser Satz. Die Größe des römischen +Gemeinwesens wie nicht minder die seiner großen Feldherren und Staatsmänner +beruht vor allen Dingen darauf, daß das Gesetz auch für sie galt. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Schon früher aber als die Demokraten in der Hauptstadt hatten sich in Spanien +die demokratischen Emigranten wieder geregt. Die Seele dieser Bewegung war +Quintus Sertorius. Dieser vorzügliche Mann, geboren in Nursia im Sabinerland, +war von Haus aus zart und selbst weich organisiert - die fast schwärmerische +Liebe für seine Mutter Raia zeigt es - und zugleich von der ritterlichsten +Tapferkeit, wie die aus dem Kimbrischen, dem Spanischen und dem Italischen +Krieg heimgebrachten ehrenvollen Narben bewiesen. Obwohl als Redner gänzlich +ungeschult, erregte er durch den natürlichen Fluß und die treffende Sicherheit +seiner Rede die Bewunderung der gelernten Sachwalter. Sein ungemeines +militärisches und staatsmännisches Talent hatte er namentlich in dem von den +Demokraten so über die Maßen elend und kopflos geführten Revolutionskrieg +Gelegenheit gefunden in glänzendem Kontrast zu beweisen: anerkanntermaßen war +er der einzige demokratische Offizier, der den Krieg vorzubereiten und zu +leiten verstand, und der einzige demokratische Staatsmann, der dem +gedankenlosen Treiben und Wüten seiner Partei mit staatsmännischer Energie +entgegentrat. Seine spanischen Soldaten nannten ihn den neuen Hannibal und +nicht bloß deswegen, weil er gleich diesem im Kriege ein Auge eingebüßt hatte. +Er erinnert in der Tat an den großen Phöniker durch seine ebenso verschlagene +als mutige Kriegführung, sein seltenes Talent, den Krieg durch den Krieg zu +organisieren, seine Gewandtheit, fremde Nationen in sein Interesse zu ziehen +und seinen Zwecken dienstbar zu machen, seine Besonnenheit im Glück und +Unglück, seine erfinderische Raschheit in der Benutzung seiner Siege wie in der +Abwendung der Folgen seiner Niederlagen. Man darf zweifeln, ob irgendein +römischer Staatsmann der früheren oder der gegenwärtigen Zeit an allseitigem +Talent mit Sertorius sich vergleichen läßt. Nachdem Sullas Feldherren ihn +gezwungen hatten, aus Spanien zu weichen, hatte er an den spanischen und +afrikanischen Küsten ein unstetes Abenteuerleben geführt, bald im Bunde, bald +im Kriege mit den auch hier einheimischen kilikischen Piraten und den +Häuptlingen der schweifenden Stämme Libyens. Selbst hierhin hatte die +siegreiche römische Restauration ihn verfolgt; als er Tingis (Tanger) +belagerte, war dem Fürsten der Stadt zu Hilfe aus dem römischen Afrika ein +Korps unter Pacciaecus erschienen; aber Pacciaecus ward von Sertorius völlig +geschlagen und Tingis genommen. Auf das weithin erschallende Gerücht von +solchen Kriegstaten des römischen Flüchtlings sandten die Lusitaner, die trotz +ihrer angeblichen Unterwerfung unter die römische Oberhoheit tatsächlich ihre +Unabhängigkeit behaupteten und jährlich mit den Statthaltern des Jenseitigen +Spaniens fochten, Botschaft an Sertorius nach Afrika, um ihn zu sich einzuladen +und ihm das Feldherrnamt über ihre Miliz zu übertragen. Sertorius, der zwanzig +Jahre zuvor unter Titus Didius in Spanien gedient hatte und die Hilfsquellen +des Landes kannte, beschloß, der Einladung Folge zu leisten, und schiffte mit +Zurücklassung eines kleinen Postens an der mauretanischen Küste nach Spanien +sich ein (um 674 80). Die Meerenge, die Spanien und Afrika scheidet, war +besetzt durch ein römisches, von Cotta geführtes Geschwader; sich +durchzuschleichen war nicht möglich; so schlug Sertorius sich durch und +gelangte glücklich zu den Lusitanern. Es waren nicht mehr als zwanzig +lusitanische Gemeinden, die sich unter seine Befehle stellten, und auch von +“Römern” musterte er nur 2600 Mann, von denen ein guter Teil +Übergetretene aus dem Heer des Pacciaecus oder römisch bewaffnete Afrikaner +waren. Sertorius erkannte es, daß alles darauf ankam, den losen +Guerillaschwärmen einen festen Kern römisch organisierter und disziplinierter +Truppen zu geben; er verstärkte zu diesem Ende seine mitgebrachte Schar durch +Aushebung von 4000 Fußsoldaten und 700 Reitern und rückte mit dieser einen +Legion und den Schwärmen der spanischen Freiwilligen gegen die Römer vor. Den +Befehl im jenseitigen Spanien führte Lucius Fufidius, der durch seine +unbedingte und bei den Ächtungen erprobte Hingebung an Sulla vom Unteroffizier +zum Proprätor aufgerückt war; am Baetis ward dieser völlig geschlagen; 2000 +Römer bedeckten die Walstatt. Eilige Boten beriefen den Statthalter der +benachbarten Ebroprovinz, Marcus Domitius Calvinus, um dem weiteren Vordringen +der Sertorianer ein Ziel zu setzen; bald erschien (675 79) auch der erprobte +Feldherr Quintus Metellus, von Sulla gesandt, um den unbrauchbaren Fufidius im +südlichen Spanien abzulösen. Aber es gelang doch nicht, des Aufstandes Herr zu +werden. In der Ebroprovinz wurde von dem Unterfeldherrn des Sertorius, dem +Quästor Lucius Hirtuleius, nicht bloß Calvinus’ Heer vernichtet und er +selbst getötet, sondern auch Lucius Manlius, der Statthalter des jenseitigen +Galliens, der seinem Kollegen zu Hilfe mit drei Legionen die Pyrenäen +überschritten, von demselben tapferen Führer vollständig geschlagen. Mühsam +rettete Manlius sich mit weniger Mannschaft nach Ilerda (Lerida) und von da in +seine Provinz, auf welchem Marsch er noch durch einen Überfall der +aquitanischen Völkerschaften sein ganzes Gepäck einbüßte. Im Jenseitigen +Spanien drang Metellus in das lusitanische Gebiet ein; allein es gelang +Sertorius, während der Belagerung von Longobriga (unweit der Tajomündung) eine +Abteilung unter Aquinus in einen Hinterhalt zu locken und dadurch Metellus +selbst zur Aufhebung der Belagerung und zur Räumung des lusitanischen Gebietes +zu zwingen. Sertorius folgte ihm, schlug am Anas (Guadiana) das Korps des +Thorius und tat dem feindlichen Oberfeldherrn selbst unsäglichen Abbruch im +kleinen Kriege. Metellus, ein methodischer und etwas schwerfälliger Taktiker, +war in Verzweiflung über diesen Gegner, der die Entscheidungsschlacht +beharrlich verweigerte, aber Zufuhr und Kommunikationen ihm abschnitt und von +allen Seiten ihn beständig umschwärmte. +</p> + +<p> +Diese ungemeinen Erfolge, die Sertorius in beiden spanischen Provinzen erfocht, +waren im so bedeutsamer, als sie nicht bloß durch die Waffen errungen wurden +und nicht bloß militärischer Natur waren. Die Emigrierten als solche waren +nicht furchtbar; auch an einzelnen Erfolgen der Lusitaner unter diesem oder +jenem fremden Führer war wenig gelegen. Aber mit dem sichersten politischen und +patriotischen Takt trat Sertorius, sowie er irgend es vermochte, statt als +Condottiere der gegen Rom empörten Lusitaner auf als römischer Feldherr und +Statthalter von Spanien, in welcher Eigenschaft er ja von den ehemaligen +Machthabern dorthin gesandt worden war. Er fing an ^3, aus den Häuptern der +Emigration einen Senat zu bilden, der bis auf dreihundert Mitglieder steigen +und in römischen Formen die Geschäfte leiten und die Beamten ernennen sollte. +Er betrachtete sein Heer als ein römisches und besetzte die Offiziersstellen +ohne Ausnahme mit Römern. Den Spaniern gegenüber war er der Statthalter, der +kraft seines Amtes Mannschaft und sonstige Unterstützung von ihnen einmahnte; +aber freilich ein Statthalter, der statt des gewohnten despotischen Regiments +bemüht war, die Provinzialen an Rom und an sich persönlich zu fesseln. Sein +ritterliches Wesen machte ihm das Eingehen auf die spanische Weise leicht und +erweckte bei dem spanischen Adel für den wahlverwandten wunderbaren Fremdling +die glühendste Begeisterung; nach der auch hier wie bei den Kelten und den +Deutschen bestehenden kriegerischen Sitte der Gefolgschaft schworen Tausende +der edelsten Spanier, zu ihrem römischen Feldherrn treu bis zum Tode zu stehen, +und Sertorius fand in ihnen zuverlässigere Waffengefährten als in seinen +Landsleuten und Parteigenossen. Er verschmähte es nicht, auch den Aberglauben +der roheren spanischen Völkerschaften für sich nutzbar zu machen und seine +kriegerischen Pläne als Befehle der Diana durch die weiße Hindin der Göttin +sich zutragen zu lassen. Durchaus führte er ein gerechtes und gelindes +Regiment. Seine Truppen mußten, wenigstens so weit sein Auge und sein Arm +reichten, die strengste Mannszucht halten; so mild er im allgemeinen im Strafen +war, so unerbittlich erwies er sich bei jedem von seinen Leuten auf +befreundetem Gebiet verübten Frevel. Aber auch auf dauernde Erleichterung der +Lage der Provinzialen war er bedacht; er setzte die Tribute herab und wies die +Soldaten an, sich für den Winter Baracken zu erbauen, wodurch die drückende +Last der Einquartierung wegfiel und damit eine Quelle unsäglicher Übelstände +und Quälereien verstopft ward. Für die Kinder der vornehmen Spanier ward in +Osca (Huesca) eine Akademie errichtet, in der sie den in Rom gewöhnlichen +höheren Jugendunterricht empfingen, römisch und griechisch reden und die Toga +tragen lernten - eine merkwürdige Maßregel, die keineswegs bloß den Zweck +hatte, von den Verbündeten die in Spanien nun einmal unvermeidlichen Geiseln in +möglichst schonender Form zu nehmen, sondern vor allem ein Ausfluß und eine +Steigerung war des großen Gedankens des Gaius Gracchus und der demokratischen +Partei, die Provinzen allmählich zu romanisieren. Hier zuerst wurde der Anfang +dazu gemacht, die Romanisierung nicht durch Ausrottung der alten Bewohner und +Ersetzung derselben durch italische Emigranten zu bewerkstelligen, sondern die +Provinzialen selbst zu romanisieren. Die Optimaten in Rom spotteten über den +elenden Emigranten, den Ausreißer aus der italischen Armee, den letzten von der +Räuberbande des Carbo; der dürftige Hohn fiel auf sie selber zurück. Man +rechnete die Massen, die gegen Sertorius ins Feld geführt worden waren, mit +Einschluß des spanischen Landsturms auf 120000 Mann zu Fuß, 2000 Bogenschützen +und Schleuderer und 6000 Reiter. Gegen diese ungeheure Übermacht hatte +Sertorius nicht bloß sich in einer Kette von glücklichen Gefechten und Siegen +behauptet, sondern auch den größten Teil Spaniens in seine Gewalt gebracht. In +der jenseitigen Provinz sah sich Metellus beschränkt auf die unmittelbar von +seinen Truppen besetzten Gebietsteile; hier hatten alle Völkerschaften, die es +konnten, Partei für Sertorius ergriffen. In der diesseitigen gab es nach den +Siegen des Hirtuleius kein römisches Heer mehr. Sertorianische Emissäre +durchstreiften das ganze gallische Gebiet; schon fingen auch hier die Stämme +an, sich zu regen, und zusammengerottete Haufen, die Alpenpässe unsicher zu +machen. Die See endlich gehörte ebensosehr den Insurgenten wie der legitimen +Regierung, da die Verbündetem jener, die Korsaren, in den spanischen Gewässern +fast so mächtig waren wie die römischen Kriegsschiffe. Auf dem Vorgebirge der +Diana (jetzt Denia zwischen Valencia und Alicante) richtet Sertorius jenen eine +feste Station ein, wo sie teils den römischen Schiffen auflauerten, die den +römischen Seestädten und dem Heer ihren Bedarf zuführten, teils den Insurgenten +die Waren abnahmen oder lieferten, teils deren Verkehr mit Italien und +Kleinasien vermittelten. Daß diese allzeit fertigen Vermittler von der lohenden +Brandstätte überall hin die Funken trugen, war in hohem Grade +besorgniserregend, zumal in einer Zeit, wo überall im Römischen Reiche so viel +Brennstoff aufgehäuft war. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +^3 Wenigstens die Grundzüge dieser Organisation müssen in die Jahre 674 (80), +675 (79), 676 (78) fallen, wenngleich die Ausführung ohne Zweifel zum guten +Teil erst den späteren Jahren angehört. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +In diese Verhältnisse hinein traf Sullas plötzlicher Tod (676 78). Solange der +Mann lebte, auf dessen Stimme ein geübtes und zuverlässiges Veteranenheer jeden +Augenblick sich zu erheben bereit war, mochte die Oligarchie den fast, wie es +schien, entschiedenen Verlust der spanischen Provinzen an die Emigranten sowie +die Wahl des Führers der Opposition daheim zum höchsten Beamten des Reiches +allenfalls als vorübergehende Mißgeschicke ertragen und, freilich in ihrer +kurzsichtigen Art, aber doch nicht ganz mit Unrecht, darauf sich verlassen, daß +entweder die Opposition es nicht wagen werde, zum offenen Kampfe zu schreiten, +oder daß, wenn sie es wage, der zweimalige Erretter der Oligarchie dieselbe zum +dritten Male herstellen werde. Jetzt war der Stand der Dinge ein anderer +geworden. Die demokratischen Heißsporne in der Hauptstadt, längst ungeduldig +über das endlose Zögern und angefeuert durch die glänzenden Botschaften aus +Spanien, drängten zum Losschlagen, und Lepidus, bei dem augenblicklich die +Entscheidung stand, ging mit dem ganzen Eifer des Renegaten und mit der ihm +persönlich eigenen Leichtfertigkeit darauf ein. Einen Augenblick schien es, als +solle an der Fackel, die den Scheiterhaufen des Regenten anzündete, auch der +Bürgerkrieg sich entflammen; indes Pompeius’ Einfluß und die Stimmung der +Sullanischen Veteranen bestimmten die Opposition, das Leichenbegängnis des +Regenten noch ruhig vorübergehen zu lassen. Allein nur um so offener traf man +sodann die Einleitung zur abermaligen Revolution. Bereits hallte der Markt der +Hauptstadt wider von Anklagen gegen den “karikierten Romulus” und +seine Schergen. Noch bevor der Gewaltige die Augen geschlossen hatte, wurden +von Lepidus und seinen Anhängern der Umsturz der Sullanischen Verfassung, die +Wiederherstellung der Getreideverteilungen, die Wiedereinsetzung der +Volkstribune in den vorigen Stand, die Zurückführung der gesetzwidrig +Verbannten, die Rückgabe der konfiszierten Ländereien offen als das Ziel der +Agitation bezeichnet. Jetzt wurden mit den Geächteten Verbindungen angeknüpft; +Marcus Perpenna, in der cinnanischen Zeit Statthalter von Sizilien, fand sich +ein in der Hauptstadt. Die Söhne der Sullanischen Hochverräter, auf denen die +Restaurationsgesetze mit unerträglichem Drucke lasteten, und überhaupt die +namhafteren marianisch gesinnten Männer wurden zum Beitritt aufgefordert; nicht +wenige, wie der junge Lucius Cinna, schlossen sich an; andere freilich folgten +dem Beispiele Gaius Caesars, der zwar auf die Nachricht von Sullas Tode und +Lepidus’ Plänen aus Asien heimgekehrt war, aber nachdem er den Charakter +des Führers und der Bewegung genauer kennengelernt hatte, vorsichtig sich +zurückzog. In der Hauptstadt ward auf Lepidus’ Rechnung in den +Weinhäusern und den Bordellen gezecht und geworben. Unter den etruskischen +Mißvergnügten endlich ward eine Verschwörung gegen die neue Ordnung der Dinge +angezettelt ^4. +</p> + +<p> +————————————————————————————— +</p> + +<p> +^4 Die folgende Erzählung beruht wesentlich auf dem Bericht des Licinianus, +der, so trümmerhaft er auch gerade hier ist, dennoch über die Insurrektion des +Lepidus wichtige Aufschlüsse gibt. +</p> + +<p> +————————————————————————————- +</p> + +<p> +Alles dies geschah unter den Augen der Regierung. Der Konsul Catulus sowie die +verständigeren Optimaten drangen darauf, sofort entschieden einzuschreiten und +den Aufstand im Keime zu ersticken; allein die schlaffe Majorität konnte sich +nicht entschließen, den Kampf zu beginnen, sondern versuchte so lange wie +möglich, durch ein System von Transaktionen und Konzessionen sich selber zu +täuschen. Lepidus ging zunächst auf dasselbe auch seinerseits ein. Das +Ansinnen, die Zurückgabe der den Volkstribunen entzogenen Befugnisse zu +beantragen, wies er nicht minder ab wie sein Kollege Catulus. Dagegen wurde die +Gracchische Kornverteilung in beschränktem Umfang wiederhergestellt. Es +scheinen danach nicht wie nach dem Sempronischen Gesetz alle, sondern nur eine +bestimmte Anzahl - vermutlich 40000 - ärmere Bürger die früheren Spenden, wie +sie Gracchus bestimmt hatte, fünf Scheffel monatlich für den Preis von 6 1/3 +Assen (2¾ Groschen) empfangen zu haben - eine Bestimmung, aus der dem Ärar ein +jährlicher Nettoverlust von mindestens 300000 Talern erwuchs ^5. Die +Opposition, durch diese halbe Nachgiebigkeit natürlich ebensowenig befriedigt +wie entschieden ermutigt, trat in der Hauptstadt nur um so schroffer und +gewaltsamer auf; und in Etrurien, dem rechten Herd aller italischen +Proletarierinsurrektionen, brach bereits der Bürgerkrieg aus: die +expropriierten Faesulaner setzten sich mit gewaffneter Hand wieder in den +Besitz ihrer verlorenen Güter und mehrere der von Sulla daselbst angesiedelten +Veteranen kamen bei dem Auflauf um. Der Senat beschloß auf diese Nachricht, die +beiden Konsuln dorthin zu senden, um Truppen aufzubieten und den Aufstand zu +unterdrücken ^6. Es war nicht möglich, kopfloser zu verfahren. Der Senat +konstatierte der Insurrektion gegenüber seine Schwachmütigkeit und seine +Besorgnisse durch die Wiederherstellung des Getreidegesetzes: er gab, um vor +dem Straßenlärm Ruhe zu haben, dem notorischen Haupte der Insurrektion ein +Heer; und wenn die beiden Konsuln durch den feierlichsten Eid, den man zu +ersinnen vermochte, verpflichtet wurden, die ihnen anvertrauten Waffen nicht +gegeneinander zu kehren, so gehörte wahrlich die dämonische Verstocktheit +oligarchischer Gewissen dazu, um ein solches Bollwerk gegen die drohende +Insurrektion aufrichten zu mögen. Natürlich rüstete Lepidus in Etrurien nicht +für den Senat, sondern für die Insurrektion, höhnisch erklärend, daß der +geleistete Eid nur für das laufende Jahr ihn binde. Der Senat setzte die +Orakelmaschine in Bewegung, um ihn zur Rückkehr zu bestimmen, und übertrug ihm +die Leitung der bevorstehenden Konsulwahlen: allein Lepidus wich aus, und +während die Boten deswegen kamen und gingen und über Vergleichsvorschlägen das +Amtsjahr zu Ende lief, schwoll seine Mannschaft zu einem Heer an. Als endlich +im Anfang des folgenden Jahres (677 77) an Lepidus der bestimmte Befehl des +Senats erging, nun ungesäumt zurückzukehren, weigerte der Prokonsul trotzig den +Gehorsam und forderte seinerseits die Erneuerung der ehemaligen tribunizischen +Gewalt und die Wiedereinsetzung der gewalttätig Vertriebenen in ihr Bürgerrecht +und ihr Eigentum, überdies für sich die Wiederwahl zum Konsul für das laufende +Jahr, das heißt die Tyrannis in gesetzlicher Form. Damit war der Krieg erklärt. +Die Senatspartei konnte, außer auf die Sullanischen Veteranen, deren +bürgerliche Existenz durch Lepidus bedroht ward, zählen auf das von dem +Prokonsul Catulus unter die Waffen gerufene Heer; und auf die dringenden +Mahnungen der Einsichtigen, namentlich des Philippus, wurde demgemäß die +Verteidigung der Hauptstadt und die Abwehr der in Etrurien stehenden Hauptmacht +der Demokratenpartei dem Catulus vom Senat übertragen, auch gleichzeitig Gnaeus +Pompeius mit einem anderen Haufen ausgesandt, um seinem ehemaligen Schützling +das Potal zu entreißen, das dessen Unterbefehlshaber Marcus Brutus besetzt +hielt. Während Pompeius rasch seinen Auftrag vollzog und den feindlichen +Feldherrn eng in Mutina einschloß, erschien Lepidus vor der Hauptstadt, um, wie +einst Marius, sie mit stürmender Hand für die Revolution zu erobern. Das rechte +Tiberufer geriet ganz in seine Gewalt und er konnte sogar den Fluß +überschreiten; auf dem Marsfelde, hart unter den Mauern der Stadt, wurde die +entscheidende Schlacht geschlagen. Allein Catulus siegte; Lepidus mußte +zurückweichen nach Etrurien, während eine andere Abteilung unter Lepidus’ +Sohn Scipio sich in die Festung Alba warf. Damit war der Aufstand im +wesentlichen zu Ende. Mutina ergab sich an Pompeius; Brutus wurde trotz des ihm +zugestandenen sicheren Geleits nachträglich auf Befehl des Pompeius getötet. +Ebenso ward Alba nach langer Belagerung durch Hunger bezwungen und der Führer +gleichfalls hingerichtet. Lepidus, durch Catulus und Pompeius von zwei Seiten +gedrängt, lieferte am etrurischen Gestade noch ein Treffen, um nur den Rückzug +sich zu ermöglichen, und schiffte dann in dem Hafen Cosa nach Sardinien sich +ein, von wo aus er der Hauptstadt die Zufuhr abzuschneiden und die Verbindung +mit den spanischen Insurgenten zu gewinnen hoffte. Allein der Statthalter der +Insel leistete ihm kräftigen Widerstand, und er selbst starb nicht lange nach +seiner Landung an der Schwindsucht (677 77), womit in Sardinien der Krieg zu +Ende war. Ein Teil seiner Soldaten verlief sich; mit dem Kern der +Insurrektionsarmee und mit wohlgefüllten Kassen begab sich der gewesene Prätor +Marcus Perpenna nach Ligurien und von da nach Spanien zu der Sertorianern. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^5 Unter dem Jahre 676 (78) berichtet Licinianus (p. 23 Pertz, p. 42 Bonn): +(Lepidus) [Ie]gem frumentari[am] nullo resistente l[argi]tus est ut annon[ae] +quinque modi popu[lo da]rentur. Danach hat also das Gesetz der Konsuln des +Jahres 681 (73) Marcus Terentius Lucullus und Gaius Cassius Varus, welches +Cicero (Verr. 3, 70, 136; 5, 21, 52) erwähnt und auf das auch Sallust (hist. 3, +61, 19 Dietsch) sich bezieht, die fünf Scheffel nicht erst wiederhergestellt, +sondern nur durch Regulierung der sizilischen Getreideankäufe die Kornspenden +gesichert und vielleicht im einzelnen manches geändert. Daß das Sempronische +Gesetz jedem in Rom domizilierenden Bürger gestattete, an den Getreidespenden +teilzunehmen, steht fest. Allein die spätere Getreideverteilung hat diesen +Umfang nicht gehabt; denn da das Monatkorn der römischen Bürgerschaft wenig +mehr als 33000 Medimnen = 198000 röm. Scheffel betrug (Cic. Verr. 3, 30, 72), +so empfingen damals nur etwa 40000 Bürger Getreide, während doch die Zahl der +in der Hauptstadt domizilierenden Bürger sicher weit beträchtlicher war. Diese +Einrichtung rührt wahrscheinlich aus dem Octavischen Gesetze her, das im +Gegensatze zu der übertriebenen Sempronischen eine “mäßige, für den Staat +erträgliche und für das gemeine Volk notwendige Spendung” (Cic. off. 2, +21, 72; Brut. 62, 222) einführte; und allem Anschein nach ist ebendies Gesetz +die von Licinianus erwähnte lex frumentaria. Daß Lepidus sich auf einen solchen +Ausgleichsvorschlag einließ, stimmt zu seinem Verhalten in Betreff der +Restitution des Tribunats. Ebenso paßt es zu den Verhältnissen, daß die +Demokratie durch die hiermit herbeigeführte Regulierung der Kornverteilung sich +keineswegs befriedigt fand (Sallust a. a. O.). +</p> + +<p> +Die Verlustsumme ist danach berechnet, daß das Getreide mindestens den +doppelten Wert hatte; wenn die Piraterie oder andere Ursachen die Kornpreise in +die Höhe trieben, mußte sich ein noch weit beträchtlicherer Schaden +herausstellen. +</p> + +<p> +^6 Aus den Trümmern des Licinianischen Berichts (p. 44 Bonn) geht auch dies +hervor, daß der Beschluß des Senats: “uti Lepidus et Catulus decretis +exercitibus maturrume proficiscerentur” (Sall. hist. 1, 14 Dietsch) - +nicht von einer Entsendung der Konsuln vor Ablauf des Konsulats in ihre +prokonsularischen Provinzen zu verstehen ist, wozu es auch an jedem Grunde +gefehlt haben würde, sondern von der Sendung nach Etrurien gegen die +aufständischen Faesulaner, ganz ähnlich wie im Catilinarischen Kriege der +Konsul Gaius Antonius ebendorthin geschickt ward. Wenn Philippus bei Sallust +(hist. 1, 84, 4) sagt daß Lepidus ob seditionem provinciam cum exercitu adeptus +est so ist dies damit vollständig im Einklang; denn das außerordentliche +konsularische Kommando in Etrurien ist ebensowohl eine provincia wie das +ordentliche prokonsularische im Narbonensischen Gallien. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +Über Lepidus also hafte die Oligarchie gesiegt; dagegen sah sie sich durch die +gefährliche Wendung des Sertorianischen Krieges zu Zugeständnissen genötigt, +die den Buchstaben wie den Geist der Sullanischen Verfassung verletzten. Es war +schlechterdings notwendig, ein starkes Heer und einen fähigen Feldherrn nach +Spanien zu senden; und Pompeius gab sehr deutlich zu verstehen, daß er diesen +Auftrag wünsche oder vielmehr fordere. Die Zumutung war stark. Es war schon +übel genug, daß man diesen geheimen Gegner in dem Drange der Lepidianischen +Revolution wieder zu einem außerordentlichen Kommando hatte gelangen lassen; +aber noch viel bedenklicher war es, mit Beseitigung aller von Sulla +aufgestellten Regeln der Beamtenhierarchie einem Manne, der noch kein +bürgerliches Amt bekleidet hatte, eine der wichtigsten ordentlichen +Provinzialstatthalterschaften in einer Art zu übertragen, wobei an Einhaltung +der gesetzlichen Jahresfrist nicht zu denken war. Die Oligarchie hatte somit, +auch abgesehen von der ihrem Feldherrn Metellus schuldigen Rücksicht, wohl +Ursache, diesem neuen Versuch des ehrgeizigen Jünglings, seine Sonderstellung +zu verewigen, allen Ernstes sich zu widersetzen; allein leicht war dies nicht. +Zunächst fehlte es ihr durchaus an einem für den schwierigen spanischen +Feldherrnposten geeigneten Mann. Keiner der Konsuln des Jahres bezeigte Lust, +sich mit Sertorius zu messen, und man mußte es hinnehmen, was Lucius Philippus +in voller Ratsversammlung sagte, daß unter den sämtlichen namhaften Senatoren +nicht einer fähig und willig sei, in einem ernsthaften Kriege zu kommandieren. +Vielleicht hätte man dennoch hierüber sich hinweggesetzt und nach +Oligarchenart, da man keinen fähigen Kandidaten hatte, die Stelle mit +irgendeinem Lückenbüßer ausgefüllt, wenn Pompeius den Befehl bloß gewünscht und +nicht ihn an der Spitze einer Armee gefordert hätte. Catulus’ Weisungen, +das Heer zu entlassen, hatte er bereits überhört; es war mindestens +zweifelhaft, ob die des Senats eine bessere Aufnahme finden würden, und die +Folgen eines Bruchs konnte niemand berechnen - gar leicht konnte die Schale der +Aristokratie emporschnellen, wenn in die entgegengesetzte das Schwert eines +bekannten Generals fiel. So entschloß sich die Majorität zur Nachgiebigkeit. +Nicht vom Volke, das hier, wo es um die Bekleidung eines Privatmannes mit der +höchsten Amtsgewalt sich handelte, verfassungsmäßig hätte befragt werden +müssen, sondern vom Senate empfing Pompeius die prokonsularische Gewalt und den +Oberbefehl im diesseitigen Spanien und ging vierzig Tage nach dessen Empfang, +im Sommer 677 (77), über die Alpen. +</p> + +<p> +Zunächst fand der neue Feldherr im Keltenland zu tun, wo zwar eine förmliche +Insurrektion nicht ausgebrochen, aber doch an mehreren Orten die Ruhe ernstlich +gestört worden war; infolgedessen Pompeius den Kantons der Volker-Arekomiker +und der Helvier ihre Selbständigkeit entzog und sie unter Massalia legte. Auch +ward von ihm durch Anlegung einer neuen Alpenstraße über den Kottischen Berg +(Mont Genèvre; 2, 105) eine kürzere Verbindung zwischen dem Potal und dem +Keltenlande hergestellt. über dieser Arbeit verfloß die gute Jahreszeit: erst +spät im Herbst überschritt Pompeius die Pyrenäen. +</p> + +<p> +Sertorius hatte inzwischen nicht gefeiert. Er hatte Hirtuleius in die +jenseitige Provinz entsandt, um Metellus in Schach zu halten, und war selbst +bemüht, seinen vollständigen Sieg in der diesseitigen zu verfolgen und sich auf +Pompeius’ Empfang vorzubereiten. Die einzelnen keltiberischen Städte, die +hier noch zu Rom hielten, wurden angegriffen und eine nach der andern +bezwungen; zuletzt, schon mitten im Winter, war das feste Contrebia (südöstlich +von Saragossa) gefallen. Vergeblich hatten die bedrängten Städte Boten über +Boten an Pompeius gesandt: er ließ sich durch keine Bitten aus seinem gewohnten +Geleise langsamen Vorschreitens bringen. Mit Ausnahme der Seestädte, die durch +die römische Flotte verteidigt wurden, und der Distrikte der Indigeten und +Laletaner im nordöstlichen Winkel Spaniens, wo Pompeius, als er endlich die +Pyrenäen überschritten, sich festsetzte und seine ungeübten Truppen, um sie an +die Strapazen zu gewöhnen, den Winter hindurch biwakieren ließ, war am Ende des +Jahres 677 (77) das ganze diesseitige Spanien durch Vertrag oder Gewalt von +Sertorius abhängig geworden, und die Landschaft am oberen und mittleren Ebro +blieb seitdem die festeste Stütze seiner Macht. Selbst die Besorgnis, die das +frische römische Heer und der gefeierte Name des Feldherrn in der +Insurgentenarmee hervorrief, hatte für dieselbe heilsame Folgen. Marcus +Perpenna, der bis dahin als Sertorius im Range gleich auf ein selbständiges +Kommando über die von ihm aus Ligurien mitgebrachte Mannschaft Anspruch gemacht +hatte, wurde auf die Nachricht von Pompeius’ Eintreffen in Spanien von +seinen Soldaten genötigt, sich unter die Befehle seines fähigeren Kollegen zu +stellen. +</p> + +<p> +Für den Feldzug des Jahres 678 (76) verwandte Sertorius gegen Metellus wieder +das Korps das Hirtuleius, während Perpenna mit einem starken Heer am unteren +Laufe des Ebro sich aufstellte, um Pompeius den Übergang über diesen Fluß zu +wehren, wenn er, wie zu erwarten war, in der Absicht, Metellus die Hand zu +reichen, in südlicher Richtung und, der Verpflegung seiner Truppen wegen, an +der Küste entlang marschieren würde. Zu Perpennas Unterstützung war zunächst +das Korps des Gaius Herennius bestimmt; weiter landeinwärts, am oberen Ebro, +holte Sertorius selbst die Unterwerfung einzelner, römisch gesinnter Distrikte +nach und hielt zugleich sich dort bereit, nach den Umständen Perpenna oder +Hirtuleius zu Hilfe zu eilen. Auch diesmal war seine Absicht darauf gerichtet, +jeder Hauptschlacht auszuweichen und den Feind durch kleine Kämpfe und +Abschneiden der Zufuhr aufzureiben. Indes Pompeius erzwang gegen Perpenna den +Übergang über den Ebro und nahm Stellung am Fluß Pallantia bei Saguntum, unweit +des Vorgebirgs der Diana, von wo aus, wie schon gesagt ward, die Sertorianer +ihre Verbindungen mit Italien und dem Osten unterhielten. Es war Zeit, daß +Sertorius selber erschien und die Überlegenheit seiner Truppenzahl und seines +Genies gegen die größere Tüchtigkeit der Soldaten seines Gegners in die +Waagschale warf. Um die Stadt Lauro (am Xucar südlich von Valencia), die sich +für Pompeius erklärt hatte und deshalb von Sertorius belagert ward, +konzentrierte der Kampf sich längere Zeit. Pompeius strengte sich aufs äußerste +an, sie zu entsetzen; allein nachdem vorher ihm mehrere Abteilungen einzeln +überfallen und zusammengehauen worden waren, sah sich der große Kriegsmann, +ebenda er die Sertorianer umzingelt zu haben meinte und schon die Belagerten +eingeladen hatte, dem Abfangen der Belagerungsarmee zuzuschauen, plötzlich +vollständig ausmanövriert und mußte, um nicht selber umzingelt zu werden, die +Einnahme und Einäscherung der verbündeten Stadt und die Abführung der Einwohner +nach Lusitanien von seinem Lager aus ansehen - ein Ereignis, das eine Reihe +schwankend gewordener Städte im mittleren und östlichen Spanien wieder an +Sertorius festzuhalten bestimmte. Glücklicher focht inzwischen Metellus. In +einem heftigen Treffen bei Italica (unweit Sevilla), das Hirtuleius +unvorsichtig gewagt hatte und in dem beide Feldherrn persönlich ins Handgemenge +kamen, Hirtuleius auch verwundet ward, schlug er diesen und zwang ihn, das +eigentliche römische Gebiet zu räumen und sich nach Lusitanien zu werfen. +Dieser Sieg gestattete Metellus, sich mit Pompeius zu vereinigen. Die +Winterquartiere 678/79 (76/75) nahmen beide Feldherren an den Pyrenäen. Für den +nächsten Feldzug 679 (75), beschlossen sie, den Feind in seiner Stellung bei +Valentia gemeinschaftlich anzugreifen. Aber während Metellus heranzog, bot +Pompeius, um die Scharte von Lauro auszuwetzen und die gehofften Lorbeeren +womöglich allein zu gewinnen, vorher dem feindlichen Hauptheer die Schlacht an. +Mit Freuden ergriff Sertorius die Gelegenheit, mit Pompeius zu schlagen, bevor +Metellus eintraf. Am Flusse Sucro (Xucar) trafen die Heere aufeinander; nach +heftigem Gefecht ward Pompeius auf dem rechten Flügel geschlagen und selbst +schwer verwundet vom Schlachtfelde weggetragen. Zwar siegte Afranius mit dem +linken und nahm das Lager der Sertorianer, allein während der Plünderung von +Sertorius überrascht, ward auch er gezwungen zu weichen. Hätte Sertorius am +folgenden Tage die Schlacht zu erneuern vermocht, Pompeius’ Heer wäre +vielleicht vernichtet worden. Allein inzwischen war Metellus herangekommen, +hatte das gegen ihn aufgestellte Korps des Perpenna niedergerannt und dessen +Lager genommen; es war nicht möglich, die Schlacht gegen die beiden vereinigten +Heere wiederaufzunehmen. Die Erfolge des Metellus, die Vereinigung der +feindlichen Streitkräfte, das plötzliche Stocken nach dem Sieg verbreiteten +Schrecken unter den Sertorianern, und wie es bei spanischen Heeren nicht selten +vorkam, verlief infolge dieses Umschwungs der Dinge sich der größte Teil der +sertorianischen Soldaten. Indes die Entmutigung verflog so rasch wie sie +gekommen war; die weiße Hindin, die die militärischen Pläne des Feldherrn bei +der Menge vertrat, war bald wieder populärer als je; in kurzer Zeit trat in der +gleichen Gegend, südlich von Saguntum (Murviedro), das fest an Rom hielt, +Sertorius mit einer neuen Armee den Römern entgegen, während die +sertorianischen Kaper den Römern die Zufuhr von der Seeseite erschwerten und +bereits im römischen Lager der Mangel sich bemerklich machte. Es kam abermals +zur Schlacht in den Ebenen des Turiaflusses (Guadalaviar), und lange schwankte +der Kampf. Pompeius mit der Reiterei ward von Sertorius geschlagen und sein +Schwager und Quästor, der tapfere Lucius Memmius, getötet; dagegen überwand +Metellus den Perpenna und schlug den gegen ihn gerichteten Angriff der +feindlichen Hauptarmee siegreich zurück, wobei er selbst im Handgemenge eine +Wunde empfing. Abermals zerstreute sich hierauf das Sertorianische Heer. +Valentia, das Gaius Herennius für Sertorius besetzt hielt, ward eingenommen und +geschleift. Römischerseits mochte man einen Augenblick der Hoffnung sich +hingeben mit dem zähen Gegner fertig zu sein. Die Sertorianische Armee war +verschwunden; die römischen Truppen, tief in das Binnenland eingedrungen, +belagerten den Feldherrn selbst in der Festung Clunia am oberen Duero. Allein +während sie vergeblich diese Felsenburg umstanden, sammelten sich anderswo die +Kontingente der insurgierten Gemeinden; Sertorius entschlüpfte aus der Festung +und stand noch vor Ablauf des Jahres wieder als Feldherr an der Spitze einer +Armee. Wieder mußten die römischen Feldherrn mit der trostlosen Aussicht auf +die unausbleibliche Erneuerung der sisypheischen Kriegsarbeit die +Winterquartiere beziehen. Es war nicht einmal möglich, sie in dem wegen der +Kommunikation mit Italien und dem Osten so wichtigen, aber von Freund und Feind +entsetzlich verheerten Gebiet von Valentia zu nehmen; Pompeius führte seine +Truppen zunächst in das Gebiet der Vasconen ^7 (Biscaya) und überwinterte dann +in dem der Vaccäer (um Valladolid), Metellus gar in Gallien. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +^7 In den neu gefundenen Sallustischen Bruchstücken, welche dem Ende des +Feldzuges von 75 anzugehören scheinen, gehören hierher die Worte: Romanus +[exer]citus (des Pompeius) frumenti gra[tia r]emotus in Vascones i .. [it]emque +Sertorius mon …o, cuius multum in[terer]at, ne ei perinde Asiae [iter et +Italiae intercluderetur]. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Fünf Jahre währte also der Sertorianische Krieg und noch war weder hüben noch +drüben ein Ende abzusehen. Unbeschreiblich litt unter demselben der Staat. Eine +Blüte der italischen Jugend ging in den aufreibenden Strapazen dieser Feldzüge +zugrunde. Die öffentlichen Kassen entbehrten nicht bloß die spanischen +Einnahmen, sondern hatten auch für die Besoldung und Verpflegung der spanischen +Heere jährlich sehr ansehnliche Summen nach Spanien zu senden, die man kaum +aufzubringen wußte. Daß Spanien verödete und verarmte und die so schön daselbst +sich entfaltende römische Zivilisation einen schweren Stoß erhielt, versteht +sich von selbst, zumal bei einem so erbittert geführten und nur zu oft die +Vernichtung ganzer Gemeinden veranlassenden Insurrektionskrieg. Selbst die +Städte, die zu der in Rom herrschenden Partei hielten, hatten unsägliche Not zu +erdulden; die an der Küste gelegenen mußten durch die römische Flotte mit dem +Notwendigen versehen werden, und die Lage der treuen binnenländischen Gemeinden +war beinahe verzweifelt. Fast nicht weniger litt die gallische Landschaft, +teils durch die Requisitionen an Zuzug zu Fuß und zu Pferde, an Getreide und +Geld, teils durch die drückende Last der Winterquartiere, die infolge der +Mißernte 680 (74) sich ins unerträgliche steigerte; fast alle Gemeindekassen +waren genötigt, zu den römischen Bankiers ihre Zuflucht zu nehmen und eine +erdrückende Schuldenlast sich aufzubürden. Feldherren und Soldaten führten den +Krieg mit Widerwillen. Die Feldherren waren getroffen auf einen an Talent weit +überlegenen Gegner, auf einen langweilig zähen Widerstand, auf einen Krieg sehr +ernsthafter Gefahren und schwer erfochtener, wenig glänzender Erfolge; es ward +behauptet, daß Pompeius damit umgehe, sich aus Spanien abberufen und irgend +anderswo ein erwünschteres Kommando sich übertragen zu lassen. Die Soldaten +waren gleichfalls wenig erbaut von einem Feldzug, in dem es nicht allein weiter +nichts zu holen gab als harte Schläge und wertlose Beute, sondern auch ihr Sold +ihnen höchst unregelmäßig gezahlt ward; Pompeius berichtete Ende 679 (75) an +den Senat, daß seit zwei Jahren der Sold im Rückstand sei und das Heer sich +aufzulösen drohe. Einen ansehnlichen Teil dieser Übelstände hätte die römische +Regierung allerdings zu beseitigen vermocht, wenn sie es über sich hätte +gewinnen können, den Spanischen Krieg mit minderer Schlaffheit, um nicht zu +sagen mit besserem Willen zu führen. In der Hauptsache aber war es weder ihre +Schuld noch die Schuld der Feldherren, daß ein so überlegenes Genie, wie +Sertorius war, auf einem für den Insurrektions- und Korsarenkrieg so überaus +günstigen Boden aller numerischen und militärischen Überlegenheit zum Trotz den +kleinen Krieg Jahre und Jahre fortzuführen vermochte. Ein Ende war hier so +wenig abzusehen, daß vielmehr die Sertorianische Insurrektion sich mit andern +gleichzeitigen Aufständen verschlingen und dadurch ihre Gefährlichkeit steigern +zu wollen schien. Ebendamals ward auf allen Meeren mit den Flibustierflotten, +ward in Italien mit den aufständischen Sklaven, in Makedonien mit den +Völkerschaften an der unteren Donau gefochten, und entschloß sich im Osten +König Mithradates, mitbestimmt durch die Erfolge der spanischen Insurrektion, +das Glück der Waffen noch einmal zu versuchen. Daß Sertorius mit den italischen +und makedonischen Feinden Roms Verbindungen angeknüpft hat, läßt sich nicht +bestimmt erweisen, obwohl er allerdings mit den Marianern in Italien in +beständigem Verkehr stand; mit den Piraten dagegen hatte er schon früher +offenes Bündnis gemacht, und mit dem pontischen König, mit welchem er längst +durch Vermittlung der an dessen Hof verweilenden römischen Emigranten +Einverständnisse unterhalten hatte, schloß er jetzt einen förmlichen +Allianztraktat, in dem Sertorius dem König die kleinasiatischen +Klientelstaaten, nicht aber die römische Provinz Asia abtrat, überdies ihm +einen zum Führer seiner Truppen geeigneten Offizier und eine Anzahl Soldaten zu +senden versprach, der König dagegen ihm 40 Schiffe und 3000 Talente (4½ Mill. +Taler) zu überweisen sich anheischig machte. Schon erinnerten die klugen +Politiker in der Hauptstadt an die Zeit, als Italien sich durch Philippos und +durch Hannibal von Osten und von Westen aus bedroht sah; der neue Hannibal, +meinte man, könne, nachdem er, wie sein Vorfahr, Spanien durch sich selbst +bezwungen, eben wie dieser mit den Steilkräften Spaniens in Italien gar leicht +früher als Pompeius eintreffen, um, wie einst der Phöniker, die Etrusker und +Samniten gegen Rom unter die Waffen zu rufen. +</p> + +<p> +Indes dieser Vergleich war doch mehr witzig als richtig. Sertorius war bei +weitem nicht stark genug, um das Riesenunternehmen Hannibals zu erneuern; er +war verloren, wenn er Spanien verließ, an dessen Landes- und +Volkseigentümlichkeit all seine Erfolge hingen, und auch hier mehr und mehr +genötigt, der Offensive zu entsagen. Sein bewundernswertes Führergeschick +konnte die Beschaffenheit seiner Truppen nicht ändern; der spanische Landsturm +blieb, was er war, unzuverlässig wie die Welle und der Wind, bald in Massen bis +zu 150000 Köpfen versammelt, bald wieder auf eine Handvoll Leute +zusammengeschmolzen; in gleicher Weise blieben die römischen Emigranten +unbotmäßig, hoffärtig und eigensinnig. Die Waffengattungen, die längeres +Zusammenhalten der Korps erfordern, wie namentlich die Reiterei, waren +natürlich in seinem Heer sehr ungenügend vertreten. Seine fähigsten Offiziere +und den Kern seiner Veteranen rieb der Krieg allmählich auf, und auch die +zuverlässigsten Gemeinden fingen an, der Plackerei durch die Römer und der +Mißhandlung durch die Sertorianischen Offiziere müde zu werden und Zeichen der +Ungeduld und der schwankenden Treue zu geben. Es ist bemerkenswert, daß +Sertorius, auch darin Hannibal gleich, niemals über die Hoffnungslosigkeit +seiner Stellung sich getäuscht hat; er ließ keine Gegenheil vorübergehen, um +einen Vergleich herbeizuführen und wäre jeden Augenblick bereit gewesen, gegen +die Zusicherung, in seiner Heimat friedlich leben zu dürfen, seinen +Kommandostab niederzulegen. Allein die politische Orthodoxie weiß nichts von +Vergleich und Versöhnung. Sertorius durfte nicht rückwärts noch seitwärts; +unvermeidlich mußte er weiter auf der einmal betretenen Bahn, wie sie auch +schmaler und schwindelnder ward. +</p> + +<p> +Pompeius’ Vorstellungen in Rom, denen Mithradates’ Auftreten im +Osten Nachdruck gab, hatten Erfolg. Er erhielt vom Senat die nötigen Gelder +zugesandt und Verstärkung durch zwei frische Legionen. So gingen die beiden +Feldherren im Frühjahr 680 (74) wieder an die Arbeit und überschritten aufs +neue den Ebro. Das östliche Spanien war infolge der Schlachten am Xucar und +Guadalaviar den Sertorianern entrissen; der Kampf konzentrierte sich fortan am +oberen und mittleren Ebro um die Hauptwaffenplätze der Sertorianer Calagurris, +Osca, Ilerda. Wie Metellus in den früheren Feldzügen das Beste getan hatte, so +gewann er auch diesmal die wichtigsten Erfolge. Sein alter Gegner Hirtuleius, +der ihm wieder entgegentrat, ward vollständig geschlagen und fiel selbst mit +seinem Bruder - ein unersetzlicher Verlust für die Sertorianer. Sertorius, den +die Unglücksbotschaft erreichte, als er selbst im Begriff war, die ihm +gegenüberstehenden Feinde anzugreifen, stieß den Boten nieder, damit die +Nachricht die Seinigen nicht entmutigte; aber lange war die Kunde nicht zu +verbergen. Eine Stadt nach der andern ergab sich. Metellus besetzte die +keltiberischen Städte Segobriga (zwischen Toledo und Cuenca) und Bilbilis (bei +Calatayud). Pompeius belagerte Pallantia (Palencia oberhalb Valladolid), das +aber Sertorius entsetzte und den Pompeius nötigte, sich auf Metellus +zurückzuziehen; vor Calagurris (Calahorra am oberen Ebro), wohin Sertorius sich +geworfen, erlitten sie beide empfindliche Verluste. Dennoch konnten sie, als +sie in die Winterquartiere gingen, Pompeius nach Gallien, Metellus in seine +eigene Provinz, auf beträchtliche Erfolge zurücksehen; ein großer Teil der +Insurgenten hatte sich gefügt oder war mit den Waffen bezwungen worden. +</p> + +<p> +In ähnlicher Weise verlief der Feldzug des folgenden Jahres (681 78); in diesem +war es vor allem Pompeius, der langsam, aber stetig das Gebiet der Insurrektion +einschränkte. +</p> + +<p> +Der Rückschlag des Niedergangs ihrer Waffen auf die Stimmung im +Insurgentenlager blieb nicht aus. Wie Hannibals wurden auch Sertorius’ +kriegerische Erfolge notwendig immer geringer; man fing an, sein militärisches +Talent in Zweifel zu ziehen; er sei nicht mehr der alte, hieß es, er verbringe +der Tag beim Schmaus oder beim Becher und verschleudere die Gelder wie die +Stunden. Die Zahl der Ausreißer, der abfallenden Gemeinden mehrte sich. Bald +kamen Pläne der römischen Emigranten gegen das Leben des Feldherrn bei diesem +zur Anzeige; sie klangen glaublich genug, zumal da so manche Offiziere der +Insurgentenarmee, namentlich Perpenna, nur widerwillig sich unter den +Oberbefehl des Sertorius gefügt hatten und seit langem von den römischen +Statthaltern dem Mörder des feindlichen Oberfeldherrn Amnestie und ein hohes +Blutgeld ausgelobt war. Sertorius entzog auf jene Inzichten hin die Hut seiner +Person den römischen Soldaten und gab sie erlesenen Spaniern. Gegen die +Verdächtigen selbst schritt er mit furchtbarer, aber notwendiger Strenge ein +und verurteilte, ohne wie sonst Ratmänner zuzuziehen, verschiedene +Angeschuldigte zum Tode; den Freunden, hieß es darauf in den Kreisen der +Mißvergnügten, sei er jetzt gefährlicher als den Feinden. Bald ward eine zweite +Verschwörung entdeckt, die ihren Sitz in seinem eigenen Stabe hatte; wer zur +Anzeige gebracht ward, mußte flüchtig werden oder sterben, aber nicht alle +wurden verraten und die übrigen Verschworenen, unter ihnen vor allem Perpenna, +fanden hierin nur einen Antrieb, sich zu eilen. Man befand sich im +Hauptquartier zu Osca. Hier ward auf Perpennas Veranstaltung dem Feldherrn ein +glänzender Sieg berichtet, den seine Truppen erfochten hätten; und bei der zur +Feier dieses Sieges von Perpenna veranstalteten festlichen Mahlzeit erschien +denn auch Sertorius, begleitet, wie er pflegte, von seinem spanischen Gefolge. +Gegen den sonstigen Brauch im Sertorianischen Hauptquartier ward das Fest bald +zum Bacchanal; wüste Reden flogen über den Tisch, und es schien, als wenn +einige der Gäste Gelegenheit suchten, einen Wortwechsel zu beginnen; Sertorius +warf sich auf seinem Lager zurück und schien den Lärm überhören zu wollen. Da +klirrte eine Trinkschale auf den Boden: Perpenna gab das verabredete Zeichen. +Marcus Antonius, Sertorius’ Nachbar bei Tische, führte den ersten Streich +gegen ihn, und da der Getroffene sich umwandte und sich aufzurichten versuchte, +stürzte der Mörder sich über ihn und hielt ihn nieder, bis die übrigen +Tischgäste, sämtlich Teilnehmer der Verschwörung, sich auf die Ringenden warfen +und den wehrlosen, an beiden Armen festgehaltenen Feldherrn erstachen (682 72). +Mit ihm starben seine treuen Begleiter. So endigte einer der größten, wo nicht +der größte Mann, den Rom bisher hervorgebracht, ein Mann, der unter +glücklicheren Umständen vielleicht der Regenerator seines Vaterlandes geworden +sein würde, durch den Verrat der elenden Emigrantenbande, die er gegen die +Heimat zu führen verdammt war. Die Geschichte liebt die Coriolane nicht; auch +mit diesem hochherzigsten, genialsten, bedauernswertesten unter allen hat sie +keine Ausnahme gemacht. +</p> + +<p> +Die Erbschaft des Gemordeten dachten die Mörder zu tun. Nach Sertorius’ +Tode machte Perpenna als der höchste unter den römischen Offizieren der +spanischen Armee Ansprüche auf den Oberbefehl. Man fügte sich, aber mißtrauend +und widerstrebend. Wie man auch gegen Sertorius bei seinen Lebzeiten gemurrt +hatte, der Tod setzte den Helden wieder in sein Recht ein, und gewaltig brauste +der Unwille der Soldaten auf, als bei der Publikation seines Testaments unter +den Namen der Erben auch der des Perpenna verlesen ward. Ein Teil der Soldaten, +namentlich die lusitanischen, verliefen sich; die zurückgebliebenen beschlich +die Ahnung, daß mit Sertorius’ Tode der Geist und das Glück von ihnen +gewichen sei. Bei der ersten Begegnung mit Pompeius wurden denn auch die elend +geführten und mutlosen Insurgentenhaufen vollständig zersprengt und unter +anderen Offizieren auch Perpenna gefangen eingebracht. Durch die Auslieferung +der Korrespondenz des Sertorius, die zahlreiche angesehene Männer in Italien +kompromittiert haben würde, suchte der Elende sich das Leben zu erkaufen; indes +Pompeius befahl, die Papiere ungelesen zu verbrennen und überantwortete ihn +sowie die übrigen Insurgentenchefs dem Scharfrichter. Die entkommenen +Emigranten verliefen sich und gingen größtenteils in die mauretanischen Wüsten +oder zu den Piraten. Einem Teil derselben eröffnete bald darauf das Plotische +Gesetz, das namentlich der junge Caesar eifrig unterstützte, die Rückkehr in +die Heimat; diejenigen aber, die von ihnen an dem Morde des Sertorius +teilgenommen hatten, starben, mit Ausnahme eines einzigen, sämtlich eines +gewaltsamen Todes. Osca und überhaupt die meisten Städte, die im Diesseitigen +Spanien noch zu Sertorius gehalten hatten, öffneten dem Pompeius jetzt +freiwillig ihre Tore; nur Uxama (Osma), Clunia und Calagurris mußten mit den +Waffen bezwungen werden. Die beiden Provinzen wurden neu geordnet; in der +jenseitigen erhöhte Metellus den schuldigsten Gemeinden die Jahrestribute; in +der diesseitigen schaltete Pompeius belohnend und bestrafend, wie zum Beispiel +Calagurris seine Selbständigkeit verlor und unter Osca gelegt ward. Einen +Haufen Sertorianischer Soldaten, der in den Pyrenäen sich zusammengefunden +hatte, bewog Pompeius zur Unterwerfung und siedelte ihn nordwärts der Pyrenäen +bei Lugudunum (St. Bertrand im Departement Haute-Garonne) als die Gemeinde der +“Zusammengelaufenen” (convenae) an. Auf der Paßhöhe der Pyrenäen +wurden die römischen Siegeszeichen errichtet; am Ende des Jahres 683 (71) zogen +Metellus und Pompeius mit ihren Heeren durch die Straßen der Hauptstadt, um den +Dank der Nation für die Besiegung der Spanier dem Vater Jovis auf dem Kapitol +darzubringen. Noch über das Grab hinaus schien Sullas Glück mit seiner +Schöpfung zu sein und dieselbe besser zu schirmen als die zu ihrer Hut +bestellten unfähigen und schlaffen Wächter. Die italische Opposition hatte +durch die Unfähigkeit und Vorschnelligkeit ihres Führers, die Emigration durch +inneren Zwist sich selber gesprengt. Diese Niederlagen, obwohl weit mehr das +Werk ihrer eigenen Verkehrtheit und Zerfahrenheit als der Anstrengungen ihrer +Gegner, waren doch ebensoviele Siege der Oligarchie. Noch einmal waren die +kurulischen Stühle befestigt. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap02"></a>KAPITEL II.<br/> +Die Sullanische Restaurationsherrschaft</h2> + +<p> +Als nach Unterdrückung der den Senat in seiner Existenz bedrohenden +Cinnanischen Revolution es der restaurierten Senatsregierung möglich ward, der +inneren und äußeren Sicherheit des Reiches wiederum die erforderliche +Aufmerksamkeit zu widmen, zeigten sich der Angelegenheiten genug, deren Lösung +nicht verschoben werden konnte, ohne die wichtigsten Interessen zu verletzen +und gegenwärtige Unbequemlichkeiten zu künftigen Gefahren anwachsen zu lassen. +Abgesehen von der sehr ernsten Verwicklung in Spanien war es schlechterdings +notwendig teils die Barbaren in Thrakien und den Donauländern, die Sulla bei +seinem Marsch durch Makedonien nur oberflächlich hatte züchtigen können, +nachhaltig zu Paaren zu treiben und die verwirrten Verhältnisse an der +Nordgrenze der griechischen Halbinsel militärisch zu regulieren, teils den +überall, namentlich aber in den östlichen Gewässern herrschenden +Flibustierbanden gründlich das Handwerk zu legen, teils endlich in die unklaren +kleinasiatischen Verhältnisse eine bessere Ordnung zu bringen. Der Friede, den +Sulla im Jahre 670 (84) mit König Mithradates von Pontos abgeschlossen hatte +und von dem der Vertrag mit Murena 673 (81) wesentlich eine Wiederholung war, +trug durchaus den Stempel eines notdürftig für den Augenblick hergestellten +Provisoriums; und das Verhältnis der Römer zu König Tigranes von Armenien, mit +dem sie doch faktisch Krieg geführt hatten, war in diesem Frieden ganz +unberührt geblieben. Mit Recht hatte Tigranes darin die stillschweigende +Erlaubnis gefunden, die römischen Besitzungen in Asien in seine Gewalt zu +bringen. Wenn dieselben nicht preisgegeben bleiben sollten, war es notwendig in +Güte oder Gewalt mit dem neuen Großkönig Asiens sich abzufinden. +</p> + +<p> +Betrachten wir, nachdem in dem vorhergehenden Kapitel die mit dem +demokratischen Treiben zusammenhängende Bewegung in Italien und Spanien und +deren Überwältigung durch die senatorische Regierung dargestellt wurde, in +diesem das äußere Regiment, wie die von Sulla eingesetzte Behörde es geführt +oder auch nicht geführt hat. +</p> + +<p> +Man erkennt noch Sullas kräftige Hand in den energischen Maßregeln, die in der +letzten Zeit seiner Regentschaft der Senat ungefähr gleichzeitig gegen die +Sertorianer, gegen die Dalmater und Thraker und gegen die kilikischen Piraten +verfügte. +</p> + +<p> +Die Expedition nach der griechisch-illyrischen Halbinsel hatte den Zweck, teils +die barbarischen Stämme botmäßig oder doch zahm zu machen, die das ganze +Binnenland vom Schwarzen bis zum Adriatischen Meere durchstreiften und unter +denen vornehmlich die Besser (im großen Balkan), wie man damals sagte, selbst +unter den Räubern als Räuber verrufen waren, teils die namentlich im +dalmatischen Litoral sich bergenden Korsaren zu vernichten. Wie gewöhnlich ging +der Angriff gleichzeitig von Dalmatien und von Makedonien aus, in welcher +letzteren Provinz ein Heer von fünf Legionen hierzu gesammelt ward. Der +gewesene Prätor Gaius Cosconius, welcher in Dalmatien den Befehl führte, +durchstreifte das Land nach allen Richtungen und erstürmte nach zweijähriger +Belagerung die Festung Salona. In Makedonien versuchte der Prokonsul Appius +Claudius (676 bis 678 78-76) zunächst sich an der makedonisch-thrakischen +Grenze der Berglandschaften am linken Ufer des Karasu zu bemeistern. Von beiden +Seiten ward der Krieg mit arger Wildheit geführt; die Thraker zerstörten die +eroberten Ortschaften und metzelten die Gefangenen nieder und die Römer +vergalten Gleiches mit Gleichem. Ernstliche Erfolge aber wurden nicht erreicht; +die beschwerlichen Märsche und die beständigen Gefechte mit den zahlreichen und +tapferen Gebirgsbewohnern dezimierten nutzlos die Armee; der Feldherr selbst +erkrankte und starb. Sein Nachfolger Gaius Scribonius Curio (679-681 75-73) +wurde durch mancherlei Hindernisse, namentlich auch durch einen nicht +unbedeutenden Militäraufstand bewogen, die schwierige Expedition gegen die +Thraker fallen zu lassen und dafür sich nach der makedonischen Nordgrenze zu +wenden, wo er die schwächeren Dardaner (in Serbien) unterwarf und bis an die +Donau gelangte. Erst der tapfere und fähige Marcus Lucullus (682, 683 72, 71) +rückte wieder gegen Osten vor, schlug die Besser in ihren Bergen, nahm ihre +Hauptstadt Uscudama (Adrianopel) und zwang sie, der römischen Oberhoheit sich +zu fügen. Der König der Odrysen, Sadalas, und die griechischen Städte an der +Ostküste nördlich und südlich vom Balkangebirge: Istropolis, Tomoi, Kallatis, +Odessos (bei Varna), Mesembria und andere, wurden abhängig von den Römern; +Thrakien, von dem die Römer bisher kaum mehr inne gehabt hatten als die +attalischen Besitzungen auf dem Chersones, ward jetzt ein freilich wenig +botmäßiger Teil der Provinz Makedonien. +</p> + +<p> +Aber weit nachteiliger als die immer doch auf einen geringen Teil des Reiches +sich beschränkenden Raubzüge der Thraker und Dardaner war für den Staat wie für +die einzelnen die Piraterie, die immer weiter um sich griff und immer fester +sich organisierte. Der Seeverkehr war auf dem ganzen Mittelmeer in ihrer +Gewalt. Italien konnte weder seine Produkte aus-, noch das Getreide aus den +Provinzen einführen; dort hungerten die Leute, hier stockte wegen Mangels an +Absatz die Bestellung der Getreidefelder. Keine Geldsendung, kein Reisender war +mehr sicher; die Staatskasse erlitt die empfindlichsten Verluste; eine große +Anzahl angesehener Römer wurde von den Korsaren aufgebracht und mußte mit +schweren Summen sich ranzionieren, wenn es nicht gar den Piraten beliebte, an +einzelnen derselben das Blutgericht zu vollstrecken, das dann auch wohl mit +wildem Humor gewürzt ward. Die Kaufleute, ja die nach dem Osten bestimmten +römischen Truppenabteilungen fingen an, ihre Fahrten vorwiegend in die +ungünstige Jahreszeit zu verlegen und die Winterstürme weniger zu scheuen als +die Piratenschiffe, die freilich selbst in dieser Jahreszeit doch nicht ganz +vom Meere verschwanden. Aber wie empfindlich die Sperrung der See war, sie war +eher zu ertragen als die Heimsuchung der griechischen und kleinasiatischen +Inseln und Küsten. Ganz wie später in der Normannenzeit liefen die +Korsarengeschwader bei den Seestädten an und zwangen sie, entweder mit großen +Summen sich loszukaufen, oder belagerten und stürmten sie mit gewaffneter Hand. +Wenn unter Sullas Augen nach geschlossenem Frieden mit Mithradates Samothrake, +Klazomenä, Samos, Iassos von den Piraten ausgeraubt wurden (670 84), so kann +man sich denken, wie es da zuging, wo weder eine römische Flotte noch ein +römisches Heer in der Nähe stand. All die alten reichen Tempel an den +griechischen und kleinasiatischen Küsten wurden nach der Reihe geplündert; +allein aus Samothrake soll ein Schatz von 1000 Talenten (1500000 Talern) +weggeführt worden sein. Apollon, heißt es bei einem römischen Dichter dieser +Zeit, ist durch die Piraten so arm geworden, daß er, wenn die Schwalbe bei ihm +auf Besuch ist, aus all seinen Schätzen auch nicht ein Quentchen Gold mehr ihr +vorzeigen kann. Man rechnete über vierhundert von den Piraten eingenommene oder +gebrandschatzte Ortschaften, darunter Städte wie Knidos, Samos, Kolophon; aus +nicht wenigen früher blühenden Insel- und Küstenplätzen wanderte die gesamte +Bevölkerung aus, um nicht von den Piraten fortgeschleppt zu werden. Nicht +einmal im Binnenland mehr war man vor denselben sicher; es kam vor, daß sie ein +bis zwei Tagemärsche von der Küste belegene Ortschaften überfielen. Die +entsetzliche Verschuldung, der späterhin alle Gemeinden im griechischen Osten +erliegen, stammt großenteils aus diesen verhängnisvollen Zeiten. Das +Korsarenwesen hatte seinen Charakter gänzlich verändert. Es waren nicht mehr +dreiste Schnapphähne, die in den kretischen Gewässern zwischen Kyrene und dem +Peloponnes - in der Flibustiersprache dem “goldenen Meer” - von dem +großen Zug des italisch-orientalischen Sklaven- und Luxushandels ihren Tribut +nahmen; auch nicht mehr bewaffnete Sklavenfänger, die “Krieg, Handel und +Piraterie” ebenmäßig nebeneinander betrieben, es war ein Korsarenstaat +mit einem eigentümlichen Gemeingeist; mit einer festen, sehr respektablen +Organisation, mit einer eigenen Heimat und den Anfängen einer Symmachie, ohne +Zweifel auch mit bestimmten politischen Zwecken. Die Flibustier nannten sich +Kiliker; in der Tat fanden auf ihren Schiffen die Verzweifelten und Abenteurer +aller Nationen sich zusammen: die entlassenen Söldner von den kretischen +Werbeplätzen, die Bürger der vernichteten Ortschaften Italiens, Spaniens und +Asiens, die Soldaten und Offiziere aus Fimbrias und Sertorius’ Heeren, +überhaupt die verdorbenen Leute aller Nationen, die gehetzten Flüchtlinge aller +überwundenen Parteien, alles was elend und verwegen war - und wo war nicht +Jammer und Frevel in dieser unseligen Zeit? Es war keine zusammengelaufene +Diebesbande mehr, sondern ein geschlossener Soldatenstaat, in dem die +Freimaurerei der Ächtung und der Missetat an die Stelle der Nationalität trat +und innerhalb dessen das Verbrechen, wie so oft, vor sich selbst sich rettete +in den hochherzigsten Gemeinsinn. In einer zuchtlosen Zeit, wo Feigheit und +Unbotmäßigkeit alle Bande der gesellschaftlichen Ordnung erschlafft hatten, +mochten die legitimen Gemeinwesen sich ein Muster nehmen an diesem Bastardstaat +der Not und Gewalt, in den allein von allen das unverbrüchliche Zusammenstehen, +der kameradschaftliche Sinn, die Achtung vor dem gegebenen Treuwort und den +selbstgewählten Häuptern, die Tapferkeit und die Gewandtheit sich geflüchtet zu +haben schienen. Wenn auf der Fahne dieses Staats die Rache an der bürgerlichen +Gesellschaft geschrieben war, die, mit Recht oder mit Unrecht, seine Mitglieder +von sich ausgestoßen hatte, so ließ sich darüber streiten, ob diese Devise viel +schlechter war als die der italischen Oligarchie und des orientalischen +Sultanismus, die im Zuge schienen, die Welt unter sich zu teilen. Die Korsaren +wenigstens fühlten jedem legitimen Staate sich ebenbürtig; von ihrem +Räuberstolz, ihrer Räuberpracht und ihrem Räuberhumor zeugt noch manche echte +Flibustiergeschichte toller Lustigkeit und ritterlicher Banditenweise; sie +meinten, und rühmten sich dessen, in einem gerechten Krieg mit der ganzen Welt +zu leben; was sie darin gewannen, das hieß ihnen nicht Raubgut, sondern +Kriegsbeute; und wenn dem ergriffenen Flibustier in jedem römischen Hafen das +Kreuz gewiß war, so nahmen auch sie als ihr Recht in Anspruch, jeden ihrer +Gefangenen hinrichten zu dürfen. Ihre militärisch-politische Organisation war +namentlich seit dem Mithradatischen Krieg festgeschlossen. Ihre Schiffe, +größtenteils “Mauskähne”, das heißt kleine, offene, schnellsegelnde +Barken, nur zum kleineren Teil Zwei- und Dreidecker, fuhren jetzt regelmäßig in +Geschwader vereinigt und unter Admiralen, deren Barken in Gold und Purpur zu +glänzen pflegten. Dem bedrohten Kameraden, mochte er auch völlig unbekannt +sein, weigerte kein Piratenkapitän den erbetenen Beistand; der mit einem aus +ihrer Mitte abgeschlossene Vertrag ward von der ganzen Gesellschaft +unweigerlich anerkannt, aber auch jede einem zugefügte Unbill von allen +geahndet. Ihre rechte Heimat war das Meer von den Säulen des Herkules bis in +die syrischen und ägyptischen Gewässer; die Zufluchtsstätten, deren sie für +sich und ihre schwimmenden Häuser auf dem Festlande bedurften, gewährten ihnen +bereitwillig die mauretanischen und dalmatischen Gestade, die Insel Kreta, vor +allem die an Vorsprüngen und Schlupfwinkeln reiche, die Hauptstraße des +Seehandels jener Zeit beherrschende und so gut wie herrenlose Südküste +Kleinasiens. Der lykische Städtebund daselbst und die pamphylischen Gemeinden +hatten wenig zu bedeuten; die seit 652 (102) in Kilikien bestehende römische +Station reichte zur Beherrschung der weitläufigen Küste bei weitem nicht aus; +die syrische Herrschaft über Kilikien war immer nur nominell gewesen und seit +kurzem gar ersetzt worden durch die armenische, deren Inhaber als echter +Großkönig um das Meer gar nicht sich kümmerte und dasselbe bereitwillig den +Kilikern zur Plünderung preisgab. So war es kein Wunder, wenn die Korsaren hier +gediehen wie nirgends sonst. Nicht bloß besaßen sie hier überall am Ufer +Signalplätze und Stationen, sondern auch weiter landeinwärts, in den +abgelegensten Verstecken des unwegsamen und gebirgigen lykischen, +pamphylischen, kilikischen Binnenlandes, hatten sie sich ihre Felsschlösser +erbaut, in denen, während sie selbst zur See fuhren, sie ihre Weiber, Kinder +und Schätze bargen, auch wohl in gefährlichen Zeiten selbst dort eine +Zufluchtsstätte fanden. Namentlich gab es solche Korsarenschlösser in großer +Zahl in dem rauhen Kilikien, dessen Waldungen zugleich den Piraten das +vortrefflichste Holz zum Schiffbau lieferten und wo deshalb ihre +hauptsächlichsten Schiffbaustätten und Arsenale sich befanden. Es war nicht zu +verwundern, daß dieser geordnete Militärstaat unter den mehr oder minder sich +selber überlassenen und sich selber verwaltenden griechischen Seestädten sich +eine feste Klientel bildete, die mit den Piraten wie mit einer befreundeten +Macht auf Grund bestimmter Verträge in Handelsverkehr trat und der Aufforderung +der römischen Statthalter, Schiffe gegen sie zu stellen, nicht nachkam; wie +denn zum Beispiel die nicht unbeträchtliche Stadt Side in Pamphylien den +Piraten gestattete auf ihren Werften Schiffe zu bauen und die gefangenen Freien +auf ihrem Marktplatz feilzubieten. +</p> + +<p> +Eine solche Seeräuberschaft war eine politische Macht; und als politische Macht +gab sie sich und ward sie genommen, seit zuerst der syrische König Tryphon sie +als solche benutzt und seine Herrschaft auf sie gestützt hatte. Wir finden die +Piraten als Verbündete des Königs Mithradates von Pontos sowie der römischen +demokratischen Emigration; wir finden sie Schlachten liefern gegen die Flotten +Sullas in den östlichen wie in den westlichen Gewässern. Wir finden einzelne +Piratenfürsten, die über eine Kette von ansehnlichen Küstenplätzen gebieten. Es +läßt sich nicht sagen, wieweit die innere politische Entwicklung dieses +schwimmenden Staates bereits gediehen war; aber unleugbar liegt in diesen +Bildungen der Keim eines Seekönigtums, das bereits sich ansässig zu machen +beginnt und aus dem unter günstigen Verhältnissen wohl ein dauernder Staat sich +hätte entwickeln mögen. +</p> + +<p> +Es ist hiermit ausgesprochen und ward zum Teil schon früher bezeichnet, wie die +Römer auf “ihrem Meere” die Ordnung hielten oder vielmehr nicht +hielten. Roms Schutzherrschaft über die Ämter bestand wesentlich in der +militärischen Vormundschaft; für die in der Hand der Römer vereinigte +Verteidigung zur See und zu Lande zahlten oder zinsten den Römern die +Provinzialen. Aber wohl niemals hat ein Vormund seinen Mündel unverschämter +betrogen als die römische Oligarchie die untertänigen Gemeinden. Statt daß Rom +eine allgemeine Reichsflotte aufgestellt und die Seepolizei zentralisiert +hätte, ließ der Senat die einheitliche Oberleitung des Seepolizeiwesens, ohne +die ebenhier gar nichts auszurichten war, gänzlich fallen und überließ es jedem +einzelnen Statthalter und jedem einzelnen Klientelstaat, sich der Piraten zu +erwehren, wie jeder wollte und konnte. Statt daß Rom, wie es sich anheischig +gemacht, das Flottenwesen mit seinem und der formell souverän gebliebenen +Klientelstaaten Gut und Blut ausschließlich bestritten hätte, ließ man die +italische Kriegsmarine eingehen und lernte sich behelfen mit den von den +einzelnen Kaufstädten requirierten Schiffen oder noch häufiger mit den überall +organisierten Strandwachen, wo dann in beiden Fällen alle Kosten und +Beschwerden die Untertanen trafen. Die Provinzialen mochten sich glücklich +schätzen, wenn der römische Statthalter die für die Küstenverteidigung +ausgeschriebenen Requisitionen nur wirklich zu diesem Zwecke verwandte und +nicht für sich unterschlug, oder wenn sie nicht, wie sehr häufig geschah, +angewiesen wurden, für einen von den Seeräubern gefangenen vornehmen Römer die +Ranzion zu bezahlen. Was etwa Verständiges begonnen ward, wie die Besetzung +Kilikiens 652 (102), verkümmerte sicher in der Ausführung. Wer von den Römern +dieser Zeit nicht gänzlich in der gangbaren duseligen Vorstellung von +nationaler Größe befangen war, der hätte wünschen müssen, von der Rednerbühne +auf dem Markte die Schiffsschnäbel herabreißen zu dürfen, um wenigstens nicht +stets durch sie an die in besserer Zeit erfochtenen Seesiege sich gemahnt zu +finden. +</p> + +<p> +Indes tat doch Sulla, der in dem Kriege gegen Mithradates wahrlich hinreichend +sich hatte überzeugen können, welche Gefahren die Vernachlässigung des +Flottenwesens mit sich bringe, verschiedene Schritte, um dem Übel ernstlich zu +steuern. Der Auftrag zwar, welchen er den von ihm in Asien eingesetzten +Statthaltern zurückgelassen, in den Seestädten eine Flotte gegen die Seeräuber +auszurüsten, hatte wenig gefruchtet, da Murena es vorzog, Krieg mit Mithradates +anzufangen, und der Statthalter von Kilikien, Gnaeus Dolabella, sich ganz +unfähig erwies. Deshalb beschloß im Jahre 675 (79) der Senat, einen der Konsuln +nach Kilikien zu senden; das Los traf den tüchtigen Publius Servilius. Er +schlug in einem blutigen Treffen die Flotte der Piraten und wandte sich darauf +zur Zerstörung derjenigen Städte an der kleinasiatischen Südküste, die ihnen +als Ankerplätze und Handelsstationen dienten. Die Festungen des mächtigen +Seefürsten Zeniketes: Olympos, Korykos, Phaselis im östlichen Lykien, Attaleia +in Pamphylien wurden gebrochen, und in den Flammen der Burg Olympos fand der +Fürst selbst den Tod. Weiter ging es gegen die Isaurer, welche im +nordwestlichen Winkel des rauben Kilikiens am nördlichen Abhang des Tauros ein +mit prachtvollen Eichenwäldern bedecktes Labyrinth von steilen Bergrücken, +zerklüfteten Felsen und tiefgeschnittenen Tälern bewohnten - eine Gegend, die +noch heute von den Erinnerungen an die alte Räuberzeit erfüllt ist. Um diese +isaurischen Felsennester, die letzten und sichersten Zufluchtsstätten der +Flibustier, zu bezwingen, führte Servilius die erste römische Armee über den +Tauros und brach die feindlichen Festungen Oroanda und vor allem Isaura selbst, +das Ideal einer Räuberstadt, auf der Höhe eines schwer zugänglichen Bergzuges +gelegen und die weite Ebene von Ikonion vollständig überschauend und +beherrschend. Der erst im Jahre 679 (75) beendigte Krieg, aus dem Publius +Servilius für sich und seine Nachkommen den Beinamen des Isaurikers +heimbrachte, war nicht ohne Frucht; eine große Anzahl von Korsaren und +Korsarenschiffen geriet durch denselben in die Gewalt der Römer; Lykien, +Pamphylien, Westkilikien wurden arg verheert, die Gebiete der zerstörten Städte +eingezogen und die Provinz Kilikien mit ihnen erweitert. Allein es lag in der +Natur der Sache, daß die Piraterie doch damit keineswegs unterdrückt war, +sondern nur sich zunächst nach andern Gegenden, namentlich nach der ältesten +Herberge der Korsaren des Mittelmeers, nach Kreta, zog. Nur umfassend und +einheitlich durchgeführte Repressivmaßregeln oder vielmehr nur die Einrichtung +einer ständigen Seepolizei konnten hier durchgreifende Abhilfe gewähren. +</p> + +<p> +In vielfacher Beziehung mit diesem Seekrieg standen die Verhältnisse des +kleinasiatischen Festlandes. Die Spannung, die hier zwischen Rom und den +Königen von Pontos und Armenien bestand, ließ nicht nach, sondern steigerte +sich mehr und mehr. Auf der einen Seite griff König Tigranes von Armenien in +der rücksichtslosesten Weise erobernd um sich. Die Parther, deren in dieser +Zeit auch durch innere Unruhen zerrissener Staat tief daniederlag, wurden in +andauernden Fehden weiter und weiter in das innere Asien zurückgedrängt. Von +den Landschaften zwischen Armenien, Mesopotamien und Iran wurden Corduene +(nördliches Kurdistan) und das Atropatenische Medien (Aserbeidschan) aus +parthischen in armenische Lehnkönigreiche verwandelt und das Reich von Ninive +(Mosul) oder Adiabene, wenigstens vorübergehend, gleichfalls gezwungen, in die +armenische Klientel einzutreten. Auch in Mesopotamien, namentlich in und um +Nisibis, ward die armenische Herrschaft begründet; nur die südliche, +großenteils wüste Hälfte, scheint nicht in festen Besitz des neuen Großkönigs +gekommen und namentlich Seleukeia am Tigris ihm nicht untertänig geworden zu +sein. Das Reich von Edessa oder Osrhoene übergab er einem Stamme der +schweifenden Araber, den er aus dem südlichen Mesopotamien hierher verpflanzte +und hier ansässig machte, um durch ihn den Euphratübergang und die große +Handelsstraße zu beherrschen ^1. Aber Tigranes beschränkte seine Eroberungen +keineswegs auf das östliche Ufer des Euphrat. Vor allem Kappadokien war das +Ziel seiner Angriffe und erlitt, wehrlos wie es war, von dem übermächtigen +Nachbar vernichtende Schläge. Die östliche Landschaft Melitene riß Tigranes von +Kappadokien ab und vereinigte sie mit der gegenüberliegenden armenischen +Provinz Sophene, wodurch er den Euphratübergang mit der großen +kleinasiatisch-armenischen Handelsstraße in seine Gewalt bekam. Nach Sullas +Tode rückten die Armenier sogar in das eigentliche Kappadokien ein und führten +die Bewohner der Hauptstadt Mazaka (später Caesarea) und elf anderer griechisch +geordneter Städte weg nach Armenien. Nicht mehr Widerstand vermochte das in +voller Auflösung begriffene Seleukidenreich dem neuen Großkönig +entgegenzustellen. Hier herrschte im Süden von der ägyptischen Grenze bis nach +Stratons Turm (Caesarea) der Judenfürst Alexandros Jannaeos, der im Kampfe mit +den syrischen, ägyptischen und arabischen Nachbarn und mit den Reichsstädten +seine Herrschaft Schritt vor Schritt erweiterte und befestigte. Die größeren +Städte Syriens, Gaza, Stratons Turm, Ptolemais, Beröa versuchten, sich bald als +freie Gemeinden, bald unter sogenannten Tyrannen auf eigene Hand zu behaupten; +vor allem die Hauptstadt Antiocheia war so gut wie selbständig. Damaskos und +die Libanostäler hatten sich dem nabatäischen Fürsten Aretas von Petra +unterworfen. In Kilikien endlich herrschten die Seeräuber oder die Römer. Und +um diese in tausend Splitter zerschellende Krone fuhren die Seleukidenprinzen, +als gälte es das Königtum allen zum Spott und zum Ärgernis zu machen, +beharrlich fort, untereinander zu hadern, ja, während von diesem gleich dem +Hause des Laios zum ewigen Zwiste verfluchten Geschlechte die eigenen +Untertanen alle abtrünnig wurden, sogar Ansprüche auf den durch den erblosen +Abgang des Königs Alexander Il. erledigten Thron von Ägypten zu erheben. So +griff König Tigranes hier ohne Umstände zu. Das östliche Kilikien ward mit +Leichtigkeit von ihm unterworfen und die Bürgerschaften von Soloi und anderen +Städten ebenwie die kappadokischen nach Armenien abgeführt. Ebenso wurde die +obere syrische Landschaft, mit Ausnahme der tapfer verteidigten Stadt Seleukeia +an der Mündung des Orontes, und der größte Teil von Phönike mit den Waffen +bezwungen: um 680 (74) ward Ptolemais von den Armeniern eingenommen und schon +der Judenstaat ernstlich von ihnen bedroht. Die alte Hauptstadt der Seleukiden +Antiocheia ward eine der Residenzen des Großkönigs. Bereits von dem Jahre 671 +(83) an, dem nächsten nach dem Frieden zwischen Sulla und Mithradates, wird +Tigranes in den syrischen Jahrbüchern als der Landesherr bezeichnet und +erscheint Kilikien und Syrien als eine armenische Satrapie unter dem +Statthalter des Großkönigs Magadates. Die Zeit der Könige von Ninive, der +Salmanassar und Sanherib, schien sich zu erneuern: wieder lastete der +orientalische Despotismus schwer auf der handeltreibenden Bevölkerung der +syrischen Küste, wie einst auf Tyros und Sidon; wieder warfen binnenländische +Großstaaten sich auf die Landschaften am Mittelmeer; wieder standen asiatische +Heere von angeblich einer halben Million Streiter an den kilikischen und +syrischen Küsten. Wie einst Salmanassar und Nebukadnezar die Juden nach Babylon +geführt hatten, so mußten jetzt aus allen Grenzlandschaften des neuen Reiches, +aus Corduene, Adiabene, Assyrien, Kilikien, Kappadokien, die Einwohner, +namentlich die griechischen oder halbgriechischen Stadtbürger, mit ihrer +gesamten Habe bei Strafe der Konfiskation alles dessen, was sie zurücklassen +würden, sich zusammensiedeln in der neuen Residenz, einer von jenen mehr die +Nichtigkeit der Völker als die Größe der Herrscher verkündigenden +Riesenstädten, wie sie in den Euphratlandschaften bei jedem Wechsel des +Oberkönigtums auf das Machtwort des neuen Großsultans aus der Erde springen. +Die neue “Tigranesstadt”, Tigranokerta, gegründet an der Grenze +Armeniens und Mesopotamiens und bestimmt zur Hauptstadt der neu für Armenien +gewonnenen Gebiete, ward eine Stadt wie Ninive und Babylon, mit Mauern von +fünfzig Ellen Höhe und den zum Sultanismus nun einmal mitgehörigen Palast-, +Garten- und Parkanlagen. Auch sonst verleugnete der neue Großkönig sich nicht: +wie in der ewigen Kindheit des Ostens überhaupt die kindlichen Vorstellungen +von den Königen mit wirklichen Kronen auf dem Haupte niemals verschwunden sind, +so erschien auch Tigranes, wo er öffentlich sich zeigte, in Pracht und Tracht +eines Nachfolgers des Dareios und Xerxes, mit dem purpurnen Kaftan, dem halb +weißen, halb purpurnen Untergewand, den langen faltigen Beinkleidern, dem hohen +Turban und der königlichen Stirnbinde, wo er ging und stand von vier +“Königen” in Sklavenart begleitet und bedient. +</p> + +<p> +—————————————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Das Reich von Edessa, dessen Gründung die einheimischen Chroniken 620 (134) +setzen, kam erst einige Zeit nach seiner Entstehung unter die arabische +Dynastie der Abgaros und Mannos, die wir später daselbst finden. Offenbar hängt +dies zusammen mit der Ansiedlung vieler Araber durch Tigranes den Großen in der +Gegend von Edessa, Kallirhoe, Karrhä (Plin. nat. 5, 20, 85; 21, 86; 6, 28, +142); wovon auch Plutarch (Luc. 21) berichtet, daß Tigranes, die Sitten der +Zeltaraber umwandelnd, sie seinem Reiche näher ansiedelte, um durch sie des +Handels sich zu bemächtigen. Vermutlich ist dies so zu verstehen, daß die +Beduinen, die gewohnt waren, durch ihr Gebiet Handelsstraßen zu eröffnen und +auf diesen feste Durchgangszölle zu erheben (Strab. 14, 748), dem Großkönig als +eine Art von Zollkontrolleuren dienen und an der Euphratpassage für ihn und für +sich Zölle erheben sollten. Diese “osrhoenischen Araber” (Orei +Arabes), wie sie Plinius nennt, müssen auch die Araber am Berg Amanos sein, die +Afranius überwand (Plut. Pomp. 39). +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Bescheidener trat König Mithradates auf. Er enthielt sich in Kleinasien der +Übergriffe und begnügte sich, was kein Traktat ihm verbot, seine Herrschaft am +Schwarzen Meere fester zu begründen und die Landschaften, die das Bosporanische +jetzt unter seiner Oberhoheit von seinem Sohn Machares beherrschte Königreich +von dem Pontischen trennten, allmählich in bestimmtere Abhängigkeit zu bringen. +Aber auch er wandte alle Anstrengungen darauf, seine Flotte und sein Heer +instand zu setzen und namentlich das letztere nach römischem Muster zu +bewaffnen und zu organisieren, wobei die römischen Emigranten, die in großer +Zahl an seinem Hofe verweilten, ihm wesentliche Dienste leisteten. +</p> + +<p> +Den Römern war nichts daran gelegen, in die orientalischen Angelegenheiten noch +weiter verwickelt zu werden, als sie es bereits waren. Es zeigt sich dies +namentlich mit schlagender Deutlichkeit darin, daß die Gelegenheit, die in +dieser Zeit sich darbot, das Ägyptische Reich auf friedlichem Wege unter +unmittelbare römische Herrschaft zu bringen, vom Senat verschmäht ward. Die +legitime Deszendenz des Ptolemaeos Lagos Sohns war zu Ende gegangen, als der +nach dem Tode des Ptolemaeos Soter II. Königs Lathyros von Sulla eingesetzte +König Alexandros II., ein Sohn Königs Alexandros I., wenige Tage nach seiner +Thronbesteigung bei einem Auflauf in der Hauptstadt getötet ward (673 81). +Dieser Alexandros hatte in seinem Testament ^2 zum Erben die römische Gemeinde +eingesetzt. Die Echtheit dieses Dokuments ward zwar bestritten; allein diese +erkannte der Senat an, indem er auf Grund desselben die in Tyros für Rechnung +des verstorbenen Königs niedergelegten Summen erhob. Nichtsdestoweniger +gestattete er zwei notorisch illegitimen Söhnen des Königs Lathyros, dem einen, +Ptolemaeos XI., der neue Dionysos oder der Flötenbläser (Auletes) genannt, +Ägypten, dem andern, Ptolemäos dem Kyprier, Kypros tatsächlich in Besitz zu +nehmen; sie wurden zwar vom Senat nicht ausdrücklich anerkannt, aber doch auch +keine bestimmte Forderung auf Herausgabe der Reiche an sie gerichtet. Die +Ursache, weshalb der Senat diesen unklaren Zustand fortdauern ließ und nicht +dazu kam, in bindender Weise auf Ägypten und Kypros zu verzichten, war ohne +Zweifel die ansehnliche Rente, welche jene gleichsam auf Bittbesitz +herrschenden Könige für die Fortdauer desselben den römischen Koteriehäuptern +fortwährend zahlten. Allein der Grund, jenem lockenden Erwerb überhaupt zu +entsagen, liegt anderswo. Ägypten gab durch seine eigentümliche Lage und seine +finanzielle Organisation jedem dort befehligenden Statthalter eine Geld- und +Seemacht und überhaupt eine unabhängige Gewalt in die Hände, wie sie mit dem +argwöhnischen und schwächlichen Regiment der Oligarchie sich schlechterdings +nicht vertrug; von diesem Standpunkt aus war es verständig, dem unmittelbaren +Besitz der Nillandschaft zu entsagen. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +^2 Die streitige Frage, ob dies angebliche oder wirkliche Testament von +Alexander I. († 666 88) oder Alexander II. († 673 81) herrühre, wird gewöhnlich +für die erste Alternative entschieden. Allein die Gründe sind unzulänglich; +denn Cicero (leg. agr. 1, 4, 12; 15, 38; 16, 41) sagt nicht, daß Ägypten im +Jahre 666 (88), sondern daß es in oder nach diesem Jahr an Rom gefallen sei; +und wenn man daraus, daß Alexander I. im Ausland, Alexander II. in Alexandreia +umkam, gefolgert hat, daß die in dem fraglichen Testament erwähnten in Tyros +lagernden Schätze dem ersteren gehört haben werden, so ist übersehen, daß +Alexander II. neunzehn Tage nach seiner Ankunft in Ägypten getötet ward (J. A. +Letronne, Recueil des inscriptions grecques et latines de l’Egypte. Bd. +2, Paris 1848, S. 20), wo seine Kasse noch sehr wohl in Tyros sein konnte. +Entscheidend ist dagegen der Umstand, daß der zweite Alexander der letzte echte +Lagide war, da bei den ähnlichen Erwerbungen von Pergamon Kyrene und Bithynien +Rom stets von dem letzten Sproß der berechtigten Herrscherfamilie eingesetzt +worden ist. Das alte Staatsrecht, wie es wenigstens für die römischen +Klientelstaaten maßgebend gewesen ist, scheint dem Regenten das letztwillige +Verfügungsrecht über sein Reich nicht unbedingt, sondern nur in Ermangelung +erbberechtigter Agnaten zugestanden zu haben. Vgl. Gutschmids Anmerkung zu der +deutschen Übersetzung von S. Sharper, Geschichte Ägyptens. Bd. 2, S. 17. Ob das +Testament echt oder falsch war, ist nicht auszumachen und auch ziemlich +gleichgültig; besondere Gründe, eine Fälschung anzunehmen, liegen nicht vor. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +Weniger läßt es sich rechtfertigen, daß der Senat es unterließ, in die +kleinasiatischen und syrischen Angelegenheiten unmittelbar einzugreifen. Die +römische Regierung erkannte zwar den armenischen Eroberer nicht als König von +Kappadokien und Syrien an; aber sie tat doch auch nichts, um ihn +zurückzudrängen, wie nahe immer der Krieg, den sie 676 (78) notgedrungen in +Kilikien gegen die Piraten begann, ihr namentlich das Einschreiten in Syrien +legte. In der Tat gab sie, indem sie den Verlust Kappadokiens und Syriens ohne +Kriegserklärung hinnahm, damit nicht bloß ihre Schutzbefohlenen, sondern die +wichtigsten Grundlagen ihrer eigenen Machtstellung preis. Es war schon +bedenklich, wenn sie in den griechischen Ansiedlungen und Reichen am Euphrat +und Tigris die Vorwerke ihrer Herrschaft opferte; aber wenn sie die Asiaten am +Mittelmeer sich festsetzen ließ, welches die politische Basis ihres Reiches +war, so war dies nicht ein Beweis von Friedensliebe, sondern das Bekenntnis, +daß die Oligarchie durch die Sullanische Restauration wohl oligarchischer, aber +weder klüger noch energischer geworden war, und für die römische Weltmacht der +Anfang des Endes. +</p> + +<p> +Auch auf der andern Seite wollte man den Krieg nicht. Tigranes hatte keine +Ursache, ihn zu wünschen, wenn Rom ihm auch ohne Krieg all seine Bundesgenossen +preisgab. Mithradates, der denn doch nicht bloß Sultan war und Gelegenheit +genug gehabt hatte, im Glück und Unglück Erfahrungen über Freunde und Feinde zu +machen, wußte sehr wohl, daß er in einem zweiten römischen Krieg sehr +wahrscheinlich ebenso allein stehen würde wie in dem ersten und daß er nichts +Klügeres tun konnte, als sich ruhig zu verhalten und sein Reich im Innern zu +stärken. Daß es ihm mit seinen friedlichen Erklärungen Ernst war, hatte er in +dem Zusammentreffen mit Murena hinreichend bewiesen; er fuhr fort, alles zu +vermeiden, was dazu führen mußte, die römische Regierung aus ihrer Passivität +herauszudrängen. +</p> + +<p> +Allein wie schon der Erste Mithradatische Krieg sich entsponnen hatte, ohne daß +eine der Parteien ihn eigentlich wünschte, so entwickelte auch jetzt aus den +entgegengesetzten Interessen sich gegenseitiger Argwohn, aus diesem +gegenseitige Verteidigungsanstalten, und es führten diese endlich durch ihr +eigenes Schwergewicht zum offenen Bruch. Das seit langem die römische Politik +beherrschende Mißtrauen in die eigene Schlagfertigkeit und Kampfbereitschaft, +welches bei dem Mangel stehender Armeen und dem wenig musterhaften +kollegialischen Regiment wohl erklärlich ist, machte es gleichsam zu einem +Axiom der römischen Politik, jeden Krieg nicht bloß bis zur Überwältigung, +sondern bis zur Vernichtung des Gegners zu führen; man war insofern mit dem +Frieden Sullas von Haus aus in Rom so wenig zufrieden wie einst mit den +Bedingungen, die Scipio Africanus den Karthagern gewährt hatte. Die vielfach +geäußerte Besorgnis, daß ein zweiter Angriff des pontischen Königs bevorstehe, +ward einigermaßen gerechtfertigt durch die ungemeine Ähnlichkeit der +gegenwärtigen Verhältnisse mit denen vor zwölf Jahren. Wieder traf ein +gefährlicher Bürgerkrieg zusammen mit ernstlichen Rüstungen Mithradats; wieder +überschwemmten die Thraker Makedonien und bedeckten die Korsarenflotten das +ganze Mittelmeer; wieder kamen und gingen die Emissäre, wie einst zwischen +Mithradates und den Italikern, so jetzt zwischen den römischen Emigranten in +Spanien und denen am Hofe von Sinope. Schon im Anfang des Jahres 677 (77) ward +es im Senat ausgesprochen, daß der König nur auf die Gelegenheit warte, während +des italischen Bürgerkriegs über das römische Asien herzufallen; die römischen +Armeen in Asia und Kilikien wurden verstärkt, um möglichen Ereignissen zu +begegnen. +</p> + +<p> +Andererseits verfolgte auch Mithradates mit steigender Besorgnis die +Entwicklung der römischen Politik. Er mußte es fühlen, daß ein Krieg der Römer +gegen Tigranes, wie sehr auch der schwächliche Senat davor sich scheute, doch +auf die Länge kaum vermeidlich sei und er nicht umhin können werde, sich an +demselben zu beteiligen. Der Versuch, das immer noch mangelnde schriftliche +Friedensinstrument von dem römischen Senat zu erlangen, war in die Wirren der +Lepidianischen Revolution gefallen und ohne Erfolg geblieben; Mithradates fand +darin ein Anzeichen der bevorstehenden Erneuerung des Kampfes. Die Einleitung +dazu schien die Expedition gegen die Seeräuber, die mittelbar doch auch die +Könige des Ostens traf, deren Verbündete sie waren. Noch bedenklicher waren die +schwebenden Ansprüche Roms auf Ägypten und Kypros; es ist bezeichnend, daß der +pontische König den beiden Ptolemäern, denen der Senat fortfuhr, die +Anerkennung zu weigern, seine beiden Töchter Mithradatis und Nyssa verlobte. +Die Emigranten drängten zum Losschlagen; Sertorius’ Stellung in Spanien, +die zu erkunden Mithradates unter passenden Vorwänden Boten in das +Pompeianische Hauptquartier abordnete, und die in der Tat eben um diese Zeit +imposant war, eröffnete dem König die Aussicht, nicht wie in dem ersten Krieg +gegen die beiden römischen Parteien, sondern mit der einen gegen die andere zu +fechten. Ein günstigerer Moment konnte kaum gehofft werden, und am Ende war es +immer besser, den Krieg zu erklären, als ihn sich erklären zu lassen. Da starb +im Jahre 679 (75) König Nikomedes III. Philopator von Bithynien und hinterließ +als der letzte seines Stammes - denn ein von der Nysa geborener Sohn war oder +hieß unecht - sein Reich im Testament den Römern, welche diese mit der +römischen Provinz grenzende und längst von römischen Beamten und Kaufleuten +erfüllte Landschaft in Besitz zu nehmen nicht säumten. Gleichzeitig wurde auch +Kyrene, das bereits seit dem Jahr 658 (96) den Römern angefallen war, endlich +als Provinz eingerichtet und ein römischer Statthalter dorthin geschickt (679 +75). Diese Maßregeln in Verbindung mit den um dieselbe Zeit an der Südküste von +Kleinasien gegen die Piraten ausgeführten Angriffen müssen in dem Könige +Besorgnisse erregt haben; die Einziehung Bithyniens namentlich machte die Römer +zu unmittelbaren Nachbarn des Pontischen Reiches; und dies vermutlich gab den +Ausschlag. Der König tat den entscheidenden Schritt und erklärte im Winter +679/80 (75/74) den Römern den Krieg. +</p> + +<p> +Gern hätte Mithradates die schwere Arbeit nicht allein übernommen. Sein +nächster und natürlicher Bundesgenosse war der Großkönig Tigranes; allein der +kurzsichtige Mann lehnte den Antrag seines Schwiegervaters ab. So blieben nur +die Insurgenten und die Piraten. Mithradates ließ es sich angelegen sein, mit +beiden durch starke, nach Spanien und nach Kreta entsandte Geschwader sich in +Verbindung zu setzen. Mit Sertorius ward ein förmlicher Vertrag abgeschlossen, +durch den Rom an den König Bithynien, Paphlagonien, Galanen und Kappadokien +abtrat - freilich lauter Erwerbungen, die erst auf dem Schlachtfeld ratifiziert +werden mußten. Wichtiger war die Unterstützung, die der spanische Feldherr dem +König durch Sendung römischer Offiziere zur Führung seiner Heere und Flotten +gewährte. Die tätigsten unter den Emigranten im Osten, Lucius Magius und Lucius +Fannius, wurden von Sertorius zu seinen Vertretern am Hofe von Sinope bestellt. +Auch von den Piraten kam Hilfe; sie stellten in großer Anzahl im Pontischen +Reich sich ein, und namentlich durch sie scheint es dem Könige gelungen zu +sein, eine durch die Zahl wie durch die Tüchtigkeit der Schiffe imponierende +Seemacht zu bilden. Die Hauptstütze blieben die eigenen Streitkräfte, mit denen +der König, bevor die Römer in Asien eintreffen würden, sich ihrer Besitzungen +daselbst bemächtigen zu können hoffte, zumal da in der Provinz Asia die durch +die Sullanische Kriegssteuer hervorgerufene finanzielle Not, in Bithymen der +Widerwille gegen das neue römische Regiment, in Kilikien und Pamphylien der von +dem kürzlich beendigten verheerenden Krieg zurückgebliebene Brandstoff einer +pontischen Invasion günstige Aussichten eröffnete. An Vorräten fehlte es nicht; +in den königlichen Speichern lagen zwei Millionen Medimnen Getreide. Flotte und +Mannschaft waren zahlreich und wohlgeübt, namentlich die bastarnischen +Soldknechte eine auserlesene, selbst italischen Legionären gewachsene Schar. +Auch diesmal war es der König, der die Offensive begann. Ein Korps unter +Diophantos ruckte in Kappadokien ein, um die Festungen daselbst zu besetzen und +den Römern den Weg in das Pontische Reich zu verlegen; der von Sertorius +gesandte Führer, der Proprätor Marcus Marius, ging in Gemeinschaft mit dem +pontischen Offizier Eumachos nach Phrygien, um die römische Provinz und das +Taurusgebirge zu insurgieren; die Hauptarmee, über 100000 Mann nebst 16000 +Reitern und 100 Sichelwagen, geführt von Taxiles und Hermokrates unter der +persönlichen Oberleitung des Königs, und die von Aristonikos befehligte +Kriegsflotte von 400 Segeln bewegten sich die kleinasiatische Nordküste +entlang, um Paphlagonien und Bithymen zu besetzen. Römischerseits ward zur +Führung des Krieges in erster Reihe der Konsul des Jahres 680 (74), Lucius +Lucullus, ausersehen, der als Statthalter von Asien und Kilikien an die Spitze +der in Kleinasien stehenden vier Legionen und einer fünften von ihm aus Italien +mitgebrachten gestellt und angewiesen ward, mit dieser auf 30000 Mann zu Fuß +und 1600 Reiter sich belaufenden Armee durch Phrygien in das Pontische Reich +einzudringen. Sein Kollege Marcus Cotta ging mit der Flotte und einem anderen +römischen Korps nach der Propontis, um Asia und Bithynien zu decken. Endlich +wurde eine allgemeine Armierung der Küsten, namentlich der von der pontischen +Flotte zunächst bedrohten thrakischen, angeordnet und die Säuberung der +sämtlichen Meere und Küsten von den Piraten und ihren pontischen Genossen +außerordentlicherweise einem einzigen Beamten übertragen, wofür die Wahl auf +den Prätor Marcus Antonius fiel, den Sohn des Mannes, der dreißig Jahre zuvor +zuerst die kilikischen Korsaren gezüchtigt hatte. Außerdem stellte der Senat +dem Lucullus eine Summe von 72 Mill. Sesterzen (5½ Mill. Talern) zur Verfügung, +um davon eine Flotte zu erbauen; was Lucullus indes ablehnte. Aus allem sieht +man, daß die römische Regierung in der Vernachlässigung des Seewesens den Kern +des Übels erkannte und hierin wenigstens so weit Ernst machte, als ihre Dekrete +reichten. +</p> + +<p> +So begann im Jahre 680 (74) der Krieg auf allen Punkten. Es war ein Unglück für +Mithradates, daß eben im Moment seiner Kriegserklärung der Wendepunkt im +Sertorianischen Kriege eintrat, wodurch von vornherein eine seiner +hauptsächlichsten Hoffnungen ihm zugrunde ging und es der römischen Regierung +möglich ward, ihre ganze Macht auf den See- und den kleinasiatischen Krieg zu +verwenden. In Kleinasien dagegen erntete Mithradat die Vorteile der Offensive +und der weiten Entfernung der Römer von dem unmittelbaren Kriegsschauplatz. Dem +Sertorianischen Proprätor, der in der römischen Provinz Asia vorangestellt +ward, öffneten eine beträchtliche Anzahl kleinasiatischer Städte die Tore und +metzelten wie im Jahre 666 (88) die bei ihnen ansässigen römischen Familien +nieder; die Pisider, Isaurer, Kiliker ergriffen gegen Rom die Waffen. Die Römer +hatten an den bedrohten Punkten augenblicklich keine Truppen. Einzelne tüchtige +Männer versuchten wohl auf ihre eigene Hand dieser Aufwiegelung der +Provinzialen zu steuern - so verließ auf die Kunde von diesen Ereignissen der +junge Gaius Caesar Rhodos, wo er seiner Studien wegen sich aufhielt, und warf +sich mit einer rasch zusammengerafften Schar den Insurgenten entgegen; allein +viel konnten solche Freikorps nicht ausrichten. Wenn nicht der tapfere +Vierfürst des um Pessinus ansässigen Keltenstammes der Tolistoboger, Deiotarus, +die Partei der Römer ergriffen und glücklich gegen die pontischen Feldherrn +gefochten hätte, so hätte Lucullus damit beginnen müssen, das Binnenland der +römischen Provinz dem Feind wiederabzunehmen. Auch so aber verlor er mit der +Beruhigung der Landschaft und mit der Zurückdrängung des Feindes eine kostbare +Zeit, die durch die geringen Erfolge, welche seine Reiterei dabei erfocht, +nichts weniger als vergütet ward. Ungünstiger noch als in Phrygien gestalteten +sich die Dinge für die Römer an der Nordküste Kleinasiens. Hier hatte die große +Armee und die Flotte der Pontiker sich Bithyniens vollständig bemeistert und +den römischen Konsul Cotta genötigt, mit seiner wenig zahlreichen Mannschaft +und seinen Schiffen in den Mauern und dem Hafen von Kalchedon Schutz zu suchen, +wo Mithradates sie blockiert hielt. Indes war diese Einschließung insofern ein +günstiges Ereignis für die Römer, als, wenn Cotta die pontische Armee vor +Kalchedon festhielt und Lucullus ebendahin sich wandte, die sämtlichen +römischen Streitkräfte bei Kalchedon sich vereinigen und schon hier statt in +dem ferneren und unwegsamen pontischen Land, die Waffenentscheidung erzwingen +konnten. Lucullus schlug auch die Straße nach Kalchedon ein; allein Cotta, um +noch vor dem Eintreffen des Kollegen auf eigene Hand eine Großtat auszuführen, +ließ seinen Flottenführer Publius Rutilius Nudus einen Ausfall machen, der +nicht bloß mit einer blutigen Niederlage der Römer endigte, sondern auch den +Pontikern es möglich machte, den Hafen anzugreifen, die Kette, die denselben +sperrte, zu sprengen und sämtliche daselbst befindliche römische Kriegsschiffe, +gegen siebzig an der Zahl, zu verbrennen. Auf die Nachricht von diesen +Unfällen, die Lucullus am Fluß Sangarios erhielt, beschleunigte derselbe seinen +Marsch, zur großen Unzufriedenheit seiner Soldaten, welche nach ihrer Meinung +Cotta nichts anging und die weit lieber ein unverteidigtes Land geplündert als +ihre Kameraden siegen gelehrt hätten. Sein Eintreffen machte die erlittenen +Unfälle zum Teil wieder gut: der König hob die Belagerung von Kalchedon auf, +ging aber nicht nach Pontos zurück, sondern südwärts in die altrömische +Provinz, wo er an der Propontis und am Hellespont sich ausbreitete, Lampsakos +besetzte und die große und reiche Stadt Kyzikos zu belagern begann. Immer +fester verrannte er sich also in die Sackgasse, die er eingeschlagen hatte, +statt, was allein für ihn Erfolg versprach, die weiten Entfernungen gegen die +Römer ins Spiel zu bringen. In Kyzikos hatte die alte hellenische Gewandtheit +und Tüchtigkeit sich so rein erhalten wie an wenigen anderen Orten; ihre +Bürgerschaft, obwohl sie in der unglücklichen Doppelschlacht von Kalchedon an +Schiffen und Mannschaft starke Einbuße erlitten hatte, leistete dennoch den +entschlossensten Widerstand. Kyzikos lag auf einer Insel unmittelbar dem +Festland gegenüber und durch eine Brücke mit demselben verbunden. Die Belagerer +bemächtigten sich sowohl des Höhenzuges auf dem Festland, der an der Brücke +endigt, und der hier gelegenen Vorstadt, als auch auf der Insel selbst der +berühmten Dindymenischen Höhen, und auf der Festland- wie auf der Inselseite +boten die griechischen Ingenieure alle ihre Kunst auf, den Sturm möglich zu +machen. Allein die Bresche, die endlich zu machen gelang, wurde während der +Nacht wieder von den Belagerten geschlossen und die Anstrengungen der +königlichen Armee blieben ebenso fruchtlos wie die barbarische Drohung des +Königs, die gefangenen Kyzikener vor den Mauern töten zu lassen, wenn die +Bürgerschaft noch länger die Übergabe verweigere. Die Kyzikener setzten die +Verteidigung mit Mut und Glück fort; es fehlte nicht viel, so hätten sie im +Laufe der Belagerung den König selbst gefangengenommen. Inzwischen hatte +Lucullus sich einer sehr festen Position im Rücken der pontischen Armee +bemächtigt, die ihm zwar nicht gestattete, der bedrängten Stadt unmittelbar zu +Hilfe zu kommen, aber wohl dem Feinde alle Zufuhr zu Lande abzuschneiden. So +stand die ungeheure, mit dem Troß auf 300000 Köpfe geschätzte Mithradatische +Armee, weder imstande zu schlagen, noch zu marschieren, fest eingekeilt +zwischen der unbezwinglichen Stadt und dem unbeweglich stehenden römischen Heer +und für allen ihren Bedarf einzig angewiesen auf die See, die zum Glück für die +Pontiker ihre Flotte ausschließlich beherrschte. Aber die schlechte Jahreszeit +brach herein; ein Unwetter zerstörte einen großen Teil der Belagerungsbauten; +der Mangel an Lebensmitteln und vor allem an Pferdefutter fing an unerträglich +zu werden. Die Lasttiere und der Troß wurden unter Bedeckung des größten Teils +der pontischen Reiterei weggesandt mit dem Auftrag, um jeden Preis sich +durchzuschleichen oder durchzuschlagen; aber am Fluß Rhyndakos östlich von +Kyzikos holte Lucullus sie ein und hieb den ganzen Haufen zusammen. Eine andere +Reiterabteilung unter Metrophanes und Lucius Fannius mußte nach langer Irrfahrt +im westlichen Kleinasien wieder in das Lager vor Kyzikos zurückkehren. Hunger +und Seuchen räumten unter den pontischen Scharen fürchterlich auf. Als der +Frühling herankam (681 73), verdoppelten die Belagerten ihre Anstrengungen und +nahmen die auf dem Dindymon angelegten Schanzen; es blieb dem König nichts +übrig, als die Belagerung aufzuheben und mit Hilfe der Flotte zu retten, was zu +retten war. Er selber ging mit der Flotte nach dem Hellespont, erlitt aber +teils bei der Abfahrt, teils unterwegs durch Stürme beträchtliche Einbuße. Eben +dahin brach auch das Landheer unter Hermaeos und Marius auf, um in Lampsakos +und von dessen Mauern geschützt sich einzuschiffen. Ihr Gepäck ließen sie im +Stich, sowie die Kranken und Verwundeten, die von den erbitterten Kyzikenern +sämtlich niedergemacht wurden. Unterwegs fügte ihnen Lucullus beim Übergang +über die Flüsse Äsepos und Granikos sehr ansehnlichen Verlust zu; doch +erreichten sie ihr Ziel: die pontischen Schiffe entführten die Überreste der +großen Armee und die lampsakenische Bürgerschaft selbst aus dem Bereiche der +Römer. +</p> + +<p> +Lucullus’ folgerechte und bedächtige Kriegführung hatte nicht bloß die +Fehler seines Kollegen wieder gutgemacht, sondern auch, ohne eine Hauptschlacht +zu liefern, den Kern der feindlichen Armee - angeblich 200 000 Soldaten - +aufgerieben. Hätte er noch die Flotte gehabt, die im Hafen von Kalchedon +verbrannt war, so würde er die ganze feindliche Armee vernichtet haben; so +blieb das Zerstörungswerk unvollendet, und er mußte sogar es leiden, daß trotz +der Katastrophe von Kyzikos die pontische Flotte in der Propontis sich +aufstellte, Perinthos und Byzantion auf der europäischen Küste von ihr +blockiert, Priapos auf der asiatischen ausgeraubt, das königliche Hauptquartier +nach dem bithynischen Hafen Nikomedeia gelegt ward. Ja ein erlesenes Geschwader +von fünfzig Segeln, das 10000 erlesene Leute, darunter Marcus Marius und den +Kern der römischen Emigranten trug, fuhr sogar hinaus in das Ägäische Meer; es +ging die Rede, daß es bestimmt sei, in Italien zu landen, um dort aufs neue den +Bürgerkrieg zu entfachen. Indes fingen die Schiffe, die Lucullus nach dem +Unfall von Kalchedon von den asiatischen Gemeinden eingefordert hatte, an, sich +einzustellen und ein Geschwader lief aus, um das in das Ägäische Meer +abgegangene feindliche aufzusuchen. Lucullus selbst, als Flottenführer erprobt, +übernahm das Kommando. Vor dem Achäerhafen, in den Gewässern zwischen der +troischen Küste und der Insel Tenedos, wurden dreizehn feindliche, auf der +Fahrt nach Lemnos begriffene Fünfruderer unter Isidoros überfallen und +versenkt. Bei der kleinen Insel Neä zwischen Lemnos und Skyros sodann, an +welchem wenig besuchten Punkte die pontische Flottille von 32 Segeln auf den +Strand gezogen lag, fand sie Lucullus, griff zugleich die Schiffe und die auf +der Insel zerstreute Bemannung an und bemächtigte sich des ganzen Geschwaders. +Hier fanden Marcus Marius und die tüchtigsten der römischen Emigrierten +entweder im Kampfe oder nachher durch das Henkerbeil den Tod. Die ganze +ägäische Flotte der Feinde war von Lucullus vernichtet. Den Krieg in Bithynien +hatten inzwischen mit dem durch Nachsendungen aus Italien verstärkten Landheer +und einem in Asien zusammengezogenen Geschwader Cotta und die Legaten Luculls +Voconius, Gaius Valerius Triarius und Barba fortgesetzt. Barba nahm im +Binnenland Prusias am Olymp und Nikäa, Triarius an der Küste Apameia (sonst +Myrleia) und Prusias am Meer (sonst Kios). Man vereinigte sich dann zu einem +gemeinschaftlichen Unternehmen gegen Mithradates selbst in Nikomedeia; indes +der König, ohne nur den Kampf zu versuchen, entwich auf seine Schiffe und fuhr +heimwärts, und auch dies gelang ihm nur, weil der mit der Blockierung des +Hafens von Nikomedeia beauftragte römische Flottenführer Voconius zu spät +eintraf. Unterwegs ward zwar das wichtige Herakleia an den König verraten und +von ihm besetzt; aber ein Sturm in diesen Gewässern versenkte über sechzig +seiner Schiffe und zerstreute die übrigen; fast allein gelangte der König nach +Sinope. Die Offensive Mithradats endigte mit einer vollständigen und durchaus +nicht, am wenigsten für den obersten Leiter, rühmlichen Niederlage der +pontischen Land- und Seemacht. +</p> + +<p> +Lucullus ging jetzt seinerseits zum Angriff vor. Triarius übernahm den Befehl +über die Flotte mit dem Auftrag, vor allem den Hellespont zu sperren und den +aus Kreta und Spanien rückkehrenden pontischen Schiffen aufzupassen, Cotta die +Belagerung von Herakleia; das schwierige Verpflegungsgeschäft ward den treuen +und tätigen Galaterfürsten und dem König Ariobarzanes von Kappadokien +übertragen; Lucullus selbst rückte im Herbst 681 (73) ein in die gesegnete und +seit langem von keinem Feinde betretene pontische Landschaft. Mithradates, +jetzt entschlossen zur strengsten Defensive, wich, ohne eine Schlacht zu +liefern, zurück von Sinope nach Amisos, von Amisos nach Kabeira (später +Neo-Caesarea, jetzt Niksar) am Lykos, einem Nebenfluß des Iris; er begnügte +sich, den Feind immer tiefer landeinwärts sich nachzuziehen und ihm die +Zufuhren und Verbindungen zu erschweren. Rasch folgte Lucullus; Sinope blieb +seitwärts liegen; die alte Grenze des römischen Machtgebiets, der Halys, ward +überschritten, die ansehnlichen Städte Amisos, Eupatoria (am Iris), Themiskyra +(am Thermodon) umstellt, bis endlich der Winter den Märschen, aber nicht den +Einschließungen der Städte ein Ende machte. Die Soldaten Luculls murrten über +das unaufhaltsame Vordringen, das ihnen nicht gestattete, die Früchte ihrer +Anstrengungen zu ernten, und über die weitläufigen und in der rauben Jahreszeit +beschwerlichen Blockaden. Allein es war nicht Lucullus’ Art, auf +dergleichen Klagen zu hören; im Frühjahr 682 (72) ging es sofort weiter gegen +Kabeira unter Zurücklassung zweier Legionen vor Amisos unter Lucius Murena. Der +König hatte während des Winters neue Versuche gemacht, den Großkönig von +Armenien zum Eintritt in den Kampf zu bestimmen; sie blieben wie die früheren +vergeblich oder führten doch nur zu leeren Verheißungen. Noch weniger bezeigten +die Parther Lust, bei der verlorenen Sache sich zu beteiligen. Indes hatte +sich, besonders durch Werbungen im Skythenland, wieder eine ansehnliche Armee +unter Diophantos und Taxiles bei Kabeira zusammengefunden. Das römische Heer, +das nur noch drei Legionen zählte und das an Reiterei den Pontikern entschieden +nachstand, sah sich genötigt, das Blachfeld möglichst zu vermeiden, und +gelangte nach Kabeira auf schwierigen Nebenpfaden, nicht ohne Beschwerden und +Verluste. Bei dieser Stadt lagerten die beiden Armeen längere Zeit einander +gegenüber. Gestritten ward hauptsächlich um die Zufuhr, die auf beiden Seiten +knapp war; Mithradates bildete deswegen aus dem Kern seiner Reiterei und einer +Abteilung erlesener Fußsoldaten unter Diophantos und Taxiles ein fliegendes +Korps, das bestimmt war, zwischen dem Lykos und dem Halys zu streifen und die +aus Kappadokien kommenden römischen Lebensmitteltransporte aufzufangen. Allein +der Unterbefehlshaber Lucullus, Marcus Fabius Hadrianus, der einen solchen Zug +eskortierte, schlug nicht bloß die ihm auflauernde Schar in dem Engpaß, wo sie +ihn zu überfallen gedachte, vollständig aufs Haupt, sondern auch, nachdem er +Verstärkung aus dem Lager erhalten hatte, die Armee des Diophantos und Taxiles +selbst, so daß dieselbe völlig sich auflöste. Es war für den König ein +unersetzlicher Verlust, daß seine Reiterei, auf die er allein vertraute, ihm +hier zugrunde gegangen war; sowie er durch die ersten vom Schlachtfeld nach +Kabeira gelangenden Flüchtlinge - bezeichnend genug die geschlagenen Generale +selbst - die Hiobspost, früher noch als Lucullus die Nachricht von dem Sieg, +erhalten hatte, beschloß er sofortigen weiteren Rückzug. Aber der gefaßte +Entschluß des Königs verbreitete sich mit Blitzesschnelle unter seiner nächsten +Umgebung; und wie die Soldaten die Vertrauten des Königs eiligst einpacken +sahen, wurden auch sie von panischem Schreck ergriffen. Niemand wollte bei dem +Aufbruch der letzte sein; Vornehme und Geringe liefen durcheinander wie +gescheuchtes Wild; keine Autorität, nicht einmal die des Königs, ward noch +beachtet und der König selbst fortgerissen in dem wilden Getümmel. Die +Verwirrung gewahrend, griff Lucullus an, und fast ohne Widerstand zu leisten +ließen die pontischen Scharen sich niedermetzeln. Hätten die Legionen +Mannszucht zu halten und ihre Beutegier zu mäßigen vermocht, so wäre kaum ein +Mann ihnen entronnen und der König ohne Zweifel selbst gefangen worden. Mit Not +entkam Mithradates mit wenigen Begleitern durch die Berge nach Komana (unweit +Tokat und der Irisquelle), von wo ihn aber auch bald eine römische Schar unter +Marcus Pompeius wiederaufscheuchte und ihn verfolgte, bis er, von nicht mehr +als 2000 Reitern begleitet, in Talaura in Klein-Armenien die Grenze seines +Reiches überschritt. In dem Reiche des Großkönigs fand er eine Zufluchtsstätte, +aber auch nicht mehr (Ende 682 72). Tigranes ließ seinem flüchtigen +Schwiegervater zwar königliche Ehre erzeigen, aber er lud ihn nicht einmal an +seinen Hof, sondern hielt ihn in der abgelegenen Grenzlandschaft, wo er sich +befand, in einer Art von anständiger Haft. Ganz Pontos und Klein-Armenien +überschwemmten die römischen Truppen und bis nach Trapezus hinauf unterwarf +sich das platte Land ohne Widerstand dem Sieger. Auch die Befehlshaber der +königlichen Schatzhäuser ergaben sich nach kürzerem oder längerem Zaudern und +lieferten ihre Kassenvorräte aus. Die Frauen des königlichen Harems, die +königlichen Schwestern, seine zahlreichen Gemahlinnen und Kebse ließ der König, +da sie zu flüchten nicht möglich war, durch einen seiner Verschnittenen in +Pharnakeia (Kerasunt) sämtlich töten. Hartnäckigen Widerstand leisteten nur die +Städte. Zwar die wenigen im Binnenland, Kabeira, Amaseia, Eupatoria, waren bald +in der Gewalt der Römer; aber die größeren Seestädte, Amisos und Sinope in +Pontos, Amastris in Paphlagonien, Tios und das pontische Herakleia in +Bithynien, wehrten sich wie Verzweifelte, teils begeistert durch die +Anhänglichkeit an den König und die von ihm geschirmte freie hellenische +Stadtverfassung, teils terrorisiert durch die Scharen der vom König +herbeigerufenen Korsaren. Sinope und Herakleia ließen sogar die Schiffe gegen +die Römer auslaufen, und das sinopische Geschwader bemächtigte sich einer +römischen Flottille, die von der Taurischen Halbinsel für Lucullus’ Heer +Getreide brachte. Herakleia unterlag erst nach zweijähriger Belagerung, nachdem +die römische Flotte der Stadt den Verkehr mit den griechischen Städten auf der +Taurischen Halbinsel abgeschnitten hatte und in den Reihen der Besatzung +Verräterei ausgebrochen war. Als Amisos aufs äußerste gebracht war, zündete die +Besatzung die Stadt an und bestieg unter dem Schutze der Flammen ihre Schiffe. +In Sinope, wo der kecke Piratenkapitän Seleukos und der königliche +Verschnittene Bakchides die Verteidigung leiteten, plünderte die Besatzung die +Häuser, bevor sie abzog, und steckte die Schiffe, die sie nicht mitnehmen +konnte, in Brand; es sollen hier, obwohl der größte Teil der Verteidiger sich +hatte einschiffen können, doch noch 8000 Korsaren von Lucullus getötet worden +sein. Zwei volle Jahre nach der Schlacht von Kabeira und darüber (682-684 +72-70) währten diese Städtebelagerungen, die Lucullus großenteils durch seine +Unterbefehlshaber betrieb, während er selbst die Verhältnisse der Provinz Asia +ordnete, die eine gründliche Reform erheischten und erhielten. Wie +geschichtlich merkwürdig auch jener hartnäckige Widerstand der pontischen +Kaufstädte gegen die siegreichen Römer ist, so kam doch zunächst wenig dabei +heraus; die Sache des Königs Mithradates war darum nicht minder verloren. Der +Großkönig hatte offenbar für jetzt wenigstens durchaus nicht die Absicht, ihn +in sein Reich zurückzuführen. Die römische Emigration in Asien hatte durch die +Vernichtung der ägäischen Flotte ihre Besten eingebüßt; von den +Übriggebliebenen hatten nicht wenige, wie zum Beispiel die tätigen Führer +Lucius Magius und Lucius Fannius, ihren Frieden mit Lucullus gemacht, und mit +dem Tode des Sertorius, der in dem Jahre der Schlacht von Kabeira umkam, +schwand die letzte Hoffnung der Emigration. Die eigene Macht Mithradats war +vollständig zerschmettert und eine nach der andern brachen ihre noch übrigen +Stützen zusammen: auch seine von Kreta und Spanien heimkehrenden Geschwader, +siebzig Segel stark, wurden von Triarius bei der Insel Tenedos angegriffen und +vernichtet; auch der Statthalter des Bosporanischen Reiches, des Königs eigener +Sohn Machares, fiel von ihm ab und schloß als selbständiger Fürst des +Taurischen Chersones auf eigene Hand mit den Römern Frieden und Freundschaft +(684 70). Der König selbst saß nach nicht allzurühmlicher Gegenwehr in einem +entlegenen armenischen Bergschloß, ein Flüchtling aus seinem Reiche und fast +ein Gefangener seines Schwiegersohns. Mochten die Korsarenscharen noch auf +Kreta sich behaupten und was aus Amisos und Sinope entkommen war, an die schwer +zugängliche Ostküste des Schwarzen Meeres zu den Sanigen und Lazen sich retten: +Lucullus’ geschickte Kriegführung und seine verständige Mäßigung, die es +nicht verschmähte, den gerechten Beschwerden der Provinzialen abzuhelfen und +die reumütigen Emigranten als Offiziere in seinem Heere anzustellen, hatte mit +mäßigen Opfern Kleinasien vom Feinde befreit und das Pontische Reich +vernichtet, so daß dasselbe aus einem römischen Klientelstaat in eine römische +Provinz verwandelt werden konnte. Eine Kommission des Senats ward erwartet, um +in Gemeinschaft mit dem Oberfeldherrn die neue Provinzialorganisation +festzustellen. +</p> + +<p> +Aber noch waren die Verhältnisse mit Armenien nicht geschlichtet. Daß eine +Kriegserklärung der Römer gegen Tigranes an sich gerechtfertigt, ja geboten +war, wurde früher gezeigt. Lucullus, der die Verhältnisse aus größerer Nähe und +mit höherem Sinn betrachtete als das Senatorenkollegium in Rom, erkannte +deutlich die Notwendigkeit, Armenien über den Tigris zurückzuweisen und die +verlorene Herrschaft Roms über das Mittelmeer wiederherzustellen. Er zeigte in +der Leitung der asiatischen Angelegenheiten sich als keinen unwürdigen +Nachfolger seines Lehrmeisters und Freundes Sulla; Philhellene wie wenige Römer +seiner Zeit, war er nicht unempfänglich für die Verpflichtung, die Rom mit der +Erbschaft Alexanders übernommen hatte: Schild und Schwert der Griechen im Osten +zu sein. Persönliche Beweggründe, der Wunsch, auch jenseits des Euphrat +Lorbeeren zu ernten, die Empfindlichkeit darüber, daß der Großkönig in einem +Schreiben an ihn den Imperatorentitel weggelassen, können freilich Lucullus +mitbestimmt haben; allein es ist ungerecht, kleinliche und egoistische Motive +für Handlungen anzunehmen, zu deren Erklärung die pflichtmäßigen vollkommen +ausreichen. Indes von dem ängstlichen, lässigen, schlecht unterrichteten und +vor allen Dingen von ewiger Finanznot bedrängten römischen Regierungskollegium +ließ sich nimmermehr erwarten, daß es, ohne unmittelbar dazu genötigt zu sein, +die Initiative zu einer so weitschichtigen und kostspieligen Expedition +ergreifen werde. Um das Jahr 682 (72) waren die legitimen Repräsentanten der +Seleukidendynastie, Antiochos, der Asiate genannt, und dessen Bruder, veranlaßt +durch die günstige Wendung des Pontischen Krieges, nach Rom gegangen, um eine +römische Intervention in Syrien und nebenbei die Anerkennung ihrer Erbansprüche +auf Ägypten zu erwirken. Wenn die letztere Anforderung nicht gewährt werden +konnte, so ließen doch der Augenblick wie die Veranlassung sich nicht günstiger +finden, um den längst notwendigen Krieg gegen Tigranes zu beginnen. Allein der +Senat hatte die Prinzen wohl als die rechtmäßigen Könige Syriens anerkannt, +aber sich nicht entschließen können, die bewaffnete Intervention zu verfügen. +Sollte die gute Gelegenheit benutzt und gegen Armenien Ernst gemacht werden, so +mußte Lucullus den Krieg ohne eigentlichen Auftrag des Senats auf eigene Hand +und eigene Gefahr beginnen; auch er sah sich ebenwie Sulla in die Notwendigkeit +versetzt, was er im offenbarsten Interesse der bestehenden Regierung tat, nicht +mit ihr, sondern ihr zum Trotz ins Werk zu setzen. Erleichtert ward ihm der +Entschluß durch die seit langem unklar zwischen Krieg und Frieden schwankenden +Verhältnisse Roms zu Armenien, welche die Eigenmächtigkeit seines Verfahrens +einigermaßen bedeckten und es an formellen Kriegsgründen nicht fehlen ließen. +Die kappadokischen und syrischen Zustände boten Anlässe genug, und es hatten +auch schon bei der Verfolgung des pontischen Königs römische Truppen das Gebiet +des Großkönigs verletzt. Da indes Lucullus’ Auftrag auf Führung des +Krieges gegen Mithradates ging und er hieran anzuknüpfen wünschte, so zog er es +vor, einen seiner Offiziere, Appius Claudius, an den Großkönig nach Antiochien +zu senden, um Mithradates’ Auslieferung zu fordern, was denn freilich zum +Kriege führen mußte. Der Entschluß war ernst, zumal bei der Beschaffenheit der +römischen Armee. Es war unvermeidlich, während des Feldzugs in Armenien das +ausgedehnte pontische Gebiet stark besetzt zu halten, da sonst dem in Armenien +stehenden Heer die Verbindung mit der Heimat verloren ging und überdies ein +Einfall Mithradats in sein ehemaliges Reich leicht vorherzusehen war. Offenbar +reichte die Armee, an deren Spitze Lucullus den Mithradatischen Krieg beendigt +hatte, von beiläufig 30000 Mann für diese verdoppelte Aufgabe nicht aus. Unter +gewöhnlichen Verhältnissen würde der Feldherr von seiner Regierung die +Nachsendung einer zweiten Armee erbeten und erhalten haben; allein da Lucullus +den Krieg der Regierung über den Kopf nehmen wollte und gewissermaßen mußte, +sah er sich genötigt, hierauf zu verzichten und, ob er gleich selbst die +gefangenen thrakischen Söldner des pontischen Königs seinen Truppen einreihte, +dennoch mit nicht mehr als zwei Legionen oder höchstens 15000 Mann den Krieg +über den Euphrat zu tragen. Schon dies war bedenklich; indes die +Geringfügigkeit der Zahl mochte durch die erprobte Tapferkeit der durchaus aus +Veteranen bestehenden Armee einigermaßen ersetzt werden. Weit schlimmer war die +Stimmung der Soldaten, auf die Lucullus in seiner hochadligen Art viel zu wenig +Rücksicht nahm. Lucullus war ein tüchtiger General und - nach aristokratischem +Maßstab - ein rechtschaffener und wohlwollender Mann, aber nichts weniger als +beliebt bei seinen Soldaten. Er war unpopulär als entschiedener Anhänger der +Oligarchie, unpopulär, weil er in Kleinasien der greulichen Wucherei der +römischen Kapitalisten nachdrücklich gesteuert hatte, unpopulär wegen der +Arbeiten und Strapazen, die er dem Soldaten zumutete, unpopulär, weil er von +seinen Soldaten strenge Mannszucht forderte und die Plünderung der griechischen +Städte durch seine Leute möglichst verhinderte, daneben aber doch für sich +selber manchen Wagen und manches Kamel mit den Schätzen des Ostens beladen +ließ, unpopulär wegen seiner feinen, vornehmen, hellenisierenden, durchaus +nicht kameradschaftlichen und, wo immer möglich, zu bequemem Wohlleben sich +hinneigenden Weise. Nicht eine Spur des Zaubers war in ihm, der zwischen dem +Feldherrn und dem Soldaten ein persönliches Band schlingt. Hierzu kam endlich, +daß ein großer Teil seiner tüchtigsten Soldaten alle Ursache hatte, sich über +die maßlose Verlängerung ihrer Dienstzeit zu beschweren. Seine beiden besten +Legionen waren ebendiejenigen, die Flaccus und Fimbria 668 (86) nach dem Osten +geführt hatten; ungeachtet ihnen vor kurzem nach der Schlacht von Kabeira der +durch dreizehn Feldzüge wohlverdiente Abschied zugesichert worden war, führte +sie Lucullus jetzt dennoch über den Euphrat, einem neuen unabsehbaren Krieg +entgegen - es schien, als wolle man die Sieger von Kabeira schlimmer behandeln +als die Geschlagenen von Cannae. Daß mit so schwachen und so gestimmten Truppen +ein Feldherr auf eigene Faust und streng genommen verfassungswidrig eine +Expedition begann in ein fernes und unbekanntes Land voll reißender Ströme und +schneebedeckter Berge, das schon durch seine gewaltige Ausdehnung jeden +leichtsinnig unternommenen Angriff gefährlich machte, war in der Tat mehr als +gewagt. Vielfach und nicht ohne Grund wurde deshalb Lucullus’ Verfahren +in Rom getadelt; nur hätte man dabei nicht verschweigen sollen, daß zunächst +die Verkehrtheit der Regierung dieses verwegene Vorgehen des Feldherrn +veranlaßte und dasselbe wo nicht rechtfertigte, doch entschuldbar machte. +</p> + +<p> +Schon die Sendung des Appius Claudius hatte neben der Aufgabe, den Krieg +diplomatisch zu motivieren, den Zweck gehabt, die Fürsten und Städte zunächst +Syriens gegen den Großkönig unter die Waffen zu bringen; im Frühling 685 (69) +erfolgte der förmliche Angriff. Während des Winters hatte der König von +Kappadokien im stillen für Transportschiffe gesorgt; auf diesen ward der +Euphrat bei Melitene überschritten und der Marsch dann weiter über die +Tauruspässe auf den Tigris gerichtet. Auch diesen überschritt Lucullus in der +Gegend von Amida (Diarbekr) und rückte weiter vor auf die Straße zu, welche die +an der südlichen Grenze Armeniens neu gegründete zweite Hauptstadt Tigranokerta +^3 mit der alten Metropole Artaxata verband. Bei jener stand der Großkönig, +kurz zuvor aus Syrien zurückgekommen, nachdem er die Verfolgung seiner +Eroberungspläne am Mittelmeer wegen der Verwicklung mit den Römern vorläufig +vertagt hatte. Eben entwarf er einen Einfall in das römische Kleinasien von +Kilikien und Lykaonien aus und überlegte bei sich, ob die Römer Asien sofort +räumen oder vorher noch, etwa bei Ephesos, sich ihm zur Schlacht stellen +würden, als ihm die Nachricht von dem Anmarsche Luculls gebracht ward, welcher +ihn von der Verbindung mit Artaxata abzuschneiden drohte. Er ließ den Boten +aufknüpfen, aber die lästige Wirklichkeit blieb wie sie war; so verließ er denn +die neue Hauptstadt und begab sich in das innere Armenien, um dort, was bis +jetzt nicht geschehen war, gegen die Römer zu rüsten. Inzwischen sollte +Mithrobarzanes mit den eben zur Verfügung stehenden Truppen in Verbindung mit +den schleunigst aufgebotenen benachbarten Beduinenstämmen die Römer +beschäftigen. Allein das Korps des Mithrobarzanes ward schon von dem römischen +Vortrab, die Araber von einem Detachement unter Sextilius zersprengt; Lucullus +gewann die von Tigranokerta nach Artaxata führende Straße, und während auf dem +rechten Tigrisufer ein römisches Detachement den nordwärts abziehenden +Großkönig verfolgte, ging er selbst auf das linke über und rückte vor +Tigranokerta. Der nie versiegende Pfeilregen, mit dem die Besatzung das +römische Heer überschüttete, und die Anzündung der Belagerungsmaschinen durch +Naphtha weihten hier die Römer ein in die neuen Gefahren der iranischen Kriege, +und der tapfere Kommandant Mankäos behauptete die Stadt, bis endlich die große +königliche Entsatzarmee aus allen Teilen des weiten Reiches und den +angrenzenden, den armenischen Werbern offenstehenden Landschaften versammelt +und durch die nordöstlichen Pässe zum Entsatz der Hauptstadt herangerückt war. +Der in den Kriegen Mithradats erprobte Führer Taxiles riet, die Schlacht zu +vermeiden und die kleine römische Schar durch die Reiterei zu umstellen und +auszuhungern. Allein als der König den römischen Feldherrn, der sich +entschieden hatte, die Schlacht zu liefern, ohne darum die Belagerung +aufzuheben, mit nicht viel mehr als 10000 Mann gegen die zwanzigfache Übermacht +ausrücken und keck das Gewässer überschreiten sah, das beide Heere trennte; als +er auf der einen Seite diese kleine Schar überblickte, “zur Gesandtschaft +zu viel, zum Heere zu wenig”, auf der andern seine ungeheuren Heerhaufen, +in denen die Völker vom Schwarzen und vom Kaspischen mit denen vom Mittelmeer +und vom Persischen Golf sich begegneten, deren gefürchtete eisenbedeckte +Lanzenreiter allein zahlreicher waren als Lucullus’ ganzes Heer und in +denen es auch an römisch gerüstetem Fußvolk nicht mangelte: da entschloß er +sich, die vom Feinde begehrte Schlacht ungesäumt anzunehmen. Während aber die +Armenier noch sich dazu ordneten, erkannte Lucullus’ scharfes Auge, daß +sie es versäumt hatten, eine Höhe zu besetzen, die ihre ganze Reiterstellung +beherrschte: er eilte sie mit zwei Kohorten einzunehmen, indem zugleich seine +schwache Reiterei durch einen Flankenangriff die Aufmerksamkeit der Feinde von +dieser Bewegung ablenkte, und sowie er oben angekommen war, führte er seinen +kleinen Haufen der feindlichen Reiterei in den Rücken. Sie ward gänzlich +zersprengt und warf sich auf die noch nicht völlig geordnete Infanterie, die +davonlief, ohne auch nur zum Schlagen zu kommen. Das Bulletin des Siegers, daß +100000 Armenier und 5 Römer gefallen seien und der König Turban und Stirnbinde +von sich werfend unerkannt mit wenigen Reitern davongesprengt sei, ist im Stile +seines Meisters Sulla abgefaßt; allein nichtdestoweniger bleibt der am 6. +Oktober 685 (69) vor Tigranokerta erfochtene Sieg einer der glänzendsten Sterne +in der ruhmreichen Kriegsgeschichte Roms; und er war nicht minder erfolgreich +als glänzend. Alle südlich vom Tigris den Parthern oder den Syrern entrissenen +Landschaften waren damit strategisch den Armeniern verloren und gingen +größtenteils ohne weiteres über in den Besitz des Siegers. Die neu erbaute +zweite Hauptstadt selber machte den Anfang. Die in ihr sehr zahlreichen +griechischen Zwangsansiedler empörten sich gegen die Besatzung und öffneten dem +römischen Heere die Pforten der Stadt, die den Soldaten zur Plünderung +preisgegeben ward. Sie war geschaffen für das neue Großreich und ward wie +dieses von dem Sieger vertilgt. Aus Kilikien und Syrien hatte der armenische +Satrap Magadates bereits alle Truppen herausgezogen, um die Entsatzarmee vor +Tigranokerta zu verstärken. Lucullus rückte in die nördlichste Landschaft +Syriens Kommagene ein und erstürmte die Hauptstadt Samosata; bis in das +eigentliche Syrien kam er nicht, doch langten von den Dynasten und Gemeinden +bis zum Roten Meere hinab, von Hellenen, Syrern, Juden, Arabern, Gesandte an, +um den Römern als den neuen Oberherren zu huldigen. Selbst der Fürst von +Corduene, der östlich von Tigranokerta gelegenen Landschaft, unterwarf sich; +wogegen freilich in Nisibis und damit in Mesopotamien der Bruder des Großkönigs +Guras sich behauptete. Durchaus trat Lucullus auf als Schirmherr der +hellenischen Fürsten und Bürgerschaften; in Kommagene setzte er einen Prinzen +des seleukidischen Hauses, Antiochos, auf den Thron; Antiochos den Asiaten, der +nach dem Abzug der Armenier nach Antiocheia zurückgekehrt war, erkannte er an +als König von Syrien; die gezwungenen Ansiedler von Tigranokerta entließ er +wieder in ihre Heimatorte. Die unermeßlichen Vorräte und Schätze des Großkönigs +- an Getreide wurden 30 Millionen Medimnen, an Geld allein in Tigranokerta 8000 +Talente (12½ Mill. Taler) erbeutet - machten es Lucullus möglich, die Kosten +des Krieges zu bestreiten, ohne die Staatskasse in Anspruch zu nehmen, und +jedem seiner Soldaten außer reichlichster Verpflegung noch eine Verehrung von +800 Denaren (240 Taler) zu machen. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^3 Daß Tigranokerta in der Gegend von Mardin etwa zwei Tagemärsche westlich von +Nisibis gelegen hat, hat die von K. E. Sachau (Über die Lage von Tigranokerta, +Abh. der Berliner Akademie, 1880) an Ort und Stelle angestellte Untersuchung +erwiesen, wenn auch die von Sachau vorgeschlagene genauere Fixierung der +Örtlichkeit nicht außer Zweifel ist. Dagegen steht seiner Auseinandersetzung +über den Feldzug Luculls das Bedenken entgegen, daß auf der dabei angenommenen +Route von einer Überschreitung des Tigris in der Tat nicht die Rede sein kann. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Der Großkönig war tief gedemütigt. Er war ein schwächlicher Charakter, +übermütig im Glück, im Unglück verzagt; wahrscheinlich würde zwischen ihm und +Lucullus ein Abkommen zustande gekommen sein, das der Großkönig mit +ansehnlichen Opfern zu erkaufen, der römische Feldherr unter leidlichen +Bedingungen zu gewähren beide alle Ursache hatten, wenn der alte Mithradates +nicht gewesen wäre. Dieser hatte nicht teilgenommen an den Kämpfen um +Tigranokerta. Durch die zwischen dem Großkönig und den Römern eingetretene +Spannung nach zwanzigmonatlicher Haft um die Mitte des Jahres 684 (70) befreit, +war er mit 10000 armenischen Reitern in sein ehemaliges Reich abgesandt worden, +um die Kommunikationen des Feindes zu bedrohen. Zurückgerufen, noch ehe er hier +etwas ausrichten konnte, als der Großkönig seine gesamte Macht aufbot, um die +von ihm erbaute Hauptstadt zu entsetzen, kamen bei seinem Eintreffen vor +Tigranokerta ihm schon die vom Schlachtfeld flüchtenden Haufen entgegen. Vom +Großkönig bis zum gemeinen Soldaten schien allen alles verloren. Wenn aber +Tigranes jetzt Frieden machte, so schwand für Mithradates nicht bloß die letzte +Möglichkeit der Wiedereinsetzung in sein Reich, sondern seine Auslieferung war +ohne Zweifel die erste Bedingung des Friedens; und sicher würde Tigranes gegen +ihn nicht anders gehandelt haben als Bocchus einst gegen Jugurtha. Seine ganze +Persönlichkeit setzte darum der König ein, um diese Wendung zu verhindern und +den armenischen Hof zur Fortführung des Krieges zu bestimmen, bei der er nichts +zu verlieren und alles zu gewinnen hatte; und flüchtig und entthront wie +Mithradates war, war sein Einfluß an diesem Hofe nicht gering. Noch war er ein +stattlicher und gewaltiger Mann, der, obwohl schon über sechzig Jahre alt, sich +in voller Rüstung auf das Pferd schwang und im Handgemenge gleich dem Besten +seinen Mann stand. Seinen Geist schienen die Jahre und die Schicksale gestählt +zu haben: während er in früheren Zeiten seine Heerführer aussandte und selbst +an dem Kriege nicht unmittelbar teilnahm, finden wir fortan als Greis ihn in +der Schlacht selber befehligen und selber fechten. Ihm, der während seines +fünfzigjährigen Regiments so viele unerhörte Glückswechsel erlebt hatte, schien +die Sache des Großkönigs durch die Niederlage von Tigranokerta noch keineswegs +verloren, vielmehr Lucullus’ Stellung sehr schwierig und, wenn es jetzt +nicht zum Frieden kam und der Krieg in zweckmäßiger Weise fortgeführt ward, +sogar in hohem Maße bedenklich. Der vielerfahrene Greis, der fast wie ein Vater +dem Großkönig gegenüberstand und jetzt persönlich auf denselben zu wirken +vermochte, bezwang den schwachen Mann durch seine Energie und bestimmte ihn, +nicht nur sich für die Fortsetzung des Krieges zu entscheiden, sondern auch ihn +selber mit dessen politischer und militärischer Leitung zu betrauen. Aus einem +Kabinettskrieg sollte der König jetzt ein national asiatischer werden, die +Könige und die Völker Asiens sich vereinigen gegen die übermächtigen und +übermütigen Okzidentalen. Es wurden die größten Anstrengungen gemacht, die +Armenier und die Parther miteinander zu versöhnen und sie zum +gemeinschaftlichen Kampfe gegen Rom zu bestimmen. Auf Mithradates’ +Betrieb erbot sich Tigranes, dem Arsakiden Phraates, dem Gott (regierte seit +684 70), die von den Armeniern eroberten Landschaften Mesopotamien, Adiabene, +die “großen Täler”, zurückzugeben und mit ihm Freundschaft und +Bündnis zu machen. Allein nach allem, was vorhergegangen war, konnte dieses +Anerbieten kaum auf eine günstige Aufnahme rechnen; Phraates zog es vor, die +Euphratgrenze durch einen Vertrag nicht mit den Armeniern, sondern mit den +Römern sich zu sichern und zuzusehen, wie sich der verhaßte Nachbar und der +unbequeme Fremdling untereinander aufrieben. Mit größerem Erfolg als an die +Könige wandte Mithradates sich an die Völker des Ostens. Es hielt nicht schwer, +den Krieg darzustellen als einen nationalen des Orients gegen den Okzident, +denn er war es; gar wohl konnte er auch zum Religionskrieg gemacht und die Rede +verbreitet werden, daß das Ziel des Lucullischen Heeres der Tempel der +persischen Nanäa oder Anaitis in Elymais oder dem heutigen Luristan sei, das +gefeiertste und das reichste Heiligtum der ganzen Euphratlandschaft ^4. +Scharenweise drängten sich von nah und fern die Asiaten unter die Banner der +Könige, welche sie aufriefen, den Osten und seine Götter vor den gottlosen +Fremdlingen zu schirmen. Allein die Tatsachen hatten gezeigt, daß das bloße +Zusammentreiben ungeheurer Heerhaufen nicht allein fruchtlos war, sondern durch +die Einfügung in dieselben selbst die wirklich marschier- und schlagfähigen +Scharen unbrauchbar gemacht und in das allgemeine Verderben mitverwickelt +wurden. Mithradates suchte vor allem die Waffe auszubilden, die zugleich die +schwächste der Okzidentalen und die stärkste der Asiaten war, die Reiterei: in +der von ihm neugebildeten Armee war die Hälfte der Mannschaft beritten. Für den +Dienst zu Fuß las er aus der Masse der aufgebotenen oder freiwillig sich +meldenden Rekruten die dienstfähigen Leute sorgfältig aus und ließ diese durch +seine pontischen Offiziere dressieren. Das ansehnliche Heer, das bald wieder +unter den Fahnen des Großkönigs zusammenstand, war aber nicht bestimmt, auf der +ersten Walstatt mit den römischen Veteranen sich zu messen, sondern sich auf +die Verteidigung und auf den kleinen Krieg zu beschränken. Schon den letzten +Krieg in seinem Reiche hatte Mithradates stetig zurückweichend und die Schlacht +vermeidend geführt; auch diesmal wurde eine ähnliche Taktik angenommen und zum +Kriegsschauplatz das eigentliche Armenien bestimmt, das vom Feinde noch +vollkommen unberührte Erbland des Tigranes, durch seine physische +Beschaffenheit ebenso wie durch den Patriotismus seiner Bewohner vortrefflich +für diese Kriegsweise geeignet. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +^4 Cicero (imp. Cn. Pomp. 9, 23) meint schwerlich einen anderen als einen der +reichen Tempel der Landschaft Elymais, wohin die Raubzüge der syrischen wie der +parthischen Könige regelmäßig sich richteten (Strab. 16, 744; Polyb. 31, 11; 1. +Makk. 6 u. a. m.), und wahrscheinlich diesen als den bekanntesten; auf keinen +Fall darf an den Tempel von Komana oder überhaupt irgendein Heiligtum im +Pontischen Reiche gedacht werden. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Das Jahr 686 (68) fand Lucullus in einer schwierigen und täglich bedenklicher +sich gestaltenden Lage. Trotz seiner glänzenden Siege war man in Rom durchaus +nicht mit ihm zufrieden. Der Senat empfand die Eigenmächtigkeit seines +Verfahrens; die von ihm empfindlich verletzte Kapitalistenpartei setzte alle +Mittel der Intrige und Bestechung in Bewegung, um seine Abberufung +durchzusetzen. Täglich erscholl der Markt der Hauptstadt von gerechten und +ungerechten Beschwerden über den tollkühnen, den habsüchtigen, den unrömischen, +den hochverräterischen Feldherrn. Den Klagen über die Vereinigung einer so +grenzenlosen Macht, zweier ordentlicher Statthalterschaften und eines wichtigen +außerordentlichen Kommandos, in der Hand eines solchen Mannes gab auch der +Senat insoweit nach, daß er die Provinz Asia einem der Prätoren, die Provinz +Kilikien nebst drei neu ausgehobenen Legionen dem Konsul Quintus Marcius Rex +bestimmte, und den Feldherrn auf das Kommando gegen Mithradates und Tigranes +beschränkte. +</p> + +<p> +Diese in Rom gegen den Feldherrn sich erhebenden Anklagen fanden einen +gefährlichen Widerhall in den Quartieren am Iris und am Tigris: um so mehr, als +einzelne Offiziere, darunter der eigene Schwager des Feldherrn, Publius +Clodius, in diesem Sinne die Soldaten bearbeiteten. Das ohne Zweifel von diesen +in Umlauf gesetzte Gerücht, daß Lucullus jetzt mit dem Pontisch-Armenischen +Krieg noch eine Expedition gegen die Parther zu verbinden gedenke, nährte die +Erbitterung der Truppen. Während aber also die schwierige Stimmung der +Regierung wie der Soldaten den siegreichen Feldherrn mit Abberufung und +Meuterei bedrohte, fuhr er selber fort, dem verzweifelten Spieler gleich, +seinen Einsatz und sein Wagen zu steigern. Zwar gegen die Parther zog er nicht; +aber als Tigranes sich weder bereit zeigte, Frieden zu machen, noch, wie +Lucullus es wünschte, eine zweite Hauptschlacht zu bestehen, entschloß sich +Lucullus von Tigranokerta durch die schwierige Berglandschaft am östlichen Ufer +des Wansees in das Tal des östlichen Euphrat (oder des Arsanias, jetzt Murad +Tschai) und aus diesem in das des Araxes vorzudringen, wo, am nördlichen Abhang +des Ararat, die Hauptstadt des eigentlichen Armeniens Artaxata mit dem +Erbschloß und dem Harem des Königs lag. Er hoffte den König durch die Bedrohung +seiner angestammten Residenz entweder unterwegs oder mindestens doch vor +Artaxata zum Schlagen zu zwingen. Unumgänglich notwendig war es freilich, bei +Tigranokerta eine Abteilung zurückzulassen; und da das Marschheer unmöglich +noch weiter vermindert werden konnte, so blieb nichts übrig als die Stellung im +Pontos zu schwächen und von dort Truppen nach Tigranokerta zu berufen. Die +Hauptschwierigkeit aber war die für militärische Unternehmungen so unbequeme +Kürze des armenischen Sommers. Auf der armenischen Hochebene, die 5000 Fuß und +mehr über der Meeresfläche liegt, sproßt bei Erzerum das Korn erst Anfang Juni, +und mit der Ernte im September stellt auch schon der Winter sich ein; in +höchstens vier Monaten mußte Artaxata erreicht und die Kampagne beendigt sein. +</p> + +<p> +Im Mittsommer 686 (68) brach Lucullus von Tigranokerta auf und gelangte, ohne +Zweifel durch den Bitlispaß und weiter westlich am Wansee hinauf marschierend, +auf das Plateau von Musch und an den Euphrat. Der Marsch ging, unter +beständigen sehr lästigen Scharmützeln mit der feindlichen Reiterei, namentlich +den berittenen Bogenschützen, langsam, aber ohne wesentliches Hindernis +vonstatten, und auch der Euphratübergang, den die armenische Reiterei ernstlich +verteidigte, ward durch ein glückliches Treffen erzwungen; die armenische +Infanterie zeigte sich, aber es glückte nicht, sie in das Gefecht zu +verwickeln. So gelangte die Armee auf die eigentliche Hochebene Armeniens und +marschierte weiter hinein in das unbekannte Land. Man hatte keinen eigentlichen +Unfall erlitten; aber die bloße unabwendbare Verzögerung des Marsches durch die +Terrainschwierigkeiten und die feindlichen Reiter war an sich schon ein sehr +empfindlicher Nachteil. Lange bevor man Artaxata erreicht hatte, brach der +Winter herein; und wie die italischen Soldaten Schnee und Eis um sich sahen, +riß der allzu straff gespannte Bogen der militärischen Zucht. Eine förmliche +Meuterei nötigte den Feldherrn, den Rückzug anzuordnen, den er mit seiner +gewöhnlichen Geschicklichkeit bewerkstelligte. Glücklich angekommen in +Mesopotamien, wo die Jahreszeit noch weitere Unternehmungen gestattete, +überschritt Lucullus den Tigris und warf sich mit der Masse seines Heeres auf +die letzte hier den Armeniern gebliebene Stadt Nisibis. Der Großkönig, +gewitzigt durch die vor Tigranokerta gemachte Erfahrung, überließ die Stadt +sich selbst; trotz ihrer tapferen Verteidigung ward sie in einer finsteren +Regennacht von den Belagerern erstürmt und Lucullus’ Heer fand daselbst +nicht minder reiche Beute und nicht minder bequeme Winterquartiere wie das Jahr +vorher in Tigranokerta. Allein inzwischen fiel die ganze Gewalt der feindlichen +Offensive auf die schwachen, im Pontos und in Armenien zurückgebliebenen +römischen Korps. Hier zwang Tigranes den römischen Befehlshaber Lucius Fannius +- denselben, der früher zwischen Sertorius und Mithradates den Vermittler +gemacht hatte -, sich in eine Festung zu werfen und hielt ihn darin belagert. +Dort rückte Mithradates ein mit 4000 armenischen und 4000 eigenen Reitern und +rief als Befreier und Rächer die Nation auf gegen den Landesfeind. Alles fiel +ihm zu; die zerstreuten römischen Soldaten wurden überall aufgehoben und +getötet; als der römische Kommandant im Pontos, Hadrianus, seine Truppen gegen +ihn führte, machten die ehemaligen Söldner des Königs und die zahlreichen, als +Sklaven dem Heere folgenden Pontiker gemeinschaftliche Sache mit dem Feind. +Zwei Tage nacheinander währte der ungleiche Kampf; nur daß der König nach zwei +empfangenen Wunden vom Schlachtfeld weggetragen werden mußte, gab dem römischen +Befehlshaber die Möglichkeit, die so gut wie verlorene Schlacht abzubrechen und +mit dem kleinen Rest seiner Leute sich nach Kabeira zu werfen. Ein anderer von +Lucullus’ Unterbefehlshabern, der zufällig in diese Gegend kam, der +entschlossene Triarius, sammelte zwar wieder einen Heerhaufen um sich und +lieferte dem König ein glückliches Gefecht; allein er war viel zu schwach, um +ihn wieder vom pontischen Boden zu vertreiben und mußte es geschehen lassen, +daß der König Winterquartiere in Komana nahm. +</p> + +<p> +So kam das Frühjahr 687 (67) heran. Die Vereinigung der Armee in Nisibis, die +Muße der Winterquartiere, die häufige Abwesenheit des Feldherrn hatten die +Unbotmäßigkeit der Truppen inzwischen noch gesteigert; sie verlangten nicht +bloß ungestüm, zurückgeführt zu werden, sondern es war bereits ziemlich +offenbar, daß sie, wenn der Feldherr sich weigerte, sie heimzuführen, von +selbst aufbrechen würden. Die Vorräte waren knapp; Fannius und Triarius sandten +in ihrer bedrängten Lage die inständigsten Bitten um Hilfeleistung an den +Oberfeldherrn. Schweren Herzens entschloß sich Lucullus, der Notwendigkeit zu +weichen, Nisibis und Tigranokerta aufzugeben und, auf all die glänzenden +Hoffnungen seiner armenischen Expedition verzichtend, zurückzukehren auf das +rechte Ufer des Euphrat. Fannius wurde befreit; im Pontos aber war es schon zu +spät. Triarius, nicht stark genug, um mit Mithradates zu schlagen, hatte bei +Gaziura (Turksal am Iris, westlich von Tokat) eine feste Stellung genommen, +während das Gepäck bei Dadasa zurückblieb. Als indes Mithradates den letzteren +Ort belagerte, zwangen die römischen Soldaten, um ihre Habseligkeiten besorgt, +den Führer, seine gesicherte Stellung zu verlassen und zwischen Gaziura und +Ziela (Zilleh) auf den Skotischen Anhöhen dem König eine Schlacht zu liefern. +Was Triarius vorhergesehen hatte trat ein: trotz der tapfersten Gegenwehr +durchbrach der Flügel, den der König persönlich führte, die römische Linie und +drängte das Fußvolk in eine lehmige Schlucht zusammen, in der es weder vor noch +seitwärts rücken konnte und erbarmungslos niedergehauen ward. Zwar ward durch +einen römischen Centurio, der dafür sein Leben opferte, der König auf den Tod +verwundet; aber die Niederlage war darum nicht minder vollständig. Das römische +Lager ward genommen; der Kern des Fußvolks, fast alle Ober- und Unteroffiziere +bedeckten den Boden; die Leichen blieben unbegraben auf dem Schlachtfeld +liegen, und als Lucullus auf dem rechten Euphratufer ankam, erfuhr er nicht von +den Seinigen, sondern durch die Berichte der Eingeborenen die Niederlage. +</p> + +<p> +Hand in Hand mit dieser Niederlage ging der Ausbruch der Militärverschwörung. +Ebenjetzt traf aus Rom die Nachricht ein, daß das Volk beschlossen habe, den +Soldaten, deren gesetzmäßige Dienstzeit abgelaufen sei, das heißt den +Fimbrianern, den Abschied zu bewilligen und einem der Konsuln des laufenden +Jahres den Oberbefehl in Bithynien und Pontus zu übertragen; schon war der +Nachfolger Luculls, der Konsul Manius Acilius Glabrio, in Kleinasien gelandet. +Die Verabschiedung der tapfersten und unruhigsten Legionen und die Abberufung +des Oberfeldherrn in Verbindung mit dem Eindruck der Niederlage von Ziela +lösten in dem Heer alle Bande der Autorität auf, eben da der Feldherr ihrer am +notwendigsten bedurfte. Bei Talaura in Klein-Armenien stand er den pontischen +Truppen gegenüber, an deren Spitze Tigranes’ Schwiegersohn, Mithradates +von Medien, den Römern bereits ein glückliches Reitergefecht geliefert hatte; +ebendahin war von Armenien her die Hauptmacht des Großkönigs in Anmarsch. +Lucullus sandte an den neuen Statthalter von Kilikien, Quintus Marcius, der auf +dem Marsch nach seiner Provinz soeben mit drei Legionen in Lykaonien angelangt +war, um von ihm Hilfe zu erhalten; derselbe erklärte, daß seine Soldaten sich +weigerten, nach Armenien zu marschieren. Er sandte an Glabrio mit dem Ersuchen, +den ihm vom Volke übertragenen Oberbefehl zu übernehmen; derselbe bezeigte noch +weniger Lust, dieser jetzt so schwierig und gefährlich gewordenen Aufgabe sich +zu unterziehen. Lucullus, genötigt den Oberbefehl zu behalten, befahl, um nicht +bei Talaura zugleich gegen die Armenier und die Pontiker schlagen zu müssen, +den Aufbruch gegen das anrückende armenische Heer. Die Soldaten kamen dem +Marschbefehl nach; allein da angelangt, wo die Straßen nach Armenien und nach +Kappadokien sich schieden, schlug die Masse des Heeres die letztere ein und +begab sich in die Provinz Asia. Hier begehrten die Fimbrianer ihren +augenblicklichen Abschied; und obwohl sie auf die inständige Bitte des +Oberfeldherrn und der übrigen Korps hiervon wieder abließen, beharrten sie doch +dabei, wenn der Winter herankäme, ohne daß ihnen ein Feind gegenüberstände, +sich auflösen zu wollen; was denn auch geschah. Mithradates besetzte nicht bloß +abermals fast sein ganzes Königreich, sondern seine Reiter streiften durch ganz +Kappadokien und bis nach Bithymen; gleich vergeblich bat König Ariobarzanes bei +Quintus Marcius, bei Lucullus und bei Glabrio um Hilfe. Es war ein seltsamer, +fast unglaublicher Ausgang des in so glorreicher Weise geführten Krieges. Wenn +man bloß auf die militärischen Leistungen sieht, so hat kaum ein anderer +römischer General mit so geringen Mitteln so viel ausgerichtet wie Lucullus; +das Talent und das Glück Sullas schienen auf diesen seinen Schüler sich vererbt +zu haben. Daß unter den obwaltenden Verhältnissen das römische Heer aus +Armenien unversehrt nach Kleinasien zurückkam, ist ein militärisches +Wunderwerk, das, soweit wir urteilen können, den Xenophontischen Rückzug weit +übertrifft und wohl zunächst aus der Solidität des römischen und der +Untüchtigkeit des orientalischen Kriegswesens sich erklärt, aber doch unter +allen Umständen dem Leiter dieses Zuges einen ehrenvollen Platz unter den +militärischen Kapazitäten ersten Ranges sichert. Wenn Lucullus’ Name +gewöhnlich nicht unter diesen genannt wird, so liegt die Ursache allem Anschein +nach nur darin, daß teils kein militärisch auch nur leidlicher Bericht über +seine Feldzüge auf uns gekommen ist, teils überall, und vor allem im Kriege, +zunächst nichts gilt als das schließliche Resultat, und dies freilich kam einer +vollständigen Niederlage gleich. Durch die letzte unglückliche Wendung der +Dinge, hauptsächlich durch die Meuterei der Soldaten, waren alle Erfolge eines +achtjährigen Krieges wieder verloren worden; man stand im Winter 687/88 (67/66) +genau wieder an demselben Fleck wie im Winter 679/80 (75/74). +</p> + +<p> +Nicht bessere Resultate als der Kontinentalkrieg lieferte der Seekrieg gegen +die Piraten, der mit demselben zugleich begann und beständig mit ihm in der +engsten Verbindung stand. Es ward bereits erzählt, daß der Senat im Jahre 680 +(74) den verständigen Beschluß faßte, die Säuberung der Meere von den Korsaren +einem einzigen höchstkommandierenden Admiral, dem Prätor Marcus Antonius, zu +übertragen. Allein gleich von vornherein hatte man sich in der Wahl des Führers +durchaus vergriffen, oder vielmehr diejenigen, welche diese an sich zweckmäßige +Maßregel durchgesetzt hätten, hatten nicht berechnet, daß im Senat alle +Personenfragen durch Cethegus’ Einfluß und ähnliche Koterierücksichten +entschieden wurden. Man hatte ferner versäumt, den gewählten Admiral in einer +seiner umfassenden Aufgabe angemessenen Weise mit Geld und Schiffen +auszustatten, so daß er durch seine ungeheuren Requisitionen den befreundeten +Provinzialen fast ebenso lästig fiel wie die Korsaren. Die Erfolge waren +entsprechend. In den kampanischen Gewässern brachte die Flotte des Antonius +eine Anzahl Piratenschiffe auf. Mit den Kretensern aber, die mit den Piraten +Freundschaft und Bündnis gemacht hatten und seine Forderung, von dieser +Gemeinschaft abzulassen, schroff zurückwiesen, kam es zum Gefecht; und die +Ketten, die Antonius vorsorglich auf seinen Schiffen in Vorrat gelegt hatte, um +die gefangenen Flibustier damit zu fesseln, dienten dazu, den Quästor und die +übrigen römischen Gefangenen an die Masten der eroberten römischen Schiffe zu +schließen, als die kretischen Feldherren Lasthenes und Panares aus dem bei +ihrer Insel den Römern gelieferten Seetreffen triumphierend nach Kydonia +zurücksteuerten. Antonius, nachdem er mit seiner leichtsinnigen Kriegführung +ungeheure Summen vergeudet und nicht das geringste ausgerichtet hatte, starb im +Jahre 683 (71) auf Kreta. Teils der schlechte Erfolg seiner Expedition, teils +die Kostbarkeit des Flottenbaus, teils der Widerwille der Oligarchie gegen jede +umfassendere Beamtenkompetenz bewirkten, daß man nach der faktischen Beendigung +dieser Unternehmung durch Antonius’ Tod keinen Oberadmiral wieder +ernannte und auf die alte Weise zurückkam, jeden Statthalter in seiner Provinz +für die Unterdrückung der Piraterie sorgen zu lassen; wie denn zum Beispiel die +von Lucullus hergestellte Flotte hierfür im Ägäischen Meer tätig war. Nur was +die Kreter anbetrifft, schien eine Schmach wie die vor Kydonia erlittene doch +selbst diesem gesunkenen Geschlecht allein durch die Kriegserklärung +beantwortet werden zu können. Dennoch hätten die kretischen Gesandten, die im +Jahre 684 (70) in Rom mit der Bitte erschienen, die Gefangenen zurücknehmen und +das alte Bündnis wieder herstellen zu wollen, fast einen günstigen +Senatsbeschluß erlangt; was die ganze Korporation eine Schande nannte, das +verkaufte bereitwillig für klingenden Preis der einzelne Senator. Erst nachdem +ein förmlicher Senatsbeschluß die Anlehen der kretischen Gesandten bei den +römischen Bankiers klaglos gestellt, das heißt nachdem der Senat sich selber in +die Unmöglichkeit versetzt hatte, sich bestechen zu lassen, kam das Dekret +zustande, daß die kretischen Gemeinden außer den römischen Überläufern, die +Urheber des vor Kydonia verübten Frevels, die Führer Lasthenes und Panares, den +Römern zu geeigneter Bestrafung zu übergeben, ferner sämtliche Schiffe und +Boote von vier oder mehr Rudern auszuliefern, 400 Geiseln zu stellen und eine +Buße von 4000 Talenten (6250000 Taler) zu zahlen hätten, wofern sie den Krieg +zu vermeiden wünschten. Als die Gesandten sich zur Eingebung solcher +Bedingungen nicht bevollmächtigt erklärten, wurde einer der Konsuln des +nächsten Jahres bestimmt, nach Ablauf seines Amtsjahres nach Kreta abzugehen, +um dort entweder das Geforderte in Empfang zu nehmen oder den Krieg zu +beginnen. Demgemäß erschien im Jahre 685 (69) der Prokonsul Quintus Metellus in +den kretischen Gewässern. Die Gemeinden der Insel, voran die größeren Städte +Gortyna, Knossos, Kydonia, waren entschlossen, lieber mit den Waffen sich zu +verteidigen, als jenen übermäßigen Forderungen sich zu fügen. Die Kretenser +waren ein ruchloses und entartetes Volk, mit deren öffentlicher und privater +Existenz der Seeraub so innig verwachsen war wie der Landraub mit dem +Gemeinwesen der Ätoler; allein sie glichen den Ätolern wie überhaupt in vielen +Stücken so auch in der Tapferkeit, und es sind denn auch diese beiden +griechischen Gemeinden die einzigen, die den Kampf um die Unabhängigkeit mutig +und ehrenhaft geführt haben. Bei Kydonia, wo Metellus seine drei Legionen ans +Land setzte, stand eine kretische Armee von 24000 Mann unter Lasthenes und +Panares bereit, ihn zu empfangen; es kam zu einer Schlacht im offenen Felde, in +der der Sieg nach hartem Kampf den Römern blieb. Allein die Städte trotzten dem +römischen Feldherrn nichtsdestoweniger hinter ihren Mauern; Metellus mußte sich +entschließen, eine nach der andern zu belagern. Zuerst ward Kydonia, wohin die +Trümmer der geschlagenen Armee sich geworfen hatten, nach langer Belagerung von +Panares gegen das Versprechen freien Abzuges für sich selber übergeben. +Lasthenes, der aus der Stadt entwichen war, mußte zum zweiten Male in Knossos +belagert werden, und da auch diese Festung im Begriff war zu fallen, +vernichtete er seine Schätze und entschlüpfte abermals nach Orten, welche, wie +Lyktos, Eleutherna und andere, die Verteidigung noch fortsetzten. Zwei Jahre +(686, 687 68, 67) vergingen, bevor Metellus der ganzen Insel Herr und damit der +letzte Fleck freier griechischer Erde in die Gewalt der übermächtigen Römer +gekommen war; die kretischen Gemeinden, wie sie zuerst von allen griechischen +die freie Stadtverfassung und die Seeherrschaft bei sich entwickelt hatten, +sollten auch die letzten von allen jenen, einst das Mittelmeer erfüllenden +griechischen Seestaaten sein, die der römischen Kontinentalmacht erlagen. +</p> + +<p> +Alle Rechtsbedingungen waren erfüllt, um wiederum einen der üblichen pomphaften +Triumphe zu feiern; das Geschlecht der Meteller konnte seinen makedonischen, +numidischen, dalmatischen, baliarischen Titeln mit gleichem Recht den neuen +kretischen beifügen, und Rom besaß einen stolzen Namen mehr. Nichtsdestoweniger +stand die Macht der Römer auf dem Mittelmeer nie tiefer, die der Korsaren nie +höher als in diesen Jahren. Wohl mochten die Kiliker und Kreter der Meere, die +in dieser Zeit bis 1000 Schiffe gezählt haben sollen, des Isaurikers wie des +Kretikers und ihrer nichtigen Siege spotten. Wie nachdrücklich die Seeräuber in +den Mithradatischen Krieg eingriffen und wie die hartnäckige Gegenwehr der +pontischen Seestädte ihre besten Kräfte aus dem Korsarenstaat zog, ward bereits +erzählt. Aber derselbe machte auch auf eigene Hand kaum minder großartige +Geschäfte. Fast unter den Augen der Flotte Luculls überfiel im Jahre 685 (69) +der Pirat Athenodoros die Insel Delos, zerstörte deren vielgefeierte +Heiligtümer und Tempel und führte die ganze Bevölkerung fort in die Sklaverei. +Die Insel Lipara bei Sizilien zahlte den Piraten jährlich einen festen Tribut, +um von ähnlichen Überfällen verschont zu bleiben. Ein anderer Piratenchef, +Herakleon, zerstörte im Jahre 682 (72) das in Sizilien gegen ihn ausgerüstete +Geschwader und wagte es, mit nicht mehr als vier offenen Booten in den Hafen +von Syrakus einzufahren. Zwei Jahre später stieg sein Kollege Pyrganion in +demselben Hafen sogar an das Land, setzte daselbst sich fest und schickte von +dort aus Streifpartien in die Insel, bis ihn der römische Statthalter endlich +zwang, sich wiedereinzuschiffen. Das war man am Ende nachgerade gewohnt, daß +alle Provinzen Geschwader ausrüsteten und Strandwachen aufstellten oder doch +für beides steuerten, und dennoch die Korsaren so regelmäßig erschienen, um die +Provinzen auszuplündern wie die römischen Statthalter. Aber selbst den +geweihten Boden Italiens respektierten jetzt die unverschämten Frevler nicht +mehr: von Kroton führten sie den Tempelschatz der Lakinischen Hera mit sich +fort; sie landeten in Brundisium, Misenum, Caieta, in den etruskischen Häfen, +ja in Ostia selbst; sie brachten die vornehmsten römischen Offiziere als +Gefangene auf, unter andern den Flottenführer der kilikischen Armee und zwei +Prätoren mit ihrem ganzen Gefolge, mit den gefürchteten Beilen und Ruten selbst +und allen Abzeichen ihrer Würde; sie entführten aus einer Villa bei Misenum die +eigene Schwester des zur Vernichtung der Piraten ausgesandten römischen +Oberadmirals Antonius; sie vernichteten im Hafen von Ostia die gegen sie +ausgerüstete und von einem Konsul befehligte römische Kriegsflotte. Der +latinische Bauersmann, der Reisende auf der Appischen Straße, der vornehme +Badegast in dem irdischen Paradiese von Baiae waren ihrer Habe und ihres Lebens +fürder keinen Augenblick sicher; aller Handel und aller Verkehr stockte; die +entsetzlichste Teuerung herrschte in Italien und namentlich in der von +überseeischem Korn lebenden Hauptstadt. Die Mitwelt wie die Geschichte sind +freigebig mit Klagen über unerträglichen Notstand; hier dürfte die Bezeichnung +passen. +</p> + +<p> +Es ist bisher geschildert worden, wie der von Sulla restaurierte Senat die +Grenzbewachung in Makedonien, die Disziplin über die Klientelkönige +Kleinasiens, wie er endlich die Seepolizei geübt hat; die Resultate waren +nirgends erfreulich. Nicht bessere Erfolge erzielte die Regierung in einer +anderen, vielleicht noch dringenderen Angelegenheit, der Überwachung des +provinzialen und vor allem des italischen Proletariats. Der Krebsschaden des +Sklavenproletariats zehrte an dem Marke aller Staaten des Altertums und um so +mehr, je mächtiger sie emporgeblüht waren; denn Macht und Reichtum des Staats +führten unter den bestehenden Verhältnissen regelmäßig zu einer +unverhältnismäßigen Vermehrung der Sklavenmenge. Natürlich litt demnach Rom +darunter schwerer als irgendein anderer Staat des Altertums. Schon die +Regierung des sechsten Jahrhunderts hatte gegen die Banden entlaufener Hirten- +und Feldsklaven Truppen schicken müssen. Die unter den italischen Spekulanten +mehr und mehr um sich greifende Plantagenwirtschaft hatte das gefährliche Übel +ins unendliche gesteigert; in der Zeit der Gracchischen und der Marianischen +Krise und mit denselben in engem Zusammenhang hatten Sklavenaufstände an +zahlreichen Punkten des Römischen Reiches stattgehabt, in Sizilien sogar zu +zwei blutigen Kriegen (619-622 und 652-654 135-132 und 102-100) sich +entwickelt. Aber das Dezennium der Restaurationsherrschaft nach Sullas Tode +ward die goldene Zeit wie für die Flibustier zur See so für die gleichartigen +Banden auf dem Festland, vor allem in der bisher noch verhältnismäßig leidlich +geordneten italischen Halbinsel. Von einem Landfrieden konnte daselbst kaum +mehr die Rede sein. In der Hauptstadt und den minder bevölkerten Landschaften +Italiens waren Räubereien alltäglich, Mordtaten häufig. Gegen Menschenraub an +fremden Sklaven wie an freien Leuten erging - vielleicht in dieser Epoche - ein +besonderer Volksschluß; gegen gewaltsame Besitzentziehung von Grundstücken ward +um diese Zeit eine eigene summarische Klage neu eingeführt. Diese Verbrechen +mußten besonders deswegen gefährlich erscheinen, weil sie zwar gewöhnlich +begangen wurden von dem Proletariat, aber als moralische Urheber und Teilnehmer +an dem Gewinn auch die vornehme Klasse in großem Umfang dabei mittätig war. +Namentlich der Menschen- und der Ackerraub wurde sehr häufig durch die Aufseher +der großen Güter veranlaßt und durch die daselbst vereinigten häufig +bewaffneten Sklavenscharen ins Werk gesetzt; und gar mancher hochangesehene +Mann verschmähte nicht, was einer seiner diensteifrigen Sklavenaufseher so für +ihn erwarb wie Mephisto für Faust die Linden Philemons. Wie die Dinge standen, +zeigt die verschärfte Bestrafung der durch bewaffnete Banden verübten +Eigentumsfrevel, welche einer der besseren Optimaten, Marcus Lucullus, als +Vorstand der hauptstädtischen Rechtspflege um das Jahr 676 (78) einführte ^5, +mit der ausgesprochenen Absicht, die Eigentümer der großen Sklavenherden durch +die Gefahr sich dieselben aberkannt zu sehen, zu nachdrücklicherer +Beaufsichtigung derselben anzuhalten. Wo also im Auftrag der vornehmen Welt +geplündert und gemordet ward, lag es diesen Sklaven- und Proletariermassen +nahe, das gleiche Geschäft für eigene Rechnung zu treiben; es genügte ein +Funke, um den furchtbaren Brennstoff in Flammen zu setzen und das Proletariat +in eine Insurrektionsarmee zu verwandeln. Die Veranlassung fand sich bald. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^5 Aus diesen Bestimmungen hat sich der Begriff des Raubes als eines besonderen +Verbrechens entwickelt, während das ältere Recht den Raub unter dem Diebstahl +mitbegriff. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Die Fechterspiele, die unter den Volkslustbarkeiten in Italien jetzt den ersten +Rang behaupteten, hatten die Errichtung zahlreicher Anstalten namentlich in und +um Capua herbeigeführt, worin diejenigen Sklaven teils aufbewahrt, teils +eingeschult wurden, die bestimmt waren, zur Belustigung der souveränen Menge zu +töten oder zu sterben - natürlich großenteils tapfere kriegsgefangene Leute, +die es nicht vergessen hatten, einst gegen die Römer im Felde gestanden zu +haben. Eine Anzahl solcher verzweifelter Menschen brach aus einer der +capuanischen Fechterschulen aus (681 73) und warf sich auf den Vesuv. An ihrer +Spitze standen zwei keltische Männer, die mit ihren Sklavennamen Krixos und +Önomaos genannt werden, und der Thraker Spartacus. Dieser, vielleicht ein +Sprößling des edlen, in der thrakischen Heimat wie in Pantikapäon sogar zu +königlichen Ehren gelangten Geschlechts der Spartokiden, hatte unter den +thrakischen Hilfstruppen im römischen Heer gedient, war desertiert und als +Räuber in die Berge gegangen und hier wiedereingefangen und für die Kampfspiele +bestimmt worden. Die Streifereien dieser kleinen, anfänglich nur vierundsiebzig +Köpfe zählenden, aber rasch durch Zulauf aus der Umgegend anschwellenden Schar +wurden den Bewohnern der reichen kampanischen Landschaft bald so lästig, daß +dieselben, nachdem sie vergeblich versucht hatten, sich selber ihrer zu +erwehren, gegen sie Hilfe von Rom erbaten. Es erschien eine schleunig +zusammengeraffte Abteilung von 3000 Mann unter Führung des Clodius Glaber und +besetzte die Aufgänge zum Vesuv, um die Sklavenschar auszuhungern. Aber die +Räuber wagten es trotz ihrer geringen Anzahl und ihrer mangelhaften Bewaffnung, +über jähe Abhänge hinabkletternd die römischen Posten zu überfallen; und als +die elende Miliz den kleinen Haufen verzweifelter Männer unvermutet auf sich +eindringen sah, gab sie Fersengeld und verlief sich nach allen Seiten. Dieser +erste Erfolg verschaffte den Räubern Waffen und steigenden Zulauf. Wenngleich +auch jetzt noch ein großer Teil von ihnen nichts führte als zugespitzte +Knüttel, so fand die neue und stärkere Abteilung der Landwehr, zwei Legionen +unter dem Prätor Publius Varinius, die von Rom her in Kampanien einrückte, sie +schon fast wie ein Kriegsheer in der Ebene lagernd. Varinius hatte einen +schwierigen Stand. Seine Milizen, genötigt, dem Feind gegenüber zu biwakieren, +wurden durch die feuchte Herbstwitterung und die dadurch erzeugten Krankheiten +arg mitgenommen; und schlimmer noch als die Epidemien lichteten Feigheit und +Unbotmäßigkeit die Reihen. Gleich zu Anfang lief eine seiner Abteilungen +vollständig auseinander, so daß die Flüchtigen nicht etwa auf das Hauptkorps +zurück, sondern geradewegs nach Hause gingen. Als sodann der Befehl gegeben +ward, gegen die feindlichen Verschanzungen vorzugehen und anzugreifen, weigerte +sich der größte Teil der Leute, ihm Folge zu leisten. Nichtsdestoweniger brach +Varinius mit denen, die standhielten, gegen die Räuberschar auf; allein er fand +sie nicht mehr, wo er sie suchte. In tiefster Stille war sie aufgebrochen und +hatte sich südwärts gegen Picentia (Vicenza bei Amalfi) gewendet, wo Varinius +sie zwar einholte, aber es doch nicht wehren konnte, daß sie über den Silarus +zurückwich bis in das innere Lucanien, das gelobte Land der Hirten und der +Räuber. Auch dorthin folgte Varinius und hier endlich stellte der verachtete +Feind sich zum Treffen. Alle Verhältnisse, unter denen der Kampf stattfand, +waren zum Nachteil der Römer; die Soldaten, so ungestüm sie kurz zuvor die +Schlacht gefordert hatten, schlugen dennoch sich schlecht; Varinius ward +vollständig besiegt, sein Pferd und die Insignien seiner Amtswürde gerieten mit +dem römischen Lager selbst in Feindeshand. Massenweise strömten die +süditalischen Sklaven, namentlich die tapferen halbwilden Hirten, unter die +Fahne der so unverhofft erschienenen Erlöser; nach den mäßigen Angaben stieg +die Zahl der bewaffneten Insurgenten auf 40000 Mann. Kampanien, soeben geräumt, +ward rasch wieder eingenommen, das daselbst unter dem Quästor des Varinius, +Gaius Thoranius, zurückgebliebene römische Korps zersprengt und aufgerieben. Im +ganzen Süden und Südwesten Italiens war das offene Land in den Händen der +siegreichen Räuberhauptleute; selbst ansehnliche Städte, wie Consentia im +bruttischen Land, Thurii und Metapont in Lucanien, Nola und Nuceria in +Kampanien, wurden von ihnen erstürmt und erlitten alle Greuel, die siegreiche +Barbaren über wehrlose Zivilisierte, entfesselte Sklaven über ihre gewesenen +Herren zu bringen vermögen. Daß ein Kampf wie dieser überhaupt rechtlos und +mehr eine Metzelei als ein Krieg war, versteht sich leider von selbst: die +Herren schlugen jeden gefangenen Sklaven von Rechts wegen ans Kreuz; diese +machten natürlich gleichfalls ihre Gefangenen nieder oder zwangen gar in noch +höhnischerer Vergeltung die kriegsgefangenen Römer, im Fechtspiel einander +selber zu morden; wie dies später mit dreihundert derselben bei der +Leichenfeier eines im Kampfe gefallenen Räuberhauptmanns geschah. In Rom war +man mit Recht in Besorgnis über den immer weiter um sich greifenden +verheerenden Brand. Es ward beschlossen, das nächste Jahr (682 72) beide +Konsuln gegen die furchtbaren Bandenchefs auszusenden. In der Tat gelang es dem +Prätor Quintus Arrius, einem Unterfeldherrn des Konsuls Lucius Genius, den +keltischen Haufen, der unter Krixos von der Masse des Räuberheers sich +gesondert hatte und auf eigene Hand brandschatzte, in Apulien am Garganus zu +fassen und zu vernichten. Aber um so glänzendere Siege erfocht Spartacus im +Apennin und im nördlichen Italien, wo der Konsul Gnaeus Lentulus, während er +die Räuber zu umzingeln und aufzuheben vermeinte, sodann sein Kollege Gellius +und der soeben noch siegreiche Prätor Arrius, endlich bei Mutina der +Statthalter des Diesseitigen Gallien, Gaius Cassius (Konsul 681 73), und der +Prätor Gnaeus Manlius einer nach dem andern seinen Streichen erlagen. Die kaum +bewaffneten Sklavenrotten waren der Schreck der Legionen; die Kette der +Niederlagen erinnerte an die ersten Jahre des Hannibalischen Krieges. Was hätte +kommen mögen, wenn nicht entlaufene Fechtersklaven, sondern die Volkskönige aus +den Bergen der Auvergne oder des Balkan an der Spitze der siegreichen Scharen +gestanden hätten, ist nicht zu sagen; wie die Bewegung einmal war, blieb sie +trotz ihrer glänzenden Siege ein Räuberaufstand und unterlag weniger der +Übermacht ihrer Gegner als der eignen Zwietracht und Planlosigkeit. Die +Einigkeit gegen den gemeinschaftlichen Feind, die in den früheren sizilischen +Sklavenkriegen in so bemerkenswerter Weise hervorgetreten war, wird in diesem +italischen vermißt, wovon wohl die Ursache darin zu suchen ist, daß die +sizilischen Sklaven in dem gemeinsamen Syrohellenismus einen gleichsam +nationalen Einigungspunkt fanden, die italischen dagegen in die beiden Massen +der Hellenobarbaren und der Keltogermanen sich schieden. Die Spaltung zwischen +dem Kelten Krixos und dem Thraker Spartacus - Önomaos war gleich in einem der +ersten Gefechte gefallen - und ähnlicher Hader lähmte die Benutzung der +errungenen Erfolge und verschaffte den Römern manchen wichtigen Sieg. Aber noch +weit nachteiliger als die keltisch-germanische Unbotmäßigkeit wirkte auf das +Unternehmen der Mangel eines festen Planes und Zieles. Wohl stand Spartacus, +nach dem Wenigen zu schließen, was wir von dem seltenen Mann erfahren, hierin +über seiner Partei. Er verriet neben seinem strategischen ein nicht gemeines +Organisationstalent, wie denn gleich von Haus aus die Gerechtigkeit, mit der er +seiner Schar vorstand und die Beute verteilte, wenigstens ebensosehr wie seine +Tapferkeit die Augen der Masse auf ihn gelenkt hatte. Um dem empfindlichen +Mangel an Reiterei und an Waffen abzuhelfen, versuchte er mit Hilfe der in +Unteritalien aufgegriffenen Pferdeherden, sich eine Kavallerie zu schulen und +zu disziplinieren und, sowie er den Hafen von Thurii in die Hände bekam, von +dort aus Eisen und Kupfer, ohne Zweifel durch Vermittlung der Piraten, sich zu +verschaffen. Aber in den Hauptsachen vermochte auch er nicht die wilden Horden, +die er anführte, auf feste Endziele hinzulenken. Gern hätte er den tollen +Bacchanalien der Grausamkeit gewehrt, die die Räuber in den eingenommenen +Städten sich gestatteten und die die hauptsächliche Ursache waren, weshalb +keine italische Stadt freiwillig mit den Insurgenten gemeinschaftliche Sache +machte; aber der Gehorsam, den der Räuberhauptmann im Kampfe fand, hörte mit +dem Siege auf und seine Vorstellungen und Bitten waren vergeblich. Nach den im +Apennin 682 (72) erfochtenen Siegen stand dem Sklavenheer nach jeder Richtung +hin der Weg frei. Spartacus selbst soll beabsichtigt haben, die Alpen zu +überschreiten, um sich und den Seinigen die Rückkehr in ihre keltische oder +thrakische Heimat zu öffnen; wenn der Bericht gegründet ist, so zeigt er, wie +wenig der Sieger seine Erfolge und seine Macht überschätzte. Da die Mannschaft +sich weigerte, dem reichen Italien so rasch den Rücken zu wenden, schlug +Spartacus den Weg nach Rom ein und soll daran gedacht haben, die Hauptstadt zu +blockieren. Indes auch diesem zwar verzweifelten, aber doch planmäßigen +Beginnen zeigten die Scharen sich abgeneigt; sie zwangen ihren Führer, da er +Feldherr sein wollte, Räuberhauptmann zu bleiben und ziellos weiter in Italien +auf Plünderung umherzuziehen. Rom mochte sich glücklich preisen, daß es also +kam; auch so aber war guter Rat teuer. Es fehlte an geübten Soldaten wie an +erprobten Feldherren; Quintus Metellus und Gnaeus Pompeius waren in Spanien, +Marcus Lucullus in Thrakien, Lucius Lucullus in Kleinasien beschäftigt, und zur +Verfügung standen nur rohe Milizen und höchstens mittelmäßige Offiziere. Man +bekleidete mit dem außerordentlichen Oberbefehl in Italien den Prätor Marcus +Crassus, der zwar kein namhafter Feldherr war, aber doch unter Sulla mit Ehren +gefochten und wenigstens Charakter hatte, und stellte ihm eine wenn nicht durch +ihre Qualität, doch durch ihre Zahl imponierende Armee von acht Legionen zur +Verfügung. Der neue Oberfeldherr begann damit, die erste Abteilung, die wieder +mit Wegwerfung ihrer Waffen vor den Räubern davonlief, nach der ganzen Strenge +der Kriegsgesetze zu behandeln und den zehnten Mann davon hinrichten zu lassen; +worauf in der Tat die Legionen sich wieder etwas mehr zusammennahmen. +Spartacus, in dem nächsten Gefecht besiegt, zog sich zurück und suchte durch +Lucanien nach Rhegion zu gelangen. Ebendamals beherrschten die Piraten nicht +bloß die sizilischen Gewässer, sondern selbst den Hafen von Syrakus; mit Hilfe +ihrer Boote gedachte Spartacus ein Korps nach Sizilien zu werfen, wo die +Sklaven nur auf einen Anstoß warteten, um zum dritten Male loszuschlagen. Der +Marsch nach Rhegion gelang, allein die Korsaren, vielleicht geschreckt durch +die von dem Prätor Gaius Verres auf Sizilien eingerichteten Strandwachen, +vielleicht auch von den Römern bestochen, nahmen von Spartacus den bedungenen +Lohn, ohne ihm die Gegenleistung dafür zu gewähren. Crassus inzwischen war dem +Räuberheer bis etwa an die Krathismündung gefolgt und ließ, ähnlich wie Scipio +vor Numantia, seine Soldaten, da sie nicht schlugen, wie sie sollten, einen +festungsähnlich verschanzten Wall in der Länge von sieben deutschen Meilen +aufführen, der die Bruttische Halbinsel von dem übrigen Italien absperrte ^6 +und dem von Rhegion zurückkehrenden Insurgentenheer den Weg verlegte und die +Zufuhr abschnitt. Indes in einer dunklen Winternacht durchbrach Spartacus die +feindlichen Linien und stand im Frühjahr 683 (71) ^7 wieder in Lucanien. Das +mühsame Werk war also vergebens gewesen. Crassus fing an, an der Lösung seiner +Aufgabe zu verzweifeln, und forderte vom Senat, daß er die in Makedonien unter +Marcus Lucullus, im diesseitigen Spanien unter Gnaeus Pompeius stehenden Heere +zu seiner Unterstützung nach Italien berufe. Es bedurfte indes dieses äußersten +Notschrittes nicht; die Uneinigkeit und der Übermut der Räuberhaufen genügten, +um ihre Erfolge wieder zu vereiteln. Abermals lösten sich die Kelten und +Germanen von dem Bunde, dessen Haupt und Seele der Thraker war, um unter +Führern ihrer eigenen Nation, Gannicus und Castus, sich vereinzelt den Römern +ans Messer zu liefern. Einmal, am Lucanischen See, rettete sie Spartacus’ +rechtzeitiges Erscheinen; sie schlugen nun zwar wohl ihr Lager nahe bei dem +seinigen auf, aber dennoch gelang es Crassus, den Spartacus durch die Reiterei +zu beschäftigen und indessen die keltischen Haufen zu umstellen und zum +Sonderkampf zu zwingen, in welchem sie sämtlich, man sagt 12300 Streiter, +tapfer kämpfend fielen, alle auf dem Platze und mit den Wunden nach vorn. +Spartacus versuchte darauf, sich mit seiner Abteilung in die Berge um Petelia +(bei Strongoli in Kalabrien) zu werfen und schlug nachdrücklich die römische +Vorhut, die dem Weichenden folgte. Allein dieser Sieg gereichte mehr dem Sieger +als dem Besiegten zum Nachteil. Berauscht von dem Erfolg weigerten sich die +Räuber, weiter zurückzuweichen, und nötigten ihren Feldherrn, sie durch +Lucanien nach Apulien dem letzten entscheidenden Kampf entgegenzuführen. Vor +der Schlacht stieß Spartacus sein Roß nieder; wie er im Glück und im Unglück +treu bei den Seinen ausgeharrt hatte, so zeigte er ihnen jetzt durch die Tat, +daß es ihm wie allen hier gehe um Sieg oder Tod. Auch in der Schlacht stritt er +mit dem Mut eines Löwen: zwei Centurionen fielen von seiner Hand; verwundet und +in die Knie gesunken noch führte er den Speer gegen die andringenden Feinde. +Also starben der große Räuberhauptmann und mit ihm die besten seiner Gesellen +den Tod freier Männer und ehrlicher Soldaten (683 71). Nach dem teuer erkauften +Siege ward von den Truppen, die ihn erfochten, und von denen des Pompeius, die +inzwischen nach Überwindung der Sertorianer aus Spanien eingetroffen waren, +durch ganz Apulien und Lucanien eine Menschenhetze angestellt, wie sie noch +nicht dagewesen war, um die letzten Funken des gewaltigen Brandes zu zertreten. +Obwohl in den südlichen Landschaften, wo zum Beispiel das Städtchen Tempsa 683 +(71) von einer Räuberschar eingenommen ward, und in dem durch Sullas +Expropriationen schwer betroffenen Etrurien ein rechter Landfriede noch +keineswegs sich einfand, galt doch derselbe offiziell als in Italien +wiederhergestellt. Wenigstens die schmachvoll verlorenen Adler waren +wiedergewonnen - allein nach dem Sieg über die Kelten brachte man deren fünf +ein; und längs der Straße von Capua nach Rom zeugten die sechstausend Kreuze, +die gefangene Sklaven trugen, von der neu begründeten Ordnung und dem +abermaligen Siege des anerkannten Rechts über das rebellierende lebendige +Eigen. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^6 Da die Linie sieben deutsche Meilen (Sall. hist. 4, 19 Dietsch; Plut. Crass. +10) lang war, so ging sie wohl nicht von Squillace nach Pizzo, sondern +nördlicher, etwa bei Castrovillari und Cassano über die hier in gerader Linie +etwa sechs deutsche Meilen breite Halbinsel. +</p> + +<p> +^7 Daß Crassus noch 682 (72) den Oberbefehl übernahm, ergibt sich aus der +Beseitigung der Konsuln (Plot. Crass. 10); daß der Winter 682/83 (72/71) den +beiden Heeren am Bruttischen Wall verstrich, aus der “Schneenacht (Plot. +a. a. O.). +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Blicken wir zurück auf die Ereignisse, die das Dezennium der sullanischen +Restauration erfüllen. Eine gewaltige, den Lebensnerv der Nation notwendig +berührende Gefahr war an sich in keiner der während dieser Zeit vorgekommenen +äußeren oder inneren Bewegungen enthalten, weder in der Insurrektion des +Lepidus, noch in den Unternehmungen der spanischen Emigranten, noch in den +thrakisch-makedonischen und kleinasiatischen Kriegen, noch in den Piraten- und +Sklavenaufständen; und dennoch hatte der Staat fast in all diesen Kämpfen um +seine Existenz gefochten. Die Ursache war, daß die Aufgaben, solange sie noch +mit Leichtigkeit lösbar waren, überall ungelöst blieben; die Vernachlässigung +der einfachsten Vorsichtsmaßregeln erzeugte die entsetzlichsten Mißstände und +Unglücksfälle und schuf abhängige Klassen und machtlose Könige in ebenbürtige +Gegner um. Die Demokratie zwar, und die Sklaveninsurrektion hatte man besiegt; +aber wie die Siege waren, ward durch sie der Sieger weder innerlich gehoben +noch äußerlich gekräftigt. Es war keine Ehre, daß die beiden gefeiertsten +Generale der Regierungspartei in einem achtjährigen, mit mehr Niederlagen als +Siegen bezeichneten Kampf des Insurgentenchefs Sertorius und seiner spanischen +Guerillas nicht Herr geworden waren, daß erst der Mordstahl seiner Freunde den +Sertorianischen Krieg zu Gunsten der legitimen Regierung entschieden hatte. Die +Sklaven nun gar war es viel weniger eine Ehre besiegt, als eine Schande, ihnen +jahrelang in gleichem Kampfe gegenübergestanden zu haben. Wenig mehr als ein +Jahrhundert war seit dem Hannibalischen Kriege verflossen; es mußte dem +ehrbaren Römer das Blut in die Wangen treiben, wenn er den furchtbar raschen +Rücktritt der Nation seit jener großen Zeit erwog. Damals standen die +italischen Sklaven wie die Mauern gegen Hannibals Veteranen; jetzt stäubte die +italische Landwehr vor den Knütteln ihrer entlaufenen Knechte wie Spreu +auseinander. Damals machte jeder einfache Oberst im Fall der Not den Feldherrn +und focht oft ohne Glück, doch immer mit Ehren; jetzt hielt es hart, unter all +den vornehmen Offizieren nur einen Führer von gewöhnlicher Brauchbarkeit zu +finden. Damals nahm die Regierung lieber den letzten Bauer vom Pflug, als daß +sie darauf verzichtet hätte, Griechenland und Spanien zu erobern; jetzt war man +drauf und dran, beide längst erworbene Gebiete wieder preiszugeben, nur um +daheim der aufständischen Knechte sich erwehren zu können. Auch Spartacus +hatte, so gut wie Hannibal, vom Po bis an die sizilische Meerenge Italien mit +Heeresmacht durchzogen, beide Konsuln geschlagen und Rom mit der Blockade +bedroht; wozu es gegen das ehemalige Rom des größten Feldherrn des Altertums +bedurft hatte, das vermochte gegen das jetzige ein kecker Räuberhauptmann. War +es ein Wunder, daß solchen Siegen über Insurgenten und Räuberführer kein +frisches Leben entkeimte? +</p> + +<p> +Ein noch minder erfreuliches Ergebnis aber hatten die äußeren Kriege +herausgestellt. Zwar der thrakisch-makedonische hatte, wenn kein dem +ansehnlichen Aufwand von Menschen und Feld entsprechendes, doch auch kein +geradezu ungünstiges Resultat gegeben. Dagegen in dem kleinasiatischen und in +dem Piratenkrieg hatte die Regierung vollständigen Bankrott gemacht. Jener +schloß ab mit dem Verlust der gesamten, in acht blutigen Feldzügen gemachten +Eroberungen, dieser mit der vollständigen Verdrängung der Römer von +“ihrem Meer”. Einst hatte Rom im Vollgefühl der Unwiderstehlichkeit +seiner Landmacht das Übergewicht auch auf das zweite Element übertragen; jetzt +war der gewaltige Staat zur See ohnmächtig und, wie es schien, im Begriff, auch +wenigstens über den asiatischen Kontinent die Herrschaft einzubüßen. Die +materiellen Wohltaten des staatlichen Daseins: Sicherheit der Grenzen, +ungestörter friedlicher Verkehr, Rechtsschutz, geordnete Verwaltung, fingen an, +alle miteinander den sämtlichen im römischen Staat vereinigten Nationen zu +verschwinden; die segnenden Götter alle schienen zum Olymp emporgestiegen zu +sein und die jammervolle Erde den amtlich berufenen oder freiwilligen +Plünderern oder Peinigern überlassen zu haben. Dieser Verfall des Staats ward +auch nicht etwa bloß von dem, der politische Rechte und Bürgersinn hatte, als +ein öffentliches Unglück gefühlt, sondern die Proletariatsinsurrektion und die +an die Zeiten der neapolitanischen Ferdinande erinnernde Räuber- und +Piratenwirtschaft trugen das Gefühl dieses Verfalls in das entlegenste Tal, in +die niedrigste Hütte Italiens, ließen ihn jeden, der Handel und Verkehr trieb, +der nur einen Scheffel Weizen kaufte, als persönlichen Notstand empfinden. +</p> + +<p> +Wenn nach den Urhebern dieses heillosen und beispiellosen Jammers gefragt ward, +so war es nicht schwer, mit gutem Recht gar viele deshalb anzuklagen. Die +Sklavenwirte, deren Herz im Geldbeutel saß, die unbotmäßigen Soldaten, die bald +feigen, bald unfähigen, bald tollkühnen Generale, die meist am falschen Ende +hetzenden Demagogen des Marktes trugen ihren Teil der Schuld, oder vielmehr, +wer trug an derselben nicht mit? Instinktmäßig ward es empfunden, daß dieser +Jammer, diese Schande, diese Zerrüttung zu kolossal waren, um das Werk eines +einzelnen zu sein. Wie die Größe des römischen Gemeinwesens nicht das Werk +hervorragender Individuen, sondern das einer tüchtig organisierten Bürgerschaft +gewesen ist, so ist auch der Verfall dieses gewaltigen Gebäudes nicht aus der +verderblichen Genialität einzelner, sondern aus der allgemeinen Desorganisation +hervorgegangen. Die große Majorität der Bürgerschaft taugte nichts und jeder +morsche Baustein half mit zu dem Ruin des ganzen Gebäudes; es büßte die ganze +Nation, was die ganze Nation verschuldete. Es war ungerecht, wenn man die +Regierung als den letzten greifbaren Ausdruck des Staats für alle heilbaren und +unheilbaren Krankheiten desselben verantwortlich machte; aber das allerdings +war wahr, daß die Regierung in furchtbar schwerer Weise mittrug an dem +allgemeinen Verschulden. In dem Kleinasiatischen Kriege zum Beispiel, wo kein +einzelner der regierenden Herren sich in hervorragender Weise verfehlt, +Lucullus sogar, militärisch wenigstens, tüchtig, ja glorreich sich geführt +hatte, ward es nur um so deutlicher, daß die Schuld des Mißlingens in dem +System und in der Regierung als solcher, hier zunächst in dem früheren +schlaffen Preisgeben Kappadokiens und Syriens und in der schiefen Stellung des +tüchtigen Feldherrn gegenüber dem keines energischen Beschlusses fähigen +Regierungskollegium lag. Ebenso hatte in der Seepolizei der Senat den einmal +gefaßten richtigen Gedanken einer allgemeinen Piratenjagd erst in der +Ausführung verdorben und dann ihn gänzlich fallen lassen, um wieder nach dem +alten törichten System gegen die Rosse des Meeres Legionen zu senden. Nach +diesem System wurden die Expeditionen des Servilius und des Marcius nach +Kilikien, des Metellus nach Kreta unternommen; nach diesem ließ Triarius die +Insel Delos zum Schutz vor den Piraten mit einer Mauer umziehen. Solche +Versuche, der Seeherrschaft sich zu versichern, erinnern an jenen persischen +Großkönig, der das Meer mit Ruten peitschen ließ, um es sich untertänig zu +machen. Wohl hatte also die Nation guten Grund, ihren Bankrott zunächst der +Restaurationsregierung zur Last zu legen. Immer schon war mit der +Wiederherstellung der Oligarchie ein ähnliches Mißregiment gekommen, nach dem +Sturz der Gracchen wie nach dem des Marius und Saturninus; aber so gewaltsam +und zugleich doch auch so schlaff, so verdorben und verderblich war dasselbe +nie zuvor aufgetreten. Wenn aber eine Regierung nicht regieren kann, hört sie +auf legitim zu sein und es hat, wer die Macht, auch das Recht, sie zu stürzen. +Zwar ist es leider wahr, daß eine unfähige und verbrecherische Regierung lange +Zeit das Wohl und die Ehre des Landes mit Füßen zu treten vermag, bevor die +Männer sich finden, welche die von dieser Regierung selbst geschmiedeten +entsetzlichen Waffen gegen sie schwingen und aus der sittlichen Empörung der +Tüchtigen und dem Notstande der vielen die in solchem Fall legitime Revolution +heraufbeschwören können und wollen. Aber wenn das Spiel mit dem Glücke der +Völker ein lustiges sein mag und wohl lange Zeit hindurch ungestört gespielt +werden kann, so ist es doch auch ein tückisches, das zu seiner Zeit die Spieler +verschlingt; und niemand schilt dann die Axt, wenn sie dem Baum, der solche +Früchte trägt, sich an die Wurzel legt. Für die römische Oligarchie war diese +Zeit jetzt gekommen. Der Pontisch-Armenische Krieg und die Piratenangelegenheit +wurden die nächsten Ursachen zum Umsturz der Sullanischen Verfassung und zur +Einsetzung einer revolutionären Militärdiktatur. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap03"></a>KAPITEL III.<br/> +Der Sturz der Oligarchie und die Herrschaft des Pompeius</h2> + +<p> +Noch stand die Sullanische Verfassung unerschüttert. Der Sturm, den Lepidus und +Sertorius gegen sie gewagt hatten, war mit geringer Einbuße zurückgeschlagen +worden. Das halbfertige Gebäude mit dem energischen Geiste seines Urhebers +auszubauen, hatte die Regierung freilich versäumt. Es zeichnet sie, daß sie die +von Sulla zur Verteilung bestimmten, aber noch nicht von ihm selbst +parzellierten Ländereien weder aufteilte noch auch den Anspruch auf dieselben +geradezu aufgab, sondern die früheren Eigentümer ohne Regulierung des Titels +vorläufig im Besitze duldete, manche noch unverteilte Strecke sullanischen +Domaniallandes auch wohl gar von einzelnen Personen nach dem alten, durch die +Gracchischen Reformen rechtlich und faktisch beseitigten Okkupationssystem +willkürlich in Besitz nehmen ließ. Was den Optimaten unter den Sullanischen +Bestimmungen gleichgültig oder unbequem war, wurde ohne Bedenken ignoriert oder +kassiert; so die gegen ganze Gemeinden ausgesprochene Aberkennung des +Staatsbürgerrechts; so das Verbot der Zusammenschlagung der neuen +Bauernstellen; so manche der von Sulla einzelnen Gemeinden erteilten +Freibriefe, natürlich ohne daß man die für diese Exemtionen gezahlten Summen +den Gemeinden zurückgegeben hätte. Aber wenn auch diese Verletzungen der +Ordnungen Sullas durch die Regierung selbst dazu beitrugen, die Fundamente +seines Gebäudes zu erschüttern, waren und blieben doch die Sempronischen +Gesetze im wesentlichen abgeschafft. +</p> + +<p> +Wohl fehlte es nicht an Männern, die die Wiederherstellung der Gracchischen +Verfassung im Sinn trugen, und nicht an Entwürfen, um das, was Lepidus und +Sertorius im Wege der Revolution versucht hatten, stückweise auf dem Wege +verfassungsmäßiger Reform zu erreichen. In die beschränkte Wiederherstellung +der Getreidespenden hatte die Regierung bereits unter dem Druck der Agitation +des Lepidus unmittelbar nach Sullas Tode gewilligt (676 78) und sie tat ferner +was irgend möglich war, um in dieser Lebensfrage für das hauptstädtische +Proletariat ihm zu Willen zu sein. Als trotz jener Verteilungen die hohen, +hauptsächlich durch die Piraterie hervorgerufenen Kornpreise eine so drückende +Teuerung in Rom hervorriefen, daß es darüber im Jahre 679 (75) zu einem +heftigen Straßenauflauf kam, halfen zunächst außerordentliche Ankäufe von +sizilischem Getreide für Rechnung der Regierung der ärgsten Not ab; für die +Zukunft aber regelte ein von den Konsuln des Jahres 681 (78) eingebrachtes +Getreidegesetz die Ankäufe des sizilischen Getreides und gab, freilich auf +Kosten der Provinzialen, der Regierung die Mittel, um ähnliche Mißstände besser +zu verhüten. Aber auch die minder materiellen Differenzpunkte, die +Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt in ihrem alten Umfang und die +Beseitigung der senatorischen Gerichte, hörten nicht auf, Gegenstände populärer +Agitation zu bilden, und hier leistete die Regierung nachdrücklicheren +Widerstand. Den Streit um das tribunizische Amt eröffnete schon 678 (76), +unmittelbar nach der Niederlage des Lepidus, der Volkstribun Lucius Sicinius, +vielleicht ein Nachkomme des gleichnamigen Mannes, der mehr als vierhundert +Jahre zuvor zuerst dieses Amt bekleidet hatte; allein er scheiterte an dem +Widerstand, den der rührige Konsul Gaius Curio ihm entgegensetzte. Im Jahre 680 +(74) nahm Lucius Quinctius die Agitation wieder auf, ließ sich aber durch die +Autorität des Konsuls Lucius Lucullus bestimmen, von seinem Vorhaben +abzustehen. Mit größerem Eifer trat das Jahr darauf in seine Fußstapfen Gaius +Licinius Macer, der - bezeichnend für die Zeit - in das öffentliche Leben seine +literarischen Studien hineintrug und, wie er es in der Chronik gelesen, der +Bürgerschaft anriet, die Konskription zu verweigern. +</p> + +<p> +Auch über die schlechte Handhabung der Rechtspflege durch die senatorischen +Geschworenen wurden bald nur zu wohl begründete Beschwerden laut. Die +Verurteilung eines einigermaßen einflußreichen Mannes war kaum mehr zu +erlangen. Nicht bloß empfand der Kollege mit dem Kollegen, der gewesene oder +künftige Angeklagte mit dem gegenwärtigen armen Sünder billiges Mitleid; auch +die Käuflichkeit der Geschworenenstimmen war kaum noch eine Ausnahme. Mehrere +Senatoren waren gerichtlich dieses Verbrechens überwiesen worden; auf andere +gleich schuldige wies man mit Fingern; die angesehensten Optimaten, wie Quintus +Catulus, räumten in offener Senatssitzung es ein, daß die Beschwerden +vollkommen gegründet seien; einzelne besonders eklatante Fälle zwangen den +Senat mehrmals, zum Beispiel im Jahre 680 (74), über Maßregeln gegen die +Freiheit der Geschworenen zu deliberieren, natürlich nur so lange, bis der +erste Lärm sich gelegt hatte und man die Sache unter das Eis gleiten lassen +konnte. Die Folgen dieser elenden Rechtspflege zeigten sich namentlich in einem +System der Plünderung und Peinigung der Provinzialen, mit dem verglichen selbst +die bisherigen Frevel erträglich und gemäßigt erschienen. Das Stehlen und +Rauben war gewissermaßen durch Gewohnheit legitim geworden; die +Erpressungskommission konnte als eine Anstalt gelten, um die aus den Vogteien +heimkehrenden Senatoren zu Gunsten ihrer daheimgebliebenen Kollegen zu +besteuern. Aber als ein angesehener Sikeliote, weil er dem Statthalter nicht +hatte zu einem Verbrechen die Hand bieten wollen, dafür von diesem abwesend und +ungehört zum Tode verurteilt ward; als selbst römische Bürger, wenn sie nicht +Ritter oder Senatoren waren, in der Provinz nicht mehr sicher waren vor den +Ruten und Beilen des römischen Vogts, und die älteste Errungenschaft der +römischen Demokratie, die Sicherheit des Leibes und Lebens, von der +herrschenden Oligarchie anfing mit Füßen getreten zu werden: da hatte auch das +Publikum auf dem römischen Markte ein Ohr für die Klagen über seine Vögte in +den Provinzen und über die ungerechten Richter, die solche Untaten moralisch +mitverschuldeten. Die Opposition unterließ es natürlich nicht, auf dem fast +allein ihr übriggebliebenen Terrain, dem gerichtlichen, ihre Gegner +anzugreifen. So zog der junge Gaius Caesar, der auch, soweit sein Alter es +gestattete, sich bei der Agitation um die Wiederherstellung der tribunizischen +Gewalt eifrig beteiligte, im Jahre 677 (77) einen der angesehensten +Sullanischen Parteimänner, den Konsular Gnaeus Dolabella, und im folgenden Jahr +einen andern Sullanischen Offizier, Gaius Antonius, vor Gericht; so Marcus +Cicero 684 (70) den Gaius Verres, eine der elendesten unter den Kreaturen +Sullas und eine der schlimmsten Geißeln der Provinzialen. Wieder und wieder +wurden die Bilder jener finsteren Zeit der Ächtungen, die entsetzlichen Leiden +der Provinzialen, der schmachvolle Stand der römischen Kriminalrechtspflege mit +allem Pomp italienischer Rhetorik, mit aller Bitterkeit italienischen Spottes +vor der versammelten Menge entfaltet und der gewaltige Tote sowie seine +lebenden Schergen ihrem Zorn und Hohn unnachsichtlich preisgegeben. Die +Wiederherstellung der vollen tribunizischen Gewalt, an deren Bestehen die +Freiheit, die Macht und das Glück der Volksgemeinde wie durch uralt heiligen +Zauber geknüpft schien, die Wiedereinführung der “strengen” +Gerichte der Ritterschaft, die Erneuerung der von Sulla beseitigten Zensur zur +Reinigung der höchsten Staatsbehörde von den faulen und schädlichen Elementen +wurden täglich mit lautem Ruf von den Rednern der Volkspartei gefordert. +</p> + +<p> +Indes mit alledem kam man nicht weiter. Es gab Skandal und Lärm genug, aber ein +eigentlicher Erfolg ward dadurch, daß man die Regierung nach und über Verdienst +prostituierte, doch noch keineswegs erreicht. Die materielle Macht lag immer +noch, solange militärische Einmischung fern blieb, in den Händen der +hauptstädtischen Bürgerschaft; und dies “Volk”, das in den Gassen +Roms sich drängte und auf dem Markt Beamte und Gesetze machte, war eben um +nichts besser als der regierende Senat: Zwar mußte die Regierung mit der Menge +sich abfinden, wo deren eigenes nächstes Interesse in Frage kam; dies ist die +Ursache der Erneuerung des Sempronischen Korngesetzes. Allein daran war nicht +zu denken, daß diese Bürgerschaft um einer Idee oder gar um einer zweckmäßigen +Reform willen Ernst gemacht hätte. Mit Recht ward auf die Römer dieser Zeit +angewandt, was Demosthenes von seinen Athenern sagte: daß die Leute gar eifrig +täten, solange sie um die Rednerbühne ständen und die Vorschläge zu Reformen +vernähmen; aber wenn sie nach Hause gekommen seien, denke keiner weiter an das, +was er auf dem Markte gehört habe. Wie auch jene demokratischen Agitatoren die +Flammen schürten, es half eben nichts, da der Brennstoff fehlte. Die Regierung +wußte dies und ließ in den wichtigen Prinzipienfragen sich keinerlei +Zugeständnis entreißen; höchstens daß sie sich dazu verstand (um 682 72), einem +Teil der mit Lepidus landflüchtig gewordenen Leute die Amnestie zuzugestehen. +Was von Konzessionen erfolgte, ging nicht so sehr aus dem Drängen der +Demokratie hervor, als aus den Vermittlungsversuchen der gemäßigten +Aristokratie. Allein von den beiden Gesetzen, die der einzige noch übrige +Führer dieser Fraktion, Gaius Cotta, in seinem Konsulat 679 (75) durchsetzte, +wurde das die Gerichte betreffende schon im nächsten Jahre wieder beseitigt, +und auch das zweite, welches die Sullanische Bestimmung aufhob, daß die +Bekleidung des Tribunats zur Übernahme anderer Magistraturen unfähig mache, die +übrigen Beschränkungen aber bestehen ließ, erregte wie jede halbe Maßregel nur +den Unwillen beider Parteien. Die Partei der reformistisch gesinnten +Konservativen, die durch Cottas bald nachher (um 681 73) erfolgten frühen Tod +ihr namhaftestes Haupt verlor, sank mehr und mehr in sich selbst zusammen, +erdrückt zwischen den immer schroffer hervortretenden Extremen. Von diesen aber +blieb die Partei der Regierung, schlecht und schlaff wie sie war, der gleich +schlechten und gleich schlaffen Opposition gegenüber notwendig im Vorteil. +</p> + +<p> +Aber dies der Regierung so günstige Verhältnis änderte sich, als die +Differenzen zwischen ihr und denjenigen ihrer Parteigänger sich schärfer +entwickelten, deren Hoffnungen über den Ehrensitz in der Kurie und das +aristokratische Landhaus hinaus zu höheren Zielen sich erhoben. In erster Linie +stand hier Gnaeus Pompeius. Wohl war er Sullaner; aber es ist früher gezeigt +worden, wie wenig er unter seiner eigenen Partei sich zurechtfand, wie von der +Nobilität, als deren Schild und Schwert er offiziell angesehen ward, ihn doch +seine Herkunft, seine Vergangenheit, seine Hoffnungen immer wieder schieden. +Der schon klaffende Riß hatte während der spanischen Feldzüge (677 - 683 77 - +71) des Feldherrn sich unheilbar erweitert. Unwillig und halb gezwungen hatte +die Regierung ihn ihrem rechten Vertreter Quintus Metellus als Kollegen +beigesellt; und wieder er beschuldigte, wohl nicht ohne Grund, den Senat durch +die sei es liederliche, sei es böswillige Vernachlässigung der spanischen +Armeen deren Niederlagen verschuldet und das Schicksal der Expedition aufs +Spiel gesetzt zu haben. Nun kam er zurück als Sieger über die heimlichen +Feinde, an der Spitze eines krieggewohnten und ihm ganz ergebenen Heeres, für +seine Soldaten Landanweisungen begehrend, für sich Triumph und Konsulat. Die +letzteren Forderungen verstießen gegen das Gesetz. Pompeius, obwohl mehrmals +schon außerordentlicherweise mit der höchsten Amtsgewalt bekleidet, hatte noch +kein ordentliches Amt, nicht einmal die Quästur verwaltet und war noch immer +nicht Mitglied des Rats; und Konsul durfte nur werden, wer die Staffel der +geringeren ordentlichen Ämter durchmessen, triumphieren nur, wer die +ordentliche höchste Gewalt bekleidet hatte. Der Senat war gesetzlich befugt, +ihn, wenn er um das Konsulat sich bewarb, auf die Bewerbung um die Quästur zu +verweisen, wenn er den Triumph erbat, ihn an den großen Scipio zu erinnern, der +unter gleichen Verhältnissen auf den Triumph über das eroberte Spanien +verzichtet hatte. Nicht minder hing Pompeius hinsichtlich der seinen Soldaten +versprochenen Domänen verfassungsmäßig ab von dem guten Willen des Senats. +Indes wenn auch der Senat, wie es bei seiner Schwächlichkeit auch im Grollen +wohl denkbar war, hierin nachgab und dem siegreichen Feldherrn für den gegen +die Demokratenchefs geleisteten Schergendienst den Triumph, das Konsulat, die +Landanweisungen zugestand, so war doch eine ehrenvolle Annulierung in +ratsherrlicher Indolenz unter der langen Reihe der friedlichen senatorischen +Imperatoren das günstigste Los, das die Oligarchie dem sechsunddreißigjährigen +Feldherrn zu bereiten vermochte. Das, wonach sein Herz eigentlich verlangte, +das Kommando im Mithradatischen Krieg freiwillig vom Senat bewilligt zu +erhalten, konnte er nimmer erwarten; in ihrem eigenen wohlverstandenen +Interesse durfte die Oligarchie es nicht zulassen, daß er den afrikanischen und +europäischen noch die Trophäen des dritten Weltteils hinzufügte; die im Osten +reichlich und bequem zu pflückenden Lorbeeren blieben auf jeden Fall der reinen +Aristokratie vorbehalten. Wenn aber der gefeierte General bei der herrschenden +Oligarchie seine Rechnung nicht fand, so blieb - da zu einer rein persönlichen, +ausgesprochen dynastischen Politik weder die Zeit reif noch Pompeius’ +ganze Persönlichkeit geeignet war - ihm keine andere Wahl, als mit der +Demokratie gemeinschaftliche Sache zu machen. An die Sullanische Verfassung +band ihn kein eigenes Interesse: er konnte seine persönlichen Zwecke auch +innerhalb einer mehr demokratischen ebensogut, wo nicht besser verfolgen. +Dagegen fand er alles, was er brauchte, bei der demokratischen Partei. Die +tätigen und gewandten Führer derselben waren bereit und fähig, dem +unbehilflichen und etwas hölzernen Helden die mühselige politische Leitung +abzunehmen, und doch viel zu gering, um dem gefeierten Feldherrn die erste +Rolle und namentlich die militärische Oberleitung streitig machen zu können +oder auch nur zu wollen. Selbst der weitaus bedeutendste von ihnen, Gaius +Caesar, war nichts als ein junger Mensch, dem seine dreisten Fahrten und +eleganten Schulden weit mehr als seine feurige demokratische Beredsamkeit einen +Namen gemacht hatten und der sich sehr geehrt fühlen mußte, wenn der +weltberühmte Imperator ihm gestattete, sein politischer Adjutant zu sein. Die +Popularität, auf welche Menschen wie Pompeius, von größeren Ansprüchen als +Fähigkeiten, mehr Wert zu legen pflegen, als sie gern sich selber gestehen, +mußte im höchsten Maß dem jungen General zuteil werden, dessen Übertritt der +fast aussichtslosen Sache der Demokratie den Sieg gab. Der von ihm für sich und +seine Soldaten geforderte Siegeslohn fand damit sich von selbst. Überhaupt +schien, wenn die Oligarchie gestürzt ward, bei dem gänzlichen Mangel anderer +ansehnlicher Oppositionshäupter es nur von Pompeius abzuhängen, seine weitere +Stellung sich selber zu bestimmen. Daran aber konnte kaum gezweifelt werden, +daß der Übertritt des Feldherrn der soeben siegreich aus Spanien heimkehrenden +und noch in Italien geschlossen zusammenstehenden Armee zur Oppositionspartei +den Sturz der bestehenden Ordnung zur Folge haben müsse. Regierung und +Opposition waren gleich machtlos; sowie die letztere nicht mehr bloß mit +Deklamationen focht, sondern das Schwert eines siegreichen Feldherrn bereit +war, ihren Anforderungen Nachdruck zu geben, war die Regierung jedenfalls, +vielleicht sogar ohne Kampf, überwunden. +</p> + +<p> +So sah man von beiden Seiten sich gedrängt zur Koalition. An persönlichen +Abneigungen mochte es dort wie hier nicht fehlen; der siegreiche Feldherr +konnte die Straßenredner unmöglich lieben, diese noch weniger den Henker des +Carbo und Brutus mit Freuden als ihr Haupt begrüßen; indes die politische +Notwendigkeit überwog, wenigstens für den Augenblick, jedes sittliche Bedenken. +</p> + +<p> +Aber die Demokraten und Pompeius schlossen ihren Bund nicht allein. Auch Marcus +Crassus war in einer ähnlichen Lage wie Pompeius. Obwohl Sullaner wie dieser, +war doch auch seine Politik, ganz wie die des Pompeius, vor allem eine +persönliche und durchaus nicht die der herrschenden Oligarchie; und auch er +stand jetzt in Italien an der Spitze einer starken und siegreichen Armee, mit +welcher er soeben den Sklavenaufstand niedergeschlagen hatte. Es blieb ihm die +Wahl entweder gegen die Koalition mit der Oligarchie sich zu verbinden oder in +die Koalition einzutreten; er wählte den letzteren und damit ohne Zweifel den +sichereren Weg. Bei seinem kolossalen Vermögen und seinem Einfluß auf die +hauptstädtischen Klubs war er überhaupt ein schätzbarer Bundesgenosse; unter +den obwaltenden Umständen aber war es ein unberechenbarer Gewinn, wenn das +einzige Heer, mit welchem der Senat den Truppen des Pompeius hätte begegnen +können, der angreifenden Macht sich beigesellte. Die Demokraten überdies, denen +bei der Allianz mit dem übermächtigen Feldherrn nicht wohl zu Mute sein mochte, +sahen nicht ungern in Marcus Crassus ihm ein Gegengewicht und vielleicht einen +künftigen Rivalen zur Seite gestellt. +</p> + +<p> +So kam im Sommer des Jahres 683 (71) die erste Koalition zustande zwischen der +Demokratie einer- und den beiden Sullanischen Generalen Gnaeus Pompeius und +Marcus Crassus andererseits. Beide machten das Parteiprogramm der Demokratie zu +dem ihrigen; es ward ihnen dafür zunächst das Konsulat auf das kommende Jahr, +Pompeius überdies der Triumph und die begehrten Landlose für seine Soldaten, +Crassus als dem Überwinder des Spartacus wenigstens die Ehre des feierlichen +Einzugs in die Hauptstadt zugesichert. +</p> + +<p> +Den beiden italischen Armeen, der hohen Finanz und der Demokratie, die also zum +Sturz der Sullanischen Verfassung verbündet auftraten, hatte der Senat nichts +gegenüberzustellen als etwa das zweite spanische Heer unter Quintus Metellus +Pius. Allein Sulla hatte richtig vorhergesagt, daß das, was er getan, nicht zum +zweitenmal geschehen werde: Metellus, durchaus nicht geneigt, sich in einen +Bürgerkrieg zu verwickeln, hatte sofort nach Überschreitung der Alpen seine +Soldaten entlassen. So blieb der Oligarchie nichts übrig, als in das +Unvermeidliche sich zu fügen. Der Rat bewilligte die für Konsulat und Triumph +erforderlichen Dispensationen; Pompeius und Crassus wurden, ohne Widerstand zu +finden, zu Konsuln für das Jahr 684 (70) gewählt, während ihre Heere, angeblich +in Erwartung des Triumphs, vor der Stadt lagerten. Noch vor dem Antritt seines +Amtes bekannte sodann Pompeius in einer von dem Volkstribun Marcus Lollius +Palicanus abgehaltenen Volksversammlung sich öffentlich und förmlich zu dem +demokratischen Programm. Die Verfassungsänderung war damit im Prinzip +entschieden. +</p> + +<p> +Allen Ernstes ging man nun an die Beseitigung der sullanischen Institutionen. +Vor allen Dingen erhielt das tribunizische Amt wieder seine frühere Geltung. +Pompeius selbst als Konsul brachte das Gesetz ein, das den Volkstribunen ihre +althergebrachten Befugnisse, namentlich auch die legislatorische Initiative +zurückgab - freilich eine seltsame Gabe aus der Hand des Mannes, der mehr als +irgend ein Lebender dazu getan hatte, der Gemeinde ihre alten Privilegien zu +entreißen. +</p> + +<p> +Hinsichtlich der Geschworenenstellung wurde die Bestimmung Sullas, daß das +Verzeichnis der Senatoren als Geschworenenliste dienen solle, zwar abgeschafft; +allein es kam doch keineswegs zu einer einfachen Wiederherstellung der +Gracchischen Rittergerichte. Künftig, so bestimmte das neue Aurelische Gesetz, +sollten die Geschworenenkollegien zu einem Dritteil aus Senatoren bestehen, zu +zwei Dritteilen aus Männern vom Ritterzensus, von welchen letzteren wieder die +Hälfte die Distriktvorsteherschaft oder das sogenannte Kassentribunat bekleidet +haben mußte. Es war diese letzte Neuerung eine weitere, den Demokraten gemachte +Konzession, indem hiernach wenigstens der dritte Teil der Kriminalgeschworenen +mittelbar hervorging aus den Wahlen der Distrikte. Wenn dagegen der Senat nicht +gänzlich aus den Gerichten verdrängt ward, so ist die Ursache davon +wahrscheinlich teils in Crassus’ Beziehungen zum Senat zu suchen, teils +in dem Beitritt der senatorischen Mittelpartei zu der Koalition, mit dem es +auch wohl zusammenhängt, daß der Bruder ihres kürzlich verstorbenen Führers, +der Prätor Lucius Cotta, dies Gesetz einbrachte. +</p> + +<p> +Nicht weniger wichtig war die Beseitigung der für Asien von Sulla festgesetzten +Steuerordnung, welche vermutlich ebenfalls in dies Jahr fällt; der damalige +Statthalter Asiens, Lucius Lucullus, ward angewiesen, das von Gaius Gracchus +eingeführte Verpachtungssystem wiederherzustellen und damit der hohen Finanz +diese wichtige Geld- und Machtquelle zurückzugeben. +</p> + +<p> +Endlich ward die Zensur wieder ins Leben gerufen. Die Wahlen dafür, welche die +neuen Konsuln kurz nach Antritt ihres Amtes anberaumten, fielen, in offenbarer +Verhöhnung des Senats, auf die beiden Konsuln des Jahres 682 (73) Gnaeus +Lentulus Clodianus und Lucius Genius, die wegen ihrer elenden Kriegführung +gegen Spartacus durch den Senat vom Kommando entfernt worden waren. Es begreift +sich, daß diese Männer alle Mittel, die ihr wichtiges und ernstes Amt ihnen zu +Gebote stellte, in Bewegung setzten, um den neuen Machthabern zu huldigen und +den Senat zu ärgern. Mindestens der achte Teil des Senats, vierundsechzig +Senatoren, eine bis dahin unerhörte Zahl, wurden von der Liste gestrichen, +darunter der einst von Gaius Caesar ohne Erfolg angeklagte Gaius Antonius und +der Konsul des Jahres 683 (71), Publius Lentulus Sura, vermutlich auch nicht +wenige der verhaßten Kreaturen Sullas. +</p> + +<p> +So war man mit dem Jahre 684 (70) wieder im wesentlichen zurückgekommen auf die +vor der sullanischen Restauration bestehenden Ordnungen. Wieder ward die +hauptstädtische Menge aus der Staatskasse, das heißt von den Provinzen +gespeist; wieder gab die tribunizische Gewalt jedem Demagogen den gesetzlichen +Freibrief, die staatlichen Ordnungen zu verkehren; wieder erhob der Geldadel, +als Inhaber der Steuerpachtungen und der gerichtlichen Kontrolle über die +Statthalter, neben der Regierung sein Haupt so mächtig wie nur je zuvor; wieder +zitterte der Senat vor dem Wahrspruch der Geschworenen des Ritterstandes und +vor der zensorischen Rüge. Das System Sullas, das auf die politische +Vernichtung der kaufmännischen Aristokratie und der Demagogie die +Alleinherrschaft der Nobilität begründet hatte, war damit vollständig über den +Haufen geworfen. Abgesehen von einzelnen untergeordneten Bestimmungen, deren +Abschaffung erst später nachgeholt wurde, wie zum Beispiel der Zurückgabe des +Selbstergänzungsrechts an die Priesterkollegien, blieb von Sullas allgemeinen +Ordnungen hiernach nichts übrig als teils die Konzessionen, die er selbst der +Opposition zu machen notwendig gefunden hatte, wie namentlich die Anerkennung +des römischen Bürgerrechts der sämtlichen Italiker, teils Verfügungen ohne +schroffe Parteitendenz, an denen deshalb auch die verständigen Demokraten +nichts auszusetzen fanden, wie unter anderm die Beschränkung der +Freigelassenen, die Regulierung der Beamtenkompetenzen und die materiellen +Änderungen im Kriminalrecht. +</p> + +<p> +Weniger einig als über diese prinzipiellen war die Koalition hinsichtlich der +persönlichen Fragen, die eine solche Staatsumwälzung anregte. +Begreiflicherweise ließen die Demokraten sich nicht genügen mit der allgemeinen +Anerkennung ihres Programms, sondern auch sie forderten jetzt eine Restauration +in ihrem Sinn: Wiederherstellung des Andenkens ihrer Toten, Bestrafung der +Mörder, Rückberufung der Geächteten aus der Verbannung, Aufhebung der auf ihren +Kindern lastenden politischen Zurücksetzung, Rückgabe der von Sulla +eingezogenen Güter, Schadenersatz aus dem Vermögen der Erben und Gehilfen des +Diktators. Es waren das allerdings die logischen Konsequenzen, die aus einem +reinen Sieg der Demokratie sich ergaben; allein der Sieg der Koalition von 683 +(71) war doch weit entfernt, ein solcher zu sein. Die Demokratie gab dazu den +Namen und das Programm, die übergetretenen Offiziere aber, vor allen Pompeius, +die Macht und die Vollendung; und nun- und nimmermehr konnten diese zu einer +Reaktion ihre Zustimmung geben, die nicht bloß die bestehenden Verhältnisse bis +in ihre Grundfesten erschüttert, sondern auch schließlich sich gegen sie selbst +gewandt haben würde - war es doch noch im frischen Andenken, welcher Männer +Blut Pompeius vergossen, wie Crassus zu seinem ugeheuren Vermögen den Grund +gelegt hatte. So ist es wohl erklärlich, aber auch zugleich bezeichnend für die +Schwäche der Demokratie, daß die Koalition von 683 (71) nicht das geringste +tat, um den Demokraten Rache oder auch nur Rehabilitation zu gewähren. Die +nachträgliche Einforderung aller der für erstandene konfiszierte Güter noch +rückständigen oder auch von Sulla den Käufern erlassenen Kaufgelder, welche der +Zensor Lentulus in einem besonderen Erlaß feststellte, kann kaum als Ausnahme +bezeichnet werden; denn wenn auch nicht wenige Sullaner dadurch in ihren +persönlichen Interessen empfindlich verletzt wurden, so war doch die Maßregel +selbst wesentlich eine Bestätigung der von Sulla vorgenommenen Konfiskationen. +</p> + +<p> +Sullas Werk war also zerstört; aber was nun werden sollte, war damit viel mehr +in Frage gestellt als entschieden. Die Koalition, einzig zusammengehalten durch +den gemeinschaftlichen Zweck, das Restaurationswerk zu beseitigen, löste sich, +als dieser erreicht war, wenn nicht förmlich, doch der Sache nach von selber +auf; für die Frage aber, wohin nun zunächst das Schwergewicht der Macht fallen +sollte, schien sich eine ebenso rasche wie gewaltsame Lösung vorzubereiten. Die +Heere des Pompeius und Crassus lagerten immer noch vor den Toren der Stadt. +Jener hatte zwar zugesagt, nach dem Triumph (am letzten Dezember 683 71) seine +Soldaten zu verabschieden; allein zunächst war es unterblieben, um unter dem +Druck, den das spanische Heer vor der Hauptstadt auf diese und den Senat +ausübte, die Staatsumwälzung ungestört zu vollenden, was denn in gleicher Weise +auch auf die Armee des Crassus Anwendung fand. Diese Ursache bestand jetzt +nicht mehr; aber dennoch unterblieb die Auflösung der Heere. Die Dinge nahmen +die Wendung, als werde einer der beiden mit der Demokratie alliierten Feldherrn +die Militärdiktatur ergreifen und Oligarchen und Demokraten in dieselben +Fesseln schlagen. Dieser eine aber konnte nur Pompeius sein. Von Anfang an +hatte Crassus in der Koalition eine untergeordnete Rolle gespielt; er hatte +sich antragen müssen und verdankte selbst seine Wahl zum Konsulat hauptsächlich +Pompeius’ stolzer Verwendung. Weitaus der stärkere, war Pompeius offenbar +der Herr der Situation; wenn er zugriff, so schien er werden zu müssen, als was +ihn der Instinkt der Menge schon jetzt bezeichnete: der unumschränkte Gebieter +des mächtigsten Staates der zivilisierten Welt. Schon drängte sich die ganze +Masse der Servilen um den künftigen Monarchen. Schon suchten die schwächeren +Gegner eine letzte Hilfe in einer neuen Koalition; Crassus, voll alter und +neuer Eifersucht auf den jüngeren, so durchaus ihn überflügelnden Rivalen, +näherte sich dem Senat und versuchte, durch beispiellose Spenden die +hauptstädtische Menge an sich zu fesseln - als ob die durch Crassus selbst +mitgebrochene Oligarchie und der ewig undankbare Pöbel vermocht haben würden, +gegen die Veteranen der spanischen Armee irgendwelchen Schutz zu gewähren. +Einen Augenblick schien es, als würde es vor den Toren der Hauptstadt zwischen +den Heeren des Pompeius und Crassus zur Schlacht kommen. +</p> + +<p> +Allein diese Katastrophe wandten die Demokraten durch ihre Einsicht und ihre +Geschmeidigkeit ab. Auch ihrer Partei lag, ebenwie dem Senat und Crassus, alles +daran, daß Pompeius nicht die Diktatur ergriff; aber mit richtigerer Einsicht +in ihre eigene Schwäche und in den Charakter des mächtigen Gegners versuchten +ihre Führer den Weg der Güte. Pompeius fehlte keine Bedingung, um nach der +Krone zu greifen, als die erste von allen: der eigene königliche Mut. Wir haben +den Mann früher geschildert, mit seinem Streben, zugleich loyaler Republikaner +und Herr von Rom zu sein, mit seiner Unklarheit und Willenlosigkeit, mit +seiner, unter dem Pochen auf selbständige Entschlüsse sich verbergenden +Lenksamkeit. Es war dies die erste große Probe, auf die das Verhängnis ihn +stellte; er hat sie nicht bestanden. Der Vorwand, unter dem Pompeius die +Entlassung der Armee verweigerte, war, daß er Crassus mißtraute und darum nicht +mit der Entlassung der Soldaten den Anfang machen könne. Die Demokraten +bestimmten den Crassus, hierin entgegenkommende Schritte zu tun, dem Kollegen +vor aller Augen zum Frieden die Hand zu bieten; öffentlich und insgeheim +bestürmten sie diesen, daß er zu dem zwiefachen Verdienst, den Feind besiegt +und die Parteien versöhnt zu haben, noch das dritte und größte fügen möge, dem +Vaterland den inneren Frieden zu erhalten und das drohende Schreckbild des +Bürgerkrieges zu bannen. Was nur immer auf einen eitlen, ungewandten, +unsicheren Mann zu wirken vermag, alle Schmeichelkünste der Diplomatie, aller +theatralische Apparat patriotischer Begeisterung wurde in Bewegung gesetzt, um +das ersehnte Ziel zu erreichen; was aber die Hauptsache war, die Dinge hatten +durch Crassus’ rechtzeitige Nachgiebigkeit sich so gestaltet, daß +Pompeius nur die Wahl blieb, entweder geradezu als Tyrann von Rom auf- oder +zurückzutreten. So gab er endlich nach und willigte in die Entlassung der +Truppen. Das Kommando im Mithradatischen Krieg, das zu erlangen er ohne Zweifel +hoffte, als er sich für 684 (70) zum Konsul hatte wählen lassen, konnte er +jetzt nicht wünschen, da mit dem Feldzuge von 683 (71) Lucullus diesen Krieg in +der Tat beendigt zu haben schien; die vom Senat in Gemäßheit des Sempronischen +Gesetzes ihm angewiesene Konsularprovinz anzunehmen, hielt er unter seiner +Würde, und Crassus folgte darin seinem Beispiel. So zog Pompeius, als er nach +Entlassung seiner Soldaten am letzten Tage des Jahres 684 (70) sein Konsulat +niederlegte, sich zunächst ganz von den öffentlichen Geschäften zurück und +erklärte, fortan als einfacher Bürger in stiller Muße leben zu wollen. Er hatte +sich so gestellt, daß er nach der Krone greifen mußte und, da er dies nicht +wollte, ihm keine Rolle übrig blieb als die nichtige eines resignierenden +Thronkandidaten. +</p> + +<p> +Der Rücktritt des Mannes, dem nach der Lage der Sachen die erste Stelle zukam, +vom politischen Schauplatz führte zunächst ungefähr dieselbe Parteistellung +wieder herbei, wie wir sie in der gracchischen und marianischen Epoche fanden. +Sulla hatte dem Senat das Regiment nur befestigt, nicht gegeben; so blieb denn +auch dasselbe, nachdem die von Sulla errichteten Bollwerke wieder gefallen +waren, nichtsdestoweniger zunächst dem Senat, während die Verfassung freilich, +mit der er regierte, im wesentlichen die wiederhergestellte Gracchische, +durchdrungen war von einem der Oligarchie feindlichen Geiste. Die Demokratie +hatte die Wiederherstellung der Gracchischen Verfassung bewirkt; aber ohne +einen neuen Gracchus war diese ein Körper ohne Haupt, und daß weder Pompeius +noch Crassus auf die Dauer dieses Haupt sein konnten, war an sich klar und +durch die letzten Vorgänge noch deutlicher dargetan worden. So mußte die +demokratische Opposition in Ermangelung eines Führers, der geradezu das Ruder +in die Hand genommen hätte, vorläufig sich begnügen, die Regierung auf Schritt +und Tritt zu hemmen und zu ärgern. Zwischen der Oligarchie aber und der +Demokratie erhob sich zu neuem Ansehen die Kapitalistenpartei, welche in der +jüngsten Krise mit der letzteren gemeinschaftliche Sache gemacht hatte, die +aber zu sich hinüberzuziehen und an ihr ein Gegengewicht gegen die Demokratie +zu gewinnen, die Oligarchen jetzt eifrig bemüht waren. Also von beiden Seiten +umworben, säumten die Geldherren nicht, ihre vorteilhafte Lage sich zunutze zu +machen und das einzige ihrer früheren Privilegien, das sie noch nicht +zurückerlangt hatten, die dem Ritterstand reservierten vierzehn Bänke im +Theater, sich jetzt (687 67) durch Volksschluß wiedergeben zu lassen. Im ganzen +näherten sie, ohne mit der Demokratie schroff zu brechen, doch wieder mehr sich +der Regierung. Schon die Beziehungen des Senats zu Crassus und seiner Klientel +gehören in diesen Zusammenhang; hauptsächlich aber scheint ein besseres +Verhältnis zwischen dem Senat und der Geldaristokratie dadurch hergestellt zu +sein, daß dieser dem tüchtigsten unter den senatorischen Offizieren, Lucius +Lucullus, auf Andringen der von demselben schwer gekränkten Kapitalisten im +Jahre 686 (68) die Verwaltung der für diese so wichtigen Provinz Asia abnahm. +</p> + +<p> +Während aber die hauptstädtischen Faktionen miteinander des gewohnten Haders +pflegten, bei dem denn doch nimmermehr eine eigentliche Entscheidung +herauskommen konnte, gingen im Osten die Ereignisse ihren verhängnisvollen +Gang, wie wir ihn früher geschildert haben, und sie waren es, die den zögernden +Verlauf der hauptstädtischen Politik zur Krise drängten. Der Land- wie der +Seekrieg hatte dort die ungünstigste Wendung genommen. Im Anfang des Jahres 687 +(67) war die pontische Armee der Römer aufgerieben, die armenische in voller +Auflösung auf dem Rückzug, alle Eroberungen verloren, das Meer ausschließlich +in der Gewalt der Piraten, die Kornpreise in Italien dadurch so in die Höhe +getrieben, daß man eine förmliche Hungersnot befürchtete. Wohl hatten, wie wir +sahen, die Fehler der Feldherren, namentlich die völlige Unfähigkeit des +Admirals Marcus Antonius und die Verwegenheit des sonst tüchtigen Lucius +Lucullus, diesen Notstand zum Teil verschuldet, wohl auch die Demokratie durch +ihre Wühlereien zu der Auflösung des armenischen Heeres wesentlich beigetragen. +Aber natürlich ward die Regierung jetzt für alles, was sie und was andere +verdorben hatten, in Bausch und Bogen verantwortlich gemacht und die grollende +hungrige Menge verlangte nur eine Gelegenheit, um mit dem Senat abzurechnen. +</p> + +<p> +Es war eine entscheidende Krise. Die Oligarchie, wie auch herabgewürdigt und +entwaffnet, war noch nicht gestürzt, dennoch lag die Führung der öffentlichen +Angelegenheiten in den Händen des Senats; sie stürzte aber, wenn die Gegner +diese, daß heißt namentlich die Oberleitung der militärischen Angelegenheiten, +sich selber zueigneten; und jetzt war dies möglich. Wenn jetzt Vorschläge über +eine andere und bessere Führung des Land- und Seekrieges an die Komitien +gebracht wurden, so war bei der Stimmung der Bürgerschaft der Senat +voraussichtlich nicht imstande, deren Durchsetzung zu verhindern; und eine +Intervention der Bürgerschaft in diesen höchsten Verwaltungsfragen war +tatsächlich die Absetzung des Senats und die Übertragung der Leitung des Staats +an die Führer der Opposition. Wieder einmal brachte die Verkettung der Dinge +die Entscheidung in die Hände des Pompeius. Seit mehr als zwei Jahren lebte der +gefeierte Feldherr als Privatmann in der Hauptstadt. Seine Stimme ward im +Rathaus wie auf dem Markte selten vernommen; dort war er nicht gern gesehen und +ohne entscheidenden Einfluß, hier scheute er sich vor dem stürmischen Treiben +der Parteien. Wenn er aber sich zeigte, geschah es mit dem vollständigen +Hofstaat seiner vornehmen und geringen Klienten, und eben seine feierliche +Zurückgezogenheit imponierte der Menge. Wenn er, an dem der volle Glanz seiner +ungemeinen Erfolge noch unvermindert haftete, jetzt sich erbot, nach dem Osten +abzugehen, so ward er ohne Zweifel mit aller von ihm selbst geforderten +militärischen und politischen Machtvollkommenheit von der Bürgerschaft +bereitwillig bekleidet. Für die Oligarchie, die in der politischen +Militärdiktatur ihren sicheren Ruin, in Pompeius selbst seit der Koalition von +683 (71) ihren verhaßtesten Feind sah, war dies ein vernichtender Schlag; aber +auch der demokratischen Partei konnte dabei nicht wohl zu Mute sein. So +wünschenswert es ihr an sich sein mußte, dem Regiment des Senats ein Ende zu +machen, so war es doch, wenn es in dieser Weise geschah, weit weniger ein Sieg +ihrer Partei als ein persönlicher ihres übermächtigen Verbündeten. Leicht +konnte in diesem der demokratischen Partei ein weit gefährlicherer Gegner +aufstehen als der Senat war. Die wenige Jahre zuvor durch die Entlassung der +spanischen Armee und Pompeius’ Rücktritt glücklich vermiedene Gefahr +kehrte in verstärktem Maße wieder, wenn Pompeius jetzt an die Spitze der Armeen +des Ostens trat. +</p> + +<p> +Diesmal indes griff Pompeius zu oder ließ es wenigstens geschehen, daß andere +für ihn zugriffen. Es wurden im Jahre 687 (67) zwei Gesetzvorschläge +eingebracht, von denen der eine außer der längst von der Demokratie geforderten +Entlassung der ausgedienten Soldaten der asiatischen Armee die Abberufung des +Oberfeldherrn derselben, Lucius Lucullus, und dessen Ersetzung durch einen der +Konsuln des laufenden Jahres, Gaius Piso oder Manius Glabrio, verfügte, der +zweite den sieben Jahre zuvor zur Reinigung der Meere von den Piraten vom Senat +selbst aufgestellten Plan wiederaufnahm und erweiterte. Ein einziger, vom Senat +aus den Konsularen zu bezeichnender Feldherr sollte bestellt werden, um zur See +auf dem gesamten Mittelländischen Meer von den Säulen des Herkules bis an die +pontische und syrische Küste ausschließlich, zu Lande über sämtliche Küsten bis +zehn deutsche Meilen landeinwärts mit den betreffenden römischen Statthaltern +konkurrierend, den Oberbefehl zu übernehmen. Auf drei Jahre hinaus war +demselben das Amt gesichert. Ihn umgab ein Generalstab, wie Rom noch keinen +gesehen hatte, von fünfundzwanzig Unterbefehlshabern senatorischen Standes, +alle mit prätorischen Insignien und prätorischer Gewalt bekleidet, und von zwei +Unterschatzmeistern mit quästorischen Befugnissen, sie alle erlesen durch den +ausschließlichen Willen des höchstkommandierenden Feldherrn. Es ward demselben +gestattet, bis zu 120000 Mann Fußvolk, 5000 Reitern, 500 Kriegsschiffen +aufzustellen und zu dem Ende über die Mittel der Provinzen und Klientelstaaten +unbeschränkt zu verfügen; überdies wurden die vorhandenen Kriegsschiffe und +eine ansehnliche Truppenzahl sofort ihm überwiesen. Die Kassen des Staats in +der Hauptstadt wie in den Provinzen sowie die der abhängigen Gemeinden sollten +ihm unbeschränkt zu Gebot stehen und trotz der peinlichen Finanznot sofort aus +der Staatskasse ihm eine Summe von 11 Mill. Talern (144 Mill. Sesterzen) +ausgezahlt werden. +</p> + +<p> +Es leuchtet ein, daß durch diese Gesetzentwürfe, namentlich durch den die +Expedition gegen die Piraten betreffenden, das Regiment des Senats über den +Haufen fiel. Wohl waren die von der Bürgerschaft ernannten ordentlichen +höchsten Beamten von selbst die rechten Feldherren der Gemeinde und bedurften +auch die außerordentlichen Beamten, um Feldherren sein zu können, wenigstens +nach strengem Recht der Bestätigung durch die Bürgerschaft; aber auf die +Besetzung der einzelnen Kommandos stand der Gemeinde verfassungsmäßig kein +Einfluß zu und nur entweder auf Antrag des Senats oder doch auf Antrag eines an +sich zum Feldherrnamt berechtigten Beamten hatten bisher die Komitien hin und +wieder hier sich eingemischt und auch die spezielle Kompetenz vergeben. Hierin +stand vielmehr, seit es einen römischen Freistaat gab, dem Senate das +tatsächlich entscheidende Wort zu und es war diese seine Befugnis im Laufe der +Zeit zu endgültiger Anerkennung gelangt. Freilich hatte die Demokratie auch +hieran schon gerüttelt; allein selbst in dem bedenklichsten der bisher +vorgekommenen Fälle, bei der Übertragung des afrikanischen Kommandos auf Gaius +Marius 647 (107), war nur ein verfassungsmäßig zum Feldherrnamt überhaupt +berechtigter Beamter durch den Schluß der Bürgerschaft mit einer bestimmten +Expedition beauftragt worden. Aber jetzt sollte die Bürgerschaft einen +beliebigen Privatmann nicht bloß mit der außerordentlichen höchsten Amtsgewalt +ausstatten, sondern auch mit einer bestimmt von ihr normierten Kompetenz. Daß +der Senat diesen Mann aus der Reihe der Konsulare zu erkiesen hatte, war eine +Milderung nur in der Form; denn die Auswahl blieb demselben nur deshalb +überlassen, weil es eben eine Wahl nicht war und der stürmisch aufgeregten +Menge gegenüber der Senat den Oberbefehl der Meere und Küsten schlechterdings +keinem andern übertragen konnte als einzig dem Pompeius. Aber bedenklicher noch +als diese prinzipielle Negierung der Senatsherrschaft war die tatsächliche +Aufhebung derselben durch die Einrichtung eines Amtes von fast unbeschränkter +militärischer und finanzieller Kompetenz. Während das Feldherrnamt sonst auf +eine einjährige Frist, auf eine bestimmte Provinz, auf streng zugemessene +militärische und finanzielle Hilfsmittel beschränkt war, war dem neuen +außerordentlichen Amt von vornherein eine dreijährige Dauer gesichert, die +natürlich weitere Verlängerung nicht ausschloß, war demselben der größte Teil +der sämtlichen Provinzen, ja sogar Italien selbst, das sonst von militärischer +Amtsgewalt frei war, untergeordnet, waren ihm die Soldaten, Schiffe, Kassen des +Staats fast unbeschränkt zur Verfügung gestellt. Selbst der eben erwähnte +uralte Fundamentalsatz des republikanisch-römischen Staatsrechts, daß die +höchste militärische und bürgerliche Amtsgewalt nicht ohne Mitwirkung der +Bürgerschaft vergeben werden könne, ward zu Gunsten des neuen Oberfeldherrn +gebrochen: indem das Gesetz den fünfundzwanzig Adjutanten, die er sich ernennen +würde, im voraus prätorischen Rang und prätorische Befugnisse verlieh ^1, wurde +das höchste Amt des republikanischen Rom einem neu geschaffenen untergeordnet, +für das den geeigneten Namen zu finden der Zukunft überlassen blieb, das aber +der Sache nach schon jetzt die Monarchie in sich enthielt. Es war eine +vollständige Umwälzung der bestehenden Ordnung, zu der mit diesem +Gesetzvorschlag der Grund gelegt ward. +</p> + +<p> +—————————————————————————————————- +</p> + +<p> +^1 Die außerordentliche Amtsgewalt (pro consule, pro praetore, pro quaestore) +konnte nach römischem Staatsrecht in dreifacher Weise entstehen. Entweder ging +sie hervor aus dem für die nichtstädtische Amtstätigkeit geltenden Grundsatz, +daß das Amt bis zu dem gesetzlichen Endtermin, die Amtsgewalt aber bis zum +Eintreffen des Nachfolgers fortdauert, was der älteste, einfachste und +häufigste Fall ist. Oder sie entstand auf dem Wege, daß die beikommenden +Organe, namentlich die Komitien, in späterer Zeit auch wohl der Senat, einen +nicht in der Verfassung vorgesehenen Oberbeamten ernannten, indem dieser zwar +sonst dem ordentlichen Beamten gleichstand, aber doch zum Kennzeichen der +Außerordentlichkeit seines Amtes sich nur “an Prätors” oder +“an Konsuls Statt” nannte. Hierher gehören auch die in ordentlichem +Wege zu Quästoren ernannten, dann aber außerordentlicherweise mit prätorischer +oder gar konsularischer Amtsgewalt ausgestatteten Beamten (quaestores pro +praetore oder pro consule), in welcher Eigenschaft zum Beispiel Publius +Lentulus Marcellinus 679 (73) nach Kyrene (Sall. hist. 2, 39 Dietsch), Gnaeus +Piso 689 (65) nach dem Diesseitigen Spanien (Sall. Cat. 19), Cato 696 (58) nach +Kypros (Vell. 2, 45) gingen. Oder endlich es beruht die außerordentliche +Amtsgewalt auf dem Mandierungsrecht des höchsten Beamten. Derselbe ist, wenn er +seinen Amtsbezirk verläßt oder sonst behindert ist, sein Amt zu versehen, +befugt, einen seiner Leute zu seinem Stellvertreter zu ernennen, welcher dann +legatus pro praetore (Sall. Iug. 36-38) oder wenn die Wahl auf den Quästor +fällt, quaestor pro praetore (Sall. Iug. 103) heißt. In gleicher Weise ist er +befugt, wenn er keinen Quästor hat, dessen Geschäfte durch einen seines +Gefolges versehen zu lassen, welcher dann legatus pro quaestore heißt und mit +diesem Namen wohl zuerst auf den makedonischen Tetradrachmen des Sura, +Unterbefehlshabers des Statthalters von Makedonien 665-667 (89-87) begegnet. +Das aber ist dem Wesen der Mandierung zuwider und darum nach älterem +Staatsrecht unzulässig, daß der höchste Beamte, ohne in seiner Funktionierung +gehindert zu sein, gleich bei Antritt seines Amtes von vornherein einen oder +mehrere seiner Untergebenen mit höchster Amtsgewalt ausstattet; und insofern +sind die legati pro praetore des Prokonsuls Pompeius eine Neuerung und schon +denen gleichartig, die in der Kaiserzeit eine so große Rolle spielen. +</p> + +<p> +————————————————————————————— +</p> + +<p> +Diese Maßregeln eines Mannes, der soeben noch von seiner Halbheit und Schwäche +so auffallende Beweise geliefert hatte, befremden durch ihre durchgreifende +Energie. Indes ist es doch wohl erklärlich, daß Pompeius diesmal entschlossener +verfuhr als während seines Konsulats. Handelte es sich doch nicht darum, sofort +als Monarch aufzutreten, sondern die Monarchie zunächst nur vorzubereiten durch +eine militärische Ausnahmemaßregel, die, wie revolutionär sie ihrem Wesen nach +war, doch noch in den Formen der bestehenden Verfassung vollzogen werden +konnte, und die zunächst Pompeius dem alten Ziel seiner Wünsche, dem Kommando +gegen Mithradates und Tigranes, entgegenführte. Auch gewichtige +Zweckmäßigkeitsgründe sprachen für die Emanzipation der Militärgewalt von dem +Senat. Pompeius konnte nicht vergessen haben, daß ein nach ganz gleichen +Grundsätzen angelegter Plan zur Unterdrückung der Piraterie wenige Jahre zuvor +an der verkehrten Ausführung durch den Senat gescheitert, daß der Ausgang des +Spanischen Krieges durch die Vernachlässigung der Heere von sehen des Senats +und dessen unverständige Finanzwirtschaft aufs höchste gefährdet worden war; er +konnte nicht übersehen, wie die große Majorität der Aristokratie gegen ihn, den +abtrünnigen Sullaner, gesinnt war und welchem Schicksal er entgegenging, wenn +er als Feldherr der Regierung mit der gewöhnlichen Kompetenz sich nach dem +Osten senden ließ. Begreiflich ist es daher, daß er als die erste Bedingung der +Übernahme des Kommandos eine vom Senat unabhängige Stellung bezeichnete und daß +die Bürgerschaft bereitwillig darauf einging. Es ist ferner in hohem Grade +wahrscheinlich, daß Pompeius diesmal durch seine Umgebungen, die über sein +Zurückweichen vor zwei Jahren vermutlich nicht wenig ungehalten waren, zu +rascherem Handeln fortgerissen ward. Die Gesetzvorschläge über Lucullus’ +Abberufung und die Expedition gegen die Piraten wurden eingebracht von dem +Volkstribun Aulus Gabinius, einem ökonomisch und sittlich ruinierten Mann, aber +einem gewandten Unterhändler, dreisten Redner und tapferen Soldaten. So wenig +ernsthaft auch Pompeius’ Beteuerungen gemeint waren, daß er den +Oberbefehl in dem Seeräuberkriege durchaus nicht wünsche und nur nach +häuslicher Ruhe sich sehne, so ist doch davon wahrscheinlich so viel wahr, daß +der kecke und bewegliche Klient, der mit Pompeius und dessen engerem Kreise im +vertraulichen Verkehr stand und die Verhältnisse und die Menschen vollkommen +durchschaute, seinem kurzsichtigen und unbehilflichen Patron die Entscheidung +zum guten Teil über den Kopf nahm. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Die Demokratie, wie unzufrieden ihre Führer im stillen sein mochten, konnte +doch nicht wohl öffentlich gegen den Gesetzvorschlag auftreten. Die +Durchbringung desselben hätte sie allem Anschein nach auf keinen Fall zu +hindern vermocht, wohl aber durch Opposition dagegen mit Pompeius offen +gebrochen und dadurch ihn genötigt, entweder der Oligarchie sich zu nähern oder +gar beiden Parteien gegenüber seine persönliche Politik rücksichtslos zu +verfolgen. Es blieb den Demokraten nichts übrig, als ihre Allianz mit Pompeius, +wie hohl sie immer war, auch diesmal noch festzuhalten und diese Gelegenheit zu +ergreifen, um wenigstens den Senat endlich definitiv zu stürzen und aus der +Opposition in das Regiment überzugehen, das weitere aber der Zukunft und +Pompeius’ wohlbekannter Charakterschwäche zu überlassen. So unterstützten +denn auch ihre Führer, der Prätor Lucius Quinctius, derselbe, der sieben Jahre +zuvor für die Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt tätig gewesen war, +und der gewesene Quästor Gaius Caesar, die Gabinischen Gesetzvorschläge. +</p> + +<p> +Die privilegierten Klassen waren außer sich, nicht bloß die Nobilität, sondern +ebenso die kaufmännische Aristokratie, die auch ihre Sonderrechte durch eine so +gründliche Staatsumwälzung bedroht fühlte und wieder einmal ihren rechten +Patron in dem Senat erkannte. Als der Tribun Gabinius nach Einbringung seiner +Anträge in der Kurie sich zeigte, fehlte nicht viel, daß ihn die Väter der +Stadt mit eigenen Händen erwürgt hätten, ohne in ihrem Eifer zu erwägen, wie +höchst unvorteilhaft diese Methode zu argumentieren für sie ablaufen wußte. Der +Tribun entkam auf den Markt und rief die Menge auf, das Rathaus zu stürmen, als +eben zur rechten Zeit noch die Sitzung aufgehoben ward. Der Konsul Piso, der +Vorkämpfer der Oligarchie, der zufällig der Menge in die Hände geriet, wäre +sicher ein Opfer der Volkswut geworden, wenn nicht Gabinius darüber zugekommen +wäre und, um nicht durch unzeitige Freveltaten seinen gewissen Erfolg auf das +Spiel zu stellen, den Konsul befreit hätte. Inzwischen blieb die Erbitterung +der Menge unvermindert und fand stets neue Nahrung in den hohen Getreidepreisen +und den zahlreichen, zum Teil ganz tollen Gerüchten, zum Beispiel, daß Lucius +Lucullus die ihm zur Kriegführung überwiesenen Gelder teils in Rom zinsbar +belegt, teils mit denselben den Prätor Quinctius der Sache des Volkes abwendig +zu machen versucht habe; daß der Senat dem “zweiten Romulus”, wie +man Pompeius nannte, das Schicksal des ersten ^2 zu bereiten gedenke und +dergleichen mehr. Darüber kam der Tag der Abstimmung heran. Kopf an Kopf +gedrängt stand die Menge auf dem Markte; bis an die Dächer hinauf waren alle +Gebäude, von wo aus die Rednerbühne gesehen werden konnte, mit Menschen +bedeckt. Sämtliche Kollegen des Gabinius hatten dem Senat die Interzession +zugesagt: aber den brausenden Wogen der Massen gegenüber schwiegen alle bis auf +den einzigen Lucius Trebellius, der sich und dem Senat geschworen hatte, lieber +zu sterben als zu weichen. Als dieser interzedierte, unterbrach Gabinius +sogleich die Abstimmung über seine Gesetzvorschläge und beantragte bei dem +versammelten Volke, mit seinem widerstrebenden Kollegen zu verfahren, wie einst +auf Tiberius Gracchus’ Antrag mit dem Octavius verfahren war, das heißt +ihn sofort seines Amtes zu entsetzen. Es ward abgestimmt und die Verlesung der +Stimmtafeln begann; als die ersten siebzehn Bezirke, die zur Verlesung kamen, +sich für den Antrag erklärten und die nächste bejahende Stimme demselben die +Majorität gab, zog Trebellius, seines Eides vergessend, die Interzession +kleinmütig zurück. Vergeblich bemühte sich darauf der Tribun Otho zu bewirken, +daß wenigstens die Kollegialität gewahrt und statt eines Feldherrn zwei gewählt +werden möchten; vergeblich strengte der hochbejahrte Quintus Catulus, der +geachtetste Mann im Senat, seine letzten Kräfte dafür an, daß die +Unterfeldherren nicht vom Oberfeldherrn ernannt, sondern vom Volke gewählt +werden möchten. Otho konnte in dem Toben der Menge nicht einmal sich Gehör +verschaffen; dem Catulus verschaffte es Gabinius’ wohlberechnete +Zuvorkommenheit, und in ehrerbietigem Schweigen horchte die Menge den Worten +des Greises; aber verloren waren sie darum nicht minder. Die Vorschläge wurden +nicht bloß mit allen Klauseln unverändert zum Gesetz erhoben, sondern auch, was +Pompeius noch im einzelnen nachträglich begehrte, augenblicklich und +vollständig bewilligt. +</p> + +<p> +——————————————————————————————— +</p> + +<p> +^2 Der Sage nach ward König Romulus von den Senatoren in Stücke zerrissen. +</p> + +<p> +——————————————————————————————- +</p> + +<p> +Mit hochgespannten Hoffnungen sah man die beiden Feldherren Pompeius und +Glabrio nach ihren Bestimmungsorten abgehen. Die Kornpreise waren nach dem +Durchgehen der Gabinischen Gesetze sogleich auf die gewöhnlichen Sätze +zurückgegangen: ein Beweis, welche Hoffnungen an die großartige Expedition und +ihren ruhmvollen Führer sich knüpften. Sie wurden, wie später erzählt wird, +nicht bloß erfüllt, sondern übertroffen; in drei Monaten war die Säuberung der +Meere vollendet. Seit dem Hannibalischen Kriege war die römische Regierung +nicht mit solcher Energie nach außen hin aufgetreten; gegenüber der schlaffen +und unfähigen Verwaltung der Oligarchie hatte die demokratisch-militärische +Opposition auf das glänzendste ihren Beruf dargetan, die Zügel des Staates zu +fassen und zu lenken. Die ebenso unpatriotischen wie ungeschickten Versuche des +Konsuls Piso, den Anstalten des Pompeius zu Unterdrückung der Piraterie im +Narbonensischen Gallien kleinliche Hindernisse in den Weg zu legen, steigerten +nur die Erbitterung der Bürgerschaft gegen die Oligarchie und ihren +Enthusiasmus für Pompeius: einzig dessen persönliche Dazwischenkunft +verhinderte es, daß die Volksversammlung nicht den Konsul kurzweg seines Amtes +entsetzte. +</p> + +<p> +Inzwischen war auf dem asiatischen Festland die Verwirrung nur noch ärger +geworden. Glabrio, der an Lucullus’ Stelle den Oberbefehl gegen +Mithradates und Tigranes übernehmen sollte, war in Vorderasien sitzen geblieben +und hatte zwar durch verschiedene Proklamationen die Soldaten gegen Lucullus +aufgestiftet, aber den Oberbefehl nicht angetreten, so daß Lucullus denselben +fortzuführen gezwungen war. Gegen Mithradates war natürlich nichts geschehen; +die pontischen Reiter plünderten ungescheut und ungestraft in Bithynien und +Kappadokien. Durch den Piratenkrieg war auch Pompeius veranlaßt worden, sich +mit seinem Heer nach Kleinasien zu begeben; nichts lag näher, als ihm den +Oberbefehl in dem Pontisch-Armenischen Kriege zu übertragen, dem er selbst seit +langem nachtrachtete. Allein die demokratische Partei in Rom teilte +begreiflicherweise die Wünsche ihres Generals nicht und hütete sich wohl, +hierin die Initiative zu ergreifen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie den +Gabinius bestimmt hatte, den Mithradatischen und den Piratenkrieg nicht von +vornherein beide zugleich an Pompeius, sondern den ersteren an Glabrio zu +übertragen; auf keinen Fall konnte sie jetzt die Ausnahmestellung des schon +allzumächtigen Feldherrn steigern und verewigen wollen. Auch Pompeius selbst +verhielt nach seiner Gewohnheit sich leidend, und vielleicht wäre er in der Tat +nach Vollziehung des ihm gewordenen Auftrags heimgekehrt, wenn nicht ein allen +Parteien unerwarteter Zwischenfall eingetreten wäre. Ein gewisser Gaius +Manilius, ein ganz nichtiger und unbedeutender Mensch, hatte als Volkstribun es +durch seine ungeschickten Gesetzvorschläge zugleich mit der Aristokratie und +der Demokratie verdorben. In der Hoffnung, sich unter des mächtigen Feldherrn +Flügeln zu bergen, wenn er diesem verschaffe, was er, wie jedem bekannt war, +sehnlichst wünschte, aber doch zu fordern sich nicht getraute, stellte er bei +der Bürgerschaft den Antrag, die Statthalter Glabrio aus Bithynien und Pontos, +Marcius Rex aus Kilikien abzuberufen und diese Ämter sowie die Führung des +Krieges im Osten, wie es scheint ohne bestimmte Zeitgrenze und jedenfalls mit +der freiesten Befugnis, Frieden und Bündnis zu schließen, dem Prokonsul der +Meere und Küsten neben seinem bisherigen Amte zu übertragen (Anfang 688 66). Es +zeigte hier sich einmal recht deutlich, wie zerrüttet die römische +Verfassungsmaschine war, seit die gesetzgeberische Gewalt teils der Initiative +nach jedem noch so geringen Demagogen, und der Beschlußfassung nach der +unmündigen Menge in die Hände gegeben, teils auf die wichtigsten +Verwaltungsfragen erstreckt war. Der Manilische Vorschlag war keiner der +politischen Parteien genehm; dennoch fand er kaum irgendwo ernstlichen +Widerstand. Die demokratischen Führer konnten aus denselben Gründen, die sie +gezwungen hatten, das Gabinische Gesetz sich gefallen zu lassen, es nicht +wagen, sich dem Manilischen geradezu zu widersetzen; sie verschlossen ihren +Unwillen und ihre Besorgnisse in sich und redeten öffentlich für den Feldherrn +der Demokratie. Die gemäßigten Optimaten erklärten sich für den Manilischen +Antrag, weil nach dem Gabinischen Gesetz der Widerstand auf jeden Fall +vergeblich war und weiterblickende Männer schon damals erkannten, daß es für +den Senat die richtige Politik sei, sich Pompeius möglichst zu nähern und bei +dem vorauszusehenden Bruch zwischen ihm und den Demokraten ihn auf ihre Seite +hinüberzuziehen. Die Männer des Schaukelsystems endlich segneten den Tag, wo +auch sie eine Meinung zu haben scheinen und entschieden auftreten konnten, ohne +es mit einer der Parteien zu verderben - es ist bezeichnend, daß mit der +Verteidigung des Manilischen Antrags Marcus Cicero zuerst die politische +Rednerbühne betrat. Einzig die strengen Optimaten, Quintus Catulus an der +Spitze, zeigten wenigstens Farbe und sprachen gegen den Vorschlag. Natürlich +wurde derselbe mit einer an Einstimmigkeit grenzenden Majorität zum Gesetz +erhoben. Pompeius erhielt dadurch zu seiner früheren ausgedehnten Machtfülle +noch die Verwaltung der wichtigsten kleinasiatischen Provinzen, so daß es +innerhalb der weiten römischen Grenzen kaum noch einen Fleck Landes gab, der +ihm nicht gehorcht hätte, und die Führung eines Krieges, von dem man, wie von +Alexanders Heerfahrt, wohl sagen konnte, wo und wann er begann, aber nicht, wo +und wann er enden möge. Niemals noch, seit Rom stand, war solche Gewalt in den +Händen eines einzigen Mannes vereinigt gewesen. +</p> + +<p> +Die Gabinisch-Manilischen Anträge beendigten den Kampf zwischen dem Senat und +der Popularpartei, den vor siebenundsechzig Jahren die Sempronischen Gesetze +begonnen hatten. Wie die Sempronischen Gesetze die Revolutionspartei zunächst +als politische Opposition konstituierten, so ging dieselbe mit den +Gabinisch-Manilischen über aus der Opposition in das Regiment; und wie es ein +großartiger Moment gewesen war, als mit der vergeblichen Interzession des +Octavius der erste Bruch in die bestehende Verfassung geschah, so war es nicht +minder ein bedeutungsvoller Augenblick, als mit dem Rücktritt des Trebellius +das letzte Bollwerk des senatorischen Regiments zusammenbrach. Auf beiden +Seiten ward dies wohl empfunden, und selbst die schlaffen Senatorenseelen +zuckten auf in diesem Todeskampf; aber es lief doch die Verfassungsfehde in gar +anderer und gar viel kümmerlicherer Weise zu Ende, als sie angefangen hatte. +Ein in jedem Sinne adliger Jüngling hatte die Revolution eröffnet; sie ward +beschlossen durch kecke Intriganten und Demagogen des niedrigsten Schlages. +Wenn andererseits die Optimaten mit gemessenem Widerstand, mit einer selbst auf +den verlorenen Posten ernst ausharrenden Verteidigung begonnen hatten, so +endigten sie mit der Initiative zum Faustrecht, mit großwortiger Schwäche und +jämmerlichem Eidbruch. Es war nun erreicht, was einst als ein kecker Traum +erschienen war: der Senat hatte aufgehört zu regieren. Aber wenn die einzelnen +alten Männer, die noch die ersten Stürme der Revolution gesehen, die Worte der +Gracchen vernommen hatten, jene Zeit und diese miteinander verglichen, so +fanden sie alles inzwischen verändert, Landschaft und Bürgerschaft, Staatsrecht +und Kriegszucht, Leben und Sitte, und wohl mochte schmerzlich lächeln, wer die +Ideale der Gracchenzeit mit ihrer Realisierung verglich. Indes solche +Betrachtungen gehörten der Vergangenheit an. Für jetzt und wohl auch für die +Zukunft war der Sturz der Aristokratie eine vollendete Tatsache. Die Oligarchen +glichen einer vollständig aufgelösten Armee, deren versprengte Haufen noch eine +andere Heeresmasse verstärken, aber selbst nirgends mehr das Feld halten, noch +auf eigene Rechnung ein Gefecht wagen konnten. Aber indem der alte Kampf zu +Ende lief, bereitete zugleich ein neuer sich vor: der Kampf der beiden bisher +zum Sturz der aristokratischen Staatsverfassung verbündeten Mächte, der +bürgerlich demokratischen Opposition und der immer übermächtiger aufstrebenden +Militärgewalt. Pompeius’ Ausnahmestellung war schon nach dem Gabinischen, +um wie viel mehr nach dem Manilischen Gesetz mit einer republikanischen +Staatsordnung unvereinbar. Er war, wie schon damals die Gegner mit gutem Grund +sagten, durch das Gabinische Gesetz nicht zum Admiral, sondern zum +Reichsregenten bestellt worden; nicht mit Unrecht heißt er einem mit den +östlichen Verhältnissen vertrauten Griechen “König der Könige”. +Wenn er dereinst, wiederum siegreich und mit erhöhtem Ruhm, mit gefüllten +Kassen, mit schlagfertigen und ergebenen Truppen zurückkehrt aus dem Osten, +nach der Krone die Hand ausstreckte - wer wollte dann ihm in den Arm fallen? +Sollte etwa gegen den ersten Feldherrn seiner Zeit und seine erprobten Legionen +der Konsular Quintus Catulus die Senatoren aufbieten? Oder der designierte Ädil +Gaius Caesar die städtische Menge, deren Augen er soeben an seinen +dreihundertzwanzig silbergerüsteten Fechterpaaren geweidet hatte? Bald werde +man, rief Catulus, abermals auf die Felsen des Kapitols flüchten müssen, um die +Freiheit zu retten. Es war nicht die Schuld des Propheten, wenn der Sturm +nicht, wie er meinte, von Osten kam, sondern das Schicksal, buchstäblicher als +er selbst es ahnte seine Worte erfüllend, das vernichtende Unwetter wenige +Jahre später aus dem Keltenland heranführte. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap04"></a>KAPITEL IV.<br/> +Pompeius und der Osten</h2> + +<p> +Wir haben früher gesehen, wie trostlos im Osten zu Lande und zur See die +Angelegenheiten Roms standen, als im Anfang des Jahres 687 (67) Pompeius +zunächst die Führung des Krieges gegen die Piraten mit beinahe unumschränkter +Machtvollkommenheit übernahm. Er begann damit, das ungeheure ihm überwiesene +Gebiet in dreizehn Bezirke zu teilen und jeden derselben einem seiner +Unterfeldherren zu überweisen, um daselbst Schiffe und Mannschaften zu rüsten, +die Küsten abzusuchen und die Piratenboote aufzubringen oder einem der Kollegen +ins Garn zu jagen. Er selbst ging mit dem besten Teil der vorhandenen +Kriegsschiffe, unter denen auch diesmal die rhodischen sich auszeichneten, früh +im Jahr in See und reinigte zunächst die sizilischen, afrikanischen und +sardischen Gewässer, um vor allem die Getreidezufuhr aus diesen Provinzen nach +Italien wieder in Gang zu bringen. Für die Säuberung der spanischen und +gallischen Küsten sorgten inzwischen die Unterfeldherren. Es war bei dieser +Gelegenheit, daß der Konsul Gaius Piso von Rom aus die Aushebungen zu hemmen +versuchte, welche Pompeius’ Legat Marcus Pomponius kraft des Gabinischen +Gesetzes in der Provinz Narbo veranstaltete - ein unkluges Beginnen, dem zu +steuern und zugleich die gerechte Erbitterung der Menge gegen den Konsul in den +gesetzlichen Schranken zu halten Pompeius vorübergehend wieder in Rom erschien. +Als nach vierzig Tagen im westlichen Becken des Mittelmeers die Schiffahrt +überall freigemacht war, ging Pompeius mit seinen sechzig besten Fahrzeugen +weiter in das östliche Meer, zunächst nach dem Ur- und Hauptsitz der Piraterie, +den lykischen und kilikischen Gewässern. Auf die Kunde von dem Herannahen der +römischen Flotte verschwanden nicht bloß die Piratenkähne überall von der +offenen See; auch die starken lykischen Festen Antikragos und Kragos ergaben +sich, ohne ernstlichen Widerstand zu leisten. Mehr noch als die Furcht öffnete +Pompeius’ wohlberechnete Milde die Tore dieser schwer zugänglichen +Seeburgen. Seine Vorgänger hatten jeden gefangenen Seeräuber ans Kreuz heften +lassen; er gab ohne Bedenken allen Quartier und behandelte namentlich die auf +den genommenen Piratenbooten vorgefundenen gemeinen Ruderer mit ungewohnter +Nachsicht. Nur die kühnen kilikischen Seekönige wagten einen Versuch, +wenigstens ihre eigenen Gewässer mit den Waffen gegen die Römer zu behaupten: +nachdem sie ihre Kinder und Frauen und ihre reichen Schätze in die +Bergschlösser des Taurus geflüchtet hatten, erwarteten sie die römische Flotte +an der Westgrenze Kilikiens, auf der Höhe von Korakesion. Aber Pompeius’ +wohlbemannte und mit allem Kriegszeug wohlversehene Schiffe erfochten hier +einen vollständigen Sieg. Ohne weiteres Hindernis landete er darauf und begann +die Bergschlösser der Korsaren zu stürmen und zu brechen, während er fortfuhr, +ihnen selbst als Preis der Unterwerfung Freiheit und Leben zu bieten. Bald gab +die große Menge es auf, in ihren Burgen und Bergen einen hoffnungslosen Krieg +fortzusetzen und bequemte sich zur Ergebung. Neunundvierzig Tage nachdem +Pompeius in der östlichen See erschienen, war Kilikien unterworfen und der +Krieg zu Ende. Die rasche Überwältigung der Piraterie war eine große +Erleichterung, aber keine großartige Tat: mit den Hilfsmitteln des römischen +Staates, die in verschwenderischem Maße waren aufgeboten worden, konnten die +Korsaren so wenig sich messen als die vereinigten Diebesbanden einer großen +Stadt mit einer wohlorganisierten Polizei. Es war naiv, eine solche Razzia als +einen Sieg zu feiern. Aber verglichen mit dem langjährigen Bestehen und der +grenzenlosen, täglich weiter um sich greifenden Ausdehnung des Übels ist es +erklärlich, daß die überraschend schnelle Überwältigung der gefürchteten +Piraten auf das Publikum den gewaltigsten Eindruck machte; um so mehr, da dies +die erste Probe des in einer Hand zentralisierten Regiments war und die +Parteien gespannt darauf harrten, ob es verstehen werde, besser als das +kollegialische zu regieren. Gegen 400 Schiffe und Boote, darunter 90 +eigentliche Kriegsfahrzeuge, wurden teils von Pompeius genommen, teils ihm +ausgeliefert; im ganzen sollen an 1300 Piratenfahrzeuge zugrunde gerichtet und +außerdem die reichgefüllten Arsenale und Zeughäuser der Flibustier in Flammen +aufgegangen sein. Von den Seeräubern waren gegen 10000 umgekommen, über 20000 +dem Sieger lebend in die Hände gefallen, wogegen Publius Clodius, der +Flottenführer der in Kilikien stehenden römischen Armee, und eine Menge anderer +von den Piraten weggeführter, zum Teil daheim längst tot geglaubter Individuen +durch Pompeius ihre Freiheit wiedererlangten. Im Sommer 687 (67), drei Monate +nach dem Beginn des Feldzugs, gingen Handel und Wandel wieder ihren gewohnten +Gang und anstatt der früheren Hungersnot herrschte in Italien Überfluß. +</p> + +<p> +Ein verdrießliches Zwischenspiel auf der Insel Kreta trübte indes einigermaßen +diesen erfreulichen Erfolg der römischen Waffen. Dort stand schon im zweiten +Jahre Quintus Metellus, beschäftigt, die im wesentlichen bereits bewirkte +Unterwerfung der Insel zu vollenden, als Pompeius in den östlichen Gewässern +erschien. Eine Kollision lag nahe, denn nach dem Gabinischen Gesetz erstreckte +sich Pompeius’ Kommando konkurrierend mit dem des Metellus auf die ganze +Ianggestreckte, aber nirgends über zwanzig deutsche Meilen breite Insel; doch +war Pompeius so rücksichtsvoll, sie keinem seiner Unterbefehlshaber zu +überweisen. Allein die noch widerstrebenden kretischen Gemeinden, die ihre +unterworfenen Landsleute von Metellus mit der grausamsten Strenge zur +Verantwortung hatten ziehen sehen und dagegen die milden Bedingungen vernahmen, +welche Pompeius den ihm sich ergebenden Ortschaften des südlichen Kleinasiens +zu stellen pflegte, zogen es vor, ihre Gesamtunterwerfung an Pompeius +einzugeben, der sie auch in Pamphylien, wo er eben sich befand, von ihren +Gesandten entgegennahm und ihnen seinen Legaten Lucius Octavius mitgab, um +Metellus den Abschluß der Verträge anzuzeigen und die Städte zu übernehmen. +Kollegialisch war dies Verfahren freilich nicht; allein das formelle Recht war +durchaus auf seiten des Pompeius und Metellus im offenbarsten Unrecht, wenn er, +den Vertrag der Städte mit Pompeius vollständig ignorierend, dieselben als +feindliche zu behandeln fortfuhr. Vergeblich protestierte Octavius; vergeblich +rief er, da er selbst ohne Truppen gekommen war, aus Achaia den dort stehenden +Unterfeldherrn des Pompeius, Lucius Sisenna, herbei; Metellus, weder um +Octavius noch um Sisenna sich bekümmernd, belagerte Eleutherna und nahm Lappa +mit Sturm, wo Octavius selbst gefangengenommen und beschimpft entlassen, die +mit ihm gefangenen Kreter aber dem Henker überliefert wurden. So kam es zu +förmlichen Gefechten zwischen Sisennas Truppen, an deren Spitze nach dieses +Führers Tode sich Octavius stellte, und denen des Metellus; selbst als jene +nach Achaia zurückkommandiert worden waren, setzte Octavius in Gemeinschaft mit +dem Kreter Aristion den Krieg fort, und Hierapytna, wo beide sich hielten, ward +von Metellus erst nach der hartnäckigsten Gegenwehr bezwungen. +</p> + +<p> +In der Tat hatte damit der eifrige Optimat Metellus gegen den Oberfeldherrn der +Demokratie auf eigene Hand den förmlichen Bürgerkrieg begonnen; es zeugt von +der unbeschreiblichen Zerrüttung der römischen Staatsverhältnisse, daß diese +Auftritte zu nichts weiterem führten als zu einer bitteren Korrespondenz +zwischen den beiden Generalen, die ein paar Jahre darauf wieder friedlich und +sogar “freundschaftlich” nebeneinander im Senate saßen. +</p> + +<p> +Pompeius stand während dieser Vorgänge in Kilikien; für das nächste Jahr, wie +es schien, einen Feldzug vorbereitend gegen die Kretenser oder vielmehr gegen +Metellus, in der Tat des Winkes harrend, der ihn zum Eingreifen in die +gründlich verwirrten Angelegenheiten des kleinasiatischen Kontinents berief. +Was von Lucullus’ Heer nach den erlittenen Verlusten und der +Verabschiedung der Fimbrianischen Legionen noch übrig war, stand untätig am +oberen Halys in der Landschaft der Trokmer an der Grenze des pontischen +Gebietes. Den Oberbefehl führte einstweilen immer noch Lucullus, da sein +ernannter Nachfolger Glabrio fortfuhr, in Vorderasien zu säumen. Ebenso untätig +lagerten in Kilikien die drei von Quintus Marcius Rex befehligten Legionen. Das +pontische Gebiet war wieder ganz in der Gewalt des Königs Mithradates, der die +einzelnen Männer und Gemeinden, die den Römern sich angeschlossen hatten, wie +zum Beispiel die Stadt Eupatoria, mit grausamer Strenge ihren Abfall büßen +ließ. Zu einer ernsten Offensive gegen die Römer schritten die Könige des +Ostens nicht, sei es daß sie überhaupt nicht in ihrem Plan lag, sei es, was +auch behauptet wurde, daß Pompeius’ Landung in Kilikien die Könige +Mithradates und Tigranes bewog, von weiterem Vorgehen abzustehen. Rascher als +Pompeius selbst es gehofft haben mochte, verwirklichte das Manilische Gesetz +seine im stillen genährten Hoffnungen: Glabrio und Rex wurden abberufen und die +Statthalterschaften Pontus-Bithynien und Kilikien mit den darin stehenden +Truppen sowie die Führung des Pontisch-Armenischen Krieges nebst der Befugnis, +mit den Dynasten des Ostens nach eigenem Gutdünken Krieg, Frieden und Bündnis +zu machen, auf Pompeius übertragen. Über die Aussicht auf so reiche Ehren und +Spolien vergaß Pompeius gern die Züchtigung eines übellaunigen und seine +sparsamen Lorbeerblätter neidisch hütenden Optimaten, gab den Zug gegen Kreta +und die fernere Verfolgung der Korsaren auf und bestimmte auch seine Flotte zu +Unterstützung des Angriffs, den er gegen die Könige von Pontus und Armenien +entwarf. Doch verlor er über diesen Landkrieg die immer wieder aufs neue ihr +Haupt erhebende Piraterie keineswegs völlig aus den Augen. Ehe er Asien verließ +(691 63), ließ er daselbst noch die nötigen Schiffe gegen die Korsaren instand +setzen; auf seinen Antrag ward das Jahr darauf für Italien eine ähnliche +Maßregel beschlossen und die dazu nötige Summe vom Senat bewilligt. Man fuhr +fort, die Küsten mit Reiterbesatzungen und kleinen Geschwadern zu decken. Wenn +man auch, wie schon die später zu erwähnenden Expeditionen gegen Kypros 696 +(58) und gegen Ägypten 699 (55) beweisen, der Piraterie nicht durchaus Herr +ward, so hat dieselbe doch nach der Expedition des Pompeius unter allen +Wechselfällen und politischen Krisen Roms niemals wieder so ihr Haupt +emporheben und so völlig die Römer an der See verdrängen können, wie es unter +dem Regiment der verrotteten Oligarchie geschehen war. +</p> + +<p> +Die wenigen Monate, die vor dem Beginn des kleinasiatischen Feldzugs noch übrig +waren, wurden von dem neuen Oberfeldherrn mit angestrengter Tätigkeit zu +diplomatischen und militärischen Vorbereitungen benutzt. Es gingen Gesandte an +Mithradates, mehr um zu kundschaften, als um eine ernstliche Vermittlung zu +versuchen. Am pontischen Hofe hoffte man, daß der König der Parther, Phraates, +durch die letzten bedeutenden Erfolge, die die Verbündeten über Rom +davongetragen hatten, sich zum Eintritt in das pontisch-armenische Bündnis +bestimmen lassen werde. Dem entgegenzuwirken gingen römische Boten an den Hof +von Ktesiphon; und ihnen kamen die inneren Wirren zu Hilfe, die das armenische +Herrscherhaus zerrissen. Des Großkönigs Tigranes gleichnamiger Sohn hatte sich +gegen seinen Vater empört, sei es daß er den Tod des Greises nicht abwarten +mochte, sei es daß der Argwohn desselben, der schon mehreren seiner Brüder das +Leben gekostet hatte, ihn die einzige Möglichkeit der Rettung in der offenen +Empörung sehen ließ. Vom Vater überwunden, hatte er mit einer Anzahl vornehmer +Armenier sich an den Hof des Arsakiden geflüchtet und intrigierte dort gegen +den Vater. Es war zum Teil sein Werk, daß Phraates den Lohn für den Beitritt, +der ihm von beiden Seiten geboten ward, den gesicherten Besitz Mesopotamiens, +lieber aus der Hand der Römer nahm und den mit Lucullus hinsichtlich der +Euphratgrenze abgeschlossenen Vertrag mit Pompeius erneuerte, ja sogar darauf +einging, mit den Römern gemeinschaftlich gegen Armenien zu operieren. Noch +größeren Schaden als durch die Förderung des Bündnisses zwischen den Römern und +den Parthern tat der jüngere Tigranes den Königen Tigranes und Mithradates +dadurch, daß sein Aufstand eine Spaltung zwischen ihnen selbst hervorrief. Der +Großkönig näherte im geheimen den Argwohn, daß der Schwiegervater bei der +Schilderhebung seines Enkels - die Mutter des jüngeren Tigranes, Kleopatra, war +die Tochter Mithradats - die Hand im Spiel gehabt haben möge, und wenn es auch +darüber nicht zum offenen Bruch kam, so war doch das gute Einverständnis der +beiden Monarchen eben in dem Augenblick gestört, wo sie desselben am +dringendsten bedurften. +</p> + +<p> +Zugleich betrieb Pompeius die Rüstungen mit Energie. Die asiatischen Bundes- +und Klientelgemeinden wurden gemahnt, den vertragsmäßigen Zuzug zu leisten. +Öffentliche Anschläge forderten die entlassenen Veteranen der Legionen Fimbrias +auf, als Freiwillige wieder unter die Fahnen zurückzutreten, und durch große +Versprechungen und den Namen des Pompeius ließ ein ansehnlicher Teil derselben +in der Tat sich bestimmen, dem Rufe zu folgen. Die gesamte Streitmacht, die +unter Pompeius’ Befehlen vereinigt war, mochte mit Ausschluß der +Hilfsvölker sich auf etwa 40-50000 Mann belaufen ^1. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Pompeius verteilte unter seine Soldaten und Offiziere als Ehrengeschenk 384 +Mill. Sesterzen (= 16000 Talente; App. Mithr. 116); da die Offiziere 100 Mill. +empfingen (Plin. nat. 37, 2, 16), von den gemeinen Soldaten aber jeder 6000 +Sesterzen (Plin., App.), so zählte das Heer noch bei dem Triumph etwa 40000 +Mann. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Im Frühjahr 688 (66) begab sich Pompeius nach Galatien, um den Oberbefehl über +die Truppen Luculls zu übernehmen und mit ihnen in das pontische Gebiet +einzurücken, wohin die kilikischen Legionen angewiesen waren zu folgen. In +Danala, einer Ortschaft der Trokmer, trafen die beiden Feldherren zusammen; die +Versöhnung aber, die die beiderseitigen Freunde zu bewirken gehofft hatten, +ward nicht erreicht. Die einleitenden Höflichkeiten gingen bald über in bittere +Erörterungen und diese in heftigen Wortwechsel; man schied verstimmter, als man +gekommen war. Da Lucullus fortfuhr, gleich als wäre er noch im Amte, +Ehrengeschenke zu machen und Ländereien zu verteilen, so erklärte Pompeius alle +nach seinem Eintreffen von seinem Amtsvorgänger vollzogenen Handlungen für +nichtig. Formell war er in seinem Recht; sittlichen Takt in der Behandlung +eines verdienten und mehr als genug gekränkten Gegners durfte man bei ihm nicht +suchen. +</p> + +<p> +Sowie es die Jahreszeit erlaubte, überschritten die römischen Truppen die +pontische Grenze. Gegen sie stand hier mit 30000 Mann zu Fuß und 3000 Reitern +König Mithradates. Im Stich gelassen von seinen Verbündeten und mit verstärkter +Macht und Energie von Rom angegriffen, machte er einen Versuch, Frieden zu +erwirken; allein von unbedingter Unterwerfung, die Pompeius forderte, wollte er +nichts hören - was konnte der unglücklichste Feldzug ihm Schlimmeres bringen? +Um sein Heer, größtenteils Schützen und Reiter, nicht dem furchtbaren Stoß der +römischen Linieninfanterie preiszugeben, wich er langsam vor dem Feinde zurück +und nötigte die Römer, ihm auf seinen Kreuz- und Quermärschen zu folgen, wobei +er, wo Gelegenheit dazu war, mit seiner überlegenen Reiterei der feindlichen +standhielt und den Römern durch die Erschwerung der Verpflegung nicht geringe +Drangsale bereitete. Ungeduldig gab endlich Pompeius es auf, die pontische +Armee zu begleiten und ging, den König stehen lassend, daran, das Land zu +unterwerfen: er rückte an den oberen Euphrat, überschritt ihn und betrat die +östlichen Provinzen des Pontischen Reiches. Aber auch Mithradates folgte auf +das linke Euphratufer nach, und in der Anaitischen oder Akilisenischen +Landschaft angelangt, verlegte er den Römern den Weg bei der festen und mit +Wasser wohl versehenen Burg Dasteira, von wo aus er mit seinen leichten Truppen +das Blachfeld beherrschte. Pompeius, immer noch der kilikischen Legionen +entbehrend und ohne sie nicht stark genug, um sich in dieser Lage zu behaupten, +mußte über den Euphrat zurückgehen und in dem waldigen, von Felsschluchten und +Tieftälern vielfach durchschnittenen Terrain des pontischen Armenien vor den +Reitern und Bogenschützen des Königs Schutz suchen. Erst als die Truppen aus +Kilikien eintrafen und es möglich machten, nun mit Übermacht die Offensive +wiederaufzunehmen, ging Pompeius wieder vor, umschloß das Lager des Königs mit +einer Postenkette von fast vier deutschen Meilen Länge und hielt ihn hier +förmlich blockiert, während die römischen Detachements die Gegend weit umher +durchstreiften. Die Not im pontischen Lager war groß; schon mußte die +Bespannung niedergestoßen werden, endlich nach fünfundvierzigtägigem Verweilen +ließ der König seine Kranken und Verwundeten, da er sie weder retten konnte, +noch dem Feinde in die Hände fallen lassen wollte, durch die eigenen Leute +niedermachen und brach zur Nachtzeit in möglichster Stille auf gegen Osten. +Vorsichtig folgte Pompeius durch das unbekannte Land; schon näherte der Marsch +sich der Grenze, die Mithradates’ und Tigranes’ Gebiete voneinander +schied. Als der römische Feldherr erkannte, daß Mithradates nicht innerhalb +seines Gebietes den Kampf zur Entscheidung zu bringen, sondern den Feind in die +grenzenlosen Fernen des Ostens sich nachzuziehen gedenke, entschloß er sich, +dies nicht zu gestatten. Die beiden Heere lagerten hart aneinander. Während der +Mittagsrast brach das römische auf, ohne daß der Feind es bemerkte, umging ihn +und besetzte die vorwärts liegenden und einen vom Feinde zu passierenden Engpaß +beherrschenden Anhöhen am südlichen Ufer des Flusses Lykos (Jeschil Irmak) +unweit des heutigen Enderes, da wo später Nikopolis erbaut ward. Den folgenden +Morgen brachen die Pontiker in gewohnter Weise auf und, den Feind wie bisher +hinter sich vermutend, schlugen sie nach zurückgelegtem Tagesmarsch ihr Lager +eben in dem Tale, dessen Höhenring die Römer besetzt hatten. Plötzlich erscholl +in der Stille der Nacht rings im Kreise um sie der gefürchtete Schlachtruf der +Legionen und regneten von allen Seiten die Geschosse in die asiatischen +Heerhaufen, in denen Soldaten und Troß, Wagen, Pferde, Kamele sich +durcheinander schoben und in deren dichtem Knäuel trotz der Dunkelheit kein +Geschoß fehlging. Als die Römer sich verschossen hatten, stürmten sie von den +Höhen herab auf die in dem Scheine des inzwischen aufgegangen Mondes sichtbar +gewordenen und fast wehrlos ihnen preisgegebenen Scharen, und was nicht von dem +Eisen der Feinde fiel, ward in dem fürchterlichen Gedränge unter den Hufen und +Rädern zermalmt. Es war das letzte Schlachtfeld, auf welchem der greise König +mit den Römern gestritten hat. Mit drei Begleitern, zweien seiner Reiter und +einer Kebse, die in Männertracht ihm zu folgen und tapfer neben ihm zu streiten +gewohnt war, entrann er von dort zu der Feste Sinoria, wo sich ein Teil seiner +Getreuen zu ihm fand. Er teilte seine hier aufbewahrten Schätze, 6000 Talente +Goldes (11 Mill. Taler), unter sie aus, versah sie und sich mit Gift und eilte +mit dem ihm gebliebenen Haufen den Euphrat hinauf, um mit seinem Verbündeten, +dem Großkönig von Armenien, sich zu vereinigen. +</p> + +<p> +Auch diese Hoffnung war eitel; das Bündnis, auf das vertrauend Mithradates den +Weg nach Armenien einschlug, bestand damals bereits nicht mehr. Während der +eben erzählten Kämpfe zwischen Mithradates und Pompeius war der Partherkönig, +dem Drängen der Römer und vor allem dem des landflüchtigen armenischen Prinzen +nachgebend, mit gewaffneter Hand in das Reich des Tigranes eingefallen und +hatte denselben gezwungen, sich in die unzugänglichen Gebirge zurückzuziehen. +Die Invasionsarmee begann sogar die Belagerung der Hauptstadt Artaxata; allein +da dieselbe sich in die Länge zog, entfernte sich König Phraates mit dem +größten Teil seiner Truppen, worauf Tigranes das zurückgebliebene parthische +Korps und die von seinem Sohn geführten armenischen Emigranten überwältigte und +in dem ganzen Reiche seine Herrschaft wiederherstellte. Begreiflicherweise +indes war unter diesen Umständen der König wenig geneigt, mit den aufs neue +siegreichen Römern zu schlagen, am wenigsten sich für Mithradates aufzuopfern, +dem er minder traute als je, seit ihm die Meldung zugekommen war, daß sein +rebellischer Sohn beabsichtige, sich zu dem Großvater zu begeben. So knüpfte er +mit den Römern Unterhandlungen über einen Sonderfrieden an; aber er wartete den +Abschluß des Vertrages nicht ab, um das Bündnis, das ihn an Mithradates +fesselte, zu zerreißen. An der armenischen Grenze angelangt, mußte dieser +vernehmen, daß der Großkönig Tigranes einen Preis von 100 Talenten (150000 +Taler) auf seinen Kopf gesetzt, seine Gesandten festgenommen und sie den Römern +ausgeliefert habe. König Mithradates sah sein Reich in den Händen des Feindes, +seine Bundesgenossen im Begriff, mit demselben sich zu vergleichen; es war +nicht möglich, den Krieg fortzusetzen; er mußte sich glücklich schätzen, wenn +es ihm gelang, sich an die Ost- und Nordgestade des Schwarzen Meeres zu retten, +vielleicht seinen abtrünnigen und mit den Römern in Verbindung getretenen Sohn +Machares wieder aus dem Bosporanischen Reiche zu verdrängen und an der Mäotis +für neue Entwürfe einen neuen Boden zu finden. So schlug er sich nordwärts. Als +der König auf der Flucht die alte Grenze Kleinasiens, den Phasis, überschritten +hatte, stellte Pompeius vorläufig seine Verfolgung ein; statt aber in das +Quellgebiet des Euphrat zurückzukehren, wandte er sich seitwärts in das Gebiet +des Araxes, um mit Tigranes ein Ende zu machen. Fast ohne Widerstand zu finden +gelangte er in die Gegend von Artaxata (unweit Eriwan) und schlug drei deutsche +Meilen von der Stadt sein Lager. Daselbst fand der Sohn des Großkönigs sich zu +ihm, der nach dem Sturze des Vaters das armenische Diadem aus der Hand der +Römer zu empfangen hoffte und darum den Abschluß des Vertrages zwischen seinem +Vater und den Römern in jeder Weise zu hindern bemüht war. Der Großkönig war +nur um so mehr entschlossen, den Frieden um jeden Preis zu erkaufen. Zu Pferd +und ohne Purpurgewand, aber geschmückt mit der königlichen Stirnbinde und dem +königlichen Turban erschien er an der Pforte des römischen Lagers und begehrte, +vor den römischen Feldherrn geführt zu werden. Nachdem er hier auf Geheiß der +Liktoren, wie die römische Lagerordnung es erheischte, sein Roß und sein +Schwert abgegeben hatte, warf er nach Barbarenart sich dem Prokonsul zu Füßen +und legte zum Zeichen der unbedingten Unterwerfung Diadem und Tiara in seine +Hände. Pompeius, hocherfreut über den mühelosen Sieg, hob den gedemütigten +König der Könige auf, schmückte ihn wieder mit den Abzeichen seiner Würde und +diktierte den Frieden. Außer einer Zahlung von 9 Mill. Talern (6000 Talente) an +die Kriegskasse und einem Geschenk an die Soldaten, wovon auf jeden einzelnen +50 Denare (15 Taler) kamen, trat der König alle gemachten Eroberungen wieder +ab, nicht bloß die phönikischen, syrischen, kilikischen, kappadokischen +Besitzungen, sondern auch am rechten Ufer des Euphrat Sophene und Korduene; er +ward wieder beschränkt auf das eigentliche Armenien und mit seinem Großkönigtum +war es von selber vorbei. In einem einzigen Feldzuge hatte Pompeius die beiden +mächtigen Könige von Pontus und Armenien vollständig unterworfen. Am Anfang des +Jahres 688 (66) stand kein römischer Soldat jenseits der Grenze der +altrömischen Besitzungen, am Schlusse desselben irrte König Mithradates +landflüchtig und ohne Heer in den Schluchten des Kaukasus und saß König +Tigranes auf dem armenischen Thron nicht mehr als König der Könige, sondern als +römischer Lehnfürst. Das gesamte kleinasiatische Gebiet westlich vom Euphrat +gehorchte den Römern unbedingt; die siegreiche Armee nahm ihre Winterquartiere +östlich von diesem Strom auf armenischem Boden, in der Landschaft vom oberen +Euphrat bis an den aus welchem damals zuerst die Italiker ihre Rosse tränkten. +</p> + +<p> +Aber das neue Gebiet, das die Römer hier betraten, erweckte ihnen neue Kämpfe. +Unwillig sahen die tapferen Völkerschaften des mittleren und östlichen Kaukasus +die fernen Okzidentalen auf ihrem Gebiet lagern. Es wohnten dort in der +fruchtbaren und wasserreichen Hochebene des heutigen Georgien die Iberer, eine +tapfere, wohlgeordnete, ackerbauende Nation, deren Geschlechtergaue unter ihren +Ältesten das Land nach Feldgemeinschaft bestellten, ohne Sondereigentum der +einzelnen Bauern. Heer und Volk waren eins; an der Spitze des Volkes standen +teils die Herrengeschlechter, daraus immer der Älteste der ganzen iberischen +Nation als König, der Nächstälteste als Richter und Heerführer vorstand, teils +besondere Priesterfamilien, denen vornehmlich oblag, die Kunde der mit anderen +Völkern geschlossenen Verträge zu bewahren und über deren Einhaltung zu wachen. +Die Masse der Unfreien galten als Leibeigene des Königs. Auf einer weit +niedrigeren Kulturstufe standen ihre östlichen Nachbarn, die Albaner oder +Alaner, die am unteren Kur bis zum Kaspischen Meere hinab saßen. Vorwiegend ein +Hirtenvolk, weideten sie, zu Fuß oder zu Pferde, ihre zahlreichen Herden auf +den üppigen Wiesen des heutigen Schirwan; die wenigen Ackerfelder wurden noch +mit dem alten Holzpflug ohne eiserne Schar bestellt. Münze war unbekannt und +über hundert ward nicht gezählt. Jeder ihrer Stämme, deren sechsundzwanzig +waren, hatten seinen eigenen Häuptling und sprach seinen besonderen Dialekt. An +Zahl den Iberern weit überlegen, vermochten sich die Albaner an Tapferkeit +durchaus nicht mit denselben zu messen. Die Fechtart beider Nationen war +übrigens im ganzen die gleiche: sie stritten vorwiegend mit Pfeilen und +leichten Wurfspießen, die sie häufig nach Indianerart aus Waldverstecken, +hinter Baumstämmen hervor oder von den Baumwipfeln herab, auf den Feind +entsendeten; die Albaner hatten auch zahlreiche, zum Teil nach +medisch-armenischer Art mit schweren Kürassen und Schienen gepanzerte Reiter. +Beide Nationen lebten auf ihren Äckern und Triften in vollkommener, seit +unvordenklicher Zeit bewahrter Unabhängigkeit. Den Kaukasus scheint gleichsam +die Natur selbst zwischen Europa und Asien als Damm gegen die Völkerfluten +aufgerichtet zu haben: an ihm hatten einst die Waffen des Kyros wie die +Alexanders ihre Grenze gefunden; jetzt schickte die tapfere Besatzung dieser +Scheidewand sich an, sie auch gegen die Römer zu verteidigen. Aufgeschreckt +durch die Kunde, daß der römische Oberfeldherr im nächsten Frühjahr das Gebirge +zu überschreiten und den pontischen König jenseits des Kaukasus zu verfolgen +beabsichtige - den Mithradates, vernahm man, überwinterte in Dioskurias +(Iskuria zwischen Suchum Kale und Anaklia) am Schwarzen Meer -, überschritten +zuerst die Albaner unter dem Fürsten Oroizes noch im Mittwinter 688/89 (66/65) +den Kur und warfen sich auf das der Verpflegung wegen in drei größere Korps +unter Quintus Metellus Celer, Lucius Flaccus und Pompeius selbst auseinander +gelegte Heer. Aber Celer, den der Hauptangriff traf, hielt tapfer stand und +Pompeius selbst verfolgte, nachdem er sich des gegen ihn geschickten Haufens +entledigt, die auf allen Punkten geschlagenen Barbaren bis an den Kur. Der +König der Iberer, Artokes, hielt sich ruhig und versprach Frieden und +Freundschaft; allein Pompeius, davon benachrichtigt, daß er insgeheim rüste, um +die Römer bei ihrem Marsche in den Pässen des Kaukasus zu überfallen, rückte im +Frühjahr 689 (65), bevor er die Verfolgung des Mithradates wiederaufnahm, vor +die beiden kaum eine halbe deutsche Meile voneinander entfernten Festungen +Harmozika (Horumziche oder Armazi) und Seusamora (Tsumar), welche wenig +oberhalb des heutigen Tiflis die beiden Flußtäler des Kur und seines +Nebenflusses Aragua und damit die einzigen von Armenien nach Iberien führenden +Pässe beherrschen. Artokes, eher er dessen sich versah, vom Feinde überrascht, +brannte eiligst die Kurbrücke ab und wich unterhandelnd in das innere Land +zurück. Pompeius besetzte die Festungen und folgte den Iberern auf das andere +Ufer des Kur, wodurch er sie zu sofortiger Unterwerfung zu bestimmen hoffte. +Artokes aber wich weiter und weiter in das innere Land zurück, und als er +endlich am Fluß Peloros Halt machte, geschah es nicht, um sich zu ergeben, +sondern um zu schlagen. Allein dem Anprall der Legionen standen doch die +iberischen Schützen keinen Augenblick, und da Artokes auch den Peioros von den +Römern überschritten sah, fügte er sich endlich den Bedingungen, die der Sieger +stellte, und sandte seine Kinder als Geiseln. Pompeius marschierte jetzt, +seinem früher entworfenen Plane gemäß, durch den Sarapanapaß aus dem Gebiet des +Kur in das des Phasis und von da am Flusse hinab an das Schwarze Meer, wo an +der kolchischen Küste die Flotte unter Servilius bereits seiner harrte. Aber es +war ein unsicherer Gedanke und fast ein wesenloses Ziel, dem zuliebe man Heer +und Flotte an den märchenreichen kolchischen Strand geführt hatte. Der soeben +mühselig zurückgelegte Zug durch unbekannte und meist feindliche Nationen war +nichts, verglichen mit dem, der noch bevorstand; und wenn es denn wirklich +gelang, von der Phasismündung aus die Streitmacht nach der Krim zu führen, +durch kriegerische und arme Barbarenstämme, auf unwirtlichen und unbekannten +Gewässern, längs einer Küste, wo an einzelnen Stellen die Gebirge lotrecht in +die See hinabfallen und es schlechterdings notwendig gewesen wäre, die Schiffe +zu besteigen; wenn es gelang, diesen Zug zu vollenden, der vielleicht +schwieriger war als die Heerfahrten Alexanders und Hannibals - was ward im +besten Falle damit erzielt, das irgend den Mühen und Gefahren entsprach? +Freilich war der Krieg nicht geendigt, solange der alte König noch unter den +Lebenden war; aber wer bürgte dafür, daß es wirklich gelang, das königliche +Wild zu fangen, um dessentwillen diese beispiellose Jagd angestellt werden +sollte? War es nicht besser, selbst auf die Gefahr hin, daß Mithradates noch +einmal die Kriegsfackel nach Kleinasien schleudere, von einer Verfolgung +abzustehen, die so wenig Gewinn und so viele Gefahren verhieß? Wohl drängten +den Feldherrn zahlreiche Stimmen im Heer, noch zahlreichere in der Hauptstadt, +die Verfolgung unablässig und um jeden Preis fortzusetzen; aber es waren +Stimmen teils tolldreister Hitzköpfe, teils derjenigen perfiden Freunde, die +den allzumächtigen Imperator gern um jeden Preis von der Hauptstadt +ferngehalten und ihn im Osten in unabsehbare Unternehmungen verwickelt hätten. +Pompeius war ein zu erfahrener und zu bedächtiger Offizier, um im hartnäckigen +Festhalten an einer so unverständigen Expedition seinen Ruhm und sein Heer auf +das Spiel zu setzen; ein Aufstand der Albaner im Rücken des Heeres gab den +Vorwand her, um die weitere Verfolgung des Königs aufzugeben und die Rückkehr +anzuordnen. Die Flotte erhielt den Auftrag, in dem Schwarzen Meer zu kreuzen, +die kleinasiatische Nordküste gegen jeden feindlichen Einfall zu decken, den +Kimmerischen Bosporus aber streng zu blockieren unter Androhung der +Lebensstrafe für jeden Kauffahrer, der die Blockade brechen würde. Die +Landtruppen führte Pompeius nicht ohne große Beschwerden durch das kolchische +und armenische Gebiet an den unteren Lauf des Kur und weiter, den Strom +überschreitend, in die albanische Ebene. Mehrere Tage mußte das römische Heer +in der glühenden Hitze durch dies wasserarme Blachland marschieren, ohne auf +den Feind zu treffen; erst am linken Ufer des Abas (wahrscheinlich der sonst +Alazonios, jetzt Alasan genannte Fluß) stellte unter Führung des Koses, Bruders +des Königs Oroizes, sich die Streitmacht der Albaner den Römern entgegen; sie +soll mit Einschluß des von den transkaukasischen Steppenbewohnern +eingetroffenen Zuzuges 60000 Mann zu Fuß und 12000 Reiter gezählt haben. +Dennoch hätte sie schwerlich den Kampf gewagt, wenn sie nicht gemeint hätte, +bloß mit der römischen Reiterei fechten zu sollen; aber die Reiter waren nur +vorangestellt und wie diese sich zurückzogen, zeigten sich dahinter verborgen +die römischen Infanteriemassen. Nach kurzem Kampfe war das Heer der Barbaren in +die Wälder versprengt, die Pompeius zu umstellen und anzuzünden befahl. Die +Albaner bequemten sich hierauf, Frieden zu machen und dem Beispiele der +mächtigeren Völker folgend, schlossen alle zwischen dem Kur und dem Kaspischen +Meer sitzenden Stämme mit dem römischen Feldherrn Vertrag ab. Die Albaner, +Iberer und überhaupt die südlich am und unter dem Kaukasus ansässigen +Völkerschaften traten also wenigstens für den Augenblick in ein abhängiges +Verhältnis zu Rom. Wenn dagegen auch die Völker zwischen dem Phasis und der +Mäotis, Kolcher, Soaner, Heniocher, Zyger, Achäer, sogar die fernen Bastarner +dem langen Verzeichnis der von Pompeius unterworfenen Nationen eingereiht +wurden, so nahm man dabei offenbar es mit dem Begriff der Unterwerfung sehr +wenig genau. Der Kaukasus bewährte sich abermals in seiner weltgeschichtlichen +Bedeutung; wie die persische und die hellenische fand auch die römische +Eroberung an ihm ihre Grenze. +</p> + +<p> +So blieb denn König Mithradates sich selbst und dem Verhängnis überlassen. Wie +einst sein Ahnherr, der Gründer des Pontischen Staates, sein künftiges Reich +zuerst betreten hatte, flüchtend vor den Häschern des Antigonos und nur von +sechs Reitern begleitet, so hatte nun der Enkel die Grenzen seines Reiches +wieder überschreiten und seine und seiner Väter Eroberungen mit dem Rücken +ansehen müssen. Aber die Würfel des Verhängnisses hatten keinem öfter und +launenhafter die höchsten Gewinste und die gewaltigsten Verluste zugeworfen als +dem alten Sultan von Sinope, und rasch und unberechenbar wechseln die Geschicke +im Osten. Wohl mochte Mithradates jetzt am Abend seines Lebens jeden neuen +Wechselfall mit dem Gedanken hinnehmen, daß auch er nur wieder einen neuen +Umschwung vorbereite und das einzig Stetige der ewige Wandel der Geschicke sei. +War doch die römische Herrschaft der Orientalen im tiefsten Grunde ihres Wesens +unerträglich und Mithradates selbst, im Guten wie im Bösen, der rechte Fürst +des Ostens; bei der Schlaffheit des Regiments, wie der römische Senat es über +die Provinzen übte, und bei dem gärenden und zum Bürgerkriege reifenden Hader +der politischen Parteien in Rom konnte Mithradates, wenn es ihm glückte, seine +Zeit abzuwarten, gar wohl noch zum drittenmal seine Herrschaft +wiederherstellen. Darum eben, weil er hoffte und plante, solange Leben in ihm +war, blieb er den Römern gefährlich, solange er lebte, als landflüchtiger Greis +nicht minder wie da er mit seinen Hunderttausenden ausgezogen war, um Hellas +und Makedonien den Römern zu entreißen. Der rastlose alte Mann gelangte im +Jahre 689 (85) von Dioskurias unter unsäglichen Beschwerden teils zu Lande, +teils zur See in das Reich von Pantikapäon, stürzte hier durch sein Ansehen und +sein starkes Gefolge seinen abtrünnigen Sohn Machares vom Thron und zwang ihn, +sich selber den Tod zu geben. Von hier aus versuchte er noch einmal, mit den +Römern zu unterhandeln; er bat, ihm sein väterliches Reich zurückzugeben und +erklärte sich bereit, die Oberhoheit Roms anzuerkennen und als Lehnfürst Zins +zu entrichten. Allein Pompeius weigerte sich, dem König eine Stellung zu +gewähren, in der er das alte Spiel aufs neue begonnen haben würde, und bestand +darauf, daß er sich persönlich unterwerfe. Mithradates aber dachte nicht daran, +sich dem Feinde in die Hände zu liefern, sondern entwarf neue und immer +ausschweifendere Pläne. Mit Anspannung aller der Mittel, die seine geretteten +Schätze und der Rest seiner Staaten ihm darboten, rüstete er ein neues, zum +Teil aus Sklaven bestehendes Heer von 36000 Mann, das er nach römischer Art +bewaffnete und einübte, und eine Kriegsflotte; dem Gerücht zufolge +beabsichtigte er durch Thrakien, Makedonien und Pannonien westwärts zu ziehen, +die Skythen in den sarmatischen Steppen, die Kelten an der Donau als +Bundesgenossen mit sich fortzureißen und mit dieser Völkerlawine sich auf +Italien zu stürzen. Man hat dies wohl großartig gefunden und den Kriegsplan des +pontischen Königs mit dem Heereszug Hannibals verglichen; aber derselbe +Entwurf, der in einem genialen Geiste genial ist, wird eine Torheit in einem +verkehrten. Diese beabsichtigte Invasion der Orientalen in Italien war einfach +lächerlich und nichts als die Ausgeburt einer ohnmächtigen phantasierenden +Verzweiflung. Durch die vorsichtige Kaltblütigkeit ihres Führers blieben die +Römer davor bewahrt, dem abenteuerlichen Gegner abenteuernd zu folgen und in +der fernen Krim einen Angriff abzuwehren, dem, wenn er nicht in sich selber +erstickte, immer noch früh genug am Fuße der Alpen begegnet ward. In der Tat, +während Pompeius, ohne weiter um die Drohungen des ohnmächtigen Riesen sich zu +bekümmern, das gewonnene Gebiet zu ordnen beschäftigt war, erfüllten ohne sein +Zutun sich im entlegenen Norden die Geschicke des greisen Königs. Die +unverhältnismäßigen Rüstungen hatten unter den Bosporanern, denen man die +Häuser einriß, die Ochsen vom Pflug spannte und niederstieß, um Balken und +Flechsen zum Maschinenbau zu gewinnen, die heftigste Gärung hervorgerufen. Auch +die Soldaten gingen unlustig an die hoffnungslose italische Expedition. Stets +war Mithradates umgeben gewesen von Argwohn und Verrat; er hatte nicht die +Gabe, Liebe und Treue bei den Seinigen zu erwecken. Wie er in früheren Jahren +seinen ausgezeichneten Feldherrn Archelaos genötigt hatte, im römischen Lager +Schutz zu suchen, wie während der Feldzüge Luculls seine vertrautesten +Offiziere Diokles, Phönix, sogar die namhaftesten römischen Emigranten zum +Feind übergegangen waren, so folgte jetzt, wo sein Stern erblich und der alte, +kranke, verbitterte Sultan keinem mehr als seinen Verschnittenen zugänglich +war, noch rascher Abfall auf Abfall. Der Kommandant der Festung Phanagoria (auf +der asiatischen Küste Kertsch gegenüber), Kastor, erhob zuerst die Fahne des +Aufstandes; er proklamierte die Freiheit der Stadt und lieferte die in der +Festung befindlichen Söhne Mithradats in die Hände der Römer. Während unter den +bosporanischen Städten der Aufstand sich ausbreitete, Chersonesos (unweit +Sevastopol), Theudosia (Kaffa) und andere sich den Phanagoriten anschlossen, +ließ der König seinem Argwohn und seiner Grausamkeit den Lauf. Auf die Anzeige +verächtlicher Eunuchen hin wurden seine Vertrautesten an das Kreuz geschlagen; +die eigenen Söhne des Königs waren ihres Lebens am wenigsten sicher. Derjenige +von ihnen, der des Vaters Liebling und wahrscheinlich von ihm zum Nachfolger +bestimmt war, Pharnakes, entschloß sich und trat an die Spitze des Insurgenten. +Die Häscher, welche Mithradates sandte, um ihn zu verhaften, die gegen ihn +ausgeschickten Truppen gingen zu ihm über; das Korps der italischen Überläufer, +vielleicht der tüchtigste unter den Mithradatischen Heerhaufen und ebendarum am +wenigsten geneigt, die abenteuerliche und für die Überläufer besonders +bedenkliche Expedition gegen Italien mitzumachen, erklärte sich in Masse für +den Prinzen; die übrigen Heerabteilungen und die Flotte folgten dem gegebenen +Beispiel. Nachdem die Landschaft und die Armee den König verlassen hatten, +öffnete endlich auch die Hauptstadt Pantikapäon den Insurgenten die Tore und +überlieferte ihnen den alten, in seinem Palaste eingeschlossenen König. Von der +hohen Mauer seiner Burg flehte dieser den Sohn an, ihm wenigstens das Leben zu +gewähren und nicht in das Blut des Vaters die Hände zu tauchen; aber die Bitte +klang übel aus dem Munde eines Mannes, an dessen eigenen Händen das Blut der +Mutter und das frisch vergossene seines unschuldigen Sohnes Xiphares klebte, +und in seelenloser Härte und Unmenschlichkeit übertraf Pharnakes noch seinen +Vater. Da es nun also zum Tode ging, so beschloß der Sultan, wenigstens zu +sterben, wie er gelebt hatte: seine Frauen, seine Kebse und seine Töchter, +unter diesen die jugendlichen Bräute der Könige von Ägypten und Kypros, sie +alle mußten die Bitterkeit des Todes erleiden und den Giftbecher leeren, bevor +auch er denselben nahm und dann, da der Trank nicht schnell genug wirkte, einem +keltischen Söldner Betuitus den Nacken zum tödlichen Streiche darbot. So starb +im Jahre 691 (63) Mithradates Eupator, im achtundsechzigsten Jahre seines +Lebens, im siebenundfünfzigsten seiner Regierung, sechsundzwanzig Jahre nachdem +er zum ersten Male gegen die Römer ins Feld gezogen war. Die Leiche, die König +Pharnakes als Belegstück seiner Verdienste und seiner Loyalität an Pompeius +sandte, ward auf dessen Anordnung beigesetzt in den Königsgräbern von Sinope. +</p> + +<p> +Mithradates’ Tod galt den Römern einem Siege gleich: lorbeerbekränzt, als +hätten sie einen solchen zu melden, erschienen die Boten, welche dem Feldherrn +die Katastrophe berichteten, im römischen Lager von Jericho. Ein großer Feind +ward mit ihm zu Grabe getragen, ein größerer, als je noch in dem schlaffen +Osten einer den Römern erstanden war. Instinktmäßig fühlte es die Menge; wie +einst Scipio mehr noch über Hannibal als über Karthago triumphiert hatte, so +wurde auch die Überwindung der zahlreichen Stämme des Ostens und des Großkönigs +selbst fast vergessen über Mithradates’ Tod, und bei Pompeius’ +feierlichem Einzug zog nichts mehr die Blicke der Menge auf sich als die +Schildereien, in denen man den König Mithradates als Flüchtling sein Pferd am +Zügel führen, dann ihn sterbend zwischen den Leichen seiner Töchter +niedersinken sah. Wie man auch über die Eigenartigkeit des Königs urteilen mag, +er ist eine bedeutende, im vollen Sinne des Wortes weltgeschichtliche Gestalt. +Er war keine geniale, wahrscheinlich nicht einmal eine reichbegabte +Persönlichkeit; aber er besaß die sehr respektable Gabe zu hassen, und mit +diesem Hasse hat er den ungleichen Kampf gegen die übermächtigen Feinde ein +halbes Jahrhundert hindurch zwar ohne Erfolg, aber mit Ehren bestanden. +Bedeutungsvoller noch als durch seine Individualität ward er durch den Platz, +auf den die Geschichte ihn gestellt hat. Als der Vorläufer der nationalen +Reaktion des Orients gegen die Okzidentalen hat er den neuen Kampf des Ostens +gegen den Westen eröffnet; und das Gefühl, daß man mit seinem Tode nicht am +Ende, sondern am Anfang sei, blieb den Besiegten wie den Siegern. +</p> + +<p> +Pompeius inzwischen war, nachdem er im Jahre 689 (65) mit den Völkern des +Kaukasus gekriegt hatte, zurückgegangen in das Pontische Reich und bezwang +daselbst die letzten noch Widerstand leistenden Schlösser, welche, um dem +Räuberunwesen zu steuern, geschleift, die Schloßbrunnen durch hineingewälzte +Felsblöcke unbrauchbar gemacht wurden. Von da brach er im Sommer 690 (64) nach +Syrien auf, um dessen Verhältnisse zu ordnen. +</p> + +<p> +Es ist schwierig, den aufgelösten Zustand, in dem die syrischen Landschaften +damals sich befanden, anschaulich darzulegen. Zwar hatte infolge der Angriffe +Luculls der armenische Statthalter Magadates im Jahre 685 (69), diese Provinzen +geräumt, und auch die Ptolemäer, so gern sie die Versuche ihrer Vorfahren, die +syrische Küste zu ihrem Reiche zu fügen, erneuert haben würden, scheuten sich +doch, durch die Okkupation Syriens die römische Regierung zu reizen, um so mehr +als diese noch nicht einmal für Ägypten ihren mehr als zweifelhaften +Rechtstitel reguliert hatte und von den syrischen Prinzen mehrfach angegangen +worden war, sie als die legitimen Erben des erloschenen Lagidenhauses +anzuerkennen. Aber wenn auch die größeren Mächte sich augenblicklich sämtlich +der Einmischung in die Angelegenheiten Syriens enthielten, so litt das Land +doch weit mehr, als es unter einem großen Krieg hätte leiden können, durch die +end- und ziellosen Fehden der Fürsten, Ritter und Städte. Die faktischen Herren +im Seleukidenreich waren derzeit die Beduinen, die Juden und die Nabatäer. Die +unwirtliche, quell- und baumlose Sandsteppe, die von der Arabischen Halbinsel +aus bis an und über den Euphrat sich hinziehend gegen Westen bis an den +syrischen Gebirgszug und seinen schmalen Küstensaum, gegen Osten bis zu den +reichen Niederungen des Tigris und des unteren Euphrat reicht, diese asiatische +Sahara ist die uralte Heimat der Söhne Ismaels; seit es eine Überlieferung +gibt, finden wir dort den “Bedawin”, den “Sohn der +Wüste”, seine Zelte schlagen und seine Kamele weiden oder auch auf seinem +geschwinden Roß Jagd machen, bald auf den Stammfeind, bald auf den wandernden +Handelsmann. Begünstigt früher durch König Tigranes, der sich ihrer für seine +handelspolitischen Pläne bediente, nachher durch die vollständige +Meisterlosigkeit in dem syrischen Lande, breiteten diese Kinder der Wüste über +das nördliche Syrien sich aus; namentlich spielten diejenigen Stämme hier +politisch fast die erste Rolle, die durch die Nachbarschaft der zivilisierten +Syrer die ersten Anfänge einer geordneten Existenz in sich aufgenommen hatten. +Die namhaftesten unter diesen Emiren waren Abgaros, der Häuptling des +Araberstammes der Mardaner, den Tigranes um Edessa und Karrhä im oberen +Mesopotamien angesiedelt hatte; dann westlich vom Euphrat Sampsikeramos, Emir +der Araber von Hemesa (Homs) zwischen Damaskos und Antiocheia und Herr der +starken Festung Arethusa; Azizos, das Haupt einer anderen, in derselben Gegend +streifenden Horde; Alchaudonios, der Fürst der Rhambäer, der schon mit Lucullus +sich in Verbindung gesetzt hatte, und andere mehr. Neben diesen Beduinenfürsten +waren überall dreiste Gesellen aufgetreten, die es den Kindern der Wüste in dem +edlen Gewerbe der Wegelagerung gleich- oder auch zuvortaten: so Ptolemaeos +Mennaeos’ Sohn, vielleicht der mächtigste unter diesen syrischen +Raubrittern und einer der reichsten Männer dieser Zeit, der über das Gebiet der +Ityräer - der heutigen Drusen - in den Tälern des Libanos wie an der Küste und +über die nördlich vorliegende Marsyasebene mit den Städten Heliopolis (Baalbek) +und Chalkis gebot und 8000 Reiter aus seiner Tasche besoldete; so Dionaysios +und Kinyras, die Herren der Seestädte Tripolis (Tarablus) und Byblos (zwischen +Tarablus und Beirut); so der Jude Silas in Lysias, einer Festung unweit Apameia +am Orontes. +</p> + +<p> +Im Süden Syriens dagegen schien der Stamm der Juden sich um diese Zeit zu einer +politischen Macht konsolidieren zu wollen. Durch die fromme und kühne +Verteidigung des uralten jüdischen Nationalkultus, den der nivellierende +Hellenismus der syrischen Könige bedrohte, war das Geschlecht der Hasmonäer +oder der Makkabi nicht bloß zum erblichen Prinzipal und allmählich zu +königlichen Ehren gelangt, sondern es hatten auch die fürstlichen Hochpriester +erobernd nach Norden, Osten und Süden um sich gegriffen. Als der tapfere +Jannaeos Alexandros starb (675 79) erstreckte sich das Jüdische Reich gegen +Süden über das ganze philistäische Gebiet bis an die ägyptische Grenze, gegen +Südosten bis an die des Nabatäerreiches von Petra, von welchem Jannaeos +beträchtliche Strecken am rechten Ufer des Jordan und des Toten Meeres +abgerissen hatte, gegen Norden über Samaria und die Dekapolis bis zum See +Genezareth; schon machte er hier Anstalt, Ptolemais (Acco) einzunehmen und die +Übergriffe der Ityräer erobernd zurückzuweisen. Die Küste gehorchte den Juden +vom Berg Karmel bis nach Rhinokorura mit Einschluß des wichtigen Gaza - nur +Askalon war noch frei -, so daß das einst vom Meer fast abgeschnittene Gebiet +der Juden jetzt mit unter den Freistätten der Piraterie aufgeführt werden +konnte. Wahrscheinlich hätten, zumal da der armenische Sturm, eben als er sich +den Grenzen Judäas nahte, durch Lucullus’ Dazwischenkunft von dieser +Landschaft abgewendet ward, die begabten Herrscher des Hasmonäischen Hauses +ihre Waffen noch weiter getragen, wenn nicht die Machtentwicklung dieses +merkwürdigen, erobernden Priesterstaates durch innere Spaltungen im Keime +geknickt worden wäre. Der konfessionelle und der nationale Unabhängigkeitssinn, +deren energische Vereinigung den Makkabäerstaat ins Leben gerufen hatte, traten +rasch wieder aus- und sogar gegeneinander. Der jüdischen Orthodoxie oder dem +sogenannten Pharisäismus genügte die freie Religionsübung, wie sie den +syrischen Herrschern abgetrotzt worden war; ihr praktisches Ziel war eine von +dem weltlichen Regiment wesentlich absehende, aus den Orthodoxen in aller +Herren Ländern zusammengesetzte Judengemeinschaft, welche in der jedem +gewissenhaften Juden obliegenden Steuer für den Tempel zu Jerusalem und in den +Religionsschulen und geistlichen Gerichten ihre sichtbaren Vereinigungspunkte +fand. Dieser von dem staatlichen Leben sich abwendenden, mehr und mehr in +theologischer Gedankenlosigkeit und peinlichem Zeremonialdienst erstarrenden +Orthodoxie gegenüber standen die Vertreter der nationalen Unabhängigkeit, +erstarkt in den glücklichen Kämpfen gegen die Fremdherrschaft, vorschreitend zu +dem Gedanken einer Wiederherstellung des jüdischen Staates, die Vertreter der +alten großen Geschlechter, die sogenannten Sadduzäer, teils dogmatisch, indem +sie nur die heiligen Bücher selber gelten ließen und den Vermächtnissen der +Schriftgelehrten, das ist der kanonischen Tradition, nur Autorität, nicht +Kanonizität zusprachen ^2; teils und vor allem politisch, indem sie anstatt des +fatalistischen Zuwartens auf den starken Arm des Herrn Zebaoth das Heil der +Nation erwarten lehrten von den Waffen dieser Welt und von der innerlichen und +äußerlichen Stärkung des in den glorreichen Makkabäerzeiten +wiederaufgerichteten Davidischen Reiches. Jene Orthodoxen fanden ihren Halt in +der Priesterschaft und der Menge; sie bestritten den Hasmonäern die Legitimität +ihrer Hohenpriesterschaft und fochten gegen die bösen Ketzer mit der ganzen +rücksichtslosen Unversöhnlichkeit, womit die Frommen für den Besitz irdischer +Güter zu streiten gewohnt sind. Die staatliche Partei dagegen stützte sich auf +die von den Einflüssen des Hellenismus berührte Intelligenz, auf das Heer, in +dem zahlreiche pisidische und kilikische Söldner dienten, und auf die +tüchtigeren Könige, welche hier mit der Kirchengewalt rangen, ähnlich wie ein +Jahrtausend später die Hohenstaufen mit dem Papsttum. Mit starker Hand hatte +Jannaeos die Priesterschaft niedergehalten; unter seinen beiden Söhnen kam es +(685f. 69) zu einem Bürger- und Bruderkrieg, indem die Pharisäer sich dem +kräftigen Aristobulos widersetzten und versuchten, unter der nominellen +Herrschaft seines Bruders, des gutmütigen und schlaffen Hyrkanos, ihre Zwecke +zu erreichen. Dieser Zwist brachte nicht bloß die jüdischen Eroberungen ins +Stocken, sondern gab auch auswärtigen Nationen Gelegenheit, sich einzumischen +und dadurch im südlichen Syrien eine gebietende Stellung zu gewinnen. Zunächst +gilt dies von den Nabatäern. Diese merkwürdige Nation ist oft mit ihren +östlichen Nachbarn, den schweifenden Arabern, zusammengeworfen worden, aber +näher als den eigentlichen Kindern Ismaels ist sie dem aramäischen Zweige +verwandt. Dieser aramäische oder, nach der Benennung der Okzidentalen, syrische +Stamm muß von seinen ältesten Sitzen um Babylon, wahrscheinlich des Handels +wegen, in sehr früher Zeit eine Kolonie an die Nordspitze des Arabischen +Meerbusens ausgeführt haben: dies sind die Nabatäer auf der Sinaitischen +Halbinsel zwischen dem Golf von Suez und Aila und in der Gegend von Petra (Wadi +Musa). In ihren Häfen wurden die Waren vom Mittelmeer gegen indische umgesetzt; +die große südliche Karawanenstraße, die von Gaza zur Euphratmündung und dem +Persischen Meerbusen lief, führte durch die Hauptstadt der Nabatäer Petra, +deren heute noch prachtvolle Felspaläste und Felsengräber deutlicheres Zeugnis +von der nabatäischen Zivilisation ablegen als die fast verschollene +Überlieferung. Die Pharisäerführer, denen nach Priesterart der Sieg ihrer +Partei um den Preis der Unabhängigkeit und Integrität des Landes nicht zu teuer +erkauft schien, ersuchten den König der Nabatäer, Aretas, um Hilfe gegen +Aristobulos, wofür sie alle von Jannäos ihm entrissenen Eroberungen an ihn +zurückzugeben verhießen. Daraufhin war Aretas mit angeblich 50000 Mann in das +jüdische Land eingerückt und, verstärkt durch den Anhang der Pharisäer, hielt +er den König Aristobulos in seiner Hauptstadt belagert. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +^2 So verwarfen die Sadduzäer die Engel- und Geisterlehre und die Auferstehung +der Toten. Die meisten überlieferten Differenzpunkte zwischen Pharisäern und +Sadduzäern beziehen sich auf untergeordnete rituelle, juristische und +Kalenderfragen. Charakteristisch ist es, daß die siegenden Pharisäer diejenigen +Tage, an denen sie in den einzelnen Kontroversen definitiv die Oberhand +behalten oder ketzerische Mitglieder aus dem Oberkonsistorium ausgestoßen +hatten, in das Verzeichnis der Gedenk- und Festtage der Nation eingetragen +haben. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Unter dem Faust- und Fehderecht, die also von einem Ende Syriens zum andern +herrschten, litten natürlich vor allen Dingen die größeren Städte, wie +Antiocheia, Seleukeia, Damaskos, deren Bürger in ihrem Feldbau wie in ihrem +See- und Karawanenhandel sich gelähmt sahen. Die Bürger von Byblos und Berytos +(Beirut) vermochten weder ihre Äcker noch ihre Schiffe vor den Ityräern zu +schützen, die von ihren Berg- und Seekastellen aus Land und Meer gleich +unsicher machten. Die von Damaskos suchten der Angriffe der Ityräer und des +Ptolemaeos dadurch sich zu erwehren, daß sie sich den entfernteren Königen der +Nabatäer oder der Juden zu eigen gaben. In Antiocheia mischten sich +Sampsikeramos und Azizos in die inneren Fehden der Bürgerschaft und fast wäre +die hellenische Großstadt schon jetzt der Sitz eines arabischen Emirs geworden. +Es waren Zustände, die an die königlosen Zeiten des deutschen Mittelalters +erinnern, als Nürnberg und Augsburg nicht in des Königs Recht und Gericht, +sondern einzig in ihren Wällen noch Schutz fanden; ungeduldig harrten die +syrischen Kaufbürger des starken Arms, der ihnen Frieden und Verkehrssicherheit +wiedergab. An einem legitimen König übrigens fehlte es in Syrien nicht; man +hatte deren sogar zwei oder drei. Ein Prinz Antiochos aus dem Hause der +Seleukiden war von Lucullus als Herr der nördlichsten syrischen Provinz +Kommagene eingesetzt worden, Antiochos der Asiate, dessen Ansprüche auf den +syrischen Thron sowohl bei dem Senat als bei Lucullus Anerkennung gefunden +hatten, war nach dem Abzug der Armenier in Antiocheia aufgenommen und daselbst +als König anerkannt worden. Ihm war dort sogleich ein dritter Seleukidenprinz, +Philippos, als Nebenbuhler entgegengetreten, und es hatte die große, fast wie +die alexandrinische bewegliche und oppositionslustige Bürgerschaft von +Antiocheia sowie dieser und jener benachbarte arabische Emir sich eingemischt +in den Familienzwist, der nun einmal von der Herrschaft der Seleukiden +unzertrennlich schien. War es ein Wunder, daß die Legitimität den Untertanen +zum Spott und zum Ekel ward und daß die sogenannten rechtmäßigen Könige noch +etwas weniger im Lande galten als die kleinen Fürsten und Raubritter? +</p> + +<p> +In diesem Chaos Ordnung zu schaffen, bedurfte es weder genialer Konzeptionen +noch gewaltiger Machtentfaltung, wohl aber der klaren Einsicht in die +Interessen Roms und seiner Untertanen, und der kräftigen und folgerechten +Aufrichtung und Aufrechthaltung der als notwendig erkannten Institutionen. Die +Legitimitätspolitik des Senats hatte sich sattsam prostituiert; den Feldherrn, +den die Opposition ans Regiment gebracht, durften nicht dynastische Rücksichten +leiten, sondern er hatte einzig darauf zu sehen, daß das Syrische Reich in +Zukunft weder durch Zwist der Prätendenten noch durch die Begehrlichkeit der +Nachbarn der römischen Klientel entzogen werde. Dazu aber gab es nur einen Weg: +daß die römische Gemeinde durch einen von ihr gesandten Satrapen mit kräftiger +Hand die Zügel der Regierung erfasse, die den Königen des regierenden Hauses +mehr noch durch eigene Verschuldung als durch äußere Unfälle seit langem +tatsächlich entglitten waren. Den Weg schlug Pompeius ein. Antiochos der Asiate +erhielt auf seine Bitte, ihn als den angestammten Herrscher Syriens +anzuerkennen, die Antwort, daß Pompeius einem Könige, der sein Reich weder zu +behaupten noch zu regieren wisse, die Herrschaft nicht einmal auf die Bitte +seiner Untertanen, geschweige denn gegen deren bestimmt ausgesprochene Wünsche +zurückgeben werde. Mit diesem Briefe des römischen Prokonsuls war das Haus des +Seleukos von dem Throne gestoßen, den es seit zweihundertfünfzig Jahren +eingenommen hatte. Antiochos verlor bald darauf sein Leben durch die Hinterlist +des Emirs Sampsikeramos, als dessen Klient er in Antiocheia den Herrn spielte; +seitdem ist von diesen Schattenkönigen und ihren Ansprüchen nicht weiter die +Rede. Wohl aber war es, um das neue römische Regiment zu begründen und eine +leidliche Ordnung in die verwirrten Verhältnisse zu bringen, noch erforderlich, +mit Heeresmacht in Syrien einzurücken und all die Störer der friedlichen +Ordnung, die während der vieljährigen Anarchie emporgewachsen waren, durch die +römischen Legionen zu schrecken oder niederzuwerfen. Schon während der Feldzüge +im Pontischen Reiche und am Kaukasus hatte Pompeius den Angelegenheiten Syriens +seine Aufmerksamkeit zugewandt und einzelne Beauftragte und Abteilungen wo es +not tat eingreifen lassen. Aulus Gabinius - derselbe, der als Volkstribun +Pompeius nach dem Osten gesandt hatte - war schon 689 (65) an den Tigris und +sodann quer durch Mesopotamien nach Syrien marschiert, um die verwickelten +Verhältnisse im jüdischen Lande zu schlichten. Ebenso war das schwer bedrängte +Damaskos bereits durch Lollius und Metellus besetzt worden. Bald nachher traf +ein anderer Adjutant des Pompeius, Marcus Scaurus, in Judäa ein, um die immer +neu wieder daselbst ausbrechenden Fehden beizulegen. Auch Lucius Afrianus, der +während Pompeius’ Expedition nach dem Kaukasus das Kommando über die +römischen Truppen in Armenien führte, hatte von Korduene (dem nördlichen +Kurdistan) aus sich in das obere Mesopotamien begeben und, nachdem er durch die +hilfreiche Teilnahme der in Karrhä angesiedelten Hellenen den gefährlichen Weg +durch die Wüste glücklich zurückgelegt hatte, die Araber in Osrhoene zur +Botmäßigkeit gebracht. Gegen Ende des Jahres 690 (64), langte dann Pompeius +selbst in Syrien an ^3 und verweilte dort bis zum Sommer des folgenden Jahres, +entschlossen durchgreifend und für jetzt und künftig die Verhältnisse ordnend. +Zurückgehend auf die Zustände des Reiches in den besseren Zeiten der +Seleukidenherrschaft, wurden alle usurpierten Gewalten beseitigt, die +Raubherren aufgefordert, ihre Burgen zu übergeben, die arabischen Scheichs +wieder auf ihr Wüstengebiet beschränkt, die Verhältnisse der einzelnen +Gemeinden definitiv geregelt. Diesen strengen Befehlen Gehorsam zu verschaffen, +standen die Legionen bereit, und ihr Einschreiten erwies sich insbesondere +gegen die verwegenen Raubritter als notwendig. Silas, der Herr von Lysias, der +Herr von Tripolis, Dionysios, der Herr von Byblos, Kinyras, wurden in ihren +Burgen gefangengenommen und hingerichtet, die Berg- und Seeschlösser der +Ityräer gebrochen, Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn in Chalkis gezwungen, mit +1000 Talenten (1827000 Taler) Lösegeld sich Freiheit und Herrschaft zu +erkaufen. Im übrigen fanden die Befehle des neuen Machthabers meistenteils +widerstandslosen Gehorsam. Nur die Juden schwankten. Die früher von Pompeius +gesandten Vermittler, Gabinius und Scaurus, hatten - beide, wie es heißt, mit +bedeutenden Summen bestochen - im Streite der beiden Brüder Hyrkanos und +Aristobulos zu Gunsten des letzteren entschieden, auch den König Aretas +veranlaßt, die Belagerung von Jerusalem aufzuheben und sich in seine Heimat zu +begeben, wobei er auf dem Rückweg noch von Aristobulos eine Niederlage erlitt. +Als aber Pompeius in Syrien eintraf, kassierte er die Anordnungen seiner +Untergebenen und wies die Juden an, ihre alte Hochpriesterverfassung, wie der +Senat sie um 593 (61) anerkannt hatte, wieder einzuführen und wie auf das +Fürstentum selbst, so auch auf alle von den Hasmonäischen Fürsten gemachten +Eroberungen zu verzichten. Es waren die Pharisäer, welche eine Gesandtschaft +von zweihundert ihrer angesehensten Männer an den römischen Feldherrn gesandt +und von ihm den Sturz des Königtums ausgewirkt hatten; nicht zum Vorteil der +eigenen Nation, aber wohl zu dem der Römer, die der Natur der Sache nach auch +hier zurückkommen mußten auf die alten Rechte der Seleukiden und eine erobernde +Macht, wie die des Jannaeos war, innerhalb ihres Reiches nicht dulden konnten. +Aristobulos schwankte, ob es besser sei, das Unvermeidliche geduldig über sich +ergehen zu lassen oder mit den Waffen in der Hand dem Verhängnis zu erliegen; +bald schien er im Begriff, sich Pompeius zu unterwerfen, bald die nationale +Partei unter den Juden zum Kampfe gegen die Römer aufzurufen. Als endlich, da +schon die Legionen vor den Toren standen, er sich dem Feinde ergab, weigerte +sich der entschlossenere oder fanatisiertere Teil seiner Armee, den Befehlen +des unfreien Königs Folge zu leisten. Die Hauptstadt unterwarf sich; den +steilen Tempelfelsen verteidigte jene fanatische Schar drei Monate hindurch mit +todesmutiger Hartnäckigkeit, bis endlich während der Sabbathruhe der Belagerten +die Belagerer eindrangen, des Heiligtums sich bemächtigten und die Anstifter +dieser verzweifelten Gegenwehr, soweit sie nicht unter den römischen Schwertern +gefallen waren, unter die Beile der Liktoren sandten. Damit ging der letzte +Widerstand in den neu zum römischen Staat gezogenen Gebieten zu Ende. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +^3 Den Winter 689/90 (65/64) brachte Pompeius noch in der Nähe des Kaspischen +Meeres zu (Dio 37, 7). Im Jahre 690 (64) unterwarf er zunächst im Pontischen +Reiche die letzten noch Widerstand leistenden Burgen und zog dann langsam, +überall die Verhältnisse regelnd, gegen Süden. Daß die Ordnung Syriens 690 (64) +begann, bestätigt sich dadurch, daß die syrische Provinzialära mit diesem Jahre +anhebt und durch Ciceros Angabe hinsichtlich Kommagenes (ad. Q. fr. 2. 12, 2; +vgl. Dio 37, 7). Den Winter 691/90 (64/63) scheint Pompeius in Antiocheia sein +Hauptquartier gehabt zu haben (Ios. bel. Iud. 14, 3, 1 u. 2, wo die Verwirrung +von Niese im Hermes 11, 1877, S. 471 berichtigt worden ist). +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +Das von Lucullus begonnene Werk hatte Pompeius vollendet: die bisher formell +selbständigen Staaten Bithynien, Pontus und Syrien waren mit dem römischen +vereinigt, die seit mehr als hundert Jahren als notwendig erkannte Vertauschung +des schwächlichen Klientelsystems mit der unmittelbaren Herrschaft über die +wichtigeren abhängigen Gebiete war endlich verwirklicht worden, sowie der Senat +gestürzt und die Gracchische Partei ans Ruder gekommen war. Man hatte im Osten +neue Grenzen erhalten, neue Nachbarn, neue freundliche und feindliche +Beziehungen. Neu traten unter die mittelbar römischen Gebiete ein das +Königreich Armenien und die kaukasischen Fürstentümer, ferner das Reich am +Kimmerischen Bosporus, der geringe Überrest der ausgedehnten Eroberungen +Mithradates Eupators, jetzt unter der Regierung seines Sohnes und Mörders +Pharnakes ein römischer Klientelstaat; nur die Stadt Phanagoria, deren +Befehlshaber Kastor das Signal zum Aufstand gegeben hatte, wurde dafür von den +Römern als frei und unabhängig anerkannt. Nicht gleicher Erfolge konnte man +gegen die Nabatäer sich rühmen. König Aretas hatte zwar, dem Begehren der Römer +sich fügend, das jüdische Land geräumt; allein Damaskos war noch in seinen +Händen und das Nabatäerland nun gar hatte noch kein römischer Soldat betreten. +Um dies zu unterwerfen oder mindestens doch den neuen Nachbarn im arabischen +Lande zu zeigen, daß jetzt am Orontes und am Jordan die römischen Adler geboten +und daß die Zeit vorbei war, wo die syrischen Landschaften als herrenloses Gut +zu brandschatzen jedem freistand, begann Pompeius im Jahre 691 (63) eine +Expedition gegen Petra; allein aufgehalten durch den Aufstand der Juden, der +während dieses Zuges zum Ausbruch kam, überließ er seinem Nachfolger Marcus +Scaurus nicht ungern die Ausführung der schwierigen Unternehmung gegen die fern +inmitten der Wüste gelegene Nabatäerstadt ^4. In der Tat sah auch Scaurus sich +bald genötigt, unverrichteter Sache umzukehren. Er mußte sich begnügen, in den +Wüsten am linken Ufer des Jordan die Nabatäer zu bekriegen, wo er sich auf die +Juden zu stützen vermochte, aber doch auch nur sehr unbedeutende Erfolge +davontrug. Schließlich überredete der gewandte jüdische Minister Antipatros aus +Idumäa den Aretas, sich die Gewähr seiner sämtlichen Besitzungen mit Einschluß +von Damaskos von dem römischen Statthalter um eine Geldsumme zu erkaufen; und +dies ist denn der auf den Münzen des Scaurus verherrlichte Friede, wo König +Aretas, das Kamel am Zügel, kniefällig, dem Römer den Ölzweig darreichend +erscheint. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +^4 Zwar lassen Orosius (6, 6) und Dio (37, 15), ohne Zweifel beide nach Livius, +Pompeius bis nach Petra gelangen, auch wohl die Stadt einnehmen oder gar das +Rote Meer erreichen; allein daß er im Gegenteil bald nach Empfang der Nachricht +von dem Tode Mithradats, die ihm auf dem Marsche nach Jerusalem zukam, aus +Syrien nach Pontus zurückging, sagt Plutarch (Pomp. 41, 42) und wird durch +Florus (1, 39) und Josephus (bel. Iud. 14, 3, 3 u. 4) bestätigt. Wenn König +Aretas unter den von Pompeius Besiegten in den Bulletins figuriert, so genügte +hierfür sein durch Pompeius veranlaßter Abzug von Jerusalem. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +Bei weitem folgenreicher als diese neuen Beziehungen der Römer zu den +Armeniern, Iberern, Bosporanern und Nabatäern war die Nachbarschaft, in welche +sie durch die Okkupation Syriens zu dem parthischen Staate traten. So +geschmeidig die römische Diplomatie gegen Phraates aufgetreten war, als noch +der pontische und der armenische Staat aufrecht standen, so willig damals +sowohl Lucullus als Pompeius ihm den Besitz der Landschaften jenseits des +Euphrat zugestanden hatten, so schroff stellte jetzt der neue Nachbar sich +neben den Arsakiden; und wenn die königliche Kunst, die eigenen Fehler zu +vergessen, es ihm gestattete, mochte Phraates wohl jetzt sich der warnenden +Worte Mithradats erinnern, daß der Parther durch das Bündnis mit den +Okzidentalen gegen die stammverwandten Reiche erst diesen und sodann sich +selber das Verderben bereite. Römer und Parther im Bunde hatten Armenien +zugrunde gerichtet; als es gestürzt war, kehrte Rom, seiner alten Politik +getreu, die Rollen um und begünstigte den gedemütigten Feind auf Kosten des +allzumächtigen Bundesgenossen. Schon die auffallende Bevorzugung gehört +hierher, die der Vater Tigranes seinem Sohne, dem Verbündeten und Tochtermann +des Partherkönigs, gegenüber bei Pompeius fand; es war eine unmittelbare +Beleidigung, als bald nachher auf Pompeius’ Befehl der jüngere Tigranes +mit seiner Familie zur Haft gebracht und selbst dann nicht freigegeben ward, +als sich Phraates bei dem befreundeten Feldherrn für seine Tochter und seinen +Schwiegersohn verwandte. Aber Pompeius blieb hierbei nicht stehen. Die +Landschaft Korduene, auf welche sowohl Phraates als Tigranes Ansprüche erhoben, +wurde auf Pompeius’ Befehl durch römische Truppen für den letzteren +okkupiert und die im Besitz befindlichen Parther über die Grenze +hinausgeschlagen, ja bis nach Arbela in Adiabene verfolgt, ohne daß die +Regierung von Ktesiphon auch nur vorher gehört worden wäre (689 65). Weitaus am +bedenklichsten jedoch war es, daß die Römer keineswegs geneigt schienen, die +traktatenmäßig festgestellte Euphratgrenze zu respektieren. Mehrmals +marschierten römische, von Armenien nach Syrien bestimmte Abteilungen quer +durch Mesopotamien; der arabische Emir Abgaros von Osrhoene ward unter +auffallend günstigen Bedingungen in die römische Klientel aufgenommen; ja +Oruros, das im oberen Mesopotamien etwa zwischen Nisibis und dem Tigris 50 +deutsche Meilen östlich von dem kommagenischen Euphratübergang liegt, ward +bezeichnet als östlicher Grenzpunkt der römischen Herrschaft, vermutlich der +mittelbaren, insofern die größere und fruchtbarere nördliche Hälfte +Mesopotamiens von den Römern ebenso wie Korduene dem Armenischen Reiche +zugelegt worden war. Die Grenze zwischen Römern und Parthern ward also statt +des Euphrat die große syrisch-mesopotamische Wüste; und auch dies schien nur +vorläufig. Den parthischen Gesandten, die kamen, um auf das Einhalten der +allerdings, wie es scheint, nur mündlich abgeschlossenen Verträge hinsichtlich +der Euphratgrenze zu dringen, gab Pompeius die zweideutige Antwort, daß Roms +Gebiet sich so weit erstrecke wie sein Recht. Ein Kommentar zu dieser Rede +schien der auffällige Verkehr zwischen dem römischen Oberfeldherrn und den +parthischen Satrapen der Landschaft Medien und selbst der fernen Provinz +Elymais (zwischen Susiana, Medien und Persien im heutigen Luristan) ^5. Die +Statthalter dieses letzteren, gebirgigen, kriegerischen und entlegenen Landes +waren von je her bestrebt gewesen, eine von dem Großkönig unabhängige Stellung +zu gewinnen; um so verletzender und bedrohlicher war es für die parthische +Regierung, wenn Pompeius von diesem Dynasten die dargebotene Huldigung annahm. +Nicht minder war es bezeichnend, daß der Titel des “Königs der +Könige”, der dem Partherkönig bis dahin auch von den Römern im +offiziellen Verkehr zugestanden worden war, jetzt auf einmal von ihnen mit dem +einfachen Königstitel vertauscht ward. Es war das mehr noch eine Drohung als +eine Verletzung der Etikette. Seit Rom die Erbschaft der Seleukiden getan, +schien es fast, als gedenke man dort im gelegenen Augenblick auf jene alten +Zeiten zurückzugreifen, da ganz Iran und Turan von Antiocheia aus beherrscht +wurden und es doch kein Parthisches Reich gab, sondern nur eine parthische +Satrapie. Der Hof von Ktesiphon hätte also Grund genug gehabt, mit Rom den +Krieg zu beginnen; es schien die Einleitung dazu, daß er im Jahre 690 (64) +wegen der Grenzfrage ihn an Armenien erklärte. Aber Phraates hatte doch nicht +den Mut, eben jetzt, wo der gefürchtete Feldherr mit seiner starken Armee an +den Grenzen des Parthischen Reiches stand, mit den Römern offen zu brechen. Als +Pompeius Kommissarien sandte, um den Streit zwischen Parthien und Armenien +gütlich beizulegen, fügte Phraates sich der aufgezwungenen römischen +Vermittlung und ließ es sich gefallen, daß ihr Schiedsspruch den Armeniern +Korduene und das nördliche Mesopotamien zuwies. Bald nachher schmückte seine +Tochter mit ihrem Sohne und ihrem Gemahl den Triumph des römischen Feldherrn. +Auch die Parther zitterten vor der römischen Übermacht; und wenn sie nicht wie +die Pontiker und die Armenier den römischen Waffen erlegen waren, so schien die +Ursache davon nur die zu sein, daß sie es nicht gewagt hatten, den Kampf zu +bestehen. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +^5 Diese Auffassung beruht auf der Erzählung Plutarchs (Pomp. 36), welche durch +Strabons (16, 744) Schilderung der Stellung des Satrapen von Elymais +unterstützt wird. Eine Ausschmückung davon ist es, wenn in den Verzeichnissen +der von Pompeius besiegten Landschaften und Könige Medien und dessen König +Dareios aufgeführt werden (Diod. fr. Vat. p. 140; App. Mithr. 117); und daraus +weiter herausgesponnen ist Pompeius’ Krieg mit den Medern (Vell. 2, 40; +App. Mithr. 106, 114) und nun gar der Zug desselben nach Ekbatana (Oros. hist. +6, 5). Eine Verwechselung mit der fabelhaften gleichnamigen Stadt auf dem +Karmel hat hier schwerlich stattgefunden; es ist einfach jene unleidliche, wie +es scheint aus Pompeius’ großartigen und absichtlich zweideutigen +Bulletins sich herleitende, Übertreibung, die aus seiner Razzia gegen die +Gätuler einen Zug an die afrikanische Westküste (Plut. Pomp. 38), aus seiner +fehlgeschlagenen Expedition gegen die Nabatäer eine Eroberung der Stadt Petra, +aus seinem Schiedsspruch hinsichtlich der Grenzen Armeniens eine Feststellung +der römischen Reichsgrenze jenseits Nisibis gemacht hat. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +Noch lag es dem Feldherrn ob, die inneren Verhältnisse der neugewonnenen +Landschaften zu regulieren und die Spuren eines dreizehnjährigen, verheerenden +Krieges soweit möglich zu tilgen. Das in Kleinasien von Lucullus und der ihm +beigegebenen Kommission, auf Kreta von Metellus begonnene Organisationsgeschäft +erhielt den endlichen Abschluß durch Pompeius. Die bisherige Provinz Asia, die +Mysien, Lydien, Phrygien und Karien umfaßte, ward aus einer Grenz- eine +Mittelprovinz; neu eingerichtet wurden die Provinz Bithynien und Pontus, welche +gebildet ward aus dem gesamten ehemaligen Reiche des Nikomedes und der +westlichen Hälfte des ehemaligen pontischen Staates bis an und über den Halys; +die Provinz Kilikien, die zwar schon älter war, aber doch erst jetzt ihrem +Namen entsprechend erweitert und organisiert ward und auch Pamphylien und +Isaurien miteinschloß; die Provinz Syrien und die Provinz Kreta. Freilich +fehlte viel, daß jene Ländermasse als römischer Territorialbesitz in dem +heutigen Sinne des Wortes hätte betrachtet werden können. Form und Ordnung des +Regiments blieben im wesentlichen, wie sie waren; nur trat an den Platz der +bisherigen Monarchen die römische Gemeinde. Wie bisher bestanden jene +asiatischen Landschaften aus einer bunten Mischung von Domanialbesitzungen, +tatsächlich oder rechtlich autonomen Stadtgebieten, fürstlichen und +priesterlichen Herrschaften und Königreichen, welche alle für die innere +Verwaltung mehr oder minder sich selbst überlassen waren, übrigens aber bald in +milderen, bald in strengeren Formen von der römischen Regierung und deren +Prokonsuln in ähnlicher Weise abhingen, wie früher von dem Großkönig und dessen +Satrapen. Wenigstens dem Range nach nahm unter den abhängigen Dynasten den +ersten Platz ein der König von Kappadokien, dessen Gebiet schon Lucullus durch +die Belehnung mit der Landschaft Melitene (um Malatia) bis an den Euphrat +erweitert hatte und dem Pompeius noch teils an der Westgrenze einige von +Kilikien abgerissene Bezirke von Kastabala bis nach Derbe bei Ikonion, teils an +der Ostgrenze die am linken Euphratufer Melitene gegenüber gelegene, anfänglich +dem armenischen Prinzen Tigranes zugedachte Landschaft Sophene verlieh, wodurch +also die wichtigste Euphratpassage ganz in die Gewalt dieses Fürsten kam. Die +kleine Landschaft Kommagene zwischen Syrien und Kappadokien mit der Hauptstadt +Samosata (Samsat) blieb als abhängiges Königtum dem schon genannten Seleukiden +Antiochos ^6: demselben wurden auch die wichtige, den südlicheren Übergang über +den. Euphrat beherrschende Festung Seleukeia (bei Biradjik) und die nächsten +Striche am linken Ufer des Euphrat zugeteilt und somit dafür gesorgt, daß die +beiden Hauptübergänge über den Euphrat mit einem entsprechenden Gebiet am +östlichen Ufer in den Händen zweier von Rom völlig abhängigen Dynasten blieben. +Neben den Königen von Kappadokien und Kommagene und an wirklicher Macht ihnen +bei weitem überlegen herrschte in Kleinasien der neue König Deiotarus. Einer +der Vierfürsten des um Pessinus ansässigen Keltenstammes der Tolistoboger und +von Lucullus und Pompeius mit den anderen kleinen römischen Klienten zur +Heerfolge aufgeboten, hatte Deiotarus in diesen Feldzügen, im Gegensatz zu all +den schlaffen Orientalen, seine Zuverlässigkeit und seine Tatkraft so glänzend +bewährt, daß die römischen Feldherren zu seinem galatischen Erbe und seinen +Besitzungen in der reichen Landschaft zwischen Amisos und der Halysmündung ihm +noch die östliche Hälfte des ehemals Pontischen Reiches mit den Seestädten +Pharnakia und Trapezus und das pontische Armenien bis zur kolchischen und +großarmenischen Grenze als Königreich Klein-Armenien verliehen. Bald nachher +vermehrte er sein schon ansehnliches Gebiet noch durch die Landschaft der +keltischen Trokmer, deren Vierfürsten er verdrängte. So ward der geringe +Lehnsmann einer der mächtigsten Dynasten Kleinasiens, dem die Hut eines +wichtigen Teils der Reichsgrenze anvertraut werden konnte. Vasallen geringerer +Bedeutung waren die übrigen zahlreichen galatischen Vierfürsten, von denen +einer, der Trokmerfürst Bogodiatarus, wegen seiner im Mithradatischen Kriege +bewährten Tüchtigkeit von Pompeius mit der ehemals pontischen Grenzstadt +Mithradation beschenkt ward; der Fürst von Paphlagonien, Attalos, der sein +Geschlecht auf das alte Herrscherhaus der Pylämeniden zurückführte; Aristarchos +und andere kleine Herren im kolchischen Gebiet; Tarkondimotos, der im östlichen +Kilikien in den Bergtälern des Amanos gebot; Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn, +der fortfuhr, in Chalkis am Libanos zu herrschen; der Nabatäerkönig Aretas als +Herr von Damaskos; endlich die arabischen Emirs in den Landschaften dies- und +jenseits des Euphrat, Abgaros in Osrhoene, den die Römer, um ihn als +vorgeschobenen Posten gegen die Parther zu benutzen, auf alle Weise in ihr +Interesse zu ziehen sich bemühten, Sampsikeramos in Hemesa, Alchaudonios der +Rhambäer, ein anderer Emir in Bostra. Dazu kamen ferner die geistlichen Herren, +die im Osten häufig gleich den weltlichen Dynasten über Land und Leute geboten, +und an deren in dieser Heimat des Fanatismus fest gegründeter Autorität zu +rütteln oder auch nur die Tempel ihrer Schätze zu berauben die Römer klüglich +sich enthielten: der Hochpriester der Göttin Mutter in Pessinus; die beiden +Hochpriester der Göttin Ma in dem kappadokischen Komana (am oberen Saros) und +in der gleichnamigen pontischen Stadt (Gümenek bei Tokat), welche beide Herren +in ihren Landschaften nur dem König an Macht nachstanden und deren jeder noch +in viel späterer Zeit ausgedehnte Liegenschaften mit eigener Gerichtsbarkeit +und an sechstausend Tempelsklaven besaß - mit dem pontischen Hochpriesteramt +ward Archelaos, der Sohn des gleichnamigen, von Mithradates zu den Römern +übergegangenen Feldherrn, von Pompeius belehnt -; der Hochpriester des +Venasischen Zeus in dem kappadokischen Amt Morimene, dessen Einkünfte sich auf +jährlich 23300 Taler (15 Talente) beliefen; der “Erzpriester und +Herr” desjenigen Gebiets im Rauhen Kilikien, wo Teukros, des Aias Sohn, +dem Zeus einen Tempel gegründet hatte, welche seine Nachkommen kraft Erbrechts +vorstanden; der “Erzpriester und Herr des Volkes” der Juden, dem +Pompeius, nachdem er die Mauern der Hauptstadt und die königlichen Schatz- und +Zwingburgen im Lande geschleift hatte, unter ernstlicher Verwarnung, Friede zu +halten und nicht weiter auf Eroberungen auszugehen, die Vorstandschaft seiner +Nation zurückgab. Neben diesen weltlichen und geistlichen Potentaten standen +die Stadtgemeinden. Zum Teil waren dieselben zu größeren Verbänden +zusammengeordnet, welche einer verhältnismäßigen Selbständigkeit sich +erfreuten, wie namentlich der wohlgeordnete und zum Beispiel der Teilnahme an +der wüsten Piratenwirtschaft stets ferngebliebene Bund der dreiundzwanzig +lykischen Städte; wogegen die zahlreichen vereinzelt stehenden Gemeinden, +selbst wenn sie die Selbstregierung verbrieft erhalten hatten, tatsächlich von +den römischen Statthaltern durchaus abhängig waren. Die Römer verkannten es +nicht, daß mit der Aufgabe, den Hellenismus zu vertreten und im Osten +Alexanders Marken zu schirmen und zu erweitern, vor allem die Hebung des +städtischen Wesens ihnen zur Pflicht geworden war; denn wenn die Städte überall +die Träger der Gesittung sind, so faßte vor allem der Antagonismus der +Orientalen und Okzidentalen in seiner ganzen Schärfe sich zusammen in dem +Gegensatz der orientalischen, militärisch-despotischen Lebenshierarchie und des +hellenisch-italischen gewerb- und handeltreibenden städtischen Gemeinwesens. +Lucullus und Pompeius, sowenig sie auch sonst auf die Nivellierung der Zustände +im Osten ausgingen, und sosehr auch der letztere in Detailfragen die +Anordnungen seines Vorgängers zu meistern und zu ändern geneigt war, trafen +doch vollständig zusammen in dem Grundsatz, das städtische Wesen in Kleinasien +und Syrien bach Kräften zu fördern. Kyzikos, an dessen kräftiger Gegenwehr die +erste Heftigkeit des letzten Krieges sich gebrochen hatte, empfing von Lucullus +eine beträchtliche Erweiterung seines Gebietes. Das pontische Herakleia, wie +energisch es auch den Römern widerstanden hatte, erhielt dennoch sein Gebiet +und seine Häfen zurück, und Cottas barbarisches Wüten gegen die unglückliche +Stadt erfuhr im Senat den schärfsten Tadel. Lucullus hatte es tief und +aufrichtig beklagt, daß das Schicksal ihm das Glück versagt hatte, Sinope und +Amisos von der Verheerung durch die pontische und die eigene Soldateska zu +erretten; er tat wenigstens, was er vermochte, um sie wiederherzustellen, +erweiterte ansehnlich ihre Gebiete, bevölkerte sie aufs neue teils mit den +alten Bewohnern, die auf seine Einladung scharenweise in die geliebte Heimat +zurückkehrten, teils mit neuen Ansiedlern hellenischer Abstammung und sorgte +für den Wiederaufbau der zerstörten Gebäude. In gleichem Sinn und in noch +größerem Maßstab verfuhr Pompeius. Schon nach der Überwindung der Piraten hatte +er die Gefangenen, deren Zahl 20000 überstieg, statt nach dem Beispiel seiner +Vorgänger sie zu kreuzigen, angesiedelt teils in den verödeten Städten des +Ebenen Kilikien, wie in Mallos, Adana, Epiphaneia, und besonders in Soloi, das +seitdem den Namen der Pompeiusstadt (Pompeiopolis) führte, teils in Dyme in +Achaia, ja sogar in Tarent. Die Piratenkolonisierung fand vielfachen Tadel ^7, +da sie gewissermaßen auf das Verbrechen eine Belohnung zu setzen schien; in der +Tat war sie politisch und sittlich wohl gerechtfertigt, denn wie die Dinge +damals standen, war die Piraterie etwas anderes als Räuberei und die Gefangenen +billig, nach Kriegsrecht zu behandeln. Vor allen Dingen aber ließ Pompeius es +sich angelegen sein, in den neuen römischen Provinzen das städtische Wesen +emporzubringen. Wie städtearm das Pontische Reich war, ward schon bemerkt; die +meisten Distrikte Kappadokiens hatten noch ein Jahrhundert später keine Städte, +sondern nur Bergfestungen als Zufluchtsort für die ackerbauende Bevölkerung im +Kriege: im ganzen östlichen Kleinasien wird es, abgesehen von den sparsam +gesäten griechischen Kolonien an den Küsten, zu dieser Zeit nicht anders +gewesen sein. Die Zahl der von Pompeius in diesen Landschaften neu gegründeten +Städte wird einschließlich der kilikischen Ansiedlungen auf neununddreißig +angegeben, von denen mehrere zu hoher Blüte gelangten. Die namhaftesten dieser +Ortschaften in dem ehemaligen Pontischen Reiche sind Nikopolis, die +“Siegesstadt”, gegründet an dem Orte, wo Mithradates die letzte +einschneidende Niederlage erlitt - das schönste Siegesdenkmal des +trophäenreichen Feldherrn; Megalopolis, nach Pompeius’ Beinamen genannt, +an der Grenze von Kappadokien und Klein-Armenien, das spätere Sebasteia (jetzt +Siwas); Ziela, wo die Römer die unglückliche Schlacht lieferten, eine um den +dasigen Tempel der Anaitis entstandene und bisher dem Hochpriester derselben +eigene Ortschaft, der Pompeius städtische Form und städtisches Recht gab; +Diopolis, früher Kabeira, später Neo-Caesarea (Niksar), gleichfalls eine der +Walstätten des letzten Krieges; Magnopolis oder Pompeiopolis, das +wiederhergestellte Eupatoria am Zusammenfluß des Lykos und des Iris, +ursprünglich von Mithradates erbaut, aber wegen des Abfalls der Stadt zu den +Römern wieder von ihm zerstört; Neapolis, sonst Phazemon, zwischen Amaseia und +dem Halys. Die meisten dieser Stadtgründungen wurden nicht durch Kolonisten aus +der Ferne bewirkt, sondern durch Niederlegung der Dörfer und Zusammenziehung +ihrer Bewohnerin den neuen Mauerring; nur in Nikopolis siedelte Pompeius die +Invaliden und Bejahrten seiner Armee an, die es vorzogen, statt später in +Italien, hier sofort eine Heimat sich zu gründen. Aber auch an anderen Orten +entstanden auf den Wink des Machthabers neue Brennpunkte der hellenischen +Zivilisation. In Paphlagonien bezeichnete ein drittes Pompeiupolis die Stätte, +wo Mithradates’ Armee im Jahre 666 (88) den großen Sieg über die Bithyner +erfocht. In Kappadokien, das vielleicht mehr als irgendeine andere Provinz +durch den Krieg gelitten hatte, wurden die Residenz Mazaka (später Caesarea, +jetzt Kayseri) und sieben andere Ortschaften von Pompeius wiederhergestellt und +städtisch eingerichtet. In Kilikien und Koilesyrien zählte man zwanzig von +Pompeius angelegte Städte. In den von den Juden geräumten Distrikten erhob sich +Gadara in der Dekapolis auf Pompeius’ Befehl aus seinen Trümmern und ward +die Stadt Seleukis gegründet. Bei weitem der größte Teil des auf dem +asiatischen Kontinent zur Verfügung stehenden Domaniallandes muß von Pompeius +für seine neuen Ansiedlungen verwandt worden sein, wogegen auf Kreta, um das +Pompeius sich wenig oder gar nicht kümmerte, der römische Domanialbesitz +ziemlich ausgedehnt geblieben zu sein scheint. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^6 Der Krieg, den dieser Antiochos mit Pompeius geführt haben soll (App. Mithr. +106, 117), stimmt sehr wenig zu dem Vertrag, den derselbe mit Lucullus abschloß +(Dio 36, 4) und seinem ungestörten Verbleiben in der Herrschaft; vermutlich ist +auch er bloß daraus herausgesponnen, daß Antiochos von Kommagene unter den von +Pompeius unterworfenen Königen figurierte. +</p> + +<p> +^7 Hierauf zielt vermutlich Ciceros Vorwurf (off. 3, 12, 49): piratas immunes +habemus, socios vectigales; insofern nämlich jene Piratenkolonien +wahrscheinlich von Pompeius zugleich mit der Immunität beschenkt wurden, +während bekanntlich die von Rom abhängigen Provinzialgemeinden durchschnittlich +steuerpflichtig waren. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Nicht minder wie auf Gründung neuer Ortschaften war Pompeius darauf bedacht, +die bestehenden Gemeinden zu ordnen und zu heben. Die eingerissenen Mißbräuche +und Usurpationen wurden nach Vermögen abgestellt; ausführliche und für die +verschiedenen Provinzen mit Sorgfalt entworfene Gemeindeordnungen regelten im +einzelnen das Munizipalwesen. Eine Reihe der ansehnlichsten Städte ward mit +neuen Privilegien beschenkt. Die Autonomie erhielten Antiocheia am Orontes, die +bedeutendste Stadt des römischen Asien und nur wenig zurückstehend hinter dem +ägyptischen Alexandreia und hinter dem Bagdad des Altertums, der Stadt +Seleukeia im Parthischen Reiche, ferner die Nachbarstadt von Antiocheia, das +persische Seleukeia, das damit für seine mutige Gegenwehr gegen Tigranes den +Lohn empfing; Gaza und überhaupt alle von der jüdischen Herrschaft befreite +Städte; in Vorderasien Mytilene; Phanagoria am Schwarzen Meer. +</p> + +<p> +So war der Bau des asiatischen Römerstaates vollendet, der mit seinen +Lehnkönigen und Vasallen, den gefürsteten Priestern und der Reihe ganz- und +halbfreier Städte lebhaft erinnert an das Heilige Römische Reich Deutscher +Nation. Er war kein Wunderwerk, weder hinsichtlich der überwundenen +Schwierigkeiten, noch hinsichtlich der erreichten Vollendung, und ward es auch +nicht durch all die großen Worte, mit denen in Rom die vornehme Welt zu Gunsten +des Lucullus, die lautere Menge zum Preise des Pompeius freigebig waren. +Pompeius namentlich ließ sich feiern und feierte sich selbst in einer Weise, +daß man ihn fast für noch schwachköpfiger hätte halten mögen, als er in der Tat +war. Wenn die Mytilenäer ihm eine Bildsäule errichteten als ihrem Erretter und +Gründer, als demjenigen, der die den Erdkreis erfüllenden Kriege sowohl zu +Lande wie zur See beendigt, so mochte eine solche Huldigung für den Bezwinger +der Piraten und der Reiche des Ostens nicht allzu überschwenglich scheinen. +Aber die Römer übertrafen diesmal die Griechen. Pompeius’ eigene +Triumphalinschriften rechneten 12 Millionen unterworfener Seelen und 1538 +eroberte Städte und Burgen heraus - es schien, als solle die Quantität die +Qualität ersetzen - und erstreckten den Kreis seiner Siege vom Mäotischen zum +Kaspischen, von diesem zum Roten Meer, von welchen drei Meeren er keines je mit +Augen gesehen hat; ja wenn er es auch nicht geradezu sagte, so veranlaßte er +doch das Publikum zu meinen, daß die Einziehung Syriens, die wahrlich keine +Heldentat war, den ganzen Osten bis nach Baktrien und Indien zum Römischen +Reiche gebracht habe - in so nebelhafte Ferne verschwamm in seinen Angaben die +Grenzlinie seiner östlichen Eroberungen. Die demokratische Servilität, die zu +allen Zeiten mit der höfischen gewetteifert hat, ging bereitwillig auf +dergleichen geschmacklosen Schwindel ein. Ihr genügte nicht der pomphafte +Triumphalzug, der am 28. und 29. September 593 (61), dem sechsundvierzigsten +Geburtstag Pompeius des Großen, durch die Gassen Roms sich bewegte, +verherrlicht, um von den Kleinodien aller Art zu schweigen, durch die +Kroninsignien Mithradats und durch die Kinder der drei mächtigsten Könige +Asiens, des Mithradates, Tigranes und Phraates: sie lohnte ihrem Feldherrn, der +zweiundzwanzig Könige besiegt, dafür mit königlichen Ehren und verlieh ihm den +goldenen Kranz und die Insignien der Magistratur auf Lebenszeit. Die ihm zu +Ehren geschlagenen Münzen zeigen gar die Weltkugel zwischen dem dreifachen, aus +den drei Weltteilen heimgebrachten Lorbeer und über ihr schwebend jenen dem +Triumphator über Afrika, Spanien und Asien von der Bürgerschaft verehrten +Goldkranz. Es kann solchen kindischen Huldigungen gegenüber nicht wundernehmen, +daß auch im entgegengesetzten Sinne Stimmen laut wurden. Unter der römischen +vornehmen Welt war es eine geläufige Rede, daß das eigentliche Verdienst der +Unterwerfung des Ostens Lucullus zukomme und Pompeius nur nach dem Osten +gegangen sei, um Lucullus zu verdrängen und die von fremder Hand gebrochenen +Lorbeeren um die eigene Stirn zu flechten. Beides war vollständig falsch; nicht +Pompeius, sondern Glabrio ward nach Asien gesandt, um Lucullus abzulösen, und +wie wacker auch Lucullus gefochten, es war Tatsache, daß, als Pompeius den +Oberbefehl übernahm, die Römer all ihre früheren Erfolge wieder eingebüßt und +keinen Fußbreit pontischen Bodens innehatten. Mehr zum Ziele traf der Spott der +Hauptstädter, die nicht ermangelten, dem mächtigen Besieger des Erdballs die +Namen der von ihm überwundenen Großmächte als Spitznamen beizulegen und ihn +bald als “Sieger von Salem” bald als “Emir” +(Arabarches), bald als den römischen Sampsikeramos begrüßten. Der unbefangene +Urteiler wird indes weder in jene Überschwenglichkeiten noch in diese +Verkleinerungen einstimmen. Lucullus und Pompeius haben, indem sie Asien +unterwarfen und ordneten, sich nicht als Helden und Staatsschöpfer bewährt, +aber wohl als einsichtige und kräftige Heerführer und Statthalter. Als Feldherr +bewies Lucullus nicht gemeine Talente und ein an Verwegenheit grenzendes +Selbstvertrauen, Pompeius militärische Einsicht und eine seltene Zurückhaltung, +wie denn kaum je ein General mit solchen Streitkräften und einer so vollkommen +freien Stellung so vorsichtig aufgetreten ist wie Pompeius im Osten. Die +glänzendsten Aufgaben trugen von allen Seiten sich ihm gleichsam selber an: er +konnte nach dem Kimmerischen Bosporus und gegen das Rote Meer hin aufbrechen; +er hatte Gelegenheit, den Parthern den Krieg zu erklären; die aufständischen +Landschaften Ägyptens luden ihn ein, den von Rom nicht anerkannten König +Ptolemaeos vom Thron zu stoßen und das Testament Alexanders in Vollzug zu +setzen; aber Pompeius ist weder nach Pantikapäon noch nach Petra, weder nach +Ktesiphon noch nach Alexandreia gezogen; durchaus pflückte er nur diejenigen +Früchte, die ihm von selber in die Hand fielen. Ebenso schlug er alle seine +Schlachten zur See wie zu Lande mit einer erdrückenden Übermacht. Wäre diese +Mäßigung hervorgegangen aus dem strengen Einhalten der erteilten Instruktionen, +wie Pompeius vorzugehen pflegte, oder auch aus der Einsicht, daß Roms +Eroberungen irgendwo eine Grenze finden müßten und neuer Gebietszuwachs dem +Staat nicht förderlich sei, so würde sie ein höheres Lob verdienen, als die +Geschichte es dem talentvollsten Offizier erteilt; allein wie Pompeius war, ist +seine Zurückhaltung ohne Zweifel einzig das Resultat des ihm eigentümlichen +Mangels an Sicherheit und an Initiative - Mängel freilich, die dem Staate in +diesem Falle weit nützlicher wurden als die entgegengesetzten Vorzüge seines +Vorgängers. Allerdings sind auch von Lucullus wie von Pompeius sehr arge Fehler +begangen worden. Lucullus erntete deren Früchte selbst, indem sein unbesonnenes +Verfahren ihm alle Resultate seiner Siege wieder entriß; Pompeius überließ es +seinen Nachfolgern, die Folgen seiner falschen Politik gegen die Parther zu +tragen. Er konnte diese entweder bekriegen, wenn er dessen sich getraute, oder +mit ihnen Frieden halten und, wie er versprochen, den Euphrat als Grenze +anerkennen; zu jenem war er zu zaghaft, zu diesem zu eitel, und so kam er denn +zu der einfältigen Perfidie, die gute Nachbarschaft, die der Hof von Ktesiphon +wünschte und seinerseits übte, durch die maßlosesten Übergriffe unmöglich zu +machen, dennoch aber dem Feinde zu gestatten, sich die Zeit des Bruches und der +Vergeltung selber wählen zu dürfen. Als Verwalter Asiens erwarb Lucullus ein +mehr als fürstliches Vermögen, und auch Pompeius empfing als Lohn für seine +Organisation von dem König von Kappadokien, von der reichen Stadt Antiocheia +und anderen Herren und Gemeinden große Barsummen und noch ansehnlichere +Schuldverschreibungen. Indes dergleichen Erpressungen waren fast eine +gewohnheitsmäßige Steuer geworden, und beide Feldherren bewiesen doch nicht +gerade in wichtigeren Fragen sich käuflich, ließen auch womöglich sich von der +Partei bezahlen, deren Interessen mit denen Roms zusammenfielen. Wie die Zeiten +einmal waren, hindert dies nicht, die Verwaltung beider Männer als eine relativ +löbliche und zunächst im Interesse Roms, demnächst in dem der Provinzialen +geführte zu bezeichnen. Die Verwandlung der Klienten in Untertanen, die bessere +Regulierung der Ostgrenze, die Begründung eines einheitlichen und starken +Regiments waren segensreich für die Herrscher wie für die Beherrschten. Der +finanzielle Gewinn, den Rom machte, war unermeßlich; die neue Vermögenssteuer, +die mit Ausnahme einzelner, besonders befreiter Gemeinden all jene Fürsten, +Priester und Städte nach Rom zu zahlen hatten, steigerte die römischen +Staatseinnahmen fast um die Hälfte ihres bisherigen Betrags. Freilich litt +Asien schwer. Pompeius legte an Geld und Kleinodien einen Betrag von 15 Mill. +Talern (200 Mill. Sesterzen) in die Staatskasse nieder und verteilte 29 +Millionen (16000 Talente) unter seine Offiziere und Soldaten; wenn man hierzu +die bedeutenden von Lucullus heimgebrachten Summen, die nichtoffiziellen +Erpressungen der römischen Armee und den Betrag der Kriegsschäden selbst +rechnet, so ist die finanzielle Erschöpfung des Landes begreiflich. Die +römische Besteuerung Asiens war vielleicht an sich nicht schlimmer als die der +früheren Regenten, aber lastete doch insofern schwerer auf dem Lande, als die +Abgaben fortan in das Ausland gingen und nur zum kleineren Teil wieder in Asien +verwandt wurden; und auf jeden Fall war sie in den alten wie in den +neugewonnenen Provinzen basiert auf die systematische Ausbeutung der +Landschaften zu Gunsten Roms. Aber die Verantwortung hierfür trifft weit +weniger die Feldherren persönlich als die Parteien daheim, auf die jene +Rücksicht zu nehmen hatten; Lucullus war sogar energisch bemüht, dem +wucherischen Treiben der römischen Kapitalisten in Asien Schranken zu setzen, +und sein Sturz ward wesentlich mit hierdurch herbeigeführt. Wie sehr es beiden +Männern Ernst damit war, die heruntergekommenen Landschaften wieder in die Höhe +zu bringen, beweist ihre Tätigkeit da, wo keine Rücksichten der Parteipolitik +ihnen die Hände banden, namentlich ihre Fürsorge für die kleinasiatischen +Städte. Wenn auch noch Jahrhunderte später manches in Ruinen liegende +asiatische Dorf an die Zeiten des großen Krieges erinnerte, so mochte doch +Sinope wohl mit dem Jahr der Wiederherstellung durch Lucullus eine neue Ära +beginnen und fast alle ansehnlicheren Binnenstädte des Pontischen Reiches +Pompeius als ihren Stifter dankbar verehren. Die Einrichtung des römischen +Asien durch Lucullus und Pompeius darf bei all ihren unleugbaren Mängeln eine +im ganzen verständige und löbliche genannt werden; wie schwere Übelstände aber +auch ihr anhaften mochten, den vielgeplagten Asiaten mußte sie schon darum +willkommen sein, weil sie zugleich kam mit dem so lange und so schmerzlich +entbehrten inneren und äußeren Frieden. +</p> + +<p> +Es blieb auch im wesentlichen Friede im Orient, bis der von Pompeius mit der +ihm eigenen Zaghaftigkeit nur angedeutete Gedanke, die Landschaften östlich vom +Euphrat zum Römischen Reiche zu fügen, von der neuen Triarchie der römischen +Machthaber energisch, aber unglücklich wiederaufgenommen ward und bald darauf +der Bürgerkrieg wie alle anderen so auch die östlichen Provinzen in seinen +verhängnisvollen Strudel hineinzog. Daß in der Zwischenzeit die Statthalter +Kilikiens beständig mit den Bergvölkern des Amanos, die von Syrien mit den +Schwärmen der Wüste zu fechten hatten und namentlich in diesem Kriege gegen die +Beduinen manche römische Truppe aufgerieben ward, ist ohne weitere Bedeutung. +Bemerkenswerter ist der eigensinnige Widerstand, den die zähe jüdische Nation +den Eroberern entgegensetzte. Teils des abgesetzten Königs Aristobulos Sohn +Alexandros, teils Aristobulos selbst, dem es nach einiger Zeit gelang, aus der +Gefangenschaft zu entkommen, erregten während der Statthalterschaft des Aulus +Gabinius (697-700 57-54) drei verschiedene Aufstände gegen die neuen +Machthaber, deren jedem die von Rom eingesetzte Regierung des Hochpriesters +Hyrkanos ohnmächtig erlag. Es war nicht politische Überlegung, sondern der +unbesiegbare Widerwille des Orientalen gegen das unnatürliche Joch, der sie +zwang, gegen den Stachel zu löcken; wie denn auch der letzte und gefährlichste +dieser Aufstände, zu welchem die durch die ägyptischen Krisen veranlaßte +Wegziehung der syrischen Okkupationsarmee den nächsten Anstoß gab, begann mit +der Ermordung der in Palästina ansässigen Römer. Nicht ohne Mühe gelang es dem +tüchtigen Statthalter, die wenigen Römer, die diesem Schicksal sich entzogen +und eine vorläufige Zuflucht auf dem Berge Garizim gefunden hatten, von den +dort sie blockiert haltenden Insurgenten zu erretten und nach mehreren hart +bestrittenen Feldschlachten und langwierigen Belagerungen den Aufstand zu +bewältigen. Infolgedessen ward die Hohenpriestermonarchie abgeschafft und das +jüdische Land, wie einst Makedonien, in fünf selbständige, von optimatisch +geordneten Regierungskollegien verwaltete Kreise aufgelöst, auch Samaria und +andere, von den Juden geschleifte Ortschaften wiederhergestellt, um ein +Gegengewicht gegen Jerusalem zu bilden, endlich den Juden ein schwererer Tribut +auferlegt als den übrigen syrischen Untertanen Roms. +</p> + +<p> +Noch ist es übrig, auf das Königreich Ägypten nebst dem letzten ihm von den +ausgedehnten Eroberungen der Lagiden übriggebliebenen Nebenland, der schönen +Insel Kypros, einen Blick zu werfen. Ägypten war jetzt der einzige wenigstens +dem Namen nach noch unabhängige Staat des hellenischen Ostens; ebenwie einst, +als die Perser an der östlichen Hälfte des Mittelmeers sich festsetzten, +Ägypten ihre letzte Eroberung war, säumten auch die mächtigen Eroberer aus dem +Westen am längsten mit der Einziehung dieser reichen und eigenartigen +Landschaft. Die Ursache lag, wie bereits angedeutet wurde, weder in der Furcht +vor dem Widerstand Ägyptens noch in dem Mangel einer geeigneten Veranlassung. +Ägypten war ungefähr ebenso machtlos wie Syrien und bereits im Jahre 673 (81) +in aller Form Rechtens der römischen Gemeinde angestorben; das am Hofe von +Alexandreia herrschende Regiment der königlichen Garde, welche Minister und +gelegentlich Könige ein- und absetzte, für sich nahm, was ihr gefiel, und, wenn +ihr die Erhöhung des Soldes verweigert ward, den König in seinem Palast +belagerte, war im Lande oder vielmehr in der Hauptstadt - denn das Land mit +seiner Ackersklavenbevölkerung kam überhaupt kaum in Betracht - ganz und gar +nicht beliebt, und wenigstens eine Partei daselbst wünschte die Einziehung +Ägyptens durch Rom und tat sogar Schritte, um sie herbeizuführen. Allein je +weniger die Könige Ägyptens daran denken konnten, mit den Waffen gegen Rom zu +streiten, desto energischer setzte das ägyptische Gold gegen die römischen +Reunionspläne sich zur Wehre; und infolge der eigentümlichen +despotisch-kommunistischen Zentralisation der ägyptischen Volkswirtschaft waren +die Einkünfte des Hofes von Alexandreia der römischen Staatseinnahme, selbst +nach deren Vermehrung durch Pompeius, noch ungefähr gleich. Die argwöhnische +Eifersucht der Oligarchie, die weder die Eroberung noch die Verwaltung Ägyptens +gern einem einzelnen gönnte, kam hinzu. So vermochten die faktischen Herren von +Ägypten und Kypros durch Bestechung der führenden Männer im Senat sich ihre +schwankenden Kronen nicht bloß zu fristen, sondern sogar neu zu befestigen und +vom Senat die Bestätigung ihrer Königstitel zu erkaufen. Allein damit waren sie +noch nicht am Ziel. Das formelle Staatsrecht forderte einen Beschluß der +römischen Bürgerschaft; bevor dieser erlassen war, waren die Ptolemäer abhängig +von der Laune jedes demokratischen Machthabers, und sie hatten also den +Bestechungskrieg auch gegen die andere römische Partei zu eröffnen, welche als +die mächtigere weit höhere Preise bedang. Der Ausgang war ungleich. Die +Einziehung von Kypros ward im Jahre 696 (58) vom Volke, das heißt von den +Führern der Demokratie verfügt, wobei als offizieller Grund, weshalb dieselbe +jetzt vorgenommen werde, die Förderung der Piraterie durch die Kyprioten +angegeben ward. Marcus Cato, von seinen Gegnern mit der Ausführung dieser +Maßregel beauftragt, kam nach der Insel ohne Heer; allein es bedurfte dessen +auch nicht. Der König nahm Gift; die Einwohner fügten sich, ohne Widerstand zu +leisten, dem unvermeidlichen Verhängnis und wurden dem Statthalter von Kilikien +untergeordnet. Der überreiche Schatz von fast 7000 Talenten (fast 13 Mill. +Taler), den der ebenso habsüchtige wie geizige König sich nicht hatte +überwinden können, für die zur Rettung seiner Krone erforderlichen Bestechungen +anzugreifen, fiel mit dieser zugleich an die Römer und füllte in erwünschter +Weise die leeren Gewölbe ihres Ärars. +</p> + +<p> +Dagegen gelang es dem Bruder, der in Ägypten regierte, die Anerkennung durch +Volksschluß von den neuen Herren Roms im Jahre 695 (59) zu erkaufen; der +Kaufpreis soll 6000 Talente (11 Mill. Taler) betragen haben. Die Bürgerschaft +freilich, längst gegen den guten Flötenbläser und schlechten Regenten erbittert +und nun durch den definitiven Verlust von Kypros und den infolge der +Transaktionen mit den Römern unerträglich gesteigerten Steuerdruck aufs +äußerste gebracht (696 58), jagte ihn dafür aus dem Lande. Als der König +darauf, gleichsam wie wegen Entwährung des Kaufobjekts, sich an seine Verkäufer +wandte, waren diese billig genug einzusehen, daß es ihnen als redlichen +Geschäftsmännern obliege, dem Ptolemaeos sein Reich wiederzuverschaffen; nur +konnten die Parteien sich nicht einig werden, wem der wichtige Auftrag, Ägypten +mit bewaffneter Hand zu besetzen, nebst den davon zu erhoffenden Sporteln +zukommen solle. Erst als die Triarchie auf der Konferenz von Luca sich neu +befestigte, wurde zugleich auch diese Angelegenheit geordnet, nachdem +Ptolemaeos noch sich zur Erlegung weiterer 10000 Talente (18 Mill. Taler) +verstanden hatte: der Statthalter Syriens, Aulus Gabinius, erhielt jetzt von +den Machthabern Befehl, sofort zur Zurückführung des Königs die nötigen +Schritte zu tun. Die Bürgerschaft von Alexandreia hatte inzwischen des +vertriebenen Königs ältester Tochter Berenike die Krone aufgesetzt und ihr in +der Person eines der geistlichen Fürsten des römischen Asien, des Hochpriesters +von Komana Archelaos, einen Gemahl gegeben, der Ehrgeiz genug besaß, um an die +Hoffnung, den Thron der Lagiden zu besteigen, seine gesicherte und ansehnliche +Stellung zu setzen. Seine Versuche, die römischen Machthaber für sich zu +gewinnen, blieben ohne Erfolg; aber er schrak auch nicht zurück vor dem +Gedanken, sein neues Reich mit den Waffen in der Hand selbst gegen die Römer +behaupten zu müssen. Gabinius, ohne ostensible Vollmacht, den Krieg gegen +Ägypten zu beginnen, aber von den Machthabern dazu angewiesen, nahm die +angebliche Förderung der Piraterie durch die Ägypter und den Flottenbau des +Archelaos zum Vorwand und brach ungesäumt auf gegen die ägyptische Grenze (699 +55). Der Marsch durch die Sandwüste zwischen Gaza und Pelusion, an der so +manche gegen Ägypten gerichtete Invasion gescheitert war, ward diesmal +glücklich zurückgelegt, was besonders .dem raschen und geschickten Führer der +Reiterei, Marcus Antonius, verdankt ward. Auch die Grenzfestung Pelusion wurde +von der dort stehenden jüdischen Besatzung ohne Gegenwehr übergeben. Vorwärts +dieser Stadt trafen die Römer auf die Ägypter, schlugen sie, wobei Antonius +wiederum sich auszeichnete, und gelangten, die erste römische Armee, an den +Nil. Hier hatten Flotte und Heer der Ägypter zum letzten entscheidenden Kampfe +sich aufgestellt; aber die Römer siegten abermals und Archelaos selbst fand mit +vielen der Seinigen kämpfend den Tod. Sofort nach dieser Schlacht ergab sich +die Hauptstadt und damit war jeder Widerstand am Ende. Das unglückliche Land +ward seinem rechtmäßigen Zwingherrn überliefert: das Henken und Köpfen, womit +ohne des ritterlichen Antonius’ Dazwischenkunft Ptolemaeos die +Wiederherstellung des legitimen Regiments bereits in Pelusion zu feiern +begonnen haben würde, ging nun ungehemmt seinen Gang, und vor allen anderen +ward die unschuldige Tochter von dem Vater auf das Schafott gesandt. Die +Bezahlung des mit den Machthabern vereinbarten Lohnes scheiterte an der +absoluten Unmöglichkeit, dem ausgesogenen Lande die verlangten ungeheuren +Summen abzupressen, obwohl man dem armen Volke den letzten Pfennig nahm; dafür +aber, daß das Land wenigstens ruhig blieb, sorgte die in der Hauptstadt +zurückgelassene Besatzung von römischer Infanterie und keltischer und deutscher +Reiterei, welche die einheimischen Prätorianer ablöste und übrigens nicht +unglücklich ihnen nacheiferte. Die bisherige Hegemonie Roms über Ägypten ward +damit in eine unmittelbare militärische Okkupation verwandelt und die nominelle +Fortdauer des einheimischen Königtums war nicht so sehr eine Bevorzugung des +Landes als eine zwiefache Belastung. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap05"></a>KAPITEL V.<br/> +Der Parteienkampf während Pompeius’ Abwesenheit</h2> + +<p> +Mit dem Gabinischen Gesetze wechselten die hauptstädtischen Parteien die +Rollen. Seit der erwählte Feldherr der Demokratie das Schwert in der Hand +hielt, war seine Partei oder was dafür galt auch in der Hauptstadt übermächtig. +Wohl stand die Nobilität noch geschlossen zusammen und gingen nach wie vor aus +der Komitialmaschine nur Konsuln hervor, die nach dem Ausdrucke der Demokraten +schon in den Windeln zum Konsulate designiert waren; die Wahlen zu beherrschen +und hier den Einfluß der alten Familien zu brechen, vermochten selbst die +Machthaber nicht. Aber leider fing das Konsulat, ebenda man es so weit gebracht +hatte, die “neuen Menschen” so gut wie vollständig davon +auszuschließen, selber an, vor dem neu aufgehenden Gestirn der; exzeptionellen +Militärgewalt zu erbleichen. Die Aristokratie empfand es, wenn sie auch nicht +gerade es sich gestand; sie gab sich selber verloren. Außer Quintus Catulus, +der mit achtbarer Festigkeit auf seinem wenig erfreulichen Posten als +Vorfechter einer überwundenen Partei bis zu seinem Tode (694 60) ausharrte, ist +aus den obersten Reihen der Nobilität kein Optimat zu nennen, der die +Interessen der Aristokratie mit Mut und Stetigkeit vertreten hätte. Eben ihre +talentvollsten und gefeiertsten Männer, wie Quintus Metellus Pius und Lucius +Lucullus, abdizierten tatsächlich und zogen sich, soweit es irgend +schicklicherweise anging, auf ihre Villen zurück, um über Gärten und +Bibliotheken, über Vogelhäusern und Fischteichen den Markt und das Rathaus +möglichst zu vergessen. Noch viel mehr gilt dies natürlich von der jüngeren +Generation der Aristokratie, die entweder ganz in Luxus und Literatur unterging +oder der aufgehenden Sonne sich zuwandte. Ein einziger unter den Jüngeren +machte hiervon eine Ausnahme: es ist Marcus Porcius Cato (geboren 659 95), ein +Mann vom besten Willen und seltener Hingebung, und doch eine der +abenteuerlichsten und eine der unerfreulichsten Erscheinungen in dieser an +politischen Zerrbildern überreichen Zeit. Ehrlich und stetig, ernsthaft im +Wollen und im Handeln, voll Anhänglichkeit an sein Vaterland und die +angestammte Verfassung, aber ein langsamer Kopf und sinnlich wie sittlich ohne +Leidenschaft, hätte er allenfalls einen leidlichen Staatsrechenmeister abgeben +mögen. Unglücklicherweise aber geriet er früh unter die Gewalt der Phrase, und, +teils beherrscht von den Redensarten der Stoa, wie sie in abstrakter Kahlheit +und geistloser Abgerissenheit in der damaligen vornehmen Welt im Umlauf waren, +teils von dem Exempel seines Urgroßvaters, den zu erneuern er für seine +besondere Aufgabe hielt, fing er an, als Musterbürger und Tugendspiegel in der +sündigen Hauptstadt umherzuwandeln, gleich dem alten Cato auf die Zeiten zu +schelten, zu Fuß zu gehen statt zu reiten, keine Zinsen zu nehmen, soldatische +Ehrenzeichen abzulehnen und die Wiederherstellung der guten alten Zeit damit +einzuleiten, daß er nach König Romulus’ Vorgang ohne Hemd ging. Eine +seltsame Karikatur seines Ahnen, des greisen Bauern, den Haß und Zorn zum +Redner machten, der den Pflug wie das Schwert meisterlich führte, der mit +seinem bornierten, aber originellen und gesunden Menschenverstand in der Regel +den Nagel auf den Kopf traf, war dieser junge kühle Gelehrte, dem die +Schulmeisterweisheit von den Lippen troff und den man immer mit dem Buche in +der Hand sitzen sah, dieser Philosoph, der weder das Kriegs- noch sonst +irgendein Handwerk verstand, dieser Wolkenwandler im Reiche der abstrakten +Moral. Dennoch gelangte er zu sittlicher und dadurch selbst zu politischer +Bedeutung. In einer durchaus elenden und feigen Zeit imponierten sein Mut und +seine negativen Tugenden der Menge; er machte sogar Schule, und es gab einzelne +- freilich waren sie danach -, die die lebendige Philosophenschablone weiter +kopierten und abermals karikierten. Auf derselben Ursache beruht auch sein +politischer Einfluß. Da er der einzige namhafte Konservative war, der wo nicht +Talent und Einsicht, doch Ehrlichkeit und Mut besaß und immer bereitstand, wo +es nötig und nicht nötig war, seine Person in die Schanze zu schlagen, so ward +er, obwohl weder sein Alter noch sein Rang noch sein Geist ihn dazu +berechtigten, dennoch bald der anerkannte Vormann der Optimatenpartei. Wo das +Ausharren eines einzelnen entschlossenen Mannes entscheiden konnte, hat er auch +wohl einen Erfolg erzielt und in Detailfragen, namentlich finanzieller Art, oft +zweckmäßig eingegriffen, wie er denn in keiner Senatssitzung fehlte und mit +seiner Quästur in der Tat Epoche machte, auch solange er lebte das öffentliche +Budget im einzelnen kontrollierte und natürlich denn auch darüber mit den +Steuerpächtern in beständigem Kriege lebte. übrigens fehlte ihm zum Staatsmann +nicht mehr als alles. Er war unfähig, einen politischen Zweck auch nur zu +begreifen und politische Verhältnisse zu überblicken; seine ganze Taktik +bestand darin, gegen jeden Front zu machen, der von dem traditionellen +moralisch-politischen Katechismus der Aristokratie abwich oder ihm abzuweichen +schien, womit er denn natürlich ebensooft dem Gegner wie dem Parteigenossen in +die Hände gearbeitet hat. Der Don Quichotte der Aristokratie, bewährte er durch +sein Wesen und sein Tun, daß damals allenfalls noch eine Aristokratie +vorhanden, die aristokratische Politik aber nichts mehr war als eine Chimäre. +</p> + +<p> +Mit dieser Aristokratie den Kampf fortzusetzen, brachte geringe Ehre. Natürlich +ruhten die Angriffe der Demokratie gegen den überwundenen Feind darum nicht. +Wie die Troßbuben über ein erobertes Lager, stürzte sich die populäre Meute auf +die gesprengte Nobilität, und wenigstens die Oberfläche der Politik ward von +dieser Agitation zu hohen Schaumwellen emporgetrieben. Die Menge ging um so +bereitwilliger mit, als namentlich Gaius Caesar sie bei guter Laune hielt durch +die verschwenderische Pracht seiner Spiele (689 65), bei welchen alles Gerät, +selbst die Käfige der wilden Bestien, aus massivem Silber erschien, und +überhaupt durch eine Freigebigkeit, welche darum nur um so mehr fürstlich war, +weil sie einzig auf Schuldenmachen beruhte. Die Angriffe auf die Nobilität +waren von der mannigfaltigsten Art. Reichen Stoff gewährten die Mißbräuche des +aristokratischen Regiments: liberale oder liberal schillernde Beamte und +Sachverwalter wie Gaius Cornelius, Aulus Gabinius, Marcus Cicero fuhren fort, +die ärgerlichsten und schändlichsten Seiten der Optimatenwirtschaft +systematisch zu enthüllen und Gesetze dagegen zu beantragen. Der Senat ward +angewiesen, den auswärtigen Boten an bestimmten Tagen Zutritt zu gewähren, um +dadurch der üblichen Verschleppung der Audienzen Einhalt zu tun. Die von +fremden Gesandten in Rom aufgenommenen Darlehen wurden klaglos gestellt, da +dies das einzige Mittel sei, den Bestechungen, die im Senat an der Tagesordnung +waren, ernstlich zu steuern (687 67). Das Recht des Senats, in einzelnen Fällen +von den Gesetzen zu dispensieren, wurde beschränkt (687 67); ebenso der +Mißbrauch, daß jeder vornehme Römer, der in den Provinzen Privatgeschäfte zu +besorgen hatte, sich dazu vom Senat den Charakter eines römischen Gesandten +erteilen ließ (691 63). Man schärfte die Strafen gegen Stimmenkauf und +Wahlumtriebe (687, 691 67, 63), welche letztere namentlich in ärgerlicher Weise +gesteigert wurden durch die Versuche der aus dem Senat gestoßenen Individuen, +durch Wiederwahl in denselben zurückzugelangen. Es wurde gesetzlich +ausgesprochen, was bis dahin sich nur von selbst verstanden hatte, daß die +Gerichtsherren verbunden seien in Gemäßheit der nach römischer Weise zu Anfang +des Amtes von ihnen aufgestellten Normen Recht zu sprechen (687 67). +</p> + +<p> +Vor allem aber arbeitete man daran, die demokratische Restauration zu +vervollkommnen und die leitenden Gedanken der gracchischen Zeit in zeitgemäßer +Form zu verwirklichen. Die Wahl der Priester durch die Komitien, wie sie Gnaeus +Domitius eingeführt, Sulla wieder abgeschafft hatte, ward durch ein Gesetz des +Volkstribuns Titus Labienus im Jahre 691 (63) hergestellt. Man wies gern darauf +hin, wieviel zur Wiederherstellung der Sempronischen Getreidegesetze in ihrem +vollen Umfang noch fehle, und überging dabei mit Stillschweigen, daß unter den +veränderten Umständen, bei der bedrängten Lage der öffentlichen Finanzen und +der so sehr vermehrten Zahl der vollberechtigten römischen Bürger, diese +Wiederherstellung schlechterdings unausführbar war. In der Landschaft zwischen +dem Po und den Alpen nährte man eifrig die Agitation um politische +Gleichberechtigung mit den Italikern. Schon 686 (68) reiste Gaius Caesar zu +diesem Zweck daselbst von Ort zu Ort; 689 (65) machte Marcus Crassus als Zensor +Anstalt, die Einwohner geradewegs in die Bürgerliste einzuschreiben, was nur an +dem Widerstand seines Kollegen scheiterte; bei den folgenden Zensuren scheint +dieser Versuch sich regelmäßig wiederholt zu haben. Wie einst Gracchus und +Flaccus die Patrone der Latiner gewesen waren, so warfen sich die gegenwärtigen +Führer der Demokratie zu Beschützern der Transpadaner auf, und Gaius Piso +(Konsul 687 67) hatte es schwer zu bereuen, daß er gewagt hatte, an einem +dieser Klienten des Caesar und Crassus sich zu vergreifen. Dagegen zeigten sich +dieselben Führer keineswegs geneigt, die politische Gleichberechtigung der +Freigelassenen zu befürworten; der Volkstribun Gaius Manilius, der in einer nur +von wenigen Leuten besuchten Versammlung das Sulpicische Gesetz über das +Stimmrecht der Freigelassenen hatte erneuern lassen (31. Dezember 687 67), ward +von den leitenden Männern der Demokratie alsbald desavouiert und mit ihrer +Zustimmung das Gesetz schon am Tage nach seiner Durchbringung vom Senate +kassiert. In demselben Sinn wurden im Jahre 689 (65) durch Volksbeschluß die +sämtlichen Fremden, die weder römisches noch latinisches Bürgerrecht besaßen, +aus der Hauptstadt ausgewiesen. Man sieht, der innere Widerspruch der +Gracchischen Politik, zugleich dem Bestreben der Ausgeschlossenen um Aufnahme +in den Kreis der Privilegierten und dem der Privilegierten um Aufrechterhaltung +ihrer Sonderrechte Rechnung zu tragen, war auch auf ihre Nachfolger +übergegangen: während Caesar und die Seinen einerseits den Transpadanern das +Bürgerrecht in Aussicht stellten, gaben sie andererseits ihre Zustimmung zu der +Fortdauer der Zurücksetzung der Freigelassenen und zu der barbarischen +Beseitigung der Konkurrenz, die die Industrie und das Handelsgeschick der +Hellenen und Orientalen in Italien selber den Italikern machte. +Charakteristisch ist die Art, wie die Demokratie hinsichtlich der alten +Kriminalgerichtsbarkeit der Komitien verfuhr. Sulla hatte dieselbe nicht +eigentlich aufgehoben, aber tatsächlich waren doch die Geschworenenkommissionen +über Hochverrat und Mord an ihre Stelle getreten, und an eine ernstliche +Wiederherstellung des alten, schon lange vor Sulla durchaus unpraktischen +Verfahrens konnte kein vernünftiger Mensch denken. Aber da doch die Idee der +Volkssouveränität eine Anerkennung der peinlichen Gerichtsbarkeit der +Bürgerschaft wenigstens im Prinzip zu fordern schien, so zog der Volkstribun +Titus Labienus im Jahre 691 (63) den alten Mann, der vor achtunddreißig Jahren +den Volkstribun Lucius Saturninus erschlagen hatte oder haben sollte, vor +dasselbe hochnotpeinliche Halsgericht, kraft dessen, wenn die Chronik recht +berichtete, der König Tullus den Schwestermörder Horatius verrechtfertigt +hatte. Der Angeklagte war ein gewisser Gaius Rabirius, der den Saturninus wenn +nicht getötet, doch wenigstens mit dem abgehauenen Kopf desselben an den Tafeln +der Vornehmen Parade gemacht hatte, und der überdies unter den apulischen +Gutsbesitzern wegen seiner Menschenfängerei und seiner Bluttaten verrufen war. +Es war, wenn nicht dem Ankläger selbst, doch den klügeren Männern, die hinter +ihm standen, durchaus nicht darum zu tun, diesen elenden Gesellen den Tod am +Kreuze sterben zu lassen; nicht ungern ließ man es geschehen, daß zunächst die +Form der Anklage vom Senat wesentlich gemildert, sodann die zur Aburteilung des +Schuldigen berufene Volksversammlung unter irgendeinem Vorwand von der +Gegenpartei aufgelöst und damit die ganze Prozedur beseitigt ward. Immer waren +durch dies Verfahren die beiden Palladien der römischen Freiheit, das +Provokationsrecht der Bürgerschaft und die Unverletzlichkeit des +Volkstribunats, noch einmal als praktisches Recht festgestellt und der +demokratische Rechtsboden neu ausgebessert worden. +</p> + +<p> +Mit noch größerer Leidenschaftlichkeit trat die demokratische Reaktion in allen +Personenfragen auf, wo sie nur irgend konnte und durfte. Zwar gebot ihr die +Klugheit, die Rückgabe der von Sulla eingezogenen Güter an die ehemaligen +Eigentümer nicht zu betonen, um nicht mit den eigenen Verbündeten sich zu +entzweien und zugleich mit den materiellen Interessen in einen Kampf zu +geraten, dem die Tendenzpolitik selten gewachsen ist; auch die Rückberufung der +Emigrierten hing mit dieser Vermögensfrage zu eng zusammen, um nicht ebenso +unrätlich zu erscheinen. Dagegen machte man große Anstrengungen, um den Kindern +der Geächteten die ihnen entzogenen politischen Rechte zurückzugegeben (691 63) +und die Spitzen der Senatspartei wurden von persönlichen Angriffen unablässig +verfolgt. So hing Gaius Memmius dem Marcus Lucullus im Jahre 688 (66) einen +Tendenzprozeß an. So ließ man dessen berühmteren Bruder vor den Toren der +Hauptstadt drei Jahre auf den wohlverdienten Triumph harren (688-691 66-63). +Ähnlich wurden Quintus Rex und der Eroberer von Kreta, Quintus Metellus, +insultiert. Größeres Aufsehen noch machte es, daß der junge Führer der +Demokratie Gaius Caesar im Jahre 691 (63) nicht bloß sich es herausnahm, bei +der Bewerbung um das höchste Priesteramt mit den beiden angesehensten Männern +der Nobilität, Quintus Catulus und Publius Servilius, dem Sieger von Isaura, zu +konkurrieren, sondern sogar bei der Bürgerschaft ihnen den Rang ablief. Die +Erben Sullas, namentlich sein Sohn Faustus, sahen sich beständig bedroht von +einer Klage auf Rückerstattung der von dem Regenten angeblich unterschlagenen +öffentlichen Gelder. Man sprach sogar von der Wiederaufnahme der im Jahre 664 +(99) sistierten demokratischen Anklagen auf Grund des Varischen Gesetzes. Am +nachdrücklichsten wurden begreiflicherweise die bei den Sullanischen +Exekutionen beteiligten Individuen gerichtlich verfolgt. Wenn der Quästor +Marcus Cato in seiner täppischen Ehrlichkeit selber den Anfang damit machte, +ihnen die empfangenen Mordprämien als widerrechtlich dem Staate entfremdetes +Gut wiederabzufordern (689 65), so kann es nicht befremden, daß das Jahr darauf +(690 64) Gaius Caesar als Vorsitzender in dem Mordgericht die Klausel in der +Sullanischen Ordnung, welche die Tötung eines Geächteten straflos erklärte, +kurzweg als nichtig behandelte und die namhaftesten unter den Schergen Sullas, +Lucius Catilina, Lucius Bellienus, Lucius Luscius, vor seine Geschworenen +stellen und zum Teil auch verurteilen ließ. Endlich unterließ man nicht, die +lange verfemten Namen der Helden und Märtyrer der Demokratie jetzt wieder +öffentlich zu nennen und ihre Andenken zu feiern. Wie Saturninus durch den +gegen seinen Mörder gerichteten Prozeß rehabilitiert ward, ist schon erzählt +worden. Aber einen anderen Klang noch hatte der Name des Gaius Marius, bei +dessen Nennung einst alle Herzen geklopft hatten; und es traf sich, daß +derselbe Mann, dem Italien die Errettung von den nordischen Barbaren verdankte, +zugleich der Oheim des gegenwärtigen Führers der Demokratie war. Laut hatte die +Menge gejubelt, als im Jahre 686 (68) Gaius Caesar es wagte, den Verboten +zuwider bei der Beerdigung der Witwe des Marius die verehrten Züge des Helden +auf dem Markte öffentlich zu zeigen. Aber als gar drei Jahre nachher (689 65) +die Siegeszeichen, die Marius auf dem Kapitol hatte errichten und Sulla +umstürzen lassen, eines Morgens, allen unerwartet, wieder an der alten Stelle +frisch in Gold und Marmor glänzten, da drängten sich die Invaliden aus dem +Afrikanischen und Kimbrischen Kriege, Tränen in den Augen, um das Bild des +geliebten Feldherrn, und den jubelnden Massen gegenüber wagte der Senat nicht, +an den Trophäen sich zu vergreifen, welche dieselbe kühne Hand den Gesetzen zum +Trotz erneuert hatte. +</p> + +<p> +Indes all dieses Treiben und Hadern, soviel Lärm es auch machte, war politisch +betrachtet von sehr untergeordneter Bedeutung. Die Oligarchie war überwunden, +die Demokratie ans Ruder gelangt. Daß die Kleinen und Kleinsten herbeieilten, +um dem am Boden liegenden Feind noch einen Fußtritt zu versetzen; daß auch die +Demokraten ihren Rechtsboden und ihren Prinzipienkult hatten; daß ihre +Doktrinäre nicht ruhten, bis die sämtlichen Privilegien der Gemeinde in allen +Stücken wiederhergestellt waren und dabei gelegentlich sich lächerlich machten, +wie Legitimisten es pflegen - das alles war ebenso begreiflich wie +gleichgültig. Im ganzen genommen ist die Agitation ziellos und sieht man ihr +die Verlegenheit der Urheber an, einen Gegenstand für ihre Tätigkeit zu finden, +wie sie sich denn auch fast durchaus um wesentlich schon erledigte oder um +Nebensachen dreht. Es konnte nicht anders sein. In dem Kampfe gegen die +Aristokratie waren die Demokraten Sieger geblieben; aber sie hatten nicht +allein gesiegt und die Feuerprobe stand ihnen noch bevor - die Abrechnung nicht +mit dem bisherigen Feind, sondern mit dem übermächtigen Bundesgenossen, dem sie +in dem Kampfe mit der Aristokratie wesentlich den Sieg verdankten und dem sie +jetzt eine beispiellose militärische und politische Gewalt selbst in die Hände +gegeben hatten, weil sie nicht wagten, sie ihm zu verweigern. Noch war der +Feldherr des Ostens und der Meere beschäftigt, Könige ein- und abzusetzen; +wielange Zeit er dazu sich nehmen, wann er das Kriegsgeschäft für beendet +erklären werde, konnte keiner sagen als er selbst, da wie alles andere, so auch +der Zeitpunkt seiner Rückkehr nach Italien, das heißt der Entscheidung in seine +Hand gelegt war. Die Parteien in Rom inzwischen saßen und harrten. Die +Optimaten freilich sahen der Ankunft des gefürchteten Feldherrn verhältnismäßig +ruhig entgegen; bei dem Bruch zwischen Pompeius und der Demokratie, dessen +Herannahen auch ihnen nicht entging, konnten sie nicht verlieren, sondern nur +gewinnen. Dagegen die Demokraten warteten mit peinlicher Angst und suchten +während der durch Pompeius’ Abwesenheit noch vergönnten Frist gegen die +drohende Explosion eine Kontermine zu legen. Hierin trafen sie wieder zusammen +mit Crassus, dem nichts übrig blieb, um dem beneideten und gehaßten Nebenbuhler +zu begegnen, als sich neu und enger als zuvor mit der Demokratie zu verbünden. +Schon bei der ersten Koalition hatten Caesar und Crassus als die beiden +Schwächeren sich besonders nahe gestanden; das gemeinschaftliche Interesse und +die gemeinschaftliche Gefahr zog das Band noch fester, das den reichsten und +den verschuldetsten Mann von Rom zu engster Allianz verknüpfte. Während +öffentlich die Demokraten den abwesenden Feldherrn als das Haupt und den Stolz +ihrer Partei bezeichneten und alle ihre Pfeile gegen die Aristokratie zu +richten schienen, ward im stillen gegen Pompeius gerüstet; und diese Versuche +der Demokratie, sich der drohenden Militärdiktatur zu entwinden, haben +geschichtlich eine weit höhere Bedeutung als die lärmende und größtenteils nur +als Maske benutzte Agitation gegen die Nobilität. Freilich bewegten sie sich in +einem Dunkel, in das unsere Überlieferung nur einzelne Streiflichter fallen +läßt; denn nicht die Gegenwart allein, auch die Folgezeit hatte ihre Ursachen, +einen Schleier darüber zu werfen. Indes im allgemeinen sind sowohl der Gang wie +das Ziel dieser Bestrebungen vollkommen klar. Der Militärgewalt konnte nur +durch eine andere Militärgewalt wirksam Schach geboten werden. Die Absicht der +Demokraten war, sich nach dem Beispiel des Marius und Cinna der Zügel der +Regierung zu bemächtigen, sodann einen ihrer Führer sei es mit der Eroberung +Ägyptens, sei es mit der Statthalterschaft Spaniens oder einem ähnlichen +ordentlichen oder außerordentlichen Amte zu betrauen und in ihm und seinem Heer +ein Gegengewicht gegen Pompeius und dessen Armee zu finden. Dazu bedurften sie +einer Revolution, die zunächst gegen die nominelle Regierung, in der Tat gegen +Pompeius ging als den designierten Monarchen; und um diese Revolution zu +bewirken, war von der Erlassung der Gabinisch-Manilischen Gesetze an bis auf +Pompeius’ Rückkehr (688 - 692 66 - 62) die Verschwörung in Rom in +Permanenz ^1. Die Hauptstadt war in ängstlicher Spannung; die gedrückte +Stimmung der Kapitalisten, die Zahlungsstockungen, die häufigen Bankrotte waren +Vorboten der gärenden Umwälzung, die zugleich eine gänzlich neue Stellung der +Parteien herbeiführen zu müssen schien. Der Anschlag der Demokratie, der über +den Senat hinweg auf Pompeius zielte, legte eine Ausgleichung zwischen diesen +nahe. Die Demokratie aber, indem sie der Diktatur des Pompeius die eines ihr +genehmeren Mannes entgegenzustellen versuchte, erkannte genau genommen auch +ihrerseits das Militärregiment an und trieb in der Tat den Teufel aus durch +Beelzebub; unter den Händen ward ihr die Prinzipien- zur Personenfrage. +</p> + +<p> +—————————————————————————————- +</p> + +<p> +^1 Wer die Gesamtlage der politischen Verhältnisse dieser Zeit übersieht, wird +spezieller Beweise nicht bedürfen, um zu der Einsicht zu gelangen, daß das +letzte Ziel der demokratischen Machinationen 688f. (66) nicht der Sturz des +Senats war, sondern der des Pompeius. Doch fehlt es auch an solchen Beweisen +nicht. Daß die Gabinisch-Manilischen Gesetze der Demokratie einen tödlichen +Schlag versetzten, sagt Sallust (Cat. 39); daß die Verschwörung 688-689 (66-65) +und die Servilische Rogation speziell gegen Pompeius gerichtet waren, ist +gleichfalls bezeugt (Sall. Cat. 19; Val. Max. 6, 2, 4; Cic. leg. agr. 2, 17, +46). Überdies zeigt Crassus’ Stellung zu der Verschwörung allein schon +hinreichend, daß sie gegen Pompeius gerichtet war. +</p> + +<p> +————————————————————————————— +</p> + +<p> +Die Einleitung zu der von den Führern der Demokratie entworfenen Revolution +sollte also der Sturz der bestehenden Regierung durch eine zunächst in Rom von +demokratischen Verschworenen angestiftete Insurrektion sein. Der sittliche +Zustand der niedrigsten wie der höchsten Schichten der hauptstädtischen +Gesellschaft bot hierzu den Stoff in beklagenswerter Fülle. Wie das freie und +das Sklavenproletariat der Hauptstadt beschaffen waren, braucht hier nicht +wiederholt zu werden. Es ward schon das bezeichnende Wort vernommen, daß nur +der Arme den Armen zu vertreten fähig sei - der Gedanke regte sich also, daß +die Masse der Armen so gut wie die Oligarchie der Reichen sich als selbständige +Macht konstituieren und, statt sich tyrannisieren zu lassen, auch wohl +ihrerseits den Tyrannen spielen könne. Aber auch in den Kreisen der vornehmen +Jugend fanden ähnliche Gedanken einen Widerhall. Das hauptstädtische Modeleben +zerrüttete nicht bloß das Vermögen, sondern auch die Kraft des Leibes und des +Geistes. Jene elegante Welt der duftenden Haarlocken, der modischen Stutzbärte +und Manschetten, so lustig es auch darin bei Tanz und Zitherspiel und früh und +spät beim Becher herging, barg doch in sich einen erschreckenden Abgrund +sittlichen und ökonomischen Verfalls, gut oder schlecht verhehlter Verzweiflung +und wahnsinniger oder bübischer Entschlüsse. In diesen Kreisen ward unverhohlen +geseufzt nach der Wiederkehr der cinnanischen Zeit mit ihren Ächtungen und +Konfiskationen und ihrer Vernichtung der Schuldbücher; es gab Leute genug, +darunter nicht wenige von nicht gemeiner Herkunft und ungewöhnlichen Anlagen, +die nur auf das Signal warteten, um wie eine Räuberschar über die bürgerliche +Gesellschaft herzufallen und das verlotterte Vermögen sich wieder zu +erplündern. Wo eine Bande sich bildet, fehlt es an Führern nicht; auch hier +fanden sich bald Männer, die zu Räuberhauptleuten sich eigneten. Der gewesene +Prätor Lucius Catilina, der Quästor Gnaeus Piso zeichneten unter ihren Genossen +nicht bloß durch ihre vornehme Geburt und ihren höheren Rang sich aus. Sie +hatten die Brücke vollständig hinter sich abgebrochen und imponierten ihren +Spießgesellen durch ihre Ruchlosigkeit ebensosehr wie durch ihre Talente. Vor +allem Catilina war einer der frevelhaftesten dieser frevelhaften Zeit. Seine +Bubenstücke gehören in die Kriminalakten, nicht in die Geschichte; aber schon +sein Äußeres, das bleiche Antlitz, der wilde Blick, der bald träge, bald +hastige Gang verrieten seine unheimliche Vergangenheit. In hohem Grade besaß er +die Eigenschaften, die von dem Führer einer solchen Rotte verlangt werden: die +Fähigkeit, alles zu genießen und alles zu entbehren, Mut, militärisches Talent, +Menschenkenntnis, Verbrecherenergie und jene entsetzliche Pädagogik des +Lasters, die den Schwachen zu Falle zu bringen, den Gefallenen zum Verbrecher +zu erziehen versteht. +</p> + +<p> +Aus solchen Elementen eine Verschwörung zum Umsturz der bestehenden Ordnung zu +bilden, konnte Männern, die Geld und politischen Einfluß besaßen, nicht +schwerfallen. Catilina, Piso und ihresgleichen gingen bereitwillig auf jeden +Plan ein, der ihnen Ächtungen und Kassation der Schuldbücher in Aussicht +stellte; jener war überdies noch mit der Aristokratie speziell verfeindet, weil +sie sich der Bewerbung des verworfenen und gefährlichen Menschen um das +Konsulat widersetzt hatte. Wie er einst als Scherge Sullas an der Spitze einer +Keltenschar auf die Geächteten Jagd gemacht und unter anderen seinen eigenen +hochbejahrten Schwager mit eigener Hand niedergestoßen hatte, so ließ er jetzt +sich bereitwillig dazu herbei, der Gegenpartei ähnliche Dienst zuzusagen. Ein +geheimer Bund ward gestiftet. Die Zahl der in denselben aufgenommenen +Individuen soll 400 überstiegen haben; er zählte Affiliierte in allen +Landschaften und Stadtgemeinden Italiens; überdies verstand es sich von selbst, +daß einer Insurrektion, die das zeitgemäße Programm der Schuldentilgung auf +ihre Fahne schrieb, aus den Reihen der liederlichen Jugend zahlreiche Rekruten +ungeheißen zuströmen würden. +</p> + +<p> +Im Dezember 688 (66) - so wird erzählt - glaubten die Leiter des Bundes den +geeigneten Anlaß gefunden zu haben, um loszuschlagen. Die beiden für 689 (65) +erwählten Konsuln Publius Cornelius Sulla und Publius Autronius Paetus waren +vor kurzem der Wahlbestechung gerichtlich überwiesen und deshalb nach +gesetzlicher Vorschrift ihrer Anwartschaft auf das höchste Amt verlustig +erklärt worden. Beide traten hierauf dem Bunde bei. Die Verschworenen +beschlossen, ihnen das Konsulat mit Gewalt zu verschaffen und dadurch sich +selbst in den Besitz der höchsten Gewalt im Staate zu setzen. An dem Tage, wo +die neuen Konsuln ihr Amt antreten würden, dem 1. Januar 689 (65) sollte die +Kurie von Bewaffneten gestürmt, die neuen Konsuln und die sonst bezeichneten +Opfer niedergemacht und Sulla und Paetus nach Kassierung des gerichtlichen +Urteils, das sie ausschloß, als Konsuln proklamiert werden. Crassus sollte +sodann die Diktatur, Caesar das Reiterführeramt übernehmen, ohne Zweifel, um +eine imposante Militärmacht auf die Beine zu bringen, während Pompeius fern am +Kaukasus beschäftigt war. Hauptleute und Gemeine waren gedungen und angewiesen; +Catilina wartete an dem bestimmten Tage in der Nähe des Rathauses auf das +verabredete Zeichen, das auf Crassus’ Wink ihm von Caesar gegeben werden +sollte. Allein er wartete vergebens; Crassus fehlte in der entscheidenden +Senatssitzung, und daran scheiterte für diesmal die projektierte Insurrektion. +Ein ähnlicher noch umfassenderer Mordplan ward dann für den 5. Februar +verabredet; allein auch dieser ward vereitelt, da Catilina das Zeichen zu früh +gab, bevor noch die bestellten Banditen sich alle eingefunden hatten. Darüber +ward das Geheimnis ruchbar. Die Regierung wagte zwar nicht, offen der +Verschwörung entgegenzutreten, aber sie gab doch den zunächst bedrohten Konsuln +Wachen bei und stellte der Bande der Verschworenen eine von der Regierung +bezahlte entgegen. Um Piso zu entfernen, wurde der Antrag gestellt, ihn als +Quästor mit prätorischen Befugnissen nach dem diesseitigen Spanien zu senden; +worauf Crassus einging, in der Hoffnung, durch denselben die Hilfsquellen +dieser wichtigen Provinz für die Insurrektion zu gewinnen. Weitergehende +Vorschläge wurden durch die Tribune verhindert. +</p> + +<p> +Also lautet die Überlieferung, welche offenbar die in den Regierungskreisen +umlaufende Version wiedergibt und deren Glaubwürdigkeit im einzelnen in +Ermangelung jeder Kontrolle dahingestellt bleiben muß. Was die Hauptsache +anlangt, die Beteiligung von Caesar und Crassus, so kann allerdings das Zeugnis +ihrer politischen Gegner nicht als ausreichender Beweis dafür angesehen werden. +Aber es paßt doch ihre offenkundige Tätigkeit in dieser Epoche auffallend genau +zu der geheimen, die dieser Bericht ihnen beimißt. Daß Crassus, der in diesem +Jahre Zensor war, als solcher den Versuch machte, die Transpadaner in die +Bürgerliste einzuschreiben, war schon geradezu ein revolutionäres Beginnen. +Noch bemerkenswerter ist es, daß Crassus bei derselben Gelegenheit Anstalt +machte, Ägypten und Kypros in das Verzeichnis der römischen Domänen einzutragen +^2 und daß Caesar um die gleiche Zeit (689 oder 690 65 oder 64) durch einige +Tribune bei der Bürgerschaft den Antrag stellen ließ, ihn nach Ägypten zu +senden, um den von den Alexandrinern vertriebenen König Ptolemaeos +wiedereinzusetzen. Diese Machinationen stimmen mit den von den Gegnern +erhobenen Anklagen in bedenklicher Weise zusammen. Gewisses läßt sich hier +nicht ermitteln; aber die große Wahrscheinlichkeit ist dafür, daß Crassus und +Caesar den Plan entworfen hatten, sich während Pompeius’ Abwesenheit der +Militärdiktatur zu bemächtigen; daß Ägypten zur Basis dieser demokratischen +Militärmacht ausersehen war; daß endlich der Insurrektionsversuch von 689 (65) +angezettelt worden ist, um diese Entwürfe zu realisieren und Catilina und Piso +also Werkzeuge in den Händen von Crassus und Caesar gewesen sind. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +^2 Plut. Crass. 13; Cic. leg. agr. 2, 17, 44. In dies Jahr (689 65) gehört +Ciceros Rede De rege Alexandrino, die man unrichtig in das Jahr 698 (56) +gesetzt hat. Cicero widerlegt darin, wie die Fragmente deutlich zeigen, +Crassus’ Behauptung, daß durch das Testament des Königs Alexandros +Ägypten römisches Eigentum geworden sei. Diese Rechtsfrage konnte und mußte im +Jahre 689 (65) diskutiert werden; im Jahre 698 (56) aber war sie durch das +Julische Gesetz von 695 (59) bedeutungslos geworden. Auch handelte es sich im +Jahre 698 (56) gar nicht um die Frage, wem Ägypten gehöre, sondern um die +Zurückführung des durch einen Aufstand vertriebenen Königs, und es hat bei +dieser uns genau bekannten Verhandlung Crassus keine Rolle gespielt. Endlich +war Cicero nach der Konferenz von Luca durchaus nicht in der Lage, gegen einen +der Triumvirn ernstlich zu opponieren. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +Einen Augenblick kam die Verschwörung ins Stocken. Die Wahlen für 690 (64) +fanden statt, ohne daß Crassus und Caesar ihren Versuch sich des Konsulats zu +bemeistern, dabei erneuert hätten; wozu mit beigetragen haben mag, daß ein +Verwandter des Führers der Demokratie, Lucius Caesar, ein schwacher und von +seinem Geschlechtsfreund nicht selten als Werkzeug benutzter Mann, diesmal um +das Konsulat sich bewarb. Indes drängten die Berichte aus Asien zur Eile. Die +kleinasiatischen und armenischen Angelegenheiten waren bereits vollständig +geordnet. So klar auch die demokratischen Strategen es bewiesen, daß der +Mithradatische Krieg erst mit der Gefangennahme des Königs als beendigt gelten +könne und daß es deshalb notwendig sei, die Hetzjagd um das Schwarze Meer herum +zu beginnen, vor allen Dingen aber von Syrien fernzubleiben - Pompeius war, +unbekümmert um solches Geschwätz, im Frühjahr 690 (64) aus Armenien +aufgebrochen und nach Syrien marschiert. Wenn Ägypten wirklich zum +Hauptquartier der Demokratie ausersehen war, so war keine Zeit zu verlieren; +leicht konnte sonst Pompeius eher als Caesar in Ägypten stehen. Die +Verschwörung von 688 (66) durch die schlaffen und ängstlichen +Repressivmaßregeln keineswegs gesprengt, regte sich wieder, als die +Konsulwahlen für 691 (63) herankamen. Die Personen waren vermutlich wesentlich +dieselben und auch der Plan nur wenig verändert. Die Leiter der Bewegung +hielten wieder sich im Hintergrund. Als Bewerber um das Konsulat hatten sie +diesmal aufgestellt: Catilina selbst und Gaius Antonius, den jüngeren Sohn des +Redners, einen Bruder des von Kreta her übel berufenen Feldherrn. Catilinas war +man sicher; Antonius, ursprünglich Sullaner wie Catilina und wie dieser vor +einigen Jahren von der demokratischen Partei deshalb vor Gericht gestellt und +aus dem Senat ausgestoßen, übrigens ein schlaffer, unbedeutender, in keiner +Hinsicht zum Führer berufener, vollständig bankrotter Mann, gab um den Preis +des Konsulats und der daran geknüpften Vorteile sich den Demokraten willig zum +Werkzeug hin. Durch diese Konsuln beabsichtigten die Häupter der Verschwörung, +sich des Regiments zu bemächtigen, die in der Hauptstadt zurückgebliebenen +Kinder des Pompeius als Geiseln festzunehmen und in Italien und den Provinzen +gegen Pompeius zu rüsten. Auf die erste Nachricht von dem in der Hauptstadt +gefallenen Schlage sollte der Statthalter Gnaeus Piso im diesseitigen Spanien +die Fahne der Insurrektion aufstecken. Die Kommunikation mit ihm konnte auf dem +Seeweg nicht stattfinden, da Pompeius das Meer beherrschte; man zählte dafür +auf die Transpadaner, die alten Klienten der Demokratie, unter denen es +gewaltig gärte und die natürlich sofort das Bürgerrecht erhalten haben würden, +ferner auf verschiedene keltische Stämme ^3. Bis nach Mauretanien hin liefen +die Fäden dieser Verbindung. Einer der Mitverschworenen, der römische +Großhändler Publius Sittius aus Nuceria, durch finanzielle Verwicklungen +gezwungen, Italien zu meiden, hatte daselbst und in Spanien einen Trupp +verzweifelter Leute bewaffnet und zog mit diesen als Freischarenführer im +westlichen Afrika herum, wo er alte Handelsverbindungen hatte. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^3 Die Ambrani (Suet. Caes. 9) sind wohl nicht die mit den Kimbern zusammen +genannten Ambronen (Plot. Mar. 19), sondern verschrieben für Arverni. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Die Partei strengte alle ihre Kräfte für den Wahlkampf an. Crassus und Caesar +setzten ihr Geld - eigenes oder geborgtes -und ihre Verbindungen ein, um +Catilina und Antonius das Konsulat zu verschaffen; Catilinas Genossen spannten +jeden Nerv an, um den Mann an das Ruder zu bringen, der ihnen die Ämter und +Priestertümer, die Paläste und Landgüter ihrer Gegner und vor allen Dingen +Befreiung von ihren Schulden verhieß und von dem man wußte, daß er Wort halten +werde. Die Aristokratie war in großer Not, hauptsächlich weil sie nicht einmal +Gegenkandidaten aufzustellen vermochte. Daß ein solcher seinen Kopf wagte, war +offenbar; und die Zeiten waren nicht mehr, wo der Posten der Gefahr den Bürger +lockte - jetzt schwieg selbst der Ehrgeiz vor der Angst. So begnügte sich die +Nobilität, einen schwächlichen Versuch zu machen, den Wahlumtrieben durch +Erlassung eines neuen Gesetzes über den Stimmenkauf zu steuern -was übrigens an +der Interzession eines Volkstribunen scheiterte - und ihre Stimmen auf einen +Bewerber zu werfen, der ihr zwar auch nicht genehm, aber doch wenigstens +unschädlich war. Es war dies Marcus Cicero, notorisch ein politischer +Achselträger ^4, gewohnt bald mit den Demokraten, bald mit Pompeius, bald aus +etwas weiterer Ferne mit der Aristokratie zu liebäugeln und jedem +einflußreichen Beklagten ohne Unterschied der Person oder Partei - auch +Catilina zählte er unter seinen Klienten - Advokatendienste zu leisten, +eigentlich von keiner Partei oder, was ziemlich dasselbe ist, von der Partei +der materiellen Interessen, die in den Griechen dominierte und den beredten +Sachwalter, den höflichen und witzigen Gesellschafter gern hatte. Er hatte +Verbindungen genug in der Hauptstadt und den Landstädten, um neben den vor der +Demokratie aufgestellten Kandidaten eine Chance zu haben; und da auch die +Nobilität, obwohl nicht gern, und die Pompeianer für ihn stimmten, ward er mit +großer Majorität gewählt. Die beiden Kandidaten der Demokratie erhielten fast +gleich viele Stimmen, jedoch fielen auf Antonius, dessen Familie angesehener +war als die seines Konkurrenten, einige mehr. Dieser Zufall vereitelte die Wahl +Catilinas und rettete Rom vor einem zweiten Cinna. Schon etwas früher war Piso, +es hieß auf Anstiften seines politischen und persönlichen Feindes Pompeius, in +Spanien von seiner einheimischen Eskorte niedergemacht worden ^5. Mit dem +Konsul Antonius allein war nichts anzufangen; Cicero sprengte das lockere Band, +das ihn an die Verschwörung knüpfte, noch ehe sie beide ihre Ämter antraten, +indem er auf die von Rechts wegen ihm zustehende Losung um die +Konsularprovinzen Verzicht leistete und dem tief verschuldeten Kollegen die +einträgliche Statthalterschaft Makedonien überließ. Die wesentlichen +Vorbedingungen auch dieses Anschlags waren also gefallen. +</p> + +<p> +——————————————————————————————- +</p> + +<p> +^4 Naiver kann dies nicht ausgesprochen werden, als es in der seinem Bruder +untergeschobenen Denkschrift geschieht (pet. 1, 5; 13, 51 53 vom Jahre 690 64); +der Bruder selbst würde schwerlich sich so offenherzig öffentlich geäußert +haben. Als authentisches Belegstück dazu werden unbefangene Leute nicht ohne +Interesse die zweite Rede gegen Rullus lesen, wo der “erste demokratische +Konsul”, in sehr ergötzlicher Weise das liebe Publikum nasführend, ihm +die “richtige Demokratie” entwickelt. +</p> + +<p> +^5 Seine noch vorhandene Grabschrift lautet: Cn. Calpurnius Cn, f. Piso +quaestor pro pr. ex s. c. provinciam Hispaniam citeriorem optinuit. +</p> + +<p> +——————————————————————————————- +</p> + +<p> +Inzwischen entwickelten die orientalischen Verhältnisse sich immer bedrohlicher +für die Demokratie. Die Ordnung Syriens schritt rasch vorwärts; schon waren von +Ägypten Aufforderungen an Pompeius ergangen, daselbst einzurücken und das Land +für Rom einzuziehen; man mußte fürchten, demnächst zu vernehmen, daß Pompeius +selbst das Niltal in Besitz genommen habe. Eben hierdurch mag Caesars Versuch, +sich geradezu vom Volke nach Ägypten senden zu lassen, um dem Könige gegen +seine aufrührerischen Untertanen Beistand zu leisten, hervorgerufen worden +sein; er scheiterte, wie es scheint, an der Abneigung der Großen und Kleinen, +irgend etwas gegen Pompeius’ Interesse zu unternehmen. Pompeius’ +Heimkehr und damit die wahrscheinliche Katastrophe rückten immer näher; wie oft +auch die Sehne gerissen war, es mußte doch wieder versucht werden, denselben +Boten zu spannen. Die Stadt war in dumpfer Gärung: häufige Konferenzen der +Häupter der Bewegung deuteten an, daß wieder etwas im Werke sei. Was das sei, +ward offenbar, als die neuen Volkstribune ihr Amt antraten (10. Dezember 690 +64) und sogleich einer von ihnen, Publius Servillius Rullus, ein Ackergesetz +beantragte, das den Führern der Demokraten eine ähnliche Stellung verschaffen +sollte, wie sie infolge der Gabinisch-Manilischen Anträge Pompeius einnahm. Der +nominelle Zweck war die Gründung von Kolonien in Italien, wozu der Boden indes +nicht durch Expropriation gewonnen werden sollte - vielmehr wurden alle +bestehenden Privatrechte garantiert, ja sogar die widerrechtlichen Okkupationen +der jüngsten Zeit in volles Eigentum umgewandelt. Nur die verpachtete +kampanische Domäne sollte parzelliert und kolonisiert werden, im übrigen die +Regierung das zur Assignation bestimmte Land durch gewöhnlichen Kauf erwerben. +Um die hierzu nötigen Summen zu beschaffen, sollte das übrige italische und vor +allem alles außeritalische Domanialland sukzessiv zum Verkauf gebracht werden; +worunter namentlich die ehemaligen königlichen Tafelgüter in Makedonien, dem +Thrakischen Chersones, Bithynien, Pontus, Kyrene, ferner die Gebiete der nach +Kriegsrecht zu vollem Eigen gewonnenen Städte in Spanien, Afrika, Sizilien, +Hellas, Kilikien verstanden waren. Verkauft werden sollte ingleichen alles, was +der Staat an beweglichen und unbeweglichem Gut seit dem Jahre 666 (88) erworben +und worüber er nicht früher verfügt hatte; was hauptsächlich auf Ägypten und +Kypros zielte. Zu dem gleichen Zweck wurden alle untertänigen Gemeinden mit +Ausnahme der Städte latinischen Rechts und der sonstigen Freistädte mit sehr +hoch gegriffenen Gefällen und Zehnten belastet. Ebenfalls ward endlich für jene +Ankäufe bestimmt der Ertrag der neuen Provinzialgefälle, anzurechnen vom Jahre +692 (62) und der Erlös aus der sämtlichen, noch nicht gesetzmäßig verwandten +Beute; welche Anordnungen auf die neuen, von Pompeius im Osten eröffneten +Steuerquellen und auf die in den Händen des Pompeius und der Erben Sullas +befindlichen öffentlichen Gelder sich bezog. Zur Ausführung dieser Maßregel +sollten Zehnmänner mit eigener Jurisdiktion und eigenem Imperium ernannt +werden, welche fünf Jahre im Amte zu bleiben und mit 200 Unterbeamten aus dem +Ritterstand sich zu umgeben hatten; bei der Wahl der Zehnmänner aber sollten +nur die Kandidaten, die persönlich sich melden würden, berücksichtigt werden +dürfen und, ähnlich wie bei den Priesterwahlen, nur siebzehn durch Los aus den +fünfunddreißig zu bestimmende Bezirke wählen. Es war ohne großen Scharfsinn zu +erkennen, daß man in diesem Zehnmännerkollegium eine der des Pompeius +nachgebildete, nur etwas weniger militärisch und mehr demokratisch gefärbte +Gewalt zu schaffen beabsichtigte. Man bedurfte der Gerichtsbarkeit namentlich, +um die ägyptische Frage zu entscheiden, der Militärgewalt, um gegen Pompeius zu +rüsten; die Klausel, welche die Wahl eines Abwesenden untersagte, schloß +Pompeius aus, und die Verminderung der stimmberechtigten Bezirke sowie die +Manipulation des Auslosens sollten die Lenkung der Wahl im Sinne der Demokratie +erleichtern. +</p> + +<p> +Indes dieser Versuch verfehlte gänzlich sein Ziel. Die Menge, die es bequemer +fand, das Getreide im Schatten der römischen Hallen aus den öffentlichen +Magazinen sich zumessen zu lassen, als es im Schweiße des Angesichts selber zu +bauen, nahm den Antrag an sich schon mit vollkommener Gleichgültigkeit auf. Sie +fühlte auch bald heraus, daß Pompeius einen solchen, in jeder Hinsicht ihn +verletzenden Beschluß sich nimmermehr gefallen lassen werde und daß es nicht +gut stehen könne mit einer Partei, die in ihrer peinlichen Angst sich zu so +ausschweifenden Anerbietungen herbeilasse. Unter solchen Umständen fiel es der +Regierung nicht schwer, den Antrag zu vereiteln; der neue Konsul Cicero nahm +die Gelegenheit wahr, sein Talent, offene Türen einzulaufen, auch hier geltend +zu machen; noch ehe die bereitstehenden Tribune interzedierten, zog der Urheber +selbst den Vorschlag zurück (1. Januar 691 62). Die Demokratie hatte nichts +gewonnen als die unerfreuliche Belehrung, daß die große Menge in Liebe oder in +Furcht fortwährend noch zu Pompeius hielt und daß jeder Antrag sicher fiel, den +das Publikum als gegen Pompeius gerichtet erkannte. +</p> + +<p> +Ermüdet von all diesem vergeblichen Wühlen und resultatlosem Planen, beschloß +Catilina, die Sache zur Entscheidung zu treiben und ein für allemal ein Ende zu +machen. Er traf im Laufe des Sommers seine Maßregeln, um den Bürgerkrieg zu +eröffnen. Faesulae (Fiesole), eine sehr feste Stadt in dem von Verarmten und +Verschworenen wimmelnden Etrurien und fünfzehn Jahre zuvor der Herd des +Lepidianischen Aufstandes, ward wiederum zum Hauptquartier der Insurrektion +ausersehen. Dorthin gingen die Geldsendungen, wozu namentlich die in die +Verschwörung verwickelten vornehmen Damen der Hauptstadt die Mittel hergaben; +dort wurden Waffen und Soldaten gesammelt; ein alter sullanischer Hauptmann, +Gaius Manlius, so tapfer und so frei von Gewissensskrupeln wie nur je ein +Lanzknecht, übernahm daselbst vorläufig den Oberbefehl. Ähnliche wenn auch +minder ausgedehnte Zurüstungen wurden an andern Punkten Italiens gemacht. Die +Transpadaner waren so aufgeregt, daß sie nur auf das Zeichen zum Losschlagen zu +warten schienen. Im bruttischen Lande, an der Ostküste Italiens, in Capua, wo +überall große Sklavenmassen angehäuft waren, schien eine zweite +Sklaveninsurrektion, gleich der des Spartacus, im Entstehen. Auch in der +Hauptstadt bereitete etwas sich vor; wer die trotzige Haltung sah, in der die +vorgeforderten Schuldner vor dem Stadtprätor erschienen, mußte der Szenen +gedenken, die der Ermordung des Asellio vorangegangen waren. Die Kapitalisten +schwebten in namenloser Angst; es zeigte sich nötig, das Verbot der Gold- und +Silberausfuhr einzuschärfen und die Haupthäfen überwachen zu lassen. Der Plan +der Verschworenen war, bei der Konsulwahl für 692 (62) zu der Catilina sich +wieder gemeldet hatte, den wahlleitenden Konsul sowie die unbequemen +Mitbewerber kurzweg niederzumachen und Catilinas Wahl um jeden Preis +durchzusetzen, nötigenfalls selbst bewaffnete Scharen von Faesulae und den +anderen Sammelpunkten gegen die Hauptstadt zu führen und mit ihnen den +Widerstand zu brechen. +</p> + +<p> +Cicero, beständig durch seine Agenten und Agentinnen von den Verhandlungen der +Verschworenen rasch und vollständig unterrichtet, denunzierte an dem +anberaumten Wahltag (20. Oktober) die Verschwörung in vollem Senat und im +Beisein ihrer hauptsächlichsten Führer. Catilina ließ sich nicht dazu herab zu +leugnen; er antwortete trotzig, wenn die Wahl zum Konsul auf ihn fallen sollte, +so werde es allerdings der großen hauptlosen Partei gegen die kleine, von +elenden Häuptern geleitete an einem Führer nicht länger fehlen. Indes da +handgreifliche Beweise des Komplotts nicht vorlagen, war von dem ängstlichen +Senat nichts weiter zu erreichen, als daß er in der üblichen Weise den von den +Beamten zweckmäßig befundenen Ausnahmemaßregeln im voraus seine Sanktion +erteilte (21. Oktober). So nahte die Wahlschlacht, diesmal mehr eine Schlacht +als eine Wahl; denn auch Cicero hatte aus den jüngeren Männern namentlich des +Kaufmannsstandes sich eine bewaffnete Leibwache gebildet; und seine Bewaffneten +waren es, die am 28. Oktober, auf welchen Tag die Wahl vom Senat verschoben +worden war, das Marsfeld bedeckten und beherrschten. Den Verschworenen gelang +es weder, den wahlleitenden Konsul niederzumachen noch die Wahlen in ihrem +Sinne zu entscheiden. +</p> + +<p> +Inzwischen aber hatte der Bürgerkrieg begonnen. Am 27. Oktober hatte Gaius +Manlius bei Faesulae den Adler aufgepflanzt, um den die Armee der Insurrektion +sich scharen sollte - es war einer der Marianischen aus dem Kimbrischen Kriege +-, und die Räuber aus den Bergen wie das Landvolk aufgerufen, sich ihm +anzuschließen. Seine Proklamationen forderten, anknüpfend an die alten +Traditionen der Volkspartei, Befreiung von der erdrückendem Schuldenlast und +Milderung des Schuldprozesses, der, wenn der Schuldbestand in der Tat das +Vermögen überstieg, allerdings immer noch rechtlich den Verlust der Freiheit +für den Schuldner nach sich zog. Es schien, als wolle das hauptstädtische +Gesindel, indem es gleichsam als legitimer Nachfolger der alten plebejischen +Bauernschaft auftrat und unter den ruhmvollen Adlern des Kimbrischen Krieges +seine Schlachten schlug, nicht bloß die Gegenwart, sondern auch die +Vergangenheit Roms beschmutzen. Indes blieb diese Schilderhebung vereinzelt; in +den anderen Sammelpunkten kam die Verschwörung nicht hinaus über +Waffenaufhäufung und Veranstaltung geheimer Zusammenkünfte, da es überall an +entschlossenen Führern gebrach. Es war ein Glück für die Regierung; denn wie +offen auch seit längerer Zeit der bevorstehende Bürgerkrieg angekündigt war, +hatten doch die eigene Unentschlossenheit und die Schwerfälligkeit der +verrosteten Verwaltungsmaschinerie ihr nicht gestattet, irgendwelche +militärische Vorbereitungen zu treffen. Erst jetzt ward der Landsturm +aufgerufen und wurden in die einzelnen Landschaften Italiens höhere Offiziere +kommandiert, um jeder in seinem Bezirk die Insurrektion zu unterdrücken, +zugleich aus der Hauptstadt die Fechtersklaven ausgewiesen und wegen der +befürchteten Brandstiftungen Patrouillen angeordnet. Catilina war in einer +peinlichen Lage. Nach seiner Absicht hatte bei den Konsularwahlen gleichzeitig +in der Hauptstadt und in Etrurien Iosgeschlagen werden sollen; das Scheitern +der ersteren und das Ausbrechen der zweiten Bewegung gefährdete ihn persönlich +wie den ganzen Erfolg seines Unternehmens. Nachdem einmal die Seinigen bei +Faesulae die Waffen gegen die Regierung erhaben hatten, war in Rom seines +Bleibens nicht mehr; und dennoch lag ihm nicht bloß alles daran, die +hauptstädtische Verschwörung jetzt wenigstens zum raschen Losschlagen zu +bestimmen, sondern wußte dies auch geschehen sein, bevor er Rom verließ - denn +er kannte seine Gehilfen zu gut, um sich dafür auf sie zu verlassen. Die +angesehenen unter den Mitverschworenen, Publius Lentulus Sura, Konsul 683 (71), +später aus dem Senat gestoßen und jetzt, um in den Senat zurückzugelangen, +wieder Prätor, und die beiden gewesenen Prätoren Publius Autronius und Lucius +Cassius waren unfähige Menschen, Lentulus ein gewöhnlicher Aristokrat von +großen Warten und großen Ansprüchen, aber langsam im Begreifen und +unentschlossen im Handeln, Autronius durch nichts ausgezeichnet als durch seine +gewaltige Kreischstimme; von Lucius Cassius gar begriff es niemand, wie ein so +dicker und so einfältiger Mensch unter die Verschwörer geraten sei. Die +fähigeren Teilnehmer aber, wie den jungen Senator Gaius Cethegus und die Ritter +Lucius Statilius und Publius Gabinius Capito, durfte Catilina nicht wagen, an +die Spitze zu stellen, da selbst unter den Verschworenen noch die traditionelle +Standeshierarchie ihren Platz behauptete und auch die Anarchisten nicht +meinten, obsiegen zu können, wenn nicht ein Konsular oder mindestens ein +Prätorier an der Spitze stand. Wie dringend darum immer die Insurrektionsarmee +nach ihrem Feldherrn verlangte und wie mißlich es für diesen war, nach dem +Ausbruch des Aufstandes länger am Sitze der Regierung zu verweilen, entschloß +Catilina sich dennoch, vorläufig noch in Rom zu bleiben. Gewohnt, durch seinen +kecken Übermut den feigen Gegnern zu imponieren, zeigte er sich öffentlich auf +dem Markte wie im Rathaus und antwortete auf die Drohungen, die dort gegen ihn +fielen, daß man sich hüten möge, ihn aufs äußerste zu treiben; wem man das Haus +anzünde, der werde genötigt, den Brand unter Trümmern zu löschen. In der Tat +wagten es weder Private noch Behörden, auf den gefährlichen Menschen die Hand +zulegen; es war ziemlich gleichgültig, daß ein junger Adliger ihn wegen +Vergewaltigung vor Gericht zog, denn bevor der Prozeß zu Ende kommen konnte, +mußte längst anderweitig entschieden sein. Aber auch Catilinas Entwürfe +scheiterten, hauptsächlich daran, daß die Agenten der Regierung sich in den +Kreis der Verschworenen gedrängt hatten und dieselbe stets von allem Detail des +Kornplatts genau unterrichtet hielten. Als zum Beispiel die Verschworenen vor +dem festen Praeneste erschienen (1. November), das sie durch einen Handstreich +zu überrumpeln gehofft hatten, fanden sie die Bewohner gewarnt und gerüstet; +und in ähnlicher Weise schlug alles fehl. Catilina fand bei all seiner +Tollkühnheit es doch geraten, jetzt seine Abreise auf einen der nächsten Tage +festzusetzen; vorher aber wurde noch auf seine dringende Mahnung in einer +letzten Zusammenkunft der Verschworenen in der Nacht vom 6. auf den 7. November +beschlossen, den Konsul Cicero, der die Kontermine hauptsächlich leitete, noch +vor der Abreise des Führers zu ermorden und, um jedem Verrat zuvorzukommen, +diesen Beschluß augenblicklich ins Werk zu setzen. Früh am Morgen des 7. +November pochten denn auch die erkorenen Mörder an dem Hause des Konsuls; aber +sie sahen die Wachen verstärkt und sich selber abgewiesen - auch diesmal hatten +die Spione der Regierung den Verschworenen den Rang abgelaufen. Am Tage darauf +(8. November) berief Cicero den Senat. Noch jetzt wagte es Catilina zu +erscheinen und gegen die zornigen Angriffe des Konsuls, der ihm ins Gesicht die +Vorgänge der letzten Tage enthüllte, eine Verteidigung zu versuchen, aber man +hörte nicht mehr auf ihn und in der Nähe des Platzes, auf dem er saß, leerten +sich die Bänke. Er verließ die Sitzung und begab sich, wie er übrigens auch +ohne diesen Zwischenfall ohne Zweifel getan haben würde, der Verabredung gemäß +nach Etrurien. Hier rief er sich selber zum Konsul aus und nahm eine zuwartende +Stellung, um auf die erste Meldung von dem Ausbruch einer Insurrektion in der +Hauptstadt die Truppen gegen dieselbe in Bewegung zu setzen. Die Regierung +erklärte die beiden Führer Catilina und Manlius sowie diejenigen ihrer +Genossen, die nicht bis zu einem bestimmten Tag die Waffen niedergelegt haben +würden, in die Acht und rief neue Milizen ein; aber an die Spitze des gegen +Catilina Gestimmten Heeres ward der Konsul Gaius Antonius gestellt, der +notorisch in die Verschwörung verwickelt war und bei dessen Charakter es +durchaus vom Zufall abhing, ob er seine Truppen gegen Catilina oder ihm +zuführen werde. Man schien es geradezu darauf angelegt zu haben, aus diesem +Antonius einen zweiten Lepidus zu machen. Ebensowenig ward eingeschritten gegen +die in der Hauptstadt zurückgebliebenen Leiter der Verschwörung, obwohl +jedermann mit Fingern auf sie wies und die Insurrektion in der Hauptstadt von +den Verschworenen nichts weniger als aufgegeben, vielmehr der Plan derselben +noch von Catilina selbst vor seinem Abgang von Rom festgelegt worden war. Ein +Tribun sollte durch Berufung einer Volksversammlung das Zeichen geben, die +Nacht darauf Cethegus den Konsul Cicero aus dem Wege räumen, Gabinius und +Statilius die Stadt an zwölf Stellen zugleich in Brand stecken und mit dem +inzwischen herangezogenen Heere Catilinas die Verbindung in möglichster +Geschwindigkeit hergestellt werden. Hätten Cethegus’ dringende +Vorstellungen gefruchtet und Lentulus, der nach Catilinas Abreise an die Spitze +der Verschworenen gestellt war, sich zu raschem Losschlagen entschlossen, so +konnte die Verschwörung auch jetzt noch gelingen. Allein die Konspiratoren +waren gerade ebenso unfähig und ebenso feig wie ihre Gegner; Wochen verflossen +und es kam zu keiner Entscheidung. +</p> + +<p> +Endlich führte die Kontermine sie herbei. In seiner weitläufigen und gern die +Säumigkeit in dem Nächsten und Notwendigen durch die Entwerfung fernliegender +und weitsichtiger Pläne bedeckenden Art hatte Lentulus sich mit den eben in Rom +anwesenden Deputierten eines Keltengaus, der Allobrogen, eingelassen und diese, +die Vertreter eines gründlich zerrütteten Gemeinwesens und selber tief +verschuldet, versucht in die Verschwörung zu verwickeln, auch ihnen bei ihrer +Abreise Boten und Briefe an die Vertrauten mitgegeben. Die Allobrogen verließen +Rom, wurden aber in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember hart an den Toren von +den römischen Behörden angehalten und ihre Papiere ihnen abgenommen. Es zeigte +sich, daß die allobrogischen Abgeordneten sich zu Spionen der römischen +Regierung hergegeben und die Verhandlungen nur deshalb geführt hatten, um +dieser die gewünschten Beweisstücke gegen die Hauptleiter der Verschwörung in +die Hände zu spielen. Am Morgen darauf wurden von Cicero in möglichster Stille +Verhaftsbefehle gegen die gefährlichsten Führer des Komplotts erlassen und +gegen Lentulus, Cethegus, Gabinius und Statilius auch vollzogen, während einige +andere durch die Flucht der Festnehmung entgingen. Die Schuld der Ergriffenen +wie der Flüchtigen war vollkommen evident. Unmittelbar nach der Verhaftung +wurden dem Senat die weggenommenen Briefschaften vorgelegt, zu deren Siegel und +Handschrift die Verhafteten nicht umhin konnten, sich zu bekennen, und die +Gefangenen und Zeugen verhört; weitere bestätigende Tatsachen, +Waffenniederlagen in den Häusern der Verschworenen, drohende Äußerungen, die +sie getan, ergaben sich alsbald; der Tatbestand der Verschwörung war +vollständig und rechtskräftig festgestellt und die wichtigsten Aktenstücke +sogleich auf Ciceros Veranstaltung durch fliegende Blätter publiziert. +</p> + +<p> +Die Erbitterung gegen die anarchistische Verschwörung war allgemein. Gern hätte +die oligarchische Partei die Enthüllungen benutzt, um mit der Demokratie +überhaupt und namentlich mit Caesar abzurechnen, allein sie war viel zu +gründlich gesprengt, um dies durchsetzen und ihm das Ende bereiten zu können, +das sie vor Zeiten den beiden Gracchen und dem Saturninus bereitet hatte; in +dieser Hinsicht blieb es bei dem guten Willen. Die hauptstädtische Menge +empörten namentlich die Brandstiftungspläne der Verschworenen. Die +Kaufmannschaft und die ganze Partei der materiellen Interessen erkannte in +diesem Krieg der Schuldner gegen die. Gläubiger natürlich einen Kampf um ihre +Existenz; in stürmischer Aufregung drängte sich ihre Jugend, die Schwerter in +den Händen, um das Rathaus und zückte dieselben gegen die offenen und +heimlichen Parteigenossen Catilinas. In der Tat war für den Augenblick die +Verschwörung paralysiert; wenn auch vielleicht ihre letzten Urheber noch auf +freien Füßen waren, so war doch der ganze mit der Ausführung beauftragte Stab +der Verschwörung entweder gefangen oder auf der Flucht; der bei Faesulae +versammelte Haufen konnte ohne Unterstützung durch eine Insurrektion in der +Hauptstadt unmöglich viel ausrichten. +</p> + +<p> +In einem leidlich geordneten Gemeinwesen wäre die Sache hiermit politisch zu +Ende gewesen und hätten das Militär und die Gerichte das weitere übernommen. +Allein in Rom war es so weit gekommen, daß die Regierung nicht einmal ein paar +angesehene Adlige in sicherem Gewahrsam zu halten imstande war. Die Sklaven und +Freigelassenen des Lentulus und der übrigen Verhafteten regten sich; Pläne, +hieß es, seien geschmiedet, um sie mit Gewalt aus den Privathäusern, in denen +sie gefangen saßen, zu befreien; es fehlte, dank dem anarchischen Treiben der +letzten Jahre, in Rom nicht an Bandenführern, die nach einer gewissen Taxe +Aufläufe und Gewalttaten in Akkord nahmen; Catilina endlich war von dem +Ereignis benachrichtigt und nahe genug, um mit seinen Scharen einer. dreisten +Streich zu versuchen. Wieviel an diesen Reden Wahres war, läßt sich nicht +sagen; die Besorgnisse aber waren gegründet, da der Verfassung gemäß in der +Hauptstadt der Regierung weder Truppen noch auch nur eine achtunggebietende +Polizeimacht zu Gebote stand und sie in der Tat jedem Banditenhaufen +preisgegeben war. Der Gedanke ward laut, eile etwaigen Befreiungsversuche durch +sofortige Hinrichtung der Gefangenen abzuschneiden. Verfassungmäßig war dies +nicht möglich. Nach dem altgeheiligten Provokationsrecht konnte über den +Gemeindebürger ein Todesurteil nur von der gesamten Bürgerschaft und sonst von +keiner andren Behörde verhängt werden; seit die Bürgerschaftsgerichte selbst +zur Antiquität geworden waren, ward überhaupt nicht mehr auf den Tod erkannt. +Gern hätte Cicero das bedenkliche Ansinnen zurückgewiesen; so gleichgültig auch +an sich die Rechtsfrage dem Advokaten sein mochte, er wußte wohl, wie nützlich +es ebendiesem ist, liberal zu heißen, und verspürte wenig Lust, durch dies +vergossene Blut sich auf ewig von der demokratischen Partei zu scheiden. Indes +seine Umgebung, namentlich seine vornehme Gemahlin drängten ihn, seine +Verdienste um das Vaterland durch diesen kühnen Schritt zu krönen; der Konsul, +wie alle Feigen ängstlich bemüht, den Schein der Feigheit zu vermeiden und doch +auch vor der furchtbaren Verantwortung zitternd, berief in seiner Not den Senat +und überließ es diesem, über Leben und Tod der vier Gefangenen zu entscheiden. +Freilich hatte dies keinen Sinn; denn da der Senat verfassungmäßig noch viel +weniger hierüber erkennen konnte als der Konsul, so fiel rechtlich doch immer +alle Verantwortung auf den letzteren zurück; aber wann ist je die Feigheit +konsequent gewesen? Caesar bot alles auf, um die Gefangenen zu retten, und +seine Rede voll versteckter Drohungen vor der künftigen unausbleiblichen Rache +der Demokratie machte den tiefsten Eindruck. Obwohl bereits sämtliche Konsulare +und die große Majorität des Senats sich für die Hinrichtung ausgesprochen +hatten, schienen doch nun wieder die meisten, Cicero voran, sich zur Enthaltung +der rechtlichen Schranken zu neigen. Allein indem Cato nach Rabulistenart die +Verfechter der milderen Meinung der Mitwisserschaft an dem Komplott +verdächtigte und auf die Vorbereitungen zur Befreiung der Gefangenen durch +einen Straßenaufstand hinwies, wußte er die schwankenden Seelen wieder in eine +andere Furcht zu werfen und für die sofortige Hinrichtung der Verbrecher die +Majorität zu gewinnen. Die Vollziehung des Beschlusses lag natürlich dem Konsul +ob, der ihn hervorgerufen hatte. Spät am Abend des fünften Dezembers wurden die +Verhafteten aus ihren bisherigen Quartieren abgeholt und über den immer noch +dicht von Menschen vollgedrängten Marktplatz in das Gefängnis gebracht, worin +die zum Tode verurteilten Verbrecher aufbewahrt zu werden pflegten. Es war ein +unterirdisches, zwölf Fuß tiefes Gewölbe am Fuß des Kapitols, das ehemals als +Brunnenhaus gedient hatte. Der Konsul selbst führte den Lentulus, Prätoren die +übrigen, alle von starken Wachen begleitet; doch fand der Befreiungsversuch, +den man erwartete, nicht statt. Niemand wußte, ob die Verhafteten in ein +gesichertes Gewahrsam oder zur Richtstätte geführt wurden. An der Türe des +Kerkers wurden sie den Dreimännern übergeben, die die Hinrichtungen leiteten, +und in dem unterirdischen Gewölbe bei Fackelschein erdrosselt. Vor der Türe +hatte, bis die Exekutionen vollzogen waren, der Konsul gewartet und rief darauf +über den Markt hin mit seiner lauten wohlbekannten Stimme der stumm harrenden +Menge die Worte zu: “Sie sind tot!” Bis tief in die Nacht hinein +wogten die Haufen durch die Straßen und begrüßten jubelnd den Konsul, dem sie +meinten, die Sicherung ihrer Häuser und ihrer Habe schuldig geworden zu sein. +Der Rat ordnete öffentliche Dankfeste an und die ersten Männer der Nobilität, +Marcus Cato und Quintus Catulus, begrüßten den Urheber des Todesurteils mit dem +- hier zuerst vernommenen - Namen eines Vaters des Vaterlandes. +</p> + +<p> +Aber es war eine grauenvolle Tat und nur um so grauenvoller, weil sie einem +ganzen Volke als groß und preisenswert erschien. Elender hat sich wohl nie ein +Gemeinwesen bankrott erklärt, als Rom durch diesen, mit kaltem Blute von der +Majorität der Regierung gefaßten, von der öffentlichen Meinung gebilligten +Beschluß, einige politische Gefangene, die nach den Gesetzen zwar strafbar +waren, aber das Leben nicht verwirkt hatten, eiligst umzubringen, weil man der +Sicherheit der Gefängnisse nicht traute und es keine ausreichende Polizei gab! +Es war der humoristische Zug, der selten einer geschichtlichen Tragödie fehlt, +daß dieser Akt der brutalsten Tyrannei von dem haltungslosesten und +ängstlichsten aller römischen Staatsmänner vollzogen werden mußte und daß der +“erste demokratische Konsul” dazu ausersehen war, das Palladium der +alten römischen Gemeindefreiheit, das Provokationsrecht, zu zerstören. +</p> + +<p> +Nachdem in der Hauptstadt die Verschwörung erstickt worden war noch bevor sie +zum Ausbruch kam, blieb es noch übrig, der Insurrektion in Etrurien ein Ende zu +machen. Der Heerbestand von etwa 2000 Mann, den Catilina vorfand, hatte sich +durch die zahlreich herbeiströmenden Rekruten nahezu verfünffacht und bildete +schon zwei ziemlich vollzählige Legionen, worin freilich nur etwa der vierte +Teil der Mannschaft genügend bewaffnet war. Catilina hatte sich mit ihnen in +die Berge geworfen und ein Schlacht mit den Truppen des Antonius vermieden, um +die Organisierung seiner Scharen zu vollenden und den Ausbruch des Aufstandes +in Rom abzuwarten. Aber die Nachricht von dem Scheitern desselben sprengte auch +die Armee der Insurgenten: die Masse der minder Kompromittierten ging daraufhin +wieder nach Hause. Der zurückbleibende Rest entschlossener oder vielmehr +verzweifelter Leute machte einen Versuch, sich durch die Apenninenpässe nach +Gallien durchzuschlagen; aber als die kleine Schar an dem Fuß des Gebirges bei +Pistoria (Pistoja) anlangte, fand sie sich hier von zwei Heeren in die Mitte +genommen. Vor sich hatte sie das Korps des Quintus Metellus, das von Ravenna +und Ariminum herangezogen war, um den nördlichen Abhang des Apennin zu +besetzen; hinter sich die Armee des Antonius, der dem Drängen seiner Offiziere +endlich nachgegeben und sich zu einem Winterfeldzuge verstanden hatte. Catilina +war nach beiden Seiten hin eingekeilt und die Lebensmittel gingen zu Ende; es +blieb nichts übrig, als sich auf den näherstehenden Feind, das heißt auf +Antonius zu werfen. In einem engen von felsigen Bergen eingeschlossenen Tale +kam es zum Kampfe zwischen den Insurgenten und den Truppen des Antonius, welche +derselbe, um die Exekution gegen seine ehemaligen Verbündeten wenigstens nicht +selbst vollstrecken zu müssen, für diesen Tag unter einem Vorwand einem +tapferen, unter den Waffen ergrauten Offizier, dem Marcus Petreius, anvertraut +hatte. Die Übermacht der Regierungsarmee kam bei der Beschaffenheit des +Schlachtfeldes wenig in Betracht. Catilina wie Petreius stellten ihre +zuverlässigsten Leute in die vordersten Reihen; Quartier ward weder gegeben +noch genommen. Lange stand der Kampf und von beiden Seiten fielen viele tapfere +Männer; Catilina, der vor dem Anfange der Schlacht sein Pferd und die der +sämtlichen Offiziere zurückgeschickt hatte, bewies an diesem Tage, daß ihn die +Natur zu nicht gewöhnlichen Dingen bestimmt hatte und daß er es verstand, +zugleich als Feldherr zu kommandieren und als Soldat zu fechten. Endlich +sprengte Petreius mit seiner Garde das Zentrum des Feindes und faßte, nachdem +er dies geworfen hatte, die beiden Flügel von innen; der Sieg war damit +entschieden. Die Leichen der Catilinarier - man zählte ihrer 3000 - deckten +gleichsam in Reihe und Glied den Boden, wo sie gefochten hatten; die Offiziere +und der Feldherr selbst hatten, da alles verloren war, sich in die Feinde +gestürzt und dort den Tod gesucht und gefunden (Anfang 692 62). Antonius ward +wegen dieses Sieges vom Senat mit dem Imperatorentitel gebrandmarkt und neue +Dankfeste bewiesen, daß Regierung und Regierte anfingen, sich an den +Bürgerkrieg zu gewöhnen. +</p> + +<p> +Das anarchistische Komplott war also in der Hauptstadt wie in Italien mit +blutiger Gewalt niedergeschlagen worden; man ward nur noch an dasselbe erinnert +durch die Kriminalprozesse, die in den etruskischen Landstädten und in der +Hauptstadt unter den Affiliierten der geschlagenen Partei aufräumten, und durch +die anschwellenden italischen Räuberbanden, wie deren zum Beispiel eine aus den +Resten der Heere des Spartacus und des Catilina erwachsene im Jahre 694 (60) im +Gebiet von Thurii durch Militärgewalt vernichtet ward. Aber es ist wichtig, es +im Auge zu behalten, daß der Schlag keineswegs bloß die eigentlichen +Anarchisten traf, die zur Anzündung der Hauptstadt sich verschworen und bei +Pistoria gefochten hatten, sondern die ganze demokratische Partei. Daß diese, +insbesondere Crassus und Caesar, hier so gut wie bei dem Komplott von 688 (66) +die Hand im Spiele hatten, darf als eine nicht juristisch, aber historisch +ausgemachte Tatsache angesehen werden. Zwar daß Catulus und die übrigen Häupter +der Senatspartei den Führer der Demokraten der Mitwisserschaft um das +anarchistische Komplott ziehen und daß dieser als Senator gegen den von der +Oligarchie beabsichtigten brutalen Justizmord sprach und stimmte, konnte nur +von der Parteischikane als Beweis seiner Beteiligung an den Plänen Catilinas +geltend gemacht werden. Aber mehr ins Gewicht fällt eine Reihe anderer +Tatsachen. Nach ausdrücklichen und unabweisbaren Zeugnissen waren es vor allen +Crassus und Caesar, die Catilinas Bewerbung um das Konsulat unterstützten. Als +Caesar 690 (64) die Schergen Sullas vor das Mordgericht zog, ließ er die +übrigen verurteilen, den schuldigsten und schädlichsten aber von ihnen allen, +den Catilina, freisprechen. Bei den Enthüllungen des dritten Dezember nannte +Cicero zwar unter den Namen der bei ihm angezeigten Verschworenen die der +beiden einflußreichen Männer nicht; allein es ist notorisch, daß die +Denunzianten nicht bloß auf diejenigen aussagten, gegen die nachher die +Untersuchung gerichtet ward, sondern außerdem noch auf “viele +Unschuldige”, die der Konsul Cicero aus dem Verzeichnis zu streichen für +gut fand; und in späteren Jahren, als er keine Ursache hatte, die Wahrheit zu +entstellen, hat eben er ausdrücklich Caesar unter den Mitwissern genannt. Eine +indirekte, aber sehr verständliche Bezichtigung liegt auch darin, daß von den +vier am dritten Dezember Verhafteten die beiden am wenigsten gefährlichen, +Statilius und Gabinius, den Senatoren Caesar und Crassus zur Bewachung +übergeben wurden; offenbar sollten sie entweder, wenn sie sie entrinnen ließen, +vor der öffentlichen Meinung als Mitschuldige oder, wenn sie in der Tat sie +festhielten, vor ihren Mitverschworenen als Abtrünnige kompromittiert werden. +Bezeichnend für die Situation ist die folgende im Senat vorgefallene Szene. +Unmittelbar nach der Verhaftung des Lentulus und seiner Genossen wurde ein von +den Verschworenen in der Hauptstadt an Catilina abgesandter Bote von den +Agenten der Regierung aufgegriffen und derselbe, nachdem ihm Straflosigkeit +zugesichert war, in voller Senatssitzung ein umfassendes Geständnis abzulegen +veranlaßt. Wie er aber an die bedenklichen Teile seiner Konfession kam und +namentlich als seinen Auftraggeber den Crassus nannte, ward er von den +Senatoren unterbrochen und auf Ciceros Vorschlag beschlossen, die ganze Angabe +ohne weitere Untersuchung zu kassieren, ihren Urheber aber ungeachtet der +zugesicherten Amnestie so lange einzusperren, bis er nicht bloß die Angabe +zurückgenommen, sondern auch bekannt haben werde, wer ihn zu solchem falschen +Zeugnis aufgestiftet habe! Hier liegt es deutlich zu Tage, nicht bloß daß jener +Mann die Verhältnisse recht genau kannte, der auf die Aufforderung, einen +Angriff auf Crassus zu machen, zur Antwort gab, er habe keine Lust, den Stier +der Herde zu reizen, sondern auch daß die Senatsmajorität, Cicero an der +Spitze, unter sich einig geworden war, die Enthüllungen nicht über eine +bestimmte Grenze vorschreiten zu lassen. Das Publikum war so heikel nicht; die +jungen Leute, die zur Abwehr der Mordbrenner die Waffen ergriffen hatten, waren +gegen keinen so erbittert wie gegen Caesar; sie richteten am fünften Dezember, +als er die Kurie verließ, die Schwerter auf seine Brust und es fehlte nicht +viel, daß er schon jetzt an derselben Stelle sein Leben gelassen hätte, wo +siebzehn Jahre später ihn der Todesstreich traf; längere Zeit hat er die Kurie +nicht wieder betreten. Wer überall den Verlauf der Verschwörung unbefangen +erwägt, wird des Argwohns sich nicht zu erwehren vermögen, daß während dieser +ganzen Zeit hinter Catilina mächtigere Männer standen, welche, gestützt auf den +Mangel rechtlich vollständiger Beweise und auf die Lauheit und Feigheit der nur +halb eingeweihten und nach jedem Vorwande zur Untätigkeit begierig greifenden +Senatsmehrheit, es verstanden, jedes ernstliche Einschreiten der Behörden gegen +die Verschwörung zu hemmen, dem Chef der Insurgenten freien Abzug zu +verschaffen und selbst die Kriegserklärung und Truppensendungen gegen die +Insurrektion so zu lenken, daß sie beinahe auf die Sendung einer Hilfsarmee +hinauslief. Wenn also der Gang der Ereignisse selbst dafür zeugt, daß die Fäden +des Catilinarischen Komplotts weit höher hinaufreichen als bis zu Lentulus und +Catilina, so wird auch das Beachtung verdienen, daß in viel späterer Zeit, als +Caesar an die Spitze des Staates gelangt war, er mit dem einzigen noch übrigen +Catilinarier, dem mauretanischen Freischarenführer Publius Sittius, im engsten +Bündnis stand, und daß er das Schuldrecht ganz in dem Sinne milderte, wie es +die Proklamationen des Manlius begehrten. +</p> + +<p> +All diese einzelnen Inzichten reden deutlich genug; wäre das aber auch nicht, +die verzweifelte Lage der Demokratie gegenüber der seit den +Gabinisch-Manilischen Gesetzen drohender als je ihr zur Seite sich erhebenden +Militärgewalt macht es an sich schon fast zur Gewißheit, daß sie, wie es in +solchen Fällen zu gehen pflegt, in den geheimen Komplotten und dem Bündnis mit +der Anarchie eine letzte Hilfe gesucht hat. Die Verhältnisse waren denen der +cinnanischen Zeit sehr ähnlich. Wenn im Osten Pompeius eine Stellung einnahm +ungefähr wie damals Sulla, so suchten Crassus und Caesar ihm gegenüber in +Italien eine Gewalt aufzurichten, wie Marius und Cinna sie besessen hatten, um +sie dann womöglich besser als diese zu benutzen. Der Weg dahin ging wieder +durch Terrorismus und Anarchie, und diesen zu bahnen war Catilina allerdings +der geeignete Mann. Natürlich hielten die reputierlicheren Führer der +Demokratie sich hierbei möglichst im Hintergrund und überließen den unsauberen +Genossen die Ausführung der unsauberen Arbeit, deren politisches Resultat sie +späterhin sich zuzueignen hofften. Noch mehr wandten, als das Unternehmen +gescheitert war, die höhergestellten Teilnehmer alles an, um ihre Beteiligung +daran zu verhüllen. Und auch in späterer Zeit, als der ehemalige Konspirator +selbst die Zielscheibe der politischen Komplotte geworden war, zog ebendarum +über diese düsteren Jahre in dem Leben des großen Mannes der Schleier nur um so +dichter sich zusammen und wurden in diesem Sinne sogar eigene Apologien für ihn +geschrieben ^6. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +^6 Eine solche ist der ‘Catilina’ des Sallustius, der von dem +Verfasser, einem notorischen Caesarianer, nach dem Jahre 708 (46) entweder +unter Caesars Alleinherrschaft oder wahrscheinlicher unter dem Triumvirat +seiner Erben veröffentlicht wurde; offenbar als politische Tendenzschrift, +welche sich bemüht, die demokratische Partei, auf welcher ja die römische +Monarchie beruht, zu Ehren zu bringen und Caesars Andenken von dem schwärzesten +Fleck, der darauf haftete, zu reinigen, nebenher auch den Oheim des Trimvirn +Marcus Antonius möglichst weißzuwaschen (vgl. z. B. c. 59 mit Dio 37, 39). Ganz +ähnlich soll der ‘Jugurtha’ desselben Verfassers teils die +Erbärmlichkeit des oligarchischen Regiments aufdecken, teils den Koryphäen der +Demokratie Gaius Marius verherrlichen. Daß der gewandte Schriftsteller den +apologetischen und akkusatorischen Charakter dieser seiner Bücher zurücktreten +läßt, beweist nicht, daß sie keine, sondern daß sie gute Parteischriften sind. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +Seit fünf Jahren stand Pompeius im Osten an der Spitze seiner Heere und +Flotten; seit fünf Jahren konspirierte die Demokratie daheim, um ihn zu +stürzen. Das Ergebnis war entmutigend. Mit unsäglichen Anstrengungen hatte man +nicht bloß nichts erreicht, sondern moralisch wie materiell ungeheure Einbuße +gemacht. Schon die Koalition vom Jahre 683 (71) mußte den Demokraten vom reinen +Wasser ein Ärgernis sein, obwohl die Demokratie damals nur mit zwei angesehenen +Männern der Gegenpartei sich einließ und diese auf ihr Programm verpflichtete. +Jetzt aber hatte die demokratische Partei gemeinschaftliche Sache gemacht mit +einer Bande von Mördern und Bankerottierern, die fast alle gleichfalls +Überläufer aus dem Lager der Aristokratie waren, und hatte deren Programm, das +heißt den Cinnanischen Terrorismus, wenigstens vorläufig akzeptiert. Die Partei +der materiellen Interessen, eines der Hauptelemente der Koalition von 683 (71) +wurde hierdurch der Demokratie entfremdet und zunächst den Optimaten, überhaupt +aber jeder Macht, die Schutz vor der Anarchie gewähren wollte und konnte, in +die Arme getrieben. Selbst die hauptstädtische Menge, die zwar gegen einen +Straßenkrawall nichts einzuwenden hatte, aber es doch unbequem fand, sich das +Haus über dem Kopfe anzünden zu lassen, ward einigermaßen scheu. Es ist +merkwürdig, daß eben in diesem Jahr (691 63) die volle Wiederherstellung der +Sempronischen Getreidespenden stattfand, und zwar von Seiten des Senats auf den +Antrag Catos. Offenbar hatte der Bund der Demokratenführer mit der Anarchie +zwischen jene und die Stadtbürgerschaft einen Keil getrieben, und suchte die +Oligarchie, nicht ohne wenigstens augenblicklichen Erfolg, diesen Riß zu +erweitern und die Massen auf ihre Seite hinüberzuziehen. Endlich war Gnaeus +Pompeius durch all diese Kabalen teils gewarnt, teils erbittert worden; nach +allem, was vorgefallen war, und nachdem die Demokratie die Bande, die sie mit +Pompeius verknüpften, selber so gut wie zerrissen hatte, konnte sie nicht mehr +schicklicherweise von ihm begehren, was im Jahre 684 (70) eine gewisse +Billigkeit für sich gehabt hatte, daß er die demokratische Macht, die er und +die ihn emporgebracht, nicht selber mit dem Schwerte zerstöre. So war die +Demokratie entehrt und geschwächt; vor allen Dingen aber war sie lächerlich +geworden durch die unbarmherzige Aufdeckung ihrer Ratlosigkeit und Schwäche. Wo +es sich um die Demütigung des gestürzten Regiments und ähnliche Nichtigkeiten +handelte, war sie groß und gewaltig; aber jeder ihrer Versuche, einen wirklich +politischen Erfolg zu erreichen, war platt zur Erde gefallen. Ihr Verhältnis zu +Pompeius war so falsch wie kläglich. Während sie ihn mit Lobsprüchen und +Huldigungen überschüttete, spann sie gegen ihn eine Intrige nach der anderen, +die eine nach der anderen, Seifenblasen gleich, von selber zerplatzten. Der +Feldherr des Ostens und der Meere, weit entfernt, sich dagegen zur Wehr zu +setzen, schien das ganze geschäftige Treiben nicht einmal zu bemerken und seine +Siege über sie zu erfechten wie Herakles den über die Pygmäen, ohne selber +darum gewahr zu werden. Der Versuch, den Bürgerkrieg zu entflammen, war +jämmerlich gescheitert; hatte die anarchistische Fraktion wenigstens einige +Energie entwickelt, so hatte die reine Demokratie die Rotten wohl zu dingen +verstanden, aber weder sie zu führen, noch sie zu retten, noch mit ihnen zu +sterben. Selbst die alte todesmatte Oligarchie hatte, gestärkt durch die aus +den Reihen der Demokratie zu ihr übertretenden Massen und vor allem durch die +in dieser Angelegenheit unverkennbare Gleichheit ihrer Interessen und +derjenigen des Pompeius, es vermocht, diesen Revolutionsversuch +niederzuschlagen und damit noch einen letzten Sieg über die Demokratie zu +erfechten. Inzwischen war König Mithradates gestorben, Kleinasien und Syrien +geordnet, Pompeius’ Heimkehr nach Italien jeden Augenblick zu erwarten. +Die Entscheidung war nicht fern; aber konnte in der Tat noch die Rede sein von +einer Entscheidung zwischen dem Feldherrn, der ruhmvoller und gewaltiger als je +zurückkam, und der beispiellos gedemütigten und völlig machtlosen Demokratie? +Crassus schickte sich an, seine Familie und sein Gold zu Schiffe zu bringen und +irgendwo im Osten eine Freistatt aufzusuchen; und selbst eine so elastische und +so energische Natur wie Caesar schien im Begriff, das Spiel verloren zu geben. +In dieses Jahr (691 63) fällt seine Bewerbung um die Stelle des Oberpontifex; +als er am Morgen der Wahl seine Wohnung verließ, äußerte er, wenn auch dieses +ihm fehlschlage, werde er, die Schwelle seines Hauses nicht wieder +überschreiten. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap06"></a>KAPITEL VI.<br/> +Pompeius’ Rücktritt und die Koalition der Prätendenten</h2> + +<p> +Als Pompeius nach Erledigung der ihm aufgetragenen Verrichtungen seine Blicke +wieder der Heimat zuwandte, fand er zum zweiten Male das Diadem zu seinen +Füßen. Längst neigte die Entwicklung des römischen Gemeinwesens einer solchen +Katastrophe sich zu; es war jedem Unbefangenen offenbar und war tausendmal +gesagt worden, daß, wenn der Herrschaft der Aristokratie ein Ende gemacht sein +werde, die Monarchie unausbleiblich sei. Jetzt war der Senat gestürzt zugleich +durch die bürgerliche, liberale Opposition und die soldatische Gewalt; es +konnte sich nur noch darum handeln, für die neue Ordnung der Dinge die +Personen, die Namen und Formen festzustellen, die übrigens in den teils +demokratischen, teils militärischen Elementen der Umwälzung bereits klar genug +angedeutet waren. Die Ereignisse der letzten fünf Jahre hatten auf diese +bevorstehende Umwandlung des Gemeinwesens gleichsam das letzte Siegel gedrückt. +In den neu eingerichteten asiatischen Provinzen, die in ihrem Ordner den +Nachfolger des großen Alexander königlich verehrten und schon seine +begünstigten Freigelassenen wie Prinzen empfingen, hatte Pompeius den Grund +seiner Herrschaft gelegt und zugleich die Schätze, das Heer und den Nimbus +gefunden, deren der künftige Fürst des römischen Staats bedurfte. Die +anarchistische Verschwörung aber in der Hauptstadt mit dem daran sich +knüpfenden Bürgerkrieg hatte es jedem, der politische oder auch nur materielle +Interessen hegte, mit empfindlicher Schärfe dargelegt, daß eine Regierung ohne +Autorität und ohne militärische Macht, wie die des Senats war, den Staat der +ebenso lächerlichen wie furchtbaren Tyrannei der politischen Industrieritter +aussetzte und daß eine Verfassungsänderung, welche die Militärgewalt enger mit +dem Regiment verknüpfte, eine unabweisliche Notwendigkeit war, wenn die +gesellschaftliche Ordnung ferner Bestand haben sollte. So war im Osten der +Herrscher aufgestanden, in Italien der Thron errichtet; allem Anschein nach war +das Jahr 692 (62) das letzte der Republik, das erste der Monarchie. +</p> + +<p> +Zwar ohne Kampf war an dieses Ziel nicht zu gelangen. Die Verfassung, die ein +halbes Jahrtausend gedauert hatte und unter der die unbedeutende Stadt am Tiber +zu beispielloser Größe und Herrlichkeit gediehen war, hatte ihre Wurzeln man +wußte nicht wie tief in den Boden gesenkt, und es ließ sich durchaus nicht +berechnen, bis in welche Schichten hinab der Versuch, sie umzustürzen, die +bürgerliche Gesellschaft aufwühlen werde. Mehrere Nebenbuhler waren in dem +Wettlauf nach dem großen Ziel von Pompeius überholt, aber nicht völlig +beseitigt worden. Es lag durchaus nicht außer der Berechnung, daß alle diese +Elemente sich verbanden, um den neuen Machthaber zu stürzen und Pompeius sich +gegenüber Quintus Catulus und Marcus Cato mit Marcus Crassus, Gaius Caesar und +Titus Labienus vereinigt fand. Aber nicht leicht konnte der unvermeidliche und +unzweifelhaft ernste Kampf unter günstigeren Verhältnissen aufgenommen werden. +Es war in hohem Grade wahrscheinlich, daß unter dem frischen Eindrucke des +Catilinarischen Aufstandes einem Regimente, das Ordnung und Sicherheit, +wenngleich um den Preis der Freiheit, verhieß, die gesamte Mittelpartei sich +fügen werde, vor allem die einzig um ihre materiellen Interessen bekümmerte +Kaufmannschaft, aber nicht minder ein großer Teil der Aristokratie, die, in +sich zerrüttet und politisch hoffnungslos, zufrieden sein mußte, durch zeitige +Transaktion mit dem Fürsten sich Reichtum, Rang und Einfluß zu sichern; +vielleicht sogar mochte ein Teil der von den letzten Schlägen schwer +getroffenen Demokratie sich bescheiden, von einem durch sie auf den Schild +gehobenen Militärchef die Realisierung eines Teils ihrer Forderungen zu +erhoffen. Aber wie auch immer die Parteiverhältnisse sich stellten, was kam, +zunächst wenigstens, auf die Parteien in Italien überhaupt noch an, Pompeius +gegenüber und seinem siegreichen Heer? Zwanzig Jahre zuvor hatte Sulla, nachdem +er mit Mithradates einen Notfrieden abgeschlossen hatte, gegen die gesamte, +seit Jahren massenhaft rüstende liberale Partei, von den gemäßigten +Aristokraten und der liberalen Kaufmannschaft an bis hinab zu den Anarchisten, +mit seinen fünf Legionen eine der natürlichen Entwicklung der Dinge +zuwiderlaufende Restauration durchzusetzen vermocht. Pompeius’ Aufgabe +war weit minder schwer. Er kam zurück, nachdem er zur See und zu Lande seine +verschiedenen Aufgaben vollständig und gewissenhaft gelöst hatte. Er durfte +erwarten, auf keine andere ernstliche Opposition zu treffen als auf die der +verschiedenen extremen Parteien, von denen jede einzeln gar nichts vermochte +und die, selbst verbündet, immer nicht mehr waren als eine Koalition eben noch +hitzig sich befehdender und innerlich gründlich entzweiter Faktionen. +Vollkommen ungerüstet waren sie ohne Heer und Haupt, ohne Organisation in +Italien, ohne Rückhalt in den Provinzen, vor allen Dingen ohne einen Feldherrn; +es war in ihren Reihen kaum ein namhafter Militär, geschweige denn ein +Offizier, der es hätte wagen dürfen, die Bürger zum Kampfe gegen Pompeius +aufzurufen. Auch das durfte in Anschlag kommen, daß der jetzt seit siebzig +Jahren rastlos flammende und an seiner eigenen Glut zehrende Vulkan der +Revolution sichtlich ausbrannte und anfing, in sich selber zu erlöschen. Es war +sehr zweifelhaft, ob es jetzt gelingen werde, die Italiker so für +Parteiinteressen zu bewaffnen, wie noch Cinna und Carbo dies vermocht hatten. +Wenn Pompeius zugriff, wie konnte es ihm fehlen, eine Staatsumwälzung +durchzusetzen, die in der organischen Entwicklung des römischen Gemeinwesens +mit einer gewissen Naturnotwendigkeit vorgezeichnet war? +</p> + +<p> +Pompeius hatte den Moment erfaßt, indem er die Mission nach dem Orient +übernahm; er schien fortfahren zu wollen. Im Herbste des Jahres 691 (63) traf +Quintus Metellus Nepos aus dem Lager des Pompeius in der Hauptstadt ein und +trat auf als Bewerber um das Tribunat, in der ausgesprochenen Absicht, als +Volkstribun Pompeius das Konsulat für das Jahr 693 (61) und zunächst durch +speziellen Volksbeschluß die Führung des Krieges gegen Catilina zu verschaffen. +Die Aufregung in Rom war gewaltig. Es war nicht zu bezweifeln, daß Nepos im +direkten oder indirekten Auftrag des Pompeius handelte; Pompeius’ +Begehren, in Italien an der Spitze seiner asiatischen Legionen als Feldherr +aufzutreten und daselbst die höchste militärische und die höchste bürgerliche +Gewalt zugleich zu verwalten, ward aufgefaßt als ein weiterer Schritt auf dem +Wege zum Throne, Nepos’ Sendung als die halboffizielle Ankündigung der +Monarchie. +</p> + +<p> +Es kam alles darauf an, wie die beiden großen politischen Parteien zu diesen +Eröffnungen sich verhielten; ihre künftige Stellung und die Zukunft der Nation +hingen davon ab. Die Aufnahme aber, die Nepos fand, war selbst wieder bestimmt +durch das damalige Verhältnis der Parteien zu Pompeius, das sehr eigentümlicher +Art war. Als Feldherr der Demokratie war Pompeius nach dem Osten gegangen. Er +hatte Ursache genug, mit Caesar und seinem Anhang unzufrieden zu sein, aber ein +offener Bruch war nicht erfolgt. Es ist wahrscheinlich, daß Pompeius, der weit +entfernt und mit andern Dingen beschäftigt war, überdies der Gabe, sich +politisch zu orientieren, durchaus entbehrte, den Umfang und den Zusammenhang +der gegen ihn gesponnenen demokratischen Umtriebe damals wenigstens keineswegs +durchschaute, vielleicht sogar in seiner hochmütigen und kurzsichtigen Weise +einen gewissen Stolz darein setzte, diese Maulwurfstätigkeit zu ignorieren. +Dazu kam, was bei einem Charakter von Pompeius’ Art sehr ins Gewicht +fiel, daß die Demokratie den äußeren Respekt gegen den großen Mann nie aus den +Augen gesetzt, ja eben jetzt (691 63), unaufgefordert wie er es liebte, ihm +durch einen besonderen Volksschluß unerhörte Ehren und Dekorationen gewährt +hatte. Indes wäre auch alles dies nicht gewesen, so lag es in Pompeius’ +eigenem wohlverstandenen Interesse, sich wenigstens äußerlich fortwährend zur +Popularpartei zu halten; Demokratie und Monarchie stehen in so enger +Wahlverwandtschaft, daß Pompeius, indem er nach der Krone griff, kaum anders +konnte, als sich wie bisher den Vorfechter der Volksrechte nennen. Wie also +persönliche und politische Gründe, zusammenwirkten, um trotz allem +Vorgefallenen Pompeius und die Führer der Demokratie bei ihrer bisherigen +Verbindung festzuhalten, so geschah auf der entgegengesetzten Seite nichts, um +die Kluft auszufüllen, die ihn seit seinem Übertritt in das Lager der +Demokratie von seinen sullanischen Parteigenossen trennte. Sein persönliches +Zerwürfnis mit Metellus und Lucullus übertrug sich auf deren ausgedehnte und +einflußreiche Koterien. Eine kleinliche, aber für einen so kleinlich +zugeschnittenen Charakter eben ihrer Kleinlichkeit wegen um so tiefer +erbitternde Opposition des Senats hatte ihn auf seiner ganzen Feldherrnlaufbahn +begleitet. Er empfand es schmerzlich, daß der Senat nicht das geringste getan, +um den außerordentlichen Mann nach Verdienst, das heißt außerordentlich zu +ehren. Endlich ist es nicht aus der Acht zu lassen, daß die Aristokratie eben +damals von ihrem frischen Siege berauscht, die Demokratie tief gedemütigt war, +und daß die Aristokratie von dem bocksteifen und halb närrischen Cato, die +Demokratie von dem schmiegsamen Meister der Intrige Caesar geleitet ward. +</p> + +<p> +In diese Verhältnisse traf das Auftreten des von Pompeius gesandten Emissärs. +Die Aristokratie betrachtete nicht bloß die Anträge, die derselbe zu +Pompeius’ Gunsten ankündigte, als eine Kriegserklärung gegen die +bestehende Verfassung, sondern behandelte sie auch öffentlich als solche und +gab sich nicht die mindeste Mühe, ihre Besorgnis und ihren Ingrimm zu +verhehlen: in der ausgesprochenen Absicht, diese Anträge zu bekämpfen, ließ +sich Marcus Cato mit Nepos zugleich zum Volkstribun wählen und wies +Pompeius’ wiederholten Versuch, sich ihm persönlich zu nähern, schroff +zurück. Es ist begreiflich, daß Nepos hiernach sich nicht veranlaßt fand, die +Aristokratie zu schonen, dagegen den Demokraten sich um so bereitwilliger +anschloß, als diese, geschmeidig wie immer, in das Unvermeidliche sich fügten +und das Feldherrnamt in Italien wie das Konsulat lieber freiwillig zugestanden +als es mit den Waffen sich abzwingen ließen. Das herzliche Einverständnis +offenbarte sich bald. Nepos bekannte sich (Dezember 691 63) öffentlich zu der +demokratischen Auffassung der von der Senatsmajorität kürzlich verfügten +Exekutionen als verfassungswidriger Justizmorde; und daß auch sein Herr und +Meister sie nicht anders ansah, bewies sein bedeutsames Stillschweigen auf die +voluminöse Rechtfertigungsschrift, die ihm Cicero übersandt hatte. Andererseits +war es der erste Akt, womit Caesar seine Prätur eröffnete, daß er den Quintus +Catulus wegen der bei dem Wiederaufbau des Kapitolinischen Tempels angeblich +von ihm unterschlagenen Gelder zur Rechenschaft zog und die Vollendung des +Tempels an Pompeius übertrug. Es war das ein Meisterzug. Catulus baute an dem +Tempel jetzt bereits im sechzehnten Jahr und schien gute Lust zu haben, als +Oberaufseher der kapitolinischen Bauten wie zu leben so zu sterben; ein Angriff +auf diesen, nur durch das Ansehen des vornehmen Beauftragten zugedeckten +Mißbrauch eines öffentlichen Auftrags war der Sache nach vollkommen begründet +und in hohem Maße populär. Indem aber zugleich dadurch Pompeius die Aussicht +eröffnet ward, an dieser stolzesten Stelle der ersten Stadt des Erdkreises den +Namen des Catulus tilgen und den seinigen eingraben zu dürfen, ward ihm ebendas +geboten, was ihn vor allem reizte und der Demokratie nicht schadete, +überschwengliche, aber leere Ehre, und ward zugleich die Aristokratie, die doch +ihren besten Mann unmöglich fallen lassen konnte, auf die ärgerlichste Weise +mit Pompeius verwickelt. +</p> + +<p> +Inzwischen hatte Nepos seine Pompeius betreffenden Anträge bei der Bürgerschaft +eingebracht. Am Tage der Abstimmung interzedierten Cato und sein Freund und +Kollege Quintus Minucius. Als Nepos sich daran nicht kehrte und mit der +Verlesung fortfuhr, kam es zu einem förmlichen Handgemenge: Cato und Minucius +warfen sich über ihren Kollegen und zwangen ihn innezuhalten; eine bewaffnete +Schar befreite ihn zwar und vertrieb die aristokratische Fraktion vom Markte; +aber Cato und Minucius kamen wieder, nun gleichfalls von bewaffneten Haufen +begleitet, und behaupteten schließlich das Schlachtfeld für die Regierung. +Durch diesen Sieg ihrer Bande über die des Gegners ermutigt, suspendierte der +Senat den Tribun Nepos sowie den Prätor Caesar, der denselben bei der +Einbringung des Gesetzes nach Kräften unterstützt hatte, von ihren Ämtern; die +Absetzung, die im Senat beantragt ward, wurde, mehr wohl wegen ihrer +Verfassungs- als wegen ihrer Zweckwidrigkeit, von Cato verhindert. Caesar +kehrte sich an den Beschluß nicht und fuhr in seinen Amtshandlungen fort, bis +der Senat Gewalt gegen ihn brauchte. Sowie dies bekannt ward, erschien die +Menge vor seinem Hause und stellte sich ihm zur Verfügung; es hätte nur von ihm +abgehangen, den Straßenkampf zu beginnen oder wenigstens die von Metellus +gestellten Anträge jetzt wiederaufzunehmen und Pompeius das von ihm gewünschte +Militärkommando in Italien zu verschaffen; allein dies lag nicht in seinem +Interesse, und so bewog er die Haufen, sich wieder zu zerstreuen, worauf der +Senat die gegen ihn verhängte Strafe zurücknahm. Nepos selbst hatte sogleich +nach seiner Suspension die Stadt verlassen und sich nach Asien eingeschifft, um +Pompeius von dem Erfolg seiner Sendung Bericht zu erstatten. +</p> + +<p> +Pompeius hatte alle Ursache, mit der Wendung der Dinge zufrieden zu sein. Der +Weg zum Thron ging nun einmal notwendig durch den Bürgerkrieg; und diesen mit +gutem Fug beginnen zu können dankte er Catos unverbesserlicher Verkehrtheit. +Nach der rechtswidrigen Verurteilung der Anhänger Catilinas, nach den +unerhörten Gewaltsamkeiten gegen den Volkstribun Metellus konnte Pompeius ihn +führen zugleich als Verfechter der beiden Palladien der römischen +Gemeindefreiheit, des Berufungsrechts und der Unverletzlichkeit des +Volkstribunats, gegen die Aristokratie und als Vorkämpfer der Ordnungspartei +gegen die Catilinarische Bande. Es schien fast unmöglich, daß Pompeius dies +unterlassen und mit sehenden Augen sich zum zweitenmal in die peinliche +Situation begeben werde, in die die Entlassung seiner Armee im Jahre 684 (70) +ihn versetzt und aus der erst das Gabinische Gesetz ihn erlöst hatte. Indes, +wie nahe es ihm auch gelegt war, die weiße Binde um seine Stirn zu legen, wie +sehr seine eigene Seele danach gelüstete: als es galt, den Griff zu tun, +versagten ihm abermals Herz und Hand. Dieser in allem, nur in seinen Ansprüchen +nicht, ganz gewöhnliche Mensch hätte wohl gern außerhalb des Gesetzes sich +gestellt, wenn dies nur hätte geschehen können, ohne den gesetzlichen Boden zu +verlassen. Schon sein Zaudern in Asien ließ dies ahnen. Er hätte, wenn er +gewollt, sehr wohl im Januar 692 (62) mit Flotte und Heer im Hafen von +Brundisium eintreffen und Nepos hier empfangen können. Daß er den ganzen Winter +691/92 (63/62) in Asien säumte, hatte zunächst die nachteilige Folge, daß die +Aristokratie, die natürlich den Feldzug gegen Catilina nach Kräften +beschleunigte, inzwischen mit dessen Banden fertiggeworden war und damit der +schicklichste Vorwand, die asiatischen Legionen in Italien zusammenzuhalten, +hinwegfiel. Für einen Mann von Pompeius’ Art, der in Ermangelung des +Glaubens an sich und an seinen Stern sich im öffentlichen Leben ängstlich an +das formale Recht anklammerte, und bei dem der Vorwand ungefähr ebensoviel wog +wie der Grund, fiel dieser Umstand schwer ins Gewicht. Er mochte sich ferner +sagen, daß, selbst wenn er sein Heer entlasse, er dasselbe nicht völlig aus der +Hand gebe und im Notfall doch noch eher als jedes andere Parteihaupt eine +schlagfertige Armee aufzubringen vermöge; daß die Demokratie in unterwürfiger +Haltung seines Winkes gewärtig und mit dem widerspenstigen Senat auch ohne +Soldaten fertig zu werden sei und was weiter sich von solchen Erwägungen +darbot, in denen gerade genug Wahres war, um sie dem, der sich selber betrügen +wollte, plausibel erscheinen zu lassen. Den Anschlag gab natürlich wiederum +Pompeius’ eigenstes Naturell. Er gehörte zu den Menschen, die wohl eines +Verbrechens fähig sind, aber keiner Insurbordination; im guten wie im schlimmen +Sinne war er durch und durch Soldat. Bedeutende Individualitäten achten das +Gesetz als die sittliche Notwendigkeit, gemeine als die hergebrachte +alltägliche Regel; ebendarum fesselt die militärische Ordnung, in der mehr als +irgendwo sonst das Gesetz als Gewohnheit auftritt, jeden nicht ganz in sich +festen Menschen wie mit einem Zauberbann. Es ist oft beobachtet worden, daß der +Soldat, auch wenn er den Entschluß gefaßt hat, seinen Vorgesetzten den Gehorsam +zu versagen, dennoch, wenn dieser Gehorsam gefordert wird, unwillkürlich wieder +in Reihe und Glied tritt; es war dies Gefühl, das Lafayette und Dumouriez im +letzten Augenblick vor dem Treuebruch schwanken und scheitern machte, und eben +demselben ist auch Pompeius unterlegen. +</p> + +<p> +Im Herbst 692 (62) schiffte Pompeius nach Italien sich ein. Während in der +Hauptstadt alles sich bereitete, den neuen Monarchen zu empfangen, kam der +Bericht, daß Pompeius, kaum in Brundisium gelandet, seine Legionen aufgelöst +und mit geringem Gefolge die Reise nach der Hauptstadt angetreten habe. Wenn es +ein Glück ist, eine Krone mühelos zu gewinnen, so hat das Glück nie mehr für +einen Sterblichen getan, als es für Pompeius tat; aber an den Mutlosen +verschwenden die Götter alle Gunst und alle Gabe umsonst. +</p> + +<p> +Die Parteien atmeten auf. Zum zweiten Male hatte Pompeius abgedankt; die schon +überwundenen Mitbewerber konnten abermals den Wettlauf beginnen, wobei wohl das +wunderlichste war, daß in diesem Pompeius wieder mitlief. Im Januar 693 (61) +kam er nach Rom. Seine Stellung war schief und schwankte so unklar zwischen den +Parteien, daß man ihm den Spottnamen Gnaeus Cicero verlieh. Er hatte es eben +mit allen verdorben. Die Anarchisten sahen in ihm einen Widersacher, die +Demokraten einen unbequemen Freund, Marcus Crassus einen Nebenbuhler, die +vermögende Klasse einen unzuverlässigen Beschützer, die Aristokratie einen +erklärten Feind ^1. Er war wohl immer noch der mächtigste Mann im Staat; sein +durch ganz Italien zerstreuter militärischer Anhang, sein Einfluß in den +Provinzen, namentlich den östlichen, sein militärischer Ruf, sein ungeheurer +Reichtum gaben ihm ein Gewicht wie es kein anderer hatte; aber statt des +begeisterten Empfanges, auf den er gezählt hatte, war die Aufnahme, die er +fand, mehr als kühl, und noch kühler behandelte man die Forderungen, die er +stellte. Er begehrte für sich, wie er schon durch Nepos hatte ankündigen +lassen, das zweite Konsulat, außerdem natürlich die Bestätigung der vor. ihm im +Osten getroffenen Anordnungen und die Erfüllung des seinen Soldaten gegebenen +Versprechens, sie mit Ländereien auszustatten. Hiergegen erhob sich im Senat +eine systematische Opposition, zu der die persönliche Erbitterung des Lucullus +und des Metellus Creticus, der alte Groll des Crassus und Catos gewissenhafte +Torheit die hauptsächlichsten Elemente hergaben. Das gewünschte zweite Konsulat +ward sofort und unverblümt verweigert. Gleich die erste Bitte, die der +heimkehrende Feldherr an den Senat richtete, die Wahl der Konsuln für 693 (61) +bis nach seinem Eintreffen in der Hauptstadt aufzuschieben, war ihm +abgeschlagen worden; viel weniger war daran zu denken, die erforderliche +Dispensation von dem Gesetze Sullas über die Wiederwahl vom Senat zu erlangen. +Für die in den östlichen Provinzen von ihm getroffenen Anordnungen begehrte +Pompeius die Bestätigung natürlich im ganzen; Lucullus setzte es durch, daß +über jede Verfügung besonders verhandelt und abgestimmt ward, womit für endlose +Trakasserien und eine Menge Niederlagen im einzelnen das Feld eröffnet war. Das +Versprechen einer Landschenkung an die Soldaten der asiatischen Armee ward vom +Senat wohl im allgemeinen ratifiziert, jedoch zugleich ausgedehnt auf die +kretischen Legionen des Metellus und, was schlimmer war, es wurde nicht +ausgeführt, da die Gemeindekasse leer und der Senat nicht gemeint war, die +Domänen für diesen Zweck anzugreifen. Pompeius, daran verzweifelnd, der zähen +und tückischen Opposition des Rates Herr zu werden, wandte sich an die +Bürgerschaft. Allein auf diesem Gebiet verstand er noch weniger sich zu +bewegen. Die demokratischen Führer, obwohl sie ihm nicht offen entgegentraten, +hatten doch auch durchaus keine Ursache, seine Interessen zu den ihrigen zu +machen und hielten sich beiseite. Pompeius’ eigene Werkzeuge, wie zum +Beispiel die durch seinen Einfloß und zum Teil durch sein Geld gewählten +Konsuln Marcus Pupius Piso 693 (61) und Lucius Afranius 694 (60), erwiesen sich +als ungeschickt und unbrauchbar. Als endlich durch den Volkstribun Lucius +Flavius in Form eines allgemeinen Ackergesetzes die Landanweisung für +Pompeius’ alte Soldaten an die Bürgerschaft gebracht :ward, blieb der von +den Demokraten nicht unterstützte, von den Aristokraten offen bekämpfte Antrag +in der Minorität (Anfang 694 60). Fast demütig buhlte der hochgestellte +Feldherr jetzt um die Gunst der Massen, wie denn auf seinem Antrieb durch ein +von dem Prätor Metellus Nepos eingebrachtes Gesetz die italischen Zölle +abgeschafft wanden (694 60). Aber er spielte den Demagogen ohne Geschick und +ohne Glück; sein Ansehen litt darunter, und was er wollte, erreichte er nicht. +Er hatte sich vollständig festgezogen. Einer seiner Gegner fußt seine damalige +politische Stellung dahin zusammen, daß er bemüht sei, “seinen gestickten +Triumphalmantel schweigend zu konservieren”. Es blieb ihm in der Tat +nichts übrig, als sich zu ärgern. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^1 Der Eindruck der ersten Ansprache, die Pompeius nach seiner Rückkehr an die +Bürgerschaft richtete, wird von Cicero (Art. 1, 14) so geschildert: prima +contio Pornpei non iucunda miseris, inanis improbis, beatis non grata, bonis +non gravis; +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +Da bot sich eine neue Kombination dar. Der Führer der demokratischem Partei +hatte die politische Windstille, die zunächst auf den Rücktritt des bisherigen +Machthabers gefolgt war, in seinem Interesse tätig benutzt. Als Pompeius aus +Asien zurückkam, war Caesar wenig mehr gewesen als was auch Catilina war: der +Chef einer fast zu einem Verschwörerklub eingeschwundenen politischen Partei +und ein bankrotter Mann. Seitdem aber hatte er nach verwalteter Prätur (692 62) +die Statthalterschaft des Jenseitigen Spanien übernommen und dadurch Mittel +gefunden, teils seiner Schulden sich zu entledigen; teils zu seinem +militärischen Ruf den Grund zu legen. Sein alter Freund und Bundesgenosse +Crassus hatte durch die Hoffnung, den. Rückhalt gegen Pompeius, den er an Piso +verloren, jetzt an Caesar wiederzufinden, sich bestimmen lassen, ihn noch vor +seinem Abgang in die Provinz von dem drückendsten Teil seiner Schuldenlast zu +befreien. Er selbst hatte den kurzen Aufenthalt daselbst energisch benutzt. Im +Jahre 694 (60) mit gefüllten Kassen und als Imperator mit wohlgegründeten +Ansprüchen auf den Triumph aus Spanien zurückgekehrt, trat er für das folgende +Jahr als Bewerber um das Konsulat auf, um dessentwillen er, da der Senat ihm +die Erlaubnis, abwesend sich zu der Konsulwahl zu melden, abschlug, die Ehre +des Triumphes unbedenklich darangab. Seit Jahren hatte die Demokratie danach +gerungen, einen der Ihrigen in den Besitz des höchsten Amtes zu bringen, um auf +dieser Brücke zu einer eigenen militärischen Macht zu gelangen. Längst war es +ja den Einsichtigen aller Farben klar geworden, daß der Parteienstreit nicht +durch bürgerlichen Kampf, sondern nur noch durch Militärmacht entschieden +werden könne; der Verlauf aber der Koalition zwischen der Demokratie und den +mächtigen Militärchefs, durch die der Senatsherrschaft ein Ende gemacht worden +war, zeigte mit unerbittlicher Schärfe, daß jede solche Allianz schließlich auf +eine Unterordnung der bürgerlichen unter die militärischen Elemente hinauslief +und daß die Volkspartei, wenn sie wirklich herrschen wollte, nicht mit ihr +eigentlich fremden, ja feindlichen Generalen sich verbünden, sondern ihre +Führer selbst zu Generalen machen müsse. Die dahin zielenden Versuche, +Catilinas Wahl zum Konsul durchzusetzen, in Spanien oder Ägypten einen +militärischen Rückhalt zu gewinnen, waren gescheitert; jetzt bot sich ihr die +Möglichkeit, ihrem bedeutendsten Manne das Konsulat und die Konsularprovinz auf +dem gewöhnlichen, verfassungsmäßigen Wege zu verschaffen und durch Begründung, +wenn man so sagen darf, einer demokratischen Hausmacht sich von dem +zweifelhaften und gefährlichen Bundesgenossen Pompeius unabhängig zu machen. +</p> + +<p> +Aber je mehr der Demokratie daran gelegen sein mußte, sich diese Bahn zu +eröffnen, die ihr nicht so sehr die günstigste als die einzige Aussicht auf +ernstliche Erfolge darbot, desto gewisser konnte sie dabei auf den +entschlossenen Widerstand ihrer politischen Gegner zählen. Es kam darauf an, +wen sie hierbei sich gegenüber fand. Die Aristokratie vereinzelt war nicht +furchtbar; aber es hatte doch soeben in der Catilinarischen Angelegenheit sich +herausgestellt, daß sie da allerdings noch etwas vermochte, wo sie von den +Männern der materiellen Interessen und von den Anhängern des Pompeius mehr oder +minder offen unterstützt ward. Sie hatte Catilinas Bewerbung um das Konsulat +mehrmals vereitelt, und daß sie das gleiche gegen Caesar versuchen werde, war +gewiß genug. Aber wenn auch vielleicht Caesar ihr zum Trotze gewählt ward, so +reichte die Wahl allein nicht aus. Er bedurfte mindestens einige Jahre +ungestörter Wirksamkeit außerhalb Italiens, um eine feste militärische Stellung +zu gewinnen, und sicherlich ließ die Nobilität kein Mittel unversucht, um +während dieser Vorbereitungszeit seine Pläne zu durchkreuzen. Der Gedanke lag +nahe, ob es nicht gelingen könne, die Aristokratie wieder, wie im Jahre 683/84 +(71 /70) zu isolieren und zwischen den Demokraten nebst ihrem Bundesgenossen +Crassus einer- und Pompeius und der hohen Finanz andererseits ein auf +gemeinschaftlichen Vorteil fest begründetes Bündnis aufzurichten. Für Pompeius +war ein solches allerdings ein politischer Selbstmord. Sein bisheriges Gewicht +im Staate beruhte darauf, daß er das einzige Parteihaupt war, das zugleich über +Legionen, wenn auch jetzt aufgelöste, doch immer noch in einem gewissen Maße +verfügte. Der Plan der Demokratie war ebendarauf gerichtet, ihn dieses +Übergewichtes zu berauben und ihm in ihrem eigenen Haupt einen militärischen +Nebenbuhler zur Seite zu stellen. Nimmermehr durfte er hierauf eingehen, am +allerwenigsten aber einem Manne wie Caesar, der schon als bloßer politischer +Agitator ihm genug zu schaffen gemacht und soeben in Spanien die glänzendsten +Beweise auch militärischer Kapazität gegeben hatte, selber zu einer +Oberfeldherrnstelle verhelfen. Allein auf der anderen Seite war, infolge der +schikanösen Opposition des Senats und der Gleichgültigkeit der Menge für +Pompeius und Pompeius’ Wünsche, seine Stellung, namentlich seinen alten +Soldaten gegenüber, so peinlich und so demütigend geworden, daß man bei seinem +Charakter wohl erwarten konnte, um den Preis der Erlösung aus dieser unbequemen +Lage ihn für eine solche Koalition zu gewinnen. Was aber die sogenannte +Ritterpartei anlangt, so fand diese überall da sich ein, wo die Macht war, und +es verstand sich von selbst, daß sie nicht lange auf sich werde warten lassen, +wenn sie Pompeius und die Demokratie aufs neue ernstlich sich verbünden sah. Es +kam hinzu, daß wegen Catos übrigens sehr löblicher Strenge gegen die +Steuerpächter die hohe Finanz eben jetzt wieder mit dem Senat in heftigem Hader +lag. +</p> + +<p> +So ward im Sommer 694 (60) die zweite Koalition abgeschlossen. Caesar ließ sich +das Konsulat für das folgende Jahr und demnächst die Statthalterschaft +zusichern; Pompeius ward die Ratifikation seiner im Osten getroffenen +Verfügungen und Anweisung von Ländereien an die Soldaten der asiatischen Armee +zugesagt; der Ritterschaft versprach Caesar gleichfalls das, was der Senat +verweigert hatte, ihr durch die Bürgerschaft zu verschaffen; Crassus endlich, +der unvermeidliche, durfte wenigstens dem Bunde sich anschließen, freilich ohne +für den Beitritt, den er nicht verweigern konnte, bestimmte Zusagen zu +erhalten. Es waren genau dieselben Elemente, ja dieselben Personen, die im +Herbst 683 (71) und die im Sommer 684 (70) den Bund miteinander schlossen; aber +wie so ganz anders standen doch damals und jetzt die Parteien! Damals war die +Demokratie nichts als eine politische Partei, ihre Verbündeten siegreiche, an +der Spitze ihrer Armeen stehende Feldherren; jetzt war der Führer der +Demokraten selber ein sieggekrönter, von großartigen militärischen Entwürfen +erfüllter Imperator, die Bundesgenossen gewesene Generale ohne Armee. Damals +siegte die Demokratie in Prinzipienfragen und räumte um diesen Preis die +höchsten Staatsämter ihren beiden Verbündeten ein; jetzt war sie praktischer +geworden und nahm die höchste bürgerliche und militärische Gewalt für sich +selber, wogegen nur in untergeordneten Dingen den Bundesgenossen Konzessionen +gemacht und, bezeichnend genug, nicht einmal Pompeius’ alte Forderung +eines zweiten Konsulats berücksichtigt wurde. Damals gab sich die Demokratie +ihren Verbündeten hin; jetzt mußten diese sich ihr anvertrauen. Alle +Verhältnisse sind vollständig verändert, am meisten jedoch der Charakter der +Demokratie selbst. Wohl hatte dieselbe, seit sie überhaupt war, im innersten +Kern ein monarchisches Element in sich getragen; allein das Verfassungsideal, +wie es ihren besten Köpfen in mehr oder minder deutlichen Umrissen vorschwebte, +blieb doch immer ein bürgerliches Gemeinwesen, eine perikleische Staatsordnung, +in der die Macht des Fürsten darauf beruhte, daß er die Bürgerschaft in +edelster und vollkommenster Weise vertrat und der vollkommenste und edelste +Teil der Bürgschaft ihren rechten Vertrauensmann in ihm erkannte. Auch Caesar +ist von solchen Anschauungen ausgegangen; aber es waren nun einmal Ideale, die +wohl auf die Realitäten einwirken, aber nicht geradezu realisiert werden +konnten. Weder die einfache bürgerliche Gewalt, wie Gaius Gracchus sie +besessen, noch die Bewaffnung der demokratischen Partei, wie sie Cinna, +freilich in sehr unzulänglicher Art, versucht hatte, vermochten in dem +römischen Gemeinwesen als dauerndes Schwergewicht sich zu behaupten; die nicht +für eine Partei, sondern für einen Feldherrn fechtende Heeresmaschine, die rohe +Macht der Condottieri zeigte sich, nachdem sie zuerst im Dienste der +Restauration auf den Schauplatz getreten war, bald allen politischen Parteien +unbedingt überlegen. Auch Caesar mußte im praktischen Parteitreiben hiervon +sich überzeugen und also reifte in ihm der verhängnisvolle Entschluß, diese +Heeresmaschine selbst seinen Idealen dienstbar zu machen und das Gemeinwesen, +wie er es im Sinne trug, durch Condottiergewalt aufzurichten. In dieser Absicht +schloß er im Jahre 683 (71) den Bund mit den Generalen der Gegenpartei, +welcher, ungeachtet dieselben das demokratische Programm akzeptiert hatten, +doch die Demokratie und Caesar selbst an den Rand des Unterganges führte. In +der gleichen Absicht trat elf Jahre später er selber als Condottiere auf. Es +geschah in beiden Fällen mit einer gewissen Naivität, mit dem guten Glauben an +die Möglichkeit, ein freies Gemeinwesen wo nicht durch fremde, doch durch den +eigenen Säbel begründen zu können. Man sieht es ohne Mühe ein, daß dieser +Glaube trog und daß niemand den bösen Geist zum Diener nimmt, ohne ihm selbst +zum Knecht zu werden; aber die größten Männer sind nicht die, welche am +wenigsten irren. Wenn noch nach Jahrtausenden wir ehrfurchtsvoll uns neigen vor +denn, was Caesar gewollt und getan hat, so liegt die Ursache nicht darin, daß +er eine Krone begehrt und gewonnen hat, was an sich so wenig etwas Großes ist +wie die Krone selbst, sondern darin, daß sein mächtiges Ideal: eines freien +Gemeinwesens unter einem Herrscher - ihn nie verlassen und auch als Monarchen +ihn davor bewahrt hat, in das gemeine Königtum zu versinken. +</p> + +<p> +Ohne Schwierigkeit ward von den vereinigten Parteien Caesars Wahl zum Konsul +für das Jahr 695 (59) durchgesetzt. Die Aristokratie mußte zufrieden sein, +durch einen selbst in dieser Zeit tiefster Korruption Aufsehen erregenden +Stimmenkauf, wofür der ganze Herrenstand die Mittel zusammenschoß, ihm in der +Person des Marcus Bibulus einen Kollegen zuzugesellen, dessen bornierter +Starrsinn in ihren Kreisen als konservative Energie betrachtet ward und an +dessen gutem Willen wenigstens es nicht lag, wenn die vornehmen Herren ihre +patriotischen Auslagen nicht wieder herausbekamen. +</p> + +<p> +Als Konsul brachte Caesar zunächst die Begehren seiner Verbündeten zur +Verhandlung, unter denen die Landanweisung an die Veteranen des asiatischen +Heeres bei weitem das wichtigste war. Das zu diesem Ende von Caesar entworfene +Ackergesetz hielt im allgemeinen fest an den Grundzügen, wie sie der das Jahr +zuvor in Pompeius’ Auftrag eingebrachte, aber gescheiterte +Gesetzesentwurf aufgestellt hatte. Zur Verteilung ward nur das italische +Domanialland bestimmt, das heißt wesentlich das Gebiet von Capua, und, wenn +dies nicht ausreichen sollte, anderer italischer Grundbesitz, der aus dem +Ertrage der neuen östlichen Provinzen zu dem in den zensorischen Listen +verzeichneten Taxationswert angekauft werden sollte; alle bestehenden +Eigentums- und Erbbesitzrechte blieben also unangetastet. Die einzelnen +Parzellen waren klein. Die Landempfänger sollten arme Bürger, Väter von +wenigstens drei Kindern sein; der bedenkliche Grundsatz, daß der geleistete +Militärdienst Anspruch auf Grundbesitz gebe, ward nicht aufgestellt, sondern es +wurden nur, wie es billig und zu allen Zeiten geschehen war, die alten Soldaten +sowie nicht minder die auszuweisenden Zeitpächter den Landausteilern +vorzugsweise zur Berücksichtigung empfohlen. Die Ausführung ward einer +Kommission von zwanzig Männern übertragen, in die Caesar bestimmt erklärte, +sich selber nicht wählen lassen zu wollen. +</p> + +<p> +Die Opposition hatte gegen diesen Vorschlag einen schweren Stand. Es ließ sich +vernünftigerweise nicht leugnen, daß die Staatsfinanzen nach Einrichtung der +Provinzen Pontus und Syrien imstande sein mußten, auf die kampanischen +Pachtgelder zu verzichten; daß es unverantwortlich war, einen der schönsten und +eben zum Kleinbesitz vorzüglich geeigneten Distrikt Italiens dem Privatverkehr +zu entziehen; daß es endlich ebenso ungerecht wie lächerlich war, noch jetzt +nach der Erstreckung des Bürgerrechts auf ganz Italien der Ortschaft Capua die +Munizipalrechte vorzuenthalten. Der ganze Vorschlag trug den Stempel der +Mäßigung, der Ehrlichkeit und der Solidarität, womit sehr geschickt der +demokratische Parteicharakter verbunden war; denn im wesentlichen lief derselbe +doch hinaus auf die Wiederherstellung der in der marianischen Zeit gegründeten +und von Sulla wiederaufgehobenen capuanischen Kolonie. Auch in der Form +beobachtete Caesar jede mögliche Rücksicht. Er legte den Entwurf des +Ackergesetzes, sowie zugleich den Antrag, die von Pompeius im Osten erlassenen +Verfügungen in Bausch und Bogen zu ratifizieren und die Petition der +Steuerpächter um Nachlaß eines Drittels der Pachtsummen, zunächst dem Senat zur +Begutachtung vor und erklärte sich bereit, Abänderungsvorschläge +entgegenzunehmen und zu diskutieren. Das Kollegium hatte jetzt Gelegenheit, +sich zu überzeugen, wie töricht es gehandelt hatte, durch Verweigerung dieser +Begehren Pompeius und die Ritterpartei dem Gegner in die Arme zu treiben. +Vielleicht war es das stille Gefühl hiervon, das die hochgeborenen Herren zu +dem lautesten und mit dem gehaltenen Auftreten Caesars übel kontrastierenden +Widerbellen trieb. Das Ackergesetz ward von ihnen einfach und selbst ohne +Diskussion zurückgewiesen. Der Beschluß über Pompeius’ Einrichtungen in +Asien fand ebensowenig Gnade vor ihren Augen. Den Antrag hinsichtlich der +Steuerpächter versuchte Cato nach der unlöblichen Sitte des römischen +Parlamentarismus totzusprechen, das heißt bis zu der gesetzlichen Schlußstunde +der Sitzung seine Rede fortzuspinnen; als Caesar Miene machte, den störrigen +Mann verhaften zu lassen, ward schließlich auch dieser Antrag verworfen. +</p> + +<p> +Natürlich gingen nun sämtliche Anträge an die Bürgerschaft. Ohne sich weit von +der Wahrheit zu entfernen, konnte Caesar der Menge sagen, daß der Senat die +vernünftigsten und notwendigsten, in der achtungsvollsten Form an ihn +gebrachten Vorschläge, bloß weil sie von dem demokratischen Konsul kamen, +schnöde zurückgewiesen habe. Wenn er hinzufügte, daß die Aristokraten ein +Komplott gesponnen hätten, um die Verwerfung der Anträge zu bewirken, und die +Bürgerschaft, namentlich Pompeius selbst und dessen alte Soldaten, aufforderte, +gegen List und Gewalt ihm beizustehen, so war auch dies keineswegs aus der Luft +gegriffen. Die Aristokratie, voran der eigensinnige Schwachkopf Bibulus und der +standhafte Prinzipiennarr Cato, hatte in der Tat vor, die Sache bis zu +offenbarer Gewalt zu treiben. Pompeius, von Caesar veranlaßt, sich über seine +Stellung zu der obschwebenden Frage auszusprechen, erklärte unumwunden, wie es +sonst seine Art nicht war, daß, wenn jemand wagen sollte, das Schwert zu +zücken, auch er nach dem seinigen greifen und dann den Schild nicht zu Hause +lassen werde; ebenso sprach Crassus sich aus. Pompeius’ alte Soldaten +wurden angewiesen, am Tage der Abstimmung, die ja zunächst sie anging, +zahlreich mit Waffen unter den Kleidern auf dem Stimmplatz zu erscheinen. +</p> + +<p> +Die Nobilität ließ dennoch kein Mittel unversucht, um die Anträge Caesars zu +vereiteln. An jedem Tage, wo Caesar vor dem Volke auftrat, stellte sein Kollege +Bibulus die bekannten politischen Wetterbeobachtungen an, die alle öffentlichen +Geschäfte unterbrachen; Caesar kümmerte sich um den Himmel nicht, sondern fuhr +fort, seine irdischen Geschäfte zu betreiben. Die tribunizische Interzession +ward eingelegt; Caesar begnügte sich, sie nicht zu beachten. Bibulus und Cato +sprangen auf die Rednertribüne, harangierten die Menge und veranlaßten den +gewöhnlichen Krawall; Caesar ließ sie durch Gerichtsdiener vom Markte +hinwegführen und übrigens dafür sorgen, daß ihnen kein Leides geschah - es lag +auch in seinem Interesse, daß die politische Komödie das blieb, was sie war. +Alles Schikanierens und alles Folterns der Nobilität ungeachtet, wurden das +Ackergesetz, die Bestätigung der asiatischen Organisationen und der Nachlaß für +die Steuerpächter von der Bürgerschaft angenommen, die Zwanzigerkommission, an +ihrer Spitze Pompeius und Crassus, erwählt und in ihr Amt eingesetzt; mit allen +ihren Anstrengungen hatte die Aristokratie nichts weiter erreicht, als daß ihre +blinde und gehässige Widersetzlichkeit die Bande der Koalition noch fester +gezogen und ihre Energie, deren sie bald bei. wichtigeren Dingen bedürfen +sollte, an diesen im Grunde gleichgültigen Angelegenheiten sich erschöpft +hatte. Man beglückwünschte sich untereinander über den bewiesenen Heldenmut; +daß Bibulus erklärt hatte, lieber sterben als weichen zu wollen, daß Cato noch +in den Händen der Büttel fortgefahren hatte zu perorieren, waren große +patriotische Taten; übrigens ergab man sich in sein Schicksal. Der Konsul +Bibulus schloß sich für den noch übrigen Teil des Jahres in sein Haus ein, +wobei er zugleich durch öffentlichen Anschlag bekannt machte, daß er die fromme +Absicht habe, an allen in diesem Jahr zu Volksversammlungen geeigneten Tagen +nach Himmelszeichen zu spähen. Seine Kollegen bewunderten wieder den großen +Mann, der, gleich wie Ennius von dem alten Fabius gesagt, “den Staat +durch Zaudern errette”, und taten wie er; die meisten derselben, darunter +Cato, erschienen nicht mehr im Senat und halfen innerhalb ihrer vier Wände +ihrem Konsul sich ärgern, daß der politischen Astronomie zum Trotz die +Weltgeschichte weiterging. Dem Publikum erschien diese Passivität des Konsuls +sowie der Aristokratie überhaupt wie billig als politische Abdikation; und die +Koalition war natürlich sehr wohl damit zufrieden, daß man sie die weiteren +Schritte fast ungestört tun ließ. Der wichtigste darunter war die Regulierung +der künftigen Stellung Caesars. Verfassungsmäßig lag es dem Senat ob, die +Kompetenzen des zweiten konsularischen Amtsjahrs nach vor der Wahl der Konsuln +festzustellen; demgemäß hatte er denn auch, in Voraussicht der Wahl Caesars, +dazu für 696 (58) zwei Provinzen ausersehen, in denen der Statthalter nichts +anderes vorzunehmen fand als Straßenbauten und dergleichen nützliche Dinge +mehr. Natürlich konnte es nicht dabei bleiben; es war unter den Verbündeten +ausgemacht, daß Caesar ein außerordentliches nach dem Muster der +Gabinisch-Manilischen Gesetze zugeschnittenes Kommando durch Volksschluß +erhalten solle. Caesar indes hatte öffentlich erklärt, keinen Antrag zu seinen +eigenen Gunsten einbringen zu wollen; der Volkstribun Publius Vatinius übernahm +es also, den Antrag bei der Bürgerschaft zu stellen, die natürlich unbedingt +gehorchte. Caesar erhielt dadurch die Statthalterschaft des cisalpinischen +Galliens und den Oberbefehl der drei daselbst stehenden, schon im Grenzkrieg +unter Lucius Afranius erprobten Legionen, ferner proprätorischen Rang für seine +Adjutanten, wie die Pompeianischen ihn gehabt hatten; auf fünf Jahre hinaus, +auf längere Zeit, als je früher ein überhaupt auf bestimmte Zeit beschränkter +Feldherr bestellt worden war, ward dies Amt ihm gesichert. Den Kern seiner +Statthalterschaft bildeten die Transpadaner, seit Jahren schon, in Hoffnung auf +das Bürgerrecht, die Klienten der demokratischen Partei in Rom und insbesondere +Caesars. Sein Sprengel erstreckte sich südlich bis zum Arnus und zum Rubico und +schloß Luca und Ravenna ein. Nachträglich ward dann noch die Provinz Narbo mit +der einen daselbst befindlichen Legion zu Caesars Amtsbezirk hinzugefügt, was +auf Pompeius’ Antrag der Senat beschloß, um wenigstens nicht auch dies +Kommando durch außerordentlichen Bürgerschaftsbeschluß auf Caesar übergehen zu +sehen. Man hatte damit, was man wollte. Da verfassungsmäßig in dem eigentlichen +Italien keine Truppen stehen durften, so beherrschte der Kommandant der +norditalischen und gallischen Legionen auf die nächsten fünf Jahre zugleich +Italien und Rom; und wer auf fünf Jahre, ist auch Herr auf Lebenszeit. Caesars +Konsulat hatte seinen Zweck erreicht. Es versteht sich, daß die neuen +Machthaber nebenbei nicht versäumten, die Menge durch Spiele und Lustbarkeiten +aller Art bei guter Laune zu erhalten, und daß sie jede Gelegenheit ergriffen, +ihre Kasse zu füllen; wie denn zum Beispiel dem König von Ägypten der +Volksschluß, der ihn als legitimen Herrscher anerkannte, von der Koalition um +hohen Preis verkauft ward, und ebenso andere Dynasten und Gemeinden Freibriefe +und Privilegien bei dieser Gelegenheit erwarben. +</p> + +<p> +Auch die Dauerhaftigkeit der getroffenen Einrichtungen schien hinlänglich +gesichert. Das Konsulat ward wenigstens für das nächste Jahr sicheren Händen +anvertraut. Das Publikum glaubte anfangs, daß es Pompeius und Crassus selber +bestimmt sei; die Machthaber zogen es indes vor, zwei untergeordnete, aber +zuverlässige Männer ihrer Partei, Aulus Gabinius, den besten unter +Pompeius’ Adjutanten, und Lucius Piso, der minder bedeutend, aber Caesars +Schwiegervater war, für 696 (58) zu Konsuln wählen zu lassen. Pompeius übernahm +es persönlich, Italien zu bewachen, wo er an der Spitze der Zwanzigerkommission +die Ausführung des Ackergesetzes betrieb und gegen 20000 Bürger, großenteils +alte Soldaten aus seiner Armee, im Gebiete von Capua mit Grundbesitz +ausstattete; als Rückhalt gegen die hauptstädtische Opposition dienten ihm +Caesars norditalische Legionen. Auf einen Bruch unter den Machthabern selbst +war zunächst wenigstens keine Aussicht. Die von Caesar als Konsul erlassenen +Gesetze, an deren Aufrechterhaltung Pompeius wenigstens ebensoviel gelegen war +als Caesar, verbürgten die Fortdauer der Spaltung zwischen Pompeius und der +Aristokratie, deren Spitzen, namentlich Cato, fortfuhren, die Gesetze als +nichtig zu behandeln, und damit den Fortbestand der Koalition. Es kam hinzu, +daß auch die persönlichen Bande zwischen ihren Häuptern sich enger +zusammenzogen. Caesar hatte seinen Verbündeten redlich und treulich Wort +gehalten, ohne sie in dem Versprochenen zu beknappen oder zu schikanieren, und +namentlich das in Pompeius’ Interesse beantragte Ackergesetz völlig wie +seine eigene Sache mit Gewandtheit und Energie durchgefochten; Pompeius war +nicht unempfänglich für rechtliches Verhalten und gute Treue und wohlwollend +gestimmt gegen denjenigen, der ihm über die seit drei Jahren gespielte +armselige Petentenrolle mit einem Schlag hinweggeholfen hatte. Der häufige und +vertraute Verkehr mit einem Manne von der unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit +Caesars tat das übrige, um den Bund der Interessen in einen Freundschaftsbund +umzugestalten. Das Ergebnis und das Unterpfand dieser Freundschaft, freilich +zugleich auch eine öffentliche, schwer mißzuverstehende Ankündigung der +neubegründeten Gesamtherrschaft, war die Ehe, die Pompeius mit Caesars +einziger, dreiundzwanzigjähriger Tochter einging. Julia, die die Anmut ihres +Vaters geerbt hatte, lebte mit ihrem um das doppelte älteren Gemahl in der +glücklichsten Häuslichkeit, und die nach so vielen Nöten und Krisen Ruhe und +Ordnung herbeisehnende Bürgerschaft sah in diesem Ehebündnis die Gewähr einer +friedlichen und gedeihlichen Zukunft. +</p> + +<p> +Je fester und enger also das Bündnis zwischen Pompeius und Caesar sich knüpfte, +desto hoffnungsloser gestaltete sich die Sache der Aristokratie. Sie fühlte das +Schwert über ihrem Haupte schweben und kannte Caesar hinlänglich, um nicht zu +bezweifeln, daß er, wenn nötig, es unbedenklich brauchen werde. “Von +allen Seiten”, schrieb einer von ihnen, “stehen wir im Schach; +schon haben wir aus Furcht vor dem Tode oder vor der Verbannung auf die +‘Freiheit’ verzichtet; jeder seufzt, zu reden wagt keiner”. +Mehr konnten die Verbündeten nicht verlangen. Aber wenn auch die Majorität der +Aristokratie in dieser wünschenswerten Stimmung sich befand, so fehlte es doch +natürlich in dieser Partei auch nicht an Heißspornen. Kaum hatte Caesar das +Konsulat niedergelegt, als einige der hitzigsten Aristokraten, Lucius Domitius +und Gaius Memmius, im vollen Senat den Antrag stellten, die Julischen Gesetze +zu kassieren. Es war das freilich nichts als eine Torheit, die nur zum Vorteil +der Koalition ausschlug; denn da Caesar nun selbst darauf bestand, daß der +Senat die Gültigkeit der angefochtenen Gesetze untersuchen möge, konnte dieser +nicht anders, als deren Legalität förmlich anerkennen. Allein +begreiflicherweise fanden dennoch die Machthaber hierin eine neue Aufforderung, +an einigen der namhaftesten und vorlautesten Opponenten ein Exempel zu +statuieren, und dadurch sich zu versichern, daß die übrige Masse bei jenem +zweckmäßigen Seufzen und Schweigen beharre. Anfangs hatte man gehofft, daß die +Klausel des Ackergesetzes, welche wie üblich den Eid auf das neue Gesetz von +den sämtlichen Senatoren bei Verlust ihrer politischen Rechte forderte, die +heftigsten Widersacher bestimmen werde, nach dem Vorgange des Metellus +Numidicus sich durch die Eidverweigerung selber zu verbannen. Allein so +gefällig erwiesen sich dieselben doch nicht; selbst der gestrenge Cato bequemte +sich zu schwören, und seine Sanchos folgten ihm nach. Ein zweiter wenig +ehrbarer Versuch, die Häupter der Aristokratie wegen eines angeblich gegen +Pompeius gesponnenen Mordanschlags mit Kriminalanklagen zu bedrohen und dadurch +sie in die Verbannung zu treiben, ward durch die Unfähigkeit der Werkzeuge +vereitelt; der Denunziant, ein gewisser Vettius, übertrieb und widersprach sich +so arg und der Tribun Vatinius, der die unsaubere Maschine dirigierte, zeigte +sein Einverständnis mit jenem Vettius so deutlich, daß man es geraten fand, den +letzteren im Gefängnis zu erdrosseln und die ganze Sache fallen zu lassen. +Indes hatte man bei dieser Gelegenheit von der vollständigen Auflösung der +Aristokratie und der grenzenlosen Angst der vornehmen Herren sich sattsam +überzeugt; selbst ein Mann wie Lucius Lucullus hatte sich persönlich Caesar zu +Füßen geworfen und öffentlich erklärt, daß er seines hohen Alters wegen sich +genötigt sehe, vom öffentlichen Leben zurückzutreten. Man ließ sich denn +endlich an einigen wenigen Opfern genügen. Hauptsächlich galt es Cato zu +entfernen, welcher seiner Überzeugung von der Nichtigkeit der sämtlichen +Julischen Gesetze keinen Hehl hatte, und der Mann war so, wie er dachte zu +handeln. Ein solcher Mann war freilich Marcus Cicero nicht, und man gab sich +nicht die Mühe, ihn zu fürchten. Allein die demokratische Partei, die in der +Koalition die erste Rolle spielte, konnte den Justizmord des 5. Dezember 691 +(63), den sie so laut und mit so gutem Rechte getadelt hatte, unmöglich nach +ihrem Siege ungeahndet lassen. Hätte man die wirklichen Urheber des +verhängnisvollen Beschlusses zur Rechenschaft ziehen wollen, so maßte man +freilich sich nicht an den schwachmütigen Konsul halten, sondern an die +Fraktion der strengen Aristokratie, die den ängstlichen Mann zu jener Exekution +gedrängt hatte. Aber nach formellem Recht waren für dieselbe allerdings nicht +die Ratgeber des Konsuls, sondern der Konsul selbst verantwortlich, und vor +allem war es der mildere Weg, nur den Konsul zur Rechenschaft zu ziehen und das +Senatskollegium ganz aus dem Spiele zu lassen, weshalb auch in den Motiven des +gegen Cicero gerichteten Antrags der Senatsbeschluß, kraft dessen derselbe die +Hinrichtung anordnete, geradezu als untergeschoben bezeichnet ward. Selbst +gegen Cicero hätten die Machthaber gern Aufsehen erregende Schritte vermieden; +allein derselbe konnte es nicht über sich gewinnen, weder den Machthabern die +verlangten Garantien zu geben, noch unter einem der mehrfach ihm dargebotenen +schicklichen Vorwände sich selbst von Rom zu verbannen, noch auch nur zu +schweigen. Bei dem besten Willen, jeden Anstoß zu vermeiden, und der +aufrichtigsten Angst hatte er doch nicht Haltung genug, um vorsichtig zu sein; +das Wort maßte heraus, wenn ein petulanter Witz ihn prickelte oder wenn sein +durch das Lob so vieler adliger Herren fast übergeschnapptes Selbstbewußtsein +die wohlkadenzierten Perioden des plebejischen Advokaten schwellte. Die +Ausführung der gegen Cato und Cicero beschlossenen Maßregeln ward dem lockeren +und wüsten, aber gescheiten und vor allen Dingen dreisten Publius Clodius +übertragen, der seit Jahren mit Cicero in der bittersten Feindschaft lebte und, +um diese befriedigen und als Demagog eine Rolle spielen zu können, unter +Caesars Konsulat sich durch eilige Adoption aus einem Patrizier in einen +Plebejer verwandelt und dann für das Jahr 696 (58) zum Volkstribun hatte wählen +lassen. Als Rückhalt für Clodius verweilte der Prokonsul Caesar, bis der Schlag +gegen die beiden Opfer gefallen war, in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt. +Den erhaltenen Aufträgen gemäß schlug Clodius der Bürgerschaft vor, Cato mit +der Regulierung der verwickelten Gemeindeverhältnisse der Byzantier und mit der +Einziehung des Königreichs Kypros zu beauftragen, welches ebenso wie Ägypten +durch das Testament Alexanders II. den Römern angefallen war und nicht, wie +Ägypten, die römische Einziehung abgekauft, dessen König überdies den Clodius +vor Zeiten persönlich beleidigt hatte. Hinsichtlich Ciceros brachte Clodius +einen Gesetzentwurf ein, welcher die Hinrichtung eines Bürgers ohne Urteil und +Recht als ein mit Landesverweisung zu bestrafendes Verbrechen bezeichnete. Cato +also ward durch eine ehrenvolle Sendung entfernt, Cicero wenigstens mit der +möglichst gelinden Strafe belegt, überdies in dem Antrag doch nicht mit Namen +genannt. Das Vergnügen aber versagte man sich nicht, einerseits einen notorisch +zaghaften und zu der Gattung der politischen Wetterfahnen zählenden Mann wegen +von ihm bewiesener Energie zu bestrafen, andererseits den verbissenen Gegner +aller Eingriffe der Bürgerschaft in die Administration und aller +außerordentlichen Kommandos durch Bürgerschaftsbeschluß selbst mit einem +solchen auszustatten; und mit gleichem Humor ward der Cato betreffende Antrag +motiviert mit der abnormen Tugendhaftigkeit dieses Mannes, welche ihn vor jedem +andern geeignet erscheinen lasse, einen so kitzlichen Auftrag, wie die +Einziehung des ansehnlichen kyprischen Kronschatzes war, auszuführen, ohne zu +stehlen. Beide Anträge tragen überhaupt den Charakter rücksichtsvoller Deferenz +und kühler Ironie, der Caesars Verhalten dem Senat gegenüber durchgängig +bezeichnet. Auf Widerstand stießen sie nicht. Es half natürlich nichts, daß die +Senatsmajorität, um doch auf irgendeine Art gegen die Verhöhnung und +Brandmarkung ihres Beschlusses in der Catilinarischen Sache zu protestieren, +öffentlich das Trauergewand anlegte und daß Cicero selbst, nun da es zu spät +war, bei Pompeius kniefällig um Gnade bat; er mußte, noch bevor das Gesetz +durchging, das ihm die Heimat verschloß, sich selber verbannen (April 696 58). +Cato ließ es gleichfalls nicht darauf ankommen, durch Ablehnung des ihm +gewordenen Auftrags schärfere Maßregeln zu provozieren, sondern nahm denselben +an und schiffte sich ein nach dem Osten. Das Nächste war getan; auch Caesar +konnte Italien verlassen, um sich ernsteren Aufgaben zu widmen. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap07"></a>KAPITEL VII.<br/> +Die Unterwerfung des Westens</h2> + +<p> +Wenn von dem armseligen Einerlei des politischen Egoismus, der in der Kurie und +auf den Straßen der Hauptstadt seine Schlachten schlug, sich der Gang der +Geschichte wieder zu Dingen wendet, die wichtiger sind als die Frage, ob der +erste Monarch Roms Gnaeus, Gaius oder Marcus heißen wird, so mag es wohl +gestattet sein, an der Schwelle eines Ereignisses, dessen Folgen noch heute die +Geschicke der Welt bestimmen, einen Augenblick umzuschauen und den Zusammenhang +zu bezeichnen, in welchem die Eroberung des heutigen Frankreich durch die Römer +und ihre ersten Berührungen mit den Bewohnern Deutschlands und Großbritanniens +weltgeschichtlich aufzufassen sind. +</p> + +<p> +Kraft des Gesetzes, daß das zum Staat entwickelte Volk die politisch +unmündigen, das zivilisierte die geistig unmündigen Nachbarn in sich auflöst - +kraft dieses Gesetzes, das so allgemeingültig und so sehr Naturgesetz ist wie +das Gesetz der Schwere, war die italische Nation, die einzige des Altertums, +welche die höhere politische Entwicklung und die höhere Zivilisation, wenn auch +letztere nur in unvollkommener und äußerlicher Weise, miteinander zu verbinden +vermocht hat, befugt, die zum Untergang reifen griechischen Staaten des Ostens +sich untertan zu machen und die Völkerschaften niedrigerer Kulturgrade im +Westen, Libyer, Iberer, Kelten, Germanen, durch ihre Ansiedler zu verdrängen - +eben wie England mit gleichem Recht in Asien eine ebenbürtige, aber politisch +impotente Zivilisation sich unterworfen, in Amerika und Australien ausgedehnte +barbarische Landschaften mit dem Stempel seiner Nationalität bezeichnet und +geadelt hat und noch fortwährend bezeichnet und adelt. Die Vorbedingung dieser +Aufgabe, die Einigung Italiens, hatte die römische Aristokratie vollbracht; die +Aufgabe selber hat sie nicht gelöst, sondern die außeritalischen Eroberungen +stets nur entweder als notwendiges Übel oder auch als einen gleichsam außerhalb +des Staates stehenden Rentenbesitz betrachtet. Es ist der unvergängliche Ruhm +der römischen Demokratie oder Monarchie - denn beides fällt zusammen -, daß sie +jene höchste Bestimmung richtig begriffen und kräftig verwirklicht hat. Was die +unwiderstehliche Macht der Verhältnisse durch den wider seinen Willen die +Grundlagen der künftigen römischen Herrschaft im Westen wie im Osten +feststellenden Senat vorbereitet hatte, was dann die römische Emigration in die +Provinzen, die zwar als Landplage kam, aber in die westlichen Landschaften doch +auch als Pionier einer höheren Kultur, instinktmäßig betrieb, das hat der +Schöpfer der römischen Demokratie Gaius Gracchus mit staatsmännischer Klarheit +und Sicherheit erfaßt und durchzuführen begonnen. Die beiden Grundgedanken der +neuen Politik: das Machtgebiet Roms, soweit es hellenisch war, zu reunieren, +soweit es nicht hellenisch war, zu kolonisieren, waren mit der Einziehung des +Attalischen Reiches, mit den transalpinischen Eroberungen des Flaccus bereits +in der gracchischen Zeit praktisch anerkannt worden; aber die obsiegende +Reaktion ließ sie wieder verkümmern. Der römische Staat blieb eine wüste +Ländermasse ohne intensive Okkupation und ohne gehörige Grenzen; Spanien und +die griechisch-asiatischen Besitzungen waren durch weite, kaum in ihren +Küstensäumen den Römern untertänige Gebiete von dem Mutterland geschieden, an +der afrikanischen Nordküste nur die Gebiete von Karthago und Kyrene inselartig +okkupiert, selbst von dem untertänigen Gebiet große Strecken, namentlich in +Spanien, den Römern nur dem Namen nach unterworfen: von Seiten der Regierung +aber geschah zur Konzentrierung und Arrondierung der Herrschaft schlechterdings +nichts, und der Verfall der Flotte schien endlich das letzte Band zwischen den +entlegenen Besitzungen zu lösen. Wohl versuchte die Demokratie, wie sie nur +wieder ihr Haupt erhob, auch die äußere Politik im Geiste des Gracchus zu +gestalten, wie denn namentlich Marius mit solchen Ideen sich trug; aber da sie +nicht auf die Dauer ans Ruder kam, blieb es bei Entwürfen. Erst als mit dem +Sturz der Sullanischen Verfassung im Jahre 684 (70) die Demokratie tatsächlich +das Regiment in die Hand nahm, trat auch in dieser Hinsicht ein Umschwung ein. +Vor allen Dingen ward die Herrschaft auf dem Mittelländischen Meere +wiederhergestellt, die erste Lebensfrage für einen Staat wie der römische war. +Gegen Osten wurde weiter durch die Einziehung der pontischen und syrischen +Landschaften die Euphratgrenze gesichert. Aber noch war es übrig, jenseits der +Alpen zugleich das römische Gebiet gegen Norden und Westen abzuschließen und +der hellenischen Zivilisation, der noch keineswegs gebrochenen Kraft des +italischen Stammes hier einen neuen jungfräulichen Boden zu gewinnen. Dieser +Aufgabe hat Gaius Caesar sich unterzogen. Es ist mehr als ein Irrtum, es ist +ein Frevel gegen den in der Geschichte mächtigen heiligen Geist, wenn man +Gallien einzig als den Exerzierplatz betrachtet, auf dem Caesar sich und seine +Legionen für den bevorstehenden Bürgerkrieg übte. Wenn auch die Unterwerfung +des Westens für Caesar insofern ein Mittel zum Zweck war, als er in den +transalpinischen Kriegen seine spätere Machtstellung begründet hat, so ist +ebendies das Privilegium des staatsmännischen Genius, daß seine Mittel selbst +wieder Zwecke sind. Caesar bedurfte wohl für seine Parteizwecke einer +militärischen Macht; Gallien aber hat er nicht als Parteimann erobert. Es war +zunächst für Rom eine politische Notwendigkeit, der ewig drohenden Invasion der +Deutschen schon jenseits der Alpen zu begegnen und dort einen Damm zu ziehen, +der der römischen Welt den Frieden sicherte. Aber auch dieser wichtige Zweck +war noch nicht der höchste und letzte, weshalb Gallien von Caesar erobert ward. +Als der römischen Bürgerschaft die alte Heimat zu eng geworden war und sie in +Gefahr stand zu verkümmern, rettete die italische Eroberungspolitik des Senats +dieselbe vom Untergang. Jetzt war auch die italische Heimat wieder zu eng +geworden; wieder siechte der Staat an denselben in gleicher Art, nur in +größeren Verhältnissen sich wiederholenden sozialen Mißständen. Es war ein +genialer Gedanke, eine großartige Hoffnung, welche Caesar über die Alpen +führte: der Gedanke und die Zuversicht, dort seinen Mitbürgern eine neue, +grenzenlose Heimat zu gewinnen und den Staat zum zweitenmal dadurch zu +regenerieren, daß er auf eine breitere Basis gestellt ward. +</p> + +<p> +Gewissermaßen läßt sich zu den auf die Unterwerfung des Westens abzielenden +Unternehmungen schon der Feldzug rechnen, den Caesar im Jahre 693 (61) im +Jenseitigen Spanien unternahm. Wielange auch Spanien schon den Römern +gehorchte, immer noch war selbst nach der Expedition des Decimus Brutus gegen +die Callaeker das westliche Gestade von den Römern wesentlich unabhängig +geblieben und die Nordküste noch gar von ihnen nicht betreten worden; und die +Raubzüge, denen von dort aus die untertänigen Landschaften fortwährend sich +ausgesetzt sahen, taten der Zivilisierung und Romanisierung Spaniens nicht +geringen Eintrag. Hiergegen richtete sich Caesars Zug an der Westküste hinauf. +Er überschritt die den Tajo nördlich begrenzende Kette der Herminischen Berge +(Sierra de Estrella), nachdem er die Bewohner derselben überwunden und zum Teil +in die Ebene übergesiedelt hatte, unterwarf die Landschaft zu beiden Seiten des +Duero und gelangte bis an die nordwestliche Spitze der Halbinsel, wo er mit +Hilfe einer von Gades herbeigezogenen Flottille Brigantium (Coruña) einnahm. +Dadurch wurden die Anwohner des Atlantischen Ozeans, Lusitaner und Callaeker +zur Anerkennung der römischen Suprematie gezwungen, während der Überwinder +zugleich darauf bedacht war, durch Herabsetzung der nach Rom zu entrichtenden +Tribute und Regulierung der ökonomischen Verhältnisse der Gemeinden die Lage +der Untertanen überhaupt leidlicher zu gestalten. +</p> + +<p> +Indes wenn auch schon in diesem militärischen und administrativen Debüt des +großen Feldherrn und Staatsmannes dieselben Talente und dieselben leitenden +Gedanken durchschimmern, die er später auf größeren Schauplätzen bewährt hat, +so war doch seine Wirksamkeit auf der Iberischen Halbinsel viel zu +vorübergehend, um tief einzugreifen, um so mehr als bei deren eigentümlichen +physischen und nationalen Verhältnissen nur eine längere Zeit hindurch mit +Stetigkeit fortgesetzte Tätigkeit hier eine dauernde Wirkung äußern konnte. +</p> + +<p> +Eine bedeutendere Rolle in der romanischen Entwicklung des Westens war der +Landschaft bestimmt, welche zwischen den Pyrenäen und dem Rheine, dem +Mittelmeer und dem Atlantischen Ozean sich ausbreitet und an der seit der +augustinischen Zeit der Name des Keltenlandes, Gallien, vorzugsweise haftet, +obwohl genau genommen das Keltenland teils enger ist, teils viel weiter sich +erstreckt und jene Landschaft niemals eine nationale und nicht vor Augustus +eine politische Einheit gebildet hat. Es ist eben darum nicht leicht, von den +in sich sehr ungleichartigen Zuständen, die Caesar bei seinem Eintreffen +daselbst im Jahre 696 (58) vorfand, ein anschauliches Bild zu entwerfen. +</p> + +<p> +In der Landschaft am Mittelmeer, welche ungefähr, im Westen der Rhone +Languedoc, im Osten Dauphiné und Provence umfassend, seit sechzig Jahren +römische Provinz war, hatten seit dem kimbrischen Sturm, der auch über sie +hingebraust war, die römischen Waffen selten geruht. 664 (90) hatte Gaius +Caelius mit den Salyern um Aquae Sextiae, 674 (80) Gaius Flaccus auf dem Marsch +nach Spanien mit anderen keltischen Gauen gekämpft. Als im Sertorianischen +Krieg der Statthalter Lucius Manlius, genötigt, seinen Kollegen jenseits der +Pyrenäen zu Hilfe zu eilen, geschlagen von Ilerda (Lerida) zurückkam und auf +dem Heimweg von den westlichen Nachbarn der römischen Provinz, den Aquitanern, +zum zweitenmal besiegt ward (um 676 78), scheint dies einen allgemeinen +Aufstand der Provinzialen zwischen den Pyrenäen und der Rhone, vielleicht +selbst derer zwischen Rhone und Alpen hervorgerufen zu haben. Pompeius mußte +sich durch das empörte Gallien seinen Weg nach Spanien mit dem Schwerte bahnen +und gab zur Strafe für die Empörung die Marken der Volker-Arekomiker und der +Helvier (Departement Gard und Ardèche) den Massalioten zu eigen; der +Statthalter Manius Fonteius (678-680 76-74) führte diese Anordnungen aus und +stellte die Ruhe in der Provinz wieder her, indem er die Vocontier (Departement +Drôme) niederwarf, Massalia vor den Aufständischen schützte und die römische +Hauptstadt Narbo, die sie berannten, wieder befreite. Die Verzweiflung indes +und die ökonomische Zerrüttung, welche die Mitleidenschaft unter dem Spanischen +Krieg und überhaupt die amtlichen und nichtamtlichen Erpressungen der Römer +über die gallischen Besitzungen brachten, ließ dieselben nicht zur Ruhe kommen +und namentlich der von Narbo am weitesten entfernte Kanton der Allobrogen war +in beständiger Gärung, von der die “Friedensstiftung”, die Gaius +Piso dort 688 (66) vornahm, sowie das Verhalten der allobrogischen +Gesandtschaft in Rom bei Gelegenheit des Anarchistenkomplotts 691 (63) Zeugnis +ablegen und die bald darauf (693 61) in offene Empörung ausbrach. Catugnatus, +der Führer der Allobrogen in diesem Kriege der Verzweiflung, ward, nachdem er +anfangs nicht unglücklich gefochten, bei Solonium nach rühmlicher Gegenwehr von +dem Statthalter Gaius Pomptinus überwunden. +</p> + +<p> +Trotz aller dieser Kämpfe wurden die Grenzer. des römischen Gebiets nicht +wesentlich vorgeschoben; Lugudunum Convenarum, wo Pompeius die Trümmer der +Sertorianischen Armee angesiedelt hatte, Tolosa, Vienna und Genava waren immer +noch die äußersten römischen Ortschaften gegen Westen und Norden. Dabei aber +war die Bedeutung dieser gallischen Besitzungen für das Mutterland beständig im +Steigen; das herrliche, dem italischen verwandte Klima, die günstigen +Bodenverhältnisse, das dem Handel so förderliche große und reiche Hinterland +mit seinen bis nach Britannien reichenden Kaufstraßen, der bequeme Land- und +Seeverkehr mit der Heimat gaben rasch dem südlichen Kettenland eine ökonomische +Wichtigkeit für Italien, die viel ältere Besitzungen, wie zum Beispiel die +spanischen, in Jahrhunderten nicht erreicht hatten; und wie die politisch +schiffbrüchigen Römer in dieser Zeit vorzugsweise in Massalia eine +Zufluchtsstätte suchten und dort italische Bildung wie italischen Luxus +wiederfanden, so zogen sich auch die freiwilligen Auswanderer aus Italien mehr +und mehr an die Rhone und die Garonne. “Die Provinz Gallien”, heißt +es in einer zehn Jahre vor Caesars Ankunft entworfenen Schilderung, “ist +voll von Kaufleuten; sie wimmelt von römischen Bürgern. Kein Gallier macht ein +Geschäft ohne Vermittlung eines Römers; jeder Pfennig, der in Gallien aus einer +Hand in die andere kommt, geht durch die Rechnungsbücher der römischen +Bürger”. Aus derselben Schilderung ergibt sich, daß in Gallien auch außer +den Kolonisten von Narbo römische Landwirte und Viehzüchter in großer Anzahl +sich aufhielten; wobei übrigens nicht außer acht zu lassen ist, daß das meiste +von Römern besessene Provinzland, eben wie in frühester Zeit der größte Teil +der englischen Besitzungen in Nordamerika, in den Händen des hohen, in Italien +lebenden Adels war und jene Ackerbauer und Viehzüchter zum größten Teil aus +deren Verwaltern, Sklaven oder Freigelassenen bestanden. Es ist begreiflich, +daß unter solchen Verhältnissen die Zivilisierung und die Romanisierung unter +den Eingeborenen rasch um sich griff. Diese Kelten liebten den Ackerbau nicht; +ihre neuen Herren aber zwangen sie, das Schwert mit dem Pfluge zu vertauschen, +und es ist sehr glaublich, daß der erbitterte Widerstand der Allobrogen zum +Teil eben durch dergleichen Anordnungen hervorgerufen ward. In älteren Zeiten +hatte der Hellenismus auch diese Landschaften bis zu einem gewissen Grade +beherrscht; die Elemente höherer Gesittung, die Anregungen zu Wein- und Ölbau, +zum Gebrauche der Schrift ^1 und zur Münzprägung kamen ihnen von Massalia. Auch +durch die Römer ward die hellenische Kultur hier nichts weniger als verdrängt; +Massalia gewann durch sie mehr an Einfluß als es verlor, und noch in der +römischen Zeit wurden griechische Ärzte und Rhetoren in den gallischen Kantons +von Gemeinde wegen angestellt. Allein begreiflicherweise erhielt doch der +Hellenismus im südlichen Keltenland durch die Römer denselben Charakter wie in +Italien: die spezifisch hellenische Zivilisation wich der +lateinisch-griechischen Mischkultur, die bald hier Proselyten in großer Anzahl +machte. Die “Hosengallier”, wie man im Gegensatz zu den +norditalischen “Galliern in der Toga” die Bewohner des südlichen +Keltenlandes nannte, waren zwar nicht wie jene bereits vollständig romanisiert, +aber sie unterschieden sich doch schon sehr merklich von den +“langhaarigen Galliern” der noch unbezwungenen nördlichen +Landschaften. Die bei ihnen sich einbürgernde Halbkultur gab zwar Stoff genug +her zu Spöttereien über ihr barbarisches Latein, und man unterließ es nicht, +dem, der im Verdacht keltischer Abstammung stand, seine “behoste +Verwandtschaft” zu Gemüte zu führen; aber dies schlechte Latein reichte +doch dazu aus, daß selbst die entfernten Allobrogen mit den römischen Behörden +in Geschäftsverkehr treten und sogar in römischen Gerichten ohne Dolmetsch +Zeugnis ablegen konnten. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +^1 So ward zum Beispiel in Vaison im Vocontischen Gau eine in keltischer +Sprache mit gewöhnlichem griechischen Alphabet geschriebene Inschrift gefunden. +Sie lautet: σεγομαρος ουιλλονεος τοουτιους ναμαυσατις εωρουβηλησαμισοσιν +νεμητον. Das letzte Wort heißt “heilig”. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +Wenn also die keltische und ligurische Bevölkerung dieser Gegenden auf dem Wege +war, ihre Nationalität einzubüßen und daneben siechte und verkümmerte unter +einem politischen und ökonomischen Druck, von dessen Unerträglichkeit die +hoffnungslosen Aufstände hinreichend Zeugnis ablegen, so ging doch hier der +Untergang der eingeborenen Bevölkerung Hand in Hand mit der Einbürgerung +derselben höheren Kultur, welche wir in dieser Zeit in Italien finden. Aquae +Sextiae und mehr noch Narbo waren ansehnliche Ortschaften, die wohl neben +Benevent und Capua genannt werden mochten; und Massalia, die bestgeordnete, +freieste, wehrhafteste, mächtigste unter allen von Rom abhängigen griechischen +Städten, unter ihrem streng aristokratischen Regiment, auf das die römischen +Konservativen wohl als auf das Muster einer guten Stadtverfassung hinwiesen, im +Besitz eines bedeutenden und von den Römern noch ansehnlich vergrößerten +Gebiets und eines ausgebreiteten Handels, stand neben jenen launischen Städten +wie in Italien neben Capua und Benevent Rhegion und Neapolis. +</p> + +<p> +Anders sah es aus, wenn man die römische Grenze überschritt. Die große +keltische Nation, die in den südlichen Landschaften schon von der italischen +Einwanderung anfing unterdrückt zu werden, bewegte sich nördlich der Cevennen +noch in althergebrachter Freiheit. Es ist nicht das erste Mal, daß wir ihr +begegnen; mit den Ausläufern und Vorposten des ungeheuren Stammes hatten die +Italiker bereits am Tiber und am Po, in den Bergen Kastiliens und Kärntens, ja +tief im inneren Kleinasien gefochten, erst hier aber ward der Hauptstock in +seinem Kerne von ihren Angriffen erfaßt. Der Keltenstamm hatte bei seiner +Ansiedlung in Mitteleuropa sich vornehmlich über die reichen Flußtäler und das +anmutige Hügelland des heutigen Frankreich mit Einschluß der westlichen Striche +Deutschlands und der Schweiz ergossen und von hier aus wenigstens den südlichen +Teil von England, vielleicht schon damals ganz Großbritannien und Irland +besetzt ^2; mehr als irgendwo sonst bildete er hier eine breite, geographisch +geschlossene Völkermasse. Trotz der Unterschiede in Sprache und Sitte, die +natürlich innerhalb dieses weiten Gebietes nicht fehlten, scheint dennoch ein +enger gegenseitiger Verkehr, ein geistiges Gefühl der Gemeinschaft die +Völkerschaften von der Rhone und Garonne bis zum Rhein und der Themse +zusammengeknüpft zu haben; wogegen dieselben mit den Kelten in Spanien und im +heutigen Österreich wohl örtlich gewissermaßen zusammenhingen, aber doch teils +die gewaltigen Bergscheiden der Pyrenäen und der Alpen, teils die hier +ebenfalls einwirkenden Obergriffe der Römer und der Germanen den Verkehr und +den geistigen Zusammenhang der Stammverwandten ganz anders unterbrachen als der +schmale Meerarm den der kontinentalen und der britischen Kelten. Leider ist es +uns nicht vergönnt, die innere Entwicklungsgeschichte des merkwürdigen Volkes +in diesen seinen Hauptsitzen von Stufe zu Stufe zu verfolgen; wir müssen uns +begnügen, dessen kulturhistorischen und politischen Zustand, wie er hier zu +Caesars Zeit uns entgegentritt, wenigstens in seinen Umrissen darzustellen. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^2 Auf eine längere Zeit hindurch fortgesetzte Einwanderung belgischer Kelten +nach Britannien deuten die von belgischen Gauen entlehnten Namen englischer +Völkerschaften an beiden Ufern der Themse, wie der Atrebaten, der Belgen, ja +der Britanner selbst, welcher von den an der Somme unterhalb Amiens ansässigen +Britonen zuerst auf einen englischen Gau und sodann auf die ganze Insel +übertragen zu sein scheint. Auch die englische Goldmünzung ist aus der +belgischen abgeleitet und ursprünglich mit ihr identisch. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Gallien war nach den Berichten der Alten verhältnismäßig wohl bevölkert. +Einzelne Angaben lassen schließen, daß in den belgischen Distrikten etwa 900 +Köpfe auf die Quadratmeile kamen - ein Verhältnis, wie es heutzutage etwa für +Wallis und für Livland gilt, - in dem helvetischen Kanton etwa 1100 ^3; es ist +wahrscheinlich, daß in den Distrikten, die kultivierter waren als die +belgischen und weniger gebirgig als der helvetische, wie bei den Biturigen, +Arvernern, Häduern, sich die Ziffer noch höher stellte. Der Ackerbau ward in +Gallien wohl getrieben, wie denn schon Caesars Zeitgenossen in der +Rheinlandschaft die Sitte des Mergelns auffiel ^4 und die uralte keltische +Sitte, aus Gerste Bier (cervesia) zu bereiten, ebenfalls für die frühe und +weite Verbreitung der Getreidekultur spricht; allein er ward nicht geachtet. +Selbst in dem zivilisierteren Süden galt es noch für den freien Kelten als +nicht anständig, den Pflug zu führen. Weit höher stand bei den Kelten die +Viehzucht, für welche die römischen Gutsbesitzer dieser Epoche sich sowohl des +keltischen Viehschlags als auch der tapferen, des Reitens kundigen und mit der +Pflege der Tiere vertrauten keltischen Sklaven vorzugsweise gern bedienten ^5. +Namentlich in den nördlichen keltischen Landschaften überwog die Viehzucht +durchaus. Die Bretagne war zu Caesars Zeit ein kornarmes Land. Im Nordosten +reichten dichte Wälder, an den Kern der Ardennen sich anschließend, fast +ununterbrochen von der Nordsee bis zum Rheine, und auf den heute so gesegneten +Fluren Flanderns und Lothringens weidete damals der menapische und treverische +Hirte im undurchdringlichen Eichenwald seine halbwilden Säue. Ebenwie im Potal +durch die Römer an die Stelle der keltischen Eichelmast Wollproduktion und +Kornbau getreten sind, so gehen auch die Schafzucht und die Ackerwirtschaft in +den Ebenen der Schelde und der Maas auf sie zurück. In Britannien gar war das +Dreschen des Kornes noch nicht üblich, und in den nördlicheren Strichen hörte +hier der Ackerbau ganz auf und war die Viehzucht die einzige bekannte +Bodenbenutzung. Der Öl- und Weinbau, der den Massalioten reichen Ertrag abwarf, +ward jenseits der Cevennen zu Caesars Zeiten noch nicht betrieben. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +^3 Das erste Aufgebot der belgischen Kantone ausschließlich der Remer, also der +Landschaft zwischen Seine und Schelde und östlich bis gegen Reims und Andernach +von 2000-2200 Quadratmeilen, wird auf etwa 300000 Mann berechnet; wonach, wenn +man das für die Bellovaker angegebene Verhältnis des ersten Aufgebots zu der +gesamten waffenfähigen Mannschaft als allgemein gültig betrachtet, die Zahl der +waffenfähigen Belgen auf 500000 und danach die Gesamtbevölkerung auf mindestens +2 Millionen sich stellt. Die Helvetier mit den Nebenvölkern zählten vor ihrem +Auszug 336000 Köpfe; wenn man annimmt, daß sie damals schon vom rechten +Rheinufer verdrängt waren, kann ihr Gebiet auf ungefähr 300 Quadratmeilen +angeschlagen werden. Ob die Knechte hierbei mitgezählt sind, läßt sich um so +weniger entscheiden, als wir nicht wissen, welche Form die Sklaverei bei den +Kelten angenommen hatte; was Caesar (Gall. 1, 4) von Orgetorix’ Sklaven, +Hörigen und Schuldnern erzählt, spricht eher für als gegen die Mitzählung. +</p> + +<p> +Daß übrigens jeder solche Versuch, das, was der alten Geschichte vor allen +Dingen fehlt, die statistische Grundlage, durch Kombination zu ersetzen, mit +billiger Vorsicht aufgenommen werden muß, wird der verständige Leser +ebensowenig verkennen als ihn darum unbedingt wegwerfen. +</p> + +<p> +^4 “In Gallien, jenseits der Alpen im Binnenland am Rhein, habe +ich,” erzählt Scrofa bei Varro rust. 1, 7, 8, “als ich dort +kommandierte, einige Striche betreten, wo weder die Rebe noch die Olive noch +der Obstbaum fortkommt, wo man mit weißer Grubenkreide die Äcker düngt, wo man +weder Gruben- noch Seesalz hat, sondern die salzige Kohle gewisser verbrannter +Hölzer statt Salz benutzt.” Diese Schilderung bezieht sich wahrscheinlich +auf die vorcaesarische Zeit und auf die östlichen Striche der alten Provinz, +wie zum Beispiel die allobrogische Landschaft; später beschreibt Plinius (nat. +17, 6, 42f.) ausführlich das gallisch-britannische Mergeln. +</p> + +<p> +^5 “Von gutem Schlag sind in Italien besonders die gallischen Ochsen, zur +Feldarbeit nämlich; wogegen die ligurischen nichts Rechtes beschaffen” +(Varr. rust. 2, 5, 9). Hier ist zwar das Cisalpinische Gallien gemeint, allein +die Viehwirtschaft daselbst geht doch unzweifelhaft zurück auf die keltische +Epoche. Der “gallischen Klepper” (Gallici canterii) gedenkt schon +Plautus (Aul. 3, 5, 21). “Nicht jede Rasse schickt sich für das +Hirtengeschäft; weder die Bastuler noch die Turduler (beide in Andalusien) +eignen sich dafür; am besten sind die Kelten, besonders für Reit- und Lasttiere +(iumenta)” (Varro rust. 2, 10, 4). +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +Dem Zusammensiedeln waren die Gallier von Haus aus geneigt; offene Dörfer gab +es überall und allein der helvetische Kanton zählte deren im Jahre 696 (58) +vierhundert außer einer Menge einzelner Höfe. Aber es fehlte auch nicht an +ummauerten Städten, deren Mauern von Fachwerk sowohl durch ihre Zweckmäßigkeit +als durch die zierliche Ineinanderfügung von Balken und Steinen den Römern +auffielen, während freilich selbst in den Städten der Allobrogen die Gebäude +allein aus Holz aufgeführt waren. Solcher Städte hatten die Helvetier zwölf und +ebensoviele die Suessionen; wogegen allerdings in den nördlicheren Distrikten, +zum Beispiel bei den Nerviern, es wohl auch Städte gab, aber doch die +Bevölkerung im Kriege mehr in den Sümpfen und Wäldern als hinter den Mauern +Schutz suchte und jenseits der Themse gar die primitive Schutzwehr der +Waldverhacke durchaus an die Stelle der Städte trat und im Krieg die einzige +Zufluchtsstätte für Menschen und Herden war. Mit der verhältnismäßig +bedeutenden Entwicklung des städtischen Lebens steht in enger Verbindung die +Regsamkeit des Verkehrs zu Lande und zu Wasser. Überall gab es Straßen und +Brücken. Die Flußschiffahrt, wozu Ströme wie Rhone, Garonne, Loire und Seine +von selber aufforderten, war ansehnlich und ergiebig. Aber weit merkwürdiger +noch ist die Seeschiffahrt der Kelten. Nicht bloß sind die Kelten allem +Anschein nach diejenige Nation, die zuerst den Atlantischen Ozean regelmäßig +befahren hat, sondern wir finden auch hier die Kunst, Schiffe zu bauen und zu +lenken, auf einer bemerkenswerten Höhe. Die Schiffahrt der Völker des +Mittelmeers ist, wie dies bei der Beschaffenheit der von ihnen befahrenen +Gewässer begreiflich ist, verhältnismäßig lange bei dem Ruder stehengeblieben: +die Kriegsfahrzeuge der Phöniker, Hellenen und Römer waren zu allen Zeiten +Rudergaleeren, auf welchen das Segel nur als gelegentliche Verstärkung des +Ruders verwendet wurde; nur die Handelsschiffe sind in der Epoche der +entwickelten antiken Zivilisation eigentliche Segler gewesen ^6. Die Gallier +dagegen bedienten zwar auf dem Kanal sich zu Caesars Zeit wie noch lange +nachher einer Art tragbarer lederner Kähne, die im wesentlichen gewöhnliche +Ruderboote gewesen zu sein scheinen; aber an der Westküste Galliens fuhren die +Santonen, die Pictonen, vor allem die Veneter mit großen, freilich plump +gebauten Schiffen, die nicht mit Rudern bewegt wurden, sondern mit Ledersegeln +und eisernen Ankerketten versehen waren, und verwandten diese nicht nur für +ihren Handelsverkehr mit Britannien, sondern auch im Seegefecht. Hier also +begegnen wir nicht bloß zuerst der Schiffahrt auf dem freien Ozean, sondern +hier hat auch zuerst das Segelschiff völlig den Platz des Ruderbootes +eingenommen - ein Fortschritt, den freilich die sinkende Regsamkeit der alten +Welt nicht zu nutzen verstanden hat und dessen unübersehliche Resultate erst +unsere verjüngte Kulturperiode beschäftigt ist, allmählich zu ziehen. +</p> + +<p> +—————————————————————————————- +</p> + +<p> +^6 Dahin führt die Benennung des Kauffahrtei- oder des “runden” im +Gegensatz zu dem “langen” oder dem Kriegsschiff und die ähnliche +Gegeneinanderstellung der “Ruderschiffe” (επίκωποι νήες) und der +“Kauffahrer” (ολκάδες" Dion. Hal. 3, 44); ferner die geringe +Bemannung der Kauffahrteischiffe, die auf den allergrößten nicht mehr betrug +als 200 Mann (Rheinisches Museum N. F. 11, 1874, S. 625), während auf der +gewöhnlichen Galeere von drei Verdecken schon 170 Ruderer gebraucht wurden. +Vgl. F. K. Movers, Die Phönicier. Bonn-Berlin 1840-56, Bd. 2, 3, S. 167f. +</p> + +<p> +————————————————————————————— +</p> + +<p> +Bei diesem regelmäßigen Seeverkehr zwischen der britischen und der gallischen +Küste ist die überaus enge politische Verbindung zwischen den beiderseitigen +Anwohnern des Kanals ebenso erklärlich wie das Aufblühen des überseeischen +Handels und der Fischerei. Es waren die Kelten, namentlich der Bretagne, die +das Zinn der Gruben von Cornwallis aus England holten und es auf den Fluß- und +Landstraßen des Keltenlandes nach Narbo und Massalia verfuhren. Die Angabe, daß +zu Caesars Zeit einzelne Völkerschaften an der Rheinmündung von Fischen und +Vogeleiern lebten, darf man wohl darauf beziehen, daß hier die Seefischerei und +das Einsammeln der Seevögeleier in ausgedehntem Umfang betrieben ward. Faßt man +die vereinzelten und spärlichen Angaben, die über den keltischen Handel und +Verkehr uns geblieben sind, in Gedanken ergänzend zusammen, so begreift man es, +daß die Zölle der Fluß- und Seehäfen in den Budgets einzelner Kantons, zum +Beispiel in denen der Häduer und der Veneter, eine große Rolle spielten und daß +der Hauptgott der Nation ihr galt als der Beschützer der Straßen und des +Handels und zugleich als Erfinder der Gewerke. Ganz nichtig kann danach auch +die keltische Industrie nicht gewesen sein; wie denn die ungemeine +Anstelligkeit der Kelten und ihr eigentümliches Geschick, jedes Muster +nachzuahmen und jede Anweisung auszuführen auch von Caesar hervorgehoben wird. +In den meisten Zweigen scheint aber doch das Gewerk bei ihnen sich nicht über +das Maß des Gewöhnlichen erhoben zu haben; die später im mittleren und +nördlichen Gallien blühende Fabrikation leinener und wollener Stoffe ist +nachweislich erst durch die Römer ins Leben gerufen worden. Eine Ausnahme, und +soviel wir wissen die einzige, macht die Bearbeitung der Metalle. Das nicht +selten technisch vorzügliche und noch jetzt geschmeidige Kupfergerät, das in +den Gräbern des Keltenlandes zum Vorschein kommt, und die sorgfältig justierten +arvernischen Goldmünzen sind heute noch lebendige Zeugen der Geschicklichkeit +der keltischen Kupfer- und Goldarbeiter; und wohl stimmen dazu die Berichte der +Alten, daß die Römer von den Biturigen das Verzinnen, von den Alesiern das +Versilbern lernten - Erfindungen, von denen die erste durch den Zinnhandel nahe +genug gelegt war und die doch wahrscheinlich beide noch in der Zeit der +keltischen Freiheit gemacht worden sind. Hand in Hand mit der Gewandtheit in +der Bearbeitung der Metalle ging die Kunst, sie zu gewinnen, die zum Teil, +namentlich in den Eisengruben an der Loire, eine solche bergmännische Höhe +erreicht hatte, daß die Grubenarbeiter bei den Belagerungen eine bedeutende +Rolle spielten. Die den Römern dieser Zeit geläufige Meinung, daß Gallien eines +der goldreichsten Länder der Erde sei, wird freilich widerlegt durch die +wohlbekannten Bodenverhältnisse und durch die Fundbestände der keltischen +Gräber, in denen Gold nur sparsam und bei weitem minder häufig erscheint als in +den gleichartigen Funden der wahren Heimatländer des Goldes; es ist auch diese +Vorstellung wohl nur hervorgerufen worden durch das, was griechische Reisende +und römische Soldaten, ohne Zweifel nicht ohne starke Übertreibung, ihren +Landsleuten von der Pracht der arvernischen Könige und den Schätzen der +tolosanischen Tempel zu erzählen wußten. Aber völlig aus der Luft griffen die +Erzähler doch nicht. Es ist sehr glaublich, daß in und an den Flüssen, welche +aus den Alpen und den Pyrenäen strömen, Goldwäschereien und Goldsuchereien, die +bei dem heutigen Wert der Arbeitskraft unergiebig sind, in roheren Zeiten und +bei Sklavenwirtschaft mit Nutzen und in bedeutendem Umfang betrieben wurden; +überdies mögen die Handelsverhältnisse Galliens, wie nicht selten die der +halbzivilisierten Völker, das Aufhäufen eines toten Kapitals edler Metalle +begünstigt haben. +</p> + +<p> +Bemerkenswert ist der niedrige Stand der bildenden Kunst, der bei der +mechanischen Geschicklichkeit in Behandlung der Metalle nur um so greller +hervortritt. Die Vorliebe für bunte und glänzende Zieraten zeigt den Mangel an +Schönheitssinn, und eine leidige Bestätigung gewähren die gallischen Münzen mit +ihren bald übereinfach, bald abenteuerlich, immer aber kindisch entworfenen und +fast ohne Ausnahme mit unvergleichlicher Roheit ausgeführten Darstellungen. Es +ist vielleicht ohne Beispiel, daß eine Jahrhunderte hindurch mit einem gewissen +technischen Geschick geübte Münzprägung sich wesentlich darauf beschränkt hat, +zwei oder drei griechische Stempel immer wieder und immer entstellter +nachzuschneiden. Dagegen wurde die Dichtkunst von den Kelten hoch geschätzt und +verwuchs eng mit den religiösen und selbst mit den politischen Institutionen +der Nation; wir finden die geistliche wie die Hof- und Bettelpoesie in Blüte. +Auch Naturwissenschaft und Philosophie fanden, wenngleich in den Formen und den +Banden der Landestheologie, bei den Kelten eine gewisse Pflege und der +hellenische Humanismus eine bereitwillige Aufnahme, wo und wie er an sie +herantrat. Die Kunde der Schrift war wenigstens bei den Priestern allgemein. +Meistenteils bediente man in dem freien Gallien zu Caesars Zeit sich der +griechischen, wie unter andern die Helvetier taten; nur in den südlichsten +Distrikten desselben war schon damals infolge des Verkehrs mit den +romanisierten Kelten die lateinische überwiegend, der wir zum Beispiel auf den +arvernischen Münzen dieser Zeit begegnen. +</p> + +<p> +Auch die politische Entwicklung der keltischen Nation bietet sehr +bemerkenswerte Erscheinungen. Die staatliche Verfassung ruht bei ihr wie +überall auf dem Geschlechtsgau mit dem Fürsten, dem Rat der Ältesten und der +Gemeinde der freien waffenfähigen Männer; dies aber ist ihr eigentümlich, daß +sie über diese Gauverfassung niemals hinausgelangt ist. Bei den Griechen und +Römern trat sehr früh an die Stelle des Gaues als die Grundlage der politischen +Einheit der Mauerring: wo zwei Gaue in denselben Mauern sich zusammenfanden, +verschmolzen sie zu einem Gemeinwesen; wo eine Bürgerschaft einem Teil ihrer +Mitbürger einen neuen Mauerring anwies, entstand regelmäßig damit auch ein +neuer, nur durch die Bande der Pietät und höchstens der Klientel mit der +Muttergemeinde, verknüpfter Staat. Bei den Kelten dagegen bleibt die +“Bürgerschaft” zu allen Zeiten der Clan; dem Gau und nicht +irgendeiner Stadt stehen Fürst und Rat vor, und der allgemeine Gautag bildet +die letzte Instanz im Staate. Die Stadt hat, wie im Orient, nur merkantile und +strategische, nicht politische Bedeutung; weshalb denn auch die gallischen +Ortschaften, selbst ummauerte und sehr ansehnliche wie Vienna und Genava, den +Griechen und Römern nichts sind als Dörfer. Zu Caesars Zeit bestand die +ursprüngliche Clanverfassung noch wesentlich ungeändert bei den Inselkelten und +in den nördlichen Gauen des Festlandes: die Landesgemeinde behauptete die +höchste Autorität; der Fürst ward in wesentlichen Fragen durch ihre Beschlüsse +gebunden; der Gemeinderat war zahlreich - er zählte in einzelnen Clans +sechshundert Mitglieder -, scheint aber nicht mehr bedeutet zu haben als der +Senat unter den römischen Königen. Dagegen in dem regsameren Süden des Landes +war ein oder zwei Menschenalter vor Caesar - die Kinder der letzten Könige +lebten noch zu seiner Zeit - wenigstens bei den größeren Clans, den Arvernern, +Häduern, Sequanern, Helvetiern, eine Umwälzung eingetreten, die die +Königsherrschaft beseitigte und dem Adel die Gewalt in die Hände gab. Es ist +nur die Kehrseite des ebenbezeichneten vollständigen Mangels städtischer +Gemeinwesen bei den Kelten, daß der entgegengesetzte Pol der politischen +Entwicklung, das Rittertum, in der keltischen Clanverfassung so völlig +überwiegt. Die keltische Aristokratie war allem Anschein nach ein hoher Adel, +größtenteils vielleicht die Glieder der königlichen oder ehemals königlichen +Familien, wie es denn bemerkenswert ist, daß die Häupter der entgegengesetzten +Parteien in demselben Clan sehr häufig dem gleichen Geschlecht angehören. Diese +großen Familien vereinigten in ihrer Hand die ökonomische, kriegerische und +politische Übermacht. Sie monopolisierten die Pachtungen der nutzbaren Rechte +des Staates. Sie nötigen die Gemeinfreien, die die Steuerlast erdrückte, bei +ihnen zu borgen und zuerst tatsächlich als Schuldner, dann rechtlich als Hörige +sich ihrer Freiheit zu begeben. Sie entwickelten bei sich das Gefolgwesen, das +heißt das Vorrecht des Adels, sich mit einer Anzahl gelöhnter reisiger Knechte, +sogenannter Ambakten ^7, zu umgeben und damit einen Staat im Staate zu bilden; +und gestützt auf diese ihre eigenen Leute trotzten sie den gesetzlichen +Behörden und dem Gemeindeaufgebot und sprengten tatsächlich das Gemeinwesen. +Wenn in einem Clan, dar etwa 80000 Waffenfähige zählte, ein einzelner Adliger +mit 10000 Knechten, ungerechnet die Hörigen und die Schuldner, auf dem Landtage +erscheinen konnte, so ist es einleuchtend, daß ein solcher mehr ein +unabhängiger Dynast war als ein Bürger seines Clans. Es kam hinzu, daß die +vornehmen Familien der verschiedenen Clans innig unter sich zusammenhingen und +durch Zwischenheiraten und Sonderverträge gleichsam einen geschlossenen Bund +bildeten, dem gegenüber der einzelne Clan ohnmächtig war. Darum vermochten die +Gemeinden nicht länger den Landfrieden aufrecht zu halten und regierte +durchgängig das Faustrecht. Schutz fand nur noch der hörige Mann bei seinem +Herrn, den Pflicht und Interesse nötigten, die seinem Klienten zugefügte Unbill +zu ahnden; die Freien zu beschirmen hatte der Staat die Gewalt nicht mehr, +weshalb diese zahlreich sich als Hörige einem Mächtigen zu eigen gaben. Die +Gemeindeversammlung verlor ihre politische Bedeutung; und auch das Fürstentum, +das den Übergriffen des Adels hätte steuern sollen, erlag demselben bei den +Kelten so gut wie in Latium. An die Stelle des Königs trat der +“Rechtswirker” oder Vergobretus ^8, der wie der römische Konsul nur +auf ein Jahr ernannt ward. Soweit der Gau überhaupt noch zusammenhielt, ward er +durch den Gemeinderat geleitet, in dem natürlich die Häupter der Aristokratie +die Regierung an sich rissen. Es versteht sich von selbst, daß unter solchen +Verhältnissen es in den einzelnen Clans in ganz ähnlicher Weise gärte, wie es +in Latium nach der Vertreibung der Könige Jahrhunderte lang gegärt hatte: +während die Adelschaften der verschiedenen Gemeinden sich zu einem der +Gemeindemacht feindlichen Sonderbündnis zusammentaten, hörte die Menge nicht +auf, die Wiederherstellung des Königtums zu begehren, und versuchte nicht +selten ein hervorragender Edelmann, wie Spurius Cassius in Rom getan, gestützt +auf die Masse der Gauangehörigen, die Macht seiner Standesgenossen zu brechen +und zu seinem Besten die Krone wieder in ihre Rechte einzusetzen. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^7 Dies merkwürdige Wort muß schon im sechsten Jahrhundert Roms bei den Kelten +im Potal gebräuchlich gewesen sein; denn bereits Ennius kennt es, und es kann +nur von da her in so früher Zeit den Italikern zugekommen sein. Es ist dasselbe +aber nicht bloß keltisch, sondern auch deutsch, die Wurzel unseres +“Amt”; wie ja auch das Gefolgwesen selbst den Kelten und den +Deutschen gemeinsam ist. Von großer geschichtlicher Wichtigkeit wäre es, +auszumachen ob das Wort und also auch die Sache zu den Kelten von den Deutschen +oder zu den Deutschen von den Kelten kam. Wenn, wie man gewöhnlich annimmt, das +Wort ursprünglich deutsch ist und zunächst den in der Schlacht dem Herrn +“gegen den Rücken” (and = gegen, bak = Rücken) stehenden Knecht +bezeichnet, so ist dies mit dem auffallend frühen Vorkommen dieses Wortes bei +den Kelten nicht gerade unvereinbar. Nach allen Analogien kann das Recht +Ambakten, das ist δούλοι μισθωτοί, zu halten, dem keltischen Adel nicht von +Haus aus zugestanden, sondern erst allmählich im Gegensatz zu dem älteren +Königtum wie zu der Gleichheit der Gemeinfreien sich entwickelt haben. Wenn +also das Ambaktentum bei den Kelten keine altnationale, sondern eine relativ +junge Institution ist, so ist es auch, bei dem zwischen den Kelten und +Deutschen Jahrhunderte lang bestehenden und weiterhin zu erörternden +Verhältnis, nicht bloß möglich, sondern sogar wahrscheinlich, daß die Kelten, +in Italien wie in Gallien, zu diesen gedungenen Waffenknechten hauptsächlich +Deutsche nahmen. Die “Schweizer” würden also in diesem Falle um +einige Jahrtausende älter sein, als man meint. +</p> + +<p> +Sollte die Benennung, womit, vielleicht nach dem Beispiel der Kelten, die Römer +die Deutschen als Nation bezeichnen, der Name Germani wirklich keltischen +Ursprungs sein, so steht dies damit, wie man sieht, im besten Einklang. +</p> + +<p> +Freilich werden diese Annahmen immer zurückstehen müssen, falls es gelingt, das +Wort ambactus in befriedigender Weise aus keltischer Wurzel zu erklären; wie +denn J. K. Zeuß (Grammatica celtica. Leipzig 1853, S. 796), wenngleich +zweifelnd, dasselbe auf ambi = um und ag = agere, = Herumbeweger oder +Herumbewegter, also Begleiter, Diener zurückführt. Daß das Wort auch als +keltischer Eigenname vorkommt (Zeuß, S. 77) und vielleicht noch in dem +cambrischen amaeth = Bauer, Arbeiter erhalten ist (Zeuß, S. 156), kann nach +keiner Seite hin entscheiden. +</p> + +<p> +^8 Von den keltischen Wörtern guerg = Wirker und breth = Gericht. +</p> + +<p> +———————————————————————————————— +</p> + +<p> +Wenn also die einzelnen Gaue unheilbar hinsiechten, so regte sich wohl daneben +mächtig in der Nation das Gefühl der Einheit und suchte in mancherlei Weise +Form und Halt zu gewinnen. Jenes Zusammenschließen des gesamten keltischen +Adels im Gegensatz gegen die einzelnen Gauverbände zerrüttete zwar die +bestehende Ordnung der Dinge, aber weckte und nährte doch auch die Vorstellung +der Zusammengehörigkeit der Nation. Ebendahin wirkten die von außen her gegen +die Nation gerichteten Angriffe und die fortwährende Schmälerung ihres Gebiets +im Kriege mit den Nachbarn. Wie die Hellenen in den Kriegen gegen die Perser, +die Italiker in denen gegen die cisalpinischen Kelten, so scheinen die +transalpinischen Gallier in den Kriegen gegen Rom des Bestehens und der Macht +der nationalen Einheit sich bewußt geworden zu sein. Unter dem Hader der +rivalisierenden Clans und all jenem feudalistischen Gezänk machten doch auch +die Stimmen derer sich bemerklich, die die Unabhängigkeit der Nation um den +Preis der Selbständigkeit der einzelnen Gaue und selbst um den der +ritterschaftlichen Herrenrechte zu erkaufen bereit waren. Wie durchweg populär +die Opposition gegen die Fremdherrschaft war, bewiesen die Kriege Caesars, dem +gegenüber die keltische Patriotenpartei eine ganz ähnliche Stellung hatte wie +die deutschen Patrioten gegen Napoleon: für ihre Ausdehnung und ihre +Organisation zeugt unter anderem die Telegraphengeschwindigkeit, mit der sie +sich Nachrichten mitteilte. +</p> + +<p> +Die Allgemeinheit und die Mächtigkeit des keltischen Nationalbewußtseins würden +unerklärlich sein, wenn nicht bei der größten politischen Zersplitterung die +keltische Nation seit langem religiös und selbst theologisch zentralisiert +gewesen wäre. Die keltische Priesterschaft oder, mit dem einheimischen Namen, +die Korporation der Druiden umfaßte sicher die Britischen Inseln und ganz +Gallien, vielleicht noch andere Keltenländer mit einem gemeinsamen +religiös-nationalen Bande. Sie stand unter einem eigenen Haupte, das die +Priester selber sich wählten, mit eigenen Schulen, in denen die sehr +umfängliche Tradition fortgepflanzt ward, mit eigenen Privilegien, namentlich +Befreiung von Steuer und Kriegsdienst, welche jeder Clan respektierte, mit +jährlichen Konzilien, die bei Chartres im “Mittelpunkt der keltischen +Erde” abgehalten wurden, und vor allen Dingen mit einer gläubigen +Gemeinde, die an peinlicher Frömmigkeit und an blindem Gehorsam gegen ihre +Priester den heutigen Iren nichts nachgegeben zu haben scheint. Es ist +begreiflich, daß eine solche Priesterschaft auch das weltliche Regiment an sich +zu reißen versuchte und teilweise an sich riß: sie leitete, wo das Jahrkönigtum +bestand, im Fall eines Interregnums die Wahlen; sie nahm mit Erfolg das Recht +in Anspruch, einzelne Männer und ganze Gemeinden von der religiösen und +folgeweise auch der bürgerlichen Gemeinschaft auszuschließen; sie wußte die +wichtigsten Zivilsachen, namentlich Grenz- und Erbschaftsprozesse an sich zu +ziehen, sie entwickelte, gestützt wie es scheint auf ihr Recht, aus der +Gemeinde auszuschließen, und vielleicht auch auf die Landesgewohnheit, daß zu +den üblichen Menschenopfern vorzugsweise Verbrecher genommen wurden, eine +ausgedehnte priesterliche Kriminalgerichtsbarkeit, die mit der der Könige und +Vergobreten konkurrierte; sie nahm sogar die Entscheidung über Krieg und +Frieden in Anspruch. Man war nicht fern von einem Kirchenstaat mit Papst und +Konzilien, mit Immunitäten, Interdikten und geistlichen Gerichten; nur daß +dieser Kirchenstaat nicht, wie der der Neuzeit, von den Nationen abstrahierte, +sondern vielmehr vor allen Dingen national war. +</p> + +<p> +Aber wenn also das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den keltischen Stämmen +mit voller Lebendigkeit erwacht war, so blieb es dennoch der Nation versagt, zu +einem Haltpunkt politischer Zentralisation zu gelangen, wie ihn Italien an der +römischen Bürgerschaft, Hellenen und Germanen an den makedonischen und +fränkischen Königen fanden. Die keltische Priester- und ebenso die Adelschaft, +obwohl beide in gewissem Sinn die Nation vertraten und verbanden, waren doch +einerseits ihrer ständisch-partikularistischen Interessen wegen unfähig, sie zu +einigen, andererseits mächtig genug, um keinem König und keinem Gau das Werk +der Einigung zu gestatten. Ansätze zu demselben fehlen nicht; sie gingen, wie +die Gauverfassung es an die Hand gab, den Weg des Hegemoniesystems. Der +mächtige Kanton bestimmte den schwächeren, sich ihm in der Art unterzuordnen, +daß die führende Gemeinde nach außen die andere mitvertrat und in +Staatsverträgen für sie mitstipulierte, der Klientelgau dagegen sich zur +Heeresfolge, auch wohl zur Erlegung eines Tributs verpflichtete. Auf diesem +Wege entstanden eine Reihe von Sonderbünden: einen führenden Gau für das ganze +Keltenland, einen wenn auch noch so losen Verband der gesamten Nation gab es +nicht. Es ward bereits erwähnt, daß die Römer bei dem Beginn ihrer +transalpinischen Eroberungen dort im Norden einen britisch-belgischen Bund +unter Führung der Suessionen, im mittleren und südlichen Gallien die +Arvernerkonföderation vorfanden, mit welcher letzteren die Häduer mit ihrer +schwächeren Klientel rivalisierten. In Caesars Zeit finden wir die Belgen im +nordöstlichen Gallien zwischen Seine und Rhein noch in einer solchen +Gemeinschaft, die sich indes wie es scheint auf Britannien nicht mehr +erstreckt; neben ihnen erscheint in der heutigen Normandie und Bretagne der +Bund der aremorikanischen, das heißt der Seegaue; im mittleren oder dem +eigentlichen Gallien ringen wie ehemals zwei Parteien um die Hegemonie, an +deren Spitze einerseits die Häduer stehen, andererseits, nachdem die Arverner, +durch die Kriege mit Rom geschwächt, zurückgetreten waren, die Sequaner. Diese +verschiedenen Eidgenossenschaften standen unabhängig nebeneinander; die +führenden Staaten des mittleren Gallien scheinen ihre Klientel nie auf das +nordöstliche und ernstlich wohl auch nicht auf den Nordwesten Galliens +erstreckt zu haben. Der Freiheitsdrang der Nation fand in diesen Gauverbänden +eine gewisse Befriedigung; aber sie waren doch in jeder Hinsicht ungenügend. +Die Verbindung war von der lockersten, beständig zwischen Allianz und Hegemonie +schwankenden Art, die Repräsentation der Gesamtheit im Frieden durch die +Bundestage, im Kriege durch den Herzog ^9 im höchsten Grade schwächlich. Nur +die belgische Eidgenossenschaft scheint etwas fester zusammengehalten zu haben; +der nationale Aufschwung, aus dem die glückliche Abwehr der Kimbrer hervorging, +mag ihr zugute gekommen sein. Die Rivalitäten um die Hegemonie machten einen +Riß in jeden einzelnen Bund, den die Zeit nicht schloß, sondern erweiterte, +weil selbst der Sieg des einen Nebenbuhlers dem Gegner die politische Existenz +ließ und demselben, auch wenn er in die Klientel sich gefügt hatte, immer +gestattet blieb, den Kampf späterhin zu erneuern. Der Wettstreit der +mächtigeren Gaue entzweite nicht bloß diese, sondern in jedem abhängigen Clan, +in jedem Dorfe, ja oft in jedem Hause setzte er sich fort, indem jeder einzelne +nach seinen persönlichen Verhältnissen Partei ergriff. Wie Hellas sich aufrieb +nicht so sehr in dem Kampfe Athens gegen Sparta als in dem inneren Zwist +athenischer und lakedämonischer Faktionen in jeder abhängigen Gemeinde, ja in +Athen selbst: so hat auch die Rivalität der Arverner und Häduer mit ihren +Wiederholungen in kleinem und immer kleinerem Maßstab das Kelterwolk +vernichtet. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +^9 Welche Stellung ein solcher Bundesfeldherr seinen Leuten gegenüber einnahm, +zeigt die gegen Vercingetorix erhobene Anklage auf Landesverrat (Caes. Gall. 7, +20). +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Die Wehrhaftigkeit der Nation empfand den Rückschlag dieser politischen und +sozialen Verhältnisse. Die Reiterei war durchaus die vorwiegende Waffe, woneben +bei den Belgen und mehr noch auf den Britischen Inseln die altnationalen +Streitwagen in bemerkenswerter Vervollkommnung erscheinen. Diese ebenso +zahlreichen wie tüchtigen Reiter- und Wagenkämpferscharen wurden gebildet aus +dem Adel und dessen Mannen, der denn auch echt ritterlich an Hunden und Pferden +seine Lust hatte und es sich viel kosten ließ, edle Rosse ausländischer Rasse +zu reiten. Für den Geist und die Kampfweise dieser Edelleute ist es +bezeichnend, daß, wenn das Aufgebot erging, wer irgend von ihnen sich zu Pferde +halten konnte, selbst der hochbejahrte Greis mit aufsaß, und daß sie, im +Begriff mit einem gering geschätzten Feinde ein Gefecht zu beginnen, Mann für +Mann schwuren, Haus und Hof meiden zu wollen, wenn ihre Schar nicht wenigstens +zweimal durch die feindliche Linie setzen werde. Unter den gedungenen Mannen +herrschte das Lanzknechttum mit all seiner entsittlichten und entgeistigten +Gleichgültigkeit gegen fremdes und eigenes Leben - das zeigen die Erzählungen, +wie anekdotenhaft sie auch gefärbt sind, von der keltischen Sitte, beim +Gastmahl zum Scherz zu rapieren und gelegentlich auf Leben und Tod zu fechten; +von dem dort herrschenden, selbst die römischen Fechterspiele noch +überbietenden Gebrauch, sich gegen eine bestimmte Geldsumme oder eine Anzahl +Fässer Wein zum Schlachten zu verkaufen und vor den Augen der ganzen Menge auf +dem Schilde hingestreckt den Todesstreich freiwillig hinzunehmen. +</p> + +<p> +Neben diesen Reisigen trat das Fußvolk in den Hintergrund. In der Hauptsache +glich es wesentlich noch den Keltenscharen, mit denen die Römer in Italien und +Spanien gefochten hatten. Der große Schild war wie damals die hauptsächlichste +Wehr; unter den Waffen spielte dagegen statt des Schwertes jetzt die lange +Stoßlanze die erste Rolle. Wo mehrere Gaue verbündet Krieg führten, lagerte und +stritt natürlich Clan gegen Clan; es findet sich keine Spur, daß man das +Aufgebot des einzelnen Gaues militärisch gegliedert und kleinere und +regelrechtere taktische Abteilungen gebildet hätte. Noch immer schleppte ein +langer Wagentroß dem Keltenheer das Gepäck nach; anstatt des verschanzten +Lagers, wie es die Römer allabendlich schlugen, diente noch immer das dürftige +Surrogat der Wagenburg. Von einzelnen Gauen, wie zum Beispiel den Nerviern, +wird ausnahmsweise die Tüchtigkeit ihres Fußvolks hervorgehoben; bemerkenswert +ist es, daß eben diese keine Ritterschaft hatten und vielleicht sogar kein +keltischer, sondern ein eingewanderter deutscher Stamm waren. Im allgemeinen +aber erscheint das keltische Fußvolk dieser Zeit als ein unkriegerischer und +schwerfälliger Landsturm; am meisten in den südlicheren Landschaften, wo mit +der Rohen auch die Tapferkeit geschwunden war. Der Kelte, sagt Caesar, wagt es +nicht, dem Germanen im Kampfe ins Auge zu sehen; noch schärfer als durch dieses +Urteil kritisierte der römische Feldherr die keltische Infanterie dadurch, daß, +nachdem er sie in seinem ersten Feldzug kennengelernt hatte, er sie nie wieder +in Verbindung mit der römischen verwandt hat. +</p> + +<p> +Überblicken wir den Gesamtzustand der Kelten, wie ihn Caesar in den +transalpinischen Landschaften vorfand, so ist, verglichen mit der Kulturstufe, +auf der anderthalb Jahrhunderte zuvor die Kelten im Potal uns entgegentraten, +ein Fortschritt in der Zivilisation unverkennbar. Damals überwog in den Heeren +durchaus die in ihrer Art vortreffliche Landwehr (I, 340); jetzt nimmt die +Ritterschaft den ersten Platz ein. Damals wohnten die Kelten in offenen +Flecken; jetzt umgaben ihre Ortschaften wohlgefügte Mauern. Auch die +lombardischen Gräberfunde stehen, namentlich in dem Kupfer- und Glasgerät, weit +zurück hinter denen des nördlichen Keltenlandes. Vielleicht der zuverlässigste +Messer der steigenden Kultur ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Nation; +sowenig davon in den auf dem Boden der heutigen Lombardei geschlagenen +Keltenkämpfen zu Tage tritt, so lebendig erscheint es in den Kämpfen gegen +Caesar. Allem Anschein nach hatte die keltische Nation, als Caesar ihr +gegenübertrat, das Maximum der ihr beschiedenen Kultur bereits erreicht und war +schon wieder im Sinken. Die Zivilisation der transalpinischen Kelten in der +caesarischen Zeit bietet selbst für uns, die wir nur sehr unvollkommen über sie +berichtet sind, manche achtbare und noch mehr interessante Seite; in mehr als +einer Hinsicht schließt sie sich enger der modernen an als der +hellenisch-römischen, mit ihren Segelschiffen, ihrem Rittertum, ihrer +Kirchenverfassung, vor allen Dingen mit ihren, wenn auch unvollkommenen +Versuchen, den Staat nicht auf die Stadt, sondern auf den Stamm und in höherer +Potenz auf die Nation zu bauen. Aber ebendarum, weil wir hier der keltischen +Nation auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung begegnen, tritt um so bestimmter +ihre mindere sittliche Begabung oder, was dasselbe ist, ihre mindere +Kulturfähigkeit hervor. Sie vermochte aus sich weder eine nationale Kunst noch +einen nationalen Staat zu erzeugen und brachte es höchstens zu einer nationalen +Theologie und einem eigenen Adeltum. Die ursprüngliche naive Tapferkeit war +nicht mehr; der auf höhere Sittlichkeit und zweckmäßige Ordnungen gestützte +militärische Mut, wie er im Gefolge der gesteigerten Zivilisation eintritt, +hatte nur in sehr verkümmerter Gestalt sich eingestellt in dem Rittertum. Wohl +war die eigentliche Barbarei überwunden; die Zeiten waren nicht mehr, wo im +Keltenland das fette Hüftstück dem tapfersten der Gäste zugeteilt ward, aber +jedem der Mitgeladenen, der sich dadurch verletzt erachtete, freistand, den +Empfänger deswegen zum Kampfe zu fordern, und wo man mit dem verstorbenen +Häuptling seine treuesten Gefolgsmänner verbrannte. Aber doch dauerten die +Menschenopfer noch fort, und der Rechtssatz, daß die Folterung des freien +Mannes unzulässig, aber die der freien Frau erlaubt sei so gut wie die +Folterung des Sklaven, wirft ein unerfreuliches Licht auf die Stellung, die das +weibliche Geschlecht bei den Kelten auch noch in ihrer Kulturzeit einnahm. Die +Vorzüge, die der primitiven Epoche der Nationen eigen sind, hatten die Kelten +eingebüßt, aber diejenigen nicht erworben, die die Gesittung dann mit sich +bringt, wenn sie ein Volk innerlich und völlig durchdringt. +</p> + +<p> +Also war die keltische Nation in ihren inneren Zuständen beschaffen. Es bleibt +noch übrig, ihre äußeren Beziehungen zu den Nachbarn darzustellen und zu +schildern, welche Rolle sie in diesem Augenblick einnahmen in dem gewaltigen +Wettlauf und Wettkampf der Nationen, in dem das Behaupten sich überall noch +schwieriger erweist als das Erringen. An den Pyrenäen hatten die Verhältnisse +der Völker längst sich friedlich geordnet und waren die Zeiten längst vorbei, +wo die Kelten hier die iberische, das heißt baskische Urbevölkerung bedrängten +und zum Teil verdrängten. Die Täler der Pyrenäen wie die Gebirge Bearns und der +Gascogne und ebenso die Küstensteppen südlich von der Garonne standen zu +Caesars Zeit im unangefochtenen Besitz der Aquitaner, einer großen Anzahl +kleiner, wenig unter sich und noch weniger mit dem Ausland sich berührender +Völkerschaften iberischer Abstammung; hier war nur die Garonnemündung selbst +mit dem wichtigen Hafen Burdigala (Bordeaux) in den Händen eines keltischen +Stammes, der Bituriger-Vivisker. +</p> + +<p> +Von weit größerer Bedeutung waren die Berührungen der keltischen Nation mit dem +Römervolk und mit den Deutschen. Es soll hier nicht wiederholt werden, was +früher erzählt worden ist, wie die Römer in langsamem Vordringen die Kelten +allmählich zurückgedrückt, zuletzt auch den Küstensaum zwischen den Alpen und +den Pyrenäen besetzt und sie dadurch von Italien, Spanien und dem +Mittelländischen Meer gänzlich abgeschnitten hatten, nachdem bereits +Jahrhunderte zuvor durch die Anlage der hellenischen Zwingburg an der +Rhonemündung diese Katastrophe vorbereitet worden war; daran aber müssen wir +hier wieder erinnern, daß nicht bloß die Überlegenheit der römischen Waffen die +Kelten bedrängte, sondern ebensosehr die der römischen Kultur, der die +ansehnlichen Anfänge der hellenischen Zivilisation im Keltenlande ebenfalls in +letzter Instanz zugute kamen. Auch hier bahnten Handel und Verkehr wie so oft +der Eroberung den Weg. Der Kelte liebte nach nordischer Weise feurige Getränke; +daß er den edlen Wein wie der Skythe unvermischt und bis zum Rausche trank, +erregte die Verwunderung und den Ekel des mäßigen Südländers, aber der Händler +verkehrt nicht ungern mit solchen Kunden. Bald ward der Handel nach dem +Keltenland eine Goldgrube für den italischen Kaufmann; es war nichts Seltenes, +daß daselbst ein Krug Wein um einen Sklaven getauscht ward. Auch andere +Luxusartikel, wie zum Beispiel italische Pferde, fanden in dem Keltenland +vorteilhaften Absatz. Es kam sogar bereits vor, daß römische Bürger jenseits +der römischen Grenze Grundbesitz erwarben und denselben nach italischer Art +nutzten, wie denn zum Beispiel römische Landgüter im Kanton der Segusiaver (bei +Lyon) schon um 673 (81) erwähnt werden. Ohne Zweifel ist es hiervon eine Folge, +daß, wie schon gesagt ward, selbst in dem freien Gallien, zum Beispiel bei den +Arvernern, die römische Sprache schon vor der Eroberung nicht unbekannt war; +obwohl sich freilich diese Kunde vermutlich noch auf wenige beschränkte und +selbst mit den Vornehmen des verbündeten Gaues der Häduer durch Dolmetscher +verkehrt werden mußte. So gut wie die Händler mit Feuerwasser und die Squatters +die Besetzung Nordamerikas einleiteten, so wiesen und winkten diese römischen +Weinhändler und Gutsbesitzer den künftigen Eroberer Galliens heran. Wie lebhaft +man auch auf der entgegengesetzten Seite dies empfand, zeigt das Verbot, das +einer der tüchtigsten Stämme des Keltenlandes, der Gau der Nervier, gleich +einzelnen deutschen Völkerschaften, gegen den Handelsverkehr mit den Römern +erließ. +</p> + +<p> +Ungestümer noch als vom Mittelländischen Meere die Römer, drängten vom +Baltischen und der Nordsee herab die Deutschen, ein frischer Stamm aus der +großen Völkerwiege des Ostens, der sich Platz machte neben seinen älteren +Brüdern mit jugendlicher Kraft, freilich auch mit jugendlicher Roheit. Wenn +auch die nächst am Rhein wohnenden Völkerschaften dieses Stammes, die Usipeten, +Tencterer, Sugambrer, Ubier, sich einigermaßen zu zivilisieren angefangen und +wenigstens aufgehört hatten, freiwillig ihre Sitze zu wechseln, so stimmen doch +alle Nachrichten dahin zusammen, daß weiter landeinwärts der Ackerbau wenig +bedeutete und die einzelnen Stämme kaum noch zu festen Sitzen gelangt waren. Es +ist bezeichnend dafür, daß die westlichen Nachbarn in dieser Zeit kaum eines +der Völker des inneren Deutschlands seinem Gaunamen nach zu nennen wußten, +sondern dieselben ihnen nur bekannt sind unter den allgemeinen Bezeichnungen +der Sueben, das ist der schweifenden Leute, der Nomaden, und der Markomannen, +das ist der Landwehr ^10 - Namen, die in Caesars Zeit schwerlich schon Gaunamen +waren, obwohl sie den Römern als solche erschienen und später auch vielfach +Gaunamen geworden sind. Der gewaltigste Andrang dieser großen Nation traf die +Kelten. Die Kämpfe, die die Deutschen um den Besitz der Landschaften östlich +vom Rheine mit den Kelten geführt haben mögen, entziehen sich vollständig +unseren Blicken. Wir vermögen nur zu erkennen, daß um das Ende des siebenten +Jahrhunderts Roms schon alles Land bis zum Rhein den Kelten verloren war, die +Boier, die einst in Bayern und Böhmen gesessen haben mochten, heimatlos +herumirrten und selbst der ehemals von den Helvetiern besessene Schwarzwald +wenn auch noch nicht von den nächstwohnenden deutschen Stämmen in Besitz +genommen, doch wenigstens wüstes Grenzstreitland war - vermutlich schon damals +das, was es später hieß: die helvetische Einöde. Die barbarische Strategik der +Deutschen, durch meilenweite Wüstlegung der Nachbarschaft sich vor feindlichen +Überfällen zu sichern, scheint hier im größten Maßstab Anwendung gefunden zu +haben. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +^10 So sind Caesars Sueben wahrscheinlich die Chatten; aber dieselbe Benennung +kam sicher zu Caesars Zeit und noch viel später auch jedem anderen deutschen +Stamme zu, der als ein regelmäßig wandernder bezeichnet werden konnte. Wenn +also auch, wie nicht zu bezweifeln, der “König der Sueben” bei Mela +(3, 1) und Plinius (nat. 2, 67, 170) Ariovist ist, so folgt darum noch +keineswegs, daß Ariovist ein Chatte war. Die Markomannen als ein bestimmtes +Volk lassen sich vor Marbod nicht nachweisen; es ist sehr möglich, daß das Wort +bis dahin nichts bezeichnet als was es etymologisch bedeutet, die Land- oder +Grenzwehr. Wenn Caesar (Galt. 1, 51) unter den im Heere Ariovists fechtenden +Völkern Markomannen erwähnt, so kann er auch hier eine bloß appellative +Bezeichnung ebenso mißverstanden haben, wie dies bei den Sueben entschieden der +Fall ist. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Aber die Deutschen waren nicht stehen geblieben am Rheine. Der seinem Kern nach +aus deutschen Stämmen zusammengesetzte Heereszug der Kimbrer und Teutonen, der +fünfzig Jahre zuvor über Pannonien, Gallien, Italien und Spanien so gewaltig +hingebraust war, schien nichts gewesen zu sein als eine großartige +Rekognoszierung. Schon hatten westlich vom Rhein, namentlich dem untern Lauf +desselben, verschiedene deutsche Stämme bleibende Sitze gefunden: als Eroberer +eingedrungen, fuhren diese Ansiedler fort, von ihren gallischen Umwohnern +gleich wie von Untertanen Geiseln einzufordern und jährlichen Tribut zu +erheben. Dahin gehörten die Aduatuker, die aus einem Splitter der Kimbrermasse +zu einem ansehnlichen Gau geworden waren, und eine Anzahl anderer, später unter +dem Namen der Tungrer zusammengefaßter Völkerschaften an der Maas in der Gegend +von Lüttich; sogar die Treverer (um Trier) und die Nervier (im Hennegau), zwei +der größten und mächtigsten Völkerschaften dieser Gegend, bezeichnen achtbare +Autoritäten geradezu als Germanen. Die vollständige Glaubwürdigkeit dieser +Berichte muß allerdings dahingestellt bleiben, da es, wie Tacitus in Beziehung +auf die zuletzt erwähnten beiden Völker bemerkt, späterhin wenigstens in diesen +Strichen für eine Ehre galt, von deutschem Blute abzustammen und nicht zu der +gering geachteten keltischen Nation zu gehören: doch scheint die Bevölkerung in +dem Gebiet der Schelde, Maas und Mosel allerdings in der einen oder andern +Weise sich stark mit deutschen Elementen gemischt oder doch unter deutschen +Einflüssen gestanden zu haben. Die deutschen Ansiedlungen selbst waren +vielleicht geringfügig; unbedeutend waren sie nicht, denn in dem chaotischen +Dunkel, in dem wir um diese Zeit die Völkerschaften am rechten Rheinufer auf- +und niederwogen sehen, läßt sich doch wohl erkennen, daß größere deutsche +Massen auf der Spur jener Vorposten sich anschickten, den Rhein zu +überschreiten. Von zwei Seiten durch die Fremdherrschaft bedroht und in sich +zerrissen, war es kaum zu erwarten, daß die unglückliche keltische Nation sich +jetzt noch emporraffen und mit eigener Kraft sich erretten werde. Die +Zersplitterung und der Untergang in der Zersplitterung war bisher ihre +Geschichte; wie sollte eine Nation, die keinen Tag nannte gleich denen von +Marathon und Salamis, von Aricia und dem Raudischen Felde, eine Nation, die +selbst in ihrer frischen Zeit keinen Versuch gemacht hatte, Massalia mit +gesamter Hand zu vernichten, jetzt, da es Abend ward, so furchtbarer Feinde +sich erwehren? +</p> + +<p> +Je weniger die Kelten, sich selbst überlassen, den Germanen gewachsen waren, +desto mehr Ursache hatten die Römer, die zwischen den beiden Nationen +obwaltenden Verwicklungen sorgsam zu überwachen. Wenn auch die daraus +entspringenden Bewegungen sie bis jetzt nicht unmittelbar berührt hatten, so +waren sie doch bei dem Ausgang derselben mit ihren wichtigsten Interessen +beteiligt. Begreiflicherweise hatte die innere Haltung der keltischen Nation +sich mit ihren auswärtigen Beziehungen rasch und nachhaltig verflochten. Wie in +Griechenland die lakedämonische Partei sich gegen die Athener mit Persien +verband, so hatten die Römer von ihrem ersten Auftreten jenseits der Alpen an +gegen die Arverner, die damals unter den südlichen Kelten die führende Macht +waren, an deren Nebenbuhlern um die Hegemonie, den Häduern, eine Stütze +gefunden und mit Hilfe dieser neuen “Brüder der römischen Nation” +nicht bloß die Allobrogen und einen großen Teil des mittelbaren Gebiets der +Arverner sich untertänig gemacht, sondern auch in dem freigebliebenen Gallien +durch ihren Einfluß den Übergang der Hegemonie von den Arvernern auf diese +Häduer veranlaßt. Allein wenn den Griechen nur von einer Seite her für ihre +Nationalität Gefahr drohte, so sahen sich die Kelten zugleich von zwei +Landesfeinden bedrängt, und es war natürlich, daß man bei dem einen vor dem +anderen Schutz suchte und daß, wenn die eine Keltenpartei sich den Römern +anschloß, ihre Gegner dagegen mit den Deutschen Bündnis machten. Am nächsten +lag dies den Belgen, die durch Nachbarschaft und vielfältige Mischung den +überrheinischen Deutschen genähert waren und überdies bei ihrer minder +entwickelten Kultur sich dem stammfremden Sueben wenigstens ebenso verwandt +fühlen mochten als dem gebildeten allobrogischen oder helvetischen Landsmann. +Aber auch die südlichen Kelten, bei welchen jetzt, wie schon gesagt, der +ansehnliche Gau der Sequaner (um Besançon) an der Spitze der den Römern +feindlichen Partei stand, hatten alle Ursache, gegen die sie zunächst +bedrohenden Römer ebenjetzt die Deutschen herbeizurufen; das lässige Regiment +des Senats und die Anzeichen der in Rom sich vorbereitenden Revolution, die den +Kelten nicht unbekannt geblieben waren, ließen gerade diesen Moment als +geeignet erscheinen, um des römischen Einflusses sich zu entledigen und +zunächst deren Klienten, die Häduer, zu demütigen. Über die Zölle auf der +Saône, die das Gebiet der Häduer von dem der Sequaner schied, war es zwischen +den beiden Gauen zum Bruch gekommen und um das Jahr 683 (71) hatte der deutsche +Fürst Ariovist mit etwa 15000 Bewaffneten als Condottiere der Sequaner den +Rhein überschritten. Der Krieg zog manches Jahr unter wechselnden Erfolgen sich +hin; im ganzen waren die Ergebnisse den Häduern ungünstig. Ihr Führer +Eporedorix bot endlich die ganze Klientel auf und zog mit ungeheurer Übermacht +aus gegen die Germanen. Diese verweigerten beharrlich den Kampf und hielten +sich gedeckt in Sümpfen und Wäldern. Als aber dann die Clans, des Harrens müde, +anfingen aufzubrechen und sich aufzulösen, erschienen die Deutschen in freiem +Felde und nun erzwang bei Admagetobriga Ariovist die Schlacht, in der die Blüte +der Ritterschaft der Häduer auf dem Kampfplatze blieb. Die Häduer, durch diese +Niederlage gezwungen, auf die Bedingungen, wie der Sieger sie stellte, Frieden +zu schließen, mußten auf die Hegemonie verzichten und mit ihrem ganzen Anhang +in die Klientel der Sequaner sich fügen, auch sich anheischig machen, den +Sequanern oder vielmehr dem Ariovist Tribut zu zahlen und die Kinder ihrer +vornehmsten Adligen als Geiseln zu stellen, endlich eidlich versprechen, weder +diese Geiseln je zurückzufordern noch die Intervention der Römer anzurufen. +Dieser Friede ward, wie es scheint, um 693 (61) geschlossen ^11. Ehre und +Vorteil geboten den Römern, dagegen aufzutreten; der vornehme Häduer +Divitiacus, das Haupt der römischen Partei in seinem Clan und darum jetzt von +seinen Landsleuten verbannt, ging persönlich nach Rom, um ihre Dazwischenkunft +zu erbitten; eine noch ernstere Warnung war der Aufstand der Allobrogen 693 +(61), der Nachbarn der Sequaner, welcher ohne Zweifel mit diesen Ereignissen +zusammenhing. In der Tat ergingen Befehle an die gallischen Statthalter, den +Häduern beizustehen; man sprach davon, Konsuln und konsularische Armeen über +die Alpen zu senden; allein der Senat, an den diese Angelegenheiten zunächst +zur Entscheidung kamen, krönte schließlich auch hier große Worte mit kleinen +Taten: die allobrogische Insurrektion ward mit den Waffen unterdrückt, für die +Häduer aber geschah nicht nur nichts, sondern es ward sogar Ariovist im Jahre +695 (59) in das Verzeichnis der den Römern befreundeten Könige eingeschrieben +^12. Der deutsche Kriegsfürst nahm dies begreiflicherweise als Verzicht der +Römer auf das nicht von ihnen eingenommene Keltenland; er richtete demgemäß +sich hier häuslich ein und fing an, auf gallischem Boden ein deutsches +Fürstentum zu begründen. Die zahlreichen Haufen, die er mitgebracht hatte, die +noch zahlreicheren, die auf seinen Ruf später aus der Heimat nachkamen - man +rechnete, daß bis zum Jahre 696 (58) etwa 120000 Deutsche den Rhein +überschritten -, diese ganze gewaltige Einwanderung der deutschen Nation, +welche durch die einmal geöffneten Schleusen stromweise über den schönen Westen +sich ergoß, gedachte er daselbst ansässig zu machen und auf dieser Grundlage +seine Herrschaft über das Keltenland aufzubauen. Der Umfang der von ihm am +linken Rheinufer ins Leben gerufenen deutschen Ansiedlungen läßt sich nicht +bestimmen; ohne Zweifel reichte er weit und noch viel weiter seine Entwürfe. +Die Kelten wurden von ihm als eine im ganzen unterworfene Nation behandelt und +zwischen den einzelnen Gauen kein Unterschied gemacht. Selbst die Sequaner, als +deren gedungener Feldhauptmann er den Rhein überschritten hatte, mußten +dennoch, als wären auch sie besiegte Feinde, ihm für seine Leute ein Drittel +ihrer Mark abtreten - vermutlich den später von den Tribokern bewohnten oberen +Elsaß, wo Ariovist sich mit den Seinigen auf die Dauer einrichtete; ja als sei +dies nicht genug, ward ihnen nachher für die nachgekommenen Haruder noch ein +zweites Drittel abverlangt. Ariovist schien im Keltenland die Rolle des +makedonischen Philipp übernehmen und über die germanisch gesinnten Kelten nicht +minder wie über die den Römern anhängenden den Herrn spielen zu wollen. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^11 Ariovists Ankunft in Gallien ist nach Caesar (Gall. 1, 36) auf 683 (71), +die Schlacht von Admagetobriga (denn so heißt der einer falschen Inschrift +zuliebe jetzt gewöhnlich Magetobriga genannte Ort) nach Caesar (Gall. 1, 35) +und Cicero (Art. 1, 19) auf 693 (61) gesetzt worden. +</p> + +<p> +^12 Um diesen Hergang der Dinge nicht unglaublich zu finden oder demselben gar +tiefere Motive unterzulegen, als staatsmännische Unwissenheit und Faulheit +sind, wird man wohltun, den leichtfertigen Ton sich zu vergegenwärtigen, in dem +ein angesehener Senator wie Cicero in seiner Korrespondenz sich über diese +wichtigen transalpinischen Angelegenheiten ausläßt. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +Das Auftreten des kräftigen deutschen Fürsten in einer so gefährlichen Nähe, +das schon an sich die ernstesten Besorgnisse der Römer erwecken mußte, erschien +noch bedrohlicher insofern, als dasselbe keineswegs vereinzelt stand. Auch die +am rechten Rheinufer ansässigen Usipeten und Tencterer waren, der +unaufhörlichen Verheerung ihres Gebiets durch die übermütigen Suebenstämme +müde, das Jahr bevor Caesar in Gallien eintraf (695 59) aus ihren bisherigen +Sitzen aufgebrochen, um sich andere an der Rheinmündung zu suchen. Schon hatten +sie dort den Menapiern den auf dem rechten Ufer belegenen Teil ihres Gebiets +weggenommen, und es war vorherzusehen, daß sie den Versuch machen würden, auch +auf dem linken sich festzusetzen. Zwischen Köln und Mainz sammelten ferner sich +suebische Haufen und drohten in dem gegenüberliegenden Keltengau der Treverer +als ungeladene Gäste zu erscheinen. Endlich ward auch das Gebiet des +östlichsten Clans der Kelten, der streitbaren und zahlreichen Helvetier, immer +nachdrücklicher von den Germanen heimgesucht, so daß die Helvetier, die +vielleicht schon ohnehin durch das Zurückströmen ihrer Ansiedler aus dem +verlorenen Gebiet nordwärts vom Rheine an Überbevölkerung litten, überdies +durch die Festsetzung Ariovists im Gebiet der Sequaner, einer völligen +Isolierung von ihren Stammgenossen entgegengingen, den verzweifelten Entschluß +faßten, ihr bisheriges Gebiet freiwillig den Germanen zu räumen und westlich +vom Jura geräumigere und fruchtbarere Sitze und zugleich womöglich die +Hegemanie im inneren Gallien zu gewinnen - ein Plan, den schon während der +kimbrischen Invasion einige ihrer Distrikte gefaßt und auszuführen versucht +hatten. Die Rauraker, deren Gebiet (Basel und der südliche Elsaß) in ähnlicher +Weise bedroht war, ferner die Reste der Boier, die bereits früher von den +Germanen gezwungen waren, ihrer Heimat den Rücken zu kehren, und nun unstet +umherirrten, und andere kleinere Stämme machten mit den Helvetiern +gemeinschaftliche Sache. Bereits 693 (61) kamen ihre Streiftrupps über den Jura +und selbst bis in die römische Provinz; der Aufbruch selbst konnte nicht mehr +lange sich verzögern; unvermeidlich rückten alsdann germanische Ansiedler nach +in die von ihren Verteidigern verlassene wichtige Landschaft zwischen dem +Boden- und dem Genfersee. Von den Rheinquellen bis zum Atlantischen Ozean waren +die deutschen Stämme in Bewegung, die ganze Rheinlinie von ihnen bedroht; es +war ein Moment wie da die Alamannen und Franken sich über das sinkende Reich +der Caesaren warfen, und jetzt gleich schien gegen die Kelten ebendas ins Werk +gesetzt werden zu sollen, was ein halbes Jahrtausend später gegen die Römer +gelang. +</p> + +<p> +Unter diesen Verhältnissen traf der neue Statthalter Gaius Caesar im Frühling +696 (58) in dem Narbonensischen Gallien ein, das zu seiner ursprünglichen, das +Diesseitige Gallien nebst Istrien und Dalmatien umfassenden Statthalterschaft +durch Senatsbeschluß hinzugefügt worden war. Sein Amt, das ihm zuerst auf fünf +(bis Ende 700 54), dann im Jahre 699 (55) auf weitere fünf Jahre (bis Ende 705 +49) übertragen ward, gab ihm das Recht, zehn Unterbefehlshaber von +proprätorischem Rang zu ernennen, und - wenigstens nach seiner Auslegung - aus +der besonders im Diesseitigen Gallien zahlreichen Bürgerbevölkerung des ihm +gehorchenden Gebiets nach Gutdünken seine Legionen zu ergänzen oder auch neue +zu bilden. Das Heer, das er in den beiden Provinzen übernahm, bestand an +Linienfußvolk aus vier geschulten und kriegsgewohnten Legionen, der siebenten, +achten, neunten und zehnten, oder höchstens 24000 Mann, wozu dann, wie üblich, +die Untertanenkontingente hinzutraten. Reiterei und Leichtbewaffnete waren +außerdem vertreten durch Reiter aus Spanien und numidische, kretische, +balearische Schützen und Schleuderer. Caesars Stab, die Elite der +hauptstädtischen Demokratie, enthielt neben nicht wenigen unbrauchbaren, +vornehmen jungen Männern einzelne fähige Offiziere, wie Publius Crassus, den +jüngeren Sohn des alten politischen Bundesgenossen Caesars, und Titus Labienus, +der dem Haupt der Demokratie als treuer Adjutant vom Forum auf das Schlachtfeld +gefolgt war. Bestimmte Aufträge hatte Caesar nicht erhalten; für den +Einsichtigen und Mutigen lagen sie in den Verhältnissen. Auch hier war +nachzuholen, was der Senat versäumt hatte, und vor allen Dingen der Strom der +deutschen Völkerwanderung zu hemmen. Ebenjetzt begann die mit der deutschen eng +verflochtene und seit langen Jahren vorbereitete helvetische Invasion. Um die +verlassenen Hütten nicht den Germanen zu gönnen, und um sich selber die +Rückkehr unmöglich zu machen, hatten die Helvetier ihre Städte und Weiler +niedergebrannt, und ihre langen Wagenzüge, mit Weibern, Kindern und dem besten +Teil der Fahrnis beladen, trafen von allen Seiten her am Leman bei Genava +(Genf) ein, wo sie und ihre Genossen sich zum 28. März ^13 dieses Jahres +Rendezvous gegeben hatten. Nach ihrer eigenen Zählung bestand die gesamte Masse +aus 368000 Köpfen, wovon etwa der vierte Teil imstande war, die Waffen zu +tragen. Das Juragebirge, das vom Rhein bis zur Rhone sich erstreckend die +helvetische Landschaft gegen Westen fast vollständig abschloß und dessen +schmale Defileen für den Durchzug einer solchen Karawane ebenso schlecht +geeignet waren wie gut für die Verteidigung, hatten darum die Führer +beschlossen, in südlicher Richtung zu umgehen und den Weg nach Westen sich da +zu eröffnen, wo zwischen dem südwestlichen und höchsten Teil des Jura und den +savoyischen Bergen bei dem heutigen Fort de l’Ecluse die Rhone die +Gebirgsketten durchbrochen hat. Allein am rechten Ufer treten hier die Felsen +und Abgründe so hart an den Fluß, daß nur ein schmaler, leicht zu sperrender +Pfad übrig bleibt und die Sequaner, denen dies Ufer gehörte, den Helvetiern mit +Leichtigkeit den Paß verlegen konnten. Sie zogen es darum vor, oberhalb des +Durchbruchs der Rhone auf das linke allobrogische Ufer überzugehen, um weiter +stromabwärts, wo die Rhone in die Ebene eintritt, wieder das rechte zu gewinnen +und dann weiter nach dem ebenen Westen Galliens zu ziehen; dort war der +fruchtbare Kanton der Santonen (Saintonge, das Tal der Charente) am +Atlantischen Meer von den Wanderern zu ihrem neuen Wohnsitz ausersehen. Dieser +Marsch führte, wo er das linke Rhoneufer betrat, durch römisches Gebiet; und +Caesar, ohnehin nicht gemeint, sich die Festsetzung der Helvetier im westlichen +Gallien gefallen zu lassen, war fest entschlossen, ihnen den Durchzug nicht zu +gestatten. Allein von seinen vier Legionen standen drei weit entfernt bei +Aquileia; obwohl er die Milizen der jenseitigen Provinz schleunigst aufbot, +schien es kaum möglich, mit einer so geringen Mannschaft dem zahllosen +Keltenschwarm den Übergang über die Rhone, von ihrem Austritt aus dem Leman bei +Genf bis zu ihrem Durchbruch, auf einer Strecke von mehr als drei deutschen +Meilen, zu verwehren. Caesar gewann indes durch Unterhandlungen mit den +Helvetiern, die den Übergang über den Fluß und den Marsch durch das +allobrogische Gebiet gern in friedlicher Weise bewerkstelligt hätten, eine +Frist von fünfzehn Tagen, welche dazu benutzt ward, die Rhonebrücke bei Genava +(Genf) abzubrechen und das südliche Ufer der Rhone durch eine fast vier +deutsche Meilen lange Verschanzung dem Feinde zu sperren - es war die erste +Anwendung des von den Römern später in so ungeheurem Umfang durchgeführten +Systems, mittels einer Kette einzelner, durch Wälle und Gräben miteinander in +Verbindung gesetzter Schanzen die Reichsgrenze militärisch zu schließen. Die +Versuche der Helvetier, auf Kähnen oder mittels Furten an verschiedenen Stellen +das andere Ufer zu gewinnen, wurden in diesen Linien von den Römern glücklich +vereitelt und die Helvetier genötigt, von dem Rhoneübergang abzustehen. Dagegen +vermittelte die den Römern feindlich gesinnte Partei in Gallien, die an den +Helvetiern eine mächtige Verstärkung zu erhalten hoffte, namentlich der Häduer +Dumnorix, des Divitiacus Bruder und in seinem Gau wie dieser an der Spitze der +römischen so seinerseits an der Spitze der nationalen Partei, ihnen den +Durchmarsch durch die Jurapässe und das Gebiet der Sequaner. Dies zu verbieten +hatten die Römer keinen Rechtsgrund; allein es standen für sie bei dem +helvetischen Heerzug andere und höhere Interessen auf dem Spiel als die Frage +der formellen Integrität des römischen Gebiets - Interessen, die nur gewahrt +werden konnten, wenn Caesar, statt, wie alle Statthalter des Senats, wie selbst +Marius getan, auf die bescheidene Aufgabe der Grenzbewachung sich zu +beschränken, an der Spitze einer ansehnlichen Armee die bisherige Reichsgrenze +überschritt. Caesar war Feldherr nicht des Senats, sondern des Staates: er +schwankte nicht. Sogleich von Genava aus hatte er sich in eigener Person nach +Italien begeben und mit der ihm eigenen Raschheit die drei dort kantonnierenden +sowie zwei neugebildete Rekrutenlegionen herangeführt. Diese Truppen vereinigte +er mit dem bei Genava stehenden Korps und überschritt mit der gesamten Macht +die Rhone. Sein unvermutetes Erscheinen im Gebiete der Häduer brachte natürlich +daselbst sofort wieder die römische Partei ans Regiment, was der Verpflegung +wegen nicht gleichgültig war. Die Helvetier fand er beschäftigt, die Saône zu +passieren und aus dem Gebiet der Sequaner in das der Häduer einzurücken; was +von ihnen noch am linken Saôneufer stand, namentlich das Korps der Tigoriner, +ward von den rasch vordringenden Römern aufgehoben und vernichtet. Das Gros des +Zuges war indes bereits auf das rechte Ufer des Flusses übergesetzt; Caesar +folgte ihnen und bewerkstelligte den Übergang, den der ungeschlachte Zug der +Helvetier in zwanzig Tagen nicht hatte vollenden können, in vierundzwanzig +Stunden. Die Helvetier, durch diesen Übergang der römischen Armee über den Fluß +gehindert, ihren Marsch in westlicher Richtung fortzusetzen, schlugen die +Richtung nach Norden ein, ohne Zweifel in der Voraussetzung, daß Caesar nicht +wagen werde, ihnen weit in das innere Gallien hinein zu folgen, und in der +Absicht, wenn er von ihnen abgelassen habe, sich wieder ihrem eigentlichen Ziel +zuzuwenden. Fünfzehn Tage marschierte das römische Heer in dem Abstand etwa +einer deutschen Meile von dem feindlichen hinter demselben her, an seine Fersen +sich heftend und auf einen günstigen Augenblick hoffend, um den feindlichen +Heereszug unter den Bedingungen des Sieges anzugreifen und zu vernichten. +Allein dieser Augenblick kam nicht; wie schwerfällig auch die helvetische +Karawane einherzog, die Führer wußten einen Überfall zu verhüten und zeigten +sich wie mit Vorräten reichlich versehen, so durch ihre Spione von jedem +Vorgang im römischen Lager aufs genaueste unterrichtet. Dagegen fingen die +Römer an, Mangel an dem Notwendigsten zu leiden, namentlich als die Helvetier +sich von der Saône entfernten und der Flußtransport aufhörte. Das Ausbleiben +der von den Häduern versprochenen Zufuhren, aus dem diese Verlegenheit zunächst +hervorging, erregte um so mehr Verdacht, als beide Heere immer noch auf ihrem +Gebiete sich herumbewegten. Ferner zeigte sich die ansehnliche, fast 4000 +Pferde zählende römische Reiterei völlig unzuverlässig - was freilich +erklärlich war, da dieselbe fast ganz aus keltischer Ritterschaft, namentlich +den Reitern der Häduer unter dem Befehl des wohlbekannten Römerfeindes Dumnorix +bestand und Caesar selbst sie mehr noch als Geiseln denn als Soldaten +übernommen hatte. Man hatte guten Grund zu glauben, daß eine Niederlage, die +sie von der weit schwächeren helvetischen Reiterei erlitten, durch sie selbst +herbeigeführt worden war, und daß durch sie der Feind von allen Vorfällen im +römischen Lager unterrichtet ward. Caesars Lage wurde bedenklich; in leidiger +Deutlichkeit kam es zu Tage, was selbst bei den Häduern, trotz ihres +offiziellen Bündnisses mit Rom und der nach Rom sich neigenden Sonderinteressen +dieses Gaus, die keltische Patriotenpartei vermochte; was sollte daraus werden, +wenn man in die gärende Landschaft tiefer und tiefer sich hineinwagte und von +den Verbindungen immer weiter sich entfernte? Eben zogen die Heere an der +Hauptstadt der Häduer, Bibracte (Autun), in mäßiger Entfernung vorüber; Caesar +beschloß, dieses wichtigen Ortes sich mit gewaffneter Hand zu bemächtigen, +bevor er den Marsch in das Binnenland fortsetzte, und es ist wohl möglich, daß +er überhaupt beabsichtigte, von weiterer Verfolgung abzustehen und in Bibracte +sich festzusetzen. Allein da er, von der Verfolgung ablassend, sich gegen +Bibracte wendete, meinten die Helvetier, daß die Römer zur Flucht Anstalt +machten, und griffen nun ihrerseits an. Mehr hatte Caesar nicht gewünscht. Auf +zwei parallel laufenden Hügelreihen stellten die beiden Heere sich auf; die +Kelten begannen das Gefecht, sprengten die in die Ebene vorgeschobene römische +Reiterei auseinander und liefen an gegen die am Abhang des Hügels postierten +römischen Legionen, mußten aber hier vor Caesars Veteranen weichen. Als darauf +die Römer, ihren Vorteil verfolgend, nun ihrerseits in die Ebene hinabstiegen, +gingen die Kelten wieder gegen sie vor und ein zurückgehaltenes keltisches +Korps nahm sie zugleich in die Flanke. Dem letzteren ward die Reserve der +römischen Angriffskolonne entgegengeworfen; sie drängte dasselbe von der +Hauptmasse ab auf das Gepäck und die Wagenburg, wo es aufgerieben ward. Auch +das Gros des helvetischen Zuges ward endlich zum Weichen gebracht und genötigt, +den Rückzug in östlicher Richtung zu nehmen - der entgegengesetzten von +derjenigen, in die ihr Zug sie führte. Den Plan der Helvetier, am Atlantischen +Meer sich neue Wohnsitze zu gründen, hatte dieser Tag vereitelt und die +Helvetier der Willkür des Siegers überliefert; aber es war ein heißer auch für +die Sieger gewesen. Caesar, der Ursache hatte, seinem Offizierkorps nicht +durchgängig zu trauen, hatte gleich zu Anfang alle Offizierspferde +fortgeschickt, um die Notwendigkeit standzuhalten den Seinigen gründlich klar +zu machen; in der Tat würde die Schlacht, hätten die Römer sie verloren, +wahrscheinlich die Vernichtung der römischen Armee herbeigeführt haben. Die +römischen Truppen waren zu erschöpft, um die Überwundenen kräftig zu verfolgen; +allein infolge der Bekanntmachung Caesars, daß er alle, die die Helvetier +unterstützen würden, wie diese selbst als Feinde der Römer behandeln werde, +ward, wohin die geschlagene Armee kam, zunächst in dem Gau der Lingonen (um +Langres), ihr jede Unterstützung verweigert und, aller Zufuhr und ihres Gepäcks +beraubt und belastet von der Masse des nicht kampffähigen Trosses, mußten sie +wohl dem römischen Feldherrn sich unterwerfen. Das Los der Besiegten war ein +verhältnismäßig mildes. Den heimatlosen Boiern wurden die Häduer angewiesen, in +ihrem Gebiet Wohnsitze einzuräumen; und diese Ansiedlung der überwundenen +Feinde inmitten der mächtigsten Kettengaue tat fast die Dienste einer römischen +Kolonie. Die von den Helvetiern und Raurakern noch übrigen, etwas mehr als ein +Drittel der ausgezogenen Mannschaft, wurden natürlich in ihr ehemaliges Gebiet +zurückgesandt. Dasselbe wurde der römischen Provinz einverleibt, aber die +Bewohner zum Bündnis mit Rom unter günstigen Bedingungen zugelassen, um unter +römischer Hoheit am oberen Rhein die Grenze gegen die Deutschen zu verteidigen. +Nur die südwestliche Spitze des helvetischen Gaus wurde von den Römern in +unmittelbaren Besitz genommen und späterhin hier, an dem anmutigen Gestade des +Leman, die alte Keltenstadt Noviodunum (jetzt Nyon) in eine römische +Grenzfestung, die Julische Reiterkolonie ^14, umgewandelt. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^13 Nach dem unberichtigten Kalender. Nach der gangbaren Rektifikation, die +indes hier keineswegs auf hinreichend zuverlässigen Daten beruht, entspricht +dieser Tag dem 16. April des Julianischen Kalenders. +</p> + +<p> +^14 Julia Equestris, wo der letzte Beiname zu fassen ist wie in anderen +Kolonien Caesars die Beinamen sextanorum, decimanorum, u. a. m. Es waren +keltische oder deutsche Reiter Caesars, die, natürlich unter Erteilung des +römischen oder doch des latinischen Bürgerrechts, hier Landlose empfingen. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Am Oberrhein also war der drohenden Invasion der Deutschen vorgebeugt und +zugleich die den Römern feindliche Partei unter den Kelten gedemütigt. Auch am +Mittelrhein, wo die Deutschen bereits vor Jahren übergegangen waren und die in +Gallien mit der römischen wetteifernde Macht des Ariovist täglich weiter um +sich griff, mußte in ähnlicher Weise durchgegriffen werden, und leicht war die +Veranlassung zum Bruche gefunden. Im Vergleich mit dem von Ariovist ihnen +drohenden oder bereits auferlegten Joch mochte hier dem größeren Teil der +Kelten jetzt die römische Suprematie das geringere Übel dünken; die Minorität, +die an ihrem Römerhaß festhielt, mußte wenigstens verstummen. Ein unter +römischem Einfluß abgehaltener Landtag der Keltenstämme des mittleren Galliens +ersuchte im Namen der keltischen Nation den römischen Feldherrn um Beistand +gegen die Deutschen. Caesar ging darauf ein. Auf seine Veranlassung stellten +die Häduer die Zahlung des vertragsmäßig an Ariovist zu entrichtenden Tributes +ein und forderten die gestellten Geiseln zurück, und da Ariovist wegen dieses +Vertragsbruchs die Klienten Roms angriff, nahm Caesar davon Veranlassung, mit +ihm in direkte Verhandlung zu treten und, außer der Rückgabe der Geiseln und +dem Versprechen, mit den Häduern Frieden zu halten, namentlich zu fordern, daß +Ariovist sich anheischig mache, keine Deutschen mehr über den Rhein +nachzuziehen. Der deutsche Feldherr antwortete dem römischen in dem Vollgefühl +ebenbürtigen Rechtes. Ihm sei das nördliche Gallien so gut nach Kriegsrecht +untertänig geworden wie den Römern das südliche; wie er die Römer nicht +hindere, von den Allobrogen Tribut zu nehmen, so dürften auch sie ihm nicht +wehren, seine Untertanen zu besteuern. In späteren geheimen Eröffnungen zeigte +es sich, daß der Fürst der römischen Verhältnisse wohl kundig war: er erwähnte +der Aufforderungen, die ihm von Rom aus zugekommen seien, Caesar aus dem Wege +zu räumen, und erbot sich, wenn Caesar ihm das nördliche Gallien überlassen +wolle, ihm dagegen zur Erlangung der Herrschaft über Italien behilflich zu sein +- wie ihm der Parteihader der keltischen Nation den Eintritt in Gallien +eröffnet hatte, so schien er von dem Parteihader der italischen die Befestigung +seiner Herrschaft daselbst zu erwarten. Seit Jahrhunderten war den Römern +gegenüber diese Sprache der vollkommen ebenbürtigen und ihre Selbständigkeit +schroff und rücksichtslos äußernden Macht nicht geführt worden, wie man sie +jetzt von dem deutschen Heerkönig vernahm: kurzweg weigerte er sich zu kommen, +als der römische Feldherr nach der bei Klientelfürsten hergebrachten Übung ihm +ansann, vor ihm persönlich zu erscheinen. Um so notwendiger war es, nicht zu +zaudern: sogleich brach Caesar auf gegen Ariovist. Ein panischer Schrecken +ergriff seine Truppen, vor allem seine Offiziere, als sie daran sollten, mit +den seit vierzehn Jahren nicht unter Dach und Fach gekommenen deutschen +Kernscharen sich zu messen - auch in Caesars Lager schien die tiefgesunkene +römische Sitten- und Kriegszucht sich geltend machen und Desertion und Meuterei +hervorrufen zu wollen. Allein der Feldherr, indem er erklärte, nötigenfalls mit +der zehnten Legion allein gegen den Feind zu ziehen, wußte nicht bloß durch +solche Ehrenmahnung diese, sondern durch den kriegerischen Wetteifer auch die +übrigen Regimenter an die Adler zu fesseln und etwas von seiner eigenen Energie +den Truppen einzuhauchen. Ohne ihnen Zeit zu lassen, sich zu besinnen, führte +er in raschen Märschen sie weiter und kam glücklich Ariovist in der Besetzung +der sequanischen Hauptstadt Vesontio (Besançon) zuvor. Eine persönliche +Zusammenkunft der beiden Feldherrn, die auf Ariovists Begehren stattfand, +schien einzig einen Versuch gegen Caesars Person bedecken zu sollen; zwischen +den beiden Zwingherren Galliens konnten nur die Waffen entscheiden. Vorläufig +kam der Krieg zum Stehen. Im unteren Elsaß, etwa in der Gegend von Mülhausen, +eine deutsche Meile vom Rhein ^15, lagerten die beiden Heere in geringer +Entfernung voneinander, bis es Ariovist gelang, mit seiner sehr überlegenen +Macht an dem römischen Lager vorbeimarschierend, sich ihm in den Rücken zu +legen und die Römer von ihrer Basis und ihren Zufuhren abzuschneiden. Caesar +versuchte sich aus seiner peinlichen Lage durch eine Schlacht zu befreien; +allein Ariovist nahm sie nicht an. Dem römischen Feldherrn blieb nichts übrig, +als trotz seiner geringen Stärke, die Bewegung des Feindes nachzuahmen und +seine Verbindungen dadurch wieder zu gewinnen, daß er zwei Legionen am Feinde +vorbeiziehen und jenseits des Lagers der Deutschen eine Stellung nehmen ließ, +während vier in dem bisherigen Lager zurückblieben. Ariovist, da er die Römer +geteilt sah, versuchte einen Sturm auf ihr kleineres Lager; allein die Römer +schlugen ihn ab. Unter dem Eindruck dieses Erfolges ward das gesamte römische +Heer zum Angriff vorgeführt; und auch die Deutschen stellten in Schlachtordnung +sich auf, in langer Linie, jeder Stamm für sich, hinter sich, um die Flucht zu +erschweren, die Karren der Armee mit dem Gepäck und den Weibern. Der rechte +Flügel der Römer unter Caesars eigener Führung stürzte sich rasch auf den Feind +und trieb ihn vor sich her; dasselbe gelang dem rechten Flügel der Deutschen. +Noch stand die Waage gleich; allein die Taktik der Reserven entschied, wie so +manchen anderen Kampf gegen Barbaren, so auch den gegen die Germanen zu Gunsten +der Römer; ihre dritte Linie, die Publius Crassus rechtzeitig zur Hilfe sandte, +stellte auf dem linken Flügel die Schlacht wieder her und damit war der Sieg +entschieden. Bis an den Rhein ward die Verfolgung fortgesetzt; nur wenigen, +darunter dem König, gelang es, auf das andere Ufer zu entkommen (696 58). +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +^15 F. W. A. Göler (Cäsars gallischer Krieg. Karlsruhe 1858, S. 45f.) meint, +das Schlachtfeld bei Cernay unweit Mühlhausen aufgefunden zu haben, was im +ganzen übereinkommt mit Napoleons (précis p. 35) Ansetzung des Schlachtfeldes +in der Gegend von Belfort. Diese Annahme ist zwar nicht sicher, aber den +Umständen angemessen; denn daß Caesar für die kurze Strecke von Besançon bis +dahin sieben Tagemärsche brauchte, erklärt er selbst (Lall. 1, 41) durch die +Bemerkung, daß er einen Umweg von über zehn deutschen Meilen genommen, um die +Bergwege zu vermeiden, und dafür, daß die Schlacht 5, nicht 50 Milien vom Rhein +geschlagen ward, entscheidet bei gleicher Autorität der Überlieferung die ganze +Darstellung der bis zum Rhein fortgesetzten und offenbar nicht mehrtägigen, +sondern an dem Schlachttag selbst beendigten Verfolgung. Der Vorschlag W. +Rüstows (Einleitung zu Caesars Kommentar, S. 117), das Schlachtfeld an die +obere Saar zu verlegen, beruht auf einem Mißverständnis. Das von den Sequanern, +Denkern, Lingonen erwartete Getreide soll dem römischen Heere nicht unterwegs +auf dem Marsche gegen Ariovist zukommen, sondern vor dem Aufbruch nach Besançon +geliefert und von den Truppen mitgenommen werden; wie dies sehr deutlich daraus +hervorgeht, daß Caesar, indem er seine Truppen auf jene Lieferungen hinweist, +daneben sie auf das unterwegs einzubringende Korn vertröstet. Von Besançon aus +beherrschte Caesar die Gegend von Langres und Epinal und schrieb, wie +begreiflich, seine Lieferungen lieber hier aus als in den ausfouragierten +Distrikten, aus denen er kam. +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +So glänzend kündigte dem mächtigen Strom, den hier die italischen Soldaten zum +erstenmal erblickten, das römische Regiment sich an; mit einer einzigen +glücklichen Schlacht war die Rheinlinie gewonnen. Das Schicksal der deutschen +Ansiedlungen am linken Rheinufer lag in Caesars Hand; der Sieger konnte sie +vernichten, aber er tat es nicht. Die benachbarten keltischen Gaue, die +Sequaner, Leuker, Mediomatriker, waren weder wehrhaft noch zuverlässig; die +übersiedelten Deutschen versprachen nicht bloß tapfere Grenzhüter, sondern auch +bessere Untertanen Roms zu werden, da sie von den Kelten die Nationalität, von +ihren überrheinischen Landsleuten das eigene Interesse an der Bewahrung der +neugewonnenen Wohnsitze schied und sie bei ihrer isolierten Stellung nicht +umhin konnten, an der Zentralgewalt festzuhalten. Caesar zog hier wie überall +die überwundenen Feinde den zweifelhaften Freunden vor; er ließ den von +Ariovist längs des linken Rheinufers angesiedelten Germanen, den Tribokern um +Straßburg, den Nemetern um Speyer, den Vangionen um Worms, ihre neuen Sitze und +vertraute ihnen die Bewachung der Rheingrenze gegen ihre Landsleute an ^16. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^16 Das scheint die einfachste Annahme über den Ursprung dieser germanischen +Ansiedlungen. Daß Ariovist jene Völker am Mittelrhein ansiedelte, ist deshalb +wahrscheinlich, weil sie in seinem Heer fechten (Caes. Gall. 1, 51) und früher +nicht vorkommen; daß ihnen Caesar ihre Sitze ließ, deshalb, weil er Ariovist +gegenüber sich bereit erklärte, die in Gallien bereits ansässigen Deutschen zu +dulden (Caes. Gall. 1, 35. 43), und weil wir sie später in diesen Sitzen +finden. Caesar gedenkt der nach der Schlacht hinsichtlich dieser germanischen +Ansiedlungen getroffenen Verfügungen nicht, weil er über alle in Gallien von +ihm vorgenommenen organischen Einrichtungen grundsätzlich Stillschweigen +beobachtet. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Die Sueben aber, die am Mittelrhein das treverische Gebiet bedrohten, zogen auf +die Nachricht von Ariovists Niederlage wieder zurück in das innere Deutschland, +wobei sie unterwegs durch die nächstwohnenden Völkerschaften ansehnliche +Einbuße erlitten. +</p> + +<p> +Die Folgen dieses einen Feldzuges waren unermeßlich; noch Jahrtausende nachher +wurden sie empfunden. Der Rhein war die Grenze des Römischen Reiches gegen die +Deutschen geworden. In Gallien, das nicht mehr vermochte, sich selber zu +gebieten, hatten bisher die Römer an der Südküste geherrscht, seit kurzem die +Deutschen versucht, weiter oberwärts sich festzusetzen. Die letzten Ereignisse +hatten es entschieden, daß Gallien nicht nur zum Teil, sondern ganz der +römischen Oberhoheit zu verfallen und daß die Naturgrenze, die der mächtige +Fluß darbietet, auch die staatliche Grenze zu werden bestimmt war. In seiner +besseren Zeit hatte der Senat nicht geruht, bis Roms Herrschaft Italiens +natürliche Grenzen, die Alpen und das Mittelmeer und dessen nächste Inseln, +erreicht hatte. Einer ähnlichen militärischen Abrundung bedurfte auch das +erweiterte Reich; aber die gegenwärtige Regierung überließ dieselbe dem Zufall +und sah höchstens darauf, nicht daß die Grenzen verteidigt werden konnten, +sondern daß sie nicht unmittelbar von ihr selbst verteidigt zu werden +brauchten. Man fühlte es, daß jetzt ein anderer Geist und ein anderer Arm die +Geschicke Roms zu lenken begannen. +</p> + +<p> +Die Grundmauern des künftigen Gebäudes standen; um aber dasselbe auszubauen und +bei den Galliern die Anerkennung der römischen Herrschaft und der Rheingrenze +bei den Deutschen vollständig durchzuführen, fehlte doch noch gar viel. Ganz +Mittelgallien zwar von der römischen Grenze bis hinauf nach Chartres und Trier +fügte sich ohne Widerrede dem neuen Machthaber, und am oberen und mittleren +Rhein war auch von den Deutschen vorläufig kein Angriff zu besorgen. Allein die +nördlichen Landschaften, sowohl die aremorikanischen Gaue in der Bretagne und +der Normandie als auch die mächtigere Konföderation der Belgen, waren von den +gegen das mittlere Gallien geführten Schlägen nicht mitgetroffen worden und +fanden sich nicht veranlaßt, dem Besieger Ariovists sich zu unterwerfen. Es kam +hinzu, daß, wie bemerkt, zwischen den Belgen und den überrheinischen Deutschen +sehr enge Beziehungen bestanden und auch an der Rheinmündung germanische Stämme +sich fertig machten, den Strom zu überschreiten. Infolgedessen brach Caesar mit +seinem jetzt auf acht Legionen vermehrten Heer im Frühjahr 697 (57) auf gegen +die belgischen Gaue. Eingedenk des tapferen und glücklichen Widerstandes, den +sie fünfzig Jahre zuvor mit gesamter Hand an der Landgrenze den Kimbrern +geleistet hatte, und gespornt durch die zahlreich aus Mittelgallien zu ihnen +geflüchteten Patrioten, sandte die Eidgenossenschaft der Belgen ihr gesamtes +erstes Aufgebot, 300000 Bewaffnete unter Anführung des Königs der Suessionen, +Galba, an ihre Südgrenze, um Caesar daselbst zu empfangen. Nur ein einziger +Gau, der der mächtigen Remer (um Reims), ersah in dieser Invasion der Fremden +die Gelegenheit, das Regiment abzuschütteln, das ihre Nachbarn, die Suessionen, +über sie ausübten, und schickte sich an, die Rolle, die in Mittelgallien die +Häduer gespielt hatten, im nördlichen zu übernehmen. In ihrem Gebiet trafen das +römische und das belgische Heer fast gleichzeitig ein. Caesar unternahm es +nicht, dem tapferen, sechsfach stärkeren Feinde eine Schlacht zu liefern; +nordwärts der Aisne, unweit des heutigen Pontavert, zwischen Reims und Laon, +nahm er sein Lager auf einem teils durch den Fluß und durch Sümpfe, teils durch +Gräben und Redouten von allen Seiten fast unangreifbar gemachten Plateau und +begnügte sich, die Versuche der Belgen, die Aisne zu überschreiten und ihn +damit von seinen Verbindungen abzuschneiden, durch defensive Maßregeln zu +vereiteln. Wenn er darauf zählte, daß die Koalition demnächst unter ihrer +eigenen Schwere zusammenbrechen werde, so hatte er richtig gerechnet. König +Galba war ein redlicher, allgemein geachteter Mann; aber der Lenkung einer +Armee von 300000 Mann auf feindlichem Boden war er nicht gewachsen. Man kam +nicht weiter und die Vorräte gingen auf die Neige; Unzufriedenheit und +Entzweiung fingen an, im Lager der Eidgenossen sich einzunisten. Die Bellovaker +vor allem, den Suessionen an Macht gleich und schon verstimmt darüber, daß die +Feldhauptmannschaft des eidgenössischen Heeres nicht an sie gekommen war, waren +nicht länger zu halten, seit die Meldung eingetroffen war, daß die Häduer als +Bundesgenossen der Römer Anstalt machten, in das bellovakische Gebiet +einzurücken. Man beschloß, sich aufzulösen und nach Hause zu gehen; wenn +Schande halber die sämtlichen Gaue zugleich sich verpflichteten, dem zunächst +angegriffenen mit gesamter Hand zu Hilfe zu eilen, so ward durch solche +unausführbare Stipulationen das klägliche Auseinanderlaufen der +Eidgenossenschaft nur kläglich beschönigt. Es war eine Katastrophe, welche +lebhaft an diejenige erinnert, die im Jahre 1792 fast auf demselben Boden +eintrat; und gleichwie in dem Feldzug in der Champagne war die Niederlage nur +um so schwerer, weil sie ohne Schlacht erfolgt war. Die schlechte Leitung der +abziehenden Armee gestattete dem römischen Feldherrn, dieselbe zu verfolgen, +als wäre sie eine geschlagene, und einen Teil der bis zuletzt gebliebenen +Kontingente aufzureiben. Aber die Folgen des Sieges beschränkten sich hierauf +nicht. Wie Caesar in die westlichen Kantone der Belgen einrückte, gab einer +nach dem andern fast ohne Gegenwehr sich verloren: die mächtigen Suessionen (um +Soissons), ebenso wie ihre Nebenbuhler, die Bellovaker (um Beauvais) und die +Ambianer (um Amiens). Die Städte öffneten die Tore, als sie die fremdartigen +Belagerungsmaschinen, die auf die Mauern zurollenden Türme erblickten; wer sich +dem fremden Herrn nicht ergeben mochte, suchte eine Zuflucht jenseits des +Meeres in Britannien. Aber in den östlichen Kantonen regte sich energischer das +Nationalgefühl. Die Viromanduer (um Arras), die Atrebaten (um Saint-Quentin), +die deutschen Aduatuker (um Namur), vor allem aber die Nervier (im Hennegau) +mit ihrer nicht geringen Klientel, an Zahl den Suessionen und Bellovakern wenig +nachgebend, an Tapferkeit und kräftigem Vaterlandssinn ihnen weit überlegen, +schlossen einen zweiten und engeren Bund und zogen ihre Mannschaften an der +oberen Samtire zusammen. Keltische Spione unterrichteten sie aufs genaueste +über die Bewegungen der römischen Armee; ihre eigene Ortskunde sowie die hohen +Verzäunungen, welche in diesen Landschaften überall angelegt waren, um den +dieselben oft heimsuchenden berittenen Räuberscharen den Weg zu versperren, +gestatteten den Verbündeten, ihre eigenen Operationen dem Blick der Römer +größtenteils zu entziehen. Als diese an der Sambre unweit Bavay anlangten und +die Legionen eben beschäftigt waren, auf dem Kamm des linken Ufers das Lager zu +schlagen, die Reiterei und leichte Infanterie die jenseitigen Höhen zu +erkunden, wurden auf einmal die letzteren von der gesamten Masse des +feindlichen Landsturms überfallen und den Hügel hinab in den Fluß gesprengt. In +einem Augenblick hatte der Feind auch diesen überschritten und stürmte mit +todverachtender Entschlossenheit die Höhen des linken Ufers. Kaum blieb den +schanzenden Legionären die Zeit, um die Hacke mit dem Schwert zu vertauschen; +die Soldaten, viele unbehelmt, mußten fechten, wo sie eben standen, ohne +Schlachtlinie, ohne Plan, ohne eigentliches Kommando, denn bei der +Plötzlichkeit des Überfalls und dem von hohen Hecken durchschnittenen Terrain +hatten die einzelnen Abteilungen die Verbindung völlig verloren. Statt der +Schlacht entspann sich eine Anzahl zusammenhangloser Gefechte. Labienus mit dem +linken Flügel warf die Atrebaten und verfolgte sie bis über den Fluß. Das +römische Mitteltreffen drängte die Viromanduer den Abhang hinab. Der rechte +Flügel aber, bei dem der Feldherr selbst sich befand, wurde von den weit +zahlreicheren Nerviern um so leichter überflügelt, als das Mitteltreffen, durch +seinen Erfolg fortgerissen, den Platz neben ihm geräumt hatte, und selbst das +halbfertige Lager von den Nerviern besetzt; die beiden Legionen, jede einzeln +in ein dichtes Knäuel zusammengeballt und von vorn und in beiden Flanken +angegriffen, ihrer meisten Offiziere und ihrer besten Soldaten beraubt, +schienen im Begriff, gesprengt und zusammengehauen zu werden. Schon flohen der +römische Troß und die Bundestruppen nach allen Seiten; von der keltischen +Reiterei jagten ganze Abteilungen, wie das Kontingent der Treverer, mit +verhängten Zügeln davon, um vom Schlachtfelde selbst die willkommene Kunde der +erlittenen Niederlage daheim zu melden. Es stand alles auf dem Spiel. Der +Feldherr selbst ergriff den Schild und focht unter den Vordersten; sein +Beispiel, sein auch jetzt noch begeisternder Zuruf brachten die schwankenden +Reihen wieder zum Stehen. Schon hatte man einigermaßen sich Luft gemacht und +wenigstens die Verbindung der beiden Legionen dieses Flügels wiederhergestellt, +als Succurs herbeikam: teils von dem Uferkamm herab, wo währenddessen mit dem +Gepäck die römische Nachhut eingetroffen war, teils vom anderen Flußufer her, +wo Labienus inzwischen bis an das feindliche Lager vorgedrungen war und sich +dessen bemächtigt hatte und nun, endlich die auf dem rechten Flügel drohende +Gefahr gewahrend, die siegreiche zehnte Legion seinem Feldherrn zu Hilfe +sandte. Die Nervier, von ihren Verbündeten getrennt und von allen Seiten +zugleich angegriffen, bewährten jetzt, wo das Glück sich wandte, denselben +Heldenmut, wie da sie sich Sieger glaubten; noch von den Leichenbergen der +Ihrigen herunter fochten sie bis auf den letzten Mann. Nach ihrer eigenen +Angabe überlebten von ihren sechshundert Ratsherren nur drei diesen Tag. Nach +dieser vernichtenden Niederlage mußten die Nervier, Atrebaten und Viromanduer +wohl die römische Hoheit anerkennen. Die Aduatuker, zu spät eingetroffen, um an +dem Kampfe an der Sambre teilzunehmen, versuchten zwar noch, in der festesten +ihrer Städte (auf dem Berge Falhize an der Maas unweit Huy) sich zu halten, +allein bald unterwarfen auch sie sich. Ein noch nach der Ergebung gewagter +nächtlicher Überfall des römischen Lagers vor der Stadt schlug fehl und der +Treubruch ward von den Römern mit furchtbarer Strenge geahndet. Die Klientel +der Aduatuker, die aus den Eburonen zwischen Maas und Rhein und anderen +kleinen, benachbarten Stämmen bestand, wurde von den Römern selbständig +erklärt, die gefangenen Aduatuker aber in Masse zu Gunsten des römischen +Schatzes unter dem Hammer verkauft. Es schien, als ob das Verhängnis, das die +Kimbrer betroffen hatte, auch diesen letzten kimbrischen Splitter noch +verfolge. Den übrigen unterworfenen Stämmen begnügte sich Caesar eine +allgemeine Entwaffnung und Geiselstellung aufzuerlegen. Die Remer wurden +natürlich der führende Gau im belgischen wie die Häduer im mittleren Gallien; +sogar in diesem begaben sich manche mit den Häduern verfeindete Clans vielmehr +in die Klientel der Reiner. Nur die entlegenen Seekantone der Moriner (Artois) +und der Menapier (Flandern und Brabant) und die großenteils von Deutschen +bewohnte Landschaft zwischen Schelde und Rhein blieben für diesmal von der +römischen Invasion noch verschont und im Besitz ihrer angestammten Freiheit. +</p> + +<p> +Die Reihe kam an die aremorikanischen Gaue. Noch im Herbst 697 (57) ward +Publius Crassus mit einem römischen Korps dahin gesandt; er bewirkte, daß die +Veneter, die, als Herren der Häfen des heutigen Morbihan und einer ansehnlichen +Flotte, in Schiffahrt und Handel unter allen keltischen Gauen den ersten Platz +einnahmen, und überhaupt die Küstendistrikte zwischen Loire und Seine sich den +Römern unterwarfen und ihnen Geiseln stellten. Allein es gereute sie bald. Als +im folgenden Winter (697/98 57/5 römische Offiziere in diese Gegenden kamen, um +Getreidelieferungen daselbst auszuschreiben, wurden sie von den Venetern als +Gegengeiseln festgehalten. Dem gegebenen Beispiel folgten rasch nicht bloß die +aremoricanischen, sondern auch die noch freigebliebenen Seekantone der Belgen; +wo, wie in einigen Gauen der Normandie, der Gemeinderat sich weigerte, der +Insurrektion beizutreten, machte die Menge ihn nieder und schloß mit +verdoppeltem Eifer der Nationalsache sich an. Die ganze Küste von der Mündung +der Loire bis zu der des Rheins stand auf gegen Rom; die entschlossensten +Patrioten aus allen keltischen Gauen eilten dorthin, um mitzuwirken an dem +großen Werke der Befreiung; man rechnete schon auf den Aufstand der gesamten +belgischen Eidgenossenschaft, auf Beistand aus Britannien, auf das Einrücken +der überrheinischen Germanen. +</p> + +<p> +Caesar sandte Labienus mit der ganzen Reiterei an den Rhein, um die gärende +belgische Landschaft niederzuhalten und nötigenfalls den Deutschen den Übergang +über den Fluß zu wehren; ein anderer seiner Unterbefehlshaber, Quintus Titurius +Sabinus, ging mit drei Legionen nach der Normandie, wo die Hauptmasse der +Insurgenten sich sammelte. Allein der eigentliche Herd der Insurrektion waren +die mächtigen und intelligenten Veneter; gegen sie ward zu Lande und zur See +der Hauptangriff gerichtet. Die teils aus den Schiffen der untertänigen +Keltengaue, teils aus einer Anzahl römischer, eiligst auf der Loire erbauter +und mit Ruderern aus der Narbonensischen Provinz bemannter Galeeren gebildete +Flotte führte der Unterfeldherr Decimus Brutus heran; Caesar selbst rückte mit +dem Kern seiner Infanterie ein in das Gebiet der Veneter. Aber man war dort +vorbereitet und hatte ebenso geschickt wie entschlossen die günstigen +Verhältnisse benutzt, die das bretagnische Terrain und der Besitz einer +ansehnlichen Seemacht darbot. Die Landschaft war durchschnitten und +getreidearm, die Städte größtenteils auf Klippen und Landspitzen gelegen und +vom Festlande her nur auf schwer zu passierenden Watten zugänglich; die +Verpflegung wie die Belagerung waren für das zu Lande angreifende Heer gleich +schwierig, während die Kelten durch ihre Schiffe die Städte leicht mit allem +Nötigen versehen und im schlimmsten Fall die Räumung derselben bewerkstelligen +konnten. Die Legionen verschwendeten in den Belagerungen der venetischen +Ortschaften Zeit und Kraft, um zuletzt die wesentlichen Früchte des Sieges auf +den Schiffen der Feinde verschwinden zu sehen. Als daher die römische Flotte, +lange in der Loiremündung von Stürmen zurückgehalten, endlich an der +bretagnischen Küste eintraf, überließ man es ihr, den Kampf durch eine +Seeschlacht zu entscheiden. Die Kelten, ihrer Überlegenheit auf diesem Elemente +sich bewußt, führten gegen die von Brutus befehligte römische Flotte die ihrige +vor. Nicht bloß zählte diese zweihundertzwanzig Segel, weit mehr, als die Römer +hatten aufbringen können; ihre hochbordigen, festgebauten Segelschiffe von +flachem Boden waren auch bei weitem geeigneter für die hochgehenden Fluten des +Atlantischen Meeres als die niedrigen leichtgefugten Rudergaleeren der Römer +mit ihren scharfen Kielen. Weder die Geschosse noch die Enterbrücken der Römer +vermochten das hohe Deck der feindlichen Schiffe zu erreichen und an den +mächtigen Eichenplanken derselben prallten die eisernen Schnäbel machtlos ab. +Allein die römischen Schiffsleute zerschnitten die Taue, durch welche die Rahen +an den Masten befestigt waren, mittels an langen Stangen befestigter Sicheln; +Rahen und Segel stürzten herab und, da man den Schaden nicht rasch zu ersetzen +verstand, ward das Schiff dadurch zum Wrack, wie heutzutage durch Stürzen der +Maste, und leicht gelang es den römischen Booten, durch vereinigten Angriff des +gelähmten feindlichen Schiffes sich zu bemeistern. Als die Gallier dieses +Manövers innewurden, versuchten sie von der Küste, an der sie den Kampf mit den +Römern aufgenommen hatten, sich zu entfernen und die hohe See zu gewinnen, +wohin die römischen Galeeren ihnen nicht folgen konnten; allein zum Unglück für +sie trat plötzlich eine vollständige Windstille ein und die ungeheure Flotte, +an deren Ausrüstung die Seegaue alle ihre Kräfte gesetzt hatten, ward von den +Römern fast gänzlich vernichtet. So ward diese Seeschlacht - soweit die +geschichtliche Kunde reicht, die älteste auf dem Atlantischen Ozean geschlagene +- ebenwie zweihundert Jahre zuvor das Treffen bei Mylae trotz der ungünstigsten +Verhältnisse durch eine von der Not eingegebene glückliche Erfindung zum +Vorteil der Römer entschieden. Die Folge des von Brutus erfochtenen Sieges war +die Ergebung der Veneter und der ganzen Bretagne. Mehr, um der keltischen +Nation, nach so vielfältigen Beweisen von Milde gegen die Unterworfenen, jetzt +durch ein Beispiel furchtbarer Strenge gegen die hartnäckig Widerstrebenden zu +imponieren, als um den Vertragsbruch und die Festnahme der römischen Offiziere +zu ahnden, ließ Caesar den gesamten Gemeinderat hinrichten und die Bürgerschaft +des venetischen Gaus bis auf den letzten Mann in die Knechtschaft verkaufen. +Durch dies entsetzliche Geschick wie durch ihre Intelligenz und ihren +Patriotismus haben die Veneter mehr als irgendein anderer Keltenclan sich ein +Anrecht erworben auf die Teilnahme der Nachwelt. Dem am Kanal versammelten +Aufgebot der Küstenstaaten setzte Sabinus inzwischen dieselbe Taktik entgegen, +durch die Caesar das Jahr zuvor den belgischen Landsturm an der Aisne +überwunden hatte; er verhielt sich verteidigend, bis Ungeduld und Mangel in den +Reihen der Feinde einrissen, und wußte sie dann durch Täuschung über die +Stimmung und Stärke seiner Truppen und vor allem durch die eigene Ungeduld zu +einem unbesonnenen Sturm auf das römische Lager zu verlocken und dabei zu +schlagen, worauf die Milizen sich zerstreuten und die Landschaft bis zur Seine +sich unterwarf. +</p> + +<p> +Nur die Moriner und Menapier beharrten dabei, sich der Anerkennung der +römischen Hoheit zu entziehen. Um sie dazu zu zwingen, erschien Caesar an ihren +Grenzen: aber gewitzigt durch die von ihren Landsleuten gemachten Erfahrungen, +vermieden sie es, den Kampf an der Landesgrenze aufzunehmen und wichen zurück +in die damals von den Ardennen gegen die Nordsee hin fast ununterbrochen sich +erstreckenden Wälder. Die Römer versuchten, sich durch dieselben mit der Axt +eine Straße zu bahnen, zu deren beiden Seiten die gefällten Bäume als Verbacke +gegen feindliche Überfälle aufgeschichtet wurden; allein selbst Caesar, +verwegen wie er war, fand nach einigen Tagen mühseligsten Marschierens es +ratsam, zumal da es gegen den Winter ging, den Rückzug anzuordnen, obwohl von +den Morinern nur ein kleiner Teil unterworfen und die mächtigen Menapier gar +nicht erreicht worden waren. Das folgende Jahr (699 55) ward, während Caesar +selbst in Britannien beschäftigt war, der größte Teil des Heeres aufs neue +gegen diese Völkerschaften gesandt; allein auch diese Expedition blieb in der +Hauptsache erfolglos. Dennoch war das Ergebnis der letzten Feldzüge die fast +vollständige Unterwerfung Galliens unter die Herrschaft der Römer. Wenn +Mittelgallien ohne Gegenwehr sich unter dieselbe gefügt hatte, so waren durch +den Feldzug des Jahres 697 (57) die belgischen, durch den des folgenden Jahres +die Seegaue mit den Waffen zur Anerkennung der römischen Herrschaft gezwungen +worden. Die hochfliegenden Hoffnungen aber, mit denen die keltischen Patrioten +den letzten Feldzug begonnen, hatten nirgends sich erfüllt. Weder Deutsche noch +Briten waren ihnen zu Hilfe gekommen, und in Belgien hatte Labienus’ +Anwesenheit genügt, die Erneuerung der vorjährigen Kämpfe zu verhüten. +</p> + +<p> +Während also Caesar das römische Gebiet im Westen mit den Waffen zu einem +geschlossenen Ganzen fortbildete, versäumte er nicht, der neu unterworfenen +Landschaft, welche ja bestimmt war, die zwischen Italien und Spanien klaffende +Gebietslücke auszufüllen, mit der italischen Heimat wie mit den spanischen +Provinzen Kommunikationen zu eröffnen. Die Verbindung zwischen Gallien und +Italien war allerdings durch die von Pompeius im Jahre 677 (77) angelegte +Heerstraße über den Mont Genèvre wesentlich erleichtert worden; allein seit das +ganze Gallien den Römern unterworfen war, bedurfte man einer aus dem Potal +nicht in westlicher, sondern in nördlicher Richtung den Alpenkamm +überschreitenden und eine kürzere Verbindung zwischen Italien und dem mittleren +Gallien herstellenden Straße. Dem Kaufmann diente hierzu längst der Weg, der +über den Großen Bernhard in das Wallis und an den Genfer See führt; um diese +Straße in seine Gewalt zu bringen, ließ Caesar schon im Herbst 697 (57) durch +Servius Galba Octodurum (Martigny) besetzen und die Bewohner des Wallis zur +Botmäßigkeit bringen, was durch die tapfere Gegenwehr dieser Bergvölker +natürlich nur verzögert, nicht verhindert ward. +</p> + +<p> +Um ferner die Verbindung mit Spanien zu gewinnen, wurde im folgenden Jahr (698 +56) Publius Crassus nach Aquitanien gesandt mit dem Auftrag, die daselbst +wohnenden iberischen Stämme zur Anerkennung der römischen Herrschaft zu +zwingen. Die Aufgabe war nicht ohne Schwierigkeit; die Iberer hielten fester +zusammen als die Kelten und verstanden es besser als diese, von ihren Feinden +zu lernen. Die Stämme jenseits der Pyrenäen, namentlich die tüchtigen Kantabrer +sandten ihren bedrohten Landsleuten Zuzug; mit diesem kamen erfahrene, unter +Sertorius’ Führung römisch geschulte Offiziere, die soweit möglich die +Grundsätze der römischen Kriegskunst, namentlich das Lagerschlagen, bei dem +schon durch seine Zahl und seine Tapferkeit ansehnlichen aquitanischen Aufgebot +einführten. Allein der vorzügliche Offizier, der die Römer führte, wußte alle +Schwierigkeiten zu überwinden, und nach einigen hart bestrittenen, aber +glücklich gewonnenen Feldschlachten die Völkerschaften von der Garonne bis nahe +an die Pyrenäen zur Ergebung unter den neuen Herrn zu bestimmen. +</p> + +<p> +Das eine Ziel, das Caesar sich gesteckt hatte, die Unterwerfung Galliens, war +mit kaum nennenswerten Ausnahmen im wesentlichen soweit erreicht, als es +überhaupt mit dem Schwert sich erreichen ließ. Allein die andere Hälfte des von +Caesar begonnenen Werkes war noch bei weitem nicht genügend erledigt und die +Deutschen noch keineswegs überall genötigt, den Rhein als Grenze anzuerkennen. +Eben jetzt, im Winter 698/99 (56/55) hatte an dem unteren Laufe des Flusses, +bis wohin die Römer noch nicht vorgedrungen waren, eine abermalige +Grenzüberschreitung stattgefunden. Die deutschen Stämme der Usipeten und +Tencterer, deren Versuche, in dem Gebiet der Menapier über den Rhein zu setzen, +bereits erwähnt wurden, waren endlich doch, die Wachsamkeit ihrer Gegner durch +einen verstellten Abzug täuschend, auf den eigenen Schiffen der Menapier +übergegangen - ein ungeheurer Schwarm, der sich mit Einschluß der Weiber und +Kinder auf 430000 Köpfe belaufen haben soll. Noch lagerten sie, es scheint in +der Gegend von Nimwegen und Kleve; aber es hieß, daß sie, den Aufforderungen +der keltischen Patriotenpartei folgend, in das Innere Galliens einzurücken +beabsichtigten, und das Gerücht ward dadurch bestärkt, daß ihre Reiterscharen +bereits bis an die Grenzen der Treuerer streiften. Indes als Caesar mit seinen +Legionen ihnen gegenüber anlangte, schienen die vielgeplagten Auswanderer nicht +nach neuen Kämpfen begierig, sondern gern bereit, von den Römern Land zu nehmen +und es unter ihrer Hoheit in Frieden zu bestellen. Während darüber verhandelt +ward, stieg in dem römischen Feldherrn der Argwohn auf, daß die Deutschen nur +Zeit zu gewinnen suchten, bis die von ihnen entsendeten Reiterscharen +wiedereingetroffen seien. Ob derselbe gegründet war oder nicht, läßt sich nicht +sagen; aber darin bestärkt durch einen Angriff, den trotz des tatsächlichen +Waffenstillstandes ein feindlicher Trupp auf seine Vorhut unternahm, und +erbittert durch den dabei erlittenen empfindlichen Verlust, glaubte Caesar sich +berechtigt, jede völkerrechtliche Rücksicht aus den Augen zu setzen. Als am +anderen Morgen die Fürsten und Ältesten der Deutschen, den ohne ihr Vorwissen +unternommenen Angriff zu entschuldigen, im römischen Lager erschienen, wurden +sie festgehalten und die nichts ahnende, ihrer Führer beraubte Menge von dem +römischen Heer plötzlich überfallen. Es war mehr eine Menschenjagd als eine +Schlacht; was nicht unter den Schwertern der Römer fiel, ertrank im Rheine; +fast nur die zur Zeit des Überfalls detachierten Abteilungen entkamen dem +Blutbad und gelangten zurück über den Rhein, wo ihnen die Sugambrer in ihrem +Gebiet, es scheint an der Lippe, eine Freistatt gewährten. Das Verfahren +Caesars gegen diese deutschen Einwanderer fand im Senat schweren und gerechten +Tadel; allein wie wenig auch dasselbe entschuldigt werden kann, den deutschen +Übergriffen war dadurch mit erschreckendem Nachdruck gesteuert. Doch fand es +Caesar ratsam, noch einen Schritt weiter zu gehen und die Legionen über den +Rhein zu führen. An Verbindungen jenseits desselben mangelte es ihm nicht. Den +Deutschen auf ihrer damaligen Bildungsstufe fehlte noch jeder nationale +Zusammenhang; an politischer Zerfahrenheit gaben sie, wenn auch aus anderen +Ursachen, den Kelten nichts nach. Die Ubier (an der Sieg und Lahn), der +zivilisierteste unter den deutschen Stämmen, waren vor kurzem von einem +mächtigen suebischen Gau des Binnenlandes botmäßig und zinspflichtig gemacht +worden und hatten schon 697 (57) Caesar durch ihre Boten ersucht, auch sie wie +die Gallier von der suebischen Herrschaft zu befreien. Es war Caesars Absicht +nicht, diesem Ansinnen, das ihn in endlose Unternehmungen verwickelt haben +würde, ernstlich zu entsprechen; aber wohl schien es zweckmäßig, um das +Erscheinen der germanischen Waffen diesseits des Rheines zu verhindern, die +römischen jenseits desselben wenigstens zu zeigen. Der Schutz, den die +entronnenen Usipeten und Tencterer bei den Sugambrern gefunden hatten, bot eine +geeignete Veranlassung dar. In der Gegend, wie es scheint, zwischen Koblenz und +Andernach schlug Caesar eine Pfahlbrücke über den Rhein und führte seine +Legionen hinüber aus dem treverischen in das ubische Gebiet. Einige kleinere +Gaue gaben ihre Unterwerfung ein; allein die Sugambrer, gegen die der Zug +zunächst gerichtet war, zogen, wie das römische Heer herankam, mit ihren +Schutzbefohlenen sich in das innere Land zurück. In gleicher Weise ließ der +mächtige suebische Gau, der die Ubier bedrängte, vermutlich derjenige, der +später unter dem Namen der Chatten auftritt, die zunächst an das ubische Gebiet +angrenzenden Distrikte räumen und das nicht streitbare Volk in Sicherheit +bringen, während alle waffenfähige Mannschaft angewiesen ward, im Mittelpunkt +des Gaues sich zu versammeln. Diesen Handschuh aufzuheben hatte der römische +Feldherr weder Veranlassung noch Lust; sein Zweck, teils zu rekognoszieren, +teils durch einen Zug über den Rhein womöglich den Deutschen, wenigstens aber +den Kelten und den Landsleuten daheim zu imponieren, war im wesentlichen +erreicht; nach achtzehntägigem Verweilen am rechten Rheinufer traf er wieder in +Gallien ein und brach die Rheinbrücke hinter sich ab (699 55). +</p> + +<p> +Es blieben die Inselkelten. Bei dem engen Zusammenhang zwischen ihnen und den +Kelten des Festlandes, namentlich den Seegauen, ist es begreiflich, daß sie an +dem nationalen Widerstand wenigstens mit ihren Sympathien sich beteiligt hatten +und den Patrioten wenn auch nicht bewaffneten Beistand, doch mindestens jedem +von ihnen, für den die Heimat nicht mehr sicher war, auf ihrer meerbeschützten +Insel eine ehrenvolle Freistatt gewährten. Eine Gefahr lag hierin allerdings, +wenn nicht für die Gegenwart, doch für die Zukunft; es schien zweckmäßig, wo +nicht die Eroberung der Insel selbst zu unternehmen, doch auch hier die +Defensive offensiv zu führen und durch eine Landung an der Küste den Insulanern +zu zeigen, daß der Arm der Römer auch über den Kanal reiche. Schon der erste +römische Offizier, der die Bretagne betrat, Publius Crassus, war von dort nach +den “Zinninseln” an der Westspitze Englands (Scillyinseln) +hinübergefahren (697 57); im Sommer 699 (55) ging Caesar selbst mit nur zwei +Legionen da, wo er am schmalsten ist ^17, über den Kanal. Er fand die Küste mit +feindlichen Truppenmassen bedeckt und fuhr mit seinen Schiffen weiter; aber die +britischen Streitwagen bewegten sich ebenso schnell zu Lande fort wie die +römischen Galeeren auf der See, und nur mit größter Mühe gelang es den +römischen Soldaten unter dem Schutze der Kriegsschiffe, die durch Wurfmaschinen +und Handgeschütze den Strand fegten, im Angesicht der Feinde teils watend, +teils in Kähnen das Ufer zu gewinnen. Im ersten Schreck unterwarfen sich die +nächsten Dörfer; allein bald wurden die Insulaner gewahr, wie schwach der Feind +sei und wie er nicht wage, sich vom Ufer zu entfernen. Die Eingeborenen +verschwanden in das Binnenland und kamen nur zurück, um das Lager zu bedrohen; +die Flotte aber, die man auf der offenen Reede gelassen hatte, erlitt durch den +ersten über sie hereinbrechenden Sturmwind sehr bedeutenden Schaden. Man mußte +sich glücklich schätzen, die Angriffe der Barbaren abzuschlagen, bis man die +Schiffe notdürftig repariert hatte, und mit denselben, noch ehe die schlimme +Jahreszeit hereinbrach, die gallische Küste wiederzuerreichen. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +^17 Daß Caesars Überfahrten nach Britannien aus den Häfen der Küste von Calais +bis Boulogne an die Küste von Kent gingen, ergibt die Natur der Sache sowie +Caesars ausdrückliche Angabe. Die genauere Bestimmung der Örtlichkeit ist oft +versucht worden, aber nicht gelungen. Überliefert ist nur, daß bei der ersten +Fahrt die Infanterie in dem einen, die Reiterei in einem anderen, von jenem 8 +Milien in östlicher Richtung entfernten Hafen sich einschiffte (Gall. 4, 22, +23, 28) und daß die zweite Fahrt aus demjenigen von diesen beiden Häfen, den +Caesar am bequemsten gefunden, dem (sonst nicht weiter genannten) Irischen, von +der britannischen Küste 30 (so nach Caesars Handschriften 5, 2) oder 40 (= 320 +Stadien, nach Strab. 4, 5, 2, der unzweifelhaft aus Caesar schöpfte) Milien +entfernten abging. Aus Caesars Worten (Gall. 4, 21), daß er “die kürzeste +Überfahrt” gewählt habe, kann man verständigerweise wohl folgern, daß er +nicht durch den Kanal, sondern durch den Pas de Calais, aber keineswegs, daß er +durch diesen auf der mathematisch kürzesten Linie fuhr. Es gehört der +Inspirationsglaube der Lokaltopographen dazu, um mit solchen Daten in der Hand, +von denen das an sich beste noch durch die schwankende Überlieferung der Zahl +fast unbrauchbar wird, an die Bestimmung der Örtlichkeit zu gehen; doch möchte +unter den vielen Möglichkeiten am meisten für sich zu haben, daß der Irische +Hafen (den schon Strab. a. a. O. wahrscheinlich richtig mit demjenigen +identifiziert, von dem bei der ersten Fahrt die Infanterie überging) bei +Ambleteuse, westlich vom Cap Gris Nez, der Reiterhaufen bei Ecale (Wissant), +östlich von demselben Vorgebirge, zu suchen ist, die Landung aber östlich von +Dover bei Walmercastle stattfand. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +Caesar selbst war mit den Ergebnissen dieser leichtsinnig und mit +unzulänglichen Mitteln unternommenen Expedition so unzufrieden, daß er sogleich +(Winter 699/700 55/54) eine Transportflotte von 800 Segeln instand setzen ließ +und im Frühling 700 (54), diesmal mit fünf Legionen und 2000 Reitern, zum +zweitenmal nach der kentischen Küste unter Segel ging. Vor der gewaltigen +Armada wich die auch diesmal am Ufer versammelte Streitmacht der Briten, ohne +einen Kampf zu wagen; Caesar trat sofort den Marsch ins Binnenland an und +überschritt nach einigen glücklichen Gefechten den Fluß Stour; allein er mußte +sehr wider seinen Willen innehalten, weil die Flotte auf der offenen Reede +wiederum von den Stürmen des Kanals halb vernichtet worden war. Bis man die +Schiffe auf den Strand gezogen und für die Reparatur umfassende Vorkehrungen +getroffen, ging eine kostbare Zeit verloren, die die Kelten weislich benutzten. +Der tapfere und umsichtige Fürst Cassivellaunus, der in dem heutigen Middlesex +und der Umgegend gebot, sonst der Schreck der Kelten südlich von der Themse, +jetzt aber Hort und Vorfechter der ganzen Nation, war an die Spitze der +Landesverteidigung getreten. Er sah bald, daß mit dem keltischen Fußvolk gegen +das römische schlechterdings nichts auszurichten und die schwer zu ernährende +und schwer zu regierende Masse des Landsturms der Verteidigung nur hinderlich +war; also entließ er diesen und behielt nur die Streitwagen, deren er 4000 +zusammenbrachte und deren Kämpfer, geübt vom Wagen herabspringend zu Fuß zu +fechten, gleich der Bürgerreiterei des ältesten Rom in zwiefacher Weise +verwendet werden konnten. Als Caesar den Marsch wieder fortzusetzen imstande +war, fand er denselben nirgend sich verlegt; aber die britischen Streitwagen +zogen stets dem römischen Heer vorauf und zur Seite, bewirkten die Räumung des +Landes, die bei dem Mangel an Städten keine große Schwierigkeit machte, +hinderten jede Detachierung und bedrohten die Kommunikationen. Die Themse ward +- wie es scheint zwischen Kingston und Brentford oberhalb London - von den +Römern überschritten; man kam vorwärts, aber nicht eigentlich weiter; der +Feldherr erfocht keinen Sieg, der Soldat machte keine Beute und das einzige +wirkliche Resultat, die Unterwerfung der Trinobanten im heutigen Essex, war +weniger die Folge der Furcht vor den Römern als der tiefen Verfeindung dieses +Gaus mit Cassivellaunus. Mit jedem Schritte vorwärts stieg die Gefahr, und der +Angriff, den die Fürsten von Kent nach Cassivellaunus’ Anordnung auf das +römische Schiffslager machten, mahnte, obwohl er abgeschlagen ward, doch +dringend zur Umkehr. Die Erstürmung eines großen britischen Verhacks, in dem +eine Menge Vieh den Römern in die Hände fiel, gab für das ziellose Vordringen +einen leidlichen Abschluß und einen erträglichen Vorwand für die Umkehr. Auch +Cassivellaunus war einsichtig genug, den gefährlichen Feind nicht aufs Äußerste +zu treiben, und versprach, wie Caesar verlangte, die Trinobanten nicht zu +beunruhigen, Abgaben zu zahlen und Geiseln zu stellen; von Auslieferung der +Waffen oder Zurücklassung einer römischen Besatzung war nicht die Rede, und +selbst jene Versprechungen wurden vermutlich, soweit sie die Zukunft betrafen, +ernstlich weder gegeben noch genommen. Nach Empfang der Geiseln kehrte Caesar +in das Schiffslager und von da nach Gallien zurück. Wenn er, wie es allerdings +scheint, gehofft hatte, Britannien diesmal zu erobern, so war dieser Plan teils +an dem klugen Verteidigungssystem des Cassivellaunus, teils und vor allem an +der Unbrauchbarkeit der italischen Ruderflotte auf den Gewässern der Nordsee +vollkommen gescheitert; denn daß der bedungene Tribut niemals erlegt ward, ist +gewiß. Der nächste Zweck aber: die Inselkelten aus ihrer trotzigen Sicherheit +aufzurütteln und sie zu veranlassen, in ihrem eigenen Interesse ihre Inseln +nicht länger zum Herd der festländischen Emigration herzugeben, scheint +allerdings erreicht worden zu sein; wenigstens werden Beschwerden über +dergleichen Schutzverleihung späterhin nicht wieder vernommen. +</p> + +<p> +Das Werk der Zurückweisung der germanischen Invasion und der Unterwerfung der +festländischen Kelten war vollendet. Aber oft ist es leichter, eine freie +Nation zu unterwerfen als eine unterworfene in Botmäßigkeit zu erhalten. Die +Rivalität um die Hegemonie, an der mehr noch als an den Angriffen Roms die +keltische Nation zugrunde gegangen war, ward durch die Eroberung gewissermaßen +aufgehoben, indem der Eroberer die Hegemonie für sich selbst nahm. Die +Sonderinteressen schwiegen; in dem gemeinsamen Druck fühlte man doch sich +wieder als ein Volk, und was man, da man es besaß, gleichgültig verspielt +hatte, die Freiheit und die Nationalität, dessen unendlicher Wert ward nun, da +es zu spät war, von der unendlichen Sehnsucht vollständig ermessen. Aber war es +denn zu spät? Mit zorniger Scham gestand man es sich, daß eine Nation, die +mindestens eine Million waffenfähiger Männer zählte, eine Nation von altem und +wohlbegründetem kriegerischen Ruhm, von höchstens 50000 Römern sich hatte das +Joch auflegen lassen. Die Unterwerfung der Eidgenossenschaft des mittleren +Galliens, ohne daß sie auch nur einen Schlag getan, die der belgischen, ohne +daß sie mehr getan als schlagen wollen; dagegen wieder der heldenmütige +Untergang der Nervier und Veneter, der kluge und glückliche Widerstand der +Moriner und der Briten unter Cassivellaunus - alles, was im einzelnen versäumt +und geleistet, gescheitert und erreicht war, spornte die Gemüter aller +Patrioten zu neuen, womöglich einigeren und erfolgreicheren Versuchen. +Namentlich unter dem keltischen Adel herrschte eine Gärung, die jeden +Augenblick in einen allgemeinen Aufstand ausbrechen zu müssen schien. Schon vor +dem zweiten Zug nach Britannien im Frühjahr 700 (54) hatte Caesar es notwendig +gefunden, sich persönlich zu den Treverern zu begeben, die, seit sie 697 (57) +in der Nervierschlacht sich kompromittiert hatten, auf den allgemeinen +Landtagen nicht mehr erschienen waren und mit den überrheinischen Deutschen +mehr als verdächtige Verbindungen angeknüpft hatten. Damals hatte Caesar sich +begnügt, die namhaftesten Männer der Patriotenpartei, namentlich den +Indutiomarus, unter dem treverischen Reiterkontingent mit sich nach Britannien +zu führen; er tat sein mögliches, die Verschwörung nicht zu sehen, um nicht +durch strenge Maßregeln sie zur Insurrektion zu zeitigen. Allein als der Häduer +Dumnorix, der gleichfalls dem Namen nach als Reiteroffizier, in der Tat aber +als Geisel sich bei dem nach Britannien bestimmten Heere befand, geradezu +verweigerte sich einzuschiffen und statt dessen nach Hause ritt, konnte Caesar +nicht umhin, ihn als Ausreißer verfolgen zu lassen, wobei er von der +nachgeschickten Abteilung eingeholt und, da er gegen dieselbe sich zur Wehre +setzte, niedergehauen ward (700 54). Daß der angesehenste Ritter des +mächtigsten und noch am wenigsten abhängigen Keltengaus von den Römern getötet +worden, war ein Donnerschlag für den ganzen keltischen Adel; jeder, der sich +ähnlicher Gesinnung bewußt war - und es war dies die ungeheure Majorität -, sah +in jener Katastrophe das Bild dessen, was ihm selber bevorstand. Wenn +Patriotismus und Verzweiflung die Häupter des keltischen Adels bestimmt hatte +sich zu verschwören, so trieb jetzt Furcht und Notwehr die Verschworenen zum +Losschlagen. Im Winter 700/01 (54/53) lagerte, mit Ausnahme einer in die +Bretagne und einer zweiten in den sehr unruhigen Gau der Carnuten (bei +Chartres) verlegten Legion, das gesamte römische Heer, sechs Legionen stark, im +belgischen Gebiet. Die Knappheit der Getreidevorräte hatte Caesar bewogen, +seine Truppen weiter, als er sonst zu tun pflegte, auseinander und in sechs +verschiedene, in den Gauen der Bellovaker, Ambianer, Moriner, Nervier, Reiner +und Eburonen, errichtete Lager zu verlegen. Das am weitesten gegen Osten im +eburonischen Gebiet, wahrscheinlich unweit des späteren Aduatuca, des heutigen +Tongern, angelegte Standlager, das stärkste von allen, bestehend aus einer +Legion unter einem der angesehensten Caesarischen Divisionsführer, dem Quintus +Titurius Sabinus, und außerdem verschiedenen, von dem tapferen Lucius +Aurunculeius Cotta, geführten Detachements zusammen von der Stärke einer halben +Legion ^18, fand sich urplötzlich von dem Landsturm der Eburonen unter den +Königen Ambiorix und Catuvolcus umzingelt. Der Angriff kam so unerwartet, daß +die eben vom Lager abwesenden Mannschaften nicht einberufen werden konnten und +von den Feinden aufgehoben wurden; übrigens war zunächst die Gefahr nicht groß, +da es an Vorräten nicht mangelte und der Sturm, den die Eburonen versuchten, an +den römischen Verschanzungen machtlos abprallte. Aber König Ambiorix eröffnete +dem römischen Befehlshaber, daß die sämtlichen römischen Lager in Gallien an +demselben Tage in gleicher Weise angegriffen und die Römer unzweifelhaft +verloren seien, wenn die einzelnen Korps nicht rasch aufbrächen und miteinander +sich vereinigten; daß Sabinus damit um so mehr Ursache habe zu eilen, als gegen +ihn auch die überrheinischen Deutschen bereits im Anmarsch seien; daß er selbst +aus Freundschaft für die Römer ihnen freien Abzug bis zu dem nächsten, nur zwei +Tagemärsche entfernten römischen Lager zusichere. Einiges in diesen Angaben +schien nicht erfunden; daß der kleine, von den Römern besonders begünstigte Gau +der Eburonen den Angriff auf eigene Hand unternommen habe, war in der Tat +unglaublich und bei der Schwierigkeit, mit den anderen, weit entfernten Lagern +sich in Verbindung zu setzen, die Gefahr von der ganzen Masse der Insurgenten +angegriffen und vereinzelt aufgerieben zu werden, keineswegs gering zu achten; +nichtsdestoweniger konnte es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß +sowohl die Ehre wie die Klugheit gebot, die vom Feinde angebotene Kapitulation +zurückzuweisen und an dem anvertrauten Posten auszuharren. Auch im Kriegsrat +vertraten zahlreiche Stimmen, namentlich die gewichtige des Lucius Aurunculeius +Cotta diese Ansicht. Dennoch entschied sich der Kommandant dafür, den Vorschlag +des Ambiorix anzunehmen. Die römischen Truppen zogen also am anderen Morgen ab; +aber in einem schmalen Tal, kaum eine halbe Meile vom Lager, angelangt, fanden +sie sich von den Eburonen umzingelt und jeden Ausweg gesperrt. Sie versuchten, +mit den Waffen sich den Weg zu öffnen; allein die Eburonen ließen sich auf kein +Nahgefecht ein und begnügten sich, aus ihren unangreifbaren Stellungen ihre +Geschosse in den Knäuel der Römer zu entsenden. Wie verwirrt, als ob er Rettung +vor dem Verrat bei dem Verräter suchte, begehrte Sabinus eine Zusammenkunft mit +Ambiorix; sie wurde gewährt und er und die ihn begleitenden Offiziere erst +entwaffnet, dann niedergemacht. Nach dem Fall des Befehlshabers warfen sich die +Eburonen von allen Seiten zugleich auf die erschöpften und verzweifelnden Römer +und brachen ihre Reihen: die meisten, unter ihnen der schon früher verwundete +Cotta, fanden bei diesem Angriff ihren Tod; ein kleiner Teil, dem es gelungen +war, das verlassene Lager wiederzugewinnen, stürzte sich während der folgenden +Nacht in die eigenen Schwerter. Der ganze Heerhaufen ward vernichtet. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^18 Daß Cotta, obwohl nicht Unterfeldherr des Sabinus, sondern gleich ihm +Legat, doch der jüngere und minder angesehene General und wahrscheinlich im +Fall einer Differenz sich zu fügen angewiesen war, ergibt sich sowohl aus den +früheren Leistungen des Sabinus, als daraus, daß, wo beide zusammen genannt +werden (Gall. 4, 22, 37; 5, 24, 26, 52; 6, 32; anders 6, 37), Sabinus +regelmäßig voransteht, nicht minder aus der Erzählung der Katastrophe selbst. +überdies kann man doch unmöglich annehmen, daß Caesar einem Lager zwei +Offiziere mit gleicher Befugnis vorgesetzt und für den Fall der +Meinungsverschiedenheit gar keine Anordnung getroffen haben soll. Auch zählen +die fünf Kohorten nicht als Legion mit (vgl. Gall. 6, 32, 33), so wenig wie die +zwölf Kohorten an der Rheinbrücke (Gall. 6, 29 vgl. 32, 33), und scheinen aus +Detachements anderer Heerteile bestanden zu haben, die diesem den Germanen +zunächst gelegenen Lager zur Verstärkung zugeteilt worden waren. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Dieser Erfolg, wie die Insurgenten ihn selber kaum gehofft haben mochten, +steigerte die Gärung unter den keltischen Patrioten so gewaltig, daß die Römer, +mit Ausnahme der Häduer und der Reiner, keines einzigen Distrikts ferner sicher +waren und an den verschiedensten Punkten der Aufstand losbrach. Vor allen +Dingen verfolgten die Eburonen ihren Sieg. Verstärkt durch das Aufgebot der +Aduatuker, die gern die Gelegenheit ergriffen, das von Caesar ihnen zugefügte +Leid zu vergelten, und der mächtigen und noch unbezwungenen Menapier, +erschienen sie in dem Gebiet der Nervier, welche sogleich sich anschlossen, und +der ganze also auf 60000 Köpfe angeschwollene Schwarm rückte vor das im +nervischen Gau befindliche römische Lager. Quintus Cicero, der hier +kommandierte, hatte mit seinem schwachen Korps einen schweren Stand, namentlich +als die Belagerer, von dem Feinde lernend, Wälle und Gräben, Schilddächer und +bewegliche Türme in römischer Weise aufführten und die strohgedeckten +Lagerhütten mit Brandschleudern und Brandspeeren überschütteten. Die einzige +Hoffnung der Belagerten beruhte auf Caesar, der nicht allzuweit entfernt in der +Gegend von Amiens mit drei Legionen im Winterlager stand. Allein - ein +charakteristischer Beweis für die im Keltenland herrschende Stimmung - geraume +Zeit hindurch kam dem Oberfeldherrn nicht die geringste Andeutung zu weder von +der Katastrophe des Sabinus, noch von der gefährlichen Lage Ciceros. Endlich +gelang es einem keltischen Reiter aus Ciceros Lager, sich durch die Feinde bis +zu Caesar durchzuschleichen. Auf die erschütternde Kunde brach Caesar +augenblicklich auf, zwar nur mit zwei schwachen Legionen, zusammen etwa 7000 +Mann stark, und 400 Reitern; aber nichtsdestoweniger genügte die Meldung, daß +Caesar anrückte, um die Insurgenten zur Aufhebung der Belagerung zu bestimmen. +Es war Zeit; nicht der zehnte Mann in Ciceros Lager war unverwundet. Caesar, +gegen den das Insurgentenheer sich gewandt hatte, täuschte die Feinde in der +schon mehrmals mit Erfolg angewandten Weise über seine Stärke; unter den +ungünstigsten Verhältnissen wagten sie einen Sturm auf das Römerlager und +erlitten dabei eine Niederlage. Es ist seltsam, aber charakteristisch für die +keltische Nation, daß infolge dieser einen verlorenen Schlacht, oder vielleicht +mehr noch infolge von Caesars persönlichem Erscheinen auf dem Kampfplatz die so +siegreich aufgetretene, so weithin ausgedehnte Insurrektion plötzlich und +kläglich den Krieg abbrach. Nervier, Menapier, Aduatuker, Eburonen begaben sich +nach Hause. Das gleiche taten die Mannschaften der Seegaue, die Anstalt gemacht +hatten, die Legion in der Bretagne zu überfallen. Die Treverer, durch deren +Führer Indutiomarus die Eburonen, die Klienten des mächtigen Nachbargaus, zu +jenem so erfolgreichen Angriff hauptsächlich bestimmt worden waren, hatten auf +die Kunde der Katastrophe von Aduatuca die Waffen ergriffen und waren in das +Gebiet der Remer eingerückt, um die unter Labienus’ Befehl dort +kantonnierende Legion anzugreifen; auch sie stellten für jetzt die Fortsetzung +des Kampfes ein. Nicht ungern verschob Caesar die weiteren Maßregeln gegen die +aufgestandenen Distrikte auf das Frühjahr, um seine hart mitgenommenen Truppen +nicht der ganzen Strenge des gallischen Winters auszusetzen und um erst dann +wieder auf dem Kampfplatze zu erscheinen, wenn durch die angeordnete Aushebung +von dreißig neuen Kohorten die vernichteten fünfzehn in imponierender Weise +ersetzt sein würden. Die Insurrektion spann inzwischen sich fort, wenn auch +zunächst die Waffen ruhten. Ihre Hauptsitze in Mittelgallien waren teils die +Distrikte der Carnuten und der benachbarten Senonen (um Sens), welche letztere +den von Caesar eingesetzten König aus dem Lande jagten, teils die Landschaft +der Treverer, welche die gesamte keltische Emigration und die überrheinischen +Deutschen zur Teilnahme an dem bevorstehenden Nationalkrieg aufforderten und +ihre ganze Mannschaft aufboten, um mit dem Frühjahr zum zweitenmal in das +Gebiet der Römer einzurücken, das Korps des Labienus aufzuheben und die +Verbindung mit den Aufständischen an der Seine und Loire zu suchen. Die +Abgeordneten dieser drei Gaue blieben auf dem von Caesar im mittleren Gallien +ausgeschriebenen Landtag aus und erklärten damit ebenso offen den Krieg, wie es +ein Teil der belgischen Gaue durch die Angriffe auf das Lager des Sabinus und +Cicero getan hatte. Der Winter neigte sich zu Ende, als Caesar mit seinem +inzwischen ansehnlich verstärkten Heer aufbrach gegen die Insurgenten. Die +Versuche der Treverer, den Aufstand zu konzentrieren, waren nicht geglückt; die +gärenden Landschaften wurden durch den Einmarsch römischer Truppen im Zaum +gehalten, die in offener Empörung stehenden vereinzelt angegriffen. Zuerst +wurden die Nervier von Caesar selbst zu Paaren getrieben. Das gleiche widerfuhr +den Senonen und Carnuten. Auch die Menapier, der einzige Gau, der sich niemals +noch den Römern unterworfen hatte, wurden durch einen von drei Seiten zugleich +gegen sie gerichteten Gesamtangriff genötigt, der lange bewahrten Freiheit zu +entsagen. Den Treverern bereitete inzwischen Labienus dasselbe Schicksal. Ihr +erster Angriff war gelähmt worden teils durch die Weigerung der nächstwohnenden +deutschen Stämme, ihnen Söldner zu liefern, teils dadurch, daß Indutiomarus, +die Seele der ganzen Bewegung, in einem Scharmützel mit den Reitern des +Labienus geblieben war. Allein sie gaben ihre Entwürfe darum nicht auf. Mit +ihrem gesamten Aufgebot erschienen sie Labienus gegenüber und harrten der +nachfolgenden deutschen Scharen; denn bessere Aufnahme als bei den Anwohnern +des Rheines hatten ihre Werber bei den streitbaren Völkerschaften des inneren +Deutschlands, namentlich, wie es scheint, den Chatten gefunden. Allein da +Labienus Miene machte, diesen ausweichen und Hals über Kopf abmarschieren zu +wollen, griffen die Treverer, noch ehe die Deutschen angelangt waren und in der +ungünstigsten Örtlichkeit, die Römer an und wurden vollständig geschlagen. Den +zu spät eintreffenden Deutschen blieb nichts übrig als umzukehren, dem +treverischen Gau nichts als sich zu unterwerfen; das Regiment daselbst kam +wieder an das Haupt der römischen Partei, an des Indutiomarus Schwiegersohn +Cingetorix. Nach diesen Expeditionen Caesars gegen die Menapier und des +Labienus gegen die Treverer traf in dem Gebiet der letzteren die ganze römische +Armee wieder zusammen. Um den Deutschen das Wiederkommen zu verleiden, ging +Caesar noch einmal über den Rhein, um womöglich gegen die lästigen Nachbarn +einen nachdrücklichen Schlag zu führen; allein da die Chatten, ihrer erprobten +Taktik getreu, sich nicht an ihrer Westgrenze, sondern weit landeinwärts, es +scheint am Harz, zur Landesverteidigung sammelten, kehrte er sogleich wieder um +und begnügte sich, an dem Rheinübergang Besatzung zurückzulassen. Mit den +sämtlichen an dem Aufstand beteiligten Völkerschaften war also abgerechnet; nur +die Eburonen waren übergangen, aber nicht vergessen. Seit Caesar die +Katastrophe von Aduatuca erfahren hatte, trug er das Trauergewand und hatte +geschworen, erst dann es abzulegen, wenn er seine nicht im ehrlichen Kriege +gefallenen, sondern heimtückisch ermordeten Soldaten gerächt haben würde. Rat- +und tatlos saßen die Eburonen in ihren Hütten und sahen zu, wie einer nach dem +andern die Nachbargaue den Römern sich unterwarfen, bis die römische Reiterei +vom treverischen Gebiet aus durch die Ardennen in ihr Land einrückte. Man war +so wenig auf den Angriff gefaßt, daß sie beinahe den König Ambiorix in seinem +Hause ergriffen hätte; mit genauer Not, während sein Gefolge für ihn sich +aufopferte, entkam er in das nahe Gehölz. Bald folgten den Reitern zehn +römische Legionen. Zugleich erging an die umwohnenden Völkerschaften die +Aufforderung, mit den römischen Soldaten in Gemeinschaft die vogelfreien +Eburonen zu hetzen und ihr Land zu plündern; nicht wenige folgten dem Ruf, +sogar von jenseits des Rheines eine kecke Schar sugambrischer Reiter, die +übrigens es den Römern nicht besser machte wie den Eburonen und fast durch +einen kecken Handstreich das römische Lager bei Aduatuca überrumpelt hätte. Das +Schicksal der Eburonen war entsetzlich. Wie sie auch in Wäldern und Sümpfen +sich bargen, der Jäger waren mehr als des Wildes. Mancher gab sich selbst den +Tod wie der greise Fürst Catuvolcus; nur einzelne retteten Leben und Freiheit, +unter diesen wenigen aber der Mann, auf den die Römer vor allem fahndeten, der +Fürst Ambiorix: mit nur vier Reitern entrann er über den Rhein. Auf diese +Exekution gegen den Gau, der vor allen andern gefrevelt, folgten in den anderen +Landschaften die Hochverratsprozesse gegen die einzelnen. Die Zeit der Milde +war vorbei. Nach dem Spruche des römischen Prokonsuls ward der angesehene +carnutische Ritter Acco von römischen Liktoren enthauptet (701 53) und die +Herrschaft der Ruten und Beile damit förmlich eingeweiht. Die Opposition +verstummte: überall herrschte Ruhe. Caesar ging, wie er pflegte, im Spätjahr +701 (53) über die Alpen, um den Winter hindurch die immer mehr sich +verwickelnden Verhältnisse in der Hauptstadt aus der Nähe zu beobachten. +</p> + +<p> +Der kluge Rechner hatte diesmal sich verrechnet. Das Feuer war gedämpft, aber +nicht gelöscht. Den Streich, unter dem Accos Haupt fiel, fühlte der ganze +keltische Adel. Eben jetzt bot die Lage der Dinge mehr Aussicht als je. Die +Insurrektion des letzten Winters war offenbar nur daran gescheitert, daß Caesar +selbst auf dem Kampfplatz erschienen war; jetzt war er fern, durch den nahe +bevorstehenden Bürgerkrieg festgehalten am Po, und das gallische Heer, das an +der oberen Seine zusammengezogen stand, weit getrennt von dem gefürchteten +Feldherrn. Wenn jetzt ein allgemeiner Aufstand in Mittelgallien ausbrach, so +konnte das römische Heer umzingelt, die fast unverteidigte altrömische Provinz +überschwemmt sein, bevor Caesar wieder jenseits der Alpen stand, selbst wenn +die italischen Verwicklungen nicht überhaupt ihn abhielten, sich ferner um +Gallien zu kümmern. Verschworene aus allen mittelgallischen Gauen traten +zusammen; die Carnuten, als durch Accos Hinrichtung zunächst betroffen, erboten +sich voranzugehen. An dem festgesetzten Tage im Winter 701/02 (53/52) gaben die +carnutischen Ritter Gutruatus und Conconnetodumnus in Cenabum (Orleans) das +Zeichen zur Erhebung und machten die daselbst anwesenden Römer insgesamt +nieder. Die gewaltigste Bewegung ergriff das ganze Keltenland; überall regten +sich die Patrioten. Nichts aber ergriff so tief die Nation wie die +Schilderhebung der Arverner. Die Regierung dieser Gemeinde, die einst unter +ihren Königen die erste im südlichen Gallien gewesen und noch nach dem durch +die unglücklichen Kriege gegen Rom herbeigeführten Zusammensturz ihres +Prinzipats eine der reichsten, gebildetsten und mächtigsten in ganz Gallien +geblieben war, hatte bisher unverbrüchlich zu Rom gehalten. Auch jetzt war die +Patriotenpartei in dem regierenden Gemeinderat in der Minorität; ein Versuch, +von demselben den Beitritt zu der Insurrektion zu erlangen, war vergeblich. Die +Angriffe der Patrioten richteten sich also gegen den Gemeinderat und die +bestehende Verfassung selbst, und um so mehr, als die Verfassungsänderung, die +bei den Arvernern den Gemeinderat an die Stelle des Fürsten gesetzt hatte, nach +den Siegen der Römer und wahrscheinlich unter dem Einfluß derselben erfolgt +war. Der Führer der arvernischen Patrioten, Vercingetorix, einer jener Adligen, +wie sie wohl bei den Kelten begegnen, von fast königlichem Ansehen in und außer +seinem Gau, dazu ein stattlicher, tapferer, kluger Mann, verließ die Hauptstadt +und rief das Landvolk, das der herrschenden Oligarchie ebenso feind war wie den +Römern, zugleich zur Wiederherstellung des arvernischen Königtums und zum Krieg +gegen Rom auf. Rasch fiel die Menge ihm zu; die Wiederherstellung des Thrones +des Luerius und Betuhus war zugleich die Erklärung des Nationalkriegs gegen +Rom. Den einheitlichen Halt, an dessen Mangel alle bisherigen Versuche der +Nation, das fremdländische Joch von sich abzuschütteln, gescheitert waren, fand +sie jetzt in dem neuen selbsternannten König der Arverner. Vercingetorix ward +für die Kelten des Festlandes, was für die Inselkelten Cassivellaunus; gewaltig +durchdrang die Massen das Gefühl, daß er oder keiner der Mann sei, die Nation +zu erretten. Rasch war der Westen von der Mündung der Garonne bis zu der der +Seine von der Insurrektion erfaßt und Vercingetorix hier von allen Gauen als +Oberfeldherr anerkannt; wo der Gemeinderat Schwierigkeit machte, nötigte ihn +die Menge zum Anschluß an die Bewegung; nur wenige Gaue, wie der der Biturigen, +ließen zum Beitritt sich zwingen, und vielleicht auch diese nur zum Schein. +Weniger günstigen Boden fand der Aufstand in den Landschaften östlich von der +oberen Loire. Alles kam hier auf die Häduer an; und diese schwankten. Die +Patriotenpartei war in diesem Gau sehr mächtig; aber der alte Antagonismus +gegen die führenden Arverner hielt ihrem Einfluß die Waage - zum +empfindlichsten Nachteil der Insurrektion, da der Anschluß der östlichen +Kantone, namentlich der Sequaner und der Helvetier, durch den Beitritt der +Häduer bedingt war und überhaupt in diesem Teile Galliens die Entscheidung bei +ihnen stand. Während also die Aufständischen daran arbeiteten, teils die noch +schwankenden Kantone, vor allen die Häduer, zum Beitritt zu bewegen, teils sich +Narbos zu bemächtigen - einer ihrer Führer, der verwegene Lucterius, hatte +bereits innerhalb der Grenzen der alten Provinz am Tarn sich gezeigt -, +erschien plötzlich im tiefen Winter, Freunden und Feinden gleich unerwartet, +der römische Oberfeldherr diesseits der Alpen. Rasch traf er nicht bloß die +nötigen Anstalten, um die alte Provinz zu decken, sondern sandte auch über die +schneebedeckten Cevennen einen Haufen in das arvernische Gebiet; aber seines +Bleibens war nicht hier, wo ihn jeden Augenblick der Zutritt der Häduer zu dem +gallischen Bündnis von seiner um Sens und Langres lagernden Armee abschneiden +konnte. In aller Stille ging er nach Vienna und von da, nur von wenigen Reitern +begleitet, durch das Gebiet der Häduer zu seinen Truppen. Die Hoffnungen +schwanden, welche die Verschworenen zum Losschlagen bestimmt hatten; in Italien +blieb es Friede und Caesar stand abermals an der Spitze seiner Armee. +</p> + +<p> +Was aber sollten sie beginnen? Es war eine Torheit, unter solchen Umständen auf +die Entscheidung der Waffen es ankommen zu lassen; denn diese hatten bereits +unwiderruflich entschieden. Man konnte ebensogut versuchen, mit Steinwürfen die +Alpen zu erschüttern, wie die Legionen mit den keltischen Haufen, mochten +dieselben nun in ungeheuren Massen zusammengeballt oder vereinzelt ein Gau nach +dem andern preisgegeben werden. Vercingetorix verzichtete darauf, die Römer zu +schlagen. Er nahm ein ähnliches Kriegssystem an, wie dasjenige war, durch das +Cassivellaunus die Inselkelten gerettet hatte. Das römische Fußvolk war nicht +zu besiegen; aber Caesars Reiterei bestand fast ausschließlich aus dem Zuzug +des keltischen Adels und war durch den allgemeinen Abfall tatsächlich +aufgelöst. Es war der Insurrektion, die ja eben wesentlich aus dem keltischen +Adel bestand, möglich, in dieser Waffe eine solche Überlegenheit zu entwickeln, +daß sie weit und breit das Land öde legen, Städte und Dörfer niederbrennen, die +Vorräte vernichten, die Verpflegung und die Verbindungen des Feindes gefährden +konnte, ohne daß derselbe es ernstlich zu hindern vermochte. Vercingetorix +richtete demzufolge all seine Anstrengung auf die Vermehrung der Reiterei und +der nach damaliger Fechtweise regelmäßig damit verbundenen Bogenschützen zu +Fuß. Die ungeheuren und sich selber lähmenden Massen der Linienmiliz schickte +er zwar nicht nach Hause, ließ sie aber doch nicht vor den Feind und versuchte, +ihnen allmählich einige Schanz-, Marschier- und Manövrierfähigkeit und die +Erkenntnis beizubringen, daß der Soldat nicht bloß bestimmt ist, sich zu +raufen. Von den Feinden lernend, adoptierte er namentlich das römische +Lagersystem, auf dem das ganze Geheimnis der taktischen Überlegenheit der Römer +beruhte; denn infolgedessen vereinigte jedes römische Korps alle Vorteile der +Festungsbesatzung mit allen Vorteilen der Offensivarmee ^19. Freilich war jenes +dem städtearmen Britannien und seinen rauhen, entschlossenen und im ganzen +einigen Bewohnern vollkommen angemessene System auf die reichen Landschaften an +der Loire und deren schlaffe, in vollständiger politischer Auflösung begriffene +Bewohner nicht unbedingt übertragbar. Vercingetorix setzte wenigstens durch, +daß man nicht wie bisher jede Stadt zu halten versuchte und darum keine hielt; +man ward sich einig, die der Verteidigung nicht fähigen Ortschaften, bevor der +Angriff sie erreichte, zu vernichten, die starken Festungen aber mit gesamter +Hand zu verteidigen. Daneben tat der Arvernerkönig, was er vermochte, um durch +unnachsichtliche Strenge die Feigen und Säumigen, durch Bitten und +Vorstellungen die Schwankenden, die Habsüchtigen durch Gold, die entschiedenen +Gegner durch Zwang an die Sache des Vaterlandes zu fesseln und selbst dem +vornehmen oder niedrigen Gesindel einigen Patriotismus aufzunötigen oder +abzulisten. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +^19 Freilich war dies nur möglich, solange die Offensivwaffen hauptsächlich auf +Hieb und Stich gerichtet waren. In der heutigen Kriegführung ist, wie dies +Napoleon I. vortrefflich auseinandergesetzt hat, dies System deshalb +unanwendbar geworden, weil bei unseren, aus der Ferne wirkenden Offensivwaffen +die deployierte Stellung vorteilhafter ist als die konzentrische. In Caesars +Zeit verhielt es sich umgekehrt. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +Noch bevor der Winter zu Ende war, warf er sich auf die im Gebiet der Häduer +von Caesar angesiedelten Boier, um diese fast einzigen zuverlässigen +Bundesgenossen Roms zu vernichten, bevor Caesar herankam. Die Nachricht von +diesem Angriff bestimmte auch Caesar, mit Zurücklassung des Gepäcks und zweier +Legionen in den Winterquartieren von Agedincum (Sens), sogleich und früher, als +er sonst wohl getan haben würde, gegen die Insurgenten zu marschieren. Dem +empfindlichen Mangel an Reiterei und leichtem Fußvolk half er einigermaßen ab +durch nach und nach herbeigezogene deutsche Söldner, die statt ihrer eigenen +kleinen und schwachen Klepper mit italischen und spanischen, teils gekauften, +teils von den Offizieren requirierten Pferden ausgerüstet wurden. Caesar, +nachdem er unterwegs die Hauptstadt der Carnuten, Cenabum, die das Zeichen zum +Abfall gegeben, hatte plündern und in Asche legen lassen, rückte über die Loire +in die Landschaft der Biturigen. Er erreichte damit, daß Vercingetorix die +Belagerung der Stadt der Boier aufgab und gleichfalls sich zu den Biturigen +begab. Hier zuerst sollte die neue Kriegführung sich erproben. Auf +Vercingetorix’ Geheiß gingen an einem Tage mehr als zwanzig Ortschaften +der Biturigen in Flammen auf; die gleiche Selbstverwüstung verhängte der +Feldherr über die benachbarten Gaue, soweit sie von römischen Streifparteien +erreicht werden konnten. Nach seiner Absicht sollte auch die reiche und feste +Hauptstadt der Biturigen Avaricum (Bourges) dasselbe Schicksal treffen; allein +die Majorität des Kriegsrats gab den kniefälligen Bitten der biturigischen +Behörden nach und beschloß, diese Stadt vielmehr mit allem Nachdruck zu +verteidigen. So konzentrierte sich der Krieg zunächst um Avaricum. +Vercingetorix stellte sein Fußvolk inmitten der der Stadt benachbarten Sümpfe +in einer so unnahbaren. Stellung auf, daß es, auch ohne von der Reiterei +gedeckt zu sein, den Angriff der Legionen nicht zu fürchten brauchte. Die +keltische Reiterei bedeckte alle Straßen und hemmte die Kommunikation. Die +Stadt wurde stark besetzt und zwischen ihr und der Armee vor den Mauern die +Verbindung offen gehalten. Caesars Lage war sehr schwierig. Der Versuch, das +keltische Fußvolk zum Schlagen zu bringen, mißlang; es rührte sich nicht aus +seinen unangreifbaren Linien. Wie tapfer vor der Stadt auch seine Soldaten +schanzten und fochten, die Belagerten wetteiferten mit ihnen an Erfindsamkeit +und Mut, und fast wäre es ihnen gelungen, das Belagerungszeug der Gegner in +Brand zu stecken. Dabei ward die Aufgabe, ein Heer von beiläufig 60000 Mann in +einer weithin öde gelegten und von weit überlegenen Reitermassen durchstreiften +Landschaft mit Lebensmitteln zu versorgen, täglich schwieriger. Die geringen +Vorräte der Boier waren bald verbraucht; die von den Häduern versprochene +Zufuhr blieb aus; schon war das Getreide aufgezehrt und der Soldat +ausschließlich auf Fleischrationen gesetzt. Indes rückte der Augenblick heran, +wo die Stadt, wie todverachtend auch die Besatzung kämpfte, nicht länger zu +halten war. Noch war es nicht unmöglich, die Truppen bei nächtlicher Weile in +der Stille herauszuziehen und die Stadt zu vernichten, bevor der Feind sie +besetzte. Vercingetorix traf die Anstalten dazu, allein das Jammergeschrei, das +im Augenblick des Abmarsches die zurückbleibenden Weiber und Kinder erhoben, +machte die Römer aufmerksam; der Abzug mißlang. An dem folgenden trüben und +regnichten Tage überstiegen die Römer die Mauern und schonten, erbittert durch +die hartnäckige Gegenwehr, in der eroberten Stadt weder Geschlecht noch Alter. +Die reichen Vorräte, die die Kelten in derselben aufgehäuft hatten, kamen den +ausgehungerten Soldaten Caesars zugute. Mit der Einnahme von Avaricum (Frühling +702 52) war über die Insurrektion ein erster Erfolg erfochten und nach früheren +Erfahrungen mochte Caesar wohl erwarten, daß damit dieselbe sich auflösen und +es nur noch erforderlich sein werde, einzelne Gaue zu Paaren zu treiben. +Nachdem er also mit seiner gesamten Armee sich in dem Gau der Häduer gezeigt +und durch diese imposante Demonstration die gärende Patriotenpartei daselbst +genötigt hatte, für den Augenblick wenigstens, sich ruhig zu verhalten, teilte +er sein Heer und sandte Labienus zurück nach Agedincum, um in Verbindung mit +den dort zurückgelassenen Truppen an der Spitze von vier Legionen die Bewegung +zunächst in dem Gebiet der Carnuten und Senonen, die auch diesmal wieder +voranstanden, zu unterdrücken, während er selber mit den sechs übrigen Legionen +sich südwärts wandte und sich anschickte, den Krieg in die arvernischen Berge, +das eigene Gebiet des Vercingetorix, zu tragen. +</p> + +<p> +Labienus rückte von Agedincum aus das linke Seineufer hinauf, um der auf einer +Insel in der Seine gelegenen Stadt der Parisier, Lutetia (Paris), sich zu +bemächtigen und von dieser gesicherten und im Herzen der aufständischen +Landschaft befindlichen Stellung aus diese wieder zu unterwerfen. Allein hinter +Melodunum (Melun) fand er sich den Weg verlegt durch das gesamte +Insurgentenheer, das unter der Führung des greisen Camulogenus zwischen +unangreifbaren Sümpfen hier sich aufgestellt hatte. Labienus ging eine Strecke +zurück, überschritt bei Melodunum die Seine und rückte auf dem rechten Ufer +derselben ungehindert gegen Lutetia; Camulogenus ließ diese Stadt abbrennen und +die auf das linke Ufer führenden Brücken abbrechen und nahm Labienus gegenüber +eine Stellung ein, in welcher dieser weder ihn zum Schlagen zu bringen, noch +unter den Augen der feindlichen Armee den Übergang zu bewirken imstande war. +</p> + +<p> +Die römische Hauptarmee ihrerseits rückte am Allier hinab in den Arvernergau. +Vercingetorix versuchte, ihr den Übergang auf das linke Ufer des Allier zu +verwehren, allein Caesar überlistete ihn und stand nach einigen Tagen vor der +arvernischen Hauptstadt Gergovia ^20. Indes hatte Vercingetorix, ohne Zweifel +schon, während er Caesar am Allier gegenüberstand, in Gergovia hinreichende +Vorräte zusammenbringen und vor den Mauern der auf der Spitze eines ziemlich +steil sich erhebenden Hügels gelegenen Stadt ein mit starken Steinwällen +versehenes Standlager für seine Truppen anlegen lassen; und da er hinreichenden +Vorsprung hatte, langte er vor Caesar bei Gergovia an und erwartete in dem +befestigten Lager unter der Festungsmauer den Angriff. Caesar mit seiner +verhältnismäßig schwachen Armee konnte den Platz weder regelrecht belagern, +noch auch nur hinreichend blockieren; er schlug sein Lager unterhalb der von +Vercingetorix besetzten Anhöhe und verhielt sich notgedrungen ebenso untätig +wie sein Gegner. Für die Insurgenten war es fast ein Sieg, daß Caesars von +Triumph zu Triumph fortschreitender Lauf an der Seine wie am Allier plötzlich +gestockt war. In der Tat kamen die Folgen dieser Stockung für Caesar beinahe +denen einer Niederlage gleich. Die Häduer, die bisher immer noch geschwankt +hatten, machten jetzt ernstlich Anstalt, der Patriotenpartei sich +anzuschließen; schon war die Mannschaft, die Caesar nach Gergovia entboten +hatte, auf dem Marsche durch die Offiziere bestimmt worden, sich für die +Insurgenten zu erklären; schon hatte man gleichzeitig im Kanton selbst +angefangen, die daselbst ansässigen Römer zu plündern und zu erschlagen. Noch +hatte Caesar, indem er jenem auf Gergovia zurückenden Korps der Häduer mit zwei +Dritteln des Blockadeheeres entgegengegangen war, dasselbe durch sein +plötzliches Erscheinen wieder zum nominellen Gehorsam zurückgebracht; allein es +war mehr als je ein hohles und brüchiges Verhältnis, dessen Fortbestand fast zu +teuer erkauft worden war durch die große Gefahr der vor Gergovia +zurückgelassenen beiden Legionen. Denn auf diese hatte Vercingetorix, Caesars +Abmarsch rasch und entschlossen benutzend, während dessen Abwesenheit einen +Angriff gemacht, der um ein Haar mit der Überwältigung derselben und der +Erstürmung des römischen Lagers geendigt hätte. Nur Caesars unvergleichliche +Raschheit wandte eine zweite Katastrophe wie die von Aduatuca hier ab. Wenn +auch die Häduer jetzt wieder gute Worte gaben, war es doch vorherzusehen, daß +sie, wenn die Blockade sich noch länger ohne Erfolg hinspann, sich offen auf +die Seite der Aufständischen schlagen und dadurch Caesar nötigen würden, +dieselbe aufzuheben; denn ihr Beitritt würde die Verbindung zwischen ihm und +Labienus unterbrochen und namentlich den letzteren in seiner Vereinzelung der +größten Gefahr ausgesetzt haben. Caesar war entschlossen, es hierzu nicht +kommen zu lassen, sondern, wie peinlich und selbst gefährlich es auch war, +unverrichteter Sache von Gergovia abzuziehen, dennoch, wenn es einmal geschehen +mußte, lieber sogleich aufzubrechen und, in den Gau der Häduer einrückend, +deren förmlichen Übertritt um jeden Preis zu verhindern. Ehe er indes diesen, +seinem raschen und sicheren Naturell wenig zusagenden Rückzug antrat, machte er +noch einen letzten Versuch, sich aus seiner peinlichen Verlegenheit durch einen +glänzenden Erfolg zu befreien. Während die Masse der Besatzung von Gergovia +beschäftigt war, die Seite, auf der der Sturm erwartet ward, zu verschanzen, +ersah der römische Feldherr sich die Gelegenheit, einen anderen, weniger bequem +gelegenen, aber augenblicklich entblößten Aufgang zu überrumpeln. In der Tat +überstiegen die römischen Sturmkolonnen die Lagermauer und besetzten die +nächstliegenden Quartiere des Lagers; allein schon war auch die ganze Besatzung +alarmiert und bei den geringen Entfernungen fand es Caesar nicht rätlich, den +zweiten Sturm auf die Stadtmauer zu wagen. Er gab das Zeichen zum Rückzug; +indes die vordersten Legionen, vom Ungestüm des Sieges hingerissen, hörten +nicht oder wollten nicht hören, und drangen unaufhaltsam vor bis an die +Stadtmauer, einzelne sogar bis in die Stadt. Aber immer dichtere Massen warfen +den Eingedrungenen sich entgegen; die vordersten fielen, die Kolonnen stockten; +vergeblich stritten Centurionen und Legionäre mit dem aufopferndsten Heldenmut; +die Stürmenden wurden mit sehr beträchtlichem Verlust aus der Stadt hinaus und +den Berg hinuntergejagt, wo die von Caesar in der Ebene aufgestellten Truppen +sie aufnahmen und größeres Unglück verhüteten. Die gehoffte Einnahme von +Gergovia hatte sich in eine Niederlage verwandelt, und der beträchtliche +Verlust an Verwundeten und Toten - man zählte 700 gefallene Soldaten, darunter +46 Centurionen - war der kleinste Teil des erlittenen Unfalls. Caesars +imponierende Stellung in Gallien beruhte wesentlich auf seinem Siegernimbus; +und dieser fing an zu erblassen. Schon die Kämpfe um Avaricum, Caesars +vergebliche Versuche, den Feind zum Schlagen zu zwingen, die entschlossene +Verteidigung der Stadt und ihre fast zufällige Erstürmung, trugen einen anderen +Stempel als die früheren Keltenkriege und hatten den Kelten Vertrauen auf sich +und ihren Führer eher gegeben als genommen. Weiter hatte das neue System der +Kriegführung: unter dem Schutze der Festungen in verschanzten Lagern dem Feind +die Stirne zu bieten - bei Lutetia sowohl wie bei Gergovia sich vollkommen +bewährt. Diese Niederlage endlich, die erste, die Caesar selbst von den Kelten +erlitten hatte, krönte den Erfolg, und sie gab denn auch gleichsam das Signal +für einen zweiten Ausbruch der Insurrektion. Die Häduer brachen jetzt förmlich +mit Caesar und traten mit Vercingetorix in Verbindung. Ihr Kontingent, das noch +bei Caesars Armee sich befand, machte nicht bloß von dieser sich los, sondern +nahm auch bei der Gelegenheit in Noviodunum an der Loire die Depots der Armee +Caesars weg, wodurch die Kassen und Magazine, eine Menge Remontepferde und +sämtliche Caesar gestellte Geiseln den Insurgenten in die Hände fielen. +Wenigstens ebensowichtig war es, daß auf diese Nachrichten hin auch die Belgen, +die bisher der ganzen Bewegung sich ferngehalten hatten, anfingen sich zu +rühren. Der mächtige Gau der Bellovaker machte sich auf, um das Korps des +Labienus, während es bei Lutetia dem Aufgebot der umliegenden mittelgallischen +Gaue gegenüberstand, im Rücken anzugreifen. Auch sonst ward überall gerüstet; +die Gewalt des patriotischen Aufschwungs riß selbst die entschiedensten und +begünstigtsten Parteigänger Roms mit sich fort, wie zum Beispiel den König der +Atrebaten, Commius, der seiner treuen Dienste wegen von den Römern wichtige +Privilegien für seine Gemeinde und die Hegemonie über die Moriner empfangen +hatte. Bis in die altrömische Provinz gingen die Fäden der Insurrektion: sie +machte, vielleicht nicht ohne Grund, sich Hoffnung, selbst die Allobrogen gegen +die Römer unter die Waffen zu bringen. Mit einziger Ausnahme der Reiner und der +von den Remern zunächst abhängigen Distrikte der Suessionen, Leuker und +Lingonen, deren Partikularismus selbst unter diesem allgemeinen Enthusiasmus +nicht mürbe ward, stand jetzt in der Tat, zum ersten und zum letzten Male, die +ganze keltische Nation von den Pyrenäen bis zum Rhein für ihre Freiheit und +Nationalität unter den Waffen; wogegen, merkwürdig genug, die sämtlichen +deutschen Gemeinden, die bei den bisherigen Kämpfen in erster Reihe gestanden +hatten, sich ausschlossen, ja sogar die Treuerer und, wie es scheint, auch die +Menapier durch ihre Fehden mit den Deutschen verhindert wurden, an dem +Nationalkrieg tätigen Anteil zu nehmen. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^20 Man sucht diesen Ort auf einer Anhöhe eine Stunde südlich von der +arvernischen Hauptstadt Nemetum, dem heutigen Clermont welche noch jetzt +Gergoie genannt wird; und sowohl die bei den Ausgrabungen daselbst zu Tage +gekommenen Überreste von rohen Festungsmauern, wie die urkundlich bis ins +zehnte Jahrhundert hinauf verfolgte Überlieferung des Namens lassen an der +Richtigkeit dieser Ortsbestimmung keinen Zweifel. Auch paßt dieselbe wie zu den +übrigen Angaben Caesars, so namentlich dazu daß er Gergovia ziemlich deutlich +als Hauptort der Arverner bezeichnet (Gall. 7, 4). Man wird demnach anzunehmen +haben, daß die Arverner nach der Niederlage genötigt wurden, sich von Gergovia +nach dem nahen, weniger festen Nemetum überzusiedeln. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Es war ein schwerer, entscheidungsvoller Augenblick, als nach dem Abzug von +Gergovia und dem Verlust von Noviodunum in Caesars Hauptquartier über die nun +zu ergreifenden Maßregeln Kriegsrat gehalten ward. Manche Stimmen sprachen sich +für den Rückzug über die Cevennen in die altrömische Provinz aus, welche jetzt +der Insurrektion von allen Seiten her offenstand und allerdings der zunächst +doch zu ihrem Schutze von Rom gesandten Legionen dringend bedurfte. Allein +Caesar verwarf diese ängstliche, nicht durch die Lage der Dinge, sondern durch +Regierungsinstruktionen und Verantwortungsfurcht bestimmte Strategie. Er +begnügte sich, in der Provinz den Landsturm der dort ansässigen Römer unter die +Waffen zu rufen und durch ihn, so gut es eben ging, die Grenzen besetzen zu +lassen. Dagegen brach er selbst in entgegengesetzter Richtung auf und rückte in +Gewaltmärschen auf Agedincum zu, auf das er Labienus sich in möglichster Eile +zurückzuziehen befahl. Die Kelten versuchten natürlich, die Vereinigung der +beiden römischen Heere zu verhindern. Labienus hätte wohl, über die Marne +setzend und am rechten Seineufer flußabwärts marschierend, Agedincum erreichen +können, wo er seine Reserve und sein Gepäck zurückgelassen hatte; aber er zog +es vor, den Kelten nicht abermals das Schauspiel des Rückzugs römischer Truppen +zu gewähren. Er ging daher, statt über die Marne, vielmehr unter den Augen des +getäuschten Feindes über die Seine und lieferte am linken Ufer derselben den +feindlichen Massen eine Schlacht, in welcher er siegte und unter vielen andern +auch der keltische Feldherr selbst, der alte Camulogenus, auf der Walstatt +blieb. Ebensowenig gelang es den Insurgenten, Caesar an der Loire aufzuhalten; +Caesar gab ihnen keine Zeit, dort größere Massen zu versammeln, und sprengte +die Milizen der Häduer, die er allein dort vorfand, ohne Mühe auseinander. So +ward die Vereinigung der beiden Heerhaufen glücklich bewerkstelligt. Die +Aufständischen inzwischen hatten über die weitere Kriegführung in Bibracte +(Autun), der Hauptstadt der Häduer, geratschlagt; die Seele dieser Beratungen +war wieder Vercingetorix, dem nach dem Siege von Gergovia die Nation begeistert +anhing. Zwar schwieg der Partikularismus auch jetzt nicht; die Häduer machten +noch in diesem Todeskampf der Nation ihre Ansprüche auf die Hegemonie geltend +und stellten auf der Landesversammlung den Antrag, an die Stelle des +Vercingetorix einen der Ihrigen zu setzen. Allein die Landesvertreter hatten +dies nicht bloß abgelehnt und Vercingetorix im Oberbefehl bestätigt, sondern +auch seinen Kriegsplan unverändert angenommen. Es war im wesentlichen derselbe, +nach dem er bei Avaricum und bei Gergovia operiert hatte. Zum Angelpunkt der +neuen Stellung ward die feste Stadt der Mandubier, Alesia (Alise Sainte-Reine +bei Semur im Departement Côte d’Or ^21), ausersehen und unter deren +Mauern abermals ein verschanztes Lager angelegt. Ungeheure Vorräte wurden hier +aufgehäuft und die Armee von Gergovia dorthin beordert, deren Reiterei nach +Beschluß der Landesversammlung bis auf 15000 Pferde gebracht ward. Caesar +schlug mit seiner gesamten Heeresmacht, nachdem er sie bei Agedincum +wiedervereinigt hatte, die Richtung auf Vesontio ein, um sich nun der +geängsteten Provinz zu nähern und sie vor einem Einfall zu beschützen, wie denn +in der Tat sich Insurgentenscharen schon in dem Gebiet der Helvier am Südabhang +der Cevennen gezeigt hatten. Alesia lag fast auf seinem Wege; die Reiterei der +Kelten, die einzige Waffe, mit der Vercingetorix operieren mochte, griff +unterwegs ihn an, zog aber zu aller Erstaunen den kürzeren gegen Caesars neue +deutsche Schwadronen und die zu deren Rückhalt aufgestellte römische +Infanterie. Vercingetorix eilte um so mehr, sich in Alesia einzuschließen; und +wenn Caesar nicht überhaupt auf die Offensive verzichten wollte, blieb ihm +nichts übrig, als zum drittenmal in diesem Feldzug gegen eine, unter einer +wohlbesetzten und verproviantierten Festung gelagerte und mit ungeheuren +Reitermassen versehene Armee mit einer weit schwächeren Angriffsweise +vorzugehen. Allein, wenn den Kelten bisher nur ein Teil der römischen Legionen +gegenübergestanden, so war in den Linien um Alesia Caesars ganze Streitmacht +vereinigt und es gelang Vercingetorix nicht, wie es ihm bei Avaricum und +Gergovia gelungen war, sein Fußvolk unter dem Schutz der Festungsmauern +aufzustellen und durch seine Reiterei seine Verbindungen nach außen hin sich +offen zu halten, während er die des Feindes unterbrach. Die keltische Reiterei, +schon entmutigt durch jene von den geringgeschätzten Gegnern ihnen beigebrachte +Niederlage, wurde von Caesars deutschen Berittenen in jedem Zusammentreffen +geschlagen. Die Umwallungslinie der Belagerer erhob sich in der Ausdehnung von +zwei deutschen Meilen um die ganze Stadt mit Einschluß des an sie angelehnten +Lagers. Auf einen Kampf unter den Mauern war Vercingetorix gefaßt gewesen, aber +nicht darauf, in Alesia belagert zu werden - dazu genügten für seine angeblich +80000 Mann Infanterie und 15000 Reiter zählende Armee und die zahlreiche +Stadtbewohnerschaft die aufgespeicherten Vorräte, wie ansehnlich sie waren, +doch bei weitem nicht. Vercingetorix mußte sich überzeugen, daß sein Kriegsplan +diesmal zu seinem eigenen Verderben ausgeschlagen und er verloren war, wofern +nicht die gesamte Nation herbeieilte und ihren eingeschlossenen Feldherrn +befreite. Noch reichten, als die römische Umwallung sich schloß, die +vorhandenen Lebensmittel aus auf einen Monat und vielleicht etwas darüber; im +letzten Augenblick, wo der Weg wenigstens für Berittene noch frei war, entließ +Vercingetorix seine gesamte Reiterei und entsandte zugleich an die Häupter der +Nation die Weisung, alle Mannschaft aufzubieten und sie zum Entsatz von Alesia +heranzuführen. Er selbst, entschlossen, die Verantwortung für den von ihm +entworfenen und fehlgeschlagenen Kriegsplan auch persönlich zu tragen, blieb in +der Festung, um im Guten und Bösen das Schicksal der Seinigen zu teilen. Caesar +aber machte sich gefaßt, zugleich zu belagern und belagert zu werden. Er +richtete seine Umwallungslinie auch an der Außenseite zur Verteidigung ein und +versah sich auf längere Zeit mit Lebensmitteln. Die Tage verflossen; schon +hatte man in der Festung keinen Malter Getreide mehr, schon die unglücklichen +Stadtbewohner austreiben müssen, um zwischen den Verschanzungen der Kelten und +der Römer, an beiden unbarmherzig zurückgewiesen, elend umzukommen. Da, in der +letzten Stunde, zeigten hinter Caesars Linien sich die unabsehbaren Züge des +keltisch-belgischen Entsatzheeres, angeblich 250000 Mann zu Fuß und 8000 +Reiter. Vom Kanal bis zu den Cevennen hatten die insurgierten Gaue jeden Nerv +angestrengt, um den Kern ihrer Patrioten, den Feldherrn ihrer Wahl zu retten - +einzig die Bellovaker hatten geantwortet, daß sie wohl gegen die Römer, aber +nicht außerhalb der eigenen Grenzen zu fechten gesonnen seien. Der erste Sturm, +der die Belagerten von Alesia und die Entsatztruppen draußen auf die römische +Doppellinie unternahmen, ward abgeschlagen; aber als nach eintägiger Rast +derselbe wiederholt ward, gelang es an einer Stelle, wo die Umwallungslinie +über den Abhang eines Berges hinlief und von dessen Höhe herab angegriffen +werden konnte, die Gräben zuzuschütten und die Verteidiger von dem Wall +herunterzuwerfen. Da nahm Labienus, von Caesar hierher gesandt, die nächsten +Kohorten zusammen und warf sich mit vier Legionen auf den Feind. Unter den +Augen des Feldherrn, der selbst in dem gefährlichsten Augenblick erschien, +wurden im verzweifelten Nahgefecht die Stürmenden zurückgejagt und die mit +Caesar gekommenen, die Flüchtenden in den Rücken fassenden Reiterscharen +vollendeten die Niederlage. Es war mehr als ein großer Sieg; über Alesia, ja +über die keltische Nation war damit unwiderruflich entschieden. Das Keltenheer, +völlig entmutigt, verlief unmittelbar vom Schlachtfeld sich nach Hause. +Vercingetorix hätte vielleicht noch jetzt fliehen, wenigstens durch das letzte +Mittel des freien Mannes sich erretten können; er tat es nicht, sondern +erklärte im Kriegsrat, daß, da es ihm nicht gelungen sei, die Fremdherrschaft +zu brechen, er bereit sei, sich als Opfer hinzugeben und soweit möglich das +Verderben von der Nation auf sein Haupt abzulenken. So geschah es. Die +keltischen Offiziere lieferten ihren von der ganzen Nation feierlich erwählten +Feldherrn dem Landesfeind zu geeigneter Bestrafung aus. Hoch zu Roß und im +vollen Waffenschmucke erschien der König der Arverner vor dem römischen +Prokonsul und umritt dessen Tribunal; darauf gab er Roß und Waffen ab und ließ +schweigend auf den Stufen zu Caesars Füßen sich nieder (702 52). Fünf Jahre +später ward er im Triumph durch die Gassen der italischen Hauptstadt geführt +und als Hochverräter an der römischen Nation, während sein Überwinder den +Göttern derselben den Feierdank auf der Höhe des Kapitols darbrachte, an dessen +Fuß enthauptet. Wie nach trübe verlaufenem Tage wohl die Sonne im Sinken +durchbricht, so verleiht das Geschick noch untergehenden Völkern wohl einen +letzten großartigen Mann. Also steht am Ausgang der phönikischen Geschichte +Hannibal, also an dem der keltischen Vercingetorix. Keiner von beiden vermochte +seine Nation von der Fremdherrschaft zu erretten, aber sie haben ihr die letzte +noch übrige Schande, einen ruhmlosen Untergang, erspart. Auch Vercingetorix hat +ebenwie der Karthager nicht bloß gegen den Landesfeind kämpfen müssen, sondern +vor allem gegen die antinationale Opposition verletzter Egoisten und +aufgestörter Feiglinge, wie sie die entartete Zivilisation regelmäßig +begleitet; auch ihm sichern seinen Platz in der Geschichte nicht seine +Schlachten und Belagerungen, sondern daß er es vermocht hat, einer zerfahrenen +und im Partikularismus verkommenen Nation in seiner Person einen Mittel- und +Haltpunkt zu geben. Und doch gibt es wieder kaum einen schärferen Gegensatz als +der ist zwischen dem nüchternen Bürgersmann der phönikischen Kaufstadt mit +seinen, auf das eine große Ziel hin fünfzig Jahre hindurch mit unwandelbarer +Energie gerichteten Plänen, und dem kühnen Fürsten des Keltenlandes, dessen +gewaltige Taten zugleich mit seiner hochherzigen Aufopferung, ein kurzer Sommer +einschließt. Das ganze Altertum kennt keinen ritterlicheren Mann in seinem +innersten Wesen wie in seiner äußeren Erscheinung. Aber der Mensch soll kein +Ritter sein und am wenigsten der Staatsmann. Es war der Ritter, nicht der Held, +der es verschmähte, sich aus Alesia zu retten, während doch an ihm allein der +Nation mehr gelegen war als an hunderttausend gewöhnlichen tapferen Männern. Es +war der Ritter, nicht der Held, der sich da zum Opfer hingab, wo durch dieses +Opfer nichts weiter erreicht ward, als daß die Nation sich öffentlich entehrte +und ebenso feig wie widersinnig mit ihrem letzten Atemzug ihren +weltgeschichtlichen Todeskampf ein Verbrechen gegen ihren Zwingherrn nannte. +Wie so ganz anders hat in den gleichen Lagen Hannibal gehandelt! Es ist nicht +möglich, ohne geschichtliche und menschliche Teilnahme von dem edlen +Arvernerkönig zu scheiden; aber es gehört zur Signatur der keltischen Nation, +daß ihr größter Mann doch nur ein Ritter war. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +^21 Die kürzlich viel erörterte Frage, ob Alesia nicht vielmehr in Alaise (25 +Kilometer südlich von Besançon, Dep. Doubs) zu erkennen sei, ist von allen +besonnenen Forschern mit Recht verneint worden. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Der Fall von Alesia und die Kapitulation der daselbst eingeschlossenen Armee +war für die keltische Insurrektion ein furchtbarer Schlag; indes es hatten +schon ebensoschwere die Nation betroffen und doch war der Kampf wieder erneuert +worden. Aber Vercingetorix’ Verlust war unersetzlich. Mit ihm war die +Einheit in die Nation gekommen; mit ihm schien sie auch wieder entwichen. Wir +finden nicht, daß die Insurrektion einen Versuch machte, die Gesamtverteidigung +fortzusetzen und einen anderen Oberfeldherrn zu bestellen; der Patriotenbund +fiel von selbst auseinander und jedem Clan blieb es überlassen, wie es ihm +beliebte, mit den Römern zu streiten oder auch sich zu vertragen. Natürlich +überwog durchgängig das Verlangen nach Ruhe. Auch Caesar hatte ein Interesse +daran, rasch zu Ende zu kommen. Von den zehn Jahren seiner Statthalterschaft +waren sieben verstrichen. Das letzte aber durch seine politischen Gegner in der +Hauptstadt ihm in Frage gestellt; nur auf zwei Sommer noch konnte er mit +einiger Sicherheit rechnen und wenn sein Interesse wie seine Ehre verlangte, +daß er die neu gewonnenen Landschaften seinem Nachfolger in einem leidlichen +und einigermaßen beruhigten Friedensstand übergab, so war, um einen solchen +herzustellen, die Zeit wahrlich karg zugemessen. Gnade zu üben war in diesem +Falle noch mehr als für die Besiegten Bedürfnis für den Sieger; und er durfte +seinen Stern preisen, daß die innere Zerfahrenheit und das leichte Naturell der +Kelten ihm hierin auf halbem Wege entgegenkam. Wo, wie in den beiden +angesehensten mittelgallischen Kantons, dem der Häduer und dem der Arverner, +eine starke römisch gesinnte Partei bestand, wurde den Landschaften sogleich +nach dem Fall von Alesia die vollständige Wiederherstellung ihres früheren +Verhältnisses zu Rom gewährt und selbst ihre Gefangenen, 20000 an der Zahl, +ohne Lösegeld entlassen, während die der übrigen Clans in die harte +Knechtschaft der siegreichen Legionäre kamen. Wie die Häduer und die Arverner +ergab sich überhaupt der größere Teil der gallischen Distrikte in sein +Schicksal und ließ ohne weitere Gegenwehr die unvermeidlichen Strafgerichte +über sich ergehen. Aber nicht wenige harrten auch in törichtem Leichtsinn oder +dumpfer Verzweiflung bei der verlorenen Sache aus, bis die römischen +Exekutionstruppen innerhalb ihrer Grenzen erschienen. Solche Expeditionen +wurden noch im Winter 702/03 (52/51) gegen die Biturigen und die Carnuten +unternommen. Ernsteren Widerstand leisteten die Bellovaker, die das Jahr zuvor +von dem Entsatz Alesias sich ausgeschlossen hatten; sie schienen beweisen zu +wollen, daß sie an jenem entscheidenden Tage wenigstens nicht aus Mangel an Mut +und an Freiheitsliebe gefehlt hatten. Es beteiligten sich an diesem Kampfe die +Atrebaten, Ambianer, Caleten und andere belgische Gaue; der tapfere König der +Atrebaten, Commius, dem die Römer seinen Beitritt zur Insurrektion am wenigsten +verziehen und gegen den kürzlich Labienus sogar einen widerwärtig tückischen +Mordversuch gerichtet hatte, führte den Bellovakern 500 deutsche Reiter zu, +deren Wert der vorjährige Feldzug hatte kennen lehren. Der entschlossene und +talentvolle Bellovaker Correus, dem die oberste Leitung des Krieges zugefallen +war, führte den Krieg, wie Vercingetorix ihn geführt hatte, und mit nicht +geringem Erfolg; Caesar, obwohl er nach und nach den größten Teil seines Heeres +heranzog, konnte das Fußvolk der Bellovaker weder zum Schlagen bringen noch +auch nur dasselbe verhindern, andere, gegen Caesars verstärkte Streitmacht +besseren Schutz gewährende Stellungen einzunehmen; die römischen Reiter aber, +namentlich die keltischen Kontingente, erlitten in verschiedenen Gefechten +durch die feindliche Reiterei, besonders die deutsche des Commius, die +empfindlichsten Verluste. Allein nachdem in einem Scharmützel mit den römischen +Fouragierern Correus den Tod gefunden, war der Widerstand auch hier gebrochen; +der Sieger stellte erträgliche Bedingungen, auf die hin die Bellovaker nebst +ihren Verbündeten sich unterwarfen. Die Treuerer wurden durch Labienus zum +Gehorsam zurückgebracht und beiläufig das Gebiet der verfemten Eburonen noch +einmal durchzogen und verwüstet. Also ward der letzte Widerstand der belgischen +Eidgenossenschaft gebrochen. Noch einen Versuch, der Römerherrschaft sich zu +erwehren, machten die Seegaue in Verbindung mit ihren Nachbarn an der Loire. +Insurgentenscharen aus dem andischen, dem carnutischen und anderen umliegenden +Gauen sammelten sich an der unteren Loire und belagerten in Lemonum (Poitiers) +den römisch gesinnten Fürsten der Pictonen. Allein bald trat auch hier eine +ansehnliche römische Macht ihnen entgegen; die Insurgenten gaben die Belagerung +auf und zogen ab, um die Loire zwischen sich und den Feind zu bringen, wurden +aber auf dem Marsche dahin eingeholt und geschlagen, worauf die Carnuten und +die übrigen aufständischen Kantons, selbst die Seegaue ihre Unterwerfung +einsandten. Der Widerstand war zu Ende; kaum daß ein einzelner +Freischarenführer hie und da noch das nationale Banner aufrecht hielt. Der +kühne Drappes und des Vercingetorix treuer Waffengefährte Lucterius sammelten +nach der Auflösung der an der Loire vereinigten Armee die Entschlossensten und +warfen sich mit diesen in die feste Bergstadt Uxellodunum am Lot ^22, die ihnen +unter schweren und verlustvollen Gefechten ausreichend zu verproviantieren +gelang. Trotz des Verlustes ihrer Führer, von denen Drappes gefangen, Lucterius +von der Stadt abgesprengt ward, wehrte die Besatzung sich auf das äußerste; +erst als Caesar selbst erschien und auf seine Anordnung die Quelle, aus der die +Belagerten ihr Wasser holten, mittels unterirdischer Stollen abgeleitet ward, +fiel die Festung, die letzte Burg der keltischen Nation. Um die letzten +Verfechter der Sache der Freiheit zu kennzeichnen, befahl Caesar, der gesamten +Besatzung die Hände abzuhauen und sie also, einen jeden in seine Heimat, zu +entlassen. Dem König Commius, der noch in der Gegend von Arras sich hielt und +daselbst bis in den Winter 703/04 (51/50) mit den römischen Truppen sich +herumschlug, gestattete Caesar, dem alles daran lag, in ganz Gallien wenigstens +dem offenen Widerstand ein Ziel zu setzen, seinen Frieden zu machen und ließ es +sogar hingehen, daß der erbitterte und mit Recht mißtrauische Mann trotzig sich +weigerte, persönlich im römischen Lager zu erscheinen. Es ist sehr +wahrscheinlich, daß Caesar in ähnlicher Weise bei den schwer zugänglichen +Distrikten im Nordwesten wie im Nordosten Galliens mit einer nur nominellen +Unterwerfung, vielleicht sogar schon mit der faktischen Waffenruhe sich genügen +ließ ^23. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +^22 Man sucht dies gewöhnlich bei Capdenac unweit Figeac; F. W. A. Göler hat +sich neuerlich für das auch früher schon in Vorschlag gebrachte Luzech westlich +von Cahors erklärt. +</p> + +<p> +^23 Bei Caesar selbst steht dies freilich begreiflicherweise nicht geschrieben; +aber eine verständliche Andeutung in dieser Beziehung macht Sallust (hist. 1, 9 +Kritz), obwohl auch er als Caesarianer schrieb. Weitere Beweise ergeben die +Münzen. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Also ward Gallien, das heißt das Land westlich vom Rhein und nördlich von den +Pyrenäen, nach nur achtjährigen Kämpfen (696 bis 703 58-51) den Römern +untertänig. Kaum ein Jahr nach der völligen Beruhigung des Landes, zu Anfang +des Jahres 705 (49), mußten die römischen Truppen infolge des nun endlich in +Italien ausgebrochenen Bürgerkrieges über die Alpen zurückgezogen werden und es +blieben nichts als höchstens einige schwache Rekrutenabteilungen im Keltenland +zurück. Dennoch standen die Kelten nicht wieder gegen die Fremdherrschaft auf; +und während in allen alten Provinzen des Reichs gegen Caesar gestritten ward, +blieb allein die neugewonnene Landschaft ihrem Besieger fortwährend botmäßig. +Auch die Deutschen haben ihre Versuche, auf dem linken Rheinufer sich erobernd +festzusetzen, während dieser entscheidenden Jahre nicht wiederholt. Ebensowenig +kam es in Gallien während der nachfolgenden Krisen zu einer neuen nationalen +Insurrektion oder deutschen Invasion, obgleich sie die günstigsten +Gelegenheiten darboten. Wenn ja irgendwo Unruhen ausbrachen, wie zum Beispiel +708 (46) die Bellovaker gegen die Römer sich erhoben, so waren diese Bewegungen +so vereinzelt und so außer Zusammenhang mit den Verwicklungen in Italien, daß +sie ohne wesentliche Schwierigkeit von den römischen Statthaltern unterdrückt +wurden. Allerdings ward dieser Friedenszustand höchst wahrscheinlich, ähnlich +wie Jahrhunderte lang der spanische, damit erkauft, daß man den entlegensten +und am lebendigsten von dem Nationalgefühl durchdrungenen Landschaften, der +Bretagne, den Scheldedistrikten, der Pyrenäengegend, vorläufig gestattete, sich +in mehr oder minder bestimmter Weise der römischen Botmäßigkeit tatsächlich zu +entziehen. Aber darum nicht weniger erwies sich Caesars Bau, wie knapp er auch +dazu zwischen anderen, zunächst noch dringenderen Arbeiten die Zeit gefunden, +wie unfertig und nur notdürftig abgeschlossen er ihn auch verlassen hatte, +dennoch, sowohl hinsichtlich der Zurückweisung der Deutschen als der +Unterwerfung der Kelten, in dieser Feuerprobe im wesentlichen als haltbar. +</p> + +<p> +In der Oberverwaltung blieben die von dem Statthalter des Narbonensischen +Galliens neu gewonnenen Gebiete vorläufig mit der Provinz Narbo vereinigt; erst +als Caesar dieses Amt abgab (710 44), wurden aus dem von ihm eroberten Gebiet +zwei neue Statthalterschaften, das eigentliche Gallien und Belgica, gebildet. +Daß die einzelnen Gaue ihre politische Selbständigkeit verloren, lag im Wesen +der Eroberung. Sie wurden durchgängig der römischen Gemeinde steuerpflichtig. +Ihr Steuersystem indes war natürlich nicht dasjenige, mittels dessen die adlige +und finanzielle Aristokratie Asia ausnutzte, sondern es wurde, wie in Spanien +geschah, einer jeden einzelnen Gemeinde eine ein für allemal bestimmte Abgabe +auferlegt und deren Erhebung ihr selbst überlassen. Auf diesem Wege flossen +jährlich 40 Mill. Sesterzen (3 Mill. Taler) aus Gallien in die Kassen der +römischen Regierung, die dafür freilich die Kosten der Verteidigung der +Rheingrenze übernahm. Daß außerdem die in den Tempeln der Götter und den +Schatzkammern der Großen aufgehäuften Goldmassen infolge des Krieges ihren Weg +nach Rom fanden, versteht sich von selbst; wenn Caesar im ganzen Römischen +Reich sein gallisches Gold ausbot und davon auf einmal solche Massen auf den +Geldmarkt brachte, daß das Gold gegen Silber um 25 Prozent fiel, so läßt dies +ahnen, welche Summen Gallien durch den Krieg eingebüßt hat. +</p> + +<p> +Die bisherigen Gauverfassungen mit ihren Erbkönigen oder ihren +feudal-oligarchischen Vorstandschaften blieben auch nach der Eroberung im +wesentlichen bestehen, und selbst das Klientelsystem, das einzelne Kantons von +anderen, mächtigeren abhängig machte, ward nicht abgeschafft, obwohl freilich +mit dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit ihm die Spitze abgebrochen war; +Caesar war nur darauf bedacht, unter Benutzung der bestehenden dynastischen, +feudalistischen und hegemonischen Spaltungen die Verhältnisse im Interesse Roms +zu ordnen und überall die der Fremdherrschaft genehmen Männer an die Spitze zu +bringen. Überhaupt sparte Caesar keine Mühe, um in Gallien eine römische Partei +zu bilden; seinen Anhängern wurden ausgedehnte Belohnungen an Geld und +besonders an konfiszierten Landgütern bewilligt und ihnen durch seinen Einfluß +Plätze im Gemeinderat und die ersten Gemeindeämter in ihren Gauen verschafft. +Diejenigen Gaue, in denen eine hinreichend starke und zuverlässige römische +Partei bestand, wie die der Remer, der Lingonen, der Häduer, wurden durch +Erteilung einer freieren Kommunalverfassung - des sogenannten Bündnisrechts - +und durch Bevorzugungen bei der Ordnung des Hegemoniewesens gefördert. Den +Nationalkult und dessen Priester scheint Caesar von Anfang an soweit irgend +möglich geschont zu haben; von Maßregeln, wie sie in späterer Zeit von den +römischen Machthabern gegen das Druidenwesen ergriffen wurden, findet bei ihm +sich keine Spur, und wahrscheinlich damit hängt es zusammen, daß seine +gallischen Kriege, soviel wir sehen, den Charakter des Religionskrieges +durchaus nicht in der Art tragen, wie er bei den britannischen später so +bestimmt hervortritt. +</p> + +<p> +Wenn Caesar also der besiegten Nation jede zulässige Rücksicht bewies und ihre +nationalen, politischen und religiösen Institutionen soweit schonte, als es mit +der Unterwerfung unter Rom irgend sich vertrug, so geschah dies nicht, um auf +den Grundgedanken seiner Eroberung, die Romanisierung Galliens, zu verzichten, +sondern um denselben in möglichst schonender Weise zu verwirklichen. Auch +begnügte er sich nicht, dieselben Verhältnisse, die die Südprovinz bereits +großenteils romanisiert hatten, im Norden ihre Wirkung ebenfalls tun zu lassen, +sondern er förderte, als echter Staatsmann, von oben herab die naturgemäße +Entwicklung und tat dazu, die immer peinliche Übergangszeit möglichst zu +verkürzen. Um zu schweigen von der Aufnahme einer Anzahl vornehmer Kelten in +den römischen Bürgerverband, ja einzelner vielleicht schon in den römischen +Senat, so ist wahrscheinlich Caesar es gewesen, der in Gallien auch innerhalb +der einzelnen Gaue als offizielle Sprache anstatt der einheimischen die +lateinische, wenn auch noch mit gewissen Einschränkungen, und anstatt des +nationalen das römische Münzsystem in der Art einführte, daß die Gold- und die +Denarprägung den römischen Behörden vorbehalten blieb, dagegen die Scheidemünze +von den einzelnen Gauen und nur zur Zirkulation innerhalb der Gaugrenzen, aber +doch auch nach römischem Fuß geschlagen werden sollte. Man mag lächeln über das +kauderwelsche Latein, dessen die Anwohner der Loire und Seine fortan +verordnungsmäßig sich beflissen ^24; es lag doch in diesen Sprachfehlern eine +größere Zukunft als in dem korrekten, hauptstädtischen Latein. Vielleicht geht +es auch auf Caesar zurück, wenn die Gauverfassung im Keltenland späterhin der +italischen Stadtverfassung genähert erscheint und die Hauptorte des Gaues sowie +die Gemeinderäte in ihr schärfer hervortreten, als dies in der ursprünglichen +keltischen Ordnung wahrscheinlich der Fall war. Wie wünschenswert in +militärischer wie in politischer Hinsicht es gewesen wäre, als Stützpunkte der +neuen Herrschaft und Ausgangspunkte der neuen Zivilisation eine Reihe +transalpinischer Kolonien zu begründen, mochte niemand mehr empfinden als der +politische Erbe des Gaius Gracchus und des Marius. Wenn er dennoch sich +beschränkte auf die Ansiedlung seiner keltischen oder deutschen Reiter in +Noviodunum und auf die der Boier im Häduergau, welche letztere Niederlassung in +dem Krieg gegen Vercingetorix schon völlig die Dienste einer römischen Kolonie +tat, so war die Ursache nur die, daß seine weiteren Pläne ihm noch nicht +gestatteten, seinen Legionen statt des Schwertes den Pflug in die Hand zu +geben. Was er in späteren Jahren für die altrömische Provinz in dieser +Beziehung getan, wird seines Orts dargelegt werden; es ist wahrscheinlich, daß +nur die Zeit ihm gemangelt hat, um das gleiche auch auf die von ihm neu +unterworfenen Landschaften zu erstrecken. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^24 So lesen wir auf einem Semis, den ein Vergobret der Lexovier (Lisieux, Dep. +Calvados) schlagen ließ, folgende Aufschrift: Cisiambos Cattos vercobreto; +simissos (so) publicos Lixovio. Die oft kaum leserliche Schrift und das +unglaublich abscheuliche Gepräge dieser Münzen stehen mit ihrem stammelnden +Latein in bester Harmonie. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +Mit der keltischen Nation war es zu Ende. Ihre politische Auflösung war durch +Caesar eine vollendete Tatsache geworden, ihre nationale eingeleitet und im +regelmäßigen Fortschreiten begriffen. Es war dies kein zufälliges Verderben, +wie das Verhängnis es auch entwicklungsfähigen Völkern wohl zuweilen bereitet, +sondern eine selbstverschuldete und gewissermaßen geschichtlich notwendige +Katastrophe. Schon der Verlauf des letzten Krieges beweist dies, mag man ihn +nun im ganzen oder im einzelnen betrachten. Als die Fremdherrschaft gegründet +werden sollte, leisteten ihr nur einzelne, noch dazu meistens deutsche oder +halbdeutsche Landschaften energischen Widerstand. Als die Fremdherrschaft +gegründet war, wurden die Versuche, sie abzuschütteln, entweder ganz kopflos +unternommen, oder sie waren mehr als billig das Werk einzelner hervorragender +Adliger und darum mit dem Tod oder der Gefangennahme eines Indutiomarus, +Camulogenus, Vercingetorix, Correus sogleich und völlig zu Ende. Der +Belagerungs- und der kleine Krieg, in denen sich sonst die ganze sittliche +Tiefe der Volkskriege entfaltet, waren und blieben in diesem keltischen von +charakteristischer Erbärmlichkeit. Jedes Blatt der keltischen Geschichte +bestätigt das strenge Wort eines der wenigen Römer, die es verstanden, die +sogenannten Barbaren nicht zu verachten, daß die Kelten dreist die künftige +Gefahr herausfordern, vor der gegenwärtigen aber der Mut ihnen entsinkt. In dem +gewaltigen Wirbel der Weltgeschichte, der alle nicht gleich dem Stahl harten +und gleich dem Stahl geschmeidigen Völker unerbittlich zermalmt, konnte eine +solche Nation auf die Länge sich nicht behaupten; billig erlitten die Kelten +des Festlandes dasselbe Schicksal von den Römern, das ihre Stammgenossen auf +der irischen Insel bis in unsere Tage hinein von den Sachsen erleiden: das +Schicksal, als Gärungsstoff künftiger Entwicklung aufzugehen in eine staatlich +überlegene Nationalität. Im Begriff, von der merkwürdigen Nation zu scheiden, +mag es gestattet sein, noch daran zu erinnern, daß in den Berichten der Alten +über die Kelten an der Loire und Seine kaum einer der charakteristischen Züge +vermißt wird, an denen wir gewohnt sind, Paddy zu erkennen. Es findet alles +sich wieder: die Lässigkeit in der Bestellung der Felder; die Lust am Zechen +und Raufen; die Prahlhansigkeit - wir erinnern an jenes in dem heiligen Hain +der Arverner nach dem Sieg von Gergovia aufgehangene Schwert des Caesar, das +sein angeblicher ehemaliger Besitzer an der geweihten Stätte lächelnd +betrachtete und das heilige Gut sorgfältig zu schonen befahl; die Rede voll von +Vergleichen und Hyperbeln, von Anspielungen und barocken Wendungen; der +drollige Humor - ein vorzügliches Beispiel davon ist die Satzung, daß, wenn +jemand einem öffentlich Redenden ins Wort fällt, dem Störenfried von Polizei +wegen ein derbes und wohl sichtbares Loch in den Rock geschnitten wird; die +innige Freude am Singen und Sagen von den Taten der Vorzeit und die +entschiedenste Redner- und Dichtergabe; die Neugier - kein Kaufmann wird +durchgelassen, bevor er auf offener Straße erzählt hat, was er an Neuigkeiten +weiß oder nicht weiß - und die tolle Leichtgläubigkeit, die auf solche +Nachrichten hin handelt, weshalb in den besser geordneten Kantons den +Wandersleuten bei strenger Strafe verboten war, unbeglaubigte Berichte andern +als Gemeindebeamten mitzuteilen; die kindliche Frömmigkeit, die in dem Priester +den Vater sieht und ihn in allen Dingen um Rat fragt; die unübertroffene +Innigkeit des Nationalgefühls und das fast familienartige Zusammenhalten der +Landsleute gegen den Fremden; die Geneigtheit, unter dem ersten besten Führer +sich aufzulehnen und Banden zu bilden, daneben aber die völlige Unfähigkeit, +den sicheren, von Übermut wie von Kleinmut entfernten Mut sich zu bewahren, die +rechte Zeit zum Abwarten und zum Losschlagen wahrzunehmen, zu irgendeiner +Organisation, zu irgend fester militärischer oder politischer Disziplin zu +gelangen oder auch nur sie zu ertragen. Es ist und bleibt zu allen Zeiten und +aller Orten dieselbe faule und poetische, schwachmütige und innige, neugierige, +leichtgläubige, liebenswürdige, gescheite, aber politisch durch und durch +unbrauchbare Nation, und darum ist denn auch ihr Schicksal immer und überall +dasselbe gewesen. +</p> + +<p> +Aber daß dieses große Volk durch Caesars transalpinische Kriege zugrunde ging, +ist noch nicht das bedeutendste Ergebnis dieses großartigen Unternehmens; weit +folgenreicher als das negative war das positive Resultat. Es leidet kaum einen +Zweifel, daß, wenn das Senatsregiment sein Scheinleben noch einige +Menschenalter länger gefristet hätte, die sogenannte Völkerwanderung +vierhundert Jahre früher eingetreten sein würde, als sie eingetreten ist, und +eingetreten sein würde zu einer Zeit, wo die italische Zivilisation sich weder +in Gallien noch an der Donau noch in Afrika und Spanien häuslich niedergelassen +hatte. Indem der große Feldherr und Staatsmann Roms mit sicherem Blick in den +deutschen Stämmen den ebenbürtigen Feind der römisch-griechischen Welt +erkannte; indem er das neue System offensiver Verteidigung mit fester Hand +selbst bis ins einzelne hinein begründete und die Reichsgrenzen durch Flüsse +oder künstliche Wälle verteidigen, längs der Grenze die nächsten Barbarenstämme +zur Abwehr der entfernteren kolonisieren, das römische Heer durch geworbene +Leute aus den feindlichen Ländern rekrutieren lehrte, gewann er der +hellenisch-italischen Kultur die nötige Frist, um den Westen ebenso zu +zivilisieren, wie der Osten bereits von ihr zivilisiert war. Gewöhnliche +Menschen schauen die Früchte ihres Tuns; der Same, den geniale Naturen streuen, +geht langsam auf. Es dauerte Jahrhunderte, bis man begriff, daß Alexander nicht +bloß ein ephemeres Königreich im Osten errichtet, sondern den Hellenismus nach +Asien getragen habe; wieder Jahrhunderte, bis man begriff, daß Caesar nicht +bloß den Römern eine neue Provinz erobert, sondern die Romanisierung der +westlichen Landschaften begründet habe. Auch von jenen militärisch +leichtsinnigen und zunächst erfolglosen Zügen nach England und Deutschland +haben erst die späten Nachfahren den Sinn erkannt. Ein ungeheurer Völkerkreis, +von dessen Dasein und Zuständen bis dahin kaum der Schiffer und der Kaufmann +einige Wahrheit und viele Dichtung berichtet hatten, ward durch sie der +römisch-griechischen Welt aufgeschlossen. “Täglich”, heißt es in +einer römischen Schrift vom Mai 698 (56), “melden die gallischen Briefe +und Botschaften uns bisher unbekannte Namen von Völkern, Gauen und +Landschaften”. Diese Erweiterung des geschichtlichen Horizonts durch +Caesars Züge jenseits der Alpen war ein weltgeschichtliches Ereignis, so gut +wie die Erkundung Amerikas durch europäische Scharen. Zu dem engen Kreis der +Mittelmeerstaaten traten die mittel- und nordeuropäischen Völker, die Anwohner +der Ost- und der Nordsee hinzu, zu der alten Welt eine neue, die fortan durch +jene mitbestimmt ward und sie mitbestimmte. Es hat nicht viel gefehlt, daß +bereits von Ariovist das durchgeführt ward, was später dem gotischen Theoderich +gelang. Wäre dies geschehen, so würde unsere Zivilisation zu der +römisch-griechischen schwerlich in einem innerlicheren Verhältnis stehen als zu +der indischen und assyrischen Kultur. Daß von Hellas und Italien vergangener +Herrlichkeit zu dem stolzeren Bau der neueren Weltgeschichte eine Brücke +hinüberführt, daß Westeuropa romanisch, das germanische Europa klassisch ist, +daß die Namen Themistokles und Scipio für uns einen anderen Klang haben, als +Asoka und Salmanassar, daß Homer und Sophokles nicht wie die Veden und Kalidasa +nur den literarischen Botaniker anziehen, sondern in dem eigenen Garten uns +blühen, das ist Caesars Werk; und wenn die Schöpfung seines großen Vorgängers +im Osten von den Sturmfluten des Mittelalters fast ganz zertrümmert worden ist, +so hat Caesars Bau die Jahrtausende überdauert, die dem Menschengeschlecht +Religion und Staat verwandelt, den Schwerpunkt der Zivilisation selbst ihm +verschoben haben, und für das, was wir Ewigkeit nennen, steht er aufrecht. +</p> + +<p> +Um das Bild der Verhältnisse Roms zu den Völkern des Nordens in dieser Zeit zu +vollenden, bleibt es noch übrig, einen Blick auf die Landschaften zu werfen, +die nördlich der italischen und der griechischen Halbinsel, von den +Rheinquellen bis zum Schwarzen Meer sich erstrecken. Zwar in das gewaltige +Völkergetümmel, das auch dort damals gewogt haben mag, reicht die Fackel der +Geschichte nicht und die einzelnen Streiflichter, die in dieses Gebiet fallen, +sind, wie der schwache Schimmer in tiefer Finsternis, mehr geeignet zu +verwirren als aufzuklären. Indes es ist die Pflicht des Geschichtschreibers, +auch die Lücken in dem Buche der Völkergeschichte zu bezeichnen; er darf es +nicht verschmähen, neben Caesars großartigem Verteidigungssystem der dürftigen +Anstalten zu gedenken, durch die die Feldherren des Senats nach dieser Seite +hin die Reichsgrenze zu schützen vermeinten. +</p> + +<p> +Das nordöstliche Italien blieb nach wie vor den Angriffen der alpinischen +Völkerschaften preisgegeben. Das im Jahre 695 (59) bei Aquileia lagernde starke +römische Heer und der Triumph des Statthalters des Cisalpinischen Galliens, +Lucius Afranius, lassen schließen, daß um diese Zeit eine Expedition in die +Alpen stattgefunden; wovon es eine Folge sein mag, daß wir bald darauf die +Römer in näherer Verbindung mit einem König der Noriker finden. Daß aber auch +nachher Italien durchaus von dieser Seite nicht gesichert war, bewies der +Überfall der blühenden Stadt Tergeste durch die alpinischen Barbaren im Jahre +702 (52), als die transalpinische Insurrektion Caesar genötigt hatte, +Oberitalien ganz von Truppen zu entblößen. +</p> + +<p> +Auch die unruhigen Völker, die den illyrischen Küstenstrich innehatten, machten +ihren römischen Herren beständig zu schaffen. Die Dalmater, schon früher das +ansehnlichste Volk dieser Gegend, vergrößerten durch Aufnahme der Nachbarn in +ihren Verband sich so ansehnlich, daß die Zahl ihrer Ortschaften von zwanzig +auf achtzig stieg. Als sie die Stadt Promona (nicht weit vom Kerkafluß), die +sie den Liburniern entrissen hatten, diesen wiederherauszugeben sich weigerten, +ließ Caesar nach der Pharsalischen Schlacht gegen sie marschieren; aber die +Römer zogen hierbei zunächst den kürzeren, und infolgedessen ward Dalmatien für +einige Zeit ein Herd der Caesar feindlichen Partei und wurde hier den +Feldherren Caesars von den Einwohnern, in Verbindung mit den Pompeianern und +mit den Seeräubern, zu Lande und zu Wasser energischer Widerstand geleistet. +</p> + +<p> +Makedonien endlich nebst Epirus und Hellas war so verödet und heruntergekommen +wie kaum ein anderer Teil des Römischen Reiches. Dyrrhachion, Thessalonike, +Byzantion hatten noch einigen Handel und Verkehr; Athen zog durch seinen Namen +und seine Philosophenschule die Reisenden und die Studenten an; im ganzen aber +lag über Hellas’ einst volkreichen Städten und menschenwimmelnden Häfen +die Ruhe des Grabes. Aber wenn die Griechen sich nicht regten, so setzten +dagegen die Bewohner der schwer zugänglichen makedonischen Gebirge nach alter +Weise ihre Raubzüge und Fehden fort, wie denn zum Beispiel um 697/98 (57/56) +Agräer und Doloper die ätolischen Städte, im Jahre 700 (54) die in den +Drintälern wohnenden Pirusten das südliche Illyrien überrannten. Ebenso hielten +es die Anwohner. Die Dardaner an der Nordgrenze wie die Thraker im Osten waren +zwar in den achtjährigen Kämpfen 676 bis 683 (78-71) von den Römern gedemütigt +worden; der mächtigste unter den thrakischen Fürsten, der Herr des alten +Odrysenreichs Kotys, ward seitdem den römischen Klientelkönigen beigezählt. +Allein nichtsdestoweniger hatte das befriedete Land nach wie vor von Norden und +Osten her Einfälle zu leiden. Der Statthalter Gaius Antonius ward übel +heimgeschickt, sowohl von den Dardanern, als auch von den in der heutigen +Dobrudscha ansässigen Stämmen, welche mit Hilfe der vom linken Donauufer +herbeigezogenen, gefürchteten Bastarner ihm bei Istropolis (Istere unweit +Kustendsche) eine bedeutende Niederlage beibrachten (692-693 62-61). +Glücklicher focht Gaius Octavius gegen Besser und Thraker (694 60). Dagegen +machte Marcus Piso (697-698 57-56) wiederum als Oberfeldherr sehr schlechte +Geschäfte, was auch kein Wunder war, da er um Geld Freunden und Feinden +gewährte, was sie wünschten. Die thrakischen Dentheleten (am Strymon) +plünderten unter seiner Statthalterschaft Makedonien weit und breit und +stellten auf der großen, von Dyrrhachion nach Thessalonike führenden römischen +Heerstraße selbst ihre Posten aus; in Thessalonike machte man sich darauf +gefaßt, von ihnen eine Belagerung auszuhalten, während die starke römische +Armee in der Provinz nur da zu sein schien, um zuzusehen, wie die Bergbewohner +und die Nachbarvölker die friedlichen Untertanen Roms brandschatzten. +</p> + +<p> +Dergleichen Angriffe konnten freilich Roms Macht nicht gefährden, und auf eine +Schande mehr kam es längst nicht mehr an. Aber eben um diese Zeit begann +jenseits der Donau, in den weiten dakischen Steppen, ein Volk sich staatlich zu +konsolidieren, das eine andere Rolle in der Geschichte zu spielen bestimmt +schien als die Besser und die Dentheleten. Bei den Geten oder Dakern war in +uralter Zeit dem König des Volkes ein heiliger Mann zur Seite getreten, +Zalmoxis genannt, der, nachdem er der Götter Wege und Wunder auf weiten Reisen +in der Fremde erkundet und namentlich die Weisheit der ägyptischen Priester und +der griechischen Pythagoreer ergründet hatte, in seine Heimat zurückgekommen +war, um in einer Höhle des ‘Heiligen Berges’ als frommer Einsiedler +sein Leben zu beschließen. Nur dem König und dessen Dienern blieb er zugänglich +und spendete ihm und durch ihn dem Volke seine Orakel für jedes wichtige +Beginnen. Seinen Landsleuten galt er anfangs als Priester des höchsten Gottes +und zuletzt selber als Gott, ähnlich wie es von Moses und Aaron heißt, daß der +Herr den Aaron zum Propheten und zum Gotte des Propheten den Moses gesetzt +habe. Es war hieraus eine bleibende Institution geworden: von Rechts wegen +stand dem König der Geten ein solcher Gott zur Seite, aus dessen Munde alles +kam oder zu kommen schien, was der König befahl. Diese eigentümliche +Verfassung, in der die theokratische Idee der, wie es scheint, absoluten +Königsgewalt dienstbar geworden war, mag den getischen Königen eine Stellung +ihren Untertanen gegenüber gegeben haben, wie etwa die Kalifen sie gegenüber +den Arabern haben; und eine Folge davon war die wunderbare religiös-politische +Reform der Nation, welche um diese Zeit der König der Geten, Burebistas, und +der Gott, Dekäneos, durchsetzten. Das namentlich durch beispiellose Völlerei +sittlich und staatlich gänzlich heruntergekommene Volk ward durch das neue +Mäßigkeits- und Tapferkeitsevangelium wie umgewandelt; mit seinen sozusagen +puritanisch disziplinierten und begeisterten Scharen gründete König Burebistas +binnen wenigen Jahren ein gewaltiges Reich, das auf beiden Ufern der Donau sich +ausbreitete und südwärts bis tief in Thrakien, Illyrien und das nordische Land +hinein reichte. Eine unmittelbare Berührung mit den Römern hatte noch nicht +stattgefunden, und es konnte niemand sagen, was aus diesem sonderbaren, an die +Anfänge des Islam erinnernden Staat werden möge; das aber mochte man, auch ohne +Prophet zu sein, vorherzusagen, daß Prokonsuln wie Antonius und Piso nicht +berufen waren, mit Göttern zu streiten. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap08"></a>KAPITEL VIII.<br/> +Pompeius’ und Caesars Gesamtherrschaft</h2> + +<p> +Unter den Demokratenchefs, die seit Caesars Konsulat sozusagen offiziell als +die gemeinschaftlichen Beherrscher des Gemeinwesens, als die regierenden +“Dreimänner” anerkannt waren, nahm der öffentlichen Meinung zufolge +durchaus die erste Stelle Pompeius ein. Er war es, der den Optimaten der +“Privatdiktator” hieß; vor ihm tat Cicero seinen vergeblichen +Fußfall; ihm galten die schärfsten Sarkasmen in den Mauerplakaten des Bibulus, +die giftigsten Pfeile in den Salonreden der Opposition. Es war dies nur in der +Ordnung. Nach den vorliegenden Tatsachen war Pompeius unbestritten der erste +Feldherr seiner Zeit, Caesar ein gewandter Parteiführer und Parteiredner, von +unleugbaren Talenten, aber ebenso notorisch von unkriegerischem, ja weibischem +Naturell. Diese Urteile waren seit langem geläufig; man konnte es von dem +vornehmen Pöbel nicht erwarten, daß er um das Wesen der Dinge sich kümmere und +einmal festgestellte Plattheiten wegen obskurer Heldentaten am Tajo aufgebe. +Offenbar spielte Caesar in dem Bunde nur die Rolle des Adjutanten, der das für +seinen Chef ausführte, was Flavius, Afranius und andere, weniger fähige +Werkzeuge versucht und nicht geleistet hatten. Selbst seine Statthalterschaft +schien dies Verhältnis nicht zu ändern. Eine sehr ähnliche Stellung hatte erst +kürzlich Afranius eingenommen, ohne darum etwas Besonderes zu bedeuten; mehrere +Provinzen zugleich waren in den letzten Jahren wiederholentlich einem +Statthalter untergeben und schon oft weit mehr als vier Legionen in einer Hand +vereinigt gewesen; da es jenseits der Alpen wieder ruhig und Fürst Ariovist von +den Römern als Freund und Nachbar anerkannt war, so war auch keine Aussicht zur +Führung eines irgend ins Gewicht fallenden Krieges. Die Vergleichung der +Stellungen, wie sie Pompeius durch das Gabinisch-Manilische, Caesar durch das +Vatinische Gesetz erhalten hatten, lag nahe; allein sie fiel nicht zu Caesars +Vorteil aus. Pompeius gebot fast über das gesamte Römische Reich, Caesar über +zwei Provinzen. Pompeius standen die Soldaten und die Kassen des Staats beinahe +unbeschränkt zur Verfügung, Caesar nur die ihm angewiesenen Summen und ein Heer +von 24000 Mann. Pompeius war es anheimgegeben, den Zeitpunkt seines Rücktritts +selber zu bestimmen; Caesars Kommando war ihm zwar auf lange hinaus, aber doch +nur auf eine begrenzte Frist gesichert. Pompeius endlich war mit den +wichtigsten Unternehmungen zur See und zu Lande betraut worden; Caesar ward +nach Norden gesandt, um von Oberitalien aus die Hauptstadt zu überwachen und +dafür zu sorgen, daß Pompeius ungestört sie beherrsche. +</p> + +<p> +Aber als Pompeius von der Koalition zum Beherrscher der Hauptstadt bestellt +ward, übernahm er, was über seine Kräfte weit hinausging. Pompeius verstand vom +Herrschen nichts weiter, als was sich zusammenfassen läßt in Parole und +Kommando. Die Wellen des hauptstädtischen Treibens gingen hohl, zugleich von +vergangenen und von zukünftigen Revolutionen; die Aufgabe, diese in jeder +Hinsicht dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts vergleichbare Stadt ohne +bewaffnete Macht zu regieren, war unendlich schwer, für jenen eckigen vornehmen +Mustersoldaten aber geradezu unlösbar. Sehr bald war er so weit, daß Feinde und +Freunde, beide ihm gleich unbequem, seinetwegen machen konnten, was ihnen +beliebte; nach Caesars Abgang von Rom beherrschte die Koalition wohl noch die +Geschicke der Welt, aber nicht die Straßen der Hauptstadt. Auch der Senat, dem +ja immer noch eine Art nominellen Regiments zustand, ließ die Dinge in der +Hauptstadt gehen, wie sie gehen konnten und mochten; zum Teil, weil der von der +Koalition beherrschten Fraktion dieser Körperschaft die Instruktionen der +Machthaber fehlten, zum Teil, weil die grollende Opposition aus +Gleichgültigkeit oder Pessimismus beiseite trat, hauptsächlich aber, weil die +gesamte hochadlige Körperschaft ihre vollständige Ohnmacht wo nicht zu +begreifen, doch zu fühlen begann. Augenblicklich also gab es in Rom nirgends +eine Widerstandskraft irgendwelcher Regierung, nirgends eine wirkliche +Autorität. Man lebte im Interregnum zwischen dem zertrümmerten aristokratischen +und dem werdenden militärischen Regiment; und wenn das römische Gemeinwesen wie +kein anderes alter oder neuer Zeit alle verschiedensten politischen Funktionen +und Organisationen rein und normal dargestellt hat, so erscheint in ihm auch +die politische Desorganisation, die Anarchie, in einer nicht beneidenswerten +Schärfe. Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß in denselben Jahren, in +welchen Caesar jenseits der Alpen ein Werk für die Ewigkeit schuf, in Rom eine +der tollsten politischen Grotesken aufgeführt ward, die jemals über die Bretter +der Weltgeschichte gegangen ist. Der neue Regent des Gemeinwesens regierte +nicht, sondern schloß sich in sein Haus ein und maulte im stillen. Die +ehemalige, halb abgesetzte Regierung regierte gleichfalls nicht, sondern +seufzte, bald einzeln in den traulichen Zirkeln der Villen, bald in der Kurie +im Chor. Der Teil der Bürgerschaft, dem Freiheit und Ordnung noch am Herzen +lagen, war des wüsten Treibens übersatt; aber völlig führer- und ratlos +verharrte er in nichtiger Passivität und mied nicht bloß jede politische +Tätigkeit, sondern, soweit es anging, das politische Sodom selbst. Dagegen: das +Gesindel aller Art hatte nie bessere Tage, nie lustigere Tummelplätze gehabt. +Die Zahl der kleinen großen Männer war Legion. Die Demagogie ward völlig zum +Handwerk, dem denn auch das Handwerkszeug nicht fehlte: der verschabte Mantel, +der verwilderte Bart, das langflatternde Haar, die tiefe Baßstimme; und nicht +selten war es ein Handwerk mit goldenem Boden. Für die stehenden Brüllaktionen +waren die geprüften Gurgeln des Theaterpersonals ein begehrter Artikel ^1; +Griechen und Juden, Freigelassene und Sklaven waren in den öffentlichen +Versammlungen die regelmäßigsten Besucher und die lautesten Schreier; selbst +wenn es zum Stimmen ging, bestand häufig nur der kleinere Teil der Stimmenden +aus verfassungsmäßig stimmberechtigten Bürgern. “Nächstens”, heißt +es in einem Briefe aus dieser Zeit, “können wir erwarten, daß unsere +Lakaien die Freilassungssteuer abvotieren.” Die eigentlichen Mächte des +Tages waren die geschlossenen und bewaffneten Banden, die von vornehmen +Abenteurern aus fechtgewohnten Sklaven und Lumpen aufgestellten Bataillone der +Anarchie. Ihre Inhaber hatten von Haus aus meistenteils zur Popularpartei +gezählt; aber seit Caesars Entfernung, der der Demokratie allein zu imponieren +und allein sie zu lenken verstanden hatte, war aus derselben alle Disziplin +entwichen und jeder Parteigänger machte Politik auf seine eigene Hand. Am +liebsten fochten diese Leute freilich auch jetzt noch unter dem Panier der +Freiheit; aber genau genommen waren sie weder demokratisch noch +antidemokratisch gesinnt, sondern schrieben auf die einmal unentbehrliche +Fahne, wie es fiel, bald den Volksnamen, bald den Namen des Senats oder den +eines Parteichefs; wie denn zum Beispiel Clodius nacheinander für die +herrschende Demokratie, für den Senat und für Crassus gefochten oder zu fechten +vorgegeben hat. Farbe hielten die Bandenführer nur insofern, als sie ihre +persönlichen Feinde, wie Clodius den Cicero, Milo den Clodius, unerbittlich +verfolgten, wogegen die Parteistellung ihnen nur als Schachzug in diesen +Personenfehden diente. Man könnte ebensogut ein Charivari auf Noten setzen als +die Geschichte dieses politischen Hexensabbaths schreiben wollen; es liegt auch +nichts daran, all die Mordtaten, Häuserbelagerungen, Brandstiftungen und +sonstigen Räuberszenen inmitten einer Weltstadt aufzuzählen und nachzurechnen, +wie oft die Skala vom Zischen und Schreien zum Anspeien und Niedertreten und +von da zum Steinewerfen und Schwerterzücken durchgemacht ward. Der Protagonist +auf diesem politischen Lumpentheater war jener Publius Clodius, dessen, wie +schon erwähnt ward, die Machthaber sich gegen Cato und Cicero bedienten. Sich +selbst überlassen, trieb dieser einflußreiche, talentvolle, energische und in +seinem Metier in der Tat musterhafte Parteigänger während seines Volkstribunats +(696 58) ultrademokratische Politik, gab den Städtern das Getreide umsonst, +beschränkte das Recht der Zensoren, sittenlose Bürger zu bemäkeln, untersagte +den Beamten, durch religiöse Formalitäten den Gang der Komitialmaschine zu +hemmen, beseitigte die Schranken, die kurz zuvor (690 64), um dem Bandenwesen +zu steuern, dem Assoziationsrecht der niederen Klassen gesetzt worden waren, +und stellte die damals aufgehobenen “Straßenklubs” (collegia +compitalicia) wieder her, welche nichts anderes waren als eine förmliche, nach +den Gassen abgeteilte und fast militärisch gegliederte Organisation des +gesamten hauptstädtischen Freien- oder Sklavenproletariats. Wenn dazu noch das +weitere Gesetz, das Clodius ebenfalls bereits entworfen hatte und als Prätor +702 (52) einzubringen gedachte, den Freigelassenen und den im tatsächlichen +Besitz der Freiheit lebenden Sklaven die gleichen politischen Rechte mit den +Freigeborenen gab, so konnte der Urheber all dieser tapferen +Verfassungsbesserungen sein Werk für vollendet erklären und als neuer Numa der +Freiheit und Gleichheit den süßen Pöbel der Hauptstadt einladen, in dem auf +einer seiner Brandstätten am Palatin von ihm errichteten Tempel der Freiheit +ihn zur Feier des eingetretenen demokratischen Millenniums das Hochamt +zelebrieren zu sehen. Natürlich schlossen diese Freiheitsbestrebungen den +Schacher mit Bürgerschaftsbeschlüssen nicht aus; wie Caesar hielt auch Caesars +Affe für seine Mitbürger Statthalterschaften und andere Posten und Pöstchen, +für die untertänigen Könige und Städte die Herrlichkeitsrechte des Staates +feil. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Das heißt cantorum convicio contiones celebrare (Cic. Sest. 55, 118). +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +All diesen Dingen sah Pompeius zu, ohne sich zu regen. Wenn er es nicht +empfand, wie arg er damit sich kompromittierte, so empfand es sein Gegner. +Clodius ward so dreist, daß er über eine ganz gleichgültige Frage, die +Rücksendung eines gefangenen armenischen Prinzen, mit dem Regenten von Rom +geradezu anband; und bald ward der Zwist zur förmlichen Fehde, in der +Pompeius’ völlige Hilflosigkeit zu Tage kam. Das Haupt des Staates wußte +dem Parteigänger nichts anders zu begegnen als mit dessen eigenen, nur weit +ungeschickter geführten Waffen. War er von Clodius wegen des armenischen +Prinzen schikaniert worden, so ärgerte er ihn wieder, indem er den von Clodius +über alles gehaßten Cicero aus dem Exil erlöste, in das ihn Clodius gesandt +hatte, und erreichte denn auch so gründlich seinen Zweck, daß er den Gegner in +einen unversöhnlichen Feind verwandelte. Wenn Clodius mit seinen Banden die +Straßen unsicher machte, so ließ der siegreiche Feldherr gleichfalls Sklaven +und Fechter marschieren, in welchen Balgereien natürlich der General gegen den +Demagogen den kürzeren zog, auf der Straße geschlagen, und von Clodius und +dessen Spießgesellen Gaius Cato in seinem Garten fast beständig in Belagerung +gehalten ward. Es ist nicht der am wenigsten merkwürdige Zug in diesem +merkwürdigen Schauspiel, daß in ihrem Hader der Regent und der Schwindler beide +wetteifernd um die Gunst der gestürzten Regierung buhlten, Pompeius, zum Teil +auch, um dem Senat gefällig zu sein, Ciceros Zurückberufung zuließ, Clodius +dagegen die Julischen Gesetze für nichtig erklärte und Marcus Bibulus aufrief, +deren verfassungswidrige Durchbringung öffentlich zu bezeugen! +</p> + +<p> +Ein positives Resultat konnte natürlicherweise aus diesem Brodel trüber +Leidenschaften nicht hervorgehen; der eigentlichste Charakter desselben war +eben seine bis zum Gräßlichen lächerliche Zwecklosigkeit. Selbst ein Mann von +Caesars Genialität hatte es erfahren müssen, daß das demokratische Treiben +vollständig abgenutzt war und sogar der Weg zum Thron nicht mehr durch die +Demagogie ging. Es war nichts weiter als ein geschichtlicher Lückenbüßer, wenn +jetzt, in dem Interregnum zwischen Republik und Monarchie, irgendein toller +Geselle mit des Propheten Mantel und Stab, die Caesar selbst abgelegt hatte, +sich noch einmal staffierte und noch einmal Gaius Gracchus’ große Ideale +parodisch verzerrt über die Szene gingen; die sogenannte Partei, von der diese +demokratische Agitation ausging, war so wenig eine, daß ihr später in dem +Entscheidungskampf nicht einmal eine Rolle zufiel. Selbst das läßt sich nicht +behaupten, daß durch diesen anarchistischen Zustand das Verlangen nach einer +starken, auf Militärmacht gegründeten Regierung in den Gemütern der politisch +indifferent Gesinnten lebendig angefacht worden sei. Auch abgesehen davon, daß +diese neutrale Bürgerschaft hauptsächlich außerhalb Roms zu suchen war und also +von dem hauptstädtischen Krawallieren nicht unmittelbar berührt ward, so waren +diejenigen Gemüter, die überhaupt durch solche Motive sich bestimmen ließen, +schon durch frühere Erfahrungen, namentlich die Catilinarische Verschwörung, +gründlich zum Autoritätsprinzip bekehrt worden; auf die eigentlichen +Ängsterlinge aber wirkte die Furcht vor der von dem Verfassungsumsturz +unzertrennlichen, ungeheuren Krise bei weitem nachdrücklicher als die Furcht +vor der bloßen Fortdauer der im Grunde doch sehr oberflächlichen +hauptstädtischen Anarchie. Das einzige Ergebnis derselben, das geschichtlich in +Anschlag kommt, ist die peinliche Stellung, in die Pompeius durch die Angriffe +der Clodianer geriet und durch die seine weiteren Schritte wesentlich +mitbedingt wurden. +</p> + +<p> +Wie wenig Pompeius auch die Initiative liebte und verstand, so ward er doch +diesmal durch die Veränderung seiner Stellung sowohl Clodius als Caesar +gegenüber gezwungen, aus seiner bisherigen Passivität herauszutreten. Die +verdrießliche und schimpfliche Lage, in die ihn Clodius versetzt hatte, mußte +auf die Länge selbst seine träge Natur zu Haß und Zorn entflammen. Aber weit +wichtiger war die Verwandlung, die in seinem Verhältnis zu Caesar stattgefunden +hatte. Wenn von den beiden verbündeten Machthabern Pompeius in der übernommenen +Tätigkeit vollkommen bankrott geworden war, so hatte Caesar aus seiner +Kompetenz etwas zu machen gewußt, was jede Berechnung wie jede Befürchtung weit +hinter sich ließ. Ohne wegen der Erlaubnis viel anzufragen, hatte Caesar durch +Aushebungen in seiner großenteils von römischen Bürgern bewohnten südlichen +Provinz sein Heer verdoppelt, hatte mit diesem, statt von Norditalien aus über +Rom Wache zu halten, die Alpen überschritten, eine neue kimbrische Invasion im +Beginn erstickt und binnen zwei Jahren (696, 697 58, 57) die römischen Waffen +bis an den Rhein und den Kanal getragen. Solchen Tatsachen gegenüber ging +selbst der aristokratischen Taktik des Ignorierens und Verkleinerns der Atem +aus. Der oft als Zärtling Verhöhnte war jetzt der Abgott der Armee, der +gefeierte sieggekrönte Held, dessen junge Lorbeeren die welken des Pompeius +überglänzten und dem sogar der Senat die nach glücklichen Feldzügen üblichen +Ehrenbezeigungen schon 697 (57) in reicherem Maße zuerkannte, als sie je +Pompeius zuteil geworden waren. Pompeius stand zu seinem ehemaligen Adjutanten, +genau wie nach den Gabinisch-Manilischen Gesetzen dieser gegen ihn gestanden +hatte. Jetzt war Caesar der Held des Tages und der Herr der mächtigsten +römischen Armee, Pompeius ein ehemals berühmter Exgeneral. Zwar war es zwischen +Schwiegervater und Schwiegersohn noch zu keiner Kollision gekommen und das +Verhältnis äußerlich ungetrübt; aber jedes politische Bündnis ist innerlich +aufgelöst, wenn das Machtverhältnis der Beteiligten sich wesentlich verschiebt. +Wenn der Zank mit Clodius nur ärgerlich war, so lag in der veränderten Stellung +Caesars für Pompeius eine sehr ernste Gefahr: ebenwie einst Caesar und dessen +Verbündete gegen ihn, so sah jetzt er sich genötigt, gegen Caesar einen +militärischen Rückhalt zu suchen und, seine stolze Amtlosigkeit beiseitelegend, +aufzutreten als Bewerber um irgendein außerordentliches Amt, das ihn in den +Stand setzte, dem Statthalter der beiden Gallien mit gleicher und womöglich mit +überlegener Macht zur Seite zu bleiben. Wie seine Lage, war auch seine Taktik +genau die Caesars während des Mithradatischen Krieges. Um die Militärmacht des +überlegenen, aber noch entfernten Gegners durch die Erlangung eines ähnlichen +Kommandos aufzuwiegen, bedurfte Pompeius zunächst der offiziellen +Regierungsmaschine. Anderthalb Jahre zuvor hatte diese unbedingt ihm zur +Verfügung gestanden. Die Machthaber beherrschten den Senat damals sowohl durch +die Komitien, die ihnen als den Herren der Straße unbedingt gehorchten, wie +durch den von Caesar energisch terrorisierten Senat; als Vertreter der +Koalition in Rom und als deren anerkanntes Haupt hätte Pompeius vom Senat wie +von der Bürgerschaft ohne Zweifel jeden Beschluß erlangt, den er wünschte, +selbst wenn er gegen Caesars Interesse war. Allein durch den ungeschickten +Handel mit Clodius hatte Pompeius die Straßenherrschaft eingebüßt und konnte +nicht daran denken, einen Antrag zu seinen Gunsten bei der Volksgemeinde +durchzusetzen. Nicht ganz so ungünstig standen die Dinge für ihn im Senat; doch +war es auch hier zweifelhaft, ob Pompeius nach dieser langen und +verhängnisvollen Passivität die Zügel der Majorität noch fest genug in der Hand +habe, um einen Beschluß, wie er ihn brauchte, zu bewirken. +</p> + +<p> +Auch die Stellung des Senats, oder vielmehr der Nobilität überhaupt, war +inzwischen eine andere geworden. Eben aus ihrer vollständigen Erniedrigung +schöpfte sie frische Kräfte. Es war bei der Koalition von 694 (60) +verschiedenes an den Tag gekommen, was für das Sonnenlicht noch keineswegs reif +war. Die Entfernung Catos und Ciceros, welche die öffentliche Meinung, wie sehr +auch die Machthaber dabei sich zurückhielten und sogar sich die Miene gaben, +sie zu beklagen, mit ungeirrtem Takt auf ihre wahren Urheber zurückführte, und +die Verschwägerung zwischen Caesar und Pompeius erinnerten mit unerfreulicher +Deutlichkeit an monarchische Ausweisungsdekrete und Familienallianzen. Auch das +größere Publikum, das den politischen Ereignissen ferner stand, ward aufmerksam +auf die immer bestimmter hervortretenden Grundlagen der künftigen Monarchie. +Von dem Augenblick an, wo dieses begriff, daß es Caesar nicht um eine +Modifikation der republikanischen Verfassung zu tun sei, sondern daß es sich +handle um Sein oder Nichtsein der Republik, werden unfehlbar eine Menge der +besten Männer, die bisher sich zur Popularpartei gerechnet und in Caesar ihr +Haupt verehrt hatten, auf die entgegengesetzte Seite übergetreten sein. Nicht +mehr in den Salons und den Landhäusern des regierenden Adels allein wurden die +Reden von den “drei Dynasten”, dem “dreiköpfigen +Ungeheuer” vernommen. Caesars konsularischen Reden horchte die Menge +dichtgedrängt, ohne daß Zuruf oder Beifall aus ihr erscholl; keine Hand regte +sich zum Klatschen, wenn der demokratische Konsul in das Theater trat. Wohl +aber pfiff man, wo eines der Werkzeuge der Machthaber öffentlich sich sehen +ließ, und selbst gesetzte Männer klatschten, wenn ein Schauspieler eine +antimonarchische Sentenz oder eine Anspielung gegen Pompeius vorbrachte. Ja als +Cicero ausgewiesen werden sollte, legten eine große Zahl - angeblich +zwanzigtausend - Bürger, größtenteils aus den Mittelklassen, nach dem Beispiel +des Senats das Trauergewand an. “Nichts ist jetzt populärer”, heißt +es in einem Briefe aus dieser Zeit, “als der Haß der +Popularpartei.” Die Machthaber ließen Andeutungen fallen, daß durch +solche Opposition leicht die Ritter ihre neuen Sonderplätze im Theater, der +gemeine Mann sein Brotkorn einbüßen könne; man nahm darauf mit den Äußerungen +des Unwillens sich vielleicht etwas mehr in acht, aber die Stimmung blieb die +gleiche. Mit besserem Erfolg ward der Hebel der materiellen Interessen +angesetzt. Caesars Gold floß in Strömen. Scheinreiche mit zerrütteten Finanzen, +einflußreiche, in Geldverlegenheiten befangene Damen, verschuldete junge +Adlige, bedrängte Kaufleute und Bankiers gingen entweder selbst nach Gallien, +um an der Quelle zu schöpfen, oder wandten sich an Caesars hauptstädtische +Agenten; und nicht leicht ward ein äußerlich anständiger Mann - mit ganz +verlorenem Gesindel mied Caesar sich einzulassen - dort oder hier +zurückgewiesen. Dazu kamen die ungeheuren Bauten, die Caesar für seine Rechnung +in der Hauptstadt ausführen ließ und bei denen eine Unzahl von Menschen aller +Stände vom Konsular bis zum Lastträger hinab Gelegenheit fand zu verdienen, +sowie die unermeßlichen, für öffentliche Lustbarkeiten aufgewandten Summen. In +beschränkterem Maße tat Pompeius das gleiche; ihm verdankte die Hauptstadt das +erste steinerne Theater, und er feierte dessen Einweihung mit einer nie zuvor +gesehenen Pracht. Daß solche Spenden eine Menge oppositionell Gesinnter, +namentlich in der Hauptstadt, mit der neuen Ordnung der Dinge bis zu einem +gewissen Grade aussöhnten, versteht sich ebenso von selbst, wie daß der Kern +der Opposition diesem Korruptionssystem nicht erreichbar war. Immer deutlicher +kam es zu Tage, wie tief die bestehende Verfassung im Volke Wurzel geschlagen +hatte und wie wenig namentlich die dem unmittelbaren Parteitreiben ferner +stehenden Kreise, vor allem die Landstädte, der Monarchie geneigt oder auch nur +bereit waren, sie über sich ergehen zu lassen. Hätte Rom eine +Repräsentativverfassung gehabt, so würde die Unzufriedenheit der Bürgerschaft +ihren natürlichen Ausdruck in den Wahlen gefunden und, indem sie sich +aussprach, sich gesteigert haben; unter den bestehenden Verhältnissen blieb den +Verfassungstreuen nichts übrig als dem Senat, der, herabgekommen wie er war, +doch immer noch als Vertreter und Verfechter der legitimen Republik erschien, +sich unterzuordnen. So kam es, daß der Senat, jetzt da er gestürzt worden war, +plötzlich eine weit ansehnlichere und weit ernstlicher getreue Armee zu seiner +Verfügung fand, als da er in Macht und Glanz die Gracchen stürzte und, +geschirmt durch Sullas Säbel, den Staat restaurierte. Die Aristokratie empfand +es; sie fing wieder an sich zu regen. Eben jetzt hatte Marcus Cicero, nachdem +er sich verpflichtet hatte, den Gehorsam im Senat sich anzuschließen und nicht +bloß keine Opposition zu machen, sondern nach Kräften für die Machthaber zu +wirken, von denselben die Erlaubnis zur Rückkehr erhalten. Obwohl Pompeius der +Oligarchie hiermit nur beiläufig eine Konzession machte und vor allem dem +Clodius einen Possen zu spielen, demnächst ein durch hinreichende Schläge +geschmeidigtes Werkzeug in dem redefertigen Konsular zu erwerben bedacht war, +so nahm man doch die Gelegenheit wahr, wie Ciceros Verbannung eine +Demonstration gegen den Senat gewesen war, so seine Rückkehr zu +republikanischen Demonstrationen zu benutzen. In möglichst feierlicher Weise, +übrigens gegen die Clodianer durch die Bande des Titus Annius Milo geschützt, +brachten beide Konsuln nach vorgängigem Senatsbeschluß einen Antrag an die +Bürgerschaft, dem Konsular Cicero die Rückkehr zu gestatten, und der Senat rief +sämtliche verfassungstreue Bürger auf, bei der Abstimmung nicht zu fehlen. +Wirklich versammelte sich am Tage der Abstimmung (4. August 697 57) in Rom +namentlich aus den Landstädten eine ungewöhnliche Anzahl achtbarer Männer. Die +Reise des Konsulars von Brundisium nach der Hauptstadt gab Gelegenheit zu einer +Reihe ähnlicher, nicht minder glänzender Manifestationen der öffentlichen +Meinung. Das neue Bündnis zwischen dem Senat und der verfassungstreuen +Bürgerschaft ward bei dieser Gelegenheit gleichsam öffentlich bekannt gemacht +und eine Art Revue über die letztere gehalten, deren überraschend günstiges +Ergebnis nicht wenig dazu beitrug, den gesunkenen Mut der Aristokratie +wiederaufzurichten. Pompeius’ Hilflosigkeit gegenüber diesen trotzigen +Demonstrationen sowie die unwürdige und beinahe lächerliche Stellung, in die er +Clodius gegenüber geraten war, brachten ihn und die Koalition um ihren Kredit; +und die Fraktion des Senats, welche derselben anhing, durch Pompeius’ +seltene Ungeschicklichkeit demoralisiert und ratlos sich selber überlassen, +konnte nicht verhindern, daß in dem Kollegium die +republikanisch-aristokratische Partei wieder völlig die Oberhand gewann. Das +Spiel dieser stand in der Tat damals - 697 (57) - für einen mutigen und +geschickten Spieler noch keineswegs verzweifelt. Sie hatte jetzt, was sie seit +einem Jahrhundert nicht gehabt, festen Rückhalt in dem Volke; vertraute sie +diesem und sich selber, so konnte sie auf dem kürzesten und ehrenvollsten Wege +zum Ziel gelangen. Warum nicht die Machthaber mit offenem Visier angreifen? +Warum kassierte nicht ein entschlossener und namhafter Mann an der Spitze des +Senats die außerordentlichen Gewalten als verfassungswidrig und rief die +sämtlichen Republikaner Italiens gegen die Tyrannen und deren Anhang unter die +Waffen? Möglich war es wohl, auf diesem Wege die Senatsherrschaft noch einmal +zu restaurieren. Allerdings spielten die Republikaner damit hohes Spiel; aber +vielleicht wäre auch hier, wie so oft, der mutigste Entschluß zugleich der +klügste gewesen. Nur freilich war die schlaffe Aristokratie dieser Zeit eines +solchen einfachen und mutigen Entschlusses kaum noch fähig. Aber es gab einen +anderen, vielleicht sichereren, auf jeden Fall der Art und Natur dieser +Verfassungsgetreuen angemesseneren Weg: sie konnten darauf hinarbeiten, die +beiden Machthaber zu entzweien und durch diese Entzweiung schließlich selber +ans Ruder zu gelangen. Das Verhältnis der den Staat beherrschenden Männer hatte +sich verschoben und gelockert, seit Caesar übermächtig neben Pompeius sich +gestellt und diesen genötigt hatte, um eine neue Machtstellung zu werben; es +war wahrscheinlich, daß, wenn er dieselbe erlangte, es damit auf die eine oder +die andere Weise zwischen ihnen zum Bruch und zum Kampfe kam. Blieb in diesem +Pompeius allein, so war seine Niederlage kaum zweifelhaft, und die +Verfassungspartei fand in diesem Fall nach beendigtem Kampfe nur statt unter +der Zwei-, sich unter der Einherrschaft. Allein, wenn die Nobilität gegen +Caesar dasselbe Mittel wandte, durch das dieser seine bisherigen Siege +erfochten hatte, und mit dem schwächeren Nebenbuhler in Bündnis trat, so blieb +mit einem Feldherrn wie Pompeius, mit einem Heere wie das der Verfassungstreuen +war, der Sieg wahrscheinlich diesen; nach dem Siege aber mit Pompeius fertig zu +werden, konnte, nach den Beweisen von politischer Unfähigkeit, die derselbe +zeither gegeben, nicht als eine besonders schwierige Aufgabe erscheinen. +</p> + +<p> +Die Dinge hatten sich dahin gewandt, eine Verständigung zwischen Pompeius und +der republikanischen Partei beiden nahezulegen; ob es zu einer solchen +Annäherung kommen und wie überhaupt das völlig unklar gewordene Verhältnis der +beiden Machthaber und der Aristokratie gegeneinander zunächst sich stellen +werde, mußte sich entscheiden, als im Herbst 697 (57) Pompeius mit dem Antrag +an den Senat ging, ihn mit einer außerordentlichen Amtsgewalt zu betrauen. Er +knüpfte wieder an an das, wodurch er elf Jahre zuvor seine Macht begründet +hatte: an die Brotpreise in der Hauptstadt, die ebendamals wie vor dem +Gabinischen Gesetz eine drückende Höhe erreicht hatten. Ob sie durch besondere +Machinationen hinaufgetrieben worden waren, wie deren Clodius bald dem +Pompeius, bald dem Cicero und diese wieder jenem Schuld gaben, läßt sich nicht +entscheiden; die fortdauernde Piraterie, die Leere des öffentlichen Schatzes +und die lässige und unordentliche Überwachung der Kornzufuhr durch die +Regierung reichten übrigens auch ohne politischen Kornwucher an sich schon +vollkommen aus, um in einer fast lediglich auf überseeische Zufuhr angewiesenen +Großstadt Brotteuerungen herbeizuführen. Pompeius’ Plan war, sich vom +Senat die Oberaufsicht über das Getreidewesen im ganzen Umfang des Römischen +Reiches und zu diesem Endzwecke teils das unbeschränkte Verfügungsrecht über +die römische Staatskasse, teils Heer und Flotte übertragen zu lassen, sowie ein +Kommando, welches nicht bloß über das ganze Römische Reich sich erstreckte, +sondern dem auch in jeder Provinz das des Statthalters wich - kurz, er +beabsichtigte, eine verbesserte Auflage des Gabinischen Gesetzes zu +veranstalten, woran sich sodann die Führung des eben damals schwebenden +Ägyptischen Krieges ebenso von selbst angeschlossen haben würde wie die des +Mithradatischen an die Razzia gegen die Piraten. Wie sehr auch die Opposition +gegen die neuen Dynasten in den letzten Jahren Boden gewonnen hatte, es stand +dennoch, als diese Angelegenheit im September 697 (57) im Senat zur Verhandlung +kam, die Majorität desselben noch unter dem Bann des von Caesar erregten +Schreckens. Gehorsam nahm sie den Vorschlag im Prinzip an, und zwar auf Antrag +des Marcus Cicero, der hier den ersten Beweis der in der Verbannung gelernten +Fügsamkeit geben sollte und gab. Allein bei der Feststellung der Modalitäten +wurden von dem ursprünglichen Plane, den der Volkstribun Gaius Messius +vorlegte, doch sehr wesentliche Stücke abgedungen. Pompeius erhielt weder freie +Verfügung über das Ärar, noch eigene Legionen und Schiffe, noch auch eine der +der Statthalter übergeordnete Gewalt, sondern man begnügte sich, ihm zum Behuf +der Ordnung des hauptstädtischen Verpflegungswesens ansehnliche Summen, +fünfzehn Adjutanten und in allen Verpflegungsangelegenheiten volle +prokonsularische Gewalt im ganzen römischen Gebiet auf die nächsten fünf Jahre +zu bewilligen und dies Dekret von der Bürgerschaft bestätigen zu lassen. Es +waren sehr mannigfaltige Ursachen, welche diese, fast einer Ablehnung +gleichkommende Abänderung des ursprünglichen Planes herbeiführten: die +Rücksicht auf Caesar, dem in Gallien selbst seinen Kollegen nicht bloß neben-, +sondern überzuordnen eben die Furchtsamsten am meisten Bedenken tragen mußten; +die versteckte Opposition von Pompeius’ Erbfeind und widerwilligem +Bundesgenossen Crassus, dem Pompeius selber zunächst das Scheitern seines +Planes beimaß oder beizumessen vorgab; die Antipathien der republikanischen +Opposition im Senat gegen jeden die Gewalt der Machthaber der Sache oder auch +nur dem Namen nach erweiternden Beschluß; endlich und zunächst die eigene +Unfähigkeit des Pompeius, der, selbst nachdem er hatte handeln müssen, es nicht +über sich gewinnen konnte, zum Handeln sich zu bekennen, sondern wie immer +seine wahre Absicht gleichsam im Inkognito durch seine Freunde vorführen ließ, +selber aber in bekannter Bescheidenheit erklärte, auch mit Geringerem sich +begnügen zu wollen. Kein Wunder, daß man ihn beim Worte nahm und ihm das +Geringere gab. Pompeius war nichtsdestoweniger froh, wenigstens eine ernstliche +Tätigkeit und vor allen Dingen einen schicklichen Vorwand gefunden zu haben, um +die Hauptstadt zu verlassen; es gelang ihm auch, freilich nicht ohne daß die +Provinzen den Rückschlag schwer empfanden, dieselbe mit reichlicher und +billiger Zufuhr zu versehen. Aber seinen eigentlichen Zweck hatte er verfehlt; +der Prokonsulartitel, den er berechtigt war in allen Provinzen zu führen, blieb +ein leerer Name, solange er nicht über eigene Truppen verfügte. Darum ließ er +bald darauf den zweiten Antrag an den Senat gelangen, daß derselbe ihm den +Auftrag erteilen möge, den vertriebenen König von Ägypten, wenn nötig mit +Waffengewalt, in seine Heimat zurückzuführen. Allein je mehr es offenbar ward, +wie dringend er des Senats bedurfte, desto weniger nachgiebig und weniger +rücksichtsvoll nahmen die Senatoren sein Anliegen auf. Zunächst ward in den +Sibyllinischen Orakeln entdeckt, daß es gottlos sei, ein römisches Heer nach +Ägypten zu senden; worauf der fromme Senat fast einstimmig beschloß, von der +bewaffneten Intervention abzustehen. Pompeius war bereits so gedemütigt, daß er +auch ohne Heer die Sendung angenommen haben würde; allein in seiner +unverbesserlichen Hinterhältigkeit ließ er auch dies nur durch seine Freunde +erklären und sprach und stimmte für die Absendung eines anderen Senators. +Natürlich wies der Senat jenen Vorschlag zurück, der ein dem Vaterlande so +kostbares Leben freventlich preisgab, und das schließliche Ergebnis der +endlosen Verhandlungen war der Beschluß, überhaupt in Ägypten nicht zu +intervenieren (Januar 698 56). +</p> + +<p> +Diese wiederholten Zurückweisungen, die Pompeius im Senat erfuhr und, was +schlimmer war, hingehen lassen mußte, ohne sie wettzumachen, galten natürlich, +mochten sie kommen von welcher Seite sie wollten, dem großen Publikum als +ebensoviele Siege der Republikaner und Niederlagen der Machthaber überhaupt; +die Flut der republikanischen Opposition war demgemäß im stetigen Steigen. +Schon die Wahlen für 698 (56) waren nur zum Teil im Sinne der Dynasten +ausgefallen: Caesars Kandidaten für die Prätur, Publius Vatinius und Gaius +Alfius, waren durchgegangen, dagegen zwei entschiedene Anhänger der gestürzten +Regierung, Gnaeus Lentulus Marcellinus und Gnaeus Domitius Calvinus, jener zum +Konsul, dieser zum Prätor gewählt worden. Für 699 (55) aber war als Bewerber um +das Konsulat gar Lucius Domitius Ahenobarbus aufgetreten, dessen Wahl bei +seinem Einfluß in der Hauptstadt und seinem kolossalen Vermögen schwer zu +verhindern und von dem es hinreichend bekannt war, daß er sich nicht an +verdeckter Opposition werde genügen lassen. Die Komitien also rebellierten; und +der Senat stimmte ein. Es ward feierlich von ihm geratschlagt über ein +Gutachten, das etruskische Wahrsager von anerkannter Weisheit über gewisse +Zeichen und Wunder auf Verlangen des Senats abgegeben hatten. Die himmlische +Offenbarung verkündete, daß durch den Zwist der höheren Stände die ganze Gewalt +über Heer und Schatz auf einen Gebieter überzugehen und der Staat in Unfreiheit +zu geraten drohe - es schien, daß die Götter zunächst auf den Antrag des Gaius +Messius zielten. Bald stiegen die Republikaner vom Himmel auf die Erde herab. +Das Gesetz über das Gebiet von Capua und die übrigen von Caesar als Konsul +erlassenen Gesetze waren von ihnen stets als nichtig bezeichnet, und schon im +Dezember 697 (57) im Senat geäußert worden, daß es erforderlich sei, sie wegen +ihrer Formfehler zu kassieren. Am 6. April 698 (56) stellte der Konsular Cicero +im vollen Senat den Antrag, die Beratung über die kampanische Ackerverteilung +für den 15. Mai auf die Tagesordnung zu setzen. Es war die förmliche +Kriegserklärung; und sie war um so bezeichnender, als sie aus dem Munde eines +jener Männer kam, die nur dann ihre Farbe zeigen, wenn sie meinen, es mit +Sicherheit tun zu können. Offenbar hielt die Aristokratie den Augenblick +gekommen, um den Kampf nicht mit Pompeius gegen Caesar, sondern gegen die +Tyrannis überhaupt zu beginnen. Was weiter folgen werde, war leicht zu sehen. +Domitius hatte es kein Hehl, daß er als Konsul Caesars sofortige Abberufung aus +Gallien bei der Bürgerschaft zu beantragen beabsichtige. Eine aristokratische +Restauration war im Werke; und mit dem Angriff auf die Kolonie Capua warf die +Nobilität den Machthabern den Handschuh hin. +</p> + +<p> +Caesar, obwohl er über die hauptstädtischen Ereignisse von Tag zu Tag +detaillierte Berichte empfing und, wenn die militärischen Rücksichten es irgend +erlaubten, sie von seiner Südprovinz aus in möglichster Nähe verfolgte, hatte +doch bisher sichtbar wenigstens nicht in dieselben eingegriffen. Aber jetzt +hatte man ihm so gut wie seinen Kollegen, ja ihm vornehmlich, den Krieg +erklärt, er mußte handeln und handelte rasch. Eben befand er sich in der Nähe; +die Aristokratie hatte nicht einmal für gut befunden, mit dem Bruche zu warten, +bis er wieder über die Alpen zurückgegangen sein würde. Anfang April 698 (56) +verließ Crassus die Hauptstadt, um mit seinem mächtigeren Kollegen das +Erforderliche zu verabreden; er fand Caesar in Ravenna. Von da aus begaben +beide sich nach Luca und hier traf auch Pompeius mit ihnen zusammen, der bald +nach Crassus (11. April), angeblich um die Getreidesendungen aus Sardinien und +Afrika zu betreiben, sich von Rom entfernt hatte. Die namhaftesten Anhänger der +Machthaber, wie der Prokonsul des diesseitigen Spaniens, Metellus Nepos, der +Proprätor von Sardinien, Appius Claudius, und viele andere, folgten ihnen nach; +hundertundzwanzig Liktoren, über zweihundert Senatoren zählte man auf dieser +Konferenz, wo bereits, im Gegensatz zu dem republikanischen, der neue +monarchische Senat repräsentiert war. In jeder Hinsicht stand das entscheidende +Wort bei Caesar. Er benutzte es, um die bestehende Gesamtherrschaft auf einer +neuen Basis gleichmäßigerer Machtverteilung wiederherzustellen und fester zu +gründen. Die militärisch bedeutendsten Statthalterschaften, die es neben der +der beiden Gallien gab, wurden den zwei Kollegen zugestanden: Pompeius die +beider Spanien, Crassus die von Syrien, welche Ämter ihnen durch Volksschluß +auf fünf Jahre (700-704 54-50) gesichert und militärisch wie finanziell +angemessen ausgestattet werden sollten. Dagegen bedang Caesar sich die +Verlängerung seines Kommandos, das mit dem Jahre 700 (54) zu Ende lief, bis zum +Schluß des Jahres 705 (49) aus, sowie die Befugnis, seine Legionen auf zehn zu +vermehren und die Übernahme des Soldes für die eigenmächtig von ihm +ausgehobenen Truppen auf die Staatskasse. Pompeius und Crassus ward ferner für +das nächste Jahr (699 55), bevor sie in ihre Statthalterschaften abgingen, das +zweite Konsulat zugesagt, während Caesar es sich offen hielt, gleich nach +Beendigung seiner Statthalterschaft im Jahre 706 (48), wo das gesetzlich +zwischen zwei Konsulaten erforderliche zehnjährige Intervall für ihn +verstrichen war, zum zweitenmal das höchste Amt zu verwalten. Den militärischen +Rückhalt, dessen Pompeius und Crassus zur Regulierung der hauptstädtischen +Verhältnisse um so mehr bedurften, als die ursprünglich hierzu bestimmten +Legionen Caesars jetzt aus dem Transalpinischen Gallien nicht weggezogen werden +konnten, fanden sie in den Legionen, die sie für die spanischen und syrischen +Armeen neu ausheben und erst, wenn es ihnen selber angemessen schiene, von +Italien aus an ihre verschiedenen Bestimmungsplätze abgehen lassen sollten. Die +Hauptfragen waren damit erledigt; die untergeordneten Dinge, wie die +Festsetzung der gegen die hauptstädtische Opposition zu befolgenden Taktik, die +Regulierung der Kandidaturen für die nächsten Jahre und dergleichen mehr, +hielten nicht lange auf. Die persönlichen Zwistigkeiten, die dem Verträgnis im +Wege standen, schlichtete der große Meister der Vermittlung mit gewohnter +Leichtigkeit und zwang die widerstrebenden Elemente, sich miteinander zu +behaben. Zwischen Pompeius und Crassus ward äußerlich wenigstens ein +kollegialisches Einvernehmen wiederhergestellt. Sogar Publius Clodius ward +bestimmt, sich und seine Meute ruhig zu halten und Pompeius nicht ferner zu +belästigen - keine der geringsten Wundertaten des mächtigen Zauberers. +</p> + +<p> +Daß diese ganze Schlichtung der schwebenden Fragen nicht aus einem Kompromiß +selbständiger und ebenbürtig rivalisierender Machthaber, sondern lediglich aus +dem guten Willen Caesars hervorging, zeigen die Verhältnisse. Pompeius befand +sich in Luca in der peinlichen Lage eines machtlosen Flüchtlings, welcher +kommt, bei seinem Gegner Hilfe zu erbitten. Mochte Caesar ihn zurückweisen und +die Koalition als gelöst erklären oder auch ihn aufnehmen und den Bund +fortbestehen lassen, wie er eben war - Pompeius war sowieso politisch +vernichtet. Wenn er in diesem Fall mit Caesar nicht brach, so war er der +machtlose Schutzbefohlene seines Verbündeten. Wenn er dagegen mit Caesar brach +und, was nicht gerade wahrscheinlich war, noch jetzt eine Koalition mit der +Aristokratie zustande brachte, so war doch auch dieses notgedrungen und im +letzten Augenblick abgeschlossene Bündnis der Gegner so wenig furchtbar, daß +Caesar schwerlich, um dies abzuwenden, sich zu jenen Konzessionen verstanden +hat. Eine ernstliche Rivalität des Crassus Caesar gegenüber war vollends +unmöglich. Es ist schwer zu sage., welche Motive Caesar bestimmten, seine +überlegene Stellung ohne Not aufzugeben und, was er seinem Nebenbuhler selbst +bei dem Abschluß des Bundes 694 (60) versagt und dieser seitdem, in der +offenbaren Absicht gegen Caesar gerüstet zu sein, auf verschiedenen Wegen ohne, +ja gegen Caesars Willen vergeblich angestrebt hatte, das zweite Konsulat und +die militärische Macht, jetzt freiwillig ihm einzuräumen. Allerdings ward nicht +Pompeius allein an die Spitze eines Heeres gestellt, sondern auch sein alter +Feind und Caesars langjähriger Verbündeter Crassus; und unzweifelhaft erhielt +Crassus seine ansehnliche militärische Stellung nur als Gegengewicht gegen +Pompeius’ neue Macht. Allein nichtsdestoweniger verlor Caesar unendlich, +indem sein Rival für seine bisherige Machtlosigkeit ein bedeutendes Kommando +eintauschte. Es ist möglich, daß Caesar sich seiner Soldaten noch nicht +hinreichend Herr fühlte, um sie mit Zuversicht in den Krieg gegen die formellen +Autoritäten des Landes zu führen, und darum ihm daran gelegen war, nicht jetzt +durch die Abberufung aus Gallien zum Bürgerkrieg gedrängt zu werden; allein ob +es zum Bürgerkriege kam oder nicht, stand augenblicklich weit mehr bei der +hauptstädtischen Aristokratie als bei Pompeius, und es wäre dies höchstens ein +Grund für Caesar gewesen, nicht offen mit Pompeius zu brechen, um nicht durch +diesen Bruch die Opposition zu ermutigen, nicht aber ihm das zuzugestehen, was +er ihm zugestand. Rein persönliche Motive mochten mitwirken; es kann sein, daß +Caesar sich erinnerte, einstmals in gleicher Machtlosigkeit Pompeius +gegenübergestanden zu haben und nur durch dessen freilich mehr schwach- als +großmütiges Zurücktreten vom Untergang gerettet worden zu sein; es ist +wahrscheinlich, daß Caesar sich scheute, das Herz seiner geliebten und ihren +Gemahl aufrichtig liebenden Tochter zu zerreißen - in seiner Seele war für +vieles Raum noch neben dem Staatsmann. Allein die entscheidende Ursache war +unzweifelhaft die Rücksicht auf Gallien. Caesar betrachtete - anders als seine +Biographen - die Unterwerfung Galliens nicht als eine zur Gewinnung der Krone +ihm nützliche beiläufige Unternehmung, sondern es hing ihm die äußerliche +Sicherheit und die innere Reorganisation, mit einem Worte, die Zukunft des +Vaterlandes daran. Um diese Eroberung ungestört vollenden zu können und nicht +gleich jetzt die Entwirrung der italischen Verhältnisse in die Hand nehmen zu +müssen, gab er unbedenklich seine Überlegenheit über seinen Rivalen daran und +gewährte Pompeius hinreichende Macht, um mit dem Senat und dessen Anhang +fertigzuwerden. Es war das ein arger politischer Fehler, wenn Caesar nichts +wollte, als möglichst rasch König von Rom werden; allein der Ehrgeiz des +seltenen Mannes beschränkte sich nicht auf das niedrige Ziel einer Krone. Er +traute es sich zu, die beiden ungeheuren Arbeiten: die Ordnung der inneren +Verhältnisse Italiens und die Gewinnung und Sicherung eines neuen und frischen +Bodens für die italische Zivilisation, nebeneinander zu betreiben und zu +vollenden. Natürlich kreuzten sich diese Aufgaben; seine gallischen Eroberungen +haben ihn auf seinem Wege zum Thron viel mehr noch gehemmt als gefördert. Es +trug ihm bittere Früchte, daß er die italische Revolution, statt sie im Jahre +698 (56) zu erledigen, auf das Jahr 706 (48) hinausschob. Allein als Staatsmann +wie als Feldherr war Caesar ein überverwegener Spieler, der, sich selber +vertrauend wie seine Gegner verachtend, ihnen immer viel und mitunter über +alles Maß hinaus vorgab. +</p> + +<p> +Es war nun also an der Aristokratie, ihren hohen Einsatz gutzumachen und den +Krieg so kühn zu führen, wie sie kühn ihn erklärt hatte. Allein es gibt kein +kläglicheres Schauspiel, als wenn feige Menschen das Unglück haben, einen +mutigen Entschluß zu fassen. Man hatte sich eben auf gar nichts vorgesehen. +Keinem schien es beigefallen zu sein, daß Caesar möglicherweise sich zur Wehr +setzen, daß nun gar Pompeius und Crassus sich mit ihm aufs neue und enger als +je vereinigen würden. Das scheint unglaublich; man begreift es, wenn man die +Persönlichkeiten ins Auge faßt, die damals die verfassungstreue Opposition im +Senate führten. Cato war noch abwesend ^2; der einflußreichste Mann im Senat +war in dieser Zeit Marcus Bibulus, der Held des passiven Widerstandes, der +eigensinnigste und stumpfsinnigste aller Konsulare. Man hatte die Waffen +lediglich ergriffen, um sie zu strecken, sowie der Gegner nur an die Scheide +schlug; die bloße Kunde von den Konferenzen in Luca genügte, um jeden Gedanken +einer ernstlichen Opposition niederzuschlagen und die Masse der Ängstlichen, +das heißt die ungeheure Majorität des Senats, wieder zu ihrer in unglücklicher +Stunde verlassenen Untertanenpflicht zurückzubringen. Von der anberaumten +Verhandlung zur Prüfung der Gültigkeit der Julischen Gesetze war nicht weiter +die Rede; die von Caesar auf eigene Hand errichteten Legionen wurden durch +Beschluß des Senats auf die Staatskasse übernommen; die Versuche, bei der +Regulierung der nächsten Konsularprovinzen Caesar beide Gallien oder doch das +eine derselben hinwegzudekretieren, wurden von der Majorität abgewiesen (Ende +Mai 698 56). So tat die Körperschaft öffentlich Buße. Im geheimen kamen die +einzelnen Herren, einer nach dem andern, tödlich erschrocken über ihre eigene +Verwegenheit, um ihren Frieden zu machen und unbedingten Gehorsam zu geloben - +keiner schneller als Marcus Cicero, der seine Wortbrüchigkeit zu spät bereute +und hinsichtlich seiner jüngsten Vergangenheit sich mit Ehrentiteln belegte, +die durchaus mehr treffend als schmeichelhaft waren ^3. Natürlich ließen die +Machthaber sich beschwichtigen; man versagte keinem den Pardon, da keiner die +Mühe lohnte, mit ihm eine Ausnahme zu machen. Um zu erkennen, wie plötzlich +nach dem Bekanntwerden der Beschlüsse von Luca der Ton in den aristokratischen +Kreisen umschlug, ist es der Mühe wert, die kurz zuvor von Cicero ausgegangenen +Broschüren mit der Palinodie zu vergleichen, die er ausgehen ließ, um seine +Reue und seine guten Vorsätze öffentlich zu konstatieren ^4. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +^2 Cato war noch nicht in Rom, als Cicero am 11. März 698 (56) für Sestius +sprach (Sest. 28, 60) und als im Senat infolge der Beschlüsse von Luca über +Caesars Legionen verhandelt ward (Plut. Caes. 21); erst bei den Verhandlungen +im Anfang 699 (55) finden wir ihn wieder tätig; und da er im Winter reiste +(Plus. Cato min 38), kehrte er also Ende 698 (56) nach Rom zurück. Er kann +daher auch nicht, wie man mißverständlich aus Asconius (p. 35, 53) gefolgert +hat, im Februar 698 (56) verteidigt haben. +</p> + +<p> +^3 Me asinum germanum fuisse (Art. 4, 5, 3). +</p> + +<p> +^4 Diese Palinodie ist die noch vorhandene Rede über die den Konsuln des Jahres +699 (55) anzuweisenden Provinzen. Sie ist Ausgang Mai 698 (56) gehalten; die +Gegenstücke dazu sind die Reden für Sestius und gegen Vatinius und die über das +Gutachten der etruskischen Wahrsager aus den Monaten März und April, in denen +das aristokratische Regime nach Kräften verherrlicht und namentlich in sehr +kavalierem Ton behandelt wird. Man kann es nur billigen, daß Cicero, wie er +selbst gesteht (Att. 4, 5, 1), sogar vertrauten Freunden jenes Dokument seines +wiedergekehrten Gehorsams zu übersenden sich schämte. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +Wie es ihnen gefiel und gründlicher als zuvor konnten also die Machthaber die +italischen Verhältnisse ordnen. Italien und die Hauptstadt erhielten +tatsächlich eine, wenn auch nicht unter den Waffen versammelte Besatzung und +einen der Machthaber zum Kommandanten. Von den für Syrien und Spanien durch +Crassus und Pompeius ausgehobenen Truppen gingen zwar die ersteren nach dem +Osten ab; allein Pompeius ließ die beiden spanischen Provinzen durch seine +Unterbefehlshaber mit der bisher dort stehenden Besatzung verwalten, während er +die Offiziere und Soldaten der neu, dem Namen nach zum Abgang nach Spanien +ausgehobenen Legionen auf Urlaub entließ und selbst mit ihnen in Italien blieb. +Wohl steigerte sich der stille Widerstand der öffentlichen Meinung, je +deutlicher und allgemeineres begriffen ward, daß die Machthaber daran +arbeiteten, mit der alten Verfassung ein Ende zu machen und in möglichst +schonender Weise die bestehenden Verhältnisse der Regierung und Verwaltung in +die Formen der Monarchie zu fügen; allein man gehorchte, weil man mußte. Vor +allen Dingen wurden alle wichtigeren Angelegenheiten und namentlich alle das +Militärwesen und die äußeren Verhältnisse betreffenden, ohne den Senat deswegen +zu fragen, bald durch Volksbeschluß, bald durch das bloße Gutfinden der +Herrscher erledigt. Die in Luca vereinbarten Bestimmungen hinsichtlich des +Militärkommandos von Gallien wurden durch Crassus und Pompeius, die Spanien und +Syrien betreffenden durch den Volkstribun Gaius Trebonius unmittelbar an die +Bürgerschaft gebracht, auch sonst wichtigere Statthalterschaften häufig durch +Volksschluß besetzt. Daß für die Machthaber es der Einwilligung der Behörden +nicht bedürfe, um ihre Truppen beliebig zu vermehren, hatte Caesar bereits +hinreichend dargetan; ebensowenig trugen sie Bedenken, ihre Truppen sich +untereinander zu borgen, wie zum Beispiel Caesar von Pompeius für den +Gallischen, Crassus von Caesar für den Parthischen Krieg solche kollegialische +Unterstützung empfing. Die Transpadaner, denen nach der bestehenden Verfassung +nur das latinische Recht zustand, wurden von Caesar während seiner Verwaltung +tatsächlich als römische Vollbürger behandelt ^5. Wenn sonst die Einrichtung +neu erworbener Gebiete durch eine Senatskommission beschafft worden war, so +organisierte Caesar seine ausgedehnten gallischen Eroberungen durchaus nach +eigenem Ermessen und gründete zum Beispiel ohne jede weitere Vollmacht +Bürgerkolonien, namentlich Novum Comum (Como) mit fünftausend Kolonisten. Piso +führte den Thrakischen, Gabinius den Ägyptischen, Crassus den Parthischen +Krieg, ohne den Senat zu fragen, ja ohne auch nur, wie es herkömmlich war, an +den Senat zu berichten; in ähnlicher Weise wurden Triumphe und andere +Ehrenbezeigungen bewilligt und vollzogen, ohne daß der Senat darum begrüßt +ward. Offenbar liegt hierin nicht eine bloße Vernachlässigung der Formen, die +um so weniger erklärlich wäre, als in den bei weitem meisten Fällen eine +Opposition des Senats durchaus nicht zu erwarten war. Vielmehr war es die +wohlberechnete Absicht, den Senat von dem militärischen und dem Gebiet der +höheren Politik zu verdrängen und seine Teilnahme an der Verwaltung auf die +finanziellen Fragen und die inneren Angelegenheiten zu beschränken; und auch +die Gegner erkannten dies wohl und protestierten, soweit sie konnten, gegen +dies Verfahren der Machthaber durch Senatsbeschlüsse und Kriminalklagen. +Während die Machthaber also den Senat in der Hauptsache beiseite schoben, +bedienten sie sich der minder gefährlichen Volksversammlungen auch ferner noch +- es war dafür gesorgt, daß die Herren der Straße denen des Staats dabei keine +Schwierigkeit mehr in den Weg legten; indes in vielen Fällen entledigte man +sich auch dieses leeren Schemens und gebrauchte unverhohlen autokratische +Formen. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^5 Überliefert ist dies nicht. Allein daß Caesar auf den latinischen Gemeinden, +das heißt aus dem bei weitem größeren Teil seiner Provinz überhaupt keine +Soldaten ausgehoben hat, ist an sich schon völlig unglaublich und wird geradezu +widerlegt dadurch, daß die Gegenpartei die von Caesar ausgehobene Mannschaft +geringschätzig bezeichnet als “größtenteils aus den transpadanischen +Kolonie* gebürtig” (Caes. civ. 3, 87); denn hier sind offenbar die +launischen Kolonien Strabos (Ascon. Pis. p. 3; Suet. Caes. 8) gemeint. Von +launischen Kohorten aber findet sich in Caesars gallischer Armee keine Spur; +vielmehr sind nach seinen ausdrücklichen Angaben alle von ihm im Cisalpinischen +Gallien ausgehobenen Rekruten den Legionen zu- oder in Legionen eingeteilt +worden. Es ist möglich, daß Caesar mit der Aushebung die Schenkung des +Bürgerrechts verband; aber wahrscheinlicher hielt er vielmehr in dieser +Angelegenheit den Standpunkt seiner Partei fest, welche den Transpadanern das +römische Bürgerrecht nicht so sehr zu verschaffen suchte, als vielmehr es +ansah, als ihnen schon gesetzlich zustehend. Nur so konnte sich das Gerücht +verbreiten, daß Caesar von sich aus bei den transpadanischen Gemeinden römische +Munizipalverfassung eingeführt habe (Cic. Att. 5, 3, 2; ad fam. 8, 1 2). So +erklärt es sich auch, warum Hirtius die transpadanischen Städte als +“Kolonien römischer Bürger” bezeichnet (Gall. 8, 24) und warum +Caesar die von ihm gegründete Kolonie Comum als Bürgerkolonie behandelte (Suet. +Caes. 28; Strab. 5, 1 p. 213; Plut. Caes. 29), während die gemäßigte Partei der +Aristokratie ihr nur dasselbe Recht wie den übrigen transpadanischen Gemeinden, +also das launische, zugestand, die Ultras sogar das den Ansiedlern erteilte +Stadtrecht überhaupt für nichtig erklärten, also auch die an die Bekleidung +eines launischen Munizipalamtes geknüpften Privilegien den Comensern nicht +zugestanden (Cic. Att. 5, 11, 2; App. civ. 2, 26). Vgl. Hermes 16, 1880, S. 30. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Der gedemütigte Senat mußte wohl oder übel in seine Lage sich schicken. Der +Führer der gehorsamen Majorität blieb Marcus Cicero. Er war brauchbar wegen +seines Advokatentalents, für alles Gründe oder doch Worte zu finden, und es lag +eine echt Caesarische Ironie darin, den Mann, mittels dessen vorzugsweise die +Aristokratie ihre Demonstrationen gegen die Machthaber aufgeführt hatte, als +Mundstück des Servilismus zu verwenden. Darum erteilte man ihm Verzeihung für +sein kurzes Gelüsten, wider den Stachel zu löcken, jedoch nicht ohne sich +vorher seiner Unterwürfigkeit in jeder Weise versichert zu haben. Gewissermaßen +um als Geisel für ihn zu haften, hatte sein Bruder einen Offizierposten im +gallischen Heere übernehmen müssen; ihn selbst hatte Pompeius genötigt, eine +Unterbefehlshaberstelle unter ihm anzunehmen, welche eine Handhabe hergab, um +ihn jeden Augenblick mit Manier zu verbannen. Clodius war zwar angewiesen +worden, ihn bis weiter in Ruhe zu lassen, aber Caesar ließ ebensowenig um +Ciceros willen den Clodius fallen wie den Cicero um des Clodius willen, und der +große Vaterlandserretter wie der nicht minder große Freiheitsmann machten im +Hauptquartier von Samarobriva sich eine Antichambrekonkurrenz, die gehörig zu +illustrieren es leider an einem römischen Aristophanes gebrach. Aber nicht bloß +ward dieselbe Rute über Ciceros Haupte schwebend erhalten, die ihn bereits +einmal so schmerzlich getroffen hatte; auch goldene Fesseln wurden ihm +angelegt. Bei seinen bedenklich verwickelten Finanzen waren ihm die zinsfreien +Darlehen Caesars und die Mitaufseherschaft über die ungeheure Summen in Umlauf +setzenden Bauten desselben in hohem Grade willkommen und manche unsterbliche +Senatsrede erstickte in dem Gedanken an den Geschäftsträger Caesars, der nach +dem Schluß der Sitzung ihm den Wechsel präsentieren möchte. Also gelobte er +sich, “künftig nicht mehr nach Recht und Ehre zu fragen, sondern um die +Gunst der Machthaber sich zu bemühen” und “geschmeidig zu sein wie +ein Ohrläppchen”. Man brauchte ihn denn, wozu er gut war: als Advokaten, +wo es vielfach sein Los war, eben seine bittersten Feinde auf höheren Befehl +verteidigen zu müssen, und vor allem im Senat, wo er fast regelmäßig den +Dynasten als Organ diente und die Anträge stellte, “denen andere wohl +zustimmten, er aber selbst nicht”; ja als anerkannter Führer der +Majorität der Gehorsamen erlangte er sogar eine gewisse politische Bedeutung. +In ähnlicher Weise wie mit Cicero verfuhr man mit den übrigen der Furcht, der +Schmeichelei oder dem Golde zugänglichen Mitgliedern des regierenden +Kollegiums, und es gelang, dasselbe im ganzen botmäßig zu erhalten. +</p> + +<p> +Allerdings blieb eine Fraktion von Gegnern, die wenigstens Farbe hielten und +weder zu schrecken noch zu gewinnen waren. Die Machthaber hatten sich +überzeugt, daß Ausnahmemaßregeln, wie die gegen Cato und Cicero, der Sache mehr +schadeten als nützten und daß es ein minderes Übel sei, die unbequeme +republikanische Opposition zu ertragen, als aus den Opponenten Märtyrer der +Republik zu machen. Darum ließ man es geschehen, daß Cato zurückkam (Ende 698 +56) und von da an wieder im Senat und auf dem Markte, oft unter Lebensgefahr, +den Machthabern eine Opposition machte, die wohl ehrenwert, aber leider doch +auch zugleich lächerlich war. Man ließ es geschehen, daß er es bei Gelegenheit +der Anträge des Trebonius auf dein Marktplatz wieder einmal bis zum Handgemenge +trieb und daß er im Senat den Antrag stellte, den Prokonsul Caesar wegen seines +treulosen Benehmens gegen die Usipeten und Tencterer diesen Barbaren +auszuliefern. Man nahm es hin, daß Marcus Favonius, Catos Sancho, nachdem der +Senat den Beschluß gefaßt hatte, die Legionen Caesars auf die Staatskasse zu +übernehmen, zur Tür der Kurie sprang und die Gefahr des Vaterlandes auf die +Gasse hinausrief; daß derselbe in seiner skurrilen Art die weiße Binde, die +Pompeius um sein krankes Bein trug, ein deplaziertes Diadem hieß; daß der +Konsular Lentulus Marcellinus, da man ihm Beifall klatschte, der Versammlung +zurief, sich dieses Rechts, ihre Meinung zu äußern, jetzt ja fleißig zu +bedienen, da es ihnen noch gestattet sei; daß der Volkstribun Gaius Ateius +Capito den Crassus bei seinem Abzug nach Syrien in allen Formen damaliger +Theologie öffentlich den bösen Geistern überantwortete. Im ganzen waren dies +eitle Demonstrationen einer verbissenen Minorität: doch war die kleine Partei, +von der sie ausgingen, insofern von Bedeutung, als sie teils der im stillen +gärenden republikanischen Opposition Nahrung und Losung gab, teils ab und zu +doch die Senatsmajorität, die ja im Grunde ganz dieselben Gesinnungen gegen die +Machthaber hegte, zu einem gegen diese gerichteten Beschluß fortriß. Denn auch +die Majorität fühlte das Bedürfnis, wenigstens zuweilen und in untergeordneten +Dingen ihrem verhaltenen Groll Luft zu machen und namentlich, nach der Weise +der widerwillig Servilen, ihren Groll gegen die großen Feinde wenigstens an den +kleinen auszulassen. Wo es nur anging, ward den Werkzeugen der Machthaber ein +leiser Fußtritt versetzt: so wurde Gabinius das erbetene Dankfest verweigert +(698 56), so Piso aus der Provinz abberufen, so vom Senat Trauer angelegt, als +der Volkstribun Gaius Cato die Wahlen für 699 (55) so lange hinderte, bis der +der Verfassungspartei angehörige Konsul Marcellinus vom Amt abgetreten war. +Sogar Cicero, wie demütig er immer vor den Machthabern sich neigte, ließ doch +auch eine ebenso giftige wie geschmacklose Broschüre gegen Caesars +Schwiegervater ausgehen. Aber sowohl diese oppositionellen Velleitäten der +Senatsmajorität wie der resultatlose Widerstand der Minorität zeigen nur um so +deutlicher, daß das Regiment, wie einst von der Bürgerschaft auf den Senat, so +jetzt von diesem auf die Machthaber übergegangen und der Senat schon nicht viel +mehr war als ein monarchischer, aber auch zur Absorbierung der +antimonarchischen Elemente benutzter Staatsrat. “Kein Mensch”, +klagten die Anhänger der gestürzten Regierung, “gilt das mindeste außer +den dreien; die Herrscher sind allmächtig und sie sorgen dafür, daß keiner +darüber im unklaren bleibe; der ganze Senat ist wie umgewandelt und gehorcht +den Gebietern; unsere Generation wird einen Umschwung der Dinge nicht +erleben.” Man lebte eben nicht in der Republik, sondern in der Monarchie. +</p> + +<p> +Aber wenn über die Lenkung des Staats von den Machthabern unumschränkt verfügt +ward, so blieb noch ein von dem eigentlichen Regiment gewissermaßen +abgesondertes politisches Gebiet, das leichter zu verteidigen und schwerer zu +erobern war: das der ordentlichen Beamtenwahlen und das der +Geschworenengerichte. Daß die letzteren nicht unmittelbar unter die Politik +fallen, aber überall und vor allem in Rom von dem das Staatswesen +beherrschenden Geiste mitbeherrscht werden, ist von selber klar. Die Wahlen der +Beamten gehörten allerdings von Rechts wegen zu dem eigentlichen Regiment des +Staates; allein da in dieser Zeit derselbe wesentlich durch außerordentliche +Beamte oder auch ganz titellose Männer verwaltet ward und selbst die höchsten +ordentlichen Beamten, wenn sie zu der antimonarchischen Partei gehörten, auf +die Staatsmaschine in irgend fühlbarer Weise einzuwirken nicht vermochten, so +sanken die ordentlichen Beamten mehr und mehr herab zu Figuranten, wie sich +denn auch eben die oppositionellsten von ihnen geradezu und mit vollem Recht +als machtlose Nullen bezeichneten, ihre Wahlen also zu Demonstrationen. So +konnte, nachdem die Opposition von dem eigentlichen Schlachtfeld bereits +gänzlich verdrängt war, dennoch die Fehde noch in den Wahlen und den Prozessen +fortgeführt werden. Die Machthaber sparten keine Mühe, um auch hier Sieger zu +bleiben. Hinsichtlich der Wahlen hatten sie bereits in Luca für die nächsten +Jahre die Kandidatenlisten untereinander festgestellt und ließen kein Mittel +unversucht, um die dort vereinbarten Kandidaten durchzubringen. Zunächst zum +Zweck der Wahlagitation spendeten sie ihr Gold aus. Jährlich wurden aus Caesars +und Pompeius’ Heeren eine große Anzahl Soldaten auf Urlaub entlassen, um +an den Abstimmungen in Rom teilzunehmen. Caesar pflegte selbst von Oberitalien +aus in möglichster Nähe die Wahlbewegungen zu leiten und zu überwachen. Dennoch +ward der Zweck nur sehr unvollkommen erreicht. Für 699 (55) wurden zwar, dem +Vertrag von Luca entsprechend, Pompeius und Crassus zu Konsuln gewählt und der +einzige ausharrende Kandidat der Opposition, Lucius Domitius, beseitigt; allein +schon dies war nur durch offenbare Gewalt durchgesetzt worden, wobei Cato +verwundet ward und andere höchst ärgerliche Auftritte vorfielen. In den +nächsten Konsularwahlen für 700 (54) ward gar, allen Anstrengungen der +Machthaber zum Trotz, Domitius wirklich gewählt, und auch Cato siegte jetzt ob +in der Bewerbung um die Prätur, in der ihn das Jahr zuvor zum Ärgernis der +ganzen Bürgerschaft Caesars Klient Vatinius aus dem Felde geschlagen hatte. Bei +den Wahlen für 701 (53) gelang es der Opposition, unter andern Kandidaten auch +die der Machthaber so unwidersprechlich der ärgerlichsten Wahlumtriebe zu +überweisen, daß diese, auf die der Skandal zurückfiel, nicht anders konnten als +sie fallen lassen. Diese wiederholten und argen Niederlagen der Dynasten auf +dem Wahlschlachtfeld mögen zum Teil zurückzuführen sein auf die +Unregierlichkeit der eingerosteten Maschinerie, die unberechenbaren +Zufälligkeiten des Wahlgeschäfts, die Gesinnungsopposition der Mittelklassen, +die mancherlei hier eingreifenden und die Parteistellung oft seltsam +durchkreuzenden Privatrücksichten; die Hauptursache aber liegt anderswo. Die +Wahlen waren in dieser Zeit wesentlich in der Gewalt der verschiedenen Klubs, +in die die Aristokratie sich gruppierte; das Bestechungswesen war von denselben +im umfassendsten Maßstab und mit größter Ordnung organisiert. Dieselbe +Aristokratie also, die im Senat vertreten war, beherrschte auch die Wahlen; +aber wenn sie im Senat grollend nachgab, wirkte und stimmte sie hier im +geheimen und vor jeder Rechenschaft sicher den Machthabern unbedingt entgegen. +Daß durch das strenge Strafgesetz gegen die klubbistischen Wahlumtriebe, das +Crassus als Konsul 699 (55) durch die Bürgerschaft bestätigen ließ, der Einfluß +der Nobilität auf diesem Felde keineswegs gebrochen ward, versteht sich von +selbst und zeigen die Wahlen der nächsten Jahre. +</p> + +<p> +Ebensogroße Schwierigkeiten machten den Machthabern die Geschworenengerichte. +Bei ihrer dermaligen Zusammensetzung entschied in denselben, neben dem auch +hier einflußreichen Senatsadel, vorwiegend die Mittelklasse. Die Festsetzung +eines hochgegriffenen Geschworenenzensus durch ein von Pompeius 699 (55) +beantragtes Gesetz ist ein bemerkenswerter Beweis dafür, daß die Opposition +gegen die Machthaber ihren Hauptsitz in dem eigentlichen Mittelstand hatte und +die hohe Finanz hier wie überall sich gefügiger erwies als dieser. +Nichtsdestoweniger war der republikanischen Partei hier noch nicht aller Boden +entzogen und sie ward nicht müde, mit politischen Kriminalanklagen, zwar nicht +die Machthaber selbst, aber wohl deren hervorragende Werkzeuge zu verfolgen. +Dieser Prozeßkrieg ward um so lebhafter geführt, als dem Herkommen gemäß das +Anklagegeschäft der senatorischen Jugend zukam und begreiflicherweise unter +diesen Jünglingen mehr als unter den älteren Standesgenossen noch +republikanische Leidenschaft, frisches Talent und kecke Angriffslust zu finden +war. Allerdings waren die Gerichte nicht frei; wenn die Machthaber Ernst +machten, wagten sie so wenig wie der Senat den Gehorsam zu verweigern. Keiner +von den Gegnern wurde von der Opposition mit so grimmigem, fast sprichwörtlich +gewordenem Hasse verfolgt wie Vatinius, bei weitem der verwegenste und +unbedenklichste unter den engeren Anhängern Caesars; aber sein Herr befahl, und +er ward in allen gegen ihn erhobenen Prozessen freigesprochen. Indes Anklagen +von Männern, die so wie Gaius Licinius Calvus und Gaius Asinius Pollio das +Schwert der Dialektik und die Geißel des Spottes zu schwingen verstanden, +verfehlten ihr Ziel selbst dann nicht, wenn sie scheiterten; und auch einzelne +Erfolge blieben nicht aus. Meistens freilich wurden sie über untergeordnete +Individuen davongetragen, allein auch einer der höchstgestellten und +verhaßtesten Anhänger der Dynasten, der Konsulat Gabinius, ward auf diesem Wege +gestürzt. Allerdings vereinigte mit dem unversöhnlichen Haß der Aristokratie, +die ihm das Gesetz über die Führung des Seeräuberkrieges so wenig vergab wie +die wegwerfende Behandlung des Senats während seiner syrischen +Statthalterschaft, sich gegen Gabinius die Wut der hohen Finanz, der gegenüber +er als Statthalter Syriens es gewagt hatte, die Interessen der Provinzialen zu +vertreten, und selbst der Groll des Crassus, dem er bei Übergabe der Provinz +Weitläufigkeiten gemacht hatte. Sein einziger Schutz gegen alle diese Feinde +war Pompeius, und dieser hatte alle Ursache, seinen fähigsten, kecksten und +treuesten Adjutanten um jeden Preis zu verteidigen; aber hier wie überall +verstand er es nicht, seine Macht zu gebrauchen und seine Klienten so zu +vertreten, wie Caesar die seinigen vertrat: Ende 700 (54) fanden die +Geschworenen den Gabinius der Erpressungen schuldig und schickten ihn in die +Verbannung. +</p> + +<p> +Im ganzen waren also auf dem Gebiete der Volkswahlen und der +Geschworenengerichte es die Machthaber, welche den kürzeren zogen. Die +Faktoren, die darin herrschten, waren minder greifbar und darum schwerer zu +terrorisieren oder zu korrumpieren als die unmittelbaren Organe der Regierung +und Verwaltung. Die Gewalthaber stießen hier, namentlich in den Volkswahlen, +auf die zähe Kraft der geschlossenen und in Koterien gruppierten Oligarchie, +mit der man noch durchaus nicht fertig ist, wenn man ihr Regiment gestürzt hat, +und die um so schwerer zu brechen ist, je verdeckter sie auftritt. Sie stießen +hier ferner, namentlich in den Geschworenengerichten, auf den Widerwillen der +Mittelklassen gegen das neue, monarchische Regiment, den mit allen daraus +entspringenden Verlegenheiten sie ebensowenig zu beseitigen vermochten. Sie +erlitten auf beiden Gebieten eine Reihe von Niederlagen, von denen die +Wahlsiege der Opposition zwar nur den Wert von Demonstrationen hatten, da die +Machthaber die Mittel besaßen und gebrauchten, um jeden mißliebigen Beamten +tatsächlich zu annullieren, die oppositionellen Kriminalverurteilungen aber in +empfindlicher Weise sie brauchbarer Gehilfen beraubten. Wie die Dinge standen, +vermochten die Machthaber die Volkswahlen und die Geschworenengerichte weder zu +beseitigen noch ausreichend zu beherrschen, und die Opposition, wie sehr sie +auch hier sich eingeengt fand, behauptete bis zu einem gewissen Grade doch den +Kampfplatz. +</p> + +<p> +Noch schwieriger aber erwies es sich, der Opposition auf einem Felde zu +begegnen, dem sie immer eifriger sich zuwandte, je mehr sie aus der +unmittelbaren politischen Tätigkeit herausgedrängt ward. Es war dies die +Literatur. Schon die gerichtliche Opposition war zugleich, ja, vor allem eine +literarische, da die Reden regelmäßig veröffentlicht wurden und als politische +Flugschriften dienten. Rascher und schärfer noch trafen die Pfeile der Poesie. +Die lebhafte hocharistokratische Jugend, noch energischer vielleicht der +gebildete Mittelstand in den italischen Landstädten, führten den Pamphleten- +und Epigrammenkrieg mit Eifer und Erfolg. Nebeneinander fochten auf diesem +Felde der vornehme Senatorensohn Gaius Licinius Calvus (672-706 82-48), der als +Redner und Pamphletist ebenso wie als gewandter Dichter gefürchtet war, und die +Munizipalen von Cremona und Verona, Marcus Furius Bibaculus (652-691 102-63) +und Quintus Valerius Catullus (667 bis ca. 700 87-54), deren elegante und +beißende Epigramme pfeilschnell durch Italien flogen und sicher ihr Ziel +trafen. Durchaus herrscht in der Literatur dieser Jahre der oppositionelle Ton. +Sie ist voll von grimmigem Hohn gegen den “großen Caesar”, +“den einzigen Feldherrn”, gegen den liebevollen Schwiegervater und +Schwiegersohn, welche den ganzen Erdkreis zugrunde richten, um ihren +verlotterten Günstlingen Gelegenheit zu geben, die Spolien der langhaarigen +Kelten durch die Straßen Roms zu paradieren, mit der Beute der fernsten Insel +des Westens königliche Schmäuse auszurichten und als goldregnende Konkurrenten +die ehrlichen Jungen daheim bei ihren Mädchen auszustechen. Es ist in den +Catullischen Gedichten ^6 und den sonstigen Trümmern der Literatur dieser Zeit +etwas von jener Genialität des persönlich-politischen Hasses, von jener in +rasender Lust oder ernster Verzweiflung überschäumenden republikanischen +Agonie, wie sie in mächtigerer Weise hervortreten in Aristophanes und +Demosthenes. Wenigstens der einsichtigste der drei Herrscher erkannte es wohl, +daß es ebenso unmöglich war, diese Opposition zu verachten wie durch +Machtbefehl sie zu unterdrücken. Soweit er konnte, versuchte Caesar vielmehr +die namhaftesten Schriftsteller persönlich zu gewinnen. Schon Cicero hatte die +rücksichtsvolle Behandlung, die er vorzugsweise von Caesar erfuhr, zum guten +Teil seinem literarischen Ruf zu danken; aber der Statthalter Galliens +verschmähte es nicht, selbst mit jenem Catullus durch Vermittlung seines in +Verona ihm persönlich bekannt gewordenen Vaters einen Spezialfrieden zu +schließen; der junge Dichter, der den mächtigen General eben mit den bittersten +und persönlichsten Sarkasmen überschüttet hatte, ward von demselben mit der +schmeichelhaftesten Auszeichnung behandelt. Ja Caesar war genialisch genug, um +seinen literarischen Gegnern auf ihr eigenes Gebiet zu folgen und als indirekte +Abwehr vielfältiger Angriffe einen ausführlichen Gesamtbericht über die +gallischen Kriege zu veröffentlichen, welcher die Notwendigkeit und +Verfassungsmäßigkeit seiner Kriegführung mit glücklich angenommener Naivität +vor dem Publikum entwickelte. Allein poetisch und schöpferisch ist nun einmal +unbedingt und ausschließlich die Freiheit; sie, und sie allein, vermag es, noch +in der elendesten Karikatur, noch mit ihrem letzten Atemzug frische Naturen zu +begeistern. Alle tüchtigen Elemente der Literatur waren und blieben +antimonarchisch, und wenn Caesar selbst sich auf dieses Gebiet wagen durfte +ohne zu scheitern, so war der Grund doch nur, daß er selbst sogar jetzt noch +den großartigen Traum eines freien Gemeinwesens im Sinne trug, den er freilich +weder auf seine Gegner noch auf seine Anhänger zu übertragen vermochte. Die +praktische Politik ward nicht unbedingter von den Machthabern beherrscht als +die Literatur von den Republikanern ^7. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +^6 Die uns aufbehaltene Sammlung ist voll von Beziehungen auf die Ereignisse +der Jahre 699 (55) und 700 (54) und ward ohne Zweifel in dem letzteren bekannt +gemacht; der jüngste Vorfall, dessen sie gedenkt, ist der Prozeß des Vatinius +(August 700 54). Hieronymus’ Angabe, daß Catullus 697/98 (57/56) +gestorben, braucht also nur um wenige Jahre verschoben zu sein. Daraus, daß +Vatinius bei “seinem Konsulat sich verschwört”, hat man mit Unrecht +geschlossen, daß die Sammlung erst nach Vatinius’ Konsulat (707 47) +erschienen ist; es folgt daraus nur, daß Vatinius, als sie erschien, schon +darauf rechnen durfte, in einem bestimmten Jahre Konsul zu werden, wozu er +bereits 700 (54) alle Ursache hatte; denn sicher stand sein Name mit auf der in +Luca vereinbarten Kandidatenliste (Cic. Art. 4, 8 b, 2). +</p> + +<p> +^7 Das folgende Gedicht Catulls (29) ist im Jahre 699 (53) oder 700 (54), nach +Caesars britannischer Expedition und vor dem Tode der Julia, geschrieben. +</p> + +<p> +Wer kann es ansehn, wer vermag es auszustehn, +</p> + +<p> +Wer nicht ein Bock, ein Spieler oder Schlemmer ist, +</p> + +<p> +Daß jetzt Mamurra sein nennt das, was einst besaß +</p> + +<p> +Der Langhaarkelten und der fernen Briten Land? +</p> + +<p> +Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und gibst du zu? +</p> + +<p> +Der also soll in Übermut und salbenschwer , +</p> + +<p> +Als süßer Schnabelierer, als Adonis nun +</p> + +<p> +Hier ziehn in aller unsrer Mädchen Zimmer ein? +</p> + +<p> +Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und gibst du zu? +</p> + +<p> +Ein Schlemmer bist du, bist ein Spieler, bist ein Bock! +</p> + +<p> +Drum also übersetztest, einziger General, +</p> + +<p> +Zum fernstentlegnen Eiland du des Okzidents, +</p> + +<p> +Damit hier euer ausgedienter Zeitvertreib +</p> + +<p> +Zwei Millionen könne oder drei vertun? +</p> + +<p> +Was heißt verkehrt freigebig sein, wenn dieses nicht? +</p> + +<p> +Hat nicht genug schon er verdorben und verpraßt? +</p> + +<p> +Zuerst verlottert ward das väterliche Gut, +</p> + +<p> +Sodann des Pontus Beute, dann Iberiens, +</p> + +<p> +Davon des Tajo goldbeschwerte Welle weiß. +</p> + +<p> +Den fürchtet, ihr Britanner; Kelten, fürchtet den! +</p> + +<p> +Was heget ihr den Lumpen, welcher gar nichts als +</p> + +<p> +Ein fettes Erbe durch die Gurgel jagen kann? +</p> + +<p> +Drum also ruiniertet ihr der Erde Kreis, +</p> + +<p> +Ihr liebevollen Schwiegervater-Schwiegersohn? +</p> + +<p> +Mamurra aus Formiae, Caesars Günstling und eine Zeitlang während der gallischen +Kriege Offizier in dessen Heer, war, vermutlich kurz vor Abfassung dieses +Gedichts, nach der Hauptstadt zurückgekehrt und wahrscheinlich damals +beschäftigt mit dem Bau seines vielbesprochenen, mit verschwenderischer Pracht +ausgestatteten Marmorpalastes auf dem Caelischen Berge. Die iberische Beute +wird sich auf Caesars Statthalterschaft des Jenseitigen Spanien beziehen und +Mamurra schon damals, wie sicher später in Gallien, in seinem Hauptquartier +sich befunden haben; das pontische geht vermutlich auf Pompeius’ Krieg +gegen Mithradates, da zumal. nach der Andeutung des Dichters nicht bloß Caesar +den Mamurra bereichert hat. +</p> + +<p> +Unschuldiger als diese giftige, von Caesar bitter empfundene Invektive (Suet. +Caes. 73) ist ein anderes, ungefähr gleichzeitiges Gedicht desselben Poeten +(11), das hier auch stehen mag, weil es mit seiner pathetischen Einleitung zu +einer nichts weniger als pathetischen Kommission den Generalstab der neuen +Machthaber, die aus der Spelunke plötzlich ins Hauptquartier avancierten +Gabinius, Antonius und wie sie weiter heißen, sehr artig persifliert. Man +erinnere sich, daß es in einer Zeit geschrieben ward, wo Caesar am Rhein und an +der Themse kämpfte und wo die Expeditionen des Crassus nach Parthien, des +Gabinius nach Ägypten vorbereitet wurden. Der Dichter, gleichsam auch von einem +der Machthaber einen der vakanten Posten erhoffend, gibt zweien seiner Klienten +die letzten Aufträge vor der Abreise: +</p> + +<p> +Furius und Aurelius, Adjutanten +</p> + +<p> +Ihr Catulls, mag ziehn er an Indiens Ende, +</p> + +<p> +Wo des Ostmeers brandende Welle weithin +</p> + +<p> +Hallend den Strand schlägt, +</p> + +<p> +Oder nach Hyrkanien und Arabien, +</p> + +<p> +In der pfeilfroh’n Parther Gebiet und Saker +</p> + +<p> +Oder wo den Spiegel des Meers der siebenfältige Nil färbt; +</p> + +<p> +Oder führt sein Weg ihn die Alpen über, +</p> + +<p> +Wo den Malstein setzte der große Caesar, +</p> + +<p> +Wo der Rhein fließt und an dem Erdrand hausen +</p> + +<p> +Wilde Britanner - +</p> + +<p> +Ihr, bereit, all das mit Catullus, was ihm +</p> + +<p> +Götterratsschluß davon bestimmt, zu teilen, +</p> + +<p> +Meinem Schatz noch bringet zuvor die kurze +</p> + +<p> +Leidige Botschaft! +</p> + +<p> +Mag sie stehn und gehen mit ihren Männern, +</p> + +<p> +Welche sie dreihundert zugleich umarmt hält, +</p> + +<p> +Keinem treulieb, aber zu jeder Stunde +</p> + +<p> +Jedem zu Willen. +</p> + +<p> +Nicht wie sonst nachblickte sie meiner Liebe, +</p> + +<p> +Die geknickt mutwillig sie, gleich dem Veilchen, +</p> + +<p> +Das entlang am Saume des Ackers wandelnd +</p> + +<p> +Streifte die Pflugschar. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +Es ward nötig, gegen diese zwar machtlose, aber immer lästiger und dreister +werdende Opposition mit Ernst einzuschreiten. Den Ausschlag gab, wie es +scheint, die Verurteilung des Gabinius (Ende 700 54). Die Herrscher kamen +überein, eine wenn auch nur zeitweilige Diktatur eintreten zu lassen und +mittels dieser neue Zwangsmaßregeln namentlich hinsichtlich der Wahlen und der +Geschworenengerichte durchzusetzen. Als derjenige, dem zunächst die Regierung +Roms und Italiens oblag, übernahm die Ausführung dieses Beschlusses Pompeius; +sie trug denn auch den Stempel der ihm eigenen Schwerfälligkeit im Entschließen +und im Handeln und seiner wunderlichen Unfähigkeit, selbst da, wo er befehlen +wollte und konnte, mit der Sprache herauszugehen. Bereits Ausgang 700 (54) ward +in Andeutungen und nicht durch Pompeius selbst die Forderung der Diktatur im +Senat vorgebracht. Als ostensibler Grund diente die fortwährende Klub- und +Bandenwirtschaft in der Hauptstadt, die durch Bestechungen und +Gewalttätigkeiten allerdings auf die Wahlen wie auf die Geschworenengerichte +den verderblichsten Druck ausübte und den Krawall daselbst in Permanenz hielt; +man muß es zugeben, daß sie es den Machthabern leichtmachte, ihre +Ausnahmemaßregeln zu rechtfertigen. Allein begreiflicherweise scheute sogar die +servile Majorität davor zurück, das zu bewilligen, was der künftige Diktator +selbst sich zu scheuen schien offen zu begehren. Als dann die beispiellose +Agitation für die Wahlen zum Konsulat für 701 (53) die ärgerlichsten Auftritte +herbeiführte, die Wahlen ein volles Jahr über die festgesetzte Zeit sich +verschleppten und erst nach siebenmonatlichem Interregnum im Juli 701 (53) +stattfanden, fand Pompeius darin den erwünschten Anlaß als das einzige Mittel, +den Knoten wo nicht zu lösen, doch zu zerhauen, dem Senat jetzt bestimmt die +Diktatur zu bezeichnen; allein das entscheidende Befehlswort ward immer noch +nicht gesprochen. Vielleicht wäre es noch lange ungesprochen geblieben, wenn +nicht bei den Konsularwahlen für 702 (52) gegen die Kandidaten der Machthaber +Quintus Metellus Scipio und Publius Plautius Hypsaeus, beide dem Pompeius +persönlich nahestehende und durchaus ergebene Männer, der verwegenste +Parteigänger der republikanischen Opposition, Titus Annius Milo, als +Gegenkandidat in die Schranken getreten wäre. Milo, ausgestattet mit physischem +Mut, mit einem gewissen Talent zur Intrige und zum Schuldenmachen und vor allem +mit reichlich angeborener und sorgfältig ausgebildeter Dreistigkeit, hatte +unter den politischen Industrierittern jener Tage sich einen Namen gemacht und +war in seinem Handwerk nächst Clodius der renommierteste Mann, natürlich also +auch mit diesem in tödlichster Konkurrenzfeindschaft. Da dieser Achill der +Straße von den Machthabern acquiriert worden war und mit ihrer Zulassung wieder +den Ultrademokraten spielte, so ward der Hektor der Straße selbstverständlich +Aristokrat, und die republikanische Opposition, die jetzt mit Catilina selbst +Bündnis geschlossen haben würde, wenn er sich ihr angetragen hätte, erkannte +Milo bereitwillig an als ihren rechtmäßigen Vorfechter in allen Krawallen. In +der Tat waren die wenigen Erfolge, die sie auf diesem Schlachtfelde davon trug, +das Werk Milos und seiner wohlgeschulten Fechterbande. So unterstützten denn +hinwiederum Cato und die Seinigen Milos Bewerbung um das Konsulat; selbst +Cicero konnte nicht umhin, seines Feindes Feind, seinen langjährigen +Beschützer, zu empfehlen; und da Milo selbst weder Geld noch Gewalt sparte, um +seine Wahl durchzusetzen, so schien dieselbe gesichert. Für die Machthaber wäre +sie nicht bloß eine neue empfindliche Niederlage gewesen, sondern auch eine +wirkliche Gefahr; denn es war vorauszusehen, daß der verwegene Parteigänger +sich nicht so leicht wie Domitius und andere Männer der anständigen Opposition +als Konsul werde annullieren lassen. Da begab es sich, daß zufällig unweit der +Hauptstadt, auf der Appischen Straße, Achill und Hektor aufeinandertrafen und +zwischen den beiderseitigen Banden eine Rauferei entstand, in welcher Clodius +selbst einen Säbelhieb in die Schulter erhielt und genötigt ward, in ein +benachbartes Haus sich zu flüchten. Es war dies ohne Auftrag Milos geschehen; +da die Sache aber so weit gekommen war und der Sturm nun doch einmal bestanden +werden mußte, so schien das ganze Verbrechen Milo wünschenswerter und selbst +minder gefährlich als das halbe: er befahl seinen Leuten, den Clodius aus +seinem Versteck hervorzuziehen und ihn niederzumachen (13. Januar 702 52). Die +Straßenführer von der Partei der Machthaber, die Volkstribune Titus Munatius +Plancus, Quintus Pompeius Rufus und Gaius Sallustius Crispus, sahen in diesem +Vorfall einen passenden Anlaß, um im Interesse ihrer Herren Milos Kandidatur zu +vereiteln und Pompeius’ Diktatur durchzusetzen. Die Hefe des Pöbels, +namentlich die Freigelassenen und Sklaven, hatten mit Clodius ihren Patron und +künftigen Befreier eingebüßt: die erforderliche Aufregung war also leicht +bewirkt. Nachdem der blutige Leichnam auf der Rednerbühne des Marktes in Parade +ausgestellt und die dazu gehörigen Reden gehalten worden waren, ging der +Krawall los. Zum Scheiterhaufen für den großen Befreier ward der Sitz der +perfiden Aristokratie bestimmt: die Rotte trug den Körper in das Rathaus und +zündete das Gebäude an. Hierauf zog der Schwarm vor Milos Haus und hielt +dasselbe belagert, bis dessen Bande die Angreifer mit Pfeilschüssen vertrieb. +Weiter ging es vor das Haus des Pompeius und seiner Konsularkandidaten, von +denen jener als Diktator, diese als Konsuln begrüßt wurden, und von da vor das +des Zwischenkönigs Marcus Lepidus, dem die Leitung der Konsulwahlen oblag. Da +dieser pflichtmäßig sich weigerte, dieselben, wie die brüllenden Haufen es +forderten, sofort zu veranstalten, so ward auch er fünf Tage lang in seiner +Wohnung belagert gehalten. +</p> + +<p> +Aber die Unternehmer dieser skandalösen Auftritte hatten ihre Rolle überspielt. +Allerdings war auch ihr Herr und Meister entschlossen, diesen günstigen +Zwischenfall zu benutzen, um nicht bloß Milo zu beseitigen, sondern auch die +Diktatur zu ergreifen; allein er wollte sie nicht von einem Haufen +Knüttelmänner empfangen, sondern vom Senat. Pompeius zog Truppen heran, um die +in der Hauptstadt herrschende und in der Tat aller Welt unerträglich gewordene +Anarchie niederzuschlagen; zugleich befahl er jetzt, was er bisher erbeten, und +der Senat gab nach. Es war nur ein nichtiger Winkelzug, daß auf Vorschlag von +Cato und Bibulus der Prokonsul Pompeius unter Belassung seiner bisherigen Ämter +statt zum Diktator zum “Konsul ohne Kollegen” ernannt ward (25. des +Schaltmonats ^8 702 52) - ein Winkelzug, welcher eine mit zwiefachem inneren +Widerspruch behaftete ^9 Benennung zuließ, um nur die einfach sachbezeichnende +zu vermeiden, und der lebhaft erinnert an den weisen Beschluß des verschollenen +Junkertums, den Plebejern nicht das Konsulat, sondern nur die konsularische +Gewalt einzuräumen. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +^8 In diesem Jahr folgte auf den Januar mit 29 und den Februar mit 23 Tagen der +Schaltmonat mit 28 und sodann der März. +</p> + +<p> +^9 Consul heißt Kollege (I, 260) und ein Konsul, der zugleich Prokonsul ist, +ist zugleich wirklicher und stellvertretender Konsul. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Also im legalen Besitz der Vollmacht, ging Pompeius an das Werk und schritt +nachdrücklich vor gegen die in den Klubs und den Geschworenengerichten mächtige +republikanische Partei. Die bestehenden Wahlvorschriften wurden durch ein +besonderes Gesetz wiederholt eingeschärft und durch ein anderes gegen die +Wahlumtriebe, das für alle seit 684 (70) begangenen Vergehen dieser Art +rückwirkende Kraft erhielt, die bisher darauf gesetzten Strafen gesteigert. +Wichtiger noch war die Verfügung, daß die Statthalterschaften, also die bei +weitem bedeutendere und besonders die weit einträglichere Hälfte der +Amtstätigkeit, an die Konsuln und Prätoren nicht sofort bei dem Rücktritt vom +Konsulat oder der Prätur, sondern erst nach Ablauf von weiteren fünf Jahren +vergeben werden sollten, welche Ordnung selbstverständlich erst nach vier +Jahren ins Leben treten konnte und daher für die nächste Zeit die Besetzung der +Statthalterschaften wesentlich von den zur Regulierung dieses Interim zu +erlassenden Senatsbeschlüssen, also tatsächlich von der augenblicklich den +Senat beherrschenden Person oder Fraktion abhängig machte. Die +Geschworenenkommissionen blieben zwar bestehen, aber dem Rekusationsrecht +wurden Grenzen gesetzt und, was vielleicht noch wichtiger war, die Redefreiheit +in den Gerichten aufgehoben, indem sowohl die Zahl der Advokaten als die jedem +zugemessene Sprechzeit durch Maximalsätze beschränkt und die eingerissene +Unsitte: neben den Tat- auch noch Charakterzeugen oder sogenannte +“Lobredner” zugunsten des Angeklagten beizubringen, untersagt ward. +Der gehorsame Senat dekretierte ferner auf Pompeius’ Wink, daß durch den +Raufhandel auf der Appischen Straße das Vaterland in Gefahr geraten sei; +demnach wurde für alle mit demselben zusammenhängenden Verbrechen durch ein +Ausnahmegesetz eine Spezialkommission bestellt und deren Mitglieder geradezu +von Pompeius ernannt. Es ward auch ein Versuch gemacht, dem zensorischen Amt +wieder eine ernstliche Bedeutung zu verschaffen und durch dasselbe die tief +zerrüttete Bürgerschaft von dem schlimmsten Gesindel zu säubern. +</p> + +<p> +Alle diese Maßregeln erfolgten unter dem Drucke des Säbels. Infolge der +Erklärung des Senats, daß das Vaterland gefährdet sei, rief Pompeius in ganz +Italien die dienstpflichtige Mannschaft unter die Waffen und nahm sie für alle +Fälle in Eid und Pflicht; vorläufig ward eine ausreichende und zuverlässige +Truppe auf das Kapitol gelegt; bei jeder oppositionellen Regung drohte Pompeius +mit bewaffnetem Einschreiten und stellte während der Prozeßverhandlungen über +die Ermordung des Clodius allem Herkommen zuwider auf der Gerichtsstätte selbst +Wache auf. +</p> + +<p> +Der Plan zur Wiederbelebung der Zensur scheiterte daran, daß unter der servilen +Senatsmajorität niemand sittlichen Mut und Autorität genug besaß, um sich um +ein solches Amt auch nur zu bewerben. Dagegen ward Milo von den Geschworenen +verurteilt (8. April 702 52), Catos Bewerbung um das Konsulat für 703 (51) +vereitelt. Die Reden- und Pamphletenopposition erhielt durch die neue +Prozeßordnung einen Schlag, von dem sie sich nicht wieder erholt hat; die +gefürchtete gerichtliche Beredsamkeit ward damit von dem politischen Gebiet +verdrängt und trug fortan die Zügel der Monarchie. Verschwunden war die +Opposition natürlich weder aus den Gemütern der großen Majorität der Nation +noch auch nur völlig aus dem öffentlichen Leben - dazu hätte man die +Volkswahlen, die Geschworenengerichte und die Literatur nicht bloß beschränken, +sondern vernichten müssen. Ja eben bei diesen Vorgängen selbst tat Pompeius +durch seine Ungeschicklichkeit und Verkehrtheit wieder dazu, daß den +Republikanern selbst unter seiner Diktatur einzelne, für ihn empfindliche +Triumphe zuteil wurden. Die Tendenzmaßregeln, die die Herrscher zur Befestigung +ihrer Macht ergriffen, wurden natürlicherweise offiziell als im Interesse der +öffentlichen Ruhe und Ordnung getroffene Verfügungen charakterisiert und jeder +Bürger, der die Anarchie nicht wollte, als mit denselben wesentlich +einverstanden bezeichnet. Mit dieser durchsichtigen Fiktion trieb es Pompeius +aber so weit, daß er in die Spezialkommission zur Untersuchung des letzten +Auflaufs statt sicherer Werkzeuge die achtbarsten Männer aller Parteien, sogar +Cato einwählte und seinen Einfluß auf das Gericht wesentlich dazu anwandte, um +die Ordnung zu handhaben und das in den Gerichten dieser Zeit hergebrachte +Spektakeln seinen Anhängern so gut wie den Gegnern unmöglich zu machen. Diese +Neutralität des Regenten sah man den Urteilen des Spezialhofes an. Die +Geschworenen wagten zwar nicht, Milo selbst freizusprechen; aber die meisten +untergeordneten Angeklagten von der Partei der republikanischen Opposition +gingen frei aus, während die Verurteilung unnachsichtlich diejenigen traf, die +in dem letzten Krawall für Clodius, das heißt für die Machthaber Partei +genommen hatten, unter ihnen nicht wenige von Caesars und selbst von +Pompeius’ vertrautesten Freunden, sogar seinen Kandidaten zum Konsulat, +Hypsaeus, und die Volkstribune Plancus und Rufus, die in seinem Interesse die +Erneute dirigiert hatten. Wenn Pompeius deren Verurteilung nicht hinderte, um +unparteiisch zu erscheinen, so war dies eine Albernheit, und eine zweite, daß +er denn doch wieder in ganz gleichgültigen Dingen zu Gunsten seiner Freunde +seine eigenen Gesetze verletzte, zum Beispiel im Prozeß des Plancus als +Charakterzeuge auftrat, und einzelne ihm besonders nahestehende Angeklagte, wie +den Metellus Scipio, in der Tat vor der Verurteilung schützte. Wie gewöhnlich +wollte er auch hier entgegengesetzte Dinge: indem er versuchte, zugleich den +Pflichten des unparteiischen Regenten und des Parteihauptes Genüge zu tun, +erfüllte er weder diese noch jene und erschien der öffentlichen Meinung mit +Recht als ein despotischer Regent, seinen Anhängern mit gleichem Recht als ein +Führer, der die Seinigen entweder nicht schützen konnte oder nicht schützen +wollte. +</p> + +<p> +Indes wenn auch die Republikaner noch sich regten und sogar, hauptsächlich +durch Pompeius’ Fehlgriffe, hie und da ein einzelner Erfolg sie +anfrischte, so war doch der Zweck, den die Machthaber bei jener Diktatur sich +gesteckt hatten, im ganzen erreicht, der Zügel straffer angezogen, die +republikanische Partei gedemütigt und die neue Monarchie befestigt. Das +Publikum fing an sich in diese zu finden. Als Pompeius nicht lange nachher von +einer ernsthaften Krankheit genas, ward seine Wiederherstellung durch ganz +Italien mit den obligaten Freudenbezeigungen gefeiert, die bei solchen +Gelegenheiten in Monarchien üblich sind. Die Machthaber zeigten sich +befriedigt: schon am 1. August 702 (52) legte Pompeius die Diktatur nieder und +teilte das Konsulat mit seinem Klienten Metellus Scipio. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap09"></a>KAPITEL IX.<br/> +Crassus’ Tod. Der Bruch der Gesamtherrscher.</h2> + +<p> +Unter den Häuptern des “dreiköpfigen Ungeheuers” war Marcus Crassus +jahrelang mitgerechnet worden, ohne eigentlich mitzuzählen. Er diente den +wirklichen Machthabern Pompeius und Caesar als Gleichgewichtstein, oder genauer +gesagt, er fiel in Caesars Waagschale gegen Pompeius. Diese Rolle ist nicht +allzu ehrenvoll; aber Crassus ward nie durch leidenschaftliches Ehrgefühl +gehindert, seinen Vorteil zu verfolgen. Er war Kaufmann und ließ mit sich +handeln. Was ihm geboten ward, war nicht viel; da indes mehr nicht zu erhalten +war, nahm er es an und suchte den nagenden Ehrgeiz und den Verdruß über seine +der Macht so nahe und doch machtlose Stellung über den immer höher sich ihm +häufenden Goldbergen zu vergessen. Aber die Konferenz zu Luca wandelte auch für +ihn die Verhältnisse um: um gegen Pompeius nach den so ausgedehnten +Zugeständnissen auch ferner im Übergewicht zu bleiben, gab Caesar seinem alten +Verbündeten Crassus Gelegenheit, durch den Parthischen Krieg ebendahin in +Syrien zu gelangen, wohin Caesar durch den keltischen in Gallien gelangt war. +Es war schwer zu sagen, ob diese neuen Aussichten mehr den Heißhunger nach Gold +reizten, der dem jetzt sechzigjährigen Manne zur anderen Natur geworden war und +mit jeder neu erworbenen Million nur um so zehrender ward, oder mehr den in der +Brust des Graukopfs lange mühsam niedergekämpften und jetzt mit unheimlichem +Feuer in ihr glühenden Ehrgeiz. Bereits Anfang 700 (54) traf er in Syrien ein: +nicht einmal den Ablauf seines Konsulats hatte er abgewartet um aufzubrechen. +Voll hastiger Leidenschaft schien er jede Minute auskaufen zu wollen, um das +Versäumte nachzuholen, zu den Schätzen des Westens noch die des Ostens +einzutun, Feldherrnmacht und Feldherrnruhm rasch wie Caesar und mühelos wie +Pompeius zu erjagen. +</p> + +<p> +Er fand den Parthischen Krieg bereits eingeleitet. Pompeius’ illoyales +Verhalten gegen die Parther ist früher erzählt worden; er hatte die +vertragsmäßige Euphratgrenze nicht respektiert und zu Gunsten Armeniens, das +jetzt römischer Klientelstaat war, mehrere Landschaften vom Parthischen Reich +abgerissen. König Phraates hatte sich das gefallen lassen: nachdem er aber von +seinen beiden Söhnen Mithradates und Orodes ermordet worden war, erklärte der +neue König Mithradates dem König von Armenien, des kürzlich verstorbenen +Tigranes Sohn Artavasdes, sofort den Krieg (um 698 ^1 56). Es war dies zugleich +eine Kriegserklärung gegen Rom; sowie daher der Aufstand der Juden unterdrückt +war, führte der tüchtige und mutige Statthalter Syriens, Gabinius, die Legionen +über den Euphrat. Im Partherreich indes war inzwischen eine Umwälzung +eingetreten; die Großen des Reiches, an ihrer Spitze der junge, kühne und +talentvolle Großwesir, hatten den König Mithradates gestürzt und dessen Bruder +Orodes auf den Thron gesetzt. Mithradates machte deshalb gemeinschaftliche +Sache mit den Römern und begab sich in Gabinius’ Lager. Alles versprach +dem Unternehmen des römischen Statthalters den besten Erfolg, als er unvermutet +Befehl bekam, den König von Ägypten mit Waffengewalt nach Alexandreia +zurückzuführen. Er wußte gehorchen; aber in der Erwartung, bald wieder zurück +zu sein, veranlaßte er den bei ihm um Hilfe bittenden entthronten +Partherfürsten, den Krieg inzwischen auf eigene Faust zu eröffnen. Mithradates +tat es und Seleukeia und Babylon erklärten sich für ihn; aber Seleukeia nahm +der Wesir, er persönlich der erste auf der Zinne, mit stürmender Hand ein, und +in Babylon wußte Mithradates selbst, durch Hunger bezwungen, sich ergeben, +worauf er auf Befehl des Bruders hingerichtet ward. Sein Tod war ein fühlbarer +Verlust für die Römer; aber die Gärung im Parthischen Reich war doch keineswegs +damit zu Ende und auch der armenische Krieg währte noch fort. Eben war Gabinius +im Begriff, nach Beendigung des ägyptischen Feldzuges die immer noch günstige +Gelegenheit zu nutzen und den unterbrochenen Parthischen Krieg +wiederaufzunehmen, als Crassus in Syrien eintraf und mit dem Kommando zugleich +die Pläne seines Vorgängers übernahm. Voll hochfliegender Hoffnungen schlug er +die Schwierigkeiten des Marsches gering, die Widerstandskraft der feindlichen +Heere noch geringer an; zuversichtlich sprach er nicht bloß von der +Unterwerfung der Panther, sondern eroberte schon in Gedanken die Reiche von +Baktrien und Indien. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^1 Tigranes lebte noch im Februar 698 (56) (Cic. Sest. 27, 59); dagegen +herrschte Artavasdes schon vor 700 (54) (Iust. 42, 2, 4; Plut. Crass. 49). +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Eile indes hatte der neue Alexander nicht. Erfand, bevor er so große Pläne ins +Werk setzte, noch Muße zu sehr weitläufigen und sehr einträglichen +Nebengeschäften. Der Tempel der Derketo in Hierapolis Bambyke, des Jehova in +Jerusalem und andere reiche Heiligtümer der syrischen Provinz wurden auf +Crassus’ Befehl ihrer Schätze beraubt und von allen Untertanen Zuzug oder +lieber noch statt desselben Geldsummen beigetrieben. Die militärischen +Operationen des ersten Sommers beschränkten sich auf eine umfassende +Rekognoszierung in Mesopotamien: der Euphrat ward überschritten, bei Ichnä (am +Belik, nördlich von Rakkah) der parthische Satrap geschlagen und die +nächstliegenden Städte, darunter das ansehnliche Nikephorion (Rakkah), besetzt, +worauf man mit Zurücklassung von Besatzungen in denselben wieder nach Syrien +zurückging. Man hatte bisher geschwankt, ob es ratsamer sei, auf dem Umweg über +Armenien oder auf der geraden Straße durch die mesopotamische Wüste nach +Parthien zu marschieren. Der erste Weg durch gebirgige und von zuverlässigen +Verbündeten beherrschte Landschaften empfahl sich durch die größere Sicherheit; +König Artavasdes kam selbst in das römische Hauptquartier, um diesen +Feldzugsplan zu befürworten. Allein jene Rekognoszierung entschied für den +Marsch durch Mesopotamien. Die zahlreichen und blühenden griechischen und +halbgriechischen Städte in den Landschaften am Euphrat und Tigris, vor allen +die Weltstadt Seleukeia, waren der parthischen Herrschaft durchaus abgeneigt; +wie früher die Bürger von Karrhä, so hatten jetzt alle von den Römern berührten +griechischen Ortschaften es mit der Tat bewiesen, wie bereit sie waren, die +unerträgliche Fremdherrschaft abzuschütteln und die Römer als Befreier, beinahe +als Landsleute zu empfangen. Der Araberfürst Abgaros, der die Wüste von Edessa +und Karrhä und damit die gewöhnliche Straße vom Euphrat an den Tigris +beherrschte, hatte im Lager der Römer sich eingefunden, um dieselben seiner +Ergebenheit persönlich zu versichern. Durchaus hatten die Parther sich +unvorbereitet gezeigt. So ward denn der Euphrat (bei Biradjik) überschritten +(701 53). Um von da an den Tigris zu gelangen, konnte man einen zwiefachen Weg +wählen: entweder rückte das Heer am Euphrat hinab bis auf die Höhe von +Seleukeia, wo der Euphrat und der Tigris nur noch wenige Meilen voneinander +entfernt sind; oder man schlug sogleich nach dem Übergang auf der kürzesten +Linie, quer durch die große mesopotamische Wüste, den Weg zum Tigris ein. Der +erste Weg führte unmittelbar auf die parthische Hauptstadt Ktesiphon zu, die +Seleukeia gegenüber am andern Ufer des Tigris lag; es erhoben sich für diesen +im römischen Kriegsrat mehrere gewichtige Stimmen; namentlich der Quästor Gaius +Cassius wies auf die Schwierigkeiten des Wüstenmarsches und auf die +bedenklichen, von den römischen Besatzungen am linken Euphratufer über die +parthischen Kriegsvorbereitungen einlaufender. Berichte hin. Allein damit im +Widerspruch meldete der arabische Fürst Abgaros, daß die Parther beschäftigt +seien, ihre westlichen Landschaften zu räumen. Bereits hätten sie ihre Schätze +eingepackt und sich in Bewegung gesetzt, um zu den Hyrkanern und Skythen zu +flüchten; nur durch einen Gewaltmarsch auf dem kürzesten Wege sei es überhaupt +noch möglich, sie zu erreichen; durch einen solchen werde es aber auch +wahrscheinlich gelingen, wenigstens den Nachtrab der großen Armee unter +Sillakes und dem Wesir einzuholen und aufzureiben und die ungeheure Beute zu +gewinnen. Diese Rapporte der befreundeten Beduinen entschieden über die +Marschrichtung; das römische Heer, bestehend aus sieben Legionen, 4000 Reitern +und 4000 Schleuderern und Schützen, wandte vom Euphrat sich ab und hinein in +die unwirtlichen Ebenen des nördlichen Mesopotamiens. Weit und breit zeigte +sich kein Feind; nur Hunger und Durst und die endlose Sandwüste schienen Wache +zu halten an den Pforten des Ostens. Endlich, nach vieltägigem mühseligen +Marsch, unweit des ersten Flusses, den das römische Heer zu überschreiten +hatte, des Balissos (Belik), zeigten sich die ersten feindlichen Reiter. +Abgaros mit seinen Arabern ward ausgesandt, um zu kundschaften; die parthischen +Reiterscharen wichen zurück bis an und über den Fluß und verschwanden in der +Ferne, verfolgt von Abgaros und den Seinen. Ungeduldig harrte man auf die +Rückkehr desselben und auf genauere Kundschaft. Der Feldherr hoffte, hier +endlich an den ewig zurückweichenden Feind zu kommen; sein junger tapferer Sohn +Publius, der mit der größten Auszeichnung in Gallien unter Caesar gefochten +hatte und von diesem an der Spitze einer keltischen Reiterschar zur Teilnahme +an dem Parthischen Kriege entsandt worden war, brannte vor stürmischer +Kampflust. Da keine Botschaft kam, entschloß man sich, auf gut Glück vorwärts +zu gehen: das Zeichen zum Aufbruch ward gegeben, der Balissos überschritten, +das Heer nach kurzer, ungenügender Mittagsrast ohne Aufenthalt im Sturmschritt +weitergeführt. Da erschollen plötzlich rings umher die Kesselpauken der +Parther; auf allen Seiten sah man ihre seidenen, goldgestickten Fahnen +flattern, ihre Eisenhelme und Panzer im Strahl der heißen Mittagssonne glänzen; +und neben dem Wesir hielt Fürst Abgaros mit seinen Beduinen. +</p> + +<p> +Man begriff zu spät, in welches Netz man sich hatte verstricken lassen. Mit +sicherem Blick hatte der Wesir sowohl die Gefahr durchschaut wie die Mittel, +ihr zu begegnen. Mit orientalischem Fußvolk war gegen die römische +Linieninfanterie nichts auszurichten: er hatte sich desselben entledigt und, +indem er diese auf dem Hauptschlachtfeld unbrauchbare Masse unter König +Orodes’ eigener Führung gegen Armenien sandte, den König Artavasdes +gehindert, die versprochenen 10000 schweren Reiter zu Crassus’ Heer +stoßen zu lassen, die dieser jetzt schmerzlich vermißte. Dagegen trat der +römischen, in ihrer Art unübertrefflichen Taktik der Wesir mit einer vollkommen +verschiedenen gegenüber. Sein Heer bestand ausschließlich aus Reiterei; die +Linie bildeten die schweren Reiter, mit langen Stoßlanzen bewaffnet und Mann +und Roß durch metallene Schuppenpanzer oder Lederkoller und durch ähnliche +Schienen geschirmt; die Masse der Truppen bestand aus berittenen Bogenschützen. +Diesen gegenüber waren die Römer in den gleichen Waffen sowohl der Zahl wie der +Tüchtigkeit nach durchaus im Nachteil. Ihre Linieninfanterie, wie vorzüglich +sie auch im Nahkampf, sowohl auf kurze Distanz mit dem schweren Wurfspeer als +im Handgemenge mit dem Schwert, war, konnte doch eine bloß aus Reiterei +bestehende Armee nicht zwingen, sich mit ihr einzulassen, und fand, wenn es zum +Handgemenge kam, auch hier in den eisenstarrenden Scharen der Lanzenreiter +einen ihr gewachsenen, wo nicht überlegenen Gegner. Einem Heer gegenüber, wie +dies parthische war, stand das römische strategisch im Nachteil, weil die +Reiterei die Kommunikationen beherrschte; taktisch, weil jede Nahwaffe der +Fernwaffe unterliegen muß, wenn jene nicht zum Kampfe Mann gegen Mann gelangt. +Die konzentrierte Stellung, auf der die ganze römische Kriegsweise beruhte, +steigerte einem solchen Angriff gegenüber die Gefahr; je dichter die römische +Kolonne sich scharte, desto unwiderstehlicher ward allerdings ihr Stoß, aber +desto weniger fehlten auch die Fernwaffen ihr Ziel. Unter gewöhnlichen +Verhältnissen, wo Städte zu verteidigen und Bodenschwierigkeiten zu +berücksichtigen sind, hätte jene bloß mit Reiterei gegen Fußvolk operierende +Taktik sich niemals vollständig durchführen lassen; in der mesopotamischen +Wüste aber, wo das Heer, fast wie das Schiff auf der hohen See, viele +Tagemärsche hindurch weder auf ein Hindernis noch auf einen strategischen +Anhaltspunkt traf, war diese Kriegführung eben darum so unwiderstehlich, weil +die Verhältnisse hier gestatteten, sie in ihrer ganzen Reinheit und also in +ihrer ganzen Gewalt zu entwickeln. Hier vereinigte sich alles, um die fremden +Fußgänger gegen die einheimischen Reiter in Nachteil zu setzen. Wo der +schwerbeladene römische Infanterist mühsam durch den Sand oder die Steppe sich +hinschleppte und auf dem pfadlosen, durch weit auseinandergelegene und schwer +aufzufindende Quellen bezeichneten Wege vor Hunger und mehr noch vor Durst +verkam, flog der parthische Reitersmann, von Kindesbeinen an gewohnt, auf +seinem geschwinden Roß oder Kamel zu sitzen, ja fast auf demselben zu leben, +leicht durch die Wüste, deren Ungemach er seit langem gelernt hatte sich zu +erleichtern und im Notfall zu ertragen. Hier fiel kein Regen, der die +unerträgliche Hitze gemildert und die Bogensehnen und Schleuderriemen der +feindlichen Schützen und Schleuderer erschlafft hätte; hier waren in dem tiefen +Sande an vielen Stellen kaum ordentliche Gräben und Wälle für das Lager zu +ziehen. Kaum vermag die Phantasie eine Lage zu erdenken, in der die +militärischen Vorteile alle mehr auf der einen, die Nachteile alle mehr auf der +andern Seite waren. +</p> + +<p> +Auf die Frage, unter welchen Verhältnissen bei den Parthern diese neue Taktik +entstand, die erste nationale, die auf ihrem rechten Terrain sich der römischen +überlegen erwies, können wir leider nur mit Mutmaßungen antworten. Die +Lanzenreiter und berittenen Bogenschützen sind im Orient uralt und bildeten +bereits die Kerntruppen in den Heeren des Kyros und Dareios; bisher aber waren +diese Waffen nur in zweiter Reihe und wesentlich zur Deckung der durchaus +unbrauchbaren orientalischen Infanterie verwendet worden. Auch die parthischen +Heere wichen hierin von den übrigen orientalischen keineswegs ab; es werden +dergleichen erwähnt, die zu fünf Sechsteln aus Fußvolk bestanden. In dem +Feldzug des Crassus dagegen trat die Reiterei zum ersten Male selbständig auf, +und es erhielt diese Waffe dadurch eine ganz neue Verwendung und einen ganz +anderen Wert. Die unwiderstehliche Überlegenheit des römischen Fußvolks im +Nahkampf scheint unabhängig voneinander die Gegner Roms in den verschiedensten +Weltgegenden zu gleicher Zeit und mit ähnlichem Erfolg darauf geführt zu haben, +ihm mit der Reiterei und dem Fernkampf entgegenzutreten. Was Cassivellaunus in +Britannien vollständig, Vercingetorix in Gallien zum Teil gelang, was bis zu +einem gewissen Grade schon Mithradates Eupator versuchte, das hat der Wesir des +Orodes nur in größerem Maßstab und vollständiger durchgeführt: wobei es ihm +namentlich zustatten kam, daß er in der schweren Kavallerie das Mittel, eine +Linie zu bilden, in dem im Orient nationalen und vornehmlich in den persischen +Landschaften mit meisterlicher Schützenkunst gehandhabten Bogen eine wirksame +Fernwaffe, endlich in den Eigentümlichkeiten des Landes und des Volkes die +Möglichkeit fand, seinen genialen Gedanken rein zu realisieren. Hier, wo die +römische Nahwaffe und das römische Konzentrierungssystem zum ersten Male der +Fernwaffe und dem Deployierungssystem unterlagen, bereitete diejenige +militärische Revolution sich vor, die erst mit der Einführung des Feuergewehrs +ihren vollständigen Abschluß erhalten hat. +</p> + +<p> +Unter diesen Verhältnissen ward sechs Meilen südlich von Karrhä (Harran), wo +römische Besatzung stand, in nördlicher Richtung etwas näher an Ichnä, inmitten +der Sandwüste die erste Schlacht zwischen Römern und Parthern geschlagen. Die +römischen Schützen wurden vorgesandt, wichen aber augenblicklich zurück vor der +ungeheuren Überzahl und der weit größeren Spannkraft und Tragweite der +parthischen Bogen. Die Legionen, die trotz der Mahnung der einsichtigeren +Offiziere, sie möglichst entfaltet gegen den Feind zu führen, in ein dichtes +Viereck von zwölf Kohorten an jeder Seite gestellt worden waren, waren bald +überflügelt und von den furchtbaren Pfeilen überschüttet, die hier auch +ungezielt ihren Mann trafen und denen die Soldaten mit nichts auch nur zu +erwidern vermochten. Die Hoffnung, daß der Feind sich verschießen möge, +verschwand bei einem Blick auf die endlose Reihe der mit Pfeilen beladenen +Kamele. Immer weiter dehnten die Parther sich aus. Damit die Überflügelung +nicht zur Umzingelung werde, rückte Publius Crassus mit einem auserlesenen +Korps von Reitern, Schützen und Linieninfanterie zum Angriff vor. In der Tat +gab der Feind es auf, den Kreis zu schließen, und wich zurück, hitzig verfolgt +von dem ungestümen Führer der Römer. Als aber darüber das Korps des Publius die +Hauptarmee ganz aus dem Gesicht verloren hatte, hielten die schweren Reiter ihm +gegenüber stand, und wie ein Netz zogen die von allen Seiten herbeieilenden +parthischen Haufen sich um dasselbe zusammen. Publius, der die Seinigen unter +den Pfeilen der berittenen Schützen dicht und nutzlos um sich fallen sah, +stürzte verzweifelt mit seiner unbepanzerten keltischen Reiterei sich auf die +eisenstarrenden Lanzenreiter der Feinde; allein die todesverachtende Tapferkeit +seiner Kelten, die die Lanzen mit den Händen packten oder von den Pferden +sprangen, um die Feinde niederzustechen, tat ihre Wunder umsonst. Die Trümmer +des Korps, unter ihnen der am Schwertarm verwundete Führer, wurden auf eine +kleine Anhöhe gedrängt, wo sie den feindlichen Schützen erst recht zur bequemen +Zielscheibe dienten. Mesopotamische Griechen, die der Gegend genau kundig +waren, beschworen den Crassus, mit ihnen abzureiten und einen Versuch zu +machen, sich zu retten; aber er weigerte sich, sein Schicksal von dem der +tapferen Männer zu trennen, die sein verwegener Mut in den Tod geführt hatte, +und ließ von der Hand seines Schildträgers sich durchbohren. Gleich ihm gaben +die meisten noch übrigen Offiziere sich selbst den Tod. Von der ganzen gegen +6000 Mann starken Abteilung wurden nicht mehr als 500 gefangen; zu retten +vermochte sich keiner. Gegen das Hauptheer hatte inzwischen der Angriff +nachgelassen und man rastete nur zu gern. Als endlich das Ausbleiben jeder +Meldung von dem entsandten Korps es aus der trügerischen Ruhe aufschreckte und +es, um dasselbe aufzusuchen, der Walstatt sich näherte, ward dem Vater das +Haupt des Sohnes auf einer Stange entgegengetragen; und abermals begann nun +gegen das Hauptheer die schreckliche Schlacht, mit demselben Ungestüm und +derselben hoffnungslosen Gleichförmigkeit. Man vermochte weder die Lanzenreiter +zu sprengen noch die Schützen zu erreichen; erst die Nacht machte dem Morden +ein Ende. Hätten die Parther auf dem Schlachtfeld biwakiert, es wäre schwerlich +vom römischen Heer ein Mann entkommen. Allein nicht geübt, anders als beritten +zu fechten, und darum besorgt vor einem Überfall, hatten sie die Gewohnheit, +niemals hart am Feinde zu lagern; höhnisch riefen sie den Römern zu, daß sie +dem Feldherrn eine Nacht schenkten, um seinen Sohn zu beweinen, und jagten +davon, um am anderen Morgen wiederzukehren und das blutend am Boden liegende +Wild abzufangen. Natürlich warteten die Römer den Morgen nicht ab. Die +Unterfeldherren Cassius und Octavius - Crassus selbst hatte gänzlich den Kopf +verloren - ließen sofort und in möglichster Stille, mit Zurücklassung der +sämtlichen - angeblich 4000 - Verwundeten und Versprengten, die noch +marschfähigen Leute aufbrechen, um in den Mauern von Karrhä Schutz zu suchen. +Daß die Parther, als sie den folgenden Tag wiederkamen, zunächst sich daran +machten, die zerstreut Zurückgelassenen aufzusuchen und niederzumetzeln, und +daß die Besatzung und die Einwohnerschaft von Karrhä, durch Ausreißer +frühzeitig von der Katastrophe in Kenntnis gesetzt, schleunigst der +geschlagenen Armee entgegengerückt waren, rettete die Trümmer derselben vor +der, wie es schien, unausbleiblichen Vernichtung. An eine Belagerung von Karrhä +konnten die parthischen Reiterscharen nicht denken. Allein bald brachen die +Römer freiwillig auf, sei es durch Mangel an Lebensmitteln genötigt, sei es +infolge der mutlosen Übereilung des Oberfeldherrn, den die Soldaten vergeblich +versucht hatten vom Kommando zu entfernen und durch Cassius zu ersetzen. Man +schlug die Richtung nach den armenischen Bergen ein; die Nacht marschierend und +am Tage rastend, erreichte Octavius mit einem Haufen von 5000 Mann die Festung +Sinnaka, die nur noch einen Tagesmarsch von den sicheren Höhen entfernt war, +und befreite sogar mit eigener Lebensgefahr den Oberfeldherrn, den der Führer +irregeleitet und dem Feinde preisgegeben hatte. Da ritt der Wesir vor das +römische Lager, um im Namen seines Königs den Römern Frieden und Freundschaft +zu bieten und auf eine persönliche Zusammenkunft der beiden Feldherren +anzutragen. Das römische Heer, demoralisiert wie es war, beschwor, ja zwang +seinen Führer, das Anerbieten anzunehmen. Der Wesir empfing den Konsular und +dessen Stab mit den üblichen Ehren und erbot sich aufs neue, einen +Freundschaftspakt abzuschließen; nur forderte er, mit gerechter Bitterkeit an +das Schicksal der mit Lucullus und Pompeius hinsichtlich der Euphratgrenze +abgeschlossenen Verträge erinnernd, daß derselbe sogleich schriftlich abgefaßt +werde. Ein reichgeschmückter Zelter ward vorgeführt: es war ein Geschenk des +Königs für den römischen Oberfeldherrn; die Diener des Wesirs drängten sich um +Crassus, beeifert, ihn aufs Pferd zu heben. Es schien den römischen Offizieren, +als beabsichtige man, sich der Person des Oberfeldherrn zu bemächtigen; +Octavius, unbewaffnet wie er war, riß einem Parther das Schwert aus der Scheide +und stieß den Pferdeknecht nieder. In dem Anlauf, der sich hieraus entspann, +wurden die römischen Offiziere alle getötet; auch der greise Oberfeldherr +wollte, wie sein Großohm, dem Feinde nicht lebend als Trophäe dienen und suchte +und fand den Tod. Die im Lager zurückgebliebene führerlose Menge ward zum Teil +gefangen, zum Teil versprengt. Was der Tag von Karrhä begonnen hatte, +vollendete der von Sinnaka (9. Juni 701 53); beide nahmen ihren Platz neben den +Daten von der Allia, von Cannae und von Arausio. Die Euphratarmee war nicht +mehr. Nur der Reiterschar des Gaius Cassius, welche bei dem Abmarsch von Karrhä +von dem Hauptheer abgesprengt worden war, und einigen anderen zerstreuten +Haufen und vereinzelten Flüchtlingen gelang es, sich den Parthern und den +Beduinen zu entziehen und einzeln den Rückweg nach Syrien zu finden. Von über +40000 römischen Legionären, die den Euphrat überschritten hatten, kam nicht der +vierte Mann zurück; die Hälfte war umgekommen; gegen 10000 römische Gefangene +wurden von den Siegern im äußersten Osten ihres Reiches, in der Oase von Merv, +nach parthischer Art als heerpflichtige Leibeigene angesiedelt. Zum ersten +Male, seit die Adler die Legionen führten, waren dieselben in diesem Jahre zu +Siegeszeichen in den Händen fremder Nationen, fast gleichzeitig eines deutschen +Stammes im Westen und im Osten der Parther geworden. Von dem Eindruck, den die +Niederlage der Römer im Osten machte, ist uns leider keine ausreichende Kunde +geworden; aber tief und bleibend muß er gewesen sein. König Orodes richtete +eben die Hochzeit seines Sohnes Pakoros mit der Schwester seines neuen +Verbündeten, des Königs Artavasdes von Armenien, aus, als die Siegesbotschaft +seines Wesirs bei ihm einlief und, nach orientalischer Sitte, zugleich mit ihr +der abgehauene Kopf des Crassus. Schon war die Tafel aufgehoben; eine der +wandernden kleinasiatischen Schauspielertruppen, wie sie in jener Zeit +zahlreich bestanden und die hellenische Poesie und die hellenische Bühnenkunst +bis tief in den Osten hineintrugen, führten eben vor dem versammelten Hofe +Euripides’ ‘Bakchen’ auf. Der Schauspieler, der die Rolle der +Agaue spielte, welche in wahnsinnig dionysischer Begeisterung ihren Sohn +zerrissen hat und nun das Haupt desselben auf dem Thyrsus tragend, vom Kithäron +zurückkehrt, vertauschte dieses mit dem blutigen Kopfe des Crassus, und zum +unendlichen Jubel seines Publikums von halbhellenisierten Barbaren begann er +aufs neue das wohlbekannte Lied: +</p> + +<p> +Wir bringen vom Berge +</p> + +<p> +Nach Hause getragen +</p> + +<p> +Die herrliche Beute, +</p> + +<p> +Das blutende Wild. +</p> + +<p> +Es war seit den Zeiten der Achämeniden der erste ernsthafte Sieg, den die +Orientalen über den Okzident erfochten; und wohl lag auch darin ein tiefer +Sinn, daß zur Feier dieses Sieges das schönste Erzeugnis der okzidentalischen +Welt, die griechische Tragödie, durch ihre herabgekommenen Vertreter in jener +grausigen Groteske sich selber parodierte. Das römische Bürgertum und der +Genius von Hellas fingen gleichzeitig an, sich auf die Ketten des Sultanismus +zu schicken. +</p> + +<p> +Die Katastrophe, entsetzlich an sich, schien auch in ihren Folgen furchtbar zu +werden und die Grundfesten der römischen Macht im Osten erschüttern zu sollen. +Es war das wenigste, daß jetzt die Parther. jenseits des Euphrat unbeschränkt +schalteten, daß Armenien, nachdem es schon vor der Katastrophe des Crassus vom +römischen Bündnis abgefallen war, durch dieselbe ganz in parthische Klientel +geriet, daß den treuen Bürgern von Karrhä durch den von den Parthern ihnen +gesetzten neuen Herrn, einen der verräterischen Wegweiser der Römer namens +Andromachos, ihre Anhänglichkeit an die Okzidentalen bitter vergolten ward. +Allen Ernstes schickten die Parther sich an, nun ihrerseits die Euphratgrenze +zu überschreiten und im Verein mit den Armeniern und den Arabern die Römer aus +Syrien zu vertreiben. Die Juden und andere Orientalen mehr harrten hier der +Erlösung von der römischen Herrschaft nicht minder ungeduldig, wie die Hellenen +jenseits des Euphrat der Erlösung von der parthischen; in Rom stand der +Bürgerkrieg vor der Tür; der Angriff ebenhier und ebenjetzt war eine schwere +Gefahr. Allein zum Glücke Roms hatten auf beiden Seiten die Führer gewechselt. +Sultan Orodes verdankte dem heldenmütigen Fürsten, der ihm erst die Krone +aufgesetzt und dann das Land von den Feinden gesäubert hatte, zu viel, um sich +seiner nicht baldmöglichst durch den Henker zu entledigen. Seinen Platz als +Oberfeldherr der nach Syrien bestimmten Invasionsarmee füllte ein Prinz aus, +des Königs Sohn Pakoros, dem seiner Jugend und Unerfahrenheit wegen der Fürst +Osakes als militärischer Ratgeber beigegeben werden mußte. Andererseits +übernahm an Crassus’ Stelle das Kommando in Syrien interimistisch der +besonnene und entschlossene Quästor Gaius Cassius. Da die Parther, ebenwie +früher Crassus, den Angriff nicht beeilten, sondern in den Jahren 701 (53) und +702 (52) nur schwache, leicht zurückgeworfene Streifscharen über den Euphrat +sandten, so behielt Cassius Zeit, das Heer einigermaßen zu reorganisieren und +die Juden, die die Erbitterung über die von Crassus verübte Spoliation des +Tempels schon jetzt unter die Waffen getrieben hatte, mit Hilfe des treuen +Anhängers der Römer, Herodos Antipatros, zum Gehorsam zurückzubringen. Die +römische Regierung hätte also volle Zeit gehabt, zur Verteidigung dar bedrohten +Grenze frische Truppen zu senden; allein es unterblieb über den Konvulsionen +der beginnenden Revolution, und als endlich im Jahre 703 (51) die große +parthische Invasionsarmee am Euphrat erschien, hatte Cassius immer noch nur die +zwei schwachen, aus den Trümmern der Armee des Crassus gebildeten Legionen ihr +entgegenzustellen. Natürlich konnte er damit weder den Übergang wehren noch die +Provinz verteidigen. Syrien ward von den Parthern überrannt und ganz +Vorderasien zitterte. Allein die Parther verstanden es nicht, Städte zu +belagern. Von Antiocheia, in das Cassius mit seinen Truppen sich geworfen +hatte, zogen sie nicht bloß unverrichteter Sache ab, sondern wurden auf dem +Rückzug am Orontes noch durch Cassius’ Reiterei in einen Hinterhalt +gelockt und hier durch die römische Infanterie übel zugerichtet; Fürst Osakes +selbst war unter den Toten. Freund und Feind ward hier inne, daß die parthische +Armee unter einem gewöhnlichen Feldherrn und auf einem gewöhnlichen Terrain +nicht viel mehr leiste als jede andere orientalische. Indes aufgegeben war der +Angriff nicht. Noch im Winter 703/04 (51/50) lagerte Pakoros in Kyrrhestike +diesseits des Euphrat; und der neue Statthalter Syriens, Marcus Bibulus, ein +ebenso elender Feldherr wie unfähiger Staatsmann, wußte nichts Besseres zu tun, +als sich in seine Festungen einzuschließen. Allgemein ward erwartet, daß der +Krieg im Jahre 704 (50) mit erneuter Heftigkeit ausbrechen werde. Allein statt +gegen die Römer wandte Pakoros die Waffen gegen seinen eigenen Vater und trat +deshalb sogar mit dem römischen Statthalter in Einverständnis. Damit war zwar +weder der Fleck von dem Schilde der römischen Ehre gewaschen noch auch Roms +Ansehen im Orient wiederhergestellt, allein mit der parthischen Invasion in +Vorderasien war es vorbei, und es blieb, vorläufig wenigstens, die +Euphratgrenze erhalten. +</p> + +<p> +In Rom wirbelte inzwischen der kreisende Vulkan der Revolution seine +Rauchwolken sinnbetäubend empor. Man fing an, keinen Soldaten und keinen Denar +mehr gegen den Landesfeind, keinen Gedanken mehr übrig zu haben für die +Geschichte der Völker. Es ist eines der entsetzlichsten Zeichen der Zeit, daß +das ungeheure Nationalunglück von Karrhä und Sinnaka den derzeitigen Politikern +weit weniger zu denken und zu reden gab als jener elende Krawall auf der +Appischen Straße, in dem ein paar Monate nach Crassus der Bandenführer Clodius +umkam; aber es ist begreiflich und beinahe verzeihlich. Der Bruch zwischen den +beiden Machthabern, lange als unvermeidlich gefühlt und oft so nahe verkündigt, +rückte jetzt unaufhaltsam heran. Wie in der alten griechischen Schiffersage +befand sich das Fahrzeug der römischen Gemeinde gleichsam zwischen zwei +aufeinander zuschwimmenden Felsen; von Augenblick zu Augenblick den krachenden +Zusammenstoß erwartend, starrten die, welche es trug, von namenloser Angst +gebannt, in die hoch und höher strudelnde Brandung, und während jedes kleinste +Rücken hier tausend Augen auf sich zog, wagte nicht eines, den Blick nach +rechts oder links zu verwenden. +</p> + +<p> +Nachdem auf der Zusammenkunft von Luca im April 698 (36) Caesar sich Pompeius +gegenüber zu ansehnlichen Konzessionen verstanden und die Machthaber damit sich +wesentlich ins Gleichgewicht gesetzt hatten, fehlte es ihrem Verhältnis nicht +an den äußeren Bedingungen der Haltbarkeit, insoweit eine Teilung der an sich +unteilbaren monarchischen Gewalt überhaupt haltbar sein kann. Eine andere Frage +war es, ob die Machthaber, wenigstens für jetzt, entschlossen waren, +zusammenzuhalten und gegenseitig sich ohne Hinterhalt als gleichberechtigt +anzuerkennen. Daß dies bei Caesar insofern der Fall war, als er um den Preis +der Gleichstellung mit Pompeius sich die zur Unterwerfung Galliens notwendige +Frist erkauft hatte, ist früher dargelegt worden. Aber Pompeius war es +schwerlich jemals auch nur vorläufig Ernst mit der Kollegialität. Er war eine +von den kleinlichen und gemeinen Naturen, gegen die es gefährlich ist, Großmut +zu üben: seinem kleinlichen Sinn erschien es sicher als Gebot der Klugheit, dem +unwillig anerkannten Nebenbuhler bei erster Gelegenheit ein Bein zu stellen, +und seine gemeine Seele dürstete nach der Möglichkeit, die durch Caesars +Nachsicht erlittene Demütigung ihm umgekehrt zu vergelten. Wenn aber Pompeius +wahrscheinlich nach seiner dumpfen und trägen Natur niemals recht sich dazu +verstanden hatte, Caesar neben sich gelten zu lassen, so ist doch die Absicht, +das Bündnis zu sprengen, ihm wohl erst allmählich zum klaren Bewußtsein +gelangt. Auf keinen Fall wird das Publikum, das überhaupt Pompeius’ An- +und Absichten gewöhnlich besser durchschaute als er selbst, darin sich +getäuscht haben, daß wenigstens mit dem Tode der schönen Julia, welche in der +Blüte ihrer Jahre im Herbst 700 (54) starb und der ihr einziges Kind bald in +das Grab nachfolgte, das persönliche Verhältnis zwischen ihrem Vater und ihrem +Gemahl gelöst war. Caesar versuchte, die vom Schicksal getrennten +verwandtschaftlichen Bande wiederherzustellen; er warb für sich um die Hand der +einzigen Tochter des Pompeius und trug diesem seine jetzt nächste Verwandte, +seiner Schwester Enkelin Octavia, als Gemahlin an; allein Pompeius ließ seine +Tochter ihrem bisherigen Gatten Faustus Sulla, dem Sohn des Regenten, und +vermählte sich selber mit der Tochter des Quintus Metellus Scipio. Der +persönliche Bruch war unverkennbar eingetreten, und Pompeius war es, der die +Hand zurückzog. Man erwartete, daß der politische ihm auf dem Fuße folgen +werde; allein hierin hatte man sich getäuscht: in öffentlichen Angelegenheiten +blieb vorläufig noch ein kollegialisches Einvernehmen bestehen. Die Ursache +war, daß Caesar nicht geradezu das Verhältnis lösen wollte, bevor Galliens +Unterwerfung eine vollendete Tatsache war, Pompeius nicht, bevor durch die +Übernahme der Diktatur die Regierungsbehörden und Italien vollständig in seine +Gewalt gebracht sein würden. Es ist sonderbar, aber wohl erklärlich, daß die +Machthaber hierbei sich gegenseitig unterstützten; Pompeius überließ nach der +Katastrophe von Aduatuca im Winter 700 (54) eine seiner auf Urlaub entlassenen +italienischen Legionen leihweise an Caesar; andererseits gewährte Caesar +Pompeius seine Einwilligung und seine moralische Unterstützung bei den +Repressivmaßregeln, die dieser gegen die störrige republikanische Opposition +ergriff. Erst nachdem Pompeius auf diesem Wege im Anfang des Jahres 702 (52) +sich das ungeteilte Konsulat und einen durchaus den Caesars überwiegenden +Einfluß in der Hauptstadt verschafft und die sämtliche waffenfähige Mannschaft +in Italien den Soldateneid in seine Hände und auf seinen Namen abgeleistet +hatte, faßte er den Entschluß, baldmöglichst mit Caesar förmlich zu brechen; +und die Absicht trat auch klar genug hervor. Daß die nach dem Auflauf auf der +Appischen Straße stattfindende gerichtliche Verfolgung eben Caesars alte +demokratische Parteigenossen mit schonungsloser Härte traf, konnte vielleicht +noch als bloße Ungeschicklichkeit hingehen. Daß das neue Gesetz gegen die +Wahlumtriebe, indem es bis 684 (70) zurückgriff, auch die bedenklichen Vorgänge +bei Caesars Bewerbung um das Konsulat miteinschloß, mochte gleichfalls nicht +mehr sein, obgleich nicht wenige Caesarianer darin eine bestimmte Absicht zu +erkennen meinten. Aber auch bei dem besten Willen konnte man nicht mehr die +Augen verschließen, als Pompeius sich zum Kollegen im Konsulat nicht seinen +früheren Schwiegervater Caesar erkor, wie es der Lage des Sache entsprach und +vielfach gefordert ward, sondern in seinem neuen Schwiegervater Scipio sich +einen von ihm völlig abhängigen Figuranten an die Seite setzte; noch weniger, +als Pompeius sich gleichzeitig die Statthalterschaft beider Spanien auf weitere +fünf Jahre, also bis 709 (45) verlängern und für die Besoldung seiner Truppen +sich aus der Staatskasse eine ansehnliche feste Summe auswerfen ließ, nicht +nur, ohne für Caesar die gleiche Verlängerung des Kommandos und die gleiche +Geldbewilligung zu bedingen, sondern sogar durch die gleichzeitig ergangenen +neuen Regulative über die Besetzung der Statthalterschaften von weitem +hinarbeitend auf eine Abberufung Caesars vor dem früher verabredeten Termin. +Unverkennbar waren diese Übergriffe darauf berechnet, Caesars Stellung zu +untergraben und demnächst ihn zu stürzen. Der Augenblick konnte nicht günstiger +sein. Nur darum hatte Caesar in Luca Pompeius so viel eingeräumt, weil Crassus +und dessen syrische Armee bei einem etwaigen Bruch mit Pompeius notwendig in +Caesars Waagschale fielen; denn auf Crassus, der seit der sullanischen Zeit mit +Pompeius aufs tiefste verfeindet und fast ebensolange mit Caesar politisch und +persönlich verbündet war, und der nach seiner Eigentümlichkeit allenfalls, wenn +er nicht selbst König von Rom werden konnte, auch damit sich begnügt haben +würde, des neuen Königs von Rom Bankier zu sein, durfte Caesar überhaupt zählen +und auf keinen Fall besorgen, ihn sich gegenüber als Verbündeten seiner Feinde +zu erblicken. Die Katastrophe von Juni 791 (53), in der Heer und Feldherr in +Syrien zu Grunde gingen, war darum auch für Caesar ein furchtbar schwerer +Schlag. Wenige Monate später loderte in Gallien, ebenda es vollständig +unterworfen schien, die nationale Insurrektion gewaltiger empor als je und trat +zum erstenmal hier gegen Caesar ein ebenbürtiger Gegner in dem Arvernerkönig +Vercingetorix auf. Wieder einmal hatte das Geschick für Pompeius gearbeitet: +Crassus war tot, ganz Gallien im Aufstand, Pompeius faktisch Diktator von Rom +und Herr des Senats - was hätte kommen mögen, wenn er jetzt, statt in weite +Ferne hinein gegen Caesar zu intrigieren, kurzweg die Bürgerschaft oder den +Senat zwang, Caesar sofort aus Gallien abzurufen! +</p> + +<p> +Aber Pompeius hat es nie verstanden, das Glück bei der Locke zu fassen. Er +kündigte den Bruch deutlich genug an; bereits 702 (52) ließen seine Handlungen +darüber keinen Zweifel und schon im Frühjahr 703 (51) sprach er seine Absicht, +mit Caesar zu brechen, unverhohlen aus; aber er brach nicht und ließ ungenutzt +die Monate verstreichen. +</p> + +<p> +Indes wie auch Pompeius zögerte, die Krise rückte doch durch das Schwergewicht +der Dinge selbst unaufhaltsam heran. Der bevorstehende Krieg war nicht etwa ein +Kampf zwischen Republik und Monarchie - die Entscheidung darüber war bereits +vor Jahren gefallen -, sondern ein Kampf um den Besitz der Krone Roms zwischen +Pompeius und Caesar. Aber keiner der Prätendenten fand seine Rechnung dabei, +die rechte Parole auszusprechen; er hätte damit den ganzen sehr ansehnlichen +Teil der Bürgerschaft, der den Fortbestand der Republik wünschte und an dessen +Möglichkeit glaubte, dem Gegner geradezu ins Lager getrieben. Die alten +Schlachtrufe, wie sie Gracchus und Drusus, Cinna und Sulla angestimmt hatten, +wie verbraucht und inhaltlos sie waren, blieben immer noch gut genug zum +Feldgeschrei für den Kampf der beiden um die Alleinherrschaft ringenden +Generale; und wenn auch für den Augenblick sowohl Pompeius wie Caesar offiziell +sich zu der sogenannten Popularpartei rechneten, so konnte es doch keinen +Augenblick zweifelhaft sein, daß Caesar das Volk und den demokratischen +Fortschritt, Pompeius die Aristokratie und die legitime Verfassung auf sein +Panier schreiben werde. Caesar hatte keine Wahl. Er war von Haus aus und sehr +ernstlich Demokrat, die Monarchie, wie er sie verstand, mehr äußerlich als im +Wesen selbst von dem gracchischen Volksregiment verschieden; und er war ein zu +hochsinniger und zu tiefer Staatsmann, um seine Farbe zu decken und unter einem +anderen als seinem eigenen Wappen zu fechten. Der unmittelbare Nutzen freilich, +den dies Feldgeschrei ihm brachte, war gering; er beschränkte in der Hauptsache +sich darauf, daß er dadurch der Unbequemlichkeit überhoben ward, das Königtum +beim Namen zu nennen und mit dem verfemten Worte die Masse der Lauen und die +eigenen Anhänger zu konsternieren. Positiven Gewinn trug die demokratische +Fahne kaum noch ein, seit die gracchischen Ideale durch Clodius schändlich und +lächerlich geworden waren; denn wo gab es jetzt, abgesehen etwa von den +Transpadanern, einen Kreis von irgendwelcher Bedeutung, der durch die +Schlachtrufe der Demokratie zur Teilnahme an dem Kampfe sich hätte bestimmen +lassen? +</p> + +<p> +Damit wäre auch Pompeius’ Rolle in dem bevorstehenden Kampf entschieden +gewesen, wenn nicht ohnehin schon es sich von selbst verstanden hätte, daß er +in denselben eintreten wußte als der Feldherr der legitimen Republik. Ihn +hatte, wenn je einen, die Natur zum Glied einer Aristokratie bestimmt, und nur +sehr zufällige und sehr egoistische Motive hatten ihn als Überläufer aus dem +aristokratischen in das demokratische Lager geführt. Daß er jetzt wieder auf +seine sullanischen Traditionen zurückkam, war nicht bloß sachgemäß, sondern in +jeder Beziehung von wesentlichem Nutzen. So verbraucht das demokratische +Feldgeschrei war, von so gewaltiger Wirkung wußte das konservative sein, wenn +es von dem rechten Mann ausging. Vielleicht die Majorität, auf jeden Fall der +Kern der Bürgerschaft, gehörte der verfassungstreuen Partei an, und ihrer +numerischen und moralischen Stärke nach war dieselbe wohl berufen, in dem +bevorstehenden Prätendentenkampf in mächtiger, vielleicht in entscheidender +Weise zu intervenieren. Es fehlte ihr nichts als ein Führer. Marcus Cato, ihr +gegenwärtiges Haupt, tat als Vormann seine Schuldigkeit, wie er sie verstand, +unter täglicher Lebensgefahr und vielleicht ohne Hoffnung auf Erfolg; seine +Pflichttreue ist achtbar, aber der letzte auf einem verlorenen Posten zu sein, +ist Soldaten-, nicht Feldherrnlob. Die gewaltige Reserve, die der Partei der +gestürzten Regierung wie von selber in Italien erwachsen war, wußte er weder zu +organisieren noch rechtzeitig in den Kampf zu ziehen; und, worauf am Ende alles +ankam, die militärische Führung hat er aus guten Gründen niemals in Anspruch +genommen. Wenn anstatt dieses Mannes, der weder Parteihaupt noch General zu +sein verstand, ein Mann von Pompeius’ politischer und militärischer +Bedeutung das Banner der bestehenden Verfassung erhob, so strömten notwendig +die Munizipalen Italiens haufenweise demselben zu, um darunter, zwar nicht für +den König Pompeius, aber doch gegen den König Caesar fechten zu helfen. Hierzu +kam ein anderes, wenigstens ebenso wichtiges Moment. Es war Pompeius’ +Art, selbst wenn er sich entschlossen hatte, nicht den Weg zur Ausführung +seines Entschlusses finden zu können. Wenn er den Krieg vielleicht zu führen, +aber gewiß nicht zu erklären verstand, so war die catonische Partei sicher +unfähig, ihn zu führen, aber sehr fähig und vor allem sehr bereit gegen die in +der Gründung begriffene Monarchie den Krieg zu motivieren. Nach Pompeius’ +Absicht sollte, während er selbst sich beiseite hielt und in seiner Art bald +davon redete demnächst in seine spanischen Provinzen abgehen zu wollen, bald +zur Übernahme des Kommandos am Euphrat sich reisefertig machte, die legitime +Regierungsbehörde, das heißt der Senat, mit Caesar brechen, ihm den Krieg +erklären und mit dessen Führung Pompeius beauftragen, der dann, dem allgemeinen +Verlangen nachgebend, als Beschützer der Verfassung gegen +demagogisch-monarchische Wühlereien, als rechtlicher Mann und Soldat der +bestehenden Ordnung gegen die Wüstlinge und Anarchisten, als wohlbestallter +Feldherr der Kurie gegen den Imperator von der Gasse aufzutreten und wieder +einmal das Vaterland zu retten gedachte. Also gewann Pompeius durch die Allianz +mit den Konservativen, teils zu seinen persönlichen Anhängern eine zweite +Armee, teils ein angemessenes Kriegsmanifest - Vorteile, die allerdings erkauft +wurden um den hohen Preis des Zusammengehens mit prinzipiellen Gegnern. Von den +unzähligen Übelständen, die in dieser Koalition lagen, entwickelte sich +vorläufig nur erst der eine, aber bereits sehr ernste, daß Pompeius es aus der +Hand gab, wann und wie es ihm gefiel, gegen Caesar loszuschlagen, und in diesem +entscheidenden Punkte sich abhängig machte von allen Zufälligkeiten und Launen +einer aristokratischen Korporation. +</p> + +<p> +So ward also die republikanische Opposition, nachdem sie sich Jahre lang mit +der Zuschauerrolle hatte begnügen müssen und kaum hatte wagen dürfen zu +pfeifen, jetzt durch den bevorstehenden Bruch der Machthaber wieder auf die +politische Schaubühne zurückgeführt. Es war dies zunächst der Kreis, der in +Cato seinen Mittelpunkt fand, diejenigen Republikaner, die den Kampf für die +Republik und gegen die Monarchie unter allen Umständen und je eher desto lieber +zu wagen entschlossen waren. Der klägliche Ausgang des im Jahre 698 (56) +gemachten Versuchs hatte sie belehrt, daß sie für sich allein den Krieg weder +zu führen noch auch nur hervorzurufen imstande waren; männiglich war es +bekannt, daß selbst in dem Senat zwar die ganze Körperschaft mit wenigen +vereinzelten Ausnahmen der Monarchie abgeneigt war, allein die Majorität doch +das oligarchische Regiment nur dann restaurieren wollte, wenn es ohne Gefahr +sich restaurieren ließ, womit es denn freilich gute Weile hatte. Gegenüber +einesteils den Machthabern, andernteils dieser schlaffen Majorität, die vor +allen Dingen und um jeden Preis Frieden verlangte und jedem entschiedenen +Handeln, am meisten einem entschiedenen Bruch mit dem einen oder dem anderen +der Machthaber abgeneigt war, lag für die Catonische Partei die einzige +Möglichkeit, zu einer Restauration des alten Regiments zu gelangen, in der +Koalition mit dem minder gefährlichen der Herrscher. Wenn Pompeius sich zu der +oligarchischen Verfassung bekannte und für sie gegen Caesar zu streiten sich +erbot, so konnte und mußte die republikanische Opposition ihn als ihren +Feldherrn anerkennen und mit ihm im Bunde die furchtsame Majorität zur +Kriegserklärung zwingen. Daß es Pompeius mit seiner Verfassungstreue nicht +voller Ernst war, konnte zwar niemand entgehen; aber halb, wie er in allem war, +war es ihm doch auch keineswegs so wie Caesar zum deutlichen und sicheren +Bewußtsein gekommen, daß es das erste Geschäft des neuen Monarchen sein müsse, +mit dem oligarchischen Gerümpel gründlich und abschließend aufzuräumen. Auf +alle Fälle bildete der Krieg ein wirklich republikanisches Heer und wirklich +republikanische Feldherren heran, und es konnte dann, nach dem Siege über +Caesar, unter günstigeren Aussichten dazu geschritten werden, nicht bloß einen +der Monarchen, sondern die im Werden begriffene Monarchie selbst zu beseitigen. +Verzweifelt wie die Sache der Oligarchie stand, war das Anerbieten des +Pompeius, mit ihr sich zu verbünden, für sie die möglichst günstige Fügung. +</p> + +<p> +Der Abschluß der Allianz zwischen Pompeius und der catonischen Partei erfolgte +verhältnismäßig rasch. Schon während Pompeius’ Diktatur hatte beiderseits +eine bemerkenswerte Annäherung stattgefunden. Pompeius ganzes Verhalten in der +Milonischen Krise, seine schroffe Zurückweisung des die Diktatur ihm +antragenden Pöbels, seine bestimmte Erklärung, nur vom Senat dies Amt annehmen +zu wollen, seine unnachsichtige Strenge gegen die Ruhestörer jeder Art und +namentlich gegen die Ultrademokraten, die auffallende Zuvorkommenheit, womit er +Cato und dessen Gesinnungsgenossen behandelte, schienen ebenso darauf +berechnet, die Männer der Ordnung zu gewinnen, wie sie für den Demokraten +Caesar beleidigend waren. Andererseits hatten auch Cato und seine Getreuen den +Antrag, Pompeius die Diktatur zu übertragen, statt ihn mit gewohntem Rigorismus +zu bekämpfen, unter unwesentlichen Formänderungen zu dem ihrigen gemacht; +zunächst aus den Händen des Bibulus und Cato hatte Pompeius das ungeteilte +Konsulat empfangen. Wenn so schon zu Anfang des Jahres 702 (52) die Catonische +Partei und Pompeius wenigstens stillschweigend sich verstanden, so durfte das +Bündnis als förmlich abgeschlossen gelten, als bei den Konsulwahlen für 703 +(51) zwar nicht Cato selbst gewählt ward, aber doch neben einem unbedeutenden +Manne der Senatsmajorität einer der entschiedensten Anhänger Catos, Marcus +Claudius Marcellus. Marcellus war kein stürmischer Eiferer und noch weniger ein +Genie, aber ein charakterfester und strenger Aristokrat, eben der rechte Mann, +um, wenn mit Caesar der Krieg begonnen werden sollte, denselben zu erklären. +Wie die Verhältnisse lagen, kann diese nach den unmittelbar vorher gegen die +republikanische Opposition ergriffenen Repressivmaßregeln so auffallende Wahl +kaum anders erfolgt sein als mit Einwilligung oder wenigstens unter +stillschweigender Zulassung des derzeitigen Machthabers von Rom. Langsam und +schwerfällig, wie er pflegte, aber unverwandt schritt Pompeius auf den Bruch +zu. +</p> + +<p> +In Caesars Absicht lag es dagegen nicht, in diesem Augenblicke mit Pompeius +sich zu überwerfen. Zwar ernstlich und auf die Dauer konnte er die +Herrschergewalt mit keinem Kollegen teilen wollen, am wenigsten mit einem so +untergeordneter Art, wie Pompeius war, und ohne Zweifel war er längst +entschlossen, nach Beendigung der gallischen Eroberung die Alleinherrschaft für +sich zu nehmen und nötigenfalls mit den Waffen zu erzwingen. Allein ein Mann +wie Caesar, in dem der Offizier durchaus dem Staatsmann untergeordnet war, +konnte nicht verkennen, daß die Regulierung des staatlichen Organismus durch +Waffengewalt denselben in ihren Folgen tief und oft für immer zerrüttet, und +mußte darum, wenn irgend möglich, die Verwicklung durch friedliche Mittel oder +wenigstens ohne offenbaren Bürgerkrieg zu lösen suchen. War aber dennoch der +Bürgerkrieg nicht zu vermeiden, so konnte er doch nicht wünschen, jetzt dazu +gedrängt zu werden, wo in Gallien der Aufstand des Vercingetorix eben alles +Erreichte aufs neue in Frage stellte und ihn vom Winter 701/02 (53/52) bis zum +Winter 702/03 (52/51) unausgesetzt beschäftigte, wo Pompeius und die +grundsätzlich ihm feindliche Verfassungspartei in Italien geboten. Darum suchte +er das Verhältnis mit Pompeius und damit den Frieden aufrecht zu halten und, +wenn irgend möglich, in friedlicher Weise zu dem bereits in Luca ihm +zugesicherten Konsulat für 706 (48) zu gelangen. Ward er alsdann nach +abschließender Erledigung der keltischen Angelegenheiten in ordnungsgemäßer +Weise an die Spitze des Staates gestellt, so konnte er, der dem Staatsmann +Pompeius noch weit entschiedener überlegen war als dem Feldherrn, wohl darauf +rechnen, ohne besondere Schwierigkeit diesen in der Kurie und auf dem Forum +auszumanövrieren. Vielleicht war es möglich, für seinen schwerfälligen, +unklaren und hoffärtigen Nebenbuhler irgendeine ehrenvolle und einflußreiche +Stellung zu ermitteln, in der dieser sich zu annullieren zufrieden war; die +wiederholten Versuche Caesars, sich mit Pompeius verschwägert zu halten, +mochten darauf abzielen, eine solche Lösung anzubahnen und in der Sukzession +der aus beider Nebenbuhler Blut herstammenden Sprößlinge die letzte Schlichtung +des alten Haders herbeizuführen. Die republikanische Opposition blieb dann +führerlos, also wahrscheinlich ebenfalls ruhig und der Friede ward erhalten. +Gelang dies nicht und mußten, wie es allerdings wahrscheinlich war, schließlich +die Waffen entscheiden, so verfügte dann Caesar als Konsul in Rom über die +gehorsame Senatsmajorität und konnte die Koalition der Pompeianer und der +Republikaner erschweren, ja vielleicht vereiteln und den Krieg weit +schicklicher und vorteilhafter führen, als wenn er jetzt als Prokonsul von +Gallien gegen den Senat und dessen Feldherrn marschieren ließ. Allerdings hing +das Gelingen dieses Planes davon ab, daß Pompeius gutmütig genug war, jetzt +noch Caesar zu dem ihm in Luca zugesicherten Konsulat für 706 (48) gelangen zu +lassen; aber selbst wenn er fehlschlug, war es für Caesar immer noch nützlich, +die größte Nachgiebigkeit tatsächlich und wiederholt zu dokumentieren. Teils +ward dadurch Zeit gewonnen, um inzwischen im Keltenland zum Ziele zu kommen, +teils blieb den Gegnern die gehässige Initiative des Bruches und also des +Bürgerkriegs, was sowohl der Senatsmajorität und der Partei der materiellen +Interessen, also auch namentlich den eigenen Soldaten gegenüber für Caesar vom +größten Belang war. +</p> + +<p> +Hiernach handelte er. Er rüstete freilich: durch neue Aushebungen im Winter +702/03 (52/51) stieg die Zahl seiner Legionen, einschließlich der von Pompeius +entlehnten, auf elf. Aber zugleich billigte er ausdrücklich und öffentlich +Pompeius’ Verhalten während der Diktatur und die durch ihn bewirkte +Wiederherstellung der Ordnung in der Hauptstadt, wies die Warnungen +geschäftiger Freunde als Verleumdungen zurück, rechnete jeden Tag, um den es +gelang, die Katastrophe zu verzögern, sich zum Gewinn, übersah, was sich +übersehen ließ, und ertrug, was ertragen werden konnte, unerschütterlich +festhaltend nur an der einen und entscheidenden Forderung, daß, wenn mit dem +Jahre 705 (49) seine Statthalterschaft zu Ende ging, das nach republikanischem +Staatsrecht zulässige, von seinem Kollegen vertragsmäßig zugestandene zweite +Konsulat für das Jahr 706 (48) ihm zuteil werde. +</p> + +<p> +Ebendies wurde das Schlachtfeld des jetzt beginnenden diplomatischen Krieges. +Wenn Caesar genötigt wurde, entweder sein Statthalteramt vor dem letzten +Dezember 705 (49) niederzulegen oder die Übernahme des hauptstädtischen Amtes +über den 1. Januar 706 (48) hinauszuschieben, er also eine Zeitlang zwischen +Statthalterschaft und Konsulat ohne Amt, folglich der - nach römischem Recht +nur gegen den amtlosen Mann zulässigen - Kriminalanklage ausgesetzt blieb, so +hatte, da Cato längst bereit stand, ihn peinlich zu belangen, und da Pompeius +ein mehr als zweifelhafter Beschützer war, das Publikum guten Grund, ihm in +diesem Fall das Schicksal Milos zu prophezeien. Um aber jenes zu erreichen, gab +es für Caesars Gegner ein sehr einfaches Mittel. Nach der bestehenden +Wahlordnung war jeder Bewerber um das Konsulat verpflichtet, vor der Wahl, also +ein halbes Jahr vor dem Amtsantritt, sich persönlich bei dem wahlleitenden +Beamten zu melden und die Einzeichnung seines Namens in die offizielle +Kandidatenliste zu bewirken. Es mag bei den Verträgen von Luca als +selbstverständlich angesehen worden sein, daß Caesar von dieser rein formellen +und sehr oft den Kandidaten erlassenen Verpflichtung dispensiert werde; allein +das desfällige Dekret war noch nicht ergangen, und da Pompeius jetzt im Besitz +der Dekretiermaschine war, hing Caesar in dieser Hinsicht von dem guten Willen +seines Nebenbuhlers ab. Unbegreiflicherweise gab Pompeius diese vollkommen +sichere Stellung freiwillig auf; mit seiner Einwilligung und während seiner +Diktatur 702 (52) ward durch ein tribunizisches Gesetz Caesar die persönliche +Meldung erlassen. Als indes bald darauf die neue Wahlordnung erging, war darin +die Verpflichtung der Kandidaten, persönlich sich einschreiben zu lassen, +allgemein wiederholt und keinerlei Ausnahme zu Gunsten der durch ältere +Volksschlüsse davon Entbundenen hinzugefügt; nach formellem Recht war das zu +Gunsten Caesars ergangene Privileg durch das jüngere allgemeine Gesetz +aufgehoben. Caesar beschwerte sich, und die Klausel wurde auch nachgetragen, +aber nicht durch besonderen Volksschluß bestätigt, so daß diese durch reine +Interpolation dem schon promulgierten Gesetz eingefügte Bestimmung rechtlich +nur als eine Nullität angesehen werden konnte. Was also Pompeius einfach hätte +festhalten können, hatte er vorgezogen erst zu verschenken, sodann +zurückzunehmen und diese Zurücknahme schließlich in illoyalster Weise zu +bemänteln. +</p> + +<p> +Wenn hiermit nur mittelbar auf Verkürzung der Statthalterschaft Caesars +hingearbeitet ward, so verfolgte dagegen das gleichzeitig ergangene Regulativ +über die Statthalterschaften dasselbe Ziel geradezu. Die zehn Jahre, auf +welche, zuletzt durch das von Pompeius selbst in Gemeinschaft mit Crassus +beantragte Gesetz, Caesar die Statthalterschaft gesichert worden war, liefen +nach der hierfür üblichen Rechnung vom 1. März 695 (59) bis zum letzten Februar +705 (49). Da ferner nach der früheren Übung dem Prokonsul oder Proprätor das +Recht zustand, unmittelbar nach Beendigung seines Konsulats oder seiner Prätur +in sein Provinzialamt einzutreten, so war Caesars Nachfolger nicht aus den +städtischen Beamten des Jahres 704 (50), sondern aus denen des Jahres 705 (49) +zu ernennen und konnte also nicht vor dem 1. Januar 706 (48) eintreten. +Insofern hatte Caesar auch noch während der letzten zehn Monate des Jahres 705 +(49) ein Anrecht auf das Kommando, nicht auf Grund des Pompeisch-Licinischen +Gesetzes, aber auf Grund der alten Regel, daß das befristete Kommando auch nach +Ablauf der Frist bis zum Eintreffen des Nachfolgers fortdauert. Seitdem nun +aber das neue Regulativ des Jahres 702 (52) nicht die abgehenden, sondern die +vor fünf Jahren oder länger abgegangenen Konsuln und Prätoren zu den +Statthalterschaften berief und also zwischen dem bürgerlichen Amt und dem +Kommando, statt der bisherigen unmittelbaren Aufeinanderfolge, ein Intervall +vorschrieb, war nichts mehr im Wege, jede gesetzlich erledigte +Statthalterschaft sofort anderweitig zu besetzen, also in dem gegebenen Falle +für die gallischen Provinzen den Kommandowechsel statt am 1. Januar 706 (48) +vielmehr am 1. März 705 (49) herbeizuführen. Pompeius’ kümmerliche +Hinterhältigkeit und zögernde Tücke sind in diesen Veranstaltungen in +merkwürdiger Weise gemischt mit dem knifflichen Formalismus und der +konstitutionellen Gelehrsamkeit der Verfassungspartei. Jahre zuvor, ehe diese +staatsrechtlichen Waffen gebraucht werden konnten, legte man sie sich zurecht +und setzte sich in die Verfassung, teils Caesar vor dem Tage, wo die durch +Pompeius’ eigenes Gesetz ihm zugesicherte Frist zu Ende lief, also vom 1. +März 705 (49) an, durch Sendung der Nachfolger zur Niederlegung des Kommandos +nötigen, teils die bei den Wahlen für 706 (48) auf ihn lautenden Stimmtafeln +als nichtige behandeln zu können. Caesar, nicht in der Lage, diese Schachzüge +zu hindern, schwieg dazu und ließ die Dinge an sich kommen. +</p> + +<p> +Allgemach rückte denn der verfassungsmäßige Schneckengang weiter. Nach der +Observanz hatte der Senat über die Statthalterschaften des Jahres 705 (49), +insofern sie an gewesene Konsuln kamen, zu Anfang des Jahres 703 (51), insofern +sie an gewesene Prätoren kamen, zu Anfang des Jahres 704 (50) zu beraten; jene +erstere Beratung gab den ersten Anlaß, die Ernennung von neuen Statthaltern für +beide Gallien im Senat zur Sprache zu bringen und damit den ersten Anlaß zu +offener Kollision zwischen der von Pompeius vorgeschobenen Verfassungspartei +und den Vertretern Caesars im Senat. Der Konsul Marcus Marcellus brachte den +Antrag ein, den beiden für 705 (49) mit Statthalterschaften auszustattenden +Konsularen die beiden bisher von dem Prokonsul Gaius Caesar verwalteten vom 1. +März jenes Jahres an zu überweisen. Die lange zurückgehaltene Erbitterung brach +im Strom durch die einmal aufgezogene Schleuse; es kam bei diesen +Unterhandlungen alles zur Sprache, was die Catonianer gegen Caesar im Sinn +trugen. Für sie stand es fest, daß das durch Ausnahmegesetz dem Prokonsul +Caesar gestattete Recht, sich abwesend zur Konsulwahl zu melden, durch späteren +Volksschluß wieder aufgehoben, auch in diesem nicht in gültiger Weise +vorbehalten sei. Der Senat sollte ihrer Meinung nach diesen Beamten +veranlassen, da die Unterwerfung Galliens beendigt sei, die ausgedienten +Soldaten sofort zu verabschieden. Die von Caesar in Oberitalien vorgenommenen +Bürgerrechtsverleihungen und Koloniegründungen wurden von ihnen als +verfassungswidrig und nichtig bezeichnet; davon zu weiterer Verdeutlichung +verhängte Marcellus über einen angesehenen Ratsherrn der Caesarischen Kolonie +Comum, der, selbst wenn diesem Ort nicht Bürger-, sondern nur latinisches Recht +zukam, befugt war, das römische Bürgerrecht in Anspruch zu nehmen, die nur +gegen Nichtbürger zulässige Strafe des Auspeitschens. +</p> + +<p> +Caesars derzeitige Vertreter, unter denen Gaius Vibius Pansa, der Sohn eines +von Sulla geächteten Mannes, aber dennoch in die politische Laufbahn gelangt, +früher Offizier in Caesars Heer und in diesem Jahre Volkstribun, der +namhafteste war, machten im Senat geltend, daß sowohl der Stand der Dinge in +Gallien als auch die Billigkeit erfordere, nicht nur Caesar nicht vor der Zeit +abzurufen, sondern vielmehr ihm das Kommando neben dem Konsulat zu lassen; sie +wiesen ohne Zweifel darauf hin, daß vor wenigen Jahren Pompeius ganz ebenso die +spanischen Statthalterschaften mit dem Konsulat vereinigt habe und noch +gegenwärtig, außer dem wichtigen Oberaufsichtsamt über das hauptstädtische +Verpflegungswesen, mit dem spanischen Oberkommando das von Italien kumuliere, +ja dessen sämtliche waffenfähige Mannschaft von ihm eingeschworen und ihres +Eides noch nicht entbunden sei. +</p> + +<p> +Der Prozeß fing an sich zu formulieren, aber er kam darum nicht in rascheren +Gang. Die Majorität des Senats, den Bruch kommen sehend, ließ es Monate lang zu +keiner beschlußfähigen Sitzung kommen; und wieder andere Monate gingen über +Pompeius’ feierlichem Zaudern verloren. Endlich brach dieser das +Schweigen und stellte sich zwar wie immer in rückhaltiger und unsicherer Weise, +doch deutlich genug, gegen seinen bisherigen Verbündeten auf die Seite der +Verfassungspartei. Die Forderung der Caesarianer, ihrem Herrn die Kumulierung +des Konsulats mit dem Prokonsulat zu gestatten, wies er kurz und schroff von +der Hand; dies Verlangen, fügte er mit plumper Grobheit hinzu, komme ihm nicht +besser vor, als wenn der Sohn dem Vater Stockschläge anbiete. Dem Antrag des +Marcellus stimmte er im Prinzip insofern bei, als auch er erklärte, Caesar den +unmittelbaren Anschluß des Konsulats an das Prokonsulat nicht erlauben zu +wollen. Indes ließ er durchblicken, ohne doch hierüber sich bindend zu +erklären, daß man die Zulassung zu den Wahlen für 706 (48) unter Beseitigung +der persönlichen Meldung sowie die Fortführung der Statthalterschaft bis zum +13. November 705 (49) äußersten Falls Caesar vielleicht gestatten werde. +Zunächst aber willigte der unverbesserliche Zauderer in die Vertagung der +Nachfolgerernennung bis nach dem letzten Februar 704 (50), was von Caesars +Wortführern verlangt ward, wahrscheinlich auf Grund einer Klausel des +Pompeisch-Licinischen Gesetzes, welche vor dem Anfang von Caesars letztem +Statthalterjahr jede Verhandlung des Senats über die Nachfolgerernennung +untersagte. +</p> + +<p> +In diesem Sinne fielen denn die Beschlüsse des Senats aus (29. September 703 +51). Die Besetzung der gallischen Statthalterschaften ward für den 1. März 704 +(50) auf die Tagesordnung gebracht, schon jetzt aber die Sprengung der Armee +Caesars, ähnlich wie es einst durch Volksschluß mit dem Heere des Lucullus +geschehen war, in der Art in die Hand genommen, daß die Veteranen desselben +veranlaßt wurden, sich wegen ihrer Verabschiedung an den Senat zu wenden. +Caesars Vertreter bewirkten zwar, soweit sie verfassungsmäßig es konnten, die +Kassation dieser Beschlüsse durch ihr tribunizisches Veto; allein Pompeius +sprach sehr bestimmt aus, daß die Beamten verpflichtet seien, dem Staat +unbedingt zu gehorchen und Interzessionen und ähnliche antiquierte Formalitäten +hierin nichts ändern würden. Die oligarchische Partei, zu deren Organ Pompeius +jetzt sich machte, verriet nicht undeutlich die Absicht, nach einem allfälligen +Siege die Verfassung in ihrem Sinn zu revidieren und alles zu beseitigen, was +wie Volksfreiheit auch nur aussah; wie sie denn auch, ohne Zweifel aus diesem +Grunde, es unterließ, bei ihren gegen Caesar gerichteten Angriffen sich +irgendwie der Komitien zu bedienen. Die Koalition zwischen Pompeius und der +Verfassungspartei war also förmlich erklärt, auch über Caesar das Urteil +offenbar bereits gefällt und nur der Termin der Eröffnung verschoben. Die +Wahlen für das folgende Jahr fielen durchgängig gegen ihn aus. +</p> + +<p> +Während dieser kriegsvorbereitenden Parteimanöver der Gegner war es Caesar +gelungen, mit der gallischen Insurrektion fertigzuwerden und in dem ganzen +unterworfenen Gebiet den Friedensstand herzustellen. Schon im Sommer 703 (51) +zog er, unter dem schicklichen Vorwand der Grenzverteidigung, aber offenbar zum +Zeichen dessen, daß die Legionen in Gallien jetzt anfingen entbehrt werden zu +können, eine derselben nach Norditalien. Er mußte, wenn nicht früher, +jedenfalls wohl jetzt erkennen, daß es ihm nicht erspart bleiben werde, das +Schwert gegen seine Mitbürger zu ziehen; allein nichtsdestoweniger suchte er, +da es höchst wünschenswert war, die Legionen noch eine Zeitlang in dem kaum +beschwichtigten Gallien zu lassen, auch jetzt noch zu zögern und gab, wohl +bekannt mit der extremen Friedensliebe der Senatsmajorität, die Hoffnung nicht +auf, sie ungeachtet des von Pompeius auf sie ausgeübten Druckes von der +Kriegserklärung noch zurückzuhalten. Selbst große Opfer scheute er nicht, um +nur für jetzt nicht mit der obersten Regierungsbehörde in offenen Widerspruch +zu geraten. Als der Senat (Frühling 704 50) auf Betrieb des Pompeius sowohl an +diesen wie an Caesar das Ansuchen stellte, je eine Legion für den +bevorstehenden Parthischen Krieg abzugeben, und als in Gemäßheit dieses +Beschlusses Pompeius die vor mehreren Jahren an Caesar überlassene Legion von +diesem zurückverlangte, um sie nach Syrien einzuschiffen, kam Caesar der +zwiefachen Aufforderung nach, da an sich weder die Opportunität dieses +Senatsbeschlusses noch die Berechtigung der Forderung des Pompeius sich +bestreiten ließ und Caesar an der Einhaltung der Schranken des Gesetzes und der +formalen Loyalität mehr gelegen war als an einigen tausend Soldaten mehr. Die +beiden Legionen kamen ohne Verzug und stellten sich der Regierung zur +Verfügung, aber statt sie an den Euphrat zu senden, hielt diese sie in Capua +für Pompeius in Bereitschaft, und das Publikum hatte wieder einmal Gelegenheit, +Caesars offenkundige Bemühungen, den Bruch abzuwenden, mit der perfiden +Kriegsvorbereitung der Gegner zu vergleichen. +</p> + +<p> +Für die Verhandlungen mit dem Senat war es Caesar gelungen, nicht nur den einen +der beiden Konsuln des Jahres, Lucius Aemilius Paullus, zu erkaufen, sondern +vor allem den Volkstribun Gaius Curio, wahrscheinlich das eminenteste unter den +vielen liederlichen Genies dieser Epoche ^2: unübertroffen an vornehmer +Eleganz, an fließender und geistreicher Rede, an Intrigengeschick und an jener +Tatkraft, welche bei energisch angelegten, aber verlotterten Charakteren in den +Pausen des Müßiggangs nur um so mächtiger sich regt; aber auch unübertroffen in +wüster Wirtschaft, im Borgtalent - man schlug seine Schulden auf 60 Mill. +Sesterzen (4½ Mill. Taler) an - und in sittlicher wie politischer +Grundsatzlosigkeit. Schon früher hatte er Caesar sich zu Kauf angetragen und +war abgewiesen worden: das Talent, das er seitdem in seinen Angriffen auf +Caesar entwickelt hatte, bestimmte diesen, ihn nachträglich zu erstehen - der +Preis war hoch, aber die Ware war es wert. Curio hatte in den ersten Monaten +seines Volkstribunats den unabhängigen Republikaner gespielt und als solcher +sowohl gegen Caesar wie gegen Pompeius gedonnert. Die anscheinend unparteiische +Stellung, die dies ihm gab, benutzte er mit seltener Gewandtheit, um, als im +März 704 (50) der Antrag über die Besetzung der gallischen Statthalterschaften +für das nächste Jahr aufs neue im Senat zur Verhandlung kam, diesem Beschlusse +vollständig beizupflichten, aber die gleichzeitige Ausdehnung desselben auch +auf Pompeius und dessen außerordentliche Kommandos zu verlangen. Seine +Auseinandersetzung, daß ein verfassungsmäßiger Zustand sich nur durch +Beseitigung sämtlicher Ausnahmestellungen herbeiführen lasse, daß Pompeius, als +nur vom Senat mit dem Prokonsulat betraut, noch viel weniger als Caesar +demselben den Gehorsam verweigern könne, daß die einseitige Beseitigung des +einen der beiden Generäle die Gefahr für die Verfassung nur steigere, leuchtete +den politischen Halbweisen wie dem großen Publikum vollkommen ein, und Curios +Erklärung, daß er jedes einseitige Vorschreiten gegen Caesar durch das +verfassungsmäßig ihm zustehende Veto zu verhindern gedenke, fand in und außer +dem Senat vielfach Billigung. Caesar erklärte sich mit Curios Vorschlag sofort +einverstanden und erbot sich, Statthalterschaft und Kommando jeden Augenblick +auf Anforderndes Senats niederzulegen, wofern Pompeius das gleiche tue; er +durfte es, denn ohne sein italisch-spanisches Kommando war Pompeius nicht +länger furchtbar. Dagegen konnte Pompeius eben deswegen nicht umhin sich zu +weigern; seine Erwiderung, daß Caesar zuerst niederlegen müsse und er dem +gegebenen Beispiel bald zu folgen gedenke, befriedigte um so weniger, als er +nicht einmal einen bestimmten Termin für seinen Rücktritt ansetzte. Wieder +stockte Monate lang die Entscheidung; Pompeius und die Catonianer, die +bedenkliche Stimmung der Senatsmajorität erkennend, wagten es nicht, Curios +Antrag zur Abstimmung zu bringen. Caesar benutzte den Sommer, um den +Friedensstand in den von ihm eroberten Landschaften zu konstatieren, an der +Schelde eine große Heerschau über seine Truppen und durch die ihm völlig +ergebene norditalische Statthalterschaft einen Triumphzug zu halten; der Herbst +fand ihn in der südlichen Grenzstadt seiner Provinz, in Ravenna. Die nicht +länger zu verzögernde Abstimmung über Curios Antrag fand endlich statt und +konstatierte die Niederlage der Partei des Pompeius und Cato in ihrem ganzen +Umfang. Mit 370 gegen 30 Stimmen beschloß der Senat, daß die Prokonsuln von +Spanien und Gallien beide aufzufordern seien, ihre Ämter zugleich +niederzulegen; und mit grenzenlosem Jubel vernahmen die guten Bürger von Rom +die frohe Botschaft von Curios rettender Tat. Pompeius ward also vom Senat +nicht minder abberufen als Caesar, und während Caesar bereit stand, dem Befehl +nachzukommen, verweigerte Pompeius geradezu den Gehorsam. Der vorsitzende +Konsul Gaius Marcellus, des Marcus Marcellus Vetter und gleich diesem zur +Catonischen Partei gehörig, hielt der servilen Majorität eine bittere +Strafpredigt; und ärgerlich war es freilich, so im eigenen Lager geschlagen zu +werden und geschlagen mittels der Phalanx der Memmen. Aber wo sollte der Sieg +auch herkommen unter einem Führer, der, statt kurz und bestimmt den Senatoren +seine Befehle zu diktieren, sich auf seine alten Tage bei einem Professor der +Redekunst zum zweitenmal in die Lehre begab, um dem jugendfrischen glänzenden +Talente Curios mit neu aufpolierter Eloquenz zu begegnen? +</p> + +<p> +—————————————————————————————- +</p> + +<p> +^2 homo ingeniosissime nequam (Vell, 2, 48). +</p> + +<p> +—————————————————————————————- +</p> + +<p> +Die im Senat geschlagene Koalition war in der peinlichsten Lage. Die Catonische +Fraktion hatte es übernommen, die Dinge zum Bruche zu treiben und den Senat mit +sich fortzureißen und sah nun in der ärgerlichsten Weise ihr Fahrzeug auf den +Sandbänken der schlaffen Majorität stranden. Von Pompeius mußten ihre Führer in +den Konferenzen die bittersten Vorwürfe hören; er wies mit Nachdruck und mit +vollem Recht auf die Gefahren des Scheinfriedens hin, und wenn es auch nur an +ihm selber lag den Knoten durch eine rasche Tat zu durchhauen, so wußten seine +Verbündeten doch sehr wohl, daß sie diese von ihm nimmermehr erwarten durften +und daß es an ihnen war, wie sie es zugesagt, ein Ende zu machen. Nachdem die +Vorfechter der Verfassung und des Senatsregiments bereits früher die +verfassungsmäßigen Rechte der Bürgerschaft und der Volkstribune für inhaltlose +Formalitäten erklärt hatten, sahen sie sich jetzt in die Notwendigkeit +versetzt, die verfassungsmäßigen Entscheidungen des Senats selbst in ähnlicher +Weise zu behandeln und, da die legitime Regierung nicht mit ihrem Willen sich +wollte retten lassen, sie wider ihren Willen zu erretten. Es war das weder neu +noch zufällig; in ganz ähnlicher Weise wie jetzt Cato und die Seinen hatten +auch Sulla und Lucullus jeden im rechten Interesse der Regierung gefaßten +energischen Entschluß derselben über den Kopf nehmen zu müssen: die +Verfassungsmaschine war eben vollständig abgenutzt, und wie seit Jahrhunderten +die Komitien, so jetzt auch der Senat nichts als ein lahmes, aus dem Geleise +weichendes Rad. +</p> + +<p> +Es ging die Rede (Oktober 704 50), daß Caesar vier Legionen aus dem Jenseitigen +in das Diesseitige Gallien gezogen und bei Placentia aufgestellt habe. Obwohl +diese Truppenverlegung an sich in den Befugnissen des Statthalters lag, Curio +überdies die vollständige Grundlosigkeit des Gerüchts im Senat handgreiflich +dartat und die Kurie den Antrag des Konsuls Gaius Marcellus, daraufhin Pompeius +Marschbefehl gegen Caesar zu erteilen, mit Mehrheit verwarf, so begab sich +dennoch der genannte Konsul in Verbindung mit den beiden für 705 (49) erwählten +gleichfalls zur Catonischen Partei gehörigen Konsuln zu Pompeius, und diese +drei Männer ersuchten kraft eigener Machtvollkommenheit den General, sich an +die Spitze der beiden bei Capua stehenden Legionen zu stellen und nach Ermessen +die italische Wehrmannschaft unter die Waffen zu rufen. Eine formwidrigere +Vollmacht zur Eröffnung des Bürgerkrieges ließ schwer sich denken; allein man +hatte keine Zeit mehr, auf solche Nebensachen Rücksicht zu nehmen: Pompeius +nahm sie an. Die Kriegsvorbereitungen, die Aushebungen begannen; um sie +persönlich zu fördern, verließ Pompeius im Dezember 704 (50) die Hauptstadt. +</p> + +<p> +Caesar hatte es vollständig erreicht, den Gegnern die Initiative des +Bürgerkrieges zuzuschieben. Er hatte, während er selber den Rechtsboden +festhielt, Pompeius gezwungen, den Krieg zu erklären, und ihn zu erklären nicht +als Vertreter der legitimen Gewalt, sondern als Feldherr einer offenbar +revolutionären und die Mehrheit terrorisierenden Senatsminorität. Es war dieser +Erfolg nicht gering anzuschlagen, wenngleich der Instinkt der Massen sich +keinen Augenblick darüber täuschen konnte und täuschte, daß es in diesem Krieg +sich um andere Dinge handelte als um formale Rechtsfragen. Nun, wo der Krieg +erklärt war, lag es in Caesars Interesse, baldmöglichst zum Schlagen zu kommen. +Die Rüstungen der Gegner waren erst im Beginnen und selbst die Hauptstadt +unbesetzt. In zehn bis zwölf Tagen konnte daselbst eine den in Oberitalien +stehenden Truppen Caesars dreifach überlegene Armee beisammen sein; aber noch +war es nicht unmöglich, Rom unverteidigt zu überrumpeln, ja vielleicht durch +einen raschen Winterfeldzug ganz Italien einzunehmen und den Gegnern ihre +besten Hilfsquellen zu verschließen, bevor sie noch dieselben nutzbar zu machen +vermochten. Der kluge und energische Curio, der nach Niederlegung seines +Tribunats (9. Dezember 704 50) sofort zu Caesar nach Ravenna gegangen war, +stellte seinem Meister die Lage der Dinge lebhaft vor, und es bedurfte dessen +schwerlich, um Caesar zu überzeugen, daß jetzt längeres Zaudern nur schaden +könne. Allein da er, um nicht den Gegnern Veranlassung zu Beschwerden zu geben, +nach Ravenna selbst bisher keine Truppen gezogen hatte, konnte er für jetzt +nichts tun, als seinen sämtlichen Korps den Befehl zum schleunigsten Aufbruch +zufertigen und mußte warten, bis wenigstens die eine in Oberitalien stehende +Legion in Ravenna eintraf. Inzwischen sandte er ein Ultimatum nach Rom, das, +wenn zu nichts anderem, doch dazu nützlich war, daß es durch Nachgiebigkeit bis +aufs äußerste seine Gegner noch weiter in der öffentlichen Meinung +kompromittierte und vielleicht sogar, indem er selber zu zaudern schien, sie +bestimmte, die Rüstungen gegen ihn lässiger zu betreiben. In diesem Ultimatum +ließ Caesar alle früheren an Pompeius gestellten Gegenforderungen fallen und +erbot sich seinerseits, bis zu der von dem Senate festgesetzten Frist sowohl +die Statthalterschaft des Jenseitigen Galliens niederzulegen als auch von den +zehn ihm eigenen Legionen acht aufzulösen; er erklärte sich befriedigt, wenn +der Senat ihm entweder die Statthalterschaft des Diesseitigen Galliens und +Illyriens mit einer oder auch die des Diesseitigen Galliens allein mit zwei +Legionen, nicht etwa bis zur Übernahme des Konsulats, sondern bis nach +Beendigung der Konsulwahlen für 706 (48) belasse. Er ging also auf diejenigen +Vergleichsvorschläge ein, mit denen zu Anfang der Verhandlungen die +Senatspartei, ja Pompeius selbst erklärt hatten, sich befriedigen zu wollen, +und zeigte sich bereit, von der Wahl zum Konsulat bis zum Antritt desselben im +Privatstand zu verharren. Ob es Caesar mit diesen erstaunlichen Zugeständnissen +Ernst war und er sein Spiel gegen Pompeius selbst bei solchem Vorgeben +durchführen zu können sich getraute oder ob er darauf rechnete, daß man auf der +andern Seite bereits zu weit gegangen sei, um in diesen Vergleichsvorschlägen +mehr zu finden als den Beweis dafür, daß Caesar seine Sache selbst als verloren +betrachte, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit entscheiden. Die +Wahrscheinlichkeit ist dafür, daß Caesar weit eher den Fehler allzukecken +Spielens als den schlimmeren beging, etwas zu versprechen, was er nicht zu +halten gesonnen war, und daß, wenn wunderbarerweise seine Vorschläge angenommen +worden wären, er sein Wort gutgemacht haben würde. Curio übernahm es, seinen +Herrn noch einmal in der Höhle des Löwen zu vertreten. In drei Tagen durchflog +er die Straße von Ravenna nach Rom; als die neuen Konsuln Lucius Lentulus und +Gaius Marcellus der jüngere ^3 zum erstenmal am 1. Januar 705 (49) den Senat +versammelten, übergab er in voller Sitzung das von dem Feldherrn an den Senat +gerichtete Schreiben. Die Volkstribune Marcus Antonius, in der Skandalchronik +der Stadt bekannt als Curios vertrauter Freund und aller seiner Torheiten +Genosse, aber zugleich auch aus den ägyptischen und gallischen Feldzügen als +glänzender Reiteroffizier, und Quintus Cassius, Pompeius’ ehemaliger +Quästor, welche beide jetzt an Curios Stelle Caesars Sache in Rom führten, +erzwangen die sofortige Verlesung der Depesche. Die ernsten und klaren Warte, +in denen Caesar den drohenden Bürgerkrieg, den allgemeinen Wunsch nach Frieden, +Pompeius’ Übermut, seine eigene Nachgiebigkeit mit der ganzen +unwiderstehlichen Macht der Wahrheit darlegte, die Vergleichsvorschläge von +einer ohne Zweifel seine eigenen Anhänger überraschenden Mäßigung, die +bestimmte Erklärung, daß hiermit die Hand zum Frieden zum letztenmal geboten +sei, machten den tiefsten Eindruck. Trotz der Furcht vor den zahlreich in die +Hauptstadt geströmten Soldaten des Pompeius war die Gesinnung der Majorität +nicht zweifelhaft; man durfte nicht wagen, sie sich aussprechen zu lassen. Über +den von Caesar erneuerten Vorschlag, daß beiden Statthaltern zugleich die +Niederlegung ihres Kommandos aufgegeben werden möge, über alle durch sein +Schreiben nahegelegten Vergleichsvorschläge und über den von Marcus Caelius +Rufus und Marcus Calidius gestellten Antrag, Pompeius zur sofortigen Abreise +nach Spanien zu veranlassen, weigerten sich die Konsuln, wie sie als +Vorsitzende es durften, die Abstimmung zu eröffnen. Selbst der Antrag eines der +entschiedensten Gesinnungsgenossen, der nur nicht gegen die militärische Lage +der Dinge so blind war wie seine Partei, des Marcus Marcellus: die +Beschlußfassung auszusetzen, bis der italische Landsturm unter Waffen stehe und +den Senat zu schützen vermöge, durfte nicht zur Abstimmung gebracht werden. +Pompeius ließ durch sein gewöhnliches Organ Quintus Scipio erklären, daß er +jetzt oder nie die Sache des Senats aufzunehmen entschlossen sei und sie fallen +lasse, wenn man noch länger zaudere. Der Konsul Lentulus sprach es unumwunden +aus, daß es gar auf den Beschluß des Senats nicht mehr ankomme, sondern, wenn +derselbe bei seiner Servilität verharren sollte, er von sich aus handeln und +mit seinen mächtigen Freunden das weitere veranlassen werde. So terrorisiert, +beschloß die Majorität, was ihr befohlen ward: daß Caesar bis zu einem +bestimmten, nicht fernen Tage das Jenseitige Gallien an Lucius Domitius +Ahenobarbus, das Diesseitige an Marcus Servilius Nonianus abzugeben und das +Heer zu entlassen habe, widrigenfalls er als Hochverräter erachtet werde. Als +die Tribune von Caesars Partei gegen diesen Beschluß ihres Interzessionsrechts +sich bedienten, wurden sie nicht bloß, wie sie wenigstens behaupteten, in der +Kurie selbst von Pompeianischen Soldaten mit den Schwertern bedroht und, um ihr +Leben zu retten, in Sklavenkleidern aus der Hauptstadt zu flüchten gezwungen, +sondern es behandelte auch der nun hinreichend eingeschüchterte Senat ihr +formell durchaus verfassungsmäßiges Einschreiten wie einen Revolutionsversuch, +erklärte das Vaterland in Gefahr und rief in den üblichen Formen die gesamte +Bürgerschaft unter die Waffen und an die Spitze der Bewaffneten die sämtlichen +verfassungstreuen Beamten (7. Januar 705 49). +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^3 Zu unterscheiden von dem gleichnamigen Konsul des Jahres 704 (SO); dieser +war ein Vetter, der Konsul des Jahres 705 (49) ein Bruder des Marcus Marcellus, +Konsul 703 (51). +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Nun war es genug. Wie Caesar durch die schutzflehend zu ihm ins Lager +flüchtenden Tribune von der Aufnahme in Kenntnis gesetzt ward, welche seine +Vorschläge in der Hauptstadt gefunden hatten, rief er die Soldaten der +dreizehnten Legion, die inzwischen aus ihren Kantonierungen bei Tergeste +(Triest) in Ravenna eingetroffen war, zusammen und entwickelte vor ihnen den +Stand der Dinge. Es war nicht bloß der geniale Herzenskündiger und +Geisterbeherrscher, dessen glänzende Rede in diesem erschütternden Wendepunkt +seines und des Weltgeschicks hoch emporleuchtete und flammte; nicht bloß der +freigebige Heermeister und der sieghafte Feldherr, welcher zu den Soldaten +sprach, die von ihm selbst unter die Waffen gerufen und seit acht Jahren mit +immer steigender Begeisterung seinen Fahnen gefolgt waren; es sprach vor allem +der energische und konsequente Staatsmann, der nun seit neunundzwanzig Jahren +die Sache der Freiheit in guter und böser Zeit vertreten, für sie den Dolchen +der Mörder und den Henkern der Aristokratie, den Schwertern der Deutschen und +den Fluten des unbekannten Ozeans Trotz geboten hatte, ohne je zu weichen und +zu wanken, der die Sullanische Verfassung zerrissen, das Regiment des Senats +gestürzt, die wehr- und waffenlose Demokratie in dem Kampfe jenseits der Alpen +beschildet und bewehrt hatte; und er sprach nicht zu dem clodianischen +Publikum, dessen republikanischer Enthusiasmus längst zu Asche und Schlacken +niedergebrannt war, sondern zu den jungen Mannschaften aus den Städten und +Dörfern Norditaliens, die den mächtigen Gedanken der bürgerlichen Freiheit noch +frisch und rein empfanden, die noch fähig waren, für Ideale zu fechten und zu +sterben, die selbst für ihre Landschaft das von der Regierung ihnen versagte +Bürgerrecht in revolutionärer Weise von Caesar empfangen hatten, die Caesars +Sturz den Ruten und Beilen abermals preisgab und die die tatsächlichen Beweise +bereits davon besaßen, wie unerbittlichen Gebrauch die Oligarchie davon gegen +die Transpadaner zu machen gedachte. Vor solchen Zuhörern legte ein solcher +Redner die Tatsachen dar: den Dank für die Eroberung Galliens, den der Adel dem +Feldherrn und dem Heer bereitete, die geringschätzige Beseitigung der Komitien, +die Terrorisierung des Senats, die heilige Pflicht, das vor einem halben +Jahrtausend von den Vätern mit den Waffen in der Hand dem Adel abgezwungene +Volkstribunat mit gewaffneter Hand zu schirmen, den alten Schwur zu halten, den +jene für sich wie für die Enkel ihrer Enkel geleistet, für die Tribune der +Gemeinde Mann für Mann einzustehen bis in den Tod. Als dann er, der Führer und +Feldherr der Popularpartei, die Soldaten des Volkes aufrief, jetzt, nachdem der +Güteversuch erschöpft, die Nachgiebigkeit an den äußersten Grenzen angelangt +war, jetzt ihm zu folgen in den letzten, den unvermeidlichen, den +entscheidenden Kampf gegen den ebenso verhaßten wie verachteten, ebenso +perfiden wie unfähigen und bis zur Lächerlichkeit unverbesserlichen Adel - da +war kein Offizier und kein Soldat, der sich zurückgehalten hätte. Der Aufbruch +war befohlen; an der Spitze seines Vortrabs überschritt Caesar den schmalen +Bach, der seine Provinz von Italien schied und jenseits dessen die Verfassung +den Prokonsul von Gallien bannte. Indem er nach neunjähriger Abwesenheit den +Boden des Vaterlandes wieder betrat, betrat er zugleich die Bahn der +Revolution. “Die Würfel waren geworfen.” +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap10"></a>KAPITEL X.<br/> +Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus</h2> + +<p> +Zwischen den beiden bisherigen Gesamtherrschern von Rom sollten also die Waffen +entscheiden, wer von ihnen berufen sei, Roms erster Alleinherrscher zu sein. +Sehen wir, wie für die bevorstehende Kriegführung zwischen Caesar und Pompeius +sich das Machtverhältnis gestellt hatte. +</p> + +<p> +Caesars Macht ruhte zunächst auf der völlig unumschränkten Gewalt, deren er +innerhalb seiner Partei genoß. Wenn die Ideen der Demokratie und der Monarchie +in ihr zusammenflossen, so war dies nicht die Folge einer zufällig +eingegangenen und zufällig lösbaren Koalition, sondern es war im tiefsten Wesen +der Demokratie ohne Repräsentativverfassung begründet, daß Demokratie wie +Monarchie zugleich ihren höchsten und letzten Ausdruck in Caesar fanden. +Politisch wie militärisch entschied Caesar durchaus in erster und letzter +Instanz. In wie hohen Ehren er auch jedes brauchbare Werkzeug hielt, so blieb +es doch immer Werkzeug: Caesar stand innerhalb seiner Partei ohne Genossen, nur +umgeben von militärisch-politischen Adjutanten, die in der Regel aus der Armee +hervorgegangen und als Soldaten geschult waren, nirgends nach Grund und Zweck +zu fragen, sondern unbedingt zu gehorchen. Darum vor allem hat in dem +entscheidenden Augenblick, als der Bürgerkrieg begann, von allen Soldaten und +Offizieren Caesars nur ein einziger ihm den Gehorsam verweigert; und es +bestätigt nur diese Auffassung des Verhältnisses Caesars zu seinen Anhängern, +daß dieser eine eben von allen der Erste war. Titus Labienus hatte mit Caesar +alle Drangsale der düsteren catilinarischen Zeit wie allen Glanz der gallischen +Siegeslaufbahn geteilt, hatte regelmäßig selbständig befehligt und häufig die +halbe Armee geführt; er war ohne Frage wie der älteste, tüchtigste und treueste +unter Caesars Adjutanten, so auch der höchstgestellte und am höchsten geehrte. +Noch im Jahre 704 (50) hatte Caesar ihm den Oberbefehl im Diesseitigen Gallien +übertragen, um teils diesen Vertrauensposten in sichere Hand zu geben, teils +zugleich Labienus in seiner Bewerbung um das Konsulat damit zu fördern. Allein +ebenhier trat Labienus mit der Gegenpartei in Verbindung, begab sich beim +Beginn der Feindseligkeiten im Jahre 705 (49), statt in Caesars in +Pompeius’ Hauptquartier und kämpfte während des ganzen Bürgerkrieges mit +beispielloser Erbitterung gegen seinen alten Freund und Kriegsherrn. Wir sind +weder über Labienus’ Charakter noch über die einzelnen Umstände seines +Parteiwechsels genügend unterrichtet; im wesentlichen aber liegt hier sicher +nichts vor als ein weiterer Beleg dafür, daß der Kriegsfürst weit sicherer auf +seine Hauptleute als auf seine Marschälle zählen kann. Allem Anschein nach war +Labienus eine jener Persönlichkeiten, die mit militärischer Brauchbarkeit +vollständige staatsmännische Unfähigkeit vereinigen und die dann, wenn sie +unglücklicherweise Politik machen wollen oder müssen, jenen tollen +Schwindelanfällen ausgesetzt sind, wovon die Geschichte der Napoleonischen +Marschälle so manches tragikomische Beispiel aufzeigt. Er mochte wohl sich +berechtigt halten, als das zweite Haupt der Demokratie neben Caesar zu gelten; +und daß er mit diesem Anspruch zurückgewiesen ward, wird ihn in das Lager der +Gegner geführt haben. Es zeigte hier zum ersten Male sich die ganze Schwere des +Übelstandes, daß Caesars Behandlung seiner Offiziere als unselbständiger +Adjutanten keine zur Übernahme eines abgesonderten Kommandos geeigneten Männer +in seinem Lager emporkommen ließ, während er doch bei der leicht +vorherzusehenden Zersplitterung der bevorstehenden Kriegführung durch alle +Provinzen des weiten Reiches ebensolcher Männer dringend bedurfte. Allein +dieser Nachteil wurde dennoch weit aufgewogen durch die erste und nur um diesen +Preis zu bewahrende Bedingung eines jeden Erfolgs, die Einheit der obersten +Leitung. +</p> + +<p> +Die einheitliche Leitung erhielt ihre volle Gewalt durch die Brauchbarkeit der +Werkzeuge. Hier kam in erster Linie in Betracht die Armee. Sie zählte noch neun +Legionen Infanterie oder höchstens 50000 Mann, welche aber alle vor dem Feinde +gestanden und von denen zwei Drittel sämtliche Feldzüge gegen die Kelten +mitgemacht hatten. Die Reiterei bestand aus deutschen und norischen Söldnern, +deren Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit in dem Kriege gegen Vercingetorix +erprobt worden war. Der achtjährige Krieg voll mannigfacher Wechselfälle gegen +die tapfere, wenn auch militärisch der italischen entschieden nachstehende +keltische Nation hatte Caesar die Gelegenheit gegeben, seine Armee zu +organisieren, wie nur er zu organisieren verstand. Alle Brauchbarkeit des +Soldaten setzt physische Tüchtigkeit voraus: bei Caesars Aushebungen wurde auf +Stärke und Gewandtheit der Rekruten mehr als auf Vermögen und Moralität +gesehen. Aber die Leistungsfähigkeit der Armee beruht, wie die einer jeden +Maschine, vor allen Dingen auf der Leichtigkeit und Schnelligkeit der Bewegung: +in der Bereitschaft zum sofortigen Aufbruch zu jeder Zeit und in der +Schnelligkeit des Marschierens erlangten Caesars Soldaten eine selten erreichte +und wohl nie übertroffene Vollkommenheit. Mut galt natürlich über alles: die +Kunst, den kriegerischen Wetteifer und den Korpsgeist anzufachen, so daß die +Bevorzugung einzelner Soldaten und Abteilungen selbst den Zurückstehenden als +die notwendige Hierarchie der Tapferkeit erschien, übte Caesar mit unerreichter +Meisterschaft. Er gewöhnte den Leuten das Fürchten ab, indem er, wo es ohne +ernste Gefahr geschehen konnte, die Soldaten nicht selten von einem +bevorstehenden Kampf nicht in Kenntnis setzte, sondern sie unvermutet auf den +Feind treffen ließ. Aber der Tapferkeit gleich stand der Gehorsam. Der Soldat +wurde angehalten, das Befohlene zu tun, ohne nach Ursache und Absicht zu +fragen; manche zwecklose Strapaze wurde einzig als Übung in der schweren Kunst +der blinden Folgsamkeit ihm auferlegt. Die Disziplin war streng, aber nicht +peinlich: unnachsichtlich ward sie gehandhabt, wenn der Soldat vor dem Feinde +stand; zu anderen Zeiten, vor allem nach dem Siege, wurden die Zügel +nachgelassen, und wenn es dem sonst brauchbaren Soldaten dann beliebte, sich zu +parfümieren oder mit eleganten Waffen und andern Dingen sich zu putzen, ja +sogar, wenn er Brutalitäten oder Unrechtfertigkeiten selbst bedenklicher Art +sich zu Schulden kommen ließ und nur nicht zunächst die militärischen +Verhältnisse dadurch berührt wurden, so ging die Narrenteidung wie das +Verbrechen ihm hin und die desfälligen Klagen der Provinzialen fanden bei dem +Feldherrn ein taubes Ohr. Meuterei dagegen ward, nicht bloß den Anstiftern, +sondern selbst dem Korps, niemals verziehen. Aber der rechte Soldat soll nicht +bloß überhaupt tüchtig, tapfer und gehorsam, sondern er soll dies alles willig, +ja freiwillig sein; und nur genialen Naturen ist es gegeben, durch Beispiel und +durch Hoffnung und vor allem durch das Bewußtsein, zweckmäßig gebraucht zu +werden, die beseelte Maschine, die sie regieren, zum freudigen Dienen zu +bestimmen. Wenn der Offizier, um von seinen Leuten Tapferkeit zu verlangen, +selbst mit ihnen der Gefahr ins Auge gesehen haben muß, so hatte Caesar auch +als Feldherr Gelegenheit gehabt, den Degen zu ziehen und dann gleich dem Besten +ihn gebraucht; an Tätigkeit aber und Strapazen mutete er stets sich selbst weit +mehr zu als seinen Soldaten. Caesar sorgte dafür, daß an den Sieg, der zunächst +freilich dem Feldherrn Gewinn bringt, doch auch für den Soldaten sich +persönliche Hoffnungen knüpften. Daß er es verstand, die Soldaten für die Sache +der Demokratie zu begeistern, soweit die prosaisch gewordene Zeit noch +Begeisterung gestattet, und daß die politische Gleichstellung der +transpadanischen Landschaft, der Heimat seiner meisten Soldaten, mit dem +eigentlichen Italien als eines der Kampfziele hingestellt ward, wurde schon +erwähnt. Es versteht sich, daß daneben auch materielle Prämien nicht fehlten, +sowohl besondere für hervorragende Waffentaten, wie allgemeine für jeden +tüchtigen Soldaten; daß die Offiziere dotiert, die Soldaten beschenkt und für +den Triumph die verschwenderischsten Gaben in Aussicht gestellt wurden. Aber +vor allen Dingen verstand es Caesar als wahrer Heermeister, in jedem einzelnen +großen oder kleinen Triebrad des mächtigen Instruments das Gefühl zweckmäßiger +Verwendung zu erwecken. Der gewöhnliche Mensch ist zum Dienen bestimmt und er +sträubt sich nicht, Werkzeug zu sein, wenn er fühlt, daß ein Meister ihn lenkt. +Allgegenwärtig und jederzeit ruhte der Adlerblick des Feldherrn auf dem ganzen +Heer, mit unparteiischer Gerechtigkeit belohnend und bestrafend und der +Tätigkeit eines jeden die zum Besten aller dienenden Wege weisend, so daß auch +mit des Geringsten Schweiß und Blut nicht experimentiert oder gespielt, darum +aber auch, wo es nötig war, unbedingte Hingebung bis in den Tod gefordert ward. +Ohne dem einzelnen in das gesamte Triebwerk den Einblick zu gestatten, ließ +Caesar ihn doch genug von dem politischen und militärischen Zusammenhang der +Dinge ahnen, um als Staatsmann und Feldherr von dem Soldaten erkannt, auch wohl +idealisiert zu werden. Durchaus behandelte er die Soldaten nicht als +seinesgleichen, aber als Männer, welche Wahrheit zu fordern berechtigt und zu +ertragen fähig waren, und die den Versprechungen und Versicherungen des +Feldherrn Glauben zu schenken hatten, ohne Prellerei zu vermuten oder auf +Gerüchte zu horchen; als langjährige Kameraden in Krieg und Sieg, unter denen +kaum einer war, den er nicht mit Namen kannte und bei dem sich nicht in all den +Feldzügen ein mehr oder minder persönliches Verhältnis zu dem Feldherrn +gebildet hätte; als gute Genossen, mit denen er zutraulich und mit der ihm +eigenen heiteren Elastizität schwatzte und verkehrte; als Schutzbefohlene, +deren Dienste zu vergelten, deren Unbill und Tod zu rächen ihm heilige Pflicht +war. Vielleicht nie hat es eine Armee gegeben, die so vollkommen war, was die +Armee sein soll: eine für ihre Zwecke fähige und für ihre Zwecke willige +Maschine in der Hand eines Meisters, der auf sie seine eigene Spannkraft +überträgt. Caesars Soldaten waren und fühlten sich zehnfacher Übermacht +gewachsen: wobei nicht übersehen werden darf, daß bei der durchaus auf das +Handgemenge und vornehmlich den Schwertkampf berechneten römischen Taktik der +geübte römische Soldat dem Neuling in noch weit höherem Grade überlegen war, +als dies unter den heutigen Verhältnissen der Fall ist ^1. Aber noch mehr als +durch die überlegene Tapferkeit fühlten die Gegner sich gedemütigt durch die +unwandelbare und rührende Treue, mit der Caesars Soldaten an ihrem Feldherrn +hingen. Es ist wohl ohne Beispiel in der Geschichte, daß, als der Feldherr +seine Soldaten aufrief, ihm in den Bürgerkrieg zu folgen, mit der einzigen, +schon erwähnten Ausnahme des Labienus kein römischer Offizier und kein +römischer Soldat ihn im Stich ließ. Die Hoffnungen der Gegner auf eine +ausgedehnte Desertion scheiterten ebenso schmählich wie der frühere Versuch, +sein Heer wie das des Lucullus auseinander zu sprengen; selbst Labienus +erschien in Pompeius’ Lager wohl mit einem Haufen keltischer und +deutscher Reiter, aber ohne einen einzigen Legionär. Ja die Soldaten, als +wollten sie zeigen, daß der Krieg ganz ebenso ihre Sache sei wie die des +Feldherrn, machten unter sich aus, daß sie den Sold, den ihnen Caesar beim +Ausbruch des Bürgerkrieges zu verdoppeln versprochen hatte, bis zu dessen +Beendigung dem Feldherrn kreditieren und inzwischen die ärmeren Kameraden aus +allgemeinen Mitteln unterstützen wollten; überdies rüstete und besoldete jeder +Unteroffizier einen Reiter aus seiner Tasche. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Ein gefangener Centurio von der zehnten Legion Caesars erklärte dem +feindlichen Oberfeldherrn daß er bereit sei, es mit zehn von seinen Leuten +gegen die beste feindliche Kohorte (500 Mann) aufzunehmen (Bell. Afr. 45). +“In der Fechtweise der Alten”, urteilt Napoleon I., “bestand +die Schlacht aus lauter Zweikämpfen; in dem Munde des heutigen Soldaten würde +es Prahlerei sein, was in dem jenes Centurionen nur richtig war.” Von dem +Soldatengeist, der Caesars Armee durchdrang, legen die seinen Memoiren +angehängten Berichte über den Afrikanischen und den Zweiten Spanischen Krieg, +von denen jener einen Offizier zweiten Ranges zum Verfasser zu haben scheint, +dieser ein in jeder Beziehung subalternes Lagerjournal ist, lebendigen Beweis +ab. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +Wenn also Caesar das eine hatte, was not tat: unbeschränkte politische und +militärische Gewalt und eine schlagfertige zuverlässige Armee, so dehnte seine +Macht verhältnismäßig sich nur über einen sehr beschränkten Raum aus. Sie ruhte +wesentlich auf der oberitalischen Provinz. Diese Landschaft war nicht bloß die +am besten bevölkerte unter allen italischen, sondern auch der Sache der +Demokratie als ihrer eigenen ergeben. Von der daselbst herrschenden Stimmung +zeugt das Verhalten einer Abteilung Rekruten von Opitergium (Oderzo in der +Delegation Treviso), die nicht lange nach dem Ausbruch des Krieges in den +illyrischen Gewässern, auf einem elenden Floß von den feindlichen +Kriegsschiffen umzingelt, den ganzen Tag bis zur sinkenden Sonne sich +zusammenschießen ließen, ohne sich zu ergeben, und, soweit sie den Geschossen +entgangen waren, in der folgenden Nacht mit eigener Hand sich den Tod gaben. +Man begreift, was einer solchen Bevölkerung zugemutet werden konnte. Wie sie +Caesar bereits die Mittel gewährt hatte, seine ursprüngliche Armee mehr als zu +verdoppeln, so stellten auch nach Ausbruch des Bürgerkrieges zu den sofort +angeordneten umfassenden Aushebungen die Rekruten zahlreich sich ein. In dem +eigentlichen Italien dagegen war Caesars Einfluß dem der Gegner nicht entfernt +zu vergleichen. Wenn er auch durch geschickte Manöver die Catonische Partei ins +Unrecht zu setzen gewußt und alle, die einen Vorwand wünschten, um mit gutem +Gewissen entweder neutral zu bleiben, wie die Senatsmajorität, oder seine +Partei zu ergreifen, wie seine Soldaten und die Transpadaner, von seinem guten +Recht hinreichend überzeugt hatte, so ließ sich doch die Masse der Bürgerschaft +natürlich dadurch nicht irren und sah, als der Kommandant von Gallien seine +Legionen gegen Rom in Bewegung setzte, allen formalen Rechtserörterungen zum +Trotz, in Cato und Pompeius die Verteidiger der legitimen Republik, in Caesar +den demokratischen Usurpator. Allgemein erwartete man ferner von dem Neffen des +Marius, dem Schwiegersöhne des Cinna, dem Verbündeten des Catilina die +Wiederholung der Marianisch-Cinnanischen Greuel, die Realisierung der von +Catilina entworfenen Saturnalien der Anarchie; und wenn auch Caesar hierdurch +allerdings Verbündete gewann, die politischen Flüchtlinge sofort in Masse sich +ihm zur Verfügung stellten, die verlorenen Leute ihren Erlöser in ihm sahen, +die niedrigsten Schichten des haupt- und landstädtischen Pöbels auf die Kunde +von seinem Anmarsch in Gärung gerieten, so waren dies doch von den Freunden, +die gefährlicher als die Feinde sind. Noch weniger als in Italien hatte Caesar +in den Provinzen und den Klientelstaaten Einfluß. Das Transalpinische Gallien +bis zum Rhein und zum Kanal gehorchte ihm zwar, und die Kolonisten von Narbo +sowie die sonst daselbst ansässigen römischen Bürger waren ihm ergeben; allein +selbst in der Narbonensischen Provinz hatte die Verfassungspartei zahlreiche +Anhänger, und nun gar die neueroberten Landschaften waren für Caesar in dem +bevorstehenden Bürgerkrieg weit mehr eine Last als ein Vorteil, wie er denn aus +guten Gründen in demselben von dem keltischen Fußvolk gar keinen, von der +Reiterei nur sparsamen Gebrauch machte. In den übrigen Provinzen und den +benachbarten, halb oder ganz unabhängigen Staaten hatte Caesar wohl auch +versucht, sich Rückhalt zu verschaffen, hatte den Fürsten reiche Geschenke +gespendet, in manchen Städten große Bauten ausführen lassen und in Notfällen +ihnen finanziellen und militärischen Beistand gewährt; allein im ganzen war +natürlich damit nicht viel erreicht worden, und die Beziehungen zu den +deutschen und keltischen Fürsten in den Rhein- und Donaulandschaften, +namentlich die der Reiterwerbung wegen wichtige zu dem norischen König Voccio +waren wohl die einzigen derartigen Verhältnisse, die für ihn etwas bedeuten +mochten. +</p> + +<p> +Wenn Caesar also in den Kampf eintrat nur als Kommandant von Gallien, ohne +andere wesentliche Hilfsmittel als brauchbare Adjutanten, ein treues Heer und +eine ergebene Provinz, so begann ihn Pompeius als tatsächliches Oberhaupt des +römischen Gemeinwesens und im Vollbesitz aller der legitimen Regierung des +großen römischen Reiches zur Verfügung stehenden Hilfsquellen. Allein wenn +seine Stellung politisch und militärisch weit ansehnlicher war, so war sie +dagegen auch weit minder klar und fest. Die Einheit der Oberleitung, die aus +Caesars Stellung sich von selbst und mit Notwendigkeit ergab, war dem Wesen der +Koalition zuwider; und obwohl Pompeius, zu sehr Soldat, um sich über die +Unentbehrlichkeit derselben zu täuschen, sie der Koalition aufzuzwingen +versuchte und sich vom Senat zum alleinigen und unumschränkten Oberfeldherrn zu +Lande und zur See ernennen ließ, so konnte doch der Senat selbst nicht +beseitigt und ein überwiegender Einfluß auf die politische, ein gelegentliches +und darum doppelt schädliches Eingreifen in die militärische Oberleitung ihm +nicht verwehrt werden. Die Erinnerung an den zwanzigjährigen, auf beiden Seiten +mit vergifteten Waffen geführten Krieg zwischen Pompeius und der +Verfassungspartei, das auf beiden Seiten lebhaft vorhandene und mühsam +verhehlte Bewußtsein, daß die nächste Folge des erfochtenen Sieges der Bruch +zwischen den Siegern sein werde, die Verachtung, die man gegenseitig und von +beiden Seiten mit nur zu gutem Grund sich zollte, die unbequeme Anzahl +angesehener und einflußreicher Männer in den Reihen der Aristokratie und die +geistige und sittliche Inferiorität fast aller Beteiligten erzeugten überhaupt +bei den Gegnern Caesars ein widerwilliges und widersetzliches Zusammenwirken, +das mit dem einträchtigen und geschlossenen Handeln auf der anderen Seite den +übelsten Kontrast bildet. +</p> + +<p> +Wenn also alle Nachteile der Koalition unter sich feindlicher Mächte von +Caesars Gegnern in ungewöhnlichem Maße empfunden wurden, so war doch allerdings +auch diese Koalition eine sehr ansehnliche Macht. Die See beherrschte sie +ausschließlich: alle Häfen, alle Kriegsschiffe, alles Flottenmaterial standen +zu ihrer Verfügung. Die beiden Spanien, gleichsam Pompeius’ Hausmacht so +gut wie die beiden Gallien Caesars, waren ihrem Herrn treu anhänglich und in +den Händen tüchtiger und zuverlässiger Verwalter. Auch in den übrigen +Provinzen, natürlich mit Ausnahme der beiden Gallien, waren die Statthalter- +und Kommandantenstellen während der letzten Jahre unter dem Einfluß von +Pompeius und der Senatsminorität mit sicheren Männern besetzt worden. Durchaus +und mit großer Entschiedenheit ergriffen die Klientelstaaten Partei gegen +Caesar und für Pompeius. Die bedeutendsten Fürsten und Städte waren in den +verschiedenen Abschnitten seiner mannigfaltigen Wirksamkeit zu Pompeius in die +engsten persönlichen Beziehungen getreten - wie er denn in dem Kriege gegen die +Marianer der Waffengenosse der Könige von Numidien und Mauretanien gewesen war +und das Reich des ersteren wiederaufgerichtet hatte; wie er im Mithradatischen +Kriege außer einer Menge anderer kleinerer geistlicher und weltlicher +Fürstentümer die Königreiche Bosporus, Armenien und Kappadokien +wiederhergestellt, das galatische des Deiotarus geschaffen hatte; wie zunächst +auf seine Veranlassung der Ägyptische Krieg unternommen und durch seinen +Adjutanten die Lagidenherrschaft neu befestigt worden war. Selbst die Stadt +Massalia in Caesars eigener Provinz verdankte wohl auch diesem manche +Vergünstigungen, aber Pompeius vom Sertorianischen Kriege her eine sehr +ansehnliche Gebietserweiterung, und es stand außerdem die hier regierende +Oligarchie mit der römischen in einem natürlichen und durch vielfache +Zwischenbeziehungen befestigten Bunde. Diese persönlichen Rücksichten und +Verhältnisse sowie die Glorie des Siegers in drei Weltteilen, welche in diesen +abgelegeneren Teilen des Reiches die des Eroberers von Gallien noch weit +überstrahlte, schadeten indes hier Caesar vielleicht weniger noch als die +daselbst nicht unbekannt gebliebenen An- und Absichten des Erben des Gaius +Gracchus über die Notwendigkeit der Reunion der abhängigen Staaten und die +Nützlichkeit der Provinzialkolonisationen. Keiner unter den abhängigen Dynasten +sah von dieser Gefahr sich näher bedroht als König Juba von Numidien. Nicht +bloß war er vor Jahren, noch bei Lebzeiten seines Vaters Hiempsal, mit Caesar +persönlich aufs heftigste zusammengeraten, sondern es hatte auch kürzlich +derselbe Curio, der jetzt unter Caesars Adjutanten fast den ersten Platz +einnahm, bei der römischen Bürgerschaft den Antrag auf Einziehung des +Numidischen Reiches gestellt. Sollte endlich es so weit kommen, daß die +unabhängigen Nachbarstaaten in den römischen Bürgerkrieg eingriffen, so war der +einzige wirklich mächtige, der der Parther, durch die zwischen Pakoros und +Bibulus angeknüpfte Verbindung tatsächlich bereits mit der aristokratischen +Partei alliiert, während Caesar viel zu sehr Römer war, um aus Parteiinteressen +sich mit den Überwindern seines Freundes Crassus zu verkuppeln. +</p> + +<p> +Was Italien anlangt, so war, wie schon gesagt, die große Majorität der +Bürgerschaft Caesar abgeneigt; vor allem natürlich die gesamte Aristokratie mit +ihrem sehr beträchtlichen Anhang, nicht viel minder aber auch die hohe Finanz, +die nicht hoffen durfte, bei einer durchgreifenden Reform des Gemeinwesens ihre +parteiischen Geschworenengerichte und ihr Erpressungsmonopol zu konservieren. +Ebenso antidemokratisch gesinnt waren die kleinen Kapitalisten, die +Landgutsbesitzer und überhaupt alle Klassen, die etwas zu verlieren hatten; nur +daß freilich in diesen Schichten die Sorge um die nächsten Zinstermine und um +Saaten und Ernten in der Regel jede andere Rücksicht überwog. +</p> + +<p> +Die Armee, über die Pompeius verfügte, bestand hauptsächlich in den spanischen +Truppen, sieben krieggewohnten und in jeder Hinsicht zuverlässigen Legionen, +wozu die weiter in Syrien, Asia, Makedonien, Afrika, Sizilien und sonst +befindlichen, freilich schwachen und sehr zerstreuten Truppenabteilungen kamen. +In Italien standen unter den Waffen zunächst nur die zwei von Caesar kürzlich +abgegebenen Legionen, deren Effektivbestand sich nicht über 7000 Mann belief +und deren Zuverlässigkeit mehr als zweifelhaft war, da sie, ausgehoben im +Diesseitigen Gallien und alte Waffengefährten Caesars, über die unfeine +Intrige, durch die man sie das Lager hatte wechseln machen, in hohem Grade +mißvergnügt waren und ihres Feldherrn, der die für den Triumph jedem Soldaten +versprochenen Geschenke ihnen vor ihrem Abmarsch großmütig vorausgezahlt hatte, +sehnsüchtig gedachten. Allein abgesehen davon, daß die spanischen Truppen mit +dem Frühjahr entweder auf dem Landweg durch Gallien oder zur See in Italien +eintreffen konnten, konnten in Italien die Mannschaften der von den Aushebungen +von 699 (55) noch übrigen drei Legionen sowie das im Jahre 702 (52) in Pflicht +genommene italische Aufgebot aus dem Urlaub einberufen werden. Mit Einrechnung +dieser stellte sich die Zahl der Pompeius im ganzen zur Verfügung stehenden +Truppen, ohne die sieben Legionen in Spanien und die in den andern Provinzen +zerstreuten zu rechnen, bloß in Italien auf zehn Legionen ^2 oder gegen 60000 +Mann, so daß es eben keine Übertreibung war, wenn Pompeius behauptete, nur mit +dem Fuße stampfen zu dürfen, um den Boden mit Bewaffneten zu bedecken. Freilich +bedurfte es wenn auch kurzer, doch einiger Frist, um diese Truppen zu +mobilisieren; die Anstalten dazu sowie zur Effektuierung der neuen, infolge des +Ausbruchs des Bürgerkrieges vom Senat angeordneten Aushebungen waren aber auch +bereits überall im Gange. Unmittelbar nach dem entscheidenden Senatsbeschluß +(7. Januar 705 49), mitten im tiefen Winter, waren die angesehensten Männer der +Aristokratie in die verschiedenen Landschaften abgegangen, um die Einberufung +der Rekruten und die Anfertigung von Waffen zu beschleunigen. Sehr empfindlich +war der Mangel an Reiterei, da man für diese gewohnt war, sich gänzlich auf die +Provinzen und namentlich die keltischen Kontingente zu verlassen; um wenigstens +einen Anfang zu machen, wurden dreihundert Caesar gehörende Gladiatoren aus den +Fechtschulen von Capua entnommen und beritten gemacht, was indes so allgemeine +Mißbilligung fand, daß Pompeius diese Truppe wieder auflöste und dafür aus den +berittenen Hirtensklaven Apuliens 300 Reiter aushob. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +^2 Diese Ziffer gab Pompeius selbst an (Caes. civ. 1, 6) und es stimmt damit, +daß er in Italien etwa 60 Kohorten oder 30000 Mann einbüßte und 25000 nach +Griechenland überführte (Caes, civ. 3, 10). +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +In der Staatskasse war Ebbe wie gewöhnlich; man war beschäftigt, aus den +Gemeindekassen und selbst den Tempelschätzen der Munizipien den unzureichenden +Barbestand zu ergänzen. +</p> + +<p> +Unter diesen Umständen ward zu Anfang Januar 705 (49) der Krieg eröffnet. Von +marschfähigen Truppen hatte Caesar nicht mehr als eine Legion, 5000 Mann +Infanterie und 300 Reiter, bei Ravenna, das auf der Chaussee etwa 50 deutsche +Meilen von Rom entfernt war; Pompeius zwei schwache Legionen, 7000 Mann +Infanterie und eine geringe Reiterschar, unter Appius Claudius’ Befehlen +bei Luceria, von wo man, ebenfalls auf der Chaussee, ungefähr ebensoweit nach +der Hauptstadt hatte. Die anderen Truppen Caesars, abgesehen von den rohen, +noch in der Bildung begriffenen Rekrutenabteilungen, standen zur Hälfte an der +Saône und Loire, zur Hälfte in Belgien, während Pompeius’ italische +Reserven bereits von allen Seiten in den Sammelplätzen eintrafen; lange bevor +auch nur die Spitze der transalpinischen Heerhaufen Caesars in Italien +einrücken konnte, wußte hier ein weit überlegenes Heer bereit stehen, sie zu +empfangen. Es schien eine Torheit, mit einem Haufen von der Stärke des +Catilinarischen und augenblicklich ohne wirksame Reserve angreifend vorzugehen +gegen eine überlegene und stündlich anwachsende Armee unter einem fähigen +Feldherrn; allein es war eine Torheit im Geiste Hannibals. Wenn der Anfang des +Kampfes bis zum Frühjahr sich hinauszog, so ergriffen Pompeius’ spanische +Truppen im Transalpinischen, seine italischen im Cisalpinischen Gallien die +Offensive, und Pompeius, als Taktiker Caesar gewachsen, an Erfahrung ihm +überlegen, war in einem solchen regelmäßig verlaufenden Feldzug ein furchtbarer +Gegner. Jetzt ließ er vielleicht, gewohnt, mit überlegenen Massen langsam und +sicher zu operieren, durch einen durchaus improvisierten Angriff sich +deroutieren; und was Caesars dreizehnte Legion nach der ernsten Probe des +gallischen Überfalls und der Januarkampagne im Bellovakerland nicht aus der +Fassung bringen konnte, die Plötzlichkeit des Krieges und die Mühsal des +Winterfeldzuges, maßte die Pompeianischen aus alten Caesarischen Soldaten oder +auch schlecht geübten Rekruten bestehenden und noch in der Bildung begriffenen +Heerhaufen desorganisieren. +</p> + +<p> +So rückte denn Caesar in Italien ein ^3. Zwei Chausseen führten damals aus der +Romagna nach Süden: die Aemilisch-Cassische, die von Bononia über den Apennin +nach Arretium und Rom, und die Popillisch-Flaminische, die von Ravenna an der +Küste des Adriatischen Meeres nach Fanum und, dort sich teilend, in westlicher +Richtung durch den Furlopaß nach Rom, in südlicher nach Ancona und weiter nach +Apulien lief. Auf der ersteren gelangte Marcus Antonius bis Arretium; auf der +zweiten drang Caesar selbst vor. Widerstand ward nirgends geleistet: die +vornehmen Werbeoffiziere waren keine Militärs, die Rekrutenmassen keine +Soldaten, die Landstädter nur besorgt, nicht in eine Belagerung verwickelt zu +werden. Als Curio mit 1500 Mann auf Iguvium anrückte, wo ein paar tausend +umbrische Rekruten unter dem Prätor Quintus Minucius Thermus sich gesammelt +hatten, suchten, auf die bloße Meldung seines Anmarsches, General und Soldaten +das Weite; und ähnlich ging es im kleinen überall. Caesar hatte die Wahl, +entweder gegen Rom, dem seine Reiter in Arretium bereits auf 28 deutsche Meilen +sich genähert hatten, oder gegen die bei Luceria lagernden Legionen zu +marschieren. Er wählte das letztere. Die Konsternation der Gegenpartei war +grenzenlos. Pompeius erhielt die Meldung von Caesars Anmarsch in Rom; er schien +anfangs die Hauptstadt verteidigen zu wollen, aber als die Nachricht von +Caesars Einrücken in das Picenische und von seinen ersten Erfolgen daselbst +einlief, gab er sie auf und befahl die Räumung. Ein panischer Schreck, vermehrt +durch das falsche Gerücht, daß vor den Toren sich Caesars Reiter gezeigt +hätten, kam über die vornehme Welt. Die Senatoren, denen angezeigt worden war, +daß man jeden in der Hauptstadt Zurückbleibenden als Mitschuldigen des Rebellen +Caesar behandeln werde, strömten scharenweise aus den Toren. Die Konsuln selbst +hatten so vollständig den Kopf verloren, daß sie nicht einmal die Kassen in +Sicherheit brachten; als Pompeius sie aufforderte, dies nachzuholen, wozu +ausreichend Zeit war, ließen sie ihm zurücksagen, daß sie es für sicherer +hielten, wenn er zuvor Picenum besetze! Man war ratlos; also ward großer +Kriegsrat in Teanum Sidicinum gehalten (23. Januar), dem Pompeius, Labienus und +beide Konsuln beiwohnten. Zunächst lagen wieder Vergleichsvorschläge Caesars +vor: selbst jetzt noch erklärte dieser sich bereit, sein Heer sofort zu +entlassen, seine Provinzen den ernannten Nachfolgern zu übergeben und sich in +regelrechter Weise um das Konsulat zu bewerben, wofern Pompeius nach Spanien +abgehe und Italien entwaffnet werde. Die Antwort war, daß man, wenn Caesar +sogleich in seine Provinz zurückkehre, sich anheischig mache, die Entwaffnung +Italiens und die Abreise des Pompeius durch einen ordnungsmäßig in der +Hauptstadt zu fassenden Senatsbeschluß herbeizuführen; was vielleicht nicht +eine plumpe Prellerei, sondern eine Annahme des Vergleichsvorschlags sein +sollte, jedenfalls aber der Sache nach das Gegenteil war. Die von Caesar +gewünschte persönliche Zusammenkunft mit Pompeius lehnte dieser ab und mußte +sie ablehnen, um nicht durch den Anschein einer neuen Koalition mit Caesar das +schon rege Mißtrauen der Verfassungspartei noch mehr zu reizen. Die +Kriegführung anlangend einigte man in Teanum sich dahin, daß Pompeius das +Kommando der bei Luceria stehenden Truppen, auf denen trotz ihrer +Unzuverlässigkeit doch alle Hoffnung beruhte, übernehmen, mit diesen in seine +und Labienus’ Heimat, in Picenum, einrücken, dort wie einst vor +fünfunddreißig Jahren den Landsturm persönlich zu den Waffen rufen und an der +Spitze der treuen picenischen und der kriegsgewohnten, ehemals Caesarischen +Kohorten versuchen solle, dem Vordringen des Feindes eine Schranke zu setzen. +Es kam nur darauf an, ob die picenische Landschaft sich so lange hielt, bis +Pompeius zu ihrer Verteidigung herankam. Bereits war Caesar mit seiner +wiedervereinigten Armee auf der Küstenstraße über Ancona in dieselbe +eingedrungen. Auch hier waren die Rüstungen in vollem Gange; gleich in der +nördlichsten picenischen Stadt Auximum stand ein ansehnlicher Haufe von +Rekruten unter Publius Attius Varus beisammen; allein auf Ersuchen der +Munizipalität räumte Varus die Stadt, noch ehe Caesar erschien, und eine +Handvoll von dessen Soldaten, die den Trupp unweit Auximum einholten, +zerstreuten ihn vollständig nach kurzem Gefecht - es war das erste in diesem +Kriege. Ebenso räumten bald darauf Gaius Lucilius Hirrus mit 3000 Mann +Camerinum, Publius Lentulus Spinther mit 5000 Asculum. Die Pompeius ganz +ergebenen Mannschaften ließen zum größten Teil Haus und Hof willig im Stich und +folgten den Führern über die Grenze: die Landschaft selbst aber war schon +verloren, als der zur vorläufigen Leitung der Verteidigung von Pompeius +gesandte Offizier Lucius Vibullius Rufus, kein vornehmer Senator, aber ein +kriegskundiger Militär, daselbst eintraf; er mußte sich begnügen, die +geretteten etwa 6000 bis 7000 Rekruten den unfähigen Werbeoffizieren abzunehmen +und sie vorläufig nach dem nächsten Sammelplatz zu führen. Dies war Corfinium, +der Mittelpunkt der Aushebungen im albensischen, marsischen und pälignischen +Gebiet; die hier versammelte Rekrutenmasse von beiläufig 15000 Mann war das +Kontingent der streitbarsten und der zuverlässigsten Landschaften Italiens und +der Kern des in der Bildung begriffenen Heeres der Verfassungspartei. Als +Vibullius hier eintraf, war Caesar noch mehrere Tagemärsche zurück; es war +nichts im Wege, Pompeius’ Instruktionen gemäß sofort aufzubrechen und die +geretteten picenischen nebst den in Corfinium gesammelten Rekruten dem +Hauptheer in Apulien zuzuführen. Allein in Corfinium kommandierte der +designierte Nachfolger Caesars in der Statthalterschaft des Jenseitigen +Gallien, Lucius Domitius, einer der borniertesten Starrköpfe der römischen +Aristokratie; und dieser weigerte sich nicht bloß, Pompeius’ Befehlen +Folge zu leisten, sondern verhinderte auch den Vibullius, wenigstens mit der +picenischen Mannschaft nach Apulien abzurücken. So fest hielt er sich +überzeugt, daß Pompeius nur aus Eigensinn zaudere und notwendig zum Entsatz +herbeikommen müsse, daß er kaum sich ernstlich auf die Belagerung gefußt machte +und nicht einmal die in die umliegenden Städte verlegten Rekrutenhaufen in +Corfinium zusammenzog. Pompeius aber erschien nicht und aus guten Gründen; denn +seine beiden unzuverlässigen Legionen konnte er wohl als Rückhalt für den +picenischen Landsturm verwenden, aber nicht mit ihnen allein Caesar die +Schlacht anbieten. Dafür kam nach wenigen Tagen Caesar (14. Februar). Zu den +Truppen desselben war in Picenum die zwölfte und vor Corfinium die achte von +den transalpinischen Legionen gestoßen, und außerdem wurden teils aus den +gefangenen oder freiwillig sich stellenden Pompeianischen Mannschaften, teils +aus den überall sofort ausgehobenen Rekruten drei neue Legionen gebildet, so +daß Caesar vor Corfinium bereits an der Spitze einer Armee von 40000 Mann, zur +Hälfte gedienter Leute, stand. Solange Domitius auf Pompeius’ Eintreffen +hoffte, ließ er die Stadt verteidigen; als dessen Briefe ihn endlich enttäuscht +hatten, beschloß er nicht etwa, auf dem verlorenen Posten auszuharren, womit er +seiner Partei den größten Dienst geleistet haben würde, auch nicht einmal zu +kapitulieren, sondern, während dem gemeinen Soldaten der Entsatz als nahe +bevorstehend angekündigt ward, selber mit den vornehmen Offizieren in der +nächsten Nacht auszureißen. Indes selbst diesen sauberen Plan ins Werk zu +setzen verstand er nicht. Sein verwirrtes Benehmen verriet ihn. Ein Teil der +Mannschaften fing an zu meutern: die marsischen Rekruten, die eine solche +Schändlichkeit ihres Feldherrn nicht für möglich hielten, wollten gegen die +Meuterer kämpfen; aber auch sie mußten sich widerwillig von der Wahrheit der +Anschuldigung überzeugen, worauf denn die gesamte Besatzung ihren Stab festnahm +und ihn, sich und die Stadt an Caesar übergab (20. Februar). Das 3000 Mann +starke Korps in Alba und 1500 in Tarracina gesammelte Rekruten streckten +hierauf die Waffen, sowie Caesars Reiterpatrouillen sich zeigten; eine dritte +Abteilung in Sulmo von 3500 Mann war bereits früher genötigt worden zu +kapitulieren. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^3 Der Senatsbeschluß war vom 7. Januar; am 18. wußte man schon in Rom seit +mehreren Tagen, daß Caesar die Grenze überschritten habe (Cic. Att. 7, 10; 9, +10, 4); der Bote brauchte von Rom nach Ravenna allermindestens drei Tage. +Danach fällt der Aufbruch um den 12. Januar, welcher nach der gangbaren +Reduktion dem julianischen 24. November 704 (50) entspricht. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +Pompeius hatte Italien verloren gegeben, sowie Caesar Picenum eingenommen +hatte; nur wollte er die Einschiffung so lange wie möglich verzögern, um von +den Mannschaften zu retten, was noch zu retten war. Langsam hatte er demnach +sich nach dem nächsten Hafenplatz Brundisium in Bewegung gesetzt. Hier fanden +die beiden Legionen von Luceria und was Pompeius in dem menschenleeren Apulien +an Rekruten in der Eile hatte zusammenraffen können, sowie die von den Konsuln +und sonstigen Beauftragten in Kompanien ausgehobenen und eiligst nach +Brundisium geführten Leute sich ein; ebendahin begab sich eine Menge +politischer Flüchtlinge, unter ihnen die angesehensten Senatoren in Begleitung +ihrer Familien. Die Einschiffung begann; allein die vorrätigen Fahrzeuge +genügten nicht, um die ganze Masse, die sich doch noch auf 25000 Köpfe belief, +auf einmal zu transportieren. Es blieb nichts übrig, als das Heer zu teilen. +Die größere Hälfte ging vorauf (4. März), mit der kleineren von etwa 10000 Mann +erwartete Pompeius in Brundisium die Rückkehr der Flotte; denn wie +wünschenswert für einen etwaigen Versuch, Italien wieder einzunehmen, auch der +Besitz von Brundisium war, so getraute man sich doch nicht, den Platz auf die +Dauer gegen Caesar zu halten. Inzwischen traf Caesar vor Brundisium ein; die +Belagerung begann. Caesar versuchte vor allem, die Hafenmündung durch Dämme und +schwimmende Brücken zu schließen, um die rückkehrende Flotte auszusperren; +allein Pompeius ließ die im Hafen liegenden Handelsfahrzeuge armieren und wußte +die völlige Schließung des Hafens so lange zu verhindern, bis die Flotte +erschien und die von Pompeius, trotz der Wachsamkeit der Belagerer und der +feindlichen Gesinnung der Stadtbewohner, mit großer Geschicklichkeit bis auf +den letzten Mann unbeschädigt aus der Stadt herausgezogenen Truppen aus Caesars +Bereich nach Griechenland entführte (17. März). An dem Mangel einer Flotte +scheiterte wie die Belagerung selbst, so auch die weitere Verfolgung. +</p> + +<p> +In einem zweimonatlichen Feldzug, ohne ein einziges ernstliches Gefecht, hatte +Caesar eine Armee von zehn Legionen so aufgelöst, daß mit genauer Not die +kleinere Hälfte derselben in verwirrter Flucht über das Meer entkommen, die +ganze italische Halbinsel aber mit Einschluß der Hauptstadt nebst der +Staatskasse und allen daselbst aufgehäuften Vorräten in die Gewalt des Siegers +geraten war. Nicht ohne Grund klagte die geschlagene Partei über die +schauerliche Raschheit, Einsicht und Energie des “Ungeheuers”. +</p> + +<p> +Indes es ließ sich fragen, ob Caesar durch die Eroberung Italiens mehr gewann +oder mehr verlor. In militärischer Hinsicht wurden zwar jetzt sehr ansehnliche +Hilfsquellen nicht bloß den Gegnern entzogen, sondern auch für Caesar flüssig +gemacht; schon im Frühjahr 705 (49) zählte seine Armee infolge der überall +angeordneten massenhaften Aushebungen außer den neun alten eine bedeutende +Anzahl von Rekrutenlegionen. Andererseits aber wurde es jetzt nicht bloß nötig, +in Italien eine ansehnliche Besatzung zurückzulassen, sondern auch Maßregeln zu +treffen gegen die von den seemächtigen Gegnern beabsichtigte Sperrung des +überseeischen Verkehrs und die infolgedessen namentlich der Hauptstadt drohende +Hungersnot, wodurch Caesars bereits hinreichend verwickelte militärische +Aufgabe noch weiter sich komplizierte. Finanziell war es allerdings von Belang, +daß es Caesar geglückt war, der hauptstädtischen Kassenbestände sich zu +bemächtigen; aber die hauptsächlichsten Einnahmequellen, namentlich die Abgaben +aus dem Orient, waren doch in den Händen des Feindes und bei den so sehr +vermehrten Bedürfnissen für das Heer sowie der neuen Verpflichtung, für die +darbende hauptstädtische Bevölkerung zu sorgen, zerrannen die vorgefundenen +ansehnlichen Summen so schnell, daß Caesar sich bald genötigt sah, den +Privatkredit anzusprechen, und, da er unmöglich damit lange sich fristen zu +können schien, allgemein als die einzig übrig bleibende Aushilfe umfassende +Konfiskationen erwartet wurden. +</p> + +<p> +Ernstere Schwierigkeiten noch bereiteten die politischen Verhältnisse, in +welche Caesar mit der Eroberung Italiens eintrat. Die Besorgnis der besitzenden +Klassen vor einer anarchischen Umwälzung war allgemein. Feinde und Freunde +sahen in Caesar einen zweiten Catilina; Pompeius glaubte oder behauptete zu +glauben, daß Caesar nur durch die Unmöglichkeit, seine Schulden zu bezahlen, +zum Bürgerkrieg getrieben worden sei. Das war allerdings absurd; aber in der +Tat waren Caesars Antezedentien nichts weniger als beruhigend und noch weniger +beruhigend der Hinblick auf das Gefolge, das jetzt ihn umgab. Individuen des +anbrüchigsten Rufes, stadtkundige Gesellen wie Quintus Hortensius, Gaius Curio, +Marcus Antonius - dieser der Stiefsohn des auf Ciceros Befehl hingerichteten +Catilinariers Lentulus - spielten darin die ersten Rollen; die höchsten +Vertrauensposten wurden an Männer vergeben, die es längst aufgegeben hatten, +ihre Schulden auch nur zu summieren; man sah Caesarische Beamte Tänzerinnen +nicht bloß unterhalten - das taten andere auch -, sondern öffentlich in +Begleitung solcher Dirnen erscheinen. War es ein Wunder, daß auch ernsthafte +und politisch parteilose Männer Amnestie für alle landflüchtigen Verbrecher, +Vernichtung der Schuldbücher, umfassende Konfiskations-, Acht- und Mordbefehle +erwarteten, ja eine Plünderung Roms durch die gallische Soldateska? +</p> + +<p> +Indes hierin täuschte das “Ungeheuer” die Erwartungen seiner Feinde +wie seiner Freunde. Schon wie Caesar die erste italische Stadt Ariminum +besetzte, untersagte er allen gemeinen Soldaten, sich bewaffnet innerhalb der +Mauern sehen zu lassen; durchaus und ohne Unterschied, ob sie ihn freundlich +oder feindlich empfangen hatten, wurden die Landstädte vor jeder Unbill +geschützt. Als die meuterische Garnison am späten Abend Corfinium übergab, +verschob er, gegen jede militärische Rücksicht, die Besetzung der Stadt bis zum +anderen Morgen, einzig, um die Bürgerschaft nicht einem nächtlichen Einmarsch +seiner erbitterten Soldaten preiszugeben. Von den Gefangenen wurden die +Gemeinen, als voraussetzlich politisch indifferent, in die eigene Armee +eingereiht, die Offiziere aber nicht bloß verschont, sondern auch ohne +Unterschied der Person und ohne Annahme irgendwelcher Zusagen frei entlassen, +und was sie als Privateigentum in Anspruch nahmen, ohne auch nur die +Berechtigung der Reklamationen mit Strenge zu untersuchen, ihnen ohne +Weiterungen verabfolgt. So ward selbst Lucius Domitius behandelt, ja sogar dem +Labienus das zurückgelassene Geld und Gepäck ins feindliche Lager nachgesandt. +In der peinlichsten Finanznot wurden dennoch die ungeheuren Güter der +anwesenden wie der abwesenden Gegner nicht angegriffen; ja Caesar borgte lieber +bei den Freunden, als daß er auch nur durch Ausschreibung der formell +zulässigen, aber tatsächlich antiquierten Grundsteuer die Besitzenden gegen +sich aufgeregt hätte. Nur die Hälfte, und nicht die schwerere, seiner Aufgabe +betrachtete der Sieger als mit dem Siege gelöst; die Bürgschaft der Dauer sah +er nach seiner eigenen Äußerung allein in der unbedingten Begnadigung der +Besiegten und hatte darum auch auf dem ganzen Marsche von Ravenna bis +Brundisium unablässig die Versuche erneuert, eine persönliche Zusammenkunft mit +Pompeius und einen erträglichen Vergleich einzuleiten. Aber wenn die +Aristokratie schon früher von keiner Aussöhnung hatte wissen wollen, so hatte +die unerwartete und so schimpfliche Emigration ihren Zorn bis zum Wahnsinn +gesteigert, und das wilde Racheschnauben der Geschlagenen kontrastierte seltsam +mit der Versöhnlichkeit des Siegers. Die aus dem Emigrantenlager den in Italien +zurückgebliebenen Freunden regelmäßig zukommenden Mitteilungen flossen über von +Entwürfen zu Konfiskationen und Proskriptionen, von Epurationsplänen des Senats +und des Staats, gegen die Sullas Restaurationen Kinderspiel waren und die +selbst die gemäßigten Parteigenossen mit Entsetzen vernahmen. Die tolle +Leidenschaft der Ohnmacht, die weise Mäßigung der Macht taten ihre Wirkung. Die +ganze Masse, der die materiellen Interessen über die politischen gingen, warf +sich Caesar in die Arme. Die Landstädte vergötterten “die +Rechtschaffenheit, die Mäßigung, die Klugheit” des Siegers; und selbst +die Gegner räumten ein, daß es mit diesen Huldigungen Ernst war. Die hohe +Finanz, Steuerpächter und Geschworene verspürten nach dem argen Schiffbruch, +der die Verfassungspartei in Italien betroffen hatte, keine besondere Lust, +sich weiter denselben Steuermännern anzuvertrauen; die Kapitalien kamen wieder +zum Vorschein und “die reichen Herren begaben sich wieder an ihr +Tagewerk, die Zinsbücher zu schreiben”. Selbst die große Majorität des +Senats, wenigstens der Zahl nach - denn allerdings befanden sich von den +vornehmeren und einflußreichen Senatsmitgliedern nur wenige darunter - war, +trotz der Befehle des Pompeius und der Konsuln, in Italien, zum Teil sogar in +der Hauptstadt selbst zurückgeblieben und ließ Caesars Regiment sich gefallen. +Caesars eben in ihrer scheinbaren Überschwenglichkeit wohlberechnete Milde +erreichte ihren Zweck: die zappelnde Angst der besitzenden Klassen vor der +drohenden Anarchie wurde einigermaßen beschwichtigt. Wohl war dies für die +Folgezeit ein unberechenbarer Gewinn; die Abwendung der Anarchie und der fast +nicht minder gefährlichen Angst vor der Anarchie war die Vorbedingung der +künftigen Reorganisation des Gemeinwesens. Aber für den Augenblick war diese +Milde für Caesar gefährlicher als die Erneuerung der cinnanischen und +catilinarischen Raserei gewesen sein würde; sie verwandelte Feinde nicht in +Freunde und Freunde in Feinde. Caesars catilinarischer Anhang grollte, daß das +Morden und Plündern unterblieb; von diesen verwegenen, verzweifelten und zum +Teil talentvollen Gesellen waren die bedenklichsten Quersprünge zu erwarten. +Die Republikaner aller Schattierungen dagegen wurden durch die Gnade des +Überwinders weder bekehrt noch versöhnt. Nach dem Credo der Catonischen Partei +entband die Pflicht gegen das, was sie Vaterland nannte, von jeder anderen +Rücksicht; selbst wer Caesar Freiheit und Leben verdankte, blieb befugt und +verpflichtet, gegen ihn die Waffen zu ergreifen oder doch mindestens gegen ihn +zu komplottieren. Die minder entschiedenen Fraktionen der Verfassungspartei +ließen zwar allenfalls sich willig finden, von dem neuen Monarchen Frieden und +Schutz anzunehmen; aber sie hörten doch darum nicht auf, die Monarchie wie den +Monarchen von Herzen zu verwünschen. Je offenbarer die Verfassungsänderung +hervortrat, desto bestimmter kam der großen Majorität der Bürgerschaft, sowohl +in der politisch lebhaften, aufgeregten Hauptstadt wie in der energischen +ländlichen und landstädtischen Bevölkerung, ihre republikanische Besinnung zum +Bewußtsein; insofern berichteten die Verfassungsfreunde in Rom mit Recht an +ihre Gesinnungsgenossen im Exil, daß daheim alle Klassen und alle Individuen +pompeianisch gesinnt seien. Die schwierige Stimmung all dieser Kreise wurde +noch gesteigert durch den moralischen Druck, den die entschiedeneren und +vornehmeren Gesinnungsgenossen eben als Emigranten auf die Menge der Geringeren +und Lauen ausübten. Dem ehrlichen Mann schlug über sein Verbleiben in Italien +das Gewissen; der Halbaristokrat glaubte sich zu den Plebejern zu stellen, wenn +er nicht mit den Domitiern und den Metellern ins Exil ging und gar, wenn er in +dem Caesarischen Senat der Nullitäten mitsaß. Die eigene Milde des Siegers gab +dieser stillen Opposition erhöhte politische Bedeutung: da Caesar nun einmal +des Terrorismus sich enthielt, so schienen die heimlichen Gegner ihre Abneigung +gegen sein Regiment ohne viele Gefahr betätigen zu können. Sehr bald machte er +in dieser Beziehung merkwürdige Erfahrungen mit dem Senat. Caesar hatte den +Kampf begonnen, um den terrorisierten Senat von seinen Unterdrückern zu +befreien. Dies war geschehen; er wünschte also von dem Senat die Billigung des +Geschehenen, die Vollmacht zu weiterer Fortsetzung des Krieges zu erlangen. Zu +diesem Zwecke beriefen, als Caesar vor der Hauptstadt erschien (Ende März), die +Volkstribune seiner Partei ihm den Senat (1. April). Die Versammlung war +ziemlich zahlreich, aber selbst von den in Italien verbliebenen Senatoren waren +doch die namhaftesten ausgeblieben, sogar der ehemalige Führer der servilen +Majorität, Marcus Cicero, und Caesars eigener Schwiegervater Lucius Piso; und +was schlimmer war, auch die Erschienenen waren nicht geneigt, auf Caesars +Vorschläge einzugehen. Als Caesar von einer Vollmacht zur Fortsetzung des +Krieges sprach, meinte der eine der zwei einzigen anwesenden Konsulare, Servius +Sulpicius Rufus, ein urfurchtsamer Mann, der nichts wünschte als einen ruhigen +Tod in seinem Bette, daß Caesar sich mehr um das Vaterland verdient machen +werde, wenn er es aufgebe, den Krieg nach Griechenland und Spanien zu tragen. +Als dann Caesar den Senat ersuchte, wenigstens seine Friedensvorschläge an +Pompeius zu übermitteln, war man dem an sich zwar nicht entgegen, aber die +Drohungen der Emigranten gegen die Neutralen hatten diese so in Furcht gesetzt, +daß niemand sich fand, um die Friedensbotschaft zu übernehmen. An der Abneigung +der Aristokratie, den Thron des Monarchen errichten zu helfen, und an derselben +Schlaffheit des hohen Kollegiums, durch die kurz zuvor Caesar Pompeius’ +legale Ernennung zum Oberfeldherrn in dem Bürgerkrieg vereitelt hatte, +scheiterte jetzt auch er mit dem gleichen Verlangen. Andere Hemmungen kamen +hinzu. Caesar wünschte, um seine Stellung doch irgendwie zu regulieren, zum +Diktator ernannt zu werden; es geschah nicht, weil ein solcher verfassungsmäßig +nur von einem der Konsuln bestellt werden konnte und der Versuch, den Konsul +Lentulus zu kaufen, wozu bei dessen zerrütteten Vermögensverhältnissen wohl +Aussicht war, dennoch fehlschlug. Der Volkstribun Lucius Metellus ferner legte +gegen sämtliche Schritte des Prokonsuls Protest ein und machte Miene, die +Staatskasse, als Caesars Leute kamen, um sie zu leeren, mit seinem Leibe zu +decken. Caesar konnte in diesem Falle nicht umhin, den Unverletzlichen so +sänftiglich wie möglich beiseiteschieben zu lassen; übrigens blieb er dabei, +sich aller Gewaltschritte zu enthalten. Dem Senat erklärte er, ebenwie es kurz +zuvor die Verfassungspartei getan, daß er zwar gewünscht habe, auf gesetzlichem +Wege und mit Beihilfe der höchsten Behörde die Verhältnisse zu ordnen; allein +da diese verweigert werde, könne er ihrer auch entraten. Ohne weiter um den +Senat und die staatsrechtlichen Formalien sich zu kümmern, übergab er die +einstweilige Verwaltung der Hauptstadt dem Prätor Marcus Aemilius Lepidus als +Stadtpräfekten und ordnete für die Verwaltung der ihm gehorchenden Landschaften +und die Fortsetzung des Krieges das Erforderliche an. Selbst unter dem Getöse +des Riesenkampfes und neben dem lockenden Klang der verschwenderischen +Versprechungen Caesars machte es noch tiefen Eindruck auf die hauptstädtische +Menge, als sie in ihrem freien Rom zum erstenmal den Monarchen als Monarchen +schalten und die Tür der Staatskasse durch seine Soldaten aufsprengen sah. +Allein die Zeiten waren nicht mehr, wo Eindrücke und Stimmungen der Masse den +Gang der Ereignisse bestimmten; die Legionen entschieden und auf einige +schmerzliche Empfindungen mehr oder weniger kam eben nichts weiter an. +</p> + +<p> +Caesar eilte, den Krieg wiederaufzunehmen. Seine bisherigen Erfolge verdankte +er der Offensive, und er gedachte auch ferner, dieselbe festzuhalten. Die Lage +seines Gegners war seltsam. Nachdem der ursprüngliche Plan, den Feldzug +zugleich von Italien und Spanien aus in den beiden Gallien offensiv zu führen, +durch Caesars Angriff vereitelt war, hatte Pompeius nach Spanien zu gehen +beabsichtigt. Hier hatte er eine sehr starke Stellung. Das Heer zählte sieben +Legionen; es dienten darin eine große Anzahl von Pompeius’ Veteranen, und +die mehrjährigen Kämpfe in den lusitanischen Bergen hatten Soldaten und +Offiziere gestählt. Unter den Anführern war Marcus Varro zwar nichts als ein +berühmter Gelehrter und ein getreuer Anhänger; aber Lucius Afranius hatte mit +Auszeichnung im Orient und in den Alpen gefochten, und Marcus Petreius, der +Überwinder Catilinas, war ein ebenso unerschrockener wie fähiger Offizier. Wenn +in der jenseitigen Provinz Caesar noch von seiner Statthalterschaft her +mancherlei Anhang hatte, so war dagegen die wichtigere Ebroprovinz mit allen +Banden der Verehrung und der Dankbarkeit an den berühmten General gefesselt, +der zwanzig Jahre zuvor im Sertorianischen Kriege in ihr das Kommando geführt +und nach dessen Beendigung sie neu eingerichtet hatte. Pompeius konnte nach der +italischen Katastrophe offenbar nichts Besseres tun als mit den geretteten +Heerestrümmern sich dorthin begeben und an der Spitze seiner gesamten Macht +Caesar entgegentreten. Unglücklicherweise aber hatte er, in der Hoffnung, die +in Corfinium stehenden Truppen noch retten zu können, so lange in Apulien sich +verweilt, daß er statt der kampanischen Häfen das nähere Brundisium zum +Einschiffungsort zu wählen genötigt war. Warum er, Herr der See und Siziliens, +nicht späterhin auf den ursprünglichen Plan wieder zurück kam, läßt sich nicht +entscheiden; ob vielleicht die Aristokratie in ihrer kurzsichtigen und +mißtrauischen Art keine Lust bezeigte, sich den spanischen Truppen und der +spanischen Bevölkerung anzuvertrauen - genug, Pompeius blieb im Osten und +Caesar hatte die Wahl, den nächsten Angriff entweder gegen die Armee zu +richten, die in Griechenland unter Pompeius’ eigenem Befehl sich +organisierte, oder gegen die schlagfertige seiner Unterfeldherren in Spanien. +Er hatte für das letztere sich entschieden und, sowie der italische Feldzug zu +Ende ging, Maßregeln getroffen, um neun seiner besten Legionen, ferner 6000 +Reiter, teils in den Keltengauen von Caesar einzeln ausgesuchte Leute, teils +deutsche Söldner, und eine Anzahl iberischer und ligurischer Schützen an der +unteren Rhone zusammenzuziehen. +</p> + +<p> +Aber ebenhier waren auch seine Gegner tätig gewesen. Der vom Senat an Caesars +Stelle zum Statthalter des Jenseitigen Galliens ernannte Lucius Domitius hatte +von Corfinium aus, sowie Caesar ihn freigegeben, sich mit seinem Gesinde und +mit Pompeius’ Vertrauensmann Lucius Vibullius Rufus nach Massalia auf den +Weg gemacht und in der Tat die Stadt bestimmt, sich für Pompeius zu erklären, +ja Caesars Truppen den Durchmarsch zu weigern. Von den spanischen Truppen +blieben die zwei am wenigsten zuverlässigen Legionen unter Varros Oberbefehl in +der jenseitigen Provinz stehen; dagegen hatten die fünf besten, verstärkt durch +40000 Mann spanischen Fußvolks, teils keltiberischer Linieninfanterie, teils +lusitanischer und anderer Leichten, und durch 5000 spanische Reiter, unter +Afranius und Petreius, den durch Vibullius überbrachten Befehlen des Pompeius +gemäß sich aufgemacht, um die Pyrenäen dem Feinde zu sperren. +</p> + +<p> +Hierüber traf Caesar selbst in Gallien ein und entsandte sogleich, da die +Einleitung der Belagerung von Massalia ihn selber noch zurückhielt, den größten +Teil seiner an der Rhone versammelten Truppen, sechs Legionen und die Reiterei, +auf der großen, über Narbo (Narbonne) nach Rhode (Rosas) führenden Chaussee, um +an den Pyrenäen dem Feinde zuvorzukommen. Es gelang; als Afranius und Petreius +an den Pässen anlangten, fanden sie dieselben bereits besetzt von den +Caesarianern und die Linie der Pyrenäen verloren. Sie nahmen darauf zwischen +diesen und dem Ebro eine Stellung bei Ilerda (Lerida). Diese Stadt liegt vier +Meilen nördlich vom Ebro an dem rechten Ufer eines Nebenflusses desselben, des +Sicoris (Segre), über den nur eine einzige solide Brücke unmittelbar bei Ilerda +führte. Südlich von Ilerda treten die das linke Ufer des Ebro begleitenden +Gebirge ziemlich nahe an die Stadt hinan; nordwärts erstreckt sich zu beiden +Seiten des Sicoris ebenes Land, das von dem Hügel, auf welchem die Stadt gebaut +ist, beherrscht wird. Für eine Armee, die sich mußte belagern lassen, war es +eine vortreffliche Stellung; aber die Verteidigung Spaniens konnte, nachdem die +Besetzung der Pyrenäenlinie versäumt war, doch nur hinter dem Ebro ernstlich +aufgenommen werden, und da weder eine feste Verbindung zwischen Ilerda und dem +Ebro hergestellt, noch dieser Fluß überbrückt war, so war der Rückzug aus der +vorläufigen in die wahre Verteidigungsstellung nicht hinreichend gesichert. Die +Caesarianer setzten sich oberhalb Ilerda in dem Delta fest, das der Fluß +Sicoris mit dem unterhalb Ilerda mit ihm sich vereinigenden Cinga (Cinca) +bildet; indes ward es mit dem Angriff erst Ernst, nachdem Caesar im Lager +eingetroffen war (23. Juni). Unter den Mauern der Stadt ward von beiden Teilen +gleich erbittert und gleich tapfer mit vielfach wechselndem Erfolg gekämpft; +ihren Zweck aber: zwischen dem Pompeianischen Lager und der Stadt sich +festzusetzen und dadurch der Steinbrücke sich zu bemächtigen., erreichten die +Caesarianer nicht und blieben also für ihre Kommunikation mit Gallien lediglich +angewiesen auf zwei Brücken, welche sie über den Sicoris und zwar, da der Fluß +bei Ilerda selbst zu solcher Überbrückung schon zu ansehnlich war, vier bis +fünf deutsche Meilen weiter oberwärts in der Eile geschlagen hatten. Als dann +mit der Schneeschmelze die Hochwasser kamen, wurden diese Notbrücken +weggerissen; und da es an Schiffen fehlte, um die hochangeschwollenen Flüsse zu +passieren, und unter diesen Umständen an Wiederherstellung der Brücken zunächst +nicht gedacht werden konnte, so war die Caesarische Armee beschränkt auf den +schmalen Raum zwischen der Cinca und dem Sicoris, das linke Ufer des Sicoris +aber und damit die Straße, auf der die Armee mit Gallien und Italien +kommunizierte, fast unverteidigt den Pompeianern preisgegeben, die den Fluß +teils auf der Stadtbrücke, teils nach lusitanischer Art auf Schläuchen +schwimmend passierten. Es war die Zeit kurz vor der Ernte; die alte Frucht war +fast aufgebraucht, die neue noch nicht eingebracht und der enge Landstreif +zwischen den beiden Bächen bald ausgezehrt. Im Lager herrschte förmliche +Hungersnot - der preußische Scheffel Weizen kostete 300 Denare (90 Taler) - und +brachen bedenkliche Krankheiten aus; dagegen häufte am linken Ufer Proviant und +die mannigfaltigste Zufuhr sich an, dazu Mannschaften aller Art: Nachschub aus +Gallien von Reiterei und Schützen, beurlaubte Offiziere und Soldaten, +heimkehrende Streifscharen, im ganzen eine Masse von 6000 Köpfen, welche von +den Pompeianern mit überlegener Macht angegriffen und mit großem Verlust in die +Berge gedrängt wurden, während die Caesarianer am rechten Ufer dem ungleichen +Gefecht untätig zusehen mußten. Die Verbindungen der Armee waren in den Händen +der Pompeianer; in Italien blieben die Nachrichten aus Spanien plötzlich aus, +und die bedenklichen Gerüchte, die dort umzulaufen begannen, waren von der +Wahrheit nicht allzuweit entfernt. Hätten die Pompeianer ihren Vorteil mit +einigem Nachdruck verfolgt, so konnte es ihnen nicht fehlen, die auf dem linken +Ufer des Sicoris zusammengedrängte, kaum widerstandsfähige Masse entweder in +ihre Gewalt zu bringen oder wenigstens nach Gallien zurückzuwerfen und dies +Ufer so vollständig zu besetzen, daß ohne ihr Wissen kein Mann den Fluß +überschritt. Allein beides war versäumt worden; jene Haufen waren wohl mit +Verlust beiseite gedrängt, aber doch weder vernichtet noch völlig +zurückgeworfen worden, und die Überschreitung des Flusses zu wehren, überließ +man wesentlich dem Flusse selbst. Hierauf baute Caesar seinen Plan. Er ließ +tragbare Kähne von leichtem Holzgestell und Korbgeflecht mit lederner +Bekleidung, nach dem Muster der im Kanal bei den Briten und später den Sachsen +üblichen, im Lager anfertigen und sie auf Wagen an den Punkt, wo die Brücken +gestanden hatten, transportieren. Auf diesen gebrechlichen Nachen wurde das +andere Ufer erreicht und, da man es unbesetzt fand, ohne große Schwierigkeit +die Brücke wiederhergestellt; rasch war dann auch die Verbindungsstraße +freigemacht und die sehnlich erwartete Zufuhr in das Lager geschafft. Caesars +glücklicher Einfall riß also das Heer aus der ungeheuren Gefahr, in der es +schwebte. Sofort begann dann Caesars an Tüchtigkeit der feindlichen weit +überlegene Reiterei, die Landschaft am linken Ufer des Sicoris zu +durchstreifen; schon traten die ansehnlichsten spanischen Gemeinden zwischen +den Pyrenäen und dem Ebro, Osca, Tarraco, Dertosa und andere, ja selbst +einzelne südlich vom Ebro auf Caesars Seite. Durch die Streiftrupps Caesars und +die Übertritte der benachbarten Gemeinden wurde nun den Pompeianern die Zufuhr +knapp; sie entschlossen sich endlich zum Rückzug hinter die Ebrolinie und +gingen eiligst daran, unterhalb der Sicorismündung eine Schiffbrücke über den +Ebro zu schlagen. Caesar suchte den Gegnern den Rückweg über den Ebro +abzuschneiden und sie in Ilerda festzuhalten; allein solange die Feinde im +Besitz der Brücke bei Ilerda blieben und er dort weder Furt noch Brücken in +seiner Gewalt hatte, durfte er seine Armee nicht auf die beiden Flußufer +verteilen und konnte Ilerda nicht einschließen. Seine Soldaten schanzten also +Tag und Nacht, um durch Abzugsgräben den Fluß so viel tiefer zu legen, daß die +Infanterie ihn durchwaten könne. Aber die Vorbereitungen der Pompeianer, den +Ebro zu passieren, kamen früher zu Ende als die Anstalten der Caesarianer zur +Einschließung von Ilerda; als jene nach Vollendung der Schiffbrücke den Marsch +nach dem Ebro zu am linken Ufer des Sicoris antraten, schienen die +Ableitungsgräben der Caesarianer dem Feldherrn doch nicht weit genug +vorgerückt, um die Furt für die Infanterie zu benutzen; nur seine Reiter ließ +er den Strom passieren und, dem Feinde an die Fersen sich heftend, wenigstens +ihn aufhalten und schädigen. Allein als Caesars Legionen am grauenden Morgen +die seit Mitternacht abziehenden feindlichen Kolonnen erblickten, begriffen sie +mit der instinktmäßigen Sicherheit krieggewohnter Veteranen die strategische +Bedeutung dieses Rückzugs, der sie nötigte, dem Gegner in ferne, unwegsame und +von feindlichen Scharen erfüllte Landschaften zu folgen; auf ihre eigene Bitte +wagte es der Feldherr, auch das Fußvolk in den Fluß zu führen, und obwohl den +Leuten das Wasser bis an die Schultern ging, ward er doch ohne Unfall +durchschritten. Es war die höchste Zeit. Wenn die schmale Ebene, welche die +Stadt Ilerda von den den Ebro einfassenden Gebirgen trennt, einmal +durchschritten und das Heer der Pompeianer in die Berge eingetreten war, so +konnte der Rückzug an den Ebro ihnen nicht mehr verwehrt werden. Schon hatten +dieselben, trotz der beständigen, den Marsch ungemein verzögernden Angriffe der +feindlichen Reiterei, den Bergen sich bis auf eine Meile genähert, als sie, +seit Mitternacht auf dem Marsche und unsäglich erschöpft, ihren ursprünglichen +Plan, die Ebene noch an diesem Tage ganz zu durchschreiten, aufgaben und Lager +schlugen. Hier holte Caesars Infanterie sie ein und lagerte am Abend und in der +Nacht ihnen gegenüber, indem der anfänglich beabsichtigte nächtliche +Weitermarsch von den Pompeianern aus Furcht vor den nächtlichen Angriffen der +Reiterei wieder aufgegeben ward. Auch am folgenden Tage standen beide Heere +unbeweglich, nur beschäftigt, die Gegend zu rekognoszieren. Am frühen Morgen +des dritten brach Caesars Fußvolk auf, um, durch die pfadlosen Berge zur Seite +der Straße die Stellung der Feinde umgehend, ihnen den Weg zum Ebro zu +verlegen. Der Zweck des seltsamen Marsches, der anfangs in das Lager vor Ilerda +sich zurückzuwenden schien, ward von den Pompeianischen Offizieren nicht +sogleich erkannt. Als sie ihn faßten, opferten sie Lager und Gepäck und rückten +im Gewaltmarsch auf der Hauptstraße vor, um den Uferkamm vor den Caesarianern +zu gewinnen. Indes es war bereits zu spät; schon hielten, als sie herankamen, +auf der großen Straße selbst die geschlossenen Massen des Feindes. Ein +verzweifelter Versuch der Pompeianer, über die Bergsteile andere Wege zum Ebro +ausfindig zu machen, ward von Caesars Reiterei vereitelt, welche die dazu +vorgesandten lusitanischen Truppen umzingelte und zusammenhieb. Wäre es +zwischen der Pompeianischen Armee, die die feindlichen Reiter im Rücken, das +Fußvolk von vorne sich gegenüber hatte und gänzlich demoralisiert war, und den +Caesarianern zu einer Schlacht gekommen, so war deren Ausgang kaum zweifelhaft, +und die Gelegenheit zum Schlagen bot mehrfach sich dar; aber Caesar machte +keinen Gebrauch davon und zügelte nicht ohne Mühe die ungeduldige Kampfeslust +seiner siegesgewissen Soldaten. Die Pompeianische Armee war ohnehin strategisch +verloren; Caesar vermied es, durch nutzloses Blutvergießen sein Heer zu +schwächen und die arge Fehde noch weiter zu vergiften. Schon am Tage, nachdem +es gelungen war, die Pompeianer vom Ebro abzuschneiden, hatten die Soldaten der +beiden Heere miteinander angefangen zu fraternisieren und wegen der Übergabe zu +unterhandeln, ja es waren bereits die von den Pompeianern geforderten +Bedingungen, namentlich Schonung der Offiziere, von Caesar zugestanden worden, +als Petreius mit seiner aus Sklaven und Spaniern bestehenden Eskorte über die +Unterhändler zukam und die Caesarianer, deren er habhaft ward, niedermachen +ließ. Caesar sandte dennoch die zu ihm in das Lager gekommenen Pompeianer +ungeschädigt zurück und beharrte dabei, eine friedliche Lösung zu suchen. +Ilerda, wo die Pompeianer noch Besatzung und ansehnliche Magazine hatten, ward +jetzt das Ziel ihres Marsches; allein vor sich das feindliche Heer und zwischen +sich und der Festung den Sicoris, marschierten sie, ohne ihrem Ziele näher zu +kommen. Ihre Reiterei ward allmählich so eingeschüchtert, daß das Fußvolk sie +in die Mitte nehmen und Legionen in die Nachhut gestellt werden mußten; die +Beschaffung von Wasser und Fourage ward immer schwieriger; schon mußte man die +Lasttiere niederstoßen, da man sie nicht ernähren konnte. Endlich fand die +umherirrende Armee sich förmlich eingeschlossen, den Sicoris im Rücken, vor +sich das feindliche Heer, das Wall und Graben um sie herumzog. Sie versuchte +den Fluß zu überschreiten, aber Caesars deutsche Reiter und leichte Infanterie +kamen in der Besetzung des entgegenstehenden Ufers ihr zuvor. Alle Tapferkeit +und alle Treue konnten die unvermeidliche Kapitulation nicht länger abwenden +(2. August 705 49). Caesar gewährte nicht bloß Offizieren und Soldaten Leben +und Freiheit und sowohl den Besitz der ihnen noch gebliebenen Habe wie auch die +Zurückgabe der bereits ihnen abgenommenen, deren vollen Wert er selber seinen +Soldaten zu erstatten übernahm, sondern während er die in Italien gefangenen +Rekruten zwangsweise in seine Armee eingereiht hatte, ehrte er diese alten +Legionäre des Pompeius durch die Zusage, daß keiner wider seinen Willen +genötigt werden solle, in sein Heer einzutreten. Er forderte nur, daß ein jeder +die Waffen abgebe und sich in seine Heimat verfüge. Demgemäß wurden die aus +Spanien gebürtigen Soldaten, etwa der dritte Teil der Armee, sogleich, die +italischen an der Grenze des Jen- und Diesseitigen Galliens verabschiedet. +</p> + +<p> +Das Diesseitige Spanien fiel mit der Auflösung dieser Armee von selbst in die +Gewalt des Siegers. Im Jenseitigen, wo Marcus Varro für Pompeius den Oberbefehl +führte, schien es diesem, als er die Katastrophe von Ilerda erfuhr, das +rätlichste, sich in die Inselstadt Gades zu werfen und die beträchtlichen +Summen, die er durch Einziehung der Tempelschätze und der Vermögen angesehener +Caesarianer zusammengebracht hatte, die nicht unbedeutende von ihm aufgestellte +Flotte und die ihm anvertrauten zwei Legionen dorthin in Sicherheit zu bringen. +Allein auf das bloße Gerücht von Caesars Ankunft erklärten die namhaftesten +Städte der Caesar seit langem anhänglichen Provinz sich für diesen und +verjagten die Pompeianischen Besatzungen oder bestimmten sie zu gleichem +Abfall: so Corduba, Carmo und Gades selbst. Auch eine der Legionen brach auf +eigene Hand nach Hispalis auf und trat mit dieser Stadt zugleich auf Caesars +Seite. Als endlich selbst Italica dem Varro die Tore sperrte, entschloß dieser +sich zu kapitulieren. +</p> + +<p> +Ungefähr gleichzeitig unterwarf sich auch Massalia. Mit seltener Energie hatten +die Massalioten nicht bloß die Belagerung ertragen, sondern auch die See gegen +Caesar behauptet; es war ihr heimisches Element und sie durften hoffen, auf +diesem kräftige Unterstützung von Pompeius zu empfangen, welcher ja das Meer +ausschließlich beherrschte. Indes Caesars Unterfeldherr, der tüchtige Decimus +Brutus, derselbe, der über die Veneter den ersten Seesieg im Ozean erfochten +hatte, wußte rasch eine Flotte herzustellen und, trotz der wackeren Gegenwehr +der feindlichen, teils aus albiökischen Soldknechten der Massalioten, teils aus +Hirtensklaven des Domitius bestehenden Flottenmannschaft, durch seine tapferen, +aus den Legionen auserlesenen Schiffssoldaten die stärkere massaliotische +Flotte zu überwinden und die größere Hälfte der Schiffe zu versenken oder zu +erobern. Als dann ein kleines Pompeianisches Geschwader unter Lucius Nasidius +aus dem Osten über Sizilien und Sardinien im Hafen von Massalia eintraf, +erneuerten die Massalioten noch einmal ihre Seerüstung und liefen zugleich mit +den Schiffendes Nasidius gegen Brutus aus. Hätten in dem Treffen, das auf der +Höhe von Tauroeis (La Ciotat, östlich von Marseille) geschlagen ward, die +Schiffe des Nasidius mit demselben verzweifelten Mut gestritten, den die +massaliotischen an diesem Tage bewiesen, so möchte das Ergebnis desselben wohl +ein verschiedenes gewesen sein; allein die Flucht der Nasidianer entschied den +Sieg für Brutus und die Trümmer der Pompeianischen Flotte flüchteten nach +Spanien. Die Belagerten waren von der See vollständig verdrängt. Auf der +Landseite, wo Gaius Trebonius die Belagerung leitete, ward auch nachher noch +die entschlossenste Gegenwehr fortgesetzt; allein trotz der häufigen Ausfälle +der albiökischen Söldner und der geschickten Verwendung der ungeheuren, in der +Stadt aufgehäuften Geschützvorräte rückten endlich doch die Arbeiten der +Belagerer bis an die Mauer vor und einer der Türme stürzte zusammen. Die +Massalioten erklärten, daß sie die Verteidigung aufgäben, aber mit Caesar +selbst die Kapitulation abzuschließen wünschten, und ersuchten den römischen +Befehlshaber, bis zu Caesars Ankunft die Belagerungsarbeiten einzustellen. +Trebonius hatte von Caesar gemessenen Befehl, die Stadt so weit irgend möglich +zu schonen; er gewährte den erbetenen Waffenstillstand. Allein da die +Massalioten ihn zu einem tückischen Ausfall benutzten, in dem sie die eine +Hälfte der fast unbewachten römischen Werke vollständig niederbrannten, begann +von neuem und mit gesteigerter Erbitterung der Belagerungskampf. Der tüchtige +Befehlshaber der Römer stellte mit überraschender Schnelligkeit die +vernichteten Türme und den Damm wieder her; bald waren die Massalioten abermals +vollständig eingeschlossen. Als Caesar, von der Unterwerfung Spaniens +zurückkehrend, vor ihrer Stadt ankam, fand er dieselbe teils durch die +feindlichen Angriffe, teils durch Hunger und Seuchen aufs Äußerste gebracht und +zum zweitenmal, und diesmal ernstlich, bereit, auf jede Bedingung zu +kapitulieren. Nur Domitius, der schmählich mißbrauchten Nachsicht des Siegers +eingedenk, bestieg einen Nachen und schlich sich durch die römische Flotte, um +für seinen unversöhnlichen Groll ein drittes Schlachtfeld zu suchen. Caesars +Soldaten hatten geschworen, die ganze männliche Bevölkerung der treubrüchigen +Stadt über die Klinge springen zu lassen und forderten mit Ungestüm von dem +Feldherrn das Zeichen zur Plünderung. Allein Caesar, seiner großen Aufgabe, die +hellenisch-italische Zivilisation im Westen zu begründen auch hier eingedenk, +ließ sich nicht zwingen, zu der Zerstörung Korinths die Fortsetzung zu liefern. +Massalia, von jenen einst so zahlreichen freien und seemächtigen Städten der +alten ionischen Schiffernation die von der Heimat am weitesten entfernte und +fast die letzte, in der das hellenische Seefahrerleben noch rein und frisch +sich erhalten hatte, wie denn auch die letzte griechische Stadt, die zur See +geschlagen hat - Massalia mußte zwar seine Waffen- und Flottenvorräte an den +Sieger abliefern und verlor einen Teil seines Gebietes und seiner Privilegien, +aber behielt seine Freiheit und seine Nationalität und blieb, wenn auch +materiell in geschmälerten Verhältnissen, doch geistig nach wie vor der +Mittelpunkt der hellenischen Kultur in der fernen, eben jetzt zu neuer +geschichtlicher Bedeutung gelangenden keltischen Landschaft. +</p> + +<p> +Während also in den westlichen Landschaften der Krieg nach manchen bedenklichen +Wechselfällen schließlich sich durchaus zu Caesars Gunsten entschied und +Spanien und Massalia unterworfen, die feindliche Hauptarmee bis auf den letzten +Mann gefangengenommen wurde, hatte auch auf dem zweiten Kriegsschauplatze, auf +welchem Caesar es notwendig gefunden, sofort nach der Eroberung Italiens die +Offensive zu ergreifen, die Waffenentscheidung stattgefunden. +</p> + +<p> +Es ward schon gesagt, daß die Pompeianer die Absicht hatten, Italien +auszuhungern. Die Mittel dazu hatten sie in Händen. Sie beherrschten die See +durchaus und arbeiteten allerorts, in Gades, Utica, Messana, vor allem im +Osten, mit großem Eifer an der Vermehrung ihrer Flotte; sie hatten ferner die +sämtlichen Provinzen inne, aus denen die Hauptstadt ihre Subsistenzmittel zog: +Sardinien und Korsika durch Marcus Cotta, Sizilien durch Marcus Cato, Afrika +durch den selbst ernannten Oberfeldherrn Titus Attius Varus und ihren +Verbündeten, den König Juba von Numidien. Es war für Caesar unumgänglich nötig, +diese Pläne des Feindes zu durchkreuzen und demselben die Getreideprovinzen zu +entreißen. Quintus Valerius ward mit einer Legion nach Sardinien gesandt und +zwang den Pompeianischen Statthalter, die Insel zu räumen. Die wichtigere +Unternehmung, Sizilien und Afrika dem Feinde abzunehmen, wurde unter Beistand +des tüchtigen und kriegserfahrenen Gaius Caninius Rebilus dem jungen Gaius +Curio anvertraut. Sizilien ward von ihm ohne Schwertstreich besetzt; Cato, ohne +rechte Armee und kein Mann des Degens, räumte die Insel, nachdem er in seiner +rechtschaffenen Art die Sikelioten vorher gewarnt hatte, sich nicht durch +unzulänglichen Widerstand nutzlos zu kompromittieren. Curio ließ zur Deckung +dieser für die Hauptstadt so wichtigen Insel die Hälfte seiner Truppen zurück +und schiffte sich mit der anderen, zwei Legionen und 500 Reitern, nach Afrika +ein. Hier durfte er erwarten, ernsteren Widerstand zu finden: außer der +ansehnlichen und in ihrer Art tüchtigen Armee Jubas hatte der Statthalter Varus +aus den in Afrika ansässigen Römern zwei Legionen gebildet und auch ein kleines +Geschwader von zehn Segeln aufgestellt. Mit Hilfe seiner überlegenen Flotte +bewerkstelligte indes Curio ohne Schwierigkeit die Landung zwischen Hadrumetum, +wo die eine Legion der Feinde nebst ihren Kriegsschiffen, und Utica, vor +welcher Stadt die zweite Legion unter Varus selbst stand. Curio wandte sich +gegen die letztere und schlug sein Lager unweit Utica, ebenda, wo anderthalb +Jahrhunderte zuvor der ältere Scipio sein erstes Winterlager in Afrika genommen +hatte. Caesar, genötigt, seine Kerntruppen für den Spanischen Krieg +zusammenzuhalten, hatte die sizilisch-afrikanische Armee größtenteils aus den +vom Feind übernommenen Legionen, namentlich den Kriegsgefangenen von Corfinium, +zusammensetzen müssen; die Offiziere der Pompeianischen Armee in Afrika, die +zum Teil bei denselben in Corfinium überwundenen Legionen gestanden hatten, +ließen jetzt kein Mittel unversucht, ihre alten, nun gegen sie fechtenden +Soldaten zu ihrem ersten Eidschwur wieder zurückzubringen. Indes Caesar hatte +in seinem Stellvertreter sich nicht vergriffen. Curio verstand es, ebensowohl +die Bewegung des Heeres und der Flotte zu lenken, als auch persönlichen Einfluß +auf die Soldaten zu gewinnen; die Verpflegung war reichlich, die Gefechte ohne +Ausnahme glücklich. Als Varus, in der Voraussetzung, daß es den Truppen Curios +an Gelegenheit fehlte, auf seine Seite überzugehen, hauptsächlich, um ihnen +diese zu verschaffen, sich entschloß, eine Schlacht zu liefern, rechtfertigte +der Erfolg seine Erwartungen nicht. Begeistert durch die feurige Ansprache +ihres jugendlichen Führers schlugen Curios Reiter die feindlichen in die Flucht +und säbelten im Angesichte beider Heere die mit den Reitern ausgerückte leichte +Infanterie der Feinde nieder; und ermutigt durch diesen Erfolg und durch Curios +persönliches Beispiel, gingen auch seine Legionen durch die schwierige, die +beiden Linien trennende Talschlucht vor zum Angriff, den die Pompeianer aber +nicht erwarteten, sondern schimpflich in ihr Lager zurückflohen und auch dies +die Nacht darauf räumten. Der Sieg war so vollständig, daß Curio sofort dazu +schritt, Utica zu belagern. Als indes die Meldung eintraf, daß König Juba mit +seiner gesamten Heeresmacht zum Entsatz heranrückte, entschloß sich Curio, +ebenwie bei Syphax’ Eintreffen Scipio getan, die Belagerung aufzuheben +und in Scipios ehemaliges Lager zurückzugehen, bis aus Sizilien Verstärkung +nachkommen werde. Bald darauf lief ein zweiter Bericht ein, daß König Juba +durch Angriffe seiner Nachbarfürsten veranlaßt worden sei, mit seiner +Hauptmacht wieder umzukehren, und den Belagerten nur ein mäßiges Korps unter +Saburra zur Hilfe sende. Curio, der bei seinem lebhaften Naturell nur sehr +ungern sich entschlossen hatte zu rasten, brach nun sofort wieder auf, um mit +Saburra zu schlagen, bevor derselbe mit der Besatzung von Utica in Verbindung +treten könne. Seiner Reiterei, die am Abend voraufgegangen war, gelang es in +der Tat, das Korps des Saburra am Bagradas bei nächtlicher Weile zu überraschen +und übel zuzurichten; und auf diese Siegesbotschaft beschleunigte Curio den +Marsch der Infanterie, um durch sie die Niederlage zu vollenden. Bald erblickte +man auf den letzten Abhängen der gegen den Bagradas sich senkenden Anhöhen das +Korps des Saburra, das mit den römischen Reitern sich herumschlug; die +heranrückenden Legionen halfen, dasselbe völlig in die Ebene hinabdrängen. +Allein hier wendete sich das Gefecht. Saburra stand nicht, wie man meinte, ohne +Rückhalt, sondern nicht viel mehr als eine deutsche Meile entfernt von der +numidischen Hauptmacht. Bereits trafen der Kern des numidischen Fußvolks und +2000 gallische und spanische Reiter auf dem Schlachtfeld ein, um Saburra zu +unterstützen, und der König selbst mit dem Gros der Armee und sechzehn +Elefanten war im Anmarsch. Nach dem Nachtmarsch und dem hitzigen Gefecht waren +von den römischen Reitern augenblicklich nicht viel über 200 beisammen, und +diese sowie die Infanterie von den Strapazen und dem Fechten aufs äußerste +erschöpft, alle in der weiten Ebene, in die man sich hatte verlocken lassen, +rings eingeschlossen von den beständig sich mehrenden feindlichen Scharen. +Vergeblich suchte Curio, handgemein zu werden; die libyschen Reiter wichen, wie +sie pflegten, sowie eine römische Abteilung vorging, um, wenn sie umkehrte, sie +zu verfolgen. Vergeblich versuchte er, die Höhen wiederzugewinnen; sie wurden +von den feindlichen Reitern besetzt und versperrt. Es war alles verloren. Das +Fußvolk ward niedergehauen bis auf den letzten Mann. Von der Reiterei gelang es +einzelnen sich durchzuschlagen; und Curio hätte wohl sich zu retten vermocht, +aber er ertrug es nicht, ohne das ihm anvertraute Heer allein vor seinem Herrn +zu erscheinen, und starb mit dem Degen in der Hand. Selbst die Mannschaft, die +im Lager vor Utica sich zusammenfand, und die Flottenbesatzung, die sich so +leicht nach Sizilien hätte retten können, ergaben sich unter dem Eindruck der +fürchterlich raschen Katastrophe den Tag darauf an Varus (August oder September +705 49). +</p> + +<p> +So endigte die von Caesar angeordnete sizilisch-afrikanische Expedition. Sie +erreichte insofern ihren Zweck, als durch die Besetzung Siziliens in Verbindung +mit der von Sardinien wenigstens dem dringendsten Bedürfnis der Hauptstadt +abgeholfen ward; die vereitelte Eroberung Afrikas, aus welcher die siegende +Partei keinen weiteren wesentlichen Gewinn zog, und der Verlust zweier +unzuverlässiger Legionen ließen sich verschmerzen. Aber ein unersetzlicher +Verlust für Caesar, ja für Rom, war Curios früher Tod. Nicht ohne Ursache hatte +Caesar dem militärisch unerfahrenen und wegen seines Lotterlebens berufenen +jungen Mann das wichtigste selbständige Kommando anvertraut; es war ein Funken +von Caesars eigenem Geist in dem feurigen Jüngling. Auch er hatte wie Caesar +den Becher der Lust bis auf die Hefen geleert; auch er ward nicht darum +Staatsmann, weil er Offizier war, sondern es gab seine politische Tätigkeit ihm +das Schwert in die Hand; auch seine Beredsamkeit war nicht die der gerundeten +Perioden, sondern die Beredsamkeit des tief empfundenen Gedankens; auch seine +Kriegführung ruhte auf dem raschen Handeln mit geringen Mitteln; auch sein +Wesen war Leichtigkeit und oft Leichtfertigkeit, anmutige Offenherzigkeit und +volles Leben im Augenblick. Wenn, wie sein Feldherr von ihm sagt, Jugendfeuer +und hoher Mut ihn zu Unvorsichtigkeiten hinrissen und wenn er, um nicht einen +verzeihlichen Fehler sich verzeihen zu lassen, allzu stolz den Tod nahm, so +fehlen Momente gleicher Unvorsichtigkeit und gleichen Stolzes auch in Caesars +Geschichte nicht. Man darf es beklagen, daß es dieser übersprudelnden Natur +nicht vergönnt war, auszuschäumen und sich aufzubewahren für die folgende, an +Talenten so bettelarme, dem schrecklichen Regiment der Mittelmäßigkeiten so +rasch verfallende Generation. +</p> + +<p> +Inwiefern diese Kriegsvorgänge des Jahres 705 (49) in Pompeius’ +allgemeinen Feldzugsplan eingriffen, namentlich welche Rolle in diesem nach dem +Verlust Italiens den wichtigen Heereskörpern im Westen zugeteilt war, läßt sich +nur vermutungsweise bestimmen. Daß Pompeius die Absicht gehabt, seinem in +Spanien fechtenden Heer zu Lande über Afrika und Mauretanien zu Hilfe zu +kommen, war nichts als ein im Lager von Ilerda umherlaufendes abenteuerliches +und ohne Zweifel durchaus grundloses Gerücht. Viel wahrscheinlicher ist es, daß +er bei seinem früheren Plan, Caesar im Dies- und Jenseitigen Gallien von zwei +Seiten anzugreifen, selbst nach dem Verlust von Italien noch beharrte und einen +kombinierten Angriff zugleich von Spanien und Makedonien aus beabsichtigte. +Vermutlich sollte die spanische Armee so lange an den Pyrenäen sich defensiv +verhalten, bis die in der Organisation begriffene makedonische gleichfalls +marschfähig war; worauf dann beide zugleich aufgebrochen sein und, je nach den +Umständen, entweder an der Rhone oder am Po sich die Hand gereicht, auch die +Flotte vermutlich gleichzeitig versucht haben würde, das eigentliche Italien +zurückzuerobern. In dieser Voraussetzung, wie es scheint, hatte Caesar zunächst +sich darauf gefaßt gemacht, einem Angriff auf Italien zu begegnen. Einer der +tüchtigsten seiner Offiziere, der Volkstribun Marcus Antonius, befehligte hier +mit proprätorischer Gewalt. Die südöstlichen Häfen Sipus, Brundisium, Tarent, +wo am ersten ein Landungsversuch zu erwarten war, hatten eine Besatzung von +drei Legionen erhalten. Außerdem zog Quintus Hortensius, des bekannten Redners +ungeratener Sohn, eine Flotte im Tyrrhenischen, Publius Dolabella eine zweite +im Adriatischen Meere zusammen, welche teils die Verteidigung unterstützten, +teils für die bevorstehende Überfahrt nach Griechenland mitverwandt werden +sollten. Falls Pompeius versuchen würde, zu Lande in Italien einzudringen, +hatten Marcus Licinius Crassus, der älteste Sohn des alten Kollegen Caesars, +die Verteidigung des Diesseitigen Galliens, des Marcus Antonius jüngerer Bruder +Gaius die von Illyricum zu leiten. Indes der vermutete Angriff ließ lange auf +sich warten. Erst im Hochsommer des Jahres ward man in Illyrien handgemein. +Hier stand Caesars Statthalter Gaius Antonius mit seinen zwei Legionen auf der +Insel Curicta (Veglia, im Golf von Quarnero), Caesars Admiral Publius Dolabella +mit 40 Schiffen in dem schmalen Meerarm zwischen dieser Insel und dem Festland. +Das letztere Geschwader griffen Pompeius’ Flottenführer im Adriatischen +Meer, Marcus Octavius mit der griechischen, Lucius Scribonius Libo mit der +illyrischen Flottenabteilung an, vernichteten sämtliche Schiffe Dolabellas und +schnitten Antonius auf seiner Insel ab. Ihn zu retten, kamen aus Italien ein +Korps unter Basilus und Sallustius und das Geschwader des Hortensius aus dem +Tyrrhenischen Meer; allein weder jenes noch dieses vermochten der weit +überlegenen feindlichen Flotte etwas anzuhaben. Die Legionen des Antonius +mußten ihrem Schicksal überlassen werden. Die Vorräte gingen zu Ende, die +Truppen wurden schwierig und meuterisch; mit Ausnahme weniger Abteilungen, +denen es gelang, auf Flößen das Festland zu erreichen, streckte das Korps, +immer noch fünfzehn Kohorten stark, die Waffen und ward auf den Schiffen Libos +nach Makedonien geführt, um dort in die Pompeianische Armee eingereiht zu +werden, während Octavius zurückblieb, um die Unterwerfung der von Truppen +entblößten illyrischen Küste zu vollenden. Die Delmater, jetzt in diesen +Gegenden die bei weitem mächtigste Völkerschaft, die wichtige Inselstadt Issa +(Lissa) und andere Ortschaften ergriffen die Partei des Pompeius; allein die +Anhänger Caesars behaupteten sich in Salome (Spalato) und Lissos (Alessio) und +hielten in der ersteren Stadt nicht bloß die Belagerung mutig aus, sondern +machten, als sie aufs Äußerste gebracht waren, einen Ausfall mit solchem +Erfolg, daß Octavius die Belagerung aufhob und nach Dyrrhachion abfuhr, um dort +zu überwintern. +</p> + +<p> +Dieser in Illyricum von der Pompeianischen Flotte erfochtene Erfolg, obwohl an +sich nicht unbedeutend, wirkte doch auf den Gesamtgang des Feldzuges wenig ein; +und zwerghaft gering erscheint er, wenn man erwägt, daß die Verrichtungen der +unter Pompeius’ Oberbefehl stehenden Land- und Seemacht während des +ganzen ereignisreichen Jahres 705 (49) sich auf diese einzige Waffentat +beschränkten und daß vom Osten her, wo der Feldherr, der Senat, die zweite +große Armee, die Hauptflotte, ungeheure militärische und noch ausgedehntere +finanzielle Hilfsmittel der Gegner Caesars vereinigt waren, da, wo es not tat, +in jenen allentscheidenden Kampf im Westen gar nicht eingegriffen ward. Der +aufgelöste Zustand der in der östlichen Hälfte des Reiches befindlichen +Streitkräfte, die Methode des Feldherrn, nie anders als mit überlegenen Massen +zu operieren, seine Schwerfälligkeit und Weitschichtigkeit und die +Zerfahrenheit der Koalition mag vielleicht die Untätigkeit der Landmacht zwar +nicht entschuldigen, aber doch einigermaßen erklären; aber daß die Flotte, die +doch ohne Nebenbuhler das Mittelmeer beherrschte, so gar nichts tat, um den +Gang der Dinge bestimmen zu helfen, nichts für Spanien, so gut wie nichts für +die treuen Massalioten, nichts, um Sardinien, Sizilien, Afrika zu verteidigen +und Italien wo nicht wieder zu besetzen, doch wenigstens ihm die Zufuhr +abzusperren - das macht an unsere Vorstellungen von der im Pompeianischen Lager +herrschenden Verwirrung und Verkehrtheit Ansprüche, denen wir nur mit Mühe zu +genügen vermögen. +</p> + +<p> +Das Gesamtresultat dieses Feldzugs war entsprechend. Caesars doppelte Offensive +gegen Spanien und gegen Sizilien und Afrika war dort vollständig, hier +wenigstens teilweise gelungen; dagegen ward Pompeius’ Plan, Italien +auszuhungern, durch die Wegnahme Siziliens in der Hauptsache, sein allgemeiner +Feldzugsplan durch die Vernichtung der spanischen Armee vollständig vereitelt; +und in Italien waren Caesars Verteidigungsanstalten nur zum kleinsten Teil zur +Verwendung gekommen. Trotz der empfindlichen Verluste in Afrika und Illyrien +ging doch Caesar in der entschiedensten und entscheidendsten Weise aus diesem +ersten Kriegsjahr als Sieger hervor. +</p> + +<p> +Wenn indes vom Osten aus nichts Wesentliches geschah, um Caesar an der +Unterwerfung des Westens zu hindern, so arbeitete man doch wenigstens dort in +der so schmählich gewonnenen Frist daran, sich politisch und militärisch zu +konsolidieren. Der große Sammelplatz der Gegner Caesars ward Makedonien. +Dorthin begab sich Pompeius selbst und die Masse der brundisinischen +Emigranten; dorthin die übrigen Flüchtlinge aus dem Westen: Marcus Cato aus +Sizilien, Lucius Domitius von Massalia; namentlich aber aus Spanien eine Menge +der besten Offiziere und Soldaten der aufgelösten Armee, an der Spitze ihre +Feldherrn Afranius und Varro. In Italien ward die Emigration unter den +Aristokraten allmählich nicht bloß Ehren-, sondern fast Modesache, und neuen +Schwung erhielt sie durch die ungünstigen Nachrichten, die über Caesars Lage +vor Ilerda eintrafen; auch von den laueren Parteigenossen und den politischen +Achselträgern kamen nach und nach nicht wenige an, und selbst Marcus Cicero +überzeugte sich endlich, daß er seiner Bürgerpflicht nicht ausreichend damit +genüge, wenn er eine Abhandlung über die Eintracht schreibe. Der +Emigrantensenat in Thessalonike, wo das offizielle Rom seinen interimistischen +Sitz aufschlug, zählte gegen 200 Mitglieder, darunter manche hochbejahrte +Greise und fast sämtliche Konsulare. Aber freilich waren es Emigranten. Auch +dieses römische Koblenz stellte die hohen Ansprüche und dürftigen Leistungen +der vornehmen Welt Roms, ihre unzeitigen Reminiszenzen und unzeitigeren +Rekriminationen, ihre politischen Verkehrtheiten und finanziellen +Verlegenheiten in kläglicher Weise zur Schau. Es war das wenigste, daß man, +während der alte Bau zusammensank, mit der peinlichsten Wichtigkeit jeden alten +Schnörkel und Rostfleck der Verfassung in Obacht nahm: am Ende war es bloß +lächerlich, wenn es den vornehmen Herren Gewissensskrupel machte, außerhalb des +geheiligten städtischen Bodens ihre Ratversammlung Senat zu heißen und sie +vorsichtig sich die “Dreihundert” titulierten ^4; oder wenn man +weitläufige staatsrechtliche Untersuchungen anstellte, ob und wie ein +Kuriatgesetz von Rechts wegen sich anderswo zustande bringen lasse als im +römischen Mauerring. Weit schlimmer war die Gleichgültigkeit der Lauen und die +bornierte Verbissenheit der Ultras. Jene waren weder zum Handeln zu bringen +noch auch nur zum Schweigen. Wurden sie aufgefordert, in einer bestimmten Weise +für das gemeine Beste tätig zu sein, so betrachteten sie, mit der schwachen +Leuten eigenen Inkonsequenz, jedes solche Ansinnen als einen böswilligen +Versuch, sie noch weiter zu kompromittieren und taten das Befohlene gar nicht +oder mit halbem Herzen. Dabei aber fielen sie natürlich mit ihrem verspäteten +Besserwissen und ihren superklugen Unausführbarkeiten den Handelnden beständig +zur Last; ihr Tagewerk bestand darin, jeden kleinen und großen Vorgang zu +bekritteln, zu bespötteln und zu beseufzen und durch ihre eigene Lässigkeit und +Hoffnungslosigkeit die Menge abzuspannen und zu entmutigen. Wenn hier die Atome +der Schwäche zu schauen war, so stand dagegen deren Hypertonie bei den Ultras +in voller Blüte. Hier hatte man es kein Hehl, daß die Vorbedingung für jede +Friedensverhandlung die Überbringung von Caesars Kopf sei: jeder der +Friedensversuche, die Caesar auch jetzt noch wiederholentlich machte, ward +unbesehen von der Hand gewiesen oder nur benutzt, um auf heimtückische Weise +den Beauftragten des Gegners nach dem Leben zu stellen. Daß die erklärten +Caesarianer samt und sonders Leben und Gut verwirkt hatten, verstand sich von +selbst; aber auch den mehr oder minder Neutralen ging es wenig besser. Lucius +Domitius, der Held von Corfinium, machte im Kriegsrat alles Ernstes den +Vorschlag, diejenigen Senatoren, die im Heer des Pompeius gefochten hätten, +über alle, die entweder neutral geblieben oder zwar emigriert, aber nicht in +das Heer eingetreten seien, abstimmen zu lassen und diese einzeln je nach +Befinden freizusprechen oder mit Geldbuße oder auch mit dem Verlust des Lebens +und des Vermögens zu bestrafen. Ein anderer dieser Ultras erhob bei Pompeius +gegen Lucius Afranius wegen seiner mangelhaften Verteidigung Spaniens eine +förmliche Anklage auf Bestechung und Verrat. Diesen in der Wolle gefärbten +Republikanern nahm ihre politische Theorie fast den Charakter eines religiösen +Glaubensbekenntnisses an; sie haßten denn auch die laueren Parteigenossen und +den Pompeius mit seinem persönlichen Anhang womöglich noch mehr als die +offenbaren Gegner, und durchaus mit jener Stupidität des Hasses, wie sie +orthodoxen Theologen eigen zu sein pflegt; sie wesentlich verschuldeten die +zahllosen und erbitterten Sonderfehden, welche die Emigrantenarmee und den +Emigrantensenat zerrissen. Aber sie ließen es nicht bei Worten. Marcus Bibulus, +Titus Labienus und andere dieser Koterie führten ihre Theorie praktisch durch +und ließen, was ihnen von Caesars Armee an Offizieren oder Soldaten in die +Hände fiel, in Masse hinrichten; was begreiflicherweise Caesars Truppen nicht +gerade bewog, mit minderer Energie zu fechten. Wenn während Caesars Abwesenheit +von Italien die Konterrevolution zu Gunsten der Verfassungsfreunde, zu der alle +Elemente vorhanden waren, dennoch daselbst nicht ausbrach, so lag, nach der +Versicherung einsichtiger Gegner Caesars, die Ursache hauptsächlich in der +allgemeinen Besorgnis vor dem unbezähmbaren Wüten der republikanischen Ultras +nach erfolgter Restauration. Die Besseren im Pompeianischen Lager waren in +Verzweiflung über dies rasende Treiben. Pompeius, selbst ein tapferer Soldat, +schonte, soweit er durfte und konnte, der Gefangenen; aber er war zu +schwachmütig und in einer zu schiefen Stellung, um, wie es ihm als +Oberfeldherrn zukam, alle Greuel dieser Art zu hemmen oder gar zu ahnden. +Energischer versuchte der einzige Mann, der wenigstens mit sittlicher Haltung +in den Kampf eintrat, Marcus Cato, diesem Treiben zu steuern, er erwirkte, daß +der Emigrantensenat durch ein eigenes Dekret es untersagte, untertänige Städte +zu plündern und einen Bürger anders als in der Schlacht zu töten. Ebenso dachte +der tüchtige Marcus Marcellus. Freilich wußte es niemand besser als Cato und +Marcellus, daß die extreme Partei ihre rettenden Taten wenn nötig allen +Senatsbeschlüssen zum Trotze vollzog. Wenn aber bereits jetzt, wo man noch +Klugheitsrücksichten zu beobachten hatte, die Wut der Ultras sich nicht +bändigen ließ, so mochte man nach dem Siege auf eine Schreckensherrschaft sich +gefaßt machen, von der Marius und Sulla selbst sich schaudernd abgewandt haben +würden; und man begreift es, daß Cato, seinem eigenen Geständnis zufolge, mehr +noch als vor der Niederlage, graute vor dem Siege seiner eigenen Partei. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +^4 Da nach formellem Recht die “gesetzliche Ratversammlung” +unzweifelhaft ebenso wie das “gesetzliche Gericht” nur in der Stadt +selbst oder innerhalb der Bannmeile stattfinden konnte, so nannte die bei dem +afrikanischen Heer den Senat vertretende Versammlung sich die +“Dreihundert” (Bell. Afr. 88, 90; App. hist. 2, 95), nicht weil er +aus 300 Mitgliedern bestand, sondern weil dies die uralte Normzahl der +Senatoren war. Es ist sehr glaublich, daß diese Versammlung sich durch +angesehene Ritter verstärkte; aber wenn Plutarch (Cato min. 59, 61) die +Dreihundert zu italischen Großhändlern macht, so hat er seine Quelle (Bell. +Afr. 90) mißverstanden. Ähnlich wird der Quasisenat schon in Thessalonike +geordnet gewesen sein. +</p> + +<p> +———————————————————- +</p> + +<p> +Die Leitung der militärischen Vorbereitungen im makedonischen Lager lag in der +Hand des Oberfeldherrn Pompeius. Die stets schwierige und gedrückte Stellung +desselben hatte durch die unglücklichen Ereignisse des Jahres 705 (49) sich +noch verschlimmert. In den Augen seiner Parteigenossen trug wesentlich er davon +die Schuld. Es war das in vieler Hinsicht nicht gerecht. Ein guter Teil der +erlittenen Unfälle kam auf Rechnung der Verkehrtheit und Unbotmäßigkeit der +Unterfeldherren, namentlich des Konsuls Lentulus und des Lucius Domitius; von +dem Augenblick an, wo Pompeius an die Spitze der Armee getreten war, hatte er +sie geschickt und mutig geführt und wenigstens sehr ansehnliche Streitkräfte +aus dem Schiffbruch gerettet; daß er Caesars jetzt von allen anerkanntem, +durchaus überlegenem Genie nicht gewachsen war, konnte billigerweise ihm nicht +vorgeworfen werden. Indes es entschied allein der Erfolg. Im Vertrauen auf den +Feldherrn Pompeius hatte die Verfassungspartei mit Caesar gebrochen; die +verderblichen Folgen dieses Bruches fielen auf den Feldherrn Pompeius zurück, +und wenn auch bei der notorischen militärischen Unfähigkeit aller übrigen Chefs +kein Versuch gemacht ward, das Oberkommando zu wechseln, so war doch wenigstens +das Vertrauen zu dem Oberfeldherrn paralysiert. Zu diesen Nachwehen der +erlittenen Niederlagen kamen die nachteiligen Einflüsse der Emigration. Unter +den eintreffenden Flüchtlingen war allerdings eine Anzahl tüchtiger Soldaten +und fähiger Offiziere namentlich der ehemaligen spanischen Armee; allein die +Zahl derer, die kamen, um zu dienen und zu fechten, war ebenso gering, wie zum +Erschrecken groß die der vornehmen Generale, die mit ebenso gutem Fug wie +Pompeius sich Prokonsuln und Imperatoren nannten, und der vornehmen Herren, die +mehr oder weniger unfreiwillig am aktiven Kriegsdienst sich beteiligten. Durch +diese ward die hauptstädtische Lebensweise in das Feldlager eingebürgert, +keineswegs zum Vorteil des Heeres: die Zelte solcher Herren waren anmutige +Lauben, der Boden mit frischem Rasen zierlich bedeckt, die Wände mit Efeu +bekleidet; auf dem Tisch stand silbernes Tafelgeschirr und oft kreiste dort +schon am hellen Tage der Becher. Diese eleganten Krieger machten einen +seltsamen Kontrast mit Caesars Grasteufeln, vor deren grobem Brot jene +erschraken und die in Ermangelung dessen auch Wurzeln aßen und schwuren, eher +Baumrinde zu kauen als vom Feinde abzulassen. Wenn ferner die unvermeidliche +Rücksicht auf eine kollegialische und ihm persönlich abgeneigte Behörde +Pompeius schon an sich in seiner Tätigkeit hemmte, so steigerte diese +Verlegenheit sich ungemein, als der Emigrantensenat beinahe im Hauptquartier +selbst seinen Sitz aufschlug und nun alles Gift der Emigration in diesen +Senatssitzungen sich entleerte. Eine bedeutende Persönlichkeit endlich, die +gegen all diese Verkehrtheiten ihr eigenes Gewicht hätte einsetzen können, war +nirgends vorhanden. Pompeius selbst war dazu geistig viel zu untergeordnet und +viel zu zögernd, schwerfällig und versteckt. Marcus Cato würde wenigstens die +erforderliche moralische Autorität gehabt und auch des guten Willens, Pompeius +damit zu unterstützen, nicht ermangelt haben; allein Pompeius, statt ihn zum +Beistand aufzufordern, setzte ihn mit mißtrauischer Eifersucht zurück und +übertrug zum Beispiel das so wichtige Oberkommando der Flotte lieber an den in +jeder Beziehung unfähigen Bibulus als an Cato. Wenn somit Pompeius die +politische Seite seiner Stellung mit der ihm eigenen Verkehrtheit behandelte +und was an sich schon verdorben war, nach Kräften weiter verdarb, so widmete er +dagegen mit anerkennenswertem Eifer sich seiner Pflicht, die bedeutenden, aber +aufgelösten Streitkräfte der Partei militärisch zu organisieren. Den Kern +derselben bildeten die aus Italien mitgebrachten Truppen, aus denen mit den +Ergänzungen aus den illyrischen Kriegsgefangenen und den in Griechenland +domizilierten Römern zusammen fünf Legionen gebildet wurden. Drei andere kamen +aus dem Osten: die beiden aus den Trümmern der Armee des Crassus gebildeten +syrischen und eine aus den zwei schwachen, bisher in Kilikien stehenden +kombinierte. Der Wegziehung dieser Besatzungstruppen stellte sich nichts in den +Weg, da teils die Pompeianer mit den Parthern im Einvernehmen standen und +selbst ein Bündnis mit ihnen hätten haben können, wenn Pompeius nicht unwillig +sich geweigert hätte, den geforderten Preis: die Abtretung der von ihm selbst +zum Reiche gebrachten syrischen Landschaft, dafür zu zahlen; teils Caesars +Plan, zwei Legionen nach Syrien zu entsenden und durch den in Rom +gefangengehaltenen Prinzen Aristobulos die Juden abermals unter die Waffen zu +bringen, zum Teil durch andere Ursachen, zum Teil durch Aristobulos’ Tod +vereitelt ward. Weiter wurden aus den in Kreta und Makedonien angesiedelten +gedienten Soldaten eine, aus den kleinasiatischen Römern zwei neue Legionen +ausgehoben. Zu allem dem kamen 2000 Freiwillige, die aus den Trümmern der +spanischen Kernscharen und anderen ähnlichen Zuzügen hervorgingen, und endlich +die Kontingente der Untertanen. Wie Caesar hatte Pompeius es verschmäht, von +denselben Infanterie zu requirieren; nur zur Küstenbesatzung waren die +epirotischen, ätolischen und thrakischen Milizen aufgeboten und außerdem an +leichten Truppen 3000 griechische und kleinasiatische Schützen und 1200 +Schleuderer angenommen worden. Die Reiterei dagegen bestand, außer einer aus +dem jungen Adel Roms gebildeten, mehr ansehnlichen als militärisch bedeutenden +Nobelgarde und den von Pompeius beritten gemachten apulischen Hirtensklaven, +ausschließlich aus den Zuzügen der Untertanen und Klienten Roms. Den Kern +bildeten die Kelten, teils von der Besatzung von Alexandreia, teils die +Kontingente des Königs Deiotarus, der trotz seines hohen Alters an der Spitze +seiner Reiterei in Person erschienen war, und der übrigen galatischen Dynasten. +Mit ihnen wurden vereinigt die vortrefflichen thrakischen Reiter, die teils von +ihren Fürsten Sadala und Rhaskuporis herangeführt, teils von Pompeius in der +makedonischen Provinz angeworben waren; die kappadokische Reiterei; die von +König Antiochos von Kommagene gesendeten, berittenen Schützen; die Zuzüge der +Armenier von diesseits des Euphrat unter Taxiles, von jenseits desselben unter +Megabares und die von König Juba gesandten numidischen Scharen - die gesamte +Masse stieg auf 7000 Pferde. +</p> + +<p> +Sehr ansehnlich endlich war die Pompeianische Flotte. Sie ward gebildet teils +aus den von Brundisium mitgeführten oder später erbauten römischen Fahrzeugen, +teils aus den Kriegsschiffen des Königs von Ägypten, der kolchischen Fürsten, +des kilikischen Dynasten Tarkondimotos, der Städte Tyros, Rhodos, Athen, +Kerkyra und überhaupt der sämtlichen asiatischen und griechischen Seestaaten +und zählte gegen 500 Segel, wovon die römischen den fünften Teil ausmachten. An +Getreide und Kriegsmaterial waren in Dyrrhachion ungeheure Vorräte aufgehäuft. +Die Kriegskasse war wohlgefüllt, da die Pompeianer sich im Besitz der +hauptsächlichen Einnahmequellen des Staats befanden und die Geldmittel der +Klientelfürsten, der angesehenen Senatoren, der Steuerpächter und überhaupt der +gesamten römischen und nichtrömischen Bevölkerung in ihrem Bereich für sich +nutzbar machten. Was in Afrika, Ägypten, Makedonien, Griechenland, Vorderasien +und Syrien das Ansehen der legitimen Regierung und Pompeius’ oftgefeierte +Königs- und Völkerklientel vermochte, war zum Schutz der römischen Republik in +Bewegung gesetzt worden; wenn in Italien die Rede ging, daß Pompeius die Geten, +Kolcher und Armenier gegen Rom bewaffne, wenn im Lager er der “König der +Könige” hieß, so waren dies kaum Übertreibungen zu nennen. Im ganzen +gebot derselbe über eine Armee von 7000 Reitern und elf Legionen, von denen +freilich höchstens fünf als kriegsgewohnt bezeichnet werden durften, und über +eine Flotte von 500 Segeln. Die Stimmung der Soldaten, für deren Verpflegung +und Sold Pompeius genügend sorgte und denen für den Fall des Sieges die +überschwenglichsten Belohnungen zugesichert waren, war durchgängig gut, in +manchen und eben den tüchtigsten Abteilungen sogar vortrefflich; indes bestand +doch ein großer Teil der Armee aus neu ausgehobenen Truppen, deren Formierung +und Exerzierung, wie eifrig sie auch betrieben ward, notwendigerweise Zeit +erforderte. Die Kriegsmacht überhaupt war imposant, aber zugleich einigermaßen +buntscheckig. +</p> + +<p> +Nach der Absicht des Oberfeldherrn sollten bis zum Winter 705/06 (49/48) Heer +und Flotte wesentlich vollständig an der Küste und in den Gewässern von Epirus +vereinigt sein. Der Admiral Bibulus war auch bereits mit 110 Schiffen in seinem +neuen Hauptquartier Kerkyra eingetroffen. Dagegen war das Landheer, dessen +Hauptquartier während des Sommers zu Berrhöa am Haliakmon gewesen war, noch +zurück; die Masse bewegte sich langsam auf der großen Kunststraße von +Thessalonike nach der Westküste auf das künftige Hauptquartier Dyrrhachion zu; +die beiden Legionen, die Metellus Scipio aus Syrien heranführte, standen gar +noch bei Pergamon in Kleinasien im Winterquartier und wurden erst zum Frühjahr +in Europa erwartet. Man nahm sich eben Zeit. Vorläufig waren die epirotischen +Häfen außer durch die Flotte nur noch durch die Bürgerwehren und die Aufgebote +der Umgegend verteidigt. +</p> + +<p> +So war es Caesar möglich geblieben, trotz des dazwischenfallenden Spanischen +Krieges auch in Makedonien die Offensive für sich zu nehmen, und er wenigstens +säumte nicht. Längst hatte er die Zusammenziehung von Kriegs- und +Transportschiffen in Brundisium angeordnet und nach der Kapitulation der +spanischen Armee und dem Fall von Massalia die dort verwendeten Kerntruppen zum +größten Teil ebendahin dirigiert. Die unerhörten Anstrengungen zwar, die also +von Caesar den Soldaten zugemutet wurden, lichteten mehr als die Gefechte die +Reihen, und die Meuterei einer der vier ältesten Legionen, der neunten, auf +ihrem Durchmarsch durch Placentia war ein gefährliches Zeichen der bei der +Armee einreißenden Stimmung; doch wurden Caesars Geistesgegenwart und +persönliche Autorität derselben Herr, und von dieser Seite stand der +Einschiffung nichts im Wege. Allein woran schon im März 705 (49) die Verfolgung +des Pompeius gescheitert war, der Mangel an Schiffen, drohte auch diese +Expedition zu vereiteln. Die Kriegsschiffe, die Caesar in den gallischen, +sizilischen und italischen Häfen zu erbauen befohlen hatte, waren noch nicht +fertig oder doch nicht zur Stelle; sein Geschwader im Adriatischen Meer war das +Jahr zuvor bei Curicta vernichtet worden; er fand bei Brundisium nicht mehr als +zwölf Kriegsschiffe und kaum Transportfahrzeuge genug, um den dritten Teil +seiner nach Griechenland bestimmten Armee von zwölf Legionen und 10000 Reitern +auf einmal überzuführen. Die ansehnliche feindliche Flotte beherrschte +ausschließlich das Adriatische Meer und namentlich die sämtlichen +festländischen und Inselhäfen der Ostküste. Unter solchen Umständen drängt die +Frage sich auf, warum Caesar nicht statt des Seeweges den zu Lande durch +Illyrien einschlug, welcher aller von der Flotte drohenden Gefahren ihn überhob +und überdies für seine größtenteils aus Gallien kommenden Truppen kürzer war +als der über Brundisium. Zwar waren die illyrischen Landschaften +unbeschreiblich rauh und arm; aber sie sind doch von anderen Armeen nicht lange +nachher durchschritten worden, und dieses Hindernis ist dem Eroberer Galliens +schwerlich unübersteiglich erschienen. Vielleicht besorgte er, daß während des +schwierigen illyrischen Marsches Pompeius seine gesamte Streitmacht über das +Adriatische Meer führen möchte, wodurch die Rollen auf einmal sich umkehren, +Caesar in Makedonien, Pompeius in Italien zu stehen kommen konnte; obwohl ein +solcher rascher Wechsel dem schwerfälligen Gegner doch kaum zuzutrauen war. +Vielleicht hatte Caesar auch in der Voraussetzung, daß seine Flotte inzwischen +auf einen achtunggebietenden Stand gebracht sein würde, sich für den Seeweg +entschieden, und als er nach seiner Rückkehr aus Spanien des wahren Standes der +Dinge im Adriatischen Meere inne ward, mochte es zu spät sein, den Feldzugsplan +zu ändern. Vielleicht, ja nach Caesars raschem, stets zur Entscheidung +drängenden Naturell darf man sagen wahrscheinlich, fand er durch die +augenblicklich noch unbesetzte, aber sicher in wenigen Tagen mit Feinden sich +bedeckende epirotische Küste sich unwiderstehlich gelockt, den ganzen Plan des +Gegners wieder einmal durch einen verwegenen Zug zu durchkreuzen. Wie dem auch +sei, am 4. Januar 706 ^5 (48) ging Caesar mit sechs, durch die Strapazen und +Krankheiten sehr gelichteten Legionen und 600 Reitern von Brundisium nach der +epirotischen Küste unter Segel. Es war ein Seitenstück zu der tollkühnen +britannischen Expedition; indes wenigstens der erste Wurf war glücklich. +Inmitten der akrokeraunischen (Chimara-) Klippen, auf der wenig besuchten Reede +von Paleassa (Paljassa) ward die Küste erreicht. Man sah die Transportschiffe +sowohl aus dem Hafen von Orikon (Bucht von Avlona), wo ein Pompeianisches +Geschwader von achtzehn Schiffen lag, als auch aus dem Hauptquartier der +feindlichen Flotte bei Kerkyra; aber dort hielt man sich zu schwach, hier war +man nicht segelfertig, und ungehindert ward der erste Transport ans Land +gesetzt. Während die Schiffe sogleich zurückgingen, um den zweiten nachzuholen, +überstieg Caesar noch denselben Abend die akrokeraunischen Berge. Seine ersten +Erfolge waren so groß wie die Überraschung der Feinde. Der epirotische +Landsturm setzte nirgends sich zur Wehr; die wichtigen Hafenstädte Orikon und +Apollonia nebst einer Menge kleinerer Ortschaften wurden weggenommen; +Dyrrhachion, von den Pompeianern zum Hauptwaffenplatz ausersehen und mit +Vorräten aller Art angefüllt, aber nur schwach besetzt, schwebte in der größten +Gefahr. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +^5 Nach dem berichtigten Kalender am 5. November 705 (49). +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Indes der weitere Verlauf des Feldzuges entsprach diesem glänzenden Anfange +nicht. Bibulus machte die Nachlässigkeit, die er sich hatte zu Schulden kommen +lassen, nachträglich durch verdoppelte Anstrengungen zum Teil wieder gut. Nicht +bloß brachte er von den heimkehrenden Transportschiffen gegen dreißig auf, die +er sämtlich mit Mann und Maus verbrennen ließ, sondern er richtete auch längs +des ganzen von Caesar besetzten Küstenstrichs, von der Insel Sason (Saseno) bis +zu den Häfen von Kerkyra, den sorgfältigsten Wachtdienst ein, so beschwerlich +auch die rauhe Jahreszeit und die Notwendigkeit, den Wachtschiffen alle +Bedürfnisse, selbst Holz und Wasser, von Kerkyra zuzuführen, denselben machten; +ja sein Nachfolger Libo - er selbst unterlag bald den ungewohnten Strapazen - +sperrte sogar eine Zeitlang den Hafen von Brundisium, bis ihn von der kleinen +Insel vor demselben, auf der er sich festgesetzt hatte, der Wassermangel wieder +vertrieb. Es war Caesars Offizieren nicht möglich, ihrem Feldherrn den zweiten +Transport der Armee nachzuführen. Ebensowenig gelang ihm selbst die Wegnahme +von Dyrrhachion. Pompeius erfuhr durch einen der Friedensboten Caesars von +dessen Vorbereitungen zur Fahrt nach der epirotischen Küste und darauf den +Marsch beschleunigend warf er sich noch eben zu rechter Zeit in diesen +wichtigen Waffenplatz. Caesars Lage war kritisch. Obwohl er in Epirus so weit +sich ausbreitete, als es bei seiner geringen Stärke nur irgend möglich war, so +blieb die Subsistenz seiner Armee doch schwierig und unsicher, während die +Feinde, im Besitz der Magazine von Dyrrhachion und Herren der See, Überfluß an +allem hatten. Mit seinem vermutlich wenig über 20000 Mann starken Heer konnte +er dem wenigstens doppelt so zahlreichen Pompeianischen keine Schlacht +anbieten, sondern mußte sich glücklich schätzen, daß Pompeius methodisch zu +Werke ging und, statt sofort die Schlacht zu erzwingen, zwischen Dyrrhachion +und Apollonia am rechten Ufer des Apsos, Caesar auf dem linken gegenüber, das +Winterlager bezog, um mit dem Frühjahr, nach dem Eintreffen der Legionen von +Pergamon, mit unwiderstehlicher Übermacht den Feind zu vernichten. So +verflossen Monate. Wenn der Eintritt der besseren Jahreszeit, die dem Feinde +starken Zuzug und den freien Gebrauch seiner Flotte brachte, Caesar noch in +derselben Lage fand, so war er, mit seiner schwachen Schar zwischen der +ungeheuren Flotte und dem dreifach überlegenen Landheer der Feinde in den +epirotischen Felsen eingekeilt, allem Anscheine nach verloren; und schon neigte +der Winter sich zu Ende. Alle Hoffnung beruhte immer noch auf der +Transportflotte: daß diese durch die Blockade sich durchschlich oder +durchschlug, war kaum zu hoffen; aber nach der ersten freiwilligen Tollkühnheit +war diese zweite durch die Notwendigkeit geboten. Wie verzweifelt Caesar selbst +seine Lage erschien, beweist sein Entschluß, da die Flotte immer nicht kam, +allein auf einer Fischerbarke durch das Adriatische Meer nach Brundisium zu +fahren, um sie zu holen; was in der Tat nur darum unterblieb, weil sich kein +Schiffer fand, die verwegene Fahrt zu unternehmen. Indes es bedurfte seines +persönlichen Erscheinens nicht, um den treuen Offizier, der in Italien +kommandierte, Marcus Antonius, zu bestimmen, diesen letzten Versuch zur Rettung +seines Herrn zu machen. Abermals lief die Transportflotte, mit vier Legionen +und 800 Reitern an Bord, aus dem Hafen von Brundisium aus und glücklich führte +ein starker Südwind sie an Libos Galeeren vorüber. Allein derselbe Wind, der +hier die Flotte rettete, machte es ihr unmöglich, wie ihr befohlen war, an der +apolloniatischen Küste zu landen, und zwang sie, an Caesars und Pompeius’ +Lager vorbeizufahren und nördlich von Dyrrhachion nach Lissos zu steuern, +welche Stadt zu gutem Glück noch zu Caesar hielt. Als sie an dem Hafen von +Dyrrhachion vorüberfuhr, brachen die rhodischen Galeeren auf, um sie zu +verfolgen, und kaum waren Antonius’ Schiffe in den Hafen von Lissos +eingefahren, als auch das feindliche Geschwader vor demselben erschien. Aber +eben in diesem Augenblick schlug plötzlich der Wind um und warf die +verfolgenden Galeeren wieder zurück in die offene See und zum Teil an die +felsige Küste. Durch die wunderbarsten Glückszufälle war die Landung auch des +zweiten Transportes gelungen. Noch standen zwar Antonius und Caesar etwa vier +Tagemärsche voneinander, getrennt durch Dyrrhachion und die gesamte feindliche +Armee; indes Antonius bewerkstelligte glücklich den gefährlichen Marsch um +Dyrrhachion herum durch die Pässe des Graba Balkan und ward von Caesar, der ihm +entgegengegangen war, am rechten Ufer des Apsos aufgenommen. Pompeius, nachdem +er vergeblich versucht hatte, die Vereinigung der beiden feindlichen Armeen zu +verhindern und das Korps des Antonius einzeln zum Schlagen zu zwingen, nahm +eine neue Stellung bei Asparagion an dem Flusse Genusas (Uschkomobin), der dem +Apsos parallel zwischen diesem und der Stadt Dyrrhachion fließt, und hielt hier +sich wieder unbeweglich. Caesar fühlte jetzt sich stark genug, eine Schlacht zu +liefern; aber Pompeius ging nicht darauf ein. Dagegen gelang es Caesar, den +Gegner zu täuschen und unversehens mit seinen besser marschierenden Truppen +sich, ähnlich wie bei Ilerda, zwischen das feindliche Lager und die Festung +Dyrrhachion zu werfen, auf die dieses sich stützte. Die Kette des Graba Balkan, +die in der Richtung von Osten nach Westen streichend am Adriatischen Meere in +der schmalen dyrrhachinischen Landzunge endigt, entsendet drei Meilen östlich +von Dyrrhachion in südwestlicher Richtung einen Seitenarm, der in bogenförmiger +Richtung ebenfalls zum Meere sich wendet, und der Haupt- und der Seitenarm des +Gebirges schließen zwischen sich eine kleine, um eine Klippe am Meeresstrand +sich ausbreitende Ebene ein. Hier nahm Pompeius jetzt sein Lager, und obwohl +die Caesarische Armee ihm den Landweg nach Dyrrhachion verlegt hielt, blieb er +doch mit Hilfe seiner Flotte fortwährend mit dieser Stadt in Verbindung und +ward von dort mit allem Nötigen reichlich und bequem versehen, während bei den +Caesarianern, trotz starker Detachierungen in das Hinterland und trotz aller +Anstrengungen des Feldherrn, ein geordnetes Fahrwesen und damit eine +regelmäßige Verpflegung in Gang zu bringen, es doch mehr als knapp herging und +Fleisch, Gerste, ja Wurzeln sehr häufig die Stelle des gewohnten Weizens +vertreten maßten. Da der phlegmatische Gegner beharrlich bei seiner Passivität +blieb, unternahm Caesar, den Höhenkreis zu besetzen, der die von Pompeius +eingenommene Strandebene umschloß, um wenigstens die überlegene feindliche +Reiterei festzustellen und ungestörter gegen Dyrrhachion operieren zu können, +womöglich aber den Gegner entweder zur Schlacht oder zur Einschiffung zu +nötigen. Von Caesars Truppen war beinahe die Hälfte ins Binnenland detachiert; +es schien fast abenteuerlich, mit dem Rest eine vielleicht doppelt so +zahlreiche, konzentriert aufgestellte, auf die See und die Flotte gestützte +Armee gewissermaßen belagern zu wollen. Dennoch schlossen Caesars Veteranen +unter unsäglichen Anstrengungen das Pompeianische Lager mit einer drei und eine +halbe deutsche Meile langen Postenkette ein und fügten später, ebenwie vor +Alesia, zu dieser inneren Linie noch eine zweite äußere hinzu, um sich vor +Angriffen von Dyrrhachion aus und vor den mit Hilfe der Flotte so leicht +ausführbaren Umgehungen zu schützen. Pompeius griff mehrmals einzelne dieser +Verschanzungen an, um womöglich die feindliche Linie zu sprengen, allein durch +eine Schlacht die Einschließung zu hindern versuchte er nicht, sondern zog es +vor, auch seinerseits um sein Lager herum eine Anzahl Schanzen anzulegen und +dieselben durch Linien miteinander zu verbinden. Beiderseits war man bemüht, +die Schanzen möglichst weit vorzuschieben und die Erdarbeiten rückten unter +beständigen Gefechten nur langsam vor. Zugleich schlug man auf der +entgegengesetzten Seite des Caesarischen Lagers sich herum mit der Besatzung +vor Dyrrhachion; durch Einverständnisse innerhalb der Festung hoffte Caesar sie +in seine Gewalt zu bringen, ward aber durch die feindliche Flotte daran +verhindert. Unaufhörlich ward an den verschiedensten Punkten - an einem der +heißesten Tage an sechs Stellen zugleich - gefochten und in der Regel behielt +in diesen Scharmützeln die erprobte Tapferkeit der Caesarianer die Oberhand; +wie denn zum Beispiel einmal eine einzige Kohorte sich gegen vier Legionen +mehrere Stunden lang in ihrer Schanze hielt, bis Unterstützung herbeikam. Ein +Haupterfolg ward auf keiner Seite erreicht; doch machten sich die Folgen der +Einschließung den Pompeianern allmählich in drückender Weise fühlbar. Die +Stauung der von den Höhen in die Ebene sich ergießenden Bäche nötigte sie, sich +mit sparsamem und schlechtem Brunnenwasser zu begnügen. Noch empfindlicher war +der Mangel an Futter für die Lasttiere und die Pferde, dem auch die Flotte +nicht genügend abzuhelfen vermochte; sie fielen zahlreich und es half nur +wenig, daß die Pferde durch die Flotte nach Dyrrhachion geschafft wurden, da +sie auch hier nicht ausreichend Futter fanden. Lange konnte Pompeius nicht mehr +zögern, sich durch einen gegen den Feind geführten Schlag aus seiner unbequemen +Lage zu befreien. Da ward er durch keltische Überläufer davon in Kenntnis +gesetzt, daß der Feind es versäumt habe, den Strand zwischen seinen beiden 600 +Fuß voneinander entfernten Schanzenketten durch einen Querwall zu sichern, und +baute hierauf seinen Plan. Während er die innere Linie der Verschanzungen +Caesars vom Lager aus durch die Legionen, die äußere durch die auf Schiffe +gesetzten und jenseits der feindlichen Verschanzungen gelandeten leichten +Truppen angreifen ließ, landete eine dritte Abteilung in dem Zwischenraum +zwischen beiden Linien und griff die schon hinreichend beschäftigten +Verteidiger derselben im Rücken an. Die zunächst am Meer befindliche Schanze +wurde genommen und die Besatzung floh in wilder Verwirrung; mit Mühe gelang es +dem Befehlshaber der nächsten Schanze, Marcus Antonius, diese zu behaupten und +für den Augenblick dem Vordringen der Pompeianer ein Ziel zu setzen; aber, +abgesehen von dem ansehnlichen Verlust, blieb die äußerste Schanze am Meer in +den Händen der Pompeianer und die Linie durchbrochen. Um so eifriger ergriff +Caesar die Gelegenheit, die bald darauf sich ihm darbot, eine unvorsichtig sich +vereinzelnde Pompeianische Legion mit dem Gros seiner Infanterie anzugreifen. +Allein die Angegriffenen leisteten tapferen Widerstand, und in dem mehrmals zum +Lager größerer und kleinerer Abteilungen benutzten und kreuz und quer von +Wällen und Gräben durchzogenen Terrain, auf dem gefochten ward, kam Caesars +rechter Flügel nebst der Reiterei ganz vom Wege ab statt den linken im Angriff +auf die Pompeianische Legion zu unterstützen, geriet er in einen engen, aus +einem der alten Lager zum Fluß hingeführten Laufgraben. So fand Pompeius, der +den Seinigen zu Hilfe mit fünf Legionen eiligst herbeikam, die beiden Flügel +der Feinde voneinander getrennt und den einen in einer gänzlich preisgegebenen +Stellung. Wie die Caesarianer ihn anrücken sahen, ergriff sie ein panischer +Schreck; alles stürzte in wilder Flucht zurück, und wenn es bei dem Verlust von +1000 der besten Soldaten blieb und Caesars Armee nicht eine vollständige +Niederlage erlitt, so hatte sie dies nur dem Umstand zu danken, daß auch +Pompeius sich auf dem durchschnittenen Boden nicht frei entwickeln konnte und +überdies, eine Kriegslist besorgend, seine Truppen anfangs zurückhielt. Aber +auch so waren es unheilvolle Tage. Nicht bloß hatte Caesar die empfindlichsten +Verluste erlitten und seine Verschanzungen, das Resultat einer viermonatlichen +Riesenarbeit, auf einen Schlag eingebüßt: er war durch die letzten Gefechte +wieder genau auf den Punkt zurückgeworfen, von welchem er ausgegangen war. Von +der See war er vollständiger verdrängt als je, seit des Pompeius ältester Sohn +Gnaeus Caesars wenige, im Hafen von Orikon lagernde Kriegsschiffe durch einen +kühnen Angriff teils verbrannt, teils weggeführt und bald nachher die in Lissos +zurückgebliebene Truppenflotte gleichfalls in Brand gesteckt hatte; jede +Möglichkeit, von Brundisium noch weitere Verstärkungen zur See heranzuziehen, +war damit für Caesar verloren. Die zahlreiche Pompeianische Reiterei, jetzt +ihrer Fesseln entledigt, ergoß sich in die Umgegend und drohte Caesar die stets +schwierige Verpflegung der Armee völlig unmöglich zu machen. Caesars verwegenes +Unternehmen, gegen einen seemächtigen, auf die Flotte gestützten Feind ohne +Schiffe offensiv zu operieren, war vollständig gescheitert. Auf dem bisherigen +Kriegsschauplatz fand er sich einer unbezwinglichen Verteidigungsstellung +gegenüber und weder gegen Dyrrhachion noch gegen das feindliche Heer einen +ernstlichen Schlag auszuführen imstande; dagegen hing es jetzt nur von Pompeius +ab, gegen den bereits in seinen Subsistenzmitteln sehr gefährdeten Gegner unter +den günstigsten Verhältnissen zum Angriff überzugehen. Der Krieg war an einem +Wendepunkt angelangt. Bisher hatte Pompeius, allem Anscheine nach, das +Kriegsspiel ohne eigenen Plan gespielt und nur nach dem jedesmaligen Angriff +seine Verteidigung bemessen; und es war dies nicht zu tadeln, da das Hinziehen +des Krieges ihm Gelegenheit gab, seine Rekruten schlagfähig zu machen, seine +Reserven heranzuziehen und das Übergewicht seiner Flotte im Adriatischen Meer +immer vollständiger zu entwickeln. Caesar war nicht bloß taktisch, sondern auch +strategisch geschlagen. Diese Niederlage hatte zwar nicht diejenige Folge, die +Pompeius nicht ohne Ursache erhoffte: zu einer sofortigen völligen Auflösung +der Armee durch Hunger und Meuterei ließ die eminente soldatische Energie der +Veteranen Caesars es nicht kommen. Allein es schien doch nur von dem Gegner +abzuhängen, durch zweckmäßige Verfolgung seines Sieges die volle Frucht +desselben zu ernten. +</p> + +<p> +An Pompeius war es, die Offensive zu ergreifen, und er war dazu entschlossen. +Es boten sich ihm drei verschiedene Wege dar, um seinen Sieg fruchtbar zu +machen. Der erste und einfachste war, von der überwundenen Armee nicht +abzulassen und, wenn sie aufbrach, sie zu verfolgen. Ferner konnte Pompeius +Caesar selbst und dessen Kerntruppen in Griechenland stehen lassen und selber, +wie er längst vorbereitet hatte, mit der Hauptarmee nach Italien überfahren, wo +die Stimmung entschieden antimonarchisch war und die Streitmacht Caesars, nach +Entsendung der besten Truppen und des tapfern und zuverlässigen Kommandanten zu +der griechischen Armee, nicht gar viel bedeuten wollte. Endlich konnte der +Sieger sich auch in das Binnenland wenden, die Legionen des Metellus Scipio an +sich liehen und versuchen, die im Binnenlande stehenden Truppen Caesars +aufzuheben. Es hatte nämlich dieser, unmittelbar nachdem der zweite Transport +bei ihm eingetroffen war, teils, um die Subsistenzmittel für seine Armee +herbeizuschaffen, starke Detachements nach Ätolien und Thessalien entsandt, +teils ein Korps von zwei Legionen unter Gnaeus Domitius Calvinus auf der +Egnatischen Chaussee gegen Makedonien vorgehen lassen, das dem auf derselben +Straße von Thessalonike her anrückenden Korps des Scipio den Weg verlegen und +womöglich es einzeln schlagen sollte. Schon hatten Calvinus und Scipio sich bis +auf wenige Meilen einander genähert, als Scipio sich plötzlich rückwärts wandte +und, rasch den Haliakmon (Jadsche Karasu) überschreitend und dort sein Gepäck +unter Marcus Favonius zurücklassend, in Thessalien eindrang, um die mit der +Unterwerfung des Landes beschäftigte Rekrutenlegion Caesars unter Lucius +Cassius Longinus mit Übermacht anzugreifen. Longinus aber zog sich über die +Berge nach Ambrakia auf das von Caesar nach Ätolien gesandte Detachement unter +Gnaeus Calvisius Sabinus zurück, und Scipio konnte ihn nur durch seine +thrakischen Reiter verfolgen lassen, da Calvinus seine unter Favonius am +Haliakmon zurückgelassene Reserve mit dem gleichen Schicksale bedrohte, welches +er selbst dem Longinus zu bereiten gedachte. So trafen Calvinus und Scipio am +Haliakmon wieder zusammen und lagerten hier längere Zeit einander gegenüber. +</p> + +<p> +Pompeius konnte zwischen diesen Plänen wählen; Caesar blieb keine Wahl. Er trat +nach jenem unglücklichen Gefechte den Rückzug auf Apollonia an. Pompeius +folgte. Der Marsch von Dyrrhachion nach Apollonia auf einer schwierigen, von +mehreren Flüssen durchschnittenen Straße war keine leichte Aufgabe für eine +geschlagene und vom Feinde verfolgte Armee; indes die geschickte Leitung ihres +Feldherrn und die unverwüstliche Marschfähigkeit der Soldaten nötigten Pompeius +nach viertägiger Verfolgung, dieselbe als nutzlos einzustellen. Er hatte jetzt +sich zu entscheiden zwischen der italischen Expedition und dem Marsch in das +Binnenland; und so rätlich und lockend auch jene schien, so manche Stimmen auch +dafür sich erhoben, er zog es doch vor, das Korps des Scipio nicht +preiszugeben, um so mehr, als er durch diesen Marsch das des Calvinus in die +Hände zu bekommen hoffte. Calvinus stand augenblicklich auf der Egnatischen +Straße bei Herakleia Lynkestis, zwischen Pompeius und Scipio und, nachdem +Caesar sich auf Apollonia zurückgezogen, von diesem weiter entfernt als von der +großen Armee des Pompeius, zu allem dem ohne Kenntnis von den Vorgängen bei +Dyrrhachion und von seiner bedenklichen Lage, da nach den bei Dyrrhachion +erlangten Erfolgen die ganze Landschaft sich zu Pompeius neigte und die Boten +Caesars überall aufgegriffen wurden. Erst als die feindliche Hauptmacht bis auf +wenige Stunden sich ihm genähert hatte, erfuhr Calvinus aus den Erzählungen der +feindlichen Vorposten selbst den Stand der Dinge. Ein rascher Aufbruch in +südlicher Richtung gegen Thessalien zu entzog ihn im letzten Augenblick der +drohenden Vernichtung; Pompeius mußte sich damit begnügen, Scipio aus seiner +gefährdeten Stellung befreit zu haben. Caesar war inzwischen unangefochten nach +Apollonia gelangt. Sogleich nach der Katastrophe von Dyrrhachion hatte er sich +entschlossen, wenn möglich den Kampf von der Küste weg in das Binnenland zu +verlegen, um die letzte Ursache des Fehlschlagens seiner bisherigen +Anstrengungen, die feindliche Flotte, aus dem Spiel zu bringen. Der Marsch nach +Apollonia hatte nur den Zweck gehabt, dort, wo seine Depots sich befanden, +seine Verwundeten in Sicherheit zu bringen und seinen Soldaten die Löhnung zu +zahlen; sowie dies geschehen war, brach er, mit Hinterlassung von Besatzungen +in Apollonia, Orikon und Lissos, nach Thessalien auf. Nach Thessalien hatte +auch das Korps des Calvinus sich in Bewegung gesetzt; und die aus Italien, +jetzt auf dem Landwege durch Illyrien, anrückenden Verstärkungen, zwei Legionen +unter Quintus Cornificius, konnte er gleichfalls hier leichter noch als in +Epirus an sich ziehen. Auf schwierigen Pfaden im Tale des Aoos aufwärtssteigend +und die Bergkette überschreitend, die Epirus von Thessalien scheidet, gelangte +er an den Peneios; ebendorthin ward Calvinus dirigiert und die Vereinigung der +beiden Armeen also auf dem kürzesten und dem Feinde am wenigsten ausgesetzten +Wege bewerkstelligt. Sie erfolgte bei Aeginion unweit der Quelle des Peneios. +Die erste thessalische Stadt, vor der die jetzt vereinigte Armee erschien, +Gomphoi, schloß ihr die Tore; sie ward rasch erstürmt und der Plünderung +preisgegeben, und dadurch geschreckt unterwarfen sich die übrigen Städte +Thessaliens, sowie nur Caesars Legionen vor den Mauern sich zeigten. Über +diesen Märschen und Gefechten und mit Hilfe der, wenn auch nicht +allzureichlichen, Vorräte, die die Landschaft am Peneios darbot, schwanden +allmählich die Spuren und die Erinnerungen der überstandenen unheilvollen Tage. +</p> + +<p> +Unmittelbare Früchte also hatten die Siege von Dyrrhachion für die Sieger nicht +viele getragen. Pompeius, mit seiner schwerfälligen Armee und seiner +zahlreichen Reiterei, hatte dem beweglichen Feind in die Gebirge zu folgen +nicht vermocht; Caesar wie Calvinus hatten der Verfolgung sich entzogen und +beide standen vereinigt und in voller Sicherheit in Thessalien. Vielleicht wäre +es das richtigste gewesen, wenn Pompeius jetzt ohne weiteres mit seiner +Hauptmacht zu Schiff nach Italien gegangen wäre, wo der Erfolg kaum zweifelhaft +war. Indes vorläufig ging nur eine Abteilung der Flotte nach Sizilien und +Italien ab. Man betrachtete im Lager der Koalition durch die Schlachten von +Dyrrhachion die Sache mit Caesar als so vollständig entschieden, daß es nur +galt, die Früchte der Siege zu ernten, das heißt, die geschlagene Armee +aufzusuchen und abzufangen. An die Stelle der bisherigen übervorsichtigen +Zurückhaltung trat ein durch die Umstände noch weniger gerechtfertigter +Übermut; man achtete es nicht, daß man in der Verfolgung doch eigentlich +gescheitert war, daß man sich gefaßt halten mußte, in Thessalien auf eine +völlig erfrischte und reorganisierte Armee zu treffen und daß es nicht geringe +Bedenken hatte, vom Meere sich entfernend und auf die Unterstützung der Flotte +verzichtend, dem Gegner auf das von ihm gewählte Schlachtfeld zu folgen. Man +war eben entschlossen, um jeden Preis mit Caesar zu schlagen und darum +baldmöglichst und auf dem möglichst bequemen Wege an ihn zu kommen. Cato +übernahm das Kommando in Dyrrhachion, wo eine Besatzung von achtzehn Kohorten, +und in Kerkyra, wo 300 Kriegsschiffe zurückblieben: Pompeius und Scipio begaben +sich, jener wie es scheint die Egnatische Chaussee bis Pella verfolgend und +dann die große Straße nach Süden einschlagend, dieser vom Haliakmon aus durch +die Pässe des Olymp, an den unteren Peneios und trafen bei Larisa zusammen. +Caesar stand südlich davon in der Ebene, die zwischen dem Hügelland von +Kynoskephalä und dem Othrysgebirge sich ausbreitet und von dem Nebenfluß des +Peneios, dem Enipeus, durchschnitten wird, am linken Ufer desselben bei der +Stadt Pharsalos; ihm gegenüber, am rechten Ufer des Enipeus am Abhang der Höhen +von Kynoskephalä, schlug Pompeius sein Lager ^6. Pompeius’ Armee war +vollständig beisammen; Caesar dagegen erwartete noch das früher nach Ätolien +und Thessalien detachierte, jetzt unter Quintus Fufius Calenus in Griechenland +stehende Korps von fast zwei Legionen und die auf dem Landweg von Italien ihm +nachgesandten und bereits in Illyrien angelangten zwei Legionen des +Cornificius. Pompeius’ Heer, elf Legionen oder 47000 Mann und 7000 Pferde +stark, war dem Caesar an Fußvolk um mehr als das Doppelte, an Reiterei um das +Siebenfache überlegen; Strapazen und Gefechte hatten Caesars Truppen so +dezimiert, daß seine acht Legionen nicht über 22000 Mann unter den Waffen, also +bei weitem nicht die Hälfte des Normalbestandes zählten. Pompeius’ +siegreiche, mit einer zahllosen Reiterei und guten Magazinen versehene Armee +hatte Lebensmittel in Fülle, während Caesars Truppen notdürftig sich hinhielten +und erst von der nicht fernen Getreideernte bessere Verpflegung erhofften. Die +Stimmung der Pompeianischen Soldaten, die in der letzten Kampagne den Krieg +kennen und ihrem Führer vertrauen gelernt hatten, war die beste. Alle +militärischen Gründe sprachen auf Pompeius’ Seite dafür, da man nun +einmal in Thessalien Caesar gegenüberstand, mit der Entscheidungsschlacht nicht +lange zu zögern; und mehr wohl noch als diese wog im Kriegsrat die +Emigrantenungeduld der vielen vornehmen Offiziere und Heerbegleiter. Seit den +Ereignissen von Dyrrhachion betrachteten diese Herren den Triumph ihrer Partei +als eine ausgemachte Tatsache; bereits wurde eifrig gehadert über die Besetzung +von Caesars Oberpontifikat und Aufträge nach Rom gesandt, um für die nächsten +Wahlen Häuser am Markt zu mieten. Als Pompeius Bedenken zeigte, den Bach, der +beide Heere schied und den Caesar mit seinem viel schwächeren Heer zu passieren +sich nicht getraute, seinerseits zu überschreiten, erregte dies großen +Unwillen; Pompeius, hieß es, zaudere nur mit der Schlacht, um noch etwas länger +über so viele Konsulare und Prätorier zu gebieten und seine Agamemnonrolle zu +verewigen. Pompeius gab nach; und Caesar, der in der Meinung, daß es nicht zum +Kampf kommen werde, eben eine Umgehung der feindlichen Armee entworfen hatte +und dazu gegen Skotussa aufzubrechen im Begriff war, ordnete ebenfalls seine +Legionen zur Schlacht, als er die Pompeianer sich anschicken sah, sie auf +seinem Ufer ihm anzubieten. Also ward, fast auf derselben Walstatt, wo +hundertfünfzig Jahre zuvor die Römer ihre Herrschaft im Osten begründet hatten, +am 9. August 706 (48) die Schlacht von Pharsalos geschlagen. Pompeius lehnte +den rechten Flügel an den Enipeus, Caesar ihm gegenüber den linken an das vor +dem Enipeus sich ausbreitende durchschnittene Terrain; die beiden anderen +Flügel standen in die Ebene hinaus, beiderseits gedeckt durch die Reiterei und +die leichten Truppen. Pompeius’ Absicht war, sein Fußvolk in der +Verteidigung zu halten, dagegen mit seiner Reiterei die schwache Reiterschar, +die, nach deutscher Art mit leichter Infanterie gemischt, ihr gegenüberstand, +zu zersprengen und sodann Caesars rechten Flügel in den Rücken zu nehmen. Sein +Fußvolk hielt den ersten Stoß der feindlichen Infanterie mutig aus und es kam +das Gefecht hier zum Stehen. Labienus sprengte ebenfalls die feindliche +Reiterei nach tapferem, aber kurzem Widerstand auseinander und entwickelte sich +linkshin, um das Fußvolk zu umgehen. Aber Caesar, die Niederlage seiner +Reiterei voraussehend, hatte hinter ihr auf der bedrohten Flanke seines rechten +Flügels etwa 2000 seiner besten Legionäre aufgestellt. Wie die feindlichen +Reiter, die Caesarischen vor sich hertreibend, heran und um die Linie herum +jagten, prallten sie plötzlich auf diese unerschrocken gegen sie anrückende +Kernschar und, durch den unerwarteten und ungewohnten Infanterieangriff ^7 +rasch in Verwirrung gebracht, sprengten sie mit verhängten Zügeln vom +Schlachtfeld. Die siegreichen Legionäre hieben die preisgegebenen feindlichen +Schützen zusammen, rückten dann auf den linken Flügel des Feindes los und +begannen nun ihrerseits dessen Umgehung. Zugleich ging Caesars bisher +zurückgehaltenes drittes Treffen auf der ganzen Linie zum Angriff vor. Die +unverhoffte Niederlage der besten Waffe des Pompeianischen Heeres, wie sie den +Mut der Gegner hob, brach den der Armee und vor allem den des Feldherrn. Als +Pompeius, der seinem Fußvolk von Haus aus nicht traute, die Reiter zurückjagen +sah, ritt er sofort von dem Schlachtfeld zurück in das Lager, ohne auch nur den +Ausgang des von Caesar befohlenen Gesamtangriffs abzuwarten. Seine Legionen +fingen an zu schwanken und bald über den Bach in das Lager zurückzuweichen, was +nicht ohne schweren Verlust bewerkstelligt ward. Der Tag war also verloren und +mancher tüchtige Soldat gefallen, die Armee indes noch im wesentlichen intakt +und Pompeius’ Lage weit minder bedenklich als die Caesars nach der +Niederlage von Dyrrhachion. Aber wenn Caesar in den Wechselfällen seiner +Geschicke es gelernt hatte, daß das Glück auch seinen Günstlingen wohl auf +Augenblicke sich zu entziehen liebt, um durch Beharrlichkeit von ihnen abermals +bezwungen zu werden, so kannte Pompeius das Glück bis dahin nur als die +beständige Göttin und verzweifelte an sich und an ihr, als sie ihm entwich; und +wenn in Caesars großartiger Natur die Verzweiflung nur immer mächtigere Kräfte +entwickelte, so versank Pompeius’ dürftige Seele unter dem gleichen Druck +in den bodenlosen Abgrund der Kümmerlichkeit. Wie er einst im Kriege mit +Sertorius im Begriff gewesen war, das anvertraute Amt im Stiche lassend vor dem +überlegenen Gegner auf und davon zu gehen, so warf er jetzt, da er die Legionen +über den Bach zurückweichen sah, die verhängnisvolle Feldherrnschärpe von sich +und ritt auf dem nächsten Weg dem Meere zu, um dort ein Schiff sich zu suchen. +Seine Armee, entmutigt und führerlos - denn Scipio, obwohl von Pompeius als +Kollege im Oberkommando anerkannt, war doch nur dem Namen nach Oberfeldherr -, +hoffte hinter den Lagerwällen Schutz zu finden; aber Caesar gestattete ihr +keine Rast: rasch wurde die hartnäckige Gegenwehr der römischen und thrakischen +Lagerwachen überwältigt und die Masse genötigt, sich in Unordnung die Anhöhen +von Krannon und Skotussa hinaufzuziehen, an deren Fuße das Lager geschlagen +war. Sie versuchte, auf diesen Hügeln sich fortbewegend Larisa +wiederzuerreichen; allein Caesars Truppen, weder der Beute noch der Müdigkeit +achtend und auf besseren Wegen in die Ebene vorrückend, verlegten den +Flüchtigen den Weg; ja, als am späten Abend die Pompeianer ihren Marsch +einstellten, vermochten ihre Verfolger es noch, eine Schanzlinie zu ziehen, die +den Flüchtigen den Zugang zu dem einzigen in der Nähe befindlichen Bach +verschloß. So endigte der Tag von Pharsalos. Die feindliche Armee war nicht +bloß geschlagen, sondern vernichtet. 15000 der Feinde lagen tot oder verwundet +auf dem Schlachtfeld, während die Caesarianer nur 200 Mann vermißten; die noch +zusammengebliebene Masse, immer noch gegen 20000 Mann, streckte am Morgen nach +der Schlacht die Waffen; nur einzelne Trupps, darunter freilich die +namhaftesten Offiziere, suchten eine Zuflucht in den Bergen; von den elf +feindlichen Adlern wurden neun Caesar überbracht. Caesar, der schon am Tage der +Schlacht die Soldaten erinnert hatte, im Feinde nicht den Mitbürger zu +vergessen, behandelte die Gefangenen nicht wie Bibulus und Labienus es taten; +indes auch er fand doch nötig, jetzt die Strenge walten zu lassen. Die gemeinen +Soldaten wurden in das Heer eingereiht, gegen die Leute besseren Standes +Geldbußen oder Vermögenskonfiskationen erkannt; die gefangenen Senatoren und +namhaften Ritter erlitten, mit wenigen Ausnahmen, den Tod. Die Zeiten der Gnade +waren vorbei; je länger er währte, desto rücksichtsloser und unversöhnlicher +waltete der Bürgerkrieg. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +^6 Die genaue Bestimmung des Schlachtfeldes ist schwierig. Appian (bist. 2, 75) +setzt dasselbe ausdrücklich zwischen (Neu-) Pharsalos (jetzt Fersala) und den +Enipeus. Von den beiden Gewässern, die hier allein von einiger Bedeutung und +unzweifelhaft der Apidanos und Enipeus der Alten sind, dem Sofadhitiko und dem +Fersaliti, hat jener seine Quellen auf den Bergen von Thaumakoi (Dhomoko) und +den Dolopischen Höhen, dieser auf dem Othrys, und fließt nur der Fersaliti bei +Pharsalos vorbei; da nun aber der Enipeus nach Strabon (9 p. 432) auf dem +Othrys entspringt und bei Pharsalos vorbeifließt, so ist der Fersaliti mit +vollem Recht von W. M. Leake (Travels in Northern Greece. Bd. 4. London 1835, +S. 320) für den Enipeus erklärt worden und die von Göler befolgte Annahme, daß +der Fersaliti der Apidanos sei, unhaltbar. Damit stimmen auch alle sonstigen +Angaben der Alten über beide Flüsse. Nur muß freilich mit Leake angenommen +werden, daß der durch die Vereinigung des Fersaliti und des Sofadhitiko +gebildete, zum Peneios gehende Fluß von Vlokho bei den Alten, wie der +Sofadhitiko, Apidanos hieß: was aber auch um so natürlicher ist als wohl der +Sofadhitiko, nicht aber der Fersaliti beständig Wasser hat (Leake, Bd. 4, S. +321). Zwischen Fersala also und dem Fersaliti muß Altpharsalos gelegen haben, +wovon die Schlacht den Namen trägt. Demnach ward die Schlacht am linken Ufer +des Fersaliti gefochten, und zwar so, daß die Pompeianer, mit dem Gesicht nach +Pharsalos stehend, ihren rechten Flügel an den Fluß lehnten (Caes. civ. 3, 83. +Frontin. strat. 2, 3, 22). Aber das Lager der Pompeianer kann hier nicht +gestanden haben, sondern nur am Abhang der Höhen von Kynoskephalae am rechten +Ufer des Enipeus, teils weil sie Caesar den Weg nach Skotussa verlegten, teils +weil ihre Rückzugslinie offenbar über die oberhalb des Lagers befindlichen +Berge nach Larisa ging; hätten sie, nach Leakes (Bd. 4, S. 482) Annahme, +östlich von Pharsalos am linken Ufer des Enipeus gelagert, so konnten sie +nimmermehr durch diesen gerade hier tief eingeschnittenen Bach (Leake, Bd. 4, +S. 469) nordwärts gelangen und Pompeius hätte statt nach Larisa, nach Lamia +flüchten müssen. Wahrscheinlich schlugen also die Pompeianer am rechten Ufer +des Fersaliti ihr Lager und passierten den Fluß, sowohl um zu schlagen, als um +nach der Schlacht wieder in ihr Lager zu gelangen von wo sie sodann sich die +Abhänge von Krannon und Skotussa hinaufzogen, die über dem letzteren Orte zu +den Höhen von Kynoskephalae sich gipfeln. Unmöglich war dies nicht. Der Enipeus +ist ein schmaler, langsam fließender Bach, den Leake im November zwei Fuß tief +fand und der in der heißen Jahreszeit oft ganz trocken liegt (Leake, Bd. 1, S. +448 und Bd. 4, S. 472; vgl. Lucan. 6, 373), und die Schlacht ward im Hochsommer +geschlagen. Ferner standen die Heere vor der Schlacht drei Viertelmeilen +auseinander (App. civ. 2, 65), so daß die Pompeianer alle Vorbereitungen +treffen und auch die Verbindung mit ihrem Lager durch Brücken gehörig sichern +konnten. Wäre die Schlacht in eine völlige Deroute ausgegangen, so hätte +freilich der Rückzug an und über den Fluß nicht ausgeführt werden können, und +ohne Zweifel aus diesem Grunde verstand Pompeius nur ungern sich dazu, hier zu +schlagen. Der am weitesten von der Rückzugsbasis entfernte linke Flügel der +Pompeianer hat dies auch empfunden; aber der Rückzug wenigstens ihres Zentrums +und ihres rechten Flügels ward nicht in solcher Hast bewerkstelligt, daß er +unter den gegebenen Bedingungen unausführbar wäre. Caesar und seine +Ausschreiber verschweigen die Überschreitung des Flusses, weil dieselbe die +übrigens aus der ganzen Erzählung hervorgehende Kampfbegierde der Pompeianer zu +deutlich ins Licht stellen würde, und ebenso die für diese günstigen Momente +des Rückzugs. +</p> + +<p> +^7 In diesen Zusammenhang gehört die bekannte Anweisung Caesars an seine +Soldaten, nach den Gesichtern der feindlichen Reiter zu stoßen. Die Infanterie, +welche hier in ganz irregulärer Weise offensiv gegen die Kavallerie auftrat, +der mit den Säbeln nicht beizukommen war, sollte ihre Pila nicht abwerfen, +sondern sie als Handspeere gegen die Reiter brauchen und, um dieser sich besser +zu erwehren, damit nach oben zu stoßen (Plut. Pomp. 69. 71; Plut. Caes. 45; +App, civ. 2, 76, 78; Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15; irrig Frontin strat. +4, 7, 32). Die anekdotenhafte Umwandlung dieser Instruktion, daß die +Pompeianischen Reiter durch die Furcht vor Schmarren im Gesicht zum Weglaufen +sollten gebracht werden und auch wirklich “die Hände vor die Augen +haltend” (Plutarch) davongaloppiert seien, fällt in sich selbst zusammen: +denn sie hat nur dann eine Pointe, wenn die Pompeianische Reiterei +hauptsächlich aus dem jungen Adel Roms, den “artigen Tänzern”, +bestand; und dies ist falsch. Höchstens kann es sein, daß der Lagerwitz jener +einfachen und zweckmäßigen militärischen Ordre diese sehr unsinnige, aber +allerdings lustige Wendung gab. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Es dauerte einige Zeit, bevor die Folgen des 9. August 706 (48) vollständig +sich übersehen ließen. Was am wenigsten Zweifel litt, war der Übertritt aller +derer, die zu der bei Pharsalos überwundenen Partei nur als zu der mächtigeren +sich geschlagen hatten, auf die Seite Caesars; die Niederlage war eine so +völlig entscheidende, daß dem Sieger alles zufiel, was nicht für eine verlorene +Sache streiten wollte oder mußte. Alle die Könige, Völker und Städte, die +bisher Pompeius’ Klientel gebildet hatten, riefen jetzt ihre Flotten- und +Heereskontingente zurück und verweigerten den Flüchtlingen der geschlagenen +Partei die Aufnahme - so Ägypten, Kyrene, die Gemeinden Syriens, Phönikiens, +Kilikiens und Kleinasiens, Rhodos, Athen und überhaupt der ganze Osten. Ja, +König Pharnakes vom Bosporus trieb den Diensteifer so weit, daß er auf die +Nachricht von der Pharsalischen Schlacht nicht bloß die manches Jahr zuvor vom +Pompeius frei erklärte Stadt Phanagoria und die Gebiete der von ihm bestätigten +kolchischen Fürsten, sondern selbst das von demselben dem König Deiotarus +verliehene Königreich Klein-Armenien in Besitz nahm. Fast die einzigen +Ausnahmen von dieser allgemeinen Unterwerfung waren die kleine Stadt Megara, +die von den Caesarianern sich belagern und erstürmen ließ, und König Juba von +Numidien, der von Caesar die Einziehung seines Reiches schon längst und nach +dem Siege über Curio nur um so sicherer zu gewärtigen hatte und also freilich, +wohl oder übel, bei der geschlagenen Partei ausharren mußte. Ebenso wie die +Klientelgemeinden sich dem Sieger von Pharsalos unterwarfen, kam auch der +Schweif der Verfassungspartei, alle, die mit halbem Herzen mitgemacht hatten +oder gar, wie Marcus Cicero und seinesgleichen, nur um die Aristokratie +herumtrippelten wie die Halbhexen um den Blocksberg, herbei, um mit dem neuen +Alleinherrscher ihren Frieden zu machen, den denn auch dessen geringschätzige +Nachsicht den Bittstellern bereitwillig und höflich gewährte. Aber der Kern der +geschlagenen Partei transigierte nicht. Mit der Aristokratie war es vorbei; +aber die Aristokraten konnten doch sich nimmermehr zur Monarchie bekehren. Auch +die höchsten Offenbarungen der Menschheit sind vergänglich; die einmal wahre +Religion kann zur Lüge, die einst segenhafte Staatsordnung zum Fluche werden; +aber selbst das vergangene Evangelium noch findet Bekenner, und wenn solcher +Glaube nicht Berge versetzen kann wie der Glaube an die lebendige Wahrheit, so +bleibt er doch sich selber bis zu seinem Untergange treu und weicht aus dem +Reiche der Lebendigen nicht, bevor er seine letzten Priester und seine letzten +Bürger sich nachgezogen hat und ein neues Geschlecht, von jenen Schemen des +Gewesenen und Verwesenden befreit, über die verjüngte Welt regiert. So war es +in Rom. In welchen Abgrund der Entartung auch jetzt das aristokratische +Regiment versunken war, es war einst ein großartiges politisches System +gewesen; das heilige Feuer, durch das Italien erobert und Hannibal besiegt +worden war, glühte, wie getrübt und verdumpft, dennoch fort in dem römischen +Adel, solange es einen solchen gab, und machte eine innerliche Verständigung +zwischen den Männern des alten Regiments und dem neuen Monarchen unmöglich. Ein +großer Teil der Verfassungspartei fügte sich wenigstens äußerlich und erkannte +die Monarchie insofern an, als sie von Caesar Gnade annahmen und soweit +möglich, sich ins Privatleben zurückzogen; was freilich regelmäßig nicht ohne +den Hintergedanken geschah, sich damit auf einen künftigen Umschwung der Dinge +aufzusparen. Vorzugsweise taten dies die minder namhaften Parteigenossen; doch +zählte auch der tüchtige Marcus Marcellus, derselbe, der den Bruch mit Caesar +herbeigeführt hatte, zu diesen Verständigen und verbannte sich freiwillig nach +Lesbos. Aber in der Majorität der echten Aristokratie war die Leidenschaft +mächtiger als die kühle Überlegung; wobei freilich auch Selbsttäuschungen über +den noch möglichen Erfolg und Besorgnisse vor der unvermeidlichen Rache des +Siegers mannigfaltig mitwirkten. Keiner wohl beurteilte mit so schmerzlicher +Klarheit und so frei von Furcht wie von Hoffnung für sich die Lage der Dinge +wie Marcus Cato. Vollkommen überzeugt, daß nach den Tagen von Ilerda und +Pharsalos die Monarchie unvermeidlich sei, und sittlich fest genug, um auch +diese bittere Wahrheit sich einzugestehen und danach zu handeln, schwankte er +einen Augenblick, ob die Verfassungspartei den Krieg überhaupt noch fortsetzen +dürfe, der notwendig für eine verlorene Sache vielen Opfer zumutete, die nicht +wußten, wofür sie sie brachten. Aber wenn er sich entschloß, weiter gegen die +Monarchie zu kämpfen, nicht um den Sieg, sondern um rascheren und ehrenvolleren +Untergang, so suchte er doch soweit möglich in diesen Krieg keinen +hineinzuziehen, der den Untergang der Republik überleben und mit der Monarchie +sich abfinden mochte. Solange die Republik nur bedroht gewesen, meinte er, habe +man das Recht und die Pflicht gehabt, auch den lauen und schlechten Bürger zur +Teilnahme an dem Kampfe zu zwingen; aber jetzt sei es sinnlos und grausam, den +einzelnen zu nötigen, daß er mit der verlorenen Republik sich zugrunde richte. +Nicht bloß entließ er selbst jeden, der nach Italien heimzukehren begehrte; als +der wildeste unter den wilden Parteimännern, Gnaeus Pompeius der Sohn, auf die +Hinrichtung dieser Leute, namentlich des Cicero drang, war es einzig Cato, der +sie durch seine sittliche Autorität verhinderte. +</p> + +<p> +Auch Pompeius begehrte keinen Frieden. Wäre er ein Mann gewesen, der es +verdiente, an dem Platze zu stehen, wo er stand, so möchte man meinen, er habe +es begriffen, daß, wer nach der Krone greift, nicht wieder zurück kann in das +Geleise der gewöhnlichen Existenz und darum für den, der fehlgegriffen, kein +Platz mehr auf der Erde ist. Allein schwerlich dachte Pompeius zu groß, um eine +Gnade zu erbitten, die der Sieger vielleicht hochherzig genug gewesen wäre, ihm +nicht zu versagen, sondern vielmehr wahrscheinlich dazu zu gering. Sei es, daß +er es nicht über sich gewann, Caesar sich anzuvertrauen, sei es, daß er in +seiner gewöhnlichen unklaren und unentschiedenen Weise, nachdem der erste +unmittelbare Eindruck der Katastrophe von Pharsalos geschwunden war, wieder +anfing, Hoffnung zu schöpfen, Pompeius war entschlossen, den Kampf gegen Caesar +fortzusetzen und nach dem Pharsalischen noch ein anderes Schlachtfeld sich zu +suchen. +</p> + +<p> +So ging also, wie Caesar immer durch Klugheit und Mäßigung den Groll seiner +Gegner zu beschwichtigen und ihre Zahl zu mindern bemüht war, der Kampf +nichtsdestoweniger unabänderlich weiter. Allein die führenden Männer hatten +fast alle bei Pharsalos mitgefochten, und obwohl sie, mit Ausnahme von Lucius +Domitius Ahenobarbus, der auf der Flucht niedergemacht ward, sämtlich sich +retteten, wurden sie doch nach allen Seiten hin versprengt, weshalb sie nicht +dazu kamen, einen gemeinschaftlichen Plan für die Fortsetzung des Feldzuges zu +verabreden. Die meisten von ihnen gelangten, teils durch die öden makedonischen +und illyrischen Gebirge, teils mit Hilfe der Flotte, nach Kerkyra, wo Marcus +Cato die zurückgelassene Reserve kommandierte. Hier fand unter Catos Vorsitz +eine Art Kriegsrat statt, dem Metellus Scipio, Titus Labienus, Lucius Afranius, +Gnaeus Pompeius der Sohn und andere beiwohnten; allein teils die Abwesenheit +des Oberfeldherrn und die peinliche Ungewißheit über sein Schicksal, teils die +innere Zerfahrenheit der Partei verhinderte eine gemeinsame Beschlußfassung, +und es schlug schließlich jeder den Weg ein, der ihm für sich oder für die +gemeine Sache der zweckmäßigste zu sein schien. Es war in der Tat in hohem +Grade schwierig, unter den vielen Strohhalmen, an die man etwa sich anklammern +konnte, denjenigen zu bezeichnen, der am längsten über Wasser halten würde. +Makedonien und Griechenland waren durch die Schlacht von Pharsalos verloren. +Zwar hielt Cato, nachdem er auf die Nachricht von der Niederlage Dyrrhachion +sogleich geräumt hatte, nach Kerkyra, Rutilius Lupus noch den Peloponnes eine +Zeitlang für die Verfassungspartei. Einen Augenblick schien es auch, als +wollten die Pompeianer sich in Paträ auf dem Peloponnes verteidigen; allein die +Nachricht von Calenus’ Anrücken genügte, um sie von hier zu verscheuchen. +Kerkyra zu behaupten wurde ebensowenig versucht. An der italischen und +sizilischen Küste hatten die nach den Siegen von Dyrrhachion dorthin entsandten +Pompeianischen Geschwader gegen die Häfen von Brundisium, Messana und Vibo +nicht unbedeutende Erfolge errungen und in Messana namentlich die ganze in der +Ausrüstung begriffene Flotte Caesars niedergebrannt; allein die hier tätigen +Schiffe, größtenteils kleinasiatische und syrische, wurden infolge der +Pharsalischen Schlacht von ihren Gemeinden abberufen, so daß die Expedition +damit von selber ein Ende nahm. In Kleinasien und Syrien standen augenblicklich +gar keine Truppen, weder der einen noch der anderen Partei, mit Ausnahme der +bosporanischen Armee des Pharnakes, die, angeblich für Rechnung Caesars, +verschiedene Landschaften der Gegner desselben eingenommen hatte. In Ägypten +stand zwar noch ein ansehnliches römisches Heer, gebildet aus den dort von +Gabinius zurückgelassenen und seitdem aus italischen Landstreichern und +syrischem oder kilikischem Räubergesindel rekrutierten Truppen; allein es +verstand sich von selbst und ward durch die Rückberufung der ägyptischen +Schiffe bald offiziell bestätigt, daß der Hof von Alexandreia keineswegs die +Absicht hatte, bei der geschlagenen Partei auszuhalten oder gar ihr seine +Truppenmacht zur Verfügung zu stellen. Etwas günstigere Aussichten boten sich +den Besiegten im Westen dar. In Spanien waren unter der Bevölkerung die +Pompeianischen Sympathien so mächtig, daß die Caesarianer den von dort aus +gegen Afrika beabsichtigten Angriff deswegen unterlassen mußten und eine +Insurrektion unausbleiblich schien, sowie ein namhafter Führer auf der +Halbinsel sich zeigen würde. In Afrika aber hatte die Koalition oder vielmehr +der eigentliche Machthaber daselbst, König Juba von Numidien, seit dem Herbst +705 (49) ungestört gerüstet. Wenn also der ganze Osten durch die Schlacht von +Pharsalos der Koalition verloren war, so konnte sie dagegen in Spanien +wahrscheinlich und sicher in Afrika den Krieg in ehrenhafter Weise +weiterführen; denn die Hilfe des längst der römischen Gemeinde untertänigen +Königs von Numidien gegen revolutionäre Mitbürger in Anspruch zu nehmen, war +für den Römer wohl eine peinliche Demütigung, aber keineswegs ein Landesverrat. +Wem freilich in diesem Kampfe der Verzweiflung weder Recht noch Ehre etwas +weiter galt, der mochte auch, sich selber außerhalb des Gesetzes erklärend, die +Räuberfehde eröffnen oder, mit unabhängigen Nachbarstaaten in Bündnis tretend, +den Landesfeind in den inneren Streit hineinziehen oder endlich, die Monarchie +mit den Lippen bekennend, die Restauration der legitimen Republik mit dem Dolch +des Meuchelmörders betreiben. Daß die Überwundenen austraten und der neuen +Monarchie absagten, war wenigstens der natürliche und insofern richtigste +Ausdruck ihrer verzweifelten Lage. Das Gebirge und vor allem das Meer waren in +jener Zeit seit Menschengedenken wie die Freistatt allen Frevels, so auch die +des unerträglichen Elends und des unterdrückten Rechtes; Pompeianern und +Republikanern lag es nahe, der Monarchie Caesars, die sie ausstieß, in den +Bergen und auf den Meeren trotzig den Krieg zu machen, und namentlich nahe, die +Piraterie in größerem Maßstab, in festerer Geschlossenheit, mit bestimmteren +Zielen aufzunehmen. Selbst nach der Abberufung der aus dem Osten gekommenen +Geschwader besaßen sie noch eine sehr ansehnliche eigene Flotte, während Caesar +immer noch so gut wie ohne Kriegsschiffe war; und ihre Verbindung mit den +Delmatern, die im eigenen Interesse gegen Caesar aufgestanden waren, ihre +Herrschaft über die wichtigsten Meere und Hafenplätze, gaben für den Seekrieg, +namentlich im kleinen, die vorteilhaftesten Aussichten. Wie einst Sullas +Demokratenhetze geendigt hatte mit dem Sertorianischen Aufstand, der anfangs +Piraten-, dann Räuberfehde war und schließlich doch ein sehr ernstlicher Krieg +ward, so konnte, wenn in der catonischen Aristokratie oder unter den Anhängern +des Pompeius so viel Geist und Feuer war wie in der marianischen Demokratie, +und wenn in ihr der rechte Seekönig sich fand, auf dem noch unbezwungenen Meere +wohl ein von Caesars Monarchie unabhängiges und vielleicht dieser gewachsenes +Gemeinwesen entstehen. +</p> + +<p> +In jeder Hinsicht weit schärfere Mißbilligung verdient der Gedanke, einen +unabhängigen Nachbarstaat in den römischen Bürgerkrieg hineinzuziehen und durch +ihn eine Konterrevolution herbeizuführen: Gesetz und Gewissen verurteilen den +Überläufer strenger als den Räuber, und leichter findet die siegreiche +Räuberschar den Rückweg zu einem freien und geordneten Gemeinwesen, als die vom +Landesfeind zurückgeführte Emigration. Übrigens war es auch kaum +wahrscheinlich, daß die geschlagene Partei auf diesem Wege eine Restauration +würde bewirken können. Der einzige Staat, auf den sie versuchen konnte sich zu +stützen, war der der Parther; und von diesem war es wenigstens zweifelhaft, ob +er ihre Sache zu der seinigen machen, und sehr unwahrscheinlich, daß er gegen +Caesar sie durchfechten werde. Die Zeit der republikanischen Verschwörungen +aber war noch nicht gekommen. +</p> + +<p> +Während also die Trümmer der geschlagenen Partei ratlos vom Schicksal sich +treiben ließen und auch die den Kampf fortzusetzen entschieden waren nicht +wußten, wie noch wo, hatte Caesar, wie immer rasch entschlossen und rasch +handelnd, alles beiseite gelassen, um Pompeius zu verfolgen, den einzigen +seiner Gegner, den er als Offizier achtete, und denjenigen, dessen persönliche +Gefangennahme die eine und vielleicht die gefährlichere Hälfte seiner Gegner +wahrscheinlich paralysiert haben würde. Mit weniger Mannschaft fuhr er über den +Hellespont - seine einzelne Barke traf in demselben auf eine feindliche, nach +dem Schwarzen Meere bestimmte Flotte und nahm die ganze, durch die Kunde von +der Pharsalischen Schlacht wie mit Betäubung geschlagene Mannschaft derselben +gefangen - und eilte, sowie die notwendigsten Anordnungen getroffen waren, +Pompeius in den Osten nach. Dieser war vom Pharsalischen Schlachtfeld nach +Lesbos gegangen, wo er seine Gemahlin und seinen zweiten Sohn Sextus abholte, +und weiter um Kleinasien herum nach Kilikien und von da nach Kypros gesegelt. +Er hätte zu seinen Parteigenossen nach Kerkyra oder Afrika gelangen können; +allein der Widerwille gegen seine aristokratischen Verbündeten und der Gedanke +an die Aufnahme, die nach dem Tage von Pharsalos und vor allem nach seiner +schimpflichen Flucht ihn dort erwartete, scheinen ihn bewogen zu haben, seinen +Weg für sich zu gehen und lieber in den Schutz des Partherkönigs als in den +Catos sich zu begeben. Während er beschäftigt war, von den römischen +Steuerpächtern und Kaufleuten auf Kypros Geld und Sklaven beizutreiben und +einen Haufen von 2000 Sklaven zu bewaffnen, erhielt er die Nachricht, daß +Antiocheia sich für Caesar erklärt habe und der Weg zu den Parthern nicht mehr +offen sei. So änderte er seinen Plan und ging unter Segel nach Ägypten, wo in +dem Heere eine Menge seiner alten Soldaten dienten und die Lage und die reichen +Hilfsmittel des Landes Zeit und Gelegenheit gewährten, den Krieg zu +reorganisieren. +</p> + +<p> +In Ägypten hatten nach Ptolemaeos Auletes’ Tode (Mai 703 51) dessen +Kinder, die etwa sechzehnjährige Kleopatra und der zehnjährige Ptolemaeos +Dionysos, nach dem Willen ihres Vaters gemeinschaftlich und als Gatten, den +Thron bestiegen; allein bald hatte der Bruder oder vielmehr dessen Vormund +Potheinos die Schwester aus dem Reiche getrieben und sie genötigt, eine +Zuflucht in Syrien zu suchen, von wo aus sie Anstalten traf, um in ihr +väterliches Reich zurückzugelangen. Ptolemaeos und Potheinos standen eben, um +gegen sie die Ostgrenze zu decken, mit der ganzen ägyptischen Armee bei +Pelusion, als Pompeius bei dem Kasischen Vorgebirge vor Anker ging und den +König ersuchen ließ, ihm die Landung zu gestatten. Der ägyptische Hof, längst +von der Katastrophe bei Pharsalos unterrichtet, war im Begriffe, Pompeius +zurückzuweisen; allein der Hofmeister des Königs, Theodotos, wies darauf hin, +daß in diesem Falle Pompeius wahrscheinlich seine Verbindungen in der +ägyptischen Armee benutzen werde, um dieselbe aufzuwiegeln; es sei sicherer und +auch mit Rücksicht auf Caesar vorzuziehen, wenn man die Gelegenheit wahrnehme, +um Pompeius aus der Welt zu schaffen. Dergleichen politische Räsonnements +verfehlten bei den Staatsmännern der hellenischen Welt nicht leicht ihre +Wirkung. Der General der königlichen Truppen, Achillas, und einige von +Pompeius’ ehemaligen Soldaten fuhren mit einem Kahn an Pompeius’ +Schiff heran und luden ihn ein, zum König zu kommen und, da das Fahrwasser +seicht sei, ihre Barke zu besteigen. Im Aussteigen stach der Kriegstribun +Lucius Septimius ihn hinterrücks nieder, unter den Augen seiner Gattin und +seines Sohnes, welche von dem Verdeck ihres Schiffes aus dem Morde zusehen +mußten, ohne retten oder rächen zu können (28. September 706 48). An demselben +Tage, an dem er dreizehn Jahre zuvor, über Mithradates triumphierend, in die +Hauptstadt eingezogen war, endigte auf einer öden Düne des unwirtlichen +kasischen Strandes durch die Hand eines seiner alten Soldaten der Mann, der ein +Menschenalter hindurch der Große geheißen und Jahre lang Rom beherrscht hatte. +Ein guter Offizier, übrigens aber von mittelmäßigen Gaben des Geistes und des +Herzens, hatte das Schicksal mit dreißigjähriger dämonischer Beständigkeit alle +glänzenden mühelosen Aufgaben nur darum ihm zu lösen gewährt, alle von anderen +gepflanzten und gepflegten Lorbeeren nur darum ihm zu brechen gestattet, nur +darum alle Bedingungen zur Erlangung der höchsten Gewalt ihm entgegengetragen, +um an ihm ein Beispiel falscher Größe aufzustellen, wie die Geschichte kein +zweites kennt. Unter allen kläglichen Rollen gibt es keine kläglichere als die, +mehr zu gelten als zu sein; und es ist das Verhängnis der Monarchie, da doch +kaum alle tausend Jahre in dem Volke ein Mann aufsteht, welcher König nicht +bloß heißt, sondern auch ist, daß diese Kläglichkeit unvermeidlich an ihr +haftet. Wenn dies Mißverhältnis zwischen Scheinen und Sein vielleicht nie so +schroff hervorgetreten ist wie in Pompeius, so mag der ernste Gedanke wohl +dabei verweilen, daß er eben in gewissem Sinn die Reihe der römischen Monarchen +eröffnet. +</p> + +<p> +Als Caesar, Pompeius’ Spuren folgend, auf der Reede von Alexandreia +eintraf, war bereits alles vorüber. Mit tiefer Erschütterung wandte er sich ab, +als ihm der Mörder das Haupt des Mannes auf das Schiff entgegentrug, der sein +Schwiegersohn und lange Jahre sein Genosse in der Herrschaft gewesen und den +lebend in seine Gewalt zu bringen er nach Ägypten gekommen war. Die Antwort auf +die Frage, wie Caesar mit dem gefangenen Pompeius verfahren sein würde, hat der +Dolch des voreiligen Mörders abgeschnitten; aber wenn die menschliche +Teilnahme, die in Caesars großer Seele noch neben dem Ehrgeiz Raum fand, ihm +die Schonung des ehemaligen Freundes gebot, so forderte auch sein Interesse, +denselben auf andere Art zu annullieren als durch den Henker. Pompeius war +zwanzig Jahre lang der anerkannte Gebieter von Rom gewesen; eine so tief +gewurzelte Herrschaft geht nicht unter mit dem Tode des Herrn. Pompeius’ +Tod löste die Pompeianer nicht auf, sondern gab ihnen statt eines bejahrten, +unfähigen und vernutzten Hauptes an dessen beiden Söhnen Gnaeus und Sextus zwei +Führer, welche beide jung und rührig und von denen der zweite eine entschiedene +Kapazität war. Der neugegründeten Erbmonarchie heftete sogleich parasitisch +sich das erbliche Prätendententum an, und es war sehr zweifelhaft, ob bei +diesem Wechsel der Personen Caesar nicht mehr verlor, als er gewann. +</p> + +<p> +Indes in Ägypten hatte Caesar jetzt nichts weiter zu tun, und Römer und Ägypter +erwarteten, daß er sofort wieder unter Segel gehen und sich an die Unterwerfung +Afrikas und an das unermeßliche Organisationswerk machen werde, das ihm nach +dem Siege bevorstand. Allein Caesar, seiner Gewohnheit getreu, wo er einmal in +dem weiten Reiche sich befand, die Verhältnisse sogleich und persönlich +endgültig zu regeln, und fest überzeugt, daß weder von der römischen Besatzung +noch von dem Hofe irgendein Widerstand zu erwarten sei, überdies in dringender +Geldverlegenheit, landete in Alexandreia mit den zwei ihn begleitenden, auf +3200 Mann zusammengeschmolzenen Legionen und 800 keltischen und deutschen +Reitern, nahm Quartier in der königlichen Burg und ging daran, die nötigen +Summen beizutreiben und die ägyptische Erbfolge zu ordnen, ohne sich stören zu +lassen durch Potheinos’ naseweise Bemerkung, daß Caesar doch über diese +Kleinigkeiten nicht seine so wichtigen eigenen Angelegenheiten versäumen möge. +Gegen die Ägypter verfuhr er dabei gerecht und selbst nachsichtig. Obwohl der +Beistand, den sie Pompeius geleistet hatten, zur Auflegung einer +Kriegskontribution berechtigte, ward doch das erschöpfte Land damit verschont +und unter Erlaß dessen, was auf die im Jahre 695 (59) stipulierte und seitdem +erst etwa zur Hälfte abbezahlte Summe weiter rückständig war, lediglich eine +Schlußzahlung von 10 Mill. Denaren (3 Mill. Taler) gefordert. Den beiden +kriegführenden Geschwistern ward die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten +anbefohlen und beide zur Untersuchung und Entscheidung des Streites vor den +Schiedsherrn geladen. Man fügte sich; der königliche Knabe befand sich bereits +in der Burg und auch Kleopatra stellte dort sich ein. Caesar sprach das Reich +Ägypten, dem Testament des Auletes gemäß, den beiden geschwisterlichen Gatten +Kleopatra und Ptolemaeos Dionysos zu und gab ferner unaufgefordert, unter +Kassierung der früher verfügten Einziehung des Kyprischen Reiches, dieses als +ägyptische Sekundogenitur an die jüngeren Kinder des Auletes Arsinoe und +Ptolemaeos den Jüngeren. +</p> + +<p> +Allein im stillen bereitete ein Ungewitter sich vor. Alexandreia war eine +Weltstadt so gut wie Rom, an Einwohnerzahl der italischen Hauptstadt schwerlich +nachstehend, an rührigem Handelsgeist, an Handwerkergeschick, an Sinn für +Wissenschaft und Kunst ihr weit überlegen; in der Bürgerschaft war ein reges +nationales Selbstgefühl und wenn kein politischer Sinn, doch ein unruhiger +Geist, der sie ihre Straßenkrawalle so regelmäßig und so herzhaft abhalten ließ +wie heutzutage die Pariser; man kann sich ihre Empfindungen denken, als sie in +der Residenz der Lagiden den römischen Feldherrn schalten und ihre Könige vor +seinem Tribunal Recht nehmen sah. Potheinos und der königliche Knabe, beide +begreiflicherweise sehr unzufrieden sowohl mit der peremtorischen Einmahnung +alter Schulden wie mit der Intervention in dem Thronstreit, welche nur zu +Gunsten der Kleopatra ausfallen konnte und ausfiel, schickten zur Befriedigung +der römischen Forderungen die Schätze der Tempel und das goldene Tischgerät des +Königs mit absichtlicher Ostentation zum Einschmelzen in die Münze; mit tiefer +Erbitterung schauten die abergläubisch frommen und der weltberühmten Pracht +ihres Hofes wie eines eigenen Besitzes sich erfreuenden Ägypter die nackten +Wände ihrer Tempel und die hölzernen Becher auf der Tafel ihres Königs. Auch +die römische Okkupationsarmee, welche durch den langen Aufenthalt in Ägypten +und die vielen Zwischenheiraten zwischen den Soldaten und ägyptischen Mädchen +wesentlich denationalisiert war und überdies eine Menge alter Soldaten des +Pompeius und verlaufener italischer Verbrecher und Sklaven in ihren Reihen +zählte, grollte Caesar, auf dessen Befehl sie ihre Aktion an der syrischen +Grenze hatte einstellen müssen, und seiner Handvoll hochmütiger Legionäre. +Schon der Auflauf bei der Landung, als die Menge die römischen Beile in die +alte Königsburg tragen sah, und die zahlreichen Meuchelmorde, welche gegen +seine Soldaten in der Stadt verübt wurden, hatten Caesar darüber belehrt, in +welcher ungeheuren Gefahr er mit seinen wenigen Leuten dieser erbitterten Menge +gegenüber schwebte. Allein die Umkehr war wegen der in dieser Jahreszeit +herrschenden Nordwestwinde schwierig, und der Versuch der Einschiffung konnte +leicht das Signal zum Ausbruch der Insurrektion werden; überhaupt lag es nicht +in Caesars Art, unverrichteter Sache sich davonzumachen. Er beorderte also zwar +sogleich Verstärkungen aus Asien herbei, trug aber, bis diese eintrafen, +zunächst die größte Sicherheit zur Schau. Nie war es lustiger in seinem Lager +hergegangen als während dieser alexandrinischen Rast; und wenn die schöne und +geistreiche Kleopatra mit ihren Reizen überhaupt nicht, und am wenigsten gegen +ihren Richter, sparsam war, so schien auch Caesar unter all seinen Siegen die +über schöne Frauen am höchsten zu schätzen. Es war ein lustiges Vorspiel zu +sehr ernsten Auftritten. Unter Führung des Achillas und, wie später sich +auswies, auf geheimen Befehl des Königs und seines Vormundes, erschien die in +Ägypten stehende römische Okkupationsarmee unvermutet in Alexandreia; und sowie +die Bürgerschaft sah, daß sie kam, um Caesar anzugreifen, machte sie mit den +Soldaten gemeinschaftliche Sache. Mit einer Geistesgegenwart, die seine frühere +Tolldreistigkeit gewissermaßen rechtfertigt, raffte Caesar schleunigst seine +zerstreuten Mannschaften zusammen, bemächtigte sich der Person des Königs und +seiner Minister, verschanzte sich in der königlichen Burg und dem benachbarten +Theater, ließ, da es an Zeit gebrach, die in dem Haupthafen unmittelbar vor dem +Theater stationierte Kriegsflotte in Sicherheit zu bringen, dieselbe anzünden +und die den Hafen beherrschende Leuchtturminsel Pharos durch Boote besetzen. So +war wenigstens eine beschränkte Verteidigungsstellung gewonnen und der Weg +offen gehalten, um Zufuhr und Verstärkungen herbeizuschaffen. Zugleich ging dem +Kornmandanten von Kleinasien sowie den nächsten untertänigen Landschaften, den +Syrern und Nabatäern, den Kretensern und den Rhodiern, der Befehl zu, +schleunigst Truppen und Schiffe nach Ägypten zu senden. Die Insurrektion, an +deren Spitze die Prinzessin Arsinoe und deren Vertreter, der Eunuch Ganymedes, +sich gestellt hatten, schaltete indes frei in ganz Ägypten und in dem größten +Teil der Hauptstadt, in deren Straßen täglich gefochten ward, ohne daß es weder +Caesar gelang, sich freier zu entwickeln und bis zu dem hinter der Stadt +befindlichen Süßwassersee von Marea durchzubrechen, wo er sich mit Wasser und +mit Fourage hätte versorgen können, noch den Alexandrinern, der Belagerten Herr +zu werden und sie alles Trinkwassers zu berauben; denn als die Nilkanäle in +Caesars Stadtteil durch hineingeleitetes Seewasser verdorben waren, fand sich +unerwartet trinkbares Wasser in den am Strande gegrabenen Brunnen. Da Caesar +von der Landseite nicht zu überwältigen war, richteten sich die Anstrengungen +der Belagerer darauf, seine Flotte zu vernichten und ihn von der See +abzuschneiden, auf der die Zufuhr ihm zukam. Die Leuchtturminsel und der Damm, +durch den diese mit dem Festland zusammenhing, teilte den Hafen in eine +westliche und eine östliche Hälfte, die durch zwei Bogenöffnungen des Dammes +miteinander in Verbindung standen. Caesar beherrschte die Insel und den +Osthafen, während der Damm und der Westhafen im Besitz der Bürgerschaft war, +und seine Schiffe fuhren, da die alexandrinische Flotte verbrannt war, +ungehindert ab und zu. Die Alexandriner, nachdem sie vergeblich versucht +hatten, aus dem Westhafen in den östlichen Brander einzuführen, stellten darauf +mit den Resten ihres Arsenals ein kleines Geschwader her und verlegten damit +Caesars Schiffen den Weg, als dieselben eine Transportflotte mit einer aus +Kleinasien nachgekommenen Legion hereinbugsierten; indes wurden Caesars +vortreffliche rhodische Seeleute des Feindes Herr. Nicht lange darauf nahmen +indes die Bürger die Leuchtturminsel weg ^8 und sperrten von da aus die schmale +und klippige Mündung des Osthafens für größere Schiffe gänzlich; so daß Caesars +Flotte genötigt war, auf der offenen Reede vor dem Osthafen zu stationieren und +seine Verbindung mit der See nur noch an einem schwachen Faden hing. Caesars +Flotte, auf jener Reede zu wiederholten Malen von der überlegenen feindlichen +Seemacht angegriffen, konnte weder dem ungleichen Kampf ausweichen, da der +Verlust der Leuchtturminsel ihr den inneren Hafen verschloß, noch auch das +Weite suchen, da der Verlust der Reede Caesar ganz von der See abgesperrt haben +würde. Wenn auch die tapfern Legionäre, unterstützt durch die Gewandtheit der +rhodischen Matrosen, bisher noch immer diese Gefechte zu Gunsten der Römer +entschieden hatten, so erneuerten und steigerten doch die Alexandriner mit +unermüdeter Beharrlichkeit ihre Flottenrüstungen; die Belagerten mußten +schlagen, so oft es den Belagerern beliebte, und wurden jene ein einziges Mal +überwunden, so war Caesar vollständig eingeschlossen und wahrscheinlich +verloren. Es ward schlechterdings nötig, einen Versuch zur Wiedergewinnung der +Leuchtturminsel zu machen. Der zwiefache Angriff, der durch Boote von der +Hafen-, durch die Kriegsschiffe von der Seeseite her gemacht ward, brachte in +der Tat nicht bloß die Insel, sondern auch den unteren Teil des Dammes in +Caesars Gewalt; erst bei der zweiten Bogenöffnung des Dammes befahl Caesar +anzuhalten und den Damm hier gegen die Stadt zu durch einen Querwall zu +sperren. Allein während hier um die Schanzenden ein hitziges Gefecht sich +entspann, entblößten die römischen Truppen den unteren, an die Insel +anstoßenden Teil des Dammes; unversehens landete hier eine Abteilung Ägypter, +griff die auf dem Damm am Querwall zusammengedrängten römischen Soldaten und +Matrosen von hinten an und sprengte die ganze Masse in wilder Verwirrung in das +Meer. Ein Teil ward von den römischen Schiffen aufgenommen; die meisten +ertranken. Etwa 400 Soldaten und eine noch größere Zahl von der +Flottenmannschaft wurden das Opfer dieses Tages; der Feldherr selbst, der das +Schicksal der Seinigen geteilt, hatte sich auf sein Schiff und, als dieses von +Menschen überschwert sank, schwimmend auf ein anderes retten müssen. Indes so +empfindlich auch der erlittene Verlust war, er ward durch den Wiedergewinn der +Leuchtturminsel, die samt dem Damm bis zur ersten Bogenöffnung in Caesars +Händen blieb, reichlich aufgewogen. Endlich kam der ersehnte Entsatz. +Mithradates von Pergamon, ein tüchtiger Kriegsmann aus der Schule des +Mithradates Eupator, dessen natürlicher Sohn er zu sein behauptete, führte zu +Lande von Syrien her eine buntscheckige Armee heran: die Ityräer des Fürsten +von Libanos, die Beduinen des Jamblichos, Sampsikeramos’ Sohn, die Juden +unter dem Minister Antipatros, überhaupt die Kontingente der kleinen Häuptlinge +und Gemeinden Kilikiens und Syriens. Von Pelusion, das Mithradates am Tage +seiner Ankunft zu besetzen geglückt war, schlug er, um das durchschnittene +Terrain des Delta zu vermeiden und den Nil vor seiner Teilung zu überschreiten, +die große Straße nach Memphis ein, wobei seine Truppen von den besonders in +diesem Teil Ägyptens zahlreich ansässigen Juden vielfache landsmannschaftliche +Unterstützung empfingen. Die Ägypter, jetzt den jungen König Ptolemaeos an der +Spitze, welchen Caesar in der vergeblichen Hoffnung, die Insurrektion durch ihn +zu beschwichtigen, zu den Seinigen entlassen hatte, entsandten ein Heer auf dem +Nil, um Mithradates auf dessen jenseitigem Ufer festzuhalten. Dasselbe traf +auch, noch jenseits Memphis bei dem sogenannten Judenlager, zwischen Omion und +Heliopolis, auf den Feind; allein Mithradates, geübt, in römischer Weise zu +manövrieren und zu lagern, gewann dennoch unter glücklichen Gefechten das +andere Ufer bei Memphis. Caesar andererseits, sowie er von dem Eintreffen der +Entsatzarmee Kunde erhielt, führte einen Teil seiner Truppen auf Schiffen an +die Spitze des Sees von Marea westlich von Alexandreia und marschierte um +diesen herum und den Nil hinab dem flußaufwärts herankommenden Mithradates +entgegen. Die Vereinigung erfolgte, ohne daß der Feind sie zu hindern versucht +hätte. Caesar rückte dann in das Delta, wohin der König sich zurückgezogen +hatte, warf, trotz des tiefeingeschnittenen Kanals vor ihrer Front, die +ägyptische Vorhut im ersten Anlauf und stürmte sofort das ägyptische Lager +selbst. Es befand sich am Fuß einer Anhöhe zwischen dem Nil, von dem nur ein +schmaler Weg es trennte, und schwer zugänglichen Sümpfen. Caesar ließ zugleich +von vorn und seitwärts auf dem Weg am Nil das Lager berennen und während dieses +Sturmes ein drittes Detachement die Anhöhen hinter dem Lager ungesehen +ersteigen. Der Sieg war vollständig; das Lager ward genommen und was von den +Ägyptern nicht unter den feindlichen Schwertern fiel, ertrank bei dem Versuch, +zu der Nilflotte zu entkommen. Mit einem der Boote, die mit Menschen überladen +sanken, verschwand auch der junge König in den Wellen seines heimischen +Stromes. Unmittelbar vom Schlachtfeld rückte Caesar von der Landseite her +geradeswegs an der Spitze seiner Reiterei in den von den Ägyptern besetzten +Teil der Hauptstadt. Im Trauergewande, ihre Götterbilder in den Händen, +empfingen ihn um Friede bittend die Feinde, die Seinigen aber, da sie ihn von +der anderen Seite, als von der er ausgezogen als Sieger wiederkehren sahen, mit +grenzenlosem Jubel. Das Schicksal der Stadt, die den Herrn der Welt in seinen +Plänen zu kreuzen gewagt und um ein Haar seinen Untergang herbeigeführt hatte, +lag in Caesars Hand; allein er war zu sehr Regent, um empfindlich zu sein, und +verfuhr mit den Alexandrinern wie mit den Massalioten. Caesar, hinweisend auf +die arg verwüstete und bei Gelegenheit des Flottenbrandes ihrer Kornmagazine, +ihrer weltberühmten Bibliothek und anderer bedeutender öffentlicher Gebäude +beraubte Stadt, ermahnte die Einwohnerschaft, sich künftig allein der Künste +des Friedens ernstlich zu befleißigen und die Wunden zu heilen, die sie sich +selber geschlagen; übrigens begnügte er sich, den in Alexandreia angesessenen +Juden dieselben Rechte zu gewähren, deren die griechische Stadtbevölkerung +genoß, und anstatt der bisherigen, wenigstens dem Namen nach den Königen von +Ägypten gehorchenden römischen Okkupationsarmee eine förmliche römische +Besatzung, zwei der daselbst belagerten und eine dritte später aus Syrien +nachgekommene Legion, unter einem von ihm selbst ernannten Befehlshaber nach +Alexandreia zu legen. Zu diesem Vertrauensposten ward absichtlich ein Mann +ausersehen, dessen Geburt es ihm unmöglich machte, denselben zu mißbrauchen, +Rufio, ein tüchtiger Soldat, aber eines Freigelassenen Sohn. Das Regiment +Ägyptens unter Roms Oberhoheit erhielten Kleopatra und deren jüngerer Bruder +Ptolemaeos; die Prinzessin Arsinoe ward, um nicht den nach orientalischer Art +der Dynastie ebenso ergebenen wie gegen den einzelnen Dynasten gleichgültigen +Ägyptern abermals als Vorwand für Insurrektionen zu dienen, nach Italien +abgeführt; Kypros wurde wieder ein Teil der römischen Provinz Kilikien. +</p> + +<p> +———————————————————- +</p> + +<p> +^8 Der Verlust der Leuchtturminsel muß in der Lücke Bell. Alex. 12 ausgefallen +sein, da die Insel anfänglich ja in Caesars Gewalt war (civ. 3,112; Bell. Alex. +8). Der Damm muß beständig in der Gewalt der Feinde gewesen sein, da Caesar mit +der Insel nur durch Schiffe verkehrte. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +Dieser alexandrinische Aufstand, so geringfügig er an sich war und so wenig er +innerlich zusammenhing mit den weltgeschichtlichen Ereignissen, die zugleich im +römischen Staate sich vollzogen, griff dennoch insofern in dieselben +folgenreich ein, als er den Mann, der alles in allem war und ohne den nichts +gefördert und nichts gelöst werden konnte, vom Oktober 706 (48) bis zum März +707 (47) nötigte, seine eigentlichen Aufgaben liegen zu lassen, um mit Juden +und Beduinen gegen einen Stadtpöbel zu kämpfen. Die Folgen des persönlichen +Regiments fingen an, sich fühlbar zu machen. Man hatte die Monarchie; aber +überall herrschte die entsetzlichste Verwirrung und der Monarch war nicht da. +Ebenwie die Pompeianer waren augenblicklich auch die Caesarianer ohne obere +Leitung; es entschied überall die Fähigkeit der einzelnen Offiziere und vor +allen Dingen der Zufall. +</p> + +<p> +In Kleinasien stand bei Caesars Abreise nach Ägypten kein Feind. Indes hatte +Caesars Statthalter daselbst, der tüchtige Gnaeus Domitius Calvinus, Befehl +erhalten, dem König Pharnakes wiederabzunehmen, was derselbe den Verbündeten +des Pompeius ohne Auftrag entrissen hatte; und da dieser, ein starrköpfiger und +übermütiger Despot wie sein Vater, die Räumung Klein-Armeniens beharrlich +verweigerte, so blieb nichts übrig, als gegen ihn marschieren zu lassen. +Calvinus hatte von den drei ihm zurückgelassenen, aus pharsalischen +Kriegsgefangenen gebildeten Legionen zwei nach Ägypten absenden müssen; er +ergänzte die Lücke durch eine eiligst aus den im Pontus domizilierten Römern +zusammengeraffte und zwei nach römischer Art exerzierte Legionen des Deiotarus +und rückte in Klein-Armenien ein. Allein das bosporanische, in zahlreichen +Kämpfen mit den Anwohnern des Schwarzen Meeres erprobte Heer erwies sich +tüchtiger als das seinige. In dem Treffen bei Nikopolis ward Calvinus’ +pontisches Aufgebot zusammengehauen und liefen die galatischen Legionen davon; +nur die eine alte Legion der Römer schlug mit mäßigem Verlust sich durch. Statt +Klein-Armenien zu erobern, konnte Calvinus nicht einmal verhindern, daß +Pharnakes sich seiner pontischen “Erbstaaten” wieder bemächtigte +und über deren Bewohner, namentlich die unglücklichen Amisener, die ganze +Schale seiner scheußlichen Sultanslaunen ausgoß (Winter 706/07 48/47). Als dann +Caesar selbst in Kleinasien eintraf und ihm sagen ließ, daß der Dienst, den +Pharnakes ihm persönlich geleistet, indem er Pompeius keine Hilfe gewährt habe, +nicht in Betracht kommen dürfe gegen den dem Reiche zugefügten Schaden und daß +vor jeder Unterhandlung er die Provinz Pontus räumen und das geraubte Gut +zurückstellen müsse, erklärte er sich zwar bereit zu gehorchen; aber wohl +wissend, wie guten Grund Caesar hatte, nach dem Westen zu eilen, machte er +dennoch keine ernstlichen Anstalten zur Räumung. Er wußte nicht, daß Caesar +abtat, was er angriff. Ohne weiter zu verhandeln, nahm Caesar die eine von +Alexandreia mitgebrachte Legion und die Truppen des Calvinus und Deiotarus +zusammen und rückte gegen Pharnakes’ Lager bei Ziela. Wie die Bosporaner +ihn kommen sahen, durchschritten sie keck den tiefen Bergspalt, der ihre Front +deckte, und griffen den Hügel hinauf die Römer an. Caesars Soldaten waren noch +mit dem Lagerschlagen beschäftigt und einen Augenblick schwankten die Reihen; +allein die kriegsgewohnten Veteranen sammelten sich rasch und gaben das +Beispiel zum allgemeinen Angriff und zum vollkommenen Siege (2. August 707 47). +In fünf Tagen war der Feldzug beendigt - zu dieser Zeit, wo jede Stunde kostbar +war, ein unschätzbarer Glücksfall. Mit der Verfolgung des Königs, der über +Sinope heimgegangen war, beauftragte Caesar des Pharnakes illegitimen Bruder, +den tapferen Mithradates von Pergamon, welcher zum Lohn für die in Ägypten +geleisteten Dienste an Pharnakes’ Stelle die bosporanische Königskrone +empfing. Im übrigen wurden die syrischen und kleinasiatischen Angelegenheiten +friedlich geschlichtet, die eigenen Bundesgenossen reich belohnt, die des +Pompeius im ganzen mit Geldbußen oder Verweisen entlassen. Nur der mächtigste +unter den Klienten des Pompeius, Deiotarus, wurde wieder auf sein angestammtes +enges Gebiet, den tolistobogischen Gau, beschränkt. An seiner Stelle ward mit +Klein-Armenien König Ariobarzanes von Kappadokien belehnt, mit dem von +Deiotarus usurpierten Vierfürstentum der Trokmer aber der neue König des +Bosporus, welcher wie von väterlicher Seite dem pontischen, so von mütterlicher +einem der galatischen Fürstengeschlechter entstammte. +</p> + +<p> +Auch in Illyrien hatten, während Caesar in Ägypten war, sehr ernsthafte +Auftritte sich zugetragen. Die delmatische Küste war seit Jahrhunderten ein +wunder Fleck der römischen Herrschaft und die Bewohner mit Caesar seit den +Kämpfen um Dyrrhachion in offener Fehde; im Binnenland aber wimmelte es noch +von dem thessalischen Kriege her von versprengten Pompeianern. Indes hatte +Quintus Cornificius mit den aus Italien nachrückenden Legionen sowohl die +Eingeborenen wie die Flüchtlinge im Zaum gehalten und zugleich der in diesen +rauben Gegenden so schwierigen Verpflegung der Truppen genügt. Selbst als der +tüchtige Marcus Octavius, der Sieger von Curicta, mit einem Teil der +Pompeianischen Flotte in diesen Gewässern erschien, um hier zur See und zu +Lande den Krieg gegen Caesar zu leiten, wußte Cornificius, gestützt auf die +Schiffe und den Hafen der Iadestiner (Zara), nicht bloß sich zu behaupten, +sondern bestand auch selbst zur See gegen die Flotte des Gegners manches +glückliche Gefecht. Aber als der neue Statthalter von Illyrien, der von Caesar +aus dem Exil zurückberufene Aulus Gabinius, mit fünfzehn Kohorten und 3000 +Reitern im Winter 706/07 (48/47) auf dem Landweg in Illyrien eintraf, wechselte +das System der Kriegführung. Statt wie sein Vorgänger sich auf den kleinen +Krieg zu beschränken, unternahm der kühne tätige Mann sogleich, trotz der +rauben Jahreszeit, mit seiner gesamten Streitmacht eine Expedition in die +Gebirge. Aber die ungünstige Witterung, die Schwierigkeit der Verpflegung und +der tapfere Widerstand der Delmater rieben das Heer auf; Gabinius mußte den +Rückzug antreten, ward auf diesem von den Delmatern angegriffen und schmählich +geschlagen, und erreichte mit den schwachen Überresten seiner stattlichen Armee +mühsam Salome, wo er bald darauf starb. Die meisten illyrischen Küstenstädte +ergaben sich hierauf der Flotte des Octavius; die an Caesar festhielten, wie +Salome und Epidauros (Ragusa vecchia), wurden von der Flotte zur See, zu Lande +von den Barbaren so heftig bedrängt, daß die Übergabe und die Kapitulation der +in Salome eingeschlossenen Heerestrümmer nicht mehr fern schien. Da ließ der +Kommandant des brundisischen Depots, der energische Publius Vatinius, in +Ermangelung von Kriegsschiffen gewöhnliche Boote mit Schnäbeln versehen und sie +mit den aus den Hospitälern entlassenen Soldaten bemannen und lieferte mit +dieser improvisierten Kriegsflotte der weit überlegenen Octavianischen bei der +Insel Tauris (Torcola zwischen Lelina und Curzola) ein Treffen, in dem die +Tapferkeit des Anführers und der Schiffssoldaten wie so oft ersetzte, was den +Schiffen abging, und die Caesarianer einen glänzenden Sieg erfochten. Marcus +Octavius verließ diese Gewässer und begab sich nach Afrika (Frühjahr 707 47); +die Delmater setzten zwar noch Jahre lang mit großer Hartnäckigkeit sich zur +Wehr, allein es war dies nichts als ein örtlicher Gebirgskrieg. Als Caesar aus +Ägypten zurückkam, hatte sein entschlossener Adjutant die in Illyrien drohende +Gefahr bereits beseitigt. +</p> + +<p> +Um so ernster stand es in Afrika, wo die Verfassungspartei vom Anfang des +Bürgerkrieges an unumschränkt geherrscht und ihre Macht fortwährend gesteigert +hatte. Bis zur Pharsalischen Schlacht hatte hier eigentlich König Juba das +Regiment geführt; er hatte Curio überwunden, und die Kraft des Heeres waren +seine flüchtigen Reiter und seine zahllosen Schützen; der Pompeianische +Statthalter Varus spielte neben ihm eine so subalterne Rolle, daß er sogar +diejenigen Soldaten Curios, die sich ihm ergeben hatten, dem König hatte +ausliefern und deren Hinrichtung oder Abführung in das innere Numidien hatte +mitansehen müssen. Dies änderte sich nach der Pharsalischen Schlacht. An eine +Flucht zu den Parthern dachte, mit Ausnahme des Pompeius selbst, kein namhafter +Mann der geschlagenen Partei. Ebensowenig versuchte man, die See mit vereinten +Kräften zu behaupten; Marcus Octavius’ Kriegführung in den illyrischen +Gewässern stand vereinzelt und war ohne dauernden Erfolg. Die große Majorität +der Republikaner wie der Pompeianer wandte sich nach Afrika, wo allein noch ein +ehrenhafter und verfassungsmäßiger Kampf gegen den Usurpator möglich schien. +Dort fanden die Trümmer der bei Pharsalos zersprengten Armee, die +Besatzungstruppen von Dyrrhachion, Kerkyra und dem Peloponnes, die Reste der +illyrischen Flotte sich allmählich zusammen; es trafen dort ein der zweite +Oberfeldherr Metellus Scipio, die beiden Söhne des Pompeius, Gnaeus und Sextus, +der politische Führer der Republikaner Marcus Cato, die tüchtigen Offiziere +Labienus, Afranius, Petreius, Octavius und andere. Wenn die Kräfte der +Emigration verringert waren, so hatte dagegen ihr Fanatismus sich womöglich +noch gesteigert. Man fuhr nicht bloß fort, die Gefangenen und selbst die +Parlamentäre Caesars zu ermorden, sondern König Juba, in dem die Erbitterung +des Parteimannes mit der Wut des halbbarbarischen Afrikaners zusammenfloß, +stellte die Maxime auf, daß in jeder der Sympathien mit dem Feinde verdächtigen +Gemeinde die Bürgerschaft ausgerottet und die Stadt niedergebrannt werden +müsse, und führte auch gegen einige Ortschaften, zum Beispiel das unglückliche +Vaga bei Hadrumetum, diese Theorie in der Tat praktisch durch. Ja daß nicht die +Hauptstadt der Provinz selber, das blühende, ebenwie einst Karthago von den +numidischen Königen längst mit scheelem Auge angesehene Utica, von König Juba +dieselbe Behandlung erfuhr und daß man gegen die, allerdings nicht mit Unrecht, +der Hinneigung zu Caesar beschuldigte Bürgerschaft mit Vorsichtsmaßregeln sich +begnügte, hatte sie nur Catos energischem Auftreten zu danken. +</p> + +<p> +Da weder Caesar selbst noch einer seiner Statthalter das geringste gegen Afrika +unternahm, so hatte die Koalition vollkommen Zeit, sich dort politisch und +militärisch zu reorganisieren. Vor allem war es notwendig, die durch +Pompeius’ Tod erledigte Oberfeldherrnstelle aufs neue zu besetzen. König +Juba hatte nicht übel Lust, die Stellung, die er bis auf die Pharsalische +Schlacht in Afrika gehabt, auch ferner zu behaupten; wie er denn überhaupt +nicht mehr als Klient der Römer, sondern als gleichberechtigter Verbündeter +oder gar als Schutzherr auftrat und zum Beispiel es sich herausnahm, römisches +Silbergeld mit seinem Namen und Wappen zu schlagen, ja sogar den Anspruch +erhob, allein im Lager den Purpur zu führen und den römischen Heerführern +ansann, den purpurnen Feldherrnmantel abzulegen. Metellus Scipio ferner +forderte den Oberbefehl für sich, weil Pompeius ihn, mehr aus +schwiegersöhnlichen als aus militärischen Rücksichten, im thessalischen Feldzug +als sich gleichberechtigt anerkannt hatte. Die gleiche Forderung erhob Varus +als - freilich selbsternannter - Statthalter von Afrika, da der Krieg in seiner +Provinz geführt werden sollte. Endlich die Armee begehrte zum Führer den +Proprätor Marcus Cato. Offenbar hatte sie recht. Cato war der einzige Mann, der +für das schwere Amt die erforderliche Hingebung, Energie und Autorität besaß; +wenn er kein Militär war, so war es doch unendlich besser, einen Nichtmilitär, +der sich zu bescheiden und seine Unterfeldherrn handeln zu lassen verstand, als +einen Offizier von unerprobter Fähigkeit, wie Varus, oder gar einen von +erprobter Unfähigkeit, wie Metellus Scipio, zum Oberfeldherrn zu bestellen. +Indes die Entscheidung fiel schließlich auf ebendiesen Scipio, und Cato selbst +war es, der sie im wesentlichen bestimmte. Es geschah dies nicht, weil er jener +Aufgabe sich nicht gewachsen fühlte oder weil seine Eitelkeit bei dem +Ausschlagen mehr ihre Rechnung fand als bei dem Annehmen; noch weniger, weil er +Scipio liebte oder achtete, mit dem er vielmehr persönlich verfeindet war und +der überall bei seiner notorischen Untüchtigkeit einzig durch seine +Schwiegervaterschaft zu einer gewissen Bedeutung gelangt war; sondern einzig +und allein, weil sein verbissener Rechtsformalismus lieber die Republik von +Rechts wegen zugrunde gehen ließ, als sie auf irreguläre Weise rettete. Als er +nach der Pharsalischen Schlacht auf Kerkyra mit Marcus Cicero zusammentraf, +hatte er sich erboten, diesem, der noch von seiner kilikischen +Statthalterschaft her mit der Generalschaft behaftet war, als dem +höherstehenden Offizier, wie es Rechtens war, das Kommando in Kerkyra zu +übertragen und den unglücklichen Advokaten, der seine Lorbeeren vom Amanos +jetzt tausendmal verwünschte, durch diese Bereitwilligkeit fast zur +Verzweiflung, aber auch alle halbwegs einsichtigen Männer zum Erstaunen +gebracht. Die gleichen Prinzipien wurden hier geritten, wo etwas mehr darauf +ankam; Cato erwog die Frage, wem die Oberfeldherrnstelle gebühre, als handelte +es sich um ein Ackerfeld bei Tusculum, und sprach sie dem Scipio zu. Durch +diesen Ausspruch wurde seine eigene und die Kandidatur des Varus beseitigt. Er +war es aber auch, und er allein, der mit Energie den Ansprüchen des Königs Juba +entgegentrat und es ihn fühlen ließ, daß der römische Adel zu ihm nicht bittend +komme wie zu dem Großfürsten der Parther, um bei dem Schutzherrn Beistand zu +suchen, sondern befehlend und von dem Untertan Beistand fordernd. Bei dem +gegenwärtigen Stande der römischen Streitkräfte in Afrika konnte Juba nicht +umhin, etwas gelindere Saiten aufzuziehen, obgleich er freilich bei dem +schwachen Scipio es dennoch durchsetzte, daß die Besoldung seiner Truppen der +römischen Kasse aufgebürdet und für den Fall des Sieges ihm die Abtretung der +Provinz Afrika zugesichert ward. +</p> + +<p> +Dem neuen Oberfeldherrn zur Seite trat wiederum der Senat der +“Dreihundert”, der in Utica seinen Sitz aufschlug und seine +gelichteten Reihen durch Aufnahme der angesehensten und vermögendsten Männer +des Ritterstandes ergänzte. +</p> + +<p> +Die Rüstungen wurden, hauptsächlich durch Catos Eifer, mit der größten Energie +gefördert und jeder waffenfähige Mann, selbst Freigelassene und Libyer, in die +Legionen eingestellt; wodurch dem Ackerbau die Hände so sehr entzogen wurden, +daß ein großer Teil der Felder unbestellt blieb, aber allerdings auch ein +imposantes Resultat erzielt ward. Das schwere Fußvolk zählte vierzehn Legionen, +wovon zwei bereits durch Varus aufgestellt, acht andere teils aus den +Flüchtigen, teils aus den in der Provinz Konskribierten gebildet und vier +römisch bewaffnete Legionen des Königs Juba waren. Die schwere Reiterei, +bestehend aus den mit Labienus eingetroffenen Kelten und Deutschen und allerlei +darunter eingereihten Leuten, war ohne Jubas römisch gerüstete Reiterschar 1600 +Mann stark. Die leichten Truppen bestanden aus zahllosen Massen ohne Zaum und +Zügel reitender und bloß mit Wurfspeeren bewaffneter Numidier, aus einer Anzahl +berittener Bogenschützen und großen Schwärmen von Schützen zu Fuß. Dazu kamen +endlich Jubas 120 Elefanten und die von Publius Varus und Marcus Octavius +befehligte 55 Segel starke Flotte. Dem drückenden Geldmangel wurde einigermaßen +durch eine Selbstbesteuerung des Senats abgeholfen, die um so ergiebiger war, +als die reichsten afrikanischen Kapitalisten in denselben einzutreten veranlaßt +worden waren. Getreide und andere Vorräte hatte man in den verteidigungsfähigen +Festungen in ungeheuren Massen aufgehäuft, zugleich aus den offenen Ortschaften +die Vorräte möglichst entfernt. Die Abwesenheit Caesars, die schwierige +Stimmung seiner Legionen, die Gärung in Spanien und Italien hoben allmählich +die Stimmung, und die Erinnerung an die Pharsalische Schlacht fing an, neuen +Siegeshoffnungen zu weichen. +</p> + +<p> +Die von Caesar in Ägypten verlorene Zeit rächte nirgend sich schwerer als hier. +Hätte er unmittelbar nach Pompeius’ Tode sich nach Afrika gewendet, so +würde er daselbst ein schwaches, desorganisiertes und konsterniertes Heer und +vollständige Anarchie unter den Führern vorgefunden haben; wogegen jetzt, +namentlich durch Catos Energie, eine der bei Pharsalos geschlagenen an Zahl +gleiche Armee unter namhaften Führern und unter einer geregelten Oberleitung in +Afrika stand. +</p> + +<p> +Es schien überhaupt über dieser afrikanischen Expedition Caesars ein eigener +Unstern zu walten. Noch vor seiner Einschiffung nach Ägypten hatte Caesar in +Spanien und Italien verschiedene Maßregeln zur Einleitung und Vorbereitung des +afrikanischen Krieges angeordnet; aus allen war aber nichts als Unheil +entsprungen. Von Spanien aus sollte, Caesars Anordnung zufolge, der Statthalter +der südlichen Provinz, Quintus Cassius Longinus, mit vier Legionen nach Afrika +übersetzen, dort den König Bogud von Westmauretanien ^9 an sich ziehen und mit +ihm gegen Numidien und Afrika vorgehen. Aber jenes nach Afrika bestimmte Heer +schloß eine Menge geborener Spanier und zwei ganze ehemals Pompeianische +Legionen in sich; Pompeianische Sympathien herrschten in der Armee wie in der +Provinz, und das ungeschickte und tyrannische Auftreten des Caesarischen +Statthalters war nicht geeignet, sie zu beschwichtigen. Es kam förmlich zum +Aufstande; Truppen und Städte ergriffen Partei für oder gegen den Statthalter; +schon war es darauf oder daran, daß die, welche gegen den Statthalter Caesars +sich erhoben hatten, offen die Fahne des Pompeius aufsteckten; schon hatte +Pompeius’ ältester Sohn Gnaeus, um diese günstige Wendung zu benutzen, +sich von Afrika nach Spanien eingeschifft, als die Desavouierung des +Statthalters durch die angesehensten Caesarianer selbst und das Einschreiten +des Befehlshabers der nördlichen Provinz den Aufstand eben noch rechtzeitig +unterdrückten. Gnaeus Pompeius, der unterwegs mit einem vergeblichen Versuch, +sich in Mauretanien festzusetzen, Zeit verloren hatte, kam zu spät; Gaius +Trebonius, den Caesar nach seiner Heimkehr aus dem Osten zur Ablösung des +Cassius nach Spanien sandte (Herbst 707 47), fand überall unweigerlichen +Gehorsam. Aber natürlich war über diesen Irrungen von Spanien aus nichts +geschehen, um die Organisation der Republikaner in Afrika zu stören; ja es war +sogar, infolge der Verwicklungen mit Longinus, König Bogud von Westmauretanien, +der auf Caesars Seite stand und wenigstens König Juba einige Hindernisse hätte +in den Weg legen können, mit seinen Truppen nach Spanien abgerufen worden. +</p> + +<p> +——————————————————————————————————— +</p> + +<p> +^9 Die Staatengestaltung im nordwestlichen Afrika während dieser Zeit liegt +sehr im Dunkel. Nach dem Jugurthinischen Kriege herrschte König Bocchus von +Mauretanien wahrscheinlich vom westlichen Meere bis zum Hafen von Saldae, in +dem heutigen Marokko und Algier; die von den mauretanischen Oberkönigen wohl +von Haus aus verschiedenen Fürsten von Tingis (Tanger), die schon früher +vorkommen (Plut. Sert. 9) und zu denen vermutlich Sallusts (hist. 3, 31 Kritz) +Leptasta und Ciceros (Vat. 5, 12) Mastanesosus gehören, mögen in beschränkten +Grenzen selbständig gewesen oder auch bei ihm zu Lehen gegangen sein; ähnlich +wie schon Syphax über viele Stammfürsten gebot (App. Pun. 10) und um diese Zeit +in dem benachbarten Numidien Cirta, wahrscheinlich doch unter Jubas +Oberherrlichkeit, von dem Fürsten Massinissa besessen ward (App. civ. 4, 54). +Um 672 (82) finden wir an Bocchus’ Stelle einen König Bocud oder Bogud +(Oros. hist. 5, 21, 14), des Bocchus Sohn. Von 705 (49) an erscheint das Reich +geteilt zwischen dem König Bogud, der die westliche, und dem König Bocchus, der +die östliche Hälfte besitzt und auf welche die spätere Scheidung Mauretaniens +in Boguds Reich oder den Staat von Tingis und Bocchus’ Reich oder den +Staat von Jol (Caesarea) zurückgeht (Plin. nat. 5, 2, 19, vergl. Bell. Afr. +23). +</p> + +<p> +————————————————————————————————- +</p> + +<p> +Bedenklicher noch waren die Vorgänge unter den Truppen, die Caesar im südlichen +Italien hatte zusammenziehen lassen, um mit ihnen nach Afrika überzuschiffen. +Es waren größtenteils die alten Legionen, die in Gallien, Spanien, Thessalien +Caesars Thron begründet hatten. Den Geist dieser Truppen hatten die Siege nicht +gebessert, die lange Rast in Unteritalien vollständig zerrüttet. Die fast +übermenschlichen Zumutungen, die der Feldherr an sie machte und deren Folgen in +den schrecklich gelichteten Reihen nur zu grell hervortraten, ließen selbst in +diesen Eisenmännern einen Sauerteig des Grolls zurück, der nur der Zeit und +Ruhe bedurfte, um die Gemüter in Gärung zu bringen. Der einzige Mann, der ihnen +imponierte, war seit einem Jahre fern und fast verschollen, ihre vorgesetzten +Offiziere aber scheuten weit mehr sich vor den Soldaten als diese vor ihnen und +sahen den Weltbesiegern jede Brutalität gegen ihre Quartiergeber und jede +Indisziplin nach. Als nun der Befehl, sich nach Sizilien einzuschiffen, kam und +der Soldat das üppige Wohlleben in Kampanien wieder mit einer dritten, der +spanischen und thessalischen an Drangsalen sicher nicht nachstehenden Kampagne +vertauschen sollte, rissen die allzulange gelockerten und allzuplötzlich +wiederangezogenen Zügel. Die Legionen weigerten sich zu gehorchen, bevor die +versprochenen Geschenke ihnen gezahlt seien, und wiesen die von Caesar +gesandten Offiziere mit Hohnreden, ja mit Steinwürfen zurück. Ein Versuch, den +beginnenden Aufstand durch Steigerung der versprochenen Summen zu dämpfen, +hatte nicht bloß keinen Erfolg, sondern die Soldaten brachen massenweise auf, +um die Erfüllung der Versprechungen in der Hauptstadt von dem Feldherrn zu +erpressen. Einzelne Offiziere, die die meuterischen Rotten unterwegs +zurückzuhalten versuchten, wurden erschlagen. Es war eine furchtbare Gefahr. +Caesar ließ die wenigen in der Stadt befindlichen Soldaten die Tore besetzen, +um die mit Recht befürchtete Plünderung wenigstens für den ersten Anlauf +abzuwehren, und erschien plötzlich unter dem tobenden Haufen mit der Frage, was +sie begehrten. Man rief: den Abschied. Augenblicklich ward er, wie gebeten, +erteilt. Wegen der Geschenke, fügte Caesar hinzu, welche er für den Triumph +seinen Soldaten zugesagt habe, sowie wegen der Äcker, die er ihnen nicht +versprochen, aber bestimmt gehabt, möchten sie an dem Tage, wo er mit den +anderen Soldaten triumphieren werde, sich bei ihm melden; an dem Triumphe +selbst freilich könnten sie, als vorher entlassen, natürlich nicht teilnehmen. +Auf diese Wendung waren die Massen nicht gefaßt; überzeugt, daß Caesar ihrer +für den afrikanischen Feldzug nicht entraten könne, hatten sie den Abschied nur +gefordert, um, wenn er ihnen verweigert werde, daran ihre Bedingungen zu +knüpfen. Halb irre geworden in dem Glauben an ihre eigene Unentbehrlichkeit; zu +unbehilflich um wieder einzulenken und die verfahrene Unterhandlung in das +rechte Geleise zurückzubringen; als Menschen beschämt durch die Treue, mit der +der Imperator auch seinen treuvergessenen Soldaten Wort hielt, und durch die +Hochherzigkeit desselben, welche ebenjetzt weit mehr gewährte, als er je +zugesagt hatte; als Soldaten tief ergriffen, da der Feldherr ihnen in Aussicht +stellte, dem Triumph ihrer Kameraden als Bürgersleute zuschauen zu müssen und +da er sie nicht mehr “Kameraden” hieß, sondern “Bürger” +und mit dieser aus seinem Munde so fremdartig klingenden Anrede gleichsam mit +einem Schlage ihre ganze stolze Soldatenvergangenheit zerstörte, und zu alledem +unter dem Zauber des unwiderstehlich gewaltigen Menschen - standen die Soldaten +eine Weile stumm und zaudernd, bis von allen Seiten der Ruf erscholl, daß der +Feldherr sie wieder zu Gnaden annehmen und es ihnen wieder gestatten möge, +Caesars Soldaten zu heißen. Caesar gestattete es, nachdem er hinreichend sich +hatte bitten lassen; den Rädelsführern bei dieser Meuterei aber wurde an ihren +Triumphalgeschenken ein Dritteil gekürzt. Ein größeres psychologisches +Meisterstück kennt die Geschichte nicht, und keines, das vollständiger gelungen +wäre. +</p> + +<p> +Auf den afrikanischen Feldzug wirkte diese Meuterei immerhin wenigstens +insofern nachteilig ein, als sie die Eröffnung desselben beträchtlich +verzögerte. Als Caesar in dem zur Einschiffung bestimmten Hafen von Lilybäon +eintraf, waren die zehn nach Afrika bestimmten Legionen dort bei weitem noch +nicht vollständig versammelt und eben die erprobten Truppen noch am weitesten +zurück. Indes kaum waren sechs Legionen, darunter fünf neu gebildete, daselbst +angelangt und die nötigen Kriegs- und Transportschiffe angekommen, als Caesar +mit denselben in See stach (25. Dezember 707 47 des unberichtigten, etwa 8. +Oktober des Julianischen Kalenders). Die feindliche Flotte, die der +herrschenden Äquinoktialstürme wegen bei der Insel Ägimuros vor der +Karthagischen Bucht auf den Strand gezogen war, hinderte die Überfahrt nicht; +allein dieselben Stürme zerstreuten die Flotte Caesars nach allen Richtungen, +und als Caesar unweit Hadrumetum (Susa) die Gelegenheit zu landen ersah, konnte +er nicht mehr als etwa 3000 Mann, größtenteils Rekruten, und 150 Reiter +ausschiffen. Der Versuch, das vom Feinde stark besetzte Hadrumetum wegzunehmen, +mißlang; dagegen bemächtigte Caesar sich der beiden nicht weit voneinander +entfernten Hafenplätze Ruspina (Monastir bei Susa) und Klein-Leptis. Hier +verschanzte er sich; aber seine Stellung war so unsicher, daß er seine Reiter +auf den Schiffen und diese segelfertig und mit Wasservorrat versehen hielt, um +jeden Augenblick, wenn er mit Übermacht sollte angegriffen werden, wieder sich +einschiffen zu können. Indes war dies nicht nötig, da eben noch zu rechter Zeit +die verschlagenen Schiffe anlangten (3. Januar 708 46). Gleich am folgenden +Tage unternahm Caesar, dessen Heer infolge der von den Pompeianern getroffenen +Anstalten Mangel an Getreide litt, mit drei Legionen einen Zug in das innere +Land, ward aber nicht weit von Ruspina auf dem Marsche von den Heerhaufen +angegriffen, die Labienus heranführte, um Caesar von der Küste zu vertreiben. +Da Labienus ausschließlich Reiterei und Schützen, Caesar fast nichts als +Linieninfanterie hatte, so wurden die Legionen rasch umzingelt und den +Geschossen der Feinde preisgegeben, ohne sie erwidern oder mit Erfolg angreifen +zu können. Zwar machte die Deployierung der ganzen Linie die Flügel wieder frei +und mutige Angriffe retteten die Ehre der Waffen; allein der Rückzug war +unvermeidlich, und wäre Ruspina nicht so nahe gewesen, so hätte der maurische +Wurfspeer vielleicht hier dasselbe ausgerichtet, was bei Karrhä der parthische +Bogen. Caesar, den dieser Tag von der ganzen Schwierigkeit des bevorstehenden +Krieges überzeugt hatte, wollte seine unerprobten und durch die neue +Gefechtsweise entmutigten Soldaten keinem solchen Angriff wieder aussetzen, +sondern wartete das Eintreffen seiner Veteranenlegionen ab. Die Zwischenzeit +wurde benutzt, um die drückende Überlegenheit des Feindes in den Fernwaffen +einigermaßen auszugleichen. Daß die geeigneten Leute von der Flotte als leichte +Reiter oder Schützen in die Landarmee eingereiht wurden, konnte nicht viel +helfen. Etwas mehr wirkten die von Caesar veranlaßten Diversionen. Es gelang, +die am südlichen Abhang des Großen Atlas gegen die Sahara zu schweifenden +gaetulischen Hirtenstämme gegen Juba in Waffen zu bringen; denn selbst bis zu +ihnen hatten die Schläge der marianisch-sullanischen Zeit sich erstreckt, und +ihr Groll gegen den Pompeius, der sie damals den numidischen Königen +untergeordnet hatte, machte sie den Erben des mächtigen, bei ihnen noch vom +Jugurthinischen Feldzug her in gutem Andenken lebenden Marius von vorn herein +geneigt. Die mauretanischen Könige, Bogud in Tingis, Bocchus in Jol, waren +Jubas natürliche Rivalen und zum Teil längst mit Caesar in Bündnis. Endlich +streifte in dem Grenzgebiet zwischen den Reichen des Juba und des Bocchus noch +der letzte der Catilinarier, jener Publius Sittius aus Nuceria, der achtzehn +Jahre zuvor aus einem bankrotten italischen Kaufmann sich in einen +mauretanischen Freischarenführer verwandelt und seitdem in den libyschen +Händeln sich einen Namen und ein Heergefolge geschaffen hatte. Bocchus und +Sittius fielen vereinigt in das numidische Land, besetzten die wichtige Stadt +Cirta, und ihr Angriff sowie der der Gätuler nötigte den König Juba, einen Teil +seiner Truppen an seine Süd- und Westgrenze zu senden. Indes blieb Caesars Lage +unbequem genug. Seine Armee war auf den Raum einer Quadratmeile +zusammengedrängt; wenn auch die Flotte Getreide herbeischaffte, so ward doch +der Mangel an Fourage von Caesars Reitern ebenso gefühlt wie vor Dyrrhachion +von denen des Pompeius. Die leichten Truppen des Feindes blieben, aller +Anstrengungen Caesars ungeachtet, den seinigen so unermeßlich überlegen, daß es +fast unmöglich schien, die Offensive in das Binnenland hinein auch mit +Veteranen durchzuführen. Wenn Scipio zurückwich und die Küstenstädte preisgab, +so konnte er vielleicht einen Sieg erfechten wie die, welche des Orodes Wesir +über Crassus, Juba über Curio davongetragen hatten, wenigstens aber den Krieg +ins unendliche hinausziehen. Diesen Feldzugsplan ergab die einfachste +Überlegung: selbst Cato, obwohl nichts weniger als ein Strateg, riet dazu und +erbot sich, zugleich mit einem Korps nach Italien überzufahren und dort die +Republikaner unter die Waffen zu rufen, was bei der gründlichen Verwirrung +daselbst gar wohl Erfolg haben konnte. Allein Cato konnte nur raten, nicht +befehlen; der Oberbefehlshaber Scipio entschied, daß der Krieg in der +Küstenlandschaft geführt werden solle. Es war dies nicht bloß insofern +verkehrt, als man damit einen sicheren Erfolg verheißenden Kriegsplan fahren +ließ, sondern auch insofern, als die Landschaft, in die man den Krieg verlegte, +in bedenklicher Gärung, und das Heer, das man Caesar gegenüberstellte, zum +guten Teil ebenfalls schwierig war. Die fürchterlich strenge Aushebung, die +Wegschleppung der Vorräte, die Verwüstung der kleineren Ortschaften, überhaupt +das Gefühl einer von Haus aus fremden und bereits verlorenen Sache aufgeopfert +zu werden, hatten die einheimische Bevölkerung erbittert gegen die auf +afrikanischem Boden ihren letzten Verzweiflungskampf kämpfenden römischen +Republikaner; und das terroristische Verfahren der letzteren gegen alle auch +nur der Gleichgültigkeit verdächtigen Gemeinden hatte diese Erbitterung zum +furchtbarsten Haß gesteigert. Die afrikanischen Städte erklärten, wo sie irgend +es wagen konnten, sich für Caesar; unter den Gätulern und den Libyern, die +unter den leichten Truppen und selbst in den Legionen in Menge dienten, riß die +Desertion ein. Indes Scipio beharrte mit aller dem Unverstand eigenen +Hartnäckigkeit auf seinem Plan, zog mit gesamter Heeresmacht von Utica her vor +die von Caesar besetzten Städte Ruspina und Klein-Leptis, belegte nördlich +davon Hadrumetum, südlich Thapsus (am Vorgebirge Râs Dimâs) mit starken +Besatzungen und bot in Gemeinschaft mit Juba, der mit all seinen nicht durch +die Grenzverteidigung in Anspruch genommenen Truppen gleichfalls vor Ruspina +erschien, zu wiederholten Malen dem Feinde die Schlacht an. Aber Caesar war +entschlossen, seine Veteranenlegionen zu erwarten. Als diese dann nach und nach +eintrafen und auf dem Kampfplatz erschienen, verloren Scipio und Juba die Lust, +eine Feldschlacht zu wagen, und Caesar hatte kein Mittel, sie bei ihrer +außerordentlichen Überlegenheit an leichter Reiterei zu einer solchen zu +zwingen. Über Märsche und Scharmützel in der Umgegend von Ruspina und Thapsus, +die hauptsächlich um die Auffindung der landüblichen Kellerverstecke (Silos) +und um Ausbreitung der Posten sich bewegten, verflossen fast zwei Monate. +Caesar, durch die feindlichen Reiter genötigt, sich möglichst auf den Anhöhen +zu halten oder auch seine Flanken durch verschanzte Linien zu decken, gewöhnte +doch während dieser mühseligen und aussichtslosen Kriegführung allmählich seine +Soldaten an die fremdartige Kampfweise. Freund und Feind erkannten in dem +vorsichtigen Fechtmeister, der seine Leute sorgfältig und nicht selten +persönlich einschulte, den raschen Feldherrn nicht wieder und wurden fast irre +an dieser im Zögern wie im Zuschlagen sich gleichbleibenden Meisterschaft. +Endlich wandte Caesar, nachdem er seine letzten Verstärkungen an sich gezogen +hatte, sich seitwärts gegen Thapsus. Scipio hatte diese Stadt, wie gesagt, +stark besetzt und damit den Fehler begangen, seinem Gegner ein leicht zu +fassendes Angriffsobjekt darzubieten; zu dem ersten fügte er bald den zweiten, +noch minder verzeihlichen hinzu, die von Caesar gewünschte und von Scipio mit +Recht bisher verweigerte Feldschlacht jetzt zur Rettung von Thapsus auf einem +Terrain zu liefern, das die Entscheidung in die Hände der Linieninfanterie gab. +Unmittelbar am Strande, Caesars Lager gegenüber, traten Scipios und Jubas +Legionen an, die vorderen Reihen kampffertig, die hinteren beschäftigt, ein +verschanztes Lager zu schlagen; zugleich bereitete die Besatzung von Thapsus +einen Ausfall vor. Den letzteren zurückzuweisen, genügten Caesars Lagerwachen. +Seine kriegsgewohnten Legionen, schon nach der unsicheren Aufstellung und den +schlecht geschlossenen Gliedern den Feind richtig würdigend, zwangen, während +drüben noch geschanzt ward und ehe noch der Feldherr das Zeichen gab, einen +Trompeter, zum Angriff zu blasen, und gingen auf der ganzen Linie vor, allen +voran Caesar selbst, der, da er die Seinigen ohne seinen Befehl abzuwarten +vorrücken sah, an ihrer Spitze auf den Feind eingaloppierte. Der rechte Flügel, +den übrigen Abteilungen voran, scheuchte die ihm gegenüberstehende Linie der +Elefanten - es war dies die letzte große Schlacht, in der die Bestien verwendet +worden sind - durch Schleuderkugeln und Pfeile zurück auf ihre eigenen Leute. +Die Deckungsmannschaft ward niedergehauen, der linke Flügel der Feinde +gesprengt und die ganze Linie aufgerollt. Die Niederlage war um so +vernichtender, als das neue Lager der geschlagenen Armee noch nicht fertig und +das alte beträchtlich entfernt war; beide wurden nacheinander fast ohne +Gegenwehr erobert. Die Masse der geschlagenen Armee warf die Waffen weg und bat +um Quartier; aber Caesars Soldaten waren nicht mehr dieselben, die vor Ilerda +willig der Schlacht sich enthalten, bei Pharsalos der Wehrlosen ehrenvoll +geschont hatten. Die Gewohnheit des Bürgerkrieges und der von der Meuterei +zurückgebliebene Groll machten auf dem Schlachtfelde von Thapsus in +schrecklicher Weise sich geltend. Wenn der Hydra, mit der man kämpfte, stets +neue Köpfe nachwuchsen, wenn die Armee von Italien nach Spanien, von Spanien +nach Makedonien, von Makedonien nach Afrika geschleudert ward, die immer heißer +ersehnte Ruhe immer nicht kam, so suchte, und nicht ganz ohne Ursache, der +Soldat davon den Grund in Caesars unzeitiger Milde. Er hatte es sich geschworen +nachzuholen, was der Feldherr versäumt, und blieb taub für das Flehen der +entwaffneten Mitbürger wie für die Befehle Caesars und der höheren Offiziere. +Die fünfzigtausend Leichen, die das Schlachtfeld von Thapsus bedeckten, +darunter auch mehrere als heimliche Gegner der neuen Monarchie bekannte und +deshalb bei dieser Gelegenheit von ihren eigenen Leuten niedergemachte +Caesarische Offiziere, zeigten, wie der Soldat sich Ruhe schafft. Die siegende +Armee dagegen zählte nicht mehr als fünfzig Tote (6. April 708 46). +</p> + +<p> +Eine Fortsetzung des Kampfes fand nach der Schlacht von Thapsus so wenig in +Afrika statt, wie anderthalb Jahre zuvor im Osten nach der Pharsalischen +Niederlage. Cato als Kommandant von Utica berief den Senat, legte den Stand der +Verteidigungsmittel dar und stellte es zur Entscheidung der Versammelten, ob +man sich unterwerfen oder bis auf den letzten Mann sich verteidigen wolle, +einzig sie beschwörend, nicht jeder für sich, sondern alle für einen zu +beschließen und zu handeln. Die mutigere Meinung fand manchen Vertreter; es +wurde beantragt, die waffenfähigen Sklaven von Staats wegen freizusprechen, was +aber Cato als einen ungesetzlichen Eingriff in das Privateigentum zurückwies +und statt dessen einen patriotischen Aufruf an die Sklaveneigentümer vorschlug. +Allein bald verging der größtenteils aus afrikanischen Großhändlern bestehenden +Versammlung diese Anwandlung von Entschlossenheit, und man ward sich einig zu +kapitulieren. Als dann Faustus Sulla, des Regenten Sohn, und Lucius Afranius +mit einer starken Abteilung Reiterei vom Schlachtfelde her in Utica eintrafen, +machte Cato noch einen Versuch, durch sie die Stadt zu halten; allein ihre +Forderung, sie zuvörderst die unzuverlässige Bürgerschaft von Utica insgesamt +niedermachen zu lassen, wies er unwillig zurück und ließ lieber die letzte Burg +der Republikaner dem Monarchen ohne Gegenwehr in die Hände fallen als die +letzten Atemzüge der Republik durch eine solche Metzelei entweihen. Nachdem er, +teils durch seine Autorität, teils durch freigebige Spenden, dem Wüten der +Soldateska gegen die unglücklichen Uticenser nach Vermögen gesteuert und, +soweit es in seiner Macht stand, denen, die Caesars Gnade sich nicht +anvertrauen mochten, die Mittel zur Flucht, denen, die bleiben wollten, die +Gelegenheit, unter möglichst leidlichen Bedingungen zu kapitulieren mit +rührender Sorgfalt gewährt und durchaus sich überzeugt hatte, daß er niemand +weiter Hilfe zu leisten vermöge, hielt er seines Kommandos sich entbunden, zog +sich in sein Schlafgemach zurück und stieß sich das Schwert in die Brust. Auch +von den übrigen geflüchteten Reitern retteten sich nur wenige. Die von Thapsus +geflüchteten Reiter stießen auf die Scharen des Sittius und wurden von ihnen +niedergehauen oder gefangen; ihre Führer Afranius und Faustus wurden an Caesar +ausgeliefert und, da dieser sie nicht sogleich hinrichten ließ, von dessen +Veteranen in einem Auflauf erschlagen. Der Oberfeldherr Metellus Scipio geriet +mit der Flotte der geschlagenen Partei in die Gewalt der Kreuzer des Sittius +und durchbohrte sich selbst, da man Hand an ihn legen wollte. König Juba, nicht +unvorbereitet auf einen solchen Ausgang, hatte für diesen Fall beschlossen, zu +enden, wie es ihm königlich dünkte, und auf dem Markte seiner Stadt Zama einen +ungeheuren Scheiterhaufen rüsten lassen, der mit seinem Körper auch all seine +Schätze und die Leichen der gesamten Bürgerschaft von Zama verzehren sollte. +Allein die Stadtbewohner verspürten kein Verlangen, bei der Leichenfeier des +afrikanischen Sardanapal sich als Dekoration verwenden zu lassen und schlossen +dem König, da er, vom Schlachtfeld flüchtend, in Begleitung von Marcus Petreius +vor der Stadt erschien, die Tore. Der König, eine jener im grellen und +übermütigen Lebensgenuß verwilderten Naturen, die auch aus dem Tode sich ein +Taumelfest bereiten, begab sich mit seinem Begleiter nach einem seiner +Landhäuser, ließ einen reichlichen Schmaus auftragen und forderte nach +geendeter Mahlzeit den Petreius auf, mit ihm im Zweikampf um den Tod zu +fechten. Es war der Besieger Catilinas, der ihn von der Hand des Königs +empfing; der König ließ darauf von einem seiner Sklaven sich durchbohren. Die +wenigen angesehenen Männer, welche entkamen, wie Labienus und Sextus Pompeius, +folgten dem älteren Bruder des letzteren nach Spanien und suchten, wie einst +Sertorius, in den Gebirgen und Gewässern dieser immer noch halb unabhängigen +Landschaften ein letztes Räuber- und Piratenasyl. Ohne Widerstand ordnete +Caesar die afrikanischen Verhältnisse. Wie schon Curio beantragt hatte, ward +das Reich des Massinissa aufgelöst. Der östlichste Teil oder die Landschaft von +Sitifis ward mit dem Reich des Königs Bocchus von Ostmauretanien vereinigt, +auch der treue König Bogud von Tingis mit ansehnlichen Gaben bedacht. Cirta +(Constantine) und den umliegenden Landstrich, die bisher, unter Jubas +Oberhoheit, der Fürst Massinissa und dessen Sohn Arabion besessen hatten, +erhielt der Condottiere Publius Sittius, um seine halbrömischen Scharen +daselbst anzusiedeln ^10; zugleich aber wurde dieser Distrikt sowie überhaupt +der bei weitem größte und fruchtbarste Teil des bisherigen Numidischen Reiches +als “Neuafrika” mit der älteren Provinz Afrika vereinigt und die +Verteidigung der Küstenlandschaft gegen die schweifenden Stämme der Wüste, +welche die Republik einem Klientelkönig überlassen hatte, von dem neuen +Herrscher auf das Reich selbst übernommen. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^10 Die Inschriften der bezeichneten Gegend bewahren zahlreiche Spuren dieser +Kolonisierung. Der Name der Sittier ist dort ungemein häufig; die afrikanische +Ortschaft Milev führt als römische den Namen colonia Sarnensis (CIL VIII, p. +1094), offenbar von dem nucerinischen Flußgott Sarnus (Suet. rhet. 4). +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Der Kampf, den Pompeius und die Republikaner gegen Caesars Monarchie +unternommen hatten, endigte also nach vierjähriger Dauer mit dem vollständigen +Sieg des neuen Monarchen. Zwar die Monarchie ward nicht erst auf den +Schlachtfeldern von Pharsalos und Thapsus festgestellt; sie durfte bereits sich +datieren von dem Augenblick, wo Pompeius und Caesar im Bunde die +Gesamtherrschaft begründet und die bisherige aristokratische Verfassung über +den Haufen geworfen hatten. Doch waren es erst jene Bluttaufen des 9. August +706 (48) und des 6. April 708 (46), die das dem Wesen der Alleinherrschaft +widerstreitende Gesamtregiment beseitigten und der neuen Monarchie festen +Bestand und förmliche Anerkennung verliehen. Prätendenteninsurrektionen und +republikanische Verschwörungen mochten nachfolgen und neue Erschütterungen, +vielleicht sogar neue Revolutionen und Restaurationen hervorrufen; aber die +während eines halben Jahrtausend ununterbrochene Kontinuität der freien +Republik war durchrissen und im ganzen Umfang des weiten Römischen Reiches +durch die Legitimität der vollendeten Tatsache die Monarchie begründet. Der +verfassungsmäßige Kampf war zu Ende; und daß er zu Ende war, das sprach Marcus +Cato aus, als er zu Utica sich in sein Schwert stürzte. Seit vielen Jahren war +er in dem Kampfe der legitimen Republik gegen ihre Bedränger der Vormann +gewesen; er hatte ihn fortgesetzt, lange nachdem jede Hoffnung zu siegen in ihm +erloschen war. Jetzt aber war der Kampf selbst unmöglich geworden; die +Republik, die Marcus Brutus begründet hatte, war tot und niemals wieder zum +Leben zu erwecken; was sollten die Republikaner noch auf der Erde? Der Schatz +war geraubt, die Schildwache damit abgelöst; wer konnte sie schelten, wenn sie +heimging? Es ist mehr Adel und vor allem mehr Verstand in Catos Tode, als in +seinem Leben gewesen war. Cato war nichts weniger als ein großer Mann; aber bei +all jener Kurzsichtigkeit, jener Verkehrtheit, jener dürren Langweiligkeit und +jenen falschen Phrasen, die ihn, für seine wie für alle Zeit, zum Ideal des +gedankenlosen Republikanertums und zum Liebling aller damit spielenden +Individuen gestempelt haben, war er dennoch der einzige, der das große, dem +Untergang verfallene System in dessen Agonie ehrlich und mutig vertrat. Darum, +weil vor der einfältigen Wahrheit die klügste Lüge innerlich sich zernichtet +fühlt und weil alle Hoheit und Herrlichkeit der Menschennatur schließlich nicht +auf der Klugheit beruht, sondern auf der Ehrlichkeit, darum hat Cato eine +größere geschichtliche Rolle gespielt als viele an Geist ihm weit überlegene +Männer. Es erhöht nur die tiefe und tragische Bedeutung seines Todes, daß er +selber ein Tor war: eben weil Don Quichotte ein Tor ist, ist er ja eine +tragische Gestalt. Es ist erschütternd, daß auf jener Weltbühne, darauf so +viele große und weise Männer gewandelt und gehandelt hatten, der Narr bestimmt +war zu epilogieren. Auch ist er nicht umsonst gestorben. Es war ein furchtbar +schlagender Protest der Republik gegen die Monarchie, daß der letzte +Republikaner ging, als der erste Monarch kam; ein Protest, der all jene +sogenannte Verfassungsmäßigkeit, mit welcher Caesar seine Monarchie umkleidete, +wie Spinneweben zerriß und das Schibboleth der Versöhnung aller Parteien, unter +dessen Ägide das Herrentum erwuchs, in seiner ganzen gleisnerischen +Lügenhaftigkeit prostituierte. Der unerbittliche Krieg, den das Gespenst der +legitimen Republik Jahrhunderte lang, von Cassius und Brutus an bis auf Thrasea +und Tacitus, ja noch viel weiter hinab, gegen die Caesarische Monarchie geführt +hat - dieser Krieg der Komplotte und der Literatur ist die Erbschaft, die Cato +sterbend seinem Feinde vermachte. Ihre ganze vornehme, rhetorisch +transzendentale, anspruchsvoll strenge, hoffnungslose und bis zum Tode getreue +Haltung hat diese republikanische Opposition von Cato übernommen und dann auch +den Mann, der im Leben nicht selten ihr Spott und ihr Ärgernis gewesen war, +schon unmittelbar nach seinem Tode als Heiligen zu verehren begonnen. Die +größte aber unter diesen Huldigungen war die unfreiwillige, die Caesar ihm +erwies, indem er von der geringschätzigen Milde, mit welcher er seine Gegner, +Pompeianer wie Republikaner, zu behandeln gewohnt war, allein gegen Cato eine +Ausnahme machte und noch über das Grab hinaus ihn mit demjenigen energischen +Hasse verfolgte; welchen praktische Staatsmänner zu empfinden pflegen gegen die +auf dem idealen Gebiet, ihnen ebenso gefährlich wie unerreichbar, opponierenden +Gegner. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap11"></a>KAPITEL XI.<br/> +Die alte Republik und die neue Monarchie</h2> + +<p> +Der neue Monarch von Rom, der erste Herrscher über das ganze Gebiet +römisch-hellenischer Zivilisation, Gaius Iulius Caesar, stand im +sechsundfünfzigsten Lebensjahr (geb. 12. Juli 652 ? 102), als die Schlacht bei +Thapsus, das letzte Glied einer langen Kette folgenschwerer Siege, die +Entscheidung über die Zukunft der Welt in seine Hände legte. Weniger Menschen +Spannkraft ist also auf die Probe gestellt worden wie die dieses einzigen +schöpferischen Genies, das Rom, und des letzten, das die alte Welt +hervorgebracht und in dessen Bahnen sie denn auch bis zu ihrem eigenen +Untergange sich bewegt hat. Der Sprößling einer der ältesten Adelsfamilien +Latiums, welche ihren Stammbaum auf die Helden der Ilias und die Könige Roms, +ja auf die beiden Nationen gemeinsame Venus-Aphrodite zurückführte, waren seine +Knaben- und ersten Jünglingsjahre vergangen, wie sie der vornehmen Jugend jener +Epoche zu vergehen pflegten. Auch er hatte von dem Becher des Modelebens den +Schaum wie die Hefen gekostet, hatte rezitiert und deklamiert, auf dem Faulbett +Literatur getrieben und Verse gemacht, Liebeshändel jeder Gattung abgespielt +und sich einweihen lassen in alle Rasier-, Frisier- und Manschettenmysterien +der damaligen Toilettenweisheit, sowie in die noch weit geheimnisvollere Kunst, +immer zu borgen und nie zu bezahlen. Aber der biegsame Stahl dieser Natur +widerstand selbst diesem zerfahrenen und windigen Treiben; Caesar blieb sowohl +die körperliche Frische ungeschwächt wie die Spannkraft des Geistes und des +Herzens. Im Fechten und im Reiten nahm er es mit jedem seiner Soldaten auf, und +sein Schwimmen rettete ihm bei Alexandreia das Leben; die unglaubliche +Schnelligkeit seiner gewöhnlich des Zeitgewinns halber nächtlichen Reisen - das +rechte Gegenstück zu der prozessionsartigen Langsamkeit, mit der Pompeius sich +von einem Ort zum andern bewegte - war das Erstaunen seiner Zeitgenossen und +nicht die letzte Ursache seiner Erfolge. Wie der Körper war der Geist. Sein +bewunderungswürdiges Anschauungsvermögen offenbarte sich in der Sicherheit und +Ausführbarkeit all seiner Anordungen, selbst wo er befahl, ohne mit eigenen +Augen zu sehen. Sein Gedächtnis war unvergleichlich und es war ihm geläufig, +mehrere Geschäfte mit gleicher Sicherheit nebeneinander zu betreiben.: Obgleich +Gentleman, Genie und Monarch hatte er dennoch ein Herz. Solange er lebte, +bewahrte er für seine würdige Mutter Aurelia - der Vater starb ihm früh - die +reinste Verehrung; seinen Frauen und vor allem seiner Tochter Iulia widmete er +eine ehrliche Zuneigung, die selbst auf die politischen Verhältnisse nicht ohne +Rückwirkung blieb. Mit den tüchtigsten und kernigsten Männern seiner Zeit, +hohen und niederen Ranges, stand er in einem schönen Verhältnis gegenseitiger +Treue, mit jedem nach seiner Art. Wie er selbst niemals einen der Seinen in +Pompeius’ kleinmütiger und gefühlloser Art fallen ließ und, nicht bloß +aus Berechnung, in guter und böser Zeit ungeirrt an den Freunden festhielt, so +haben auch von diesen manche, wie Aulus Hirtius und Gaius Matius, noch nach +seinem Tode ihm in schönen Zeugnissen ihre Anhänglichkeit bewahrt. Wenn in +einer so harmonisch organisierten Natur überhaupt eine einzelne Seite als +charakteristisch hervorgehoben werden kann, so ist es die, daß alle Ideologie +und alles Phantastische ihm fern lag. Es versteht sich von selbst, daß Caesar +ein leidenschaftlicher Mann war, denn ohne Leidenschaft gibt es keine +Genialität; aber seine Leidenschaft war niemals mächtiger als er. Er hatte eine +Jugend gehabt, und Lieder, Liebe und Wein waren auch in sein Gemüt in +lebendigem Leben eingezogen; aber sie drangen ihm doch nicht bis in den +innerlichsten Kern seines Wesens. :Die Literatur beschäftigte ihn lange und +ernstlich; aber wenn Alexandern der homerische Achill nicht schlafen ließ, so +stellte Caesar in seinen schlaflosen Stunden Betrachtungen über die Beugungen +der lateinischen Haupt- und Zeitwörter an. Er machte Verse wie damals jeder, +aber sie waren schwach; dagegen interessierten ihn astronomische und +naturwissenschaftliche Gegenstände. Wenn der Wein für Alexander der +Sorgenbrecher war und blieb, so mied nach durchschwärmter Jugendzeit der +nüchterne Römer denselben durchaus. Wie allen denen, die in der Jugend der +volle Glanz der Frauenliebe umstrahlt hat, blieb ein Schimmer davon +unvergänglich auf ihm ruhen: noch in späteren Jahren begegneten ihm +Liebesabenteuer und Erfolge bei Frauen und blieb ihm eine gewisse +Stutzerhaftigkeit im äußeren Auftreten oder richtiger das erfreuliche +Bewußtsein der eigenen männlich schönen Erscheinung. Sorgfältig deckte er mit +dem Lorbeerkranz, mit dem er in späteren Jahren öffentlich erschien, die +schmerzlich empfundene Glatze und hätte ohne Zweifel manchen seiner Siege darum +gegeben, wenn er damit die jugendlichen Locken hätte zurückkaufen können. Aber +wie gern er auch noch als Monarch mit den Frauen verkehrte, so hat er doch nur +mit ihnen gespielt und ihnen keinerlei Einfluß über sich eingeräumt; selbst +sein vielbesprochenes Verhältnis zu der Königin Kleopatra ward nur angesponnen, +um einen schwacher Punkt in seiner politischen Stellung zu maskieren. Caesar +war durchaus Realist und Verstandesmensch; und was er angriff und tat, war von +der genialen Nüchternheit durchdrungen und getragen, die seine innerste +Eigentümlichkeit bezeichnet. Ihr verdankte er das Vermögen, unbeirrt durch +Erinnern und Erwarten energisch im Augenblick zu leben; ihr die Fähigkeit, in +jedem Augenblick mit gesammelter Kraft zu handeln und auch dem kleinsten und +beiläufigsten Beginnen seine volle Genialität zuzuwenden; ihr die +Vielseitigkeit, mit der er erfaßte und beherrschte, was der Verstand begreifen +und der Wille zwingen kann; ihr die sichere Leichtigkeit, mit der er seine +Perioden fügte, wie seine Feldzüge entwarf; ihr die “wunderbare +Heiterkeit”, die in guten und bösen Tagen ihm treu blieb; ihr die +vollendete Selbständigkeit, die keinem Liebling und keiner Mätresse, ja nicht +einmal dem Freunde Gewalt über sich gestattete. Aus dieser Verstandesklarheit +rührt es aber auch her, daß Cäsar sich über die Macht des Schicksals und das +Können des Menschen niemals Illusionen machte; für ihn war der holde Schleier +gehoben, der dem Menschen die Unzulänglichkeit seines Wirkens verdeckt. Wie +klug er auch plante und alle Möglichkeiten bedachte, das Gefühl wich doch nie +aus seiner Brust, daß in allen Dingen das Glück, das heißt der Zufall das gute +Beste tun müsse; und damit mag es denn auch zusammenhängen, daß er so oft dem +Schicksal Paroli geboten und namentlich mit verwegener Gleichgültigkeit seine +Person wieder und wieder auf das Spiel gesetzt hat. Wie ja wohl überwiegend +verständige Menschen in das reine Hasardspiel sich flüchten, so war auch in +Caesars Rationalismus ein Punkt, wo er mit dem Mystizismus gewissermaßen sich +berührte. +</p> + +<p> +Aus einer solchen Anlage konnte nur ein Staatsmann hervorgehen. Von früher +Jugend an war denn auch Caesar ein Staatsmann im tiefsten Sinne des Wortes und +sein Ziel das höchste, das dem Menschen gestattet ist sich zu stecken: die +politische, militärische, geistige und sittliche Wiedergeburt der +tiefgesunkenen eigenen und der noch tiefer gesunkenen, mit der seinigen innig +verschwisterten hellenischen Nation. Die harte Schule dreißigjähriger +Erfahrungen änderte seine Ärasichten über die Mittel, wie dies Ziel zu +erreichen sei; das Ziel blieb ihm dasselbe in den Zeiten hoffnungsvoller +Erniedrigung wie unbegrenzter Machtvollkommenheit, in den Zeiten, wo er als +Demagog und Verschworener auf dunklen Wegen zu ihm hinschlich, wie da er als +Mitinhaber der höchsten Gewalt und sodann als Monarch vor den Augen einer Welt +im vollen Sonnenschein an seinem Werke schuf. Alle zu den verschiedensten +Zeiten von ihm ausgegangenen Maßregeln bleibender Art ordnen in den großen +Bauplan zweckmäßig sich ein. Von einzelnen Leistungen Caesars sollte darum +eigentlich nicht geredet werden; er hat nichts Einzelnes geschaffen. Mit Recht +rühmt man den Redner Caesar wegen seiner aller Advokatenkunst spottenden +männlichen Beredsamkeit, die wie die klare Flamme zugleich erleuchtete und +erwärmte. Mit Recht bewundert man an dem Schriftsteller Caesar die +unnachahmliche Einfachheit der Komposition, die einzige Reinheit und Schönheit +der Sprache. Mit Recht haben die größten Kriegsmeister aller Zeiten den +Feldherrn Caesar gepriesen, der wie kein anderer ungeirrt von Routine und +Tradition immer diejenige Kriegführung zu finden wußte, durch welche in dem +gegebenen Falle der Feind besiegt wird und welche also in dem gegebenen Falle +die rechte ist; der mit divinatorischer Sicherheit für jeden Zweck das rechte +Mittel fand; der nach der Niederlage schlagfertig dastand, wie Wilhelm von +Oranien, und mit dem Siege ohne Ausnahme den Feldzug beendigte; der das Element +der Kriegführung, dessen Behandlung das militärische Genie von der gewöhnlichen +Offiziertüchtigkeit unterscheidet, die rasche Bewegung der Massen mit +unübertroffener Vollkommenheit handhabte und nicht in der Massenhaftigkeit der +Streitkräfte, sondern in der Geschwindigkeit ihrer Bewegung, nicht im langen +Vorbereiten, sondern im raschen, ja verwegenen Handeln, selbst mit +unzulänglichen Mitteln, die Bürgschaft des Sieges fand. Allein alles dieses ist +bei Caesar nur Nebensache; er war zwar ein großer Redner, Schriftsteller und +Feldherr, aber jedes davon ist er nur geworden, weil er ein vollendeter +Staumann war. Namentlich spielt der Soldat in ihm eine durchaus beiläufige +Rolle, und es ist eine der hauptsächlichsten Eigentümlichkeiten, die ihn von +Alexander, Hannibal und Napoleon unterscheidet, daß in ihm nicht der Offizier, +sondern der Demagog der Ausgangspunkt der politischen Tätigkeit war. Seinem +ursprünglichsten Plan zufolge hatte er sein Ziel wie Perikles und Gaius +Gracchus ohne Waffengewalt zu erreichen gedacht, und achtzehn Jahre hindurch +hatte er als Führer der Popularpartei ausschließlich in politischen Plänen und +Intrigen sich bewegt, bevor er, ungern sich überzeugend von der Notwendigkeit +eines militärischen Rückhalts, schon ein Vierziger, an die Spitze einer Armee +trat. Es war erklärlich, daß er auch späterhin immer noch mehr Staatsmann blieb +als General - ähnlich wie Cromwell, der auch aus dem Oppositionsführer zum +Militärchef und Demokratenkönig sich umschuf und der überhaupt, wie wenig der +Puritanerfürst dem lockeren Römer zu gleichen scheint, doch in seiner +Entwicklung wie in seinen Zielen und Erfolgen vielleicht unter allen +Staatsmännern Caesar am nächsten verwandt ist. Selbst in seiner Kriegführung +ist diese improvisierte Feldherrnschaft noch wohl zu erkennen; in Napoleons +Unternehmungen gegen Ägypten und gegen England ist der zum Feldherrn +aufgediente Artillerieleutnant nicht deutlicher sichtbar wie in den +gleichartigen Caesars der zum Feldherrn metamorphosierte Demagog. Ein +geschulter Offizier würde es schwerlich fertig gebracht haben, aus politischen +Rücksichten nicht durchaus zwingender Natur die gegründetsten militärischen +Bedenken in der Art beiseite zu schieben, wie dies Caesar mehrmals, am +auffallendsten bei seiner Landung in Epirus getan hat. Einzelne seiner +Handlungen sind darum militärisch tadelhaft; aber der Feldherr verliert nur, +was der Staatsmann gewinnt. Die Aufgabe des Staatsmanns ist universeller Natur +wie Caesars Genie: wenn er die vielfältigsten und voneinander entlegensten +Dinge angriff, so gingen sie doch alle ohne Ausnahme zurück auf das eine große +Ziel, dem er mit unbedingter Treue und Folgerichtigkeit diente; und nie hat er +von den vielfältigen Seiten und Richtgen seiner großen Tätigkeit eine vor der +andern bevorzugt. Obwohl ein Meister der Kriegskunst, hat er doch aus +staatsmännischen Rücksichten das Äußerste getan, um den Bürgerkrieg abzuwenden +und um, da er dennoch begann, wenigstens so unblutige Lorbeeren wie möglich zu +ernten. Obwohl der Begründer der Militärmonarchie, hat er doch mit einer in der +Geschichte beispiellosen Energie weder Marschallshierarchie noch +Prätorianerregiment aufkommen lassen. Wenn überhaupt eine Seite der +bürgerlichen Verdienste, so wurden von ihm vielmehr die Wissenschafter, und die +Künste des Friedens vor den militärischen bevorzugt. Die bemerkenswerteste +Eigentümlichkeit seines staatsmännischen Schaffens ist dessen vollkommene +Harmonie. In der Tat waren alle Bedingungen zu dieser schwersten aller +menschlichen Leistungen in Caesar vereinigt. Durch und durch Realist, ließ er +die Bilder der Vergangenheit und die ehrwürdige Tradition nirgends sich +anfechten: ihm galt nichts in der Politik als die lebendige Gegenwart und das +verständige Gesetz, ebenwie er, auch als Grammatiker die +historisch-antiquarische Forschung beiseite schob und nichts anerkannte als +einerseits den lebendigen Sprachgebrauch, andererseits die Regel der +Gleichmäßigkeit Ein geborener Herrscher, regierte er die Gemüter der Menschen, +wie der Wind die Wolken zwingt, und nötigte die verschiedenartigsten Naturen, +ihm sich zu eigen zu geben, den schlichten Bürger und den derben Unteroffizier, +die vornehmen Damen Roms und die schönen Fürstinnen Ägyptens und Mauretaniens, +den glänzenden Kavalleriegeneral und den kalkulierenden Bankier. Sein +Organisationstalent ist wunderbar; nie hat ein Staatsmann seine Bündnisse, nie +ein Feldherr seine Armee aus ungefügen und widerstrebenden Elementen so +entschieden zusammengezwungen und so fest zusammengehalten wie Caesar seine +Koalitionen und seine Legionen; nie ein Regent mit so scharfem Blick seine +Werkzeuge beurteilt und ein jedes an den ihm angemessenen Platz gestellt. Er +war Monarch; aber nie hat er den König gespielt. Auch als unumschränkter Herr +von Rom blieb er in seinem Auftreten der Parteiführer; vollkommen biegsam und +geschmeidig, bequem und anmutig in der Unterhaltung, zuvorkommend gegen jeden, +schien er nichts sein zu wollen als der Erste unter seinesgleichen. Den Fehler +so vieler ihm sonst ebenbürtiger Männer, den militärischen Kommandoton auf die +Politik zu übertragen, hat Caesar durchaus vermieden; wie vielen Anlaß das +verdrießliche Verhältnis zum Senat ihm auch dazu gab, er hat nie zu +Brutalitäten gegriffen, wie die des achtzehnten Brumaire eine war. Caesar war +Monarch; aber nie hat ihn der Tyrannenschwindel erfaßt. Er ist vielleicht der +einzige unter den Gewaltigen des Herrn, welcher im großen wie im kleinen nie +nach Neigung oder Laune, sondern ohne Ausnahme nach seiner Regentenpflicht +gehandelt hat, und der, wenn er auf sein Leben zurücksah, wohl falsche +Rechnungen zu bedauern, aber keinen Fehltritt der Leidenschaft zu bereuen fand. +Es ist nichts in Caesars Lebensgeschichte, das auch nur im kleinen ^1 sich +vergleichen ließe mit jenen poetisch-sinnlichen Aufwallungen, mit der Ermordung +des Kleitos oder dem Brand von Persepolis, welche die Geschichte von seinem +großen Vorgänger im Osten berichtet. Er ist endlich vielleicht der einzige +unter jenen Gewaltigen, der den staatsmännischen Takt für das Mögliche und +Unmögliche bis an das Ende seiner Laufbahn sich bewahrt hat und nicht +gescheitert ist an derjenigen Aufgabe, die für großartig angelegte Naturen von +allen die schwerste ist, an der Aufgabe, auf der Zinne des Erfolgs dessen +natürliche Schranken zu erkennen. Was möglich war, hat er geleistet und nie um +des unmöglichen Besseren willen das mögliche Gute unterlassen, nie es +verschmäht, unheilbare Übel durch Palliative wenigstens zu lindern. Aber wo er +erkannte, daß das Schicksal gesprochen, hat er immer gehorcht. Alexander am +Hypanis, Napoleon in Moskau kehrten um, weil sie mußten, und zürnten dem +Geschick, daß es auch seinen Lieblingen nur begrenzte Erfolge gönnt; Caesar ist +an der Themse und am Rhein freiwillig zurückgegangen und gedachte auch an der +Donau und am Euphrat nicht ungemessene Pläne der Weltüberwindung, sondern bloß +wohlerwogene Grenzregulierungen ins Werk zu setzen. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Wenn der Handel mit Laberius, den der bekannte Prolog erzählt, als ein +Beispiel von Caesars Tyrannenlaunen angeführt worden ist, so hat man die Ironie +der Situation wie des Dichters gründlich verkannt; ganz abgesehen von der +Naivität, den sein Honorar bereitwillig einstreichenden Poeten als Märtyrer zu +behandeln. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +So war dieser einzige Mann, den zu schildern so leicht scheint und doch so +unendlich schwer ist. Seine ganze Natur ist durchsichtige Klarheit; und die +Überlieferung bewahrt über ihn ausgiebigere und lebendigere Kunde als über +irgendeinen seiner Pairs in der antiken Welt. Eine solche Persönlichkeit konnte +wohl flacher oder tiefer, aber nicht eigentlich verschieden aufgefaßt werden; +jedem nicht ganz verkehrten Forscher ist das hohe Bild mit denselben +wesentlichen Zügen erschienen, und doch ist dasselbe anschaulich wiederzugeben +noch keinem gelungen. Das Geheimnis liegt in dessen Vollendung. Menschlich wie +geschichtlich steht Caesar in dem Gleichungspunkt, in welchem die großen +Gegensätze des Daseins sich ineinander aufheben. Von gewaltiger Schöpferkraft +und doch zugleich vom durchdringendsten Verstande; nicht mehr Jüngling und noch +nicht Greis; vom höchsten Wollen und vom höchsten Vollbringen; erfüllt von +republikanischen Idealen und zugleich geboren zum König; ein Römer im tiefsten +Kern seines Wesens und wieder berufen, die römische und die hellenische +Entwicklung in sich wie nach außen hin zu versöhnen und zu vermählen, ist +Caesar der ganze und vollständige Mann. Darum fehlt es denn auch bei ihm mehr +als bei irgendeiner anderen geschichtlichen Persönlichkeit an den sogenannten +charakteristischen Zügen, welche ja doch nichts anderes sind als Abweichungen +von der naturgemäßen menschlichen Entwicklung. Was dem ersten oberflächlichen +Blick dafür gilt, zeigt sich bei näherer Betrachtung nicht als Individualität, +sondern als Eigentümlichkeit der Kulturepoche oder der Nation; wie denn seine +Jugendabenteuer ihm mit allen gleichgestellten begabteren Zeitgenossen gemein +sind, sein unpoetisches, aber energisch logisches Naturell das Naturell der +Römer überhaupt ist. Es gehört dies mit zu Caesars voller Menschlichkeit, daß +er im höchsten Grade durch Zeit und Ort bedingt ward; denn eine Menschlichkeit +an sich gibt es nicht, sondern der lebendige Mensch kann eben nicht anders als +in einer gegebenen Volkseigentümlichkeit und in einem bestimmten Kulturzug +stehen. Nur dadurch war Caesar ein voller Mann, weil er wie kein anderer mitten +in die Strömungen seiner Zeit sich gestellt hatte und weil er die kernige +Eigentümlichkeit der römischen Nation, die reale bürgerliche Tüchtigkeit +vollendet wie kein anderer in sich trug; wie denn auch sein Hellenismus nur der +mit der italischen Nationalität längst innig verwachsene war. Aber eben hierin +liegt auch die Schwierigkeit, man darf vielleicht sagen die Unmöglichkeit, +Caesar anschaulich zu schildern. Wie der Künstler alles machen kann, nur nicht +die vollendete Schönheit, so kann auch der Geschichtschreiber, wo ihm alle +tausend Jahre einmal das Vollkommene begegnet, nur darüber schweigen. Denn es +läßt die Regel wohl sich aussprechen, aber sie gibt uns nur die negative +Vorstellung von der Abwesenheit des Mangels; das Geheimnis der Natur, in ihren +vollendetsten Offenbarungen Normalität und Individualität miteinander zu +verbinden, ist unaussprechlich. Uns bleibt nichts, als diejenigen glücklich zu +preisen, die dieses Vollkommene schauten, und eine Ahnung desselben aus dem +Abglanz zu gewinnen, der auf den von dieser großen Natur geschaffenen Werken +unvergänglich ruht. Zwar tragen auch diese den Stempel der Zeit. Der römische +Mann selbst stellte seinem jugendlichen griechischen Vorgänger nicht bloß +ebenbürtig, sondern überlegen sich an die Seite; aber die Welt war inzwischen +alt geworden und ihr Jugendschimmer verblaßt. Caesars Tätigkeit ist nicht mehr +wie die Alexanders ein freudiges Vorwärtsstreben in die ungemessene Weite; er +baute auf und aus Ruinen und war zufrieden, in den einmal angewiesenen weiten, +aber begrenzten Räumen möglichst erträglich und möglichst sicher sich +einzurichten. Mit Recht hat denn auch der feine Dichtertakt der Völker um den +unpoetischen Römer sich nicht bekümmert und dagegen den Sohn des Philippos mit +allem Goldglanz der Poesie, mit allen Regenbogenfarben der Sage bekleidet. Aber +mit gleichem Recht hat das staatliche Leben der Nationen seit Jahrtausenden +wieder und wieder auf die Linien zurückgelenkt, die Caesar gezogen hat, und +wenn die Völker, denen die Welt gehört, noch heute mit seinem Namen die +höchsten ihrer Monarchen nennen, so liegt darin eine tiefsinnige, leider auch +eine beschämende Mahnung. +</p> + +<p> +Wenn es gelingen sollte, aus den alten in jeder Hinsicht heillosen Zuständen +herauszukommen und das Gemeinwesen zu verjüngen, so mußte vor allen Dingen das +Land tatsächlich beruhigt und der Boden von den Trümmern, die von der letzten +Katastrophe her überall ihn bedeckten, gesäubert werden. Caesar ging dabei aus +von dem Grundsatz der Versöhnung der bisherigen Parteien oder, richtiger gesagt +- denn von wirklicher Ausgleichung kann bei unversöhnlichen Gegensätzen nicht +gesprochen werden -, von dem Grundsatz, daß der Kampfplatz, auf dem die +Nobilität und die Popularen bisher miteinander gestritten hatten, von beiden +Teilen aufzugeben sei und beide auf dem Boden der neuen monarchischen +Verfassung sich zusammenzufinden hätten. Vor allen Dingen also galt aller +ältere Hader der republikanischen Vergangenheit als abgetan für immer und ewig. +Während Caesar die auf die Nachricht von der Pharsalischen Schlacht von dem +hauptstädtischen Pöbel umgestürzten Bildsäulen Sullas wiederaufzurichten befahl +und also es anerkannte, daß über diesen großen Mann einzig der Geschichte +Gericht zu halten gebühre, hob er zugleich die letzten noch nachwirkenden +Folgen seiner Ausnahmegesetze auf, rief die noch von den cinnanischen und +sertorianischen Wirren her Verbannten aus dem Exil zurück und gab den Kindern +der von Sulla Geächteten die verlorene passive Wahlfähigkeit wieder. Ebenso +wurden alle diejenigen restituiert, die in dem vorbereitenden Stadium der +letzten Katastrophe durch Zensorenspruch oder politischen Prozeß, namentlich +durch die auf Grund der Exzeptionalgesetze von 702 (52) erhobenen Anklagen, +ihren Sitz im Senat oder ihre bürgerliche Existenz eingebüßt hatten. Nur +blieben, wie billig, diejenigen, die Geächtete für Geld getötet hatten, auch +ferner bescholten und ward der verwegenste Condottiere der Senatspartei, Milo, +von der allgemeinen Begnadigung ausgeschlossen. +</p> + +<p> +Weit schwieriger als die Ordnung dieser im wesentlichen bereits der +Vergangenheit anheimgefallenen Fragen war die Behandlung der im Augenblick sich +gegenüberstehenden Parteien: teils des eigenen demokratischen Anhangs Caesars, +teils der gestürzten Aristokratie. Daß jener mit Caesars Verfahren nach dem +Sieg und mit seiner Aufforderung, den alten Parteistandpunkt aufzugeben, +womöglich noch minder einverstanden war als diese, versteht sich von selbst. +Caesar selbst wollte wohl im ganzen dasselbe, was Gaius Gracchus im Sinne +getragen hatte; allein die Absichten der Caesarianer waren nicht mehr die der +Gracchaner. Die römische Popularpartei war in immer steigender Progression aus +der Reform in die Revolution, aus der Revolution in die Anarchie, aus der +Anarchie in den Krieg gegen das Eigentum gedrängt worden; sie feierte unter +sich das Andenken der Schreckensherrschaft und schmückte, wie einst der +Gracchen, so jetzt des Catilina Grab mit Blumen und Kränzen; sie hatte unter +Caesars Fahne sich gestellt, weil sie von ihm das erwartete, was Catilina ihr +nicht hatte verschaffen können. Als nun aber sehr bald sich herausstellte, daß +Caesar nichts weniger sein wollte als der Testamentsvollstrecker Catilinas, daß +die Verschuldeten von ihm höchstens Zahlungserleichterungen und +Prozeßmilderungen zu hoffen hatten, da ward die erbitterte Frage laut, für wen +denn die Volkspartei gesiegt habe, wenn nicht für das Volk? und fing das +vornehme und niedere Gesindel dieser Art vor lauter Ärger über die +fehlgeschlagenen politisch-ökonomischen Saturnalien erst an, mit den +Pompeianern zu liebäugeln, dann sogar während Caesars fast zweijähriger +Abwesenheit von Italien (Januar 706 48 bis Herbst 707 47) daselbst einen +Bürgerkrieg im Bürgerkriege anzuzetteln. Der Prätor Marcus Caelius Rufus, ein +guter Adliger und schlechter Schuldenbezahler, von einigem Talent und vieler +Bildung, als ein heftiger und redefertiger Mann bisher im Senat und auf dem +Markte einer der eifrigsten Vorkämpfer für Caesar, brachte, ohne höheren +Auftrag, bei dem Volke ein Gesetz ein, das den Schuldnern ein sechsjähriges +zinsfreies Moratorium gewährte, sodann, da man ihm hierbei in den Weg trat, ein +zweites, das gar alle Forderungen aus Darlehen und laufenden Hausmieten +kassiert; worauf der Caesarische Senat ihn seines Amtes entsetzte. Es war eben +die Zeit vor der Pharsalischen Schlacht, und die Waagschale in dem großen +Kampfe schien sich auf die Seite der Pompeianer zu neigen; Rufus trat mit dem +alten senatorischen Bandenführer Milo in Verbindung und beide stifteten eine +Konterrevolution an, die teils die republikanische Verfassung, teils Kassation +der Forderungen und Freierklärung der Sklaven auf ihr Panier schrieb. Milo +verließ seinen Verbannungsort Massalia und rief in der Gegend von Thurii die +Pompeianer und die Hirtensklaven unter die Waffen; Rufus machte Anstalt, sich +durch bewaffnete Sklaven der Stadt Capua zu bemächtigen. Allein der letztere +Plan ward vor der Ausführung entdeckt und durch die capuanische Bürgerwehr +vereitelt; Quintus Pedius, der mit einer Legion in das thurinische Gebiet +einrückte, zerstreute die daselbst hausende Bande; und der Fall der beiden +Führer machte dem Skandal ein Ende (706 48). Dennoch fand sich das Jahr darauf +(707 47) ein zweiter Tor, der Volkstribun Publius Dolabella, der, gleich +verschuldet, aber ungleich weniger begabt als sein Vorgänger, dessen Gesetz +über die Forderungen und Hausmieten abermals einbrachte und mit seinem Kollegen +Lucius Trebellius darüber noch einmal - es war das letzte Mal - den +Demagogenkrieg begann; es gab arge Händel zwischen den, beiderseitigen +bewaffneten Banden und vielfachen Straßenlärm, bis der Kommandant von Italien, +Marcus Antonius, das Militär einschreiten ließ und bald darauf Caesars Rückkehr +aus dem Osten dem tollen Treiben vollständig ein Ziel setzte. Caesar legte +diesen hirnlosen Versuchen, die Catilinarischen Projekte wieder aufzuwärmen, so +wenig Gewicht bei, daß er selbst den Dolabella in Italien duldete, ja nach +einiger Zeit ihn sogar wieder zu Gnaden annahm. Gegen solches Gesindel, dem es +nicht um irgend welche politische Frage, sondern einzig um den Krieg gegen das +Eigentum zu, tun ist, genügt, wie gegen die Räuberbanden, das bloße Dasein +einer starken Regierung; und Caesar war zu groß und zu besonnen, um mit der +Angst, die die italischen Trembleurs vor diesen damaligen Kommunisten +empfanden, Geschäfte zu machen und damit seiner Monarchie eine falsche +Popularität zu erschwindeln. +</p> + +<p> +Wenn Caesar also die gewesene demokratische Partei ihrem schon bis an die +äußerste Grenze vorgeschrittenen Zersetzungsprozeß überlassen konnte und +überließ, so hatte er dagegen gegenüber der bei weitem lebenskräftigeren +ehemaligen aristokratischen Partei durch die gehörige Verbindung des +Niederdrückens und des Entgegenkommens die Auflösung nicht herbeizuführen - +dies vermochte nur die Zeit - sondern sie vorzubereiten und einzuleiten. Es war +das wenigste, daß Caesar, schon aus natürlichem Anstandsgefühl, es vermied, die +gestürzte Partei durch leeren Hohn zu erbittern, über die besiegten Mitbürger +nicht triumphierte ^2, des Pompeius oft und immer mit Achtung gedachte und sein +vom Volke umgestürztes Standbild am Rathaus bei der Herstellung des Gebäudes an +dem früheren ausgezeichneten Platze wiederum errichten ließ. Der politischen +Verfolgung nach dem Siege steckte Caesar die möglichst engen Grenzen. Es fand +keine Untersuchung statt über die vielfachen Verbindungen, die die +Verfassungspartei auch mit nominellen Caesarianern gehabt hatte; Caesar warf +die in den feindlichen Hauptquartieren von Pharsalos und Thapsus vorgefundenen +Papierstöße ungelesen ins Feuer und verschonte sich und das Land mit +politischen Prozessen gegen des Hochverrats verdächtige Individuen. Ferner +gingen straffrei aus alle gemeinen Soldaten, die ihren römischen oder +provinzialen Offizieren in den Kampf gegen Caesar gefolgt waren. Eine Ausnahme +ward nur gemacht mit denjenigen römischen Bürgern, die in dem Heere des +numidischen Königs Juba Dienste genommen hatten; ihnen wurde zur Strafe des +Landesverrates das Vermögen eingezogen. Auch den Offizieren der besiegten +Partei hatte Caesar bis zum Ausgang des spanischen Feldzugs 705 (49) +uneingeschränkte Begnadigung gewährt; allein er überzeugte sich, daß er hiermit +zu weit gegangen und daß die Beseitigung wenigstens der Häupter unvermeidlich +sei. Die Regel, die er von jetzt an zur Richtschnur nahm, war, daß wer nach der +Kapitulation von Ilerda im feindlichen Heere als Offizier gedient oder im +Gegensenat gesessen hatte, wenn er das Ende des Kampfes erlebte, sein Vermögen +und seine politischen Rechte verlor und für Lebenszeit aus Italien verbannt +ward, wenn er das Ende des Kampfes nicht erlebte, wenigstens sein Vermögen an +den Staat fiel, wer aber von diesen früher von Caesar Gnade angenommen hatte +und abermals in den feindlichen Reihen betroffen ward, damit das Leben verwirkt +hatte. In der Ausführung indes wurden diese Sätze wesentlich gemildert. +Todesurteile wurden nur gegen die wenigsten unter den zahlreichen Rückfälligen +wirklich vollstreckt. Bei der Konfiskation des Vermögens der Gefallenen wurden +nicht nur die auf den einzelnen Massen haftenden Schulden sowie die +Mitgiftforderungen der Witwen wie billig ausgezahlt, sondern auch den Kindern +der Toten ein Teil des väterlichen Vermögens gelassen. Von denjenigen endlich, +die jenen Regeln zufolge Verbannung und Vermögenskonfiskation traf, wurden +nicht wenige sogleich ganz begnadigt oder kamen, wie die zu Mitgliedern des +Senats von Utica gepreßten afrikanischen Großhändler, mit Geldbußen davon. Aber +auch den übrigen ward fast ohne Ausnahme Freiheit und Vermögen zurückgegeben, +wenn sie nur es über sich gewannen, deshalb bittend bei Caesar einzukommen; +manchem, der dessen sich weigerte, wie zum Beispiel dem Konsular Marcus +Marcellus, ward die Begnadigung auch ungebeten oktroyiert und endlich im Jahre +710 (44) für alle noch nicht Zurückberufenen eine allgemeine Amnestie erlassen. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +^2 Auch der Triumph nach der später zu erzählenden Schlacht bei Munda galt wohl +nur den zahlreich in dem besiegten Heer dienenden Lusitanern. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Die republikanische Opposition ließ sich denn begnadigen; aber sie war nicht +versöhnt. Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge und Erbitterung gegen +den ungewohnten Herrscher waren allgemein. Zu offenem politischen Widerstand +gab es freilich keine Gelegenheit mehr - es kam kaum in Betracht, daß einige +oppositionelle Tribune bei Gelegenheit der Titelfrage durch demonstratives +Einschreiten gegen die, welche Caesar König genannt hatten, sich die +republikanische Märtyrerkrone erwarben; aber um so entschiedener äußerte der +Republikanismus sich als Gesinnungsopposition und im geheimen Treiben und +Wühlen. Keine Hand regte sich, wenn der Imperator öffentlich erschien. Es +regnete Maueranschläge und Spottverse voll bitterer und treffender Volkssatire +gegen die neue Monarchie. Wo ein Schauspieler eine republikanische Anspielung +wagte, begrüßte ihn der lauteste Beifall. Catos Lob und Preis war das Modethema +der oppositionellen Broschürenschreiber, und die Schriften derselben fanden nur +ein um so dankbareres Publikum, weil auch die Literatur nicht mehr frei war. +Caesar bekämpfte zwar auch jetzt noch die Republikaner auf dem eigenen Gebiet; +er selbst und seine fähigeren Vertrauten antworteten auf die Catoliteratur mit +Anticatonen, und es ward zwischen den republikanischen und den Caesarischen +Skribenten um den toten Mann von Utica gestritten wie zwischen Troern und +Hellenen um die Leiche des Patroklos; allein es verstand sich von selbst, daß +in diesem Kampfe, in dem das durchaus republikanisch gestimmte Publikum Richter +war, die Caesarianer den kürzeren zogen. Es blieb nichts übrig, als die +Schriftsteller zu terrorisieren; weshalb denn unter den Verbannten die +literarisch bekannten und gefährlichen Männer, wie Publius Nigidius Figulus und +Aulus Caecina, schwerer als andere die Erlaubnis zur Rückkehr nach Italien +erhielten, die in Italien geduldeten oppositionellen Schriftsteller aber einer +tatsächlichen Zensur unterworfen wurden, die um so peinlicher fesselte, weil +das Maß der zu befürchtenden Strafe durchaus arbiträr war ^3. Das Wühlen und +Treiben der gestürzten Parteien gegen die neue Monarchie wird zweckmäßiger in +einem andern Zusammenhang dargestellt werden; hier genügt es zu sagen, daß +Prätendenten- wie republikanische Aufstände unaufhörlich im ganzen Umfange des +Römischen Reiches gärten, daß die Flamme des Bürgerkrieges, bald von den +Pompeianern, bald von den Republikanern angefacht, an verschiedenen Orten hell +wieder emporschlug und in der Hauptstadt die Verschwörung gegen das Leben des +Herrschers in Permanenz blieb, Caesar aber durch die Anschläge sich nicht +einmal bewegen ließ, auf die Dauer sich mit einer Leibwache zu umgeben und in +der Regel sich begnügte, die entdeckten Konspirationen durch öffentliche +Anschläge bekannt zu machen. Wie sehr Caesar alle seine persönliche Sicherheit +angehenden Dinge mit gleichgültiger Verwegenheit zu behandeln pflegte, die +ernste Gefahr konnte er doch sich unmöglich verhehlen, mit der diese Masse +Mißvergnügter nicht bloß ihn, sondern auch seine Schöpfungen bedrohte. Wenn er +dennoch, alles Warnens und Hetzens seiner Freunde nicht achtend, ohne über die +Unversöhnlichkeit auch der begnadigten Gegner sich zu täuschen, mit einer +wunderbar kaltblütigen Energie dabei beharrte, der bei weitem größeren Anzahl +derselben zu verzeihen, so war dies weder ritterliche Hochherzigkeit einer +stolzen, noch Gefühlsmilde einer weichen Natur, sondern es war die richtige +staatsmännische Erwägung, daß überwundene Parteien rascher und mit minderem +Schaden für den Staat innerhalb des Staats sich absorbieren, als wenn man sie +durch Ächtung auszurotten oder durch Verbannung aus dem Gemeinwesen +auszuscheiden versucht. Caesar konnte für seine hohen Zwecke die +Verfassungspartei selbst nicht entbehren, die ja nicht etwa bloß die +Aristokratie, sondern alle Elemente des Freiheits- und des Nationalsinns +innerhalb der italischen Bürgerschaft in sich schloß; für seine Pläne zur +Verjüngung des alternden Staats bedurfte er der ganzen Masse von Talenten, +Bildung, ererbtem und selbsterworbenem Ansehen, die diese Partei in sich +schloß; und wohl in diesem Sinne mag er die Begnadigung der Gegner den +schönsten Lohn des Siegs genannt haben. So wurden denn zwar die +hervorragendsten Spitzen der geschlagenen Parteien beseitigt; aber den Männern +zweiten und dritten Ranges und namentlich der jüngeren Generation ward die +volle Begnadigung nicht vorenthalten, jedoch ihnen auch nicht gestattet, in +passiver Opposition zu schmollen, sondern dieselben durch mehr oder minder +gelinden Zwang veranlaßt, sich an der neuen Verwaltung tätig zu beteiligen und +Ehren und Ämter von ihr anzunehmen. Wie für Heinrich IV. und Wilhelm von +Oranien so begannen auch für Caesar die größten Schwierigkeiten erst nach dem +Siege. Jeder revolutionäre Sieger macht die Erfahrung, daß, wenn er nach +Überwältigung der Gegner nicht, wie Cinna und Sulla, Parteihaupt bleibt, +sondern wie Caesar, wie Heinrich IV. und Wilhelm von Oranien, an die Stelle des +notwendig einseitigen Parteiprogramms die Wohlfahrt des Gemeinwesens setzen +will, augenblicklich alle Parteien, die eigene wie die besiegt, sich gegen das +neue Oberhaupt vereinigen; und um so mehr, je größer und reiner dasselbe seinen +neuen Beruf auffaßt. Die Verfassungsfreunde und die Pompeianer, wenn sie auch +mit den Lippen Caesar huldigten, grollten doch im Herzen entweder der Monarchie +oder wenigstens der Dynastie; die gesunkene Demokratie war, seit sie begriffen, +daß Caesars Zwecke keineswegs die ihrigen waren, gegen denselben in offenem +Aufruhr; selbst die persönlichen Anhänger Caesars murrten, als sie ihr Haupt +statt eines Condottierstaats eine allen gliche und gerechte Monarchie gründen +und die auf sie treffenden Gewinnportionen durch das Hinzutreten der Besiegten +sich verringern sahen. Diese Ordnung des Gemeinwesens war keiner Partei genehm +und mußte den Genossen nicht minder als den Gegnern oktroyiert werden. Caesars +eigene Stellung war jetzt in gewissem Sinne gefährdeter als vor dem Siege; aber +was er verlor, gewann der Staat. Indem er die Parteien vernichtete und die +Parteimänner nicht bloß schonte, sondern jeden Mann von Talent oder auch nur +von guter Herkunft, ohne Rücksicht auf seine politische Vergangenheit, zu +Ämtern gelangen ließ, gewann er nicht bloß für seinen großen Bau alle im Staate +vorhandene Arbeitskraft, sondern das freiwillige oder gezwungene Schaffen der +Männer aller Parteien an demselben Werke führte auch unmerklich die Nation +hinüber auf den neubereiteten Boden. Wenn diese Ausgleichung der Parteien für +den Augenklick nur äußerlicher Art war und dieselben sich für jetzt viel +weniger in der Anhänglichkeit an die neuen Zustände begegneten als in dem Hasse +gegen Caesar, so irrte dies ihn nicht; er wußte es wohl, daß die Gegensätze +doch in solcher äußerlichen Vereinigung sich abstumpfen und daß nur auf diesem +Wege der Staatsmann der Zeit vorarbeitet, welche freilich allein vermag, +solchen Hader schließlich zu sühnen, indem sie das alte Geschlecht ins Grab +legt. Noch weniger fragte er, wer ihn haßte oder auf Mord gegen ihn sann. Wie +jeder echte Staatsmann diente er dem Volke nicht um Lohn, auch nicht um den +Lohn seiner Liebe, sondern gab die Gunst der Zeitgenossen hin für den Segen der +Zukunft und vor allem für die Erlaubnis, seien Nation retten und verjüngen zu +dürfen. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^3 Wer alte und neue Schriftstellerbedrängnisse zu vergleichen wünscht, wird in +dem Briefe des Caecina (Cic. ad fam. 6, 7) Gelegenheit dazu finden. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Versuchen wir im einzelnen Rechenschaft zu geben von der Überführung der alten +Zustände in die neue Bahn, so ist zunächst daran zu erinnern, daß Caesar nicht +kam um anzufangen, sondern um zu vollenden. Der Plan zu einer zeitgemäßen +Politik, längst von Gaius Gracchus entworfen, war von seinen Anhängern und +Nachfolgern wohl mit mehr oder minder Geist und Glück, aber ohne Schwanken +festgehalten worden. Caesar, von Haus aus und gleichsam schon nach Erbrecht das +Haupt der Popularpartei, hatte seit dreißig Jahren deren Schild hoch +emporgehalten, ohne je die Farbe zu wechseln oder auch nur zu decken; er blieb +Demokrat auch als Monarch. Wie er die Erbschaft seiner Partei, abgesehen +natürlich von den catilinarischen und clodischen Verkehrtheiten, unbeschränkt +antrat, der Aristokratie und den echten Aristokraten den bittersten, selbst +persönlichen Haß zollte und die wesentlichen Gedanken der römischen Demokratie: +die Milderung der Lage der Schuldner, die überseeische Kolonisation, die +allmähliche Nivellierung der unter den Klassen der Staatsangehörigen +bestehenden Rechtsverschiedenheiten, die Emanzipierung der exekutiven Gewalt +vom Senat, unverändert festhielt, so war auch seine Monarchie so wenig mit der +Demokratie im Widerspruch, daß vielmehr diese erst durch jene zur Vollendung +und Erfüllung gelangte. Denn diese Monarchie war nicht die orientalische +Despotie von Gottes Gnaden, sondern die Monarchie, wie Gaius Gracchus sie +gründen wollte, wie Perikles und Cromwell sie gründeten: die Vertretung der +Nation durch ihren höchsten und unumschränkten Vertrauensmann. Es waren +insofern die Gedanken, die dem Werke Caesars zu Grunde lagen, nicht eigentlich +neue; aber ihm gehört ihre Verwirklichung, die zuletzt überall die Hauptsache +bleibt, und ihm die Großheit der Ausführung, die selbst den genialen Entwerfer, +wenn er sie hätte schauen können, überrascht haben möchte und die jeden, dem +sie in lebendiger Wirklichkeit oder im Spiegel der Geschichte entgegengetreten +ist, welcher geschichtlichen Epoche und welcher politischen Farbe immer er +angehöre, je nach dem Maß seiner Fassungskraft für menschliche und +geschichtliche Größe mit tiefer und tieferer Bewegung und Bewunderung ergriffen +hat und ewig ergreifen wird. +</p> + +<p> +Wohl aber wird es gerade hier am Orte sein, das, was der Geschichtschreiber +stillschweigend überall voraussetzt, einmal ausdrücklich zu fordern und +Einspruch zu tun gegen die der Einfalt und der Perfidie gemeinschaftliche +Sitte, geschichtliches Lob und geschichtlichen Tadel, von den gegebenen +Verhältnissen abgelöst, als allgemein gültige Phrase zu verbrauchen, in diesem +Falle das Urteil über Caesar in ein Urteil über den sogenannten Caesarismus +umzudeuten. Freilich soll die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte die +Lehrmeisterin des laufenden sein; aber nicht in dem gemeinen Sinne, als könne +man die Konjunkturen der Gegenwart in den Berichten über die Vergangenheit nur +einfach wiederaufblättern und aus denselben der politischen Diagnose und +Rezeptierkunst die Symptome und Spezifika zusammenlesen; sondern sie ist +lehrhaft einzig insofern, als die Beobachtung der älteren Kulturen die +organischen Bedingungen der Zivilisation überhaupt, die überall gleichen +Grundkräfte und die überall verschiedene Zusammensetzung derselben offenbart +und statt zum gedankenlosen Nachahmen vielmehr zum selbständigen Nachschöpfen +anleitet und begeistert. In diesem Sinne ist die Geschichte Caesars und des +römischen Caesarentums, bei aller unübertroffenen Großheit des Werkmeisters, +bei aller geschichtlichen Notwendigkeit des Werkes, wahrlich eine schärfere +Kritik der modernen Autokratie, als eines Menschen Hand sie zu schreiben +vermag. Nach dem gleichen Naturgesetz, weshalb der geringste Organismus +unendlich mehr ist als die kunstvollste Maschine, ist auch jede noch so +mangelhafte Verfassung, die der freien Selbstbestimmung einer Mehrzahl von +Bürgern Spielraum läßt, unendlich mehr als der genialste und humanste +Absolutismus; denn jene ist der Entwicklung fähig, also lebendig, dieser ist +was er ist, also tot. Dieses Naturgesetz hat auch an der römischen absoluten +Militärmonarchie sich bewährt und nur um so vollständiger sich bewährt, als +sie, unter dem genialen Impuls ihres Schöpfers und bei der Abwesenheit aller +wesentlichen Verwicklungen mit dem Ausland, sich reiner und freier als +irgendein ähnlicher Staat gestaltet hat. Von Caesar an hielt, wie die späteren +Bücher dies darlegen werden und Gibbon längst es dargelegt hat, das römische +Wesen nur noch äußerlich zusammen und ward nur mechanisch erweitert, während es +innerlich eben mit ihm völlig vertrocknete und abstarb. Wenn in den Anfängen +der Autokratie und vor allem in Caesars eigener Seele noch der hoffnungsreiche +Traum einer Vereinigung freier Volksentwicklung und absoluter Herrschaft +waltet, so hat schon das Regiment der hochbegabten Kaiser des Julianischen +Geschlechts in schrecklicher Weise gelehrt, inwiefern es möglich ist, Feuer und +Wasser in dasselbe Gefäß zu fassen. Caesars Werk war notwendig und heilsam, +nicht weil es an sich Segen brachte oder auch nur bringen konnte, sondern weil, +bei der antiken, auf Sklavenrum gebauten, von der +republikanisch-konstitutionellen Vertretung völlig abgewandten +Volksorganisation und gegenüber der legitimen, in der Entwicklung eines halben +Jahrtausends zum oligarchischen Absolutismus herangereiften Stadtverfassung, +die absolute Militärmonarchie der logisch notwendige Schlußstein und das +geringste Übel war. Wenn einmal in Virginien und den Carolinas die +Sklavenhalteraristokratie es so weit gebracht haben wird wie ihre +Wahlverwandten in dem sullanischen Rom, so wird dort auch der Caesarismus vor +dem Geist der Geschichte legitimiert sein ^4; wo er unter andern +Entwicklungsverhältnissen auftritt, ist er zugleich eine Fratze und eine +Usurpation. Die Geschichte aber wird sich nicht bescheiden, dem rechten Caesar +deshalb die Ehre zu verkürzen, weil ein solcher Wahlspruch den schlechten +Caesaren gegenüber die Einfalt irren und der Bosheit zu Lug und Trug +Gelegenheit geben kann. Sie ist auch eine Bibel, und wenn sie so wenig wie +diese, weder dem Toren es wehren kann sie mißzuverstehen, noch dem Teufel sie +zu zitieren, so wird auch sie imstande sein, beides zu ertragen wie zu +vergiften. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +^4 Als dies geschrieben wurde, im Jahre 1857, konnte man noch nicht wissen, wie +bald durch den gewaltigsten Kampf und den herrlichsten Sieg, den die Geschichte +des Menschengeschlechts bisher verzeichnet hat, demselben diese furchtbare +Probe erspart und dessen Zukunft der unbedingten, durch keinen fokalen +Cäsarismus auf dir Dauer zu hemmenden sich selbst beherrschenden Freiheit +gesichert werden sollte. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +Die Stellung des neuen Staatsoberhaupts erscheint formell, zunächst wenigstens, +als Diktatur. Caesar übernahm dieselbe zuerst nach der Rückkehr aus Spanien im +Jahre 705 (49), legte sie aber nach wenigen Tagen wieder nieder und führte den +entscheidenden Feldzug des Jahres 706 (48) lediglich als Konsul - es war dies +das Amt, über dessen Bekleidung zunächst der Bürgerkrieg ausgebrochen war. Aber +im Herbst dieses Jahres, nach der Pharsalischen Schlacht, kam er wieder auf die +Diktatur zurück und ließ sich dieselbe abermals übertragen, zuerst auf +unbestimmte Zeit, jedoch vom 1. Januar 709 (45) an als Jahresamt, alsdann im +Januar oder Februar 710 ^5 (44) auf die Dauer seines Lebens, so daß er die +früher vorbehaltene Niederlegung des Amtes schließlich ausdrücklich fallen ließ +und der Lebenslänglichkeit des Amtes in dem neuen Titel dictator perpetuus +formellen Ausdruck gab. Diese Diktatur, sowohl jene erste ephemere wie die +zweite dauernde, ist nicht die der alten Verfassung, sondern das nur in dem +Namen mit dieser zusammentreffende höchste Ausnahmeamt nach der Ordnung Sullas; +ein Amt, dessen Kompetenz nicht durch die verfassungsmäßigen Ordnungen über das +höchste Einzelamt, sondern durch besonderen Volksschluß festgestellt ward und +zwar dahin, daß der Inhaber in dem Auftrag, Gesetze zu entwerfen und das +Gemeinwesen zu ordnen, eine rechtlich unumschränkte, die republikanische +Teilung der Gewalten aufhebende Amtsbefugnis empfing. Es sind nur Anwendungen +von dieser allgemeinen Befugnis auf den einzelnen Fall, wenn dem Machthaber das +Recht ohne Befragen des Senats und des Volkes über Krieg und Frieden zu +entscheiden, die selbständige Verfügung über Heere und Kassen, die Ernennung +der Provinzialstatthalter nach durch besondere Akte übertragen wurden. Selbst +solche Befugnisse, welche außerhalb der magistratischen, ja außerhalb der +Kompetenz der Staatsgewalten überhaupt lagen, konnte Caesar hiernach von Rechts +wegen sich beilegen; und es erscheint fast als eine Konzession seinerseits, daß +er darauf verzichtete, die Magistrate anstatt der Komitien zu ernennen, und +sich darauf beschränkte, für einen Teil der Prätoren und der niederen +Magistrate ein bindendes Vorschlagsrecht in Anspruch zu nehmen; daß er sich +ferner zu der nach dem Herkommen überhaupt nicht statthaften Kreierung von +Patriziern noch durch besonderen Volksschluß ermächtigen ließ. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +^5 Am 26. Januar 710 ;44) heißt Caesar noch dictator IIII (Triumphaltafel); am +25. Februar des Jahres war er bereits dictator perpetuus (Cic. Phil. 2, 34, +87). Vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl.. S. 726. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +Für andere Ämter im eigentlichen Sinn bleibt neben dieser Diktatur kein Raum. +Die Zensur als solche hat Caesar nicht übernommen ^6, wohl aber die +zensorischen Rechte, namentlich das wichtige der Senatorenernennung in +umfassender Weise geübt. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^6 Die Formulierung jener Diktatur scheint die “Sittenbesserung” +ausdrücklich mithervorgehoben zu haben; aber ein eigenes Amt derart hat Caesar +nicht bekleidet (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 705). +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +Das Konsulat hat er häufig neben der Diktatur, einmal auch ohne Kollegen +bekleidet, aber keineswegs dauernd an seine Person geknüpft und den +Aufforderungen, dasselbe auf fünf oder gar auf zehn Jahre nacheinander zu +übernehmen, keine Folge gegeben. +</p> + +<p> +Die Oberaufsicht über den Kult brauchte Caesar nicht erst sich übertragen zu +lassen, da er bereits Oberpontifex war. Es versteht sich, daß auch die +Mitgliedschaft des Augurnkollegiums ihm zuteil ward und überhaupt alte und neue +Ehrenrechte in Fülle, wie der Titel eines Vaters des Vaterlandes, die Benennung +seines Geburtsmonats mit dem Namen, den er nach heute führt, des Julius, und +andere, zuletzt in platte Vergötterung sich verlaufende Manifestationen des +beginnenden Hoftons. Hervorgehoben zu werden verdienen nur zwei Einrichtungen: +daß Caesar den Tribunen des Volkes namentlich in ihrer besonderen persönlichen +Unverletzlichkeit gleichgestellt und daß die Imperatorenbenennung dauernd an +seine Person geknüpft und neben den sonstigen Amtsbezeichnungen von ihm als +Titel geführt ward ^7. +</p> + +<p> +————————————————————————————————— +</p> + +<p> +^7 Caesar führt die Bezeichnung Imperator immer ohne Iterationsziffer und immer +hinter dem Namen an erster Stelle (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. +767, A. 1). +</p> + +<p> +————————————————————————————————— +</p> + +<p> +Für den Verständigen wird es weder dafür eines Beweises bedürfen, daß Caesar +beabsichtigte, die höchste Gewalt dem Gemeinwesen einzufügen, und zwar nicht +nur auf einige Jahre oder auch als persönliches Amt auf unbestimmte Zeit, etwa +wie Sullas Regentschaft, sondern als wesentliches und bleibendes Organ, noch +auch dafür, daß er für die neue Institution eine entsprechende und einfache +Bezeichnung ausersah; denn wenn es ein politischer Fehler ist, inhaltlose Namen +zu schaffen, so ist es kaum ein geringerer, den Inhalt der Machtfülle ohne +Namen hinzustellen. Nur ist es freilich, teils weil in dieser Übergangszeit die +ephemeren und die bleibenden Bauten sich noch nicht klar voneinander sondern, +teils weil die dem Winke bereits zuvorkommende Devotion der Klienten den Herrn +mit einer ohne Zweifel ihm selbst widerwärtigen Fülle von Vertrauensdekreten +und Ehrengesetzen überschüttete, nicht leicht festzustellen, welche definitive +Formulierung Caesar im Sinne gehabt hat. Am wenigsten konnte die neue Monarchie +an das Konsulat anknüpfen, schon wegen der von diesem Amt nicht wohl zu +trennenden Kollegialität, es hat auch Caesar offenbar darauf hingearbeitet, +dieses bisher höchste Amt zum leeren Titel herabzusetzen und späterhin, wenn er +es übernahm, dasselbe nicht das ganze Jahr hindurch geführt, sondern vor dem +Ablauf an Personen zweiten Ranges abgegeben. Die Diktatur tritt praktisch am +häufigsten und bestimmtesten hervor, aber wahrscheinlich nur, weil Caesar sie +als das benutzen wollte, was sie von alters her im Verfassungsorganismus +bedeutet hatte, als außerordentliche Vorstandschaft zur Überwindung +außerordentlicher Krisen. Als Trägerin der neuen Monarchie dagegen empfahl sie +sich wenig, da Exzeptionalität und Unpopularität diesem Amte einmal anhafteten +und es dem Vertreter der Demokratie kaum zugetraut werden kann, diejenige Form, +die der genialste Vorfechter der Gegenpartei für seine Zwecke geschaffen hatte, +für die dauernde Organisation zu wählen. Bei weitem geeigneter für die +Formulierung der Monarchie erscheint der neue Imperatorenname, schon darum, +weil er in dieser Verwendung ^8 neu ist und kein bestimmter äußerer Anlaß zur +Einführung desselben erhellt. Der neue Wein durfte nicht in alte Schläuche +gefüllt werden: hier ist zu der neuen Sache der neue Name und in demselben in +prägnantester Weise zusammengefaßt, was schon in dem Gabinischen Gesetz, nur +mit minderer Schärfe, die demokratische Partei als Kompetenz ihres Oberhauptes +formuliert hatte: die Konzentrierung und Perpetuierung der Amtsgewalt +(imperium) in der Hand eines vom Senat unabhängigen Volkshauptes. Auch begegnet +auf Caesars Münzen, namentlich auf denen der letzten Zeit, neben der Diktatur +vorwiegend der Imperatorentitel und scheint in Caesars Gesetz über politische +Verbrechen der Monarch mit diesem Ausdruck bezeichnet worden zu sein. Es hat +denn auch die Folgezeit, wenngleich nicht unmittelbar, die Monarchie an den +Imperatornamen geknüpft. Um diesem neuen Amt zugleich die demokratische und die +religiöse Weihe zu verleihen, beabsichtigte Caesar wahrscheinlich, mit +demselben teils die tribunizische Gewalt, teils das Oberpontifikat ein für +allemal zu verknüpfen. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +^8 In republikanischer Zeit wird der Imperatorname, der den siegreichen +Feldherrn bezeichnet, abgelegt mit dem Ende des Feldzugs; als dauernde +Titulatur erscheint er bei Caesar zuerst. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Daß die neue Organisation nicht bloß auf die Lebenszeit ihres Stifters +beschränkt bleiben sollte, ist unzweifelhaft; aber derselbe ist nicht dazu +gelangt, die vor allem schwierige Frage der Nachfolge zu erledigen, und es muß +dahingestellt bleiben, ob er die Aufstellung irgendeiner Form für die +Nachfolgerwahl im Sinn gehabt hat, wie sie bei dem ursprünglichen Königtum +bestanden hatte, oder ob er für das höchste Amt wie die Lebenslänglichkeit, so +auch die Erblichkeit hat einführen wollen, wie dies sein Adoptivsohn späterhin +behauptet hat ^9. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er die Absicht gehabt hat, +beide Systeme gewissermaßen miteinander zu verbinden und die Nachfolge, ähnlich +wie Cromwell und wie Napoleon, in der Weise zu ordnen, daß dem Herrscher der +Sohn in der Herrschaft nachfolgt, wenn er aber keinen Sohn hat oder der Sohn +ihm nicht zur Nachfolge geeignet scheint, der Herrscher in der Form der +Adoption den Nachfolger nach freier Wahl ernennt. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +^9 Daß bei Caesars Lebzeiten das Imperium sowohl wie das Oberpontifikat für +seine agnatische - leibliche oder durch Adoption vermittelte - Deszendenz durch +einen förmlichen legislatorischen Akt erblich gemacht worden ist, hat Caesar +der Sohn als seinen Rechtstitel zur Herrschaft geltend gemacht. Nach der +Beschaffenheit unserer Überlieferung muß die Existenz eines derartigen Gesetzes +oder Senatsbeschlusses entschieden in Abrede gestellt werden; es bleibt aber +wohl möglich, daß Caesar die Erlassung eines solchen beabsichtigt hat. Vgl. +Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 767, 1106. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +Staatsrechtlich lehnte das neue Imperatorenamt sich an an die Stellung, welche +die Konsuln oder Prokonsuln außerhalb der Bannmeile einnahmen, so daß zunächst +das militärische Kommando, daneben aber auch die höchste richterliche und +folgeweise auch die administrative Gewalt darin enthalten war ^10. Insofern +aber war die Gewalt des Imperators qualitativ der +konsularisch-prokonsularischen überlegen, als jene nicht nach Zeit und Raum +begrenzt, sondern lebenslänglich und auch in der Hauptstadt wirksam war ^11, +als der Imperator nicht, wohl aber der Konsul, durch gleich mächtige Kollegen +gehemmt werden konnte und als alle im Laufe der Zeit der ursprünglicher. +höchsten Amtsgewalt gesetzten Beschränkungen, namentlich die Verpflichtung der +Provokation stattzugeben und die Ratschläge des Senats zu beachten, für den +Imperator wegfielen. Um es mit einem Worte zu sagen: dies neue Imperatorenamt +war nichts anderes als das wiederhergestellte uralte Königtum; denn ebenjene +Beschränkungen in der zeitlichen und örtlichen Begrenzung der Gewalt, in der +Kollegialität und der für gewisse Fälle notwendigen Mitwirkung des Rats oder +der Gemeinde waren es ja, die den Konsul vom König unterschieden. Es ist kaum +ein Zug der neuen Monarchie, der nicht in der alten sich wiederfände: die +Vereinigung der höchsten militärischen, richterlichen und administrativen +Gewalt in der Hand des Fürsten; eine religiöse Vorstandschaft über das +Gemeinwesen; das Recht, Verordnungen mit bindender Kraft zu erlassen; die +Herabdrückung des Senats zum Staatsrat; die Wiedererweckung des Patriziats und +der Stadtpräfektur. Aber schlagender noch als diese Analogien ist die innere +Gleichartigkeit der Monarchie des Servius Tullius und der Monarchie Caesars: +wenn jene alten Könige vor. Rom bei all ihrer Vollgewalt doch Herrn einer +freien Gemeinde und eben sie die Schutzmänner des gemeinen Mannes gegen den +Adel gewesen waren, so war auch Caesar nicht gekommen, um die Freiheit +aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen, und zunächst, um das unerträgliche Joch +der Aristokratie zu brechen. Es darf auch nicht befremden, daß Caesar, nichts +weniger als ein politischer Antiquarius, ein halbes Jahrtausend zurückgriff, um +zu seinem neuen Staat das Muster zu finden; denn da das höchste Amt des +römischen Gemeinwesens zu allen Zeiten ein durch eine Anzahl Spezialgesetze +eingeschränktes Königtum geblieben war, war auch der Begriff des Königtums +selbst keineswegs verschollen. Zu den verschiedensten Zeiten und von sehr +verschiedenen Seiten her, in der Dezemviralgewalt, in der Sullanischen und in +seiner eigenen Diktatur, war man während der Republik praktisch auf denselben +zurückgekommen; ja mit einer gewissen logischen Notwendigkeit trat überall, wo +das Bedürfnis einer Ausnahmegewalt .sich zeigte, im Gegensatz gegen das +gewöhnliche beschränkte das unbeschränkte Imperium hervor, welches eben nichts +anderes war als die königliche Gewalt. Endlich empfahlen auch äußere +Rücksichten dies Zurückgehen auf das ehemalige Königtum. Die Menschheit gelangt +zu Neuschöpfungen unsäglich schwer und hegt darum die einmal entwickelten +Formen als ein heiliges Erbstück. Darum knüpfte Caesar mit gutem Bedacht an +Servius Tullius in ähnlicher Weise an, wie später Karl der Große an ihn +angeknüpft hat und Napoleon an Karl den Großen wenigstens anzuknüpfen +versuchte. Er tat dies auch nicht etwa auf Umwegen und heimlich, sondern so gut +wie seine Nachfahren in möglichst offenkundiger Weise; es war ja eben der Zweck +dieser Anknüpfung, eine klare, nationale und populäre Formulierung für den +neuen Staat zu finden. Seit alter Zeit standen auf dem Kapitol die Standbilder +derjenigen sieben Könige, welche die konventionelle Geschichte Roms aufzuführen +pflegte; Caesar befahl, daneben das seinige als das achte zu errichten. Er +erschien öffentlich in der Tracht der alten Könige von Alba. In seinem neuen +Gesetz über politische Verbrechen war die hauptsächlichste Abweichung von dem +Sullanischen die, daß neben die Volksgemeinde und auf eine Linie mit ihr der +Imperator als der lebendige und persönliche Ausdruck des Volkes gestellt ward. +In der für die politischen Eide üblichen Formel ward zu dem Jovis und den +Penaten des römischen Volkes der Genius des Imperator hinzugefügt. Das äußere +Kennzeichen der Monarchie war nach der im ganzen Altertum verbreiteten Ansicht +das Bild des Monarchen auf den Münzen: seit dem Jahre 710 (44) erscheint auf +denen des römischen Staats der Kopf Caesars. Man konnte hiernach wenigstens +darüber sich nicht beschweren, daß Caesar das Publikum über die Auffassung +seiner Stellung im dunkeln ließ; so bestimmt und so förmlich wie möglich trat +er auf, nicht bloß als Monarch, sondern eben als König von Rom. Möglich ist es +sogar, obwohl nicht gerade wahrscheinlich und auf jeden Fall von +untergeordneter Bedeutung, daß er im Sinne gehabt hat, seine Amtsgewalt nicht +mit dem neuen Imperatoren-, sondern geradezu mit dem alten Königsnamen zu +bezeichnen ^12. Schon bei seinen Lebzeiten waren viele seiner Feinde wie seine +Freunde der Ansicht, daß er beabsichtige, sich ausdrücklich zum König von Rom +ernennen zu lassen; ja einzelne seiner leidenschaftlichsten Anhänger legten ihm +die Aufsetzung der Krone auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten +nahe; am auffallendsten Marcus Antonius, indem er als Konsul vor allem Volke +Caesar das Diadem darbot (15. Februar 710 44). Caesar aber wies diese Anträge +ohne Ausnahme von der Hand. Wenn er zugleich gegen diejenigen einschritt, die +diese Vorfälle benutzten, um republikanische Opposition zu machen, so folgt +daraus noch keineswegs, daß es ihm mit der Zurückweisung nicht Ernst war. Die +Annahme nun gar, daß diese Aufforderungen auf sein Geheiß erfolgt seien, um die +Menge auf das ungewohnte Schauspiel des römischen Diadems vorzubereiten, +verkennt völlig die gewaltige Macht der Gesinnungsopposition, mit welcher +Caesar zu rechnen hatte und die durch eine solche öffentliche Anerkennung ihrer +Berechtigung von Seiten Caesars selbst nicht nachgiebiger werden konnte, +vielmehr notwendig dadurch weiteren Boden gewann. Es kann der unberufene Eifer +leidenschaftlicher Anhänger allein diese Auftritte veranlaßt haben; es kann +auch sein, daß Caesar die Szene mit Antonius nur zuließ oder auch +veranstaltete, um durch die vor den Augen der Bürgerschaft erfolgte und auf +seinen Befehl selbst in die Kalender des Staats eingetragene, in der Tat nicht +wohl wieder zurückzunehmende Ablehnung des Königstitels dem unbequemen Klatsch +auf möglichst eklatante Weise ein Ende zu machen. Die Wahrscheinlichkeit +spricht dafür, daß Caesar, der den Wert einer geläufigen Formulierung ebenso +würdigte wie die mehr an die Namen als an das Wesen der Dinge sich heftenden +Antipathien der Menge, entschlossen war, den mit uraltem Bannfluch behafteten +und den Römern seiner Zeit mehr noch für die Despoten des Orients als für ihren +Numa und Servius geläufigen Königsnamen zu vermeiden und das Wesen des +Königtums unter dem Imperatorentitel sich anzueignen. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +^10 Die verbreitete Meinung, die in dem kaiserlichen Imperatorenamt nichts als +die lebenslängliche Reichsfeldherrnwürde sieht, wird weder durch die Bedeutung +des Wortes noch durch die Auffassung der alten Berichterstatter gerechtfertigt. +Imperium ist die Befehlsgewalt, imperator der Inhaber derselben; in diesen +Worten wie in den entsprechenden griechischen Ausdrucken κράτωρ, αυτοκράτωρ +liegt so wenig eine spezifisch militärische Beziehung, daß es vielmehr eben das +Charakteristische der römischen Amtsgewalt ist, wo sie rein und vollständig +auftritt, Krieg und Prozeß, das ist die militärische und die bürgerliche +Befehlsgewalt, als ein untrennbares Ganze in sich zu enthalten. Ganz richtig +sagt Dio Cassius (53, 17, vgl. 43, 44; 52, 41), daß der Name Imperator von den +Kaisern angenommen ward “zur Anzeige ihrer Vollgewalt anstatt des Königs- +und Diktaturtitels (πρός δήλωσιν τής αυτοτελούς σφών εξουσίας, αντί τής τού +βασιλέως τού τε δικτάτωρος επικλήσεως); denn diese älteren Titel sind dem Namen +nach verschwunden, der Sache nach aber gibt der Imperatorname dieselben +Befugnisse (τό δέ δή έργον αυτών τή τού αυτοκράτωρος προςηγορία βεβαισύνται), +zum Beispiel das Recht, Soldaten auszuheben, Steuern; auszuschreiben, Krieg zu +erklären und Frieden zu schließen, über Bürger und Nichtbürger in und außer der +Stadt die höchste Gewalt zu üben und jeden an jedem Orte am Leben oder sonst zu +strafen., überhaupt der mit dem höchsten Imperium in ältester Zeit verbundenen +Befugnisse sich anzumaßen”. Deutlicher kann es wohl nicht gesagt werden, +daß imperator eben gar nichts ist als ein Synonym für rex, so gut wie imperare +mit regere zusammenfällt. +</p> + +<p> +^11 Als Augustus bei Konstituierung des Prinzipats das Caesarische Imperium +wiederaufnahm, geschah dies mit der Beschränkung, daß es räumlich und in +gewissem Sinn auch zeitlich begrenzt sein solle; die prokonsularische Gewalt +der Kaiser, welche nichts ist als ebendies Imperium, sollte für Rom und Italien +nicht zur Anwendung kommen (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3, Aufl., S. 854j. +Auf diesem Moment ruht der wesentliche Unterschied des Caesarischen Imperiums +und des Augustfischen Prinzipats, sowie andererseits auf der schon prinzipiell +und mehr noch praktisch unvollständigen Verwirklichung jener Schranke die reale +Gleichheit beider Institutionen. +</p> + +<p> +^12 Über diese Frage läßt sich streiten; dagegen muß die Annahme, daß es +Caesars Absicht gewesen, die Römer als Imperator, die Nichtrömer als Rex zu +beherrschen, einfach verworfen werden. Sie stützt sich einzig auf die +Erzählung, daß in der Senatssitzung, in welcher Caesar ermordet ward, von einem +der Orakelpriester Lucius Cotta ein Sibyllenspruch, wonach die Parther nur von +einem “König” könnten überwunden werden, habe vorgelegt und +infolgedessen der Beschluß gefaßt werden sollen, Caesar das Königtum über die +römischen Provinzen zu übertragen. Diese Erzählung war allerdings schon +unmittelbar nach Caesars Tod in Umlauf. Allein nicht bloß findet sie nirgends +irgendwelche auch nur mittelbare Bestätigung, sondern sie wird von dem +Zeitgenossen Cicero (div. 2, 54, 119) sogar ausdrücklich für falsch erklärt und +von den späteren Geschichtschreibern, namentlich von Sueton (79) und Dio (44, +15) nur als ein Gerücht berichtet, das sie weit entfernt sind, verbürgen zu +wollen; und sie wird denn auch dadurch nicht besser beglaubigt, daß Plutarch +(Caes. 60, 64; Brut. 10) und Appian (civ. 2, 110) ihrer Gewohnheit gemäß jener +anekdotenhaft, dieser pragmatisierend, sie wiederholen. Es ist diese Erzählung +aber nicht bloß unbezeugt, sondern auch innerlich unmöglich. Wenn man auch +davon absehen will, daß Caesar zu viel Geist und zu viel politischen Takt +hatte, um nach Oligarchenart wichtige Staatsfragen durch einen Schlag mit der +Orakelmaschine zu entscheiden, so konnte er doch nimmermehr daran denken, den +Staat, den er nivellieren wollte, also förmlich und rechtlich zu spalten. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Indes wie auch die definitive Titulatur gedacht gewesen sein mag, der Herr war +da, und sogleich richtete denn auch der Hof in obligatem Pomp und obligater +Geschmacklosigkeit und Leerheft sich ein. Caesar erschien öffentlich statt in +dem mit Purpurstreifen verbrämten Gewande der Konsuln in dem ganzpurpurnen, das +im Altertum als das Königskleid galt, und empfing, auf seinem Goldsessel +sitzend, ohne sich von demselben zu erheben, den feierlichen Zug des Senats. +Die Geburtstags-, Sieges- und Gelübdefeste zu seinen Ehren füllten den +Kalender. Wenn Caesar nach der Hauptstadt kam, zogen die vornehmsten seiner +Diener scharenweise auf weite Strecken ihm entgegen ihn einzuholen. Ihm nahe zu +sein fing an so viel zu bedeuten, daß die Mietpreise in dem von ihm bewohnten +Stadtviertel in die Höhe gingen. Durch die Menge der zur Audienz sich +drängenden Personen ward die persönliche Verhandlung mit ihm so erschwert, daß +Caesar sogar mit seinen Vertrauten vielfach schriftlich zu verkehren sich +genötigt sah und daß auch die Vornehmsten stundenlang im Vorzimmer zu warten +hatten. Man empfand es, deutlicher als es Caesar selber lieb war, daß man nicht +mehr zu einem Mitbürger kam. Es entstand ein monarchischer Adel, welcher in +merkwürdiger Weise zugleich neu und alt war und aus dem Gedanken entsprang, den +Adel der Oligarchie durch den des Königtums, die Nobilität durch das Patriziat +in Schatten zu stellen. Noch immer bestand die Patrizierschaft, wenngleich ohne +wesentliche ständische Vorrechte, doch als geschlossene Junkergilde fort; aber +da sie keine neuen Geschlechter aufnehmen konnte, war sie im Laufe der +Jahrhunderte mehr und mehr zusammengestorben: nicht mehr als fünfzehn bis +sechzehn Patriziergeschlechter waren zu Caesars Zeit noch vorhanden. Indem +Caesar, selber einem derselben entsprossen, das Recht, neue patrizische +Geschlechter zu kreieren, durch Volksbeschluß dem Imperator erteilen ließ, +gründete er, im Gegensatz zu der republikanischen Nobilität, den neuen Adel des +Patriziats, der alle Erfordernisse eines monarchischen Adels: altersgrauen +Zauber, vollständige Abhängigkeit von der Regierung und gänzliche +Bedeutungslosigkeit auf das glücklichste vereinigte. Nach allen Seiten hin +offenbarte sich das neue Herrenrum. +</p> + +<p> +Unter einem also tatsächlich unumschränkten Monarchen konnte kaum von einer +Verfassung die Rede sein, geschweige denn von denn Fortbestand des bisherigen, +auf dem gesetzlichen Zusammenwirken der Bürgerschaft, des Senats und der +einzelner. Beamten beruhenden Gemeinwesens. Mit voller Bestimmtheit ging Caesar +zurück auf die Überlieferung der Königszeit: die Bürgerschaftsversammlung +blieb, was sie schon in der Königszeit gewesen war, neben und mit dem König der +höchste und letzte Ausdruck des souveränen Volkswillens; der Senat ward wieder +auf seine ursprüngliche Bestimmung zurückgeführt, dem Herrn auf dessen +Verlangen Rat zu erteilen; der Herrscher endlich konzentrierte in seiner Person +aufs neue die gesamte Beamtengewalt, so daß es einen anderen selbständigen +Staatsbeamten neben ihm so wenig gab wie neben den Königen der ältesten Zeit. +</p> + +<p> +Für die Gesetzgebung hielt der demokratische Monarch fest an dem uralten Satz +des römischen Staatsrechts, daß nur die Volksgemeinde in Gemeinschaft mit dem +sie berufenden König vermögend sei, das Gemeinwesen organisch zu regulieren, +und sanktionierte seine konstitutiven Verfügungen regelmäßig durch Volksschluß. +Die freie Kraft und die sittlich-staatliche Autorität, die das Ja oder Nein +jener alten Wehrmannschaften in sich getragen hatte, ließ sich freilich den +sogenannten Komitien dieser Zeit nicht wiedereinflößen; die Mitwirkung der +Bürgerschaft bei der Gesetzgebung, die in der alten Verfassung höchst +beschränkt, aber wirklich und lebendig gewesen war, war in der neuen in +praktischer Hinsicht ein wesenloser Schatten. Besonderer beschränkender +Maßregeln gegen die Komitien bedurfte es darum auch nicht; eine vieljährige +Erfahrung hatte gezeigt, daß mit diesem formellen Souverän jede Regierung, die +Oligarchie wie der Monarch, bequem auskam. Nur insofern, als diese Caesarischen +Komitien dazu dienten, die Volkssouveränität prinzipiell festzuhalten und +energisch gegen den Sultanismus zu protestieren, waren sie ein wichtiges Moment +in dem Caesarischen System und mittelbar von praktischer Bedeutung. +</p> + +<p> +Daneben aber wurde, wie nicht bloß an sich klar, sondern auch bestimmt bezeugt +ist, schon von Caesar selbst und nicht erst von seinen Nachfolgern auch der +andere Satz des ältesten Staatsrechts wieder aufgenommen, daß, was der höchste +oder vielmehr einzige Beamte befiehlt, unbedingt Gültigkeit hat, solange er im +Amte bleibt, und die Gesetzgebung zwar nur dem König und der Bürgerschaft +gemeinschaftlich zukommt, die königliche Verordnung aber, wenigstens bis zum +Abgang ihres Urhebers, dem Gesetz gleichsteht. +</p> + +<p> +Wenn der Demokratenkönig also der Volksgemeinde wenigstens einen formellen +Anteil an der Souveränität zugestand, so war es dagegen keineswegs seine +Absicht, mit der bisherigen Regierung, dem Senatorenkollegium, die Gewalt zu +teilen. Caesars Senat sollte - ganz anders als der spätere Augusteische - +nichts sein als ein höchster Reichsrat, den er benutzte, um die Gesetze mit ihm +vorzuberaten und die wichtigeren administrativer. Verfügungen durch ihn oder +wenigstens unter seinem Namen zu erlassen, denn es kam freilich auch vor, daß +Senatsbeschlüsse ergingen, von denen selbst von den als bei der Redaktion +gegenwärtig aufgeführten Senatoren keiner eine Ahnung hatte. Es hatte keine +wesentlichen Formschwierigkeiten, den Senat wieder auf seine ursprüngliche +beratende Stellung zurückzuführen, aus der er mehr tatsächlich als rechtlich +herausgetreten war; dagegen war es hier notwendig, sich vor praktischem +Widerstand zu schützen, da der römische Senat ebenso der Herd der Opposition +gegen Caesar war wie der attische Areopag derjenige gegen Perikles. +Hauptsächlich aus diesem Grunde wurde die Zahl der Senatoren, die bisher +höchstens sechshundert im Normalbestand betragen hatte und durch die letzten +Krisen stark zusammengeschwunden war, durch außerordentliche Ergänzung bis auf +neunhundert gebracht und zugleich, um sie mindestens auf dieser Höhe zu halten, +die Zahl der jährlich zu ernennenden Quästoren, das heißt der jährlich in den +Senat eintretenden Mitglieder, von zwanzig auf vierzig erhöht ^13. Die +außerordentliche Ergänzung des Senats nahm der Monarch allein vor. Bei der +ordentlichen sicherte er einen dauernden Einfluß sich dadurch, daß die +Wahlkollegien durch Gesetz ^14 verpflichtet wurden, den ersten zwanzig vom +Monarchen mit Empfehlungsschreiben versehenen Bewerbern um die Quästur ihre +Stimmen zu geben; überdies stand es der Krone frei, die an die Quästur oder ein +derselben übergeordnetes Amt geknüpften Ehrenrechte, also namentlich den Sitz +im Senat, ausnahmsweise auch an nichtqualifizierte Individuen zu vergeben. Die +außerordentlichen Ergänzungswahlen fielen natürlich wesentlich auf Anhänger der +neuen Ordnung der Dinge und brachten neben angesehenen Rittern auch manche +zweifelhafte und plebejische Individuen in die hohe Korporation: ehemalige, +durch den Zensor oder infolge eines Richterspruchs von der Liste gestrichene +Senatoren, Ausländer aus Spanien und Gallien, welche zum Teil erst im Senat ihr +Lateinisch zu lernen hatten, gewesene Unteroffiziere, die bisher nicht einmal +den Ritterring gehabt, Söhne von freigelassenen Leuten oder von solchen, die +unehrenhafte Gewerbe betrieben, und dergleichen Elemente mehr. Die exklusiven +Kreise der Nobilität, denen diese Umgestaltung des senatorischen Personals +natürlich zum bittersten Ärger gereichte, sahen darin eine absichtliche +Herabwürdigung der Institution des Senats selbst. Einer solchen sich selber +vernichtenden Staatskunst war Caesar nicht fähig; er war ebenso entschlossen, +sich nicht von seinem Rat regieren zu lassen, als überzeugt von der +Notwendigkeit des Instituts an sich. Richtiger hätten sie in diesem Verfahren +die Absicht des Monarchen erkannt, dem Senat seinen bisherigen Charakter der +ausschließlichen Repräsentation des oligarchischen Adels zu nehmen und ihn +wieder zu dem zu machen, was er in der Königszeit gewesen war: zu einem alle +Klassen der Staatsangehörigen durch ihre intelligentesten Elemente vertretenden +und auch den niedrig geborenen und selbst den fremden Mann nicht mit +Notwendigkeit ausschließenden Reichsrat - gerade wie jene ältesten Könige +Nichtbürger, zog Caesar Nichtitaliker in seinen Senat. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +^13 Nach der früher angenommenen Wahrscheinlichkeitsrechnung würde dies eine +durchschnittliche Gesamtzahl von 1000-1200 Senatoren ergeben. +</p> + +<p> +^14 Dasselbe bezog sich allerdings nur auf die Wahlen für das Jahr 711 (43) und +712 (42) (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 730); aber gewiß sollte +die Einrichtung bleibend werden. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Wenn hiermit das Regiment der Nobilität beseitigt und ihre Existenz +untergraben, der Senat in seiner neuen Gestalt aber nichts als ein Werkzeug des +Monarchen war, so wurde zugleich in der Verwaltung und Regierung des Staats die +Autokratie in der schärfsten Weise durchgeführt und die gesamte Exekutive in +der Hand des Monarchen vereinigt. Vor allen Dingen entschied natürlich in jeder +irgend wesentlichen Frage der Imperator in eigener Person. Caesar hat es +vermocht, das persönliche Regiment in einer Ausdehnung durchzuführen, die für +uns geringe Menschen kaum faßlich ist und die doch nicht allein aus der +beispiellosen Raschheit und Sicherheit seines Arbeitens sich erklärt, sondern +außerdem noch begründet ist in einer allgemeineren Ursache. Wenn wir Caesar, +Sulla, Gaius Gracchus, überhaupt die römischen Staatsmänner durchweg eine +unsere Vorstellungen von menschlicher Arbeitskraft übersteigende Tätigkeit +entwickeln sehen, so liegt die Ursache nicht in der seit jener Zeit veränderten +Menschennatur, sondern in der seit jener Zeit veränderten Organisation des +Hauswesens. Das römische Haus war eine Maschine, in der dem Herrn auch die +geistigen Kräfte seiner Sklaven und Freigelassenen zuwuchsen; ein Herr, der +diese zu regieren verstand, arbeitete gleichsam mit unzähligen Geistern. Es war +das Ideal bürokratischer Zentralisation, dem unser Kontorwesen zwar mit Eifer +nachstrebt, aber doch hinter dem Urbild ebenso weit zurückbleibt wie die +heutige Kapitalherrschaft hinter dem antiken Sklavensystem. Caesar verstand +diesen Vorteil zu nutzen: wo ein Posten besonderes Vertrauen in Anspruch nimmt, +sehen wir grundsätzlich, soweit irgend andere Rücksichten es gestatten, ihn +denselben mit seinen Sklaven, Freigelassenen, niedrig geborenen Klienten +besetzen. Seine Werke im ganzen zeigen, was ein organisierendes Genie wie das +seinige mit einem solchen Werkzeug auszurichten vermochte; auf die Frage, wie +im einzelnen diese wunderbaren Leistungen durchgeführt wurden, haben wir keine +hinreichende Antwort - die Bürokratie gleicht der Fabrik auch darin, daß das +geschaffene Werk nicht als das des einzelnen erscheint, der es gearbeitet hat, +sondern als das der Fabrik, die es stempelt. Nur das ist vollkommen klar, daß +Caesar durchaus keinen Gehilfen bei seinem Werke gehabt hat, der von +persönlichem Einfluß auf dasselbe oder auch nur in den ganzen Plan eingeweiht +gewesen wäre; er war nicht nur allein Meister, sondern er arbeitete auch ohne +Gesellen, nur mit Handlangern. +</p> + +<p> +Im einzelnen versteht sich von selbst, daß in den eigentlich politischen +Angelegenheiten Caesar soweit irgend möglich jede Stellvertretung vermied. Wo +sie unumgänglich war, wie denn Caesar namentlich während seiner häufigen +Abwesenheit von Rom eines höheren Organs daselbst durchaus bedurfte, wurde in +bezeichnender Weise hierzu nicht der legale Stellvertreter des Monarchen, der +Stadtpräfekt, bestimmt, sondern ein Vertrauensmann ohne offiziell anerkannte +Kompetenz, gewöhnlich Caesars Bankier, der kluge und geschmeidige phönikische +Kaufmann Lucius Cornelius Balbus aus Gades. In der Verwaltung war Caesar vor +allem darauf bedacht, die Schlüssel der Staatskasse, die der Senat nach dem +Sturze des Königtums sich zugeeignet und mittels deren er sich des Regiments +bemächtigt hatte, wiederum an sich zu nehmen und sie nur solchen Dienern +anzuvertrauen, die mit ihrem Kopfe unbedingt und ausschließlich ihm hafteten. +Zwar dem Eigentum nach blieb das Privatvermögen des Monarchen von dem Staatsgut +natürlich streng geschieden; aber die Verwaltung des ganzen Finanz- und +Geldwesens des Staates nahm Caesar in die Hand und führte sie durchaus in der +Art, wie er, und überhaupt die römischen Großen, die Verwaltung ihres eigenen +Vermögens zu führen pflegten. Für die Zukunft wurden die Erhebung der +Provinzialgefälle und in der Hauptsache auch die Leitung des Münzwesens den +Sklaven und Freigelassenen des Imperators übertragen und die Männer +senatorischen Standes davon ausgeschlossen - ein folgenreicher Schritt, aus dem +im Laufe der Zeit der so wichtige Prokuratorenstand und das “kaiserliche +Haus” sich entwickelt haben. Dagegen von den Statthalterschaften, die, +nachdem sie ihre finanziellen Geschäfte an die neuen kaiserlichen +Steuereinnehmer abgegeben, mehr noch als bisher wesentlich Militärkommandos +waren, ging nur das ägyptische Kommando an die eigenen Leute des Monarchen +über. Die in eigentümlicher Art geographisch isolierte und politisch +zentralisierte Landschaft am Nil war, wie schon die während der letzten Krise +mehrfach vorgekommenen Versuche bedrängter italischer Parteichefs, daselbst +sich festzusetzen, hinreichend bewiesen, wie kein anderer Distrikt geeignet, +unter einem fähigen Führer auf die Dauer sich von der Zentralgewalt +loszumachen. Wahrscheinlich war es eben diese Rücksicht, die Caesar bestimmte, +das Land nicht förmlich zur Provinz zu erklären, sondern die ungefährlichen +Lagiden daselbst zu belassen; und sicher wurden aus diesem Grunde die in +Ägypten stationierenden Legionen nicht einem dem Senat, das heißt der +ehemaligen Regierung angehörigen Manne anvertraut, sondern dieses Kommando, +ähnlich wie die Steuereinnehmerstellen, als ein Gesindeposten behandelt. Im +allgemeinen aber überwog bei Caesar die Rücksicht, die Soldaten Roms nicht, wie +die der Könige des Ostens, durch Lakaien kommandieren zu lassen. Es blieb +Regel, die bedeutenderen Statthalterschaften mit gewesenen Konsuln, die +geringeren mit gewesenen Prätoren zu besetzen; anstatt des fünfjährigen +Zwischenraums, den das Gesetz von 702 (52) vorgeschrieben, knüpfte +wahrscheinlich wieder in alter Weise der Anfang der Statthalterschaft +unmittelbar an das Ende der städtischen Amtstätigkeit an. Dagegen die +Verteilung der Provinzen unter die qualifizierten Kandidaten, die bisher bald +durch Volks- oder Senatsbeschluß, bald durch Vereinbarung der Beamten oder +durch das Los erfolgt war, ging über an den Monarchen; und indem die Konsuln +häufig veranlaßt wurden, vor Ende des Jahres abzudanken und nachgewählten +Konsuln (consules suffecti) Platz zu machen, ferner die Zahl der jährlich +ernannten Prätoren von acht auf sechzehn erhöht und dem Imperator die Ernennung +der Hälfte derselben in ähnlicher Art wie die der Hälfte der Quästoren +übertragen ward, endlich demselben das Recht reserviert blieb, zwar nicht +Titularkonsuln, aber doch Titularprätoren wie Titularquästoren zu ernennen, +sicherte Caesar sich für die Besetzung der Statthalterschaften eine +hinreichende Zahl ihm genehmer Kandidaten. Die Abberufung blieb natürlich dem +Ermessen des Regenten anheimgestellt, ebenso wie die Ernennung; als Regel wurde +angenommen, daß der konsularische Statthalter nicht über zwei, der prätorische +nicht über ein Jahr in der Provinz bleiben solle. Was endlich die Verwaltung +der Haupt- und Residenzstadt anlangt, so beabsichtigte der Imperator eine +Zeitlang offenbar, auch diese in ähnlicher Weise von ihm ernannten Beamten +anzuvertrauen. Er rief die alte Stadtverweserschaft der Königszeit wieder ins +Leben; zu verschiedenen Malen übertrug er während seiner Abwesenheit die +Verwaltung der Hauptstadt einem oder mehreren solchen von ihm ohne Befragen des +Volkes und auf unbestimmte Zeit ernannten Stellvertretern, welche die Geschäfte +der sämtlichen Verwaltungsbeamten in sich vereinigten und sogar das Recht +besaßen, mit eigenem Namen, obwohl natürlich nicht mit eigenem Bilde, Münze zu +schlagen. In dem Jahre 707 (47) und in den ersten neun Monaten des Jahres 709 +(45) gab es ferner weder Prätoren noch kurulische Ädilen noch Quästoren; auch +die Konsuln wurden in jenem Jahre erst gegen das Ende ernannt, und in diesem +war gar Caesar Konsul ohne Kollegen. Es sieht dies ganz aus wie ein Versuch, +die alte königliche Gewalt auch innerhalb der Stadt Rom, bis auf die durch die +demokratische Vergangenheit des neuen Monarchen gebotenen Beschränkungen, +vollständig zu erneuern, also von Beamten, außer dem König selbst, nur den +Stadtpräfekten während des Königs Abwesenheit und die zum Schutz der +Volksfreiheit bestellten Tribunen und Volksädilen bestehen zu lassen, aber das +Konsulat, die Zensur, die Prätur, die kurulische Ädilität und die Quästur +wiederabzuschaffen ^15. Indes ging Caesar hiervon später wieder ab: weder nahm +er selbst den Königstitel an, noch tilgte er jene ehrwürdigen, mit der +glorreichen Geschichte der Republik verwachsenen Namen. Den Konsuln, Prätoren, +Ädilen, Tribunen und Quästoren blieb im wesentlichen ihre bisherige formelle +Kompetenz, allein ihre Stellung ward dennoch gänzlich umgewandelt. Es war der +politische Grundgedanke der Republik, daß das Römische Reich in der Stadt Rom +aufgehe, und deshalb waren konsequent die hauptstädtischen Munizipal- durchaus +als Reichsbeamte behandelt worden. In Caesars Monarchie fiel mit jener +Auffassung auch diese Folge weg; die Beamten Roms bildeten fortan nur die erste +unter den vielen Reichsmunizipalitäten, und namentlich das Konsulat ward ein +reiner Titularposten, der nur durch die daran geknüpfte Expektanz einer höheren +Statthalterschaft eine gewisse praktische Bedeutung bewahrte. Das Schicksal, +das die römische Gemeinde den unterworfenen zu bereiten gewohnt gewesen, +widerfuhr durch Caesar ihr selber: ihre Souveränität über das Römische Reich +verwandelte sich in eine beschränkte Kommunalfreiheit innerhalb des römischen +Staates. Daß zugleich die Zahl der Prätoren und Quästoren verdoppelt ward, +wurde schon erwähnt; das gleiche geschah hinsichtlich der Volksädilen, zu denen +zwei neue “Getreideädilen” (aediles Ceriales) zur Überwachung der +hauptstädtischen Zufuhr hinzukamen. Die Besetzung dieser Ämter blieb der +Gemeinde und ward hinsichtlich der Konsuln, vielleicht auch der Volkstribune +und der Volksädilen, nicht beschränkt; daß für die Hälfte der jährlich zu +ernennenden Prätoren, kurulischen Ädilen und Quästoren der Imperator ein die +Wähler bindendes Vorschlagsrecht erhielt, ward in der Hauptsache schon erwähnt. +Überhaupt wurden die altheiligen Palladien der Volksfreiheit nicht angetastet; +was natürlich nicht hinderte, gegen den einzelnen aufsätzigen Volkstribun +ernstlich einzuschreiten, ja ihn abzusetzen und von der Liste der Senatoren zu +streichen. Indem also der Imperator für die allgemeineren und wichtigeren +Fragen sein eigener Minister war; indem er die Finanzen durch seine Bedienten, +das Heer durch seine Adjutanten beherrschte; indem die alten republikanischen +Staatsämter wieder in Gemeindeämter der Stadt Rom umgewandelt waren, war die +Autokratie hinreichend begründet. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +^15 Daher denn auch die vorsichtigen Wendungen bei Erwähnung dieser Ämter in +Caesars Gesetzen: cum censor aliusve quis magistratus Romae populi censum aget +(Lex Iul. munic., Z. 144); praetor isve quei Romae iure deicundo praerit (Lex +Rubr. oft); quaestor urbanes queive aerario praerit (Lex Iul. munic., Z. 37 u. +ö.). +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +In der geistlichen Hierarchie dagegen hat Caesar, obwohl er auch über diesen +Teil des Staatshaushalts ein ausführliches Gesetz erließ, nichts Wesentliches +geneuert, außer daß er das Oberpontifikat und vielleicht die Mitgliedschaft der +höheren Priesterkollegien überhaupt mit der Person des Regenten verknüpfte; +womit es teilweise zusammenhängt, daß in den drei höchsten Kollegien je eine, +in dem vierten der Schmausherren drei neue Stellen geschaffen wurden. Hatte die +römische Staatskirche bisher der herrschenden Oligarchie zur Stütze gedient, so +konnte sie ebendenselben Dienst auch der neuen Monarchie leisten. Die +konservative Religionspolitik des Senats ging über auf die neuen Könige von +Rom; als der streng konservative Varro um diese Zeit seine ‘Altertümer +der göttlichen Dinge’, das Haupt- und Grundbuch der römischen +Staatstheologie, bekannt machte, durfte er dieselben dem Oberpontifex Caesar +zueignen. Der matte Glanz, den der Joviskult noch zu geben vermochte, umfloß +den neugegründeten Thron, und der alte Landesglaube ward in seinen letzten +Stadien das Werkzeug eines freilich von Haus aus hohlen und schwächlichen +Caesaropapismus. +</p> + +<p> +Im Gerichtswesen ward zunächst die alte königliche Gerichtsbarkeit +wiederhergestellt. Wie der König ursprünglich in Kriminal- und Zivilsachen +Richter gewesen war, ohne in jenen an die Gnadeninstanz des Volkes, in diesen +an die Überweisung der Entscheidung der streitigen Frage an Geschworene +rechtlich gebunden zu sein: so nahm auch Caesar das Recht in Anspruch, +Blutgerichte wie Privatprozesse zu alleiniger und endgültiger Entscheidung an +sich zu ziehen und sie im Falle seiner Anwesenheit selbst, im Fall seiner +Abwesenheit durch den Stadtverweser zu erledigen. In der Tat finden wir ihn, +ganz nach der Weise der alten Könige, teils öffentlich auf dem Markte der +Hauptstadt zu Gericht sitzen über des Hochverrats angeklagte römische Bürger, +teils in seinem Hause Gericht halten über die des gleichen Vergehens +beschuldigten Klientelfürsten; so daß das Vorrecht, das die römischen Bürger +vor den übrigen Untertanen des Königs voraus hatten, allein in der +Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlung bestanden zu haben scheint. Indes dieses +wiedererweckte königliche Oberrichtertum konnte, wenngleich Caesar mit +Unparteilichkeit und Sorgfalt sich demselben unterzog, doch der Natur der Sache +nach tatsächlich nur in Ausnahmefällen zur Anwendung kommen. Für den +gewöhnlichen Rechtsgang in Kriminal- und Zivilsachen blieb daneben die +bisherige republikanische Rechtspflege im wesentlichen bestehen. Die +Kriminalsachen fanden nach wie vor ihre Erledigung vor den verschiedener, für +die einzelnen Verbrechen kompetenten Geschworenenkommissionen, die Zivilsachen +teils vor dem Erbschafts- oder dem sogenannten +“Hundertmännergericht”, teils vor den Einzelgeschworenen; die +Leitung der Gerichte ward, wie bisher, in der Hauptstadt hauptsächlich von den +Prätoren, in den Provinzen von den Statthaltern beschafft. Auch die politischen +Verbrechen blieben selbst unter der Monarchie einer Geschworenenkommission +überwiesen; die neue Ordnung, die Caesar für dieselbe erließ, spezifizierte die +gesetzlich strafbaren Handlungen genau und in liberaler, jede +Gesinnungsverfolgung ausschließender Weise und setzte als Strafe nicht den Tod +fest, sondern die Verbannung. Hinsichtlich der Auswahl der Geschworenen, die +die Senatorenpartei ausschließlich aus dem Senat, die strengen Gracchaner +ausschließlich aus dem Ritterstand erkoren wissen wollten, ließ Caesar, getreu +dem Grundsatz der Versöhnung der Parteien, es bei dem Transaktionsgesetze +Cottas, jedoch mit der wahrscheinlich schon durch das Gesetz des Pompeius vom +Jahre 699 (55) vorbereiteten Modifikation, daß die aus den unteren Schichten +des Volkes hervorgegangenen Ärartribunen beseitigt, damit also ein +Geschworenenzensus von mindestens 400000 Sesterzen (30000 Taler) festgesetzt +ward, und Senatoren und Ritter in die Geschworenenfunktionen, die so lange der +Zankapfel zwischen ihnen gewesen waren, jetzt sich teilten. +</p> + +<p> +Das Verhältnis der königlichen und der republikanischen Gerichtsbarkeit war im +ganzen konkurrierender Art, so daß jede Sache sowohl vor dem Königsgericht als +vor dem beikommenden republikanischen Gerichtshof anhängig gemacht werden +konnte, wobei im Kollisionsfall natürlich der letztere zurückstand; wenn +dagegen das eine oder das andere Gericht den Spruch gefällt hatte, die Sache +damit endgültig erledigt war. +</p> + +<p> +Zur Umstoßung eines in einer Zivil- oder in einer Kriminalsache von den +berufenen Geschworenen gefällten Verdikts war auch der neue Herrscher nicht +befugt, ausgenommen wo besondere Momente, zum Beispiel Bestechung oder Gewalt, +schon nach dem Recht der Republik die Kassation des Geschworenenspruchs +herbeiführten. Dagegen erhielt der Satz, daß wegen eines jeden bloß +magistratischen Dekrets der dadurch Beschwerte an den Vorgesetzten des +Dezernenten zu appellieren befugt sei, wahrscheinlich schon jetzt die große +Ausdehnung, aus der die spätere kaiserliche Appellationsinstanz hervorgegangen +ist: es wurden vielleicht sämtliche rechtsprechende Magistrate, mindestens aber +die Statthalter der sämtlichen Provinzen insofern als Unterbeamte des +Herrschers angesehen, daß von jedem ihrer Dekrete Berufung an denselben +eingelegt werden konnte. +</p> + +<p> +Allerdings haben diese Neuerungen, von denen die wichtigste, die +Generalisierung der Appellation, nicht einmal unbedingt zu den Besserungen +gezählt werden kann, die Schäden, an denen die römische Rechtspflege +daniederlag, keineswegs ausgeheilt. Der Kriminalprozeß kann in keinem +Sklavenstaat gesund sein, da das Verfahren gegen Sklaven wenn nicht rechtlich, +doch tatsächlich in der Hand des Herrn liegt. Der römische Herr ahndete +begreiflicherweise das Verbrechen seines Knechts durchgängig nicht als solches, +sondern nur insofern es den Sklaven ihm unbrauchbar oder unangenehm machte; die +Verbrechersklaven wurden eben nur ausrangiert, etwa wie die stößigen Ochsen, +und, wie diese an den Schlächter, so jene in die Fechtbude verkauft. Aber auch +der Kriminalprozeß gegen Freie, der von Haus aus politischer Prozeß gewesen und +zum guten Teil immer geblieben war, hatte in dem wüsten Treiben der letzten +Generationen aus einem ernstlichen Rechtshandel sich umgewandelt in eine mit +Gunst, Geld und Gewalt zu schlagende Cliquenschlacht. Die Schuld lag an allen +Beteiligten zugleich, an den Beamten, der Jury, den Parteien, sogar dem +Zuschauerpublikum; aber die unheilbarsten Wunden schlug dem Rechte das Treiben +der Advokaten. Indem die Schmarotzerpflanze der römischen Advokatenberedsamkeit +gedieh, wurden alle positiven Rechtsbegriffe zersetzt und der dem Publikum so +schwer einleuchtende Unterschied zwischen Meinung und Beweis aus der römischen +Kriminalpraxis recht eigentlich ausgetrieben. “Ein recht schlechter +Angeklagter”, sagt ein vielerfahrener römischer Advokat dieser Zeit, +“kann auf jedes beliebige Verbrechen, das er begangen oder nicht begangen +hat, angeklagt werden und wird sicher verurteilt.” Es sind aus dieser +Epoche zahlreiche Plädoyers in Kriminalsachen erhalten; kaum eines ist +darunter, das auch nur ernstlich versuchte, das fragliche Verbrechen zu +fixieren und den Beweis oder Gegenbeweis zu formulieren ^16. Daß der +gleichzeitige Zivilprozeß ebenfalls vielfach ungesund war, bedarf kaum der +Erwähnung; auch er litt unter den Folgen der in alles sich mengenden +Parteipolitik, wie denn zum Beispiel in dem Prozeß des Publius Quinctius +(671-673 83-81) die widersprechendsten Entscheidungen fielen, je nachdem Cinna +oder Sulla in Rom die Oberhand hatte; und die Anwälte, häufig Nichtjuristen, +stifteten auch hier absichtlich und unabsichtlich Verwirrung genug. Aber es lag +doch in der Natur der Sache, daß teils die Partei hier nur ausnahmsweise sich +einmengte, teils die Advokatenrabulistik nicht so rasch und nicht so tief die +Rechtsbegriffe aufzulösen vermochte; wie denn auch die Zivilplädoyers, die wir +aus dieser Epoche besitzen, zwar nicht nach unseren strengeren Begriffen gute +Advokatenschriften, aber doch weit weniger libellistischen und weit mehr +juristischen Inhalts sind als die gleichzeitigen Kriminalreden. Wenn Caesar der +Advokatenberedsamkeit den von Pompeius ihr angelegten Maulkorb ließ oder gar +ihn noch verschärfte, war damit wenigstens nichts verloren; und viel war +gewonnen, wenn besser gewählte und besser beaufsichtigte Beamte und Geschworene +ernannt wurden und die handgreifliche Bestechung und Einschüchterung der +Gerichte ein Ende nahm. Aber das heilige Rechtsgefühl und die Ehrfurcht vor dem +Gesetz, schwer in den Gemütern der Menge zu zerrütten, sind schwerer noch +wiederzuerzeugen. Wie auch der Gesetzgeber mannigfaltigen Mißbrauch abstellte, +den Grundschaden vermochte er nicht zu heilen; und man durfte zweifeln, ob die +Zeit, die alles Heilbare heilt, hier Hilfe bringen werde. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^16 “Weit öfter”, sagt Cicero in seiner Anweisung zur Redekunst (De +orat. 2, 42, 178), zunächst in Beziehung auf den Kriminalprozeß, +“bestimmen Abneigung oder Zuneigung oder Parteilichkeit oder Erbitterung +oder Schmerz oder Freude oder Hoffnung oder Furcht oder Täuschung oder +überhaupt eine Leidenschaft den Wahrspruch der Leute als der Beweis oder die +Vorschrift oder eine Rechtsregel oder die Prozeßinstruktion oder die +Gesetze.” Darauf wird denn die weitere Unterweisung für den angehenden +Sachwalter begründet. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Das römische Heerwesen dieser Zeit war ungefähr in derselben Verfassung wie das +karthagische zur Zeit Hannibals. Die regierenden Klassen sendeten nur noch die +Offiziere; die Untertanenschaft, Plebejer und Provinzialen, bildeten das Heer. +Der Feldherr war von der Zentralregierung finanziell und militärisch fast +unabhängig und im Glück wie im Unglück wesentlich auf sich selbst und auf die +Hilfsquellen seines Sprengels angewiesen. Bürger- und sogar Nationalsinn waren +aus dem Heere verschwunden und als innerliches Band einzig der Korpsgeist +übriggeblieben. Die Armee hatte aufgehört ein Werkzeug des Gemeinwesens zu +sein; politisch hatte sie einen eigenen Willen nicht, wohl aber vermochte sie +den des Werkmeisters sich anzueignen; militärisch sank sie unter den +gewöhnlichen elenden Führern zu einer aufgelösten, unbrauchbaren Rotte herab, +entwickelte aber auch unter dem rechten Feldherrn sich zu einer dem Bürgerheer +unerreichbaren militärischen Vollkommenheit. Der Offiziersstand vor allem war +im tiefsten Verfall. Die höheren Stände, Senatoren und Ritter entwöhnten immer +mehr sich der Waffen. Wenn man sonst um die Stabsoffizierstellen eifrig +geworben hatte, so war jetzt jeder Mann von Ritterrang, welcher dienen mochte, +einer Kriegstribunenstelle sicher und schon mußten manche dieser Posten mit +Männern niedrigeren Standes besetzt werden; wer aber überhaupt von den +Vornehmen noch diente, suchte wenigstens seine Dienstzeit in Sizilien oder +einer anderen Provinz abzutun, wo man sicher war, nicht vor den Feind zu +kommen. Offiziere von gewöhnlicher Bravour und Brauchbarkeit wurden wie +Meerwunder angestaunt; wie denn namentlich mit Pompeius seine Zeitgenossen eine +sie in jeder Hinsicht kompromittierende militärische Vergötterung trieben. Zum +Ausreißen wie zur Meuterei gab in der Regel der Stab das Signal; trotz der +sträflichen Nachsicht der Kommandierenden waren Anträge auf Kassation vornehmer +Offiziere alltägliche Vorfälle. Noch besitzen wir das von Caesars eigener Hand +nicht ohne Ironie gezeichnete Bild, wie in seinem eigenen Hauptquartier, als es +gegen Ariovist gehen sollte, geflucht und geweint und an Testamenten und sogar +an Urlaubsgesuchen gearbeitet ward. In der Soldatenschaft war von den besseren +Ständen keine Spur mehr zu entdecken. Gesetzlich bestand die allgemeine +Wehrpflicht noch, allein die Aushebung erfolgte, wenn es neben der Anwerbung +dazu kam, in regelloser Weise; zahlreiche Pflichtige wurden übergangen und die +einmal Eingetretenen dreißig Jahre und länger bei den Adlern festgehalten. Die +römische Bürgerreiterei vegetierte nur noch als eine Art berittener Nobelgarde, +deren salbenduftende Kavaliere und ausgesuchte Luxuspferde einzig bei den +hauptstädtischen Festen eine Rolle spielten; das sogenannte Bürgerfußvolk war +eine aus den niedrigsten Schichten der Bürgerbevölkerung zusammengeraffte +Lanzknechttruppe; die Untertanen stellten die Reiterei und die leichten Truppen +ausschließlich und fingen an, auch im Fußvolk immer stärker mitverwendet zu +werden. Die Rottenführerstellen in den Legionen, auf denen bei der damaligen +Kriegführung die Tüchtigkeit der Abteilungen wesentlich beruhte und zu denen +nach der nationalen Kriegsverfassung der Soldat mit der Pike sich empordiente, +wurden jetzt nicht bloß regelmäßig nach Gunst vergeben, sondern sogar nicht +selten an den Meistbietenden verkauft. Die Zahlung des Soldes erfolgte bei der +schlechten Finanzwirtschaft der Regierung und der Feilheit und Betrügerei der +großen Majorität der Beamten höchst mangelhaft und unregelmäßig. +</p> + +<p> +Die notwendige Folge hiervon war, daß im gewöhnlichen Laufe der Dinge die +römischen Armeen die Provinzen ausraubten, gegen die Offiziere meuterten und +vor dem Feinde davonliefen; es kam vor, daß beträchtliche Heere, wie das +makedonische des Piso im Jahre 697 (57), ohne eigentliche Niederlage, bloß +durch diese Mißwirtschaft vollständig ruiniert wurden. Fähige Führer dagegen, +wie Pompeius, Caesar, Gabinius, bildeten wohl aus dem vorhandenen Material +tüchtige und schlagfertige, zum Teil musterhafte Armeen; allein es gehörten +diese Armeen viel mehr ihrem Heerführer als dem Gemeinwesen. Der noch weit +vollständigere Verfall der römischen Marine, die zu allem andern den Römern +antipathisch geblieben und nie völlig nationalisiert worden war, bedarf kaum +der Erwähnung. Es war eben auch hier nach allen Seiten hin unter dem +oligarchischen Regiment ruiniert worden, was überhaupt ruiniert werden konnte. +</p> + +<p> +Caesars Reorganisation des römischen Militärwesens beschränkte sich im +wesentlichen darauf, die unter der bisherigen schlaffen und unfähigen +Oberleitung gelockerten Zügel der Disziplin wieder straff und fest anzuziehen. +Einer radikalen Reform schien ihm das römische Heerwesen entweder nicht +bedürftig oder auch nicht fähig; die Elemente der Armee akzeptierte er, ebenwie +Hannibal sie akzeptiert hatte. Die Bestimmung seiner Gemeindeordnung, daß, um +vor dem dreißigsten Jahre ein Gemeindeamt zu bekleiden oder im Gemeinderat zu +sitzen, ein dreijähriger Dienst zu Pferde - das heißt als Offizier - oder ein +sechsjähriger zu Fuß erforderlich sei, beweist wohl, daß er die besseren Stände +in das Heer zu ziehen wünschte, aber ebenso deutlich auch, daß bei dem immer +mehr einreißenden unkriegerischen Geist der Nation er selbst es nicht mehr für +möglich hielt, die Bekleidung eines Ehrenamtes an die Überstehung der +Dienstzeit unbedingt wie ehedem zu knüpfen. Ebendaraus wird es sich erklären, +daß Caesar keinen Versuch gemacht hat, die römische Bürgerreiterei +wiederherzustellen. Die Aushebung ward besser geordnet, die Dienstzeit geregelt +und abgekürzt; übrigens blieb es dabei, daß die Linieninfanterie vorwiegend aus +den niederen Ständen der römischen Bürgerschaft, die Reiterei und die leichte +Infanterie aus der Untertanenschaft ausgehoben ward - daß für die +Reorganisation der Kriegsflotte nichts geschah, ist auffallend. Eine ohne +Zweifel ihrem Urheber selbst bedenkliche Neuerung, zu der die Unzuverlässigkeit +der Untertanenreiterei zwang, war es, daß Caesar zuerst von dem altrömischen +System abwich, niemals mit Söldnern zu fechten, und in die Reiterei gemietete +Ausländer, namentlich Deutsche, einstellte. Eine andere Neuerung war die +Einsetzung der Legionsadjutanten (legati legionis). Bis dahin hatten die teils +von der Bürgerschaft, teils von dem betreffenden Statthalter ernannten +Kriegstribune in der Art die Legionen geführt, daß jeder derselben je sechs +vorgesetzt waren und unter diesen das Kommando wechselte; einen +Einzelkommandanten der Legion bestellte nur vorübergehend und +außerordentlicherweise der Feldherr. In späterer Zeit dagegen erscheinen jene +Legionsobersten oder Legionsadjutanten teils als eine bleibende und organische +Institution, teils als ernannt nicht mehr von dem Statthalter, dem sie +gehorchen, sondern von dem Oberkommando in Rom; beides scheint auf Caesars an +das Gabinische Gesetz anknüpfende Einrichtungen zurückzugehen. Der Grund der +Einführung dieser wichtigen Zwischenstufe in die militärische Hierarchie wird +teils in dem Bedürfnis einer energischen Zentralisierung des Kommandos, teils +in dem fühlbaren Mangel an fähigen Oberoffizieren, teils und vor allem in der +Absicht zu suchen sein, durch Zuordnung eines oder mehrerer vom Imperator +ernannten Obersten dem Statthalter ein Gegengewicht zu geben. Die wesentlichste +Veränderung im Heerwesen bestand in der Aufstellung eines bleibenden +Kriegshauptes in dem Imperator, welcher anstatt des bisherigen unmilitärischen +und in jeder Beziehung unfähigen Regierungskollegiums das gesamte Armeeregiment +in seinen Händen vereinigte und dasselbe also aus einer meist bloß nominellen +Direktion in ein wirkliches und energisches Oberkommando umschuf. Wir sind +nicht gehörig darüber unterrichtet, in welcher Weise dies Oberkommando sich zu +den bis dahin in ihren Sprengeln allmächtigen Spezialkommandos stellte. +Wahrscheinlich lag dabei im allgemeinen die Analogie des zwischen dem Prätor +und dem Konsul oder auch dem Konsul und dem Diktator obwaltenden Verhältnisses +zu Grunde, so daß der Statthalter zwar an sich die höchste militärische Gewalt +in seinem Sprengel behielt, aber der Imperator in jedem Augenblick dieselbe ihm +ab und sie für sich oder seine Beauftragten zu nehmen befugt war und daß, +während die Gewalt des Statthalters auf den Sprengel beschränkt war, die des +Imperators wieder, wie die königliche und die ältere konsularische, sich über +das gesamte Reich erstreckte. Ferner ist höchst wahrscheinlich schon jetzt die +Ernennung der Offiziere, sowohl der Kriegstribune als der Centurionen, soweit +sie bisher dem Statthalter zugestanden ^17, ebenso wie die Ernennung der neuen +Legionsadjutanten unmittelbar an den Imperator gekommen und ebenso mögen schon +jetzt die Anordnung der Aushebungen, die Abschiedserteilung, die wichtigeren +Kriminalfälle an das Oberkommando gezogen worden sein. Bei dieser Beschränkung +der Kompetenz der Statthalter und bei der regulierten Kontrolle des Imperators +war fernerhin nicht leicht, weder eine völlige Verwahrlosung der Armeen noch +eine Umwandlung derselben in persönliche Gefolgschaften der einzelnen Offiziere +zu befürchten. Indes, so entschieden auch die Verhältnisse zur Militärmonarchie +hindrängten und so bestimmt Caesar das Oberkommando ausschließlich für sich +nahm, war er dennoch keineswegs gesonnen, seine Gewalt durch und auf das Heer +zu begründen. Er hielt zwar eine stehende Armee notwendig für seinen Staat, +aber nur, weil derselbe seiner geographischen Lage nach einer umfassenden +Grenzregulierung und stehender Grenzbesatzungen bedurfte. Teils in früheren +Epochen, teils während des letzten Bürgerkrieges hatte er an Spaniens +Befriedigung gearbeitet und in Afrika längs der großen Wüste, im Nordwesten des +Reiches an der Rheinlinie feste Stellungen für die Grenzverteidigung +eingerichtet. Mit ähnlichen Plänen beschäftigte er sich für die Landschaften am +Euphrat und an der Donau. Vor allen Dingen gedachte er gegen die Parther zu +ziehen und den Tag von Karrhä zu rächen; er hatte drei Jahre für diesen Krieg +bestimmt und war entschlossen, mit diesen gefährlichen Feinden ein für allemal +und ebenso vorsichtig wie gründlich abzurechnen. Ebenso hatte er den Plan +entworfen, den zu beiden Seiten der Donau gewaltig um sich greifenden +Getenkönig Burebistas anzugreifen und auch im Nordosten Italien durch ähnliche +Marken zu schützen, wie er sie ihm im Keltenland geschaffen. Dagegen liegen +durchaus keine Beweise dafür vor, daß Caesar gleich Alexander einen Siegeslauf +in die unendliche Ferne im Sinn hatte; es wird wohl erzählt, daß er von +Parthien aus an das Kaspische und von diesem an das Schwarze Meer, sodann an +dem Nordufer desselben bis zur Donau zu ziehen, ganz Skythien und Germanien bis +an den - nach damaliger Vorstellung vom Mittelmeer nicht allzu fernen - +nördlichen Ozean zum Reiche zu bringen und durch Gallien heimzukehren +beabsichtigt habe; allein keine irgend glaubwürdige Autorität verbürgt die +Existenz dieser fabulosen Projekte. Bei einem Staat, der, wie der römische +Caesars, bereits eine schwer zu bewältigende Masse barbarischer Elemente in +sich schloß und mit deren Assimilierung noch auf Jahrhunderte hinaus mehr als +genug zu tun hatte, wären solche Eroberungen, auch ihre militärische +Ausführbarkeit angenommen, doch nichts gewesen als noch weit glänzendere und +noch weit schlimmere Fehler als die indische Heerfahrt Alexanders. Sowohl nach +Caesars Verfahren in Britannien und Deutschland wie nach dem Verhalten +derjenigen, die die Erben seiner politischen Gedanken wurden, ist es in hohem +Grade wahrscheinlich, daß Caesar, mit Scipio Aemilianus, die Götter nicht +anrief, das Reich zu mehren, sondern es zu erhalten, und daß seine +Eroberungspläne sich beschränkten auf eine, freilich nach seinem großartigen +Maßstab bemessene, Grenzregulierung, welche die Euphratlinie sichern und +anstatt der völlig schwankenden und militärisch nichtigen nordöstlichen +Reichsgrenze die Donaulinie feststellen und verteidigungsfähig machen sollte. +Indes wenn es nur wahrscheinlich bleibt, daß Caesar nicht in dem Sinne als +Welteroberer bezeichnet werden darf wie Alexander und Napoleon, so ist das +vollkommen gewiß, daß er seine neue Monarchie nicht zunächst auf die Armee zu +stützen, überhaupt nicht die militärische Gewalt über die bürgerliche zu +setzen, sondern sie dem bürgerlichen Gemeinwesen ein- und soweit möglich +unterzuordnen gedachte. Die unschätzbaren Stützen eines Soldatenstaates, jene +alten vielgefeierten gallischen Legionen, wurden eben wegen ihres mit einem +bürgerlichen Gemeinwesen unverträglichen Korpsgeistes in ehrenvoller Weise +annulliert und ihre ruhmvollen Namen pflanzten nur sich fort in neugegründeten +städtischen Gemeinden. Die von Caesar bei der Entlassung mit Landlosen +beschenkten Soldaten wurden nicht wie die Sullas in eigenen Kolonien gleichsam +militärisch zusammengesiedelt, sondern, namentlich soweit sie in Italien +ansässig wurden, möglichst vereinzelt und durch die ganze Halbinsel zerstreut; +nur war es freilich nicht zu vermeiden, daß auf den zur Verfügung gebliebenen +Teilen des kampanischen Ackers die alten Soldaten Caesars dennoch in Masse sich +zusammenfanden. Der schwierigen Aufgabe, die Soldaten einer stehenden Armee +innerhalb der Kreise des bürgerlichen Lebens zu halten, suchte Caesar zu +genügen teils durch Festhaltung der bisherigen nur gewisse Dienstjahre, nicht +aber einen eigentlich stehenden, das heißt durch keine Entlassung +unterbrochenen Dienst vorschreibenden Ordnung, teils durch die schon erwähnte +Verkürzung der Dienstzeit, welche einen rascheren Wechsel des Soldatenpersonals +herbeiführte, teils durch regelmäßige Ansiedlung der ausgedienten Soldaten als +Ackerkolonisten, teils und vornehmlich dadurch, daß die Armee von Italien und +überhaupt von den eigentlichen Sitzen des bürgerlichen und politischen Lebens +der Nation ferngehalten und der Soldat dahin gewiesen ward, wo er nach der +Meinung des großen Königs allein an seinem Platze war: in die Grenzstationen +zur Abwehr des auswärtigen Feindes. Das rechte Kriterium des Militärstaates, +die Entwicklung und Bevorzugung der Gardetruppe, findet ebenfalls bei Caesar +sich nicht. Obwohl in der aktiven Armee das Institut einer besonderen Leibwache +des Feldherrn bereits seit langem bestand, so tritt diese doch in Caesars +Heerführung vollständig in den Hintergrund; seine prätorische Kohorte scheint +wesentlich nur aus Ordonnanzoffizieren oder nichtmilitärischen Begleitern +bestanden zu haben und niemals ein eigentliches Elitenkorps, also auch niemals +Gegenstand der Eifersucht der Linientruppen gewesen zu sein. Wenn Caesar schon +als Feldherr die Leibwache tatsächlich fallen ließ, so duldete er um so weniger +als König eine Garde um sich. Obwohl beständig, und ihm wohl bewußt, von +Mördern umschlichen, wies er dennoch den Antrag des Senats auf Errichtung einer +Nobelgarde zurück, entließ, sowie die Dinge einigermaßen sich beruhigten, die +spanische Eskorte, deren er in der ersten Zeit in der Hauptstadt sich bedient +hatte, und begnügte sich mit dem Gefolge von Gerichtsdienern, wie es für die +römischen Oberbeamten hergebracht war. Wie viel auch Caesar von dem Gedanken +seiner Partei und seiner Jugend, ein perikleisches Regiment in Rom nicht kraft +des Säbels, sondern kraft des Vertrauens der Nation zu begründen, im Kampfe mit +den Realitäten hatte müssen fallen lassen - den Grundgedanken, keine +Militärmonarchie zu stiften, hielt er auch jetzt noch mit einer Energie fest, +zu der die Geschichte kaum eine Parallele darbietet. Allerdings war auch dies +ein unausführbares Ideal - es war die einzige Illusion, in der das sehnsüchtige +Verlangen in diesem starken Geiste mächtiger war als der klare Verstand. Ein +Regiment, wie es Caesar im Sinne trug, war nicht bloß notwendig höchst +persönlicher Natur und mußte mit dem Tode des Urhebers ebenso zugrunde gehen +wie die verwandten Schöpfungen Perikles’ und Cromwells mit dem Tode ihrer +Stifter; sondern bei dem tief zerrütteten Zustand der Nation war es nicht +einmal glaublich, daß es dem achten König von Rom auch nur für seine Lebenszeit +gelingen werde, so wie seine sieben Vorgänger seine Mitbürger bloß kraft Gesetz +und Recht zu beherrschen, und ebensowenig wahrscheinlich, daß es ihm gelingen +werde, das stehende Heer, nachdem es im letzten Bürgerkrieg seine Macht +kennengelernt und die Scheu verlernt hatte, wieder als dienendes Glied in die +bürgerliche Ordnung einzufügen. Wer kaltblütig erwog, bis zu welchem Grade die +Furcht vor dem Gesetz aus den untersten wie aus den obersten Schichten der +Gesellschaft entwichen war, dem mußte die erstere Hoffnung vielmehr ein Traum +dünken; und wenn mit der Marianischen Reform des Heerwesens der Soldat +überhaupt aufgehört hat, Bürger zu sein, so zeigten die kampanische Meuterei +und das Schlachtfeld von Thapsus mit leidiger Deutlichkeit, in welcher Art +jetzt die Armee dem Gesetze ihren Arm lieh. Selbst der große Demokrat vermochte +die Gewalten, die er entfesselt hatte, nur mühsam und mangelhaft wieder zu +bändigen; Tausende von Schwertern flogen noch auf seinen Wink aus der Scheide, +aber zurück in die Scheide kehrten sie schon nicht mehr auf seinen Wink. Das +Verhängnis ist mächtiger als das Genie. Caesar wollte der Wiederhersteller des +bürgerlichen Gemeinwesens werden und ward der Gründer der von ihm verabscheuten +Militärmonarchie; er stürzte den Aristokraten- und Bankierstaat im Staate nur, +um an deren Platz den Soldatenstaat im Staate zu setzen, und das Gemeinwesen +blieb wie bisher tyrannisiert und exploitiert von einer privilegierten +Minorität. Aber dennoch ist es ein Privilegium der höchsten Naturen, also +schöpferisch zu irren. Die genialen Versuche großer Männer, das Ideal zu +realisieren, wenn sie auch ihr Ziel nicht erreichen, bilden den besten Schatz +der Nationen. Es ist Caesars Werk, daß der römische Militärstaat erst nach +mehreren Jahrhunderten zum Polizeistaat ward und daß die römischen Imperatoren, +wie wenig sie sonst auch dem großen Begründer ihrer Herrschaft glichen, doch +den Soldaten wesentlich nicht gegen den Bürger verwandten, sondern gegen den +Feind, und Nation und Armee beide zu hoch achteten, um diese zum Konstabler +über jene zu setzen. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +^17 An die Ernennung eines Teiles der Kriegstribune durch die Bürgerschaft hat +Caesar, auch hierin Demokrat, nicht gerührt. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Die Ordnung des Finanzwesens machte bei den soliden Grundlagen, die die +ungeheure Größe des Reiches und der Ausschluß des Kreditsystems gewährten, +verhältnismäßig geringe Schwierigkeit. Wenn der Staat bisher in beständiger +Finanzverlegenheit sich befunden hatte, so war daran die Unzulänglichkeit der +Staatseinnahmen am wenigsten schuld; vielmehr hatten diese eben in den letzten +Jahren sich ungemein vermehrt. Zu der älteren Gesamteinnahme, die auf 200 Mill. +Sesterzen (15 Mill. Taler) angeschlagen wird, waren durch die Einrichtung der +Provinzen Bithynien-Pontus und Syrien 85 Mill. Sesterzen (6500000 Taler) +gekommen; welcher Zuwachs, nebst den sonstigen neueröffneten oder gesteigerten +Einnahmequellen, namentlich durch den beständig steigenden Ertrag der +Luxusabgaben, den Verlust der kampanischen Pachtgelder weit überwog. Außerdem +waren durch Lucullus, Metellus, Pompeius, Cato und andere +außerordentlicherweise dem Staatsschatz ungeheure Summen zugeflossen. Die +Ursache der finanziellen Verlegenheiten lag vielmehr teils in den gesteigerten +ordentlichen und außerordentlichen Ausgaben, teils in der geschäftlichen +Verwirrung. Unter jenen nahm die Getreideverteilung an die hauptstädtische +Menge fast unerschwingliche Summen in Anspruch: durch die von Cato 691 (63) ihr +gegebene Ausdehnung stieg die jährliche Ausgabe dafür auf 30 Mill. Sesterzen +(2300000 Taler), und seit Abschaffung der bisher gezahlten Vergütung im Jahre +696 (58) verschlang dieselbe gar den fünften Teil der Staatseinkünfte. Auch das +Militärbudget war gestiegen, seit zu den Besatzungen von Spanien, Makedonien +und den übrigen Provinzen noch die von Kilikien, Syrien und Gallien hinzukamen. +Unter den außerordentlichen Ausgaben sind in erster Linie die großen Kosten der +Flottenrüstungen zu nennen, wofür zum Beispiel fünf Jahre nach der großen +Razzia von 687 (67) auf einmal 34 Mill. Sesterzen (2600000 Taler) verausgabt +wurden. Dazu kamen die sehr ansehnlichen Summen, welche die Kriegszüge und +Kriegsvorbereitungen wegnahmen, wie denn bloß für Ausrüstung des makedonischen +Heeres an Piso auf einmal 18 Mill. Sesterzen (1370000 Taler), an Pompeius für +die Unterhaltung und Besoldung der spanischen Armee gar jährlich 24 Mill. +Sesterzen (1826000 Taler) und ähnliche Summen an Caesar für die gallischen +Legionen gezahlt wurden. So beträchtlich aber auch diese Ansprüche waren, die +an die römische Staatskasse gemacht wurden, so hätte dennoch dieselbe ihnen zu +genügen vermocht, wenn nicht ihre einst so musterhafte Verwaltung von der +allgemeinen Schlaffheit und Unehrlichkeit dieser Zeit mitergriffen worden wäre; +oft stockten die Zahlungen des Ärars bloß deshalb, weil man dessen ausstehende +Forderungen einzumahnen versäumte. Die vorgesetzten Beamten, zwei von den +Quästoren, junge, jährlich gewechselte Menschen, verhielten im besten Fall sich +passiv; unter dem früherhin seiner Ehrenhaftigkeit wegen mit Recht hoch +angesehenen Schreiber- und sonstigen Büropersonal waren jetzt, namentlich seit +diese Posten käuflich geworden waren, die ärgsten Mißbräuche im Schwange. +</p> + +<p> +Sowie indes die Fäden des römischen Staatsfinanzwesens nicht mehr wie bisher im +Senat, sondern in Caesars Kabinett zusammenliefen, kam von selbst neues Leben, +strengere Ordnung und festerer Zusammenhang in alle Räder und Triebfedern +dieser großen Maschine. Die beiden von Gaius Gracchus herrührenden und +Krebsschäden gleich das römische Finanzwesen zerfressenden Institutionen: die +Verpachtung der direkten Abgaben und die Getreideverteilungen, wurden teils +abgeschafft, teils umgestaltet. Caesar wollte nicht wie sein Vorläufer die +Nobilität durch die Bankieraristokratie und den hauptstädtischen Pöbel in +Schach halten, sondern sie beseitigen und das Gemeinwesen von sämtlichen +Parasiten hohen und niederen Ranges befreien; und darum ging er in diesen +beiden wichtigen Fragen nicht mit Gaius Gracchus, sondern mit dem Oligarchen +Sulla. Das Verpachtungssystem blieb für die indirekten Abgaben bestehen, bei +denen es uralt war und, bei der auch von Caesar unverbrüchlich festgehaltenen +Maxime der römischen Finanzverwaltung, die Abgabenerhebung um jeden Preis +einfach und übersichtlich zu erhalten, schlechterdings nicht entbehrt werden +konnte. Die direkten Abgaben aber wurden fortan durchgängig entweder, wie die +afrikanischen und sardinischen Korn- und Öllieferungen, behandelt als +unmittelbar an den Staat abzuführende Naturalleistungen, oder, wie die +kleinasiatischen Gefälle, in feste Geldabgaben verwandelt und die Einziehung +der Einzelbeträge den Steuerdistrikten selbst überlassen. Die Kornverteilungen +in der Hauptstadt waren bisher als nutzbares Recht der herrschenden und, weil +sie herrschte, von den Untertanen zu speisenden Gemeinde angesehen worden. +Dieser ehrlose Grundsatz ward von Caesar beseitigt; aber es konnte nicht +übersehen werden, daß eine Menge gänzlich unvermögender Bürger lediglich durch +diese Speisungen vor dem Verhungern geschützt worden war. In diesem Sinne hielt +Caesar dieselben fest. Hatte nach der Sempronischen, von Cato wiedererneuerten +Ordnung jeder in Rom angesessene römische Bürger rechtlich Anspruch gehabt auf +unentgeltliches Brotkorn, so wurde diese Empfängerliste, welche zuletzt bis auf +320000 Nummern gestiegen war, durch Ausscheidung aller wohlhabenden oder +anderweit versorgten Individuen auf 150000 herabgebracht und diese Zahl als +Maximalzahl der Freikornstellen ein für allemal fixiert, zugleich eine +jährliche Revision der Liste angeordnet, um die durch Austritt oder Tod +leergewordenen Plätze mit den bedürftigsten unter den Bewerbern wieder zu +besetzen. Indem also das politische Privilegium in eine Armenversorgung +umgewandelt ward, trat ein in sittlicher wie in geschichtlicher Hinsicht +bemerkenswerter Satz zum erstenmal in lebendige Wirksamkeit. Nur langsam und +von Stufe zu Stufe ringt die bürgerliche Gesellschaft sich durch zu der +Solidarität der Interessen; im früheren Altertum schützte der Staat die +Seinigen wohl vor dem Landesfeind und dem Mörder, aber er war nicht +verpflichtet, durch Verabreichung der notwendigen Subsistenzmittel den gänzlich +hilflosen Mitbürger vor dem schlimmeren Feinde des Mangels zu bewahren. Die +attische Zivilisation ist es gewesen, die in der Solonischen und +nachsolonischen Gesetzgebung zuerst den Grundsatz entwickelt hat, daß es +Pflicht der Gemeinde ist, für ihre Invaliden, ja für ihre Armen überhaupt zu +sorgen; und zuerst Caesar hat, was in der beschränkten Enge des attischen +Lebens Gemeindesache geblieben war, zu einer organischen Staatsinstitution +entwickelt und eine Einrichtung, die für den Staat eine Last und eine Schmach +war, umgeschaffen in die erste jener heute so unzählbaren wie segensreichen +Anstalten, in denen das unendliche menschliche Erbarmen mit dem unendlichen +menschlichen Elend ringt. +</p> + +<p> +Außer diesen prinzipiellen Reformen fand eine durchgängige Revision des +Einnahme- und Ausgabewesens statt. Die ordentlichen Einnahmen wurden überall +reguliert und fixiert. Nicht wenigen Gemeinden, ja ganzen Landschaften ward, +sei es mittelbar durch Verleihung des römischen oder latinischen Bürgerrechts, +sei es unmittelbar durch Privilegium, die Steuerfreiheit bewilligt; so +erhielten sie zum Beispiel alle sizilischen ^18 Gemeinden auf jenem, die Stadt +Ilion auf diesem Wege. Noch größer war die Zahl derjenigen, deren Steuerquantum +herabgesetzt ward; wie denn den Gemeinden im Jenseitigen Spanien schon nach +Caesars Statthalterschaft auf dessen Betrieb eine Steuerherabsetzung vom Senat +bewilligt worden war, und jetzt der am meisten gedrückten Provinz Asia nicht +bloß die Hebung ihrer direkten Steuern erleichtert, sondern auch der dritte +Teil derselben ganz erlassen ward. Die neu hinzukommenden Abgaben, wie die der +in Illyrien unterworfenen und vor allem der gallischen Gemeinden, welche +letztere zusammen 40 Mill. Sesterzen (3 Mill. Taler) jährlich entrichteten, +waren durchgängig niedrig gegriffen. Freilich ward dagegen auch einzelnen +Städten, wie Klein-Leptis in Afrika, Sulci auf Sardinien und mehreren +spanischen Gemeinden, zur Strafe ihres Verhaltens während des letzten Krieges +die Steuer erhöht. Die sehr einträglichen, in den letzten Zeiten der Anarchie +abgeschafften italischen Hafenzölle wurden um so mehr wiederhergestellt, als +diese Abgabe wesentlich die aus dem Osten eingehenden Luxuswaren traf. Zu +diesen neu- oder wiedereröffneten ordentlichen Einnahmequellen kamen die Summen +hinzu, die außerordentlicherweise, namentlich infolge des Bürgerkrieges, an den +Sieger gelangten: die in Gallien gesammelte Beute; der hauptstädtische +Kassenbestand; die aus den italischen und spanischen Tempeln entnommenen +Schätze, die in Formen der Zwangsanleihe, des Zwangsgeschenkes oder der Buße +von den abhängigen Gemeinden und Dynasten erhobenen Summen und die in ähnlicher +Weise durch Rechtsspruch oder auch bloß durch Zusendung des Zahlungsbefehls +einzelnen reichen Römern auferlegten Strafgelder; vor allen Dingen aber der +Erlös aus dem Vermögen der geschlagenen Gegner. Wie ergiebig diese +Einnahmequellen waren, mag man daraus abnehmen, daß allein die Buße der +afrikanischen Großhändler, die in dem Gegensenat gesessen, sich auf 100 Mill. +Sesterzen (7½ Mill. Taler) und der von den Käufern des Vermögens des Pompeius +gezahlte Preis auf 70 Mill. Sesterzen (5300000 Taler) belief. Dieses Verfahren +war notwendig, weil die Macht der geschlagenen Nobilität zum guten Teil auf +ihrem kolossalen Reichtum ruhte und nur dadurch wirksam gebrochen werden +konnte, daß ihr die Tragung der Kriegskosten auferlegt ward. Die Gehässigkeit +der Konfiskationen aber ward einigermaßen dadurch gemildert, daß Caesar ihren +Ertrag allein dem Staate zugute kommen ließ und, statt in Sullas Weise seinen +Günstlingen jeden Unterschleif nachzusehen, selbst von seinen treuesten +Anhängern, zum Beispiel von Marcus Antonius, die Kaufgelder mit Strenge +beitrieb. +</p> + +<p> +—————————————————————————————————- +</p> + +<p> +^18 Den Wegfall der sizilischen Zehnten bezeugt Varro in einer nach Ciceros +Tode publizierten Schrift (rust. 2 praef.), indem er als die Kornprovinzen, aus +denen Rom seine Subsistenz entnimmt, nur Afrika und Sardinien, nicht mehr +Sizilien nennt. Die Latinität, wie sie Sizilien erhielt, muß also wohl die +Immunität eingeschlossen haben (vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 3, S. 684). +</p> + +<p> +—————————————————————————————————- +</p> + +<p> +In den Ausgaben wurde zunächst durch die ansehnliche Beschränkung der +Getreidespenden eine Verminderung erzielt. Die beibehaltene Kornverteilung an +die hauptstädtischen Armen sowie die verwandte, von Caesar neu eingeführte +Öllieferung für die hauptstädtischen Bäder ward wenigstens zum großen Teil ein- +für allemal fundiert auf die Naturalabgaben von Sardinien und namentlich von +Afrika und schied dadurch aus dem Kassenwesen ganz oder größtenteils aus. +Andererseits stiegen die regelmäßigen Ausgaben für das Militärwesen, teils +durch die Vermehrung des stehenden Heeres, teils durch die Erhöhung der +bisherigen Löhnung des Legionärs, von jährlich 480 (36 Taler) auf jährlich 900 +Sesterzen (68½ Taler). Beides war in der Tat unerläßlich. Eine ernstliche +Grenzverteidigung mangelte ganz und die unerläßliche Voraussetzung derselben +war eine ansehnliche Vermehrung der Armee. Die Verdoppelung des Soldes hat +Caesar wohl benutzt, um seine Soldaten fest an sich zu ketten, aber nicht aus +diesem Grunde als bleibende Neuerung eingeführt. Der bisherige Sold von 1 1/3 +Sesterz (2 Groschen) den Tag war festgesetzt worden in uralten Zeiten, wo das +Geld einen ganz anderen Wert hatte als in dem damaligen Rom; nur deshalb hatte +er bis in eine Zeit hinein, wo der gemeine Tagelöhner in der Hauptstadt mit +seiner Hände Arbeit täglich durchschnittlich 3 Sesterzen (5 Groschen) +verdiente, beibehalten werden können, weil in diesen Zeiten der Soldat nicht +des Soldes halber, sondern hauptsächlich wegen der größtenteils unerlaubten +Akzidentien des Militärdienstes in das Heer eintrat. Zu einer ernstlichen +Reform des Militärwesens und zur Beseitigung des meist den Provinzialen +aufgebürdeten unregelmäßigen Soldatenverdienstes war die erste Bedingung eine +zeitgemäße Erhöhung der regulären Löhnung; und die Fixierung derselben auf 2½ +Sesterzen (4 Groschen) darf als eine billige, die dem Ärar dadurch aufgebürdete +große Last als eine notwendige und in ihren Folgen segensreiche betrachtet +werden. Von dem Belauf der außerordentlichen Ausgaben, die Caesar übernehmen +mußte oder freiwillig übernahm, ist es schwer, sich eine Vorstellung zu machen. +Die Kriege selbst fraßen ungeheure Summen; und vielleicht nicht geringere +wurden erfordert, um die Zusicherungen zu erfüllen, die Caesar während des +Bürgerkrieges zu machen genötigt worden war. Es war ein schlimmes und für die +Folgezeit leider nicht verlorenes Beispiel, daß jeder gemeine Soldat für seine +Teilnahme am Bürgerkrieg 20000 Sesterzen (1500 Taler), jeder Bürger der +hauptstädtischen Menge für seine Nichtbeteiligung an demselben als Zulage zum +Brotkorn 300 Sesterzen (22 Taler) empfing; Caesar indes, nachdem er einmal in +dem Drange der Umstände sein Wort verpfändet, war zu sehr König, um davon +abzudingen. Außerdem genügte Caesar unzähligen Anforderungen ehrenhafter +Freigebigkeit und machte namentlich für das Bauwesen, das während der Finanznot +der letzten Zeit der Republik schmählich vernachlässigt worden war, ungeheure +Summen flüssig - man berechnete den Kostenbetrag seiner teils während der +gallischen Feldzüge, teils nachher in der Hauptstadt ausgeführten Bauten auf +160 Mill. Sesterzen (12 Mill. Taler). Das Gesamtresultat der finanziellen +Verwaltung Caesars ist darin ausgesprochen, daß er durch einsichtige und +energische Reformen und durch die rechte Vereinigung von Sparsamkeit und +Liberalität allen billigen Ansprüchen reichlich und völlig genügte und dennoch +bereits im März 710 (44) in der Kasse des Staats 700, in seiner eigenen 100 +Mill. Sesterzen (zusammen 61 Mill. Taler) bar lagen - eine Summe, die den +Kassenbestand der Republik in ihrer blühendsten Zeit um das Zehnfache +überstieg. +</p> + +<p> +Aber die Aufgabe, die alten Parteien aufzulösen und das neue Gemeinwesen mit +einer angemessenen Verfassung, einer schlagfertigen Armee und geordneten +Finanzen auszustatten, so schwierig sie war, war nicht der schwierigste Teil +von Caesars Werk. Sollte in Wahrheit die italische Nation wiedergeboren werden, +so bedurfte es einer Reorganisation, die alle Teile des großen Reiches, Rom, +Italien und die Provinzen, umwandelte. Versuchen wir auch hier sowohl die alten +Zustände als auch die Anfänge einer neuen und leidlicheren Zeit zu schildern. +</p> + +<p> +Aus Rom war der gute Stamm latinischer Nation längst völlig verschwunden. Es +liegt in den Verhältnissen, daß die Hauptstadt ihr munizipales und selbst ihr +nationales Gepräge schneller verschleift als jedes untergeordnete Gemeinwesen. +Hier scheiden die höheren Klassen rasch aus dem städtischen Gemeinleben aus, um +mehr in dem ganzen Staate als in einer einzelnen Stadt ihre Heimat zu finden; +hier konzentriert sich unvermeidlich die ausländische Ansiedlung, die +fluktuierende Bevölkerung von Vergnügens- und Geschäftsreisenden, die Masse des +müßigen, faulen, verbrecherischen, ökonomisch und moralisch bankrotten und eben +darum kosmopolitischen Gesindels. Auf Rom fand dies alles in hervorragender +Weise Anwendung. Der wohlhabende Römer betrachtete sein Stadthaus häufig nur +als ein Absteigequartier. Indem aus der städtischen Munizipalität die +Reichsämter hervorgingen, das städtische Vogtding die Versammlung der +Reichsbürger ward, kleinere, sich selber regierende Bezirks- oder sonstige +Gemeinschaften innerhalb der Hauptstadt nicht geduldet wurden, hörte jedes +eigentliche Kommunalleben für Rom auf. Aus dem ganzen Umfange des +weitumfassenden Reiches strömte man nach Rom, um zu spekulieren, zu +debauchieren, zu intrigieren, zum Verbrecher sich auszubilden oder auch +daselbst vor dem Auge des Gesetzes sich zu verbergen. Diese Übel gingen aus dem +hauptstädtischen Wesen gewissermaßen mit Notwendigkeit hervor; andere, mehr +zufällige und vielleicht noch ernstere gesellten sich dazu. Es hat vielleicht +nie eine Großstadt gegeben, die so durchaus nahrungslos war wie Rom; teils die +Einfuhr, teils die häusliche Fabrikation durch Sklaven machten hier jede freie +Industrie von vornherein unmöglich. Die nachteiligen Folgen des Grundübels der +Staatenbildung im Altertum überhaupt, des Sklavensystems, traten in der +Hauptstadt schärfer als irgendwo sonst hervor. Nirgends häuften solche +Sklavenmassen sich an wie in den hauptstädtischen Palästen der großen Familien +oder der reichen Emporkömmlinge. Nirgends mischten sich so wie in der +hauptstädtischen Sklavenschaft die Nationen dreier Weltteile, Syrer, Phryger +und andere Halbhellenen mit Libyern und Mohren, Geten und Iberer mit den immer +zahlreicher einströmenden Kelten und Deutschen. Die von der Unfreiheit +unzertrennliche Demoralisation und der scheußliche Widerspruch des formellen +und des sittlichen Rechts kamen weit greller zum Vorschein bei dem halb oder +ganz gebildeten, gleichsam vornehmen Stadtsklaven als bei dem Ackerknecht, der +das Feld gleich dem gefesselten Stier in Ketten bestellte. Schlimmer noch als +die Sklavenmassen waren die der rechtlich oder auch bloß tatsächlich +freigegebenen Leute, ein Gemisch bettelhaften Gesindels und schwerreicher +Parvenus, nicht mehr Sklaven und doch nicht völlig Bürger, ökonomisch und +selbst rechtlich von ihrem Herrn abhängig und doch mit den Ansprüchen freier +Männer; und eben die Freigelassenen zogen sich vor allem nach der Hauptstadt, +wo es Verdienst mancherlei Art gab und der Kleinhandel wie das kleine Handwerk +fast ganz in ihren Händen waren. Ihr Einfluß auf die Wahlen wird ausdrücklich +bezeugt; und daß sie auch bei den Straßenkrawallen voran waren, zeigt schon das +gewöhnliche Signal, wodurch diese von den Demagogen gleichsam angesagt wurden, +die Schließung der Buden und Verkaufslokale. Zu allem dem kam, daß die +Regierung nicht bloß nichts tat, um dieser Korrumpierung der hauptstädtischen +Bevölkerung entgegenzuwirken, sondern sogar ihrer egoistischen Politik zuliebe +ihr Vorschub leistete. Die verständige Gesetzvorschrift, welche dem wegen +Kapitalverbrechens verurteilten Individuum den Aufenthalt in der Hauptstadt +untersagte, ward von der schlaffen Polizei nicht zur Ausführung gebracht. Die +dringend nahegelegte polizeiliche Überwachung der Assoziation des Gesindels +ward anfangs vernachlässigt, späterhin als freiheitswidrige Volksbeschränkung +sogar für strafbar erklärt. Die Volksfeste hatte man so anwachsen lassen, daß +die sieben ordentlichen allein, die römischen, die plebejischen, die der +Göttermutter, der Ceres, des Apoll, der Flora und der Victoria, zusammen +zweiundsechzig Tage währten, wozu dann noch die Fechterspiele und unzählige +andere außerordentliche Lustbarkeiten kamen. Die bei einem solchen, durchaus +von der Hand in den Mund lebenden Proletariat unumgängliche Fürsorge für +niedrige Getreidepreise ward mit dem gewissenlosesten Leichtsinn gehandhabt, +und die Preisschwankungen des Brotkorns waren fabelhafter und unberechenbarer +Art ^19. Endlich, die Getreideverteilungen luden das gesamte nahrungslose und +arbeitsscheue Bürgerproletariat offiziell ein, seinen Sitz in der Hauptstadt +aufzuschlagen. Es war eine arge Saat und die Ernte entsprach ihr. Das Klub- und +Bandenwesen auf dem politischen Gebiet, auf dem religiösen der Isisdienst und +der gleichartige fromme Schwindel hatten hier ihre Wurzeln. Man war beständig +im Angesicht einer Teuerung und nicht selten in voller Hungersnot. Nirgends war +man seines Lebens weniger sicher als in der Hauptstadt: der gewerbsmäßig +betriebene Banditenmord war das einzige derselben eigene Handwerk; es war die +Einleitung zur Ermordung, daß das Schlachtopfer nach Rom gelockt ward; niemand +wagte sich ohne bewaffnetes Gefolge in die Umgegend der Hauptstadt. Auch die +äußere Beschaffenheit derselben entsprach dieser inneren Zerrüttung und schien +eine lebendige Satire auf das aristokratische Regiment. Für die Regulierung des +Tiberstromes ward nichts getan; kaum daß man die einzige Brücke, mit der man +immer noch sich behalf, wenigstens bis zur Tiberinsel von Stein aufführen ließ. +Für die Planierung der Siebenhügelstadt war ebensowenig etwas geschehen, außer +wo etwa die Schutthaufen ausgeglichen hatten. Die Straßen gingen eng und +winkelig Hügel auf und ab und waren elend gehalten, die Trottoirs schmal und +schlecht gepflastert. Die gewöhnlichen Häuser waren von Ziegeln ebenso +liederlich wie schwindelnd hoch gebaut, meistens von spekulierenden Baumeistern +für Rechnung der kleinen Besitzer, wobei jene steinreich, diese zu Bettlern +wurden. Wie einzelne Inseln in diesem Meer von elenden Gebäuden erschienen die +glänzenden Paläste der Reichen, die den kleinen Häusern ebenso den Raum +verengten wie ihre Besitzer den kleinen Leuten ihr Bürgerrecht im Staat und +neben deren Marmorsäulen und griechischen Statuen die verfallenden Tempel mit +ihren großenteils noch holzgeschnitzten Götterbildern eine traurige Figur +machten. Von einer Straßen-, einer Ufer-, Feuer- und Baupolizei war kaum die +Rede; wenn die Regierung um die alljährlich eintretenden Überschwemmungen, +Feuersbrünste und Häusereinstürze überhaupt sich bekümmerte, so geschah es, um +von den Staatstheologen Bericht und Bedenken über den wahren Sinn solcher +Zeichen und Wunder zu begehren. Man versuche sich ein London zu denken mit der +Sklavenbevölkerung von New Orleans, mit der Polizei von Konstantinopel, mit der +Industrielosigkeit des heutigen Rom und bewegt von einer Politik nach dem +Muster der Pariser von 1848, und man wird eine ungefähre Vorstellung von der +republikanischen Herrlichkeit gewinnen, deren Untergang Cicero und seine +Genossen in ihren Schmollbriefen betrauern. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^19 In dem Produktionsland Sizilien ward der römische Scheffel innerhalb +weniger Jahre zu 2 und zu 20 Sesterzen verkauft; man rechne danach, wie die +Preisschwankungen in Rom sich stellen mußten, das von überseeischem Korn lebte +und der Sitz der Spekulanten war. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Caesar trauerte nicht, aber er suchte zu helfen, soweit zu helfen war. Rom +blieb natürlich, was es war, eine Weltstadt. Der Versuch ihm wiederum einen +spezifisch italischen Charakter zu geben, wäre nicht bloß unausführbar gewesen, +sondern hätte auch in Caesars Plan nicht gepaßt. Ähnlich wie Alexander für sein +griechisch-orientalisches Reich eine angemessene Hauptstadt in dem +hellenisch-jüdisch-ägyptischen und vor allem kosmopolitischen Alexandreia fand, +so sollte auch die im Mittelpunkt des Orients und Okzidents gelegene Hauptstadt +des neuen römisch-hellenischen Weltreichs nicht eine italische Gemeinde sein, +sondern die denationalisierte Kapitale vieler Nationen. Darum duldete es +Caesar, daß neben dem Vater Jovis die neu angesiedelten ägyptischen Götter +verehrt wurden, und gestattete sogar den Juden die freie Übung ihres seltsam +fremdartigen Rituals auch in der Hauptstadt des Reiches. Wie widerlich bunt +immer die parasitische, namentlich hellenisch-orientalische Bevölkerung in Rom +sich mischte, er trat ihrer Ausbreitung nirgends in den Weg; es ist +bezeichnend, daß er bei seinen hauptstädtischen Volksfesten Schauspiele nicht +bloß in lateinischer und griechischer, sondern auch in anderen Zungen, +vermutlich in phönikischer, hebräischer, syrischer, spanischer aufführen ließ. +</p> + +<p> +Aber wenn Caesar den Grundcharakter der Hauptstadt so, wie er ihn fand, mit +vollem Bewußtsein akzeptierte, so wirkte er doch energisch hin auf die +Besserung der daselbst obwaltenden kläglichen und schimpflichen Zustände. +Leider waren eben die Grundübel am wenigsten austilgbar. Die Sklaverei mit +ihrem Gefolge von Landplagen konnte Caesar nicht abstellen; es muß +dahingestellt bleiben, ob er mit der Zeit versucht haben würde, die +Sklavenbevölkerung in der Hauptstadt wenigstens zu beschränken, wie er dies auf +einem anderen Gebiete unternahm. Ebensowenig vermochte Caesar eine freie +hauptstädtische Industrie aus dem Boden zu zaubern; doch halfen die ungeheuren +Bauten der Nahrungslosigkeit daselbst einigermaßen ab und eröffneten dem +Proletariat eine Quelle schmalen, aber ehrlichen Erwerbes. Dagegen wirkte +Caesar energisch darauf hin, die Masse des freien Proletariats zu vermindern. +Der stehende Zufluß von solchen, die die Getreidespenden nach Rom führten, ward +durch Verwandlung derselben in eine auf eine feste Kopfzahl beschränkte +Armenversorgung wenn nicht ganz verstopfte ^20, doch sehr wesentlich +beschränkt. Unter dem vorhandenen Proletariat räumten einerseits die Gerichte +auf, die angewiesen wurden, mit unnachsichtlicher Strenge gegen das Gesindel +einzuschreiten, andererseits die umfassende überseeische Kolonisation; von den +80000 Kolonisten, die Caesar in den wenigen Jahren seiner Regierung über das +Meer führte, wird ein sehr großer Teil den unteren Schichten der +hauptstädtischen Bevölkerung entnommen sein, wie denn die meisten korinthischen +Ansiedler Freigelassene waren. Daß in Abweichung von der bisherigen Ordnung, +die dem Freigelassenen jedes städtische Ehrenamt verschloß, Caesar ihnen in +seinen Kolonien die Türe des Rathauses eröffnete, geschah ohne Zweifel, um die +besser gestellten von ihnen für die Auswanderung zu gewinnen. Diese +Auswanderung muß aber auch mehr gewesen sein als eine bloß vorübergehende +Veranstaltung; Caesar, überzeugt wie jeder andere verständige Mann, daß die +einzige wahrhafte Hilfe gegen das Elend des Proletariats in einem +wohlregulierten Kolonisierungssystem besteht, und durch die Beschaffenheit des +Reiches in den Stand gesetzt, dasselbe in fast ungemessener Ausdehnung zu +verwirklichen, wird die Absicht gehabt haben, hiermit dauernd fortzufahren und +dem stets wieder sich erzeugenden Übel einen bleibenden Abzug zu eröffnen. +Maßregeln wurden ferner ergriffen, um den argen Preisschwankungen der +wichtigsten Nahrungsmittel auf den hauptstädtischen Märkten Grenzen zu setzen. +Die neu geordneten und liberal verwalteten Staatsfinanzen lieferten hierzu die +Mittel und zwei neu ernannte Beamte, die Getreideädilen, übernahmen die +spezielle Beaufsichtigung der Lieferanten und des Marktes der Hauptstadt. Dem +Klubwesen wurde wirksamer, als es durch Prohibitivgesetze möglich war, +gesteuert durch die veränderte Verfassung, indem mit der Republik und den +republikanischen Wahlen und Gerichten die Bestechung und Vergewaltigung der +Wahl- und Richterkollegien, überhaupt die politischen Saturnalien der Kanaille +von selbst ein Ende hatten. Außerdem wurden die durch das Clodische Gesetz ins +Leben getretenen Verbindungen aufgelöst und das ganze Assoziationswesen unter +die Oberaufsicht der Regierungsbehörden gestellt. Mit Ausnahme der +althergebrachten Zünfte und Vergesellschaftungen, der religiösen Vereinigungen +der Juden und anderer besonders ausgenommener Kategorien, wofür die einfache +Anzeige an den Senat genügt zu haben scheint, wurde die Erlaubnis, eine +bleibende Gesellschaft mit festen Versammlungsfristen und stehenden Einschüssen +zu konstituieren, an eine vom Senat und regelmäßig wohl erst nach eingeholter +Willensmeinung des Monarchen zu erteilende Konzession geknüpft. Dazu kam eine +strengere Kriminalrechtspflege und eine energische Polizei. Die Gesetze, +namentlich hinsichtlich des Verbrechens der Vergewaltigung, wurden verschärft +und die unvernünftige Bestimmung des republikanischen Rechts, daß der +überwiesene Verbrecher befugt sei, durch Selbstverbannung einem Teil der +verwirkten Strafe sich zu entziehen, wie billig beseitigt. Das detaillierte +Regulativ, das Caesar über die hauptstädtische Polizei erließ, ist großenteils +noch erhalten und es kann, wer da will, sich überzeugen, daß der Imperator es +nicht verschmähte, die Hausbesitzer zur Instandsetzung der Straßen und zur +Pflasterung der Trottoirs in ihrer ganzen Breite mit behauenen Steinen +anzuhalten und geeignete Bestimmungen über das Tragen der Sänften und das +Fahren der Wagen zu erlassen, die bei der Beschaffenheit der Straßen nur zur +Abend- und Nachtzeit in der Hauptstadt frei zirkulieren durften. Die +Oberaufsicht über die Lokalpolizei blieb wie bisher hauptsächlich den vier +Ädilen, welche, wenn nicht schon früher, wenigstens jetzt angewiesen wurden, +jeder einen bestimmt abgegrenzten Polizeidistrikt innerhalb der Hauptstadt zu +überwachen. Endlich das hauptstädtische Bauwesen und die damit zusammenhängende +Fürsorge für die gemeinnützigen Anstalten überhaupt nahm durch Caesar, der die +Baulust des Römers und des Organisators in sich vereinigte, plötzlich einen +Aufschwung, der nicht bloß die Mißwirtschaft der letzten anarchischen Zeiten +beschämte, sondern auch alles, was die römische Aristokratie in ihrer besten +Zeit geleistet hatte, so weit hinter sich ließ wie Caesars Genie das redliche +Bemühen der Marcier und der Aemilier. Es war nicht bloß die Ausdehnung der +Bauten an sich und die Größe der darauf verwandten Summen, durch die Caesar +seine Vorgänger übertraf, sondern der echt staatsmännische und gemeinnützige +Sinn, der das, was Caesar für die öffentlichen Anstalten Roms tat, vor allen +ähnlichen Leistungen auszeichnet. Er baute nicht, wie seine Nachfolger, Tempel +und sonstige Prachtgebäude, sondern er entlastete den Markt von Rom, auf dem +sich immer noch die Bürgerversammlungen, die Hauptgerichtsstätten, die Börse +und der tägliche Geschäftsverkehr wie der tägliche Müßiggang zusammendrängten, +wenigstens von den Versammlungen und den Gerichten, indem er für jene eine neue +Dingstätte, die Saepta Iulia auf dem Marsfeld, für diese einen besonderen +Gerichtsmarkt, das Forum Iulium zwischen Kapitol und Palatin, anlegen ließ. +Verwandten Geistes ist die von ihm herrührende Einrichtung, daß den +hauptstädtischen Bädern jährlich 3 Millionen Pfund Öl, größtenteils aus Afrika, +geliefert und diese dadurch in den Stand gesetzt wurden, den Badenden das zum +Salben des Körpers erforderliche Öl unentgeltlich zu verabfolgen - eine nach +der alten wesentlich auf Baden und Salben gegründeten Diätetik höchst +zweckmäßige Maßregel der Reinlichkeits- und Gesundheitspolizei. Indes diese +großartigen Einrichtungen waren nur die ersten Anfänge einer vollständigen +Umwandlung Roms. Bereits waren die Entwürfe gemacht zu einem neuen Rathaus, +einem neuen prachtvollen Basar, einem mit dem Pompeischen wetteifernden +Theater, einer öffentlichen lateinischen und griechischen Bibliothek nach dem +Muster der kürzlich zugrunde gegangenen von Alexandreia - die erste Anstalt +derart in Rom -, endlich zu einem Tempel des Mars, der an Reichtum und +Herrlichkeit alles bisher Dagewesene überboten haben würde. Genialer noch war +der Gedanke, einmal durch die Pomptinischen Sümpfe einen Kanal zu legen und +deren Wasser nach Tarracina abzuleiten, sodann den unteren Lauf des Tiberstroms +zu ändern und ihn von dem heutigen Ponte Molle an, statt zwischen dem +Vaticanischen und dem Marsfelde hindurch, vielmehr um das Vaticanische Feld und +das Ianiculum herum nach Ostia zu führen, wo die schlechte Reede einem +vollgenügenden Kunsthafen Platz machen sollte. Durch diesen Riesenplan wurde +einerseits der gefährlichste Feind der Hauptstadt, die böse Luft der +Nachbarschaft, gebannt, andrerseits auf einen Schlag die äußerst beschränkte +Baugelegenheit in der Hauptstadt in der Art erweitert, daß das damit auf das +linke Tiberufer verlegte Vaticanische Feld an die Stelle des Marsfeldes treten +und das geräumige Marsfeld für öffentliche und Privatbauten verwendet werden +konnte, während sie zugleich den so schmerzlich vermißten sicheren Seehafen +erhielt. Es schien, als wolle der Imperator Berge und Flüsse versetzen und mit +der Natur selber den Wettlauf wagen. Indessen so sehr auch durch die neue +Ordnung die Stadt Rom an Bequemlichkeit und Herrlichkeit gewann, ihre +politische Suprematie ging ihr, wie schon gesagt ward, durch ebendieselbe +unwiderbringlich verloren. Daß der römische Staat mit der Stadt Rom +zusammenfalle, war zwar im Laufe der Zeit immer unnatürlicher und verkehrter +geworden; aber der Satz war doch so innig mit dem Wesen der römischen Republik +verwachsen, daß er nicht vor dieser selbst zugrunde gehen konnte. Erst in dem +neuen Staate Caesars ward er, etwa mit Ausnahme einiger legaler Fiktionen, +vollständig beseitigt und das hauptstädtische Gemeinwesen rechtlich auf eine +Linie mit allen übrigen Munizipalitäten gestellt; wie denn Caesar, hier wie +überall bemüht, nicht bloß die Sache zu ordnen, sondern auch sie offiziell bei +dem rechten Namen zu nennen, seine italische Gemeindeordnung, ohne Zweifel +absichtlich, zugleich für die Hauptstadt und für die übrigen Stadtgemeinden +erließ. Man kann hinzufügen, daß Rom, eben weil es eines lebendigen +Kommunalwesens als Hauptstadt nicht fähig war, hinter den übrigen +Munizipalitäten der Kaiserzeit sogar wesentlich zurückstand. Das +republikanische Rom war eine Räuberhöhle, aber zugleich der Staat; das Rom der +Monarchie, obwohl es mit allen Herrlichkeiten dreier Weltteile sich zu +schmücken und in Gold und Marmor zu schimmern begann, war doch nichts im Staate +als das Königsschloß in Verbindung mit dem Armenhaus, das heißt ein notwendiges +übel. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +^20 Es ist nicht ohne Interesse, daß ein späterer, aber einsichtiger +politischer Schriftsteller, der Verfasser der unter Sallustius’ Namen an +Caesar gerichteten Briefe, diesem den Rat erteilt, die hauptstädtische +Getreideverteilung in die einzelnen Munizipien zu verlegen. Die Kritik hat +ihren guten Sinn; wie denn bei der großartigen munizipalen Waisenversorgung +unter Traian offenbar ähnliche Gedanken gewaltet haben. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +Wenn es in der Hauptstadt sich nur darum handelte, durch polizeiliche Ordnungen +im größten Maßstab handgreifliche Übelstände hinwegzuräumen, so war es dagegen +eine bei weitem schwierigere Aufgabe, der tief zerrütteten italischen +Volkswirtschaft aufzuhelfen. Die Grundleiden waren die bereits früher +ausführlich hervorgehobenen, das Zusammenschwinden der ackerbauenden und die +unnatürliche Vermehrung der kaufmännischen Bevölkerung, woran ein unabsehbares +Gefolge anderer Übelstände sich anschloß. Wie es mit der italischen +Bodenwirtschaft stand, wird dem Leser unvergessen sein. Trotz der ernstlichsten +Versuche, der Vernichtung des kleinen Grundbesitzes zu steuern, war doch in +dieser Epoche kaum mehr in einer Landschaft des eigentlichen Italien, etwa mit +Ausnahme der Apenninen- und Abruzzentäler, die Bauernwirtschaft die vorwiegende +Wirtschaftsweise. Was die Gutswirtschaft anlangt, so ist zwischen der früher +dargestellten Catonischen und derjenigen, die uns Varro schildert, kein +wesentlicher Unterschied wahrzunehmen, nur daß die letztere im Guten wie im +Schlimmen von dem gesteigerten großstädtischen Leben in Rom die Spuren zeigt. +“Sonst”, sagt Varro, “war die Scheune auf dem Gut größer als +das Herrenhaus; jetzt pflegt es umgekehrt zu sein.” In der tusculanischen +und tiburtinischen Feldmark, an den Gestaden von Tarracina und Baiae erhoben +sich da, wo die alten latinischen und italischen Bauernschaften gesät und +geerntet hatten, jetzt in unfruchtbarem Glanz die Landhäuser der römischen +Großen, von denen manches mit den dazu gehörigen Gartenanlagen und +Wasserleitungen, den Süß- und Salzwasserreservoirs zur Aufbewahrung und +Züchtung von Fluß- und Seefischen, den Schnecken- und Siebenschläferzüchtungen, +den Wildschonungen zur Hegung von Hasen, Kaninchen, Hirschen, Rehen und +Wildschweinen und den Vogelhäusern, in denen selbst Kraniche und Pfauen +gehalten wurden, den Raum einer mäßigen Stadt bedeckte. Aber der großstädtische +Luxus macht auch manche fleißige Hand reich und ernährt mehr Arme als die +almosenspendende Menschenliebe. Jene Vogelhäuser und Fischteiche der vornehmen +Herren waren natürlich in der Regel eine sehr kostspielige Liebhaberei. Allein +extensiv und intensiv hatte diese Wirtschaft sich so hoch entwickelt, daß zum +Beispiel der Bestand eines Taubenhauses bis auf 100000 Sesterzen (7600 Taler) +geschätzt ward; daß eine rationelle Mästungswirtschaft entstanden war und der +in den Vogelhäusern gewonnene Dünger landwirtschaftlich in Betracht kam; daß +ein einziger Vogelhändler auf einmal 5000 Krammetsvögel - denn auch diese wußte +man zu hegen - das Stück zu 3 Denaren (21 Groschen), ein einziger +Fischteichbesitzer 2000 Muränen zu liefern imstande war und aus den von Lucius +Lucullus hinterlassenen Fischen 40000 Sesterzen (3050 Taler) gelöst wurden. +Begreiflicherweise konnte unter solchen Umständen, wer diese Wirtschaft +geschäftlich und intelligent betrieb, mit verhältnismäßig geringem +Anlagekapital sehr hohen Gewinn erzielen. Ein kleiner Bienenzüchter dieser Zeit +verkaufte von seinem nicht mehr als einen Morgen großen, in der Nähe von +Falerii gelegenen Thymiangärtchen Jahr aus Jahr ein an Honig für mindestens +10000 Sesterzen (760 Taler). Der Wetteifer der Obstzüchter ging so weit, daß in +eleganten Landhäusern die marmorgetäfelte Obstkammer nicht selten zugleich als +Tafelzimmer eingerichtet, auch wohl gekauftes Prachtobst dort zur Schau als +eigenes Gewächs gestellt ward. In dieser Zeit wurden auch zuerst die +kleinasiatische Kirsche und andere ausländische Fruchtbäume in den italischen +Gärten angepflanzt. Die Gemüsegärten, die Rosen- und Veilchenbeete in Latium +und Kampanien warfen reichen Ertrag ab und der “Naschmarkt” (forum +cupedinis) neben der Heiligen Straße, wo Früchte, Honig und Kränze feilgeboten +zu werden pflegten, spielte eine wichtige Rolle im hauptstädtischen Leben. +Überhaupt stand die Gutswirtschaft, Plantagenwirtschaft wie sie war, ökonomisch +auf einer schwer zu übertreffenden Höhe der Entwicklung. Das Tal von Rieti, die +Umgegend des Fuciner Sees, die Landschaften am Liris und Volturnus, ja +Mittelitalien überhaupt, waren landwirtschaftlich in dem blühendsten Zustand; +selbst gewisse Industrien, die geeignet waren, sich an den Betrieb des Guts +mittels Sklaven anzuschließen, wurden von den intelligenten Landwirten mit +aufgenommen und, wo die Verhältnisse günstig waren, Wirtshäuser, Webereien und +besonders Ziegeleien auf dem Gute angelegt. Die italischen Produzenten, +namentlich von Wein und Öl, versorgten nicht bloß die italischen Märkte, +sondern machten auch in beiden Artikeln ansehnliche überseeische +Ausfuhrgeschäfte. Eine schlichte fachwissenschaftliche Schrift dieser Zeit +vergleicht Italien einem großen Fruchtgarten; und die Schilderungen, die ein +gleichzeitiger Dichter von seinem schönen Heimatland entwirft, wo die +wohlbewässerte Wiese, das üppige Kornfeld, der lustige Rebenhügel von der +dunklen Zeile der Ölbäume umsäumt wird, wo der Schmuck des Landes, lachend in +mannigfaltiger Anmut, die holdesten Gärten in seinem Schoße hegt und selber von +nahrunggebenden Bäumen umkränzt wird diese Schilderungen, offenbar treue +Gemälde der dem Dichter täglich vor Augen stehenden Landschaft, versetzen uns +in die blühendsten Striche von Toscana und Terra di lavoro. Die Weidewirtschaft +freilich, die aus den früher entwickelten Ursachen besonders im Süden und +Südosten Italiens immer weiter vordrang, war in jeder Beziehung ein +Rückschritt; allein auch sie nahm doch bis zu einem gewissen Grade teil an der +allgemeinen Steigerung des Betriebes, wie denn für die Verbesserung der Rassen +vieles geschah und zum Beispiel Zuchtesel mit 60000 (4600 Taler), 100000 (7570 +Taler), ja 400000 Sesterzen (30000 Taler) bezahlt wurden. Die gediegene +italische Bodenwirtschaft erzielte in dieser Zeit, wo die allgemeine +Entwicklung der Intelligenz und die Fülle der Kapitalien sie befruchtete, bei +weitem glänzendere Resultate als jemals die alte Bauernwirtschaft hatte geben +können, und ging sogar schon hinaus über die Grenzen Italiens, indem der +italische Ökonom auch in den Provinzen große Strecken viehzüchtend und selbst +kornbauend exploitierte. +</p> + +<p> +Welche Dimensionen aber neben dieser auf dem Ruin der kleinen Bauernschaft +unnatürlich gedeihenden Gutswirtschaft die Geldwirtschaft angenommen, wie die +italische Kaufmannschaft mit den Juden um die Wette in alle Provinzen und +Klientelstaaten des Reiches sich ergossen hatte, alles Kapital endlich in Rom +zusammenfloß, dafür wird es, nach dem früher darüber Gesagten, hier genügen, +auf die einzige Tatsache hinzuweisen, daß auf dem hauptstädtischen Geldmarkt +der regelmäßige Zinsfuß in dieser Zeit sechs vom Hundert, das Geld daselbst +also um die Hälfte billiger war als sonst durchschnittlich im Altertume. +</p> + +<p> +Infolge dieser agrarisch wie merkantil auf Kapitalmassen und Spekulation +begründeten Volkswirtschaft ergab sich das fürchterlichste Mißverhältnis in der +Verteilung des Vermögens. Die oft gebrauchte und oft gemißbrauchte Rede von +einem aus Millionären und Bettlern zusammengesetzten Gemeinwesen trifft +vielleicht nirgends so vollständig zu wie bei dem Rom der letzten Zeit der +Republik; und nirgends wohl auch ist der Kernsatz des Sklavenstaats, daß der +reiche Mann, der von der Tätigkeit seiner Sklaven lebt, notwendig respektabel, +der arme Mann, der von seiner Hände Arbeit lebt, notwendig gemein ist, mit so +grauenvoller Sicherheit als der unwidersprechliche Grundgedanke des ganzen +öffentlichen und privaten Verkehrs anerkannt worden ^21. Einen wirklichen +Mittelstand in unserm Sinne gibt es nicht, wie es denn in keinem vollkommen +entwickelten Sklavenstaat einen solchen geben kann; was gleichsam als guter +Mittelstand erscheint und gewissermaßen auch es ist, sind diejenigen reichen +Geschäftsmänner und Grundbesitzer, die so ungebildet oder auch so gebildet +sind, um sich innerhalb der Sphäre ihrer Tätigkeit zu bescheiden und vom +öffentlichen Leben sich fernzuhalten. Unter den Geschäftsmännern, wo die +zahlreichen Freigelassenen und sonstigen emporgekommenen Leute in der Regel von +dem Schwindel erfaßt wurden, den vornehmen Mann zu spielen, gab es solcher +Verständigen nicht allzuviel: ein Musterbild dieser Gattung ist der in den +Berichten aus dieser Zeit häufig erwähnte Titus Pomponius Atticus, der teils +mit der großen Gutswirtschaft, welche er in Italien und in Epirus betrieb, +teils mit seinen durch ganz Italien, Griechenland, Makedonien, Kleinasien sich +verzweigenden Geldgeschäften ein ungeheures Vermögen gewann, dabei aber +durchaus der einfache Geschäftsmann blieb, sich nicht verleiten ließ, um ein +Amt zu werben oder auch nur Staatsgeldgeschäfte zu machen, und, dem geizigen +Knausern ebenso fern wie dem wüsten und lästigen Luxus dieser Zeit - seine +Tafel zum Beispiel ward mit 100 Sesterzen (7½ Talern) täglich bestritten -, +sich genügen ließ an einer bequemen, die Anmut des Land- und des Stadtlebens, +die Freuden des Verkehrs mit der besten Gesellschaft Roms und Griechenlands und +jeden Genuß der Literatur und der Kunst sich aneignenden Existenz. Zahlreicher +und tüchtiger waren die italischen Gutsbesitzer alten Schlages. Die +gleichzeitige Literatur bewahrt in der Schilderung des Sextus Roscius, der bei +den Proskriptionen 673 (81) mitermordet ward, das Bild eines solchen +Landedelmanns (pater familias rusticanus); sein Vermögen, angeschlagen auf 6 +Mill. Sesterzen (457000 Taler), ist wesentlich angelegt in seinen dreizehn +Landgütern; die Wirtschaft betreibt er selbst rationell und mit Leidenschaft; +nach der Hauptstadt kommt er selten oder nie, und wenn er dort erscheint, so +sticht er mit seinen ungehobelten Manieren nicht minder von dem feinen Senator +ab wie die zahllosen Scharen seiner rauben Ackerknechte von dem zierlichen +hauptstädtischen Bedientenschwarm. Mehr als die kosmopolitisch gebildeten +Adelskreise und der überall und nirgends heimische Kaufmannsstand bewahrten +diese Gutsbesitzer und die wesentlich durch dieselben gehaltenen +“Ackerstädte” (municipia rusticana) sowohl die Zucht und Sitte der +Väter als auch deren reine und edle Sprache. Der Gutsbesitzerstand gilt als der +Kern der Nation; der Spekulant, der sein Vermögen gemacht hat und unter die +Notabeln des Landes einzutreten wünscht, kauft sich an und sucht wenn nicht +selbst Squire zu werden, doch wenigstens einen Sohn dazu zu erziehen. Den +Spuren dieser Gutsbesitzerschaft begegnen wir, wo in der Politik eine +volkstümliche Regung sich zeigt und wo die Literatur einen grünen Sproß treibt: +aus ihr sog die patriotische Opposition gegen die neue Monarchie ihre beste +Kraft; ihr gehören Varro, Lucretius, Catullus an; und vielleicht nirgends tritt +die relative Frische dieser Gutsbesitzerexistenz charakteristischer hervor als +in der anmutigen arpinatischen Einleitung zu dem zweiten Buche der Schrift +Ciceros von den Gesetzen, einer grünen Oase in der fürchterlichen Öde dieses +ebenso leeren wie voluminösen Skribenten. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +^21 Charakteristisch ist die folgende Auseinandersetzung in Ciceros +‘Pflichtenlehre’ (off. 1, 42): “Darüber, welche Geschäfte und +Erwerbszweige als anständig gelten können und welche als gemein, herrschen im +allgemeinen folgende Vorstellungen. Bescholten sind zunächst die Erwerbszweige, +wobei man den Haß des Publikums sich zuzieht, wie der der Zolleinnehmer, der +der Geldverleiher. Unanständig und gemein ist auch das Geschäft der +Lohnarbeiter, denen ihre körperliche, nicht ihre Geistesarbeit bezahlt wird; +denn für diesen selben Lohn verkaufen sie gleichsam sich in die Sklaverei. +Gemeine Leute sind auch die von dem Kaufmann zu sofortigem Verschleiß +einkaufenden Trödler; denn sie kommen nicht fort, wenn sie nicht über alle +Maßen lügen, und nichts ist minder ehrenhaft als der Schwindel. Auch die +Handwerker treiben sämtlich gemeine Geschäfte; denn man kann nicht Gentleman +sein in der Werkstatt. Am wenigsten ehrbar sind die Handwerker, die der +Schlemmerei an die Hand gehen, zum Beispiel: ‘Wurstmacher, +Salzfischhändler, Koch, Geflügelverkäufer, Fischer’ mit Terenz (Eun. 2, +2, 26) zu reden; dazu noch etwa die Parfümerienhändler, die Tanzmeister und die +ganze Sippschaft der Spielbuden. Diejenigen Erwerbszweige aber, welche entweder +eine höhere Bildung voraussetzen oder einen nicht geringen Ertrag abwerfen, wie +die Heilkunst, die Baukunst, der Unterricht in anständigen Gegenständen, sind +anständig für diejenigen, deren Stande sie angemessen sind. Der Handel aber, +wenn er Kleinhandel ist, ist gemein; der große Kaufmann freilich, der aus den +verschiedensten Ländern eine Menge von Waren einführt und sie an eine Menge von +Leuten ohne Schwindel absetzt, ist nicht gerade sehr zu schelten; ja wenn er, +des Gewinstes satt oder vielmehr mit dem Gewinste zufrieden, wie oft zuvor vom +Meere in den Hafen, so schließlich aus dem Hafen selbst zu Grundbesitz gelangt, +so darf man wohl mit gutem Recht ihn loben. Aber unter allen Erwerbszweigen ist +keiner besser, keiner ergiebiger, keiner erfreulicher, keiner dem freien Manne +anständiger als der Grundbesitz.” +</p> + +<p> +Also der anständige Mann muß streng genommen Gutsbesitzer sein; das +Kaufmannsgewerbe passiert ihm nur, insofern es Mittel zu diesem letzten Zweck +ist, die Wissenschaft als Profession nur den Griechen und den nicht den +herrschenden Ständen angehörigen Römern, welche damit sich in den vornehmen +Kreisen allenfalls für ihre Person eine gewisse Duldung erkaufen dürfen. Es ist +die vollkommen ausgebildete Plantagenbesitzeraristokratie, mit einer starken +Schattierung von kaufmännischer Spekulation und einer leisen Nuance von +allgemeiner Bildung. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +Aber die gebildete Kaufmannschaft und der tüchtige Gutsbesitzerstand wird weit +überwuchert von den beiden tonangebenden Klassen der Gesellschaft: dem +Bettelvolk und der eigentlichen vornehmen Welt. Wir haben keine statistischen +Ziffern, um das relative Maß der Armut und des Reichtums für diese Epoche +scharf zu bezeichnen; doch darf hier wohl wieder an die Äußerung erinnert +werden, die etwa fünfzig Jahre früher ein römischer Staatsmann tat: daß die +Zahl der Familien von festgegründetem Reichtum innerhalb der römischen +Bürgerschaft nicht auf 2000 sich belaufe. Die Bürgerschaft war seitdem eine +andere geworden; aber daß das Mißverhältnis zwischen arm und reich sich +wenigstens gleichgeblieben war, dafür sprechen deutliche Spuren. Die +fortschreitende Verarmung der Menge offenbart sich nur zu grell in dem Zudrang +zu den Getreidespenden und zur Anwerbung unter das Heer; die entsprechende +Steigerung des Reichtums bezeugt ausdrücklich ein Schriftsteller dieser +Generation, indem er, von den Verhältnissen der marianischen Zeit sprechend, +ein Vermögen von 2 Mill. Sesterzen (152 000 Taler) “nach damaligen +Verhältnissen Reichtum” nennt; und ebendahin führen die Angaben, die wir +über das Vermögen einzelner Individuen finden. Der schwerreiche Lucius Domitius +Ahenobarbus verhieß zwanzigtausend Soldaten jedem vier Jugera Land aus eigenem +Besitz; das Vermögen des Pompeius belief sich auf 70 Mill. Sesterzen (5300000 +Taler), das des Schauspielers Aesopus auf 20 (1520000 Taler); Marcus Crassus, +der reichste der Reichen, besaß am Anfang seiner Laufbahn 7 (530000 Taler), am +Ausgang derselben nach Verspendung ungeheurer Summen an das Volk 170 Millionen +Sesterzen (13 Mill. Taler). Die Folgen solcher Armut und solchen Reichtums +waren nach beiden Seiten eine äußerlich verschiedene, aber wesentlich +gleichartige ökonomische und sittliche Zerrüttung. Wenn der gemeine Mann einzig +durch die Unterstützung aus Staatsmitteln vor dem Verhungern gerettet ward, so +war es die notwendige Folge dieses Bettlerelends, die freilich wechselwirkend +auch wieder als Ursache auftrat, daß er der Bettlerfaulheit und dem +bettlerhaften Wohlleben sich ergab. Statt zu arbeiten, gaffte der römische +Plebejer lieber im Theater; die Schenken und Bordelle hatten solchen Zuspruch, +daß die Demagogen ihre Rechnung dabei fanden, vorwiegend die Besitzer +derartiger Etablissements in ihr Interesse zu ziehen. Die Fechterspiele, die +Offenbarung wie die Nahrung der ärgsten Demoralisation in der alten Welt, waren +zu solcher Blüte gelangt, daß mit dem Verkauf der Programme derselben ein +einträgliches Geschäft gemacht ward, und nahmen in dieser Zeit die entsetzliche +Neuerung auf, daß über Leben und Tod des Besiegten nicht das Duellgesetz oder +die Willkür des Siegers, sondern die Laune des zuschauenden Publikums entschied +und nach dessen Wink der Sieger den daniederliegenden Besiegten entweder +verschonte oder durchbohrte. Das Handwerk des Fechters war so im Preise +gestiegen oder auch die Freiheit so im Preise gesunken, daß die +Unerschrockenheit und der Wetteifer, die auf den Schlachtfeldern dieser Zeit +vermißt wurden, in den Heeren der Arena allgemein waren und, wo das Duellgesetz +es mit sich brachte, jeder Gladiator lautlos und ohne zu zucken sich +durchbohren ließ, ja daß freie Männer nicht selten sich den Unternehmern für +Kost und Lohn als Fechtknechte verkauften. Auch die Plebejer des fünften +Jahrhunderts hatten gedarbt und gehungert, aber ihre Freiheit hatten sie nicht +verkauft; und noch weniger würden die Rechtweiser jener Zeit sich dazu +hergegeben haben, den ebenso sitten- wie rechtswidrigen Kontrakt eines solchen +Fechtknechts, “sich unweigerlich fesseln, peitschen, brennen oder töten +zu lassen, wenn die Gesetze der Anstalt dies mit sich bringen würden”, +auf unfeinen juristischen Schleichwegen als statthaft und klagbar hinzustellen. +</p> + +<p> +In der vornehmen Welt kam nun dergleichen nicht vor; aber im Grunde war sie +kaum anders, am wenigsten besser. Im Nichtstun nahm es der Aristokrat dreist +mit dem Proletarier auf; wenn dieser auf dem Pflaster lungerte, dehnte jener +sich bis in den hellen Tag hinein in den Feldern. Die Verschwendung regierte +hier ebenso maß- wie geschmacklos. Sie warf sich auf die Politik wie auf das +Theater, natürlich zu beider Verderben: man kaufte das Konsulamt um +unglaublichen Preis - im Sommer 700 (54) ward allein die erste Stimmabteilung +mit 10 Mill. Sesterzen (760000 Talern) bezahlt - und verdarb durch den tollen +Dekorationsluxus dem Gebildeten alle Freude am Bühnenspiel. Die Mietpreise +scheinen in Rom durchschnittlich vierfach höher als in den Landstädten sich +gestellt zu haben; ein Haus daselbst ward einmal für 15 Mill. Sesterzen +(1150000 Taler) verkauft. Das Haus des Marcus Lepidus (Konsul 676 78), als +Sulla starb, das schönste in Rom, war ein Menschenalter später noch nicht der +hundertste in der Rangfolge der römischen Paläste. Des mit den Landhäusern +getriebenen Schwindels ward bereits gedacht; wir finden, daß für ein solches, +das hauptsächlich seines Fischteiches wegen geschätzt war, 4 Mill. Sesterzen +(300000 Taler) bezahlt wurden; und der ganz vornehme Mann bedurfte jetzt schon +wenigstens zweier Landhäuser, eines in den Sabiner- oder Albaner Bergen bei der +Hauptstadt und eines zweiten in der Nähe der kampanischen Bäder, dazu noch +womöglich eines Gartens unmittelbar vor den Toren Roms. Noch unsinniger als +diese Villen- waren die Grabpaläste, von denen einzelne noch bis auf den +heutigen Tag es bezeugen, welches himmelhohen Quaderhaufens der reiche Römer +bedurfte, um standesmäßig gestorben zu sein. Die Pferde- und Hundeliebhaber +fehlten auch nicht; für ein Luxuspferd waren 24000 Sesterzen (1830 Taler) ein +nicht ungewöhnlicher Preis. Man raffinierte auf Möbel von feinem Holz - ein +Tisch von afrikanischem Zypressenholz ward mit 1 Mill. Sesterzen (67000 Taler) +bezahlt; auf Gewänder von Purpurstoffen oder durchsichtiger Gaze und daneben +auch auf die zierlich vor dem Spiegel zurechtgelegten Falten - der Redner +Hortensius soll einen Kollegen wegen Injurien belangt haben, weil er ihm im +Gedränge den Rock zerknittert; auf Edelsteine und Perlen, die zuerst in dieser +Zeit an die Stelle des alten, unendlich schöneren und kunstvolleren +Goldschmucks traten: es war schon vollkommenes Barbarentum, wenn bei +Pompeius’ Triumph über Mithradates das Bild des Siegers ganz von Perlen +gearbeitet erschien und wenn man im Speisesaal die Sofas und die Etageren mit +Silber beschlagen, ja das Küchengeschirr von Silber fertigen ließ. Gleicher Art +ist es, wenn die Sammler dieser Zeit aus den alten Silberbechern die +kunstvollen Medaillons herausbrachen um sie in goldene Gefäße +wiedereinzusetzen. Auch der Reiseluxus ward nicht vermißt. “Wenn der +Statthalter reiste”, erzählt Cicero von einem der sizilischen, “was +natürlich im Winter nicht geschah, sondern erst mit Frühlingsanfang, nicht dem +des Kalenders, sondern dem Anfang der Rosenzeit, so ließ er, wie es bei den +Königen von Bithynien Brauch war, sich auf einer Achtträgersänfte befördern, +sitzend auf Kissen von maltesischer Gaze und mit Rosenblättern gestopft, einen +Kranz auf dem Kopf, einen zweiten um den Hals geschlungen, ein feines, +leinenes, kleingetüpfeltes, mit Rosen angefülltes Riechsäckchen an die Nase +haltend; und so ließ er bis vor sein Schlafzimmer sich tragen.” Aber +keine Gattung des Luxus blühte so wie die roheste von allen, der Luxus der +Tafel. Die ganze Villeneinrichtung und das ganze Villenleben lief schließlich +hinaus auf das Dinieren; man hatte nicht bloß verschiedene Tafelzimmer für +Winter und Sommer, sondern auch in der Bildergalerie, in der Obstkammer, im +Vogelhaus wurde serviert oder auf einer im Wildpark aufgeschlagenen Estrade, um +welche dann, wenn der bestellte “Orpheus” im Theaterkostüm erschien +und Tusch blies, die dazu abgerichteten Rehe und Wildschweine sich drängten. So +ward für Dekoration gesorgt, aber die Realität darüber durchaus nicht +vergessen. Nicht bloß der Koch war ein graduierter Gastronom, sondern oft +machte der Herr selbst den Lehrmeister seiner Köche. Längst war der Braten +durch Seefische und Austern in den Schatten gestellt; jetzt waren die +italischen Flußfische völlig von der guten Tafel verbannt und galten die +italischen Delikatessen und die italischen Weine fast für gemein. Es wurden +jetzt schon bei Volksfesten außer dem italischen Falerner drei Sorten +ausländischen Weines - Sizilianer, Lesbier, Chier - verteilt, während ein +Menschenalter zuvor es auch bei großen Schmäusen genügt hatte, einmal +griechischen Wein herumzugeben; in dem Keller des Redners Hortensius fand sich +ein Lager von 10000 Krügen (zu 33 Berliner Quart) fremden Weines. Es war kein +Wunder, daß die italischen Weinbauer anfingen, über die Konkurrenz der +griechischen Inselweine zu klagen. Kein Naturforscher kann eifriger die Länder +und Meere nach neuen Tieren und Pflanzen durchsuchen, als es von den +Eßkünstlern jener Zeit wegen neuer Küchenelegantien geschah ^22. Wenn dann der +Gast, um den Folgen der ihm vorgesetzten Mannigfaltigkeiten zu entgehen, nach +der Mahlzeit ein Vomitiv nahm, so fiel dies niemand mehr auf. Die Debauche +aller Art ward so systematisch und so schwerfällig, daß sie ihre Professoren +fand, die davon lebten, vornehmen Jünglingen theoretisch und praktisch als +Lastermeister zu dienen. Es wird nicht nötig sein, bei diesem wüsten Gemälde +eintönigster Mannigfaltigkeit noch länger zu verweilen; um so weniger, als ja +auch auf diesem Gebiet die Römer nichts weniger als originell waren und sich +darauf beschränkten, von dem hellenisch-orientalischen Luxus eine noch maß- und +noch geistlosere Kopie zu liefern. Natürlich verschlingt Plutos seine Kinder so +gut wie Kronos; die Konkurrenz um alle jene meist nichtigen Gegenstände +vornehmer Begehrlichkeit trieb die Preise so in die Höhe, daß den mit dem +Strome Schwimmenden in kurzer Zeit das kolossalste Vermögen zerrann und auch +diejenigen, die nur Ehren halber das Notwendigste mitmachten, den ererbten und +festgegründeten Wohlstand rasch sich unterhöhlen sahen. Die Bewerbung um das +Konsulat zum Beispiel war die gewöhnliche Landstraße zum Ruin angesehener +Häuser; und fast dasselbe gilt von den Spielen, den großen Bauten und all jenen +andern, zwar lustigen, aber teuren Metiers. Der fürstliche Reichtum jener Zeit +wird nur von der noch fürstlicheren Verschuldung überboten: Caesar schuldete um +692 (62) nach Abzug seiner Aktiva 25 Mill. Sesterzen (1900000 Taler), Marcus +Antonius als Vierundzwanzigjähriger 6 Mill. Sesterzen (460000 Taler), vierzehn +Jahre später 40 (3 Mill. Taler), Curio 60 (4½ Mill. Taler), Milo 70 Mill. (5½ +Mill. Taler). Wie durchgängig jenes verschwenderische Leben und Treiben der +vornehmen römischen Welt auf Kredit beruhte, davon zeugt die Tatsache, daß +durch die Anleihen der verschiedenen Konkurrenten um das Konsulat einmal in Rom +der Monatzins plötzlich von vier auf acht vom Hundert aufschlug. Die Insolvenz, +statt rechtzeitig den Konkurs oder doch die Liquidation herbeizuführen und +damit wenigstens wieder ein klares Verhältnis herzustellen, ward in der Regel +von dem Schuldner, solange es irgend ging, verschleppt; statt seine Habe, +namentlich seine Grundstücke zu verkaufen, fuhr er fort, zu borgen und den +Scheinreichen weiter zu spielen, bis denn der Krach nur um so ärger kam und +Konkurse ausbrachen wie zum Beispiel der des Milo, bei dem die Gläubiger etwas +über vier vom Hundert der liquidierten Summen erhielten. Es gewann bei diesem +rasend schnellen Umschlagen vom Reichtum zum Bankrott und diesem systematischen +Schwindel natürlich niemand als der kühle Bankier, der es verstand, Kredit zu +geben und zu verweigern. So kamen denn die Kreditverhältnisse fast auf +demselben Punkte wieder an, wo sie in den schlimmsten Zeiten der sozialen Krise +des fünften Jahrhunderts gestanden hatten: die nominellen Grundeigentümer waren +gleichsam die Bittbesitzer ihrer Gläubiger, die Schuldner entweder ihren +Gläubigern knechtisch untertan, so daß die geringeren von ihnen, gleich den +Freigelassenen, in dem Gefolge derselben erschienen, die vornehmeren selbst im +Senat nach dem Wink ihres Schuldherrn sprachen und stimmten, oder auch im +Begriff, dem Eigentum selbst den Krieg zu erklären und ihre Gläubiger entweder +durch Drohungen zu terrorisieren oder gar sich ihrer durch Komplott und +Bürgerkrieg zu entledigen. Auf diesen Verhältnissen ruhte die Macht des +Crassus; aus ihnen entsprangen die Aufläufe, deren Signal das “freie +Folium” war, des Cinna und bestimmter noch des Catilina, des Caelius, des +Dolabella, vollkommen gleichartig jenen Schlachten der Besitzenden und +Nichtbesitzenden, die ein Jahrhundert zuvor die hellenische Welt bewegten. Daß +bei so unterhöhlten ökonomischen Zuständen jede finanzielle oder politische +Krise die entsetzlichste Verwirrung hervorrief, lag in der Natur der Dinge: es +bedarf kaum gesagt zu werden, daß die gewöhnlichen Erscheinungen: das +Verschwinden des Kapitals, die plötzliche Entwertung der Grundstücke, zahllose +Bankrotte und eine fast allgemeine Insolvenz, ebenwie während des +Bundesgenössischen und Mithradatischen, so auch jetzt während des Bürgerkrieges +sich einstellten. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^22 Wir haben noch (Macr. Sat. 3, 13) den Speisezettel derjenigen Mahlzeit, +welche Lucius Lentulus Niger vor 691 (63) bei Antritt seines Pontifikats gab +und an der die Pontifices - darunter Caesar -, die Vestalischen Jungfrauen und +einige andere Priester und nah verwandte Damen Anteil nahmen. Vor der Mahlzeit +kamen Meerigel; frische Austern soviel die Gäste wollten; Gienmuscheln; +Lazarusklappen; Krammetsvögel mit Spargeln; gemästetes Huhn; Auster- und +Muschelpastete; schwarze und weiße Meereicheln; noch einmal Lazarusklappen; +Glykymarismuscheln; Nesselmuscheln; Feigenschnepfen; Rehrippen; Schweinsrippen; +Geflügel in Mehl gebacken; Feigenschnepfen; Purpurmuscheln, zwei Sorten. Die +Mahlzeit selbst bestand aus Schweinsbrust, Schweinskopf; Fischpastete; +Schweinspastete; Enten; Kriechenten gekocht; Hasen; gebratenem Geflügel; +Kraftmehlbackwerk; pontischem Backwerk. +</p> + +<p> +Das sind die Kollegienschmäuse, von denen Varro (rust. 3, 2, 16) sagt, daß sie +die Preise aller Delikatessen in die Höhe trieben. Derselbe zählt in einer +seiner Satiren als die namhaftesten ausländischen Delikatessen folgende auf: +Pfauen von Samos; Haselhühner aus Phrygien; Kraniche von Melos; Zicklein von +Ambrakia; Thunfische von Kalchedon; Muränen aus der Gaditanischen Meerenge; +Edelfische (?) von Pessinus. Austern und Muscheln von Tarent; Störe (?) von +Rhodos; Scarusfische (?) von Kilikien; Nüsse von Thasos; Datteln aus Ägypten; +spanische Eicheln. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Daß Sittlichkeit und Familienleben unter solchen Verhältnissen in allen +Schichten der Gesellschaft zur Antiquität wurden, versteht sich von selbst. Es +war nicht mehr der ärgste Schimpf und das schlimmste Verbrechen, arm zu sein, +sondern das einzige: um Geld verkaufte der Staatsmann den Staat, der Bürger +seine Freiheit; um Geld war die Offizierstelle wie die Kugel des Geschworenen +feil; um Geld gab die vornehme Dame so gut sich preis wie die gemeine Dirne; +Urkundenfälschung und Meineide waren so gemein geworden, daß bei einem +Volkspoeten dieser Zeit der Eid “das Schuldenpflaster” heißt. Man +hatte vergessen, was Ehrlichkeit war; wer eine Bestechung zurückwies, galt +nicht für einen rechtschaffenen Mann, sondern für einen persönlichen Feind. Die +Kriminalstatistik aller Zeiten und Länder wird schwerlich ein Seitenstück +bieten zu einem Schaudergemälde so mannigfaltiger, so entsetzlicher und so +widernatürlicher Verbrechen, wie es der Prozeß des Aulus Cluentius in dem Schoß +einer der angesehensten Familien einer italischen Ackerstadt vor uns aufrollt. +</p> + +<p> +Wie aber im tiefen Grunde des Volkslebens der Schlamm immer giftiger und immer +bodenloser sich sammelte, so legte sich um so viel glatter und gleißender über +die Oberfläche der Firnis feiner Sitten und allgemeiner Freundschaft. Alle Welt +besuchte sich einander, so daß in den vornehmen Häusern es schon nötig wird, +die jeden Morgen zum Lever sich einstellenden Personen in einer gewissen, von +dem Herrn oder gelegentlich auch dem Kammerdiener festgesetzten Reihenfolge +vorzulassen, auch nur den namhafteren einzeln Audienz zu geben, die übrigen +aber teils in Gruppen, teils schließlich in Masse abzufertigen, mit welcher +Scheidung Gaius Gracchus, auch hierin der Pfadfinder der neuen Monarchie, +vorangegangen sein soll. Eine ebenso große Ausdehnung wie die +Höflichkeitsbesuche hat auch der Höflichkeitsbriefwechsel gewonnen; zwischen +Personen, die weder ein persönliches Verhältnis noch Geschäfte miteinander +haben, fliegen dennoch die “freundschaftlichen” Briefe über Land +und Meer, und umgekehrt kommen eigentliche und förmliche Geschäftsbriefe fast +nur da noch vor, wo das Schreiben an eine Korporation gerichtet ist. In der +gleichen Weise werden die Einladungen zur Tafel, die üblichen +Neujahrsgeschenke, die häuslichen Feste ihrem Wesen entfremdet und fast in +öffentliche Festlichkeiten verwandelt; ja, der Tod selbst befreit nicht von +diesen Rücksichten auf die unzähligen “Nächsten”, sondern, um +anständig gestorben zu sein, muß der Römer jeden derselben wenigstens mit einem +Andenken bedacht haben. Ebenwie in gewissen Kreisen unserer Börsenwelt war der +eigentliche innige häusliche und hausfreundliche Zusammenhang dem damaligen Rom +so vollständig abhanden gekommen, daß mit den inhaltlos gewordenen Formen und +Floskeln desselben der gesamte Geschäfts- und Bekanntenverkehr sich staffieren +und dann allmählich an die Stelle der wirklichen jenes Gespenst der +“Freundschaft” treten konnte, welches unter den mancherlei über den +Ächtungen und Bürgerkriegen dieser Zeit schwebenden Höllengeistern nicht den +letzten Platz einnimmt. +</p> + +<p> +Ein ebenso charakteristischer Zug in dem schimmernden Verfall dieser Zeit ist +die Emanzipation der Frauenwelt. ökonomisch hatten die Frauen längst sich +selbständig gemacht; in der gegenwärtigen Epoche begegnen schon eigene +Frauenanwälte, die einzelnstehenden reichen Damen bei ihrer Vermögensverwaltung +und ihren Prozessen dienstbeflissen zur Hand gehen, durch Geschäfts- und +Rechtskenntnis ihnen imponieren und damit reichlichere Trinkgelder und +Erbschaftsquoten herausschlagen als andere Pflastertreter der Börse. Aber nicht +bloß der ökonomischen Vormundschaft des Vaters oder des Mannes fühlten die +Frauen sich entbunden. Liebeshändel aller Art waren beständig auf dem Tapet. +Ballettänzerinnen (mimae) nahmen an Mannigfaltigkeit und Virtuosität ihrer +Industrien mit den heutigen es vollkommen auf; ihre Primadonnen, die Cytheris +und wie sie weiter heißen, beschmutzen selbst die Blätter der Geschichte. Indes +ihrem gleichsam konzessionierten Gewerbe tat sehr wesentlichen Abbruch die +freie Kunst der Damen der aristokratischen Kreise. Liaisons in den ersten +Häusern waren so häufig geworden, daß nur ein ganz ausnehmendes Ärgernis sie +zum Gegenstand besonderen Klatsches machen konnte; ein gerichtliches +Einschreiten nun gar schien beinahe lächerlich. Ein Skandal ohnegleichen, wie +ihn Publius Clodius 693 (61) bei dem Weiberfest im Hause des Oberpontifex +aufführte, obwohl tausendmal ärger als die Vorfälle, die noch fünfzig Jahre +zuvor zu einer Reihe von Todesurteilen geführt hatten, ging fast ohne +Untersuchung und ganz ohne Strafe hin. Die Badesaison - im April, wo die +Staatsgeschäfte ruhten und die vornehme Welt in Baiae und Puteoli +zusammenströmte - zog ihren Hauptreiz mit aus den erlaubten und unerlaubten +Verhältnissen, die neben Musik und Gesang und eleganten Frühstücken im Nachen +oder am Ufer die Gondelfahrten belebten. Hier herrschten die Damen +unumschränkt; indes begnügten sie sich keineswegs mit dieser ihnen von Rechts +wegen zustehenden Domäne, sondern sie machten auch Politik, erschienen in +Parteizusammenkünften und beteiligten sich mit ihrem Geld und ihren Intrigen an +dem wüsten Koterietreiben der Zeit. Wer diese Staatsmänninnen auf der Bühne +Scipios und Catos agieren sah und daneben den jungen Elegant, wie er mit +glattem Kinn, feiner Stimme und trippelndem Gang, mit Kopf- und Busentüchern, +Manschettenhemden und Frauensandalen das lockere Dirnchen kopierte, dem mochte +wohl grauen vor der unnatürlichen Welt, in der die Geschlechter die Rollen +schienen wechseln zu wollen. Wie man in den Kreisen dieser Aristokratie über +Ehescheidung dachte, läßt das Verfahren ihres besten und sittlichsten Mannes +Marcus Cato erkennen, der auf Bitten eines heiratslustigen Freundes von seiner +Frau sich zu scheiden, keinen Anstand nahm und ebensowenig daran, nach dem Tode +dieses Freundes dieselbe Frau zum zweitenmal zu heiraten. Ehe- und +Kinderlosigkeit griffen vornehmlich in den höheren Ständen immer weiter um +sich. Wenn unter diesen die Ehe längst als eine Last galt, die man höchstens im +öffentlichen Interesse über sich nahm, so begegnen wir jetzt schon auch bei +Cato und Catos Gesinnungsgenossen der Maxime, aus der ein Jahrhundert zuvor +Polybios den Verfall von Hellas ableitete: daß es Bürgerpflicht sei, die großen +Vermögen zusammenzuhalten und darum nicht zu viel Kinder zu zeugen. Wo waren +die Zeiten, als die Benennung “Kinderzeuger” (proletarius) für den +Römer ein Ehrenname gewesen war! +</p> + +<p> +Infolge dieser sozialen Zustände schwand der latinische Stamm in Italien in +erschreckender Weise zusammen und legte sich über die schönen Landschaften +teils die parasitische Einwanderung, teils die reine Öde. Ein ansehnlicher Teil +der Bevölkerung Italiens strömte in das Ausland. Schon die Summe von +Kapazitäten und Arbeitskräften, welche die Lieferung von italischen Beamten und +italischen Besatzungen für das gesamte Mittelmeergebiet in Anspruch nahm, +überstieg die Kräfte der Halbinsel, zumal da die also in die Fremde gesandten +Elemente zum großen Teil der Nation für immer verloren gingen. Denn je mehr die +römische Gemeinde zu einem viele Nationen umfassenden Reiche erwuchs, desto +mehr entwöhnte sich die regierende Aristokratie, Italien als ihre +ausschließliche Heimat zu betrachten; von der zum Dienst ausgehobenen oder +angeworbenen Mannschaft aber ging ein ansehnlicher Teil in den vielen Kriegen, +namentlich in dem blutigen Bürgerkriege zugrunde, und ein anderer ward durch +die lange, zuweilen auf ein Menschenalter sich erstreckende Dienstzeit der +Heimat völlig entfremdet. In gleicher Weise wie der öffentliche Dienst hielt +die Spekulation einen Teil der Grundbesitzer- und fast die ganze Kaufmannschaft +wenn nicht auf zeitlebens, doch auf lange Zeit außer Landes fest und entwöhnte +namentlich die letztere in dem demoralisierenden Handelsreiseleben überhaupt +der bürgerlichen Existenz im Mutterlande und der vielfach bedingten innerhalb +der Familie. Als Ersatz dafür erhielt Italien teils das Sklaven- und +Freigelassenenproletariat, teils die aus Kleinasien, Syrien und Ägypten +einströmenden Handwerker und Händler, die vornehmlich in der Hauptstadt und +mehr noch in den Hafenstädten Ostia, Puteoli, Brundisium wucherten. Aber in dem +größten und wichtigsten Teil Italiens trat nicht einmal ein solcher Ersatz der +reinen Elemente durch unreine ein, sondern schwand die Bevölkerung sichtlich +hin. Vor allem galt dies von den Weidelandschaften, wie denn das gelobte Land +der Viehzucht, Apulien, von Gleichzeitigen der menschenleerste Teil Italiens +genannt wird, und von der Umgegend Roms, wo die Campagna unter der steten +Wechselwirkung des zurückgehenden Ackerbaues und der zunehmenden bösen Luft +jährlich mehr verödete. Labici, Gabii, Bovillae, einst freundliche +Landstädtchen, waren so verfallen, daß es schwer hielt, Vertreter derselben für +die Zeremonie des Latinerfestes aufzutreiben. Tusculum, obwohl immer noch eine +der angesehensten Gemeinden Latiums, bestand fast nur noch aus einigen +vornehmen Familien, die in der Hauptstadt lebten, aber ihr tusculanisches +Heimatrecht festhielten, und stand an Zahl der stimmfähigen Bürger weit zurück +selbst hinter kleinen Gemeinden des inneren Italiens. Der Stamm der +waffenfähigen Mannschaft war in diesem Landstrich, auf dem einst Roms +Wehrhaftigkeit wesentlich beruht hatte, so vollständig ausgegangen, daß man die +im Vergleich mit den gegenwärtigen Verhältnissen fabelhaft klingenden Berichte +der Chronik von den Äquer- und Volskerkriegen mit Staunen und vielleicht mit +Grauen las. Nicht überall war es so arg, namentlich nicht in den übrigen Teilen +Mittelitaliens und in Kampanien: aber dennoch “standen”, wie Varro +klagt, durchgängig einst menschenreiche Städte verödet. +</p> + +<p> +Es ist ein grauenvolles Bild, dies Bild Italiens unter dem Regiment der +Oligarchie. Zwischen der Welt der Bettler und der Welt der Reichen ist der +verhängnisvolle Gegensatz durch nichts vermittelt oder gemildert. Je deutlicher +und peinlicher er auf beiden Seiten empfunden ward, je schwindelnd höher der +Reichtum stieg, je tiefer der Abgrund der Armut gähnte, desto häufiger ward in +dieser wechselvollen Welt der Spekulation und des Glücksspiels der einzelne aus +der Tiefe in die Höhe und wieder aus der Höhe in die Tiefe geschleudert. Je +weiter äußerlich die beiden Welten auseinanderklafften, desto vollständiger +begegneten sie sich in der gleichen Vernichtung des Familienlebens, das doch +aller Nationalität Keim und Kern ist, in der gleichen Faulheit und Üppigkeit, +der gleichen bodenlosen Ökonomie, der gleichen unmännlichen Abhängigkeit, der +gleichen, nur im Tarif unterschiedenen Korruption, der gleichen +Verbrecherentsittlichung, dem gleichen Gelüsten, mit dem Eigentum den Krieg zu +beginnen. Reichtum und Elend im innigen Bunde treiben die Italiker aus Italien +aus und füllen die Halbinsel halb mit Sklavengewimmel, halb mit schauerlicher +Stille. Es ist ein grauenvolles Bild, aber kein eigentümliches; überall, wo das +Kapitalistenregiment im Sklavenstaat sich vollständig entwickelt, hat es Gottes +schöne Welt in gleicher Weise verwüstet. Wie die Ströme in verschiedenen Farben +spiegeln, die Kloake aber überall sich gleich sieht, so gleicht auch das +Italien der ciceronischen Epoche wesentlich dem Hellas des Polybios und +bestimmter noch dem Karthago der hannibalischen Zeit, wo in ganz ähnlicher +Weise das allmächtig regierende Kapital den Mittelstand zugrunde gerichtet, den +Handel und die Gutswirtschaft zur höchsten Blüte gesteigert und schließlich +eine gleißend übertünchte sittliche und politische Verwesung der Nation +herbeigeführt hatte. Alles, was in der heutigen Welt das Kapital an argen +Sünden gegen Nation und Zivilisation begangen hat, bleibt so tief unter den +Greueln der alten Kapitalistenstaaten, wie der freie Mann, sei er auch noch so +arm, über dem Sklaven bleibt; und erst wenn Nordamerikas Drachensaat reift, +wird die Welt wieder ähnliche Früchte zu ernten haben. +</p> + +<p> +Diese Leiden, an denen die italische Volkswirtschaft daniederlag, waren ihrem +tiefsten Kerne nach unheilbar, und was daran noch geheilt werden konnte, mußte +wesentlich das Volk und die Zeit bessern; denn auch die weiseste Regierung +vermag so wenig wie der geschickteste Arzt, die verdorbenen Säfte des +Organismus in frische zu verwandeln oder bei tieferliegenden Übeln mehr zu tun, +als die Zufälligkeiten abzuwehren, die die Heilkraft der Natur in ihrem Wirken +hindern. Eine solche Abwehr gewährte an sich schon die friedliche Energie des +neuen Regiments, durch welche einige der ärgsten Auswüchse von selber +wegfielen, wie zum Beispiel die künstliche Großziehung des Proletariats, die +Straflosigkeit der Verbrechen, der Ämterkauf und anderes mehr. Allein etwas +mehr konnte die Regierung doch tun als bloß nicht schaden. Caesar gehörte nicht +zu den überklugen Leuten, die das Meer darum nicht eindämmen, weil der +Springflut doch kein Deich zu trotzen vermag. Es ist besser, wenn die Nation +und ihre Ökonomie von selbst die naturgemäße Bahn geht; aber da sie aus dieser +ausgewichen war, so setzte Caesar alle seine Energie ein, um von oben herab die +Nation in das heimatliche und Familienleben zurückzubringen und die +Volksökonomie durch Gesetz und Dekret zu reformieren. Um der dauernden +Abwesenheit der Italiker aus Italien zu steuern und die vornehme Welt und die +Kaufmannschaft zur Gründung eigener Herde in der Heimat zu veranlassen, wurde +nicht bloß die Dienstzeit der Soldaten verkürzt, sondern auch den Männern +senatorischen Standes überhaupt untersagt, anders als in öffentlichen +Geschäften ihren Aufenthalt außerhalb Italiens zunehmen, den übrigen Italikern +in heiratsfähigem Alter (vom zwanzigsten bis zum vierzigsten Jahr) +vorgeschrieben, nicht über drei Jahre hintereinander von Italien abwesend zu +sein. In demselben Sinn hatte Caesar schon in seinem ersten Konsulat bei +Gründung der Kolonie Capua die Väter mehrerer Kinder vorzugsweise bedacht und +setzte nun als Imperator den Vätern zahlreicher Familien außerordentliche +Belohnungen aus, während er zugleich als oberster Richter der Nation Scheidung +und Ehebruch mit einem nach römischen Begriffen unerhörten Rigorismus +behandelte. Er verschmähte es sogar nicht, ein detailliertes Luxusgesetz zu +erlassen, das unter anderm die Bauverschwendung wenigstens in einem ihrer +unsinnigsten Auswüchse, den Grabmonumenten, beschnitt, den Gebrauch von +Purpurgewändern und Perlen auf gewisse Zeiten, Alters- und Rangklassen +beschränkte und ihn erwachsenen Männern ganz untersagte, dem Tafelaufwand ein +Maximum setzte und eine Anzahl Luxusgerichte geradezu verbot. Dergleichen +Verordnungen waren freilich nicht neu; neu aber war es, daß der +“Sittenmeister” ernstlich über deren Befolgung hielt, die +Eßwarenmärkte durch bezahlte Aufpasser überwachte, ja, den vornehmen Herren +durch seine Gerichtsdiener die Tafel revidieren und die verbotenen Schüsseln +auf dieser selbst konfiszieren ließ. Durch solche theoretische und praktische +Unterweisung in der Mäßigkeit, welche die neue monarchische Polizei der +vornehmen Welt erteilte, konnte freilich kaum mehr erreicht werden, als daß der +Luxus sich etwas mehr in die Verborgenheit zurückzog; allein wenn die Heuchelei +die Huldigung ist, die das Laster der Tugend darbringt, so war unter den +damaligen Verhältnissen selbst eine polizeilich hergestellte Scheinehrbarkeit +ein nicht zu verachtender Fortschritt zum Bessern. +</p> + +<p> +Ernsterer Art waren und mehr Erfolg versprachen die Maßregeln Caesars zur +besseren Regulierung der italischen Geld- und Bodenwirtschaft. Zunächst +handelte es sich hier um transitorische Bestimmungen hinsichtlich des +Geldmangels und der Schuldenkrise überhaupt. Das durch den Lärm über die +zurückgehaltenen Kapitalien hervorgerufene Gesetz, daß niemand über 60000 +Sesterzen (4600 Taler) an barem Gold und Silber vorrätig haben dürfe, mag wohl +nur erlassen sein, um den Zorn des blinden Publikums gegen die Wucherer zu +beschwichtigen; die Form der Publikation, wobei fingiert ward, daß hiermit nur +ein älteres, in Vergessenheit geratenes Gesetz wieder eingeschärft werde, zeigt +es, daß Caesar dieser Verfügung sich schämte, und schwerlich wird von ihr +wirklich Anwendung gemacht sein. Eine weit ernstere Frage war die Behandlung +der schwebenden Forderungen, deren vollständigen Erlaß die Partei, die sich die +seine nannte, von Caesar mit Ungestüm begehrte. Daß derselbe auf dieses +Begehren so nicht einging, ward schon gesagt; indes wurden doch, und zwar schon +im Jahre 705 (49), den Schuldnern zwei wichtige Zugeständnisse gemacht. Einmal +wurden die rückständigen Zinsen niedergeschlagen ^23 und die gezahlten vom +Kapital abgezogen. Zweitens ward der Gläubiger genötigt, die bewegliche und +unbewegliche Habe des Schuldners an Zahlungs Statt nach demjenigen Taxwert +anzunehmen, welchen die Sachen vor dem Bürgerkrieg und der durch denselben +herbeigeführten allgemeinen Entwertung gehabt hatten. Die letztere Festsetzung +war nicht unbillig; wenn der Gläubiger tatsächlich als der Eigentümer der Habe +seines Schuldners bis zum Belauf der ihm geschuldeten Summe anzusehen war, so +war es wohl gerechtfertigt, daß er an der allgemeinen Entwertung des Besitzes +seinen Anteil mittrug. Dagegen die Annullierung der geleisteten oder +ausstehenden Zinszahlungen, durch welche der Sache nach die Gläubiger außer den +Zinsen selbst von dem, was sie zur Zeit der Erlassung des Gesetzes an Kapital +zu fordern hatten, durchschnittlich 25 Prozent einbüßten, war in der Tat nichts +anderes als eine teilweise Gewährung der von den Demokraten so ungestüm +begehrten Kassation der aus Darlehen herrührenden Forderungen; und wie arg auch +die Zinswucherer gewirtschaftet haben mochten, so ist es doch nicht möglich, +damit die rückwirkende Vernichtung aller Zinsforderungen ohne Unterschied zu +rechtfertigen. Um diese Agitation wenigstens zu begreifen, muß man sich +erinnern, wie die demokratische Partei zu der Zinsfrage stand. Das gesetzliche +Verbot, Zinsen zu nehmen, das die alte Plebejeropposition im Jahre 412 (342) +erzwungen hatte, war zwar durch die mittels der Prätur den Zivilprozeß +beherrschende Nobilität tatsächlich außer Anwendung gesetzt, aber doch formell +seit jener Zeit in Gültigkeit geblieben; und die Demokraten des siebenten +Jahrhunderts, die sich durchaus als die Fortsetzer jener alten +ständisch-sozialen Bewegung betrachteten, hatten die Nichtigkeit der +Zinszahlungen zu jeder Zeit behauptet, auch schon in den Wirren der +marianischen Zeit dieselbe wenigstens vorübergehend praktisch geltend gemacht. +Es ist nicht glaublich, daß Caesar die kruden Ansichten seiner Partei über die +Zinsfrage teilte; wenn er in seinem Bericht über die Liquidationsangelegenheit +der Verfügung über die Hingabe der Habe der Schuldner an Zahlungs Statt +gedenkt, aber von der Kassation der Zinsen schweigt, so ist dies vielleicht ein +stummer Selbstvorwurf. Allein wie jeder Parteiführer hing doch auch er von +seiner Partei ab und konnte die traditionellen Sätze der Demokratie in der +Zinsfrage nicht geradezu verleugnen; um so mehr, als er über diese Frage nicht +als der allmächtige Sieger von Pharsalos, sondern schon vor seinem Abgang nach +Epirus zu entscheiden hatte. Wenn er aber diesen Bruch in die Rechtsordnung und +das Eigentum vielleicht mehr zuließ als bewirkte, so ist es sicher sein +Verdienst, daß jenes ungeheuerliche Begehren der Kassation sämtlicher +Darlehnsforderungen zurückgewiesen ward: und es darf wohl als eine Ehrenrettung +für ihn angesehen werden, daß die Schuldner über das ihnen gemachte, nach ihrer +Ansicht höchst ungenügende Zugeständnis noch weit ungehaltener waren als die +verkürzten Gläubiger und unter Caelius und Dolabella jene törichten und, wie +bereits früher erzählt, rasch vereitelten Versuche machten, das, was Caesar +ihnen verweigert hatte, durch Krawall und Bürgerkrieg zu erzwingen. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +^23 Dieses ist zwar nicht überliefert, folgt aber notwendig aus der Gestattung, +die durch Barzahlung oder Anweisung gezahlten Zinsen (si quid usurae nomine +numeratum auf perscriptum fuisset: Suet. Caes. 42) als gesetzwidrig gezahlt an +dem Kapital zu kürzen. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +Aber Caesar beschränkte sich nicht darauf, dem Schuldner für den Augenblick zu +helfen, sondern er tat, was er als Gesetzgeber tun konnte, um die fürchterliche +Allmacht des Kapitals auf die Dauer zu beugen. Vor allen Dingen ward der große +Rechtssatz proklamiert, daß die Freiheit nicht ein dem Eigentum kommensurables +Gut ist, sondern ein ewiges Menschenrecht, das der Staat nur dem Schuldigen, +nicht dem Schuldner abzuerkennen das Recht hat. Es ist Caesar, der, vielleicht +auch hier angeregt durch die humanere ägyptische und griechische, besonders die +Solonische Gesetzgebung ^24, dieses den Satzungen der älteren Konkursordnung +schnurstracks widersprechende Prinzip eingeführt hat in das gemeine Recht, wo +es seit ihm unangefochten sich behauptet. Nach römischem Landrecht ward der +zahlungsunfähige Schuldner Knecht seines Gläubigers. Das Poetelische Gesetz +hatte zwar dem nur durch Verlegenheiten, nicht durch wahre Überschuldung +augenblicklich zahlungsunfähig Gewordenen verstattet, durch Abtretung seiner +Habe die persönliche Freiheit zu retten; für den wirklich Überschuldeten jedoch +war jener Rechtssatz wohl in Nebenpunkten gemildert, aber in der Hauptsache +durch ein halbes Jahrtausend unverändert festgehalten worden; ein zunächst auf +das Vermögen gerichteter Konkurs kam nur ausnahmsweise vor dann, wenn der +Schuldner tot oder seines Bürgerrechts verlustig gegangen oder nicht +aufzufinden war. Erst Caesar gab dem überschuldeten Manne das Recht, worauf +noch unsere heutigen Konkursordnungen beruhen: durch förmliche Abtretung der +Habe an die Gläubiger, mochte sie zu ihrer Befriedigung ausreichen oder nicht, +allemal seine persönliche Freiheit, wenn auch mit geschmälerten Ehren- und +politischen Rechten, zu erretten und eine neue Vermögensexistenz zu beginnen, +in der er wegen der aus der älteren Zeit herrührenden und im Konkurs nicht +gedeckten Forderungen nur dann eingeklagt werden durfte, wenn er sie bezahlen +konnte, ohne wiederum sich ökonomisch zu ruinieren. Wenn also dem großen +Demokraten die unvergängliche Ehre zuteil ward, die persönliche Freiheit +prinzipiell vom Kapital zu emanzipieren, so versuchte er ferner, die Übermacht +des Kapitals durch Wuchergesetze auch polizeilich einzudämmen. Die +demokratische Antipathie gegen die Zinsverträge verleugnete auch er nicht. Für +den italischen Geldverkehr wurde eine Maximalsumme der dem einzelnen +Kapitalisten zu gestattenden Zinsdarlehen festgestellt, welche sich nach dem +einem jeden zuständigen italischen Grundbesitz gerichtet zu haben scheint und +vielleicht die Hälfte des Wertes desselben betrug. Übertretungen dieser +Bestimmung wurden, nach Art des in den republikanischen Wuchergesetzen +vorgeschriebenen Verfahrens, als Kriminalvergehen behandelt und vor eine eigene +Geschworenenkommission gewiesen. Wenn es gelang, diese Vorschriften praktisch +durchzuführen, so wurde jeder italische Geschäftsmann dadurch genötigt, vor +allem zugleich auch italischer Grundbesitzer zu werden, und die Klasse der bloß +von ihren Zinsen zehrenden Kapitalisten verschwand in Italien gänzlich. +Mittelbar wurde damit auch die nicht minder schädliche Kategorie der +überschuldeten und der Sache nach nur für ihre Gläubiger das Gut verwaltenden +Grundeigentümer wesentlich beschränkt, indem die Gläubiger, wenn sie ihr +Zinsgeschäft fortführen wollten, gezwungen wurden, selber sich anzukaufen. +Schon hierin übrigens liegt es, daß Caesar keineswegs jenes naive Zinsverbot +der alten Popularpartei einfach erneuern, sondern vielmehr das Zinsnehmen +innerhalb gewisser Grenzen gestatten wollte. Sehr wahrscheinlich aber hat er +dabei sich nicht auf jene bloß für Italien gültige Anordnung eines +Maximalsatzes der auszuleihenden Summen beschränkt, sondern auch, namentlich +mit Rücksicht auf die Provinzen, für die Zinsen selbst Maximalsätze +vorgeschrieben. Die Verfügungen, daß es unstatthaft sei, höhere Zinsen als eins +vom Hundert monatlich oder von rückständigen Zinsen wieder Zinsen zu nehmen +oder endlich an rückständigen Zinsen mehr als eine dem Kapital gleichkommende +Summe gerichtlich geltend zu machen, wurden, wahrscheinlich ebenfalls nach +griechisch-ägyptischem Muster ^25, im Römischen Reiche zuerst von Lucius +Lucullus für Kleinasien aufgestellt und daselbst von seinen besseren +Nachfolgern beibehalten, sodann bald auch auf andere Provinzen durch +Statthalterverordnungen übertragen und endlich wenigstens ein Teil derselben +durch einen Beschluß des römischen Senats vom Jahre 704 (50) mit Gesetzeskraft +in allen Provinzen versehen. Wenn diese Lucullischen Verfügungen späterhin in +ihrem vollen Umfang als Reichsgesetz erscheinen und durchaus die Grundlage der +römischen, ja der heutigen Zinsgesetzgebung geworden sind, so darf auch dies +vielleicht auf eine Bestimmung Caesars zurückgeführt werden. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^24 Die ägyptischen Königsgesetze (Diod. 1, 79) und ebenso das Solonische Recht +(Plut. Sol. 13, 15) untersagten die Schuldbriefe, worin auf die Nichtzahlung +der Verlust der persönlichen Freiheit des Schuldners gesetzt war; und +wenigstens das letztere legte auch im Falle des Konkurses dem Schuldner nicht +mehr auf als die Abtretung seiner sämtlichen Aktiva. +</p> + +<p> +^25 Wenigstens der letztere Satz kehrt wieder in den alten ägyptischen +Königsgesetzen (Diod. 1, 79). Dagegen kennt das Solonische Recht keine +Zinsbeschränkungen, erlaubt vielmehr ausdrücklich, Zinsen von jeder beliebigen +Höhe auszumachen. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Hand in Hand mit diesen Bestrebungen, der Kapitalübermacht zu wehren, gingen +die Bemühungen, die Bodenwirtschaft in diejenige Bahn zurückzuleiten, die dem +Gemeinwesen die förderlichste war. Sehr wesentlich war hierfür schon die +Verbesserung der Rechtspflege und der Polizei. Wenn bisher niemand in Italien +seines Lebens und seines beweglichen oder unbeweglichen Eigentums sicher +gewesen war, wenn zum Beispiel die römischen Bandenführer in den +Zwischenzeiten, wo ihre Leute nicht in der Hauptstadt Politik machen halfen, in +den Wäldern Etruriens dem Raube obgelegen oder auch die Landgüter ihrer +Soldherren durch Eroberungen arrondiert hatten, so hatte dergleichen Faustrecht +nunmehr ein Ende; und vor allem die ackerbauende Bevölkerung aller Klassen +mußte davon die wohltätigen Folgen empfinden. Auch Caesars Baupläne, die sich +durchaus nicht auf die Hauptstadt beschränkten, waren bestimmt, hier +einzugreifen; so sollte zum Beispiel die Anlegung einer bequemen Fahrstraße von +Rom durch die Apenninenpässe zum Adriatischen Meer den italischen Binnenverkehr +beleben, die Niedrigerlegung des Fuciner Sees der marsischen Bauernschaft +zugute kommen. Allein auch unmittelbar griff Caesar in die wirtschaftlichen +Zustände Italiens ein. Den italischen Viehzüchtern wurde auferlegt, wenigstens +den dritten Teil ihrer Hirten aus freigeborenen, erwachsenen Leuten zu nehmen, +wodurch zugleich dem Banditenwesen gesteuert und dem freien Proletariat eine +Erwerbsquelle geöffnet ward. In der agrarischen Frage ging Caesar, der bereits +in seinem ersten Konsulat in die Lage gekommen war, sie zu regulieren, +verständiger als Tiberius Gracchus, nicht darauf aus, die Bauernwirtschaft +wiederherzustellen um jeden Preis, selbst um den einer unter juristischen +Klauseln versteckten Revolution gegen das Eigentum; ihm wie jedem andern echten +Staatsmann galt vielmehr als die erste und unverbrüchlichste aller politischen +Maximen die Sicherheit dessen, was Eigentum ist oder doch im Publikum als +Eigentum gilt, und nur innerhalb der hierdurch gezogenen Schranken suchte er +die Hebung des italischen Kleinbesitzes, die auch ihm als eine Lebensfrage der +Nation erschien, zu bewerkstelligen. Es ließ auch so noch viel in dieser +Beziehung sich tun. Jedes Privatrecht, mochte es Eigentum oder titulierter +Erbbesitz heißen, auf Gracchus oder auf Sulla zurückgehen, ward unbedingt von +ihm respektiert. Dagegen das sämtliche wirkliche Domanialland in Italien, mit +Einschluß eines ansehnlichen Teils der in den Händen geistlicher Innungen +befindlichen, rechtlich dem Staate zuständigen Liegenschaften, wurde von +Caesar, nachdem er in seiner streng sparsamen, auch im kleinen keine +Verschleuderung und Vernachlässigung duldenden Weise durch die wiedererweckte +Zwanzigerkommission eine allgemeine Revision der italischen Besitztitel +veranstaltet hatte, zur Verteilung in gracchanischer Weise bestimmt, natürlich +soweit es sich zum Ackerbau eignete - die dem Staate gehörigen apulischen +Sommer- und samnitischen Winterweiden blieben auch ferner Domäne; und es war +wenigstens die Absicht des Imperators, wenn diese Domänen nicht ausreichen +würden, das weiter erforderliche Land durch Ankauf italischer Grundstücke aus +der Staatskasse zu beschaffen. Bei der Auswahl der neuen Bauern wurden +natürlich vor allen die gedienten Soldaten berücksichtigt und soweit möglich +die Last, welche die Aushebung für das Mutterland war, dadurch in eine Wohltat +umgewandelt, daß Caesar den als Rekruten ausgehobenen Proletarier ihm als Bauer +zurückgab; bemerkenswert ist es auch, daß die verödeten latinischen Gemeinden, +wie zum Beispiel Veii und Capena, vorzugsweise mit neuen Kolonisten bedacht +worden zu sein scheinen. Die Vorschrift Caesars, daß die neuen Eigentümer erst +nach zwanzig Jahren befugt sein sollten, die empfangenen Ländereien zu +veräußern, war ein glücklicher Mittelweg zwischen der völligen Freigebung des +Veräußerungsrechts, die den größten Teil des verteilten Landes rasch wieder in +die Hände der großen Kapitalisten zurückgeführt haben würde, und den bleibenden +Beschränkungen der Verkehrsfreiheit, wie sie Tiberius Gracchus und Sulla, beide +gleich vergeblich, verfügt hatten. +</p> + +<p> +Wenn also die Regierung energisch dazu tat, die kranken Elemente des italischen +Volkslebens zu entfernen und die gesunden zu stärken, so sollte endlich das neu +regulierte Munizipalwesen, nachdem sich dasselbe erst jüngst aus der Krise des +Bundesgenossenkriegs in und neben dem Staatswesen entwickelt hatte, der neuen +absoluten Monarchie das mit ihr verträgliche Gemeindeleben mitteilen und die +stockende Zirkulation der edelsten Elemente des öffentlichen Lebens wieder zu +rascheren Pulsschlägen erwecken. Als leitender Grundsatz in den beiden im Jahre +705 (49) für das Cisalpinische Gallien, im Jahre 709 (45) für Italien +erlassenen Gemeindeordnungen ^26, von denen namentlich die letztere für die +ganze Folgezeit Grundgesetz blieb, erscheint teils die strenge Reinigung der +städtischen Kollegien von allen unsittlichen Elementen, während von politischer +Polizei darin keine Spur vorkommt, teils die möglichste Beschränkung des +Zentralisierens und die möglichst freie Bewegung der Gemeinden, denen auch +jetzt noch die Wahl der Beamten und eine wenngleich beschränkte Zivil- und +Kriminalgerichtsbarkeit verblieb. Die allgemeinen polizeilichen Bestimmungen, +zum Beispiel die Beschränkungen des Assoziationsrechts, griffen freilich auch +hier Platz. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^26 Von beiden Gesetzen sind beträchtliche Bruchstücke noch vorhanden. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Dies sind die Ordnungen, durch die Caesar versuchte, die italische +Volkswirtschaft zu reformieren. Es ist leicht, sowohl ihre Unzulänglichkeit +darzutun, indem auch sie noch eine Menge von Übelständen bestehen ließen, als +auch nachzuweisen, daß sie vielfach schädlich wirkten, indem sie die +Verkehrsfreiheit zum Teil sehr empfindlich beschränkten. Es ist noch leichter +nachzuweisen, daß die Schäden der italischen Volkswirtschaft überhaupt +unheilbarer Art waren. Aber trotzdem wird der praktische Staatsmann das Werk +wie den Meister bewundern. Es war schon etwas, daß da, wo ein Mann wie Sulla, +an Abhilfe verzweifelnd, mit einer bloß formalen Reorganisation sich begnügt +hatte, das Übel an seinem eigentlichen Sitze angefaßt und hier mit ihm gerungen +ward; und wir dürfen wohl urteilen, daß Caesar mit seinen Reformen dem Maße des +Möglichen so nahe kam, als zu kommen dem Staatsmann und dem Römer gegeben war. +Die Verjüngung Italiens hat auch er von ihnen nicht erwarten können noch +erwartet, sondern diese vielmehr auf einem sehr verschiedenen Wege zu erreichen +gesucht, den darzulegen es nötig wird, zunächst die Lage der Provinzen, wie +Caesar sie vorfand, ins Auge zu fassen. +</p> + +<p> +Die Provinzen, welche Caesar vorfand, waren vierzehn an der Zahl; sieben +europäische: das Jenseitige und das Diesseitige Spanien; das Transalpinische +Gallien; das Italische Gallien mit Illyricum; Makedonien mit Griechenland; +Sizilien; Sardinien mit Korsika; fünf asiatische: Asia; Bithynien und Pontus; +Kilikien mit Kypros; Syrien; Kreta; und zwei afrikanische: Kyrene und Afrika; +wozu Caesar durch die Einrichtung der beiden neuen Statthalterschaften des +Lugdunensischen Galliens und Belgiens und durch Konstituierung Illyricums als +einer eigenen Provinz noch drei neue Sprengel hinzufügte ^27. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +^27 Da nach Caesars Ordnung jährlich sechzehn Proprätoren und zwei Prokonsuln +in die Statthalterschaften sich teilten und die letzteren zwei Jahre im Amt +blieben, so möchte man schließen daß er die Zahl der Provinzen insgesamt auf +zwanzig zu bringen beabsichtigte. Zu einer Gewißheit ist indes hier um so +weniger zu gelangen, als Caesar vielleicht absichtlich weniger Ämter +einrichtete als Kandidaturen. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +In dem Regiment über diese Provinzen war die oligarchische Mißwirtschaft auf +einem Punkte angekommen, wie ihn wenigstens im Okzident, trotz mancher +achtbarer Leistungen in diesem Fach, keine zweite Regierung jemals erreicht hat +und wo nach unserer Fassungskraft eine Steigerung nicht mehr möglich scheint. +Allerdings traf die Verantwortung hierfür die Römer nicht allein. Fast überall +hatte bereits vor ihnen das griechische, phönikische oder asiatische Regiment +den Völkern den höheren Sinn und das Rechts- und Freiheitsgefühl besserer +Zeiten ausgetrieben. Es war wohl arg, daß jeder angeschuldigte Provinziale auf +Verlangen in Rom persönlich zur Verantwortung sich zu stellen verpflichtet war; +daß der römische Statthalter beliebig in die Rechtspflege und in die Verwaltung +der abhängigen Gemeinden eingriff, Bluturteile fällte und Verhandlungen des +Gemeinderats kassierte; daß er im Kriegsfall mit den Milizen nach Gutdünken und +oft in schandbarer Weise schaltete, wie zum Beispiel Cotta bei der Belagerung +des pontischen Herakleia der Miliz alle gefährlichen Posten anwies, um seine +Italiker zu schonen, und, da die Belagerung nicht nach Wunsch ging, seinen +Werkmeistern den Kopf vor die Füße zu legen befahl. Es war wohl arg, daß keine +Vorschrift der Sittlichkeit oder des Strafrechts weder die römischen Vögte noch +ihr Gefolge band und daß Vergewaltigungen, Schändungen und Ermordungen mit oder +ohne Form Rechtens in den Provinzen alltägliche Auftritte waren. Allein es war +dies wenigstens nichts Neues: fast überall war man sklavischer Behandlung +längst gewohnt und es kam am Ende wenig darauf an, ob ein karthagischer Vogt, +ein syrischer Satrap oder ein römischer Prokonsul den Lokaltyrannen spielte. +Das materielle Wohlbefinden, ziemlich das einzige, wofür man in den Provinzen +noch Sinn hatte, ward durch jene Vorgänge, die zwar bei den vielen Tyrannen +viele, aber doch nur einzelne Individuen trafen, weit minder gestört als durch +die auf allen zugleich lastende finanzielle Exploitierung, welche mit solcher +Energie doch niemals noch aufgetreten war. Die Römer bewährten ihre alte +Meisterschaft im Geldwesen jetzt auf diesem Gebiet in einer entsetzlichen +Weise. Es ist früher versucht worden, das römische System der +Provinzialbelastung in seinen bescheidenen und verständigen Grundlagen wie in +seiner Steigerung und Verderbung darzustellen. Daß die letztere progressiv +zunahm, versteht sich von selbst. Die ordentlichen Abgaben wurden weit +drückender durch die Ungleichheit der Steuerverteilung und durch das verkehrte +Hebesystem als durch ihre Höhe. Über die Einquartierungslast äußerten römische +Staatsmänner selbst, daß eine Stadt ungefähr gleich viel leide, wenn der Feind +sie erstürme und wenn ein römisches Heer Winterquartier in ihr nehme. Während +die Besteuerung nach ihrem ursprünglichen Charakter die Vergütung für die von +Rom übernommene Kriegslast gewesen war und die steuernde Gemeinde also ein +Recht darauf hatte, vom ordentlichen Dienst verschont zu bleiben, wurde jetzt, +wie zum Beispiel für Sardinien bezeugt ist, der Besatzungsdienst größtenteils +den Provinzialen aufgebürdet und sogar in den ordentlichen Heeren außer anderen +Leistungen die ganze schwere Last des Reiterdienstes auf sie abgewälzt. Die +außerordentlichen Leistungen, wie zum Beispiel die Kornlieferungen gegen +geringe oder gar keine Vergütung zum Besten des hauptstädtischen Proletariats, +die häufigen und kostspieligen Flottenrüstungen und Strandverteidigungen, um +der Piraterie zu steuern, die Aufgaben, Kunstwerke, wilde Bestien oder andere +Bedürfnisse des wahnwitzigen römischen Theater- und Tierhetzenluxus +herbeizuschaffen, die militärischen Requisitionen im Kriegsfall, waren ebenso +häufig wie erdrückend und unberechenbar. Ein einzelnes Beispiel mag zeigen, wie +weit die Dinge gingen. Während der dreijährigen Verwaltung Siziliens durch +Gaius Verres sank die Zahl der Ackerwirte in Leontinoi von 84 auf 32, in Motuka +von 187 auf 86, in Herbita von 252 auf 120, in Agyrion von 250 auf 80; so daß +in vier der fruchtbarsten Distrikte Siziliens von hundert Grundbesitzern 59 +ihre Äcker lieber brach liegen ließen, als sie unter diesem Regiment +bestellten. Und diese Ackerwirte waren, wie schon ihre geringe Zahl zeigt und +auch ausdrücklich gesagt wird, keineswegs kleine Bauern, sondern ansehnliche +Plantagenbesitzer und zum großen Teil römische Bürger! +</p> + +<p> +In den Klientelstaaten waren die Formen der Besteuerung etwas verschieden, aber +die Lasten selbst womöglich noch ärger, da außer den Römern hier auch noch die +einheimischen Höfe erpreßten. In Kappadokien und Ägypten war der Bauer wie der +König bankrott und jener den Steuereinnehmer, dieser den römischen Gläubiger zu +befriedigen außerstande. Dazu kamen denn die eigentlichen Erpressungen nicht +bloß des Statthalters selbst, sondern auch seiner “Freunde”, von +denen jeder gleichsam eine Anweisung auf den Statthalter zu haben meinte und +ein Anrecht, durch ihn aus der Provinz als ein gemachter Mann zurückzukommen. +Die römische Oligarchie glich in dieser Beziehung vollständig einer Räuberbande +und betrieb das Plündern der Provinzialen berufs- und handwerksmäßig: ein +tüchtiges Mitglied griff nicht allzu säuberlich zu, da man ja mit den +Sachwaltern und den Geschworenen zu teilen hatte und je mehr, um desto sicherer +stahl. Auch die Diebesehre war bereits entwickelt: der große Räuber sah auf den +kleinen, dieser auf den bloßen Dieb geringschätzig herab; wer einmal +wunderbarerweise verurteilt worden war, tat groß mit der hohen Ziffer der als +erpreßt ihm nachgewiesenen Summen. So wirtschafteten in den Ämtern die +Nachfolger jener Männer, die von ihrer Verwaltung nichts nach Hause zu bringen +gewohnt gewesen als den Dank der Untertanen und den Beifall der Mitbürger. +</p> + +<p> +Aber womöglich noch ärger und noch weniger einer Kontrolle unterworfen hausten +die italischen Geschäftsmänner unter den unglücklichen Provinzialen. Die +einträglichsten Stücke des Grundbesitzes und das gesamte Handels- und Geldwesen +in den Ämtern konzentrierten sich in ihren Händen. Die Güter in den +überseeischen Gebieten, welche italischen Vornehmen gehörten, waren allem Elend +der Verwalterwirtschaft ausgesetzt und sahen niemals ihren Herrn, ausgenommen +etwa die Jagdparke, welche schon in dieser Zeit im Transalpinischen Gallien mit +einem Flächeninhalt bis fast zu einer deutschen Quadratmeile vorkommen. Die +Wucherei florierte wie nie zuvor. Die kleinen Landeigentümer in Illyricum, +Asia, Ägypten wirtschafteten schon zu Varros Zeit größtenteils tatsächlich als +Schuldknechte ihrer römischen oder nichtrömischen Gläubiger, ebenwie einst die +Plebejer für ihre patrizischen Zinsherren. Es kam vor, daß Kapitalien selbst an +Stadtgemeinden zu vier Prozent monatlich verborgt wurden. Es war etwas +Gewöhnliches, daß ein energischer und einflußreicher Geschäftsmann zu besserer +Betreibung seiner Geschäfte entweder vom Senat sich den Gesandten- ^28 oder +auch vom Statthalter den Offizierstitel geben ließ und womöglich auch +Mannschaft dazu; in beglaubigter Weise wird ein Fall erzählt, wo einer dieser +ehrenwerten kriegerischen Bankiers wegen einer Forderung an die Stadt Salamis +auf Kypros den Gemeinderat derselben im Rathaus so lange blockiert hielt, bis +fünf der Ratsmitglieder Hungers gestorben waren. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +^28 Dies ist die sogenannte “freie Gesandtschaft” (libera legatio), +nämlich eine Gesandtschaft ohne eigentliche öffentliche Aufträge. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +Zu dieser gedoppelten Pressung, von denen jede allein unerträglich war und +deren Ineinandergreifen immer besser sich regulierte, kamen dann die +allgemeinen Drangsale hinzu, von denen doch auch die römische Regierung die +Schuld, zum großen Teil wenigstens mittelbar trug. In den vielfachen Kriegen +wurden bald von den Barbaren, bald von den römischen Heeren große Kapitalien +aus dem Lande weggeschleppt und größere verdorben. Bei der Nichtigkeit der +römischen Land- und Seepolizei wimmelte es überall von Land- und Seeräubern. In +Sardinien und im inneren Kleinasien war die Bandenwirtschaft endemisch; in +Afrika und im Jenseitigen Spanien machte sie es nötig, alle außerhalb der +städtischen Ringmauern angelegten Gebäude mit Mauern und Türmen zu befestigen. +Das furchtbare Übel der Piraterie ward bereits in einem anderen Zusammenhang +geschildert. Die Panazeen des Prohibitivsystems, mit denen der römische +Statthalter dazwischenzufahren pflegte, wenn, wie das unter solchen +Verhältnissen nicht fehlen konnte, Geldklemme oder Brotteuerung eintrat, die +Verbote der Gold- und Getreideausfuhr aus der Provinz, machten denn auch die +Sache nicht besser. Die Kommunalverhältnisse waren fast überall, außer durch +den allgemeinen Notstand, auch noch durch lokale Wirren und Unterschleife der +Gemeindebeamten zerrüttet. Wo solche Bedrängnisse nicht etwa vorübergehend, +sondern Menschenalter hindurch auf den Gemeinden und den einzelnen mit +unabwendbar stetigem, jährlich steigendem Drucke lasteten, mußte wohl der +bestgeordnete öffentliche oder Privathaushalt ihnen erliegen und das +unsäglichste Elend über alle Nationen vom Tajo bis zum Euphrat sich ausbreiten. +“Alle Gemeinden”, heißt es in einer schon 684 (70) veröffentlichten +Schrift “sind zugrunde gerichtet”; ebendasselbe wird für Spanien +und das Narbonensische Gallien, also die verhältnismäßig ökonomisch noch am +leidlichsten gestellten Provinzen, insbesondere bezeugt. In Kleinasien gar +standen Städte wie Samos und Halikarnassos fast leer; der rechtliche +Sklavenstand schien hier, verglichen mit den Peinigungen, denen der freie +Provinziale unterlag, ein Hafen der Ruhe, und sogar der geduldige Asiate war, +nach den Schilderungen römischer Staatsmänner selbst, des Lebens überdrüssig +geworden. Wen zu ergründen gelüstet, wie tief der Mensch sinken kann, sowohl in +dem frevelhaften Zufügen wie in dem nicht minder frevelhaften Ertragen alles +denkbaren Unrechts, der mag aus den Kriminalakten dieser Zeit zusammenlesen, +was römische Große zu tun, was Griechen, Syrer und Phöniker zu leiden +vermochten. Selbst die eigenen Staatsmänner räumten öffentlich und ohne +Umschweife ein, daß der römische Name durch ganz Griechenland und Asien +unaussprechlich verhaßt sei; und wenn die Bürger des pontischen Herakleia +einmal die römischen Zöllner sämtlich erschlugen, so war dabei nur zu bedauern, +daß dergleichen nicht öfter geschah. +</p> + +<p> +Die Optimaten spotteten über den neuen Herrn, der seine “Meierhöfe” +einen nach dem andern selbst zu besichtigen kam; in der Tat forderte der +Zustand aller Provinzen den ganzen Ernst und die ganze Weisheit eines jener +seltenen Männer, denen der Königsname es verdankt, daß er den Völkern nicht +bloß gilt als leuchtendes Exempel menschlicher Unzulänglichkeit. Die +geschlagenen Wunden mußte die Zeit heilen; daß sie es konnte und daß nicht +ferner neue geschlagen wurden, dafür sorgte Caesar. Das Verwaltungswesen ward +durchgreifend umgestaltet. Die Sullanischen Prokonsuln und Proprätoren waren in +ihrem Sprengel wesentlich souverän und tatsächlich keiner Kontrolle unterworfen +gewesen; die Caesarischen waren die wohl in Zucht gehaltenen Diener eines +strengen Herrn, der schon durch die Einheit und die lebenslängliche Dauer +seiner Macht zu den Untertanen ein natürlicheres und leidlicheres Verhältnis +hatte als jene vielen, jährlich wechselnden kleinen Tyrannen. Die +Statthalterschaften wurden zwar auch ferner unter die jährlich abtretenden zwei +Konsuln und sechzehn Prätoren verteilt, aber dennoch, indem der Imperator acht +von den letzteren geradezu ernannte und die Verteilung der Provinzen unter die +Konkurrenten lediglich von ihm abhing, der Sache nach von dem Imperator +vergeben. Auch die Kompetenz der Statthalter ward tatsächlich beschränkt. Es +blieb ihnen die Leitung der Rechtspflege und die administrative Kontrolle der +Gemeinden, aber ihr Kommando ward paralysiert durch das neue Oberkommando in +Rom und dessen, dem Statthalter zur Seite gestellte Adjutanten, das Hebewesen +wahrscheinlich schon jetzt, auch in den Provinzen wesentlich an kaiserliche +Bediente übertragen, so daß der Statthalter fortan mit einem Hilfspersonal +umringt war, welches entweder durch die Gesetze der militärischen Hierarchie +oder durch die noch strengeren der häuslichen Zucht unbedingt von dem Imperator +abhing. Wenn bisher der Prokonsul und sein Quästor erschienen waren gleichsam +als die zur Einziehung der Brandschatzung abgesandten Mitglieder einer +Räuberbande, so waren Caesars Beamte dazu da, um den Schwachen gegen den +Starken zu beschützen; und an die Stelle der bisherigen, schlimmer als +nichtigen Kontrolle der Ritter- oder senatorischen Gerichte trat für sie die +Verantwortung vor einem gerechten und unnachsichtigen Monarchen. Das Gesetz +über Erpressungen, dessen Bestimmungen Caesar schon in seinem ersten Konsulat +verschärft hatte, wurde gegen die Oberkommandanten in den Ämtern von ihm mit +unerbittlicher, selbst über den Buchstaben desselben hinausgehender Schärfe zur +Anwendung gebracht; und die Steuerbeamten gar, wenn sie ja es wagten, sich eine +Unrechtfertigkeit zu erlauben, büßten ihrem Herrn, wie Knechte und +Freigelassene nach dem grausamen Hausrecht jener Zeit zu büßen pflegten. Die +außerordentlichen öffentlichen Lasten wurden auf das richtige Maß und den +wirklichen Notfall zurückgeführt, die ordentlichen wesentlich vermindert. Der +durchgreifenden Regulierung des Steuerwesens ward bereits früher gedacht: die +Ausdehnung der Steuerfreiheiten, die durchgängige Herabsetzung der direkten +Abgaben, die Beschränkung des Zehntsystems auf Afrika und Sardinien, die +vollständige Beseitigung der Mittelsmänner bei der Einziehung der direkten +Abgaben waren für die Provinzialen segensreiche Reformen. Daß Caesar nach dem +Beispiel eines seiner größten demokratischen Vorgänger, des Sertorius, die +Untertanen von der Einquartierungslast hat befreien und die Soldaten anhalten +wollen, sich selber bleibende stadtartige Standlager zu errichten, ist zwar +nicht nachzuweisen; aber er war, wenigstens nachdem er die Prätendenten- mit +der Königsrolle vertauscht hatte, nicht der Mann, den Untertan dem Soldaten +preiszugeben; und es war in seinem Geiste gedacht, als die Erben seiner Politik +solche Kriegslager und aus diesen Kriegslagern wieder Städte erschufen, in +denen die italische Zivilisation Brennpunkte inmitten der barbarischen +Grenzlandschaften fand. +</p> + +<p> +Bei weitem schwieriger als dem Beamtenunwesen zu steuern war es, die +Provinzialen von der erdrückenden Übermacht des römischen Kapitals zu befreien. +Geradezu brechen ließ dieselbe sich nicht, ohne Mittel anzuwenden, die noch +gefährlicher waren als das Übel; die Regierung konnte vorläufig nur einzelne +Mißbräuche abstellen, wie zum Beispiel Caesar die Benutzung des +Staatsgesandtentitels zu wucherlichen Zwecken untersagte, und der offenbaren +Vergewaltigung und dem handgreiflichen Wucher durch scharfe Handhabung der +allgemeinen Straf- und der auch auf die Provinzen sich erstreckenden +Wuchergesetze entgegentreten, eine gründlichere Heilung des Übels aber von dem +unter der besseren Verwaltung wiederaufblühenden Wohlstand der Provinzialen +erwarten. Transitorische Verfügungen, um der Überschuldung einzelner Provinzen +abzuhelfen, waren in den letzten Zeiten mehrfach ergangen. Caesar selbst hatte +694 (60) als Statthalter des Jenseitigen Spaniens den Gläubigern zwei Drittel +der Einnahmen ihrer Schuldner zugewiesen, um daraus sich bezahlt zu machen. +Ähnlich hatte schon Lucius Lucullus als Statthalter von Kleinasien einen Teil +der maßlos angeschwollenen Zinsreste geradezu kassiert, für den übrigen Teil +die Gläubiger angewiesen auf den vierten Teil des Ertrages der Ländereien ihrer +Schuldner sowie auf eine angemessene Quote der aus Hausmiete oder Sklavenarbeit +denselben zufließenden Nutzungen. Es ist nicht überliefert, daß Caesar nach dem +Bürgerkrieg ähnliche allgemeine Schuldenliquidationen in den Provinzen +veranlaßt hätte; doch kann es, nach dem eben Bemerkten und nach dem, was für +Italien geschah, kaum bezweifelt werden, daß Caesar darauf ebenfalls +hingearbeitet hat oder dies wenigstens in seinem Plan lag. +</p> + +<p> +Wenn also der Imperator, soweit Menschenkraft es vermochte, die Provinzialen +der Bedrückungen durch die Beamten und Kapitalisten Roms entlastete, so durfte +man zugleich von der durch ihn neu erstarkenden Regierung mit Sicherheit +erwarten, daß sie die wilden Grenzvölker verscheuchen und die Land- und +Seepiraten zerstreuen werde, wie die aufsteigende Sonne die Nebel verjagt. Wie +auch noch die alten Wunden schmerzten, mit Caesar erschien den vielgeplagten +Untertanen die Morgenröte einer erträglicheren Zeit, seit Jahrhunderten wieder +die erste intelligente und humane Regierung und eine Friedenspolitik, die nicht +auf der Feigheit, sondern auf der Kraft beruhte. Wohl mochten mit den besten +Römern vor allem die Untertanen an der Leiche des großen Befreiers trauern. +</p> + +<p> +Allein diese Abstellung der bestehenden Mißbräuche war nicht die Hauptsache in +Caesars Provinzialreform. In der römischen Republik waren, nach der Ansicht der +Aristokratie wie der Demokratie, die Ämter nichts gewesen als wie sie häufig +genannt werden: Landgüter des römischen Volkes, und als solche waren sie +benutzt und ausgenutzt worden. Damit war es jetzt vorbei. Die Provinzen als +solche sollten allmählich untergehen, um der verjüngten hellenisch-italischen +Nation eine neue und geräumigere Heimat zu bereiten, von deren einzelnen +Bezirken keiner nur um eines andern willen da war, sondern alle für einen und +einer für alle; die Leiden und Schäden der Nation, für die in dem alten Italien +keine Hilfe war, sollte das neue Dasein in der verjüngten Heimat, das +frischere, breitere, großartigere Volksleben von selber überwinden. Bekanntlich +waren diese Gedanken nicht neu. Die seit Jahrhunderten stehend gewordene +Emigration aus Italien in die Provinzen hatte längst, freilich den Emigranten +selber unbewußt, eine solche Ausdehnung Italiens vorbereitet. In planmäßiger +Weise hatte zuerst Gaius Gracchus, der Schöpfer der römischen demokratischen +Monarchie, der Urheber der transalpinischen Eroberungen, der Gründer der +Kolonien Karthago und Narbo, die Italiker über Italiens Grenzen hinausgelenkt, +sodann der zweite geniale Staatsmann, den die römische Demokratie +hervorgebracht, Quintus Sertorius, damit begonnen, die barbarischen +Okzidentalen zur latinischen Zivilisation anzuleiten; er gab der vornehmen +spanischen Jugend römische Tracht und hielt sie an, lateinisch zu sprechen und +auf der von ihm gegründeten Bildungsanstalt in Osca sich die höhere italische +Bildung anzueignen. Bei Caesars Regierungsantritt war bereits eine massenhafte, +freilich der Stetigkeit wie der Konzentration großenteils ermangelnde italische +Bevölkerung in allen Provinzen und Klientelstaaten vorhanden - um von den +förmlich italischen Städten in Spanien und dem südlichen Gallien zu schweigen, +erinnern wir nur an die zahlreichen Bürgertruppen, die Sertorius und Pompeius +in Spanien, Caesar in Gallien, Juba in Numidien, die Verfassungspartei in +Afrika, Makedonien, Griechenland, Kleinasien und Kreta aushoben; an die +freilich übelgestimmte lateinische Leier, auf der die Stadtpoeten von Corduba +schon im Sertorianischen Kriege der römischen Feldherren Lob und Preis sangen; +an die eben ihrer sprachlichen Eleganz wegen geschätzten Übersetzungen +griechischer Poesien, die der älteste namhafte außeritalische Poet, der +Transalpiner Publius Terentius Varro von der Aude, kurz nach Caesars Tode +veröffentlichte. +</p> + +<p> +Andererseits war die Durchdringung des latinischen und des hellenischen Wesens, +man möchte sagen, so alt wie Rom. Schon bei der Einigung Italiens hatte die +obsiegende latinische Nation alle anderen besiegten Nationalitäten sich +assimiliert, nur die einzige griechische, so wie sie war, sich eingefügt, ohne +sie äußerlich mit sich zu verschmelzen. Wohin der römische Legionär kam, dahin +folgte der griechische Schulmeister, in seiner Art nicht minder ein Eroberer, +ihm nach; schon früh finden wir namhafte griechische Sprachlehrer ansässig am +Guadalquivir, und in der Anstalt von Osca ward so gut griechisch gelehrt wie +lateinisch. Die höhere römische Bildung selbst war ja durchaus nichts anderes +als die Verkündung des großen Evangeliums hellenischer Art und Kunst im +italischen Idiom; gegen die bescheidene Anmaßung der zivilisierenden Eroberer, +dasselbe zunächst in ihrer Sprache den Barbaren des Westens zu verkündigen, +konnte der Hellene wenigstens nicht laut protestieren. Schon längst erblickte +der Grieche überall, und am entschiedensten eben da, wo das Nationalgefühl am +reinsten und am stärksten war, an den von barbarischer Denationalisierung +bedrohten Grenzen, wie zum Beispiel in Massalia, am Nordgestade des Schwarzen +Meeres und am Euphrat und Tigris, den Schild und das Schwert des Hellenismus in +Rom; und in der Tat nahmen Pompeius’ Städtegründungen im fernen Osten +nach jahrhundertelanger Unterbrechung Alexanders segensreiches Werk wieder auf. +</p> + +<p> +Der Gedanke eines italisch-hellenischen Reiches mit zweien Sprachen und einer +einheitlichen Nationalität war nicht neu - er wäre sonst auch nichts gewesen +als ein Fehler; aber daß er aus schwankenden Entwürfen zu sicherer Fassung, aus +zerstreuten Anfängen zu konzentrierter Grundlegung fortschritt, ist das Werk +des dritten und größten der demokratischen Staatsmänner Roms. +</p> + +<p> +Die erste und wesentlichste Bedingung zu der politischen und nationalen +Nivellierung des Reichs war die Erhaltung und Ausdehnung der beiden zu +gemeinschaftlichem Herrschen bestimmten Nationen, unter möglichst rascher +Beseitigung der neben ihr stehenden barbarischen oder barbarisch genannten +Stämme. In gewissem Sinne könnte man allerdings neben Römern und Griechen noch +eine dritte Nationalität nennen, die mit denselben in der damaligen Welt an +Ubiquität wetteiferte und auch in dem neuen Staate Caesars eine nicht +unwesentliche Rolle zu spielen bestimmt war. Es sind dies die Juden. Das +merkwürdige, nachgiebig zähe Volk war in der alten wie in der heutigen Welt +überall und nirgends heimisch und überall und nirgends mächtig. Die Diadochen +Davids und Salomos bedeuteten für die Juden jener Zeit kaum mehr, als +heutzutage Jerusalem für sie bedeutet; die Nation fand wohl für ihre religiöse +und geistige Einheit einen sichtbaren Anhalt in dem kleinen Königreich von +Jerusalem, aber sie selbst bestand keineswegs in der Untertanenschaft der +Hasmonäer, sondern in den zahllos durch das ganze Parthische und das ganze +Römische Reich zerstreuten Judenschaften. In Alexandreia namentlich und ähnlich +in Kyrene bildeten die Juden innerhalb dieser Städte eigene, administrativ und +selbst lokal abgegrenzte Gemeinwesen, den Judenvierteln unserer Städte nicht +ungleich, aber freier gestellt und von einem “Volksherrn” als +oberstem Richter und Verwalter geleitet. Wie zahlreich selbst in Rom die +jüdische Bevölkerung bereits vor Caesar war, und zugleich, wie +landsmannschaftlich eng die Juden auch damals zusammenhielten, beweist die +Bemerkung eines Schriftstellers dieser Zeit, daß es für den Statthalter +bedenklich sei, den Juden in seiner Provinz zu nahe zu treten, weil er dann +sicher darauf zählen dürfe, nach seiner Heimkehr von dem hauptstädtischen Pöbel +ausgepfiffen zu werden. Auch zu jener Zeit war das vorwiegende Geschäft der +Juden der Handel: mit dem erobernden römischen Kaufmann zog damals der jüdische +Händler ebenso überall hin wie später mit dem genuesischen und venezianischen, +und neben der römischen strömte das Kapital allerorts bei der jüdischen +Kaufmannschaft zusammen. Auch zu jener Zeit endlich begegnen wir der +eigentümlichen Antipathie der Okzidentalen gegen diese so gründlich +orientalische Rasse und ihre fremdartigen Meinungen und Sitten. Dies Judentum, +obwohl nicht der erfreulichste Zug in dem nirgends erfreulichen Bilde der +damaligen Völkermengung, war nichtsdestoweniger ein im natürlichen Verlauf der +Dinge sich entwickelndes geschichtliches Moment, das der Staatsmann weder sich +ableugnen noch bekämpfen durfte und dem Caesar vielmehr, ebenwie sein Vorgänger +Alexander, in richtiger Erkenntnis der Verhältnisse möglichst Vorschub tat. +Wenn Alexander, der Stifter des alexandrinischen Judentums, damit nicht viel +weniger für die Nation tat wie ihr eigener David durch den Tempelbau von +Jerusalem, so förderte auch Caesar die Juden in Alexandreia wie in Rom durch +besondere Begünstigungen und Vorrechte und schützte namentlich ihren +eigentümlichen Kult gegen die römischen wie gegen die griechischen +Lokalpfaffen. Die beiden großen Männer dachten natürlich nicht daran, der +hellenischen oder italisch-hellenischen Nationalität die jüdische ebenbürtig +zur Seite zu stellen. Aber der Jude, der nicht wie der Okzidentale die +Pandoragabe politischer Organisation empfangen hat und gegen den Staat sich +wesentlich gleichgültig verhält; der ferner ebenso schwer den Kern seiner +nationalen Eigentümlichkeit aufgibt als bereitwillig denselben mit jeder +beliebigen Nationalität umhüllt und bis zu einem gewissen Grad der fremden +Volkstümlichkeit sich anschmiegt - der Jude war ebendarum wie geschaffen für +einen Staat, welcher auf den Trümmern von hundert lebendigen Politien erbaut +und mit einer gewissermaßen abstrakten und von vornherein verschliffenen +Nationalität ausgestattet werden sollte. Auch in der alten Welt war das +Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen +Dekomposition und insofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied in dem +Caesarischen Staate, dessen Politie doch eigentlich nichts als Weltbürgertum, +dessen Volkstümlichkeit im Grunde nichts als Humanität war. +</p> + +<p> +Indes die positiven Elemente des neuen Bürgertums blieben ausschließlich die +latinische und die hellenische Nationalität. Mit dem spezifisch italischen +Staat der Republik war es also zu Ende; jedoch war es nichts als ein sehr +erklärliches, aber auch sehr albernes Gerede des grollenden Adels, daß Caesar +Italien und Rom absichtlich zugrunde richte, um den Schwerpunkt des Reiches in +den griechischen Osten zu verlegen und zur Hauptstadt desselben Ilion oder +Alexandreia zu machen. Vielmehr behielt in Caesars Organisation die latinische +Nationalität immer das Übergewicht; wie sich dies schon darin ausspricht, daß +er jede Verfügung in lateinischer, aber die für die griechisch redenden +Landschaften bestimmten daneben in griechischer Sprache erließ. Im allgemeinen +ordnete er die Verhältnisse der beiden großen Nationen in seiner Monarchie +ebenwie sie in dem geeinigten Italien seine republikanischen Vorgänger geordnet +hatten: die hellenische Nationalität wurde geschützt, wo sie bestand, die +italische nach Vermögen erweitert und ihr die Erbschaft der aufzulösenden +Rassen bestimmt. Es war dies schon deshalb notwendig, weil eine völlige +Gleichstellung des griechischen und lateinischen Elements im Staate aller +Wahrscheinlichkeit nach in sehr kurzer Zeit diejenige Katastrophe herbeigeführt +haben würde, die manche Jahrhunderte später der Byzantinismus vollzog; denn das +Griechentum war nicht bloß geistig nach allen Richtungen hin dem römischen +Wesen überlegen, sondern auch an Masse, und hatte in Italien selbst an den +Schwärmen der gezwungen oder freiwillig nach Italien wandernden Hellenen und +Halbhellenen eine Unzahl unscheinbarer, aber in ihrem Einfluß nicht hoch genug +anzuschlagender Apostel. Um nur der eminentesten Erscheinung auf diesem Gebiete +zu gedenken, so ist das Regiment der griechischen Lakaien über die römischen +Monarchen so alt wie die Monarchie: der erste in der ebenso langen wie +widerwärtigen Liste dieser Individuen ist Pompeius’ vertrauter Bedienter +Theophanes von Mytilene, welcher durch seine Gewalt über den schwachen Herrn +wahrscheinlich mehr als irgendein anderer Mann zu dem Ausbruch des Krieges +zwischen Pompeius und Caesar beigetragen hat. Nicht ganz mit Unrecht ward er +nach seinem Tode von seinen Landsleuten göttlich verehrt: eröffnete er doch die +Kammerdienerregierung der Kaiserzeit, die gewissermaßen eben auch eine +Herrschaft der Hellenen über die Römer war. Die Regierung hatte demnach allen +Grund, die Ausbreitung des Hellenismus wenigstens im Westen nicht noch von oben +herab zu fördern. Wenn Sizilien nicht bloß des Zehntendrucks entlastet, sondern +auch seinen Gemeinden das latinische Recht bestimmt ward, dem seiner Zeit +vermutlich die volle Gleichstellung mit Italien nachfolgen sollte, so kann +Caesars Absicht nur gewesen sein, die herrliche, aber damals verödete und +wirtschaftlich zum größten Teil in italische Hände gelangte Insel, welche die +Natur nicht so sehr zum Nachbarland Italiens bestimmt hat als zu der schönsten +seiner Landschaften, völlig in Italien aufgehen zu lassen. Im übrigen aber ward +das Griechentum, wo es bestand, erhalten und geschützt. Wie nahe auch die +politischen Krisen es dem Imperator legten, die festen Pfeiler des Hellenismus +im Okzident und in Ägypten umzustürzen, Massalia und Alexandreia wurden weder +vernichtet noch denationalisiert. +</p> + +<p> +Dagegen das römische Wesen ward durch Kolonisierung wie durch Latinisierung mit +allen Kräften und an den verschiedensten Punkten des Reiches von der Regierung +gehoben. Der zwar aus einer argen Vereinigung formeller Rechts- und brutaler +Machtentwicklung hervorgegangene, aber, um freie Hand gegen die zur Vernichtung +bestimmten Nationen zu haben, unumgänglich notwendige Satz, daß an allem, nicht +durch besonderen Akt der Regierung an Gemeinden oder Private abgetretenen Grund +und Boden in den Provinzen der Staat das Eigentum, der zeitige Inhaber nur +einen geduldeten und jederzeit widerruflichen Erbbesitz habe, wurde auch von +Caesar festgehalten und durch ihn aus einer demokratischen Parteitheorie zu +einem Fundamentalprinzip des monarchischen Rechts erhoben. In erster Linie kam +für die Ausbreitung der römischen Nationalität natürlich Gallien in Frage. +Gallien diesseits der Alpen erhielt durch die längst von der Demokratie als +vollzogen angenommene und nun (705 49) durch Caesar schließlich vollzogene +Aufnahme der transpadanischen Gemeinden in den römischen Bürgerverband +durchgängig, was ein großer Teil der Bewohner längst gehabt: politische +Gleichberechtigung mit dem Hauptland. Tatsächlich hatte sich diese Provinz in +den vierzig Jahren, die seit Erteilung des Latinerrechts verflossen waren, +bereits vollständig latinisiert. Die Exklusiven mochten spotten über den +breiten und gurgelnden Akzent des Kettenlateins und ein “ich weiß nicht +was von hauptstädtischer Anmut” bei dem Insubrer und Veneter vermissen, +der sich als Caesars Legionär mit dem Schwert einen Platz auf dem römischen +Markt und sogar in der römischen Kurie erobert hatte. Nichtsdestoweniger war +das Cisalpinische Gallien mit seiner dichten, vorwiegend bauernschaftlichen +Bevölkerung schon vor Caesar der Sache nach eine italische Landschaft und blieb +Jahrhunderte lang der rechte Zufluchtsort italischer Sitte und italischer +Bildung; wie denn die Lehrer der latinischen Literatur nirgends sonst außerhalb +der Hauptstadt so vielen Zuspruch und Anklang fanden. Wenn also das +Cisalpinische Gallien wesentlich in Italien aufging, so trat zugleich an die +Stelle, die es bisher eingenommen hatte, die transalpinische Provinz, die ja +durch Caesars Eroberungen aus einer Grenz- in eine Binnenprovinz umgewandelt +worden war und die durch ihre Nähe wie durch ihr Klima vor allen anderen +Gebieten sich dazu eignete, mit der Zeit gleichfalls eine italische Landschaft +zu werden. Dorthin hauptsächlich, nach dem alten Zielpunkt der überseeischen +Ansiedlungen der römischen Demokratie, ward der Strom der italischen Emigration +gelenkt. Es wurden daselbst teils die alte Kolonie Narbo durch neue Ansiedler +verstärkt, teils in Baeterrae (Béziers) unweit Narbo, in Arelate (Arles) und +Arausio (Orange) an der Rhone und in der neuen Hafenstadt Forum Iulii (Fréjus) +vier neue Bürgerkolonien angelegt, deren Namen zugleich das Andenken der +tapferen Legionen bewahrten, die das nördliche Gallien zum Reiche gebracht +hatten ^29. Die nicht mit Kolonisten belegten Ortschaften scheinen zugleich, +wenigstens größtenteils, in derselben Art wie einst das transpadanische +Kettenland, der Romanisierung entgegengeführt worden zu sein durch Verleihung +latinischen Stadtrechts; namentlich wurde Nemausus (Nîmes) als der Hauptort des +den Massalioten infolge ihrer Auflehnung gegen Caesar aberkannten Gebiets aus +einem massaliotischen Flecken in eine latinische Stadtgemeinde umgewandelt und +mit ansehnlichem Gebiet und selbst mit Münzrecht ausgestattet ^30. Indem also +das Cisalpinische Gallien von der vorbereitenden Stufe zur vollen +Gleichstellung mit Italien fortschritt, rückte gleichzeitig die narbonensische +Provinz in jenes vorbereitende Stadium nach; ganz wie bisher im Cisalpinischen +Gallien hatten die ansehnlichsten Gemeinden daselbst das volle Bürger-, die +übrigen latinisches Recht. +</p> + +<p> +————————————————- +</p> + +<p> +^29 Narbo heißt Kolonie der Decimaner, Baeterrae der Septimaner, Forum Iulii +der Octavaner, Arelate der Sextaner, Arausio der Secundaner. Die neunte Legion +fehlt, weil sie ihre Nummer durch die Meuterei von Placentia entehrt hatte. Daß +übrigens die Kolonisten dieser Kolonien den eponymen Legionen angehörten, wird +nicht gesagt und ist nicht glaublich; die Veteranen selbst wurden wenigstens +der großen Mehrzahl nach in Italien angesiedelt. Ciceros Klage, daß Caesar +“ganze Provinzen und Landschaften auf einen Schlag konfisziert +habe” (off. 2, 7, 27, vgl. Phil. 13,15; 31, 32), geht ohne Zweifel, wie +schon die enge Verknüpfung derselben mit dem Tadel des Triumphs über die +Massalioten beweist, auf die dieser Kolonien wegen in der narbonensischen +Provinz vorgenommenen Landeinziehungen und zunächst auf die Massalia +auferlegten Gebietsverluste. +</p> + +<p> +^30 Ausdrücklich überliefert ist es nicht, von wem das latinische Recht der +nichtkolonisierten Ortschaften dieser Gegend und namentlich von Nemausus +herrührt. Aber da Caesar selbst (civ. 1, 35) so gut wie geradezu sagt, daß +Nemausus bis 705 (49) ein massaliotisches Dorf war; da nach dem Livianischen +Bericht (Dio 41, 25; Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15) eben dieser Teil des +Gebietes den Massalioten von Caesar entzogen ward da endlich schon auf +voraugustischen Münzen und sodann bei Strabon die Stadt als Gemeinde +latinischen Rechts vorkommt, so kann nur Caesar der Urheber dieser +Latinitätsverleihung sein. Von Ruscino (Roussillon bei Perpignan) und anderen, +im Narbonensischen Gallien früh zu latinischer Stadtverfassung gelangten +Gemeinden läßt sich nur vermuten, daß sie dieselbe gleichzeitig mit Nemausus +empfingen. +</p> + +<p> +————————————————- +</p> + +<p> +In den anderen nichtgriechischen und nichtlatinischen Landschaften des Reiches, +welche der Einwirkung Italiens und dem Assimilationsprozeß noch ferner standen, +beschränkte Caesar sich darauf, einzelne Brennpunkte für die italische +Zivilisation zu gründen, wie dies bisher in Gallien Narbo gewesen war, um durch +sie die künftige vollständige Ausgleichung vorzubereiten. Solche Anfänge +lassen, mit Ausnahme der ärmsten und geringsten von allen, der sardinischen, in +sämtlichen Provinzen des Reiches sich nachweisen. Wie Caesar im nördlichen +Gallien verfuhr, ward schon dargelegt; die lateinische Sprache erhielt hier, +wenn auch noch nicht für alle Zweige des öffentlichen Verkehrs, durchgängig +offizielle Geltung und es entstand am Lemansee als die nördlichste Stadt +italischer Verfassung die Kolonie Noviodunum (Nyon). +</p> + +<p> +In Spanien, vermutlich damals der am dichtesten bevölkerten Landschaft des +Römischen Reiches, wurden nicht bloß in der wichtigen hellenisch-iberischen +Hafenstadt Emporiae neben der alten Bevölkerung Caesarische Kolonisten +angesiedelt, sondern, wie neuerdings aufgefundene Urkunden gezeigt haben, auch +eine Anzahl wahrscheinlich überwiegend dem hauptstädtischen Proletariat +entnommener Kolonisten in der Stadt Urso (Osuna), unweit Sevilla im Herzen von +Andalusien, und vielleicht noch in mehreren anderen Ortschaften dieser Provinz +versorgt. Die alte und reiche Kaufstadt Gades, deren Munizipalwesen Caesar +schon als Prätor zeitgemäß umgestaltet hatte, erhielt jetzt von dem Imperator +das volle Recht der italischen Munizipien (705 49) und wurde, was in Italien +Tusculum gewesen war, die erste außeritalische, nicht von Rom gegründete +Gemeinde, die in den römischen Bürgerverband eintrat. Einige Jahre nachher (709 +45) wurde das gleiche Recht auch einigen anderen spanischen Gemeinden und +vermutlich noch mehreren das latinische zuteil. +</p> + +<p> +In Afrika wurde, was Gaius Gracchus nicht hatte zu Ende führen sollen, jetzt +ins Werk gesetzt und an derjenigen Stätte, wo die Stadt der Erbfeinde Roms +gestanden, 3000 italische Kolonisten und eine große Anzahl der im karthagischen +Gebiet ansässigen Pacht- und Bittbesitzer angesiedelt; und zum Erstaunen rasch +wuchs unter den unvergleichlich günstigen Lokalverhältnissen die neue +“Venuskolonie”, das römische Karthago, wieder empor. Utica, bis +dahin die Haupt- und erste Handelsstadt der Provinz, war schon im vorweg, es +scheint durch Erteilung des latinischen Rechts, für die Wiedererweckung des +überlegenen Konkurrenten einigermaßen entschädigt worden. In dem neu zum Reiche +gefügten numidischen Gebiet erhielten das wichtige Cirta und die übrigen, dem +römischen Condottiere Publius Sittius für sich und die Seinigen überwiesenen +Gemeinden das Recht römischer Militärkolonien. Die stattlichen Provinzstädte +freilich, die das wahnsinnige Wüten Jubas und der verzweifelten Reste der +Verfassungspartei in Schutthaufen verwandelt hatte, erhoben sich nicht so rasch +wieder, wie sie eingeäschert worden waren, und manche Trümmerstätte erinnerte +noch lange nachher an diese verhängnisvolle Zeit; allein die beiden neuen +Julischen Kolonien, Karthago und Cirta, wurden und blieben die Mittelpunkte der +afrikanisch-römischen Zivilisation. +</p> + +<p> +In dem verödeten griechischen Land beschäftigte Caesar außer mit anderen +Plänen, zum Beispiel der Anlage einer römischen Kolonie in Buthroton (Korfu +gegenüber), vor allem sich mit der Wiederherstellung von Korinth; nicht bloß +wurde eine ansehnliche Bürgerkolonie dorthin geführt, sondern auch der Plan +entworfen, durch den Durchstich des Isthmus die gefährliche Umschiffung des +Peloponnes abzuschneiden und den ganzen italisch-asiatischen Verkehr durch den +Korinthisch-Saronischen Meerbusen zu leiten. Endlich rief selbst in dem +entlegenen hellenischen Osten der Monarch italische Ansiedlungen ins Leben: so +am Schwarzen Meer in Herakleia und in Sinope, welche Städte die italischen +Kolonisten ähnlich wie Emporiae mit den alten Bewohnern teilten; so an der +syrischen Küste in dem wichtigen Hafen von Berytos, das wie Sinope italische +Verfassung erhielt; ja sogar in Ägypten wurde auf der den Hafen von Alexandreia +beherrschenden Leuchtturminsel eine römische Station gegründet. +</p> + +<p> +Durch diese Anordnungen ward die italische Gemeindefreiheit in weit +umfassenderer Weise, als es bisher geschehen war, in die Provinzen getragen. +Die Vollbürgergemeinden, also sämtliche Städte der cisalpinischen Provinz und +die in dem Transalpinischen Gallien und sonst zerstreuten Bürgerkolonien und +Bürgermunizipien, standen den italischen insofern gleich, als sie sich selber +verwalteten und selbst eine, allerdings beschränkte, Gerichtsbarkeit ausübten: +wogegen freilich die wichtigeren Prozesse vor die hier kompetenten römischen +Behörden, in der Regel den Statthalter des Sprengels gehörten ^31. Die formell +autonomen latinischen und die sonstigen befreiten Gemeinden, also jetzt die +sizilischen und die des Narbonensischen Galliens, soweit sie nicht +Bürgergemeinden waren, alle und auch in anderen Provinzen eine beträchtliche +Zahl, hatten nicht bloß die freie Verwaltung, sondern wahrscheinlich +unbeschränkte Gerichtsbarkeit, so daß der Statthalter hier nur kraft seiner +allerdings sehr arbiträren Verwaltungskontrolle einzugreifen befugt war. Wohl +hatte es auch früher schon Vollbürgergemeinden innerhalb der +Statthaltersprengel gegeben, wie zum Beispiel Aquileia und Narbo, und hatten +ganze Statthaltersprengel, wie das Diesseitige Gallien, aus Gemeinden mit +italischer Verfassung bestanden; aber wenn nicht rechtlich, war es doch +politisch eine ungemein wichtige Neuerung, daß es jetzt eine Provinz gab, die +so gut wie Italien lediglich von römischen Bürgern bevölkert war ^32, und daß +andere es zu werden versprachen. Es fiel damit der eine große tatsächliche +Gegensatz, in dem Italien zu den Provinzen gestanden hatte; und auch der +zweite, daß in Italien regelmäßig keine Truppen standen, wohl aber in den +Provinzen, war gleichermaßen im Verschwinden: die Truppen standen jetzt nur da, +wo es eine Grenze zu verteidigen gab, und die Kommandanten der Provinzen, bei +denen dies nicht zutraf, wie zum Beispiel bei Narbo und Sizilien, waren nur dem +Namen nach noch Offiziere. Der formelle Gegensatz zwischen Italien und den +Provinzen, der zu allen Zeiten auf anderen Unterschieden beruht hatte, blieb +allerdings auch jetzt bestehen, Italien der Sprengel der bürgerlichen +Rechtspflege und der Konsuln-Prätoren, die Provinzen kriegsrechtliche +Jurisdiktionsbezirke und den Prokonsuln und Proprätoren unterworfen; allein der +Prozeß nach Bürger- und nach Kriegsrecht fiel längst praktisch zusammen, und +die verschiedene Titulatur der Beamten hatte wenig zu bedeuten, seit über allen +der eine Imperator stand. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^31 Daß keiner Vollbürgergemeinde mehr als beschränkte Gerichtsbarkeit zustand, +ist ausgemacht. Auffallend ist es aber, was aus der Caesarischen +Gemeindeordnung für das Cisalpinische Gallien bestimmt hervorgeht, daß die +jenseits der munizipalen Kompetenz liegenden Prozesse aus dieser Provinz nicht +vor den Statthalter derselben, sondern vor den römischen Prätor gehen; denn im +übrigen ist der Statthalter ja in seinem Sprengel ebensowohl anstatt des +Prätors, der zwischen Bürgern, wie anstatt dessen, der zwischen Bürgern und +Nichtbürgern Recht spricht, und durchaus für alle Prozesse kompetent. Ohne +Zweifel ist dies ein Überrest der vorsullanischen Ordnung, wo in dem ganzen +festländischen Gebiet bis zu den Alpen lediglich die Stadtbeamten kompetent +waren und also hier sämtliche Prozesse, wo sie die munizipale Kompetenz +überschritten, notwendig vor die Prätoren in Rom kamen. Dagegen in Narbo, +Gades, Karthago, Korinth gingen die Prozesse in diesem Fall sicher an den +betreffenden Statthalter; wie denn auch schon aus praktischen Rücksichten nicht +wohl an einen Rechtszug nach Rom gedacht werden kann. +</p> + +<p> +^32 Warum die Erteilung des römischen Bürgerrechts an eine Landschaft insgesamt +und der Fortbestand der Provinzialverwaltung für dieselbe als sich einander +ausschließende Gegensätze gedacht zu werden pflegen, ist nicht abzusehen. +Überdies erhielt notorisch das Cisalpinische Gallien durch den Roscischen +Volksschluß vom 11. März 705 (49) die Civität, während es Provinz blieb, +solange Caesar lebte, und erst nach seinem Tode mit Italien vereinigt ward (Dio +48, 12), auch die Statthalter bis 711 (43) nachweisbar sind. Schon daß die +Caesarische Gemeindeordnung die Landschaft nie als Italien, sondern als +Cisalpinisches Gallien bezeichnet, mußte auf das Richtige führen. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +Offenbar ist in all diesen einzelnen munizipalen Gründungen und Ordnungen, die +wenigstens dem Plan, wenn auch vielleicht nicht alle der Ausführung nach, auf +Caesar zurückgehen, ein bestimmtes System. Italien ward aus der Herrin der +unterworfenen Völkerschaften umgewandelt in die Mutter der verjüngten +italisch-hellenischen Nation. Die dem Mutterlande vollständig gleichgestellte +cisalpinische Provinz verhieß und verbürgte es, daß in der Monarchie Caesars, +ebenwie in der frischeren Epoche der Republik, jede latinisierte Landschaft +erwarten durfte, den älteren Schwestern und der Mutter selbst ebenbürtig an die +Seite zu treten. Auf der Vorstufe zur vollen nationalen und politischen +Ausgleichung mit Italien standen dessen Nebenländer, das griechische Sizilien +und das rasch sich latinisierende südliche Gallien. Auf einer entfernteren +Stufe zu dieser Ausgleichung standen die übrigen Landschaften des Reiches, in +denen, wie bisher in Südgallien Narbo römische Kolonie gewesen war, jetzt die +großen Seestädte: Emporiae, Gades, Karthago, Korinth, Herakleia im Pontos, +Sinope, Berytos, Alexandreia, italische oder hellenisch-italische Gemeinden +wurden, die Stützpunkte einer italischen Zivilisation selbst im griechischen +Osten, die Grundpfeiler der künftigen nationalen und politischen Nivellierung +des Reiches. Die Herrschaft der Stadtgemeinde Rom über das Litoral des +Mittelmeeres war zu Ende; an ihre Stelle trat der neue Mittelmeerstaat und sein +erster Akt war die Sühnung der beiden größten Untaten, die jene Stadtgemeinde +an der Zivilisation begangen hatte. Wenn die Zerstörung der beiden größten +Handelsplätze im römischen Gebiet den Wendepunkt bezeichnete, wo die +Schutzherrschaft der römischen Gemeinde in politische Tyrannisierung und +finanzielle Ausnutzung der untertänigen Landschaften überging, so bezeichnete +jetzt die sofortige und glänzende Wiederherstellung von Karthago und Korinth +die Begründung des neuen, alle Landschaften am Mittelmeer zu nationaler und +politischer Gleichheit, zu wahrhaft staatlicher Einigung heranbildenden großen +Gemeinwesens. Wohl durfte Caesar der Stadt Korinth zu ihrem vielberühmten alten +den neuen Namen der “Julischen Ehre” verleihen. +</p> + +<p> +Wenn also das neue einheitliche Reich mit einer Nationalität ausgestattet ward, +die freilich notwendigerweise der volkstümlichen Individualität entbehrte und +mehr ein unlebendiges Kunstprodukt als ein frischer Trieb der Natur war, so +bedurfte dasselbe ferner der Einheit in denjenigen Institutionen, in denen das +allgemeine Leben der Nationen sich bewegt: in Verfassung und Verwaltung, in +Religion und Rechtspflege, in Münze, Maß und Gewicht; wobei natürlich lokale +Besonderheiten mannigfaltigster Art mit wesentlicher Einigung sich vollkommen +vertrugen. Überall kann auf diesen Gebieten nur von Anfängen die Rede sein, da +die einheitliche Durchbildung der Monarchie Caesars in der Zukunft lag und er +nichts tat, als für den Bau von Jahrhunderten den Grund legen. Aber von den +Linien, die der große Mann auf diesen Gebieten gezogen hat, lassen noch manche +sich erkennen; und es ist erfreulicher, hier ihm nachzugehen, als in dem +Trümmerbau der Nationalitäten. +</p> + +<p> +Hinsichtlich der Verfassung und Verwaltung wurden bereits in einem anderen +Zusammenhang die wichtigsten Momente der neuen Einheit hervorgehoben: der +Übergang der Souveränität von dem römischen Gemeinderat auf den Alleinherrscher +der Mittelmeermonarchie; die Umwandlung jenes Gemeinderats in einen höchsten, +Italien wie die Provinzen repräsentierenden Reichsrat: vor allem die begonnene +Übertragung der römischen und überhaupt der italischen Gemeindeordnung auf die +Provinzialgemeinden. Es führte dieser letztere Weg, die Verleihung latinischen +und demnach römischen Rechts an die zum vollständigen Eintritt in den +Einheitsstaat reifen Gemeinden, gleichmäßige kommunale Ordnungen allmählich von +selbst herbei. Nur in einer Hinsicht konnte man hierauf nicht warten. Das neue +Reich bedurfte sofort einer Institution, die der Regierung die hauptsächlichen +Grundlagen der Verwaltung, die Bevölkerungs- und Vermögensverhältnisse der +einzelnen Gemeinden, übersichtlich vor Augen legte, das heißt eines +verbesserten Zensus. Zunächst ward der italische reformiert. Nach Caesars +Verordnung ^33, die freilich wohl nur die infolge des Bundesgenossenkrieges +wenigstens im Prinzip getroffenen Anordnungen zur Ausführung brachte, sollten +künftig, wenn in der römischen Gemeinde die Schatzung stattfand, gleichzeitig +in jeder italischen der Name eines jeden Gemeindebürgers und der seines Vaters +oder Freilassers, sein Bezirk, sein Alter und sein Vermögen von der höchsten +Behörde der Gemeinde aufgezeichnet und diese Listen an den römischen +Schatzmeister so früh abgeliefert werden, daß dieser das allgemeine Verzeichnis +der römischen Bürger und der römischen Habe rechtzeitig vollenden konnte. Daß +es Caesars Absicht war, ähnliche Institutionen auch in den Provinzen +einzuführen, dafür bürgt teils die von Caesar angeordnete Vermessung und +Katastrierung des gesamten Reiches, teils die Einrichtung selbst; denn es war +ja damit die allgemeine Formel gefunden, um so gut in den italischen wie in den +nichtitalischen Gemeinden des Staats die für die Zentralverwaltung +erforderlichen Aufnahmen zu bewirken. Offenbar war es auch hier Caesars +Absicht, auf die Traditionen der älteren republikanischen Zeit zurückzugehen +und die Reichsschatzung wiedereinzuführen, welche die ältere Republik, +wesentlich in derselben Weise wie Caesar die italische, durch analoge +Ausdehnung des Instituts der städtischen Zensur mit seinen Fristen und +sonstigen wesentlichen Normen auf die sämtlichen Untertanengemeinden Italiens +und Siziliens bewirkt hatte. Es war dies eines der ersten Institute gewesen, +das die erstarrende Aristokratie verfallen und damit der obersten +Verwaltungsbehörde jede Übersicht über die disponiblen Mannschaften und +Steuerkräfte und also jede Möglichkeit einer wirksamen Kontrolle verloren gehen +ließ. Die vorhandenen Spuren und der Zusammenhang der Dinge selbst zeigen +unwidersprechlich, daß Caesar die Erneuerung der seit Jahrhunderten +verschollenen Reichsschatzung vorbereitete. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^33 Das Fortbestehen der munizipalen Schatzungsbehörden spricht dafür, daß die +örtliche Abhaltung des Zensus bereits infolge des Bundesgenossenkriegs für +Italien fortgesetzt worden war (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. +368); wahrscheinlich aber ist die Durchführung dieses Systems Caesars Werk. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Daß in der Religion und in der Rechtspflege an eine durchgreifende Nivellierung +nicht gedacht werden konnte, ist kaum nötig zu sagen; doch bedurfte der neue +Staat bei aller Toleranz gegen Lokalglauben und Munizipalstatute eines +gemeinsamen, der italisch-hellenischen Nationalität entsprechenden Kultus und +einer allgemeinen, den Munizipalstatuten übergeordneten Rechtssatzung. Er +bedurfte ihrer: denn beides war tatsächlich schon da. Auf dem religiösen Gebiet +war man seit Jahrhunderten tätig gewesen, den italischen und den hellenischen +Kult teils durch äußerliche Aufnahme, teils durch innerliche Ausgleichung der +Gottheitsbegriffe ineinanderzuarbeiten und bei der nachgiebigen Formlosigkeit +der italischen Götter hatte es nicht einmal große Schwierigkeit gemacht, den +Jupiter in dem Zeus, die Venus in der Aphrodite und so jede wesentliche Idee +des latinischen Glaubens in ihrem hellenischen Gegenbild aufzuheben. Die +italisch-hellenische Religion stand bereits in den Grundzügen fertig da; wie +sehr man eben auf diesem Gebiete sich dessen bewußt war, über die spezifisch +römische hinaus und zu einer italisch-hellenischen Quasinationalität +fortgeschritten zu sein, beweist zum Beispiel die in Varros schon erwähnter +Theologie aufgestellte Unterscheidung der “gemeinen”, d. h. der von +den Römern wie den Griechen anerkannten Götter, von den besonderen der +römischen Gemeinde. +</p> + +<p> +Im Rechtswesen hatte es auf dem Gebiete des Kriminal- und Polizeirechts, wo die +Regierung unmittelbar eingreift und dem rechtlichen Bedürfnis wesentlich durch +eine verständige Legislation genügt wird, keine Schwierigkeit, auf dem Wege der +gesetzgeberischen Tätigkeit denjenigen Grad materieller Gleichförmigkeit zu +erreichen, der allerdings auch hier für die Reichseinheit notwendig war. Im +Zivilrecht dagegen, wo die Initiative dem Verkehr, dem Gesetzgeber nur die +Formulierung zusteht, war das einheitliche Reichszivilrecht, das der +Gesetzgeber zu schaffen freilich nicht vermocht hätte, längst auch bereits auf +naturgemäßem Wege durch den Verkehr selber entwickelt worden. Das römische +Stadtrecht zwar beruhte rechtlich immer noch auf der in den Zwölf Tafeln +enthaltenen Formulierung des latinischen Landrechts. Die späteren Gesetze +hatten wohl im einzelnen mancherlei zeitgemäße Verbesserungen eingeführt, unter +denen leicht die wichtigste sein mochte die Abschaffung der alten ungeschickten +Prozeßeröffnung durch stehende Spruchformeln der Parteien und ihre Ersetzung +durch eine von dem prozeßleitenden Beamten schriftlich abgefaßte Instruktion +für den Einzelgeschworenen (formula); allein in der Hauptsache hatte die +Volkslegislation nur über jene altersgraue Grundlage einen den englischen +Statutargesetzen vergleichbaren unübersehlichen Wust großenteils längst +veralteter und vergessener Spezialgesetze aufgeschichtet. Die Versuche +wissenschaftlicher Formulierung und Systematisierung hatten die verschlungenen +Gänge des alten Zivilrechts allerdings zugänglich gemacht und erhellt; allein +dem Grundmangel, daß ein vor vierhundert Jahren abgefaßtes städtisches Weistum +mit seinen ebenso diffusen wie konfusen Nachträgen jetzt als das Recht eines +großen Staates dienen sollte, konnte kein römischer Blackstone abhelfen. +Gründlicher half der Verkehr sich selbst. Längst hatte in Rom der rege Verkehr +zwischen Römern und Nichtrömern ein internationales Privatrecht (ius gentium; +1, 167) entwickelt, das heißt einen Komplex von Satzungen namentlich über +Verkehrsverhältnisse, nach welchen römische Richter dann sprachen, wenn eine +Sache weder nach ihrem eigenen noch nach irgendeinem anderen Landrecht +entschieden werden konnte, sondern sie genötigt waren, von den römischen, +hellenischen, phönikischen und sonstigen Rechtseigentümlichkeiten absehend, auf +die allem Verkehr zu Grunde liegenden gemeinsamen Rechtsanschauungen +zurückzugehen. Hier knüpfte die neuere Rechtsbildung an. Zunächst als +Richtschnur für den rechtlichen Verkehr der römischen Bürger unter sich setzte +sie an die Stelle des alten, praktisch unbrauchbar gewordenen tatsächlich ein +neues Stadtrecht, das materiell beruhte auf einem Kompromiß zwischen dem +nationalen Zwölftafelrecht und dem internationalen oder dem sogenannten Rechte +der Völker. An jenem wurde wesentlich, wenn auch natürlich mit zeitgemäßen +Modifikationen, festgehalten im Ehe-, Familien- und Erbfolgerecht; dagegen ward +in allen Bestimmungen, die den Vermögensverkehr betrafen, also für Eigentum und +Kontrakte, das Internationalrecht maßgebend; ja hier wurde sogar dem lokalen +Provinzialrecht manche wichtige Einrichtung entlehnt, zum Beispiel die +Wuchergesetzgebung und das Hypothekarinstitut. Ob auf einmal oder allmählich, +ob durch einen oder mehrere Urheber, durch wen, wann und wie diese +tiefgreifende Neuerung ins Leben trat, sind Fragen, auf die wir eine genügende +Antwort schuldig bleiben müssen; wir wissen nur, daß diese Reform, wie +natürlich, zunächst ausging von dem Stadtgericht, daß sie zuerst sich +formulierte in den jährlich von dem neu antretenden Stadtrichter zur +Nachachtung für die Parteien ergehenden Belehrungen über die wichtigsten, in +dem beginnenden Gerichtsjahr einzuhaltenden Rechtsmaximen (edictum annuum oder +perpetuum praetoris urbani de iuris dictione) und daß sie, wenn auch manche +vorbereitende Schritte in früheren Zeiten getan sein mögen, sicher erst in +dieser Epoche ihre Vollendung fand. Die neue Rechtssatzung war theoretisch +abstrakt, insofern die römische Rechtsanschauung darin ihrer nationalen +Besonderheit insoweit sich entäußert hatte, als sie derselben sich bewußt +worden war; sie war aber zugleich praktisch positiv, indem sie keineswegs in +die trübe Dämmerung allgemeiner Billigkeit oder gar in das reine Nichts des +sogenannten Naturrechts verschwamm, sondern von bestimmten Behörden für +bestimmte konkrete Fälle nach festen Normen angewandt ward und einer +gesetzlichen Formulierung nicht bloß fähig, sondern in dem Stadtedikt +wesentlich schon teilhaft geworden war. Diese Satzung entsprach ferner +materiell den Bedürfnissen der Zeit, insofern sie für Prozeß, Eigentumserwerb, +Kontraktabschluß die durch den gesteigerten Verkehr geforderten bequemeren +Formen darbot. Sie war endlich bereits im wesentlichen im ganzen Umfang des +römischen Reiches allgemein subsidiäres Recht geworden, indem man die +mannigfaltigen Lokalstatuten für diejenigen Rechtsverhältnisse, die nicht +zunächst Verkehrsverhältnisse sind, sowie für den Lokalverkehr zwischen +Gliedern desselben Rechtssprengels beibehielt, dagegen den Vermögensverkehr +zwischen Reichsangehörigen verschiedener Rechtskreise durchgängig nach dem +Muster des, rechtlich auf diese Fälle freilich nicht anwendbaren, Stadtediktes +sowohl in Italien wie in den Provinzen regulierte. Das Recht des Stadtedikts +hatte also wesentlich dieselbe Stellung in jener Zeit, die in unserer +staatlichen Entwicklung das römische Recht eingenommen hat: auch dies ist, +soweit solche Gegensätze sich vereinigen lassen, zugleich abstrakt und positiv; +auch dies empfahl sich durch seine, verglichen mit dem älteren Satzungsrecht, +geschmeidigen Verkehrsformen und trat neben den Lokalstatuten als allgemeines +Hilfsrecht ein. Nur darin hatte die römische Rechtsentwicklung vor der unsrigen +einen wesentlichen Vorzug, daß die denationalisierte Gesetzgebung nicht, wie +bei uns, vorzeitig und durch Kunstgeburt, sondern rechtzeitig und naturgemäß +sich einfand. +</p> + +<p> +Diesen Rechtszustand fand Caesar vor. Wenn er den Plan entwarf zu einem neuen +Gesetzbuch, so ist es nicht schwer zu sagen, was er damit beabsichtigt hat. Es +konnte dies Gesetzbuch einzig das Recht der römischen Bürger zusammenfassen und +allgemeines Reichsgesetzbuch nur insofern sein, als ein zeitgemäßes Gesetzbuch +der herrschenden Nation von selbst im ganzen Umfange des Reiches allgemeines +Subsidiarrecht werden mußte. Im Kriminalrecht, wenn überhaupt der Plan sich auf +dies miterstreckte, bedurfte es nur einer Revision und Redaktion der +Sullanischen Ordnungen. Im Zivilrecht war für einen Staat, dessen Nationalität +eigentlich die Humanität war, die notwendige und einzig mögliche Formulierung +jenes schon aus dem rechtlichen Verkehr freiwillig hervorgewachsene Stadtedikt +in gesetzlicher Sicherung und Präzisierung. Den ersten Schritt zu dieser hatte +das Cornelische Gesetz von 687 (67) getan, indem es den Richter an die zu +Anfang seines Amtes aufgestellten Maximen band und ihm vorschrieb, nicht +willkürlich anderes Recht zu sprechen - eine Bestimmung, die wohl mit dem +Zwölftafelgesetz verglichen werden darf und für die Fixierung des neueren +Stadtrechts fast ebenso bedeutsam geworden ist wie jenes für die Fixierung des +älteren. Aber wenn auch seit dem Cornelischen Volksschluß das Edikt nicht mehr +unter dem Richter stand, sondern gesetzlich der Richter unter dem Edikt; wenn +auch das neue Gesetzbuch im Gerichtsgebrauch wie im Rechtsunterricht das alte +Stadtrecht tatsächlich verdrängt hatte, so stand es doch noch jedem +Stadtrichter frei, bei Antritt seines Amtes das Edikt unbeschränkt und +willkürlich zu verändern, und überwog das Zwölftafelrecht mit seinen Zusätzen +formell immer noch das Stadtedikt, so daß in jedem einzelnen Kollisionsfall die +veraltete Satzung durch arbiträres Eingreifen der Beamten, also genau genommen +durch Verletzung des formellen Rechts, beseitigt werden mußte. Die subsidiäre +Anwendung des Stadtedikts in dem Fremdengericht in Rom und in den verschiedenen +Provinzialgerichtshöfen war nun gar gänzlich in die Willkür der einzelnen +Oberbeamten gestellt. Offenbar war es notwendig, das alte Stadtrecht, soweit es +nicht in das neuere übergegangen war, definitiv zu beseitigen und in dem +letzteren der willkürlichen Änderung durch jeden einzelnen Stadtrichter +angemessene Grenzen zu setzen, etwa auch die subsidiäre Anwendung desselben +neben den Lokalstatuten zu regulieren. Dies war Caesars Absicht, als er den +Plan zu einem Gesetzbuch entwarf; denn dies mußte sie sein. Der Plan ward nicht +ausgeführt und damit jener lästige Übergangszustand in dem römischen +Rechtswesen verewigt, bis nach sechshundert Jahren, und auch dann nur +unvollkommen, diese notwendige Reform von einem der Nachfolger Caesars, dem +Kaiser Justinianus, vollzogen ward. +</p> + +<p> +Endlich in Münze, Maß und Gewicht war die wesentliche Ausgleichung des +latinischen und des hellenischen Systems längst im Zuge. Sie war uralt in den +für Handel und Verkehr unentbehrlichen Bestimmungen des Gewichts, der Körper- +und Längenmaße und in dem Münzwesen wenig jünger als die Einführung der +Silberprägung. Indes reichten diese älteren Gleichungen nicht aus, da in der +hellenischen Welt selbst die verschiedenartigsten metrischen und Münzsysteme +nebeneinander bestanden; es war notwendig und lag auch ohne Zweifel in Caesars +Plan, in dem neuen einheitlichen Reich, soweit es nicht bereits früher schon +geschehen war, römische Münze, römisches Maß und römisches Gewicht jetzt +überall in der Art einzuführen, daß im offiziellen Verkehr allein danach +gerechnet, und die nichtrömischen Systeme teils auf lokale Geltung beschränkt, +teils zu den römischen in ein ein für allemal reguliertes Verhältnis gesetzt +wurden ^34. Nachweisen indes läßt Caesars Tätigkeit sich nur auf zweien der +wichtigsten dieser Gebiete, in dem Geld- und im Kalenderwesen. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +^34 Kürzlich zum Vorschein gekommene pompeianische Gewichte legen die Annahme +nahe, daß im Anfang der Kaiserzeit neben dem römischen Pfund die attische Mine +(vermutlich im Verhältnis von 3 : 4) als zweites Reichsgewicht Geltung gehabt +hat (Heymes 16, 1880, S. 311). +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +Das römische Geldwesen beruhte auf den beiden neben und in einem festen +Verhältnis zueinander umlaufenden edlen Metallen, von denen das Gold nach dem +Gewicht ^35, das Silber nach dem Gepräge gegeben und genommen ward, tatsächlich +aber infolge des ausgedehnten überseeischen Verkehrs das Gold bei weitem das +Silber überwog. Ob nicht schon früher im ganzen Umfange des Reiches die Annahme +des römischen Silbergeldes obligatorisch war, ist ungewiß; auf jeden Fall +vertrat die Stelle des Reichsgeldes im ganzen römischen Gebiet wesentlich das +ungemünzte Gold, um so mehr als die Römer in allen Provinzen und +Klientelstaaten die Goldprägung untersagt hatten, und hatte der Denar außer in +Italien auch im Cisalpinischen Gallien, in Sizilien, in Spanien und sonst +vielfach, namentlich im Westen, gesetzlich oder faktisch sich eingebürgert. Mit +Caesar aber beginnt die Reichsmünze. Ebenwie Alexander bezeichnete auch er die +Gründung der neuen, die zivilisierte Welt umfassenden Monarchie dadurch, daß +das einzig weltenvermittelnde Metall auch in der Münze den ersten Platz +erhielt. In wie großartigem Umfang sogleich das neue Caesarische Goldstück (zu +7 Taler, 18 Groschen nach heutigem Metallwert) geprägt ward, beweist die +Tatsache, daß in einem einzelnen, sieben Jahre nach Caesars Tode vergrabenen +Schatz sich 80000 dieser Stücke beisammen gefunden haben. Freilich mögen hier +nebenbei auch finanzielle Spekulationen von Einfluß gewesen sein ^36. Was das +Silbergeld anlangt, so ward durch Caesar die Alleinherrschaft des römischen +Denars im gesamten Westen, zu der der Grund schon früher gelegt worden war, +schließlich festgestellt, indem er die einzige okzidentalische Münzstätte, die +im Silbercourant noch mit der römischen konkurrierte, die massaliotische, +definitiv schloß. Die Prägung von silberner oder kupferner Scheidemünze blieb +einer Anzahl okzidentalischer Gemeinden erlaubt, wie denn Dreivierteldenare von +einigen latinischen Gemeinden des südlichen Galliens, halbe Denare von mehreren +nordgallischen Gauen, kupferne Kleinmünzen vielfach auch noch nach Caesar von +Kommunen des Westens geschlagen worden sind; allein auch diese Scheidemünze war +durchgängig auf römischen Fuß geprägt und ihre Annahme überdies wahrscheinlich +nur im Lokalverkehr obligatorisch. An eine einheitliche Regulierung des +Münzwesens im Osten, wo große Massen groben, großenteils zu leicht +ausgebrachten oder vernutzten Silbergeldes, zum Teil sogar, wie in Ägypten, +eine unserem Papiergeld verwandte Kupfermünze umlief, auch die syrischen +Handelsstädte den Mangel ihrer bisherigen, dem mesopotamischen Courant +entsprechenden Landesmünze sehr schwer empfunden haben würden, scheint Caesar +so wenig gedacht zu haben wie die frühere Regierung. Wir finden hier später die +Einrichtung, daß der Denar überall gesetzlichen Kurs hat und offiziell nur nach +ihm gerechnet wird ^37, die Lokalmünzen aber innerhalb ihres beschränkten +Rayons zwar auch Legalkurs, aber nach einem für sie ungünstigen Tarif gegen den +Denar haben ^38; dieselbe ist wahrscheinlich nicht auf einmal und zum Teil auch +wohl schon von Caesar eingeführt worden, auf jeden Fall aber die wesentliche +Ergänzung der Caesarischen Reichsmünzordnung, deren neues Goldstück in dem +ungefähr gleich schweren Alexanders sein unmittelbares Muster fand und wohl +ganz besonders auf die Zirkulation im Orient berechnet war. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +^35 Die Goldstücke, die Sulla und gleichzeitig Pompeius, beide in geringer +Zahl, schlagen ließen, heben diesen Satz nicht auf: denn sie wurden +wahrscheinlich lediglich nach dem Gewicht genommen ähnlich wie die goldenen +Philippeer, die auch bis nach Caesars Zeit im Umlauf gewesen sind. Merkwürdig +sind sie allerdings, insofern sie das Caesarische Reichsgold ähnlich einleiten +wie Sullas Regentschaft die neue Monarchie. +</p> + +<p> +^36 Es scheint nämlich, daß man in älterer Zeit die auf Silber lautenden +Forderungen der Staatsgläubiger nicht wider deren Willen in Gold, nach dem +legalen Kurs desselben zum Silber, bezahlen konnte; wogegen es keinen Zweifel +leidet, daß seit Caesar das Goldstück unweigerlich für 100 Silbersesterzen +angenommen werden mußte. Es war dies ebendamals um so wichtiger, als infolge +der durch Caesar in Umlauf gebrachten großen Quantitäten Goldes dasselbe eine +Zeitlang im Handelskurs 25 Prozent unter dem Legalkurs stand. +</p> + +<p> +^37 Es gibt wohl keine Inschrift der Kaiserzeit, die Geldsummen anders als in +römischer Münze angäbe. +</p> + +<p> +^38 So gilt die attische Drachme, obwohl merklich schwerer als der Denar, doch +diesem gleich; das antiochische Tetradrachmon, durchschnittlich 15 Gramm Silber +schwer, gleich 3 römischen Denaren, die nur gegen 12 Gramm wiegen; so der +kleinasiatische Cistophorus nach Silberwert über 3, nach dem Legaltarif 2 +Denare; so die rhodische halbe Drachme nach Silberwert ¾, nach dem Legaltarif +5/8 Denare und so weiter. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +Verwandter Art war die Kalenderreform. Der republikanische Kalender, +unglaublicherweise immer noch der alte, aus der vormetonischen Oktaeteris +verunstaltete Dezemviralkalender, war durch die Verbindung elendester +Mathematik und elendester Administration dahin gelangt, um volle 67 Tage der +wahren Zeit voranzugehen und zum Beispiel das Blütenfest statt am 28. April am +11. Juli zu feiern. Caesar beseitigte endlich diesen Mißstand und führte mit +Hilfe des griechischen Mathematikers Sosigenes das nach dem ägyptischen +Eudoxischen Kalender geordnete italische Bauernjahr sowie ein verständiges +Einschaltungssystem in den religiösen und offiziellen Gebrauch ein, indem +zugleich das alte Kalenderneujahr des 1. März abgeschafft, dagegen der zunächst +für den Amtswechsel der höchsten Magistrate festgestellte und infolgedessen +längst im bürgerlichen Leben überwiegende Termin des 1. Januar auch als +Kalenderepoche für den Jahreswechsel angenommen ward. Beide Änderungen traten +mit dem 1. Januar 709 der Stadt, 45 vor Chr., ins Leben und mit ihnen der +Gebrauch des von seinem Urheber benannten Julianischen Kalenders, der lange +nach dem Untergang der Monarchie Caesars in der gebildeten Welt maßgebend +geblieben und in der Hauptsache es noch ist. Zur Erläuterung ward in einem +ausführlichen Edikt ein den ägyptischen Himmelsbeobachtungen entnommener und, +freilich nicht geschickt, auf Italien übertragener Sternkalender hinzugefügt, +welcher den Auf- und Untergang der namhaften Gestirne nach Kalendertagen +bestimmte ^39. Auch auf diesem Gebiet also setzten die römische und die +griechische Welt sich ins gleiche. +</p> + +<p> +————————————————————————————— +</p> + +<p> +^39 Die Identität dieses vielleicht von Marcus Flavius redigierten Edikts +(Macr. Sat. I, 14, 2) und der angeblichen Schrift Caesars von den Gestirnen +beweist der Scherz Ciceros (Plut. Caes. 59), daß jetzt die Leier nach +Verordnung aufgehe. +</p> + +<p> +Übrigens wußte man schon vor Caesar, daß das Sonnenjahr von 365 Tagen sechs +Stunden, das dem ägyptischen Kalender zugrunde lag und das er seinem Kalender +zugrunde legte, etwas zu lang angesetzt sei. Die genaueste Berechnung des +tropischen Jahres, die die alte Welt kannte, die des Hipparchos, setzte +dasselbe auf 365 Tage 5 Stunden 52' 12"; die wahre Länge ist 365 Tage 5 Stunden +48' 48". +</p> + +<p> +————————————————————————————— +</p> + +<p> +Dies waren die Grundlagen der Mittelmeermonarchie Caesars. Zum zweitenmal war +in Rom die soziale Frage zu einer Krise gelangt, wo die Gegensätze, so wie sie +aufgestellt waren, unauflöslich, so wie sie ausgesprochen waren, unversöhnlich +nicht bloß schienen, sondern waren. Damals war Rom dadurch gerettet worden, daß +Italien in Rom und Rom in Italien aufging und in der neuen erweiterten und +verwandelten Heimat jene alten Gegensätze nicht ausgeglichen wurden, sondern +wegfielen. Wieder ward jetzt Rom dadurch gerettet, daß die Landschaften des +Mittelmeeres in ihm aufgingen oder zum Aufgehen vorbereitet wurden; der Krieg +der italischen Armen und Reichen, der in dem alten Italien nur mit der +Vernichtung der Nation endigen konnte, hatte in dem Italien dreier Weltteile +kein Schlachtfeld und keinen Sinn mehr. Die latinischen Kolonien schlossen die +Kluft, die im fünften Jahrhundert die römische Gemeinde zu verschlingen drohte; +den tieferen Riß des siebenten Jahrhunderts füllten Gaius Gracchus’ und +Caesars transalpinische und überseeische Kolonisationen. Für das einzige Rom +hat die Geschichte nicht bloß Wunder getan, sondern auch seine Wunder +wiederholt und zweimal die im Staate selbst unheilbare innere Krise dadurch +geheilt, daß sie den Staat verjüngte. Wohl ist viel Verwesung in dieser +Verjüngung; wie die Einigung Italiens auf den Trümmern der samnitischen und +etruskischen Nation sich vollzog, so erbaute auch die Mittelmeermonarchie sich +auf den Ruinen unzähliger, einst lebendiger und tüchtiger Staaten und Stämme; +aber es ist eine Verwesung, der frische und zum Teil noch heute grünende Saaten +entkeimten. Was zugrunde ging um des neuen Gebäudes willen, waren nur die +längst schon von der nivellierenden Zivilisation zum Untergang bezeichneten +sekundären Nationalitäten. Caesar hat, wo er zerstörend auftrat, nur den +ausgefällten Spruch der geschichtlichen Entwicklung vollzogen, die Keime der +Kultur aber geschützt, wo und wie er sie fand, in seinem eigenen Lande so gut +wie bei der verschwisterten Nation der Hellenen. Er hat das Römertum gerettet +und erneuert, aber auch das Griechentum hat er nicht bloß geschont, sondern mit +derselben sicheren Genialität, womit er die Neugründung Roms vollbrachte, auch +der Regeneration der Hellenen sich unterzogen und das unterbrochene Werk des +großen Alexander wiederaufgenommen, dessen Bild, wohl mag man es glauben, +niemals aus Caesars Seele wich. Er hat diese beiden großen Aufgaben nicht bloß +nebeneinander, sondern eine durch die andere gelöst. Die beiden großen +Wesenheiten des Menschentums, die allgemeine und die individuelle Entwicklung +oder Staat und Kultur, einst im Keime vereinigt in jenen alten, fern von den +Küsten und Inseln des Mittelmeers in urväterlicher Einfachheit ihre Herden +weidenden Graecoitalikern, hatten sich geschieden, als dieselben sich sonderten +in Italiker und Hellenen, und waren seitdem durch Jahrtausende geschieden +geblieben. Jetzt erschuf der Enkel des troischen Fürsten und der latinischen +Königstochter aus einem Staat ohne eigene Kultur und einer kosmopolitischen +Zivilisation ein neues Ganzes, in welchem auf dem Gipfel menschlichen Daseins, +in der reichen Fülle des glückseligen Alters Staat und Kultur wiederum sich +zusammenfanden und den einem solchen Inhalt angemessenen Umkreis würdig +erfüllten. +</p> + +<p> +Die Linien sind dargelegt, welche Caesar für dieses Werk gezogen hat, nach +denen er selbst arbeitete und nach denen die Späteren, viele Jahrhunderte +hindurch gebannt in die von diesem Manne vorgezeichneten Bahnen, wo nicht mit +dem Geiste und der Energie, doch im ganzen nach den Intentionen des großen +Meisters weiter zu arbeiten versuchten. Vollendet ist wenig, gar manches nur +angelegt. Ob der Plan vollständig ist, mag entscheiden, wer mit einem solchen +Mann in die Wette zu denken wagt; wir bemerken keine wesentlichen Lücken in +dem, was vorliegt, jeder einzelne Baustein genug, um einen Mann unsterblich zu +machen, und doch wieder alle zusammen ein harmonisches Ganzes. Fünf und ein +halbes Jahr, nicht halb so lange wie Alexander, schaltete Caesar als König von +Rom; zwischen sieben großen Feldzügen, die ihm nicht mehr als zusammen fünfzehn +Monate ^40 in der Hauptstadt seines Reiches zu verweilen erlaubten, ordnete er +die Geschicke der Welt für die Gegenwart und die Zukunft; von der Feststellung +der Grenzlinie zwischen Zivilisation und Barbarei an bis hinab zu der +Beseitigung der Regenpfützen auf den Gassen der Hauptstadt, und behielt dabei +noch Zeit und Heiterkeit genug, um den Preisstücken im Theater aufmerksam zu +folgen und dem Sieger den Kranz mit improvisierten Versen zu erteilen. Die +Schnelligkeit und Sicherheit der Ausführung des Planes beweist, daß er lange +durchdacht und in allen Teilen im einzelnen festgestellt war; allein auch so +bleibt sie nicht viel weniger wunderbar als der Plan selbst. Die Grundzüge +waren gegeben und damit der neue Staat für alle Zukunft bestimmt; vollenden +konnte den Bau nur die grenzenlose Zukunft. Insofern durfte Caesar sich sagen, +daß sein Ziel erreicht sei, und das wohl mochten die Worte bedeuten, die man +zuweilen aus seinem Munde vernahm, daß er genug gelebt habe. Aber eben weil der +Bau ein unendlicher war, fügte der Meister, solange er lebte, rastlos Stein auf +Stein, mit immer gleicher Geschmeidigkeit und immer gleicher Spannkraft tätig +an seinem Werk, ohne je zu überstürzen oder zu verschieben, eben als gebe es +für ihn nur ein Heute und kein Morgen. So wirkte und schaffte er wie nie ein +Sterblicher vor und nach ihm, und als ein Wirkender und Schaffender lebt er +noch nach Jahrtausenden im Gedächtnis der Nationen, der erste und doch auch der +einzige Imperator Caesar. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +^40 Caesar verweilte in Rom im April und Dezember 705 (49), beide Male auf +wenige Tage; vom September bis Dezember 707 (47); etwa vier Herbstmonate des +fünfzehnmonatlichen Jahres 708 (46) und vom Oktober 709 (45) bis zum März 710 +(44). +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap12"></a>KAPITEL XII.<br/> +Religion, Bildung, Literatur und Kunst</h2> + +<p> +In der religiös-philosophischen Entwicklung tritt in dieser Epoche kein neues +Moment hervor. Die römisch-hellenische Staatsreligion und die damit untrennbar +verbundene stoische Staatsphilosophie waren für jede Regierung, Oligarchie, +Demokratie oder Monarchie, nicht bloß ein bequemes Instrument, sondern deshalb +geradezu unentbehrlich, weil es ebenso unmöglich war, den Staat ganz ohne +religiöse Elemente zu konstruieren als irgendeine neue zur Ersetzung der alten +geeignete Staatsreligion aufzufinden. So fuhr denn zwar der revolutionäre Besen +gelegentlich sehr unsanft in die Spinnweben der auguralen Vogelweisheit hinein; +aber die morsche, in allen Fugen krachende Maschine überdauerte dennoch das +Erdbeben, das die Republik selber verschlang, und rettete ihre Geistlosigkeit +und ihre Hoffart ungeschmälert hinüber in die neue Monarchie. Es versteht sich, +daß sie zunahm an Ungnade bei allen denen, die ein freies Urteil sich +bewahrten. Zwar gegen die Staatsreligion verhielt die öffentliche Meinung sich +wesentlich gleichgültig; sie war allerseits als eine Institution politischer +Konvenienz anerkannt und es bekümmerte sich niemand sonderlich um sie, mit +Ausnahme der politischen und antiquarischen Gelehrten. Aber gegen ihre +philosophische Schwester entwickelte sich in dem unbefangenen Publikum jene +Feindseligkeit, die die leere und doch auch perfide Phrasenheuchelei auf die +Länge nie verfehlt zu erwecken. Daß der Stoa selbst von ihrer eigenen +Nichtigkeit eine Ahnung aufzugehen begann, beweist ihr Versuch, auf dem Wege +des Synkretismus sich wieder einigen Geist künstlich einzuflößen: Antiochos von +Askalon (blüht 675 79), der mit dem stoischen System das +platonisch-aristotelische zu einer organischen Einheit zusammengeklittert zu +haben behauptete, brachte es in der Tat dahin, daß seine mißgeschaffene Doktrin +die Modephilosophie der Konservativen seiner Zeit und von den vornehmen +Dilettanten und Literaten Roms gewissenhaft studiert ward. Wer irgend in +geistiger Frische sich regte, opponierte der Stoa oder ignorierte sie. Es war +hauptsächlich der Widerwille gegen die großmauligen und langweiligen römischen +Pharisäer, daneben freilich auch der zunehmende Hang, sich aus dem praktischen +Leben in schlaffe Apathie oder nichtige Ironie zu flüchten, dem während dieser +Epoche das System Epikurs seine Ausbreitung in weiteren Kreisen und die +Diogenische Hundephilosophie ihre Einbürgerung in Rom verdankte. Wie matt und +gedankenarm auch jenes sein mochte, eine Philosophie, die nicht in der +Veränderung der hergebrachten Bezeichnungen den Weg zur Freiheit suchte, +sondern mit den vorhandenen sich begnügte und durchaus nur die sinnliche +Wahrnehmung als wahr gelten ließ, war immer noch besser als das terminologische +Geklapper und die hohlen Begriffe der stoischen Weisheit; und die +Hundephilosophie gar war von allen damaligen philosophischen Systemen insofern +bei weitem das vorzüglichste, als ihr System sich darauf beschränkte, gar kein +System zu haben, sondern alle Systeme und alle Systematiker zu verhöhnen. Auf +beiden Gebieten wurde gegen die Stoa mit Eifer und Glück Krieg geführt; für +ernste Männer predigte der Epikureer Lucretius mit dem vollen Akzent der +innigen Überzeugung und des heiligen Eifers gegen den stoischen Götter- und +Vorsehungsglauben und die stoische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele; für +das große lachbereite Publikum traf der Kyniker Varro mit den flüchtigen +Pfeilen seiner vielgelesenen Satiren noch schärfer zum Ziel. Wenn also die +tüchtigsten Männer der älteren Generation die Stoa befehdeten, so stand dagegen +die jüngere, wie zum Beispiel Catullus, zu ihr in gar keinem innerlichen +Verhältnis mehr und kritisierte sie noch bei weitem schärfer durch +vollständiges Ignorieren. +</p> + +<p> +Indes wenn hier ein glaubenloser Glaube aus politischer Konvenienz aufrecht +erhalten ward, so brachte man dies anderswo reichlich wieder ein. Unglaube und +Aberglaube, verschiedene Farbenbrechungen desselben geschichtlichen Phänomens, +gingen auch in der damaligen römischen Welt Hand in Hand und es fehlte nicht an +Individuen, welche sie beide in sich vereinigten, mit Epikuros die Götter +leugneten und doch vor jeder Kapelle beteten und opferten. Natürlich galten nur +noch die aus dem Orient gekommenen Götter, und wie die Menschen fortfuhren, aus +den griechischen Landschaften nach Italien zu strömen, so wanderten auch die +Götter des Ostens in immer steigender Zahl nach dem Westen hinüber. Was der +phrygische Kult damals in Rom bedeutete, beweist sowohl die Polemik bei den +älteren Männern, wie bei Varro und Lucretius, als auch die poetische +Verherrlichung desselben bei dem modernen Catullus, die mit der +charakteristischen Bitte schließt, daß die Göttin geneigen möge, nur andere, +nicht den Dichter selbst verrückt zu machen. Neu trat hinzu der persische +Götterdienst, der zuerst durch Vermittlung der von Osten und von Westen her auf +dem Mittelmeere sich begegnenden Piraten zu den Okzidentalen gelangt sein soll +und als dessen älteste Kultstätte im Westen der Berg Olympos in Lykien +bezeichnet wird. Dafür, daß man bei der Aufnahme der orientalischen Kulte im +Okzident das, was sie von höheren spekulativen und sittlichen Elementen +enthielten, durchgängig fallen ließ, ist es ein merkwürdiger Beleg, daß der +höchste Gott der reinen Lehre Zarathustras, Ahuramazda, im Westen so gut wie +unbekannt blieb und hier die Verehrung sich vorzugsweise wieder demjenigen Gott +zuwandte, der in der alten persischen Volksreligion den ersten Platz +eingenommen hatte und durch Zarathustra an den zweiten gerückt worden war, dem +Sonnengott Mithra. Rascher noch als die lichteren und milderen persischen +Himmelsgestalten traf der langweilig geheimnisvolle Schwarm der ägyptischen +Götterkarikaturen in Rom ein, die Naturmutter Isis mit ihrem ganzen Gefolge, +dem ewig sterbenden und ewig wiederauflebenden Osiris, dem finsteren Sarapis, +dem schweigsam ernsten Harpokrates, dem hundsköpfigen Anubis. In dem Jahre, wo +Clodius die Klubs und Konventikel freigab (696 58), und ohne Zweifel eben +infolge dieser Emanzipation des Pöbels, machte jener Schwarm sogar Anstalt, in +die alte Burg des römischen Jupiter auf dem Kapitol seinen Einzug zu halten, +und kaum gelang es, von hier ihn noch abzuwehren und die unvermeidlichen Tempel +wenigstens in die Vorstädte Roms zu bannen. Kein Kult war in den unteren +Schichten der hauptstädtischen Bevölkerung gleich populär: als der Senat die +innerhalb der Ringmauer angelegten Isistempel einzureißen befahl, wagte kein +Arbeiter, die erste Hand daran zu legen, und der Konsul Lucius Paullus mußte +selber den ersten Axtschlag tun (704 50); man konnte darauf wetten, daß je +lockerer ein Dirnchen war, es desto frommer die Isis verehrte. Daß Loswerfen, +Traumdeuten und dergleichen freie Künste ihren Mann ernährten, versteht sich +von selbst. Das Horoskopstellen ward schon wissenschaftlich betrieben: Lucius +Tarutius aus Firmum, ein angesehener und in seiner Art gelehrter, mit Varro und +Cicero befreundeter Mann, stellte ganz ernsthaft den Königen Romulus und Numa +und der Stadt Rom selbst die Nativität und erhärtete zur Erbauung der +beiderseitigen Gläubigen mittels seiner chaldäischen und ägyptischen Weisheit +die Berichte der römischen Chronik. Aber bei weitem die merkwürdigste +Erscheinung auf diesem Gebiet ist der erste Versuch, das rohe Glauben mit dem +spekulativen Denken zu verquicken, das erste Hervortreten derjenigen Tendenzen, +die wir als neuplatonische zu bezeichnen gewohnt sind, in der römischen Welt. +Ihr ältester Apostel daselbst war Publius Nigidius Figulus, ein vornehmer Römer +von der strengsten Fraktion der Aristokratie, der 696 (58) die Prätur +bekleidete und im Jahre 709 (45) als politischer Verbannter außerhalb Italiens +starb. Mit staunenswerter Vielgelehrtheit und noch staunenswerterer +Glaubensstärke schuf er aus den disparatesten Elementen einen +philosophisch-religiösen Bau, dessen wunderlichen Grundriß er mehr wohl noch in +mündlichen Verkündigungen entwickelte als in seinen theologischen und +naturwissenschaftlichen Schriften. In der Philosophie griff er, Erlösung +suchend von den Totengerippen der umgehenden Systeme und Abstraktionen, zurück +auf den verschütteten Born der vorsokratischen Philosophie, deren alten Weisen +der Gedanke selber noch mit sinnlicher Lebendigkeit erschienen war. Die +naturwissenschaftliche Forschung, die, zweckmäßig behandelt, dem mystischen +Schwindel und der frommen Taschenspielerei auch jetzt noch so vortreffliche +Handhaben darbietet und im Altertum, bei der mangelhafteren Einsicht in die +physikalischen Gesetze, sie noch bequemer darbot, spielte begreiflicherweise +auch hier eine ansehnliche Rolle. Seine Theologie beruhte wesentlich auf dem +wunderlichen Gebräu, in dem den geistesverwandten Griechen orphische und andere +uralte oder sehr neue einheimische Weisheit mit persischen, chaldäischen und +ägyptischen Geheimlehren zusammengeflossen war und in welches Figulus noch die +Quasiresultate der tuskischen Forschung in das Nichts und die einheimische +Vogelfluglehre zu weiterer harmonischer Konfusion einarbeitete. Dem ganzen +System gab die politisch-religiös-nationale Weihe der Name des Pythagoras, des +ultrakonservativen Staatsmannes, dessen oberster Grundsatz war, “die +Ordnung zu fördern und der Unordnung zu wehren”, des Wundermannes und +Geisterbeschwörers, des in Italien heimischen, selbst in Roms Sagengeschichte +verflochtenen und auf dem römischen Markte im Standbilde zu schauenden uralten +Weisen. Wie Geburt und Tod miteinander verwandt sind, so, schien es, sollte +Pythagoras nicht bloß an der Wiege der Republik stehen als des weisen Numa +Freund und der klugen Mutter Egeria Kollege, sondern auch als der letzte Hort +der heiligen Vogelweisheit an ihrem Grabe. Das neue System war aber nicht bloß +wunderhaft, es wirkte auch Wunder: Nigidius verkündigte dem Vater des +nachmaligen Kaisers Augustus an dem Tage selbst, wo dieser geboren ward, die +künftige Größe des Sohnes; ja die Propheten bannten den Gläubigen Geister und, +was mehr sagen will, sie wiesen ihnen die Plätze nach, wo ihre verlorenen +Münzen lagen. Die neu-alte Weisheit, wie sie nun eben war, machte doch auf die +Zeitgenossen einen tiefen Eindruck; die vornehmsten, gelehrtesten, tüchtigsten +Männer der verschiedensten Parteien, der Konsul des Jahres 705 (49), Appius +Claudius, der gelehrte Marcus Varro, der tapfere Offizier Publius Vatinius, +machten das Geisterzitieren mit, und es scheint sogar, daß gegen das Treiben +dieser Gesellschaften polizeilich eingeschritten werden mußte. Diese letzten +Versuche, die römische Theologie zu retten, machen, ähnlich wie Catos verwandte +Bestrebungen auf dem politischen Gebiet, zugleich einen komischen und einen +wehmütigen Eindruck; man darf über das Evangelium wie über die Apostel lächeln, +aber immer ist es eine ernsthafte Sache, wenn auch die tüchtigen Männer +anfangen, sich dem Absurden zu ergeben. +</p> + +<p> +Die Jugendbildung bewegte sich, wie sich von selbst versteht, in dem in der +vorigen Epoche vorgezeichneten Kreise zwiesprachiger Humanität, und mehr und +mehr ging die allgemeine Bildung auch der römischen Welt ein auf die von den +Griechen dafür festgestellten Formeln. Selbst die körperlichen Übungen +schritten von dem Ballspiel, dem Laufen und Fechten fort zu den kunstmäßiger +entwickelten griechischen Turnkämpfen; wenn es auch für diese noch keine +öffentlichen Anstalten gab, pflegte doch in den vornehmen Landhäusern schon +neben den Badezimmern die Palästra nicht zu fehlen. In welcher Art der Kreis +der allgemeinen Bildung sich in der römischen Welt im Laufe eines Jahrhunderts +umgewandelt hatte, zeigt die Vergleichung der Catonischen +‘Encyklopädie’ mit der gleichartigen Schrift Varros ‘Von den +Schulwissenschaften’. Als Bestandteile der nichtfachwissenschaftlichen +Bildung erscheinen bei Cato die Redekunst, die Ackerbau-, Rechts-, Kriegs- und +Arzneikunde, bei Varro - nach wahrscheinlicher Vermutung - Grammatik, Logik +oder Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik, Medizin und +Architektur. Es sind also im Verlaufe des siebenten Jahrhunderts Kriegs-, +Rechts- und Ackerbaukunde aus allgemeinen zu Fachwissenschaften geworden. +Dagegen tritt bei Varro die hellenische Jugendbildung bereits in ihrer ganzen +Vollständigkeit auf: neben dem grammatisch-rhetorisch-philosophischen Kursus, +der schon früher in Italien eingeführt war, findet jetzt auch der länger +spezifisch hellenisch gebliebene +geometrisch-arithmetisch-astronomisch-musikalische ^1 sich ein. Daß namentlich +die Astronomie, die in der Nomenklatur der Gestirne dem gedankenlosen gelehrten +Dilettantismus der Zeit, in ihren Beziehungen zur Astrologie dem herrschenden +religiösen Schwindel entgegenkam, in Italien von der Jugend regelmäßig und +eifrig studiert ward, läßt sich auch anderweitig belegen: Aratos’ +astronomische Lehrgedichte fanden unter allen Werken der alexandrinischen +Literatur am frühesten Eingang in den römischen Jugendunterricht. Zu diesem +hellenischen Kursus trat dann noch die aus dem älteren römischen +Jugendunterricht stehengebliebene Medizin und endlich die dem damaligen statt +des Ackers Häuser und Villen bauenden vornehmen Römer unentbehrliche +Architektur. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +^1 Es sind dies, wie bekannt, die sogenannten sieben freien Künste, die mit +dieser Unterscheidung der früher in Italien eingebürgerten drei und der +nachträglich rezipierten vier Disziplinen sich durch das ganze Mittelalter +behauptet haben. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Im Vergleich mit der vorigen Epoche nimmt die griechische wie die lateinische +Bildung an Umfang und an Schulstrenge ebenso zu wie ab an Reinheit und an +Feinheit. Der steigende Drang nach griechischem Wissen gab dem Unterricht von +selbst einen gelehrten Charakter. Horneros oder Euripides zu exponieren war am +Ende keine Kunst; Lehrer und Schüler fanden besser ihre Rechnung bei den +alexandrinischen Poesien, welche überdies auch ihrem Geiste nach der damaligen +römischen Welt weit näher standen als die echte griechische Nationalpoesie und +die, wenn sie nicht ganz so ehrwürdig wie die Ilias waren, doch bereits ein +hinreichend achtbares Alter besaßen, um Schulmeistern als Klassiker zu gelten. +Euphorions Liebesgedichte, Kalkmachos’ ‘Ursachen’ und seine +‘Ibis’, Lykophrons komisch dunkle ‘Alexandra’ +enthielten in reicher Fülle seltene Vokabeln (glossae), die zum Exzerpieren und +Interpretieren sich eigneten, mühsam verschlungene und mühsam aufzulösende +Sätze, weitläufige Exkurse voll Zusammengeheimnissung verlegener Mythen, +überhaupt Vorrat zu beschwerlicher Gelehrsamkeit aller Art. Der Unterricht +bedurfte immer schwierigerer Übungsstücke; jene Produkte, großenteils +Musterarbeiten von Schulmeistern, eigneten sich vortrefflich zu Lehrstücken für +Musterschüler. So nahmen die alexandrinischen Poesien in dem italischen +Schulunterricht, namentlich als Probeaufgaben, bleibenden Platz und förderten +allerdings das Wissen, aber auf Kosten des Geschmacks und der Gescheitheit. +Derselbe ungesunde Bildungshunger drängte ferner die römische Jugend, den +Hellenismus so viel wie möglich an der Quelle zu schöpfen. Die Kurse bei den +griechischen Meistern in Rom genügten nur noch für den ersten Anlauf; wer +irgend wollte mitsprechen können, hörte griechische Philosophie in Athen, +griechische Rhetorik in Rhodos und machte eine literarische und Kunstreise +durch Kleinasien, wo noch am meisten von den alten Kunstschätzen der Hellenen +an Ort und Stelle anzutreffen war und, wenn auch handwerksmäßig, die musische +Bildung derselben sich fortgepflanzt hatte; wogegen das fernere und mehr als +Sitz der strengen Wissenschaften gefeierte Alexandreia weit seltener das +Reiseziel der bildungslustigen jungen Leute war. +</p> + +<p> +Ähnlich wie der griechische steigert sich auch der lateinische Unterricht. Zum +Teil geschah dies schon durch die bloße Rückwirkung des griechischen, dem er ja +seine Methode und seine Anregungen wesentlich entlehnte. Ferner trugen die +politischen Verhältnisse, der durch das demokratische Treiben in immer weitere +Kreise getragene Zudrang zu der Rednerbühne auf dem Markte, zur Verbreitung und +Steigerung der Redeübungen nicht wenig bei; “wo man hinblickt”, +sagt Cicero, “ist alles von Rhetoren voll”. Es kam hinzu, daß die +Schriften des sechsten Jahrhunderts, je weiter sie in die Vergangenheit +zurücktraten, desto entschiedener als klassische Texte der goldenen Zeit der +lateinischen Literatur zu gelten anfingen und damit dem wesentlich auf sie sich +konzentrierenden Unterricht ein größeres Schwergewicht gaben. Endlich gab die +von vielen Seiten her einreißende und einwandernde Barbarei und die beginnende +Latinisierung ausgedehnter keltischer und spanischer Landschaften der +lateinischen Sprachlehre und dem lateinischen Unterricht von selbst eine höhere +Bedeutung, als er sie hatte haben können, solange nur Latium lateinisch sprach: +der Lehrer der lateinischen Literatur hatte in Comum und Narbo von Haus aus +eine andere Stellung als in Praeneste und Ardea. Im ganzen genommen war die +Bildung mehr im Sinken als im Steigen. Der Ruin der italischen Landstädte, das +massenhafte Eindringen fremder Elemente, die politische, ökonomische und +sittliche Verwilderung der Nation, vor allem die zerrüttenden Bürgerkriege +verdarben auch in der Sprache mehr, als alle Schulmeister der Welt wieder +gutmachen konnten. Die engere Berührung mit der hellenischen Bildung der +Gegenwart, der bestimmtere Einfluß der geschwätzigeren athenischen Weisheit und +der rhodischen und kleinasiatischen Rhetorik führten vorwiegend eben die +schädlichsten Elemente des Hellenismus der römischen Jugend zu. Die +propagandistische Mission, die Latium unter den Kelten, Iberern und Libyern +übernahm, wie stolz die Aufgabe auch war, mußte doch für die lateinische +Sprache ähnliche Folgen haben, wie die Hellenisierung des Ostens sie für die +hellenische gehabt hatte. Wenn das römische Publikum dieser Zeit die +wohlgefügte und rhythmisch kadenzierte Periode des Redners beklatschte und dem +Schauspieler ein sprachlicher oder metrischer Verstoß teuer zu stehen kam, so +zeigt dies wohl, daß die schulmäßig reflektierte Einsicht in die Muttersprache +in immer weiteren Kreisen Gemeingut ward: aber daneben klagen urteilsfähige +Zeitgenossen, daß die hellenische Bildung in Italien um 690 (64) weit tiefer +gestanden als ein Menschenalter zuvor; daß man das reine gute Latein nur selten +mehr, am ersten noch aus dem Munde älterer gebildeter Frauen zu hören bekomme; +daß die Überlieferung echter Bildung, der alte, gute lateinische Mutterwitz, +die Lucilische Feinheit, der gebildete Leserkreis der scipionischen Zeit +allmählich ausgingen. Daß Wort und Begriff der “Urbanität”, das +heißt der feinen nationalen Gesittung, in dieser Zeit aufkamen, beweist nicht, +daß sie herrschte, sondern daß sie im Verschwinden war und daß man in der +Sprache und dem Wesen der latinisierten Barbaren oder barbarisierten Lateiner +die Abwesenheit dieser Urbanität schneidend empfand. Wo noch der urbane +Konversationston begegnet, wie in Varros Satiren und Ciceros Briefen, da ist es +ein Nachklang der alten in Reate und Arpinum noch nicht so wie in Rom +verschollenen Weise. +</p> + +<p> +So blieb die bisherige Jugendbildung ihrem Wesen nach unverändert, nur daß sie, +nicht so sehr durch ihren eigenen als durch den allgemeinen Verfall der Nation, +weniger Gutes und mehr Übles stiftete als in der vorhergegangenen Epoche. Eine +Revolution auch auf diesem Gebiet leitete Caesar ein. Wenn der römische Senat +die Bildung erst bekämpft und sodann höchstens geduldet hatte, so mußte die +Regierung des neuen italisch-hellenischen Reiches, dessen Wesen ja die +Humanität war, dieselbe notwendig in hellenischer Weise von oben herab fördern. +Wenn Caesar sämtlichen Lehrern der freien Wissenschaften und sämtlichen Ärzten +der Hauptstadt das römische Bürgerrecht verlieh, so darf darin wohl eine +gewisse Einleitung gefunden werden zu jenen Anstalten, in denen späterhin für +die höhere zwiesprachige Bildung der Jugend des Reiches von Staats wegen +gesorgt ward und die der prägnanteste Ausdruck des neuen Staates der Humanität +sind; und wenn Caesar ferner die Gründung einer öffentlichen griechischen und +lateinischen Bibliothek in der Hauptstadt beschlossen und bereits den +gelehrtesten Römer der Zeit, Marcus Varro, zum Oberbibliothekar ernannt hatte, +so liegt darin unverkennbar die Absicht, mit der Weltmonarchie die +Weltliteratur zu verknüpfen. +</p> + +<p> +Die sprachliche Entwicklung dieser Zeit knüpfte an den Gegensatz an zwischen +dem klassischen Latein der gebildeten Gesellschaft und der Vulgärsprache des +gemeinen Lebens. Jenes selbst war ein Erzeugnis der spezifischen italischen +Bildung; schon in dem Scipionischen Kreise war das “reine Latein” +Stichwort gewesen und wurde die Muttersprache nicht mehr völlig naiv +gesprochen, sondern in bewußtem Unterschied von der Sprache des großen Haufens. +Diese Epoche eröffnet mit einer merkwürdigen Reaktion gegen den bisher in der +höheren Umgangssprache und demnach auch in der Literatur alleinherrschenden +Klassizismus, einer Reaktion, die innerlich und äußerlich mit der gleichartigen +Sprachreaktion in Griechenland eng zusammenhing. Eben um diese Zeit begannen +der Rhetor und Romanschreiber Hegesias von Magnesia und die zahlreichen, an ihn +sich anschließenden kleinasiatischen Rhetoren und Literaten sich aufzulehnen +gegen den orthodoxen Attizismus. Sie forderten das Bürgerrecht für die Sprache +des Lebens, ohne Unterschied, ob das Wort und die Wendung in Attika entstanden +sei oder in Karien und Phrygien; sie selber sprachen und schrieben nicht für +den Geschmack der gelehrten Cliquen, sondern für den des großen Publikums. +Gegen den Grundsatz ließ sich nicht viel einwenden; nur freilich konnte das +Resultat nicht besser sein als das damalige kleinasiatische Publikum war, das +den Sinn für Strenge und Reinheit der Produktion gänzlich verloren hatte und +nur nach dem Zierlichen und Brillanten verlangte. Um von den aus dieser +Richtung entsprungenen Afterkunstgattungen, namentlich dem Roman und der +romanhaften Geschichte, hier zu schweigen, so war schon der Stil dieser Asiaten +begreiflicherweise zerhackt und ohne Kadenz und Periode, verzwickt und +weichlich, voll Flitter und Bombast, durchaus gemein und manieriert; “wer +Hegesias kennt”, sagt Cicero, “der weiß, was albern ist”. +</p> + +<p> +Dennoch fand dieser neue Stil seinen Weg auch in die latinische Welt. Als die +hellenische Moderhetorik, nachdem sie am Ende der vorigen Epoche in den +latinischen Jugendunterricht sich eingedrängt hatte, zu Anfang der +gegenwärtigen den letzten Schritt tat und mit Quintus Hortensius (640-704 +114-50), dem gefeiertsten Sachwalter der sullanischen Zeit, die römische +Rednerbühne selbst betrat, da schmiegte sie auch in dem lateinischen Idiom dem +schlechten griechischen Zeitgeschmack eng sich an; und das römische Publikum, +nicht mehr das rein und streng gebildete der scipionischen Zeit, beklatschte +natürlich eifrig den Neuerer, der es verstand, dem Vulgarismus den Schein +kunstgerechter Leistung zu geben. Es war dies von großer Bedeutung. Wie in +Griechenland der Sprachstreit immer zunächst in den Rhetorenschulden geführt +ward, so war auch in Rom die gerichtliche Rede gewissermaßen mehr noch als die +Literatur maßgebend für den Stil, und es war deshalb mit dem +Sachwalterprinzipat gleichsam von Rechts wegen die Befugnis verbunden, den Ton +der modischen Sprech- und Schreibweise anzugeben. Hortensius’ asiatischer +Vulgarismus verdrängte also den Klassizismus von der römischen Rednerbühne und +zum Teil auch aus der Literatur. Aber bald schlug in Griechenland wie in Rom +die Mode wieder um. Dort war es die Rhodische Rhetorenschule, die ohne auf die +ganze keusche Strenge des attischen Stils zurückzugehen, doch versuchte, +zwischen ihm und der modernen Weise einen Mittelweg einzuschlagen; wenn die +rhodischen Meister es mit der innerlichen Korrektheit des Denkens und Sprechens +nicht allzu genau nahmen, so drangen sie doch wenigstens auf sprachliche und +stilistische Reinheit, auf sorgfältige Auswahl der Wörter und Wendungen und +durchgeführte Kadenzierung der Sätze. In Italien war es Marcus Tullius Cicero +(648-711 106-43), der, nachdem er in seiner ersten Jugend die Hortensische +Manier mitgemacht hatte, durch das Hören der rhodischen Meister und durch +eigenen gereifteren Geschmack auf bessere Wege zurückgeführt ward und fortan +sich strenger Reinheit der Sprache und durchgängiger Periodisierung und +Kadenzierung der Rede befliß. Die Sprachmuster, an die er hierbei sich +anschloß, fand er vor allen Dingen in denjenigen Kreisen der höheren römischen +Gesellschaft, welche von dem Vulgarismus noch wenig oder gar nicht gelitten +hatten; und wie schon gesagt ward, es gab deren noch, obwohl sie anfingen zu +schwinden. Die ältere lateinische und die gute griechische Literatur, so +bedeutend auch namentlich auf den Numerus der Rede die letztere eingewirkt hat, +standen daneben doch nur in zweiter Linie; es war diese Sprachreinigung also +keineswegs eine Reaktion der Buch- gegen die Umgangssprache, sondern eine +Reaktion der Sprache der wirklich Gebildeten gegen den Jargon der falschen und +halben Bildung. Caesar, auch auf dem Gebiet der Sprache der größte Meister +seiner Zeit, sprach den Grundgedanken des römischen Klassizismus aus, indem er +in Rede und Schrift jedes fremdartige Wort so zu vermeiden gebot, wie der +Schiffer die Klippe meidet: man verwarf das poetische und das verschollene Wort +der älteren Literatur ebenso, wie die bäurische oder der Sprache des gemeinen +Lebens entlehnte Wendung und namentlich die, wie die Briefe dieser Zeit es +beweisen, in sehr weitem Umfang in die Umgangssprache eingedrungenen +griechischen Wörter und Phrasen. Aber nichtsdestoweniger verhielt dieser +schulmäßige und künstliche Klassizismus der ciceronischen Zeit sich zu dem +scipionischen, wie zu der Unschuld die bekehrte Sünde oder wie zu dem +mustergültigen Französisch Molières und Boileaus das der napoleonischen +Klassizisten; wenn jener aus dem vollen Leben geschöpft hatte, so fing dieser +gleichsam die letzten Atemzüge eines unwiderbringlich untergehenden Geschlechts +noch eben rechtzeitig auf. Wie er nun war, er breitete rasch sich aus. Mit dem +Sachwalterprinzipat ging auch die Sprach- und Geschmacksdiktatur von Hortensius +auf Cicero über, und die mannigfaltige und weitläufige Schriftstellerei des +letzteren gab diesem Klassizismus, was ihm noch gefehlt hatte, ausgedehnte +prosaische Texte. So wurde Cicero der Schöpfer der modernen klassischen +lateinischen Prosa und knüpfte der römische Klassizismus durchaus und überall +an Cicero als Stilisten an; dem Stilisten Cicero, nicht dem Schriftsteller, +geschweige denn dem Staatsmanne, galten die überschwenglichen und doch nicht +ganz phrasenhaften Lobsprüche, mit denen die begabtesten Vertreter des +Klassizismus, namentlich Caesar und Catullus, ihn überhäufen. +</p> + +<p> +Bald ging man weiter. Was Cicero in der Prosa, das führte in der Poesie gegen +das Ende der Epoche die neurömische an die griechische Modepoesie sich +anlehnende Dichterschule durch, deren bedeutendstes Talent Catullus war. Auch +hier verdrängte die höhere Umgangssprache die bisher auf diesem Gebiet noch +vielfach waltenden archaistischen Reminiszenzen und fügte wie die lateinische +Prosa sich dem attischen Numerus, so die lateinische Poesie sich allmählich den +strengen oder vielmehr peinlichen metrischen Gesetzen der Alexandriner; so zum +Beispiel wird von Catullus an es nicht mehr verstattet, mit einem einsilbigen +oder einem nicht besonders schwerwichtigen zweisilbigen Wort zugleich einen +Vers zu beginnen und einen im vorigen begonnenen Satz zu schließen. Endlich +trat denn die Wissenschaft hinzu, fixierte das Sprachgesetz und entwickelte die +Regel, die nicht mehr aus der Empirie bestimmt ward, sondern den Anspruch +machte, die Empirie zu bestimmen. Die Deklinationsendungen, die bisher noch zum +Teil geschwankt hatten, sollten jetzt ein für allemal fixiert werden, wie zum +Beispiel von den bisher nebeneinander gangbaren Genetiv- und Dativformen der +sogenannten vierten Deklination (senatuis und senatus, senatui und senatu) +Caesar ausschließlich die zusammengezogenen (us und u) gelten ließ. In der +Orthographie wurde mancherlei geändert, um die Schrift mit der Sprache wieder +vollständiger ins gleiche zu setzen - so ward das inlautende u in Wörtern wie +maxumus nach Caesars Vorgang durch i ersetzt und von den beiden überflüssig +gewordenen Buchstaben k und q die Beseitigung des ersten durchgesetzt, die des +zweiten wenigstens vorgeschlagen. Die Sprache war, wenn noch nicht erstarrt, +doch im Erstarren begriffen, von der Regel zwar noch nicht gedankenlos +beherrscht, aber doch bereits ihrer sich bewußt geworden. Daß für diese +Tätigkeit auf dem Gebiete der lateinischen Grammatik die griechische nicht bloß +im allgemeinen den Geist und die Methode hergab, sondern die lateinische +Sprache auch wohl geradezu nach jener rektifiziert ward, beweist zum Beispiel +die Behandlung des schließenden s, das bis gegen den Ausgang dieser Epoche nach +Gefallen bald als Konsonant, bald nicht als solcher gegolten hatte, von den +neumodischen Poeten aber durchgängig wie im Griechischen als konsonantischer +Auslaut behandelt ward. Diese Sprachregulierung ist die eigentliche Domäne des +römischen Klassizismus; in der verschiedensten Weise und ebendarum nur um so +bedeutsamer wird bei den Koryphäen desselben, bei Cicero, Caesar, sogar in den +Gedichten Catulls, die Regel eingeschärft und der Verstoß dagegen abgetrumpft; +wogegen die ältere Generation sich über die auf dem sprachlichen Gebiet ebenso +rücksichtslos wie auf dem politischen durchgreifende Revolution mit +begreiflicher Empfindlichkeit äußert ^2. Indem aber der neue Klassizismus, das +heißt das regulierte und mit dem mustergültigen Griechisch soweit möglich ins +gleiche gesetzte mustergültige Latein, hervorgehend aus der bewußten Reaktion +gegen den in die höhere Gesellschaft und selbst in die Literatur eingedrungenen +Vulgarismus, sich literarisch fixierte und schematisch formulierte, räumte +dieser doch keineswegs das Feld. Wir finden ihn nicht bloß naiv in den Werken +untergeordneter, nur zufällig unter die Schriftsteller verschlagener +Individuen, wie in dem Bericht über Caesars zweiten spanischen Krieg, sondern +wir werden ihm auch in der eigentlichen Literatur, im Mimus, im Halbroman, in +den ästhetischen Schriften Varros mehr oder weniger ausgeprägt begegnen; und +charakteristisch ist es, daß er eben in den am meisten volkstümlichen Gebieten +der Literatur sich behauptet und daß wahrhaft konservative Männer, wie Varro, +ihn in Schutz nehmen. Der Klassizismus ruht auf dem Tode der italischen Sprache +wie die Monarchie auf dem Untergang der italischen Nation; es war vollkommen +konsequent, daß die Männer, in denen die Republik noch lebendig war, auch der +lebenden Sprache fortfuhren, ihr Recht zu geben und ihrer relativen +Lebendigkeit und Volkstümlichkeit zuliebe ihre ästhetischen Mängel ertrugen. So +gehen denn die sprachlichen Meinungen und Richtungen dieser Epoche überall hin +auseinander: neben der altfränkischen Poesie des Lucretius erscheint die +durchaus moderne des Catullus, neben Ciceros kadenzierter Periode Varros +absichtlich jede Gliederung verschmähender Satz. Auch hierin spiegelt sich die +Zerrissenheit der Zeit. +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +^2 So sagt Varro (rust. 1, 2): ab aeditimo, ut dicere didicimus a patribus +nostris; ut corrigimur ab recentibus urbanis, ab aedituo. +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +In der Literatur dieser Periode fällt zunächst, im Vergleich mit der früheren, +die äußere Steigerung des literarischen Treibens in Rom auf. Die literarische +Tätigkeit der Griechen gedieh längst nicht mehr in der freien Luft der +bürgerlichen Unabhängigkeit, sondern nur noch in den wissenschaftlichen +Anstalten der größeren Städte und besonders der Höfe. Angewiesen auf Gunst und +Schutz der Großen und durch das Erlöschen der Dynastien von Pergamon (621 133), +Kyrene (658 96), Bithynien (679 75) und Syrien (690 64), durch den sinkenden +Glanz der Hofhaltung der Lagiden aus den bisherigen Musensitzen verdrängt ^3, +überdies seit Alexanders des Großen Tod notwendig kosmopolitisch und unter den +Ägyptern und Syrern wenigstens ebenso fremd wie unter den Lateinern, fingen die +hellenischen Literaten mehr und mehr an, ihre Blicke nach Rom zu wenden. Neben +dem Koch, dem Buhlknaben und dem Spaßmacher spielten unter dem Schwarm +griechischer Bedienten, mit denen der vornehme Römer dieser Zeit sich umgab, +auch der Philosoph, der Poet und der Memoirenschreiber hervorragende Rollen. +Schon begegnen in diesen Stellungen namhafte Literaten; wie zum Beispiel der +Epikureer Philodemos als Hauptphilosoph bei Lucius Piso, Konsul 696 (58), +angestellt war und nebenbei mit seinen artigen Epigrammen auf den grobdrähtigen +Epikureismus seines Patrons die Eingeweihten erbaute. Von allen Seiten zogen +immer zahlreicher die angesehensten Vertreter der griechischen Kunst und +Wissenschaft sich nach Rom, wo der literarische Verdienst jetzt reichlicher +floß als irgendwo sonst; so werden als in Rom ansässig genannt der Arzt +Asklepiades, den König Mithradates vergeblich von dort weg in seinen Dienst zu +ziehen versuchte, der Gelehrte für alles, Alexandros von Milet, genannt der +Polyhistor; der Poet Parthenios aus Nikäa in Bithymen; der als Reisender, +Lehrer und Schriftsteller gleich gefeierte Poseidonios von Apameia in Syrien, +der hochbejahrt im Jahre 703 (51) von Rhodos nach Rom übersiedelte, und andere +mehr. Ein Haus wie das des Lucius Lucullus war, fast wie das alexandrinische +Museion, ein Sitz hellenischer Bildung und ein Sammelplatz hellenischer +Literaten; römische Mittel und hellenische Kennerschaft hatten in diesen Hallen +des Reichtums und der Wissenschaft einen unvergleichlichen Schatz von +Bildwerken und Gemälden älterer und gleichzeitiger Meister sowie eine ebenso +sorgfältig ausgewählte wie prachtvoll ausgestattete Bibliothek vereinigt und +jeder Gebildete und namentlich jeder Grieche war hier willkommen - oft sah man +den Hausherrn selbst mit einem seiner gelehrten Gäste in philologischem oder +philosophischem Gespräch den schönen Säulengang auf- und niederwandeln. +Freilich trugen diese Griechen mit ihren reichen Bildungsschätzen auch zugleich +ihre Verkehrtheit und Bedientenhaftigkeit nach Italien; wie sich denn zum +Beispiel einer dieser gelehrten Landläufer, der Verfasser der +‘Schmeichelredekunst’, Aristodemos von Nysa, um 700 (54) seinen +Herren durch den Nachweis empfahl, daß Horneros ein geborener Römer gewesen +sei. In demselben Maße wie das Treiben der griechischen Literaten in Rom stieg +auch bei den Römern selbst die literarische Tätigkeit und das literarische +Interesse. Selbst die griechische Schriftstellerei, die der strengere Geschmack +des scipionischen Zeitalters gänzlich beseitigt hatte, tauchte jetzt wieder +auf. Die griechische Sprache war nun einmal Weltsprache, und eine griechische +Schrift fand ein ganz anderes Publikum als eine lateinische; darum ließen, wie +die Könige von Armenien und Mauretanien, so auch römische Vornehme, wie zum +Beispiel Lucius Lucullus, Marcus Cicero, Titus Atticus, Quintus Scaevola +(Volkstribun 700 54), gelegentlich griechische Prosa und sogar griechische +Verse ausgehen. Indes dergleichen griechische Schriftstellerei geborener Römer +blieb Nebensache und beinahe Spielerei; die literarischen wie die politischen +Parteien Italiens trafen doch alle zusammen in dem Festhalten an der +italischen, nur mehr oder minder vom Hellenismus durchdrungenen Nationalität. +Auch konnte man in dem Gebiet lateinischer Schriftstellerei wenigstens über +Mangel an Rührigkeit sich nicht beklagen. Es regnete in Rom Bücher und +Flugschriften aller Art und vor allen Dingen Poesien. Die Dichter wimmelten +daselbst wie nur in Tarsos oder Alexandreia; poetische Publikationen waren zur +stehenden Jugendsünde regerer Naturen geworden, und auch damals pries man +denjenigen glücklich, dessen Jugendgedichte die mitleidige Vergessenheit der +Kritik entzog. Wer das Handwerk einmal verstand, schrieb ohne Mühe auf einen +Ansatz seine fünfhundert Hexameter, an denen kein Schulmeister etwas zu tadeln, +freilich auch kein Leser etwas zu loben fand. Auch die Frauenwelt beteiligte +sich lebhaft an diesem literarischen Treiben; die Damen beschränkten sich nicht +darauf, Tanz und Musik zu machen, sondern beherrschten durch Geist und Witz die +Konversation und sprachen vortrefflich über griechische und lateinische +Literatur; und wenn die Poesie auf die Mädchenherzen Sturm lief, so +kapitulierte die belagerte Festung nicht selten gleichfalls in artigen Versen. +Die Rhythmen wurden immer mehr das elegante Spielzeug der großen Kinder +beiderlei Geschlechts; poetische Billets, gemeinschaftliche poetische Übungen +und Wettdichtungen unter guten Freunden waren etwas Gewöhnliches, und gegen das +Ende dieser Epoche wurden auch bereits in der Hauptstadt Anstalten eröffnet, in +denen unflügge lateinische Poeten das Versemachen für Geld erlernen konnten. +Infolge des starken Bücherkonsums wurde die Technik des fabrikmäßigen +Abschreibens wesentlich vervollkommnet und die Publikation verhältnismäßig +rasch und wohlfeil bewirkt; der Buchhandel ward ein angesehenes und +einträgliches Gewerbe und der Laden des Buchhändlers ein gewöhnlicher +Versammlungsort gebildeter Männer. Das Lesen war zur Mode, ja zur Manie +geworden; bei Tafel ward, wo nicht bereits roherer Zeitvertreib sich +eingedrängt hatte, regelmäßig vorgelesen, und wer eine Reise vorhatte, vergaß +nicht leicht, eine Reisebibliothek einzupacken. Den Oberoffizier sah man im +Lagerzelt den schlüpfrigen griechischen Roman, den Staatsmann im Senat den +philosophischem Traktat in der Hand. Es stand denn auch im römischen Staate, +wie es in jedem Staate gestanden hat und stehen wird, wo die Bürger lesen +“von der Türschwell an bis zum Privet”. Der parthische Wesir hatte +nicht unrecht, wenn er den Bürgern von Seleukeia die im Lager des Crassus +gefundenen Romane wies und sie fragte, ob sie die Leser solcher Bücher noch für +furchtbare Gegner hielten. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^3 Merkwürdig ist für diese Verhältnisse die Dedikation der auf den Namen des +Skymnos gehenden poetischen Erdbeschreibung. Nachdem der Dichter seine Absicht +erklärt hat, in dem beliebten menandrischen Maß einen für Schüler faßlichen und +leicht auswendig zu lernenden Abriß der Geographie zu bearbeiten, widmet er, +wie Apollodoros sein ähnliches historisches Kompendium dem König Attalos +Philadelphos von Pergamon widmete, +</p> + +<p> +dem es ewigen Ruhm +</p> + +<p> +Gebracht, daß seinen Namen dies Geschichtswerk trägt, +</p> + +<p> +sein Handbuch dem König Nikomedes III. (663? - 679 91 - 75) von Bithynien: +</p> + +<p> +Daß, wie die Leute sagen, königliche Huld +</p> + +<p> +Von allen jetzigen Königen nur du erzeigst, +</p> + +<p> +Dies zu erproben an mir selbst, entschloß ich mich, +</p> + +<p> +Zu kommen und zu sehen, was ein König sei. +</p> + +<p> +Bestärkt in diesem durch Apolls Orakelwort, +</p> + +<p> +Nah’ ich mich billig deinem fast, auf deinen Wink, +</p> + +<p> +Zu der Gelehrten insgemein gewordnen Herd. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Die literarische Tendenz dieser Zeit war keine einfache und konnte es nicht +sein, da die Zeit selbst zwischen der alten und der neuen Weise geteilt war. +Dieselben Richtungen, die auf dem politischen Gebiet sich bekämpften, die +national-italische der Konservativen, die hellenisch-italische oder, wenn man +will, kosmopolitische der neuen Monarchie, haben auch auf dem literarischen +ihre Schlachten geschlagen. Jene lehnt sich auf die ältere lateinische +Literatur, die auf dem Theater, in der Schule und in der gelehrten Forschung +mehr und mehr den Charakter der Klassizität annimmt. Mit minderem Geschmack und +stärkerer Parteitendenz, als die scipionische Epoche bewies, werden jetzt +Ennius, Pacuvius und namentlich Plautus in den Himmel erhoben. Die Blätter der +Sibylle steigen im Preise, je weniger ihrer werden; die relative Nationalität +und relative Produktivität der Dichter des sechsten Jahrhunderts wurde nie +lebhafter empfunden als in dieser Epoche des ausgebildeten Epigonentums, die in +der Literatur ebenso entschieden wie in der Politik zu dem Jahrhundert der +Hannibalskämpfer hinaufsah als zu der goldenen, leider unwiederbringlich +dahingegangenen Zeit. Freilich war in dieser Bewunderung der alten Klassiker +ein guter Teil derselben Hohlheit und Heuchelei, die dem konservativen Wesen +dieser Zeit überhaupt eigen sind, und die Zwischengänger mangelten auch hier +nicht. Cicero zum Beispiel, obwohl in der Prosa einer der Hauptvertreter der +modernen Tendenz, verehrte dennoch die ältere nationale Poesie ungefähr mit +demselben anbrüchigen Respekt, welchen er der aristokratischen Verfassung und +der Auguraldisziplin zollte; “der Patriotismus erfordert es”, heißt +es bei ihm, “lieber eine notorisch elende Übersetzung des Sophokles zu +lesen als das Original”. Wenn also die moderne, der demokratischen +Monarchie verwandte literarische Richtung selbst unter den rechtgläubigen +Enniusbewunderern stille Bekenner genug zählte, so fehlte es auch schon nicht +an dreisteren Urteilern, die mit der einheimischen Literatur ebenso +unsäuberlich umgingen wie mit der senatorischen Politik. Man nahm nicht bloß +die strenge Kritik der scipionischen Epoche wieder auf und ließ den Terenz nur +gelten, um Ennius und mehr noch die Ennianisten zu verdammen, sondern die +jüngere und verwegenere Welt ging weit darüber hinaus und wagte es schon, wenn +auch nur noch in ketzerischer Auflehnung gegen die literarische Orthodoxie, den +Plautus einen rohen Spaßmacher, den Lucilius einen schlechten Verseschmied zu +heißen. Statt auf die einheimische lehnt sich diese moderne Richtung vielmehr +auf die neuere griechische Literatur oder den sogenannten Alexandrinismus. +</p> + +<p> +Es kann nicht umgangen werden, von diesem merkwürdigen Wintergarten +hellenischer Sprache und Kunst hier wenigstens so viel zu sagen, als für das +Verständnis der römischen Literatur dieser und der späteren Epochen +erforderlich ist. Die alexandrinische Literatur ruht auf dem Untergang des +reinen hellenischen Idioms, das seit der Zeit Alexanders des Großen im Leben +ersetzt ward durch einen verkommenen, zunächst aus der Berührung des +makedonischen Dialekts mit vielfachen griechischen und barbarischen Stämmen +hervorgegangenen Jargon; oder genauer gesagt, die alexandrinische Literatur ist +hervorgegangen aus dem Ruin der hellenischen Nation überhaupt, die, um die +alexandrinische Weltmonarchie und das Reich des Hellenismus zu begründen, in +ihrer volkstümlichen Individualität untergehen mußte und unterging. Hätte +Alexanders Weltreich Bestand gehabt, so würde an die Stelle der ehemaligen +nationalen und volkstümlichen eine nur dem Namen nach hellenische, wesentlich +denationalisierte und gewissermaßen von oben herab ins Leben gerufene, aber +allerdings die Welt beherrschende, kosmopolitische Literatur getreten sein; +indes wie der Staat Alexanders mit seinem Tode aus den Fugen wich, gingen auch +die Anfänge der ihm entsprechenden Literatur rasch zugrunde. Die griechische +Nation aber gehörte darum nicht weniger mit allem, was sie gehabt, mit ihrer +Volkstümlichkeit, ihrer Sprache, ihrer Kunst, der Vergangenheit an. Nur in +einem verhältnismäßig engen Kreis nicht von Gebildeten, die es als solche nicht +mehr gab, sondern von Gelehrten wurde die griechische Literatur noch als tote +gepflegt, ihr reicher Nachlaß in wehmütiger Freude oder trockener Grübelei +inventarisiert und auch wohl das lebendige Nachgefühl oder die tote +Gelehrsamkeit bis zu einer Scheinproduktivität gesteigert. Diese posthume +Produktivität ist der sogenannte Alexandrinismus. Er ist wesentlich gleichartig +derjenigen Gelehrtenliteratur, welche, abstrahierend von den lebendigen +romanischen Nationalitäten und ihren vulgären Idiomen, in einem philologisch +gelehrten, kosmopolitischen Kreise als künstliche Nachblüte des untergegangenen +Altertums während des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts erwuchs; der +Gegensatz zwischen dem klassischen und dem Vulgärgriechisch der Diadochenzeit +ist wohl minder schroff, aber nicht eigentlich ein anderer als der zwischen dem +Latein des Manutius und dem Italienischen Macchiavellis. +</p> + +<p> +Italien hatte bisher sich gegen den Alexandrinismus im wesentlichen ablehnend +verhalten. Die relative Blütezeit desselben ist die Zeit kurz vor und nach dem +Ersten Punischen Krieg; dennoch schlossen Naevius, Ennius, Pacuvius und schloß +überhaupt die gesamte nationalrömische Schriftstellerei bis hinab auf Varro und +Lucretius in allen Zweigen poetischer Produktion, selbst das Lehrgedicht nicht +ausgenommen, nicht an ihre griechischen Zeitgenossen oder jüngsten Vorgänger +sich an, sondern ohne Ausnahme an Homer, Euripides, Menandros und die anderen +Meister der lebendigen und volkstümlichen griechischen Literatur. Die römische +Literatur ist niemals frisch und national gewesen; aber solange es ein +römisches Volk gab, griffen seine Schriftsteller instinktmäßig nach lebendigen +und volkstümlichen Mustern und kopierten, wenn auch nicht immer aufs beste noch +die besten, doch wenigstens Originale. Die ersten römischen Nachahmer - denn +die geringen Anfänge aus der marianischen Zeit können kaum mitgezählt werden - +fand die nach Alexander entstandene griechische Literatur unter den +Zeitgenossen Ciceros und Caesars; und nun griff der römische Alexandrinismus +mit reißender Schnelligkeit um sich. Zum Teil ging dies aus äußerlichen +Ursachen hervor. Die gesteigerte Berührung mit den Griechen, namentlich die +häufigen Reisen der Römer in die hellenischen Landschaften und die Ansammlung +griechischer Literaten in Rom, verschafften natürlich der griechischen +Tagesliteratur, den zu jener Zeit in Griechenland gangbaren epischen und +elegischen Poesien, Epigrammen und milesischen Märchen, auch unter den +Italikern ein Publikum. Indem ferner die alexandrinische Poesie, wie früher +dargestellt ward, in dem italischen Jugendunterricht sich festsetzte, wirkte +dies auf die lateinische Literatur um so mehr zurück, als diese von der +hellenischen Schulbildung zu allen Zeiten wesentlich abhängig war und blieb. Es +findet sich hier sogar eine unmittelbare Anknüpfung der neurömischen an die +neugriechische Literatur: der schon genannte Parthenios, einer der bekannteren +alexandrinischen Elegiker, eröffnete, es scheint um 700 (54), eine Literatur- +und Poesieschule in Rom, und es sind noch die Exzerpte vorhanden, in denen er +Stoffe für lateinische erotisch-mythologische Elegien nach dem bekannten +alexandrinischen Rezept einem seiner vornehmen Schüler an die Hand gab. Aber es +waren keineswegs bloß diese zufälligen Veranlassungen, die den römischen +Alexandrinismus ins Leben riefen; er war vielmehr ein vielleicht nicht +erfreuliches, aber durchaus unvermeidliches Erzeugnis der politischen und +nationalen Entwicklung Roms. Einerseits löste, wie Hellas im Hellenismus, so +jetzt Latium im Romanismus sich auf; die nationale Entwicklung Italiens +überwuchs und zersprengte sich in ganz ähnlicher Weise in Caesars Mittelmeer - +wie die hellenische in Alexanders Ostreich. Wenn andererseits das neue Reich +darauf beruhte, daß die mächtigen Ströme der griechischen und lateinischen +Nationalität, nachdem sie Jahrtausende hindurch in parallelen Betten geflossen, +nun endlich zusammenfielen, so mußte auch die italische Literatur nicht bloß +wie bisher an der griechischen überhaupt einen Halt suchen, sondern eben mit +der griechischen Literatur der Gegenwart, das heißt mit dem Alexandrinismus +sich ins Niveau setzen. Mit dem schulmäßigen Latein, der geschlossenen +Klassikerzahl, dem exklusiven Kreise der klassikerlesenden +“Urbanen” war die volkstümliche lateinische Literatur tot und zu +Ende; es entstand dafür eine durchaus epigonenhafte, künstlich großgezogene +Reichsliteratur, die nicht auf einer bestimmten Volkstümlichkeit ruhte, sondern +in zweien Sprachen das allgemeine Evangelium der Humanität verkündigte und +geistig durchaus und bewußt von der hellenischen, sprachlich teils von dieser, +teils von der altrömischen Volksliteratur abhing. Es war dies kein Fortschritt. +Die Mittelmeermonarchie Caesars war wohl eine großartige und, was mehr ist, +eine notwendige Schöpfung; aber sie war von oben herab ins Leben gerufen und +darum nichts in ihr zu finden von dem frischen Volksleben, von der +übersprudelnden Nationalkraft, wie sie jüngeren, beschränkteren, natürlicheren +Gemeinwesen eigen sind, wie noch der Staat Italien des sechsten Jahrhunderts +sie hatte aufzeigen können. Der Untergang der italischen Volkstümlichkeit, +abgeschlossen in Caesars Schöpfung, brach der Literatur das Herzblatt aus. Wer +ein Gefühl hat für die innige Wahlverwandtschaft der Kunst und der +Nationalität, der wird stets sich von Cicero und Horaz ab zurück zu Cato und +Lucretius wenden; und nur die, freilich auf diesem Gebiete verjährte, +schulmeisterliche Auffassung der Geschichte wie der Literatur hat es vermocht, +die mit der neuen Monarchie beginnende Kunstepoche vorzugsweise die goldene zu +heißen. Aber wenn der römisch-hellenische Alexandrinismus der caesarischen und +augusteischen Zeit zurückstehen muß hinter der, wie immer unvollkommenen, +älteren nationalen Literatur, so ist er andererseits dem Alexandrinismus der +Diadochenzeit ebenso entschieden überlegen wie Caesars Dauerbau der ephemeren +Schöpfung Alexanders. Es wird später darzustellen sein, daß die augustische +Literatur, verglichen mit der verwandten der Diadochenzeit, weit minder eine +Philologen- und weit mehr eine Reichsliteratur gewesen ist als diese und darum +auch in den höheren Kreisen der Gesellschaft weit dauernder und weit +allgemeiner als jemals der griechische Alexandrinismus gewirkt hat. +</p> + +<p> +Nirgends sah es trübseliger aus als in der Bühnenliteratur. Trauerspiel wie +Lustspiel waren in der römischen Nationalliteratur bereits vor der +gegenwärtigen Epoche innerlich abgestorben. Neue Stücke wurden nicht mehr +gespielt. Daß noch in der sullanischen Zeit das Publikum dergleichen zu sehen +erwartete, zeigen die dieser Zeit angehörigen Wiederaufführungen Plautinischer +Komödien mit gewechselten Titeln und Personennamen, wobei die Direktion wohl +hinzufügte, daß es besser sei, ein gutes altes, als ein schlechtes neues Stück +zu sehen. Davon hatte man denn nicht weit zu der völligen Einräumung der Bühne +an die toten Poeten, die wir in der ciceronischen Zeit finden und der der +Alexandrinismus sich gar nicht widersetzte. Seine Produktivität auf diesem +Gebiete war schlimmer als keine. Eine wirkliche Bühnendichtung hat die +alexandrinische Literatur nie gekannt; nur das Afterdrama, das zunächst zum +Lesen, nicht zur Aufführung geschrieben ward, konnte durch sie in Italien +eingebürgert werden, und bald fingen denn diese dramatischen Jamben auch an, in +Rom ebenso wie in Alexandreia zu grassieren und namentlich das +Trauerspielschreiben unter den stehenden Entwicklungskrankheiten zu figurieren. +Welcher Art diese Produktionen waren, kann man ungefähr danach bemessen, daß +Quintus Cicero, um die Langeweile des gallischen Winterquartiers homöopathisch +zu vertreiben, in sechzehn Tagen vier Trauerspiele verfertigte. Einzig in dem +“Lebensbild” oder dem Mimus verwuchs der letzte noch grünende Trieb +der nationalen Literatur, die Atellanenposse, mit den ethologischen Ausläufern +des griechischen Lustspiels, die der Alexandrinismus mit größerer poetischer +Kraft und besserem Erfolg als jeden anderen Zweig der Poesie kultivierte. Der +Mimus ging hervor aus den seit langem üblichen Charaktertänzen zur Flöte, die +teils bei anderen Gelegenheiten, namentlich zur Unterhaltung der Gäste während +der Tafel, teils besonders im Parterre des Theaters während der Zwischenakte +aufgeführt wurden. Es war nicht schwer, aus diesen Tänzen, bei denen die Rede +wohl längst gelegentlich zur Hilfe genommen ward, durch Einführung einer +geordneteren Fabel und eines regelrechten Dialogs kleine Komödien zu machen, +die jedoch von dem früheren Lustspiel und selbst von der Posse sich doch +dadurch noch wesentlich unterschieden, daß der Tanz und die von solchem Tanz +unzertrennliche Laszivität hier fortfuhren, eine Hauptrolle zu spielen, und daß +der Mimus, als nicht eigentlich auf den Brettern, sondern im Parterre zu Hause, +jede szenische Idealisierung wie die Gesichtsmasken und die Theaterschuhe, +beiseite warf und, was besonders wichtig war, die Frauenrollen auch von Frauen +darstellen ließ. Dieser neue Mimus, der zuerst um 672 (82) auf die +hauptstädtische Bühne gekommen zu sein scheint, verschlang bald die nationale +Harlekinade, mit der er ja in den wesentlichsten Beziehungen zusammenfiel, und +ward als das gewöhnliche Zwischen- und namentlich Nachspiel neben den sonstigen +Schauspielen verwendet ^4. Die Fabel war natürlich noch gleichgültiger, +lockerer und toller als in der Harlekinade; wenn es nur bunt herging, so fragte +das Publikum nicht, warum es lachte, und rechtete nicht mit dem Poeten, der, +statt den Knoten zu lösen, ihn zerhieb. Die Sujets waren vorwiegend verliebter +Art, meistens von der frechsten Sorte; gegen den Ehemann zum Beispiel nahmen +Poet und Publikum ohne Ausnahme Partei und die poetische Gerechtigkeit bestand +in der Verhöhnung der guten Sitte. Der künstlerische Reiz beruhte ganz wie bei +der Atellane auf der Sittenmalerei des gemeinen und gemeinsten Lebens, wobei +die ländlichen Bilder vor denen des hauptstädtischen Lebens und Treibens +zurücktreten und der süße Pöbel von Rom, ganz wie in den gleichartigen +griechischen Stücken der von Alexandreia, aufgefordert wird, sein eigenes +Konterfei zu beklatschen. Viele Stoffe sind dem Handwerkerleben entnommen: es +erscheinen der auch hier unvermeidliche ‘Walker’, dann ‘Der +Seiler’, ‘Der Färber, ‘Der Salzmann’, ‘Die +Weberinnen’, ‘Der Hundejunge’; andere Stücke geben +Charakterfiguren: ‘Der Vergeßliche’, ‘Das Großmaul’, +‘Der Mann von 100000 Sesterzen’ ^5; oder Bilder des Auslandes: +‘Die Etruskerin’, ‘Die Gallier’, ‘Der +Kretenser’, ‘Alexandreia’; oder Schilderungen von +Volksfesten: ‘Die Compitalien’, ‘Die Saturnalien’, +‘Anna Perenna’, ‘Die warmen Bäder’; oder travestierte +Mythologie: ‘Die Fahrt in die Unterwelt’, ‘Der Arverner +See’. Treffende Schlagwörter und kurze, leicht behalt- und anwendbare +Gemeinsprüche sind willkommen; aber auch jeder Unsinn hat von selber das +Bürgerrecht: in dieser verkehrten Welt wird Bacchus um Wasser, die Quellnymphe +um Wein angegangen. Sogar von den auf dem römischen Theater sonst so streng +untersagten politischen Anspielungen finden in diesen Mimen sich einzelne +Beispiele ^6. Was die metrische Form anlangt, so gaben sich diese Poeten, wie +sie selber sagen, “nur mäßige Mühe mit dem Versemaß”; die Sprache +strömte selbst in den zur Veröffentlichung redigierten Stücken über von +Vulgärausdrücken und gemeinen Wortbildungen. Es ist, wie man sieht, der Mimus +wesentlich nichts als die bisherige Posse; nur daß die Charaktermasken und die +stehende Szenerie von Atella sowie das bäuerliche Gepräge wegfällt und dafür +das hauptstädtische Leben in seiner grenzenlosen Freiheit und Frechheit auf die +Bretter kommt. Die meisten Stücke dieser Art waren ohne Zweifel flüchtigster +Natur und machten nicht Anspruch auf einen Platz in der Literatur; die Mimen +aber des Laberius, voll drastischer Charakterzeichnung und sprachlich und +metrisch in ihrer Art meisterlich behandelt, haben in derselben sich behauptet +und auch der Geschichtschreiber muß es bedauern, daß es uns nicht mehr vergönnt +ist, das Drama der republikanischen Agonie in Rom mit seinem großen attischen +Gegenbild zu vergleichen. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +^4 Daß der Mimus zu seiner Zeit an die Stelle der Atellane getreten sei, +bezeugt Cicero (ad fam. 9 16); damit stimmt überein, daß die Mimen und Miminnen +zuerst um die sullanische Zeit hervortreten (Rhet. Her. 1, 14, 24; 2, 13, 19; +Atta com. 1 Ribbeck.; Plin. nat. 7, 48, 158; Plut. Sull. z. 36). Übrigens wird +die Bezeichnung mimus zuweilen ungenau von dem Komöden überhaupt gebraucht. So +war der bei der Apollonischen Festfeier 542/43 212/211 auftretende mimus +(Festus v. salva res est; vgl. Cic. De orat. 2, 59, 242) offenbar nichts als +ein Schauspieler der palliata, denn für wirkliche Mimen im spätem Sinn ist in +dieser Zeit in der römischen Theaterentwicklung kein Raum. +</p> + +<p> +Zu dem Mimus der klassischen griechischen Zeit, prosaischen Dialogen, in denen +Genrebilder, namentlich ländliche, dargestellt wurden, hat der römische Mimus +keine nähere Beziehung. +</p> + +<p> +^5 Mit dem Besitz dieser Summe, wodurch man in die erste Stimmklasse eintritt +und die Erbschaft dem Voconischen Gesetz unterworfen wird, ist die Grenze +überschritten, welche die geringen (tenuiores) von den anständigen Leuten +scheidet. Darum fleht auch der arme Klient Catulls (23, 26) die Götter an, ihm +zu diesem Vermögen zu verhelfen. +</p> + +<p> +^6 In Laberius’ ‘Fahrt in die Unterwelt’ tritt allerlei Volk +auf, das Wunder und Zeichen gesehen hat; dem einen ist ein Ehemann mit zwei +Frauen erschienen, worauf der Nachbar meint, das sei ja noch ärger als das +kürzlich von einem Wahrsager erblickte Traumgesicht von sechs Ädilen. Nämlich +Caesar wollte - nach dem Klatsch der Zeit - die Vielweiberei in Rom einführen +(Suet. Caes. 82) und ernannte in der Tat statt vier Ädilen deren sechs. Man +sieht auch hieraus, daß Laberius Narrenrecht zu üben und Caesar Narrenfreiheit +zu gestatten verstand. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Mit der Nichtigkeit der Bühnenliteratur Hand in Hand geht die Steigerung des +Bühnenspiels und der Bühnenpracht. Dramatische Vorstellungen erhielten ihren +regelmäßigen Platz im öffentlichen Leben nicht bloß der Hauptstadt, sondern +auch der Landstädte; auch jene bekam nun endlich durch Pompeius ein stehendes +Theater (699 55) und die kampanische Sitte, während des in alter Zeit stets +unter freiem Himmel stattfindenden Schauspiels zum Schutze der Spieler und der +Zuschauer Segeldecken über das Theater zu spannen, fand ebenfalls jetzt Eingang +in Rom (676 78). Wie derzeit in Griechenland nicht die mehr als blassen +Siebengestirne der alexandrinischen Dramatiker, sondern das klassische +Schauspiel, vor allem die Euripideische Tragödie in reichster Entfaltung +szenischer Mittel die Bühne behauptete, so wurden auch in Rom zu Ciceros Zeit +vorzugsweise die Trauerspiele des Ennius, Pacuvius und Accius, die Lustspiele +des Plautus gegeben. Wenn der letztere in der vorigen Periode durch den +geschmackvolleren, aber an komischer Kraft freilich geringeren Terenz verdrängt +worden war, so wirkten jetzt Roscius und Varro, das heißt das Theater und die +Philologie zusammen, um ihm eine ähnliche Wiederaufstehung zu bereiten, wie sie +Shakespeare durch Garrick und Johnson widerfuhr; und auch Plautus hatte dabei +von der gesunkenen Empfänglichkeit und der unruhigen Hast des durch die kurzen +und lotterigen Possen verwöhnten Publikums zu leiden, so daß die Direktion die +Länge der Plautinischen Komödien zu entschuldigen, ja vielleicht auch zu +streichen und zu ändern sich genötigt sah. Je beschränkter das Repertoire war, +desto mehr richtete sich sowohl die Tätigkeit des dirigierenden und +exekutierenden Personals, als auch das Interesse des Publikums auf die +szenische Darstellung der Stücke. Kaum gab es in Rom ein einträglicheres +Gewerbe als das des Schauspielers und der Tänzerin ersten Ranges. Das +fürstliche Vermögen des tragischen Schauspielers Aesopus ward bereits erwähnt; +sein noch höher gefeierter Zeitgenosse Roscius schlug seine Jahreseinnahme auf +600000 Sesterzen (46000 Taler) an ^7 und die Tänzerin Dionysia die ihrige auf +200000 Sesterzen (15000 Taler). Daneben wandte man ungeheure Summen auf +Dekorationen und Kostüme: gelegentlich schritten Züge von sechshundert +aufgeschirrten Maultieren über die Bühne und das troische Theaterheer ward dazu +benutzt, um dem Publikum eine Musterkarte der von Pompeius in Asien besiegten +Nationen vorzuführen. Die den Vortrag der eingelegten Gesangstücke begleitende +Musik erlangte gleichfalls größere und selbständigere Bedeutung; wie der Wind +die Wellen, sagt Varro, so lenkt der kundige Flötenspieler die Gemüter der +Zuhörer mit jeder Abwandlung der Melodie. Sie gewöhnte sich, das Tempo rascher +zu nehmen und nötigte dadurch den Schauspieler zu lebhafterer Aktion. Die +musikalische und Bühnenkennerschaft entwickelte sich; der Habitué erkannte +jedes Tonstück an der ersten Note und wußte die Texte auswendig; jeder +musikalische oder Rezitationsfehler ward streng von dem Publikum gerügt. +Lebhaft erinnert das römische Bühnenwesen der ciceronischen Zeit an das heutige +französische Theater. Wie den losen Tableaus der Tagesstücke der römische Mimus +entspricht, für den wie für jene nichts zu gut und nichts zu schlecht war, so +findet auch in beiden sich dasselbe traditionell klassische Trauerspiel und +Lustspiel, die zu bewundern oder mindestens zu beklatschen der gebildete Mann +von Rechts wegen verpflichtet ist. Der Menge wird Genüge getan, indem sie in +der Posse sich selber wiederfindet, in dem Schauspiel den dekorativen Pomp +anstaunt und den allgemeinen Eindruck einer idealen Welt empfängt; der höher +Gebildete kümmert im Theater sich nicht um das Stück, sondern einzig um die +künstlerische Darstellung. Endlich die römische Schauspielkunst selbst pendelte +in ihren verschiedenen Sphären, ähnlich wie die französische, zwischen der +Chaumière und dem Salon. Es war nichts Ungewöhnliches, daß die römischen +Tänzerinnen bei dem Finale das Obergewand abwarfen und dem Publikum einen Tanz +im Hemde zum besten gaben; andererseits aber galt auch dem römischen Talma als +das höchste Gesetz seiner Kunst nicht die Naturwahrheit, sondern das Ebenmaß. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +^7 Vom Staat erhielt er für jeden Spieltag 1000 Denare (300 Taler) und außerdem +die Besoldung für seine Truppe. In späteren Jahren wies er für sich das Honorar +zurück. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +In der rezitativen Poesie scheint es an metrischen Chroniken nach dem Muster +der Ennianischen nicht gefehlt zu haben; aber sie dürften ausreichend +kritisiert sein durch jenes artige Mädchengelübde, von dem Catullus singt: der +heiligen Venus, wenn sie den geliebten Mann von seiner bösen politischen Poesie +ihr wieder zurück in die Arme führe, das schlechteste der schlechten +Heldengedichte zum Brandopfer darzubringen. In der Tat ist auf dem ganzen +Gebiet der rezitativen Dichtung in dieser Epoche die ältere nationalrömische +Tendenz nur durch ein einziges namhaftes Werk vertreten, das aber auch zu den +bedeutendsten dichterischen Erzeugnissen der römischen Literatur überhaupt +gehört. Es ist das Lehrgedicht des Titus Lucretius Carus (655-699 99-55) +‘Vom Wesen der Dinge’, dessen Verfasser, den besten Kreisen der +römischen Gesellschaft angehörig, vom öffentlichen Leben aber, sei es durch +Kränklichkeit, sei es durch Abneigung ferngehalten, kurz vor dem Ausbruch des +Bürgerkrieges im besten Mannesalter starb. Als Dichter knüpft er energisch an +Ennius an und damit an die klassische griechische Literatur. Unwillig wendet er +sich weg von dem “hohlen Hellenismus” seiner Zeit und bekennt sich +mit ganzer Seele und vollem Herzen als den Schüler der “strengen +Griechen”, wie denn selbst des Thukydides heiliger Ernst in einem der +bekanntesten Abschnitte dieser römischen Dichtung keinen unwürdigen Widerhall +gefunden hat. Wie Ennius bei Epicharmos und Euhemeros seine Weisheit schöpft, +so entlehnt Lucretius die Form seiner Darstellung dem Empedokles, “dem +herrlichsten Schatz des gabenreichen sizilischen Eilands”, und liest dem +Stoffe nach “die goldenen Worte alle zusammen aus den Rollen des +Epikuros”, “welcher die anderen Weisen überstrahlt, wie die Sonne +die Sterne verdunkelt”. Wie Ennius verschmäht auch Lucretius die der +Poesie von dem Alexandrinismus aufgelastete mythologische Gelehrsamkeit und +fordert nichts von seinem Leser als die Kenntnis der allgemein geläufigen Sagen +^8. Dem modernen Purismus zum Trotz, der die Fremdwörter aus der Poesie +auswies, setzt Lucretius, wie es Ennius getan, statt matten und undeutlichen +Lateins lieber das bezeichnende griechische Wort. Die altrömische Alliteration, +das Nichtineinandergreifen der Vers- und Satzeinschnitte und überhaupt die +ältere Rede- und Dichtweise begegnen noch häufig in Lucretius’ Rhythmen, +und obwohl er den Vers melodischer behandelt als Ennius, so wälzen sich doch +seine Hexameter nicht wie die der modernen Dichterschule zierlich hüpfend +gleich dem rieselnden Bache, sondern mit gewaltiger Langsamkeit gleich dem +Strome flüssigen Goldes. Auch philosophisch und praktisch lehnt Lucretius +durchaus an Ennius sich an, den einzigen einheimischen Dichter, den sein +Gedicht feiert; das Glaubensbekenntnis des Sängers von Rudiae: +</p> + +<p> +Himmelsgötter freilich gibt es, sagt’ ich sonst und sag’ ich noch, +</p> + +<p> +Doch sie kümmern keinesweges, mein’ ich, sich um der Menschen Los +</p> + +<p> +bezeichnet vollständig auch Lucretius’ religiösen Standpunkt und nicht +mit Unrecht nennt er deshalb selbst sein Lied gleichsam die Fortsetzung dessen, +</p> + +<p> +Das uns Ennius sang, der des unverwelklichen Lorbeers +</p> + +<p> +Kranz zuerst mitbracht’ aus des Helikon lieblichem Haine, +</p> + +<p> +Daß Italiens Völkern er strahl’ in glänzender Glorie. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^8 Einzelne scheinbare Ausnahmen, wie das Weihrauchland Panchaea, sind daraus +zu erklären, daß dies aus dem Reiseroman des Euhemeros vielleicht schon in die +Ennianische Poesie, auf jeden Fall in die Gedichte des Lucius Manlius (Plin. +nat. 10, 2, 4) übergegangen und daher dem Publikum, für das Lucretius schrieb, +wohlbekannt war. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Noch einmal, zum letztenmal noch erklingt in Lucretius’ Gedicht der ganze +Dichterstolz und der ganze Dichterernst des sechsten Jahrhunderts, in welchem, +in den Bildern von dem furchtbaren Pöner und dem herrlichen Scipiaden, die +Anschauung des Dichters heimischer ist als in seiner eigenen gesunkenen Zeit +^9. Auch ihm klingt der eigene “aus dem reichen Gemüt anmutig +quillende” Gesang den gemeinen Liedern gegenüber “wie gegen das +Geschrei der Kraniche das kurze Lied des Schwanes”; auch ihm schwillt das +Herz, den selbsterfundenen Melodien lauschend, von hoher Ehren Hoffnung - +ebenwie Ennius den Menschen, denen er “das Feuerlied kredenzet aus der +tiefen Brust”, verbietet, an seinem, des unsterblichen Sängers Grabe zu +trauern. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^9 Naiv erscheint dies in den kriegerischen Schilderungen, in denen die +heerverderbenden Seestürme, die die eigenen Leute zertretenden +Elefantenscharen, also Bilder aus den Punischen Kriegen, erscheinen, als +gehörten sie der unmittelbaren Gegenwart an. Vgl. 2, 41; 5, 1226, 1303, 1339. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +Es ist ein seltsames Verhängnis, daß dieses ungemeine, an ursprünglicher +poetischer Begabung den meisten, wo nicht allen seinen Vorgängern weit +überlegene Talent in eine Zeit gefallen war, in der es selber sich fremd und +verwaist fühlte und infolgedessen in der wunderlichsten Weise sich im Stoffe +vergriffen hat. Epikuros’ System, welches das All in einen großen +Atomenwirbel verwandelt und die Entstehung und das Ende der Welt sowie alle +Probleme der Natur und des Lebens in rein mechanischer Weise abzuwickeln +unternimmt, war wohl etwas weniger albern als die Mythenhistorisierung, wie +Euhemeros und nach ihm Ennius sie versucht hatten; aber ein geistreiches und +frisches System war es nicht, und die Aufgabe nun gar, diese mechanische +Weltanschauung poetisch zu entwickeln, war von der Art, daß wohl nie ein +Dichter an einen undankbareren Stoff Leben und Kunst verschwendet hat. Der +philosophische Leser tadelt an dem Lucretischen Lehrgedicht die Weglassung der +feineren Pointen des Systems, die Oberflächlichkeit namentlich in der +Darstellung der Kontroversen, die mangelhafte Gliederung, die häufigen +Wiederholungen mit ebensogutem Recht, wie der poetische an der rhythmisierten +Mathematik sich ärgert, die einen großen Teil des Gedichtes geradezu unlesbar +macht. Trotz dieser unglaublichen Mängel, denen jedes mittelmäßige Talent +unvermeidlich hätte erliegen müssen, durfte dieser Dichter mit Recht sich +rühmen, aus der poetischen Wildnis einen neuen Kranz davongetragen zu haben, +wie die Musen noch keinen verliehen hatten; und es sind auch keineswegs bloß +die gelegentlichen Gleichnisse und sonstigen eingelegten Schilderungen +mächtiger Naturerscheinungen und mächtigerer Leidenschaften, die dem Dichter +diesen Kranz erwarben. Die Genialität der Lebensanschauung wie der Poesie des +Lucretius ruht auf seinem Unglauben, welcher mit der vollen Siegeskraft der +Wahrheit und darum mit der vollen Lebendigkeit der Dichtung dem herrschenden +Heuchel- oder Aberglauben gegenübertrat und treten durfte. +</p> + +<p> +Als danieder er sah das Dasein liegen der Menschheit +</p> + +<p> +Jammervoll auf der Erd’, erdrückt von der lastenden Gottfurcht, +</p> + +<p> +Die vom Himmelsgewölb ihr Antlitz offenbarend, +</p> + +<p> +Schauerlich anzusehen, hinab auf die Sterblichen drohte, +</p> + +<p> +Wagt’ es ein griechischer Mann zuerst das sterbliche Auge +</p> + +<p> +Ihr entgegenzuheben, zuerst ihr entgegenzutreten; +</p> + +<p> +Und die mutige Macht des Gedankens siegte; gewaltig +</p> + +<p> +Trat hinaus er über die flammenden Schranken des Weltalls +</p> + +<p> +Und der verständige Geist durchschritt das unendliche Ganze. +</p> + +<p> +Also eiferte der Dichter, die Götter zu stürzen, wie Brutus die Könige +gestürzt, und “die Natur von ihren strengen Herren zu erlösen”. +Aber nicht gegen Jovis altersschwachen Thron wurden diese Flammenworte +geschleudert; ebenwie Ennius kämpft Lucretius praktisch vor allen Dingen gegen +den wüsten Fremd- und Aberglauben der Menge, den Kult der Großen Mutter zum +Beispiel und die kindische Blitzweisheit der Etrusker. Das Grauen und der +Widerwille gegen die entsetzliche Welt überhaupt, in der und für die der +Dichter schrieb, haben dies Gedicht eingegeben. Es wurde verfaßt in jener +hoffnungslosen Zeit, wo das Regiment der Oligarchie gestürzt und das Caesars +noch nicht aufgerichtet war, in den schwülen Jahren, während deren der Ausbruch +des Bürgerkrieges in langer peinlicher Spannung erwartet ward. Wenn man dem +ungleichartigen und unruhigen Vortrag es anzufühlen meint, daß der Dichter +täglich erwartete, den wüsten Lärm der Revolution über sich und sein Werk +hereinbrechen zu sehen, so wird man auch bei seiner Anschauung der Menschen und +der Dinge nicht vergessen dürfen, unter welchen Menschen und in Aussicht auf +welche Dinge sie ihm entstand. War es doch in Hellas in der Epoche vor +Alexander ein gangbares und von allen Besten tief empfundenes Wort, daß nicht +geboren zu sein das Beste von allem, das nächstdem Beste aber sei zu sterben. +Unter allen in der verwandten caesarischen Zeit einem zarten und poetisch +organisierten Gemüt möglichen Weltanschauungen war diese die edelste und die +veredelndste, daß es eine Wohltat für den Menschen ist, erlöst zu werden von +dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und damit von der bösen die +Menschen, gleichwie die Kinder die Angst im dunkeln Gemach, tückisch +beschleichenden Furcht vor dem Tode und vor den Göttern; daß, wie der Schlaf +der Nacht erquicklicher ist als die Plage des Tages, so auch der Tod, das ewige +Ausruhen von allem Hoffen und Fürchten, besser ist als das Leben, wie denn auch +die Götter des Dichters selber nichts sind noch haben als die ewige selige +Ruhe; daß die Höllenstrafen nicht nach dem Leben den Menschen peinigen, sondern +während desselben in den wilden und rastlosen Leidenschaften des klopfenden +Herzens; daß die Aufgabe des Menschen ist, seine Seele zum ruhigen Gleichmaß zu +stimmen, den Purpur nicht höher zu schätzen als das warme Hauskleid, lieber +unter den Gehorchenden zu verharren, als in das Getümmel der Bewerber um das +Herrenamt sich zu drängen, lieber am Bach im Grase zu liegen, als unter dem +goldenen Plafond des Reichen dessen zahllose Schüsseln leeren zu helfen. Diese +philosophisch-praktische Tendenz ist der eigentliche ideelle Kern des +Lucretischen Lehrgedichts und durch alle öde physikalischer Demonstrationen nur +verschüttet, nicht erdrückt. Wesentlich auf ihr beruht dessen relative Weisheit +und Wahrheit. Der Mann, der mit einer Ehrfurcht vor seinen großen Vorgängern, +mit einem gewaltsamen Eifer, wie sie dies Jahrhundert sonst nicht kennt, solche +Lehre gepredigt und sie mit musischem Zauber verklärt hat, darf zugleich ein +guter Bürger und ein großer Dichter genannt werden. Das Lehrgedicht vom Wesen +der Dinge, wie vieles auch daran den Tadel herausfordert, ist eines der +glänzendsten Gestirne in den sternenarmen Räumen der römischen Literatur +geblieben, und billig wählte der größte deutsche Sprachenmeister die +Wiederlesbarmachung des Lucretischen Gedichts zu seiner letzten und +meisterlichsten Arbeit. +</p> + +<p> +Lucretius, obwohl seine poetische Kraft wie seine Kunst schon von den +gebildeten Zeitgenossen bewundert ward, blieb doch, Spätling wie er war, ein +Meister ohne Schüler. In der hellenischen Modedichtung dagegen fehlte es an +Schülern wenigstens nicht, die den alexandrinischen Meistern nachzueifern sich +mühten. Mit richtigem Takt hatten die begabteren unter den alexandrinischen +Poeten die größeren Arbeiten und die reinen Dichtgattungen, das Drama, das +Epos, die Lyrik, vermieden; ihre erfreulichsten Leistungen waren ihnen, ähnlich +wie den neulateinischen Dichtern, in “kurzatmigen” Aufgaben +gelungen und vorzugsweise in solchen, die auf den Grenzgebieten der +Kunstgattungen, namentlich dem weiten, zwischen Erzählung und Lied in der Mitte +liegenden sich bewegten. Lehrgedichte wurden vielfach geschrieben. Sehr beliebt +waren ferner kleine heroisch-erotische Epen, vornehmlich aber eine diesem +Altweibersommer der griechischen Poesie eigentümliche und für ihre +philologische Hippokrene charakteristische, gelehrte Liebeselegie, wobei der +Dichter die Schilderung der eigenen, vorwiegend sinnlichen Empfindungen mit +epischen Fetzen aus dem griechischen Sagenkreis mehr oder minder willkürlich +durchflocht. Festlieder wurden fleißig und künstlich gezimmert; überhaupt +waltete bei dem Mangel an freiwilliger poetischer Erfindung das +Gelegenheitsgedicht vor und namentlich das Epigramm, worin die Alexandriner +Vortreffliches geleistet haben. Die Dürftigkeit der Stoffe und die sprachliche +und rhythmische Unfrische, die jeder nicht volkstümlichen Literatur +unvermeidlich anhaftet, suchte man möglichst zu verstecken unter verzwickten +Themen, geschraubten Wendungen, seltenen Wörtern und künstlicher +Versbehandlung, überhaupt dem ganzen Apparat philologisch-antiquarischer +Gelehrsamkeit und technischer Gewandtheit. +</p> + +<p> +Dies war das Evangelium, das den römischen Knaben dieser Zeit gepredigt ward, +und sie kamen in hellen Haufen, um zu hören und auszuüben: schon um 700 (54) +waren Euphorions Liebesgedichte und ähnliche alexandrinische Poesien die +gewöhnliche Lektüre und die gewöhnlichen Deklamationsstücke der gebildeten +Jugend ^10. Die literarische Revolution war da; aber sie lieferte zunächst mit +seltenen Ausnahmen nur frühreife oder unreife Früchte. Die Zahl der +“neumodischen Dichter” war Legion, aber die Poesie war rar und +Apollo, wie immer, wenn es so gedrang am Parnasse hergeht, genötigt, sehr +kurzen Prozeß zu machen. Die langen Gedichte taugten niemals etwas, die kurzen +selten. Auch in diesem literarischen Zeitalter war die Tagespoesie zur +Landplage geworden; es begegnete wohl, daß einem der Freund zum Hohn als +Festtagsgeschenk einen Stoß schofler Verse frisch vom Buchhändlerlager ins Haus +schickte, deren Wert der zierliche Einband und das glatte Papier schon auf drei +Schritte verriet. Ein eigentliches Publikum, in dem Sinne wie die volkstümliche +Literatur ein Publikum hat, fehlte den römischen Alexandrinern so gut wie den +hellenischen: es ist durchaus die Poesie der Clique oder vielmehr der Cliquen, +deren Glieder eng zusammenhalten, dem Eindringling übel mitspielen, unter sich +die neuen Poesien vorlesen und kritisieren, auch wohl in ganz alexandrinischer +Weise die gelungenen Produktionen wieder poetisch feiern und vielfach durch +Cliquenlob einen falschen und ephemeren Ruhm erschwindeln. Ein namhafter und +selbst in dieser neuen Richtung poetisch tätiger Lehrer der lateinischen +Literatur, Valerius Cato, scheint über den angesehensten dieser Zirkel eine Art +Schulpatronat ausgeübt und über den relativen Wert der Poesien in letzter +Instanz entschieden zu haben. Ihren griechischen Mustern gegenüber sind diese +römischen Poeten durchgängig unfrei, zuweilen schülerhaft abhängig; die meisten +ihrer Produkte werden nichts gewesen sein als die herben Früchte einer im +Lernen begriffenen und noch keineswegs als reif entlassenen Schuldichtung. +Indem man in der Sprache und im Maß weit enger, als je die volkstümliche +lateinische Poesie es getan, an die griechischen Vorbilder sich anschmiegte, +ward allerdings eine größere sprachliche und metrische Korrektheit und +Konsequenz erreicht; aber es geschah auf Kosten der Biegsamkeit und Fülle des +nationalen Idioms. Stofflich erhielten unter dem Einfluß teils der weichlichen +Muster, teils der sittenlosen Zeit die erotischen Themen ein auffallendes, der +Poesie wenig zuträgliches Übergewicht; doch wurden auch die beliebten +metrischen Kompendien der Griechen schon vielfach übersetzt, so das +astronomische des Aratos von Cicero und entweder am Ende dieser oder +wahrscheinlicher am Anfang der folgenden Periode das geographische Lehrbuch des +Eratosthenes von Publius Varro von der Aude und die physikalisch-medizinischen +des Nikandros von Aemilius Macer. Es ist weder zu verwundern noch zu bedauern, +daß von dieser zahllosen Dichterschar uns nur wenige Namen aufbehalten worden +sind; und auch diese werden meistens nur genannt als Kuriositäten oder als +gewesene Größen: so der Redner Quintus Hortensius mit seinen +“fünfhunderttausend Zeilen” langweiliger Schlüpfrigkeit und der +etwas häufiger erwähnte Laevius, dessen ‘Liebesscherze’ nur durch +ihre verwickelten Maße und manierierten Wendungen ein gewisses Interesse auf +sich zogen. Nun gar das Kleinepos ‘Smyrna’ des Gaius Helvius Cinna +(† 710? 44), so sehr es von der Clique angepriesen ward, trägt sowohl in dem +Stoff, der geschlechtlichen Liebe der Tochter zu dem eigenen Vater, wie in der +neunjährigen darauf verwandten Mühsal die schlimmsten Kennzeichen der Zeit an +sich. Eine originelle und erfreuliche Ausnahme machen allein diejenigen Dichter +dieser Schule, die es verstanden, mit der Sauberkeit und der Formgewandtheit +derselben den in dem republikanischen und namentlich dem landstädtischen Leben +noch vorhandenen volkstümlichen Gehalt zu verbinden. Es galt dies, um von +Laberius und Varro hier zu schweigen, namentlich von den drei schon oben +erwähnten Poeten der republikanischen Opposition Marcus Furius Bibaculus +(652-691 102-63), Gaius Licinius Calvus (672-706 82-48) und Quintus Valerius +Catullus (667 bis ca. 700 87-54). +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +^10 “Freilich”, sagt Cicero (Tusc. 3, 19, 45) in Beziehung auf +Ennius, “wird der herrliche Dichter von unseren Euphorionrezitierern +verachtet.” “Ich bin glücklich angelangt”, schreibt derselbe +an Atticus (7, 2 z. A.), “da uns von Epirus herüber der günstige Nordwind +wehte. Diesen Spondaicus kannst du, wenn du Lust hast, einem von den +Neumodischen als dein eigen verkaufen” (ita belle nobis flavit ab Epiro +lenissumus Onchesmites. Hunc σποδειάζοντα si cui voles τών νεοτέρων pro tuo +vendito). +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Von den beiden ersten, deren Schriften untergegangen sind, können wir dies +freilich nur mutmaßen; über die Gedichte des Catullus steht auch uns noch ein +Urteil zu. Auch er hängt in Stoff und Form ab von den Alexandrinern. Wir finden +in seiner Sammlung Übersetzungen von Stücken des Kallimachos und nicht gerade +von den recht guten, sondern von den recht schwierigen. Auch unter den +Originalen begegnen gedrechselte Modepoesien, wie die überkünstlichen +Galliamben zum Lobe der Phrygischen Mutter; und selbst das sonst so schöne +Gedicht von der Hochzeit der Thetis ist durch die echt alexandrinische +Einschachtelung der Ariadneklage in das Hauptgedicht künstlerisch verdorben. +Aber neben diesen Schulstücken steht die melodische Klage der echten Elegie, +steht das Festgedicht im vollen Schmuck individueller und fast dramatischer +Durchführung, steht vor allem die solideste Kleinmalerei gebildeter +Geselligkeit, die anmutigen sehr ungenierten Mädchenabenteuer, davon das halbe +Vergnügen im Ausschwatzen und Poetisieren der Liebesgeheimnisse besteht, das +liebe Leben der Jugend bei vollen Bechern und leeren Beuteln, die Reise- und +die Dichterlust; die römische und öfter noch die veronesische Stadtanekdote und +der launige Scherz in dem vertrauten Zirkel der Freunde. Jedoch nicht bloß in +die Saiten greift des Dichters Apoll, sondern er führt auch den Bogen: der +geflügelte Pfeil des Spottes verschont weder den langweiligen Versemacher noch +den sprachverderbenden Provinzialen, aber keinen trifft er öfter und schärfer +als die Gewaltigen, von denen der Freiheit des Volkes Gefahr droht. Die +kurzzeiligen und kurzweiligen, oft von anmutigen Refrains belebten Maße sind +von vollendeter Kunst und doch ohne die widerwärtige Glätte der Fabrik. +Umeinander führen diese Gedichte in das Nil- und in das Potal; aber in dem +letzteren ist der Dichter unvergleichlich besser zu Hause. Seine Dichtungen +ruhen wohl auf der alexandrinischen Kunst, aber doch auch auf dem bürgerlichen, +ja dem landstädtischen Selbstgefühl, auf dem Gegensatz von Verona zu Rom, auf +dem Gegensatz des schlichten Munizipalen gegen die hochgeborenen, ihren +geringen Freunden gewöhnlich übel mitspielenden Herren vom Senat, wie er in +Catulls Heimat, dem blühenden und verhältnismäßig frischen Cisalpinischen +Gallien, lebendiger noch als irgendwo anders empfunden werden mochte. In die +schönsten seiner Lieder spielen die süßen Bilder vom Gardasee hinein und +schwerlich hätte in dieser Zeit ein Hauptstädter ein Gedicht zu schreiben +vermocht wie das tief empfundene auf des Bruders Tod oder das brave, echt +bürgerliche Festlied zu der Hochzeit des Manlius und der Arunculeia. Catullus, +obwohl abhängig von den alexandrinischen Meistern und mitten in der Mode- und +Cliquendichtung jener Zeit stehend, war doch nicht bloß ein guter Schüler unter +vielen mäßigen und schlechten, sondern seinen Meistern selbst um so viel +überlegen, als der Bürger einer freien italischen Gemeinde mehr war als der +kosmopolitische hellenische Literat. Eminente schöpferische Kraft und hohe +poetische Intentionen darf man freilich bei ihm nicht suchen; er ist ein +reichbegabter und anmutiger, aber kein großer Poet, und seine Gedichte sind, +wie er selbst sie nennt, nichts als “Scherze und Torheiten”. Aber +wenn nicht bloß die Zeitgenossen von diesen flüchtigen Liedchen elektrisiert +wurden, sondern auch die Kunstkritiker der augustischen Zeit ihn neben +Lucretius als den bedeutendsten Dichter dieser Epoche bezeichnen, so hatten die +Zeitgenossen wie die Späteren vollkommen recht. Die lateinische Nation hat +keinen zweiten Dichter hervorgebracht, in dem der künstlerische Gehalt und die +künstlerische Form in so gleichmäßiger Vollendung wiedererscheinen wie bei +Catullus; und in diesem Sinne ist Catullus’ Gedichtsammlung allerdings +das Vollkommenste, was die lateinische Poesie überhaupt aufzuweisen vermag. +</p> + +<p> +Es beginnt endlich in dieser Epoche die Dichtung in prosaischer Form. Das +bisher unwandelbar festgehaltene Gesetz der echten, naiven wie bewußten, Kunst, +daß der poetische Stoff und die metrische Fassung sich einander bedingen, +weicht der Vermischung und Trübung aller Kunstgattungen und Kunstformen, welche +zu den bezeichnendsten Zügen dieser Zeit gehört. Zwar von Romanen ist noch +weiter nichts anzuführen, als daß der berühmteste Geschichtschreiber dieser +Epoche, Sisenna, sich nicht für zu gut hielt, die viel gelesenen Milesischen +Erzählungen des Aristeides, schlüpfrige Modenovellen der plattesten Sorte, ins +Lateinische zu übersetzen. Eine originellere und erfreulichere Erscheinung auf +diesem zweifelhaften poetisch-prosaischen Grenzgebiet sind die ästhetischen +Schriften Varros, der nicht bloß der bedeutendste Vertreter der lateinischen +philologisch-historischen Forschung, sondern auch in der schönen Literatur +einer der fruchtbarsten und interessantesten Schriftsteller ist. Einem in der +sabinischen Landschaft heimischen, dem römischen Senat seit zweihundert Jahren +angehörigen Plebejergeschlechte entsprossen, streng in altertümlicher Zucht und +Ehrbarkeit erzogen ^11 und bereits am Anfang dieser Epoche ein reifer Mann, +gehörte Marcus Terentius Varro von Reate (638-727 116-27) politisch, wie sich +von selbst versteht, der Verfassungspartei an und beteiligte sich ehrlich und +energisch an ihrem Tun und Leiden. Er tat dies teils literarisch, indem er zum +Beispiel die erste Koalition, das “dreiköpfige Ungeheuer” in +Flugschriften bekämpfte, teils im ernsteren Kriege, wo wir ihn im Heere des +Pompeius als Kommandanten des Jenseitigen Spaniens fanden. Als die Sache der +Republik verloren war, ward Varro von seinem Überwinder zum Bibliothekar der +neu zu schaffenden Bibliothek in der Hauptstadt bestimmt. Die Wirren der +folgenden Zeit rissen den alten Mann noch einmal in ihren Strudel hinein, und +erst siebzehn Jahre nach Caesars Tode, im neunundachtzigsten seines +wohlausgefüllten Lebens rief der Tod ihn ab. Die ästhetischen Schriften, die +ihm einen Namen gemacht haben, waren kürzere Aufsätze, teils einfach prosaische +ernsteren Inhalts, teils launige Schilderungen, deren prosaisches Grundwerk +vielfach eingelegte Poesien durchwirken. Jenes sind die +‘Philosophisch-historischen Abhandlungen’ (logistorici), dies die +Menippischen Satiren. Beide schließen nicht an lateinische Vorbilder sich an, +namentlich die Varronische Satura keineswegs an die Lucilische; wie denn +überhaupt die römische Satura nicht eigentlich eine feste Kunstgattung, sondern +nur negativ das bezeichnet, daß “das mannigfaltige Gedicht” zu +keiner der anerkannten Kunstgattungen gezählt sein will und darum denn auch die +Saturapoesie bei jedem begabten Poeten wieder einen andern und eigenartigen +Charakter annimmt. Es war vielmehr die voralexandrinische griechische +Philosophie, in der Varro die Muster für seine strengeren wie für seine +leichteren ästhetischen Arbeiten fand: für die ernsteren Abhandlungen in den +Dialogen des Herakleides von Herakleia am Schwarzen Meer († um 450 300), für +die Satiren in den Schriften des Menippos von Gadara in Syrien (blüht um 475 +280). Die Wahl war bezeichnend. Herakleides, als Schriftsteller angeregt durch +Platons philosophische Gespräche, hatte über deren glänzende Form den +wissenschaftlichen Inhalt gänzlich aus den Augen verloren und die +poetisch-fabulistische Einkleidung zur Hauptsache gemacht; er war ein +angenehmer und vielgelesener Autor, aber nichts weniger als ein Philosoph. +Menippos war es ebensowenig, sondern der echteste literarische Vertreter +derjenigen Philosophie, deren Weisheit darin besteht, die Philosophie zu +leugnen und die Philosophen zu verhöhnen, der Hundeweisheit des Diogenes; ein +lustiger Meister ernsthafter Weisheit, bewies er in Exempeln und Schnurren, daß +außer dem rechtschaffenen Leben alles auf Erden und im Himmel eitel sei, nichts +aber eitler als der Hader der sogenannten Weisen. Dies waren die rechten Muster +für Varro, einen Mann voll altrömischen Unwillens über die erbärmliche Zeit und +voll altrömischer Laune, dabei durchaus nicht ohne plastisches Talent, aber für +alles, was nicht wie Bild und Tatsache aussah, sondern wie Begriff oder gar wie +System, vollständig vernagelt und vielleicht den unphilosophischsten unter den +unphilosophischen Römern ^12. Allein Varro war kein unfreier Schüler. Die +Anregung und im allgemeinen die Form entlehnte er von Herakleides und +Mennippos; aber er war eine zu individuelle und zu entschieden römische Natur, +um nicht seine Nachschöpfungen wesentlich selbständig und national zu halten. +Für seine ernsten Abhandlungen, in denen ein moralischer Satz oder sonst ein +Gegenstand von allgemeinem Interesse behandelt ward, verschmähte er in der +Fabulierung an die Milesischen Märchen zu streifen, wie Herakleides es getan, +und so gar kinderhafte Geschichten wie die vom Abaris und von dem nach +siebentägigem Tode wieder zum Leben erwachenden Mädchen dem Leser aufzutischen. +Nur selten entnahm er die Einkleidung den edleren Mythen der Griechen, wie in +dem Aufsatz ‘Orestes oder vom Wahnsinn’; regelmäßig gab ihm einen +würdigeren Rahmen für seine Stoffe die Geschichte, namentlich die gleichzeitige +vaterländische, wodurch diese Aufsätze zugleich, wie sie auch heißen, +‘Lobschriften’ wurden auf geachtete Römer, vor allem auf die +Koryphäen der Verfassungspartei. So war die Abhandlung ‘Vom +Frieden’ zugleich eine Denkschrift auf Metellus Pius, den letzten in der +glänzenden Reihe der glücklichen Feldherrn des Senats; die ‘Von der +Götterverehrung’ zugleich bestimmt, das Andenken an den hochgeachteten +Optimaten und Pontifex Gaius Curio zu bewahren; der Aufsatz ‘Über das +Schicksal’ knüpfte an Marius an, der ‘Über die +Geschichtschreibung’ an den ersten Historiker dieser Epoche, Sisenna, der +‘Über die Anfänge der römischen Schaubühne’ an den fürstlichen +Spielgeber Scaurus, der ‘Über die Zahlen’ an den feingebildeten +römischen Bankier Atticus. Die beiden philosophisch-historischen Aufsätze +‘Laelius oder von der Freundschaft, ‘Cato oder vom Alter’, +welche Cicero, wahrscheinlich nach dem Muster der Varronischen, schrieb, mögen +von Varros halb lehrhafter, halb erzählender Behandlung dieser Stoffe ungefähr +eine Vorstellung geben. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +^11 “Mir als Knaben”, sagt er irgendwo, “genügte ein einziger +Flausrock und ein einziges Unterkleid, Schuhe ohne Strümpfe, ein Pferd ohne +Sattel; ein warmes Bad hatte ich nicht täglich, ein Flußbad selten.” +Wegen seiner persönlichen Tapferkeit erhielt er im Piratenkrieg, wo er eine +Flottenabteilung führte, den Schiffskranz. +</p> + +<p> +^12 Etwas Kindischeres gibt es kaum als Varros Schema der sämtlichen +Philosophien, das erstlich alle nicht die Beglückung des Menschen als letztes +Ziel aufstellenden Systeme kurzweg für nicht vorhanden erklärt und dann die +Zahl der unter dieser Voraussetzung denkbaren Philosophien auf +zweihundertachtundachtzig berechnet. Der tüchtige Mann war leider zu sehr +Gelehrter um einzugestehen, daß er Philosoph weder sein könne noch sein möge, +und hat deshalb als solcher zeit seines Lebens zwischen Stoa, Pythagoreismus +und Diogenismus einen nicht schönen Eiertanz aufgeführt. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +Ebenso originell in Form und Inhalt ward von Varro die Menippische Satire +behandelt; die dreiste Mischung von Prosa und Versen ist dem griechischen +Original fremd und der ganze geistige Inhalt von römischer Eigentümlichkeit, +man möchte sagen von sabinischem Erdgeschmack durchdrungen. Auch diese Satiren +behandeln, wie die philosophisch-historischen Aufsätze, irgendein moralisches +oder sonst für das größere Publikum geeignetes Thema, wie dies schon einzelne +Titel zeigen: ‘Hercules’ Säulen oder vom Ruhm’; ‘Der +Topf findet den Deckel oder von den Pflichten des Ehemanns’; ‘Der +Nachttopf hat sein Maß oder vom Zechen’; ‘Papperlapapp oder von der +Lobrede’. Die plastische Einkleidung, die auch hier nicht fehlen durfte, +ist natürlich der vaterländischen Geschichte nur selten entlehnt, wie in der +Satire ‘Serranus oder von den Wahlen’. Dagegen spielt die +Diogenische Hundewelt wie billig eine große Rolle: es begegnen der Hund +Gelehrter, der Hund Rhetor, der Ritter-Hund, der Wassertrinker-Hund, der +Hundekatechismus und dergleichen mehr. Ferner wird die Mythologie zu komischen +Zwecken in Kontribution gesetzt: wir finden einen ‘Befreiten +Prometheus’, einen ‘Strohernen Aias’, einen ‘Herkules +Sokratiker’, einen ‘Anderthalb Odysseus’, der nicht bloß +zehn, sondern fünfzehn Jahre in Irrfahrten sich umhergetrieben hat. Der +dramatisch-novellistische Rahmen schimmert in einzelnen Stücken, zum Beispiel +im ‘Befreiten Prometheus’, in dem ‘Mann von sechzig +Jahren’, im ‘Frühauf’ noch aus den Trümmern hervor; es +scheint, daß Varro die Fabel häufig, vielleicht regelmäßig als eigenes Erlebnis +erzählte, wie zum Beispiel im ‘Frühauf’ die handelnden Personen zum +Varro hingehen und ihm Vortrag halten, “da er als Büchermacher ihnen +bekannt war”. Über den poetischen Wert dieser Einkleidung ist uns ein +sicheres Urteil nicht mehr gestattet; einzeln begegnen noch in unseren Trümmern +allerliebste Schilderungen voll Witz und Lebendigkeit - so eröffnet im +‘Befreiten Prometheus’ der Heros nach Lösung seiner Fesseln eine +Menschenfabrik, in welcher Goldschuh, der Reiche, sich ein Mädchen bestellt von +Milch und feinstem Wachs, wie es die milesischen Bienen aus mannigfachen Blüten +sammeln, ein Mädchen ohne Knochen und Sehnen, ohne Haut und Haar, rein und +fein, schlank, glatt, zart, allerliebst. Der Lebensatem dieser Dichtung ist die +Polemik - nicht so sehr die politische der Partei, wie Lucilius und Catullus +sie übten, sondern die allgemeine sittliche des strengen Alten gegen die +zügellose und verkehrte Jugend, des in seinen Klassikern lebenden Gelehrten +gegen die lockere und schofle oder doch ihrer Tendenz nach verwerfliche moderne +Poesie ^13, des guten Bürgers von altem Schlag gegen das neue Rom, in dem der +Markt, mit Varro zu reden, ein Schweinestall ist und Numa, wenn er auf seine +Stadt den Blick wendet, keine Spur seiner weisen Satzungen mehr gewahrt. Varro +tat in dem Verfassungskampf, was ihm Bürgerpflicht schien; aber sein Herz war +bei diesem Parteitreiben nicht - “warum”, klagt er einmal, +“riefet ihr mich aus meinem reinen Leben in den Rathausschmutz?” Er +gehörte der guten alten Zeit an, wo die Rede nach Zwiebeln und Knoblauch +duftete, aber das Herz gesund war. Nur eine einzelne Seite dieser +altväterischen Opposition gegen den Geist der neuen Zeit ist die Polemik gegen +die Erbfeinde des echten Römertums, die griechischen Weltweisen; aber es lag +sowohl im Wesen der Hundephilosophie als in Varros Naturell, daß die +menippische Geißel ganz besonders den Philosophen um die Ohren schwirrte und +sie denn auch in angemessene Angst versetzte - nicht ohne Herzklopfen +übersandten die philosophischen Skribenten der Zeit dem “scharfen +Mann” ihre neu erschienenen Traktate. Das Philosophieren ist wahrlich +keine Kunst. Mit dem zehnten Teil der Mühe, womit der Herr den Sklaven zum +Kunstbäcker erzieht, bildet er selbst sich zum Philosophen; freilich, wenn dann +der Bäcker und der Philosoph beide unter den Hammer kommen, geht der +Kuchenkünstler hundertmal teurer weg als der Weltweise. Sonderbare Leute, diese +Philosophen! Der eine befiehlt, die Leichen in Honig beizusetzen - ein Glück, +daß man ihm nicht den Willen tut, wo bliebe sonst der Honigwein? Der andere +meint, daß die Menschen wie die Kresse aus der Erde gewachsen sind. Der dritte +hat einen Weltbohrer erfunden, durch den die Erde einst untergehen wird. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +^13 “Willst du etwa”, schreibt er einmal, “die Redefiguren +und Verse des Quintussklaven Clodius abgurgeln und ausrufen: O Geschick! o +Schicksalsgeschick!” Anderswo: “Da der Quintussklave Clodius eine +solche Anzahl von Komödien ohne irgendeine Muse gemacht hat, sollte ich da +nicht einmal ein einziges Büchlein mit Ennius zu reden +‘fabrizieren’ können?” Dieser sonst nicht bekannte Clodius +muß wohl ein schlechter Nachahmer des Terenz gewesen sein, da zumal jene ihm +spöttisch heimgegebenen Worte: “O Geschick! o Schicksalsgeschick!” +in einem Terenzischen Lustspiel sich wiederfinden. Die folgende +Selbstvorstellung eines Poeten in Varros ‘Esel beim Lautenspiel’: +</p> + +<p> +Schüler mich heißt man Pacuvs; er dann war des Ennius Schüler, +</p> + +<p> +Dieser der Musen; ich selbst nenne Pompilius mich +</p> + +<p> +könnte füglich die Einleitung des Lucretius parodieren, dem Varro schon als +abgesagter Feind des epikurischen Systems nicht geneigt gewesen sein kann und +den er nie anführt. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Gewiß, niemals hat ein Kranker etwas je geträumt +</p> + +<p> +So toll, was nicht gelehrt schon hätte ein Philosoph. +</p> + +<p> +Es ist spaßhaft anzusehen, wie so ein Langbart- der etymologisierende Stoiker +ist gemeint - ein jedes Wort bedächtig auf der Goldwaage wägt; aber nichts geht +doch über den echten Philosophenzank - ein stoischer Faustkampf übertrifft weit +jede Athletenbalgerei. In der Satire ‘Die Marcusstadt oder vom +Regimente’, wo Marcus sich ein Wolkenkuckucksheim nach seinem Herzen +schuf, erging es, ebenwie in dem attischen, dem Bauern gut, dem Philosophen +aber übel; der Schnell-durch-ein-Glied-Beweis (Celer-δι΄-ενός-λήμματος-λόγος), +Antipatros, des Stoikers Sohn, schlägt darin seinem Gegner, offenbar dem +philosophischen Zweiglied (Dilemma), mit der Feldhacke den Schädel ein. Mit +dieser sittlich polemischen Tendenz und diesem Talent, einen kaustischen und +pittoresken Ausdruck für sie zu finden, das, wie die dialogische Einkleidung +der im achtzigsten Jahre geschriebenen Bücher vom Landbau beweist, bis in das +höchste Alter ihn nicht verließ, vereinigte sich auf das glücklichste Varros +unvergleichliche Kunde der nationalen Sitte und Sprache, die in den +philologischen Schriften seines Greisenalters kollektaneenartig, hier aber in +ihrer ganzen unmittelbaren Fülle und Frische sich entfaltet. Varro war im +besten und vollsten Sinne des Wortes ein Lokalgelehrter, der seine Nation in +ihrer ehemaligen Eigentümlichkeit und Abgeschlossenheit wie in ihrer modernen +Verschliffenheit und Zerstreuung aus vieljähriger eigener Anschauung kannte und +seine unmittelbare Kenntnis der Landessitte und Landessprache durch die +umfassendste Durchforschung der geschichtlichen und literarischen Archive +ergänzt und vertieft hatte. Was insofern an verstandesmäßiger Auffassung und +Gelehrsamkeit in unserem Sinn ihm abging, das gewann die Anschauung und die in +ihm lebendige Poesie. Er haschte weder nach antiquarischen Notizen noch nach +seltenen veralteten oder poetischen Wörtern ^14; aber er selbst war ein alter +und altfränkischer Mann und beinah ein Bauer, die Klassiker seiner Nation ihm +liebe, langgewohnte Genossen; wie konnte es fehlen, daß von der Sitte der +Väter, die er über alles liebte und vor allen kannte, gar vielerlei in seinen +Schriften erzählt ward, und daß seine Rede überfloß von sprichwörtlichen +griechischen und lateinischen Wendungen, von guten alten, in der sabinischen +Umgangssprache bewahrten Wörtern, von Ennianischen, Lucilischen, vor allem +Plautinischen Reminiszenzen? Den Prosastil dieser ästhetischen Schriften aus +Varros früherer Zeit darf man sich nicht vorstellen nach dem seines im hohen +Alter geschriebenen und wahrscheinlich im unfertigen Zustand veröffentlichten +sprachwissenschaftlichen Werkes, wo allerdings die Satzglieder am Faden der +Relative aufgereiht werden wie die Drosseln an der Schnur; daß aber Varro +grundsätzlich die strenge Stilisierung und die attische Periodisierung verwarf, +wurde früher schon bemerkt, und seine ästhetischen Aufsätze waren zwar ohne den +gemeinen Schwulst und die falschen Flitter des Vulgarismus, aber in mehr +lebendig gefügten als wohl gegliederten Sätzen unklassisch und selbst +schluderig geschrieben. Die eingelegten Poesien dagegen bewiesen nicht bloß, +daß ihr Urheber die mannigfaltigsten Maße meisterlich wie nur einer der +Modepoeten zu bilden verstand, sondern auch, daß er ein Recht hatte, denen sich +zuzuzählen, welchen ein Gott es vergönnt hat, “die Sorgen aus dem Herzen +zu bannen durch das Lied und die heilige Dichtkunst” ^15. Schule machte +die Varronische Skizze so wenig wie das Lucretische Lehrgedicht; zu den +allgemeineren Ursachen kam hier noch hinzu das durchaus individuelle Gepräge +derselben, welches unzertrennlich war von dem höheren Alter, der +Bauernhaftigkeit und selbst von der eigenartigen Gelehrsamkeit ihres +Verfassers. Aber die Anmut und Laune vor allem der menippischen Satiren, welche +an Zahl wie an Bedeutung Varros ernsteren Arbeiten weit überlegen gewesen zu +sein scheinen, fesselte die Zeitgenossen sowohl wie diejenigen Späteren, die +für Originalität und Volkstümlichkeit Sinn hatten; und auch wir noch, denen es +nicht mehr vergönnt ist, sie zu lesen, mögen aus den erhaltenen Bruchstücken +einigermaßen es nachempfinden, daß der Schreiber “es verstand, zu lachen +und mit Maß zu scherzen”. Und schon als der letzte Hauch des scheidenden +guten Geistes der alten Bürgerzeit, als der jüngste grüne Sproß, den die +volkstümliche lateinische Poesie getrieben hat, verdienten es Varros Satiren, +daß der Dichter in seinem poetischen Testament diese seine menippischen Kinder +jedem empfahl, +</p> + +<p> +Dem da Romas liegt und Latiums Blühen am Herzen, +</p> + +<p> +und sie behaupten denn auch einen ehrenvollen Platz in der Literatur wie in der +Geschichte des italischen Volkes ^16. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^14 Er selbst sagt einmal treffend, daß er veraltete Wörter nicht besonders +liebe, aber öfter brauche, poetische Wörter sehr liebe, aber nicht brauche. +</p> + +<p> +^15 Die folgende Schilderung ist dem ‘Marcussklaven’ entnommen: +</p> + +<p> +Auf einmal, um die Zeit der Mitternacht etwa, +</p> + +<p> +Als uns mit Feuerflammen weit und breit gestickt +</p> + +<p> +Der luftige Raum den Himmelssternenreigen wies, +</p> + +<p> +Umschleierte des Himmels goldenes Gewölb +</p> + +<p> +Mit kühlem Regenflor der raschen Wolken Zug, +</p> + +<p> +Hinab das Wasser schüttend auf die Sterblichen, +</p> + +<p> +Und schossen, los sich reißend von dem eisigen Pol, +</p> + +<p> +Die Wind’, heran, des Großen Bären tolle Brut, +</p> + +<p> +Fortführend mit sich Ziegel, Zweig’ und Wetterwust. +</p> + +<p> +Doch wir, gestürzt, schiffbrüchig, gleich der Störche Schwarm, +</p> + +<p> +Die an zweizackigen Blitzes Glut die Flügel sich +</p> + +<p> +Versengt, wir fielen traurig jäh zur Erd’ hinab. +</p> + +<p> +In der ‘Menschenstadt’ heißt es: +</p> + +<p> +Nicht wird frei dir die Brust durch Gold und Fülle der Schätze; +</p> + +<p> +Nicht dem Sterblichen nimmt von der Seele der persische Goldberg +</p> + +<p> +Sorg’ und Furcht, und auch der Saal nicht Crassus des Reichen. +</p> + +<p> +Aber auch leichtere Weise gelang dem Dichter. In ‘Der Topf hat sein +Maß’ stand folgender zierliche Lobspruch auf den Wein: +</p> + +<p> +Es bleibt der Wein für jedermann der beste Trank. +</p> + +<p> +Er ist das Mittel, das den Kranken macht gesund; +</p> + +<p> +Er ist der süße Keimeplatz der Fröhlichkeit, +</p> + +<p> +Er ist der Kitt, der Freundeskreis zusammenhält. +</p> + +<p> +Und in dem ‘Weltbohrer’ schließt der heimkehrende Wandersmann also +seinen Zuruf an die Schiffer: +</p> + +<p> +Laßt schießen die Zügel dem leisesten Hauch, +</p> + +<p> +Bis daß uns des frischeren Windes Geleit +</p> + +<p> +Rückführt in die liebliche Heimat! +</p> + +<p> +^16 Die Skizzen Varros haben eine so ungemeine historische und selbst poetische +Bedeutsamkeit und sind doch infolge der trümmerhaften Gestalt, in der uns die +Kunde davon zugekommen ist, so wenigen bekannt und so verdrießlich +kennenzulernen, daß es wohl erlaubt sein wird, einige derselben hier mit der +wenigen zur Lesbarkeit unumgänglichen Restauration zu resümieren. +</p> + +<p> +Die Satire ‘Frühauf’ schildert die ländliche Haushaltung. +“Frühauf ruft mit der Sonne zum Aufstehen und führt selbst die Leute auf +den Arbeitsplatz. Die Jungen machen selbst sich ihr Bett, das die Arbeit ihnen +weich macht, und stellen sich selber Wasserkrug und Lampe dazu. Der Trank ist +der klare frische Quell, die Kost Brot und als Zubrot Zwiebeln. In Haus und +Feld gedeiht alles. Das Haus ist kein Kunstbau; aber der Architekt könnte +Symmetrie daran lernen. Für den Acker wird gesorgt, daß er nicht unordentlich +und wüst in Unsauberkeit und Vernachlässigung verkomme; dafür wehrt die +dankbare Ceres den Schaden von der Frucht, daß die Schober hochgeschichtet das +Herz des Landmannes erfreuen. Hier gilt noch das Gastrecht; willkommen ist, wer +nur Muttermilch gesogen hat. Brotkammer und Weinfaß und der Wurstvorrat am +Hausbalken, Schlüssel und Schloß sind dem Wandersmann dienstwillig, und hoch +türmen vor ihm die Speisen sich auf; zufrieden sitzt der gesättigte Gast, nicht +vor- noch rückwärts schauend, nickend am Herde in der Küche. Zum Lager wird der +wärmste doppelwollige Schafpelz für ihn ausgebreitet. Hier gehorcht man noch +als guter Bürger dem gerechten Gesetz, das weder aus Mißgunst Unschuldigen zu +nahe tritt, noch aus Gunst Schuldigen verzeiht. Hier redet man nicht Böses +wider den Nächsten. Hier rekelt man nicht mit den Füßen auf dem heiligen Herd, +sondern ehrt die Götter mit Andacht und mit Opfern, wirft dem Hausgeist sein +Stückchen Fleisch in das bestimmte Schüsselchen und geleitet, wenn der Hausherr +stirbt, die Bahre mit demselben Gebet, mit welchem die des Vaters und des +Großvaters hinweggetragen wurde.” +</p> + +<p> +In einer anderen Satire tritt ein “Lehrer der Alten auf, dessen die +gesunkene Zeit dringender zu bedürfen scheint als des Jugendlehrers, und setzt +auseinander, “wie einst alles in Rom keusch und fromm war und jetzt alles +so ganz anders ist”. “Trügt mich mein Auge oder sehe ich Sklaven in +Waffen gegen ihre Herren? - Einst ward, wer zur Aushebung sich nicht stellte, +von Staats wegen als Sklave in die Fremde verkauft; jetzt heißt [der +Aristokratie, 2, 225; 3, 358; 4, 103 u. 330] der Zensor, der Feigheit und alles +hingehen läßt, ein großer Bürger und erntet Lob, daß er nicht darauf aus ist, +sich durch Kränkung der Mitbürger einen Namen zu machen. - Einst ließ der +römische Bauer sich alle Woche einmal den Bart scheren; jetzt kann der +Ackersklave es nicht fein genug haben. - Einst sah man auf den Gütern einen +Kornspeicher, der zehn Ernten faßte, geräumige Keller für die Weinfässer und +entsprechende Keltern; jetzt hält der Herr sich Pfauenherden und läßt seine +Türen mit afrikanischem Zypressenholz einlegen. - Einst drehte die Hausfrau mit +der Hand die Spindel und hielt dabei den Topf auf dem Herd im Auge, damit der +Brei nicht verbrenne; jetzt” - heißt es in einer andern Satire +-“bettelt die Tochter den Vater um ein Pfund Edelsteine, das Weib den +Mann um einen Scheffel Perlen an. - Einst war der Mann in der Brautnacht stumm +und blöde; jetzt gibt die Frau sich dem ersten besten Kutscher preis. - Einst +war der Kindersegen der Stolz des Weibes, jetzt, wenn der Mann sich Kinder +wünscht, antwortet sie: Weißt du nicht, was Ennius sagt?: +</p> + +<p> +Lieber will ich ja das Leben dreimal wagen in der Schlacht, +</p> + +<p> +Als ein einzig Mal gebären. - +</p> + +<p> +Einst war die Frau vollkommen zufrieden, wenn der Mann ein- oder zweimal im +Jahre sie in dem ungepolsterten Wagen über Land fuhr”; jetzt - konnte er +hinzusetzen (vgl. Cic. Mil. 21, 55) - schmollt die Frau, wenn der Mann ohne sie +auf sein Landgut geht, und folgt der reisenden Dame das elegante griechische +Bedientengesindel und die Kapelle nach auf die Villa.” +</p> + +<p> +In einer Schrift der ernsteren Gattung ‘Catus oder die Kinderzucht’ +belehrt Varro den Freund, der ihn deswegen um Rat gefragt, nicht bloß über die +Gottheiten, denen nach altem Brauch für der Kinder Wohl zu opfern war, sondern, +hinweisend auf die verständigere Kindererziehung der Perser und auf seine +eigene streng verlebte Jugend, warnt er vor überfüttern und überschlafen, vor +süßem Brot und feiner Kost - die jungen Hunde, meint der Alte, werden jetzt +verständiger genährt als die Kinder -, ebenso vor dem Besiebnen und Besegnen, +das in Krankheitsfällen so oft die Stelle des ärztlichen Rates vertrat. Er rät, +die Mädchen zum Sticken anzuhalten, damit sie später die Stickereien und +Webereien richtig zu beurteilen verständen, und sie nicht zu früh das +Kinderkleid ablegen zu lassen; er warnt davor, die Knaben in die Fechterspiele +zu führen, in denen früh das Herz verhärtet und die Grausamkeit gelernt wird. +</p> + +<p> +In dem ‘Mann von sechzig Jahren’ erscheint Varro als ein römischer +Epimenides, der, als zehnjähriger Knabe eingeschlafen, nach einem halben +Jahrhundert wiedererwacht. Er staunt darüber, statt seines glattgeschorenen +Knabenkopfes ein altes Glatzhaupt wiederzufinden, mit häßlicher Schnauze und +wüsten Borsten gleich dem Igel; mehr noch aber staunt er über das verwandelte +Rom. Die lucrinischen Austern, sonst eine Hochzeitschüssel, sind jetzt ein +Alltagsgericht; dafür rüstet denn auch der bankrotte Schlemmer im stillen die +Brandfackel. Wenn sonst der Vater dem Knaben vergab, so ist jetzt das Vergeben +an den Knaben gekommen; das heißt, er vergibt dem Vater mit Gift. Der Wahlplatz +ist zur Börse geworden, der Kriminalprozeß zur Goldgrube für die Geschworenen. +Keinem Gesetze wird noch gehorcht, außer dem einen, daß nichts für nichts +gegeben wird. Alle Tugenden sind geschwunden; dafür begrüßen den Erwachten als +neue Insassen die Gotteslästerung, die Wortlosigkeit, die Geilheit. “O +wehe dir, Marcus, über solchen Schlaf und solches Erwachen!” +</p> + +<p> +Die Skizze gleicht der catilinarischen Zeit, kurz nach welcher (um 697 57) sie +der alte Mann geschrieben haben muß, und es lag eine Wahrheit in der bitteren +Schlußwendung, wo der Marcus, gehörig ausgescholten wegen seiner unzeitgemäßen +Anklagen und antiquarischen Reminiszenzen, mit parodischer Anwendung einer +uralten römischen Sitte, als unnützer Greis auf die Brücke geschleppt und in +den Tiber gestürzt wird. Es war allerdings für solche Männer in Rom kein Platz +mehr. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Zu einer kritischen Geschichtschreibung in der Art, wie die Nationalgeschichte +von den Attikern in ihrer klassischen Zeit, wie die Weltgeschichte von Polybios +geschrieben ward, ist man in Rom eigentlich niemals gelangt. Selbst auf dem +dafür am meisten geeigneten Boden, in der Darstellung der gleichzeitigen und +der jüngst vergangenen Ereignisse, blieb es im ganzen bei mehr oder minder +unzulänglichen Versuchen; in der Epoche namentlich von Sulla bis auf Caesar +wurden die nicht sehr bedeutenden Leistungen, welche die vorhergehende auf +diesem Gebiet aufzuweisen hatte, die Arbeiten Antipaters und Asellios, kaum +auch nur erreicht. Das einzige diesem Gebiete angehörende namhafte Werk, das in +der gegenwärtigen Epoche entstand, ist des Lucius Cornelius Sisenna (Prätor 676 +78) Geschichte des Bundesgenossen- und Bürgerkrieges. Von ihr bezeugen die, +welche sie lasen, daß sie an Lebendigkeit und Lesbarkeit die alten trockenen +Chroniken weit übertraf, dafür aber in einem durchaus unreinen und selbst in +das Kindische verfallenden Stil geschrieben war; wie denn auch die wenigen +übrigen Bruchstücke eine kleinliche Detailmalerei des Gräßlichen ^17 und eine +Menge neugebildeter oder der Umgangssprache entnommener Wörter aufzeigen. Wenn +noch hinzugefügt wird, daß das Muster des Verfassers und sozusagen der einzige +ihm geläufige griechische Historiker Kleitarchos war, der Verfasser einer +zwischen Geschichte und Fiktion schwankenden Biographie Alexanders des Großen +in der Art des Halbromans, der den Namen des Curtius trägt, so wird man nicht +anstehen, in Sisennas vielgerühmtem Geschichtswerk nicht ein Erzeugnis echter +historischer Kritik und Kunst zu erkennen, sondern den ersten römischen Versuch +in der bei den Griechen so beliebten Zwittergattung von Geschichte und Roman, +welche das tatsächliche Grundwerk durch erfundene Ausführung lebendig und +interessant machen möchte und es dadurch schal und unwahr macht; und es wird +nicht ferner Verwunderung erregen demselben Sisenna auch als Übersetzer +griechischer Moderomane zu begegnen. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^17 “Die Unschuldigen”, hieß es in einer Rede, “zitternd an +allen Gliedern, schleppst du heraus und am hohen Uferrande des Flusses beim +Morgengrauen (lässest du sie schlachten).” Solche ohne Mühe einer +Taschenbuchsnovelle einzufügende Phrasen begegnen mehrere. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Daß es auf dem Gebiet der allgemeinen Stadt- und gar der Weltchronik noch weit +erbärmlicher aussah, lag in der Natur der Sache. Die steigende Regsamkeit der +antiquarischen Forschung ließ erwarten, daß aus Urkunden und sonstigen +zuverlässigen Quellen die gangbare Erzählung rektifiziert werden würde; allein +diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Je mehr und je tiefer man forschte, desto +deutlicher trat es hervor, was es hieß, eine kritische Geschichte Roms +schreiben. Schon die Schwierigkeiten, die der Forschung und Darstellung sich +entgegenstellten, waren unermeßlich; aber die bedenklichsten Hindernisse waren +nicht die literarischer Art. Die konventionelle Urgeschichte Roms, wie sie +jetzt seit wenigstens zehn Menschenaltern erzählt und geglaubt ward, war mit +dem bürgerlichen Leben der Nation aufs innigste zusammengewachsen; und doch +mußte bei jeder eingehenden und ehrlichen Forschung nicht bloß einzelnes hie +und da modifiziert, sondern das ganze Gebäude so gut umgeworfen werden wie die +fränkische Urgeschichte vom König Pharamund und die britische vom König Arthur. +Ein konservativ gesinnter Forscher, wie zum Beispiel Varro war, konnte an +dieses Werk nicht Hand legen wollen; und hätte ein verwegener Freigeist sich +dazu gefunden, so würde gegen diesen schlimmsten aller Revolutionäre, der der +Verfassungspartei sogar ihre Vergangenheit zu nehmen Anstalt machte, von allen +guten Bürgern das “Kreuzige” erschollen sein. So führte die +philologische und antiquarische Forschung von der Geschichtschreibung mehr ab +als zu ihr hin. Varro und die Einsichtigeren überhaupt gaben die Chronik als +solche offenbar verloren; höchstens daß man, wie Titus Pomponius Atticus tat, +die Beamten- und Geschlechtsverzeichnisse in tabellarischer Anspruchslosigkeit +zusammenstellte - ein Werk übrigens, durch das die synchronistische +griechisch-römische Jahrzählung in der Weise, wie sie den Späteren +konventionell feststand, zum Abschluß geführt worden ist. Die +Stadtchronikenfabrik stellte aber darum ihre Tätigkeit natürlich nicht ein, +sondern fuhr fort zu der großen, von der Langenweile für die Langeweile +geschriebenen Bibliothek ihre Beiträge so gut in Prosa wie in Versen zu +liefern, ohne daß die Buchmacher, zum Teil bereits Freigelassene, um die +eigentliche Forschung irgend sich bekümmert hätten. Was uns von diesen +Schriften genannt wird - erhalten ist keine derselben -, scheint nicht bloß +durchaus untergeordneter Art, sondern großenteils sogar von unlauterer +Fälschung durchdrungen gewesen zu sein. Zwar die Chronik des Quintus Claudius +Quadrigarius (um 676? 78) war in einem altmodischen, aber guten Stil +geschrieben und befliß in der Darstellung der Fabelzeit sich wenigstens einer +löblichen Kürze. Aber wenn Gaius Licinius Macer († als gewesener Prätor 688 +66), des Dichters Calvus Vater und ein eifriger Demokrat, mehr als irgendein +anderer Chronist auf Urkundenforschung und Kritik Anspruch machte, so sind +seine “leinenen Bücher” und anderes ihm Eigentümliche im höchsten +Grade verdächtig und wird wahrscheinlich eine sehr umfassende und zum Teil in +die späteren Annalisten übergegangene Interpolation der gesamten Chronik zu +demokratisch-tendenziösen Zwecken auf ihn zurückgehen. Valerius Antias endlich +übertraf in der Weitläufigkeit wie in der kindischen Fabulierung alle seine +Vorgänger. Die Zahlenlüge war hier systematisch bis auf die gleichzeitige +Geschichte herab durchgeführt und die Urgeschichte Roms aus dem Platten +abermals ins Platte gearbeitet; wie denn zum Beispiel die Erzählung, in welcher +Art der weise Numa nach Anweisung der Nymphe Egeria die Götter Faunus und Picus +mit Weine fing, und die schöne, von selbigem Numa hierauf mit Gott Jupiter +gepflogene Unterhaltung allen Verehrern der sogenannten Sagengeschichte Roms +nicht dringend genug empfohlen werden können, um womöglich auch sie, versteht +sich ihrem Kerne nach, zu glauben. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn die +griechischen Novellenschreiber dieser Zeit solche für sie wie gemachte Stoffe +sich hätten entgehen lassen. In der Tat fehlte es auch nicht an griechischen +Literaten, welche die römische Geschichte zu Romanen verarbeiteten: eine solche +Schrift waren zum Beispiel des schon unter den in Rom lebenden griechischen +Literaten erwähnten Polyhistors Alexandros fünf Bücher ‘Über Rom’, +ein widerwärtiges Gemisch abgestandener historischer Überlieferung und +trivialer, vorwiegend erotischer Erfindung. Er vermutlich hat den Anfang dazu +gemacht, das halbe Jahrtausend, welches mangelte, um Troias Untergang und Roms +Entstehung in den durch die beiderseitigen Fabeln geforderten chronologischen +Zusammenhang zu bringen, auszufüllen mit einer jener tatenlosen Königslisten, +wie sie den ägyptischen und griechischen Chronisten leider geläufig waren; denn +allem Anschein nach ist er es, der die Könige Aventinus und Tiberinus und das +albanische Silviergeschlecht in die Welt gesetzt hat, welche dann im einzelnen +mit Namen, Regierungszeit und mehrerer Anschaulichkeit wegen auch einem +Konterfei auszustatten die Folgezeit nicht versäumte. +</p> + +<p> +So dringt von verschiedenen Seiten her der historische Roman der Griechen in +die römische Historiographie ein; und es ist mehr als wahrscheinlich, daß von +dem, was man heute Tradition der römischen Urzeit zu nennen gewohnt ist, nicht +der kleinste Teil aus Quellen herrührt von dem Schlage der ‘Amadis von +Gallien’ und der Fouquéschen Ritterromane - eine erbauliche Betrachtung +wenigstens für diejenigen, die Sinn haben für den Humor der Geschichte und die +Komik der noch in gewissen Zirkeln des neunzehnten Jahrhunderts für König Numa +gehegten Pietät zu würdigen verstehen. Neu ein in die römische Literatur tritt +in dieser Epoche neben der Landes- die Universal- oder, richtiger gesagt, die +zusammengefaßte römisch-hellenische Geschichte. Cornelius Nepos aus Ticinum +(ca. 650 - ca. 725 100-30) liefert zuerst eine allgemeine Chronik +(herausgegeben vor 700 54) und eine nach gewissen Kategorien geordnete +allgemeine Biographiensammlung politisch oder literarisch ausgezeichneter +römischer und griechischer oder doch in die römische oder griechische +Geschichte eingreifender Männer. Diese Arbeiten schließen an die +Universalgeschichten sich an, wie sie die Griechen schon seit längerer Zeit +schrieben; und ebendiese griechischen Weltchroniken begannen jetzt auch, wie +zum Beispiel die im Jahre 698 (56) abgeschlossene des Kastor, Schwiegersohns +des galatischen Königs Deiotarus, die bisher von ihnen vernachlässigte römische +Geschichte in ihren Kreis zu ziehen. Diese Arbeiten haben allerdings, ebenwie +Polybios, versucht, an die Stelle der lokalen die Geschichte der Mittelmeerwelt +zu setzen; aber was bei Polybios aus großartig klarer Auffassung und tiefem +geschichtlichen Sinn hervorging, ist in diesen Chroniken vielmehr das Produkt +des praktischen Bedürfnisses für den Schul- und den Selbstunterricht. Der +künstlerischen Geschichtschreibung können diese Weltchroniken, Lehrbücher für +den Schulunterricht oder Handbücher zum Nachschlagen, und die ganze damit +zusammenhängende, auch in lateinischer Sprache späterhin sehr weitschichtig +gewordene Literatur kaum zugezählt werden; und namentlich Nepos selbst war ein +reiner, weder durch Geist noch auch nur durch Planmäßigkeit ausgezeichneter +Kompilator. +</p> + +<p> +Merkwürdig und in hohem Grade charakteristisch ist die Historiographie dieser +Zeit allerdings, aber freilich so unerfreulich wie die Zeit selbst. Das +Ineinandergreifen der griechischen und der lateinischen Literatur tritt auf +keinem Gebiet so deutlich hervor wie auf dem der Geschichte; hier setzen die +beiderseitigen Literaturen in Stoff und Form am frühesten sich ins gleiche und +die einheitliche Auffassung der hellenisch-italischen Geschichte, mit der +Polybios seiner Zeit vorangeeilt war, lernte jetzt bereits der griechische wie +der römische Knabe in der Schule. Allein wenn der Mittelmeerstaat einen +Geschichtschreiber gefunden hatte, ehe er seiner selbst sich bewußt worden war, +so stand jetzt, wo dies Bewußtsein sich eingestellt hatte, weder bei den +Griechen noch bei den Römern ein Mann auf, der ihm den rechten Ausdruck zu +leihen vermochte. Eine römische Geschichtschreibung, sagt Cicero, gibt es +nicht; und soweit wir urteilen können, ist dies nicht mehr als die einfache +Wahrheit. Die Forschung wendet von der Geschichtschreibung sich ab, die +Geschichtschreibung von der Forschung; die historische Literatur schwankt +zwischen dem Schulbuch und dem Roman. Alle reinen Kunstgattungen, Epos, Drama, +Lyrik, Historie, sind nichtig in dieser nichtigen Welt; aber in keiner Gattung +spiegelt doch der geistige Verfall der ciceronischen Zeit in so grauenvoller +Klarheit sich wieder wie in ihrer Historiographie. +</p> + +<p> +Die kleine historische Literatur dieser Zeit weist dagegen unter vielen +geringfügigen und verschollenen Produktionen eine Schrift ersten Ranges auf: +die Memoiren Caesars oder vielmehr der militärische Rapport des demokratischen +Generals an das Volk, von dem er seinen Auftrag erhalten hatte. Der vollendete +und allein von dem Verfasser selbst veröffentlichte Abschnitt, der die +keltischen Feldzüge bis zum Jahre 702 (52) schildert, hat offenbar den Zweck, +das formell verfassungswidrige Beginnen Caesars, ohne Auftrag der kompetenten +Behörde ein großes Land zu erobern und zu diesem Ende sein Heer beständig zu +vermehren, so gut wie möglich vor dem Publikum zu rechtfertigen; es ward +geschrieben und bekannt gemacht im Jahre 703 (51), als in Rom der Sturm gegen +Caesar losbrach und er aufgefordert ward, sein Heer zu entlassen und sich zur +Verantwortung zu stellen ^18. Der Verfasser dieser Rechtfertigungsschrift +schreibt, wie er auch selber sagt, durchaus als Offizier und vermeidet es +sorgfältig, die militärische Berichterstattung auf die bedenklichen Gebiete der +politischen Organisation und Administration zu erstrecken. Seine in der Form +eines Militärberichts entworfene Gelegenheits- und Parteischrift ist selber ein +Stück Geschichte wie die Bulletins Napoleons, aber ein Geschichtswerk im +rechten Sinne des Wortes ist sie nicht und soll sie nicht sein; die +Objektivität der Darstellung ist nicht die historische, sondern die des +Beamten. Allein in dieser bescheidenen Gattung ist die Arbeit meisterlich und +vollendet wie keine andere in der gesamten römischen Literatur. Die Darstellung +ist immer knapp und nie karg, immer schlicht und nie nachlässig, immer von +durchsichtiger Lebendigkeit und nie gespannt oder manieriert. Die Sprache ist +vollkommen rein von Archaismen wie von Vulgarismen, der Typus der modernen +Urbanität. Den Büchern vom Bürgerkrieg meint man es anzufühlen, daß der +Verfasser den Krieg hatte vermeiden wollen und nicht vermeiden können, +vielleicht auch, daß in Caesars Seele wie in jeder anderen die Zeit der +Hoffnung eine reinere und frischere war als die der Erfüllung; aber über die +Schrift vom Gallischen Krieg ist eine helle Heiterkeit, eine einfache Anmut +ausgegossen, welche nicht minder einzig in der Literatur dastehen wie Caesar in +der Geschichte. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +^18 Daß die Schrift über den Gallischen Krieg auf einmal publiziert worden ist, +hat man längst vermutet; den bestimmten Beweis dafür liefert die Erwähnung der +Gleichstellung der Boier und der Häduer schon im ersten Buch (c. 28), während +doch die Boier noch im siebenten (c. 10) als zinspflichtige Untertanen der +Häduer vorkommen und offenbar erst wegen ihres Verhaltens und desjenigen der +Häduer in dem Kriege gegen Vercingetorix gleiches Recht mit ihren bisherigen +Herren erhielten. Andererseits wird, wer die Geschichte der Zeit aufmerksam +verfolgt, in der Äußerung über die Milonische Krise (7, 6) den Beweis finden, +daß die Schrift vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges publiziert ward; nicht weil +Pompeius hier gelobt wird, sondern weil Caesar daselbst die Ausnahmegesetze vom +Jahr 702 (52) billigt. Dies konnte und mußte er tun, solange er ein friedliches +Abkommen mit Pompeius herbeizuführen suchte, nicht aber nach dem Bruch, wo er +die aufgrund jener für ihn verletzenden Gesetze erfolgten Verurteilungen +umstieß. Darum ist die Veröffentlichung dieser Schrift mit vollem Recht in das +Jahr 703 (51) gesetzt worden. +</p> + +<p> +Die Tendenz der Schrift erkennt man am deutlichsten in der beständigen, oft, am +entschiedensten wohl bei der aquitanischen Expedition, nicht glücklichen +Motivierung jedes einzelnen Kriegsakts als einer nach Lage der Dinge +unvermeidlichen Defensivmaßregel. Daß die Gegner Caesars Angriffe auf die +Kelten und Deutschen vor allem als unprovoziert tadelten, ist bekannt (Suet. +Caes. 24). +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +Verwandter Art sind die Briefwechsel von Staatsmännern und Literaten dieser +Zeit, die in der folgenden Epoche mit Sorgfalt gesammelt und veröffentlicht +wurden: so die Korrespondenz von Caesar selbst, von Cicero, Calvus und andern. +Den eigentlich literarischen Leistungen können sie noch weniger beigezählt +werden; aber für die geschichtliche wie für jede andere Forschung war diese +Korrespondenzliteratur ein reiches Archiv und das treueste Spiegelbild einer +Epoche, in der so viel würdiger Gehalt vergangener Zeiten und so viel Geist, +Geschicklichkeit und Talent im kleinen Treiben sich verflüchtigte und +verzettelte. +</p> + +<p> +Eine Journalistik in dem heutigen Sinn hat bei den Römern niemals sich +gebildet; die literarische Polemik blieb angewiesen auf die Broschürenliteratur +und daneben allenfalls auf die zu jener Zeit allgemein verbreitete Sitte die +für das Publikum bestimmten Notizen an öffentlichen Orten mit dem Pinsel oder +dem Griffel anzuschreiben. Dagegen wurden untergeordnete Individuen dazu +verwandt, für die abwesenden Vornehmen die Tagesvorfälle und Stadtneuigkeiten +aufzuzeichnen; auch für die sofortige Veröffentlichung eines Auszugs aus den +Senatsverhandlungen traf Caesar schon in seinem ersten Konsulat geeignete +Maßregeln. Aus den Privatjournalen jener römischen Penny-a-liners und diesen +offiziellen laufenden Berichten entstand eine Art von hauptstädtischem +Intelligenzblatt (acta diurna), in dem das Resümee der vor dem Volke und im +Senat verhandelten Geschäfte, ferner Geburten, Todesfälle und dergleichen mehr +verzeichnet wurden. Dasselbe wurde eine nicht unwichtige geschichtliche Quelle, +blieb aber ohne eigentliche politische wie ohne literarische Bedeutung. +</p> + +<p> +Zu der historischen Nebenliteratur gehört von Rechts wegen auch die +Redeschriftstellerei. Die Rede, aufgezeichnet oder nicht, ist ihrer Natur nach +ephemer und gehört der Literatur nicht an; indes kann sie, wie der Bericht und +der Brief, und sie noch leichter als diese, durch die Prägnanz des Moments und +die Macht des Geistes, denen sie entspringt, eintreten unter die bleibenden +Schätze der nationalen Literatur. So spielten denn auch in Rom die +Aufzeichnungen der vor der Bürgerschaft oder den Geschworenen gehaltenen Reden +politischen Inhalts nicht bloß seit langem eine große Rolle in dem öffentlichen +Leben, sondern es wurden auch die Reden namentlich des Gaius Gracchus mit Recht +gezählt zu den klassischen römischen Schriften. In dieser Epoche aber tritt +hier nach allen Seiten hin eine seltsame Verwandlung ein. Die politische +Redeschriftstellerei ist im Sinken wie die Staatsrede selbst. Die politische +Rede fand, in Rom wie überhaupt in den alten Politien, ihren Höhepunkt in den +Verhandlungen vor der Bürgerschaft: hier fesselten den Redner nicht, wie im +Senat, kollegialische Rücksichten und lästige Formen, nicht, wie in den +Gerichtsreden, die der Politik an sich fremden Interessen der Anklage und +Verteidigung; hier allein schwoll ihm das Herz hoch vor der ganzen, an seinen +Lippen hangenden großen und mächtigen römischen Volksgemeinde. Allein damit war +es nun vorbei. Nicht als hätte es an Rednern gemangelt oder an der +Veröffentlichung der vor der Bürgerschaft gehaltenen Reden; vielmehr ward die +politische Schriftstellerei jetzt erst recht weitläufig und es fing an, zu den +stehenden Tafelbeschwerden zu gehören, daß der Wirt die Gäste durch Vorlesung +seiner neuesten Reden inkommodierte. Auch Publius Clodius ließ seine Volksreden +als Broschüren ausgehen, ebenwie Gaius Gracchus; aber es ist nicht dasselbe, +wenn zwei Männer dasselbe tun. Die bedeutenderen Führer selbst der Opposition, +vor allem Caesar selbst, sprachen zu der Bürgerschaft nicht oft und +veröffentlichten nicht mehr die vor ihr gehaltenen Reden; ja sie suchten zum +Teil für ihre politischen Flugschriften sich eine andere Form als die +hergebrachte der Contionen, in welcher Hinsicht namentlich die Lob- und +Tadelschriften auf Cato bemerkenswert sind. Es ist das wohl erklärlich. Gaius +Gracchus hatte zur Bürgerschaft gesprochen; jetzt sprach man zu dem Pöbel; und +wie das Publikum, so die Rede. Kein Wunder, wenn der reputierliche politische +Schriftsteller auch die Einkleidung vermied, als habe er seine Worte an die auf +dem Markte der Hauptstadt versammelten Haufen gerichtet. Wenn also die +Redeschriftstellerei in ihrer bisherigen literarischen und politischen Geltung +in derselben Weise verfällt, wie alle naturgemäß aus dem nationalen Leben +entwickelten Zweige der Literatur, so beginnt zugleich eine seltsame +nichtpolitische Plädoyerliteratur. Bisher hatte man nichts davon gewußt, daß +der Advokatenvortrag als solcher, außer für die Richter und die Parteien, auch +noch für Mit- und Nachwelt zur literarischen Erbauung bestimmt sei; kein +Sachwalter hatte seine Plädoyers aufgezeichnet und veröffentlicht, wofern +dieselben nicht etwa zugleich politische Reden waren und insofern sich dazu +eigneten, als Parteischriften verbreitet zu werden, und auch dies war nicht +gerade häufig geschehen. Noch Quintus Hortensius (640-704 114-50), in den +ersten Jahren dieser Periode der gefeiertste römische Advokat, veröffentlichte +nur wenige und wie es scheint nur die ganz oder halb politischen Reden. Erst +sein Nachfolger in dem Prinzipat der römischen Sachwalter, Marcus Tullius +Cicero (648-711 106-43), war von Haus aus ebensosehr Schriftsteller wie +Gerichtsredner; er publizierte seine Plädoyers regelmäßig und auch dann, wenn +sie nicht oder nur entfernt mit der Politik zusammenhingen. Dies ist nicht +Fortschritt, sondern Unnatur und Verfall. Auch in Athen ist das Auftreten der +nichtpolitischen Advokatenreden unter den Gattungen der Literatur ein Zeichen +der Krankheit; und zwiefach ist es dies in Rom, das diese Mißbildung nicht wie +Athen aus dem überspannten rhetorischen Treiben mit einer gewissen +Notwendigkeit erzeugt, sondern willkürlich und im Widerspruch mit den besseren +Traditionen der Nation dem Ausland abgeborgt hat. Dennoch kam diese neue +Gattung rasch in Aufnahme, teils weil sie mit der älteren politischen +Redeschriftstellerei vielfach sich berührte und zusammenfloß, teils weil das +unpoetische, rechthaberische, rhetorisierende Naturell der Römer für den neuen +Samen einen günstigen Boden darbot, wie ja denn noch heute die Advokatenrede +und selbst eine Art von Prozeßliteratur in Italien etwas bedeutet. Also erwarb +die von der Politik emanzipierte Redeschriftstellerei das Bürgerrecht in der +römischen Literatenwelt durch Cicero. Wir haben dieses vielseitigen Mannes +schon mehrfach gedenken müssen. Als Staatsmann ohne Einsicht, Ansicht und +Absicht, hat er nacheinander als Demokrat, als Aristokrat und als Werkzeug der +Monarchen figuriert und ist nie mehr gewesen als ein kurzsichtiger Egoist. Wo +er zu handeln schien, waren die Fragen, auf die es ankam, regelmäßig eben +abgetan: so trat er im Prozeß des Verres gegen die Senatsgerichte auf, als sie +bereits beseitigt waren; so schwieg er bei der Verhandlung über das Gabinische +und verfocht das Manilische Gesetz; so polterte er gegen Catilina, als dessen +Abgang bereits feststand, und so weiter. Gegen Scheinangriffe war er gewaltig +und Mauern von Pappe hat er viele mit Geprassel eingerannt; eine ernstliche +Sache ist nie, weder im guten noch im bösen, durch ihn entschieden worden und +vor allem die Hinrichtung der Catilinarier hat er weit mehr geschehen lassen +als selber bewirkt. In literarischer Hinsicht ist es bereits hervorgehoben +worden, daß er der Schöpfer der modernen lateinischen Prosa war; auf seiner +Stilistik ruht seine Bedeutung, und allein als Stilist auch zeigt er ein +sicheres Selbstgefühl. Als Schriftsteller dagegen steht er vollkommen ebenso +tief wie als Staatsmann. Er hat in den mannigfaltigsten Aufgaben sich versucht, +in unendlichen Hexametern Marius’ Groß- und seine eigenen Kleintaten +besungen, mit seinen Reden den Demosthenes, mit seinen philosophischen +Gesprächen den Platon aus dem Felde geschlagen und nur die Zeit hat ihm +gefehlt, um auch den Thukydides zu überwinden. Er war in der Tat so durchaus +Pfuscher, daß es ziemlich einerlei war, welchen Acker er pflügte. Eine +Journalistennatur im schlechtesten Sinne des Wortes, an Worten, wie er selber +sagt, überreich, an Gedanken über alle Begriffe arm, gab es kein Fach, worin er +nicht mit Hilfe weniger Bücher rasch einen lesbaren Aufsatz übersetzend oder +kompilierend hergestellt hätte. Am treuesten gibt seine Korrespondenz sein Bild +wieder. Man pflegt sie interessant und geistreich zu nennen: sie ist es auch, +solange sie das hauptstädtische oder Villenleben der vornehmen Welt +widerspiegelt; aber wo der Schreiber auf sich selbst angewiesen ist, wie im +Exil, in Kilikien und nach der Pharsalischen Schlacht, ist sie matt und leer, +wie nur je die Seele eines aus seinen Kreisen verschlagenen Feuilletonisten. +Daß ein solcher Staatsmann und ein solcher Literat auch als Mensch nicht anders +sein konnte als von schwach überfirnißter Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit, +ist kaum noch nötig zu sagen. Sollen wir den Redner noch schildern? Der große +Schriftsteller ist doch auch ein großer Mensch; und vor allem dem großen Redner +strömt die Überzeugung und die Leidenschaft klarer und brausender aus den +Tiefen der Brust hervor als den dürftigen vielen, die nur zählen und nicht +sind. Cicero hatte keine Überzeugung und keine Leidenschaft; er war nichts als +Advokat und kein guter Advokat. Er verstand es, seine Sacherzählung +anekdotenhaft pikant vorzutragen, wenn nicht das Gefühl, doch die +Sentimentalität seiner Zuhörer zu erregen und durch Witze oder Witzeleien meist +persönlicher Art das trockene Geschäft der Rechtspflege zu erheitern; seine +besseren Reden, wenngleich auch sie die freie Anmut und den sicheren Treff der +vorzüglichsten Kompositionen dieser Art, zum Beispiel der Memoiren von +Beaumarchais, bei weitem nicht erreichen, sind doch eine leichte und angenehme +Lektüre. Werden aber schon die eben bezeichneten Vorzüge dem ernsten Richter +als Vorzüge sehr zweifelhaften Wertes erscheinen, so muß der absolute Mangel +politischen Sinnes in den staatsrechtlichen, juristischer Deduktion in den +Gerichtsreden, der pflichtvergessene, die Sache stets über dem Anwalt aus den +Augen verlierende Egoismus, die gräßliche Gedankenöde jeden Leser der +Ciceronischen Reden von Herz und Verstand empören. Wenn hier etwas wunderbar +ist, so sind es wahrlich nicht die Reden, sondern die Bewunderung, die +dieselben fanden. Mit Cicero wird jeder Unbefangene bald im reinen sein; der +Ciceronianismus ist ein Problem, das in der Tat nicht eigentlich aufgelöst, +sondern nur aufgehoben werden kann in dem größeren Geheimnis der Menschennatur: +der Sprache und der Wirkung der Sprache auf das Gemüt. Indem die edle +lateinische Sprache, eben bevor sie als Volksidiom unterging, von jenem +gewandten Stilisten noch einmal gleichsam zusammengefaßt und in seinen +weitläufigen Schriften niedergelegt ward, ging auf das unwürdige Gefäß etwas +über von der Gewalt, die die Sprache ausübt, und von der Pietät, die sie +erweckt. Man besaß einen großen lateinischen Prosaiker; denn Caesar war, wie +Napoleon, nur beiläufig Schriftsteller. War es zu verwundern, daß man in +Ermangelung eines solchen wenigstens den Genius der Sprache ehrte in dem großen +Stilisten? und daß, wie Cicero selbst, so auch Ciceros Leser sich gewöhnten zu +fragen, nicht was, sondern wie er geschrieben? Gewohnheit und Schulmeisterei +vollendeten dann, was die Macht der Sprache begonnen hatte. Ciceros +Zeitgenossen übrigens waren begreiflicherweise in dieser seltsamen Abgötterei +weit weniger befangen als viele der Späteren. Die Ciceronische Manier +beherrschte wohl ein Menschenalter hindurch die römische Advokatenwelt, so gut +wie die noch weit schlechtere des Hortensius es getan; allein die bedeutendsten +Männer, zum Beispiel Caesar, hielten doch stets derselben sich fern, und unter +der jüngeren Generation regte bei allen frischen und lebendigen Talenten sich +die entschiedenste Opposition gegen jene zwitterhafte und schwächliche +Redekunst. Man vermißte in Ciceros Sprache Knappheit und Strenge, in den Späßen +das Leben, in der Anordnung Klarheit und Gliederung, vor allen Dingen aber in +der ganzen Beredsamkeit das Feuer, das den Redner macht. Statt der rhodischen +Eklektiker fing man an, auf die echten Attiker, namentlich auf Lysias und +Demosthenes zurückzugehen und suchte eine kräftigere und männlichere +Beredsamkeit in Rom einzubürgern. Dieser Richtung gehörten an der feierliche, +aber steife Marcus Iunius Brutus (669-712 85-42), die beiden politischen +Parteigänger Marcus Caelius Rufus (672-706 82-48) und Gaius Scribonius Curio († +705 49), beide als Redner voll Geist und Leben, der auch als Dichter bekannte +Calvus (672-706 82-48), die literarische Koryphäe dieses jüngeren +Rednerkreises, und der ernste und gewissenhafte Gaius Asinius Pollio (678-757 +76-4 n. Chr.). Unleugbar war in dieser jüngeren Redeliteratur mehr Geschmack +und mehr Geist als in der Hortensischen und Ciceronischen zusammengenommen; +indes vermögen wir nicht zu ermessen, wie weit unter den Stürmen der +Revolution, die diesen ganzen reichbegabten Kreis mit einziger Ausnahme des +Pollio rasch wegrafften, die besseren Keime noch zur Entwicklung gelangten. Die +Zeit war ihnen allzu kurz gemessen. Die neue Monarchie begann damit, der +Redefreiheit den Krieg zu machen und unterdrückte die politische Rede bald +ganz. Seitdem ward wohl noch die untergeordnete Gattung des reinen +Advokatenplädoyers in der Literatur festgehalten; aber die höhere Redekunst und +Redeliteratur, die durchaus ruht auf dem politischen Treiben, ging mit diesem +selbst notwendig und für immer zu Grabe. +</p> + +<p> +Endlich entwickelt sich in der ästhetischen Literatur dieser Zeit die +künstlerische Behandlung fachwissenschaftlicher Stoffe in der Form des +stilisierten Dialogs, wie sie bei den Griechen sehr verbreitet und vereinzelt +auch bereits früher bei den Römern vorgekommen war. Namentlich Cicero versuchte +sich vielfach in der Darstellung rhetorischer und philosophischer Stoffe in +dieser Form und in der Verschmelzung des Lehrbuchs mit dem Lesebuche. Seine +Hauptschriften sind die ‘Vom Redner’ (geschrieben 699 55), wozu die +Geschichte der römischen Beredsamkeit (der Dialog ‘Brutus’, +geschrieben 708 46) und andere kleinere rhetorische Aufsätze ergänzend +hinzutreten, und die Schrift ‘Vom Staat’ (geschrieben 700 54), +womit die Schrift ‘Von den Gesetzen’ (geschrieben 702? 52) nach +Platonischem Muster in Verbindung gesetzt ist. Es sind keine große Kunstwerke, +aber unzweifelhaft diejenigen Arbeiten, in denen die Vorzüge des Verfassers am +meisten und seine Mängel am wenigsten hervortreten. Die rhetorischen Schriften +erreichen bei weitem nicht die lehrhafte Strenge und begriffliche Schärfe der +dem Herennius gewidmeten Rhetorik, aber enthalten dafür einen Schatz von +praktischer Sachwaltererfahrung und Sachwalteranekdoten aller Art in leichter +und geschmackvoller Darstellung und lösen in der Tat das Problem einer +amüsanten Lehrschrift. Die Schrift vom Staat führt in einem wunderlichen, +geschichtlich-philosophischen Zwittergebilde den Grundgedanken durch, daß die +bestehende Verfassung Roms wesentlich die von den Philosophen gesuchte ideale +Staatsordnung sei; eine freilich eben so unphilosophische wie unhistorische, +übrigens auch nicht einmal dem Verfasser eigentümliche Idee, die aber +begreiflicherweise populär ward und blieb. Das wissenschaftliche Grundwerk +dieser rhetorischen und politischen Schriften Ciceros gehört natürlich durchaus +den Griechen und auch vieles einzelne, zum Beispiel der große Schlußeffekt in +der Schrift vom Staate, der Traum des Scipio, ist geradezu ihnen abgeborgt; +doch kommt denselben insofern eine relative Originalität zu, als die +Bearbeitung durchaus römische Lokalfarbe zeigt und das staatliche Selbstgefühl, +zu dem der Römer den Griechen gegenüber allerdings berechtigt war, den +Verfasser sogar mit einer gewissen Selbständigkeit seinen griechischen +Lehrmeistern entgegentreten ließ. Auch die Gesprächsform Ciceros ist zwar weder +die echte Fragedialektik der besten griechischen Kunstdialoge noch der echte +Konversationston Diderots oder Lessings; aber die großen Gruppen der um Crassus +und Antonius sich versammelnden Advokaten und der älteren und jüngeren +Staatsmänner des Scipionischen Zirkels geben doch einen lebendigen und +bedeutenden Rahmen, passende Anknüpfungen für geschichtliche Beziehungen und +Anekdoten und geschickte Ruhepunkte für die wissenschaftliche Erörterung. Der +Stil ist ebenso durchgearbeitet und gefeilt wie in den bestgeschriebenen Reden +und insofern erfreulicher als diese, als der Verfasser hier nicht oft einen +vergeblichen Anlauf zum Pathos nimmt. Wenn diese philosophisch gefärbten +rhetorischen und politischen Schriften Ciceros nicht ohne Verdienst sind, so +fiel dagegen der Kompilator vollständig durch, als er in der unfreiwilligen +Muße seiner letzten Lebensjahre (709, 710 45, 44) sich an die eigentliche +Philosophie machte und mit ebenso großer Verdrießlichkeit wie Eilfertigkeit in +ein paar Monaten eine philosophische Bibliothek zusammenschrieb. Das Rezept war +sehr einfach. In roher Nachahmung der populären aristotelischen Schriften, in +welchen die dialogische Form hauptsächlich zur Entwicklung und Kritisierung der +verschiedenen älteren Systeme benutzt war, nähte Cicero die das gleiche Problem +behandelnden epikureischen, stoischen und synkretistischen Schriften, wie sie +ihm in die Hand kamen oder gegeben wurden, zu einem sogenannten Dialog +aneinander, ohne von sich mehr dazu zu tun als teils irgendeine, aus der +reichen Sammlung von Vorreden für künftige Werke, die er liegen hatte, dem +neuen Buche vorgeschobene Einleitung, teils eine gewisse Popularisierung, indem +er römische Beispiele und Beziehungen einflocht, auch wohl auf ungehörige, aber +dem Schreiber wie dem Leser geläufigere Gegenstände, in der Ethik zum Beispiel +auf den rednerischen Anstand, abschweifte, teils diejenige Verhunzung, ohne +welche ein weder zum philosophischen Denken noch auch nur zum philosophischen +Wissen gelangter, schnell und dreist arbeitender Literat dialektische +Gedankenreihen nicht reproduziert. Auf diesem Wege konnten denn freilich sehr +schnell eine Menge dicker Bücher entstehen - “es sind Abschriften”, +schrieb der Verfasser selbst einem über seine Fruchtbarkeit verwunderten +Freunde; “sie machen mir wenig Mühe, denn ich gebe nur die Worte dazu und +die habe ich in Überfluß”. Dagegen war denn weiter nichts zu sagen; wer +aber in solchen Schreibereien klassische Produktionen sucht, dem kann man nur +raten sich in literarischen Dingen eines schönen Stillschweigens zu +befleißigen. +</p> + +<p> +Unter den Wissenschaften herrschte reges Leben nur in einer einzigen: es war +dies die lateinische Philologie. Das von Stilo angelegte Gebäude sprachlicher +und sachlicher Forschung innerhalb des latinischen Volksbereichs wurde vor +allem von seinem Schüler Varro in der großartigsten Weise ausgebaut. Es +erschienen umfassende Durcharbeitungen des gesamten Sprachschatzes, namentlich +Figulus’ weitschichtige grammatische Kommentarien und Varros großes Werk +‘Von der lateinischen Sprache’; grammatische und +sprachgeschichtliche Monographien, wie Varros Schriften vom lateinischen +Sprachgebrauch, über die Synonymen, über das Alter der Buchstaben, über die +Entstehung der lateinischen Sprache; Scholien zu der älteren Literatur, +besonders zum Plautus; literargeschichtliche Arbeiten, Dichterbiographien, +Untersuchungen über die ältere Schaubühne, über die szenische Teilung der +Plautinischen Komödien und über die Echtheit derselben. Die lateinische +Realphilologie, welche die gesamte ältere Geschichte und das aus der +praktischen Jurisprudenz ausfallende Sakralrecht in ihren Kreis zog, wurde +zusammengefaßt in Varros fundamentalen und für alle Zeiten fundamental +gebliebenen ‘Altertümern der menschlichen und der göttlichen Dinge’ +(bekanntgemacht zwischen 687 und 709 67 und 45). Die erste Hälfte ‘Von +den menschlichen Dingen’ schilderte die Urzeit Roms, die Stadt- und +Landeinteilung, die Wissenschaft von den Jahren, Monaten und Tagen, endlich die +öffentlichen Handlungen daheim und im Kriege; in der zweiten Hälfte ‘Von +den göttlichen Dingen’ wurde die Staatstheologie, das Wesen und die +Bedeutung der Sachverständigenkollegien, der heiligen Stätten, der religiösen +Feste, der Opfer- und Weihgeschenke, endlich der Götter selbst übersichtlich +entwickelt. Dazu kam außer einer Anzahl von Monographien - zum Beispiel über +die Herkunft des römischen Volkes, über die aus Troia stammenden römischen +Geschlechter, über die Distrikte - als ein größerer und selbständigerer +Nachtrag die Schrift ‘Vom Leben des römischen Volkes’; ein +merkwürdiger Versuch einer römischen Sittengeschichte, die ein Bild des +häuslichen finanziellen und Kulturzustandes in der Königs-, der ersten +republikanischen, der hannibalischen und der jüngsten Zeit entwarf. Diese +Arbeiten Varros ruhen auf einer so vielseitigen und in ihrer Art so großartigen +empirischen Kenntnis der römischen Welt und ihres hellenischen Grenzgebiets, +wie sie nie weder vor- noch nachher ein anderer Römer besessen hat und zu der +die lebendige Anschauung der Dinge und das Studium der Literatur gleichmäßig +beigetragen haben; das Lob der Zeitgenossen war wohlverdient, daß Varro seine +in ihrer eigenen Welt fremden Landsleute in der Heimat orientiert und die Römer +kennen gelehrt habe, wer und wo sie seien. Kritik aber und System wird man +vergebens suchen. Die griechische Kunde scheint aus ziemlich trüben Quellen +geflossen und es finden sich Spuren, daß auch in der römischen der Schreiber +von dem Einfluß des historischen Romans seiner Zeit nicht frei war. Der Stoff +ist wohl in ein bequemes und symmetrisches Fachwerk eingereiht, aber methodisch +weder gegliedert noch behandelt und bei allem Bestreben, Überlieferung und +eigene Beobachtung harmonisch zu verarbeiten, sind doch Varros +wissenschaftliche Arbeiten weder von einem gewissen Köhlerglauben gegenüber der +Tradition noch von unpraktischer Scholastik freizusprechen ^19. Die Anlehnung +an die griechische Philologie besteht mehr im Nachahmen der Mängel als der +Vorzüge derselben, wie denn vor allem das Etymologisieren auf bloßen Anklang +hin sowohl bei Varro selbst wie bei den sonstigen Sprachgelehrten dieser Zeit +sich in die reine Scharade und oft geradezu ins Alberne verläuft ^20. In ihrer +empirischen Sicherheit und Fülle wie auch in ihrer empirischen Unzulänglichkeit +und Unmethode erinnert die Varronische lebhaft an die englische +Nationalphilologie und findet auch ebenwie diese ihren Mittelpunkt in dem +Studium der älteren Schaubühne. Daß die monarchische Literatur im Gegensatz +gegen diese sprachliche Empirie die Sprachregel entwickelte, ward bereits +bemerkt. Es ist in hohem Grade bedeutsam, daß an der Spitze der modernen +Grammatiker kein geringerer Mann steht als Caesar selbst, der in seiner Schrift +über die Analogie (bekanntgemacht zwischen 696 und 704 68 und 50) es zuerst +unternahm die freie Sprache unter die Gewalt des Gesetzes zu zwingen. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +^19 Ein merkwürdiges Exempel ist in der Schrift von der Landwirtschaft die +allgemeine Auseinandersetzung über das Vieh (2, 1), mit den neunmal neun +Unterabteilungen der Viehzuchtlehre, mit der “unglaublichen” aber +“wahren” Tatsache, daß die Stuten bei Olisipo (Lissabon) vom Winde +befruchtet werden, überhaupt mit ihrem sonderbaren Gemenge philosophischer, +historischer und landwirtschaftlicher Notizen. +</p> + +<p> +^20 So leitet Varro facere her von facies, weil wer etwas macht, der Sache ein +Ansehn gibt, volpes, den Fuchs, nach Stilo von volare pedibus als den +Fliegefuß; Gaius Trebatius, ein philosophischer Jurist dieser Zeit, sacellum +von sacra cella; Figulus frater von fere alter und so weiter. Dies Treiben, das +nicht etwa vereinzelt, sondern als Hauptelement der philologischen Literatur +dieser Zeit erscheint hat die größte Ähnlichkeit mit der Weise, wie man bis vor +kurzem Sprachvergleichung trieb, ehe die Einsicht in den Sprachenorganismus +hier den Empirikern das Handwerk legte. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Neben dieser ungemeinen Regsamkeit auf dem Gebiet der Philologie fällt die +geringe Tätigkeit in den übrigen Wissenschaften auf. Was von Belang in der +Philosophie erschien, wie Lucretius’ Darstellung des epikureischen +Systems in dem poetischen Kinderkleide der vorsokratischen Philosophie und die +besseren Schriften Ciceros, tat seine Wirkung und fand sein Publikum nicht +durch, sondern trotz des philosophischen Inhalts einzig durch die ästhetische +Form; die zahlreichen Übersetzungen epikureischer Schriften und die +pythagoreischen Arbeiten, wie Varros großes Werk über die Elemente der Zahlen +und das noch ausführlichere des Figulus von den Göttern, hatten ohne Zweifel +weder wissenschaftlichen noch formellen Wert. +</p> + +<p> +Auch in den Fachwissenschaften ist es schwach bestellt. Varros dialogisch +geschriebene Bücher vom Landbau sind freilich methodischer als die seiner +Vorgänger Cato und Saserna, auf die denn auch mancher tadelnde Seitenblick +fällt, dafür aber im ganzen mehr aus der Schreibstube hervorgegangen als, wie +jene älteren Werke, aus der lebendigen Erfahrung. Von desselben sowie des +Servius Sulpicius Rufus (Konsul 703 51) juristischen Arbeiten ist kaum etwas +weiter zu sagen, als daß sie zu dem dialektischen und philologischen Aufputz +der römischen Jurisprudenz beigetragen haben. Weiter aber ist hier nichts zu +nennen als etwa noch des Gaius Matius drei Bücher über Kochen, Einsalzen und +Einmachen, unseres Wissens das älteste römische Kochbuch und als das Werk eines +vornehmen Mannes allerdings eine bemerkenswerte Erscheinung. Daß Mathematik und +Physik durch die gesteigerten hellenistischen und utilitarischen Tendenzen der +Monarchie gefördert wurden, zeigt sich wohl in der steigenden Bedeutung +derselben im Jugendunterricht und in einzelnen praktischen Anwendungen, wohin, +außer der Reform des Kalenders, etwa noch gezählt werden können das Aufkommen +der Wandkarten in dieser Zeit; die verbesserte Technik des Schiffsbaus und der +musikalischen Instrumente; Anlagen und Bauten wie das von Varro angegebene +Vogelhaus, die von Caesars Ingenieuren ausgeführte Pfahlbrücke über den Rhein, +sogar zwei halbkreisförmige, zum Zusammenschieben eingerichtete, zuerst +gesondert als zwei Theater, dann zusammen als Amphitheater benutzte +Brettergerüste. Ausländische Naturmerkwürdigkeiten bei den Volksfesten +öffentlich zur Schau zu stellen war nicht ungewöhnlich; und die Schilderungen +merkwürdiger Tiere, die Caesar in seine Feldzugsberichte eingelegt hat, +beweisen, daß ein Aristoteles, wenn er aufgetreten wäre, seinen Fürsten +wiederum gefunden haben würde. Was aber von literarischen Leistungen auf diesem +Gebiet erwähnt wird, hängt wesentlich an den Neupythagoreismus sich an; so des +Figulus Zusammenstellung griechischer und barbarischer, d. h. ägyptischer +Himmelsbeobachtungen und desselben Schriften von den Tieren, den Winden, den +Geschlechtsteilen. Nachdem überhaupt die griechische Naturforschung von dem +Aristotelischen Streben, im einzelnen das Gesetz zu finden, mehr und mehr zu +der empirischen und meistens unkritischen Beobachtung des Äußerlichen und +Auffallenden in der Natur abgeirrt war, konnte die Naturwissenschaft, indem sie +als mystische Naturphilosophie auftrat, statt aufzuklären und anzuregen, nur +noch mehr verdummen und lähmen; und solchem Treiben gegenüber ließ man es +besser noch bei der Plattheit bewenden, welche Cicero als sokratische Weisheit +vorträgt, daß die Naturforschung entweder nach Dingen sucht, die niemand wissen +könne, oder nach solchen, die niemand zu wissen brauche. +</p> + +<p> +Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die Kunst, so zeigen auch hier sich +dieselben unerfreulichen Erscheinungen, die das ganze geistige Leben dieser +Periode erfüllen. Das Staatsbauwesen stockte in der Geldklemme der letzten Zeit +der Republik so gut wie ganz. Von dem Bauluxus der Vornehmen Roms war bereits +die Rede; die Architekten lernten infolgedessen den Marmor verschwenden - die +farbigen Sorten wie der gelbe numidische (Giallo antico) und andere kamen in +dieser Zeit in Aufnahme und auch die lunensischen (carrarischen) Marmorbrüche +wurden jetzt zuerst benutzt - und fingen an, die Fußböden der Zimmer mit Mosaik +auszulegen, die Wände mit Marmorplatten zu täfeln oder auch den Stuck +marmorartig zu bemalen - die ersten Anfänge der späteren Zimmerwandmalerei. Die +Kunst aber gewann nicht bei dieser verschwenderischen Pracht. +</p> + +<p> +In den bildenden Künsten waren Kennerschaft und Sammelei in weiterem Zunehmen. +Es war eine bloße Affektation catonischer Simplizität, wenn ein Advokat vor den +Geschworenen von den Kunstwerken “eines gewissen Praxiteles” +sprach; alles reiste und schaute und das Handwerk der Kunstciceronen oder, wie +sie damals hießen, der Exegeten, war keines von den schlechtesten. Auf alte +Kunstwerke wurde förmlich Jagd gemacht - weniger freilich noch auf Statuen und +Gemälde, als nach der rohen Art römischer Prachtwirtschaft auf kunstvolles +Gerät und Zimmer- und Tafeldekoration aller Art. Schon zu jener Zeit wühlte man +die alten griechischen Gräber von Capua und Korinth um wegen der Erz- und +Tongefäße, die den Toten waren mit ins Grab gegeben worden. Für eine kleine +Nippfigur von Bronze wurden 40000 (3000 Taler), für ein paar kostbare Teppiche +200000 Sesterzen (15000 Taler) bezahlt; eine gutgearbeitete kupferne +Kochmaschine kam höher zu stehen als ein Landgut. Wie billig ward bei dieser +barbarischen Kunstjagd der reiche Liebhaber von seinen Zuträgern häufig +geprellt: aber der ökonomische Ruin namentlich des an Kunstwerken überreichen +Kleinasiens brachte auch manches wirklich alte und seltene Prachtstück und +Kunststück auf den Markt und von Athen, Syrakus, Kyzikos, Pergamon, Chios, +Samos und wie die alten Kunststätten weiter hießen, wanderte alles, was feil +war und gar manches, was es nicht war, in die Paläste und Villen der römischen +Großen. Welche Kunstschätze zum Beispiel das Haus des Lucullus barg, der +freilich wohl nicht mit Unrecht beschuldigt wurde, sein artistisches Interesse +auf Kosten seiner Feldherrnpflichten befriedigt zu haben, ward bereits erwähnt. +Die Kunstliebhaber drängten sich daselbst wie heutzutage in Villa Borghese und +beklagten auch damals schon sich über die Verbannung der Kunstschätze auf die +Paläste und Landhäuser der vornehmen Herren, wo sie schwierig und nur nach +besonders von dem Besitzer eingeholter Erlaubnis gesehen werden konnten. Die +öffentlichen Gebäude dagegen füllten sich keineswegs im Verhältnis mit +berühmten Werken griechischer Meister, und vielfach standen noch in den Tempeln +der Hauptstadt nichts als die alten holzgeschnitzten Götterbilder. Von Ausübung +der Kunst ist so gut wie gar nichts zu berichten; kaum wird aus dieser Zeit ein +anderer römischer Bildhauer oder Maler mit Namen genannt als ein gewisser +Arellius, dessen Bilder reißend abgingen, nicht ihres künstlerischen Wertes +wegen, sondern weil der arge Roué in den Bildern der Göttinnen getreue +Konterfeie seiner jedesmaligen Mätressen lieferte. +</p> + +<p> +Die Bedeutung von Musik und Tanz stieg im öffentlichen wie im häuslichen Leben. +Wie die Theatermusik und das Tanzstück in der Bühnenentwicklung dieser Zeit zu +selbständigerer Geltung gelangte, wurde bereits dargestellt; es kann noch +hinzugefügt werden, daß jetzt in Rom selbst auf der öffentlichen Bühne schon +sehr häufig von griechischen Musikern, Tänzern und Deklamatoren Vorstellungen +gegeben wurden, wie sie in Kleinasien und überhaupt in der ganzen hellenischen +und hellenisierenden Welt üblich waren ^21. Dazu kamen denn die Musikanten und +Tänzerinnen, die bei Tafel und sonst auf Bestellung ihre Künste produzierten, +und die in vornehmen Häusern nicht mehr seltenen eigenen Kapellen von Saiten- +und Blasinstrumenten und Sängern. Daß aber auch die vornehme Welt selbst +fleißig spielte und sang, beweist schon die Aufnahme der Musik in den Kreis der +allgemein anerkannten Unterrichtsgegenstände; und was das Tanzen anlangt, so +wurde, um von den Frauen zu schweigen, selbst Konsularen es vorgehalten, daß +sie im kleinen Zirkel sich mit Tanzvorstellungen produzierten. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +^21 Dergleichen “griechische Spiele” waren nicht bloß in den +griechischen Städten Italiens, namentlich in Neapel (Cic. Arch. 5, 10; Plut. +Brut. 21), sondern jetzt schon auch in Rom sehr häufig (Cic. ad. fam. 7, 1, 3; +Att. 16, 5, 1; Suet. Caes. 39; Plut. Brut. 21). Wenn die bekannte Grabschrift +der vierzehnjährigen Licinia Eucharis, die wahrscheinlich dem Ende dieser +Epoche angehört, dieses “wohlunterrichtete und in allen Künsten von den +Musen selbst unterwiesene Mädchen”, in den Privatvorstellungen der +vornehmen Häuser als Tänzerin glänzen und öffentlich zuerst auf der +griechischen Schaubühne auftreten läßt (modo nobilium ludos decoravi choro, Et +Graeca in scaena prima populo apparui), so kann dies wohl nur heißen, daß sie +das erste Mädchen war, das auf der öffentlichen griechischen Schaubühne in Rom +erschien, wie denn überhaupt erst in dieser Epoche die Frauenzimmer in Rom +anfingen, öffentlich aufzutreten. +</p> + +<p> +Diese “griechischen Spielen in Rom scheinen nicht eigentlich szenische +gewesen zu sein, sondern vielmehr zu der Gattung der zusammengesetzten, +zunächst musikalisch-deklamatorischen Aufführungen gehört zu haben, wie sie +auch in Griechenland in späterer Zeit nicht selten vorkamen (F. G. Welcker, Die +griechischen Tragödien. Bonn 1839-41, S. 1277). Dahin führt das Hervortreten +des Flötenspiels bei Polybios (30, 13) des Tanzes in dem Berichte Suetons über +die bei Caesars Spielen aufgeführten kleinasiatischen Waffentänze und in der +Grabschrift der Eucharis; auch die Beschreibung des Kitharöden Her. Rhet. 4, +47, 60 (vgl. Vitr. 5, 7) wird solchen “griechischen Spielen” +entnommen sein. Bezeichnend ist noch die Verbindung dieser Vorstellungen in Rom +mit griechischen Athletenkämpfen (Polyb. a. a. O.; Liv. 39, 22). Dramatische +Rezitationen waren von diesen Mischspielen keineswegs ausgeschlossen, wie denn +unter den Spielern, die Lucius Anicius 587 (167) in Rom auftreten ließ, +ausdrücklich Tragödien miterwähnt werden; aber es wurden doch dabei nicht +eigentlich Schauspiele aufgeführt, sondern vielmehr von einzelnen Künstlern +entweder ganze Dramen oder wohl noch häufiger Stücke daraus deklamierend oder +singend zur Flöte vorgetragen. Das wird denn auch in Rom vorgekommen sein; aber +allem Anschein nach war für das römische Publikum die Hauptsache bei diesen +griechischen Spielen Musik und Tanz, und die Texte mögen für sie wenig mehr +bedeutet haben als heutzutage die der italienischen Oper für die Londoner und +Pariser. Jene zusammengesetzten Spiele mit ihrem wüsten Potpourri eigneten sich +auch weit besser für das römische Publikum und namentlich für die Aufführungen +in Privathäusern als eigentlich szenische Aufführungen in griechischer Sprache; +daß auch die letzteren in Rom vorgekommen sind, läßt sich nicht widerlegen, +aber auch nicht beweisen. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +Indes gegen das Ende dieser Periode zeigen mit der beginnenden Monarchie sich +auch in der Kunst die Anfänge einer besseren Zeit. Welchen gewaltigen +Aufschwung das hauptstädtische Bauwesen durch Caesar nahm und das +Reichsbauwesen nehmen sollte, ist früher erzählt worden. Sogar im +Stempelschnitt der Münzen erscheint um das Jahr 700 (54) eine bemerkenswerte +Änderung: das bis dahin größtenteils rohe und nachlässige Gepräge wird seitdem +feiner und sorgsamer behandelt. +</p> + +<p> +Wir stehen am Ende der römischen Republik. Wir sahen sie ein halbes Jahrtausend +in Italien und in den Landschaften am Mittelmeer schalten; wir sahen sie nicht +durch äußere Gewalt, sondern durch inneren Verfall politisch und sittlich, +religiös und literarisch zugrunde gehen und der neuen Monarchie Caesars Platz +machen. Es war in der Welt, wie Caesar sie vorfand, viel edle Erbschaft +vergangener Jahrhunderte und eine unendliche Fülle von Pracht und Herrlichkeit, +aber wenig Geist, noch weniger Geschmack und am wenigsten Freude im und am +Leben. Wohl war es eine alte Welt; und auch Caesars genialer Patriotismus +vermochte nicht, sie wieder jung zu machen. Die Morgenröte kehrt nicht wieder, +bevor die Nacht völlig hereingebrochen ist. Aber doch kam mit ihm den +vielgeplagten Völkern am Mittelmeer nach schwülem Mittag ein leidlicher Abend; +und als sodann nach langer geschichtlicher Nacht der neue Völkertag abermals +anbrach und frische Nationen in freier Selbstbewegung nach neuen und höheren +Zielen den Lauf begannen, da fanden sich manche darunter, in denen der von +Caesar ausgestreute Same aufgegangen war und die ihm ihre nationale +Individualität verdankten und verdanken. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + +***** This file should be named 3064-h.htm or 3064-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/0/6/3064/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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